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+<title>Römische Geschichte Book 5, by Theodor Mommsen</title>
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+<pre>
+The Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Römische Geschichte Book 5
+
+Author: Theodor Mommsen
+
+Release Date: February, 2002 [Etext #3064]
+[Most recently updated: January 15, 2020]
+
+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
+
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+
+<h1>Römische Geschichte </h1>
+
+<h4>Fünftes Buch<br/>
+Die Begründung der Militärmonarchie
+</h4>
+
+<h2>von Theodor Mommsen</h2>
+
+<hr />
+
+<p>
+The following e-text of Mommsen&rsquo;s Roemische Geschichte contains some
+(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a
+modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek
+words, nor is there any differentiation between the different accents of
+ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.
+</p>
+
+<h2>Contents</h2>
+
+<table summary="" style="margin-left: auto; margin-right: auto">
+
+<tr>
+<td> <a href="#part05"><b>Fünftes Buch&mdash;Die Begründung der Militärmonarchie</b></a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap01">KAPITEL I. Marcus Lepidus und Quintus Sertorius</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap02">KAPITEL II. Die Sullanische Restaurationsherrschaft</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap03">KAPITEL III. Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap04">KAPITEL IV. Pompeius und der Oste</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap05">KAPITEL V. Der Parteienkampf während Pompeius’ Abwesenheit</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap06">KAPITEL VI. Pompeius’ Rücktritt und die Koalition der Prätendenten</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap07">KAPITEL VII. Die Unterwerfung des Westens</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap08">KAPITEL VIII. Pompeius’ und Caesars Gesamtherrschaft</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap09">KAPITEL IX. Crassus’ Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher.</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap10">KAPITEL X. Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap11">KAPITEL XI. Die alte Republik und die neue Monarchie</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap12">KAPITEL XII. Religion, Bildung, Literatur und Kunst</a></td>
+</tr>
+
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="part05"></a>Fünftes Buch<br/>
+Die Begründung der Militärmonarchie
+</h2>
+
+<p class="letter">
+Wie er sich sieht so um und um,<br/>
+Kehrt es ihm fast den Kopf herum,<br/>
+Wie er wollt&rsquo; Worte zu allem finden?<br/>
+Wie er möcht&rsquo; so viel Schwall verbinden<br/>
+Wie er möcht&rsquo; immer mutig bleiben<br/>
+So fort und weiter fort zu schreiben?
+</p>
+
+<p class="right">
+Goethe
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap01"></a>KAPITEL I.<br/>
+Marcus Lepidus und Quintus Sertorius</h2>
+
+<p>
+Als Sulla im Jahre 676 (78) starb, beherrschte die von ihm restaurierte
+Oligarchie unbeschränkt den römischen Staat; allein wie sie durch Gewalt
+gegründet war, bedurfte sie auch ferner der Gewalt, um sich gegen ihre
+zahlreichen heimlichen und offenen Gegner zu behaupten. Was ihr entgegenstand,
+war nicht etwa eine einfache Partei mit klar ausgesprochenen Zwecken und unter
+bestimmt anerkannten Führern, sondern eine Masse der mannigfaltigsten Elemente,
+die wohl im allgemeinen unter dem Namen der Popularpartei sich zusammenfaßten,
+aber doch in der Tat aus den verschiedenartigsten Gründen und in der
+verschiedenartigsten Absicht gegen die Sullanische Ordnung des Gemeinwesens
+Opposition machten. Da waren die Männer des positiven Rechts, die Politik weder
+machten noch verstanden, denen aber Sullas willkürliches Schalten mit dem Leben
+und Eigentum der Bürger ein Greuel war. Noch bei Lebzeiten Sullas, während jede
+andere Opposition schwieg, lehnten die strengen Juristen gegen den Regenten
+sich auf: es wurden zum Beispiel die Cornelischen Gesetze, welche verschiedenen
+italischen Bürgerschaften das römische Bürgerrecht aberkannten, in
+gerichtlichen Entscheidungen als nichtig behandelt, ebenso das Bürgerrecht von
+den Gerichten erachtet als nicht aufgehoben durch die Kriegsgefangenschaft und
+den Verkauf in die Sklaverei während der Revolution. Da waren ferner die
+Überreste der alten liberalen Senatsminorität, welche in früheren Zeiten auf
+eine Transaktion mit der Reformpartei und mit den Italikern hingearbeitet hatte
+und jetzt in ähnlicher Weise geneigt war, die starr oligarchische Verfassung
+Sullas durch Zugeständnisse an die Popularen zu mildern. Da waren ferner die
+eigentlichen Popularen, die ehrlich gläubigen bornierten Radikalen, die für die
+Schlagwörter des Parteiprogramms Vermögen und Leben einsetzten, um nach dem
+Siege mit schmerzlichem Erstaunen zu erkennen, daß sie nicht für eine Sache,
+sondern für eine Phrase gefochten hatten. Ihnen galt es vornehmlich um die
+Wiederherstellung der von Sulla zwar nicht aufgehobenen, aber doch ihrer
+wesentlichsten Befugnisse entkleideten tribunizischen Gewalt, welche nur mit um
+so geheimnisvollerem Zauber auf die Menge wirkte, weil das Institut ohne
+handgreiflichen praktischen Nutzen und in der Tat ein leeres Gespenst war - hat
+doch der Name des Volkstribuns noch über ein Jahrtausend später Rom
+revolutioniert. Da waren vor allem die zahlreichen und wichtigen Klassen, die
+die Sullanische Restauration unbefriedigt gelassen oder geradezu in ihren
+politischen oder Privatinteressen verletzt hatte. Aus solchen Ursachen gehörte
+der Opposition an die dichte und wohlhabende Bevölkerung der Landschaft
+zwischen dem Po und den Alpen, die natürlich die Gewährung des launischen
+Rechts im Jahre 665 (89) nur als eine Abschlagszahlung auf das volle römische
+Bürgerrecht betrachtete und der Agitation einen willfährigen Boden gewährte.
+Desgleichen die ebenfalls durch Anzahl und Reichtum einflußreichen und durch
+ihre Zusammendrängung in der Hauptstadt noch besonders gefährlichen
+Freigelassenen, die es nicht verschmerzen konnten, durch die Restauration
+wieder auf ihr früheres, praktisch nichtiges Stimmrecht zurückgeführt worden zu
+sein. Desgleichen ferner die hohe Finanz, die zwar vorsichtig sich still
+verhielt, aber ihren zähen Groll und ihre nicht minder zähe Macht nach wie vor
+sich bewahrte. Ebenso mißvergnügt war die hauptstädtische Menge, die die wahre
+Freiheit im freien Brotkorn erkannte. Noch tiefere Erbitterung gärte in den von
+den Sullanischen Konfiskationen betroffenen Bürgerschaften, mochten sie nun,
+wie zum Beispiel die Pompeianer, in ihrem durch die Sullanischen Kolonisten
+geschmälerten Eigentum innerhalb desselben Stadtgebiets mit diesen zusammen und
+mit ihnen in ewigem Hader leben oder, wie die Arretiner und Volaterraner, zwar
+noch im tatsächlichen Besitz ihrer Mark, aber unter dem Damoklesschwert der vom
+römischen Volke über sie verhängten Konfiskation sich befinden oder endlich,
+wie dies besonders in Etrurien der Fall war, als Bettler in ihren ehemaligen
+Wohnsitzen oder als Räuber in den Wäldern verkommen. Es war endlich in Gärung
+der ganze Familien- und Freigelassenenanhang derjenigen demokratischen Häupter,
+die infolge der Restauration das Leben verloren hatten oder in allem Elend des
+Emigrantenrums teils an den mauretanischen Küsten umherirrten, teils am Hofe
+und im Heere Mithradats verweilten; denn nach der von strenger
+Familiengeschlossenheit beherrschten politischen Gesinnung dieser Zeit galt es
+den Zurückgebliebenen als Ehrensache ^1, für die flüchtigen Angehörigen die
+Rückkehr in die Heimat, für die toten wenigstens Aufhebung der auf ihrem
+Andenken und auf ihren Kindern haftenden Makel und Rückgabe des väterlichen
+Vermögens auszuwirken. Vor allem die eigenen Kinder der Geächteten, die der
+Regent von Rechts wegen zu politischen Parias herabgesetzt hatte, hatten damit
+gleichsam von dem Gesetze selbst die Aufforderung empfangen, gegen die
+bestehende Ordnung sich zu empören.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Ein bezeichnender Zug ist es, daß ein angesehener Literaturlehrer, der
+Freigelassene Staberius Eros, die Kinder der Geächteten unentgeltlich an seinem
+Kursus teilnehmen ließ.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Zu allen diesen oppositionellen Fraktionen kam weiter hinzu die ganze Masse der
+ruinierten Leute. All das vornehme und geringe Gesindel, dem im eleganten oder
+im banausischen Schlemmen Habe und Haltung darauf gegangen war; die adligen
+Herren, an denen nichts mehr vornehm war als ihre Schulden; die Sullanischen
+Lanzknechte, die der Machtspruch des Regenten wohl in Gutsbesitzer, aber nicht
+in Ackerbauer hatte umschaffen können, und die nach der verpraßten ersten
+Erbschaft der Geächteten sich sehnten, eine zweite ähnliche zu tun - sie alle
+warteten nur auf die Entfaltung der Fahne, die zum Kampfe gegen die bestehenden
+Verhältnisse einlud, mochte sonst was immer darauf geschrieben sein. Mit
+gleicher Notwendigkeit schlossen alle aufstrebenden und der Popularität
+bedürftigen Talente der Opposition sich an, sowohl diejenigen, denen der streng
+geschlossene Optimatenkreis die Aufnahme oder doch das rasche Emporkommen
+verwehrte und die deshalb in die Phalanx gewaltsam sich einzudrängen und die
+Gesetze der oligarchischen Exklusivität und Anciennität durch die Volksgunst zu
+brechen versuchten, als auch die gefährlicheren Männer, deren Ehrgeiz nach
+einem höheren Ziel strebte, als die Geschicke der Welt innerhalb der
+kollegialischen Umtriebe bestimmen zu helfen. Namentlich auf der
+Advokatentribüne, dem einzigen von Sulla offengelassenen Boden gesetzlicher
+Opposition, ward schon bei Lebzeiten des Regenten von solchen Aspiranten mit
+den Waffen der formalen Jurisprudenz und der schlagfertigen Rede lebhaft gegen
+die Restauration gestritten; zum Beispiel der gewandte Sprecher Marcus Tullius
+Cicero (geboren 3. Januar 648 106), eines Gutsbesitzers von Arpinum Sohn,
+machte durch seine halb vorsichtige, halb dreiste Opposition gegen den
+Machthaber sich rasch einen Namen. Dergleichen Bestrebungen hatten nicht viel
+zu bedeuten, wenn der Opponent nichts weiter begehrte, als den kurulischen
+Stuhl damit sich einzuhandeln und sodann als Befriedigter den Rest seiner Jahre
+auf demselben zu versitzen. Wenn freilich einem populären Mann dieser Stuhl
+nicht genügen und Gaius Gracchus einen Nachfolger finden sollte, so war ein
+Kampf auf Tod und Leben unvermeidlich; indes für jetzt wenigstens war noch kein
+Name zu nennen, dessen Träger ein so hohes Ziel sich vorgesteckt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Derart war die Opposition, mit der das von Sulla eingesetzte oligarchische
+Regiment zu kämpfen hatte, nachdem dasselbe, früher als Sulla selbst gedacht
+haben mochte, durch seinen Tod auf sich selber angewiesen worden war. Die
+Aufgabe war an sich nicht leicht und ward noch erschwert durch die sonstigen
+sozialen und politischen Übelstände dieser Zeit, vor allem durch die ungemeine
+Schwierigkeit, teils die Militärchefs in den Provinzen in Unterwürfigkeit gegen
+die höchste bürgerliche Obrigkeit zu erhalten, teils in der Hauptstadt mit den
+Massen des daselbst sich anhäufenden italischen und außeritalischen Gesindels
+und der in Rom großenteils in faktischer Freiheit lebenden Sklaven fertig zu
+werden, ohne doch Truppen zur Verfügung zu haben. Der Senat stand wie in einer
+von allen Seiten ausgesetzten und bedrohten Festung, und ernstliche Kämpfe
+konnten nicht ausbleiben. Aber auch die von Sulla geordneten Widerstandsmittel
+waren ansehnlich und nachhaltig; und wenngleich die Majorität der Nation der
+Regierung, wie Sulla sie eingesetzt hatte, offenbar abgeneigt, ja ihr
+feindselig gesinnt war, so konnte nichtsdestoweniger gegen die irre und wirre
+Masse einer Opposition, welche weder im Ziel noch im Weg zusammen und hauptlos
+in hundert Fraktionen auseinanderging, die Regierung sehr wohl noch auf lange
+hinaus in ihrer festen Burg sich behaupten. Nur freilich mußte sie auch sich
+behaupten wollen und wenigstens einen Funken jener Energie, die ihre Festung
+gebaut hatte, zu deren Verteidigung heranbringen; für eine Besatzung, die sich
+nicht wehren will, zieht der größte Schanzkünstler vergebens seine Mauern und
+Gräben.
+</p>
+
+<p>
+Je mehr schließlich alles ankam auf die Persönlichkeit der leitenden Männer auf
+beiden Seiten, desto übler war es, daß es genau genommen auf beiden Seiten an
+Führern fehlte. Die Politik dieser Zeit ward durchaus beherrscht von dem
+Koteriewesen in seiner schlimmsten Gestalt. Wohl war dasselbe nichts Neues; die
+Familien- und Klubgeschlossenheit ist untrennbar von der aristokratischen
+Ordnung des Staats und war seit Jahrhunderten in Rom übermächtig. Aber
+allmächtig wurde dieselbe doch erst in dieser Epoche, wie denn ihr Einfluß auch
+erst jetzt (zuerst 690 64) durch gesetzliche Repressivmaßregeln weniger gehemmt
+als konstatiert ward. Alle Vornehmen, die popular Gesinnten nicht minder als
+die eigentliche Oligarchie, taten sich in Hetärien zusammen; die Masse der
+Bürgerschaft, soweit sie überhaupt an den politischen Vorgängen regelmäßig sich
+beteiligte, bildete nach den Stimmbezirken gleichfalls geschlossene und fast
+militärisch organisierte Vereine, die an den Vorstehern der Bezirke, den
+&ldquo;Bezirksverteilern&rdquo; (divisores tribuum), ihre natürlichen
+Hauptleute und Mittelsmänner fanden. Feil war diesen politischen Klubs alles:
+die Stimme des Wählers vor allem, aber auch die des Ratsmanns und des Richters,
+auch die Fäuste, die den Straßenkrawall machten, und die Rottenführer, die ihn
+lenkten - nur im Tarif unterschieden sich die Assoziationen der Vornehmen und
+der Geringen. Die Hetärie entschied die Wahlen, die Hetärie beschloß die
+Anklagen, die Hetärie leitete die Verteidigung; sie gewann den angesehenen
+Advokaten, sie akkordierte im Notfall wegen der Freisprechung mit einem der
+Spekulanten, die den einträglichen Handel mit Richterstimmen im großen
+betrieben. Die Hetärie beherrschte durch ihre geschlossenen Banden die Straßen
+der Hauptstadt und damit nur zu oft den Staat. All diese Dinge geschahen nach
+einer gewissen Regel und sozusagen öffentlich; das Hetärienwesen war besser
+geordnet und besorgt als irgendein Zweig der Staatsverwaltung; wenn auch, wie
+es unter zivilisierten Gaunern üblich ist, von dem verbrecherischen Treiben
+nach stillschweigendem Einverständnis nicht geradezu gesprochen ward, so hatte
+doch niemand dessen ein Hehl, und angesehene Sachwalter scheuten sich nicht,
+ihr Verhältnis zu den Hetärien ihrer Klienten öffentlich und verständlich
+anzudeuten. Fand sich hier und da ein einzelner Mann, der diesem Treiben und
+nicht zugleich dem öffentlichen Leben sich entzog, so war er sicher, wie Marcus
+Cato, ein politischer Don Quichotte. An die Stelle der Parteien und des
+Parteienkampfes traten die Klubs und deren Konkurrenz, an die Stelle des
+Regiments die Intrige. Ein mehr als zweideutiger Charakter, Publius Cethegus,
+einst einer der eifrigsten Marianer, später als Überläufer zu Sulla zu Gnaden
+aufgenommen, spielte in dem politischen Treiben dieser Zeit eine der
+einflußreichsten Rollen, einzig als schlauer Zwischenträger und Vermittler
+zwischen den senatorischen Fraktionen und als staatsmännischer Kenner aller
+Kabalengeheimnisse; zu Zeiten entschied über die Besetzung der wichtigsten
+Befehlshaberstellen das Wort seiner Mätresse Praecia. Eine solche Misere war
+eben nur möglich, wo keiner der politisch tätigen Männer sich über die Linie
+des Gewöhnlichen erhob; jedes außerordentliche Talent hätte diese
+Faktionenwirtschaft wie Spinnweben weggefegt; aber eben an politischen und
+militärischen Kapazitäten war der bitterste Mangel. Von dem älteren Geschlecht
+hatten die Bürgerkriege keinen einzigen angesehenen Mann übriggelassen als den
+alten, klugen, redegewandten Lucius Philippus (Konsul 663 91),. der, früher
+popular gesinnt, darauf Führer der Kapitalistenpartei gegen den Senat und mit
+den Marianern eng verknüpft, endlich zeitig genug, um Dank und Lohn zu ernten,
+übergetreten zu der siegenden Oligarchie, zwischen den Parteien durchgeschlüpft
+war. Unter den Männern der folgenden Generation waren die namhaftesten Häupter
+der reinen Aristokratie Quintus Metellus Pius (Konsul 674 80), Sullas Genosse
+in Gefahren und Siegen; Quintus Lutatius Catulus, Konsul in Sullas Todesjahr
+676 (78), der Sohn des Siegers von Vercellae; und zwei jüngere Offiziere, die
+beiden Brüder Lucius und Marcus Lucullus, von denen jener in Asien, dieser in
+Italien mit Auszeichnung unter Sulla gefochten hatten; um zu schweigen von
+Optimaten wie Quintus Hortensius (640-704 114-50), der nur als Sachwalter etwas
+bedeutete, oder gar wie Decimus Iunius Brutus (Konsul 677 77), Mamercus
+Aemilius Lepidus Livianus (Konsul 677 77) und andern solchen Nullitäten, an
+denen der vollklingende aristokratische Name das gute Beste war. Aber auch jene
+vier Männer erhoben sich wenig über den Durchschnittswert der vornehmen Adligen
+dieser Zeit. Catulus war gleich seinem Vater ein feingebildeter Mann und
+ehrlicher Aristokrat, aber von mäßigen Talenten und namentlich kein Soldat.
+Metellus war nicht bloß ein persönlich achtbarer Charakter, sondern auch ein
+fähiger und erprobter Offizier: nicht so sehr wegen seiner engen
+verwandtschaftlichen und kollegialischen Beziehungen zu dem Regenten, als
+besonders wegen seiner anerkannten Tüchtigkeit war er im Jahre 675 (79) nach
+Niederlegung des Konsulats nach Spanien gesandt worden, als dort die Lusitaner
+und die römischen Emigranten unter Quintus Sertorius abermals sich regten.
+Tüchtige Offiziere waren auch die beiden Lucullus, namentlich der ältere, der
+ein sehr achtbares militärisches Talent mit gründlicher literarischer Bildung
+und schriftstellerischen Neigungen vereinigte und auch als Mensch ehrenwert
+erschien. Allein als Staatsmänner waren doch selbst diese besseren Aristokraten
+nicht viel weniger schlaff und kurzsichtig als die Dutzendsenatoren der Zeit.
+Dem äußeren Feind gegenüber bewährten die namhafteren darunter sich wohl als
+brauchbar und brav; aber keiner von ihnen bezeigte Lust und Geschick, die
+eigentlich politischen Aufgaben zu lösen und das Staatsschiff durch die bewegte
+See der Intrigen und Parteiungen als rechter Steuermann zu lenken. Ihre
+politische Weisheit beschränkte sich darauf, aufrichtig zu glauben an die
+alleinseligmachende Oligarchie, dagegen die Demagogie ebenso wie jede sich
+emanzipierende Einzelgewalt herzlich zu hassen und mutig zu verwünschen. Ihr
+kleiner Ehrgeiz nahm mit wenigem vorlieb. Was von Metellus in Spanien erzählt
+wird, daß er nicht bloß die wenig harmonische Leier der spanischen
+Gelegenheitspoeten sich gefallen, sondern sogar, wo er hinkam, sich gleich
+einem Gotte mit Weinspenden und Weihrauchduft empfangen und bei Tafel von
+niederschwebenden Viktorien unter Theaterdonner das Haupt mit dem goldenen
+Siegeslorbeer sich kränzen ließ, ist nicht besser beglaubigt als die meisten
+geschichtlichen Anekdoten; aber auch in solchem Klatsch spiegelt sich der
+heruntergekommene Ehrgeiz der Epigonengeschlechter. Selbst die Besseren waren
+befriedigt, wenn nicht Macht und Einfluß, sondern das Konsulat und der Triumph
+und im Rate ein Ehrenplatz errungen war, und traten da, wo sie bei rechtem
+Ehrgeiz erst angefangen haben würden, ihrem Vaterland und ihrer Partei wahrhaft
+nützlich zu sein, von der politischen Bühne zurück, um in fürstlichem Luxus
+unterzugehen. Männer wie Metellus und Lucius Lucullus waren schon als
+Feldherren nicht weniger als auf die Erweiterung des römischen Gebiets durch
+neu unterworfene Könige und Völkerschaften bedacht auf die der endlosen
+Wildbret-, Geflügel- und Dessertliste der römischen Gastronomie durch neue
+afrikanische und kleinasiatische Delikatessen und haben den besten Teil ihres
+Lebens in mehr oder minder geistreichem Müßiggang verdorben. Das traditionelle
+Geschick und die individuelle Resignation, auf denen alles oligarchische
+Regiment beruht, waren der verfallenen und künstlich wiederhergestellten
+römischen Aristokratie dieser Zeit abhanden gekommen; ihr galt durchgängig der
+Cliquengeist als Patriotismus, die Eitelkeit als Ehrgeiz, die Borniertheit als
+Konsequenz. Wäre die Sullanische Verfassung unter die Obhut von Männern
+gekommen, wie sie wohl im römischen Kardinalskollegium und im venezianischen
+Rat der Zehn gesessen haben, so ist es nicht zu sagen, ob die Opposition
+vermocht haben würde, sie so bald zu erschüttern; mit solchen Verteidigern war
+allerdings jeder Angriff eine ernste Gefahr.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Männern, die weder unbedingte Anhänger noch offene Gegner der
+Sullanischen Verfassung waren, zog keiner mehr die Augen der Menge auf sich als
+der junge, bei Sullas Tode achtundzwanzigjährige Gnaeus Pompeius (geb. 29.
+September 648 106). Es war das ein Unglück für den Bewunderten wie für die
+Bewunderer; aber es war natürlich. Gesund an Leib und Seele, ein tüchtiger
+Turner, der noch als Oberoffizier mit seinen Soldaten um die Wette sprang, lief
+und hob, ein kräftiger und gewandter Reiter und Fechter, ein kecker
+Freischarenführer, war der Jüngling in einem Alter, das ihn von jedem Amt und
+vom Senat ausschloß, Imperator und Triumphator geworden und hatte in der
+öffentlichen Meinung den ersten Platz nächst Sulla, ja von dem läßlichen, halb
+anerkennenden, halb ironischen Regenten selbst den Beinamen des Großen sich
+erworben. Zum Unglück entsprach seine geistige Begabung diesen unerhörten
+Erfolgen schlechterdings nicht. Er war kein böser und kein unfähiger, aber ein
+durchaus gewöhnlicher Mensch, durch die Natur geschaffen, ein tüchtiger
+Wachtmeister, durch die Umstände berufen, Feldherr und Staatsmann zu sein. Ein
+einsichtiger, tapferer und erfahrener, durchaus vorzüglicher Soldat, war er
+doch auch als Militär ohne eine Spur höherer Begabung; als Feldherr wie
+überhaupt ist es ihm eigen, mit einer an Ängstlichkeit grenzenden Vorsicht zu
+Werke zu gehen und womöglich den entscheidenden Schlag erst dann zu führen,
+wenn die ungeheuerste Überlegenheit über den Gegner hergestellt ist. Seine
+Bildung ist die Dutzendbildung der Zeit; obwohl durch und durch Soldat
+versäumte er doch nicht, als er nach Rhodos kam, die dortigen Redekünstler
+pflichtmäßig zu bewundern und zu beschenken. Seine Rechtschaffenheit war die
+des reichen Mannes, der mit seinem beträchtlichen ererbten und erworbenen
+Vermögen verständig Haus hält; er verschmähte es nicht, in der üblichen
+senatorischen Weise Geld zu machen, aber er war zu kalt und zu reich, um
+deswegen sich in besondere Gefahren zu begeben und hervorragende Schande sich
+aufzuladen. Die unter seinen Zeitgenossen im Schwange gehende Lasterhaftigkeit
+hat mehr als seine eigene Tugend ihm den - relativ allerdings wohl
+gerechtfertigten - Ruhm der Tüchtigkeit und Uneigennützigkeit verschafft. Sein
+&ldquo;ehrliches Gesicht&rdquo; ward fast sprichwörtlich, und noch nach seinem
+Tode war er ein würdiger und sittlicher Mann; in der Tat war er ein guter
+Nachbar, welcher die empörende Sitte der Großen jener Zeit, ihre Gebietsgrenzen
+durch Zwangskäufe oder, noch Schlimmeres, auf Kosten der kleineren Nachbarn
+auszudehnen, nicht mitmachte, und zeigte er im Familienleben Anhänglichkeit an
+Frau und Kinder; es gereicht ihm ferner zur Ehre, daß er zuerst von der
+barbarischen Sitte abging, die gefangenen feindlichen Könige und Feldherrn nach
+ihrer Aufführung im Triumph hinrichten zu lassen. Aber das hielt ihn nicht ab,
+wenn sein Herr und Meister Sulla befahl, sich von der geliebten Frau zu
+scheiden, weil sie einem verfemten Geschlecht angehörte, und auf desselben
+Gebieters Wink Männer, die ihm in schwerer Zeit hilfreich beigestanden hatten,
+mit großer Seelenruhe vor seinen Augen hinrichten zu lassen; er war nicht
+grausam, wie man ihm vorwarf, aber, was vielleicht schlimmer ist, kalt und im
+Guten wie im Bösen ohne Leidenschaft. Im Schlachtgetümmel sah er dem Feinde das
+Weiße im Auge; im bürgerlichen Leben war er ein schüchterner Mann, dem bei der
+geringsten Veranlassung das Blut in die Wangen stieg und der nicht ohne
+Verlegenheit öffentlich sprach, überhaupt eckig, steif und ungelenk im Verkehr.
+Bei all seinem hoffärtigen Eigensinn war er, wie ja in der Regel diejenigen es
+sind, die ihre Selbständigkeit zur Schau tragen, ein lenksames Werkzeug in der
+Hand derjenigen, die ihn zu nehmen verstanden, namentlich seiner Freigelassenen
+und Klienten, von denen er nicht fürchtete, beherrscht zu werden. Zu nichts war
+er minder geschaffen als zum Staatsmann. Unklar über seine Ziele, ungewandt in
+der Wahl seiner Mittel, im kleinen wie im großen kurzsichtig und ratlos,
+pflegte er seine Unschlüssigkeit und Unsicherheit unter feierlichem Schweigen
+zu verbergen und, wenn er fein zu spielen meinte, nur mit dem Glauben andere zu
+täuschen, sich selber zu betrügen. Durch seine militärische Stellung und seine
+landsmannschaftlichen Beziehungen fiel ihm fast ohne sein Zutun eine
+ansehnliche, ihm persönlich ergebene Partei zu, mit der sich die größten Dinge
+hätten durchführen lassen; allein Pompeius war in jeder Beziehung unfähig, eine
+Partei zu leiten und zusammenzuhalten, und wenn sie dennoch zusammenhielt, so
+geschah dies gleichfalls ohne sein Zutun durch das bloße Schwergewicht der
+Verhältnisse. Hierin wie in andern Dingen erinnert er an Marius; aber Marius
+ist mit seinem bauerhaft rohen, sinnlich leidenschaftlichen Wesen doch noch
+minder unerträglich als dieser langweiligste und steifleinenste aller
+nachgemachten großen Männer. Seine politische Stellung war durchaus schief. Er
+war Sullanischer Offizier und für die restaurierte Verfassung einzustehen
+verpflichtet, und doch auch wieder in Opposition gegen Sulla persönlich wie
+gegen das ganze senatorische Regiment. Das Geschlecht der Pompeier, das erst
+seit etwa sechzig Jahren in den Konsularverzeichnissen genannt ward, galt in
+den Augen der Aristokratie noch keineswegs als voll; auch hatte der Vater
+dieses Pompeius gegen den Senat eine sehr gehässige Zwitterstellung eingenommen
+und er selbst einst in den Reihen der Cinnaner gestanden - Erinnerungen, die
+wohl verschwiegen, aber nicht vergessen wurden. Die hervorragende Stellung, die
+Pompeius unter Sulla sich erwarb, entzweite ihn innerlich ebensosehr mit der
+Aristokratie, wie sie ihn äußerlich mit derselben verflocht. Schwachköpfig wie
+er war, ward Pompeius auf der so bedenklich rasch und leicht erklommenen
+Ruhmeshöhe vom Schwindel ergriffen. Gleich als wolle er seine dürr prosaische
+Natur durch die Parallele mit der poetischsten aller Heldengestalten selber
+verhöhnen, fing er an sich mit Alexander dem Großen zu vergleichen und sich für
+einen einzigen Mann zu halten, dem es nicht gezieme, bloß einer von den
+fünfhundert römischen Ratsherren zu sein. In der Tat war niemand mehr
+geschaffen, in ein aristokratisches Regiment als Glied sich einzufügen, als er.
+Pompeius&rsquo; würdevolles Äußere, seine feierliche Förmlichkeit, seine
+persönliche Tapferkeit, sein ehrbares Privatleben, sein Mangel an aller
+Initiative hätten ihm, wäre er zweihundert Jahre früher geboren worden, neben
+Quintus Maximus und Publius Decius einen ehrenvollen Platz gewinnen mögen; zu
+der Wahlverwandtschaft, die zwischen Pompeius und der Masse der Bürgerschaft
+und des Senats zu allen Zeiten bestand, hat diese echt optimatische und echt
+römische Mediokrität nicht am wenigsten beigetragen. Auch in seiner Zeit noch
+hätte es eine klare und ansehnliche Stellung für ihn gegeben, wofern er damit
+sich genügen ließ, der Feldherr des Rates zu sein, zu dem er von Haus aus
+bestimmt war. Es genügte ihm nicht und so geriet er in die verhängnisvolle
+Lage, etwas anderes sein zu wollen als er sein konnte. Beständig trachtete er
+nach einer Sonderstellung im Staat und wenn sie sich darbot, konnte er sich
+nicht entschließen, sie einzunehmen; mit tiefer Erbitterung nahm er es auf,
+wenn Personen und Gesetze nicht unbedingt vor ihm sich beugten, und doch trat
+er selbst mit nicht bloß affektierter Bescheidenheit überall auf als einer von
+vielen Gleichberechtigten und zitterte vor dem bloßen Gedanken, etwas
+Verfassungswidriges zu beginnen. Also beständig in gründlicher Spannung mit und
+doch zugleich der gehorsame Diener der Oligarchie, beständig gepeinigt von
+einem Ehrgeiz, der vor seinem eigenen Ziele erschrickt, verfloß ihm in ewigem
+innerem Widerspruch freudelos sein vielbewegtes Leben.
+</p>
+
+<p>
+Ebensowenig als Pompeius kann Marcus Crassus zu den unbedingten Anhängern der
+Oligarchie gezählt werden. Er ist eine für diese Epoche höchst
+charakteristische Figur. Wie Pompeius, dem er im Alter um wenige Jahre
+voranging, gehörte auch er zu dem Kreise der hohen römischen Aristokratie,
+hatte die gewöhnliche standesmäßige Erziehung erhalten und gleich Pompeius
+unter Sulla im Italischen Kriege mit Auszeichnung gefochten. An geistiger
+Begabung, literarischer Bildung und militärischem Talent weit zurückstehend
+hinter vielen seinesgleichen, überflügelte er sie durch seine grenzenlose
+Rührigkeit und durch die Beharrlichkeit, mit der er rang, alles zu besitzen und
+zu bedeuten. Vor allen Dingen warf er sich in die Spekulation. Güterkäufe
+während der Revolution begründeten sein Vermögen; aber er verschmähte keinen
+Erwerbszweig; er betrieb das Baugeschäft in der Hauptstadt ebenso großartig wie
+vorsichtig; er ging mit seinen Freigelassenen bei den mannigfaltigsten
+Unternehmungen in Kompagnie; er machte in und außer Rom, selbst oder durch
+seine Leute den Bankier; er Schoß seinen Kollegen Im Senat Geld vor und
+unternahm es, für ihre Rechnung wie es fiel Arbeiten auszuführen oder
+Richterkollegien zu bestechen. Wählerisch im Profitmachen war er eben nicht.
+Schon bei den Sullanischen Ächtungen war ihm eine Fälschung in den Listen
+nachgewiesen worden, weshalb Sulla sich von da an in Staatsgeschäften seiner
+nicht weiter bedient hatte; die Erbschaft nahm er darum nicht weniger, weil die
+Testamentsurkunde, in der sein Name stand, notorisch gefälscht war; er hatte
+nichts dagegen, wenn seine Meier die kleinen Anlieger ihres Herrn von ihren
+Ländereien gewaltsam oder heimlich verdrängten. Übrigens vermied er offene
+Kollisionen mit der Kriminaljustiz und lebte als echter Geldmann selbst
+bürgerlich und einfach. Auf diesem Wege ward Crassus binnen wenig Jahren aus
+einem Mann von gewöhnlichem senatorischen, der Herr eines Vermögens, das nicht
+lange vor seinem Tode nach Bestreitung ungeheurer außerordentlicher Ausgaben
+sich noch auf 170 Mill. Sesterzen (13 Mill. Taler) belief: er war der reichste
+Römer geworden und damit zugleich eine politische Größe. Wenn nach seiner
+Äußerung niemand sich reich nennen durfte, der nicht aus seinen Zinsen ein
+Kriegsheer zu unterhalten vermochte, so war, wer dies vermochte, kaum noch ein
+bloßer Bürger. In der Tat war Crassus&rsquo; Blick auf ein höheres Ziel
+gerichtet als auf den Besitz der gefülltesten Geldkiste in Rom. Er ließ es sich
+keine Mühe verdrießen, seine Verbindungen auszudehnen. Jeden Bürger der
+Hauptstadt wußte er beim Namen zu grüßen. Keinem Bittenden versagte er seinen
+Beistand vor Gericht. Zwar die Natur hatte nicht viel für ihn als Sprecher
+getan: seine Rede war trocken, der Vortrag eintönig, er hörte schwer; aber sein
+zäher Sinn, den keine Langeweile abschreckte wie kein Genuß abzog, überwand die
+Hindernisse. Nie erschien er unvorbereitet, nie extemporierte er, und so ward
+er ein allzeit gesuchter und allzeit fertiger Anwalt, dem es keinen Eintrag
+tat, daß ihm nicht leicht eine Sache zu schlecht war und daß er nicht bloß
+durch sein Wort, sondern auch durch seine Verbindungen und vorkommenden Falls
+durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der halbe Rat war ihm
+verschuldet; seine Gewohnheit, den Freunden Geld ohne Zinsen auf beliebige
+Rückforderung vorzuschießen, machte eine Menge einflußreicher Männer von ihm
+abhängig, um so mehr, da er als echter Geschäftsmann keinen Unterschied unter
+den Parteien machte, überall Verbindungen unterhielt und bereitwillig jedem
+borgte, der zahlungsfähig oder sonst brauchbar war. Die verwegensten
+Parteiführer, die rücksichtslos nach allen Seiten hin ihre Angriffe richteten,
+hüteten sich, mit Crassus anzubinden; man verglich ihn dem Stier der Herde, den
+zu reizen für keinen rätlich war. Daß ein so gearteter und so gestellter Mann
+nicht nach niedrigen Zielen streben konnte, leuchtet ein; und, anders als
+Pompeius, wußte Crassus genau wie ein Bankier, worauf und womit er politisch
+spekulierte. Seit Rom stand, war daselbst das Kapital eine politische Macht;
+die Zeit war von der Art, daß dem Golde wie dem Eisen alles zugänglich schien.
+Wenn in der Revolutionszeit eine Kapitalistenaristokratie daran hatte denken
+mögen, die Oligarchie der Geschlechter zu stürzen, so durfte auch ein Mann wie
+Crassus die Blicke höher erheben als zu den Rutenbündeln und dem gestickten
+Mantel der Triumphatoren. Augenblicklich war er Sullaner und Anhänger des
+Senats; allein er war viel zu sehr Finanzmann, um einer bestimmten politischen
+Partei sich zu eigen zu geben und etwas anderes zu verfolgen als seinen
+persönlichen Vorteil. Warum sollte Crassus, der reichste und der intriganteste
+Mann in Rom und kein scharrender Geizhals, sondern ein Spekulant im größten
+Maßstab, nicht spekulieren auch auf die Krone? Vielleicht vermochte er allein
+es nicht, dies Ziel zu erreichen; aber er hatte ja schon manches großartige
+Gesellschaftsgeschäft gemacht: es war nicht unmöglich, daß auch hierfür ein
+passender Teilnehmer sich darbot. Es gehörte zur Signatur der Zeit, daß ein
+mittelmäßiger Redner und Offizier, ein Politiker, der seine Rührigkeit für
+Energie, seine Begehrlichkeit für Ehrgeiz hielt, der im Grunde nichts hatte als
+ein kolossales Vermögen und das kaufmännische Talent, Verbindungen anzuknüpfen
+- daß ein solcher Mann, gestützt auf die Allmacht der Koterien und Intrigen,
+den ersten Feldherren und Staatsmännern der Zeit sich ebenbürtig achten und mit
+ihnen um den höchsten Preis ringen durfte, der dem politischen Ehrgeiz winkt.
+</p>
+
+<p>
+In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen Konservativen als
+unter den Popuhren, hatten die Stürme der Revolution mit erschreckender
+Gründlichkeit aufgeräumt. Unter jenen war der einzig übriggebliebene namhafte
+Mann Gaius Cotta (630 bis ca. 681 124 -73), der Freund und Bundesgenosse des
+Drusus und deswegen im Jahre 663 (91) verbannt, sodann durch Sullas Krieg
+zurückgeführt in die Heimat; er war ein kluger Mann und ein tüchtiger Anwalt,
+aber weder durch das Gewicht seiner Partei noch durch das seiner Persönlichkeit
+zu mehr berufen als zu einer achtbaren Nebenrolle. In der demokratischen Partei
+zog unter dem jungen Nachwuchs der vierundzwanzigjährige Gaius Iulius Caesar
+(geb. 12. Juli 652? 102) ^2 die Blicke von Freund und Feind auf sich. Seine
+Verschwägerung mit Marius und Cinna - seines Vaters Schwester war Marius&rsquo;
+Gemahlin gewesen, er selbst mit Cinnas Tochter vermählt -; die mutige Weigerung
+des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings, nach dem Befehl des Diktators
+seiner jungen Gemahlin Cornelia den Scheidebrief zuzusenden, wie es doch im
+gleichen Falle Pompeius getan; ein keckes Beharren auf dem ihm von Marius
+zugeteilten, von Sulla aber wieder aberkannten Priesteramt; seine Irrfahrten
+während der ihm drohenden und mühsam durch Fürbitte seiner Verwandten
+abgewandten Ächtung; seiner Tapferkeit in den Gefechten vor Mytilene und in
+Kilikien, die dem zärtlich erzogenen und fast weiblich stutzerhaften Knaben
+niemand zugetraut hatte; selbst die Warnungen Sullas vor dem &ldquo;Knaben im
+Unterrock&rdquo;, in dem mehr als ein Marius stecke - alles dies waren ebenso
+viele Empfehlungen in den Augen der demokratischen Partei. Indes an Caesar
+konnten doch nur Hoffnungen für die Zukunft sich knüpfen; und die Männer, die
+durch ihr Alter und ihre Stellung im Staat schon jetzt berufen gewesen sein
+würden, der Zügel der Partei und des Staates sich zu bemächtigen, waren
+sämtliche tot oder geächtet. So war die Führerschaft der Demokratie in
+Ermangelung eines wahrhaft Berufenen für jeden zu haben, dem es belieben
+mochte, sich zum Vertreter der unterdrückten Volksfreiheit aufzuwerfen; und in
+dieser Weise kam sie an Marcus Aemilius Lepidus, einen Sullaner, der aus mehr
+als zweideutigen Beweggründen überging in das Lager der Demokratie. Einst ein
+eifriger Optimat und stark beteiligt bei den über die Güter der Geächteten
+abgehaltenen Auktionen, hatte er als Statthalter von Sizilien die Provinz so
+arg geplündert, daß ihm eine Anklage drohte, und, um dieser zu entgehen, sich
+in die Opposition geworfen. Es war ein Gewinn von zweifelhaftem Werte. Zwar ein
+bekannter Name, ein vornehmer Mann, ein hitziger Redner auf dem Markt war damit
+der Opposition erworben; aber Lepidus war ein unbedeutender und unbesonnener
+Kopf, der weder im Rate noch im Felde verdiente, an der Spitze zu stehen.
+Nichtsdestoweniger hieß die Opposition ihn willkommen, und dem neuen
+Demokratenführer gelang es nicht bloß, seine Ankläger von der Fortsetzung des
+gegen ihn begonnenen Angriffs abzuschrecken, sondern auch, seine Wahl zum
+Konsul für 676 (78) durchzusetzen, wobei ihm übrigens außer den in Sizilien
+erpreßten Schätzen auch Pompeius&rsquo; albernes Bestreben förderlich war, bei
+dieser Gelegenheit Sulla und den reinen Sullanern zu zeigen, was er vermöge. Da
+also, als Sulla starb, die Opposition an Lepidus wieder ein Haupt gefunden
+hatte und da dieser ihr Führer der höchste Beamte des Staats geworden war, so
+ließ sich der nahe Ausbruch einer neuen Revolution in der Hauptstadt mit
+Sicherheit vorhersehen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^2 Als Caesars Geburtsjahr pflegt man das Jahr 654 (100) anzusetzen, weil er
+nach Sueton (Caes. 88), Plutarch (Caes. 69) und Appian (civ. 2 149) bei seinem
+Tode (15. März 710 44) im 56. Jahre stand; womit auch die Angabe, daß er zur
+Zeit der Sullanischen Proskription (672 82) achtzehn Jahre alt gewesen (Vell.
+2, 41), ungefähr übereinstimmt. Aber in unauflöslichem Widerspruch damit steht
+es, daß Caesar im Jahre 689 (65) die Ädilität, 692 (62) die Prätur, 695 (59)
+das Konsulat bekleidet hat und jene Ämter nach den Annalgesetzen frühestens
+resp. im 37/38., 40/41. und 43/44. Lebensjahr bekleidet werden durften. Es ist
+nicht abzusehen, wie Caesar sämtliche kurulischen Ämter zwei Jahre vor der
+gesetzlichen Zeit bekleidet haben, noch weniger, daß hiervon nirgends Erwähnung
+geschehen sein sollte. Vielmehr legen diese Tatsachen die Vermutung nahe, daß
+er, da sein Geburtstag unbezweifelt auf den 12. Juli fiel, nicht 654 (100),
+sondern 652 (102) geboren ist, also im Jahre 672 (82) im 20/21. Lebensjahre
+stand und nicht im 56., sondern 57 Jahre 8 Monate alt starb. Für diesen
+letzteren Ansatz läßt sich ferner geltend machen, was man auffallenderweise
+dagegen angeführt hat, daß Caesar &ldquo;paene puer&rdquo; von Marius und Cinna
+zum Flamen des Jupiter bestellt wurde (Vell. 2, 43); denn Marius starb im
+Januar 668 (86), wo Caesar nach dem gewöhnlichen Ansatz dreizehn Jahre und
+sechs Monate alt, also nicht &ldquo;beinahe&rdquo;, wie Velleius sagt, sondern
+wirklich noch Knabe und aus diesem Grunde eines solchen Priestertums kaum fähig
+war. War er dagegen im Juli 652 (102) geboren, so stand er bei dem Tode des
+Marius im sechzehnten Lebensjahr; und dazu stimmt die Bezeichnung bei Velleius
+wie die allgemeine Regel, daß bürgerliche Stellungen nicht vor Ablauf des
+Knabenalters übernommen werden. Zu diesem letzteren Ansatz paßt es ferner
+allein, daß die um den Ausbruch des Bürgerkrieges von Caesar geschlagenen
+Denare mit der Zahl LII, wahrscheinlich dem Lebensjahr, bezeichnet sind; denn
+als er begann, war Caesar hiernach etwas über 52 Jahre alt. Auch ist es nicht
+so verwegen, wie es uns an regelmäßige und amtliche Geburtslisten Gewöhnten
+erscheint, in dieser Hinsicht unsere Gewährsmänner eines Irrtum zu zeihen. Jene
+vier Angaben können sehr wohl alle auf eine gemeinschaftliche Quelle
+zurückgehen und dürfen überhaupt, da für die ältere Zeit vor dem Beginn der
+acta diurna die Angaben über die Geburtsjahre auch der bekanntesten und
+höchstgestellten Römer, zum Beispiel über das des Pompeius, in der
+auffallendsten Weise schwanken, auf keine sehr hohe Glaubwürdigkeit Anspruch
+machen. Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 1, S. 570.
+</p>
+
+<p>
+In dem &lsquo;Leben Caesars&rsquo; von Napoleon III. (Bd. 2, Kap. 1) ist
+hiergegen eingewandt worden, teils daß das Annalgesetz für Caesars Geburtsjahr
+nicht auf 652 (102), sondern 651 (103) führen würde, teils besonders, daß auch
+sonst Fälle bekannt sind, wo dasselbe nicht befolgt worden ist. Allein die
+erste Behauptung beruht auf einem Versehen; denn wie Ciceros Beispiel zeigt,
+forderte das Annalgesetz nur, daß bei Antritt des Amtes das 43. Lebensjahr
+begonnen, nicht daß es zurückgelegt sei. Die behaupteten Ausnahmen aber von der
+Regel treffen sämtlich nicht zu. Wenn Tacitus (ann. 11, 22) sagt, daß man
+ehemals bei der Vergebung der Ämter gar keine Rücksicht auf das Alter genommen
+und Konsulat und Diktatur an ganz junge Leute übertragen habe, so hat er
+natürlich, wie auch alle Erklärer anerkennen, dabei die ältere Zeit im Sinne,
+vor Erlaß der Annalgesetze, das Konsulat des dreiundzwanzigjährigen M. Valerius
+Corvus und ähnliche Fälle. Daß Lucullus das höchste Amt vor dem gesetzlichen
+Alter empfing, ist falsch; es wird nur berichtet (Cic. ac. 2. 1, 1), daß auf
+Grund einer uns nicht näher bekannten Ausnahmeklausel zur Belohnung für
+irgendwelche von ihm verrichtete Tat er von dem gesetzlichen zweijährigen
+Intervall zwischen Ädilität und Prätur dispensiert war - in der Tat war er 675
+Ädil, wahrscheinlich 677 Prätor, 680 Konsul. Daß der Fall des Pompeius ein
+gänzlich verschiedener ist, liegt auf der Hand; aber auch von Pompeius wird
+mehrfach ausdrücklich gemeldet (Cic. imp. Cn. Pomp. 21, 62; App. civ. 3, 88),
+daß der Senat ihn von den Altersgesetzen entband. Daß dies für Pompeius
+geschah, der als sieggekrönter Oberfeldherr und Triumphator, an der Spitze
+eines Heeres und seit seiner Koalition mit Crassus auch einer mächtigen Partei,
+sich um das Konsulat bewarb, ist ebenso begreiflich, als es im höchsten Grade
+auffallend sein würde, wenn dasselbe für Caesar bei seiner Bewerbung um die
+minderen Ämter geschehen sein sollte, wo er wenig mehr bedeutete als andere
+politische Anfänger; und noch viel auffallender ist es, daß wohl von jener
+selbstverständlichen Ausnahme, aber nicht von dieser mehr als seltsamen sich
+Erwähnung findet, so nahe solche Erwähnungen, namentlich im Hinblick auf den
+21jährigen Konsul Caesar den Sohn auch gelegen haben würden (vgl. z. B. App.
+civ. 3, 88). Wenn aus diesen unzutreffenden Beispielen dann die Folgerung
+gezogen wird, daß &ldquo;man in Rom das Gesetz wenig beachtet habe, wenn es
+sich um ausgezeichnete Männer handelte&rdquo;, so ist über Rom und die Römer
+wohl nie etwas Irrigeres gesagt worden als dieser Satz. Die Größe des römischen
+Gemeinwesens wie nicht minder die seiner großen Feldherren und Staatsmänner
+beruht vor allen Dingen darauf, daß das Gesetz auch für sie galt.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Schon früher aber als die Demokraten in der Hauptstadt hatten sich in Spanien
+die demokratischen Emigranten wieder geregt. Die Seele dieser Bewegung war
+Quintus Sertorius. Dieser vorzügliche Mann, geboren in Nursia im Sabinerland,
+war von Haus aus zart und selbst weich organisiert - die fast schwärmerische
+Liebe für seine Mutter Raia zeigt es - und zugleich von der ritterlichsten
+Tapferkeit, wie die aus dem Kimbrischen, dem Spanischen und dem Italischen
+Krieg heimgebrachten ehrenvollen Narben bewiesen. Obwohl als Redner gänzlich
+ungeschult, erregte er durch den natürlichen Fluß und die treffende Sicherheit
+seiner Rede die Bewunderung der gelernten Sachwalter. Sein ungemeines
+militärisches und staatsmännisches Talent hatte er namentlich in dem von den
+Demokraten so über die Maßen elend und kopflos geführten Revolutionskrieg
+Gelegenheit gefunden in glänzendem Kontrast zu beweisen: anerkanntermaßen war
+er der einzige demokratische Offizier, der den Krieg vorzubereiten und zu
+leiten verstand, und der einzige demokratische Staatsmann, der dem
+gedankenlosen Treiben und Wüten seiner Partei mit staatsmännischer Energie
+entgegentrat. Seine spanischen Soldaten nannten ihn den neuen Hannibal und
+nicht bloß deswegen, weil er gleich diesem im Kriege ein Auge eingebüßt hatte.
+Er erinnert in der Tat an den großen Phöniker durch seine ebenso verschlagene
+als mutige Kriegführung, sein seltenes Talent, den Krieg durch den Krieg zu
+organisieren, seine Gewandtheit, fremde Nationen in sein Interesse zu ziehen
+und seinen Zwecken dienstbar zu machen, seine Besonnenheit im Glück und
+Unglück, seine erfinderische Raschheit in der Benutzung seiner Siege wie in der
+Abwendung der Folgen seiner Niederlagen. Man darf zweifeln, ob irgendein
+römischer Staatsmann der früheren oder der gegenwärtigen Zeit an allseitigem
+Talent mit Sertorius sich vergleichen läßt. Nachdem Sullas Feldherren ihn
+gezwungen hatten, aus Spanien zu weichen, hatte er an den spanischen und
+afrikanischen Küsten ein unstetes Abenteuerleben geführt, bald im Bunde, bald
+im Kriege mit den auch hier einheimischen kilikischen Piraten und den
+Häuptlingen der schweifenden Stämme Libyens. Selbst hierhin hatte die
+siegreiche römische Restauration ihn verfolgt; als er Tingis (Tanger)
+belagerte, war dem Fürsten der Stadt zu Hilfe aus dem römischen Afrika ein
+Korps unter Pacciaecus erschienen; aber Pacciaecus ward von Sertorius völlig
+geschlagen und Tingis genommen. Auf das weithin erschallende Gerücht von
+solchen Kriegstaten des römischen Flüchtlings sandten die Lusitaner, die trotz
+ihrer angeblichen Unterwerfung unter die römische Oberhoheit tatsächlich ihre
+Unabhängigkeit behaupteten und jährlich mit den Statthaltern des Jenseitigen
+Spaniens fochten, Botschaft an Sertorius nach Afrika, um ihn zu sich einzuladen
+und ihm das Feldherrnamt über ihre Miliz zu übertragen. Sertorius, der zwanzig
+Jahre zuvor unter Titus Didius in Spanien gedient hatte und die Hilfsquellen
+des Landes kannte, beschloß, der Einladung Folge zu leisten, und schiffte mit
+Zurücklassung eines kleinen Postens an der mauretanischen Küste nach Spanien
+sich ein (um 674 80). Die Meerenge, die Spanien und Afrika scheidet, war
+besetzt durch ein römisches, von Cotta geführtes Geschwader; sich
+durchzuschleichen war nicht möglich; so schlug Sertorius sich durch und
+gelangte glücklich zu den Lusitanern. Es waren nicht mehr als zwanzig
+lusitanische Gemeinden, die sich unter seine Befehle stellten, und auch von
+&ldquo;Römern&rdquo; musterte er nur 2600 Mann, von denen ein guter Teil
+Übergetretene aus dem Heer des Pacciaecus oder römisch bewaffnete Afrikaner
+waren. Sertorius erkannte es, daß alles darauf ankam, den losen
+Guerillaschwärmen einen festen Kern römisch organisierter und disziplinierter
+Truppen zu geben; er verstärkte zu diesem Ende seine mitgebrachte Schar durch
+Aushebung von 4000 Fußsoldaten und 700 Reitern und rückte mit dieser einen
+Legion und den Schwärmen der spanischen Freiwilligen gegen die Römer vor. Den
+Befehl im jenseitigen Spanien führte Lucius Fufidius, der durch seine
+unbedingte und bei den Ächtungen erprobte Hingebung an Sulla vom Unteroffizier
+zum Proprätor aufgerückt war; am Baetis ward dieser völlig geschlagen; 2000
+Römer bedeckten die Walstatt. Eilige Boten beriefen den Statthalter der
+benachbarten Ebroprovinz, Marcus Domitius Calvinus, um dem weiteren Vordringen
+der Sertorianer ein Ziel zu setzen; bald erschien (675 79) auch der erprobte
+Feldherr Quintus Metellus, von Sulla gesandt, um den unbrauchbaren Fufidius im
+südlichen Spanien abzulösen. Aber es gelang doch nicht, des Aufstandes Herr zu
+werden. In der Ebroprovinz wurde von dem Unterfeldherrn des Sertorius, dem
+Quästor Lucius Hirtuleius, nicht bloß Calvinus&rsquo; Heer vernichtet und er
+selbst getötet, sondern auch Lucius Manlius, der Statthalter des jenseitigen
+Galliens, der seinem Kollegen zu Hilfe mit drei Legionen die Pyrenäen
+überschritten, von demselben tapferen Führer vollständig geschlagen. Mühsam
+rettete Manlius sich mit weniger Mannschaft nach Ilerda (Lerida) und von da in
+seine Provinz, auf welchem Marsch er noch durch einen Überfall der
+aquitanischen Völkerschaften sein ganzes Gepäck einbüßte. Im Jenseitigen
+Spanien drang Metellus in das lusitanische Gebiet ein; allein es gelang
+Sertorius, während der Belagerung von Longobriga (unweit der Tajomündung) eine
+Abteilung unter Aquinus in einen Hinterhalt zu locken und dadurch Metellus
+selbst zur Aufhebung der Belagerung und zur Räumung des lusitanischen Gebietes
+zu zwingen. Sertorius folgte ihm, schlug am Anas (Guadiana) das Korps des
+Thorius und tat dem feindlichen Oberfeldherrn selbst unsäglichen Abbruch im
+kleinen Kriege. Metellus, ein methodischer und etwas schwerfälliger Taktiker,
+war in Verzweiflung über diesen Gegner, der die Entscheidungsschlacht
+beharrlich verweigerte, aber Zufuhr und Kommunikationen ihm abschnitt und von
+allen Seiten ihn beständig umschwärmte.
+</p>
+
+<p>
+Diese ungemeinen Erfolge, die Sertorius in beiden spanischen Provinzen erfocht,
+waren im so bedeutsamer, als sie nicht bloß durch die Waffen errungen wurden
+und nicht bloß militärischer Natur waren. Die Emigrierten als solche waren
+nicht furchtbar; auch an einzelnen Erfolgen der Lusitaner unter diesem oder
+jenem fremden Führer war wenig gelegen. Aber mit dem sichersten politischen und
+patriotischen Takt trat Sertorius, sowie er irgend es vermochte, statt als
+Condottiere der gegen Rom empörten Lusitaner auf als römischer Feldherr und
+Statthalter von Spanien, in welcher Eigenschaft er ja von den ehemaligen
+Machthabern dorthin gesandt worden war. Er fing an ^3, aus den Häuptern der
+Emigration einen Senat zu bilden, der bis auf dreihundert Mitglieder steigen
+und in römischen Formen die Geschäfte leiten und die Beamten ernennen sollte.
+Er betrachtete sein Heer als ein römisches und besetzte die Offiziersstellen
+ohne Ausnahme mit Römern. Den Spaniern gegenüber war er der Statthalter, der
+kraft seines Amtes Mannschaft und sonstige Unterstützung von ihnen einmahnte;
+aber freilich ein Statthalter, der statt des gewohnten despotischen Regiments
+bemüht war, die Provinzialen an Rom und an sich persönlich zu fesseln. Sein
+ritterliches Wesen machte ihm das Eingehen auf die spanische Weise leicht und
+erweckte bei dem spanischen Adel für den wahlverwandten wunderbaren Fremdling
+die glühendste Begeisterung; nach der auch hier wie bei den Kelten und den
+Deutschen bestehenden kriegerischen Sitte der Gefolgschaft schworen Tausende
+der edelsten Spanier, zu ihrem römischen Feldherrn treu bis zum Tode zu stehen,
+und Sertorius fand in ihnen zuverlässigere Waffengefährten als in seinen
+Landsleuten und Parteigenossen. Er verschmähte es nicht, auch den Aberglauben
+der roheren spanischen Völkerschaften für sich nutzbar zu machen und seine
+kriegerischen Pläne als Befehle der Diana durch die weiße Hindin der Göttin
+sich zutragen zu lassen. Durchaus führte er ein gerechtes und gelindes
+Regiment. Seine Truppen mußten, wenigstens so weit sein Auge und sein Arm
+reichten, die strengste Mannszucht halten; so mild er im allgemeinen im Strafen
+war, so unerbittlich erwies er sich bei jedem von seinen Leuten auf
+befreundetem Gebiet verübten Frevel. Aber auch auf dauernde Erleichterung der
+Lage der Provinzialen war er bedacht; er setzte die Tribute herab und wies die
+Soldaten an, sich für den Winter Baracken zu erbauen, wodurch die drückende
+Last der Einquartierung wegfiel und damit eine Quelle unsäglicher Übelstände
+und Quälereien verstopft ward. Für die Kinder der vornehmen Spanier ward in
+Osca (Huesca) eine Akademie errichtet, in der sie den in Rom gewöhnlichen
+höheren Jugendunterricht empfingen, römisch und griechisch reden und die Toga
+tragen lernten - eine merkwürdige Maßregel, die keineswegs bloß den Zweck
+hatte, von den Verbündeten die in Spanien nun einmal unvermeidlichen Geiseln in
+möglichst schonender Form zu nehmen, sondern vor allem ein Ausfluß und eine
+Steigerung war des großen Gedankens des Gaius Gracchus und der demokratischen
+Partei, die Provinzen allmählich zu romanisieren. Hier zuerst wurde der Anfang
+dazu gemacht, die Romanisierung nicht durch Ausrottung der alten Bewohner und
+Ersetzung derselben durch italische Emigranten zu bewerkstelligen, sondern die
+Provinzialen selbst zu romanisieren. Die Optimaten in Rom spotteten über den
+elenden Emigranten, den Ausreißer aus der italischen Armee, den letzten von der
+Räuberbande des Carbo; der dürftige Hohn fiel auf sie selber zurück. Man
+rechnete die Massen, die gegen Sertorius ins Feld geführt worden waren, mit
+Einschluß des spanischen Landsturms auf 120000 Mann zu Fuß, 2000 Bogenschützen
+und Schleuderer und 6000 Reiter. Gegen diese ungeheure Übermacht hatte
+Sertorius nicht bloß sich in einer Kette von glücklichen Gefechten und Siegen
+behauptet, sondern auch den größten Teil Spaniens in seine Gewalt gebracht. In
+der jenseitigen Provinz sah sich Metellus beschränkt auf die unmittelbar von
+seinen Truppen besetzten Gebietsteile; hier hatten alle Völkerschaften, die es
+konnten, Partei für Sertorius ergriffen. In der diesseitigen gab es nach den
+Siegen des Hirtuleius kein römisches Heer mehr. Sertorianische Emissäre
+durchstreiften das ganze gallische Gebiet; schon fingen auch hier die Stämme
+an, sich zu regen, und zusammengerottete Haufen, die Alpenpässe unsicher zu
+machen. Die See endlich gehörte ebensosehr den Insurgenten wie der legitimen
+Regierung, da die Verbündetem jener, die Korsaren, in den spanischen Gewässern
+fast so mächtig waren wie die römischen Kriegsschiffe. Auf dem Vorgebirge der
+Diana (jetzt Denia zwischen Valencia und Alicante) richtet Sertorius jenen eine
+feste Station ein, wo sie teils den römischen Schiffen auflauerten, die den
+römischen Seestädten und dem Heer ihren Bedarf zuführten, teils den Insurgenten
+die Waren abnahmen oder lieferten, teils deren Verkehr mit Italien und
+Kleinasien vermittelten. Daß diese allzeit fertigen Vermittler von der lohenden
+Brandstätte überall hin die Funken trugen, war in hohem Grade
+besorgniserregend, zumal in einer Zeit, wo überall im Römischen Reiche so viel
+Brennstoff aufgehäuft war.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^3 Wenigstens die Grundzüge dieser Organisation müssen in die Jahre 674 (80),
+675 (79), 676 (78) fallen, wenngleich die Ausführung ohne Zweifel zum guten
+Teil erst den späteren Jahren angehört.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In diese Verhältnisse hinein traf Sullas plötzlicher Tod (676 78). Solange der
+Mann lebte, auf dessen Stimme ein geübtes und zuverlässiges Veteranenheer jeden
+Augenblick sich zu erheben bereit war, mochte die Oligarchie den fast, wie es
+schien, entschiedenen Verlust der spanischen Provinzen an die Emigranten sowie
+die Wahl des Führers der Opposition daheim zum höchsten Beamten des Reiches
+allenfalls als vorübergehende Mißgeschicke ertragen und, freilich in ihrer
+kurzsichtigen Art, aber doch nicht ganz mit Unrecht, darauf sich verlassen, daß
+entweder die Opposition es nicht wagen werde, zum offenen Kampfe zu schreiten,
+oder daß, wenn sie es wage, der zweimalige Erretter der Oligarchie dieselbe zum
+dritten Male herstellen werde. Jetzt war der Stand der Dinge ein anderer
+geworden. Die demokratischen Heißsporne in der Hauptstadt, längst ungeduldig
+über das endlose Zögern und angefeuert durch die glänzenden Botschaften aus
+Spanien, drängten zum Losschlagen, und Lepidus, bei dem augenblicklich die
+Entscheidung stand, ging mit dem ganzen Eifer des Renegaten und mit der ihm
+persönlich eigenen Leichtfertigkeit darauf ein. Einen Augenblick schien es, als
+solle an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten anzündete, auch der
+Bürgerkrieg sich entflammen; indes Pompeius&rsquo; Einfluß und die Stimmung der
+Sullanischen Veteranen bestimmten die Opposition, das Leichenbegängnis des
+Regenten noch ruhig vorübergehen zu lassen. Allein nur um so offener traf man
+sodann die Einleitung zur abermaligen Revolution. Bereits hallte der Markt der
+Hauptstadt wider von Anklagen gegen den &ldquo;karikierten Romulus&rdquo; und
+seine Schergen. Noch bevor der Gewaltige die Augen geschlossen hatte, wurden
+von Lepidus und seinen Anhängern der Umsturz der Sullanischen Verfassung, die
+Wiederherstellung der Getreideverteilungen, die Wiedereinsetzung der
+Volkstribune in den vorigen Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig
+Verbannten, die Rückgabe der konfiszierten Ländereien offen als das Ziel der
+Agitation bezeichnet. Jetzt wurden mit den Geächteten Verbindungen angeknüpft;
+Marcus Perpenna, in der cinnanischen Zeit Statthalter von Sizilien, fand sich
+ein in der Hauptstadt. Die Söhne der Sullanischen Hochverräter, auf denen die
+Restaurationsgesetze mit unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die
+namhafteren marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert; nicht
+wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an; andere freilich folgten
+dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die Nachricht von Sullas Tode und
+Lepidus&rsquo; Plänen aus Asien heimgekehrt war, aber nachdem er den Charakter
+des Führers und der Bewegung genauer kennengelernt hatte, vorsichtig sich
+zurückzog. In der Hauptstadt ward auf Lepidus&rsquo; Rechnung in den
+Weinhäusern und den Bordellen gezecht und geworben. Unter den etruskischen
+Mißvergnügten endlich ward eine Verschwörung gegen die neue Ordnung der Dinge
+angezettelt ^4.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^4 Die folgende Erzählung beruht wesentlich auf dem Bericht des Licinianus,
+der, so trümmerhaft er auch gerade hier ist, dennoch über die Insurrektion des
+Lepidus wichtige Aufschlüsse gibt.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Alles dies geschah unter den Augen der Regierung. Der Konsul Catulus sowie die
+verständigeren Optimaten drangen darauf, sofort entschieden einzuschreiten und
+den Aufstand im Keime zu ersticken; allein die schlaffe Majorität konnte sich
+nicht entschließen, den Kampf zu beginnen, sondern versuchte so lange wie
+möglich, durch ein System von Transaktionen und Konzessionen sich selber zu
+täuschen. Lepidus ging zunächst auf dasselbe auch seinerseits ein. Das
+Ansinnen, die Zurückgabe der den Volkstribunen entzogenen Befugnisse zu
+beantragen, wies er nicht minder ab wie sein Kollege Catulus. Dagegen wurde die
+Gracchische Kornverteilung in beschränktem Umfang wiederhergestellt. Es
+scheinen danach nicht wie nach dem Sempronischen Gesetz alle, sondern nur eine
+bestimmte Anzahl - vermutlich 40000 - ärmere Bürger die früheren Spenden, wie
+sie Gracchus bestimmt hatte, fünf Scheffel monatlich für den Preis von 6 1/3
+Assen (2¾ Groschen) empfangen zu haben - eine Bestimmung, aus der dem Ärar ein
+jährlicher Nettoverlust von mindestens 300000 Talern erwuchs ^5. Die
+Opposition, durch diese halbe Nachgiebigkeit natürlich ebensowenig befriedigt
+wie entschieden ermutigt, trat in der Hauptstadt nur um so schroffer und
+gewaltsamer auf; und in Etrurien, dem rechten Herd aller italischen
+Proletarierinsurrektionen, brach bereits der Bürgerkrieg aus: die
+expropriierten Faesulaner setzten sich mit gewaffneter Hand wieder in den
+Besitz ihrer verlorenen Güter und mehrere der von Sulla daselbst angesiedelten
+Veteranen kamen bei dem Auflauf um. Der Senat beschloß auf diese Nachricht, die
+beiden Konsuln dorthin zu senden, um Truppen aufzubieten und den Aufstand zu
+unterdrücken ^6. Es war nicht möglich, kopfloser zu verfahren. Der Senat
+konstatierte der Insurrektion gegenüber seine Schwachmütigkeit und seine
+Besorgnisse durch die Wiederherstellung des Getreidegesetzes: er gab, um vor
+dem Straßenlärm Ruhe zu haben, dem notorischen Haupte der Insurrektion ein
+Heer; und wenn die beiden Konsuln durch den feierlichsten Eid, den man zu
+ersinnen vermochte, verpflichtet wurden, die ihnen anvertrauten Waffen nicht
+gegeneinander zu kehren, so gehörte wahrlich die dämonische Verstocktheit
+oligarchischer Gewissen dazu, um ein solches Bollwerk gegen die drohende
+Insurrektion aufrichten zu mögen. Natürlich rüstete Lepidus in Etrurien nicht
+für den Senat, sondern für die Insurrektion, höhnisch erklärend, daß der
+geleistete Eid nur für das laufende Jahr ihn binde. Der Senat setzte die
+Orakelmaschine in Bewegung, um ihn zur Rückkehr zu bestimmen, und übertrug ihm
+die Leitung der bevorstehenden Konsulwahlen: allein Lepidus wich aus, und
+während die Boten deswegen kamen und gingen und über Vergleichsvorschlägen das
+Amtsjahr zu Ende lief, schwoll seine Mannschaft zu einem Heer an. Als endlich
+im Anfang des folgenden Jahres (677 77) an Lepidus der bestimmte Befehl des
+Senats erging, nun ungesäumt zurückzukehren, weigerte der Prokonsul trotzig den
+Gehorsam und forderte seinerseits die Erneuerung der ehemaligen tribunizischen
+Gewalt und die Wiedereinsetzung der gewalttätig Vertriebenen in ihr Bürgerrecht
+und ihr Eigentum, überdies für sich die Wiederwahl zum Konsul für das laufende
+Jahr, das heißt die Tyrannis in gesetzlicher Form. Damit war der Krieg erklärt.
+Die Senatspartei konnte, außer auf die Sullanischen Veteranen, deren
+bürgerliche Existenz durch Lepidus bedroht ward, zählen auf das von dem
+Prokonsul Catulus unter die Waffen gerufene Heer; und auf die dringenden
+Mahnungen der Einsichtigen, namentlich des Philippus, wurde demgemäß die
+Verteidigung der Hauptstadt und die Abwehr der in Etrurien stehenden Hauptmacht
+der Demokratenpartei dem Catulus vom Senat übertragen, auch gleichzeitig Gnaeus
+Pompeius mit einem anderen Haufen ausgesandt, um seinem ehemaligen Schützling
+das Potal zu entreißen, das dessen Unterbefehlshaber Marcus Brutus besetzt
+hielt. Während Pompeius rasch seinen Auftrag vollzog und den feindlichen
+Feldherrn eng in Mutina einschloß, erschien Lepidus vor der Hauptstadt, um, wie
+einst Marius, sie mit stürmender Hand für die Revolution zu erobern. Das rechte
+Tiberufer geriet ganz in seine Gewalt und er konnte sogar den Fluß
+überschreiten; auf dem Marsfelde, hart unter den Mauern der Stadt, wurde die
+entscheidende Schlacht geschlagen. Allein Catulus siegte; Lepidus mußte
+zurückweichen nach Etrurien, während eine andere Abteilung unter Lepidus&rsquo;
+Sohn Scipio sich in die Festung Alba warf. Damit war der Aufstand im
+wesentlichen zu Ende. Mutina ergab sich an Pompeius; Brutus wurde trotz des ihm
+zugestandenen sicheren Geleits nachträglich auf Befehl des Pompeius getötet.
+Ebenso ward Alba nach langer Belagerung durch Hunger bezwungen und der Führer
+gleichfalls hingerichtet. Lepidus, durch Catulus und Pompeius von zwei Seiten
+gedrängt, lieferte am etrurischen Gestade noch ein Treffen, um nur den Rückzug
+sich zu ermöglichen, und schiffte dann in dem Hafen Cosa nach Sardinien sich
+ein, von wo aus er der Hauptstadt die Zufuhr abzuschneiden und die Verbindung
+mit den spanischen Insurgenten zu gewinnen hoffte. Allein der Statthalter der
+Insel leistete ihm kräftigen Widerstand, und er selbst starb nicht lange nach
+seiner Landung an der Schwindsucht (677 77), womit in Sardinien der Krieg zu
+Ende war. Ein Teil seiner Soldaten verlief sich; mit dem Kern der
+Insurrektionsarmee und mit wohlgefüllten Kassen begab sich der gewesene Prätor
+Marcus Perpenna nach Ligurien und von da nach Spanien zu der Sertorianern.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^5 Unter dem Jahre 676 (78) berichtet Licinianus (p. 23 Pertz, p. 42 Bonn):
+(Lepidus) [Ie]gem frumentari[am] nullo resistente l[argi]tus est ut annon[ae]
+quinque modi popu[lo da]rentur. Danach hat also das Gesetz der Konsuln des
+Jahres 681 (73) Marcus Terentius Lucullus und Gaius Cassius Varus, welches
+Cicero (Verr. 3, 70, 136; 5, 21, 52) erwähnt und auf das auch Sallust (hist. 3,
+61, 19 Dietsch) sich bezieht, die fünf Scheffel nicht erst wiederhergestellt,
+sondern nur durch Regulierung der sizilischen Getreideankäufe die Kornspenden
+gesichert und vielleicht im einzelnen manches geändert. Daß das Sempronische
+Gesetz jedem in Rom domizilierenden Bürger gestattete, an den Getreidespenden
+teilzunehmen, steht fest. Allein die spätere Getreideverteilung hat diesen
+Umfang nicht gehabt; denn da das Monatkorn der römischen Bürgerschaft wenig
+mehr als 33000 Medimnen = 198000 röm. Scheffel betrug (Cic. Verr. 3, 30, 72),
+so empfingen damals nur etwa 40000 Bürger Getreide, während doch die Zahl der
+in der Hauptstadt domizilierenden Bürger sicher weit beträchtlicher war. Diese
+Einrichtung rührt wahrscheinlich aus dem Octavischen Gesetze her, das im
+Gegensatze zu der übertriebenen Sempronischen eine &ldquo;mäßige, für den Staat
+erträgliche und für das gemeine Volk notwendige Spendung&rdquo; (Cic. off. 2,
+21, 72; Brut. 62, 222) einführte; und allem Anschein nach ist ebendies Gesetz
+die von Licinianus erwähnte lex frumentaria. Daß Lepidus sich auf einen solchen
+Ausgleichsvorschlag einließ, stimmt zu seinem Verhalten in Betreff der
+Restitution des Tribunats. Ebenso paßt es zu den Verhältnissen, daß die
+Demokratie durch die hiermit herbeigeführte Regulierung der Kornverteilung sich
+keineswegs befriedigt fand (Sallust a. a. O.).
+</p>
+
+<p>
+Die Verlustsumme ist danach berechnet, daß das Getreide mindestens den
+doppelten Wert hatte; wenn die Piraterie oder andere Ursachen die Kornpreise in
+die Höhe trieben, mußte sich ein noch weit beträchtlicherer Schaden
+herausstellen.
+</p>
+
+<p>
+^6 Aus den Trümmern des Licinianischen Berichts (p. 44 Bonn) geht auch dies
+hervor, daß der Beschluß des Senats: &ldquo;uti Lepidus et Catulus decretis
+exercitibus maturrume proficiscerentur&rdquo; (Sall. hist. 1, 14 Dietsch) -
+nicht von einer Entsendung der Konsuln vor Ablauf des Konsulats in ihre
+prokonsularischen Provinzen zu verstehen ist, wozu es auch an jedem Grunde
+gefehlt haben würde, sondern von der Sendung nach Etrurien gegen die
+aufständischen Faesulaner, ganz ähnlich wie im Catilinarischen Kriege der
+Konsul Gaius Antonius ebendorthin geschickt ward. Wenn Philippus bei Sallust
+(hist. 1, 84, 4) sagt daß Lepidus ob seditionem provinciam cum exercitu adeptus
+est so ist dies damit vollständig im Einklang; denn das außerordentliche
+konsularische Kommando in Etrurien ist ebensowohl eine provincia wie das
+ordentliche prokonsularische im Narbonensischen Gallien.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Über Lepidus also hafte die Oligarchie gesiegt; dagegen sah sie sich durch die
+gefährliche Wendung des Sertorianischen Krieges zu Zugeständnissen genötigt,
+die den Buchstaben wie den Geist der Sullanischen Verfassung verletzten. Es war
+schlechterdings notwendig, ein starkes Heer und einen fähigen Feldherrn nach
+Spanien zu senden; und Pompeius gab sehr deutlich zu verstehen, daß er diesen
+Auftrag wünsche oder vielmehr fordere. Die Zumutung war stark. Es war schon
+übel genug, daß man diesen geheimen Gegner in dem Drange der Lepidianischen
+Revolution wieder zu einem außerordentlichen Kommando hatte gelangen lassen;
+aber noch viel bedenklicher war es, mit Beseitigung aller von Sulla
+aufgestellten Regeln der Beamtenhierarchie einem Manne, der noch kein
+bürgerliches Amt bekleidet hatte, eine der wichtigsten ordentlichen
+Provinzialstatthalterschaften in einer Art zu übertragen, wobei an Einhaltung
+der gesetzlichen Jahresfrist nicht zu denken war. Die Oligarchie hatte somit,
+auch abgesehen von der ihrem Feldherrn Metellus schuldigen Rücksicht, wohl
+Ursache, diesem neuen Versuch des ehrgeizigen Jünglings, seine Sonderstellung
+zu verewigen, allen Ernstes sich zu widersetzen; allein leicht war dies nicht.
+Zunächst fehlte es ihr durchaus an einem für den schwierigen spanischen
+Feldherrnposten geeigneten Mann. Keiner der Konsuln des Jahres bezeigte Lust,
+sich mit Sertorius zu messen, und man mußte es hinnehmen, was Lucius Philippus
+in voller Ratsversammlung sagte, daß unter den sämtlichen namhaften Senatoren
+nicht einer fähig und willig sei, in einem ernsthaften Kriege zu kommandieren.
+Vielleicht hätte man dennoch hierüber sich hinweggesetzt und nach
+Oligarchenart, da man keinen fähigen Kandidaten hatte, die Stelle mit
+irgendeinem Lückenbüßer ausgefüllt, wenn Pompeius den Befehl bloß gewünscht und
+nicht ihn an der Spitze einer Armee gefordert hätte. Catulus&rsquo; Weisungen,
+das Heer zu entlassen, hatte er bereits überhört; es war mindestens
+zweifelhaft, ob die des Senats eine bessere Aufnahme finden würden, und die
+Folgen eines Bruchs konnte niemand berechnen - gar leicht konnte die Schale der
+Aristokratie emporschnellen, wenn in die entgegengesetzte das Schwert eines
+bekannten Generals fiel. So entschloß sich die Majorität zur Nachgiebigkeit.
+Nicht vom Volke, das hier, wo es um die Bekleidung eines Privatmannes mit der
+höchsten Amtsgewalt sich handelte, verfassungsmäßig hätte befragt werden
+müssen, sondern vom Senate empfing Pompeius die prokonsularische Gewalt und den
+Oberbefehl im diesseitigen Spanien und ging vierzig Tage nach dessen Empfang,
+im Sommer 677 (77), über die Alpen.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst fand der neue Feldherr im Keltenland zu tun, wo zwar eine förmliche
+Insurrektion nicht ausgebrochen, aber doch an mehreren Orten die Ruhe ernstlich
+gestört worden war; infolgedessen Pompeius den Kantons der Volker-Arekomiker
+und der Helvier ihre Selbständigkeit entzog und sie unter Massalia legte. Auch
+ward von ihm durch Anlegung einer neuen Alpenstraße über den Kottischen Berg
+(Mont Genèvre; 2, 105) eine kürzere Verbindung zwischen dem Potal und dem
+Keltenlande hergestellt. über dieser Arbeit verfloß die gute Jahreszeit: erst
+spät im Herbst überschritt Pompeius die Pyrenäen.
+</p>
+
+<p>
+Sertorius hatte inzwischen nicht gefeiert. Er hatte Hirtuleius in die
+jenseitige Provinz entsandt, um Metellus in Schach zu halten, und war selbst
+bemüht, seinen vollständigen Sieg in der diesseitigen zu verfolgen und sich auf
+Pompeius&rsquo; Empfang vorzubereiten. Die einzelnen keltiberischen Städte, die
+hier noch zu Rom hielten, wurden angegriffen und eine nach der andern
+bezwungen; zuletzt, schon mitten im Winter, war das feste Contrebia (südöstlich
+von Saragossa) gefallen. Vergeblich hatten die bedrängten Städte Boten über
+Boten an Pompeius gesandt: er ließ sich durch keine Bitten aus seinem gewohnten
+Geleise langsamen Vorschreitens bringen. Mit Ausnahme der Seestädte, die durch
+die römische Flotte verteidigt wurden, und der Distrikte der Indigeten und
+Laletaner im nordöstlichen Winkel Spaniens, wo Pompeius, als er endlich die
+Pyrenäen überschritten, sich festsetzte und seine ungeübten Truppen, um sie an
+die Strapazen zu gewöhnen, den Winter hindurch biwakieren ließ, war am Ende des
+Jahres 677 (77) das ganze diesseitige Spanien durch Vertrag oder Gewalt von
+Sertorius abhängig geworden, und die Landschaft am oberen und mittleren Ebro
+blieb seitdem die festeste Stütze seiner Macht. Selbst die Besorgnis, die das
+frische römische Heer und der gefeierte Name des Feldherrn in der
+Insurgentenarmee hervorrief, hatte für dieselbe heilsame Folgen. Marcus
+Perpenna, der bis dahin als Sertorius im Range gleich auf ein selbständiges
+Kommando über die von ihm aus Ligurien mitgebrachte Mannschaft Anspruch gemacht
+hatte, wurde auf die Nachricht von Pompeius&rsquo; Eintreffen in Spanien von
+seinen Soldaten genötigt, sich unter die Befehle seines fähigeren Kollegen zu
+stellen.
+</p>
+
+<p>
+Für den Feldzug des Jahres 678 (76) verwandte Sertorius gegen Metellus wieder
+das Korps das Hirtuleius, während Perpenna mit einem starken Heer am unteren
+Laufe des Ebro sich aufstellte, um Pompeius den Übergang über diesen Fluß zu
+wehren, wenn er, wie zu erwarten war, in der Absicht, Metellus die Hand zu
+reichen, in südlicher Richtung und, der Verpflegung seiner Truppen wegen, an
+der Küste entlang marschieren würde. Zu Perpennas Unterstützung war zunächst
+das Korps des Gaius Herennius bestimmt; weiter landeinwärts, am oberen Ebro,
+holte Sertorius selbst die Unterwerfung einzelner, römisch gesinnter Distrikte
+nach und hielt zugleich sich dort bereit, nach den Umständen Perpenna oder
+Hirtuleius zu Hilfe zu eilen. Auch diesmal war seine Absicht darauf gerichtet,
+jeder Hauptschlacht auszuweichen und den Feind durch kleine Kämpfe und
+Abschneiden der Zufuhr aufzureiben. Indes Pompeius erzwang gegen Perpenna den
+Übergang über den Ebro und nahm Stellung am Fluß Pallantia bei Saguntum, unweit
+des Vorgebirgs der Diana, von wo aus, wie schon gesagt ward, die Sertorianer
+ihre Verbindungen mit Italien und dem Osten unterhielten. Es war Zeit, daß
+Sertorius selber erschien und die Überlegenheit seiner Truppenzahl und seines
+Genies gegen die größere Tüchtigkeit der Soldaten seines Gegners in die
+Waagschale warf. Um die Stadt Lauro (am Xucar südlich von Valencia), die sich
+für Pompeius erklärt hatte und deshalb von Sertorius belagert ward,
+konzentrierte der Kampf sich längere Zeit. Pompeius strengte sich aufs äußerste
+an, sie zu entsetzen; allein nachdem vorher ihm mehrere Abteilungen einzeln
+überfallen und zusammengehauen worden waren, sah sich der große Kriegsmann,
+ebenda er die Sertorianer umzingelt zu haben meinte und schon die Belagerten
+eingeladen hatte, dem Abfangen der Belagerungsarmee zuzuschauen, plötzlich
+vollständig ausmanövriert und mußte, um nicht selber umzingelt zu werden, die
+Einnahme und Einäscherung der verbündeten Stadt und die Abführung der Einwohner
+nach Lusitanien von seinem Lager aus ansehen - ein Ereignis, das eine Reihe
+schwankend gewordener Städte im mittleren und östlichen Spanien wieder an
+Sertorius festzuhalten bestimmte. Glücklicher focht inzwischen Metellus. In
+einem heftigen Treffen bei Italica (unweit Sevilla), das Hirtuleius
+unvorsichtig gewagt hatte und in dem beide Feldherrn persönlich ins Handgemenge
+kamen, Hirtuleius auch verwundet ward, schlug er diesen und zwang ihn, das
+eigentliche römische Gebiet zu räumen und sich nach Lusitanien zu werfen.
+Dieser Sieg gestattete Metellus, sich mit Pompeius zu vereinigen. Die
+Winterquartiere 678/79 (76/75) nahmen beide Feldherren an den Pyrenäen. Für den
+nächsten Feldzug 679 (75), beschlossen sie, den Feind in seiner Stellung bei
+Valentia gemeinschaftlich anzugreifen. Aber während Metellus heranzog, bot
+Pompeius, um die Scharte von Lauro auszuwetzen und die gehofften Lorbeeren
+womöglich allein zu gewinnen, vorher dem feindlichen Hauptheer die Schlacht an.
+Mit Freuden ergriff Sertorius die Gelegenheit, mit Pompeius zu schlagen, bevor
+Metellus eintraf. Am Flusse Sucro (Xucar) trafen die Heere aufeinander; nach
+heftigem Gefecht ward Pompeius auf dem rechten Flügel geschlagen und selbst
+schwer verwundet vom Schlachtfelde weggetragen. Zwar siegte Afranius mit dem
+linken und nahm das Lager der Sertorianer, allein während der Plünderung von
+Sertorius überrascht, ward auch er gezwungen zu weichen. Hätte Sertorius am
+folgenden Tage die Schlacht zu erneuern vermocht, Pompeius&rsquo; Heer wäre
+vielleicht vernichtet worden. Allein inzwischen war Metellus herangekommen,
+hatte das gegen ihn aufgestellte Korps des Perpenna niedergerannt und dessen
+Lager genommen; es war nicht möglich, die Schlacht gegen die beiden vereinigten
+Heere wiederaufzunehmen. Die Erfolge des Metellus, die Vereinigung der
+feindlichen Streitkräfte, das plötzliche Stocken nach dem Sieg verbreiteten
+Schrecken unter den Sertorianern, und wie es bei spanischen Heeren nicht selten
+vorkam, verlief infolge dieses Umschwungs der Dinge sich der größte Teil der
+sertorianischen Soldaten. Indes die Entmutigung verflog so rasch wie sie
+gekommen war; die weiße Hindin, die die militärischen Pläne des Feldherrn bei
+der Menge vertrat, war bald wieder populärer als je; in kurzer Zeit trat in der
+gleichen Gegend, südlich von Saguntum (Murviedro), das fest an Rom hielt,
+Sertorius mit einer neuen Armee den Römern entgegen, während die
+sertorianischen Kaper den Römern die Zufuhr von der Seeseite erschwerten und
+bereits im römischen Lager der Mangel sich bemerklich machte. Es kam abermals
+zur Schlacht in den Ebenen des Turiaflusses (Guadalaviar), und lange schwankte
+der Kampf. Pompeius mit der Reiterei ward von Sertorius geschlagen und sein
+Schwager und Quästor, der tapfere Lucius Memmius, getötet; dagegen überwand
+Metellus den Perpenna und schlug den gegen ihn gerichteten Angriff der
+feindlichen Hauptarmee siegreich zurück, wobei er selbst im Handgemenge eine
+Wunde empfing. Abermals zerstreute sich hierauf das Sertorianische Heer.
+Valentia, das Gaius Herennius für Sertorius besetzt hielt, ward eingenommen und
+geschleift. Römischerseits mochte man einen Augenblick der Hoffnung sich
+hingeben mit dem zähen Gegner fertig zu sein. Die Sertorianische Armee war
+verschwunden; die römischen Truppen, tief in das Binnenland eingedrungen,
+belagerten den Feldherrn selbst in der Festung Clunia am oberen Duero. Allein
+während sie vergeblich diese Felsenburg umstanden, sammelten sich anderswo die
+Kontingente der insurgierten Gemeinden; Sertorius entschlüpfte aus der Festung
+und stand noch vor Ablauf des Jahres wieder als Feldherr an der Spitze einer
+Armee. Wieder mußten die römischen Feldherrn mit der trostlosen Aussicht auf
+die unausbleibliche Erneuerung der sisypheischen Kriegsarbeit die
+Winterquartiere beziehen. Es war nicht einmal möglich, sie in dem wegen der
+Kommunikation mit Italien und dem Osten so wichtigen, aber von Freund und Feind
+entsetzlich verheerten Gebiet von Valentia zu nehmen; Pompeius führte seine
+Truppen zunächst in das Gebiet der Vasconen ^7 (Biscaya) und überwinterte dann
+in dem der Vaccäer (um Valladolid), Metellus gar in Gallien.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^7 In den neu gefundenen Sallustischen Bruchstücken, welche dem Ende des
+Feldzuges von 75 anzugehören scheinen, gehören hierher die Worte: Romanus
+[exer]citus (des Pompeius) frumenti gra[tia r]emotus in Vascones i .. [it]emque
+Sertorius mon …o, cuius multum in[terer]at, ne ei perinde Asiae [iter et
+Italiae intercluderetur].
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Fünf Jahre währte also der Sertorianische Krieg und noch war weder hüben noch
+drüben ein Ende abzusehen. Unbeschreiblich litt unter demselben der Staat. Eine
+Blüte der italischen Jugend ging in den aufreibenden Strapazen dieser Feldzüge
+zugrunde. Die öffentlichen Kassen entbehrten nicht bloß die spanischen
+Einnahmen, sondern hatten auch für die Besoldung und Verpflegung der spanischen
+Heere jährlich sehr ansehnliche Summen nach Spanien zu senden, die man kaum
+aufzubringen wußte. Daß Spanien verödete und verarmte und die so schön daselbst
+sich entfaltende römische Zivilisation einen schweren Stoß erhielt, versteht
+sich von selbst, zumal bei einem so erbittert geführten und nur zu oft die
+Vernichtung ganzer Gemeinden veranlassenden Insurrektionskrieg. Selbst die
+Städte, die zu der in Rom herrschenden Partei hielten, hatten unsägliche Not zu
+erdulden; die an der Küste gelegenen mußten durch die römische Flotte mit dem
+Notwendigen versehen werden, und die Lage der treuen binnenländischen Gemeinden
+war beinahe verzweifelt. Fast nicht weniger litt die gallische Landschaft,
+teils durch die Requisitionen an Zuzug zu Fuß und zu Pferde, an Getreide und
+Geld, teils durch die drückende Last der Winterquartiere, die infolge der
+Mißernte 680 (74) sich ins unerträgliche steigerte; fast alle Gemeindekassen
+waren genötigt, zu den römischen Bankiers ihre Zuflucht zu nehmen und eine
+erdrückende Schuldenlast sich aufzubürden. Feldherren und Soldaten führten den
+Krieg mit Widerwillen. Die Feldherren waren getroffen auf einen an Talent weit
+überlegenen Gegner, auf einen langweilig zähen Widerstand, auf einen Krieg sehr
+ernsthafter Gefahren und schwer erfochtener, wenig glänzender Erfolge; es ward
+behauptet, daß Pompeius damit umgehe, sich aus Spanien abberufen und irgend
+anderswo ein erwünschteres Kommando sich übertragen zu lassen. Die Soldaten
+waren gleichfalls wenig erbaut von einem Feldzug, in dem es nicht allein weiter
+nichts zu holen gab als harte Schläge und wertlose Beute, sondern auch ihr Sold
+ihnen höchst unregelmäßig gezahlt ward; Pompeius berichtete Ende 679 (75) an
+den Senat, daß seit zwei Jahren der Sold im Rückstand sei und das Heer sich
+aufzulösen drohe. Einen ansehnlichen Teil dieser Übelstände hätte die römische
+Regierung allerdings zu beseitigen vermocht, wenn sie es über sich hätte
+gewinnen können, den Spanischen Krieg mit minderer Schlaffheit, um nicht zu
+sagen mit besserem Willen zu führen. In der Hauptsache aber war es weder ihre
+Schuld noch die Schuld der Feldherren, daß ein so überlegenes Genie, wie
+Sertorius war, auf einem für den Insurrektions- und Korsarenkrieg so überaus
+günstigen Boden aller numerischen und militärischen Überlegenheit zum Trotz den
+kleinen Krieg Jahre und Jahre fortzuführen vermochte. Ein Ende war hier so
+wenig abzusehen, daß vielmehr die Sertorianische Insurrektion sich mit andern
+gleichzeitigen Aufständen verschlingen und dadurch ihre Gefährlichkeit steigern
+zu wollen schien. Ebendamals ward auf allen Meeren mit den Flibustierflotten,
+ward in Italien mit den aufständischen Sklaven, in Makedonien mit den
+Völkerschaften an der unteren Donau gefochten, und entschloß sich im Osten
+König Mithradates, mitbestimmt durch die Erfolge der spanischen Insurrektion,
+das Glück der Waffen noch einmal zu versuchen. Daß Sertorius mit den italischen
+und makedonischen Feinden Roms Verbindungen angeknüpft hat, läßt sich nicht
+bestimmt erweisen, obwohl er allerdings mit den Marianern in Italien in
+beständigem Verkehr stand; mit den Piraten dagegen hatte er schon früher
+offenes Bündnis gemacht, und mit dem pontischen König, mit welchem er längst
+durch Vermittlung der an dessen Hof verweilenden römischen Emigranten
+Einverständnisse unterhalten hatte, schloß er jetzt einen förmlichen
+Allianztraktat, in dem Sertorius dem König die kleinasiatischen
+Klientelstaaten, nicht aber die römische Provinz Asia abtrat, überdies ihm
+einen zum Führer seiner Truppen geeigneten Offizier und eine Anzahl Soldaten zu
+senden versprach, der König dagegen ihm 40 Schiffe und 3000 Talente (4½ Mill.
+Taler) zu überweisen sich anheischig machte. Schon erinnerten die klugen
+Politiker in der Hauptstadt an die Zeit, als Italien sich durch Philippos und
+durch Hannibal von Osten und von Westen aus bedroht sah; der neue Hannibal,
+meinte man, könne, nachdem er, wie sein Vorfahr, Spanien durch sich selbst
+bezwungen, eben wie dieser mit den Steilkräften Spaniens in Italien gar leicht
+früher als Pompeius eintreffen, um, wie einst der Phöniker, die Etrusker und
+Samniten gegen Rom unter die Waffen zu rufen.
+</p>
+
+<p>
+Indes dieser Vergleich war doch mehr witzig als richtig. Sertorius war bei
+weitem nicht stark genug, um das Riesenunternehmen Hannibals zu erneuern; er
+war verloren, wenn er Spanien verließ, an dessen Landes- und
+Volkseigentümlichkeit all seine Erfolge hingen, und auch hier mehr und mehr
+genötigt, der Offensive zu entsagen. Sein bewundernswertes Führergeschick
+konnte die Beschaffenheit seiner Truppen nicht ändern; der spanische Landsturm
+blieb, was er war, unzuverlässig wie die Welle und der Wind, bald in Massen bis
+zu 150000 Köpfen versammelt, bald wieder auf eine Handvoll Leute
+zusammengeschmolzen; in gleicher Weise blieben die römischen Emigranten
+unbotmäßig, hoffärtig und eigensinnig. Die Waffengattungen, die längeres
+Zusammenhalten der Korps erfordern, wie namentlich die Reiterei, waren
+natürlich in seinem Heer sehr ungenügend vertreten. Seine fähigsten Offiziere
+und den Kern seiner Veteranen rieb der Krieg allmählich auf, und auch die
+zuverlässigsten Gemeinden fingen an, der Plackerei durch die Römer und der
+Mißhandlung durch die Sertorianischen Offiziere müde zu werden und Zeichen der
+Ungeduld und der schwankenden Treue zu geben. Es ist bemerkenswert, daß
+Sertorius, auch darin Hannibal gleich, niemals über die Hoffnungslosigkeit
+seiner Stellung sich getäuscht hat; er ließ keine Gegenheil vorübergehen, um
+einen Vergleich herbeizuführen und wäre jeden Augenblick bereit gewesen, gegen
+die Zusicherung, in seiner Heimat friedlich leben zu dürfen, seinen
+Kommandostab niederzulegen. Allein die politische Orthodoxie weiß nichts von
+Vergleich und Versöhnung. Sertorius durfte nicht rückwärts noch seitwärts;
+unvermeidlich mußte er weiter auf der einmal betretenen Bahn, wie sie auch
+schmaler und schwindelnder ward.
+</p>
+
+<p>
+Pompeius&rsquo; Vorstellungen in Rom, denen Mithradates&rsquo; Auftreten im
+Osten Nachdruck gab, hatten Erfolg. Er erhielt vom Senat die nötigen Gelder
+zugesandt und Verstärkung durch zwei frische Legionen. So gingen die beiden
+Feldherren im Frühjahr 680 (74) wieder an die Arbeit und überschritten aufs
+neue den Ebro. Das östliche Spanien war infolge der Schlachten am Xucar und
+Guadalaviar den Sertorianern entrissen; der Kampf konzentrierte sich fortan am
+oberen und mittleren Ebro um die Hauptwaffenplätze der Sertorianer Calagurris,
+Osca, Ilerda. Wie Metellus in den früheren Feldzügen das Beste getan hatte, so
+gewann er auch diesmal die wichtigsten Erfolge. Sein alter Gegner Hirtuleius,
+der ihm wieder entgegentrat, ward vollständig geschlagen und fiel selbst mit
+seinem Bruder - ein unersetzlicher Verlust für die Sertorianer. Sertorius, den
+die Unglücksbotschaft erreichte, als er selbst im Begriff war, die ihm
+gegenüberstehenden Feinde anzugreifen, stieß den Boten nieder, damit die
+Nachricht die Seinigen nicht entmutigte; aber lange war die Kunde nicht zu
+verbergen. Eine Stadt nach der andern ergab sich. Metellus besetzte die
+keltiberischen Städte Segobriga (zwischen Toledo und Cuenca) und Bilbilis (bei
+Calatayud). Pompeius belagerte Pallantia (Palencia oberhalb Valladolid), das
+aber Sertorius entsetzte und den Pompeius nötigte, sich auf Metellus
+zurückzuziehen; vor Calagurris (Calahorra am oberen Ebro), wohin Sertorius sich
+geworfen, erlitten sie beide empfindliche Verluste. Dennoch konnten sie, als
+sie in die Winterquartiere gingen, Pompeius nach Gallien, Metellus in seine
+eigene Provinz, auf beträchtliche Erfolge zurücksehen; ein großer Teil der
+Insurgenten hatte sich gefügt oder war mit den Waffen bezwungen worden.
+</p>
+
+<p>
+In ähnlicher Weise verlief der Feldzug des folgenden Jahres (681 78); in diesem
+war es vor allem Pompeius, der langsam, aber stetig das Gebiet der Insurrektion
+einschränkte.
+</p>
+
+<p>
+Der Rückschlag des Niedergangs ihrer Waffen auf die Stimmung im
+Insurgentenlager blieb nicht aus. Wie Hannibals wurden auch Sertorius&rsquo;
+kriegerische Erfolge notwendig immer geringer; man fing an, sein militärisches
+Talent in Zweifel zu ziehen; er sei nicht mehr der alte, hieß es, er verbringe
+der Tag beim Schmaus oder beim Becher und verschleudere die Gelder wie die
+Stunden. Die Zahl der Ausreißer, der abfallenden Gemeinden mehrte sich. Bald
+kamen Pläne der römischen Emigranten gegen das Leben des Feldherrn bei diesem
+zur Anzeige; sie klangen glaublich genug, zumal da so manche Offiziere der
+Insurgentenarmee, namentlich Perpenna, nur widerwillig sich unter den
+Oberbefehl des Sertorius gefügt hatten und seit langem von den römischen
+Statthaltern dem Mörder des feindlichen Oberfeldherrn Amnestie und ein hohes
+Blutgeld ausgelobt war. Sertorius entzog auf jene Inzichten hin die Hut seiner
+Person den römischen Soldaten und gab sie erlesenen Spaniern. Gegen die
+Verdächtigen selbst schritt er mit furchtbarer, aber notwendiger Strenge ein
+und verurteilte, ohne wie sonst Ratmänner zuzuziehen, verschiedene
+Angeschuldigte zum Tode; den Freunden, hieß es darauf in den Kreisen der
+Mißvergnügten, sei er jetzt gefährlicher als den Feinden. Bald ward eine zweite
+Verschwörung entdeckt, die ihren Sitz in seinem eigenen Stabe hatte; wer zur
+Anzeige gebracht ward, mußte flüchtig werden oder sterben, aber nicht alle
+wurden verraten und die übrigen Verschworenen, unter ihnen vor allem Perpenna,
+fanden hierin nur einen Antrieb, sich zu eilen. Man befand sich im
+Hauptquartier zu Osca. Hier ward auf Perpennas Veranstaltung dem Feldherrn ein
+glänzender Sieg berichtet, den seine Truppen erfochten hätten; und bei der zur
+Feier dieses Sieges von Perpenna veranstalteten festlichen Mahlzeit erschien
+denn auch Sertorius, begleitet, wie er pflegte, von seinem spanischen Gefolge.
+Gegen den sonstigen Brauch im Sertorianischen Hauptquartier ward das Fest bald
+zum Bacchanal; wüste Reden flogen über den Tisch, und es schien, als wenn
+einige der Gäste Gelegenheit suchten, einen Wortwechsel zu beginnen; Sertorius
+warf sich auf seinem Lager zurück und schien den Lärm überhören zu wollen. Da
+klirrte eine Trinkschale auf den Boden: Perpenna gab das verabredete Zeichen.
+Marcus Antonius, Sertorius&rsquo; Nachbar bei Tische, führte den ersten Streich
+gegen ihn, und da der Getroffene sich umwandte und sich aufzurichten versuchte,
+stürzte der Mörder sich über ihn und hielt ihn nieder, bis die übrigen
+Tischgäste, sämtlich Teilnehmer der Verschwörung, sich auf die Ringenden warfen
+und den wehrlosen, an beiden Armen festgehaltenen Feldherrn erstachen (682 72).
+Mit ihm starben seine treuen Begleiter. So endigte einer der größten, wo nicht
+der größte Mann, den Rom bisher hervorgebracht, ein Mann, der unter
+glücklicheren Umständen vielleicht der Regenerator seines Vaterlandes geworden
+sein würde, durch den Verrat der elenden Emigrantenbande, die er gegen die
+Heimat zu führen verdammt war. Die Geschichte liebt die Coriolane nicht; auch
+mit diesem hochherzigsten, genialsten, bedauernswertesten unter allen hat sie
+keine Ausnahme gemacht.
+</p>
+
+<p>
+Die Erbschaft des Gemordeten dachten die Mörder zu tun. Nach Sertorius&rsquo;
+Tode machte Perpenna als der höchste unter den römischen Offizieren der
+spanischen Armee Ansprüche auf den Oberbefehl. Man fügte sich, aber mißtrauend
+und widerstrebend. Wie man auch gegen Sertorius bei seinen Lebzeiten gemurrt
+hatte, der Tod setzte den Helden wieder in sein Recht ein, und gewaltig brauste
+der Unwille der Soldaten auf, als bei der Publikation seines Testaments unter
+den Namen der Erben auch der des Perpenna verlesen ward. Ein Teil der Soldaten,
+namentlich die lusitanischen, verliefen sich; die zurückgebliebenen beschlich
+die Ahnung, daß mit Sertorius&rsquo; Tode der Geist und das Glück von ihnen
+gewichen sei. Bei der ersten Begegnung mit Pompeius wurden denn auch die elend
+geführten und mutlosen Insurgentenhaufen vollständig zersprengt und unter
+anderen Offizieren auch Perpenna gefangen eingebracht. Durch die Auslieferung
+der Korrespondenz des Sertorius, die zahlreiche angesehene Männer in Italien
+kompromittiert haben würde, suchte der Elende sich das Leben zu erkaufen; indes
+Pompeius befahl, die Papiere ungelesen zu verbrennen und überantwortete ihn
+sowie die übrigen Insurgentenchefs dem Scharfrichter. Die entkommenen
+Emigranten verliefen sich und gingen größtenteils in die mauretanischen Wüsten
+oder zu den Piraten. Einem Teil derselben eröffnete bald darauf das Plotische
+Gesetz, das namentlich der junge Caesar eifrig unterstützte, die Rückkehr in
+die Heimat; diejenigen aber, die von ihnen an dem Morde des Sertorius
+teilgenommen hatten, starben, mit Ausnahme eines einzigen, sämtlich eines
+gewaltsamen Todes. Osca und überhaupt die meisten Städte, die im Diesseitigen
+Spanien noch zu Sertorius gehalten hatten, öffneten dem Pompeius jetzt
+freiwillig ihre Tore; nur Uxama (Osma), Clunia und Calagurris mußten mit den
+Waffen bezwungen werden. Die beiden Provinzen wurden neu geordnet; in der
+jenseitigen erhöhte Metellus den schuldigsten Gemeinden die Jahrestribute; in
+der diesseitigen schaltete Pompeius belohnend und bestrafend, wie zum Beispiel
+Calagurris seine Selbständigkeit verlor und unter Osca gelegt ward. Einen
+Haufen Sertorianischer Soldaten, der in den Pyrenäen sich zusammengefunden
+hatte, bewog Pompeius zur Unterwerfung und siedelte ihn nordwärts der Pyrenäen
+bei Lugudunum (St. Bertrand im Departement Haute-Garonne) als die Gemeinde der
+&ldquo;Zusammengelaufenen&rdquo; (convenae) an. Auf der Paßhöhe der Pyrenäen
+wurden die römischen Siegeszeichen errichtet; am Ende des Jahres 683 (71) zogen
+Metellus und Pompeius mit ihren Heeren durch die Straßen der Hauptstadt, um den
+Dank der Nation für die Besiegung der Spanier dem Vater Jovis auf dem Kapitol
+darzubringen. Noch über das Grab hinaus schien Sullas Glück mit seiner
+Schöpfung zu sein und dieselbe besser zu schirmen als die zu ihrer Hut
+bestellten unfähigen und schlaffen Wächter. Die italische Opposition hatte
+durch die Unfähigkeit und Vorschnelligkeit ihres Führers, die Emigration durch
+inneren Zwist sich selber gesprengt. Diese Niederlagen, obwohl weit mehr das
+Werk ihrer eigenen Verkehrtheit und Zerfahrenheit als der Anstrengungen ihrer
+Gegner, waren doch ebensoviele Siege der Oligarchie. Noch einmal waren die
+kurulischen Stühle befestigt.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap02"></a>KAPITEL II.<br/>
+Die Sullanische Restaurationsherrschaft</h2>
+
+<p>
+Als nach Unterdrückung der den Senat in seiner Existenz bedrohenden
+Cinnanischen Revolution es der restaurierten Senatsregierung möglich ward, der
+inneren und äußeren Sicherheit des Reiches wiederum die erforderliche
+Aufmerksamkeit zu widmen, zeigten sich der Angelegenheiten genug, deren Lösung
+nicht verschoben werden konnte, ohne die wichtigsten Interessen zu verletzen
+und gegenwärtige Unbequemlichkeiten zu künftigen Gefahren anwachsen zu lassen.
+Abgesehen von der sehr ernsten Verwicklung in Spanien war es schlechterdings
+notwendig teils die Barbaren in Thrakien und den Donauländern, die Sulla bei
+seinem Marsch durch Makedonien nur oberflächlich hatte züchtigen können,
+nachhaltig zu Paaren zu treiben und die verwirrten Verhältnisse an der
+Nordgrenze der griechischen Halbinsel militärisch zu regulieren, teils den
+überall, namentlich aber in den östlichen Gewässern herrschenden
+Flibustierbanden gründlich das Handwerk zu legen, teils endlich in die unklaren
+kleinasiatischen Verhältnisse eine bessere Ordnung zu bringen. Der Friede, den
+Sulla im Jahre 670 (84) mit König Mithradates von Pontos abgeschlossen hatte
+und von dem der Vertrag mit Murena 673 (81) wesentlich eine Wiederholung war,
+trug durchaus den Stempel eines notdürftig für den Augenblick hergestellten
+Provisoriums; und das Verhältnis der Römer zu König Tigranes von Armenien, mit
+dem sie doch faktisch Krieg geführt hatten, war in diesem Frieden ganz
+unberührt geblieben. Mit Recht hatte Tigranes darin die stillschweigende
+Erlaubnis gefunden, die römischen Besitzungen in Asien in seine Gewalt zu
+bringen. Wenn dieselben nicht preisgegeben bleiben sollten, war es notwendig in
+Güte oder Gewalt mit dem neuen Großkönig Asiens sich abzufinden.
+</p>
+
+<p>
+Betrachten wir, nachdem in dem vorhergehenden Kapitel die mit dem
+demokratischen Treiben zusammenhängende Bewegung in Italien und Spanien und
+deren Überwältigung durch die senatorische Regierung dargestellt wurde, in
+diesem das äußere Regiment, wie die von Sulla eingesetzte Behörde es geführt
+oder auch nicht geführt hat.
+</p>
+
+<p>
+Man erkennt noch Sullas kräftige Hand in den energischen Maßregeln, die in der
+letzten Zeit seiner Regentschaft der Senat ungefähr gleichzeitig gegen die
+Sertorianer, gegen die Dalmater und Thraker und gegen die kilikischen Piraten
+verfügte.
+</p>
+
+<p>
+Die Expedition nach der griechisch-illyrischen Halbinsel hatte den Zweck, teils
+die barbarischen Stämme botmäßig oder doch zahm zu machen, die das ganze
+Binnenland vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meere durchstreiften und unter
+denen vornehmlich die Besser (im großen Balkan), wie man damals sagte, selbst
+unter den Räubern als Räuber verrufen waren, teils die namentlich im
+dalmatischen Litoral sich bergenden Korsaren zu vernichten. Wie gewöhnlich ging
+der Angriff gleichzeitig von Dalmatien und von Makedonien aus, in welcher
+letzteren Provinz ein Heer von fünf Legionen hierzu gesammelt ward. Der
+gewesene Prätor Gaius Cosconius, welcher in Dalmatien den Befehl führte,
+durchstreifte das Land nach allen Richtungen und erstürmte nach zweijähriger
+Belagerung die Festung Salona. In Makedonien versuchte der Prokonsul Appius
+Claudius (676 bis 678 78-76) zunächst sich an der makedonisch-thrakischen
+Grenze der Berglandschaften am linken Ufer des Karasu zu bemeistern. Von beiden
+Seiten ward der Krieg mit arger Wildheit geführt; die Thraker zerstörten die
+eroberten Ortschaften und metzelten die Gefangenen nieder und die Römer
+vergalten Gleiches mit Gleichem. Ernstliche Erfolge aber wurden nicht erreicht;
+die beschwerlichen Märsche und die beständigen Gefechte mit den zahlreichen und
+tapferen Gebirgsbewohnern dezimierten nutzlos die Armee; der Feldherr selbst
+erkrankte und starb. Sein Nachfolger Gaius Scribonius Curio (679-681 75-73)
+wurde durch mancherlei Hindernisse, namentlich auch durch einen nicht
+unbedeutenden Militäraufstand bewogen, die schwierige Expedition gegen die
+Thraker fallen zu lassen und dafür sich nach der makedonischen Nordgrenze zu
+wenden, wo er die schwächeren Dardaner (in Serbien) unterwarf und bis an die
+Donau gelangte. Erst der tapfere und fähige Marcus Lucullus (682, 683 72, 71)
+rückte wieder gegen Osten vor, schlug die Besser in ihren Bergen, nahm ihre
+Hauptstadt Uscudama (Adrianopel) und zwang sie, der römischen Oberhoheit sich
+zu fügen. Der König der Odrysen, Sadalas, und die griechischen Städte an der
+Ostküste nördlich und südlich vom Balkangebirge: Istropolis, Tomoi, Kallatis,
+Odessos (bei Varna), Mesembria und andere, wurden abhängig von den Römern;
+Thrakien, von dem die Römer bisher kaum mehr inne gehabt hatten als die
+attalischen Besitzungen auf dem Chersones, ward jetzt ein freilich wenig
+botmäßiger Teil der Provinz Makedonien.
+</p>
+
+<p>
+Aber weit nachteiliger als die immer doch auf einen geringen Teil des Reiches
+sich beschränkenden Raubzüge der Thraker und Dardaner war für den Staat wie für
+die einzelnen die Piraterie, die immer weiter um sich griff und immer fester
+sich organisierte. Der Seeverkehr war auf dem ganzen Mittelmeer in ihrer
+Gewalt. Italien konnte weder seine Produkte aus-, noch das Getreide aus den
+Provinzen einführen; dort hungerten die Leute, hier stockte wegen Mangels an
+Absatz die Bestellung der Getreidefelder. Keine Geldsendung, kein Reisender war
+mehr sicher; die Staatskasse erlitt die empfindlichsten Verluste; eine große
+Anzahl angesehener Römer wurde von den Korsaren aufgebracht und mußte mit
+schweren Summen sich ranzionieren, wenn es nicht gar den Piraten beliebte, an
+einzelnen derselben das Blutgericht zu vollstrecken, das dann auch wohl mit
+wildem Humor gewürzt ward. Die Kaufleute, ja die nach dem Osten bestimmten
+römischen Truppenabteilungen fingen an, ihre Fahrten vorwiegend in die
+ungünstige Jahreszeit zu verlegen und die Winterstürme weniger zu scheuen als
+die Piratenschiffe, die freilich selbst in dieser Jahreszeit doch nicht ganz
+vom Meere verschwanden. Aber wie empfindlich die Sperrung der See war, sie war
+eher zu ertragen als die Heimsuchung der griechischen und kleinasiatischen
+Inseln und Küsten. Ganz wie später in der Normannenzeit liefen die
+Korsarengeschwader bei den Seestädten an und zwangen sie, entweder mit großen
+Summen sich loszukaufen, oder belagerten und stürmten sie mit gewaffneter Hand.
+Wenn unter Sullas Augen nach geschlossenem Frieden mit Mithradates Samothrake,
+Klazomenä, Samos, Iassos von den Piraten ausgeraubt wurden (670 84), so kann
+man sich denken, wie es da zuging, wo weder eine römische Flotte noch ein
+römisches Heer in der Nähe stand. All die alten reichen Tempel an den
+griechischen und kleinasiatischen Küsten wurden nach der Reihe geplündert;
+allein aus Samothrake soll ein Schatz von 1000 Talenten (1500000 Talern)
+weggeführt worden sein. Apollon, heißt es bei einem römischen Dichter dieser
+Zeit, ist durch die Piraten so arm geworden, daß er, wenn die Schwalbe bei ihm
+auf Besuch ist, aus all seinen Schätzen auch nicht ein Quentchen Gold mehr ihr
+vorzeigen kann. Man rechnete über vierhundert von den Piraten eingenommene oder
+gebrandschatzte Ortschaften, darunter Städte wie Knidos, Samos, Kolophon; aus
+nicht wenigen früher blühenden Insel- und Küstenplätzen wanderte die gesamte
+Bevölkerung aus, um nicht von den Piraten fortgeschleppt zu werden. Nicht
+einmal im Binnenland mehr war man vor denselben sicher; es kam vor, daß sie ein
+bis zwei Tagemärsche von der Küste belegene Ortschaften überfielen. Die
+entsetzliche Verschuldung, der späterhin alle Gemeinden im griechischen Osten
+erliegen, stammt großenteils aus diesen verhängnisvollen Zeiten. Das
+Korsarenwesen hatte seinen Charakter gänzlich verändert. Es waren nicht mehr
+dreiste Schnapphähne, die in den kretischen Gewässern zwischen Kyrene und dem
+Peloponnes - in der Flibustiersprache dem &ldquo;goldenen Meer&rdquo; - von dem
+großen Zug des italisch-orientalischen Sklaven- und Luxushandels ihren Tribut
+nahmen; auch nicht mehr bewaffnete Sklavenfänger, die &ldquo;Krieg, Handel und
+Piraterie&rdquo; ebenmäßig nebeneinander betrieben, es war ein Korsarenstaat
+mit einem eigentümlichen Gemeingeist; mit einer festen, sehr respektablen
+Organisation, mit einer eigenen Heimat und den Anfängen einer Symmachie, ohne
+Zweifel auch mit bestimmten politischen Zwecken. Die Flibustier nannten sich
+Kiliker; in der Tat fanden auf ihren Schiffen die Verzweifelten und Abenteurer
+aller Nationen sich zusammen: die entlassenen Söldner von den kretischen
+Werbeplätzen, die Bürger der vernichteten Ortschaften Italiens, Spaniens und
+Asiens, die Soldaten und Offiziere aus Fimbrias und Sertorius&rsquo; Heeren,
+überhaupt die verdorbenen Leute aller Nationen, die gehetzten Flüchtlinge aller
+überwundenen Parteien, alles was elend und verwegen war - und wo war nicht
+Jammer und Frevel in dieser unseligen Zeit? Es war keine zusammengelaufene
+Diebesbande mehr, sondern ein geschlossener Soldatenstaat, in dem die
+Freimaurerei der Ächtung und der Missetat an die Stelle der Nationalität trat
+und innerhalb dessen das Verbrechen, wie so oft, vor sich selbst sich rettete
+in den hochherzigsten Gemeinsinn. In einer zuchtlosen Zeit, wo Feigheit und
+Unbotmäßigkeit alle Bande der gesellschaftlichen Ordnung erschlafft hatten,
+mochten die legitimen Gemeinwesen sich ein Muster nehmen an diesem Bastardstaat
+der Not und Gewalt, in den allein von allen das unverbrüchliche Zusammenstehen,
+der kameradschaftliche Sinn, die Achtung vor dem gegebenen Treuwort und den
+selbstgewählten Häuptern, die Tapferkeit und die Gewandtheit sich geflüchtet zu
+haben schienen. Wenn auf der Fahne dieses Staats die Rache an der bürgerlichen
+Gesellschaft geschrieben war, die, mit Recht oder mit Unrecht, seine Mitglieder
+von sich ausgestoßen hatte, so ließ sich darüber streiten, ob diese Devise viel
+schlechter war als die der italischen Oligarchie und des orientalischen
+Sultanismus, die im Zuge schienen, die Welt unter sich zu teilen. Die Korsaren
+wenigstens fühlten jedem legitimen Staate sich ebenbürtig; von ihrem
+Räuberstolz, ihrer Räuberpracht und ihrem Räuberhumor zeugt noch manche echte
+Flibustiergeschichte toller Lustigkeit und ritterlicher Banditenweise; sie
+meinten, und rühmten sich dessen, in einem gerechten Krieg mit der ganzen Welt
+zu leben; was sie darin gewannen, das hieß ihnen nicht Raubgut, sondern
+Kriegsbeute; und wenn dem ergriffenen Flibustier in jedem römischen Hafen das
+Kreuz gewiß war, so nahmen auch sie als ihr Recht in Anspruch, jeden ihrer
+Gefangenen hinrichten zu dürfen. Ihre militärisch-politische Organisation war
+namentlich seit dem Mithradatischen Krieg festgeschlossen. Ihre Schiffe,
+größtenteils &ldquo;Mauskähne&rdquo;, das heißt kleine, offene, schnellsegelnde
+Barken, nur zum kleineren Teil Zwei- und Dreidecker, fuhren jetzt regelmäßig in
+Geschwader vereinigt und unter Admiralen, deren Barken in Gold und Purpur zu
+glänzen pflegten. Dem bedrohten Kameraden, mochte er auch völlig unbekannt
+sein, weigerte kein Piratenkapitän den erbetenen Beistand; der mit einem aus
+ihrer Mitte abgeschlossene Vertrag ward von der ganzen Gesellschaft
+unweigerlich anerkannt, aber auch jede einem zugefügte Unbill von allen
+geahndet. Ihre rechte Heimat war das Meer von den Säulen des Herkules bis in
+die syrischen und ägyptischen Gewässer; die Zufluchtsstätten, deren sie für
+sich und ihre schwimmenden Häuser auf dem Festlande bedurften, gewährten ihnen
+bereitwillig die mauretanischen und dalmatischen Gestade, die Insel Kreta, vor
+allem die an Vorsprüngen und Schlupfwinkeln reiche, die Hauptstraße des
+Seehandels jener Zeit beherrschende und so gut wie herrenlose Südküste
+Kleinasiens. Der lykische Städtebund daselbst und die pamphylischen Gemeinden
+hatten wenig zu bedeuten; die seit 652 (102) in Kilikien bestehende römische
+Station reichte zur Beherrschung der weitläufigen Küste bei weitem nicht aus;
+die syrische Herrschaft über Kilikien war immer nur nominell gewesen und seit
+kurzem gar ersetzt worden durch die armenische, deren Inhaber als echter
+Großkönig um das Meer gar nicht sich kümmerte und dasselbe bereitwillig den
+Kilikern zur Plünderung preisgab. So war es kein Wunder, wenn die Korsaren hier
+gediehen wie nirgends sonst. Nicht bloß besaßen sie hier überall am Ufer
+Signalplätze und Stationen, sondern auch weiter landeinwärts, in den
+abgelegensten Verstecken des unwegsamen und gebirgigen lykischen,
+pamphylischen, kilikischen Binnenlandes, hatten sie sich ihre Felsschlösser
+erbaut, in denen, während sie selbst zur See fuhren, sie ihre Weiber, Kinder
+und Schätze bargen, auch wohl in gefährlichen Zeiten selbst dort eine
+Zufluchtsstätte fanden. Namentlich gab es solche Korsarenschlösser in großer
+Zahl in dem rauhen Kilikien, dessen Waldungen zugleich den Piraten das
+vortrefflichste Holz zum Schiffbau lieferten und wo deshalb ihre
+hauptsächlichsten Schiffbaustätten und Arsenale sich befanden. Es war nicht zu
+verwundern, daß dieser geordnete Militärstaat unter den mehr oder minder sich
+selber überlassenen und sich selber verwaltenden griechischen Seestädten sich
+eine feste Klientel bildete, die mit den Piraten wie mit einer befreundeten
+Macht auf Grund bestimmter Verträge in Handelsverkehr trat und der Aufforderung
+der römischen Statthalter, Schiffe gegen sie zu stellen, nicht nachkam; wie
+denn zum Beispiel die nicht unbeträchtliche Stadt Side in Pamphylien den
+Piraten gestattete auf ihren Werften Schiffe zu bauen und die gefangenen Freien
+auf ihrem Marktplatz feilzubieten.
+</p>
+
+<p>
+Eine solche Seeräuberschaft war eine politische Macht; und als politische Macht
+gab sie sich und ward sie genommen, seit zuerst der syrische König Tryphon sie
+als solche benutzt und seine Herrschaft auf sie gestützt hatte. Wir finden die
+Piraten als Verbündete des Königs Mithradates von Pontos sowie der römischen
+demokratischen Emigration; wir finden sie Schlachten liefern gegen die Flotten
+Sullas in den östlichen wie in den westlichen Gewässern. Wir finden einzelne
+Piratenfürsten, die über eine Kette von ansehnlichen Küstenplätzen gebieten. Es
+läßt sich nicht sagen, wieweit die innere politische Entwicklung dieses
+schwimmenden Staates bereits gediehen war; aber unleugbar liegt in diesen
+Bildungen der Keim eines Seekönigtums, das bereits sich ansässig zu machen
+beginnt und aus dem unter günstigen Verhältnissen wohl ein dauernder Staat sich
+hätte entwickeln mögen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist hiermit ausgesprochen und ward zum Teil schon früher bezeichnet, wie die
+Römer auf &ldquo;ihrem Meere&rdquo; die Ordnung hielten oder vielmehr nicht
+hielten. Roms Schutzherrschaft über die Ämter bestand wesentlich in der
+militärischen Vormundschaft; für die in der Hand der Römer vereinigte
+Verteidigung zur See und zu Lande zahlten oder zinsten den Römern die
+Provinzialen. Aber wohl niemals hat ein Vormund seinen Mündel unverschämter
+betrogen als die römische Oligarchie die untertänigen Gemeinden. Statt daß Rom
+eine allgemeine Reichsflotte aufgestellt und die Seepolizei zentralisiert
+hätte, ließ der Senat die einheitliche Oberleitung des Seepolizeiwesens, ohne
+die ebenhier gar nichts auszurichten war, gänzlich fallen und überließ es jedem
+einzelnen Statthalter und jedem einzelnen Klientelstaat, sich der Piraten zu
+erwehren, wie jeder wollte und konnte. Statt daß Rom, wie es sich anheischig
+gemacht, das Flottenwesen mit seinem und der formell souverän gebliebenen
+Klientelstaaten Gut und Blut ausschließlich bestritten hätte, ließ man die
+italische Kriegsmarine eingehen und lernte sich behelfen mit den von den
+einzelnen Kaufstädten requirierten Schiffen oder noch häufiger mit den überall
+organisierten Strandwachen, wo dann in beiden Fällen alle Kosten und
+Beschwerden die Untertanen trafen. Die Provinzialen mochten sich glücklich
+schätzen, wenn der römische Statthalter die für die Küstenverteidigung
+ausgeschriebenen Requisitionen nur wirklich zu diesem Zwecke verwandte und
+nicht für sich unterschlug, oder wenn sie nicht, wie sehr häufig geschah,
+angewiesen wurden, für einen von den Seeräubern gefangenen vornehmen Römer die
+Ranzion zu bezahlen. Was etwa Verständiges begonnen ward, wie die Besetzung
+Kilikiens 652 (102), verkümmerte sicher in der Ausführung. Wer von den Römern
+dieser Zeit nicht gänzlich in der gangbaren duseligen Vorstellung von
+nationaler Größe befangen war, der hätte wünschen müssen, von der Rednerbühne
+auf dem Markte die Schiffsschnäbel herabreißen zu dürfen, um wenigstens nicht
+stets durch sie an die in besserer Zeit erfochtenen Seesiege sich gemahnt zu
+finden.
+</p>
+
+<p>
+Indes tat doch Sulla, der in dem Kriege gegen Mithradates wahrlich hinreichend
+sich hatte überzeugen können, welche Gefahren die Vernachlässigung des
+Flottenwesens mit sich bringe, verschiedene Schritte, um dem Übel ernstlich zu
+steuern. Der Auftrag zwar, welchen er den von ihm in Asien eingesetzten
+Statthaltern zurückgelassen, in den Seestädten eine Flotte gegen die Seeräuber
+auszurüsten, hatte wenig gefruchtet, da Murena es vorzog, Krieg mit Mithradates
+anzufangen, und der Statthalter von Kilikien, Gnaeus Dolabella, sich ganz
+unfähig erwies. Deshalb beschloß im Jahre 675 (79) der Senat, einen der Konsuln
+nach Kilikien zu senden; das Los traf den tüchtigen Publius Servilius. Er
+schlug in einem blutigen Treffen die Flotte der Piraten und wandte sich darauf
+zur Zerstörung derjenigen Städte an der kleinasiatischen Südküste, die ihnen
+als Ankerplätze und Handelsstationen dienten. Die Festungen des mächtigen
+Seefürsten Zeniketes: Olympos, Korykos, Phaselis im östlichen Lykien, Attaleia
+in Pamphylien wurden gebrochen, und in den Flammen der Burg Olympos fand der
+Fürst selbst den Tod. Weiter ging es gegen die Isaurer, welche im
+nordwestlichen Winkel des rauben Kilikiens am nördlichen Abhang des Tauros ein
+mit prachtvollen Eichenwäldern bedecktes Labyrinth von steilen Bergrücken,
+zerklüfteten Felsen und tiefgeschnittenen Tälern bewohnten - eine Gegend, die
+noch heute von den Erinnerungen an die alte Räuberzeit erfüllt ist. Um diese
+isaurischen Felsennester, die letzten und sichersten Zufluchtsstätten der
+Flibustier, zu bezwingen, führte Servilius die erste römische Armee über den
+Tauros und brach die feindlichen Festungen Oroanda und vor allem Isaura selbst,
+das Ideal einer Räuberstadt, auf der Höhe eines schwer zugänglichen Bergzuges
+gelegen und die weite Ebene von Ikonion vollständig überschauend und
+beherrschend. Der erst im Jahre 679 (75) beendigte Krieg, aus dem Publius
+Servilius für sich und seine Nachkommen den Beinamen des Isaurikers
+heimbrachte, war nicht ohne Frucht; eine große Anzahl von Korsaren und
+Korsarenschiffen geriet durch denselben in die Gewalt der Römer; Lykien,
+Pamphylien, Westkilikien wurden arg verheert, die Gebiete der zerstörten Städte
+eingezogen und die Provinz Kilikien mit ihnen erweitert. Allein es lag in der
+Natur der Sache, daß die Piraterie doch damit keineswegs unterdrückt war,
+sondern nur sich zunächst nach andern Gegenden, namentlich nach der ältesten
+Herberge der Korsaren des Mittelmeers, nach Kreta, zog. Nur umfassend und
+einheitlich durchgeführte Repressivmaßregeln oder vielmehr nur die Einrichtung
+einer ständigen Seepolizei konnten hier durchgreifende Abhilfe gewähren.
+</p>
+
+<p>
+In vielfacher Beziehung mit diesem Seekrieg standen die Verhältnisse des
+kleinasiatischen Festlandes. Die Spannung, die hier zwischen Rom und den
+Königen von Pontos und Armenien bestand, ließ nicht nach, sondern steigerte
+sich mehr und mehr. Auf der einen Seite griff König Tigranes von Armenien in
+der rücksichtslosesten Weise erobernd um sich. Die Parther, deren in dieser
+Zeit auch durch innere Unruhen zerrissener Staat tief daniederlag, wurden in
+andauernden Fehden weiter und weiter in das innere Asien zurückgedrängt. Von
+den Landschaften zwischen Armenien, Mesopotamien und Iran wurden Corduene
+(nördliches Kurdistan) und das Atropatenische Medien (Aserbeidschan) aus
+parthischen in armenische Lehnkönigreiche verwandelt und das Reich von Ninive
+(Mosul) oder Adiabene, wenigstens vorübergehend, gleichfalls gezwungen, in die
+armenische Klientel einzutreten. Auch in Mesopotamien, namentlich in und um
+Nisibis, ward die armenische Herrschaft begründet; nur die südliche,
+großenteils wüste Hälfte, scheint nicht in festen Besitz des neuen Großkönigs
+gekommen und namentlich Seleukeia am Tigris ihm nicht untertänig geworden zu
+sein. Das Reich von Edessa oder Osrhoene übergab er einem Stamme der
+schweifenden Araber, den er aus dem südlichen Mesopotamien hierher verpflanzte
+und hier ansässig machte, um durch ihn den Euphratübergang und die große
+Handelsstraße zu beherrschen ^1. Aber Tigranes beschränkte seine Eroberungen
+keineswegs auf das östliche Ufer des Euphrat. Vor allem Kappadokien war das
+Ziel seiner Angriffe und erlitt, wehrlos wie es war, von dem übermächtigen
+Nachbar vernichtende Schläge. Die östliche Landschaft Melitene riß Tigranes von
+Kappadokien ab und vereinigte sie mit der gegenüberliegenden armenischen
+Provinz Sophene, wodurch er den Euphratübergang mit der großen
+kleinasiatisch-armenischen Handelsstraße in seine Gewalt bekam. Nach Sullas
+Tode rückten die Armenier sogar in das eigentliche Kappadokien ein und führten
+die Bewohner der Hauptstadt Mazaka (später Caesarea) und elf anderer griechisch
+geordneter Städte weg nach Armenien. Nicht mehr Widerstand vermochte das in
+voller Auflösung begriffene Seleukidenreich dem neuen Großkönig
+entgegenzustellen. Hier herrschte im Süden von der ägyptischen Grenze bis nach
+Stratons Turm (Caesarea) der Judenfürst Alexandros Jannaeos, der im Kampfe mit
+den syrischen, ägyptischen und arabischen Nachbarn und mit den Reichsstädten
+seine Herrschaft Schritt vor Schritt erweiterte und befestigte. Die größeren
+Städte Syriens, Gaza, Stratons Turm, Ptolemais, Beröa versuchten, sich bald als
+freie Gemeinden, bald unter sogenannten Tyrannen auf eigene Hand zu behaupten;
+vor allem die Hauptstadt Antiocheia war so gut wie selbständig. Damaskos und
+die Libanostäler hatten sich dem nabatäischen Fürsten Aretas von Petra
+unterworfen. In Kilikien endlich herrschten die Seeräuber oder die Römer. Und
+um diese in tausend Splitter zerschellende Krone fuhren die Seleukidenprinzen,
+als gälte es das Königtum allen zum Spott und zum Ärgernis zu machen,
+beharrlich fort, untereinander zu hadern, ja, während von diesem gleich dem
+Hause des Laios zum ewigen Zwiste verfluchten Geschlechte die eigenen
+Untertanen alle abtrünnig wurden, sogar Ansprüche auf den durch den erblosen
+Abgang des Königs Alexander Il. erledigten Thron von Ägypten zu erheben. So
+griff König Tigranes hier ohne Umstände zu. Das östliche Kilikien ward mit
+Leichtigkeit von ihm unterworfen und die Bürgerschaften von Soloi und anderen
+Städten ebenwie die kappadokischen nach Armenien abgeführt. Ebenso wurde die
+obere syrische Landschaft, mit Ausnahme der tapfer verteidigten Stadt Seleukeia
+an der Mündung des Orontes, und der größte Teil von Phönike mit den Waffen
+bezwungen: um 680 (74) ward Ptolemais von den Armeniern eingenommen und schon
+der Judenstaat ernstlich von ihnen bedroht. Die alte Hauptstadt der Seleukiden
+Antiocheia ward eine der Residenzen des Großkönigs. Bereits von dem Jahre 671
+(83) an, dem nächsten nach dem Frieden zwischen Sulla und Mithradates, wird
+Tigranes in den syrischen Jahrbüchern als der Landesherr bezeichnet und
+erscheint Kilikien und Syrien als eine armenische Satrapie unter dem
+Statthalter des Großkönigs Magadates. Die Zeit der Könige von Ninive, der
+Salmanassar und Sanherib, schien sich zu erneuern: wieder lastete der
+orientalische Despotismus schwer auf der handeltreibenden Bevölkerung der
+syrischen Küste, wie einst auf Tyros und Sidon; wieder warfen binnenländische
+Großstaaten sich auf die Landschaften am Mittelmeer; wieder standen asiatische
+Heere von angeblich einer halben Million Streiter an den kilikischen und
+syrischen Küsten. Wie einst Salmanassar und Nebukadnezar die Juden nach Babylon
+geführt hatten, so mußten jetzt aus allen Grenzlandschaften des neuen Reiches,
+aus Corduene, Adiabene, Assyrien, Kilikien, Kappadokien, die Einwohner,
+namentlich die griechischen oder halbgriechischen Stadtbürger, mit ihrer
+gesamten Habe bei Strafe der Konfiskation alles dessen, was sie zurücklassen
+würden, sich zusammensiedeln in der neuen Residenz, einer von jenen mehr die
+Nichtigkeit der Völker als die Größe der Herrscher verkündigenden
+Riesenstädten, wie sie in den Euphratlandschaften bei jedem Wechsel des
+Oberkönigtums auf das Machtwort des neuen Großsultans aus der Erde springen.
+Die neue &ldquo;Tigranesstadt&rdquo;, Tigranokerta, gegründet an der Grenze
+Armeniens und Mesopotamiens und bestimmt zur Hauptstadt der neu für Armenien
+gewonnenen Gebiete, ward eine Stadt wie Ninive und Babylon, mit Mauern von
+fünfzig Ellen Höhe und den zum Sultanismus nun einmal mitgehörigen Palast-,
+Garten- und Parkanlagen. Auch sonst verleugnete der neue Großkönig sich nicht:
+wie in der ewigen Kindheit des Ostens überhaupt die kindlichen Vorstellungen
+von den Königen mit wirklichen Kronen auf dem Haupte niemals verschwunden sind,
+so erschien auch Tigranes, wo er öffentlich sich zeigte, in Pracht und Tracht
+eines Nachfolgers des Dareios und Xerxes, mit dem purpurnen Kaftan, dem halb
+weißen, halb purpurnen Untergewand, den langen faltigen Beinkleidern, dem hohen
+Turban und der königlichen Stirnbinde, wo er ging und stand von vier
+&ldquo;Königen&rdquo; in Sklavenart begleitet und bedient.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Das Reich von Edessa, dessen Gründung die einheimischen Chroniken 620 (134)
+setzen, kam erst einige Zeit nach seiner Entstehung unter die arabische
+Dynastie der Abgaros und Mannos, die wir später daselbst finden. Offenbar hängt
+dies zusammen mit der Ansiedlung vieler Araber durch Tigranes den Großen in der
+Gegend von Edessa, Kallirhoe, Karrhä (Plin. nat. 5, 20, 85; 21, 86; 6, 28,
+142); wovon auch Plutarch (Luc. 21) berichtet, daß Tigranes, die Sitten der
+Zeltaraber umwandelnd, sie seinem Reiche näher ansiedelte, um durch sie des
+Handels sich zu bemächtigen. Vermutlich ist dies so zu verstehen, daß die
+Beduinen, die gewohnt waren, durch ihr Gebiet Handelsstraßen zu eröffnen und
+auf diesen feste Durchgangszölle zu erheben (Strab. 14, 748), dem Großkönig als
+eine Art von Zollkontrolleuren dienen und an der Euphratpassage für ihn und für
+sich Zölle erheben sollten. Diese &ldquo;osrhoenischen Araber&rdquo; (Orei
+Arabes), wie sie Plinius nennt, müssen auch die Araber am Berg Amanos sein, die
+Afranius überwand (Plut. Pomp. 39).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Bescheidener trat König Mithradates auf. Er enthielt sich in Kleinasien der
+Übergriffe und begnügte sich, was kein Traktat ihm verbot, seine Herrschaft am
+Schwarzen Meere fester zu begründen und die Landschaften, die das Bosporanische
+jetzt unter seiner Oberhoheit von seinem Sohn Machares beherrschte Königreich
+von dem Pontischen trennten, allmählich in bestimmtere Abhängigkeit zu bringen.
+Aber auch er wandte alle Anstrengungen darauf, seine Flotte und sein Heer
+instand zu setzen und namentlich das letztere nach römischem Muster zu
+bewaffnen und zu organisieren, wobei die römischen Emigranten, die in großer
+Zahl an seinem Hofe verweilten, ihm wesentliche Dienste leisteten.
+</p>
+
+<p>
+Den Römern war nichts daran gelegen, in die orientalischen Angelegenheiten noch
+weiter verwickelt zu werden, als sie es bereits waren. Es zeigt sich dies
+namentlich mit schlagender Deutlichkeit darin, daß die Gelegenheit, die in
+dieser Zeit sich darbot, das Ägyptische Reich auf friedlichem Wege unter
+unmittelbare römische Herrschaft zu bringen, vom Senat verschmäht ward. Die
+legitime Deszendenz des Ptolemaeos Lagos Sohns war zu Ende gegangen, als der
+nach dem Tode des Ptolemaeos Soter II. Königs Lathyros von Sulla eingesetzte
+König Alexandros II., ein Sohn Königs Alexandros I., wenige Tage nach seiner
+Thronbesteigung bei einem Auflauf in der Hauptstadt getötet ward (673 81).
+Dieser Alexandros hatte in seinem Testament ^2 zum Erben die römische Gemeinde
+eingesetzt. Die Echtheit dieses Dokuments ward zwar bestritten; allein diese
+erkannte der Senat an, indem er auf Grund desselben die in Tyros für Rechnung
+des verstorbenen Königs niedergelegten Summen erhob. Nichtsdestoweniger
+gestattete er zwei notorisch illegitimen Söhnen des Königs Lathyros, dem einen,
+Ptolemaeos XI., der neue Dionysos oder der Flötenbläser (Auletes) genannt,
+Ägypten, dem andern, Ptolemäos dem Kyprier, Kypros tatsächlich in Besitz zu
+nehmen; sie wurden zwar vom Senat nicht ausdrücklich anerkannt, aber doch auch
+keine bestimmte Forderung auf Herausgabe der Reiche an sie gerichtet. Die
+Ursache, weshalb der Senat diesen unklaren Zustand fortdauern ließ und nicht
+dazu kam, in bindender Weise auf Ägypten und Kypros zu verzichten, war ohne
+Zweifel die ansehnliche Rente, welche jene gleichsam auf Bittbesitz
+herrschenden Könige für die Fortdauer desselben den römischen Koteriehäuptern
+fortwährend zahlten. Allein der Grund, jenem lockenden Erwerb überhaupt zu
+entsagen, liegt anderswo. Ägypten gab durch seine eigentümliche Lage und seine
+finanzielle Organisation jedem dort befehligenden Statthalter eine Geld- und
+Seemacht und überhaupt eine unabhängige Gewalt in die Hände, wie sie mit dem
+argwöhnischen und schwächlichen Regiment der Oligarchie sich schlechterdings
+nicht vertrug; von diesem Standpunkt aus war es verständig, dem unmittelbaren
+Besitz der Nillandschaft zu entsagen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^2 Die streitige Frage, ob dies angebliche oder wirkliche Testament von
+Alexander I. († 666 88) oder Alexander II. († 673 81) herrühre, wird gewöhnlich
+für die erste Alternative entschieden. Allein die Gründe sind unzulänglich;
+denn Cicero (leg. agr. 1, 4, 12; 15, 38; 16, 41) sagt nicht, daß Ägypten im
+Jahre 666 (88), sondern daß es in oder nach diesem Jahr an Rom gefallen sei;
+und wenn man daraus, daß Alexander I. im Ausland, Alexander II. in Alexandreia
+umkam, gefolgert hat, daß die in dem fraglichen Testament erwähnten in Tyros
+lagernden Schätze dem ersteren gehört haben werden, so ist übersehen, daß
+Alexander II. neunzehn Tage nach seiner Ankunft in Ägypten getötet ward (J. A.
+Letronne, Recueil des inscriptions grecques et latines de l&rsquo;Egypte. Bd.
+2, Paris 1848, S. 20), wo seine Kasse noch sehr wohl in Tyros sein konnte.
+Entscheidend ist dagegen der Umstand, daß der zweite Alexander der letzte echte
+Lagide war, da bei den ähnlichen Erwerbungen von Pergamon Kyrene und Bithynien
+Rom stets von dem letzten Sproß der berechtigten Herrscherfamilie eingesetzt
+worden ist. Das alte Staatsrecht, wie es wenigstens für die römischen
+Klientelstaaten maßgebend gewesen ist, scheint dem Regenten das letztwillige
+Verfügungsrecht über sein Reich nicht unbedingt, sondern nur in Ermangelung
+erbberechtigter Agnaten zugestanden zu haben. Vgl. Gutschmids Anmerkung zu der
+deutschen Übersetzung von S. Sharper, Geschichte Ägyptens. Bd. 2, S. 17. Ob das
+Testament echt oder falsch war, ist nicht auszumachen und auch ziemlich
+gleichgültig; besondere Gründe, eine Fälschung anzunehmen, liegen nicht vor.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Weniger läßt es sich rechtfertigen, daß der Senat es unterließ, in die
+kleinasiatischen und syrischen Angelegenheiten unmittelbar einzugreifen. Die
+römische Regierung erkannte zwar den armenischen Eroberer nicht als König von
+Kappadokien und Syrien an; aber sie tat doch auch nichts, um ihn
+zurückzudrängen, wie nahe immer der Krieg, den sie 676 (78) notgedrungen in
+Kilikien gegen die Piraten begann, ihr namentlich das Einschreiten in Syrien
+legte. In der Tat gab sie, indem sie den Verlust Kappadokiens und Syriens ohne
+Kriegserklärung hinnahm, damit nicht bloß ihre Schutzbefohlenen, sondern die
+wichtigsten Grundlagen ihrer eigenen Machtstellung preis. Es war schon
+bedenklich, wenn sie in den griechischen Ansiedlungen und Reichen am Euphrat
+und Tigris die Vorwerke ihrer Herrschaft opferte; aber wenn sie die Asiaten am
+Mittelmeer sich festsetzen ließ, welches die politische Basis ihres Reiches
+war, so war dies nicht ein Beweis von Friedensliebe, sondern das Bekenntnis,
+daß die Oligarchie durch die Sullanische Restauration wohl oligarchischer, aber
+weder klüger noch energischer geworden war, und für die römische Weltmacht der
+Anfang des Endes.
+</p>
+
+<p>
+Auch auf der andern Seite wollte man den Krieg nicht. Tigranes hatte keine
+Ursache, ihn zu wünschen, wenn Rom ihm auch ohne Krieg all seine Bundesgenossen
+preisgab. Mithradates, der denn doch nicht bloß Sultan war und Gelegenheit
+genug gehabt hatte, im Glück und Unglück Erfahrungen über Freunde und Feinde zu
+machen, wußte sehr wohl, daß er in einem zweiten römischen Krieg sehr
+wahrscheinlich ebenso allein stehen würde wie in dem ersten und daß er nichts
+Klügeres tun konnte, als sich ruhig zu verhalten und sein Reich im Innern zu
+stärken. Daß es ihm mit seinen friedlichen Erklärungen Ernst war, hatte er in
+dem Zusammentreffen mit Murena hinreichend bewiesen; er fuhr fort, alles zu
+vermeiden, was dazu führen mußte, die römische Regierung aus ihrer Passivität
+herauszudrängen.
+</p>
+
+<p>
+Allein wie schon der Erste Mithradatische Krieg sich entsponnen hatte, ohne daß
+eine der Parteien ihn eigentlich wünschte, so entwickelte auch jetzt aus den
+entgegengesetzten Interessen sich gegenseitiger Argwohn, aus diesem
+gegenseitige Verteidigungsanstalten, und es führten diese endlich durch ihr
+eigenes Schwergewicht zum offenen Bruch. Das seit langem die römische Politik
+beherrschende Mißtrauen in die eigene Schlagfertigkeit und Kampfbereitschaft,
+welches bei dem Mangel stehender Armeen und dem wenig musterhaften
+kollegialischen Regiment wohl erklärlich ist, machte es gleichsam zu einem
+Axiom der römischen Politik, jeden Krieg nicht bloß bis zur Überwältigung,
+sondern bis zur Vernichtung des Gegners zu führen; man war insofern mit dem
+Frieden Sullas von Haus aus in Rom so wenig zufrieden wie einst mit den
+Bedingungen, die Scipio Africanus den Karthagern gewährt hatte. Die vielfach
+geäußerte Besorgnis, daß ein zweiter Angriff des pontischen Königs bevorstehe,
+ward einigermaßen gerechtfertigt durch die ungemeine Ähnlichkeit der
+gegenwärtigen Verhältnisse mit denen vor zwölf Jahren. Wieder traf ein
+gefährlicher Bürgerkrieg zusammen mit ernstlichen Rüstungen Mithradats; wieder
+überschwemmten die Thraker Makedonien und bedeckten die Korsarenflotten das
+ganze Mittelmeer; wieder kamen und gingen die Emissäre, wie einst zwischen
+Mithradates und den Italikern, so jetzt zwischen den römischen Emigranten in
+Spanien und denen am Hofe von Sinope. Schon im Anfang des Jahres 677 (77) ward
+es im Senat ausgesprochen, daß der König nur auf die Gelegenheit warte, während
+des italischen Bürgerkriegs über das römische Asien herzufallen; die römischen
+Armeen in Asia und Kilikien wurden verstärkt, um möglichen Ereignissen zu
+begegnen.
+</p>
+
+<p>
+Andererseits verfolgte auch Mithradates mit steigender Besorgnis die
+Entwicklung der römischen Politik. Er mußte es fühlen, daß ein Krieg der Römer
+gegen Tigranes, wie sehr auch der schwächliche Senat davor sich scheute, doch
+auf die Länge kaum vermeidlich sei und er nicht umhin können werde, sich an
+demselben zu beteiligen. Der Versuch, das immer noch mangelnde schriftliche
+Friedensinstrument von dem römischen Senat zu erlangen, war in die Wirren der
+Lepidianischen Revolution gefallen und ohne Erfolg geblieben; Mithradates fand
+darin ein Anzeichen der bevorstehenden Erneuerung des Kampfes. Die Einleitung
+dazu schien die Expedition gegen die Seeräuber, die mittelbar doch auch die
+Könige des Ostens traf, deren Verbündete sie waren. Noch bedenklicher waren die
+schwebenden Ansprüche Roms auf Ägypten und Kypros; es ist bezeichnend, daß der
+pontische König den beiden Ptolemäern, denen der Senat fortfuhr, die
+Anerkennung zu weigern, seine beiden Töchter Mithradatis und Nyssa verlobte.
+Die Emigranten drängten zum Losschlagen; Sertorius&rsquo; Stellung in Spanien,
+die zu erkunden Mithradates unter passenden Vorwänden Boten in das
+Pompeianische Hauptquartier abordnete, und die in der Tat eben um diese Zeit
+imposant war, eröffnete dem König die Aussicht, nicht wie in dem ersten Krieg
+gegen die beiden römischen Parteien, sondern mit der einen gegen die andere zu
+fechten. Ein günstigerer Moment konnte kaum gehofft werden, und am Ende war es
+immer besser, den Krieg zu erklären, als ihn sich erklären zu lassen. Da starb
+im Jahre 679 (75) König Nikomedes III. Philopator von Bithynien und hinterließ
+als der letzte seines Stammes - denn ein von der Nysa geborener Sohn war oder
+hieß unecht - sein Reich im Testament den Römern, welche diese mit der
+römischen Provinz grenzende und längst von römischen Beamten und Kaufleuten
+erfüllte Landschaft in Besitz zu nehmen nicht säumten. Gleichzeitig wurde auch
+Kyrene, das bereits seit dem Jahr 658 (96) den Römern angefallen war, endlich
+als Provinz eingerichtet und ein römischer Statthalter dorthin geschickt (679
+75). Diese Maßregeln in Verbindung mit den um dieselbe Zeit an der Südküste von
+Kleinasien gegen die Piraten ausgeführten Angriffen müssen in dem Könige
+Besorgnisse erregt haben; die Einziehung Bithyniens namentlich machte die Römer
+zu unmittelbaren Nachbarn des Pontischen Reiches; und dies vermutlich gab den
+Ausschlag. Der König tat den entscheidenden Schritt und erklärte im Winter
+679/80 (75/74) den Römern den Krieg.
+</p>
+
+<p>
+Gern hätte Mithradates die schwere Arbeit nicht allein übernommen. Sein
+nächster und natürlicher Bundesgenosse war der Großkönig Tigranes; allein der
+kurzsichtige Mann lehnte den Antrag seines Schwiegervaters ab. So blieben nur
+die Insurgenten und die Piraten. Mithradates ließ es sich angelegen sein, mit
+beiden durch starke, nach Spanien und nach Kreta entsandte Geschwader sich in
+Verbindung zu setzen. Mit Sertorius ward ein förmlicher Vertrag abgeschlossen,
+durch den Rom an den König Bithynien, Paphlagonien, Galanen und Kappadokien
+abtrat - freilich lauter Erwerbungen, die erst auf dem Schlachtfeld ratifiziert
+werden mußten. Wichtiger war die Unterstützung, die der spanische Feldherr dem
+König durch Sendung römischer Offiziere zur Führung seiner Heere und Flotten
+gewährte. Die tätigsten unter den Emigranten im Osten, Lucius Magius und Lucius
+Fannius, wurden von Sertorius zu seinen Vertretern am Hofe von Sinope bestellt.
+Auch von den Piraten kam Hilfe; sie stellten in großer Anzahl im Pontischen
+Reich sich ein, und namentlich durch sie scheint es dem Könige gelungen zu
+sein, eine durch die Zahl wie durch die Tüchtigkeit der Schiffe imponierende
+Seemacht zu bilden. Die Hauptstütze blieben die eigenen Streitkräfte, mit denen
+der König, bevor die Römer in Asien eintreffen würden, sich ihrer Besitzungen
+daselbst bemächtigen zu können hoffte, zumal da in der Provinz Asia die durch
+die Sullanische Kriegssteuer hervorgerufene finanzielle Not, in Bithymen der
+Widerwille gegen das neue römische Regiment, in Kilikien und Pamphylien der von
+dem kürzlich beendigten verheerenden Krieg zurückgebliebene Brandstoff einer
+pontischen Invasion günstige Aussichten eröffnete. An Vorräten fehlte es nicht;
+in den königlichen Speichern lagen zwei Millionen Medimnen Getreide. Flotte und
+Mannschaft waren zahlreich und wohlgeübt, namentlich die bastarnischen
+Soldknechte eine auserlesene, selbst italischen Legionären gewachsene Schar.
+Auch diesmal war es der König, der die Offensive begann. Ein Korps unter
+Diophantos ruckte in Kappadokien ein, um die Festungen daselbst zu besetzen und
+den Römern den Weg in das Pontische Reich zu verlegen; der von Sertorius
+gesandte Führer, der Proprätor Marcus Marius, ging in Gemeinschaft mit dem
+pontischen Offizier Eumachos nach Phrygien, um die römische Provinz und das
+Taurusgebirge zu insurgieren; die Hauptarmee, über 100000 Mann nebst 16000
+Reitern und 100 Sichelwagen, geführt von Taxiles und Hermokrates unter der
+persönlichen Oberleitung des Königs, und die von Aristonikos befehligte
+Kriegsflotte von 400 Segeln bewegten sich die kleinasiatische Nordküste
+entlang, um Paphlagonien und Bithymen zu besetzen. Römischerseits ward zur
+Führung des Krieges in erster Reihe der Konsul des Jahres 680 (74), Lucius
+Lucullus, ausersehen, der als Statthalter von Asien und Kilikien an die Spitze
+der in Kleinasien stehenden vier Legionen und einer fünften von ihm aus Italien
+mitgebrachten gestellt und angewiesen ward, mit dieser auf 30000 Mann zu Fuß
+und 1600 Reiter sich belaufenden Armee durch Phrygien in das Pontische Reich
+einzudringen. Sein Kollege Marcus Cotta ging mit der Flotte und einem anderen
+römischen Korps nach der Propontis, um Asia und Bithynien zu decken. Endlich
+wurde eine allgemeine Armierung der Küsten, namentlich der von der pontischen
+Flotte zunächst bedrohten thrakischen, angeordnet und die Säuberung der
+sämtlichen Meere und Küsten von den Piraten und ihren pontischen Genossen
+außerordentlicherweise einem einzigen Beamten übertragen, wofür die Wahl auf
+den Prätor Marcus Antonius fiel, den Sohn des Mannes, der dreißig Jahre zuvor
+zuerst die kilikischen Korsaren gezüchtigt hatte. Außerdem stellte der Senat
+dem Lucullus eine Summe von 72 Mill. Sesterzen (5½ Mill. Talern) zur Verfügung,
+um davon eine Flotte zu erbauen; was Lucullus indes ablehnte. Aus allem sieht
+man, daß die römische Regierung in der Vernachlässigung des Seewesens den Kern
+des Übels erkannte und hierin wenigstens so weit Ernst machte, als ihre Dekrete
+reichten.
+</p>
+
+<p>
+So begann im Jahre 680 (74) der Krieg auf allen Punkten. Es war ein Unglück für
+Mithradates, daß eben im Moment seiner Kriegserklärung der Wendepunkt im
+Sertorianischen Kriege eintrat, wodurch von vornherein eine seiner
+hauptsächlichsten Hoffnungen ihm zugrunde ging und es der römischen Regierung
+möglich ward, ihre ganze Macht auf den See- und den kleinasiatischen Krieg zu
+verwenden. In Kleinasien dagegen erntete Mithradat die Vorteile der Offensive
+und der weiten Entfernung der Römer von dem unmittelbaren Kriegsschauplatz. Dem
+Sertorianischen Proprätor, der in der römischen Provinz Asia vorangestellt
+ward, öffneten eine beträchtliche Anzahl kleinasiatischer Städte die Tore und
+metzelten wie im Jahre 666 (88) die bei ihnen ansässigen römischen Familien
+nieder; die Pisider, Isaurer, Kiliker ergriffen gegen Rom die Waffen. Die Römer
+hatten an den bedrohten Punkten augenblicklich keine Truppen. Einzelne tüchtige
+Männer versuchten wohl auf ihre eigene Hand dieser Aufwiegelung der
+Provinzialen zu steuern - so verließ auf die Kunde von diesen Ereignissen der
+junge Gaius Caesar Rhodos, wo er seiner Studien wegen sich aufhielt, und warf
+sich mit einer rasch zusammengerafften Schar den Insurgenten entgegen; allein
+viel konnten solche Freikorps nicht ausrichten. Wenn nicht der tapfere
+Vierfürst des um Pessinus ansässigen Keltenstammes der Tolistoboger, Deiotarus,
+die Partei der Römer ergriffen und glücklich gegen die pontischen Feldherrn
+gefochten hätte, so hätte Lucullus damit beginnen müssen, das Binnenland der
+römischen Provinz dem Feind wiederabzunehmen. Auch so aber verlor er mit der
+Beruhigung der Landschaft und mit der Zurückdrängung des Feindes eine kostbare
+Zeit, die durch die geringen Erfolge, welche seine Reiterei dabei erfocht,
+nichts weniger als vergütet ward. Ungünstiger noch als in Phrygien gestalteten
+sich die Dinge für die Römer an der Nordküste Kleinasiens. Hier hatte die große
+Armee und die Flotte der Pontiker sich Bithyniens vollständig bemeistert und
+den römischen Konsul Cotta genötigt, mit seiner wenig zahlreichen Mannschaft
+und seinen Schiffen in den Mauern und dem Hafen von Kalchedon Schutz zu suchen,
+wo Mithradates sie blockiert hielt. Indes war diese Einschließung insofern ein
+günstiges Ereignis für die Römer, als, wenn Cotta die pontische Armee vor
+Kalchedon festhielt und Lucullus ebendahin sich wandte, die sämtlichen
+römischen Streitkräfte bei Kalchedon sich vereinigen und schon hier statt in
+dem ferneren und unwegsamen pontischen Land, die Waffenentscheidung erzwingen
+konnten. Lucullus schlug auch die Straße nach Kalchedon ein; allein Cotta, um
+noch vor dem Eintreffen des Kollegen auf eigene Hand eine Großtat auszuführen,
+ließ seinen Flottenführer Publius Rutilius Nudus einen Ausfall machen, der
+nicht bloß mit einer blutigen Niederlage der Römer endigte, sondern auch den
+Pontikern es möglich machte, den Hafen anzugreifen, die Kette, die denselben
+sperrte, zu sprengen und sämtliche daselbst befindliche römische Kriegsschiffe,
+gegen siebzig an der Zahl, zu verbrennen. Auf die Nachricht von diesen
+Unfällen, die Lucullus am Fluß Sangarios erhielt, beschleunigte derselbe seinen
+Marsch, zur großen Unzufriedenheit seiner Soldaten, welche nach ihrer Meinung
+Cotta nichts anging und die weit lieber ein unverteidigtes Land geplündert als
+ihre Kameraden siegen gelehrt hätten. Sein Eintreffen machte die erlittenen
+Unfälle zum Teil wieder gut: der König hob die Belagerung von Kalchedon auf,
+ging aber nicht nach Pontos zurück, sondern südwärts in die altrömische
+Provinz, wo er an der Propontis und am Hellespont sich ausbreitete, Lampsakos
+besetzte und die große und reiche Stadt Kyzikos zu belagern begann. Immer
+fester verrannte er sich also in die Sackgasse, die er eingeschlagen hatte,
+statt, was allein für ihn Erfolg versprach, die weiten Entfernungen gegen die
+Römer ins Spiel zu bringen. In Kyzikos hatte die alte hellenische Gewandtheit
+und Tüchtigkeit sich so rein erhalten wie an wenigen anderen Orten; ihre
+Bürgerschaft, obwohl sie in der unglücklichen Doppelschlacht von Kalchedon an
+Schiffen und Mannschaft starke Einbuße erlitten hatte, leistete dennoch den
+entschlossensten Widerstand. Kyzikos lag auf einer Insel unmittelbar dem
+Festland gegenüber und durch eine Brücke mit demselben verbunden. Die Belagerer
+bemächtigten sich sowohl des Höhenzuges auf dem Festland, der an der Brücke
+endigt, und der hier gelegenen Vorstadt, als auch auf der Insel selbst der
+berühmten Dindymenischen Höhen, und auf der Festland- wie auf der Inselseite
+boten die griechischen Ingenieure alle ihre Kunst auf, den Sturm möglich zu
+machen. Allein die Bresche, die endlich zu machen gelang, wurde während der
+Nacht wieder von den Belagerten geschlossen und die Anstrengungen der
+königlichen Armee blieben ebenso fruchtlos wie die barbarische Drohung des
+Königs, die gefangenen Kyzikener vor den Mauern töten zu lassen, wenn die
+Bürgerschaft noch länger die Übergabe verweigere. Die Kyzikener setzten die
+Verteidigung mit Mut und Glück fort; es fehlte nicht viel, so hätten sie im
+Laufe der Belagerung den König selbst gefangengenommen. Inzwischen hatte
+Lucullus sich einer sehr festen Position im Rücken der pontischen Armee
+bemächtigt, die ihm zwar nicht gestattete, der bedrängten Stadt unmittelbar zu
+Hilfe zu kommen, aber wohl dem Feinde alle Zufuhr zu Lande abzuschneiden. So
+stand die ungeheure, mit dem Troß auf 300000 Köpfe geschätzte Mithradatische
+Armee, weder imstande zu schlagen, noch zu marschieren, fest eingekeilt
+zwischen der unbezwinglichen Stadt und dem unbeweglich stehenden römischen Heer
+und für allen ihren Bedarf einzig angewiesen auf die See, die zum Glück für die
+Pontiker ihre Flotte ausschließlich beherrschte. Aber die schlechte Jahreszeit
+brach herein; ein Unwetter zerstörte einen großen Teil der Belagerungsbauten;
+der Mangel an Lebensmitteln und vor allem an Pferdefutter fing an unerträglich
+zu werden. Die Lasttiere und der Troß wurden unter Bedeckung des größten Teils
+der pontischen Reiterei weggesandt mit dem Auftrag, um jeden Preis sich
+durchzuschleichen oder durchzuschlagen; aber am Fluß Rhyndakos östlich von
+Kyzikos holte Lucullus sie ein und hieb den ganzen Haufen zusammen. Eine andere
+Reiterabteilung unter Metrophanes und Lucius Fannius mußte nach langer Irrfahrt
+im westlichen Kleinasien wieder in das Lager vor Kyzikos zurückkehren. Hunger
+und Seuchen räumten unter den pontischen Scharen fürchterlich auf. Als der
+Frühling herankam (681 73), verdoppelten die Belagerten ihre Anstrengungen und
+nahmen die auf dem Dindymon angelegten Schanzen; es blieb dem König nichts
+übrig, als die Belagerung aufzuheben und mit Hilfe der Flotte zu retten, was zu
+retten war. Er selber ging mit der Flotte nach dem Hellespont, erlitt aber
+teils bei der Abfahrt, teils unterwegs durch Stürme beträchtliche Einbuße. Eben
+dahin brach auch das Landheer unter Hermaeos und Marius auf, um in Lampsakos
+und von dessen Mauern geschützt sich einzuschiffen. Ihr Gepäck ließen sie im
+Stich, sowie die Kranken und Verwundeten, die von den erbitterten Kyzikenern
+sämtlich niedergemacht wurden. Unterwegs fügte ihnen Lucullus beim Übergang
+über die Flüsse Äsepos und Granikos sehr ansehnlichen Verlust zu; doch
+erreichten sie ihr Ziel: die pontischen Schiffe entführten die Überreste der
+großen Armee und die lampsakenische Bürgerschaft selbst aus dem Bereiche der
+Römer.
+</p>
+
+<p>
+Lucullus&rsquo; folgerechte und bedächtige Kriegführung hatte nicht bloß die
+Fehler seines Kollegen wieder gutgemacht, sondern auch, ohne eine Hauptschlacht
+zu liefern, den Kern der feindlichen Armee - angeblich 200 000 Soldaten -
+aufgerieben. Hätte er noch die Flotte gehabt, die im Hafen von Kalchedon
+verbrannt war, so würde er die ganze feindliche Armee vernichtet haben; so
+blieb das Zerstörungswerk unvollendet, und er mußte sogar es leiden, daß trotz
+der Katastrophe von Kyzikos die pontische Flotte in der Propontis sich
+aufstellte, Perinthos und Byzantion auf der europäischen Küste von ihr
+blockiert, Priapos auf der asiatischen ausgeraubt, das königliche Hauptquartier
+nach dem bithynischen Hafen Nikomedeia gelegt ward. Ja ein erlesenes Geschwader
+von fünfzig Segeln, das 10000 erlesene Leute, darunter Marcus Marius und den
+Kern der römischen Emigranten trug, fuhr sogar hinaus in das Ägäische Meer; es
+ging die Rede, daß es bestimmt sei, in Italien zu landen, um dort aufs neue den
+Bürgerkrieg zu entfachen. Indes fingen die Schiffe, die Lucullus nach dem
+Unfall von Kalchedon von den asiatischen Gemeinden eingefordert hatte, an, sich
+einzustellen und ein Geschwader lief aus, um das in das Ägäische Meer
+abgegangene feindliche aufzusuchen. Lucullus selbst, als Flottenführer erprobt,
+übernahm das Kommando. Vor dem Achäerhafen, in den Gewässern zwischen der
+troischen Küste und der Insel Tenedos, wurden dreizehn feindliche, auf der
+Fahrt nach Lemnos begriffene Fünfruderer unter Isidoros überfallen und
+versenkt. Bei der kleinen Insel Neä zwischen Lemnos und Skyros sodann, an
+welchem wenig besuchten Punkte die pontische Flottille von 32 Segeln auf den
+Strand gezogen lag, fand sie Lucullus, griff zugleich die Schiffe und die auf
+der Insel zerstreute Bemannung an und bemächtigte sich des ganzen Geschwaders.
+Hier fanden Marcus Marius und die tüchtigsten der römischen Emigrierten
+entweder im Kampfe oder nachher durch das Henkerbeil den Tod. Die ganze
+ägäische Flotte der Feinde war von Lucullus vernichtet. Den Krieg in Bithynien
+hatten inzwischen mit dem durch Nachsendungen aus Italien verstärkten Landheer
+und einem in Asien zusammengezogenen Geschwader Cotta und die Legaten Luculls
+Voconius, Gaius Valerius Triarius und Barba fortgesetzt. Barba nahm im
+Binnenland Prusias am Olymp und Nikäa, Triarius an der Küste Apameia (sonst
+Myrleia) und Prusias am Meer (sonst Kios). Man vereinigte sich dann zu einem
+gemeinschaftlichen Unternehmen gegen Mithradates selbst in Nikomedeia; indes
+der König, ohne nur den Kampf zu versuchen, entwich auf seine Schiffe und fuhr
+heimwärts, und auch dies gelang ihm nur, weil der mit der Blockierung des
+Hafens von Nikomedeia beauftragte römische Flottenführer Voconius zu spät
+eintraf. Unterwegs ward zwar das wichtige Herakleia an den König verraten und
+von ihm besetzt; aber ein Sturm in diesen Gewässern versenkte über sechzig
+seiner Schiffe und zerstreute die übrigen; fast allein gelangte der König nach
+Sinope. Die Offensive Mithradats endigte mit einer vollständigen und durchaus
+nicht, am wenigsten für den obersten Leiter, rühmlichen Niederlage der
+pontischen Land- und Seemacht.
+</p>
+
+<p>
+Lucullus ging jetzt seinerseits zum Angriff vor. Triarius übernahm den Befehl
+über die Flotte mit dem Auftrag, vor allem den Hellespont zu sperren und den
+aus Kreta und Spanien rückkehrenden pontischen Schiffen aufzupassen, Cotta die
+Belagerung von Herakleia; das schwierige Verpflegungsgeschäft ward den treuen
+und tätigen Galaterfürsten und dem König Ariobarzanes von Kappadokien
+übertragen; Lucullus selbst rückte im Herbst 681 (73) ein in die gesegnete und
+seit langem von keinem Feinde betretene pontische Landschaft. Mithradates,
+jetzt entschlossen zur strengsten Defensive, wich, ohne eine Schlacht zu
+liefern, zurück von Sinope nach Amisos, von Amisos nach Kabeira (später
+Neo-Caesarea, jetzt Niksar) am Lykos, einem Nebenfluß des Iris; er begnügte
+sich, den Feind immer tiefer landeinwärts sich nachzuziehen und ihm die
+Zufuhren und Verbindungen zu erschweren. Rasch folgte Lucullus; Sinope blieb
+seitwärts liegen; die alte Grenze des römischen Machtgebiets, der Halys, ward
+überschritten, die ansehnlichen Städte Amisos, Eupatoria (am Iris), Themiskyra
+(am Thermodon) umstellt, bis endlich der Winter den Märschen, aber nicht den
+Einschließungen der Städte ein Ende machte. Die Soldaten Luculls murrten über
+das unaufhaltsame Vordringen, das ihnen nicht gestattete, die Früchte ihrer
+Anstrengungen zu ernten, und über die weitläufigen und in der rauben Jahreszeit
+beschwerlichen Blockaden. Allein es war nicht Lucullus&rsquo; Art, auf
+dergleichen Klagen zu hören; im Frühjahr 682 (72) ging es sofort weiter gegen
+Kabeira unter Zurücklassung zweier Legionen vor Amisos unter Lucius Murena. Der
+König hatte während des Winters neue Versuche gemacht, den Großkönig von
+Armenien zum Eintritt in den Kampf zu bestimmen; sie blieben wie die früheren
+vergeblich oder führten doch nur zu leeren Verheißungen. Noch weniger bezeigten
+die Parther Lust, bei der verlorenen Sache sich zu beteiligen. Indes hatte
+sich, besonders durch Werbungen im Skythenland, wieder eine ansehnliche Armee
+unter Diophantos und Taxiles bei Kabeira zusammengefunden. Das römische Heer,
+das nur noch drei Legionen zählte und das an Reiterei den Pontikern entschieden
+nachstand, sah sich genötigt, das Blachfeld möglichst zu vermeiden, und
+gelangte nach Kabeira auf schwierigen Nebenpfaden, nicht ohne Beschwerden und
+Verluste. Bei dieser Stadt lagerten die beiden Armeen längere Zeit einander
+gegenüber. Gestritten ward hauptsächlich um die Zufuhr, die auf beiden Seiten
+knapp war; Mithradates bildete deswegen aus dem Kern seiner Reiterei und einer
+Abteilung erlesener Fußsoldaten unter Diophantos und Taxiles ein fliegendes
+Korps, das bestimmt war, zwischen dem Lykos und dem Halys zu streifen und die
+aus Kappadokien kommenden römischen Lebensmitteltransporte aufzufangen. Allein
+der Unterbefehlshaber Lucullus, Marcus Fabius Hadrianus, der einen solchen Zug
+eskortierte, schlug nicht bloß die ihm auflauernde Schar in dem Engpaß, wo sie
+ihn zu überfallen gedachte, vollständig aufs Haupt, sondern auch, nachdem er
+Verstärkung aus dem Lager erhalten hatte, die Armee des Diophantos und Taxiles
+selbst, so daß dieselbe völlig sich auflöste. Es war für den König ein
+unersetzlicher Verlust, daß seine Reiterei, auf die er allein vertraute, ihm
+hier zugrunde gegangen war; sowie er durch die ersten vom Schlachtfeld nach
+Kabeira gelangenden Flüchtlinge - bezeichnend genug die geschlagenen Generale
+selbst - die Hiobspost, früher noch als Lucullus die Nachricht von dem Sieg,
+erhalten hatte, beschloß er sofortigen weiteren Rückzug. Aber der gefaßte
+Entschluß des Königs verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter seiner nächsten
+Umgebung; und wie die Soldaten die Vertrauten des Königs eiligst einpacken
+sahen, wurden auch sie von panischem Schreck ergriffen. Niemand wollte bei dem
+Aufbruch der letzte sein; Vornehme und Geringe liefen durcheinander wie
+gescheuchtes Wild; keine Autorität, nicht einmal die des Königs, ward noch
+beachtet und der König selbst fortgerissen in dem wilden Getümmel. Die
+Verwirrung gewahrend, griff Lucullus an, und fast ohne Widerstand zu leisten
+ließen die pontischen Scharen sich niedermetzeln. Hätten die Legionen
+Mannszucht zu halten und ihre Beutegier zu mäßigen vermocht, so wäre kaum ein
+Mann ihnen entronnen und der König ohne Zweifel selbst gefangen worden. Mit Not
+entkam Mithradates mit wenigen Begleitern durch die Berge nach Komana (unweit
+Tokat und der Irisquelle), von wo ihn aber auch bald eine römische Schar unter
+Marcus Pompeius wiederaufscheuchte und ihn verfolgte, bis er, von nicht mehr
+als 2000 Reitern begleitet, in Talaura in Klein-Armenien die Grenze seines
+Reiches überschritt. In dem Reiche des Großkönigs fand er eine Zufluchtsstätte,
+aber auch nicht mehr (Ende 682 72). Tigranes ließ seinem flüchtigen
+Schwiegervater zwar königliche Ehre erzeigen, aber er lud ihn nicht einmal an
+seinen Hof, sondern hielt ihn in der abgelegenen Grenzlandschaft, wo er sich
+befand, in einer Art von anständiger Haft. Ganz Pontos und Klein-Armenien
+überschwemmten die römischen Truppen und bis nach Trapezus hinauf unterwarf
+sich das platte Land ohne Widerstand dem Sieger. Auch die Befehlshaber der
+königlichen Schatzhäuser ergaben sich nach kürzerem oder längerem Zaudern und
+lieferten ihre Kassenvorräte aus. Die Frauen des königlichen Harems, die
+königlichen Schwestern, seine zahlreichen Gemahlinnen und Kebse ließ der König,
+da sie zu flüchten nicht möglich war, durch einen seiner Verschnittenen in
+Pharnakeia (Kerasunt) sämtlich töten. Hartnäckigen Widerstand leisteten nur die
+Städte. Zwar die wenigen im Binnenland, Kabeira, Amaseia, Eupatoria, waren bald
+in der Gewalt der Römer; aber die größeren Seestädte, Amisos und Sinope in
+Pontos, Amastris in Paphlagonien, Tios und das pontische Herakleia in
+Bithynien, wehrten sich wie Verzweifelte, teils begeistert durch die
+Anhänglichkeit an den König und die von ihm geschirmte freie hellenische
+Stadtverfassung, teils terrorisiert durch die Scharen der vom König
+herbeigerufenen Korsaren. Sinope und Herakleia ließen sogar die Schiffe gegen
+die Römer auslaufen, und das sinopische Geschwader bemächtigte sich einer
+römischen Flottille, die von der Taurischen Halbinsel für Lucullus&rsquo; Heer
+Getreide brachte. Herakleia unterlag erst nach zweijähriger Belagerung, nachdem
+die römische Flotte der Stadt den Verkehr mit den griechischen Städten auf der
+Taurischen Halbinsel abgeschnitten hatte und in den Reihen der Besatzung
+Verräterei ausgebrochen war. Als Amisos aufs äußerste gebracht war, zündete die
+Besatzung die Stadt an und bestieg unter dem Schutze der Flammen ihre Schiffe.
+In Sinope, wo der kecke Piratenkapitän Seleukos und der königliche
+Verschnittene Bakchides die Verteidigung leiteten, plünderte die Besatzung die
+Häuser, bevor sie abzog, und steckte die Schiffe, die sie nicht mitnehmen
+konnte, in Brand; es sollen hier, obwohl der größte Teil der Verteidiger sich
+hatte einschiffen können, doch noch 8000 Korsaren von Lucullus getötet worden
+sein. Zwei volle Jahre nach der Schlacht von Kabeira und darüber (682-684
+72-70) währten diese Städtebelagerungen, die Lucullus großenteils durch seine
+Unterbefehlshaber betrieb, während er selbst die Verhältnisse der Provinz Asia
+ordnete, die eine gründliche Reform erheischten und erhielten. Wie
+geschichtlich merkwürdig auch jener hartnäckige Widerstand der pontischen
+Kaufstädte gegen die siegreichen Römer ist, so kam doch zunächst wenig dabei
+heraus; die Sache des Königs Mithradates war darum nicht minder verloren. Der
+Großkönig hatte offenbar für jetzt wenigstens durchaus nicht die Absicht, ihn
+in sein Reich zurückzuführen. Die römische Emigration in Asien hatte durch die
+Vernichtung der ägäischen Flotte ihre Besten eingebüßt; von den
+Übriggebliebenen hatten nicht wenige, wie zum Beispiel die tätigen Führer
+Lucius Magius und Lucius Fannius, ihren Frieden mit Lucullus gemacht, und mit
+dem Tode des Sertorius, der in dem Jahre der Schlacht von Kabeira umkam,
+schwand die letzte Hoffnung der Emigration. Die eigene Macht Mithradats war
+vollständig zerschmettert und eine nach der andern brachen ihre noch übrigen
+Stützen zusammen: auch seine von Kreta und Spanien heimkehrenden Geschwader,
+siebzig Segel stark, wurden von Triarius bei der Insel Tenedos angegriffen und
+vernichtet; auch der Statthalter des Bosporanischen Reiches, des Königs eigener
+Sohn Machares, fiel von ihm ab und schloß als selbständiger Fürst des
+Taurischen Chersones auf eigene Hand mit den Römern Frieden und Freundschaft
+(684 70). Der König selbst saß nach nicht allzurühmlicher Gegenwehr in einem
+entlegenen armenischen Bergschloß, ein Flüchtling aus seinem Reiche und fast
+ein Gefangener seines Schwiegersohns. Mochten die Korsarenscharen noch auf
+Kreta sich behaupten und was aus Amisos und Sinope entkommen war, an die schwer
+zugängliche Ostküste des Schwarzen Meeres zu den Sanigen und Lazen sich retten:
+Lucullus&rsquo; geschickte Kriegführung und seine verständige Mäßigung, die es
+nicht verschmähte, den gerechten Beschwerden der Provinzialen abzuhelfen und
+die reumütigen Emigranten als Offiziere in seinem Heere anzustellen, hatte mit
+mäßigen Opfern Kleinasien vom Feinde befreit und das Pontische Reich
+vernichtet, so daß dasselbe aus einem römischen Klientelstaat in eine römische
+Provinz verwandelt werden konnte. Eine Kommission des Senats ward erwartet, um
+in Gemeinschaft mit dem Oberfeldherrn die neue Provinzialorganisation
+festzustellen.
+</p>
+
+<p>
+Aber noch waren die Verhältnisse mit Armenien nicht geschlichtet. Daß eine
+Kriegserklärung der Römer gegen Tigranes an sich gerechtfertigt, ja geboten
+war, wurde früher gezeigt. Lucullus, der die Verhältnisse aus größerer Nähe und
+mit höherem Sinn betrachtete als das Senatorenkollegium in Rom, erkannte
+deutlich die Notwendigkeit, Armenien über den Tigris zurückzuweisen und die
+verlorene Herrschaft Roms über das Mittelmeer wiederherzustellen. Er zeigte in
+der Leitung der asiatischen Angelegenheiten sich als keinen unwürdigen
+Nachfolger seines Lehrmeisters und Freundes Sulla; Philhellene wie wenige Römer
+seiner Zeit, war er nicht unempfänglich für die Verpflichtung, die Rom mit der
+Erbschaft Alexanders übernommen hatte: Schild und Schwert der Griechen im Osten
+zu sein. Persönliche Beweggründe, der Wunsch, auch jenseits des Euphrat
+Lorbeeren zu ernten, die Empfindlichkeit darüber, daß der Großkönig in einem
+Schreiben an ihn den Imperatorentitel weggelassen, können freilich Lucullus
+mitbestimmt haben; allein es ist ungerecht, kleinliche und egoistische Motive
+für Handlungen anzunehmen, zu deren Erklärung die pflichtmäßigen vollkommen
+ausreichen. Indes von dem ängstlichen, lässigen, schlecht unterrichteten und
+vor allen Dingen von ewiger Finanznot bedrängten römischen Regierungskollegium
+ließ sich nimmermehr erwarten, daß es, ohne unmittelbar dazu genötigt zu sein,
+die Initiative zu einer so weitschichtigen und kostspieligen Expedition
+ergreifen werde. Um das Jahr 682 (72) waren die legitimen Repräsentanten der
+Seleukidendynastie, Antiochos, der Asiate genannt, und dessen Bruder, veranlaßt
+durch die günstige Wendung des Pontischen Krieges, nach Rom gegangen, um eine
+römische Intervention in Syrien und nebenbei die Anerkennung ihrer Erbansprüche
+auf Ägypten zu erwirken. Wenn die letztere Anforderung nicht gewährt werden
+konnte, so ließen doch der Augenblick wie die Veranlassung sich nicht günstiger
+finden, um den längst notwendigen Krieg gegen Tigranes zu beginnen. Allein der
+Senat hatte die Prinzen wohl als die rechtmäßigen Könige Syriens anerkannt,
+aber sich nicht entschließen können, die bewaffnete Intervention zu verfügen.
+Sollte die gute Gelegenheit benutzt und gegen Armenien Ernst gemacht werden, so
+mußte Lucullus den Krieg ohne eigentlichen Auftrag des Senats auf eigene Hand
+und eigene Gefahr beginnen; auch er sah sich ebenwie Sulla in die Notwendigkeit
+versetzt, was er im offenbarsten Interesse der bestehenden Regierung tat, nicht
+mit ihr, sondern ihr zum Trotz ins Werk zu setzen. Erleichtert ward ihm der
+Entschluß durch die seit langem unklar zwischen Krieg und Frieden schwankenden
+Verhältnisse Roms zu Armenien, welche die Eigenmächtigkeit seines Verfahrens
+einigermaßen bedeckten und es an formellen Kriegsgründen nicht fehlen ließen.
+Die kappadokischen und syrischen Zustände boten Anlässe genug, und es hatten
+auch schon bei der Verfolgung des pontischen Königs römische Truppen das Gebiet
+des Großkönigs verletzt. Da indes Lucullus&rsquo; Auftrag auf Führung des
+Krieges gegen Mithradates ging und er hieran anzuknüpfen wünschte, so zog er es
+vor, einen seiner Offiziere, Appius Claudius, an den Großkönig nach Antiochien
+zu senden, um Mithradates&rsquo; Auslieferung zu fordern, was denn freilich zum
+Kriege führen mußte. Der Entschluß war ernst, zumal bei der Beschaffenheit der
+römischen Armee. Es war unvermeidlich, während des Feldzugs in Armenien das
+ausgedehnte pontische Gebiet stark besetzt zu halten, da sonst dem in Armenien
+stehenden Heer die Verbindung mit der Heimat verloren ging und überdies ein
+Einfall Mithradats in sein ehemaliges Reich leicht vorherzusehen war. Offenbar
+reichte die Armee, an deren Spitze Lucullus den Mithradatischen Krieg beendigt
+hatte, von beiläufig 30000 Mann für diese verdoppelte Aufgabe nicht aus. Unter
+gewöhnlichen Verhältnissen würde der Feldherr von seiner Regierung die
+Nachsendung einer zweiten Armee erbeten und erhalten haben; allein da Lucullus
+den Krieg der Regierung über den Kopf nehmen wollte und gewissermaßen mußte,
+sah er sich genötigt, hierauf zu verzichten und, ob er gleich selbst die
+gefangenen thrakischen Söldner des pontischen Königs seinen Truppen einreihte,
+dennoch mit nicht mehr als zwei Legionen oder höchstens 15000 Mann den Krieg
+über den Euphrat zu tragen. Schon dies war bedenklich; indes die
+Geringfügigkeit der Zahl mochte durch die erprobte Tapferkeit der durchaus aus
+Veteranen bestehenden Armee einigermaßen ersetzt werden. Weit schlimmer war die
+Stimmung der Soldaten, auf die Lucullus in seiner hochadligen Art viel zu wenig
+Rücksicht nahm. Lucullus war ein tüchtiger General und - nach aristokratischem
+Maßstab - ein rechtschaffener und wohlwollender Mann, aber nichts weniger als
+beliebt bei seinen Soldaten. Er war unpopulär als entschiedener Anhänger der
+Oligarchie, unpopulär, weil er in Kleinasien der greulichen Wucherei der
+römischen Kapitalisten nachdrücklich gesteuert hatte, unpopulär wegen der
+Arbeiten und Strapazen, die er dem Soldaten zumutete, unpopulär, weil er von
+seinen Soldaten strenge Mannszucht forderte und die Plünderung der griechischen
+Städte durch seine Leute möglichst verhinderte, daneben aber doch für sich
+selber manchen Wagen und manches Kamel mit den Schätzen des Ostens beladen
+ließ, unpopulär wegen seiner feinen, vornehmen, hellenisierenden, durchaus
+nicht kameradschaftlichen und, wo immer möglich, zu bequemem Wohlleben sich
+hinneigenden Weise. Nicht eine Spur des Zaubers war in ihm, der zwischen dem
+Feldherrn und dem Soldaten ein persönliches Band schlingt. Hierzu kam endlich,
+daß ein großer Teil seiner tüchtigsten Soldaten alle Ursache hatte, sich über
+die maßlose Verlängerung ihrer Dienstzeit zu beschweren. Seine beiden besten
+Legionen waren ebendiejenigen, die Flaccus und Fimbria 668 (86) nach dem Osten
+geführt hatten; ungeachtet ihnen vor kurzem nach der Schlacht von Kabeira der
+durch dreizehn Feldzüge wohlverdiente Abschied zugesichert worden war, führte
+sie Lucullus jetzt dennoch über den Euphrat, einem neuen unabsehbaren Krieg
+entgegen - es schien, als wolle man die Sieger von Kabeira schlimmer behandeln
+als die Geschlagenen von Cannae. Daß mit so schwachen und so gestimmten Truppen
+ein Feldherr auf eigene Faust und streng genommen verfassungswidrig eine
+Expedition begann in ein fernes und unbekanntes Land voll reißender Ströme und
+schneebedeckter Berge, das schon durch seine gewaltige Ausdehnung jeden
+leichtsinnig unternommenen Angriff gefährlich machte, war in der Tat mehr als
+gewagt. Vielfach und nicht ohne Grund wurde deshalb Lucullus&rsquo; Verfahren
+in Rom getadelt; nur hätte man dabei nicht verschweigen sollen, daß zunächst
+die Verkehrtheit der Regierung dieses verwegene Vorgehen des Feldherrn
+veranlaßte und dasselbe wo nicht rechtfertigte, doch entschuldbar machte.
+</p>
+
+<p>
+Schon die Sendung des Appius Claudius hatte neben der Aufgabe, den Krieg
+diplomatisch zu motivieren, den Zweck gehabt, die Fürsten und Städte zunächst
+Syriens gegen den Großkönig unter die Waffen zu bringen; im Frühling 685 (69)
+erfolgte der förmliche Angriff. Während des Winters hatte der König von
+Kappadokien im stillen für Transportschiffe gesorgt; auf diesen ward der
+Euphrat bei Melitene überschritten und der Marsch dann weiter über die
+Tauruspässe auf den Tigris gerichtet. Auch diesen überschritt Lucullus in der
+Gegend von Amida (Diarbekr) und rückte weiter vor auf die Straße zu, welche die
+an der südlichen Grenze Armeniens neu gegründete zweite Hauptstadt Tigranokerta
+^3 mit der alten Metropole Artaxata verband. Bei jener stand der Großkönig,
+kurz zuvor aus Syrien zurückgekommen, nachdem er die Verfolgung seiner
+Eroberungspläne am Mittelmeer wegen der Verwicklung mit den Römern vorläufig
+vertagt hatte. Eben entwarf er einen Einfall in das römische Kleinasien von
+Kilikien und Lykaonien aus und überlegte bei sich, ob die Römer Asien sofort
+räumen oder vorher noch, etwa bei Ephesos, sich ihm zur Schlacht stellen
+würden, als ihm die Nachricht von dem Anmarsche Luculls gebracht ward, welcher
+ihn von der Verbindung mit Artaxata abzuschneiden drohte. Er ließ den Boten
+aufknüpfen, aber die lästige Wirklichkeit blieb wie sie war; so verließ er denn
+die neue Hauptstadt und begab sich in das innere Armenien, um dort, was bis
+jetzt nicht geschehen war, gegen die Römer zu rüsten. Inzwischen sollte
+Mithrobarzanes mit den eben zur Verfügung stehenden Truppen in Verbindung mit
+den schleunigst aufgebotenen benachbarten Beduinenstämmen die Römer
+beschäftigen. Allein das Korps des Mithrobarzanes ward schon von dem römischen
+Vortrab, die Araber von einem Detachement unter Sextilius zersprengt; Lucullus
+gewann die von Tigranokerta nach Artaxata führende Straße, und während auf dem
+rechten Tigrisufer ein römisches Detachement den nordwärts abziehenden
+Großkönig verfolgte, ging er selbst auf das linke über und rückte vor
+Tigranokerta. Der nie versiegende Pfeilregen, mit dem die Besatzung das
+römische Heer überschüttete, und die Anzündung der Belagerungsmaschinen durch
+Naphtha weihten hier die Römer ein in die neuen Gefahren der iranischen Kriege,
+und der tapfere Kommandant Mankäos behauptete die Stadt, bis endlich die große
+königliche Entsatzarmee aus allen Teilen des weiten Reiches und den
+angrenzenden, den armenischen Werbern offenstehenden Landschaften versammelt
+und durch die nordöstlichen Pässe zum Entsatz der Hauptstadt herangerückt war.
+Der in den Kriegen Mithradats erprobte Führer Taxiles riet, die Schlacht zu
+vermeiden und die kleine römische Schar durch die Reiterei zu umstellen und
+auszuhungern. Allein als der König den römischen Feldherrn, der sich
+entschieden hatte, die Schlacht zu liefern, ohne darum die Belagerung
+aufzuheben, mit nicht viel mehr als 10000 Mann gegen die zwanzigfache Übermacht
+ausrücken und keck das Gewässer überschreiten sah, das beide Heere trennte; als
+er auf der einen Seite diese kleine Schar überblickte, &ldquo;zur Gesandtschaft
+zu viel, zum Heere zu wenig&rdquo;, auf der andern seine ungeheuren Heerhaufen,
+in denen die Völker vom Schwarzen und vom Kaspischen mit denen vom Mittelmeer
+und vom Persischen Golf sich begegneten, deren gefürchtete eisenbedeckte
+Lanzenreiter allein zahlreicher waren als Lucullus&rsquo; ganzes Heer und in
+denen es auch an römisch gerüstetem Fußvolk nicht mangelte: da entschloß er
+sich, die vom Feinde begehrte Schlacht ungesäumt anzunehmen. Während aber die
+Armenier noch sich dazu ordneten, erkannte Lucullus&rsquo; scharfes Auge, daß
+sie es versäumt hatten, eine Höhe zu besetzen, die ihre ganze Reiterstellung
+beherrschte: er eilte sie mit zwei Kohorten einzunehmen, indem zugleich seine
+schwache Reiterei durch einen Flankenangriff die Aufmerksamkeit der Feinde von
+dieser Bewegung ablenkte, und sowie er oben angekommen war, führte er seinen
+kleinen Haufen der feindlichen Reiterei in den Rücken. Sie ward gänzlich
+zersprengt und warf sich auf die noch nicht völlig geordnete Infanterie, die
+davonlief, ohne auch nur zum Schlagen zu kommen. Das Bulletin des Siegers, daß
+100000 Armenier und 5 Römer gefallen seien und der König Turban und Stirnbinde
+von sich werfend unerkannt mit wenigen Reitern davongesprengt sei, ist im Stile
+seines Meisters Sulla abgefaßt; allein nichtdestoweniger bleibt der am 6.
+Oktober 685 (69) vor Tigranokerta erfochtene Sieg einer der glänzendsten Sterne
+in der ruhmreichen Kriegsgeschichte Roms; und er war nicht minder erfolgreich
+als glänzend. Alle südlich vom Tigris den Parthern oder den Syrern entrissenen
+Landschaften waren damit strategisch den Armeniern verloren und gingen
+größtenteils ohne weiteres über in den Besitz des Siegers. Die neu erbaute
+zweite Hauptstadt selber machte den Anfang. Die in ihr sehr zahlreichen
+griechischen Zwangsansiedler empörten sich gegen die Besatzung und öffneten dem
+römischen Heere die Pforten der Stadt, die den Soldaten zur Plünderung
+preisgegeben ward. Sie war geschaffen für das neue Großreich und ward wie
+dieses von dem Sieger vertilgt. Aus Kilikien und Syrien hatte der armenische
+Satrap Magadates bereits alle Truppen herausgezogen, um die Entsatzarmee vor
+Tigranokerta zu verstärken. Lucullus rückte in die nördlichste Landschaft
+Syriens Kommagene ein und erstürmte die Hauptstadt Samosata; bis in das
+eigentliche Syrien kam er nicht, doch langten von den Dynasten und Gemeinden
+bis zum Roten Meere hinab, von Hellenen, Syrern, Juden, Arabern, Gesandte an,
+um den Römern als den neuen Oberherren zu huldigen. Selbst der Fürst von
+Corduene, der östlich von Tigranokerta gelegenen Landschaft, unterwarf sich;
+wogegen freilich in Nisibis und damit in Mesopotamien der Bruder des Großkönigs
+Guras sich behauptete. Durchaus trat Lucullus auf als Schirmherr der
+hellenischen Fürsten und Bürgerschaften; in Kommagene setzte er einen Prinzen
+des seleukidischen Hauses, Antiochos, auf den Thron; Antiochos den Asiaten, der
+nach dem Abzug der Armenier nach Antiocheia zurückgekehrt war, erkannte er an
+als König von Syrien; die gezwungenen Ansiedler von Tigranokerta entließ er
+wieder in ihre Heimatorte. Die unermeßlichen Vorräte und Schätze des Großkönigs
+- an Getreide wurden 30 Millionen Medimnen, an Geld allein in Tigranokerta 8000
+Talente (12½ Mill. Taler) erbeutet - machten es Lucullus möglich, die Kosten
+des Krieges zu bestreiten, ohne die Staatskasse in Anspruch zu nehmen, und
+jedem seiner Soldaten außer reichlichster Verpflegung noch eine Verehrung von
+800 Denaren (240 Taler) zu machen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Daß Tigranokerta in der Gegend von Mardin etwa zwei Tagemärsche westlich von
+Nisibis gelegen hat, hat die von K. E. Sachau (Über die Lage von Tigranokerta,
+Abh. der Berliner Akademie, 1880) an Ort und Stelle angestellte Untersuchung
+erwiesen, wenn auch die von Sachau vorgeschlagene genauere Fixierung der
+Örtlichkeit nicht außer Zweifel ist. Dagegen steht seiner Auseinandersetzung
+über den Feldzug Luculls das Bedenken entgegen, daß auf der dabei angenommenen
+Route von einer Überschreitung des Tigris in der Tat nicht die Rede sein kann.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Der Großkönig war tief gedemütigt. Er war ein schwächlicher Charakter,
+übermütig im Glück, im Unglück verzagt; wahrscheinlich würde zwischen ihm und
+Lucullus ein Abkommen zustande gekommen sein, das der Großkönig mit
+ansehnlichen Opfern zu erkaufen, der römische Feldherr unter leidlichen
+Bedingungen zu gewähren beide alle Ursache hatten, wenn der alte Mithradates
+nicht gewesen wäre. Dieser hatte nicht teilgenommen an den Kämpfen um
+Tigranokerta. Durch die zwischen dem Großkönig und den Römern eingetretene
+Spannung nach zwanzigmonatlicher Haft um die Mitte des Jahres 684 (70) befreit,
+war er mit 10000 armenischen Reitern in sein ehemaliges Reich abgesandt worden,
+um die Kommunikationen des Feindes zu bedrohen. Zurückgerufen, noch ehe er hier
+etwas ausrichten konnte, als der Großkönig seine gesamte Macht aufbot, um die
+von ihm erbaute Hauptstadt zu entsetzen, kamen bei seinem Eintreffen vor
+Tigranokerta ihm schon die vom Schlachtfeld flüchtenden Haufen entgegen. Vom
+Großkönig bis zum gemeinen Soldaten schien allen alles verloren. Wenn aber
+Tigranes jetzt Frieden machte, so schwand für Mithradates nicht bloß die letzte
+Möglichkeit der Wiedereinsetzung in sein Reich, sondern seine Auslieferung war
+ohne Zweifel die erste Bedingung des Friedens; und sicher würde Tigranes gegen
+ihn nicht anders gehandelt haben als Bocchus einst gegen Jugurtha. Seine ganze
+Persönlichkeit setzte darum der König ein, um diese Wendung zu verhindern und
+den armenischen Hof zur Fortführung des Krieges zu bestimmen, bei der er nichts
+zu verlieren und alles zu gewinnen hatte; und flüchtig und entthront wie
+Mithradates war, war sein Einfluß an diesem Hofe nicht gering. Noch war er ein
+stattlicher und gewaltiger Mann, der, obwohl schon über sechzig Jahre alt, sich
+in voller Rüstung auf das Pferd schwang und im Handgemenge gleich dem Besten
+seinen Mann stand. Seinen Geist schienen die Jahre und die Schicksale gestählt
+zu haben: während er in früheren Zeiten seine Heerführer aussandte und selbst
+an dem Kriege nicht unmittelbar teilnahm, finden wir fortan als Greis ihn in
+der Schlacht selber befehligen und selber fechten. Ihm, der während seines
+fünfzigjährigen Regiments so viele unerhörte Glückswechsel erlebt hatte, schien
+die Sache des Großkönigs durch die Niederlage von Tigranokerta noch keineswegs
+verloren, vielmehr Lucullus&rsquo; Stellung sehr schwierig und, wenn es jetzt
+nicht zum Frieden kam und der Krieg in zweckmäßiger Weise fortgeführt ward,
+sogar in hohem Maße bedenklich. Der vielerfahrene Greis, der fast wie ein Vater
+dem Großkönig gegenüberstand und jetzt persönlich auf denselben zu wirken
+vermochte, bezwang den schwachen Mann durch seine Energie und bestimmte ihn,
+nicht nur sich für die Fortsetzung des Krieges zu entscheiden, sondern auch ihn
+selber mit dessen politischer und militärischer Leitung zu betrauen. Aus einem
+Kabinettskrieg sollte der König jetzt ein national asiatischer werden, die
+Könige und die Völker Asiens sich vereinigen gegen die übermächtigen und
+übermütigen Okzidentalen. Es wurden die größten Anstrengungen gemacht, die
+Armenier und die Parther miteinander zu versöhnen und sie zum
+gemeinschaftlichen Kampfe gegen Rom zu bestimmen. Auf Mithradates&rsquo;
+Betrieb erbot sich Tigranes, dem Arsakiden Phraates, dem Gott (regierte seit
+684 70), die von den Armeniern eroberten Landschaften Mesopotamien, Adiabene,
+die &ldquo;großen Täler&rdquo;, zurückzugeben und mit ihm Freundschaft und
+Bündnis zu machen. Allein nach allem, was vorhergegangen war, konnte dieses
+Anerbieten kaum auf eine günstige Aufnahme rechnen; Phraates zog es vor, die
+Euphratgrenze durch einen Vertrag nicht mit den Armeniern, sondern mit den
+Römern sich zu sichern und zuzusehen, wie sich der verhaßte Nachbar und der
+unbequeme Fremdling untereinander aufrieben. Mit größerem Erfolg als an die
+Könige wandte Mithradates sich an die Völker des Ostens. Es hielt nicht schwer,
+den Krieg darzustellen als einen nationalen des Orients gegen den Okzident,
+denn er war es; gar wohl konnte er auch zum Religionskrieg gemacht und die Rede
+verbreitet werden, daß das Ziel des Lucullischen Heeres der Tempel der
+persischen Nanäa oder Anaitis in Elymais oder dem heutigen Luristan sei, das
+gefeiertste und das reichste Heiligtum der ganzen Euphratlandschaft ^4.
+Scharenweise drängten sich von nah und fern die Asiaten unter die Banner der
+Könige, welche sie aufriefen, den Osten und seine Götter vor den gottlosen
+Fremdlingen zu schirmen. Allein die Tatsachen hatten gezeigt, daß das bloße
+Zusammentreiben ungeheurer Heerhaufen nicht allein fruchtlos war, sondern durch
+die Einfügung in dieselben selbst die wirklich marschier- und schlagfähigen
+Scharen unbrauchbar gemacht und in das allgemeine Verderben mitverwickelt
+wurden. Mithradates suchte vor allem die Waffe auszubilden, die zugleich die
+schwächste der Okzidentalen und die stärkste der Asiaten war, die Reiterei: in
+der von ihm neugebildeten Armee war die Hälfte der Mannschaft beritten. Für den
+Dienst zu Fuß las er aus der Masse der aufgebotenen oder freiwillig sich
+meldenden Rekruten die dienstfähigen Leute sorgfältig aus und ließ diese durch
+seine pontischen Offiziere dressieren. Das ansehnliche Heer, das bald wieder
+unter den Fahnen des Großkönigs zusammenstand, war aber nicht bestimmt, auf der
+ersten Walstatt mit den römischen Veteranen sich zu messen, sondern sich auf
+die Verteidigung und auf den kleinen Krieg zu beschränken. Schon den letzten
+Krieg in seinem Reiche hatte Mithradates stetig zurückweichend und die Schlacht
+vermeidend geführt; auch diesmal wurde eine ähnliche Taktik angenommen und zum
+Kriegsschauplatz das eigentliche Armenien bestimmt, das vom Feinde noch
+vollkommen unberührte Erbland des Tigranes, durch seine physische
+Beschaffenheit ebenso wie durch den Patriotismus seiner Bewohner vortrefflich
+für diese Kriegsweise geeignet.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^4 Cicero (imp. Cn. Pomp. 9, 23) meint schwerlich einen anderen als einen der
+reichen Tempel der Landschaft Elymais, wohin die Raubzüge der syrischen wie der
+parthischen Könige regelmäßig sich richteten (Strab. 16, 744; Polyb. 31, 11; 1.
+Makk. 6 u. a. m.), und wahrscheinlich diesen als den bekanntesten; auf keinen
+Fall darf an den Tempel von Komana oder überhaupt irgendein Heiligtum im
+Pontischen Reiche gedacht werden.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Das Jahr 686 (68) fand Lucullus in einer schwierigen und täglich bedenklicher
+sich gestaltenden Lage. Trotz seiner glänzenden Siege war man in Rom durchaus
+nicht mit ihm zufrieden. Der Senat empfand die Eigenmächtigkeit seines
+Verfahrens; die von ihm empfindlich verletzte Kapitalistenpartei setzte alle
+Mittel der Intrige und Bestechung in Bewegung, um seine Abberufung
+durchzusetzen. Täglich erscholl der Markt der Hauptstadt von gerechten und
+ungerechten Beschwerden über den tollkühnen, den habsüchtigen, den unrömischen,
+den hochverräterischen Feldherrn. Den Klagen über die Vereinigung einer so
+grenzenlosen Macht, zweier ordentlicher Statthalterschaften und eines wichtigen
+außerordentlichen Kommandos, in der Hand eines solchen Mannes gab auch der
+Senat insoweit nach, daß er die Provinz Asia einem der Prätoren, die Provinz
+Kilikien nebst drei neu ausgehobenen Legionen dem Konsul Quintus Marcius Rex
+bestimmte, und den Feldherrn auf das Kommando gegen Mithradates und Tigranes
+beschränkte.
+</p>
+
+<p>
+Diese in Rom gegen den Feldherrn sich erhebenden Anklagen fanden einen
+gefährlichen Widerhall in den Quartieren am Iris und am Tigris: um so mehr, als
+einzelne Offiziere, darunter der eigene Schwager des Feldherrn, Publius
+Clodius, in diesem Sinne die Soldaten bearbeiteten. Das ohne Zweifel von diesen
+in Umlauf gesetzte Gerücht, daß Lucullus jetzt mit dem Pontisch-Armenischen
+Krieg noch eine Expedition gegen die Parther zu verbinden gedenke, nährte die
+Erbitterung der Truppen. Während aber also die schwierige Stimmung der
+Regierung wie der Soldaten den siegreichen Feldherrn mit Abberufung und
+Meuterei bedrohte, fuhr er selber fort, dem verzweifelten Spieler gleich,
+seinen Einsatz und sein Wagen zu steigern. Zwar gegen die Parther zog er nicht;
+aber als Tigranes sich weder bereit zeigte, Frieden zu machen, noch, wie
+Lucullus es wünschte, eine zweite Hauptschlacht zu bestehen, entschloß sich
+Lucullus von Tigranokerta durch die schwierige Berglandschaft am östlichen Ufer
+des Wansees in das Tal des östlichen Euphrat (oder des Arsanias, jetzt Murad
+Tschai) und aus diesem in das des Araxes vorzudringen, wo, am nördlichen Abhang
+des Ararat, die Hauptstadt des eigentlichen Armeniens Artaxata mit dem
+Erbschloß und dem Harem des Königs lag. Er hoffte den König durch die Bedrohung
+seiner angestammten Residenz entweder unterwegs oder mindestens doch vor
+Artaxata zum Schlagen zu zwingen. Unumgänglich notwendig war es freilich, bei
+Tigranokerta eine Abteilung zurückzulassen; und da das Marschheer unmöglich
+noch weiter vermindert werden konnte, so blieb nichts übrig als die Stellung im
+Pontos zu schwächen und von dort Truppen nach Tigranokerta zu berufen. Die
+Hauptschwierigkeit aber war die für militärische Unternehmungen so unbequeme
+Kürze des armenischen Sommers. Auf der armenischen Hochebene, die 5000 Fuß und
+mehr über der Meeresfläche liegt, sproßt bei Erzerum das Korn erst Anfang Juni,
+und mit der Ernte im September stellt auch schon der Winter sich ein; in
+höchstens vier Monaten mußte Artaxata erreicht und die Kampagne beendigt sein.
+</p>
+
+<p>
+Im Mittsommer 686 (68) brach Lucullus von Tigranokerta auf und gelangte, ohne
+Zweifel durch den Bitlispaß und weiter westlich am Wansee hinauf marschierend,
+auf das Plateau von Musch und an den Euphrat. Der Marsch ging, unter
+beständigen sehr lästigen Scharmützeln mit der feindlichen Reiterei, namentlich
+den berittenen Bogenschützen, langsam, aber ohne wesentliches Hindernis
+vonstatten, und auch der Euphratübergang, den die armenische Reiterei ernstlich
+verteidigte, ward durch ein glückliches Treffen erzwungen; die armenische
+Infanterie zeigte sich, aber es glückte nicht, sie in das Gefecht zu
+verwickeln. So gelangte die Armee auf die eigentliche Hochebene Armeniens und
+marschierte weiter hinein in das unbekannte Land. Man hatte keinen eigentlichen
+Unfall erlitten; aber die bloße unabwendbare Verzögerung des Marsches durch die
+Terrainschwierigkeiten und die feindlichen Reiter war an sich schon ein sehr
+empfindlicher Nachteil. Lange bevor man Artaxata erreicht hatte, brach der
+Winter herein; und wie die italischen Soldaten Schnee und Eis um sich sahen,
+riß der allzu straff gespannte Bogen der militärischen Zucht. Eine förmliche
+Meuterei nötigte den Feldherrn, den Rückzug anzuordnen, den er mit seiner
+gewöhnlichen Geschicklichkeit bewerkstelligte. Glücklich angekommen in
+Mesopotamien, wo die Jahreszeit noch weitere Unternehmungen gestattete,
+überschritt Lucullus den Tigris und warf sich mit der Masse seines Heeres auf
+die letzte hier den Armeniern gebliebene Stadt Nisibis. Der Großkönig,
+gewitzigt durch die vor Tigranokerta gemachte Erfahrung, überließ die Stadt
+sich selbst; trotz ihrer tapferen Verteidigung ward sie in einer finsteren
+Regennacht von den Belagerern erstürmt und Lucullus&rsquo; Heer fand daselbst
+nicht minder reiche Beute und nicht minder bequeme Winterquartiere wie das Jahr
+vorher in Tigranokerta. Allein inzwischen fiel die ganze Gewalt der feindlichen
+Offensive auf die schwachen, im Pontos und in Armenien zurückgebliebenen
+römischen Korps. Hier zwang Tigranes den römischen Befehlshaber Lucius Fannius
+- denselben, der früher zwischen Sertorius und Mithradates den Vermittler
+gemacht hatte -, sich in eine Festung zu werfen und hielt ihn darin belagert.
+Dort rückte Mithradates ein mit 4000 armenischen und 4000 eigenen Reitern und
+rief als Befreier und Rächer die Nation auf gegen den Landesfeind. Alles fiel
+ihm zu; die zerstreuten römischen Soldaten wurden überall aufgehoben und
+getötet; als der römische Kommandant im Pontos, Hadrianus, seine Truppen gegen
+ihn führte, machten die ehemaligen Söldner des Königs und die zahlreichen, als
+Sklaven dem Heere folgenden Pontiker gemeinschaftliche Sache mit dem Feind.
+Zwei Tage nacheinander währte der ungleiche Kampf; nur daß der König nach zwei
+empfangenen Wunden vom Schlachtfeld weggetragen werden mußte, gab dem römischen
+Befehlshaber die Möglichkeit, die so gut wie verlorene Schlacht abzubrechen und
+mit dem kleinen Rest seiner Leute sich nach Kabeira zu werfen. Ein anderer von
+Lucullus&rsquo; Unterbefehlshabern, der zufällig in diese Gegend kam, der
+entschlossene Triarius, sammelte zwar wieder einen Heerhaufen um sich und
+lieferte dem König ein glückliches Gefecht; allein er war viel zu schwach, um
+ihn wieder vom pontischen Boden zu vertreiben und mußte es geschehen lassen,
+daß der König Winterquartiere in Komana nahm.
+</p>
+
+<p>
+So kam das Frühjahr 687 (67) heran. Die Vereinigung der Armee in Nisibis, die
+Muße der Winterquartiere, die häufige Abwesenheit des Feldherrn hatten die
+Unbotmäßigkeit der Truppen inzwischen noch gesteigert; sie verlangten nicht
+bloß ungestüm, zurückgeführt zu werden, sondern es war bereits ziemlich
+offenbar, daß sie, wenn der Feldherr sich weigerte, sie heimzuführen, von
+selbst aufbrechen würden. Die Vorräte waren knapp; Fannius und Triarius sandten
+in ihrer bedrängten Lage die inständigsten Bitten um Hilfeleistung an den
+Oberfeldherrn. Schweren Herzens entschloß sich Lucullus, der Notwendigkeit zu
+weichen, Nisibis und Tigranokerta aufzugeben und, auf all die glänzenden
+Hoffnungen seiner armenischen Expedition verzichtend, zurückzukehren auf das
+rechte Ufer des Euphrat. Fannius wurde befreit; im Pontos aber war es schon zu
+spät. Triarius, nicht stark genug, um mit Mithradates zu schlagen, hatte bei
+Gaziura (Turksal am Iris, westlich von Tokat) eine feste Stellung genommen,
+während das Gepäck bei Dadasa zurückblieb. Als indes Mithradates den letzteren
+Ort belagerte, zwangen die römischen Soldaten, um ihre Habseligkeiten besorgt,
+den Führer, seine gesicherte Stellung zu verlassen und zwischen Gaziura und
+Ziela (Zilleh) auf den Skotischen Anhöhen dem König eine Schlacht zu liefern.
+Was Triarius vorhergesehen hatte trat ein: trotz der tapfersten Gegenwehr
+durchbrach der Flügel, den der König persönlich führte, die römische Linie und
+drängte das Fußvolk in eine lehmige Schlucht zusammen, in der es weder vor noch
+seitwärts rücken konnte und erbarmungslos niedergehauen ward. Zwar ward durch
+einen römischen Centurio, der dafür sein Leben opferte, der König auf den Tod
+verwundet; aber die Niederlage war darum nicht minder vollständig. Das römische
+Lager ward genommen; der Kern des Fußvolks, fast alle Ober- und Unteroffiziere
+bedeckten den Boden; die Leichen blieben unbegraben auf dem Schlachtfeld
+liegen, und als Lucullus auf dem rechten Euphratufer ankam, erfuhr er nicht von
+den Seinigen, sondern durch die Berichte der Eingeborenen die Niederlage.
+</p>
+
+<p>
+Hand in Hand mit dieser Niederlage ging der Ausbruch der Militärverschwörung.
+Ebenjetzt traf aus Rom die Nachricht ein, daß das Volk beschlossen habe, den
+Soldaten, deren gesetzmäßige Dienstzeit abgelaufen sei, das heißt den
+Fimbrianern, den Abschied zu bewilligen und einem der Konsuln des laufenden
+Jahres den Oberbefehl in Bithynien und Pontus zu übertragen; schon war der
+Nachfolger Luculls, der Konsul Manius Acilius Glabrio, in Kleinasien gelandet.
+Die Verabschiedung der tapfersten und unruhigsten Legionen und die Abberufung
+des Oberfeldherrn in Verbindung mit dem Eindruck der Niederlage von Ziela
+lösten in dem Heer alle Bande der Autorität auf, eben da der Feldherr ihrer am
+notwendigsten bedurfte. Bei Talaura in Klein-Armenien stand er den pontischen
+Truppen gegenüber, an deren Spitze Tigranes&rsquo; Schwiegersohn, Mithradates
+von Medien, den Römern bereits ein glückliches Reitergefecht geliefert hatte;
+ebendahin war von Armenien her die Hauptmacht des Großkönigs in Anmarsch.
+Lucullus sandte an den neuen Statthalter von Kilikien, Quintus Marcius, der auf
+dem Marsch nach seiner Provinz soeben mit drei Legionen in Lykaonien angelangt
+war, um von ihm Hilfe zu erhalten; derselbe erklärte, daß seine Soldaten sich
+weigerten, nach Armenien zu marschieren. Er sandte an Glabrio mit dem Ersuchen,
+den ihm vom Volke übertragenen Oberbefehl zu übernehmen; derselbe bezeigte noch
+weniger Lust, dieser jetzt so schwierig und gefährlich gewordenen Aufgabe sich
+zu unterziehen. Lucullus, genötigt den Oberbefehl zu behalten, befahl, um nicht
+bei Talaura zugleich gegen die Armenier und die Pontiker schlagen zu müssen,
+den Aufbruch gegen das anrückende armenische Heer. Die Soldaten kamen dem
+Marschbefehl nach; allein da angelangt, wo die Straßen nach Armenien und nach
+Kappadokien sich schieden, schlug die Masse des Heeres die letztere ein und
+begab sich in die Provinz Asia. Hier begehrten die Fimbrianer ihren
+augenblicklichen Abschied; und obwohl sie auf die inständige Bitte des
+Oberfeldherrn und der übrigen Korps hiervon wieder abließen, beharrten sie doch
+dabei, wenn der Winter herankäme, ohne daß ihnen ein Feind gegenüberstände,
+sich auflösen zu wollen; was denn auch geschah. Mithradates besetzte nicht bloß
+abermals fast sein ganzes Königreich, sondern seine Reiter streiften durch ganz
+Kappadokien und bis nach Bithymen; gleich vergeblich bat König Ariobarzanes bei
+Quintus Marcius, bei Lucullus und bei Glabrio um Hilfe. Es war ein seltsamer,
+fast unglaublicher Ausgang des in so glorreicher Weise geführten Krieges. Wenn
+man bloß auf die militärischen Leistungen sieht, so hat kaum ein anderer
+römischer General mit so geringen Mitteln so viel ausgerichtet wie Lucullus;
+das Talent und das Glück Sullas schienen auf diesen seinen Schüler sich vererbt
+zu haben. Daß unter den obwaltenden Verhältnissen das römische Heer aus
+Armenien unversehrt nach Kleinasien zurückkam, ist ein militärisches
+Wunderwerk, das, soweit wir urteilen können, den Xenophontischen Rückzug weit
+übertrifft und wohl zunächst aus der Solidität des römischen und der
+Untüchtigkeit des orientalischen Kriegswesens sich erklärt, aber doch unter
+allen Umständen dem Leiter dieses Zuges einen ehrenvollen Platz unter den
+militärischen Kapazitäten ersten Ranges sichert. Wenn Lucullus&rsquo; Name
+gewöhnlich nicht unter diesen genannt wird, so liegt die Ursache allem Anschein
+nach nur darin, daß teils kein militärisch auch nur leidlicher Bericht über
+seine Feldzüge auf uns gekommen ist, teils überall, und vor allem im Kriege,
+zunächst nichts gilt als das schließliche Resultat, und dies freilich kam einer
+vollständigen Niederlage gleich. Durch die letzte unglückliche Wendung der
+Dinge, hauptsächlich durch die Meuterei der Soldaten, waren alle Erfolge eines
+achtjährigen Krieges wieder verloren worden; man stand im Winter 687/88 (67/66)
+genau wieder an demselben Fleck wie im Winter 679/80 (75/74).
+</p>
+
+<p>
+Nicht bessere Resultate als der Kontinentalkrieg lieferte der Seekrieg gegen
+die Piraten, der mit demselben zugleich begann und beständig mit ihm in der
+engsten Verbindung stand. Es ward bereits erzählt, daß der Senat im Jahre 680
+(74) den verständigen Beschluß faßte, die Säuberung der Meere von den Korsaren
+einem einzigen höchstkommandierenden Admiral, dem Prätor Marcus Antonius, zu
+übertragen. Allein gleich von vornherein hatte man sich in der Wahl des Führers
+durchaus vergriffen, oder vielmehr diejenigen, welche diese an sich zweckmäßige
+Maßregel durchgesetzt hätten, hatten nicht berechnet, daß im Senat alle
+Personenfragen durch Cethegus&rsquo; Einfluß und ähnliche Koterierücksichten
+entschieden wurden. Man hatte ferner versäumt, den gewählten Admiral in einer
+seiner umfassenden Aufgabe angemessenen Weise mit Geld und Schiffen
+auszustatten, so daß er durch seine ungeheuren Requisitionen den befreundeten
+Provinzialen fast ebenso lästig fiel wie die Korsaren. Die Erfolge waren
+entsprechend. In den kampanischen Gewässern brachte die Flotte des Antonius
+eine Anzahl Piratenschiffe auf. Mit den Kretensern aber, die mit den Piraten
+Freundschaft und Bündnis gemacht hatten und seine Forderung, von dieser
+Gemeinschaft abzulassen, schroff zurückwiesen, kam es zum Gefecht; und die
+Ketten, die Antonius vorsorglich auf seinen Schiffen in Vorrat gelegt hatte, um
+die gefangenen Flibustier damit zu fesseln, dienten dazu, den Quästor und die
+übrigen römischen Gefangenen an die Masten der eroberten römischen Schiffe zu
+schließen, als die kretischen Feldherren Lasthenes und Panares aus dem bei
+ihrer Insel den Römern gelieferten Seetreffen triumphierend nach Kydonia
+zurücksteuerten. Antonius, nachdem er mit seiner leichtsinnigen Kriegführung
+ungeheure Summen vergeudet und nicht das geringste ausgerichtet hatte, starb im
+Jahre 683 (71) auf Kreta. Teils der schlechte Erfolg seiner Expedition, teils
+die Kostbarkeit des Flottenbaus, teils der Widerwille der Oligarchie gegen jede
+umfassendere Beamtenkompetenz bewirkten, daß man nach der faktischen Beendigung
+dieser Unternehmung durch Antonius&rsquo; Tod keinen Oberadmiral wieder
+ernannte und auf die alte Weise zurückkam, jeden Statthalter in seiner Provinz
+für die Unterdrückung der Piraterie sorgen zu lassen; wie denn zum Beispiel die
+von Lucullus hergestellte Flotte hierfür im Ägäischen Meer tätig war. Nur was
+die Kreter anbetrifft, schien eine Schmach wie die vor Kydonia erlittene doch
+selbst diesem gesunkenen Geschlecht allein durch die Kriegserklärung
+beantwortet werden zu können. Dennoch hätten die kretischen Gesandten, die im
+Jahre 684 (70) in Rom mit der Bitte erschienen, die Gefangenen zurücknehmen und
+das alte Bündnis wieder herstellen zu wollen, fast einen günstigen
+Senatsbeschluß erlangt; was die ganze Korporation eine Schande nannte, das
+verkaufte bereitwillig für klingenden Preis der einzelne Senator. Erst nachdem
+ein förmlicher Senatsbeschluß die Anlehen der kretischen Gesandten bei den
+römischen Bankiers klaglos gestellt, das heißt nachdem der Senat sich selber in
+die Unmöglichkeit versetzt hatte, sich bestechen zu lassen, kam das Dekret
+zustande, daß die kretischen Gemeinden außer den römischen Überläufern, die
+Urheber des vor Kydonia verübten Frevels, die Führer Lasthenes und Panares, den
+Römern zu geeigneter Bestrafung zu übergeben, ferner sämtliche Schiffe und
+Boote von vier oder mehr Rudern auszuliefern, 400 Geiseln zu stellen und eine
+Buße von 4000 Talenten (6250000 Taler) zu zahlen hätten, wofern sie den Krieg
+zu vermeiden wünschten. Als die Gesandten sich zur Eingebung solcher
+Bedingungen nicht bevollmächtigt erklärten, wurde einer der Konsuln des
+nächsten Jahres bestimmt, nach Ablauf seines Amtsjahres nach Kreta abzugehen,
+um dort entweder das Geforderte in Empfang zu nehmen oder den Krieg zu
+beginnen. Demgemäß erschien im Jahre 685 (69) der Prokonsul Quintus Metellus in
+den kretischen Gewässern. Die Gemeinden der Insel, voran die größeren Städte
+Gortyna, Knossos, Kydonia, waren entschlossen, lieber mit den Waffen sich zu
+verteidigen, als jenen übermäßigen Forderungen sich zu fügen. Die Kretenser
+waren ein ruchloses und entartetes Volk, mit deren öffentlicher und privater
+Existenz der Seeraub so innig verwachsen war wie der Landraub mit dem
+Gemeinwesen der Ätoler; allein sie glichen den Ätolern wie überhaupt in vielen
+Stücken so auch in der Tapferkeit, und es sind denn auch diese beiden
+griechischen Gemeinden die einzigen, die den Kampf um die Unabhängigkeit mutig
+und ehrenhaft geführt haben. Bei Kydonia, wo Metellus seine drei Legionen ans
+Land setzte, stand eine kretische Armee von 24000 Mann unter Lasthenes und
+Panares bereit, ihn zu empfangen; es kam zu einer Schlacht im offenen Felde, in
+der der Sieg nach hartem Kampf den Römern blieb. Allein die Städte trotzten dem
+römischen Feldherrn nichtsdestoweniger hinter ihren Mauern; Metellus mußte sich
+entschließen, eine nach der andern zu belagern. Zuerst ward Kydonia, wohin die
+Trümmer der geschlagenen Armee sich geworfen hatten, nach langer Belagerung von
+Panares gegen das Versprechen freien Abzuges für sich selber übergeben.
+Lasthenes, der aus der Stadt entwichen war, mußte zum zweiten Male in Knossos
+belagert werden, und da auch diese Festung im Begriff war zu fallen,
+vernichtete er seine Schätze und entschlüpfte abermals nach Orten, welche, wie
+Lyktos, Eleutherna und andere, die Verteidigung noch fortsetzten. Zwei Jahre
+(686, 687 68, 67) vergingen, bevor Metellus der ganzen Insel Herr und damit der
+letzte Fleck freier griechischer Erde in die Gewalt der übermächtigen Römer
+gekommen war; die kretischen Gemeinden, wie sie zuerst von allen griechischen
+die freie Stadtverfassung und die Seeherrschaft bei sich entwickelt hatten,
+sollten auch die letzten von allen jenen, einst das Mittelmeer erfüllenden
+griechischen Seestaaten sein, die der römischen Kontinentalmacht erlagen.
+</p>
+
+<p>
+Alle Rechtsbedingungen waren erfüllt, um wiederum einen der üblichen pomphaften
+Triumphe zu feiern; das Geschlecht der Meteller konnte seinen makedonischen,
+numidischen, dalmatischen, baliarischen Titeln mit gleichem Recht den neuen
+kretischen beifügen, und Rom besaß einen stolzen Namen mehr. Nichtsdestoweniger
+stand die Macht der Römer auf dem Mittelmeer nie tiefer, die der Korsaren nie
+höher als in diesen Jahren. Wohl mochten die Kiliker und Kreter der Meere, die
+in dieser Zeit bis 1000 Schiffe gezählt haben sollen, des Isaurikers wie des
+Kretikers und ihrer nichtigen Siege spotten. Wie nachdrücklich die Seeräuber in
+den Mithradatischen Krieg eingriffen und wie die hartnäckige Gegenwehr der
+pontischen Seestädte ihre besten Kräfte aus dem Korsarenstaat zog, ward bereits
+erzählt. Aber derselbe machte auch auf eigene Hand kaum minder großartige
+Geschäfte. Fast unter den Augen der Flotte Luculls überfiel im Jahre 685 (69)
+der Pirat Athenodoros die Insel Delos, zerstörte deren vielgefeierte
+Heiligtümer und Tempel und führte die ganze Bevölkerung fort in die Sklaverei.
+Die Insel Lipara bei Sizilien zahlte den Piraten jährlich einen festen Tribut,
+um von ähnlichen Überfällen verschont zu bleiben. Ein anderer Piratenchef,
+Herakleon, zerstörte im Jahre 682 (72) das in Sizilien gegen ihn ausgerüstete
+Geschwader und wagte es, mit nicht mehr als vier offenen Booten in den Hafen
+von Syrakus einzufahren. Zwei Jahre später stieg sein Kollege Pyrganion in
+demselben Hafen sogar an das Land, setzte daselbst sich fest und schickte von
+dort aus Streifpartien in die Insel, bis ihn der römische Statthalter endlich
+zwang, sich wiedereinzuschiffen. Das war man am Ende nachgerade gewohnt, daß
+alle Provinzen Geschwader ausrüsteten und Strandwachen aufstellten oder doch
+für beides steuerten, und dennoch die Korsaren so regelmäßig erschienen, um die
+Provinzen auszuplündern wie die römischen Statthalter. Aber selbst den
+geweihten Boden Italiens respektierten jetzt die unverschämten Frevler nicht
+mehr: von Kroton führten sie den Tempelschatz der Lakinischen Hera mit sich
+fort; sie landeten in Brundisium, Misenum, Caieta, in den etruskischen Häfen,
+ja in Ostia selbst; sie brachten die vornehmsten römischen Offiziere als
+Gefangene auf, unter andern den Flottenführer der kilikischen Armee und zwei
+Prätoren mit ihrem ganzen Gefolge, mit den gefürchteten Beilen und Ruten selbst
+und allen Abzeichen ihrer Würde; sie entführten aus einer Villa bei Misenum die
+eigene Schwester des zur Vernichtung der Piraten ausgesandten römischen
+Oberadmirals Antonius; sie vernichteten im Hafen von Ostia die gegen sie
+ausgerüstete und von einem Konsul befehligte römische Kriegsflotte. Der
+latinische Bauersmann, der Reisende auf der Appischen Straße, der vornehme
+Badegast in dem irdischen Paradiese von Baiae waren ihrer Habe und ihres Lebens
+fürder keinen Augenblick sicher; aller Handel und aller Verkehr stockte; die
+entsetzlichste Teuerung herrschte in Italien und namentlich in der von
+überseeischem Korn lebenden Hauptstadt. Die Mitwelt wie die Geschichte sind
+freigebig mit Klagen über unerträglichen Notstand; hier dürfte die Bezeichnung
+passen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist bisher geschildert worden, wie der von Sulla restaurierte Senat die
+Grenzbewachung in Makedonien, die Disziplin über die Klientelkönige
+Kleinasiens, wie er endlich die Seepolizei geübt hat; die Resultate waren
+nirgends erfreulich. Nicht bessere Erfolge erzielte die Regierung in einer
+anderen, vielleicht noch dringenderen Angelegenheit, der Überwachung des
+provinzialen und vor allem des italischen Proletariats. Der Krebsschaden des
+Sklavenproletariats zehrte an dem Marke aller Staaten des Altertums und um so
+mehr, je mächtiger sie emporgeblüht waren; denn Macht und Reichtum des Staats
+führten unter den bestehenden Verhältnissen regelmäßig zu einer
+unverhältnismäßigen Vermehrung der Sklavenmenge. Natürlich litt demnach Rom
+darunter schwerer als irgendein anderer Staat des Altertums. Schon die
+Regierung des sechsten Jahrhunderts hatte gegen die Banden entlaufener Hirten-
+und Feldsklaven Truppen schicken müssen. Die unter den italischen Spekulanten
+mehr und mehr um sich greifende Plantagenwirtschaft hatte das gefährliche Übel
+ins unendliche gesteigert; in der Zeit der Gracchischen und der Marianischen
+Krise und mit denselben in engem Zusammenhang hatten Sklavenaufstände an
+zahlreichen Punkten des Römischen Reiches stattgehabt, in Sizilien sogar zu
+zwei blutigen Kriegen (619-622 und 652-654 135-132 und 102-100) sich
+entwickelt. Aber das Dezennium der Restaurationsherrschaft nach Sullas Tode
+ward die goldene Zeit wie für die Flibustier zur See so für die gleichartigen
+Banden auf dem Festland, vor allem in der bisher noch verhältnismäßig leidlich
+geordneten italischen Halbinsel. Von einem Landfrieden konnte daselbst kaum
+mehr die Rede sein. In der Hauptstadt und den minder bevölkerten Landschaften
+Italiens waren Räubereien alltäglich, Mordtaten häufig. Gegen Menschenraub an
+fremden Sklaven wie an freien Leuten erging - vielleicht in dieser Epoche - ein
+besonderer Volksschluß; gegen gewaltsame Besitzentziehung von Grundstücken ward
+um diese Zeit eine eigene summarische Klage neu eingeführt. Diese Verbrechen
+mußten besonders deswegen gefährlich erscheinen, weil sie zwar gewöhnlich
+begangen wurden von dem Proletariat, aber als moralische Urheber und Teilnehmer
+an dem Gewinn auch die vornehme Klasse in großem Umfang dabei mittätig war.
+Namentlich der Menschen- und der Ackerraub wurde sehr häufig durch die Aufseher
+der großen Güter veranlaßt und durch die daselbst vereinigten häufig
+bewaffneten Sklavenscharen ins Werk gesetzt; und gar mancher hochangesehene
+Mann verschmähte nicht, was einer seiner diensteifrigen Sklavenaufseher so für
+ihn erwarb wie Mephisto für Faust die Linden Philemons. Wie die Dinge standen,
+zeigt die verschärfte Bestrafung der durch bewaffnete Banden verübten
+Eigentumsfrevel, welche einer der besseren Optimaten, Marcus Lucullus, als
+Vorstand der hauptstädtischen Rechtspflege um das Jahr 676 (78) einführte ^5,
+mit der ausgesprochenen Absicht, die Eigentümer der großen Sklavenherden durch
+die Gefahr sich dieselben aberkannt zu sehen, zu nachdrücklicherer
+Beaufsichtigung derselben anzuhalten. Wo also im Auftrag der vornehmen Welt
+geplündert und gemordet ward, lag es diesen Sklaven- und Proletariermassen
+nahe, das gleiche Geschäft für eigene Rechnung zu treiben; es genügte ein
+Funke, um den furchtbaren Brennstoff in Flammen zu setzen und das Proletariat
+in eine Insurrektionsarmee zu verwandeln. Die Veranlassung fand sich bald.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^5 Aus diesen Bestimmungen hat sich der Begriff des Raubes als eines besonderen
+Verbrechens entwickelt, während das ältere Recht den Raub unter dem Diebstahl
+mitbegriff.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die Fechterspiele, die unter den Volkslustbarkeiten in Italien jetzt den ersten
+Rang behaupteten, hatten die Errichtung zahlreicher Anstalten namentlich in und
+um Capua herbeigeführt, worin diejenigen Sklaven teils aufbewahrt, teils
+eingeschult wurden, die bestimmt waren, zur Belustigung der souveränen Menge zu
+töten oder zu sterben - natürlich großenteils tapfere kriegsgefangene Leute,
+die es nicht vergessen hatten, einst gegen die Römer im Felde gestanden zu
+haben. Eine Anzahl solcher verzweifelter Menschen brach aus einer der
+capuanischen Fechterschulen aus (681 73) und warf sich auf den Vesuv. An ihrer
+Spitze standen zwei keltische Männer, die mit ihren Sklavennamen Krixos und
+Önomaos genannt werden, und der Thraker Spartacus. Dieser, vielleicht ein
+Sprößling des edlen, in der thrakischen Heimat wie in Pantikapäon sogar zu
+königlichen Ehren gelangten Geschlechts der Spartokiden, hatte unter den
+thrakischen Hilfstruppen im römischen Heer gedient, war desertiert und als
+Räuber in die Berge gegangen und hier wiedereingefangen und für die Kampfspiele
+bestimmt worden. Die Streifereien dieser kleinen, anfänglich nur vierundsiebzig
+Köpfe zählenden, aber rasch durch Zulauf aus der Umgegend anschwellenden Schar
+wurden den Bewohnern der reichen kampanischen Landschaft bald so lästig, daß
+dieselben, nachdem sie vergeblich versucht hatten, sich selber ihrer zu
+erwehren, gegen sie Hilfe von Rom erbaten. Es erschien eine schleunig
+zusammengeraffte Abteilung von 3000 Mann unter Führung des Clodius Glaber und
+besetzte die Aufgänge zum Vesuv, um die Sklavenschar auszuhungern. Aber die
+Räuber wagten es trotz ihrer geringen Anzahl und ihrer mangelhaften Bewaffnung,
+über jähe Abhänge hinabkletternd die römischen Posten zu überfallen; und als
+die elende Miliz den kleinen Haufen verzweifelter Männer unvermutet auf sich
+eindringen sah, gab sie Fersengeld und verlief sich nach allen Seiten. Dieser
+erste Erfolg verschaffte den Räubern Waffen und steigenden Zulauf. Wenngleich
+auch jetzt noch ein großer Teil von ihnen nichts führte als zugespitzte
+Knüttel, so fand die neue und stärkere Abteilung der Landwehr, zwei Legionen
+unter dem Prätor Publius Varinius, die von Rom her in Kampanien einrückte, sie
+schon fast wie ein Kriegsheer in der Ebene lagernd. Varinius hatte einen
+schwierigen Stand. Seine Milizen, genötigt, dem Feind gegenüber zu biwakieren,
+wurden durch die feuchte Herbstwitterung und die dadurch erzeugten Krankheiten
+arg mitgenommen; und schlimmer noch als die Epidemien lichteten Feigheit und
+Unbotmäßigkeit die Reihen. Gleich zu Anfang lief eine seiner Abteilungen
+vollständig auseinander, so daß die Flüchtigen nicht etwa auf das Hauptkorps
+zurück, sondern geradewegs nach Hause gingen. Als sodann der Befehl gegeben
+ward, gegen die feindlichen Verschanzungen vorzugehen und anzugreifen, weigerte
+sich der größte Teil der Leute, ihm Folge zu leisten. Nichtsdestoweniger brach
+Varinius mit denen, die standhielten, gegen die Räuberschar auf; allein er fand
+sie nicht mehr, wo er sie suchte. In tiefster Stille war sie aufgebrochen und
+hatte sich südwärts gegen Picentia (Vicenza bei Amalfi) gewendet, wo Varinius
+sie zwar einholte, aber es doch nicht wehren konnte, daß sie über den Silarus
+zurückwich bis in das innere Lucanien, das gelobte Land der Hirten und der
+Räuber. Auch dorthin folgte Varinius und hier endlich stellte der verachtete
+Feind sich zum Treffen. Alle Verhältnisse, unter denen der Kampf stattfand,
+waren zum Nachteil der Römer; die Soldaten, so ungestüm sie kurz zuvor die
+Schlacht gefordert hatten, schlugen dennoch sich schlecht; Varinius ward
+vollständig besiegt, sein Pferd und die Insignien seiner Amtswürde gerieten mit
+dem römischen Lager selbst in Feindeshand. Massenweise strömten die
+süditalischen Sklaven, namentlich die tapferen halbwilden Hirten, unter die
+Fahne der so unverhofft erschienenen Erlöser; nach den mäßigen Angaben stieg
+die Zahl der bewaffneten Insurgenten auf 40000 Mann. Kampanien, soeben geräumt,
+ward rasch wieder eingenommen, das daselbst unter dem Quästor des Varinius,
+Gaius Thoranius, zurückgebliebene römische Korps zersprengt und aufgerieben. Im
+ganzen Süden und Südwesten Italiens war das offene Land in den Händen der
+siegreichen Räuberhauptleute; selbst ansehnliche Städte, wie Consentia im
+bruttischen Land, Thurii und Metapont in Lucanien, Nola und Nuceria in
+Kampanien, wurden von ihnen erstürmt und erlitten alle Greuel, die siegreiche
+Barbaren über wehrlose Zivilisierte, entfesselte Sklaven über ihre gewesenen
+Herren zu bringen vermögen. Daß ein Kampf wie dieser überhaupt rechtlos und
+mehr eine Metzelei als ein Krieg war, versteht sich leider von selbst: die
+Herren schlugen jeden gefangenen Sklaven von Rechts wegen ans Kreuz; diese
+machten natürlich gleichfalls ihre Gefangenen nieder oder zwangen gar in noch
+höhnischerer Vergeltung die kriegsgefangenen Römer, im Fechtspiel einander
+selber zu morden; wie dies später mit dreihundert derselben bei der
+Leichenfeier eines im Kampfe gefallenen Räuberhauptmanns geschah. In Rom war
+man mit Recht in Besorgnis über den immer weiter um sich greifenden
+verheerenden Brand. Es ward beschlossen, das nächste Jahr (682 72) beide
+Konsuln gegen die furchtbaren Bandenchefs auszusenden. In der Tat gelang es dem
+Prätor Quintus Arrius, einem Unterfeldherrn des Konsuls Lucius Genius, den
+keltischen Haufen, der unter Krixos von der Masse des Räuberheers sich
+gesondert hatte und auf eigene Hand brandschatzte, in Apulien am Garganus zu
+fassen und zu vernichten. Aber um so glänzendere Siege erfocht Spartacus im
+Apennin und im nördlichen Italien, wo der Konsul Gnaeus Lentulus, während er
+die Räuber zu umzingeln und aufzuheben vermeinte, sodann sein Kollege Gellius
+und der soeben noch siegreiche Prätor Arrius, endlich bei Mutina der
+Statthalter des Diesseitigen Gallien, Gaius Cassius (Konsul 681 73), und der
+Prätor Gnaeus Manlius einer nach dem andern seinen Streichen erlagen. Die kaum
+bewaffneten Sklavenrotten waren der Schreck der Legionen; die Kette der
+Niederlagen erinnerte an die ersten Jahre des Hannibalischen Krieges. Was hätte
+kommen mögen, wenn nicht entlaufene Fechtersklaven, sondern die Volkskönige aus
+den Bergen der Auvergne oder des Balkan an der Spitze der siegreichen Scharen
+gestanden hätten, ist nicht zu sagen; wie die Bewegung einmal war, blieb sie
+trotz ihrer glänzenden Siege ein Räuberaufstand und unterlag weniger der
+Übermacht ihrer Gegner als der eignen Zwietracht und Planlosigkeit. Die
+Einigkeit gegen den gemeinschaftlichen Feind, die in den früheren sizilischen
+Sklavenkriegen in so bemerkenswerter Weise hervorgetreten war, wird in diesem
+italischen vermißt, wovon wohl die Ursache darin zu suchen ist, daß die
+sizilischen Sklaven in dem gemeinsamen Syrohellenismus einen gleichsam
+nationalen Einigungspunkt fanden, die italischen dagegen in die beiden Massen
+der Hellenobarbaren und der Keltogermanen sich schieden. Die Spaltung zwischen
+dem Kelten Krixos und dem Thraker Spartacus - Önomaos war gleich in einem der
+ersten Gefechte gefallen - und ähnlicher Hader lähmte die Benutzung der
+errungenen Erfolge und verschaffte den Römern manchen wichtigen Sieg. Aber noch
+weit nachteiliger als die keltisch-germanische Unbotmäßigkeit wirkte auf das
+Unternehmen der Mangel eines festen Planes und Zieles. Wohl stand Spartacus,
+nach dem Wenigen zu schließen, was wir von dem seltenen Mann erfahren, hierin
+über seiner Partei. Er verriet neben seinem strategischen ein nicht gemeines
+Organisationstalent, wie denn gleich von Haus aus die Gerechtigkeit, mit der er
+seiner Schar vorstand und die Beute verteilte, wenigstens ebensosehr wie seine
+Tapferkeit die Augen der Masse auf ihn gelenkt hatte. Um dem empfindlichen
+Mangel an Reiterei und an Waffen abzuhelfen, versuchte er mit Hilfe der in
+Unteritalien aufgegriffenen Pferdeherden, sich eine Kavallerie zu schulen und
+zu disziplinieren und, sowie er den Hafen von Thurii in die Hände bekam, von
+dort aus Eisen und Kupfer, ohne Zweifel durch Vermittlung der Piraten, sich zu
+verschaffen. Aber in den Hauptsachen vermochte auch er nicht die wilden Horden,
+die er anführte, auf feste Endziele hinzulenken. Gern hätte er den tollen
+Bacchanalien der Grausamkeit gewehrt, die die Räuber in den eingenommenen
+Städten sich gestatteten und die die hauptsächliche Ursache waren, weshalb
+keine italische Stadt freiwillig mit den Insurgenten gemeinschaftliche Sache
+machte; aber der Gehorsam, den der Räuberhauptmann im Kampfe fand, hörte mit
+dem Siege auf und seine Vorstellungen und Bitten waren vergeblich. Nach den im
+Apennin 682 (72) erfochtenen Siegen stand dem Sklavenheer nach jeder Richtung
+hin der Weg frei. Spartacus selbst soll beabsichtigt haben, die Alpen zu
+überschreiten, um sich und den Seinigen die Rückkehr in ihre keltische oder
+thrakische Heimat zu öffnen; wenn der Bericht gegründet ist, so zeigt er, wie
+wenig der Sieger seine Erfolge und seine Macht überschätzte. Da die Mannschaft
+sich weigerte, dem reichen Italien so rasch den Rücken zu wenden, schlug
+Spartacus den Weg nach Rom ein und soll daran gedacht haben, die Hauptstadt zu
+blockieren. Indes auch diesem zwar verzweifelten, aber doch planmäßigen
+Beginnen zeigten die Scharen sich abgeneigt; sie zwangen ihren Führer, da er
+Feldherr sein wollte, Räuberhauptmann zu bleiben und ziellos weiter in Italien
+auf Plünderung umherzuziehen. Rom mochte sich glücklich preisen, daß es also
+kam; auch so aber war guter Rat teuer. Es fehlte an geübten Soldaten wie an
+erprobten Feldherren; Quintus Metellus und Gnaeus Pompeius waren in Spanien,
+Marcus Lucullus in Thrakien, Lucius Lucullus in Kleinasien beschäftigt, und zur
+Verfügung standen nur rohe Milizen und höchstens mittelmäßige Offiziere. Man
+bekleidete mit dem außerordentlichen Oberbefehl in Italien den Prätor Marcus
+Crassus, der zwar kein namhafter Feldherr war, aber doch unter Sulla mit Ehren
+gefochten und wenigstens Charakter hatte, und stellte ihm eine wenn nicht durch
+ihre Qualität, doch durch ihre Zahl imponierende Armee von acht Legionen zur
+Verfügung. Der neue Oberfeldherr begann damit, die erste Abteilung, die wieder
+mit Wegwerfung ihrer Waffen vor den Räubern davonlief, nach der ganzen Strenge
+der Kriegsgesetze zu behandeln und den zehnten Mann davon hinrichten zu lassen;
+worauf in der Tat die Legionen sich wieder etwas mehr zusammennahmen.
+Spartacus, in dem nächsten Gefecht besiegt, zog sich zurück und suchte durch
+Lucanien nach Rhegion zu gelangen. Ebendamals beherrschten die Piraten nicht
+bloß die sizilischen Gewässer, sondern selbst den Hafen von Syrakus; mit Hilfe
+ihrer Boote gedachte Spartacus ein Korps nach Sizilien zu werfen, wo die
+Sklaven nur auf einen Anstoß warteten, um zum dritten Male loszuschlagen. Der
+Marsch nach Rhegion gelang, allein die Korsaren, vielleicht geschreckt durch
+die von dem Prätor Gaius Verres auf Sizilien eingerichteten Strandwachen,
+vielleicht auch von den Römern bestochen, nahmen von Spartacus den bedungenen
+Lohn, ohne ihm die Gegenleistung dafür zu gewähren. Crassus inzwischen war dem
+Räuberheer bis etwa an die Krathismündung gefolgt und ließ, ähnlich wie Scipio
+vor Numantia, seine Soldaten, da sie nicht schlugen, wie sie sollten, einen
+festungsähnlich verschanzten Wall in der Länge von sieben deutschen Meilen
+aufführen, der die Bruttische Halbinsel von dem übrigen Italien absperrte ^6
+und dem von Rhegion zurückkehrenden Insurgentenheer den Weg verlegte und die
+Zufuhr abschnitt. Indes in einer dunklen Winternacht durchbrach Spartacus die
+feindlichen Linien und stand im Frühjahr 683 (71) ^7 wieder in Lucanien. Das
+mühsame Werk war also vergebens gewesen. Crassus fing an, an der Lösung seiner
+Aufgabe zu verzweifeln, und forderte vom Senat, daß er die in Makedonien unter
+Marcus Lucullus, im diesseitigen Spanien unter Gnaeus Pompeius stehenden Heere
+zu seiner Unterstützung nach Italien berufe. Es bedurfte indes dieses äußersten
+Notschrittes nicht; die Uneinigkeit und der Übermut der Räuberhaufen genügten,
+um ihre Erfolge wieder zu vereiteln. Abermals lösten sich die Kelten und
+Germanen von dem Bunde, dessen Haupt und Seele der Thraker war, um unter
+Führern ihrer eigenen Nation, Gannicus und Castus, sich vereinzelt den Römern
+ans Messer zu liefern. Einmal, am Lucanischen See, rettete sie Spartacus&rsquo;
+rechtzeitiges Erscheinen; sie schlugen nun zwar wohl ihr Lager nahe bei dem
+seinigen auf, aber dennoch gelang es Crassus, den Spartacus durch die Reiterei
+zu beschäftigen und indessen die keltischen Haufen zu umstellen und zum
+Sonderkampf zu zwingen, in welchem sie sämtlich, man sagt 12300 Streiter,
+tapfer kämpfend fielen, alle auf dem Platze und mit den Wunden nach vorn.
+Spartacus versuchte darauf, sich mit seiner Abteilung in die Berge um Petelia
+(bei Strongoli in Kalabrien) zu werfen und schlug nachdrücklich die römische
+Vorhut, die dem Weichenden folgte. Allein dieser Sieg gereichte mehr dem Sieger
+als dem Besiegten zum Nachteil. Berauscht von dem Erfolg weigerten sich die
+Räuber, weiter zurückzuweichen, und nötigten ihren Feldherrn, sie durch
+Lucanien nach Apulien dem letzten entscheidenden Kampf entgegenzuführen. Vor
+der Schlacht stieß Spartacus sein Roß nieder; wie er im Glück und im Unglück
+treu bei den Seinen ausgeharrt hatte, so zeigte er ihnen jetzt durch die Tat,
+daß es ihm wie allen hier gehe um Sieg oder Tod. Auch in der Schlacht stritt er
+mit dem Mut eines Löwen: zwei Centurionen fielen von seiner Hand; verwundet und
+in die Knie gesunken noch führte er den Speer gegen die andringenden Feinde.
+Also starben der große Räuberhauptmann und mit ihm die besten seiner Gesellen
+den Tod freier Männer und ehrlicher Soldaten (683 71). Nach dem teuer erkauften
+Siege ward von den Truppen, die ihn erfochten, und von denen des Pompeius, die
+inzwischen nach Überwindung der Sertorianer aus Spanien eingetroffen waren,
+durch ganz Apulien und Lucanien eine Menschenhetze angestellt, wie sie noch
+nicht dagewesen war, um die letzten Funken des gewaltigen Brandes zu zertreten.
+Obwohl in den südlichen Landschaften, wo zum Beispiel das Städtchen Tempsa 683
+(71) von einer Räuberschar eingenommen ward, und in dem durch Sullas
+Expropriationen schwer betroffenen Etrurien ein rechter Landfriede noch
+keineswegs sich einfand, galt doch derselbe offiziell als in Italien
+wiederhergestellt. Wenigstens die schmachvoll verlorenen Adler waren
+wiedergewonnen - allein nach dem Sieg über die Kelten brachte man deren fünf
+ein; und längs der Straße von Capua nach Rom zeugten die sechstausend Kreuze,
+die gefangene Sklaven trugen, von der neu begründeten Ordnung und dem
+abermaligen Siege des anerkannten Rechts über das rebellierende lebendige
+Eigen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^6 Da die Linie sieben deutsche Meilen (Sall. hist. 4, 19 Dietsch; Plut. Crass.
+10) lang war, so ging sie wohl nicht von Squillace nach Pizzo, sondern
+nördlicher, etwa bei Castrovillari und Cassano über die hier in gerader Linie
+etwa sechs deutsche Meilen breite Halbinsel.
+</p>
+
+<p>
+^7 Daß Crassus noch 682 (72) den Oberbefehl übernahm, ergibt sich aus der
+Beseitigung der Konsuln (Plot. Crass. 10); daß der Winter 682/83 (72/71) den
+beiden Heeren am Bruttischen Wall verstrich, aus der &ldquo;Schneenacht (Plot.
+a. a. O.).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Blicken wir zurück auf die Ereignisse, die das Dezennium der sullanischen
+Restauration erfüllen. Eine gewaltige, den Lebensnerv der Nation notwendig
+berührende Gefahr war an sich in keiner der während dieser Zeit vorgekommenen
+äußeren oder inneren Bewegungen enthalten, weder in der Insurrektion des
+Lepidus, noch in den Unternehmungen der spanischen Emigranten, noch in den
+thrakisch-makedonischen und kleinasiatischen Kriegen, noch in den Piraten- und
+Sklavenaufständen; und dennoch hatte der Staat fast in all diesen Kämpfen um
+seine Existenz gefochten. Die Ursache war, daß die Aufgaben, solange sie noch
+mit Leichtigkeit lösbar waren, überall ungelöst blieben; die Vernachlässigung
+der einfachsten Vorsichtsmaßregeln erzeugte die entsetzlichsten Mißstände und
+Unglücksfälle und schuf abhängige Klassen und machtlose Könige in ebenbürtige
+Gegner um. Die Demokratie zwar, und die Sklaveninsurrektion hatte man besiegt;
+aber wie die Siege waren, ward durch sie der Sieger weder innerlich gehoben
+noch äußerlich gekräftigt. Es war keine Ehre, daß die beiden gefeiertsten
+Generale der Regierungspartei in einem achtjährigen, mit mehr Niederlagen als
+Siegen bezeichneten Kampf des Insurgentenchefs Sertorius und seiner spanischen
+Guerillas nicht Herr geworden waren, daß erst der Mordstahl seiner Freunde den
+Sertorianischen Krieg zu Gunsten der legitimen Regierung entschieden hatte. Die
+Sklaven nun gar war es viel weniger eine Ehre besiegt, als eine Schande, ihnen
+jahrelang in gleichem Kampfe gegenübergestanden zu haben. Wenig mehr als ein
+Jahrhundert war seit dem Hannibalischen Kriege verflossen; es mußte dem
+ehrbaren Römer das Blut in die Wangen treiben, wenn er den furchtbar raschen
+Rücktritt der Nation seit jener großen Zeit erwog. Damals standen die
+italischen Sklaven wie die Mauern gegen Hannibals Veteranen; jetzt stäubte die
+italische Landwehr vor den Knütteln ihrer entlaufenen Knechte wie Spreu
+auseinander. Damals machte jeder einfache Oberst im Fall der Not den Feldherrn
+und focht oft ohne Glück, doch immer mit Ehren; jetzt hielt es hart, unter all
+den vornehmen Offizieren nur einen Führer von gewöhnlicher Brauchbarkeit zu
+finden. Damals nahm die Regierung lieber den letzten Bauer vom Pflug, als daß
+sie darauf verzichtet hätte, Griechenland und Spanien zu erobern; jetzt war man
+drauf und dran, beide längst erworbene Gebiete wieder preiszugeben, nur um
+daheim der aufständischen Knechte sich erwehren zu können. Auch Spartacus
+hatte, so gut wie Hannibal, vom Po bis an die sizilische Meerenge Italien mit
+Heeresmacht durchzogen, beide Konsuln geschlagen und Rom mit der Blockade
+bedroht; wozu es gegen das ehemalige Rom des größten Feldherrn des Altertums
+bedurft hatte, das vermochte gegen das jetzige ein kecker Räuberhauptmann. War
+es ein Wunder, daß solchen Siegen über Insurgenten und Räuberführer kein
+frisches Leben entkeimte?
+</p>
+
+<p>
+Ein noch minder erfreuliches Ergebnis aber hatten die äußeren Kriege
+herausgestellt. Zwar der thrakisch-makedonische hatte, wenn kein dem
+ansehnlichen Aufwand von Menschen und Feld entsprechendes, doch auch kein
+geradezu ungünstiges Resultat gegeben. Dagegen in dem kleinasiatischen und in
+dem Piratenkrieg hatte die Regierung vollständigen Bankrott gemacht. Jener
+schloß ab mit dem Verlust der gesamten, in acht blutigen Feldzügen gemachten
+Eroberungen, dieser mit der vollständigen Verdrängung der Römer von
+&ldquo;ihrem Meer&rdquo;. Einst hatte Rom im Vollgefühl der Unwiderstehlichkeit
+seiner Landmacht das Übergewicht auch auf das zweite Element übertragen; jetzt
+war der gewaltige Staat zur See ohnmächtig und, wie es schien, im Begriff, auch
+wenigstens über den asiatischen Kontinent die Herrschaft einzubüßen. Die
+materiellen Wohltaten des staatlichen Daseins: Sicherheit der Grenzen,
+ungestörter friedlicher Verkehr, Rechtsschutz, geordnete Verwaltung, fingen an,
+alle miteinander den sämtlichen im römischen Staat vereinigten Nationen zu
+verschwinden; die segnenden Götter alle schienen zum Olymp emporgestiegen zu
+sein und die jammervolle Erde den amtlich berufenen oder freiwilligen
+Plünderern oder Peinigern überlassen zu haben. Dieser Verfall des Staats ward
+auch nicht etwa bloß von dem, der politische Rechte und Bürgersinn hatte, als
+ein öffentliches Unglück gefühlt, sondern die Proletariatsinsurrektion und die
+an die Zeiten der neapolitanischen Ferdinande erinnernde Räuber- und
+Piratenwirtschaft trugen das Gefühl dieses Verfalls in das entlegenste Tal, in
+die niedrigste Hütte Italiens, ließen ihn jeden, der Handel und Verkehr trieb,
+der nur einen Scheffel Weizen kaufte, als persönlichen Notstand empfinden.
+</p>
+
+<p>
+Wenn nach den Urhebern dieses heillosen und beispiellosen Jammers gefragt ward,
+so war es nicht schwer, mit gutem Recht gar viele deshalb anzuklagen. Die
+Sklavenwirte, deren Herz im Geldbeutel saß, die unbotmäßigen Soldaten, die bald
+feigen, bald unfähigen, bald tollkühnen Generale, die meist am falschen Ende
+hetzenden Demagogen des Marktes trugen ihren Teil der Schuld, oder vielmehr,
+wer trug an derselben nicht mit? Instinktmäßig ward es empfunden, daß dieser
+Jammer, diese Schande, diese Zerrüttung zu kolossal waren, um das Werk eines
+einzelnen zu sein. Wie die Größe des römischen Gemeinwesens nicht das Werk
+hervorragender Individuen, sondern das einer tüchtig organisierten Bürgerschaft
+gewesen ist, so ist auch der Verfall dieses gewaltigen Gebäudes nicht aus der
+verderblichen Genialität einzelner, sondern aus der allgemeinen Desorganisation
+hervorgegangen. Die große Majorität der Bürgerschaft taugte nichts und jeder
+morsche Baustein half mit zu dem Ruin des ganzen Gebäudes; es büßte die ganze
+Nation, was die ganze Nation verschuldete. Es war ungerecht, wenn man die
+Regierung als den letzten greifbaren Ausdruck des Staats für alle heilbaren und
+unheilbaren Krankheiten desselben verantwortlich machte; aber das allerdings
+war wahr, daß die Regierung in furchtbar schwerer Weise mittrug an dem
+allgemeinen Verschulden. In dem Kleinasiatischen Kriege zum Beispiel, wo kein
+einzelner der regierenden Herren sich in hervorragender Weise verfehlt,
+Lucullus sogar, militärisch wenigstens, tüchtig, ja glorreich sich geführt
+hatte, ward es nur um so deutlicher, daß die Schuld des Mißlingens in dem
+System und in der Regierung als solcher, hier zunächst in dem früheren
+schlaffen Preisgeben Kappadokiens und Syriens und in der schiefen Stellung des
+tüchtigen Feldherrn gegenüber dem keines energischen Beschlusses fähigen
+Regierungskollegium lag. Ebenso hatte in der Seepolizei der Senat den einmal
+gefaßten richtigen Gedanken einer allgemeinen Piratenjagd erst in der
+Ausführung verdorben und dann ihn gänzlich fallen lassen, um wieder nach dem
+alten törichten System gegen die Rosse des Meeres Legionen zu senden. Nach
+diesem System wurden die Expeditionen des Servilius und des Marcius nach
+Kilikien, des Metellus nach Kreta unternommen; nach diesem ließ Triarius die
+Insel Delos zum Schutz vor den Piraten mit einer Mauer umziehen. Solche
+Versuche, der Seeherrschaft sich zu versichern, erinnern an jenen persischen
+Großkönig, der das Meer mit Ruten peitschen ließ, um es sich untertänig zu
+machen. Wohl hatte also die Nation guten Grund, ihren Bankrott zunächst der
+Restaurationsregierung zur Last zu legen. Immer schon war mit der
+Wiederherstellung der Oligarchie ein ähnliches Mißregiment gekommen, nach dem
+Sturz der Gracchen wie nach dem des Marius und Saturninus; aber so gewaltsam
+und zugleich doch auch so schlaff, so verdorben und verderblich war dasselbe
+nie zuvor aufgetreten. Wenn aber eine Regierung nicht regieren kann, hört sie
+auf legitim zu sein und es hat, wer die Macht, auch das Recht, sie zu stürzen.
+Zwar ist es leider wahr, daß eine unfähige und verbrecherische Regierung lange
+Zeit das Wohl und die Ehre des Landes mit Füßen zu treten vermag, bevor die
+Männer sich finden, welche die von dieser Regierung selbst geschmiedeten
+entsetzlichen Waffen gegen sie schwingen und aus der sittlichen Empörung der
+Tüchtigen und dem Notstande der vielen die in solchem Fall legitime Revolution
+heraufbeschwören können und wollen. Aber wenn das Spiel mit dem Glücke der
+Völker ein lustiges sein mag und wohl lange Zeit hindurch ungestört gespielt
+werden kann, so ist es doch auch ein tückisches, das zu seiner Zeit die Spieler
+verschlingt; und niemand schilt dann die Axt, wenn sie dem Baum, der solche
+Früchte trägt, sich an die Wurzel legt. Für die römische Oligarchie war diese
+Zeit jetzt gekommen. Der Pontisch-Armenische Krieg und die Piratenangelegenheit
+wurden die nächsten Ursachen zum Umsturz der Sullanischen Verfassung und zur
+Einsetzung einer revolutionären Militärdiktatur.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap03"></a>KAPITEL III.<br/>
+Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius</h2>
+
+<p>
+Noch stand die Sullanische Verfassung unerschüttert. Der Sturm, den Lepidus und
+Sertorius gegen sie gewagt hatten, war mit geringer Einbuße zurückgeschlagen
+worden. Das halbfertige Gebäude mit dem energischen Geiste seines Urhebers
+auszubauen, hatte die Regierung freilich versäumt. Es zeichnet sie, daß sie die
+von Sulla zur Verteilung bestimmten, aber noch nicht von ihm selbst
+parzellierten Ländereien weder aufteilte noch auch den Anspruch auf dieselben
+geradezu aufgab, sondern die früheren Eigentümer ohne Regulierung des Titels
+vorläufig im Besitze duldete, manche noch unverteilte Strecke sullanischen
+Domaniallandes auch wohl gar von einzelnen Personen nach dem alten, durch die
+Gracchischen Reformen rechtlich und faktisch beseitigten Okkupationssystem
+willkürlich in Besitz nehmen ließ. Was den Optimaten unter den Sullanischen
+Bestimmungen gleichgültig oder unbequem war, wurde ohne Bedenken ignoriert oder
+kassiert; so die gegen ganze Gemeinden ausgesprochene Aberkennung des
+Staatsbürgerrechts; so das Verbot der Zusammenschlagung der neuen
+Bauernstellen; so manche der von Sulla einzelnen Gemeinden erteilten
+Freibriefe, natürlich ohne daß man die für diese Exemtionen gezahlten Summen
+den Gemeinden zurückgegeben hätte. Aber wenn auch diese Verletzungen der
+Ordnungen Sullas durch die Regierung selbst dazu beitrugen, die Fundamente
+seines Gebäudes zu erschüttern, waren und blieben doch die Sempronischen
+Gesetze im wesentlichen abgeschafft.
+</p>
+
+<p>
+Wohl fehlte es nicht an Männern, die die Wiederherstellung der Gracchischen
+Verfassung im Sinn trugen, und nicht an Entwürfen, um das, was Lepidus und
+Sertorius im Wege der Revolution versucht hatten, stückweise auf dem Wege
+verfassungsmäßiger Reform zu erreichen. In die beschränkte Wiederherstellung
+der Getreidespenden hatte die Regierung bereits unter dem Druck der Agitation
+des Lepidus unmittelbar nach Sullas Tode gewilligt (676 78) und sie tat ferner
+was irgend möglich war, um in dieser Lebensfrage für das hauptstädtische
+Proletariat ihm zu Willen zu sein. Als trotz jener Verteilungen die hohen,
+hauptsächlich durch die Piraterie hervorgerufenen Kornpreise eine so drückende
+Teuerung in Rom hervorriefen, daß es darüber im Jahre 679 (75) zu einem
+heftigen Straßenauflauf kam, halfen zunächst außerordentliche Ankäufe von
+sizilischem Getreide für Rechnung der Regierung der ärgsten Not ab; für die
+Zukunft aber regelte ein von den Konsuln des Jahres 681 (78) eingebrachtes
+Getreidegesetz die Ankäufe des sizilischen Getreides und gab, freilich auf
+Kosten der Provinzialen, der Regierung die Mittel, um ähnliche Mißstände besser
+zu verhüten. Aber auch die minder materiellen Differenzpunkte, die
+Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt in ihrem alten Umfang und die
+Beseitigung der senatorischen Gerichte, hörten nicht auf, Gegenstände populärer
+Agitation zu bilden, und hier leistete die Regierung nachdrücklicheren
+Widerstand. Den Streit um das tribunizische Amt eröffnete schon 678 (76),
+unmittelbar nach der Niederlage des Lepidus, der Volkstribun Lucius Sicinius,
+vielleicht ein Nachkomme des gleichnamigen Mannes, der mehr als vierhundert
+Jahre zuvor zuerst dieses Amt bekleidet hatte; allein er scheiterte an dem
+Widerstand, den der rührige Konsul Gaius Curio ihm entgegensetzte. Im Jahre 680
+(74) nahm Lucius Quinctius die Agitation wieder auf, ließ sich aber durch die
+Autorität des Konsuls Lucius Lucullus bestimmen, von seinem Vorhaben
+abzustehen. Mit größerem Eifer trat das Jahr darauf in seine Fußstapfen Gaius
+Licinius Macer, der - bezeichnend für die Zeit - in das öffentliche Leben seine
+literarischen Studien hineintrug und, wie er es in der Chronik gelesen, der
+Bürgerschaft anriet, die Konskription zu verweigern.
+</p>
+
+<p>
+Auch über die schlechte Handhabung der Rechtspflege durch die senatorischen
+Geschworenen wurden bald nur zu wohl begründete Beschwerden laut. Die
+Verurteilung eines einigermaßen einflußreichen Mannes war kaum mehr zu
+erlangen. Nicht bloß empfand der Kollege mit dem Kollegen, der gewesene oder
+künftige Angeklagte mit dem gegenwärtigen armen Sünder billiges Mitleid; auch
+die Käuflichkeit der Geschworenenstimmen war kaum noch eine Ausnahme. Mehrere
+Senatoren waren gerichtlich dieses Verbrechens überwiesen worden; auf andere
+gleich schuldige wies man mit Fingern; die angesehensten Optimaten, wie Quintus
+Catulus, räumten in offener Senatssitzung es ein, daß die Beschwerden
+vollkommen gegründet seien; einzelne besonders eklatante Fälle zwangen den
+Senat mehrmals, zum Beispiel im Jahre 680 (74), über Maßregeln gegen die
+Freiheit der Geschworenen zu deliberieren, natürlich nur so lange, bis der
+erste Lärm sich gelegt hatte und man die Sache unter das Eis gleiten lassen
+konnte. Die Folgen dieser elenden Rechtspflege zeigten sich namentlich in einem
+System der Plünderung und Peinigung der Provinzialen, mit dem verglichen selbst
+die bisherigen Frevel erträglich und gemäßigt erschienen. Das Stehlen und
+Rauben war gewissermaßen durch Gewohnheit legitim geworden; die
+Erpressungskommission konnte als eine Anstalt gelten, um die aus den Vogteien
+heimkehrenden Senatoren zu Gunsten ihrer daheimgebliebenen Kollegen zu
+besteuern. Aber als ein angesehener Sikeliote, weil er dem Statthalter nicht
+hatte zu einem Verbrechen die Hand bieten wollen, dafür von diesem abwesend und
+ungehört zum Tode verurteilt ward; als selbst römische Bürger, wenn sie nicht
+Ritter oder Senatoren waren, in der Provinz nicht mehr sicher waren vor den
+Ruten und Beilen des römischen Vogts, und die älteste Errungenschaft der
+römischen Demokratie, die Sicherheit des Leibes und Lebens, von der
+herrschenden Oligarchie anfing mit Füßen getreten zu werden: da hatte auch das
+Publikum auf dem römischen Markte ein Ohr für die Klagen über seine Vögte in
+den Provinzen und über die ungerechten Richter, die solche Untaten moralisch
+mitverschuldeten. Die Opposition unterließ es natürlich nicht, auf dem fast
+allein ihr übriggebliebenen Terrain, dem gerichtlichen, ihre Gegner
+anzugreifen. So zog der junge Gaius Caesar, der auch, soweit sein Alter es
+gestattete, sich bei der Agitation um die Wiederherstellung der tribunizischen
+Gewalt eifrig beteiligte, im Jahre 677 (77) einen der angesehensten
+Sullanischen Parteimänner, den Konsular Gnaeus Dolabella, und im folgenden Jahr
+einen andern Sullanischen Offizier, Gaius Antonius, vor Gericht; so Marcus
+Cicero 684 (70) den Gaius Verres, eine der elendesten unter den Kreaturen
+Sullas und eine der schlimmsten Geißeln der Provinzialen. Wieder und wieder
+wurden die Bilder jener finsteren Zeit der Ächtungen, die entsetzlichen Leiden
+der Provinzialen, der schmachvolle Stand der römischen Kriminalrechtspflege mit
+allem Pomp italienischer Rhetorik, mit aller Bitterkeit italienischen Spottes
+vor der versammelten Menge entfaltet und der gewaltige Tote sowie seine
+lebenden Schergen ihrem Zorn und Hohn unnachsichtlich preisgegeben. Die
+Wiederherstellung der vollen tribunizischen Gewalt, an deren Bestehen die
+Freiheit, die Macht und das Glück der Volksgemeinde wie durch uralt heiligen
+Zauber geknüpft schien, die Wiedereinführung der &ldquo;strengen&rdquo;
+Gerichte der Ritterschaft, die Erneuerung der von Sulla beseitigten Zensur zur
+Reinigung der höchsten Staatsbehörde von den faulen und schädlichen Elementen
+wurden täglich mit lautem Ruf von den Rednern der Volkspartei gefordert.
+</p>
+
+<p>
+Indes mit alledem kam man nicht weiter. Es gab Skandal und Lärm genug, aber ein
+eigentlicher Erfolg ward dadurch, daß man die Regierung nach und über Verdienst
+prostituierte, doch noch keineswegs erreicht. Die materielle Macht lag immer
+noch, solange militärische Einmischung fern blieb, in den Händen der
+hauptstädtischen Bürgerschaft; und dies &ldquo;Volk&rdquo;, das in den Gassen
+Roms sich drängte und auf dem Markt Beamte und Gesetze machte, war eben um
+nichts besser als der regierende Senat: Zwar mußte die Regierung mit der Menge
+sich abfinden, wo deren eigenes nächstes Interesse in Frage kam; dies ist die
+Ursache der Erneuerung des Sempronischen Korngesetzes. Allein daran war nicht
+zu denken, daß diese Bürgerschaft um einer Idee oder gar um einer zweckmäßigen
+Reform willen Ernst gemacht hätte. Mit Recht ward auf die Römer dieser Zeit
+angewandt, was Demosthenes von seinen Athenern sagte: daß die Leute gar eifrig
+täten, solange sie um die Rednerbühne ständen und die Vorschläge zu Reformen
+vernähmen; aber wenn sie nach Hause gekommen seien, denke keiner weiter an das,
+was er auf dem Markte gehört habe. Wie auch jene demokratischen Agitatoren die
+Flammen schürten, es half eben nichts, da der Brennstoff fehlte. Die Regierung
+wußte dies und ließ in den wichtigen Prinzipienfragen sich keinerlei
+Zugeständnis entreißen; höchstens daß sie sich dazu verstand (um 682 72), einem
+Teil der mit Lepidus landflüchtig gewordenen Leute die Amnestie zuzugestehen.
+Was von Konzessionen erfolgte, ging nicht so sehr aus dem Drängen der
+Demokratie hervor, als aus den Vermittlungsversuchen der gemäßigten
+Aristokratie. Allein von den beiden Gesetzen, die der einzige noch übrige
+Führer dieser Fraktion, Gaius Cotta, in seinem Konsulat 679 (75) durchsetzte,
+wurde das die Gerichte betreffende schon im nächsten Jahre wieder beseitigt,
+und auch das zweite, welches die Sullanische Bestimmung aufhob, daß die
+Bekleidung des Tribunats zur Übernahme anderer Magistraturen unfähig mache, die
+übrigen Beschränkungen aber bestehen ließ, erregte wie jede halbe Maßregel nur
+den Unwillen beider Parteien. Die Partei der reformistisch gesinnten
+Konservativen, die durch Cottas bald nachher (um 681 73) erfolgten frühen Tod
+ihr namhaftestes Haupt verlor, sank mehr und mehr in sich selbst zusammen,
+erdrückt zwischen den immer schroffer hervortretenden Extremen. Von diesen aber
+blieb die Partei der Regierung, schlecht und schlaff wie sie war, der gleich
+schlechten und gleich schlaffen Opposition gegenüber notwendig im Vorteil.
+</p>
+
+<p>
+Aber dies der Regierung so günstige Verhältnis änderte sich, als die
+Differenzen zwischen ihr und denjenigen ihrer Parteigänger sich schärfer
+entwickelten, deren Hoffnungen über den Ehrensitz in der Kurie und das
+aristokratische Landhaus hinaus zu höheren Zielen sich erhoben. In erster Linie
+stand hier Gnaeus Pompeius. Wohl war er Sullaner; aber es ist früher gezeigt
+worden, wie wenig er unter seiner eigenen Partei sich zurechtfand, wie von der
+Nobilität, als deren Schild und Schwert er offiziell angesehen ward, ihn doch
+seine Herkunft, seine Vergangenheit, seine Hoffnungen immer wieder schieden.
+Der schon klaffende Riß hatte während der spanischen Feldzüge (677 - 683 77 -
+71) des Feldherrn sich unheilbar erweitert. Unwillig und halb gezwungen hatte
+die Regierung ihn ihrem rechten Vertreter Quintus Metellus als Kollegen
+beigesellt; und wieder er beschuldigte, wohl nicht ohne Grund, den Senat durch
+die sei es liederliche, sei es böswillige Vernachlässigung der spanischen
+Armeen deren Niederlagen verschuldet und das Schicksal der Expedition aufs
+Spiel gesetzt zu haben. Nun kam er zurück als Sieger über die heimlichen
+Feinde, an der Spitze eines krieggewohnten und ihm ganz ergebenen Heeres, für
+seine Soldaten Landanweisungen begehrend, für sich Triumph und Konsulat. Die
+letzteren Forderungen verstießen gegen das Gesetz. Pompeius, obwohl mehrmals
+schon außerordentlicherweise mit der höchsten Amtsgewalt bekleidet, hatte noch
+kein ordentliches Amt, nicht einmal die Quästur verwaltet und war noch immer
+nicht Mitglied des Rats; und Konsul durfte nur werden, wer die Staffel der
+geringeren ordentlichen Ämter durchmessen, triumphieren nur, wer die
+ordentliche höchste Gewalt bekleidet hatte. Der Senat war gesetzlich befugt,
+ihn, wenn er um das Konsulat sich bewarb, auf die Bewerbung um die Quästur zu
+verweisen, wenn er den Triumph erbat, ihn an den großen Scipio zu erinnern, der
+unter gleichen Verhältnissen auf den Triumph über das eroberte Spanien
+verzichtet hatte. Nicht minder hing Pompeius hinsichtlich der seinen Soldaten
+versprochenen Domänen verfassungsmäßig ab von dem guten Willen des Senats.
+Indes wenn auch der Senat, wie es bei seiner Schwächlichkeit auch im Grollen
+wohl denkbar war, hierin nachgab und dem siegreichen Feldherrn für den gegen
+die Demokratenchefs geleisteten Schergendienst den Triumph, das Konsulat, die
+Landanweisungen zugestand, so war doch eine ehrenvolle Annulierung in
+ratsherrlicher Indolenz unter der langen Reihe der friedlichen senatorischen
+Imperatoren das günstigste Los, das die Oligarchie dem sechsunddreißigjährigen
+Feldherrn zu bereiten vermochte. Das, wonach sein Herz eigentlich verlangte,
+das Kommando im Mithradatischen Krieg freiwillig vom Senat bewilligt zu
+erhalten, konnte er nimmer erwarten; in ihrem eigenen wohlverstandenen
+Interesse durfte die Oligarchie es nicht zulassen, daß er den afrikanischen und
+europäischen noch die Trophäen des dritten Weltteils hinzufügte; die im Osten
+reichlich und bequem zu pflückenden Lorbeeren blieben auf jeden Fall der reinen
+Aristokratie vorbehalten. Wenn aber der gefeierte General bei der herrschenden
+Oligarchie seine Rechnung nicht fand, so blieb - da zu einer rein persönlichen,
+ausgesprochen dynastischen Politik weder die Zeit reif noch Pompeius&rsquo;
+ganze Persönlichkeit geeignet war - ihm keine andere Wahl, als mit der
+Demokratie gemeinschaftliche Sache zu machen. An die Sullanische Verfassung
+band ihn kein eigenes Interesse: er konnte seine persönlichen Zwecke auch
+innerhalb einer mehr demokratischen ebensogut, wo nicht besser verfolgen.
+Dagegen fand er alles, was er brauchte, bei der demokratischen Partei. Die
+tätigen und gewandten Führer derselben waren bereit und fähig, dem
+unbehilflichen und etwas hölzernen Helden die mühselige politische Leitung
+abzunehmen, und doch viel zu gering, um dem gefeierten Feldherrn die erste
+Rolle und namentlich die militärische Oberleitung streitig machen zu können
+oder auch nur zu wollen. Selbst der weitaus bedeutendste von ihnen, Gaius
+Caesar, war nichts als ein junger Mensch, dem seine dreisten Fahrten und
+eleganten Schulden weit mehr als seine feurige demokratische Beredsamkeit einen
+Namen gemacht hatten und der sich sehr geehrt fühlen mußte, wenn der
+weltberühmte Imperator ihm gestattete, sein politischer Adjutant zu sein. Die
+Popularität, auf welche Menschen wie Pompeius, von größeren Ansprüchen als
+Fähigkeiten, mehr Wert zu legen pflegen, als sie gern sich selber gestehen,
+mußte im höchsten Maß dem jungen General zuteil werden, dessen Übertritt der
+fast aussichtslosen Sache der Demokratie den Sieg gab. Der von ihm für sich und
+seine Soldaten geforderte Siegeslohn fand damit sich von selbst. Überhaupt
+schien, wenn die Oligarchie gestürzt ward, bei dem gänzlichen Mangel anderer
+ansehnlicher Oppositionshäupter es nur von Pompeius abzuhängen, seine weitere
+Stellung sich selber zu bestimmen. Daran aber konnte kaum gezweifelt werden,
+daß der Übertritt des Feldherrn der soeben siegreich aus Spanien heimkehrenden
+und noch in Italien geschlossen zusammenstehenden Armee zur Oppositionspartei
+den Sturz der bestehenden Ordnung zur Folge haben müsse. Regierung und
+Opposition waren gleich machtlos; sowie die letztere nicht mehr bloß mit
+Deklamationen focht, sondern das Schwert eines siegreichen Feldherrn bereit
+war, ihren Anforderungen Nachdruck zu geben, war die Regierung jedenfalls,
+vielleicht sogar ohne Kampf, überwunden.
+</p>
+
+<p>
+So sah man von beiden Seiten sich gedrängt zur Koalition. An persönlichen
+Abneigungen mochte es dort wie hier nicht fehlen; der siegreiche Feldherr
+konnte die Straßenredner unmöglich lieben, diese noch weniger den Henker des
+Carbo und Brutus mit Freuden als ihr Haupt begrüßen; indes die politische
+Notwendigkeit überwog, wenigstens für den Augenblick, jedes sittliche Bedenken.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Demokraten und Pompeius schlossen ihren Bund nicht allein. Auch Marcus
+Crassus war in einer ähnlichen Lage wie Pompeius. Obwohl Sullaner wie dieser,
+war doch auch seine Politik, ganz wie die des Pompeius, vor allem eine
+persönliche und durchaus nicht die der herrschenden Oligarchie; und auch er
+stand jetzt in Italien an der Spitze einer starken und siegreichen Armee, mit
+welcher er soeben den Sklavenaufstand niedergeschlagen hatte. Es blieb ihm die
+Wahl entweder gegen die Koalition mit der Oligarchie sich zu verbinden oder in
+die Koalition einzutreten; er wählte den letzteren und damit ohne Zweifel den
+sichereren Weg. Bei seinem kolossalen Vermögen und seinem Einfluß auf die
+hauptstädtischen Klubs war er überhaupt ein schätzbarer Bundesgenosse; unter
+den obwaltenden Umständen aber war es ein unberechenbarer Gewinn, wenn das
+einzige Heer, mit welchem der Senat den Truppen des Pompeius hätte begegnen
+können, der angreifenden Macht sich beigesellte. Die Demokraten überdies, denen
+bei der Allianz mit dem übermächtigen Feldherrn nicht wohl zu Mute sein mochte,
+sahen nicht ungern in Marcus Crassus ihm ein Gegengewicht und vielleicht einen
+künftigen Rivalen zur Seite gestellt.
+</p>
+
+<p>
+So kam im Sommer des Jahres 683 (71) die erste Koalition zustande zwischen der
+Demokratie einer- und den beiden Sullanischen Generalen Gnaeus Pompeius und
+Marcus Crassus andererseits. Beide machten das Parteiprogramm der Demokratie zu
+dem ihrigen; es ward ihnen dafür zunächst das Konsulat auf das kommende Jahr,
+Pompeius überdies der Triumph und die begehrten Landlose für seine Soldaten,
+Crassus als dem Überwinder des Spartacus wenigstens die Ehre des feierlichen
+Einzugs in die Hauptstadt zugesichert.
+</p>
+
+<p>
+Den beiden italischen Armeen, der hohen Finanz und der Demokratie, die also zum
+Sturz der Sullanischen Verfassung verbündet auftraten, hatte der Senat nichts
+gegenüberzustellen als etwa das zweite spanische Heer unter Quintus Metellus
+Pius. Allein Sulla hatte richtig vorhergesagt, daß das, was er getan, nicht zum
+zweitenmal geschehen werde: Metellus, durchaus nicht geneigt, sich in einen
+Bürgerkrieg zu verwickeln, hatte sofort nach Überschreitung der Alpen seine
+Soldaten entlassen. So blieb der Oligarchie nichts übrig, als in das
+Unvermeidliche sich zu fügen. Der Rat bewilligte die für Konsulat und Triumph
+erforderlichen Dispensationen; Pompeius und Crassus wurden, ohne Widerstand zu
+finden, zu Konsuln für das Jahr 684 (70) gewählt, während ihre Heere, angeblich
+in Erwartung des Triumphs, vor der Stadt lagerten. Noch vor dem Antritt seines
+Amtes bekannte sodann Pompeius in einer von dem Volkstribun Marcus Lollius
+Palicanus abgehaltenen Volksversammlung sich öffentlich und förmlich zu dem
+demokratischen Programm. Die Verfassungsänderung war damit im Prinzip
+entschieden.
+</p>
+
+<p>
+Allen Ernstes ging man nun an die Beseitigung der sullanischen Institutionen.
+Vor allen Dingen erhielt das tribunizische Amt wieder seine frühere Geltung.
+Pompeius selbst als Konsul brachte das Gesetz ein, das den Volkstribunen ihre
+althergebrachten Befugnisse, namentlich auch die legislatorische Initiative
+zurückgab - freilich eine seltsame Gabe aus der Hand des Mannes, der mehr als
+irgend ein Lebender dazu getan hatte, der Gemeinde ihre alten Privilegien zu
+entreißen.
+</p>
+
+<p>
+Hinsichtlich der Geschworenenstellung wurde die Bestimmung Sullas, daß das
+Verzeichnis der Senatoren als Geschworenenliste dienen solle, zwar abgeschafft;
+allein es kam doch keineswegs zu einer einfachen Wiederherstellung der
+Gracchischen Rittergerichte. Künftig, so bestimmte das neue Aurelische Gesetz,
+sollten die Geschworenenkollegien zu einem Dritteil aus Senatoren bestehen, zu
+zwei Dritteilen aus Männern vom Ritterzensus, von welchen letzteren wieder die
+Hälfte die Distriktvorsteherschaft oder das sogenannte Kassentribunat bekleidet
+haben mußte. Es war diese letzte Neuerung eine weitere, den Demokraten gemachte
+Konzession, indem hiernach wenigstens der dritte Teil der Kriminalgeschworenen
+mittelbar hervorging aus den Wahlen der Distrikte. Wenn dagegen der Senat nicht
+gänzlich aus den Gerichten verdrängt ward, so ist die Ursache davon
+wahrscheinlich teils in Crassus&rsquo; Beziehungen zum Senat zu suchen, teils
+in dem Beitritt der senatorischen Mittelpartei zu der Koalition, mit dem es
+auch wohl zusammenhängt, daß der Bruder ihres kürzlich verstorbenen Führers,
+der Prätor Lucius Cotta, dies Gesetz einbrachte.
+</p>
+
+<p>
+Nicht weniger wichtig war die Beseitigung der für Asien von Sulla festgesetzten
+Steuerordnung, welche vermutlich ebenfalls in dies Jahr fällt; der damalige
+Statthalter Asiens, Lucius Lucullus, ward angewiesen, das von Gaius Gracchus
+eingeführte Verpachtungssystem wiederherzustellen und damit der hohen Finanz
+diese wichtige Geld- und Machtquelle zurückzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Endlich ward die Zensur wieder ins Leben gerufen. Die Wahlen dafür, welche die
+neuen Konsuln kurz nach Antritt ihres Amtes anberaumten, fielen, in offenbarer
+Verhöhnung des Senats, auf die beiden Konsuln des Jahres 682 (73) Gnaeus
+Lentulus Clodianus und Lucius Genius, die wegen ihrer elenden Kriegführung
+gegen Spartacus durch den Senat vom Kommando entfernt worden waren. Es begreift
+sich, daß diese Männer alle Mittel, die ihr wichtiges und ernstes Amt ihnen zu
+Gebote stellte, in Bewegung setzten, um den neuen Machthabern zu huldigen und
+den Senat zu ärgern. Mindestens der achte Teil des Senats, vierundsechzig
+Senatoren, eine bis dahin unerhörte Zahl, wurden von der Liste gestrichen,
+darunter der einst von Gaius Caesar ohne Erfolg angeklagte Gaius Antonius und
+der Konsul des Jahres 683 (71), Publius Lentulus Sura, vermutlich auch nicht
+wenige der verhaßten Kreaturen Sullas.
+</p>
+
+<p>
+So war man mit dem Jahre 684 (70) wieder im wesentlichen zurückgekommen auf die
+vor der sullanischen Restauration bestehenden Ordnungen. Wieder ward die
+hauptstädtische Menge aus der Staatskasse, das heißt von den Provinzen
+gespeist; wieder gab die tribunizische Gewalt jedem Demagogen den gesetzlichen
+Freibrief, die staatlichen Ordnungen zu verkehren; wieder erhob der Geldadel,
+als Inhaber der Steuerpachtungen und der gerichtlichen Kontrolle über die
+Statthalter, neben der Regierung sein Haupt so mächtig wie nur je zuvor; wieder
+zitterte der Senat vor dem Wahrspruch der Geschworenen des Ritterstandes und
+vor der zensorischen Rüge. Das System Sullas, das auf die politische
+Vernichtung der kaufmännischen Aristokratie und der Demagogie die
+Alleinherrschaft der Nobilität begründet hatte, war damit vollständig über den
+Haufen geworfen. Abgesehen von einzelnen untergeordneten Bestimmungen, deren
+Abschaffung erst später nachgeholt wurde, wie zum Beispiel der Zurückgabe des
+Selbstergänzungsrechts an die Priesterkollegien, blieb von Sullas allgemeinen
+Ordnungen hiernach nichts übrig als teils die Konzessionen, die er selbst der
+Opposition zu machen notwendig gefunden hatte, wie namentlich die Anerkennung
+des römischen Bürgerrechts der sämtlichen Italiker, teils Verfügungen ohne
+schroffe Parteitendenz, an denen deshalb auch die verständigen Demokraten
+nichts auszusetzen fanden, wie unter anderm die Beschränkung der
+Freigelassenen, die Regulierung der Beamtenkompetenzen und die materiellen
+Änderungen im Kriminalrecht.
+</p>
+
+<p>
+Weniger einig als über diese prinzipiellen war die Koalition hinsichtlich der
+persönlichen Fragen, die eine solche Staatsumwälzung anregte.
+Begreiflicherweise ließen die Demokraten sich nicht genügen mit der allgemeinen
+Anerkennung ihres Programms, sondern auch sie forderten jetzt eine Restauration
+in ihrem Sinn: Wiederherstellung des Andenkens ihrer Toten, Bestrafung der
+Mörder, Rückberufung der Geächteten aus der Verbannung, Aufhebung der auf ihren
+Kindern lastenden politischen Zurücksetzung, Rückgabe der von Sulla
+eingezogenen Güter, Schadenersatz aus dem Vermögen der Erben und Gehilfen des
+Diktators. Es waren das allerdings die logischen Konsequenzen, die aus einem
+reinen Sieg der Demokratie sich ergaben; allein der Sieg der Koalition von 683
+(71) war doch weit entfernt, ein solcher zu sein. Die Demokratie gab dazu den
+Namen und das Programm, die übergetretenen Offiziere aber, vor allen Pompeius,
+die Macht und die Vollendung; und nun- und nimmermehr konnten diese zu einer
+Reaktion ihre Zustimmung geben, die nicht bloß die bestehenden Verhältnisse bis
+in ihre Grundfesten erschüttert, sondern auch schließlich sich gegen sie selbst
+gewandt haben würde - war es doch noch im frischen Andenken, welcher Männer
+Blut Pompeius vergossen, wie Crassus zu seinem ugeheuren Vermögen den Grund
+gelegt hatte. So ist es wohl erklärlich, aber auch zugleich bezeichnend für die
+Schwäche der Demokratie, daß die Koalition von 683 (71) nicht das geringste
+tat, um den Demokraten Rache oder auch nur Rehabilitation zu gewähren. Die
+nachträgliche Einforderung aller der für erstandene konfiszierte Güter noch
+rückständigen oder auch von Sulla den Käufern erlassenen Kaufgelder, welche der
+Zensor Lentulus in einem besonderen Erlaß feststellte, kann kaum als Ausnahme
+bezeichnet werden; denn wenn auch nicht wenige Sullaner dadurch in ihren
+persönlichen Interessen empfindlich verletzt wurden, so war doch die Maßregel
+selbst wesentlich eine Bestätigung der von Sulla vorgenommenen Konfiskationen.
+</p>
+
+<p>
+Sullas Werk war also zerstört; aber was nun werden sollte, war damit viel mehr
+in Frage gestellt als entschieden. Die Koalition, einzig zusammengehalten durch
+den gemeinschaftlichen Zweck, das Restaurationswerk zu beseitigen, löste sich,
+als dieser erreicht war, wenn nicht förmlich, doch der Sache nach von selber
+auf; für die Frage aber, wohin nun zunächst das Schwergewicht der Macht fallen
+sollte, schien sich eine ebenso rasche wie gewaltsame Lösung vorzubereiten. Die
+Heere des Pompeius und Crassus lagerten immer noch vor den Toren der Stadt.
+Jener hatte zwar zugesagt, nach dem Triumph (am letzten Dezember 683 71) seine
+Soldaten zu verabschieden; allein zunächst war es unterblieben, um unter dem
+Druck, den das spanische Heer vor der Hauptstadt auf diese und den Senat
+ausübte, die Staatsumwälzung ungestört zu vollenden, was denn in gleicher Weise
+auch auf die Armee des Crassus Anwendung fand. Diese Ursache bestand jetzt
+nicht mehr; aber dennoch unterblieb die Auflösung der Heere. Die Dinge nahmen
+die Wendung, als werde einer der beiden mit der Demokratie alliierten Feldherrn
+die Militärdiktatur ergreifen und Oligarchen und Demokraten in dieselben
+Fesseln schlagen. Dieser eine aber konnte nur Pompeius sein. Von Anfang an
+hatte Crassus in der Koalition eine untergeordnete Rolle gespielt; er hatte
+sich antragen müssen und verdankte selbst seine Wahl zum Konsulat hauptsächlich
+Pompeius&rsquo; stolzer Verwendung. Weitaus der stärkere, war Pompeius offenbar
+der Herr der Situation; wenn er zugriff, so schien er werden zu müssen, als was
+ihn der Instinkt der Menge schon jetzt bezeichnete: der unumschränkte Gebieter
+des mächtigsten Staates der zivilisierten Welt. Schon drängte sich die ganze
+Masse der Servilen um den künftigen Monarchen. Schon suchten die schwächeren
+Gegner eine letzte Hilfe in einer neuen Koalition; Crassus, voll alter und
+neuer Eifersucht auf den jüngeren, so durchaus ihn überflügelnden Rivalen,
+näherte sich dem Senat und versuchte, durch beispiellose Spenden die
+hauptstädtische Menge an sich zu fesseln - als ob die durch Crassus selbst
+mitgebrochene Oligarchie und der ewig undankbare Pöbel vermocht haben würden,
+gegen die Veteranen der spanischen Armee irgendwelchen Schutz zu gewähren.
+Einen Augenblick schien es, als würde es vor den Toren der Hauptstadt zwischen
+den Heeren des Pompeius und Crassus zur Schlacht kommen.
+</p>
+
+<p>
+Allein diese Katastrophe wandten die Demokraten durch ihre Einsicht und ihre
+Geschmeidigkeit ab. Auch ihrer Partei lag, ebenwie dem Senat und Crassus, alles
+daran, daß Pompeius nicht die Diktatur ergriff; aber mit richtigerer Einsicht
+in ihre eigene Schwäche und in den Charakter des mächtigen Gegners versuchten
+ihre Führer den Weg der Güte. Pompeius fehlte keine Bedingung, um nach der
+Krone zu greifen, als die erste von allen: der eigene königliche Mut. Wir haben
+den Mann früher geschildert, mit seinem Streben, zugleich loyaler Republikaner
+und Herr von Rom zu sein, mit seiner Unklarheit und Willenlosigkeit, mit
+seiner, unter dem Pochen auf selbständige Entschlüsse sich verbergenden
+Lenksamkeit. Es war dies die erste große Probe, auf die das Verhängnis ihn
+stellte; er hat sie nicht bestanden. Der Vorwand, unter dem Pompeius die
+Entlassung der Armee verweigerte, war, daß er Crassus mißtraute und darum nicht
+mit der Entlassung der Soldaten den Anfang machen könne. Die Demokraten
+bestimmten den Crassus, hierin entgegenkommende Schritte zu tun, dem Kollegen
+vor aller Augen zum Frieden die Hand zu bieten; öffentlich und insgeheim
+bestürmten sie diesen, daß er zu dem zwiefachen Verdienst, den Feind besiegt
+und die Parteien versöhnt zu haben, noch das dritte und größte fügen möge, dem
+Vaterland den inneren Frieden zu erhalten und das drohende Schreckbild des
+Bürgerkrieges zu bannen. Was nur immer auf einen eitlen, ungewandten,
+unsicheren Mann zu wirken vermag, alle Schmeichelkünste der Diplomatie, aller
+theatralische Apparat patriotischer Begeisterung wurde in Bewegung gesetzt, um
+das ersehnte Ziel zu erreichen; was aber die Hauptsache war, die Dinge hatten
+durch Crassus&rsquo; rechtzeitige Nachgiebigkeit sich so gestaltet, daß
+Pompeius nur die Wahl blieb, entweder geradezu als Tyrann von Rom auf- oder
+zurückzutreten. So gab er endlich nach und willigte in die Entlassung der
+Truppen. Das Kommando im Mithradatischen Krieg, das zu erlangen er ohne Zweifel
+hoffte, als er sich für 684 (70) zum Konsul hatte wählen lassen, konnte er
+jetzt nicht wünschen, da mit dem Feldzuge von 683 (71) Lucullus diesen Krieg in
+der Tat beendigt zu haben schien; die vom Senat in Gemäßheit des Sempronischen
+Gesetzes ihm angewiesene Konsularprovinz anzunehmen, hielt er unter seiner
+Würde, und Crassus folgte darin seinem Beispiel. So zog Pompeius, als er nach
+Entlassung seiner Soldaten am letzten Tage des Jahres 684 (70) sein Konsulat
+niederlegte, sich zunächst ganz von den öffentlichen Geschäften zurück und
+erklärte, fortan als einfacher Bürger in stiller Muße leben zu wollen. Er hatte
+sich so gestellt, daß er nach der Krone greifen mußte und, da er dies nicht
+wollte, ihm keine Rolle übrig blieb als die nichtige eines resignierenden
+Thronkandidaten.
+</p>
+
+<p>
+Der Rücktritt des Mannes, dem nach der Lage der Sachen die erste Stelle zukam,
+vom politischen Schauplatz führte zunächst ungefähr dieselbe Parteistellung
+wieder herbei, wie wir sie in der gracchischen und marianischen Epoche fanden.
+Sulla hatte dem Senat das Regiment nur befestigt, nicht gegeben; so blieb denn
+auch dasselbe, nachdem die von Sulla errichteten Bollwerke wieder gefallen
+waren, nichtsdestoweniger zunächst dem Senat, während die Verfassung freilich,
+mit der er regierte, im wesentlichen die wiederhergestellte Gracchische,
+durchdrungen war von einem der Oligarchie feindlichen Geiste. Die Demokratie
+hatte die Wiederherstellung der Gracchischen Verfassung bewirkt; aber ohne
+einen neuen Gracchus war diese ein Körper ohne Haupt, und daß weder Pompeius
+noch Crassus auf die Dauer dieses Haupt sein konnten, war an sich klar und
+durch die letzten Vorgänge noch deutlicher dargetan worden. So mußte die
+demokratische Opposition in Ermangelung eines Führers, der geradezu das Ruder
+in die Hand genommen hätte, vorläufig sich begnügen, die Regierung auf Schritt
+und Tritt zu hemmen und zu ärgern. Zwischen der Oligarchie aber und der
+Demokratie erhob sich zu neuem Ansehen die Kapitalistenpartei, welche in der
+jüngsten Krise mit der letzteren gemeinschaftliche Sache gemacht hatte, die
+aber zu sich hinüberzuziehen und an ihr ein Gegengewicht gegen die Demokratie
+zu gewinnen, die Oligarchen jetzt eifrig bemüht waren. Also von beiden Seiten
+umworben, säumten die Geldherren nicht, ihre vorteilhafte Lage sich zunutze zu
+machen und das einzige ihrer früheren Privilegien, das sie noch nicht
+zurückerlangt hatten, die dem Ritterstand reservierten vierzehn Bänke im
+Theater, sich jetzt (687 67) durch Volksschluß wiedergeben zu lassen. Im ganzen
+näherten sie, ohne mit der Demokratie schroff zu brechen, doch wieder mehr sich
+der Regierung. Schon die Beziehungen des Senats zu Crassus und seiner Klientel
+gehören in diesen Zusammenhang; hauptsächlich aber scheint ein besseres
+Verhältnis zwischen dem Senat und der Geldaristokratie dadurch hergestellt zu
+sein, daß dieser dem tüchtigsten unter den senatorischen Offizieren, Lucius
+Lucullus, auf Andringen der von demselben schwer gekränkten Kapitalisten im
+Jahre 686 (68) die Verwaltung der für diese so wichtigen Provinz Asia abnahm.
+</p>
+
+<p>
+Während aber die hauptstädtischen Faktionen miteinander des gewohnten Haders
+pflegten, bei dem denn doch nimmermehr eine eigentliche Entscheidung
+herauskommen konnte, gingen im Osten die Ereignisse ihren verhängnisvollen
+Gang, wie wir ihn früher geschildert haben, und sie waren es, die den zögernden
+Verlauf der hauptstädtischen Politik zur Krise drängten. Der Land- wie der
+Seekrieg hatte dort die ungünstigste Wendung genommen. Im Anfang des Jahres 687
+(67) war die pontische Armee der Römer aufgerieben, die armenische in voller
+Auflösung auf dem Rückzug, alle Eroberungen verloren, das Meer ausschließlich
+in der Gewalt der Piraten, die Kornpreise in Italien dadurch so in die Höhe
+getrieben, daß man eine förmliche Hungersnot befürchtete. Wohl hatten, wie wir
+sahen, die Fehler der Feldherren, namentlich die völlige Unfähigkeit des
+Admirals Marcus Antonius und die Verwegenheit des sonst tüchtigen Lucius
+Lucullus, diesen Notstand zum Teil verschuldet, wohl auch die Demokratie durch
+ihre Wühlereien zu der Auflösung des armenischen Heeres wesentlich beigetragen.
+Aber natürlich ward die Regierung jetzt für alles, was sie und was andere
+verdorben hatten, in Bausch und Bogen verantwortlich gemacht und die grollende
+hungrige Menge verlangte nur eine Gelegenheit, um mit dem Senat abzurechnen.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine entscheidende Krise. Die Oligarchie, wie auch herabgewürdigt und
+entwaffnet, war noch nicht gestürzt, dennoch lag die Führung der öffentlichen
+Angelegenheiten in den Händen des Senats; sie stürzte aber, wenn die Gegner
+diese, daß heißt namentlich die Oberleitung der militärischen Angelegenheiten,
+sich selber zueigneten; und jetzt war dies möglich. Wenn jetzt Vorschläge über
+eine andere und bessere Führung des Land- und Seekrieges an die Komitien
+gebracht wurden, so war bei der Stimmung der Bürgerschaft der Senat
+voraussichtlich nicht imstande, deren Durchsetzung zu verhindern; und eine
+Intervention der Bürgerschaft in diesen höchsten Verwaltungsfragen war
+tatsächlich die Absetzung des Senats und die Übertragung der Leitung des Staats
+an die Führer der Opposition. Wieder einmal brachte die Verkettung der Dinge
+die Entscheidung in die Hände des Pompeius. Seit mehr als zwei Jahren lebte der
+gefeierte Feldherr als Privatmann in der Hauptstadt. Seine Stimme ward im
+Rathaus wie auf dem Markte selten vernommen; dort war er nicht gern gesehen und
+ohne entscheidenden Einfluß, hier scheute er sich vor dem stürmischen Treiben
+der Parteien. Wenn er aber sich zeigte, geschah es mit dem vollständigen
+Hofstaat seiner vornehmen und geringen Klienten, und eben seine feierliche
+Zurückgezogenheit imponierte der Menge. Wenn er, an dem der volle Glanz seiner
+ungemeinen Erfolge noch unvermindert haftete, jetzt sich erbot, nach dem Osten
+abzugehen, so ward er ohne Zweifel mit aller von ihm selbst geforderten
+militärischen und politischen Machtvollkommenheit von der Bürgerschaft
+bereitwillig bekleidet. Für die Oligarchie, die in der politischen
+Militärdiktatur ihren sicheren Ruin, in Pompeius selbst seit der Koalition von
+683 (71) ihren verhaßtesten Feind sah, war dies ein vernichtender Schlag; aber
+auch der demokratischen Partei konnte dabei nicht wohl zu Mute sein. So
+wünschenswert es ihr an sich sein mußte, dem Regiment des Senats ein Ende zu
+machen, so war es doch, wenn es in dieser Weise geschah, weit weniger ein Sieg
+ihrer Partei als ein persönlicher ihres übermächtigen Verbündeten. Leicht
+konnte in diesem der demokratischen Partei ein weit gefährlicherer Gegner
+aufstehen als der Senat war. Die wenige Jahre zuvor durch die Entlassung der
+spanischen Armee und Pompeius&rsquo; Rücktritt glücklich vermiedene Gefahr
+kehrte in verstärktem Maße wieder, wenn Pompeius jetzt an die Spitze der Armeen
+des Ostens trat.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal indes griff Pompeius zu oder ließ es wenigstens geschehen, daß andere
+für ihn zugriffen. Es wurden im Jahre 687 (67) zwei Gesetzvorschläge
+eingebracht, von denen der eine außer der längst von der Demokratie geforderten
+Entlassung der ausgedienten Soldaten der asiatischen Armee die Abberufung des
+Oberfeldherrn derselben, Lucius Lucullus, und dessen Ersetzung durch einen der
+Konsuln des laufenden Jahres, Gaius Piso oder Manius Glabrio, verfügte, der
+zweite den sieben Jahre zuvor zur Reinigung der Meere von den Piraten vom Senat
+selbst aufgestellten Plan wiederaufnahm und erweiterte. Ein einziger, vom Senat
+aus den Konsularen zu bezeichnender Feldherr sollte bestellt werden, um zur See
+auf dem gesamten Mittelländischen Meer von den Säulen des Herkules bis an die
+pontische und syrische Küste ausschließlich, zu Lande über sämtliche Küsten bis
+zehn deutsche Meilen landeinwärts mit den betreffenden römischen Statthaltern
+konkurrierend, den Oberbefehl zu übernehmen. Auf drei Jahre hinaus war
+demselben das Amt gesichert. Ihn umgab ein Generalstab, wie Rom noch keinen
+gesehen hatte, von fünfundzwanzig Unterbefehlshabern senatorischen Standes,
+alle mit prätorischen Insignien und prätorischer Gewalt bekleidet, und von zwei
+Unterschatzmeistern mit quästorischen Befugnissen, sie alle erlesen durch den
+ausschließlichen Willen des höchstkommandierenden Feldherrn. Es ward demselben
+gestattet, bis zu 120000 Mann Fußvolk, 5000 Reitern, 500 Kriegsschiffen
+aufzustellen und zu dem Ende über die Mittel der Provinzen und Klientelstaaten
+unbeschränkt zu verfügen; überdies wurden die vorhandenen Kriegsschiffe und
+eine ansehnliche Truppenzahl sofort ihm überwiesen. Die Kassen des Staats in
+der Hauptstadt wie in den Provinzen sowie die der abhängigen Gemeinden sollten
+ihm unbeschränkt zu Gebot stehen und trotz der peinlichen Finanznot sofort aus
+der Staatskasse ihm eine Summe von 11 Mill. Talern (144 Mill. Sesterzen)
+ausgezahlt werden.
+</p>
+
+<p>
+Es leuchtet ein, daß durch diese Gesetzentwürfe, namentlich durch den die
+Expedition gegen die Piraten betreffenden, das Regiment des Senats über den
+Haufen fiel. Wohl waren die von der Bürgerschaft ernannten ordentlichen
+höchsten Beamten von selbst die rechten Feldherren der Gemeinde und bedurften
+auch die außerordentlichen Beamten, um Feldherren sein zu können, wenigstens
+nach strengem Recht der Bestätigung durch die Bürgerschaft; aber auf die
+Besetzung der einzelnen Kommandos stand der Gemeinde verfassungsmäßig kein
+Einfluß zu und nur entweder auf Antrag des Senats oder doch auf Antrag eines an
+sich zum Feldherrnamt berechtigten Beamten hatten bisher die Komitien hin und
+wieder hier sich eingemischt und auch die spezielle Kompetenz vergeben. Hierin
+stand vielmehr, seit es einen römischen Freistaat gab, dem Senate das
+tatsächlich entscheidende Wort zu und es war diese seine Befugnis im Laufe der
+Zeit zu endgültiger Anerkennung gelangt. Freilich hatte die Demokratie auch
+hieran schon gerüttelt; allein selbst in dem bedenklichsten der bisher
+vorgekommenen Fälle, bei der Übertragung des afrikanischen Kommandos auf Gaius
+Marius 647 (107), war nur ein verfassungsmäßig zum Feldherrnamt überhaupt
+berechtigter Beamter durch den Schluß der Bürgerschaft mit einer bestimmten
+Expedition beauftragt worden. Aber jetzt sollte die Bürgerschaft einen
+beliebigen Privatmann nicht bloß mit der außerordentlichen höchsten Amtsgewalt
+ausstatten, sondern auch mit einer bestimmt von ihr normierten Kompetenz. Daß
+der Senat diesen Mann aus der Reihe der Konsulare zu erkiesen hatte, war eine
+Milderung nur in der Form; denn die Auswahl blieb demselben nur deshalb
+überlassen, weil es eben eine Wahl nicht war und der stürmisch aufgeregten
+Menge gegenüber der Senat den Oberbefehl der Meere und Küsten schlechterdings
+keinem andern übertragen konnte als einzig dem Pompeius. Aber bedenklicher noch
+als diese prinzipielle Negierung der Senatsherrschaft war die tatsächliche
+Aufhebung derselben durch die Einrichtung eines Amtes von fast unbeschränkter
+militärischer und finanzieller Kompetenz. Während das Feldherrnamt sonst auf
+eine einjährige Frist, auf eine bestimmte Provinz, auf streng zugemessene
+militärische und finanzielle Hilfsmittel beschränkt war, war dem neuen
+außerordentlichen Amt von vornherein eine dreijährige Dauer gesichert, die
+natürlich weitere Verlängerung nicht ausschloß, war demselben der größte Teil
+der sämtlichen Provinzen, ja sogar Italien selbst, das sonst von militärischer
+Amtsgewalt frei war, untergeordnet, waren ihm die Soldaten, Schiffe, Kassen des
+Staats fast unbeschränkt zur Verfügung gestellt. Selbst der eben erwähnte
+uralte Fundamentalsatz des republikanisch-römischen Staatsrechts, daß die
+höchste militärische und bürgerliche Amtsgewalt nicht ohne Mitwirkung der
+Bürgerschaft vergeben werden könne, ward zu Gunsten des neuen Oberfeldherrn
+gebrochen: indem das Gesetz den fünfundzwanzig Adjutanten, die er sich ernennen
+würde, im voraus prätorischen Rang und prätorische Befugnisse verlieh ^1, wurde
+das höchste Amt des republikanischen Rom einem neu geschaffenen untergeordnet,
+für das den geeigneten Namen zu finden der Zukunft überlassen blieb, das aber
+der Sache nach schon jetzt die Monarchie in sich enthielt. Es war eine
+vollständige Umwälzung der bestehenden Ordnung, zu der mit diesem
+Gesetzvorschlag der Grund gelegt ward.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Die außerordentliche Amtsgewalt (pro consule, pro praetore, pro quaestore)
+konnte nach römischem Staatsrecht in dreifacher Weise entstehen. Entweder ging
+sie hervor aus dem für die nichtstädtische Amtstätigkeit geltenden Grundsatz,
+daß das Amt bis zu dem gesetzlichen Endtermin, die Amtsgewalt aber bis zum
+Eintreffen des Nachfolgers fortdauert, was der älteste, einfachste und
+häufigste Fall ist. Oder sie entstand auf dem Wege, daß die beikommenden
+Organe, namentlich die Komitien, in späterer Zeit auch wohl der Senat, einen
+nicht in der Verfassung vorgesehenen Oberbeamten ernannten, indem dieser zwar
+sonst dem ordentlichen Beamten gleichstand, aber doch zum Kennzeichen der
+Außerordentlichkeit seines Amtes sich nur &ldquo;an Prätors&rdquo; oder
+&ldquo;an Konsuls Statt&rdquo; nannte. Hierher gehören auch die in ordentlichem
+Wege zu Quästoren ernannten, dann aber außerordentlicherweise mit prätorischer
+oder gar konsularischer Amtsgewalt ausgestatteten Beamten (quaestores pro
+praetore oder pro consule), in welcher Eigenschaft zum Beispiel Publius
+Lentulus Marcellinus 679 (73) nach Kyrene (Sall. hist. 2, 39 Dietsch), Gnaeus
+Piso 689 (65) nach dem Diesseitigen Spanien (Sall. Cat. 19), Cato 696 (58) nach
+Kypros (Vell. 2, 45) gingen. Oder endlich es beruht die außerordentliche
+Amtsgewalt auf dem Mandierungsrecht des höchsten Beamten. Derselbe ist, wenn er
+seinen Amtsbezirk verläßt oder sonst behindert ist, sein Amt zu versehen,
+befugt, einen seiner Leute zu seinem Stellvertreter zu ernennen, welcher dann
+legatus pro praetore (Sall. Iug. 36-38) oder wenn die Wahl auf den Quästor
+fällt, quaestor pro praetore (Sall. Iug. 103) heißt. In gleicher Weise ist er
+befugt, wenn er keinen Quästor hat, dessen Geschäfte durch einen seines
+Gefolges versehen zu lassen, welcher dann legatus pro quaestore heißt und mit
+diesem Namen wohl zuerst auf den makedonischen Tetradrachmen des Sura,
+Unterbefehlshabers des Statthalters von Makedonien 665-667 (89-87) begegnet.
+Das aber ist dem Wesen der Mandierung zuwider und darum nach älterem
+Staatsrecht unzulässig, daß der höchste Beamte, ohne in seiner Funktionierung
+gehindert zu sein, gleich bei Antritt seines Amtes von vornherein einen oder
+mehrere seiner Untergebenen mit höchster Amtsgewalt ausstattet; und insofern
+sind die legati pro praetore des Prokonsuls Pompeius eine Neuerung und schon
+denen gleichartig, die in der Kaiserzeit eine so große Rolle spielen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Diese Maßregeln eines Mannes, der soeben noch von seiner Halbheit und Schwäche
+so auffallende Beweise geliefert hatte, befremden durch ihre durchgreifende
+Energie. Indes ist es doch wohl erklärlich, daß Pompeius diesmal entschlossener
+verfuhr als während seines Konsulats. Handelte es sich doch nicht darum, sofort
+als Monarch aufzutreten, sondern die Monarchie zunächst nur vorzubereiten durch
+eine militärische Ausnahmemaßregel, die, wie revolutionär sie ihrem Wesen nach
+war, doch noch in den Formen der bestehenden Verfassung vollzogen werden
+konnte, und die zunächst Pompeius dem alten Ziel seiner Wünsche, dem Kommando
+gegen Mithradates und Tigranes, entgegenführte. Auch gewichtige
+Zweckmäßigkeitsgründe sprachen für die Emanzipation der Militärgewalt von dem
+Senat. Pompeius konnte nicht vergessen haben, daß ein nach ganz gleichen
+Grundsätzen angelegter Plan zur Unterdrückung der Piraterie wenige Jahre zuvor
+an der verkehrten Ausführung durch den Senat gescheitert, daß der Ausgang des
+Spanischen Krieges durch die Vernachlässigung der Heere von sehen des Senats
+und dessen unverständige Finanzwirtschaft aufs höchste gefährdet worden war; er
+konnte nicht übersehen, wie die große Majorität der Aristokratie gegen ihn, den
+abtrünnigen Sullaner, gesinnt war und welchem Schicksal er entgegenging, wenn
+er als Feldherr der Regierung mit der gewöhnlichen Kompetenz sich nach dem
+Osten senden ließ. Begreiflich ist es daher, daß er als die erste Bedingung der
+Übernahme des Kommandos eine vom Senat unabhängige Stellung bezeichnete und daß
+die Bürgerschaft bereitwillig darauf einging. Es ist ferner in hohem Grade
+wahrscheinlich, daß Pompeius diesmal durch seine Umgebungen, die über sein
+Zurückweichen vor zwei Jahren vermutlich nicht wenig ungehalten waren, zu
+rascherem Handeln fortgerissen ward. Die Gesetzvorschläge über Lucullus&rsquo;
+Abberufung und die Expedition gegen die Piraten wurden eingebracht von dem
+Volkstribun Aulus Gabinius, einem ökonomisch und sittlich ruinierten Mann, aber
+einem gewandten Unterhändler, dreisten Redner und tapferen Soldaten. So wenig
+ernsthaft auch Pompeius&rsquo; Beteuerungen gemeint waren, daß er den
+Oberbefehl in dem Seeräuberkriege durchaus nicht wünsche und nur nach
+häuslicher Ruhe sich sehne, so ist doch davon wahrscheinlich so viel wahr, daß
+der kecke und bewegliche Klient, der mit Pompeius und dessen engerem Kreise im
+vertraulichen Verkehr stand und die Verhältnisse und die Menschen vollkommen
+durchschaute, seinem kurzsichtigen und unbehilflichen Patron die Entscheidung
+zum guten Teil über den Kopf nahm.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Demokratie, wie unzufrieden ihre Führer im stillen sein mochten, konnte
+doch nicht wohl öffentlich gegen den Gesetzvorschlag auftreten. Die
+Durchbringung desselben hätte sie allem Anschein nach auf keinen Fall zu
+hindern vermocht, wohl aber durch Opposition dagegen mit Pompeius offen
+gebrochen und dadurch ihn genötigt, entweder der Oligarchie sich zu nähern oder
+gar beiden Parteien gegenüber seine persönliche Politik rücksichtslos zu
+verfolgen. Es blieb den Demokraten nichts übrig, als ihre Allianz mit Pompeius,
+wie hohl sie immer war, auch diesmal noch festzuhalten und diese Gelegenheit zu
+ergreifen, um wenigstens den Senat endlich definitiv zu stürzen und aus der
+Opposition in das Regiment überzugehen, das weitere aber der Zukunft und
+Pompeius&rsquo; wohlbekannter Charakterschwäche zu überlassen. So unterstützten
+denn auch ihre Führer, der Prätor Lucius Quinctius, derselbe, der sieben Jahre
+zuvor für die Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt tätig gewesen war,
+und der gewesene Quästor Gaius Caesar, die Gabinischen Gesetzvorschläge.
+</p>
+
+<p>
+Die privilegierten Klassen waren außer sich, nicht bloß die Nobilität, sondern
+ebenso die kaufmännische Aristokratie, die auch ihre Sonderrechte durch eine so
+gründliche Staatsumwälzung bedroht fühlte und wieder einmal ihren rechten
+Patron in dem Senat erkannte. Als der Tribun Gabinius nach Einbringung seiner
+Anträge in der Kurie sich zeigte, fehlte nicht viel, daß ihn die Väter der
+Stadt mit eigenen Händen erwürgt hätten, ohne in ihrem Eifer zu erwägen, wie
+höchst unvorteilhaft diese Methode zu argumentieren für sie ablaufen wußte. Der
+Tribun entkam auf den Markt und rief die Menge auf, das Rathaus zu stürmen, als
+eben zur rechten Zeit noch die Sitzung aufgehoben ward. Der Konsul Piso, der
+Vorkämpfer der Oligarchie, der zufällig der Menge in die Hände geriet, wäre
+sicher ein Opfer der Volkswut geworden, wenn nicht Gabinius darüber zugekommen
+wäre und, um nicht durch unzeitige Freveltaten seinen gewissen Erfolg auf das
+Spiel zu stellen, den Konsul befreit hätte. Inzwischen blieb die Erbitterung
+der Menge unvermindert und fand stets neue Nahrung in den hohen Getreidepreisen
+und den zahlreichen, zum Teil ganz tollen Gerüchten, zum Beispiel, daß Lucius
+Lucullus die ihm zur Kriegführung überwiesenen Gelder teils in Rom zinsbar
+belegt, teils mit denselben den Prätor Quinctius der Sache des Volkes abwendig
+zu machen versucht habe; daß der Senat dem &ldquo;zweiten Romulus&rdquo;, wie
+man Pompeius nannte, das Schicksal des ersten ^2 zu bereiten gedenke und
+dergleichen mehr. Darüber kam der Tag der Abstimmung heran. Kopf an Kopf
+gedrängt stand die Menge auf dem Markte; bis an die Dächer hinauf waren alle
+Gebäude, von wo aus die Rednerbühne gesehen werden konnte, mit Menschen
+bedeckt. Sämtliche Kollegen des Gabinius hatten dem Senat die Interzession
+zugesagt: aber den brausenden Wogen der Massen gegenüber schwiegen alle bis auf
+den einzigen Lucius Trebellius, der sich und dem Senat geschworen hatte, lieber
+zu sterben als zu weichen. Als dieser interzedierte, unterbrach Gabinius
+sogleich die Abstimmung über seine Gesetzvorschläge und beantragte bei dem
+versammelten Volke, mit seinem widerstrebenden Kollegen zu verfahren, wie einst
+auf Tiberius Gracchus&rsquo; Antrag mit dem Octavius verfahren war, das heißt
+ihn sofort seines Amtes zu entsetzen. Es ward abgestimmt und die Verlesung der
+Stimmtafeln begann; als die ersten siebzehn Bezirke, die zur Verlesung kamen,
+sich für den Antrag erklärten und die nächste bejahende Stimme demselben die
+Majorität gab, zog Trebellius, seines Eides vergessend, die Interzession
+kleinmütig zurück. Vergeblich bemühte sich darauf der Tribun Otho zu bewirken,
+daß wenigstens die Kollegialität gewahrt und statt eines Feldherrn zwei gewählt
+werden möchten; vergeblich strengte der hochbejahrte Quintus Catulus, der
+geachtetste Mann im Senat, seine letzten Kräfte dafür an, daß die
+Unterfeldherren nicht vom Oberfeldherrn ernannt, sondern vom Volke gewählt
+werden möchten. Otho konnte in dem Toben der Menge nicht einmal sich Gehör
+verschaffen; dem Catulus verschaffte es Gabinius&rsquo; wohlberechnete
+Zuvorkommenheit, und in ehrerbietigem Schweigen horchte die Menge den Worten
+des Greises; aber verloren waren sie darum nicht minder. Die Vorschläge wurden
+nicht bloß mit allen Klauseln unverändert zum Gesetz erhoben, sondern auch, was
+Pompeius noch im einzelnen nachträglich begehrte, augenblicklich und
+vollständig bewilligt.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^2 Der Sage nach ward König Romulus von den Senatoren in Stücke zerrissen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Mit hochgespannten Hoffnungen sah man die beiden Feldherren Pompeius und
+Glabrio nach ihren Bestimmungsorten abgehen. Die Kornpreise waren nach dem
+Durchgehen der Gabinischen Gesetze sogleich auf die gewöhnlichen Sätze
+zurückgegangen: ein Beweis, welche Hoffnungen an die großartige Expedition und
+ihren ruhmvollen Führer sich knüpften. Sie wurden, wie später erzählt wird,
+nicht bloß erfüllt, sondern übertroffen; in drei Monaten war die Säuberung der
+Meere vollendet. Seit dem Hannibalischen Kriege war die römische Regierung
+nicht mit solcher Energie nach außen hin aufgetreten; gegenüber der schlaffen
+und unfähigen Verwaltung der Oligarchie hatte die demokratisch-militärische
+Opposition auf das glänzendste ihren Beruf dargetan, die Zügel des Staates zu
+fassen und zu lenken. Die ebenso unpatriotischen wie ungeschickten Versuche des
+Konsuls Piso, den Anstalten des Pompeius zu Unterdrückung der Piraterie im
+Narbonensischen Gallien kleinliche Hindernisse in den Weg zu legen, steigerten
+nur die Erbitterung der Bürgerschaft gegen die Oligarchie und ihren
+Enthusiasmus für Pompeius: einzig dessen persönliche Dazwischenkunft
+verhinderte es, daß die Volksversammlung nicht den Konsul kurzweg seines Amtes
+entsetzte.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war auf dem asiatischen Festland die Verwirrung nur noch ärger
+geworden. Glabrio, der an Lucullus&rsquo; Stelle den Oberbefehl gegen
+Mithradates und Tigranes übernehmen sollte, war in Vorderasien sitzen geblieben
+und hatte zwar durch verschiedene Proklamationen die Soldaten gegen Lucullus
+aufgestiftet, aber den Oberbefehl nicht angetreten, so daß Lucullus denselben
+fortzuführen gezwungen war. Gegen Mithradates war natürlich nichts geschehen;
+die pontischen Reiter plünderten ungescheut und ungestraft in Bithynien und
+Kappadokien. Durch den Piratenkrieg war auch Pompeius veranlaßt worden, sich
+mit seinem Heer nach Kleinasien zu begeben; nichts lag näher, als ihm den
+Oberbefehl in dem Pontisch-Armenischen Kriege zu übertragen, dem er selbst seit
+langem nachtrachtete. Allein die demokratische Partei in Rom teilte
+begreiflicherweise die Wünsche ihres Generals nicht und hütete sich wohl,
+hierin die Initiative zu ergreifen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie den
+Gabinius bestimmt hatte, den Mithradatischen und den Piratenkrieg nicht von
+vornherein beide zugleich an Pompeius, sondern den ersteren an Glabrio zu
+übertragen; auf keinen Fall konnte sie jetzt die Ausnahmestellung des schon
+allzumächtigen Feldherrn steigern und verewigen wollen. Auch Pompeius selbst
+verhielt nach seiner Gewohnheit sich leidend, und vielleicht wäre er in der Tat
+nach Vollziehung des ihm gewordenen Auftrags heimgekehrt, wenn nicht ein allen
+Parteien unerwarteter Zwischenfall eingetreten wäre. Ein gewisser Gaius
+Manilius, ein ganz nichtiger und unbedeutender Mensch, hatte als Volkstribun es
+durch seine ungeschickten Gesetzvorschläge zugleich mit der Aristokratie und
+der Demokratie verdorben. In der Hoffnung, sich unter des mächtigen Feldherrn
+Flügeln zu bergen, wenn er diesem verschaffe, was er, wie jedem bekannt war,
+sehnlichst wünschte, aber doch zu fordern sich nicht getraute, stellte er bei
+der Bürgerschaft den Antrag, die Statthalter Glabrio aus Bithynien und Pontos,
+Marcius Rex aus Kilikien abzuberufen und diese Ämter sowie die Führung des
+Krieges im Osten, wie es scheint ohne bestimmte Zeitgrenze und jedenfalls mit
+der freiesten Befugnis, Frieden und Bündnis zu schließen, dem Prokonsul der
+Meere und Küsten neben seinem bisherigen Amte zu übertragen (Anfang 688 66). Es
+zeigte hier sich einmal recht deutlich, wie zerrüttet die römische
+Verfassungsmaschine war, seit die gesetzgeberische Gewalt teils der Initiative
+nach jedem noch so geringen Demagogen, und der Beschlußfassung nach der
+unmündigen Menge in die Hände gegeben, teils auf die wichtigsten
+Verwaltungsfragen erstreckt war. Der Manilische Vorschlag war keiner der
+politischen Parteien genehm; dennoch fand er kaum irgendwo ernstlichen
+Widerstand. Die demokratischen Führer konnten aus denselben Gründen, die sie
+gezwungen hatten, das Gabinische Gesetz sich gefallen zu lassen, es nicht
+wagen, sich dem Manilischen geradezu zu widersetzen; sie verschlossen ihren
+Unwillen und ihre Besorgnisse in sich und redeten öffentlich für den Feldherrn
+der Demokratie. Die gemäßigten Optimaten erklärten sich für den Manilischen
+Antrag, weil nach dem Gabinischen Gesetz der Widerstand auf jeden Fall
+vergeblich war und weiterblickende Männer schon damals erkannten, daß es für
+den Senat die richtige Politik sei, sich Pompeius möglichst zu nähern und bei
+dem vorauszusehenden Bruch zwischen ihm und den Demokraten ihn auf ihre Seite
+hinüberzuziehen. Die Männer des Schaukelsystems endlich segneten den Tag, wo
+auch sie eine Meinung zu haben scheinen und entschieden auftreten konnten, ohne
+es mit einer der Parteien zu verderben - es ist bezeichnend, daß mit der
+Verteidigung des Manilischen Antrags Marcus Cicero zuerst die politische
+Rednerbühne betrat. Einzig die strengen Optimaten, Quintus Catulus an der
+Spitze, zeigten wenigstens Farbe und sprachen gegen den Vorschlag. Natürlich
+wurde derselbe mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Majorität zum Gesetz
+erhoben. Pompeius erhielt dadurch zu seiner früheren ausgedehnten Machtfülle
+noch die Verwaltung der wichtigsten kleinasiatischen Provinzen, so daß es
+innerhalb der weiten römischen Grenzen kaum noch einen Fleck Landes gab, der
+ihm nicht gehorcht hätte, und die Führung eines Krieges, von dem man, wie von
+Alexanders Heerfahrt, wohl sagen konnte, wo und wann er begann, aber nicht, wo
+und wann er enden möge. Niemals noch, seit Rom stand, war solche Gewalt in den
+Händen eines einzigen Mannes vereinigt gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Die Gabinisch-Manilischen Anträge beendigten den Kampf zwischen dem Senat und
+der Popularpartei, den vor siebenundsechzig Jahren die Sempronischen Gesetze
+begonnen hatten. Wie die Sempronischen Gesetze die Revolutionspartei zunächst
+als politische Opposition konstituierten, so ging dieselbe mit den
+Gabinisch-Manilischen über aus der Opposition in das Regiment; und wie es ein
+großartiger Moment gewesen war, als mit der vergeblichen Interzession des
+Octavius der erste Bruch in die bestehende Verfassung geschah, so war es nicht
+minder ein bedeutungsvoller Augenblick, als mit dem Rücktritt des Trebellius
+das letzte Bollwerk des senatorischen Regiments zusammenbrach. Auf beiden
+Seiten ward dies wohl empfunden, und selbst die schlaffen Senatorenseelen
+zuckten auf in diesem Todeskampf; aber es lief doch die Verfassungsfehde in gar
+anderer und gar viel kümmerlicherer Weise zu Ende, als sie angefangen hatte.
+Ein in jedem Sinne adliger Jüngling hatte die Revolution eröffnet; sie ward
+beschlossen durch kecke Intriganten und Demagogen des niedrigsten Schlages.
+Wenn andererseits die Optimaten mit gemessenem Widerstand, mit einer selbst auf
+den verlorenen Posten ernst ausharrenden Verteidigung begonnen hatten, so
+endigten sie mit der Initiative zum Faustrecht, mit großwortiger Schwäche und
+jämmerlichem Eidbruch. Es war nun erreicht, was einst als ein kecker Traum
+erschienen war: der Senat hatte aufgehört zu regieren. Aber wenn die einzelnen
+alten Männer, die noch die ersten Stürme der Revolution gesehen, die Worte der
+Gracchen vernommen hatten, jene Zeit und diese miteinander verglichen, so
+fanden sie alles inzwischen verändert, Landschaft und Bürgerschaft, Staatsrecht
+und Kriegszucht, Leben und Sitte, und wohl mochte schmerzlich lächeln, wer die
+Ideale der Gracchenzeit mit ihrer Realisierung verglich. Indes solche
+Betrachtungen gehörten der Vergangenheit an. Für jetzt und wohl auch für die
+Zukunft war der Sturz der Aristokratie eine vollendete Tatsache. Die Oligarchen
+glichen einer vollständig aufgelösten Armee, deren versprengte Haufen noch eine
+andere Heeresmasse verstärken, aber selbst nirgends mehr das Feld halten, noch
+auf eigene Rechnung ein Gefecht wagen konnten. Aber indem der alte Kampf zu
+Ende lief, bereitete zugleich ein neuer sich vor: der Kampf der beiden bisher
+zum Sturz der aristokratischen Staatsverfassung verbündeten Mächte, der
+bürgerlich demokratischen Opposition und der immer übermächtiger aufstrebenden
+Militärgewalt. Pompeius&rsquo; Ausnahmestellung war schon nach dem Gabinischen,
+um wie viel mehr nach dem Manilischen Gesetz mit einer republikanischen
+Staatsordnung unvereinbar. Er war, wie schon damals die Gegner mit gutem Grund
+sagten, durch das Gabinische Gesetz nicht zum Admiral, sondern zum
+Reichsregenten bestellt worden; nicht mit Unrecht heißt er einem mit den
+östlichen Verhältnissen vertrauten Griechen &ldquo;König der Könige&rdquo;.
+Wenn er dereinst, wiederum siegreich und mit erhöhtem Ruhm, mit gefüllten
+Kassen, mit schlagfertigen und ergebenen Truppen zurückkehrt aus dem Osten,
+nach der Krone die Hand ausstreckte - wer wollte dann ihm in den Arm fallen?
+Sollte etwa gegen den ersten Feldherrn seiner Zeit und seine erprobten Legionen
+der Konsular Quintus Catulus die Senatoren aufbieten? Oder der designierte Ädil
+Gaius Caesar die städtische Menge, deren Augen er soeben an seinen
+dreihundertzwanzig silbergerüsteten Fechterpaaren geweidet hatte? Bald werde
+man, rief Catulus, abermals auf die Felsen des Kapitols flüchten müssen, um die
+Freiheit zu retten. Es war nicht die Schuld des Propheten, wenn der Sturm
+nicht, wie er meinte, von Osten kam, sondern das Schicksal, buchstäblicher als
+er selbst es ahnte seine Worte erfüllend, das vernichtende Unwetter wenige
+Jahre später aus dem Keltenland heranführte.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap04"></a>KAPITEL IV.<br/>
+Pompeius und der Osten</h2>
+
+<p>
+Wir haben früher gesehen, wie trostlos im Osten zu Lande und zur See die
+Angelegenheiten Roms standen, als im Anfang des Jahres 687 (67) Pompeius
+zunächst die Führung des Krieges gegen die Piraten mit beinahe unumschränkter
+Machtvollkommenheit übernahm. Er begann damit, das ungeheure ihm überwiesene
+Gebiet in dreizehn Bezirke zu teilen und jeden derselben einem seiner
+Unterfeldherren zu überweisen, um daselbst Schiffe und Mannschaften zu rüsten,
+die Küsten abzusuchen und die Piratenboote aufzubringen oder einem der Kollegen
+ins Garn zu jagen. Er selbst ging mit dem besten Teil der vorhandenen
+Kriegsschiffe, unter denen auch diesmal die rhodischen sich auszeichneten, früh
+im Jahr in See und reinigte zunächst die sizilischen, afrikanischen und
+sardischen Gewässer, um vor allem die Getreidezufuhr aus diesen Provinzen nach
+Italien wieder in Gang zu bringen. Für die Säuberung der spanischen und
+gallischen Küsten sorgten inzwischen die Unterfeldherren. Es war bei dieser
+Gelegenheit, daß der Konsul Gaius Piso von Rom aus die Aushebungen zu hemmen
+versuchte, welche Pompeius&rsquo; Legat Marcus Pomponius kraft des Gabinischen
+Gesetzes in der Provinz Narbo veranstaltete - ein unkluges Beginnen, dem zu
+steuern und zugleich die gerechte Erbitterung der Menge gegen den Konsul in den
+gesetzlichen Schranken zu halten Pompeius vorübergehend wieder in Rom erschien.
+Als nach vierzig Tagen im westlichen Becken des Mittelmeers die Schiffahrt
+überall freigemacht war, ging Pompeius mit seinen sechzig besten Fahrzeugen
+weiter in das östliche Meer, zunächst nach dem Ur- und Hauptsitz der Piraterie,
+den lykischen und kilikischen Gewässern. Auf die Kunde von dem Herannahen der
+römischen Flotte verschwanden nicht bloß die Piratenkähne überall von der
+offenen See; auch die starken lykischen Festen Antikragos und Kragos ergaben
+sich, ohne ernstlichen Widerstand zu leisten. Mehr noch als die Furcht öffnete
+Pompeius&rsquo; wohlberechnete Milde die Tore dieser schwer zugänglichen
+Seeburgen. Seine Vorgänger hatten jeden gefangenen Seeräuber ans Kreuz heften
+lassen; er gab ohne Bedenken allen Quartier und behandelte namentlich die auf
+den genommenen Piratenbooten vorgefundenen gemeinen Ruderer mit ungewohnter
+Nachsicht. Nur die kühnen kilikischen Seekönige wagten einen Versuch,
+wenigstens ihre eigenen Gewässer mit den Waffen gegen die Römer zu behaupten:
+nachdem sie ihre Kinder und Frauen und ihre reichen Schätze in die
+Bergschlösser des Taurus geflüchtet hatten, erwarteten sie die römische Flotte
+an der Westgrenze Kilikiens, auf der Höhe von Korakesion. Aber Pompeius&rsquo;
+wohlbemannte und mit allem Kriegszeug wohlversehene Schiffe erfochten hier
+einen vollständigen Sieg. Ohne weiteres Hindernis landete er darauf und begann
+die Bergschlösser der Korsaren zu stürmen und zu brechen, während er fortfuhr,
+ihnen selbst als Preis der Unterwerfung Freiheit und Leben zu bieten. Bald gab
+die große Menge es auf, in ihren Burgen und Bergen einen hoffnungslosen Krieg
+fortzusetzen und bequemte sich zur Ergebung. Neunundvierzig Tage nachdem
+Pompeius in der östlichen See erschienen, war Kilikien unterworfen und der
+Krieg zu Ende. Die rasche Überwältigung der Piraterie war eine große
+Erleichterung, aber keine großartige Tat: mit den Hilfsmitteln des römischen
+Staates, die in verschwenderischem Maße waren aufgeboten worden, konnten die
+Korsaren so wenig sich messen als die vereinigten Diebesbanden einer großen
+Stadt mit einer wohlorganisierten Polizei. Es war naiv, eine solche Razzia als
+einen Sieg zu feiern. Aber verglichen mit dem langjährigen Bestehen und der
+grenzenlosen, täglich weiter um sich greifenden Ausdehnung des Übels ist es
+erklärlich, daß die überraschend schnelle Überwältigung der gefürchteten
+Piraten auf das Publikum den gewaltigsten Eindruck machte; um so mehr, da dies
+die erste Probe des in einer Hand zentralisierten Regiments war und die
+Parteien gespannt darauf harrten, ob es verstehen werde, besser als das
+kollegialische zu regieren. Gegen 400 Schiffe und Boote, darunter 90
+eigentliche Kriegsfahrzeuge, wurden teils von Pompeius genommen, teils ihm
+ausgeliefert; im ganzen sollen an 1300 Piratenfahrzeuge zugrunde gerichtet und
+außerdem die reichgefüllten Arsenale und Zeughäuser der Flibustier in Flammen
+aufgegangen sein. Von den Seeräubern waren gegen 10000 umgekommen, über 20000
+dem Sieger lebend in die Hände gefallen, wogegen Publius Clodius, der
+Flottenführer der in Kilikien stehenden römischen Armee, und eine Menge anderer
+von den Piraten weggeführter, zum Teil daheim längst tot geglaubter Individuen
+durch Pompeius ihre Freiheit wiedererlangten. Im Sommer 687 (67), drei Monate
+nach dem Beginn des Feldzugs, gingen Handel und Wandel wieder ihren gewohnten
+Gang und anstatt der früheren Hungersnot herrschte in Italien Überfluß.
+</p>
+
+<p>
+Ein verdrießliches Zwischenspiel auf der Insel Kreta trübte indes einigermaßen
+diesen erfreulichen Erfolg der römischen Waffen. Dort stand schon im zweiten
+Jahre Quintus Metellus, beschäftigt, die im wesentlichen bereits bewirkte
+Unterwerfung der Insel zu vollenden, als Pompeius in den östlichen Gewässern
+erschien. Eine Kollision lag nahe, denn nach dem Gabinischen Gesetz erstreckte
+sich Pompeius&rsquo; Kommando konkurrierend mit dem des Metellus auf die ganze
+Ianggestreckte, aber nirgends über zwanzig deutsche Meilen breite Insel; doch
+war Pompeius so rücksichtsvoll, sie keinem seiner Unterbefehlshaber zu
+überweisen. Allein die noch widerstrebenden kretischen Gemeinden, die ihre
+unterworfenen Landsleute von Metellus mit der grausamsten Strenge zur
+Verantwortung hatten ziehen sehen und dagegen die milden Bedingungen vernahmen,
+welche Pompeius den ihm sich ergebenden Ortschaften des südlichen Kleinasiens
+zu stellen pflegte, zogen es vor, ihre Gesamtunterwerfung an Pompeius
+einzugeben, der sie auch in Pamphylien, wo er eben sich befand, von ihren
+Gesandten entgegennahm und ihnen seinen Legaten Lucius Octavius mitgab, um
+Metellus den Abschluß der Verträge anzuzeigen und die Städte zu übernehmen.
+Kollegialisch war dies Verfahren freilich nicht; allein das formelle Recht war
+durchaus auf seiten des Pompeius und Metellus im offenbarsten Unrecht, wenn er,
+den Vertrag der Städte mit Pompeius vollständig ignorierend, dieselben als
+feindliche zu behandeln fortfuhr. Vergeblich protestierte Octavius; vergeblich
+rief er, da er selbst ohne Truppen gekommen war, aus Achaia den dort stehenden
+Unterfeldherrn des Pompeius, Lucius Sisenna, herbei; Metellus, weder um
+Octavius noch um Sisenna sich bekümmernd, belagerte Eleutherna und nahm Lappa
+mit Sturm, wo Octavius selbst gefangengenommen und beschimpft entlassen, die
+mit ihm gefangenen Kreter aber dem Henker überliefert wurden. So kam es zu
+förmlichen Gefechten zwischen Sisennas Truppen, an deren Spitze nach dieses
+Führers Tode sich Octavius stellte, und denen des Metellus; selbst als jene
+nach Achaia zurückkommandiert worden waren, setzte Octavius in Gemeinschaft mit
+dem Kreter Aristion den Krieg fort, und Hierapytna, wo beide sich hielten, ward
+von Metellus erst nach der hartnäckigsten Gegenwehr bezwungen.
+</p>
+
+<p>
+In der Tat hatte damit der eifrige Optimat Metellus gegen den Oberfeldherrn der
+Demokratie auf eigene Hand den förmlichen Bürgerkrieg begonnen; es zeugt von
+der unbeschreiblichen Zerrüttung der römischen Staatsverhältnisse, daß diese
+Auftritte zu nichts weiterem führten als zu einer bitteren Korrespondenz
+zwischen den beiden Generalen, die ein paar Jahre darauf wieder friedlich und
+sogar &ldquo;freundschaftlich&rdquo; nebeneinander im Senate saßen.
+</p>
+
+<p>
+Pompeius stand während dieser Vorgänge in Kilikien; für das nächste Jahr, wie
+es schien, einen Feldzug vorbereitend gegen die Kretenser oder vielmehr gegen
+Metellus, in der Tat des Winkes harrend, der ihn zum Eingreifen in die
+gründlich verwirrten Angelegenheiten des kleinasiatischen Kontinents berief.
+Was von Lucullus&rsquo; Heer nach den erlittenen Verlusten und der
+Verabschiedung der Fimbrianischen Legionen noch übrig war, stand untätig am
+oberen Halys in der Landschaft der Trokmer an der Grenze des pontischen
+Gebietes. Den Oberbefehl führte einstweilen immer noch Lucullus, da sein
+ernannter Nachfolger Glabrio fortfuhr, in Vorderasien zu säumen. Ebenso untätig
+lagerten in Kilikien die drei von Quintus Marcius Rex befehligten Legionen. Das
+pontische Gebiet war wieder ganz in der Gewalt des Königs Mithradates, der die
+einzelnen Männer und Gemeinden, die den Römern sich angeschlossen hatten, wie
+zum Beispiel die Stadt Eupatoria, mit grausamer Strenge ihren Abfall büßen
+ließ. Zu einer ernsten Offensive gegen die Römer schritten die Könige des
+Ostens nicht, sei es daß sie überhaupt nicht in ihrem Plan lag, sei es, was
+auch behauptet wurde, daß Pompeius&rsquo; Landung in Kilikien die Könige
+Mithradates und Tigranes bewog, von weiterem Vorgehen abzustehen. Rascher als
+Pompeius selbst es gehofft haben mochte, verwirklichte das Manilische Gesetz
+seine im stillen genährten Hoffnungen: Glabrio und Rex wurden abberufen und die
+Statthalterschaften Pontus-Bithynien und Kilikien mit den darin stehenden
+Truppen sowie die Führung des Pontisch-Armenischen Krieges nebst der Befugnis,
+mit den Dynasten des Ostens nach eigenem Gutdünken Krieg, Frieden und Bündnis
+zu machen, auf Pompeius übertragen. Über die Aussicht auf so reiche Ehren und
+Spolien vergaß Pompeius gern die Züchtigung eines übellaunigen und seine
+sparsamen Lorbeerblätter neidisch hütenden Optimaten, gab den Zug gegen Kreta
+und die fernere Verfolgung der Korsaren auf und bestimmte auch seine Flotte zu
+Unterstützung des Angriffs, den er gegen die Könige von Pontus und Armenien
+entwarf. Doch verlor er über diesen Landkrieg die immer wieder aufs neue ihr
+Haupt erhebende Piraterie keineswegs völlig aus den Augen. Ehe er Asien verließ
+(691 63), ließ er daselbst noch die nötigen Schiffe gegen die Korsaren instand
+setzen; auf seinen Antrag ward das Jahr darauf für Italien eine ähnliche
+Maßregel beschlossen und die dazu nötige Summe vom Senat bewilligt. Man fuhr
+fort, die Küsten mit Reiterbesatzungen und kleinen Geschwadern zu decken. Wenn
+man auch, wie schon die später zu erwähnenden Expeditionen gegen Kypros 696
+(58) und gegen Ägypten 699 (55) beweisen, der Piraterie nicht durchaus Herr
+ward, so hat dieselbe doch nach der Expedition des Pompeius unter allen
+Wechselfällen und politischen Krisen Roms niemals wieder so ihr Haupt
+emporheben und so völlig die Römer an der See verdrängen können, wie es unter
+dem Regiment der verrotteten Oligarchie geschehen war.
+</p>
+
+<p>
+Die wenigen Monate, die vor dem Beginn des kleinasiatischen Feldzugs noch übrig
+waren, wurden von dem neuen Oberfeldherrn mit angestrengter Tätigkeit zu
+diplomatischen und militärischen Vorbereitungen benutzt. Es gingen Gesandte an
+Mithradates, mehr um zu kundschaften, als um eine ernstliche Vermittlung zu
+versuchen. Am pontischen Hofe hoffte man, daß der König der Parther, Phraates,
+durch die letzten bedeutenden Erfolge, die die Verbündeten über Rom
+davongetragen hatten, sich zum Eintritt in das pontisch-armenische Bündnis
+bestimmen lassen werde. Dem entgegenzuwirken gingen römische Boten an den Hof
+von Ktesiphon; und ihnen kamen die inneren Wirren zu Hilfe, die das armenische
+Herrscherhaus zerrissen. Des Großkönigs Tigranes gleichnamiger Sohn hatte sich
+gegen seinen Vater empört, sei es daß er den Tod des Greises nicht abwarten
+mochte, sei es daß der Argwohn desselben, der schon mehreren seiner Brüder das
+Leben gekostet hatte, ihn die einzige Möglichkeit der Rettung in der offenen
+Empörung sehen ließ. Vom Vater überwunden, hatte er mit einer Anzahl vornehmer
+Armenier sich an den Hof des Arsakiden geflüchtet und intrigierte dort gegen
+den Vater. Es war zum Teil sein Werk, daß Phraates den Lohn für den Beitritt,
+der ihm von beiden Seiten geboten ward, den gesicherten Besitz Mesopotamiens,
+lieber aus der Hand der Römer nahm und den mit Lucullus hinsichtlich der
+Euphratgrenze abgeschlossenen Vertrag mit Pompeius erneuerte, ja sogar darauf
+einging, mit den Römern gemeinschaftlich gegen Armenien zu operieren. Noch
+größeren Schaden als durch die Förderung des Bündnisses zwischen den Römern und
+den Parthern tat der jüngere Tigranes den Königen Tigranes und Mithradates
+dadurch, daß sein Aufstand eine Spaltung zwischen ihnen selbst hervorrief. Der
+Großkönig näherte im geheimen den Argwohn, daß der Schwiegervater bei der
+Schilderhebung seines Enkels - die Mutter des jüngeren Tigranes, Kleopatra, war
+die Tochter Mithradats - die Hand im Spiel gehabt haben möge, und wenn es auch
+darüber nicht zum offenen Bruch kam, so war doch das gute Einverständnis der
+beiden Monarchen eben in dem Augenblick gestört, wo sie desselben am
+dringendsten bedurften.
+</p>
+
+<p>
+Zugleich betrieb Pompeius die Rüstungen mit Energie. Die asiatischen Bundes-
+und Klientelgemeinden wurden gemahnt, den vertragsmäßigen Zuzug zu leisten.
+Öffentliche Anschläge forderten die entlassenen Veteranen der Legionen Fimbrias
+auf, als Freiwillige wieder unter die Fahnen zurückzutreten, und durch große
+Versprechungen und den Namen des Pompeius ließ ein ansehnlicher Teil derselben
+in der Tat sich bestimmen, dem Rufe zu folgen. Die gesamte Streitmacht, die
+unter Pompeius&rsquo; Befehlen vereinigt war, mochte mit Ausschluß der
+Hilfsvölker sich auf etwa 40-50000 Mann belaufen ^1.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Pompeius verteilte unter seine Soldaten und Offiziere als Ehrengeschenk 384
+Mill. Sesterzen (= 16000 Talente; App. Mithr. 116); da die Offiziere 100 Mill.
+empfingen (Plin. nat. 37, 2, 16), von den gemeinen Soldaten aber jeder 6000
+Sesterzen (Plin., App.), so zählte das Heer noch bei dem Triumph etwa 40000
+Mann.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Im Frühjahr 688 (66) begab sich Pompeius nach Galatien, um den Oberbefehl über
+die Truppen Luculls zu übernehmen und mit ihnen in das pontische Gebiet
+einzurücken, wohin die kilikischen Legionen angewiesen waren zu folgen. In
+Danala, einer Ortschaft der Trokmer, trafen die beiden Feldherren zusammen; die
+Versöhnung aber, die die beiderseitigen Freunde zu bewirken gehofft hatten,
+ward nicht erreicht. Die einleitenden Höflichkeiten gingen bald über in bittere
+Erörterungen und diese in heftigen Wortwechsel; man schied verstimmter, als man
+gekommen war. Da Lucullus fortfuhr, gleich als wäre er noch im Amte,
+Ehrengeschenke zu machen und Ländereien zu verteilen, so erklärte Pompeius alle
+nach seinem Eintreffen von seinem Amtsvorgänger vollzogenen Handlungen für
+nichtig. Formell war er in seinem Recht; sittlichen Takt in der Behandlung
+eines verdienten und mehr als genug gekränkten Gegners durfte man bei ihm nicht
+suchen.
+</p>
+
+<p>
+Sowie es die Jahreszeit erlaubte, überschritten die römischen Truppen die
+pontische Grenze. Gegen sie stand hier mit 30000 Mann zu Fuß und 3000 Reitern
+König Mithradates. Im Stich gelassen von seinen Verbündeten und mit verstärkter
+Macht und Energie von Rom angegriffen, machte er einen Versuch, Frieden zu
+erwirken; allein von unbedingter Unterwerfung, die Pompeius forderte, wollte er
+nichts hören - was konnte der unglücklichste Feldzug ihm Schlimmeres bringen?
+Um sein Heer, größtenteils Schützen und Reiter, nicht dem furchtbaren Stoß der
+römischen Linieninfanterie preiszugeben, wich er langsam vor dem Feinde zurück
+und nötigte die Römer, ihm auf seinen Kreuz- und Quermärschen zu folgen, wobei
+er, wo Gelegenheit dazu war, mit seiner überlegenen Reiterei der feindlichen
+standhielt und den Römern durch die Erschwerung der Verpflegung nicht geringe
+Drangsale bereitete. Ungeduldig gab endlich Pompeius es auf, die pontische
+Armee zu begleiten und ging, den König stehen lassend, daran, das Land zu
+unterwerfen: er rückte an den oberen Euphrat, überschritt ihn und betrat die
+östlichen Provinzen des Pontischen Reiches. Aber auch Mithradates folgte auf
+das linke Euphratufer nach, und in der Anaitischen oder Akilisenischen
+Landschaft angelangt, verlegte er den Römern den Weg bei der festen und mit
+Wasser wohl versehenen Burg Dasteira, von wo aus er mit seinen leichten Truppen
+das Blachfeld beherrschte. Pompeius, immer noch der kilikischen Legionen
+entbehrend und ohne sie nicht stark genug, um sich in dieser Lage zu behaupten,
+mußte über den Euphrat zurückgehen und in dem waldigen, von Felsschluchten und
+Tieftälern vielfach durchschnittenen Terrain des pontischen Armenien vor den
+Reitern und Bogenschützen des Königs Schutz suchen. Erst als die Truppen aus
+Kilikien eintrafen und es möglich machten, nun mit Übermacht die Offensive
+wiederaufzunehmen, ging Pompeius wieder vor, umschloß das Lager des Königs mit
+einer Postenkette von fast vier deutschen Meilen Länge und hielt ihn hier
+förmlich blockiert, während die römischen Detachements die Gegend weit umher
+durchstreiften. Die Not im pontischen Lager war groß; schon mußte die
+Bespannung niedergestoßen werden, endlich nach fünfundvierzigtägigem Verweilen
+ließ der König seine Kranken und Verwundeten, da er sie weder retten konnte,
+noch dem Feinde in die Hände fallen lassen wollte, durch die eigenen Leute
+niedermachen und brach zur Nachtzeit in möglichster Stille auf gegen Osten.
+Vorsichtig folgte Pompeius durch das unbekannte Land; schon näherte der Marsch
+sich der Grenze, die Mithradates&rsquo; und Tigranes&rsquo; Gebiete voneinander
+schied. Als der römische Feldherr erkannte, daß Mithradates nicht innerhalb
+seines Gebietes den Kampf zur Entscheidung zu bringen, sondern den Feind in die
+grenzenlosen Fernen des Ostens sich nachzuziehen gedenke, entschloß er sich,
+dies nicht zu gestatten. Die beiden Heere lagerten hart aneinander. Während der
+Mittagsrast brach das römische auf, ohne daß der Feind es bemerkte, umging ihn
+und besetzte die vorwärts liegenden und einen vom Feinde zu passierenden Engpaß
+beherrschenden Anhöhen am südlichen Ufer des Flusses Lykos (Jeschil Irmak)
+unweit des heutigen Enderes, da wo später Nikopolis erbaut ward. Den folgenden
+Morgen brachen die Pontiker in gewohnter Weise auf und, den Feind wie bisher
+hinter sich vermutend, schlugen sie nach zurückgelegtem Tagesmarsch ihr Lager
+eben in dem Tale, dessen Höhenring die Römer besetzt hatten. Plötzlich erscholl
+in der Stille der Nacht rings im Kreise um sie der gefürchtete Schlachtruf der
+Legionen und regneten von allen Seiten die Geschosse in die asiatischen
+Heerhaufen, in denen Soldaten und Troß, Wagen, Pferde, Kamele sich
+durcheinander schoben und in deren dichtem Knäuel trotz der Dunkelheit kein
+Geschoß fehlging. Als die Römer sich verschossen hatten, stürmten sie von den
+Höhen herab auf die in dem Scheine des inzwischen aufgegangen Mondes sichtbar
+gewordenen und fast wehrlos ihnen preisgegebenen Scharen, und was nicht von dem
+Eisen der Feinde fiel, ward in dem fürchterlichen Gedränge unter den Hufen und
+Rädern zermalmt. Es war das letzte Schlachtfeld, auf welchem der greise König
+mit den Römern gestritten hat. Mit drei Begleitern, zweien seiner Reiter und
+einer Kebse, die in Männertracht ihm zu folgen und tapfer neben ihm zu streiten
+gewohnt war, entrann er von dort zu der Feste Sinoria, wo sich ein Teil seiner
+Getreuen zu ihm fand. Er teilte seine hier aufbewahrten Schätze, 6000 Talente
+Goldes (11 Mill. Taler), unter sie aus, versah sie und sich mit Gift und eilte
+mit dem ihm gebliebenen Haufen den Euphrat hinauf, um mit seinem Verbündeten,
+dem Großkönig von Armenien, sich zu vereinigen.
+</p>
+
+<p>
+Auch diese Hoffnung war eitel; das Bündnis, auf das vertrauend Mithradates den
+Weg nach Armenien einschlug, bestand damals bereits nicht mehr. Während der
+eben erzählten Kämpfe zwischen Mithradates und Pompeius war der Partherkönig,
+dem Drängen der Römer und vor allem dem des landflüchtigen armenischen Prinzen
+nachgebend, mit gewaffneter Hand in das Reich des Tigranes eingefallen und
+hatte denselben gezwungen, sich in die unzugänglichen Gebirge zurückzuziehen.
+Die Invasionsarmee begann sogar die Belagerung der Hauptstadt Artaxata; allein
+da dieselbe sich in die Länge zog, entfernte sich König Phraates mit dem
+größten Teil seiner Truppen, worauf Tigranes das zurückgebliebene parthische
+Korps und die von seinem Sohn geführten armenischen Emigranten überwältigte und
+in dem ganzen Reiche seine Herrschaft wiederherstellte. Begreiflicherweise
+indes war unter diesen Umständen der König wenig geneigt, mit den aufs neue
+siegreichen Römern zu schlagen, am wenigsten sich für Mithradates aufzuopfern,
+dem er minder traute als je, seit ihm die Meldung zugekommen war, daß sein
+rebellischer Sohn beabsichtige, sich zu dem Großvater zu begeben. So knüpfte er
+mit den Römern Unterhandlungen über einen Sonderfrieden an; aber er wartete den
+Abschluß des Vertrages nicht ab, um das Bündnis, das ihn an Mithradates
+fesselte, zu zerreißen. An der armenischen Grenze angelangt, mußte dieser
+vernehmen, daß der Großkönig Tigranes einen Preis von 100 Talenten (150000
+Taler) auf seinen Kopf gesetzt, seine Gesandten festgenommen und sie den Römern
+ausgeliefert habe. König Mithradates sah sein Reich in den Händen des Feindes,
+seine Bundesgenossen im Begriff, mit demselben sich zu vergleichen; es war
+nicht möglich, den Krieg fortzusetzen; er mußte sich glücklich schätzen, wenn
+es ihm gelang, sich an die Ost- und Nordgestade des Schwarzen Meeres zu retten,
+vielleicht seinen abtrünnigen und mit den Römern in Verbindung getretenen Sohn
+Machares wieder aus dem Bosporanischen Reiche zu verdrängen und an der Mäotis
+für neue Entwürfe einen neuen Boden zu finden. So schlug er sich nordwärts. Als
+der König auf der Flucht die alte Grenze Kleinasiens, den Phasis, überschritten
+hatte, stellte Pompeius vorläufig seine Verfolgung ein; statt aber in das
+Quellgebiet des Euphrat zurückzukehren, wandte er sich seitwärts in das Gebiet
+des Araxes, um mit Tigranes ein Ende zu machen. Fast ohne Widerstand zu finden
+gelangte er in die Gegend von Artaxata (unweit Eriwan) und schlug drei deutsche
+Meilen von der Stadt sein Lager. Daselbst fand der Sohn des Großkönigs sich zu
+ihm, der nach dem Sturze des Vaters das armenische Diadem aus der Hand der
+Römer zu empfangen hoffte und darum den Abschluß des Vertrages zwischen seinem
+Vater und den Römern in jeder Weise zu hindern bemüht war. Der Großkönig war
+nur um so mehr entschlossen, den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu Pferd
+und ohne Purpurgewand, aber geschmückt mit der königlichen Stirnbinde und dem
+königlichen Turban erschien er an der Pforte des römischen Lagers und begehrte,
+vor den römischen Feldherrn geführt zu werden. Nachdem er hier auf Geheiß der
+Liktoren, wie die römische Lagerordnung es erheischte, sein Roß und sein
+Schwert abgegeben hatte, warf er nach Barbarenart sich dem Prokonsul zu Füßen
+und legte zum Zeichen der unbedingten Unterwerfung Diadem und Tiara in seine
+Hände. Pompeius, hocherfreut über den mühelosen Sieg, hob den gedemütigten
+König der Könige auf, schmückte ihn wieder mit den Abzeichen seiner Würde und
+diktierte den Frieden. Außer einer Zahlung von 9 Mill. Talern (6000 Talente) an
+die Kriegskasse und einem Geschenk an die Soldaten, wovon auf jeden einzelnen
+50 Denare (15 Taler) kamen, trat der König alle gemachten Eroberungen wieder
+ab, nicht bloß die phönikischen, syrischen, kilikischen, kappadokischen
+Besitzungen, sondern auch am rechten Ufer des Euphrat Sophene und Korduene; er
+ward wieder beschränkt auf das eigentliche Armenien und mit seinem Großkönigtum
+war es von selber vorbei. In einem einzigen Feldzuge hatte Pompeius die beiden
+mächtigen Könige von Pontus und Armenien vollständig unterworfen. Am Anfang des
+Jahres 688 (66) stand kein römischer Soldat jenseits der Grenze der
+altrömischen Besitzungen, am Schlusse desselben irrte König Mithradates
+landflüchtig und ohne Heer in den Schluchten des Kaukasus und saß König
+Tigranes auf dem armenischen Thron nicht mehr als König der Könige, sondern als
+römischer Lehnfürst. Das gesamte kleinasiatische Gebiet westlich vom Euphrat
+gehorchte den Römern unbedingt; die siegreiche Armee nahm ihre Winterquartiere
+östlich von diesem Strom auf armenischem Boden, in der Landschaft vom oberen
+Euphrat bis an den aus welchem damals zuerst die Italiker ihre Rosse tränkten.
+</p>
+
+<p>
+Aber das neue Gebiet, das die Römer hier betraten, erweckte ihnen neue Kämpfe.
+Unwillig sahen die tapferen Völkerschaften des mittleren und östlichen Kaukasus
+die fernen Okzidentalen auf ihrem Gebiet lagern. Es wohnten dort in der
+fruchtbaren und wasserreichen Hochebene des heutigen Georgien die Iberer, eine
+tapfere, wohlgeordnete, ackerbauende Nation, deren Geschlechtergaue unter ihren
+Ältesten das Land nach Feldgemeinschaft bestellten, ohne Sondereigentum der
+einzelnen Bauern. Heer und Volk waren eins; an der Spitze des Volkes standen
+teils die Herrengeschlechter, daraus immer der Älteste der ganzen iberischen
+Nation als König, der Nächstälteste als Richter und Heerführer vorstand, teils
+besondere Priesterfamilien, denen vornehmlich oblag, die Kunde der mit anderen
+Völkern geschlossenen Verträge zu bewahren und über deren Einhaltung zu wachen.
+Die Masse der Unfreien galten als Leibeigene des Königs. Auf einer weit
+niedrigeren Kulturstufe standen ihre östlichen Nachbarn, die Albaner oder
+Alaner, die am unteren Kur bis zum Kaspischen Meere hinab saßen. Vorwiegend ein
+Hirtenvolk, weideten sie, zu Fuß oder zu Pferde, ihre zahlreichen Herden auf
+den üppigen Wiesen des heutigen Schirwan; die wenigen Ackerfelder wurden noch
+mit dem alten Holzpflug ohne eiserne Schar bestellt. Münze war unbekannt und
+über hundert ward nicht gezählt. Jeder ihrer Stämme, deren sechsundzwanzig
+waren, hatten seinen eigenen Häuptling und sprach seinen besonderen Dialekt. An
+Zahl den Iberern weit überlegen, vermochten sich die Albaner an Tapferkeit
+durchaus nicht mit denselben zu messen. Die Fechtart beider Nationen war
+übrigens im ganzen die gleiche: sie stritten vorwiegend mit Pfeilen und
+leichten Wurfspießen, die sie häufig nach Indianerart aus Waldverstecken,
+hinter Baumstämmen hervor oder von den Baumwipfeln herab, auf den Feind
+entsendeten; die Albaner hatten auch zahlreiche, zum Teil nach
+medisch-armenischer Art mit schweren Kürassen und Schienen gepanzerte Reiter.
+Beide Nationen lebten auf ihren Äckern und Triften in vollkommener, seit
+unvordenklicher Zeit bewahrter Unabhängigkeit. Den Kaukasus scheint gleichsam
+die Natur selbst zwischen Europa und Asien als Damm gegen die Völkerfluten
+aufgerichtet zu haben: an ihm hatten einst die Waffen des Kyros wie die
+Alexanders ihre Grenze gefunden; jetzt schickte die tapfere Besatzung dieser
+Scheidewand sich an, sie auch gegen die Römer zu verteidigen. Aufgeschreckt
+durch die Kunde, daß der römische Oberfeldherr im nächsten Frühjahr das Gebirge
+zu überschreiten und den pontischen König jenseits des Kaukasus zu verfolgen
+beabsichtige - den Mithradates, vernahm man, überwinterte in Dioskurias
+(Iskuria zwischen Suchum Kale und Anaklia) am Schwarzen Meer -, überschritten
+zuerst die Albaner unter dem Fürsten Oroizes noch im Mittwinter 688/89 (66/65)
+den Kur und warfen sich auf das der Verpflegung wegen in drei größere Korps
+unter Quintus Metellus Celer, Lucius Flaccus und Pompeius selbst auseinander
+gelegte Heer. Aber Celer, den der Hauptangriff traf, hielt tapfer stand und
+Pompeius selbst verfolgte, nachdem er sich des gegen ihn geschickten Haufens
+entledigt, die auf allen Punkten geschlagenen Barbaren bis an den Kur. Der
+König der Iberer, Artokes, hielt sich ruhig und versprach Frieden und
+Freundschaft; allein Pompeius, davon benachrichtigt, daß er insgeheim rüste, um
+die Römer bei ihrem Marsche in den Pässen des Kaukasus zu überfallen, rückte im
+Frühjahr 689 (65), bevor er die Verfolgung des Mithradates wiederaufnahm, vor
+die beiden kaum eine halbe deutsche Meile voneinander entfernten Festungen
+Harmozika (Horumziche oder Armazi) und Seusamora (Tsumar), welche wenig
+oberhalb des heutigen Tiflis die beiden Flußtäler des Kur und seines
+Nebenflusses Aragua und damit die einzigen von Armenien nach Iberien führenden
+Pässe beherrschen. Artokes, eher er dessen sich versah, vom Feinde überrascht,
+brannte eiligst die Kurbrücke ab und wich unterhandelnd in das innere Land
+zurück. Pompeius besetzte die Festungen und folgte den Iberern auf das andere
+Ufer des Kur, wodurch er sie zu sofortiger Unterwerfung zu bestimmen hoffte.
+Artokes aber wich weiter und weiter in das innere Land zurück, und als er
+endlich am Fluß Peloros Halt machte, geschah es nicht, um sich zu ergeben,
+sondern um zu schlagen. Allein dem Anprall der Legionen standen doch die
+iberischen Schützen keinen Augenblick, und da Artokes auch den Peioros von den
+Römern überschritten sah, fügte er sich endlich den Bedingungen, die der Sieger
+stellte, und sandte seine Kinder als Geiseln. Pompeius marschierte jetzt,
+seinem früher entworfenen Plane gemäß, durch den Sarapanapaß aus dem Gebiet des
+Kur in das des Phasis und von da am Flusse hinab an das Schwarze Meer, wo an
+der kolchischen Küste die Flotte unter Servilius bereits seiner harrte. Aber es
+war ein unsicherer Gedanke und fast ein wesenloses Ziel, dem zuliebe man Heer
+und Flotte an den märchenreichen kolchischen Strand geführt hatte. Der soeben
+mühselig zurückgelegte Zug durch unbekannte und meist feindliche Nationen war
+nichts, verglichen mit dem, der noch bevorstand; und wenn es denn wirklich
+gelang, von der Phasismündung aus die Streitmacht nach der Krim zu führen,
+durch kriegerische und arme Barbarenstämme, auf unwirtlichen und unbekannten
+Gewässern, längs einer Küste, wo an einzelnen Stellen die Gebirge lotrecht in
+die See hinabfallen und es schlechterdings notwendig gewesen wäre, die Schiffe
+zu besteigen; wenn es gelang, diesen Zug zu vollenden, der vielleicht
+schwieriger war als die Heerfahrten Alexanders und Hannibals - was ward im
+besten Falle damit erzielt, das irgend den Mühen und Gefahren entsprach?
+Freilich war der Krieg nicht geendigt, solange der alte König noch unter den
+Lebenden war; aber wer bürgte dafür, daß es wirklich gelang, das königliche
+Wild zu fangen, um dessentwillen diese beispiellose Jagd angestellt werden
+sollte? War es nicht besser, selbst auf die Gefahr hin, daß Mithradates noch
+einmal die Kriegsfackel nach Kleinasien schleudere, von einer Verfolgung
+abzustehen, die so wenig Gewinn und so viele Gefahren verhieß? Wohl drängten
+den Feldherrn zahlreiche Stimmen im Heer, noch zahlreichere in der Hauptstadt,
+die Verfolgung unablässig und um jeden Preis fortzusetzen; aber es waren
+Stimmen teils tolldreister Hitzköpfe, teils derjenigen perfiden Freunde, die
+den allzumächtigen Imperator gern um jeden Preis von der Hauptstadt
+ferngehalten und ihn im Osten in unabsehbare Unternehmungen verwickelt hätten.
+Pompeius war ein zu erfahrener und zu bedächtiger Offizier, um im hartnäckigen
+Festhalten an einer so unverständigen Expedition seinen Ruhm und sein Heer auf
+das Spiel zu setzen; ein Aufstand der Albaner im Rücken des Heeres gab den
+Vorwand her, um die weitere Verfolgung des Königs aufzugeben und die Rückkehr
+anzuordnen. Die Flotte erhielt den Auftrag, in dem Schwarzen Meer zu kreuzen,
+die kleinasiatische Nordküste gegen jeden feindlichen Einfall zu decken, den
+Kimmerischen Bosporus aber streng zu blockieren unter Androhung der
+Lebensstrafe für jeden Kauffahrer, der die Blockade brechen würde. Die
+Landtruppen führte Pompeius nicht ohne große Beschwerden durch das kolchische
+und armenische Gebiet an den unteren Lauf des Kur und weiter, den Strom
+überschreitend, in die albanische Ebene. Mehrere Tage mußte das römische Heer
+in der glühenden Hitze durch dies wasserarme Blachland marschieren, ohne auf
+den Feind zu treffen; erst am linken Ufer des Abas (wahrscheinlich der sonst
+Alazonios, jetzt Alasan genannte Fluß) stellte unter Führung des Koses, Bruders
+des Königs Oroizes, sich die Streitmacht der Albaner den Römern entgegen; sie
+soll mit Einschluß des von den transkaukasischen Steppenbewohnern
+eingetroffenen Zuzuges 60000 Mann zu Fuß und 12000 Reiter gezählt haben.
+Dennoch hätte sie schwerlich den Kampf gewagt, wenn sie nicht gemeint hätte,
+bloß mit der römischen Reiterei fechten zu sollen; aber die Reiter waren nur
+vorangestellt und wie diese sich zurückzogen, zeigten sich dahinter verborgen
+die römischen Infanteriemassen. Nach kurzem Kampfe war das Heer der Barbaren in
+die Wälder versprengt, die Pompeius zu umstellen und anzuzünden befahl. Die
+Albaner bequemten sich hierauf, Frieden zu machen und dem Beispiele der
+mächtigeren Völker folgend, schlossen alle zwischen dem Kur und dem Kaspischen
+Meer sitzenden Stämme mit dem römischen Feldherrn Vertrag ab. Die Albaner,
+Iberer und überhaupt die südlich am und unter dem Kaukasus ansässigen
+Völkerschaften traten also wenigstens für den Augenblick in ein abhängiges
+Verhältnis zu Rom. Wenn dagegen auch die Völker zwischen dem Phasis und der
+Mäotis, Kolcher, Soaner, Heniocher, Zyger, Achäer, sogar die fernen Bastarner
+dem langen Verzeichnis der von Pompeius unterworfenen Nationen eingereiht
+wurden, so nahm man dabei offenbar es mit dem Begriff der Unterwerfung sehr
+wenig genau. Der Kaukasus bewährte sich abermals in seiner weltgeschichtlichen
+Bedeutung; wie die persische und die hellenische fand auch die römische
+Eroberung an ihm ihre Grenze.
+</p>
+
+<p>
+So blieb denn König Mithradates sich selbst und dem Verhängnis überlassen. Wie
+einst sein Ahnherr, der Gründer des Pontischen Staates, sein künftiges Reich
+zuerst betreten hatte, flüchtend vor den Häschern des Antigonos und nur von
+sechs Reitern begleitet, so hatte nun der Enkel die Grenzen seines Reiches
+wieder überschreiten und seine und seiner Väter Eroberungen mit dem Rücken
+ansehen müssen. Aber die Würfel des Verhängnisses hatten keinem öfter und
+launenhafter die höchsten Gewinste und die gewaltigsten Verluste zugeworfen als
+dem alten Sultan von Sinope, und rasch und unberechenbar wechseln die Geschicke
+im Osten. Wohl mochte Mithradates jetzt am Abend seines Lebens jeden neuen
+Wechselfall mit dem Gedanken hinnehmen, daß auch er nur wieder einen neuen
+Umschwung vorbereite und das einzig Stetige der ewige Wandel der Geschicke sei.
+War doch die römische Herrschaft der Orientalen im tiefsten Grunde ihres Wesens
+unerträglich und Mithradates selbst, im Guten wie im Bösen, der rechte Fürst
+des Ostens; bei der Schlaffheit des Regiments, wie der römische Senat es über
+die Provinzen übte, und bei dem gärenden und zum Bürgerkriege reifenden Hader
+der politischen Parteien in Rom konnte Mithradates, wenn es ihm glückte, seine
+Zeit abzuwarten, gar wohl noch zum drittenmal seine Herrschaft
+wiederherstellen. Darum eben, weil er hoffte und plante, solange Leben in ihm
+war, blieb er den Römern gefährlich, solange er lebte, als landflüchtiger Greis
+nicht minder wie da er mit seinen Hunderttausenden ausgezogen war, um Hellas
+und Makedonien den Römern zu entreißen. Der rastlose alte Mann gelangte im
+Jahre 689 (85) von Dioskurias unter unsäglichen Beschwerden teils zu Lande,
+teils zur See in das Reich von Pantikapäon, stürzte hier durch sein Ansehen und
+sein starkes Gefolge seinen abtrünnigen Sohn Machares vom Thron und zwang ihn,
+sich selber den Tod zu geben. Von hier aus versuchte er noch einmal, mit den
+Römern zu unterhandeln; er bat, ihm sein väterliches Reich zurückzugeben und
+erklärte sich bereit, die Oberhoheit Roms anzuerkennen und als Lehnfürst Zins
+zu entrichten. Allein Pompeius weigerte sich, dem König eine Stellung zu
+gewähren, in der er das alte Spiel aufs neue begonnen haben würde, und bestand
+darauf, daß er sich persönlich unterwerfe. Mithradates aber dachte nicht daran,
+sich dem Feinde in die Hände zu liefern, sondern entwarf neue und immer
+ausschweifendere Pläne. Mit Anspannung aller der Mittel, die seine geretteten
+Schätze und der Rest seiner Staaten ihm darboten, rüstete er ein neues, zum
+Teil aus Sklaven bestehendes Heer von 36000 Mann, das er nach römischer Art
+bewaffnete und einübte, und eine Kriegsflotte; dem Gerücht zufolge
+beabsichtigte er durch Thrakien, Makedonien und Pannonien westwärts zu ziehen,
+die Skythen in den sarmatischen Steppen, die Kelten an der Donau als
+Bundesgenossen mit sich fortzureißen und mit dieser Völkerlawine sich auf
+Italien zu stürzen. Man hat dies wohl großartig gefunden und den Kriegsplan des
+pontischen Königs mit dem Heereszug Hannibals verglichen; aber derselbe
+Entwurf, der in einem genialen Geiste genial ist, wird eine Torheit in einem
+verkehrten. Diese beabsichtigte Invasion der Orientalen in Italien war einfach
+lächerlich und nichts als die Ausgeburt einer ohnmächtigen phantasierenden
+Verzweiflung. Durch die vorsichtige Kaltblütigkeit ihres Führers blieben die
+Römer davor bewahrt, dem abenteuerlichen Gegner abenteuernd zu folgen und in
+der fernen Krim einen Angriff abzuwehren, dem, wenn er nicht in sich selber
+erstickte, immer noch früh genug am Fuße der Alpen begegnet ward. In der Tat,
+während Pompeius, ohne weiter um die Drohungen des ohnmächtigen Riesen sich zu
+bekümmern, das gewonnene Gebiet zu ordnen beschäftigt war, erfüllten ohne sein
+Zutun sich im entlegenen Norden die Geschicke des greisen Königs. Die
+unverhältnismäßigen Rüstungen hatten unter den Bosporanern, denen man die
+Häuser einriß, die Ochsen vom Pflug spannte und niederstieß, um Balken und
+Flechsen zum Maschinenbau zu gewinnen, die heftigste Gärung hervorgerufen. Auch
+die Soldaten gingen unlustig an die hoffnungslose italische Expedition. Stets
+war Mithradates umgeben gewesen von Argwohn und Verrat; er hatte nicht die
+Gabe, Liebe und Treue bei den Seinigen zu erwecken. Wie er in früheren Jahren
+seinen ausgezeichneten Feldherrn Archelaos genötigt hatte, im römischen Lager
+Schutz zu suchen, wie während der Feldzüge Luculls seine vertrautesten
+Offiziere Diokles, Phönix, sogar die namhaftesten römischen Emigranten zum
+Feind übergegangen waren, so folgte jetzt, wo sein Stern erblich und der alte,
+kranke, verbitterte Sultan keinem mehr als seinen Verschnittenen zugänglich
+war, noch rascher Abfall auf Abfall. Der Kommandant der Festung Phanagoria (auf
+der asiatischen Küste Kertsch gegenüber), Kastor, erhob zuerst die Fahne des
+Aufstandes; er proklamierte die Freiheit der Stadt und lieferte die in der
+Festung befindlichen Söhne Mithradats in die Hände der Römer. Während unter den
+bosporanischen Städten der Aufstand sich ausbreitete, Chersonesos (unweit
+Sevastopol), Theudosia (Kaffa) und andere sich den Phanagoriten anschlossen,
+ließ der König seinem Argwohn und seiner Grausamkeit den Lauf. Auf die Anzeige
+verächtlicher Eunuchen hin wurden seine Vertrautesten an das Kreuz geschlagen;
+die eigenen Söhne des Königs waren ihres Lebens am wenigsten sicher. Derjenige
+von ihnen, der des Vaters Liebling und wahrscheinlich von ihm zum Nachfolger
+bestimmt war, Pharnakes, entschloß sich und trat an die Spitze des Insurgenten.
+Die Häscher, welche Mithradates sandte, um ihn zu verhaften, die gegen ihn
+ausgeschickten Truppen gingen zu ihm über; das Korps der italischen Überläufer,
+vielleicht der tüchtigste unter den Mithradatischen Heerhaufen und ebendarum am
+wenigsten geneigt, die abenteuerliche und für die Überläufer besonders
+bedenkliche Expedition gegen Italien mitzumachen, erklärte sich in Masse für
+den Prinzen; die übrigen Heerabteilungen und die Flotte folgten dem gegebenen
+Beispiel. Nachdem die Landschaft und die Armee den König verlassen hatten,
+öffnete endlich auch die Hauptstadt Pantikapäon den Insurgenten die Tore und
+überlieferte ihnen den alten, in seinem Palaste eingeschlossenen König. Von der
+hohen Mauer seiner Burg flehte dieser den Sohn an, ihm wenigstens das Leben zu
+gewähren und nicht in das Blut des Vaters die Hände zu tauchen; aber die Bitte
+klang übel aus dem Munde eines Mannes, an dessen eigenen Händen das Blut der
+Mutter und das frisch vergossene seines unschuldigen Sohnes Xiphares klebte,
+und in seelenloser Härte und Unmenschlichkeit übertraf Pharnakes noch seinen
+Vater. Da es nun also zum Tode ging, so beschloß der Sultan, wenigstens zu
+sterben, wie er gelebt hatte: seine Frauen, seine Kebse und seine Töchter,
+unter diesen die jugendlichen Bräute der Könige von Ägypten und Kypros, sie
+alle mußten die Bitterkeit des Todes erleiden und den Giftbecher leeren, bevor
+auch er denselben nahm und dann, da der Trank nicht schnell genug wirkte, einem
+keltischen Söldner Betuitus den Nacken zum tödlichen Streiche darbot. So starb
+im Jahre 691 (63) Mithradates Eupator, im achtundsechzigsten Jahre seines
+Lebens, im siebenundfünfzigsten seiner Regierung, sechsundzwanzig Jahre nachdem
+er zum ersten Male gegen die Römer ins Feld gezogen war. Die Leiche, die König
+Pharnakes als Belegstück seiner Verdienste und seiner Loyalität an Pompeius
+sandte, ward auf dessen Anordnung beigesetzt in den Königsgräbern von Sinope.
+</p>
+
+<p>
+Mithradates&rsquo; Tod galt den Römern einem Siege gleich: lorbeerbekränzt, als
+hätten sie einen solchen zu melden, erschienen die Boten, welche dem Feldherrn
+die Katastrophe berichteten, im römischen Lager von Jericho. Ein großer Feind
+ward mit ihm zu Grabe getragen, ein größerer, als je noch in dem schlaffen
+Osten einer den Römern erstanden war. Instinktmäßig fühlte es die Menge; wie
+einst Scipio mehr noch über Hannibal als über Karthago triumphiert hatte, so
+wurde auch die Überwindung der zahlreichen Stämme des Ostens und des Großkönigs
+selbst fast vergessen über Mithradates&rsquo; Tod, und bei Pompeius&rsquo;
+feierlichem Einzug zog nichts mehr die Blicke der Menge auf sich als die
+Schildereien, in denen man den König Mithradates als Flüchtling sein Pferd am
+Zügel führen, dann ihn sterbend zwischen den Leichen seiner Töchter
+niedersinken sah. Wie man auch über die Eigenartigkeit des Königs urteilen mag,
+er ist eine bedeutende, im vollen Sinne des Wortes weltgeschichtliche Gestalt.
+Er war keine geniale, wahrscheinlich nicht einmal eine reichbegabte
+Persönlichkeit; aber er besaß die sehr respektable Gabe zu hassen, und mit
+diesem Hasse hat er den ungleichen Kampf gegen die übermächtigen Feinde ein
+halbes Jahrhundert hindurch zwar ohne Erfolg, aber mit Ehren bestanden.
+Bedeutungsvoller noch als durch seine Individualität ward er durch den Platz,
+auf den die Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorläufer der nationalen
+Reaktion des Orients gegen die Okzidentalen hat er den neuen Kampf des Ostens
+gegen den Westen eröffnet; und das Gefühl, daß man mit seinem Tode nicht am
+Ende, sondern am Anfang sei, blieb den Besiegten wie den Siegern.
+</p>
+
+<p>
+Pompeius inzwischen war, nachdem er im Jahre 689 (65) mit den Völkern des
+Kaukasus gekriegt hatte, zurückgegangen in das Pontische Reich und bezwang
+daselbst die letzten noch Widerstand leistenden Schlösser, welche, um dem
+Räuberunwesen zu steuern, geschleift, die Schloßbrunnen durch hineingewälzte
+Felsblöcke unbrauchbar gemacht wurden. Von da brach er im Sommer 690 (64) nach
+Syrien auf, um dessen Verhältnisse zu ordnen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist schwierig, den aufgelösten Zustand, in dem die syrischen Landschaften
+damals sich befanden, anschaulich darzulegen. Zwar hatte infolge der Angriffe
+Luculls der armenische Statthalter Magadates im Jahre 685 (69), diese Provinzen
+geräumt, und auch die Ptolemäer, so gern sie die Versuche ihrer Vorfahren, die
+syrische Küste zu ihrem Reiche zu fügen, erneuert haben würden, scheuten sich
+doch, durch die Okkupation Syriens die römische Regierung zu reizen, um so mehr
+als diese noch nicht einmal für Ägypten ihren mehr als zweifelhaften
+Rechtstitel reguliert hatte und von den syrischen Prinzen mehrfach angegangen
+worden war, sie als die legitimen Erben des erloschenen Lagidenhauses
+anzuerkennen. Aber wenn auch die größeren Mächte sich augenblicklich sämtlich
+der Einmischung in die Angelegenheiten Syriens enthielten, so litt das Land
+doch weit mehr, als es unter einem großen Krieg hätte leiden können, durch die
+end- und ziellosen Fehden der Fürsten, Ritter und Städte. Die faktischen Herren
+im Seleukidenreich waren derzeit die Beduinen, die Juden und die Nabatäer. Die
+unwirtliche, quell- und baumlose Sandsteppe, die von der Arabischen Halbinsel
+aus bis an und über den Euphrat sich hinziehend gegen Westen bis an den
+syrischen Gebirgszug und seinen schmalen Küstensaum, gegen Osten bis zu den
+reichen Niederungen des Tigris und des unteren Euphrat reicht, diese asiatische
+Sahara ist die uralte Heimat der Söhne Ismaels; seit es eine Überlieferung
+gibt, finden wir dort den &ldquo;Bedawin&rdquo;, den &ldquo;Sohn der
+Wüste&rdquo;, seine Zelte schlagen und seine Kamele weiden oder auch auf seinem
+geschwinden Roß Jagd machen, bald auf den Stammfeind, bald auf den wandernden
+Handelsmann. Begünstigt früher durch König Tigranes, der sich ihrer für seine
+handelspolitischen Pläne bediente, nachher durch die vollständige
+Meisterlosigkeit in dem syrischen Lande, breiteten diese Kinder der Wüste über
+das nördliche Syrien sich aus; namentlich spielten diejenigen Stämme hier
+politisch fast die erste Rolle, die durch die Nachbarschaft der zivilisierten
+Syrer die ersten Anfänge einer geordneten Existenz in sich aufgenommen hatten.
+Die namhaftesten unter diesen Emiren waren Abgaros, der Häuptling des
+Araberstammes der Mardaner, den Tigranes um Edessa und Karrhä im oberen
+Mesopotamien angesiedelt hatte; dann westlich vom Euphrat Sampsikeramos, Emir
+der Araber von Hemesa (Homs) zwischen Damaskos und Antiocheia und Herr der
+starken Festung Arethusa; Azizos, das Haupt einer anderen, in derselben Gegend
+streifenden Horde; Alchaudonios, der Fürst der Rhambäer, der schon mit Lucullus
+sich in Verbindung gesetzt hatte, und andere mehr. Neben diesen Beduinenfürsten
+waren überall dreiste Gesellen aufgetreten, die es den Kindern der Wüste in dem
+edlen Gewerbe der Wegelagerung gleich- oder auch zuvortaten: so Ptolemaeos
+Mennaeos&rsquo; Sohn, vielleicht der mächtigste unter diesen syrischen
+Raubrittern und einer der reichsten Männer dieser Zeit, der über das Gebiet der
+Ityräer - der heutigen Drusen - in den Tälern des Libanos wie an der Küste und
+über die nördlich vorliegende Marsyasebene mit den Städten Heliopolis (Baalbek)
+und Chalkis gebot und 8000 Reiter aus seiner Tasche besoldete; so Dionaysios
+und Kinyras, die Herren der Seestädte Tripolis (Tarablus) und Byblos (zwischen
+Tarablus und Beirut); so der Jude Silas in Lysias, einer Festung unweit Apameia
+am Orontes.
+</p>
+
+<p>
+Im Süden Syriens dagegen schien der Stamm der Juden sich um diese Zeit zu einer
+politischen Macht konsolidieren zu wollen. Durch die fromme und kühne
+Verteidigung des uralten jüdischen Nationalkultus, den der nivellierende
+Hellenismus der syrischen Könige bedrohte, war das Geschlecht der Hasmonäer
+oder der Makkabi nicht bloß zum erblichen Prinzipal und allmählich zu
+königlichen Ehren gelangt, sondern es hatten auch die fürstlichen Hochpriester
+erobernd nach Norden, Osten und Süden um sich gegriffen. Als der tapfere
+Jannaeos Alexandros starb (675 79) erstreckte sich das Jüdische Reich gegen
+Süden über das ganze philistäische Gebiet bis an die ägyptische Grenze, gegen
+Südosten bis an die des Nabatäerreiches von Petra, von welchem Jannaeos
+beträchtliche Strecken am rechten Ufer des Jordan und des Toten Meeres
+abgerissen hatte, gegen Norden über Samaria und die Dekapolis bis zum See
+Genezareth; schon machte er hier Anstalt, Ptolemais (Acco) einzunehmen und die
+Übergriffe der Ityräer erobernd zurückzuweisen. Die Küste gehorchte den Juden
+vom Berg Karmel bis nach Rhinokorura mit Einschluß des wichtigen Gaza - nur
+Askalon war noch frei -, so daß das einst vom Meer fast abgeschnittene Gebiet
+der Juden jetzt mit unter den Freistätten der Piraterie aufgeführt werden
+konnte. Wahrscheinlich hätten, zumal da der armenische Sturm, eben als er sich
+den Grenzen Judäas nahte, durch Lucullus&rsquo; Dazwischenkunft von dieser
+Landschaft abgewendet ward, die begabten Herrscher des Hasmonäischen Hauses
+ihre Waffen noch weiter getragen, wenn nicht die Machtentwicklung dieses
+merkwürdigen, erobernden Priesterstaates durch innere Spaltungen im Keime
+geknickt worden wäre. Der konfessionelle und der nationale Unabhängigkeitssinn,
+deren energische Vereinigung den Makkabäerstaat ins Leben gerufen hatte, traten
+rasch wieder aus- und sogar gegeneinander. Der jüdischen Orthodoxie oder dem
+sogenannten Pharisäismus genügte die freie Religionsübung, wie sie den
+syrischen Herrschern abgetrotzt worden war; ihr praktisches Ziel war eine von
+dem weltlichen Regiment wesentlich absehende, aus den Orthodoxen in aller
+Herren Ländern zusammengesetzte Judengemeinschaft, welche in der jedem
+gewissenhaften Juden obliegenden Steuer für den Tempel zu Jerusalem und in den
+Religionsschulen und geistlichen Gerichten ihre sichtbaren Vereinigungspunkte
+fand. Dieser von dem staatlichen Leben sich abwendenden, mehr und mehr in
+theologischer Gedankenlosigkeit und peinlichem Zeremonialdienst erstarrenden
+Orthodoxie gegenüber standen die Vertreter der nationalen Unabhängigkeit,
+erstarkt in den glücklichen Kämpfen gegen die Fremdherrschaft, vorschreitend zu
+dem Gedanken einer Wiederherstellung des jüdischen Staates, die Vertreter der
+alten großen Geschlechter, die sogenannten Sadduzäer, teils dogmatisch, indem
+sie nur die heiligen Bücher selber gelten ließen und den Vermächtnissen der
+Schriftgelehrten, das ist der kanonischen Tradition, nur Autorität, nicht
+Kanonizität zusprachen ^2; teils und vor allem politisch, indem sie anstatt des
+fatalistischen Zuwartens auf den starken Arm des Herrn Zebaoth das Heil der
+Nation erwarten lehrten von den Waffen dieser Welt und von der innerlichen und
+äußerlichen Stärkung des in den glorreichen Makkabäerzeiten
+wiederaufgerichteten Davidischen Reiches. Jene Orthodoxen fanden ihren Halt in
+der Priesterschaft und der Menge; sie bestritten den Hasmonäern die Legitimität
+ihrer Hohenpriesterschaft und fochten gegen die bösen Ketzer mit der ganzen
+rücksichtslosen Unversöhnlichkeit, womit die Frommen für den Besitz irdischer
+Güter zu streiten gewohnt sind. Die staatliche Partei dagegen stützte sich auf
+die von den Einflüssen des Hellenismus berührte Intelligenz, auf das Heer, in
+dem zahlreiche pisidische und kilikische Söldner dienten, und auf die
+tüchtigeren Könige, welche hier mit der Kirchengewalt rangen, ähnlich wie ein
+Jahrtausend später die Hohenstaufen mit dem Papsttum. Mit starker Hand hatte
+Jannaeos die Priesterschaft niedergehalten; unter seinen beiden Söhnen kam es
+(685f. 69) zu einem Bürger- und Bruderkrieg, indem die Pharisäer sich dem
+kräftigen Aristobulos widersetzten und versuchten, unter der nominellen
+Herrschaft seines Bruders, des gutmütigen und schlaffen Hyrkanos, ihre Zwecke
+zu erreichen. Dieser Zwist brachte nicht bloß die jüdischen Eroberungen ins
+Stocken, sondern gab auch auswärtigen Nationen Gelegenheit, sich einzumischen
+und dadurch im südlichen Syrien eine gebietende Stellung zu gewinnen. Zunächst
+gilt dies von den Nabatäern. Diese merkwürdige Nation ist oft mit ihren
+östlichen Nachbarn, den schweifenden Arabern, zusammengeworfen worden, aber
+näher als den eigentlichen Kindern Ismaels ist sie dem aramäischen Zweige
+verwandt. Dieser aramäische oder, nach der Benennung der Okzidentalen, syrische
+Stamm muß von seinen ältesten Sitzen um Babylon, wahrscheinlich des Handels
+wegen, in sehr früher Zeit eine Kolonie an die Nordspitze des Arabischen
+Meerbusens ausgeführt haben: dies sind die Nabatäer auf der Sinaitischen
+Halbinsel zwischen dem Golf von Suez und Aila und in der Gegend von Petra (Wadi
+Musa). In ihren Häfen wurden die Waren vom Mittelmeer gegen indische umgesetzt;
+die große südliche Karawanenstraße, die von Gaza zur Euphratmündung und dem
+Persischen Meerbusen lief, führte durch die Hauptstadt der Nabatäer Petra,
+deren heute noch prachtvolle Felspaläste und Felsengräber deutlicheres Zeugnis
+von der nabatäischen Zivilisation ablegen als die fast verschollene
+Überlieferung. Die Pharisäerführer, denen nach Priesterart der Sieg ihrer
+Partei um den Preis der Unabhängigkeit und Integrität des Landes nicht zu teuer
+erkauft schien, ersuchten den König der Nabatäer, Aretas, um Hilfe gegen
+Aristobulos, wofür sie alle von Jannäos ihm entrissenen Eroberungen an ihn
+zurückzugeben verhießen. Daraufhin war Aretas mit angeblich 50000 Mann in das
+jüdische Land eingerückt und, verstärkt durch den Anhang der Pharisäer, hielt
+er den König Aristobulos in seiner Hauptstadt belagert.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^2 So verwarfen die Sadduzäer die Engel- und Geisterlehre und die Auferstehung
+der Toten. Die meisten überlieferten Differenzpunkte zwischen Pharisäern und
+Sadduzäern beziehen sich auf untergeordnete rituelle, juristische und
+Kalenderfragen. Charakteristisch ist es, daß die siegenden Pharisäer diejenigen
+Tage, an denen sie in den einzelnen Kontroversen definitiv die Oberhand
+behalten oder ketzerische Mitglieder aus dem Oberkonsistorium ausgestoßen
+hatten, in das Verzeichnis der Gedenk- und Festtage der Nation eingetragen
+haben.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Unter dem Faust- und Fehderecht, die also von einem Ende Syriens zum andern
+herrschten, litten natürlich vor allen Dingen die größeren Städte, wie
+Antiocheia, Seleukeia, Damaskos, deren Bürger in ihrem Feldbau wie in ihrem
+See- und Karawanenhandel sich gelähmt sahen. Die Bürger von Byblos und Berytos
+(Beirut) vermochten weder ihre Äcker noch ihre Schiffe vor den Ityräern zu
+schützen, die von ihren Berg- und Seekastellen aus Land und Meer gleich
+unsicher machten. Die von Damaskos suchten der Angriffe der Ityräer und des
+Ptolemaeos dadurch sich zu erwehren, daß sie sich den entfernteren Königen der
+Nabatäer oder der Juden zu eigen gaben. In Antiocheia mischten sich
+Sampsikeramos und Azizos in die inneren Fehden der Bürgerschaft und fast wäre
+die hellenische Großstadt schon jetzt der Sitz eines arabischen Emirs geworden.
+Es waren Zustände, die an die königlosen Zeiten des deutschen Mittelalters
+erinnern, als Nürnberg und Augsburg nicht in des Königs Recht und Gericht,
+sondern einzig in ihren Wällen noch Schutz fanden; ungeduldig harrten die
+syrischen Kaufbürger des starken Arms, der ihnen Frieden und Verkehrssicherheit
+wiedergab. An einem legitimen König übrigens fehlte es in Syrien nicht; man
+hatte deren sogar zwei oder drei. Ein Prinz Antiochos aus dem Hause der
+Seleukiden war von Lucullus als Herr der nördlichsten syrischen Provinz
+Kommagene eingesetzt worden, Antiochos der Asiate, dessen Ansprüche auf den
+syrischen Thron sowohl bei dem Senat als bei Lucullus Anerkennung gefunden
+hatten, war nach dem Abzug der Armenier in Antiocheia aufgenommen und daselbst
+als König anerkannt worden. Ihm war dort sogleich ein dritter Seleukidenprinz,
+Philippos, als Nebenbuhler entgegengetreten, und es hatte die große, fast wie
+die alexandrinische bewegliche und oppositionslustige Bürgerschaft von
+Antiocheia sowie dieser und jener benachbarte arabische Emir sich eingemischt
+in den Familienzwist, der nun einmal von der Herrschaft der Seleukiden
+unzertrennlich schien. War es ein Wunder, daß die Legitimität den Untertanen
+zum Spott und zum Ekel ward und daß die sogenannten rechtmäßigen Könige noch
+etwas weniger im Lande galten als die kleinen Fürsten und Raubritter?
+</p>
+
+<p>
+In diesem Chaos Ordnung zu schaffen, bedurfte es weder genialer Konzeptionen
+noch gewaltiger Machtentfaltung, wohl aber der klaren Einsicht in die
+Interessen Roms und seiner Untertanen, und der kräftigen und folgerechten
+Aufrichtung und Aufrechthaltung der als notwendig erkannten Institutionen. Die
+Legitimitätspolitik des Senats hatte sich sattsam prostituiert; den Feldherrn,
+den die Opposition ans Regiment gebracht, durften nicht dynastische Rücksichten
+leiten, sondern er hatte einzig darauf zu sehen, daß das Syrische Reich in
+Zukunft weder durch Zwist der Prätendenten noch durch die Begehrlichkeit der
+Nachbarn der römischen Klientel entzogen werde. Dazu aber gab es nur einen Weg:
+daß die römische Gemeinde durch einen von ihr gesandten Satrapen mit kräftiger
+Hand die Zügel der Regierung erfasse, die den Königen des regierenden Hauses
+mehr noch durch eigene Verschuldung als durch äußere Unfälle seit langem
+tatsächlich entglitten waren. Den Weg schlug Pompeius ein. Antiochos der Asiate
+erhielt auf seine Bitte, ihn als den angestammten Herrscher Syriens
+anzuerkennen, die Antwort, daß Pompeius einem Könige, der sein Reich weder zu
+behaupten noch zu regieren wisse, die Herrschaft nicht einmal auf die Bitte
+seiner Untertanen, geschweige denn gegen deren bestimmt ausgesprochene Wünsche
+zurückgeben werde. Mit diesem Briefe des römischen Prokonsuls war das Haus des
+Seleukos von dem Throne gestoßen, den es seit zweihundertfünfzig Jahren
+eingenommen hatte. Antiochos verlor bald darauf sein Leben durch die Hinterlist
+des Emirs Sampsikeramos, als dessen Klient er in Antiocheia den Herrn spielte;
+seitdem ist von diesen Schattenkönigen und ihren Ansprüchen nicht weiter die
+Rede. Wohl aber war es, um das neue römische Regiment zu begründen und eine
+leidliche Ordnung in die verwirrten Verhältnisse zu bringen, noch erforderlich,
+mit Heeresmacht in Syrien einzurücken und all die Störer der friedlichen
+Ordnung, die während der vieljährigen Anarchie emporgewachsen waren, durch die
+römischen Legionen zu schrecken oder niederzuwerfen. Schon während der Feldzüge
+im Pontischen Reiche und am Kaukasus hatte Pompeius den Angelegenheiten Syriens
+seine Aufmerksamkeit zugewandt und einzelne Beauftragte und Abteilungen wo es
+not tat eingreifen lassen. Aulus Gabinius - derselbe, der als Volkstribun
+Pompeius nach dem Osten gesandt hatte - war schon 689 (65) an den Tigris und
+sodann quer durch Mesopotamien nach Syrien marschiert, um die verwickelten
+Verhältnisse im jüdischen Lande zu schlichten. Ebenso war das schwer bedrängte
+Damaskos bereits durch Lollius und Metellus besetzt worden. Bald nachher traf
+ein anderer Adjutant des Pompeius, Marcus Scaurus, in Judäa ein, um die immer
+neu wieder daselbst ausbrechenden Fehden beizulegen. Auch Lucius Afrianus, der
+während Pompeius&rsquo; Expedition nach dem Kaukasus das Kommando über die
+römischen Truppen in Armenien führte, hatte von Korduene (dem nördlichen
+Kurdistan) aus sich in das obere Mesopotamien begeben und, nachdem er durch die
+hilfreiche Teilnahme der in Karrhä angesiedelten Hellenen den gefährlichen Weg
+durch die Wüste glücklich zurückgelegt hatte, die Araber in Osrhoene zur
+Botmäßigkeit gebracht. Gegen Ende des Jahres 690 (64), langte dann Pompeius
+selbst in Syrien an ^3 und verweilte dort bis zum Sommer des folgenden Jahres,
+entschlossen durchgreifend und für jetzt und künftig die Verhältnisse ordnend.
+Zurückgehend auf die Zustände des Reiches in den besseren Zeiten der
+Seleukidenherrschaft, wurden alle usurpierten Gewalten beseitigt, die
+Raubherren aufgefordert, ihre Burgen zu übergeben, die arabischen Scheichs
+wieder auf ihr Wüstengebiet beschränkt, die Verhältnisse der einzelnen
+Gemeinden definitiv geregelt. Diesen strengen Befehlen Gehorsam zu verschaffen,
+standen die Legionen bereit, und ihr Einschreiten erwies sich insbesondere
+gegen die verwegenen Raubritter als notwendig. Silas, der Herr von Lysias, der
+Herr von Tripolis, Dionysios, der Herr von Byblos, Kinyras, wurden in ihren
+Burgen gefangengenommen und hingerichtet, die Berg- und Seeschlösser der
+Ityräer gebrochen, Ptolemaeos Mennaeos&rsquo; Sohn in Chalkis gezwungen, mit
+1000 Talenten (1827000 Taler) Lösegeld sich Freiheit und Herrschaft zu
+erkaufen. Im übrigen fanden die Befehle des neuen Machthabers meistenteils
+widerstandslosen Gehorsam. Nur die Juden schwankten. Die früher von Pompeius
+gesandten Vermittler, Gabinius und Scaurus, hatten - beide, wie es heißt, mit
+bedeutenden Summen bestochen - im Streite der beiden Brüder Hyrkanos und
+Aristobulos zu Gunsten des letzteren entschieden, auch den König Aretas
+veranlaßt, die Belagerung von Jerusalem aufzuheben und sich in seine Heimat zu
+begeben, wobei er auf dem Rückweg noch von Aristobulos eine Niederlage erlitt.
+Als aber Pompeius in Syrien eintraf, kassierte er die Anordnungen seiner
+Untergebenen und wies die Juden an, ihre alte Hochpriesterverfassung, wie der
+Senat sie um 593 (61) anerkannt hatte, wieder einzuführen und wie auf das
+Fürstentum selbst, so auch auf alle von den Hasmonäischen Fürsten gemachten
+Eroberungen zu verzichten. Es waren die Pharisäer, welche eine Gesandtschaft
+von zweihundert ihrer angesehensten Männer an den römischen Feldherrn gesandt
+und von ihm den Sturz des Königtums ausgewirkt hatten; nicht zum Vorteil der
+eigenen Nation, aber wohl zu dem der Römer, die der Natur der Sache nach auch
+hier zurückkommen mußten auf die alten Rechte der Seleukiden und eine erobernde
+Macht, wie die des Jannaeos war, innerhalb ihres Reiches nicht dulden konnten.
+Aristobulos schwankte, ob es besser sei, das Unvermeidliche geduldig über sich
+ergehen zu lassen oder mit den Waffen in der Hand dem Verhängnis zu erliegen;
+bald schien er im Begriff, sich Pompeius zu unterwerfen, bald die nationale
+Partei unter den Juden zum Kampfe gegen die Römer aufzurufen. Als endlich, da
+schon die Legionen vor den Toren standen, er sich dem Feinde ergab, weigerte
+sich der entschlossenere oder fanatisiertere Teil seiner Armee, den Befehlen
+des unfreien Königs Folge zu leisten. Die Hauptstadt unterwarf sich; den
+steilen Tempelfelsen verteidigte jene fanatische Schar drei Monate hindurch mit
+todesmutiger Hartnäckigkeit, bis endlich während der Sabbathruhe der Belagerten
+die Belagerer eindrangen, des Heiligtums sich bemächtigten und die Anstifter
+dieser verzweifelten Gegenwehr, soweit sie nicht unter den römischen Schwertern
+gefallen waren, unter die Beile der Liktoren sandten. Damit ging der letzte
+Widerstand in den neu zum römischen Staat gezogenen Gebieten zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Den Winter 689/90 (65/64) brachte Pompeius noch in der Nähe des Kaspischen
+Meeres zu (Dio 37, 7). Im Jahre 690 (64) unterwarf er zunächst im Pontischen
+Reiche die letzten noch Widerstand leistenden Burgen und zog dann langsam,
+überall die Verhältnisse regelnd, gegen Süden. Daß die Ordnung Syriens 690 (64)
+begann, bestätigt sich dadurch, daß die syrische Provinzialära mit diesem Jahre
+anhebt und durch Ciceros Angabe hinsichtlich Kommagenes (ad. Q. fr. 2. 12, 2;
+vgl. Dio 37, 7). Den Winter 691/90 (64/63) scheint Pompeius in Antiocheia sein
+Hauptquartier gehabt zu haben (Ios. bel. Iud. 14, 3, 1 u. 2, wo die Verwirrung
+von Niese im Hermes 11, 1877, S. 471 berichtigt worden ist).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Das von Lucullus begonnene Werk hatte Pompeius vollendet: die bisher formell
+selbständigen Staaten Bithynien, Pontus und Syrien waren mit dem römischen
+vereinigt, die seit mehr als hundert Jahren als notwendig erkannte Vertauschung
+des schwächlichen Klientelsystems mit der unmittelbaren Herrschaft über die
+wichtigeren abhängigen Gebiete war endlich verwirklicht worden, sowie der Senat
+gestürzt und die Gracchische Partei ans Ruder gekommen war. Man hatte im Osten
+neue Grenzen erhalten, neue Nachbarn, neue freundliche und feindliche
+Beziehungen. Neu traten unter die mittelbar römischen Gebiete ein das
+Königreich Armenien und die kaukasischen Fürstentümer, ferner das Reich am
+Kimmerischen Bosporus, der geringe Überrest der ausgedehnten Eroberungen
+Mithradates Eupators, jetzt unter der Regierung seines Sohnes und Mörders
+Pharnakes ein römischer Klientelstaat; nur die Stadt Phanagoria, deren
+Befehlshaber Kastor das Signal zum Aufstand gegeben hatte, wurde dafür von den
+Römern als frei und unabhängig anerkannt. Nicht gleicher Erfolge konnte man
+gegen die Nabatäer sich rühmen. König Aretas hatte zwar, dem Begehren der Römer
+sich fügend, das jüdische Land geräumt; allein Damaskos war noch in seinen
+Händen und das Nabatäerland nun gar hatte noch kein römischer Soldat betreten.
+Um dies zu unterwerfen oder mindestens doch den neuen Nachbarn im arabischen
+Lande zu zeigen, daß jetzt am Orontes und am Jordan die römischen Adler geboten
+und daß die Zeit vorbei war, wo die syrischen Landschaften als herrenloses Gut
+zu brandschatzen jedem freistand, begann Pompeius im Jahre 691 (63) eine
+Expedition gegen Petra; allein aufgehalten durch den Aufstand der Juden, der
+während dieses Zuges zum Ausbruch kam, überließ er seinem Nachfolger Marcus
+Scaurus nicht ungern die Ausführung der schwierigen Unternehmung gegen die fern
+inmitten der Wüste gelegene Nabatäerstadt ^4. In der Tat sah auch Scaurus sich
+bald genötigt, unverrichteter Sache umzukehren. Er mußte sich begnügen, in den
+Wüsten am linken Ufer des Jordan die Nabatäer zu bekriegen, wo er sich auf die
+Juden zu stützen vermochte, aber doch auch nur sehr unbedeutende Erfolge
+davontrug. Schließlich überredete der gewandte jüdische Minister Antipatros aus
+Idumäa den Aretas, sich die Gewähr seiner sämtlichen Besitzungen mit Einschluß
+von Damaskos von dem römischen Statthalter um eine Geldsumme zu erkaufen; und
+dies ist denn der auf den Münzen des Scaurus verherrlichte Friede, wo König
+Aretas, das Kamel am Zügel, kniefällig, dem Römer den Ölzweig darreichend
+erscheint.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^4 Zwar lassen Orosius (6, 6) und Dio (37, 15), ohne Zweifel beide nach Livius,
+Pompeius bis nach Petra gelangen, auch wohl die Stadt einnehmen oder gar das
+Rote Meer erreichen; allein daß er im Gegenteil bald nach Empfang der Nachricht
+von dem Tode Mithradats, die ihm auf dem Marsche nach Jerusalem zukam, aus
+Syrien nach Pontus zurückging, sagt Plutarch (Pomp. 41, 42) und wird durch
+Florus (1, 39) und Josephus (bel. Iud. 14, 3, 3 u. 4) bestätigt. Wenn König
+Aretas unter den von Pompeius Besiegten in den Bulletins figuriert, so genügte
+hierfür sein durch Pompeius veranlaßter Abzug von Jerusalem.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Bei weitem folgenreicher als diese neuen Beziehungen der Römer zu den
+Armeniern, Iberern, Bosporanern und Nabatäern war die Nachbarschaft, in welche
+sie durch die Okkupation Syriens zu dem parthischen Staate traten. So
+geschmeidig die römische Diplomatie gegen Phraates aufgetreten war, als noch
+der pontische und der armenische Staat aufrecht standen, so willig damals
+sowohl Lucullus als Pompeius ihm den Besitz der Landschaften jenseits des
+Euphrat zugestanden hatten, so schroff stellte jetzt der neue Nachbar sich
+neben den Arsakiden; und wenn die königliche Kunst, die eigenen Fehler zu
+vergessen, es ihm gestattete, mochte Phraates wohl jetzt sich der warnenden
+Worte Mithradats erinnern, daß der Parther durch das Bündnis mit den
+Okzidentalen gegen die stammverwandten Reiche erst diesen und sodann sich
+selber das Verderben bereite. Römer und Parther im Bunde hatten Armenien
+zugrunde gerichtet; als es gestürzt war, kehrte Rom, seiner alten Politik
+getreu, die Rollen um und begünstigte den gedemütigten Feind auf Kosten des
+allzumächtigen Bundesgenossen. Schon die auffallende Bevorzugung gehört
+hierher, die der Vater Tigranes seinem Sohne, dem Verbündeten und Tochtermann
+des Partherkönigs, gegenüber bei Pompeius fand; es war eine unmittelbare
+Beleidigung, als bald nachher auf Pompeius&rsquo; Befehl der jüngere Tigranes
+mit seiner Familie zur Haft gebracht und selbst dann nicht freigegeben ward,
+als sich Phraates bei dem befreundeten Feldherrn für seine Tochter und seinen
+Schwiegersohn verwandte. Aber Pompeius blieb hierbei nicht stehen. Die
+Landschaft Korduene, auf welche sowohl Phraates als Tigranes Ansprüche erhoben,
+wurde auf Pompeius&rsquo; Befehl durch römische Truppen für den letzteren
+okkupiert und die im Besitz befindlichen Parther über die Grenze
+hinausgeschlagen, ja bis nach Arbela in Adiabene verfolgt, ohne daß die
+Regierung von Ktesiphon auch nur vorher gehört worden wäre (689 65). Weitaus am
+bedenklichsten jedoch war es, daß die Römer keineswegs geneigt schienen, die
+traktatenmäßig festgestellte Euphratgrenze zu respektieren. Mehrmals
+marschierten römische, von Armenien nach Syrien bestimmte Abteilungen quer
+durch Mesopotamien; der arabische Emir Abgaros von Osrhoene ward unter
+auffallend günstigen Bedingungen in die römische Klientel aufgenommen; ja
+Oruros, das im oberen Mesopotamien etwa zwischen Nisibis und dem Tigris 50
+deutsche Meilen östlich von dem kommagenischen Euphratübergang liegt, ward
+bezeichnet als östlicher Grenzpunkt der römischen Herrschaft, vermutlich der
+mittelbaren, insofern die größere und fruchtbarere nördliche Hälfte
+Mesopotamiens von den Römern ebenso wie Korduene dem Armenischen Reiche
+zugelegt worden war. Die Grenze zwischen Römern und Parthern ward also statt
+des Euphrat die große syrisch-mesopotamische Wüste; und auch dies schien nur
+vorläufig. Den parthischen Gesandten, die kamen, um auf das Einhalten der
+allerdings, wie es scheint, nur mündlich abgeschlossenen Verträge hinsichtlich
+der Euphratgrenze zu dringen, gab Pompeius die zweideutige Antwort, daß Roms
+Gebiet sich so weit erstrecke wie sein Recht. Ein Kommentar zu dieser Rede
+schien der auffällige Verkehr zwischen dem römischen Oberfeldherrn und den
+parthischen Satrapen der Landschaft Medien und selbst der fernen Provinz
+Elymais (zwischen Susiana, Medien und Persien im heutigen Luristan) ^5. Die
+Statthalter dieses letzteren, gebirgigen, kriegerischen und entlegenen Landes
+waren von je her bestrebt gewesen, eine von dem Großkönig unabhängige Stellung
+zu gewinnen; um so verletzender und bedrohlicher war es für die parthische
+Regierung, wenn Pompeius von diesem Dynasten die dargebotene Huldigung annahm.
+Nicht minder war es bezeichnend, daß der Titel des &ldquo;Königs der
+Könige&rdquo;, der dem Partherkönig bis dahin auch von den Römern im
+offiziellen Verkehr zugestanden worden war, jetzt auf einmal von ihnen mit dem
+einfachen Königstitel vertauscht ward. Es war das mehr noch eine Drohung als
+eine Verletzung der Etikette. Seit Rom die Erbschaft der Seleukiden getan,
+schien es fast, als gedenke man dort im gelegenen Augenblick auf jene alten
+Zeiten zurückzugreifen, da ganz Iran und Turan von Antiocheia aus beherrscht
+wurden und es doch kein Parthisches Reich gab, sondern nur eine parthische
+Satrapie. Der Hof von Ktesiphon hätte also Grund genug gehabt, mit Rom den
+Krieg zu beginnen; es schien die Einleitung dazu, daß er im Jahre 690 (64)
+wegen der Grenzfrage ihn an Armenien erklärte. Aber Phraates hatte doch nicht
+den Mut, eben jetzt, wo der gefürchtete Feldherr mit seiner starken Armee an
+den Grenzen des Parthischen Reiches stand, mit den Römern offen zu brechen. Als
+Pompeius Kommissarien sandte, um den Streit zwischen Parthien und Armenien
+gütlich beizulegen, fügte Phraates sich der aufgezwungenen römischen
+Vermittlung und ließ es sich gefallen, daß ihr Schiedsspruch den Armeniern
+Korduene und das nördliche Mesopotamien zuwies. Bald nachher schmückte seine
+Tochter mit ihrem Sohne und ihrem Gemahl den Triumph des römischen Feldherrn.
+Auch die Parther zitterten vor der römischen Übermacht; und wenn sie nicht wie
+die Pontiker und die Armenier den römischen Waffen erlegen waren, so schien die
+Ursache davon nur die zu sein, daß sie es nicht gewagt hatten, den Kampf zu
+bestehen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^5 Diese Auffassung beruht auf der Erzählung Plutarchs (Pomp. 36), welche durch
+Strabons (16, 744) Schilderung der Stellung des Satrapen von Elymais
+unterstützt wird. Eine Ausschmückung davon ist es, wenn in den Verzeichnissen
+der von Pompeius besiegten Landschaften und Könige Medien und dessen König
+Dareios aufgeführt werden (Diod. fr. Vat. p. 140; App. Mithr. 117); und daraus
+weiter herausgesponnen ist Pompeius&rsquo; Krieg mit den Medern (Vell. 2, 40;
+App. Mithr. 106, 114) und nun gar der Zug desselben nach Ekbatana (Oros. hist.
+6, 5). Eine Verwechselung mit der fabelhaften gleichnamigen Stadt auf dem
+Karmel hat hier schwerlich stattgefunden; es ist einfach jene unleidliche, wie
+es scheint aus Pompeius&rsquo; großartigen und absichtlich zweideutigen
+Bulletins sich herleitende, Übertreibung, die aus seiner Razzia gegen die
+Gätuler einen Zug an die afrikanische Westküste (Plut. Pomp. 38), aus seiner
+fehlgeschlagenen Expedition gegen die Nabatäer eine Eroberung der Stadt Petra,
+aus seinem Schiedsspruch hinsichtlich der Grenzen Armeniens eine Feststellung
+der römischen Reichsgrenze jenseits Nisibis gemacht hat.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Noch lag es dem Feldherrn ob, die inneren Verhältnisse der neugewonnenen
+Landschaften zu regulieren und die Spuren eines dreizehnjährigen, verheerenden
+Krieges soweit möglich zu tilgen. Das in Kleinasien von Lucullus und der ihm
+beigegebenen Kommission, auf Kreta von Metellus begonnene Organisationsgeschäft
+erhielt den endlichen Abschluß durch Pompeius. Die bisherige Provinz Asia, die
+Mysien, Lydien, Phrygien und Karien umfaßte, ward aus einer Grenz- eine
+Mittelprovinz; neu eingerichtet wurden die Provinz Bithynien und Pontus, welche
+gebildet ward aus dem gesamten ehemaligen Reiche des Nikomedes und der
+westlichen Hälfte des ehemaligen pontischen Staates bis an und über den Halys;
+die Provinz Kilikien, die zwar schon älter war, aber doch erst jetzt ihrem
+Namen entsprechend erweitert und organisiert ward und auch Pamphylien und
+Isaurien miteinschloß; die Provinz Syrien und die Provinz Kreta. Freilich
+fehlte viel, daß jene Ländermasse als römischer Territorialbesitz in dem
+heutigen Sinne des Wortes hätte betrachtet werden können. Form und Ordnung des
+Regiments blieben im wesentlichen, wie sie waren; nur trat an den Platz der
+bisherigen Monarchen die römische Gemeinde. Wie bisher bestanden jene
+asiatischen Landschaften aus einer bunten Mischung von Domanialbesitzungen,
+tatsächlich oder rechtlich autonomen Stadtgebieten, fürstlichen und
+priesterlichen Herrschaften und Königreichen, welche alle für die innere
+Verwaltung mehr oder minder sich selbst überlassen waren, übrigens aber bald in
+milderen, bald in strengeren Formen von der römischen Regierung und deren
+Prokonsuln in ähnlicher Weise abhingen, wie früher von dem Großkönig und dessen
+Satrapen. Wenigstens dem Range nach nahm unter den abhängigen Dynasten den
+ersten Platz ein der König von Kappadokien, dessen Gebiet schon Lucullus durch
+die Belehnung mit der Landschaft Melitene (um Malatia) bis an den Euphrat
+erweitert hatte und dem Pompeius noch teils an der Westgrenze einige von
+Kilikien abgerissene Bezirke von Kastabala bis nach Derbe bei Ikonion, teils an
+der Ostgrenze die am linken Euphratufer Melitene gegenüber gelegene, anfänglich
+dem armenischen Prinzen Tigranes zugedachte Landschaft Sophene verlieh, wodurch
+also die wichtigste Euphratpassage ganz in die Gewalt dieses Fürsten kam. Die
+kleine Landschaft Kommagene zwischen Syrien und Kappadokien mit der Hauptstadt
+Samosata (Samsat) blieb als abhängiges Königtum dem schon genannten Seleukiden
+Antiochos ^6: demselben wurden auch die wichtige, den südlicheren Übergang über
+den. Euphrat beherrschende Festung Seleukeia (bei Biradjik) und die nächsten
+Striche am linken Ufer des Euphrat zugeteilt und somit dafür gesorgt, daß die
+beiden Hauptübergänge über den Euphrat mit einem entsprechenden Gebiet am
+östlichen Ufer in den Händen zweier von Rom völlig abhängigen Dynasten blieben.
+Neben den Königen von Kappadokien und Kommagene und an wirklicher Macht ihnen
+bei weitem überlegen herrschte in Kleinasien der neue König Deiotarus. Einer
+der Vierfürsten des um Pessinus ansässigen Keltenstammes der Tolistoboger und
+von Lucullus und Pompeius mit den anderen kleinen römischen Klienten zur
+Heerfolge aufgeboten, hatte Deiotarus in diesen Feldzügen, im Gegensatz zu all
+den schlaffen Orientalen, seine Zuverlässigkeit und seine Tatkraft so glänzend
+bewährt, daß die römischen Feldherren zu seinem galatischen Erbe und seinen
+Besitzungen in der reichen Landschaft zwischen Amisos und der Halysmündung ihm
+noch die östliche Hälfte des ehemals Pontischen Reiches mit den Seestädten
+Pharnakia und Trapezus und das pontische Armenien bis zur kolchischen und
+großarmenischen Grenze als Königreich Klein-Armenien verliehen. Bald nachher
+vermehrte er sein schon ansehnliches Gebiet noch durch die Landschaft der
+keltischen Trokmer, deren Vierfürsten er verdrängte. So ward der geringe
+Lehnsmann einer der mächtigsten Dynasten Kleinasiens, dem die Hut eines
+wichtigen Teils der Reichsgrenze anvertraut werden konnte. Vasallen geringerer
+Bedeutung waren die übrigen zahlreichen galatischen Vierfürsten, von denen
+einer, der Trokmerfürst Bogodiatarus, wegen seiner im Mithradatischen Kriege
+bewährten Tüchtigkeit von Pompeius mit der ehemals pontischen Grenzstadt
+Mithradation beschenkt ward; der Fürst von Paphlagonien, Attalos, der sein
+Geschlecht auf das alte Herrscherhaus der Pylämeniden zurückführte; Aristarchos
+und andere kleine Herren im kolchischen Gebiet; Tarkondimotos, der im östlichen
+Kilikien in den Bergtälern des Amanos gebot; Ptolemaeos Mennaeos&rsquo; Sohn,
+der fortfuhr, in Chalkis am Libanos zu herrschen; der Nabatäerkönig Aretas als
+Herr von Damaskos; endlich die arabischen Emirs in den Landschaften dies- und
+jenseits des Euphrat, Abgaros in Osrhoene, den die Römer, um ihn als
+vorgeschobenen Posten gegen die Parther zu benutzen, auf alle Weise in ihr
+Interesse zu ziehen sich bemühten, Sampsikeramos in Hemesa, Alchaudonios der
+Rhambäer, ein anderer Emir in Bostra. Dazu kamen ferner die geistlichen Herren,
+die im Osten häufig gleich den weltlichen Dynasten über Land und Leute geboten,
+und an deren in dieser Heimat des Fanatismus fest gegründeter Autorität zu
+rütteln oder auch nur die Tempel ihrer Schätze zu berauben die Römer klüglich
+sich enthielten: der Hochpriester der Göttin Mutter in Pessinus; die beiden
+Hochpriester der Göttin Ma in dem kappadokischen Komana (am oberen Saros) und
+in der gleichnamigen pontischen Stadt (Gümenek bei Tokat), welche beide Herren
+in ihren Landschaften nur dem König an Macht nachstanden und deren jeder noch
+in viel späterer Zeit ausgedehnte Liegenschaften mit eigener Gerichtsbarkeit
+und an sechstausend Tempelsklaven besaß - mit dem pontischen Hochpriesteramt
+ward Archelaos, der Sohn des gleichnamigen, von Mithradates zu den Römern
+übergegangenen Feldherrn, von Pompeius belehnt -; der Hochpriester des
+Venasischen Zeus in dem kappadokischen Amt Morimene, dessen Einkünfte sich auf
+jährlich 23300 Taler (15 Talente) beliefen; der &ldquo;Erzpriester und
+Herr&rdquo; desjenigen Gebiets im Rauhen Kilikien, wo Teukros, des Aias Sohn,
+dem Zeus einen Tempel gegründet hatte, welche seine Nachkommen kraft Erbrechts
+vorstanden; der &ldquo;Erzpriester und Herr des Volkes&rdquo; der Juden, dem
+Pompeius, nachdem er die Mauern der Hauptstadt und die königlichen Schatz- und
+Zwingburgen im Lande geschleift hatte, unter ernstlicher Verwarnung, Friede zu
+halten und nicht weiter auf Eroberungen auszugehen, die Vorstandschaft seiner
+Nation zurückgab. Neben diesen weltlichen und geistlichen Potentaten standen
+die Stadtgemeinden. Zum Teil waren dieselben zu größeren Verbänden
+zusammengeordnet, welche einer verhältnismäßigen Selbständigkeit sich
+erfreuten, wie namentlich der wohlgeordnete und zum Beispiel der Teilnahme an
+der wüsten Piratenwirtschaft stets ferngebliebene Bund der dreiundzwanzig
+lykischen Städte; wogegen die zahlreichen vereinzelt stehenden Gemeinden,
+selbst wenn sie die Selbstregierung verbrieft erhalten hatten, tatsächlich von
+den römischen Statthaltern durchaus abhängig waren. Die Römer verkannten es
+nicht, daß mit der Aufgabe, den Hellenismus zu vertreten und im Osten
+Alexanders Marken zu schirmen und zu erweitern, vor allem die Hebung des
+städtischen Wesens ihnen zur Pflicht geworden war; denn wenn die Städte überall
+die Träger der Gesittung sind, so faßte vor allem der Antagonismus der
+Orientalen und Okzidentalen in seiner ganzen Schärfe sich zusammen in dem
+Gegensatz der orientalischen, militärisch-despotischen Lebenshierarchie und des
+hellenisch-italischen gewerb- und handeltreibenden städtischen Gemeinwesens.
+Lucullus und Pompeius, sowenig sie auch sonst auf die Nivellierung der Zustände
+im Osten ausgingen, und sosehr auch der letztere in Detailfragen die
+Anordnungen seines Vorgängers zu meistern und zu ändern geneigt war, trafen
+doch vollständig zusammen in dem Grundsatz, das städtische Wesen in Kleinasien
+und Syrien bach Kräften zu fördern. Kyzikos, an dessen kräftiger Gegenwehr die
+erste Heftigkeit des letzten Krieges sich gebrochen hatte, empfing von Lucullus
+eine beträchtliche Erweiterung seines Gebietes. Das pontische Herakleia, wie
+energisch es auch den Römern widerstanden hatte, erhielt dennoch sein Gebiet
+und seine Häfen zurück, und Cottas barbarisches Wüten gegen die unglückliche
+Stadt erfuhr im Senat den schärfsten Tadel. Lucullus hatte es tief und
+aufrichtig beklagt, daß das Schicksal ihm das Glück versagt hatte, Sinope und
+Amisos von der Verheerung durch die pontische und die eigene Soldateska zu
+erretten; er tat wenigstens, was er vermochte, um sie wiederherzustellen,
+erweiterte ansehnlich ihre Gebiete, bevölkerte sie aufs neue teils mit den
+alten Bewohnern, die auf seine Einladung scharenweise in die geliebte Heimat
+zurückkehrten, teils mit neuen Ansiedlern hellenischer Abstammung und sorgte
+für den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude. In gleichem Sinn und in noch
+größerem Maßstab verfuhr Pompeius. Schon nach der Überwindung der Piraten hatte
+er die Gefangenen, deren Zahl 20000 überstieg, statt nach dem Beispiel seiner
+Vorgänger sie zu kreuzigen, angesiedelt teils in den verödeten Städten des
+Ebenen Kilikien, wie in Mallos, Adana, Epiphaneia, und besonders in Soloi, das
+seitdem den Namen der Pompeiusstadt (Pompeiopolis) führte, teils in Dyme in
+Achaia, ja sogar in Tarent. Die Piratenkolonisierung fand vielfachen Tadel ^7,
+da sie gewissermaßen auf das Verbrechen eine Belohnung zu setzen schien; in der
+Tat war sie politisch und sittlich wohl gerechtfertigt, denn wie die Dinge
+damals standen, war die Piraterie etwas anderes als Räuberei und die Gefangenen
+billig, nach Kriegsrecht zu behandeln. Vor allen Dingen aber ließ Pompeius es
+sich angelegen sein, in den neuen römischen Provinzen das städtische Wesen
+emporzubringen. Wie städtearm das Pontische Reich war, ward schon bemerkt; die
+meisten Distrikte Kappadokiens hatten noch ein Jahrhundert später keine Städte,
+sondern nur Bergfestungen als Zufluchtsort für die ackerbauende Bevölkerung im
+Kriege: im ganzen östlichen Kleinasien wird es, abgesehen von den sparsam
+gesäten griechischen Kolonien an den Küsten, zu dieser Zeit nicht anders
+gewesen sein. Die Zahl der von Pompeius in diesen Landschaften neu gegründeten
+Städte wird einschließlich der kilikischen Ansiedlungen auf neununddreißig
+angegeben, von denen mehrere zu hoher Blüte gelangten. Die namhaftesten dieser
+Ortschaften in dem ehemaligen Pontischen Reiche sind Nikopolis, die
+&ldquo;Siegesstadt&rdquo;, gegründet an dem Orte, wo Mithradates die letzte
+einschneidende Niederlage erlitt - das schönste Siegesdenkmal des
+trophäenreichen Feldherrn; Megalopolis, nach Pompeius&rsquo; Beinamen genannt,
+an der Grenze von Kappadokien und Klein-Armenien, das spätere Sebasteia (jetzt
+Siwas); Ziela, wo die Römer die unglückliche Schlacht lieferten, eine um den
+dasigen Tempel der Anaitis entstandene und bisher dem Hochpriester derselben
+eigene Ortschaft, der Pompeius städtische Form und städtisches Recht gab;
+Diopolis, früher Kabeira, später Neo-Caesarea (Niksar), gleichfalls eine der
+Walstätten des letzten Krieges; Magnopolis oder Pompeiopolis, das
+wiederhergestellte Eupatoria am Zusammenfluß des Lykos und des Iris,
+ursprünglich von Mithradates erbaut, aber wegen des Abfalls der Stadt zu den
+Römern wieder von ihm zerstört; Neapolis, sonst Phazemon, zwischen Amaseia und
+dem Halys. Die meisten dieser Stadtgründungen wurden nicht durch Kolonisten aus
+der Ferne bewirkt, sondern durch Niederlegung der Dörfer und Zusammenziehung
+ihrer Bewohnerin den neuen Mauerring; nur in Nikopolis siedelte Pompeius die
+Invaliden und Bejahrten seiner Armee an, die es vorzogen, statt später in
+Italien, hier sofort eine Heimat sich zu gründen. Aber auch an anderen Orten
+entstanden auf den Wink des Machthabers neue Brennpunkte der hellenischen
+Zivilisation. In Paphlagonien bezeichnete ein drittes Pompeiupolis die Stätte,
+wo Mithradates&rsquo; Armee im Jahre 666 (88) den großen Sieg über die Bithyner
+erfocht. In Kappadokien, das vielleicht mehr als irgendeine andere Provinz
+durch den Krieg gelitten hatte, wurden die Residenz Mazaka (später Caesarea,
+jetzt Kayseri) und sieben andere Ortschaften von Pompeius wiederhergestellt und
+städtisch eingerichtet. In Kilikien und Koilesyrien zählte man zwanzig von
+Pompeius angelegte Städte. In den von den Juden geräumten Distrikten erhob sich
+Gadara in der Dekapolis auf Pompeius&rsquo; Befehl aus seinen Trümmern und ward
+die Stadt Seleukis gegründet. Bei weitem der größte Teil des auf dem
+asiatischen Kontinent zur Verfügung stehenden Domaniallandes muß von Pompeius
+für seine neuen Ansiedlungen verwandt worden sein, wogegen auf Kreta, um das
+Pompeius sich wenig oder gar nicht kümmerte, der römische Domanialbesitz
+ziemlich ausgedehnt geblieben zu sein scheint.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^6 Der Krieg, den dieser Antiochos mit Pompeius geführt haben soll (App. Mithr.
+106, 117), stimmt sehr wenig zu dem Vertrag, den derselbe mit Lucullus abschloß
+(Dio 36, 4) und seinem ungestörten Verbleiben in der Herrschaft; vermutlich ist
+auch er bloß daraus herausgesponnen, daß Antiochos von Kommagene unter den von
+Pompeius unterworfenen Königen figurierte.
+</p>
+
+<p>
+^7 Hierauf zielt vermutlich Ciceros Vorwurf (off. 3, 12, 49): piratas immunes
+habemus, socios vectigales; insofern nämlich jene Piratenkolonien
+wahrscheinlich von Pompeius zugleich mit der Immunität beschenkt wurden,
+während bekanntlich die von Rom abhängigen Provinzialgemeinden durchschnittlich
+steuerpflichtig waren.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Nicht minder wie auf Gründung neuer Ortschaften war Pompeius darauf bedacht,
+die bestehenden Gemeinden zu ordnen und zu heben. Die eingerissenen Mißbräuche
+und Usurpationen wurden nach Vermögen abgestellt; ausführliche und für die
+verschiedenen Provinzen mit Sorgfalt entworfene Gemeindeordnungen regelten im
+einzelnen das Munizipalwesen. Eine Reihe der ansehnlichsten Städte ward mit
+neuen Privilegien beschenkt. Die Autonomie erhielten Antiocheia am Orontes, die
+bedeutendste Stadt des römischen Asien und nur wenig zurückstehend hinter dem
+ägyptischen Alexandreia und hinter dem Bagdad des Altertums, der Stadt
+Seleukeia im Parthischen Reiche, ferner die Nachbarstadt von Antiocheia, das
+persische Seleukeia, das damit für seine mutige Gegenwehr gegen Tigranes den
+Lohn empfing; Gaza und überhaupt alle von der jüdischen Herrschaft befreite
+Städte; in Vorderasien Mytilene; Phanagoria am Schwarzen Meer.
+</p>
+
+<p>
+So war der Bau des asiatischen Römerstaates vollendet, der mit seinen
+Lehnkönigen und Vasallen, den gefürsteten Priestern und der Reihe ganz- und
+halbfreier Städte lebhaft erinnert an das Heilige Römische Reich Deutscher
+Nation. Er war kein Wunderwerk, weder hinsichtlich der überwundenen
+Schwierigkeiten, noch hinsichtlich der erreichten Vollendung, und ward es auch
+nicht durch all die großen Worte, mit denen in Rom die vornehme Welt zu Gunsten
+des Lucullus, die lautere Menge zum Preise des Pompeius freigebig waren.
+Pompeius namentlich ließ sich feiern und feierte sich selbst in einer Weise,
+daß man ihn fast für noch schwachköpfiger hätte halten mögen, als er in der Tat
+war. Wenn die Mytilenäer ihm eine Bildsäule errichteten als ihrem Erretter und
+Gründer, als demjenigen, der die den Erdkreis erfüllenden Kriege sowohl zu
+Lande wie zur See beendigt, so mochte eine solche Huldigung für den Bezwinger
+der Piraten und der Reiche des Ostens nicht allzu überschwenglich scheinen.
+Aber die Römer übertrafen diesmal die Griechen. Pompeius&rsquo; eigene
+Triumphalinschriften rechneten 12 Millionen unterworfener Seelen und 1538
+eroberte Städte und Burgen heraus - es schien, als solle die Quantität die
+Qualität ersetzen - und erstreckten den Kreis seiner Siege vom Mäotischen zum
+Kaspischen, von diesem zum Roten Meer, von welchen drei Meeren er keines je mit
+Augen gesehen hat; ja wenn er es auch nicht geradezu sagte, so veranlaßte er
+doch das Publikum zu meinen, daß die Einziehung Syriens, die wahrlich keine
+Heldentat war, den ganzen Osten bis nach Baktrien und Indien zum Römischen
+Reiche gebracht habe - in so nebelhafte Ferne verschwamm in seinen Angaben die
+Grenzlinie seiner östlichen Eroberungen. Die demokratische Servilität, die zu
+allen Zeiten mit der höfischen gewetteifert hat, ging bereitwillig auf
+dergleichen geschmacklosen Schwindel ein. Ihr genügte nicht der pomphafte
+Triumphalzug, der am 28. und 29. September 593 (61), dem sechsundvierzigsten
+Geburtstag Pompeius des Großen, durch die Gassen Roms sich bewegte,
+verherrlicht, um von den Kleinodien aller Art zu schweigen, durch die
+Kroninsignien Mithradats und durch die Kinder der drei mächtigsten Könige
+Asiens, des Mithradates, Tigranes und Phraates: sie lohnte ihrem Feldherrn, der
+zweiundzwanzig Könige besiegt, dafür mit königlichen Ehren und verlieh ihm den
+goldenen Kranz und die Insignien der Magistratur auf Lebenszeit. Die ihm zu
+Ehren geschlagenen Münzen zeigen gar die Weltkugel zwischen dem dreifachen, aus
+den drei Weltteilen heimgebrachten Lorbeer und über ihr schwebend jenen dem
+Triumphator über Afrika, Spanien und Asien von der Bürgerschaft verehrten
+Goldkranz. Es kann solchen kindischen Huldigungen gegenüber nicht wundernehmen,
+daß auch im entgegengesetzten Sinne Stimmen laut wurden. Unter der römischen
+vornehmen Welt war es eine geläufige Rede, daß das eigentliche Verdienst der
+Unterwerfung des Ostens Lucullus zukomme und Pompeius nur nach dem Osten
+gegangen sei, um Lucullus zu verdrängen und die von fremder Hand gebrochenen
+Lorbeeren um die eigene Stirn zu flechten. Beides war vollständig falsch; nicht
+Pompeius, sondern Glabrio ward nach Asien gesandt, um Lucullus abzulösen, und
+wie wacker auch Lucullus gefochten, es war Tatsache, daß, als Pompeius den
+Oberbefehl übernahm, die Römer all ihre früheren Erfolge wieder eingebüßt und
+keinen Fußbreit pontischen Bodens innehatten. Mehr zum Ziele traf der Spott der
+Hauptstädter, die nicht ermangelten, dem mächtigen Besieger des Erdballs die
+Namen der von ihm überwundenen Großmächte als Spitznamen beizulegen und ihn
+bald als &ldquo;Sieger von Salem&rdquo; bald als &ldquo;Emir&rdquo;
+(Arabarches), bald als den römischen Sampsikeramos begrüßten. Der unbefangene
+Urteiler wird indes weder in jene Überschwenglichkeiten noch in diese
+Verkleinerungen einstimmen. Lucullus und Pompeius haben, indem sie Asien
+unterwarfen und ordneten, sich nicht als Helden und Staatsschöpfer bewährt,
+aber wohl als einsichtige und kräftige Heerführer und Statthalter. Als Feldherr
+bewies Lucullus nicht gemeine Talente und ein an Verwegenheit grenzendes
+Selbstvertrauen, Pompeius militärische Einsicht und eine seltene Zurückhaltung,
+wie denn kaum je ein General mit solchen Streitkräften und einer so vollkommen
+freien Stellung so vorsichtig aufgetreten ist wie Pompeius im Osten. Die
+glänzendsten Aufgaben trugen von allen Seiten sich ihm gleichsam selber an: er
+konnte nach dem Kimmerischen Bosporus und gegen das Rote Meer hin aufbrechen;
+er hatte Gelegenheit, den Parthern den Krieg zu erklären; die aufständischen
+Landschaften Ägyptens luden ihn ein, den von Rom nicht anerkannten König
+Ptolemaeos vom Thron zu stoßen und das Testament Alexanders in Vollzug zu
+setzen; aber Pompeius ist weder nach Pantikapäon noch nach Petra, weder nach
+Ktesiphon noch nach Alexandreia gezogen; durchaus pflückte er nur diejenigen
+Früchte, die ihm von selber in die Hand fielen. Ebenso schlug er alle seine
+Schlachten zur See wie zu Lande mit einer erdrückenden Übermacht. Wäre diese
+Mäßigung hervorgegangen aus dem strengen Einhalten der erteilten Instruktionen,
+wie Pompeius vorzugehen pflegte, oder auch aus der Einsicht, daß Roms
+Eroberungen irgendwo eine Grenze finden müßten und neuer Gebietszuwachs dem
+Staat nicht förderlich sei, so würde sie ein höheres Lob verdienen, als die
+Geschichte es dem talentvollsten Offizier erteilt; allein wie Pompeius war, ist
+seine Zurückhaltung ohne Zweifel einzig das Resultat des ihm eigentümlichen
+Mangels an Sicherheit und an Initiative - Mängel freilich, die dem Staate in
+diesem Falle weit nützlicher wurden als die entgegengesetzten Vorzüge seines
+Vorgängers. Allerdings sind auch von Lucullus wie von Pompeius sehr arge Fehler
+begangen worden. Lucullus erntete deren Früchte selbst, indem sein unbesonnenes
+Verfahren ihm alle Resultate seiner Siege wieder entriß; Pompeius überließ es
+seinen Nachfolgern, die Folgen seiner falschen Politik gegen die Parther zu
+tragen. Er konnte diese entweder bekriegen, wenn er dessen sich getraute, oder
+mit ihnen Frieden halten und, wie er versprochen, den Euphrat als Grenze
+anerkennen; zu jenem war er zu zaghaft, zu diesem zu eitel, und so kam er denn
+zu der einfältigen Perfidie, die gute Nachbarschaft, die der Hof von Ktesiphon
+wünschte und seinerseits übte, durch die maßlosesten Übergriffe unmöglich zu
+machen, dennoch aber dem Feinde zu gestatten, sich die Zeit des Bruches und der
+Vergeltung selber wählen zu dürfen. Als Verwalter Asiens erwarb Lucullus ein
+mehr als fürstliches Vermögen, und auch Pompeius empfing als Lohn für seine
+Organisation von dem König von Kappadokien, von der reichen Stadt Antiocheia
+und anderen Herren und Gemeinden große Barsummen und noch ansehnlichere
+Schuldverschreibungen. Indes dergleichen Erpressungen waren fast eine
+gewohnheitsmäßige Steuer geworden, und beide Feldherren bewiesen doch nicht
+gerade in wichtigeren Fragen sich käuflich, ließen auch womöglich sich von der
+Partei bezahlen, deren Interessen mit denen Roms zusammenfielen. Wie die Zeiten
+einmal waren, hindert dies nicht, die Verwaltung beider Männer als eine relativ
+löbliche und zunächst im Interesse Roms, demnächst in dem der Provinzialen
+geführte zu bezeichnen. Die Verwandlung der Klienten in Untertanen, die bessere
+Regulierung der Ostgrenze, die Begründung eines einheitlichen und starken
+Regiments waren segensreich für die Herrscher wie für die Beherrschten. Der
+finanzielle Gewinn, den Rom machte, war unermeßlich; die neue Vermögenssteuer,
+die mit Ausnahme einzelner, besonders befreiter Gemeinden all jene Fürsten,
+Priester und Städte nach Rom zu zahlen hatten, steigerte die römischen
+Staatseinnahmen fast um die Hälfte ihres bisherigen Betrags. Freilich litt
+Asien schwer. Pompeius legte an Geld und Kleinodien einen Betrag von 15 Mill.
+Talern (200 Mill. Sesterzen) in die Staatskasse nieder und verteilte 29
+Millionen (16000 Talente) unter seine Offiziere und Soldaten; wenn man hierzu
+die bedeutenden von Lucullus heimgebrachten Summen, die nichtoffiziellen
+Erpressungen der römischen Armee und den Betrag der Kriegsschäden selbst
+rechnet, so ist die finanzielle Erschöpfung des Landes begreiflich. Die
+römische Besteuerung Asiens war vielleicht an sich nicht schlimmer als die der
+früheren Regenten, aber lastete doch insofern schwerer auf dem Lande, als die
+Abgaben fortan in das Ausland gingen und nur zum kleineren Teil wieder in Asien
+verwandt wurden; und auf jeden Fall war sie in den alten wie in den
+neugewonnenen Provinzen basiert auf die systematische Ausbeutung der
+Landschaften zu Gunsten Roms. Aber die Verantwortung hierfür trifft weit
+weniger die Feldherren persönlich als die Parteien daheim, auf die jene
+Rücksicht zu nehmen hatten; Lucullus war sogar energisch bemüht, dem
+wucherischen Treiben der römischen Kapitalisten in Asien Schranken zu setzen,
+und sein Sturz ward wesentlich mit hierdurch herbeigeführt. Wie sehr es beiden
+Männern Ernst damit war, die heruntergekommenen Landschaften wieder in die Höhe
+zu bringen, beweist ihre Tätigkeit da, wo keine Rücksichten der Parteipolitik
+ihnen die Hände banden, namentlich ihre Fürsorge für die kleinasiatischen
+Städte. Wenn auch noch Jahrhunderte später manches in Ruinen liegende
+asiatische Dorf an die Zeiten des großen Krieges erinnerte, so mochte doch
+Sinope wohl mit dem Jahr der Wiederherstellung durch Lucullus eine neue Ära
+beginnen und fast alle ansehnlicheren Binnenstädte des Pontischen Reiches
+Pompeius als ihren Stifter dankbar verehren. Die Einrichtung des römischen
+Asien durch Lucullus und Pompeius darf bei all ihren unleugbaren Mängeln eine
+im ganzen verständige und löbliche genannt werden; wie schwere Übelstände aber
+auch ihr anhaften mochten, den vielgeplagten Asiaten mußte sie schon darum
+willkommen sein, weil sie zugleich kam mit dem so lange und so schmerzlich
+entbehrten inneren und äußeren Frieden.
+</p>
+
+<p>
+Es blieb auch im wesentlichen Friede im Orient, bis der von Pompeius mit der
+ihm eigenen Zaghaftigkeit nur angedeutete Gedanke, die Landschaften östlich vom
+Euphrat zum Römischen Reiche zu fügen, von der neuen Triarchie der römischen
+Machthaber energisch, aber unglücklich wiederaufgenommen ward und bald darauf
+der Bürgerkrieg wie alle anderen so auch die östlichen Provinzen in seinen
+verhängnisvollen Strudel hineinzog. Daß in der Zwischenzeit die Statthalter
+Kilikiens beständig mit den Bergvölkern des Amanos, die von Syrien mit den
+Schwärmen der Wüste zu fechten hatten und namentlich in diesem Kriege gegen die
+Beduinen manche römische Truppe aufgerieben ward, ist ohne weitere Bedeutung.
+Bemerkenswerter ist der eigensinnige Widerstand, den die zähe jüdische Nation
+den Eroberern entgegensetzte. Teils des abgesetzten Königs Aristobulos Sohn
+Alexandros, teils Aristobulos selbst, dem es nach einiger Zeit gelang, aus der
+Gefangenschaft zu entkommen, erregten während der Statthalterschaft des Aulus
+Gabinius (697-700 57-54) drei verschiedene Aufstände gegen die neuen
+Machthaber, deren jedem die von Rom eingesetzte Regierung des Hochpriesters
+Hyrkanos ohnmächtig erlag. Es war nicht politische Überlegung, sondern der
+unbesiegbare Widerwille des Orientalen gegen das unnatürliche Joch, der sie
+zwang, gegen den Stachel zu löcken; wie denn auch der letzte und gefährlichste
+dieser Aufstände, zu welchem die durch die ägyptischen Krisen veranlaßte
+Wegziehung der syrischen Okkupationsarmee den nächsten Anstoß gab, begann mit
+der Ermordung der in Palästina ansässigen Römer. Nicht ohne Mühe gelang es dem
+tüchtigen Statthalter, die wenigen Römer, die diesem Schicksal sich entzogen
+und eine vorläufige Zuflucht auf dem Berge Garizim gefunden hatten, von den
+dort sie blockiert haltenden Insurgenten zu erretten und nach mehreren hart
+bestrittenen Feldschlachten und langwierigen Belagerungen den Aufstand zu
+bewältigen. Infolgedessen ward die Hohenpriestermonarchie abgeschafft und das
+jüdische Land, wie einst Makedonien, in fünf selbständige, von optimatisch
+geordneten Regierungskollegien verwaltete Kreise aufgelöst, auch Samaria und
+andere, von den Juden geschleifte Ortschaften wiederhergestellt, um ein
+Gegengewicht gegen Jerusalem zu bilden, endlich den Juden ein schwererer Tribut
+auferlegt als den übrigen syrischen Untertanen Roms.
+</p>
+
+<p>
+Noch ist es übrig, auf das Königreich Ägypten nebst dem letzten ihm von den
+ausgedehnten Eroberungen der Lagiden übriggebliebenen Nebenland, der schönen
+Insel Kypros, einen Blick zu werfen. Ägypten war jetzt der einzige wenigstens
+dem Namen nach noch unabhängige Staat des hellenischen Ostens; ebenwie einst,
+als die Perser an der östlichen Hälfte des Mittelmeers sich festsetzten,
+Ägypten ihre letzte Eroberung war, säumten auch die mächtigen Eroberer aus dem
+Westen am längsten mit der Einziehung dieser reichen und eigenartigen
+Landschaft. Die Ursache lag, wie bereits angedeutet wurde, weder in der Furcht
+vor dem Widerstand Ägyptens noch in dem Mangel einer geeigneten Veranlassung.
+Ägypten war ungefähr ebenso machtlos wie Syrien und bereits im Jahre 673 (81)
+in aller Form Rechtens der römischen Gemeinde angestorben; das am Hofe von
+Alexandreia herrschende Regiment der königlichen Garde, welche Minister und
+gelegentlich Könige ein- und absetzte, für sich nahm, was ihr gefiel, und, wenn
+ihr die Erhöhung des Soldes verweigert ward, den König in seinem Palast
+belagerte, war im Lande oder vielmehr in der Hauptstadt - denn das Land mit
+seiner Ackersklavenbevölkerung kam überhaupt kaum in Betracht - ganz und gar
+nicht beliebt, und wenigstens eine Partei daselbst wünschte die Einziehung
+Ägyptens durch Rom und tat sogar Schritte, um sie herbeizuführen. Allein je
+weniger die Könige Ägyptens daran denken konnten, mit den Waffen gegen Rom zu
+streiten, desto energischer setzte das ägyptische Gold gegen die römischen
+Reunionspläne sich zur Wehre; und infolge der eigentümlichen
+despotisch-kommunistischen Zentralisation der ägyptischen Volkswirtschaft waren
+die Einkünfte des Hofes von Alexandreia der römischen Staatseinnahme, selbst
+nach deren Vermehrung durch Pompeius, noch ungefähr gleich. Die argwöhnische
+Eifersucht der Oligarchie, die weder die Eroberung noch die Verwaltung Ägyptens
+gern einem einzelnen gönnte, kam hinzu. So vermochten die faktischen Herren von
+Ägypten und Kypros durch Bestechung der führenden Männer im Senat sich ihre
+schwankenden Kronen nicht bloß zu fristen, sondern sogar neu zu befestigen und
+vom Senat die Bestätigung ihrer Königstitel zu erkaufen. Allein damit waren sie
+noch nicht am Ziel. Das formelle Staatsrecht forderte einen Beschluß der
+römischen Bürgerschaft; bevor dieser erlassen war, waren die Ptolemäer abhängig
+von der Laune jedes demokratischen Machthabers, und sie hatten also den
+Bestechungskrieg auch gegen die andere römische Partei zu eröffnen, welche als
+die mächtigere weit höhere Preise bedang. Der Ausgang war ungleich. Die
+Einziehung von Kypros ward im Jahre 696 (58) vom Volke, das heißt von den
+Führern der Demokratie verfügt, wobei als offizieller Grund, weshalb dieselbe
+jetzt vorgenommen werde, die Förderung der Piraterie durch die Kyprioten
+angegeben ward. Marcus Cato, von seinen Gegnern mit der Ausführung dieser
+Maßregel beauftragt, kam nach der Insel ohne Heer; allein es bedurfte dessen
+auch nicht. Der König nahm Gift; die Einwohner fügten sich, ohne Widerstand zu
+leisten, dem unvermeidlichen Verhängnis und wurden dem Statthalter von Kilikien
+untergeordnet. Der überreiche Schatz von fast 7000 Talenten (fast 13 Mill.
+Taler), den der ebenso habsüchtige wie geizige König sich nicht hatte
+überwinden können, für die zur Rettung seiner Krone erforderlichen Bestechungen
+anzugreifen, fiel mit dieser zugleich an die Römer und füllte in erwünschter
+Weise die leeren Gewölbe ihres Ärars.
+</p>
+
+<p>
+Dagegen gelang es dem Bruder, der in Ägypten regierte, die Anerkennung durch
+Volksschluß von den neuen Herren Roms im Jahre 695 (59) zu erkaufen; der
+Kaufpreis soll 6000 Talente (11 Mill. Taler) betragen haben. Die Bürgerschaft
+freilich, längst gegen den guten Flötenbläser und schlechten Regenten erbittert
+und nun durch den definitiven Verlust von Kypros und den infolge der
+Transaktionen mit den Römern unerträglich gesteigerten Steuerdruck aufs
+äußerste gebracht (696 58), jagte ihn dafür aus dem Lande. Als der König
+darauf, gleichsam wie wegen Entwährung des Kaufobjekts, sich an seine Verkäufer
+wandte, waren diese billig genug einzusehen, daß es ihnen als redlichen
+Geschäftsmännern obliege, dem Ptolemaeos sein Reich wiederzuverschaffen; nur
+konnten die Parteien sich nicht einig werden, wem der wichtige Auftrag, Ägypten
+mit bewaffneter Hand zu besetzen, nebst den davon zu erhoffenden Sporteln
+zukommen solle. Erst als die Triarchie auf der Konferenz von Luca sich neu
+befestigte, wurde zugleich auch diese Angelegenheit geordnet, nachdem
+Ptolemaeos noch sich zur Erlegung weiterer 10000 Talente (18 Mill. Taler)
+verstanden hatte: der Statthalter Syriens, Aulus Gabinius, erhielt jetzt von
+den Machthabern Befehl, sofort zur Zurückführung des Königs die nötigen
+Schritte zu tun. Die Bürgerschaft von Alexandreia hatte inzwischen des
+vertriebenen Königs ältester Tochter Berenike die Krone aufgesetzt und ihr in
+der Person eines der geistlichen Fürsten des römischen Asien, des Hochpriesters
+von Komana Archelaos, einen Gemahl gegeben, der Ehrgeiz genug besaß, um an die
+Hoffnung, den Thron der Lagiden zu besteigen, seine gesicherte und ansehnliche
+Stellung zu setzen. Seine Versuche, die römischen Machthaber für sich zu
+gewinnen, blieben ohne Erfolg; aber er schrak auch nicht zurück vor dem
+Gedanken, sein neues Reich mit den Waffen in der Hand selbst gegen die Römer
+behaupten zu müssen. Gabinius, ohne ostensible Vollmacht, den Krieg gegen
+Ägypten zu beginnen, aber von den Machthabern dazu angewiesen, nahm die
+angebliche Förderung der Piraterie durch die Ägypter und den Flottenbau des
+Archelaos zum Vorwand und brach ungesäumt auf gegen die ägyptische Grenze (699
+55). Der Marsch durch die Sandwüste zwischen Gaza und Pelusion, an der so
+manche gegen Ägypten gerichtete Invasion gescheitert war, ward diesmal
+glücklich zurückgelegt, was besonders .dem raschen und geschickten Führer der
+Reiterei, Marcus Antonius, verdankt ward. Auch die Grenzfestung Pelusion wurde
+von der dort stehenden jüdischen Besatzung ohne Gegenwehr übergeben. Vorwärts
+dieser Stadt trafen die Römer auf die Ägypter, schlugen sie, wobei Antonius
+wiederum sich auszeichnete, und gelangten, die erste römische Armee, an den
+Nil. Hier hatten Flotte und Heer der Ägypter zum letzten entscheidenden Kampfe
+sich aufgestellt; aber die Römer siegten abermals und Archelaos selbst fand mit
+vielen der Seinigen kämpfend den Tod. Sofort nach dieser Schlacht ergab sich
+die Hauptstadt und damit war jeder Widerstand am Ende. Das unglückliche Land
+ward seinem rechtmäßigen Zwingherrn überliefert: das Henken und Köpfen, womit
+ohne des ritterlichen Antonius&rsquo; Dazwischenkunft Ptolemaeos die
+Wiederherstellung des legitimen Regiments bereits in Pelusion zu feiern
+begonnen haben würde, ging nun ungehemmt seinen Gang, und vor allen anderen
+ward die unschuldige Tochter von dem Vater auf das Schafott gesandt. Die
+Bezahlung des mit den Machthabern vereinbarten Lohnes scheiterte an der
+absoluten Unmöglichkeit, dem ausgesogenen Lande die verlangten ungeheuren
+Summen abzupressen, obwohl man dem armen Volke den letzten Pfennig nahm; dafür
+aber, daß das Land wenigstens ruhig blieb, sorgte die in der Hauptstadt
+zurückgelassene Besatzung von römischer Infanterie und keltischer und deutscher
+Reiterei, welche die einheimischen Prätorianer ablöste und übrigens nicht
+unglücklich ihnen nacheiferte. Die bisherige Hegemonie Roms über Ägypten ward
+damit in eine unmittelbare militärische Okkupation verwandelt und die nominelle
+Fortdauer des einheimischen Königtums war nicht so sehr eine Bevorzugung des
+Landes als eine zwiefache Belastung.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap05"></a>KAPITEL V.<br/>
+Der Parteienkampf während Pompeius&rsquo; Abwesenheit</h2>
+
+<p>
+Mit dem Gabinischen Gesetze wechselten die hauptstädtischen Parteien die
+Rollen. Seit der erwählte Feldherr der Demokratie das Schwert in der Hand
+hielt, war seine Partei oder was dafür galt auch in der Hauptstadt übermächtig.
+Wohl stand die Nobilität noch geschlossen zusammen und gingen nach wie vor aus
+der Komitialmaschine nur Konsuln hervor, die nach dem Ausdrucke der Demokraten
+schon in den Windeln zum Konsulate designiert waren; die Wahlen zu beherrschen
+und hier den Einfluß der alten Familien zu brechen, vermochten selbst die
+Machthaber nicht. Aber leider fing das Konsulat, ebenda man es so weit gebracht
+hatte, die &ldquo;neuen Menschen&rdquo; so gut wie vollständig davon
+auszuschließen, selber an, vor dem neu aufgehenden Gestirn der; exzeptionellen
+Militärgewalt zu erbleichen. Die Aristokratie empfand es, wenn sie auch nicht
+gerade es sich gestand; sie gab sich selber verloren. Außer Quintus Catulus,
+der mit achtbarer Festigkeit auf seinem wenig erfreulichen Posten als
+Vorfechter einer überwundenen Partei bis zu seinem Tode (694 60) ausharrte, ist
+aus den obersten Reihen der Nobilität kein Optimat zu nennen, der die
+Interessen der Aristokratie mit Mut und Stetigkeit vertreten hätte. Eben ihre
+talentvollsten und gefeiertsten Männer, wie Quintus Metellus Pius und Lucius
+Lucullus, abdizierten tatsächlich und zogen sich, soweit es irgend
+schicklicherweise anging, auf ihre Villen zurück, um über Gärten und
+Bibliotheken, über Vogelhäusern und Fischteichen den Markt und das Rathaus
+möglichst zu vergessen. Noch viel mehr gilt dies natürlich von der jüngeren
+Generation der Aristokratie, die entweder ganz in Luxus und Literatur unterging
+oder der aufgehenden Sonne sich zuwandte. Ein einziger unter den Jüngeren
+machte hiervon eine Ausnahme: es ist Marcus Porcius Cato (geboren 659 95), ein
+Mann vom besten Willen und seltener Hingebung, und doch eine der
+abenteuerlichsten und eine der unerfreulichsten Erscheinungen in dieser an
+politischen Zerrbildern überreichen Zeit. Ehrlich und stetig, ernsthaft im
+Wollen und im Handeln, voll Anhänglichkeit an sein Vaterland und die
+angestammte Verfassung, aber ein langsamer Kopf und sinnlich wie sittlich ohne
+Leidenschaft, hätte er allenfalls einen leidlichen Staatsrechenmeister abgeben
+mögen. Unglücklicherweise aber geriet er früh unter die Gewalt der Phrase, und,
+teils beherrscht von den Redensarten der Stoa, wie sie in abstrakter Kahlheit
+und geistloser Abgerissenheit in der damaligen vornehmen Welt im Umlauf waren,
+teils von dem Exempel seines Urgroßvaters, den zu erneuern er für seine
+besondere Aufgabe hielt, fing er an, als Musterbürger und Tugendspiegel in der
+sündigen Hauptstadt umherzuwandeln, gleich dem alten Cato auf die Zeiten zu
+schelten, zu Fuß zu gehen statt zu reiten, keine Zinsen zu nehmen, soldatische
+Ehrenzeichen abzulehnen und die Wiederherstellung der guten alten Zeit damit
+einzuleiten, daß er nach König Romulus&rsquo; Vorgang ohne Hemd ging. Eine
+seltsame Karikatur seines Ahnen, des greisen Bauern, den Haß und Zorn zum
+Redner machten, der den Pflug wie das Schwert meisterlich führte, der mit
+seinem bornierten, aber originellen und gesunden Menschenverstand in der Regel
+den Nagel auf den Kopf traf, war dieser junge kühle Gelehrte, dem die
+Schulmeisterweisheit von den Lippen troff und den man immer mit dem Buche in
+der Hand sitzen sah, dieser Philosoph, der weder das Kriegs- noch sonst
+irgendein Handwerk verstand, dieser Wolkenwandler im Reiche der abstrakten
+Moral. Dennoch gelangte er zu sittlicher und dadurch selbst zu politischer
+Bedeutung. In einer durchaus elenden und feigen Zeit imponierten sein Mut und
+seine negativen Tugenden der Menge; er machte sogar Schule, und es gab einzelne
+- freilich waren sie danach -, die die lebendige Philosophenschablone weiter
+kopierten und abermals karikierten. Auf derselben Ursache beruht auch sein
+politischer Einfluß. Da er der einzige namhafte Konservative war, der wo nicht
+Talent und Einsicht, doch Ehrlichkeit und Mut besaß und immer bereitstand, wo
+es nötig und nicht nötig war, seine Person in die Schanze zu schlagen, so ward
+er, obwohl weder sein Alter noch sein Rang noch sein Geist ihn dazu
+berechtigten, dennoch bald der anerkannte Vormann der Optimatenpartei. Wo das
+Ausharren eines einzelnen entschlossenen Mannes entscheiden konnte, hat er auch
+wohl einen Erfolg erzielt und in Detailfragen, namentlich finanzieller Art, oft
+zweckmäßig eingegriffen, wie er denn in keiner Senatssitzung fehlte und mit
+seiner Quästur in der Tat Epoche machte, auch solange er lebte das öffentliche
+Budget im einzelnen kontrollierte und natürlich denn auch darüber mit den
+Steuerpächtern in beständigem Kriege lebte. übrigens fehlte ihm zum Staatsmann
+nicht mehr als alles. Er war unfähig, einen politischen Zweck auch nur zu
+begreifen und politische Verhältnisse zu überblicken; seine ganze Taktik
+bestand darin, gegen jeden Front zu machen, der von dem traditionellen
+moralisch-politischen Katechismus der Aristokratie abwich oder ihm abzuweichen
+schien, womit er denn natürlich ebensooft dem Gegner wie dem Parteigenossen in
+die Hände gearbeitet hat. Der Don Quichotte der Aristokratie, bewährte er durch
+sein Wesen und sein Tun, daß damals allenfalls noch eine Aristokratie
+vorhanden, die aristokratische Politik aber nichts mehr war als eine Chimäre.
+</p>
+
+<p>
+Mit dieser Aristokratie den Kampf fortzusetzen, brachte geringe Ehre. Natürlich
+ruhten die Angriffe der Demokratie gegen den überwundenen Feind darum nicht.
+Wie die Troßbuben über ein erobertes Lager, stürzte sich die populäre Meute auf
+die gesprengte Nobilität, und wenigstens die Oberfläche der Politik ward von
+dieser Agitation zu hohen Schaumwellen emporgetrieben. Die Menge ging um so
+bereitwilliger mit, als namentlich Gaius Caesar sie bei guter Laune hielt durch
+die verschwenderische Pracht seiner Spiele (689 65), bei welchen alles Gerät,
+selbst die Käfige der wilden Bestien, aus massivem Silber erschien, und
+überhaupt durch eine Freigebigkeit, welche darum nur um so mehr fürstlich war,
+weil sie einzig auf Schuldenmachen beruhte. Die Angriffe auf die Nobilität
+waren von der mannigfaltigsten Art. Reichen Stoff gewährten die Mißbräuche des
+aristokratischen Regiments: liberale oder liberal schillernde Beamte und
+Sachverwalter wie Gaius Cornelius, Aulus Gabinius, Marcus Cicero fuhren fort,
+die ärgerlichsten und schändlichsten Seiten der Optimatenwirtschaft
+systematisch zu enthüllen und Gesetze dagegen zu beantragen. Der Senat ward
+angewiesen, den auswärtigen Boten an bestimmten Tagen Zutritt zu gewähren, um
+dadurch der üblichen Verschleppung der Audienzen Einhalt zu tun. Die von
+fremden Gesandten in Rom aufgenommenen Darlehen wurden klaglos gestellt, da
+dies das einzige Mittel sei, den Bestechungen, die im Senat an der Tagesordnung
+waren, ernstlich zu steuern (687 67). Das Recht des Senats, in einzelnen Fällen
+von den Gesetzen zu dispensieren, wurde beschränkt (687 67); ebenso der
+Mißbrauch, daß jeder vornehme Römer, der in den Provinzen Privatgeschäfte zu
+besorgen hatte, sich dazu vom Senat den Charakter eines römischen Gesandten
+erteilen ließ (691 63). Man schärfte die Strafen gegen Stimmenkauf und
+Wahlumtriebe (687, 691 67, 63), welche letztere namentlich in ärgerlicher Weise
+gesteigert wurden durch die Versuche der aus dem Senat gestoßenen Individuen,
+durch Wiederwahl in denselben zurückzugelangen. Es wurde gesetzlich
+ausgesprochen, was bis dahin sich nur von selbst verstanden hatte, daß die
+Gerichtsherren verbunden seien in Gemäßheit der nach römischer Weise zu Anfang
+des Amtes von ihnen aufgestellten Normen Recht zu sprechen (687 67).
+</p>
+
+<p>
+Vor allem aber arbeitete man daran, die demokratische Restauration zu
+vervollkommnen und die leitenden Gedanken der gracchischen Zeit in zeitgemäßer
+Form zu verwirklichen. Die Wahl der Priester durch die Komitien, wie sie Gnaeus
+Domitius eingeführt, Sulla wieder abgeschafft hatte, ward durch ein Gesetz des
+Volkstribuns Titus Labienus im Jahre 691 (63) hergestellt. Man wies gern darauf
+hin, wieviel zur Wiederherstellung der Sempronischen Getreidegesetze in ihrem
+vollen Umfang noch fehle, und überging dabei mit Stillschweigen, daß unter den
+veränderten Umständen, bei der bedrängten Lage der öffentlichen Finanzen und
+der so sehr vermehrten Zahl der vollberechtigten römischen Bürger, diese
+Wiederherstellung schlechterdings unausführbar war. In der Landschaft zwischen
+dem Po und den Alpen nährte man eifrig die Agitation um politische
+Gleichberechtigung mit den Italikern. Schon 686 (68) reiste Gaius Caesar zu
+diesem Zweck daselbst von Ort zu Ort; 689 (65) machte Marcus Crassus als Zensor
+Anstalt, die Einwohner geradewegs in die Bürgerliste einzuschreiben, was nur an
+dem Widerstand seines Kollegen scheiterte; bei den folgenden Zensuren scheint
+dieser Versuch sich regelmäßig wiederholt zu haben. Wie einst Gracchus und
+Flaccus die Patrone der Latiner gewesen waren, so warfen sich die gegenwärtigen
+Führer der Demokratie zu Beschützern der Transpadaner auf, und Gaius Piso
+(Konsul 687 67) hatte es schwer zu bereuen, daß er gewagt hatte, an einem
+dieser Klienten des Caesar und Crassus sich zu vergreifen. Dagegen zeigten sich
+dieselben Führer keineswegs geneigt, die politische Gleichberechtigung der
+Freigelassenen zu befürworten; der Volkstribun Gaius Manilius, der in einer nur
+von wenigen Leuten besuchten Versammlung das Sulpicische Gesetz über das
+Stimmrecht der Freigelassenen hatte erneuern lassen (31. Dezember 687 67), ward
+von den leitenden Männern der Demokratie alsbald desavouiert und mit ihrer
+Zustimmung das Gesetz schon am Tage nach seiner Durchbringung vom Senate
+kassiert. In demselben Sinn wurden im Jahre 689 (65) durch Volksbeschluß die
+sämtlichen Fremden, die weder römisches noch latinisches Bürgerrecht besaßen,
+aus der Hauptstadt ausgewiesen. Man sieht, der innere Widerspruch der
+Gracchischen Politik, zugleich dem Bestreben der Ausgeschlossenen um Aufnahme
+in den Kreis der Privilegierten und dem der Privilegierten um Aufrechterhaltung
+ihrer Sonderrechte Rechnung zu tragen, war auch auf ihre Nachfolger
+übergegangen: während Caesar und die Seinen einerseits den Transpadanern das
+Bürgerrecht in Aussicht stellten, gaben sie andererseits ihre Zustimmung zu der
+Fortdauer der Zurücksetzung der Freigelassenen und zu der barbarischen
+Beseitigung der Konkurrenz, die die Industrie und das Handelsgeschick der
+Hellenen und Orientalen in Italien selber den Italikern machte.
+Charakteristisch ist die Art, wie die Demokratie hinsichtlich der alten
+Kriminalgerichtsbarkeit der Komitien verfuhr. Sulla hatte dieselbe nicht
+eigentlich aufgehoben, aber tatsächlich waren doch die Geschworenenkommissionen
+über Hochverrat und Mord an ihre Stelle getreten, und an eine ernstliche
+Wiederherstellung des alten, schon lange vor Sulla durchaus unpraktischen
+Verfahrens konnte kein vernünftiger Mensch denken. Aber da doch die Idee der
+Volkssouveränität eine Anerkennung der peinlichen Gerichtsbarkeit der
+Bürgerschaft wenigstens im Prinzip zu fordern schien, so zog der Volkstribun
+Titus Labienus im Jahre 691 (63) den alten Mann, der vor achtunddreißig Jahren
+den Volkstribun Lucius Saturninus erschlagen hatte oder haben sollte, vor
+dasselbe hochnotpeinliche Halsgericht, kraft dessen, wenn die Chronik recht
+berichtete, der König Tullus den Schwestermörder Horatius verrechtfertigt
+hatte. Der Angeklagte war ein gewisser Gaius Rabirius, der den Saturninus wenn
+nicht getötet, doch wenigstens mit dem abgehauenen Kopf desselben an den Tafeln
+der Vornehmen Parade gemacht hatte, und der überdies unter den apulischen
+Gutsbesitzern wegen seiner Menschenfängerei und seiner Bluttaten verrufen war.
+Es war, wenn nicht dem Ankläger selbst, doch den klügeren Männern, die hinter
+ihm standen, durchaus nicht darum zu tun, diesen elenden Gesellen den Tod am
+Kreuze sterben zu lassen; nicht ungern ließ man es geschehen, daß zunächst die
+Form der Anklage vom Senat wesentlich gemildert, sodann die zur Aburteilung des
+Schuldigen berufene Volksversammlung unter irgendeinem Vorwand von der
+Gegenpartei aufgelöst und damit die ganze Prozedur beseitigt ward. Immer waren
+durch dies Verfahren die beiden Palladien der römischen Freiheit, das
+Provokationsrecht der Bürgerschaft und die Unverletzlichkeit des
+Volkstribunats, noch einmal als praktisches Recht festgestellt und der
+demokratische Rechtsboden neu ausgebessert worden.
+</p>
+
+<p>
+Mit noch größerer Leidenschaftlichkeit trat die demokratische Reaktion in allen
+Personenfragen auf, wo sie nur irgend konnte und durfte. Zwar gebot ihr die
+Klugheit, die Rückgabe der von Sulla eingezogenen Güter an die ehemaligen
+Eigentümer nicht zu betonen, um nicht mit den eigenen Verbündeten sich zu
+entzweien und zugleich mit den materiellen Interessen in einen Kampf zu
+geraten, dem die Tendenzpolitik selten gewachsen ist; auch die Rückberufung der
+Emigrierten hing mit dieser Vermögensfrage zu eng zusammen, um nicht ebenso
+unrätlich zu erscheinen. Dagegen machte man große Anstrengungen, um den Kindern
+der Geächteten die ihnen entzogenen politischen Rechte zurückzugegeben (691 63)
+und die Spitzen der Senatspartei wurden von persönlichen Angriffen unablässig
+verfolgt. So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre 688 (66) einen
+Tendenzprozeß an. So ließ man dessen berühmteren Bruder vor den Toren der
+Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph harren (688-691 66-63).
+Ähnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von Kreta, Quintus Metellus,
+insultiert. Größeres Aufsehen noch machte es, daß der junge Führer der
+Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63) nicht bloß sich es herausnahm, bei
+der Bewerbung um das höchste Priesteramt mit den beiden angesehensten Männern
+der Nobilität, Quintus Catulus und Publius Servilius, dem Sieger von Isaura, zu
+konkurrieren, sondern sogar bei der Bürgerschaft ihnen den Rang ablief. Die
+Erben Sullas, namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich beständig bedroht von
+einer Klage auf Rückerstattung der von dem Regenten angeblich unterschlagenen
+öffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der Wiederaufnahme der im Jahre 664
+(99) sistierten demokratischen Anklagen auf Grund des Varischen Gesetzes. Am
+nachdrücklichsten wurden begreiflicherweise die bei den Sullanischen
+Exekutionen beteiligten Individuen gerichtlich verfolgt. Wenn der Quästor
+Marcus Cato in seiner täppischen Ehrlichkeit selber den Anfang damit machte,
+ihnen die empfangenen Mordprämien als widerrechtlich dem Staate entfremdetes
+Gut wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, daß das Jahr darauf
+(690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht die Klausel in der
+Sullanischen Ordnung, welche die Tötung eines Geächteten straflos erklärte,
+kurzweg als nichtig behandelte und die namhaftesten unter den Schergen Sullas,
+Lucius Catilina, Lucius Bellienus, Lucius Luscius, vor seine Geschworenen
+stellen und zum Teil auch verurteilen ließ. Endlich unterließ man nicht, die
+lange verfemten Namen der Helden und Märtyrer der Demokratie jetzt wieder
+öffentlich zu nennen und ihre Andenken zu feiern. Wie Saturninus durch den
+gegen seinen Mörder gerichteten Prozeß rehabilitiert ward, ist schon erzählt
+worden. Aber einen anderen Klang noch hatte der Name des Gaius Marius, bei
+dessen Nennung einst alle Herzen geklopft hatten; und es traf sich, daß
+derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den nordischen Barbaren verdankte,
+zugleich der Oheim des gegenwärtigen Führers der Demokratie war. Laut hatte die
+Menge gejubelt, als im Jahre 686 (68) Gaius Caesar es wagte, den Verboten
+zuwider bei der Beerdigung der Witwe des Marius die verehrten Züge des Helden
+auf dem Markte öffentlich zu zeigen. Aber als gar drei Jahre nachher (689 65)
+die Siegeszeichen, die Marius auf dem Kapitol hatte errichten und Sulla
+umstürzen lassen, eines Morgens, allen unerwartet, wieder an der alten Stelle
+frisch in Gold und Marmor glänzten, da drängten sich die Invaliden aus dem
+Afrikanischen und Kimbrischen Kriege, Tränen in den Augen, um das Bild des
+geliebten Feldherrn, und den jubelnden Massen gegenüber wagte der Senat nicht,
+an den Trophäen sich zu vergreifen, welche dieselbe kühne Hand den Gesetzen zum
+Trotz erneuert hatte.
+</p>
+
+<p>
+Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Lärm es auch machte, war politisch
+betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie war überwunden,
+die Demokratie ans Ruder gelangt. Daß die Kleinen und Kleinsten herbeieilten,
+um dem am Boden liegenden Feind noch einen Fußtritt zu versetzen; daß auch die
+Demokraten ihren Rechtsboden und ihren Prinzipienkult hatten; daß ihre
+Doktrinäre nicht ruhten, bis die sämtlichen Privilegien der Gemeinde in allen
+Stücken wiederhergestellt waren und dabei gelegentlich sich lächerlich machten,
+wie Legitimisten es pflegen - das alles war ebenso begreiflich wie
+gleichgültig. Im ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr
+die Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand für ihre Tätigkeit zu finden,
+wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon erledigte oder um
+Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In dem Kampfe gegen die
+Aristokratie waren die Demokraten Sieger geblieben; aber sie hatten nicht
+allein gesiegt und die Feuerprobe stand ihnen noch bevor - die Abrechnung nicht
+mit dem bisherigen Feind, sondern mit dem übermächtigen Bundesgenossen, dem sie
+in dem Kampfe mit der Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie
+jetzt eine beispiellose militärische und politische Gewalt selbst in die Hände
+gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war der
+Feldherr des Ostens und der Meere beschäftigt, Könige ein- und abzusetzen;
+wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das Kriegsgeschäft für beendet
+erklären werde, konnte keiner sagen als er selbst, da wie alles andere, so auch
+der Zeitpunkt seiner Rückkehr nach Italien, das heißt der Entscheidung in seine
+Hand gelegt war. Die Parteien in Rom inzwischen saßen und harrten. Die
+Optimaten freilich sahen der Ankunft des gefürchteten Feldherrn verhältnismäßig
+ruhig entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der Demokratie, dessen
+Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht verlieren, sondern nur
+gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher Angst und suchten
+während der durch Pompeius&rsquo; Abwesenheit noch vergönnten Frist gegen die
+drohende Explosion eine Kontermine zu legen. Hierin trafen sie wieder zusammen
+mit Crassus, dem nichts übrig blieb, um dem beneideten und gehaßten Nebenbuhler
+zu begegnen, als sich neu und enger als zuvor mit der Demokratie zu verbünden.
+Schon bei der ersten Koalition hatten Caesar und Crassus als die beiden
+Schwächeren sich besonders nahe gestanden; das gemeinschaftliche Interesse und
+die gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch fester, das den reichsten und
+den verschuldetsten Mann von Rom zu engster Allianz verknüpfte. Während
+öffentlich die Demokraten den abwesenden Feldherrn als das Haupt und den Stolz
+ihrer Partei bezeichneten und alle ihre Pfeile gegen die Aristokratie zu
+richten schienen, ward im stillen gegen Pompeius gerüstet; und diese Versuche
+der Demokratie, sich der drohenden Militärdiktatur zu entwinden, haben
+geschichtlich eine weit höhere Bedeutung als die lärmende und größtenteils nur
+als Maske benutzte Agitation gegen die Nobilität. Freilich bewegten sie sich in
+einem Dunkel, in das unsere Überlieferung nur einzelne Streiflichter fallen
+läßt; denn nicht die Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte ihre Ursachen,
+einen Schleier darüber zu werfen. Indes im allgemeinen sind sowohl der Gang wie
+das Ziel dieser Bestrebungen vollkommen klar. Der Militärgewalt konnte nur
+durch eine andere Militärgewalt wirksam Schach geboten werden. Die Absicht der
+Demokraten war, sich nach dem Beispiel des Marius und Cinna der Zügel der
+Regierung zu bemächtigen, sodann einen ihrer Führer sei es mit der Eroberung
+Ägyptens, sei es mit der Statthalterschaft Spaniens oder einem ähnlichen
+ordentlichen oder außerordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer
+ein Gegengewicht gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften sie
+einer Revolution, die zunächst gegen die nominelle Regierung, in der Tat gegen
+Pompeius ging als den designierten Monarchen; und um diese Revolution zu
+bewirken, war von der Erlassung der Gabinisch-Manilischen Gesetze an bis auf
+Pompeius&rsquo; Rückkehr (688 - 692 66 - 62) die Verschwörung in Rom in
+Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in ängstlicher Spannung; die gedrückte
+Stimmung der Kapitalisten, die Zahlungsstockungen, die häufigen Bankrotte waren
+Vorboten der gärenden Umwälzung, die zugleich eine gänzlich neue Stellung der
+Parteien herbeiführen zu müssen schien. Der Anschlag der Demokratie, der über
+den Senat hinweg auf Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen diesen
+nahe. Die Demokratie aber, indem sie der Diktatur des Pompeius die eines ihr
+genehmeren Mannes entgegenzustellen versuchte, erkannte genau genommen auch
+ihrerseits das Militärregiment an und trieb in der Tat den Teufel aus durch
+Beelzebub; unter den Händen ward ihr die Prinzipien- zur Personenfrage.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Wer die Gesamtlage der politischen Verhältnisse dieser Zeit übersieht, wird
+spezieller Beweise nicht bedürfen, um zu der Einsicht zu gelangen, daß das
+letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f. (66) nicht der Sturz des
+Senats war, sondern der des Pompeius. Doch fehlt es auch an solchen Beweisen
+nicht. Daß die Gabinisch-Manilischen Gesetze der Demokratie einen tödlichen
+Schlag versetzten, sagt Sallust (Cat. 39); daß die Verschwörung 688-689 (66-65)
+und die Servilische Rogation speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist
+gleichfalls bezeugt (Sall. Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17,
+46). Überdies zeigt Crassus&rsquo; Stellung zu der Verschwörung allein schon
+hinreichend, daß sie gegen Pompeius gerichtet war.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Einleitung zu der von den Führern der Demokratie entworfenen Revolution
+sollte also der Sturz der bestehenden Regierung durch eine zunächst in Rom von
+demokratischen Verschworenen angestiftete Insurrektion sein. Der sittliche
+Zustand der niedrigsten wie der höchsten Schichten der hauptstädtischen
+Gesellschaft bot hierzu den Stoff in beklagenswerter Fülle. Wie das freie und
+das Sklavenproletariat der Hauptstadt beschaffen waren, braucht hier nicht
+wiederholt zu werden. Es ward schon das bezeichnende Wort vernommen, daß nur
+der Arme den Armen zu vertreten fähig sei - der Gedanke regte sich also, daß
+die Masse der Armen so gut wie die Oligarchie der Reichen sich als selbständige
+Macht konstituieren und, statt sich tyrannisieren zu lassen, auch wohl
+ihrerseits den Tyrannen spielen könne. Aber auch in den Kreisen der vornehmen
+Jugend fanden ähnliche Gedanken einen Widerhall. Das hauptstädtische Modeleben
+zerrüttete nicht bloß das Vermögen, sondern auch die Kraft des Leibes und des
+Geistes. Jene elegante Welt der duftenden Haarlocken, der modischen Stutzbärte
+und Manschetten, so lustig es auch darin bei Tanz und Zitherspiel und früh und
+spät beim Becher herging, barg doch in sich einen erschreckenden Abgrund
+sittlichen und ökonomischen Verfalls, gut oder schlecht verhehlter Verzweiflung
+und wahnsinniger oder bübischer Entschlüsse. In diesen Kreisen ward unverhohlen
+geseufzt nach der Wiederkehr der cinnanischen Zeit mit ihren Ächtungen und
+Konfiskationen und ihrer Vernichtung der Schuldbücher; es gab Leute genug,
+darunter nicht wenige von nicht gemeiner Herkunft und ungewöhnlichen Anlagen,
+die nur auf das Signal warteten, um wie eine Räuberschar über die bürgerliche
+Gesellschaft herzufallen und das verlotterte Vermögen sich wieder zu
+erplündern. Wo eine Bande sich bildet, fehlt es an Führern nicht; auch hier
+fanden sich bald Männer, die zu Räuberhauptleuten sich eigneten. Der gewesene
+Prätor Lucius Catilina, der Quästor Gnaeus Piso zeichneten unter ihren Genossen
+nicht bloß durch ihre vornehme Geburt und ihren höheren Rang sich aus. Sie
+hatten die Brücke vollständig hinter sich abgebrochen und imponierten ihren
+Spießgesellen durch ihre Ruchlosigkeit ebensosehr wie durch ihre Talente. Vor
+allem Catilina war einer der frevelhaftesten dieser frevelhaften Zeit. Seine
+Bubenstücke gehören in die Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon
+sein Äußeres, das bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald träge, bald
+hastige Gang verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade besaß er
+die Eigenschaften, die von dem Führer einer solchen Rotte verlangt werden: die
+Fähigkeit, alles zu genießen und alles zu entbehren, Mut, militärisches Talent,
+Menschenkenntnis, Verbrecherenergie und jene entsetzliche Pädagogik des
+Lasters, die den Schwachen zu Falle zu bringen, den Gefallenen zum Verbrecher
+zu erziehen versteht.
+</p>
+
+<p>
+Aus solchen Elementen eine Verschwörung zum Umsturz der bestehenden Ordnung zu
+bilden, konnte Männern, die Geld und politischen Einfluß besaßen, nicht
+schwerfallen. Catilina, Piso und ihresgleichen gingen bereitwillig auf jeden
+Plan ein, der ihnen Ächtungen und Kassation der Schuldbücher in Aussicht
+stellte; jener war überdies noch mit der Aristokratie speziell verfeindet, weil
+sie sich der Bewerbung des verworfenen und gefährlichen Menschen um das
+Konsulat widersetzt hatte. Wie er einst als Scherge Sullas an der Spitze einer
+Keltenschar auf die Geächteten Jagd gemacht und unter anderen seinen eigenen
+hochbejahrten Schwager mit eigener Hand niedergestoßen hatte, so ließ er jetzt
+sich bereitwillig dazu herbei, der Gegenpartei ähnliche Dienst zuzusagen. Ein
+geheimer Bund ward gestiftet. Die Zahl der in denselben aufgenommenen
+Individuen soll 400 überstiegen haben; er zählte Affiliierte in allen
+Landschaften und Stadtgemeinden Italiens; überdies verstand es sich von selbst,
+daß einer Insurrektion, die das zeitgemäße Programm der Schuldentilgung auf
+ihre Fahne schrieb, aus den Reihen der liederlichen Jugend zahlreiche Rekruten
+ungeheißen zuströmen würden.
+</p>
+
+<p>
+Im Dezember 688 (66) - so wird erzählt - glaubten die Leiter des Bundes den
+geeigneten Anlaß gefunden zu haben, um loszuschlagen. Die beiden für 689 (65)
+erwählten Konsuln Publius Cornelius Sulla und Publius Autronius Paetus waren
+vor kurzem der Wahlbestechung gerichtlich überwiesen und deshalb nach
+gesetzlicher Vorschrift ihrer Anwartschaft auf das höchste Amt verlustig
+erklärt worden. Beide traten hierauf dem Bunde bei. Die Verschworenen
+beschlossen, ihnen das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und dadurch sich
+selbst in den Besitz der höchsten Gewalt im Staate zu setzen. An dem Tage, wo
+die neuen Konsuln ihr Amt antreten würden, dem 1. Januar 689 (65) sollte die
+Kurie von Bewaffneten gestürmt, die neuen Konsuln und die sonst bezeichneten
+Opfer niedergemacht und Sulla und Paetus nach Kassierung des gerichtlichen
+Urteils, das sie ausschloß, als Konsuln proklamiert werden. Crassus sollte
+sodann die Diktatur, Caesar das Reiterführeramt übernehmen, ohne Zweifel, um
+eine imposante Militärmacht auf die Beine zu bringen, während Pompeius fern am
+Kaukasus beschäftigt war. Hauptleute und Gemeine waren gedungen und angewiesen;
+Catilina wartete an dem bestimmten Tage in der Nähe des Rathauses auf das
+verabredete Zeichen, das auf Crassus&rsquo; Wink ihm von Caesar gegeben werden
+sollte. Allein er wartete vergebens; Crassus fehlte in der entscheidenden
+Senatssitzung, und daran scheiterte für diesmal die projektierte Insurrektion.
+Ein ähnlicher noch umfassenderer Mordplan ward dann für den 5. Februar
+verabredet; allein auch dieser ward vereitelt, da Catilina das Zeichen zu früh
+gab, bevor noch die bestellten Banditen sich alle eingefunden hatten. Darüber
+ward das Geheimnis ruchbar. Die Regierung wagte zwar nicht, offen der
+Verschwörung entgegenzutreten, aber sie gab doch den zunächst bedrohten Konsuln
+Wachen bei und stellte der Bande der Verschworenen eine von der Regierung
+bezahlte entgegen. Um Piso zu entfernen, wurde der Antrag gestellt, ihn als
+Quästor mit prätorischen Befugnissen nach dem diesseitigen Spanien zu senden;
+worauf Crassus einging, in der Hoffnung, durch denselben die Hilfsquellen
+dieser wichtigen Provinz für die Insurrektion zu gewinnen. Weitergehende
+Vorschläge wurden durch die Tribune verhindert.
+</p>
+
+<p>
+Also lautet die Überlieferung, welche offenbar die in den Regierungskreisen
+umlaufende Version wiedergibt und deren Glaubwürdigkeit im einzelnen in
+Ermangelung jeder Kontrolle dahingestellt bleiben muß. Was die Hauptsache
+anlangt, die Beteiligung von Caesar und Crassus, so kann allerdings das Zeugnis
+ihrer politischen Gegner nicht als ausreichender Beweis dafür angesehen werden.
+Aber es paßt doch ihre offenkundige Tätigkeit in dieser Epoche auffallend genau
+zu der geheimen, die dieser Bericht ihnen beimißt. Daß Crassus, der in diesem
+Jahre Zensor war, als solcher den Versuch machte, die Transpadaner in die
+Bürgerliste einzuschreiben, war schon geradezu ein revolutionäres Beginnen.
+Noch bemerkenswerter ist es, daß Crassus bei derselben Gelegenheit Anstalt
+machte, Ägypten und Kypros in das Verzeichnis der römischen Domänen einzutragen
+^2 und daß Caesar um die gleiche Zeit (689 oder 690 65 oder 64) durch einige
+Tribune bei der Bürgerschaft den Antrag stellen ließ, ihn nach Ägypten zu
+senden, um den von den Alexandrinern vertriebenen König Ptolemaeos
+wiedereinzusetzen. Diese Machinationen stimmen mit den von den Gegnern
+erhobenen Anklagen in bedenklicher Weise zusammen. Gewisses läßt sich hier
+nicht ermitteln; aber die große Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß Crassus und
+Caesar den Plan entworfen hatten, sich während Pompeius&rsquo; Abwesenheit der
+Militärdiktatur zu bemächtigen; daß Ägypten zur Basis dieser demokratischen
+Militärmacht ausersehen war; daß endlich der Insurrektionsversuch von 689 (65)
+angezettelt worden ist, um diese Entwürfe zu realisieren und Catilina und Piso
+also Werkzeuge in den Händen von Crassus und Caesar gewesen sind.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^2 Plut. Crass. 13; Cic. leg. agr. 2, 17, 44. In dies Jahr (689 65) gehört
+Ciceros Rede De rege Alexandrino, die man unrichtig in das Jahr 698 (56)
+gesetzt hat. Cicero widerlegt darin, wie die Fragmente deutlich zeigen,
+Crassus&rsquo; Behauptung, daß durch das Testament des Königs Alexandros
+Ägypten römisches Eigentum geworden sei. Diese Rechtsfrage konnte und mußte im
+Jahre 689 (65) diskutiert werden; im Jahre 698 (56) aber war sie durch das
+Julische Gesetz von 695 (59) bedeutungslos geworden. Auch handelte es sich im
+Jahre 698 (56) gar nicht um die Frage, wem Ägypten gehöre, sondern um die
+Zurückführung des durch einen Aufstand vertriebenen Königs, und es hat bei
+dieser uns genau bekannten Verhandlung Crassus keine Rolle gespielt. Endlich
+war Cicero nach der Konferenz von Luca durchaus nicht in der Lage, gegen einen
+der Triumvirn ernstlich zu opponieren.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick kam die Verschwörung ins Stocken. Die Wahlen für 690 (64)
+fanden statt, ohne daß Crassus und Caesar ihren Versuch sich des Konsulats zu
+bemeistern, dabei erneuert hätten; wozu mit beigetragen haben mag, daß ein
+Verwandter des Führers der Demokratie, Lucius Caesar, ein schwacher und von
+seinem Geschlechtsfreund nicht selten als Werkzeug benutzter Mann, diesmal um
+das Konsulat sich bewarb. Indes drängten die Berichte aus Asien zur Eile. Die
+kleinasiatischen und armenischen Angelegenheiten waren bereits vollständig
+geordnet. So klar auch die demokratischen Strategen es bewiesen, daß der
+Mithradatische Krieg erst mit der Gefangennahme des Königs als beendigt gelten
+könne und daß es deshalb notwendig sei, die Hetzjagd um das Schwarze Meer herum
+zu beginnen, vor allen Dingen aber von Syrien fernzubleiben - Pompeius war,
+unbekümmert um solches Geschwätz, im Frühjahr 690 (64) aus Armenien
+aufgebrochen und nach Syrien marschiert. Wenn Ägypten wirklich zum
+Hauptquartier der Demokratie ausersehen war, so war keine Zeit zu verlieren;
+leicht konnte sonst Pompeius eher als Caesar in Ägypten stehen. Die
+Verschwörung von 688 (66) durch die schlaffen und ängstlichen
+Repressivmaßregeln keineswegs gesprengt, regte sich wieder, als die
+Konsulwahlen für 691 (63) herankamen. Die Personen waren vermutlich wesentlich
+dieselben und auch der Plan nur wenig verändert. Die Leiter der Bewegung
+hielten wieder sich im Hintergrund. Als Bewerber um das Konsulat hatten sie
+diesmal aufgestellt: Catilina selbst und Gaius Antonius, den jüngeren Sohn des
+Redners, einen Bruder des von Kreta her übel berufenen Feldherrn. Catilinas war
+man sicher; Antonius, ursprünglich Sullaner wie Catilina und wie dieser vor
+einigen Jahren von der demokratischen Partei deshalb vor Gericht gestellt und
+aus dem Senat ausgestoßen, übrigens ein schlaffer, unbedeutender, in keiner
+Hinsicht zum Führer berufener, vollständig bankrotter Mann, gab um den Preis
+des Konsulats und der daran geknüpften Vorteile sich den Demokraten willig zum
+Werkzeug hin. Durch diese Konsuln beabsichtigten die Häupter der Verschwörung,
+sich des Regiments zu bemächtigen, die in der Hauptstadt zurückgebliebenen
+Kinder des Pompeius als Geiseln festzunehmen und in Italien und den Provinzen
+gegen Pompeius zu rüsten. Auf die erste Nachricht von dem in der Hauptstadt
+gefallenen Schlage sollte der Statthalter Gnaeus Piso im diesseitigen Spanien
+die Fahne der Insurrektion aufstecken. Die Kommunikation mit ihm konnte auf dem
+Seeweg nicht stattfinden, da Pompeius das Meer beherrschte; man zählte dafür
+auf die Transpadaner, die alten Klienten der Demokratie, unter denen es
+gewaltig gärte und die natürlich sofort das Bürgerrecht erhalten haben würden,
+ferner auf verschiedene keltische Stämme ^3. Bis nach Mauretanien hin liefen
+die Fäden dieser Verbindung. Einer der Mitverschworenen, der römische
+Großhändler Publius Sittius aus Nuceria, durch finanzielle Verwicklungen
+gezwungen, Italien zu meiden, hatte daselbst und in Spanien einen Trupp
+verzweifelter Leute bewaffnet und zog mit diesen als Freischarenführer im
+westlichen Afrika herum, wo er alte Handelsverbindungen hatte.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Die Ambrani (Suet. Caes. 9) sind wohl nicht die mit den Kimbern zusammen
+genannten Ambronen (Plot. Mar. 19), sondern verschrieben für Arverni.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die Partei strengte alle ihre Kräfte für den Wahlkampf an. Crassus und Caesar
+setzten ihr Geld - eigenes oder geborgtes -und ihre Verbindungen ein, um
+Catilina und Antonius das Konsulat zu verschaffen; Catilinas Genossen spannten
+jeden Nerv an, um den Mann an das Ruder zu bringen, der ihnen die Ämter und
+Priestertümer, die Paläste und Landgüter ihrer Gegner und vor allen Dingen
+Befreiung von ihren Schulden verhieß und von dem man wußte, daß er Wort halten
+werde. Die Aristokratie war in großer Not, hauptsächlich weil sie nicht einmal
+Gegenkandidaten aufzustellen vermochte. Daß ein solcher seinen Kopf wagte, war
+offenbar; und die Zeiten waren nicht mehr, wo der Posten der Gefahr den Bürger
+lockte - jetzt schwieg selbst der Ehrgeiz vor der Angst. So begnügte sich die
+Nobilität, einen schwächlichen Versuch zu machen, den Wahlumtrieben durch
+Erlassung eines neuen Gesetzes über den Stimmenkauf zu steuern -was übrigens an
+der Interzession eines Volkstribunen scheiterte - und ihre Stimmen auf einen
+Bewerber zu werfen, der ihr zwar auch nicht genehm, aber doch wenigstens
+unschädlich war. Es war dies Marcus Cicero, notorisch ein politischer
+Achselträger ^4, gewohnt bald mit den Demokraten, bald mit Pompeius, bald aus
+etwas weiterer Ferne mit der Aristokratie zu liebäugeln und jedem
+einflußreichen Beklagten ohne Unterschied der Person oder Partei - auch
+Catilina zählte er unter seinen Klienten - Advokatendienste zu leisten,
+eigentlich von keiner Partei oder, was ziemlich dasselbe ist, von der Partei
+der materiellen Interessen, die in den Griechen dominierte und den beredten
+Sachwalter, den höflichen und witzigen Gesellschafter gern hatte. Er hatte
+Verbindungen genug in der Hauptstadt und den Landstädten, um neben den vor der
+Demokratie aufgestellten Kandidaten eine Chance zu haben; und da auch die
+Nobilität, obwohl nicht gern, und die Pompeianer für ihn stimmten, ward er mit
+großer Majorität gewählt. Die beiden Kandidaten der Demokratie erhielten fast
+gleich viele Stimmen, jedoch fielen auf Antonius, dessen Familie angesehener
+war als die seines Konkurrenten, einige mehr. Dieser Zufall vereitelte die Wahl
+Catilinas und rettete Rom vor einem zweiten Cinna. Schon etwas früher war Piso,
+es hieß auf Anstiften seines politischen und persönlichen Feindes Pompeius, in
+Spanien von seiner einheimischen Eskorte niedergemacht worden ^5. Mit dem
+Konsul Antonius allein war nichts anzufangen; Cicero sprengte das lockere Band,
+das ihn an die Verschwörung knüpfte, noch ehe sie beide ihre Ämter antraten,
+indem er auf die von Rechts wegen ihm zustehende Losung um die
+Konsularprovinzen Verzicht leistete und dem tief verschuldeten Kollegen die
+einträgliche Statthalterschaft Makedonien überließ. Die wesentlichen
+Vorbedingungen auch dieses Anschlags waren also gefallen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^4 Naiver kann dies nicht ausgesprochen werden, als es in der seinem Bruder
+untergeschobenen Denkschrift geschieht (pet. 1, 5; 13, 51 53 vom Jahre 690 64);
+der Bruder selbst würde schwerlich sich so offenherzig öffentlich geäußert
+haben. Als authentisches Belegstück dazu werden unbefangene Leute nicht ohne
+Interesse die zweite Rede gegen Rullus lesen, wo der &ldquo;erste demokratische
+Konsul&rdquo;, in sehr ergötzlicher Weise das liebe Publikum nasführend, ihm
+die &ldquo;richtige Demokratie&rdquo; entwickelt.
+</p>
+
+<p>
+^5 Seine noch vorhandene Grabschrift lautet: Cn. Calpurnius Cn, f. Piso
+quaestor pro pr. ex s. c. provinciam Hispaniam citeriorem optinuit.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen entwickelten die orientalischen Verhältnisse sich immer bedrohlicher
+für die Demokratie. Die Ordnung Syriens schritt rasch vorwärts; schon waren von
+Ägypten Aufforderungen an Pompeius ergangen, daselbst einzurücken und das Land
+für Rom einzuziehen; man mußte fürchten, demnächst zu vernehmen, daß Pompeius
+selbst das Niltal in Besitz genommen habe. Eben hierdurch mag Caesars Versuch,
+sich geradezu vom Volke nach Ägypten senden zu lassen, um dem Könige gegen
+seine aufrührerischen Untertanen Beistand zu leisten, hervorgerufen worden
+sein; er scheiterte, wie es scheint, an der Abneigung der Großen und Kleinen,
+irgend etwas gegen Pompeius&rsquo; Interesse zu unternehmen. Pompeius&rsquo;
+Heimkehr und damit die wahrscheinliche Katastrophe rückten immer näher; wie oft
+auch die Sehne gerissen war, es mußte doch wieder versucht werden, denselben
+Boten zu spannen. Die Stadt war in dumpfer Gärung: häufige Konferenzen der
+Häupter der Bewegung deuteten an, daß wieder etwas im Werke sei. Was das sei,
+ward offenbar, als die neuen Volkstribune ihr Amt antraten (10. Dezember 690
+64) und sogleich einer von ihnen, Publius Servillius Rullus, ein Ackergesetz
+beantragte, das den Führern der Demokraten eine ähnliche Stellung verschaffen
+sollte, wie sie infolge der Gabinisch-Manilischen Anträge Pompeius einnahm. Der
+nominelle Zweck war die Gründung von Kolonien in Italien, wozu der Boden indes
+nicht durch Expropriation gewonnen werden sollte - vielmehr wurden alle
+bestehenden Privatrechte garantiert, ja sogar die widerrechtlichen Okkupationen
+der jüngsten Zeit in volles Eigentum umgewandelt. Nur die verpachtete
+kampanische Domäne sollte parzelliert und kolonisiert werden, im übrigen die
+Regierung das zur Assignation bestimmte Land durch gewöhnlichen Kauf erwerben.
+Um die hierzu nötigen Summen zu beschaffen, sollte das übrige italische und vor
+allem alles außeritalische Domanialland sukzessiv zum Verkauf gebracht werden;
+worunter namentlich die ehemaligen königlichen Tafelgüter in Makedonien, dem
+Thrakischen Chersones, Bithynien, Pontus, Kyrene, ferner die Gebiete der nach
+Kriegsrecht zu vollem Eigen gewonnenen Städte in Spanien, Afrika, Sizilien,
+Hellas, Kilikien verstanden waren. Verkauft werden sollte ingleichen alles, was
+der Staat an beweglichen und unbeweglichem Gut seit dem Jahre 666 (88) erworben
+und worüber er nicht früher verfügt hatte; was hauptsächlich auf Ägypten und
+Kypros zielte. Zu dem gleichen Zweck wurden alle untertänigen Gemeinden mit
+Ausnahme der Städte latinischen Rechts und der sonstigen Freistädte mit sehr
+hoch gegriffenen Gefällen und Zehnten belastet. Ebenfalls ward endlich für jene
+Ankäufe bestimmt der Ertrag der neuen Provinzialgefälle, anzurechnen vom Jahre
+692 (62) und der Erlös aus der sämtlichen, noch nicht gesetzmäßig verwandten
+Beute; welche Anordnungen auf die neuen, von Pompeius im Osten eröffneten
+Steuerquellen und auf die in den Händen des Pompeius und der Erben Sullas
+befindlichen öffentlichen Gelder sich bezog. Zur Ausführung dieser Maßregel
+sollten Zehnmänner mit eigener Jurisdiktion und eigenem Imperium ernannt
+werden, welche fünf Jahre im Amte zu bleiben und mit 200 Unterbeamten aus dem
+Ritterstand sich zu umgeben hatten; bei der Wahl der Zehnmänner aber sollten
+nur die Kandidaten, die persönlich sich melden würden, berücksichtigt werden
+dürfen und, ähnlich wie bei den Priesterwahlen, nur siebzehn durch Los aus den
+fünfunddreißig zu bestimmende Bezirke wählen. Es war ohne großen Scharfsinn zu
+erkennen, daß man in diesem Zehnmännerkollegium eine der des Pompeius
+nachgebildete, nur etwas weniger militärisch und mehr demokratisch gefärbte
+Gewalt zu schaffen beabsichtigte. Man bedurfte der Gerichtsbarkeit namentlich,
+um die ägyptische Frage zu entscheiden, der Militärgewalt, um gegen Pompeius zu
+rüsten; die Klausel, welche die Wahl eines Abwesenden untersagte, schloß
+Pompeius aus, und die Verminderung der stimmberechtigten Bezirke sowie die
+Manipulation des Auslosens sollten die Lenkung der Wahl im Sinne der Demokratie
+erleichtern.
+</p>
+
+<p>
+Indes dieser Versuch verfehlte gänzlich sein Ziel. Die Menge, die es bequemer
+fand, das Getreide im Schatten der römischen Hallen aus den öffentlichen
+Magazinen sich zumessen zu lassen, als es im Schweiße des Angesichts selber zu
+bauen, nahm den Antrag an sich schon mit vollkommener Gleichgültigkeit auf. Sie
+fühlte auch bald heraus, daß Pompeius einen solchen, in jeder Hinsicht ihn
+verletzenden Beschluß sich nimmermehr gefallen lassen werde und daß es nicht
+gut stehen könne mit einer Partei, die in ihrer peinlichen Angst sich zu so
+ausschweifenden Anerbietungen herbeilasse. Unter solchen Umständen fiel es der
+Regierung nicht schwer, den Antrag zu vereiteln; der neue Konsul Cicero nahm
+die Gelegenheit wahr, sein Talent, offene Türen einzulaufen, auch hier geltend
+zu machen; noch ehe die bereitstehenden Tribune interzedierten, zog der Urheber
+selbst den Vorschlag zurück (1. Januar 691 62). Die Demokratie hatte nichts
+gewonnen als die unerfreuliche Belehrung, daß die große Menge in Liebe oder in
+Furcht fortwährend noch zu Pompeius hielt und daß jeder Antrag sicher fiel, den
+das Publikum als gegen Pompeius gerichtet erkannte.
+</p>
+
+<p>
+Ermüdet von all diesem vergeblichen Wühlen und resultatlosem Planen, beschloß
+Catilina, die Sache zur Entscheidung zu treiben und ein für allemal ein Ende zu
+machen. Er traf im Laufe des Sommers seine Maßregeln, um den Bürgerkrieg zu
+eröffnen. Faesulae (Fiesole), eine sehr feste Stadt in dem von Verarmten und
+Verschworenen wimmelnden Etrurien und fünfzehn Jahre zuvor der Herd des
+Lepidianischen Aufstandes, ward wiederum zum Hauptquartier der Insurrektion
+ausersehen. Dorthin gingen die Geldsendungen, wozu namentlich die in die
+Verschwörung verwickelten vornehmen Damen der Hauptstadt die Mittel hergaben;
+dort wurden Waffen und Soldaten gesammelt; ein alter sullanischer Hauptmann,
+Gaius Manlius, so tapfer und so frei von Gewissensskrupeln wie nur je ein
+Lanzknecht, übernahm daselbst vorläufig den Oberbefehl. Ähnliche wenn auch
+minder ausgedehnte Zurüstungen wurden an andern Punkten Italiens gemacht. Die
+Transpadaner waren so aufgeregt, daß sie nur auf das Zeichen zum Losschlagen zu
+warten schienen. Im bruttischen Lande, an der Ostküste Italiens, in Capua, wo
+überall große Sklavenmassen angehäuft waren, schien eine zweite
+Sklaveninsurrektion, gleich der des Spartacus, im Entstehen. Auch in der
+Hauptstadt bereitete etwas sich vor; wer die trotzige Haltung sah, in der die
+vorgeforderten Schuldner vor dem Stadtprätor erschienen, mußte der Szenen
+gedenken, die der Ermordung des Asellio vorangegangen waren. Die Kapitalisten
+schwebten in namenloser Angst; es zeigte sich nötig, das Verbot der Gold- und
+Silberausfuhr einzuschärfen und die Haupthäfen überwachen zu lassen. Der Plan
+der Verschworenen war, bei der Konsulwahl für 692 (62) zu der Catilina sich
+wieder gemeldet hatte, den wahlleitenden Konsul sowie die unbequemen
+Mitbewerber kurzweg niederzumachen und Catilinas Wahl um jeden Preis
+durchzusetzen, nötigenfalls selbst bewaffnete Scharen von Faesulae und den
+anderen Sammelpunkten gegen die Hauptstadt zu führen und mit ihnen den
+Widerstand zu brechen.
+</p>
+
+<p>
+Cicero, beständig durch seine Agenten und Agentinnen von den Verhandlungen der
+Verschworenen rasch und vollständig unterrichtet, denunzierte an dem
+anberaumten Wahltag (20. Oktober) die Verschwörung in vollem Senat und im
+Beisein ihrer hauptsächlichsten Führer. Catilina ließ sich nicht dazu herab zu
+leugnen; er antwortete trotzig, wenn die Wahl zum Konsul auf ihn fallen sollte,
+so werde es allerdings der großen hauptlosen Partei gegen die kleine, von
+elenden Häuptern geleitete an einem Führer nicht länger fehlen. Indes da
+handgreifliche Beweise des Komplotts nicht vorlagen, war von dem ängstlichen
+Senat nichts weiter zu erreichen, als daß er in der üblichen Weise den von den
+Beamten zweckmäßig befundenen Ausnahmemaßregeln im voraus seine Sanktion
+erteilte (21. Oktober). So nahte die Wahlschlacht, diesmal mehr eine Schlacht
+als eine Wahl; denn auch Cicero hatte aus den jüngeren Männern namentlich des
+Kaufmannsstandes sich eine bewaffnete Leibwache gebildet; und seine Bewaffneten
+waren es, die am 28. Oktober, auf welchen Tag die Wahl vom Senat verschoben
+worden war, das Marsfeld bedeckten und beherrschten. Den Verschworenen gelang
+es weder, den wahlleitenden Konsul niederzumachen noch die Wahlen in ihrem
+Sinne zu entscheiden.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen aber hatte der Bürgerkrieg begonnen. Am 27. Oktober hatte Gaius
+Manlius bei Faesulae den Adler aufgepflanzt, um den die Armee der Insurrektion
+sich scharen sollte - es war einer der Marianischen aus dem Kimbrischen Kriege
+-, und die Räuber aus den Bergen wie das Landvolk aufgerufen, sich ihm
+anzuschließen. Seine Proklamationen forderten, anknüpfend an die alten
+Traditionen der Volkspartei, Befreiung von der erdrückendem Schuldenlast und
+Milderung des Schuldprozesses, der, wenn der Schuldbestand in der Tat das
+Vermögen überstieg, allerdings immer noch rechtlich den Verlust der Freiheit
+für den Schuldner nach sich zog. Es schien, als wolle das hauptstädtische
+Gesindel, indem es gleichsam als legitimer Nachfolger der alten plebejischen
+Bauernschaft auftrat und unter den ruhmvollen Adlern des Kimbrischen Krieges
+seine Schlachten schlug, nicht bloß die Gegenwart, sondern auch die
+Vergangenheit Roms beschmutzen. Indes blieb diese Schilderhebung vereinzelt; in
+den anderen Sammelpunkten kam die Verschwörung nicht hinaus über
+Waffenaufhäufung und Veranstaltung geheimer Zusammenkünfte, da es überall an
+entschlossenen Führern gebrach. Es war ein Glück für die Regierung; denn wie
+offen auch seit längerer Zeit der bevorstehende Bürgerkrieg angekündigt war,
+hatten doch die eigene Unentschlossenheit und die Schwerfälligkeit der
+verrosteten Verwaltungsmaschinerie ihr nicht gestattet, irgendwelche
+militärische Vorbereitungen zu treffen. Erst jetzt ward der Landsturm
+aufgerufen und wurden in die einzelnen Landschaften Italiens höhere Offiziere
+kommandiert, um jeder in seinem Bezirk die Insurrektion zu unterdrücken,
+zugleich aus der Hauptstadt die Fechtersklaven ausgewiesen und wegen der
+befürchteten Brandstiftungen Patrouillen angeordnet. Catilina war in einer
+peinlichen Lage. Nach seiner Absicht hatte bei den Konsularwahlen gleichzeitig
+in der Hauptstadt und in Etrurien Iosgeschlagen werden sollen; das Scheitern
+der ersteren und das Ausbrechen der zweiten Bewegung gefährdete ihn persönlich
+wie den ganzen Erfolg seines Unternehmens. Nachdem einmal die Seinigen bei
+Faesulae die Waffen gegen die Regierung erhaben hatten, war in Rom seines
+Bleibens nicht mehr; und dennoch lag ihm nicht bloß alles daran, die
+hauptstädtische Verschwörung jetzt wenigstens zum raschen Losschlagen zu
+bestimmen, sondern wußte dies auch geschehen sein, bevor er Rom verließ - denn
+er kannte seine Gehilfen zu gut, um sich dafür auf sie zu verlassen. Die
+angesehenen unter den Mitverschworenen, Publius Lentulus Sura, Konsul 683 (71),
+später aus dem Senat gestoßen und jetzt, um in den Senat zurückzugelangen,
+wieder Prätor, und die beiden gewesenen Prätoren Publius Autronius und Lucius
+Cassius waren unfähige Menschen, Lentulus ein gewöhnlicher Aristokrat von
+großen Warten und großen Ansprüchen, aber langsam im Begreifen und
+unentschlossen im Handeln, Autronius durch nichts ausgezeichnet als durch seine
+gewaltige Kreischstimme; von Lucius Cassius gar begriff es niemand, wie ein so
+dicker und so einfältiger Mensch unter die Verschwörer geraten sei. Die
+fähigeren Teilnehmer aber, wie den jungen Senator Gaius Cethegus und die Ritter
+Lucius Statilius und Publius Gabinius Capito, durfte Catilina nicht wagen, an
+die Spitze zu stellen, da selbst unter den Verschworenen noch die traditionelle
+Standeshierarchie ihren Platz behauptete und auch die Anarchisten nicht
+meinten, obsiegen zu können, wenn nicht ein Konsular oder mindestens ein
+Prätorier an der Spitze stand. Wie dringend darum immer die Insurrektionsarmee
+nach ihrem Feldherrn verlangte und wie mißlich es für diesen war, nach dem
+Ausbruch des Aufstandes länger am Sitze der Regierung zu verweilen, entschloß
+Catilina sich dennoch, vorläufig noch in Rom zu bleiben. Gewohnt, durch seinen
+kecken Übermut den feigen Gegnern zu imponieren, zeigte er sich öffentlich auf
+dem Markte wie im Rathaus und antwortete auf die Drohungen, die dort gegen ihn
+fielen, daß man sich hüten möge, ihn aufs äußerste zu treiben; wem man das Haus
+anzünde, der werde genötigt, den Brand unter Trümmern zu löschen. In der Tat
+wagten es weder Private noch Behörden, auf den gefährlichen Menschen die Hand
+zulegen; es war ziemlich gleichgültig, daß ein junger Adliger ihn wegen
+Vergewaltigung vor Gericht zog, denn bevor der Prozeß zu Ende kommen konnte,
+mußte längst anderweitig entschieden sein. Aber auch Catilinas Entwürfe
+scheiterten, hauptsächlich daran, daß die Agenten der Regierung sich in den
+Kreis der Verschworenen gedrängt hatten und dieselbe stets von allem Detail des
+Kornplatts genau unterrichtet hielten. Als zum Beispiel die Verschworenen vor
+dem festen Praeneste erschienen (1. November), das sie durch einen Handstreich
+zu überrumpeln gehofft hatten, fanden sie die Bewohner gewarnt und gerüstet;
+und in ähnlicher Weise schlug alles fehl. Catilina fand bei all seiner
+Tollkühnheit es doch geraten, jetzt seine Abreise auf einen der nächsten Tage
+festzusetzen; vorher aber wurde noch auf seine dringende Mahnung in einer
+letzten Zusammenkunft der Verschworenen in der Nacht vom 6. auf den 7. November
+beschlossen, den Konsul Cicero, der die Kontermine hauptsächlich leitete, noch
+vor der Abreise des Führers zu ermorden und, um jedem Verrat zuvorzukommen,
+diesen Beschluß augenblicklich ins Werk zu setzen. Früh am Morgen des 7.
+November pochten denn auch die erkorenen Mörder an dem Hause des Konsuls; aber
+sie sahen die Wachen verstärkt und sich selber abgewiesen - auch diesmal hatten
+die Spione der Regierung den Verschworenen den Rang abgelaufen. Am Tage darauf
+(8. November) berief Cicero den Senat. Noch jetzt wagte es Catilina zu
+erscheinen und gegen die zornigen Angriffe des Konsuls, der ihm ins Gesicht die
+Vorgänge der letzten Tage enthüllte, eine Verteidigung zu versuchen, aber man
+hörte nicht mehr auf ihn und in der Nähe des Platzes, auf dem er saß, leerten
+sich die Bänke. Er verließ die Sitzung und begab sich, wie er übrigens auch
+ohne diesen Zwischenfall ohne Zweifel getan haben würde, der Verabredung gemäß
+nach Etrurien. Hier rief er sich selber zum Konsul aus und nahm eine zuwartende
+Stellung, um auf die erste Meldung von dem Ausbruch einer Insurrektion in der
+Hauptstadt die Truppen gegen dieselbe in Bewegung zu setzen. Die Regierung
+erklärte die beiden Führer Catilina und Manlius sowie diejenigen ihrer
+Genossen, die nicht bis zu einem bestimmten Tag die Waffen niedergelegt haben
+würden, in die Acht und rief neue Milizen ein; aber an die Spitze des gegen
+Catilina Gestimmten Heeres ward der Konsul Gaius Antonius gestellt, der
+notorisch in die Verschwörung verwickelt war und bei dessen Charakter es
+durchaus vom Zufall abhing, ob er seine Truppen gegen Catilina oder ihm
+zuführen werde. Man schien es geradezu darauf angelegt zu haben, aus diesem
+Antonius einen zweiten Lepidus zu machen. Ebensowenig ward eingeschritten gegen
+die in der Hauptstadt zurückgebliebenen Leiter der Verschwörung, obwohl
+jedermann mit Fingern auf sie wies und die Insurrektion in der Hauptstadt von
+den Verschworenen nichts weniger als aufgegeben, vielmehr der Plan derselben
+noch von Catilina selbst vor seinem Abgang von Rom festgelegt worden war. Ein
+Tribun sollte durch Berufung einer Volksversammlung das Zeichen geben, die
+Nacht darauf Cethegus den Konsul Cicero aus dem Wege räumen, Gabinius und
+Statilius die Stadt an zwölf Stellen zugleich in Brand stecken und mit dem
+inzwischen herangezogenen Heere Catilinas die Verbindung in möglichster
+Geschwindigkeit hergestellt werden. Hätten Cethegus&rsquo; dringende
+Vorstellungen gefruchtet und Lentulus, der nach Catilinas Abreise an die Spitze
+der Verschworenen gestellt war, sich zu raschem Losschlagen entschlossen, so
+konnte die Verschwörung auch jetzt noch gelingen. Allein die Konspiratoren
+waren gerade ebenso unfähig und ebenso feig wie ihre Gegner; Wochen verflossen
+und es kam zu keiner Entscheidung.
+</p>
+
+<p>
+Endlich führte die Kontermine sie herbei. In seiner weitläufigen und gern die
+Säumigkeit in dem Nächsten und Notwendigen durch die Entwerfung fernliegender
+und weitsichtiger Pläne bedeckenden Art hatte Lentulus sich mit den eben in Rom
+anwesenden Deputierten eines Keltengaus, der Allobrogen, eingelassen und diese,
+die Vertreter eines gründlich zerrütteten Gemeinwesens und selber tief
+verschuldet, versucht in die Verschwörung zu verwickeln, auch ihnen bei ihrer
+Abreise Boten und Briefe an die Vertrauten mitgegeben. Die Allobrogen verließen
+Rom, wurden aber in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember hart an den Toren von
+den römischen Behörden angehalten und ihre Papiere ihnen abgenommen. Es zeigte
+sich, daß die allobrogischen Abgeordneten sich zu Spionen der römischen
+Regierung hergegeben und die Verhandlungen nur deshalb geführt hatten, um
+dieser die gewünschten Beweisstücke gegen die Hauptleiter der Verschwörung in
+die Hände zu spielen. Am Morgen darauf wurden von Cicero in möglichster Stille
+Verhaftsbefehle gegen die gefährlichsten Führer des Komplotts erlassen und
+gegen Lentulus, Cethegus, Gabinius und Statilius auch vollzogen, während einige
+andere durch die Flucht der Festnehmung entgingen. Die Schuld der Ergriffenen
+wie der Flüchtigen war vollkommen evident. Unmittelbar nach der Verhaftung
+wurden dem Senat die weggenommenen Briefschaften vorgelegt, zu deren Siegel und
+Handschrift die Verhafteten nicht umhin konnten, sich zu bekennen, und die
+Gefangenen und Zeugen verhört; weitere bestätigende Tatsachen,
+Waffenniederlagen in den Häusern der Verschworenen, drohende Äußerungen, die
+sie getan, ergaben sich alsbald; der Tatbestand der Verschwörung war
+vollständig und rechtskräftig festgestellt und die wichtigsten Aktenstücke
+sogleich auf Ciceros Veranstaltung durch fliegende Blätter publiziert.
+</p>
+
+<p>
+Die Erbitterung gegen die anarchistische Verschwörung war allgemein. Gern hätte
+die oligarchische Partei die Enthüllungen benutzt, um mit der Demokratie
+überhaupt und namentlich mit Caesar abzurechnen, allein sie war viel zu
+gründlich gesprengt, um dies durchsetzen und ihm das Ende bereiten zu können,
+das sie vor Zeiten den beiden Gracchen und dem Saturninus bereitet hatte; in
+dieser Hinsicht blieb es bei dem guten Willen. Die hauptstädtische Menge
+empörten namentlich die Brandstiftungspläne der Verschworenen. Die
+Kaufmannschaft und die ganze Partei der materiellen Interessen erkannte in
+diesem Krieg der Schuldner gegen die. Gläubiger natürlich einen Kampf um ihre
+Existenz; in stürmischer Aufregung drängte sich ihre Jugend, die Schwerter in
+den Händen, um das Rathaus und zückte dieselben gegen die offenen und
+heimlichen Parteigenossen Catilinas. In der Tat war für den Augenblick die
+Verschwörung paralysiert; wenn auch vielleicht ihre letzten Urheber noch auf
+freien Füßen waren, so war doch der ganze mit der Ausführung beauftragte Stab
+der Verschwörung entweder gefangen oder auf der Flucht; der bei Faesulae
+versammelte Haufen konnte ohne Unterstützung durch eine Insurrektion in der
+Hauptstadt unmöglich viel ausrichten.
+</p>
+
+<p>
+In einem leidlich geordneten Gemeinwesen wäre die Sache hiermit politisch zu
+Ende gewesen und hätten das Militär und die Gerichte das weitere übernommen.
+Allein in Rom war es so weit gekommen, daß die Regierung nicht einmal ein paar
+angesehene Adlige in sicherem Gewahrsam zu halten imstande war. Die Sklaven und
+Freigelassenen des Lentulus und der übrigen Verhafteten regten sich; Pläne,
+hieß es, seien geschmiedet, um sie mit Gewalt aus den Privathäusern, in denen
+sie gefangen saßen, zu befreien; es fehlte, dank dem anarchischen Treiben der
+letzten Jahre, in Rom nicht an Bandenführern, die nach einer gewissen Taxe
+Aufläufe und Gewalttaten in Akkord nahmen; Catilina endlich war von dem
+Ereignis benachrichtigt und nahe genug, um mit seinen Scharen einer. dreisten
+Streich zu versuchen. Wieviel an diesen Reden Wahres war, läßt sich nicht
+sagen; die Besorgnisse aber waren gegründet, da der Verfassung gemäß in der
+Hauptstadt der Regierung weder Truppen noch auch nur eine achtunggebietende
+Polizeimacht zu Gebote stand und sie in der Tat jedem Banditenhaufen
+preisgegeben war. Der Gedanke ward laut, eile etwaigen Befreiungsversuche durch
+sofortige Hinrichtung der Gefangenen abzuschneiden. Verfassungmäßig war dies
+nicht möglich. Nach dem altgeheiligten Provokationsrecht konnte über den
+Gemeindebürger ein Todesurteil nur von der gesamten Bürgerschaft und sonst von
+keiner andren Behörde verhängt werden; seit die Bürgerschaftsgerichte selbst
+zur Antiquität geworden waren, ward überhaupt nicht mehr auf den Tod erkannt.
+Gern hätte Cicero das bedenkliche Ansinnen zurückgewiesen; so gleichgültig auch
+an sich die Rechtsfrage dem Advokaten sein mochte, er wußte wohl, wie nützlich
+es ebendiesem ist, liberal zu heißen, und verspürte wenig Lust, durch dies
+vergossene Blut sich auf ewig von der demokratischen Partei zu scheiden. Indes
+seine Umgebung, namentlich seine vornehme Gemahlin drängten ihn, seine
+Verdienste um das Vaterland durch diesen kühnen Schritt zu krönen; der Konsul,
+wie alle Feigen ängstlich bemüht, den Schein der Feigheit zu vermeiden und doch
+auch vor der furchtbaren Verantwortung zitternd, berief in seiner Not den Senat
+und überließ es diesem, über Leben und Tod der vier Gefangenen zu entscheiden.
+Freilich hatte dies keinen Sinn; denn da der Senat verfassungmäßig noch viel
+weniger hierüber erkennen konnte als der Konsul, so fiel rechtlich doch immer
+alle Verantwortung auf den letzteren zurück; aber wann ist je die Feigheit
+konsequent gewesen? Caesar bot alles auf, um die Gefangenen zu retten, und
+seine Rede voll versteckter Drohungen vor der künftigen unausbleiblichen Rache
+der Demokratie machte den tiefsten Eindruck. Obwohl bereits sämtliche Konsulare
+und die große Majorität des Senats sich für die Hinrichtung ausgesprochen
+hatten, schienen doch nun wieder die meisten, Cicero voran, sich zur Enthaltung
+der rechtlichen Schranken zu neigen. Allein indem Cato nach Rabulistenart die
+Verfechter der milderen Meinung der Mitwisserschaft an dem Komplott
+verdächtigte und auf die Vorbereitungen zur Befreiung der Gefangenen durch
+einen Straßenaufstand hinwies, wußte er die schwankenden Seelen wieder in eine
+andere Furcht zu werfen und für die sofortige Hinrichtung der Verbrecher die
+Majorität zu gewinnen. Die Vollziehung des Beschlusses lag natürlich dem Konsul
+ob, der ihn hervorgerufen hatte. Spät am Abend des fünften Dezembers wurden die
+Verhafteten aus ihren bisherigen Quartieren abgeholt und über den immer noch
+dicht von Menschen vollgedrängten Marktplatz in das Gefängnis gebracht, worin
+die zum Tode verurteilten Verbrecher aufbewahrt zu werden pflegten. Es war ein
+unterirdisches, zwölf Fuß tiefes Gewölbe am Fuß des Kapitols, das ehemals als
+Brunnenhaus gedient hatte. Der Konsul selbst führte den Lentulus, Prätoren die
+übrigen, alle von starken Wachen begleitet; doch fand der Befreiungsversuch,
+den man erwartete, nicht statt. Niemand wußte, ob die Verhafteten in ein
+gesichertes Gewahrsam oder zur Richtstätte geführt wurden. An der Türe des
+Kerkers wurden sie den Dreimännern übergeben, die die Hinrichtungen leiteten,
+und in dem unterirdischen Gewölbe bei Fackelschein erdrosselt. Vor der Türe
+hatte, bis die Exekutionen vollzogen waren, der Konsul gewartet und rief darauf
+über den Markt hin mit seiner lauten wohlbekannten Stimme der stumm harrenden
+Menge die Worte zu: &ldquo;Sie sind tot!&rdquo; Bis tief in die Nacht hinein
+wogten die Haufen durch die Straßen und begrüßten jubelnd den Konsul, dem sie
+meinten, die Sicherung ihrer Häuser und ihrer Habe schuldig geworden zu sein.
+Der Rat ordnete öffentliche Dankfeste an und die ersten Männer der Nobilität,
+Marcus Cato und Quintus Catulus, begrüßten den Urheber des Todesurteils mit dem
+- hier zuerst vernommenen - Namen eines Vaters des Vaterlandes.
+</p>
+
+<p>
+Aber es war eine grauenvolle Tat und nur um so grauenvoller, weil sie einem
+ganzen Volke als groß und preisenswert erschien. Elender hat sich wohl nie ein
+Gemeinwesen bankrott erklärt, als Rom durch diesen, mit kaltem Blute von der
+Majorität der Regierung gefaßten, von der öffentlichen Meinung gebilligten
+Beschluß, einige politische Gefangene, die nach den Gesetzen zwar strafbar
+waren, aber das Leben nicht verwirkt hatten, eiligst umzubringen, weil man der
+Sicherheit der Gefängnisse nicht traute und es keine ausreichende Polizei gab!
+Es war der humoristische Zug, der selten einer geschichtlichen Tragödie fehlt,
+daß dieser Akt der brutalsten Tyrannei von dem haltungslosesten und
+ängstlichsten aller römischen Staatsmänner vollzogen werden mußte und daß der
+&ldquo;erste demokratische Konsul&rdquo; dazu ausersehen war, das Palladium der
+alten römischen Gemeindefreiheit, das Provokationsrecht, zu zerstören.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem in der Hauptstadt die Verschwörung erstickt worden war noch bevor sie
+zum Ausbruch kam, blieb es noch übrig, der Insurrektion in Etrurien ein Ende zu
+machen. Der Heerbestand von etwa 2000 Mann, den Catilina vorfand, hatte sich
+durch die zahlreich herbeiströmenden Rekruten nahezu verfünffacht und bildete
+schon zwei ziemlich vollzählige Legionen, worin freilich nur etwa der vierte
+Teil der Mannschaft genügend bewaffnet war. Catilina hatte sich mit ihnen in
+die Berge geworfen und ein Schlacht mit den Truppen des Antonius vermieden, um
+die Organisierung seiner Scharen zu vollenden und den Ausbruch des Aufstandes
+in Rom abzuwarten. Aber die Nachricht von dem Scheitern desselben sprengte auch
+die Armee der Insurgenten: die Masse der minder Kompromittierten ging daraufhin
+wieder nach Hause. Der zurückbleibende Rest entschlossener oder vielmehr
+verzweifelter Leute machte einen Versuch, sich durch die Apenninenpässe nach
+Gallien durchzuschlagen; aber als die kleine Schar an dem Fuß des Gebirges bei
+Pistoria (Pistoja) anlangte, fand sie sich hier von zwei Heeren in die Mitte
+genommen. Vor sich hatte sie das Korps des Quintus Metellus, das von Ravenna
+und Ariminum herangezogen war, um den nördlichen Abhang des Apennin zu
+besetzen; hinter sich die Armee des Antonius, der dem Drängen seiner Offiziere
+endlich nachgegeben und sich zu einem Winterfeldzuge verstanden hatte. Catilina
+war nach beiden Seiten hin eingekeilt und die Lebensmittel gingen zu Ende; es
+blieb nichts übrig, als sich auf den näherstehenden Feind, das heißt auf
+Antonius zu werfen. In einem engen von felsigen Bergen eingeschlossenen Tale
+kam es zum Kampfe zwischen den Insurgenten und den Truppen des Antonius, welche
+derselbe, um die Exekution gegen seine ehemaligen Verbündeten wenigstens nicht
+selbst vollstrecken zu müssen, für diesen Tag unter einem Vorwand einem
+tapferen, unter den Waffen ergrauten Offizier, dem Marcus Petreius, anvertraut
+hatte. Die Übermacht der Regierungsarmee kam bei der Beschaffenheit des
+Schlachtfeldes wenig in Betracht. Catilina wie Petreius stellten ihre
+zuverlässigsten Leute in die vordersten Reihen; Quartier ward weder gegeben
+noch genommen. Lange stand der Kampf und von beiden Seiten fielen viele tapfere
+Männer; Catilina, der vor dem Anfange der Schlacht sein Pferd und die der
+sämtlichen Offiziere zurückgeschickt hatte, bewies an diesem Tage, daß ihn die
+Natur zu nicht gewöhnlichen Dingen bestimmt hatte und daß er es verstand,
+zugleich als Feldherr zu kommandieren und als Soldat zu fechten. Endlich
+sprengte Petreius mit seiner Garde das Zentrum des Feindes und faßte, nachdem
+er dies geworfen hatte, die beiden Flügel von innen; der Sieg war damit
+entschieden. Die Leichen der Catilinarier - man zählte ihrer 3000 - deckten
+gleichsam in Reihe und Glied den Boden, wo sie gefochten hatten; die Offiziere
+und der Feldherr selbst hatten, da alles verloren war, sich in die Feinde
+gestürzt und dort den Tod gesucht und gefunden (Anfang 692 62). Antonius ward
+wegen dieses Sieges vom Senat mit dem Imperatorentitel gebrandmarkt und neue
+Dankfeste bewiesen, daß Regierung und Regierte anfingen, sich an den
+Bürgerkrieg zu gewöhnen.
+</p>
+
+<p>
+Das anarchistische Komplott war also in der Hauptstadt wie in Italien mit
+blutiger Gewalt niedergeschlagen worden; man ward nur noch an dasselbe erinnert
+durch die Kriminalprozesse, die in den etruskischen Landstädten und in der
+Hauptstadt unter den Affiliierten der geschlagenen Partei aufräumten, und durch
+die anschwellenden italischen Räuberbanden, wie deren zum Beispiel eine aus den
+Resten der Heere des Spartacus und des Catilina erwachsene im Jahre 694 (60) im
+Gebiet von Thurii durch Militärgewalt vernichtet ward. Aber es ist wichtig, es
+im Auge zu behalten, daß der Schlag keineswegs bloß die eigentlichen
+Anarchisten traf, die zur Anzündung der Hauptstadt sich verschworen und bei
+Pistoria gefochten hatten, sondern die ganze demokratische Partei. Daß diese,
+insbesondere Crassus und Caesar, hier so gut wie bei dem Komplott von 688 (66)
+die Hand im Spiele hatten, darf als eine nicht juristisch, aber historisch
+ausgemachte Tatsache angesehen werden. Zwar daß Catulus und die übrigen Häupter
+der Senatspartei den Führer der Demokraten der Mitwisserschaft um das
+anarchistische Komplott ziehen und daß dieser als Senator gegen den von der
+Oligarchie beabsichtigten brutalen Justizmord sprach und stimmte, konnte nur
+von der Parteischikane als Beweis seiner Beteiligung an den Plänen Catilinas
+geltend gemacht werden. Aber mehr ins Gewicht fällt eine Reihe anderer
+Tatsachen. Nach ausdrücklichen und unabweisbaren Zeugnissen waren es vor allen
+Crassus und Caesar, die Catilinas Bewerbung um das Konsulat unterstützten. Als
+Caesar 690 (64) die Schergen Sullas vor das Mordgericht zog, ließ er die
+übrigen verurteilen, den schuldigsten und schädlichsten aber von ihnen allen,
+den Catilina, freisprechen. Bei den Enthüllungen des dritten Dezember nannte
+Cicero zwar unter den Namen der bei ihm angezeigten Verschworenen die der
+beiden einflußreichen Männer nicht; allein es ist notorisch, daß die
+Denunzianten nicht bloß auf diejenigen aussagten, gegen die nachher die
+Untersuchung gerichtet ward, sondern außerdem noch auf &ldquo;viele
+Unschuldige&rdquo;, die der Konsul Cicero aus dem Verzeichnis zu streichen für
+gut fand; und in späteren Jahren, als er keine Ursache hatte, die Wahrheit zu
+entstellen, hat eben er ausdrücklich Caesar unter den Mitwissern genannt. Eine
+indirekte, aber sehr verständliche Bezichtigung liegt auch darin, daß von den
+vier am dritten Dezember Verhafteten die beiden am wenigsten gefährlichen,
+Statilius und Gabinius, den Senatoren Caesar und Crassus zur Bewachung
+übergeben wurden; offenbar sollten sie entweder, wenn sie sie entrinnen ließen,
+vor der öffentlichen Meinung als Mitschuldige oder, wenn sie in der Tat sie
+festhielten, vor ihren Mitverschworenen als Abtrünnige kompromittiert werden.
+Bezeichnend für die Situation ist die folgende im Senat vorgefallene Szene.
+Unmittelbar nach der Verhaftung des Lentulus und seiner Genossen wurde ein von
+den Verschworenen in der Hauptstadt an Catilina abgesandter Bote von den
+Agenten der Regierung aufgegriffen und derselbe, nachdem ihm Straflosigkeit
+zugesichert war, in voller Senatssitzung ein umfassendes Geständnis abzulegen
+veranlaßt. Wie er aber an die bedenklichen Teile seiner Konfession kam und
+namentlich als seinen Auftraggeber den Crassus nannte, ward er von den
+Senatoren unterbrochen und auf Ciceros Vorschlag beschlossen, die ganze Angabe
+ohne weitere Untersuchung zu kassieren, ihren Urheber aber ungeachtet der
+zugesicherten Amnestie so lange einzusperren, bis er nicht bloß die Angabe
+zurückgenommen, sondern auch bekannt haben werde, wer ihn zu solchem falschen
+Zeugnis aufgestiftet habe! Hier liegt es deutlich zu Tage, nicht bloß daß jener
+Mann die Verhältnisse recht genau kannte, der auf die Aufforderung, einen
+Angriff auf Crassus zu machen, zur Antwort gab, er habe keine Lust, den Stier
+der Herde zu reizen, sondern auch daß die Senatsmajorität, Cicero an der
+Spitze, unter sich einig geworden war, die Enthüllungen nicht über eine
+bestimmte Grenze vorschreiten zu lassen. Das Publikum war so heikel nicht; die
+jungen Leute, die zur Abwehr der Mordbrenner die Waffen ergriffen hatten, waren
+gegen keinen so erbittert wie gegen Caesar; sie richteten am fünften Dezember,
+als er die Kurie verließ, die Schwerter auf seine Brust und es fehlte nicht
+viel, daß er schon jetzt an derselben Stelle sein Leben gelassen hätte, wo
+siebzehn Jahre später ihn der Todesstreich traf; längere Zeit hat er die Kurie
+nicht wieder betreten. Wer überall den Verlauf der Verschwörung unbefangen
+erwägt, wird des Argwohns sich nicht zu erwehren vermögen, daß während dieser
+ganzen Zeit hinter Catilina mächtigere Männer standen, welche, gestützt auf den
+Mangel rechtlich vollständiger Beweise und auf die Lauheit und Feigheit der nur
+halb eingeweihten und nach jedem Vorwande zur Untätigkeit begierig greifenden
+Senatsmehrheit, es verstanden, jedes ernstliche Einschreiten der Behörden gegen
+die Verschwörung zu hemmen, dem Chef der Insurgenten freien Abzug zu
+verschaffen und selbst die Kriegserklärung und Truppensendungen gegen die
+Insurrektion so zu lenken, daß sie beinahe auf die Sendung einer Hilfsarmee
+hinauslief. Wenn also der Gang der Ereignisse selbst dafür zeugt, daß die Fäden
+des Catilinarischen Komplotts weit höher hinaufreichen als bis zu Lentulus und
+Catilina, so wird auch das Beachtung verdienen, daß in viel späterer Zeit, als
+Caesar an die Spitze des Staates gelangt war, er mit dem einzigen noch übrigen
+Catilinarier, dem mauretanischen Freischarenführer Publius Sittius, im engsten
+Bündnis stand, und daß er das Schuldrecht ganz in dem Sinne milderte, wie es
+die Proklamationen des Manlius begehrten.
+</p>
+
+<p>
+All diese einzelnen Inzichten reden deutlich genug; wäre das aber auch nicht,
+die verzweifelte Lage der Demokratie gegenüber der seit den
+Gabinisch-Manilischen Gesetzen drohender als je ihr zur Seite sich erhebenden
+Militärgewalt macht es an sich schon fast zur Gewißheit, daß sie, wie es in
+solchen Fällen zu gehen pflegt, in den geheimen Komplotten und dem Bündnis mit
+der Anarchie eine letzte Hilfe gesucht hat. Die Verhältnisse waren denen der
+cinnanischen Zeit sehr ähnlich. Wenn im Osten Pompeius eine Stellung einnahm
+ungefähr wie damals Sulla, so suchten Crassus und Caesar ihm gegenüber in
+Italien eine Gewalt aufzurichten, wie Marius und Cinna sie besessen hatten, um
+sie dann womöglich besser als diese zu benutzen. Der Weg dahin ging wieder
+durch Terrorismus und Anarchie, und diesen zu bahnen war Catilina allerdings
+der geeignete Mann. Natürlich hielten die reputierlicheren Führer der
+Demokratie sich hierbei möglichst im Hintergrund und überließen den unsauberen
+Genossen die Ausführung der unsauberen Arbeit, deren politisches Resultat sie
+späterhin sich zuzueignen hofften. Noch mehr wandten, als das Unternehmen
+gescheitert war, die höhergestellten Teilnehmer alles an, um ihre Beteiligung
+daran zu verhüllen. Und auch in späterer Zeit, als der ehemalige Konspirator
+selbst die Zielscheibe der politischen Komplotte geworden war, zog ebendarum
+über diese düsteren Jahre in dem Leben des großen Mannes der Schleier nur um so
+dichter sich zusammen und wurden in diesem Sinne sogar eigene Apologien für ihn
+geschrieben ^6.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^6 Eine solche ist der &lsquo;Catilina&rsquo; des Sallustius, der von dem
+Verfasser, einem notorischen Caesarianer, nach dem Jahre 708 (46) entweder
+unter Caesars Alleinherrschaft oder wahrscheinlicher unter dem Triumvirat
+seiner Erben veröffentlicht wurde; offenbar als politische Tendenzschrift,
+welche sich bemüht, die demokratische Partei, auf welcher ja die römische
+Monarchie beruht, zu Ehren zu bringen und Caesars Andenken von dem schwärzesten
+Fleck, der darauf haftete, zu reinigen, nebenher auch den Oheim des Trimvirn
+Marcus Antonius möglichst weißzuwaschen (vgl. z. B. c. 59 mit Dio 37, 39). Ganz
+ähnlich soll der &lsquo;Jugurtha&rsquo; desselben Verfassers teils die
+Erbärmlichkeit des oligarchischen Regiments aufdecken, teils den Koryphäen der
+Demokratie Gaius Marius verherrlichen. Daß der gewandte Schriftsteller den
+apologetischen und akkusatorischen Charakter dieser seiner Bücher zurücktreten
+läßt, beweist nicht, daß sie keine, sondern daß sie gute Parteischriften sind.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Seit fünf Jahren stand Pompeius im Osten an der Spitze seiner Heere und
+Flotten; seit fünf Jahren konspirierte die Demokratie daheim, um ihn zu
+stürzen. Das Ergebnis war entmutigend. Mit unsäglichen Anstrengungen hatte man
+nicht bloß nichts erreicht, sondern moralisch wie materiell ungeheure Einbuße
+gemacht. Schon die Koalition vom Jahre 683 (71) mußte den Demokraten vom reinen
+Wasser ein Ärgernis sein, obwohl die Demokratie damals nur mit zwei angesehenen
+Männern der Gegenpartei sich einließ und diese auf ihr Programm verpflichtete.
+Jetzt aber hatte die demokratische Partei gemeinschaftliche Sache gemacht mit
+einer Bande von Mördern und Bankerottierern, die fast alle gleichfalls
+Überläufer aus dem Lager der Aristokratie waren, und hatte deren Programm, das
+heißt den Cinnanischen Terrorismus, wenigstens vorläufig akzeptiert. Die Partei
+der materiellen Interessen, eines der Hauptelemente der Koalition von 683 (71)
+wurde hierdurch der Demokratie entfremdet und zunächst den Optimaten, überhaupt
+aber jeder Macht, die Schutz vor der Anarchie gewähren wollte und konnte, in
+die Arme getrieben. Selbst die hauptstädtische Menge, die zwar gegen einen
+Straßenkrawall nichts einzuwenden hatte, aber es doch unbequem fand, sich das
+Haus über dem Kopfe anzünden zu lassen, ward einigermaßen scheu. Es ist
+merkwürdig, daß eben in diesem Jahr (691 63) die volle Wiederherstellung der
+Sempronischen Getreidespenden stattfand, und zwar von Seiten des Senats auf den
+Antrag Catos. Offenbar hatte der Bund der Demokratenführer mit der Anarchie
+zwischen jene und die Stadtbürgerschaft einen Keil getrieben, und suchte die
+Oligarchie, nicht ohne wenigstens augenblicklichen Erfolg, diesen Riß zu
+erweitern und die Massen auf ihre Seite hinüberzuziehen. Endlich war Gnaeus
+Pompeius durch all diese Kabalen teils gewarnt, teils erbittert worden; nach
+allem, was vorgefallen war, und nachdem die Demokratie die Bande, die sie mit
+Pompeius verknüpften, selber so gut wie zerrissen hatte, konnte sie nicht mehr
+schicklicherweise von ihm begehren, was im Jahre 684 (70) eine gewisse
+Billigkeit für sich gehabt hatte, daß er die demokratische Macht, die er und
+die ihn emporgebracht, nicht selber mit dem Schwerte zerstöre. So war die
+Demokratie entehrt und geschwächt; vor allen Dingen aber war sie lächerlich
+geworden durch die unbarmherzige Aufdeckung ihrer Ratlosigkeit und Schwäche. Wo
+es sich um die Demütigung des gestürzten Regiments und ähnliche Nichtigkeiten
+handelte, war sie groß und gewaltig; aber jeder ihrer Versuche, einen wirklich
+politischen Erfolg zu erreichen, war platt zur Erde gefallen. Ihr Verhältnis zu
+Pompeius war so falsch wie kläglich. Während sie ihn mit Lobsprüchen und
+Huldigungen überschüttete, spann sie gegen ihn eine Intrige nach der anderen,
+die eine nach der anderen, Seifenblasen gleich, von selber zerplatzten. Der
+Feldherr des Ostens und der Meere, weit entfernt, sich dagegen zur Wehr zu
+setzen, schien das ganze geschäftige Treiben nicht einmal zu bemerken und seine
+Siege über sie zu erfechten wie Herakles den über die Pygmäen, ohne selber
+darum gewahr zu werden. Der Versuch, den Bürgerkrieg zu entflammen, war
+jämmerlich gescheitert; hatte die anarchistische Fraktion wenigstens einige
+Energie entwickelt, so hatte die reine Demokratie die Rotten wohl zu dingen
+verstanden, aber weder sie zu führen, noch sie zu retten, noch mit ihnen zu
+sterben. Selbst die alte todesmatte Oligarchie hatte, gestärkt durch die aus
+den Reihen der Demokratie zu ihr übertretenden Massen und vor allem durch die
+in dieser Angelegenheit unverkennbare Gleichheit ihrer Interessen und
+derjenigen des Pompeius, es vermocht, diesen Revolutionsversuch
+niederzuschlagen und damit noch einen letzten Sieg über die Demokratie zu
+erfechten. Inzwischen war König Mithradates gestorben, Kleinasien und Syrien
+geordnet, Pompeius&rsquo; Heimkehr nach Italien jeden Augenblick zu erwarten.
+Die Entscheidung war nicht fern; aber konnte in der Tat noch die Rede sein von
+einer Entscheidung zwischen dem Feldherrn, der ruhmvoller und gewaltiger als je
+zurückkam, und der beispiellos gedemütigten und völlig machtlosen Demokratie?
+Crassus schickte sich an, seine Familie und sein Gold zu Schiffe zu bringen und
+irgendwo im Osten eine Freistatt aufzusuchen; und selbst eine so elastische und
+so energische Natur wie Caesar schien im Begriff, das Spiel verloren zu geben.
+In dieses Jahr (691 63) fällt seine Bewerbung um die Stelle des Oberpontifex;
+als er am Morgen der Wahl seine Wohnung verließ, äußerte er, wenn auch dieses
+ihm fehlschlage, werde er, die Schwelle seines Hauses nicht wieder
+überschreiten.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap06"></a>KAPITEL VI.<br/>
+Pompeius&rsquo; Rücktritt und die Koalition der Prätendenten</h2>
+
+<p>
+Als Pompeius nach Erledigung der ihm aufgetragenen Verrichtungen seine Blicke
+wieder der Heimat zuwandte, fand er zum zweiten Male das Diadem zu seinen
+Füßen. Längst neigte die Entwicklung des römischen Gemeinwesens einer solchen
+Katastrophe sich zu; es war jedem Unbefangenen offenbar und war tausendmal
+gesagt worden, daß, wenn der Herrschaft der Aristokratie ein Ende gemacht sein
+werde, die Monarchie unausbleiblich sei. Jetzt war der Senat gestürzt zugleich
+durch die bürgerliche, liberale Opposition und die soldatische Gewalt; es
+konnte sich nur noch darum handeln, für die neue Ordnung der Dinge die
+Personen, die Namen und Formen festzustellen, die übrigens in den teils
+demokratischen, teils militärischen Elementen der Umwälzung bereits klar genug
+angedeutet waren. Die Ereignisse der letzten fünf Jahre hatten auf diese
+bevorstehende Umwandlung des Gemeinwesens gleichsam das letzte Siegel gedrückt.
+In den neu eingerichteten asiatischen Provinzen, die in ihrem Ordner den
+Nachfolger des großen Alexander königlich verehrten und schon seine
+begünstigten Freigelassenen wie Prinzen empfingen, hatte Pompeius den Grund
+seiner Herrschaft gelegt und zugleich die Schätze, das Heer und den Nimbus
+gefunden, deren der künftige Fürst des römischen Staats bedurfte. Die
+anarchistische Verschwörung aber in der Hauptstadt mit dem daran sich
+knüpfenden Bürgerkrieg hatte es jedem, der politische oder auch nur materielle
+Interessen hegte, mit empfindlicher Schärfe dargelegt, daß eine Regierung ohne
+Autorität und ohne militärische Macht, wie die des Senats war, den Staat der
+ebenso lächerlichen wie furchtbaren Tyrannei der politischen Industrieritter
+aussetzte und daß eine Verfassungsänderung, welche die Militärgewalt enger mit
+dem Regiment verknüpfte, eine unabweisliche Notwendigkeit war, wenn die
+gesellschaftliche Ordnung ferner Bestand haben sollte. So war im Osten der
+Herrscher aufgestanden, in Italien der Thron errichtet; allem Anschein nach war
+das Jahr 692 (62) das letzte der Republik, das erste der Monarchie.
+</p>
+
+<p>
+Zwar ohne Kampf war an dieses Ziel nicht zu gelangen. Die Verfassung, die ein
+halbes Jahrtausend gedauert hatte und unter der die unbedeutende Stadt am Tiber
+zu beispielloser Größe und Herrlichkeit gediehen war, hatte ihre Wurzeln man
+wußte nicht wie tief in den Boden gesenkt, und es ließ sich durchaus nicht
+berechnen, bis in welche Schichten hinab der Versuch, sie umzustürzen, die
+bürgerliche Gesellschaft aufwühlen werde. Mehrere Nebenbuhler waren in dem
+Wettlauf nach dem großen Ziel von Pompeius überholt, aber nicht völlig
+beseitigt worden. Es lag durchaus nicht außer der Berechnung, daß alle diese
+Elemente sich verbanden, um den neuen Machthaber zu stürzen und Pompeius sich
+gegenüber Quintus Catulus und Marcus Cato mit Marcus Crassus, Gaius Caesar und
+Titus Labienus vereinigt fand. Aber nicht leicht konnte der unvermeidliche und
+unzweifelhaft ernste Kampf unter günstigeren Verhältnissen aufgenommen werden.
+Es war in hohem Grade wahrscheinlich, daß unter dem frischen Eindrucke des
+Catilinarischen Aufstandes einem Regimente, das Ordnung und Sicherheit,
+wenngleich um den Preis der Freiheit, verhieß, die gesamte Mittelpartei sich
+fügen werde, vor allem die einzig um ihre materiellen Interessen bekümmerte
+Kaufmannschaft, aber nicht minder ein großer Teil der Aristokratie, die, in
+sich zerrüttet und politisch hoffnungslos, zufrieden sein mußte, durch zeitige
+Transaktion mit dem Fürsten sich Reichtum, Rang und Einfluß zu sichern;
+vielleicht sogar mochte ein Teil der von den letzten Schlägen schwer
+getroffenen Demokratie sich bescheiden, von einem durch sie auf den Schild
+gehobenen Militärchef die Realisierung eines Teils ihrer Forderungen zu
+erhoffen. Aber wie auch immer die Parteiverhältnisse sich stellten, was kam,
+zunächst wenigstens, auf die Parteien in Italien überhaupt noch an, Pompeius
+gegenüber und seinem siegreichen Heer? Zwanzig Jahre zuvor hatte Sulla, nachdem
+er mit Mithradates einen Notfrieden abgeschlossen hatte, gegen die gesamte,
+seit Jahren massenhaft rüstende liberale Partei, von den gemäßigten
+Aristokraten und der liberalen Kaufmannschaft an bis hinab zu den Anarchisten,
+mit seinen fünf Legionen eine der natürlichen Entwicklung der Dinge
+zuwiderlaufende Restauration durchzusetzen vermocht. Pompeius&rsquo; Aufgabe
+war weit minder schwer. Er kam zurück, nachdem er zur See und zu Lande seine
+verschiedenen Aufgaben vollständig und gewissenhaft gelöst hatte. Er durfte
+erwarten, auf keine andere ernstliche Opposition zu treffen als auf die der
+verschiedenen extremen Parteien, von denen jede einzeln gar nichts vermochte
+und die, selbst verbündet, immer nicht mehr waren als eine Koalition eben noch
+hitzig sich befehdender und innerlich gründlich entzweiter Faktionen.
+Vollkommen ungerüstet waren sie ohne Heer und Haupt, ohne Organisation in
+Italien, ohne Rückhalt in den Provinzen, vor allen Dingen ohne einen Feldherrn;
+es war in ihren Reihen kaum ein namhafter Militär, geschweige denn ein
+Offizier, der es hätte wagen dürfen, die Bürger zum Kampfe gegen Pompeius
+aufzurufen. Auch das durfte in Anschlag kommen, daß der jetzt seit siebzig
+Jahren rastlos flammende und an seiner eigenen Glut zehrende Vulkan der
+Revolution sichtlich ausbrannte und anfing, in sich selber zu erlöschen. Es war
+sehr zweifelhaft, ob es jetzt gelingen werde, die Italiker so für
+Parteiinteressen zu bewaffnen, wie noch Cinna und Carbo dies vermocht hatten.
+Wenn Pompeius zugriff, wie konnte es ihm fehlen, eine Staatsumwälzung
+durchzusetzen, die in der organischen Entwicklung des römischen Gemeinwesens
+mit einer gewissen Naturnotwendigkeit vorgezeichnet war?
+</p>
+
+<p>
+Pompeius hatte den Moment erfaßt, indem er die Mission nach dem Orient
+übernahm; er schien fortfahren zu wollen. Im Herbste des Jahres 691 (63) traf
+Quintus Metellus Nepos aus dem Lager des Pompeius in der Hauptstadt ein und
+trat auf als Bewerber um das Tribunat, in der ausgesprochenen Absicht, als
+Volkstribun Pompeius das Konsulat für das Jahr 693 (61) und zunächst durch
+speziellen Volksbeschluß die Führung des Krieges gegen Catilina zu verschaffen.
+Die Aufregung in Rom war gewaltig. Es war nicht zu bezweifeln, daß Nepos im
+direkten oder indirekten Auftrag des Pompeius handelte; Pompeius&rsquo;
+Begehren, in Italien an der Spitze seiner asiatischen Legionen als Feldherr
+aufzutreten und daselbst die höchste militärische und die höchste bürgerliche
+Gewalt zugleich zu verwalten, ward aufgefaßt als ein weiterer Schritt auf dem
+Wege zum Throne, Nepos&rsquo; Sendung als die halboffizielle Ankündigung der
+Monarchie.
+</p>
+
+<p>
+Es kam alles darauf an, wie die beiden großen politischen Parteien zu diesen
+Eröffnungen sich verhielten; ihre künftige Stellung und die Zukunft der Nation
+hingen davon ab. Die Aufnahme aber, die Nepos fand, war selbst wieder bestimmt
+durch das damalige Verhältnis der Parteien zu Pompeius, das sehr eigentümlicher
+Art war. Als Feldherr der Demokratie war Pompeius nach dem Osten gegangen. Er
+hatte Ursache genug, mit Caesar und seinem Anhang unzufrieden zu sein, aber ein
+offener Bruch war nicht erfolgt. Es ist wahrscheinlich, daß Pompeius, der weit
+entfernt und mit andern Dingen beschäftigt war, überdies der Gabe, sich
+politisch zu orientieren, durchaus entbehrte, den Umfang und den Zusammenhang
+der gegen ihn gesponnenen demokratischen Umtriebe damals wenigstens keineswegs
+durchschaute, vielleicht sogar in seiner hochmütigen und kurzsichtigen Weise
+einen gewissen Stolz darein setzte, diese Maulwurfstätigkeit zu ignorieren.
+Dazu kam, was bei einem Charakter von Pompeius&rsquo; Art sehr ins Gewicht
+fiel, daß die Demokratie den äußeren Respekt gegen den großen Mann nie aus den
+Augen gesetzt, ja eben jetzt (691 63), unaufgefordert wie er es liebte, ihm
+durch einen besonderen Volksschluß unerhörte Ehren und Dekorationen gewährt
+hatte. Indes wäre auch alles dies nicht gewesen, so lag es in Pompeius&rsquo;
+eigenem wohlverstandenen Interesse, sich wenigstens äußerlich fortwährend zur
+Popularpartei zu halten; Demokratie und Monarchie stehen in so enger
+Wahlverwandtschaft, daß Pompeius, indem er nach der Krone griff, kaum anders
+konnte, als sich wie bisher den Vorfechter der Volksrechte nennen. Wie also
+persönliche und politische Gründe, zusammenwirkten, um trotz allem
+Vorgefallenen Pompeius und die Führer der Demokratie bei ihrer bisherigen
+Verbindung festzuhalten, so geschah auf der entgegengesetzten Seite nichts, um
+die Kluft auszufüllen, die ihn seit seinem Übertritt in das Lager der
+Demokratie von seinen sullanischen Parteigenossen trennte. Sein persönliches
+Zerwürfnis mit Metellus und Lucullus übertrug sich auf deren ausgedehnte und
+einflußreiche Koterien. Eine kleinliche, aber für einen so kleinlich
+zugeschnittenen Charakter eben ihrer Kleinlichkeit wegen um so tiefer
+erbitternde Opposition des Senats hatte ihn auf seiner ganzen Feldherrnlaufbahn
+begleitet. Er empfand es schmerzlich, daß der Senat nicht das geringste getan,
+um den außerordentlichen Mann nach Verdienst, das heißt außerordentlich zu
+ehren. Endlich ist es nicht aus der Acht zu lassen, daß die Aristokratie eben
+damals von ihrem frischen Siege berauscht, die Demokratie tief gedemütigt war,
+und daß die Aristokratie von dem bocksteifen und halb närrischen Cato, die
+Demokratie von dem schmiegsamen Meister der Intrige Caesar geleitet ward.
+</p>
+
+<p>
+In diese Verhältnisse traf das Auftreten des von Pompeius gesandten Emissärs.
+Die Aristokratie betrachtete nicht bloß die Anträge, die derselbe zu
+Pompeius&rsquo; Gunsten ankündigte, als eine Kriegserklärung gegen die
+bestehende Verfassung, sondern behandelte sie auch öffentlich als solche und
+gab sich nicht die mindeste Mühe, ihre Besorgnis und ihren Ingrimm zu
+verhehlen: in der ausgesprochenen Absicht, diese Anträge zu bekämpfen, ließ
+sich Marcus Cato mit Nepos zugleich zum Volkstribun wählen und wies
+Pompeius&rsquo; wiederholten Versuch, sich ihm persönlich zu nähern, schroff
+zurück. Es ist begreiflich, daß Nepos hiernach sich nicht veranlaßt fand, die
+Aristokratie zu schonen, dagegen den Demokraten sich um so bereitwilliger
+anschloß, als diese, geschmeidig wie immer, in das Unvermeidliche sich fügten
+und das Feldherrnamt in Italien wie das Konsulat lieber freiwillig zugestanden
+als es mit den Waffen sich abzwingen ließen. Das herzliche Einverständnis
+offenbarte sich bald. Nepos bekannte sich (Dezember 691 63) öffentlich zu der
+demokratischen Auffassung der von der Senatsmajorität kürzlich verfügten
+Exekutionen als verfassungswidriger Justizmorde; und daß auch sein Herr und
+Meister sie nicht anders ansah, bewies sein bedeutsames Stillschweigen auf die
+voluminöse Rechtfertigungsschrift, die ihm Cicero übersandt hatte. Andererseits
+war es der erste Akt, womit Caesar seine Prätur eröffnete, daß er den Quintus
+Catulus wegen der bei dem Wiederaufbau des Kapitolinischen Tempels angeblich
+von ihm unterschlagenen Gelder zur Rechenschaft zog und die Vollendung des
+Tempels an Pompeius übertrug. Es war das ein Meisterzug. Catulus baute an dem
+Tempel jetzt bereits im sechzehnten Jahr und schien gute Lust zu haben, als
+Oberaufseher der kapitolinischen Bauten wie zu leben so zu sterben; ein Angriff
+auf diesen, nur durch das Ansehen des vornehmen Beauftragten zugedeckten
+Mißbrauch eines öffentlichen Auftrags war der Sache nach vollkommen begründet
+und in hohem Maße populär. Indem aber zugleich dadurch Pompeius die Aussicht
+eröffnet ward, an dieser stolzesten Stelle der ersten Stadt des Erdkreises den
+Namen des Catulus tilgen und den seinigen eingraben zu dürfen, ward ihm ebendas
+geboten, was ihn vor allem reizte und der Demokratie nicht schadete,
+überschwengliche, aber leere Ehre, und ward zugleich die Aristokratie, die doch
+ihren besten Mann unmöglich fallen lassen konnte, auf die ärgerlichste Weise
+mit Pompeius verwickelt.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen hatte Nepos seine Pompeius betreffenden Anträge bei der Bürgerschaft
+eingebracht. Am Tage der Abstimmung interzedierten Cato und sein Freund und
+Kollege Quintus Minucius. Als Nepos sich daran nicht kehrte und mit der
+Verlesung fortfuhr, kam es zu einem förmlichen Handgemenge: Cato und Minucius
+warfen sich über ihren Kollegen und zwangen ihn innezuhalten; eine bewaffnete
+Schar befreite ihn zwar und vertrieb die aristokratische Fraktion vom Markte;
+aber Cato und Minucius kamen wieder, nun gleichfalls von bewaffneten Haufen
+begleitet, und behaupteten schließlich das Schlachtfeld für die Regierung.
+Durch diesen Sieg ihrer Bande über die des Gegners ermutigt, suspendierte der
+Senat den Tribun Nepos sowie den Prätor Caesar, der denselben bei der
+Einbringung des Gesetzes nach Kräften unterstützt hatte, von ihren Ämtern; die
+Absetzung, die im Senat beantragt ward, wurde, mehr wohl wegen ihrer
+Verfassungs- als wegen ihrer Zweckwidrigkeit, von Cato verhindert. Caesar
+kehrte sich an den Beschluß nicht und fuhr in seinen Amtshandlungen fort, bis
+der Senat Gewalt gegen ihn brauchte. Sowie dies bekannt ward, erschien die
+Menge vor seinem Hause und stellte sich ihm zur Verfügung; es hätte nur von ihm
+abgehangen, den Straßenkampf zu beginnen oder wenigstens die von Metellus
+gestellten Anträge jetzt wiederaufzunehmen und Pompeius das von ihm gewünschte
+Militärkommando in Italien zu verschaffen; allein dies lag nicht in seinem
+Interesse, und so bewog er die Haufen, sich wieder zu zerstreuen, worauf der
+Senat die gegen ihn verhängte Strafe zurücknahm. Nepos selbst hatte sogleich
+nach seiner Suspension die Stadt verlassen und sich nach Asien eingeschifft, um
+Pompeius von dem Erfolg seiner Sendung Bericht zu erstatten.
+</p>
+
+<p>
+Pompeius hatte alle Ursache, mit der Wendung der Dinge zufrieden zu sein. Der
+Weg zum Thron ging nun einmal notwendig durch den Bürgerkrieg; und diesen mit
+gutem Fug beginnen zu können dankte er Catos unverbesserlicher Verkehrtheit.
+Nach der rechtswidrigen Verurteilung der Anhänger Catilinas, nach den
+unerhörten Gewaltsamkeiten gegen den Volkstribun Metellus konnte Pompeius ihn
+führen zugleich als Verfechter der beiden Palladien der römischen
+Gemeindefreiheit, des Berufungsrechts und der Unverletzlichkeit des
+Volkstribunats, gegen die Aristokratie und als Vorkämpfer der Ordnungspartei
+gegen die Catilinarische Bande. Es schien fast unmöglich, daß Pompeius dies
+unterlassen und mit sehenden Augen sich zum zweitenmal in die peinliche
+Situation begeben werde, in die die Entlassung seiner Armee im Jahre 684 (70)
+ihn versetzt und aus der erst das Gabinische Gesetz ihn erlöst hatte. Indes,
+wie nahe es ihm auch gelegt war, die weiße Binde um seine Stirn zu legen, wie
+sehr seine eigene Seele danach gelüstete: als es galt, den Griff zu tun,
+versagten ihm abermals Herz und Hand. Dieser in allem, nur in seinen Ansprüchen
+nicht, ganz gewöhnliche Mensch hätte wohl gern außerhalb des Gesetzes sich
+gestellt, wenn dies nur hätte geschehen können, ohne den gesetzlichen Boden zu
+verlassen. Schon sein Zaudern in Asien ließ dies ahnen. Er hätte, wenn er
+gewollt, sehr wohl im Januar 692 (62) mit Flotte und Heer im Hafen von
+Brundisium eintreffen und Nepos hier empfangen können. Daß er den ganzen Winter
+691/92 (63/62) in Asien säumte, hatte zunächst die nachteilige Folge, daß die
+Aristokratie, die natürlich den Feldzug gegen Catilina nach Kräften
+beschleunigte, inzwischen mit dessen Banden fertiggeworden war und damit der
+schicklichste Vorwand, die asiatischen Legionen in Italien zusammenzuhalten,
+hinwegfiel. Für einen Mann von Pompeius&rsquo; Art, der in Ermangelung des
+Glaubens an sich und an seinen Stern sich im öffentlichen Leben ängstlich an
+das formale Recht anklammerte, und bei dem der Vorwand ungefähr ebensoviel wog
+wie der Grund, fiel dieser Umstand schwer ins Gewicht. Er mochte sich ferner
+sagen, daß, selbst wenn er sein Heer entlasse, er dasselbe nicht völlig aus der
+Hand gebe und im Notfall doch noch eher als jedes andere Parteihaupt eine
+schlagfertige Armee aufzubringen vermöge; daß die Demokratie in unterwürfiger
+Haltung seines Winkes gewärtig und mit dem widerspenstigen Senat auch ohne
+Soldaten fertig zu werden sei und was weiter sich von solchen Erwägungen
+darbot, in denen gerade genug Wahres war, um sie dem, der sich selber betrügen
+wollte, plausibel erscheinen zu lassen. Den Anschlag gab natürlich wiederum
+Pompeius&rsquo; eigenstes Naturell. Er gehörte zu den Menschen, die wohl eines
+Verbrechens fähig sind, aber keiner Insurbordination; im guten wie im schlimmen
+Sinne war er durch und durch Soldat. Bedeutende Individualitäten achten das
+Gesetz als die sittliche Notwendigkeit, gemeine als die hergebrachte
+alltägliche Regel; ebendarum fesselt die militärische Ordnung, in der mehr als
+irgendwo sonst das Gesetz als Gewohnheit auftritt, jeden nicht ganz in sich
+festen Menschen wie mit einem Zauberbann. Es ist oft beobachtet worden, daß der
+Soldat, auch wenn er den Entschluß gefaßt hat, seinen Vorgesetzten den Gehorsam
+zu versagen, dennoch, wenn dieser Gehorsam gefordert wird, unwillkürlich wieder
+in Reihe und Glied tritt; es war dies Gefühl, das Lafayette und Dumouriez im
+letzten Augenblick vor dem Treuebruch schwanken und scheitern machte, und eben
+demselben ist auch Pompeius unterlegen.
+</p>
+
+<p>
+Im Herbst 692 (62) schiffte Pompeius nach Italien sich ein. Während in der
+Hauptstadt alles sich bereitete, den neuen Monarchen zu empfangen, kam der
+Bericht, daß Pompeius, kaum in Brundisium gelandet, seine Legionen aufgelöst
+und mit geringem Gefolge die Reise nach der Hauptstadt angetreten habe. Wenn es
+ein Glück ist, eine Krone mühelos zu gewinnen, so hat das Glück nie mehr für
+einen Sterblichen getan, als es für Pompeius tat; aber an den Mutlosen
+verschwenden die Götter alle Gunst und alle Gabe umsonst.
+</p>
+
+<p>
+Die Parteien atmeten auf. Zum zweiten Male hatte Pompeius abgedankt; die schon
+überwundenen Mitbewerber konnten abermals den Wettlauf beginnen, wobei wohl das
+wunderlichste war, daß in diesem Pompeius wieder mitlief. Im Januar 693 (61)
+kam er nach Rom. Seine Stellung war schief und schwankte so unklar zwischen den
+Parteien, daß man ihm den Spottnamen Gnaeus Cicero verlieh. Er hatte es eben
+mit allen verdorben. Die Anarchisten sahen in ihm einen Widersacher, die
+Demokraten einen unbequemen Freund, Marcus Crassus einen Nebenbuhler, die
+vermögende Klasse einen unzuverlässigen Beschützer, die Aristokratie einen
+erklärten Feind ^1. Er war wohl immer noch der mächtigste Mann im Staat; sein
+durch ganz Italien zerstreuter militärischer Anhang, sein Einfluß in den
+Provinzen, namentlich den östlichen, sein militärischer Ruf, sein ungeheurer
+Reichtum gaben ihm ein Gewicht wie es kein anderer hatte; aber statt des
+begeisterten Empfanges, auf den er gezählt hatte, war die Aufnahme, die er
+fand, mehr als kühl, und noch kühler behandelte man die Forderungen, die er
+stellte. Er begehrte für sich, wie er schon durch Nepos hatte ankündigen
+lassen, das zweite Konsulat, außerdem natürlich die Bestätigung der vor. ihm im
+Osten getroffenen Anordnungen und die Erfüllung des seinen Soldaten gegebenen
+Versprechens, sie mit Ländereien auszustatten. Hiergegen erhob sich im Senat
+eine systematische Opposition, zu der die persönliche Erbitterung des Lucullus
+und des Metellus Creticus, der alte Groll des Crassus und Catos gewissenhafte
+Torheit die hauptsächlichsten Elemente hergaben. Das gewünschte zweite Konsulat
+ward sofort und unverblümt verweigert. Gleich die erste Bitte, die der
+heimkehrende Feldherr an den Senat richtete, die Wahl der Konsuln für 693 (61)
+bis nach seinem Eintreffen in der Hauptstadt aufzuschieben, war ihm
+abgeschlagen worden; viel weniger war daran zu denken, die erforderliche
+Dispensation von dem Gesetze Sullas über die Wiederwahl vom Senat zu erlangen.
+Für die in den östlichen Provinzen von ihm getroffenen Anordnungen begehrte
+Pompeius die Bestätigung natürlich im ganzen; Lucullus setzte es durch, daß
+über jede Verfügung besonders verhandelt und abgestimmt ward, womit für endlose
+Trakasserien und eine Menge Niederlagen im einzelnen das Feld eröffnet war. Das
+Versprechen einer Landschenkung an die Soldaten der asiatischen Armee ward vom
+Senat wohl im allgemeinen ratifiziert, jedoch zugleich ausgedehnt auf die
+kretischen Legionen des Metellus und, was schlimmer war, es wurde nicht
+ausgeführt, da die Gemeindekasse leer und der Senat nicht gemeint war, die
+Domänen für diesen Zweck anzugreifen. Pompeius, daran verzweifelnd, der zähen
+und tückischen Opposition des Rates Herr zu werden, wandte sich an die
+Bürgerschaft. Allein auf diesem Gebiet verstand er noch weniger sich zu
+bewegen. Die demokratischen Führer, obwohl sie ihm nicht offen entgegentraten,
+hatten doch auch durchaus keine Ursache, seine Interessen zu den ihrigen zu
+machen und hielten sich beiseite. Pompeius&rsquo; eigene Werkzeuge, wie zum
+Beispiel die durch seinen Einfloß und zum Teil durch sein Geld gewählten
+Konsuln Marcus Pupius Piso 693 (61) und Lucius Afranius 694 (60), erwiesen sich
+als ungeschickt und unbrauchbar. Als endlich durch den Volkstribun Lucius
+Flavius in Form eines allgemeinen Ackergesetzes die Landanweisung für
+Pompeius&rsquo; alte Soldaten an die Bürgerschaft gebracht :ward, blieb der von
+den Demokraten nicht unterstützte, von den Aristokraten offen bekämpfte Antrag
+in der Minorität (Anfang 694 60). Fast demütig buhlte der hochgestellte
+Feldherr jetzt um die Gunst der Massen, wie denn auf seinem Antrieb durch ein
+von dem Prätor Metellus Nepos eingebrachtes Gesetz die italischen Zölle
+abgeschafft wanden (694 60). Aber er spielte den Demagogen ohne Geschick und
+ohne Glück; sein Ansehen litt darunter, und was er wollte, erreichte er nicht.
+Er hatte sich vollständig festgezogen. Einer seiner Gegner fußt seine damalige
+politische Stellung dahin zusammen, daß er bemüht sei, &ldquo;seinen gestickten
+Triumphalmantel schweigend zu konservieren&rdquo;. Es blieb ihm in der Tat
+nichts übrig, als sich zu ärgern.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Der Eindruck der ersten Ansprache, die Pompeius nach seiner Rückkehr an die
+Bürgerschaft richtete, wird von Cicero (Art. 1, 14) so geschildert: prima
+contio Pornpei non iucunda miseris, inanis improbis, beatis non grata, bonis
+non gravis;
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Da bot sich eine neue Kombination dar. Der Führer der demokratischem Partei
+hatte die politische Windstille, die zunächst auf den Rücktritt des bisherigen
+Machthabers gefolgt war, in seinem Interesse tätig benutzt. Als Pompeius aus
+Asien zurückkam, war Caesar wenig mehr gewesen als was auch Catilina war: der
+Chef einer fast zu einem Verschwörerklub eingeschwundenen politischen Partei
+und ein bankrotter Mann. Seitdem aber hatte er nach verwalteter Prätur (692 62)
+die Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien übernommen und dadurch Mittel
+gefunden, teils seiner Schulden sich zu entledigen; teils zu seinem
+militärischen Ruf den Grund zu legen. Sein alter Freund und Bundesgenosse
+Crassus hatte durch die Hoffnung, den. Rückhalt gegen Pompeius, den er an Piso
+verloren, jetzt an Caesar wiederzufinden, sich bestimmen lassen, ihn noch vor
+seinem Abgang in die Provinz von dem drückendsten Teil seiner Schuldenlast zu
+befreien. Er selbst hatte den kurzen Aufenthalt daselbst energisch benutzt. Im
+Jahre 694 (60) mit gefüllten Kassen und als Imperator mit wohlgegründeten
+Ansprüchen auf den Triumph aus Spanien zurückgekehrt, trat er für das folgende
+Jahr als Bewerber um das Konsulat auf, um dessentwillen er, da der Senat ihm
+die Erlaubnis, abwesend sich zu der Konsulwahl zu melden, abschlug, die Ehre
+des Triumphes unbedenklich darangab. Seit Jahren hatte die Demokratie danach
+gerungen, einen der Ihrigen in den Besitz des höchsten Amtes zu bringen, um auf
+dieser Brücke zu einer eigenen militärischen Macht zu gelangen. Längst war es
+ja den Einsichtigen aller Farben klar geworden, daß der Parteienstreit nicht
+durch bürgerlichen Kampf, sondern nur noch durch Militärmacht entschieden
+werden könne; der Verlauf aber der Koalition zwischen der Demokratie und den
+mächtigen Militärchefs, durch die der Senatsherrschaft ein Ende gemacht worden
+war, zeigte mit unerbittlicher Schärfe, daß jede solche Allianz schließlich auf
+eine Unterordnung der bürgerlichen unter die militärischen Elemente hinauslief
+und daß die Volkspartei, wenn sie wirklich herrschen wollte, nicht mit ihr
+eigentlich fremden, ja feindlichen Generalen sich verbünden, sondern ihre
+Führer selbst zu Generalen machen müsse. Die dahin zielenden Versuche,
+Catilinas Wahl zum Konsul durchzusetzen, in Spanien oder Ägypten einen
+militärischen Rückhalt zu gewinnen, waren gescheitert; jetzt bot sich ihr die
+Möglichkeit, ihrem bedeutendsten Manne das Konsulat und die Konsularprovinz auf
+dem gewöhnlichen, verfassungsmäßigen Wege zu verschaffen und durch Begründung,
+wenn man so sagen darf, einer demokratischen Hausmacht sich von dem
+zweifelhaften und gefährlichen Bundesgenossen Pompeius unabhängig zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Aber je mehr der Demokratie daran gelegen sein mußte, sich diese Bahn zu
+eröffnen, die ihr nicht so sehr die günstigste als die einzige Aussicht auf
+ernstliche Erfolge darbot, desto gewisser konnte sie dabei auf den
+entschlossenen Widerstand ihrer politischen Gegner zählen. Es kam darauf an,
+wen sie hierbei sich gegenüber fand. Die Aristokratie vereinzelt war nicht
+furchtbar; aber es hatte doch soeben in der Catilinarischen Angelegenheit sich
+herausgestellt, daß sie da allerdings noch etwas vermochte, wo sie von den
+Männern der materiellen Interessen und von den Anhängern des Pompeius mehr oder
+minder offen unterstützt ward. Sie hatte Catilinas Bewerbung um das Konsulat
+mehrmals vereitelt, und daß sie das gleiche gegen Caesar versuchen werde, war
+gewiß genug. Aber wenn auch vielleicht Caesar ihr zum Trotze gewählt ward, so
+reichte die Wahl allein nicht aus. Er bedurfte mindestens einige Jahre
+ungestörter Wirksamkeit außerhalb Italiens, um eine feste militärische Stellung
+zu gewinnen, und sicherlich ließ die Nobilität kein Mittel unversucht, um
+während dieser Vorbereitungszeit seine Pläne zu durchkreuzen. Der Gedanke lag
+nahe, ob es nicht gelingen könne, die Aristokratie wieder, wie im Jahre 683/84
+(71 /70) zu isolieren und zwischen den Demokraten nebst ihrem Bundesgenossen
+Crassus einer- und Pompeius und der hohen Finanz andererseits ein auf
+gemeinschaftlichen Vorteil fest begründetes Bündnis aufzurichten. Für Pompeius
+war ein solches allerdings ein politischer Selbstmord. Sein bisheriges Gewicht
+im Staate beruhte darauf, daß er das einzige Parteihaupt war, das zugleich über
+Legionen, wenn auch jetzt aufgelöste, doch immer noch in einem gewissen Maße
+verfügte. Der Plan der Demokratie war ebendarauf gerichtet, ihn dieses
+Übergewichtes zu berauben und ihm in ihrem eigenen Haupt einen militärischen
+Nebenbuhler zur Seite zu stellen. Nimmermehr durfte er hierauf eingehen, am
+allerwenigsten aber einem Manne wie Caesar, der schon als bloßer politischer
+Agitator ihm genug zu schaffen gemacht und soeben in Spanien die glänzendsten
+Beweise auch militärischer Kapazität gegeben hatte, selber zu einer
+Oberfeldherrnstelle verhelfen. Allein auf der anderen Seite war, infolge der
+schikanösen Opposition des Senats und der Gleichgültigkeit der Menge für
+Pompeius und Pompeius&rsquo; Wünsche, seine Stellung, namentlich seinen alten
+Soldaten gegenüber, so peinlich und so demütigend geworden, daß man bei seinem
+Charakter wohl erwarten konnte, um den Preis der Erlösung aus dieser unbequemen
+Lage ihn für eine solche Koalition zu gewinnen. Was aber die sogenannte
+Ritterpartei anlangt, so fand diese überall da sich ein, wo die Macht war, und
+es verstand sich von selbst, daß sie nicht lange auf sich werde warten lassen,
+wenn sie Pompeius und die Demokratie aufs neue ernstlich sich verbünden sah. Es
+kam hinzu, daß wegen Catos übrigens sehr löblicher Strenge gegen die
+Steuerpächter die hohe Finanz eben jetzt wieder mit dem Senat in heftigem Hader
+lag.
+</p>
+
+<p>
+So ward im Sommer 694 (60) die zweite Koalition abgeschlossen. Caesar ließ sich
+das Konsulat für das folgende Jahr und demnächst die Statthalterschaft
+zusichern; Pompeius ward die Ratifikation seiner im Osten getroffenen
+Verfügungen und Anweisung von Ländereien an die Soldaten der asiatischen Armee
+zugesagt; der Ritterschaft versprach Caesar gleichfalls das, was der Senat
+verweigert hatte, ihr durch die Bürgerschaft zu verschaffen; Crassus endlich,
+der unvermeidliche, durfte wenigstens dem Bunde sich anschließen, freilich ohne
+für den Beitritt, den er nicht verweigern konnte, bestimmte Zusagen zu
+erhalten. Es waren genau dieselben Elemente, ja dieselben Personen, die im
+Herbst 683 (71) und die im Sommer 684 (70) den Bund miteinander schlossen; aber
+wie so ganz anders standen doch damals und jetzt die Parteien! Damals war die
+Demokratie nichts als eine politische Partei, ihre Verbündeten siegreiche, an
+der Spitze ihrer Armeen stehende Feldherren; jetzt war der Führer der
+Demokraten selber ein sieggekrönter, von großartigen militärischen Entwürfen
+erfüllter Imperator, die Bundesgenossen gewesene Generale ohne Armee. Damals
+siegte die Demokratie in Prinzipienfragen und räumte um diesen Preis die
+höchsten Staatsämter ihren beiden Verbündeten ein; jetzt war sie praktischer
+geworden und nahm die höchste bürgerliche und militärische Gewalt für sich
+selber, wogegen nur in untergeordneten Dingen den Bundesgenossen Konzessionen
+gemacht und, bezeichnend genug, nicht einmal Pompeius&rsquo; alte Forderung
+eines zweiten Konsulats berücksichtigt wurde. Damals gab sich die Demokratie
+ihren Verbündeten hin; jetzt mußten diese sich ihr anvertrauen. Alle
+Verhältnisse sind vollständig verändert, am meisten jedoch der Charakter der
+Demokratie selbst. Wohl hatte dieselbe, seit sie überhaupt war, im innersten
+Kern ein monarchisches Element in sich getragen; allein das Verfassungsideal,
+wie es ihren besten Köpfen in mehr oder minder deutlichen Umrissen vorschwebte,
+blieb doch immer ein bürgerliches Gemeinwesen, eine perikleische Staatsordnung,
+in der die Macht des Fürsten darauf beruhte, daß er die Bürgerschaft in
+edelster und vollkommenster Weise vertrat und der vollkommenste und edelste
+Teil der Bürgschaft ihren rechten Vertrauensmann in ihm erkannte. Auch Caesar
+ist von solchen Anschauungen ausgegangen; aber es waren nun einmal Ideale, die
+wohl auf die Realitäten einwirken, aber nicht geradezu realisiert werden
+konnten. Weder die einfache bürgerliche Gewalt, wie Gaius Gracchus sie
+besessen, noch die Bewaffnung der demokratischen Partei, wie sie Cinna,
+freilich in sehr unzulänglicher Art, versucht hatte, vermochten in dem
+römischen Gemeinwesen als dauerndes Schwergewicht sich zu behaupten; die nicht
+für eine Partei, sondern für einen Feldherrn fechtende Heeresmaschine, die rohe
+Macht der Condottieri zeigte sich, nachdem sie zuerst im Dienste der
+Restauration auf den Schauplatz getreten war, bald allen politischen Parteien
+unbedingt überlegen. Auch Caesar mußte im praktischen Parteitreiben hiervon
+sich überzeugen und also reifte in ihm der verhängnisvolle Entschluß, diese
+Heeresmaschine selbst seinen Idealen dienstbar zu machen und das Gemeinwesen,
+wie er es im Sinne trug, durch Condottiergewalt aufzurichten. In dieser Absicht
+schloß er im Jahre 683 (71) den Bund mit den Generalen der Gegenpartei,
+welcher, ungeachtet dieselben das demokratische Programm akzeptiert hatten,
+doch die Demokratie und Caesar selbst an den Rand des Unterganges führte. In
+der gleichen Absicht trat elf Jahre später er selber als Condottiere auf. Es
+geschah in beiden Fällen mit einer gewissen Naivität, mit dem guten Glauben an
+die Möglichkeit, ein freies Gemeinwesen wo nicht durch fremde, doch durch den
+eigenen Säbel begründen zu können. Man sieht es ohne Mühe ein, daß dieser
+Glaube trog und daß niemand den bösen Geist zum Diener nimmt, ohne ihm selbst
+zum Knecht zu werden; aber die größten Männer sind nicht die, welche am
+wenigsten irren. Wenn noch nach Jahrtausenden wir ehrfurchtsvoll uns neigen vor
+denn, was Caesar gewollt und getan hat, so liegt die Ursache nicht darin, daß
+er eine Krone begehrt und gewonnen hat, was an sich so wenig etwas Großes ist
+wie die Krone selbst, sondern darin, daß sein mächtiges Ideal: eines freien
+Gemeinwesens unter einem Herrscher - ihn nie verlassen und auch als Monarchen
+ihn davor bewahrt hat, in das gemeine Königtum zu versinken.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Schwierigkeit ward von den vereinigten Parteien Caesars Wahl zum Konsul
+für das Jahr 695 (59) durchgesetzt. Die Aristokratie mußte zufrieden sein,
+durch einen selbst in dieser Zeit tiefster Korruption Aufsehen erregenden
+Stimmenkauf, wofür der ganze Herrenstand die Mittel zusammenschoß, ihm in der
+Person des Marcus Bibulus einen Kollegen zuzugesellen, dessen bornierter
+Starrsinn in ihren Kreisen als konservative Energie betrachtet ward und an
+dessen gutem Willen wenigstens es nicht lag, wenn die vornehmen Herren ihre
+patriotischen Auslagen nicht wieder herausbekamen.
+</p>
+
+<p>
+Als Konsul brachte Caesar zunächst die Begehren seiner Verbündeten zur
+Verhandlung, unter denen die Landanweisung an die Veteranen des asiatischen
+Heeres bei weitem das wichtigste war. Das zu diesem Ende von Caesar entworfene
+Ackergesetz hielt im allgemeinen fest an den Grundzügen, wie sie der das Jahr
+zuvor in Pompeius&rsquo; Auftrag eingebrachte, aber gescheiterte
+Gesetzesentwurf aufgestellt hatte. Zur Verteilung ward nur das italische
+Domanialland bestimmt, das heißt wesentlich das Gebiet von Capua, und, wenn
+dies nicht ausreichen sollte, anderer italischer Grundbesitz, der aus dem
+Ertrage der neuen östlichen Provinzen zu dem in den zensorischen Listen
+verzeichneten Taxationswert angekauft werden sollte; alle bestehenden
+Eigentums- und Erbbesitzrechte blieben also unangetastet. Die einzelnen
+Parzellen waren klein. Die Landempfänger sollten arme Bürger, Väter von
+wenigstens drei Kindern sein; der bedenkliche Grundsatz, daß der geleistete
+Militärdienst Anspruch auf Grundbesitz gebe, ward nicht aufgestellt, sondern es
+wurden nur, wie es billig und zu allen Zeiten geschehen war, die alten Soldaten
+sowie nicht minder die auszuweisenden Zeitpächter den Landausteilern
+vorzugsweise zur Berücksichtigung empfohlen. Die Ausführung ward einer
+Kommission von zwanzig Männern übertragen, in die Caesar bestimmt erklärte,
+sich selber nicht wählen lassen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Die Opposition hatte gegen diesen Vorschlag einen schweren Stand. Es ließ sich
+vernünftigerweise nicht leugnen, daß die Staatsfinanzen nach Einrichtung der
+Provinzen Pontus und Syrien imstande sein mußten, auf die kampanischen
+Pachtgelder zu verzichten; daß es unverantwortlich war, einen der schönsten und
+eben zum Kleinbesitz vorzüglich geeigneten Distrikt Italiens dem Privatverkehr
+zu entziehen; daß es endlich ebenso ungerecht wie lächerlich war, noch jetzt
+nach der Erstreckung des Bürgerrechts auf ganz Italien der Ortschaft Capua die
+Munizipalrechte vorzuenthalten. Der ganze Vorschlag trug den Stempel der
+Mäßigung, der Ehrlichkeit und der Solidarität, womit sehr geschickt der
+demokratische Parteicharakter verbunden war; denn im wesentlichen lief derselbe
+doch hinaus auf die Wiederherstellung der in der marianischen Zeit gegründeten
+und von Sulla wiederaufgehobenen capuanischen Kolonie. Auch in der Form
+beobachtete Caesar jede mögliche Rücksicht. Er legte den Entwurf des
+Ackergesetzes, sowie zugleich den Antrag, die von Pompeius im Osten erlassenen
+Verfügungen in Bausch und Bogen zu ratifizieren und die Petition der
+Steuerpächter um Nachlaß eines Drittels der Pachtsummen, zunächst dem Senat zur
+Begutachtung vor und erklärte sich bereit, Abänderungsvorschläge
+entgegenzunehmen und zu diskutieren. Das Kollegium hatte jetzt Gelegenheit,
+sich zu überzeugen, wie töricht es gehandelt hatte, durch Verweigerung dieser
+Begehren Pompeius und die Ritterpartei dem Gegner in die Arme zu treiben.
+Vielleicht war es das stille Gefühl hiervon, das die hochgeborenen Herren zu
+dem lautesten und mit dem gehaltenen Auftreten Caesars übel kontrastierenden
+Widerbellen trieb. Das Ackergesetz ward von ihnen einfach und selbst ohne
+Diskussion zurückgewiesen. Der Beschluß über Pompeius&rsquo; Einrichtungen in
+Asien fand ebensowenig Gnade vor ihren Augen. Den Antrag hinsichtlich der
+Steuerpächter versuchte Cato nach der unlöblichen Sitte des römischen
+Parlamentarismus totzusprechen, das heißt bis zu der gesetzlichen Schlußstunde
+der Sitzung seine Rede fortzuspinnen; als Caesar Miene machte, den störrigen
+Mann verhaften zu lassen, ward schließlich auch dieser Antrag verworfen.
+</p>
+
+<p>
+Natürlich gingen nun sämtliche Anträge an die Bürgerschaft. Ohne sich weit von
+der Wahrheit zu entfernen, konnte Caesar der Menge sagen, daß der Senat die
+vernünftigsten und notwendigsten, in der achtungsvollsten Form an ihn
+gebrachten Vorschläge, bloß weil sie von dem demokratischen Konsul kamen,
+schnöde zurückgewiesen habe. Wenn er hinzufügte, daß die Aristokraten ein
+Komplott gesponnen hätten, um die Verwerfung der Anträge zu bewirken, und die
+Bürgerschaft, namentlich Pompeius selbst und dessen alte Soldaten, aufforderte,
+gegen List und Gewalt ihm beizustehen, so war auch dies keineswegs aus der Luft
+gegriffen. Die Aristokratie, voran der eigensinnige Schwachkopf Bibulus und der
+standhafte Prinzipiennarr Cato, hatte in der Tat vor, die Sache bis zu
+offenbarer Gewalt zu treiben. Pompeius, von Caesar veranlaßt, sich über seine
+Stellung zu der obschwebenden Frage auszusprechen, erklärte unumwunden, wie es
+sonst seine Art nicht war, daß, wenn jemand wagen sollte, das Schwert zu
+zücken, auch er nach dem seinigen greifen und dann den Schild nicht zu Hause
+lassen werde; ebenso sprach Crassus sich aus. Pompeius&rsquo; alte Soldaten
+wurden angewiesen, am Tage der Abstimmung, die ja zunächst sie anging,
+zahlreich mit Waffen unter den Kleidern auf dem Stimmplatz zu erscheinen.
+</p>
+
+<p>
+Die Nobilität ließ dennoch kein Mittel unversucht, um die Anträge Caesars zu
+vereiteln. An jedem Tage, wo Caesar vor dem Volke auftrat, stellte sein Kollege
+Bibulus die bekannten politischen Wetterbeobachtungen an, die alle öffentlichen
+Geschäfte unterbrachen; Caesar kümmerte sich um den Himmel nicht, sondern fuhr
+fort, seine irdischen Geschäfte zu betreiben. Die tribunizische Interzession
+ward eingelegt; Caesar begnügte sich, sie nicht zu beachten. Bibulus und Cato
+sprangen auf die Rednertribüne, harangierten die Menge und veranlaßten den
+gewöhnlichen Krawall; Caesar ließ sie durch Gerichtsdiener vom Markte
+hinwegführen und übrigens dafür sorgen, daß ihnen kein Leides geschah - es lag
+auch in seinem Interesse, daß die politische Komödie das blieb, was sie war.
+Alles Schikanierens und alles Folterns der Nobilität ungeachtet, wurden das
+Ackergesetz, die Bestätigung der asiatischen Organisationen und der Nachlaß für
+die Steuerpächter von der Bürgerschaft angenommen, die Zwanzigerkommission, an
+ihrer Spitze Pompeius und Crassus, erwählt und in ihr Amt eingesetzt; mit allen
+ihren Anstrengungen hatte die Aristokratie nichts weiter erreicht, als daß ihre
+blinde und gehässige Widersetzlichkeit die Bande der Koalition noch fester
+gezogen und ihre Energie, deren sie bald bei. wichtigeren Dingen bedürfen
+sollte, an diesen im Grunde gleichgültigen Angelegenheiten sich erschöpft
+hatte. Man beglückwünschte sich untereinander über den bewiesenen Heldenmut;
+daß Bibulus erklärt hatte, lieber sterben als weichen zu wollen, daß Cato noch
+in den Händen der Büttel fortgefahren hatte zu perorieren, waren große
+patriotische Taten; übrigens ergab man sich in sein Schicksal. Der Konsul
+Bibulus schloß sich für den noch übrigen Teil des Jahres in sein Haus ein,
+wobei er zugleich durch öffentlichen Anschlag bekannt machte, daß er die fromme
+Absicht habe, an allen in diesem Jahr zu Volksversammlungen geeigneten Tagen
+nach Himmelszeichen zu spähen. Seine Kollegen bewunderten wieder den großen
+Mann, der, gleich wie Ennius von dem alten Fabius gesagt, &ldquo;den Staat
+durch Zaudern errette&rdquo;, und taten wie er; die meisten derselben, darunter
+Cato, erschienen nicht mehr im Senat und halfen innerhalb ihrer vier Wände
+ihrem Konsul sich ärgern, daß der politischen Astronomie zum Trotz die
+Weltgeschichte weiterging. Dem Publikum erschien diese Passivität des Konsuls
+sowie der Aristokratie überhaupt wie billig als politische Abdikation; und die
+Koalition war natürlich sehr wohl damit zufrieden, daß man sie die weiteren
+Schritte fast ungestört tun ließ. Der wichtigste darunter war die Regulierung
+der künftigen Stellung Caesars. Verfassungsmäßig lag es dem Senat ob, die
+Kompetenzen des zweiten konsularischen Amtsjahrs nach vor der Wahl der Konsuln
+festzustellen; demgemäß hatte er denn auch, in Voraussicht der Wahl Caesars,
+dazu für 696 (58) zwei Provinzen ausersehen, in denen der Statthalter nichts
+anderes vorzunehmen fand als Straßenbauten und dergleichen nützliche Dinge
+mehr. Natürlich konnte es nicht dabei bleiben; es war unter den Verbündeten
+ausgemacht, daß Caesar ein außerordentliches nach dem Muster der
+Gabinisch-Manilischen Gesetze zugeschnittenes Kommando durch Volksschluß
+erhalten solle. Caesar indes hatte öffentlich erklärt, keinen Antrag zu seinen
+eigenen Gunsten einbringen zu wollen; der Volkstribun Publius Vatinius übernahm
+es also, den Antrag bei der Bürgerschaft zu stellen, die natürlich unbedingt
+gehorchte. Caesar erhielt dadurch die Statthalterschaft des cisalpinischen
+Galliens und den Oberbefehl der drei daselbst stehenden, schon im Grenzkrieg
+unter Lucius Afranius erprobten Legionen, ferner proprätorischen Rang für seine
+Adjutanten, wie die Pompeianischen ihn gehabt hatten; auf fünf Jahre hinaus,
+auf längere Zeit, als je früher ein überhaupt auf bestimmte Zeit beschränkter
+Feldherr bestellt worden war, ward dies Amt ihm gesichert. Den Kern seiner
+Statthalterschaft bildeten die Transpadaner, seit Jahren schon, in Hoffnung auf
+das Bürgerrecht, die Klienten der demokratischen Partei in Rom und insbesondere
+Caesars. Sein Sprengel erstreckte sich südlich bis zum Arnus und zum Rubico und
+schloß Luca und Ravenna ein. Nachträglich ward dann noch die Provinz Narbo mit
+der einen daselbst befindlichen Legion zu Caesars Amtsbezirk hinzugefügt, was
+auf Pompeius&rsquo; Antrag der Senat beschloß, um wenigstens nicht auch dies
+Kommando durch außerordentlichen Bürgerschaftsbeschluß auf Caesar übergehen zu
+sehen. Man hatte damit, was man wollte. Da verfassungsmäßig in dem eigentlichen
+Italien keine Truppen stehen durften, so beherrschte der Kommandant der
+norditalischen und gallischen Legionen auf die nächsten fünf Jahre zugleich
+Italien und Rom; und wer auf fünf Jahre, ist auch Herr auf Lebenszeit. Caesars
+Konsulat hatte seinen Zweck erreicht. Es versteht sich, daß die neuen
+Machthaber nebenbei nicht versäumten, die Menge durch Spiele und Lustbarkeiten
+aller Art bei guter Laune zu erhalten, und daß sie jede Gelegenheit ergriffen,
+ihre Kasse zu füllen; wie denn zum Beispiel dem König von Ägypten der
+Volksschluß, der ihn als legitimen Herrscher anerkannte, von der Koalition um
+hohen Preis verkauft ward, und ebenso andere Dynasten und Gemeinden Freibriefe
+und Privilegien bei dieser Gelegenheit erwarben.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Dauerhaftigkeit der getroffenen Einrichtungen schien hinlänglich
+gesichert. Das Konsulat ward wenigstens für das nächste Jahr sicheren Händen
+anvertraut. Das Publikum glaubte anfangs, daß es Pompeius und Crassus selber
+bestimmt sei; die Machthaber zogen es indes vor, zwei untergeordnete, aber
+zuverlässige Männer ihrer Partei, Aulus Gabinius, den besten unter
+Pompeius&rsquo; Adjutanten, und Lucius Piso, der minder bedeutend, aber Caesars
+Schwiegervater war, für 696 (58) zu Konsuln wählen zu lassen. Pompeius übernahm
+es persönlich, Italien zu bewachen, wo er an der Spitze der Zwanzigerkommission
+die Ausführung des Ackergesetzes betrieb und gegen 20000 Bürger, großenteils
+alte Soldaten aus seiner Armee, im Gebiete von Capua mit Grundbesitz
+ausstattete; als Rückhalt gegen die hauptstädtische Opposition dienten ihm
+Caesars norditalische Legionen. Auf einen Bruch unter den Machthabern selbst
+war zunächst wenigstens keine Aussicht. Die von Caesar als Konsul erlassenen
+Gesetze, an deren Aufrechterhaltung Pompeius wenigstens ebensoviel gelegen war
+als Caesar, verbürgten die Fortdauer der Spaltung zwischen Pompeius und der
+Aristokratie, deren Spitzen, namentlich Cato, fortfuhren, die Gesetze als
+nichtig zu behandeln, und damit den Fortbestand der Koalition. Es kam hinzu,
+daß auch die persönlichen Bande zwischen ihren Häuptern sich enger
+zusammenzogen. Caesar hatte seinen Verbündeten redlich und treulich Wort
+gehalten, ohne sie in dem Versprochenen zu beknappen oder zu schikanieren, und
+namentlich das in Pompeius&rsquo; Interesse beantragte Ackergesetz völlig wie
+seine eigene Sache mit Gewandtheit und Energie durchgefochten; Pompeius war
+nicht unempfänglich für rechtliches Verhalten und gute Treue und wohlwollend
+gestimmt gegen denjenigen, der ihm über die seit drei Jahren gespielte
+armselige Petentenrolle mit einem Schlag hinweggeholfen hatte. Der häufige und
+vertraute Verkehr mit einem Manne von der unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit
+Caesars tat das übrige, um den Bund der Interessen in einen Freundschaftsbund
+umzugestalten. Das Ergebnis und das Unterpfand dieser Freundschaft, freilich
+zugleich auch eine öffentliche, schwer mißzuverstehende Ankündigung der
+neubegründeten Gesamtherrschaft, war die Ehe, die Pompeius mit Caesars
+einziger, dreiundzwanzigjähriger Tochter einging. Julia, die die Anmut ihres
+Vaters geerbt hatte, lebte mit ihrem um das doppelte älteren Gemahl in der
+glücklichsten Häuslichkeit, und die nach so vielen Nöten und Krisen Ruhe und
+Ordnung herbeisehnende Bürgerschaft sah in diesem Ehebündnis die Gewähr einer
+friedlichen und gedeihlichen Zukunft.
+</p>
+
+<p>
+Je fester und enger also das Bündnis zwischen Pompeius und Caesar sich knüpfte,
+desto hoffnungsloser gestaltete sich die Sache der Aristokratie. Sie fühlte das
+Schwert über ihrem Haupte schweben und kannte Caesar hinlänglich, um nicht zu
+bezweifeln, daß er, wenn nötig, es unbedenklich brauchen werde. &ldquo;Von
+allen Seiten&rdquo;, schrieb einer von ihnen, &ldquo;stehen wir im Schach;
+schon haben wir aus Furcht vor dem Tode oder vor der Verbannung auf die
+&lsquo;Freiheit&rsquo; verzichtet; jeder seufzt, zu reden wagt keiner&rdquo;.
+Mehr konnten die Verbündeten nicht verlangen. Aber wenn auch die Majorität der
+Aristokratie in dieser wünschenswerten Stimmung sich befand, so fehlte es doch
+natürlich in dieser Partei auch nicht an Heißspornen. Kaum hatte Caesar das
+Konsulat niedergelegt, als einige der hitzigsten Aristokraten, Lucius Domitius
+und Gaius Memmius, im vollen Senat den Antrag stellten, die Julischen Gesetze
+zu kassieren. Es war das freilich nichts als eine Torheit, die nur zum Vorteil
+der Koalition ausschlug; denn da Caesar nun selbst darauf bestand, daß der
+Senat die Gültigkeit der angefochtenen Gesetze untersuchen möge, konnte dieser
+nicht anders, als deren Legalität förmlich anerkennen. Allein
+begreiflicherweise fanden dennoch die Machthaber hierin eine neue Aufforderung,
+an einigen der namhaftesten und vorlautesten Opponenten ein Exempel zu
+statuieren, und dadurch sich zu versichern, daß die übrige Masse bei jenem
+zweckmäßigen Seufzen und Schweigen beharre. Anfangs hatte man gehofft, daß die
+Klausel des Ackergesetzes, welche wie üblich den Eid auf das neue Gesetz von
+den sämtlichen Senatoren bei Verlust ihrer politischen Rechte forderte, die
+heftigsten Widersacher bestimmen werde, nach dem Vorgange des Metellus
+Numidicus sich durch die Eidverweigerung selber zu verbannen. Allein so
+gefällig erwiesen sich dieselben doch nicht; selbst der gestrenge Cato bequemte
+sich zu schwören, und seine Sanchos folgten ihm nach. Ein zweiter wenig
+ehrbarer Versuch, die Häupter der Aristokratie wegen eines angeblich gegen
+Pompeius gesponnenen Mordanschlags mit Kriminalanklagen zu bedrohen und dadurch
+sie in die Verbannung zu treiben, ward durch die Unfähigkeit der Werkzeuge
+vereitelt; der Denunziant, ein gewisser Vettius, übertrieb und widersprach sich
+so arg und der Tribun Vatinius, der die unsaubere Maschine dirigierte, zeigte
+sein Einverständnis mit jenem Vettius so deutlich, daß man es geraten fand, den
+letzteren im Gefängnis zu erdrosseln und die ganze Sache fallen zu lassen.
+Indes hatte man bei dieser Gelegenheit von der vollständigen Auflösung der
+Aristokratie und der grenzenlosen Angst der vornehmen Herren sich sattsam
+überzeugt; selbst ein Mann wie Lucius Lucullus hatte sich persönlich Caesar zu
+Füßen geworfen und öffentlich erklärt, daß er seines hohen Alters wegen sich
+genötigt sehe, vom öffentlichen Leben zurückzutreten. Man ließ sich denn
+endlich an einigen wenigen Opfern genügen. Hauptsächlich galt es Cato zu
+entfernen, welcher seiner Überzeugung von der Nichtigkeit der sämtlichen
+Julischen Gesetze keinen Hehl hatte, und der Mann war so, wie er dachte zu
+handeln. Ein solcher Mann war freilich Marcus Cicero nicht, und man gab sich
+nicht die Mühe, ihn zu fürchten. Allein die demokratische Partei, die in der
+Koalition die erste Rolle spielte, konnte den Justizmord des 5. Dezember 691
+(63), den sie so laut und mit so gutem Rechte getadelt hatte, unmöglich nach
+ihrem Siege ungeahndet lassen. Hätte man die wirklichen Urheber des
+verhängnisvollen Beschlusses zur Rechenschaft ziehen wollen, so maßte man
+freilich sich nicht an den schwachmütigen Konsul halten, sondern an die
+Fraktion der strengen Aristokratie, die den ängstlichen Mann zu jener Exekution
+gedrängt hatte. Aber nach formellem Recht waren für dieselbe allerdings nicht
+die Ratgeber des Konsuls, sondern der Konsul selbst verantwortlich, und vor
+allem war es der mildere Weg, nur den Konsul zur Rechenschaft zu ziehen und das
+Senatskollegium ganz aus dem Spiele zu lassen, weshalb auch in den Motiven des
+gegen Cicero gerichteten Antrags der Senatsbeschluß, kraft dessen derselbe die
+Hinrichtung anordnete, geradezu als untergeschoben bezeichnet ward. Selbst
+gegen Cicero hätten die Machthaber gern Aufsehen erregende Schritte vermieden;
+allein derselbe konnte es nicht über sich gewinnen, weder den Machthabern die
+verlangten Garantien zu geben, noch unter einem der mehrfach ihm dargebotenen
+schicklichen Vorwände sich selbst von Rom zu verbannen, noch auch nur zu
+schweigen. Bei dem besten Willen, jeden Anstoß zu vermeiden, und der
+aufrichtigsten Angst hatte er doch nicht Haltung genug, um vorsichtig zu sein;
+das Wort maßte heraus, wenn ein petulanter Witz ihn prickelte oder wenn sein
+durch das Lob so vieler adliger Herren fast übergeschnapptes Selbstbewußtsein
+die wohlkadenzierten Perioden des plebejischen Advokaten schwellte. Die
+Ausführung der gegen Cato und Cicero beschlossenen Maßregeln ward dem lockeren
+und wüsten, aber gescheiten und vor allen Dingen dreisten Publius Clodius
+übertragen, der seit Jahren mit Cicero in der bittersten Feindschaft lebte und,
+um diese befriedigen und als Demagog eine Rolle spielen zu können, unter
+Caesars Konsulat sich durch eilige Adoption aus einem Patrizier in einen
+Plebejer verwandelt und dann für das Jahr 696 (58) zum Volkstribun hatte wählen
+lassen. Als Rückhalt für Clodius verweilte der Prokonsul Caesar, bis der Schlag
+gegen die beiden Opfer gefallen war, in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt.
+Den erhaltenen Aufträgen gemäß schlug Clodius der Bürgerschaft vor, Cato mit
+der Regulierung der verwickelten Gemeindeverhältnisse der Byzantier und mit der
+Einziehung des Königreichs Kypros zu beauftragen, welches ebenso wie Ägypten
+durch das Testament Alexanders II. den Römern angefallen war und nicht, wie
+Ägypten, die römische Einziehung abgekauft, dessen König überdies den Clodius
+vor Zeiten persönlich beleidigt hatte. Hinsichtlich Ciceros brachte Clodius
+einen Gesetzentwurf ein, welcher die Hinrichtung eines Bürgers ohne Urteil und
+Recht als ein mit Landesverweisung zu bestrafendes Verbrechen bezeichnete. Cato
+also ward durch eine ehrenvolle Sendung entfernt, Cicero wenigstens mit der
+möglichst gelinden Strafe belegt, überdies in dem Antrag doch nicht mit Namen
+genannt. Das Vergnügen aber versagte man sich nicht, einerseits einen notorisch
+zaghaften und zu der Gattung der politischen Wetterfahnen zählenden Mann wegen
+von ihm bewiesener Energie zu bestrafen, andererseits den verbissenen Gegner
+aller Eingriffe der Bürgerschaft in die Administration und aller
+außerordentlichen Kommandos durch Bürgerschaftsbeschluß selbst mit einem
+solchen auszustatten; und mit gleichem Humor ward der Cato betreffende Antrag
+motiviert mit der abnormen Tugendhaftigkeit dieses Mannes, welche ihn vor jedem
+andern geeignet erscheinen lasse, einen so kitzlichen Auftrag, wie die
+Einziehung des ansehnlichen kyprischen Kronschatzes war, auszuführen, ohne zu
+stehlen. Beide Anträge tragen überhaupt den Charakter rücksichtsvoller Deferenz
+und kühler Ironie, der Caesars Verhalten dem Senat gegenüber durchgängig
+bezeichnet. Auf Widerstand stießen sie nicht. Es half natürlich nichts, daß die
+Senatsmajorität, um doch auf irgendeine Art gegen die Verhöhnung und
+Brandmarkung ihres Beschlusses in der Catilinarischen Sache zu protestieren,
+öffentlich das Trauergewand anlegte und daß Cicero selbst, nun da es zu spät
+war, bei Pompeius kniefällig um Gnade bat; er mußte, noch bevor das Gesetz
+durchging, das ihm die Heimat verschloß, sich selber verbannen (April 696 58).
+Cato ließ es gleichfalls nicht darauf ankommen, durch Ablehnung des ihm
+gewordenen Auftrags schärfere Maßregeln zu provozieren, sondern nahm denselben
+an und schiffte sich ein nach dem Osten. Das Nächste war getan; auch Caesar
+konnte Italien verlassen, um sich ernsteren Aufgaben zu widmen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap07"></a>KAPITEL VII.<br/>
+Die Unterwerfung des Westens</h2>
+
+<p>
+Wenn von dem armseligen Einerlei des politischen Egoismus, der in der Kurie und
+auf den Straßen der Hauptstadt seine Schlachten schlug, sich der Gang der
+Geschichte wieder zu Dingen wendet, die wichtiger sind als die Frage, ob der
+erste Monarch Roms Gnaeus, Gaius oder Marcus heißen wird, so mag es wohl
+gestattet sein, an der Schwelle eines Ereignisses, dessen Folgen noch heute die
+Geschicke der Welt bestimmen, einen Augenblick umzuschauen und den Zusammenhang
+zu bezeichnen, in welchem die Eroberung des heutigen Frankreich durch die Römer
+und ihre ersten Berührungen mit den Bewohnern Deutschlands und Großbritanniens
+weltgeschichtlich aufzufassen sind.
+</p>
+
+<p>
+Kraft des Gesetzes, daß das zum Staat entwickelte Volk die politisch
+unmündigen, das zivilisierte die geistig unmündigen Nachbarn in sich auflöst -
+kraft dieses Gesetzes, das so allgemeingültig und so sehr Naturgesetz ist wie
+das Gesetz der Schwere, war die italische Nation, die einzige des Altertums,
+welche die höhere politische Entwicklung und die höhere Zivilisation, wenn auch
+letztere nur in unvollkommener und äußerlicher Weise, miteinander zu verbinden
+vermocht hat, befugt, die zum Untergang reifen griechischen Staaten des Ostens
+sich untertan zu machen und die Völkerschaften niedrigerer Kulturgrade im
+Westen, Libyer, Iberer, Kelten, Germanen, durch ihre Ansiedler zu verdrängen -
+eben wie England mit gleichem Recht in Asien eine ebenbürtige, aber politisch
+impotente Zivilisation sich unterworfen, in Amerika und Australien ausgedehnte
+barbarische Landschaften mit dem Stempel seiner Nationalität bezeichnet und
+geadelt hat und noch fortwährend bezeichnet und adelt. Die Vorbedingung dieser
+Aufgabe, die Einigung Italiens, hatte die römische Aristokratie vollbracht; die
+Aufgabe selber hat sie nicht gelöst, sondern die außeritalischen Eroberungen
+stets nur entweder als notwendiges Übel oder auch als einen gleichsam außerhalb
+des Staates stehenden Rentenbesitz betrachtet. Es ist der unvergängliche Ruhm
+der römischen Demokratie oder Monarchie - denn beides fällt zusammen -, daß sie
+jene höchste Bestimmung richtig begriffen und kräftig verwirklicht hat. Was die
+unwiderstehliche Macht der Verhältnisse durch den wider seinen Willen die
+Grundlagen der künftigen römischen Herrschaft im Westen wie im Osten
+feststellenden Senat vorbereitet hatte, was dann die römische Emigration in die
+Provinzen, die zwar als Landplage kam, aber in die westlichen Landschaften doch
+auch als Pionier einer höheren Kultur, instinktmäßig betrieb, das hat der
+Schöpfer der römischen Demokratie Gaius Gracchus mit staatsmännischer Klarheit
+und Sicherheit erfaßt und durchzuführen begonnen. Die beiden Grundgedanken der
+neuen Politik: das Machtgebiet Roms, soweit es hellenisch war, zu reunieren,
+soweit es nicht hellenisch war, zu kolonisieren, waren mit der Einziehung des
+Attalischen Reiches, mit den transalpinischen Eroberungen des Flaccus bereits
+in der gracchischen Zeit praktisch anerkannt worden; aber die obsiegende
+Reaktion ließ sie wieder verkümmern. Der römische Staat blieb eine wüste
+Ländermasse ohne intensive Okkupation und ohne gehörige Grenzen; Spanien und
+die griechisch-asiatischen Besitzungen waren durch weite, kaum in ihren
+Küstensäumen den Römern untertänige Gebiete von dem Mutterland geschieden, an
+der afrikanischen Nordküste nur die Gebiete von Karthago und Kyrene inselartig
+okkupiert, selbst von dem untertänigen Gebiet große Strecken, namentlich in
+Spanien, den Römern nur dem Namen nach unterworfen: von Seiten der Regierung
+aber geschah zur Konzentrierung und Arrondierung der Herrschaft schlechterdings
+nichts, und der Verfall der Flotte schien endlich das letzte Band zwischen den
+entlegenen Besitzungen zu lösen. Wohl versuchte die Demokratie, wie sie nur
+wieder ihr Haupt erhob, auch die äußere Politik im Geiste des Gracchus zu
+gestalten, wie denn namentlich Marius mit solchen Ideen sich trug; aber da sie
+nicht auf die Dauer ans Ruder kam, blieb es bei Entwürfen. Erst als mit dem
+Sturz der Sullanischen Verfassung im Jahre 684 (70) die Demokratie tatsächlich
+das Regiment in die Hand nahm, trat auch in dieser Hinsicht ein Umschwung ein.
+Vor allen Dingen ward die Herrschaft auf dem Mittelländischen Meere
+wiederhergestellt, die erste Lebensfrage für einen Staat wie der römische war.
+Gegen Osten wurde weiter durch die Einziehung der pontischen und syrischen
+Landschaften die Euphratgrenze gesichert. Aber noch war es übrig, jenseits der
+Alpen zugleich das römische Gebiet gegen Norden und Westen abzuschließen und
+der hellenischen Zivilisation, der noch keineswegs gebrochenen Kraft des
+italischen Stammes hier einen neuen jungfräulichen Boden zu gewinnen. Dieser
+Aufgabe hat Gaius Caesar sich unterzogen. Es ist mehr als ein Irrtum, es ist
+ein Frevel gegen den in der Geschichte mächtigen heiligen Geist, wenn man
+Gallien einzig als den Exerzierplatz betrachtet, auf dem Caesar sich und seine
+Legionen für den bevorstehenden Bürgerkrieg übte. Wenn auch die Unterwerfung
+des Westens für Caesar insofern ein Mittel zum Zweck war, als er in den
+transalpinischen Kriegen seine spätere Machtstellung begründet hat, so ist
+ebendies das Privilegium des staatsmännischen Genius, daß seine Mittel selbst
+wieder Zwecke sind. Caesar bedurfte wohl für seine Parteizwecke einer
+militärischen Macht; Gallien aber hat er nicht als Parteimann erobert. Es war
+zunächst für Rom eine politische Notwendigkeit, der ewig drohenden Invasion der
+Deutschen schon jenseits der Alpen zu begegnen und dort einen Damm zu ziehen,
+der der römischen Welt den Frieden sicherte. Aber auch dieser wichtige Zweck
+war noch nicht der höchste und letzte, weshalb Gallien von Caesar erobert ward.
+Als der römischen Bürgerschaft die alte Heimat zu eng geworden war und sie in
+Gefahr stand zu verkümmern, rettete die italische Eroberungspolitik des Senats
+dieselbe vom Untergang. Jetzt war auch die italische Heimat wieder zu eng
+geworden; wieder siechte der Staat an denselben in gleicher Art, nur in
+größeren Verhältnissen sich wiederholenden sozialen Mißständen. Es war ein
+genialer Gedanke, eine großartige Hoffnung, welche Caesar über die Alpen
+führte: der Gedanke und die Zuversicht, dort seinen Mitbürgern eine neue,
+grenzenlose Heimat zu gewinnen und den Staat zum zweitenmal dadurch zu
+regenerieren, daß er auf eine breitere Basis gestellt ward.
+</p>
+
+<p>
+Gewissermaßen läßt sich zu den auf die Unterwerfung des Westens abzielenden
+Unternehmungen schon der Feldzug rechnen, den Caesar im Jahre 693 (61) im
+Jenseitigen Spanien unternahm. Wielange auch Spanien schon den Römern
+gehorchte, immer noch war selbst nach der Expedition des Decimus Brutus gegen
+die Callaeker das westliche Gestade von den Römern wesentlich unabhängig
+geblieben und die Nordküste noch gar von ihnen nicht betreten worden; und die
+Raubzüge, denen von dort aus die untertänigen Landschaften fortwährend sich
+ausgesetzt sahen, taten der Zivilisierung und Romanisierung Spaniens nicht
+geringen Eintrag. Hiergegen richtete sich Caesars Zug an der Westküste hinauf.
+Er überschritt die den Tajo nördlich begrenzende Kette der Herminischen Berge
+(Sierra de Estrella), nachdem er die Bewohner derselben überwunden und zum Teil
+in die Ebene übergesiedelt hatte, unterwarf die Landschaft zu beiden Seiten des
+Duero und gelangte bis an die nordwestliche Spitze der Halbinsel, wo er mit
+Hilfe einer von Gades herbeigezogenen Flottille Brigantium (Coruña) einnahm.
+Dadurch wurden die Anwohner des Atlantischen Ozeans, Lusitaner und Callaeker
+zur Anerkennung der römischen Suprematie gezwungen, während der Überwinder
+zugleich darauf bedacht war, durch Herabsetzung der nach Rom zu entrichtenden
+Tribute und Regulierung der ökonomischen Verhältnisse der Gemeinden die Lage
+der Untertanen überhaupt leidlicher zu gestalten.
+</p>
+
+<p>
+Indes wenn auch schon in diesem militärischen und administrativen Debüt des
+großen Feldherrn und Staatsmannes dieselben Talente und dieselben leitenden
+Gedanken durchschimmern, die er später auf größeren Schauplätzen bewährt hat,
+so war doch seine Wirksamkeit auf der Iberischen Halbinsel viel zu
+vorübergehend, um tief einzugreifen, um so mehr als bei deren eigentümlichen
+physischen und nationalen Verhältnissen nur eine längere Zeit hindurch mit
+Stetigkeit fortgesetzte Tätigkeit hier eine dauernde Wirkung äußern konnte.
+</p>
+
+<p>
+Eine bedeutendere Rolle in der romanischen Entwicklung des Westens war der
+Landschaft bestimmt, welche zwischen den Pyrenäen und dem Rheine, dem
+Mittelmeer und dem Atlantischen Ozean sich ausbreitet und an der seit der
+augustinischen Zeit der Name des Keltenlandes, Gallien, vorzugsweise haftet,
+obwohl genau genommen das Keltenland teils enger ist, teils viel weiter sich
+erstreckt und jene Landschaft niemals eine nationale und nicht vor Augustus
+eine politische Einheit gebildet hat. Es ist eben darum nicht leicht, von den
+in sich sehr ungleichartigen Zuständen, die Caesar bei seinem Eintreffen
+daselbst im Jahre 696 (58) vorfand, ein anschauliches Bild zu entwerfen.
+</p>
+
+<p>
+In der Landschaft am Mittelmeer, welche ungefähr, im Westen der Rhone
+Languedoc, im Osten Dauphiné und Provence umfassend, seit sechzig Jahren
+römische Provinz war, hatten seit dem kimbrischen Sturm, der auch über sie
+hingebraust war, die römischen Waffen selten geruht. 664 (90) hatte Gaius
+Caelius mit den Salyern um Aquae Sextiae, 674 (80) Gaius Flaccus auf dem Marsch
+nach Spanien mit anderen keltischen Gauen gekämpft. Als im Sertorianischen
+Krieg der Statthalter Lucius Manlius, genötigt, seinen Kollegen jenseits der
+Pyrenäen zu Hilfe zu eilen, geschlagen von Ilerda (Lerida) zurückkam und auf
+dem Heimweg von den westlichen Nachbarn der römischen Provinz, den Aquitanern,
+zum zweitenmal besiegt ward (um 676 78), scheint dies einen allgemeinen
+Aufstand der Provinzialen zwischen den Pyrenäen und der Rhone, vielleicht
+selbst derer zwischen Rhone und Alpen hervorgerufen zu haben. Pompeius mußte
+sich durch das empörte Gallien seinen Weg nach Spanien mit dem Schwerte bahnen
+und gab zur Strafe für die Empörung die Marken der Volker-Arekomiker und der
+Helvier (Departement Gard und Ardèche) den Massalioten zu eigen; der
+Statthalter Manius Fonteius (678-680 76-74) führte diese Anordnungen aus und
+stellte die Ruhe in der Provinz wieder her, indem er die Vocontier (Departement
+Drôme) niederwarf, Massalia vor den Aufständischen schützte und die römische
+Hauptstadt Narbo, die sie berannten, wieder befreite. Die Verzweiflung indes
+und die ökonomische Zerrüttung, welche die Mitleidenschaft unter dem Spanischen
+Krieg und überhaupt die amtlichen und nichtamtlichen Erpressungen der Römer
+über die gallischen Besitzungen brachten, ließ dieselben nicht zur Ruhe kommen
+und namentlich der von Narbo am weitesten entfernte Kanton der Allobrogen war
+in beständiger Gärung, von der die &ldquo;Friedensstiftung&rdquo;, die Gaius
+Piso dort 688 (66) vornahm, sowie das Verhalten der allobrogischen
+Gesandtschaft in Rom bei Gelegenheit des Anarchistenkomplotts 691 (63) Zeugnis
+ablegen und die bald darauf (693 61) in offene Empörung ausbrach. Catugnatus,
+der Führer der Allobrogen in diesem Kriege der Verzweiflung, ward, nachdem er
+anfangs nicht unglücklich gefochten, bei Solonium nach rühmlicher Gegenwehr von
+dem Statthalter Gaius Pomptinus überwunden.
+</p>
+
+<p>
+Trotz aller dieser Kämpfe wurden die Grenzer. des römischen Gebiets nicht
+wesentlich vorgeschoben; Lugudunum Convenarum, wo Pompeius die Trümmer der
+Sertorianischen Armee angesiedelt hatte, Tolosa, Vienna und Genava waren immer
+noch die äußersten römischen Ortschaften gegen Westen und Norden. Dabei aber
+war die Bedeutung dieser gallischen Besitzungen für das Mutterland beständig im
+Steigen; das herrliche, dem italischen verwandte Klima, die günstigen
+Bodenverhältnisse, das dem Handel so förderliche große und reiche Hinterland
+mit seinen bis nach Britannien reichenden Kaufstraßen, der bequeme Land- und
+Seeverkehr mit der Heimat gaben rasch dem südlichen Kettenland eine ökonomische
+Wichtigkeit für Italien, die viel ältere Besitzungen, wie zum Beispiel die
+spanischen, in Jahrhunderten nicht erreicht hatten; und wie die politisch
+schiffbrüchigen Römer in dieser Zeit vorzugsweise in Massalia eine
+Zufluchtsstätte suchten und dort italische Bildung wie italischen Luxus
+wiederfanden, so zogen sich auch die freiwilligen Auswanderer aus Italien mehr
+und mehr an die Rhone und die Garonne. &ldquo;Die Provinz Gallien&rdquo;, heißt
+es in einer zehn Jahre vor Caesars Ankunft entworfenen Schilderung, &ldquo;ist
+voll von Kaufleuten; sie wimmelt von römischen Bürgern. Kein Gallier macht ein
+Geschäft ohne Vermittlung eines Römers; jeder Pfennig, der in Gallien aus einer
+Hand in die andere kommt, geht durch die Rechnungsbücher der römischen
+Bürger&rdquo;. Aus derselben Schilderung ergibt sich, daß in Gallien auch außer
+den Kolonisten von Narbo römische Landwirte und Viehzüchter in großer Anzahl
+sich aufhielten; wobei übrigens nicht außer acht zu lassen ist, daß das meiste
+von Römern besessene Provinzland, eben wie in frühester Zeit der größte Teil
+der englischen Besitzungen in Nordamerika, in den Händen des hohen, in Italien
+lebenden Adels war und jene Ackerbauer und Viehzüchter zum größten Teil aus
+deren Verwaltern, Sklaven oder Freigelassenen bestanden. Es ist begreiflich,
+daß unter solchen Verhältnissen die Zivilisierung und die Romanisierung unter
+den Eingeborenen rasch um sich griff. Diese Kelten liebten den Ackerbau nicht;
+ihre neuen Herren aber zwangen sie, das Schwert mit dem Pfluge zu vertauschen,
+und es ist sehr glaublich, daß der erbitterte Widerstand der Allobrogen zum
+Teil eben durch dergleichen Anordnungen hervorgerufen ward. In älteren Zeiten
+hatte der Hellenismus auch diese Landschaften bis zu einem gewissen Grade
+beherrscht; die Elemente höherer Gesittung, die Anregungen zu Wein- und Ölbau,
+zum Gebrauche der Schrift ^1 und zur Münzprägung kamen ihnen von Massalia. Auch
+durch die Römer ward die hellenische Kultur hier nichts weniger als verdrängt;
+Massalia gewann durch sie mehr an Einfluß als es verlor, und noch in der
+römischen Zeit wurden griechische Ärzte und Rhetoren in den gallischen Kantons
+von Gemeinde wegen angestellt. Allein begreiflicherweise erhielt doch der
+Hellenismus im südlichen Keltenland durch die Römer denselben Charakter wie in
+Italien: die spezifisch hellenische Zivilisation wich der
+lateinisch-griechischen Mischkultur, die bald hier Proselyten in großer Anzahl
+machte. Die &ldquo;Hosengallier&rdquo;, wie man im Gegensatz zu den
+norditalischen &ldquo;Galliern in der Toga&rdquo; die Bewohner des südlichen
+Keltenlandes nannte, waren zwar nicht wie jene bereits vollständig romanisiert,
+aber sie unterschieden sich doch schon sehr merklich von den
+&ldquo;langhaarigen Galliern&rdquo; der noch unbezwungenen nördlichen
+Landschaften. Die bei ihnen sich einbürgernde Halbkultur gab zwar Stoff genug
+her zu Spöttereien über ihr barbarisches Latein, und man unterließ es nicht,
+dem, der im Verdacht keltischer Abstammung stand, seine &ldquo;behoste
+Verwandtschaft&rdquo; zu Gemüte zu führen; aber dies schlechte Latein reichte
+doch dazu aus, daß selbst die entfernten Allobrogen mit den römischen Behörden
+in Geschäftsverkehr treten und sogar in römischen Gerichten ohne Dolmetsch
+Zeugnis ablegen konnten.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 So ward zum Beispiel in Vaison im Vocontischen Gau eine in keltischer
+Sprache mit gewöhnlichem griechischen Alphabet geschriebene Inschrift gefunden.
+Sie lautet: σεγομαρος ουιλλονεος τοουτιους ναμαυσατις εωρουβηλησαμισοσιν
+νεμητον. Das letzte Wort heißt &ldquo;heilig&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Wenn also die keltische und ligurische Bevölkerung dieser Gegenden auf dem Wege
+war, ihre Nationalität einzubüßen und daneben siechte und verkümmerte unter
+einem politischen und ökonomischen Druck, von dessen Unerträglichkeit die
+hoffnungslosen Aufstände hinreichend Zeugnis ablegen, so ging doch hier der
+Untergang der eingeborenen Bevölkerung Hand in Hand mit der Einbürgerung
+derselben höheren Kultur, welche wir in dieser Zeit in Italien finden. Aquae
+Sextiae und mehr noch Narbo waren ansehnliche Ortschaften, die wohl neben
+Benevent und Capua genannt werden mochten; und Massalia, die bestgeordnete,
+freieste, wehrhafteste, mächtigste unter allen von Rom abhängigen griechischen
+Städten, unter ihrem streng aristokratischen Regiment, auf das die römischen
+Konservativen wohl als auf das Muster einer guten Stadtverfassung hinwiesen, im
+Besitz eines bedeutenden und von den Römern noch ansehnlich vergrößerten
+Gebiets und eines ausgebreiteten Handels, stand neben jenen launischen Städten
+wie in Italien neben Capua und Benevent Rhegion und Neapolis.
+</p>
+
+<p>
+Anders sah es aus, wenn man die römische Grenze überschritt. Die große
+keltische Nation, die in den südlichen Landschaften schon von der italischen
+Einwanderung anfing unterdrückt zu werden, bewegte sich nördlich der Cevennen
+noch in althergebrachter Freiheit. Es ist nicht das erste Mal, daß wir ihr
+begegnen; mit den Ausläufern und Vorposten des ungeheuren Stammes hatten die
+Italiker bereits am Tiber und am Po, in den Bergen Kastiliens und Kärntens, ja
+tief im inneren Kleinasien gefochten, erst hier aber ward der Hauptstock in
+seinem Kerne von ihren Angriffen erfaßt. Der Keltenstamm hatte bei seiner
+Ansiedlung in Mitteleuropa sich vornehmlich über die reichen Flußtäler und das
+anmutige Hügelland des heutigen Frankreich mit Einschluß der westlichen Striche
+Deutschlands und der Schweiz ergossen und von hier aus wenigstens den südlichen
+Teil von England, vielleicht schon damals ganz Großbritannien und Irland
+besetzt ^2; mehr als irgendwo sonst bildete er hier eine breite, geographisch
+geschlossene Völkermasse. Trotz der Unterschiede in Sprache und Sitte, die
+natürlich innerhalb dieses weiten Gebietes nicht fehlten, scheint dennoch ein
+enger gegenseitiger Verkehr, ein geistiges Gefühl der Gemeinschaft die
+Völkerschaften von der Rhone und Garonne bis zum Rhein und der Themse
+zusammengeknüpft zu haben; wogegen dieselben mit den Kelten in Spanien und im
+heutigen Österreich wohl örtlich gewissermaßen zusammenhingen, aber doch teils
+die gewaltigen Bergscheiden der Pyrenäen und der Alpen, teils die hier
+ebenfalls einwirkenden Obergriffe der Römer und der Germanen den Verkehr und
+den geistigen Zusammenhang der Stammverwandten ganz anders unterbrachen als der
+schmale Meerarm den der kontinentalen und der britischen Kelten. Leider ist es
+uns nicht vergönnt, die innere Entwicklungsgeschichte des merkwürdigen Volkes
+in diesen seinen Hauptsitzen von Stufe zu Stufe zu verfolgen; wir müssen uns
+begnügen, dessen kulturhistorischen und politischen Zustand, wie er hier zu
+Caesars Zeit uns entgegentritt, wenigstens in seinen Umrissen darzustellen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^2 Auf eine längere Zeit hindurch fortgesetzte Einwanderung belgischer Kelten
+nach Britannien deuten die von belgischen Gauen entlehnten Namen englischer
+Völkerschaften an beiden Ufern der Themse, wie der Atrebaten, der Belgen, ja
+der Britanner selbst, welcher von den an der Somme unterhalb Amiens ansässigen
+Britonen zuerst auf einen englischen Gau und sodann auf die ganze Insel
+übertragen zu sein scheint. Auch die englische Goldmünzung ist aus der
+belgischen abgeleitet und ursprünglich mit ihr identisch.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Gallien war nach den Berichten der Alten verhältnismäßig wohl bevölkert.
+Einzelne Angaben lassen schließen, daß in den belgischen Distrikten etwa 900
+Köpfe auf die Quadratmeile kamen - ein Verhältnis, wie es heutzutage etwa für
+Wallis und für Livland gilt, - in dem helvetischen Kanton etwa 1100 ^3; es ist
+wahrscheinlich, daß in den Distrikten, die kultivierter waren als die
+belgischen und weniger gebirgig als der helvetische, wie bei den Biturigen,
+Arvernern, Häduern, sich die Ziffer noch höher stellte. Der Ackerbau ward in
+Gallien wohl getrieben, wie denn schon Caesars Zeitgenossen in der
+Rheinlandschaft die Sitte des Mergelns auffiel ^4 und die uralte keltische
+Sitte, aus Gerste Bier (cervesia) zu bereiten, ebenfalls für die frühe und
+weite Verbreitung der Getreidekultur spricht; allein er ward nicht geachtet.
+Selbst in dem zivilisierteren Süden galt es noch für den freien Kelten als
+nicht anständig, den Pflug zu führen. Weit höher stand bei den Kelten die
+Viehzucht, für welche die römischen Gutsbesitzer dieser Epoche sich sowohl des
+keltischen Viehschlags als auch der tapferen, des Reitens kundigen und mit der
+Pflege der Tiere vertrauten keltischen Sklaven vorzugsweise gern bedienten ^5.
+Namentlich in den nördlichen keltischen Landschaften überwog die Viehzucht
+durchaus. Die Bretagne war zu Caesars Zeit ein kornarmes Land. Im Nordosten
+reichten dichte Wälder, an den Kern der Ardennen sich anschließend, fast
+ununterbrochen von der Nordsee bis zum Rheine, und auf den heute so gesegneten
+Fluren Flanderns und Lothringens weidete damals der menapische und treverische
+Hirte im undurchdringlichen Eichenwald seine halbwilden Säue. Ebenwie im Potal
+durch die Römer an die Stelle der keltischen Eichelmast Wollproduktion und
+Kornbau getreten sind, so gehen auch die Schafzucht und die Ackerwirtschaft in
+den Ebenen der Schelde und der Maas auf sie zurück. In Britannien gar war das
+Dreschen des Kornes noch nicht üblich, und in den nördlicheren Strichen hörte
+hier der Ackerbau ganz auf und war die Viehzucht die einzige bekannte
+Bodenbenutzung. Der Öl- und Weinbau, der den Massalioten reichen Ertrag abwarf,
+ward jenseits der Cevennen zu Caesars Zeiten noch nicht betrieben.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Das erste Aufgebot der belgischen Kantone ausschließlich der Remer, also der
+Landschaft zwischen Seine und Schelde und östlich bis gegen Reims und Andernach
+von 2000-2200 Quadratmeilen, wird auf etwa 300000 Mann berechnet; wonach, wenn
+man das für die Bellovaker angegebene Verhältnis des ersten Aufgebots zu der
+gesamten waffenfähigen Mannschaft als allgemein gültig betrachtet, die Zahl der
+waffenfähigen Belgen auf 500000 und danach die Gesamtbevölkerung auf mindestens
+2 Millionen sich stellt. Die Helvetier mit den Nebenvölkern zählten vor ihrem
+Auszug 336000 Köpfe; wenn man annimmt, daß sie damals schon vom rechten
+Rheinufer verdrängt waren, kann ihr Gebiet auf ungefähr 300 Quadratmeilen
+angeschlagen werden. Ob die Knechte hierbei mitgezählt sind, läßt sich um so
+weniger entscheiden, als wir nicht wissen, welche Form die Sklaverei bei den
+Kelten angenommen hatte; was Caesar (Gall. 1, 4) von Orgetorix&rsquo; Sklaven,
+Hörigen und Schuldnern erzählt, spricht eher für als gegen die Mitzählung.
+</p>
+
+<p>
+Daß übrigens jeder solche Versuch, das, was der alten Geschichte vor allen
+Dingen fehlt, die statistische Grundlage, durch Kombination zu ersetzen, mit
+billiger Vorsicht aufgenommen werden muß, wird der verständige Leser
+ebensowenig verkennen als ihn darum unbedingt wegwerfen.
+</p>
+
+<p>
+^4 &ldquo;In Gallien, jenseits der Alpen im Binnenland am Rhein, habe
+ich,&rdquo; erzählt Scrofa bei Varro rust. 1, 7, 8, &ldquo;als ich dort
+kommandierte, einige Striche betreten, wo weder die Rebe noch die Olive noch
+der Obstbaum fortkommt, wo man mit weißer Grubenkreide die Äcker düngt, wo man
+weder Gruben- noch Seesalz hat, sondern die salzige Kohle gewisser verbrannter
+Hölzer statt Salz benutzt.&rdquo; Diese Schilderung bezieht sich wahrscheinlich
+auf die vorcaesarische Zeit und auf die östlichen Striche der alten Provinz,
+wie zum Beispiel die allobrogische Landschaft; später beschreibt Plinius (nat.
+17, 6, 42f.) ausführlich das gallisch-britannische Mergeln.
+</p>
+
+<p>
+^5 &ldquo;Von gutem Schlag sind in Italien besonders die gallischen Ochsen, zur
+Feldarbeit nämlich; wogegen die ligurischen nichts Rechtes beschaffen&rdquo;
+(Varr. rust. 2, 5, 9). Hier ist zwar das Cisalpinische Gallien gemeint, allein
+die Viehwirtschaft daselbst geht doch unzweifelhaft zurück auf die keltische
+Epoche. Der &ldquo;gallischen Klepper&rdquo; (Gallici canterii) gedenkt schon
+Plautus (Aul. 3, 5, 21). &ldquo;Nicht jede Rasse schickt sich für das
+Hirtengeschäft; weder die Bastuler noch die Turduler (beide in Andalusien)
+eignen sich dafür; am besten sind die Kelten, besonders für Reit- und Lasttiere
+(iumenta)&rdquo; (Varro rust. 2, 10, 4).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Dem Zusammensiedeln waren die Gallier von Haus aus geneigt; offene Dörfer gab
+es überall und allein der helvetische Kanton zählte deren im Jahre 696 (58)
+vierhundert außer einer Menge einzelner Höfe. Aber es fehlte auch nicht an
+ummauerten Städten, deren Mauern von Fachwerk sowohl durch ihre Zweckmäßigkeit
+als durch die zierliche Ineinanderfügung von Balken und Steinen den Römern
+auffielen, während freilich selbst in den Städten der Allobrogen die Gebäude
+allein aus Holz aufgeführt waren. Solcher Städte hatten die Helvetier zwölf und
+ebensoviele die Suessionen; wogegen allerdings in den nördlicheren Distrikten,
+zum Beispiel bei den Nerviern, es wohl auch Städte gab, aber doch die
+Bevölkerung im Kriege mehr in den Sümpfen und Wäldern als hinter den Mauern
+Schutz suchte und jenseits der Themse gar die primitive Schutzwehr der
+Waldverhacke durchaus an die Stelle der Städte trat und im Krieg die einzige
+Zufluchtsstätte für Menschen und Herden war. Mit der verhältnismäßig
+bedeutenden Entwicklung des städtischen Lebens steht in enger Verbindung die
+Regsamkeit des Verkehrs zu Lande und zu Wasser. Überall gab es Straßen und
+Brücken. Die Flußschiffahrt, wozu Ströme wie Rhone, Garonne, Loire und Seine
+von selber aufforderten, war ansehnlich und ergiebig. Aber weit merkwürdiger
+noch ist die Seeschiffahrt der Kelten. Nicht bloß sind die Kelten allem
+Anschein nach diejenige Nation, die zuerst den Atlantischen Ozean regelmäßig
+befahren hat, sondern wir finden auch hier die Kunst, Schiffe zu bauen und zu
+lenken, auf einer bemerkenswerten Höhe. Die Schiffahrt der Völker des
+Mittelmeers ist, wie dies bei der Beschaffenheit der von ihnen befahrenen
+Gewässer begreiflich ist, verhältnismäßig lange bei dem Ruder stehengeblieben:
+die Kriegsfahrzeuge der Phöniker, Hellenen und Römer waren zu allen Zeiten
+Rudergaleeren, auf welchen das Segel nur als gelegentliche Verstärkung des
+Ruders verwendet wurde; nur die Handelsschiffe sind in der Epoche der
+entwickelten antiken Zivilisation eigentliche Segler gewesen ^6. Die Gallier
+dagegen bedienten zwar auf dem Kanal sich zu Caesars Zeit wie noch lange
+nachher einer Art tragbarer lederner Kähne, die im wesentlichen gewöhnliche
+Ruderboote gewesen zu sein scheinen; aber an der Westküste Galliens fuhren die
+Santonen, die Pictonen, vor allem die Veneter mit großen, freilich plump
+gebauten Schiffen, die nicht mit Rudern bewegt wurden, sondern mit Ledersegeln
+und eisernen Ankerketten versehen waren, und verwandten diese nicht nur für
+ihren Handelsverkehr mit Britannien, sondern auch im Seegefecht. Hier also
+begegnen wir nicht bloß zuerst der Schiffahrt auf dem freien Ozean, sondern
+hier hat auch zuerst das Segelschiff völlig den Platz des Ruderbootes
+eingenommen - ein Fortschritt, den freilich die sinkende Regsamkeit der alten
+Welt nicht zu nutzen verstanden hat und dessen unübersehliche Resultate erst
+unsere verjüngte Kulturperiode beschäftigt ist, allmählich zu ziehen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^6 Dahin führt die Benennung des Kauffahrtei- oder des &ldquo;runden&rdquo; im
+Gegensatz zu dem &ldquo;langen&rdquo; oder dem Kriegsschiff und die ähnliche
+Gegeneinanderstellung der &ldquo;Ruderschiffe&rdquo; (επίκωποι νήες) und der
+&ldquo;Kauffahrer&rdquo; (ολκάδες" Dion. Hal. 3, 44); ferner die geringe
+Bemannung der Kauffahrteischiffe, die auf den allergrößten nicht mehr betrug
+als 200 Mann (Rheinisches Museum N. F. 11, 1874, S. 625), während auf der
+gewöhnlichen Galeere von drei Verdecken schon 170 Ruderer gebraucht wurden.
+Vgl. F. K. Movers, Die Phönicier. Bonn-Berlin 1840-56, Bd. 2, 3, S. 167f.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem regelmäßigen Seeverkehr zwischen der britischen und der gallischen
+Küste ist die überaus enge politische Verbindung zwischen den beiderseitigen
+Anwohnern des Kanals ebenso erklärlich wie das Aufblühen des überseeischen
+Handels und der Fischerei. Es waren die Kelten, namentlich der Bretagne, die
+das Zinn der Gruben von Cornwallis aus England holten und es auf den Fluß- und
+Landstraßen des Keltenlandes nach Narbo und Massalia verfuhren. Die Angabe, daß
+zu Caesars Zeit einzelne Völkerschaften an der Rheinmündung von Fischen und
+Vogeleiern lebten, darf man wohl darauf beziehen, daß hier die Seefischerei und
+das Einsammeln der Seevögeleier in ausgedehntem Umfang betrieben ward. Faßt man
+die vereinzelten und spärlichen Angaben, die über den keltischen Handel und
+Verkehr uns geblieben sind, in Gedanken ergänzend zusammen, so begreift man es,
+daß die Zölle der Fluß- und Seehäfen in den Budgets einzelner Kantons, zum
+Beispiel in denen der Häduer und der Veneter, eine große Rolle spielten und daß
+der Hauptgott der Nation ihr galt als der Beschützer der Straßen und des
+Handels und zugleich als Erfinder der Gewerke. Ganz nichtig kann danach auch
+die keltische Industrie nicht gewesen sein; wie denn die ungemeine
+Anstelligkeit der Kelten und ihr eigentümliches Geschick, jedes Muster
+nachzuahmen und jede Anweisung auszuführen auch von Caesar hervorgehoben wird.
+In den meisten Zweigen scheint aber doch das Gewerk bei ihnen sich nicht über
+das Maß des Gewöhnlichen erhoben zu haben; die später im mittleren und
+nördlichen Gallien blühende Fabrikation leinener und wollener Stoffe ist
+nachweislich erst durch die Römer ins Leben gerufen worden. Eine Ausnahme, und
+soviel wir wissen die einzige, macht die Bearbeitung der Metalle. Das nicht
+selten technisch vorzügliche und noch jetzt geschmeidige Kupfergerät, das in
+den Gräbern des Keltenlandes zum Vorschein kommt, und die sorgfältig justierten
+arvernischen Goldmünzen sind heute noch lebendige Zeugen der Geschicklichkeit
+der keltischen Kupfer- und Goldarbeiter; und wohl stimmen dazu die Berichte der
+Alten, daß die Römer von den Biturigen das Verzinnen, von den Alesiern das
+Versilbern lernten - Erfindungen, von denen die erste durch den Zinnhandel nahe
+genug gelegt war und die doch wahrscheinlich beide noch in der Zeit der
+keltischen Freiheit gemacht worden sind. Hand in Hand mit der Gewandtheit in
+der Bearbeitung der Metalle ging die Kunst, sie zu gewinnen, die zum Teil,
+namentlich in den Eisengruben an der Loire, eine solche bergmännische Höhe
+erreicht hatte, daß die Grubenarbeiter bei den Belagerungen eine bedeutende
+Rolle spielten. Die den Römern dieser Zeit geläufige Meinung, daß Gallien eines
+der goldreichsten Länder der Erde sei, wird freilich widerlegt durch die
+wohlbekannten Bodenverhältnisse und durch die Fundbestände der keltischen
+Gräber, in denen Gold nur sparsam und bei weitem minder häufig erscheint als in
+den gleichartigen Funden der wahren Heimatländer des Goldes; es ist auch diese
+Vorstellung wohl nur hervorgerufen worden durch das, was griechische Reisende
+und römische Soldaten, ohne Zweifel nicht ohne starke Übertreibung, ihren
+Landsleuten von der Pracht der arvernischen Könige und den Schätzen der
+tolosanischen Tempel zu erzählen wußten. Aber völlig aus der Luft griffen die
+Erzähler doch nicht. Es ist sehr glaublich, daß in und an den Flüssen, welche
+aus den Alpen und den Pyrenäen strömen, Goldwäschereien und Goldsuchereien, die
+bei dem heutigen Wert der Arbeitskraft unergiebig sind, in roheren Zeiten und
+bei Sklavenwirtschaft mit Nutzen und in bedeutendem Umfang betrieben wurden;
+überdies mögen die Handelsverhältnisse Galliens, wie nicht selten die der
+halbzivilisierten Völker, das Aufhäufen eines toten Kapitals edler Metalle
+begünstigt haben.
+</p>
+
+<p>
+Bemerkenswert ist der niedrige Stand der bildenden Kunst, der bei der
+mechanischen Geschicklichkeit in Behandlung der Metalle nur um so greller
+hervortritt. Die Vorliebe für bunte und glänzende Zieraten zeigt den Mangel an
+Schönheitssinn, und eine leidige Bestätigung gewähren die gallischen Münzen mit
+ihren bald übereinfach, bald abenteuerlich, immer aber kindisch entworfenen und
+fast ohne Ausnahme mit unvergleichlicher Roheit ausgeführten Darstellungen. Es
+ist vielleicht ohne Beispiel, daß eine Jahrhunderte hindurch mit einem gewissen
+technischen Geschick geübte Münzprägung sich wesentlich darauf beschränkt hat,
+zwei oder drei griechische Stempel immer wieder und immer entstellter
+nachzuschneiden. Dagegen wurde die Dichtkunst von den Kelten hoch geschätzt und
+verwuchs eng mit den religiösen und selbst mit den politischen Institutionen
+der Nation; wir finden die geistliche wie die Hof- und Bettelpoesie in Blüte.
+Auch Naturwissenschaft und Philosophie fanden, wenngleich in den Formen und den
+Banden der Landestheologie, bei den Kelten eine gewisse Pflege und der
+hellenische Humanismus eine bereitwillige Aufnahme, wo und wie er an sie
+herantrat. Die Kunde der Schrift war wenigstens bei den Priestern allgemein.
+Meistenteils bediente man in dem freien Gallien zu Caesars Zeit sich der
+griechischen, wie unter andern die Helvetier taten; nur in den südlichsten
+Distrikten desselben war schon damals infolge des Verkehrs mit den
+romanisierten Kelten die lateinische überwiegend, der wir zum Beispiel auf den
+arvernischen Münzen dieser Zeit begegnen.
+</p>
+
+<p>
+Auch die politische Entwicklung der keltischen Nation bietet sehr
+bemerkenswerte Erscheinungen. Die staatliche Verfassung ruht bei ihr wie
+überall auf dem Geschlechtsgau mit dem Fürsten, dem Rat der Ältesten und der
+Gemeinde der freien waffenfähigen Männer; dies aber ist ihr eigentümlich, daß
+sie über diese Gauverfassung niemals hinausgelangt ist. Bei den Griechen und
+Römern trat sehr früh an die Stelle des Gaues als die Grundlage der politischen
+Einheit der Mauerring: wo zwei Gaue in denselben Mauern sich zusammenfanden,
+verschmolzen sie zu einem Gemeinwesen; wo eine Bürgerschaft einem Teil ihrer
+Mitbürger einen neuen Mauerring anwies, entstand regelmäßig damit auch ein
+neuer, nur durch die Bande der Pietät und höchstens der Klientel mit der
+Muttergemeinde, verknüpfter Staat. Bei den Kelten dagegen bleibt die
+&ldquo;Bürgerschaft&rdquo; zu allen Zeiten der Clan; dem Gau und nicht
+irgendeiner Stadt stehen Fürst und Rat vor, und der allgemeine Gautag bildet
+die letzte Instanz im Staate. Die Stadt hat, wie im Orient, nur merkantile und
+strategische, nicht politische Bedeutung; weshalb denn auch die gallischen
+Ortschaften, selbst ummauerte und sehr ansehnliche wie Vienna und Genava, den
+Griechen und Römern nichts sind als Dörfer. Zu Caesars Zeit bestand die
+ursprüngliche Clanverfassung noch wesentlich ungeändert bei den Inselkelten und
+in den nördlichen Gauen des Festlandes: die Landesgemeinde behauptete die
+höchste Autorität; der Fürst ward in wesentlichen Fragen durch ihre Beschlüsse
+gebunden; der Gemeinderat war zahlreich - er zählte in einzelnen Clans
+sechshundert Mitglieder -, scheint aber nicht mehr bedeutet zu haben als der
+Senat unter den römischen Königen. Dagegen in dem regsameren Süden des Landes
+war ein oder zwei Menschenalter vor Caesar - die Kinder der letzten Könige
+lebten noch zu seiner Zeit - wenigstens bei den größeren Clans, den Arvernern,
+Häduern, Sequanern, Helvetiern, eine Umwälzung eingetreten, die die
+Königsherrschaft beseitigte und dem Adel die Gewalt in die Hände gab. Es ist
+nur die Kehrseite des ebenbezeichneten vollständigen Mangels städtischer
+Gemeinwesen bei den Kelten, daß der entgegengesetzte Pol der politischen
+Entwicklung, das Rittertum, in der keltischen Clanverfassung so völlig
+überwiegt. Die keltische Aristokratie war allem Anschein nach ein hoher Adel,
+größtenteils vielleicht die Glieder der königlichen oder ehemals königlichen
+Familien, wie es denn bemerkenswert ist, daß die Häupter der entgegengesetzten
+Parteien in demselben Clan sehr häufig dem gleichen Geschlecht angehören. Diese
+großen Familien vereinigten in ihrer Hand die ökonomische, kriegerische und
+politische Übermacht. Sie monopolisierten die Pachtungen der nutzbaren Rechte
+des Staates. Sie nötigen die Gemeinfreien, die die Steuerlast erdrückte, bei
+ihnen zu borgen und zuerst tatsächlich als Schuldner, dann rechtlich als Hörige
+sich ihrer Freiheit zu begeben. Sie entwickelten bei sich das Gefolgwesen, das
+heißt das Vorrecht des Adels, sich mit einer Anzahl gelöhnter reisiger Knechte,
+sogenannter Ambakten ^7, zu umgeben und damit einen Staat im Staate zu bilden;
+und gestützt auf diese ihre eigenen Leute trotzten sie den gesetzlichen
+Behörden und dem Gemeindeaufgebot und sprengten tatsächlich das Gemeinwesen.
+Wenn in einem Clan, dar etwa 80000 Waffenfähige zählte, ein einzelner Adliger
+mit 10000 Knechten, ungerechnet die Hörigen und die Schuldner, auf dem Landtage
+erscheinen konnte, so ist es einleuchtend, daß ein solcher mehr ein
+unabhängiger Dynast war als ein Bürger seines Clans. Es kam hinzu, daß die
+vornehmen Familien der verschiedenen Clans innig unter sich zusammenhingen und
+durch Zwischenheiraten und Sonderverträge gleichsam einen geschlossenen Bund
+bildeten, dem gegenüber der einzelne Clan ohnmächtig war. Darum vermochten die
+Gemeinden nicht länger den Landfrieden aufrecht zu halten und regierte
+durchgängig das Faustrecht. Schutz fand nur noch der hörige Mann bei seinem
+Herrn, den Pflicht und Interesse nötigten, die seinem Klienten zugefügte Unbill
+zu ahnden; die Freien zu beschirmen hatte der Staat die Gewalt nicht mehr,
+weshalb diese zahlreich sich als Hörige einem Mächtigen zu eigen gaben. Die
+Gemeindeversammlung verlor ihre politische Bedeutung; und auch das Fürstentum,
+das den Übergriffen des Adels hätte steuern sollen, erlag demselben bei den
+Kelten so gut wie in Latium. An die Stelle des Königs trat der
+&ldquo;Rechtswirker&rdquo; oder Vergobretus ^8, der wie der römische Konsul nur
+auf ein Jahr ernannt ward. Soweit der Gau überhaupt noch zusammenhielt, ward er
+durch den Gemeinderat geleitet, in dem natürlich die Häupter der Aristokratie
+die Regierung an sich rissen. Es versteht sich von selbst, daß unter solchen
+Verhältnissen es in den einzelnen Clans in ganz ähnlicher Weise gärte, wie es
+in Latium nach der Vertreibung der Könige Jahrhunderte lang gegärt hatte:
+während die Adelschaften der verschiedenen Gemeinden sich zu einem der
+Gemeindemacht feindlichen Sonderbündnis zusammentaten, hörte die Menge nicht
+auf, die Wiederherstellung des Königtums zu begehren, und versuchte nicht
+selten ein hervorragender Edelmann, wie Spurius Cassius in Rom getan, gestützt
+auf die Masse der Gauangehörigen, die Macht seiner Standesgenossen zu brechen
+und zu seinem Besten die Krone wieder in ihre Rechte einzusetzen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^7 Dies merkwürdige Wort muß schon im sechsten Jahrhundert Roms bei den Kelten
+im Potal gebräuchlich gewesen sein; denn bereits Ennius kennt es, und es kann
+nur von da her in so früher Zeit den Italikern zugekommen sein. Es ist dasselbe
+aber nicht bloß keltisch, sondern auch deutsch, die Wurzel unseres
+&ldquo;Amt&rdquo;; wie ja auch das Gefolgwesen selbst den Kelten und den
+Deutschen gemeinsam ist. Von großer geschichtlicher Wichtigkeit wäre es,
+auszumachen ob das Wort und also auch die Sache zu den Kelten von den Deutschen
+oder zu den Deutschen von den Kelten kam. Wenn, wie man gewöhnlich annimmt, das
+Wort ursprünglich deutsch ist und zunächst den in der Schlacht dem Herrn
+&ldquo;gegen den Rücken&rdquo; (and = gegen, bak = Rücken) stehenden Knecht
+bezeichnet, so ist dies mit dem auffallend frühen Vorkommen dieses Wortes bei
+den Kelten nicht gerade unvereinbar. Nach allen Analogien kann das Recht
+Ambakten, das ist δούλοι μισθωτοί, zu halten, dem keltischen Adel nicht von
+Haus aus zugestanden, sondern erst allmählich im Gegensatz zu dem älteren
+Königtum wie zu der Gleichheit der Gemeinfreien sich entwickelt haben. Wenn
+also das Ambaktentum bei den Kelten keine altnationale, sondern eine relativ
+junge Institution ist, so ist es auch, bei dem zwischen den Kelten und
+Deutschen Jahrhunderte lang bestehenden und weiterhin zu erörternden
+Verhältnis, nicht bloß möglich, sondern sogar wahrscheinlich, daß die Kelten,
+in Italien wie in Gallien, zu diesen gedungenen Waffenknechten hauptsächlich
+Deutsche nahmen. Die &ldquo;Schweizer&rdquo; würden also in diesem Falle um
+einige Jahrtausende älter sein, als man meint.
+</p>
+
+<p>
+Sollte die Benennung, womit, vielleicht nach dem Beispiel der Kelten, die Römer
+die Deutschen als Nation bezeichnen, der Name Germani wirklich keltischen
+Ursprungs sein, so steht dies damit, wie man sieht, im besten Einklang.
+</p>
+
+<p>
+Freilich werden diese Annahmen immer zurückstehen müssen, falls es gelingt, das
+Wort ambactus in befriedigender Weise aus keltischer Wurzel zu erklären; wie
+denn J. K. Zeuß (Grammatica celtica. Leipzig 1853, S. 796), wenngleich
+zweifelnd, dasselbe auf ambi = um und ag = agere, = Herumbeweger oder
+Herumbewegter, also Begleiter, Diener zurückführt. Daß das Wort auch als
+keltischer Eigenname vorkommt (Zeuß, S. 77) und vielleicht noch in dem
+cambrischen amaeth = Bauer, Arbeiter erhalten ist (Zeuß, S. 156), kann nach
+keiner Seite hin entscheiden.
+</p>
+
+<p>
+^8 Von den keltischen Wörtern guerg = Wirker und breth = Gericht.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wenn also die einzelnen Gaue unheilbar hinsiechten, so regte sich wohl daneben
+mächtig in der Nation das Gefühl der Einheit und suchte in mancherlei Weise
+Form und Halt zu gewinnen. Jenes Zusammenschließen des gesamten keltischen
+Adels im Gegensatz gegen die einzelnen Gauverbände zerrüttete zwar die
+bestehende Ordnung der Dinge, aber weckte und nährte doch auch die Vorstellung
+der Zusammengehörigkeit der Nation. Ebendahin wirkten die von außen her gegen
+die Nation gerichteten Angriffe und die fortwährende Schmälerung ihres Gebiets
+im Kriege mit den Nachbarn. Wie die Hellenen in den Kriegen gegen die Perser,
+die Italiker in denen gegen die cisalpinischen Kelten, so scheinen die
+transalpinischen Gallier in den Kriegen gegen Rom des Bestehens und der Macht
+der nationalen Einheit sich bewußt geworden zu sein. Unter dem Hader der
+rivalisierenden Clans und all jenem feudalistischen Gezänk machten doch auch
+die Stimmen derer sich bemerklich, die die Unabhängigkeit der Nation um den
+Preis der Selbständigkeit der einzelnen Gaue und selbst um den der
+ritterschaftlichen Herrenrechte zu erkaufen bereit waren. Wie durchweg populär
+die Opposition gegen die Fremdherrschaft war, bewiesen die Kriege Caesars, dem
+gegenüber die keltische Patriotenpartei eine ganz ähnliche Stellung hatte wie
+die deutschen Patrioten gegen Napoleon: für ihre Ausdehnung und ihre
+Organisation zeugt unter anderem die Telegraphengeschwindigkeit, mit der sie
+sich Nachrichten mitteilte.
+</p>
+
+<p>
+Die Allgemeinheit und die Mächtigkeit des keltischen Nationalbewußtseins würden
+unerklärlich sein, wenn nicht bei der größten politischen Zersplitterung die
+keltische Nation seit langem religiös und selbst theologisch zentralisiert
+gewesen wäre. Die keltische Priesterschaft oder, mit dem einheimischen Namen,
+die Korporation der Druiden umfaßte sicher die Britischen Inseln und ganz
+Gallien, vielleicht noch andere Keltenländer mit einem gemeinsamen
+religiös-nationalen Bande. Sie stand unter einem eigenen Haupte, das die
+Priester selber sich wählten, mit eigenen Schulen, in denen die sehr
+umfängliche Tradition fortgepflanzt ward, mit eigenen Privilegien, namentlich
+Befreiung von Steuer und Kriegsdienst, welche jeder Clan respektierte, mit
+jährlichen Konzilien, die bei Chartres im &ldquo;Mittelpunkt der keltischen
+Erde&rdquo; abgehalten wurden, und vor allen Dingen mit einer gläubigen
+Gemeinde, die an peinlicher Frömmigkeit und an blindem Gehorsam gegen ihre
+Priester den heutigen Iren nichts nachgegeben zu haben scheint. Es ist
+begreiflich, daß eine solche Priesterschaft auch das weltliche Regiment an sich
+zu reißen versuchte und teilweise an sich riß: sie leitete, wo das Jahrkönigtum
+bestand, im Fall eines Interregnums die Wahlen; sie nahm mit Erfolg das Recht
+in Anspruch, einzelne Männer und ganze Gemeinden von der religiösen und
+folgeweise auch der bürgerlichen Gemeinschaft auszuschließen; sie wußte die
+wichtigsten Zivilsachen, namentlich Grenz- und Erbschaftsprozesse an sich zu
+ziehen, sie entwickelte, gestützt wie es scheint auf ihr Recht, aus der
+Gemeinde auszuschließen, und vielleicht auch auf die Landesgewohnheit, daß zu
+den üblichen Menschenopfern vorzugsweise Verbrecher genommen wurden, eine
+ausgedehnte priesterliche Kriminalgerichtsbarkeit, die mit der der Könige und
+Vergobreten konkurrierte; sie nahm sogar die Entscheidung über Krieg und
+Frieden in Anspruch. Man war nicht fern von einem Kirchenstaat mit Papst und
+Konzilien, mit Immunitäten, Interdikten und geistlichen Gerichten; nur daß
+dieser Kirchenstaat nicht, wie der der Neuzeit, von den Nationen abstrahierte,
+sondern vielmehr vor allen Dingen national war.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn also das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den keltischen Stämmen
+mit voller Lebendigkeit erwacht war, so blieb es dennoch der Nation versagt, zu
+einem Haltpunkt politischer Zentralisation zu gelangen, wie ihn Italien an der
+römischen Bürgerschaft, Hellenen und Germanen an den makedonischen und
+fränkischen Königen fanden. Die keltische Priester- und ebenso die Adelschaft,
+obwohl beide in gewissem Sinn die Nation vertraten und verbanden, waren doch
+einerseits ihrer ständisch-partikularistischen Interessen wegen unfähig, sie zu
+einigen, andererseits mächtig genug, um keinem König und keinem Gau das Werk
+der Einigung zu gestatten. Ansätze zu demselben fehlen nicht; sie gingen, wie
+die Gauverfassung es an die Hand gab, den Weg des Hegemoniesystems. Der
+mächtige Kanton bestimmte den schwächeren, sich ihm in der Art unterzuordnen,
+daß die führende Gemeinde nach außen die andere mitvertrat und in
+Staatsverträgen für sie mitstipulierte, der Klientelgau dagegen sich zur
+Heeresfolge, auch wohl zur Erlegung eines Tributs verpflichtete. Auf diesem
+Wege entstanden eine Reihe von Sonderbünden: einen führenden Gau für das ganze
+Keltenland, einen wenn auch noch so losen Verband der gesamten Nation gab es
+nicht. Es ward bereits erwähnt, daß die Römer bei dem Beginn ihrer
+transalpinischen Eroberungen dort im Norden einen britisch-belgischen Bund
+unter Führung der Suessionen, im mittleren und südlichen Gallien die
+Arvernerkonföderation vorfanden, mit welcher letzteren die Häduer mit ihrer
+schwächeren Klientel rivalisierten. In Caesars Zeit finden wir die Belgen im
+nordöstlichen Gallien zwischen Seine und Rhein noch in einer solchen
+Gemeinschaft, die sich indes wie es scheint auf Britannien nicht mehr
+erstreckt; neben ihnen erscheint in der heutigen Normandie und Bretagne der
+Bund der aremorikanischen, das heißt der Seegaue; im mittleren oder dem
+eigentlichen Gallien ringen wie ehemals zwei Parteien um die Hegemonie, an
+deren Spitze einerseits die Häduer stehen, andererseits, nachdem die Arverner,
+durch die Kriege mit Rom geschwächt, zurückgetreten waren, die Sequaner. Diese
+verschiedenen Eidgenossenschaften standen unabhängig nebeneinander; die
+führenden Staaten des mittleren Gallien scheinen ihre Klientel nie auf das
+nordöstliche und ernstlich wohl auch nicht auf den Nordwesten Galliens
+erstreckt zu haben. Der Freiheitsdrang der Nation fand in diesen Gauverbänden
+eine gewisse Befriedigung; aber sie waren doch in jeder Hinsicht ungenügend.
+Die Verbindung war von der lockersten, beständig zwischen Allianz und Hegemonie
+schwankenden Art, die Repräsentation der Gesamtheit im Frieden durch die
+Bundestage, im Kriege durch den Herzog ^9 im höchsten Grade schwächlich. Nur
+die belgische Eidgenossenschaft scheint etwas fester zusammengehalten zu haben;
+der nationale Aufschwung, aus dem die glückliche Abwehr der Kimbrer hervorging,
+mag ihr zugute gekommen sein. Die Rivalitäten um die Hegemonie machten einen
+Riß in jeden einzelnen Bund, den die Zeit nicht schloß, sondern erweiterte,
+weil selbst der Sieg des einen Nebenbuhlers dem Gegner die politische Existenz
+ließ und demselben, auch wenn er in die Klientel sich gefügt hatte, immer
+gestattet blieb, den Kampf späterhin zu erneuern. Der Wettstreit der
+mächtigeren Gaue entzweite nicht bloß diese, sondern in jedem abhängigen Clan,
+in jedem Dorfe, ja oft in jedem Hause setzte er sich fort, indem jeder einzelne
+nach seinen persönlichen Verhältnissen Partei ergriff. Wie Hellas sich aufrieb
+nicht so sehr in dem Kampfe Athens gegen Sparta als in dem inneren Zwist
+athenischer und lakedämonischer Faktionen in jeder abhängigen Gemeinde, ja in
+Athen selbst: so hat auch die Rivalität der Arverner und Häduer mit ihren
+Wiederholungen in kleinem und immer kleinerem Maßstab das Kelterwolk
+vernichtet.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^9 Welche Stellung ein solcher Bundesfeldherr seinen Leuten gegenüber einnahm,
+zeigt die gegen Vercingetorix erhobene Anklage auf Landesverrat (Caes. Gall. 7,
+20).
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die Wehrhaftigkeit der Nation empfand den Rückschlag dieser politischen und
+sozialen Verhältnisse. Die Reiterei war durchaus die vorwiegende Waffe, woneben
+bei den Belgen und mehr noch auf den Britischen Inseln die altnationalen
+Streitwagen in bemerkenswerter Vervollkommnung erscheinen. Diese ebenso
+zahlreichen wie tüchtigen Reiter- und Wagenkämpferscharen wurden gebildet aus
+dem Adel und dessen Mannen, der denn auch echt ritterlich an Hunden und Pferden
+seine Lust hatte und es sich viel kosten ließ, edle Rosse ausländischer Rasse
+zu reiten. Für den Geist und die Kampfweise dieser Edelleute ist es
+bezeichnend, daß, wenn das Aufgebot erging, wer irgend von ihnen sich zu Pferde
+halten konnte, selbst der hochbejahrte Greis mit aufsaß, und daß sie, im
+Begriff mit einem gering geschätzten Feinde ein Gefecht zu beginnen, Mann für
+Mann schwuren, Haus und Hof meiden zu wollen, wenn ihre Schar nicht wenigstens
+zweimal durch die feindliche Linie setzen werde. Unter den gedungenen Mannen
+herrschte das Lanzknechttum mit all seiner entsittlichten und entgeistigten
+Gleichgültigkeit gegen fremdes und eigenes Leben - das zeigen die Erzählungen,
+wie anekdotenhaft sie auch gefärbt sind, von der keltischen Sitte, beim
+Gastmahl zum Scherz zu rapieren und gelegentlich auf Leben und Tod zu fechten;
+von dem dort herrschenden, selbst die römischen Fechterspiele noch
+überbietenden Gebrauch, sich gegen eine bestimmte Geldsumme oder eine Anzahl
+Fässer Wein zum Schlachten zu verkaufen und vor den Augen der ganzen Menge auf
+dem Schilde hingestreckt den Todesstreich freiwillig hinzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Neben diesen Reisigen trat das Fußvolk in den Hintergrund. In der Hauptsache
+glich es wesentlich noch den Keltenscharen, mit denen die Römer in Italien und
+Spanien gefochten hatten. Der große Schild war wie damals die hauptsächlichste
+Wehr; unter den Waffen spielte dagegen statt des Schwertes jetzt die lange
+Stoßlanze die erste Rolle. Wo mehrere Gaue verbündet Krieg führten, lagerte und
+stritt natürlich Clan gegen Clan; es findet sich keine Spur, daß man das
+Aufgebot des einzelnen Gaues militärisch gegliedert und kleinere und
+regelrechtere taktische Abteilungen gebildet hätte. Noch immer schleppte ein
+langer Wagentroß dem Keltenheer das Gepäck nach; anstatt des verschanzten
+Lagers, wie es die Römer allabendlich schlugen, diente noch immer das dürftige
+Surrogat der Wagenburg. Von einzelnen Gauen, wie zum Beispiel den Nerviern,
+wird ausnahmsweise die Tüchtigkeit ihres Fußvolks hervorgehoben; bemerkenswert
+ist es, daß eben diese keine Ritterschaft hatten und vielleicht sogar kein
+keltischer, sondern ein eingewanderter deutscher Stamm waren. Im allgemeinen
+aber erscheint das keltische Fußvolk dieser Zeit als ein unkriegerischer und
+schwerfälliger Landsturm; am meisten in den südlicheren Landschaften, wo mit
+der Rohen auch die Tapferkeit geschwunden war. Der Kelte, sagt Caesar, wagt es
+nicht, dem Germanen im Kampfe ins Auge zu sehen; noch schärfer als durch dieses
+Urteil kritisierte der römische Feldherr die keltische Infanterie dadurch, daß,
+nachdem er sie in seinem ersten Feldzug kennengelernt hatte, er sie nie wieder
+in Verbindung mit der römischen verwandt hat.
+</p>
+
+<p>
+Überblicken wir den Gesamtzustand der Kelten, wie ihn Caesar in den
+transalpinischen Landschaften vorfand, so ist, verglichen mit der Kulturstufe,
+auf der anderthalb Jahrhunderte zuvor die Kelten im Potal uns entgegentraten,
+ein Fortschritt in der Zivilisation unverkennbar. Damals überwog in den Heeren
+durchaus die in ihrer Art vortreffliche Landwehr (I, 340); jetzt nimmt die
+Ritterschaft den ersten Platz ein. Damals wohnten die Kelten in offenen
+Flecken; jetzt umgaben ihre Ortschaften wohlgefügte Mauern. Auch die
+lombardischen Gräberfunde stehen, namentlich in dem Kupfer- und Glasgerät, weit
+zurück hinter denen des nördlichen Keltenlandes. Vielleicht der zuverlässigste
+Messer der steigenden Kultur ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Nation;
+sowenig davon in den auf dem Boden der heutigen Lombardei geschlagenen
+Keltenkämpfen zu Tage tritt, so lebendig erscheint es in den Kämpfen gegen
+Caesar. Allem Anschein nach hatte die keltische Nation, als Caesar ihr
+gegenübertrat, das Maximum der ihr beschiedenen Kultur bereits erreicht und war
+schon wieder im Sinken. Die Zivilisation der transalpinischen Kelten in der
+caesarischen Zeit bietet selbst für uns, die wir nur sehr unvollkommen über sie
+berichtet sind, manche achtbare und noch mehr interessante Seite; in mehr als
+einer Hinsicht schließt sie sich enger der modernen an als der
+hellenisch-römischen, mit ihren Segelschiffen, ihrem Rittertum, ihrer
+Kirchenverfassung, vor allen Dingen mit ihren, wenn auch unvollkommenen
+Versuchen, den Staat nicht auf die Stadt, sondern auf den Stamm und in höherer
+Potenz auf die Nation zu bauen. Aber ebendarum, weil wir hier der keltischen
+Nation auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung begegnen, tritt um so bestimmter
+ihre mindere sittliche Begabung oder, was dasselbe ist, ihre mindere
+Kulturfähigkeit hervor. Sie vermochte aus sich weder eine nationale Kunst noch
+einen nationalen Staat zu erzeugen und brachte es höchstens zu einer nationalen
+Theologie und einem eigenen Adeltum. Die ursprüngliche naive Tapferkeit war
+nicht mehr; der auf höhere Sittlichkeit und zweckmäßige Ordnungen gestützte
+militärische Mut, wie er im Gefolge der gesteigerten Zivilisation eintritt,
+hatte nur in sehr verkümmerter Gestalt sich eingestellt in dem Rittertum. Wohl
+war die eigentliche Barbarei überwunden; die Zeiten waren nicht mehr, wo im
+Keltenland das fette Hüftstück dem tapfersten der Gäste zugeteilt ward, aber
+jedem der Mitgeladenen, der sich dadurch verletzt erachtete, freistand, den
+Empfänger deswegen zum Kampfe zu fordern, und wo man mit dem verstorbenen
+Häuptling seine treuesten Gefolgsmänner verbrannte. Aber doch dauerten die
+Menschenopfer noch fort, und der Rechtssatz, daß die Folterung des freien
+Mannes unzulässig, aber die der freien Frau erlaubt sei so gut wie die
+Folterung des Sklaven, wirft ein unerfreuliches Licht auf die Stellung, die das
+weibliche Geschlecht bei den Kelten auch noch in ihrer Kulturzeit einnahm. Die
+Vorzüge, die der primitiven Epoche der Nationen eigen sind, hatten die Kelten
+eingebüßt, aber diejenigen nicht erworben, die die Gesittung dann mit sich
+bringt, wenn sie ein Volk innerlich und völlig durchdringt.
+</p>
+
+<p>
+Also war die keltische Nation in ihren inneren Zuständen beschaffen. Es bleibt
+noch übrig, ihre äußeren Beziehungen zu den Nachbarn darzustellen und zu
+schildern, welche Rolle sie in diesem Augenblick einnahmen in dem gewaltigen
+Wettlauf und Wettkampf der Nationen, in dem das Behaupten sich überall noch
+schwieriger erweist als das Erringen. An den Pyrenäen hatten die Verhältnisse
+der Völker längst sich friedlich geordnet und waren die Zeiten längst vorbei,
+wo die Kelten hier die iberische, das heißt baskische Urbevölkerung bedrängten
+und zum Teil verdrängten. Die Täler der Pyrenäen wie die Gebirge Bearns und der
+Gascogne und ebenso die Küstensteppen südlich von der Garonne standen zu
+Caesars Zeit im unangefochtenen Besitz der Aquitaner, einer großen Anzahl
+kleiner, wenig unter sich und noch weniger mit dem Ausland sich berührender
+Völkerschaften iberischer Abstammung; hier war nur die Garonnemündung selbst
+mit dem wichtigen Hafen Burdigala (Bordeaux) in den Händen eines keltischen
+Stammes, der Bituriger-Vivisker.
+</p>
+
+<p>
+Von weit größerer Bedeutung waren die Berührungen der keltischen Nation mit dem
+Römervolk und mit den Deutschen. Es soll hier nicht wiederholt werden, was
+früher erzählt worden ist, wie die Römer in langsamem Vordringen die Kelten
+allmählich zurückgedrückt, zuletzt auch den Küstensaum zwischen den Alpen und
+den Pyrenäen besetzt und sie dadurch von Italien, Spanien und dem
+Mittelländischen Meer gänzlich abgeschnitten hatten, nachdem bereits
+Jahrhunderte zuvor durch die Anlage der hellenischen Zwingburg an der
+Rhonemündung diese Katastrophe vorbereitet worden war; daran aber müssen wir
+hier wieder erinnern, daß nicht bloß die Überlegenheit der römischen Waffen die
+Kelten bedrängte, sondern ebensosehr die der römischen Kultur, der die
+ansehnlichen Anfänge der hellenischen Zivilisation im Keltenlande ebenfalls in
+letzter Instanz zugute kamen. Auch hier bahnten Handel und Verkehr wie so oft
+der Eroberung den Weg. Der Kelte liebte nach nordischer Weise feurige Getränke;
+daß er den edlen Wein wie der Skythe unvermischt und bis zum Rausche trank,
+erregte die Verwunderung und den Ekel des mäßigen Südländers, aber der Händler
+verkehrt nicht ungern mit solchen Kunden. Bald ward der Handel nach dem
+Keltenland eine Goldgrube für den italischen Kaufmann; es war nichts Seltenes,
+daß daselbst ein Krug Wein um einen Sklaven getauscht ward. Auch andere
+Luxusartikel, wie zum Beispiel italische Pferde, fanden in dem Keltenland
+vorteilhaften Absatz. Es kam sogar bereits vor, daß römische Bürger jenseits
+der römischen Grenze Grundbesitz erwarben und denselben nach italischer Art
+nutzten, wie denn zum Beispiel römische Landgüter im Kanton der Segusiaver (bei
+Lyon) schon um 673 (81) erwähnt werden. Ohne Zweifel ist es hiervon eine Folge,
+daß, wie schon gesagt ward, selbst in dem freien Gallien, zum Beispiel bei den
+Arvernern, die römische Sprache schon vor der Eroberung nicht unbekannt war;
+obwohl sich freilich diese Kunde vermutlich noch auf wenige beschränkte und
+selbst mit den Vornehmen des verbündeten Gaues der Häduer durch Dolmetscher
+verkehrt werden mußte. So gut wie die Händler mit Feuerwasser und die Squatters
+die Besetzung Nordamerikas einleiteten, so wiesen und winkten diese römischen
+Weinhändler und Gutsbesitzer den künftigen Eroberer Galliens heran. Wie lebhaft
+man auch auf der entgegengesetzten Seite dies empfand, zeigt das Verbot, das
+einer der tüchtigsten Stämme des Keltenlandes, der Gau der Nervier, gleich
+einzelnen deutschen Völkerschaften, gegen den Handelsverkehr mit den Römern
+erließ.
+</p>
+
+<p>
+Ungestümer noch als vom Mittelländischen Meere die Römer, drängten vom
+Baltischen und der Nordsee herab die Deutschen, ein frischer Stamm aus der
+großen Völkerwiege des Ostens, der sich Platz machte neben seinen älteren
+Brüdern mit jugendlicher Kraft, freilich auch mit jugendlicher Roheit. Wenn
+auch die nächst am Rhein wohnenden Völkerschaften dieses Stammes, die Usipeten,
+Tencterer, Sugambrer, Ubier, sich einigermaßen zu zivilisieren angefangen und
+wenigstens aufgehört hatten, freiwillig ihre Sitze zu wechseln, so stimmen doch
+alle Nachrichten dahin zusammen, daß weiter landeinwärts der Ackerbau wenig
+bedeutete und die einzelnen Stämme kaum noch zu festen Sitzen gelangt waren. Es
+ist bezeichnend dafür, daß die westlichen Nachbarn in dieser Zeit kaum eines
+der Völker des inneren Deutschlands seinem Gaunamen nach zu nennen wußten,
+sondern dieselben ihnen nur bekannt sind unter den allgemeinen Bezeichnungen
+der Sueben, das ist der schweifenden Leute, der Nomaden, und der Markomannen,
+das ist der Landwehr ^10 - Namen, die in Caesars Zeit schwerlich schon Gaunamen
+waren, obwohl sie den Römern als solche erschienen und später auch vielfach
+Gaunamen geworden sind. Der gewaltigste Andrang dieser großen Nation traf die
+Kelten. Die Kämpfe, die die Deutschen um den Besitz der Landschaften östlich
+vom Rheine mit den Kelten geführt haben mögen, entziehen sich vollständig
+unseren Blicken. Wir vermögen nur zu erkennen, daß um das Ende des siebenten
+Jahrhunderts Roms schon alles Land bis zum Rhein den Kelten verloren war, die
+Boier, die einst in Bayern und Böhmen gesessen haben mochten, heimatlos
+herumirrten und selbst der ehemals von den Helvetiern besessene Schwarzwald
+wenn auch noch nicht von den nächstwohnenden deutschen Stämmen in Besitz
+genommen, doch wenigstens wüstes Grenzstreitland war - vermutlich schon damals
+das, was es später hieß: die helvetische Einöde. Die barbarische Strategik der
+Deutschen, durch meilenweite Wüstlegung der Nachbarschaft sich vor feindlichen
+Überfällen zu sichern, scheint hier im größten Maßstab Anwendung gefunden zu
+haben.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^10 So sind Caesars Sueben wahrscheinlich die Chatten; aber dieselbe Benennung
+kam sicher zu Caesars Zeit und noch viel später auch jedem anderen deutschen
+Stamme zu, der als ein regelmäßig wandernder bezeichnet werden konnte. Wenn
+also auch, wie nicht zu bezweifeln, der &ldquo;König der Sueben&rdquo; bei Mela
+(3, 1) und Plinius (nat. 2, 67, 170) Ariovist ist, so folgt darum noch
+keineswegs, daß Ariovist ein Chatte war. Die Markomannen als ein bestimmtes
+Volk lassen sich vor Marbod nicht nachweisen; es ist sehr möglich, daß das Wort
+bis dahin nichts bezeichnet als was es etymologisch bedeutet, die Land- oder
+Grenzwehr. Wenn Caesar (Galt. 1, 51) unter den im Heere Ariovists fechtenden
+Völkern Markomannen erwähnt, so kann er auch hier eine bloß appellative
+Bezeichnung ebenso mißverstanden haben, wie dies bei den Sueben entschieden der
+Fall ist.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Aber die Deutschen waren nicht stehen geblieben am Rheine. Der seinem Kern nach
+aus deutschen Stämmen zusammengesetzte Heereszug der Kimbrer und Teutonen, der
+fünfzig Jahre zuvor über Pannonien, Gallien, Italien und Spanien so gewaltig
+hingebraust war, schien nichts gewesen zu sein als eine großartige
+Rekognoszierung. Schon hatten westlich vom Rhein, namentlich dem untern Lauf
+desselben, verschiedene deutsche Stämme bleibende Sitze gefunden: als Eroberer
+eingedrungen, fuhren diese Ansiedler fort, von ihren gallischen Umwohnern
+gleich wie von Untertanen Geiseln einzufordern und jährlichen Tribut zu
+erheben. Dahin gehörten die Aduatuker, die aus einem Splitter der Kimbrermasse
+zu einem ansehnlichen Gau geworden waren, und eine Anzahl anderer, später unter
+dem Namen der Tungrer zusammengefaßter Völkerschaften an der Maas in der Gegend
+von Lüttich; sogar die Treverer (um Trier) und die Nervier (im Hennegau), zwei
+der größten und mächtigsten Völkerschaften dieser Gegend, bezeichnen achtbare
+Autoritäten geradezu als Germanen. Die vollständige Glaubwürdigkeit dieser
+Berichte muß allerdings dahingestellt bleiben, da es, wie Tacitus in Beziehung
+auf die zuletzt erwähnten beiden Völker bemerkt, späterhin wenigstens in diesen
+Strichen für eine Ehre galt, von deutschem Blute abzustammen und nicht zu der
+gering geachteten keltischen Nation zu gehören: doch scheint die Bevölkerung in
+dem Gebiet der Schelde, Maas und Mosel allerdings in der einen oder andern
+Weise sich stark mit deutschen Elementen gemischt oder doch unter deutschen
+Einflüssen gestanden zu haben. Die deutschen Ansiedlungen selbst waren
+vielleicht geringfügig; unbedeutend waren sie nicht, denn in dem chaotischen
+Dunkel, in dem wir um diese Zeit die Völkerschaften am rechten Rheinufer auf-
+und niederwogen sehen, läßt sich doch wohl erkennen, daß größere deutsche
+Massen auf der Spur jener Vorposten sich anschickten, den Rhein zu
+überschreiten. Von zwei Seiten durch die Fremdherrschaft bedroht und in sich
+zerrissen, war es kaum zu erwarten, daß die unglückliche keltische Nation sich
+jetzt noch emporraffen und mit eigener Kraft sich erretten werde. Die
+Zersplitterung und der Untergang in der Zersplitterung war bisher ihre
+Geschichte; wie sollte eine Nation, die keinen Tag nannte gleich denen von
+Marathon und Salamis, von Aricia und dem Raudischen Felde, eine Nation, die
+selbst in ihrer frischen Zeit keinen Versuch gemacht hatte, Massalia mit
+gesamter Hand zu vernichten, jetzt, da es Abend ward, so furchtbarer Feinde
+sich erwehren?
+</p>
+
+<p>
+Je weniger die Kelten, sich selbst überlassen, den Germanen gewachsen waren,
+desto mehr Ursache hatten die Römer, die zwischen den beiden Nationen
+obwaltenden Verwicklungen sorgsam zu überwachen. Wenn auch die daraus
+entspringenden Bewegungen sie bis jetzt nicht unmittelbar berührt hatten, so
+waren sie doch bei dem Ausgang derselben mit ihren wichtigsten Interessen
+beteiligt. Begreiflicherweise hatte die innere Haltung der keltischen Nation
+sich mit ihren auswärtigen Beziehungen rasch und nachhaltig verflochten. Wie in
+Griechenland die lakedämonische Partei sich gegen die Athener mit Persien
+verband, so hatten die Römer von ihrem ersten Auftreten jenseits der Alpen an
+gegen die Arverner, die damals unter den südlichen Kelten die führende Macht
+waren, an deren Nebenbuhlern um die Hegemonie, den Häduern, eine Stütze
+gefunden und mit Hilfe dieser neuen &ldquo;Brüder der römischen Nation&rdquo;
+nicht bloß die Allobrogen und einen großen Teil des mittelbaren Gebiets der
+Arverner sich untertänig gemacht, sondern auch in dem freigebliebenen Gallien
+durch ihren Einfluß den Übergang der Hegemonie von den Arvernern auf diese
+Häduer veranlaßt. Allein wenn den Griechen nur von einer Seite her für ihre
+Nationalität Gefahr drohte, so sahen sich die Kelten zugleich von zwei
+Landesfeinden bedrängt, und es war natürlich, daß man bei dem einen vor dem
+anderen Schutz suchte und daß, wenn die eine Keltenpartei sich den Römern
+anschloß, ihre Gegner dagegen mit den Deutschen Bündnis machten. Am nächsten
+lag dies den Belgen, die durch Nachbarschaft und vielfältige Mischung den
+überrheinischen Deutschen genähert waren und überdies bei ihrer minder
+entwickelten Kultur sich dem stammfremden Sueben wenigstens ebenso verwandt
+fühlen mochten als dem gebildeten allobrogischen oder helvetischen Landsmann.
+Aber auch die südlichen Kelten, bei welchen jetzt, wie schon gesagt, der
+ansehnliche Gau der Sequaner (um Besançon) an der Spitze der den Römern
+feindlichen Partei stand, hatten alle Ursache, gegen die sie zunächst
+bedrohenden Römer ebenjetzt die Deutschen herbeizurufen; das lässige Regiment
+des Senats und die Anzeichen der in Rom sich vorbereitenden Revolution, die den
+Kelten nicht unbekannt geblieben waren, ließen gerade diesen Moment als
+geeignet erscheinen, um des römischen Einflusses sich zu entledigen und
+zunächst deren Klienten, die Häduer, zu demütigen. Über die Zölle auf der
+Saône, die das Gebiet der Häduer von dem der Sequaner schied, war es zwischen
+den beiden Gauen zum Bruch gekommen und um das Jahr 683 (71) hatte der deutsche
+Fürst Ariovist mit etwa 15000 Bewaffneten als Condottiere der Sequaner den
+Rhein überschritten. Der Krieg zog manches Jahr unter wechselnden Erfolgen sich
+hin; im ganzen waren die Ergebnisse den Häduern ungünstig. Ihr Führer
+Eporedorix bot endlich die ganze Klientel auf und zog mit ungeheurer Übermacht
+aus gegen die Germanen. Diese verweigerten beharrlich den Kampf und hielten
+sich gedeckt in Sümpfen und Wäldern. Als aber dann die Clans, des Harrens müde,
+anfingen aufzubrechen und sich aufzulösen, erschienen die Deutschen in freiem
+Felde und nun erzwang bei Admagetobriga Ariovist die Schlacht, in der die Blüte
+der Ritterschaft der Häduer auf dem Kampfplatze blieb. Die Häduer, durch diese
+Niederlage gezwungen, auf die Bedingungen, wie der Sieger sie stellte, Frieden
+zu schließen, mußten auf die Hegemonie verzichten und mit ihrem ganzen Anhang
+in die Klientel der Sequaner sich fügen, auch sich anheischig machen, den
+Sequanern oder vielmehr dem Ariovist Tribut zu zahlen und die Kinder ihrer
+vornehmsten Adligen als Geiseln zu stellen, endlich eidlich versprechen, weder
+diese Geiseln je zurückzufordern noch die Intervention der Römer anzurufen.
+Dieser Friede ward, wie es scheint, um 693 (61) geschlossen ^11. Ehre und
+Vorteil geboten den Römern, dagegen aufzutreten; der vornehme Häduer
+Divitiacus, das Haupt der römischen Partei in seinem Clan und darum jetzt von
+seinen Landsleuten verbannt, ging persönlich nach Rom, um ihre Dazwischenkunft
+zu erbitten; eine noch ernstere Warnung war der Aufstand der Allobrogen 693
+(61), der Nachbarn der Sequaner, welcher ohne Zweifel mit diesen Ereignissen
+zusammenhing. In der Tat ergingen Befehle an die gallischen Statthalter, den
+Häduern beizustehen; man sprach davon, Konsuln und konsularische Armeen über
+die Alpen zu senden; allein der Senat, an den diese Angelegenheiten zunächst
+zur Entscheidung kamen, krönte schließlich auch hier große Worte mit kleinen
+Taten: die allobrogische Insurrektion ward mit den Waffen unterdrückt, für die
+Häduer aber geschah nicht nur nichts, sondern es ward sogar Ariovist im Jahre
+695 (59) in das Verzeichnis der den Römern befreundeten Könige eingeschrieben
+^12. Der deutsche Kriegsfürst nahm dies begreiflicherweise als Verzicht der
+Römer auf das nicht von ihnen eingenommene Keltenland; er richtete demgemäß
+sich hier häuslich ein und fing an, auf gallischem Boden ein deutsches
+Fürstentum zu begründen. Die zahlreichen Haufen, die er mitgebracht hatte, die
+noch zahlreicheren, die auf seinen Ruf später aus der Heimat nachkamen - man
+rechnete, daß bis zum Jahre 696 (58) etwa 120000 Deutsche den Rhein
+überschritten -, diese ganze gewaltige Einwanderung der deutschen Nation,
+welche durch die einmal geöffneten Schleusen stromweise über den schönen Westen
+sich ergoß, gedachte er daselbst ansässig zu machen und auf dieser Grundlage
+seine Herrschaft über das Keltenland aufzubauen. Der Umfang der von ihm am
+linken Rheinufer ins Leben gerufenen deutschen Ansiedlungen läßt sich nicht
+bestimmen; ohne Zweifel reichte er weit und noch viel weiter seine Entwürfe.
+Die Kelten wurden von ihm als eine im ganzen unterworfene Nation behandelt und
+zwischen den einzelnen Gauen kein Unterschied gemacht. Selbst die Sequaner, als
+deren gedungener Feldhauptmann er den Rhein überschritten hatte, mußten
+dennoch, als wären auch sie besiegte Feinde, ihm für seine Leute ein Drittel
+ihrer Mark abtreten - vermutlich den später von den Tribokern bewohnten oberen
+Elsaß, wo Ariovist sich mit den Seinigen auf die Dauer einrichtete; ja als sei
+dies nicht genug, ward ihnen nachher für die nachgekommenen Haruder noch ein
+zweites Drittel abverlangt. Ariovist schien im Keltenland die Rolle des
+makedonischen Philipp übernehmen und über die germanisch gesinnten Kelten nicht
+minder wie über die den Römern anhängenden den Herrn spielen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^11 Ariovists Ankunft in Gallien ist nach Caesar (Gall. 1, 36) auf 683 (71),
+die Schlacht von Admagetobriga (denn so heißt der einer falschen Inschrift
+zuliebe jetzt gewöhnlich Magetobriga genannte Ort) nach Caesar (Gall. 1, 35)
+und Cicero (Art. 1, 19) auf 693 (61) gesetzt worden.
+</p>
+
+<p>
+^12 Um diesen Hergang der Dinge nicht unglaublich zu finden oder demselben gar
+tiefere Motive unterzulegen, als staatsmännische Unwissenheit und Faulheit
+sind, wird man wohltun, den leichtfertigen Ton sich zu vergegenwärtigen, in dem
+ein angesehener Senator wie Cicero in seiner Korrespondenz sich über diese
+wichtigen transalpinischen Angelegenheiten ausläßt.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Das Auftreten des kräftigen deutschen Fürsten in einer so gefährlichen Nähe,
+das schon an sich die ernstesten Besorgnisse der Römer erwecken mußte, erschien
+noch bedrohlicher insofern, als dasselbe keineswegs vereinzelt stand. Auch die
+am rechten Rheinufer ansässigen Usipeten und Tencterer waren, der
+unaufhörlichen Verheerung ihres Gebiets durch die übermütigen Suebenstämme
+müde, das Jahr bevor Caesar in Gallien eintraf (695 59) aus ihren bisherigen
+Sitzen aufgebrochen, um sich andere an der Rheinmündung zu suchen. Schon hatten
+sie dort den Menapiern den auf dem rechten Ufer belegenen Teil ihres Gebiets
+weggenommen, und es war vorherzusehen, daß sie den Versuch machen würden, auch
+auf dem linken sich festzusetzen. Zwischen Köln und Mainz sammelten ferner sich
+suebische Haufen und drohten in dem gegenüberliegenden Keltengau der Treverer
+als ungeladene Gäste zu erscheinen. Endlich ward auch das Gebiet des
+östlichsten Clans der Kelten, der streitbaren und zahlreichen Helvetier, immer
+nachdrücklicher von den Germanen heimgesucht, so daß die Helvetier, die
+vielleicht schon ohnehin durch das Zurückströmen ihrer Ansiedler aus dem
+verlorenen Gebiet nordwärts vom Rheine an Überbevölkerung litten, überdies
+durch die Festsetzung Ariovists im Gebiet der Sequaner, einer völligen
+Isolierung von ihren Stammgenossen entgegengingen, den verzweifelten Entschluß
+faßten, ihr bisheriges Gebiet freiwillig den Germanen zu räumen und westlich
+vom Jura geräumigere und fruchtbarere Sitze und zugleich womöglich die
+Hegemanie im inneren Gallien zu gewinnen - ein Plan, den schon während der
+kimbrischen Invasion einige ihrer Distrikte gefaßt und auszuführen versucht
+hatten. Die Rauraker, deren Gebiet (Basel und der südliche Elsaß) in ähnlicher
+Weise bedroht war, ferner die Reste der Boier, die bereits früher von den
+Germanen gezwungen waren, ihrer Heimat den Rücken zu kehren, und nun unstet
+umherirrten, und andere kleinere Stämme machten mit den Helvetiern
+gemeinschaftliche Sache. Bereits 693 (61) kamen ihre Streiftrupps über den Jura
+und selbst bis in die römische Provinz; der Aufbruch selbst konnte nicht mehr
+lange sich verzögern; unvermeidlich rückten alsdann germanische Ansiedler nach
+in die von ihren Verteidigern verlassene wichtige Landschaft zwischen dem
+Boden- und dem Genfersee. Von den Rheinquellen bis zum Atlantischen Ozean waren
+die deutschen Stämme in Bewegung, die ganze Rheinlinie von ihnen bedroht; es
+war ein Moment wie da die Alamannen und Franken sich über das sinkende Reich
+der Caesaren warfen, und jetzt gleich schien gegen die Kelten ebendas ins Werk
+gesetzt werden zu sollen, was ein halbes Jahrtausend später gegen die Römer
+gelang.
+</p>
+
+<p>
+Unter diesen Verhältnissen traf der neue Statthalter Gaius Caesar im Frühling
+696 (58) in dem Narbonensischen Gallien ein, das zu seiner ursprünglichen, das
+Diesseitige Gallien nebst Istrien und Dalmatien umfassenden Statthalterschaft
+durch Senatsbeschluß hinzugefügt worden war. Sein Amt, das ihm zuerst auf fünf
+(bis Ende 700 54), dann im Jahre 699 (55) auf weitere fünf Jahre (bis Ende 705
+49) übertragen ward, gab ihm das Recht, zehn Unterbefehlshaber von
+proprätorischem Rang zu ernennen, und - wenigstens nach seiner Auslegung - aus
+der besonders im Diesseitigen Gallien zahlreichen Bürgerbevölkerung des ihm
+gehorchenden Gebiets nach Gutdünken seine Legionen zu ergänzen oder auch neue
+zu bilden. Das Heer, das er in den beiden Provinzen übernahm, bestand an
+Linienfußvolk aus vier geschulten und kriegsgewohnten Legionen, der siebenten,
+achten, neunten und zehnten, oder höchstens 24000 Mann, wozu dann, wie üblich,
+die Untertanenkontingente hinzutraten. Reiterei und Leichtbewaffnete waren
+außerdem vertreten durch Reiter aus Spanien und numidische, kretische,
+balearische Schützen und Schleuderer. Caesars Stab, die Elite der
+hauptstädtischen Demokratie, enthielt neben nicht wenigen unbrauchbaren,
+vornehmen jungen Männern einzelne fähige Offiziere, wie Publius Crassus, den
+jüngeren Sohn des alten politischen Bundesgenossen Caesars, und Titus Labienus,
+der dem Haupt der Demokratie als treuer Adjutant vom Forum auf das Schlachtfeld
+gefolgt war. Bestimmte Aufträge hatte Caesar nicht erhalten; für den
+Einsichtigen und Mutigen lagen sie in den Verhältnissen. Auch hier war
+nachzuholen, was der Senat versäumt hatte, und vor allen Dingen der Strom der
+deutschen Völkerwanderung zu hemmen. Ebenjetzt begann die mit der deutschen eng
+verflochtene und seit langen Jahren vorbereitete helvetische Invasion. Um die
+verlassenen Hütten nicht den Germanen zu gönnen, und um sich selber die
+Rückkehr unmöglich zu machen, hatten die Helvetier ihre Städte und Weiler
+niedergebrannt, und ihre langen Wagenzüge, mit Weibern, Kindern und dem besten
+Teil der Fahrnis beladen, trafen von allen Seiten her am Leman bei Genava
+(Genf) ein, wo sie und ihre Genossen sich zum 28. März ^13 dieses Jahres
+Rendezvous gegeben hatten. Nach ihrer eigenen Zählung bestand die gesamte Masse
+aus 368000 Köpfen, wovon etwa der vierte Teil imstande war, die Waffen zu
+tragen. Das Juragebirge, das vom Rhein bis zur Rhone sich erstreckend die
+helvetische Landschaft gegen Westen fast vollständig abschloß und dessen
+schmale Defileen für den Durchzug einer solchen Karawane ebenso schlecht
+geeignet waren wie gut für die Verteidigung, hatten darum die Führer
+beschlossen, in südlicher Richtung zu umgehen und den Weg nach Westen sich da
+zu eröffnen, wo zwischen dem südwestlichen und höchsten Teil des Jura und den
+savoyischen Bergen bei dem heutigen Fort de l&rsquo;Ecluse die Rhone die
+Gebirgsketten durchbrochen hat. Allein am rechten Ufer treten hier die Felsen
+und Abgründe so hart an den Fluß, daß nur ein schmaler, leicht zu sperrender
+Pfad übrig bleibt und die Sequaner, denen dies Ufer gehörte, den Helvetiern mit
+Leichtigkeit den Paß verlegen konnten. Sie zogen es darum vor, oberhalb des
+Durchbruchs der Rhone auf das linke allobrogische Ufer überzugehen, um weiter
+stromabwärts, wo die Rhone in die Ebene eintritt, wieder das rechte zu gewinnen
+und dann weiter nach dem ebenen Westen Galliens zu ziehen; dort war der
+fruchtbare Kanton der Santonen (Saintonge, das Tal der Charente) am
+Atlantischen Meer von den Wanderern zu ihrem neuen Wohnsitz ausersehen. Dieser
+Marsch führte, wo er das linke Rhoneufer betrat, durch römisches Gebiet; und
+Caesar, ohnehin nicht gemeint, sich die Festsetzung der Helvetier im westlichen
+Gallien gefallen zu lassen, war fest entschlossen, ihnen den Durchzug nicht zu
+gestatten. Allein von seinen vier Legionen standen drei weit entfernt bei
+Aquileia; obwohl er die Milizen der jenseitigen Provinz schleunigst aufbot,
+schien es kaum möglich, mit einer so geringen Mannschaft dem zahllosen
+Keltenschwarm den Übergang über die Rhone, von ihrem Austritt aus dem Leman bei
+Genf bis zu ihrem Durchbruch, auf einer Strecke von mehr als drei deutschen
+Meilen, zu verwehren. Caesar gewann indes durch Unterhandlungen mit den
+Helvetiern, die den Übergang über den Fluß und den Marsch durch das
+allobrogische Gebiet gern in friedlicher Weise bewerkstelligt hätten, eine
+Frist von fünfzehn Tagen, welche dazu benutzt ward, die Rhonebrücke bei Genava
+(Genf) abzubrechen und das südliche Ufer der Rhone durch eine fast vier
+deutsche Meilen lange Verschanzung dem Feinde zu sperren - es war die erste
+Anwendung des von den Römern später in so ungeheurem Umfang durchgeführten
+Systems, mittels einer Kette einzelner, durch Wälle und Gräben miteinander in
+Verbindung gesetzter Schanzen die Reichsgrenze militärisch zu schließen. Die
+Versuche der Helvetier, auf Kähnen oder mittels Furten an verschiedenen Stellen
+das andere Ufer zu gewinnen, wurden in diesen Linien von den Römern glücklich
+vereitelt und die Helvetier genötigt, von dem Rhoneübergang abzustehen. Dagegen
+vermittelte die den Römern feindlich gesinnte Partei in Gallien, die an den
+Helvetiern eine mächtige Verstärkung zu erhalten hoffte, namentlich der Häduer
+Dumnorix, des Divitiacus Bruder und in seinem Gau wie dieser an der Spitze der
+römischen so seinerseits an der Spitze der nationalen Partei, ihnen den
+Durchmarsch durch die Jurapässe und das Gebiet der Sequaner. Dies zu verbieten
+hatten die Römer keinen Rechtsgrund; allein es standen für sie bei dem
+helvetischen Heerzug andere und höhere Interessen auf dem Spiel als die Frage
+der formellen Integrität des römischen Gebiets - Interessen, die nur gewahrt
+werden konnten, wenn Caesar, statt, wie alle Statthalter des Senats, wie selbst
+Marius getan, auf die bescheidene Aufgabe der Grenzbewachung sich zu
+beschränken, an der Spitze einer ansehnlichen Armee die bisherige Reichsgrenze
+überschritt. Caesar war Feldherr nicht des Senats, sondern des Staates: er
+schwankte nicht. Sogleich von Genava aus hatte er sich in eigener Person nach
+Italien begeben und mit der ihm eigenen Raschheit die drei dort kantonnierenden
+sowie zwei neugebildete Rekrutenlegionen herangeführt. Diese Truppen vereinigte
+er mit dem bei Genava stehenden Korps und überschritt mit der gesamten Macht
+die Rhone. Sein unvermutetes Erscheinen im Gebiete der Häduer brachte natürlich
+daselbst sofort wieder die römische Partei ans Regiment, was der Verpflegung
+wegen nicht gleichgültig war. Die Helvetier fand er beschäftigt, die Saône zu
+passieren und aus dem Gebiet der Sequaner in das der Häduer einzurücken; was
+von ihnen noch am linken Saôneufer stand, namentlich das Korps der Tigoriner,
+ward von den rasch vordringenden Römern aufgehoben und vernichtet. Das Gros des
+Zuges war indes bereits auf das rechte Ufer des Flusses übergesetzt; Caesar
+folgte ihnen und bewerkstelligte den Übergang, den der ungeschlachte Zug der
+Helvetier in zwanzig Tagen nicht hatte vollenden können, in vierundzwanzig
+Stunden. Die Helvetier, durch diesen Übergang der römischen Armee über den Fluß
+gehindert, ihren Marsch in westlicher Richtung fortzusetzen, schlugen die
+Richtung nach Norden ein, ohne Zweifel in der Voraussetzung, daß Caesar nicht
+wagen werde, ihnen weit in das innere Gallien hinein zu folgen, und in der
+Absicht, wenn er von ihnen abgelassen habe, sich wieder ihrem eigentlichen Ziel
+zuzuwenden. Fünfzehn Tage marschierte das römische Heer in dem Abstand etwa
+einer deutschen Meile von dem feindlichen hinter demselben her, an seine Fersen
+sich heftend und auf einen günstigen Augenblick hoffend, um den feindlichen
+Heereszug unter den Bedingungen des Sieges anzugreifen und zu vernichten.
+Allein dieser Augenblick kam nicht; wie schwerfällig auch die helvetische
+Karawane einherzog, die Führer wußten einen Überfall zu verhüten und zeigten
+sich wie mit Vorräten reichlich versehen, so durch ihre Spione von jedem
+Vorgang im römischen Lager aufs genaueste unterrichtet. Dagegen fingen die
+Römer an, Mangel an dem Notwendigsten zu leiden, namentlich als die Helvetier
+sich von der Saône entfernten und der Flußtransport aufhörte. Das Ausbleiben
+der von den Häduern versprochenen Zufuhren, aus dem diese Verlegenheit zunächst
+hervorging, erregte um so mehr Verdacht, als beide Heere immer noch auf ihrem
+Gebiete sich herumbewegten. Ferner zeigte sich die ansehnliche, fast 4000
+Pferde zählende römische Reiterei völlig unzuverlässig - was freilich
+erklärlich war, da dieselbe fast ganz aus keltischer Ritterschaft, namentlich
+den Reitern der Häduer unter dem Befehl des wohlbekannten Römerfeindes Dumnorix
+bestand und Caesar selbst sie mehr noch als Geiseln denn als Soldaten
+übernommen hatte. Man hatte guten Grund zu glauben, daß eine Niederlage, die
+sie von der weit schwächeren helvetischen Reiterei erlitten, durch sie selbst
+herbeigeführt worden war, und daß durch sie der Feind von allen Vorfällen im
+römischen Lager unterrichtet ward. Caesars Lage wurde bedenklich; in leidiger
+Deutlichkeit kam es zu Tage, was selbst bei den Häduern, trotz ihres
+offiziellen Bündnisses mit Rom und der nach Rom sich neigenden Sonderinteressen
+dieses Gaus, die keltische Patriotenpartei vermochte; was sollte daraus werden,
+wenn man in die gärende Landschaft tiefer und tiefer sich hineinwagte und von
+den Verbindungen immer weiter sich entfernte? Eben zogen die Heere an der
+Hauptstadt der Häduer, Bibracte (Autun), in mäßiger Entfernung vorüber; Caesar
+beschloß, dieses wichtigen Ortes sich mit gewaffneter Hand zu bemächtigen,
+bevor er den Marsch in das Binnenland fortsetzte, und es ist wohl möglich, daß
+er überhaupt beabsichtigte, von weiterer Verfolgung abzustehen und in Bibracte
+sich festzusetzen. Allein da er, von der Verfolgung ablassend, sich gegen
+Bibracte wendete, meinten die Helvetier, daß die Römer zur Flucht Anstalt
+machten, und griffen nun ihrerseits an. Mehr hatte Caesar nicht gewünscht. Auf
+zwei parallel laufenden Hügelreihen stellten die beiden Heere sich auf; die
+Kelten begannen das Gefecht, sprengten die in die Ebene vorgeschobene römische
+Reiterei auseinander und liefen an gegen die am Abhang des Hügels postierten
+römischen Legionen, mußten aber hier vor Caesars Veteranen weichen. Als darauf
+die Römer, ihren Vorteil verfolgend, nun ihrerseits in die Ebene hinabstiegen,
+gingen die Kelten wieder gegen sie vor und ein zurückgehaltenes keltisches
+Korps nahm sie zugleich in die Flanke. Dem letzteren ward die Reserve der
+römischen Angriffskolonne entgegengeworfen; sie drängte dasselbe von der
+Hauptmasse ab auf das Gepäck und die Wagenburg, wo es aufgerieben ward. Auch
+das Gros des helvetischen Zuges ward endlich zum Weichen gebracht und genötigt,
+den Rückzug in östlicher Richtung zu nehmen - der entgegengesetzten von
+derjenigen, in die ihr Zug sie führte. Den Plan der Helvetier, am Atlantischen
+Meer sich neue Wohnsitze zu gründen, hatte dieser Tag vereitelt und die
+Helvetier der Willkür des Siegers überliefert; aber es war ein heißer auch für
+die Sieger gewesen. Caesar, der Ursache hatte, seinem Offizierkorps nicht
+durchgängig zu trauen, hatte gleich zu Anfang alle Offizierspferde
+fortgeschickt, um die Notwendigkeit standzuhalten den Seinigen gründlich klar
+zu machen; in der Tat würde die Schlacht, hätten die Römer sie verloren,
+wahrscheinlich die Vernichtung der römischen Armee herbeigeführt haben. Die
+römischen Truppen waren zu erschöpft, um die Überwundenen kräftig zu verfolgen;
+allein infolge der Bekanntmachung Caesars, daß er alle, die die Helvetier
+unterstützen würden, wie diese selbst als Feinde der Römer behandeln werde,
+ward, wohin die geschlagene Armee kam, zunächst in dem Gau der Lingonen (um
+Langres), ihr jede Unterstützung verweigert und, aller Zufuhr und ihres Gepäcks
+beraubt und belastet von der Masse des nicht kampffähigen Trosses, mußten sie
+wohl dem römischen Feldherrn sich unterwerfen. Das Los der Besiegten war ein
+verhältnismäßig mildes. Den heimatlosen Boiern wurden die Häduer angewiesen, in
+ihrem Gebiet Wohnsitze einzuräumen; und diese Ansiedlung der überwundenen
+Feinde inmitten der mächtigsten Kettengaue tat fast die Dienste einer römischen
+Kolonie. Die von den Helvetiern und Raurakern noch übrigen, etwas mehr als ein
+Drittel der ausgezogenen Mannschaft, wurden natürlich in ihr ehemaliges Gebiet
+zurückgesandt. Dasselbe wurde der römischen Provinz einverleibt, aber die
+Bewohner zum Bündnis mit Rom unter günstigen Bedingungen zugelassen, um unter
+römischer Hoheit am oberen Rhein die Grenze gegen die Deutschen zu verteidigen.
+Nur die südwestliche Spitze des helvetischen Gaus wurde von den Römern in
+unmittelbaren Besitz genommen und späterhin hier, an dem anmutigen Gestade des
+Leman, die alte Keltenstadt Noviodunum (jetzt Nyon) in eine römische
+Grenzfestung, die Julische Reiterkolonie ^14, umgewandelt.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^13 Nach dem unberichtigten Kalender. Nach der gangbaren Rektifikation, die
+indes hier keineswegs auf hinreichend zuverlässigen Daten beruht, entspricht
+dieser Tag dem 16. April des Julianischen Kalenders.
+</p>
+
+<p>
+^14 Julia Equestris, wo der letzte Beiname zu fassen ist wie in anderen
+Kolonien Caesars die Beinamen sextanorum, decimanorum, u. a. m. Es waren
+keltische oder deutsche Reiter Caesars, die, natürlich unter Erteilung des
+römischen oder doch des latinischen Bürgerrechts, hier Landlose empfingen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Am Oberrhein also war der drohenden Invasion der Deutschen vorgebeugt und
+zugleich die den Römern feindliche Partei unter den Kelten gedemütigt. Auch am
+Mittelrhein, wo die Deutschen bereits vor Jahren übergegangen waren und die in
+Gallien mit der römischen wetteifernde Macht des Ariovist täglich weiter um
+sich griff, mußte in ähnlicher Weise durchgegriffen werden, und leicht war die
+Veranlassung zum Bruche gefunden. Im Vergleich mit dem von Ariovist ihnen
+drohenden oder bereits auferlegten Joch mochte hier dem größeren Teil der
+Kelten jetzt die römische Suprematie das geringere Übel dünken; die Minorität,
+die an ihrem Römerhaß festhielt, mußte wenigstens verstummen. Ein unter
+römischem Einfluß abgehaltener Landtag der Keltenstämme des mittleren Galliens
+ersuchte im Namen der keltischen Nation den römischen Feldherrn um Beistand
+gegen die Deutschen. Caesar ging darauf ein. Auf seine Veranlassung stellten
+die Häduer die Zahlung des vertragsmäßig an Ariovist zu entrichtenden Tributes
+ein und forderten die gestellten Geiseln zurück, und da Ariovist wegen dieses
+Vertragsbruchs die Klienten Roms angriff, nahm Caesar davon Veranlassung, mit
+ihm in direkte Verhandlung zu treten und, außer der Rückgabe der Geiseln und
+dem Versprechen, mit den Häduern Frieden zu halten, namentlich zu fordern, daß
+Ariovist sich anheischig mache, keine Deutschen mehr über den Rhein
+nachzuziehen. Der deutsche Feldherr antwortete dem römischen in dem Vollgefühl
+ebenbürtigen Rechtes. Ihm sei das nördliche Gallien so gut nach Kriegsrecht
+untertänig geworden wie den Römern das südliche; wie er die Römer nicht
+hindere, von den Allobrogen Tribut zu nehmen, so dürften auch sie ihm nicht
+wehren, seine Untertanen zu besteuern. In späteren geheimen Eröffnungen zeigte
+es sich, daß der Fürst der römischen Verhältnisse wohl kundig war: er erwähnte
+der Aufforderungen, die ihm von Rom aus zugekommen seien, Caesar aus dem Wege
+zu räumen, und erbot sich, wenn Caesar ihm das nördliche Gallien überlassen
+wolle, ihm dagegen zur Erlangung der Herrschaft über Italien behilflich zu sein
+- wie ihm der Parteihader der keltischen Nation den Eintritt in Gallien
+eröffnet hatte, so schien er von dem Parteihader der italischen die Befestigung
+seiner Herrschaft daselbst zu erwarten. Seit Jahrhunderten war den Römern
+gegenüber diese Sprache der vollkommen ebenbürtigen und ihre Selbständigkeit
+schroff und rücksichtslos äußernden Macht nicht geführt worden, wie man sie
+jetzt von dem deutschen Heerkönig vernahm: kurzweg weigerte er sich zu kommen,
+als der römische Feldherr nach der bei Klientelfürsten hergebrachten Übung ihm
+ansann, vor ihm persönlich zu erscheinen. Um so notwendiger war es, nicht zu
+zaudern: sogleich brach Caesar auf gegen Ariovist. Ein panischer Schrecken
+ergriff seine Truppen, vor allem seine Offiziere, als sie daran sollten, mit
+den seit vierzehn Jahren nicht unter Dach und Fach gekommenen deutschen
+Kernscharen sich zu messen - auch in Caesars Lager schien die tiefgesunkene
+römische Sitten- und Kriegszucht sich geltend machen und Desertion und Meuterei
+hervorrufen zu wollen. Allein der Feldherr, indem er erklärte, nötigenfalls mit
+der zehnten Legion allein gegen den Feind zu ziehen, wußte nicht bloß durch
+solche Ehrenmahnung diese, sondern durch den kriegerischen Wetteifer auch die
+übrigen Regimenter an die Adler zu fesseln und etwas von seiner eigenen Energie
+den Truppen einzuhauchen. Ohne ihnen Zeit zu lassen, sich zu besinnen, führte
+er in raschen Märschen sie weiter und kam glücklich Ariovist in der Besetzung
+der sequanischen Hauptstadt Vesontio (Besançon) zuvor. Eine persönliche
+Zusammenkunft der beiden Feldherrn, die auf Ariovists Begehren stattfand,
+schien einzig einen Versuch gegen Caesars Person bedecken zu sollen; zwischen
+den beiden Zwingherren Galliens konnten nur die Waffen entscheiden. Vorläufig
+kam der Krieg zum Stehen. Im unteren Elsaß, etwa in der Gegend von Mülhausen,
+eine deutsche Meile vom Rhein ^15, lagerten die beiden Heere in geringer
+Entfernung voneinander, bis es Ariovist gelang, mit seiner sehr überlegenen
+Macht an dem römischen Lager vorbeimarschierend, sich ihm in den Rücken zu
+legen und die Römer von ihrer Basis und ihren Zufuhren abzuschneiden. Caesar
+versuchte sich aus seiner peinlichen Lage durch eine Schlacht zu befreien;
+allein Ariovist nahm sie nicht an. Dem römischen Feldherrn blieb nichts übrig,
+als trotz seiner geringen Stärke, die Bewegung des Feindes nachzuahmen und
+seine Verbindungen dadurch wieder zu gewinnen, daß er zwei Legionen am Feinde
+vorbeiziehen und jenseits des Lagers der Deutschen eine Stellung nehmen ließ,
+während vier in dem bisherigen Lager zurückblieben. Ariovist, da er die Römer
+geteilt sah, versuchte einen Sturm auf ihr kleineres Lager; allein die Römer
+schlugen ihn ab. Unter dem Eindruck dieses Erfolges ward das gesamte römische
+Heer zum Angriff vorgeführt; und auch die Deutschen stellten in Schlachtordnung
+sich auf, in langer Linie, jeder Stamm für sich, hinter sich, um die Flucht zu
+erschweren, die Karren der Armee mit dem Gepäck und den Weibern. Der rechte
+Flügel der Römer unter Caesars eigener Führung stürzte sich rasch auf den Feind
+und trieb ihn vor sich her; dasselbe gelang dem rechten Flügel der Deutschen.
+Noch stand die Waage gleich; allein die Taktik der Reserven entschied, wie so
+manchen anderen Kampf gegen Barbaren, so auch den gegen die Germanen zu Gunsten
+der Römer; ihre dritte Linie, die Publius Crassus rechtzeitig zur Hilfe sandte,
+stellte auf dem linken Flügel die Schlacht wieder her und damit war der Sieg
+entschieden. Bis an den Rhein ward die Verfolgung fortgesetzt; nur wenigen,
+darunter dem König, gelang es, auf das andere Ufer zu entkommen (696 58).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^15 F. W. A. Göler (Cäsars gallischer Krieg. Karlsruhe 1858, S. 45f.) meint,
+das Schlachtfeld bei Cernay unweit Mühlhausen aufgefunden zu haben, was im
+ganzen übereinkommt mit Napoleons (précis p. 35) Ansetzung des Schlachtfeldes
+in der Gegend von Belfort. Diese Annahme ist zwar nicht sicher, aber den
+Umständen angemessen; denn daß Caesar für die kurze Strecke von Besançon bis
+dahin sieben Tagemärsche brauchte, erklärt er selbst (Lall. 1, 41) durch die
+Bemerkung, daß er einen Umweg von über zehn deutschen Meilen genommen, um die
+Bergwege zu vermeiden, und dafür, daß die Schlacht 5, nicht 50 Milien vom Rhein
+geschlagen ward, entscheidet bei gleicher Autorität der Überlieferung die ganze
+Darstellung der bis zum Rhein fortgesetzten und offenbar nicht mehrtägigen,
+sondern an dem Schlachttag selbst beendigten Verfolgung. Der Vorschlag W.
+Rüstows (Einleitung zu Caesars Kommentar, S. 117), das Schlachtfeld an die
+obere Saar zu verlegen, beruht auf einem Mißverständnis. Das von den Sequanern,
+Denkern, Lingonen erwartete Getreide soll dem römischen Heere nicht unterwegs
+auf dem Marsche gegen Ariovist zukommen, sondern vor dem Aufbruch nach Besançon
+geliefert und von den Truppen mitgenommen werden; wie dies sehr deutlich daraus
+hervorgeht, daß Caesar, indem er seine Truppen auf jene Lieferungen hinweist,
+daneben sie auf das unterwegs einzubringende Korn vertröstet. Von Besançon aus
+beherrschte Caesar die Gegend von Langres und Epinal und schrieb, wie
+begreiflich, seine Lieferungen lieber hier aus als in den ausfouragierten
+Distrikten, aus denen er kam.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+So glänzend kündigte dem mächtigen Strom, den hier die italischen Soldaten zum
+erstenmal erblickten, das römische Regiment sich an; mit einer einzigen
+glücklichen Schlacht war die Rheinlinie gewonnen. Das Schicksal der deutschen
+Ansiedlungen am linken Rheinufer lag in Caesars Hand; der Sieger konnte sie
+vernichten, aber er tat es nicht. Die benachbarten keltischen Gaue, die
+Sequaner, Leuker, Mediomatriker, waren weder wehrhaft noch zuverlässig; die
+übersiedelten Deutschen versprachen nicht bloß tapfere Grenzhüter, sondern auch
+bessere Untertanen Roms zu werden, da sie von den Kelten die Nationalität, von
+ihren überrheinischen Landsleuten das eigene Interesse an der Bewahrung der
+neugewonnenen Wohnsitze schied und sie bei ihrer isolierten Stellung nicht
+umhin konnten, an der Zentralgewalt festzuhalten. Caesar zog hier wie überall
+die überwundenen Feinde den zweifelhaften Freunden vor; er ließ den von
+Ariovist längs des linken Rheinufers angesiedelten Germanen, den Tribokern um
+Straßburg, den Nemetern um Speyer, den Vangionen um Worms, ihre neuen Sitze und
+vertraute ihnen die Bewachung der Rheingrenze gegen ihre Landsleute an ^16.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^16 Das scheint die einfachste Annahme über den Ursprung dieser germanischen
+Ansiedlungen. Daß Ariovist jene Völker am Mittelrhein ansiedelte, ist deshalb
+wahrscheinlich, weil sie in seinem Heer fechten (Caes. Gall. 1, 51) und früher
+nicht vorkommen; daß ihnen Caesar ihre Sitze ließ, deshalb, weil er Ariovist
+gegenüber sich bereit erklärte, die in Gallien bereits ansässigen Deutschen zu
+dulden (Caes. Gall. 1, 35. 43), und weil wir sie später in diesen Sitzen
+finden. Caesar gedenkt der nach der Schlacht hinsichtlich dieser germanischen
+Ansiedlungen getroffenen Verfügungen nicht, weil er über alle in Gallien von
+ihm vorgenommenen organischen Einrichtungen grundsätzlich Stillschweigen
+beobachtet.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Sueben aber, die am Mittelrhein das treverische Gebiet bedrohten, zogen auf
+die Nachricht von Ariovists Niederlage wieder zurück in das innere Deutschland,
+wobei sie unterwegs durch die nächstwohnenden Völkerschaften ansehnliche
+Einbuße erlitten.
+</p>
+
+<p>
+Die Folgen dieses einen Feldzuges waren unermeßlich; noch Jahrtausende nachher
+wurden sie empfunden. Der Rhein war die Grenze des Römischen Reiches gegen die
+Deutschen geworden. In Gallien, das nicht mehr vermochte, sich selber zu
+gebieten, hatten bisher die Römer an der Südküste geherrscht, seit kurzem die
+Deutschen versucht, weiter oberwärts sich festzusetzen. Die letzten Ereignisse
+hatten es entschieden, daß Gallien nicht nur zum Teil, sondern ganz der
+römischen Oberhoheit zu verfallen und daß die Naturgrenze, die der mächtige
+Fluß darbietet, auch die staatliche Grenze zu werden bestimmt war. In seiner
+besseren Zeit hatte der Senat nicht geruht, bis Roms Herrschaft Italiens
+natürliche Grenzen, die Alpen und das Mittelmeer und dessen nächste Inseln,
+erreicht hatte. Einer ähnlichen militärischen Abrundung bedurfte auch das
+erweiterte Reich; aber die gegenwärtige Regierung überließ dieselbe dem Zufall
+und sah höchstens darauf, nicht daß die Grenzen verteidigt werden konnten,
+sondern daß sie nicht unmittelbar von ihr selbst verteidigt zu werden
+brauchten. Man fühlte es, daß jetzt ein anderer Geist und ein anderer Arm die
+Geschicke Roms zu lenken begannen.
+</p>
+
+<p>
+Die Grundmauern des künftigen Gebäudes standen; um aber dasselbe auszubauen und
+bei den Galliern die Anerkennung der römischen Herrschaft und der Rheingrenze
+bei den Deutschen vollständig durchzuführen, fehlte doch noch gar viel. Ganz
+Mittelgallien zwar von der römischen Grenze bis hinauf nach Chartres und Trier
+fügte sich ohne Widerrede dem neuen Machthaber, und am oberen und mittleren
+Rhein war auch von den Deutschen vorläufig kein Angriff zu besorgen. Allein die
+nördlichen Landschaften, sowohl die aremorikanischen Gaue in der Bretagne und
+der Normandie als auch die mächtigere Konföderation der Belgen, waren von den
+gegen das mittlere Gallien geführten Schlägen nicht mitgetroffen worden und
+fanden sich nicht veranlaßt, dem Besieger Ariovists sich zu unterwerfen. Es kam
+hinzu, daß, wie bemerkt, zwischen den Belgen und den überrheinischen Deutschen
+sehr enge Beziehungen bestanden und auch an der Rheinmündung germanische Stämme
+sich fertig machten, den Strom zu überschreiten. Infolgedessen brach Caesar mit
+seinem jetzt auf acht Legionen vermehrten Heer im Frühjahr 697 (57) auf gegen
+die belgischen Gaue. Eingedenk des tapferen und glücklichen Widerstandes, den
+sie fünfzig Jahre zuvor mit gesamter Hand an der Landgrenze den Kimbrern
+geleistet hatte, und gespornt durch die zahlreich aus Mittelgallien zu ihnen
+geflüchteten Patrioten, sandte die Eidgenossenschaft der Belgen ihr gesamtes
+erstes Aufgebot, 300000 Bewaffnete unter Anführung des Königs der Suessionen,
+Galba, an ihre Südgrenze, um Caesar daselbst zu empfangen. Nur ein einziger
+Gau, der der mächtigen Remer (um Reims), ersah in dieser Invasion der Fremden
+die Gelegenheit, das Regiment abzuschütteln, das ihre Nachbarn, die Suessionen,
+über sie ausübten, und schickte sich an, die Rolle, die in Mittelgallien die
+Häduer gespielt hatten, im nördlichen zu übernehmen. In ihrem Gebiet trafen das
+römische und das belgische Heer fast gleichzeitig ein. Caesar unternahm es
+nicht, dem tapferen, sechsfach stärkeren Feinde eine Schlacht zu liefern;
+nordwärts der Aisne, unweit des heutigen Pontavert, zwischen Reims und Laon,
+nahm er sein Lager auf einem teils durch den Fluß und durch Sümpfe, teils durch
+Gräben und Redouten von allen Seiten fast unangreifbar gemachten Plateau und
+begnügte sich, die Versuche der Belgen, die Aisne zu überschreiten und ihn
+damit von seinen Verbindungen abzuschneiden, durch defensive Maßregeln zu
+vereiteln. Wenn er darauf zählte, daß die Koalition demnächst unter ihrer
+eigenen Schwere zusammenbrechen werde, so hatte er richtig gerechnet. König
+Galba war ein redlicher, allgemein geachteter Mann; aber der Lenkung einer
+Armee von 300000 Mann auf feindlichem Boden war er nicht gewachsen. Man kam
+nicht weiter und die Vorräte gingen auf die Neige; Unzufriedenheit und
+Entzweiung fingen an, im Lager der Eidgenossen sich einzunisten. Die Bellovaker
+vor allem, den Suessionen an Macht gleich und schon verstimmt darüber, daß die
+Feldhauptmannschaft des eidgenössischen Heeres nicht an sie gekommen war, waren
+nicht länger zu halten, seit die Meldung eingetroffen war, daß die Häduer als
+Bundesgenossen der Römer Anstalt machten, in das bellovakische Gebiet
+einzurücken. Man beschloß, sich aufzulösen und nach Hause zu gehen; wenn
+Schande halber die sämtlichen Gaue zugleich sich verpflichteten, dem zunächst
+angegriffenen mit gesamter Hand zu Hilfe zu eilen, so ward durch solche
+unausführbare Stipulationen das klägliche Auseinanderlaufen der
+Eidgenossenschaft nur kläglich beschönigt. Es war eine Katastrophe, welche
+lebhaft an diejenige erinnert, die im Jahre 1792 fast auf demselben Boden
+eintrat; und gleichwie in dem Feldzug in der Champagne war die Niederlage nur
+um so schwerer, weil sie ohne Schlacht erfolgt war. Die schlechte Leitung der
+abziehenden Armee gestattete dem römischen Feldherrn, dieselbe zu verfolgen,
+als wäre sie eine geschlagene, und einen Teil der bis zuletzt gebliebenen
+Kontingente aufzureiben. Aber die Folgen des Sieges beschränkten sich hierauf
+nicht. Wie Caesar in die westlichen Kantone der Belgen einrückte, gab einer
+nach dem andern fast ohne Gegenwehr sich verloren: die mächtigen Suessionen (um
+Soissons), ebenso wie ihre Nebenbuhler, die Bellovaker (um Beauvais) und die
+Ambianer (um Amiens). Die Städte öffneten die Tore, als sie die fremdartigen
+Belagerungsmaschinen, die auf die Mauern zurollenden Türme erblickten; wer sich
+dem fremden Herrn nicht ergeben mochte, suchte eine Zuflucht jenseits des
+Meeres in Britannien. Aber in den östlichen Kantonen regte sich energischer das
+Nationalgefühl. Die Viromanduer (um Arras), die Atrebaten (um Saint-Quentin),
+die deutschen Aduatuker (um Namur), vor allem aber die Nervier (im Hennegau)
+mit ihrer nicht geringen Klientel, an Zahl den Suessionen und Bellovakern wenig
+nachgebend, an Tapferkeit und kräftigem Vaterlandssinn ihnen weit überlegen,
+schlossen einen zweiten und engeren Bund und zogen ihre Mannschaften an der
+oberen Samtire zusammen. Keltische Spione unterrichteten sie aufs genaueste
+über die Bewegungen der römischen Armee; ihre eigene Ortskunde sowie die hohen
+Verzäunungen, welche in diesen Landschaften überall angelegt waren, um den
+dieselben oft heimsuchenden berittenen Räuberscharen den Weg zu versperren,
+gestatteten den Verbündeten, ihre eigenen Operationen dem Blick der Römer
+größtenteils zu entziehen. Als diese an der Sambre unweit Bavay anlangten und
+die Legionen eben beschäftigt waren, auf dem Kamm des linken Ufers das Lager zu
+schlagen, die Reiterei und leichte Infanterie die jenseitigen Höhen zu
+erkunden, wurden auf einmal die letzteren von der gesamten Masse des
+feindlichen Landsturms überfallen und den Hügel hinab in den Fluß gesprengt. In
+einem Augenblick hatte der Feind auch diesen überschritten und stürmte mit
+todverachtender Entschlossenheit die Höhen des linken Ufers. Kaum blieb den
+schanzenden Legionären die Zeit, um die Hacke mit dem Schwert zu vertauschen;
+die Soldaten, viele unbehelmt, mußten fechten, wo sie eben standen, ohne
+Schlachtlinie, ohne Plan, ohne eigentliches Kommando, denn bei der
+Plötzlichkeit des Überfalls und dem von hohen Hecken durchschnittenen Terrain
+hatten die einzelnen Abteilungen die Verbindung völlig verloren. Statt der
+Schlacht entspann sich eine Anzahl zusammenhangloser Gefechte. Labienus mit dem
+linken Flügel warf die Atrebaten und verfolgte sie bis über den Fluß. Das
+römische Mitteltreffen drängte die Viromanduer den Abhang hinab. Der rechte
+Flügel aber, bei dem der Feldherr selbst sich befand, wurde von den weit
+zahlreicheren Nerviern um so leichter überflügelt, als das Mitteltreffen, durch
+seinen Erfolg fortgerissen, den Platz neben ihm geräumt hatte, und selbst das
+halbfertige Lager von den Nerviern besetzt; die beiden Legionen, jede einzeln
+in ein dichtes Knäuel zusammengeballt und von vorn und in beiden Flanken
+angegriffen, ihrer meisten Offiziere und ihrer besten Soldaten beraubt,
+schienen im Begriff, gesprengt und zusammengehauen zu werden. Schon flohen der
+römische Troß und die Bundestruppen nach allen Seiten; von der keltischen
+Reiterei jagten ganze Abteilungen, wie das Kontingent der Treverer, mit
+verhängten Zügeln davon, um vom Schlachtfelde selbst die willkommene Kunde der
+erlittenen Niederlage daheim zu melden. Es stand alles auf dem Spiel. Der
+Feldherr selbst ergriff den Schild und focht unter den Vordersten; sein
+Beispiel, sein auch jetzt noch begeisternder Zuruf brachten die schwankenden
+Reihen wieder zum Stehen. Schon hatte man einigermaßen sich Luft gemacht und
+wenigstens die Verbindung der beiden Legionen dieses Flügels wiederhergestellt,
+als Succurs herbeikam: teils von dem Uferkamm herab, wo währenddessen mit dem
+Gepäck die römische Nachhut eingetroffen war, teils vom anderen Flußufer her,
+wo Labienus inzwischen bis an das feindliche Lager vorgedrungen war und sich
+dessen bemächtigt hatte und nun, endlich die auf dem rechten Flügel drohende
+Gefahr gewahrend, die siegreiche zehnte Legion seinem Feldherrn zu Hilfe
+sandte. Die Nervier, von ihren Verbündeten getrennt und von allen Seiten
+zugleich angegriffen, bewährten jetzt, wo das Glück sich wandte, denselben
+Heldenmut, wie da sie sich Sieger glaubten; noch von den Leichenbergen der
+Ihrigen herunter fochten sie bis auf den letzten Mann. Nach ihrer eigenen
+Angabe überlebten von ihren sechshundert Ratsherren nur drei diesen Tag. Nach
+dieser vernichtenden Niederlage mußten die Nervier, Atrebaten und Viromanduer
+wohl die römische Hoheit anerkennen. Die Aduatuker, zu spät eingetroffen, um an
+dem Kampfe an der Sambre teilzunehmen, versuchten zwar noch, in der festesten
+ihrer Städte (auf dem Berge Falhize an der Maas unweit Huy) sich zu halten,
+allein bald unterwarfen auch sie sich. Ein noch nach der Ergebung gewagter
+nächtlicher Überfall des römischen Lagers vor der Stadt schlug fehl und der
+Treubruch ward von den Römern mit furchtbarer Strenge geahndet. Die Klientel
+der Aduatuker, die aus den Eburonen zwischen Maas und Rhein und anderen
+kleinen, benachbarten Stämmen bestand, wurde von den Römern selbständig
+erklärt, die gefangenen Aduatuker aber in Masse zu Gunsten des römischen
+Schatzes unter dem Hammer verkauft. Es schien, als ob das Verhängnis, das die
+Kimbrer betroffen hatte, auch diesen letzten kimbrischen Splitter noch
+verfolge. Den übrigen unterworfenen Stämmen begnügte sich Caesar eine
+allgemeine Entwaffnung und Geiselstellung aufzuerlegen. Die Remer wurden
+natürlich der führende Gau im belgischen wie die Häduer im mittleren Gallien;
+sogar in diesem begaben sich manche mit den Häduern verfeindete Clans vielmehr
+in die Klientel der Reiner. Nur die entlegenen Seekantone der Moriner (Artois)
+und der Menapier (Flandern und Brabant) und die großenteils von Deutschen
+bewohnte Landschaft zwischen Schelde und Rhein blieben für diesmal von der
+römischen Invasion noch verschont und im Besitz ihrer angestammten Freiheit.
+</p>
+
+<p>
+Die Reihe kam an die aremorikanischen Gaue. Noch im Herbst 697 (57) ward
+Publius Crassus mit einem römischen Korps dahin gesandt; er bewirkte, daß die
+Veneter, die, als Herren der Häfen des heutigen Morbihan und einer ansehnlichen
+Flotte, in Schiffahrt und Handel unter allen keltischen Gauen den ersten Platz
+einnahmen, und überhaupt die Küstendistrikte zwischen Loire und Seine sich den
+Römern unterwarfen und ihnen Geiseln stellten. Allein es gereute sie bald. Als
+im folgenden Winter (697/98 57/5 römische Offiziere in diese Gegenden kamen, um
+Getreidelieferungen daselbst auszuschreiben, wurden sie von den Venetern als
+Gegengeiseln festgehalten. Dem gegebenen Beispiel folgten rasch nicht bloß die
+aremoricanischen, sondern auch die noch freigebliebenen Seekantone der Belgen;
+wo, wie in einigen Gauen der Normandie, der Gemeinderat sich weigerte, der
+Insurrektion beizutreten, machte die Menge ihn nieder und schloß mit
+verdoppeltem Eifer der Nationalsache sich an. Die ganze Küste von der Mündung
+der Loire bis zu der des Rheins stand auf gegen Rom; die entschlossensten
+Patrioten aus allen keltischen Gauen eilten dorthin, um mitzuwirken an dem
+großen Werke der Befreiung; man rechnete schon auf den Aufstand der gesamten
+belgischen Eidgenossenschaft, auf Beistand aus Britannien, auf das Einrücken
+der überrheinischen Germanen.
+</p>
+
+<p>
+Caesar sandte Labienus mit der ganzen Reiterei an den Rhein, um die gärende
+belgische Landschaft niederzuhalten und nötigenfalls den Deutschen den Übergang
+über den Fluß zu wehren; ein anderer seiner Unterbefehlshaber, Quintus Titurius
+Sabinus, ging mit drei Legionen nach der Normandie, wo die Hauptmasse der
+Insurgenten sich sammelte. Allein der eigentliche Herd der Insurrektion waren
+die mächtigen und intelligenten Veneter; gegen sie ward zu Lande und zur See
+der Hauptangriff gerichtet. Die teils aus den Schiffen der untertänigen
+Keltengaue, teils aus einer Anzahl römischer, eiligst auf der Loire erbauter
+und mit Ruderern aus der Narbonensischen Provinz bemannter Galeeren gebildete
+Flotte führte der Unterfeldherr Decimus Brutus heran; Caesar selbst rückte mit
+dem Kern seiner Infanterie ein in das Gebiet der Veneter. Aber man war dort
+vorbereitet und hatte ebenso geschickt wie entschlossen die günstigen
+Verhältnisse benutzt, die das bretagnische Terrain und der Besitz einer
+ansehnlichen Seemacht darbot. Die Landschaft war durchschnitten und
+getreidearm, die Städte größtenteils auf Klippen und Landspitzen gelegen und
+vom Festlande her nur auf schwer zu passierenden Watten zugänglich; die
+Verpflegung wie die Belagerung waren für das zu Lande angreifende Heer gleich
+schwierig, während die Kelten durch ihre Schiffe die Städte leicht mit allem
+Nötigen versehen und im schlimmsten Fall die Räumung derselben bewerkstelligen
+konnten. Die Legionen verschwendeten in den Belagerungen der venetischen
+Ortschaften Zeit und Kraft, um zuletzt die wesentlichen Früchte des Sieges auf
+den Schiffen der Feinde verschwinden zu sehen. Als daher die römische Flotte,
+lange in der Loiremündung von Stürmen zurückgehalten, endlich an der
+bretagnischen Küste eintraf, überließ man es ihr, den Kampf durch eine
+Seeschlacht zu entscheiden. Die Kelten, ihrer Überlegenheit auf diesem Elemente
+sich bewußt, führten gegen die von Brutus befehligte römische Flotte die ihrige
+vor. Nicht bloß zählte diese zweihundertzwanzig Segel, weit mehr, als die Römer
+hatten aufbringen können; ihre hochbordigen, festgebauten Segelschiffe von
+flachem Boden waren auch bei weitem geeigneter für die hochgehenden Fluten des
+Atlantischen Meeres als die niedrigen leichtgefugten Rudergaleeren der Römer
+mit ihren scharfen Kielen. Weder die Geschosse noch die Enterbrücken der Römer
+vermochten das hohe Deck der feindlichen Schiffe zu erreichen und an den
+mächtigen Eichenplanken derselben prallten die eisernen Schnäbel machtlos ab.
+Allein die römischen Schiffsleute zerschnitten die Taue, durch welche die Rahen
+an den Masten befestigt waren, mittels an langen Stangen befestigter Sicheln;
+Rahen und Segel stürzten herab und, da man den Schaden nicht rasch zu ersetzen
+verstand, ward das Schiff dadurch zum Wrack, wie heutzutage durch Stürzen der
+Maste, und leicht gelang es den römischen Booten, durch vereinigten Angriff des
+gelähmten feindlichen Schiffes sich zu bemeistern. Als die Gallier dieses
+Manövers innewurden, versuchten sie von der Küste, an der sie den Kampf mit den
+Römern aufgenommen hatten, sich zu entfernen und die hohe See zu gewinnen,
+wohin die römischen Galeeren ihnen nicht folgen konnten; allein zum Unglück für
+sie trat plötzlich eine vollständige Windstille ein und die ungeheure Flotte,
+an deren Ausrüstung die Seegaue alle ihre Kräfte gesetzt hatten, ward von den
+Römern fast gänzlich vernichtet. So ward diese Seeschlacht - soweit die
+geschichtliche Kunde reicht, die älteste auf dem Atlantischen Ozean geschlagene
+- ebenwie zweihundert Jahre zuvor das Treffen bei Mylae trotz der ungünstigsten
+Verhältnisse durch eine von der Not eingegebene glückliche Erfindung zum
+Vorteil der Römer entschieden. Die Folge des von Brutus erfochtenen Sieges war
+die Ergebung der Veneter und der ganzen Bretagne. Mehr, um der keltischen
+Nation, nach so vielfältigen Beweisen von Milde gegen die Unterworfenen, jetzt
+durch ein Beispiel furchtbarer Strenge gegen die hartnäckig Widerstrebenden zu
+imponieren, als um den Vertragsbruch und die Festnahme der römischen Offiziere
+zu ahnden, ließ Caesar den gesamten Gemeinderat hinrichten und die Bürgerschaft
+des venetischen Gaus bis auf den letzten Mann in die Knechtschaft verkaufen.
+Durch dies entsetzliche Geschick wie durch ihre Intelligenz und ihren
+Patriotismus haben die Veneter mehr als irgendein anderer Keltenclan sich ein
+Anrecht erworben auf die Teilnahme der Nachwelt. Dem am Kanal versammelten
+Aufgebot der Küstenstaaten setzte Sabinus inzwischen dieselbe Taktik entgegen,
+durch die Caesar das Jahr zuvor den belgischen Landsturm an der Aisne
+überwunden hatte; er verhielt sich verteidigend, bis Ungeduld und Mangel in den
+Reihen der Feinde einrissen, und wußte sie dann durch Täuschung über die
+Stimmung und Stärke seiner Truppen und vor allem durch die eigene Ungeduld zu
+einem unbesonnenen Sturm auf das römische Lager zu verlocken und dabei zu
+schlagen, worauf die Milizen sich zerstreuten und die Landschaft bis zur Seine
+sich unterwarf.
+</p>
+
+<p>
+Nur die Moriner und Menapier beharrten dabei, sich der Anerkennung der
+römischen Hoheit zu entziehen. Um sie dazu zu zwingen, erschien Caesar an ihren
+Grenzen: aber gewitzigt durch die von ihren Landsleuten gemachten Erfahrungen,
+vermieden sie es, den Kampf an der Landesgrenze aufzunehmen und wichen zurück
+in die damals von den Ardennen gegen die Nordsee hin fast ununterbrochen sich
+erstreckenden Wälder. Die Römer versuchten, sich durch dieselben mit der Axt
+eine Straße zu bahnen, zu deren beiden Seiten die gefällten Bäume als Verbacke
+gegen feindliche Überfälle aufgeschichtet wurden; allein selbst Caesar,
+verwegen wie er war, fand nach einigen Tagen mühseligsten Marschierens es
+ratsam, zumal da es gegen den Winter ging, den Rückzug anzuordnen, obwohl von
+den Morinern nur ein kleiner Teil unterworfen und die mächtigen Menapier gar
+nicht erreicht worden waren. Das folgende Jahr (699 55) ward, während Caesar
+selbst in Britannien beschäftigt war, der größte Teil des Heeres aufs neue
+gegen diese Völkerschaften gesandt; allein auch diese Expedition blieb in der
+Hauptsache erfolglos. Dennoch war das Ergebnis der letzten Feldzüge die fast
+vollständige Unterwerfung Galliens unter die Herrschaft der Römer. Wenn
+Mittelgallien ohne Gegenwehr sich unter dieselbe gefügt hatte, so waren durch
+den Feldzug des Jahres 697 (57) die belgischen, durch den des folgenden Jahres
+die Seegaue mit den Waffen zur Anerkennung der römischen Herrschaft gezwungen
+worden. Die hochfliegenden Hoffnungen aber, mit denen die keltischen Patrioten
+den letzten Feldzug begonnen, hatten nirgends sich erfüllt. Weder Deutsche noch
+Briten waren ihnen zu Hilfe gekommen, und in Belgien hatte Labienus&rsquo;
+Anwesenheit genügt, die Erneuerung der vorjährigen Kämpfe zu verhüten.
+</p>
+
+<p>
+Während also Caesar das römische Gebiet im Westen mit den Waffen zu einem
+geschlossenen Ganzen fortbildete, versäumte er nicht, der neu unterworfenen
+Landschaft, welche ja bestimmt war, die zwischen Italien und Spanien klaffende
+Gebietslücke auszufüllen, mit der italischen Heimat wie mit den spanischen
+Provinzen Kommunikationen zu eröffnen. Die Verbindung zwischen Gallien und
+Italien war allerdings durch die von Pompeius im Jahre 677 (77) angelegte
+Heerstraße über den Mont Genèvre wesentlich erleichtert worden; allein seit das
+ganze Gallien den Römern unterworfen war, bedurfte man einer aus dem Potal
+nicht in westlicher, sondern in nördlicher Richtung den Alpenkamm
+überschreitenden und eine kürzere Verbindung zwischen Italien und dem mittleren
+Gallien herstellenden Straße. Dem Kaufmann diente hierzu längst der Weg, der
+über den Großen Bernhard in das Wallis und an den Genfer See führt; um diese
+Straße in seine Gewalt zu bringen, ließ Caesar schon im Herbst 697 (57) durch
+Servius Galba Octodurum (Martigny) besetzen und die Bewohner des Wallis zur
+Botmäßigkeit bringen, was durch die tapfere Gegenwehr dieser Bergvölker
+natürlich nur verzögert, nicht verhindert ward.
+</p>
+
+<p>
+Um ferner die Verbindung mit Spanien zu gewinnen, wurde im folgenden Jahr (698
+56) Publius Crassus nach Aquitanien gesandt mit dem Auftrag, die daselbst
+wohnenden iberischen Stämme zur Anerkennung der römischen Herrschaft zu
+zwingen. Die Aufgabe war nicht ohne Schwierigkeit; die Iberer hielten fester
+zusammen als die Kelten und verstanden es besser als diese, von ihren Feinden
+zu lernen. Die Stämme jenseits der Pyrenäen, namentlich die tüchtigen Kantabrer
+sandten ihren bedrohten Landsleuten Zuzug; mit diesem kamen erfahrene, unter
+Sertorius&rsquo; Führung römisch geschulte Offiziere, die soweit möglich die
+Grundsätze der römischen Kriegskunst, namentlich das Lagerschlagen, bei dem
+schon durch seine Zahl und seine Tapferkeit ansehnlichen aquitanischen Aufgebot
+einführten. Allein der vorzügliche Offizier, der die Römer führte, wußte alle
+Schwierigkeiten zu überwinden, und nach einigen hart bestrittenen, aber
+glücklich gewonnenen Feldschlachten die Völkerschaften von der Garonne bis nahe
+an die Pyrenäen zur Ergebung unter den neuen Herrn zu bestimmen.
+</p>
+
+<p>
+Das eine Ziel, das Caesar sich gesteckt hatte, die Unterwerfung Galliens, war
+mit kaum nennenswerten Ausnahmen im wesentlichen soweit erreicht, als es
+überhaupt mit dem Schwert sich erreichen ließ. Allein die andere Hälfte des von
+Caesar begonnenen Werkes war noch bei weitem nicht genügend erledigt und die
+Deutschen noch keineswegs überall genötigt, den Rhein als Grenze anzuerkennen.
+Eben jetzt, im Winter 698/99 (56/55) hatte an dem unteren Laufe des Flusses,
+bis wohin die Römer noch nicht vorgedrungen waren, eine abermalige
+Grenzüberschreitung stattgefunden. Die deutschen Stämme der Usipeten und
+Tencterer, deren Versuche, in dem Gebiet der Menapier über den Rhein zu setzen,
+bereits erwähnt wurden, waren endlich doch, die Wachsamkeit ihrer Gegner durch
+einen verstellten Abzug täuschend, auf den eigenen Schiffen der Menapier
+übergegangen - ein ungeheurer Schwarm, der sich mit Einschluß der Weiber und
+Kinder auf 430000 Köpfe belaufen haben soll. Noch lagerten sie, es scheint in
+der Gegend von Nimwegen und Kleve; aber es hieß, daß sie, den Aufforderungen
+der keltischen Patriotenpartei folgend, in das Innere Galliens einzurücken
+beabsichtigten, und das Gerücht ward dadurch bestärkt, daß ihre Reiterscharen
+bereits bis an die Grenzen der Treuerer streiften. Indes als Caesar mit seinen
+Legionen ihnen gegenüber anlangte, schienen die vielgeplagten Auswanderer nicht
+nach neuen Kämpfen begierig, sondern gern bereit, von den Römern Land zu nehmen
+und es unter ihrer Hoheit in Frieden zu bestellen. Während darüber verhandelt
+ward, stieg in dem römischen Feldherrn der Argwohn auf, daß die Deutschen nur
+Zeit zu gewinnen suchten, bis die von ihnen entsendeten Reiterscharen
+wiedereingetroffen seien. Ob derselbe gegründet war oder nicht, läßt sich nicht
+sagen; aber darin bestärkt durch einen Angriff, den trotz des tatsächlichen
+Waffenstillstandes ein feindlicher Trupp auf seine Vorhut unternahm, und
+erbittert durch den dabei erlittenen empfindlichen Verlust, glaubte Caesar sich
+berechtigt, jede völkerrechtliche Rücksicht aus den Augen zu setzen. Als am
+anderen Morgen die Fürsten und Ältesten der Deutschen, den ohne ihr Vorwissen
+unternommenen Angriff zu entschuldigen, im römischen Lager erschienen, wurden
+sie festgehalten und die nichts ahnende, ihrer Führer beraubte Menge von dem
+römischen Heer plötzlich überfallen. Es war mehr eine Menschenjagd als eine
+Schlacht; was nicht unter den Schwertern der Römer fiel, ertrank im Rheine;
+fast nur die zur Zeit des Überfalls detachierten Abteilungen entkamen dem
+Blutbad und gelangten zurück über den Rhein, wo ihnen die Sugambrer in ihrem
+Gebiet, es scheint an der Lippe, eine Freistatt gewährten. Das Verfahren
+Caesars gegen diese deutschen Einwanderer fand im Senat schweren und gerechten
+Tadel; allein wie wenig auch dasselbe entschuldigt werden kann, den deutschen
+Übergriffen war dadurch mit erschreckendem Nachdruck gesteuert. Doch fand es
+Caesar ratsam, noch einen Schritt weiter zu gehen und die Legionen über den
+Rhein zu führen. An Verbindungen jenseits desselben mangelte es ihm nicht. Den
+Deutschen auf ihrer damaligen Bildungsstufe fehlte noch jeder nationale
+Zusammenhang; an politischer Zerfahrenheit gaben sie, wenn auch aus anderen
+Ursachen, den Kelten nichts nach. Die Ubier (an der Sieg und Lahn), der
+zivilisierteste unter den deutschen Stämmen, waren vor kurzem von einem
+mächtigen suebischen Gau des Binnenlandes botmäßig und zinspflichtig gemacht
+worden und hatten schon 697 (57) Caesar durch ihre Boten ersucht, auch sie wie
+die Gallier von der suebischen Herrschaft zu befreien. Es war Caesars Absicht
+nicht, diesem Ansinnen, das ihn in endlose Unternehmungen verwickelt haben
+würde, ernstlich zu entsprechen; aber wohl schien es zweckmäßig, um das
+Erscheinen der germanischen Waffen diesseits des Rheines zu verhindern, die
+römischen jenseits desselben wenigstens zu zeigen. Der Schutz, den die
+entronnenen Usipeten und Tencterer bei den Sugambrern gefunden hatten, bot eine
+geeignete Veranlassung dar. In der Gegend, wie es scheint, zwischen Koblenz und
+Andernach schlug Caesar eine Pfahlbrücke über den Rhein und führte seine
+Legionen hinüber aus dem treverischen in das ubische Gebiet. Einige kleinere
+Gaue gaben ihre Unterwerfung ein; allein die Sugambrer, gegen die der Zug
+zunächst gerichtet war, zogen, wie das römische Heer herankam, mit ihren
+Schutzbefohlenen sich in das innere Land zurück. In gleicher Weise ließ der
+mächtige suebische Gau, der die Ubier bedrängte, vermutlich derjenige, der
+später unter dem Namen der Chatten auftritt, die zunächst an das ubische Gebiet
+angrenzenden Distrikte räumen und das nicht streitbare Volk in Sicherheit
+bringen, während alle waffenfähige Mannschaft angewiesen ward, im Mittelpunkt
+des Gaues sich zu versammeln. Diesen Handschuh aufzuheben hatte der römische
+Feldherr weder Veranlassung noch Lust; sein Zweck, teils zu rekognoszieren,
+teils durch einen Zug über den Rhein womöglich den Deutschen, wenigstens aber
+den Kelten und den Landsleuten daheim zu imponieren, war im wesentlichen
+erreicht; nach achtzehntägigem Verweilen am rechten Rheinufer traf er wieder in
+Gallien ein und brach die Rheinbrücke hinter sich ab (699 55).
+</p>
+
+<p>
+Es blieben die Inselkelten. Bei dem engen Zusammenhang zwischen ihnen und den
+Kelten des Festlandes, namentlich den Seegauen, ist es begreiflich, daß sie an
+dem nationalen Widerstand wenigstens mit ihren Sympathien sich beteiligt hatten
+und den Patrioten wenn auch nicht bewaffneten Beistand, doch mindestens jedem
+von ihnen, für den die Heimat nicht mehr sicher war, auf ihrer meerbeschützten
+Insel eine ehrenvolle Freistatt gewährten. Eine Gefahr lag hierin allerdings,
+wenn nicht für die Gegenwart, doch für die Zukunft; es schien zweckmäßig, wo
+nicht die Eroberung der Insel selbst zu unternehmen, doch auch hier die
+Defensive offensiv zu führen und durch eine Landung an der Küste den Insulanern
+zu zeigen, daß der Arm der Römer auch über den Kanal reiche. Schon der erste
+römische Offizier, der die Bretagne betrat, Publius Crassus, war von dort nach
+den &ldquo;Zinninseln&rdquo; an der Westspitze Englands (Scillyinseln)
+hinübergefahren (697 57); im Sommer 699 (55) ging Caesar selbst mit nur zwei
+Legionen da, wo er am schmalsten ist ^17, über den Kanal. Er fand die Küste mit
+feindlichen Truppenmassen bedeckt und fuhr mit seinen Schiffen weiter; aber die
+britischen Streitwagen bewegten sich ebenso schnell zu Lande fort wie die
+römischen Galeeren auf der See, und nur mit größter Mühe gelang es den
+römischen Soldaten unter dem Schutze der Kriegsschiffe, die durch Wurfmaschinen
+und Handgeschütze den Strand fegten, im Angesicht der Feinde teils watend,
+teils in Kähnen das Ufer zu gewinnen. Im ersten Schreck unterwarfen sich die
+nächsten Dörfer; allein bald wurden die Insulaner gewahr, wie schwach der Feind
+sei und wie er nicht wage, sich vom Ufer zu entfernen. Die Eingeborenen
+verschwanden in das Binnenland und kamen nur zurück, um das Lager zu bedrohen;
+die Flotte aber, die man auf der offenen Reede gelassen hatte, erlitt durch den
+ersten über sie hereinbrechenden Sturmwind sehr bedeutenden Schaden. Man mußte
+sich glücklich schätzen, die Angriffe der Barbaren abzuschlagen, bis man die
+Schiffe notdürftig repariert hatte, und mit denselben, noch ehe die schlimme
+Jahreszeit hereinbrach, die gallische Küste wiederzuerreichen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^17 Daß Caesars Überfahrten nach Britannien aus den Häfen der Küste von Calais
+bis Boulogne an die Küste von Kent gingen, ergibt die Natur der Sache sowie
+Caesars ausdrückliche Angabe. Die genauere Bestimmung der Örtlichkeit ist oft
+versucht worden, aber nicht gelungen. Überliefert ist nur, daß bei der ersten
+Fahrt die Infanterie in dem einen, die Reiterei in einem anderen, von jenem 8
+Milien in östlicher Richtung entfernten Hafen sich einschiffte (Gall. 4, 22,
+23, 28) und daß die zweite Fahrt aus demjenigen von diesen beiden Häfen, den
+Caesar am bequemsten gefunden, dem (sonst nicht weiter genannten) Irischen, von
+der britannischen Küste 30 (so nach Caesars Handschriften 5, 2) oder 40 (= 320
+Stadien, nach Strab. 4, 5, 2, der unzweifelhaft aus Caesar schöpfte) Milien
+entfernten abging. Aus Caesars Worten (Gall. 4, 21), daß er &ldquo;die kürzeste
+Überfahrt&rdquo; gewählt habe, kann man verständigerweise wohl folgern, daß er
+nicht durch den Kanal, sondern durch den Pas de Calais, aber keineswegs, daß er
+durch diesen auf der mathematisch kürzesten Linie fuhr. Es gehört der
+Inspirationsglaube der Lokaltopographen dazu, um mit solchen Daten in der Hand,
+von denen das an sich beste noch durch die schwankende Überlieferung der Zahl
+fast unbrauchbar wird, an die Bestimmung der Örtlichkeit zu gehen; doch möchte
+unter den vielen Möglichkeiten am meisten für sich zu haben, daß der Irische
+Hafen (den schon Strab. a. a. O. wahrscheinlich richtig mit demjenigen
+identifiziert, von dem bei der ersten Fahrt die Infanterie überging) bei
+Ambleteuse, westlich vom Cap Gris Nez, der Reiterhaufen bei Ecale (Wissant),
+östlich von demselben Vorgebirge, zu suchen ist, die Landung aber östlich von
+Dover bei Walmercastle stattfand.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Caesar selbst war mit den Ergebnissen dieser leichtsinnig und mit
+unzulänglichen Mitteln unternommenen Expedition so unzufrieden, daß er sogleich
+(Winter 699/700 55/54) eine Transportflotte von 800 Segeln instand setzen ließ
+und im Frühling 700 (54), diesmal mit fünf Legionen und 2000 Reitern, zum
+zweitenmal nach der kentischen Küste unter Segel ging. Vor der gewaltigen
+Armada wich die auch diesmal am Ufer versammelte Streitmacht der Briten, ohne
+einen Kampf zu wagen; Caesar trat sofort den Marsch ins Binnenland an und
+überschritt nach einigen glücklichen Gefechten den Fluß Stour; allein er mußte
+sehr wider seinen Willen innehalten, weil die Flotte auf der offenen Reede
+wiederum von den Stürmen des Kanals halb vernichtet worden war. Bis man die
+Schiffe auf den Strand gezogen und für die Reparatur umfassende Vorkehrungen
+getroffen, ging eine kostbare Zeit verloren, die die Kelten weislich benutzten.
+Der tapfere und umsichtige Fürst Cassivellaunus, der in dem heutigen Middlesex
+und der Umgegend gebot, sonst der Schreck der Kelten südlich von der Themse,
+jetzt aber Hort und Vorfechter der ganzen Nation, war an die Spitze der
+Landesverteidigung getreten. Er sah bald, daß mit dem keltischen Fußvolk gegen
+das römische schlechterdings nichts auszurichten und die schwer zu ernährende
+und schwer zu regierende Masse des Landsturms der Verteidigung nur hinderlich
+war; also entließ er diesen und behielt nur die Streitwagen, deren er 4000
+zusammenbrachte und deren Kämpfer, geübt vom Wagen herabspringend zu Fuß zu
+fechten, gleich der Bürgerreiterei des ältesten Rom in zwiefacher Weise
+verwendet werden konnten. Als Caesar den Marsch wieder fortzusetzen imstande
+war, fand er denselben nirgend sich verlegt; aber die britischen Streitwagen
+zogen stets dem römischen Heer vorauf und zur Seite, bewirkten die Räumung des
+Landes, die bei dem Mangel an Städten keine große Schwierigkeit machte,
+hinderten jede Detachierung und bedrohten die Kommunikationen. Die Themse ward
+- wie es scheint zwischen Kingston und Brentford oberhalb London - von den
+Römern überschritten; man kam vorwärts, aber nicht eigentlich weiter; der
+Feldherr erfocht keinen Sieg, der Soldat machte keine Beute und das einzige
+wirkliche Resultat, die Unterwerfung der Trinobanten im heutigen Essex, war
+weniger die Folge der Furcht vor den Römern als der tiefen Verfeindung dieses
+Gaus mit Cassivellaunus. Mit jedem Schritte vorwärts stieg die Gefahr, und der
+Angriff, den die Fürsten von Kent nach Cassivellaunus&rsquo; Anordnung auf das
+römische Schiffslager machten, mahnte, obwohl er abgeschlagen ward, doch
+dringend zur Umkehr. Die Erstürmung eines großen britischen Verhacks, in dem
+eine Menge Vieh den Römern in die Hände fiel, gab für das ziellose Vordringen
+einen leidlichen Abschluß und einen erträglichen Vorwand für die Umkehr. Auch
+Cassivellaunus war einsichtig genug, den gefährlichen Feind nicht aufs Äußerste
+zu treiben, und versprach, wie Caesar verlangte, die Trinobanten nicht zu
+beunruhigen, Abgaben zu zahlen und Geiseln zu stellen; von Auslieferung der
+Waffen oder Zurücklassung einer römischen Besatzung war nicht die Rede, und
+selbst jene Versprechungen wurden vermutlich, soweit sie die Zukunft betrafen,
+ernstlich weder gegeben noch genommen. Nach Empfang der Geiseln kehrte Caesar
+in das Schiffslager und von da nach Gallien zurück. Wenn er, wie es allerdings
+scheint, gehofft hatte, Britannien diesmal zu erobern, so war dieser Plan teils
+an dem klugen Verteidigungssystem des Cassivellaunus, teils und vor allem an
+der Unbrauchbarkeit der italischen Ruderflotte auf den Gewässern der Nordsee
+vollkommen gescheitert; denn daß der bedungene Tribut niemals erlegt ward, ist
+gewiß. Der nächste Zweck aber: die Inselkelten aus ihrer trotzigen Sicherheit
+aufzurütteln und sie zu veranlassen, in ihrem eigenen Interesse ihre Inseln
+nicht länger zum Herd der festländischen Emigration herzugeben, scheint
+allerdings erreicht worden zu sein; wenigstens werden Beschwerden über
+dergleichen Schutzverleihung späterhin nicht wieder vernommen.
+</p>
+
+<p>
+Das Werk der Zurückweisung der germanischen Invasion und der Unterwerfung der
+festländischen Kelten war vollendet. Aber oft ist es leichter, eine freie
+Nation zu unterwerfen als eine unterworfene in Botmäßigkeit zu erhalten. Die
+Rivalität um die Hegemonie, an der mehr noch als an den Angriffen Roms die
+keltische Nation zugrunde gegangen war, ward durch die Eroberung gewissermaßen
+aufgehoben, indem der Eroberer die Hegemonie für sich selbst nahm. Die
+Sonderinteressen schwiegen; in dem gemeinsamen Druck fühlte man doch sich
+wieder als ein Volk, und was man, da man es besaß, gleichgültig verspielt
+hatte, die Freiheit und die Nationalität, dessen unendlicher Wert ward nun, da
+es zu spät war, von der unendlichen Sehnsucht vollständig ermessen. Aber war es
+denn zu spät? Mit zorniger Scham gestand man es sich, daß eine Nation, die
+mindestens eine Million waffenfähiger Männer zählte, eine Nation von altem und
+wohlbegründetem kriegerischen Ruhm, von höchstens 50000 Römern sich hatte das
+Joch auflegen lassen. Die Unterwerfung der Eidgenossenschaft des mittleren
+Galliens, ohne daß sie auch nur einen Schlag getan, die der belgischen, ohne
+daß sie mehr getan als schlagen wollen; dagegen wieder der heldenmütige
+Untergang der Nervier und Veneter, der kluge und glückliche Widerstand der
+Moriner und der Briten unter Cassivellaunus - alles, was im einzelnen versäumt
+und geleistet, gescheitert und erreicht war, spornte die Gemüter aller
+Patrioten zu neuen, womöglich einigeren und erfolgreicheren Versuchen.
+Namentlich unter dem keltischen Adel herrschte eine Gärung, die jeden
+Augenblick in einen allgemeinen Aufstand ausbrechen zu müssen schien. Schon vor
+dem zweiten Zug nach Britannien im Frühjahr 700 (54) hatte Caesar es notwendig
+gefunden, sich persönlich zu den Treverern zu begeben, die, seit sie 697 (57)
+in der Nervierschlacht sich kompromittiert hatten, auf den allgemeinen
+Landtagen nicht mehr erschienen waren und mit den überrheinischen Deutschen
+mehr als verdächtige Verbindungen angeknüpft hatten. Damals hatte Caesar sich
+begnügt, die namhaftesten Männer der Patriotenpartei, namentlich den
+Indutiomarus, unter dem treverischen Reiterkontingent mit sich nach Britannien
+zu führen; er tat sein mögliches, die Verschwörung nicht zu sehen, um nicht
+durch strenge Maßregeln sie zur Insurrektion zu zeitigen. Allein als der Häduer
+Dumnorix, der gleichfalls dem Namen nach als Reiteroffizier, in der Tat aber
+als Geisel sich bei dem nach Britannien bestimmten Heere befand, geradezu
+verweigerte sich einzuschiffen und statt dessen nach Hause ritt, konnte Caesar
+nicht umhin, ihn als Ausreißer verfolgen zu lassen, wobei er von der
+nachgeschickten Abteilung eingeholt und, da er gegen dieselbe sich zur Wehre
+setzte, niedergehauen ward (700 54). Daß der angesehenste Ritter des
+mächtigsten und noch am wenigsten abhängigen Keltengaus von den Römern getötet
+worden, war ein Donnerschlag für den ganzen keltischen Adel; jeder, der sich
+ähnlicher Gesinnung bewußt war - und es war dies die ungeheure Majorität -, sah
+in jener Katastrophe das Bild dessen, was ihm selber bevorstand. Wenn
+Patriotismus und Verzweiflung die Häupter des keltischen Adels bestimmt hatte
+sich zu verschwören, so trieb jetzt Furcht und Notwehr die Verschworenen zum
+Losschlagen. Im Winter 700/01 (54/53) lagerte, mit Ausnahme einer in die
+Bretagne und einer zweiten in den sehr unruhigen Gau der Carnuten (bei
+Chartres) verlegten Legion, das gesamte römische Heer, sechs Legionen stark, im
+belgischen Gebiet. Die Knappheit der Getreidevorräte hatte Caesar bewogen,
+seine Truppen weiter, als er sonst zu tun pflegte, auseinander und in sechs
+verschiedene, in den Gauen der Bellovaker, Ambianer, Moriner, Nervier, Reiner
+und Eburonen, errichtete Lager zu verlegen. Das am weitesten gegen Osten im
+eburonischen Gebiet, wahrscheinlich unweit des späteren Aduatuca, des heutigen
+Tongern, angelegte Standlager, das stärkste von allen, bestehend aus einer
+Legion unter einem der angesehensten Caesarischen Divisionsführer, dem Quintus
+Titurius Sabinus, und außerdem verschiedenen, von dem tapferen Lucius
+Aurunculeius Cotta, geführten Detachements zusammen von der Stärke einer halben
+Legion ^18, fand sich urplötzlich von dem Landsturm der Eburonen unter den
+Königen Ambiorix und Catuvolcus umzingelt. Der Angriff kam so unerwartet, daß
+die eben vom Lager abwesenden Mannschaften nicht einberufen werden konnten und
+von den Feinden aufgehoben wurden; übrigens war zunächst die Gefahr nicht groß,
+da es an Vorräten nicht mangelte und der Sturm, den die Eburonen versuchten, an
+den römischen Verschanzungen machtlos abprallte. Aber König Ambiorix eröffnete
+dem römischen Befehlshaber, daß die sämtlichen römischen Lager in Gallien an
+demselben Tage in gleicher Weise angegriffen und die Römer unzweifelhaft
+verloren seien, wenn die einzelnen Korps nicht rasch aufbrächen und miteinander
+sich vereinigten; daß Sabinus damit um so mehr Ursache habe zu eilen, als gegen
+ihn auch die überrheinischen Deutschen bereits im Anmarsch seien; daß er selbst
+aus Freundschaft für die Römer ihnen freien Abzug bis zu dem nächsten, nur zwei
+Tagemärsche entfernten römischen Lager zusichere. Einiges in diesen Angaben
+schien nicht erfunden; daß der kleine, von den Römern besonders begünstigte Gau
+der Eburonen den Angriff auf eigene Hand unternommen habe, war in der Tat
+unglaublich und bei der Schwierigkeit, mit den anderen, weit entfernten Lagern
+sich in Verbindung zu setzen, die Gefahr von der ganzen Masse der Insurgenten
+angegriffen und vereinzelt aufgerieben zu werden, keineswegs gering zu achten;
+nichtsdestoweniger konnte es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß
+sowohl die Ehre wie die Klugheit gebot, die vom Feinde angebotene Kapitulation
+zurückzuweisen und an dem anvertrauten Posten auszuharren. Auch im Kriegsrat
+vertraten zahlreiche Stimmen, namentlich die gewichtige des Lucius Aurunculeius
+Cotta diese Ansicht. Dennoch entschied sich der Kommandant dafür, den Vorschlag
+des Ambiorix anzunehmen. Die römischen Truppen zogen also am anderen Morgen ab;
+aber in einem schmalen Tal, kaum eine halbe Meile vom Lager, angelangt, fanden
+sie sich von den Eburonen umzingelt und jeden Ausweg gesperrt. Sie versuchten,
+mit den Waffen sich den Weg zu öffnen; allein die Eburonen ließen sich auf kein
+Nahgefecht ein und begnügten sich, aus ihren unangreifbaren Stellungen ihre
+Geschosse in den Knäuel der Römer zu entsenden. Wie verwirrt, als ob er Rettung
+vor dem Verrat bei dem Verräter suchte, begehrte Sabinus eine Zusammenkunft mit
+Ambiorix; sie wurde gewährt und er und die ihn begleitenden Offiziere erst
+entwaffnet, dann niedergemacht. Nach dem Fall des Befehlshabers warfen sich die
+Eburonen von allen Seiten zugleich auf die erschöpften und verzweifelnden Römer
+und brachen ihre Reihen: die meisten, unter ihnen der schon früher verwundete
+Cotta, fanden bei diesem Angriff ihren Tod; ein kleiner Teil, dem es gelungen
+war, das verlassene Lager wiederzugewinnen, stürzte sich während der folgenden
+Nacht in die eigenen Schwerter. Der ganze Heerhaufen ward vernichtet.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^18 Daß Cotta, obwohl nicht Unterfeldherr des Sabinus, sondern gleich ihm
+Legat, doch der jüngere und minder angesehene General und wahrscheinlich im
+Fall einer Differenz sich zu fügen angewiesen war, ergibt sich sowohl aus den
+früheren Leistungen des Sabinus, als daraus, daß, wo beide zusammen genannt
+werden (Gall. 4, 22, 37; 5, 24, 26, 52; 6, 32; anders 6, 37), Sabinus
+regelmäßig voransteht, nicht minder aus der Erzählung der Katastrophe selbst.
+überdies kann man doch unmöglich annehmen, daß Caesar einem Lager zwei
+Offiziere mit gleicher Befugnis vorgesetzt und für den Fall der
+Meinungsverschiedenheit gar keine Anordnung getroffen haben soll. Auch zählen
+die fünf Kohorten nicht als Legion mit (vgl. Gall. 6, 32, 33), so wenig wie die
+zwölf Kohorten an der Rheinbrücke (Gall. 6, 29 vgl. 32, 33), und scheinen aus
+Detachements anderer Heerteile bestanden zu haben, die diesem den Germanen
+zunächst gelegenen Lager zur Verstärkung zugeteilt worden waren.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Dieser Erfolg, wie die Insurgenten ihn selber kaum gehofft haben mochten,
+steigerte die Gärung unter den keltischen Patrioten so gewaltig, daß die Römer,
+mit Ausnahme der Häduer und der Reiner, keines einzigen Distrikts ferner sicher
+waren und an den verschiedensten Punkten der Aufstand losbrach. Vor allen
+Dingen verfolgten die Eburonen ihren Sieg. Verstärkt durch das Aufgebot der
+Aduatuker, die gern die Gelegenheit ergriffen, das von Caesar ihnen zugefügte
+Leid zu vergelten, und der mächtigen und noch unbezwungenen Menapier,
+erschienen sie in dem Gebiet der Nervier, welche sogleich sich anschlossen, und
+der ganze also auf 60000 Köpfe angeschwollene Schwarm rückte vor das im
+nervischen Gau befindliche römische Lager. Quintus Cicero, der hier
+kommandierte, hatte mit seinem schwachen Korps einen schweren Stand, namentlich
+als die Belagerer, von dem Feinde lernend, Wälle und Gräben, Schilddächer und
+bewegliche Türme in römischer Weise aufführten und die strohgedeckten
+Lagerhütten mit Brandschleudern und Brandspeeren überschütteten. Die einzige
+Hoffnung der Belagerten beruhte auf Caesar, der nicht allzuweit entfernt in der
+Gegend von Amiens mit drei Legionen im Winterlager stand. Allein - ein
+charakteristischer Beweis für die im Keltenland herrschende Stimmung - geraume
+Zeit hindurch kam dem Oberfeldherrn nicht die geringste Andeutung zu weder von
+der Katastrophe des Sabinus, noch von der gefährlichen Lage Ciceros. Endlich
+gelang es einem keltischen Reiter aus Ciceros Lager, sich durch die Feinde bis
+zu Caesar durchzuschleichen. Auf die erschütternde Kunde brach Caesar
+augenblicklich auf, zwar nur mit zwei schwachen Legionen, zusammen etwa 7000
+Mann stark, und 400 Reitern; aber nichtsdestoweniger genügte die Meldung, daß
+Caesar anrückte, um die Insurgenten zur Aufhebung der Belagerung zu bestimmen.
+Es war Zeit; nicht der zehnte Mann in Ciceros Lager war unverwundet. Caesar,
+gegen den das Insurgentenheer sich gewandt hatte, täuschte die Feinde in der
+schon mehrmals mit Erfolg angewandten Weise über seine Stärke; unter den
+ungünstigsten Verhältnissen wagten sie einen Sturm auf das Römerlager und
+erlitten dabei eine Niederlage. Es ist seltsam, aber charakteristisch für die
+keltische Nation, daß infolge dieser einen verlorenen Schlacht, oder vielleicht
+mehr noch infolge von Caesars persönlichem Erscheinen auf dem Kampfplatz die so
+siegreich aufgetretene, so weithin ausgedehnte Insurrektion plötzlich und
+kläglich den Krieg abbrach. Nervier, Menapier, Aduatuker, Eburonen begaben sich
+nach Hause. Das gleiche taten die Mannschaften der Seegaue, die Anstalt gemacht
+hatten, die Legion in der Bretagne zu überfallen. Die Treverer, durch deren
+Führer Indutiomarus die Eburonen, die Klienten des mächtigen Nachbargaus, zu
+jenem so erfolgreichen Angriff hauptsächlich bestimmt worden waren, hatten auf
+die Kunde der Katastrophe von Aduatuca die Waffen ergriffen und waren in das
+Gebiet der Remer eingerückt, um die unter Labienus&rsquo; Befehl dort
+kantonnierende Legion anzugreifen; auch sie stellten für jetzt die Fortsetzung
+des Kampfes ein. Nicht ungern verschob Caesar die weiteren Maßregeln gegen die
+aufgestandenen Distrikte auf das Frühjahr, um seine hart mitgenommenen Truppen
+nicht der ganzen Strenge des gallischen Winters auszusetzen und um erst dann
+wieder auf dem Kampfplatze zu erscheinen, wenn durch die angeordnete Aushebung
+von dreißig neuen Kohorten die vernichteten fünfzehn in imponierender Weise
+ersetzt sein würden. Die Insurrektion spann inzwischen sich fort, wenn auch
+zunächst die Waffen ruhten. Ihre Hauptsitze in Mittelgallien waren teils die
+Distrikte der Carnuten und der benachbarten Senonen (um Sens), welche letztere
+den von Caesar eingesetzten König aus dem Lande jagten, teils die Landschaft
+der Treverer, welche die gesamte keltische Emigration und die überrheinischen
+Deutschen zur Teilnahme an dem bevorstehenden Nationalkrieg aufforderten und
+ihre ganze Mannschaft aufboten, um mit dem Frühjahr zum zweitenmal in das
+Gebiet der Römer einzurücken, das Korps des Labienus aufzuheben und die
+Verbindung mit den Aufständischen an der Seine und Loire zu suchen. Die
+Abgeordneten dieser drei Gaue blieben auf dem von Caesar im mittleren Gallien
+ausgeschriebenen Landtag aus und erklärten damit ebenso offen den Krieg, wie es
+ein Teil der belgischen Gaue durch die Angriffe auf das Lager des Sabinus und
+Cicero getan hatte. Der Winter neigte sich zu Ende, als Caesar mit seinem
+inzwischen ansehnlich verstärkten Heer aufbrach gegen die Insurgenten. Die
+Versuche der Treverer, den Aufstand zu konzentrieren, waren nicht geglückt; die
+gärenden Landschaften wurden durch den Einmarsch römischer Truppen im Zaum
+gehalten, die in offener Empörung stehenden vereinzelt angegriffen. Zuerst
+wurden die Nervier von Caesar selbst zu Paaren getrieben. Das gleiche widerfuhr
+den Senonen und Carnuten. Auch die Menapier, der einzige Gau, der sich niemals
+noch den Römern unterworfen hatte, wurden durch einen von drei Seiten zugleich
+gegen sie gerichteten Gesamtangriff genötigt, der lange bewahrten Freiheit zu
+entsagen. Den Treverern bereitete inzwischen Labienus dasselbe Schicksal. Ihr
+erster Angriff war gelähmt worden teils durch die Weigerung der nächstwohnenden
+deutschen Stämme, ihnen Söldner zu liefern, teils dadurch, daß Indutiomarus,
+die Seele der ganzen Bewegung, in einem Scharmützel mit den Reitern des
+Labienus geblieben war. Allein sie gaben ihre Entwürfe darum nicht auf. Mit
+ihrem gesamten Aufgebot erschienen sie Labienus gegenüber und harrten der
+nachfolgenden deutschen Scharen; denn bessere Aufnahme als bei den Anwohnern
+des Rheines hatten ihre Werber bei den streitbaren Völkerschaften des inneren
+Deutschlands, namentlich, wie es scheint, den Chatten gefunden. Allein da
+Labienus Miene machte, diesen ausweichen und Hals über Kopf abmarschieren zu
+wollen, griffen die Treverer, noch ehe die Deutschen angelangt waren und in der
+ungünstigsten Örtlichkeit, die Römer an und wurden vollständig geschlagen. Den
+zu spät eintreffenden Deutschen blieb nichts übrig als umzukehren, dem
+treverischen Gau nichts als sich zu unterwerfen; das Regiment daselbst kam
+wieder an das Haupt der römischen Partei, an des Indutiomarus Schwiegersohn
+Cingetorix. Nach diesen Expeditionen Caesars gegen die Menapier und des
+Labienus gegen die Treverer traf in dem Gebiet der letzteren die ganze römische
+Armee wieder zusammen. Um den Deutschen das Wiederkommen zu verleiden, ging
+Caesar noch einmal über den Rhein, um womöglich gegen die lästigen Nachbarn
+einen nachdrücklichen Schlag zu führen; allein da die Chatten, ihrer erprobten
+Taktik getreu, sich nicht an ihrer Westgrenze, sondern weit landeinwärts, es
+scheint am Harz, zur Landesverteidigung sammelten, kehrte er sogleich wieder um
+und begnügte sich, an dem Rheinübergang Besatzung zurückzulassen. Mit den
+sämtlichen an dem Aufstand beteiligten Völkerschaften war also abgerechnet; nur
+die Eburonen waren übergangen, aber nicht vergessen. Seit Caesar die
+Katastrophe von Aduatuca erfahren hatte, trug er das Trauergewand und hatte
+geschworen, erst dann es abzulegen, wenn er seine nicht im ehrlichen Kriege
+gefallenen, sondern heimtückisch ermordeten Soldaten gerächt haben würde. Rat-
+und tatlos saßen die Eburonen in ihren Hütten und sahen zu, wie einer nach dem
+andern die Nachbargaue den Römern sich unterwarfen, bis die römische Reiterei
+vom treverischen Gebiet aus durch die Ardennen in ihr Land einrückte. Man war
+so wenig auf den Angriff gefaßt, daß sie beinahe den König Ambiorix in seinem
+Hause ergriffen hätte; mit genauer Not, während sein Gefolge für ihn sich
+aufopferte, entkam er in das nahe Gehölz. Bald folgten den Reitern zehn
+römische Legionen. Zugleich erging an die umwohnenden Völkerschaften die
+Aufforderung, mit den römischen Soldaten in Gemeinschaft die vogelfreien
+Eburonen zu hetzen und ihr Land zu plündern; nicht wenige folgten dem Ruf,
+sogar von jenseits des Rheines eine kecke Schar sugambrischer Reiter, die
+übrigens es den Römern nicht besser machte wie den Eburonen und fast durch
+einen kecken Handstreich das römische Lager bei Aduatuca überrumpelt hätte. Das
+Schicksal der Eburonen war entsetzlich. Wie sie auch in Wäldern und Sümpfen
+sich bargen, der Jäger waren mehr als des Wildes. Mancher gab sich selbst den
+Tod wie der greise Fürst Catuvolcus; nur einzelne retteten Leben und Freiheit,
+unter diesen wenigen aber der Mann, auf den die Römer vor allem fahndeten, der
+Fürst Ambiorix: mit nur vier Reitern entrann er über den Rhein. Auf diese
+Exekution gegen den Gau, der vor allen andern gefrevelt, folgten in den anderen
+Landschaften die Hochverratsprozesse gegen die einzelnen. Die Zeit der Milde
+war vorbei. Nach dem Spruche des römischen Prokonsuls ward der angesehene
+carnutische Ritter Acco von römischen Liktoren enthauptet (701 53) und die
+Herrschaft der Ruten und Beile damit förmlich eingeweiht. Die Opposition
+verstummte: überall herrschte Ruhe. Caesar ging, wie er pflegte, im Spätjahr
+701 (53) über die Alpen, um den Winter hindurch die immer mehr sich
+verwickelnden Verhältnisse in der Hauptstadt aus der Nähe zu beobachten.
+</p>
+
+<p>
+Der kluge Rechner hatte diesmal sich verrechnet. Das Feuer war gedämpft, aber
+nicht gelöscht. Den Streich, unter dem Accos Haupt fiel, fühlte der ganze
+keltische Adel. Eben jetzt bot die Lage der Dinge mehr Aussicht als je. Die
+Insurrektion des letzten Winters war offenbar nur daran gescheitert, daß Caesar
+selbst auf dem Kampfplatz erschienen war; jetzt war er fern, durch den nahe
+bevorstehenden Bürgerkrieg festgehalten am Po, und das gallische Heer, das an
+der oberen Seine zusammengezogen stand, weit getrennt von dem gefürchteten
+Feldherrn. Wenn jetzt ein allgemeiner Aufstand in Mittelgallien ausbrach, so
+konnte das römische Heer umzingelt, die fast unverteidigte altrömische Provinz
+überschwemmt sein, bevor Caesar wieder jenseits der Alpen stand, selbst wenn
+die italischen Verwicklungen nicht überhaupt ihn abhielten, sich ferner um
+Gallien zu kümmern. Verschworene aus allen mittelgallischen Gauen traten
+zusammen; die Carnuten, als durch Accos Hinrichtung zunächst betroffen, erboten
+sich voranzugehen. An dem festgesetzten Tage im Winter 701/02 (53/52) gaben die
+carnutischen Ritter Gutruatus und Conconnetodumnus in Cenabum (Orleans) das
+Zeichen zur Erhebung und machten die daselbst anwesenden Römer insgesamt
+nieder. Die gewaltigste Bewegung ergriff das ganze Keltenland; überall regten
+sich die Patrioten. Nichts aber ergriff so tief die Nation wie die
+Schilderhebung der Arverner. Die Regierung dieser Gemeinde, die einst unter
+ihren Königen die erste im südlichen Gallien gewesen und noch nach dem durch
+die unglücklichen Kriege gegen Rom herbeigeführten Zusammensturz ihres
+Prinzipats eine der reichsten, gebildetsten und mächtigsten in ganz Gallien
+geblieben war, hatte bisher unverbrüchlich zu Rom gehalten. Auch jetzt war die
+Patriotenpartei in dem regierenden Gemeinderat in der Minorität; ein Versuch,
+von demselben den Beitritt zu der Insurrektion zu erlangen, war vergeblich. Die
+Angriffe der Patrioten richteten sich also gegen den Gemeinderat und die
+bestehende Verfassung selbst, und um so mehr, als die Verfassungsänderung, die
+bei den Arvernern den Gemeinderat an die Stelle des Fürsten gesetzt hatte, nach
+den Siegen der Römer und wahrscheinlich unter dem Einfluß derselben erfolgt
+war. Der Führer der arvernischen Patrioten, Vercingetorix, einer jener Adligen,
+wie sie wohl bei den Kelten begegnen, von fast königlichem Ansehen in und außer
+seinem Gau, dazu ein stattlicher, tapferer, kluger Mann, verließ die Hauptstadt
+und rief das Landvolk, das der herrschenden Oligarchie ebenso feind war wie den
+Römern, zugleich zur Wiederherstellung des arvernischen Königtums und zum Krieg
+gegen Rom auf. Rasch fiel die Menge ihm zu; die Wiederherstellung des Thrones
+des Luerius und Betuhus war zugleich die Erklärung des Nationalkriegs gegen
+Rom. Den einheitlichen Halt, an dessen Mangel alle bisherigen Versuche der
+Nation, das fremdländische Joch von sich abzuschütteln, gescheitert waren, fand
+sie jetzt in dem neuen selbsternannten König der Arverner. Vercingetorix ward
+für die Kelten des Festlandes, was für die Inselkelten Cassivellaunus; gewaltig
+durchdrang die Massen das Gefühl, daß er oder keiner der Mann sei, die Nation
+zu erretten. Rasch war der Westen von der Mündung der Garonne bis zu der der
+Seine von der Insurrektion erfaßt und Vercingetorix hier von allen Gauen als
+Oberfeldherr anerkannt; wo der Gemeinderat Schwierigkeit machte, nötigte ihn
+die Menge zum Anschluß an die Bewegung; nur wenige Gaue, wie der der Biturigen,
+ließen zum Beitritt sich zwingen, und vielleicht auch diese nur zum Schein.
+Weniger günstigen Boden fand der Aufstand in den Landschaften östlich von der
+oberen Loire. Alles kam hier auf die Häduer an; und diese schwankten. Die
+Patriotenpartei war in diesem Gau sehr mächtig; aber der alte Antagonismus
+gegen die führenden Arverner hielt ihrem Einfluß die Waage - zum
+empfindlichsten Nachteil der Insurrektion, da der Anschluß der östlichen
+Kantone, namentlich der Sequaner und der Helvetier, durch den Beitritt der
+Häduer bedingt war und überhaupt in diesem Teile Galliens die Entscheidung bei
+ihnen stand. Während also die Aufständischen daran arbeiteten, teils die noch
+schwankenden Kantone, vor allen die Häduer, zum Beitritt zu bewegen, teils sich
+Narbos zu bemächtigen - einer ihrer Führer, der verwegene Lucterius, hatte
+bereits innerhalb der Grenzen der alten Provinz am Tarn sich gezeigt -,
+erschien plötzlich im tiefen Winter, Freunden und Feinden gleich unerwartet,
+der römische Oberfeldherr diesseits der Alpen. Rasch traf er nicht bloß die
+nötigen Anstalten, um die alte Provinz zu decken, sondern sandte auch über die
+schneebedeckten Cevennen einen Haufen in das arvernische Gebiet; aber seines
+Bleibens war nicht hier, wo ihn jeden Augenblick der Zutritt der Häduer zu dem
+gallischen Bündnis von seiner um Sens und Langres lagernden Armee abschneiden
+konnte. In aller Stille ging er nach Vienna und von da, nur von wenigen Reitern
+begleitet, durch das Gebiet der Häduer zu seinen Truppen. Die Hoffnungen
+schwanden, welche die Verschworenen zum Losschlagen bestimmt hatten; in Italien
+blieb es Friede und Caesar stand abermals an der Spitze seiner Armee.
+</p>
+
+<p>
+Was aber sollten sie beginnen? Es war eine Torheit, unter solchen Umständen auf
+die Entscheidung der Waffen es ankommen zu lassen; denn diese hatten bereits
+unwiderruflich entschieden. Man konnte ebensogut versuchen, mit Steinwürfen die
+Alpen zu erschüttern, wie die Legionen mit den keltischen Haufen, mochten
+dieselben nun in ungeheuren Massen zusammengeballt oder vereinzelt ein Gau nach
+dem andern preisgegeben werden. Vercingetorix verzichtete darauf, die Römer zu
+schlagen. Er nahm ein ähnliches Kriegssystem an, wie dasjenige war, durch das
+Cassivellaunus die Inselkelten gerettet hatte. Das römische Fußvolk war nicht
+zu besiegen; aber Caesars Reiterei bestand fast ausschließlich aus dem Zuzug
+des keltischen Adels und war durch den allgemeinen Abfall tatsächlich
+aufgelöst. Es war der Insurrektion, die ja eben wesentlich aus dem keltischen
+Adel bestand, möglich, in dieser Waffe eine solche Überlegenheit zu entwickeln,
+daß sie weit und breit das Land öde legen, Städte und Dörfer niederbrennen, die
+Vorräte vernichten, die Verpflegung und die Verbindungen des Feindes gefährden
+konnte, ohne daß derselbe es ernstlich zu hindern vermochte. Vercingetorix
+richtete demzufolge all seine Anstrengung auf die Vermehrung der Reiterei und
+der nach damaliger Fechtweise regelmäßig damit verbundenen Bogenschützen zu
+Fuß. Die ungeheuren und sich selber lähmenden Massen der Linienmiliz schickte
+er zwar nicht nach Hause, ließ sie aber doch nicht vor den Feind und versuchte,
+ihnen allmählich einige Schanz-, Marschier- und Manövrierfähigkeit und die
+Erkenntnis beizubringen, daß der Soldat nicht bloß bestimmt ist, sich zu
+raufen. Von den Feinden lernend, adoptierte er namentlich das römische
+Lagersystem, auf dem das ganze Geheimnis der taktischen Überlegenheit der Römer
+beruhte; denn infolgedessen vereinigte jedes römische Korps alle Vorteile der
+Festungsbesatzung mit allen Vorteilen der Offensivarmee ^19. Freilich war jenes
+dem städtearmen Britannien und seinen rauhen, entschlossenen und im ganzen
+einigen Bewohnern vollkommen angemessene System auf die reichen Landschaften an
+der Loire und deren schlaffe, in vollständiger politischer Auflösung begriffene
+Bewohner nicht unbedingt übertragbar. Vercingetorix setzte wenigstens durch,
+daß man nicht wie bisher jede Stadt zu halten versuchte und darum keine hielt;
+man ward sich einig, die der Verteidigung nicht fähigen Ortschaften, bevor der
+Angriff sie erreichte, zu vernichten, die starken Festungen aber mit gesamter
+Hand zu verteidigen. Daneben tat der Arvernerkönig, was er vermochte, um durch
+unnachsichtliche Strenge die Feigen und Säumigen, durch Bitten und
+Vorstellungen die Schwankenden, die Habsüchtigen durch Gold, die entschiedenen
+Gegner durch Zwang an die Sache des Vaterlandes zu fesseln und selbst dem
+vornehmen oder niedrigen Gesindel einigen Patriotismus aufzunötigen oder
+abzulisten.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^19 Freilich war dies nur möglich, solange die Offensivwaffen hauptsächlich auf
+Hieb und Stich gerichtet waren. In der heutigen Kriegführung ist, wie dies
+Napoleon I. vortrefflich auseinandergesetzt hat, dies System deshalb
+unanwendbar geworden, weil bei unseren, aus der Ferne wirkenden Offensivwaffen
+die deployierte Stellung vorteilhafter ist als die konzentrische. In Caesars
+Zeit verhielt es sich umgekehrt.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Noch bevor der Winter zu Ende war, warf er sich auf die im Gebiet der Häduer
+von Caesar angesiedelten Boier, um diese fast einzigen zuverlässigen
+Bundesgenossen Roms zu vernichten, bevor Caesar herankam. Die Nachricht von
+diesem Angriff bestimmte auch Caesar, mit Zurücklassung des Gepäcks und zweier
+Legionen in den Winterquartieren von Agedincum (Sens), sogleich und früher, als
+er sonst wohl getan haben würde, gegen die Insurgenten zu marschieren. Dem
+empfindlichen Mangel an Reiterei und leichtem Fußvolk half er einigermaßen ab
+durch nach und nach herbeigezogene deutsche Söldner, die statt ihrer eigenen
+kleinen und schwachen Klepper mit italischen und spanischen, teils gekauften,
+teils von den Offizieren requirierten Pferden ausgerüstet wurden. Caesar,
+nachdem er unterwegs die Hauptstadt der Carnuten, Cenabum, die das Zeichen zum
+Abfall gegeben, hatte plündern und in Asche legen lassen, rückte über die Loire
+in die Landschaft der Biturigen. Er erreichte damit, daß Vercingetorix die
+Belagerung der Stadt der Boier aufgab und gleichfalls sich zu den Biturigen
+begab. Hier zuerst sollte die neue Kriegführung sich erproben. Auf
+Vercingetorix&rsquo; Geheiß gingen an einem Tage mehr als zwanzig Ortschaften
+der Biturigen in Flammen auf; die gleiche Selbstverwüstung verhängte der
+Feldherr über die benachbarten Gaue, soweit sie von römischen Streifparteien
+erreicht werden konnten. Nach seiner Absicht sollte auch die reiche und feste
+Hauptstadt der Biturigen Avaricum (Bourges) dasselbe Schicksal treffen; allein
+die Majorität des Kriegsrats gab den kniefälligen Bitten der biturigischen
+Behörden nach und beschloß, diese Stadt vielmehr mit allem Nachdruck zu
+verteidigen. So konzentrierte sich der Krieg zunächst um Avaricum.
+Vercingetorix stellte sein Fußvolk inmitten der der Stadt benachbarten Sümpfe
+in einer so unnahbaren. Stellung auf, daß es, auch ohne von der Reiterei
+gedeckt zu sein, den Angriff der Legionen nicht zu fürchten brauchte. Die
+keltische Reiterei bedeckte alle Straßen und hemmte die Kommunikation. Die
+Stadt wurde stark besetzt und zwischen ihr und der Armee vor den Mauern die
+Verbindung offen gehalten. Caesars Lage war sehr schwierig. Der Versuch, das
+keltische Fußvolk zum Schlagen zu bringen, mißlang; es rührte sich nicht aus
+seinen unangreifbaren Linien. Wie tapfer vor der Stadt auch seine Soldaten
+schanzten und fochten, die Belagerten wetteiferten mit ihnen an Erfindsamkeit
+und Mut, und fast wäre es ihnen gelungen, das Belagerungszeug der Gegner in
+Brand zu stecken. Dabei ward die Aufgabe, ein Heer von beiläufig 60000 Mann in
+einer weithin öde gelegten und von weit überlegenen Reitermassen durchstreiften
+Landschaft mit Lebensmitteln zu versorgen, täglich schwieriger. Die geringen
+Vorräte der Boier waren bald verbraucht; die von den Häduern versprochene
+Zufuhr blieb aus; schon war das Getreide aufgezehrt und der Soldat
+ausschließlich auf Fleischrationen gesetzt. Indes rückte der Augenblick heran,
+wo die Stadt, wie todverachtend auch die Besatzung kämpfte, nicht länger zu
+halten war. Noch war es nicht unmöglich, die Truppen bei nächtlicher Weile in
+der Stille herauszuziehen und die Stadt zu vernichten, bevor der Feind sie
+besetzte. Vercingetorix traf die Anstalten dazu, allein das Jammergeschrei, das
+im Augenblick des Abmarsches die zurückbleibenden Weiber und Kinder erhoben,
+machte die Römer aufmerksam; der Abzug mißlang. An dem folgenden trüben und
+regnichten Tage überstiegen die Römer die Mauern und schonten, erbittert durch
+die hartnäckige Gegenwehr, in der eroberten Stadt weder Geschlecht noch Alter.
+Die reichen Vorräte, die die Kelten in derselben aufgehäuft hatten, kamen den
+ausgehungerten Soldaten Caesars zugute. Mit der Einnahme von Avaricum (Frühling
+702 52) war über die Insurrektion ein erster Erfolg erfochten und nach früheren
+Erfahrungen mochte Caesar wohl erwarten, daß damit dieselbe sich auflösen und
+es nur noch erforderlich sein werde, einzelne Gaue zu Paaren zu treiben.
+Nachdem er also mit seiner gesamten Armee sich in dem Gau der Häduer gezeigt
+und durch diese imposante Demonstration die gärende Patriotenpartei daselbst
+genötigt hatte, für den Augenblick wenigstens, sich ruhig zu verhalten, teilte
+er sein Heer und sandte Labienus zurück nach Agedincum, um in Verbindung mit
+den dort zurückgelassenen Truppen an der Spitze von vier Legionen die Bewegung
+zunächst in dem Gebiet der Carnuten und Senonen, die auch diesmal wieder
+voranstanden, zu unterdrücken, während er selber mit den sechs übrigen Legionen
+sich südwärts wandte und sich anschickte, den Krieg in die arvernischen Berge,
+das eigene Gebiet des Vercingetorix, zu tragen.
+</p>
+
+<p>
+Labienus rückte von Agedincum aus das linke Seineufer hinauf, um der auf einer
+Insel in der Seine gelegenen Stadt der Parisier, Lutetia (Paris), sich zu
+bemächtigen und von dieser gesicherten und im Herzen der aufständischen
+Landschaft befindlichen Stellung aus diese wieder zu unterwerfen. Allein hinter
+Melodunum (Melun) fand er sich den Weg verlegt durch das gesamte
+Insurgentenheer, das unter der Führung des greisen Camulogenus zwischen
+unangreifbaren Sümpfen hier sich aufgestellt hatte. Labienus ging eine Strecke
+zurück, überschritt bei Melodunum die Seine und rückte auf dem rechten Ufer
+derselben ungehindert gegen Lutetia; Camulogenus ließ diese Stadt abbrennen und
+die auf das linke Ufer führenden Brücken abbrechen und nahm Labienus gegenüber
+eine Stellung ein, in welcher dieser weder ihn zum Schlagen zu bringen, noch
+unter den Augen der feindlichen Armee den Übergang zu bewirken imstande war.
+</p>
+
+<p>
+Die römische Hauptarmee ihrerseits rückte am Allier hinab in den Arvernergau.
+Vercingetorix versuchte, ihr den Übergang auf das linke Ufer des Allier zu
+verwehren, allein Caesar überlistete ihn und stand nach einigen Tagen vor der
+arvernischen Hauptstadt Gergovia ^20. Indes hatte Vercingetorix, ohne Zweifel
+schon, während er Caesar am Allier gegenüberstand, in Gergovia hinreichende
+Vorräte zusammenbringen und vor den Mauern der auf der Spitze eines ziemlich
+steil sich erhebenden Hügels gelegenen Stadt ein mit starken Steinwällen
+versehenes Standlager für seine Truppen anlegen lassen; und da er hinreichenden
+Vorsprung hatte, langte er vor Caesar bei Gergovia an und erwartete in dem
+befestigten Lager unter der Festungsmauer den Angriff. Caesar mit seiner
+verhältnismäßig schwachen Armee konnte den Platz weder regelrecht belagern,
+noch auch nur hinreichend blockieren; er schlug sein Lager unterhalb der von
+Vercingetorix besetzten Anhöhe und verhielt sich notgedrungen ebenso untätig
+wie sein Gegner. Für die Insurgenten war es fast ein Sieg, daß Caesars von
+Triumph zu Triumph fortschreitender Lauf an der Seine wie am Allier plötzlich
+gestockt war. In der Tat kamen die Folgen dieser Stockung für Caesar beinahe
+denen einer Niederlage gleich. Die Häduer, die bisher immer noch geschwankt
+hatten, machten jetzt ernstlich Anstalt, der Patriotenpartei sich
+anzuschließen; schon war die Mannschaft, die Caesar nach Gergovia entboten
+hatte, auf dem Marsche durch die Offiziere bestimmt worden, sich für die
+Insurgenten zu erklären; schon hatte man gleichzeitig im Kanton selbst
+angefangen, die daselbst ansässigen Römer zu plündern und zu erschlagen. Noch
+hatte Caesar, indem er jenem auf Gergovia zurückenden Korps der Häduer mit zwei
+Dritteln des Blockadeheeres entgegengegangen war, dasselbe durch sein
+plötzliches Erscheinen wieder zum nominellen Gehorsam zurückgebracht; allein es
+war mehr als je ein hohles und brüchiges Verhältnis, dessen Fortbestand fast zu
+teuer erkauft worden war durch die große Gefahr der vor Gergovia
+zurückgelassenen beiden Legionen. Denn auf diese hatte Vercingetorix, Caesars
+Abmarsch rasch und entschlossen benutzend, während dessen Abwesenheit einen
+Angriff gemacht, der um ein Haar mit der Überwältigung derselben und der
+Erstürmung des römischen Lagers geendigt hätte. Nur Caesars unvergleichliche
+Raschheit wandte eine zweite Katastrophe wie die von Aduatuca hier ab. Wenn
+auch die Häduer jetzt wieder gute Worte gaben, war es doch vorherzusehen, daß
+sie, wenn die Blockade sich noch länger ohne Erfolg hinspann, sich offen auf
+die Seite der Aufständischen schlagen und dadurch Caesar nötigen würden,
+dieselbe aufzuheben; denn ihr Beitritt würde die Verbindung zwischen ihm und
+Labienus unterbrochen und namentlich den letzteren in seiner Vereinzelung der
+größten Gefahr ausgesetzt haben. Caesar war entschlossen, es hierzu nicht
+kommen zu lassen, sondern, wie peinlich und selbst gefährlich es auch war,
+unverrichteter Sache von Gergovia abzuziehen, dennoch, wenn es einmal geschehen
+mußte, lieber sogleich aufzubrechen und, in den Gau der Häduer einrückend,
+deren förmlichen Übertritt um jeden Preis zu verhindern. Ehe er indes diesen,
+seinem raschen und sicheren Naturell wenig zusagenden Rückzug antrat, machte er
+noch einen letzten Versuch, sich aus seiner peinlichen Verlegenheit durch einen
+glänzenden Erfolg zu befreien. Während die Masse der Besatzung von Gergovia
+beschäftigt war, die Seite, auf der der Sturm erwartet ward, zu verschanzen,
+ersah der römische Feldherr sich die Gelegenheit, einen anderen, weniger bequem
+gelegenen, aber augenblicklich entblößten Aufgang zu überrumpeln. In der Tat
+überstiegen die römischen Sturmkolonnen die Lagermauer und besetzten die
+nächstliegenden Quartiere des Lagers; allein schon war auch die ganze Besatzung
+alarmiert und bei den geringen Entfernungen fand es Caesar nicht rätlich, den
+zweiten Sturm auf die Stadtmauer zu wagen. Er gab das Zeichen zum Rückzug;
+indes die vordersten Legionen, vom Ungestüm des Sieges hingerissen, hörten
+nicht oder wollten nicht hören, und drangen unaufhaltsam vor bis an die
+Stadtmauer, einzelne sogar bis in die Stadt. Aber immer dichtere Massen warfen
+den Eingedrungenen sich entgegen; die vordersten fielen, die Kolonnen stockten;
+vergeblich stritten Centurionen und Legionäre mit dem aufopferndsten Heldenmut;
+die Stürmenden wurden mit sehr beträchtlichem Verlust aus der Stadt hinaus und
+den Berg hinuntergejagt, wo die von Caesar in der Ebene aufgestellten Truppen
+sie aufnahmen und größeres Unglück verhüteten. Die gehoffte Einnahme von
+Gergovia hatte sich in eine Niederlage verwandelt, und der beträchtliche
+Verlust an Verwundeten und Toten - man zählte 700 gefallene Soldaten, darunter
+46 Centurionen - war der kleinste Teil des erlittenen Unfalls. Caesars
+imponierende Stellung in Gallien beruhte wesentlich auf seinem Siegernimbus;
+und dieser fing an zu erblassen. Schon die Kämpfe um Avaricum, Caesars
+vergebliche Versuche, den Feind zum Schlagen zu zwingen, die entschlossene
+Verteidigung der Stadt und ihre fast zufällige Erstürmung, trugen einen anderen
+Stempel als die früheren Keltenkriege und hatten den Kelten Vertrauen auf sich
+und ihren Führer eher gegeben als genommen. Weiter hatte das neue System der
+Kriegführung: unter dem Schutze der Festungen in verschanzten Lagern dem Feind
+die Stirne zu bieten - bei Lutetia sowohl wie bei Gergovia sich vollkommen
+bewährt. Diese Niederlage endlich, die erste, die Caesar selbst von den Kelten
+erlitten hatte, krönte den Erfolg, und sie gab denn auch gleichsam das Signal
+für einen zweiten Ausbruch der Insurrektion. Die Häduer brachen jetzt förmlich
+mit Caesar und traten mit Vercingetorix in Verbindung. Ihr Kontingent, das noch
+bei Caesars Armee sich befand, machte nicht bloß von dieser sich los, sondern
+nahm auch bei der Gelegenheit in Noviodunum an der Loire die Depots der Armee
+Caesars weg, wodurch die Kassen und Magazine, eine Menge Remontepferde und
+sämtliche Caesar gestellte Geiseln den Insurgenten in die Hände fielen.
+Wenigstens ebensowichtig war es, daß auf diese Nachrichten hin auch die Belgen,
+die bisher der ganzen Bewegung sich ferngehalten hatten, anfingen sich zu
+rühren. Der mächtige Gau der Bellovaker machte sich auf, um das Korps des
+Labienus, während es bei Lutetia dem Aufgebot der umliegenden mittelgallischen
+Gaue gegenüberstand, im Rücken anzugreifen. Auch sonst ward überall gerüstet;
+die Gewalt des patriotischen Aufschwungs riß selbst die entschiedensten und
+begünstigtsten Parteigänger Roms mit sich fort, wie zum Beispiel den König der
+Atrebaten, Commius, der seiner treuen Dienste wegen von den Römern wichtige
+Privilegien für seine Gemeinde und die Hegemonie über die Moriner empfangen
+hatte. Bis in die altrömische Provinz gingen die Fäden der Insurrektion: sie
+machte, vielleicht nicht ohne Grund, sich Hoffnung, selbst die Allobrogen gegen
+die Römer unter die Waffen zu bringen. Mit einziger Ausnahme der Reiner und der
+von den Remern zunächst abhängigen Distrikte der Suessionen, Leuker und
+Lingonen, deren Partikularismus selbst unter diesem allgemeinen Enthusiasmus
+nicht mürbe ward, stand jetzt in der Tat, zum ersten und zum letzten Male, die
+ganze keltische Nation von den Pyrenäen bis zum Rhein für ihre Freiheit und
+Nationalität unter den Waffen; wogegen, merkwürdig genug, die sämtlichen
+deutschen Gemeinden, die bei den bisherigen Kämpfen in erster Reihe gestanden
+hatten, sich ausschlossen, ja sogar die Treuerer und, wie es scheint, auch die
+Menapier durch ihre Fehden mit den Deutschen verhindert wurden, an dem
+Nationalkrieg tätigen Anteil zu nehmen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^20 Man sucht diesen Ort auf einer Anhöhe eine Stunde südlich von der
+arvernischen Hauptstadt Nemetum, dem heutigen Clermont welche noch jetzt
+Gergoie genannt wird; und sowohl die bei den Ausgrabungen daselbst zu Tage
+gekommenen Überreste von rohen Festungsmauern, wie die urkundlich bis ins
+zehnte Jahrhundert hinauf verfolgte Überlieferung des Namens lassen an der
+Richtigkeit dieser Ortsbestimmung keinen Zweifel. Auch paßt dieselbe wie zu den
+übrigen Angaben Caesars, so namentlich dazu daß er Gergovia ziemlich deutlich
+als Hauptort der Arverner bezeichnet (Gall. 7, 4). Man wird demnach anzunehmen
+haben, daß die Arverner nach der Niederlage genötigt wurden, sich von Gergovia
+nach dem nahen, weniger festen Nemetum überzusiedeln.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Es war ein schwerer, entscheidungsvoller Augenblick, als nach dem Abzug von
+Gergovia und dem Verlust von Noviodunum in Caesars Hauptquartier über die nun
+zu ergreifenden Maßregeln Kriegsrat gehalten ward. Manche Stimmen sprachen sich
+für den Rückzug über die Cevennen in die altrömische Provinz aus, welche jetzt
+der Insurrektion von allen Seiten her offenstand und allerdings der zunächst
+doch zu ihrem Schutze von Rom gesandten Legionen dringend bedurfte. Allein
+Caesar verwarf diese ängstliche, nicht durch die Lage der Dinge, sondern durch
+Regierungsinstruktionen und Verantwortungsfurcht bestimmte Strategie. Er
+begnügte sich, in der Provinz den Landsturm der dort ansässigen Römer unter die
+Waffen zu rufen und durch ihn, so gut es eben ging, die Grenzen besetzen zu
+lassen. Dagegen brach er selbst in entgegengesetzter Richtung auf und rückte in
+Gewaltmärschen auf Agedincum zu, auf das er Labienus sich in möglichster Eile
+zurückzuziehen befahl. Die Kelten versuchten natürlich, die Vereinigung der
+beiden römischen Heere zu verhindern. Labienus hätte wohl, über die Marne
+setzend und am rechten Seineufer flußabwärts marschierend, Agedincum erreichen
+können, wo er seine Reserve und sein Gepäck zurückgelassen hatte; aber er zog
+es vor, den Kelten nicht abermals das Schauspiel des Rückzugs römischer Truppen
+zu gewähren. Er ging daher, statt über die Marne, vielmehr unter den Augen des
+getäuschten Feindes über die Seine und lieferte am linken Ufer derselben den
+feindlichen Massen eine Schlacht, in welcher er siegte und unter vielen andern
+auch der keltische Feldherr selbst, der alte Camulogenus, auf der Walstatt
+blieb. Ebensowenig gelang es den Insurgenten, Caesar an der Loire aufzuhalten;
+Caesar gab ihnen keine Zeit, dort größere Massen zu versammeln, und sprengte
+die Milizen der Häduer, die er allein dort vorfand, ohne Mühe auseinander. So
+ward die Vereinigung der beiden Heerhaufen glücklich bewerkstelligt. Die
+Aufständischen inzwischen hatten über die weitere Kriegführung in Bibracte
+(Autun), der Hauptstadt der Häduer, geratschlagt; die Seele dieser Beratungen
+war wieder Vercingetorix, dem nach dem Siege von Gergovia die Nation begeistert
+anhing. Zwar schwieg der Partikularismus auch jetzt nicht; die Häduer machten
+noch in diesem Todeskampf der Nation ihre Ansprüche auf die Hegemonie geltend
+und stellten auf der Landesversammlung den Antrag, an die Stelle des
+Vercingetorix einen der Ihrigen zu setzen. Allein die Landesvertreter hatten
+dies nicht bloß abgelehnt und Vercingetorix im Oberbefehl bestätigt, sondern
+auch seinen Kriegsplan unverändert angenommen. Es war im wesentlichen derselbe,
+nach dem er bei Avaricum und bei Gergovia operiert hatte. Zum Angelpunkt der
+neuen Stellung ward die feste Stadt der Mandubier, Alesia (Alise Sainte-Reine
+bei Semur im Departement Côte d&rsquo;Or ^21), ausersehen und unter deren
+Mauern abermals ein verschanztes Lager angelegt. Ungeheure Vorräte wurden hier
+aufgehäuft und die Armee von Gergovia dorthin beordert, deren Reiterei nach
+Beschluß der Landesversammlung bis auf 15000 Pferde gebracht ward. Caesar
+schlug mit seiner gesamten Heeresmacht, nachdem er sie bei Agedincum
+wiedervereinigt hatte, die Richtung auf Vesontio ein, um sich nun der
+geängsteten Provinz zu nähern und sie vor einem Einfall zu beschützen, wie denn
+in der Tat sich Insurgentenscharen schon in dem Gebiet der Helvier am Südabhang
+der Cevennen gezeigt hatten. Alesia lag fast auf seinem Wege; die Reiterei der
+Kelten, die einzige Waffe, mit der Vercingetorix operieren mochte, griff
+unterwegs ihn an, zog aber zu aller Erstaunen den kürzeren gegen Caesars neue
+deutsche Schwadronen und die zu deren Rückhalt aufgestellte römische
+Infanterie. Vercingetorix eilte um so mehr, sich in Alesia einzuschließen; und
+wenn Caesar nicht überhaupt auf die Offensive verzichten wollte, blieb ihm
+nichts übrig, als zum drittenmal in diesem Feldzug gegen eine, unter einer
+wohlbesetzten und verproviantierten Festung gelagerte und mit ungeheuren
+Reitermassen versehene Armee mit einer weit schwächeren Angriffsweise
+vorzugehen. Allein, wenn den Kelten bisher nur ein Teil der römischen Legionen
+gegenübergestanden, so war in den Linien um Alesia Caesars ganze Streitmacht
+vereinigt und es gelang Vercingetorix nicht, wie es ihm bei Avaricum und
+Gergovia gelungen war, sein Fußvolk unter dem Schutz der Festungsmauern
+aufzustellen und durch seine Reiterei seine Verbindungen nach außen hin sich
+offen zu halten, während er die des Feindes unterbrach. Die keltische Reiterei,
+schon entmutigt durch jene von den geringgeschätzten Gegnern ihnen beigebrachte
+Niederlage, wurde von Caesars deutschen Berittenen in jedem Zusammentreffen
+geschlagen. Die Umwallungslinie der Belagerer erhob sich in der Ausdehnung von
+zwei deutschen Meilen um die ganze Stadt mit Einschluß des an sie angelehnten
+Lagers. Auf einen Kampf unter den Mauern war Vercingetorix gefaßt gewesen, aber
+nicht darauf, in Alesia belagert zu werden - dazu genügten für seine angeblich
+80000 Mann Infanterie und 15000 Reiter zählende Armee und die zahlreiche
+Stadtbewohnerschaft die aufgespeicherten Vorräte, wie ansehnlich sie waren,
+doch bei weitem nicht. Vercingetorix mußte sich überzeugen, daß sein Kriegsplan
+diesmal zu seinem eigenen Verderben ausgeschlagen und er verloren war, wofern
+nicht die gesamte Nation herbeieilte und ihren eingeschlossenen Feldherrn
+befreite. Noch reichten, als die römische Umwallung sich schloß, die
+vorhandenen Lebensmittel aus auf einen Monat und vielleicht etwas darüber; im
+letzten Augenblick, wo der Weg wenigstens für Berittene noch frei war, entließ
+Vercingetorix seine gesamte Reiterei und entsandte zugleich an die Häupter der
+Nation die Weisung, alle Mannschaft aufzubieten und sie zum Entsatz von Alesia
+heranzuführen. Er selbst, entschlossen, die Verantwortung für den von ihm
+entworfenen und fehlgeschlagenen Kriegsplan auch persönlich zu tragen, blieb in
+der Festung, um im Guten und Bösen das Schicksal der Seinigen zu teilen. Caesar
+aber machte sich gefaßt, zugleich zu belagern und belagert zu werden. Er
+richtete seine Umwallungslinie auch an der Außenseite zur Verteidigung ein und
+versah sich auf längere Zeit mit Lebensmitteln. Die Tage verflossen; schon
+hatte man in der Festung keinen Malter Getreide mehr, schon die unglücklichen
+Stadtbewohner austreiben müssen, um zwischen den Verschanzungen der Kelten und
+der Römer, an beiden unbarmherzig zurückgewiesen, elend umzukommen. Da, in der
+letzten Stunde, zeigten hinter Caesars Linien sich die unabsehbaren Züge des
+keltisch-belgischen Entsatzheeres, angeblich 250000 Mann zu Fuß und 8000
+Reiter. Vom Kanal bis zu den Cevennen hatten die insurgierten Gaue jeden Nerv
+angestrengt, um den Kern ihrer Patrioten, den Feldherrn ihrer Wahl zu retten -
+einzig die Bellovaker hatten geantwortet, daß sie wohl gegen die Römer, aber
+nicht außerhalb der eigenen Grenzen zu fechten gesonnen seien. Der erste Sturm,
+der die Belagerten von Alesia und die Entsatztruppen draußen auf die römische
+Doppellinie unternahmen, ward abgeschlagen; aber als nach eintägiger Rast
+derselbe wiederholt ward, gelang es an einer Stelle, wo die Umwallungslinie
+über den Abhang eines Berges hinlief und von dessen Höhe herab angegriffen
+werden konnte, die Gräben zuzuschütten und die Verteidiger von dem Wall
+herunterzuwerfen. Da nahm Labienus, von Caesar hierher gesandt, die nächsten
+Kohorten zusammen und warf sich mit vier Legionen auf den Feind. Unter den
+Augen des Feldherrn, der selbst in dem gefährlichsten Augenblick erschien,
+wurden im verzweifelten Nahgefecht die Stürmenden zurückgejagt und die mit
+Caesar gekommenen, die Flüchtenden in den Rücken fassenden Reiterscharen
+vollendeten die Niederlage. Es war mehr als ein großer Sieg; über Alesia, ja
+über die keltische Nation war damit unwiderruflich entschieden. Das Keltenheer,
+völlig entmutigt, verlief unmittelbar vom Schlachtfeld sich nach Hause.
+Vercingetorix hätte vielleicht noch jetzt fliehen, wenigstens durch das letzte
+Mittel des freien Mannes sich erretten können; er tat es nicht, sondern
+erklärte im Kriegsrat, daß, da es ihm nicht gelungen sei, die Fremdherrschaft
+zu brechen, er bereit sei, sich als Opfer hinzugeben und soweit möglich das
+Verderben von der Nation auf sein Haupt abzulenken. So geschah es. Die
+keltischen Offiziere lieferten ihren von der ganzen Nation feierlich erwählten
+Feldherrn dem Landesfeind zu geeigneter Bestrafung aus. Hoch zu Roß und im
+vollen Waffenschmucke erschien der König der Arverner vor dem römischen
+Prokonsul und umritt dessen Tribunal; darauf gab er Roß und Waffen ab und ließ
+schweigend auf den Stufen zu Caesars Füßen sich nieder (702 52). Fünf Jahre
+später ward er im Triumph durch die Gassen der italischen Hauptstadt geführt
+und als Hochverräter an der römischen Nation, während sein Überwinder den
+Göttern derselben den Feierdank auf der Höhe des Kapitols darbrachte, an dessen
+Fuß enthauptet. Wie nach trübe verlaufenem Tage wohl die Sonne im Sinken
+durchbricht, so verleiht das Geschick noch untergehenden Völkern wohl einen
+letzten großartigen Mann. Also steht am Ausgang der phönikischen Geschichte
+Hannibal, also an dem der keltischen Vercingetorix. Keiner von beiden vermochte
+seine Nation von der Fremdherrschaft zu erretten, aber sie haben ihr die letzte
+noch übrige Schande, einen ruhmlosen Untergang, erspart. Auch Vercingetorix hat
+ebenwie der Karthager nicht bloß gegen den Landesfeind kämpfen müssen, sondern
+vor allem gegen die antinationale Opposition verletzter Egoisten und
+aufgestörter Feiglinge, wie sie die entartete Zivilisation regelmäßig
+begleitet; auch ihm sichern seinen Platz in der Geschichte nicht seine
+Schlachten und Belagerungen, sondern daß er es vermocht hat, einer zerfahrenen
+und im Partikularismus verkommenen Nation in seiner Person einen Mittel- und
+Haltpunkt zu geben. Und doch gibt es wieder kaum einen schärferen Gegensatz als
+der ist zwischen dem nüchternen Bürgersmann der phönikischen Kaufstadt mit
+seinen, auf das eine große Ziel hin fünfzig Jahre hindurch mit unwandelbarer
+Energie gerichteten Plänen, und dem kühnen Fürsten des Keltenlandes, dessen
+gewaltige Taten zugleich mit seiner hochherzigen Aufopferung, ein kurzer Sommer
+einschließt. Das ganze Altertum kennt keinen ritterlicheren Mann in seinem
+innersten Wesen wie in seiner äußeren Erscheinung. Aber der Mensch soll kein
+Ritter sein und am wenigsten der Staatsmann. Es war der Ritter, nicht der Held,
+der es verschmähte, sich aus Alesia zu retten, während doch an ihm allein der
+Nation mehr gelegen war als an hunderttausend gewöhnlichen tapferen Männern. Es
+war der Ritter, nicht der Held, der sich da zum Opfer hingab, wo durch dieses
+Opfer nichts weiter erreicht ward, als daß die Nation sich öffentlich entehrte
+und ebenso feig wie widersinnig mit ihrem letzten Atemzug ihren
+weltgeschichtlichen Todeskampf ein Verbrechen gegen ihren Zwingherrn nannte.
+Wie so ganz anders hat in den gleichen Lagen Hannibal gehandelt! Es ist nicht
+möglich, ohne geschichtliche und menschliche Teilnahme von dem edlen
+Arvernerkönig zu scheiden; aber es gehört zur Signatur der keltischen Nation,
+daß ihr größter Mann doch nur ein Ritter war.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^21 Die kürzlich viel erörterte Frage, ob Alesia nicht vielmehr in Alaise (25
+Kilometer südlich von Besançon, Dep. Doubs) zu erkennen sei, ist von allen
+besonnenen Forschern mit Recht verneint worden.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Der Fall von Alesia und die Kapitulation der daselbst eingeschlossenen Armee
+war für die keltische Insurrektion ein furchtbarer Schlag; indes es hatten
+schon ebensoschwere die Nation betroffen und doch war der Kampf wieder erneuert
+worden. Aber Vercingetorix&rsquo; Verlust war unersetzlich. Mit ihm war die
+Einheit in die Nation gekommen; mit ihm schien sie auch wieder entwichen. Wir
+finden nicht, daß die Insurrektion einen Versuch machte, die Gesamtverteidigung
+fortzusetzen und einen anderen Oberfeldherrn zu bestellen; der Patriotenbund
+fiel von selbst auseinander und jedem Clan blieb es überlassen, wie es ihm
+beliebte, mit den Römern zu streiten oder auch sich zu vertragen. Natürlich
+überwog durchgängig das Verlangen nach Ruhe. Auch Caesar hatte ein Interesse
+daran, rasch zu Ende zu kommen. Von den zehn Jahren seiner Statthalterschaft
+waren sieben verstrichen. Das letzte aber durch seine politischen Gegner in der
+Hauptstadt ihm in Frage gestellt; nur auf zwei Sommer noch konnte er mit
+einiger Sicherheit rechnen und wenn sein Interesse wie seine Ehre verlangte,
+daß er die neu gewonnenen Landschaften seinem Nachfolger in einem leidlichen
+und einigermaßen beruhigten Friedensstand übergab, so war, um einen solchen
+herzustellen, die Zeit wahrlich karg zugemessen. Gnade zu üben war in diesem
+Falle noch mehr als für die Besiegten Bedürfnis für den Sieger; und er durfte
+seinen Stern preisen, daß die innere Zerfahrenheit und das leichte Naturell der
+Kelten ihm hierin auf halbem Wege entgegenkam. Wo, wie in den beiden
+angesehensten mittelgallischen Kantons, dem der Häduer und dem der Arverner,
+eine starke römisch gesinnte Partei bestand, wurde den Landschaften sogleich
+nach dem Fall von Alesia die vollständige Wiederherstellung ihres früheren
+Verhältnisses zu Rom gewährt und selbst ihre Gefangenen, 20000 an der Zahl,
+ohne Lösegeld entlassen, während die der übrigen Clans in die harte
+Knechtschaft der siegreichen Legionäre kamen. Wie die Häduer und die Arverner
+ergab sich überhaupt der größere Teil der gallischen Distrikte in sein
+Schicksal und ließ ohne weitere Gegenwehr die unvermeidlichen Strafgerichte
+über sich ergehen. Aber nicht wenige harrten auch in törichtem Leichtsinn oder
+dumpfer Verzweiflung bei der verlorenen Sache aus, bis die römischen
+Exekutionstruppen innerhalb ihrer Grenzen erschienen. Solche Expeditionen
+wurden noch im Winter 702/03 (52/51) gegen die Biturigen und die Carnuten
+unternommen. Ernsteren Widerstand leisteten die Bellovaker, die das Jahr zuvor
+von dem Entsatz Alesias sich ausgeschlossen hatten; sie schienen beweisen zu
+wollen, daß sie an jenem entscheidenden Tage wenigstens nicht aus Mangel an Mut
+und an Freiheitsliebe gefehlt hatten. Es beteiligten sich an diesem Kampfe die
+Atrebaten, Ambianer, Caleten und andere belgische Gaue; der tapfere König der
+Atrebaten, Commius, dem die Römer seinen Beitritt zur Insurrektion am wenigsten
+verziehen und gegen den kürzlich Labienus sogar einen widerwärtig tückischen
+Mordversuch gerichtet hatte, führte den Bellovakern 500 deutsche Reiter zu,
+deren Wert der vorjährige Feldzug hatte kennen lehren. Der entschlossene und
+talentvolle Bellovaker Correus, dem die oberste Leitung des Krieges zugefallen
+war, führte den Krieg, wie Vercingetorix ihn geführt hatte, und mit nicht
+geringem Erfolg; Caesar, obwohl er nach und nach den größten Teil seines Heeres
+heranzog, konnte das Fußvolk der Bellovaker weder zum Schlagen bringen noch
+auch nur dasselbe verhindern, andere, gegen Caesars verstärkte Streitmacht
+besseren Schutz gewährende Stellungen einzunehmen; die römischen Reiter aber,
+namentlich die keltischen Kontingente, erlitten in verschiedenen Gefechten
+durch die feindliche Reiterei, besonders die deutsche des Commius, die
+empfindlichsten Verluste. Allein nachdem in einem Scharmützel mit den römischen
+Fouragierern Correus den Tod gefunden, war der Widerstand auch hier gebrochen;
+der Sieger stellte erträgliche Bedingungen, auf die hin die Bellovaker nebst
+ihren Verbündeten sich unterwarfen. Die Treuerer wurden durch Labienus zum
+Gehorsam zurückgebracht und beiläufig das Gebiet der verfemten Eburonen noch
+einmal durchzogen und verwüstet. Also ward der letzte Widerstand der belgischen
+Eidgenossenschaft gebrochen. Noch einen Versuch, der Römerherrschaft sich zu
+erwehren, machten die Seegaue in Verbindung mit ihren Nachbarn an der Loire.
+Insurgentenscharen aus dem andischen, dem carnutischen und anderen umliegenden
+Gauen sammelten sich an der unteren Loire und belagerten in Lemonum (Poitiers)
+den römisch gesinnten Fürsten der Pictonen. Allein bald trat auch hier eine
+ansehnliche römische Macht ihnen entgegen; die Insurgenten gaben die Belagerung
+auf und zogen ab, um die Loire zwischen sich und den Feind zu bringen, wurden
+aber auf dem Marsche dahin eingeholt und geschlagen, worauf die Carnuten und
+die übrigen aufständischen Kantons, selbst die Seegaue ihre Unterwerfung
+einsandten. Der Widerstand war zu Ende; kaum daß ein einzelner
+Freischarenführer hie und da noch das nationale Banner aufrecht hielt. Der
+kühne Drappes und des Vercingetorix treuer Waffengefährte Lucterius sammelten
+nach der Auflösung der an der Loire vereinigten Armee die Entschlossensten und
+warfen sich mit diesen in die feste Bergstadt Uxellodunum am Lot ^22, die ihnen
+unter schweren und verlustvollen Gefechten ausreichend zu verproviantieren
+gelang. Trotz des Verlustes ihrer Führer, von denen Drappes gefangen, Lucterius
+von der Stadt abgesprengt ward, wehrte die Besatzung sich auf das äußerste;
+erst als Caesar selbst erschien und auf seine Anordnung die Quelle, aus der die
+Belagerten ihr Wasser holten, mittels unterirdischer Stollen abgeleitet ward,
+fiel die Festung, die letzte Burg der keltischen Nation. Um die letzten
+Verfechter der Sache der Freiheit zu kennzeichnen, befahl Caesar, der gesamten
+Besatzung die Hände abzuhauen und sie also, einen jeden in seine Heimat, zu
+entlassen. Dem König Commius, der noch in der Gegend von Arras sich hielt und
+daselbst bis in den Winter 703/04 (51/50) mit den römischen Truppen sich
+herumschlug, gestattete Caesar, dem alles daran lag, in ganz Gallien wenigstens
+dem offenen Widerstand ein Ziel zu setzen, seinen Frieden zu machen und ließ es
+sogar hingehen, daß der erbitterte und mit Recht mißtrauische Mann trotzig sich
+weigerte, persönlich im römischen Lager zu erscheinen. Es ist sehr
+wahrscheinlich, daß Caesar in ähnlicher Weise bei den schwer zugänglichen
+Distrikten im Nordwesten wie im Nordosten Galliens mit einer nur nominellen
+Unterwerfung, vielleicht sogar schon mit der faktischen Waffenruhe sich genügen
+ließ ^23.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^22 Man sucht dies gewöhnlich bei Capdenac unweit Figeac; F. W. A. Göler hat
+sich neuerlich für das auch früher schon in Vorschlag gebrachte Luzech westlich
+von Cahors erklärt.
+</p>
+
+<p>
+^23 Bei Caesar selbst steht dies freilich begreiflicherweise nicht geschrieben;
+aber eine verständliche Andeutung in dieser Beziehung macht Sallust (hist. 1, 9
+Kritz), obwohl auch er als Caesarianer schrieb. Weitere Beweise ergeben die
+Münzen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Also ward Gallien, das heißt das Land westlich vom Rhein und nördlich von den
+Pyrenäen, nach nur achtjährigen Kämpfen (696 bis 703 58-51) den Römern
+untertänig. Kaum ein Jahr nach der völligen Beruhigung des Landes, zu Anfang
+des Jahres 705 (49), mußten die römischen Truppen infolge des nun endlich in
+Italien ausgebrochenen Bürgerkrieges über die Alpen zurückgezogen werden und es
+blieben nichts als höchstens einige schwache Rekrutenabteilungen im Keltenland
+zurück. Dennoch standen die Kelten nicht wieder gegen die Fremdherrschaft auf;
+und während in allen alten Provinzen des Reichs gegen Caesar gestritten ward,
+blieb allein die neugewonnene Landschaft ihrem Besieger fortwährend botmäßig.
+Auch die Deutschen haben ihre Versuche, auf dem linken Rheinufer sich erobernd
+festzusetzen, während dieser entscheidenden Jahre nicht wiederholt. Ebensowenig
+kam es in Gallien während der nachfolgenden Krisen zu einer neuen nationalen
+Insurrektion oder deutschen Invasion, obgleich sie die günstigsten
+Gelegenheiten darboten. Wenn ja irgendwo Unruhen ausbrachen, wie zum Beispiel
+708 (46) die Bellovaker gegen die Römer sich erhoben, so waren diese Bewegungen
+so vereinzelt und so außer Zusammenhang mit den Verwicklungen in Italien, daß
+sie ohne wesentliche Schwierigkeit von den römischen Statthaltern unterdrückt
+wurden. Allerdings ward dieser Friedenszustand höchst wahrscheinlich, ähnlich
+wie Jahrhunderte lang der spanische, damit erkauft, daß man den entlegensten
+und am lebendigsten von dem Nationalgefühl durchdrungenen Landschaften, der
+Bretagne, den Scheldedistrikten, der Pyrenäengegend, vorläufig gestattete, sich
+in mehr oder minder bestimmter Weise der römischen Botmäßigkeit tatsächlich zu
+entziehen. Aber darum nicht weniger erwies sich Caesars Bau, wie knapp er auch
+dazu zwischen anderen, zunächst noch dringenderen Arbeiten die Zeit gefunden,
+wie unfertig und nur notdürftig abgeschlossen er ihn auch verlassen hatte,
+dennoch, sowohl hinsichtlich der Zurückweisung der Deutschen als der
+Unterwerfung der Kelten, in dieser Feuerprobe im wesentlichen als haltbar.
+</p>
+
+<p>
+In der Oberverwaltung blieben die von dem Statthalter des Narbonensischen
+Galliens neu gewonnenen Gebiete vorläufig mit der Provinz Narbo vereinigt; erst
+als Caesar dieses Amt abgab (710 44), wurden aus dem von ihm eroberten Gebiet
+zwei neue Statthalterschaften, das eigentliche Gallien und Belgica, gebildet.
+Daß die einzelnen Gaue ihre politische Selbständigkeit verloren, lag im Wesen
+der Eroberung. Sie wurden durchgängig der römischen Gemeinde steuerpflichtig.
+Ihr Steuersystem indes war natürlich nicht dasjenige, mittels dessen die adlige
+und finanzielle Aristokratie Asia ausnutzte, sondern es wurde, wie in Spanien
+geschah, einer jeden einzelnen Gemeinde eine ein für allemal bestimmte Abgabe
+auferlegt und deren Erhebung ihr selbst überlassen. Auf diesem Wege flossen
+jährlich 40 Mill. Sesterzen (3 Mill. Taler) aus Gallien in die Kassen der
+römischen Regierung, die dafür freilich die Kosten der Verteidigung der
+Rheingrenze übernahm. Daß außerdem die in den Tempeln der Götter und den
+Schatzkammern der Großen aufgehäuften Goldmassen infolge des Krieges ihren Weg
+nach Rom fanden, versteht sich von selbst; wenn Caesar im ganzen Römischen
+Reich sein gallisches Gold ausbot und davon auf einmal solche Massen auf den
+Geldmarkt brachte, daß das Gold gegen Silber um 25 Prozent fiel, so läßt dies
+ahnen, welche Summen Gallien durch den Krieg eingebüßt hat.
+</p>
+
+<p>
+Die bisherigen Gauverfassungen mit ihren Erbkönigen oder ihren
+feudal-oligarchischen Vorstandschaften blieben auch nach der Eroberung im
+wesentlichen bestehen, und selbst das Klientelsystem, das einzelne Kantons von
+anderen, mächtigeren abhängig machte, ward nicht abgeschafft, obwohl freilich
+mit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit ihm die Spitze abgebrochen war;
+Caesar war nur darauf bedacht, unter Benutzung der bestehenden dynastischen,
+feudalistischen und hegemonischen Spaltungen die Verhältnisse im Interesse Roms
+zu ordnen und überall die der Fremdherrschaft genehmen Männer an die Spitze zu
+bringen. Überhaupt sparte Caesar keine Mühe, um in Gallien eine römische Partei
+zu bilden; seinen Anhängern wurden ausgedehnte Belohnungen an Geld und
+besonders an konfiszierten Landgütern bewilligt und ihnen durch seinen Einfluß
+Plätze im Gemeinderat und die ersten Gemeindeämter in ihren Gauen verschafft.
+Diejenigen Gaue, in denen eine hinreichend starke und zuverlässige römische
+Partei bestand, wie die der Remer, der Lingonen, der Häduer, wurden durch
+Erteilung einer freieren Kommunalverfassung - des sogenannten Bündnisrechts -
+und durch Bevorzugungen bei der Ordnung des Hegemoniewesens gefördert. Den
+Nationalkult und dessen Priester scheint Caesar von Anfang an soweit irgend
+möglich geschont zu haben; von Maßregeln, wie sie in späterer Zeit von den
+römischen Machthabern gegen das Druidenwesen ergriffen wurden, findet bei ihm
+sich keine Spur, und wahrscheinlich damit hängt es zusammen, daß seine
+gallischen Kriege, soviel wir sehen, den Charakter des Religionskrieges
+durchaus nicht in der Art tragen, wie er bei den britannischen später so
+bestimmt hervortritt.
+</p>
+
+<p>
+Wenn Caesar also der besiegten Nation jede zulässige Rücksicht bewies und ihre
+nationalen, politischen und religiösen Institutionen soweit schonte, als es mit
+der Unterwerfung unter Rom irgend sich vertrug, so geschah dies nicht, um auf
+den Grundgedanken seiner Eroberung, die Romanisierung Galliens, zu verzichten,
+sondern um denselben in möglichst schonender Weise zu verwirklichen. Auch
+begnügte er sich nicht, dieselben Verhältnisse, die die Südprovinz bereits
+großenteils romanisiert hatten, im Norden ihre Wirkung ebenfalls tun zu lassen,
+sondern er förderte, als echter Staatsmann, von oben herab die naturgemäße
+Entwicklung und tat dazu, die immer peinliche Übergangszeit möglichst zu
+verkürzen. Um zu schweigen von der Aufnahme einer Anzahl vornehmer Kelten in
+den römischen Bürgerverband, ja einzelner vielleicht schon in den römischen
+Senat, so ist wahrscheinlich Caesar es gewesen, der in Gallien auch innerhalb
+der einzelnen Gaue als offizielle Sprache anstatt der einheimischen die
+lateinische, wenn auch noch mit gewissen Einschränkungen, und anstatt des
+nationalen das römische Münzsystem in der Art einführte, daß die Gold- und die
+Denarprägung den römischen Behörden vorbehalten blieb, dagegen die Scheidemünze
+von den einzelnen Gauen und nur zur Zirkulation innerhalb der Gaugrenzen, aber
+doch auch nach römischem Fuß geschlagen werden sollte. Man mag lächeln über das
+kauderwelsche Latein, dessen die Anwohner der Loire und Seine fortan
+verordnungsmäßig sich beflissen ^24; es lag doch in diesen Sprachfehlern eine
+größere Zukunft als in dem korrekten, hauptstädtischen Latein. Vielleicht geht
+es auch auf Caesar zurück, wenn die Gauverfassung im Keltenland späterhin der
+italischen Stadtverfassung genähert erscheint und die Hauptorte des Gaues sowie
+die Gemeinderäte in ihr schärfer hervortreten, als dies in der ursprünglichen
+keltischen Ordnung wahrscheinlich der Fall war. Wie wünschenswert in
+militärischer wie in politischer Hinsicht es gewesen wäre, als Stützpunkte der
+neuen Herrschaft und Ausgangspunkte der neuen Zivilisation eine Reihe
+transalpinischer Kolonien zu begründen, mochte niemand mehr empfinden als der
+politische Erbe des Gaius Gracchus und des Marius. Wenn er dennoch sich
+beschränkte auf die Ansiedlung seiner keltischen oder deutschen Reiter in
+Noviodunum und auf die der Boier im Häduergau, welche letztere Niederlassung in
+dem Krieg gegen Vercingetorix schon völlig die Dienste einer römischen Kolonie
+tat, so war die Ursache nur die, daß seine weiteren Pläne ihm noch nicht
+gestatteten, seinen Legionen statt des Schwertes den Pflug in die Hand zu
+geben. Was er in späteren Jahren für die altrömische Provinz in dieser
+Beziehung getan, wird seines Orts dargelegt werden; es ist wahrscheinlich, daß
+nur die Zeit ihm gemangelt hat, um das gleiche auch auf die von ihm neu
+unterworfenen Landschaften zu erstrecken.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^24 So lesen wir auf einem Semis, den ein Vergobret der Lexovier (Lisieux, Dep.
+Calvados) schlagen ließ, folgende Aufschrift: Cisiambos Cattos vercobreto;
+simissos (so) publicos Lixovio. Die oft kaum leserliche Schrift und das
+unglaublich abscheuliche Gepräge dieser Münzen stehen mit ihrem stammelnden
+Latein in bester Harmonie.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Mit der keltischen Nation war es zu Ende. Ihre politische Auflösung war durch
+Caesar eine vollendete Tatsache geworden, ihre nationale eingeleitet und im
+regelmäßigen Fortschreiten begriffen. Es war dies kein zufälliges Verderben,
+wie das Verhängnis es auch entwicklungsfähigen Völkern wohl zuweilen bereitet,
+sondern eine selbstverschuldete und gewissermaßen geschichtlich notwendige
+Katastrophe. Schon der Verlauf des letzten Krieges beweist dies, mag man ihn
+nun im ganzen oder im einzelnen betrachten. Als die Fremdherrschaft gegründet
+werden sollte, leisteten ihr nur einzelne, noch dazu meistens deutsche oder
+halbdeutsche Landschaften energischen Widerstand. Als die Fremdherrschaft
+gegründet war, wurden die Versuche, sie abzuschütteln, entweder ganz kopflos
+unternommen, oder sie waren mehr als billig das Werk einzelner hervorragender
+Adliger und darum mit dem Tod oder der Gefangennahme eines Indutiomarus,
+Camulogenus, Vercingetorix, Correus sogleich und völlig zu Ende. Der
+Belagerungs- und der kleine Krieg, in denen sich sonst die ganze sittliche
+Tiefe der Volkskriege entfaltet, waren und blieben in diesem keltischen von
+charakteristischer Erbärmlichkeit. Jedes Blatt der keltischen Geschichte
+bestätigt das strenge Wort eines der wenigen Römer, die es verstanden, die
+sogenannten Barbaren nicht zu verachten, daß die Kelten dreist die künftige
+Gefahr herausfordern, vor der gegenwärtigen aber der Mut ihnen entsinkt. In dem
+gewaltigen Wirbel der Weltgeschichte, der alle nicht gleich dem Stahl harten
+und gleich dem Stahl geschmeidigen Völker unerbittlich zermalmt, konnte eine
+solche Nation auf die Länge sich nicht behaupten; billig erlitten die Kelten
+des Festlandes dasselbe Schicksal von den Römern, das ihre Stammgenossen auf
+der irischen Insel bis in unsere Tage hinein von den Sachsen erleiden: das
+Schicksal, als Gärungsstoff künftiger Entwicklung aufzugehen in eine staatlich
+überlegene Nationalität. Im Begriff, von der merkwürdigen Nation zu scheiden,
+mag es gestattet sein, noch daran zu erinnern, daß in den Berichten der Alten
+über die Kelten an der Loire und Seine kaum einer der charakteristischen Züge
+vermißt wird, an denen wir gewohnt sind, Paddy zu erkennen. Es findet alles
+sich wieder: die Lässigkeit in der Bestellung der Felder; die Lust am Zechen
+und Raufen; die Prahlhansigkeit - wir erinnern an jenes in dem heiligen Hain
+der Arverner nach dem Sieg von Gergovia aufgehangene Schwert des Caesar, das
+sein angeblicher ehemaliger Besitzer an der geweihten Stätte lächelnd
+betrachtete und das heilige Gut sorgfältig zu schonen befahl; die Rede voll von
+Vergleichen und Hyperbeln, von Anspielungen und barocken Wendungen; der
+drollige Humor - ein vorzügliches Beispiel davon ist die Satzung, daß, wenn
+jemand einem öffentlich Redenden ins Wort fällt, dem Störenfried von Polizei
+wegen ein derbes und wohl sichtbares Loch in den Rock geschnitten wird; die
+innige Freude am Singen und Sagen von den Taten der Vorzeit und die
+entschiedenste Redner- und Dichtergabe; die Neugier - kein Kaufmann wird
+durchgelassen, bevor er auf offener Straße erzählt hat, was er an Neuigkeiten
+weiß oder nicht weiß - und die tolle Leichtgläubigkeit, die auf solche
+Nachrichten hin handelt, weshalb in den besser geordneten Kantons den
+Wandersleuten bei strenger Strafe verboten war, unbeglaubigte Berichte andern
+als Gemeindebeamten mitzuteilen; die kindliche Frömmigkeit, die in dem Priester
+den Vater sieht und ihn in allen Dingen um Rat fragt; die unübertroffene
+Innigkeit des Nationalgefühls und das fast familienartige Zusammenhalten der
+Landsleute gegen den Fremden; die Geneigtheit, unter dem ersten besten Führer
+sich aufzulehnen und Banden zu bilden, daneben aber die völlige Unfähigkeit,
+den sicheren, von Übermut wie von Kleinmut entfernten Mut sich zu bewahren, die
+rechte Zeit zum Abwarten und zum Losschlagen wahrzunehmen, zu irgendeiner
+Organisation, zu irgend fester militärischer oder politischer Disziplin zu
+gelangen oder auch nur sie zu ertragen. Es ist und bleibt zu allen Zeiten und
+aller Orten dieselbe faule und poetische, schwachmütige und innige, neugierige,
+leichtgläubige, liebenswürdige, gescheite, aber politisch durch und durch
+unbrauchbare Nation, und darum ist denn auch ihr Schicksal immer und überall
+dasselbe gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Aber daß dieses große Volk durch Caesars transalpinische Kriege zugrunde ging,
+ist noch nicht das bedeutendste Ergebnis dieses großartigen Unternehmens; weit
+folgenreicher als das negative war das positive Resultat. Es leidet kaum einen
+Zweifel, daß, wenn das Senatsregiment sein Scheinleben noch einige
+Menschenalter länger gefristet hätte, die sogenannte Völkerwanderung
+vierhundert Jahre früher eingetreten sein würde, als sie eingetreten ist, und
+eingetreten sein würde zu einer Zeit, wo die italische Zivilisation sich weder
+in Gallien noch an der Donau noch in Afrika und Spanien häuslich niedergelassen
+hatte. Indem der große Feldherr und Staatsmann Roms mit sicherem Blick in den
+deutschen Stämmen den ebenbürtigen Feind der römisch-griechischen Welt
+erkannte; indem er das neue System offensiver Verteidigung mit fester Hand
+selbst bis ins einzelne hinein begründete und die Reichsgrenzen durch Flüsse
+oder künstliche Wälle verteidigen, längs der Grenze die nächsten Barbarenstämme
+zur Abwehr der entfernteren kolonisieren, das römische Heer durch geworbene
+Leute aus den feindlichen Ländern rekrutieren lehrte, gewann er der
+hellenisch-italischen Kultur die nötige Frist, um den Westen ebenso zu
+zivilisieren, wie der Osten bereits von ihr zivilisiert war. Gewöhnliche
+Menschen schauen die Früchte ihres Tuns; der Same, den geniale Naturen streuen,
+geht langsam auf. Es dauerte Jahrhunderte, bis man begriff, daß Alexander nicht
+bloß ein ephemeres Königreich im Osten errichtet, sondern den Hellenismus nach
+Asien getragen habe; wieder Jahrhunderte, bis man begriff, daß Caesar nicht
+bloß den Römern eine neue Provinz erobert, sondern die Romanisierung der
+westlichen Landschaften begründet habe. Auch von jenen militärisch
+leichtsinnigen und zunächst erfolglosen Zügen nach England und Deutschland
+haben erst die späten Nachfahren den Sinn erkannt. Ein ungeheurer Völkerkreis,
+von dessen Dasein und Zuständen bis dahin kaum der Schiffer und der Kaufmann
+einige Wahrheit und viele Dichtung berichtet hatten, ward durch sie der
+römisch-griechischen Welt aufgeschlossen. &ldquo;Täglich&rdquo;, heißt es in
+einer römischen Schrift vom Mai 698 (56), &ldquo;melden die gallischen Briefe
+und Botschaften uns bisher unbekannte Namen von Völkern, Gauen und
+Landschaften&rdquo;. Diese Erweiterung des geschichtlichen Horizonts durch
+Caesars Züge jenseits der Alpen war ein weltgeschichtliches Ereignis, so gut
+wie die Erkundung Amerikas durch europäische Scharen. Zu dem engen Kreis der
+Mittelmeerstaaten traten die mittel- und nordeuropäischen Völker, die Anwohner
+der Ost- und der Nordsee hinzu, zu der alten Welt eine neue, die fortan durch
+jene mitbestimmt ward und sie mitbestimmte. Es hat nicht viel gefehlt, daß
+bereits von Ariovist das durchgeführt ward, was später dem gotischen Theoderich
+gelang. Wäre dies geschehen, so würde unsere Zivilisation zu der
+römisch-griechischen schwerlich in einem innerlicheren Verhältnis stehen als zu
+der indischen und assyrischen Kultur. Daß von Hellas und Italien vergangener
+Herrlichkeit zu dem stolzeren Bau der neueren Weltgeschichte eine Brücke
+hinüberführt, daß Westeuropa romanisch, das germanische Europa klassisch ist,
+daß die Namen Themistokles und Scipio für uns einen anderen Klang haben, als
+Asoka und Salmanassar, daß Homer und Sophokles nicht wie die Veden und Kalidasa
+nur den literarischen Botaniker anziehen, sondern in dem eigenen Garten uns
+blühen, das ist Caesars Werk; und wenn die Schöpfung seines großen Vorgängers
+im Osten von den Sturmfluten des Mittelalters fast ganz zertrümmert worden ist,
+so hat Caesars Bau die Jahrtausende überdauert, die dem Menschengeschlecht
+Religion und Staat verwandelt, den Schwerpunkt der Zivilisation selbst ihm
+verschoben haben, und für das, was wir Ewigkeit nennen, steht er aufrecht.
+</p>
+
+<p>
+Um das Bild der Verhältnisse Roms zu den Völkern des Nordens in dieser Zeit zu
+vollenden, bleibt es noch übrig, einen Blick auf die Landschaften zu werfen,
+die nördlich der italischen und der griechischen Halbinsel, von den
+Rheinquellen bis zum Schwarzen Meer sich erstrecken. Zwar in das gewaltige
+Völkergetümmel, das auch dort damals gewogt haben mag, reicht die Fackel der
+Geschichte nicht und die einzelnen Streiflichter, die in dieses Gebiet fallen,
+sind, wie der schwache Schimmer in tiefer Finsternis, mehr geeignet zu
+verwirren als aufzuklären. Indes es ist die Pflicht des Geschichtschreibers,
+auch die Lücken in dem Buche der Völkergeschichte zu bezeichnen; er darf es
+nicht verschmähen, neben Caesars großartigem Verteidigungssystem der dürftigen
+Anstalten zu gedenken, durch die die Feldherren des Senats nach dieser Seite
+hin die Reichsgrenze zu schützen vermeinten.
+</p>
+
+<p>
+Das nordöstliche Italien blieb nach wie vor den Angriffen der alpinischen
+Völkerschaften preisgegeben. Das im Jahre 695 (59) bei Aquileia lagernde starke
+römische Heer und der Triumph des Statthalters des Cisalpinischen Galliens,
+Lucius Afranius, lassen schließen, daß um diese Zeit eine Expedition in die
+Alpen stattgefunden; wovon es eine Folge sein mag, daß wir bald darauf die
+Römer in näherer Verbindung mit einem König der Noriker finden. Daß aber auch
+nachher Italien durchaus von dieser Seite nicht gesichert war, bewies der
+Überfall der blühenden Stadt Tergeste durch die alpinischen Barbaren im Jahre
+702 (52), als die transalpinische Insurrektion Caesar genötigt hatte,
+Oberitalien ganz von Truppen zu entblößen.
+</p>
+
+<p>
+Auch die unruhigen Völker, die den illyrischen Küstenstrich innehatten, machten
+ihren römischen Herren beständig zu schaffen. Die Dalmater, schon früher das
+ansehnlichste Volk dieser Gegend, vergrößerten durch Aufnahme der Nachbarn in
+ihren Verband sich so ansehnlich, daß die Zahl ihrer Ortschaften von zwanzig
+auf achtzig stieg. Als sie die Stadt Promona (nicht weit vom Kerkafluß), die
+sie den Liburniern entrissen hatten, diesen wiederherauszugeben sich weigerten,
+ließ Caesar nach der Pharsalischen Schlacht gegen sie marschieren; aber die
+Römer zogen hierbei zunächst den kürzeren, und infolgedessen ward Dalmatien für
+einige Zeit ein Herd der Caesar feindlichen Partei und wurde hier den
+Feldherren Caesars von den Einwohnern, in Verbindung mit den Pompeianern und
+mit den Seeräubern, zu Lande und zu Wasser energischer Widerstand geleistet.
+</p>
+
+<p>
+Makedonien endlich nebst Epirus und Hellas war so verödet und heruntergekommen
+wie kaum ein anderer Teil des Römischen Reiches. Dyrrhachion, Thessalonike,
+Byzantion hatten noch einigen Handel und Verkehr; Athen zog durch seinen Namen
+und seine Philosophenschule die Reisenden und die Studenten an; im ganzen aber
+lag über Hellas&rsquo; einst volkreichen Städten und menschenwimmelnden Häfen
+die Ruhe des Grabes. Aber wenn die Griechen sich nicht regten, so setzten
+dagegen die Bewohner der schwer zugänglichen makedonischen Gebirge nach alter
+Weise ihre Raubzüge und Fehden fort, wie denn zum Beispiel um 697/98 (57/56)
+Agräer und Doloper die ätolischen Städte, im Jahre 700 (54) die in den
+Drintälern wohnenden Pirusten das südliche Illyrien überrannten. Ebenso hielten
+es die Anwohner. Die Dardaner an der Nordgrenze wie die Thraker im Osten waren
+zwar in den achtjährigen Kämpfen 676 bis 683 (78-71) von den Römern gedemütigt
+worden; der mächtigste unter den thrakischen Fürsten, der Herr des alten
+Odrysenreichs Kotys, ward seitdem den römischen Klientelkönigen beigezählt.
+Allein nichtsdestoweniger hatte das befriedete Land nach wie vor von Norden und
+Osten her Einfälle zu leiden. Der Statthalter Gaius Antonius ward übel
+heimgeschickt, sowohl von den Dardanern, als auch von den in der heutigen
+Dobrudscha ansässigen Stämmen, welche mit Hilfe der vom linken Donauufer
+herbeigezogenen, gefürchteten Bastarner ihm bei Istropolis (Istere unweit
+Kustendsche) eine bedeutende Niederlage beibrachten (692-693 62-61).
+Glücklicher focht Gaius Octavius gegen Besser und Thraker (694 60). Dagegen
+machte Marcus Piso (697-698 57-56) wiederum als Oberfeldherr sehr schlechte
+Geschäfte, was auch kein Wunder war, da er um Geld Freunden und Feinden
+gewährte, was sie wünschten. Die thrakischen Dentheleten (am Strymon)
+plünderten unter seiner Statthalterschaft Makedonien weit und breit und
+stellten auf der großen, von Dyrrhachion nach Thessalonike führenden römischen
+Heerstraße selbst ihre Posten aus; in Thessalonike machte man sich darauf
+gefaßt, von ihnen eine Belagerung auszuhalten, während die starke römische
+Armee in der Provinz nur da zu sein schien, um zuzusehen, wie die Bergbewohner
+und die Nachbarvölker die friedlichen Untertanen Roms brandschatzten.
+</p>
+
+<p>
+Dergleichen Angriffe konnten freilich Roms Macht nicht gefährden, und auf eine
+Schande mehr kam es längst nicht mehr an. Aber eben um diese Zeit begann
+jenseits der Donau, in den weiten dakischen Steppen, ein Volk sich staatlich zu
+konsolidieren, das eine andere Rolle in der Geschichte zu spielen bestimmt
+schien als die Besser und die Dentheleten. Bei den Geten oder Dakern war in
+uralter Zeit dem König des Volkes ein heiliger Mann zur Seite getreten,
+Zalmoxis genannt, der, nachdem er der Götter Wege und Wunder auf weiten Reisen
+in der Fremde erkundet und namentlich die Weisheit der ägyptischen Priester und
+der griechischen Pythagoreer ergründet hatte, in seine Heimat zurückgekommen
+war, um in einer Höhle des &lsquo;Heiligen Berges&rsquo; als frommer Einsiedler
+sein Leben zu beschließen. Nur dem König und dessen Dienern blieb er zugänglich
+und spendete ihm und durch ihn dem Volke seine Orakel für jedes wichtige
+Beginnen. Seinen Landsleuten galt er anfangs als Priester des höchsten Gottes
+und zuletzt selber als Gott, ähnlich wie es von Moses und Aaron heißt, daß der
+Herr den Aaron zum Propheten und zum Gotte des Propheten den Moses gesetzt
+habe. Es war hieraus eine bleibende Institution geworden: von Rechts wegen
+stand dem König der Geten ein solcher Gott zur Seite, aus dessen Munde alles
+kam oder zu kommen schien, was der König befahl. Diese eigentümliche
+Verfassung, in der die theokratische Idee der, wie es scheint, absoluten
+Königsgewalt dienstbar geworden war, mag den getischen Königen eine Stellung
+ihren Untertanen gegenüber gegeben haben, wie etwa die Kalifen sie gegenüber
+den Arabern haben; und eine Folge davon war die wunderbare religiös-politische
+Reform der Nation, welche um diese Zeit der König der Geten, Burebistas, und
+der Gott, Dekäneos, durchsetzten. Das namentlich durch beispiellose Völlerei
+sittlich und staatlich gänzlich heruntergekommene Volk ward durch das neue
+Mäßigkeits- und Tapferkeitsevangelium wie umgewandelt; mit seinen sozusagen
+puritanisch disziplinierten und begeisterten Scharen gründete König Burebistas
+binnen wenigen Jahren ein gewaltiges Reich, das auf beiden Ufern der Donau sich
+ausbreitete und südwärts bis tief in Thrakien, Illyrien und das nordische Land
+hinein reichte. Eine unmittelbare Berührung mit den Römern hatte noch nicht
+stattgefunden, und es konnte niemand sagen, was aus diesem sonderbaren, an die
+Anfänge des Islam erinnernden Staat werden möge; das aber mochte man, auch ohne
+Prophet zu sein, vorherzusagen, daß Prokonsuln wie Antonius und Piso nicht
+berufen waren, mit Göttern zu streiten.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap08"></a>KAPITEL VIII.<br/>
+Pompeius&rsquo; und Caesars Gesamtherrschaft</h2>
+
+<p>
+Unter den Demokratenchefs, die seit Caesars Konsulat sozusagen offiziell als
+die gemeinschaftlichen Beherrscher des Gemeinwesens, als die regierenden
+&ldquo;Dreimänner&rdquo; anerkannt waren, nahm der öffentlichen Meinung zufolge
+durchaus die erste Stelle Pompeius ein. Er war es, der den Optimaten der
+&ldquo;Privatdiktator&rdquo; hieß; vor ihm tat Cicero seinen vergeblichen
+Fußfall; ihm galten die schärfsten Sarkasmen in den Mauerplakaten des Bibulus,
+die giftigsten Pfeile in den Salonreden der Opposition. Es war dies nur in der
+Ordnung. Nach den vorliegenden Tatsachen war Pompeius unbestritten der erste
+Feldherr seiner Zeit, Caesar ein gewandter Parteiführer und Parteiredner, von
+unleugbaren Talenten, aber ebenso notorisch von unkriegerischem, ja weibischem
+Naturell. Diese Urteile waren seit langem geläufig; man konnte es von dem
+vornehmen Pöbel nicht erwarten, daß er um das Wesen der Dinge sich kümmere und
+einmal festgestellte Plattheiten wegen obskurer Heldentaten am Tajo aufgebe.
+Offenbar spielte Caesar in dem Bunde nur die Rolle des Adjutanten, der das für
+seinen Chef ausführte, was Flavius, Afranius und andere, weniger fähige
+Werkzeuge versucht und nicht geleistet hatten. Selbst seine Statthalterschaft
+schien dies Verhältnis nicht zu ändern. Eine sehr ähnliche Stellung hatte erst
+kürzlich Afranius eingenommen, ohne darum etwas Besonderes zu bedeuten; mehrere
+Provinzen zugleich waren in den letzten Jahren wiederholentlich einem
+Statthalter untergeben und schon oft weit mehr als vier Legionen in einer Hand
+vereinigt gewesen; da es jenseits der Alpen wieder ruhig und Fürst Ariovist von
+den Römern als Freund und Nachbar anerkannt war, so war auch keine Aussicht zur
+Führung eines irgend ins Gewicht fallenden Krieges. Die Vergleichung der
+Stellungen, wie sie Pompeius durch das Gabinisch-Manilische, Caesar durch das
+Vatinische Gesetz erhalten hatten, lag nahe; allein sie fiel nicht zu Caesars
+Vorteil aus. Pompeius gebot fast über das gesamte Römische Reich, Caesar über
+zwei Provinzen. Pompeius standen die Soldaten und die Kassen des Staats beinahe
+unbeschränkt zur Verfügung, Caesar nur die ihm angewiesenen Summen und ein Heer
+von 24000 Mann. Pompeius war es anheimgegeben, den Zeitpunkt seines Rücktritts
+selber zu bestimmen; Caesars Kommando war ihm zwar auf lange hinaus, aber doch
+nur auf eine begrenzte Frist gesichert. Pompeius endlich war mit den
+wichtigsten Unternehmungen zur See und zu Lande betraut worden; Caesar ward
+nach Norden gesandt, um von Oberitalien aus die Hauptstadt zu überwachen und
+dafür zu sorgen, daß Pompeius ungestört sie beherrsche.
+</p>
+
+<p>
+Aber als Pompeius von der Koalition zum Beherrscher der Hauptstadt bestellt
+ward, übernahm er, was über seine Kräfte weit hinausging. Pompeius verstand vom
+Herrschen nichts weiter, als was sich zusammenfassen läßt in Parole und
+Kommando. Die Wellen des hauptstädtischen Treibens gingen hohl, zugleich von
+vergangenen und von zukünftigen Revolutionen; die Aufgabe, diese in jeder
+Hinsicht dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts vergleichbare Stadt ohne
+bewaffnete Macht zu regieren, war unendlich schwer, für jenen eckigen vornehmen
+Mustersoldaten aber geradezu unlösbar. Sehr bald war er so weit, daß Feinde und
+Freunde, beide ihm gleich unbequem, seinetwegen machen konnten, was ihnen
+beliebte; nach Caesars Abgang von Rom beherrschte die Koalition wohl noch die
+Geschicke der Welt, aber nicht die Straßen der Hauptstadt. Auch der Senat, dem
+ja immer noch eine Art nominellen Regiments zustand, ließ die Dinge in der
+Hauptstadt gehen, wie sie gehen konnten und mochten; zum Teil, weil der von der
+Koalition beherrschten Fraktion dieser Körperschaft die Instruktionen der
+Machthaber fehlten, zum Teil, weil die grollende Opposition aus
+Gleichgültigkeit oder Pessimismus beiseite trat, hauptsächlich aber, weil die
+gesamte hochadlige Körperschaft ihre vollständige Ohnmacht wo nicht zu
+begreifen, doch zu fühlen begann. Augenblicklich also gab es in Rom nirgends
+eine Widerstandskraft irgendwelcher Regierung, nirgends eine wirkliche
+Autorität. Man lebte im Interregnum zwischen dem zertrümmerten aristokratischen
+und dem werdenden militärischen Regiment; und wenn das römische Gemeinwesen wie
+kein anderes alter oder neuer Zeit alle verschiedensten politischen Funktionen
+und Organisationen rein und normal dargestellt hat, so erscheint in ihm auch
+die politische Desorganisation, die Anarchie, in einer nicht beneidenswerten
+Schärfe. Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß in denselben Jahren, in
+welchen Caesar jenseits der Alpen ein Werk für die Ewigkeit schuf, in Rom eine
+der tollsten politischen Grotesken aufgeführt ward, die jemals über die Bretter
+der Weltgeschichte gegangen ist. Der neue Regent des Gemeinwesens regierte
+nicht, sondern schloß sich in sein Haus ein und maulte im stillen. Die
+ehemalige, halb abgesetzte Regierung regierte gleichfalls nicht, sondern
+seufzte, bald einzeln in den traulichen Zirkeln der Villen, bald in der Kurie
+im Chor. Der Teil der Bürgerschaft, dem Freiheit und Ordnung noch am Herzen
+lagen, war des wüsten Treibens übersatt; aber völlig führer- und ratlos
+verharrte er in nichtiger Passivität und mied nicht bloß jede politische
+Tätigkeit, sondern, soweit es anging, das politische Sodom selbst. Dagegen: das
+Gesindel aller Art hatte nie bessere Tage, nie lustigere Tummelplätze gehabt.
+Die Zahl der kleinen großen Männer war Legion. Die Demagogie ward völlig zum
+Handwerk, dem denn auch das Handwerkszeug nicht fehlte: der verschabte Mantel,
+der verwilderte Bart, das langflatternde Haar, die tiefe Baßstimme; und nicht
+selten war es ein Handwerk mit goldenem Boden. Für die stehenden Brüllaktionen
+waren die geprüften Gurgeln des Theaterpersonals ein begehrter Artikel ^1;
+Griechen und Juden, Freigelassene und Sklaven waren in den öffentlichen
+Versammlungen die regelmäßigsten Besucher und die lautesten Schreier; selbst
+wenn es zum Stimmen ging, bestand häufig nur der kleinere Teil der Stimmenden
+aus verfassungsmäßig stimmberechtigten Bürgern. &ldquo;Nächstens&rdquo;, heißt
+es in einem Briefe aus dieser Zeit, &ldquo;können wir erwarten, daß unsere
+Lakaien die Freilassungssteuer abvotieren.&rdquo; Die eigentlichen Mächte des
+Tages waren die geschlossenen und bewaffneten Banden, die von vornehmen
+Abenteurern aus fechtgewohnten Sklaven und Lumpen aufgestellten Bataillone der
+Anarchie. Ihre Inhaber hatten von Haus aus meistenteils zur Popularpartei
+gezählt; aber seit Caesars Entfernung, der der Demokratie allein zu imponieren
+und allein sie zu lenken verstanden hatte, war aus derselben alle Disziplin
+entwichen und jeder Parteigänger machte Politik auf seine eigene Hand. Am
+liebsten fochten diese Leute freilich auch jetzt noch unter dem Panier der
+Freiheit; aber genau genommen waren sie weder demokratisch noch
+antidemokratisch gesinnt, sondern schrieben auf die einmal unentbehrliche
+Fahne, wie es fiel, bald den Volksnamen, bald den Namen des Senats oder den
+eines Parteichefs; wie denn zum Beispiel Clodius nacheinander für die
+herrschende Demokratie, für den Senat und für Crassus gefochten oder zu fechten
+vorgegeben hat. Farbe hielten die Bandenführer nur insofern, als sie ihre
+persönlichen Feinde, wie Clodius den Cicero, Milo den Clodius, unerbittlich
+verfolgten, wogegen die Parteistellung ihnen nur als Schachzug in diesen
+Personenfehden diente. Man könnte ebensogut ein Charivari auf Noten setzen als
+die Geschichte dieses politischen Hexensabbaths schreiben wollen; es liegt auch
+nichts daran, all die Mordtaten, Häuserbelagerungen, Brandstiftungen und
+sonstigen Räuberszenen inmitten einer Weltstadt aufzuzählen und nachzurechnen,
+wie oft die Skala vom Zischen und Schreien zum Anspeien und Niedertreten und
+von da zum Steinewerfen und Schwerterzücken durchgemacht ward. Der Protagonist
+auf diesem politischen Lumpentheater war jener Publius Clodius, dessen, wie
+schon erwähnt ward, die Machthaber sich gegen Cato und Cicero bedienten. Sich
+selbst überlassen, trieb dieser einflußreiche, talentvolle, energische und in
+seinem Metier in der Tat musterhafte Parteigänger während seines Volkstribunats
+(696 58) ultrademokratische Politik, gab den Städtern das Getreide umsonst,
+beschränkte das Recht der Zensoren, sittenlose Bürger zu bemäkeln, untersagte
+den Beamten, durch religiöse Formalitäten den Gang der Komitialmaschine zu
+hemmen, beseitigte die Schranken, die kurz zuvor (690 64), um dem Bandenwesen
+zu steuern, dem Assoziationsrecht der niederen Klassen gesetzt worden waren,
+und stellte die damals aufgehobenen &ldquo;Straßenklubs&rdquo; (collegia
+compitalicia) wieder her, welche nichts anderes waren als eine förmliche, nach
+den Gassen abgeteilte und fast militärisch gegliederte Organisation des
+gesamten hauptstädtischen Freien- oder Sklavenproletariats. Wenn dazu noch das
+weitere Gesetz, das Clodius ebenfalls bereits entworfen hatte und als Prätor
+702 (52) einzubringen gedachte, den Freigelassenen und den im tatsächlichen
+Besitz der Freiheit lebenden Sklaven die gleichen politischen Rechte mit den
+Freigeborenen gab, so konnte der Urheber all dieser tapferen
+Verfassungsbesserungen sein Werk für vollendet erklären und als neuer Numa der
+Freiheit und Gleichheit den süßen Pöbel der Hauptstadt einladen, in dem auf
+einer seiner Brandstätten am Palatin von ihm errichteten Tempel der Freiheit
+ihn zur Feier des eingetretenen demokratischen Millenniums das Hochamt
+zelebrieren zu sehen. Natürlich schlossen diese Freiheitsbestrebungen den
+Schacher mit Bürgerschaftsbeschlüssen nicht aus; wie Caesar hielt auch Caesars
+Affe für seine Mitbürger Statthalterschaften und andere Posten und Pöstchen,
+für die untertänigen Könige und Städte die Herrlichkeitsrechte des Staates
+feil.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Das heißt cantorum convicio contiones celebrare (Cic. Sest. 55, 118).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+All diesen Dingen sah Pompeius zu, ohne sich zu regen. Wenn er es nicht
+empfand, wie arg er damit sich kompromittierte, so empfand es sein Gegner.
+Clodius ward so dreist, daß er über eine ganz gleichgültige Frage, die
+Rücksendung eines gefangenen armenischen Prinzen, mit dem Regenten von Rom
+geradezu anband; und bald ward der Zwist zur förmlichen Fehde, in der
+Pompeius&rsquo; völlige Hilflosigkeit zu Tage kam. Das Haupt des Staates wußte
+dem Parteigänger nichts anders zu begegnen als mit dessen eigenen, nur weit
+ungeschickter geführten Waffen. War er von Clodius wegen des armenischen
+Prinzen schikaniert worden, so ärgerte er ihn wieder, indem er den von Clodius
+über alles gehaßten Cicero aus dem Exil erlöste, in das ihn Clodius gesandt
+hatte, und erreichte denn auch so gründlich seinen Zweck, daß er den Gegner in
+einen unversöhnlichen Feind verwandelte. Wenn Clodius mit seinen Banden die
+Straßen unsicher machte, so ließ der siegreiche Feldherr gleichfalls Sklaven
+und Fechter marschieren, in welchen Balgereien natürlich der General gegen den
+Demagogen den kürzeren zog, auf der Straße geschlagen, und von Clodius und
+dessen Spießgesellen Gaius Cato in seinem Garten fast beständig in Belagerung
+gehalten ward. Es ist nicht der am wenigsten merkwürdige Zug in diesem
+merkwürdigen Schauspiel, daß in ihrem Hader der Regent und der Schwindler beide
+wetteifernd um die Gunst der gestürzten Regierung buhlten, Pompeius, zum Teil
+auch, um dem Senat gefällig zu sein, Ciceros Zurückberufung zuließ, Clodius
+dagegen die Julischen Gesetze für nichtig erklärte und Marcus Bibulus aufrief,
+deren verfassungswidrige Durchbringung öffentlich zu bezeugen!
+</p>
+
+<p>
+Ein positives Resultat konnte natürlicherweise aus diesem Brodel trüber
+Leidenschaften nicht hervorgehen; der eigentlichste Charakter desselben war
+eben seine bis zum Gräßlichen lächerliche Zwecklosigkeit. Selbst ein Mann von
+Caesars Genialität hatte es erfahren müssen, daß das demokratische Treiben
+vollständig abgenutzt war und sogar der Weg zum Thron nicht mehr durch die
+Demagogie ging. Es war nichts weiter als ein geschichtlicher Lückenbüßer, wenn
+jetzt, in dem Interregnum zwischen Republik und Monarchie, irgendein toller
+Geselle mit des Propheten Mantel und Stab, die Caesar selbst abgelegt hatte,
+sich noch einmal staffierte und noch einmal Gaius Gracchus&rsquo; große Ideale
+parodisch verzerrt über die Szene gingen; die sogenannte Partei, von der diese
+demokratische Agitation ausging, war so wenig eine, daß ihr später in dem
+Entscheidungskampf nicht einmal eine Rolle zufiel. Selbst das läßt sich nicht
+behaupten, daß durch diesen anarchistischen Zustand das Verlangen nach einer
+starken, auf Militärmacht gegründeten Regierung in den Gemütern der politisch
+indifferent Gesinnten lebendig angefacht worden sei. Auch abgesehen davon, daß
+diese neutrale Bürgerschaft hauptsächlich außerhalb Roms zu suchen war und also
+von dem hauptstädtischen Krawallieren nicht unmittelbar berührt ward, so waren
+diejenigen Gemüter, die überhaupt durch solche Motive sich bestimmen ließen,
+schon durch frühere Erfahrungen, namentlich die Catilinarische Verschwörung,
+gründlich zum Autoritätsprinzip bekehrt worden; auf die eigentlichen
+Ängsterlinge aber wirkte die Furcht vor der von dem Verfassungsumsturz
+unzertrennlichen, ungeheuren Krise bei weitem nachdrücklicher als die Furcht
+vor der bloßen Fortdauer der im Grunde doch sehr oberflächlichen
+hauptstädtischen Anarchie. Das einzige Ergebnis derselben, das geschichtlich in
+Anschlag kommt, ist die peinliche Stellung, in die Pompeius durch die Angriffe
+der Clodianer geriet und durch die seine weiteren Schritte wesentlich
+mitbedingt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Wie wenig Pompeius auch die Initiative liebte und verstand, so ward er doch
+diesmal durch die Veränderung seiner Stellung sowohl Clodius als Caesar
+gegenüber gezwungen, aus seiner bisherigen Passivität herauszutreten. Die
+verdrießliche und schimpfliche Lage, in die ihn Clodius versetzt hatte, mußte
+auf die Länge selbst seine träge Natur zu Haß und Zorn entflammen. Aber weit
+wichtiger war die Verwandlung, die in seinem Verhältnis zu Caesar stattgefunden
+hatte. Wenn von den beiden verbündeten Machthabern Pompeius in der übernommenen
+Tätigkeit vollkommen bankrott geworden war, so hatte Caesar aus seiner
+Kompetenz etwas zu machen gewußt, was jede Berechnung wie jede Befürchtung weit
+hinter sich ließ. Ohne wegen der Erlaubnis viel anzufragen, hatte Caesar durch
+Aushebungen in seiner großenteils von römischen Bürgern bewohnten südlichen
+Provinz sein Heer verdoppelt, hatte mit diesem, statt von Norditalien aus über
+Rom Wache zu halten, die Alpen überschritten, eine neue kimbrische Invasion im
+Beginn erstickt und binnen zwei Jahren (696, 697 58, 57) die römischen Waffen
+bis an den Rhein und den Kanal getragen. Solchen Tatsachen gegenüber ging
+selbst der aristokratischen Taktik des Ignorierens und Verkleinerns der Atem
+aus. Der oft als Zärtling Verhöhnte war jetzt der Abgott der Armee, der
+gefeierte sieggekrönte Held, dessen junge Lorbeeren die welken des Pompeius
+überglänzten und dem sogar der Senat die nach glücklichen Feldzügen üblichen
+Ehrenbezeigungen schon 697 (57) in reicherem Maße zuerkannte, als sie je
+Pompeius zuteil geworden waren. Pompeius stand zu seinem ehemaligen Adjutanten,
+genau wie nach den Gabinisch-Manilischen Gesetzen dieser gegen ihn gestanden
+hatte. Jetzt war Caesar der Held des Tages und der Herr der mächtigsten
+römischen Armee, Pompeius ein ehemals berühmter Exgeneral. Zwar war es zwischen
+Schwiegervater und Schwiegersohn noch zu keiner Kollision gekommen und das
+Verhältnis äußerlich ungetrübt; aber jedes politische Bündnis ist innerlich
+aufgelöst, wenn das Machtverhältnis der Beteiligten sich wesentlich verschiebt.
+Wenn der Zank mit Clodius nur ärgerlich war, so lag in der veränderten Stellung
+Caesars für Pompeius eine sehr ernste Gefahr: ebenwie einst Caesar und dessen
+Verbündete gegen ihn, so sah jetzt er sich genötigt, gegen Caesar einen
+militärischen Rückhalt zu suchen und, seine stolze Amtlosigkeit beiseitelegend,
+aufzutreten als Bewerber um irgendein außerordentliches Amt, das ihn in den
+Stand setzte, dem Statthalter der beiden Gallien mit gleicher und womöglich mit
+überlegener Macht zur Seite zu bleiben. Wie seine Lage, war auch seine Taktik
+genau die Caesars während des Mithradatischen Krieges. Um die Militärmacht des
+überlegenen, aber noch entfernten Gegners durch die Erlangung eines ähnlichen
+Kommandos aufzuwiegen, bedurfte Pompeius zunächst der offiziellen
+Regierungsmaschine. Anderthalb Jahre zuvor hatte diese unbedingt ihm zur
+Verfügung gestanden. Die Machthaber beherrschten den Senat damals sowohl durch
+die Komitien, die ihnen als den Herren der Straße unbedingt gehorchten, wie
+durch den von Caesar energisch terrorisierten Senat; als Vertreter der
+Koalition in Rom und als deren anerkanntes Haupt hätte Pompeius vom Senat wie
+von der Bürgerschaft ohne Zweifel jeden Beschluß erlangt, den er wünschte,
+selbst wenn er gegen Caesars Interesse war. Allein durch den ungeschickten
+Handel mit Clodius hatte Pompeius die Straßenherrschaft eingebüßt und konnte
+nicht daran denken, einen Antrag zu seinen Gunsten bei der Volksgemeinde
+durchzusetzen. Nicht ganz so ungünstig standen die Dinge für ihn im Senat; doch
+war es auch hier zweifelhaft, ob Pompeius nach dieser langen und
+verhängnisvollen Passivität die Zügel der Majorität noch fest genug in der Hand
+habe, um einen Beschluß, wie er ihn brauchte, zu bewirken.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Stellung des Senats, oder vielmehr der Nobilität überhaupt, war
+inzwischen eine andere geworden. Eben aus ihrer vollständigen Erniedrigung
+schöpfte sie frische Kräfte. Es war bei der Koalition von 694 (60)
+verschiedenes an den Tag gekommen, was für das Sonnenlicht noch keineswegs reif
+war. Die Entfernung Catos und Ciceros, welche die öffentliche Meinung, wie sehr
+auch die Machthaber dabei sich zurückhielten und sogar sich die Miene gaben,
+sie zu beklagen, mit ungeirrtem Takt auf ihre wahren Urheber zurückführte, und
+die Verschwägerung zwischen Caesar und Pompeius erinnerten mit unerfreulicher
+Deutlichkeit an monarchische Ausweisungsdekrete und Familienallianzen. Auch das
+größere Publikum, das den politischen Ereignissen ferner stand, ward aufmerksam
+auf die immer bestimmter hervortretenden Grundlagen der künftigen Monarchie.
+Von dem Augenblick an, wo dieses begriff, daß es Caesar nicht um eine
+Modifikation der republikanischen Verfassung zu tun sei, sondern daß es sich
+handle um Sein oder Nichtsein der Republik, werden unfehlbar eine Menge der
+besten Männer, die bisher sich zur Popularpartei gerechnet und in Caesar ihr
+Haupt verehrt hatten, auf die entgegengesetzte Seite übergetreten sein. Nicht
+mehr in den Salons und den Landhäusern des regierenden Adels allein wurden die
+Reden von den &ldquo;drei Dynasten&rdquo;, dem &ldquo;dreiköpfigen
+Ungeheuer&rdquo; vernommen. Caesars konsularischen Reden horchte die Menge
+dichtgedrängt, ohne daß Zuruf oder Beifall aus ihr erscholl; keine Hand regte
+sich zum Klatschen, wenn der demokratische Konsul in das Theater trat. Wohl
+aber pfiff man, wo eines der Werkzeuge der Machthaber öffentlich sich sehen
+ließ, und selbst gesetzte Männer klatschten, wenn ein Schauspieler eine
+antimonarchische Sentenz oder eine Anspielung gegen Pompeius vorbrachte. Ja als
+Cicero ausgewiesen werden sollte, legten eine große Zahl - angeblich
+zwanzigtausend - Bürger, größtenteils aus den Mittelklassen, nach dem Beispiel
+des Senats das Trauergewand an. &ldquo;Nichts ist jetzt populärer&rdquo;, heißt
+es in einem Briefe aus dieser Zeit, &ldquo;als der Haß der
+Popularpartei.&rdquo; Die Machthaber ließen Andeutungen fallen, daß durch
+solche Opposition leicht die Ritter ihre neuen Sonderplätze im Theater, der
+gemeine Mann sein Brotkorn einbüßen könne; man nahm darauf mit den Äußerungen
+des Unwillens sich vielleicht etwas mehr in acht, aber die Stimmung blieb die
+gleiche. Mit besserem Erfolg ward der Hebel der materiellen Interessen
+angesetzt. Caesars Gold floß in Strömen. Scheinreiche mit zerrütteten Finanzen,
+einflußreiche, in Geldverlegenheiten befangene Damen, verschuldete junge
+Adlige, bedrängte Kaufleute und Bankiers gingen entweder selbst nach Gallien,
+um an der Quelle zu schöpfen, oder wandten sich an Caesars hauptstädtische
+Agenten; und nicht leicht ward ein äußerlich anständiger Mann - mit ganz
+verlorenem Gesindel mied Caesar sich einzulassen - dort oder hier
+zurückgewiesen. Dazu kamen die ungeheuren Bauten, die Caesar für seine Rechnung
+in der Hauptstadt ausführen ließ und bei denen eine Unzahl von Menschen aller
+Stände vom Konsular bis zum Lastträger hinab Gelegenheit fand zu verdienen,
+sowie die unermeßlichen, für öffentliche Lustbarkeiten aufgewandten Summen. In
+beschränkterem Maße tat Pompeius das gleiche; ihm verdankte die Hauptstadt das
+erste steinerne Theater, und er feierte dessen Einweihung mit einer nie zuvor
+gesehenen Pracht. Daß solche Spenden eine Menge oppositionell Gesinnter,
+namentlich in der Hauptstadt, mit der neuen Ordnung der Dinge bis zu einem
+gewissen Grade aussöhnten, versteht sich ebenso von selbst, wie daß der Kern
+der Opposition diesem Korruptionssystem nicht erreichbar war. Immer deutlicher
+kam es zu Tage, wie tief die bestehende Verfassung im Volke Wurzel geschlagen
+hatte und wie wenig namentlich die dem unmittelbaren Parteitreiben ferner
+stehenden Kreise, vor allem die Landstädte, der Monarchie geneigt oder auch nur
+bereit waren, sie über sich ergehen zu lassen. Hätte Rom eine
+Repräsentativverfassung gehabt, so würde die Unzufriedenheit der Bürgerschaft
+ihren natürlichen Ausdruck in den Wahlen gefunden und, indem sie sich
+aussprach, sich gesteigert haben; unter den bestehenden Verhältnissen blieb den
+Verfassungstreuen nichts übrig als dem Senat, der, herabgekommen wie er war,
+doch immer noch als Vertreter und Verfechter der legitimen Republik erschien,
+sich unterzuordnen. So kam es, daß der Senat, jetzt da er gestürzt worden war,
+plötzlich eine weit ansehnlichere und weit ernstlicher getreue Armee zu seiner
+Verfügung fand, als da er in Macht und Glanz die Gracchen stürzte und,
+geschirmt durch Sullas Säbel, den Staat restaurierte. Die Aristokratie empfand
+es; sie fing wieder an sich zu regen. Eben jetzt hatte Marcus Cicero, nachdem
+er sich verpflichtet hatte, den Gehorsam im Senat sich anzuschließen und nicht
+bloß keine Opposition zu machen, sondern nach Kräften für die Machthaber zu
+wirken, von denselben die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten. Obwohl Pompeius der
+Oligarchie hiermit nur beiläufig eine Konzession machte und vor allem dem
+Clodius einen Possen zu spielen, demnächst ein durch hinreichende Schläge
+geschmeidigtes Werkzeug in dem redefertigen Konsular zu erwerben bedacht war,
+so nahm man doch die Gelegenheit wahr, wie Ciceros Verbannung eine
+Demonstration gegen den Senat gewesen war, so seine Rückkehr zu
+republikanischen Demonstrationen zu benutzen. In möglichst feierlicher Weise,
+übrigens gegen die Clodianer durch die Bande des Titus Annius Milo geschützt,
+brachten beide Konsuln nach vorgängigem Senatsbeschluß einen Antrag an die
+Bürgerschaft, dem Konsular Cicero die Rückkehr zu gestatten, und der Senat rief
+sämtliche verfassungstreue Bürger auf, bei der Abstimmung nicht zu fehlen.
+Wirklich versammelte sich am Tage der Abstimmung (4. August 697 57) in Rom
+namentlich aus den Landstädten eine ungewöhnliche Anzahl achtbarer Männer. Die
+Reise des Konsulars von Brundisium nach der Hauptstadt gab Gelegenheit zu einer
+Reihe ähnlicher, nicht minder glänzender Manifestationen der öffentlichen
+Meinung. Das neue Bündnis zwischen dem Senat und der verfassungstreuen
+Bürgerschaft ward bei dieser Gelegenheit gleichsam öffentlich bekannt gemacht
+und eine Art Revue über die letztere gehalten, deren überraschend günstiges
+Ergebnis nicht wenig dazu beitrug, den gesunkenen Mut der Aristokratie
+wiederaufzurichten. Pompeius&rsquo; Hilflosigkeit gegenüber diesen trotzigen
+Demonstrationen sowie die unwürdige und beinahe lächerliche Stellung, in die er
+Clodius gegenüber geraten war, brachten ihn und die Koalition um ihren Kredit;
+und die Fraktion des Senats, welche derselben anhing, durch Pompeius&rsquo;
+seltene Ungeschicklichkeit demoralisiert und ratlos sich selber überlassen,
+konnte nicht verhindern, daß in dem Kollegium die
+republikanisch-aristokratische Partei wieder völlig die Oberhand gewann. Das
+Spiel dieser stand in der Tat damals - 697 (57) - für einen mutigen und
+geschickten Spieler noch keineswegs verzweifelt. Sie hatte jetzt, was sie seit
+einem Jahrhundert nicht gehabt, festen Rückhalt in dem Volke; vertraute sie
+diesem und sich selber, so konnte sie auf dem kürzesten und ehrenvollsten Wege
+zum Ziel gelangen. Warum nicht die Machthaber mit offenem Visier angreifen?
+Warum kassierte nicht ein entschlossener und namhafter Mann an der Spitze des
+Senats die außerordentlichen Gewalten als verfassungswidrig und rief die
+sämtlichen Republikaner Italiens gegen die Tyrannen und deren Anhang unter die
+Waffen? Möglich war es wohl, auf diesem Wege die Senatsherrschaft noch einmal
+zu restaurieren. Allerdings spielten die Republikaner damit hohes Spiel; aber
+vielleicht wäre auch hier, wie so oft, der mutigste Entschluß zugleich der
+klügste gewesen. Nur freilich war die schlaffe Aristokratie dieser Zeit eines
+solchen einfachen und mutigen Entschlusses kaum noch fähig. Aber es gab einen
+anderen, vielleicht sichereren, auf jeden Fall der Art und Natur dieser
+Verfassungsgetreuen angemesseneren Weg: sie konnten darauf hinarbeiten, die
+beiden Machthaber zu entzweien und durch diese Entzweiung schließlich selber
+ans Ruder zu gelangen. Das Verhältnis der den Staat beherrschenden Männer hatte
+sich verschoben und gelockert, seit Caesar übermächtig neben Pompeius sich
+gestellt und diesen genötigt hatte, um eine neue Machtstellung zu werben; es
+war wahrscheinlich, daß, wenn er dieselbe erlangte, es damit auf die eine oder
+die andere Weise zwischen ihnen zum Bruch und zum Kampfe kam. Blieb in diesem
+Pompeius allein, so war seine Niederlage kaum zweifelhaft, und die
+Verfassungspartei fand in diesem Fall nach beendigtem Kampfe nur statt unter
+der Zwei-, sich unter der Einherrschaft. Allein, wenn die Nobilität gegen
+Caesar dasselbe Mittel wandte, durch das dieser seine bisherigen Siege
+erfochten hatte, und mit dem schwächeren Nebenbuhler in Bündnis trat, so blieb
+mit einem Feldherrn wie Pompeius, mit einem Heere wie das der Verfassungstreuen
+war, der Sieg wahrscheinlich diesen; nach dem Siege aber mit Pompeius fertig zu
+werden, konnte, nach den Beweisen von politischer Unfähigkeit, die derselbe
+zeither gegeben, nicht als eine besonders schwierige Aufgabe erscheinen.
+</p>
+
+<p>
+Die Dinge hatten sich dahin gewandt, eine Verständigung zwischen Pompeius und
+der republikanischen Partei beiden nahezulegen; ob es zu einer solchen
+Annäherung kommen und wie überhaupt das völlig unklar gewordene Verhältnis der
+beiden Machthaber und der Aristokratie gegeneinander zunächst sich stellen
+werde, mußte sich entscheiden, als im Herbst 697 (57) Pompeius mit dem Antrag
+an den Senat ging, ihn mit einer außerordentlichen Amtsgewalt zu betrauen. Er
+knüpfte wieder an an das, wodurch er elf Jahre zuvor seine Macht begründet
+hatte: an die Brotpreise in der Hauptstadt, die ebendamals wie vor dem
+Gabinischen Gesetz eine drückende Höhe erreicht hatten. Ob sie durch besondere
+Machinationen hinaufgetrieben worden waren, wie deren Clodius bald dem
+Pompeius, bald dem Cicero und diese wieder jenem Schuld gaben, läßt sich nicht
+entscheiden; die fortdauernde Piraterie, die Leere des öffentlichen Schatzes
+und die lässige und unordentliche Überwachung der Kornzufuhr durch die
+Regierung reichten übrigens auch ohne politischen Kornwucher an sich schon
+vollkommen aus, um in einer fast lediglich auf überseeische Zufuhr angewiesenen
+Großstadt Brotteuerungen herbeizuführen. Pompeius&rsquo; Plan war, sich vom
+Senat die Oberaufsicht über das Getreidewesen im ganzen Umfang des Römischen
+Reiches und zu diesem Endzwecke teils das unbeschränkte Verfügungsrecht über
+die römische Staatskasse, teils Heer und Flotte übertragen zu lassen, sowie ein
+Kommando, welches nicht bloß über das ganze Römische Reich sich erstreckte,
+sondern dem auch in jeder Provinz das des Statthalters wich - kurz, er
+beabsichtigte, eine verbesserte Auflage des Gabinischen Gesetzes zu
+veranstalten, woran sich sodann die Führung des eben damals schwebenden
+Ägyptischen Krieges ebenso von selbst angeschlossen haben würde wie die des
+Mithradatischen an die Razzia gegen die Piraten. Wie sehr auch die Opposition
+gegen die neuen Dynasten in den letzten Jahren Boden gewonnen hatte, es stand
+dennoch, als diese Angelegenheit im September 697 (57) im Senat zur Verhandlung
+kam, die Majorität desselben noch unter dem Bann des von Caesar erregten
+Schreckens. Gehorsam nahm sie den Vorschlag im Prinzip an, und zwar auf Antrag
+des Marcus Cicero, der hier den ersten Beweis der in der Verbannung gelernten
+Fügsamkeit geben sollte und gab. Allein bei der Feststellung der Modalitäten
+wurden von dem ursprünglichen Plane, den der Volkstribun Gaius Messius
+vorlegte, doch sehr wesentliche Stücke abgedungen. Pompeius erhielt weder freie
+Verfügung über das Ärar, noch eigene Legionen und Schiffe, noch auch eine der
+der Statthalter übergeordnete Gewalt, sondern man begnügte sich, ihm zum Behuf
+der Ordnung des hauptstädtischen Verpflegungswesens ansehnliche Summen,
+fünfzehn Adjutanten und in allen Verpflegungsangelegenheiten volle
+prokonsularische Gewalt im ganzen römischen Gebiet auf die nächsten fünf Jahre
+zu bewilligen und dies Dekret von der Bürgerschaft bestätigen zu lassen. Es
+waren sehr mannigfaltige Ursachen, welche diese, fast einer Ablehnung
+gleichkommende Abänderung des ursprünglichen Planes herbeiführten: die
+Rücksicht auf Caesar, dem in Gallien selbst seinen Kollegen nicht bloß neben-,
+sondern überzuordnen eben die Furchtsamsten am meisten Bedenken tragen mußten;
+die versteckte Opposition von Pompeius&rsquo; Erbfeind und widerwilligem
+Bundesgenossen Crassus, dem Pompeius selber zunächst das Scheitern seines
+Planes beimaß oder beizumessen vorgab; die Antipathien der republikanischen
+Opposition im Senat gegen jeden die Gewalt der Machthaber der Sache oder auch
+nur dem Namen nach erweiternden Beschluß; endlich und zunächst die eigene
+Unfähigkeit des Pompeius, der, selbst nachdem er hatte handeln müssen, es nicht
+über sich gewinnen konnte, zum Handeln sich zu bekennen, sondern wie immer
+seine wahre Absicht gleichsam im Inkognito durch seine Freunde vorführen ließ,
+selber aber in bekannter Bescheidenheit erklärte, auch mit Geringerem sich
+begnügen zu wollen. Kein Wunder, daß man ihn beim Worte nahm und ihm das
+Geringere gab. Pompeius war nichtsdestoweniger froh, wenigstens eine ernstliche
+Tätigkeit und vor allen Dingen einen schicklichen Vorwand gefunden zu haben, um
+die Hauptstadt zu verlassen; es gelang ihm auch, freilich nicht ohne daß die
+Provinzen den Rückschlag schwer empfanden, dieselbe mit reichlicher und
+billiger Zufuhr zu versehen. Aber seinen eigentlichen Zweck hatte er verfehlt;
+der Prokonsulartitel, den er berechtigt war in allen Provinzen zu führen, blieb
+ein leerer Name, solange er nicht über eigene Truppen verfügte. Darum ließ er
+bald darauf den zweiten Antrag an den Senat gelangen, daß derselbe ihm den
+Auftrag erteilen möge, den vertriebenen König von Ägypten, wenn nötig mit
+Waffengewalt, in seine Heimat zurückzuführen. Allein je mehr es offenbar ward,
+wie dringend er des Senats bedurfte, desto weniger nachgiebig und weniger
+rücksichtsvoll nahmen die Senatoren sein Anliegen auf. Zunächst ward in den
+Sibyllinischen Orakeln entdeckt, daß es gottlos sei, ein römisches Heer nach
+Ägypten zu senden; worauf der fromme Senat fast einstimmig beschloß, von der
+bewaffneten Intervention abzustehen. Pompeius war bereits so gedemütigt, daß er
+auch ohne Heer die Sendung angenommen haben würde; allein in seiner
+unverbesserlichen Hinterhältigkeit ließ er auch dies nur durch seine Freunde
+erklären und sprach und stimmte für die Absendung eines anderen Senators.
+Natürlich wies der Senat jenen Vorschlag zurück, der ein dem Vaterlande so
+kostbares Leben freventlich preisgab, und das schließliche Ergebnis der
+endlosen Verhandlungen war der Beschluß, überhaupt in Ägypten nicht zu
+intervenieren (Januar 698 56).
+</p>
+
+<p>
+Diese wiederholten Zurückweisungen, die Pompeius im Senat erfuhr und, was
+schlimmer war, hingehen lassen mußte, ohne sie wettzumachen, galten natürlich,
+mochten sie kommen von welcher Seite sie wollten, dem großen Publikum als
+ebensoviele Siege der Republikaner und Niederlagen der Machthaber überhaupt;
+die Flut der republikanischen Opposition war demgemäß im stetigen Steigen.
+Schon die Wahlen für 698 (56) waren nur zum Teil im Sinne der Dynasten
+ausgefallen: Caesars Kandidaten für die Prätur, Publius Vatinius und Gaius
+Alfius, waren durchgegangen, dagegen zwei entschiedene Anhänger der gestürzten
+Regierung, Gnaeus Lentulus Marcellinus und Gnaeus Domitius Calvinus, jener zum
+Konsul, dieser zum Prätor gewählt worden. Für 699 (55) aber war als Bewerber um
+das Konsulat gar Lucius Domitius Ahenobarbus aufgetreten, dessen Wahl bei
+seinem Einfluß in der Hauptstadt und seinem kolossalen Vermögen schwer zu
+verhindern und von dem es hinreichend bekannt war, daß er sich nicht an
+verdeckter Opposition werde genügen lassen. Die Komitien also rebellierten; und
+der Senat stimmte ein. Es ward feierlich von ihm geratschlagt über ein
+Gutachten, das etruskische Wahrsager von anerkannter Weisheit über gewisse
+Zeichen und Wunder auf Verlangen des Senats abgegeben hatten. Die himmlische
+Offenbarung verkündete, daß durch den Zwist der höheren Stände die ganze Gewalt
+über Heer und Schatz auf einen Gebieter überzugehen und der Staat in Unfreiheit
+zu geraten drohe - es schien, daß die Götter zunächst auf den Antrag des Gaius
+Messius zielten. Bald stiegen die Republikaner vom Himmel auf die Erde herab.
+Das Gesetz über das Gebiet von Capua und die übrigen von Caesar als Konsul
+erlassenen Gesetze waren von ihnen stets als nichtig bezeichnet, und schon im
+Dezember 697 (57) im Senat geäußert worden, daß es erforderlich sei, sie wegen
+ihrer Formfehler zu kassieren. Am 6. April 698 (56) stellte der Konsular Cicero
+im vollen Senat den Antrag, die Beratung über die kampanische Ackerverteilung
+für den 15. Mai auf die Tagesordnung zu setzen. Es war die förmliche
+Kriegserklärung; und sie war um so bezeichnender, als sie aus dem Munde eines
+jener Männer kam, die nur dann ihre Farbe zeigen, wenn sie meinen, es mit
+Sicherheit tun zu können. Offenbar hielt die Aristokratie den Augenblick
+gekommen, um den Kampf nicht mit Pompeius gegen Caesar, sondern gegen die
+Tyrannis überhaupt zu beginnen. Was weiter folgen werde, war leicht zu sehen.
+Domitius hatte es kein Hehl, daß er als Konsul Caesars sofortige Abberufung aus
+Gallien bei der Bürgerschaft zu beantragen beabsichtige. Eine aristokratische
+Restauration war im Werke; und mit dem Angriff auf die Kolonie Capua warf die
+Nobilität den Machthabern den Handschuh hin.
+</p>
+
+<p>
+Caesar, obwohl er über die hauptstädtischen Ereignisse von Tag zu Tag
+detaillierte Berichte empfing und, wenn die militärischen Rücksichten es irgend
+erlaubten, sie von seiner Südprovinz aus in möglichster Nähe verfolgte, hatte
+doch bisher sichtbar wenigstens nicht in dieselben eingegriffen. Aber jetzt
+hatte man ihm so gut wie seinen Kollegen, ja ihm vornehmlich, den Krieg
+erklärt, er mußte handeln und handelte rasch. Eben befand er sich in der Nähe;
+die Aristokratie hatte nicht einmal für gut befunden, mit dem Bruche zu warten,
+bis er wieder über die Alpen zurückgegangen sein würde. Anfang April 698 (56)
+verließ Crassus die Hauptstadt, um mit seinem mächtigeren Kollegen das
+Erforderliche zu verabreden; er fand Caesar in Ravenna. Von da aus begaben
+beide sich nach Luca und hier traf auch Pompeius mit ihnen zusammen, der bald
+nach Crassus (11. April), angeblich um die Getreidesendungen aus Sardinien und
+Afrika zu betreiben, sich von Rom entfernt hatte. Die namhaftesten Anhänger der
+Machthaber, wie der Prokonsul des diesseitigen Spaniens, Metellus Nepos, der
+Proprätor von Sardinien, Appius Claudius, und viele andere, folgten ihnen nach;
+hundertundzwanzig Liktoren, über zweihundert Senatoren zählte man auf dieser
+Konferenz, wo bereits, im Gegensatz zu dem republikanischen, der neue
+monarchische Senat repräsentiert war. In jeder Hinsicht stand das entscheidende
+Wort bei Caesar. Er benutzte es, um die bestehende Gesamtherrschaft auf einer
+neuen Basis gleichmäßigerer Machtverteilung wiederherzustellen und fester zu
+gründen. Die militärisch bedeutendsten Statthalterschaften, die es neben der
+der beiden Gallien gab, wurden den zwei Kollegen zugestanden: Pompeius die
+beider Spanien, Crassus die von Syrien, welche Ämter ihnen durch Volksschluß
+auf fünf Jahre (700-704 54-50) gesichert und militärisch wie finanziell
+angemessen ausgestattet werden sollten. Dagegen bedang Caesar sich die
+Verlängerung seines Kommandos, das mit dem Jahre 700 (54) zu Ende lief, bis zum
+Schluß des Jahres 705 (49) aus, sowie die Befugnis, seine Legionen auf zehn zu
+vermehren und die Übernahme des Soldes für die eigenmächtig von ihm
+ausgehobenen Truppen auf die Staatskasse. Pompeius und Crassus ward ferner für
+das nächste Jahr (699 55), bevor sie in ihre Statthalterschaften abgingen, das
+zweite Konsulat zugesagt, während Caesar es sich offen hielt, gleich nach
+Beendigung seiner Statthalterschaft im Jahre 706 (48), wo das gesetzlich
+zwischen zwei Konsulaten erforderliche zehnjährige Intervall für ihn
+verstrichen war, zum zweitenmal das höchste Amt zu verwalten. Den militärischen
+Rückhalt, dessen Pompeius und Crassus zur Regulierung der hauptstädtischen
+Verhältnisse um so mehr bedurften, als die ursprünglich hierzu bestimmten
+Legionen Caesars jetzt aus dem Transalpinischen Gallien nicht weggezogen werden
+konnten, fanden sie in den Legionen, die sie für die spanischen und syrischen
+Armeen neu ausheben und erst, wenn es ihnen selber angemessen schiene, von
+Italien aus an ihre verschiedenen Bestimmungsplätze abgehen lassen sollten. Die
+Hauptfragen waren damit erledigt; die untergeordneten Dinge, wie die
+Festsetzung der gegen die hauptstädtische Opposition zu befolgenden Taktik, die
+Regulierung der Kandidaturen für die nächsten Jahre und dergleichen mehr,
+hielten nicht lange auf. Die persönlichen Zwistigkeiten, die dem Verträgnis im
+Wege standen, schlichtete der große Meister der Vermittlung mit gewohnter
+Leichtigkeit und zwang die widerstrebenden Elemente, sich miteinander zu
+behaben. Zwischen Pompeius und Crassus ward äußerlich wenigstens ein
+kollegialisches Einvernehmen wiederhergestellt. Sogar Publius Clodius ward
+bestimmt, sich und seine Meute ruhig zu halten und Pompeius nicht ferner zu
+belästigen - keine der geringsten Wundertaten des mächtigen Zauberers.
+</p>
+
+<p>
+Daß diese ganze Schlichtung der schwebenden Fragen nicht aus einem Kompromiß
+selbständiger und ebenbürtig rivalisierender Machthaber, sondern lediglich aus
+dem guten Willen Caesars hervorging, zeigen die Verhältnisse. Pompeius befand
+sich in Luca in der peinlichen Lage eines machtlosen Flüchtlings, welcher
+kommt, bei seinem Gegner Hilfe zu erbitten. Mochte Caesar ihn zurückweisen und
+die Koalition als gelöst erklären oder auch ihn aufnehmen und den Bund
+fortbestehen lassen, wie er eben war - Pompeius war sowieso politisch
+vernichtet. Wenn er in diesem Fall mit Caesar nicht brach, so war er der
+machtlose Schutzbefohlene seines Verbündeten. Wenn er dagegen mit Caesar brach
+und, was nicht gerade wahrscheinlich war, noch jetzt eine Koalition mit der
+Aristokratie zustande brachte, so war doch auch dieses notgedrungen und im
+letzten Augenblick abgeschlossene Bündnis der Gegner so wenig furchtbar, daß
+Caesar schwerlich, um dies abzuwenden, sich zu jenen Konzessionen verstanden
+hat. Eine ernstliche Rivalität des Crassus Caesar gegenüber war vollends
+unmöglich. Es ist schwer zu sage., welche Motive Caesar bestimmten, seine
+überlegene Stellung ohne Not aufzugeben und, was er seinem Nebenbuhler selbst
+bei dem Abschluß des Bundes 694 (60) versagt und dieser seitdem, in der
+offenbaren Absicht gegen Caesar gerüstet zu sein, auf verschiedenen Wegen ohne,
+ja gegen Caesars Willen vergeblich angestrebt hatte, das zweite Konsulat und
+die militärische Macht, jetzt freiwillig ihm einzuräumen. Allerdings ward nicht
+Pompeius allein an die Spitze eines Heeres gestellt, sondern auch sein alter
+Feind und Caesars langjähriger Verbündeter Crassus; und unzweifelhaft erhielt
+Crassus seine ansehnliche militärische Stellung nur als Gegengewicht gegen
+Pompeius&rsquo; neue Macht. Allein nichtsdestoweniger verlor Caesar unendlich,
+indem sein Rival für seine bisherige Machtlosigkeit ein bedeutendes Kommando
+eintauschte. Es ist möglich, daß Caesar sich seiner Soldaten noch nicht
+hinreichend Herr fühlte, um sie mit Zuversicht in den Krieg gegen die formellen
+Autoritäten des Landes zu führen, und darum ihm daran gelegen war, nicht jetzt
+durch die Abberufung aus Gallien zum Bürgerkrieg gedrängt zu werden; allein ob
+es zum Bürgerkriege kam oder nicht, stand augenblicklich weit mehr bei der
+hauptstädtischen Aristokratie als bei Pompeius, und es wäre dies höchstens ein
+Grund für Caesar gewesen, nicht offen mit Pompeius zu brechen, um nicht durch
+diesen Bruch die Opposition zu ermutigen, nicht aber ihm das zuzugestehen, was
+er ihm zugestand. Rein persönliche Motive mochten mitwirken; es kann sein, daß
+Caesar sich erinnerte, einstmals in gleicher Machtlosigkeit Pompeius
+gegenübergestanden zu haben und nur durch dessen freilich mehr schwach- als
+großmütiges Zurücktreten vom Untergang gerettet worden zu sein; es ist
+wahrscheinlich, daß Caesar sich scheute, das Herz seiner geliebten und ihren
+Gemahl aufrichtig liebenden Tochter zu zerreißen - in seiner Seele war für
+vieles Raum noch neben dem Staatsmann. Allein die entscheidende Ursache war
+unzweifelhaft die Rücksicht auf Gallien. Caesar betrachtete - anders als seine
+Biographen - die Unterwerfung Galliens nicht als eine zur Gewinnung der Krone
+ihm nützliche beiläufige Unternehmung, sondern es hing ihm die äußerliche
+Sicherheit und die innere Reorganisation, mit einem Worte, die Zukunft des
+Vaterlandes daran. Um diese Eroberung ungestört vollenden zu können und nicht
+gleich jetzt die Entwirrung der italischen Verhältnisse in die Hand nehmen zu
+müssen, gab er unbedenklich seine Überlegenheit über seinen Rivalen daran und
+gewährte Pompeius hinreichende Macht, um mit dem Senat und dessen Anhang
+fertigzuwerden. Es war das ein arger politischer Fehler, wenn Caesar nichts
+wollte, als möglichst rasch König von Rom werden; allein der Ehrgeiz des
+seltenen Mannes beschränkte sich nicht auf das niedrige Ziel einer Krone. Er
+traute es sich zu, die beiden ungeheuren Arbeiten: die Ordnung der inneren
+Verhältnisse Italiens und die Gewinnung und Sicherung eines neuen und frischen
+Bodens für die italische Zivilisation, nebeneinander zu betreiben und zu
+vollenden. Natürlich kreuzten sich diese Aufgaben; seine gallischen Eroberungen
+haben ihn auf seinem Wege zum Thron viel mehr noch gehemmt als gefördert. Es
+trug ihm bittere Früchte, daß er die italische Revolution, statt sie im Jahre
+698 (56) zu erledigen, auf das Jahr 706 (48) hinausschob. Allein als Staatsmann
+wie als Feldherr war Caesar ein überverwegener Spieler, der, sich selber
+vertrauend wie seine Gegner verachtend, ihnen immer viel und mitunter über
+alles Maß hinaus vorgab.
+</p>
+
+<p>
+Es war nun also an der Aristokratie, ihren hohen Einsatz gutzumachen und den
+Krieg so kühn zu führen, wie sie kühn ihn erklärt hatte. Allein es gibt kein
+kläglicheres Schauspiel, als wenn feige Menschen das Unglück haben, einen
+mutigen Entschluß zu fassen. Man hatte sich eben auf gar nichts vorgesehen.
+Keinem schien es beigefallen zu sein, daß Caesar möglicherweise sich zur Wehr
+setzen, daß nun gar Pompeius und Crassus sich mit ihm aufs neue und enger als
+je vereinigen würden. Das scheint unglaublich; man begreift es, wenn man die
+Persönlichkeiten ins Auge faßt, die damals die verfassungstreue Opposition im
+Senate führten. Cato war noch abwesend ^2; der einflußreichste Mann im Senat
+war in dieser Zeit Marcus Bibulus, der Held des passiven Widerstandes, der
+eigensinnigste und stumpfsinnigste aller Konsulare. Man hatte die Waffen
+lediglich ergriffen, um sie zu strecken, sowie der Gegner nur an die Scheide
+schlug; die bloße Kunde von den Konferenzen in Luca genügte, um jeden Gedanken
+einer ernstlichen Opposition niederzuschlagen und die Masse der Ängstlichen,
+das heißt die ungeheure Majorität des Senats, wieder zu ihrer in unglücklicher
+Stunde verlassenen Untertanenpflicht zurückzubringen. Von der anberaumten
+Verhandlung zur Prüfung der Gültigkeit der Julischen Gesetze war nicht weiter
+die Rede; die von Caesar auf eigene Hand errichteten Legionen wurden durch
+Beschluß des Senats auf die Staatskasse übernommen; die Versuche, bei der
+Regulierung der nächsten Konsularprovinzen Caesar beide Gallien oder doch das
+eine derselben hinwegzudekretieren, wurden von der Majorität abgewiesen (Ende
+Mai 698 56). So tat die Körperschaft öffentlich Buße. Im geheimen kamen die
+einzelnen Herren, einer nach dem andern, tödlich erschrocken über ihre eigene
+Verwegenheit, um ihren Frieden zu machen und unbedingten Gehorsam zu geloben -
+keiner schneller als Marcus Cicero, der seine Wortbrüchigkeit zu spät bereute
+und hinsichtlich seiner jüngsten Vergangenheit sich mit Ehrentiteln belegte,
+die durchaus mehr treffend als schmeichelhaft waren ^3. Natürlich ließen die
+Machthaber sich beschwichtigen; man versagte keinem den Pardon, da keiner die
+Mühe lohnte, mit ihm eine Ausnahme zu machen. Um zu erkennen, wie plötzlich
+nach dem Bekanntwerden der Beschlüsse von Luca der Ton in den aristokratischen
+Kreisen umschlug, ist es der Mühe wert, die kurz zuvor von Cicero ausgegangenen
+Broschüren mit der Palinodie zu vergleichen, die er ausgehen ließ, um seine
+Reue und seine guten Vorsätze öffentlich zu konstatieren ^4.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^2 Cato war noch nicht in Rom, als Cicero am 11. März 698 (56) für Sestius
+sprach (Sest. 28, 60) und als im Senat infolge der Beschlüsse von Luca über
+Caesars Legionen verhandelt ward (Plut. Caes. 21); erst bei den Verhandlungen
+im Anfang 699 (55) finden wir ihn wieder tätig; und da er im Winter reiste
+(Plus. Cato min 38), kehrte er also Ende 698 (56) nach Rom zurück. Er kann
+daher auch nicht, wie man mißverständlich aus Asconius (p. 35, 53) gefolgert
+hat, im Februar 698 (56) verteidigt haben.
+</p>
+
+<p>
+^3 Me asinum germanum fuisse (Art. 4, 5, 3).
+</p>
+
+<p>
+^4 Diese Palinodie ist die noch vorhandene Rede über die den Konsuln des Jahres
+699 (55) anzuweisenden Provinzen. Sie ist Ausgang Mai 698 (56) gehalten; die
+Gegenstücke dazu sind die Reden für Sestius und gegen Vatinius und die über das
+Gutachten der etruskischen Wahrsager aus den Monaten März und April, in denen
+das aristokratische Regime nach Kräften verherrlicht und namentlich in sehr
+kavalierem Ton behandelt wird. Man kann es nur billigen, daß Cicero, wie er
+selbst gesteht (Att. 4, 5, 1), sogar vertrauten Freunden jenes Dokument seines
+wiedergekehrten Gehorsams zu übersenden sich schämte.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wie es ihnen gefiel und gründlicher als zuvor konnten also die Machthaber die
+italischen Verhältnisse ordnen. Italien und die Hauptstadt erhielten
+tatsächlich eine, wenn auch nicht unter den Waffen versammelte Besatzung und
+einen der Machthaber zum Kommandanten. Von den für Syrien und Spanien durch
+Crassus und Pompeius ausgehobenen Truppen gingen zwar die ersteren nach dem
+Osten ab; allein Pompeius ließ die beiden spanischen Provinzen durch seine
+Unterbefehlshaber mit der bisher dort stehenden Besatzung verwalten, während er
+die Offiziere und Soldaten der neu, dem Namen nach zum Abgang nach Spanien
+ausgehobenen Legionen auf Urlaub entließ und selbst mit ihnen in Italien blieb.
+Wohl steigerte sich der stille Widerstand der öffentlichen Meinung, je
+deutlicher und allgemeineres begriffen ward, daß die Machthaber daran
+arbeiteten, mit der alten Verfassung ein Ende zu machen und in möglichst
+schonender Weise die bestehenden Verhältnisse der Regierung und Verwaltung in
+die Formen der Monarchie zu fügen; allein man gehorchte, weil man mußte. Vor
+allen Dingen wurden alle wichtigeren Angelegenheiten und namentlich alle das
+Militärwesen und die äußeren Verhältnisse betreffenden, ohne den Senat deswegen
+zu fragen, bald durch Volksbeschluß, bald durch das bloße Gutfinden der
+Herrscher erledigt. Die in Luca vereinbarten Bestimmungen hinsichtlich des
+Militärkommandos von Gallien wurden durch Crassus und Pompeius, die Spanien und
+Syrien betreffenden durch den Volkstribun Gaius Trebonius unmittelbar an die
+Bürgerschaft gebracht, auch sonst wichtigere Statthalterschaften häufig durch
+Volksschluß besetzt. Daß für die Machthaber es der Einwilligung der Behörden
+nicht bedürfe, um ihre Truppen beliebig zu vermehren, hatte Caesar bereits
+hinreichend dargetan; ebensowenig trugen sie Bedenken, ihre Truppen sich
+untereinander zu borgen, wie zum Beispiel Caesar von Pompeius für den
+Gallischen, Crassus von Caesar für den Parthischen Krieg solche kollegialische
+Unterstützung empfing. Die Transpadaner, denen nach der bestehenden Verfassung
+nur das latinische Recht zustand, wurden von Caesar während seiner Verwaltung
+tatsächlich als römische Vollbürger behandelt ^5. Wenn sonst die Einrichtung
+neu erworbener Gebiete durch eine Senatskommission beschafft worden war, so
+organisierte Caesar seine ausgedehnten gallischen Eroberungen durchaus nach
+eigenem Ermessen und gründete zum Beispiel ohne jede weitere Vollmacht
+Bürgerkolonien, namentlich Novum Comum (Como) mit fünftausend Kolonisten. Piso
+führte den Thrakischen, Gabinius den Ägyptischen, Crassus den Parthischen
+Krieg, ohne den Senat zu fragen, ja ohne auch nur, wie es herkömmlich war, an
+den Senat zu berichten; in ähnlicher Weise wurden Triumphe und andere
+Ehrenbezeigungen bewilligt und vollzogen, ohne daß der Senat darum begrüßt
+ward. Offenbar liegt hierin nicht eine bloße Vernachlässigung der Formen, die
+um so weniger erklärlich wäre, als in den bei weitem meisten Fällen eine
+Opposition des Senats durchaus nicht zu erwarten war. Vielmehr war es die
+wohlberechnete Absicht, den Senat von dem militärischen und dem Gebiet der
+höheren Politik zu verdrängen und seine Teilnahme an der Verwaltung auf die
+finanziellen Fragen und die inneren Angelegenheiten zu beschränken; und auch
+die Gegner erkannten dies wohl und protestierten, soweit sie konnten, gegen
+dies Verfahren der Machthaber durch Senatsbeschlüsse und Kriminalklagen.
+Während die Machthaber also den Senat in der Hauptsache beiseite schoben,
+bedienten sie sich der minder gefährlichen Volksversammlungen auch ferner noch
+- es war dafür gesorgt, daß die Herren der Straße denen des Staats dabei keine
+Schwierigkeit mehr in den Weg legten; indes in vielen Fällen entledigte man
+sich auch dieses leeren Schemens und gebrauchte unverhohlen autokratische
+Formen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^5 Überliefert ist dies nicht. Allein daß Caesar auf den latinischen Gemeinden,
+das heißt aus dem bei weitem größeren Teil seiner Provinz überhaupt keine
+Soldaten ausgehoben hat, ist an sich schon völlig unglaublich und wird geradezu
+widerlegt dadurch, daß die Gegenpartei die von Caesar ausgehobene Mannschaft
+geringschätzig bezeichnet als &ldquo;größtenteils aus den transpadanischen
+Kolonie* gebürtig&rdquo; (Caes. civ. 3, 87); denn hier sind offenbar die
+launischen Kolonien Strabos (Ascon. Pis. p. 3; Suet. Caes. 8) gemeint. Von
+launischen Kohorten aber findet sich in Caesars gallischer Armee keine Spur;
+vielmehr sind nach seinen ausdrücklichen Angaben alle von ihm im Cisalpinischen
+Gallien ausgehobenen Rekruten den Legionen zu- oder in Legionen eingeteilt
+worden. Es ist möglich, daß Caesar mit der Aushebung die Schenkung des
+Bürgerrechts verband; aber wahrscheinlicher hielt er vielmehr in dieser
+Angelegenheit den Standpunkt seiner Partei fest, welche den Transpadanern das
+römische Bürgerrecht nicht so sehr zu verschaffen suchte, als vielmehr es
+ansah, als ihnen schon gesetzlich zustehend. Nur so konnte sich das Gerücht
+verbreiten, daß Caesar von sich aus bei den transpadanischen Gemeinden römische
+Munizipalverfassung eingeführt habe (Cic. Att. 5, 3, 2; ad fam. 8, 1 2). So
+erklärt es sich auch, warum Hirtius die transpadanischen Städte als
+&ldquo;Kolonien römischer Bürger&rdquo; bezeichnet (Gall. 8, 24) und warum
+Caesar die von ihm gegründete Kolonie Comum als Bürgerkolonie behandelte (Suet.
+Caes. 28; Strab. 5, 1 p. 213; Plut. Caes. 29), während die gemäßigte Partei der
+Aristokratie ihr nur dasselbe Recht wie den übrigen transpadanischen Gemeinden,
+also das launische, zugestand, die Ultras sogar das den Ansiedlern erteilte
+Stadtrecht überhaupt für nichtig erklärten, also auch die an die Bekleidung
+eines launischen Munizipalamtes geknüpften Privilegien den Comensern nicht
+zugestanden (Cic. Att. 5, 11, 2; App. civ. 2, 26). Vgl. Hermes 16, 1880, S. 30.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Der gedemütigte Senat mußte wohl oder übel in seine Lage sich schicken. Der
+Führer der gehorsamen Majorität blieb Marcus Cicero. Er war brauchbar wegen
+seines Advokatentalents, für alles Gründe oder doch Worte zu finden, und es lag
+eine echt Caesarische Ironie darin, den Mann, mittels dessen vorzugsweise die
+Aristokratie ihre Demonstrationen gegen die Machthaber aufgeführt hatte, als
+Mundstück des Servilismus zu verwenden. Darum erteilte man ihm Verzeihung für
+sein kurzes Gelüsten, wider den Stachel zu löcken, jedoch nicht ohne sich
+vorher seiner Unterwürfigkeit in jeder Weise versichert zu haben. Gewissermaßen
+um als Geisel für ihn zu haften, hatte sein Bruder einen Offizierposten im
+gallischen Heere übernehmen müssen; ihn selbst hatte Pompeius genötigt, eine
+Unterbefehlshaberstelle unter ihm anzunehmen, welche eine Handhabe hergab, um
+ihn jeden Augenblick mit Manier zu verbannen. Clodius war zwar angewiesen
+worden, ihn bis weiter in Ruhe zu lassen, aber Caesar ließ ebensowenig um
+Ciceros willen den Clodius fallen wie den Cicero um des Clodius willen, und der
+große Vaterlandserretter wie der nicht minder große Freiheitsmann machten im
+Hauptquartier von Samarobriva sich eine Antichambrekonkurrenz, die gehörig zu
+illustrieren es leider an einem römischen Aristophanes gebrach. Aber nicht bloß
+ward dieselbe Rute über Ciceros Haupte schwebend erhalten, die ihn bereits
+einmal so schmerzlich getroffen hatte; auch goldene Fesseln wurden ihm
+angelegt. Bei seinen bedenklich verwickelten Finanzen waren ihm die zinsfreien
+Darlehen Caesars und die Mitaufseherschaft über die ungeheure Summen in Umlauf
+setzenden Bauten desselben in hohem Grade willkommen und manche unsterbliche
+Senatsrede erstickte in dem Gedanken an den Geschäftsträger Caesars, der nach
+dem Schluß der Sitzung ihm den Wechsel präsentieren möchte. Also gelobte er
+sich, &ldquo;künftig nicht mehr nach Recht und Ehre zu fragen, sondern um die
+Gunst der Machthaber sich zu bemühen&rdquo; und &ldquo;geschmeidig zu sein wie
+ein Ohrläppchen&rdquo;. Man brauchte ihn denn, wozu er gut war: als Advokaten,
+wo es vielfach sein Los war, eben seine bittersten Feinde auf höheren Befehl
+verteidigen zu müssen, und vor allem im Senat, wo er fast regelmäßig den
+Dynasten als Organ diente und die Anträge stellte, &ldquo;denen andere wohl
+zustimmten, er aber selbst nicht&rdquo;; ja als anerkannter Führer der
+Majorität der Gehorsamen erlangte er sogar eine gewisse politische Bedeutung.
+In ähnlicher Weise wie mit Cicero verfuhr man mit den übrigen der Furcht, der
+Schmeichelei oder dem Golde zugänglichen Mitgliedern des regierenden
+Kollegiums, und es gelang, dasselbe im ganzen botmäßig zu erhalten.
+</p>
+
+<p>
+Allerdings blieb eine Fraktion von Gegnern, die wenigstens Farbe hielten und
+weder zu schrecken noch zu gewinnen waren. Die Machthaber hatten sich
+überzeugt, daß Ausnahmemaßregeln, wie die gegen Cato und Cicero, der Sache mehr
+schadeten als nützten und daß es ein minderes Übel sei, die unbequeme
+republikanische Opposition zu ertragen, als aus den Opponenten Märtyrer der
+Republik zu machen. Darum ließ man es geschehen, daß Cato zurückkam (Ende 698
+56) und von da an wieder im Senat und auf dem Markte, oft unter Lebensgefahr,
+den Machthabern eine Opposition machte, die wohl ehrenwert, aber leider doch
+auch zugleich lächerlich war. Man ließ es geschehen, daß er es bei Gelegenheit
+der Anträge des Trebonius auf dein Marktplatz wieder einmal bis zum Handgemenge
+trieb und daß er im Senat den Antrag stellte, den Prokonsul Caesar wegen seines
+treulosen Benehmens gegen die Usipeten und Tencterer diesen Barbaren
+auszuliefern. Man nahm es hin, daß Marcus Favonius, Catos Sancho, nachdem der
+Senat den Beschluß gefaßt hatte, die Legionen Caesars auf die Staatskasse zu
+übernehmen, zur Tür der Kurie sprang und die Gefahr des Vaterlandes auf die
+Gasse hinausrief; daß derselbe in seiner skurrilen Art die weiße Binde, die
+Pompeius um sein krankes Bein trug, ein deplaziertes Diadem hieß; daß der
+Konsular Lentulus Marcellinus, da man ihm Beifall klatschte, der Versammlung
+zurief, sich dieses Rechts, ihre Meinung zu äußern, jetzt ja fleißig zu
+bedienen, da es ihnen noch gestattet sei; daß der Volkstribun Gaius Ateius
+Capito den Crassus bei seinem Abzug nach Syrien in allen Formen damaliger
+Theologie öffentlich den bösen Geistern überantwortete. Im ganzen waren dies
+eitle Demonstrationen einer verbissenen Minorität: doch war die kleine Partei,
+von der sie ausgingen, insofern von Bedeutung, als sie teils der im stillen
+gärenden republikanischen Opposition Nahrung und Losung gab, teils ab und zu
+doch die Senatsmajorität, die ja im Grunde ganz dieselben Gesinnungen gegen die
+Machthaber hegte, zu einem gegen diese gerichteten Beschluß fortriß. Denn auch
+die Majorität fühlte das Bedürfnis, wenigstens zuweilen und in untergeordneten
+Dingen ihrem verhaltenen Groll Luft zu machen und namentlich, nach der Weise
+der widerwillig Servilen, ihren Groll gegen die großen Feinde wenigstens an den
+kleinen auszulassen. Wo es nur anging, ward den Werkzeugen der Machthaber ein
+leiser Fußtritt versetzt: so wurde Gabinius das erbetene Dankfest verweigert
+(698 56), so Piso aus der Provinz abberufen, so vom Senat Trauer angelegt, als
+der Volkstribun Gaius Cato die Wahlen für 699 (55) so lange hinderte, bis der
+der Verfassungspartei angehörige Konsul Marcellinus vom Amt abgetreten war.
+Sogar Cicero, wie demütig er immer vor den Machthabern sich neigte, ließ doch
+auch eine ebenso giftige wie geschmacklose Broschüre gegen Caesars
+Schwiegervater ausgehen. Aber sowohl diese oppositionellen Velleitäten der
+Senatsmajorität wie der resultatlose Widerstand der Minorität zeigen nur um so
+deutlicher, daß das Regiment, wie einst von der Bürgerschaft auf den Senat, so
+jetzt von diesem auf die Machthaber übergegangen und der Senat schon nicht viel
+mehr war als ein monarchischer, aber auch zur Absorbierung der
+antimonarchischen Elemente benutzter Staatsrat. &ldquo;Kein Mensch&rdquo;,
+klagten die Anhänger der gestürzten Regierung, &ldquo;gilt das mindeste außer
+den dreien; die Herrscher sind allmächtig und sie sorgen dafür, daß keiner
+darüber im unklaren bleibe; der ganze Senat ist wie umgewandelt und gehorcht
+den Gebietern; unsere Generation wird einen Umschwung der Dinge nicht
+erleben.&rdquo; Man lebte eben nicht in der Republik, sondern in der Monarchie.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn über die Lenkung des Staats von den Machthabern unumschränkt verfügt
+ward, so blieb noch ein von dem eigentlichen Regiment gewissermaßen
+abgesondertes politisches Gebiet, das leichter zu verteidigen und schwerer zu
+erobern war: das der ordentlichen Beamtenwahlen und das der
+Geschworenengerichte. Daß die letzteren nicht unmittelbar unter die Politik
+fallen, aber überall und vor allem in Rom von dem das Staatswesen
+beherrschenden Geiste mitbeherrscht werden, ist von selber klar. Die Wahlen der
+Beamten gehörten allerdings von Rechts wegen zu dem eigentlichen Regiment des
+Staates; allein da in dieser Zeit derselbe wesentlich durch außerordentliche
+Beamte oder auch ganz titellose Männer verwaltet ward und selbst die höchsten
+ordentlichen Beamten, wenn sie zu der antimonarchischen Partei gehörten, auf
+die Staatsmaschine in irgend fühlbarer Weise einzuwirken nicht vermochten, so
+sanken die ordentlichen Beamten mehr und mehr herab zu Figuranten, wie sich
+denn auch eben die oppositionellsten von ihnen geradezu und mit vollem Recht
+als machtlose Nullen bezeichneten, ihre Wahlen also zu Demonstrationen. So
+konnte, nachdem die Opposition von dem eigentlichen Schlachtfeld bereits
+gänzlich verdrängt war, dennoch die Fehde noch in den Wahlen und den Prozessen
+fortgeführt werden. Die Machthaber sparten keine Mühe, um auch hier Sieger zu
+bleiben. Hinsichtlich der Wahlen hatten sie bereits in Luca für die nächsten
+Jahre die Kandidatenlisten untereinander festgestellt und ließen kein Mittel
+unversucht, um die dort vereinbarten Kandidaten durchzubringen. Zunächst zum
+Zweck der Wahlagitation spendeten sie ihr Gold aus. Jährlich wurden aus Caesars
+und Pompeius&rsquo; Heeren eine große Anzahl Soldaten auf Urlaub entlassen, um
+an den Abstimmungen in Rom teilzunehmen. Caesar pflegte selbst von Oberitalien
+aus in möglichster Nähe die Wahlbewegungen zu leiten und zu überwachen. Dennoch
+ward der Zweck nur sehr unvollkommen erreicht. Für 699 (55) wurden zwar, dem
+Vertrag von Luca entsprechend, Pompeius und Crassus zu Konsuln gewählt und der
+einzige ausharrende Kandidat der Opposition, Lucius Domitius, beseitigt; allein
+schon dies war nur durch offenbare Gewalt durchgesetzt worden, wobei Cato
+verwundet ward und andere höchst ärgerliche Auftritte vorfielen. In den
+nächsten Konsularwahlen für 700 (54) ward gar, allen Anstrengungen der
+Machthaber zum Trotz, Domitius wirklich gewählt, und auch Cato siegte jetzt ob
+in der Bewerbung um die Prätur, in der ihn das Jahr zuvor zum Ärgernis der
+ganzen Bürgerschaft Caesars Klient Vatinius aus dem Felde geschlagen hatte. Bei
+den Wahlen für 701 (53) gelang es der Opposition, unter andern Kandidaten auch
+die der Machthaber so unwidersprechlich der ärgerlichsten Wahlumtriebe zu
+überweisen, daß diese, auf die der Skandal zurückfiel, nicht anders konnten als
+sie fallen lassen. Diese wiederholten und argen Niederlagen der Dynasten auf
+dem Wahlschlachtfeld mögen zum Teil zurückzuführen sein auf die
+Unregierlichkeit der eingerosteten Maschinerie, die unberechenbaren
+Zufälligkeiten des Wahlgeschäfts, die Gesinnungsopposition der Mittelklassen,
+die mancherlei hier eingreifenden und die Parteistellung oft seltsam
+durchkreuzenden Privatrücksichten; die Hauptursache aber liegt anderswo. Die
+Wahlen waren in dieser Zeit wesentlich in der Gewalt der verschiedenen Klubs,
+in die die Aristokratie sich gruppierte; das Bestechungswesen war von denselben
+im umfassendsten Maßstab und mit größter Ordnung organisiert. Dieselbe
+Aristokratie also, die im Senat vertreten war, beherrschte auch die Wahlen;
+aber wenn sie im Senat grollend nachgab, wirkte und stimmte sie hier im
+geheimen und vor jeder Rechenschaft sicher den Machthabern unbedingt entgegen.
+Daß durch das strenge Strafgesetz gegen die klubbistischen Wahlumtriebe, das
+Crassus als Konsul 699 (55) durch die Bürgerschaft bestätigen ließ, der Einfluß
+der Nobilität auf diesem Felde keineswegs gebrochen ward, versteht sich von
+selbst und zeigen die Wahlen der nächsten Jahre.
+</p>
+
+<p>
+Ebensogroße Schwierigkeiten machten den Machthabern die Geschworenengerichte.
+Bei ihrer dermaligen Zusammensetzung entschied in denselben, neben dem auch
+hier einflußreichen Senatsadel, vorwiegend die Mittelklasse. Die Festsetzung
+eines hochgegriffenen Geschworenenzensus durch ein von Pompeius 699 (55)
+beantragtes Gesetz ist ein bemerkenswerter Beweis dafür, daß die Opposition
+gegen die Machthaber ihren Hauptsitz in dem eigentlichen Mittelstand hatte und
+die hohe Finanz hier wie überall sich gefügiger erwies als dieser.
+Nichtsdestoweniger war der republikanischen Partei hier noch nicht aller Boden
+entzogen und sie ward nicht müde, mit politischen Kriminalanklagen, zwar nicht
+die Machthaber selbst, aber wohl deren hervorragende Werkzeuge zu verfolgen.
+Dieser Prozeßkrieg ward um so lebhafter geführt, als dem Herkommen gemäß das
+Anklagegeschäft der senatorischen Jugend zukam und begreiflicherweise unter
+diesen Jünglingen mehr als unter den älteren Standesgenossen noch
+republikanische Leidenschaft, frisches Talent und kecke Angriffslust zu finden
+war. Allerdings waren die Gerichte nicht frei; wenn die Machthaber Ernst
+machten, wagten sie so wenig wie der Senat den Gehorsam zu verweigern. Keiner
+von den Gegnern wurde von der Opposition mit so grimmigem, fast sprichwörtlich
+gewordenem Hasse verfolgt wie Vatinius, bei weitem der verwegenste und
+unbedenklichste unter den engeren Anhängern Caesars; aber sein Herr befahl, und
+er ward in allen gegen ihn erhobenen Prozessen freigesprochen. Indes Anklagen
+von Männern, die so wie Gaius Licinius Calvus und Gaius Asinius Pollio das
+Schwert der Dialektik und die Geißel des Spottes zu schwingen verstanden,
+verfehlten ihr Ziel selbst dann nicht, wenn sie scheiterten; und auch einzelne
+Erfolge blieben nicht aus. Meistens freilich wurden sie über untergeordnete
+Individuen davongetragen, allein auch einer der höchstgestellten und
+verhaßtesten Anhänger der Dynasten, der Konsulat Gabinius, ward auf diesem Wege
+gestürzt. Allerdings vereinigte mit dem unversöhnlichen Haß der Aristokratie,
+die ihm das Gesetz über die Führung des Seeräuberkrieges so wenig vergab wie
+die wegwerfende Behandlung des Senats während seiner syrischen
+Statthalterschaft, sich gegen Gabinius die Wut der hohen Finanz, der gegenüber
+er als Statthalter Syriens es gewagt hatte, die Interessen der Provinzialen zu
+vertreten, und selbst der Groll des Crassus, dem er bei Übergabe der Provinz
+Weitläufigkeiten gemacht hatte. Sein einziger Schutz gegen alle diese Feinde
+war Pompeius, und dieser hatte alle Ursache, seinen fähigsten, kecksten und
+treuesten Adjutanten um jeden Preis zu verteidigen; aber hier wie überall
+verstand er es nicht, seine Macht zu gebrauchen und seine Klienten so zu
+vertreten, wie Caesar die seinigen vertrat: Ende 700 (54) fanden die
+Geschworenen den Gabinius der Erpressungen schuldig und schickten ihn in die
+Verbannung.
+</p>
+
+<p>
+Im ganzen waren also auf dem Gebiete der Volkswahlen und der
+Geschworenengerichte es die Machthaber, welche den kürzeren zogen. Die
+Faktoren, die darin herrschten, waren minder greifbar und darum schwerer zu
+terrorisieren oder zu korrumpieren als die unmittelbaren Organe der Regierung
+und Verwaltung. Die Gewalthaber stießen hier, namentlich in den Volkswahlen,
+auf die zähe Kraft der geschlossenen und in Koterien gruppierten Oligarchie,
+mit der man noch durchaus nicht fertig ist, wenn man ihr Regiment gestürzt hat,
+und die um so schwerer zu brechen ist, je verdeckter sie auftritt. Sie stießen
+hier ferner, namentlich in den Geschworenengerichten, auf den Widerwillen der
+Mittelklassen gegen das neue, monarchische Regiment, den mit allen daraus
+entspringenden Verlegenheiten sie ebensowenig zu beseitigen vermochten. Sie
+erlitten auf beiden Gebieten eine Reihe von Niederlagen, von denen die
+Wahlsiege der Opposition zwar nur den Wert von Demonstrationen hatten, da die
+Machthaber die Mittel besaßen und gebrauchten, um jeden mißliebigen Beamten
+tatsächlich zu annullieren, die oppositionellen Kriminalverurteilungen aber in
+empfindlicher Weise sie brauchbarer Gehilfen beraubten. Wie die Dinge standen,
+vermochten die Machthaber die Volkswahlen und die Geschworenengerichte weder zu
+beseitigen noch ausreichend zu beherrschen, und die Opposition, wie sehr sie
+auch hier sich eingeengt fand, behauptete bis zu einem gewissen Grade doch den
+Kampfplatz.
+</p>
+
+<p>
+Noch schwieriger aber erwies es sich, der Opposition auf einem Felde zu
+begegnen, dem sie immer eifriger sich zuwandte, je mehr sie aus der
+unmittelbaren politischen Tätigkeit herausgedrängt ward. Es war dies die
+Literatur. Schon die gerichtliche Opposition war zugleich, ja, vor allem eine
+literarische, da die Reden regelmäßig veröffentlicht wurden und als politische
+Flugschriften dienten. Rascher und schärfer noch trafen die Pfeile der Poesie.
+Die lebhafte hocharistokratische Jugend, noch energischer vielleicht der
+gebildete Mittelstand in den italischen Landstädten, führten den Pamphleten-
+und Epigrammenkrieg mit Eifer und Erfolg. Nebeneinander fochten auf diesem
+Felde der vornehme Senatorensohn Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48), der als
+Redner und Pamphletist ebenso wie als gewandter Dichter gefürchtet war, und die
+Munizipalen von Cremona und Verona, Marcus Furius Bibaculus (652-691 102-63)
+und Quintus Valerius Catullus (667 bis ca. 700 87-54), deren elegante und
+beißende Epigramme pfeilschnell durch Italien flogen und sicher ihr Ziel
+trafen. Durchaus herrscht in der Literatur dieser Jahre der oppositionelle Ton.
+Sie ist voll von grimmigem Hohn gegen den &ldquo;großen Caesar&rdquo;,
+&ldquo;den einzigen Feldherrn&rdquo;, gegen den liebevollen Schwiegervater und
+Schwiegersohn, welche den ganzen Erdkreis zugrunde richten, um ihren
+verlotterten Günstlingen Gelegenheit zu geben, die Spolien der langhaarigen
+Kelten durch die Straßen Roms zu paradieren, mit der Beute der fernsten Insel
+des Westens königliche Schmäuse auszurichten und als goldregnende Konkurrenten
+die ehrlichen Jungen daheim bei ihren Mädchen auszustechen. Es ist in den
+Catullischen Gedichten ^6 und den sonstigen Trümmern der Literatur dieser Zeit
+etwas von jener Genialität des persönlich-politischen Hasses, von jener in
+rasender Lust oder ernster Verzweiflung überschäumenden republikanischen
+Agonie, wie sie in mächtigerer Weise hervortreten in Aristophanes und
+Demosthenes. Wenigstens der einsichtigste der drei Herrscher erkannte es wohl,
+daß es ebenso unmöglich war, diese Opposition zu verachten wie durch
+Machtbefehl sie zu unterdrücken. Soweit er konnte, versuchte Caesar vielmehr
+die namhaftesten Schriftsteller persönlich zu gewinnen. Schon Cicero hatte die
+rücksichtsvolle Behandlung, die er vorzugsweise von Caesar erfuhr, zum guten
+Teil seinem literarischen Ruf zu danken; aber der Statthalter Galliens
+verschmähte es nicht, selbst mit jenem Catullus durch Vermittlung seines in
+Verona ihm persönlich bekannt gewordenen Vaters einen Spezialfrieden zu
+schließen; der junge Dichter, der den mächtigen General eben mit den bittersten
+und persönlichsten Sarkasmen überschüttet hatte, ward von demselben mit der
+schmeichelhaftesten Auszeichnung behandelt. Ja Caesar war genialisch genug, um
+seinen literarischen Gegnern auf ihr eigenes Gebiet zu folgen und als indirekte
+Abwehr vielfältiger Angriffe einen ausführlichen Gesamtbericht über die
+gallischen Kriege zu veröffentlichen, welcher die Notwendigkeit und
+Verfassungsmäßigkeit seiner Kriegführung mit glücklich angenommener Naivität
+vor dem Publikum entwickelte. Allein poetisch und schöpferisch ist nun einmal
+unbedingt und ausschließlich die Freiheit; sie, und sie allein, vermag es, noch
+in der elendesten Karikatur, noch mit ihrem letzten Atemzug frische Naturen zu
+begeistern. Alle tüchtigen Elemente der Literatur waren und blieben
+antimonarchisch, und wenn Caesar selbst sich auf dieses Gebiet wagen durfte
+ohne zu scheitern, so war der Grund doch nur, daß er selbst sogar jetzt noch
+den großartigen Traum eines freien Gemeinwesens im Sinne trug, den er freilich
+weder auf seine Gegner noch auf seine Anhänger zu übertragen vermochte. Die
+praktische Politik ward nicht unbedingter von den Machthabern beherrscht als
+die Literatur von den Republikanern ^7.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^6 Die uns aufbehaltene Sammlung ist voll von Beziehungen auf die Ereignisse
+der Jahre 699 (55) und 700 (54) und ward ohne Zweifel in dem letzteren bekannt
+gemacht; der jüngste Vorfall, dessen sie gedenkt, ist der Prozeß des Vatinius
+(August 700 54). Hieronymus&rsquo; Angabe, daß Catullus 697/98 (57/56)
+gestorben, braucht also nur um wenige Jahre verschoben zu sein. Daraus, daß
+Vatinius bei &ldquo;seinem Konsulat sich verschwört&rdquo;, hat man mit Unrecht
+geschlossen, daß die Sammlung erst nach Vatinius&rsquo; Konsulat (707 47)
+erschienen ist; es folgt daraus nur, daß Vatinius, als sie erschien, schon
+darauf rechnen durfte, in einem bestimmten Jahre Konsul zu werden, wozu er
+bereits 700 (54) alle Ursache hatte; denn sicher stand sein Name mit auf der in
+Luca vereinbarten Kandidatenliste (Cic. Art. 4, 8 b, 2).
+</p>
+
+<p>
+^7 Das folgende Gedicht Catulls (29) ist im Jahre 699 (53) oder 700 (54), nach
+Caesars britannischer Expedition und vor dem Tode der Julia, geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Wer kann es ansehn, wer vermag es auszustehn,
+</p>
+
+<p>
+Wer nicht ein Bock, ein Spieler oder Schlemmer ist,
+</p>
+
+<p>
+Daß jetzt Mamurra sein nennt das, was einst besaß
+</p>
+
+<p>
+Der Langhaarkelten und der fernen Briten Land?
+</p>
+
+<p>
+Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu?
+</p>
+
+<p>
+Der also soll in Übermut und salbenschwer ,
+</p>
+
+<p>
+Als süßer Schnabelierer, als Adonis nun
+</p>
+
+<p>
+Hier ziehn in aller unsrer Mädchen Zimmer ein?
+</p>
+
+<p>
+Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu?
+</p>
+
+<p>
+Ein Schlemmer bist du, bist ein Spieler, bist ein Bock!
+</p>
+
+<p>
+Drum also übersetztest, einziger General,
+</p>
+
+<p>
+Zum fernstentlegnen Eiland du des Okzidents,
+</p>
+
+<p>
+Damit hier euer ausgedienter Zeitvertreib
+</p>
+
+<p>
+Zwei Millionen könne oder drei vertun?
+</p>
+
+<p>
+Was heißt verkehrt freigebig sein, wenn dieses nicht?
+</p>
+
+<p>
+Hat nicht genug schon er verdorben und verpraßt?
+</p>
+
+<p>
+Zuerst verlottert ward das väterliche Gut,
+</p>
+
+<p>
+Sodann des Pontus Beute, dann Iberiens,
+</p>
+
+<p>
+Davon des Tajo goldbeschwerte Welle weiß.
+</p>
+
+<p>
+Den fürchtet, ihr Britanner; Kelten, fürchtet den!
+</p>
+
+<p>
+Was heget ihr den Lumpen, welcher gar nichts als
+</p>
+
+<p>
+Ein fettes Erbe durch die Gurgel jagen kann?
+</p>
+
+<p>
+Drum also ruiniertet ihr der Erde Kreis,
+</p>
+
+<p>
+Ihr liebevollen Schwiegervater-Schwiegersohn?
+</p>
+
+<p>
+Mamurra aus Formiae, Caesars Günstling und eine Zeitlang während der gallischen
+Kriege Offizier in dessen Heer, war, vermutlich kurz vor Abfassung dieses
+Gedichts, nach der Hauptstadt zurückgekehrt und wahrscheinlich damals
+beschäftigt mit dem Bau seines vielbesprochenen, mit verschwenderischer Pracht
+ausgestatteten Marmorpalastes auf dem Caelischen Berge. Die iberische Beute
+wird sich auf Caesars Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien beziehen und
+Mamurra schon damals, wie sicher später in Gallien, in seinem Hauptquartier
+sich befunden haben; das pontische geht vermutlich auf Pompeius&rsquo; Krieg
+gegen Mithradates, da zumal. nach der Andeutung des Dichters nicht bloß Caesar
+den Mamurra bereichert hat.
+</p>
+
+<p>
+Unschuldiger als diese giftige, von Caesar bitter empfundene Invektive (Suet.
+Caes. 73) ist ein anderes, ungefähr gleichzeitiges Gedicht desselben Poeten
+(11), das hier auch stehen mag, weil es mit seiner pathetischen Einleitung zu
+einer nichts weniger als pathetischen Kommission den Generalstab der neuen
+Machthaber, die aus der Spelunke plötzlich ins Hauptquartier avancierten
+Gabinius, Antonius und wie sie weiter heißen, sehr artig persifliert. Man
+erinnere sich, daß es in einer Zeit geschrieben ward, wo Caesar am Rhein und an
+der Themse kämpfte und wo die Expeditionen des Crassus nach Parthien, des
+Gabinius nach Ägypten vorbereitet wurden. Der Dichter, gleichsam auch von einem
+der Machthaber einen der vakanten Posten erhoffend, gibt zweien seiner Klienten
+die letzten Aufträge vor der Abreise:
+</p>
+
+<p>
+Furius und Aurelius, Adjutanten
+</p>
+
+<p>
+Ihr Catulls, mag ziehn er an Indiens Ende,
+</p>
+
+<p>
+Wo des Ostmeers brandende Welle weithin
+</p>
+
+<p>
+Hallend den Strand schlägt,
+</p>
+
+<p>
+Oder nach Hyrkanien und Arabien,
+</p>
+
+<p>
+In der pfeilfroh&rsquo;n Parther Gebiet und Saker
+</p>
+
+<p>
+Oder wo den Spiegel des Meers der siebenfältige Nil färbt;
+</p>
+
+<p>
+Oder führt sein Weg ihn die Alpen über,
+</p>
+
+<p>
+Wo den Malstein setzte der große Caesar,
+</p>
+
+<p>
+Wo der Rhein fließt und an dem Erdrand hausen
+</p>
+
+<p>
+Wilde Britanner -
+</p>
+
+<p>
+Ihr, bereit, all das mit Catullus, was ihm
+</p>
+
+<p>
+Götterratsschluß davon bestimmt, zu teilen,
+</p>
+
+<p>
+Meinem Schatz noch bringet zuvor die kurze
+</p>
+
+<p>
+Leidige Botschaft!
+</p>
+
+<p>
+Mag sie stehn und gehen mit ihren Männern,
+</p>
+
+<p>
+Welche sie dreihundert zugleich umarmt hält,
+</p>
+
+<p>
+Keinem treulieb, aber zu jeder Stunde
+</p>
+
+<p>
+Jedem zu Willen.
+</p>
+
+<p>
+Nicht wie sonst nachblickte sie meiner Liebe,
+</p>
+
+<p>
+Die geknickt mutwillig sie, gleich dem Veilchen,
+</p>
+
+<p>
+Das entlang am Saume des Ackers wandelnd
+</p>
+
+<p>
+Streifte die Pflugschar.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Es ward nötig, gegen diese zwar machtlose, aber immer lästiger und dreister
+werdende Opposition mit Ernst einzuschreiten. Den Ausschlag gab, wie es
+scheint, die Verurteilung des Gabinius (Ende 700 54). Die Herrscher kamen
+überein, eine wenn auch nur zeitweilige Diktatur eintreten zu lassen und
+mittels dieser neue Zwangsmaßregeln namentlich hinsichtlich der Wahlen und der
+Geschworenengerichte durchzusetzen. Als derjenige, dem zunächst die Regierung
+Roms und Italiens oblag, übernahm die Ausführung dieses Beschlusses Pompeius;
+sie trug denn auch den Stempel der ihm eigenen Schwerfälligkeit im Entschließen
+und im Handeln und seiner wunderlichen Unfähigkeit, selbst da, wo er befehlen
+wollte und konnte, mit der Sprache herauszugehen. Bereits Ausgang 700 (54) ward
+in Andeutungen und nicht durch Pompeius selbst die Forderung der Diktatur im
+Senat vorgebracht. Als ostensibler Grund diente die fortwährende Klub- und
+Bandenwirtschaft in der Hauptstadt, die durch Bestechungen und
+Gewalttätigkeiten allerdings auf die Wahlen wie auf die Geschworenengerichte
+den verderblichsten Druck ausübte und den Krawall daselbst in Permanenz hielt;
+man muß es zugeben, daß sie es den Machthabern leichtmachte, ihre
+Ausnahmemaßregeln zu rechtfertigen. Allein begreiflicherweise scheute sogar die
+servile Majorität davor zurück, das zu bewilligen, was der künftige Diktator
+selbst sich zu scheuen schien offen zu begehren. Als dann die beispiellose
+Agitation für die Wahlen zum Konsulat für 701 (53) die ärgerlichsten Auftritte
+herbeiführte, die Wahlen ein volles Jahr über die festgesetzte Zeit sich
+verschleppten und erst nach siebenmonatlichem Interregnum im Juli 701 (53)
+stattfanden, fand Pompeius darin den erwünschten Anlaß als das einzige Mittel,
+den Knoten wo nicht zu lösen, doch zu zerhauen, dem Senat jetzt bestimmt die
+Diktatur zu bezeichnen; allein das entscheidende Befehlswort ward immer noch
+nicht gesprochen. Vielleicht wäre es noch lange ungesprochen geblieben, wenn
+nicht bei den Konsularwahlen für 702 (52) gegen die Kandidaten der Machthaber
+Quintus Metellus Scipio und Publius Plautius Hypsaeus, beide dem Pompeius
+persönlich nahestehende und durchaus ergebene Männer, der verwegenste
+Parteigänger der republikanischen Opposition, Titus Annius Milo, als
+Gegenkandidat in die Schranken getreten wäre. Milo, ausgestattet mit physischem
+Mut, mit einem gewissen Talent zur Intrige und zum Schuldenmachen und vor allem
+mit reichlich angeborener und sorgfältig ausgebildeter Dreistigkeit, hatte
+unter den politischen Industrierittern jener Tage sich einen Namen gemacht und
+war in seinem Handwerk nächst Clodius der renommierteste Mann, natürlich also
+auch mit diesem in tödlichster Konkurrenzfeindschaft. Da dieser Achill der
+Straße von den Machthabern acquiriert worden war und mit ihrer Zulassung wieder
+den Ultrademokraten spielte, so ward der Hektor der Straße selbstverständlich
+Aristokrat, und die republikanische Opposition, die jetzt mit Catilina selbst
+Bündnis geschlossen haben würde, wenn er sich ihr angetragen hätte, erkannte
+Milo bereitwillig an als ihren rechtmäßigen Vorfechter in allen Krawallen. In
+der Tat waren die wenigen Erfolge, die sie auf diesem Schlachtfelde davon trug,
+das Werk Milos und seiner wohlgeschulten Fechterbande. So unterstützten denn
+hinwiederum Cato und die Seinigen Milos Bewerbung um das Konsulat; selbst
+Cicero konnte nicht umhin, seines Feindes Feind, seinen langjährigen
+Beschützer, zu empfehlen; und da Milo selbst weder Geld noch Gewalt sparte, um
+seine Wahl durchzusetzen, so schien dieselbe gesichert. Für die Machthaber wäre
+sie nicht bloß eine neue empfindliche Niederlage gewesen, sondern auch eine
+wirkliche Gefahr; denn es war vorauszusehen, daß der verwegene Parteigänger
+sich nicht so leicht wie Domitius und andere Männer der anständigen Opposition
+als Konsul werde annullieren lassen. Da begab es sich, daß zufällig unweit der
+Hauptstadt, auf der Appischen Straße, Achill und Hektor aufeinandertrafen und
+zwischen den beiderseitigen Banden eine Rauferei entstand, in welcher Clodius
+selbst einen Säbelhieb in die Schulter erhielt und genötigt ward, in ein
+benachbartes Haus sich zu flüchten. Es war dies ohne Auftrag Milos geschehen;
+da die Sache aber so weit gekommen war und der Sturm nun doch einmal bestanden
+werden mußte, so schien das ganze Verbrechen Milo wünschenswerter und selbst
+minder gefährlich als das halbe: er befahl seinen Leuten, den Clodius aus
+seinem Versteck hervorzuziehen und ihn niederzumachen (13. Januar 702 52). Die
+Straßenführer von der Partei der Machthaber, die Volkstribune Titus Munatius
+Plancus, Quintus Pompeius Rufus und Gaius Sallustius Crispus, sahen in diesem
+Vorfall einen passenden Anlaß, um im Interesse ihrer Herren Milos Kandidatur zu
+vereiteln und Pompeius&rsquo; Diktatur durchzusetzen. Die Hefe des Pöbels,
+namentlich die Freigelassenen und Sklaven, hatten mit Clodius ihren Patron und
+künftigen Befreier eingebüßt: die erforderliche Aufregung war also leicht
+bewirkt. Nachdem der blutige Leichnam auf der Rednerbühne des Marktes in Parade
+ausgestellt und die dazu gehörigen Reden gehalten worden waren, ging der
+Krawall los. Zum Scheiterhaufen für den großen Befreier ward der Sitz der
+perfiden Aristokratie bestimmt: die Rotte trug den Körper in das Rathaus und
+zündete das Gebäude an. Hierauf zog der Schwarm vor Milos Haus und hielt
+dasselbe belagert, bis dessen Bande die Angreifer mit Pfeilschüssen vertrieb.
+Weiter ging es vor das Haus des Pompeius und seiner Konsularkandidaten, von
+denen jener als Diktator, diese als Konsuln begrüßt wurden, und von da vor das
+des Zwischenkönigs Marcus Lepidus, dem die Leitung der Konsulwahlen oblag. Da
+dieser pflichtmäßig sich weigerte, dieselben, wie die brüllenden Haufen es
+forderten, sofort zu veranstalten, so ward auch er fünf Tage lang in seiner
+Wohnung belagert gehalten.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Unternehmer dieser skandalösen Auftritte hatten ihre Rolle überspielt.
+Allerdings war auch ihr Herr und Meister entschlossen, diesen günstigen
+Zwischenfall zu benutzen, um nicht bloß Milo zu beseitigen, sondern auch die
+Diktatur zu ergreifen; allein er wollte sie nicht von einem Haufen
+Knüttelmänner empfangen, sondern vom Senat. Pompeius zog Truppen heran, um die
+in der Hauptstadt herrschende und in der Tat aller Welt unerträglich gewordene
+Anarchie niederzuschlagen; zugleich befahl er jetzt, was er bisher erbeten, und
+der Senat gab nach. Es war nur ein nichtiger Winkelzug, daß auf Vorschlag von
+Cato und Bibulus der Prokonsul Pompeius unter Belassung seiner bisherigen Ämter
+statt zum Diktator zum &ldquo;Konsul ohne Kollegen&rdquo; ernannt ward (25. des
+Schaltmonats ^8 702 52) - ein Winkelzug, welcher eine mit zwiefachem inneren
+Widerspruch behaftete ^9 Benennung zuließ, um nur die einfach sachbezeichnende
+zu vermeiden, und der lebhaft erinnert an den weisen Beschluß des verschollenen
+Junkertums, den Plebejern nicht das Konsulat, sondern nur die konsularische
+Gewalt einzuräumen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^8 In diesem Jahr folgte auf den Januar mit 29 und den Februar mit 23 Tagen der
+Schaltmonat mit 28 und sodann der März.
+</p>
+
+<p>
+^9 Consul heißt Kollege (I, 260) und ein Konsul, der zugleich Prokonsul ist,
+ist zugleich wirklicher und stellvertretender Konsul.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Also im legalen Besitz der Vollmacht, ging Pompeius an das Werk und schritt
+nachdrücklich vor gegen die in den Klubs und den Geschworenengerichten mächtige
+republikanische Partei. Die bestehenden Wahlvorschriften wurden durch ein
+besonderes Gesetz wiederholt eingeschärft und durch ein anderes gegen die
+Wahlumtriebe, das für alle seit 684 (70) begangenen Vergehen dieser Art
+rückwirkende Kraft erhielt, die bisher darauf gesetzten Strafen gesteigert.
+Wichtiger noch war die Verfügung, daß die Statthalterschaften, also die bei
+weitem bedeutendere und besonders die weit einträglichere Hälfte der
+Amtstätigkeit, an die Konsuln und Prätoren nicht sofort bei dem Rücktritt vom
+Konsulat oder der Prätur, sondern erst nach Ablauf von weiteren fünf Jahren
+vergeben werden sollten, welche Ordnung selbstverständlich erst nach vier
+Jahren ins Leben treten konnte und daher für die nächste Zeit die Besetzung der
+Statthalterschaften wesentlich von den zur Regulierung dieses Interim zu
+erlassenden Senatsbeschlüssen, also tatsächlich von der augenblicklich den
+Senat beherrschenden Person oder Fraktion abhängig machte. Die
+Geschworenenkommissionen blieben zwar bestehen, aber dem Rekusationsrecht
+wurden Grenzen gesetzt und, was vielleicht noch wichtiger war, die Redefreiheit
+in den Gerichten aufgehoben, indem sowohl die Zahl der Advokaten als die jedem
+zugemessene Sprechzeit durch Maximalsätze beschränkt und die eingerissene
+Unsitte: neben den Tat- auch noch Charakterzeugen oder sogenannte
+&ldquo;Lobredner&rdquo; zugunsten des Angeklagten beizubringen, untersagt ward.
+Der gehorsame Senat dekretierte ferner auf Pompeius&rsquo; Wink, daß durch den
+Raufhandel auf der Appischen Straße das Vaterland in Gefahr geraten sei;
+demnach wurde für alle mit demselben zusammenhängenden Verbrechen durch ein
+Ausnahmegesetz eine Spezialkommission bestellt und deren Mitglieder geradezu
+von Pompeius ernannt. Es ward auch ein Versuch gemacht, dem zensorischen Amt
+wieder eine ernstliche Bedeutung zu verschaffen und durch dasselbe die tief
+zerrüttete Bürgerschaft von dem schlimmsten Gesindel zu säubern.
+</p>
+
+<p>
+Alle diese Maßregeln erfolgten unter dem Drucke des Säbels. Infolge der
+Erklärung des Senats, daß das Vaterland gefährdet sei, rief Pompeius in ganz
+Italien die dienstpflichtige Mannschaft unter die Waffen und nahm sie für alle
+Fälle in Eid und Pflicht; vorläufig ward eine ausreichende und zuverlässige
+Truppe auf das Kapitol gelegt; bei jeder oppositionellen Regung drohte Pompeius
+mit bewaffnetem Einschreiten und stellte während der Prozeßverhandlungen über
+die Ermordung des Clodius allem Herkommen zuwider auf der Gerichtsstätte selbst
+Wache auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Plan zur Wiederbelebung der Zensur scheiterte daran, daß unter der servilen
+Senatsmajorität niemand sittlichen Mut und Autorität genug besaß, um sich um
+ein solches Amt auch nur zu bewerben. Dagegen ward Milo von den Geschworenen
+verurteilt (8. April 702 52), Catos Bewerbung um das Konsulat für 703 (51)
+vereitelt. Die Reden- und Pamphletenopposition erhielt durch die neue
+Prozeßordnung einen Schlag, von dem sie sich nicht wieder erholt hat; die
+gefürchtete gerichtliche Beredsamkeit ward damit von dem politischen Gebiet
+verdrängt und trug fortan die Zügel der Monarchie. Verschwunden war die
+Opposition natürlich weder aus den Gemütern der großen Majorität der Nation
+noch auch nur völlig aus dem öffentlichen Leben - dazu hätte man die
+Volkswahlen, die Geschworenengerichte und die Literatur nicht bloß beschränken,
+sondern vernichten müssen. Ja eben bei diesen Vorgängen selbst tat Pompeius
+durch seine Ungeschicklichkeit und Verkehrtheit wieder dazu, daß den
+Republikanern selbst unter seiner Diktatur einzelne, für ihn empfindliche
+Triumphe zuteil wurden. Die Tendenzmaßregeln, die die Herrscher zur Befestigung
+ihrer Macht ergriffen, wurden natürlicherweise offiziell als im Interesse der
+öffentlichen Ruhe und Ordnung getroffene Verfügungen charakterisiert und jeder
+Bürger, der die Anarchie nicht wollte, als mit denselben wesentlich
+einverstanden bezeichnet. Mit dieser durchsichtigen Fiktion trieb es Pompeius
+aber so weit, daß er in die Spezialkommission zur Untersuchung des letzten
+Auflaufs statt sicherer Werkzeuge die achtbarsten Männer aller Parteien, sogar
+Cato einwählte und seinen Einfluß auf das Gericht wesentlich dazu anwandte, um
+die Ordnung zu handhaben und das in den Gerichten dieser Zeit hergebrachte
+Spektakeln seinen Anhängern so gut wie den Gegnern unmöglich zu machen. Diese
+Neutralität des Regenten sah man den Urteilen des Spezialhofes an. Die
+Geschworenen wagten zwar nicht, Milo selbst freizusprechen; aber die meisten
+untergeordneten Angeklagten von der Partei der republikanischen Opposition
+gingen frei aus, während die Verurteilung unnachsichtlich diejenigen traf, die
+in dem letzten Krawall für Clodius, das heißt für die Machthaber Partei
+genommen hatten, unter ihnen nicht wenige von Caesars und selbst von
+Pompeius&rsquo; vertrautesten Freunden, sogar seinen Kandidaten zum Konsulat,
+Hypsaeus, und die Volkstribune Plancus und Rufus, die in seinem Interesse die
+Erneute dirigiert hatten. Wenn Pompeius deren Verurteilung nicht hinderte, um
+unparteiisch zu erscheinen, so war dies eine Albernheit, und eine zweite, daß
+er denn doch wieder in ganz gleichgültigen Dingen zu Gunsten seiner Freunde
+seine eigenen Gesetze verletzte, zum Beispiel im Prozeß des Plancus als
+Charakterzeuge auftrat, und einzelne ihm besonders nahestehende Angeklagte, wie
+den Metellus Scipio, in der Tat vor der Verurteilung schützte. Wie gewöhnlich
+wollte er auch hier entgegengesetzte Dinge: indem er versuchte, zugleich den
+Pflichten des unparteiischen Regenten und des Parteihauptes Genüge zu tun,
+erfüllte er weder diese noch jene und erschien der öffentlichen Meinung mit
+Recht als ein despotischer Regent, seinen Anhängern mit gleichem Recht als ein
+Führer, der die Seinigen entweder nicht schützen konnte oder nicht schützen
+wollte.
+</p>
+
+<p>
+Indes wenn auch die Republikaner noch sich regten und sogar, hauptsächlich
+durch Pompeius&rsquo; Fehlgriffe, hie und da ein einzelner Erfolg sie
+anfrischte, so war doch der Zweck, den die Machthaber bei jener Diktatur sich
+gesteckt hatten, im ganzen erreicht, der Zügel straffer angezogen, die
+republikanische Partei gedemütigt und die neue Monarchie befestigt. Das
+Publikum fing an sich in diese zu finden. Als Pompeius nicht lange nachher von
+einer ernsthaften Krankheit genas, ward seine Wiederherstellung durch ganz
+Italien mit den obligaten Freudenbezeigungen gefeiert, die bei solchen
+Gelegenheiten in Monarchien üblich sind. Die Machthaber zeigten sich
+befriedigt: schon am 1. August 702 (52) legte Pompeius die Diktatur nieder und
+teilte das Konsulat mit seinem Klienten Metellus Scipio.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap09"></a>KAPITEL IX.<br/>
+Crassus&rsquo; Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher.</h2>
+
+<p>
+Unter den Häuptern des &ldquo;dreiköpfigen Ungeheuers&rdquo; war Marcus Crassus
+jahrelang mitgerechnet worden, ohne eigentlich mitzuzählen. Er diente den
+wirklichen Machthabern Pompeius und Caesar als Gleichgewichtstein, oder genauer
+gesagt, er fiel in Caesars Waagschale gegen Pompeius. Diese Rolle ist nicht
+allzu ehrenvoll; aber Crassus ward nie durch leidenschaftliches Ehrgefühl
+gehindert, seinen Vorteil zu verfolgen. Er war Kaufmann und ließ mit sich
+handeln. Was ihm geboten ward, war nicht viel; da indes mehr nicht zu erhalten
+war, nahm er es an und suchte den nagenden Ehrgeiz und den Verdruß über seine
+der Macht so nahe und doch machtlose Stellung über den immer höher sich ihm
+häufenden Goldbergen zu vergessen. Aber die Konferenz zu Luca wandelte auch für
+ihn die Verhältnisse um: um gegen Pompeius nach den so ausgedehnten
+Zugeständnissen auch ferner im Übergewicht zu bleiben, gab Caesar seinem alten
+Verbündeten Crassus Gelegenheit, durch den Parthischen Krieg ebendahin in
+Syrien zu gelangen, wohin Caesar durch den keltischen in Gallien gelangt war.
+Es war schwer zu sagen, ob diese neuen Aussichten mehr den Heißhunger nach Gold
+reizten, der dem jetzt sechzigjährigen Manne zur anderen Natur geworden war und
+mit jeder neu erworbenen Million nur um so zehrender ward, oder mehr den in der
+Brust des Graukopfs lange mühsam niedergekämpften und jetzt mit unheimlichem
+Feuer in ihr glühenden Ehrgeiz. Bereits Anfang 700 (54) traf er in Syrien ein:
+nicht einmal den Ablauf seines Konsulats hatte er abgewartet um aufzubrechen.
+Voll hastiger Leidenschaft schien er jede Minute auskaufen zu wollen, um das
+Versäumte nachzuholen, zu den Schätzen des Westens noch die des Ostens
+einzutun, Feldherrnmacht und Feldherrnruhm rasch wie Caesar und mühelos wie
+Pompeius zu erjagen.
+</p>
+
+<p>
+Er fand den Parthischen Krieg bereits eingeleitet. Pompeius&rsquo; illoyales
+Verhalten gegen die Parther ist früher erzählt worden; er hatte die
+vertragsmäßige Euphratgrenze nicht respektiert und zu Gunsten Armeniens, das
+jetzt römischer Klientelstaat war, mehrere Landschaften vom Parthischen Reich
+abgerissen. König Phraates hatte sich das gefallen lassen: nachdem er aber von
+seinen beiden Söhnen Mithradates und Orodes ermordet worden war, erklärte der
+neue König Mithradates dem König von Armenien, des kürzlich verstorbenen
+Tigranes Sohn Artavasdes, sofort den Krieg (um 698 ^1 56). Es war dies zugleich
+eine Kriegserklärung gegen Rom; sowie daher der Aufstand der Juden unterdrückt
+war, führte der tüchtige und mutige Statthalter Syriens, Gabinius, die Legionen
+über den Euphrat. Im Partherreich indes war inzwischen eine Umwälzung
+eingetreten; die Großen des Reiches, an ihrer Spitze der junge, kühne und
+talentvolle Großwesir, hatten den König Mithradates gestürzt und dessen Bruder
+Orodes auf den Thron gesetzt. Mithradates machte deshalb gemeinschaftliche
+Sache mit den Römern und begab sich in Gabinius&rsquo; Lager. Alles versprach
+dem Unternehmen des römischen Statthalters den besten Erfolg, als er unvermutet
+Befehl bekam, den König von Ägypten mit Waffengewalt nach Alexandreia
+zurückzuführen. Er wußte gehorchen; aber in der Erwartung, bald wieder zurück
+zu sein, veranlaßte er den bei ihm um Hilfe bittenden entthronten
+Partherfürsten, den Krieg inzwischen auf eigene Faust zu eröffnen. Mithradates
+tat es und Seleukeia und Babylon erklärten sich für ihn; aber Seleukeia nahm
+der Wesir, er persönlich der erste auf der Zinne, mit stürmender Hand ein, und
+in Babylon wußte Mithradates selbst, durch Hunger bezwungen, sich ergeben,
+worauf er auf Befehl des Bruders hingerichtet ward. Sein Tod war ein fühlbarer
+Verlust für die Römer; aber die Gärung im Parthischen Reich war doch keineswegs
+damit zu Ende und auch der armenische Krieg währte noch fort. Eben war Gabinius
+im Begriff, nach Beendigung des ägyptischen Feldzuges die immer noch günstige
+Gelegenheit zu nutzen und den unterbrochenen Parthischen Krieg
+wiederaufzunehmen, als Crassus in Syrien eintraf und mit dem Kommando zugleich
+die Pläne seines Vorgängers übernahm. Voll hochfliegender Hoffnungen schlug er
+die Schwierigkeiten des Marsches gering, die Widerstandskraft der feindlichen
+Heere noch geringer an; zuversichtlich sprach er nicht bloß von der
+Unterwerfung der Panther, sondern eroberte schon in Gedanken die Reiche von
+Baktrien und Indien.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Tigranes lebte noch im Februar 698 (56) (Cic. Sest. 27, 59); dagegen
+herrschte Artavasdes schon vor 700 (54) (Iust. 42, 2, 4; Plut. Crass. 49).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Eile indes hatte der neue Alexander nicht. Erfand, bevor er so große Pläne ins
+Werk setzte, noch Muße zu sehr weitläufigen und sehr einträglichen
+Nebengeschäften. Der Tempel der Derketo in Hierapolis Bambyke, des Jehova in
+Jerusalem und andere reiche Heiligtümer der syrischen Provinz wurden auf
+Crassus&rsquo; Befehl ihrer Schätze beraubt und von allen Untertanen Zuzug oder
+lieber noch statt desselben Geldsummen beigetrieben. Die militärischen
+Operationen des ersten Sommers beschränkten sich auf eine umfassende
+Rekognoszierung in Mesopotamien: der Euphrat ward überschritten, bei Ichnä (am
+Belik, nördlich von Rakkah) der parthische Satrap geschlagen und die
+nächstliegenden Städte, darunter das ansehnliche Nikephorion (Rakkah), besetzt,
+worauf man mit Zurücklassung von Besatzungen in denselben wieder nach Syrien
+zurückging. Man hatte bisher geschwankt, ob es ratsamer sei, auf dem Umweg über
+Armenien oder auf der geraden Straße durch die mesopotamische Wüste nach
+Parthien zu marschieren. Der erste Weg durch gebirgige und von zuverlässigen
+Verbündeten beherrschte Landschaften empfahl sich durch die größere Sicherheit;
+König Artavasdes kam selbst in das römische Hauptquartier, um diesen
+Feldzugsplan zu befürworten. Allein jene Rekognoszierung entschied für den
+Marsch durch Mesopotamien. Die zahlreichen und blühenden griechischen und
+halbgriechischen Städte in den Landschaften am Euphrat und Tigris, vor allen
+die Weltstadt Seleukeia, waren der parthischen Herrschaft durchaus abgeneigt;
+wie früher die Bürger von Karrhä, so hatten jetzt alle von den Römern berührten
+griechischen Ortschaften es mit der Tat bewiesen, wie bereit sie waren, die
+unerträgliche Fremdherrschaft abzuschütteln und die Römer als Befreier, beinahe
+als Landsleute zu empfangen. Der Araberfürst Abgaros, der die Wüste von Edessa
+und Karrhä und damit die gewöhnliche Straße vom Euphrat an den Tigris
+beherrschte, hatte im Lager der Römer sich eingefunden, um dieselben seiner
+Ergebenheit persönlich zu versichern. Durchaus hatten die Parther sich
+unvorbereitet gezeigt. So ward denn der Euphrat (bei Biradjik) überschritten
+(701 53). Um von da an den Tigris zu gelangen, konnte man einen zwiefachen Weg
+wählen: entweder rückte das Heer am Euphrat hinab bis auf die Höhe von
+Seleukeia, wo der Euphrat und der Tigris nur noch wenige Meilen voneinander
+entfernt sind; oder man schlug sogleich nach dem Übergang auf der kürzesten
+Linie, quer durch die große mesopotamische Wüste, den Weg zum Tigris ein. Der
+erste Weg führte unmittelbar auf die parthische Hauptstadt Ktesiphon zu, die
+Seleukeia gegenüber am andern Ufer des Tigris lag; es erhoben sich für diesen
+im römischen Kriegsrat mehrere gewichtige Stimmen; namentlich der Quästor Gaius
+Cassius wies auf die Schwierigkeiten des Wüstenmarsches und auf die
+bedenklichen, von den römischen Besatzungen am linken Euphratufer über die
+parthischen Kriegsvorbereitungen einlaufender. Berichte hin. Allein damit im
+Widerspruch meldete der arabische Fürst Abgaros, daß die Parther beschäftigt
+seien, ihre westlichen Landschaften zu räumen. Bereits hätten sie ihre Schätze
+eingepackt und sich in Bewegung gesetzt, um zu den Hyrkanern und Skythen zu
+flüchten; nur durch einen Gewaltmarsch auf dem kürzesten Wege sei es überhaupt
+noch möglich, sie zu erreichen; durch einen solchen werde es aber auch
+wahrscheinlich gelingen, wenigstens den Nachtrab der großen Armee unter
+Sillakes und dem Wesir einzuholen und aufzureiben und die ungeheure Beute zu
+gewinnen. Diese Rapporte der befreundeten Beduinen entschieden über die
+Marschrichtung; das römische Heer, bestehend aus sieben Legionen, 4000 Reitern
+und 4000 Schleuderern und Schützen, wandte vom Euphrat sich ab und hinein in
+die unwirtlichen Ebenen des nördlichen Mesopotamiens. Weit und breit zeigte
+sich kein Feind; nur Hunger und Durst und die endlose Sandwüste schienen Wache
+zu halten an den Pforten des Ostens. Endlich, nach vieltägigem mühseligen
+Marsch, unweit des ersten Flusses, den das römische Heer zu überschreiten
+hatte, des Balissos (Belik), zeigten sich die ersten feindlichen Reiter.
+Abgaros mit seinen Arabern ward ausgesandt, um zu kundschaften; die parthischen
+Reiterscharen wichen zurück bis an und über den Fluß und verschwanden in der
+Ferne, verfolgt von Abgaros und den Seinen. Ungeduldig harrte man auf die
+Rückkehr desselben und auf genauere Kundschaft. Der Feldherr hoffte, hier
+endlich an den ewig zurückweichenden Feind zu kommen; sein junger tapferer Sohn
+Publius, der mit der größten Auszeichnung in Gallien unter Caesar gefochten
+hatte und von diesem an der Spitze einer keltischen Reiterschar zur Teilnahme
+an dem Parthischen Kriege entsandt worden war, brannte vor stürmischer
+Kampflust. Da keine Botschaft kam, entschloß man sich, auf gut Glück vorwärts
+zu gehen: das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben, der Balissos überschritten,
+das Heer nach kurzer, ungenügender Mittagsrast ohne Aufenthalt im Sturmschritt
+weitergeführt. Da erschollen plötzlich rings umher die Kesselpauken der
+Parther; auf allen Seiten sah man ihre seidenen, goldgestickten Fahnen
+flattern, ihre Eisenhelme und Panzer im Strahl der heißen Mittagssonne glänzen;
+und neben dem Wesir hielt Fürst Abgaros mit seinen Beduinen.
+</p>
+
+<p>
+Man begriff zu spät, in welches Netz man sich hatte verstricken lassen. Mit
+sicherem Blick hatte der Wesir sowohl die Gefahr durchschaut wie die Mittel,
+ihr zu begegnen. Mit orientalischem Fußvolk war gegen die römische
+Linieninfanterie nichts auszurichten: er hatte sich desselben entledigt und,
+indem er diese auf dem Hauptschlachtfeld unbrauchbare Masse unter König
+Orodes&rsquo; eigener Führung gegen Armenien sandte, den König Artavasdes
+gehindert, die versprochenen 10000 schweren Reiter zu Crassus&rsquo; Heer
+stoßen zu lassen, die dieser jetzt schmerzlich vermißte. Dagegen trat der
+römischen, in ihrer Art unübertrefflichen Taktik der Wesir mit einer vollkommen
+verschiedenen gegenüber. Sein Heer bestand ausschließlich aus Reiterei; die
+Linie bildeten die schweren Reiter, mit langen Stoßlanzen bewaffnet und Mann
+und Roß durch metallene Schuppenpanzer oder Lederkoller und durch ähnliche
+Schienen geschirmt; die Masse der Truppen bestand aus berittenen Bogenschützen.
+Diesen gegenüber waren die Römer in den gleichen Waffen sowohl der Zahl wie der
+Tüchtigkeit nach durchaus im Nachteil. Ihre Linieninfanterie, wie vorzüglich
+sie auch im Nahkampf, sowohl auf kurze Distanz mit dem schweren Wurfspeer als
+im Handgemenge mit dem Schwert, war, konnte doch eine bloß aus Reiterei
+bestehende Armee nicht zwingen, sich mit ihr einzulassen, und fand, wenn es zum
+Handgemenge kam, auch hier in den eisenstarrenden Scharen der Lanzenreiter
+einen ihr gewachsenen, wo nicht überlegenen Gegner. Einem Heer gegenüber, wie
+dies parthische war, stand das römische strategisch im Nachteil, weil die
+Reiterei die Kommunikationen beherrschte; taktisch, weil jede Nahwaffe der
+Fernwaffe unterliegen muß, wenn jene nicht zum Kampfe Mann gegen Mann gelangt.
+Die konzentrierte Stellung, auf der die ganze römische Kriegsweise beruhte,
+steigerte einem solchen Angriff gegenüber die Gefahr; je dichter die römische
+Kolonne sich scharte, desto unwiderstehlicher ward allerdings ihr Stoß, aber
+desto weniger fehlten auch die Fernwaffen ihr Ziel. Unter gewöhnlichen
+Verhältnissen, wo Städte zu verteidigen und Bodenschwierigkeiten zu
+berücksichtigen sind, hätte jene bloß mit Reiterei gegen Fußvolk operierende
+Taktik sich niemals vollständig durchführen lassen; in der mesopotamischen
+Wüste aber, wo das Heer, fast wie das Schiff auf der hohen See, viele
+Tagemärsche hindurch weder auf ein Hindernis noch auf einen strategischen
+Anhaltspunkt traf, war diese Kriegführung eben darum so unwiderstehlich, weil
+die Verhältnisse hier gestatteten, sie in ihrer ganzen Reinheit und also in
+ihrer ganzen Gewalt zu entwickeln. Hier vereinigte sich alles, um die fremden
+Fußgänger gegen die einheimischen Reiter in Nachteil zu setzen. Wo der
+schwerbeladene römische Infanterist mühsam durch den Sand oder die Steppe sich
+hinschleppte und auf dem pfadlosen, durch weit auseinandergelegene und schwer
+aufzufindende Quellen bezeichneten Wege vor Hunger und mehr noch vor Durst
+verkam, flog der parthische Reitersmann, von Kindesbeinen an gewohnt, auf
+seinem geschwinden Roß oder Kamel zu sitzen, ja fast auf demselben zu leben,
+leicht durch die Wüste, deren Ungemach er seit langem gelernt hatte sich zu
+erleichtern und im Notfall zu ertragen. Hier fiel kein Regen, der die
+unerträgliche Hitze gemildert und die Bogensehnen und Schleuderriemen der
+feindlichen Schützen und Schleuderer erschlafft hätte; hier waren in dem tiefen
+Sande an vielen Stellen kaum ordentliche Gräben und Wälle für das Lager zu
+ziehen. Kaum vermag die Phantasie eine Lage zu erdenken, in der die
+militärischen Vorteile alle mehr auf der einen, die Nachteile alle mehr auf der
+andern Seite waren.
+</p>
+
+<p>
+Auf die Frage, unter welchen Verhältnissen bei den Parthern diese neue Taktik
+entstand, die erste nationale, die auf ihrem rechten Terrain sich der römischen
+überlegen erwies, können wir leider nur mit Mutmaßungen antworten. Die
+Lanzenreiter und berittenen Bogenschützen sind im Orient uralt und bildeten
+bereits die Kerntruppen in den Heeren des Kyros und Dareios; bisher aber waren
+diese Waffen nur in zweiter Reihe und wesentlich zur Deckung der durchaus
+unbrauchbaren orientalischen Infanterie verwendet worden. Auch die parthischen
+Heere wichen hierin von den übrigen orientalischen keineswegs ab; es werden
+dergleichen erwähnt, die zu fünf Sechsteln aus Fußvolk bestanden. In dem
+Feldzug des Crassus dagegen trat die Reiterei zum ersten Male selbständig auf,
+und es erhielt diese Waffe dadurch eine ganz neue Verwendung und einen ganz
+anderen Wert. Die unwiderstehliche Überlegenheit des römischen Fußvolks im
+Nahkampf scheint unabhängig voneinander die Gegner Roms in den verschiedensten
+Weltgegenden zu gleicher Zeit und mit ähnlichem Erfolg darauf geführt zu haben,
+ihm mit der Reiterei und dem Fernkampf entgegenzutreten. Was Cassivellaunus in
+Britannien vollständig, Vercingetorix in Gallien zum Teil gelang, was bis zu
+einem gewissen Grade schon Mithradates Eupator versuchte, das hat der Wesir des
+Orodes nur in größerem Maßstab und vollständiger durchgeführt: wobei es ihm
+namentlich zustatten kam, daß er in der schweren Kavallerie das Mittel, eine
+Linie zu bilden, in dem im Orient nationalen und vornehmlich in den persischen
+Landschaften mit meisterlicher Schützenkunst gehandhabten Bogen eine wirksame
+Fernwaffe, endlich in den Eigentümlichkeiten des Landes und des Volkes die
+Möglichkeit fand, seinen genialen Gedanken rein zu realisieren. Hier, wo die
+römische Nahwaffe und das römische Konzentrierungssystem zum ersten Male der
+Fernwaffe und dem Deployierungssystem unterlagen, bereitete diejenige
+militärische Revolution sich vor, die erst mit der Einführung des Feuergewehrs
+ihren vollständigen Abschluß erhalten hat.
+</p>
+
+<p>
+Unter diesen Verhältnissen ward sechs Meilen südlich von Karrhä (Harran), wo
+römische Besatzung stand, in nördlicher Richtung etwas näher an Ichnä, inmitten
+der Sandwüste die erste Schlacht zwischen Römern und Parthern geschlagen. Die
+römischen Schützen wurden vorgesandt, wichen aber augenblicklich zurück vor der
+ungeheuren Überzahl und der weit größeren Spannkraft und Tragweite der
+parthischen Bogen. Die Legionen, die trotz der Mahnung der einsichtigeren
+Offiziere, sie möglichst entfaltet gegen den Feind zu führen, in ein dichtes
+Viereck von zwölf Kohorten an jeder Seite gestellt worden waren, waren bald
+überflügelt und von den furchtbaren Pfeilen überschüttet, die hier auch
+ungezielt ihren Mann trafen und denen die Soldaten mit nichts auch nur zu
+erwidern vermochten. Die Hoffnung, daß der Feind sich verschießen möge,
+verschwand bei einem Blick auf die endlose Reihe der mit Pfeilen beladenen
+Kamele. Immer weiter dehnten die Parther sich aus. Damit die Überflügelung
+nicht zur Umzingelung werde, rückte Publius Crassus mit einem auserlesenen
+Korps von Reitern, Schützen und Linieninfanterie zum Angriff vor. In der Tat
+gab der Feind es auf, den Kreis zu schließen, und wich zurück, hitzig verfolgt
+von dem ungestümen Führer der Römer. Als aber darüber das Korps des Publius die
+Hauptarmee ganz aus dem Gesicht verloren hatte, hielten die schweren Reiter ihm
+gegenüber stand, und wie ein Netz zogen die von allen Seiten herbeieilenden
+parthischen Haufen sich um dasselbe zusammen. Publius, der die Seinigen unter
+den Pfeilen der berittenen Schützen dicht und nutzlos um sich fallen sah,
+stürzte verzweifelt mit seiner unbepanzerten keltischen Reiterei sich auf die
+eisenstarrenden Lanzenreiter der Feinde; allein die todesverachtende Tapferkeit
+seiner Kelten, die die Lanzen mit den Händen packten oder von den Pferden
+sprangen, um die Feinde niederzustechen, tat ihre Wunder umsonst. Die Trümmer
+des Korps, unter ihnen der am Schwertarm verwundete Führer, wurden auf eine
+kleine Anhöhe gedrängt, wo sie den feindlichen Schützen erst recht zur bequemen
+Zielscheibe dienten. Mesopotamische Griechen, die der Gegend genau kundig
+waren, beschworen den Crassus, mit ihnen abzureiten und einen Versuch zu
+machen, sich zu retten; aber er weigerte sich, sein Schicksal von dem der
+tapferen Männer zu trennen, die sein verwegener Mut in den Tod geführt hatte,
+und ließ von der Hand seines Schildträgers sich durchbohren. Gleich ihm gaben
+die meisten noch übrigen Offiziere sich selbst den Tod. Von der ganzen gegen
+6000 Mann starken Abteilung wurden nicht mehr als 500 gefangen; zu retten
+vermochte sich keiner. Gegen das Hauptheer hatte inzwischen der Angriff
+nachgelassen und man rastete nur zu gern. Als endlich das Ausbleiben jeder
+Meldung von dem entsandten Korps es aus der trügerischen Ruhe aufschreckte und
+es, um dasselbe aufzusuchen, der Walstatt sich näherte, ward dem Vater das
+Haupt des Sohnes auf einer Stange entgegengetragen; und abermals begann nun
+gegen das Hauptheer die schreckliche Schlacht, mit demselben Ungestüm und
+derselben hoffnungslosen Gleichförmigkeit. Man vermochte weder die Lanzenreiter
+zu sprengen noch die Schützen zu erreichen; erst die Nacht machte dem Morden
+ein Ende. Hätten die Parther auf dem Schlachtfeld biwakiert, es wäre schwerlich
+vom römischen Heer ein Mann entkommen. Allein nicht geübt, anders als beritten
+zu fechten, und darum besorgt vor einem Überfall, hatten sie die Gewohnheit,
+niemals hart am Feinde zu lagern; höhnisch riefen sie den Römern zu, daß sie
+dem Feldherrn eine Nacht schenkten, um seinen Sohn zu beweinen, und jagten
+davon, um am anderen Morgen wiederzukehren und das blutend am Boden liegende
+Wild abzufangen. Natürlich warteten die Römer den Morgen nicht ab. Die
+Unterfeldherren Cassius und Octavius - Crassus selbst hatte gänzlich den Kopf
+verloren - ließen sofort und in möglichster Stille, mit Zurücklassung der
+sämtlichen - angeblich 4000 - Verwundeten und Versprengten, die noch
+marschfähigen Leute aufbrechen, um in den Mauern von Karrhä Schutz zu suchen.
+Daß die Parther, als sie den folgenden Tag wiederkamen, zunächst sich daran
+machten, die zerstreut Zurückgelassenen aufzusuchen und niederzumetzeln, und
+daß die Besatzung und die Einwohnerschaft von Karrhä, durch Ausreißer
+frühzeitig von der Katastrophe in Kenntnis gesetzt, schleunigst der
+geschlagenen Armee entgegengerückt waren, rettete die Trümmer derselben vor
+der, wie es schien, unausbleiblichen Vernichtung. An eine Belagerung von Karrhä
+konnten die parthischen Reiterscharen nicht denken. Allein bald brachen die
+Römer freiwillig auf, sei es durch Mangel an Lebensmitteln genötigt, sei es
+infolge der mutlosen Übereilung des Oberfeldherrn, den die Soldaten vergeblich
+versucht hatten vom Kommando zu entfernen und durch Cassius zu ersetzen. Man
+schlug die Richtung nach den armenischen Bergen ein; die Nacht marschierend und
+am Tage rastend, erreichte Octavius mit einem Haufen von 5000 Mann die Festung
+Sinnaka, die nur noch einen Tagesmarsch von den sicheren Höhen entfernt war,
+und befreite sogar mit eigener Lebensgefahr den Oberfeldherrn, den der Führer
+irregeleitet und dem Feinde preisgegeben hatte. Da ritt der Wesir vor das
+römische Lager, um im Namen seines Königs den Römern Frieden und Freundschaft
+zu bieten und auf eine persönliche Zusammenkunft der beiden Feldherren
+anzutragen. Das römische Heer, demoralisiert wie es war, beschwor, ja zwang
+seinen Führer, das Anerbieten anzunehmen. Der Wesir empfing den Konsular und
+dessen Stab mit den üblichen Ehren und erbot sich aufs neue, einen
+Freundschaftspakt abzuschließen; nur forderte er, mit gerechter Bitterkeit an
+das Schicksal der mit Lucullus und Pompeius hinsichtlich der Euphratgrenze
+abgeschlossenen Verträge erinnernd, daß derselbe sogleich schriftlich abgefaßt
+werde. Ein reichgeschmückter Zelter ward vorgeführt: es war ein Geschenk des
+Königs für den römischen Oberfeldherrn; die Diener des Wesirs drängten sich um
+Crassus, beeifert, ihn aufs Pferd zu heben. Es schien den römischen Offizieren,
+als beabsichtige man, sich der Person des Oberfeldherrn zu bemächtigen;
+Octavius, unbewaffnet wie er war, riß einem Parther das Schwert aus der Scheide
+und stieß den Pferdeknecht nieder. In dem Anlauf, der sich hieraus entspann,
+wurden die römischen Offiziere alle getötet; auch der greise Oberfeldherr
+wollte, wie sein Großohm, dem Feinde nicht lebend als Trophäe dienen und suchte
+und fand den Tod. Die im Lager zurückgebliebene führerlose Menge ward zum Teil
+gefangen, zum Teil versprengt. Was der Tag von Karrhä begonnen hatte,
+vollendete der von Sinnaka (9. Juni 701 53); beide nahmen ihren Platz neben den
+Daten von der Allia, von Cannae und von Arausio. Die Euphratarmee war nicht
+mehr. Nur der Reiterschar des Gaius Cassius, welche bei dem Abmarsch von Karrhä
+von dem Hauptheer abgesprengt worden war, und einigen anderen zerstreuten
+Haufen und vereinzelten Flüchtlingen gelang es, sich den Parthern und den
+Beduinen zu entziehen und einzeln den Rückweg nach Syrien zu finden. Von über
+40000 römischen Legionären, die den Euphrat überschritten hatten, kam nicht der
+vierte Mann zurück; die Hälfte war umgekommen; gegen 10000 römische Gefangene
+wurden von den Siegern im äußersten Osten ihres Reiches, in der Oase von Merv,
+nach parthischer Art als heerpflichtige Leibeigene angesiedelt. Zum ersten
+Male, seit die Adler die Legionen führten, waren dieselben in diesem Jahre zu
+Siegeszeichen in den Händen fremder Nationen, fast gleichzeitig eines deutschen
+Stammes im Westen und im Osten der Parther geworden. Von dem Eindruck, den die
+Niederlage der Römer im Osten machte, ist uns leider keine ausreichende Kunde
+geworden; aber tief und bleibend muß er gewesen sein. König Orodes richtete
+eben die Hochzeit seines Sohnes Pakoros mit der Schwester seines neuen
+Verbündeten, des Königs Artavasdes von Armenien, aus, als die Siegesbotschaft
+seines Wesirs bei ihm einlief und, nach orientalischer Sitte, zugleich mit ihr
+der abgehauene Kopf des Crassus. Schon war die Tafel aufgehoben; eine der
+wandernden kleinasiatischen Schauspielertruppen, wie sie in jener Zeit
+zahlreich bestanden und die hellenische Poesie und die hellenische Bühnenkunst
+bis tief in den Osten hineintrugen, führten eben vor dem versammelten Hofe
+Euripides&rsquo; &lsquo;Bakchen&rsquo; auf. Der Schauspieler, der die Rolle der
+Agaue spielte, welche in wahnsinnig dionysischer Begeisterung ihren Sohn
+zerrissen hat und nun das Haupt desselben auf dem Thyrsus tragend, vom Kithäron
+zurückkehrt, vertauschte dieses mit dem blutigen Kopfe des Crassus, und zum
+unendlichen Jubel seines Publikums von halbhellenisierten Barbaren begann er
+aufs neue das wohlbekannte Lied:
+</p>
+
+<p>
+Wir bringen vom Berge
+</p>
+
+<p>
+Nach Hause getragen
+</p>
+
+<p>
+Die herrliche Beute,
+</p>
+
+<p>
+Das blutende Wild.
+</p>
+
+<p>
+Es war seit den Zeiten der Achämeniden der erste ernsthafte Sieg, den die
+Orientalen über den Okzident erfochten; und wohl lag auch darin ein tiefer
+Sinn, daß zur Feier dieses Sieges das schönste Erzeugnis der okzidentalischen
+Welt, die griechische Tragödie, durch ihre herabgekommenen Vertreter in jener
+grausigen Groteske sich selber parodierte. Das römische Bürgertum und der
+Genius von Hellas fingen gleichzeitig an, sich auf die Ketten des Sultanismus
+zu schicken.
+</p>
+
+<p>
+Die Katastrophe, entsetzlich an sich, schien auch in ihren Folgen furchtbar zu
+werden und die Grundfesten der römischen Macht im Osten erschüttern zu sollen.
+Es war das wenigste, daß jetzt die Parther. jenseits des Euphrat unbeschränkt
+schalteten, daß Armenien, nachdem es schon vor der Katastrophe des Crassus vom
+römischen Bündnis abgefallen war, durch dieselbe ganz in parthische Klientel
+geriet, daß den treuen Bürgern von Karrhä durch den von den Parthern ihnen
+gesetzten neuen Herrn, einen der verräterischen Wegweiser der Römer namens
+Andromachos, ihre Anhänglichkeit an die Okzidentalen bitter vergolten ward.
+Allen Ernstes schickten die Parther sich an, nun ihrerseits die Euphratgrenze
+zu überschreiten und im Verein mit den Armeniern und den Arabern die Römer aus
+Syrien zu vertreiben. Die Juden und andere Orientalen mehr harrten hier der
+Erlösung von der römischen Herrschaft nicht minder ungeduldig, wie die Hellenen
+jenseits des Euphrat der Erlösung von der parthischen; in Rom stand der
+Bürgerkrieg vor der Tür; der Angriff ebenhier und ebenjetzt war eine schwere
+Gefahr. Allein zum Glücke Roms hatten auf beiden Seiten die Führer gewechselt.
+Sultan Orodes verdankte dem heldenmütigen Fürsten, der ihm erst die Krone
+aufgesetzt und dann das Land von den Feinden gesäubert hatte, zu viel, um sich
+seiner nicht baldmöglichst durch den Henker zu entledigen. Seinen Platz als
+Oberfeldherr der nach Syrien bestimmten Invasionsarmee füllte ein Prinz aus,
+des Königs Sohn Pakoros, dem seiner Jugend und Unerfahrenheit wegen der Fürst
+Osakes als militärischer Ratgeber beigegeben werden mußte. Andererseits
+übernahm an Crassus&rsquo; Stelle das Kommando in Syrien interimistisch der
+besonnene und entschlossene Quästor Gaius Cassius. Da die Parther, ebenwie
+früher Crassus, den Angriff nicht beeilten, sondern in den Jahren 701 (53) und
+702 (52) nur schwache, leicht zurückgeworfene Streifscharen über den Euphrat
+sandten, so behielt Cassius Zeit, das Heer einigermaßen zu reorganisieren und
+die Juden, die die Erbitterung über die von Crassus verübte Spoliation des
+Tempels schon jetzt unter die Waffen getrieben hatte, mit Hilfe des treuen
+Anhängers der Römer, Herodos Antipatros, zum Gehorsam zurückzubringen. Die
+römische Regierung hätte also volle Zeit gehabt, zur Verteidigung dar bedrohten
+Grenze frische Truppen zu senden; allein es unterblieb über den Konvulsionen
+der beginnenden Revolution, und als endlich im Jahre 703 (51) die große
+parthische Invasionsarmee am Euphrat erschien, hatte Cassius immer noch nur die
+zwei schwachen, aus den Trümmern der Armee des Crassus gebildeten Legionen ihr
+entgegenzustellen. Natürlich konnte er damit weder den Übergang wehren noch die
+Provinz verteidigen. Syrien ward von den Parthern überrannt und ganz
+Vorderasien zitterte. Allein die Parther verstanden es nicht, Städte zu
+belagern. Von Antiocheia, in das Cassius mit seinen Truppen sich geworfen
+hatte, zogen sie nicht bloß unverrichteter Sache ab, sondern wurden auf dem
+Rückzug am Orontes noch durch Cassius&rsquo; Reiterei in einen Hinterhalt
+gelockt und hier durch die römische Infanterie übel zugerichtet; Fürst Osakes
+selbst war unter den Toten. Freund und Feind ward hier inne, daß die parthische
+Armee unter einem gewöhnlichen Feldherrn und auf einem gewöhnlichen Terrain
+nicht viel mehr leiste als jede andere orientalische. Indes aufgegeben war der
+Angriff nicht. Noch im Winter 703/04 (51/50) lagerte Pakoros in Kyrrhestike
+diesseits des Euphrat; und der neue Statthalter Syriens, Marcus Bibulus, ein
+ebenso elender Feldherr wie unfähiger Staatsmann, wußte nichts Besseres zu tun,
+als sich in seine Festungen einzuschließen. Allgemein ward erwartet, daß der
+Krieg im Jahre 704 (50) mit erneuter Heftigkeit ausbrechen werde. Allein statt
+gegen die Römer wandte Pakoros die Waffen gegen seinen eigenen Vater und trat
+deshalb sogar mit dem römischen Statthalter in Einverständnis. Damit war zwar
+weder der Fleck von dem Schilde der römischen Ehre gewaschen noch auch Roms
+Ansehen im Orient wiederhergestellt, allein mit der parthischen Invasion in
+Vorderasien war es vorbei, und es blieb, vorläufig wenigstens, die
+Euphratgrenze erhalten.
+</p>
+
+<p>
+In Rom wirbelte inzwischen der kreisende Vulkan der Revolution seine
+Rauchwolken sinnbetäubend empor. Man fing an, keinen Soldaten und keinen Denar
+mehr gegen den Landesfeind, keinen Gedanken mehr übrig zu haben für die
+Geschichte der Völker. Es ist eines der entsetzlichsten Zeichen der Zeit, daß
+das ungeheure Nationalunglück von Karrhä und Sinnaka den derzeitigen Politikern
+weit weniger zu denken und zu reden gab als jener elende Krawall auf der
+Appischen Straße, in dem ein paar Monate nach Crassus der Bandenführer Clodius
+umkam; aber es ist begreiflich und beinahe verzeihlich. Der Bruch zwischen den
+beiden Machthabern, lange als unvermeidlich gefühlt und oft so nahe verkündigt,
+rückte jetzt unaufhaltsam heran. Wie in der alten griechischen Schiffersage
+befand sich das Fahrzeug der römischen Gemeinde gleichsam zwischen zwei
+aufeinander zuschwimmenden Felsen; von Augenblick zu Augenblick den krachenden
+Zusammenstoß erwartend, starrten die, welche es trug, von namenloser Angst
+gebannt, in die hoch und höher strudelnde Brandung, und während jedes kleinste
+Rücken hier tausend Augen auf sich zog, wagte nicht eines, den Blick nach
+rechts oder links zu verwenden.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem auf der Zusammenkunft von Luca im April 698 (36) Caesar sich Pompeius
+gegenüber zu ansehnlichen Konzessionen verstanden und die Machthaber damit sich
+wesentlich ins Gleichgewicht gesetzt hatten, fehlte es ihrem Verhältnis nicht
+an den äußeren Bedingungen der Haltbarkeit, insoweit eine Teilung der an sich
+unteilbaren monarchischen Gewalt überhaupt haltbar sein kann. Eine andere Frage
+war es, ob die Machthaber, wenigstens für jetzt, entschlossen waren,
+zusammenzuhalten und gegenseitig sich ohne Hinterhalt als gleichberechtigt
+anzuerkennen. Daß dies bei Caesar insofern der Fall war, als er um den Preis
+der Gleichstellung mit Pompeius sich die zur Unterwerfung Galliens notwendige
+Frist erkauft hatte, ist früher dargelegt worden. Aber Pompeius war es
+schwerlich jemals auch nur vorläufig Ernst mit der Kollegialität. Er war eine
+von den kleinlichen und gemeinen Naturen, gegen die es gefährlich ist, Großmut
+zu üben: seinem kleinlichen Sinn erschien es sicher als Gebot der Klugheit, dem
+unwillig anerkannten Nebenbuhler bei erster Gelegenheit ein Bein zu stellen,
+und seine gemeine Seele dürstete nach der Möglichkeit, die durch Caesars
+Nachsicht erlittene Demütigung ihm umgekehrt zu vergelten. Wenn aber Pompeius
+wahrscheinlich nach seiner dumpfen und trägen Natur niemals recht sich dazu
+verstanden hatte, Caesar neben sich gelten zu lassen, so ist doch die Absicht,
+das Bündnis zu sprengen, ihm wohl erst allmählich zum klaren Bewußtsein
+gelangt. Auf keinen Fall wird das Publikum, das überhaupt Pompeius&rsquo; An-
+und Absichten gewöhnlich besser durchschaute als er selbst, darin sich
+getäuscht haben, daß wenigstens mit dem Tode der schönen Julia, welche in der
+Blüte ihrer Jahre im Herbst 700 (54) starb und der ihr einziges Kind bald in
+das Grab nachfolgte, das persönliche Verhältnis zwischen ihrem Vater und ihrem
+Gemahl gelöst war. Caesar versuchte, die vom Schicksal getrennten
+verwandtschaftlichen Bande wiederherzustellen; er warb für sich um die Hand der
+einzigen Tochter des Pompeius und trug diesem seine jetzt nächste Verwandte,
+seiner Schwester Enkelin Octavia, als Gemahlin an; allein Pompeius ließ seine
+Tochter ihrem bisherigen Gatten Faustus Sulla, dem Sohn des Regenten, und
+vermählte sich selber mit der Tochter des Quintus Metellus Scipio. Der
+persönliche Bruch war unverkennbar eingetreten, und Pompeius war es, der die
+Hand zurückzog. Man erwartete, daß der politische ihm auf dem Fuße folgen
+werde; allein hierin hatte man sich getäuscht: in öffentlichen Angelegenheiten
+blieb vorläufig noch ein kollegialisches Einvernehmen bestehen. Die Ursache
+war, daß Caesar nicht geradezu das Verhältnis lösen wollte, bevor Galliens
+Unterwerfung eine vollendete Tatsache war, Pompeius nicht, bevor durch die
+Übernahme der Diktatur die Regierungsbehörden und Italien vollständig in seine
+Gewalt gebracht sein würden. Es ist sonderbar, aber wohl erklärlich, daß die
+Machthaber hierbei sich gegenseitig unterstützten; Pompeius überließ nach der
+Katastrophe von Aduatuca im Winter 700 (54) eine seiner auf Urlaub entlassenen
+italienischen Legionen leihweise an Caesar; andererseits gewährte Caesar
+Pompeius seine Einwilligung und seine moralische Unterstützung bei den
+Repressivmaßregeln, die dieser gegen die störrige republikanische Opposition
+ergriff. Erst nachdem Pompeius auf diesem Wege im Anfang des Jahres 702 (52)
+sich das ungeteilte Konsulat und einen durchaus den Caesars überwiegenden
+Einfluß in der Hauptstadt verschafft und die sämtliche waffenfähige Mannschaft
+in Italien den Soldateneid in seine Hände und auf seinen Namen abgeleistet
+hatte, faßte er den Entschluß, baldmöglichst mit Caesar förmlich zu brechen;
+und die Absicht trat auch klar genug hervor. Daß die nach dem Auflauf auf der
+Appischen Straße stattfindende gerichtliche Verfolgung eben Caesars alte
+demokratische Parteigenossen mit schonungsloser Härte traf, konnte vielleicht
+noch als bloße Ungeschicklichkeit hingehen. Daß das neue Gesetz gegen die
+Wahlumtriebe, indem es bis 684 (70) zurückgriff, auch die bedenklichen Vorgänge
+bei Caesars Bewerbung um das Konsulat miteinschloß, mochte gleichfalls nicht
+mehr sein, obgleich nicht wenige Caesarianer darin eine bestimmte Absicht zu
+erkennen meinten. Aber auch bei dem besten Willen konnte man nicht mehr die
+Augen verschließen, als Pompeius sich zum Kollegen im Konsulat nicht seinen
+früheren Schwiegervater Caesar erkor, wie es der Lage des Sache entsprach und
+vielfach gefordert ward, sondern in seinem neuen Schwiegervater Scipio sich
+einen von ihm völlig abhängigen Figuranten an die Seite setzte; noch weniger,
+als Pompeius sich gleichzeitig die Statthalterschaft beider Spanien auf weitere
+fünf Jahre, also bis 709 (45) verlängern und für die Besoldung seiner Truppen
+sich aus der Staatskasse eine ansehnliche feste Summe auswerfen ließ, nicht
+nur, ohne für Caesar die gleiche Verlängerung des Kommandos und die gleiche
+Geldbewilligung zu bedingen, sondern sogar durch die gleichzeitig ergangenen
+neuen Regulative über die Besetzung der Statthalterschaften von weitem
+hinarbeitend auf eine Abberufung Caesars vor dem früher verabredeten Termin.
+Unverkennbar waren diese Übergriffe darauf berechnet, Caesars Stellung zu
+untergraben und demnächst ihn zu stürzen. Der Augenblick konnte nicht günstiger
+sein. Nur darum hatte Caesar in Luca Pompeius so viel eingeräumt, weil Crassus
+und dessen syrische Armee bei einem etwaigen Bruch mit Pompeius notwendig in
+Caesars Waagschale fielen; denn auf Crassus, der seit der sullanischen Zeit mit
+Pompeius aufs tiefste verfeindet und fast ebensolange mit Caesar politisch und
+persönlich verbündet war, und der nach seiner Eigentümlichkeit allenfalls, wenn
+er nicht selbst König von Rom werden konnte, auch damit sich begnügt haben
+würde, des neuen Königs von Rom Bankier zu sein, durfte Caesar überhaupt zählen
+und auf keinen Fall besorgen, ihn sich gegenüber als Verbündeten seiner Feinde
+zu erblicken. Die Katastrophe von Juni 791 (53), in der Heer und Feldherr in
+Syrien zu Grunde gingen, war darum auch für Caesar ein furchtbar schwerer
+Schlag. Wenige Monate später loderte in Gallien, ebenda es vollständig
+unterworfen schien, die nationale Insurrektion gewaltiger empor als je und trat
+zum erstenmal hier gegen Caesar ein ebenbürtiger Gegner in dem Arvernerkönig
+Vercingetorix auf. Wieder einmal hatte das Geschick für Pompeius gearbeitet:
+Crassus war tot, ganz Gallien im Aufstand, Pompeius faktisch Diktator von Rom
+und Herr des Senats - was hätte kommen mögen, wenn er jetzt, statt in weite
+Ferne hinein gegen Caesar zu intrigieren, kurzweg die Bürgerschaft oder den
+Senat zwang, Caesar sofort aus Gallien abzurufen!
+</p>
+
+<p>
+Aber Pompeius hat es nie verstanden, das Glück bei der Locke zu fassen. Er
+kündigte den Bruch deutlich genug an; bereits 702 (52) ließen seine Handlungen
+darüber keinen Zweifel und schon im Frühjahr 703 (51) sprach er seine Absicht,
+mit Caesar zu brechen, unverhohlen aus; aber er brach nicht und ließ ungenutzt
+die Monate verstreichen.
+</p>
+
+<p>
+Indes wie auch Pompeius zögerte, die Krise rückte doch durch das Schwergewicht
+der Dinge selbst unaufhaltsam heran. Der bevorstehende Krieg war nicht etwa ein
+Kampf zwischen Republik und Monarchie - die Entscheidung darüber war bereits
+vor Jahren gefallen -, sondern ein Kampf um den Besitz der Krone Roms zwischen
+Pompeius und Caesar. Aber keiner der Prätendenten fand seine Rechnung dabei,
+die rechte Parole auszusprechen; er hätte damit den ganzen sehr ansehnlichen
+Teil der Bürgerschaft, der den Fortbestand der Republik wünschte und an dessen
+Möglichkeit glaubte, dem Gegner geradezu ins Lager getrieben. Die alten
+Schlachtrufe, wie sie Gracchus und Drusus, Cinna und Sulla angestimmt hatten,
+wie verbraucht und inhaltlos sie waren, blieben immer noch gut genug zum
+Feldgeschrei für den Kampf der beiden um die Alleinherrschaft ringenden
+Generale; und wenn auch für den Augenblick sowohl Pompeius wie Caesar offiziell
+sich zu der sogenannten Popularpartei rechneten, so konnte es doch keinen
+Augenblick zweifelhaft sein, daß Caesar das Volk und den demokratischen
+Fortschritt, Pompeius die Aristokratie und die legitime Verfassung auf sein
+Panier schreiben werde. Caesar hatte keine Wahl. Er war von Haus aus und sehr
+ernstlich Demokrat, die Monarchie, wie er sie verstand, mehr äußerlich als im
+Wesen selbst von dem gracchischen Volksregiment verschieden; und er war ein zu
+hochsinniger und zu tiefer Staatsmann, um seine Farbe zu decken und unter einem
+anderen als seinem eigenen Wappen zu fechten. Der unmittelbare Nutzen freilich,
+den dies Feldgeschrei ihm brachte, war gering; er beschränkte in der Hauptsache
+sich darauf, daß er dadurch der Unbequemlichkeit überhoben ward, das Königtum
+beim Namen zu nennen und mit dem verfemten Worte die Masse der Lauen und die
+eigenen Anhänger zu konsternieren. Positiven Gewinn trug die demokratische
+Fahne kaum noch ein, seit die gracchischen Ideale durch Clodius schändlich und
+lächerlich geworden waren; denn wo gab es jetzt, abgesehen etwa von den
+Transpadanern, einen Kreis von irgendwelcher Bedeutung, der durch die
+Schlachtrufe der Demokratie zur Teilnahme an dem Kampfe sich hätte bestimmen
+lassen?
+</p>
+
+<p>
+Damit wäre auch Pompeius&rsquo; Rolle in dem bevorstehenden Kampf entschieden
+gewesen, wenn nicht ohnehin schon es sich von selbst verstanden hätte, daß er
+in denselben eintreten wußte als der Feldherr der legitimen Republik. Ihn
+hatte, wenn je einen, die Natur zum Glied einer Aristokratie bestimmt, und nur
+sehr zufällige und sehr egoistische Motive hatten ihn als Überläufer aus dem
+aristokratischen in das demokratische Lager geführt. Daß er jetzt wieder auf
+seine sullanischen Traditionen zurückkam, war nicht bloß sachgemäß, sondern in
+jeder Beziehung von wesentlichem Nutzen. So verbraucht das demokratische
+Feldgeschrei war, von so gewaltiger Wirkung wußte das konservative sein, wenn
+es von dem rechten Mann ausging. Vielleicht die Majorität, auf jeden Fall der
+Kern der Bürgerschaft, gehörte der verfassungstreuen Partei an, und ihrer
+numerischen und moralischen Stärke nach war dieselbe wohl berufen, in dem
+bevorstehenden Prätendentenkampf in mächtiger, vielleicht in entscheidender
+Weise zu intervenieren. Es fehlte ihr nichts als ein Führer. Marcus Cato, ihr
+gegenwärtiges Haupt, tat als Vormann seine Schuldigkeit, wie er sie verstand,
+unter täglicher Lebensgefahr und vielleicht ohne Hoffnung auf Erfolg; seine
+Pflichttreue ist achtbar, aber der letzte auf einem verlorenen Posten zu sein,
+ist Soldaten-, nicht Feldherrnlob. Die gewaltige Reserve, die der Partei der
+gestürzten Regierung wie von selber in Italien erwachsen war, wußte er weder zu
+organisieren noch rechtzeitig in den Kampf zu ziehen; und, worauf am Ende alles
+ankam, die militärische Führung hat er aus guten Gründen niemals in Anspruch
+genommen. Wenn anstatt dieses Mannes, der weder Parteihaupt noch General zu
+sein verstand, ein Mann von Pompeius&rsquo; politischer und militärischer
+Bedeutung das Banner der bestehenden Verfassung erhob, so strömten notwendig
+die Munizipalen Italiens haufenweise demselben zu, um darunter, zwar nicht für
+den König Pompeius, aber doch gegen den König Caesar fechten zu helfen. Hierzu
+kam ein anderes, wenigstens ebenso wichtiges Moment. Es war Pompeius&rsquo;
+Art, selbst wenn er sich entschlossen hatte, nicht den Weg zur Ausführung
+seines Entschlusses finden zu können. Wenn er den Krieg vielleicht zu führen,
+aber gewiß nicht zu erklären verstand, so war die catonische Partei sicher
+unfähig, ihn zu führen, aber sehr fähig und vor allem sehr bereit gegen die in
+der Gründung begriffene Monarchie den Krieg zu motivieren. Nach Pompeius&rsquo;
+Absicht sollte, während er selbst sich beiseite hielt und in seiner Art bald
+davon redete demnächst in seine spanischen Provinzen abgehen zu wollen, bald
+zur Übernahme des Kommandos am Euphrat sich reisefertig machte, die legitime
+Regierungsbehörde, das heißt der Senat, mit Caesar brechen, ihm den Krieg
+erklären und mit dessen Führung Pompeius beauftragen, der dann, dem allgemeinen
+Verlangen nachgebend, als Beschützer der Verfassung gegen
+demagogisch-monarchische Wühlereien, als rechtlicher Mann und Soldat der
+bestehenden Ordnung gegen die Wüstlinge und Anarchisten, als wohlbestallter
+Feldherr der Kurie gegen den Imperator von der Gasse aufzutreten und wieder
+einmal das Vaterland zu retten gedachte. Also gewann Pompeius durch die Allianz
+mit den Konservativen, teils zu seinen persönlichen Anhängern eine zweite
+Armee, teils ein angemessenes Kriegsmanifest - Vorteile, die allerdings erkauft
+wurden um den hohen Preis des Zusammengehens mit prinzipiellen Gegnern. Von den
+unzähligen Übelständen, die in dieser Koalition lagen, entwickelte sich
+vorläufig nur erst der eine, aber bereits sehr ernste, daß Pompeius es aus der
+Hand gab, wann und wie es ihm gefiel, gegen Caesar loszuschlagen, und in diesem
+entscheidenden Punkte sich abhängig machte von allen Zufälligkeiten und Launen
+einer aristokratischen Korporation.
+</p>
+
+<p>
+So ward also die republikanische Opposition, nachdem sie sich Jahre lang mit
+der Zuschauerrolle hatte begnügen müssen und kaum hatte wagen dürfen zu
+pfeifen, jetzt durch den bevorstehenden Bruch der Machthaber wieder auf die
+politische Schaubühne zurückgeführt. Es war dies zunächst der Kreis, der in
+Cato seinen Mittelpunkt fand, diejenigen Republikaner, die den Kampf für die
+Republik und gegen die Monarchie unter allen Umständen und je eher desto lieber
+zu wagen entschlossen waren. Der klägliche Ausgang des im Jahre 698 (56)
+gemachten Versuchs hatte sie belehrt, daß sie für sich allein den Krieg weder
+zu führen noch auch nur hervorzurufen imstande waren; männiglich war es
+bekannt, daß selbst in dem Senat zwar die ganze Körperschaft mit wenigen
+vereinzelten Ausnahmen der Monarchie abgeneigt war, allein die Majorität doch
+das oligarchische Regiment nur dann restaurieren wollte, wenn es ohne Gefahr
+sich restaurieren ließ, womit es denn freilich gute Weile hatte. Gegenüber
+einesteils den Machthabern, andernteils dieser schlaffen Majorität, die vor
+allen Dingen und um jeden Preis Frieden verlangte und jedem entschiedenen
+Handeln, am meisten einem entschiedenen Bruch mit dem einen oder dem anderen
+der Machthaber abgeneigt war, lag für die Catonische Partei die einzige
+Möglichkeit, zu einer Restauration des alten Regiments zu gelangen, in der
+Koalition mit dem minder gefährlichen der Herrscher. Wenn Pompeius sich zu der
+oligarchischen Verfassung bekannte und für sie gegen Caesar zu streiten sich
+erbot, so konnte und mußte die republikanische Opposition ihn als ihren
+Feldherrn anerkennen und mit ihm im Bunde die furchtsame Majorität zur
+Kriegserklärung zwingen. Daß es Pompeius mit seiner Verfassungstreue nicht
+voller Ernst war, konnte zwar niemand entgehen; aber halb, wie er in allem war,
+war es ihm doch auch keineswegs so wie Caesar zum deutlichen und sicheren
+Bewußtsein gekommen, daß es das erste Geschäft des neuen Monarchen sein müsse,
+mit dem oligarchischen Gerümpel gründlich und abschließend aufzuräumen. Auf
+alle Fälle bildete der Krieg ein wirklich republikanisches Heer und wirklich
+republikanische Feldherren heran, und es konnte dann, nach dem Siege über
+Caesar, unter günstigeren Aussichten dazu geschritten werden, nicht bloß einen
+der Monarchen, sondern die im Werden begriffene Monarchie selbst zu beseitigen.
+Verzweifelt wie die Sache der Oligarchie stand, war das Anerbieten des
+Pompeius, mit ihr sich zu verbünden, für sie die möglichst günstige Fügung.
+</p>
+
+<p>
+Der Abschluß der Allianz zwischen Pompeius und der catonischen Partei erfolgte
+verhältnismäßig rasch. Schon während Pompeius&rsquo; Diktatur hatte beiderseits
+eine bemerkenswerte Annäherung stattgefunden. Pompeius ganzes Verhalten in der
+Milonischen Krise, seine schroffe Zurückweisung des die Diktatur ihm
+antragenden Pöbels, seine bestimmte Erklärung, nur vom Senat dies Amt annehmen
+zu wollen, seine unnachsichtige Strenge gegen die Ruhestörer jeder Art und
+namentlich gegen die Ultrademokraten, die auffallende Zuvorkommenheit, womit er
+Cato und dessen Gesinnungsgenossen behandelte, schienen ebenso darauf
+berechnet, die Männer der Ordnung zu gewinnen, wie sie für den Demokraten
+Caesar beleidigend waren. Andererseits hatten auch Cato und seine Getreuen den
+Antrag, Pompeius die Diktatur zu übertragen, statt ihn mit gewohntem Rigorismus
+zu bekämpfen, unter unwesentlichen Formänderungen zu dem ihrigen gemacht;
+zunächst aus den Händen des Bibulus und Cato hatte Pompeius das ungeteilte
+Konsulat empfangen. Wenn so schon zu Anfang des Jahres 702 (52) die Catonische
+Partei und Pompeius wenigstens stillschweigend sich verstanden, so durfte das
+Bündnis als förmlich abgeschlossen gelten, als bei den Konsulwahlen für 703
+(51) zwar nicht Cato selbst gewählt ward, aber doch neben einem unbedeutenden
+Manne der Senatsmajorität einer der entschiedensten Anhänger Catos, Marcus
+Claudius Marcellus. Marcellus war kein stürmischer Eiferer und noch weniger ein
+Genie, aber ein charakterfester und strenger Aristokrat, eben der rechte Mann,
+um, wenn mit Caesar der Krieg begonnen werden sollte, denselben zu erklären.
+Wie die Verhältnisse lagen, kann diese nach den unmittelbar vorher gegen die
+republikanische Opposition ergriffenen Repressivmaßregeln so auffallende Wahl
+kaum anders erfolgt sein als mit Einwilligung oder wenigstens unter
+stillschweigender Zulassung des derzeitigen Machthabers von Rom. Langsam und
+schwerfällig, wie er pflegte, aber unverwandt schritt Pompeius auf den Bruch
+zu.
+</p>
+
+<p>
+In Caesars Absicht lag es dagegen nicht, in diesem Augenblicke mit Pompeius
+sich zu überwerfen. Zwar ernstlich und auf die Dauer konnte er die
+Herrschergewalt mit keinem Kollegen teilen wollen, am wenigsten mit einem so
+untergeordneter Art, wie Pompeius war, und ohne Zweifel war er längst
+entschlossen, nach Beendigung der gallischen Eroberung die Alleinherrschaft für
+sich zu nehmen und nötigenfalls mit den Waffen zu erzwingen. Allein ein Mann
+wie Caesar, in dem der Offizier durchaus dem Staatsmann untergeordnet war,
+konnte nicht verkennen, daß die Regulierung des staatlichen Organismus durch
+Waffengewalt denselben in ihren Folgen tief und oft für immer zerrüttet, und
+mußte darum, wenn irgend möglich, die Verwicklung durch friedliche Mittel oder
+wenigstens ohne offenbaren Bürgerkrieg zu lösen suchen. War aber dennoch der
+Bürgerkrieg nicht zu vermeiden, so konnte er doch nicht wünschen, jetzt dazu
+gedrängt zu werden, wo in Gallien der Aufstand des Vercingetorix eben alles
+Erreichte aufs neue in Frage stellte und ihn vom Winter 701/02 (53/52) bis zum
+Winter 702/03 (52/51) unausgesetzt beschäftigte, wo Pompeius und die
+grundsätzlich ihm feindliche Verfassungspartei in Italien geboten. Darum suchte
+er das Verhältnis mit Pompeius und damit den Frieden aufrecht zu halten und,
+wenn irgend möglich, in friedlicher Weise zu dem bereits in Luca ihm
+zugesicherten Konsulat für 706 (48) zu gelangen. Ward er alsdann nach
+abschließender Erledigung der keltischen Angelegenheiten in ordnungsgemäßer
+Weise an die Spitze des Staates gestellt, so konnte er, der dem Staatsmann
+Pompeius noch weit entschiedener überlegen war als dem Feldherrn, wohl darauf
+rechnen, ohne besondere Schwierigkeit diesen in der Kurie und auf dem Forum
+auszumanövrieren. Vielleicht war es möglich, für seinen schwerfälligen,
+unklaren und hoffärtigen Nebenbuhler irgendeine ehrenvolle und einflußreiche
+Stellung zu ermitteln, in der dieser sich zu annullieren zufrieden war; die
+wiederholten Versuche Caesars, sich mit Pompeius verschwägert zu halten,
+mochten darauf abzielen, eine solche Lösung anzubahnen und in der Sukzession
+der aus beider Nebenbuhler Blut herstammenden Sprößlinge die letzte Schlichtung
+des alten Haders herbeizuführen. Die republikanische Opposition blieb dann
+führerlos, also wahrscheinlich ebenfalls ruhig und der Friede ward erhalten.
+Gelang dies nicht und mußten, wie es allerdings wahrscheinlich war, schließlich
+die Waffen entscheiden, so verfügte dann Caesar als Konsul in Rom über die
+gehorsame Senatsmajorität und konnte die Koalition der Pompeianer und der
+Republikaner erschweren, ja vielleicht vereiteln und den Krieg weit
+schicklicher und vorteilhafter führen, als wenn er jetzt als Prokonsul von
+Gallien gegen den Senat und dessen Feldherrn marschieren ließ. Allerdings hing
+das Gelingen dieses Planes davon ab, daß Pompeius gutmütig genug war, jetzt
+noch Caesar zu dem ihm in Luca zugesicherten Konsulat für 706 (48) gelangen zu
+lassen; aber selbst wenn er fehlschlug, war es für Caesar immer noch nützlich,
+die größte Nachgiebigkeit tatsächlich und wiederholt zu dokumentieren. Teils
+ward dadurch Zeit gewonnen, um inzwischen im Keltenland zum Ziele zu kommen,
+teils blieb den Gegnern die gehässige Initiative des Bruches und also des
+Bürgerkriegs, was sowohl der Senatsmajorität und der Partei der materiellen
+Interessen, also auch namentlich den eigenen Soldaten gegenüber für Caesar vom
+größten Belang war.
+</p>
+
+<p>
+Hiernach handelte er. Er rüstete freilich: durch neue Aushebungen im Winter
+702/03 (52/51) stieg die Zahl seiner Legionen, einschließlich der von Pompeius
+entlehnten, auf elf. Aber zugleich billigte er ausdrücklich und öffentlich
+Pompeius&rsquo; Verhalten während der Diktatur und die durch ihn bewirkte
+Wiederherstellung der Ordnung in der Hauptstadt, wies die Warnungen
+geschäftiger Freunde als Verleumdungen zurück, rechnete jeden Tag, um den es
+gelang, die Katastrophe zu verzögern, sich zum Gewinn, übersah, was sich
+übersehen ließ, und ertrug, was ertragen werden konnte, unerschütterlich
+festhaltend nur an der einen und entscheidenden Forderung, daß, wenn mit dem
+Jahre 705 (49) seine Statthalterschaft zu Ende ging, das nach republikanischem
+Staatsrecht zulässige, von seinem Kollegen vertragsmäßig zugestandene zweite
+Konsulat für das Jahr 706 (48) ihm zuteil werde.
+</p>
+
+<p>
+Ebendies wurde das Schlachtfeld des jetzt beginnenden diplomatischen Krieges.
+Wenn Caesar genötigt wurde, entweder sein Statthalteramt vor dem letzten
+Dezember 705 (49) niederzulegen oder die Übernahme des hauptstädtischen Amtes
+über den 1. Januar 706 (48) hinauszuschieben, er also eine Zeitlang zwischen
+Statthalterschaft und Konsulat ohne Amt, folglich der - nach römischem Recht
+nur gegen den amtlosen Mann zulässigen - Kriminalanklage ausgesetzt blieb, so
+hatte, da Cato längst bereit stand, ihn peinlich zu belangen, und da Pompeius
+ein mehr als zweifelhafter Beschützer war, das Publikum guten Grund, ihm in
+diesem Fall das Schicksal Milos zu prophezeien. Um aber jenes zu erreichen, gab
+es für Caesars Gegner ein sehr einfaches Mittel. Nach der bestehenden
+Wahlordnung war jeder Bewerber um das Konsulat verpflichtet, vor der Wahl, also
+ein halbes Jahr vor dem Amtsantritt, sich persönlich bei dem wahlleitenden
+Beamten zu melden und die Einzeichnung seines Namens in die offizielle
+Kandidatenliste zu bewirken. Es mag bei den Verträgen von Luca als
+selbstverständlich angesehen worden sein, daß Caesar von dieser rein formellen
+und sehr oft den Kandidaten erlassenen Verpflichtung dispensiert werde; allein
+das desfällige Dekret war noch nicht ergangen, und da Pompeius jetzt im Besitz
+der Dekretiermaschine war, hing Caesar in dieser Hinsicht von dem guten Willen
+seines Nebenbuhlers ab. Unbegreiflicherweise gab Pompeius diese vollkommen
+sichere Stellung freiwillig auf; mit seiner Einwilligung und während seiner
+Diktatur 702 (52) ward durch ein tribunizisches Gesetz Caesar die persönliche
+Meldung erlassen. Als indes bald darauf die neue Wahlordnung erging, war darin
+die Verpflichtung der Kandidaten, persönlich sich einschreiben zu lassen,
+allgemein wiederholt und keinerlei Ausnahme zu Gunsten der durch ältere
+Volksschlüsse davon Entbundenen hinzugefügt; nach formellem Recht war das zu
+Gunsten Caesars ergangene Privileg durch das jüngere allgemeine Gesetz
+aufgehoben. Caesar beschwerte sich, und die Klausel wurde auch nachgetragen,
+aber nicht durch besonderen Volksschluß bestätigt, so daß diese durch reine
+Interpolation dem schon promulgierten Gesetz eingefügte Bestimmung rechtlich
+nur als eine Nullität angesehen werden konnte. Was also Pompeius einfach hätte
+festhalten können, hatte er vorgezogen erst zu verschenken, sodann
+zurückzunehmen und diese Zurücknahme schließlich in illoyalster Weise zu
+bemänteln.
+</p>
+
+<p>
+Wenn hiermit nur mittelbar auf Verkürzung der Statthalterschaft Caesars
+hingearbeitet ward, so verfolgte dagegen das gleichzeitig ergangene Regulativ
+über die Statthalterschaften dasselbe Ziel geradezu. Die zehn Jahre, auf
+welche, zuletzt durch das von Pompeius selbst in Gemeinschaft mit Crassus
+beantragte Gesetz, Caesar die Statthalterschaft gesichert worden war, liefen
+nach der hierfür üblichen Rechnung vom 1. März 695 (59) bis zum letzten Februar
+705 (49). Da ferner nach der früheren Übung dem Prokonsul oder Proprätor das
+Recht zustand, unmittelbar nach Beendigung seines Konsulats oder seiner Prätur
+in sein Provinzialamt einzutreten, so war Caesars Nachfolger nicht aus den
+städtischen Beamten des Jahres 704 (50), sondern aus denen des Jahres 705 (49)
+zu ernennen und konnte also nicht vor dem 1. Januar 706 (48) eintreten.
+Insofern hatte Caesar auch noch während der letzten zehn Monate des Jahres 705
+(49) ein Anrecht auf das Kommando, nicht auf Grund des Pompeisch-Licinischen
+Gesetzes, aber auf Grund der alten Regel, daß das befristete Kommando auch nach
+Ablauf der Frist bis zum Eintreffen des Nachfolgers fortdauert. Seitdem nun
+aber das neue Regulativ des Jahres 702 (52) nicht die abgehenden, sondern die
+vor fünf Jahren oder länger abgegangenen Konsuln und Prätoren zu den
+Statthalterschaften berief und also zwischen dem bürgerlichen Amt und dem
+Kommando, statt der bisherigen unmittelbaren Aufeinanderfolge, ein Intervall
+vorschrieb, war nichts mehr im Wege, jede gesetzlich erledigte
+Statthalterschaft sofort anderweitig zu besetzen, also in dem gegebenen Falle
+für die gallischen Provinzen den Kommandowechsel statt am 1. Januar 706 (48)
+vielmehr am 1. März 705 (49) herbeizuführen. Pompeius&rsquo; kümmerliche
+Hinterhältigkeit und zögernde Tücke sind in diesen Veranstaltungen in
+merkwürdiger Weise gemischt mit dem knifflichen Formalismus und der
+konstitutionellen Gelehrsamkeit der Verfassungspartei. Jahre zuvor, ehe diese
+staatsrechtlichen Waffen gebraucht werden konnten, legte man sie sich zurecht
+und setzte sich in die Verfassung, teils Caesar vor dem Tage, wo die durch
+Pompeius&rsquo; eigenes Gesetz ihm zugesicherte Frist zu Ende lief, also vom 1.
+März 705 (49) an, durch Sendung der Nachfolger zur Niederlegung des Kommandos
+nötigen, teils die bei den Wahlen für 706 (48) auf ihn lautenden Stimmtafeln
+als nichtige behandeln zu können. Caesar, nicht in der Lage, diese Schachzüge
+zu hindern, schwieg dazu und ließ die Dinge an sich kommen.
+</p>
+
+<p>
+Allgemach rückte denn der verfassungsmäßige Schneckengang weiter. Nach der
+Observanz hatte der Senat über die Statthalterschaften des Jahres 705 (49),
+insofern sie an gewesene Konsuln kamen, zu Anfang des Jahres 703 (51), insofern
+sie an gewesene Prätoren kamen, zu Anfang des Jahres 704 (50) zu beraten; jene
+erstere Beratung gab den ersten Anlaß, die Ernennung von neuen Statthaltern für
+beide Gallien im Senat zur Sprache zu bringen und damit den ersten Anlaß zu
+offener Kollision zwischen der von Pompeius vorgeschobenen Verfassungspartei
+und den Vertretern Caesars im Senat. Der Konsul Marcus Marcellus brachte den
+Antrag ein, den beiden für 705 (49) mit Statthalterschaften auszustattenden
+Konsularen die beiden bisher von dem Prokonsul Gaius Caesar verwalteten vom 1.
+März jenes Jahres an zu überweisen. Die lange zurückgehaltene Erbitterung brach
+im Strom durch die einmal aufgezogene Schleuse; es kam bei diesen
+Unterhandlungen alles zur Sprache, was die Catonianer gegen Caesar im Sinn
+trugen. Für sie stand es fest, daß das durch Ausnahmegesetz dem Prokonsul
+Caesar gestattete Recht, sich abwesend zur Konsulwahl zu melden, durch späteren
+Volksschluß wieder aufgehoben, auch in diesem nicht in gültiger Weise
+vorbehalten sei. Der Senat sollte ihrer Meinung nach diesen Beamten
+veranlassen, da die Unterwerfung Galliens beendigt sei, die ausgedienten
+Soldaten sofort zu verabschieden. Die von Caesar in Oberitalien vorgenommenen
+Bürgerrechtsverleihungen und Koloniegründungen wurden von ihnen als
+verfassungswidrig und nichtig bezeichnet; davon zu weiterer Verdeutlichung
+verhängte Marcellus über einen angesehenen Ratsherrn der Caesarischen Kolonie
+Comum, der, selbst wenn diesem Ort nicht Bürger-, sondern nur latinisches Recht
+zukam, befugt war, das römische Bürgerrecht in Anspruch zu nehmen, die nur
+gegen Nichtbürger zulässige Strafe des Auspeitschens.
+</p>
+
+<p>
+Caesars derzeitige Vertreter, unter denen Gaius Vibius Pansa, der Sohn eines
+von Sulla geächteten Mannes, aber dennoch in die politische Laufbahn gelangt,
+früher Offizier in Caesars Heer und in diesem Jahre Volkstribun, der
+namhafteste war, machten im Senat geltend, daß sowohl der Stand der Dinge in
+Gallien als auch die Billigkeit erfordere, nicht nur Caesar nicht vor der Zeit
+abzurufen, sondern vielmehr ihm das Kommando neben dem Konsulat zu lassen; sie
+wiesen ohne Zweifel darauf hin, daß vor wenigen Jahren Pompeius ganz ebenso die
+spanischen Statthalterschaften mit dem Konsulat vereinigt habe und noch
+gegenwärtig, außer dem wichtigen Oberaufsichtsamt über das hauptstädtische
+Verpflegungswesen, mit dem spanischen Oberkommando das von Italien kumuliere,
+ja dessen sämtliche waffenfähige Mannschaft von ihm eingeschworen und ihres
+Eides noch nicht entbunden sei.
+</p>
+
+<p>
+Der Prozeß fing an sich zu formulieren, aber er kam darum nicht in rascheren
+Gang. Die Majorität des Senats, den Bruch kommen sehend, ließ es Monate lang zu
+keiner beschlußfähigen Sitzung kommen; und wieder andere Monate gingen über
+Pompeius&rsquo; feierlichem Zaudern verloren. Endlich brach dieser das
+Schweigen und stellte sich zwar wie immer in rückhaltiger und unsicherer Weise,
+doch deutlich genug, gegen seinen bisherigen Verbündeten auf die Seite der
+Verfassungspartei. Die Forderung der Caesarianer, ihrem Herrn die Kumulierung
+des Konsulats mit dem Prokonsulat zu gestatten, wies er kurz und schroff von
+der Hand; dies Verlangen, fügte er mit plumper Grobheit hinzu, komme ihm nicht
+besser vor, als wenn der Sohn dem Vater Stockschläge anbiete. Dem Antrag des
+Marcellus stimmte er im Prinzip insofern bei, als auch er erklärte, Caesar den
+unmittelbaren Anschluß des Konsulats an das Prokonsulat nicht erlauben zu
+wollen. Indes ließ er durchblicken, ohne doch hierüber sich bindend zu
+erklären, daß man die Zulassung zu den Wahlen für 706 (48) unter Beseitigung
+der persönlichen Meldung sowie die Fortführung der Statthalterschaft bis zum
+13. November 705 (49) äußersten Falls Caesar vielleicht gestatten werde.
+Zunächst aber willigte der unverbesserliche Zauderer in die Vertagung der
+Nachfolgerernennung bis nach dem letzten Februar 704 (50), was von Caesars
+Wortführern verlangt ward, wahrscheinlich auf Grund einer Klausel des
+Pompeisch-Licinischen Gesetzes, welche vor dem Anfang von Caesars letztem
+Statthalterjahr jede Verhandlung des Senats über die Nachfolgerernennung
+untersagte.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Sinne fielen denn die Beschlüsse des Senats aus (29. September 703
+51). Die Besetzung der gallischen Statthalterschaften ward für den 1. März 704
+(50) auf die Tagesordnung gebracht, schon jetzt aber die Sprengung der Armee
+Caesars, ähnlich wie es einst durch Volksschluß mit dem Heere des Lucullus
+geschehen war, in der Art in die Hand genommen, daß die Veteranen desselben
+veranlaßt wurden, sich wegen ihrer Verabschiedung an den Senat zu wenden.
+Caesars Vertreter bewirkten zwar, soweit sie verfassungsmäßig es konnten, die
+Kassation dieser Beschlüsse durch ihr tribunizisches Veto; allein Pompeius
+sprach sehr bestimmt aus, daß die Beamten verpflichtet seien, dem Staat
+unbedingt zu gehorchen und Interzessionen und ähnliche antiquierte Formalitäten
+hierin nichts ändern würden. Die oligarchische Partei, zu deren Organ Pompeius
+jetzt sich machte, verriet nicht undeutlich die Absicht, nach einem allfälligen
+Siege die Verfassung in ihrem Sinn zu revidieren und alles zu beseitigen, was
+wie Volksfreiheit auch nur aussah; wie sie denn auch, ohne Zweifel aus diesem
+Grunde, es unterließ, bei ihren gegen Caesar gerichteten Angriffen sich
+irgendwie der Komitien zu bedienen. Die Koalition zwischen Pompeius und der
+Verfassungspartei war also förmlich erklärt, auch über Caesar das Urteil
+offenbar bereits gefällt und nur der Termin der Eröffnung verschoben. Die
+Wahlen für das folgende Jahr fielen durchgängig gegen ihn aus.
+</p>
+
+<p>
+Während dieser kriegsvorbereitenden Parteimanöver der Gegner war es Caesar
+gelungen, mit der gallischen Insurrektion fertigzuwerden und in dem ganzen
+unterworfenen Gebiet den Friedensstand herzustellen. Schon im Sommer 703 (51)
+zog er, unter dem schicklichen Vorwand der Grenzverteidigung, aber offenbar zum
+Zeichen dessen, daß die Legionen in Gallien jetzt anfingen entbehrt werden zu
+können, eine derselben nach Norditalien. Er mußte, wenn nicht früher,
+jedenfalls wohl jetzt erkennen, daß es ihm nicht erspart bleiben werde, das
+Schwert gegen seine Mitbürger zu ziehen; allein nichtsdestoweniger suchte er,
+da es höchst wünschenswert war, die Legionen noch eine Zeitlang in dem kaum
+beschwichtigten Gallien zu lassen, auch jetzt noch zu zögern und gab, wohl
+bekannt mit der extremen Friedensliebe der Senatsmajorität, die Hoffnung nicht
+auf, sie ungeachtet des von Pompeius auf sie ausgeübten Druckes von der
+Kriegserklärung noch zurückzuhalten. Selbst große Opfer scheute er nicht, um
+nur für jetzt nicht mit der obersten Regierungsbehörde in offenen Widerspruch
+zu geraten. Als der Senat (Frühling 704 50) auf Betrieb des Pompeius sowohl an
+diesen wie an Caesar das Ansuchen stellte, je eine Legion für den
+bevorstehenden Parthischen Krieg abzugeben, und als in Gemäßheit dieses
+Beschlusses Pompeius die vor mehreren Jahren an Caesar überlassene Legion von
+diesem zurückverlangte, um sie nach Syrien einzuschiffen, kam Caesar der
+zwiefachen Aufforderung nach, da an sich weder die Opportunität dieses
+Senatsbeschlusses noch die Berechtigung der Forderung des Pompeius sich
+bestreiten ließ und Caesar an der Einhaltung der Schranken des Gesetzes und der
+formalen Loyalität mehr gelegen war als an einigen tausend Soldaten mehr. Die
+beiden Legionen kamen ohne Verzug und stellten sich der Regierung zur
+Verfügung, aber statt sie an den Euphrat zu senden, hielt diese sie in Capua
+für Pompeius in Bereitschaft, und das Publikum hatte wieder einmal Gelegenheit,
+Caesars offenkundige Bemühungen, den Bruch abzuwenden, mit der perfiden
+Kriegsvorbereitung der Gegner zu vergleichen.
+</p>
+
+<p>
+Für die Verhandlungen mit dem Senat war es Caesar gelungen, nicht nur den einen
+der beiden Konsuln des Jahres, Lucius Aemilius Paullus, zu erkaufen, sondern
+vor allem den Volkstribun Gaius Curio, wahrscheinlich das eminenteste unter den
+vielen liederlichen Genies dieser Epoche ^2: unübertroffen an vornehmer
+Eleganz, an fließender und geistreicher Rede, an Intrigengeschick und an jener
+Tatkraft, welche bei energisch angelegten, aber verlotterten Charakteren in den
+Pausen des Müßiggangs nur um so mächtiger sich regt; aber auch unübertroffen in
+wüster Wirtschaft, im Borgtalent - man schlug seine Schulden auf 60 Mill.
+Sesterzen (4½ Mill. Taler) an - und in sittlicher wie politischer
+Grundsatzlosigkeit. Schon früher hatte er Caesar sich zu Kauf angetragen und
+war abgewiesen worden: das Talent, das er seitdem in seinen Angriffen auf
+Caesar entwickelt hatte, bestimmte diesen, ihn nachträglich zu erstehen - der
+Preis war hoch, aber die Ware war es wert. Curio hatte in den ersten Monaten
+seines Volkstribunats den unabhängigen Republikaner gespielt und als solcher
+sowohl gegen Caesar wie gegen Pompeius gedonnert. Die anscheinend unparteiische
+Stellung, die dies ihm gab, benutzte er mit seltener Gewandtheit, um, als im
+März 704 (50) der Antrag über die Besetzung der gallischen Statthalterschaften
+für das nächste Jahr aufs neue im Senat zur Verhandlung kam, diesem Beschlusse
+vollständig beizupflichten, aber die gleichzeitige Ausdehnung desselben auch
+auf Pompeius und dessen außerordentliche Kommandos zu verlangen. Seine
+Auseinandersetzung, daß ein verfassungsmäßiger Zustand sich nur durch
+Beseitigung sämtlicher Ausnahmestellungen herbeiführen lasse, daß Pompeius, als
+nur vom Senat mit dem Prokonsulat betraut, noch viel weniger als Caesar
+demselben den Gehorsam verweigern könne, daß die einseitige Beseitigung des
+einen der beiden Generäle die Gefahr für die Verfassung nur steigere, leuchtete
+den politischen Halbweisen wie dem großen Publikum vollkommen ein, und Curios
+Erklärung, daß er jedes einseitige Vorschreiten gegen Caesar durch das
+verfassungsmäßig ihm zustehende Veto zu verhindern gedenke, fand in und außer
+dem Senat vielfach Billigung. Caesar erklärte sich mit Curios Vorschlag sofort
+einverstanden und erbot sich, Statthalterschaft und Kommando jeden Augenblick
+auf Anforderndes Senats niederzulegen, wofern Pompeius das gleiche tue; er
+durfte es, denn ohne sein italisch-spanisches Kommando war Pompeius nicht
+länger furchtbar. Dagegen konnte Pompeius eben deswegen nicht umhin sich zu
+weigern; seine Erwiderung, daß Caesar zuerst niederlegen müsse und er dem
+gegebenen Beispiel bald zu folgen gedenke, befriedigte um so weniger, als er
+nicht einmal einen bestimmten Termin für seinen Rücktritt ansetzte. Wieder
+stockte Monate lang die Entscheidung; Pompeius und die Catonianer, die
+bedenkliche Stimmung der Senatsmajorität erkennend, wagten es nicht, Curios
+Antrag zur Abstimmung zu bringen. Caesar benutzte den Sommer, um den
+Friedensstand in den von ihm eroberten Landschaften zu konstatieren, an der
+Schelde eine große Heerschau über seine Truppen und durch die ihm völlig
+ergebene norditalische Statthalterschaft einen Triumphzug zu halten; der Herbst
+fand ihn in der südlichen Grenzstadt seiner Provinz, in Ravenna. Die nicht
+länger zu verzögernde Abstimmung über Curios Antrag fand endlich statt und
+konstatierte die Niederlage der Partei des Pompeius und Cato in ihrem ganzen
+Umfang. Mit 370 gegen 30 Stimmen beschloß der Senat, daß die Prokonsuln von
+Spanien und Gallien beide aufzufordern seien, ihre Ämter zugleich
+niederzulegen; und mit grenzenlosem Jubel vernahmen die guten Bürger von Rom
+die frohe Botschaft von Curios rettender Tat. Pompeius ward also vom Senat
+nicht minder abberufen als Caesar, und während Caesar bereit stand, dem Befehl
+nachzukommen, verweigerte Pompeius geradezu den Gehorsam. Der vorsitzende
+Konsul Gaius Marcellus, des Marcus Marcellus Vetter und gleich diesem zur
+Catonischen Partei gehörig, hielt der servilen Majorität eine bittere
+Strafpredigt; und ärgerlich war es freilich, so im eigenen Lager geschlagen zu
+werden und geschlagen mittels der Phalanx der Memmen. Aber wo sollte der Sieg
+auch herkommen unter einem Führer, der, statt kurz und bestimmt den Senatoren
+seine Befehle zu diktieren, sich auf seine alten Tage bei einem Professor der
+Redekunst zum zweitenmal in die Lehre begab, um dem jugendfrischen glänzenden
+Talente Curios mit neu aufpolierter Eloquenz zu begegnen?
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^2 homo ingeniosissime nequam (Vell, 2, 48).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die im Senat geschlagene Koalition war in der peinlichsten Lage. Die Catonische
+Fraktion hatte es übernommen, die Dinge zum Bruche zu treiben und den Senat mit
+sich fortzureißen und sah nun in der ärgerlichsten Weise ihr Fahrzeug auf den
+Sandbänken der schlaffen Majorität stranden. Von Pompeius mußten ihre Führer in
+den Konferenzen die bittersten Vorwürfe hören; er wies mit Nachdruck und mit
+vollem Recht auf die Gefahren des Scheinfriedens hin, und wenn es auch nur an
+ihm selber lag den Knoten durch eine rasche Tat zu durchhauen, so wußten seine
+Verbündeten doch sehr wohl, daß sie diese von ihm nimmermehr erwarten durften
+und daß es an ihnen war, wie sie es zugesagt, ein Ende zu machen. Nachdem die
+Vorfechter der Verfassung und des Senatsregiments bereits früher die
+verfassungsmäßigen Rechte der Bürgerschaft und der Volkstribune für inhaltlose
+Formalitäten erklärt hatten, sahen sie sich jetzt in die Notwendigkeit
+versetzt, die verfassungsmäßigen Entscheidungen des Senats selbst in ähnlicher
+Weise zu behandeln und, da die legitime Regierung nicht mit ihrem Willen sich
+wollte retten lassen, sie wider ihren Willen zu erretten. Es war das weder neu
+noch zufällig; in ganz ähnlicher Weise wie jetzt Cato und die Seinen hatten
+auch Sulla und Lucullus jeden im rechten Interesse der Regierung gefaßten
+energischen Entschluß derselben über den Kopf nehmen zu müssen: die
+Verfassungsmaschine war eben vollständig abgenutzt, und wie seit Jahrhunderten
+die Komitien, so jetzt auch der Senat nichts als ein lahmes, aus dem Geleise
+weichendes Rad.
+</p>
+
+<p>
+Es ging die Rede (Oktober 704 50), daß Caesar vier Legionen aus dem Jenseitigen
+in das Diesseitige Gallien gezogen und bei Placentia aufgestellt habe. Obwohl
+diese Truppenverlegung an sich in den Befugnissen des Statthalters lag, Curio
+überdies die vollständige Grundlosigkeit des Gerüchts im Senat handgreiflich
+dartat und die Kurie den Antrag des Konsuls Gaius Marcellus, daraufhin Pompeius
+Marschbefehl gegen Caesar zu erteilen, mit Mehrheit verwarf, so begab sich
+dennoch der genannte Konsul in Verbindung mit den beiden für 705 (49) erwählten
+gleichfalls zur Catonischen Partei gehörigen Konsuln zu Pompeius, und diese
+drei Männer ersuchten kraft eigener Machtvollkommenheit den General, sich an
+die Spitze der beiden bei Capua stehenden Legionen zu stellen und nach Ermessen
+die italische Wehrmannschaft unter die Waffen zu rufen. Eine formwidrigere
+Vollmacht zur Eröffnung des Bürgerkrieges ließ schwer sich denken; allein man
+hatte keine Zeit mehr, auf solche Nebensachen Rücksicht zu nehmen: Pompeius
+nahm sie an. Die Kriegsvorbereitungen, die Aushebungen begannen; um sie
+persönlich zu fördern, verließ Pompeius im Dezember 704 (50) die Hauptstadt.
+</p>
+
+<p>
+Caesar hatte es vollständig erreicht, den Gegnern die Initiative des
+Bürgerkrieges zuzuschieben. Er hatte, während er selber den Rechtsboden
+festhielt, Pompeius gezwungen, den Krieg zu erklären, und ihn zu erklären nicht
+als Vertreter der legitimen Gewalt, sondern als Feldherr einer offenbar
+revolutionären und die Mehrheit terrorisierenden Senatsminorität. Es war dieser
+Erfolg nicht gering anzuschlagen, wenngleich der Instinkt der Massen sich
+keinen Augenblick darüber täuschen konnte und täuschte, daß es in diesem Krieg
+sich um andere Dinge handelte als um formale Rechtsfragen. Nun, wo der Krieg
+erklärt war, lag es in Caesars Interesse, baldmöglichst zum Schlagen zu kommen.
+Die Rüstungen der Gegner waren erst im Beginnen und selbst die Hauptstadt
+unbesetzt. In zehn bis zwölf Tagen konnte daselbst eine den in Oberitalien
+stehenden Truppen Caesars dreifach überlegene Armee beisammen sein; aber noch
+war es nicht unmöglich, Rom unverteidigt zu überrumpeln, ja vielleicht durch
+einen raschen Winterfeldzug ganz Italien einzunehmen und den Gegnern ihre
+besten Hilfsquellen zu verschließen, bevor sie noch dieselben nutzbar zu machen
+vermochten. Der kluge und energische Curio, der nach Niederlegung seines
+Tribunats (9. Dezember 704 50) sofort zu Caesar nach Ravenna gegangen war,
+stellte seinem Meister die Lage der Dinge lebhaft vor, und es bedurfte dessen
+schwerlich, um Caesar zu überzeugen, daß jetzt längeres Zaudern nur schaden
+könne. Allein da er, um nicht den Gegnern Veranlassung zu Beschwerden zu geben,
+nach Ravenna selbst bisher keine Truppen gezogen hatte, konnte er für jetzt
+nichts tun, als seinen sämtlichen Korps den Befehl zum schleunigsten Aufbruch
+zufertigen und mußte warten, bis wenigstens die eine in Oberitalien stehende
+Legion in Ravenna eintraf. Inzwischen sandte er ein Ultimatum nach Rom, das,
+wenn zu nichts anderem, doch dazu nützlich war, daß es durch Nachgiebigkeit bis
+aufs äußerste seine Gegner noch weiter in der öffentlichen Meinung
+kompromittierte und vielleicht sogar, indem er selber zu zaudern schien, sie
+bestimmte, die Rüstungen gegen ihn lässiger zu betreiben. In diesem Ultimatum
+ließ Caesar alle früheren an Pompeius gestellten Gegenforderungen fallen und
+erbot sich seinerseits, bis zu der von dem Senate festgesetzten Frist sowohl
+die Statthalterschaft des Jenseitigen Galliens niederzulegen als auch von den
+zehn ihm eigenen Legionen acht aufzulösen; er erklärte sich befriedigt, wenn
+der Senat ihm entweder die Statthalterschaft des Diesseitigen Galliens und
+Illyriens mit einer oder auch die des Diesseitigen Galliens allein mit zwei
+Legionen, nicht etwa bis zur Übernahme des Konsulats, sondern bis nach
+Beendigung der Konsulwahlen für 706 (48) belasse. Er ging also auf diejenigen
+Vergleichsvorschläge ein, mit denen zu Anfang der Verhandlungen die
+Senatspartei, ja Pompeius selbst erklärt hatten, sich befriedigen zu wollen,
+und zeigte sich bereit, von der Wahl zum Konsulat bis zum Antritt desselben im
+Privatstand zu verharren. Ob es Caesar mit diesen erstaunlichen Zugeständnissen
+Ernst war und er sein Spiel gegen Pompeius selbst bei solchem Vorgeben
+durchführen zu können sich getraute oder ob er darauf rechnete, daß man auf der
+andern Seite bereits zu weit gegangen sei, um in diesen Vergleichsvorschlägen
+mehr zu finden als den Beweis dafür, daß Caesar seine Sache selbst als verloren
+betrachte, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit entscheiden. Die
+Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß Caesar weit eher den Fehler allzukecken
+Spielens als den schlimmeren beging, etwas zu versprechen, was er nicht zu
+halten gesonnen war, und daß, wenn wunderbarerweise seine Vorschläge angenommen
+worden wären, er sein Wort gutgemacht haben würde. Curio übernahm es, seinen
+Herrn noch einmal in der Höhle des Löwen zu vertreten. In drei Tagen durchflog
+er die Straße von Ravenna nach Rom; als die neuen Konsuln Lucius Lentulus und
+Gaius Marcellus der jüngere ^3 zum erstenmal am 1. Januar 705 (49) den Senat
+versammelten, übergab er in voller Sitzung das von dem Feldherrn an den Senat
+gerichtete Schreiben. Die Volkstribune Marcus Antonius, in der Skandalchronik
+der Stadt bekannt als Curios vertrauter Freund und aller seiner Torheiten
+Genosse, aber zugleich auch aus den ägyptischen und gallischen Feldzügen als
+glänzender Reiteroffizier, und Quintus Cassius, Pompeius&rsquo; ehemaliger
+Quästor, welche beide jetzt an Curios Stelle Caesars Sache in Rom führten,
+erzwangen die sofortige Verlesung der Depesche. Die ernsten und klaren Warte,
+in denen Caesar den drohenden Bürgerkrieg, den allgemeinen Wunsch nach Frieden,
+Pompeius&rsquo; Übermut, seine eigene Nachgiebigkeit mit der ganzen
+unwiderstehlichen Macht der Wahrheit darlegte, die Vergleichsvorschläge von
+einer ohne Zweifel seine eigenen Anhänger überraschenden Mäßigung, die
+bestimmte Erklärung, daß hiermit die Hand zum Frieden zum letztenmal geboten
+sei, machten den tiefsten Eindruck. Trotz der Furcht vor den zahlreich in die
+Hauptstadt geströmten Soldaten des Pompeius war die Gesinnung der Majorität
+nicht zweifelhaft; man durfte nicht wagen, sie sich aussprechen zu lassen. Über
+den von Caesar erneuerten Vorschlag, daß beiden Statthaltern zugleich die
+Niederlegung ihres Kommandos aufgegeben werden möge, über alle durch sein
+Schreiben nahegelegten Vergleichsvorschläge und über den von Marcus Caelius
+Rufus und Marcus Calidius gestellten Antrag, Pompeius zur sofortigen Abreise
+nach Spanien zu veranlassen, weigerten sich die Konsuln, wie sie als
+Vorsitzende es durften, die Abstimmung zu eröffnen. Selbst der Antrag eines der
+entschiedensten Gesinnungsgenossen, der nur nicht gegen die militärische Lage
+der Dinge so blind war wie seine Partei, des Marcus Marcellus: die
+Beschlußfassung auszusetzen, bis der italische Landsturm unter Waffen stehe und
+den Senat zu schützen vermöge, durfte nicht zur Abstimmung gebracht werden.
+Pompeius ließ durch sein gewöhnliches Organ Quintus Scipio erklären, daß er
+jetzt oder nie die Sache des Senats aufzunehmen entschlossen sei und sie fallen
+lasse, wenn man noch länger zaudere. Der Konsul Lentulus sprach es unumwunden
+aus, daß es gar auf den Beschluß des Senats nicht mehr ankomme, sondern, wenn
+derselbe bei seiner Servilität verharren sollte, er von sich aus handeln und
+mit seinen mächtigen Freunden das weitere veranlassen werde. So terrorisiert,
+beschloß die Majorität, was ihr befohlen ward: daß Caesar bis zu einem
+bestimmten, nicht fernen Tage das Jenseitige Gallien an Lucius Domitius
+Ahenobarbus, das Diesseitige an Marcus Servilius Nonianus abzugeben und das
+Heer zu entlassen habe, widrigenfalls er als Hochverräter erachtet werde. Als
+die Tribune von Caesars Partei gegen diesen Beschluß ihres Interzessionsrechts
+sich bedienten, wurden sie nicht bloß, wie sie wenigstens behaupteten, in der
+Kurie selbst von Pompeianischen Soldaten mit den Schwertern bedroht und, um ihr
+Leben zu retten, in Sklavenkleidern aus der Hauptstadt zu flüchten gezwungen,
+sondern es behandelte auch der nun hinreichend eingeschüchterte Senat ihr
+formell durchaus verfassungsmäßiges Einschreiten wie einen Revolutionsversuch,
+erklärte das Vaterland in Gefahr und rief in den üblichen Formen die gesamte
+Bürgerschaft unter die Waffen und an die Spitze der Bewaffneten die sämtlichen
+verfassungstreuen Beamten (7. Januar 705 49).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Zu unterscheiden von dem gleichnamigen Konsul des Jahres 704 (SO); dieser
+war ein Vetter, der Konsul des Jahres 705 (49) ein Bruder des Marcus Marcellus,
+Konsul 703 (51).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Nun war es genug. Wie Caesar durch die schutzflehend zu ihm ins Lager
+flüchtenden Tribune von der Aufnahme in Kenntnis gesetzt ward, welche seine
+Vorschläge in der Hauptstadt gefunden hatten, rief er die Soldaten der
+dreizehnten Legion, die inzwischen aus ihren Kantonierungen bei Tergeste
+(Triest) in Ravenna eingetroffen war, zusammen und entwickelte vor ihnen den
+Stand der Dinge. Es war nicht bloß der geniale Herzenskündiger und
+Geisterbeherrscher, dessen glänzende Rede in diesem erschütternden Wendepunkt
+seines und des Weltgeschicks hoch emporleuchtete und flammte; nicht bloß der
+freigebige Heermeister und der sieghafte Feldherr, welcher zu den Soldaten
+sprach, die von ihm selbst unter die Waffen gerufen und seit acht Jahren mit
+immer steigender Begeisterung seinen Fahnen gefolgt waren; es sprach vor allem
+der energische und konsequente Staatsmann, der nun seit neunundzwanzig Jahren
+die Sache der Freiheit in guter und böser Zeit vertreten, für sie den Dolchen
+der Mörder und den Henkern der Aristokratie, den Schwertern der Deutschen und
+den Fluten des unbekannten Ozeans Trotz geboten hatte, ohne je zu weichen und
+zu wanken, der die Sullanische Verfassung zerrissen, das Regiment des Senats
+gestürzt, die wehr- und waffenlose Demokratie in dem Kampfe jenseits der Alpen
+beschildet und bewehrt hatte; und er sprach nicht zu dem clodianischen
+Publikum, dessen republikanischer Enthusiasmus längst zu Asche und Schlacken
+niedergebrannt war, sondern zu den jungen Mannschaften aus den Städten und
+Dörfern Norditaliens, die den mächtigen Gedanken der bürgerlichen Freiheit noch
+frisch und rein empfanden, die noch fähig waren, für Ideale zu fechten und zu
+sterben, die selbst für ihre Landschaft das von der Regierung ihnen versagte
+Bürgerrecht in revolutionärer Weise von Caesar empfangen hatten, die Caesars
+Sturz den Ruten und Beilen abermals preisgab und die die tatsächlichen Beweise
+bereits davon besaßen, wie unerbittlichen Gebrauch die Oligarchie davon gegen
+die Transpadaner zu machen gedachte. Vor solchen Zuhörern legte ein solcher
+Redner die Tatsachen dar: den Dank für die Eroberung Galliens, den der Adel dem
+Feldherrn und dem Heer bereitete, die geringschätzige Beseitigung der Komitien,
+die Terrorisierung des Senats, die heilige Pflicht, das vor einem halben
+Jahrtausend von den Vätern mit den Waffen in der Hand dem Adel abgezwungene
+Volkstribunat mit gewaffneter Hand zu schirmen, den alten Schwur zu halten, den
+jene für sich wie für die Enkel ihrer Enkel geleistet, für die Tribune der
+Gemeinde Mann für Mann einzustehen bis in den Tod. Als dann er, der Führer und
+Feldherr der Popularpartei, die Soldaten des Volkes aufrief, jetzt, nachdem der
+Güteversuch erschöpft, die Nachgiebigkeit an den äußersten Grenzen angelangt
+war, jetzt ihm zu folgen in den letzten, den unvermeidlichen, den
+entscheidenden Kampf gegen den ebenso verhaßten wie verachteten, ebenso
+perfiden wie unfähigen und bis zur Lächerlichkeit unverbesserlichen Adel - da
+war kein Offizier und kein Soldat, der sich zurückgehalten hätte. Der Aufbruch
+war befohlen; an der Spitze seines Vortrabs überschritt Caesar den schmalen
+Bach, der seine Provinz von Italien schied und jenseits dessen die Verfassung
+den Prokonsul von Gallien bannte. Indem er nach neunjähriger Abwesenheit den
+Boden des Vaterlandes wieder betrat, betrat er zugleich die Bahn der
+Revolution. &ldquo;Die Würfel waren geworfen.&rdquo;
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap10"></a>KAPITEL X.<br/>
+Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus</h2>
+
+<p>
+Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also die Waffen
+entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster Alleinherrscher zu sein.
+Sehen wir, wie für die bevorstehende Kriegführung zwischen Caesar und Pompeius
+sich das Machtverhältnis gestellt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Caesars Macht ruhte zunächst auf der völlig unumschränkten Gewalt, deren er
+innerhalb seiner Partei genoß. Wenn die Ideen der Demokratie und der Monarchie
+in ihr zusammenflossen, so war dies nicht die Folge einer zufällig
+eingegangenen und zufällig lösbaren Koalition, sondern es war im tiefsten Wesen
+der Demokratie ohne Repräsentativverfassung begründet, daß Demokratie wie
+Monarchie zugleich ihren höchsten und letzten Ausdruck in Caesar fanden.
+Politisch wie militärisch entschied Caesar durchaus in erster und letzter
+Instanz. In wie hohen Ehren er auch jedes brauchbare Werkzeug hielt, so blieb
+es doch immer Werkzeug: Caesar stand innerhalb seiner Partei ohne Genossen, nur
+umgeben von militärisch-politischen Adjutanten, die in der Regel aus der Armee
+hervorgegangen und als Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und Zweck
+zu fragen, sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in dem
+entscheidenden Augenblick, als der Bürgerkrieg begann, von allen Soldaten und
+Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam verweigert; und es
+bestätigt nur diese Auffassung des Verhältnisses Caesars zu seinen Anhängern,
+daß dieser eine eben von allen der Erste war. Titus Labienus hatte mit Caesar
+alle Drangsale der düsteren catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen
+Siegeslaufbahn geteilt, hatte regelmäßig selbständig befehligt und häufig die
+halbe Armee geführt; er war ohne Frage wie der älteste, tüchtigste und treueste
+unter Caesars Adjutanten, so auch der höchstgestellte und am höchsten geehrte.
+Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den Oberbefehl im Diesseitigen Gallien
+übertragen, um teils diesen Vertrauensposten in sichere Hand zu geben, teils
+zugleich Labienus in seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu fördern. Allein
+ebenhier trat Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim
+Beginn der Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in
+Pompeius&rsquo; Hauptquartier und kämpfte während des ganzen Bürgerkrieges mit
+beispielloser Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn. Wir sind
+weder über Labienus&rsquo; Charakter noch über die einzelnen Umstände seines
+Parteiwechsels genügend unterrichtet; im wesentlichen aber liegt hier sicher
+nichts vor als ein weiterer Beleg dafür, daß der Kriegsfürst weit sicherer auf
+seine Hauptleute als auf seine Marschälle zählen kann. Allem Anschein nach war
+Labienus eine jener Persönlichkeiten, die mit militärischer Brauchbarkeit
+vollständige staatsmännische Unfähigkeit vereinigen und die dann, wenn sie
+unglücklicherweise Politik machen wollen oder müssen, jenen tollen
+Schwindelanfällen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der Napoleonischen
+Marschälle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt. Er mochte wohl sich
+berechtigt halten, als das zweite Haupt der Demokratie neben Caesar zu gelten;
+und daß er mit diesem Anspruch zurückgewiesen ward, wird ihn in das Lager der
+Gegner geführt haben. Es zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des
+Übelstandes, daß Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbständiger
+Adjutanten keine zur Übernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Männer
+in seinem Lager emporkommen ließ, während er doch bei der leicht
+vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegführung durch alle
+Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Männer dringend bedurfte. Allein
+dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste und nur um diesen
+Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs, die Einheit der obersten
+Leitung.
+</p>
+
+<p>
+Die einheitliche Leitung erhielt ihre volle Gewalt durch die Brauchbarkeit der
+Werkzeuge. Hier kam in erster Linie in Betracht die Armee. Sie zählte noch neun
+Legionen Infanterie oder höchstens 50000 Mann, welche aber alle vor dem Feinde
+gestanden und von denen zwei Drittel sämtliche Feldzüge gegen die Kelten
+mitgemacht hatten. Die Reiterei bestand aus deutschen und norischen Söldnern,
+deren Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit in dem Kriege gegen Vercingetorix
+erprobt worden war. Der achtjährige Krieg voll mannigfacher Wechselfälle gegen
+die tapfere, wenn auch militärisch der italischen entschieden nachstehende
+keltische Nation hatte Caesar die Gelegenheit gegeben, seine Armee zu
+organisieren, wie nur er zu organisieren verstand. Alle Brauchbarkeit des
+Soldaten setzt physische Tüchtigkeit voraus: bei Caesars Aushebungen wurde auf
+Stärke und Gewandtheit der Rekruten mehr als auf Vermögen und Moralität
+gesehen. Aber die Leistungsfähigkeit der Armee beruht, wie die einer jeden
+Maschine, vor allen Dingen auf der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegung:
+in der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder Zeit und in der
+Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine selten erreichte
+und wohl nie übertroffene Vollkommenheit. Mut galt natürlich über alles: die
+Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den Korpsgeist anzufachen, so daß die
+Bevorzugung einzelner Soldaten und Abteilungen selbst den Zurückstehenden als
+die notwendige Hierarchie der Tapferkeit erschien, übte Caesar mit unerreichter
+Meisterschaft. Er gewöhnte den Leuten das Fürchten ab, indem er, wo es ohne
+ernste Gefahr geschehen konnte, die Soldaten nicht selten von einem
+bevorstehenden Kampf nicht in Kenntnis setzte, sondern sie unvermutet auf den
+Feind treffen ließ. Aber der Tapferkeit gleich stand der Gehorsam. Der Soldat
+wurde angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach Ursache und Absicht zu
+fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig als Übung in der schweren Kunst
+der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt. Die Disziplin war streng, aber nicht
+peinlich: unnachsichtlich ward sie gehandhabt, wenn der Soldat vor dem Feinde
+stand; zu anderen Zeiten, vor allem nach dem Siege, wurden die Zügel
+nachgelassen, und wenn es dem sonst brauchbaren Soldaten dann beliebte, sich zu
+parfümieren oder mit eleganten Waffen und andern Dingen sich zu putzen, ja
+sogar, wenn er Brutalitäten oder Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art
+sich zu Schulden kommen ließ und nur nicht zunächst die militärischen
+Verhältnisse dadurch berührt wurden, so ging die Narrenteidung wie das
+Verbrechen ihm hin und die desfälligen Klagen der Provinzialen fanden bei dem
+Feldherrn ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloß den Anstiftern,
+sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der rechte Soldat soll nicht
+bloß überhaupt tüchtig, tapfer und gehorsam, sondern er soll dies alles willig,
+ja freiwillig sein; und nur genialen Naturen ist es gegeben, durch Beispiel und
+durch Hoffnung und vor allem durch das Bewußtsein, zweckmäßig gebraucht zu
+werden, die beseelte Maschine, die sie regieren, zum freudigen Dienen zu
+bestimmen. Wenn der Offizier, um von seinen Leuten Tapferkeit zu verlangen,
+selbst mit ihnen der Gefahr ins Auge gesehen haben muß, so hatte Caesar auch
+als Feldherr Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich dem Besten
+ihn gebraucht; an Tätigkeit aber und Strapazen mutete er stets sich selbst weit
+mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafür, daß an den Sieg, der zunächst
+freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch auch für den Soldaten sich
+persönliche Hoffnungen knüpften. Daß er es verstand, die Soldaten für die Sache
+der Demokratie zu begeistern, soweit die prosaisch gewordene Zeit noch
+Begeisterung gestattet, und daß die politische Gleichstellung der
+transpadanischen Landschaft, der Heimat seiner meisten Soldaten, mit dem
+eigentlichen Italien als eines der Kampfziele hingestellt ward, wurde schon
+erwähnt. Es versteht sich, daß daneben auch materielle Prämien nicht fehlten,
+sowohl besondere für hervorragende Waffentaten, wie allgemeine für jeden
+tüchtigen Soldaten; daß die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und für
+den Triumph die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden. Aber
+vor allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in jedem einzelnen
+großen oder kleinen Triebrad des mächtigen Instruments das Gefühl zweckmäßiger
+Verwendung zu erwecken. Der gewöhnliche Mensch ist zum Dienen bestimmt und er
+sträubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn er fühlt, daß ein Meister ihn lenkt.
+Allgegenwärtig und jederzeit ruhte der Adlerblick des Feldherrn auf dem ganzen
+Heer, mit unparteiischer Gerechtigkeit belohnend und bestrafend und der
+Tätigkeit eines jeden die zum Besten aller dienenden Wege weisend, so daß auch
+mit des Geringsten Schweiß und Blut nicht experimentiert oder gespielt, darum
+aber auch, wo es nötig war, unbedingte Hingebung bis in den Tod gefordert ward.
+Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den Einblick zu gestatten, ließ
+Caesar ihn doch genug von dem politischen und militärischen Zusammenhang der
+Dinge ahnen, um als Staatsmann und Feldherr von dem Soldaten erkannt, auch wohl
+idealisiert zu werden. Durchaus behandelte er die Soldaten nicht als
+seinesgleichen, aber als Männer, welche Wahrheit zu fordern berechtigt und zu
+ertragen fähig waren, und die den Versprechungen und Versicherungen des
+Feldherrn Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu vermuten oder auf
+Gerüchte zu horchen; als langjährige Kameraden in Krieg und Sieg, unter denen
+kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem sich nicht in all den
+Feldzügen ein mehr oder minder persönliches Verhältnis zu dem Feldherrn
+gebildet hätte; als gute Genossen, mit denen er zutraulich und mit der ihm
+eigenen heiteren Elastizität schwatzte und verkehrte; als Schutzbefohlene,
+deren Dienste zu vergelten, deren Unbill und Tod zu rächen ihm heilige Pflicht
+war. Vielleicht nie hat es eine Armee gegeben, die so vollkommen war, was die
+Armee sein soll: eine für ihre Zwecke fähige und für ihre Zwecke willige
+Maschine in der Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene Spannkraft
+überträgt. Caesars Soldaten waren und fühlten sich zehnfacher Übermacht
+gewachsen: wobei nicht übersehen werden darf, daß bei der durchaus auf das
+Handgemenge und vornehmlich den Schwertkampf berechneten römischen Taktik der
+geübte römische Soldat dem Neuling in noch weit höherem Grade überlegen war,
+als dies unter den heutigen Verhältnissen der Fall ist ^1. Aber noch mehr als
+durch die überlegene Tapferkeit fühlten die Gegner sich gedemütigt durch die
+unwandelbare und rührende Treue, mit der Caesars Soldaten an ihrem Feldherrn
+hingen. Es ist wohl ohne Beispiel in der Geschichte, daß, als der Feldherr
+seine Soldaten aufrief, ihm in den Bürgerkrieg zu folgen, mit der einzigen,
+schon erwähnten Ausnahme des Labienus kein römischer Offizier und kein
+römischer Soldat ihn im Stich ließ. Die Hoffnungen der Gegner auf eine
+ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmählich wie der frühere Versuch,
+sein Heer wie das des Lucullus auseinander zu sprengen; selbst Labienus
+erschien in Pompeius&rsquo; Lager wohl mit einem Haufen keltischer und
+deutscher Reiter, aber ohne einen einzigen Legionär. Ja die Soldaten, als
+wollten sie zeigen, daß der Krieg ganz ebenso ihre Sache sei wie die des
+Feldherrn, machten unter sich aus, daß sie den Sold, den ihnen Caesar beim
+Ausbruch des Bürgerkrieges zu verdoppeln versprochen hatte, bis zu dessen
+Beendigung dem Feldherrn kreditieren und inzwischen die ärmeren Kameraden aus
+allgemeinen Mitteln unterstützen wollten; überdies rüstete und besoldete jeder
+Unteroffizier einen Reiter aus seiner Tasche.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Ein gefangener Centurio von der zehnten Legion Caesars erklärte dem
+feindlichen Oberfeldherrn daß er bereit sei, es mit zehn von seinen Leuten
+gegen die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell. Afr. 45).
+&ldquo;In der Fechtweise der Alten&rdquo;, urteilt Napoleon I., &ldquo;bestand
+die Schlacht aus lauter Zweikämpfen; in dem Munde des heutigen Soldaten würde
+es Prahlerei sein, was in dem jenes Centurionen nur richtig war.&rdquo; Von dem
+Soldatengeist, der Caesars Armee durchdrang, legen die seinen Memoiren
+angehängten Berichte über den Afrikanischen und den Zweiten Spanischen Krieg,
+von denen jener einen Offizier zweiten Ranges zum Verfasser zu haben scheint,
+dieser ein in jeder Beziehung subalternes Lagerjournal ist, lebendigen Beweis
+ab.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wenn also Caesar das eine hatte, was not tat: unbeschränkte politische und
+militärische Gewalt und eine schlagfertige zuverlässige Armee, so dehnte seine
+Macht verhältnismäßig sich nur über einen sehr beschränkten Raum aus. Sie ruhte
+wesentlich auf der oberitalischen Provinz. Diese Landschaft war nicht bloß die
+am besten bevölkerte unter allen italischen, sondern auch der Sache der
+Demokratie als ihrer eigenen ergeben. Von der daselbst herrschenden Stimmung
+zeugt das Verhalten einer Abteilung Rekruten von Opitergium (Oderzo in der
+Delegation Treviso), die nicht lange nach dem Ausbruch des Krieges in den
+illyrischen Gewässern, auf einem elenden Floß von den feindlichen
+Kriegsschiffen umzingelt, den ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne sich
+zusammenschießen ließen, ohne sich zu ergeben, und, soweit sie den Geschossen
+entgangen waren, in der folgenden Nacht mit eigener Hand sich den Tod gaben.
+Man begreift, was einer solchen Bevölkerung zugemutet werden konnte. Wie sie
+Caesar bereits die Mittel gewährt hatte, seine ursprüngliche Armee mehr als zu
+verdoppeln, so stellten auch nach Ausbruch des Bürgerkrieges zu den sofort
+angeordneten umfassenden Aushebungen die Rekruten zahlreich sich ein. In dem
+eigentlichen Italien dagegen war Caesars Einfluß dem der Gegner nicht entfernt
+zu vergleichen. Wenn er auch durch geschickte Manöver die Catonische Partei ins
+Unrecht zu setzen gewußt und alle, die einen Vorwand wünschten, um mit gutem
+Gewissen entweder neutral zu bleiben, wie die Senatsmajorität, oder seine
+Partei zu ergreifen, wie seine Soldaten und die Transpadaner, von seinem guten
+Recht hinreichend überzeugt hatte, so ließ sich doch die Masse der Bürgerschaft
+natürlich dadurch nicht irren und sah, als der Kommandant von Gallien seine
+Legionen gegen Rom in Bewegung setzte, allen formalen Rechtserörterungen zum
+Trotz, in Cato und Pompeius die Verteidiger der legitimen Republik, in Caesar
+den demokratischen Usurpator. Allgemein erwartete man ferner von dem Neffen des
+Marius, dem Schwiegersöhne des Cinna, dem Verbündeten des Catilina die
+Wiederholung der Marianisch-Cinnanischen Greuel, die Realisierung der von
+Catilina entworfenen Saturnalien der Anarchie; und wenn auch Caesar hierdurch
+allerdings Verbündete gewann, die politischen Flüchtlinge sofort in Masse sich
+ihm zur Verfügung stellten, die verlorenen Leute ihren Erlöser in ihm sahen,
+die niedrigsten Schichten des haupt- und landstädtischen Pöbels auf die Kunde
+von seinem Anmarsch in Gärung gerieten, so waren dies doch von den Freunden,
+die gefährlicher als die Feinde sind. Noch weniger als in Italien hatte Caesar
+in den Provinzen und den Klientelstaaten Einfluß. Das Transalpinische Gallien
+bis zum Rhein und zum Kanal gehorchte ihm zwar, und die Kolonisten von Narbo
+sowie die sonst daselbst ansässigen römischen Bürger waren ihm ergeben; allein
+selbst in der Narbonensischen Provinz hatte die Verfassungspartei zahlreiche
+Anhänger, und nun gar die neueroberten Landschaften waren für Caesar in dem
+bevorstehenden Bürgerkrieg weit mehr eine Last als ein Vorteil, wie er denn aus
+guten Gründen in demselben von dem keltischen Fußvolk gar keinen, von der
+Reiterei nur sparsamen Gebrauch machte. In den übrigen Provinzen und den
+benachbarten, halb oder ganz unabhängigen Staaten hatte Caesar wohl auch
+versucht, sich Rückhalt zu verschaffen, hatte den Fürsten reiche Geschenke
+gespendet, in manchen Städten große Bauten ausführen lassen und in Notfällen
+ihnen finanziellen und militärischen Beistand gewährt; allein im ganzen war
+natürlich damit nicht viel erreicht worden, und die Beziehungen zu den
+deutschen und keltischen Fürsten in den Rhein- und Donaulandschaften,
+namentlich die der Reiterwerbung wegen wichtige zu dem norischen König Voccio
+waren wohl die einzigen derartigen Verhältnisse, die für ihn etwas bedeuten
+mochten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn Caesar also in den Kampf eintrat nur als Kommandant von Gallien, ohne
+andere wesentliche Hilfsmittel als brauchbare Adjutanten, ein treues Heer und
+eine ergebene Provinz, so begann ihn Pompeius als tatsächliches Oberhaupt des
+römischen Gemeinwesens und im Vollbesitz aller der legitimen Regierung des
+großen römischen Reiches zur Verfügung stehenden Hilfsquellen. Allein wenn
+seine Stellung politisch und militärisch weit ansehnlicher war, so war sie
+dagegen auch weit minder klar und fest. Die Einheit der Oberleitung, die aus
+Caesars Stellung sich von selbst und mit Notwendigkeit ergab, war dem Wesen der
+Koalition zuwider; und obwohl Pompeius, zu sehr Soldat, um sich über die
+Unentbehrlichkeit derselben zu täuschen, sie der Koalition aufzuzwingen
+versuchte und sich vom Senat zum alleinigen und unumschränkten Oberfeldherrn zu
+Lande und zur See ernennen ließ, so konnte doch der Senat selbst nicht
+beseitigt und ein überwiegender Einfluß auf die politische, ein gelegentliches
+und darum doppelt schädliches Eingreifen in die militärische Oberleitung ihm
+nicht verwehrt werden. Die Erinnerung an den zwanzigjährigen, auf beiden Seiten
+mit vergifteten Waffen geführten Krieg zwischen Pompeius und der
+Verfassungspartei, das auf beiden Seiten lebhaft vorhandene und mühsam
+verhehlte Bewußtsein, daß die nächste Folge des erfochtenen Sieges der Bruch
+zwischen den Siegern sein werde, die Verachtung, die man gegenseitig und von
+beiden Seiten mit nur zu gutem Grund sich zollte, die unbequeme Anzahl
+angesehener und einflußreicher Männer in den Reihen der Aristokratie und die
+geistige und sittliche Inferiorität fast aller Beteiligten erzeugten überhaupt
+bei den Gegnern Caesars ein widerwilliges und widersetzliches Zusammenwirken,
+das mit dem einträchtigen und geschlossenen Handeln auf der anderen Seite den
+übelsten Kontrast bildet.
+</p>
+
+<p>
+Wenn also alle Nachteile der Koalition unter sich feindlicher Mächte von
+Caesars Gegnern in ungewöhnlichem Maße empfunden wurden, so war doch allerdings
+auch diese Koalition eine sehr ansehnliche Macht. Die See beherrschte sie
+ausschließlich: alle Häfen, alle Kriegsschiffe, alles Flottenmaterial standen
+zu ihrer Verfügung. Die beiden Spanien, gleichsam Pompeius&rsquo; Hausmacht so
+gut wie die beiden Gallien Caesars, waren ihrem Herrn treu anhänglich und in
+den Händen tüchtiger und zuverlässiger Verwalter. Auch in den übrigen
+Provinzen, natürlich mit Ausnahme der beiden Gallien, waren die Statthalter-
+und Kommandantenstellen während der letzten Jahre unter dem Einfluß von
+Pompeius und der Senatsminorität mit sicheren Männern besetzt worden. Durchaus
+und mit großer Entschiedenheit ergriffen die Klientelstaaten Partei gegen
+Caesar und für Pompeius. Die bedeutendsten Fürsten und Städte waren in den
+verschiedenen Abschnitten seiner mannigfaltigen Wirksamkeit zu Pompeius in die
+engsten persönlichen Beziehungen getreten - wie er denn in dem Kriege gegen die
+Marianer der Waffengenosse der Könige von Numidien und Mauretanien gewesen war
+und das Reich des ersteren wiederaufgerichtet hatte; wie er im Mithradatischen
+Kriege außer einer Menge anderer kleinerer geistlicher und weltlicher
+Fürstentümer die Königreiche Bosporus, Armenien und Kappadokien
+wiederhergestellt, das galatische des Deiotarus geschaffen hatte; wie zunächst
+auf seine Veranlassung der Ägyptische Krieg unternommen und durch seinen
+Adjutanten die Lagidenherrschaft neu befestigt worden war. Selbst die Stadt
+Massalia in Caesars eigener Provinz verdankte wohl auch diesem manche
+Vergünstigungen, aber Pompeius vom Sertorianischen Kriege her eine sehr
+ansehnliche Gebietserweiterung, und es stand außerdem die hier regierende
+Oligarchie mit der römischen in einem natürlichen und durch vielfache
+Zwischenbeziehungen befestigten Bunde. Diese persönlichen Rücksichten und
+Verhältnisse sowie die Glorie des Siegers in drei Weltteilen, welche in diesen
+abgelegeneren Teilen des Reiches die des Eroberers von Gallien noch weit
+überstrahlte, schadeten indes hier Caesar vielleicht weniger noch als die
+daselbst nicht unbekannt gebliebenen An- und Absichten des Erben des Gaius
+Gracchus über die Notwendigkeit der Reunion der abhängigen Staaten und die
+Nützlichkeit der Provinzialkolonisationen. Keiner unter den abhängigen Dynasten
+sah von dieser Gefahr sich näher bedroht als König Juba von Numidien. Nicht
+bloß war er vor Jahren, noch bei Lebzeiten seines Vaters Hiempsal, mit Caesar
+persönlich aufs heftigste zusammengeraten, sondern es hatte auch kürzlich
+derselbe Curio, der jetzt unter Caesars Adjutanten fast den ersten Platz
+einnahm, bei der römischen Bürgerschaft den Antrag auf Einziehung des
+Numidischen Reiches gestellt. Sollte endlich es so weit kommen, daß die
+unabhängigen Nachbarstaaten in den römischen Bürgerkrieg eingriffen, so war der
+einzige wirklich mächtige, der der Parther, durch die zwischen Pakoros und
+Bibulus angeknüpfte Verbindung tatsächlich bereits mit der aristokratischen
+Partei alliiert, während Caesar viel zu sehr Römer war, um aus Parteiinteressen
+sich mit den Überwindern seines Freundes Crassus zu verkuppeln.
+</p>
+
+<p>
+Was Italien anlangt, so war, wie schon gesagt, die große Majorität der
+Bürgerschaft Caesar abgeneigt; vor allem natürlich die gesamte Aristokratie mit
+ihrem sehr beträchtlichen Anhang, nicht viel minder aber auch die hohe Finanz,
+die nicht hoffen durfte, bei einer durchgreifenden Reform des Gemeinwesens ihre
+parteiischen Geschworenengerichte und ihr Erpressungsmonopol zu konservieren.
+Ebenso antidemokratisch gesinnt waren die kleinen Kapitalisten, die
+Landgutsbesitzer und überhaupt alle Klassen, die etwas zu verlieren hatten; nur
+daß freilich in diesen Schichten die Sorge um die nächsten Zinstermine und um
+Saaten und Ernten in der Regel jede andere Rücksicht überwog.
+</p>
+
+<p>
+Die Armee, über die Pompeius verfügte, bestand hauptsächlich in den spanischen
+Truppen, sieben krieggewohnten und in jeder Hinsicht zuverlässigen Legionen,
+wozu die weiter in Syrien, Asia, Makedonien, Afrika, Sizilien und sonst
+befindlichen, freilich schwachen und sehr zerstreuten Truppenabteilungen kamen.
+In Italien standen unter den Waffen zunächst nur die zwei von Caesar kürzlich
+abgegebenen Legionen, deren Effektivbestand sich nicht über 7000 Mann belief
+und deren Zuverlässigkeit mehr als zweifelhaft war, da sie, ausgehoben im
+Diesseitigen Gallien und alte Waffengefährten Caesars, über die unfeine
+Intrige, durch die man sie das Lager hatte wechseln machen, in hohem Grade
+mißvergnügt waren und ihres Feldherrn, der die für den Triumph jedem Soldaten
+versprochenen Geschenke ihnen vor ihrem Abmarsch großmütig vorausgezahlt hatte,
+sehnsüchtig gedachten. Allein abgesehen davon, daß die spanischen Truppen mit
+dem Frühjahr entweder auf dem Landweg durch Gallien oder zur See in Italien
+eintreffen konnten, konnten in Italien die Mannschaften der von den Aushebungen
+von 699 (55) noch übrigen drei Legionen sowie das im Jahre 702 (52) in Pflicht
+genommene italische Aufgebot aus dem Urlaub einberufen werden. Mit Einrechnung
+dieser stellte sich die Zahl der Pompeius im ganzen zur Verfügung stehenden
+Truppen, ohne die sieben Legionen in Spanien und die in den andern Provinzen
+zerstreuten zu rechnen, bloß in Italien auf zehn Legionen ^2 oder gegen 60000
+Mann, so daß es eben keine Übertreibung war, wenn Pompeius behauptete, nur mit
+dem Fuße stampfen zu dürfen, um den Boden mit Bewaffneten zu bedecken. Freilich
+bedurfte es wenn auch kurzer, doch einiger Frist, um diese Truppen zu
+mobilisieren; die Anstalten dazu sowie zur Effektuierung der neuen, infolge des
+Ausbruchs des Bürgerkrieges vom Senat angeordneten Aushebungen waren aber auch
+bereits überall im Gange. Unmittelbar nach dem entscheidenden Senatsbeschluß
+(7. Januar 705 49), mitten im tiefen Winter, waren die angesehensten Männer der
+Aristokratie in die verschiedenen Landschaften abgegangen, um die Einberufung
+der Rekruten und die Anfertigung von Waffen zu beschleunigen. Sehr empfindlich
+war der Mangel an Reiterei, da man für diese gewohnt war, sich gänzlich auf die
+Provinzen und namentlich die keltischen Kontingente zu verlassen; um wenigstens
+einen Anfang zu machen, wurden dreihundert Caesar gehörende Gladiatoren aus den
+Fechtschulen von Capua entnommen und beritten gemacht, was indes so allgemeine
+Mißbilligung fand, daß Pompeius diese Truppe wieder auflöste und dafür aus den
+berittenen Hirtensklaven Apuliens 300 Reiter aushob.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^2 Diese Ziffer gab Pompeius selbst an (Caes. civ. 1, 6) und es stimmt damit,
+daß er in Italien etwa 60 Kohorten oder 30000 Mann einbüßte und 25000 nach
+Griechenland überführte (Caes, civ. 3, 10).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+In der Staatskasse war Ebbe wie gewöhnlich; man war beschäftigt, aus den
+Gemeindekassen und selbst den Tempelschätzen der Munizipien den unzureichenden
+Barbestand zu ergänzen.
+</p>
+
+<p>
+Unter diesen Umständen ward zu Anfang Januar 705 (49) der Krieg eröffnet. Von
+marschfähigen Truppen hatte Caesar nicht mehr als eine Legion, 5000 Mann
+Infanterie und 300 Reiter, bei Ravenna, das auf der Chaussee etwa 50 deutsche
+Meilen von Rom entfernt war; Pompeius zwei schwache Legionen, 7000 Mann
+Infanterie und eine geringe Reiterschar, unter Appius Claudius&rsquo; Befehlen
+bei Luceria, von wo man, ebenfalls auf der Chaussee, ungefähr ebensoweit nach
+der Hauptstadt hatte. Die anderen Truppen Caesars, abgesehen von den rohen,
+noch in der Bildung begriffenen Rekrutenabteilungen, standen zur Hälfte an der
+Saône und Loire, zur Hälfte in Belgien, während Pompeius&rsquo; italische
+Reserven bereits von allen Seiten in den Sammelplätzen eintrafen; lange bevor
+auch nur die Spitze der transalpinischen Heerhaufen Caesars in Italien
+einrücken konnte, wußte hier ein weit überlegenes Heer bereit stehen, sie zu
+empfangen. Es schien eine Torheit, mit einem Haufen von der Stärke des
+Catilinarischen und augenblicklich ohne wirksame Reserve angreifend vorzugehen
+gegen eine überlegene und stündlich anwachsende Armee unter einem fähigen
+Feldherrn; allein es war eine Torheit im Geiste Hannibals. Wenn der Anfang des
+Kampfes bis zum Frühjahr sich hinauszog, so ergriffen Pompeius&rsquo; spanische
+Truppen im Transalpinischen, seine italischen im Cisalpinischen Gallien die
+Offensive, und Pompeius, als Taktiker Caesar gewachsen, an Erfahrung ihm
+überlegen, war in einem solchen regelmäßig verlaufenden Feldzug ein furchtbarer
+Gegner. Jetzt ließ er vielleicht, gewohnt, mit überlegenen Massen langsam und
+sicher zu operieren, durch einen durchaus improvisierten Angriff sich
+deroutieren; und was Caesars dreizehnte Legion nach der ernsten Probe des
+gallischen Überfalls und der Januarkampagne im Bellovakerland nicht aus der
+Fassung bringen konnte, die Plötzlichkeit des Krieges und die Mühsal des
+Winterfeldzuges, maßte die Pompeianischen aus alten Caesarischen Soldaten oder
+auch schlecht geübten Rekruten bestehenden und noch in der Bildung begriffenen
+Heerhaufen desorganisieren.
+</p>
+
+<p>
+So rückte denn Caesar in Italien ein ^3. Zwei Chausseen führten damals aus der
+Romagna nach Süden: die Aemilisch-Cassische, die von Bononia über den Apennin
+nach Arretium und Rom, und die Popillisch-Flaminische, die von Ravenna an der
+Küste des Adriatischen Meeres nach Fanum und, dort sich teilend, in westlicher
+Richtung durch den Furlopaß nach Rom, in südlicher nach Ancona und weiter nach
+Apulien lief. Auf der ersteren gelangte Marcus Antonius bis Arretium; auf der
+zweiten drang Caesar selbst vor. Widerstand ward nirgends geleistet: die
+vornehmen Werbeoffiziere waren keine Militärs, die Rekrutenmassen keine
+Soldaten, die Landstädter nur besorgt, nicht in eine Belagerung verwickelt zu
+werden. Als Curio mit 1500 Mann auf Iguvium anrückte, wo ein paar tausend
+umbrische Rekruten unter dem Prätor Quintus Minucius Thermus sich gesammelt
+hatten, suchten, auf die bloße Meldung seines Anmarsches, General und Soldaten
+das Weite; und ähnlich ging es im kleinen überall. Caesar hatte die Wahl,
+entweder gegen Rom, dem seine Reiter in Arretium bereits auf 28 deutsche Meilen
+sich genähert hatten, oder gegen die bei Luceria lagernden Legionen zu
+marschieren. Er wählte das letztere. Die Konsternation der Gegenpartei war
+grenzenlos. Pompeius erhielt die Meldung von Caesars Anmarsch in Rom; er schien
+anfangs die Hauptstadt verteidigen zu wollen, aber als die Nachricht von
+Caesars Einrücken in das Picenische und von seinen ersten Erfolgen daselbst
+einlief, gab er sie auf und befahl die Räumung. Ein panischer Schreck, vermehrt
+durch das falsche Gerücht, daß vor den Toren sich Caesars Reiter gezeigt
+hätten, kam über die vornehme Welt. Die Senatoren, denen angezeigt worden war,
+daß man jeden in der Hauptstadt Zurückbleibenden als Mitschuldigen des Rebellen
+Caesar behandeln werde, strömten scharenweise aus den Toren. Die Konsuln selbst
+hatten so vollständig den Kopf verloren, daß sie nicht einmal die Kassen in
+Sicherheit brachten; als Pompeius sie aufforderte, dies nachzuholen, wozu
+ausreichend Zeit war, ließen sie ihm zurücksagen, daß sie es für sicherer
+hielten, wenn er zuvor Picenum besetze! Man war ratlos; also ward großer
+Kriegsrat in Teanum Sidicinum gehalten (23. Januar), dem Pompeius, Labienus und
+beide Konsuln beiwohnten. Zunächst lagen wieder Vergleichsvorschläge Caesars
+vor: selbst jetzt noch erklärte dieser sich bereit, sein Heer sofort zu
+entlassen, seine Provinzen den ernannten Nachfolgern zu übergeben und sich in
+regelrechter Weise um das Konsulat zu bewerben, wofern Pompeius nach Spanien
+abgehe und Italien entwaffnet werde. Die Antwort war, daß man, wenn Caesar
+sogleich in seine Provinz zurückkehre, sich anheischig mache, die Entwaffnung
+Italiens und die Abreise des Pompeius durch einen ordnungsmäßig in der
+Hauptstadt zu fassenden Senatsbeschluß herbeizuführen; was vielleicht nicht
+eine plumpe Prellerei, sondern eine Annahme des Vergleichsvorschlags sein
+sollte, jedenfalls aber der Sache nach das Gegenteil war. Die von Caesar
+gewünschte persönliche Zusammenkunft mit Pompeius lehnte dieser ab und mußte
+sie ablehnen, um nicht durch den Anschein einer neuen Koalition mit Caesar das
+schon rege Mißtrauen der Verfassungspartei noch mehr zu reizen. Die
+Kriegführung anlangend einigte man in Teanum sich dahin, daß Pompeius das
+Kommando der bei Luceria stehenden Truppen, auf denen trotz ihrer
+Unzuverlässigkeit doch alle Hoffnung beruhte, übernehmen, mit diesen in seine
+und Labienus&rsquo; Heimat, in Picenum, einrücken, dort wie einst vor
+fünfunddreißig Jahren den Landsturm persönlich zu den Waffen rufen und an der
+Spitze der treuen picenischen und der kriegsgewohnten, ehemals Caesarischen
+Kohorten versuchen solle, dem Vordringen des Feindes eine Schranke zu setzen.
+Es kam nur darauf an, ob die picenische Landschaft sich so lange hielt, bis
+Pompeius zu ihrer Verteidigung herankam. Bereits war Caesar mit seiner
+wiedervereinigten Armee auf der Küstenstraße über Ancona in dieselbe
+eingedrungen. Auch hier waren die Rüstungen in vollem Gange; gleich in der
+nördlichsten picenischen Stadt Auximum stand ein ansehnlicher Haufe von
+Rekruten unter Publius Attius Varus beisammen; allein auf Ersuchen der
+Munizipalität räumte Varus die Stadt, noch ehe Caesar erschien, und eine
+Handvoll von dessen Soldaten, die den Trupp unweit Auximum einholten,
+zerstreuten ihn vollständig nach kurzem Gefecht - es war das erste in diesem
+Kriege. Ebenso räumten bald darauf Gaius Lucilius Hirrus mit 3000 Mann
+Camerinum, Publius Lentulus Spinther mit 5000 Asculum. Die Pompeius ganz
+ergebenen Mannschaften ließen zum größten Teil Haus und Hof willig im Stich und
+folgten den Führern über die Grenze: die Landschaft selbst aber war schon
+verloren, als der zur vorläufigen Leitung der Verteidigung von Pompeius
+gesandte Offizier Lucius Vibullius Rufus, kein vornehmer Senator, aber ein
+kriegskundiger Militär, daselbst eintraf; er mußte sich begnügen, die
+geretteten etwa 6000 bis 7000 Rekruten den unfähigen Werbeoffizieren abzunehmen
+und sie vorläufig nach dem nächsten Sammelplatz zu führen. Dies war Corfinium,
+der Mittelpunkt der Aushebungen im albensischen, marsischen und pälignischen
+Gebiet; die hier versammelte Rekrutenmasse von beiläufig 15000 Mann war das
+Kontingent der streitbarsten und der zuverlässigsten Landschaften Italiens und
+der Kern des in der Bildung begriffenen Heeres der Verfassungspartei. Als
+Vibullius hier eintraf, war Caesar noch mehrere Tagemärsche zurück; es war
+nichts im Wege, Pompeius&rsquo; Instruktionen gemäß sofort aufzubrechen und die
+geretteten picenischen nebst den in Corfinium gesammelten Rekruten dem
+Hauptheer in Apulien zuzuführen. Allein in Corfinium kommandierte der
+designierte Nachfolger Caesars in der Statthalterschaft des Jenseitigen
+Gallien, Lucius Domitius, einer der borniertesten Starrköpfe der römischen
+Aristokratie; und dieser weigerte sich nicht bloß, Pompeius&rsquo; Befehlen
+Folge zu leisten, sondern verhinderte auch den Vibullius, wenigstens mit der
+picenischen Mannschaft nach Apulien abzurücken. So fest hielt er sich
+überzeugt, daß Pompeius nur aus Eigensinn zaudere und notwendig zum Entsatz
+herbeikommen müsse, daß er kaum sich ernstlich auf die Belagerung gefußt machte
+und nicht einmal die in die umliegenden Städte verlegten Rekrutenhaufen in
+Corfinium zusammenzog. Pompeius aber erschien nicht und aus guten Gründen; denn
+seine beiden unzuverlässigen Legionen konnte er wohl als Rückhalt für den
+picenischen Landsturm verwenden, aber nicht mit ihnen allein Caesar die
+Schlacht anbieten. Dafür kam nach wenigen Tagen Caesar (14. Februar). Zu den
+Truppen desselben war in Picenum die zwölfte und vor Corfinium die achte von
+den transalpinischen Legionen gestoßen, und außerdem wurden teils aus den
+gefangenen oder freiwillig sich stellenden Pompeianischen Mannschaften, teils
+aus den überall sofort ausgehobenen Rekruten drei neue Legionen gebildet, so
+daß Caesar vor Corfinium bereits an der Spitze einer Armee von 40000 Mann, zur
+Hälfte gedienter Leute, stand. Solange Domitius auf Pompeius&rsquo; Eintreffen
+hoffte, ließ er die Stadt verteidigen; als dessen Briefe ihn endlich enttäuscht
+hatten, beschloß er nicht etwa, auf dem verlorenen Posten auszuharren, womit er
+seiner Partei den größten Dienst geleistet haben würde, auch nicht einmal zu
+kapitulieren, sondern, während dem gemeinen Soldaten der Entsatz als nahe
+bevorstehend angekündigt ward, selber mit den vornehmen Offizieren in der
+nächsten Nacht auszureißen. Indes selbst diesen sauberen Plan ins Werk zu
+setzen verstand er nicht. Sein verwirrtes Benehmen verriet ihn. Ein Teil der
+Mannschaften fing an zu meutern: die marsischen Rekruten, die eine solche
+Schändlichkeit ihres Feldherrn nicht für möglich hielten, wollten gegen die
+Meuterer kämpfen; aber auch sie mußten sich widerwillig von der Wahrheit der
+Anschuldigung überzeugen, worauf denn die gesamte Besatzung ihren Stab festnahm
+und ihn, sich und die Stadt an Caesar übergab (20. Februar). Das 3000 Mann
+starke Korps in Alba und 1500 in Tarracina gesammelte Rekruten streckten
+hierauf die Waffen, sowie Caesars Reiterpatrouillen sich zeigten; eine dritte
+Abteilung in Sulmo von 3500 Mann war bereits früher genötigt worden zu
+kapitulieren.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Der Senatsbeschluß war vom 7. Januar; am 18. wußte man schon in Rom seit
+mehreren Tagen, daß Caesar die Grenze überschritten habe (Cic. Att. 7, 10; 9,
+10, 4); der Bote brauchte von Rom nach Ravenna allermindestens drei Tage.
+Danach fällt der Aufbruch um den 12. Januar, welcher nach der gangbaren
+Reduktion dem julianischen 24. November 704 (50) entspricht.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Pompeius hatte Italien verloren gegeben, sowie Caesar Picenum eingenommen
+hatte; nur wollte er die Einschiffung so lange wie möglich verzögern, um von
+den Mannschaften zu retten, was noch zu retten war. Langsam hatte er demnach
+sich nach dem nächsten Hafenplatz Brundisium in Bewegung gesetzt. Hier fanden
+die beiden Legionen von Luceria und was Pompeius in dem menschenleeren Apulien
+an Rekruten in der Eile hatte zusammenraffen können, sowie die von den Konsuln
+und sonstigen Beauftragten in Kompanien ausgehobenen und eiligst nach
+Brundisium geführten Leute sich ein; ebendahin begab sich eine Menge
+politischer Flüchtlinge, unter ihnen die angesehensten Senatoren in Begleitung
+ihrer Familien. Die Einschiffung begann; allein die vorrätigen Fahrzeuge
+genügten nicht, um die ganze Masse, die sich doch noch auf 25000 Köpfe belief,
+auf einmal zu transportieren. Es blieb nichts übrig, als das Heer zu teilen.
+Die größere Hälfte ging vorauf (4. März), mit der kleineren von etwa 10000 Mann
+erwartete Pompeius in Brundisium die Rückkehr der Flotte; denn wie
+wünschenswert für einen etwaigen Versuch, Italien wieder einzunehmen, auch der
+Besitz von Brundisium war, so getraute man sich doch nicht, den Platz auf die
+Dauer gegen Caesar zu halten. Inzwischen traf Caesar vor Brundisium ein; die
+Belagerung begann. Caesar versuchte vor allem, die Hafenmündung durch Dämme und
+schwimmende Brücken zu schließen, um die rückkehrende Flotte auszusperren;
+allein Pompeius ließ die im Hafen liegenden Handelsfahrzeuge armieren und wußte
+die völlige Schließung des Hafens so lange zu verhindern, bis die Flotte
+erschien und die von Pompeius, trotz der Wachsamkeit der Belagerer und der
+feindlichen Gesinnung der Stadtbewohner, mit großer Geschicklichkeit bis auf
+den letzten Mann unbeschädigt aus der Stadt herausgezogenen Truppen aus Caesars
+Bereich nach Griechenland entführte (17. März). An dem Mangel einer Flotte
+scheiterte wie die Belagerung selbst, so auch die weitere Verfolgung.
+</p>
+
+<p>
+In einem zweimonatlichen Feldzug, ohne ein einziges ernstliches Gefecht, hatte
+Caesar eine Armee von zehn Legionen so aufgelöst, daß mit genauer Not die
+kleinere Hälfte derselben in verwirrter Flucht über das Meer entkommen, die
+ganze italische Halbinsel aber mit Einschluß der Hauptstadt nebst der
+Staatskasse und allen daselbst aufgehäuften Vorräten in die Gewalt des Siegers
+geraten war. Nicht ohne Grund klagte die geschlagene Partei über die
+schauerliche Raschheit, Einsicht und Energie des &ldquo;Ungeheuers&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+Indes es ließ sich fragen, ob Caesar durch die Eroberung Italiens mehr gewann
+oder mehr verlor. In militärischer Hinsicht wurden zwar jetzt sehr ansehnliche
+Hilfsquellen nicht bloß den Gegnern entzogen, sondern auch für Caesar flüssig
+gemacht; schon im Frühjahr 705 (49) zählte seine Armee infolge der überall
+angeordneten massenhaften Aushebungen außer den neun alten eine bedeutende
+Anzahl von Rekrutenlegionen. Andererseits aber wurde es jetzt nicht bloß nötig,
+in Italien eine ansehnliche Besatzung zurückzulassen, sondern auch Maßregeln zu
+treffen gegen die von den seemächtigen Gegnern beabsichtigte Sperrung des
+überseeischen Verkehrs und die infolgedessen namentlich der Hauptstadt drohende
+Hungersnot, wodurch Caesars bereits hinreichend verwickelte militärische
+Aufgabe noch weiter sich komplizierte. Finanziell war es allerdings von Belang,
+daß es Caesar geglückt war, der hauptstädtischen Kassenbestände sich zu
+bemächtigen; aber die hauptsächlichsten Einnahmequellen, namentlich die Abgaben
+aus dem Orient, waren doch in den Händen des Feindes und bei den so sehr
+vermehrten Bedürfnissen für das Heer sowie der neuen Verpflichtung, für die
+darbende hauptstädtische Bevölkerung zu sorgen, zerrannen die vorgefundenen
+ansehnlichen Summen so schnell, daß Caesar sich bald genötigt sah, den
+Privatkredit anzusprechen, und, da er unmöglich damit lange sich fristen zu
+können schien, allgemein als die einzig übrig bleibende Aushilfe umfassende
+Konfiskationen erwartet wurden.
+</p>
+
+<p>
+Ernstere Schwierigkeiten noch bereiteten die politischen Verhältnisse, in
+welche Caesar mit der Eroberung Italiens eintrat. Die Besorgnis der besitzenden
+Klassen vor einer anarchischen Umwälzung war allgemein. Feinde und Freunde
+sahen in Caesar einen zweiten Catilina; Pompeius glaubte oder behauptete zu
+glauben, daß Caesar nur durch die Unmöglichkeit, seine Schulden zu bezahlen,
+zum Bürgerkrieg getrieben worden sei. Das war allerdings absurd; aber in der
+Tat waren Caesars Antezedentien nichts weniger als beruhigend und noch weniger
+beruhigend der Hinblick auf das Gefolge, das jetzt ihn umgab. Individuen des
+anbrüchigsten Rufes, stadtkundige Gesellen wie Quintus Hortensius, Gaius Curio,
+Marcus Antonius - dieser der Stiefsohn des auf Ciceros Befehl hingerichteten
+Catilinariers Lentulus - spielten darin die ersten Rollen; die höchsten
+Vertrauensposten wurden an Männer vergeben, die es längst aufgegeben hatten,
+ihre Schulden auch nur zu summieren; man sah Caesarische Beamte Tänzerinnen
+nicht bloß unterhalten - das taten andere auch -, sondern öffentlich in
+Begleitung solcher Dirnen erscheinen. War es ein Wunder, daß auch ernsthafte
+und politisch parteilose Männer Amnestie für alle landflüchtigen Verbrecher,
+Vernichtung der Schuldbücher, umfassende Konfiskations-, Acht- und Mordbefehle
+erwarteten, ja eine Plünderung Roms durch die gallische Soldateska?
+</p>
+
+<p>
+Indes hierin täuschte das &ldquo;Ungeheuer&rdquo; die Erwartungen seiner Feinde
+wie seiner Freunde. Schon wie Caesar die erste italische Stadt Ariminum
+besetzte, untersagte er allen gemeinen Soldaten, sich bewaffnet innerhalb der
+Mauern sehen zu lassen; durchaus und ohne Unterschied, ob sie ihn freundlich
+oder feindlich empfangen hatten, wurden die Landstädte vor jeder Unbill
+geschützt. Als die meuterische Garnison am späten Abend Corfinium übergab,
+verschob er, gegen jede militärische Rücksicht, die Besetzung der Stadt bis zum
+anderen Morgen, einzig, um die Bürgerschaft nicht einem nächtlichen Einmarsch
+seiner erbitterten Soldaten preiszugeben. Von den Gefangenen wurden die
+Gemeinen, als voraussetzlich politisch indifferent, in die eigene Armee
+eingereiht, die Offiziere aber nicht bloß verschont, sondern auch ohne
+Unterschied der Person und ohne Annahme irgendwelcher Zusagen frei entlassen,
+und was sie als Privateigentum in Anspruch nahmen, ohne auch nur die
+Berechtigung der Reklamationen mit Strenge zu untersuchen, ihnen ohne
+Weiterungen verabfolgt. So ward selbst Lucius Domitius behandelt, ja sogar dem
+Labienus das zurückgelassene Geld und Gepäck ins feindliche Lager nachgesandt.
+In der peinlichsten Finanznot wurden dennoch die ungeheuren Güter der
+anwesenden wie der abwesenden Gegner nicht angegriffen; ja Caesar borgte lieber
+bei den Freunden, als daß er auch nur durch Ausschreibung der formell
+zulässigen, aber tatsächlich antiquierten Grundsteuer die Besitzenden gegen
+sich aufgeregt hätte. Nur die Hälfte, und nicht die schwerere, seiner Aufgabe
+betrachtete der Sieger als mit dem Siege gelöst; die Bürgschaft der Dauer sah
+er nach seiner eigenen Äußerung allein in der unbedingten Begnadigung der
+Besiegten und hatte darum auch auf dem ganzen Marsche von Ravenna bis
+Brundisium unablässig die Versuche erneuert, eine persönliche Zusammenkunft mit
+Pompeius und einen erträglichen Vergleich einzuleiten. Aber wenn die
+Aristokratie schon früher von keiner Aussöhnung hatte wissen wollen, so hatte
+die unerwartete und so schimpfliche Emigration ihren Zorn bis zum Wahnsinn
+gesteigert, und das wilde Racheschnauben der Geschlagenen kontrastierte seltsam
+mit der Versöhnlichkeit des Siegers. Die aus dem Emigrantenlager den in Italien
+zurückgebliebenen Freunden regelmäßig zukommenden Mitteilungen flossen über von
+Entwürfen zu Konfiskationen und Proskriptionen, von Epurationsplänen des Senats
+und des Staats, gegen die Sullas Restaurationen Kinderspiel waren und die
+selbst die gemäßigten Parteigenossen mit Entsetzen vernahmen. Die tolle
+Leidenschaft der Ohnmacht, die weise Mäßigung der Macht taten ihre Wirkung. Die
+ganze Masse, der die materiellen Interessen über die politischen gingen, warf
+sich Caesar in die Arme. Die Landstädte vergötterten &ldquo;die
+Rechtschaffenheit, die Mäßigung, die Klugheit&rdquo; des Siegers; und selbst
+die Gegner räumten ein, daß es mit diesen Huldigungen Ernst war. Die hohe
+Finanz, Steuerpächter und Geschworene verspürten nach dem argen Schiffbruch,
+der die Verfassungspartei in Italien betroffen hatte, keine besondere Lust,
+sich weiter denselben Steuermännern anzuvertrauen; die Kapitalien kamen wieder
+zum Vorschein und &ldquo;die reichen Herren begaben sich wieder an ihr
+Tagewerk, die Zinsbücher zu schreiben&rdquo;. Selbst die große Majorität des
+Senats, wenigstens der Zahl nach - denn allerdings befanden sich von den
+vornehmeren und einflußreichen Senatsmitgliedern nur wenige darunter - war,
+trotz der Befehle des Pompeius und der Konsuln, in Italien, zum Teil sogar in
+der Hauptstadt selbst zurückgeblieben und ließ Caesars Regiment sich gefallen.
+Caesars eben in ihrer scheinbaren Überschwenglichkeit wohlberechnete Milde
+erreichte ihren Zweck: die zappelnde Angst der besitzenden Klassen vor der
+drohenden Anarchie wurde einigermaßen beschwichtigt. Wohl war dies für die
+Folgezeit ein unberechenbarer Gewinn; die Abwendung der Anarchie und der fast
+nicht minder gefährlichen Angst vor der Anarchie war die Vorbedingung der
+künftigen Reorganisation des Gemeinwesens. Aber für den Augenblick war diese
+Milde für Caesar gefährlicher als die Erneuerung der cinnanischen und
+catilinarischen Raserei gewesen sein würde; sie verwandelte Feinde nicht in
+Freunde und Freunde in Feinde. Caesars catilinarischer Anhang grollte, daß das
+Morden und Plündern unterblieb; von diesen verwegenen, verzweifelten und zum
+Teil talentvollen Gesellen waren die bedenklichsten Quersprünge zu erwarten.
+Die Republikaner aller Schattierungen dagegen wurden durch die Gnade des
+Überwinders weder bekehrt noch versöhnt. Nach dem Credo der Catonischen Partei
+entband die Pflicht gegen das, was sie Vaterland nannte, von jeder anderen
+Rücksicht; selbst wer Caesar Freiheit und Leben verdankte, blieb befugt und
+verpflichtet, gegen ihn die Waffen zu ergreifen oder doch mindestens gegen ihn
+zu komplottieren. Die minder entschiedenen Fraktionen der Verfassungspartei
+ließen zwar allenfalls sich willig finden, von dem neuen Monarchen Frieden und
+Schutz anzunehmen; aber sie hörten doch darum nicht auf, die Monarchie wie den
+Monarchen von Herzen zu verwünschen. Je offenbarer die Verfassungsänderung
+hervortrat, desto bestimmter kam der großen Majorität der Bürgerschaft, sowohl
+in der politisch lebhaften, aufgeregten Hauptstadt wie in der energischen
+ländlichen und landstädtischen Bevölkerung, ihre republikanische Besinnung zum
+Bewußtsein; insofern berichteten die Verfassungsfreunde in Rom mit Recht an
+ihre Gesinnungsgenossen im Exil, daß daheim alle Klassen und alle Individuen
+pompeianisch gesinnt seien. Die schwierige Stimmung all dieser Kreise wurde
+noch gesteigert durch den moralischen Druck, den die entschiedeneren und
+vornehmeren Gesinnungsgenossen eben als Emigranten auf die Menge der Geringeren
+und Lauen ausübten. Dem ehrlichen Mann schlug über sein Verbleiben in Italien
+das Gewissen; der Halbaristokrat glaubte sich zu den Plebejern zu stellen, wenn
+er nicht mit den Domitiern und den Metellern ins Exil ging und gar, wenn er in
+dem Caesarischen Senat der Nullitäten mitsaß. Die eigene Milde des Siegers gab
+dieser stillen Opposition erhöhte politische Bedeutung: da Caesar nun einmal
+des Terrorismus sich enthielt, so schienen die heimlichen Gegner ihre Abneigung
+gegen sein Regiment ohne viele Gefahr betätigen zu können. Sehr bald machte er
+in dieser Beziehung merkwürdige Erfahrungen mit dem Senat. Caesar hatte den
+Kampf begonnen, um den terrorisierten Senat von seinen Unterdrückern zu
+befreien. Dies war geschehen; er wünschte also von dem Senat die Billigung des
+Geschehenen, die Vollmacht zu weiterer Fortsetzung des Krieges zu erlangen. Zu
+diesem Zwecke beriefen, als Caesar vor der Hauptstadt erschien (Ende März), die
+Volkstribune seiner Partei ihm den Senat (1. April). Die Versammlung war
+ziemlich zahlreich, aber selbst von den in Italien verbliebenen Senatoren waren
+doch die namhaftesten ausgeblieben, sogar der ehemalige Führer der servilen
+Majorität, Marcus Cicero, und Caesars eigener Schwiegervater Lucius Piso; und
+was schlimmer war, auch die Erschienenen waren nicht geneigt, auf Caesars
+Vorschläge einzugehen. Als Caesar von einer Vollmacht zur Fortsetzung des
+Krieges sprach, meinte der eine der zwei einzigen anwesenden Konsulare, Servius
+Sulpicius Rufus, ein urfurchtsamer Mann, der nichts wünschte als einen ruhigen
+Tod in seinem Bette, daß Caesar sich mehr um das Vaterland verdient machen
+werde, wenn er es aufgebe, den Krieg nach Griechenland und Spanien zu tragen.
+Als dann Caesar den Senat ersuchte, wenigstens seine Friedensvorschläge an
+Pompeius zu übermitteln, war man dem an sich zwar nicht entgegen, aber die
+Drohungen der Emigranten gegen die Neutralen hatten diese so in Furcht gesetzt,
+daß niemand sich fand, um die Friedensbotschaft zu übernehmen. An der Abneigung
+der Aristokratie, den Thron des Monarchen errichten zu helfen, und an derselben
+Schlaffheit des hohen Kollegiums, durch die kurz zuvor Caesar Pompeius&rsquo;
+legale Ernennung zum Oberfeldherrn in dem Bürgerkrieg vereitelt hatte,
+scheiterte jetzt auch er mit dem gleichen Verlangen. Andere Hemmungen kamen
+hinzu. Caesar wünschte, um seine Stellung doch irgendwie zu regulieren, zum
+Diktator ernannt zu werden; es geschah nicht, weil ein solcher verfassungsmäßig
+nur von einem der Konsuln bestellt werden konnte und der Versuch, den Konsul
+Lentulus zu kaufen, wozu bei dessen zerrütteten Vermögensverhältnissen wohl
+Aussicht war, dennoch fehlschlug. Der Volkstribun Lucius Metellus ferner legte
+gegen sämtliche Schritte des Prokonsuls Protest ein und machte Miene, die
+Staatskasse, als Caesars Leute kamen, um sie zu leeren, mit seinem Leibe zu
+decken. Caesar konnte in diesem Falle nicht umhin, den Unverletzlichen so
+sänftiglich wie möglich beiseiteschieben zu lassen; übrigens blieb er dabei,
+sich aller Gewaltschritte zu enthalten. Dem Senat erklärte er, ebenwie es kurz
+zuvor die Verfassungspartei getan, daß er zwar gewünscht habe, auf gesetzlichem
+Wege und mit Beihilfe der höchsten Behörde die Verhältnisse zu ordnen; allein
+da diese verweigert werde, könne er ihrer auch entraten. Ohne weiter um den
+Senat und die staatsrechtlichen Formalien sich zu kümmern, übergab er die
+einstweilige Verwaltung der Hauptstadt dem Prätor Marcus Aemilius Lepidus als
+Stadtpräfekten und ordnete für die Verwaltung der ihm gehorchenden Landschaften
+und die Fortsetzung des Krieges das Erforderliche an. Selbst unter dem Getöse
+des Riesenkampfes und neben dem lockenden Klang der verschwenderischen
+Versprechungen Caesars machte es noch tiefen Eindruck auf die hauptstädtische
+Menge, als sie in ihrem freien Rom zum erstenmal den Monarchen als Monarchen
+schalten und die Tür der Staatskasse durch seine Soldaten aufsprengen sah.
+Allein die Zeiten waren nicht mehr, wo Eindrücke und Stimmungen der Masse den
+Gang der Ereignisse bestimmten; die Legionen entschieden und auf einige
+schmerzliche Empfindungen mehr oder weniger kam eben nichts weiter an.
+</p>
+
+<p>
+Caesar eilte, den Krieg wiederaufzunehmen. Seine bisherigen Erfolge verdankte
+er der Offensive, und er gedachte auch ferner, dieselbe festzuhalten. Die Lage
+seines Gegners war seltsam. Nachdem der ursprüngliche Plan, den Feldzug
+zugleich von Italien und Spanien aus in den beiden Gallien offensiv zu führen,
+durch Caesars Angriff vereitelt war, hatte Pompeius nach Spanien zu gehen
+beabsichtigt. Hier hatte er eine sehr starke Stellung. Das Heer zählte sieben
+Legionen; es dienten darin eine große Anzahl von Pompeius&rsquo; Veteranen, und
+die mehrjährigen Kämpfe in den lusitanischen Bergen hatten Soldaten und
+Offiziere gestählt. Unter den Anführern war Marcus Varro zwar nichts als ein
+berühmter Gelehrter und ein getreuer Anhänger; aber Lucius Afranius hatte mit
+Auszeichnung im Orient und in den Alpen gefochten, und Marcus Petreius, der
+Überwinder Catilinas, war ein ebenso unerschrockener wie fähiger Offizier. Wenn
+in der jenseitigen Provinz Caesar noch von seiner Statthalterschaft her
+mancherlei Anhang hatte, so war dagegen die wichtigere Ebroprovinz mit allen
+Banden der Verehrung und der Dankbarkeit an den berühmten General gefesselt,
+der zwanzig Jahre zuvor im Sertorianischen Kriege in ihr das Kommando geführt
+und nach dessen Beendigung sie neu eingerichtet hatte. Pompeius konnte nach der
+italischen Katastrophe offenbar nichts Besseres tun als mit den geretteten
+Heerestrümmern sich dorthin begeben und an der Spitze seiner gesamten Macht
+Caesar entgegentreten. Unglücklicherweise aber hatte er, in der Hoffnung, die
+in Corfinium stehenden Truppen noch retten zu können, so lange in Apulien sich
+verweilt, daß er statt der kampanischen Häfen das nähere Brundisium zum
+Einschiffungsort zu wählen genötigt war. Warum er, Herr der See und Siziliens,
+nicht späterhin auf den ursprünglichen Plan wieder zurück kam, läßt sich nicht
+entscheiden; ob vielleicht die Aristokratie in ihrer kurzsichtigen und
+mißtrauischen Art keine Lust bezeigte, sich den spanischen Truppen und der
+spanischen Bevölkerung anzuvertrauen - genug, Pompeius blieb im Osten und
+Caesar hatte die Wahl, den nächsten Angriff entweder gegen die Armee zu
+richten, die in Griechenland unter Pompeius&rsquo; eigenem Befehl sich
+organisierte, oder gegen die schlagfertige seiner Unterfeldherren in Spanien.
+Er hatte für das letztere sich entschieden und, sowie der italische Feldzug zu
+Ende ging, Maßregeln getroffen, um neun seiner besten Legionen, ferner 6000
+Reiter, teils in den Keltengauen von Caesar einzeln ausgesuchte Leute, teils
+deutsche Söldner, und eine Anzahl iberischer und ligurischer Schützen an der
+unteren Rhone zusammenzuziehen.
+</p>
+
+<p>
+Aber ebenhier waren auch seine Gegner tätig gewesen. Der vom Senat an Caesars
+Stelle zum Statthalter des Jenseitigen Galliens ernannte Lucius Domitius hatte
+von Corfinium aus, sowie Caesar ihn freigegeben, sich mit seinem Gesinde und
+mit Pompeius&rsquo; Vertrauensmann Lucius Vibullius Rufus nach Massalia auf den
+Weg gemacht und in der Tat die Stadt bestimmt, sich für Pompeius zu erklären,
+ja Caesars Truppen den Durchmarsch zu weigern. Von den spanischen Truppen
+blieben die zwei am wenigsten zuverlässigen Legionen unter Varros Oberbefehl in
+der jenseitigen Provinz stehen; dagegen hatten die fünf besten, verstärkt durch
+40000 Mann spanischen Fußvolks, teils keltiberischer Linieninfanterie, teils
+lusitanischer und anderer Leichten, und durch 5000 spanische Reiter, unter
+Afranius und Petreius, den durch Vibullius überbrachten Befehlen des Pompeius
+gemäß sich aufgemacht, um die Pyrenäen dem Feinde zu sperren.
+</p>
+
+<p>
+Hierüber traf Caesar selbst in Gallien ein und entsandte sogleich, da die
+Einleitung der Belagerung von Massalia ihn selber noch zurückhielt, den größten
+Teil seiner an der Rhone versammelten Truppen, sechs Legionen und die Reiterei,
+auf der großen, über Narbo (Narbonne) nach Rhode (Rosas) führenden Chaussee, um
+an den Pyrenäen dem Feinde zuvorzukommen. Es gelang; als Afranius und Petreius
+an den Pässen anlangten, fanden sie dieselben bereits besetzt von den
+Caesarianern und die Linie der Pyrenäen verloren. Sie nahmen darauf zwischen
+diesen und dem Ebro eine Stellung bei Ilerda (Lerida). Diese Stadt liegt vier
+Meilen nördlich vom Ebro an dem rechten Ufer eines Nebenflusses desselben, des
+Sicoris (Segre), über den nur eine einzige solide Brücke unmittelbar bei Ilerda
+führte. Südlich von Ilerda treten die das linke Ufer des Ebro begleitenden
+Gebirge ziemlich nahe an die Stadt hinan; nordwärts erstreckt sich zu beiden
+Seiten des Sicoris ebenes Land, das von dem Hügel, auf welchem die Stadt gebaut
+ist, beherrscht wird. Für eine Armee, die sich mußte belagern lassen, war es
+eine vortreffliche Stellung; aber die Verteidigung Spaniens konnte, nachdem die
+Besetzung der Pyrenäenlinie versäumt war, doch nur hinter dem Ebro ernstlich
+aufgenommen werden, und da weder eine feste Verbindung zwischen Ilerda und dem
+Ebro hergestellt, noch dieser Fluß überbrückt war, so war der Rückzug aus der
+vorläufigen in die wahre Verteidigungsstellung nicht hinreichend gesichert. Die
+Caesarianer setzten sich oberhalb Ilerda in dem Delta fest, das der Fluß
+Sicoris mit dem unterhalb Ilerda mit ihm sich vereinigenden Cinga (Cinca)
+bildet; indes ward es mit dem Angriff erst Ernst, nachdem Caesar im Lager
+eingetroffen war (23. Juni). Unter den Mauern der Stadt ward von beiden Teilen
+gleich erbittert und gleich tapfer mit vielfach wechselndem Erfolg gekämpft;
+ihren Zweck aber: zwischen dem Pompeianischen Lager und der Stadt sich
+festzusetzen und dadurch der Steinbrücke sich zu bemächtigen., erreichten die
+Caesarianer nicht und blieben also für ihre Kommunikation mit Gallien lediglich
+angewiesen auf zwei Brücken, welche sie über den Sicoris und zwar, da der Fluß
+bei Ilerda selbst zu solcher Überbrückung schon zu ansehnlich war, vier bis
+fünf deutsche Meilen weiter oberwärts in der Eile geschlagen hatten. Als dann
+mit der Schneeschmelze die Hochwasser kamen, wurden diese Notbrücken
+weggerissen; und da es an Schiffen fehlte, um die hochangeschwollenen Flüsse zu
+passieren, und unter diesen Umständen an Wiederherstellung der Brücken zunächst
+nicht gedacht werden konnte, so war die Caesarische Armee beschränkt auf den
+schmalen Raum zwischen der Cinca und dem Sicoris, das linke Ufer des Sicoris
+aber und damit die Straße, auf der die Armee mit Gallien und Italien
+kommunizierte, fast unverteidigt den Pompeianern preisgegeben, die den Fluß
+teils auf der Stadtbrücke, teils nach lusitanischer Art auf Schläuchen
+schwimmend passierten. Es war die Zeit kurz vor der Ernte; die alte Frucht war
+fast aufgebraucht, die neue noch nicht eingebracht und der enge Landstreif
+zwischen den beiden Bächen bald ausgezehrt. Im Lager herrschte förmliche
+Hungersnot - der preußische Scheffel Weizen kostete 300 Denare (90 Taler) - und
+brachen bedenkliche Krankheiten aus; dagegen häufte am linken Ufer Proviant und
+die mannigfaltigste Zufuhr sich an, dazu Mannschaften aller Art: Nachschub aus
+Gallien von Reiterei und Schützen, beurlaubte Offiziere und Soldaten,
+heimkehrende Streifscharen, im ganzen eine Masse von 6000 Köpfen, welche von
+den Pompeianern mit überlegener Macht angegriffen und mit großem Verlust in die
+Berge gedrängt wurden, während die Caesarianer am rechten Ufer dem ungleichen
+Gefecht untätig zusehen mußten. Die Verbindungen der Armee waren in den Händen
+der Pompeianer; in Italien blieben die Nachrichten aus Spanien plötzlich aus,
+und die bedenklichen Gerüchte, die dort umzulaufen begannen, waren von der
+Wahrheit nicht allzuweit entfernt. Hätten die Pompeianer ihren Vorteil mit
+einigem Nachdruck verfolgt, so konnte es ihnen nicht fehlen, die auf dem linken
+Ufer des Sicoris zusammengedrängte, kaum widerstandsfähige Masse entweder in
+ihre Gewalt zu bringen oder wenigstens nach Gallien zurückzuwerfen und dies
+Ufer so vollständig zu besetzen, daß ohne ihr Wissen kein Mann den Fluß
+überschritt. Allein beides war versäumt worden; jene Haufen waren wohl mit
+Verlust beiseite gedrängt, aber doch weder vernichtet noch völlig
+zurückgeworfen worden, und die Überschreitung des Flusses zu wehren, überließ
+man wesentlich dem Flusse selbst. Hierauf baute Caesar seinen Plan. Er ließ
+tragbare Kähne von leichtem Holzgestell und Korbgeflecht mit lederner
+Bekleidung, nach dem Muster der im Kanal bei den Briten und später den Sachsen
+üblichen, im Lager anfertigen und sie auf Wagen an den Punkt, wo die Brücken
+gestanden hatten, transportieren. Auf diesen gebrechlichen Nachen wurde das
+andere Ufer erreicht und, da man es unbesetzt fand, ohne große Schwierigkeit
+die Brücke wiederhergestellt; rasch war dann auch die Verbindungsstraße
+freigemacht und die sehnlich erwartete Zufuhr in das Lager geschafft. Caesars
+glücklicher Einfall riß also das Heer aus der ungeheuren Gefahr, in der es
+schwebte. Sofort begann dann Caesars an Tüchtigkeit der feindlichen weit
+überlegene Reiterei, die Landschaft am linken Ufer des Sicoris zu
+durchstreifen; schon traten die ansehnlichsten spanischen Gemeinden zwischen
+den Pyrenäen und dem Ebro, Osca, Tarraco, Dertosa und andere, ja selbst
+einzelne südlich vom Ebro auf Caesars Seite. Durch die Streiftrupps Caesars und
+die Übertritte der benachbarten Gemeinden wurde nun den Pompeianern die Zufuhr
+knapp; sie entschlossen sich endlich zum Rückzug hinter die Ebrolinie und
+gingen eiligst daran, unterhalb der Sicorismündung eine Schiffbrücke über den
+Ebro zu schlagen. Caesar suchte den Gegnern den Rückweg über den Ebro
+abzuschneiden und sie in Ilerda festzuhalten; allein solange die Feinde im
+Besitz der Brücke bei Ilerda blieben und er dort weder Furt noch Brücken in
+seiner Gewalt hatte, durfte er seine Armee nicht auf die beiden Flußufer
+verteilen und konnte Ilerda nicht einschließen. Seine Soldaten schanzten also
+Tag und Nacht, um durch Abzugsgräben den Fluß so viel tiefer zu legen, daß die
+Infanterie ihn durchwaten könne. Aber die Vorbereitungen der Pompeianer, den
+Ebro zu passieren, kamen früher zu Ende als die Anstalten der Caesarianer zur
+Einschließung von Ilerda; als jene nach Vollendung der Schiffbrücke den Marsch
+nach dem Ebro zu am linken Ufer des Sicoris antraten, schienen die
+Ableitungsgräben der Caesarianer dem Feldherrn doch nicht weit genug
+vorgerückt, um die Furt für die Infanterie zu benutzen; nur seine Reiter ließ
+er den Strom passieren und, dem Feinde an die Fersen sich heftend, wenigstens
+ihn aufhalten und schädigen. Allein als Caesars Legionen am grauenden Morgen
+die seit Mitternacht abziehenden feindlichen Kolonnen erblickten, begriffen sie
+mit der instinktmäßigen Sicherheit krieggewohnter Veteranen die strategische
+Bedeutung dieses Rückzugs, der sie nötigte, dem Gegner in ferne, unwegsame und
+von feindlichen Scharen erfüllte Landschaften zu folgen; auf ihre eigene Bitte
+wagte es der Feldherr, auch das Fußvolk in den Fluß zu führen, und obwohl den
+Leuten das Wasser bis an die Schultern ging, ward er doch ohne Unfall
+durchschritten. Es war die höchste Zeit. Wenn die schmale Ebene, welche die
+Stadt Ilerda von den den Ebro einfassenden Gebirgen trennt, einmal
+durchschritten und das Heer der Pompeianer in die Berge eingetreten war, so
+konnte der Rückzug an den Ebro ihnen nicht mehr verwehrt werden. Schon hatten
+dieselben, trotz der beständigen, den Marsch ungemein verzögernden Angriffe der
+feindlichen Reiterei, den Bergen sich bis auf eine Meile genähert, als sie,
+seit Mitternacht auf dem Marsche und unsäglich erschöpft, ihren ursprünglichen
+Plan, die Ebene noch an diesem Tage ganz zu durchschreiten, aufgaben und Lager
+schlugen. Hier holte Caesars Infanterie sie ein und lagerte am Abend und in der
+Nacht ihnen gegenüber, indem der anfänglich beabsichtigte nächtliche
+Weitermarsch von den Pompeianern aus Furcht vor den nächtlichen Angriffen der
+Reiterei wieder aufgegeben ward. Auch am folgenden Tage standen beide Heere
+unbeweglich, nur beschäftigt, die Gegend zu rekognoszieren. Am frühen Morgen
+des dritten brach Caesars Fußvolk auf, um, durch die pfadlosen Berge zur Seite
+der Straße die Stellung der Feinde umgehend, ihnen den Weg zum Ebro zu
+verlegen. Der Zweck des seltsamen Marsches, der anfangs in das Lager vor Ilerda
+sich zurückzuwenden schien, ward von den Pompeianischen Offizieren nicht
+sogleich erkannt. Als sie ihn faßten, opferten sie Lager und Gepäck und rückten
+im Gewaltmarsch auf der Hauptstraße vor, um den Uferkamm vor den Caesarianern
+zu gewinnen. Indes es war bereits zu spät; schon hielten, als sie herankamen,
+auf der großen Straße selbst die geschlossenen Massen des Feindes. Ein
+verzweifelter Versuch der Pompeianer, über die Bergsteile andere Wege zum Ebro
+ausfindig zu machen, ward von Caesars Reiterei vereitelt, welche die dazu
+vorgesandten lusitanischen Truppen umzingelte und zusammenhieb. Wäre es
+zwischen der Pompeianischen Armee, die die feindlichen Reiter im Rücken, das
+Fußvolk von vorne sich gegenüber hatte und gänzlich demoralisiert war, und den
+Caesarianern zu einer Schlacht gekommen, so war deren Ausgang kaum zweifelhaft,
+und die Gelegenheit zum Schlagen bot mehrfach sich dar; aber Caesar machte
+keinen Gebrauch davon und zügelte nicht ohne Mühe die ungeduldige Kampfeslust
+seiner siegesgewissen Soldaten. Die Pompeianische Armee war ohnehin strategisch
+verloren; Caesar vermied es, durch nutzloses Blutvergießen sein Heer zu
+schwächen und die arge Fehde noch weiter zu vergiften. Schon am Tage, nachdem
+es gelungen war, die Pompeianer vom Ebro abzuschneiden, hatten die Soldaten der
+beiden Heere miteinander angefangen zu fraternisieren und wegen der Übergabe zu
+unterhandeln, ja es waren bereits die von den Pompeianern geforderten
+Bedingungen, namentlich Schonung der Offiziere, von Caesar zugestanden worden,
+als Petreius mit seiner aus Sklaven und Spaniern bestehenden Eskorte über die
+Unterhändler zukam und die Caesarianer, deren er habhaft ward, niedermachen
+ließ. Caesar sandte dennoch die zu ihm in das Lager gekommenen Pompeianer
+ungeschädigt zurück und beharrte dabei, eine friedliche Lösung zu suchen.
+Ilerda, wo die Pompeianer noch Besatzung und ansehnliche Magazine hatten, ward
+jetzt das Ziel ihres Marsches; allein vor sich das feindliche Heer und zwischen
+sich und der Festung den Sicoris, marschierten sie, ohne ihrem Ziele näher zu
+kommen. Ihre Reiterei ward allmählich so eingeschüchtert, daß das Fußvolk sie
+in die Mitte nehmen und Legionen in die Nachhut gestellt werden mußten; die
+Beschaffung von Wasser und Fourage ward immer schwieriger; schon mußte man die
+Lasttiere niederstoßen, da man sie nicht ernähren konnte. Endlich fand die
+umherirrende Armee sich förmlich eingeschlossen, den Sicoris im Rücken, vor
+sich das feindliche Heer, das Wall und Graben um sie herumzog. Sie versuchte
+den Fluß zu überschreiten, aber Caesars deutsche Reiter und leichte Infanterie
+kamen in der Besetzung des entgegenstehenden Ufers ihr zuvor. Alle Tapferkeit
+und alle Treue konnten die unvermeidliche Kapitulation nicht länger abwenden
+(2. August 705 49). Caesar gewährte nicht bloß Offizieren und Soldaten Leben
+und Freiheit und sowohl den Besitz der ihnen noch gebliebenen Habe wie auch die
+Zurückgabe der bereits ihnen abgenommenen, deren vollen Wert er selber seinen
+Soldaten zu erstatten übernahm, sondern während er die in Italien gefangenen
+Rekruten zwangsweise in seine Armee eingereiht hatte, ehrte er diese alten
+Legionäre des Pompeius durch die Zusage, daß keiner wider seinen Willen
+genötigt werden solle, in sein Heer einzutreten. Er forderte nur, daß ein jeder
+die Waffen abgebe und sich in seine Heimat verfüge. Demgemäß wurden die aus
+Spanien gebürtigen Soldaten, etwa der dritte Teil der Armee, sogleich, die
+italischen an der Grenze des Jen- und Diesseitigen Galliens verabschiedet.
+</p>
+
+<p>
+Das Diesseitige Spanien fiel mit der Auflösung dieser Armee von selbst in die
+Gewalt des Siegers. Im Jenseitigen, wo Marcus Varro für Pompeius den Oberbefehl
+führte, schien es diesem, als er die Katastrophe von Ilerda erfuhr, das
+rätlichste, sich in die Inselstadt Gades zu werfen und die beträchtlichen
+Summen, die er durch Einziehung der Tempelschätze und der Vermögen angesehener
+Caesarianer zusammengebracht hatte, die nicht unbedeutende von ihm aufgestellte
+Flotte und die ihm anvertrauten zwei Legionen dorthin in Sicherheit zu bringen.
+Allein auf das bloße Gerücht von Caesars Ankunft erklärten die namhaftesten
+Städte der Caesar seit langem anhänglichen Provinz sich für diesen und
+verjagten die Pompeianischen Besatzungen oder bestimmten sie zu gleichem
+Abfall: so Corduba, Carmo und Gades selbst. Auch eine der Legionen brach auf
+eigene Hand nach Hispalis auf und trat mit dieser Stadt zugleich auf Caesars
+Seite. Als endlich selbst Italica dem Varro die Tore sperrte, entschloß dieser
+sich zu kapitulieren.
+</p>
+
+<p>
+Ungefähr gleichzeitig unterwarf sich auch Massalia. Mit seltener Energie hatten
+die Massalioten nicht bloß die Belagerung ertragen, sondern auch die See gegen
+Caesar behauptet; es war ihr heimisches Element und sie durften hoffen, auf
+diesem kräftige Unterstützung von Pompeius zu empfangen, welcher ja das Meer
+ausschließlich beherrschte. Indes Caesars Unterfeldherr, der tüchtige Decimus
+Brutus, derselbe, der über die Veneter den ersten Seesieg im Ozean erfochten
+hatte, wußte rasch eine Flotte herzustellen und, trotz der wackeren Gegenwehr
+der feindlichen, teils aus albiökischen Soldknechten der Massalioten, teils aus
+Hirtensklaven des Domitius bestehenden Flottenmannschaft, durch seine tapferen,
+aus den Legionen auserlesenen Schiffssoldaten die stärkere massaliotische
+Flotte zu überwinden und die größere Hälfte der Schiffe zu versenken oder zu
+erobern. Als dann ein kleines Pompeianisches Geschwader unter Lucius Nasidius
+aus dem Osten über Sizilien und Sardinien im Hafen von Massalia eintraf,
+erneuerten die Massalioten noch einmal ihre Seerüstung und liefen zugleich mit
+den Schiffendes Nasidius gegen Brutus aus. Hätten in dem Treffen, das auf der
+Höhe von Tauroeis (La Ciotat, östlich von Marseille) geschlagen ward, die
+Schiffe des Nasidius mit demselben verzweifelten Mut gestritten, den die
+massaliotischen an diesem Tage bewiesen, so möchte das Ergebnis desselben wohl
+ein verschiedenes gewesen sein; allein die Flucht der Nasidianer entschied den
+Sieg für Brutus und die Trümmer der Pompeianischen Flotte flüchteten nach
+Spanien. Die Belagerten waren von der See vollständig verdrängt. Auf der
+Landseite, wo Gaius Trebonius die Belagerung leitete, ward auch nachher noch
+die entschlossenste Gegenwehr fortgesetzt; allein trotz der häufigen Ausfälle
+der albiökischen Söldner und der geschickten Verwendung der ungeheuren, in der
+Stadt aufgehäuften Geschützvorräte rückten endlich doch die Arbeiten der
+Belagerer bis an die Mauer vor und einer der Türme stürzte zusammen. Die
+Massalioten erklärten, daß sie die Verteidigung aufgäben, aber mit Caesar
+selbst die Kapitulation abzuschließen wünschten, und ersuchten den römischen
+Befehlshaber, bis zu Caesars Ankunft die Belagerungsarbeiten einzustellen.
+Trebonius hatte von Caesar gemessenen Befehl, die Stadt so weit irgend möglich
+zu schonen; er gewährte den erbetenen Waffenstillstand. Allein da die
+Massalioten ihn zu einem tückischen Ausfall benutzten, in dem sie die eine
+Hälfte der fast unbewachten römischen Werke vollständig niederbrannten, begann
+von neuem und mit gesteigerter Erbitterung der Belagerungskampf. Der tüchtige
+Befehlshaber der Römer stellte mit überraschender Schnelligkeit die
+vernichteten Türme und den Damm wieder her; bald waren die Massalioten abermals
+vollständig eingeschlossen. Als Caesar, von der Unterwerfung Spaniens
+zurückkehrend, vor ihrer Stadt ankam, fand er dieselbe teils durch die
+feindlichen Angriffe, teils durch Hunger und Seuchen aufs Äußerste gebracht und
+zum zweitenmal, und diesmal ernstlich, bereit, auf jede Bedingung zu
+kapitulieren. Nur Domitius, der schmählich mißbrauchten Nachsicht des Siegers
+eingedenk, bestieg einen Nachen und schlich sich durch die römische Flotte, um
+für seinen unversöhnlichen Groll ein drittes Schlachtfeld zu suchen. Caesars
+Soldaten hatten geschworen, die ganze männliche Bevölkerung der treubrüchigen
+Stadt über die Klinge springen zu lassen und forderten mit Ungestüm von dem
+Feldherrn das Zeichen zur Plünderung. Allein Caesar, seiner großen Aufgabe, die
+hellenisch-italische Zivilisation im Westen zu begründen auch hier eingedenk,
+ließ sich nicht zwingen, zu der Zerstörung Korinths die Fortsetzung zu liefern.
+Massalia, von jenen einst so zahlreichen freien und seemächtigen Städten der
+alten ionischen Schiffernation die von der Heimat am weitesten entfernte und
+fast die letzte, in der das hellenische Seefahrerleben noch rein und frisch
+sich erhalten hatte, wie denn auch die letzte griechische Stadt, die zur See
+geschlagen hat - Massalia mußte zwar seine Waffen- und Flottenvorräte an den
+Sieger abliefern und verlor einen Teil seines Gebietes und seiner Privilegien,
+aber behielt seine Freiheit und seine Nationalität und blieb, wenn auch
+materiell in geschmälerten Verhältnissen, doch geistig nach wie vor der
+Mittelpunkt der hellenischen Kultur in der fernen, eben jetzt zu neuer
+geschichtlicher Bedeutung gelangenden keltischen Landschaft.
+</p>
+
+<p>
+Während also in den westlichen Landschaften der Krieg nach manchen bedenklichen
+Wechselfällen schließlich sich durchaus zu Caesars Gunsten entschied und
+Spanien und Massalia unterworfen, die feindliche Hauptarmee bis auf den letzten
+Mann gefangengenommen wurde, hatte auch auf dem zweiten Kriegsschauplatze, auf
+welchem Caesar es notwendig gefunden, sofort nach der Eroberung Italiens die
+Offensive zu ergreifen, die Waffenentscheidung stattgefunden.
+</p>
+
+<p>
+Es ward schon gesagt, daß die Pompeianer die Absicht hatten, Italien
+auszuhungern. Die Mittel dazu hatten sie in Händen. Sie beherrschten die See
+durchaus und arbeiteten allerorts, in Gades, Utica, Messana, vor allem im
+Osten, mit großem Eifer an der Vermehrung ihrer Flotte; sie hatten ferner die
+sämtlichen Provinzen inne, aus denen die Hauptstadt ihre Subsistenzmittel zog:
+Sardinien und Korsika durch Marcus Cotta, Sizilien durch Marcus Cato, Afrika
+durch den selbst ernannten Oberfeldherrn Titus Attius Varus und ihren
+Verbündeten, den König Juba von Numidien. Es war für Caesar unumgänglich nötig,
+diese Pläne des Feindes zu durchkreuzen und demselben die Getreideprovinzen zu
+entreißen. Quintus Valerius ward mit einer Legion nach Sardinien gesandt und
+zwang den Pompeianischen Statthalter, die Insel zu räumen. Die wichtigere
+Unternehmung, Sizilien und Afrika dem Feinde abzunehmen, wurde unter Beistand
+des tüchtigen und kriegserfahrenen Gaius Caninius Rebilus dem jungen Gaius
+Curio anvertraut. Sizilien ward von ihm ohne Schwertstreich besetzt; Cato, ohne
+rechte Armee und kein Mann des Degens, räumte die Insel, nachdem er in seiner
+rechtschaffenen Art die Sikelioten vorher gewarnt hatte, sich nicht durch
+unzulänglichen Widerstand nutzlos zu kompromittieren. Curio ließ zur Deckung
+dieser für die Hauptstadt so wichtigen Insel die Hälfte seiner Truppen zurück
+und schiffte sich mit der anderen, zwei Legionen und 500 Reitern, nach Afrika
+ein. Hier durfte er erwarten, ernsteren Widerstand zu finden: außer der
+ansehnlichen und in ihrer Art tüchtigen Armee Jubas hatte der Statthalter Varus
+aus den in Afrika ansässigen Römern zwei Legionen gebildet und auch ein kleines
+Geschwader von zehn Segeln aufgestellt. Mit Hilfe seiner überlegenen Flotte
+bewerkstelligte indes Curio ohne Schwierigkeit die Landung zwischen Hadrumetum,
+wo die eine Legion der Feinde nebst ihren Kriegsschiffen, und Utica, vor
+welcher Stadt die zweite Legion unter Varus selbst stand. Curio wandte sich
+gegen die letztere und schlug sein Lager unweit Utica, ebenda, wo anderthalb
+Jahrhunderte zuvor der ältere Scipio sein erstes Winterlager in Afrika genommen
+hatte. Caesar, genötigt, seine Kerntruppen für den Spanischen Krieg
+zusammenzuhalten, hatte die sizilisch-afrikanische Armee größtenteils aus den
+vom Feind übernommenen Legionen, namentlich den Kriegsgefangenen von Corfinium,
+zusammensetzen müssen; die Offiziere der Pompeianischen Armee in Afrika, die
+zum Teil bei denselben in Corfinium überwundenen Legionen gestanden hatten,
+ließen jetzt kein Mittel unversucht, ihre alten, nun gegen sie fechtenden
+Soldaten zu ihrem ersten Eidschwur wieder zurückzubringen. Indes Caesar hatte
+in seinem Stellvertreter sich nicht vergriffen. Curio verstand es, ebensowohl
+die Bewegung des Heeres und der Flotte zu lenken, als auch persönlichen Einfluß
+auf die Soldaten zu gewinnen; die Verpflegung war reichlich, die Gefechte ohne
+Ausnahme glücklich. Als Varus, in der Voraussetzung, daß es den Truppen Curios
+an Gelegenheit fehlte, auf seine Seite überzugehen, hauptsächlich, um ihnen
+diese zu verschaffen, sich entschloß, eine Schlacht zu liefern, rechtfertigte
+der Erfolg seine Erwartungen nicht. Begeistert durch die feurige Ansprache
+ihres jugendlichen Führers schlugen Curios Reiter die feindlichen in die Flucht
+und säbelten im Angesichte beider Heere die mit den Reitern ausgerückte leichte
+Infanterie der Feinde nieder; und ermutigt durch diesen Erfolg und durch Curios
+persönliches Beispiel, gingen auch seine Legionen durch die schwierige, die
+beiden Linien trennende Talschlucht vor zum Angriff, den die Pompeianer aber
+nicht erwarteten, sondern schimpflich in ihr Lager zurückflohen und auch dies
+die Nacht darauf räumten. Der Sieg war so vollständig, daß Curio sofort dazu
+schritt, Utica zu belagern. Als indes die Meldung eintraf, daß König Juba mit
+seiner gesamten Heeresmacht zum Entsatz heranrückte, entschloß sich Curio,
+ebenwie bei Syphax&rsquo; Eintreffen Scipio getan, die Belagerung aufzuheben
+und in Scipios ehemaliges Lager zurückzugehen, bis aus Sizilien Verstärkung
+nachkommen werde. Bald darauf lief ein zweiter Bericht ein, daß König Juba
+durch Angriffe seiner Nachbarfürsten veranlaßt worden sei, mit seiner
+Hauptmacht wieder umzukehren, und den Belagerten nur ein mäßiges Korps unter
+Saburra zur Hilfe sende. Curio, der bei seinem lebhaften Naturell nur sehr
+ungern sich entschlossen hatte zu rasten, brach nun sofort wieder auf, um mit
+Saburra zu schlagen, bevor derselbe mit der Besatzung von Utica in Verbindung
+treten könne. Seiner Reiterei, die am Abend voraufgegangen war, gelang es in
+der Tat, das Korps des Saburra am Bagradas bei nächtlicher Weile zu überraschen
+und übel zuzurichten; und auf diese Siegesbotschaft beschleunigte Curio den
+Marsch der Infanterie, um durch sie die Niederlage zu vollenden. Bald erblickte
+man auf den letzten Abhängen der gegen den Bagradas sich senkenden Anhöhen das
+Korps des Saburra, das mit den römischen Reitern sich herumschlug; die
+heranrückenden Legionen halfen, dasselbe völlig in die Ebene hinabdrängen.
+Allein hier wendete sich das Gefecht. Saburra stand nicht, wie man meinte, ohne
+Rückhalt, sondern nicht viel mehr als eine deutsche Meile entfernt von der
+numidischen Hauptmacht. Bereits trafen der Kern des numidischen Fußvolks und
+2000 gallische und spanische Reiter auf dem Schlachtfeld ein, um Saburra zu
+unterstützen, und der König selbst mit dem Gros der Armee und sechzehn
+Elefanten war im Anmarsch. Nach dem Nachtmarsch und dem hitzigen Gefecht waren
+von den römischen Reitern augenblicklich nicht viel über 200 beisammen, und
+diese sowie die Infanterie von den Strapazen und dem Fechten aufs äußerste
+erschöpft, alle in der weiten Ebene, in die man sich hatte verlocken lassen,
+rings eingeschlossen von den beständig sich mehrenden feindlichen Scharen.
+Vergeblich suchte Curio, handgemein zu werden; die libyschen Reiter wichen, wie
+sie pflegten, sowie eine römische Abteilung vorging, um, wenn sie umkehrte, sie
+zu verfolgen. Vergeblich versuchte er, die Höhen wiederzugewinnen; sie wurden
+von den feindlichen Reitern besetzt und versperrt. Es war alles verloren. Das
+Fußvolk ward niedergehauen bis auf den letzten Mann. Von der Reiterei gelang es
+einzelnen sich durchzuschlagen; und Curio hätte wohl sich zu retten vermocht,
+aber er ertrug es nicht, ohne das ihm anvertraute Heer allein vor seinem Herrn
+zu erscheinen, und starb mit dem Degen in der Hand. Selbst die Mannschaft, die
+im Lager vor Utica sich zusammenfand, und die Flottenbesatzung, die sich so
+leicht nach Sizilien hätte retten können, ergaben sich unter dem Eindruck der
+fürchterlich raschen Katastrophe den Tag darauf an Varus (August oder September
+705 49).
+</p>
+
+<p>
+So endigte die von Caesar angeordnete sizilisch-afrikanische Expedition. Sie
+erreichte insofern ihren Zweck, als durch die Besetzung Siziliens in Verbindung
+mit der von Sardinien wenigstens dem dringendsten Bedürfnis der Hauptstadt
+abgeholfen ward; die vereitelte Eroberung Afrikas, aus welcher die siegende
+Partei keinen weiteren wesentlichen Gewinn zog, und der Verlust zweier
+unzuverlässiger Legionen ließen sich verschmerzen. Aber ein unersetzlicher
+Verlust für Caesar, ja für Rom, war Curios früher Tod. Nicht ohne Ursache hatte
+Caesar dem militärisch unerfahrenen und wegen seines Lotterlebens berufenen
+jungen Mann das wichtigste selbständige Kommando anvertraut; es war ein Funken
+von Caesars eigenem Geist in dem feurigen Jüngling. Auch er hatte wie Caesar
+den Becher der Lust bis auf die Hefen geleert; auch er ward nicht darum
+Staatsmann, weil er Offizier war, sondern es gab seine politische Tätigkeit ihm
+das Schwert in die Hand; auch seine Beredsamkeit war nicht die der gerundeten
+Perioden, sondern die Beredsamkeit des tief empfundenen Gedankens; auch seine
+Kriegführung ruhte auf dem raschen Handeln mit geringen Mitteln; auch sein
+Wesen war Leichtigkeit und oft Leichtfertigkeit, anmutige Offenherzigkeit und
+volles Leben im Augenblick. Wenn, wie sein Feldherr von ihm sagt, Jugendfeuer
+und hoher Mut ihn zu Unvorsichtigkeiten hinrissen und wenn er, um nicht einen
+verzeihlichen Fehler sich verzeihen zu lassen, allzu stolz den Tod nahm, so
+fehlen Momente gleicher Unvorsichtigkeit und gleichen Stolzes auch in Caesars
+Geschichte nicht. Man darf es beklagen, daß es dieser übersprudelnden Natur
+nicht vergönnt war, auszuschäumen und sich aufzubewahren für die folgende, an
+Talenten so bettelarme, dem schrecklichen Regiment der Mittelmäßigkeiten so
+rasch verfallende Generation.
+</p>
+
+<p>
+Inwiefern diese Kriegsvorgänge des Jahres 705 (49) in Pompeius&rsquo;
+allgemeinen Feldzugsplan eingriffen, namentlich welche Rolle in diesem nach dem
+Verlust Italiens den wichtigen Heereskörpern im Westen zugeteilt war, läßt sich
+nur vermutungsweise bestimmen. Daß Pompeius die Absicht gehabt, seinem in
+Spanien fechtenden Heer zu Lande über Afrika und Mauretanien zu Hilfe zu
+kommen, war nichts als ein im Lager von Ilerda umherlaufendes abenteuerliches
+und ohne Zweifel durchaus grundloses Gerücht. Viel wahrscheinlicher ist es, daß
+er bei seinem früheren Plan, Caesar im Dies- und Jenseitigen Gallien von zwei
+Seiten anzugreifen, selbst nach dem Verlust von Italien noch beharrte und einen
+kombinierten Angriff zugleich von Spanien und Makedonien aus beabsichtigte.
+Vermutlich sollte die spanische Armee so lange an den Pyrenäen sich defensiv
+verhalten, bis die in der Organisation begriffene makedonische gleichfalls
+marschfähig war; worauf dann beide zugleich aufgebrochen sein und, je nach den
+Umständen, entweder an der Rhone oder am Po sich die Hand gereicht, auch die
+Flotte vermutlich gleichzeitig versucht haben würde, das eigentliche Italien
+zurückzuerobern. In dieser Voraussetzung, wie es scheint, hatte Caesar zunächst
+sich darauf gefaßt gemacht, einem Angriff auf Italien zu begegnen. Einer der
+tüchtigsten seiner Offiziere, der Volkstribun Marcus Antonius, befehligte hier
+mit proprätorischer Gewalt. Die südöstlichen Häfen Sipus, Brundisium, Tarent,
+wo am ersten ein Landungsversuch zu erwarten war, hatten eine Besatzung von
+drei Legionen erhalten. Außerdem zog Quintus Hortensius, des bekannten Redners
+ungeratener Sohn, eine Flotte im Tyrrhenischen, Publius Dolabella eine zweite
+im Adriatischen Meere zusammen, welche teils die Verteidigung unterstützten,
+teils für die bevorstehende Überfahrt nach Griechenland mitverwandt werden
+sollten. Falls Pompeius versuchen würde, zu Lande in Italien einzudringen,
+hatten Marcus Licinius Crassus, der älteste Sohn des alten Kollegen Caesars,
+die Verteidigung des Diesseitigen Galliens, des Marcus Antonius jüngerer Bruder
+Gaius die von Illyricum zu leiten. Indes der vermutete Angriff ließ lange auf
+sich warten. Erst im Hochsommer des Jahres ward man in Illyrien handgemein.
+Hier stand Caesars Statthalter Gaius Antonius mit seinen zwei Legionen auf der
+Insel Curicta (Veglia, im Golf von Quarnero), Caesars Admiral Publius Dolabella
+mit 40 Schiffen in dem schmalen Meerarm zwischen dieser Insel und dem Festland.
+Das letztere Geschwader griffen Pompeius&rsquo; Flottenführer im Adriatischen
+Meer, Marcus Octavius mit der griechischen, Lucius Scribonius Libo mit der
+illyrischen Flottenabteilung an, vernichteten sämtliche Schiffe Dolabellas und
+schnitten Antonius auf seiner Insel ab. Ihn zu retten, kamen aus Italien ein
+Korps unter Basilus und Sallustius und das Geschwader des Hortensius aus dem
+Tyrrhenischen Meer; allein weder jenes noch dieses vermochten der weit
+überlegenen feindlichen Flotte etwas anzuhaben. Die Legionen des Antonius
+mußten ihrem Schicksal überlassen werden. Die Vorräte gingen zu Ende, die
+Truppen wurden schwierig und meuterisch; mit Ausnahme weniger Abteilungen,
+denen es gelang, auf Flößen das Festland zu erreichen, streckte das Korps,
+immer noch fünfzehn Kohorten stark, die Waffen und ward auf den Schiffen Libos
+nach Makedonien geführt, um dort in die Pompeianische Armee eingereiht zu
+werden, während Octavius zurückblieb, um die Unterwerfung der von Truppen
+entblößten illyrischen Küste zu vollenden. Die Delmater, jetzt in diesen
+Gegenden die bei weitem mächtigste Völkerschaft, die wichtige Inselstadt Issa
+(Lissa) und andere Ortschaften ergriffen die Partei des Pompeius; allein die
+Anhänger Caesars behaupteten sich in Salome (Spalato) und Lissos (Alessio) und
+hielten in der ersteren Stadt nicht bloß die Belagerung mutig aus, sondern
+machten, als sie aufs Äußerste gebracht waren, einen Ausfall mit solchem
+Erfolg, daß Octavius die Belagerung aufhob und nach Dyrrhachion abfuhr, um dort
+zu überwintern.
+</p>
+
+<p>
+Dieser in Illyricum von der Pompeianischen Flotte erfochtene Erfolg, obwohl an
+sich nicht unbedeutend, wirkte doch auf den Gesamtgang des Feldzuges wenig ein;
+und zwerghaft gering erscheint er, wenn man erwägt, daß die Verrichtungen der
+unter Pompeius&rsquo; Oberbefehl stehenden Land- und Seemacht während des
+ganzen ereignisreichen Jahres 705 (49) sich auf diese einzige Waffentat
+beschränkten und daß vom Osten her, wo der Feldherr, der Senat, die zweite
+große Armee, die Hauptflotte, ungeheure militärische und noch ausgedehntere
+finanzielle Hilfsmittel der Gegner Caesars vereinigt waren, da, wo es not tat,
+in jenen allentscheidenden Kampf im Westen gar nicht eingegriffen ward. Der
+aufgelöste Zustand der in der östlichen Hälfte des Reiches befindlichen
+Streitkräfte, die Methode des Feldherrn, nie anders als mit überlegenen Massen
+zu operieren, seine Schwerfälligkeit und Weitschichtigkeit und die
+Zerfahrenheit der Koalition mag vielleicht die Untätigkeit der Landmacht zwar
+nicht entschuldigen, aber doch einigermaßen erklären; aber daß die Flotte, die
+doch ohne Nebenbuhler das Mittelmeer beherrschte, so gar nichts tat, um den
+Gang der Dinge bestimmen zu helfen, nichts für Spanien, so gut wie nichts für
+die treuen Massalioten, nichts, um Sardinien, Sizilien, Afrika zu verteidigen
+und Italien wo nicht wieder zu besetzen, doch wenigstens ihm die Zufuhr
+abzusperren - das macht an unsere Vorstellungen von der im Pompeianischen Lager
+herrschenden Verwirrung und Verkehrtheit Ansprüche, denen wir nur mit Mühe zu
+genügen vermögen.
+</p>
+
+<p>
+Das Gesamtresultat dieses Feldzugs war entsprechend. Caesars doppelte Offensive
+gegen Spanien und gegen Sizilien und Afrika war dort vollständig, hier
+wenigstens teilweise gelungen; dagegen ward Pompeius&rsquo; Plan, Italien
+auszuhungern, durch die Wegnahme Siziliens in der Hauptsache, sein allgemeiner
+Feldzugsplan durch die Vernichtung der spanischen Armee vollständig vereitelt;
+und in Italien waren Caesars Verteidigungsanstalten nur zum kleinsten Teil zur
+Verwendung gekommen. Trotz der empfindlichen Verluste in Afrika und Illyrien
+ging doch Caesar in der entschiedensten und entscheidendsten Weise aus diesem
+ersten Kriegsjahr als Sieger hervor.
+</p>
+
+<p>
+Wenn indes vom Osten aus nichts Wesentliches geschah, um Caesar an der
+Unterwerfung des Westens zu hindern, so arbeitete man doch wenigstens dort in
+der so schmählich gewonnenen Frist daran, sich politisch und militärisch zu
+konsolidieren. Der große Sammelplatz der Gegner Caesars ward Makedonien.
+Dorthin begab sich Pompeius selbst und die Masse der brundisinischen
+Emigranten; dorthin die übrigen Flüchtlinge aus dem Westen: Marcus Cato aus
+Sizilien, Lucius Domitius von Massalia; namentlich aber aus Spanien eine Menge
+der besten Offiziere und Soldaten der aufgelösten Armee, an der Spitze ihre
+Feldherrn Afranius und Varro. In Italien ward die Emigration unter den
+Aristokraten allmählich nicht bloß Ehren-, sondern fast Modesache, und neuen
+Schwung erhielt sie durch die ungünstigen Nachrichten, die über Caesars Lage
+vor Ilerda eintrafen; auch von den laueren Parteigenossen und den politischen
+Achselträgern kamen nach und nach nicht wenige an, und selbst Marcus Cicero
+überzeugte sich endlich, daß er seiner Bürgerpflicht nicht ausreichend damit
+genüge, wenn er eine Abhandlung über die Eintracht schreibe. Der
+Emigrantensenat in Thessalonike, wo das offizielle Rom seinen interimistischen
+Sitz aufschlug, zählte gegen 200 Mitglieder, darunter manche hochbejahrte
+Greise und fast sämtliche Konsulare. Aber freilich waren es Emigranten. Auch
+dieses römische Koblenz stellte die hohen Ansprüche und dürftigen Leistungen
+der vornehmen Welt Roms, ihre unzeitigen Reminiszenzen und unzeitigeren
+Rekriminationen, ihre politischen Verkehrtheiten und finanziellen
+Verlegenheiten in kläglicher Weise zur Schau. Es war das wenigste, daß man,
+während der alte Bau zusammensank, mit der peinlichsten Wichtigkeit jeden alten
+Schnörkel und Rostfleck der Verfassung in Obacht nahm: am Ende war es bloß
+lächerlich, wenn es den vornehmen Herren Gewissensskrupel machte, außerhalb des
+geheiligten städtischen Bodens ihre Ratversammlung Senat zu heißen und sie
+vorsichtig sich die &ldquo;Dreihundert&rdquo; titulierten ^4; oder wenn man
+weitläufige staatsrechtliche Untersuchungen anstellte, ob und wie ein
+Kuriatgesetz von Rechts wegen sich anderswo zustande bringen lasse als im
+römischen Mauerring. Weit schlimmer war die Gleichgültigkeit der Lauen und die
+bornierte Verbissenheit der Ultras. Jene waren weder zum Handeln zu bringen
+noch auch nur zum Schweigen. Wurden sie aufgefordert, in einer bestimmten Weise
+für das gemeine Beste tätig zu sein, so betrachteten sie, mit der schwachen
+Leuten eigenen Inkonsequenz, jedes solche Ansinnen als einen böswilligen
+Versuch, sie noch weiter zu kompromittieren und taten das Befohlene gar nicht
+oder mit halbem Herzen. Dabei aber fielen sie natürlich mit ihrem verspäteten
+Besserwissen und ihren superklugen Unausführbarkeiten den Handelnden beständig
+zur Last; ihr Tagewerk bestand darin, jeden kleinen und großen Vorgang zu
+bekritteln, zu bespötteln und zu beseufzen und durch ihre eigene Lässigkeit und
+Hoffnungslosigkeit die Menge abzuspannen und zu entmutigen. Wenn hier die Atome
+der Schwäche zu schauen war, so stand dagegen deren Hypertonie bei den Ultras
+in voller Blüte. Hier hatte man es kein Hehl, daß die Vorbedingung für jede
+Friedensverhandlung die Überbringung von Caesars Kopf sei: jeder der
+Friedensversuche, die Caesar auch jetzt noch wiederholentlich machte, ward
+unbesehen von der Hand gewiesen oder nur benutzt, um auf heimtückische Weise
+den Beauftragten des Gegners nach dem Leben zu stellen. Daß die erklärten
+Caesarianer samt und sonders Leben und Gut verwirkt hatten, verstand sich von
+selbst; aber auch den mehr oder minder Neutralen ging es wenig besser. Lucius
+Domitius, der Held von Corfinium, machte im Kriegsrat alles Ernstes den
+Vorschlag, diejenigen Senatoren, die im Heer des Pompeius gefochten hätten,
+über alle, die entweder neutral geblieben oder zwar emigriert, aber nicht in
+das Heer eingetreten seien, abstimmen zu lassen und diese einzeln je nach
+Befinden freizusprechen oder mit Geldbuße oder auch mit dem Verlust des Lebens
+und des Vermögens zu bestrafen. Ein anderer dieser Ultras erhob bei Pompeius
+gegen Lucius Afranius wegen seiner mangelhaften Verteidigung Spaniens eine
+förmliche Anklage auf Bestechung und Verrat. Diesen in der Wolle gefärbten
+Republikanern nahm ihre politische Theorie fast den Charakter eines religiösen
+Glaubensbekenntnisses an; sie haßten denn auch die laueren Parteigenossen und
+den Pompeius mit seinem persönlichen Anhang womöglich noch mehr als die
+offenbaren Gegner, und durchaus mit jener Stupidität des Hasses, wie sie
+orthodoxen Theologen eigen zu sein pflegt; sie wesentlich verschuldeten die
+zahllosen und erbitterten Sonderfehden, welche die Emigrantenarmee und den
+Emigrantensenat zerrissen. Aber sie ließen es nicht bei Worten. Marcus Bibulus,
+Titus Labienus und andere dieser Koterie führten ihre Theorie praktisch durch
+und ließen, was ihnen von Caesars Armee an Offizieren oder Soldaten in die
+Hände fiel, in Masse hinrichten; was begreiflicherweise Caesars Truppen nicht
+gerade bewog, mit minderer Energie zu fechten. Wenn während Caesars Abwesenheit
+von Italien die Konterrevolution zu Gunsten der Verfassungsfreunde, zu der alle
+Elemente vorhanden waren, dennoch daselbst nicht ausbrach, so lag, nach der
+Versicherung einsichtiger Gegner Caesars, die Ursache hauptsächlich in der
+allgemeinen Besorgnis vor dem unbezähmbaren Wüten der republikanischen Ultras
+nach erfolgter Restauration. Die Besseren im Pompeianischen Lager waren in
+Verzweiflung über dies rasende Treiben. Pompeius, selbst ein tapferer Soldat,
+schonte, soweit er durfte und konnte, der Gefangenen; aber er war zu
+schwachmütig und in einer zu schiefen Stellung, um, wie es ihm als
+Oberfeldherrn zukam, alle Greuel dieser Art zu hemmen oder gar zu ahnden.
+Energischer versuchte der einzige Mann, der wenigstens mit sittlicher Haltung
+in den Kampf eintrat, Marcus Cato, diesem Treiben zu steuern, er erwirkte, daß
+der Emigrantensenat durch ein eigenes Dekret es untersagte, untertänige Städte
+zu plündern und einen Bürger anders als in der Schlacht zu töten. Ebenso dachte
+der tüchtige Marcus Marcellus. Freilich wußte es niemand besser als Cato und
+Marcellus, daß die extreme Partei ihre rettenden Taten wenn nötig allen
+Senatsbeschlüssen zum Trotze vollzog. Wenn aber bereits jetzt, wo man noch
+Klugheitsrücksichten zu beobachten hatte, die Wut der Ultras sich nicht
+bändigen ließ, so mochte man nach dem Siege auf eine Schreckensherrschaft sich
+gefaßt machen, von der Marius und Sulla selbst sich schaudernd abgewandt haben
+würden; und man begreift es, daß Cato, seinem eigenen Geständnis zufolge, mehr
+noch als vor der Niederlage, graute vor dem Siege seiner eigenen Partei.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^4 Da nach formellem Recht die &ldquo;gesetzliche Ratversammlung&rdquo;
+unzweifelhaft ebenso wie das &ldquo;gesetzliche Gericht&rdquo; nur in der Stadt
+selbst oder innerhalb der Bannmeile stattfinden konnte, so nannte die bei dem
+afrikanischen Heer den Senat vertretende Versammlung sich die
+&ldquo;Dreihundert&rdquo; (Bell. Afr. 88, 90; App. hist. 2, 95), nicht weil er
+aus 300 Mitgliedern bestand, sondern weil dies die uralte Normzahl der
+Senatoren war. Es ist sehr glaublich, daß diese Versammlung sich durch
+angesehene Ritter verstärkte; aber wenn Plutarch (Cato min. 59, 61) die
+Dreihundert zu italischen Großhändlern macht, so hat er seine Quelle (Bell.
+Afr. 90) mißverstanden. Ähnlich wird der Quasisenat schon in Thessalonike
+geordnet gewesen sein.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die Leitung der militärischen Vorbereitungen im makedonischen Lager lag in der
+Hand des Oberfeldherrn Pompeius. Die stets schwierige und gedrückte Stellung
+desselben hatte durch die unglücklichen Ereignisse des Jahres 705 (49) sich
+noch verschlimmert. In den Augen seiner Parteigenossen trug wesentlich er davon
+die Schuld. Es war das in vieler Hinsicht nicht gerecht. Ein guter Teil der
+erlittenen Unfälle kam auf Rechnung der Verkehrtheit und Unbotmäßigkeit der
+Unterfeldherren, namentlich des Konsuls Lentulus und des Lucius Domitius; von
+dem Augenblick an, wo Pompeius an die Spitze der Armee getreten war, hatte er
+sie geschickt und mutig geführt und wenigstens sehr ansehnliche Streitkräfte
+aus dem Schiffbruch gerettet; daß er Caesars jetzt von allen anerkanntem,
+durchaus überlegenem Genie nicht gewachsen war, konnte billigerweise ihm nicht
+vorgeworfen werden. Indes es entschied allein der Erfolg. Im Vertrauen auf den
+Feldherrn Pompeius hatte die Verfassungspartei mit Caesar gebrochen; die
+verderblichen Folgen dieses Bruches fielen auf den Feldherrn Pompeius zurück,
+und wenn auch bei der notorischen militärischen Unfähigkeit aller übrigen Chefs
+kein Versuch gemacht ward, das Oberkommando zu wechseln, so war doch wenigstens
+das Vertrauen zu dem Oberfeldherrn paralysiert. Zu diesen Nachwehen der
+erlittenen Niederlagen kamen die nachteiligen Einflüsse der Emigration. Unter
+den eintreffenden Flüchtlingen war allerdings eine Anzahl tüchtiger Soldaten
+und fähiger Offiziere namentlich der ehemaligen spanischen Armee; allein die
+Zahl derer, die kamen, um zu dienen und zu fechten, war ebenso gering, wie zum
+Erschrecken groß die der vornehmen Generale, die mit ebenso gutem Fug wie
+Pompeius sich Prokonsuln und Imperatoren nannten, und der vornehmen Herren, die
+mehr oder weniger unfreiwillig am aktiven Kriegsdienst sich beteiligten. Durch
+diese ward die hauptstädtische Lebensweise in das Feldlager eingebürgert,
+keineswegs zum Vorteil des Heeres: die Zelte solcher Herren waren anmutige
+Lauben, der Boden mit frischem Rasen zierlich bedeckt, die Wände mit Efeu
+bekleidet; auf dem Tisch stand silbernes Tafelgeschirr und oft kreiste dort
+schon am hellen Tage der Becher. Diese eleganten Krieger machten einen
+seltsamen Kontrast mit Caesars Grasteufeln, vor deren grobem Brot jene
+erschraken und die in Ermangelung dessen auch Wurzeln aßen und schwuren, eher
+Baumrinde zu kauen als vom Feinde abzulassen. Wenn ferner die unvermeidliche
+Rücksicht auf eine kollegialische und ihm persönlich abgeneigte Behörde
+Pompeius schon an sich in seiner Tätigkeit hemmte, so steigerte diese
+Verlegenheit sich ungemein, als der Emigrantensenat beinahe im Hauptquartier
+selbst seinen Sitz aufschlug und nun alles Gift der Emigration in diesen
+Senatssitzungen sich entleerte. Eine bedeutende Persönlichkeit endlich, die
+gegen all diese Verkehrtheiten ihr eigenes Gewicht hätte einsetzen können, war
+nirgends vorhanden. Pompeius selbst war dazu geistig viel zu untergeordnet und
+viel zu zögernd, schwerfällig und versteckt. Marcus Cato würde wenigstens die
+erforderliche moralische Autorität gehabt und auch des guten Willens, Pompeius
+damit zu unterstützen, nicht ermangelt haben; allein Pompeius, statt ihn zum
+Beistand aufzufordern, setzte ihn mit mißtrauischer Eifersucht zurück und
+übertrug zum Beispiel das so wichtige Oberkommando der Flotte lieber an den in
+jeder Beziehung unfähigen Bibulus als an Cato. Wenn somit Pompeius die
+politische Seite seiner Stellung mit der ihm eigenen Verkehrtheit behandelte
+und was an sich schon verdorben war, nach Kräften weiter verdarb, so widmete er
+dagegen mit anerkennenswertem Eifer sich seiner Pflicht, die bedeutenden, aber
+aufgelösten Streitkräfte der Partei militärisch zu organisieren. Den Kern
+derselben bildeten die aus Italien mitgebrachten Truppen, aus denen mit den
+Ergänzungen aus den illyrischen Kriegsgefangenen und den in Griechenland
+domizilierten Römern zusammen fünf Legionen gebildet wurden. Drei andere kamen
+aus dem Osten: die beiden aus den Trümmern der Armee des Crassus gebildeten
+syrischen und eine aus den zwei schwachen, bisher in Kilikien stehenden
+kombinierte. Der Wegziehung dieser Besatzungstruppen stellte sich nichts in den
+Weg, da teils die Pompeianer mit den Parthern im Einvernehmen standen und
+selbst ein Bündnis mit ihnen hätten haben können, wenn Pompeius nicht unwillig
+sich geweigert hätte, den geforderten Preis: die Abtretung der von ihm selbst
+zum Reiche gebrachten syrischen Landschaft, dafür zu zahlen; teils Caesars
+Plan, zwei Legionen nach Syrien zu entsenden und durch den in Rom
+gefangengehaltenen Prinzen Aristobulos die Juden abermals unter die Waffen zu
+bringen, zum Teil durch andere Ursachen, zum Teil durch Aristobulos&rsquo; Tod
+vereitelt ward. Weiter wurden aus den in Kreta und Makedonien angesiedelten
+gedienten Soldaten eine, aus den kleinasiatischen Römern zwei neue Legionen
+ausgehoben. Zu allem dem kamen 2000 Freiwillige, die aus den Trümmern der
+spanischen Kernscharen und anderen ähnlichen Zuzügen hervorgingen, und endlich
+die Kontingente der Untertanen. Wie Caesar hatte Pompeius es verschmäht, von
+denselben Infanterie zu requirieren; nur zur Küstenbesatzung waren die
+epirotischen, ätolischen und thrakischen Milizen aufgeboten und außerdem an
+leichten Truppen 3000 griechische und kleinasiatische Schützen und 1200
+Schleuderer angenommen worden. Die Reiterei dagegen bestand, außer einer aus
+dem jungen Adel Roms gebildeten, mehr ansehnlichen als militärisch bedeutenden
+Nobelgarde und den von Pompeius beritten gemachten apulischen Hirtensklaven,
+ausschließlich aus den Zuzügen der Untertanen und Klienten Roms. Den Kern
+bildeten die Kelten, teils von der Besatzung von Alexandreia, teils die
+Kontingente des Königs Deiotarus, der trotz seines hohen Alters an der Spitze
+seiner Reiterei in Person erschienen war, und der übrigen galatischen Dynasten.
+Mit ihnen wurden vereinigt die vortrefflichen thrakischen Reiter, die teils von
+ihren Fürsten Sadala und Rhaskuporis herangeführt, teils von Pompeius in der
+makedonischen Provinz angeworben waren; die kappadokische Reiterei; die von
+König Antiochos von Kommagene gesendeten, berittenen Schützen; die Zuzüge der
+Armenier von diesseits des Euphrat unter Taxiles, von jenseits desselben unter
+Megabares und die von König Juba gesandten numidischen Scharen - die gesamte
+Masse stieg auf 7000 Pferde.
+</p>
+
+<p>
+Sehr ansehnlich endlich war die Pompeianische Flotte. Sie ward gebildet teils
+aus den von Brundisium mitgeführten oder später erbauten römischen Fahrzeugen,
+teils aus den Kriegsschiffen des Königs von Ägypten, der kolchischen Fürsten,
+des kilikischen Dynasten Tarkondimotos, der Städte Tyros, Rhodos, Athen,
+Kerkyra und überhaupt der sämtlichen asiatischen und griechischen Seestaaten
+und zählte gegen 500 Segel, wovon die römischen den fünften Teil ausmachten. An
+Getreide und Kriegsmaterial waren in Dyrrhachion ungeheure Vorräte aufgehäuft.
+Die Kriegskasse war wohlgefüllt, da die Pompeianer sich im Besitz der
+hauptsächlichen Einnahmequellen des Staats befanden und die Geldmittel der
+Klientelfürsten, der angesehenen Senatoren, der Steuerpächter und überhaupt der
+gesamten römischen und nichtrömischen Bevölkerung in ihrem Bereich für sich
+nutzbar machten. Was in Afrika, Ägypten, Makedonien, Griechenland, Vorderasien
+und Syrien das Ansehen der legitimen Regierung und Pompeius&rsquo; oftgefeierte
+Königs- und Völkerklientel vermochte, war zum Schutz der römischen Republik in
+Bewegung gesetzt worden; wenn in Italien die Rede ging, daß Pompeius die Geten,
+Kolcher und Armenier gegen Rom bewaffne, wenn im Lager er der &ldquo;König der
+Könige&rdquo; hieß, so waren dies kaum Übertreibungen zu nennen. Im ganzen
+gebot derselbe über eine Armee von 7000 Reitern und elf Legionen, von denen
+freilich höchstens fünf als kriegsgewohnt bezeichnet werden durften, und über
+eine Flotte von 500 Segeln. Die Stimmung der Soldaten, für deren Verpflegung
+und Sold Pompeius genügend sorgte und denen für den Fall des Sieges die
+überschwenglichsten Belohnungen zugesichert waren, war durchgängig gut, in
+manchen und eben den tüchtigsten Abteilungen sogar vortrefflich; indes bestand
+doch ein großer Teil der Armee aus neu ausgehobenen Truppen, deren Formierung
+und Exerzierung, wie eifrig sie auch betrieben ward, notwendigerweise Zeit
+erforderte. Die Kriegsmacht überhaupt war imposant, aber zugleich einigermaßen
+buntscheckig.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Absicht des Oberfeldherrn sollten bis zum Winter 705/06 (49/48) Heer
+und Flotte wesentlich vollständig an der Küste und in den Gewässern von Epirus
+vereinigt sein. Der Admiral Bibulus war auch bereits mit 110 Schiffen in seinem
+neuen Hauptquartier Kerkyra eingetroffen. Dagegen war das Landheer, dessen
+Hauptquartier während des Sommers zu Berrhöa am Haliakmon gewesen war, noch
+zurück; die Masse bewegte sich langsam auf der großen Kunststraße von
+Thessalonike nach der Westküste auf das künftige Hauptquartier Dyrrhachion zu;
+die beiden Legionen, die Metellus Scipio aus Syrien heranführte, standen gar
+noch bei Pergamon in Kleinasien im Winterquartier und wurden erst zum Frühjahr
+in Europa erwartet. Man nahm sich eben Zeit. Vorläufig waren die epirotischen
+Häfen außer durch die Flotte nur noch durch die Bürgerwehren und die Aufgebote
+der Umgegend verteidigt.
+</p>
+
+<p>
+So war es Caesar möglich geblieben, trotz des dazwischenfallenden Spanischen
+Krieges auch in Makedonien die Offensive für sich zu nehmen, und er wenigstens
+säumte nicht. Längst hatte er die Zusammenziehung von Kriegs- und
+Transportschiffen in Brundisium angeordnet und nach der Kapitulation der
+spanischen Armee und dem Fall von Massalia die dort verwendeten Kerntruppen zum
+größten Teil ebendahin dirigiert. Die unerhörten Anstrengungen zwar, die also
+von Caesar den Soldaten zugemutet wurden, lichteten mehr als die Gefechte die
+Reihen, und die Meuterei einer der vier ältesten Legionen, der neunten, auf
+ihrem Durchmarsch durch Placentia war ein gefährliches Zeichen der bei der
+Armee einreißenden Stimmung; doch wurden Caesars Geistesgegenwart und
+persönliche Autorität derselben Herr, und von dieser Seite stand der
+Einschiffung nichts im Wege. Allein woran schon im März 705 (49) die Verfolgung
+des Pompeius gescheitert war, der Mangel an Schiffen, drohte auch diese
+Expedition zu vereiteln. Die Kriegsschiffe, die Caesar in den gallischen,
+sizilischen und italischen Häfen zu erbauen befohlen hatte, waren noch nicht
+fertig oder doch nicht zur Stelle; sein Geschwader im Adriatischen Meer war das
+Jahr zuvor bei Curicta vernichtet worden; er fand bei Brundisium nicht mehr als
+zwölf Kriegsschiffe und kaum Transportfahrzeuge genug, um den dritten Teil
+seiner nach Griechenland bestimmten Armee von zwölf Legionen und 10000 Reitern
+auf einmal überzuführen. Die ansehnliche feindliche Flotte beherrschte
+ausschließlich das Adriatische Meer und namentlich die sämtlichen
+festländischen und Inselhäfen der Ostküste. Unter solchen Umständen drängt die
+Frage sich auf, warum Caesar nicht statt des Seeweges den zu Lande durch
+Illyrien einschlug, welcher aller von der Flotte drohenden Gefahren ihn überhob
+und überdies für seine größtenteils aus Gallien kommenden Truppen kürzer war
+als der über Brundisium. Zwar waren die illyrischen Landschaften
+unbeschreiblich rauh und arm; aber sie sind doch von anderen Armeen nicht lange
+nachher durchschritten worden, und dieses Hindernis ist dem Eroberer Galliens
+schwerlich unübersteiglich erschienen. Vielleicht besorgte er, daß während des
+schwierigen illyrischen Marsches Pompeius seine gesamte Streitmacht über das
+Adriatische Meer führen möchte, wodurch die Rollen auf einmal sich umkehren,
+Caesar in Makedonien, Pompeius in Italien zu stehen kommen konnte; obwohl ein
+solcher rascher Wechsel dem schwerfälligen Gegner doch kaum zuzutrauen war.
+Vielleicht hatte Caesar auch in der Voraussetzung, daß seine Flotte inzwischen
+auf einen achtunggebietenden Stand gebracht sein würde, sich für den Seeweg
+entschieden, und als er nach seiner Rückkehr aus Spanien des wahren Standes der
+Dinge im Adriatischen Meere inne ward, mochte es zu spät sein, den Feldzugsplan
+zu ändern. Vielleicht, ja nach Caesars raschem, stets zur Entscheidung
+drängenden Naturell darf man sagen wahrscheinlich, fand er durch die
+augenblicklich noch unbesetzte, aber sicher in wenigen Tagen mit Feinden sich
+bedeckende epirotische Küste sich unwiderstehlich gelockt, den ganzen Plan des
+Gegners wieder einmal durch einen verwegenen Zug zu durchkreuzen. Wie dem auch
+sei, am 4. Januar 706 ^5 (48) ging Caesar mit sechs, durch die Strapazen und
+Krankheiten sehr gelichteten Legionen und 600 Reitern von Brundisium nach der
+epirotischen Küste unter Segel. Es war ein Seitenstück zu der tollkühnen
+britannischen Expedition; indes wenigstens der erste Wurf war glücklich.
+Inmitten der akrokeraunischen (Chimara-) Klippen, auf der wenig besuchten Reede
+von Paleassa (Paljassa) ward die Küste erreicht. Man sah die Transportschiffe
+sowohl aus dem Hafen von Orikon (Bucht von Avlona), wo ein Pompeianisches
+Geschwader von achtzehn Schiffen lag, als auch aus dem Hauptquartier der
+feindlichen Flotte bei Kerkyra; aber dort hielt man sich zu schwach, hier war
+man nicht segelfertig, und ungehindert ward der erste Transport ans Land
+gesetzt. Während die Schiffe sogleich zurückgingen, um den zweiten nachzuholen,
+überstieg Caesar noch denselben Abend die akrokeraunischen Berge. Seine ersten
+Erfolge waren so groß wie die Überraschung der Feinde. Der epirotische
+Landsturm setzte nirgends sich zur Wehr; die wichtigen Hafenstädte Orikon und
+Apollonia nebst einer Menge kleinerer Ortschaften wurden weggenommen;
+Dyrrhachion, von den Pompeianern zum Hauptwaffenplatz ausersehen und mit
+Vorräten aller Art angefüllt, aber nur schwach besetzt, schwebte in der größten
+Gefahr.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^5 Nach dem berichtigten Kalender am 5. November 705 (49).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Indes der weitere Verlauf des Feldzuges entsprach diesem glänzenden Anfange
+nicht. Bibulus machte die Nachlässigkeit, die er sich hatte zu Schulden kommen
+lassen, nachträglich durch verdoppelte Anstrengungen zum Teil wieder gut. Nicht
+bloß brachte er von den heimkehrenden Transportschiffen gegen dreißig auf, die
+er sämtlich mit Mann und Maus verbrennen ließ, sondern er richtete auch längs
+des ganzen von Caesar besetzten Küstenstrichs, von der Insel Sason (Saseno) bis
+zu den Häfen von Kerkyra, den sorgfältigsten Wachtdienst ein, so beschwerlich
+auch die rauhe Jahreszeit und die Notwendigkeit, den Wachtschiffen alle
+Bedürfnisse, selbst Holz und Wasser, von Kerkyra zuzuführen, denselben machten;
+ja sein Nachfolger Libo - er selbst unterlag bald den ungewohnten Strapazen -
+sperrte sogar eine Zeitlang den Hafen von Brundisium, bis ihn von der kleinen
+Insel vor demselben, auf der er sich festgesetzt hatte, der Wassermangel wieder
+vertrieb. Es war Caesars Offizieren nicht möglich, ihrem Feldherrn den zweiten
+Transport der Armee nachzuführen. Ebensowenig gelang ihm selbst die Wegnahme
+von Dyrrhachion. Pompeius erfuhr durch einen der Friedensboten Caesars von
+dessen Vorbereitungen zur Fahrt nach der epirotischen Küste und darauf den
+Marsch beschleunigend warf er sich noch eben zu rechter Zeit in diesen
+wichtigen Waffenplatz. Caesars Lage war kritisch. Obwohl er in Epirus so weit
+sich ausbreitete, als es bei seiner geringen Stärke nur irgend möglich war, so
+blieb die Subsistenz seiner Armee doch schwierig und unsicher, während die
+Feinde, im Besitz der Magazine von Dyrrhachion und Herren der See, Überfluß an
+allem hatten. Mit seinem vermutlich wenig über 20000 Mann starken Heer konnte
+er dem wenigstens doppelt so zahlreichen Pompeianischen keine Schlacht
+anbieten, sondern mußte sich glücklich schätzen, daß Pompeius methodisch zu
+Werke ging und, statt sofort die Schlacht zu erzwingen, zwischen Dyrrhachion
+und Apollonia am rechten Ufer des Apsos, Caesar auf dem linken gegenüber, das
+Winterlager bezog, um mit dem Frühjahr, nach dem Eintreffen der Legionen von
+Pergamon, mit unwiderstehlicher Übermacht den Feind zu vernichten. So
+verflossen Monate. Wenn der Eintritt der besseren Jahreszeit, die dem Feinde
+starken Zuzug und den freien Gebrauch seiner Flotte brachte, Caesar noch in
+derselben Lage fand, so war er, mit seiner schwachen Schar zwischen der
+ungeheuren Flotte und dem dreifach überlegenen Landheer der Feinde in den
+epirotischen Felsen eingekeilt, allem Anscheine nach verloren; und schon neigte
+der Winter sich zu Ende. Alle Hoffnung beruhte immer noch auf der
+Transportflotte: daß diese durch die Blockade sich durchschlich oder
+durchschlug, war kaum zu hoffen; aber nach der ersten freiwilligen Tollkühnheit
+war diese zweite durch die Notwendigkeit geboten. Wie verzweifelt Caesar selbst
+seine Lage erschien, beweist sein Entschluß, da die Flotte immer nicht kam,
+allein auf einer Fischerbarke durch das Adriatische Meer nach Brundisium zu
+fahren, um sie zu holen; was in der Tat nur darum unterblieb, weil sich kein
+Schiffer fand, die verwegene Fahrt zu unternehmen. Indes es bedurfte seines
+persönlichen Erscheinens nicht, um den treuen Offizier, der in Italien
+kommandierte, Marcus Antonius, zu bestimmen, diesen letzten Versuch zur Rettung
+seines Herrn zu machen. Abermals lief die Transportflotte, mit vier Legionen
+und 800 Reitern an Bord, aus dem Hafen von Brundisium aus und glücklich führte
+ein starker Südwind sie an Libos Galeeren vorüber. Allein derselbe Wind, der
+hier die Flotte rettete, machte es ihr unmöglich, wie ihr befohlen war, an der
+apolloniatischen Küste zu landen, und zwang sie, an Caesars und Pompeius&rsquo;
+Lager vorbeizufahren und nördlich von Dyrrhachion nach Lissos zu steuern,
+welche Stadt zu gutem Glück noch zu Caesar hielt. Als sie an dem Hafen von
+Dyrrhachion vorüberfuhr, brachen die rhodischen Galeeren auf, um sie zu
+verfolgen, und kaum waren Antonius&rsquo; Schiffe in den Hafen von Lissos
+eingefahren, als auch das feindliche Geschwader vor demselben erschien. Aber
+eben in diesem Augenblick schlug plötzlich der Wind um und warf die
+verfolgenden Galeeren wieder zurück in die offene See und zum Teil an die
+felsige Küste. Durch die wunderbarsten Glückszufälle war die Landung auch des
+zweiten Transportes gelungen. Noch standen zwar Antonius und Caesar etwa vier
+Tagemärsche voneinander, getrennt durch Dyrrhachion und die gesamte feindliche
+Armee; indes Antonius bewerkstelligte glücklich den gefährlichen Marsch um
+Dyrrhachion herum durch die Pässe des Graba Balkan und ward von Caesar, der ihm
+entgegengegangen war, am rechten Ufer des Apsos aufgenommen. Pompeius, nachdem
+er vergeblich versucht hatte, die Vereinigung der beiden feindlichen Armeen zu
+verhindern und das Korps des Antonius einzeln zum Schlagen zu zwingen, nahm
+eine neue Stellung bei Asparagion an dem Flusse Genusas (Uschkomobin), der dem
+Apsos parallel zwischen diesem und der Stadt Dyrrhachion fließt, und hielt hier
+sich wieder unbeweglich. Caesar fühlte jetzt sich stark genug, eine Schlacht zu
+liefern; aber Pompeius ging nicht darauf ein. Dagegen gelang es Caesar, den
+Gegner zu täuschen und unversehens mit seinen besser marschierenden Truppen
+sich, ähnlich wie bei Ilerda, zwischen das feindliche Lager und die Festung
+Dyrrhachion zu werfen, auf die dieses sich stützte. Die Kette des Graba Balkan,
+die in der Richtung von Osten nach Westen streichend am Adriatischen Meere in
+der schmalen dyrrhachinischen Landzunge endigt, entsendet drei Meilen östlich
+von Dyrrhachion in südwestlicher Richtung einen Seitenarm, der in bogenförmiger
+Richtung ebenfalls zum Meere sich wendet, und der Haupt- und der Seitenarm des
+Gebirges schließen zwischen sich eine kleine, um eine Klippe am Meeresstrand
+sich ausbreitende Ebene ein. Hier nahm Pompeius jetzt sein Lager, und obwohl
+die Caesarische Armee ihm den Landweg nach Dyrrhachion verlegt hielt, blieb er
+doch mit Hilfe seiner Flotte fortwährend mit dieser Stadt in Verbindung und
+ward von dort mit allem Nötigen reichlich und bequem versehen, während bei den
+Caesarianern, trotz starker Detachierungen in das Hinterland und trotz aller
+Anstrengungen des Feldherrn, ein geordnetes Fahrwesen und damit eine
+regelmäßige Verpflegung in Gang zu bringen, es doch mehr als knapp herging und
+Fleisch, Gerste, ja Wurzeln sehr häufig die Stelle des gewohnten Weizens
+vertreten maßten. Da der phlegmatische Gegner beharrlich bei seiner Passivität
+blieb, unternahm Caesar, den Höhenkreis zu besetzen, der die von Pompeius
+eingenommene Strandebene umschloß, um wenigstens die überlegene feindliche
+Reiterei festzustellen und ungestörter gegen Dyrrhachion operieren zu können,
+womöglich aber den Gegner entweder zur Schlacht oder zur Einschiffung zu
+nötigen. Von Caesars Truppen war beinahe die Hälfte ins Binnenland detachiert;
+es schien fast abenteuerlich, mit dem Rest eine vielleicht doppelt so
+zahlreiche, konzentriert aufgestellte, auf die See und die Flotte gestützte
+Armee gewissermaßen belagern zu wollen. Dennoch schlossen Caesars Veteranen
+unter unsäglichen Anstrengungen das Pompeianische Lager mit einer drei und eine
+halbe deutsche Meile langen Postenkette ein und fügten später, ebenwie vor
+Alesia, zu dieser inneren Linie noch eine zweite äußere hinzu, um sich vor
+Angriffen von Dyrrhachion aus und vor den mit Hilfe der Flotte so leicht
+ausführbaren Umgehungen zu schützen. Pompeius griff mehrmals einzelne dieser
+Verschanzungen an, um womöglich die feindliche Linie zu sprengen, allein durch
+eine Schlacht die Einschließung zu hindern versuchte er nicht, sondern zog es
+vor, auch seinerseits um sein Lager herum eine Anzahl Schanzen anzulegen und
+dieselben durch Linien miteinander zu verbinden. Beiderseits war man bemüht,
+die Schanzen möglichst weit vorzuschieben und die Erdarbeiten rückten unter
+beständigen Gefechten nur langsam vor. Zugleich schlug man auf der
+entgegengesetzten Seite des Caesarischen Lagers sich herum mit der Besatzung
+vor Dyrrhachion; durch Einverständnisse innerhalb der Festung hoffte Caesar sie
+in seine Gewalt zu bringen, ward aber durch die feindliche Flotte daran
+verhindert. Unaufhörlich ward an den verschiedensten Punkten - an einem der
+heißesten Tage an sechs Stellen zugleich - gefochten und in der Regel behielt
+in diesen Scharmützeln die erprobte Tapferkeit der Caesarianer die Oberhand;
+wie denn zum Beispiel einmal eine einzige Kohorte sich gegen vier Legionen
+mehrere Stunden lang in ihrer Schanze hielt, bis Unterstützung herbeikam. Ein
+Haupterfolg ward auf keiner Seite erreicht; doch machten sich die Folgen der
+Einschließung den Pompeianern allmählich in drückender Weise fühlbar. Die
+Stauung der von den Höhen in die Ebene sich ergießenden Bäche nötigte sie, sich
+mit sparsamem und schlechtem Brunnenwasser zu begnügen. Noch empfindlicher war
+der Mangel an Futter für die Lasttiere und die Pferde, dem auch die Flotte
+nicht genügend abzuhelfen vermochte; sie fielen zahlreich und es half nur
+wenig, daß die Pferde durch die Flotte nach Dyrrhachion geschafft wurden, da
+sie auch hier nicht ausreichend Futter fanden. Lange konnte Pompeius nicht mehr
+zögern, sich durch einen gegen den Feind geführten Schlag aus seiner unbequemen
+Lage zu befreien. Da ward er durch keltische Überläufer davon in Kenntnis
+gesetzt, daß der Feind es versäumt habe, den Strand zwischen seinen beiden 600
+Fuß voneinander entfernten Schanzenketten durch einen Querwall zu sichern, und
+baute hierauf seinen Plan. Während er die innere Linie der Verschanzungen
+Caesars vom Lager aus durch die Legionen, die äußere durch die auf Schiffe
+gesetzten und jenseits der feindlichen Verschanzungen gelandeten leichten
+Truppen angreifen ließ, landete eine dritte Abteilung in dem Zwischenraum
+zwischen beiden Linien und griff die schon hinreichend beschäftigten
+Verteidiger derselben im Rücken an. Die zunächst am Meer befindliche Schanze
+wurde genommen und die Besatzung floh in wilder Verwirrung; mit Mühe gelang es
+dem Befehlshaber der nächsten Schanze, Marcus Antonius, diese zu behaupten und
+für den Augenblick dem Vordringen der Pompeianer ein Ziel zu setzen; aber,
+abgesehen von dem ansehnlichen Verlust, blieb die äußerste Schanze am Meer in
+den Händen der Pompeianer und die Linie durchbrochen. Um so eifriger ergriff
+Caesar die Gelegenheit, die bald darauf sich ihm darbot, eine unvorsichtig sich
+vereinzelnde Pompeianische Legion mit dem Gros seiner Infanterie anzugreifen.
+Allein die Angegriffenen leisteten tapferen Widerstand, und in dem mehrmals zum
+Lager größerer und kleinerer Abteilungen benutzten und kreuz und quer von
+Wällen und Gräben durchzogenen Terrain, auf dem gefochten ward, kam Caesars
+rechter Flügel nebst der Reiterei ganz vom Wege ab statt den linken im Angriff
+auf die Pompeianische Legion zu unterstützen, geriet er in einen engen, aus
+einem der alten Lager zum Fluß hingeführten Laufgraben. So fand Pompeius, der
+den Seinigen zu Hilfe mit fünf Legionen eiligst herbeikam, die beiden Flügel
+der Feinde voneinander getrennt und den einen in einer gänzlich preisgegebenen
+Stellung. Wie die Caesarianer ihn anrücken sahen, ergriff sie ein panischer
+Schreck; alles stürzte in wilder Flucht zurück, und wenn es bei dem Verlust von
+1000 der besten Soldaten blieb und Caesars Armee nicht eine vollständige
+Niederlage erlitt, so hatte sie dies nur dem Umstand zu danken, daß auch
+Pompeius sich auf dem durchschnittenen Boden nicht frei entwickeln konnte und
+überdies, eine Kriegslist besorgend, seine Truppen anfangs zurückhielt. Aber
+auch so waren es unheilvolle Tage. Nicht bloß hatte Caesar die empfindlichsten
+Verluste erlitten und seine Verschanzungen, das Resultat einer viermonatlichen
+Riesenarbeit, auf einen Schlag eingebüßt: er war durch die letzten Gefechte
+wieder genau auf den Punkt zurückgeworfen, von welchem er ausgegangen war. Von
+der See war er vollständiger verdrängt als je, seit des Pompeius ältester Sohn
+Gnaeus Caesars wenige, im Hafen von Orikon lagernde Kriegsschiffe durch einen
+kühnen Angriff teils verbrannt, teils weggeführt und bald nachher die in Lissos
+zurückgebliebene Truppenflotte gleichfalls in Brand gesteckt hatte; jede
+Möglichkeit, von Brundisium noch weitere Verstärkungen zur See heranzuziehen,
+war damit für Caesar verloren. Die zahlreiche Pompeianische Reiterei, jetzt
+ihrer Fesseln entledigt, ergoß sich in die Umgegend und drohte Caesar die stets
+schwierige Verpflegung der Armee völlig unmöglich zu machen. Caesars verwegenes
+Unternehmen, gegen einen seemächtigen, auf die Flotte gestützten Feind ohne
+Schiffe offensiv zu operieren, war vollständig gescheitert. Auf dem bisherigen
+Kriegsschauplatz fand er sich einer unbezwinglichen Verteidigungsstellung
+gegenüber und weder gegen Dyrrhachion noch gegen das feindliche Heer einen
+ernstlichen Schlag auszuführen imstande; dagegen hing es jetzt nur von Pompeius
+ab, gegen den bereits in seinen Subsistenzmitteln sehr gefährdeten Gegner unter
+den günstigsten Verhältnissen zum Angriff überzugehen. Der Krieg war an einem
+Wendepunkt angelangt. Bisher hatte Pompeius, allem Anscheine nach, das
+Kriegsspiel ohne eigenen Plan gespielt und nur nach dem jedesmaligen Angriff
+seine Verteidigung bemessen; und es war dies nicht zu tadeln, da das Hinziehen
+des Krieges ihm Gelegenheit gab, seine Rekruten schlagfähig zu machen, seine
+Reserven heranzuziehen und das Übergewicht seiner Flotte im Adriatischen Meer
+immer vollständiger zu entwickeln. Caesar war nicht bloß taktisch, sondern auch
+strategisch geschlagen. Diese Niederlage hatte zwar nicht diejenige Folge, die
+Pompeius nicht ohne Ursache erhoffte: zu einer sofortigen völligen Auflösung
+der Armee durch Hunger und Meuterei ließ die eminente soldatische Energie der
+Veteranen Caesars es nicht kommen. Allein es schien doch nur von dem Gegner
+abzuhängen, durch zweckmäßige Verfolgung seines Sieges die volle Frucht
+desselben zu ernten.
+</p>
+
+<p>
+An Pompeius war es, die Offensive zu ergreifen, und er war dazu entschlossen.
+Es boten sich ihm drei verschiedene Wege dar, um seinen Sieg fruchtbar zu
+machen. Der erste und einfachste war, von der überwundenen Armee nicht
+abzulassen und, wenn sie aufbrach, sie zu verfolgen. Ferner konnte Pompeius
+Caesar selbst und dessen Kerntruppen in Griechenland stehen lassen und selber,
+wie er längst vorbereitet hatte, mit der Hauptarmee nach Italien überfahren, wo
+die Stimmung entschieden antimonarchisch war und die Streitmacht Caesars, nach
+Entsendung der besten Truppen und des tapfern und zuverlässigen Kommandanten zu
+der griechischen Armee, nicht gar viel bedeuten wollte. Endlich konnte der
+Sieger sich auch in das Binnenland wenden, die Legionen des Metellus Scipio an
+sich liehen und versuchen, die im Binnenlande stehenden Truppen Caesars
+aufzuheben. Es hatte nämlich dieser, unmittelbar nachdem der zweite Transport
+bei ihm eingetroffen war, teils, um die Subsistenzmittel für seine Armee
+herbeizuschaffen, starke Detachements nach Ätolien und Thessalien entsandt,
+teils ein Korps von zwei Legionen unter Gnaeus Domitius Calvinus auf der
+Egnatischen Chaussee gegen Makedonien vorgehen lassen, das dem auf derselben
+Straße von Thessalonike her anrückenden Korps des Scipio den Weg verlegen und
+womöglich es einzeln schlagen sollte. Schon hatten Calvinus und Scipio sich bis
+auf wenige Meilen einander genähert, als Scipio sich plötzlich rückwärts wandte
+und, rasch den Haliakmon (Jadsche Karasu) überschreitend und dort sein Gepäck
+unter Marcus Favonius zurücklassend, in Thessalien eindrang, um die mit der
+Unterwerfung des Landes beschäftigte Rekrutenlegion Caesars unter Lucius
+Cassius Longinus mit Übermacht anzugreifen. Longinus aber zog sich über die
+Berge nach Ambrakia auf das von Caesar nach Ätolien gesandte Detachement unter
+Gnaeus Calvisius Sabinus zurück, und Scipio konnte ihn nur durch seine
+thrakischen Reiter verfolgen lassen, da Calvinus seine unter Favonius am
+Haliakmon zurückgelassene Reserve mit dem gleichen Schicksale bedrohte, welches
+er selbst dem Longinus zu bereiten gedachte. So trafen Calvinus und Scipio am
+Haliakmon wieder zusammen und lagerten hier längere Zeit einander gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Pompeius konnte zwischen diesen Plänen wählen; Caesar blieb keine Wahl. Er trat
+nach jenem unglücklichen Gefechte den Rückzug auf Apollonia an. Pompeius
+folgte. Der Marsch von Dyrrhachion nach Apollonia auf einer schwierigen, von
+mehreren Flüssen durchschnittenen Straße war keine leichte Aufgabe für eine
+geschlagene und vom Feinde verfolgte Armee; indes die geschickte Leitung ihres
+Feldherrn und die unverwüstliche Marschfähigkeit der Soldaten nötigten Pompeius
+nach viertägiger Verfolgung, dieselbe als nutzlos einzustellen. Er hatte jetzt
+sich zu entscheiden zwischen der italischen Expedition und dem Marsch in das
+Binnenland; und so rätlich und lockend auch jene schien, so manche Stimmen auch
+dafür sich erhoben, er zog es doch vor, das Korps des Scipio nicht
+preiszugeben, um so mehr, als er durch diesen Marsch das des Calvinus in die
+Hände zu bekommen hoffte. Calvinus stand augenblicklich auf der Egnatischen
+Straße bei Herakleia Lynkestis, zwischen Pompeius und Scipio und, nachdem
+Caesar sich auf Apollonia zurückgezogen, von diesem weiter entfernt als von der
+großen Armee des Pompeius, zu allem dem ohne Kenntnis von den Vorgängen bei
+Dyrrhachion und von seiner bedenklichen Lage, da nach den bei Dyrrhachion
+erlangten Erfolgen die ganze Landschaft sich zu Pompeius neigte und die Boten
+Caesars überall aufgegriffen wurden. Erst als die feindliche Hauptmacht bis auf
+wenige Stunden sich ihm genähert hatte, erfuhr Calvinus aus den Erzählungen der
+feindlichen Vorposten selbst den Stand der Dinge. Ein rascher Aufbruch in
+südlicher Richtung gegen Thessalien zu entzog ihn im letzten Augenblick der
+drohenden Vernichtung; Pompeius mußte sich damit begnügen, Scipio aus seiner
+gefährdeten Stellung befreit zu haben. Caesar war inzwischen unangefochten nach
+Apollonia gelangt. Sogleich nach der Katastrophe von Dyrrhachion hatte er sich
+entschlossen, wenn möglich den Kampf von der Küste weg in das Binnenland zu
+verlegen, um die letzte Ursache des Fehlschlagens seiner bisherigen
+Anstrengungen, die feindliche Flotte, aus dem Spiel zu bringen. Der Marsch nach
+Apollonia hatte nur den Zweck gehabt, dort, wo seine Depots sich befanden,
+seine Verwundeten in Sicherheit zu bringen und seinen Soldaten die Löhnung zu
+zahlen; sowie dies geschehen war, brach er, mit Hinterlassung von Besatzungen
+in Apollonia, Orikon und Lissos, nach Thessalien auf. Nach Thessalien hatte
+auch das Korps des Calvinus sich in Bewegung gesetzt; und die aus Italien,
+jetzt auf dem Landwege durch Illyrien, anrückenden Verstärkungen, zwei Legionen
+unter Quintus Cornificius, konnte er gleichfalls hier leichter noch als in
+Epirus an sich ziehen. Auf schwierigen Pfaden im Tale des Aoos aufwärtssteigend
+und die Bergkette überschreitend, die Epirus von Thessalien scheidet, gelangte
+er an den Peneios; ebendorthin ward Calvinus dirigiert und die Vereinigung der
+beiden Armeen also auf dem kürzesten und dem Feinde am wenigsten ausgesetzten
+Wege bewerkstelligt. Sie erfolgte bei Aeginion unweit der Quelle des Peneios.
+Die erste thessalische Stadt, vor der die jetzt vereinigte Armee erschien,
+Gomphoi, schloß ihr die Tore; sie ward rasch erstürmt und der Plünderung
+preisgegeben, und dadurch geschreckt unterwarfen sich die übrigen Städte
+Thessaliens, sowie nur Caesars Legionen vor den Mauern sich zeigten. Über
+diesen Märschen und Gefechten und mit Hilfe der, wenn auch nicht
+allzureichlichen, Vorräte, die die Landschaft am Peneios darbot, schwanden
+allmählich die Spuren und die Erinnerungen der überstandenen unheilvollen Tage.
+</p>
+
+<p>
+Unmittelbare Früchte also hatten die Siege von Dyrrhachion für die Sieger nicht
+viele getragen. Pompeius, mit seiner schwerfälligen Armee und seiner
+zahlreichen Reiterei, hatte dem beweglichen Feind in die Gebirge zu folgen
+nicht vermocht; Caesar wie Calvinus hatten der Verfolgung sich entzogen und
+beide standen vereinigt und in voller Sicherheit in Thessalien. Vielleicht wäre
+es das richtigste gewesen, wenn Pompeius jetzt ohne weiteres mit seiner
+Hauptmacht zu Schiff nach Italien gegangen wäre, wo der Erfolg kaum zweifelhaft
+war. Indes vorläufig ging nur eine Abteilung der Flotte nach Sizilien und
+Italien ab. Man betrachtete im Lager der Koalition durch die Schlachten von
+Dyrrhachion die Sache mit Caesar als so vollständig entschieden, daß es nur
+galt, die Früchte der Siege zu ernten, das heißt, die geschlagene Armee
+aufzusuchen und abzufangen. An die Stelle der bisherigen übervorsichtigen
+Zurückhaltung trat ein durch die Umstände noch weniger gerechtfertigter
+Übermut; man achtete es nicht, daß man in der Verfolgung doch eigentlich
+gescheitert war, daß man sich gefaßt halten mußte, in Thessalien auf eine
+völlig erfrischte und reorganisierte Armee zu treffen und daß es nicht geringe
+Bedenken hatte, vom Meere sich entfernend und auf die Unterstützung der Flotte
+verzichtend, dem Gegner auf das von ihm gewählte Schlachtfeld zu folgen. Man
+war eben entschlossen, um jeden Preis mit Caesar zu schlagen und darum
+baldmöglichst und auf dem möglichst bequemen Wege an ihn zu kommen. Cato
+übernahm das Kommando in Dyrrhachion, wo eine Besatzung von achtzehn Kohorten,
+und in Kerkyra, wo 300 Kriegsschiffe zurückblieben: Pompeius und Scipio begaben
+sich, jener wie es scheint die Egnatische Chaussee bis Pella verfolgend und
+dann die große Straße nach Süden einschlagend, dieser vom Haliakmon aus durch
+die Pässe des Olymp, an den unteren Peneios und trafen bei Larisa zusammen.
+Caesar stand südlich davon in der Ebene, die zwischen dem Hügelland von
+Kynoskephalä und dem Othrysgebirge sich ausbreitet und von dem Nebenfluß des
+Peneios, dem Enipeus, durchschnitten wird, am linken Ufer desselben bei der
+Stadt Pharsalos; ihm gegenüber, am rechten Ufer des Enipeus am Abhang der Höhen
+von Kynoskephalä, schlug Pompeius sein Lager ^6. Pompeius&rsquo; Armee war
+vollständig beisammen; Caesar dagegen erwartete noch das früher nach Ätolien
+und Thessalien detachierte, jetzt unter Quintus Fufius Calenus in Griechenland
+stehende Korps von fast zwei Legionen und die auf dem Landweg von Italien ihm
+nachgesandten und bereits in Illyrien angelangten zwei Legionen des
+Cornificius. Pompeius&rsquo; Heer, elf Legionen oder 47000 Mann und 7000 Pferde
+stark, war dem Caesar an Fußvolk um mehr als das Doppelte, an Reiterei um das
+Siebenfache überlegen; Strapazen und Gefechte hatten Caesars Truppen so
+dezimiert, daß seine acht Legionen nicht über 22000 Mann unter den Waffen, also
+bei weitem nicht die Hälfte des Normalbestandes zählten. Pompeius&rsquo;
+siegreiche, mit einer zahllosen Reiterei und guten Magazinen versehene Armee
+hatte Lebensmittel in Fülle, während Caesars Truppen notdürftig sich hinhielten
+und erst von der nicht fernen Getreideernte bessere Verpflegung erhofften. Die
+Stimmung der Pompeianischen Soldaten, die in der letzten Kampagne den Krieg
+kennen und ihrem Führer vertrauen gelernt hatten, war die beste. Alle
+militärischen Gründe sprachen auf Pompeius&rsquo; Seite dafür, da man nun
+einmal in Thessalien Caesar gegenüberstand, mit der Entscheidungsschlacht nicht
+lange zu zögern; und mehr wohl noch als diese wog im Kriegsrat die
+Emigrantenungeduld der vielen vornehmen Offiziere und Heerbegleiter. Seit den
+Ereignissen von Dyrrhachion betrachteten diese Herren den Triumph ihrer Partei
+als eine ausgemachte Tatsache; bereits wurde eifrig gehadert über die Besetzung
+von Caesars Oberpontifikat und Aufträge nach Rom gesandt, um für die nächsten
+Wahlen Häuser am Markt zu mieten. Als Pompeius Bedenken zeigte, den Bach, der
+beide Heere schied und den Caesar mit seinem viel schwächeren Heer zu passieren
+sich nicht getraute, seinerseits zu überschreiten, erregte dies großen
+Unwillen; Pompeius, hieß es, zaudere nur mit der Schlacht, um noch etwas länger
+über so viele Konsulare und Prätorier zu gebieten und seine Agamemnonrolle zu
+verewigen. Pompeius gab nach; und Caesar, der in der Meinung, daß es nicht zum
+Kampf kommen werde, eben eine Umgehung der feindlichen Armee entworfen hatte
+und dazu gegen Skotussa aufzubrechen im Begriff war, ordnete ebenfalls seine
+Legionen zur Schlacht, als er die Pompeianer sich anschicken sah, sie auf
+seinem Ufer ihm anzubieten. Also ward, fast auf derselben Walstatt, wo
+hundertfünfzig Jahre zuvor die Römer ihre Herrschaft im Osten begründet hatten,
+am 9. August 706 (48) die Schlacht von Pharsalos geschlagen. Pompeius lehnte
+den rechten Flügel an den Enipeus, Caesar ihm gegenüber den linken an das vor
+dem Enipeus sich ausbreitende durchschnittene Terrain; die beiden anderen
+Flügel standen in die Ebene hinaus, beiderseits gedeckt durch die Reiterei und
+die leichten Truppen. Pompeius&rsquo; Absicht war, sein Fußvolk in der
+Verteidigung zu halten, dagegen mit seiner Reiterei die schwache Reiterschar,
+die, nach deutscher Art mit leichter Infanterie gemischt, ihr gegenüberstand,
+zu zersprengen und sodann Caesars rechten Flügel in den Rücken zu nehmen. Sein
+Fußvolk hielt den ersten Stoß der feindlichen Infanterie mutig aus und es kam
+das Gefecht hier zum Stehen. Labienus sprengte ebenfalls die feindliche
+Reiterei nach tapferem, aber kurzem Widerstand auseinander und entwickelte sich
+linkshin, um das Fußvolk zu umgehen. Aber Caesar, die Niederlage seiner
+Reiterei voraussehend, hatte hinter ihr auf der bedrohten Flanke seines rechten
+Flügels etwa 2000 seiner besten Legionäre aufgestellt. Wie die feindlichen
+Reiter, die Caesarischen vor sich hertreibend, heran und um die Linie herum
+jagten, prallten sie plötzlich auf diese unerschrocken gegen sie anrückende
+Kernschar und, durch den unerwarteten und ungewohnten Infanterieangriff ^7
+rasch in Verwirrung gebracht, sprengten sie mit verhängten Zügeln vom
+Schlachtfeld. Die siegreichen Legionäre hieben die preisgegebenen feindlichen
+Schützen zusammen, rückten dann auf den linken Flügel des Feindes los und
+begannen nun ihrerseits dessen Umgehung. Zugleich ging Caesars bisher
+zurückgehaltenes drittes Treffen auf der ganzen Linie zum Angriff vor. Die
+unverhoffte Niederlage der besten Waffe des Pompeianischen Heeres, wie sie den
+Mut der Gegner hob, brach den der Armee und vor allem den des Feldherrn. Als
+Pompeius, der seinem Fußvolk von Haus aus nicht traute, die Reiter zurückjagen
+sah, ritt er sofort von dem Schlachtfeld zurück in das Lager, ohne auch nur den
+Ausgang des von Caesar befohlenen Gesamtangriffs abzuwarten. Seine Legionen
+fingen an zu schwanken und bald über den Bach in das Lager zurückzuweichen, was
+nicht ohne schweren Verlust bewerkstelligt ward. Der Tag war also verloren und
+mancher tüchtige Soldat gefallen, die Armee indes noch im wesentlichen intakt
+und Pompeius&rsquo; Lage weit minder bedenklich als die Caesars nach der
+Niederlage von Dyrrhachion. Aber wenn Caesar in den Wechselfällen seiner
+Geschicke es gelernt hatte, daß das Glück auch seinen Günstlingen wohl auf
+Augenblicke sich zu entziehen liebt, um durch Beharrlichkeit von ihnen abermals
+bezwungen zu werden, so kannte Pompeius das Glück bis dahin nur als die
+beständige Göttin und verzweifelte an sich und an ihr, als sie ihm entwich; und
+wenn in Caesars großartiger Natur die Verzweiflung nur immer mächtigere Kräfte
+entwickelte, so versank Pompeius&rsquo; dürftige Seele unter dem gleichen Druck
+in den bodenlosen Abgrund der Kümmerlichkeit. Wie er einst im Kriege mit
+Sertorius im Begriff gewesen war, das anvertraute Amt im Stiche lassend vor dem
+überlegenen Gegner auf und davon zu gehen, so warf er jetzt, da er die Legionen
+über den Bach zurückweichen sah, die verhängnisvolle Feldherrnschärpe von sich
+und ritt auf dem nächsten Weg dem Meere zu, um dort ein Schiff sich zu suchen.
+Seine Armee, entmutigt und führerlos - denn Scipio, obwohl von Pompeius als
+Kollege im Oberkommando anerkannt, war doch nur dem Namen nach Oberfeldherr -,
+hoffte hinter den Lagerwällen Schutz zu finden; aber Caesar gestattete ihr
+keine Rast: rasch wurde die hartnäckige Gegenwehr der römischen und thrakischen
+Lagerwachen überwältigt und die Masse genötigt, sich in Unordnung die Anhöhen
+von Krannon und Skotussa hinaufzuziehen, an deren Fuße das Lager geschlagen
+war. Sie versuchte, auf diesen Hügeln sich fortbewegend Larisa
+wiederzuerreichen; allein Caesars Truppen, weder der Beute noch der Müdigkeit
+achtend und auf besseren Wegen in die Ebene vorrückend, verlegten den
+Flüchtigen den Weg; ja, als am späten Abend die Pompeianer ihren Marsch
+einstellten, vermochten ihre Verfolger es noch, eine Schanzlinie zu ziehen, die
+den Flüchtigen den Zugang zu dem einzigen in der Nähe befindlichen Bach
+verschloß. So endigte der Tag von Pharsalos. Die feindliche Armee war nicht
+bloß geschlagen, sondern vernichtet. 15000 der Feinde lagen tot oder verwundet
+auf dem Schlachtfeld, während die Caesarianer nur 200 Mann vermißten; die noch
+zusammengebliebene Masse, immer noch gegen 20000 Mann, streckte am Morgen nach
+der Schlacht die Waffen; nur einzelne Trupps, darunter freilich die
+namhaftesten Offiziere, suchten eine Zuflucht in den Bergen; von den elf
+feindlichen Adlern wurden neun Caesar überbracht. Caesar, der schon am Tage der
+Schlacht die Soldaten erinnert hatte, im Feinde nicht den Mitbürger zu
+vergessen, behandelte die Gefangenen nicht wie Bibulus und Labienus es taten;
+indes auch er fand doch nötig, jetzt die Strenge walten zu lassen. Die gemeinen
+Soldaten wurden in das Heer eingereiht, gegen die Leute besseren Standes
+Geldbußen oder Vermögenskonfiskationen erkannt; die gefangenen Senatoren und
+namhaften Ritter erlitten, mit wenigen Ausnahmen, den Tod. Die Zeiten der Gnade
+waren vorbei; je länger er währte, desto rücksichtsloser und unversöhnlicher
+waltete der Bürgerkrieg.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^6 Die genaue Bestimmung des Schlachtfeldes ist schwierig. Appian (bist. 2, 75)
+setzt dasselbe ausdrücklich zwischen (Neu-) Pharsalos (jetzt Fersala) und den
+Enipeus. Von den beiden Gewässern, die hier allein von einiger Bedeutung und
+unzweifelhaft der Apidanos und Enipeus der Alten sind, dem Sofadhitiko und dem
+Fersaliti, hat jener seine Quellen auf den Bergen von Thaumakoi (Dhomoko) und
+den Dolopischen Höhen, dieser auf dem Othrys, und fließt nur der Fersaliti bei
+Pharsalos vorbei; da nun aber der Enipeus nach Strabon (9 p. 432) auf dem
+Othrys entspringt und bei Pharsalos vorbeifließt, so ist der Fersaliti mit
+vollem Recht von W. M. Leake (Travels in Northern Greece. Bd. 4. London 1835,
+S. 320) für den Enipeus erklärt worden und die von Göler befolgte Annahme, daß
+der Fersaliti der Apidanos sei, unhaltbar. Damit stimmen auch alle sonstigen
+Angaben der Alten über beide Flüsse. Nur muß freilich mit Leake angenommen
+werden, daß der durch die Vereinigung des Fersaliti und des Sofadhitiko
+gebildete, zum Peneios gehende Fluß von Vlokho bei den Alten, wie der
+Sofadhitiko, Apidanos hieß: was aber auch um so natürlicher ist als wohl der
+Sofadhitiko, nicht aber der Fersaliti beständig Wasser hat (Leake, Bd. 4, S.
+321). Zwischen Fersala also und dem Fersaliti muß Altpharsalos gelegen haben,
+wovon die Schlacht den Namen trägt. Demnach ward die Schlacht am linken Ufer
+des Fersaliti gefochten, und zwar so, daß die Pompeianer, mit dem Gesicht nach
+Pharsalos stehend, ihren rechten Flügel an den Fluß lehnten (Caes. civ. 3, 83.
+Frontin. strat. 2, 3, 22). Aber das Lager der Pompeianer kann hier nicht
+gestanden haben, sondern nur am Abhang der Höhen von Kynoskephalae am rechten
+Ufer des Enipeus, teils weil sie Caesar den Weg nach Skotussa verlegten, teils
+weil ihre Rückzugslinie offenbar über die oberhalb des Lagers befindlichen
+Berge nach Larisa ging; hätten sie, nach Leakes (Bd. 4, S. 482) Annahme,
+östlich von Pharsalos am linken Ufer des Enipeus gelagert, so konnten sie
+nimmermehr durch diesen gerade hier tief eingeschnittenen Bach (Leake, Bd. 4,
+S. 469) nordwärts gelangen und Pompeius hätte statt nach Larisa, nach Lamia
+flüchten müssen. Wahrscheinlich schlugen also die Pompeianer am rechten Ufer
+des Fersaliti ihr Lager und passierten den Fluß, sowohl um zu schlagen, als um
+nach der Schlacht wieder in ihr Lager zu gelangen von wo sie sodann sich die
+Abhänge von Krannon und Skotussa hinaufzogen, die über dem letzteren Orte zu
+den Höhen von Kynoskephalae sich gipfeln. Unmöglich war dies nicht. Der Enipeus
+ist ein schmaler, langsam fließender Bach, den Leake im November zwei Fuß tief
+fand und der in der heißen Jahreszeit oft ganz trocken liegt (Leake, Bd. 1, S.
+448 und Bd. 4, S. 472; vgl. Lucan. 6, 373), und die Schlacht ward im Hochsommer
+geschlagen. Ferner standen die Heere vor der Schlacht drei Viertelmeilen
+auseinander (App. civ. 2, 65), so daß die Pompeianer alle Vorbereitungen
+treffen und auch die Verbindung mit ihrem Lager durch Brücken gehörig sichern
+konnten. Wäre die Schlacht in eine völlige Deroute ausgegangen, so hätte
+freilich der Rückzug an und über den Fluß nicht ausgeführt werden können, und
+ohne Zweifel aus diesem Grunde verstand Pompeius nur ungern sich dazu, hier zu
+schlagen. Der am weitesten von der Rückzugsbasis entfernte linke Flügel der
+Pompeianer hat dies auch empfunden; aber der Rückzug wenigstens ihres Zentrums
+und ihres rechten Flügels ward nicht in solcher Hast bewerkstelligt, daß er
+unter den gegebenen Bedingungen unausführbar wäre. Caesar und seine
+Ausschreiber verschweigen die Überschreitung des Flusses, weil dieselbe die
+übrigens aus der ganzen Erzählung hervorgehende Kampfbegierde der Pompeianer zu
+deutlich ins Licht stellen würde, und ebenso die für diese günstigen Momente
+des Rückzugs.
+</p>
+
+<p>
+^7 In diesen Zusammenhang gehört die bekannte Anweisung Caesars an seine
+Soldaten, nach den Gesichtern der feindlichen Reiter zu stoßen. Die Infanterie,
+welche hier in ganz irregulärer Weise offensiv gegen die Kavallerie auftrat,
+der mit den Säbeln nicht beizukommen war, sollte ihre Pila nicht abwerfen,
+sondern sie als Handspeere gegen die Reiter brauchen und, um dieser sich besser
+zu erwehren, damit nach oben zu stoßen (Plut. Pomp. 69. 71; Plut. Caes. 45;
+App, civ. 2, 76, 78; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15; irrig Frontin strat.
+4, 7, 32). Die anekdotenhafte Umwandlung dieser Instruktion, daß die
+Pompeianischen Reiter durch die Furcht vor Schmarren im Gesicht zum Weglaufen
+sollten gebracht werden und auch wirklich &ldquo;die Hände vor die Augen
+haltend&rdquo; (Plutarch) davongaloppiert seien, fällt in sich selbst zusammen:
+denn sie hat nur dann eine Pointe, wenn die Pompeianische Reiterei
+hauptsächlich aus dem jungen Adel Roms, den &ldquo;artigen Tänzern&rdquo;,
+bestand; und dies ist falsch. Höchstens kann es sein, daß der Lagerwitz jener
+einfachen und zweckmäßigen militärischen Ordre diese sehr unsinnige, aber
+allerdings lustige Wendung gab.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte einige Zeit, bevor die Folgen des 9. August 706 (48) vollständig
+sich übersehen ließen. Was am wenigsten Zweifel litt, war der Übertritt aller
+derer, die zu der bei Pharsalos überwundenen Partei nur als zu der mächtigeren
+sich geschlagen hatten, auf die Seite Caesars; die Niederlage war eine so
+völlig entscheidende, daß dem Sieger alles zufiel, was nicht für eine verlorene
+Sache streiten wollte oder mußte. Alle die Könige, Völker und Städte, die
+bisher Pompeius&rsquo; Klientel gebildet hatten, riefen jetzt ihre Flotten- und
+Heereskontingente zurück und verweigerten den Flüchtlingen der geschlagenen
+Partei die Aufnahme - so Ägypten, Kyrene, die Gemeinden Syriens, Phönikiens,
+Kilikiens und Kleinasiens, Rhodos, Athen und überhaupt der ganze Osten. Ja,
+König Pharnakes vom Bosporus trieb den Diensteifer so weit, daß er auf die
+Nachricht von der Pharsalischen Schlacht nicht bloß die manches Jahr zuvor vom
+Pompeius frei erklärte Stadt Phanagoria und die Gebiete der von ihm bestätigten
+kolchischen Fürsten, sondern selbst das von demselben dem König Deiotarus
+verliehene Königreich Klein-Armenien in Besitz nahm. Fast die einzigen
+Ausnahmen von dieser allgemeinen Unterwerfung waren die kleine Stadt Megara,
+die von den Caesarianern sich belagern und erstürmen ließ, und König Juba von
+Numidien, der von Caesar die Einziehung seines Reiches schon längst und nach
+dem Siege über Curio nur um so sicherer zu gewärtigen hatte und also freilich,
+wohl oder übel, bei der geschlagenen Partei ausharren mußte. Ebenso wie die
+Klientelgemeinden sich dem Sieger von Pharsalos unterwarfen, kam auch der
+Schweif der Verfassungspartei, alle, die mit halbem Herzen mitgemacht hatten
+oder gar, wie Marcus Cicero und seinesgleichen, nur um die Aristokratie
+herumtrippelten wie die Halbhexen um den Blocksberg, herbei, um mit dem neuen
+Alleinherrscher ihren Frieden zu machen, den denn auch dessen geringschätzige
+Nachsicht den Bittstellern bereitwillig und höflich gewährte. Aber der Kern der
+geschlagenen Partei transigierte nicht. Mit der Aristokratie war es vorbei;
+aber die Aristokraten konnten doch sich nimmermehr zur Monarchie bekehren. Auch
+die höchsten Offenbarungen der Menschheit sind vergänglich; die einmal wahre
+Religion kann zur Lüge, die einst segenhafte Staatsordnung zum Fluche werden;
+aber selbst das vergangene Evangelium noch findet Bekenner, und wenn solcher
+Glaube nicht Berge versetzen kann wie der Glaube an die lebendige Wahrheit, so
+bleibt er doch sich selber bis zu seinem Untergange treu und weicht aus dem
+Reiche der Lebendigen nicht, bevor er seine letzten Priester und seine letzten
+Bürger sich nachgezogen hat und ein neues Geschlecht, von jenen Schemen des
+Gewesenen und Verwesenden befreit, über die verjüngte Welt regiert. So war es
+in Rom. In welchen Abgrund der Entartung auch jetzt das aristokratische
+Regiment versunken war, es war einst ein großartiges politisches System
+gewesen; das heilige Feuer, durch das Italien erobert und Hannibal besiegt
+worden war, glühte, wie getrübt und verdumpft, dennoch fort in dem römischen
+Adel, solange es einen solchen gab, und machte eine innerliche Verständigung
+zwischen den Männern des alten Regiments und dem neuen Monarchen unmöglich. Ein
+großer Teil der Verfassungspartei fügte sich wenigstens äußerlich und erkannte
+die Monarchie insofern an, als sie von Caesar Gnade annahmen und soweit
+möglich, sich ins Privatleben zurückzogen; was freilich regelmäßig nicht ohne
+den Hintergedanken geschah, sich damit auf einen künftigen Umschwung der Dinge
+aufzusparen. Vorzugsweise taten dies die minder namhaften Parteigenossen; doch
+zählte auch der tüchtige Marcus Marcellus, derselbe, der den Bruch mit Caesar
+herbeigeführt hatte, zu diesen Verständigen und verbannte sich freiwillig nach
+Lesbos. Aber in der Majorität der echten Aristokratie war die Leidenschaft
+mächtiger als die kühle Überlegung; wobei freilich auch Selbsttäuschungen über
+den noch möglichen Erfolg und Besorgnisse vor der unvermeidlichen Rache des
+Siegers mannigfaltig mitwirkten. Keiner wohl beurteilte mit so schmerzlicher
+Klarheit und so frei von Furcht wie von Hoffnung für sich die Lage der Dinge
+wie Marcus Cato. Vollkommen überzeugt, daß nach den Tagen von Ilerda und
+Pharsalos die Monarchie unvermeidlich sei, und sittlich fest genug, um auch
+diese bittere Wahrheit sich einzugestehen und danach zu handeln, schwankte er
+einen Augenblick, ob die Verfassungspartei den Krieg überhaupt noch fortsetzen
+dürfe, der notwendig für eine verlorene Sache vielen Opfer zumutete, die nicht
+wußten, wofür sie sie brachten. Aber wenn er sich entschloß, weiter gegen die
+Monarchie zu kämpfen, nicht um den Sieg, sondern um rascheren und ehrenvolleren
+Untergang, so suchte er doch soweit möglich in diesen Krieg keinen
+hineinzuziehen, der den Untergang der Republik überleben und mit der Monarchie
+sich abfinden mochte. Solange die Republik nur bedroht gewesen, meinte er, habe
+man das Recht und die Pflicht gehabt, auch den lauen und schlechten Bürger zur
+Teilnahme an dem Kampfe zu zwingen; aber jetzt sei es sinnlos und grausam, den
+einzelnen zu nötigen, daß er mit der verlorenen Republik sich zugrunde richte.
+Nicht bloß entließ er selbst jeden, der nach Italien heimzukehren begehrte; als
+der wildeste unter den wilden Parteimännern, Gnaeus Pompeius der Sohn, auf die
+Hinrichtung dieser Leute, namentlich des Cicero drang, war es einzig Cato, der
+sie durch seine sittliche Autorität verhinderte.
+</p>
+
+<p>
+Auch Pompeius begehrte keinen Frieden. Wäre er ein Mann gewesen, der es
+verdiente, an dem Platze zu stehen, wo er stand, so möchte man meinen, er habe
+es begriffen, daß, wer nach der Krone greift, nicht wieder zurück kann in das
+Geleise der gewöhnlichen Existenz und darum für den, der fehlgegriffen, kein
+Platz mehr auf der Erde ist. Allein schwerlich dachte Pompeius zu groß, um eine
+Gnade zu erbitten, die der Sieger vielleicht hochherzig genug gewesen wäre, ihm
+nicht zu versagen, sondern vielmehr wahrscheinlich dazu zu gering. Sei es, daß
+er es nicht über sich gewann, Caesar sich anzuvertrauen, sei es, daß er in
+seiner gewöhnlichen unklaren und unentschiedenen Weise, nachdem der erste
+unmittelbare Eindruck der Katastrophe von Pharsalos geschwunden war, wieder
+anfing, Hoffnung zu schöpfen, Pompeius war entschlossen, den Kampf gegen Caesar
+fortzusetzen und nach dem Pharsalischen noch ein anderes Schlachtfeld sich zu
+suchen.
+</p>
+
+<p>
+So ging also, wie Caesar immer durch Klugheit und Mäßigung den Groll seiner
+Gegner zu beschwichtigen und ihre Zahl zu mindern bemüht war, der Kampf
+nichtsdestoweniger unabänderlich weiter. Allein die führenden Männer hatten
+fast alle bei Pharsalos mitgefochten, und obwohl sie, mit Ausnahme von Lucius
+Domitius Ahenobarbus, der auf der Flucht niedergemacht ward, sämtlich sich
+retteten, wurden sie doch nach allen Seiten hin versprengt, weshalb sie nicht
+dazu kamen, einen gemeinschaftlichen Plan für die Fortsetzung des Feldzuges zu
+verabreden. Die meisten von ihnen gelangten, teils durch die öden makedonischen
+und illyrischen Gebirge, teils mit Hilfe der Flotte, nach Kerkyra, wo Marcus
+Cato die zurückgelassene Reserve kommandierte. Hier fand unter Catos Vorsitz
+eine Art Kriegsrat statt, dem Metellus Scipio, Titus Labienus, Lucius Afranius,
+Gnaeus Pompeius der Sohn und andere beiwohnten; allein teils die Abwesenheit
+des Oberfeldherrn und die peinliche Ungewißheit über sein Schicksal, teils die
+innere Zerfahrenheit der Partei verhinderte eine gemeinsame Beschlußfassung,
+und es schlug schließlich jeder den Weg ein, der ihm für sich oder für die
+gemeine Sache der zweckmäßigste zu sein schien. Es war in der Tat in hohem
+Grade schwierig, unter den vielen Strohhalmen, an die man etwa sich anklammern
+konnte, denjenigen zu bezeichnen, der am längsten über Wasser halten würde.
+Makedonien und Griechenland waren durch die Schlacht von Pharsalos verloren.
+Zwar hielt Cato, nachdem er auf die Nachricht von der Niederlage Dyrrhachion
+sogleich geräumt hatte, nach Kerkyra, Rutilius Lupus noch den Peloponnes eine
+Zeitlang für die Verfassungspartei. Einen Augenblick schien es auch, als
+wollten die Pompeianer sich in Paträ auf dem Peloponnes verteidigen; allein die
+Nachricht von Calenus&rsquo; Anrücken genügte, um sie von hier zu verscheuchen.
+Kerkyra zu behaupten wurde ebensowenig versucht. An der italischen und
+sizilischen Küste hatten die nach den Siegen von Dyrrhachion dorthin entsandten
+Pompeianischen Geschwader gegen die Häfen von Brundisium, Messana und Vibo
+nicht unbedeutende Erfolge errungen und in Messana namentlich die ganze in der
+Ausrüstung begriffene Flotte Caesars niedergebrannt; allein die hier tätigen
+Schiffe, größtenteils kleinasiatische und syrische, wurden infolge der
+Pharsalischen Schlacht von ihren Gemeinden abberufen, so daß die Expedition
+damit von selber ein Ende nahm. In Kleinasien und Syrien standen augenblicklich
+gar keine Truppen, weder der einen noch der anderen Partei, mit Ausnahme der
+bosporanischen Armee des Pharnakes, die, angeblich für Rechnung Caesars,
+verschiedene Landschaften der Gegner desselben eingenommen hatte. In Ägypten
+stand zwar noch ein ansehnliches römisches Heer, gebildet aus den dort von
+Gabinius zurückgelassenen und seitdem aus italischen Landstreichern und
+syrischem oder kilikischem Räubergesindel rekrutierten Truppen; allein es
+verstand sich von selbst und ward durch die Rückberufung der ägyptischen
+Schiffe bald offiziell bestätigt, daß der Hof von Alexandreia keineswegs die
+Absicht hatte, bei der geschlagenen Partei auszuhalten oder gar ihr seine
+Truppenmacht zur Verfügung zu stellen. Etwas günstigere Aussichten boten sich
+den Besiegten im Westen dar. In Spanien waren unter der Bevölkerung die
+Pompeianischen Sympathien so mächtig, daß die Caesarianer den von dort aus
+gegen Afrika beabsichtigten Angriff deswegen unterlassen mußten und eine
+Insurrektion unausbleiblich schien, sowie ein namhafter Führer auf der
+Halbinsel sich zeigen würde. In Afrika aber hatte die Koalition oder vielmehr
+der eigentliche Machthaber daselbst, König Juba von Numidien, seit dem Herbst
+705 (49) ungestört gerüstet. Wenn also der ganze Osten durch die Schlacht von
+Pharsalos der Koalition verloren war, so konnte sie dagegen in Spanien
+wahrscheinlich und sicher in Afrika den Krieg in ehrenhafter Weise
+weiterführen; denn die Hilfe des längst der römischen Gemeinde untertänigen
+Königs von Numidien gegen revolutionäre Mitbürger in Anspruch zu nehmen, war
+für den Römer wohl eine peinliche Demütigung, aber keineswegs ein Landesverrat.
+Wem freilich in diesem Kampfe der Verzweiflung weder Recht noch Ehre etwas
+weiter galt, der mochte auch, sich selber außerhalb des Gesetzes erklärend, die
+Räuberfehde eröffnen oder, mit unabhängigen Nachbarstaaten in Bündnis tretend,
+den Landesfeind in den inneren Streit hineinziehen oder endlich, die Monarchie
+mit den Lippen bekennend, die Restauration der legitimen Republik mit dem Dolch
+des Meuchelmörders betreiben. Daß die Überwundenen austraten und der neuen
+Monarchie absagten, war wenigstens der natürliche und insofern richtigste
+Ausdruck ihrer verzweifelten Lage. Das Gebirge und vor allem das Meer waren in
+jener Zeit seit Menschengedenken wie die Freistatt allen Frevels, so auch die
+des unerträglichen Elends und des unterdrückten Rechtes; Pompeianern und
+Republikanern lag es nahe, der Monarchie Caesars, die sie ausstieß, in den
+Bergen und auf den Meeren trotzig den Krieg zu machen, und namentlich nahe, die
+Piraterie in größerem Maßstab, in festerer Geschlossenheit, mit bestimmteren
+Zielen aufzunehmen. Selbst nach der Abberufung der aus dem Osten gekommenen
+Geschwader besaßen sie noch eine sehr ansehnliche eigene Flotte, während Caesar
+immer noch so gut wie ohne Kriegsschiffe war; und ihre Verbindung mit den
+Delmatern, die im eigenen Interesse gegen Caesar aufgestanden waren, ihre
+Herrschaft über die wichtigsten Meere und Hafenplätze, gaben für den Seekrieg,
+namentlich im kleinen, die vorteilhaftesten Aussichten. Wie einst Sullas
+Demokratenhetze geendigt hatte mit dem Sertorianischen Aufstand, der anfangs
+Piraten-, dann Räuberfehde war und schließlich doch ein sehr ernstlicher Krieg
+ward, so konnte, wenn in der catonischen Aristokratie oder unter den Anhängern
+des Pompeius so viel Geist und Feuer war wie in der marianischen Demokratie,
+und wenn in ihr der rechte Seekönig sich fand, auf dem noch unbezwungenen Meere
+wohl ein von Caesars Monarchie unabhängiges und vielleicht dieser gewachsenes
+Gemeinwesen entstehen.
+</p>
+
+<p>
+In jeder Hinsicht weit schärfere Mißbilligung verdient der Gedanke, einen
+unabhängigen Nachbarstaat in den römischen Bürgerkrieg hineinzuziehen und durch
+ihn eine Konterrevolution herbeizuführen: Gesetz und Gewissen verurteilen den
+Überläufer strenger als den Räuber, und leichter findet die siegreiche
+Räuberschar den Rückweg zu einem freien und geordneten Gemeinwesen, als die vom
+Landesfeind zurückgeführte Emigration. Übrigens war es auch kaum
+wahrscheinlich, daß die geschlagene Partei auf diesem Wege eine Restauration
+würde bewirken können. Der einzige Staat, auf den sie versuchen konnte sich zu
+stützen, war der der Parther; und von diesem war es wenigstens zweifelhaft, ob
+er ihre Sache zu der seinigen machen, und sehr unwahrscheinlich, daß er gegen
+Caesar sie durchfechten werde. Die Zeit der republikanischen Verschwörungen
+aber war noch nicht gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Während also die Trümmer der geschlagenen Partei ratlos vom Schicksal sich
+treiben ließen und auch die den Kampf fortzusetzen entschieden waren nicht
+wußten, wie noch wo, hatte Caesar, wie immer rasch entschlossen und rasch
+handelnd, alles beiseite gelassen, um Pompeius zu verfolgen, den einzigen
+seiner Gegner, den er als Offizier achtete, und denjenigen, dessen persönliche
+Gefangennahme die eine und vielleicht die gefährlichere Hälfte seiner Gegner
+wahrscheinlich paralysiert haben würde. Mit weniger Mannschaft fuhr er über den
+Hellespont - seine einzelne Barke traf in demselben auf eine feindliche, nach
+dem Schwarzen Meere bestimmte Flotte und nahm die ganze, durch die Kunde von
+der Pharsalischen Schlacht wie mit Betäubung geschlagene Mannschaft derselben
+gefangen - und eilte, sowie die notwendigsten Anordnungen getroffen waren,
+Pompeius in den Osten nach. Dieser war vom Pharsalischen Schlachtfeld nach
+Lesbos gegangen, wo er seine Gemahlin und seinen zweiten Sohn Sextus abholte,
+und weiter um Kleinasien herum nach Kilikien und von da nach Kypros gesegelt.
+Er hätte zu seinen Parteigenossen nach Kerkyra oder Afrika gelangen können;
+allein der Widerwille gegen seine aristokratischen Verbündeten und der Gedanke
+an die Aufnahme, die nach dem Tage von Pharsalos und vor allem nach seiner
+schimpflichen Flucht ihn dort erwartete, scheinen ihn bewogen zu haben, seinen
+Weg für sich zu gehen und lieber in den Schutz des Partherkönigs als in den
+Catos sich zu begeben. Während er beschäftigt war, von den römischen
+Steuerpächtern und Kaufleuten auf Kypros Geld und Sklaven beizutreiben und
+einen Haufen von 2000 Sklaven zu bewaffnen, erhielt er die Nachricht, daß
+Antiocheia sich für Caesar erklärt habe und der Weg zu den Parthern nicht mehr
+offen sei. So änderte er seinen Plan und ging unter Segel nach Ägypten, wo in
+dem Heere eine Menge seiner alten Soldaten dienten und die Lage und die reichen
+Hilfsmittel des Landes Zeit und Gelegenheit gewährten, den Krieg zu
+reorganisieren.
+</p>
+
+<p>
+In Ägypten hatten nach Ptolemaeos Auletes&rsquo; Tode (Mai 703 51) dessen
+Kinder, die etwa sechzehnjährige Kleopatra und der zehnjährige Ptolemaeos
+Dionysos, nach dem Willen ihres Vaters gemeinschaftlich und als Gatten, den
+Thron bestiegen; allein bald hatte der Bruder oder vielmehr dessen Vormund
+Potheinos die Schwester aus dem Reiche getrieben und sie genötigt, eine
+Zuflucht in Syrien zu suchen, von wo aus sie Anstalten traf, um in ihr
+väterliches Reich zurückzugelangen. Ptolemaeos und Potheinos standen eben, um
+gegen sie die Ostgrenze zu decken, mit der ganzen ägyptischen Armee bei
+Pelusion, als Pompeius bei dem Kasischen Vorgebirge vor Anker ging und den
+König ersuchen ließ, ihm die Landung zu gestatten. Der ägyptische Hof, längst
+von der Katastrophe bei Pharsalos unterrichtet, war im Begriffe, Pompeius
+zurückzuweisen; allein der Hofmeister des Königs, Theodotos, wies darauf hin,
+daß in diesem Falle Pompeius wahrscheinlich seine Verbindungen in der
+ägyptischen Armee benutzen werde, um dieselbe aufzuwiegeln; es sei sicherer und
+auch mit Rücksicht auf Caesar vorzuziehen, wenn man die Gelegenheit wahrnehme,
+um Pompeius aus der Welt zu schaffen. Dergleichen politische Räsonnements
+verfehlten bei den Staatsmännern der hellenischen Welt nicht leicht ihre
+Wirkung. Der General der königlichen Truppen, Achillas, und einige von
+Pompeius&rsquo; ehemaligen Soldaten fuhren mit einem Kahn an Pompeius&rsquo;
+Schiff heran und luden ihn ein, zum König zu kommen und, da das Fahrwasser
+seicht sei, ihre Barke zu besteigen. Im Aussteigen stach der Kriegstribun
+Lucius Septimius ihn hinterrücks nieder, unter den Augen seiner Gattin und
+seines Sohnes, welche von dem Verdeck ihres Schiffes aus dem Morde zusehen
+mußten, ohne retten oder rächen zu können (28. September 706 48). An demselben
+Tage, an dem er dreizehn Jahre zuvor, über Mithradates triumphierend, in die
+Hauptstadt eingezogen war, endigte auf einer öden Düne des unwirtlichen
+kasischen Strandes durch die Hand eines seiner alten Soldaten der Mann, der ein
+Menschenalter hindurch der Große geheißen und Jahre lang Rom beherrscht hatte.
+Ein guter Offizier, übrigens aber von mittelmäßigen Gaben des Geistes und des
+Herzens, hatte das Schicksal mit dreißigjähriger dämonischer Beständigkeit alle
+glänzenden mühelosen Aufgaben nur darum ihm zu lösen gewährt, alle von anderen
+gepflanzten und gepflegten Lorbeeren nur darum ihm zu brechen gestattet, nur
+darum alle Bedingungen zur Erlangung der höchsten Gewalt ihm entgegengetragen,
+um an ihm ein Beispiel falscher Größe aufzustellen, wie die Geschichte kein
+zweites kennt. Unter allen kläglichen Rollen gibt es keine kläglichere als die,
+mehr zu gelten als zu sein; und es ist das Verhängnis der Monarchie, da doch
+kaum alle tausend Jahre in dem Volke ein Mann aufsteht, welcher König nicht
+bloß heißt, sondern auch ist, daß diese Kläglichkeit unvermeidlich an ihr
+haftet. Wenn dies Mißverhältnis zwischen Scheinen und Sein vielleicht nie so
+schroff hervorgetreten ist wie in Pompeius, so mag der ernste Gedanke wohl
+dabei verweilen, daß er eben in gewissem Sinn die Reihe der römischen Monarchen
+eröffnet.
+</p>
+
+<p>
+Als Caesar, Pompeius&rsquo; Spuren folgend, auf der Reede von Alexandreia
+eintraf, war bereits alles vorüber. Mit tiefer Erschütterung wandte er sich ab,
+als ihm der Mörder das Haupt des Mannes auf das Schiff entgegentrug, der sein
+Schwiegersohn und lange Jahre sein Genosse in der Herrschaft gewesen und den
+lebend in seine Gewalt zu bringen er nach Ägypten gekommen war. Die Antwort auf
+die Frage, wie Caesar mit dem gefangenen Pompeius verfahren sein würde, hat der
+Dolch des voreiligen Mörders abgeschnitten; aber wenn die menschliche
+Teilnahme, die in Caesars großer Seele noch neben dem Ehrgeiz Raum fand, ihm
+die Schonung des ehemaligen Freundes gebot, so forderte auch sein Interesse,
+denselben auf andere Art zu annullieren als durch den Henker. Pompeius war
+zwanzig Jahre lang der anerkannte Gebieter von Rom gewesen; eine so tief
+gewurzelte Herrschaft geht nicht unter mit dem Tode des Herrn. Pompeius&rsquo;
+Tod löste die Pompeianer nicht auf, sondern gab ihnen statt eines bejahrten,
+unfähigen und vernutzten Hauptes an dessen beiden Söhnen Gnaeus und Sextus zwei
+Führer, welche beide jung und rührig und von denen der zweite eine entschiedene
+Kapazität war. Der neugegründeten Erbmonarchie heftete sogleich parasitisch
+sich das erbliche Prätendententum an, und es war sehr zweifelhaft, ob bei
+diesem Wechsel der Personen Caesar nicht mehr verlor, als er gewann.
+</p>
+
+<p>
+Indes in Ägypten hatte Caesar jetzt nichts weiter zu tun, und Römer und Ägypter
+erwarteten, daß er sofort wieder unter Segel gehen und sich an die Unterwerfung
+Afrikas und an das unermeßliche Organisationswerk machen werde, das ihm nach
+dem Siege bevorstand. Allein Caesar, seiner Gewohnheit getreu, wo er einmal in
+dem weiten Reiche sich befand, die Verhältnisse sogleich und persönlich
+endgültig zu regeln, und fest überzeugt, daß weder von der römischen Besatzung
+noch von dem Hofe irgendein Widerstand zu erwarten sei, überdies in dringender
+Geldverlegenheit, landete in Alexandreia mit den zwei ihn begleitenden, auf
+3200 Mann zusammengeschmolzenen Legionen und 800 keltischen und deutschen
+Reitern, nahm Quartier in der königlichen Burg und ging daran, die nötigen
+Summen beizutreiben und die ägyptische Erbfolge zu ordnen, ohne sich stören zu
+lassen durch Potheinos&rsquo; naseweise Bemerkung, daß Caesar doch über diese
+Kleinigkeiten nicht seine so wichtigen eigenen Angelegenheiten versäumen möge.
+Gegen die Ägypter verfuhr er dabei gerecht und selbst nachsichtig. Obwohl der
+Beistand, den sie Pompeius geleistet hatten, zur Auflegung einer
+Kriegskontribution berechtigte, ward doch das erschöpfte Land damit verschont
+und unter Erlaß dessen, was auf die im Jahre 695 (59) stipulierte und seitdem
+erst etwa zur Hälfte abbezahlte Summe weiter rückständig war, lediglich eine
+Schlußzahlung von 10 Mill. Denaren (3 Mill. Taler) gefordert. Den beiden
+kriegführenden Geschwistern ward die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten
+anbefohlen und beide zur Untersuchung und Entscheidung des Streites vor den
+Schiedsherrn geladen. Man fügte sich; der königliche Knabe befand sich bereits
+in der Burg und auch Kleopatra stellte dort sich ein. Caesar sprach das Reich
+Ägypten, dem Testament des Auletes gemäß, den beiden geschwisterlichen Gatten
+Kleopatra und Ptolemaeos Dionysos zu und gab ferner unaufgefordert, unter
+Kassierung der früher verfügten Einziehung des Kyprischen Reiches, dieses als
+ägyptische Sekundogenitur an die jüngeren Kinder des Auletes Arsinoe und
+Ptolemaeos den Jüngeren.
+</p>
+
+<p>
+Allein im stillen bereitete ein Ungewitter sich vor. Alexandreia war eine
+Weltstadt so gut wie Rom, an Einwohnerzahl der italischen Hauptstadt schwerlich
+nachstehend, an rührigem Handelsgeist, an Handwerkergeschick, an Sinn für
+Wissenschaft und Kunst ihr weit überlegen; in der Bürgerschaft war ein reges
+nationales Selbstgefühl und wenn kein politischer Sinn, doch ein unruhiger
+Geist, der sie ihre Straßenkrawalle so regelmäßig und so herzhaft abhalten ließ
+wie heutzutage die Pariser; man kann sich ihre Empfindungen denken, als sie in
+der Residenz der Lagiden den römischen Feldherrn schalten und ihre Könige vor
+seinem Tribunal Recht nehmen sah. Potheinos und der königliche Knabe, beide
+begreiflicherweise sehr unzufrieden sowohl mit der peremtorischen Einmahnung
+alter Schulden wie mit der Intervention in dem Thronstreit, welche nur zu
+Gunsten der Kleopatra ausfallen konnte und ausfiel, schickten zur Befriedigung
+der römischen Forderungen die Schätze der Tempel und das goldene Tischgerät des
+Königs mit absichtlicher Ostentation zum Einschmelzen in die Münze; mit tiefer
+Erbitterung schauten die abergläubisch frommen und der weltberühmten Pracht
+ihres Hofes wie eines eigenen Besitzes sich erfreuenden Ägypter die nackten
+Wände ihrer Tempel und die hölzernen Becher auf der Tafel ihres Königs. Auch
+die römische Okkupationsarmee, welche durch den langen Aufenthalt in Ägypten
+und die vielen Zwischenheiraten zwischen den Soldaten und ägyptischen Mädchen
+wesentlich denationalisiert war und überdies eine Menge alter Soldaten des
+Pompeius und verlaufener italischer Verbrecher und Sklaven in ihren Reihen
+zählte, grollte Caesar, auf dessen Befehl sie ihre Aktion an der syrischen
+Grenze hatte einstellen müssen, und seiner Handvoll hochmütiger Legionäre.
+Schon der Auflauf bei der Landung, als die Menge die römischen Beile in die
+alte Königsburg tragen sah, und die zahlreichen Meuchelmorde, welche gegen
+seine Soldaten in der Stadt verübt wurden, hatten Caesar darüber belehrt, in
+welcher ungeheuren Gefahr er mit seinen wenigen Leuten dieser erbitterten Menge
+gegenüber schwebte. Allein die Umkehr war wegen der in dieser Jahreszeit
+herrschenden Nordwestwinde schwierig, und der Versuch der Einschiffung konnte
+leicht das Signal zum Ausbruch der Insurrektion werden; überhaupt lag es nicht
+in Caesars Art, unverrichteter Sache sich davonzumachen. Er beorderte also zwar
+sogleich Verstärkungen aus Asien herbei, trug aber, bis diese eintrafen,
+zunächst die größte Sicherheit zur Schau. Nie war es lustiger in seinem Lager
+hergegangen als während dieser alexandrinischen Rast; und wenn die schöne und
+geistreiche Kleopatra mit ihren Reizen überhaupt nicht, und am wenigsten gegen
+ihren Richter, sparsam war, so schien auch Caesar unter all seinen Siegen die
+über schöne Frauen am höchsten zu schätzen. Es war ein lustiges Vorspiel zu
+sehr ernsten Auftritten. Unter Führung des Achillas und, wie später sich
+auswies, auf geheimen Befehl des Königs und seines Vormundes, erschien die in
+Ägypten stehende römische Okkupationsarmee unvermutet in Alexandreia; und sowie
+die Bürgerschaft sah, daß sie kam, um Caesar anzugreifen, machte sie mit den
+Soldaten gemeinschaftliche Sache. Mit einer Geistesgegenwart, die seine frühere
+Tolldreistigkeit gewissermaßen rechtfertigt, raffte Caesar schleunigst seine
+zerstreuten Mannschaften zusammen, bemächtigte sich der Person des Königs und
+seiner Minister, verschanzte sich in der königlichen Burg und dem benachbarten
+Theater, ließ, da es an Zeit gebrach, die in dem Haupthafen unmittelbar vor dem
+Theater stationierte Kriegsflotte in Sicherheit zu bringen, dieselbe anzünden
+und die den Hafen beherrschende Leuchtturminsel Pharos durch Boote besetzen. So
+war wenigstens eine beschränkte Verteidigungsstellung gewonnen und der Weg
+offen gehalten, um Zufuhr und Verstärkungen herbeizuschaffen. Zugleich ging dem
+Kornmandanten von Kleinasien sowie den nächsten untertänigen Landschaften, den
+Syrern und Nabatäern, den Kretensern und den Rhodiern, der Befehl zu,
+schleunigst Truppen und Schiffe nach Ägypten zu senden. Die Insurrektion, an
+deren Spitze die Prinzessin Arsinoe und deren Vertreter, der Eunuch Ganymedes,
+sich gestellt hatten, schaltete indes frei in ganz Ägypten und in dem größten
+Teil der Hauptstadt, in deren Straßen täglich gefochten ward, ohne daß es weder
+Caesar gelang, sich freier zu entwickeln und bis zu dem hinter der Stadt
+befindlichen Süßwassersee von Marea durchzubrechen, wo er sich mit Wasser und
+mit Fourage hätte versorgen können, noch den Alexandrinern, der Belagerten Herr
+zu werden und sie alles Trinkwassers zu berauben; denn als die Nilkanäle in
+Caesars Stadtteil durch hineingeleitetes Seewasser verdorben waren, fand sich
+unerwartet trinkbares Wasser in den am Strande gegrabenen Brunnen. Da Caesar
+von der Landseite nicht zu überwältigen war, richteten sich die Anstrengungen
+der Belagerer darauf, seine Flotte zu vernichten und ihn von der See
+abzuschneiden, auf der die Zufuhr ihm zukam. Die Leuchtturminsel und der Damm,
+durch den diese mit dem Festland zusammenhing, teilte den Hafen in eine
+westliche und eine östliche Hälfte, die durch zwei Bogenöffnungen des Dammes
+miteinander in Verbindung standen. Caesar beherrschte die Insel und den
+Osthafen, während der Damm und der Westhafen im Besitz der Bürgerschaft war,
+und seine Schiffe fuhren, da die alexandrinische Flotte verbrannt war,
+ungehindert ab und zu. Die Alexandriner, nachdem sie vergeblich versucht
+hatten, aus dem Westhafen in den östlichen Brander einzuführen, stellten darauf
+mit den Resten ihres Arsenals ein kleines Geschwader her und verlegten damit
+Caesars Schiffen den Weg, als dieselben eine Transportflotte mit einer aus
+Kleinasien nachgekommenen Legion hereinbugsierten; indes wurden Caesars
+vortreffliche rhodische Seeleute des Feindes Herr. Nicht lange darauf nahmen
+indes die Bürger die Leuchtturminsel weg ^8 und sperrten von da aus die schmale
+und klippige Mündung des Osthafens für größere Schiffe gänzlich; so daß Caesars
+Flotte genötigt war, auf der offenen Reede vor dem Osthafen zu stationieren und
+seine Verbindung mit der See nur noch an einem schwachen Faden hing. Caesars
+Flotte, auf jener Reede zu wiederholten Malen von der überlegenen feindlichen
+Seemacht angegriffen, konnte weder dem ungleichen Kampf ausweichen, da der
+Verlust der Leuchtturminsel ihr den inneren Hafen verschloß, noch auch das
+Weite suchen, da der Verlust der Reede Caesar ganz von der See abgesperrt haben
+würde. Wenn auch die tapfern Legionäre, unterstützt durch die Gewandtheit der
+rhodischen Matrosen, bisher noch immer diese Gefechte zu Gunsten der Römer
+entschieden hatten, so erneuerten und steigerten doch die Alexandriner mit
+unermüdeter Beharrlichkeit ihre Flottenrüstungen; die Belagerten mußten
+schlagen, so oft es den Belagerern beliebte, und wurden jene ein einziges Mal
+überwunden, so war Caesar vollständig eingeschlossen und wahrscheinlich
+verloren. Es ward schlechterdings nötig, einen Versuch zur Wiedergewinnung der
+Leuchtturminsel zu machen. Der zwiefache Angriff, der durch Boote von der
+Hafen-, durch die Kriegsschiffe von der Seeseite her gemacht ward, brachte in
+der Tat nicht bloß die Insel, sondern auch den unteren Teil des Dammes in
+Caesars Gewalt; erst bei der zweiten Bogenöffnung des Dammes befahl Caesar
+anzuhalten und den Damm hier gegen die Stadt zu durch einen Querwall zu
+sperren. Allein während hier um die Schanzenden ein hitziges Gefecht sich
+entspann, entblößten die römischen Truppen den unteren, an die Insel
+anstoßenden Teil des Dammes; unversehens landete hier eine Abteilung Ägypter,
+griff die auf dem Damm am Querwall zusammengedrängten römischen Soldaten und
+Matrosen von hinten an und sprengte die ganze Masse in wilder Verwirrung in das
+Meer. Ein Teil ward von den römischen Schiffen aufgenommen; die meisten
+ertranken. Etwa 400 Soldaten und eine noch größere Zahl von der
+Flottenmannschaft wurden das Opfer dieses Tages; der Feldherr selbst, der das
+Schicksal der Seinigen geteilt, hatte sich auf sein Schiff und, als dieses von
+Menschen überschwert sank, schwimmend auf ein anderes retten müssen. Indes so
+empfindlich auch der erlittene Verlust war, er ward durch den Wiedergewinn der
+Leuchtturminsel, die samt dem Damm bis zur ersten Bogenöffnung in Caesars
+Händen blieb, reichlich aufgewogen. Endlich kam der ersehnte Entsatz.
+Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger Kriegsmann aus der Schule des
+Mithradates Eupator, dessen natürlicher Sohn er zu sein behauptete, führte zu
+Lande von Syrien her eine buntscheckige Armee heran: die Ityräer des Fürsten
+von Libanos, die Beduinen des Jamblichos, Sampsikeramos&rsquo; Sohn, die Juden
+unter dem Minister Antipatros, überhaupt die Kontingente der kleinen Häuptlinge
+und Gemeinden Kilikiens und Syriens. Von Pelusion, das Mithradates am Tage
+seiner Ankunft zu besetzen geglückt war, schlug er, um das durchschnittene
+Terrain des Delta zu vermeiden und den Nil vor seiner Teilung zu überschreiten,
+die große Straße nach Memphis ein, wobei seine Truppen von den besonders in
+diesem Teil Ägyptens zahlreich ansässigen Juden vielfache landsmannschaftliche
+Unterstützung empfingen. Die Ägypter, jetzt den jungen König Ptolemaeos an der
+Spitze, welchen Caesar in der vergeblichen Hoffnung, die Insurrektion durch ihn
+zu beschwichtigen, zu den Seinigen entlassen hatte, entsandten ein Heer auf dem
+Nil, um Mithradates auf dessen jenseitigem Ufer festzuhalten. Dasselbe traf
+auch, noch jenseits Memphis bei dem sogenannten Judenlager, zwischen Omion und
+Heliopolis, auf den Feind; allein Mithradates, geübt, in römischer Weise zu
+manövrieren und zu lagern, gewann dennoch unter glücklichen Gefechten das
+andere Ufer bei Memphis. Caesar andererseits, sowie er von dem Eintreffen der
+Entsatzarmee Kunde erhielt, führte einen Teil seiner Truppen auf Schiffen an
+die Spitze des Sees von Marea westlich von Alexandreia und marschierte um
+diesen herum und den Nil hinab dem flußaufwärts herankommenden Mithradates
+entgegen. Die Vereinigung erfolgte, ohne daß der Feind sie zu hindern versucht
+hätte. Caesar rückte dann in das Delta, wohin der König sich zurückgezogen
+hatte, warf, trotz des tiefeingeschnittenen Kanals vor ihrer Front, die
+ägyptische Vorhut im ersten Anlauf und stürmte sofort das ägyptische Lager
+selbst. Es befand sich am Fuß einer Anhöhe zwischen dem Nil, von dem nur ein
+schmaler Weg es trennte, und schwer zugänglichen Sümpfen. Caesar ließ zugleich
+von vorn und seitwärts auf dem Weg am Nil das Lager berennen und während dieses
+Sturmes ein drittes Detachement die Anhöhen hinter dem Lager ungesehen
+ersteigen. Der Sieg war vollständig; das Lager ward genommen und was von den
+Ägyptern nicht unter den feindlichen Schwertern fiel, ertrank bei dem Versuch,
+zu der Nilflotte zu entkommen. Mit einem der Boote, die mit Menschen überladen
+sanken, verschwand auch der junge König in den Wellen seines heimischen
+Stromes. Unmittelbar vom Schlachtfeld rückte Caesar von der Landseite her
+geradeswegs an der Spitze seiner Reiterei in den von den Ägyptern besetzten
+Teil der Hauptstadt. Im Trauergewande, ihre Götterbilder in den Händen,
+empfingen ihn um Friede bittend die Feinde, die Seinigen aber, da sie ihn von
+der anderen Seite, als von der er ausgezogen als Sieger wiederkehren sahen, mit
+grenzenlosem Jubel. Das Schicksal der Stadt, die den Herrn der Welt in seinen
+Plänen zu kreuzen gewagt und um ein Haar seinen Untergang herbeigeführt hatte,
+lag in Caesars Hand; allein er war zu sehr Regent, um empfindlich zu sein, und
+verfuhr mit den Alexandrinern wie mit den Massalioten. Caesar, hinweisend auf
+die arg verwüstete und bei Gelegenheit des Flottenbrandes ihrer Kornmagazine,
+ihrer weltberühmten Bibliothek und anderer bedeutender öffentlicher Gebäude
+beraubte Stadt, ermahnte die Einwohnerschaft, sich künftig allein der Künste
+des Friedens ernstlich zu befleißigen und die Wunden zu heilen, die sie sich
+selber geschlagen; übrigens begnügte er sich, den in Alexandreia angesessenen
+Juden dieselben Rechte zu gewähren, deren die griechische Stadtbevölkerung
+genoß, und anstatt der bisherigen, wenigstens dem Namen nach den Königen von
+Ägypten gehorchenden römischen Okkupationsarmee eine förmliche römische
+Besatzung, zwei der daselbst belagerten und eine dritte später aus Syrien
+nachgekommene Legion, unter einem von ihm selbst ernannten Befehlshaber nach
+Alexandreia zu legen. Zu diesem Vertrauensposten ward absichtlich ein Mann
+ausersehen, dessen Geburt es ihm unmöglich machte, denselben zu mißbrauchen,
+Rufio, ein tüchtiger Soldat, aber eines Freigelassenen Sohn. Das Regiment
+Ägyptens unter Roms Oberhoheit erhielten Kleopatra und deren jüngerer Bruder
+Ptolemaeos; die Prinzessin Arsinoe ward, um nicht den nach orientalischer Art
+der Dynastie ebenso ergebenen wie gegen den einzelnen Dynasten gleichgültigen
+Ägyptern abermals als Vorwand für Insurrektionen zu dienen, nach Italien
+abgeführt; Kypros wurde wieder ein Teil der römischen Provinz Kilikien.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^8 Der Verlust der Leuchtturminsel muß in der Lücke Bell. Alex. 12 ausgefallen
+sein, da die Insel anfänglich ja in Caesars Gewalt war (civ. 3,112; Bell. Alex.
+8). Der Damm muß beständig in der Gewalt der Feinde gewesen sein, da Caesar mit
+der Insel nur durch Schiffe verkehrte.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Dieser alexandrinische Aufstand, so geringfügig er an sich war und so wenig er
+innerlich zusammenhing mit den weltgeschichtlichen Ereignissen, die zugleich im
+römischen Staate sich vollzogen, griff dennoch insofern in dieselben
+folgenreich ein, als er den Mann, der alles in allem war und ohne den nichts
+gefördert und nichts gelöst werden konnte, vom Oktober 706 (48) bis zum März
+707 (47) nötigte, seine eigentlichen Aufgaben liegen zu lassen, um mit Juden
+und Beduinen gegen einen Stadtpöbel zu kämpfen. Die Folgen des persönlichen
+Regiments fingen an, sich fühlbar zu machen. Man hatte die Monarchie; aber
+überall herrschte die entsetzlichste Verwirrung und der Monarch war nicht da.
+Ebenwie die Pompeianer waren augenblicklich auch die Caesarianer ohne obere
+Leitung; es entschied überall die Fähigkeit der einzelnen Offiziere und vor
+allen Dingen der Zufall.
+</p>
+
+<p>
+In Kleinasien stand bei Caesars Abreise nach Ägypten kein Feind. Indes hatte
+Caesars Statthalter daselbst, der tüchtige Gnaeus Domitius Calvinus, Befehl
+erhalten, dem König Pharnakes wiederabzunehmen, was derselbe den Verbündeten
+des Pompeius ohne Auftrag entrissen hatte; und da dieser, ein starrköpfiger und
+übermütiger Despot wie sein Vater, die Räumung Klein-Armeniens beharrlich
+verweigerte, so blieb nichts übrig, als gegen ihn marschieren zu lassen.
+Calvinus hatte von den drei ihm zurückgelassenen, aus pharsalischen
+Kriegsgefangenen gebildeten Legionen zwei nach Ägypten absenden müssen; er
+ergänzte die Lücke durch eine eiligst aus den im Pontus domizilierten Römern
+zusammengeraffte und zwei nach römischer Art exerzierte Legionen des Deiotarus
+und rückte in Klein-Armenien ein. Allein das bosporanische, in zahlreichen
+Kämpfen mit den Anwohnern des Schwarzen Meeres erprobte Heer erwies sich
+tüchtiger als das seinige. In dem Treffen bei Nikopolis ward Calvinus&rsquo;
+pontisches Aufgebot zusammengehauen und liefen die galatischen Legionen davon;
+nur die eine alte Legion der Römer schlug mit mäßigem Verlust sich durch. Statt
+Klein-Armenien zu erobern, konnte Calvinus nicht einmal verhindern, daß
+Pharnakes sich seiner pontischen &ldquo;Erbstaaten&rdquo; wieder bemächtigte
+und über deren Bewohner, namentlich die unglücklichen Amisener, die ganze
+Schale seiner scheußlichen Sultanslaunen ausgoß (Winter 706/07 48/47). Als dann
+Caesar selbst in Kleinasien eintraf und ihm sagen ließ, daß der Dienst, den
+Pharnakes ihm persönlich geleistet, indem er Pompeius keine Hilfe gewährt habe,
+nicht in Betracht kommen dürfe gegen den dem Reiche zugefügten Schaden und daß
+vor jeder Unterhandlung er die Provinz Pontus räumen und das geraubte Gut
+zurückstellen müsse, erklärte er sich zwar bereit zu gehorchen; aber wohl
+wissend, wie guten Grund Caesar hatte, nach dem Westen zu eilen, machte er
+dennoch keine ernstlichen Anstalten zur Räumung. Er wußte nicht, daß Caesar
+abtat, was er angriff. Ohne weiter zu verhandeln, nahm Caesar die eine von
+Alexandreia mitgebrachte Legion und die Truppen des Calvinus und Deiotarus
+zusammen und rückte gegen Pharnakes&rsquo; Lager bei Ziela. Wie die Bosporaner
+ihn kommen sahen, durchschritten sie keck den tiefen Bergspalt, der ihre Front
+deckte, und griffen den Hügel hinauf die Römer an. Caesars Soldaten waren noch
+mit dem Lagerschlagen beschäftigt und einen Augenblick schwankten die Reihen;
+allein die kriegsgewohnten Veteranen sammelten sich rasch und gaben das
+Beispiel zum allgemeinen Angriff und zum vollkommenen Siege (2. August 707 47).
+In fünf Tagen war der Feldzug beendigt - zu dieser Zeit, wo jede Stunde kostbar
+war, ein unschätzbarer Glücksfall. Mit der Verfolgung des Königs, der über
+Sinope heimgegangen war, beauftragte Caesar des Pharnakes illegitimen Bruder,
+den tapferen Mithradates von Pergamon, welcher zum Lohn für die in Ägypten
+geleisteten Dienste an Pharnakes&rsquo; Stelle die bosporanische Königskrone
+empfing. Im übrigen wurden die syrischen und kleinasiatischen Angelegenheiten
+friedlich geschlichtet, die eigenen Bundesgenossen reich belohnt, die des
+Pompeius im ganzen mit Geldbußen oder Verweisen entlassen. Nur der mächtigste
+unter den Klienten des Pompeius, Deiotarus, wurde wieder auf sein angestammtes
+enges Gebiet, den tolistobogischen Gau, beschränkt. An seiner Stelle ward mit
+Klein-Armenien König Ariobarzanes von Kappadokien belehnt, mit dem von
+Deiotarus usurpierten Vierfürstentum der Trokmer aber der neue König des
+Bosporus, welcher wie von väterlicher Seite dem pontischen, so von mütterlicher
+einem der galatischen Fürstengeschlechter entstammte.
+</p>
+
+<p>
+Auch in Illyrien hatten, während Caesar in Ägypten war, sehr ernsthafte
+Auftritte sich zugetragen. Die delmatische Küste war seit Jahrhunderten ein
+wunder Fleck der römischen Herrschaft und die Bewohner mit Caesar seit den
+Kämpfen um Dyrrhachion in offener Fehde; im Binnenland aber wimmelte es noch
+von dem thessalischen Kriege her von versprengten Pompeianern. Indes hatte
+Quintus Cornificius mit den aus Italien nachrückenden Legionen sowohl die
+Eingeborenen wie die Flüchtlinge im Zaum gehalten und zugleich der in diesen
+rauben Gegenden so schwierigen Verpflegung der Truppen genügt. Selbst als der
+tüchtige Marcus Octavius, der Sieger von Curicta, mit einem Teil der
+Pompeianischen Flotte in diesen Gewässern erschien, um hier zur See und zu
+Lande den Krieg gegen Caesar zu leiten, wußte Cornificius, gestützt auf die
+Schiffe und den Hafen der Iadestiner (Zara), nicht bloß sich zu behaupten,
+sondern bestand auch selbst zur See gegen die Flotte des Gegners manches
+glückliche Gefecht. Aber als der neue Statthalter von Illyrien, der von Caesar
+aus dem Exil zurückberufene Aulus Gabinius, mit fünfzehn Kohorten und 3000
+Reitern im Winter 706/07 (48/47) auf dem Landweg in Illyrien eintraf, wechselte
+das System der Kriegführung. Statt wie sein Vorgänger sich auf den kleinen
+Krieg zu beschränken, unternahm der kühne tätige Mann sogleich, trotz der
+rauben Jahreszeit, mit seiner gesamten Streitmacht eine Expedition in die
+Gebirge. Aber die ungünstige Witterung, die Schwierigkeit der Verpflegung und
+der tapfere Widerstand der Delmater rieben das Heer auf; Gabinius mußte den
+Rückzug antreten, ward auf diesem von den Delmatern angegriffen und schmählich
+geschlagen, und erreichte mit den schwachen Überresten seiner stattlichen Armee
+mühsam Salome, wo er bald darauf starb. Die meisten illyrischen Küstenstädte
+ergaben sich hierauf der Flotte des Octavius; die an Caesar festhielten, wie
+Salome und Epidauros (Ragusa vecchia), wurden von der Flotte zur See, zu Lande
+von den Barbaren so heftig bedrängt, daß die Übergabe und die Kapitulation der
+in Salome eingeschlossenen Heerestrümmer nicht mehr fern schien. Da ließ der
+Kommandant des brundisischen Depots, der energische Publius Vatinius, in
+Ermangelung von Kriegsschiffen gewöhnliche Boote mit Schnäbeln versehen und sie
+mit den aus den Hospitälern entlassenen Soldaten bemannen und lieferte mit
+dieser improvisierten Kriegsflotte der weit überlegenen Octavianischen bei der
+Insel Tauris (Torcola zwischen Lelina und Curzola) ein Treffen, in dem die
+Tapferkeit des Anführers und der Schiffssoldaten wie so oft ersetzte, was den
+Schiffen abging, und die Caesarianer einen glänzenden Sieg erfochten. Marcus
+Octavius verließ diese Gewässer und begab sich nach Afrika (Frühjahr 707 47);
+die Delmater setzten zwar noch Jahre lang mit großer Hartnäckigkeit sich zur
+Wehr, allein es war dies nichts als ein örtlicher Gebirgskrieg. Als Caesar aus
+Ägypten zurückkam, hatte sein entschlossener Adjutant die in Illyrien drohende
+Gefahr bereits beseitigt.
+</p>
+
+<p>
+Um so ernster stand es in Afrika, wo die Verfassungspartei vom Anfang des
+Bürgerkrieges an unumschränkt geherrscht und ihre Macht fortwährend gesteigert
+hatte. Bis zur Pharsalischen Schlacht hatte hier eigentlich König Juba das
+Regiment geführt; er hatte Curio überwunden, und die Kraft des Heeres waren
+seine flüchtigen Reiter und seine zahllosen Schützen; der Pompeianische
+Statthalter Varus spielte neben ihm eine so subalterne Rolle, daß er sogar
+diejenigen Soldaten Curios, die sich ihm ergeben hatten, dem König hatte
+ausliefern und deren Hinrichtung oder Abführung in das innere Numidien hatte
+mitansehen müssen. Dies änderte sich nach der Pharsalischen Schlacht. An eine
+Flucht zu den Parthern dachte, mit Ausnahme des Pompeius selbst, kein namhafter
+Mann der geschlagenen Partei. Ebensowenig versuchte man, die See mit vereinten
+Kräften zu behaupten; Marcus Octavius&rsquo; Kriegführung in den illyrischen
+Gewässern stand vereinzelt und war ohne dauernden Erfolg. Die große Majorität
+der Republikaner wie der Pompeianer wandte sich nach Afrika, wo allein noch ein
+ehrenhafter und verfassungsmäßiger Kampf gegen den Usurpator möglich schien.
+Dort fanden die Trümmer der bei Pharsalos zersprengten Armee, die
+Besatzungstruppen von Dyrrhachion, Kerkyra und dem Peloponnes, die Reste der
+illyrischen Flotte sich allmählich zusammen; es trafen dort ein der zweite
+Oberfeldherr Metellus Scipio, die beiden Söhne des Pompeius, Gnaeus und Sextus,
+der politische Führer der Republikaner Marcus Cato, die tüchtigen Offiziere
+Labienus, Afranius, Petreius, Octavius und andere. Wenn die Kräfte der
+Emigration verringert waren, so hatte dagegen ihr Fanatismus sich womöglich
+noch gesteigert. Man fuhr nicht bloß fort, die Gefangenen und selbst die
+Parlamentäre Caesars zu ermorden, sondern König Juba, in dem die Erbitterung
+des Parteimannes mit der Wut des halbbarbarischen Afrikaners zusammenfloß,
+stellte die Maxime auf, daß in jeder der Sympathien mit dem Feinde verdächtigen
+Gemeinde die Bürgerschaft ausgerottet und die Stadt niedergebrannt werden
+müsse, und führte auch gegen einige Ortschaften, zum Beispiel das unglückliche
+Vaga bei Hadrumetum, diese Theorie in der Tat praktisch durch. Ja daß nicht die
+Hauptstadt der Provinz selber, das blühende, ebenwie einst Karthago von den
+numidischen Königen längst mit scheelem Auge angesehene Utica, von König Juba
+dieselbe Behandlung erfuhr und daß man gegen die, allerdings nicht mit Unrecht,
+der Hinneigung zu Caesar beschuldigte Bürgerschaft mit Vorsichtsmaßregeln sich
+begnügte, hatte sie nur Catos energischem Auftreten zu danken.
+</p>
+
+<p>
+Da weder Caesar selbst noch einer seiner Statthalter das geringste gegen Afrika
+unternahm, so hatte die Koalition vollkommen Zeit, sich dort politisch und
+militärisch zu reorganisieren. Vor allem war es notwendig, die durch
+Pompeius&rsquo; Tod erledigte Oberfeldherrnstelle aufs neue zu besetzen. König
+Juba hatte nicht übel Lust, die Stellung, die er bis auf die Pharsalische
+Schlacht in Afrika gehabt, auch ferner zu behaupten; wie er denn überhaupt
+nicht mehr als Klient der Römer, sondern als gleichberechtigter Verbündeter
+oder gar als Schutzherr auftrat und zum Beispiel es sich herausnahm, römisches
+Silbergeld mit seinem Namen und Wappen zu schlagen, ja sogar den Anspruch
+erhob, allein im Lager den Purpur zu führen und den römischen Heerführern
+ansann, den purpurnen Feldherrnmantel abzulegen. Metellus Scipio ferner
+forderte den Oberbefehl für sich, weil Pompeius ihn, mehr aus
+schwiegersöhnlichen als aus militärischen Rücksichten, im thessalischen Feldzug
+als sich gleichberechtigt anerkannt hatte. Die gleiche Forderung erhob Varus
+als - freilich selbsternannter - Statthalter von Afrika, da der Krieg in seiner
+Provinz geführt werden sollte. Endlich die Armee begehrte zum Führer den
+Proprätor Marcus Cato. Offenbar hatte sie recht. Cato war der einzige Mann, der
+für das schwere Amt die erforderliche Hingebung, Energie und Autorität besaß;
+wenn er kein Militär war, so war es doch unendlich besser, einen Nichtmilitär,
+der sich zu bescheiden und seine Unterfeldherrn handeln zu lassen verstand, als
+einen Offizier von unerprobter Fähigkeit, wie Varus, oder gar einen von
+erprobter Unfähigkeit, wie Metellus Scipio, zum Oberfeldherrn zu bestellen.
+Indes die Entscheidung fiel schließlich auf ebendiesen Scipio, und Cato selbst
+war es, der sie im wesentlichen bestimmte. Es geschah dies nicht, weil er jener
+Aufgabe sich nicht gewachsen fühlte oder weil seine Eitelkeit bei dem
+Ausschlagen mehr ihre Rechnung fand als bei dem Annehmen; noch weniger, weil er
+Scipio liebte oder achtete, mit dem er vielmehr persönlich verfeindet war und
+der überall bei seiner notorischen Untüchtigkeit einzig durch seine
+Schwiegervaterschaft zu einer gewissen Bedeutung gelangt war; sondern einzig
+und allein, weil sein verbissener Rechtsformalismus lieber die Republik von
+Rechts wegen zugrunde gehen ließ, als sie auf irreguläre Weise rettete. Als er
+nach der Pharsalischen Schlacht auf Kerkyra mit Marcus Cicero zusammentraf,
+hatte er sich erboten, diesem, der noch von seiner kilikischen
+Statthalterschaft her mit der Generalschaft behaftet war, als dem
+höherstehenden Offizier, wie es Rechtens war, das Kommando in Kerkyra zu
+übertragen und den unglücklichen Advokaten, der seine Lorbeeren vom Amanos
+jetzt tausendmal verwünschte, durch diese Bereitwilligkeit fast zur
+Verzweiflung, aber auch alle halbwegs einsichtigen Männer zum Erstaunen
+gebracht. Die gleichen Prinzipien wurden hier geritten, wo etwas mehr darauf
+ankam; Cato erwog die Frage, wem die Oberfeldherrnstelle gebühre, als handelte
+es sich um ein Ackerfeld bei Tusculum, und sprach sie dem Scipio zu. Durch
+diesen Ausspruch wurde seine eigene und die Kandidatur des Varus beseitigt. Er
+war es aber auch, und er allein, der mit Energie den Ansprüchen des Königs Juba
+entgegentrat und es ihn fühlen ließ, daß der römische Adel zu ihm nicht bittend
+komme wie zu dem Großfürsten der Parther, um bei dem Schutzherrn Beistand zu
+suchen, sondern befehlend und von dem Untertan Beistand fordernd. Bei dem
+gegenwärtigen Stande der römischen Streitkräfte in Afrika konnte Juba nicht
+umhin, etwas gelindere Saiten aufzuziehen, obgleich er freilich bei dem
+schwachen Scipio es dennoch durchsetzte, daß die Besoldung seiner Truppen der
+römischen Kasse aufgebürdet und für den Fall des Sieges ihm die Abtretung der
+Provinz Afrika zugesichert ward.
+</p>
+
+<p>
+Dem neuen Oberfeldherrn zur Seite trat wiederum der Senat der
+&ldquo;Dreihundert&rdquo;, der in Utica seinen Sitz aufschlug und seine
+gelichteten Reihen durch Aufnahme der angesehensten und vermögendsten Männer
+des Ritterstandes ergänzte.
+</p>
+
+<p>
+Die Rüstungen wurden, hauptsächlich durch Catos Eifer, mit der größten Energie
+gefördert und jeder waffenfähige Mann, selbst Freigelassene und Libyer, in die
+Legionen eingestellt; wodurch dem Ackerbau die Hände so sehr entzogen wurden,
+daß ein großer Teil der Felder unbestellt blieb, aber allerdings auch ein
+imposantes Resultat erzielt ward. Das schwere Fußvolk zählte vierzehn Legionen,
+wovon zwei bereits durch Varus aufgestellt, acht andere teils aus den
+Flüchtigen, teils aus den in der Provinz Konskribierten gebildet und vier
+römisch bewaffnete Legionen des Königs Juba waren. Die schwere Reiterei,
+bestehend aus den mit Labienus eingetroffenen Kelten und Deutschen und allerlei
+darunter eingereihten Leuten, war ohne Jubas römisch gerüstete Reiterschar 1600
+Mann stark. Die leichten Truppen bestanden aus zahllosen Massen ohne Zaum und
+Zügel reitender und bloß mit Wurfspeeren bewaffneter Numidier, aus einer Anzahl
+berittener Bogenschützen und großen Schwärmen von Schützen zu Fuß. Dazu kamen
+endlich Jubas 120 Elefanten und die von Publius Varus und Marcus Octavius
+befehligte 55 Segel starke Flotte. Dem drückenden Geldmangel wurde einigermaßen
+durch eine Selbstbesteuerung des Senats abgeholfen, die um so ergiebiger war,
+als die reichsten afrikanischen Kapitalisten in denselben einzutreten veranlaßt
+worden waren. Getreide und andere Vorräte hatte man in den verteidigungsfähigen
+Festungen in ungeheuren Massen aufgehäuft, zugleich aus den offenen Ortschaften
+die Vorräte möglichst entfernt. Die Abwesenheit Caesars, die schwierige
+Stimmung seiner Legionen, die Gärung in Spanien und Italien hoben allmählich
+die Stimmung, und die Erinnerung an die Pharsalische Schlacht fing an, neuen
+Siegeshoffnungen zu weichen.
+</p>
+
+<p>
+Die von Caesar in Ägypten verlorene Zeit rächte nirgend sich schwerer als hier.
+Hätte er unmittelbar nach Pompeius&rsquo; Tode sich nach Afrika gewendet, so
+würde er daselbst ein schwaches, desorganisiertes und konsterniertes Heer und
+vollständige Anarchie unter den Führern vorgefunden haben; wogegen jetzt,
+namentlich durch Catos Energie, eine der bei Pharsalos geschlagenen an Zahl
+gleiche Armee unter namhaften Führern und unter einer geregelten Oberleitung in
+Afrika stand.
+</p>
+
+<p>
+Es schien überhaupt über dieser afrikanischen Expedition Caesars ein eigener
+Unstern zu walten. Noch vor seiner Einschiffung nach Ägypten hatte Caesar in
+Spanien und Italien verschiedene Maßregeln zur Einleitung und Vorbereitung des
+afrikanischen Krieges angeordnet; aus allen war aber nichts als Unheil
+entsprungen. Von Spanien aus sollte, Caesars Anordnung zufolge, der Statthalter
+der südlichen Provinz, Quintus Cassius Longinus, mit vier Legionen nach Afrika
+übersetzen, dort den König Bogud von Westmauretanien ^9 an sich ziehen und mit
+ihm gegen Numidien und Afrika vorgehen. Aber jenes nach Afrika bestimmte Heer
+schloß eine Menge geborener Spanier und zwei ganze ehemals Pompeianische
+Legionen in sich; Pompeianische Sympathien herrschten in der Armee wie in der
+Provinz, und das ungeschickte und tyrannische Auftreten des Caesarischen
+Statthalters war nicht geeignet, sie zu beschwichtigen. Es kam förmlich zum
+Aufstande; Truppen und Städte ergriffen Partei für oder gegen den Statthalter;
+schon war es darauf oder daran, daß die, welche gegen den Statthalter Caesars
+sich erhoben hatten, offen die Fahne des Pompeius aufsteckten; schon hatte
+Pompeius&rsquo; ältester Sohn Gnaeus, um diese günstige Wendung zu benutzen,
+sich von Afrika nach Spanien eingeschifft, als die Desavouierung des
+Statthalters durch die angesehensten Caesarianer selbst und das Einschreiten
+des Befehlshabers der nördlichen Provinz den Aufstand eben noch rechtzeitig
+unterdrückten. Gnaeus Pompeius, der unterwegs mit einem vergeblichen Versuch,
+sich in Mauretanien festzusetzen, Zeit verloren hatte, kam zu spät; Gaius
+Trebonius, den Caesar nach seiner Heimkehr aus dem Osten zur Ablösung des
+Cassius nach Spanien sandte (Herbst 707 47), fand überall unweigerlichen
+Gehorsam. Aber natürlich war über diesen Irrungen von Spanien aus nichts
+geschehen, um die Organisation der Republikaner in Afrika zu stören; ja es war
+sogar, infolge der Verwicklungen mit Longinus, König Bogud von Westmauretanien,
+der auf Caesars Seite stand und wenigstens König Juba einige Hindernisse hätte
+in den Weg legen können, mit seinen Truppen nach Spanien abgerufen worden.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^9 Die Staatengestaltung im nordwestlichen Afrika während dieser Zeit liegt
+sehr im Dunkel. Nach dem Jugurthinischen Kriege herrschte König Bocchus von
+Mauretanien wahrscheinlich vom westlichen Meere bis zum Hafen von Saldae, in
+dem heutigen Marokko und Algier; die von den mauretanischen Oberkönigen wohl
+von Haus aus verschiedenen Fürsten von Tingis (Tanger), die schon früher
+vorkommen (Plut. Sert. 9) und zu denen vermutlich Sallusts (hist. 3, 31 Kritz)
+Leptasta und Ciceros (Vat. 5, 12) Mastanesosus gehören, mögen in beschränkten
+Grenzen selbständig gewesen oder auch bei ihm zu Lehen gegangen sein; ähnlich
+wie schon Syphax über viele Stammfürsten gebot (App. Pun. 10) und um diese Zeit
+in dem benachbarten Numidien Cirta, wahrscheinlich doch unter Jubas
+Oberherrlichkeit, von dem Fürsten Massinissa besessen ward (App. civ. 4, 54).
+Um 672 (82) finden wir an Bocchus&rsquo; Stelle einen König Bocud oder Bogud
+(Oros. hist. 5, 21, 14), des Bocchus Sohn. Von 705 (49) an erscheint das Reich
+geteilt zwischen dem König Bogud, der die westliche, und dem König Bocchus, der
+die östliche Hälfte besitzt und auf welche die spätere Scheidung Mauretaniens
+in Boguds Reich oder den Staat von Tingis und Bocchus&rsquo; Reich oder den
+Staat von Jol (Caesarea) zurückgeht (Plin. nat. 5, 2, 19, vergl. Bell. Afr.
+23).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Bedenklicher noch waren die Vorgänge unter den Truppen, die Caesar im südlichen
+Italien hatte zusammenziehen lassen, um mit ihnen nach Afrika überzuschiffen.
+Es waren größtenteils die alten Legionen, die in Gallien, Spanien, Thessalien
+Caesars Thron begründet hatten. Den Geist dieser Truppen hatten die Siege nicht
+gebessert, die lange Rast in Unteritalien vollständig zerrüttet. Die fast
+übermenschlichen Zumutungen, die der Feldherr an sie machte und deren Folgen in
+den schrecklich gelichteten Reihen nur zu grell hervortraten, ließen selbst in
+diesen Eisenmännern einen Sauerteig des Grolls zurück, der nur der Zeit und
+Ruhe bedurfte, um die Gemüter in Gärung zu bringen. Der einzige Mann, der ihnen
+imponierte, war seit einem Jahre fern und fast verschollen, ihre vorgesetzten
+Offiziere aber scheuten weit mehr sich vor den Soldaten als diese vor ihnen und
+sahen den Weltbesiegern jede Brutalität gegen ihre Quartiergeber und jede
+Indisziplin nach. Als nun der Befehl, sich nach Sizilien einzuschiffen, kam und
+der Soldat das üppige Wohlleben in Kampanien wieder mit einer dritten, der
+spanischen und thessalischen an Drangsalen sicher nicht nachstehenden Kampagne
+vertauschen sollte, rissen die allzulange gelockerten und allzuplötzlich
+wiederangezogenen Zügel. Die Legionen weigerten sich zu gehorchen, bevor die
+versprochenen Geschenke ihnen gezahlt seien, und wiesen die von Caesar
+gesandten Offiziere mit Hohnreden, ja mit Steinwürfen zurück. Ein Versuch, den
+beginnenden Aufstand durch Steigerung der versprochenen Summen zu dämpfen,
+hatte nicht bloß keinen Erfolg, sondern die Soldaten brachen massenweise auf,
+um die Erfüllung der Versprechungen in der Hauptstadt von dem Feldherrn zu
+erpressen. Einzelne Offiziere, die die meuterischen Rotten unterwegs
+zurückzuhalten versuchten, wurden erschlagen. Es war eine furchtbare Gefahr.
+Caesar ließ die wenigen in der Stadt befindlichen Soldaten die Tore besetzen,
+um die mit Recht befürchtete Plünderung wenigstens für den ersten Anlauf
+abzuwehren, und erschien plötzlich unter dem tobenden Haufen mit der Frage, was
+sie begehrten. Man rief: den Abschied. Augenblicklich ward er, wie gebeten,
+erteilt. Wegen der Geschenke, fügte Caesar hinzu, welche er für den Triumph
+seinen Soldaten zugesagt habe, sowie wegen der Äcker, die er ihnen nicht
+versprochen, aber bestimmt gehabt, möchten sie an dem Tage, wo er mit den
+anderen Soldaten triumphieren werde, sich bei ihm melden; an dem Triumphe
+selbst freilich könnten sie, als vorher entlassen, natürlich nicht teilnehmen.
+Auf diese Wendung waren die Massen nicht gefaßt; überzeugt, daß Caesar ihrer
+für den afrikanischen Feldzug nicht entraten könne, hatten sie den Abschied nur
+gefordert, um, wenn er ihnen verweigert werde, daran ihre Bedingungen zu
+knüpfen. Halb irre geworden in dem Glauben an ihre eigene Unentbehrlichkeit; zu
+unbehilflich um wieder einzulenken und die verfahrene Unterhandlung in das
+rechte Geleise zurückzubringen; als Menschen beschämt durch die Treue, mit der
+der Imperator auch seinen treuvergessenen Soldaten Wort hielt, und durch die
+Hochherzigkeit desselben, welche ebenjetzt weit mehr gewährte, als er je
+zugesagt hatte; als Soldaten tief ergriffen, da der Feldherr ihnen in Aussicht
+stellte, dem Triumph ihrer Kameraden als Bürgersleute zuschauen zu müssen und
+da er sie nicht mehr &ldquo;Kameraden&rdquo; hieß, sondern &ldquo;Bürger&rdquo;
+und mit dieser aus seinem Munde so fremdartig klingenden Anrede gleichsam mit
+einem Schlage ihre ganze stolze Soldatenvergangenheit zerstörte, und zu alledem
+unter dem Zauber des unwiderstehlich gewaltigen Menschen - standen die Soldaten
+eine Weile stumm und zaudernd, bis von allen Seiten der Ruf erscholl, daß der
+Feldherr sie wieder zu Gnaden annehmen und es ihnen wieder gestatten möge,
+Caesars Soldaten zu heißen. Caesar gestattete es, nachdem er hinreichend sich
+hatte bitten lassen; den Rädelsführern bei dieser Meuterei aber wurde an ihren
+Triumphalgeschenken ein Dritteil gekürzt. Ein größeres psychologisches
+Meisterstück kennt die Geschichte nicht, und keines, das vollständiger gelungen
+wäre.
+</p>
+
+<p>
+Auf den afrikanischen Feldzug wirkte diese Meuterei immerhin wenigstens
+insofern nachteilig ein, als sie die Eröffnung desselben beträchtlich
+verzögerte. Als Caesar in dem zur Einschiffung bestimmten Hafen von Lilybäon
+eintraf, waren die zehn nach Afrika bestimmten Legionen dort bei weitem noch
+nicht vollständig versammelt und eben die erprobten Truppen noch am weitesten
+zurück. Indes kaum waren sechs Legionen, darunter fünf neu gebildete, daselbst
+angelangt und die nötigen Kriegs- und Transportschiffe angekommen, als Caesar
+mit denselben in See stach (25. Dezember 707 47 des unberichtigten, etwa 8.
+Oktober des Julianischen Kalenders). Die feindliche Flotte, die der
+herrschenden Äquinoktialstürme wegen bei der Insel Ägimuros vor der
+Karthagischen Bucht auf den Strand gezogen war, hinderte die Überfahrt nicht;
+allein dieselben Stürme zerstreuten die Flotte Caesars nach allen Richtungen,
+und als Caesar unweit Hadrumetum (Susa) die Gelegenheit zu landen ersah, konnte
+er nicht mehr als etwa 3000 Mann, größtenteils Rekruten, und 150 Reiter
+ausschiffen. Der Versuch, das vom Feinde stark besetzte Hadrumetum wegzunehmen,
+mißlang; dagegen bemächtigte Caesar sich der beiden nicht weit voneinander
+entfernten Hafenplätze Ruspina (Monastir bei Susa) und Klein-Leptis. Hier
+verschanzte er sich; aber seine Stellung war so unsicher, daß er seine Reiter
+auf den Schiffen und diese segelfertig und mit Wasservorrat versehen hielt, um
+jeden Augenblick, wenn er mit Übermacht sollte angegriffen werden, wieder sich
+einschiffen zu können. Indes war dies nicht nötig, da eben noch zu rechter Zeit
+die verschlagenen Schiffe anlangten (3. Januar 708 46). Gleich am folgenden
+Tage unternahm Caesar, dessen Heer infolge der von den Pompeianern getroffenen
+Anstalten Mangel an Getreide litt, mit drei Legionen einen Zug in das innere
+Land, ward aber nicht weit von Ruspina auf dem Marsche von den Heerhaufen
+angegriffen, die Labienus heranführte, um Caesar von der Küste zu vertreiben.
+Da Labienus ausschließlich Reiterei und Schützen, Caesar fast nichts als
+Linieninfanterie hatte, so wurden die Legionen rasch umzingelt und den
+Geschossen der Feinde preisgegeben, ohne sie erwidern oder mit Erfolg angreifen
+zu können. Zwar machte die Deployierung der ganzen Linie die Flügel wieder frei
+und mutige Angriffe retteten die Ehre der Waffen; allein der Rückzug war
+unvermeidlich, und wäre Ruspina nicht so nahe gewesen, so hätte der maurische
+Wurfspeer vielleicht hier dasselbe ausgerichtet, was bei Karrhä der parthische
+Bogen. Caesar, den dieser Tag von der ganzen Schwierigkeit des bevorstehenden
+Krieges überzeugt hatte, wollte seine unerprobten und durch die neue
+Gefechtsweise entmutigten Soldaten keinem solchen Angriff wieder aussetzen,
+sondern wartete das Eintreffen seiner Veteranenlegionen ab. Die Zwischenzeit
+wurde benutzt, um die drückende Überlegenheit des Feindes in den Fernwaffen
+einigermaßen auszugleichen. Daß die geeigneten Leute von der Flotte als leichte
+Reiter oder Schützen in die Landarmee eingereiht wurden, konnte nicht viel
+helfen. Etwas mehr wirkten die von Caesar veranlaßten Diversionen. Es gelang,
+die am südlichen Abhang des Großen Atlas gegen die Sahara zu schweifenden
+gaetulischen Hirtenstämme gegen Juba in Waffen zu bringen; denn selbst bis zu
+ihnen hatten die Schläge der marianisch-sullanischen Zeit sich erstreckt, und
+ihr Groll gegen den Pompeius, der sie damals den numidischen Königen
+untergeordnet hatte, machte sie den Erben des mächtigen, bei ihnen noch vom
+Jugurthinischen Feldzug her in gutem Andenken lebenden Marius von vorn herein
+geneigt. Die mauretanischen Könige, Bogud in Tingis, Bocchus in Jol, waren
+Jubas natürliche Rivalen und zum Teil längst mit Caesar in Bündnis. Endlich
+streifte in dem Grenzgebiet zwischen den Reichen des Juba und des Bocchus noch
+der letzte der Catilinarier, jener Publius Sittius aus Nuceria, der achtzehn
+Jahre zuvor aus einem bankrotten italischen Kaufmann sich in einen
+mauretanischen Freischarenführer verwandelt und seitdem in den libyschen
+Händeln sich einen Namen und ein Heergefolge geschaffen hatte. Bocchus und
+Sittius fielen vereinigt in das numidische Land, besetzten die wichtige Stadt
+Cirta, und ihr Angriff sowie der der Gätuler nötigte den König Juba, einen Teil
+seiner Truppen an seine Süd- und Westgrenze zu senden. Indes blieb Caesars Lage
+unbequem genug. Seine Armee war auf den Raum einer Quadratmeile
+zusammengedrängt; wenn auch die Flotte Getreide herbeischaffte, so ward doch
+der Mangel an Fourage von Caesars Reitern ebenso gefühlt wie vor Dyrrhachion
+von denen des Pompeius. Die leichten Truppen des Feindes blieben, aller
+Anstrengungen Caesars ungeachtet, den seinigen so unermeßlich überlegen, daß es
+fast unmöglich schien, die Offensive in das Binnenland hinein auch mit
+Veteranen durchzuführen. Wenn Scipio zurückwich und die Küstenstädte preisgab,
+so konnte er vielleicht einen Sieg erfechten wie die, welche des Orodes Wesir
+über Crassus, Juba über Curio davongetragen hatten, wenigstens aber den Krieg
+ins unendliche hinausziehen. Diesen Feldzugsplan ergab die einfachste
+Überlegung: selbst Cato, obwohl nichts weniger als ein Strateg, riet dazu und
+erbot sich, zugleich mit einem Korps nach Italien überzufahren und dort die
+Republikaner unter die Waffen zu rufen, was bei der gründlichen Verwirrung
+daselbst gar wohl Erfolg haben konnte. Allein Cato konnte nur raten, nicht
+befehlen; der Oberbefehlshaber Scipio entschied, daß der Krieg in der
+Küstenlandschaft geführt werden solle. Es war dies nicht bloß insofern
+verkehrt, als man damit einen sicheren Erfolg verheißenden Kriegsplan fahren
+ließ, sondern auch insofern, als die Landschaft, in die man den Krieg verlegte,
+in bedenklicher Gärung, und das Heer, das man Caesar gegenüberstellte, zum
+guten Teil ebenfalls schwierig war. Die fürchterlich strenge Aushebung, die
+Wegschleppung der Vorräte, die Verwüstung der kleineren Ortschaften, überhaupt
+das Gefühl einer von Haus aus fremden und bereits verlorenen Sache aufgeopfert
+zu werden, hatten die einheimische Bevölkerung erbittert gegen die auf
+afrikanischem Boden ihren letzten Verzweiflungskampf kämpfenden römischen
+Republikaner; und das terroristische Verfahren der letzteren gegen alle auch
+nur der Gleichgültigkeit verdächtigen Gemeinden hatte diese Erbitterung zum
+furchtbarsten Haß gesteigert. Die afrikanischen Städte erklärten, wo sie irgend
+es wagen konnten, sich für Caesar; unter den Gätulern und den Libyern, die
+unter den leichten Truppen und selbst in den Legionen in Menge dienten, riß die
+Desertion ein. Indes Scipio beharrte mit aller dem Unverstand eigenen
+Hartnäckigkeit auf seinem Plan, zog mit gesamter Heeresmacht von Utica her vor
+die von Caesar besetzten Städte Ruspina und Klein-Leptis, belegte nördlich
+davon Hadrumetum, südlich Thapsus (am Vorgebirge Râs Dimâs) mit starken
+Besatzungen und bot in Gemeinschaft mit Juba, der mit all seinen nicht durch
+die Grenzverteidigung in Anspruch genommenen Truppen gleichfalls vor Ruspina
+erschien, zu wiederholten Malen dem Feinde die Schlacht an. Aber Caesar war
+entschlossen, seine Veteranenlegionen zu erwarten. Als diese dann nach und nach
+eintrafen und auf dem Kampfplatz erschienen, verloren Scipio und Juba die Lust,
+eine Feldschlacht zu wagen, und Caesar hatte kein Mittel, sie bei ihrer
+außerordentlichen Überlegenheit an leichter Reiterei zu einer solchen zu
+zwingen. Über Märsche und Scharmützel in der Umgegend von Ruspina und Thapsus,
+die hauptsächlich um die Auffindung der landüblichen Kellerverstecke (Silos)
+und um Ausbreitung der Posten sich bewegten, verflossen fast zwei Monate.
+Caesar, durch die feindlichen Reiter genötigt, sich möglichst auf den Anhöhen
+zu halten oder auch seine Flanken durch verschanzte Linien zu decken, gewöhnte
+doch während dieser mühseligen und aussichtslosen Kriegführung allmählich seine
+Soldaten an die fremdartige Kampfweise. Freund und Feind erkannten in dem
+vorsichtigen Fechtmeister, der seine Leute sorgfältig und nicht selten
+persönlich einschulte, den raschen Feldherrn nicht wieder und wurden fast irre
+an dieser im Zögern wie im Zuschlagen sich gleichbleibenden Meisterschaft.
+Endlich wandte Caesar, nachdem er seine letzten Verstärkungen an sich gezogen
+hatte, sich seitwärts gegen Thapsus. Scipio hatte diese Stadt, wie gesagt,
+stark besetzt und damit den Fehler begangen, seinem Gegner ein leicht zu
+fassendes Angriffsobjekt darzubieten; zu dem ersten fügte er bald den zweiten,
+noch minder verzeihlichen hinzu, die von Caesar gewünschte und von Scipio mit
+Recht bisher verweigerte Feldschlacht jetzt zur Rettung von Thapsus auf einem
+Terrain zu liefern, das die Entscheidung in die Hände der Linieninfanterie gab.
+Unmittelbar am Strande, Caesars Lager gegenüber, traten Scipios und Jubas
+Legionen an, die vorderen Reihen kampffertig, die hinteren beschäftigt, ein
+verschanztes Lager zu schlagen; zugleich bereitete die Besatzung von Thapsus
+einen Ausfall vor. Den letzteren zurückzuweisen, genügten Caesars Lagerwachen.
+Seine kriegsgewohnten Legionen, schon nach der unsicheren Aufstellung und den
+schlecht geschlossenen Gliedern den Feind richtig würdigend, zwangen, während
+drüben noch geschanzt ward und ehe noch der Feldherr das Zeichen gab, einen
+Trompeter, zum Angriff zu blasen, und gingen auf der ganzen Linie vor, allen
+voran Caesar selbst, der, da er die Seinigen ohne seinen Befehl abzuwarten
+vorrücken sah, an ihrer Spitze auf den Feind eingaloppierte. Der rechte Flügel,
+den übrigen Abteilungen voran, scheuchte die ihm gegenüberstehende Linie der
+Elefanten - es war dies die letzte große Schlacht, in der die Bestien verwendet
+worden sind - durch Schleuderkugeln und Pfeile zurück auf ihre eigenen Leute.
+Die Deckungsmannschaft ward niedergehauen, der linke Flügel der Feinde
+gesprengt und die ganze Linie aufgerollt. Die Niederlage war um so
+vernichtender, als das neue Lager der geschlagenen Armee noch nicht fertig und
+das alte beträchtlich entfernt war; beide wurden nacheinander fast ohne
+Gegenwehr erobert. Die Masse der geschlagenen Armee warf die Waffen weg und bat
+um Quartier; aber Caesars Soldaten waren nicht mehr dieselben, die vor Ilerda
+willig der Schlacht sich enthalten, bei Pharsalos der Wehrlosen ehrenvoll
+geschont hatten. Die Gewohnheit des Bürgerkrieges und der von der Meuterei
+zurückgebliebene Groll machten auf dem Schlachtfelde von Thapsus in
+schrecklicher Weise sich geltend. Wenn der Hydra, mit der man kämpfte, stets
+neue Köpfe nachwuchsen, wenn die Armee von Italien nach Spanien, von Spanien
+nach Makedonien, von Makedonien nach Afrika geschleudert ward, die immer heißer
+ersehnte Ruhe immer nicht kam, so suchte, und nicht ganz ohne Ursache, der
+Soldat davon den Grund in Caesars unzeitiger Milde. Er hatte es sich geschworen
+nachzuholen, was der Feldherr versäumt, und blieb taub für das Flehen der
+entwaffneten Mitbürger wie für die Befehle Caesars und der höheren Offiziere.
+Die fünfzigtausend Leichen, die das Schlachtfeld von Thapsus bedeckten,
+darunter auch mehrere als heimliche Gegner der neuen Monarchie bekannte und
+deshalb bei dieser Gelegenheit von ihren eigenen Leuten niedergemachte
+Caesarische Offiziere, zeigten, wie der Soldat sich Ruhe schafft. Die siegende
+Armee dagegen zählte nicht mehr als fünfzig Tote (6. April 708 46).
+</p>
+
+<p>
+Eine Fortsetzung des Kampfes fand nach der Schlacht von Thapsus so wenig in
+Afrika statt, wie anderthalb Jahre zuvor im Osten nach der Pharsalischen
+Niederlage. Cato als Kommandant von Utica berief den Senat, legte den Stand der
+Verteidigungsmittel dar und stellte es zur Entscheidung der Versammelten, ob
+man sich unterwerfen oder bis auf den letzten Mann sich verteidigen wolle,
+einzig sie beschwörend, nicht jeder für sich, sondern alle für einen zu
+beschließen und zu handeln. Die mutigere Meinung fand manchen Vertreter; es
+wurde beantragt, die waffenfähigen Sklaven von Staats wegen freizusprechen, was
+aber Cato als einen ungesetzlichen Eingriff in das Privateigentum zurückwies
+und statt dessen einen patriotischen Aufruf an die Sklaveneigentümer vorschlug.
+Allein bald verging der größtenteils aus afrikanischen Großhändlern bestehenden
+Versammlung diese Anwandlung von Entschlossenheit, und man ward sich einig zu
+kapitulieren. Als dann Faustus Sulla, des Regenten Sohn, und Lucius Afranius
+mit einer starken Abteilung Reiterei vom Schlachtfelde her in Utica eintrafen,
+machte Cato noch einen Versuch, durch sie die Stadt zu halten; allein ihre
+Forderung, sie zuvörderst die unzuverlässige Bürgerschaft von Utica insgesamt
+niedermachen zu lassen, wies er unwillig zurück und ließ lieber die letzte Burg
+der Republikaner dem Monarchen ohne Gegenwehr in die Hände fallen als die
+letzten Atemzüge der Republik durch eine solche Metzelei entweihen. Nachdem er,
+teils durch seine Autorität, teils durch freigebige Spenden, dem Wüten der
+Soldateska gegen die unglücklichen Uticenser nach Vermögen gesteuert und,
+soweit es in seiner Macht stand, denen, die Caesars Gnade sich nicht
+anvertrauen mochten, die Mittel zur Flucht, denen, die bleiben wollten, die
+Gelegenheit, unter möglichst leidlichen Bedingungen zu kapitulieren mit
+rührender Sorgfalt gewährt und durchaus sich überzeugt hatte, daß er niemand
+weiter Hilfe zu leisten vermöge, hielt er seines Kommandos sich entbunden, zog
+sich in sein Schlafgemach zurück und stieß sich das Schwert in die Brust. Auch
+von den übrigen geflüchteten Reitern retteten sich nur wenige. Die von Thapsus
+geflüchteten Reiter stießen auf die Scharen des Sittius und wurden von ihnen
+niedergehauen oder gefangen; ihre Führer Afranius und Faustus wurden an Caesar
+ausgeliefert und, da dieser sie nicht sogleich hinrichten ließ, von dessen
+Veteranen in einem Auflauf erschlagen. Der Oberfeldherr Metellus Scipio geriet
+mit der Flotte der geschlagenen Partei in die Gewalt der Kreuzer des Sittius
+und durchbohrte sich selbst, da man Hand an ihn legen wollte. König Juba, nicht
+unvorbereitet auf einen solchen Ausgang, hatte für diesen Fall beschlossen, zu
+enden, wie es ihm königlich dünkte, und auf dem Markte seiner Stadt Zama einen
+ungeheuren Scheiterhaufen rüsten lassen, der mit seinem Körper auch all seine
+Schätze und die Leichen der gesamten Bürgerschaft von Zama verzehren sollte.
+Allein die Stadtbewohner verspürten kein Verlangen, bei der Leichenfeier des
+afrikanischen Sardanapal sich als Dekoration verwenden zu lassen und schlossen
+dem König, da er, vom Schlachtfeld flüchtend, in Begleitung von Marcus Petreius
+vor der Stadt erschien, die Tore. Der König, eine jener im grellen und
+übermütigen Lebensgenuß verwilderten Naturen, die auch aus dem Tode sich ein
+Taumelfest bereiten, begab sich mit seinem Begleiter nach einem seiner
+Landhäuser, ließ einen reichlichen Schmaus auftragen und forderte nach
+geendeter Mahlzeit den Petreius auf, mit ihm im Zweikampf um den Tod zu
+fechten. Es war der Besieger Catilinas, der ihn von der Hand des Königs
+empfing; der König ließ darauf von einem seiner Sklaven sich durchbohren. Die
+wenigen angesehenen Männer, welche entkamen, wie Labienus und Sextus Pompeius,
+folgten dem älteren Bruder des letzteren nach Spanien und suchten, wie einst
+Sertorius, in den Gebirgen und Gewässern dieser immer noch halb unabhängigen
+Landschaften ein letztes Räuber- und Piratenasyl. Ohne Widerstand ordnete
+Caesar die afrikanischen Verhältnisse. Wie schon Curio beantragt hatte, ward
+das Reich des Massinissa aufgelöst. Der östlichste Teil oder die Landschaft von
+Sitifis ward mit dem Reich des Königs Bocchus von Ostmauretanien vereinigt,
+auch der treue König Bogud von Tingis mit ansehnlichen Gaben bedacht. Cirta
+(Constantine) und den umliegenden Landstrich, die bisher, unter Jubas
+Oberhoheit, der Fürst Massinissa und dessen Sohn Arabion besessen hatten,
+erhielt der Condottiere Publius Sittius, um seine halbrömischen Scharen
+daselbst anzusiedeln ^10; zugleich aber wurde dieser Distrikt sowie überhaupt
+der bei weitem größte und fruchtbarste Teil des bisherigen Numidischen Reiches
+als &ldquo;Neuafrika&rdquo; mit der älteren Provinz Afrika vereinigt und die
+Verteidigung der Küstenlandschaft gegen die schweifenden Stämme der Wüste,
+welche die Republik einem Klientelkönig überlassen hatte, von dem neuen
+Herrscher auf das Reich selbst übernommen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^10 Die Inschriften der bezeichneten Gegend bewahren zahlreiche Spuren dieser
+Kolonisierung. Der Name der Sittier ist dort ungemein häufig; die afrikanische
+Ortschaft Milev führt als römische den Namen colonia Sarnensis (CIL VIII, p.
+1094), offenbar von dem nucerinischen Flußgott Sarnus (Suet. rhet. 4).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Der Kampf, den Pompeius und die Republikaner gegen Caesars Monarchie
+unternommen hatten, endigte also nach vierjähriger Dauer mit dem vollständigen
+Sieg des neuen Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht erst auf den
+Schlachtfeldern von Pharsalos und Thapsus festgestellt; sie durfte bereits sich
+datieren von dem Augenblick, wo Pompeius und Caesar im Bunde die
+Gesamtherrschaft begründet und die bisherige aristokratische Verfassung über
+den Haufen geworfen hatten. Doch waren es erst jene Bluttaufen des 9. August
+706 (48) und des 6. April 708 (46), die das dem Wesen der Alleinherrschaft
+widerstreitende Gesamtregiment beseitigten und der neuen Monarchie festen
+Bestand und förmliche Anerkennung verliehen. Prätendenteninsurrektionen und
+republikanische Verschwörungen mochten nachfolgen und neue Erschütterungen,
+vielleicht sogar neue Revolutionen und Restaurationen hervorrufen; aber die
+während eines halben Jahrtausend ununterbrochene Kontinuität der freien
+Republik war durchrissen und im ganzen Umfang des weiten Römischen Reiches
+durch die Legitimität der vollendeten Tatsache die Monarchie begründet. Der
+verfassungsmäßige Kampf war zu Ende; und daß er zu Ende war, das sprach Marcus
+Cato aus, als er zu Utica sich in sein Schwert stürzte. Seit vielen Jahren war
+er in dem Kampfe der legitimen Republik gegen ihre Bedränger der Vormann
+gewesen; er hatte ihn fortgesetzt, lange nachdem jede Hoffnung zu siegen in ihm
+erloschen war. Jetzt aber war der Kampf selbst unmöglich geworden; die
+Republik, die Marcus Brutus begründet hatte, war tot und niemals wieder zum
+Leben zu erwecken; was sollten die Republikaner noch auf der Erde? Der Schatz
+war geraubt, die Schildwache damit abgelöst; wer konnte sie schelten, wenn sie
+heimging? Es ist mehr Adel und vor allem mehr Verstand in Catos Tode, als in
+seinem Leben gewesen war. Cato war nichts weniger als ein großer Mann; aber bei
+all jener Kurzsichtigkeit, jener Verkehrtheit, jener dürren Langweiligkeit und
+jenen falschen Phrasen, die ihn, für seine wie für alle Zeit, zum Ideal des
+gedankenlosen Republikanertums und zum Liebling aller damit spielenden
+Individuen gestempelt haben, war er dennoch der einzige, der das große, dem
+Untergang verfallene System in dessen Agonie ehrlich und mutig vertrat. Darum,
+weil vor der einfältigen Wahrheit die klügste Lüge innerlich sich zernichtet
+fühlt und weil alle Hoheit und Herrlichkeit der Menschennatur schließlich nicht
+auf der Klugheit beruht, sondern auf der Ehrlichkeit, darum hat Cato eine
+größere geschichtliche Rolle gespielt als viele an Geist ihm weit überlegene
+Männer. Es erhöht nur die tiefe und tragische Bedeutung seines Todes, daß er
+selber ein Tor war: eben weil Don Quichotte ein Tor ist, ist er ja eine
+tragische Gestalt. Es ist erschütternd, daß auf jener Weltbühne, darauf so
+viele große und weise Männer gewandelt und gehandelt hatten, der Narr bestimmt
+war zu epilogieren. Auch ist er nicht umsonst gestorben. Es war ein furchtbar
+schlagender Protest der Republik gegen die Monarchie, daß der letzte
+Republikaner ging, als der erste Monarch kam; ein Protest, der all jene
+sogenannte Verfassungsmäßigkeit, mit welcher Caesar seine Monarchie umkleidete,
+wie Spinneweben zerriß und das Schibboleth der Versöhnung aller Parteien, unter
+dessen Ägide das Herrentum erwuchs, in seiner ganzen gleisnerischen
+Lügenhaftigkeit prostituierte. Der unerbittliche Krieg, den das Gespenst der
+legitimen Republik Jahrhunderte lang, von Cassius und Brutus an bis auf Thrasea
+und Tacitus, ja noch viel weiter hinab, gegen die Caesarische Monarchie geführt
+hat - dieser Krieg der Komplotte und der Literatur ist die Erbschaft, die Cato
+sterbend seinem Feinde vermachte. Ihre ganze vornehme, rhetorisch
+transzendentale, anspruchsvoll strenge, hoffnungslose und bis zum Tode getreue
+Haltung hat diese republikanische Opposition von Cato übernommen und dann auch
+den Mann, der im Leben nicht selten ihr Spott und ihr Ärgernis gewesen war,
+schon unmittelbar nach seinem Tode als Heiligen zu verehren begonnen. Die
+größte aber unter diesen Huldigungen war die unfreiwillige, die Caesar ihm
+erwies, indem er von der geringschätzigen Milde, mit welcher er seine Gegner,
+Pompeianer wie Republikaner, zu behandeln gewohnt war, allein gegen Cato eine
+Ausnahme machte und noch über das Grab hinaus ihn mit demjenigen energischen
+Hasse verfolgte; welchen praktische Staatsmänner zu empfinden pflegen gegen die
+auf dem idealen Gebiet, ihnen ebenso gefährlich wie unerreichbar, opponierenden
+Gegner.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap11"></a>KAPITEL XI.<br/>
+Die alte Republik und die neue Monarchie</h2>
+
+<p>
+Der neue Monarch von Rom, der erste Herrscher über das ganze Gebiet
+römisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im
+sechsundfünfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652 ? 102), als die Schlacht bei
+Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette folgenschwerer Siege, die
+Entscheidung über die Zukunft der Welt in seine Hände legte. Weniger Menschen
+Spannkraft ist also auf die Probe gestellt worden wie die dieses einzigen
+schöpferischen Genies, das Rom, und des letzten, das die alte Welt
+hervorgebracht und in dessen Bahnen sie denn auch bis zu ihrem eigenen
+Untergange sich bewegt hat. Der Sprößling einer der ältesten Adelsfamilien
+Latiums, welche ihren Stammbaum auf die Helden der Ilias und die Könige Roms,
+ja auf die beiden Nationen gemeinsame Venus-Aphrodite zurückführte, waren seine
+Knaben- und ersten Jünglingsjahre vergangen, wie sie der vornehmen Jugend jener
+Epoche zu vergehen pflegten. Auch er hatte von dem Becher des Modelebens den
+Schaum wie die Hefen gekostet, hatte rezitiert und deklamiert, auf dem Faulbett
+Literatur getrieben und Verse gemacht, Liebeshändel jeder Gattung abgespielt
+und sich einweihen lassen in alle Rasier-, Frisier- und Manschettenmysterien
+der damaligen Toilettenweisheit, sowie in die noch weit geheimnisvollere Kunst,
+immer zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame Stahl dieser Natur
+widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb sowohl
+die körperliche Frische ungeschwächt wie die Spannkraft des Geistes und des
+Herzens. Im Fechten und im Reiten nahm er es mit jedem seiner Soldaten auf, und
+sein Schwimmen rettete ihm bei Alexandreia das Leben; die unglaubliche
+Schnelligkeit seiner gewöhnlich des Zeitgewinns halber nächtlichen Reisen - das
+rechte Gegenstück zu der prozessionsartigen Langsamkeit, mit der Pompeius sich
+von einem Ort zum andern bewegte - war das Erstaunen seiner Zeitgenossen und
+nicht die letzte Ursache seiner Erfolge. Wie der Körper war der Geist. Sein
+bewunderungswürdiges Anschauungsvermögen offenbarte sich in der Sicherheit und
+Ausführbarkeit all seiner Anordungen, selbst wo er befahl, ohne mit eigenen
+Augen zu sehen. Sein Gedächtnis war unvergleichlich und es war ihm geläufig,
+mehrere Geschäfte mit gleicher Sicherheit nebeneinander zu betreiben.: Obgleich
+Gentleman, Genie und Monarch hatte er dennoch ein Herz. Solange er lebte,
+bewahrte er für seine würdige Mutter Aurelia - der Vater starb ihm früh - die
+reinste Verehrung; seinen Frauen und vor allem seiner Tochter Iulia widmete er
+eine ehrliche Zuneigung, die selbst auf die politischen Verhältnisse nicht ohne
+Rückwirkung blieb. Mit den tüchtigsten und kernigsten Männern seiner Zeit,
+hohen und niederen Ranges, stand er in einem schönen Verhältnis gegenseitiger
+Treue, mit jedem nach seiner Art. Wie er selbst niemals einen der Seinen in
+Pompeius&rsquo; kleinmütiger und gefühlloser Art fallen ließ und, nicht bloß
+aus Berechnung, in guter und böser Zeit ungeirrt an den Freunden festhielt, so
+haben auch von diesen manche, wie Aulus Hirtius und Gaius Matius, noch nach
+seinem Tode ihm in schönen Zeugnissen ihre Anhänglichkeit bewahrt. Wenn in
+einer so harmonisch organisierten Natur überhaupt eine einzelne Seite als
+charakteristisch hervorgehoben werden kann, so ist es die, daß alle Ideologie
+und alles Phantastische ihm fern lag. Es versteht sich von selbst, daß Caesar
+ein leidenschaftlicher Mann war, denn ohne Leidenschaft gibt es keine
+Genialität; aber seine Leidenschaft war niemals mächtiger als er. Er hatte eine
+Jugend gehabt, und Lieder, Liebe und Wein waren auch in sein Gemüt in
+lebendigem Leben eingezogen; aber sie drangen ihm doch nicht bis in den
+innerlichsten Kern seines Wesens. :Die Literatur beschäftigte ihn lange und
+ernstlich; aber wenn Alexandern der homerische Achill nicht schlafen ließ, so
+stellte Caesar in seinen schlaflosen Stunden Betrachtungen über die Beugungen
+der lateinischen Haupt- und Zeitwörter an. Er machte Verse wie damals jeder,
+aber sie waren schwach; dagegen interessierten ihn astronomische und
+naturwissenschaftliche Gegenstände. Wenn der Wein für Alexander der
+Sorgenbrecher war und blieb, so mied nach durchschwärmter Jugendzeit der
+nüchterne Römer denselben durchaus. Wie allen denen, die in der Jugend der
+volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt hat, blieb ein Schimmer davon
+unvergänglich auf ihm ruhen: noch in späteren Jahren begegneten ihm
+Liebesabenteuer und Erfolge bei Frauen und blieb ihm eine gewisse
+Stutzerhaftigkeit im äußeren Auftreten oder richtiger das erfreuliche
+Bewußtsein der eigenen männlich schönen Erscheinung. Sorgfältig deckte er mit
+dem Lorbeerkranz, mit dem er in späteren Jahren öffentlich erschien, die
+schmerzlich empfundene Glatze und hätte ohne Zweifel manchen seiner Siege darum
+gegeben, wenn er damit die jugendlichen Locken hätte zurückkaufen können. Aber
+wie gern er auch noch als Monarch mit den Frauen verkehrte, so hat er doch nur
+mit ihnen gespielt und ihnen keinerlei Einfluß über sich eingeräumt; selbst
+sein vielbesprochenes Verhältnis zu der Königin Kleopatra ward nur angesponnen,
+um einen schwacher Punkt in seiner politischen Stellung zu maskieren. Caesar
+war durchaus Realist und Verstandesmensch; und was er angriff und tat, war von
+der genialen Nüchternheit durchdrungen und getragen, die seine innerste
+Eigentümlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte er das Vermögen, unbeirrt durch
+Erinnern und Erwarten energisch im Augenblick zu leben; ihr die Fähigkeit, in
+jedem Augenblick mit gesammelter Kraft zu handeln und auch dem kleinsten und
+beiläufigsten Beginnen seine volle Genialität zuzuwenden; ihr die
+Vielseitigkeit, mit der er erfaßte und beherrschte, was der Verstand begreifen
+und der Wille zwingen kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er seine
+Perioden fügte, wie seine Feldzüge entwarf; ihr die &ldquo;wunderbare
+Heiterkeit&rdquo;, die in guten und bösen Tagen ihm treu blieb; ihr die
+vollendete Selbständigkeit, die keinem Liebling und keiner Mätresse, ja nicht
+einmal dem Freunde Gewalt über sich gestattete. Aus dieser Verstandesklarheit
+rührt es aber auch her, daß Cäsar sich über die Macht des Schicksals und das
+Können des Menschen niemals Illusionen machte; für ihn war der holde Schleier
+gehoben, der dem Menschen die Unzulänglichkeit seines Wirkens verdeckt. Wie
+klug er auch plante und alle Möglichkeiten bedachte, das Gefühl wich doch nie
+aus seiner Brust, daß in allen Dingen das Glück, das heißt der Zufall das gute
+Beste tun müsse; und damit mag es denn auch zusammenhängen, daß er so oft dem
+Schicksal Paroli geboten und namentlich mit verwegener Gleichgültigkeit seine
+Person wieder und wieder auf das Spiel gesetzt hat. Wie ja wohl überwiegend
+verständige Menschen in das reine Hasardspiel sich flüchten, so war auch in
+Caesars Rationalismus ein Punkt, wo er mit dem Mystizismus gewissermaßen sich
+berührte.
+</p>
+
+<p>
+Aus einer solchen Anlage konnte nur ein Staatsmann hervorgehen. Von früher
+Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne des Wortes und
+sein Ziel das höchste, das dem Menschen gestattet ist sich zu stecken: die
+politische, militärische, geistige und sittliche Wiedergeburt der
+tiefgesunkenen eigenen und der noch tiefer gesunkenen, mit der seinigen innig
+verschwisterten hellenischen Nation. Die harte Schule dreißigjähriger
+Erfahrungen änderte seine Ärasichten über die Mittel, wie dies Ziel zu
+erreichen sei; das Ziel blieb ihm dasselbe in den Zeiten hoffnungsvoller
+Erniedrigung wie unbegrenzter Machtvollkommenheit, in den Zeiten, wo er als
+Demagog und Verschworener auf dunklen Wegen zu ihm hinschlich, wie da er als
+Mitinhaber der höchsten Gewalt und sodann als Monarch vor den Augen einer Welt
+im vollen Sonnenschein an seinem Werke schuf. Alle zu den verschiedensten
+Zeiten von ihm ausgegangenen Maßregeln bleibender Art ordnen in den großen
+Bauplan zweckmäßig sich ein. Von einzelnen Leistungen Caesars sollte darum
+eigentlich nicht geredet werden; er hat nichts Einzelnes geschaffen. Mit Recht
+rühmt man den Redner Caesar wegen seiner aller Advokatenkunst spottenden
+männlichen Beredsamkeit, die wie die klare Flamme zugleich erleuchtete und
+erwärmte. Mit Recht bewundert man an dem Schriftsteller Caesar die
+unnachahmliche Einfachheit der Komposition, die einzige Reinheit und Schönheit
+der Sprache. Mit Recht haben die größten Kriegsmeister aller Zeiten den
+Feldherrn Caesar gepriesen, der wie kein anderer ungeirrt von Routine und
+Tradition immer diejenige Kriegführung zu finden wußte, durch welche in dem
+gegebenen Falle der Feind besiegt wird und welche also in dem gegebenen Falle
+die rechte ist; der mit divinatorischer Sicherheit für jeden Zweck das rechte
+Mittel fand; der nach der Niederlage schlagfertig dastand, wie Wilhelm von
+Oranien, und mit dem Siege ohne Ausnahme den Feldzug beendigte; der das Element
+der Kriegführung, dessen Behandlung das militärische Genie von der gewöhnlichen
+Offiziertüchtigkeit unterscheidet, die rasche Bewegung der Massen mit
+unübertroffener Vollkommenheit handhabte und nicht in der Massenhaftigkeit der
+Streitkräfte, sondern in der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, nicht im langen
+Vorbereiten, sondern im raschen, ja verwegenen Handeln, selbst mit
+unzulänglichen Mitteln, die Bürgschaft des Sieges fand. Allein alles dieses ist
+bei Caesar nur Nebensache; er war zwar ein großer Redner, Schriftsteller und
+Feldherr, aber jedes davon ist er nur geworden, weil er ein vollendeter
+Staumann war. Namentlich spielt der Soldat in ihm eine durchaus beiläufige
+Rolle, und es ist eine der hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten, die ihn von
+Alexander, Hannibal und Napoleon unterscheidet, daß in ihm nicht der Offizier,
+sondern der Demagog der Ausgangspunkt der politischen Tätigkeit war. Seinem
+ursprünglichsten Plan zufolge hatte er sein Ziel wie Perikles und Gaius
+Gracchus ohne Waffengewalt zu erreichen gedacht, und achtzehn Jahre hindurch
+hatte er als Führer der Popularpartei ausschließlich in politischen Plänen und
+Intrigen sich bewegt, bevor er, ungern sich überzeugend von der Notwendigkeit
+eines militärischen Rückhalts, schon ein Vierziger, an die Spitze einer Armee
+trat. Es war erklärlich, daß er auch späterhin immer noch mehr Staatsmann blieb
+als General - ähnlich wie Cromwell, der auch aus dem Oppositionsführer zum
+Militärchef und Demokratenkönig sich umschuf und der überhaupt, wie wenig der
+Puritanerfürst dem lockeren Römer zu gleichen scheint, doch in seiner
+Entwicklung wie in seinen Zielen und Erfolgen vielleicht unter allen
+Staatsmännern Caesar am nächsten verwandt ist. Selbst in seiner Kriegführung
+ist diese improvisierte Feldherrnschaft noch wohl zu erkennen; in Napoleons
+Unternehmungen gegen Ägypten und gegen England ist der zum Feldherrn
+aufgediente Artillerieleutnant nicht deutlicher sichtbar wie in den
+gleichartigen Caesars der zum Feldherrn metamorphosierte Demagog. Ein
+geschulter Offizier würde es schwerlich fertig gebracht haben, aus politischen
+Rücksichten nicht durchaus zwingender Natur die gegründetsten militärischen
+Bedenken in der Art beiseite zu schieben, wie dies Caesar mehrmals, am
+auffallendsten bei seiner Landung in Epirus getan hat. Einzelne seiner
+Handlungen sind darum militärisch tadelhaft; aber der Feldherr verliert nur,
+was der Staatsmann gewinnt. Die Aufgabe des Staatsmanns ist universeller Natur
+wie Caesars Genie: wenn er die vielfältigsten und voneinander entlegensten
+Dinge angriff, so gingen sie doch alle ohne Ausnahme zurück auf das eine große
+Ziel, dem er mit unbedingter Treue und Folgerichtigkeit diente; und nie hat er
+von den vielfältigen Seiten und Richtgen seiner großen Tätigkeit eine vor der
+andern bevorzugt. Obwohl ein Meister der Kriegskunst, hat er doch aus
+staatsmännischen Rücksichten das Äußerste getan, um den Bürgerkrieg abzuwenden
+und um, da er dennoch begann, wenigstens so unblutige Lorbeeren wie möglich zu
+ernten. Obwohl der Begründer der Militärmonarchie, hat er doch mit einer in der
+Geschichte beispiellosen Energie weder Marschallshierarchie noch
+Prätorianerregiment aufkommen lassen. Wenn überhaupt eine Seite der
+bürgerlichen Verdienste, so wurden von ihm vielmehr die Wissenschafter, und die
+Künste des Friedens vor den militärischen bevorzugt. Die bemerkenswerteste
+Eigentümlichkeit seines staatsmännischen Schaffens ist dessen vollkommene
+Harmonie. In der Tat waren alle Bedingungen zu dieser schwersten aller
+menschlichen Leistungen in Caesar vereinigt. Durch und durch Realist, ließ er
+die Bilder der Vergangenheit und die ehrwürdige Tradition nirgends sich
+anfechten: ihm galt nichts in der Politik als die lebendige Gegenwart und das
+verständige Gesetz, ebenwie er, auch als Grammatiker die
+historisch-antiquarische Forschung beiseite schob und nichts anerkannte als
+einerseits den lebendigen Sprachgebrauch, andererseits die Regel der
+Gleichmäßigkeit Ein geborener Herrscher, regierte er die Gemüter der Menschen,
+wie der Wind die Wolken zwingt, und nötigte die verschiedenartigsten Naturen,
+ihm sich zu eigen zu geben, den schlichten Bürger und den derben Unteroffizier,
+die vornehmen Damen Roms und die schönen Fürstinnen Ägyptens und Mauretaniens,
+den glänzenden Kavalleriegeneral und den kalkulierenden Bankier. Sein
+Organisationstalent ist wunderbar; nie hat ein Staatsmann seine Bündnisse, nie
+ein Feldherr seine Armee aus ungefügen und widerstrebenden Elementen so
+entschieden zusammengezwungen und so fest zusammengehalten wie Caesar seine
+Koalitionen und seine Legionen; nie ein Regent mit so scharfem Blick seine
+Werkzeuge beurteilt und ein jedes an den ihm angemessenen Platz gestellt. Er
+war Monarch; aber nie hat er den König gespielt. Auch als unumschränkter Herr
+von Rom blieb er in seinem Auftreten der Parteiführer; vollkommen biegsam und
+geschmeidig, bequem und anmutig in der Unterhaltung, zuvorkommend gegen jeden,
+schien er nichts sein zu wollen als der Erste unter seinesgleichen. Den Fehler
+so vieler ihm sonst ebenbürtiger Männer, den militärischen Kommandoton auf die
+Politik zu übertragen, hat Caesar durchaus vermieden; wie vielen Anlaß das
+verdrießliche Verhältnis zum Senat ihm auch dazu gab, er hat nie zu
+Brutalitäten gegriffen, wie die des achtzehnten Brumaire eine war. Caesar war
+Monarch; aber nie hat ihn der Tyrannenschwindel erfaßt. Er ist vielleicht der
+einzige unter den Gewaltigen des Herrn, welcher im großen wie im kleinen nie
+nach Neigung oder Laune, sondern ohne Ausnahme nach seiner Regentenpflicht
+gehandelt hat, und der, wenn er auf sein Leben zurücksah, wohl falsche
+Rechnungen zu bedauern, aber keinen Fehltritt der Leidenschaft zu bereuen fand.
+Es ist nichts in Caesars Lebensgeschichte, das auch nur im kleinen ^1 sich
+vergleichen ließe mit jenen poetisch-sinnlichen Aufwallungen, mit der Ermordung
+des Kleitos oder dem Brand von Persepolis, welche die Geschichte von seinem
+großen Vorgänger im Osten berichtet. Er ist endlich vielleicht der einzige
+unter jenen Gewaltigen, der den staatsmännischen Takt für das Mögliche und
+Unmögliche bis an das Ende seiner Laufbahn sich bewahrt hat und nicht
+gescheitert ist an derjenigen Aufgabe, die für großartig angelegte Naturen von
+allen die schwerste ist, an der Aufgabe, auf der Zinne des Erfolgs dessen
+natürliche Schranken zu erkennen. Was möglich war, hat er geleistet und nie um
+des unmöglichen Besseren willen das mögliche Gute unterlassen, nie es
+verschmäht, unheilbare Übel durch Palliative wenigstens zu lindern. Aber wo er
+erkannte, daß das Schicksal gesprochen, hat er immer gehorcht. Alexander am
+Hypanis, Napoleon in Moskau kehrten um, weil sie mußten, und zürnten dem
+Geschick, daß es auch seinen Lieblingen nur begrenzte Erfolge gönnt; Caesar ist
+an der Themse und am Rhein freiwillig zurückgegangen und gedachte auch an der
+Donau und am Euphrat nicht ungemessene Pläne der Weltüberwindung, sondern bloß
+wohlerwogene Grenzregulierungen ins Werk zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Wenn der Handel mit Laberius, den der bekannte Prolog erzählt, als ein
+Beispiel von Caesars Tyrannenlaunen angeführt worden ist, so hat man die Ironie
+der Situation wie des Dichters gründlich verkannt; ganz abgesehen von der
+Naivität, den sein Honorar bereitwillig einstreichenden Poeten als Märtyrer zu
+behandeln.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+So war dieser einzige Mann, den zu schildern so leicht scheint und doch so
+unendlich schwer ist. Seine ganze Natur ist durchsichtige Klarheit; und die
+Überlieferung bewahrt über ihn ausgiebigere und lebendigere Kunde als über
+irgendeinen seiner Pairs in der antiken Welt. Eine solche Persönlichkeit konnte
+wohl flacher oder tiefer, aber nicht eigentlich verschieden aufgefaßt werden;
+jedem nicht ganz verkehrten Forscher ist das hohe Bild mit denselben
+wesentlichen Zügen erschienen, und doch ist dasselbe anschaulich wiederzugeben
+noch keinem gelungen. Das Geheimnis liegt in dessen Vollendung. Menschlich wie
+geschichtlich steht Caesar in dem Gleichungspunkt, in welchem die großen
+Gegensätze des Daseins sich ineinander aufheben. Von gewaltiger Schöpferkraft
+und doch zugleich vom durchdringendsten Verstande; nicht mehr Jüngling und noch
+nicht Greis; vom höchsten Wollen und vom höchsten Vollbringen; erfüllt von
+republikanischen Idealen und zugleich geboren zum König; ein Römer im tiefsten
+Kern seines Wesens und wieder berufen, die römische und die hellenische
+Entwicklung in sich wie nach außen hin zu versöhnen und zu vermählen, ist
+Caesar der ganze und vollständige Mann. Darum fehlt es denn auch bei ihm mehr
+als bei irgendeiner anderen geschichtlichen Persönlichkeit an den sogenannten
+charakteristischen Zügen, welche ja doch nichts anderes sind als Abweichungen
+von der naturgemäßen menschlichen Entwicklung. Was dem ersten oberflächlichen
+Blick dafür gilt, zeigt sich bei näherer Betrachtung nicht als Individualität,
+sondern als Eigentümlichkeit der Kulturepoche oder der Nation; wie denn seine
+Jugendabenteuer ihm mit allen gleichgestellten begabteren Zeitgenossen gemein
+sind, sein unpoetisches, aber energisch logisches Naturell das Naturell der
+Römer überhaupt ist. Es gehört dies mit zu Caesars voller Menschlichkeit, daß
+er im höchsten Grade durch Zeit und Ort bedingt ward; denn eine Menschlichkeit
+an sich gibt es nicht, sondern der lebendige Mensch kann eben nicht anders als
+in einer gegebenen Volkseigentümlichkeit und in einem bestimmten Kulturzug
+stehen. Nur dadurch war Caesar ein voller Mann, weil er wie kein anderer mitten
+in die Strömungen seiner Zeit sich gestellt hatte und weil er die kernige
+Eigentümlichkeit der römischen Nation, die reale bürgerliche Tüchtigkeit
+vollendet wie kein anderer in sich trug; wie denn auch sein Hellenismus nur der
+mit der italischen Nationalität längst innig verwachsene war. Aber eben hierin
+liegt auch die Schwierigkeit, man darf vielleicht sagen die Unmöglichkeit,
+Caesar anschaulich zu schildern. Wie der Künstler alles machen kann, nur nicht
+die vollendete Schönheit, so kann auch der Geschichtschreiber, wo ihm alle
+tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet, nur darüber schweigen. Denn es
+läßt die Regel wohl sich aussprechen, aber sie gibt uns nur die negative
+Vorstellung von der Abwesenheit des Mangels; das Geheimnis der Natur, in ihren
+vollendetsten Offenbarungen Normalität und Individualität miteinander zu
+verbinden, ist unaussprechlich. Uns bleibt nichts, als diejenigen glücklich zu
+preisen, die dieses Vollkommene schauten, und eine Ahnung desselben aus dem
+Abglanz zu gewinnen, der auf den von dieser großen Natur geschaffenen Werken
+unvergänglich ruht. Zwar tragen auch diese den Stempel der Zeit. Der römische
+Mann selbst stellte seinem jugendlichen griechischen Vorgänger nicht bloß
+ebenbürtig, sondern überlegen sich an die Seite; aber die Welt war inzwischen
+alt geworden und ihr Jugendschimmer verblaßt. Caesars Tätigkeit ist nicht mehr
+wie die Alexanders ein freudiges Vorwärtsstreben in die ungemessene Weite; er
+baute auf und aus Ruinen und war zufrieden, in den einmal angewiesenen weiten,
+aber begrenzten Räumen möglichst erträglich und möglichst sicher sich
+einzurichten. Mit Recht hat denn auch der feine Dichtertakt der Völker um den
+unpoetischen Römer sich nicht bekümmert und dagegen den Sohn des Philippos mit
+allem Goldglanz der Poesie, mit allen Regenbogenfarben der Sage bekleidet. Aber
+mit gleichem Recht hat das staatliche Leben der Nationen seit Jahrtausenden
+wieder und wieder auf die Linien zurückgelenkt, die Caesar gezogen hat, und
+wenn die Völker, denen die Welt gehört, noch heute mit seinem Namen die
+höchsten ihrer Monarchen nennen, so liegt darin eine tiefsinnige, leider auch
+eine beschämende Mahnung.
+</p>
+
+<p>
+Wenn es gelingen sollte, aus den alten in jeder Hinsicht heillosen Zuständen
+herauszukommen und das Gemeinwesen zu verjüngen, so mußte vor allen Dingen das
+Land tatsächlich beruhigt und der Boden von den Trümmern, die von der letzten
+Katastrophe her überall ihn bedeckten, gesäubert werden. Caesar ging dabei aus
+von dem Grundsatz der Versöhnung der bisherigen Parteien oder, richtiger gesagt
+- denn von wirklicher Ausgleichung kann bei unversöhnlichen Gegensätzen nicht
+gesprochen werden -, von dem Grundsatz, daß der Kampfplatz, auf dem die
+Nobilität und die Popularen bisher miteinander gestritten hatten, von beiden
+Teilen aufzugeben sei und beide auf dem Boden der neuen monarchischen
+Verfassung sich zusammenzufinden hätten. Vor allen Dingen also galt aller
+ältere Hader der republikanischen Vergangenheit als abgetan für immer und ewig.
+Während Caesar die auf die Nachricht von der Pharsalischen Schlacht von dem
+hauptstädtischen Pöbel umgestürzten Bildsäulen Sullas wiederaufzurichten befahl
+und also es anerkannte, daß über diesen großen Mann einzig der Geschichte
+Gericht zu halten gebühre, hob er zugleich die letzten noch nachwirkenden
+Folgen seiner Ausnahmegesetze auf, rief die noch von den cinnanischen und
+sertorianischen Wirren her Verbannten aus dem Exil zurück und gab den Kindern
+der von Sulla Geächteten die verlorene passive Wahlfähigkeit wieder. Ebenso
+wurden alle diejenigen restituiert, die in dem vorbereitenden Stadium der
+letzten Katastrophe durch Zensorenspruch oder politischen Prozeß, namentlich
+durch die auf Grund der Exzeptionalgesetze von 702 (52) erhobenen Anklagen,
+ihren Sitz im Senat oder ihre bürgerliche Existenz eingebüßt hatten. Nur
+blieben, wie billig, diejenigen, die Geächtete für Geld getötet hatten, auch
+ferner bescholten und ward der verwegenste Condottiere der Senatspartei, Milo,
+von der allgemeinen Begnadigung ausgeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Weit schwieriger als die Ordnung dieser im wesentlichen bereits der
+Vergangenheit anheimgefallenen Fragen war die Behandlung der im Augenblick sich
+gegenüberstehenden Parteien: teils des eigenen demokratischen Anhangs Caesars,
+teils der gestürzten Aristokratie. Daß jener mit Caesars Verfahren nach dem
+Sieg und mit seiner Aufforderung, den alten Parteistandpunkt aufzugeben,
+womöglich noch minder einverstanden war als diese, versteht sich von selbst.
+Caesar selbst wollte wohl im ganzen dasselbe, was Gaius Gracchus im Sinne
+getragen hatte; allein die Absichten der Caesarianer waren nicht mehr die der
+Gracchaner. Die römische Popularpartei war in immer steigender Progression aus
+der Reform in die Revolution, aus der Revolution in die Anarchie, aus der
+Anarchie in den Krieg gegen das Eigentum gedrängt worden; sie feierte unter
+sich das Andenken der Schreckensherrschaft und schmückte, wie einst der
+Gracchen, so jetzt des Catilina Grab mit Blumen und Kränzen; sie hatte unter
+Caesars Fahne sich gestellt, weil sie von ihm das erwartete, was Catilina ihr
+nicht hatte verschaffen können. Als nun aber sehr bald sich herausstellte, daß
+Caesar nichts weniger sein wollte als der Testamentsvollstrecker Catilinas, daß
+die Verschuldeten von ihm höchstens Zahlungserleichterungen und
+Prozeßmilderungen zu hoffen hatten, da ward die erbitterte Frage laut, für wen
+denn die Volkspartei gesiegt habe, wenn nicht für das Volk? und fing das
+vornehme und niedere Gesindel dieser Art vor lauter Ärger über die
+fehlgeschlagenen politisch-ökonomischen Saturnalien erst an, mit den
+Pompeianern zu liebäugeln, dann sogar während Caesars fast zweijähriger
+Abwesenheit von Italien (Januar 706 48 bis Herbst 707 47) daselbst einen
+Bürgerkrieg im Bürgerkriege anzuzetteln. Der Prätor Marcus Caelius Rufus, ein
+guter Adliger und schlechter Schuldenbezahler, von einigem Talent und vieler
+Bildung, als ein heftiger und redefertiger Mann bisher im Senat und auf dem
+Markte einer der eifrigsten Vorkämpfer für Caesar, brachte, ohne höheren
+Auftrag, bei dem Volke ein Gesetz ein, das den Schuldnern ein sechsjähriges
+zinsfreies Moratorium gewährte, sodann, da man ihm hierbei in den Weg trat, ein
+zweites, das gar alle Forderungen aus Darlehen und laufenden Hausmieten
+kassiert; worauf der Caesarische Senat ihn seines Amtes entsetzte. Es war eben
+die Zeit vor der Pharsalischen Schlacht, und die Waagschale in dem großen
+Kampfe schien sich auf die Seite der Pompeianer zu neigen; Rufus trat mit dem
+alten senatorischen Bandenführer Milo in Verbindung und beide stifteten eine
+Konterrevolution an, die teils die republikanische Verfassung, teils Kassation
+der Forderungen und Freierklärung der Sklaven auf ihr Panier schrieb. Milo
+verließ seinen Verbannungsort Massalia und rief in der Gegend von Thurii die
+Pompeianer und die Hirtensklaven unter die Waffen; Rufus machte Anstalt, sich
+durch bewaffnete Sklaven der Stadt Capua zu bemächtigen. Allein der letztere
+Plan ward vor der Ausführung entdeckt und durch die capuanische Bürgerwehr
+vereitelt; Quintus Pedius, der mit einer Legion in das thurinische Gebiet
+einrückte, zerstreute die daselbst hausende Bande; und der Fall der beiden
+Führer machte dem Skandal ein Ende (706 48). Dennoch fand sich das Jahr darauf
+(707 47) ein zweiter Tor, der Volkstribun Publius Dolabella, der, gleich
+verschuldet, aber ungleich weniger begabt als sein Vorgänger, dessen Gesetz
+über die Forderungen und Hausmieten abermals einbrachte und mit seinem Kollegen
+Lucius Trebellius darüber noch einmal - es war das letzte Mal - den
+Demagogenkrieg begann; es gab arge Händel zwischen den, beiderseitigen
+bewaffneten Banden und vielfachen Straßenlärm, bis der Kommandant von Italien,
+Marcus Antonius, das Militär einschreiten ließ und bald darauf Caesars Rückkehr
+aus dem Osten dem tollen Treiben vollständig ein Ziel setzte. Caesar legte
+diesen hirnlosen Versuchen, die Catilinarischen Projekte wieder aufzuwärmen, so
+wenig Gewicht bei, daß er selbst den Dolabella in Italien duldete, ja nach
+einiger Zeit ihn sogar wieder zu Gnaden annahm. Gegen solches Gesindel, dem es
+nicht um irgend welche politische Frage, sondern einzig um den Krieg gegen das
+Eigentum zu, tun ist, genügt, wie gegen die Räuberbanden, das bloße Dasein
+einer starken Regierung; und Caesar war zu groß und zu besonnen, um mit der
+Angst, die die italischen Trembleurs vor diesen damaligen Kommunisten
+empfanden, Geschäfte zu machen und damit seiner Monarchie eine falsche
+Popularität zu erschwindeln.
+</p>
+
+<p>
+Wenn Caesar also die gewesene demokratische Partei ihrem schon bis an die
+äußerste Grenze vorgeschrittenen Zersetzungsprozeß überlassen konnte und
+überließ, so hatte er dagegen gegenüber der bei weitem lebenskräftigeren
+ehemaligen aristokratischen Partei durch die gehörige Verbindung des
+Niederdrückens und des Entgegenkommens die Auflösung nicht herbeizuführen -
+dies vermochte nur die Zeit - sondern sie vorzubereiten und einzuleiten. Es war
+das wenigste, daß Caesar, schon aus natürlichem Anstandsgefühl, es vermied, die
+gestürzte Partei durch leeren Hohn zu erbittern, über die besiegten Mitbürger
+nicht triumphierte ^2, des Pompeius oft und immer mit Achtung gedachte und sein
+vom Volke umgestürztes Standbild am Rathaus bei der Herstellung des Gebäudes an
+dem früheren ausgezeichneten Platze wiederum errichten ließ. Der politischen
+Verfolgung nach dem Siege steckte Caesar die möglichst engen Grenzen. Es fand
+keine Untersuchung statt über die vielfachen Verbindungen, die die
+Verfassungspartei auch mit nominellen Caesarianern gehabt hatte; Caesar warf
+die in den feindlichen Hauptquartieren von Pharsalos und Thapsus vorgefundenen
+Papierstöße ungelesen ins Feuer und verschonte sich und das Land mit
+politischen Prozessen gegen des Hochverrats verdächtige Individuen. Ferner
+gingen straffrei aus alle gemeinen Soldaten, die ihren römischen oder
+provinzialen Offizieren in den Kampf gegen Caesar gefolgt waren. Eine Ausnahme
+ward nur gemacht mit denjenigen römischen Bürgern, die in dem Heere des
+numidischen Königs Juba Dienste genommen hatten; ihnen wurde zur Strafe des
+Landesverrates das Vermögen eingezogen. Auch den Offizieren der besiegten
+Partei hatte Caesar bis zum Ausgang des spanischen Feldzugs 705 (49)
+uneingeschränkte Begnadigung gewährt; allein er überzeugte sich, daß er hiermit
+zu weit gegangen und daß die Beseitigung wenigstens der Häupter unvermeidlich
+sei. Die Regel, die er von jetzt an zur Richtschnur nahm, war, daß wer nach der
+Kapitulation von Ilerda im feindlichen Heere als Offizier gedient oder im
+Gegensenat gesessen hatte, wenn er das Ende des Kampfes erlebte, sein Vermögen
+und seine politischen Rechte verlor und für Lebenszeit aus Italien verbannt
+ward, wenn er das Ende des Kampfes nicht erlebte, wenigstens sein Vermögen an
+den Staat fiel, wer aber von diesen früher von Caesar Gnade angenommen hatte
+und abermals in den feindlichen Reihen betroffen ward, damit das Leben verwirkt
+hatte. In der Ausführung indes wurden diese Sätze wesentlich gemildert.
+Todesurteile wurden nur gegen die wenigsten unter den zahlreichen Rückfälligen
+wirklich vollstreckt. Bei der Konfiskation des Vermögens der Gefallenen wurden
+nicht nur die auf den einzelnen Massen haftenden Schulden sowie die
+Mitgiftforderungen der Witwen wie billig ausgezahlt, sondern auch den Kindern
+der Toten ein Teil des väterlichen Vermögens gelassen. Von denjenigen endlich,
+die jenen Regeln zufolge Verbannung und Vermögenskonfiskation traf, wurden
+nicht wenige sogleich ganz begnadigt oder kamen, wie die zu Mitgliedern des
+Senats von Utica gepreßten afrikanischen Großhändler, mit Geldbußen davon. Aber
+auch den übrigen ward fast ohne Ausnahme Freiheit und Vermögen zurückgegeben,
+wenn sie nur es über sich gewannen, deshalb bittend bei Caesar einzukommen;
+manchem, der dessen sich weigerte, wie zum Beispiel dem Konsular Marcus
+Marcellus, ward die Begnadigung auch ungebeten oktroyiert und endlich im Jahre
+710 (44) für alle noch nicht Zurückberufenen eine allgemeine Amnestie erlassen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^2 Auch der Triumph nach der später zu erzählenden Schlacht bei Munda galt wohl
+nur den zahlreich in dem besiegten Heer dienenden Lusitanern.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die republikanische Opposition ließ sich denn begnadigen; aber sie war nicht
+versöhnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und Erbitterung gegen
+den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem politischen Widerstand
+gab es freilich keine Gelegenheit mehr - es kam kaum in Betracht, daß einige
+oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der Titelfrage durch demonstratives
+Einschreiten gegen die, welche Caesar König genannt hatten, sich die
+republikanische Märtyrerkrone erwarben; aber um so entschiedener äußerte der
+Republikanismus sich als Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und
+Wühlen. Keine Hand regte sich, wenn der Imperator öffentlich erschien. Es
+regnete Maueranschläge und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire
+gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische Anspielung
+wagte, begrüßte ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und Preis war das Modethema
+der oppositionellen Broschürenschreiber, und die Schriften derselben fanden nur
+ein um so dankbareres Publikum, weil auch die Literatur nicht mehr frei war.
+Caesar bekämpfte zwar auch jetzt noch die Republikaner auf dem eigenen Gebiet;
+er selbst und seine fähigeren Vertrauten antworteten auf die Catoliteratur mit
+Anticatonen, und es ward zwischen den republikanischen und den Caesarischen
+Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen Troern und
+Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich von selbst, daß
+in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch gestimmte Publikum Richter
+war, die Caesarianer den kürzeren zogen. Es blieb nichts übrig, als die
+Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb denn unter den Verbannten die
+literarisch bekannten und gefährlichen Männer, wie Publius Nigidius Figulus und
+Aulus Caecina, schwerer als andere die Erlaubnis zur Rückkehr nach Italien
+erhielten, die in Italien geduldeten oppositionellen Schriftsteller aber einer
+tatsächlichen Zensur unterworfen wurden, die um so peinlicher fesselte, weil
+das Maß der zu befürchtenden Strafe durchaus arbiträr war ^3. Das Wühlen und
+Treiben der gestürzten Parteien gegen die neue Monarchie wird zweckmäßiger in
+einem andern Zusammenhang dargestellt werden; hier genügt es zu sagen, daß
+Prätendenten- wie republikanische Aufstände unaufhörlich im ganzen Umfange des
+Römischen Reiches gärten, daß die Flamme des Bürgerkrieges, bald von den
+Pompeianern, bald von den Republikanern angefacht, an verschiedenen Orten hell
+wieder emporschlug und in der Hauptstadt die Verschwörung gegen das Leben des
+Herrschers in Permanenz blieb, Caesar aber durch die Anschläge sich nicht
+einmal bewegen ließ, auf die Dauer sich mit einer Leibwache zu umgeben und in
+der Regel sich begnügte, die entdeckten Konspirationen durch öffentliche
+Anschläge bekannt zu machen. Wie sehr Caesar alle seine persönliche Sicherheit
+angehenden Dinge mit gleichgültiger Verwegenheit zu behandeln pflegte, die
+ernste Gefahr konnte er doch sich unmöglich verhehlen, mit der diese Masse
+Mißvergnügter nicht bloß ihn, sondern auch seine Schöpfungen bedrohte. Wenn er
+dennoch, alles Warnens und Hetzens seiner Freunde nicht achtend, ohne über die
+Unversöhnlichkeit auch der begnadigten Gegner sich zu täuschen, mit einer
+wunderbar kaltblütigen Energie dabei beharrte, der bei weitem größeren Anzahl
+derselben zu verzeihen, so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit einer
+stolzen, noch Gefühlsmilde einer weichen Natur, sondern es war die richtige
+staatsmännische Erwägung, daß überwundene Parteien rascher und mit minderem
+Schaden für den Staat innerhalb des Staats sich absorbieren, als wenn man sie
+durch Ächtung auszurotten oder durch Verbannung aus dem Gemeinwesen
+auszuscheiden versucht. Caesar konnte für seine hohen Zwecke die
+Verfassungspartei selbst nicht entbehren, die ja nicht etwa bloß die
+Aristokratie, sondern alle Elemente des Freiheits- und des Nationalsinns
+innerhalb der italischen Bürgerschaft in sich schloß; für seine Pläne zur
+Verjüngung des alternden Staats bedurfte er der ganzen Masse von Talenten,
+Bildung, ererbtem und selbsterworbenem Ansehen, die diese Partei in sich
+schloß; und wohl in diesem Sinne mag er die Begnadigung der Gegner den
+schönsten Lohn des Siegs genannt haben. So wurden denn zwar die
+hervorragendsten Spitzen der geschlagenen Parteien beseitigt; aber den Männern
+zweiten und dritten Ranges und namentlich der jüngeren Generation ward die
+volle Begnadigung nicht vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in
+passiver Opposition zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder minder
+gelinden Zwang veranlaßt, sich an der neuen Verwaltung tätig zu beteiligen und
+Ehren und Ämter von ihr anzunehmen. Wie für Heinrich IV. und Wilhelm von
+Oranien so begannen auch für Caesar die größten Schwierigkeiten erst nach dem
+Siege. Jeder revolutionäre Sieger macht die Erfahrung, daß, wenn er nach
+Überwältigung der Gegner nicht, wie Cinna und Sulla, Parteihaupt bleibt,
+sondern wie Caesar, wie Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien, an die Stelle des
+notwendig einseitigen Parteiprogramms die Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen
+will, augenblicklich alle Parteien, die eigene wie die besiegt, sich gegen das
+neue Oberhaupt vereinigen; und um so mehr, je größer und reiner dasselbe seinen
+neuen Beruf auffaßt. Die Verfassungsfreunde und die Pompeianer, wenn sie auch
+mit den Lippen Caesar huldigten, grollten doch im Herzen entweder der Monarchie
+oder wenigstens der Dynastie; die gesunkene Demokratie war, seit sie begriffen,
+daß Caesars Zwecke keineswegs die ihrigen waren, gegen denselben in offenem
+Aufruhr; selbst die persönlichen Anhänger Caesars murrten, als sie ihr Haupt
+statt eines Condottierstaats eine allen gliche und gerechte Monarchie gründen
+und die auf sie treffenden Gewinnportionen durch das Hinzutreten der Besiegten
+sich verringern sahen. Diese Ordnung des Gemeinwesens war keiner Partei genehm
+und mußte den Genossen nicht minder als den Gegnern oktroyiert werden. Caesars
+eigene Stellung war jetzt in gewissem Sinne gefährdeter als vor dem Siege; aber
+was er verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien vernichtete und die
+Parteimänner nicht bloß schonte, sondern jeden Mann von Talent oder auch nur
+von guter Herkunft, ohne Rücksicht auf seine politische Vergangenheit, zu
+Ämtern gelangen ließ, gewann er nicht bloß für seinen großen Bau alle im Staate
+vorhandene Arbeitskraft, sondern das freiwillige oder gezwungene Schaffen der
+Männer aller Parteien an demselben Werke führte auch unmerklich die Nation
+hinüber auf den neubereiteten Boden. Wenn diese Ausgleichung der Parteien für
+den Augenklick nur äußerlicher Art war und dieselben sich für jetzt viel
+weniger in der Anhänglichkeit an die neuen Zustände begegneten als in dem Hasse
+gegen Caesar, so irrte dies ihn nicht; er wußte es wohl, daß die Gegensätze
+doch in solcher äußerlichen Vereinigung sich abstumpfen und daß nur auf diesem
+Wege der Staatsmann der Zeit vorarbeitet, welche freilich allein vermag,
+solchen Hader schließlich zu sühnen, indem sie das alte Geschlecht ins Grab
+legt. Noch weniger fragte er, wer ihn haßte oder auf Mord gegen ihn sann. Wie
+jeder echte Staatsmann diente er dem Volke nicht um Lohn, auch nicht um den
+Lohn seiner Liebe, sondern gab die Gunst der Zeitgenossen hin für den Segen der
+Zukunft und vor allem für die Erlaubnis, seien Nation retten und verjüngen zu
+dürfen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Wer alte und neue Schriftstellerbedrängnisse zu vergleichen wünscht, wird in
+dem Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu finden.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Versuchen wir im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Überführung der alten
+Zustände in die neue Bahn, so ist zunächst daran zu erinnern, daß Caesar nicht
+kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan zu einer zeitgemäßen
+Politik, längst von Gaius Gracchus entworfen, war von seinen Anhängern und
+Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist und Glück, aber ohne Schwanken
+festgehalten worden. Caesar, von Haus aus und gleichsam schon nach Erbrecht das
+Haupt der Popularpartei, hatte seit dreißig Jahren deren Schild hoch
+emporgehalten, ohne je die Farbe zu wechseln oder auch nur zu decken; er blieb
+Demokrat auch als Monarch. Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen
+natürlich von den catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschränkt
+antrat, der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst
+persönlichen Haß zollte und die wesentlichen Gedanken der römischen Demokratie:
+die Milderung der Lage der Schuldner, die überseeische Kolonisation, die
+allmähliche Nivellierung der unter den Klassen der Staatsangehörigen
+bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die Emanzipierung der exekutiven Gewalt
+vom Senat, unverändert festhielt, so war auch seine Monarchie so wenig mit der
+Demokratie im Widerspruch, daß vielmehr diese erst durch jene zur Vollendung
+und Erfüllung gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die orientalische
+Despotie von Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius Gracchus sie
+gründen wollte, wie Perikles und Cromwell sie gründeten: die Vertretung der
+Nation durch ihren höchsten und unumschränkten Vertrauensmann. Es waren
+insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen, nicht eigentlich
+neue; aber ihm gehört ihre Verwirklichung, die zuletzt überall die Hauptsache
+bleibt, und ihm die Großheit der Ausführung, die selbst den genialen Entwerfer,
+wenn er sie hätte schauen können, überrascht haben möchte und die jeden, dem
+sie in lebendiger Wirklichkeit oder im Spiegel der Geschichte entgegengetreten
+ist, welcher geschichtlichen Epoche und welcher politischen Farbe immer er
+angehöre, je nach dem Maß seiner Fassungskraft für menschliche und
+geschichtliche Größe mit tiefer und tieferer Bewegung und Bewunderung ergriffen
+hat und ewig ergreifen wird.
+</p>
+
+<p>
+Wohl aber wird es gerade hier am Orte sein, das, was der Geschichtschreiber
+stillschweigend überall voraussetzt, einmal ausdrücklich zu fordern und
+Einspruch zu tun gegen die der Einfalt und der Perfidie gemeinschaftliche
+Sitte, geschichtliches Lob und geschichtlichen Tadel, von den gegebenen
+Verhältnissen abgelöst, als allgemein gültige Phrase zu verbrauchen, in diesem
+Falle das Urteil über Caesar in ein Urteil über den sogenannten Caesarismus
+umzudeuten. Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die
+Lehrmeisterin des laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als könne
+man die Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten über die Vergangenheit nur
+einfach wiederaufblättern und aus denselben der politischen Diagnose und
+Rezeptierkunst die Symptome und Spezifika zusammenlesen; sondern sie ist
+lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der älteren Kulturen die
+organischen Bedingungen der Zivilisation überhaupt, die überall gleichen
+Grundkräfte und die überall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart
+und statt zum gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbständigen Nachschöpfen
+anleitet und begeistert. In diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und des
+römischen Caesarentums, bei aller unübertroffenen Großheit des Werkmeisters,
+bei aller geschichtlichen Notwendigkeit des Werkes, wahrlich eine schärfere
+Kritik der modernen Autokratie, als eines Menschen Hand sie zu schreiben
+vermag. Nach dem gleichen Naturgesetz, weshalb der geringste Organismus
+unendlich mehr ist als die kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so
+mangelhafte Verfassung, die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von
+Bürgern Spielraum läßt, unendlich mehr als der genialste und humanste
+Absolutismus; denn jene ist der Entwicklung fähig, also lebendig, dieser ist
+was er ist, also tot. Dieses Naturgesetz hat auch an der römischen absoluten
+Militärmonarchie sich bewährt und nur um so vollständiger sich bewährt, als
+sie, unter dem genialen Impuls ihres Schöpfers und bei der Abwesenheit aller
+wesentlichen Verwicklungen mit dem Ausland, sich reiner und freier als
+irgendein ähnlicher Staat gestaltet hat. Von Caesar an hielt, wie die späteren
+Bücher dies darlegen werden und Gibbon längst es dargelegt hat, das römische
+Wesen nur noch äußerlich zusammen und ward nur mechanisch erweitert, während es
+innerlich eben mit ihm völlig vertrocknete und abstarb. Wenn in den Anfängen
+der Autokratie und vor allem in Caesars eigener Seele noch der hoffnungsreiche
+Traum einer Vereinigung freier Volksentwicklung und absoluter Herrschaft
+waltet, so hat schon das Regiment der hochbegabten Kaiser des Julianischen
+Geschlechts in schrecklicher Weise gelehrt, inwiefern es möglich ist, Feuer und
+Wasser in dasselbe Gefäß zu fassen. Caesars Werk war notwendig und heilsam,
+nicht weil es an sich Segen brachte oder auch nur bringen konnte, sondern weil,
+bei der antiken, auf Sklavenrum gebauten, von der
+republikanisch-konstitutionellen Vertretung völlig abgewandten
+Volksorganisation und gegenüber der legitimen, in der Entwicklung eines halben
+Jahrtausends zum oligarchischen Absolutismus herangereiften Stadtverfassung,
+die absolute Militärmonarchie der logisch notwendige Schlußstein und das
+geringste Übel war. Wenn einmal in Virginien und den Carolinas die
+Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben wird wie ihre
+Wahlverwandten in dem sullanischen Rom, so wird dort auch der Caesarismus vor
+dem Geist der Geschichte legitimiert sein ^4; wo er unter andern
+Entwicklungsverhältnissen auftritt, ist er zugleich eine Fratze und eine
+Usurpation. Die Geschichte aber wird sich nicht bescheiden, dem rechten Caesar
+deshalb die Ehre zu verkürzen, weil ein solcher Wahlspruch den schlechten
+Caesaren gegenüber die Einfalt irren und der Bosheit zu Lug und Trug
+Gelegenheit geben kann. Sie ist auch eine Bibel, und wenn sie so wenig wie
+diese, weder dem Toren es wehren kann sie mißzuverstehen, noch dem Teufel sie
+zu zitieren, so wird auch sie imstande sein, beides zu ertragen wie zu
+vergiften.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^4 Als dies geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht wissen, wie
+bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten Sieg, den die Geschichte
+des Menschengeschlechts bisher verzeichnet hat, demselben diese furchtbare
+Probe erspart und dessen Zukunft der unbedingten, durch keinen fokalen
+Cäsarismus auf dir Dauer zu hemmenden sich selbst beherrschenden Freiheit
+gesichert werden sollte.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Stellung des neuen Staatsoberhaupts erscheint formell, zunächst wenigstens,
+als Diktatur. Caesar übernahm dieselbe zuerst nach der Rückkehr aus Spanien im
+Jahre 705 (49), legte sie aber nach wenigen Tagen wieder nieder und führte den
+entscheidenden Feldzug des Jahres 706 (48) lediglich als Konsul - es war dies
+das Amt, über dessen Bekleidung zunächst der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Aber
+im Herbst dieses Jahres, nach der Pharsalischen Schlacht, kam er wieder auf die
+Diktatur zurück und ließ sich dieselbe abermals übertragen, zuerst auf
+unbestimmte Zeit, jedoch vom 1. Januar 709 (45) an als Jahresamt, alsdann im
+Januar oder Februar 710 ^5 (44) auf die Dauer seines Lebens, so daß er die
+früher vorbehaltene Niederlegung des Amtes schließlich ausdrücklich fallen ließ
+und der Lebenslänglichkeit des Amtes in dem neuen Titel dictator perpetuus
+formellen Ausdruck gab. Diese Diktatur, sowohl jene erste ephemere wie die
+zweite dauernde, ist nicht die der alten Verfassung, sondern das nur in dem
+Namen mit dieser zusammentreffende höchste Ausnahmeamt nach der Ordnung Sullas;
+ein Amt, dessen Kompetenz nicht durch die verfassungsmäßigen Ordnungen über das
+höchste Einzelamt, sondern durch besonderen Volksschluß festgestellt ward und
+zwar dahin, daß der Inhaber in dem Auftrag, Gesetze zu entwerfen und das
+Gemeinwesen zu ordnen, eine rechtlich unumschränkte, die republikanische
+Teilung der Gewalten aufhebende Amtsbefugnis empfing. Es sind nur Anwendungen
+von dieser allgemeinen Befugnis auf den einzelnen Fall, wenn dem Machthaber das
+Recht ohne Befragen des Senats und des Volkes über Krieg und Frieden zu
+entscheiden, die selbständige Verfügung über Heere und Kassen, die Ernennung
+der Provinzialstatthalter nach durch besondere Akte übertragen wurden. Selbst
+solche Befugnisse, welche außerhalb der magistratischen, ja außerhalb der
+Kompetenz der Staatsgewalten überhaupt lagen, konnte Caesar hiernach von Rechts
+wegen sich beilegen; und es erscheint fast als eine Konzession seinerseits, daß
+er darauf verzichtete, die Magistrate anstatt der Komitien zu ernennen, und
+sich darauf beschränkte, für einen Teil der Prätoren und der niederen
+Magistrate ein bindendes Vorschlagsrecht in Anspruch zu nehmen; daß er sich
+ferner zu der nach dem Herkommen überhaupt nicht statthaften Kreierung von
+Patriziern noch durch besonderen Volksschluß ermächtigen ließ.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^5 Am 26. Januar 710 ;44) heißt Caesar noch dictator IIII (Triumphaltafel); am
+25. Februar des Jahres war er bereits dictator perpetuus (Cic. Phil. 2, 34,
+87). Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl.. S. 726.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Für andere Ämter im eigentlichen Sinn bleibt neben dieser Diktatur kein Raum.
+Die Zensur als solche hat Caesar nicht übernommen ^6, wohl aber die
+zensorischen Rechte, namentlich das wichtige der Senatorenernennung in
+umfassender Weise geübt.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^6 Die Formulierung jener Diktatur scheint die &ldquo;Sittenbesserung&rdquo;
+ausdrücklich mithervorgehoben zu haben; aber ein eigenes Amt derart hat Caesar
+nicht bekleidet (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 705).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Das Konsulat hat er häufig neben der Diktatur, einmal auch ohne Kollegen
+bekleidet, aber keineswegs dauernd an seine Person geknüpft und den
+Aufforderungen, dasselbe auf fünf oder gar auf zehn Jahre nacheinander zu
+übernehmen, keine Folge gegeben.
+</p>
+
+<p>
+Die Oberaufsicht über den Kult brauchte Caesar nicht erst sich übertragen zu
+lassen, da er bereits Oberpontifex war. Es versteht sich, daß auch die
+Mitgliedschaft des Augurnkollegiums ihm zuteil ward und überhaupt alte und neue
+Ehrenrechte in Fülle, wie der Titel eines Vaters des Vaterlandes, die Benennung
+seines Geburtsmonats mit dem Namen, den er nach heute führt, des Julius, und
+andere, zuletzt in platte Vergötterung sich verlaufende Manifestationen des
+beginnenden Hoftons. Hervorgehoben zu werden verdienen nur zwei Einrichtungen:
+daß Caesar den Tribunen des Volkes namentlich in ihrer besonderen persönlichen
+Unverletzlichkeit gleichgestellt und daß die Imperatorenbenennung dauernd an
+seine Person geknüpft und neben den sonstigen Amtsbezeichnungen von ihm als
+Titel geführt ward ^7.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^7 Caesar führt die Bezeichnung Imperator immer ohne Iterationsziffer und immer
+hinter dem Namen an erster Stelle (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S.
+767, A. 1).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Für den Verständigen wird es weder dafür eines Beweises bedürfen, daß Caesar
+beabsichtigte, die höchste Gewalt dem Gemeinwesen einzufügen, und zwar nicht
+nur auf einige Jahre oder auch als persönliches Amt auf unbestimmte Zeit, etwa
+wie Sullas Regentschaft, sondern als wesentliches und bleibendes Organ, noch
+auch dafür, daß er für die neue Institution eine entsprechende und einfache
+Bezeichnung ausersah; denn wenn es ein politischer Fehler ist, inhaltlose Namen
+zu schaffen, so ist es kaum ein geringerer, den Inhalt der Machtfülle ohne
+Namen hinzustellen. Nur ist es freilich, teils weil in dieser Übergangszeit die
+ephemeren und die bleibenden Bauten sich noch nicht klar voneinander sondern,
+teils weil die dem Winke bereits zuvorkommende Devotion der Klienten den Herrn
+mit einer ohne Zweifel ihm selbst widerwärtigen Fülle von Vertrauensdekreten
+und Ehrengesetzen überschüttete, nicht leicht festzustellen, welche definitive
+Formulierung Caesar im Sinne gehabt hat. Am wenigsten konnte die neue Monarchie
+an das Konsulat anknüpfen, schon wegen der von diesem Amt nicht wohl zu
+trennenden Kollegialität, es hat auch Caesar offenbar darauf hingearbeitet,
+dieses bisher höchste Amt zum leeren Titel herabzusetzen und späterhin, wenn er
+es übernahm, dasselbe nicht das ganze Jahr hindurch geführt, sondern vor dem
+Ablauf an Personen zweiten Ranges abgegeben. Die Diktatur tritt praktisch am
+häufigsten und bestimmtesten hervor, aber wahrscheinlich nur, weil Caesar sie
+als das benutzen wollte, was sie von alters her im Verfassungsorganismus
+bedeutet hatte, als außerordentliche Vorstandschaft zur Überwindung
+außerordentlicher Krisen. Als Trägerin der neuen Monarchie dagegen empfahl sie
+sich wenig, da Exzeptionalität und Unpopularität diesem Amte einmal anhafteten
+und es dem Vertreter der Demokratie kaum zugetraut werden kann, diejenige Form,
+die der genialste Vorfechter der Gegenpartei für seine Zwecke geschaffen hatte,
+für die dauernde Organisation zu wählen. Bei weitem geeigneter für die
+Formulierung der Monarchie erscheint der neue Imperatorenname, schon darum,
+weil er in dieser Verwendung ^8 neu ist und kein bestimmter äußerer Anlaß zur
+Einführung desselben erhellt. Der neue Wein durfte nicht in alte Schläuche
+gefüllt werden: hier ist zu der neuen Sache der neue Name und in demselben in
+prägnantester Weise zusammengefaßt, was schon in dem Gabinischen Gesetz, nur
+mit minderer Schärfe, die demokratische Partei als Kompetenz ihres Oberhauptes
+formuliert hatte: die Konzentrierung und Perpetuierung der Amtsgewalt
+(imperium) in der Hand eines vom Senat unabhängigen Volkshauptes. Auch begegnet
+auf Caesars Münzen, namentlich auf denen der letzten Zeit, neben der Diktatur
+vorwiegend der Imperatorentitel und scheint in Caesars Gesetz über politische
+Verbrechen der Monarch mit diesem Ausdruck bezeichnet worden zu sein. Es hat
+denn auch die Folgezeit, wenngleich nicht unmittelbar, die Monarchie an den
+Imperatornamen geknüpft. Um diesem neuen Amt zugleich die demokratische und die
+religiöse Weihe zu verleihen, beabsichtigte Caesar wahrscheinlich, mit
+demselben teils die tribunizische Gewalt, teils das Oberpontifikat ein für
+allemal zu verknüpfen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^8 In republikanischer Zeit wird der Imperatorname, der den siegreichen
+Feldherrn bezeichnet, abgelegt mit dem Ende des Feldzugs; als dauernde
+Titulatur erscheint er bei Caesar zuerst.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Daß die neue Organisation nicht bloß auf die Lebenszeit ihres Stifters
+beschränkt bleiben sollte, ist unzweifelhaft; aber derselbe ist nicht dazu
+gelangt, die vor allem schwierige Frage der Nachfolge zu erledigen, und es muß
+dahingestellt bleiben, ob er die Aufstellung irgendeiner Form für die
+Nachfolgerwahl im Sinn gehabt hat, wie sie bei dem ursprünglichen Königtum
+bestanden hatte, oder ob er für das höchste Amt wie die Lebenslänglichkeit, so
+auch die Erblichkeit hat einführen wollen, wie dies sein Adoptivsohn späterhin
+behauptet hat ^9. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er die Absicht gehabt hat,
+beide Systeme gewissermaßen miteinander zu verbinden und die Nachfolge, ähnlich
+wie Cromwell und wie Napoleon, in der Weise zu ordnen, daß dem Herrscher der
+Sohn in der Herrschaft nachfolgt, wenn er aber keinen Sohn hat oder der Sohn
+ihm nicht zur Nachfolge geeignet scheint, der Herrscher in der Form der
+Adoption den Nachfolger nach freier Wahl ernennt.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^9 Daß bei Caesars Lebzeiten das Imperium sowohl wie das Oberpontifikat für
+seine agnatische - leibliche oder durch Adoption vermittelte - Deszendenz durch
+einen förmlichen legislatorischen Akt erblich gemacht worden ist, hat Caesar
+der Sohn als seinen Rechtstitel zur Herrschaft geltend gemacht. Nach der
+Beschaffenheit unserer Überlieferung muß die Existenz eines derartigen Gesetzes
+oder Senatsbeschlusses entschieden in Abrede gestellt werden; es bleibt aber
+wohl möglich, daß Caesar die Erlassung eines solchen beabsichtigt hat. Vgl.
+Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 767, 1106.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Staatsrechtlich lehnte das neue Imperatorenamt sich an an die Stellung, welche
+die Konsuln oder Prokonsuln außerhalb der Bannmeile einnahmen, so daß zunächst
+das militärische Kommando, daneben aber auch die höchste richterliche und
+folgeweise auch die administrative Gewalt darin enthalten war ^10. Insofern
+aber war die Gewalt des Imperators qualitativ der
+konsularisch-prokonsularischen überlegen, als jene nicht nach Zeit und Raum
+begrenzt, sondern lebenslänglich und auch in der Hauptstadt wirksam war ^11,
+als der Imperator nicht, wohl aber der Konsul, durch gleich mächtige Kollegen
+gehemmt werden konnte und als alle im Laufe der Zeit der ursprünglicher.
+höchsten Amtsgewalt gesetzten Beschränkungen, namentlich die Verpflichtung der
+Provokation stattzugeben und die Ratschläge des Senats zu beachten, für den
+Imperator wegfielen. Um es mit einem Worte zu sagen: dies neue Imperatorenamt
+war nichts anderes als das wiederhergestellte uralte Königtum; denn ebenjene
+Beschränkungen in der zeitlichen und örtlichen Begrenzung der Gewalt, in der
+Kollegialität und der für gewisse Fälle notwendigen Mitwirkung des Rats oder
+der Gemeinde waren es ja, die den Konsul vom König unterschieden. Es ist kaum
+ein Zug der neuen Monarchie, der nicht in der alten sich wiederfände: die
+Vereinigung der höchsten militärischen, richterlichen und administrativen
+Gewalt in der Hand des Fürsten; eine religiöse Vorstandschaft über das
+Gemeinwesen; das Recht, Verordnungen mit bindender Kraft zu erlassen; die
+Herabdrückung des Senats zum Staatsrat; die Wiedererweckung des Patriziats und
+der Stadtpräfektur. Aber schlagender noch als diese Analogien ist die innere
+Gleichartigkeit der Monarchie des Servius Tullius und der Monarchie Caesars:
+wenn jene alten Könige vor. Rom bei all ihrer Vollgewalt doch Herrn einer
+freien Gemeinde und eben sie die Schutzmänner des gemeinen Mannes gegen den
+Adel gewesen waren, so war auch Caesar nicht gekommen, um die Freiheit
+aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen, und zunächst, um das unerträgliche Joch
+der Aristokratie zu brechen. Es darf auch nicht befremden, daß Caesar, nichts
+weniger als ein politischer Antiquarius, ein halbes Jahrtausend zurückgriff, um
+zu seinem neuen Staat das Muster zu finden; denn da das höchste Amt des
+römischen Gemeinwesens zu allen Zeiten ein durch eine Anzahl Spezialgesetze
+eingeschränktes Königtum geblieben war, war auch der Begriff des Königtums
+selbst keineswegs verschollen. Zu den verschiedensten Zeiten und von sehr
+verschiedenen Seiten her, in der Dezemviralgewalt, in der Sullanischen und in
+seiner eigenen Diktatur, war man während der Republik praktisch auf denselben
+zurückgekommen; ja mit einer gewissen logischen Notwendigkeit trat überall, wo
+das Bedürfnis einer Ausnahmegewalt .sich zeigte, im Gegensatz gegen das
+gewöhnliche beschränkte das unbeschränkte Imperium hervor, welches eben nichts
+anderes war als die königliche Gewalt. Endlich empfahlen auch äußere
+Rücksichten dies Zurückgehen auf das ehemalige Königtum. Die Menschheit gelangt
+zu Neuschöpfungen unsäglich schwer und hegt darum die einmal entwickelten
+Formen als ein heiliges Erbstück. Darum knüpfte Caesar mit gutem Bedacht an
+Servius Tullius in ähnlicher Weise an, wie später Karl der Große an ihn
+angeknüpft hat und Napoleon an Karl den Großen wenigstens anzuknüpfen
+versuchte. Er tat dies auch nicht etwa auf Umwegen und heimlich, sondern so gut
+wie seine Nachfahren in möglichst offenkundiger Weise; es war ja eben der Zweck
+dieser Anknüpfung, eine klare, nationale und populäre Formulierung für den
+neuen Staat zu finden. Seit alter Zeit standen auf dem Kapitol die Standbilder
+derjenigen sieben Könige, welche die konventionelle Geschichte Roms aufzuführen
+pflegte; Caesar befahl, daneben das seinige als das achte zu errichten. Er
+erschien öffentlich in der Tracht der alten Könige von Alba. In seinem neuen
+Gesetz über politische Verbrechen war die hauptsächlichste Abweichung von dem
+Sullanischen die, daß neben die Volksgemeinde und auf eine Linie mit ihr der
+Imperator als der lebendige und persönliche Ausdruck des Volkes gestellt ward.
+In der für die politischen Eide üblichen Formel ward zu dem Jovis und den
+Penaten des römischen Volkes der Genius des Imperator hinzugefügt. Das äußere
+Kennzeichen der Monarchie war nach der im ganzen Altertum verbreiteten Ansicht
+das Bild des Monarchen auf den Münzen: seit dem Jahre 710 (44) erscheint auf
+denen des römischen Staats der Kopf Caesars. Man konnte hiernach wenigstens
+darüber sich nicht beschweren, daß Caesar das Publikum über die Auffassung
+seiner Stellung im dunkeln ließ; so bestimmt und so förmlich wie möglich trat
+er auf, nicht bloß als Monarch, sondern eben als König von Rom. Möglich ist es
+sogar, obwohl nicht gerade wahrscheinlich und auf jeden Fall von
+untergeordneter Bedeutung, daß er im Sinne gehabt hat, seine Amtsgewalt nicht
+mit dem neuen Imperatoren-, sondern geradezu mit dem alten Königsnamen zu
+bezeichnen ^12. Schon bei seinen Lebzeiten waren viele seiner Feinde wie seine
+Freunde der Ansicht, daß er beabsichtige, sich ausdrücklich zum König von Rom
+ernennen zu lassen; ja einzelne seiner leidenschaftlichsten Anhänger legten ihm
+die Aufsetzung der Krone auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten
+nahe; am auffallendsten Marcus Antonius, indem er als Konsul vor allem Volke
+Caesar das Diadem darbot (15. Februar 710 44). Caesar aber wies diese Anträge
+ohne Ausnahme von der Hand. Wenn er zugleich gegen diejenigen einschritt, die
+diese Vorfälle benutzten, um republikanische Opposition zu machen, so folgt
+daraus noch keineswegs, daß es ihm mit der Zurückweisung nicht Ernst war. Die
+Annahme nun gar, daß diese Aufforderungen auf sein Geheiß erfolgt seien, um die
+Menge auf das ungewohnte Schauspiel des römischen Diadems vorzubereiten,
+verkennt völlig die gewaltige Macht der Gesinnungsopposition, mit welcher
+Caesar zu rechnen hatte und die durch eine solche öffentliche Anerkennung ihrer
+Berechtigung von Seiten Caesars selbst nicht nachgiebiger werden konnte,
+vielmehr notwendig dadurch weiteren Boden gewann. Es kann der unberufene Eifer
+leidenschaftlicher Anhänger allein diese Auftritte veranlaßt haben; es kann
+auch sein, daß Caesar die Szene mit Antonius nur zuließ oder auch
+veranstaltete, um durch die vor den Augen der Bürgerschaft erfolgte und auf
+seinen Befehl selbst in die Kalender des Staats eingetragene, in der Tat nicht
+wohl wieder zurückzunehmende Ablehnung des Königstitels dem unbequemen Klatsch
+auf möglichst eklatante Weise ein Ende zu machen. Die Wahrscheinlichkeit
+spricht dafür, daß Caesar, der den Wert einer geläufigen Formulierung ebenso
+würdigte wie die mehr an die Namen als an das Wesen der Dinge sich heftenden
+Antipathien der Menge, entschlossen war, den mit uraltem Bannfluch behafteten
+und den Römern seiner Zeit mehr noch für die Despoten des Orients als für ihren
+Numa und Servius geläufigen Königsnamen zu vermeiden und das Wesen des
+Königtums unter dem Imperatorentitel sich anzueignen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^10 Die verbreitete Meinung, die in dem kaiserlichen Imperatorenamt nichts als
+die lebenslängliche Reichsfeldherrnwürde sieht, wird weder durch die Bedeutung
+des Wortes noch durch die Auffassung der alten Berichterstatter gerechtfertigt.
+Imperium ist die Befehlsgewalt, imperator der Inhaber derselben; in diesen
+Worten wie in den entsprechenden griechischen Ausdrucken κράτωρ, αυτοκράτωρ
+liegt so wenig eine spezifisch militärische Beziehung, daß es vielmehr eben das
+Charakteristische der römischen Amtsgewalt ist, wo sie rein und vollständig
+auftritt, Krieg und Prozeß, das ist die militärische und die bürgerliche
+Befehlsgewalt, als ein untrennbares Ganze in sich zu enthalten. Ganz richtig
+sagt Dio Cassius (53, 17, vgl. 43, 44; 52, 41), daß der Name Imperator von den
+Kaisern angenommen ward &ldquo;zur Anzeige ihrer Vollgewalt anstatt des Königs-
+und Diktaturtitels (πρός δήλωσιν τής αυτοτελούς σφών εξουσίας, αντί τής τού
+βασιλέως τού τε δικτάτωρος επικλήσεως); denn diese älteren Titel sind dem Namen
+nach verschwunden, der Sache nach aber gibt der Imperatorname dieselben
+Befugnisse (τό δέ δή έργον αυτών τή τού αυτοκράτωρος προςηγορία βεβαισύνται),
+zum Beispiel das Recht, Soldaten auszuheben, Steuern; auszuschreiben, Krieg zu
+erklären und Frieden zu schließen, über Bürger und Nichtbürger in und außer der
+Stadt die höchste Gewalt zu üben und jeden an jedem Orte am Leben oder sonst zu
+strafen., überhaupt der mit dem höchsten Imperium in ältester Zeit verbundenen
+Befugnisse sich anzumaßen&rdquo;. Deutlicher kann es wohl nicht gesagt werden,
+daß imperator eben gar nichts ist als ein Synonym für rex, so gut wie imperare
+mit regere zusammenfällt.
+</p>
+
+<p>
+^11 Als Augustus bei Konstituierung des Prinzipats das Caesarische Imperium
+wiederaufnahm, geschah dies mit der Beschränkung, daß es räumlich und in
+gewissem Sinn auch zeitlich begrenzt sein solle; die prokonsularische Gewalt
+der Kaiser, welche nichts ist als ebendies Imperium, sollte für Rom und Italien
+nicht zur Anwendung kommen (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3, Aufl., S. 854j.
+Auf diesem Moment ruht der wesentliche Unterschied des Caesarischen Imperiums
+und des Augustfischen Prinzipats, sowie andererseits auf der schon prinzipiell
+und mehr noch praktisch unvollständigen Verwirklichung jener Schranke die reale
+Gleichheit beider Institutionen.
+</p>
+
+<p>
+^12 Über diese Frage läßt sich streiten; dagegen muß die Annahme, daß es
+Caesars Absicht gewesen, die Römer als Imperator, die Nichtrömer als Rex zu
+beherrschen, einfach verworfen werden. Sie stützt sich einzig auf die
+Erzählung, daß in der Senatssitzung, in welcher Caesar ermordet ward, von einem
+der Orakelpriester Lucius Cotta ein Sibyllenspruch, wonach die Parther nur von
+einem &ldquo;König&rdquo; könnten überwunden werden, habe vorgelegt und
+infolgedessen der Beschluß gefaßt werden sollen, Caesar das Königtum über die
+römischen Provinzen zu übertragen. Diese Erzählung war allerdings schon
+unmittelbar nach Caesars Tod in Umlauf. Allein nicht bloß findet sie nirgends
+irgendwelche auch nur mittelbare Bestätigung, sondern sie wird von dem
+Zeitgenossen Cicero (div. 2, 54, 119) sogar ausdrücklich für falsch erklärt und
+von den späteren Geschichtschreibern, namentlich von Sueton (79) und Dio (44,
+15) nur als ein Gerücht berichtet, das sie weit entfernt sind, verbürgen zu
+wollen; und sie wird denn auch dadurch nicht besser beglaubigt, daß Plutarch
+(Caes. 60, 64; Brut. 10) und Appian (civ. 2, 110) ihrer Gewohnheit gemäß jener
+anekdotenhaft, dieser pragmatisierend, sie wiederholen. Es ist diese Erzählung
+aber nicht bloß unbezeugt, sondern auch innerlich unmöglich. Wenn man auch
+davon absehen will, daß Caesar zu viel Geist und zu viel politischen Takt
+hatte, um nach Oligarchenart wichtige Staatsfragen durch einen Schlag mit der
+Orakelmaschine zu entscheiden, so konnte er doch nimmermehr daran denken, den
+Staat, den er nivellieren wollte, also förmlich und rechtlich zu spalten.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Indes wie auch die definitive Titulatur gedacht gewesen sein mag, der Herr war
+da, und sogleich richtete denn auch der Hof in obligatem Pomp und obligater
+Geschmacklosigkeit und Leerheft sich ein. Caesar erschien öffentlich statt in
+dem mit Purpurstreifen verbrämten Gewande der Konsuln in dem ganzpurpurnen, das
+im Altertum als das Königskleid galt, und empfing, auf seinem Goldsessel
+sitzend, ohne sich von demselben zu erheben, den feierlichen Zug des Senats.
+Die Geburtstags-, Sieges- und Gelübdefeste zu seinen Ehren füllten den
+Kalender. Wenn Caesar nach der Hauptstadt kam, zogen die vornehmsten seiner
+Diener scharenweise auf weite Strecken ihm entgegen ihn einzuholen. Ihm nahe zu
+sein fing an so viel zu bedeuten, daß die Mietpreise in dem von ihm bewohnten
+Stadtviertel in die Höhe gingen. Durch die Menge der zur Audienz sich
+drängenden Personen ward die persönliche Verhandlung mit ihm so erschwert, daß
+Caesar sogar mit seinen Vertrauten vielfach schriftlich zu verkehren sich
+genötigt sah und daß auch die Vornehmsten stundenlang im Vorzimmer zu warten
+hatten. Man empfand es, deutlicher als es Caesar selber lieb war, daß man nicht
+mehr zu einem Mitbürger kam. Es entstand ein monarchischer Adel, welcher in
+merkwürdiger Weise zugleich neu und alt war und aus dem Gedanken entsprang, den
+Adel der Oligarchie durch den des Königtums, die Nobilität durch das Patriziat
+in Schatten zu stellen. Noch immer bestand die Patrizierschaft, wenngleich ohne
+wesentliche ständische Vorrechte, doch als geschlossene Junkergilde fort; aber
+da sie keine neuen Geschlechter aufnehmen konnte, war sie im Laufe der
+Jahrhunderte mehr und mehr zusammengestorben: nicht mehr als fünfzehn bis
+sechzehn Patriziergeschlechter waren zu Caesars Zeit noch vorhanden. Indem
+Caesar, selber einem derselben entsprossen, das Recht, neue patrizische
+Geschlechter zu kreieren, durch Volksbeschluß dem Imperator erteilen ließ,
+gründete er, im Gegensatz zu der republikanischen Nobilität, den neuen Adel des
+Patriziats, der alle Erfordernisse eines monarchischen Adels: altersgrauen
+Zauber, vollständige Abhängigkeit von der Regierung und gänzliche
+Bedeutungslosigkeit auf das glücklichste vereinigte. Nach allen Seiten hin
+offenbarte sich das neue Herrenrum.
+</p>
+
+<p>
+Unter einem also tatsächlich unumschränkten Monarchen konnte kaum von einer
+Verfassung die Rede sein, geschweige denn von denn Fortbestand des bisherigen,
+auf dem gesetzlichen Zusammenwirken der Bürgerschaft, des Senats und der
+einzelner. Beamten beruhenden Gemeinwesens. Mit voller Bestimmtheit ging Caesar
+zurück auf die Überlieferung der Königszeit: die Bürgerschaftsversammlung
+blieb, was sie schon in der Königszeit gewesen war, neben und mit dem König der
+höchste und letzte Ausdruck des souveränen Volkswillens; der Senat ward wieder
+auf seine ursprüngliche Bestimmung zurückgeführt, dem Herrn auf dessen
+Verlangen Rat zu erteilen; der Herrscher endlich konzentrierte in seiner Person
+aufs neue die gesamte Beamtengewalt, so daß es einen anderen selbständigen
+Staatsbeamten neben ihm so wenig gab wie neben den Königen der ältesten Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Für die Gesetzgebung hielt der demokratische Monarch fest an dem uralten Satz
+des römischen Staatsrechts, daß nur die Volksgemeinde in Gemeinschaft mit dem
+sie berufenden König vermögend sei, das Gemeinwesen organisch zu regulieren,
+und sanktionierte seine konstitutiven Verfügungen regelmäßig durch Volksschluß.
+Die freie Kraft und die sittlich-staatliche Autorität, die das Ja oder Nein
+jener alten Wehrmannschaften in sich getragen hatte, ließ sich freilich den
+sogenannten Komitien dieser Zeit nicht wiedereinflößen; die Mitwirkung der
+Bürgerschaft bei der Gesetzgebung, die in der alten Verfassung höchst
+beschränkt, aber wirklich und lebendig gewesen war, war in der neuen in
+praktischer Hinsicht ein wesenloser Schatten. Besonderer beschränkender
+Maßregeln gegen die Komitien bedurfte es darum auch nicht; eine vieljährige
+Erfahrung hatte gezeigt, daß mit diesem formellen Souverän jede Regierung, die
+Oligarchie wie der Monarch, bequem auskam. Nur insofern, als diese Caesarischen
+Komitien dazu dienten, die Volkssouveränität prinzipiell festzuhalten und
+energisch gegen den Sultanismus zu protestieren, waren sie ein wichtiges Moment
+in dem Caesarischen System und mittelbar von praktischer Bedeutung.
+</p>
+
+<p>
+Daneben aber wurde, wie nicht bloß an sich klar, sondern auch bestimmt bezeugt
+ist, schon von Caesar selbst und nicht erst von seinen Nachfolgern auch der
+andere Satz des ältesten Staatsrechts wieder aufgenommen, daß, was der höchste
+oder vielmehr einzige Beamte befiehlt, unbedingt Gültigkeit hat, solange er im
+Amte bleibt, und die Gesetzgebung zwar nur dem König und der Bürgerschaft
+gemeinschaftlich zukommt, die königliche Verordnung aber, wenigstens bis zum
+Abgang ihres Urhebers, dem Gesetz gleichsteht.
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Demokratenkönig also der Volksgemeinde wenigstens einen formellen
+Anteil an der Souveränität zugestand, so war es dagegen keineswegs seine
+Absicht, mit der bisherigen Regierung, dem Senatorenkollegium, die Gewalt zu
+teilen. Caesars Senat sollte - ganz anders als der spätere Augusteische -
+nichts sein als ein höchster Reichsrat, den er benutzte, um die Gesetze mit ihm
+vorzuberaten und die wichtigeren administrativer. Verfügungen durch ihn oder
+wenigstens unter seinem Namen zu erlassen, denn es kam freilich auch vor, daß
+Senatsbeschlüsse ergingen, von denen selbst von den als bei der Redaktion
+gegenwärtig aufgeführten Senatoren keiner eine Ahnung hatte. Es hatte keine
+wesentlichen Formschwierigkeiten, den Senat wieder auf seine ursprüngliche
+beratende Stellung zurückzuführen, aus der er mehr tatsächlich als rechtlich
+herausgetreten war; dagegen war es hier notwendig, sich vor praktischem
+Widerstand zu schützen, da der römische Senat ebenso der Herd der Opposition
+gegen Caesar war wie der attische Areopag derjenige gegen Perikles.
+Hauptsächlich aus diesem Grunde wurde die Zahl der Senatoren, die bisher
+höchstens sechshundert im Normalbestand betragen hatte und durch die letzten
+Krisen stark zusammengeschwunden war, durch außerordentliche Ergänzung bis auf
+neunhundert gebracht und zugleich, um sie mindestens auf dieser Höhe zu halten,
+die Zahl der jährlich zu ernennenden Quästoren, das heißt der jährlich in den
+Senat eintretenden Mitglieder, von zwanzig auf vierzig erhöht ^13. Die
+außerordentliche Ergänzung des Senats nahm der Monarch allein vor. Bei der
+ordentlichen sicherte er einen dauernden Einfluß sich dadurch, daß die
+Wahlkollegien durch Gesetz ^14 verpflichtet wurden, den ersten zwanzig vom
+Monarchen mit Empfehlungsschreiben versehenen Bewerbern um die Quästur ihre
+Stimmen zu geben; überdies stand es der Krone frei, die an die Quästur oder ein
+derselben übergeordnetes Amt geknüpften Ehrenrechte, also namentlich den Sitz
+im Senat, ausnahmsweise auch an nichtqualifizierte Individuen zu vergeben. Die
+außerordentlichen Ergänzungswahlen fielen natürlich wesentlich auf Anhänger der
+neuen Ordnung der Dinge und brachten neben angesehenen Rittern auch manche
+zweifelhafte und plebejische Individuen in die hohe Korporation: ehemalige,
+durch den Zensor oder infolge eines Richterspruchs von der Liste gestrichene
+Senatoren, Ausländer aus Spanien und Gallien, welche zum Teil erst im Senat ihr
+Lateinisch zu lernen hatten, gewesene Unteroffiziere, die bisher nicht einmal
+den Ritterring gehabt, Söhne von freigelassenen Leuten oder von solchen, die
+unehrenhafte Gewerbe betrieben, und dergleichen Elemente mehr. Die exklusiven
+Kreise der Nobilität, denen diese Umgestaltung des senatorischen Personals
+natürlich zum bittersten Ärger gereichte, sahen darin eine absichtliche
+Herabwürdigung der Institution des Senats selbst. Einer solchen sich selber
+vernichtenden Staatskunst war Caesar nicht fähig; er war ebenso entschlossen,
+sich nicht von seinem Rat regieren zu lassen, als überzeugt von der
+Notwendigkeit des Instituts an sich. Richtiger hätten sie in diesem Verfahren
+die Absicht des Monarchen erkannt, dem Senat seinen bisherigen Charakter der
+ausschließlichen Repräsentation des oligarchischen Adels zu nehmen und ihn
+wieder zu dem zu machen, was er in der Königszeit gewesen war: zu einem alle
+Klassen der Staatsangehörigen durch ihre intelligentesten Elemente vertretenden
+und auch den niedrig geborenen und selbst den fremden Mann nicht mit
+Notwendigkeit ausschließenden Reichsrat - gerade wie jene ältesten Könige
+Nichtbürger, zog Caesar Nichtitaliker in seinen Senat.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^13 Nach der früher angenommenen Wahrscheinlichkeitsrechnung würde dies eine
+durchschnittliche Gesamtzahl von 1000-1200 Senatoren ergeben.
+</p>
+
+<p>
+^14 Dasselbe bezog sich allerdings nur auf die Wahlen für das Jahr 711 (43) und
+712 (42) (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 730); aber gewiß sollte
+die Einrichtung bleibend werden.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wenn hiermit das Regiment der Nobilität beseitigt und ihre Existenz
+untergraben, der Senat in seiner neuen Gestalt aber nichts als ein Werkzeug des
+Monarchen war, so wurde zugleich in der Verwaltung und Regierung des Staats die
+Autokratie in der schärfsten Weise durchgeführt und die gesamte Exekutive in
+der Hand des Monarchen vereinigt. Vor allen Dingen entschied natürlich in jeder
+irgend wesentlichen Frage der Imperator in eigener Person. Caesar hat es
+vermocht, das persönliche Regiment in einer Ausdehnung durchzuführen, die für
+uns geringe Menschen kaum faßlich ist und die doch nicht allein aus der
+beispiellosen Raschheit und Sicherheit seines Arbeitens sich erklärt, sondern
+außerdem noch begründet ist in einer allgemeineren Ursache. Wenn wir Caesar,
+Sulla, Gaius Gracchus, überhaupt die römischen Staatsmänner durchweg eine
+unsere Vorstellungen von menschlicher Arbeitskraft übersteigende Tätigkeit
+entwickeln sehen, so liegt die Ursache nicht in der seit jener Zeit veränderten
+Menschennatur, sondern in der seit jener Zeit veränderten Organisation des
+Hauswesens. Das römische Haus war eine Maschine, in der dem Herrn auch die
+geistigen Kräfte seiner Sklaven und Freigelassenen zuwuchsen; ein Herr, der
+diese zu regieren verstand, arbeitete gleichsam mit unzähligen Geistern. Es war
+das Ideal bürokratischer Zentralisation, dem unser Kontorwesen zwar mit Eifer
+nachstrebt, aber doch hinter dem Urbild ebenso weit zurückbleibt wie die
+heutige Kapitalherrschaft hinter dem antiken Sklavensystem. Caesar verstand
+diesen Vorteil zu nutzen: wo ein Posten besonderes Vertrauen in Anspruch nimmt,
+sehen wir grundsätzlich, soweit irgend andere Rücksichten es gestatten, ihn
+denselben mit seinen Sklaven, Freigelassenen, niedrig geborenen Klienten
+besetzen. Seine Werke im ganzen zeigen, was ein organisierendes Genie wie das
+seinige mit einem solchen Werkzeug auszurichten vermochte; auf die Frage, wie
+im einzelnen diese wunderbaren Leistungen durchgeführt wurden, haben wir keine
+hinreichende Antwort - die Bürokratie gleicht der Fabrik auch darin, daß das
+geschaffene Werk nicht als das des einzelnen erscheint, der es gearbeitet hat,
+sondern als das der Fabrik, die es stempelt. Nur das ist vollkommen klar, daß
+Caesar durchaus keinen Gehilfen bei seinem Werke gehabt hat, der von
+persönlichem Einfluß auf dasselbe oder auch nur in den ganzen Plan eingeweiht
+gewesen wäre; er war nicht nur allein Meister, sondern er arbeitete auch ohne
+Gesellen, nur mit Handlangern.
+</p>
+
+<p>
+Im einzelnen versteht sich von selbst, daß in den eigentlich politischen
+Angelegenheiten Caesar soweit irgend möglich jede Stellvertretung vermied. Wo
+sie unumgänglich war, wie denn Caesar namentlich während seiner häufigen
+Abwesenheit von Rom eines höheren Organs daselbst durchaus bedurfte, wurde in
+bezeichnender Weise hierzu nicht der legale Stellvertreter des Monarchen, der
+Stadtpräfekt, bestimmt, sondern ein Vertrauensmann ohne offiziell anerkannte
+Kompetenz, gewöhnlich Caesars Bankier, der kluge und geschmeidige phönikische
+Kaufmann Lucius Cornelius Balbus aus Gades. In der Verwaltung war Caesar vor
+allem darauf bedacht, die Schlüssel der Staatskasse, die der Senat nach dem
+Sturze des Königtums sich zugeeignet und mittels deren er sich des Regiments
+bemächtigt hatte, wiederum an sich zu nehmen und sie nur solchen Dienern
+anzuvertrauen, die mit ihrem Kopfe unbedingt und ausschließlich ihm hafteten.
+Zwar dem Eigentum nach blieb das Privatvermögen des Monarchen von dem Staatsgut
+natürlich streng geschieden; aber die Verwaltung des ganzen Finanz- und
+Geldwesens des Staates nahm Caesar in die Hand und führte sie durchaus in der
+Art, wie er, und überhaupt die römischen Großen, die Verwaltung ihres eigenen
+Vermögens zu führen pflegten. Für die Zukunft wurden die Erhebung der
+Provinzialgefälle und in der Hauptsache auch die Leitung des Münzwesens den
+Sklaven und Freigelassenen des Imperators übertragen und die Männer
+senatorischen Standes davon ausgeschlossen - ein folgenreicher Schritt, aus dem
+im Laufe der Zeit der so wichtige Prokuratorenstand und das &ldquo;kaiserliche
+Haus&rdquo; sich entwickelt haben. Dagegen von den Statthalterschaften, die,
+nachdem sie ihre finanziellen Geschäfte an die neuen kaiserlichen
+Steuereinnehmer abgegeben, mehr noch als bisher wesentlich Militärkommandos
+waren, ging nur das ägyptische Kommando an die eigenen Leute des Monarchen
+über. Die in eigentümlicher Art geographisch isolierte und politisch
+zentralisierte Landschaft am Nil war, wie schon die während der letzten Krise
+mehrfach vorgekommenen Versuche bedrängter italischer Parteichefs, daselbst
+sich festzusetzen, hinreichend bewiesen, wie kein anderer Distrikt geeignet,
+unter einem fähigen Führer auf die Dauer sich von der Zentralgewalt
+loszumachen. Wahrscheinlich war es eben diese Rücksicht, die Caesar bestimmte,
+das Land nicht förmlich zur Provinz zu erklären, sondern die ungefährlichen
+Lagiden daselbst zu belassen; und sicher wurden aus diesem Grunde die in
+Ägypten stationierenden Legionen nicht einem dem Senat, das heißt der
+ehemaligen Regierung angehörigen Manne anvertraut, sondern dieses Kommando,
+ähnlich wie die Steuereinnehmerstellen, als ein Gesindeposten behandelt. Im
+allgemeinen aber überwog bei Caesar die Rücksicht, die Soldaten Roms nicht, wie
+die der Könige des Ostens, durch Lakaien kommandieren zu lassen. Es blieb
+Regel, die bedeutenderen Statthalterschaften mit gewesenen Konsuln, die
+geringeren mit gewesenen Prätoren zu besetzen; anstatt des fünfjährigen
+Zwischenraums, den das Gesetz von 702 (52) vorgeschrieben, knüpfte
+wahrscheinlich wieder in alter Weise der Anfang der Statthalterschaft
+unmittelbar an das Ende der städtischen Amtstätigkeit an. Dagegen die
+Verteilung der Provinzen unter die qualifizierten Kandidaten, die bisher bald
+durch Volks- oder Senatsbeschluß, bald durch Vereinbarung der Beamten oder
+durch das Los erfolgt war, ging über an den Monarchen; und indem die Konsuln
+häufig veranlaßt wurden, vor Ende des Jahres abzudanken und nachgewählten
+Konsuln (consules suffecti) Platz zu machen, ferner die Zahl der jährlich
+ernannten Prätoren von acht auf sechzehn erhöht und dem Imperator die Ernennung
+der Hälfte derselben in ähnlicher Art wie die der Hälfte der Quästoren
+übertragen ward, endlich demselben das Recht reserviert blieb, zwar nicht
+Titularkonsuln, aber doch Titularprätoren wie Titularquästoren zu ernennen,
+sicherte Caesar sich für die Besetzung der Statthalterschaften eine
+hinreichende Zahl ihm genehmer Kandidaten. Die Abberufung blieb natürlich dem
+Ermessen des Regenten anheimgestellt, ebenso wie die Ernennung; als Regel wurde
+angenommen, daß der konsularische Statthalter nicht über zwei, der prätorische
+nicht über ein Jahr in der Provinz bleiben solle. Was endlich die Verwaltung
+der Haupt- und Residenzstadt anlangt, so beabsichtigte der Imperator eine
+Zeitlang offenbar, auch diese in ähnlicher Weise von ihm ernannten Beamten
+anzuvertrauen. Er rief die alte Stadtverweserschaft der Königszeit wieder ins
+Leben; zu verschiedenen Malen übertrug er während seiner Abwesenheit die
+Verwaltung der Hauptstadt einem oder mehreren solchen von ihm ohne Befragen des
+Volkes und auf unbestimmte Zeit ernannten Stellvertretern, welche die Geschäfte
+der sämtlichen Verwaltungsbeamten in sich vereinigten und sogar das Recht
+besaßen, mit eigenem Namen, obwohl natürlich nicht mit eigenem Bilde, Münze zu
+schlagen. In dem Jahre 707 (47) und in den ersten neun Monaten des Jahres 709
+(45) gab es ferner weder Prätoren noch kurulische Ädilen noch Quästoren; auch
+die Konsuln wurden in jenem Jahre erst gegen das Ende ernannt, und in diesem
+war gar Caesar Konsul ohne Kollegen. Es sieht dies ganz aus wie ein Versuch,
+die alte königliche Gewalt auch innerhalb der Stadt Rom, bis auf die durch die
+demokratische Vergangenheit des neuen Monarchen gebotenen Beschränkungen,
+vollständig zu erneuern, also von Beamten, außer dem König selbst, nur den
+Stadtpräfekten während des Königs Abwesenheit und die zum Schutz der
+Volksfreiheit bestellten Tribunen und Volksädilen bestehen zu lassen, aber das
+Konsulat, die Zensur, die Prätur, die kurulische Ädilität und die Quästur
+wiederabzuschaffen ^15. Indes ging Caesar hiervon später wieder ab: weder nahm
+er selbst den Königstitel an, noch tilgte er jene ehrwürdigen, mit der
+glorreichen Geschichte der Republik verwachsenen Namen. Den Konsuln, Prätoren,
+Ädilen, Tribunen und Quästoren blieb im wesentlichen ihre bisherige formelle
+Kompetenz, allein ihre Stellung ward dennoch gänzlich umgewandelt. Es war der
+politische Grundgedanke der Republik, daß das Römische Reich in der Stadt Rom
+aufgehe, und deshalb waren konsequent die hauptstädtischen Munizipal- durchaus
+als Reichsbeamte behandelt worden. In Caesars Monarchie fiel mit jener
+Auffassung auch diese Folge weg; die Beamten Roms bildeten fortan nur die erste
+unter den vielen Reichsmunizipalitäten, und namentlich das Konsulat ward ein
+reiner Titularposten, der nur durch die daran geknüpfte Expektanz einer höheren
+Statthalterschaft eine gewisse praktische Bedeutung bewahrte. Das Schicksal,
+das die römische Gemeinde den unterworfenen zu bereiten gewohnt gewesen,
+widerfuhr durch Caesar ihr selber: ihre Souveränität über das Römische Reich
+verwandelte sich in eine beschränkte Kommunalfreiheit innerhalb des römischen
+Staates. Daß zugleich die Zahl der Prätoren und Quästoren verdoppelt ward,
+wurde schon erwähnt; das gleiche geschah hinsichtlich der Volksädilen, zu denen
+zwei neue &ldquo;Getreideädilen&rdquo; (aediles Ceriales) zur Überwachung der
+hauptstädtischen Zufuhr hinzukamen. Die Besetzung dieser Ämter blieb der
+Gemeinde und ward hinsichtlich der Konsuln, vielleicht auch der Volkstribune
+und der Volksädilen, nicht beschränkt; daß für die Hälfte der jährlich zu
+ernennenden Prätoren, kurulischen Ädilen und Quästoren der Imperator ein die
+Wähler bindendes Vorschlagsrecht erhielt, ward in der Hauptsache schon erwähnt.
+Überhaupt wurden die altheiligen Palladien der Volksfreiheit nicht angetastet;
+was natürlich nicht hinderte, gegen den einzelnen aufsätzigen Volkstribun
+ernstlich einzuschreiten, ja ihn abzusetzen und von der Liste der Senatoren zu
+streichen. Indem also der Imperator für die allgemeineren und wichtigeren
+Fragen sein eigener Minister war; indem er die Finanzen durch seine Bedienten,
+das Heer durch seine Adjutanten beherrschte; indem die alten republikanischen
+Staatsämter wieder in Gemeindeämter der Stadt Rom umgewandelt waren, war die
+Autokratie hinreichend begründet.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^15 Daher denn auch die vorsichtigen Wendungen bei Erwähnung dieser Ämter in
+Caesars Gesetzen: cum censor aliusve quis magistratus Romae populi censum aget
+(Lex Iul. munic., Z. 144); praetor isve quei Romae iure deicundo praerit (Lex
+Rubr. oft); quaestor urbanes queive aerario praerit (Lex Iul. munic., Z. 37 u.
+ö.).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+In der geistlichen Hierarchie dagegen hat Caesar, obwohl er auch über diesen
+Teil des Staatshaushalts ein ausführliches Gesetz erließ, nichts Wesentliches
+geneuert, außer daß er das Oberpontifikat und vielleicht die Mitgliedschaft der
+höheren Priesterkollegien überhaupt mit der Person des Regenten verknüpfte;
+womit es teilweise zusammenhängt, daß in den drei höchsten Kollegien je eine,
+in dem vierten der Schmausherren drei neue Stellen geschaffen wurden. Hatte die
+römische Staatskirche bisher der herrschenden Oligarchie zur Stütze gedient, so
+konnte sie ebendenselben Dienst auch der neuen Monarchie leisten. Die
+konservative Religionspolitik des Senats ging über auf die neuen Könige von
+Rom; als der streng konservative Varro um diese Zeit seine &lsquo;Altertümer
+der göttlichen Dinge&rsquo;, das Haupt- und Grundbuch der römischen
+Staatstheologie, bekannt machte, durfte er dieselben dem Oberpontifex Caesar
+zueignen. Der matte Glanz, den der Joviskult noch zu geben vermochte, umfloß
+den neugegründeten Thron, und der alte Landesglaube ward in seinen letzten
+Stadien das Werkzeug eines freilich von Haus aus hohlen und schwächlichen
+Caesaropapismus.
+</p>
+
+<p>
+Im Gerichtswesen ward zunächst die alte königliche Gerichtsbarkeit
+wiederhergestellt. Wie der König ursprünglich in Kriminal- und Zivilsachen
+Richter gewesen war, ohne in jenen an die Gnadeninstanz des Volkes, in diesen
+an die Überweisung der Entscheidung der streitigen Frage an Geschworene
+rechtlich gebunden zu sein: so nahm auch Caesar das Recht in Anspruch,
+Blutgerichte wie Privatprozesse zu alleiniger und endgültiger Entscheidung an
+sich zu ziehen und sie im Falle seiner Anwesenheit selbst, im Fall seiner
+Abwesenheit durch den Stadtverweser zu erledigen. In der Tat finden wir ihn,
+ganz nach der Weise der alten Könige, teils öffentlich auf dem Markte der
+Hauptstadt zu Gericht sitzen über des Hochverrats angeklagte römische Bürger,
+teils in seinem Hause Gericht halten über die des gleichen Vergehens
+beschuldigten Klientelfürsten; so daß das Vorrecht, das die römischen Bürger
+vor den übrigen Untertanen des Königs voraus hatten, allein in der
+Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlung bestanden zu haben scheint. Indes dieses
+wiedererweckte königliche Oberrichtertum konnte, wenngleich Caesar mit
+Unparteilichkeit und Sorgfalt sich demselben unterzog, doch der Natur der Sache
+nach tatsächlich nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen. Für den
+gewöhnlichen Rechtsgang in Kriminal- und Zivilsachen blieb daneben die
+bisherige republikanische Rechtspflege im wesentlichen bestehen. Die
+Kriminalsachen fanden nach wie vor ihre Erledigung vor den verschiedener, für
+die einzelnen Verbrechen kompetenten Geschworenenkommissionen, die Zivilsachen
+teils vor dem Erbschafts- oder dem sogenannten
+&ldquo;Hundertmännergericht&rdquo;, teils vor den Einzelgeschworenen; die
+Leitung der Gerichte ward, wie bisher, in der Hauptstadt hauptsächlich von den
+Prätoren, in den Provinzen von den Statthaltern beschafft. Auch die politischen
+Verbrechen blieben selbst unter der Monarchie einer Geschworenenkommission
+überwiesen; die neue Ordnung, die Caesar für dieselbe erließ, spezifizierte die
+gesetzlich strafbaren Handlungen genau und in liberaler, jede
+Gesinnungsverfolgung ausschließender Weise und setzte als Strafe nicht den Tod
+fest, sondern die Verbannung. Hinsichtlich der Auswahl der Geschworenen, die
+die Senatorenpartei ausschließlich aus dem Senat, die strengen Gracchaner
+ausschließlich aus dem Ritterstand erkoren wissen wollten, ließ Caesar, getreu
+dem Grundsatz der Versöhnung der Parteien, es bei dem Transaktionsgesetze
+Cottas, jedoch mit der wahrscheinlich schon durch das Gesetz des Pompeius vom
+Jahre 699 (55) vorbereiteten Modifikation, daß die aus den unteren Schichten
+des Volkes hervorgegangenen Ärartribunen beseitigt, damit also ein
+Geschworenenzensus von mindestens 400000 Sesterzen (30000 Taler) festgesetzt
+ward, und Senatoren und Ritter in die Geschworenenfunktionen, die so lange der
+Zankapfel zwischen ihnen gewesen waren, jetzt sich teilten.
+</p>
+
+<p>
+Das Verhältnis der königlichen und der republikanischen Gerichtsbarkeit war im
+ganzen konkurrierender Art, so daß jede Sache sowohl vor dem Königsgericht als
+vor dem beikommenden republikanischen Gerichtshof anhängig gemacht werden
+konnte, wobei im Kollisionsfall natürlich der letztere zurückstand; wenn
+dagegen das eine oder das andere Gericht den Spruch gefällt hatte, die Sache
+damit endgültig erledigt war.
+</p>
+
+<p>
+Zur Umstoßung eines in einer Zivil- oder in einer Kriminalsache von den
+berufenen Geschworenen gefällten Verdikts war auch der neue Herrscher nicht
+befugt, ausgenommen wo besondere Momente, zum Beispiel Bestechung oder Gewalt,
+schon nach dem Recht der Republik die Kassation des Geschworenenspruchs
+herbeiführten. Dagegen erhielt der Satz, daß wegen eines jeden bloß
+magistratischen Dekrets der dadurch Beschwerte an den Vorgesetzten des
+Dezernenten zu appellieren befugt sei, wahrscheinlich schon jetzt die große
+Ausdehnung, aus der die spätere kaiserliche Appellationsinstanz hervorgegangen
+ist: es wurden vielleicht sämtliche rechtsprechende Magistrate, mindestens aber
+die Statthalter der sämtlichen Provinzen insofern als Unterbeamte des
+Herrschers angesehen, daß von jedem ihrer Dekrete Berufung an denselben
+eingelegt werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Allerdings haben diese Neuerungen, von denen die wichtigste, die
+Generalisierung der Appellation, nicht einmal unbedingt zu den Besserungen
+gezählt werden kann, die Schäden, an denen die römische Rechtspflege
+daniederlag, keineswegs ausgeheilt. Der Kriminalprozeß kann in keinem
+Sklavenstaat gesund sein, da das Verfahren gegen Sklaven wenn nicht rechtlich,
+doch tatsächlich in der Hand des Herrn liegt. Der römische Herr ahndete
+begreiflicherweise das Verbrechen seines Knechts durchgängig nicht als solches,
+sondern nur insofern es den Sklaven ihm unbrauchbar oder unangenehm machte; die
+Verbrechersklaven wurden eben nur ausrangiert, etwa wie die stößigen Ochsen,
+und, wie diese an den Schlächter, so jene in die Fechtbude verkauft. Aber auch
+der Kriminalprozeß gegen Freie, der von Haus aus politischer Prozeß gewesen und
+zum guten Teil immer geblieben war, hatte in dem wüsten Treiben der letzten
+Generationen aus einem ernstlichen Rechtshandel sich umgewandelt in eine mit
+Gunst, Geld und Gewalt zu schlagende Cliquenschlacht. Die Schuld lag an allen
+Beteiligten zugleich, an den Beamten, der Jury, den Parteien, sogar dem
+Zuschauerpublikum; aber die unheilbarsten Wunden schlug dem Rechte das Treiben
+der Advokaten. Indem die Schmarotzerpflanze der römischen Advokatenberedsamkeit
+gedieh, wurden alle positiven Rechtsbegriffe zersetzt und der dem Publikum so
+schwer einleuchtende Unterschied zwischen Meinung und Beweis aus der römischen
+Kriminalpraxis recht eigentlich ausgetrieben. &ldquo;Ein recht schlechter
+Angeklagter&rdquo;, sagt ein vielerfahrener römischer Advokat dieser Zeit,
+&ldquo;kann auf jedes beliebige Verbrechen, das er begangen oder nicht begangen
+hat, angeklagt werden und wird sicher verurteilt.&rdquo; Es sind aus dieser
+Epoche zahlreiche Plädoyers in Kriminalsachen erhalten; kaum eines ist
+darunter, das auch nur ernstlich versuchte, das fragliche Verbrechen zu
+fixieren und den Beweis oder Gegenbeweis zu formulieren ^16. Daß der
+gleichzeitige Zivilprozeß ebenfalls vielfach ungesund war, bedarf kaum der
+Erwähnung; auch er litt unter den Folgen der in alles sich mengenden
+Parteipolitik, wie denn zum Beispiel in dem Prozeß des Publius Quinctius
+(671-673 83-81) die widersprechendsten Entscheidungen fielen, je nachdem Cinna
+oder Sulla in Rom die Oberhand hatte; und die Anwälte, häufig Nichtjuristen,
+stifteten auch hier absichtlich und unabsichtlich Verwirrung genug. Aber es lag
+doch in der Natur der Sache, daß teils die Partei hier nur ausnahmsweise sich
+einmengte, teils die Advokatenrabulistik nicht so rasch und nicht so tief die
+Rechtsbegriffe aufzulösen vermochte; wie denn auch die Zivilplädoyers, die wir
+aus dieser Epoche besitzen, zwar nicht nach unseren strengeren Begriffen gute
+Advokatenschriften, aber doch weit weniger libellistischen und weit mehr
+juristischen Inhalts sind als die gleichzeitigen Kriminalreden. Wenn Caesar der
+Advokatenberedsamkeit den von Pompeius ihr angelegten Maulkorb ließ oder gar
+ihn noch verschärfte, war damit wenigstens nichts verloren; und viel war
+gewonnen, wenn besser gewählte und besser beaufsichtigte Beamte und Geschworene
+ernannt wurden und die handgreifliche Bestechung und Einschüchterung der
+Gerichte ein Ende nahm. Aber das heilige Rechtsgefühl und die Ehrfurcht vor dem
+Gesetz, schwer in den Gemütern der Menge zu zerrütten, sind schwerer noch
+wiederzuerzeugen. Wie auch der Gesetzgeber mannigfaltigen Mißbrauch abstellte,
+den Grundschaden vermochte er nicht zu heilen; und man durfte zweifeln, ob die
+Zeit, die alles Heilbare heilt, hier Hilfe bringen werde.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^16 &ldquo;Weit öfter&rdquo;, sagt Cicero in seiner Anweisung zur Redekunst (De
+orat. 2, 42, 178), zunächst in Beziehung auf den Kriminalprozeß,
+&ldquo;bestimmen Abneigung oder Zuneigung oder Parteilichkeit oder Erbitterung
+oder Schmerz oder Freude oder Hoffnung oder Furcht oder Täuschung oder
+überhaupt eine Leidenschaft den Wahrspruch der Leute als der Beweis oder die
+Vorschrift oder eine Rechtsregel oder die Prozeßinstruktion oder die
+Gesetze.&rdquo; Darauf wird denn die weitere Unterweisung für den angehenden
+Sachwalter begründet.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Das römische Heerwesen dieser Zeit war ungefähr in derselben Verfassung wie das
+karthagische zur Zeit Hannibals. Die regierenden Klassen sendeten nur noch die
+Offiziere; die Untertanenschaft, Plebejer und Provinzialen, bildeten das Heer.
+Der Feldherr war von der Zentralregierung finanziell und militärisch fast
+unabhängig und im Glück wie im Unglück wesentlich auf sich selbst und auf die
+Hilfsquellen seines Sprengels angewiesen. Bürger- und sogar Nationalsinn waren
+aus dem Heere verschwunden und als innerliches Band einzig der Korpsgeist
+übriggeblieben. Die Armee hatte aufgehört ein Werkzeug des Gemeinwesens zu
+sein; politisch hatte sie einen eigenen Willen nicht, wohl aber vermochte sie
+den des Werkmeisters sich anzueignen; militärisch sank sie unter den
+gewöhnlichen elenden Führern zu einer aufgelösten, unbrauchbaren Rotte herab,
+entwickelte aber auch unter dem rechten Feldherrn sich zu einer dem Bürgerheer
+unerreichbaren militärischen Vollkommenheit. Der Offiziersstand vor allem war
+im tiefsten Verfall. Die höheren Stände, Senatoren und Ritter entwöhnten immer
+mehr sich der Waffen. Wenn man sonst um die Stabsoffizierstellen eifrig
+geworben hatte, so war jetzt jeder Mann von Ritterrang, welcher dienen mochte,
+einer Kriegstribunenstelle sicher und schon mußten manche dieser Posten mit
+Männern niedrigeren Standes besetzt werden; wer aber überhaupt von den
+Vornehmen noch diente, suchte wenigstens seine Dienstzeit in Sizilien oder
+einer anderen Provinz abzutun, wo man sicher war, nicht vor den Feind zu
+kommen. Offiziere von gewöhnlicher Bravour und Brauchbarkeit wurden wie
+Meerwunder angestaunt; wie denn namentlich mit Pompeius seine Zeitgenossen eine
+sie in jeder Hinsicht kompromittierende militärische Vergötterung trieben. Zum
+Ausreißen wie zur Meuterei gab in der Regel der Stab das Signal; trotz der
+sträflichen Nachsicht der Kommandierenden waren Anträge auf Kassation vornehmer
+Offiziere alltägliche Vorfälle. Noch besitzen wir das von Caesars eigener Hand
+nicht ohne Ironie gezeichnete Bild, wie in seinem eigenen Hauptquartier, als es
+gegen Ariovist gehen sollte, geflucht und geweint und an Testamenten und sogar
+an Urlaubsgesuchen gearbeitet ward. In der Soldatenschaft war von den besseren
+Ständen keine Spur mehr zu entdecken. Gesetzlich bestand die allgemeine
+Wehrpflicht noch, allein die Aushebung erfolgte, wenn es neben der Anwerbung
+dazu kam, in regelloser Weise; zahlreiche Pflichtige wurden übergangen und die
+einmal Eingetretenen dreißig Jahre und länger bei den Adlern festgehalten. Die
+römische Bürgerreiterei vegetierte nur noch als eine Art berittener Nobelgarde,
+deren salbenduftende Kavaliere und ausgesuchte Luxuspferde einzig bei den
+hauptstädtischen Festen eine Rolle spielten; das sogenannte Bürgerfußvolk war
+eine aus den niedrigsten Schichten der Bürgerbevölkerung zusammengeraffte
+Lanzknechttruppe; die Untertanen stellten die Reiterei und die leichten Truppen
+ausschließlich und fingen an, auch im Fußvolk immer stärker mitverwendet zu
+werden. Die Rottenführerstellen in den Legionen, auf denen bei der damaligen
+Kriegführung die Tüchtigkeit der Abteilungen wesentlich beruhte und zu denen
+nach der nationalen Kriegsverfassung der Soldat mit der Pike sich empordiente,
+wurden jetzt nicht bloß regelmäßig nach Gunst vergeben, sondern sogar nicht
+selten an den Meistbietenden verkauft. Die Zahlung des Soldes erfolgte bei der
+schlechten Finanzwirtschaft der Regierung und der Feilheit und Betrügerei der
+großen Majorität der Beamten höchst mangelhaft und unregelmäßig.
+</p>
+
+<p>
+Die notwendige Folge hiervon war, daß im gewöhnlichen Laufe der Dinge die
+römischen Armeen die Provinzen ausraubten, gegen die Offiziere meuterten und
+vor dem Feinde davonliefen; es kam vor, daß beträchtliche Heere, wie das
+makedonische des Piso im Jahre 697 (57), ohne eigentliche Niederlage, bloß
+durch diese Mißwirtschaft vollständig ruiniert wurden. Fähige Führer dagegen,
+wie Pompeius, Caesar, Gabinius, bildeten wohl aus dem vorhandenen Material
+tüchtige und schlagfertige, zum Teil musterhafte Armeen; allein es gehörten
+diese Armeen viel mehr ihrem Heerführer als dem Gemeinwesen. Der noch weit
+vollständigere Verfall der römischen Marine, die zu allem andern den Römern
+antipathisch geblieben und nie völlig nationalisiert worden war, bedarf kaum
+der Erwähnung. Es war eben auch hier nach allen Seiten hin unter dem
+oligarchischen Regiment ruiniert worden, was überhaupt ruiniert werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Caesars Reorganisation des römischen Militärwesens beschränkte sich im
+wesentlichen darauf, die unter der bisherigen schlaffen und unfähigen
+Oberleitung gelockerten Zügel der Disziplin wieder straff und fest anzuziehen.
+Einer radikalen Reform schien ihm das römische Heerwesen entweder nicht
+bedürftig oder auch nicht fähig; die Elemente der Armee akzeptierte er, ebenwie
+Hannibal sie akzeptiert hatte. Die Bestimmung seiner Gemeindeordnung, daß, um
+vor dem dreißigsten Jahre ein Gemeindeamt zu bekleiden oder im Gemeinderat zu
+sitzen, ein dreijähriger Dienst zu Pferde - das heißt als Offizier - oder ein
+sechsjähriger zu Fuß erforderlich sei, beweist wohl, daß er die besseren Stände
+in das Heer zu ziehen wünschte, aber ebenso deutlich auch, daß bei dem immer
+mehr einreißenden unkriegerischen Geist der Nation er selbst es nicht mehr für
+möglich hielt, die Bekleidung eines Ehrenamtes an die Überstehung der
+Dienstzeit unbedingt wie ehedem zu knüpfen. Ebendaraus wird es sich erklären,
+daß Caesar keinen Versuch gemacht hat, die römische Bürgerreiterei
+wiederherzustellen. Die Aushebung ward besser geordnet, die Dienstzeit geregelt
+und abgekürzt; übrigens blieb es dabei, daß die Linieninfanterie vorwiegend aus
+den niederen Ständen der römischen Bürgerschaft, die Reiterei und die leichte
+Infanterie aus der Untertanenschaft ausgehoben ward - daß für die
+Reorganisation der Kriegsflotte nichts geschah, ist auffallend. Eine ohne
+Zweifel ihrem Urheber selbst bedenkliche Neuerung, zu der die Unzuverlässigkeit
+der Untertanenreiterei zwang, war es, daß Caesar zuerst von dem altrömischen
+System abwich, niemals mit Söldnern zu fechten, und in die Reiterei gemietete
+Ausländer, namentlich Deutsche, einstellte. Eine andere Neuerung war die
+Einsetzung der Legionsadjutanten (legati legionis). Bis dahin hatten die teils
+von der Bürgerschaft, teils von dem betreffenden Statthalter ernannten
+Kriegstribune in der Art die Legionen geführt, daß jeder derselben je sechs
+vorgesetzt waren und unter diesen das Kommando wechselte; einen
+Einzelkommandanten der Legion bestellte nur vorübergehend und
+außerordentlicherweise der Feldherr. In späterer Zeit dagegen erscheinen jene
+Legionsobersten oder Legionsadjutanten teils als eine bleibende und organische
+Institution, teils als ernannt nicht mehr von dem Statthalter, dem sie
+gehorchen, sondern von dem Oberkommando in Rom; beides scheint auf Caesars an
+das Gabinische Gesetz anknüpfende Einrichtungen zurückzugehen. Der Grund der
+Einführung dieser wichtigen Zwischenstufe in die militärische Hierarchie wird
+teils in dem Bedürfnis einer energischen Zentralisierung des Kommandos, teils
+in dem fühlbaren Mangel an fähigen Oberoffizieren, teils und vor allem in der
+Absicht zu suchen sein, durch Zuordnung eines oder mehrerer vom Imperator
+ernannten Obersten dem Statthalter ein Gegengewicht zu geben. Die wesentlichste
+Veränderung im Heerwesen bestand in der Aufstellung eines bleibenden
+Kriegshauptes in dem Imperator, welcher anstatt des bisherigen unmilitärischen
+und in jeder Beziehung unfähigen Regierungskollegiums das gesamte Armeeregiment
+in seinen Händen vereinigte und dasselbe also aus einer meist bloß nominellen
+Direktion in ein wirkliches und energisches Oberkommando umschuf. Wir sind
+nicht gehörig darüber unterrichtet, in welcher Weise dies Oberkommando sich zu
+den bis dahin in ihren Sprengeln allmächtigen Spezialkommandos stellte.
+Wahrscheinlich lag dabei im allgemeinen die Analogie des zwischen dem Prätor
+und dem Konsul oder auch dem Konsul und dem Diktator obwaltenden Verhältnisses
+zu Grunde, so daß der Statthalter zwar an sich die höchste militärische Gewalt
+in seinem Sprengel behielt, aber der Imperator in jedem Augenblick dieselbe ihm
+ab und sie für sich oder seine Beauftragten zu nehmen befugt war und daß,
+während die Gewalt des Statthalters auf den Sprengel beschränkt war, die des
+Imperators wieder, wie die königliche und die ältere konsularische, sich über
+das gesamte Reich erstreckte. Ferner ist höchst wahrscheinlich schon jetzt die
+Ernennung der Offiziere, sowohl der Kriegstribune als der Centurionen, soweit
+sie bisher dem Statthalter zugestanden ^17, ebenso wie die Ernennung der neuen
+Legionsadjutanten unmittelbar an den Imperator gekommen und ebenso mögen schon
+jetzt die Anordnung der Aushebungen, die Abschiedserteilung, die wichtigeren
+Kriminalfälle an das Oberkommando gezogen worden sein. Bei dieser Beschränkung
+der Kompetenz der Statthalter und bei der regulierten Kontrolle des Imperators
+war fernerhin nicht leicht, weder eine völlige Verwahrlosung der Armeen noch
+eine Umwandlung derselben in persönliche Gefolgschaften der einzelnen Offiziere
+zu befürchten. Indes, so entschieden auch die Verhältnisse zur Militärmonarchie
+hindrängten und so bestimmt Caesar das Oberkommando ausschließlich für sich
+nahm, war er dennoch keineswegs gesonnen, seine Gewalt durch und auf das Heer
+zu begründen. Er hielt zwar eine stehende Armee notwendig für seinen Staat,
+aber nur, weil derselbe seiner geographischen Lage nach einer umfassenden
+Grenzregulierung und stehender Grenzbesatzungen bedurfte. Teils in früheren
+Epochen, teils während des letzten Bürgerkrieges hatte er an Spaniens
+Befriedigung gearbeitet und in Afrika längs der großen Wüste, im Nordwesten des
+Reiches an der Rheinlinie feste Stellungen für die Grenzverteidigung
+eingerichtet. Mit ähnlichen Plänen beschäftigte er sich für die Landschaften am
+Euphrat und an der Donau. Vor allen Dingen gedachte er gegen die Parther zu
+ziehen und den Tag von Karrhä zu rächen; er hatte drei Jahre für diesen Krieg
+bestimmt und war entschlossen, mit diesen gefährlichen Feinden ein für allemal
+und ebenso vorsichtig wie gründlich abzurechnen. Ebenso hatte er den Plan
+entworfen, den zu beiden Seiten der Donau gewaltig um sich greifenden
+Getenkönig Burebistas anzugreifen und auch im Nordosten Italien durch ähnliche
+Marken zu schützen, wie er sie ihm im Keltenland geschaffen. Dagegen liegen
+durchaus keine Beweise dafür vor, daß Caesar gleich Alexander einen Siegeslauf
+in die unendliche Ferne im Sinn hatte; es wird wohl erzählt, daß er von
+Parthien aus an das Kaspische und von diesem an das Schwarze Meer, sodann an
+dem Nordufer desselben bis zur Donau zu ziehen, ganz Skythien und Germanien bis
+an den - nach damaliger Vorstellung vom Mittelmeer nicht allzu fernen -
+nördlichen Ozean zum Reiche zu bringen und durch Gallien heimzukehren
+beabsichtigt habe; allein keine irgend glaubwürdige Autorität verbürgt die
+Existenz dieser fabulosen Projekte. Bei einem Staat, der, wie der römische
+Caesars, bereits eine schwer zu bewältigende Masse barbarischer Elemente in
+sich schloß und mit deren Assimilierung noch auf Jahrhunderte hinaus mehr als
+genug zu tun hatte, wären solche Eroberungen, auch ihre militärische
+Ausführbarkeit angenommen, doch nichts gewesen als noch weit glänzendere und
+noch weit schlimmere Fehler als die indische Heerfahrt Alexanders. Sowohl nach
+Caesars Verfahren in Britannien und Deutschland wie nach dem Verhalten
+derjenigen, die die Erben seiner politischen Gedanken wurden, ist es in hohem
+Grade wahrscheinlich, daß Caesar, mit Scipio Aemilianus, die Götter nicht
+anrief, das Reich zu mehren, sondern es zu erhalten, und daß seine
+Eroberungspläne sich beschränkten auf eine, freilich nach seinem großartigen
+Maßstab bemessene, Grenzregulierung, welche die Euphratlinie sichern und
+anstatt der völlig schwankenden und militärisch nichtigen nordöstlichen
+Reichsgrenze die Donaulinie feststellen und verteidigungsfähig machen sollte.
+Indes wenn es nur wahrscheinlich bleibt, daß Caesar nicht in dem Sinne als
+Welteroberer bezeichnet werden darf wie Alexander und Napoleon, so ist das
+vollkommen gewiß, daß er seine neue Monarchie nicht zunächst auf die Armee zu
+stützen, überhaupt nicht die militärische Gewalt über die bürgerliche zu
+setzen, sondern sie dem bürgerlichen Gemeinwesen ein- und soweit möglich
+unterzuordnen gedachte. Die unschätzbaren Stützen eines Soldatenstaates, jene
+alten vielgefeierten gallischen Legionen, wurden eben wegen ihres mit einem
+bürgerlichen Gemeinwesen unverträglichen Korpsgeistes in ehrenvoller Weise
+annulliert und ihre ruhmvollen Namen pflanzten nur sich fort in neugegründeten
+städtischen Gemeinden. Die von Caesar bei der Entlassung mit Landlosen
+beschenkten Soldaten wurden nicht wie die Sullas in eigenen Kolonien gleichsam
+militärisch zusammengesiedelt, sondern, namentlich soweit sie in Italien
+ansässig wurden, möglichst vereinzelt und durch die ganze Halbinsel zerstreut;
+nur war es freilich nicht zu vermeiden, daß auf den zur Verfügung gebliebenen
+Teilen des kampanischen Ackers die alten Soldaten Caesars dennoch in Masse sich
+zusammenfanden. Der schwierigen Aufgabe, die Soldaten einer stehenden Armee
+innerhalb der Kreise des bürgerlichen Lebens zu halten, suchte Caesar zu
+genügen teils durch Festhaltung der bisherigen nur gewisse Dienstjahre, nicht
+aber einen eigentlich stehenden, das heißt durch keine Entlassung
+unterbrochenen Dienst vorschreibenden Ordnung, teils durch die schon erwähnte
+Verkürzung der Dienstzeit, welche einen rascheren Wechsel des Soldatenpersonals
+herbeiführte, teils durch regelmäßige Ansiedlung der ausgedienten Soldaten als
+Ackerkolonisten, teils und vornehmlich dadurch, daß die Armee von Italien und
+überhaupt von den eigentlichen Sitzen des bürgerlichen und politischen Lebens
+der Nation ferngehalten und der Soldat dahin gewiesen ward, wo er nach der
+Meinung des großen Königs allein an seinem Platze war: in die Grenzstationen
+zur Abwehr des auswärtigen Feindes. Das rechte Kriterium des Militärstaates,
+die Entwicklung und Bevorzugung der Gardetruppe, findet ebenfalls bei Caesar
+sich nicht. Obwohl in der aktiven Armee das Institut einer besonderen Leibwache
+des Feldherrn bereits seit langem bestand, so tritt diese doch in Caesars
+Heerführung vollständig in den Hintergrund; seine prätorische Kohorte scheint
+wesentlich nur aus Ordonnanzoffizieren oder nichtmilitärischen Begleitern
+bestanden zu haben und niemals ein eigentliches Elitenkorps, also auch niemals
+Gegenstand der Eifersucht der Linientruppen gewesen zu sein. Wenn Caesar schon
+als Feldherr die Leibwache tatsächlich fallen ließ, so duldete er um so weniger
+als König eine Garde um sich. Obwohl beständig, und ihm wohl bewußt, von
+Mördern umschlichen, wies er dennoch den Antrag des Senats auf Errichtung einer
+Nobelgarde zurück, entließ, sowie die Dinge einigermaßen sich beruhigten, die
+spanische Eskorte, deren er in der ersten Zeit in der Hauptstadt sich bedient
+hatte, und begnügte sich mit dem Gefolge von Gerichtsdienern, wie es für die
+römischen Oberbeamten hergebracht war. Wie viel auch Caesar von dem Gedanken
+seiner Partei und seiner Jugend, ein perikleisches Regiment in Rom nicht kraft
+des Säbels, sondern kraft des Vertrauens der Nation zu begründen, im Kampfe mit
+den Realitäten hatte müssen fallen lassen - den Grundgedanken, keine
+Militärmonarchie zu stiften, hielt er auch jetzt noch mit einer Energie fest,
+zu der die Geschichte kaum eine Parallele darbietet. Allerdings war auch dies
+ein unausführbares Ideal - es war die einzige Illusion, in der das sehnsüchtige
+Verlangen in diesem starken Geiste mächtiger war als der klare Verstand. Ein
+Regiment, wie es Caesar im Sinne trug, war nicht bloß notwendig höchst
+persönlicher Natur und mußte mit dem Tode des Urhebers ebenso zugrunde gehen
+wie die verwandten Schöpfungen Perikles&rsquo; und Cromwells mit dem Tode ihrer
+Stifter; sondern bei dem tief zerrütteten Zustand der Nation war es nicht
+einmal glaublich, daß es dem achten König von Rom auch nur für seine Lebenszeit
+gelingen werde, so wie seine sieben Vorgänger seine Mitbürger bloß kraft Gesetz
+und Recht zu beherrschen, und ebensowenig wahrscheinlich, daß es ihm gelingen
+werde, das stehende Heer, nachdem es im letzten Bürgerkrieg seine Macht
+kennengelernt und die Scheu verlernt hatte, wieder als dienendes Glied in die
+bürgerliche Ordnung einzufügen. Wer kaltblütig erwog, bis zu welchem Grade die
+Furcht vor dem Gesetz aus den untersten wie aus den obersten Schichten der
+Gesellschaft entwichen war, dem mußte die erstere Hoffnung vielmehr ein Traum
+dünken; und wenn mit der Marianischen Reform des Heerwesens der Soldat
+überhaupt aufgehört hat, Bürger zu sein, so zeigten die kampanische Meuterei
+und das Schlachtfeld von Thapsus mit leidiger Deutlichkeit, in welcher Art
+jetzt die Armee dem Gesetze ihren Arm lieh. Selbst der große Demokrat vermochte
+die Gewalten, die er entfesselt hatte, nur mühsam und mangelhaft wieder zu
+bändigen; Tausende von Schwertern flogen noch auf seinen Wink aus der Scheide,
+aber zurück in die Scheide kehrten sie schon nicht mehr auf seinen Wink. Das
+Verhängnis ist mächtiger als das Genie. Caesar wollte der Wiederhersteller des
+bürgerlichen Gemeinwesens werden und ward der Gründer der von ihm verabscheuten
+Militärmonarchie; er stürzte den Aristokraten- und Bankierstaat im Staate nur,
+um an deren Platz den Soldatenstaat im Staate zu setzen, und das Gemeinwesen
+blieb wie bisher tyrannisiert und exploitiert von einer privilegierten
+Minorität. Aber dennoch ist es ein Privilegium der höchsten Naturen, also
+schöpferisch zu irren. Die genialen Versuche großer Männer, das Ideal zu
+realisieren, wenn sie auch ihr Ziel nicht erreichen, bilden den besten Schatz
+der Nationen. Es ist Caesars Werk, daß der römische Militärstaat erst nach
+mehreren Jahrhunderten zum Polizeistaat ward und daß die römischen Imperatoren,
+wie wenig sie sonst auch dem großen Begründer ihrer Herrschaft glichen, doch
+den Soldaten wesentlich nicht gegen den Bürger verwandten, sondern gegen den
+Feind, und Nation und Armee beide zu hoch achteten, um diese zum Konstabler
+über jene zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^17 An die Ernennung eines Teiles der Kriegstribune durch die Bürgerschaft hat
+Caesar, auch hierin Demokrat, nicht gerührt.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Ordnung des Finanzwesens machte bei den soliden Grundlagen, die die
+ungeheure Größe des Reiches und der Ausschluß des Kreditsystems gewährten,
+verhältnismäßig geringe Schwierigkeit. Wenn der Staat bisher in beständiger
+Finanzverlegenheit sich befunden hatte, so war daran die Unzulänglichkeit der
+Staatseinnahmen am wenigsten schuld; vielmehr hatten diese eben in den letzten
+Jahren sich ungemein vermehrt. Zu der älteren Gesamteinnahme, die auf 200 Mill.
+Sesterzen (15 Mill. Taler) angeschlagen wird, waren durch die Einrichtung der
+Provinzen Bithynien-Pontus und Syrien 85 Mill. Sesterzen (6500000 Taler)
+gekommen; welcher Zuwachs, nebst den sonstigen neueröffneten oder gesteigerten
+Einnahmequellen, namentlich durch den beständig steigenden Ertrag der
+Luxusabgaben, den Verlust der kampanischen Pachtgelder weit überwog. Außerdem
+waren durch Lucullus, Metellus, Pompeius, Cato und andere
+außerordentlicherweise dem Staatsschatz ungeheure Summen zugeflossen. Die
+Ursache der finanziellen Verlegenheiten lag vielmehr teils in den gesteigerten
+ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben, teils in der geschäftlichen
+Verwirrung. Unter jenen nahm die Getreideverteilung an die hauptstädtische
+Menge fast unerschwingliche Summen in Anspruch: durch die von Cato 691 (63) ihr
+gegebene Ausdehnung stieg die jährliche Ausgabe dafür auf 30 Mill. Sesterzen
+(2300000 Taler), und seit Abschaffung der bisher gezahlten Vergütung im Jahre
+696 (58) verschlang dieselbe gar den fünften Teil der Staatseinkünfte. Auch das
+Militärbudget war gestiegen, seit zu den Besatzungen von Spanien, Makedonien
+und den übrigen Provinzen noch die von Kilikien, Syrien und Gallien hinzukamen.
+Unter den außerordentlichen Ausgaben sind in erster Linie die großen Kosten der
+Flottenrüstungen zu nennen, wofür zum Beispiel fünf Jahre nach der großen
+Razzia von 687 (67) auf einmal 34 Mill. Sesterzen (2600000 Taler) verausgabt
+wurden. Dazu kamen die sehr ansehnlichen Summen, welche die Kriegszüge und
+Kriegsvorbereitungen wegnahmen, wie denn bloß für Ausrüstung des makedonischen
+Heeres an Piso auf einmal 18 Mill. Sesterzen (1370000 Taler), an Pompeius für
+die Unterhaltung und Besoldung der spanischen Armee gar jährlich 24 Mill.
+Sesterzen (1826000 Taler) und ähnliche Summen an Caesar für die gallischen
+Legionen gezahlt wurden. So beträchtlich aber auch diese Ansprüche waren, die
+an die römische Staatskasse gemacht wurden, so hätte dennoch dieselbe ihnen zu
+genügen vermocht, wenn nicht ihre einst so musterhafte Verwaltung von der
+allgemeinen Schlaffheit und Unehrlichkeit dieser Zeit mitergriffen worden wäre;
+oft stockten die Zahlungen des Ärars bloß deshalb, weil man dessen ausstehende
+Forderungen einzumahnen versäumte. Die vorgesetzten Beamten, zwei von den
+Quästoren, junge, jährlich gewechselte Menschen, verhielten im besten Fall sich
+passiv; unter dem früherhin seiner Ehrenhaftigkeit wegen mit Recht hoch
+angesehenen Schreiber- und sonstigen Büropersonal waren jetzt, namentlich seit
+diese Posten käuflich geworden waren, die ärgsten Mißbräuche im Schwange.
+</p>
+
+<p>
+Sowie indes die Fäden des römischen Staatsfinanzwesens nicht mehr wie bisher im
+Senat, sondern in Caesars Kabinett zusammenliefen, kam von selbst neues Leben,
+strengere Ordnung und festerer Zusammenhang in alle Räder und Triebfedern
+dieser großen Maschine. Die beiden von Gaius Gracchus herrührenden und
+Krebsschäden gleich das römische Finanzwesen zerfressenden Institutionen: die
+Verpachtung der direkten Abgaben und die Getreideverteilungen, wurden teils
+abgeschafft, teils umgestaltet. Caesar wollte nicht wie sein Vorläufer die
+Nobilität durch die Bankieraristokratie und den hauptstädtischen Pöbel in
+Schach halten, sondern sie beseitigen und das Gemeinwesen von sämtlichen
+Parasiten hohen und niederen Ranges befreien; und darum ging er in diesen
+beiden wichtigen Fragen nicht mit Gaius Gracchus, sondern mit dem Oligarchen
+Sulla. Das Verpachtungssystem blieb für die indirekten Abgaben bestehen, bei
+denen es uralt war und, bei der auch von Caesar unverbrüchlich festgehaltenen
+Maxime der römischen Finanzverwaltung, die Abgabenerhebung um jeden Preis
+einfach und übersichtlich zu erhalten, schlechterdings nicht entbehrt werden
+konnte. Die direkten Abgaben aber wurden fortan durchgängig entweder, wie die
+afrikanischen und sardinischen Korn- und Öllieferungen, behandelt als
+unmittelbar an den Staat abzuführende Naturalleistungen, oder, wie die
+kleinasiatischen Gefälle, in feste Geldabgaben verwandelt und die Einziehung
+der Einzelbeträge den Steuerdistrikten selbst überlassen. Die Kornverteilungen
+in der Hauptstadt waren bisher als nutzbares Recht der herrschenden und, weil
+sie herrschte, von den Untertanen zu speisenden Gemeinde angesehen worden.
+Dieser ehrlose Grundsatz ward von Caesar beseitigt; aber es konnte nicht
+übersehen werden, daß eine Menge gänzlich unvermögender Bürger lediglich durch
+diese Speisungen vor dem Verhungern geschützt worden war. In diesem Sinne hielt
+Caesar dieselben fest. Hatte nach der Sempronischen, von Cato wiedererneuerten
+Ordnung jeder in Rom angesessene römische Bürger rechtlich Anspruch gehabt auf
+unentgeltliches Brotkorn, so wurde diese Empfängerliste, welche zuletzt bis auf
+320000 Nummern gestiegen war, durch Ausscheidung aller wohlhabenden oder
+anderweit versorgten Individuen auf 150000 herabgebracht und diese Zahl als
+Maximalzahl der Freikornstellen ein für allemal fixiert, zugleich eine
+jährliche Revision der Liste angeordnet, um die durch Austritt oder Tod
+leergewordenen Plätze mit den bedürftigsten unter den Bewerbern wieder zu
+besetzen. Indem also das politische Privilegium in eine Armenversorgung
+umgewandelt ward, trat ein in sittlicher wie in geschichtlicher Hinsicht
+bemerkenswerter Satz zum erstenmal in lebendige Wirksamkeit. Nur langsam und
+von Stufe zu Stufe ringt die bürgerliche Gesellschaft sich durch zu der
+Solidarität der Interessen; im früheren Altertum schützte der Staat die
+Seinigen wohl vor dem Landesfeind und dem Mörder, aber er war nicht
+verpflichtet, durch Verabreichung der notwendigen Subsistenzmittel den gänzlich
+hilflosen Mitbürger vor dem schlimmeren Feinde des Mangels zu bewahren. Die
+attische Zivilisation ist es gewesen, die in der Solonischen und
+nachsolonischen Gesetzgebung zuerst den Grundsatz entwickelt hat, daß es
+Pflicht der Gemeinde ist, für ihre Invaliden, ja für ihre Armen überhaupt zu
+sorgen; und zuerst Caesar hat, was in der beschränkten Enge des attischen
+Lebens Gemeindesache geblieben war, zu einer organischen Staatsinstitution
+entwickelt und eine Einrichtung, die für den Staat eine Last und eine Schmach
+war, umgeschaffen in die erste jener heute so unzählbaren wie segensreichen
+Anstalten, in denen das unendliche menschliche Erbarmen mit dem unendlichen
+menschlichen Elend ringt.
+</p>
+
+<p>
+Außer diesen prinzipiellen Reformen fand eine durchgängige Revision des
+Einnahme- und Ausgabewesens statt. Die ordentlichen Einnahmen wurden überall
+reguliert und fixiert. Nicht wenigen Gemeinden, ja ganzen Landschaften ward,
+sei es mittelbar durch Verleihung des römischen oder latinischen Bürgerrechts,
+sei es unmittelbar durch Privilegium, die Steuerfreiheit bewilligt; so
+erhielten sie zum Beispiel alle sizilischen ^18 Gemeinden auf jenem, die Stadt
+Ilion auf diesem Wege. Noch größer war die Zahl derjenigen, deren Steuerquantum
+herabgesetzt ward; wie denn den Gemeinden im Jenseitigen Spanien schon nach
+Caesars Statthalterschaft auf dessen Betrieb eine Steuerherabsetzung vom Senat
+bewilligt worden war, und jetzt der am meisten gedrückten Provinz Asia nicht
+bloß die Hebung ihrer direkten Steuern erleichtert, sondern auch der dritte
+Teil derselben ganz erlassen ward. Die neu hinzukommenden Abgaben, wie die der
+in Illyrien unterworfenen und vor allem der gallischen Gemeinden, welche
+letztere zusammen 40 Mill. Sesterzen (3 Mill. Taler) jährlich entrichteten,
+waren durchgängig niedrig gegriffen. Freilich ward dagegen auch einzelnen
+Städten, wie Klein-Leptis in Afrika, Sulci auf Sardinien und mehreren
+spanischen Gemeinden, zur Strafe ihres Verhaltens während des letzten Krieges
+die Steuer erhöht. Die sehr einträglichen, in den letzten Zeiten der Anarchie
+abgeschafften italischen Hafenzölle wurden um so mehr wiederhergestellt, als
+diese Abgabe wesentlich die aus dem Osten eingehenden Luxuswaren traf. Zu
+diesen neu- oder wiedereröffneten ordentlichen Einnahmequellen kamen die Summen
+hinzu, die außerordentlicherweise, namentlich infolge des Bürgerkrieges, an den
+Sieger gelangten: die in Gallien gesammelte Beute; der hauptstädtische
+Kassenbestand; die aus den italischen und spanischen Tempeln entnommenen
+Schätze, die in Formen der Zwangsanleihe, des Zwangsgeschenkes oder der Buße
+von den abhängigen Gemeinden und Dynasten erhobenen Summen und die in ähnlicher
+Weise durch Rechtsspruch oder auch bloß durch Zusendung des Zahlungsbefehls
+einzelnen reichen Römern auferlegten Strafgelder; vor allen Dingen aber der
+Erlös aus dem Vermögen der geschlagenen Gegner. Wie ergiebig diese
+Einnahmequellen waren, mag man daraus abnehmen, daß allein die Buße der
+afrikanischen Großhändler, die in dem Gegensenat gesessen, sich auf 100 Mill.
+Sesterzen (7½ Mill. Taler) und der von den Käufern des Vermögens des Pompeius
+gezahlte Preis auf 70 Mill. Sesterzen (5300000 Taler) belief. Dieses Verfahren
+war notwendig, weil die Macht der geschlagenen Nobilität zum guten Teil auf
+ihrem kolossalen Reichtum ruhte und nur dadurch wirksam gebrochen werden
+konnte, daß ihr die Tragung der Kriegskosten auferlegt ward. Die Gehässigkeit
+der Konfiskationen aber ward einigermaßen dadurch gemildert, daß Caesar ihren
+Ertrag allein dem Staate zugute kommen ließ und, statt in Sullas Weise seinen
+Günstlingen jeden Unterschleif nachzusehen, selbst von seinen treuesten
+Anhängern, zum Beispiel von Marcus Antonius, die Kaufgelder mit Strenge
+beitrieb.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^18 Den Wegfall der sizilischen Zehnten bezeugt Varro in einer nach Ciceros
+Tode publizierten Schrift (rust. 2 praef.), indem er als die Kornprovinzen, aus
+denen Rom seine Subsistenz entnimmt, nur Afrika und Sardinien, nicht mehr
+Sizilien nennt. Die Latinität, wie sie Sizilien erhielt, muß also wohl die
+Immunität eingeschlossen haben (vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 3, S. 684).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+In den Ausgaben wurde zunächst durch die ansehnliche Beschränkung der
+Getreidespenden eine Verminderung erzielt. Die beibehaltene Kornverteilung an
+die hauptstädtischen Armen sowie die verwandte, von Caesar neu eingeführte
+Öllieferung für die hauptstädtischen Bäder ward wenigstens zum großen Teil ein-
+für allemal fundiert auf die Naturalabgaben von Sardinien und namentlich von
+Afrika und schied dadurch aus dem Kassenwesen ganz oder größtenteils aus.
+Andererseits stiegen die regelmäßigen Ausgaben für das Militärwesen, teils
+durch die Vermehrung des stehenden Heeres, teils durch die Erhöhung der
+bisherigen Löhnung des Legionärs, von jährlich 480 (36 Taler) auf jährlich 900
+Sesterzen (68½ Taler). Beides war in der Tat unerläßlich. Eine ernstliche
+Grenzverteidigung mangelte ganz und die unerläßliche Voraussetzung derselben
+war eine ansehnliche Vermehrung der Armee. Die Verdoppelung des Soldes hat
+Caesar wohl benutzt, um seine Soldaten fest an sich zu ketten, aber nicht aus
+diesem Grunde als bleibende Neuerung eingeführt. Der bisherige Sold von 1 1/3
+Sesterz (2 Groschen) den Tag war festgesetzt worden in uralten Zeiten, wo das
+Geld einen ganz anderen Wert hatte als in dem damaligen Rom; nur deshalb hatte
+er bis in eine Zeit hinein, wo der gemeine Tagelöhner in der Hauptstadt mit
+seiner Hände Arbeit täglich durchschnittlich 3 Sesterzen (5 Groschen)
+verdiente, beibehalten werden können, weil in diesen Zeiten der Soldat nicht
+des Soldes halber, sondern hauptsächlich wegen der größtenteils unerlaubten
+Akzidentien des Militärdienstes in das Heer eintrat. Zu einer ernstlichen
+Reform des Militärwesens und zur Beseitigung des meist den Provinzialen
+aufgebürdeten unregelmäßigen Soldatenverdienstes war die erste Bedingung eine
+zeitgemäße Erhöhung der regulären Löhnung; und die Fixierung derselben auf 2½
+Sesterzen (4 Groschen) darf als eine billige, die dem Ärar dadurch aufgebürdete
+große Last als eine notwendige und in ihren Folgen segensreiche betrachtet
+werden. Von dem Belauf der außerordentlichen Ausgaben, die Caesar übernehmen
+mußte oder freiwillig übernahm, ist es schwer, sich eine Vorstellung zu machen.
+Die Kriege selbst fraßen ungeheure Summen; und vielleicht nicht geringere
+wurden erfordert, um die Zusicherungen zu erfüllen, die Caesar während des
+Bürgerkrieges zu machen genötigt worden war. Es war ein schlimmes und für die
+Folgezeit leider nicht verlorenes Beispiel, daß jeder gemeine Soldat für seine
+Teilnahme am Bürgerkrieg 20000 Sesterzen (1500 Taler), jeder Bürger der
+hauptstädtischen Menge für seine Nichtbeteiligung an demselben als Zulage zum
+Brotkorn 300 Sesterzen (22 Taler) empfing; Caesar indes, nachdem er einmal in
+dem Drange der Umstände sein Wort verpfändet, war zu sehr König, um davon
+abzudingen. Außerdem genügte Caesar unzähligen Anforderungen ehrenhafter
+Freigebigkeit und machte namentlich für das Bauwesen, das während der Finanznot
+der letzten Zeit der Republik schmählich vernachlässigt worden war, ungeheure
+Summen flüssig - man berechnete den Kostenbetrag seiner teils während der
+gallischen Feldzüge, teils nachher in der Hauptstadt ausgeführten Bauten auf
+160 Mill. Sesterzen (12 Mill. Taler). Das Gesamtresultat der finanziellen
+Verwaltung Caesars ist darin ausgesprochen, daß er durch einsichtige und
+energische Reformen und durch die rechte Vereinigung von Sparsamkeit und
+Liberalität allen billigen Ansprüchen reichlich und völlig genügte und dennoch
+bereits im März 710 (44) in der Kasse des Staats 700, in seiner eigenen 100
+Mill. Sesterzen (zusammen 61 Mill. Taler) bar lagen - eine Summe, die den
+Kassenbestand der Republik in ihrer blühendsten Zeit um das Zehnfache
+überstieg.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Aufgabe, die alten Parteien aufzulösen und das neue Gemeinwesen mit
+einer angemessenen Verfassung, einer schlagfertigen Armee und geordneten
+Finanzen auszustatten, so schwierig sie war, war nicht der schwierigste Teil
+von Caesars Werk. Sollte in Wahrheit die italische Nation wiedergeboren werden,
+so bedurfte es einer Reorganisation, die alle Teile des großen Reiches, Rom,
+Italien und die Provinzen, umwandelte. Versuchen wir auch hier sowohl die alten
+Zustände als auch die Anfänge einer neuen und leidlicheren Zeit zu schildern.
+</p>
+
+<p>
+Aus Rom war der gute Stamm latinischer Nation längst völlig verschwunden. Es
+liegt in den Verhältnissen, daß die Hauptstadt ihr munizipales und selbst ihr
+nationales Gepräge schneller verschleift als jedes untergeordnete Gemeinwesen.
+Hier scheiden die höheren Klassen rasch aus dem städtischen Gemeinleben aus, um
+mehr in dem ganzen Staate als in einer einzelnen Stadt ihre Heimat zu finden;
+hier konzentriert sich unvermeidlich die ausländische Ansiedlung, die
+fluktuierende Bevölkerung von Vergnügens- und Geschäftsreisenden, die Masse des
+müßigen, faulen, verbrecherischen, ökonomisch und moralisch bankrotten und eben
+darum kosmopolitischen Gesindels. Auf Rom fand dies alles in hervorragender
+Weise Anwendung. Der wohlhabende Römer betrachtete sein Stadthaus häufig nur
+als ein Absteigequartier. Indem aus der städtischen Munizipalität die
+Reichsämter hervorgingen, das städtische Vogtding die Versammlung der
+Reichsbürger ward, kleinere, sich selber regierende Bezirks- oder sonstige
+Gemeinschaften innerhalb der Hauptstadt nicht geduldet wurden, hörte jedes
+eigentliche Kommunalleben für Rom auf. Aus dem ganzen Umfange des
+weitumfassenden Reiches strömte man nach Rom, um zu spekulieren, zu
+debauchieren, zu intrigieren, zum Verbrecher sich auszubilden oder auch
+daselbst vor dem Auge des Gesetzes sich zu verbergen. Diese Übel gingen aus dem
+hauptstädtischen Wesen gewissermaßen mit Notwendigkeit hervor; andere, mehr
+zufällige und vielleicht noch ernstere gesellten sich dazu. Es hat vielleicht
+nie eine Großstadt gegeben, die so durchaus nahrungslos war wie Rom; teils die
+Einfuhr, teils die häusliche Fabrikation durch Sklaven machten hier jede freie
+Industrie von vornherein unmöglich. Die nachteiligen Folgen des Grundübels der
+Staatenbildung im Altertum überhaupt, des Sklavensystems, traten in der
+Hauptstadt schärfer als irgendwo sonst hervor. Nirgends häuften solche
+Sklavenmassen sich an wie in den hauptstädtischen Palästen der großen Familien
+oder der reichen Emporkömmlinge. Nirgends mischten sich so wie in der
+hauptstädtischen Sklavenschaft die Nationen dreier Weltteile, Syrer, Phryger
+und andere Halbhellenen mit Libyern und Mohren, Geten und Iberer mit den immer
+zahlreicher einströmenden Kelten und Deutschen. Die von der Unfreiheit
+unzertrennliche Demoralisation und der scheußliche Widerspruch des formellen
+und des sittlichen Rechts kamen weit greller zum Vorschein bei dem halb oder
+ganz gebildeten, gleichsam vornehmen Stadtsklaven als bei dem Ackerknecht, der
+das Feld gleich dem gefesselten Stier in Ketten bestellte. Schlimmer noch als
+die Sklavenmassen waren die der rechtlich oder auch bloß tatsächlich
+freigegebenen Leute, ein Gemisch bettelhaften Gesindels und schwerreicher
+Parvenus, nicht mehr Sklaven und doch nicht völlig Bürger, ökonomisch und
+selbst rechtlich von ihrem Herrn abhängig und doch mit den Ansprüchen freier
+Männer; und eben die Freigelassenen zogen sich vor allem nach der Hauptstadt,
+wo es Verdienst mancherlei Art gab und der Kleinhandel wie das kleine Handwerk
+fast ganz in ihren Händen waren. Ihr Einfluß auf die Wahlen wird ausdrücklich
+bezeugt; und daß sie auch bei den Straßenkrawallen voran waren, zeigt schon das
+gewöhnliche Signal, wodurch diese von den Demagogen gleichsam angesagt wurden,
+die Schließung der Buden und Verkaufslokale. Zu allem dem kam, daß die
+Regierung nicht bloß nichts tat, um dieser Korrumpierung der hauptstädtischen
+Bevölkerung entgegenzuwirken, sondern sogar ihrer egoistischen Politik zuliebe
+ihr Vorschub leistete. Die verständige Gesetzvorschrift, welche dem wegen
+Kapitalverbrechens verurteilten Individuum den Aufenthalt in der Hauptstadt
+untersagte, ward von der schlaffen Polizei nicht zur Ausführung gebracht. Die
+dringend nahegelegte polizeiliche Überwachung der Assoziation des Gesindels
+ward anfangs vernachlässigt, späterhin als freiheitswidrige Volksbeschränkung
+sogar für strafbar erklärt. Die Volksfeste hatte man so anwachsen lassen, daß
+die sieben ordentlichen allein, die römischen, die plebejischen, die der
+Göttermutter, der Ceres, des Apoll, der Flora und der Victoria, zusammen
+zweiundsechzig Tage währten, wozu dann noch die Fechterspiele und unzählige
+andere außerordentliche Lustbarkeiten kamen. Die bei einem solchen, durchaus
+von der Hand in den Mund lebenden Proletariat unumgängliche Fürsorge für
+niedrige Getreidepreise ward mit dem gewissenlosesten Leichtsinn gehandhabt,
+und die Preisschwankungen des Brotkorns waren fabelhafter und unberechenbarer
+Art ^19. Endlich, die Getreideverteilungen luden das gesamte nahrungslose und
+arbeitsscheue Bürgerproletariat offiziell ein, seinen Sitz in der Hauptstadt
+aufzuschlagen. Es war eine arge Saat und die Ernte entsprach ihr. Das Klub- und
+Bandenwesen auf dem politischen Gebiet, auf dem religiösen der Isisdienst und
+der gleichartige fromme Schwindel hatten hier ihre Wurzeln. Man war beständig
+im Angesicht einer Teuerung und nicht selten in voller Hungersnot. Nirgends war
+man seines Lebens weniger sicher als in der Hauptstadt: der gewerbsmäßig
+betriebene Banditenmord war das einzige derselben eigene Handwerk; es war die
+Einleitung zur Ermordung, daß das Schlachtopfer nach Rom gelockt ward; niemand
+wagte sich ohne bewaffnetes Gefolge in die Umgegend der Hauptstadt. Auch die
+äußere Beschaffenheit derselben entsprach dieser inneren Zerrüttung und schien
+eine lebendige Satire auf das aristokratische Regiment. Für die Regulierung des
+Tiberstromes ward nichts getan; kaum daß man die einzige Brücke, mit der man
+immer noch sich behalf, wenigstens bis zur Tiberinsel von Stein aufführen ließ.
+Für die Planierung der Siebenhügelstadt war ebensowenig etwas geschehen, außer
+wo etwa die Schutthaufen ausgeglichen hatten. Die Straßen gingen eng und
+winkelig Hügel auf und ab und waren elend gehalten, die Trottoirs schmal und
+schlecht gepflastert. Die gewöhnlichen Häuser waren von Ziegeln ebenso
+liederlich wie schwindelnd hoch gebaut, meistens von spekulierenden Baumeistern
+für Rechnung der kleinen Besitzer, wobei jene steinreich, diese zu Bettlern
+wurden. Wie einzelne Inseln in diesem Meer von elenden Gebäuden erschienen die
+glänzenden Paläste der Reichen, die den kleinen Häusern ebenso den Raum
+verengten wie ihre Besitzer den kleinen Leuten ihr Bürgerrecht im Staat und
+neben deren Marmorsäulen und griechischen Statuen die verfallenden Tempel mit
+ihren großenteils noch holzgeschnitzten Götterbildern eine traurige Figur
+machten. Von einer Straßen-, einer Ufer-, Feuer- und Baupolizei war kaum die
+Rede; wenn die Regierung um die alljährlich eintretenden Überschwemmungen,
+Feuersbrünste und Häusereinstürze überhaupt sich bekümmerte, so geschah es, um
+von den Staatstheologen Bericht und Bedenken über den wahren Sinn solcher
+Zeichen und Wunder zu begehren. Man versuche sich ein London zu denken mit der
+Sklavenbevölkerung von New Orleans, mit der Polizei von Konstantinopel, mit der
+Industrielosigkeit des heutigen Rom und bewegt von einer Politik nach dem
+Muster der Pariser von 1848, und man wird eine ungefähre Vorstellung von der
+republikanischen Herrlichkeit gewinnen, deren Untergang Cicero und seine
+Genossen in ihren Schmollbriefen betrauern.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^19 In dem Produktionsland Sizilien ward der römische Scheffel innerhalb
+weniger Jahre zu 2 und zu 20 Sesterzen verkauft; man rechne danach, wie die
+Preisschwankungen in Rom sich stellen mußten, das von überseeischem Korn lebte
+und der Sitz der Spekulanten war.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Caesar trauerte nicht, aber er suchte zu helfen, soweit zu helfen war. Rom
+blieb natürlich, was es war, eine Weltstadt. Der Versuch ihm wiederum einen
+spezifisch italischen Charakter zu geben, wäre nicht bloß unausführbar gewesen,
+sondern hätte auch in Caesars Plan nicht gepaßt. Ähnlich wie Alexander für sein
+griechisch-orientalisches Reich eine angemessene Hauptstadt in dem
+hellenisch-jüdisch-ägyptischen und vor allem kosmopolitischen Alexandreia fand,
+so sollte auch die im Mittelpunkt des Orients und Okzidents gelegene Hauptstadt
+des neuen römisch-hellenischen Weltreichs nicht eine italische Gemeinde sein,
+sondern die denationalisierte Kapitale vieler Nationen. Darum duldete es
+Caesar, daß neben dem Vater Jovis die neu angesiedelten ägyptischen Götter
+verehrt wurden, und gestattete sogar den Juden die freie Übung ihres seltsam
+fremdartigen Rituals auch in der Hauptstadt des Reiches. Wie widerlich bunt
+immer die parasitische, namentlich hellenisch-orientalische Bevölkerung in Rom
+sich mischte, er trat ihrer Ausbreitung nirgends in den Weg; es ist
+bezeichnend, daß er bei seinen hauptstädtischen Volksfesten Schauspiele nicht
+bloß in lateinischer und griechischer, sondern auch in anderen Zungen,
+vermutlich in phönikischer, hebräischer, syrischer, spanischer aufführen ließ.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn Caesar den Grundcharakter der Hauptstadt so, wie er ihn fand, mit
+vollem Bewußtsein akzeptierte, so wirkte er doch energisch hin auf die
+Besserung der daselbst obwaltenden kläglichen und schimpflichen Zustände.
+Leider waren eben die Grundübel am wenigsten austilgbar. Die Sklaverei mit
+ihrem Gefolge von Landplagen konnte Caesar nicht abstellen; es muß
+dahingestellt bleiben, ob er mit der Zeit versucht haben würde, die
+Sklavenbevölkerung in der Hauptstadt wenigstens zu beschränken, wie er dies auf
+einem anderen Gebiete unternahm. Ebensowenig vermochte Caesar eine freie
+hauptstädtische Industrie aus dem Boden zu zaubern; doch halfen die ungeheuren
+Bauten der Nahrungslosigkeit daselbst einigermaßen ab und eröffneten dem
+Proletariat eine Quelle schmalen, aber ehrlichen Erwerbes. Dagegen wirkte
+Caesar energisch darauf hin, die Masse des freien Proletariats zu vermindern.
+Der stehende Zufluß von solchen, die die Getreidespenden nach Rom führten, ward
+durch Verwandlung derselben in eine auf eine feste Kopfzahl beschränkte
+Armenversorgung wenn nicht ganz verstopfte ^20, doch sehr wesentlich
+beschränkt. Unter dem vorhandenen Proletariat räumten einerseits die Gerichte
+auf, die angewiesen wurden, mit unnachsichtlicher Strenge gegen das Gesindel
+einzuschreiten, andererseits die umfassende überseeische Kolonisation; von den
+80000 Kolonisten, die Caesar in den wenigen Jahren seiner Regierung über das
+Meer führte, wird ein sehr großer Teil den unteren Schichten der
+hauptstädtischen Bevölkerung entnommen sein, wie denn die meisten korinthischen
+Ansiedler Freigelassene waren. Daß in Abweichung von der bisherigen Ordnung,
+die dem Freigelassenen jedes städtische Ehrenamt verschloß, Caesar ihnen in
+seinen Kolonien die Türe des Rathauses eröffnete, geschah ohne Zweifel, um die
+besser gestellten von ihnen für die Auswanderung zu gewinnen. Diese
+Auswanderung muß aber auch mehr gewesen sein als eine bloß vorübergehende
+Veranstaltung; Caesar, überzeugt wie jeder andere verständige Mann, daß die
+einzige wahrhafte Hilfe gegen das Elend des Proletariats in einem
+wohlregulierten Kolonisierungssystem besteht, und durch die Beschaffenheit des
+Reiches in den Stand gesetzt, dasselbe in fast ungemessener Ausdehnung zu
+verwirklichen, wird die Absicht gehabt haben, hiermit dauernd fortzufahren und
+dem stets wieder sich erzeugenden Übel einen bleibenden Abzug zu eröffnen.
+Maßregeln wurden ferner ergriffen, um den argen Preisschwankungen der
+wichtigsten Nahrungsmittel auf den hauptstädtischen Märkten Grenzen zu setzen.
+Die neu geordneten und liberal verwalteten Staatsfinanzen lieferten hierzu die
+Mittel und zwei neu ernannte Beamte, die Getreideädilen, übernahmen die
+spezielle Beaufsichtigung der Lieferanten und des Marktes der Hauptstadt. Dem
+Klubwesen wurde wirksamer, als es durch Prohibitivgesetze möglich war,
+gesteuert durch die veränderte Verfassung, indem mit der Republik und den
+republikanischen Wahlen und Gerichten die Bestechung und Vergewaltigung der
+Wahl- und Richterkollegien, überhaupt die politischen Saturnalien der Kanaille
+von selbst ein Ende hatten. Außerdem wurden die durch das Clodische Gesetz ins
+Leben getretenen Verbindungen aufgelöst und das ganze Assoziationswesen unter
+die Oberaufsicht der Regierungsbehörden gestellt. Mit Ausnahme der
+althergebrachten Zünfte und Vergesellschaftungen, der religiösen Vereinigungen
+der Juden und anderer besonders ausgenommener Kategorien, wofür die einfache
+Anzeige an den Senat genügt zu haben scheint, wurde die Erlaubnis, eine
+bleibende Gesellschaft mit festen Versammlungsfristen und stehenden Einschüssen
+zu konstituieren, an eine vom Senat und regelmäßig wohl erst nach eingeholter
+Willensmeinung des Monarchen zu erteilende Konzession geknüpft. Dazu kam eine
+strengere Kriminalrechtspflege und eine energische Polizei. Die Gesetze,
+namentlich hinsichtlich des Verbrechens der Vergewaltigung, wurden verschärft
+und die unvernünftige Bestimmung des republikanischen Rechts, daß der
+überwiesene Verbrecher befugt sei, durch Selbstverbannung einem Teil der
+verwirkten Strafe sich zu entziehen, wie billig beseitigt. Das detaillierte
+Regulativ, das Caesar über die hauptstädtische Polizei erließ, ist großenteils
+noch erhalten und es kann, wer da will, sich überzeugen, daß der Imperator es
+nicht verschmähte, die Hausbesitzer zur Instandsetzung der Straßen und zur
+Pflasterung der Trottoirs in ihrer ganzen Breite mit behauenen Steinen
+anzuhalten und geeignete Bestimmungen über das Tragen der Sänften und das
+Fahren der Wagen zu erlassen, die bei der Beschaffenheit der Straßen nur zur
+Abend- und Nachtzeit in der Hauptstadt frei zirkulieren durften. Die
+Oberaufsicht über die Lokalpolizei blieb wie bisher hauptsächlich den vier
+Ädilen, welche, wenn nicht schon früher, wenigstens jetzt angewiesen wurden,
+jeder einen bestimmt abgegrenzten Polizeidistrikt innerhalb der Hauptstadt zu
+überwachen. Endlich das hauptstädtische Bauwesen und die damit zusammenhängende
+Fürsorge für die gemeinnützigen Anstalten überhaupt nahm durch Caesar, der die
+Baulust des Römers und des Organisators in sich vereinigte, plötzlich einen
+Aufschwung, der nicht bloß die Mißwirtschaft der letzten anarchischen Zeiten
+beschämte, sondern auch alles, was die römische Aristokratie in ihrer besten
+Zeit geleistet hatte, so weit hinter sich ließ wie Caesars Genie das redliche
+Bemühen der Marcier und der Aemilier. Es war nicht bloß die Ausdehnung der
+Bauten an sich und die Größe der darauf verwandten Summen, durch die Caesar
+seine Vorgänger übertraf, sondern der echt staatsmännische und gemeinnützige
+Sinn, der das, was Caesar für die öffentlichen Anstalten Roms tat, vor allen
+ähnlichen Leistungen auszeichnet. Er baute nicht, wie seine Nachfolger, Tempel
+und sonstige Prachtgebäude, sondern er entlastete den Markt von Rom, auf dem
+sich immer noch die Bürgerversammlungen, die Hauptgerichtsstätten, die Börse
+und der tägliche Geschäftsverkehr wie der tägliche Müßiggang zusammendrängten,
+wenigstens von den Versammlungen und den Gerichten, indem er für jene eine neue
+Dingstätte, die Saepta Iulia auf dem Marsfeld, für diese einen besonderen
+Gerichtsmarkt, das Forum Iulium zwischen Kapitol und Palatin, anlegen ließ.
+Verwandten Geistes ist die von ihm herrührende Einrichtung, daß den
+hauptstädtischen Bädern jährlich 3 Millionen Pfund Öl, größtenteils aus Afrika,
+geliefert und diese dadurch in den Stand gesetzt wurden, den Badenden das zum
+Salben des Körpers erforderliche Öl unentgeltlich zu verabfolgen - eine nach
+der alten wesentlich auf Baden und Salben gegründeten Diätetik höchst
+zweckmäßige Maßregel der Reinlichkeits- und Gesundheitspolizei. Indes diese
+großartigen Einrichtungen waren nur die ersten Anfänge einer vollständigen
+Umwandlung Roms. Bereits waren die Entwürfe gemacht zu einem neuen Rathaus,
+einem neuen prachtvollen Basar, einem mit dem Pompeischen wetteifernden
+Theater, einer öffentlichen lateinischen und griechischen Bibliothek nach dem
+Muster der kürzlich zugrunde gegangenen von Alexandreia - die erste Anstalt
+derart in Rom -, endlich zu einem Tempel des Mars, der an Reichtum und
+Herrlichkeit alles bisher Dagewesene überboten haben würde. Genialer noch war
+der Gedanke, einmal durch die Pomptinischen Sümpfe einen Kanal zu legen und
+deren Wasser nach Tarracina abzuleiten, sodann den unteren Lauf des Tiberstroms
+zu ändern und ihn von dem heutigen Ponte Molle an, statt zwischen dem
+Vaticanischen und dem Marsfelde hindurch, vielmehr um das Vaticanische Feld und
+das Ianiculum herum nach Ostia zu führen, wo die schlechte Reede einem
+vollgenügenden Kunsthafen Platz machen sollte. Durch diesen Riesenplan wurde
+einerseits der gefährlichste Feind der Hauptstadt, die böse Luft der
+Nachbarschaft, gebannt, andrerseits auf einen Schlag die äußerst beschränkte
+Baugelegenheit in der Hauptstadt in der Art erweitert, daß das damit auf das
+linke Tiberufer verlegte Vaticanische Feld an die Stelle des Marsfeldes treten
+und das geräumige Marsfeld für öffentliche und Privatbauten verwendet werden
+konnte, während sie zugleich den so schmerzlich vermißten sicheren Seehafen
+erhielt. Es schien, als wolle der Imperator Berge und Flüsse versetzen und mit
+der Natur selber den Wettlauf wagen. Indessen so sehr auch durch die neue
+Ordnung die Stadt Rom an Bequemlichkeit und Herrlichkeit gewann, ihre
+politische Suprematie ging ihr, wie schon gesagt ward, durch ebendieselbe
+unwiderbringlich verloren. Daß der römische Staat mit der Stadt Rom
+zusammenfalle, war zwar im Laufe der Zeit immer unnatürlicher und verkehrter
+geworden; aber der Satz war doch so innig mit dem Wesen der römischen Republik
+verwachsen, daß er nicht vor dieser selbst zugrunde gehen konnte. Erst in dem
+neuen Staate Caesars ward er, etwa mit Ausnahme einiger legaler Fiktionen,
+vollständig beseitigt und das hauptstädtische Gemeinwesen rechtlich auf eine
+Linie mit allen übrigen Munizipalitäten gestellt; wie denn Caesar, hier wie
+überall bemüht, nicht bloß die Sache zu ordnen, sondern auch sie offiziell bei
+dem rechten Namen zu nennen, seine italische Gemeindeordnung, ohne Zweifel
+absichtlich, zugleich für die Hauptstadt und für die übrigen Stadtgemeinden
+erließ. Man kann hinzufügen, daß Rom, eben weil es eines lebendigen
+Kommunalwesens als Hauptstadt nicht fähig war, hinter den übrigen
+Munizipalitäten der Kaiserzeit sogar wesentlich zurückstand. Das
+republikanische Rom war eine Räuberhöhle, aber zugleich der Staat; das Rom der
+Monarchie, obwohl es mit allen Herrlichkeiten dreier Weltteile sich zu
+schmücken und in Gold und Marmor zu schimmern begann, war doch nichts im Staate
+als das Königsschloß in Verbindung mit dem Armenhaus, das heißt ein notwendiges
+übel.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^20 Es ist nicht ohne Interesse, daß ein späterer, aber einsichtiger
+politischer Schriftsteller, der Verfasser der unter Sallustius&rsquo; Namen an
+Caesar gerichteten Briefe, diesem den Rat erteilt, die hauptstädtische
+Getreideverteilung in die einzelnen Munizipien zu verlegen. Die Kritik hat
+ihren guten Sinn; wie denn bei der großartigen munizipalen Waisenversorgung
+unter Traian offenbar ähnliche Gedanken gewaltet haben.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Wenn es in der Hauptstadt sich nur darum handelte, durch polizeiliche Ordnungen
+im größten Maßstab handgreifliche Übelstände hinwegzuräumen, so war es dagegen
+eine bei weitem schwierigere Aufgabe, der tief zerrütteten italischen
+Volkswirtschaft aufzuhelfen. Die Grundleiden waren die bereits früher
+ausführlich hervorgehobenen, das Zusammenschwinden der ackerbauenden und die
+unnatürliche Vermehrung der kaufmännischen Bevölkerung, woran ein unabsehbares
+Gefolge anderer Übelstände sich anschloß. Wie es mit der italischen
+Bodenwirtschaft stand, wird dem Leser unvergessen sein. Trotz der ernstlichsten
+Versuche, der Vernichtung des kleinen Grundbesitzes zu steuern, war doch in
+dieser Epoche kaum mehr in einer Landschaft des eigentlichen Italien, etwa mit
+Ausnahme der Apenninen- und Abruzzentäler, die Bauernwirtschaft die vorwiegende
+Wirtschaftsweise. Was die Gutswirtschaft anlangt, so ist zwischen der früher
+dargestellten Catonischen und derjenigen, die uns Varro schildert, kein
+wesentlicher Unterschied wahrzunehmen, nur daß die letztere im Guten wie im
+Schlimmen von dem gesteigerten großstädtischen Leben in Rom die Spuren zeigt.
+&ldquo;Sonst&rdquo;, sagt Varro, &ldquo;war die Scheune auf dem Gut größer als
+das Herrenhaus; jetzt pflegt es umgekehrt zu sein.&rdquo; In der tusculanischen
+und tiburtinischen Feldmark, an den Gestaden von Tarracina und Baiae erhoben
+sich da, wo die alten latinischen und italischen Bauernschaften gesät und
+geerntet hatten, jetzt in unfruchtbarem Glanz die Landhäuser der römischen
+Großen, von denen manches mit den dazu gehörigen Gartenanlagen und
+Wasserleitungen, den Süß- und Salzwasserreservoirs zur Aufbewahrung und
+Züchtung von Fluß- und Seefischen, den Schnecken- und Siebenschläferzüchtungen,
+den Wildschonungen zur Hegung von Hasen, Kaninchen, Hirschen, Rehen und
+Wildschweinen und den Vogelhäusern, in denen selbst Kraniche und Pfauen
+gehalten wurden, den Raum einer mäßigen Stadt bedeckte. Aber der großstädtische
+Luxus macht auch manche fleißige Hand reich und ernährt mehr Arme als die
+almosenspendende Menschenliebe. Jene Vogelhäuser und Fischteiche der vornehmen
+Herren waren natürlich in der Regel eine sehr kostspielige Liebhaberei. Allein
+extensiv und intensiv hatte diese Wirtschaft sich so hoch entwickelt, daß zum
+Beispiel der Bestand eines Taubenhauses bis auf 100000 Sesterzen (7600 Taler)
+geschätzt ward; daß eine rationelle Mästungswirtschaft entstanden war und der
+in den Vogelhäusern gewonnene Dünger landwirtschaftlich in Betracht kam; daß
+ein einziger Vogelhändler auf einmal 5000 Krammetsvögel - denn auch diese wußte
+man zu hegen - das Stück zu 3 Denaren (21 Groschen), ein einziger
+Fischteichbesitzer 2000 Muränen zu liefern imstande war und aus den von Lucius
+Lucullus hinterlassenen Fischen 40000 Sesterzen (3050 Taler) gelöst wurden.
+Begreiflicherweise konnte unter solchen Umständen, wer diese Wirtschaft
+geschäftlich und intelligent betrieb, mit verhältnismäßig geringem
+Anlagekapital sehr hohen Gewinn erzielen. Ein kleiner Bienenzüchter dieser Zeit
+verkaufte von seinem nicht mehr als einen Morgen großen, in der Nähe von
+Falerii gelegenen Thymiangärtchen Jahr aus Jahr ein an Honig für mindestens
+10000 Sesterzen (760 Taler). Der Wetteifer der Obstzüchter ging so weit, daß in
+eleganten Landhäusern die marmorgetäfelte Obstkammer nicht selten zugleich als
+Tafelzimmer eingerichtet, auch wohl gekauftes Prachtobst dort zur Schau als
+eigenes Gewächs gestellt ward. In dieser Zeit wurden auch zuerst die
+kleinasiatische Kirsche und andere ausländische Fruchtbäume in den italischen
+Gärten angepflanzt. Die Gemüsegärten, die Rosen- und Veilchenbeete in Latium
+und Kampanien warfen reichen Ertrag ab und der &ldquo;Naschmarkt&rdquo; (forum
+cupedinis) neben der Heiligen Straße, wo Früchte, Honig und Kränze feilgeboten
+zu werden pflegten, spielte eine wichtige Rolle im hauptstädtischen Leben.
+Überhaupt stand die Gutswirtschaft, Plantagenwirtschaft wie sie war, ökonomisch
+auf einer schwer zu übertreffenden Höhe der Entwicklung. Das Tal von Rieti, die
+Umgegend des Fuciner Sees, die Landschaften am Liris und Volturnus, ja
+Mittelitalien überhaupt, waren landwirtschaftlich in dem blühendsten Zustand;
+selbst gewisse Industrien, die geeignet waren, sich an den Betrieb des Guts
+mittels Sklaven anzuschließen, wurden von den intelligenten Landwirten mit
+aufgenommen und, wo die Verhältnisse günstig waren, Wirtshäuser, Webereien und
+besonders Ziegeleien auf dem Gute angelegt. Die italischen Produzenten,
+namentlich von Wein und Öl, versorgten nicht bloß die italischen Märkte,
+sondern machten auch in beiden Artikeln ansehnliche überseeische
+Ausfuhrgeschäfte. Eine schlichte fachwissenschaftliche Schrift dieser Zeit
+vergleicht Italien einem großen Fruchtgarten; und die Schilderungen, die ein
+gleichzeitiger Dichter von seinem schönen Heimatland entwirft, wo die
+wohlbewässerte Wiese, das üppige Kornfeld, der lustige Rebenhügel von der
+dunklen Zeile der Ölbäume umsäumt wird, wo der Schmuck des Landes, lachend in
+mannigfaltiger Anmut, die holdesten Gärten in seinem Schoße hegt und selber von
+nahrunggebenden Bäumen umkränzt wird diese Schilderungen, offenbar treue
+Gemälde der dem Dichter täglich vor Augen stehenden Landschaft, versetzen uns
+in die blühendsten Striche von Toscana und Terra di lavoro. Die Weidewirtschaft
+freilich, die aus den früher entwickelten Ursachen besonders im Süden und
+Südosten Italiens immer weiter vordrang, war in jeder Beziehung ein
+Rückschritt; allein auch sie nahm doch bis zu einem gewissen Grade teil an der
+allgemeinen Steigerung des Betriebes, wie denn für die Verbesserung der Rassen
+vieles geschah und zum Beispiel Zuchtesel mit 60000 (4600 Taler), 100000 (7570
+Taler), ja 400000 Sesterzen (30000 Taler) bezahlt wurden. Die gediegene
+italische Bodenwirtschaft erzielte in dieser Zeit, wo die allgemeine
+Entwicklung der Intelligenz und die Fülle der Kapitalien sie befruchtete, bei
+weitem glänzendere Resultate als jemals die alte Bauernwirtschaft hatte geben
+können, und ging sogar schon hinaus über die Grenzen Italiens, indem der
+italische Ökonom auch in den Provinzen große Strecken viehzüchtend und selbst
+kornbauend exploitierte.
+</p>
+
+<p>
+Welche Dimensionen aber neben dieser auf dem Ruin der kleinen Bauernschaft
+unnatürlich gedeihenden Gutswirtschaft die Geldwirtschaft angenommen, wie die
+italische Kaufmannschaft mit den Juden um die Wette in alle Provinzen und
+Klientelstaaten des Reiches sich ergossen hatte, alles Kapital endlich in Rom
+zusammenfloß, dafür wird es, nach dem früher darüber Gesagten, hier genügen,
+auf die einzige Tatsache hinzuweisen, daß auf dem hauptstädtischen Geldmarkt
+der regelmäßige Zinsfuß in dieser Zeit sechs vom Hundert, das Geld daselbst
+also um die Hälfte billiger war als sonst durchschnittlich im Altertume.
+</p>
+
+<p>
+Infolge dieser agrarisch wie merkantil auf Kapitalmassen und Spekulation
+begründeten Volkswirtschaft ergab sich das fürchterlichste Mißverhältnis in der
+Verteilung des Vermögens. Die oft gebrauchte und oft gemißbrauchte Rede von
+einem aus Millionären und Bettlern zusammengesetzten Gemeinwesen trifft
+vielleicht nirgends so vollständig zu wie bei dem Rom der letzten Zeit der
+Republik; und nirgends wohl auch ist der Kernsatz des Sklavenstaats, daß der
+reiche Mann, der von der Tätigkeit seiner Sklaven lebt, notwendig respektabel,
+der arme Mann, der von seiner Hände Arbeit lebt, notwendig gemein ist, mit so
+grauenvoller Sicherheit als der unwidersprechliche Grundgedanke des ganzen
+öffentlichen und privaten Verkehrs anerkannt worden ^21. Einen wirklichen
+Mittelstand in unserm Sinne gibt es nicht, wie es denn in keinem vollkommen
+entwickelten Sklavenstaat einen solchen geben kann; was gleichsam als guter
+Mittelstand erscheint und gewissermaßen auch es ist, sind diejenigen reichen
+Geschäftsmänner und Grundbesitzer, die so ungebildet oder auch so gebildet
+sind, um sich innerhalb der Sphäre ihrer Tätigkeit zu bescheiden und vom
+öffentlichen Leben sich fernzuhalten. Unter den Geschäftsmännern, wo die
+zahlreichen Freigelassenen und sonstigen emporgekommenen Leute in der Regel von
+dem Schwindel erfaßt wurden, den vornehmen Mann zu spielen, gab es solcher
+Verständigen nicht allzuviel: ein Musterbild dieser Gattung ist der in den
+Berichten aus dieser Zeit häufig erwähnte Titus Pomponius Atticus, der teils
+mit der großen Gutswirtschaft, welche er in Italien und in Epirus betrieb,
+teils mit seinen durch ganz Italien, Griechenland, Makedonien, Kleinasien sich
+verzweigenden Geldgeschäften ein ungeheures Vermögen gewann, dabei aber
+durchaus der einfache Geschäftsmann blieb, sich nicht verleiten ließ, um ein
+Amt zu werben oder auch nur Staatsgeldgeschäfte zu machen, und, dem geizigen
+Knausern ebenso fern wie dem wüsten und lästigen Luxus dieser Zeit - seine
+Tafel zum Beispiel ward mit 100 Sesterzen (7½ Talern) täglich bestritten -,
+sich genügen ließ an einer bequemen, die Anmut des Land- und des Stadtlebens,
+die Freuden des Verkehrs mit der besten Gesellschaft Roms und Griechenlands und
+jeden Genuß der Literatur und der Kunst sich aneignenden Existenz. Zahlreicher
+und tüchtiger waren die italischen Gutsbesitzer alten Schlages. Die
+gleichzeitige Literatur bewahrt in der Schilderung des Sextus Roscius, der bei
+den Proskriptionen 673 (81) mitermordet ward, das Bild eines solchen
+Landedelmanns (pater familias rusticanus); sein Vermögen, angeschlagen auf 6
+Mill. Sesterzen (457000 Taler), ist wesentlich angelegt in seinen dreizehn
+Landgütern; die Wirtschaft betreibt er selbst rationell und mit Leidenschaft;
+nach der Hauptstadt kommt er selten oder nie, und wenn er dort erscheint, so
+sticht er mit seinen ungehobelten Manieren nicht minder von dem feinen Senator
+ab wie die zahllosen Scharen seiner rauben Ackerknechte von dem zierlichen
+hauptstädtischen Bedientenschwarm. Mehr als die kosmopolitisch gebildeten
+Adelskreise und der überall und nirgends heimische Kaufmannsstand bewahrten
+diese Gutsbesitzer und die wesentlich durch dieselben gehaltenen
+&ldquo;Ackerstädte&rdquo; (municipia rusticana) sowohl die Zucht und Sitte der
+Väter als auch deren reine und edle Sprache. Der Gutsbesitzerstand gilt als der
+Kern der Nation; der Spekulant, der sein Vermögen gemacht hat und unter die
+Notabeln des Landes einzutreten wünscht, kauft sich an und sucht wenn nicht
+selbst Squire zu werden, doch wenigstens einen Sohn dazu zu erziehen. Den
+Spuren dieser Gutsbesitzerschaft begegnen wir, wo in der Politik eine
+volkstümliche Regung sich zeigt und wo die Literatur einen grünen Sproß treibt:
+aus ihr sog die patriotische Opposition gegen die neue Monarchie ihre beste
+Kraft; ihr gehören Varro, Lucretius, Catullus an; und vielleicht nirgends tritt
+die relative Frische dieser Gutsbesitzerexistenz charakteristischer hervor als
+in der anmutigen arpinatischen Einleitung zu dem zweiten Buche der Schrift
+Ciceros von den Gesetzen, einer grünen Oase in der fürchterlichen Öde dieses
+ebenso leeren wie voluminösen Skribenten.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^21 Charakteristisch ist die folgende Auseinandersetzung in Ciceros
+&lsquo;Pflichtenlehre&rsquo; (off. 1, 42): &ldquo;Darüber, welche Geschäfte und
+Erwerbszweige als anständig gelten können und welche als gemein, herrschen im
+allgemeinen folgende Vorstellungen. Bescholten sind zunächst die Erwerbszweige,
+wobei man den Haß des Publikums sich zuzieht, wie der der Zolleinnehmer, der
+der Geldverleiher. Unanständig und gemein ist auch das Geschäft der
+Lohnarbeiter, denen ihre körperliche, nicht ihre Geistesarbeit bezahlt wird;
+denn für diesen selben Lohn verkaufen sie gleichsam sich in die Sklaverei.
+Gemeine Leute sind auch die von dem Kaufmann zu sofortigem Verschleiß
+einkaufenden Trödler; denn sie kommen nicht fort, wenn sie nicht über alle
+Maßen lügen, und nichts ist minder ehrenhaft als der Schwindel. Auch die
+Handwerker treiben sämtlich gemeine Geschäfte; denn man kann nicht Gentleman
+sein in der Werkstatt. Am wenigsten ehrbar sind die Handwerker, die der
+Schlemmerei an die Hand gehen, zum Beispiel: &lsquo;Wurstmacher,
+Salzfischhändler, Koch, Geflügelverkäufer, Fischer&rsquo; mit Terenz (Eun. 2,
+2, 26) zu reden; dazu noch etwa die Parfümerienhändler, die Tanzmeister und die
+ganze Sippschaft der Spielbuden. Diejenigen Erwerbszweige aber, welche entweder
+eine höhere Bildung voraussetzen oder einen nicht geringen Ertrag abwerfen, wie
+die Heilkunst, die Baukunst, der Unterricht in anständigen Gegenständen, sind
+anständig für diejenigen, deren Stande sie angemessen sind. Der Handel aber,
+wenn er Kleinhandel ist, ist gemein; der große Kaufmann freilich, der aus den
+verschiedensten Ländern eine Menge von Waren einführt und sie an eine Menge von
+Leuten ohne Schwindel absetzt, ist nicht gerade sehr zu schelten; ja wenn er,
+des Gewinstes satt oder vielmehr mit dem Gewinste zufrieden, wie oft zuvor vom
+Meere in den Hafen, so schließlich aus dem Hafen selbst zu Grundbesitz gelangt,
+so darf man wohl mit gutem Recht ihn loben. Aber unter allen Erwerbszweigen ist
+keiner besser, keiner ergiebiger, keiner erfreulicher, keiner dem freien Manne
+anständiger als der Grundbesitz.&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+Also der anständige Mann muß streng genommen Gutsbesitzer sein; das
+Kaufmannsgewerbe passiert ihm nur, insofern es Mittel zu diesem letzten Zweck
+ist, die Wissenschaft als Profession nur den Griechen und den nicht den
+herrschenden Ständen angehörigen Römern, welche damit sich in den vornehmen
+Kreisen allenfalls für ihre Person eine gewisse Duldung erkaufen dürfen. Es ist
+die vollkommen ausgebildete Plantagenbesitzeraristokratie, mit einer starken
+Schattierung von kaufmännischer Spekulation und einer leisen Nuance von
+allgemeiner Bildung.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Aber die gebildete Kaufmannschaft und der tüchtige Gutsbesitzerstand wird weit
+überwuchert von den beiden tonangebenden Klassen der Gesellschaft: dem
+Bettelvolk und der eigentlichen vornehmen Welt. Wir haben keine statistischen
+Ziffern, um das relative Maß der Armut und des Reichtums für diese Epoche
+scharf zu bezeichnen; doch darf hier wohl wieder an die Äußerung erinnert
+werden, die etwa fünfzig Jahre früher ein römischer Staatsmann tat: daß die
+Zahl der Familien von festgegründetem Reichtum innerhalb der römischen
+Bürgerschaft nicht auf 2000 sich belaufe. Die Bürgerschaft war seitdem eine
+andere geworden; aber daß das Mißverhältnis zwischen arm und reich sich
+wenigstens gleichgeblieben war, dafür sprechen deutliche Spuren. Die
+fortschreitende Verarmung der Menge offenbart sich nur zu grell in dem Zudrang
+zu den Getreidespenden und zur Anwerbung unter das Heer; die entsprechende
+Steigerung des Reichtums bezeugt ausdrücklich ein Schriftsteller dieser
+Generation, indem er, von den Verhältnissen der marianischen Zeit sprechend,
+ein Vermögen von 2 Mill. Sesterzen (152 000 Taler) &ldquo;nach damaligen
+Verhältnissen Reichtum&rdquo; nennt; und ebendahin führen die Angaben, die wir
+über das Vermögen einzelner Individuen finden. Der schwerreiche Lucius Domitius
+Ahenobarbus verhieß zwanzigtausend Soldaten jedem vier Jugera Land aus eigenem
+Besitz; das Vermögen des Pompeius belief sich auf 70 Mill. Sesterzen (5300000
+Taler), das des Schauspielers Aesopus auf 20 (1520000 Taler); Marcus Crassus,
+der reichste der Reichen, besaß am Anfang seiner Laufbahn 7 (530000 Taler), am
+Ausgang derselben nach Verspendung ungeheurer Summen an das Volk 170 Millionen
+Sesterzen (13 Mill. Taler). Die Folgen solcher Armut und solchen Reichtums
+waren nach beiden Seiten eine äußerlich verschiedene, aber wesentlich
+gleichartige ökonomische und sittliche Zerrüttung. Wenn der gemeine Mann einzig
+durch die Unterstützung aus Staatsmitteln vor dem Verhungern gerettet ward, so
+war es die notwendige Folge dieses Bettlerelends, die freilich wechselwirkend
+auch wieder als Ursache auftrat, daß er der Bettlerfaulheit und dem
+bettlerhaften Wohlleben sich ergab. Statt zu arbeiten, gaffte der römische
+Plebejer lieber im Theater; die Schenken und Bordelle hatten solchen Zuspruch,
+daß die Demagogen ihre Rechnung dabei fanden, vorwiegend die Besitzer
+derartiger Etablissements in ihr Interesse zu ziehen. Die Fechterspiele, die
+Offenbarung wie die Nahrung der ärgsten Demoralisation in der alten Welt, waren
+zu solcher Blüte gelangt, daß mit dem Verkauf der Programme derselben ein
+einträgliches Geschäft gemacht ward, und nahmen in dieser Zeit die entsetzliche
+Neuerung auf, daß über Leben und Tod des Besiegten nicht das Duellgesetz oder
+die Willkür des Siegers, sondern die Laune des zuschauenden Publikums entschied
+und nach dessen Wink der Sieger den daniederliegenden Besiegten entweder
+verschonte oder durchbohrte. Das Handwerk des Fechters war so im Preise
+gestiegen oder auch die Freiheit so im Preise gesunken, daß die
+Unerschrockenheit und der Wetteifer, die auf den Schlachtfeldern dieser Zeit
+vermißt wurden, in den Heeren der Arena allgemein waren und, wo das Duellgesetz
+es mit sich brachte, jeder Gladiator lautlos und ohne zu zucken sich
+durchbohren ließ, ja daß freie Männer nicht selten sich den Unternehmern für
+Kost und Lohn als Fechtknechte verkauften. Auch die Plebejer des fünften
+Jahrhunderts hatten gedarbt und gehungert, aber ihre Freiheit hatten sie nicht
+verkauft; und noch weniger würden die Rechtweiser jener Zeit sich dazu
+hergegeben haben, den ebenso sitten- wie rechtswidrigen Kontrakt eines solchen
+Fechtknechts, &ldquo;sich unweigerlich fesseln, peitschen, brennen oder töten
+zu lassen, wenn die Gesetze der Anstalt dies mit sich bringen würden&rdquo;,
+auf unfeinen juristischen Schleichwegen als statthaft und klagbar hinzustellen.
+</p>
+
+<p>
+In der vornehmen Welt kam nun dergleichen nicht vor; aber im Grunde war sie
+kaum anders, am wenigsten besser. Im Nichtstun nahm es der Aristokrat dreist
+mit dem Proletarier auf; wenn dieser auf dem Pflaster lungerte, dehnte jener
+sich bis in den hellen Tag hinein in den Feldern. Die Verschwendung regierte
+hier ebenso maß- wie geschmacklos. Sie warf sich auf die Politik wie auf das
+Theater, natürlich zu beider Verderben: man kaufte das Konsulamt um
+unglaublichen Preis - im Sommer 700 (54) ward allein die erste Stimmabteilung
+mit 10 Mill. Sesterzen (760000 Talern) bezahlt - und verdarb durch den tollen
+Dekorationsluxus dem Gebildeten alle Freude am Bühnenspiel. Die Mietpreise
+scheinen in Rom durchschnittlich vierfach höher als in den Landstädten sich
+gestellt zu haben; ein Haus daselbst ward einmal für 15 Mill. Sesterzen
+(1150000 Taler) verkauft. Das Haus des Marcus Lepidus (Konsul 676 78), als
+Sulla starb, das schönste in Rom, war ein Menschenalter später noch nicht der
+hundertste in der Rangfolge der römischen Paläste. Des mit den Landhäusern
+getriebenen Schwindels ward bereits gedacht; wir finden, daß für ein solches,
+das hauptsächlich seines Fischteiches wegen geschätzt war, 4 Mill. Sesterzen
+(300000 Taler) bezahlt wurden; und der ganz vornehme Mann bedurfte jetzt schon
+wenigstens zweier Landhäuser, eines in den Sabiner- oder Albaner Bergen bei der
+Hauptstadt und eines zweiten in der Nähe der kampanischen Bäder, dazu noch
+womöglich eines Gartens unmittelbar vor den Toren Roms. Noch unsinniger als
+diese Villen- waren die Grabpaläste, von denen einzelne noch bis auf den
+heutigen Tag es bezeugen, welches himmelhohen Quaderhaufens der reiche Römer
+bedurfte, um standesmäßig gestorben zu sein. Die Pferde- und Hundeliebhaber
+fehlten auch nicht; für ein Luxuspferd waren 24000 Sesterzen (1830 Taler) ein
+nicht ungewöhnlicher Preis. Man raffinierte auf Möbel von feinem Holz - ein
+Tisch von afrikanischem Zypressenholz ward mit 1 Mill. Sesterzen (67000 Taler)
+bezahlt; auf Gewänder von Purpurstoffen oder durchsichtiger Gaze und daneben
+auch auf die zierlich vor dem Spiegel zurechtgelegten Falten - der Redner
+Hortensius soll einen Kollegen wegen Injurien belangt haben, weil er ihm im
+Gedränge den Rock zerknittert; auf Edelsteine und Perlen, die zuerst in dieser
+Zeit an die Stelle des alten, unendlich schöneren und kunstvolleren
+Goldschmucks traten: es war schon vollkommenes Barbarentum, wenn bei
+Pompeius&rsquo; Triumph über Mithradates das Bild des Siegers ganz von Perlen
+gearbeitet erschien und wenn man im Speisesaal die Sofas und die Etageren mit
+Silber beschlagen, ja das Küchengeschirr von Silber fertigen ließ. Gleicher Art
+ist es, wenn die Sammler dieser Zeit aus den alten Silberbechern die
+kunstvollen Medaillons herausbrachen um sie in goldene Gefäße
+wiedereinzusetzen. Auch der Reiseluxus ward nicht vermißt. &ldquo;Wenn der
+Statthalter reiste&rdquo;, erzählt Cicero von einem der sizilischen, &ldquo;was
+natürlich im Winter nicht geschah, sondern erst mit Frühlingsanfang, nicht dem
+des Kalenders, sondern dem Anfang der Rosenzeit, so ließ er, wie es bei den
+Königen von Bithynien Brauch war, sich auf einer Achtträgersänfte befördern,
+sitzend auf Kissen von maltesischer Gaze und mit Rosenblättern gestopft, einen
+Kranz auf dem Kopf, einen zweiten um den Hals geschlungen, ein feines,
+leinenes, kleingetüpfeltes, mit Rosen angefülltes Riechsäckchen an die Nase
+haltend; und so ließ er bis vor sein Schlafzimmer sich tragen.&rdquo; Aber
+keine Gattung des Luxus blühte so wie die roheste von allen, der Luxus der
+Tafel. Die ganze Villeneinrichtung und das ganze Villenleben lief schließlich
+hinaus auf das Dinieren; man hatte nicht bloß verschiedene Tafelzimmer für
+Winter und Sommer, sondern auch in der Bildergalerie, in der Obstkammer, im
+Vogelhaus wurde serviert oder auf einer im Wildpark aufgeschlagenen Estrade, um
+welche dann, wenn der bestellte &ldquo;Orpheus&rdquo; im Theaterkostüm erschien
+und Tusch blies, die dazu abgerichteten Rehe und Wildschweine sich drängten. So
+ward für Dekoration gesorgt, aber die Realität darüber durchaus nicht
+vergessen. Nicht bloß der Koch war ein graduierter Gastronom, sondern oft
+machte der Herr selbst den Lehrmeister seiner Köche. Längst war der Braten
+durch Seefische und Austern in den Schatten gestellt; jetzt waren die
+italischen Flußfische völlig von der guten Tafel verbannt und galten die
+italischen Delikatessen und die italischen Weine fast für gemein. Es wurden
+jetzt schon bei Volksfesten außer dem italischen Falerner drei Sorten
+ausländischen Weines - Sizilianer, Lesbier, Chier - verteilt, während ein
+Menschenalter zuvor es auch bei großen Schmäusen genügt hatte, einmal
+griechischen Wein herumzugeben; in dem Keller des Redners Hortensius fand sich
+ein Lager von 10000 Krügen (zu 33 Berliner Quart) fremden Weines. Es war kein
+Wunder, daß die italischen Weinbauer anfingen, über die Konkurrenz der
+griechischen Inselweine zu klagen. Kein Naturforscher kann eifriger die Länder
+und Meere nach neuen Tieren und Pflanzen durchsuchen, als es von den
+Eßkünstlern jener Zeit wegen neuer Küchenelegantien geschah ^22. Wenn dann der
+Gast, um den Folgen der ihm vorgesetzten Mannigfaltigkeiten zu entgehen, nach
+der Mahlzeit ein Vomitiv nahm, so fiel dies niemand mehr auf. Die Debauche
+aller Art ward so systematisch und so schwerfällig, daß sie ihre Professoren
+fand, die davon lebten, vornehmen Jünglingen theoretisch und praktisch als
+Lastermeister zu dienen. Es wird nicht nötig sein, bei diesem wüsten Gemälde
+eintönigster Mannigfaltigkeit noch länger zu verweilen; um so weniger, als ja
+auch auf diesem Gebiet die Römer nichts weniger als originell waren und sich
+darauf beschränkten, von dem hellenisch-orientalischen Luxus eine noch maß- und
+noch geistlosere Kopie zu liefern. Natürlich verschlingt Plutos seine Kinder so
+gut wie Kronos; die Konkurrenz um alle jene meist nichtigen Gegenstände
+vornehmer Begehrlichkeit trieb die Preise so in die Höhe, daß den mit dem
+Strome Schwimmenden in kurzer Zeit das kolossalste Vermögen zerrann und auch
+diejenigen, die nur Ehren halber das Notwendigste mitmachten, den ererbten und
+festgegründeten Wohlstand rasch sich unterhöhlen sahen. Die Bewerbung um das
+Konsulat zum Beispiel war die gewöhnliche Landstraße zum Ruin angesehener
+Häuser; und fast dasselbe gilt von den Spielen, den großen Bauten und all jenen
+andern, zwar lustigen, aber teuren Metiers. Der fürstliche Reichtum jener Zeit
+wird nur von der noch fürstlicheren Verschuldung überboten: Caesar schuldete um
+692 (62) nach Abzug seiner Aktiva 25 Mill. Sesterzen (1900000 Taler), Marcus
+Antonius als Vierundzwanzigjähriger 6 Mill. Sesterzen (460000 Taler), vierzehn
+Jahre später 40 (3 Mill. Taler), Curio 60 (4½ Mill. Taler), Milo 70 Mill. (5½
+Mill. Taler). Wie durchgängig jenes verschwenderische Leben und Treiben der
+vornehmen römischen Welt auf Kredit beruhte, davon zeugt die Tatsache, daß
+durch die Anleihen der verschiedenen Konkurrenten um das Konsulat einmal in Rom
+der Monatzins plötzlich von vier auf acht vom Hundert aufschlug. Die Insolvenz,
+statt rechtzeitig den Konkurs oder doch die Liquidation herbeizuführen und
+damit wenigstens wieder ein klares Verhältnis herzustellen, ward in der Regel
+von dem Schuldner, solange es irgend ging, verschleppt; statt seine Habe,
+namentlich seine Grundstücke zu verkaufen, fuhr er fort, zu borgen und den
+Scheinreichen weiter zu spielen, bis denn der Krach nur um so ärger kam und
+Konkurse ausbrachen wie zum Beispiel der des Milo, bei dem die Gläubiger etwas
+über vier vom Hundert der liquidierten Summen erhielten. Es gewann bei diesem
+rasend schnellen Umschlagen vom Reichtum zum Bankrott und diesem systematischen
+Schwindel natürlich niemand als der kühle Bankier, der es verstand, Kredit zu
+geben und zu verweigern. So kamen denn die Kreditverhältnisse fast auf
+demselben Punkte wieder an, wo sie in den schlimmsten Zeiten der sozialen Krise
+des fünften Jahrhunderts gestanden hatten: die nominellen Grundeigentümer waren
+gleichsam die Bittbesitzer ihrer Gläubiger, die Schuldner entweder ihren
+Gläubigern knechtisch untertan, so daß die geringeren von ihnen, gleich den
+Freigelassenen, in dem Gefolge derselben erschienen, die vornehmeren selbst im
+Senat nach dem Wink ihres Schuldherrn sprachen und stimmten, oder auch im
+Begriff, dem Eigentum selbst den Krieg zu erklären und ihre Gläubiger entweder
+durch Drohungen zu terrorisieren oder gar sich ihrer durch Komplott und
+Bürgerkrieg zu entledigen. Auf diesen Verhältnissen ruhte die Macht des
+Crassus; aus ihnen entsprangen die Aufläufe, deren Signal das &ldquo;freie
+Folium&rdquo; war, des Cinna und bestimmter noch des Catilina, des Caelius, des
+Dolabella, vollkommen gleichartig jenen Schlachten der Besitzenden und
+Nichtbesitzenden, die ein Jahrhundert zuvor die hellenische Welt bewegten. Daß
+bei so unterhöhlten ökonomischen Zuständen jede finanzielle oder politische
+Krise die entsetzlichste Verwirrung hervorrief, lag in der Natur der Dinge: es
+bedarf kaum gesagt zu werden, daß die gewöhnlichen Erscheinungen: das
+Verschwinden des Kapitals, die plötzliche Entwertung der Grundstücke, zahllose
+Bankrotte und eine fast allgemeine Insolvenz, ebenwie während des
+Bundesgenössischen und Mithradatischen, so auch jetzt während des Bürgerkrieges
+sich einstellten.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^22 Wir haben noch (Macr. Sat. 3, 13) den Speisezettel derjenigen Mahlzeit,
+welche Lucius Lentulus Niger vor 691 (63) bei Antritt seines Pontifikats gab
+und an der die Pontifices - darunter Caesar -, die Vestalischen Jungfrauen und
+einige andere Priester und nah verwandte Damen Anteil nahmen. Vor der Mahlzeit
+kamen Meerigel; frische Austern soviel die Gäste wollten; Gienmuscheln;
+Lazarusklappen; Krammetsvögel mit Spargeln; gemästetes Huhn; Auster- und
+Muschelpastete; schwarze und weiße Meereicheln; noch einmal Lazarusklappen;
+Glykymarismuscheln; Nesselmuscheln; Feigenschnepfen; Rehrippen; Schweinsrippen;
+Geflügel in Mehl gebacken; Feigenschnepfen; Purpurmuscheln, zwei Sorten. Die
+Mahlzeit selbst bestand aus Schweinsbrust, Schweinskopf; Fischpastete;
+Schweinspastete; Enten; Kriechenten gekocht; Hasen; gebratenem Geflügel;
+Kraftmehlbackwerk; pontischem Backwerk.
+</p>
+
+<p>
+Das sind die Kollegienschmäuse, von denen Varro (rust. 3, 2, 16) sagt, daß sie
+die Preise aller Delikatessen in die Höhe trieben. Derselbe zählt in einer
+seiner Satiren als die namhaftesten ausländischen Delikatessen folgende auf:
+Pfauen von Samos; Haselhühner aus Phrygien; Kraniche von Melos; Zicklein von
+Ambrakia; Thunfische von Kalchedon; Muränen aus der Gaditanischen Meerenge;
+Edelfische (?) von Pessinus. Austern und Muscheln von Tarent; Störe (?) von
+Rhodos; Scarusfische (?) von Kilikien; Nüsse von Thasos; Datteln aus Ägypten;
+spanische Eicheln.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Daß Sittlichkeit und Familienleben unter solchen Verhältnissen in allen
+Schichten der Gesellschaft zur Antiquität wurden, versteht sich von selbst. Es
+war nicht mehr der ärgste Schimpf und das schlimmste Verbrechen, arm zu sein,
+sondern das einzige: um Geld verkaufte der Staatsmann den Staat, der Bürger
+seine Freiheit; um Geld war die Offizierstelle wie die Kugel des Geschworenen
+feil; um Geld gab die vornehme Dame so gut sich preis wie die gemeine Dirne;
+Urkundenfälschung und Meineide waren so gemein geworden, daß bei einem
+Volkspoeten dieser Zeit der Eid &ldquo;das Schuldenpflaster&rdquo; heißt. Man
+hatte vergessen, was Ehrlichkeit war; wer eine Bestechung zurückwies, galt
+nicht für einen rechtschaffenen Mann, sondern für einen persönlichen Feind. Die
+Kriminalstatistik aller Zeiten und Länder wird schwerlich ein Seitenstück
+bieten zu einem Schaudergemälde so mannigfaltiger, so entsetzlicher und so
+widernatürlicher Verbrechen, wie es der Prozeß des Aulus Cluentius in dem Schoß
+einer der angesehensten Familien einer italischen Ackerstadt vor uns aufrollt.
+</p>
+
+<p>
+Wie aber im tiefen Grunde des Volkslebens der Schlamm immer giftiger und immer
+bodenloser sich sammelte, so legte sich um so viel glatter und gleißender über
+die Oberfläche der Firnis feiner Sitten und allgemeiner Freundschaft. Alle Welt
+besuchte sich einander, so daß in den vornehmen Häusern es schon nötig wird,
+die jeden Morgen zum Lever sich einstellenden Personen in einer gewissen, von
+dem Herrn oder gelegentlich auch dem Kammerdiener festgesetzten Reihenfolge
+vorzulassen, auch nur den namhafteren einzeln Audienz zu geben, die übrigen
+aber teils in Gruppen, teils schließlich in Masse abzufertigen, mit welcher
+Scheidung Gaius Gracchus, auch hierin der Pfadfinder der neuen Monarchie,
+vorangegangen sein soll. Eine ebenso große Ausdehnung wie die
+Höflichkeitsbesuche hat auch der Höflichkeitsbriefwechsel gewonnen; zwischen
+Personen, die weder ein persönliches Verhältnis noch Geschäfte miteinander
+haben, fliegen dennoch die &ldquo;freundschaftlichen&rdquo; Briefe über Land
+und Meer, und umgekehrt kommen eigentliche und förmliche Geschäftsbriefe fast
+nur da noch vor, wo das Schreiben an eine Korporation gerichtet ist. In der
+gleichen Weise werden die Einladungen zur Tafel, die üblichen
+Neujahrsgeschenke, die häuslichen Feste ihrem Wesen entfremdet und fast in
+öffentliche Festlichkeiten verwandelt; ja, der Tod selbst befreit nicht von
+diesen Rücksichten auf die unzähligen &ldquo;Nächsten&rdquo;, sondern, um
+anständig gestorben zu sein, muß der Römer jeden derselben wenigstens mit einem
+Andenken bedacht haben. Ebenwie in gewissen Kreisen unserer Börsenwelt war der
+eigentliche innige häusliche und hausfreundliche Zusammenhang dem damaligen Rom
+so vollständig abhanden gekommen, daß mit den inhaltlos gewordenen Formen und
+Floskeln desselben der gesamte Geschäfts- und Bekanntenverkehr sich staffieren
+und dann allmählich an die Stelle der wirklichen jenes Gespenst der
+&ldquo;Freundschaft&rdquo; treten konnte, welches unter den mancherlei über den
+Ächtungen und Bürgerkriegen dieser Zeit schwebenden Höllengeistern nicht den
+letzten Platz einnimmt.
+</p>
+
+<p>
+Ein ebenso charakteristischer Zug in dem schimmernden Verfall dieser Zeit ist
+die Emanzipation der Frauenwelt. ökonomisch hatten die Frauen längst sich
+selbständig gemacht; in der gegenwärtigen Epoche begegnen schon eigene
+Frauenanwälte, die einzelnstehenden reichen Damen bei ihrer Vermögensverwaltung
+und ihren Prozessen dienstbeflissen zur Hand gehen, durch Geschäfts- und
+Rechtskenntnis ihnen imponieren und damit reichlichere Trinkgelder und
+Erbschaftsquoten herausschlagen als andere Pflastertreter der Börse. Aber nicht
+bloß der ökonomischen Vormundschaft des Vaters oder des Mannes fühlten die
+Frauen sich entbunden. Liebeshändel aller Art waren beständig auf dem Tapet.
+Ballettänzerinnen (mimae) nahmen an Mannigfaltigkeit und Virtuosität ihrer
+Industrien mit den heutigen es vollkommen auf; ihre Primadonnen, die Cytheris
+und wie sie weiter heißen, beschmutzen selbst die Blätter der Geschichte. Indes
+ihrem gleichsam konzessionierten Gewerbe tat sehr wesentlichen Abbruch die
+freie Kunst der Damen der aristokratischen Kreise. Liaisons in den ersten
+Häusern waren so häufig geworden, daß nur ein ganz ausnehmendes Ärgernis sie
+zum Gegenstand besonderen Klatsches machen konnte; ein gerichtliches
+Einschreiten nun gar schien beinahe lächerlich. Ein Skandal ohnegleichen, wie
+ihn Publius Clodius 693 (61) bei dem Weiberfest im Hause des Oberpontifex
+aufführte, obwohl tausendmal ärger als die Vorfälle, die noch fünfzig Jahre
+zuvor zu einer Reihe von Todesurteilen geführt hatten, ging fast ohne
+Untersuchung und ganz ohne Strafe hin. Die Badesaison - im April, wo die
+Staatsgeschäfte ruhten und die vornehme Welt in Baiae und Puteoli
+zusammenströmte - zog ihren Hauptreiz mit aus den erlaubten und unerlaubten
+Verhältnissen, die neben Musik und Gesang und eleganten Frühstücken im Nachen
+oder am Ufer die Gondelfahrten belebten. Hier herrschten die Damen
+unumschränkt; indes begnügten sie sich keineswegs mit dieser ihnen von Rechts
+wegen zustehenden Domäne, sondern sie machten auch Politik, erschienen in
+Parteizusammenkünften und beteiligten sich mit ihrem Geld und ihren Intrigen an
+dem wüsten Koterietreiben der Zeit. Wer diese Staatsmänninnen auf der Bühne
+Scipios und Catos agieren sah und daneben den jungen Elegant, wie er mit
+glattem Kinn, feiner Stimme und trippelndem Gang, mit Kopf- und Busentüchern,
+Manschettenhemden und Frauensandalen das lockere Dirnchen kopierte, dem mochte
+wohl grauen vor der unnatürlichen Welt, in der die Geschlechter die Rollen
+schienen wechseln zu wollen. Wie man in den Kreisen dieser Aristokratie über
+Ehescheidung dachte, läßt das Verfahren ihres besten und sittlichsten Mannes
+Marcus Cato erkennen, der auf Bitten eines heiratslustigen Freundes von seiner
+Frau sich zu scheiden, keinen Anstand nahm und ebensowenig daran, nach dem Tode
+dieses Freundes dieselbe Frau zum zweitenmal zu heiraten. Ehe- und
+Kinderlosigkeit griffen vornehmlich in den höheren Ständen immer weiter um
+sich. Wenn unter diesen die Ehe längst als eine Last galt, die man höchstens im
+öffentlichen Interesse über sich nahm, so begegnen wir jetzt schon auch bei
+Cato und Catos Gesinnungsgenossen der Maxime, aus der ein Jahrhundert zuvor
+Polybios den Verfall von Hellas ableitete: daß es Bürgerpflicht sei, die großen
+Vermögen zusammenzuhalten und darum nicht zu viel Kinder zu zeugen. Wo waren
+die Zeiten, als die Benennung &ldquo;Kinderzeuger&rdquo; (proletarius) für den
+Römer ein Ehrenname gewesen war!
+</p>
+
+<p>
+Infolge dieser sozialen Zustände schwand der latinische Stamm in Italien in
+erschreckender Weise zusammen und legte sich über die schönen Landschaften
+teils die parasitische Einwanderung, teils die reine Öde. Ein ansehnlicher Teil
+der Bevölkerung Italiens strömte in das Ausland. Schon die Summe von
+Kapazitäten und Arbeitskräften, welche die Lieferung von italischen Beamten und
+italischen Besatzungen für das gesamte Mittelmeergebiet in Anspruch nahm,
+überstieg die Kräfte der Halbinsel, zumal da die also in die Fremde gesandten
+Elemente zum großen Teil der Nation für immer verloren gingen. Denn je mehr die
+römische Gemeinde zu einem viele Nationen umfassenden Reiche erwuchs, desto
+mehr entwöhnte sich die regierende Aristokratie, Italien als ihre
+ausschließliche Heimat zu betrachten; von der zum Dienst ausgehobenen oder
+angeworbenen Mannschaft aber ging ein ansehnlicher Teil in den vielen Kriegen,
+namentlich in dem blutigen Bürgerkriege zugrunde, und ein anderer ward durch
+die lange, zuweilen auf ein Menschenalter sich erstreckende Dienstzeit der
+Heimat völlig entfremdet. In gleicher Weise wie der öffentliche Dienst hielt
+die Spekulation einen Teil der Grundbesitzer- und fast die ganze Kaufmannschaft
+wenn nicht auf zeitlebens, doch auf lange Zeit außer Landes fest und entwöhnte
+namentlich die letztere in dem demoralisierenden Handelsreiseleben überhaupt
+der bürgerlichen Existenz im Mutterlande und der vielfach bedingten innerhalb
+der Familie. Als Ersatz dafür erhielt Italien teils das Sklaven- und
+Freigelassenenproletariat, teils die aus Kleinasien, Syrien und Ägypten
+einströmenden Handwerker und Händler, die vornehmlich in der Hauptstadt und
+mehr noch in den Hafenstädten Ostia, Puteoli, Brundisium wucherten. Aber in dem
+größten und wichtigsten Teil Italiens trat nicht einmal ein solcher Ersatz der
+reinen Elemente durch unreine ein, sondern schwand die Bevölkerung sichtlich
+hin. Vor allem galt dies von den Weidelandschaften, wie denn das gelobte Land
+der Viehzucht, Apulien, von Gleichzeitigen der menschenleerste Teil Italiens
+genannt wird, und von der Umgegend Roms, wo die Campagna unter der steten
+Wechselwirkung des zurückgehenden Ackerbaues und der zunehmenden bösen Luft
+jährlich mehr verödete. Labici, Gabii, Bovillae, einst freundliche
+Landstädtchen, waren so verfallen, daß es schwer hielt, Vertreter derselben für
+die Zeremonie des Latinerfestes aufzutreiben. Tusculum, obwohl immer noch eine
+der angesehensten Gemeinden Latiums, bestand fast nur noch aus einigen
+vornehmen Familien, die in der Hauptstadt lebten, aber ihr tusculanisches
+Heimatrecht festhielten, und stand an Zahl der stimmfähigen Bürger weit zurück
+selbst hinter kleinen Gemeinden des inneren Italiens. Der Stamm der
+waffenfähigen Mannschaft war in diesem Landstrich, auf dem einst Roms
+Wehrhaftigkeit wesentlich beruht hatte, so vollständig ausgegangen, daß man die
+im Vergleich mit den gegenwärtigen Verhältnissen fabelhaft klingenden Berichte
+der Chronik von den Äquer- und Volskerkriegen mit Staunen und vielleicht mit
+Grauen las. Nicht überall war es so arg, namentlich nicht in den übrigen Teilen
+Mittelitaliens und in Kampanien: aber dennoch &ldquo;standen&rdquo;, wie Varro
+klagt, durchgängig einst menschenreiche Städte verödet.
+</p>
+
+<p>
+Es ist ein grauenvolles Bild, dies Bild Italiens unter dem Regiment der
+Oligarchie. Zwischen der Welt der Bettler und der Welt der Reichen ist der
+verhängnisvolle Gegensatz durch nichts vermittelt oder gemildert. Je deutlicher
+und peinlicher er auf beiden Seiten empfunden ward, je schwindelnd höher der
+Reichtum stieg, je tiefer der Abgrund der Armut gähnte, desto häufiger ward in
+dieser wechselvollen Welt der Spekulation und des Glücksspiels der einzelne aus
+der Tiefe in die Höhe und wieder aus der Höhe in die Tiefe geschleudert. Je
+weiter äußerlich die beiden Welten auseinanderklafften, desto vollständiger
+begegneten sie sich in der gleichen Vernichtung des Familienlebens, das doch
+aller Nationalität Keim und Kern ist, in der gleichen Faulheit und Üppigkeit,
+der gleichen bodenlosen Ökonomie, der gleichen unmännlichen Abhängigkeit, der
+gleichen, nur im Tarif unterschiedenen Korruption, der gleichen
+Verbrecherentsittlichung, dem gleichen Gelüsten, mit dem Eigentum den Krieg zu
+beginnen. Reichtum und Elend im innigen Bunde treiben die Italiker aus Italien
+aus und füllen die Halbinsel halb mit Sklavengewimmel, halb mit schauerlicher
+Stille. Es ist ein grauenvolles Bild, aber kein eigentümliches; überall, wo das
+Kapitalistenregiment im Sklavenstaat sich vollständig entwickelt, hat es Gottes
+schöne Welt in gleicher Weise verwüstet. Wie die Ströme in verschiedenen Farben
+spiegeln, die Kloake aber überall sich gleich sieht, so gleicht auch das
+Italien der ciceronischen Epoche wesentlich dem Hellas des Polybios und
+bestimmter noch dem Karthago der hannibalischen Zeit, wo in ganz ähnlicher
+Weise das allmächtig regierende Kapital den Mittelstand zugrunde gerichtet, den
+Handel und die Gutswirtschaft zur höchsten Blüte gesteigert und schließlich
+eine gleißend übertünchte sittliche und politische Verwesung der Nation
+herbeigeführt hatte. Alles, was in der heutigen Welt das Kapital an argen
+Sünden gegen Nation und Zivilisation begangen hat, bleibt so tief unter den
+Greueln der alten Kapitalistenstaaten, wie der freie Mann, sei er auch noch so
+arm, über dem Sklaven bleibt; und erst wenn Nordamerikas Drachensaat reift,
+wird die Welt wieder ähnliche Früchte zu ernten haben.
+</p>
+
+<p>
+Diese Leiden, an denen die italische Volkswirtschaft daniederlag, waren ihrem
+tiefsten Kerne nach unheilbar, und was daran noch geheilt werden konnte, mußte
+wesentlich das Volk und die Zeit bessern; denn auch die weiseste Regierung
+vermag so wenig wie der geschickteste Arzt, die verdorbenen Säfte des
+Organismus in frische zu verwandeln oder bei tieferliegenden Übeln mehr zu tun,
+als die Zufälligkeiten abzuwehren, die die Heilkraft der Natur in ihrem Wirken
+hindern. Eine solche Abwehr gewährte an sich schon die friedliche Energie des
+neuen Regiments, durch welche einige der ärgsten Auswüchse von selber
+wegfielen, wie zum Beispiel die künstliche Großziehung des Proletariats, die
+Straflosigkeit der Verbrechen, der Ämterkauf und anderes mehr. Allein etwas
+mehr konnte die Regierung doch tun als bloß nicht schaden. Caesar gehörte nicht
+zu den überklugen Leuten, die das Meer darum nicht eindämmen, weil der
+Springflut doch kein Deich zu trotzen vermag. Es ist besser, wenn die Nation
+und ihre Ökonomie von selbst die naturgemäße Bahn geht; aber da sie aus dieser
+ausgewichen war, so setzte Caesar alle seine Energie ein, um von oben herab die
+Nation in das heimatliche und Familienleben zurückzubringen und die
+Volksökonomie durch Gesetz und Dekret zu reformieren. Um der dauernden
+Abwesenheit der Italiker aus Italien zu steuern und die vornehme Welt und die
+Kaufmannschaft zur Gründung eigener Herde in der Heimat zu veranlassen, wurde
+nicht bloß die Dienstzeit der Soldaten verkürzt, sondern auch den Männern
+senatorischen Standes überhaupt untersagt, anders als in öffentlichen
+Geschäften ihren Aufenthalt außerhalb Italiens zunehmen, den übrigen Italikern
+in heiratsfähigem Alter (vom zwanzigsten bis zum vierzigsten Jahr)
+vorgeschrieben, nicht über drei Jahre hintereinander von Italien abwesend zu
+sein. In demselben Sinn hatte Caesar schon in seinem ersten Konsulat bei
+Gründung der Kolonie Capua die Väter mehrerer Kinder vorzugsweise bedacht und
+setzte nun als Imperator den Vätern zahlreicher Familien außerordentliche
+Belohnungen aus, während er zugleich als oberster Richter der Nation Scheidung
+und Ehebruch mit einem nach römischen Begriffen unerhörten Rigorismus
+behandelte. Er verschmähte es sogar nicht, ein detailliertes Luxusgesetz zu
+erlassen, das unter anderm die Bauverschwendung wenigstens in einem ihrer
+unsinnigsten Auswüchse, den Grabmonumenten, beschnitt, den Gebrauch von
+Purpurgewändern und Perlen auf gewisse Zeiten, Alters- und Rangklassen
+beschränkte und ihn erwachsenen Männern ganz untersagte, dem Tafelaufwand ein
+Maximum setzte und eine Anzahl Luxusgerichte geradezu verbot. Dergleichen
+Verordnungen waren freilich nicht neu; neu aber war es, daß der
+&ldquo;Sittenmeister&rdquo; ernstlich über deren Befolgung hielt, die
+Eßwarenmärkte durch bezahlte Aufpasser überwachte, ja, den vornehmen Herren
+durch seine Gerichtsdiener die Tafel revidieren und die verbotenen Schüsseln
+auf dieser selbst konfiszieren ließ. Durch solche theoretische und praktische
+Unterweisung in der Mäßigkeit, welche die neue monarchische Polizei der
+vornehmen Welt erteilte, konnte freilich kaum mehr erreicht werden, als daß der
+Luxus sich etwas mehr in die Verborgenheit zurückzog; allein wenn die Heuchelei
+die Huldigung ist, die das Laster der Tugend darbringt, so war unter den
+damaligen Verhältnissen selbst eine polizeilich hergestellte Scheinehrbarkeit
+ein nicht zu verachtender Fortschritt zum Bessern.
+</p>
+
+<p>
+Ernsterer Art waren und mehr Erfolg versprachen die Maßregeln Caesars zur
+besseren Regulierung der italischen Geld- und Bodenwirtschaft. Zunächst
+handelte es sich hier um transitorische Bestimmungen hinsichtlich des
+Geldmangels und der Schuldenkrise überhaupt. Das durch den Lärm über die
+zurückgehaltenen Kapitalien hervorgerufene Gesetz, daß niemand über 60000
+Sesterzen (4600 Taler) an barem Gold und Silber vorrätig haben dürfe, mag wohl
+nur erlassen sein, um den Zorn des blinden Publikums gegen die Wucherer zu
+beschwichtigen; die Form der Publikation, wobei fingiert ward, daß hiermit nur
+ein älteres, in Vergessenheit geratenes Gesetz wieder eingeschärft werde, zeigt
+es, daß Caesar dieser Verfügung sich schämte, und schwerlich wird von ihr
+wirklich Anwendung gemacht sein. Eine weit ernstere Frage war die Behandlung
+der schwebenden Forderungen, deren vollständigen Erlaß die Partei, die sich die
+seine nannte, von Caesar mit Ungestüm begehrte. Daß derselbe auf dieses
+Begehren so nicht einging, ward schon gesagt; indes wurden doch, und zwar schon
+im Jahre 705 (49), den Schuldnern zwei wichtige Zugeständnisse gemacht. Einmal
+wurden die rückständigen Zinsen niedergeschlagen ^23 und die gezahlten vom
+Kapital abgezogen. Zweitens ward der Gläubiger genötigt, die bewegliche und
+unbewegliche Habe des Schuldners an Zahlungs Statt nach demjenigen Taxwert
+anzunehmen, welchen die Sachen vor dem Bürgerkrieg und der durch denselben
+herbeigeführten allgemeinen Entwertung gehabt hatten. Die letztere Festsetzung
+war nicht unbillig; wenn der Gläubiger tatsächlich als der Eigentümer der Habe
+seines Schuldners bis zum Belauf der ihm geschuldeten Summe anzusehen war, so
+war es wohl gerechtfertigt, daß er an der allgemeinen Entwertung des Besitzes
+seinen Anteil mittrug. Dagegen die Annullierung der geleisteten oder
+ausstehenden Zinszahlungen, durch welche der Sache nach die Gläubiger außer den
+Zinsen selbst von dem, was sie zur Zeit der Erlassung des Gesetzes an Kapital
+zu fordern hatten, durchschnittlich 25 Prozent einbüßten, war in der Tat nichts
+anderes als eine teilweise Gewährung der von den Demokraten so ungestüm
+begehrten Kassation der aus Darlehen herrührenden Forderungen; und wie arg auch
+die Zinswucherer gewirtschaftet haben mochten, so ist es doch nicht möglich,
+damit die rückwirkende Vernichtung aller Zinsforderungen ohne Unterschied zu
+rechtfertigen. Um diese Agitation wenigstens zu begreifen, muß man sich
+erinnern, wie die demokratische Partei zu der Zinsfrage stand. Das gesetzliche
+Verbot, Zinsen zu nehmen, das die alte Plebejeropposition im Jahre 412 (342)
+erzwungen hatte, war zwar durch die mittels der Prätur den Zivilprozeß
+beherrschende Nobilität tatsächlich außer Anwendung gesetzt, aber doch formell
+seit jener Zeit in Gültigkeit geblieben; und die Demokraten des siebenten
+Jahrhunderts, die sich durchaus als die Fortsetzer jener alten
+ständisch-sozialen Bewegung betrachteten, hatten die Nichtigkeit der
+Zinszahlungen zu jeder Zeit behauptet, auch schon in den Wirren der
+marianischen Zeit dieselbe wenigstens vorübergehend praktisch geltend gemacht.
+Es ist nicht glaublich, daß Caesar die kruden Ansichten seiner Partei über die
+Zinsfrage teilte; wenn er in seinem Bericht über die Liquidationsangelegenheit
+der Verfügung über die Hingabe der Habe der Schuldner an Zahlungs Statt
+gedenkt, aber von der Kassation der Zinsen schweigt, so ist dies vielleicht ein
+stummer Selbstvorwurf. Allein wie jeder Parteiführer hing doch auch er von
+seiner Partei ab und konnte die traditionellen Sätze der Demokratie in der
+Zinsfrage nicht geradezu verleugnen; um so mehr, als er über diese Frage nicht
+als der allmächtige Sieger von Pharsalos, sondern schon vor seinem Abgang nach
+Epirus zu entscheiden hatte. Wenn er aber diesen Bruch in die Rechtsordnung und
+das Eigentum vielleicht mehr zuließ als bewirkte, so ist es sicher sein
+Verdienst, daß jenes ungeheuerliche Begehren der Kassation sämtlicher
+Darlehnsforderungen zurückgewiesen ward: und es darf wohl als eine Ehrenrettung
+für ihn angesehen werden, daß die Schuldner über das ihnen gemachte, nach ihrer
+Ansicht höchst ungenügende Zugeständnis noch weit ungehaltener waren als die
+verkürzten Gläubiger und unter Caelius und Dolabella jene törichten und, wie
+bereits früher erzählt, rasch vereitelten Versuche machten, das, was Caesar
+ihnen verweigert hatte, durch Krawall und Bürgerkrieg zu erzwingen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^23 Dieses ist zwar nicht überliefert, folgt aber notwendig aus der Gestattung,
+die durch Barzahlung oder Anweisung gezahlten Zinsen (si quid usurae nomine
+numeratum auf perscriptum fuisset: Suet. Caes. 42) als gesetzwidrig gezahlt an
+dem Kapital zu kürzen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Aber Caesar beschränkte sich nicht darauf, dem Schuldner für den Augenblick zu
+helfen, sondern er tat, was er als Gesetzgeber tun konnte, um die fürchterliche
+Allmacht des Kapitals auf die Dauer zu beugen. Vor allen Dingen ward der große
+Rechtssatz proklamiert, daß die Freiheit nicht ein dem Eigentum kommensurables
+Gut ist, sondern ein ewiges Menschenrecht, das der Staat nur dem Schuldigen,
+nicht dem Schuldner abzuerkennen das Recht hat. Es ist Caesar, der, vielleicht
+auch hier angeregt durch die humanere ägyptische und griechische, besonders die
+Solonische Gesetzgebung ^24, dieses den Satzungen der älteren Konkursordnung
+schnurstracks widersprechende Prinzip eingeführt hat in das gemeine Recht, wo
+es seit ihm unangefochten sich behauptet. Nach römischem Landrecht ward der
+zahlungsunfähige Schuldner Knecht seines Gläubigers. Das Poetelische Gesetz
+hatte zwar dem nur durch Verlegenheiten, nicht durch wahre Überschuldung
+augenblicklich zahlungsunfähig Gewordenen verstattet, durch Abtretung seiner
+Habe die persönliche Freiheit zu retten; für den wirklich Überschuldeten jedoch
+war jener Rechtssatz wohl in Nebenpunkten gemildert, aber in der Hauptsache
+durch ein halbes Jahrtausend unverändert festgehalten worden; ein zunächst auf
+das Vermögen gerichteter Konkurs kam nur ausnahmsweise vor dann, wenn der
+Schuldner tot oder seines Bürgerrechts verlustig gegangen oder nicht
+aufzufinden war. Erst Caesar gab dem überschuldeten Manne das Recht, worauf
+noch unsere heutigen Konkursordnungen beruhen: durch förmliche Abtretung der
+Habe an die Gläubiger, mochte sie zu ihrer Befriedigung ausreichen oder nicht,
+allemal seine persönliche Freiheit, wenn auch mit geschmälerten Ehren- und
+politischen Rechten, zu erretten und eine neue Vermögensexistenz zu beginnen,
+in der er wegen der aus der älteren Zeit herrührenden und im Konkurs nicht
+gedeckten Forderungen nur dann eingeklagt werden durfte, wenn er sie bezahlen
+konnte, ohne wiederum sich ökonomisch zu ruinieren. Wenn also dem großen
+Demokraten die unvergängliche Ehre zuteil ward, die persönliche Freiheit
+prinzipiell vom Kapital zu emanzipieren, so versuchte er ferner, die Übermacht
+des Kapitals durch Wuchergesetze auch polizeilich einzudämmen. Die
+demokratische Antipathie gegen die Zinsverträge verleugnete auch er nicht. Für
+den italischen Geldverkehr wurde eine Maximalsumme der dem einzelnen
+Kapitalisten zu gestattenden Zinsdarlehen festgestellt, welche sich nach dem
+einem jeden zuständigen italischen Grundbesitz gerichtet zu haben scheint und
+vielleicht die Hälfte des Wertes desselben betrug. Übertretungen dieser
+Bestimmung wurden, nach Art des in den republikanischen Wuchergesetzen
+vorgeschriebenen Verfahrens, als Kriminalvergehen behandelt und vor eine eigene
+Geschworenenkommission gewiesen. Wenn es gelang, diese Vorschriften praktisch
+durchzuführen, so wurde jeder italische Geschäftsmann dadurch genötigt, vor
+allem zugleich auch italischer Grundbesitzer zu werden, und die Klasse der bloß
+von ihren Zinsen zehrenden Kapitalisten verschwand in Italien gänzlich.
+Mittelbar wurde damit auch die nicht minder schädliche Kategorie der
+überschuldeten und der Sache nach nur für ihre Gläubiger das Gut verwaltenden
+Grundeigentümer wesentlich beschränkt, indem die Gläubiger, wenn sie ihr
+Zinsgeschäft fortführen wollten, gezwungen wurden, selber sich anzukaufen.
+Schon hierin übrigens liegt es, daß Caesar keineswegs jenes naive Zinsverbot
+der alten Popularpartei einfach erneuern, sondern vielmehr das Zinsnehmen
+innerhalb gewisser Grenzen gestatten wollte. Sehr wahrscheinlich aber hat er
+dabei sich nicht auf jene bloß für Italien gültige Anordnung eines
+Maximalsatzes der auszuleihenden Summen beschränkt, sondern auch, namentlich
+mit Rücksicht auf die Provinzen, für die Zinsen selbst Maximalsätze
+vorgeschrieben. Die Verfügungen, daß es unstatthaft sei, höhere Zinsen als eins
+vom Hundert monatlich oder von rückständigen Zinsen wieder Zinsen zu nehmen
+oder endlich an rückständigen Zinsen mehr als eine dem Kapital gleichkommende
+Summe gerichtlich geltend zu machen, wurden, wahrscheinlich ebenfalls nach
+griechisch-ägyptischem Muster ^25, im Römischen Reiche zuerst von Lucius
+Lucullus für Kleinasien aufgestellt und daselbst von seinen besseren
+Nachfolgern beibehalten, sodann bald auch auf andere Provinzen durch
+Statthalterverordnungen übertragen und endlich wenigstens ein Teil derselben
+durch einen Beschluß des römischen Senats vom Jahre 704 (50) mit Gesetzeskraft
+in allen Provinzen versehen. Wenn diese Lucullischen Verfügungen späterhin in
+ihrem vollen Umfang als Reichsgesetz erscheinen und durchaus die Grundlage der
+römischen, ja der heutigen Zinsgesetzgebung geworden sind, so darf auch dies
+vielleicht auf eine Bestimmung Caesars zurückgeführt werden.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^24 Die ägyptischen Königsgesetze (Diod. 1, 79) und ebenso das Solonische Recht
+(Plut. Sol. 13, 15) untersagten die Schuldbriefe, worin auf die Nichtzahlung
+der Verlust der persönlichen Freiheit des Schuldners gesetzt war; und
+wenigstens das letztere legte auch im Falle des Konkurses dem Schuldner nicht
+mehr auf als die Abtretung seiner sämtlichen Aktiva.
+</p>
+
+<p>
+^25 Wenigstens der letztere Satz kehrt wieder in den alten ägyptischen
+Königsgesetzen (Diod. 1, 79). Dagegen kennt das Solonische Recht keine
+Zinsbeschränkungen, erlaubt vielmehr ausdrücklich, Zinsen von jeder beliebigen
+Höhe auszumachen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Hand in Hand mit diesen Bestrebungen, der Kapitalübermacht zu wehren, gingen
+die Bemühungen, die Bodenwirtschaft in diejenige Bahn zurückzuleiten, die dem
+Gemeinwesen die förderlichste war. Sehr wesentlich war hierfür schon die
+Verbesserung der Rechtspflege und der Polizei. Wenn bisher niemand in Italien
+seines Lebens und seines beweglichen oder unbeweglichen Eigentums sicher
+gewesen war, wenn zum Beispiel die römischen Bandenführer in den
+Zwischenzeiten, wo ihre Leute nicht in der Hauptstadt Politik machen halfen, in
+den Wäldern Etruriens dem Raube obgelegen oder auch die Landgüter ihrer
+Soldherren durch Eroberungen arrondiert hatten, so hatte dergleichen Faustrecht
+nunmehr ein Ende; und vor allem die ackerbauende Bevölkerung aller Klassen
+mußte davon die wohltätigen Folgen empfinden. Auch Caesars Baupläne, die sich
+durchaus nicht auf die Hauptstadt beschränkten, waren bestimmt, hier
+einzugreifen; so sollte zum Beispiel die Anlegung einer bequemen Fahrstraße von
+Rom durch die Apenninenpässe zum Adriatischen Meer den italischen Binnenverkehr
+beleben, die Niedrigerlegung des Fuciner Sees der marsischen Bauernschaft
+zugute kommen. Allein auch unmittelbar griff Caesar in die wirtschaftlichen
+Zustände Italiens ein. Den italischen Viehzüchtern wurde auferlegt, wenigstens
+den dritten Teil ihrer Hirten aus freigeborenen, erwachsenen Leuten zu nehmen,
+wodurch zugleich dem Banditenwesen gesteuert und dem freien Proletariat eine
+Erwerbsquelle geöffnet ward. In der agrarischen Frage ging Caesar, der bereits
+in seinem ersten Konsulat in die Lage gekommen war, sie zu regulieren,
+verständiger als Tiberius Gracchus, nicht darauf aus, die Bauernwirtschaft
+wiederherzustellen um jeden Preis, selbst um den einer unter juristischen
+Klauseln versteckten Revolution gegen das Eigentum; ihm wie jedem andern echten
+Staatsmann galt vielmehr als die erste und unverbrüchlichste aller politischen
+Maximen die Sicherheit dessen, was Eigentum ist oder doch im Publikum als
+Eigentum gilt, und nur innerhalb der hierdurch gezogenen Schranken suchte er
+die Hebung des italischen Kleinbesitzes, die auch ihm als eine Lebensfrage der
+Nation erschien, zu bewerkstelligen. Es ließ auch so noch viel in dieser
+Beziehung sich tun. Jedes Privatrecht, mochte es Eigentum oder titulierter
+Erbbesitz heißen, auf Gracchus oder auf Sulla zurückgehen, ward unbedingt von
+ihm respektiert. Dagegen das sämtliche wirkliche Domanialland in Italien, mit
+Einschluß eines ansehnlichen Teils der in den Händen geistlicher Innungen
+befindlichen, rechtlich dem Staate zuständigen Liegenschaften, wurde von
+Caesar, nachdem er in seiner streng sparsamen, auch im kleinen keine
+Verschleuderung und Vernachlässigung duldenden Weise durch die wiedererweckte
+Zwanzigerkommission eine allgemeine Revision der italischen Besitztitel
+veranstaltet hatte, zur Verteilung in gracchanischer Weise bestimmt, natürlich
+soweit es sich zum Ackerbau eignete - die dem Staate gehörigen apulischen
+Sommer- und samnitischen Winterweiden blieben auch ferner Domäne; und es war
+wenigstens die Absicht des Imperators, wenn diese Domänen nicht ausreichen
+würden, das weiter erforderliche Land durch Ankauf italischer Grundstücke aus
+der Staatskasse zu beschaffen. Bei der Auswahl der neuen Bauern wurden
+natürlich vor allen die gedienten Soldaten berücksichtigt und soweit möglich
+die Last, welche die Aushebung für das Mutterland war, dadurch in eine Wohltat
+umgewandelt, daß Caesar den als Rekruten ausgehobenen Proletarier ihm als Bauer
+zurückgab; bemerkenswert ist es auch, daß die verödeten latinischen Gemeinden,
+wie zum Beispiel Veii und Capena, vorzugsweise mit neuen Kolonisten bedacht
+worden zu sein scheinen. Die Vorschrift Caesars, daß die neuen Eigentümer erst
+nach zwanzig Jahren befugt sein sollten, die empfangenen Ländereien zu
+veräußern, war ein glücklicher Mittelweg zwischen der völligen Freigebung des
+Veräußerungsrechts, die den größten Teil des verteilten Landes rasch wieder in
+die Hände der großen Kapitalisten zurückgeführt haben würde, und den bleibenden
+Beschränkungen der Verkehrsfreiheit, wie sie Tiberius Gracchus und Sulla, beide
+gleich vergeblich, verfügt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn also die Regierung energisch dazu tat, die kranken Elemente des italischen
+Volkslebens zu entfernen und die gesunden zu stärken, so sollte endlich das neu
+regulierte Munizipalwesen, nachdem sich dasselbe erst jüngst aus der Krise des
+Bundesgenossenkriegs in und neben dem Staatswesen entwickelt hatte, der neuen
+absoluten Monarchie das mit ihr verträgliche Gemeindeleben mitteilen und die
+stockende Zirkulation der edelsten Elemente des öffentlichen Lebens wieder zu
+rascheren Pulsschlägen erwecken. Als leitender Grundsatz in den beiden im Jahre
+705 (49) für das Cisalpinische Gallien, im Jahre 709 (45) für Italien
+erlassenen Gemeindeordnungen ^26, von denen namentlich die letztere für die
+ganze Folgezeit Grundgesetz blieb, erscheint teils die strenge Reinigung der
+städtischen Kollegien von allen unsittlichen Elementen, während von politischer
+Polizei darin keine Spur vorkommt, teils die möglichste Beschränkung des
+Zentralisierens und die möglichst freie Bewegung der Gemeinden, denen auch
+jetzt noch die Wahl der Beamten und eine wenngleich beschränkte Zivil- und
+Kriminalgerichtsbarkeit verblieb. Die allgemeinen polizeilichen Bestimmungen,
+zum Beispiel die Beschränkungen des Assoziationsrechts, griffen freilich auch
+hier Platz.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^26 Von beiden Gesetzen sind beträchtliche Bruchstücke noch vorhanden.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Dies sind die Ordnungen, durch die Caesar versuchte, die italische
+Volkswirtschaft zu reformieren. Es ist leicht, sowohl ihre Unzulänglichkeit
+darzutun, indem auch sie noch eine Menge von Übelständen bestehen ließen, als
+auch nachzuweisen, daß sie vielfach schädlich wirkten, indem sie die
+Verkehrsfreiheit zum Teil sehr empfindlich beschränkten. Es ist noch leichter
+nachzuweisen, daß die Schäden der italischen Volkswirtschaft überhaupt
+unheilbarer Art waren. Aber trotzdem wird der praktische Staatsmann das Werk
+wie den Meister bewundern. Es war schon etwas, daß da, wo ein Mann wie Sulla,
+an Abhilfe verzweifelnd, mit einer bloß formalen Reorganisation sich begnügt
+hatte, das Übel an seinem eigentlichen Sitze angefaßt und hier mit ihm gerungen
+ward; und wir dürfen wohl urteilen, daß Caesar mit seinen Reformen dem Maße des
+Möglichen so nahe kam, als zu kommen dem Staatsmann und dem Römer gegeben war.
+Die Verjüngung Italiens hat auch er von ihnen nicht erwarten können noch
+erwartet, sondern diese vielmehr auf einem sehr verschiedenen Wege zu erreichen
+gesucht, den darzulegen es nötig wird, zunächst die Lage der Provinzen, wie
+Caesar sie vorfand, ins Auge zu fassen.
+</p>
+
+<p>
+Die Provinzen, welche Caesar vorfand, waren vierzehn an der Zahl; sieben
+europäische: das Jenseitige und das Diesseitige Spanien; das Transalpinische
+Gallien; das Italische Gallien mit Illyricum; Makedonien mit Griechenland;
+Sizilien; Sardinien mit Korsika; fünf asiatische: Asia; Bithynien und Pontus;
+Kilikien mit Kypros; Syrien; Kreta; und zwei afrikanische: Kyrene und Afrika;
+wozu Caesar durch die Einrichtung der beiden neuen Statthalterschaften des
+Lugdunensischen Galliens und Belgiens und durch Konstituierung Illyricums als
+einer eigenen Provinz noch drei neue Sprengel hinzufügte ^27.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^27 Da nach Caesars Ordnung jährlich sechzehn Proprätoren und zwei Prokonsuln
+in die Statthalterschaften sich teilten und die letzteren zwei Jahre im Amt
+blieben, so möchte man schließen daß er die Zahl der Provinzen insgesamt auf
+zwanzig zu bringen beabsichtigte. Zu einer Gewißheit ist indes hier um so
+weniger zu gelangen, als Caesar vielleicht absichtlich weniger Ämter
+einrichtete als Kandidaturen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In dem Regiment über diese Provinzen war die oligarchische Mißwirtschaft auf
+einem Punkte angekommen, wie ihn wenigstens im Okzident, trotz mancher
+achtbarer Leistungen in diesem Fach, keine zweite Regierung jemals erreicht hat
+und wo nach unserer Fassungskraft eine Steigerung nicht mehr möglich scheint.
+Allerdings traf die Verantwortung hierfür die Römer nicht allein. Fast überall
+hatte bereits vor ihnen das griechische, phönikische oder asiatische Regiment
+den Völkern den höheren Sinn und das Rechts- und Freiheitsgefühl besserer
+Zeiten ausgetrieben. Es war wohl arg, daß jeder angeschuldigte Provinziale auf
+Verlangen in Rom persönlich zur Verantwortung sich zu stellen verpflichtet war;
+daß der römische Statthalter beliebig in die Rechtspflege und in die Verwaltung
+der abhängigen Gemeinden eingriff, Bluturteile fällte und Verhandlungen des
+Gemeinderats kassierte; daß er im Kriegsfall mit den Milizen nach Gutdünken und
+oft in schandbarer Weise schaltete, wie zum Beispiel Cotta bei der Belagerung
+des pontischen Herakleia der Miliz alle gefährlichen Posten anwies, um seine
+Italiker zu schonen, und, da die Belagerung nicht nach Wunsch ging, seinen
+Werkmeistern den Kopf vor die Füße zu legen befahl. Es war wohl arg, daß keine
+Vorschrift der Sittlichkeit oder des Strafrechts weder die römischen Vögte noch
+ihr Gefolge band und daß Vergewaltigungen, Schändungen und Ermordungen mit oder
+ohne Form Rechtens in den Provinzen alltägliche Auftritte waren. Allein es war
+dies wenigstens nichts Neues: fast überall war man sklavischer Behandlung
+längst gewohnt und es kam am Ende wenig darauf an, ob ein karthagischer Vogt,
+ein syrischer Satrap oder ein römischer Prokonsul den Lokaltyrannen spielte.
+Das materielle Wohlbefinden, ziemlich das einzige, wofür man in den Provinzen
+noch Sinn hatte, ward durch jene Vorgänge, die zwar bei den vielen Tyrannen
+viele, aber doch nur einzelne Individuen trafen, weit minder gestört als durch
+die auf allen zugleich lastende finanzielle Exploitierung, welche mit solcher
+Energie doch niemals noch aufgetreten war. Die Römer bewährten ihre alte
+Meisterschaft im Geldwesen jetzt auf diesem Gebiet in einer entsetzlichen
+Weise. Es ist früher versucht worden, das römische System der
+Provinzialbelastung in seinen bescheidenen und verständigen Grundlagen wie in
+seiner Steigerung und Verderbung darzustellen. Daß die letztere progressiv
+zunahm, versteht sich von selbst. Die ordentlichen Abgaben wurden weit
+drückender durch die Ungleichheit der Steuerverteilung und durch das verkehrte
+Hebesystem als durch ihre Höhe. Über die Einquartierungslast äußerten römische
+Staatsmänner selbst, daß eine Stadt ungefähr gleich viel leide, wenn der Feind
+sie erstürme und wenn ein römisches Heer Winterquartier in ihr nehme. Während
+die Besteuerung nach ihrem ursprünglichen Charakter die Vergütung für die von
+Rom übernommene Kriegslast gewesen war und die steuernde Gemeinde also ein
+Recht darauf hatte, vom ordentlichen Dienst verschont zu bleiben, wurde jetzt,
+wie zum Beispiel für Sardinien bezeugt ist, der Besatzungsdienst größtenteils
+den Provinzialen aufgebürdet und sogar in den ordentlichen Heeren außer anderen
+Leistungen die ganze schwere Last des Reiterdienstes auf sie abgewälzt. Die
+außerordentlichen Leistungen, wie zum Beispiel die Kornlieferungen gegen
+geringe oder gar keine Vergütung zum Besten des hauptstädtischen Proletariats,
+die häufigen und kostspieligen Flottenrüstungen und Strandverteidigungen, um
+der Piraterie zu steuern, die Aufgaben, Kunstwerke, wilde Bestien oder andere
+Bedürfnisse des wahnwitzigen römischen Theater- und Tierhetzenluxus
+herbeizuschaffen, die militärischen Requisitionen im Kriegsfall, waren ebenso
+häufig wie erdrückend und unberechenbar. Ein einzelnes Beispiel mag zeigen, wie
+weit die Dinge gingen. Während der dreijährigen Verwaltung Siziliens durch
+Gaius Verres sank die Zahl der Ackerwirte in Leontinoi von 84 auf 32, in Motuka
+von 187 auf 86, in Herbita von 252 auf 120, in Agyrion von 250 auf 80; so daß
+in vier der fruchtbarsten Distrikte Siziliens von hundert Grundbesitzern 59
+ihre Äcker lieber brach liegen ließen, als sie unter diesem Regiment
+bestellten. Und diese Ackerwirte waren, wie schon ihre geringe Zahl zeigt und
+auch ausdrücklich gesagt wird, keineswegs kleine Bauern, sondern ansehnliche
+Plantagenbesitzer und zum großen Teil römische Bürger!
+</p>
+
+<p>
+In den Klientelstaaten waren die Formen der Besteuerung etwas verschieden, aber
+die Lasten selbst womöglich noch ärger, da außer den Römern hier auch noch die
+einheimischen Höfe erpreßten. In Kappadokien und Ägypten war der Bauer wie der
+König bankrott und jener den Steuereinnehmer, dieser den römischen Gläubiger zu
+befriedigen außerstande. Dazu kamen denn die eigentlichen Erpressungen nicht
+bloß des Statthalters selbst, sondern auch seiner &ldquo;Freunde&rdquo;, von
+denen jeder gleichsam eine Anweisung auf den Statthalter zu haben meinte und
+ein Anrecht, durch ihn aus der Provinz als ein gemachter Mann zurückzukommen.
+Die römische Oligarchie glich in dieser Beziehung vollständig einer Räuberbande
+und betrieb das Plündern der Provinzialen berufs- und handwerksmäßig: ein
+tüchtiges Mitglied griff nicht allzu säuberlich zu, da man ja mit den
+Sachwaltern und den Geschworenen zu teilen hatte und je mehr, um desto sicherer
+stahl. Auch die Diebesehre war bereits entwickelt: der große Räuber sah auf den
+kleinen, dieser auf den bloßen Dieb geringschätzig herab; wer einmal
+wunderbarerweise verurteilt worden war, tat groß mit der hohen Ziffer der als
+erpreßt ihm nachgewiesenen Summen. So wirtschafteten in den Ämtern die
+Nachfolger jener Männer, die von ihrer Verwaltung nichts nach Hause zu bringen
+gewohnt gewesen als den Dank der Untertanen und den Beifall der Mitbürger.
+</p>
+
+<p>
+Aber womöglich noch ärger und noch weniger einer Kontrolle unterworfen hausten
+die italischen Geschäftsmänner unter den unglücklichen Provinzialen. Die
+einträglichsten Stücke des Grundbesitzes und das gesamte Handels- und Geldwesen
+in den Ämtern konzentrierten sich in ihren Händen. Die Güter in den
+überseeischen Gebieten, welche italischen Vornehmen gehörten, waren allem Elend
+der Verwalterwirtschaft ausgesetzt und sahen niemals ihren Herrn, ausgenommen
+etwa die Jagdparke, welche schon in dieser Zeit im Transalpinischen Gallien mit
+einem Flächeninhalt bis fast zu einer deutschen Quadratmeile vorkommen. Die
+Wucherei florierte wie nie zuvor. Die kleinen Landeigentümer in Illyricum,
+Asia, Ägypten wirtschafteten schon zu Varros Zeit größtenteils tatsächlich als
+Schuldknechte ihrer römischen oder nichtrömischen Gläubiger, ebenwie einst die
+Plebejer für ihre patrizischen Zinsherren. Es kam vor, daß Kapitalien selbst an
+Stadtgemeinden zu vier Prozent monatlich verborgt wurden. Es war etwas
+Gewöhnliches, daß ein energischer und einflußreicher Geschäftsmann zu besserer
+Betreibung seiner Geschäfte entweder vom Senat sich den Gesandten- ^28 oder
+auch vom Statthalter den Offizierstitel geben ließ und womöglich auch
+Mannschaft dazu; in beglaubigter Weise wird ein Fall erzählt, wo einer dieser
+ehrenwerten kriegerischen Bankiers wegen einer Forderung an die Stadt Salamis
+auf Kypros den Gemeinderat derselben im Rathaus so lange blockiert hielt, bis
+fünf der Ratsmitglieder Hungers gestorben waren.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^28 Dies ist die sogenannte &ldquo;freie Gesandtschaft&rdquo; (libera legatio),
+nämlich eine Gesandtschaft ohne eigentliche öffentliche Aufträge.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Zu dieser gedoppelten Pressung, von denen jede allein unerträglich war und
+deren Ineinandergreifen immer besser sich regulierte, kamen dann die
+allgemeinen Drangsale hinzu, von denen doch auch die römische Regierung die
+Schuld, zum großen Teil wenigstens mittelbar trug. In den vielfachen Kriegen
+wurden bald von den Barbaren, bald von den römischen Heeren große Kapitalien
+aus dem Lande weggeschleppt und größere verdorben. Bei der Nichtigkeit der
+römischen Land- und Seepolizei wimmelte es überall von Land- und Seeräubern. In
+Sardinien und im inneren Kleinasien war die Bandenwirtschaft endemisch; in
+Afrika und im Jenseitigen Spanien machte sie es nötig, alle außerhalb der
+städtischen Ringmauern angelegten Gebäude mit Mauern und Türmen zu befestigen.
+Das furchtbare Übel der Piraterie ward bereits in einem anderen Zusammenhang
+geschildert. Die Panazeen des Prohibitivsystems, mit denen der römische
+Statthalter dazwischenzufahren pflegte, wenn, wie das unter solchen
+Verhältnissen nicht fehlen konnte, Geldklemme oder Brotteuerung eintrat, die
+Verbote der Gold- und Getreideausfuhr aus der Provinz, machten denn auch die
+Sache nicht besser. Die Kommunalverhältnisse waren fast überall, außer durch
+den allgemeinen Notstand, auch noch durch lokale Wirren und Unterschleife der
+Gemeindebeamten zerrüttet. Wo solche Bedrängnisse nicht etwa vorübergehend,
+sondern Menschenalter hindurch auf den Gemeinden und den einzelnen mit
+unabwendbar stetigem, jährlich steigendem Drucke lasteten, mußte wohl der
+bestgeordnete öffentliche oder Privathaushalt ihnen erliegen und das
+unsäglichste Elend über alle Nationen vom Tajo bis zum Euphrat sich ausbreiten.
+&ldquo;Alle Gemeinden&rdquo;, heißt es in einer schon 684 (70) veröffentlichten
+Schrift &ldquo;sind zugrunde gerichtet&rdquo;; ebendasselbe wird für Spanien
+und das Narbonensische Gallien, also die verhältnismäßig ökonomisch noch am
+leidlichsten gestellten Provinzen, insbesondere bezeugt. In Kleinasien gar
+standen Städte wie Samos und Halikarnassos fast leer; der rechtliche
+Sklavenstand schien hier, verglichen mit den Peinigungen, denen der freie
+Provinziale unterlag, ein Hafen der Ruhe, und sogar der geduldige Asiate war,
+nach den Schilderungen römischer Staatsmänner selbst, des Lebens überdrüssig
+geworden. Wen zu ergründen gelüstet, wie tief der Mensch sinken kann, sowohl in
+dem frevelhaften Zufügen wie in dem nicht minder frevelhaften Ertragen alles
+denkbaren Unrechts, der mag aus den Kriminalakten dieser Zeit zusammenlesen,
+was römische Große zu tun, was Griechen, Syrer und Phöniker zu leiden
+vermochten. Selbst die eigenen Staatsmänner räumten öffentlich und ohne
+Umschweife ein, daß der römische Name durch ganz Griechenland und Asien
+unaussprechlich verhaßt sei; und wenn die Bürger des pontischen Herakleia
+einmal die römischen Zöllner sämtlich erschlugen, so war dabei nur zu bedauern,
+daß dergleichen nicht öfter geschah.
+</p>
+
+<p>
+Die Optimaten spotteten über den neuen Herrn, der seine &ldquo;Meierhöfe&rdquo;
+einen nach dem andern selbst zu besichtigen kam; in der Tat forderte der
+Zustand aller Provinzen den ganzen Ernst und die ganze Weisheit eines jener
+seltenen Männer, denen der Königsname es verdankt, daß er den Völkern nicht
+bloß gilt als leuchtendes Exempel menschlicher Unzulänglichkeit. Die
+geschlagenen Wunden mußte die Zeit heilen; daß sie es konnte und daß nicht
+ferner neue geschlagen wurden, dafür sorgte Caesar. Das Verwaltungswesen ward
+durchgreifend umgestaltet. Die Sullanischen Prokonsuln und Proprätoren waren in
+ihrem Sprengel wesentlich souverän und tatsächlich keiner Kontrolle unterworfen
+gewesen; die Caesarischen waren die wohl in Zucht gehaltenen Diener eines
+strengen Herrn, der schon durch die Einheit und die lebenslängliche Dauer
+seiner Macht zu den Untertanen ein natürlicheres und leidlicheres Verhältnis
+hatte als jene vielen, jährlich wechselnden kleinen Tyrannen. Die
+Statthalterschaften wurden zwar auch ferner unter die jährlich abtretenden zwei
+Konsuln und sechzehn Prätoren verteilt, aber dennoch, indem der Imperator acht
+von den letzteren geradezu ernannte und die Verteilung der Provinzen unter die
+Konkurrenten lediglich von ihm abhing, der Sache nach von dem Imperator
+vergeben. Auch die Kompetenz der Statthalter ward tatsächlich beschränkt. Es
+blieb ihnen die Leitung der Rechtspflege und die administrative Kontrolle der
+Gemeinden, aber ihr Kommando ward paralysiert durch das neue Oberkommando in
+Rom und dessen, dem Statthalter zur Seite gestellte Adjutanten, das Hebewesen
+wahrscheinlich schon jetzt, auch in den Provinzen wesentlich an kaiserliche
+Bediente übertragen, so daß der Statthalter fortan mit einem Hilfspersonal
+umringt war, welches entweder durch die Gesetze der militärischen Hierarchie
+oder durch die noch strengeren der häuslichen Zucht unbedingt von dem Imperator
+abhing. Wenn bisher der Prokonsul und sein Quästor erschienen waren gleichsam
+als die zur Einziehung der Brandschatzung abgesandten Mitglieder einer
+Räuberbande, so waren Caesars Beamte dazu da, um den Schwachen gegen den
+Starken zu beschützen; und an die Stelle der bisherigen, schlimmer als
+nichtigen Kontrolle der Ritter- oder senatorischen Gerichte trat für sie die
+Verantwortung vor einem gerechten und unnachsichtigen Monarchen. Das Gesetz
+über Erpressungen, dessen Bestimmungen Caesar schon in seinem ersten Konsulat
+verschärft hatte, wurde gegen die Oberkommandanten in den Ämtern von ihm mit
+unerbittlicher, selbst über den Buchstaben desselben hinausgehender Schärfe zur
+Anwendung gebracht; und die Steuerbeamten gar, wenn sie ja es wagten, sich eine
+Unrechtfertigkeit zu erlauben, büßten ihrem Herrn, wie Knechte und
+Freigelassene nach dem grausamen Hausrecht jener Zeit zu büßen pflegten. Die
+außerordentlichen öffentlichen Lasten wurden auf das richtige Maß und den
+wirklichen Notfall zurückgeführt, die ordentlichen wesentlich vermindert. Der
+durchgreifenden Regulierung des Steuerwesens ward bereits früher gedacht: die
+Ausdehnung der Steuerfreiheiten, die durchgängige Herabsetzung der direkten
+Abgaben, die Beschränkung des Zehntsystems auf Afrika und Sardinien, die
+vollständige Beseitigung der Mittelsmänner bei der Einziehung der direkten
+Abgaben waren für die Provinzialen segensreiche Reformen. Daß Caesar nach dem
+Beispiel eines seiner größten demokratischen Vorgänger, des Sertorius, die
+Untertanen von der Einquartierungslast hat befreien und die Soldaten anhalten
+wollen, sich selber bleibende stadtartige Standlager zu errichten, ist zwar
+nicht nachzuweisen; aber er war, wenigstens nachdem er die Prätendenten- mit
+der Königsrolle vertauscht hatte, nicht der Mann, den Untertan dem Soldaten
+preiszugeben; und es war in seinem Geiste gedacht, als die Erben seiner Politik
+solche Kriegslager und aus diesen Kriegslagern wieder Städte erschufen, in
+denen die italische Zivilisation Brennpunkte inmitten der barbarischen
+Grenzlandschaften fand.
+</p>
+
+<p>
+Bei weitem schwieriger als dem Beamtenunwesen zu steuern war es, die
+Provinzialen von der erdrückenden Übermacht des römischen Kapitals zu befreien.
+Geradezu brechen ließ dieselbe sich nicht, ohne Mittel anzuwenden, die noch
+gefährlicher waren als das Übel; die Regierung konnte vorläufig nur einzelne
+Mißbräuche abstellen, wie zum Beispiel Caesar die Benutzung des
+Staatsgesandtentitels zu wucherlichen Zwecken untersagte, und der offenbaren
+Vergewaltigung und dem handgreiflichen Wucher durch scharfe Handhabung der
+allgemeinen Straf- und der auch auf die Provinzen sich erstreckenden
+Wuchergesetze entgegentreten, eine gründlichere Heilung des Übels aber von dem
+unter der besseren Verwaltung wiederaufblühenden Wohlstand der Provinzialen
+erwarten. Transitorische Verfügungen, um der Überschuldung einzelner Provinzen
+abzuhelfen, waren in den letzten Zeiten mehrfach ergangen. Caesar selbst hatte
+694 (60) als Statthalter des Jenseitigen Spaniens den Gläubigern zwei Drittel
+der Einnahmen ihrer Schuldner zugewiesen, um daraus sich bezahlt zu machen.
+Ähnlich hatte schon Lucius Lucullus als Statthalter von Kleinasien einen Teil
+der maßlos angeschwollenen Zinsreste geradezu kassiert, für den übrigen Teil
+die Gläubiger angewiesen auf den vierten Teil des Ertrages der Ländereien ihrer
+Schuldner sowie auf eine angemessene Quote der aus Hausmiete oder Sklavenarbeit
+denselben zufließenden Nutzungen. Es ist nicht überliefert, daß Caesar nach dem
+Bürgerkrieg ähnliche allgemeine Schuldenliquidationen in den Provinzen
+veranlaßt hätte; doch kann es, nach dem eben Bemerkten und nach dem, was für
+Italien geschah, kaum bezweifelt werden, daß Caesar darauf ebenfalls
+hingearbeitet hat oder dies wenigstens in seinem Plan lag.
+</p>
+
+<p>
+Wenn also der Imperator, soweit Menschenkraft es vermochte, die Provinzialen
+der Bedrückungen durch die Beamten und Kapitalisten Roms entlastete, so durfte
+man zugleich von der durch ihn neu erstarkenden Regierung mit Sicherheit
+erwarten, daß sie die wilden Grenzvölker verscheuchen und die Land- und
+Seepiraten zerstreuen werde, wie die aufsteigende Sonne die Nebel verjagt. Wie
+auch noch die alten Wunden schmerzten, mit Caesar erschien den vielgeplagten
+Untertanen die Morgenröte einer erträglicheren Zeit, seit Jahrhunderten wieder
+die erste intelligente und humane Regierung und eine Friedenspolitik, die nicht
+auf der Feigheit, sondern auf der Kraft beruhte. Wohl mochten mit den besten
+Römern vor allem die Untertanen an der Leiche des großen Befreiers trauern.
+</p>
+
+<p>
+Allein diese Abstellung der bestehenden Mißbräuche war nicht die Hauptsache in
+Caesars Provinzialreform. In der römischen Republik waren, nach der Ansicht der
+Aristokratie wie der Demokratie, die Ämter nichts gewesen als wie sie häufig
+genannt werden: Landgüter des römischen Volkes, und als solche waren sie
+benutzt und ausgenutzt worden. Damit war es jetzt vorbei. Die Provinzen als
+solche sollten allmählich untergehen, um der verjüngten hellenisch-italischen
+Nation eine neue und geräumigere Heimat zu bereiten, von deren einzelnen
+Bezirken keiner nur um eines andern willen da war, sondern alle für einen und
+einer für alle; die Leiden und Schäden der Nation, für die in dem alten Italien
+keine Hilfe war, sollte das neue Dasein in der verjüngten Heimat, das
+frischere, breitere, großartigere Volksleben von selber überwinden. Bekanntlich
+waren diese Gedanken nicht neu. Die seit Jahrhunderten stehend gewordene
+Emigration aus Italien in die Provinzen hatte längst, freilich den Emigranten
+selber unbewußt, eine solche Ausdehnung Italiens vorbereitet. In planmäßiger
+Weise hatte zuerst Gaius Gracchus, der Schöpfer der römischen demokratischen
+Monarchie, der Urheber der transalpinischen Eroberungen, der Gründer der
+Kolonien Karthago und Narbo, die Italiker über Italiens Grenzen hinausgelenkt,
+sodann der zweite geniale Staatsmann, den die römische Demokratie
+hervorgebracht, Quintus Sertorius, damit begonnen, die barbarischen
+Okzidentalen zur latinischen Zivilisation anzuleiten; er gab der vornehmen
+spanischen Jugend römische Tracht und hielt sie an, lateinisch zu sprechen und
+auf der von ihm gegründeten Bildungsanstalt in Osca sich die höhere italische
+Bildung anzueignen. Bei Caesars Regierungsantritt war bereits eine massenhafte,
+freilich der Stetigkeit wie der Konzentration großenteils ermangelnde italische
+Bevölkerung in allen Provinzen und Klientelstaaten vorhanden - um von den
+förmlich italischen Städten in Spanien und dem südlichen Gallien zu schweigen,
+erinnern wir nur an die zahlreichen Bürgertruppen, die Sertorius und Pompeius
+in Spanien, Caesar in Gallien, Juba in Numidien, die Verfassungspartei in
+Afrika, Makedonien, Griechenland, Kleinasien und Kreta aushoben; an die
+freilich übelgestimmte lateinische Leier, auf der die Stadtpoeten von Corduba
+schon im Sertorianischen Kriege der römischen Feldherren Lob und Preis sangen;
+an die eben ihrer sprachlichen Eleganz wegen geschätzten Übersetzungen
+griechischer Poesien, die der älteste namhafte außeritalische Poet, der
+Transalpiner Publius Terentius Varro von der Aude, kurz nach Caesars Tode
+veröffentlichte.
+</p>
+
+<p>
+Andererseits war die Durchdringung des latinischen und des hellenischen Wesens,
+man möchte sagen, so alt wie Rom. Schon bei der Einigung Italiens hatte die
+obsiegende latinische Nation alle anderen besiegten Nationalitäten sich
+assimiliert, nur die einzige griechische, so wie sie war, sich eingefügt, ohne
+sie äußerlich mit sich zu verschmelzen. Wohin der römische Legionär kam, dahin
+folgte der griechische Schulmeister, in seiner Art nicht minder ein Eroberer,
+ihm nach; schon früh finden wir namhafte griechische Sprachlehrer ansässig am
+Guadalquivir, und in der Anstalt von Osca ward so gut griechisch gelehrt wie
+lateinisch. Die höhere römische Bildung selbst war ja durchaus nichts anderes
+als die Verkündung des großen Evangeliums hellenischer Art und Kunst im
+italischen Idiom; gegen die bescheidene Anmaßung der zivilisierenden Eroberer,
+dasselbe zunächst in ihrer Sprache den Barbaren des Westens zu verkündigen,
+konnte der Hellene wenigstens nicht laut protestieren. Schon längst erblickte
+der Grieche überall, und am entschiedensten eben da, wo das Nationalgefühl am
+reinsten und am stärksten war, an den von barbarischer Denationalisierung
+bedrohten Grenzen, wie zum Beispiel in Massalia, am Nordgestade des Schwarzen
+Meeres und am Euphrat und Tigris, den Schild und das Schwert des Hellenismus in
+Rom; und in der Tat nahmen Pompeius&rsquo; Städtegründungen im fernen Osten
+nach jahrhundertelanger Unterbrechung Alexanders segensreiches Werk wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Gedanke eines italisch-hellenischen Reiches mit zweien Sprachen und einer
+einheitlichen Nationalität war nicht neu - er wäre sonst auch nichts gewesen
+als ein Fehler; aber daß er aus schwankenden Entwürfen zu sicherer Fassung, aus
+zerstreuten Anfängen zu konzentrierter Grundlegung fortschritt, ist das Werk
+des dritten und größten der demokratischen Staatsmänner Roms.
+</p>
+
+<p>
+Die erste und wesentlichste Bedingung zu der politischen und nationalen
+Nivellierung des Reichs war die Erhaltung und Ausdehnung der beiden zu
+gemeinschaftlichem Herrschen bestimmten Nationen, unter möglichst rascher
+Beseitigung der neben ihr stehenden barbarischen oder barbarisch genannten
+Stämme. In gewissem Sinne könnte man allerdings neben Römern und Griechen noch
+eine dritte Nationalität nennen, die mit denselben in der damaligen Welt an
+Ubiquität wetteiferte und auch in dem neuen Staate Caesars eine nicht
+unwesentliche Rolle zu spielen bestimmt war. Es sind dies die Juden. Das
+merkwürdige, nachgiebig zähe Volk war in der alten wie in der heutigen Welt
+überall und nirgends heimisch und überall und nirgends mächtig. Die Diadochen
+Davids und Salomos bedeuteten für die Juden jener Zeit kaum mehr, als
+heutzutage Jerusalem für sie bedeutet; die Nation fand wohl für ihre religiöse
+und geistige Einheit einen sichtbaren Anhalt in dem kleinen Königreich von
+Jerusalem, aber sie selbst bestand keineswegs in der Untertanenschaft der
+Hasmonäer, sondern in den zahllos durch das ganze Parthische und das ganze
+Römische Reich zerstreuten Judenschaften. In Alexandreia namentlich und ähnlich
+in Kyrene bildeten die Juden innerhalb dieser Städte eigene, administrativ und
+selbst lokal abgegrenzte Gemeinwesen, den Judenvierteln unserer Städte nicht
+ungleich, aber freier gestellt und von einem &ldquo;Volksherrn&rdquo; als
+oberstem Richter und Verwalter geleitet. Wie zahlreich selbst in Rom die
+jüdische Bevölkerung bereits vor Caesar war, und zugleich, wie
+landsmannschaftlich eng die Juden auch damals zusammenhielten, beweist die
+Bemerkung eines Schriftstellers dieser Zeit, daß es für den Statthalter
+bedenklich sei, den Juden in seiner Provinz zu nahe zu treten, weil er dann
+sicher darauf zählen dürfe, nach seiner Heimkehr von dem hauptstädtischen Pöbel
+ausgepfiffen zu werden. Auch zu jener Zeit war das vorwiegende Geschäft der
+Juden der Handel: mit dem erobernden römischen Kaufmann zog damals der jüdische
+Händler ebenso überall hin wie später mit dem genuesischen und venezianischen,
+und neben der römischen strömte das Kapital allerorts bei der jüdischen
+Kaufmannschaft zusammen. Auch zu jener Zeit endlich begegnen wir der
+eigentümlichen Antipathie der Okzidentalen gegen diese so gründlich
+orientalische Rasse und ihre fremdartigen Meinungen und Sitten. Dies Judentum,
+obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem nirgends erfreulichen Bilde der
+damaligen Völkermengung, war nichtsdestoweniger ein im natürlichen Verlauf der
+Dinge sich entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich
+ableugnen noch bekämpfen durfte und dem Caesar vielmehr, ebenwie sein Vorgänger
+Alexander, in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse möglichst Vorschub tat.
+Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischen Judentums, damit nicht viel
+weniger für die Nation tat wie ihr eigener David durch den Tempelbau von
+Jerusalem, so förderte auch Caesar die Juden in Alexandreia wie in Rom durch
+besondere Begünstigungen und Vorrechte und schützte namentlich ihren
+eigentümlichen Kult gegen die römischen wie gegen die griechischen
+Lokalpfaffen. Die beiden großen Männer dachten natürlich nicht daran, der
+hellenischen oder italisch-hellenischen Nationalität die jüdische ebenbürtig
+zur Seite zu stellen. Aber der Jude, der nicht wie der Okzidentale die
+Pandoragabe politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich
+wesentlich gleichgültig verhält; der ferner ebenso schwer den Kern seiner
+nationalen Eigentümlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben mit jeder
+beliebigen Nationalität umhüllt und bis zu einem gewissen Grad der fremden
+Volkstümlichkeit sich anschmiegt - der Jude war ebendarum wie geschaffen für
+einen Staat, welcher auf den Trümmern von hundert lebendigen Politien erbaut
+und mit einer gewissermaßen abstrakten und von vornherein verschliffenen
+Nationalität ausgestattet werden sollte. Auch in der alten Welt war das
+Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen
+Dekomposition und insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem
+Caesarischen Staate, dessen Politie doch eigentlich nichts als Weltbürgertum,
+dessen Volkstümlichkeit im Grunde nichts als Humanität war.
+</p>
+
+<p>
+Indes die positiven Elemente des neuen Bürgertums blieben ausschließlich die
+latinische und die hellenische Nationalität. Mit dem spezifisch italischen
+Staat der Republik war es also zu Ende; jedoch war es nichts als ein sehr
+erklärliches, aber auch sehr albernes Gerede des grollenden Adels, daß Caesar
+Italien und Rom absichtlich zugrunde richte, um den Schwerpunkt des Reiches in
+den griechischen Osten zu verlegen und zur Hauptstadt desselben Ilion oder
+Alexandreia zu machen. Vielmehr behielt in Caesars Organisation die latinische
+Nationalität immer das Übergewicht; wie sich dies schon darin ausspricht, daß
+er jede Verfügung in lateinischer, aber die für die griechisch redenden
+Landschaften bestimmten daneben in griechischer Sprache erließ. Im allgemeinen
+ordnete er die Verhältnisse der beiden großen Nationen in seiner Monarchie
+ebenwie sie in dem geeinigten Italien seine republikanischen Vorgänger geordnet
+hatten: die hellenische Nationalität wurde geschützt, wo sie bestand, die
+italische nach Vermögen erweitert und ihr die Erbschaft der aufzulösenden
+Rassen bestimmt. Es war dies schon deshalb notwendig, weil eine völlige
+Gleichstellung des griechischen und lateinischen Elements im Staate aller
+Wahrscheinlichkeit nach in sehr kurzer Zeit diejenige Katastrophe herbeigeführt
+haben würde, die manche Jahrhunderte später der Byzantinismus vollzog; denn das
+Griechentum war nicht bloß geistig nach allen Richtungen hin dem römischen
+Wesen überlegen, sondern auch an Masse, und hatte in Italien selbst an den
+Schwärmen der gezwungen oder freiwillig nach Italien wandernden Hellenen und
+Halbhellenen eine Unzahl unscheinbarer, aber in ihrem Einfluß nicht hoch genug
+anzuschlagender Apostel. Um nur der eminentesten Erscheinung auf diesem Gebiete
+zu gedenken, so ist das Regiment der griechischen Lakaien über die römischen
+Monarchen so alt wie die Monarchie: der erste in der ebenso langen wie
+widerwärtigen Liste dieser Individuen ist Pompeius&rsquo; vertrauter Bedienter
+Theophanes von Mytilene, welcher durch seine Gewalt über den schwachen Herrn
+wahrscheinlich mehr als irgendein anderer Mann zu dem Ausbruch des Krieges
+zwischen Pompeius und Caesar beigetragen hat. Nicht ganz mit Unrecht ward er
+nach seinem Tode von seinen Landsleuten göttlich verehrt: eröffnete er doch die
+Kammerdienerregierung der Kaiserzeit, die gewissermaßen eben auch eine
+Herrschaft der Hellenen über die Römer war. Die Regierung hatte demnach allen
+Grund, die Ausbreitung des Hellenismus wenigstens im Westen nicht noch von oben
+herab zu fördern. Wenn Sizilien nicht bloß des Zehntendrucks entlastet, sondern
+auch seinen Gemeinden das latinische Recht bestimmt ward, dem seiner Zeit
+vermutlich die volle Gleichstellung mit Italien nachfolgen sollte, so kann
+Caesars Absicht nur gewesen sein, die herrliche, aber damals verödete und
+wirtschaftlich zum größten Teil in italische Hände gelangte Insel, welche die
+Natur nicht so sehr zum Nachbarland Italiens bestimmt hat als zu der schönsten
+seiner Landschaften, völlig in Italien aufgehen zu lassen. Im übrigen aber ward
+das Griechentum, wo es bestand, erhalten und geschützt. Wie nahe auch die
+politischen Krisen es dem Imperator legten, die festen Pfeiler des Hellenismus
+im Okzident und in Ägypten umzustürzen, Massalia und Alexandreia wurden weder
+vernichtet noch denationalisiert.
+</p>
+
+<p>
+Dagegen das römische Wesen ward durch Kolonisierung wie durch Latinisierung mit
+allen Kräften und an den verschiedensten Punkten des Reiches von der Regierung
+gehoben. Der zwar aus einer argen Vereinigung formeller Rechts- und brutaler
+Machtentwicklung hervorgegangene, aber, um freie Hand gegen die zur Vernichtung
+bestimmten Nationen zu haben, unumgänglich notwendige Satz, daß an allem, nicht
+durch besonderen Akt der Regierung an Gemeinden oder Private abgetretenen Grund
+und Boden in den Provinzen der Staat das Eigentum, der zeitige Inhaber nur
+einen geduldeten und jederzeit widerruflichen Erbbesitz habe, wurde auch von
+Caesar festgehalten und durch ihn aus einer demokratischen Parteitheorie zu
+einem Fundamentalprinzip des monarchischen Rechts erhoben. In erster Linie kam
+für die Ausbreitung der römischen Nationalität natürlich Gallien in Frage.
+Gallien diesseits der Alpen erhielt durch die längst von der Demokratie als
+vollzogen angenommene und nun (705 49) durch Caesar schließlich vollzogene
+Aufnahme der transpadanischen Gemeinden in den römischen Bürgerverband
+durchgängig, was ein großer Teil der Bewohner längst gehabt: politische
+Gleichberechtigung mit dem Hauptland. Tatsächlich hatte sich diese Provinz in
+den vierzig Jahren, die seit Erteilung des Latinerrechts verflossen waren,
+bereits vollständig latinisiert. Die Exklusiven mochten spotten über den
+breiten und gurgelnden Akzent des Kettenlateins und ein &ldquo;ich weiß nicht
+was von hauptstädtischer Anmut&rdquo; bei dem Insubrer und Veneter vermissen,
+der sich als Caesars Legionär mit dem Schwert einen Platz auf dem römischen
+Markt und sogar in der römischen Kurie erobert hatte. Nichtsdestoweniger war
+das Cisalpinische Gallien mit seiner dichten, vorwiegend bauernschaftlichen
+Bevölkerung schon vor Caesar der Sache nach eine italische Landschaft und blieb
+Jahrhunderte lang der rechte Zufluchtsort italischer Sitte und italischer
+Bildung; wie denn die Lehrer der latinischen Literatur nirgends sonst außerhalb
+der Hauptstadt so vielen Zuspruch und Anklang fanden. Wenn also das
+Cisalpinische Gallien wesentlich in Italien aufging, so trat zugleich an die
+Stelle, die es bisher eingenommen hatte, die transalpinische Provinz, die ja
+durch Caesars Eroberungen aus einer Grenz- in eine Binnenprovinz umgewandelt
+worden war und die durch ihre Nähe wie durch ihr Klima vor allen anderen
+Gebieten sich dazu eignete, mit der Zeit gleichfalls eine italische Landschaft
+zu werden. Dorthin hauptsächlich, nach dem alten Zielpunkt der überseeischen
+Ansiedlungen der römischen Demokratie, ward der Strom der italischen Emigration
+gelenkt. Es wurden daselbst teils die alte Kolonie Narbo durch neue Ansiedler
+verstärkt, teils in Baeterrae (Béziers) unweit Narbo, in Arelate (Arles) und
+Arausio (Orange) an der Rhone und in der neuen Hafenstadt Forum Iulii (Fréjus)
+vier neue Bürgerkolonien angelegt, deren Namen zugleich das Andenken der
+tapferen Legionen bewahrten, die das nördliche Gallien zum Reiche gebracht
+hatten ^29. Die nicht mit Kolonisten belegten Ortschaften scheinen zugleich,
+wenigstens größtenteils, in derselben Art wie einst das transpadanische
+Kettenland, der Romanisierung entgegengeführt worden zu sein durch Verleihung
+latinischen Stadtrechts; namentlich wurde Nemausus (Nîmes) als der Hauptort des
+den Massalioten infolge ihrer Auflehnung gegen Caesar aberkannten Gebiets aus
+einem massaliotischen Flecken in eine latinische Stadtgemeinde umgewandelt und
+mit ansehnlichem Gebiet und selbst mit Münzrecht ausgestattet ^30. Indem also
+das Cisalpinische Gallien von der vorbereitenden Stufe zur vollen
+Gleichstellung mit Italien fortschritt, rückte gleichzeitig die narbonensische
+Provinz in jenes vorbereitende Stadium nach; ganz wie bisher im Cisalpinischen
+Gallien hatten die ansehnlichsten Gemeinden daselbst das volle Bürger-, die
+übrigen latinisches Recht.
+</p>
+
+<p>
+————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^29 Narbo heißt Kolonie der Decimaner, Baeterrae der Septimaner, Forum Iulii
+der Octavaner, Arelate der Sextaner, Arausio der Secundaner. Die neunte Legion
+fehlt, weil sie ihre Nummer durch die Meuterei von Placentia entehrt hatte. Daß
+übrigens die Kolonisten dieser Kolonien den eponymen Legionen angehörten, wird
+nicht gesagt und ist nicht glaublich; die Veteranen selbst wurden wenigstens
+der großen Mehrzahl nach in Italien angesiedelt. Ciceros Klage, daß Caesar
+&ldquo;ganze Provinzen und Landschaften auf einen Schlag konfisziert
+habe&rdquo; (off. 2, 7, 27, vgl. Phil. 13,15; 31, 32), geht ohne Zweifel, wie
+schon die enge Verknüpfung derselben mit dem Tadel des Triumphs über die
+Massalioten beweist, auf die dieser Kolonien wegen in der narbonensischen
+Provinz vorgenommenen Landeinziehungen und zunächst auf die Massalia
+auferlegten Gebietsverluste.
+</p>
+
+<p>
+^30 Ausdrücklich überliefert ist es nicht, von wem das latinische Recht der
+nichtkolonisierten Ortschaften dieser Gegend und namentlich von Nemausus
+herrührt. Aber da Caesar selbst (civ. 1, 35) so gut wie geradezu sagt, daß
+Nemausus bis 705 (49) ein massaliotisches Dorf war; da nach dem Livianischen
+Bericht (Dio 41, 25; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15) eben dieser Teil des
+Gebietes den Massalioten von Caesar entzogen ward da endlich schon auf
+voraugustischen Münzen und sodann bei Strabon die Stadt als Gemeinde
+latinischen Rechts vorkommt, so kann nur Caesar der Urheber dieser
+Latinitätsverleihung sein. Von Ruscino (Roussillon bei Perpignan) und anderen,
+im Narbonensischen Gallien früh zu latinischer Stadtverfassung gelangten
+Gemeinden läßt sich nur vermuten, daß sie dieselbe gleichzeitig mit Nemausus
+empfingen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————-
+</p>
+
+<p>
+In den anderen nichtgriechischen und nichtlatinischen Landschaften des Reiches,
+welche der Einwirkung Italiens und dem Assimilationsprozeß noch ferner standen,
+beschränkte Caesar sich darauf, einzelne Brennpunkte für die italische
+Zivilisation zu gründen, wie dies bisher in Gallien Narbo gewesen war, um durch
+sie die künftige vollständige Ausgleichung vorzubereiten. Solche Anfänge
+lassen, mit Ausnahme der ärmsten und geringsten von allen, der sardinischen, in
+sämtlichen Provinzen des Reiches sich nachweisen. Wie Caesar im nördlichen
+Gallien verfuhr, ward schon dargelegt; die lateinische Sprache erhielt hier,
+wenn auch noch nicht für alle Zweige des öffentlichen Verkehrs, durchgängig
+offizielle Geltung und es entstand am Lemansee als die nördlichste Stadt
+italischer Verfassung die Kolonie Noviodunum (Nyon).
+</p>
+
+<p>
+In Spanien, vermutlich damals der am dichtesten bevölkerten Landschaft des
+Römischen Reiches, wurden nicht bloß in der wichtigen hellenisch-iberischen
+Hafenstadt Emporiae neben der alten Bevölkerung Caesarische Kolonisten
+angesiedelt, sondern, wie neuerdings aufgefundene Urkunden gezeigt haben, auch
+eine Anzahl wahrscheinlich überwiegend dem hauptstädtischen Proletariat
+entnommener Kolonisten in der Stadt Urso (Osuna), unweit Sevilla im Herzen von
+Andalusien, und vielleicht noch in mehreren anderen Ortschaften dieser Provinz
+versorgt. Die alte und reiche Kaufstadt Gades, deren Munizipalwesen Caesar
+schon als Prätor zeitgemäß umgestaltet hatte, erhielt jetzt von dem Imperator
+das volle Recht der italischen Munizipien (705 49) und wurde, was in Italien
+Tusculum gewesen war, die erste außeritalische, nicht von Rom gegründete
+Gemeinde, die in den römischen Bürgerverband eintrat. Einige Jahre nachher (709
+45) wurde das gleiche Recht auch einigen anderen spanischen Gemeinden und
+vermutlich noch mehreren das latinische zuteil.
+</p>
+
+<p>
+In Afrika wurde, was Gaius Gracchus nicht hatte zu Ende führen sollen, jetzt
+ins Werk gesetzt und an derjenigen Stätte, wo die Stadt der Erbfeinde Roms
+gestanden, 3000 italische Kolonisten und eine große Anzahl der im karthagischen
+Gebiet ansässigen Pacht- und Bittbesitzer angesiedelt; und zum Erstaunen rasch
+wuchs unter den unvergleichlich günstigen Lokalverhältnissen die neue
+&ldquo;Venuskolonie&rdquo;, das römische Karthago, wieder empor. Utica, bis
+dahin die Haupt- und erste Handelsstadt der Provinz, war schon im vorweg, es
+scheint durch Erteilung des latinischen Rechts, für die Wiedererweckung des
+überlegenen Konkurrenten einigermaßen entschädigt worden. In dem neu zum Reiche
+gefügten numidischen Gebiet erhielten das wichtige Cirta und die übrigen, dem
+römischen Condottiere Publius Sittius für sich und die Seinigen überwiesenen
+Gemeinden das Recht römischer Militärkolonien. Die stattlichen Provinzstädte
+freilich, die das wahnsinnige Wüten Jubas und der verzweifelten Reste der
+Verfassungspartei in Schutthaufen verwandelt hatte, erhoben sich nicht so rasch
+wieder, wie sie eingeäschert worden waren, und manche Trümmerstätte erinnerte
+noch lange nachher an diese verhängnisvolle Zeit; allein die beiden neuen
+Julischen Kolonien, Karthago und Cirta, wurden und blieben die Mittelpunkte der
+afrikanisch-römischen Zivilisation.
+</p>
+
+<p>
+In dem verödeten griechischen Land beschäftigte Caesar außer mit anderen
+Plänen, zum Beispiel der Anlage einer römischen Kolonie in Buthroton (Korfu
+gegenüber), vor allem sich mit der Wiederherstellung von Korinth; nicht bloß
+wurde eine ansehnliche Bürgerkolonie dorthin geführt, sondern auch der Plan
+entworfen, durch den Durchstich des Isthmus die gefährliche Umschiffung des
+Peloponnes abzuschneiden und den ganzen italisch-asiatischen Verkehr durch den
+Korinthisch-Saronischen Meerbusen zu leiten. Endlich rief selbst in dem
+entlegenen hellenischen Osten der Monarch italische Ansiedlungen ins Leben: so
+am Schwarzen Meer in Herakleia und in Sinope, welche Städte die italischen
+Kolonisten ähnlich wie Emporiae mit den alten Bewohnern teilten; so an der
+syrischen Küste in dem wichtigen Hafen von Berytos, das wie Sinope italische
+Verfassung erhielt; ja sogar in Ägypten wurde auf der den Hafen von Alexandreia
+beherrschenden Leuchtturminsel eine römische Station gegründet.
+</p>
+
+<p>
+Durch diese Anordnungen ward die italische Gemeindefreiheit in weit
+umfassenderer Weise, als es bisher geschehen war, in die Provinzen getragen.
+Die Vollbürgergemeinden, also sämtliche Städte der cisalpinischen Provinz und
+die in dem Transalpinischen Gallien und sonst zerstreuten Bürgerkolonien und
+Bürgermunizipien, standen den italischen insofern gleich, als sie sich selber
+verwalteten und selbst eine, allerdings beschränkte, Gerichtsbarkeit ausübten:
+wogegen freilich die wichtigeren Prozesse vor die hier kompetenten römischen
+Behörden, in der Regel den Statthalter des Sprengels gehörten ^31. Die formell
+autonomen latinischen und die sonstigen befreiten Gemeinden, also jetzt die
+sizilischen und die des Narbonensischen Galliens, soweit sie nicht
+Bürgergemeinden waren, alle und auch in anderen Provinzen eine beträchtliche
+Zahl, hatten nicht bloß die freie Verwaltung, sondern wahrscheinlich
+unbeschränkte Gerichtsbarkeit, so daß der Statthalter hier nur kraft seiner
+allerdings sehr arbiträren Verwaltungskontrolle einzugreifen befugt war. Wohl
+hatte es auch früher schon Vollbürgergemeinden innerhalb der
+Statthaltersprengel gegeben, wie zum Beispiel Aquileia und Narbo, und hatten
+ganze Statthaltersprengel, wie das Diesseitige Gallien, aus Gemeinden mit
+italischer Verfassung bestanden; aber wenn nicht rechtlich, war es doch
+politisch eine ungemein wichtige Neuerung, daß es jetzt eine Provinz gab, die
+so gut wie Italien lediglich von römischen Bürgern bevölkert war ^32, und daß
+andere es zu werden versprachen. Es fiel damit der eine große tatsächliche
+Gegensatz, in dem Italien zu den Provinzen gestanden hatte; und auch der
+zweite, daß in Italien regelmäßig keine Truppen standen, wohl aber in den
+Provinzen, war gleichermaßen im Verschwinden: die Truppen standen jetzt nur da,
+wo es eine Grenze zu verteidigen gab, und die Kommandanten der Provinzen, bei
+denen dies nicht zutraf, wie zum Beispiel bei Narbo und Sizilien, waren nur dem
+Namen nach noch Offiziere. Der formelle Gegensatz zwischen Italien und den
+Provinzen, der zu allen Zeiten auf anderen Unterschieden beruht hatte, blieb
+allerdings auch jetzt bestehen, Italien der Sprengel der bürgerlichen
+Rechtspflege und der Konsuln-Prätoren, die Provinzen kriegsrechtliche
+Jurisdiktionsbezirke und den Prokonsuln und Proprätoren unterworfen; allein der
+Prozeß nach Bürger- und nach Kriegsrecht fiel längst praktisch zusammen, und
+die verschiedene Titulatur der Beamten hatte wenig zu bedeuten, seit über allen
+der eine Imperator stand.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^31 Daß keiner Vollbürgergemeinde mehr als beschränkte Gerichtsbarkeit zustand,
+ist ausgemacht. Auffallend ist es aber, was aus der Caesarischen
+Gemeindeordnung für das Cisalpinische Gallien bestimmt hervorgeht, daß die
+jenseits der munizipalen Kompetenz liegenden Prozesse aus dieser Provinz nicht
+vor den Statthalter derselben, sondern vor den römischen Prätor gehen; denn im
+übrigen ist der Statthalter ja in seinem Sprengel ebensowohl anstatt des
+Prätors, der zwischen Bürgern, wie anstatt dessen, der zwischen Bürgern und
+Nichtbürgern Recht spricht, und durchaus für alle Prozesse kompetent. Ohne
+Zweifel ist dies ein Überrest der vorsullanischen Ordnung, wo in dem ganzen
+festländischen Gebiet bis zu den Alpen lediglich die Stadtbeamten kompetent
+waren und also hier sämtliche Prozesse, wo sie die munizipale Kompetenz
+überschritten, notwendig vor die Prätoren in Rom kamen. Dagegen in Narbo,
+Gades, Karthago, Korinth gingen die Prozesse in diesem Fall sicher an den
+betreffenden Statthalter; wie denn auch schon aus praktischen Rücksichten nicht
+wohl an einen Rechtszug nach Rom gedacht werden kann.
+</p>
+
+<p>
+^32 Warum die Erteilung des römischen Bürgerrechts an eine Landschaft insgesamt
+und der Fortbestand der Provinzialverwaltung für dieselbe als sich einander
+ausschließende Gegensätze gedacht zu werden pflegen, ist nicht abzusehen.
+Überdies erhielt notorisch das Cisalpinische Gallien durch den Roscischen
+Volksschluß vom 11. März 705 (49) die Civität, während es Provinz blieb,
+solange Caesar lebte, und erst nach seinem Tode mit Italien vereinigt ward (Dio
+48, 12), auch die Statthalter bis 711 (43) nachweisbar sind. Schon daß die
+Caesarische Gemeindeordnung die Landschaft nie als Italien, sondern als
+Cisalpinisches Gallien bezeichnet, mußte auf das Richtige führen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Offenbar ist in all diesen einzelnen munizipalen Gründungen und Ordnungen, die
+wenigstens dem Plan, wenn auch vielleicht nicht alle der Ausführung nach, auf
+Caesar zurückgehen, ein bestimmtes System. Italien ward aus der Herrin der
+unterworfenen Völkerschaften umgewandelt in die Mutter der verjüngten
+italisch-hellenischen Nation. Die dem Mutterlande vollständig gleichgestellte
+cisalpinische Provinz verhieß und verbürgte es, daß in der Monarchie Caesars,
+ebenwie in der frischeren Epoche der Republik, jede latinisierte Landschaft
+erwarten durfte, den älteren Schwestern und der Mutter selbst ebenbürtig an die
+Seite zu treten. Auf der Vorstufe zur vollen nationalen und politischen
+Ausgleichung mit Italien standen dessen Nebenländer, das griechische Sizilien
+und das rasch sich latinisierende südliche Gallien. Auf einer entfernteren
+Stufe zu dieser Ausgleichung standen die übrigen Landschaften des Reiches, in
+denen, wie bisher in Südgallien Narbo römische Kolonie gewesen war, jetzt die
+großen Seestädte: Emporiae, Gades, Karthago, Korinth, Herakleia im Pontos,
+Sinope, Berytos, Alexandreia, italische oder hellenisch-italische Gemeinden
+wurden, die Stützpunkte einer italischen Zivilisation selbst im griechischen
+Osten, die Grundpfeiler der künftigen nationalen und politischen Nivellierung
+des Reiches. Die Herrschaft der Stadtgemeinde Rom über das Litoral des
+Mittelmeeres war zu Ende; an ihre Stelle trat der neue Mittelmeerstaat und sein
+erster Akt war die Sühnung der beiden größten Untaten, die jene Stadtgemeinde
+an der Zivilisation begangen hatte. Wenn die Zerstörung der beiden größten
+Handelsplätze im römischen Gebiet den Wendepunkt bezeichnete, wo die
+Schutzherrschaft der römischen Gemeinde in politische Tyrannisierung und
+finanzielle Ausnutzung der untertänigen Landschaften überging, so bezeichnete
+jetzt die sofortige und glänzende Wiederherstellung von Karthago und Korinth
+die Begründung des neuen, alle Landschaften am Mittelmeer zu nationaler und
+politischer Gleichheit, zu wahrhaft staatlicher Einigung heranbildenden großen
+Gemeinwesens. Wohl durfte Caesar der Stadt Korinth zu ihrem vielberühmten alten
+den neuen Namen der &ldquo;Julischen Ehre&rdquo; verleihen.
+</p>
+
+<p>
+Wenn also das neue einheitliche Reich mit einer Nationalität ausgestattet ward,
+die freilich notwendigerweise der volkstümlichen Individualität entbehrte und
+mehr ein unlebendiges Kunstprodukt als ein frischer Trieb der Natur war, so
+bedurfte dasselbe ferner der Einheit in denjenigen Institutionen, in denen das
+allgemeine Leben der Nationen sich bewegt: in Verfassung und Verwaltung, in
+Religion und Rechtspflege, in Münze, Maß und Gewicht; wobei natürlich lokale
+Besonderheiten mannigfaltigster Art mit wesentlicher Einigung sich vollkommen
+vertrugen. Überall kann auf diesen Gebieten nur von Anfängen die Rede sein, da
+die einheitliche Durchbildung der Monarchie Caesars in der Zukunft lag und er
+nichts tat, als für den Bau von Jahrhunderten den Grund legen. Aber von den
+Linien, die der große Mann auf diesen Gebieten gezogen hat, lassen noch manche
+sich erkennen; und es ist erfreulicher, hier ihm nachzugehen, als in dem
+Trümmerbau der Nationalitäten.
+</p>
+
+<p>
+Hinsichtlich der Verfassung und Verwaltung wurden bereits in einem anderen
+Zusammenhang die wichtigsten Momente der neuen Einheit hervorgehoben: der
+Übergang der Souveränität von dem römischen Gemeinderat auf den Alleinherrscher
+der Mittelmeermonarchie; die Umwandlung jenes Gemeinderats in einen höchsten,
+Italien wie die Provinzen repräsentierenden Reichsrat: vor allem die begonnene
+Übertragung der römischen und überhaupt der italischen Gemeindeordnung auf die
+Provinzialgemeinden. Es führte dieser letztere Weg, die Verleihung latinischen
+und demnach römischen Rechts an die zum vollständigen Eintritt in den
+Einheitsstaat reifen Gemeinden, gleichmäßige kommunale Ordnungen allmählich von
+selbst herbei. Nur in einer Hinsicht konnte man hierauf nicht warten. Das neue
+Reich bedurfte sofort einer Institution, die der Regierung die hauptsächlichen
+Grundlagen der Verwaltung, die Bevölkerungs- und Vermögensverhältnisse der
+einzelnen Gemeinden, übersichtlich vor Augen legte, das heißt eines
+verbesserten Zensus. Zunächst ward der italische reformiert. Nach Caesars
+Verordnung ^33, die freilich wohl nur die infolge des Bundesgenossenkrieges
+wenigstens im Prinzip getroffenen Anordnungen zur Ausführung brachte, sollten
+künftig, wenn in der römischen Gemeinde die Schatzung stattfand, gleichzeitig
+in jeder italischen der Name eines jeden Gemeindebürgers und der seines Vaters
+oder Freilassers, sein Bezirk, sein Alter und sein Vermögen von der höchsten
+Behörde der Gemeinde aufgezeichnet und diese Listen an den römischen
+Schatzmeister so früh abgeliefert werden, daß dieser das allgemeine Verzeichnis
+der römischen Bürger und der römischen Habe rechtzeitig vollenden konnte. Daß
+es Caesars Absicht war, ähnliche Institutionen auch in den Provinzen
+einzuführen, dafür bürgt teils die von Caesar angeordnete Vermessung und
+Katastrierung des gesamten Reiches, teils die Einrichtung selbst; denn es war
+ja damit die allgemeine Formel gefunden, um so gut in den italischen wie in den
+nichtitalischen Gemeinden des Staats die für die Zentralverwaltung
+erforderlichen Aufnahmen zu bewirken. Offenbar war es auch hier Caesars
+Absicht, auf die Traditionen der älteren republikanischen Zeit zurückzugehen
+und die Reichsschatzung wiedereinzuführen, welche die ältere Republik,
+wesentlich in derselben Weise wie Caesar die italische, durch analoge
+Ausdehnung des Instituts der städtischen Zensur mit seinen Fristen und
+sonstigen wesentlichen Normen auf die sämtlichen Untertanengemeinden Italiens
+und Siziliens bewirkt hatte. Es war dies eines der ersten Institute gewesen,
+das die erstarrende Aristokratie verfallen und damit der obersten
+Verwaltungsbehörde jede Übersicht über die disponiblen Mannschaften und
+Steuerkräfte und also jede Möglichkeit einer wirksamen Kontrolle verloren gehen
+ließ. Die vorhandenen Spuren und der Zusammenhang der Dinge selbst zeigen
+unwidersprechlich, daß Caesar die Erneuerung der seit Jahrhunderten
+verschollenen Reichsschatzung vorbereitete.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^33 Das Fortbestehen der munizipalen Schatzungsbehörden spricht dafür, daß die
+örtliche Abhaltung des Zensus bereits infolge des Bundesgenossenkriegs für
+Italien fortgesetzt worden war (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S.
+368); wahrscheinlich aber ist die Durchführung dieses Systems Caesars Werk.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Daß in der Religion und in der Rechtspflege an eine durchgreifende Nivellierung
+nicht gedacht werden konnte, ist kaum nötig zu sagen; doch bedurfte der neue
+Staat bei aller Toleranz gegen Lokalglauben und Munizipalstatute eines
+gemeinsamen, der italisch-hellenischen Nationalität entsprechenden Kultus und
+einer allgemeinen, den Munizipalstatuten übergeordneten Rechtssatzung. Er
+bedurfte ihrer: denn beides war tatsächlich schon da. Auf dem religiösen Gebiet
+war man seit Jahrhunderten tätig gewesen, den italischen und den hellenischen
+Kult teils durch äußerliche Aufnahme, teils durch innerliche Ausgleichung der
+Gottheitsbegriffe ineinanderzuarbeiten und bei der nachgiebigen Formlosigkeit
+der italischen Götter hatte es nicht einmal große Schwierigkeit gemacht, den
+Jupiter in dem Zeus, die Venus in der Aphrodite und so jede wesentliche Idee
+des latinischen Glaubens in ihrem hellenischen Gegenbild aufzuheben. Die
+italisch-hellenische Religion stand bereits in den Grundzügen fertig da; wie
+sehr man eben auf diesem Gebiete sich dessen bewußt war, über die spezifisch
+römische hinaus und zu einer italisch-hellenischen Quasinationalität
+fortgeschritten zu sein, beweist zum Beispiel die in Varros schon erwähnter
+Theologie aufgestellte Unterscheidung der &ldquo;gemeinen&rdquo;, d. h. der von
+den Römern wie den Griechen anerkannten Götter, von den besonderen der
+römischen Gemeinde.
+</p>
+
+<p>
+Im Rechtswesen hatte es auf dem Gebiete des Kriminal- und Polizeirechts, wo die
+Regierung unmittelbar eingreift und dem rechtlichen Bedürfnis wesentlich durch
+eine verständige Legislation genügt wird, keine Schwierigkeit, auf dem Wege der
+gesetzgeberischen Tätigkeit denjenigen Grad materieller Gleichförmigkeit zu
+erreichen, der allerdings auch hier für die Reichseinheit notwendig war. Im
+Zivilrecht dagegen, wo die Initiative dem Verkehr, dem Gesetzgeber nur die
+Formulierung zusteht, war das einheitliche Reichszivilrecht, das der
+Gesetzgeber zu schaffen freilich nicht vermocht hätte, längst auch bereits auf
+naturgemäßem Wege durch den Verkehr selber entwickelt worden. Das römische
+Stadtrecht zwar beruhte rechtlich immer noch auf der in den Zwölf Tafeln
+enthaltenen Formulierung des latinischen Landrechts. Die späteren Gesetze
+hatten wohl im einzelnen mancherlei zeitgemäße Verbesserungen eingeführt, unter
+denen leicht die wichtigste sein mochte die Abschaffung der alten ungeschickten
+Prozeßeröffnung durch stehende Spruchformeln der Parteien und ihre Ersetzung
+durch eine von dem prozeßleitenden Beamten schriftlich abgefaßte Instruktion
+für den Einzelgeschworenen (formula); allein in der Hauptsache hatte die
+Volkslegislation nur über jene altersgraue Grundlage einen den englischen
+Statutargesetzen vergleichbaren unübersehlichen Wust großenteils längst
+veralteter und vergessener Spezialgesetze aufgeschichtet. Die Versuche
+wissenschaftlicher Formulierung und Systematisierung hatten die verschlungenen
+Gänge des alten Zivilrechts allerdings zugänglich gemacht und erhellt; allein
+dem Grundmangel, daß ein vor vierhundert Jahren abgefaßtes städtisches Weistum
+mit seinen ebenso diffusen wie konfusen Nachträgen jetzt als das Recht eines
+großen Staates dienen sollte, konnte kein römischer Blackstone abhelfen.
+Gründlicher half der Verkehr sich selbst. Längst hatte in Rom der rege Verkehr
+zwischen Römern und Nichtrömern ein internationales Privatrecht (ius gentium;
+1, 167) entwickelt, das heißt einen Komplex von Satzungen namentlich über
+Verkehrsverhältnisse, nach welchen römische Richter dann sprachen, wenn eine
+Sache weder nach ihrem eigenen noch nach irgendeinem anderen Landrecht
+entschieden werden konnte, sondern sie genötigt waren, von den römischen,
+hellenischen, phönikischen und sonstigen Rechtseigentümlichkeiten absehend, auf
+die allem Verkehr zu Grunde liegenden gemeinsamen Rechtsanschauungen
+zurückzugehen. Hier knüpfte die neuere Rechtsbildung an. Zunächst als
+Richtschnur für den rechtlichen Verkehr der römischen Bürger unter sich setzte
+sie an die Stelle des alten, praktisch unbrauchbar gewordenen tatsächlich ein
+neues Stadtrecht, das materiell beruhte auf einem Kompromiß zwischen dem
+nationalen Zwölftafelrecht und dem internationalen oder dem sogenannten Rechte
+der Völker. An jenem wurde wesentlich, wenn auch natürlich mit zeitgemäßen
+Modifikationen, festgehalten im Ehe-, Familien- und Erbfolgerecht; dagegen ward
+in allen Bestimmungen, die den Vermögensverkehr betrafen, also für Eigentum und
+Kontrakte, das Internationalrecht maßgebend; ja hier wurde sogar dem lokalen
+Provinzialrecht manche wichtige Einrichtung entlehnt, zum Beispiel die
+Wuchergesetzgebung und das Hypothekarinstitut. Ob auf einmal oder allmählich,
+ob durch einen oder mehrere Urheber, durch wen, wann und wie diese
+tiefgreifende Neuerung ins Leben trat, sind Fragen, auf die wir eine genügende
+Antwort schuldig bleiben müssen; wir wissen nur, daß diese Reform, wie
+natürlich, zunächst ausging von dem Stadtgericht, daß sie zuerst sich
+formulierte in den jährlich von dem neu antretenden Stadtrichter zur
+Nachachtung für die Parteien ergehenden Belehrungen über die wichtigsten, in
+dem beginnenden Gerichtsjahr einzuhaltenden Rechtsmaximen (edictum annuum oder
+perpetuum praetoris urbani de iuris dictione) und daß sie, wenn auch manche
+vorbereitende Schritte in früheren Zeiten getan sein mögen, sicher erst in
+dieser Epoche ihre Vollendung fand. Die neue Rechtssatzung war theoretisch
+abstrakt, insofern die römische Rechtsanschauung darin ihrer nationalen
+Besonderheit insoweit sich entäußert hatte, als sie derselben sich bewußt
+worden war; sie war aber zugleich praktisch positiv, indem sie keineswegs in
+die trübe Dämmerung allgemeiner Billigkeit oder gar in das reine Nichts des
+sogenannten Naturrechts verschwamm, sondern von bestimmten Behörden für
+bestimmte konkrete Fälle nach festen Normen angewandt ward und einer
+gesetzlichen Formulierung nicht bloß fähig, sondern in dem Stadtedikt
+wesentlich schon teilhaft geworden war. Diese Satzung entsprach ferner
+materiell den Bedürfnissen der Zeit, insofern sie für Prozeß, Eigentumserwerb,
+Kontraktabschluß die durch den gesteigerten Verkehr geforderten bequemeren
+Formen darbot. Sie war endlich bereits im wesentlichen im ganzen Umfang des
+römischen Reiches allgemein subsidiäres Recht geworden, indem man die
+mannigfaltigen Lokalstatuten für diejenigen Rechtsverhältnisse, die nicht
+zunächst Verkehrsverhältnisse sind, sowie für den Lokalverkehr zwischen
+Gliedern desselben Rechtssprengels beibehielt, dagegen den Vermögensverkehr
+zwischen Reichsangehörigen verschiedener Rechtskreise durchgängig nach dem
+Muster des, rechtlich auf diese Fälle freilich nicht anwendbaren, Stadtediktes
+sowohl in Italien wie in den Provinzen regulierte. Das Recht des Stadtedikts
+hatte also wesentlich dieselbe Stellung in jener Zeit, die in unserer
+staatlichen Entwicklung das römische Recht eingenommen hat: auch dies ist,
+soweit solche Gegensätze sich vereinigen lassen, zugleich abstrakt und positiv;
+auch dies empfahl sich durch seine, verglichen mit dem älteren Satzungsrecht,
+geschmeidigen Verkehrsformen und trat neben den Lokalstatuten als allgemeines
+Hilfsrecht ein. Nur darin hatte die römische Rechtsentwicklung vor der unsrigen
+einen wesentlichen Vorzug, daß die denationalisierte Gesetzgebung nicht, wie
+bei uns, vorzeitig und durch Kunstgeburt, sondern rechtzeitig und naturgemäß
+sich einfand.
+</p>
+
+<p>
+Diesen Rechtszustand fand Caesar vor. Wenn er den Plan entwarf zu einem neuen
+Gesetzbuch, so ist es nicht schwer zu sagen, was er damit beabsichtigt hat. Es
+konnte dies Gesetzbuch einzig das Recht der römischen Bürger zusammenfassen und
+allgemeines Reichsgesetzbuch nur insofern sein, als ein zeitgemäßes Gesetzbuch
+der herrschenden Nation von selbst im ganzen Umfange des Reiches allgemeines
+Subsidiarrecht werden mußte. Im Kriminalrecht, wenn überhaupt der Plan sich auf
+dies miterstreckte, bedurfte es nur einer Revision und Redaktion der
+Sullanischen Ordnungen. Im Zivilrecht war für einen Staat, dessen Nationalität
+eigentlich die Humanität war, die notwendige und einzig mögliche Formulierung
+jenes schon aus dem rechtlichen Verkehr freiwillig hervorgewachsene Stadtedikt
+in gesetzlicher Sicherung und Präzisierung. Den ersten Schritt zu dieser hatte
+das Cornelische Gesetz von 687 (67) getan, indem es den Richter an die zu
+Anfang seines Amtes aufgestellten Maximen band und ihm vorschrieb, nicht
+willkürlich anderes Recht zu sprechen - eine Bestimmung, die wohl mit dem
+Zwölftafelgesetz verglichen werden darf und für die Fixierung des neueren
+Stadtrechts fast ebenso bedeutsam geworden ist wie jenes für die Fixierung des
+älteren. Aber wenn auch seit dem Cornelischen Volksschluß das Edikt nicht mehr
+unter dem Richter stand, sondern gesetzlich der Richter unter dem Edikt; wenn
+auch das neue Gesetzbuch im Gerichtsgebrauch wie im Rechtsunterricht das alte
+Stadtrecht tatsächlich verdrängt hatte, so stand es doch noch jedem
+Stadtrichter frei, bei Antritt seines Amtes das Edikt unbeschränkt und
+willkürlich zu verändern, und überwog das Zwölftafelrecht mit seinen Zusätzen
+formell immer noch das Stadtedikt, so daß in jedem einzelnen Kollisionsfall die
+veraltete Satzung durch arbiträres Eingreifen der Beamten, also genau genommen
+durch Verletzung des formellen Rechts, beseitigt werden mußte. Die subsidiäre
+Anwendung des Stadtedikts in dem Fremdengericht in Rom und in den verschiedenen
+Provinzialgerichtshöfen war nun gar gänzlich in die Willkür der einzelnen
+Oberbeamten gestellt. Offenbar war es notwendig, das alte Stadtrecht, soweit es
+nicht in das neuere übergegangen war, definitiv zu beseitigen und in dem
+letzteren der willkürlichen Änderung durch jeden einzelnen Stadtrichter
+angemessene Grenzen zu setzen, etwa auch die subsidiäre Anwendung desselben
+neben den Lokalstatuten zu regulieren. Dies war Caesars Absicht, als er den
+Plan zu einem Gesetzbuch entwarf; denn dies mußte sie sein. Der Plan ward nicht
+ausgeführt und damit jener lästige Übergangszustand in dem römischen
+Rechtswesen verewigt, bis nach sechshundert Jahren, und auch dann nur
+unvollkommen, diese notwendige Reform von einem der Nachfolger Caesars, dem
+Kaiser Justinianus, vollzogen ward.
+</p>
+
+<p>
+Endlich in Münze, Maß und Gewicht war die wesentliche Ausgleichung des
+latinischen und des hellenischen Systems längst im Zuge. Sie war uralt in den
+für Handel und Verkehr unentbehrlichen Bestimmungen des Gewichts, der Körper-
+und Längenmaße und in dem Münzwesen wenig jünger als die Einführung der
+Silberprägung. Indes reichten diese älteren Gleichungen nicht aus, da in der
+hellenischen Welt selbst die verschiedenartigsten metrischen und Münzsysteme
+nebeneinander bestanden; es war notwendig und lag auch ohne Zweifel in Caesars
+Plan, in dem neuen einheitlichen Reich, soweit es nicht bereits früher schon
+geschehen war, römische Münze, römisches Maß und römisches Gewicht jetzt
+überall in der Art einzuführen, daß im offiziellen Verkehr allein danach
+gerechnet, und die nichtrömischen Systeme teils auf lokale Geltung beschränkt,
+teils zu den römischen in ein ein für allemal reguliertes Verhältnis gesetzt
+wurden ^34. Nachweisen indes läßt Caesars Tätigkeit sich nur auf zweien der
+wichtigsten dieser Gebiete, in dem Geld- und im Kalenderwesen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^34 Kürzlich zum Vorschein gekommene pompeianische Gewichte legen die Annahme
+nahe, daß im Anfang der Kaiserzeit neben dem römischen Pfund die attische Mine
+(vermutlich im Verhältnis von 3 : 4) als zweites Reichsgewicht Geltung gehabt
+hat (Heymes 16, 1880, S. 311).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Das römische Geldwesen beruhte auf den beiden neben und in einem festen
+Verhältnis zueinander umlaufenden edlen Metallen, von denen das Gold nach dem
+Gewicht ^35, das Silber nach dem Gepräge gegeben und genommen ward, tatsächlich
+aber infolge des ausgedehnten überseeischen Verkehrs das Gold bei weitem das
+Silber überwog. Ob nicht schon früher im ganzen Umfange des Reiches die Annahme
+des römischen Silbergeldes obligatorisch war, ist ungewiß; auf jeden Fall
+vertrat die Stelle des Reichsgeldes im ganzen römischen Gebiet wesentlich das
+ungemünzte Gold, um so mehr als die Römer in allen Provinzen und
+Klientelstaaten die Goldprägung untersagt hatten, und hatte der Denar außer in
+Italien auch im Cisalpinischen Gallien, in Sizilien, in Spanien und sonst
+vielfach, namentlich im Westen, gesetzlich oder faktisch sich eingebürgert. Mit
+Caesar aber beginnt die Reichsmünze. Ebenwie Alexander bezeichnete auch er die
+Gründung der neuen, die zivilisierte Welt umfassenden Monarchie dadurch, daß
+das einzig weltenvermittelnde Metall auch in der Münze den ersten Platz
+erhielt. In wie großartigem Umfang sogleich das neue Caesarische Goldstück (zu
+7 Taler, 18 Groschen nach heutigem Metallwert) geprägt ward, beweist die
+Tatsache, daß in einem einzelnen, sieben Jahre nach Caesars Tode vergrabenen
+Schatz sich 80000 dieser Stücke beisammen gefunden haben. Freilich mögen hier
+nebenbei auch finanzielle Spekulationen von Einfluß gewesen sein ^36. Was das
+Silbergeld anlangt, so ward durch Caesar die Alleinherrschaft des römischen
+Denars im gesamten Westen, zu der der Grund schon früher gelegt worden war,
+schließlich festgestellt, indem er die einzige okzidentalische Münzstätte, die
+im Silbercourant noch mit der römischen konkurrierte, die massaliotische,
+definitiv schloß. Die Prägung von silberner oder kupferner Scheidemünze blieb
+einer Anzahl okzidentalischer Gemeinden erlaubt, wie denn Dreivierteldenare von
+einigen latinischen Gemeinden des südlichen Galliens, halbe Denare von mehreren
+nordgallischen Gauen, kupferne Kleinmünzen vielfach auch noch nach Caesar von
+Kommunen des Westens geschlagen worden sind; allein auch diese Scheidemünze war
+durchgängig auf römischen Fuß geprägt und ihre Annahme überdies wahrscheinlich
+nur im Lokalverkehr obligatorisch. An eine einheitliche Regulierung des
+Münzwesens im Osten, wo große Massen groben, großenteils zu leicht
+ausgebrachten oder vernutzten Silbergeldes, zum Teil sogar, wie in Ägypten,
+eine unserem Papiergeld verwandte Kupfermünze umlief, auch die syrischen
+Handelsstädte den Mangel ihrer bisherigen, dem mesopotamischen Courant
+entsprechenden Landesmünze sehr schwer empfunden haben würden, scheint Caesar
+so wenig gedacht zu haben wie die frühere Regierung. Wir finden hier später die
+Einrichtung, daß der Denar überall gesetzlichen Kurs hat und offiziell nur nach
+ihm gerechnet wird ^37, die Lokalmünzen aber innerhalb ihres beschränkten
+Rayons zwar auch Legalkurs, aber nach einem für sie ungünstigen Tarif gegen den
+Denar haben ^38; dieselbe ist wahrscheinlich nicht auf einmal und zum Teil auch
+wohl schon von Caesar eingeführt worden, auf jeden Fall aber die wesentliche
+Ergänzung der Caesarischen Reichsmünzordnung, deren neues Goldstück in dem
+ungefähr gleich schweren Alexanders sein unmittelbares Muster fand und wohl
+ganz besonders auf die Zirkulation im Orient berechnet war.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^35 Die Goldstücke, die Sulla und gleichzeitig Pompeius, beide in geringer
+Zahl, schlagen ließen, heben diesen Satz nicht auf: denn sie wurden
+wahrscheinlich lediglich nach dem Gewicht genommen ähnlich wie die goldenen
+Philippeer, die auch bis nach Caesars Zeit im Umlauf gewesen sind. Merkwürdig
+sind sie allerdings, insofern sie das Caesarische Reichsgold ähnlich einleiten
+wie Sullas Regentschaft die neue Monarchie.
+</p>
+
+<p>
+^36 Es scheint nämlich, daß man in älterer Zeit die auf Silber lautenden
+Forderungen der Staatsgläubiger nicht wider deren Willen in Gold, nach dem
+legalen Kurs desselben zum Silber, bezahlen konnte; wogegen es keinen Zweifel
+leidet, daß seit Caesar das Goldstück unweigerlich für 100 Silbersesterzen
+angenommen werden mußte. Es war dies ebendamals um so wichtiger, als infolge
+der durch Caesar in Umlauf gebrachten großen Quantitäten Goldes dasselbe eine
+Zeitlang im Handelskurs 25 Prozent unter dem Legalkurs stand.
+</p>
+
+<p>
+^37 Es gibt wohl keine Inschrift der Kaiserzeit, die Geldsummen anders als in
+römischer Münze angäbe.
+</p>
+
+<p>
+^38 So gilt die attische Drachme, obwohl merklich schwerer als der Denar, doch
+diesem gleich; das antiochische Tetradrachmon, durchschnittlich 15 Gramm Silber
+schwer, gleich 3 römischen Denaren, die nur gegen 12 Gramm wiegen; so der
+kleinasiatische Cistophorus nach Silberwert über 3, nach dem Legaltarif 2
+Denare; so die rhodische halbe Drachme nach Silberwert ¾, nach dem Legaltarif
+5/8 Denare und so weiter.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Verwandter Art war die Kalenderreform. Der republikanische Kalender,
+unglaublicherweise immer noch der alte, aus der vormetonischen Oktaeteris
+verunstaltete Dezemviralkalender, war durch die Verbindung elendester
+Mathematik und elendester Administration dahin gelangt, um volle 67 Tage der
+wahren Zeit voranzugehen und zum Beispiel das Blütenfest statt am 28. April am
+11. Juli zu feiern. Caesar beseitigte endlich diesen Mißstand und führte mit
+Hilfe des griechischen Mathematikers Sosigenes das nach dem ägyptischen
+Eudoxischen Kalender geordnete italische Bauernjahr sowie ein verständiges
+Einschaltungssystem in den religiösen und offiziellen Gebrauch ein, indem
+zugleich das alte Kalenderneujahr des 1. März abgeschafft, dagegen der zunächst
+für den Amtswechsel der höchsten Magistrate festgestellte und infolgedessen
+längst im bürgerlichen Leben überwiegende Termin des 1. Januar auch als
+Kalenderepoche für den Jahreswechsel angenommen ward. Beide Änderungen traten
+mit dem 1. Januar 709 der Stadt, 45 vor Chr., ins Leben und mit ihnen der
+Gebrauch des von seinem Urheber benannten Julianischen Kalenders, der lange
+nach dem Untergang der Monarchie Caesars in der gebildeten Welt maßgebend
+geblieben und in der Hauptsache es noch ist. Zur Erläuterung ward in einem
+ausführlichen Edikt ein den ägyptischen Himmelsbeobachtungen entnommener und,
+freilich nicht geschickt, auf Italien übertragener Sternkalender hinzugefügt,
+welcher den Auf- und Untergang der namhaften Gestirne nach Kalendertagen
+bestimmte ^39. Auch auf diesem Gebiet also setzten die römische und die
+griechische Welt sich ins gleiche.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^39 Die Identität dieses vielleicht von Marcus Flavius redigierten Edikts
+(Macr. Sat. I, 14, 2) und der angeblichen Schrift Caesars von den Gestirnen
+beweist der Scherz Ciceros (Plut. Caes. 59), daß jetzt die Leier nach
+Verordnung aufgehe.
+</p>
+
+<p>
+Übrigens wußte man schon vor Caesar, daß das Sonnenjahr von 365 Tagen sechs
+Stunden, das dem ägyptischen Kalender zugrunde lag und das er seinem Kalender
+zugrunde legte, etwas zu lang angesetzt sei. Die genaueste Berechnung des
+tropischen Jahres, die die alte Welt kannte, die des Hipparchos, setzte
+dasselbe auf 365 Tage 5 Stunden 52' 12"; die wahre Länge ist 365 Tage 5 Stunden
+48' 48".
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Dies waren die Grundlagen der Mittelmeermonarchie Caesars. Zum zweitenmal war
+in Rom die soziale Frage zu einer Krise gelangt, wo die Gegensätze, so wie sie
+aufgestellt waren, unauflöslich, so wie sie ausgesprochen waren, unversöhnlich
+nicht bloß schienen, sondern waren. Damals war Rom dadurch gerettet worden, daß
+Italien in Rom und Rom in Italien aufging und in der neuen erweiterten und
+verwandelten Heimat jene alten Gegensätze nicht ausgeglichen wurden, sondern
+wegfielen. Wieder ward jetzt Rom dadurch gerettet, daß die Landschaften des
+Mittelmeeres in ihm aufgingen oder zum Aufgehen vorbereitet wurden; der Krieg
+der italischen Armen und Reichen, der in dem alten Italien nur mit der
+Vernichtung der Nation endigen konnte, hatte in dem Italien dreier Weltteile
+kein Schlachtfeld und keinen Sinn mehr. Die latinischen Kolonien schlossen die
+Kluft, die im fünften Jahrhundert die römische Gemeinde zu verschlingen drohte;
+den tieferen Riß des siebenten Jahrhunderts füllten Gaius Gracchus&rsquo; und
+Caesars transalpinische und überseeische Kolonisationen. Für das einzige Rom
+hat die Geschichte nicht bloß Wunder getan, sondern auch seine Wunder
+wiederholt und zweimal die im Staate selbst unheilbare innere Krise dadurch
+geheilt, daß sie den Staat verjüngte. Wohl ist viel Verwesung in dieser
+Verjüngung; wie die Einigung Italiens auf den Trümmern der samnitischen und
+etruskischen Nation sich vollzog, so erbaute auch die Mittelmeermonarchie sich
+auf den Ruinen unzähliger, einst lebendiger und tüchtiger Staaten und Stämme;
+aber es ist eine Verwesung, der frische und zum Teil noch heute grünende Saaten
+entkeimten. Was zugrunde ging um des neuen Gebäudes willen, waren nur die
+längst schon von der nivellierenden Zivilisation zum Untergang bezeichneten
+sekundären Nationalitäten. Caesar hat, wo er zerstörend auftrat, nur den
+ausgefällten Spruch der geschichtlichen Entwicklung vollzogen, die Keime der
+Kultur aber geschützt, wo und wie er sie fand, in seinem eigenen Lande so gut
+wie bei der verschwisterten Nation der Hellenen. Er hat das Römertum gerettet
+und erneuert, aber auch das Griechentum hat er nicht bloß geschont, sondern mit
+derselben sicheren Genialität, womit er die Neugründung Roms vollbrachte, auch
+der Regeneration der Hellenen sich unterzogen und das unterbrochene Werk des
+großen Alexander wiederaufgenommen, dessen Bild, wohl mag man es glauben,
+niemals aus Caesars Seele wich. Er hat diese beiden großen Aufgaben nicht bloß
+nebeneinander, sondern eine durch die andere gelöst. Die beiden großen
+Wesenheiten des Menschentums, die allgemeine und die individuelle Entwicklung
+oder Staat und Kultur, einst im Keime vereinigt in jenen alten, fern von den
+Küsten und Inseln des Mittelmeers in urväterlicher Einfachheit ihre Herden
+weidenden Graecoitalikern, hatten sich geschieden, als dieselben sich sonderten
+in Italiker und Hellenen, und waren seitdem durch Jahrtausende geschieden
+geblieben. Jetzt erschuf der Enkel des troischen Fürsten und der latinischen
+Königstochter aus einem Staat ohne eigene Kultur und einer kosmopolitischen
+Zivilisation ein neues Ganzes, in welchem auf dem Gipfel menschlichen Daseins,
+in der reichen Fülle des glückseligen Alters Staat und Kultur wiederum sich
+zusammenfanden und den einem solchen Inhalt angemessenen Umkreis würdig
+erfüllten.
+</p>
+
+<p>
+Die Linien sind dargelegt, welche Caesar für dieses Werk gezogen hat, nach
+denen er selbst arbeitete und nach denen die Späteren, viele Jahrhunderte
+hindurch gebannt in die von diesem Manne vorgezeichneten Bahnen, wo nicht mit
+dem Geiste und der Energie, doch im ganzen nach den Intentionen des großen
+Meisters weiter zu arbeiten versuchten. Vollendet ist wenig, gar manches nur
+angelegt. Ob der Plan vollständig ist, mag entscheiden, wer mit einem solchen
+Mann in die Wette zu denken wagt; wir bemerken keine wesentlichen Lücken in
+dem, was vorliegt, jeder einzelne Baustein genug, um einen Mann unsterblich zu
+machen, und doch wieder alle zusammen ein harmonisches Ganzes. Fünf und ein
+halbes Jahr, nicht halb so lange wie Alexander, schaltete Caesar als König von
+Rom; zwischen sieben großen Feldzügen, die ihm nicht mehr als zusammen fünfzehn
+Monate ^40 in der Hauptstadt seines Reiches zu verweilen erlaubten, ordnete er
+die Geschicke der Welt für die Gegenwart und die Zukunft; von der Feststellung
+der Grenzlinie zwischen Zivilisation und Barbarei an bis hinab zu der
+Beseitigung der Regenpfützen auf den Gassen der Hauptstadt, und behielt dabei
+noch Zeit und Heiterkeit genug, um den Preisstücken im Theater aufmerksam zu
+folgen und dem Sieger den Kranz mit improvisierten Versen zu erteilen. Die
+Schnelligkeit und Sicherheit der Ausführung des Planes beweist, daß er lange
+durchdacht und in allen Teilen im einzelnen festgestellt war; allein auch so
+bleibt sie nicht viel weniger wunderbar als der Plan selbst. Die Grundzüge
+waren gegeben und damit der neue Staat für alle Zukunft bestimmt; vollenden
+konnte den Bau nur die grenzenlose Zukunft. Insofern durfte Caesar sich sagen,
+daß sein Ziel erreicht sei, und das wohl mochten die Worte bedeuten, die man
+zuweilen aus seinem Munde vernahm, daß er genug gelebt habe. Aber eben weil der
+Bau ein unendlicher war, fügte der Meister, solange er lebte, rastlos Stein auf
+Stein, mit immer gleicher Geschmeidigkeit und immer gleicher Spannkraft tätig
+an seinem Werk, ohne je zu überstürzen oder zu verschieben, eben als gebe es
+für ihn nur ein Heute und kein Morgen. So wirkte und schaffte er wie nie ein
+Sterblicher vor und nach ihm, und als ein Wirkender und Schaffender lebt er
+noch nach Jahrtausenden im Gedächtnis der Nationen, der erste und doch auch der
+einzige Imperator Caesar.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^40 Caesar verweilte in Rom im April und Dezember 705 (49), beide Male auf
+wenige Tage; vom September bis Dezember 707 (47); etwa vier Herbstmonate des
+fünfzehnmonatlichen Jahres 708 (46) und vom Oktober 709 (45) bis zum März 710
+(44).
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap12"></a>KAPITEL XII.<br/>
+Religion, Bildung, Literatur und Kunst</h2>
+
+<p>
+In der religiös-philosophischen Entwicklung tritt in dieser Epoche kein neues
+Moment hervor. Die römisch-hellenische Staatsreligion und die damit untrennbar
+verbundene stoische Staatsphilosophie waren für jede Regierung, Oligarchie,
+Demokratie oder Monarchie, nicht bloß ein bequemes Instrument, sondern deshalb
+geradezu unentbehrlich, weil es ebenso unmöglich war, den Staat ganz ohne
+religiöse Elemente zu konstruieren als irgendeine neue zur Ersetzung der alten
+geeignete Staatsreligion aufzufinden. So fuhr denn zwar der revolutionäre Besen
+gelegentlich sehr unsanft in die Spinnweben der auguralen Vogelweisheit hinein;
+aber die morsche, in allen Fugen krachende Maschine überdauerte dennoch das
+Erdbeben, das die Republik selber verschlang, und rettete ihre Geistlosigkeit
+und ihre Hoffart ungeschmälert hinüber in die neue Monarchie. Es versteht sich,
+daß sie zunahm an Ungnade bei allen denen, die ein freies Urteil sich
+bewahrten. Zwar gegen die Staatsreligion verhielt die öffentliche Meinung sich
+wesentlich gleichgültig; sie war allerseits als eine Institution politischer
+Konvenienz anerkannt und es bekümmerte sich niemand sonderlich um sie, mit
+Ausnahme der politischen und antiquarischen Gelehrten. Aber gegen ihre
+philosophische Schwester entwickelte sich in dem unbefangenen Publikum jene
+Feindseligkeit, die die leere und doch auch perfide Phrasenheuchelei auf die
+Länge nie verfehlt zu erwecken. Daß der Stoa selbst von ihrer eigenen
+Nichtigkeit eine Ahnung aufzugehen begann, beweist ihr Versuch, auf dem Wege
+des Synkretismus sich wieder einigen Geist künstlich einzuflößen: Antiochos von
+Askalon (blüht 675 79), der mit dem stoischen System das
+platonisch-aristotelische zu einer organischen Einheit zusammengeklittert zu
+haben behauptete, brachte es in der Tat dahin, daß seine mißgeschaffene Doktrin
+die Modephilosophie der Konservativen seiner Zeit und von den vornehmen
+Dilettanten und Literaten Roms gewissenhaft studiert ward. Wer irgend in
+geistiger Frische sich regte, opponierte der Stoa oder ignorierte sie. Es war
+hauptsächlich der Widerwille gegen die großmauligen und langweiligen römischen
+Pharisäer, daneben freilich auch der zunehmende Hang, sich aus dem praktischen
+Leben in schlaffe Apathie oder nichtige Ironie zu flüchten, dem während dieser
+Epoche das System Epikurs seine Ausbreitung in weiteren Kreisen und die
+Diogenische Hundephilosophie ihre Einbürgerung in Rom verdankte. Wie matt und
+gedankenarm auch jenes sein mochte, eine Philosophie, die nicht in der
+Veränderung der hergebrachten Bezeichnungen den Weg zur Freiheit suchte,
+sondern mit den vorhandenen sich begnügte und durchaus nur die sinnliche
+Wahrnehmung als wahr gelten ließ, war immer noch besser als das terminologische
+Geklapper und die hohlen Begriffe der stoischen Weisheit; und die
+Hundephilosophie gar war von allen damaligen philosophischen Systemen insofern
+bei weitem das vorzüglichste, als ihr System sich darauf beschränkte, gar kein
+System zu haben, sondern alle Systeme und alle Systematiker zu verhöhnen. Auf
+beiden Gebieten wurde gegen die Stoa mit Eifer und Glück Krieg geführt; für
+ernste Männer predigte der Epikureer Lucretius mit dem vollen Akzent der
+innigen Überzeugung und des heiligen Eifers gegen den stoischen Götter- und
+Vorsehungsglauben und die stoische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele; für
+das große lachbereite Publikum traf der Kyniker Varro mit den flüchtigen
+Pfeilen seiner vielgelesenen Satiren noch schärfer zum Ziel. Wenn also die
+tüchtigsten Männer der älteren Generation die Stoa befehdeten, so stand dagegen
+die jüngere, wie zum Beispiel Catullus, zu ihr in gar keinem innerlichen
+Verhältnis mehr und kritisierte sie noch bei weitem schärfer durch
+vollständiges Ignorieren.
+</p>
+
+<p>
+Indes wenn hier ein glaubenloser Glaube aus politischer Konvenienz aufrecht
+erhalten ward, so brachte man dies anderswo reichlich wieder ein. Unglaube und
+Aberglaube, verschiedene Farbenbrechungen desselben geschichtlichen Phänomens,
+gingen auch in der damaligen römischen Welt Hand in Hand und es fehlte nicht an
+Individuen, welche sie beide in sich vereinigten, mit Epikuros die Götter
+leugneten und doch vor jeder Kapelle beteten und opferten. Natürlich galten nur
+noch die aus dem Orient gekommenen Götter, und wie die Menschen fortfuhren, aus
+den griechischen Landschaften nach Italien zu strömen, so wanderten auch die
+Götter des Ostens in immer steigender Zahl nach dem Westen hinüber. Was der
+phrygische Kult damals in Rom bedeutete, beweist sowohl die Polemik bei den
+älteren Männern, wie bei Varro und Lucretius, als auch die poetische
+Verherrlichung desselben bei dem modernen Catullus, die mit der
+charakteristischen Bitte schließt, daß die Göttin geneigen möge, nur andere,
+nicht den Dichter selbst verrückt zu machen. Neu trat hinzu der persische
+Götterdienst, der zuerst durch Vermittlung der von Osten und von Westen her auf
+dem Mittelmeere sich begegnenden Piraten zu den Okzidentalen gelangt sein soll
+und als dessen älteste Kultstätte im Westen der Berg Olympos in Lykien
+bezeichnet wird. Dafür, daß man bei der Aufnahme der orientalischen Kulte im
+Okzident das, was sie von höheren spekulativen und sittlichen Elementen
+enthielten, durchgängig fallen ließ, ist es ein merkwürdiger Beleg, daß der
+höchste Gott der reinen Lehre Zarathustras, Ahuramazda, im Westen so gut wie
+unbekannt blieb und hier die Verehrung sich vorzugsweise wieder demjenigen Gott
+zuwandte, der in der alten persischen Volksreligion den ersten Platz
+eingenommen hatte und durch Zarathustra an den zweiten gerückt worden war, dem
+Sonnengott Mithra. Rascher noch als die lichteren und milderen persischen
+Himmelsgestalten traf der langweilig geheimnisvolle Schwarm der ägyptischen
+Götterkarikaturen in Rom ein, die Naturmutter Isis mit ihrem ganzen Gefolge,
+dem ewig sterbenden und ewig wiederauflebenden Osiris, dem finsteren Sarapis,
+dem schweigsam ernsten Harpokrates, dem hundsköpfigen Anubis. In dem Jahre, wo
+Clodius die Klubs und Konventikel freigab (696 58), und ohne Zweifel eben
+infolge dieser Emanzipation des Pöbels, machte jener Schwarm sogar Anstalt, in
+die alte Burg des römischen Jupiter auf dem Kapitol seinen Einzug zu halten,
+und kaum gelang es, von hier ihn noch abzuwehren und die unvermeidlichen Tempel
+wenigstens in die Vorstädte Roms zu bannen. Kein Kult war in den unteren
+Schichten der hauptstädtischen Bevölkerung gleich populär: als der Senat die
+innerhalb der Ringmauer angelegten Isistempel einzureißen befahl, wagte kein
+Arbeiter, die erste Hand daran zu legen, und der Konsul Lucius Paullus mußte
+selber den ersten Axtschlag tun (704 50); man konnte darauf wetten, daß je
+lockerer ein Dirnchen war, es desto frommer die Isis verehrte. Daß Loswerfen,
+Traumdeuten und dergleichen freie Künste ihren Mann ernährten, versteht sich
+von selbst. Das Horoskopstellen ward schon wissenschaftlich betrieben: Lucius
+Tarutius aus Firmum, ein angesehener und in seiner Art gelehrter, mit Varro und
+Cicero befreundeter Mann, stellte ganz ernsthaft den Königen Romulus und Numa
+und der Stadt Rom selbst die Nativität und erhärtete zur Erbauung der
+beiderseitigen Gläubigen mittels seiner chaldäischen und ägyptischen Weisheit
+die Berichte der römischen Chronik. Aber bei weitem die merkwürdigste
+Erscheinung auf diesem Gebiet ist der erste Versuch, das rohe Glauben mit dem
+spekulativen Denken zu verquicken, das erste Hervortreten derjenigen Tendenzen,
+die wir als neuplatonische zu bezeichnen gewohnt sind, in der römischen Welt.
+Ihr ältester Apostel daselbst war Publius Nigidius Figulus, ein vornehmer Römer
+von der strengsten Fraktion der Aristokratie, der 696 (58) die Prätur
+bekleidete und im Jahre 709 (45) als politischer Verbannter außerhalb Italiens
+starb. Mit staunenswerter Vielgelehrtheit und noch staunenswerterer
+Glaubensstärke schuf er aus den disparatesten Elementen einen
+philosophisch-religiösen Bau, dessen wunderlichen Grundriß er mehr wohl noch in
+mündlichen Verkündigungen entwickelte als in seinen theologischen und
+naturwissenschaftlichen Schriften. In der Philosophie griff er, Erlösung
+suchend von den Totengerippen der umgehenden Systeme und Abstraktionen, zurück
+auf den verschütteten Born der vorsokratischen Philosophie, deren alten Weisen
+der Gedanke selber noch mit sinnlicher Lebendigkeit erschienen war. Die
+naturwissenschaftliche Forschung, die, zweckmäßig behandelt, dem mystischen
+Schwindel und der frommen Taschenspielerei auch jetzt noch so vortreffliche
+Handhaben darbietet und im Altertum, bei der mangelhafteren Einsicht in die
+physikalischen Gesetze, sie noch bequemer darbot, spielte begreiflicherweise
+auch hier eine ansehnliche Rolle. Seine Theologie beruhte wesentlich auf dem
+wunderlichen Gebräu, in dem den geistesverwandten Griechen orphische und andere
+uralte oder sehr neue einheimische Weisheit mit persischen, chaldäischen und
+ägyptischen Geheimlehren zusammengeflossen war und in welches Figulus noch die
+Quasiresultate der tuskischen Forschung in das Nichts und die einheimische
+Vogelfluglehre zu weiterer harmonischer Konfusion einarbeitete. Dem ganzen
+System gab die politisch-religiös-nationale Weihe der Name des Pythagoras, des
+ultrakonservativen Staatsmannes, dessen oberster Grundsatz war, &ldquo;die
+Ordnung zu fördern und der Unordnung zu wehren&rdquo;, des Wundermannes und
+Geisterbeschwörers, des in Italien heimischen, selbst in Roms Sagengeschichte
+verflochtenen und auf dem römischen Markte im Standbilde zu schauenden uralten
+Weisen. Wie Geburt und Tod miteinander verwandt sind, so, schien es, sollte
+Pythagoras nicht bloß an der Wiege der Republik stehen als des weisen Numa
+Freund und der klugen Mutter Egeria Kollege, sondern auch als der letzte Hort
+der heiligen Vogelweisheit an ihrem Grabe. Das neue System war aber nicht bloß
+wunderhaft, es wirkte auch Wunder: Nigidius verkündigte dem Vater des
+nachmaligen Kaisers Augustus an dem Tage selbst, wo dieser geboren ward, die
+künftige Größe des Sohnes; ja die Propheten bannten den Gläubigen Geister und,
+was mehr sagen will, sie wiesen ihnen die Plätze nach, wo ihre verlorenen
+Münzen lagen. Die neu-alte Weisheit, wie sie nun eben war, machte doch auf die
+Zeitgenossen einen tiefen Eindruck; die vornehmsten, gelehrtesten, tüchtigsten
+Männer der verschiedensten Parteien, der Konsul des Jahres 705 (49), Appius
+Claudius, der gelehrte Marcus Varro, der tapfere Offizier Publius Vatinius,
+machten das Geisterzitieren mit, und es scheint sogar, daß gegen das Treiben
+dieser Gesellschaften polizeilich eingeschritten werden mußte. Diese letzten
+Versuche, die römische Theologie zu retten, machen, ähnlich wie Catos verwandte
+Bestrebungen auf dem politischen Gebiet, zugleich einen komischen und einen
+wehmütigen Eindruck; man darf über das Evangelium wie über die Apostel lächeln,
+aber immer ist es eine ernsthafte Sache, wenn auch die tüchtigen Männer
+anfangen, sich dem Absurden zu ergeben.
+</p>
+
+<p>
+Die Jugendbildung bewegte sich, wie sich von selbst versteht, in dem in der
+vorigen Epoche vorgezeichneten Kreise zwiesprachiger Humanität, und mehr und
+mehr ging die allgemeine Bildung auch der römischen Welt ein auf die von den
+Griechen dafür festgestellten Formeln. Selbst die körperlichen Übungen
+schritten von dem Ballspiel, dem Laufen und Fechten fort zu den kunstmäßiger
+entwickelten griechischen Turnkämpfen; wenn es auch für diese noch keine
+öffentlichen Anstalten gab, pflegte doch in den vornehmen Landhäusern schon
+neben den Badezimmern die Palästra nicht zu fehlen. In welcher Art der Kreis
+der allgemeinen Bildung sich in der römischen Welt im Laufe eines Jahrhunderts
+umgewandelt hatte, zeigt die Vergleichung der Catonischen
+&lsquo;Encyklopädie&rsquo; mit der gleichartigen Schrift Varros &lsquo;Von den
+Schulwissenschaften&rsquo;. Als Bestandteile der nichtfachwissenschaftlichen
+Bildung erscheinen bei Cato die Redekunst, die Ackerbau-, Rechts-, Kriegs- und
+Arzneikunde, bei Varro - nach wahrscheinlicher Vermutung - Grammatik, Logik
+oder Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik, Medizin und
+Architektur. Es sind also im Verlaufe des siebenten Jahrhunderts Kriegs-,
+Rechts- und Ackerbaukunde aus allgemeinen zu Fachwissenschaften geworden.
+Dagegen tritt bei Varro die hellenische Jugendbildung bereits in ihrer ganzen
+Vollständigkeit auf: neben dem grammatisch-rhetorisch-philosophischen Kursus,
+der schon früher in Italien eingeführt war, findet jetzt auch der länger
+spezifisch hellenisch gebliebene
+geometrisch-arithmetisch-astronomisch-musikalische ^1 sich ein. Daß namentlich
+die Astronomie, die in der Nomenklatur der Gestirne dem gedankenlosen gelehrten
+Dilettantismus der Zeit, in ihren Beziehungen zur Astrologie dem herrschenden
+religiösen Schwindel entgegenkam, in Italien von der Jugend regelmäßig und
+eifrig studiert ward, läßt sich auch anderweitig belegen: Aratos&rsquo;
+astronomische Lehrgedichte fanden unter allen Werken der alexandrinischen
+Literatur am frühesten Eingang in den römischen Jugendunterricht. Zu diesem
+hellenischen Kursus trat dann noch die aus dem älteren römischen
+Jugendunterricht stehengebliebene Medizin und endlich die dem damaligen statt
+des Ackers Häuser und Villen bauenden vornehmen Römer unentbehrliche
+Architektur.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Es sind dies, wie bekannt, die sogenannten sieben freien Künste, die mit
+dieser Unterscheidung der früher in Italien eingebürgerten drei und der
+nachträglich rezipierten vier Disziplinen sich durch das ganze Mittelalter
+behauptet haben.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Im Vergleich mit der vorigen Epoche nimmt die griechische wie die lateinische
+Bildung an Umfang und an Schulstrenge ebenso zu wie ab an Reinheit und an
+Feinheit. Der steigende Drang nach griechischem Wissen gab dem Unterricht von
+selbst einen gelehrten Charakter. Horneros oder Euripides zu exponieren war am
+Ende keine Kunst; Lehrer und Schüler fanden besser ihre Rechnung bei den
+alexandrinischen Poesien, welche überdies auch ihrem Geiste nach der damaligen
+römischen Welt weit näher standen als die echte griechische Nationalpoesie und
+die, wenn sie nicht ganz so ehrwürdig wie die Ilias waren, doch bereits ein
+hinreichend achtbares Alter besaßen, um Schulmeistern als Klassiker zu gelten.
+Euphorions Liebesgedichte, Kalkmachos&rsquo; &lsquo;Ursachen&rsquo; und seine
+&lsquo;Ibis&rsquo;, Lykophrons komisch dunkle &lsquo;Alexandra&rsquo;
+enthielten in reicher Fülle seltene Vokabeln (glossae), die zum Exzerpieren und
+Interpretieren sich eigneten, mühsam verschlungene und mühsam aufzulösende
+Sätze, weitläufige Exkurse voll Zusammengeheimnissung verlegener Mythen,
+überhaupt Vorrat zu beschwerlicher Gelehrsamkeit aller Art. Der Unterricht
+bedurfte immer schwierigerer Übungsstücke; jene Produkte, großenteils
+Musterarbeiten von Schulmeistern, eigneten sich vortrefflich zu Lehrstücken für
+Musterschüler. So nahmen die alexandrinischen Poesien in dem italischen
+Schulunterricht, namentlich als Probeaufgaben, bleibenden Platz und förderten
+allerdings das Wissen, aber auf Kosten des Geschmacks und der Gescheitheit.
+Derselbe ungesunde Bildungshunger drängte ferner die römische Jugend, den
+Hellenismus so viel wie möglich an der Quelle zu schöpfen. Die Kurse bei den
+griechischen Meistern in Rom genügten nur noch für den ersten Anlauf; wer
+irgend wollte mitsprechen können, hörte griechische Philosophie in Athen,
+griechische Rhetorik in Rhodos und machte eine literarische und Kunstreise
+durch Kleinasien, wo noch am meisten von den alten Kunstschätzen der Hellenen
+an Ort und Stelle anzutreffen war und, wenn auch handwerksmäßig, die musische
+Bildung derselben sich fortgepflanzt hatte; wogegen das fernere und mehr als
+Sitz der strengen Wissenschaften gefeierte Alexandreia weit seltener das
+Reiseziel der bildungslustigen jungen Leute war.
+</p>
+
+<p>
+Ähnlich wie der griechische steigert sich auch der lateinische Unterricht. Zum
+Teil geschah dies schon durch die bloße Rückwirkung des griechischen, dem er ja
+seine Methode und seine Anregungen wesentlich entlehnte. Ferner trugen die
+politischen Verhältnisse, der durch das demokratische Treiben in immer weitere
+Kreise getragene Zudrang zu der Rednerbühne auf dem Markte, zur Verbreitung und
+Steigerung der Redeübungen nicht wenig bei; &ldquo;wo man hinblickt&rdquo;,
+sagt Cicero, &ldquo;ist alles von Rhetoren voll&rdquo;. Es kam hinzu, daß die
+Schriften des sechsten Jahrhunderts, je weiter sie in die Vergangenheit
+zurücktraten, desto entschiedener als klassische Texte der goldenen Zeit der
+lateinischen Literatur zu gelten anfingen und damit dem wesentlich auf sie sich
+konzentrierenden Unterricht ein größeres Schwergewicht gaben. Endlich gab die
+von vielen Seiten her einreißende und einwandernde Barbarei und die beginnende
+Latinisierung ausgedehnter keltischer und spanischer Landschaften der
+lateinischen Sprachlehre und dem lateinischen Unterricht von selbst eine höhere
+Bedeutung, als er sie hatte haben können, solange nur Latium lateinisch sprach:
+der Lehrer der lateinischen Literatur hatte in Comum und Narbo von Haus aus
+eine andere Stellung als in Praeneste und Ardea. Im ganzen genommen war die
+Bildung mehr im Sinken als im Steigen. Der Ruin der italischen Landstädte, das
+massenhafte Eindringen fremder Elemente, die politische, ökonomische und
+sittliche Verwilderung der Nation, vor allem die zerrüttenden Bürgerkriege
+verdarben auch in der Sprache mehr, als alle Schulmeister der Welt wieder
+gutmachen konnten. Die engere Berührung mit der hellenischen Bildung der
+Gegenwart, der bestimmtere Einfluß der geschwätzigeren athenischen Weisheit und
+der rhodischen und kleinasiatischen Rhetorik führten vorwiegend eben die
+schädlichsten Elemente des Hellenismus der römischen Jugend zu. Die
+propagandistische Mission, die Latium unter den Kelten, Iberern und Libyern
+übernahm, wie stolz die Aufgabe auch war, mußte doch für die lateinische
+Sprache ähnliche Folgen haben, wie die Hellenisierung des Ostens sie für die
+hellenische gehabt hatte. Wenn das römische Publikum dieser Zeit die
+wohlgefügte und rhythmisch kadenzierte Periode des Redners beklatschte und dem
+Schauspieler ein sprachlicher oder metrischer Verstoß teuer zu stehen kam, so
+zeigt dies wohl, daß die schulmäßig reflektierte Einsicht in die Muttersprache
+in immer weiteren Kreisen Gemeingut ward: aber daneben klagen urteilsfähige
+Zeitgenossen, daß die hellenische Bildung in Italien um 690 (64) weit tiefer
+gestanden als ein Menschenalter zuvor; daß man das reine gute Latein nur selten
+mehr, am ersten noch aus dem Munde älterer gebildeter Frauen zu hören bekomme;
+daß die Überlieferung echter Bildung, der alte, gute lateinische Mutterwitz,
+die Lucilische Feinheit, der gebildete Leserkreis der scipionischen Zeit
+allmählich ausgingen. Daß Wort und Begriff der &ldquo;Urbanität&rdquo;, das
+heißt der feinen nationalen Gesittung, in dieser Zeit aufkamen, beweist nicht,
+daß sie herrschte, sondern daß sie im Verschwinden war und daß man in der
+Sprache und dem Wesen der latinisierten Barbaren oder barbarisierten Lateiner
+die Abwesenheit dieser Urbanität schneidend empfand. Wo noch der urbane
+Konversationston begegnet, wie in Varros Satiren und Ciceros Briefen, da ist es
+ein Nachklang der alten in Reate und Arpinum noch nicht so wie in Rom
+verschollenen Weise.
+</p>
+
+<p>
+So blieb die bisherige Jugendbildung ihrem Wesen nach unverändert, nur daß sie,
+nicht so sehr durch ihren eigenen als durch den allgemeinen Verfall der Nation,
+weniger Gutes und mehr Übles stiftete als in der vorhergegangenen Epoche. Eine
+Revolution auch auf diesem Gebiet leitete Caesar ein. Wenn der römische Senat
+die Bildung erst bekämpft und sodann höchstens geduldet hatte, so mußte die
+Regierung des neuen italisch-hellenischen Reiches, dessen Wesen ja die
+Humanität war, dieselbe notwendig in hellenischer Weise von oben herab fördern.
+Wenn Caesar sämtlichen Lehrern der freien Wissenschaften und sämtlichen Ärzten
+der Hauptstadt das römische Bürgerrecht verlieh, so darf darin wohl eine
+gewisse Einleitung gefunden werden zu jenen Anstalten, in denen späterhin für
+die höhere zwiesprachige Bildung der Jugend des Reiches von Staats wegen
+gesorgt ward und die der prägnanteste Ausdruck des neuen Staates der Humanität
+sind; und wenn Caesar ferner die Gründung einer öffentlichen griechischen und
+lateinischen Bibliothek in der Hauptstadt beschlossen und bereits den
+gelehrtesten Römer der Zeit, Marcus Varro, zum Oberbibliothekar ernannt hatte,
+so liegt darin unverkennbar die Absicht, mit der Weltmonarchie die
+Weltliteratur zu verknüpfen.
+</p>
+
+<p>
+Die sprachliche Entwicklung dieser Zeit knüpfte an den Gegensatz an zwischen
+dem klassischen Latein der gebildeten Gesellschaft und der Vulgärsprache des
+gemeinen Lebens. Jenes selbst war ein Erzeugnis der spezifischen italischen
+Bildung; schon in dem Scipionischen Kreise war das &ldquo;reine Latein&rdquo;
+Stichwort gewesen und wurde die Muttersprache nicht mehr völlig naiv
+gesprochen, sondern in bewußtem Unterschied von der Sprache des großen Haufens.
+Diese Epoche eröffnet mit einer merkwürdigen Reaktion gegen den bisher in der
+höheren Umgangssprache und demnach auch in der Literatur alleinherrschenden
+Klassizismus, einer Reaktion, die innerlich und äußerlich mit der gleichartigen
+Sprachreaktion in Griechenland eng zusammenhing. Eben um diese Zeit begannen
+der Rhetor und Romanschreiber Hegesias von Magnesia und die zahlreichen, an ihn
+sich anschließenden kleinasiatischen Rhetoren und Literaten sich aufzulehnen
+gegen den orthodoxen Attizismus. Sie forderten das Bürgerrecht für die Sprache
+des Lebens, ohne Unterschied, ob das Wort und die Wendung in Attika entstanden
+sei oder in Karien und Phrygien; sie selber sprachen und schrieben nicht für
+den Geschmack der gelehrten Cliquen, sondern für den des großen Publikums.
+Gegen den Grundsatz ließ sich nicht viel einwenden; nur freilich konnte das
+Resultat nicht besser sein als das damalige kleinasiatische Publikum war, das
+den Sinn für Strenge und Reinheit der Produktion gänzlich verloren hatte und
+nur nach dem Zierlichen und Brillanten verlangte. Um von den aus dieser
+Richtung entsprungenen Afterkunstgattungen, namentlich dem Roman und der
+romanhaften Geschichte, hier zu schweigen, so war schon der Stil dieser Asiaten
+begreiflicherweise zerhackt und ohne Kadenz und Periode, verzwickt und
+weichlich, voll Flitter und Bombast, durchaus gemein und manieriert; &ldquo;wer
+Hegesias kennt&rdquo;, sagt Cicero, &ldquo;der weiß, was albern ist&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch fand dieser neue Stil seinen Weg auch in die latinische Welt. Als die
+hellenische Moderhetorik, nachdem sie am Ende der vorigen Epoche in den
+latinischen Jugendunterricht sich eingedrängt hatte, zu Anfang der
+gegenwärtigen den letzten Schritt tat und mit Quintus Hortensius (640-704
+114-50), dem gefeiertsten Sachwalter der sullanischen Zeit, die römische
+Rednerbühne selbst betrat, da schmiegte sie auch in dem lateinischen Idiom dem
+schlechten griechischen Zeitgeschmack eng sich an; und das römische Publikum,
+nicht mehr das rein und streng gebildete der scipionischen Zeit, beklatschte
+natürlich eifrig den Neuerer, der es verstand, dem Vulgarismus den Schein
+kunstgerechter Leistung zu geben. Es war dies von großer Bedeutung. Wie in
+Griechenland der Sprachstreit immer zunächst in den Rhetorenschulden geführt
+ward, so war auch in Rom die gerichtliche Rede gewissermaßen mehr noch als die
+Literatur maßgebend für den Stil, und es war deshalb mit dem
+Sachwalterprinzipat gleichsam von Rechts wegen die Befugnis verbunden, den Ton
+der modischen Sprech- und Schreibweise anzugeben. Hortensius&rsquo; asiatischer
+Vulgarismus verdrängte also den Klassizismus von der römischen Rednerbühne und
+zum Teil auch aus der Literatur. Aber bald schlug in Griechenland wie in Rom
+die Mode wieder um. Dort war es die Rhodische Rhetorenschule, die ohne auf die
+ganze keusche Strenge des attischen Stils zurückzugehen, doch versuchte,
+zwischen ihm und der modernen Weise einen Mittelweg einzuschlagen; wenn die
+rhodischen Meister es mit der innerlichen Korrektheit des Denkens und Sprechens
+nicht allzu genau nahmen, so drangen sie doch wenigstens auf sprachliche und
+stilistische Reinheit, auf sorgfältige Auswahl der Wörter und Wendungen und
+durchgeführte Kadenzierung der Sätze. In Italien war es Marcus Tullius Cicero
+(648-711 106-43), der, nachdem er in seiner ersten Jugend die Hortensische
+Manier mitgemacht hatte, durch das Hören der rhodischen Meister und durch
+eigenen gereifteren Geschmack auf bessere Wege zurückgeführt ward und fortan
+sich strenger Reinheit der Sprache und durchgängiger Periodisierung und
+Kadenzierung der Rede befliß. Die Sprachmuster, an die er hierbei sich
+anschloß, fand er vor allen Dingen in denjenigen Kreisen der höheren römischen
+Gesellschaft, welche von dem Vulgarismus noch wenig oder gar nicht gelitten
+hatten; und wie schon gesagt ward, es gab deren noch, obwohl sie anfingen zu
+schwinden. Die ältere lateinische und die gute griechische Literatur, so
+bedeutend auch namentlich auf den Numerus der Rede die letztere eingewirkt hat,
+standen daneben doch nur in zweiter Linie; es war diese Sprachreinigung also
+keineswegs eine Reaktion der Buch- gegen die Umgangssprache, sondern eine
+Reaktion der Sprache der wirklich Gebildeten gegen den Jargon der falschen und
+halben Bildung. Caesar, auch auf dem Gebiet der Sprache der größte Meister
+seiner Zeit, sprach den Grundgedanken des römischen Klassizismus aus, indem er
+in Rede und Schrift jedes fremdartige Wort so zu vermeiden gebot, wie der
+Schiffer die Klippe meidet: man verwarf das poetische und das verschollene Wort
+der älteren Literatur ebenso, wie die bäurische oder der Sprache des gemeinen
+Lebens entlehnte Wendung und namentlich die, wie die Briefe dieser Zeit es
+beweisen, in sehr weitem Umfang in die Umgangssprache eingedrungenen
+griechischen Wörter und Phrasen. Aber nichtsdestoweniger verhielt dieser
+schulmäßige und künstliche Klassizismus der ciceronischen Zeit sich zu dem
+scipionischen, wie zu der Unschuld die bekehrte Sünde oder wie zu dem
+mustergültigen Französisch Molières und Boileaus das der napoleonischen
+Klassizisten; wenn jener aus dem vollen Leben geschöpft hatte, so fing dieser
+gleichsam die letzten Atemzüge eines unwiderbringlich untergehenden Geschlechts
+noch eben rechtzeitig auf. Wie er nun war, er breitete rasch sich aus. Mit dem
+Sachwalterprinzipat ging auch die Sprach- und Geschmacksdiktatur von Hortensius
+auf Cicero über, und die mannigfaltige und weitläufige Schriftstellerei des
+letzteren gab diesem Klassizismus, was ihm noch gefehlt hatte, ausgedehnte
+prosaische Texte. So wurde Cicero der Schöpfer der modernen klassischen
+lateinischen Prosa und knüpfte der römische Klassizismus durchaus und überall
+an Cicero als Stilisten an; dem Stilisten Cicero, nicht dem Schriftsteller,
+geschweige denn dem Staatsmanne, galten die überschwenglichen und doch nicht
+ganz phrasenhaften Lobsprüche, mit denen die begabtesten Vertreter des
+Klassizismus, namentlich Caesar und Catullus, ihn überhäufen.
+</p>
+
+<p>
+Bald ging man weiter. Was Cicero in der Prosa, das führte in der Poesie gegen
+das Ende der Epoche die neurömische an die griechische Modepoesie sich
+anlehnende Dichterschule durch, deren bedeutendstes Talent Catullus war. Auch
+hier verdrängte die höhere Umgangssprache die bisher auf diesem Gebiet noch
+vielfach waltenden archaistischen Reminiszenzen und fügte wie die lateinische
+Prosa sich dem attischen Numerus, so die lateinische Poesie sich allmählich den
+strengen oder vielmehr peinlichen metrischen Gesetzen der Alexandriner; so zum
+Beispiel wird von Catullus an es nicht mehr verstattet, mit einem einsilbigen
+oder einem nicht besonders schwerwichtigen zweisilbigen Wort zugleich einen
+Vers zu beginnen und einen im vorigen begonnenen Satz zu schließen. Endlich
+trat denn die Wissenschaft hinzu, fixierte das Sprachgesetz und entwickelte die
+Regel, die nicht mehr aus der Empirie bestimmt ward, sondern den Anspruch
+machte, die Empirie zu bestimmen. Die Deklinationsendungen, die bisher noch zum
+Teil geschwankt hatten, sollten jetzt ein für allemal fixiert werden, wie zum
+Beispiel von den bisher nebeneinander gangbaren Genetiv- und Dativformen der
+sogenannten vierten Deklination (senatuis und senatus, senatui und senatu)
+Caesar ausschließlich die zusammengezogenen (us und u) gelten ließ. In der
+Orthographie wurde mancherlei geändert, um die Schrift mit der Sprache wieder
+vollständiger ins gleiche zu setzen - so ward das inlautende u in Wörtern wie
+maxumus nach Caesars Vorgang durch i ersetzt und von den beiden überflüssig
+gewordenen Buchstaben k und q die Beseitigung des ersten durchgesetzt, die des
+zweiten wenigstens vorgeschlagen. Die Sprache war, wenn noch nicht erstarrt,
+doch im Erstarren begriffen, von der Regel zwar noch nicht gedankenlos
+beherrscht, aber doch bereits ihrer sich bewußt geworden. Daß für diese
+Tätigkeit auf dem Gebiete der lateinischen Grammatik die griechische nicht bloß
+im allgemeinen den Geist und die Methode hergab, sondern die lateinische
+Sprache auch wohl geradezu nach jener rektifiziert ward, beweist zum Beispiel
+die Behandlung des schließenden s, das bis gegen den Ausgang dieser Epoche nach
+Gefallen bald als Konsonant, bald nicht als solcher gegolten hatte, von den
+neumodischen Poeten aber durchgängig wie im Griechischen als konsonantischer
+Auslaut behandelt ward. Diese Sprachregulierung ist die eigentliche Domäne des
+römischen Klassizismus; in der verschiedensten Weise und ebendarum nur um so
+bedeutsamer wird bei den Koryphäen desselben, bei Cicero, Caesar, sogar in den
+Gedichten Catulls, die Regel eingeschärft und der Verstoß dagegen abgetrumpft;
+wogegen die ältere Generation sich über die auf dem sprachlichen Gebiet ebenso
+rücksichtslos wie auf dem politischen durchgreifende Revolution mit
+begreiflicher Empfindlichkeit äußert ^2. Indem aber der neue Klassizismus, das
+heißt das regulierte und mit dem mustergültigen Griechisch soweit möglich ins
+gleiche gesetzte mustergültige Latein, hervorgehend aus der bewußten Reaktion
+gegen den in die höhere Gesellschaft und selbst in die Literatur eingedrungenen
+Vulgarismus, sich literarisch fixierte und schematisch formulierte, räumte
+dieser doch keineswegs das Feld. Wir finden ihn nicht bloß naiv in den Werken
+untergeordneter, nur zufällig unter die Schriftsteller verschlagener
+Individuen, wie in dem Bericht über Caesars zweiten spanischen Krieg, sondern
+wir werden ihm auch in der eigentlichen Literatur, im Mimus, im Halbroman, in
+den ästhetischen Schriften Varros mehr oder weniger ausgeprägt begegnen; und
+charakteristisch ist es, daß er eben in den am meisten volkstümlichen Gebieten
+der Literatur sich behauptet und daß wahrhaft konservative Männer, wie Varro,
+ihn in Schutz nehmen. Der Klassizismus ruht auf dem Tode der italischen Sprache
+wie die Monarchie auf dem Untergang der italischen Nation; es war vollkommen
+konsequent, daß die Männer, in denen die Republik noch lebendig war, auch der
+lebenden Sprache fortfuhren, ihr Recht zu geben und ihrer relativen
+Lebendigkeit und Volkstümlichkeit zuliebe ihre ästhetischen Mängel ertrugen. So
+gehen denn die sprachlichen Meinungen und Richtungen dieser Epoche überall hin
+auseinander: neben der altfränkischen Poesie des Lucretius erscheint die
+durchaus moderne des Catullus, neben Ciceros kadenzierter Periode Varros
+absichtlich jede Gliederung verschmähender Satz. Auch hierin spiegelt sich die
+Zerrissenheit der Zeit.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^2 So sagt Varro (rust. 1, 2): ab aeditimo, ut dicere didicimus a patribus
+nostris; ut corrigimur ab recentibus urbanis, ab aedituo.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In der Literatur dieser Periode fällt zunächst, im Vergleich mit der früheren,
+die äußere Steigerung des literarischen Treibens in Rom auf. Die literarische
+Tätigkeit der Griechen gedieh längst nicht mehr in der freien Luft der
+bürgerlichen Unabhängigkeit, sondern nur noch in den wissenschaftlichen
+Anstalten der größeren Städte und besonders der Höfe. Angewiesen auf Gunst und
+Schutz der Großen und durch das Erlöschen der Dynastien von Pergamon (621 133),
+Kyrene (658 96), Bithynien (679 75) und Syrien (690 64), durch den sinkenden
+Glanz der Hofhaltung der Lagiden aus den bisherigen Musensitzen verdrängt ^3,
+überdies seit Alexanders des Großen Tod notwendig kosmopolitisch und unter den
+Ägyptern und Syrern wenigstens ebenso fremd wie unter den Lateinern, fingen die
+hellenischen Literaten mehr und mehr an, ihre Blicke nach Rom zu wenden. Neben
+dem Koch, dem Buhlknaben und dem Spaßmacher spielten unter dem Schwarm
+griechischer Bedienten, mit denen der vornehme Römer dieser Zeit sich umgab,
+auch der Philosoph, der Poet und der Memoirenschreiber hervorragende Rollen.
+Schon begegnen in diesen Stellungen namhafte Literaten; wie zum Beispiel der
+Epikureer Philodemos als Hauptphilosoph bei Lucius Piso, Konsul 696 (58),
+angestellt war und nebenbei mit seinen artigen Epigrammen auf den grobdrähtigen
+Epikureismus seines Patrons die Eingeweihten erbaute. Von allen Seiten zogen
+immer zahlreicher die angesehensten Vertreter der griechischen Kunst und
+Wissenschaft sich nach Rom, wo der literarische Verdienst jetzt reichlicher
+floß als irgendwo sonst; so werden als in Rom ansässig genannt der Arzt
+Asklepiades, den König Mithradates vergeblich von dort weg in seinen Dienst zu
+ziehen versuchte, der Gelehrte für alles, Alexandros von Milet, genannt der
+Polyhistor; der Poet Parthenios aus Nikäa in Bithymen; der als Reisender,
+Lehrer und Schriftsteller gleich gefeierte Poseidonios von Apameia in Syrien,
+der hochbejahrt im Jahre 703 (51) von Rhodos nach Rom übersiedelte, und andere
+mehr. Ein Haus wie das des Lucius Lucullus war, fast wie das alexandrinische
+Museion, ein Sitz hellenischer Bildung und ein Sammelplatz hellenischer
+Literaten; römische Mittel und hellenische Kennerschaft hatten in diesen Hallen
+des Reichtums und der Wissenschaft einen unvergleichlichen Schatz von
+Bildwerken und Gemälden älterer und gleichzeitiger Meister sowie eine ebenso
+sorgfältig ausgewählte wie prachtvoll ausgestattete Bibliothek vereinigt und
+jeder Gebildete und namentlich jeder Grieche war hier willkommen - oft sah man
+den Hausherrn selbst mit einem seiner gelehrten Gäste in philologischem oder
+philosophischem Gespräch den schönen Säulengang auf- und niederwandeln.
+Freilich trugen diese Griechen mit ihren reichen Bildungsschätzen auch zugleich
+ihre Verkehrtheit und Bedientenhaftigkeit nach Italien; wie sich denn zum
+Beispiel einer dieser gelehrten Landläufer, der Verfasser der
+&lsquo;Schmeichelredekunst&rsquo;, Aristodemos von Nysa, um 700 (54) seinen
+Herren durch den Nachweis empfahl, daß Horneros ein geborener Römer gewesen
+sei. In demselben Maße wie das Treiben der griechischen Literaten in Rom stieg
+auch bei den Römern selbst die literarische Tätigkeit und das literarische
+Interesse. Selbst die griechische Schriftstellerei, die der strengere Geschmack
+des scipionischen Zeitalters gänzlich beseitigt hatte, tauchte jetzt wieder
+auf. Die griechische Sprache war nun einmal Weltsprache, und eine griechische
+Schrift fand ein ganz anderes Publikum als eine lateinische; darum ließen, wie
+die Könige von Armenien und Mauretanien, so auch römische Vornehme, wie zum
+Beispiel Lucius Lucullus, Marcus Cicero, Titus Atticus, Quintus Scaevola
+(Volkstribun 700 54), gelegentlich griechische Prosa und sogar griechische
+Verse ausgehen. Indes dergleichen griechische Schriftstellerei geborener Römer
+blieb Nebensache und beinahe Spielerei; die literarischen wie die politischen
+Parteien Italiens trafen doch alle zusammen in dem Festhalten an der
+italischen, nur mehr oder minder vom Hellenismus durchdrungenen Nationalität.
+Auch konnte man in dem Gebiet lateinischer Schriftstellerei wenigstens über
+Mangel an Rührigkeit sich nicht beklagen. Es regnete in Rom Bücher und
+Flugschriften aller Art und vor allen Dingen Poesien. Die Dichter wimmelten
+daselbst wie nur in Tarsos oder Alexandreia; poetische Publikationen waren zur
+stehenden Jugendsünde regerer Naturen geworden, und auch damals pries man
+denjenigen glücklich, dessen Jugendgedichte die mitleidige Vergessenheit der
+Kritik entzog. Wer das Handwerk einmal verstand, schrieb ohne Mühe auf einen
+Ansatz seine fünfhundert Hexameter, an denen kein Schulmeister etwas zu tadeln,
+freilich auch kein Leser etwas zu loben fand. Auch die Frauenwelt beteiligte
+sich lebhaft an diesem literarischen Treiben; die Damen beschränkten sich nicht
+darauf, Tanz und Musik zu machen, sondern beherrschten durch Geist und Witz die
+Konversation und sprachen vortrefflich über griechische und lateinische
+Literatur; und wenn die Poesie auf die Mädchenherzen Sturm lief, so
+kapitulierte die belagerte Festung nicht selten gleichfalls in artigen Versen.
+Die Rhythmen wurden immer mehr das elegante Spielzeug der großen Kinder
+beiderlei Geschlechts; poetische Billets, gemeinschaftliche poetische Übungen
+und Wettdichtungen unter guten Freunden waren etwas Gewöhnliches, und gegen das
+Ende dieser Epoche wurden auch bereits in der Hauptstadt Anstalten eröffnet, in
+denen unflügge lateinische Poeten das Versemachen für Geld erlernen konnten.
+Infolge des starken Bücherkonsums wurde die Technik des fabrikmäßigen
+Abschreibens wesentlich vervollkommnet und die Publikation verhältnismäßig
+rasch und wohlfeil bewirkt; der Buchhandel ward ein angesehenes und
+einträgliches Gewerbe und der Laden des Buchhändlers ein gewöhnlicher
+Versammlungsort gebildeter Männer. Das Lesen war zur Mode, ja zur Manie
+geworden; bei Tafel ward, wo nicht bereits roherer Zeitvertreib sich
+eingedrängt hatte, regelmäßig vorgelesen, und wer eine Reise vorhatte, vergaß
+nicht leicht, eine Reisebibliothek einzupacken. Den Oberoffizier sah man im
+Lagerzelt den schlüpfrigen griechischen Roman, den Staatsmann im Senat den
+philosophischem Traktat in der Hand. Es stand denn auch im römischen Staate,
+wie es in jedem Staate gestanden hat und stehen wird, wo die Bürger lesen
+&ldquo;von der Türschwell an bis zum Privet&rdquo;. Der parthische Wesir hatte
+nicht unrecht, wenn er den Bürgern von Seleukeia die im Lager des Crassus
+gefundenen Romane wies und sie fragte, ob sie die Leser solcher Bücher noch für
+furchtbare Gegner hielten.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^3 Merkwürdig ist für diese Verhältnisse die Dedikation der auf den Namen des
+Skymnos gehenden poetischen Erdbeschreibung. Nachdem der Dichter seine Absicht
+erklärt hat, in dem beliebten menandrischen Maß einen für Schüler faßlichen und
+leicht auswendig zu lernenden Abriß der Geographie zu bearbeiten, widmet er,
+wie Apollodoros sein ähnliches historisches Kompendium dem König Attalos
+Philadelphos von Pergamon widmete,
+</p>
+
+<p>
+dem es ewigen Ruhm
+</p>
+
+<p>
+Gebracht, daß seinen Namen dies Geschichtswerk trägt,
+</p>
+
+<p>
+sein Handbuch dem König Nikomedes III. (663? - 679 91 - 75) von Bithynien:
+</p>
+
+<p>
+Daß, wie die Leute sagen, königliche Huld
+</p>
+
+<p>
+Von allen jetzigen Königen nur du erzeigst,
+</p>
+
+<p>
+Dies zu erproben an mir selbst, entschloß ich mich,
+</p>
+
+<p>
+Zu kommen und zu sehen, was ein König sei.
+</p>
+
+<p>
+Bestärkt in diesem durch Apolls Orakelwort,
+</p>
+
+<p>
+Nah&rsquo; ich mich billig deinem fast, auf deinen Wink,
+</p>
+
+<p>
+Zu der Gelehrten insgemein gewordnen Herd.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die literarische Tendenz dieser Zeit war keine einfache und konnte es nicht
+sein, da die Zeit selbst zwischen der alten und der neuen Weise geteilt war.
+Dieselben Richtungen, die auf dem politischen Gebiet sich bekämpften, die
+national-italische der Konservativen, die hellenisch-italische oder, wenn man
+will, kosmopolitische der neuen Monarchie, haben auch auf dem literarischen
+ihre Schlachten geschlagen. Jene lehnt sich auf die ältere lateinische
+Literatur, die auf dem Theater, in der Schule und in der gelehrten Forschung
+mehr und mehr den Charakter der Klassizität annimmt. Mit minderem Geschmack und
+stärkerer Parteitendenz, als die scipionische Epoche bewies, werden jetzt
+Ennius, Pacuvius und namentlich Plautus in den Himmel erhoben. Die Blätter der
+Sibylle steigen im Preise, je weniger ihrer werden; die relative Nationalität
+und relative Produktivität der Dichter des sechsten Jahrhunderts wurde nie
+lebhafter empfunden als in dieser Epoche des ausgebildeten Epigonentums, die in
+der Literatur ebenso entschieden wie in der Politik zu dem Jahrhundert der
+Hannibalskämpfer hinaufsah als zu der goldenen, leider unwiederbringlich
+dahingegangenen Zeit. Freilich war in dieser Bewunderung der alten Klassiker
+ein guter Teil derselben Hohlheit und Heuchelei, die dem konservativen Wesen
+dieser Zeit überhaupt eigen sind, und die Zwischengänger mangelten auch hier
+nicht. Cicero zum Beispiel, obwohl in der Prosa einer der Hauptvertreter der
+modernen Tendenz, verehrte dennoch die ältere nationale Poesie ungefähr mit
+demselben anbrüchigen Respekt, welchen er der aristokratischen Verfassung und
+der Auguraldisziplin zollte; &ldquo;der Patriotismus erfordert es&rdquo;, heißt
+es bei ihm, &ldquo;lieber eine notorisch elende Übersetzung des Sophokles zu
+lesen als das Original&rdquo;. Wenn also die moderne, der demokratischen
+Monarchie verwandte literarische Richtung selbst unter den rechtgläubigen
+Enniusbewunderern stille Bekenner genug zählte, so fehlte es auch schon nicht
+an dreisteren Urteilern, die mit der einheimischen Literatur ebenso
+unsäuberlich umgingen wie mit der senatorischen Politik. Man nahm nicht bloß
+die strenge Kritik der scipionischen Epoche wieder auf und ließ den Terenz nur
+gelten, um Ennius und mehr noch die Ennianisten zu verdammen, sondern die
+jüngere und verwegenere Welt ging weit darüber hinaus und wagte es schon, wenn
+auch nur noch in ketzerischer Auflehnung gegen die literarische Orthodoxie, den
+Plautus einen rohen Spaßmacher, den Lucilius einen schlechten Verseschmied zu
+heißen. Statt auf die einheimische lehnt sich diese moderne Richtung vielmehr
+auf die neuere griechische Literatur oder den sogenannten Alexandrinismus.
+</p>
+
+<p>
+Es kann nicht umgangen werden, von diesem merkwürdigen Wintergarten
+hellenischer Sprache und Kunst hier wenigstens so viel zu sagen, als für das
+Verständnis der römischen Literatur dieser und der späteren Epochen
+erforderlich ist. Die alexandrinische Literatur ruht auf dem Untergang des
+reinen hellenischen Idioms, das seit der Zeit Alexanders des Großen im Leben
+ersetzt ward durch einen verkommenen, zunächst aus der Berührung des
+makedonischen Dialekts mit vielfachen griechischen und barbarischen Stämmen
+hervorgegangenen Jargon; oder genauer gesagt, die alexandrinische Literatur ist
+hervorgegangen aus dem Ruin der hellenischen Nation überhaupt, die, um die
+alexandrinische Weltmonarchie und das Reich des Hellenismus zu begründen, in
+ihrer volkstümlichen Individualität untergehen mußte und unterging. Hätte
+Alexanders Weltreich Bestand gehabt, so würde an die Stelle der ehemaligen
+nationalen und volkstümlichen eine nur dem Namen nach hellenische, wesentlich
+denationalisierte und gewissermaßen von oben herab ins Leben gerufene, aber
+allerdings die Welt beherrschende, kosmopolitische Literatur getreten sein;
+indes wie der Staat Alexanders mit seinem Tode aus den Fugen wich, gingen auch
+die Anfänge der ihm entsprechenden Literatur rasch zugrunde. Die griechische
+Nation aber gehörte darum nicht weniger mit allem, was sie gehabt, mit ihrer
+Volkstümlichkeit, ihrer Sprache, ihrer Kunst, der Vergangenheit an. Nur in
+einem verhältnismäßig engen Kreis nicht von Gebildeten, die es als solche nicht
+mehr gab, sondern von Gelehrten wurde die griechische Literatur noch als tote
+gepflegt, ihr reicher Nachlaß in wehmütiger Freude oder trockener Grübelei
+inventarisiert und auch wohl das lebendige Nachgefühl oder die tote
+Gelehrsamkeit bis zu einer Scheinproduktivität gesteigert. Diese posthume
+Produktivität ist der sogenannte Alexandrinismus. Er ist wesentlich gleichartig
+derjenigen Gelehrtenliteratur, welche, abstrahierend von den lebendigen
+romanischen Nationalitäten und ihren vulgären Idiomen, in einem philologisch
+gelehrten, kosmopolitischen Kreise als künstliche Nachblüte des untergegangenen
+Altertums während des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts erwuchs; der
+Gegensatz zwischen dem klassischen und dem Vulgärgriechisch der Diadochenzeit
+ist wohl minder schroff, aber nicht eigentlich ein anderer als der zwischen dem
+Latein des Manutius und dem Italienischen Macchiavellis.
+</p>
+
+<p>
+Italien hatte bisher sich gegen den Alexandrinismus im wesentlichen ablehnend
+verhalten. Die relative Blütezeit desselben ist die Zeit kurz vor und nach dem
+Ersten Punischen Krieg; dennoch schlossen Naevius, Ennius, Pacuvius und schloß
+überhaupt die gesamte nationalrömische Schriftstellerei bis hinab auf Varro und
+Lucretius in allen Zweigen poetischer Produktion, selbst das Lehrgedicht nicht
+ausgenommen, nicht an ihre griechischen Zeitgenossen oder jüngsten Vorgänger
+sich an, sondern ohne Ausnahme an Homer, Euripides, Menandros und die anderen
+Meister der lebendigen und volkstümlichen griechischen Literatur. Die römische
+Literatur ist niemals frisch und national gewesen; aber solange es ein
+römisches Volk gab, griffen seine Schriftsteller instinktmäßig nach lebendigen
+und volkstümlichen Mustern und kopierten, wenn auch nicht immer aufs beste noch
+die besten, doch wenigstens Originale. Die ersten römischen Nachahmer - denn
+die geringen Anfänge aus der marianischen Zeit können kaum mitgezählt werden -
+fand die nach Alexander entstandene griechische Literatur unter den
+Zeitgenossen Ciceros und Caesars; und nun griff der römische Alexandrinismus
+mit reißender Schnelligkeit um sich. Zum Teil ging dies aus äußerlichen
+Ursachen hervor. Die gesteigerte Berührung mit den Griechen, namentlich die
+häufigen Reisen der Römer in die hellenischen Landschaften und die Ansammlung
+griechischer Literaten in Rom, verschafften natürlich der griechischen
+Tagesliteratur, den zu jener Zeit in Griechenland gangbaren epischen und
+elegischen Poesien, Epigrammen und milesischen Märchen, auch unter den
+Italikern ein Publikum. Indem ferner die alexandrinische Poesie, wie früher
+dargestellt ward, in dem italischen Jugendunterricht sich festsetzte, wirkte
+dies auf die lateinische Literatur um so mehr zurück, als diese von der
+hellenischen Schulbildung zu allen Zeiten wesentlich abhängig war und blieb. Es
+findet sich hier sogar eine unmittelbare Anknüpfung der neurömischen an die
+neugriechische Literatur: der schon genannte Parthenios, einer der bekannteren
+alexandrinischen Elegiker, eröffnete, es scheint um 700 (54), eine Literatur-
+und Poesieschule in Rom, und es sind noch die Exzerpte vorhanden, in denen er
+Stoffe für lateinische erotisch-mythologische Elegien nach dem bekannten
+alexandrinischen Rezept einem seiner vornehmen Schüler an die Hand gab. Aber es
+waren keineswegs bloß diese zufälligen Veranlassungen, die den römischen
+Alexandrinismus ins Leben riefen; er war vielmehr ein vielleicht nicht
+erfreuliches, aber durchaus unvermeidliches Erzeugnis der politischen und
+nationalen Entwicklung Roms. Einerseits löste, wie Hellas im Hellenismus, so
+jetzt Latium im Romanismus sich auf; die nationale Entwicklung Italiens
+überwuchs und zersprengte sich in ganz ähnlicher Weise in Caesars Mittelmeer -
+wie die hellenische in Alexanders Ostreich. Wenn andererseits das neue Reich
+darauf beruhte, daß die mächtigen Ströme der griechischen und lateinischen
+Nationalität, nachdem sie Jahrtausende hindurch in parallelen Betten geflossen,
+nun endlich zusammenfielen, so mußte auch die italische Literatur nicht bloß
+wie bisher an der griechischen überhaupt einen Halt suchen, sondern eben mit
+der griechischen Literatur der Gegenwart, das heißt mit dem Alexandrinismus
+sich ins Niveau setzen. Mit dem schulmäßigen Latein, der geschlossenen
+Klassikerzahl, dem exklusiven Kreise der klassikerlesenden
+&ldquo;Urbanen&rdquo; war die volkstümliche lateinische Literatur tot und zu
+Ende; es entstand dafür eine durchaus epigonenhafte, künstlich großgezogene
+Reichsliteratur, die nicht auf einer bestimmten Volkstümlichkeit ruhte, sondern
+in zweien Sprachen das allgemeine Evangelium der Humanität verkündigte und
+geistig durchaus und bewußt von der hellenischen, sprachlich teils von dieser,
+teils von der altrömischen Volksliteratur abhing. Es war dies kein Fortschritt.
+Die Mittelmeermonarchie Caesars war wohl eine großartige und, was mehr ist,
+eine notwendige Schöpfung; aber sie war von oben herab ins Leben gerufen und
+darum nichts in ihr zu finden von dem frischen Volksleben, von der
+übersprudelnden Nationalkraft, wie sie jüngeren, beschränkteren, natürlicheren
+Gemeinwesen eigen sind, wie noch der Staat Italien des sechsten Jahrhunderts
+sie hatte aufzeigen können. Der Untergang der italischen Volkstümlichkeit,
+abgeschlossen in Caesars Schöpfung, brach der Literatur das Herzblatt aus. Wer
+ein Gefühl hat für die innige Wahlverwandtschaft der Kunst und der
+Nationalität, der wird stets sich von Cicero und Horaz ab zurück zu Cato und
+Lucretius wenden; und nur die, freilich auf diesem Gebiete verjährte,
+schulmeisterliche Auffassung der Geschichte wie der Literatur hat es vermocht,
+die mit der neuen Monarchie beginnende Kunstepoche vorzugsweise die goldene zu
+heißen. Aber wenn der römisch-hellenische Alexandrinismus der caesarischen und
+augusteischen Zeit zurückstehen muß hinter der, wie immer unvollkommenen,
+älteren nationalen Literatur, so ist er andererseits dem Alexandrinismus der
+Diadochenzeit ebenso entschieden überlegen wie Caesars Dauerbau der ephemeren
+Schöpfung Alexanders. Es wird später darzustellen sein, daß die augustische
+Literatur, verglichen mit der verwandten der Diadochenzeit, weit minder eine
+Philologen- und weit mehr eine Reichsliteratur gewesen ist als diese und darum
+auch in den höheren Kreisen der Gesellschaft weit dauernder und weit
+allgemeiner als jemals der griechische Alexandrinismus gewirkt hat.
+</p>
+
+<p>
+Nirgends sah es trübseliger aus als in der Bühnenliteratur. Trauerspiel wie
+Lustspiel waren in der römischen Nationalliteratur bereits vor der
+gegenwärtigen Epoche innerlich abgestorben. Neue Stücke wurden nicht mehr
+gespielt. Daß noch in der sullanischen Zeit das Publikum dergleichen zu sehen
+erwartete, zeigen die dieser Zeit angehörigen Wiederaufführungen Plautinischer
+Komödien mit gewechselten Titeln und Personennamen, wobei die Direktion wohl
+hinzufügte, daß es besser sei, ein gutes altes, als ein schlechtes neues Stück
+zu sehen. Davon hatte man denn nicht weit zu der völligen Einräumung der Bühne
+an die toten Poeten, die wir in der ciceronischen Zeit finden und der der
+Alexandrinismus sich gar nicht widersetzte. Seine Produktivität auf diesem
+Gebiete war schlimmer als keine. Eine wirkliche Bühnendichtung hat die
+alexandrinische Literatur nie gekannt; nur das Afterdrama, das zunächst zum
+Lesen, nicht zur Aufführung geschrieben ward, konnte durch sie in Italien
+eingebürgert werden, und bald fingen denn diese dramatischen Jamben auch an, in
+Rom ebenso wie in Alexandreia zu grassieren und namentlich das
+Trauerspielschreiben unter den stehenden Entwicklungskrankheiten zu figurieren.
+Welcher Art diese Produktionen waren, kann man ungefähr danach bemessen, daß
+Quintus Cicero, um die Langeweile des gallischen Winterquartiers homöopathisch
+zu vertreiben, in sechzehn Tagen vier Trauerspiele verfertigte. Einzig in dem
+&ldquo;Lebensbild&rdquo; oder dem Mimus verwuchs der letzte noch grünende Trieb
+der nationalen Literatur, die Atellanenposse, mit den ethologischen Ausläufern
+des griechischen Lustspiels, die der Alexandrinismus mit größerer poetischer
+Kraft und besserem Erfolg als jeden anderen Zweig der Poesie kultivierte. Der
+Mimus ging hervor aus den seit langem üblichen Charaktertänzen zur Flöte, die
+teils bei anderen Gelegenheiten, namentlich zur Unterhaltung der Gäste während
+der Tafel, teils besonders im Parterre des Theaters während der Zwischenakte
+aufgeführt wurden. Es war nicht schwer, aus diesen Tänzen, bei denen die Rede
+wohl längst gelegentlich zur Hilfe genommen ward, durch Einführung einer
+geordneteren Fabel und eines regelrechten Dialogs kleine Komödien zu machen,
+die jedoch von dem früheren Lustspiel und selbst von der Posse sich doch
+dadurch noch wesentlich unterschieden, daß der Tanz und die von solchem Tanz
+unzertrennliche Laszivität hier fortfuhren, eine Hauptrolle zu spielen, und daß
+der Mimus, als nicht eigentlich auf den Brettern, sondern im Parterre zu Hause,
+jede szenische Idealisierung wie die Gesichtsmasken und die Theaterschuhe,
+beiseite warf und, was besonders wichtig war, die Frauenrollen auch von Frauen
+darstellen ließ. Dieser neue Mimus, der zuerst um 672 (82) auf die
+hauptstädtische Bühne gekommen zu sein scheint, verschlang bald die nationale
+Harlekinade, mit der er ja in den wesentlichsten Beziehungen zusammenfiel, und
+ward als das gewöhnliche Zwischen- und namentlich Nachspiel neben den sonstigen
+Schauspielen verwendet ^4. Die Fabel war natürlich noch gleichgültiger,
+lockerer und toller als in der Harlekinade; wenn es nur bunt herging, so fragte
+das Publikum nicht, warum es lachte, und rechtete nicht mit dem Poeten, der,
+statt den Knoten zu lösen, ihn zerhieb. Die Sujets waren vorwiegend verliebter
+Art, meistens von der frechsten Sorte; gegen den Ehemann zum Beispiel nahmen
+Poet und Publikum ohne Ausnahme Partei und die poetische Gerechtigkeit bestand
+in der Verhöhnung der guten Sitte. Der künstlerische Reiz beruhte ganz wie bei
+der Atellane auf der Sittenmalerei des gemeinen und gemeinsten Lebens, wobei
+die ländlichen Bilder vor denen des hauptstädtischen Lebens und Treibens
+zurücktreten und der süße Pöbel von Rom, ganz wie in den gleichartigen
+griechischen Stücken der von Alexandreia, aufgefordert wird, sein eigenes
+Konterfei zu beklatschen. Viele Stoffe sind dem Handwerkerleben entnommen: es
+erscheinen der auch hier unvermeidliche &lsquo;Walker&rsquo;, dann &lsquo;Der
+Seiler&rsquo;, &lsquo;Der Färber, &lsquo;Der Salzmann&rsquo;, &lsquo;Die
+Weberinnen&rsquo;, &lsquo;Der Hundejunge&rsquo;; andere Stücke geben
+Charakterfiguren: &lsquo;Der Vergeßliche&rsquo;, &lsquo;Das Großmaul&rsquo;,
+&lsquo;Der Mann von 100000 Sesterzen&rsquo; ^5; oder Bilder des Auslandes:
+&lsquo;Die Etruskerin&rsquo;, &lsquo;Die Gallier&rsquo;, &lsquo;Der
+Kretenser&rsquo;, &lsquo;Alexandreia&rsquo;; oder Schilderungen von
+Volksfesten: &lsquo;Die Compitalien&rsquo;, &lsquo;Die Saturnalien&rsquo;,
+&lsquo;Anna Perenna&rsquo;, &lsquo;Die warmen Bäder&rsquo;; oder travestierte
+Mythologie: &lsquo;Die Fahrt in die Unterwelt&rsquo;, &lsquo;Der Arverner
+See&rsquo;. Treffende Schlagwörter und kurze, leicht behalt- und anwendbare
+Gemeinsprüche sind willkommen; aber auch jeder Unsinn hat von selber das
+Bürgerrecht: in dieser verkehrten Welt wird Bacchus um Wasser, die Quellnymphe
+um Wein angegangen. Sogar von den auf dem römischen Theater sonst so streng
+untersagten politischen Anspielungen finden in diesen Mimen sich einzelne
+Beispiele ^6. Was die metrische Form anlangt, so gaben sich diese Poeten, wie
+sie selber sagen, &ldquo;nur mäßige Mühe mit dem Versemaß&rdquo;; die Sprache
+strömte selbst in den zur Veröffentlichung redigierten Stücken über von
+Vulgärausdrücken und gemeinen Wortbildungen. Es ist, wie man sieht, der Mimus
+wesentlich nichts als die bisherige Posse; nur daß die Charaktermasken und die
+stehende Szenerie von Atella sowie das bäuerliche Gepräge wegfällt und dafür
+das hauptstädtische Leben in seiner grenzenlosen Freiheit und Frechheit auf die
+Bretter kommt. Die meisten Stücke dieser Art waren ohne Zweifel flüchtigster
+Natur und machten nicht Anspruch auf einen Platz in der Literatur; die Mimen
+aber des Laberius, voll drastischer Charakterzeichnung und sprachlich und
+metrisch in ihrer Art meisterlich behandelt, haben in derselben sich behauptet
+und auch der Geschichtschreiber muß es bedauern, daß es uns nicht mehr vergönnt
+ist, das Drama der republikanischen Agonie in Rom mit seinem großen attischen
+Gegenbild zu vergleichen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^4 Daß der Mimus zu seiner Zeit an die Stelle der Atellane getreten sei,
+bezeugt Cicero (ad fam. 9 16); damit stimmt überein, daß die Mimen und Miminnen
+zuerst um die sullanische Zeit hervortreten (Rhet. Her. 1, 14, 24; 2, 13, 19;
+Atta com. 1 Ribbeck.; Plin. nat. 7, 48, 158; Plut. Sull. z. 36). Übrigens wird
+die Bezeichnung mimus zuweilen ungenau von dem Komöden überhaupt gebraucht. So
+war der bei der Apollonischen Festfeier 542/43 212/211 auftretende mimus
+(Festus v. salva res est; vgl. Cic. De orat. 2, 59, 242) offenbar nichts als
+ein Schauspieler der palliata, denn für wirkliche Mimen im spätem Sinn ist in
+dieser Zeit in der römischen Theaterentwicklung kein Raum.
+</p>
+
+<p>
+Zu dem Mimus der klassischen griechischen Zeit, prosaischen Dialogen, in denen
+Genrebilder, namentlich ländliche, dargestellt wurden, hat der römische Mimus
+keine nähere Beziehung.
+</p>
+
+<p>
+^5 Mit dem Besitz dieser Summe, wodurch man in die erste Stimmklasse eintritt
+und die Erbschaft dem Voconischen Gesetz unterworfen wird, ist die Grenze
+überschritten, welche die geringen (tenuiores) von den anständigen Leuten
+scheidet. Darum fleht auch der arme Klient Catulls (23, 26) die Götter an, ihm
+zu diesem Vermögen zu verhelfen.
+</p>
+
+<p>
+^6 In Laberius&rsquo; &lsquo;Fahrt in die Unterwelt&rsquo; tritt allerlei Volk
+auf, das Wunder und Zeichen gesehen hat; dem einen ist ein Ehemann mit zwei
+Frauen erschienen, worauf der Nachbar meint, das sei ja noch ärger als das
+kürzlich von einem Wahrsager erblickte Traumgesicht von sechs Ädilen. Nämlich
+Caesar wollte - nach dem Klatsch der Zeit - die Vielweiberei in Rom einführen
+(Suet. Caes. 82) und ernannte in der Tat statt vier Ädilen deren sechs. Man
+sieht auch hieraus, daß Laberius Narrenrecht zu üben und Caesar Narrenfreiheit
+zu gestatten verstand.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Mit der Nichtigkeit der Bühnenliteratur Hand in Hand geht die Steigerung des
+Bühnenspiels und der Bühnenpracht. Dramatische Vorstellungen erhielten ihren
+regelmäßigen Platz im öffentlichen Leben nicht bloß der Hauptstadt, sondern
+auch der Landstädte; auch jene bekam nun endlich durch Pompeius ein stehendes
+Theater (699 55) und die kampanische Sitte, während des in alter Zeit stets
+unter freiem Himmel stattfindenden Schauspiels zum Schutze der Spieler und der
+Zuschauer Segeldecken über das Theater zu spannen, fand ebenfalls jetzt Eingang
+in Rom (676 78). Wie derzeit in Griechenland nicht die mehr als blassen
+Siebengestirne der alexandrinischen Dramatiker, sondern das klassische
+Schauspiel, vor allem die Euripideische Tragödie in reichster Entfaltung
+szenischer Mittel die Bühne behauptete, so wurden auch in Rom zu Ciceros Zeit
+vorzugsweise die Trauerspiele des Ennius, Pacuvius und Accius, die Lustspiele
+des Plautus gegeben. Wenn der letztere in der vorigen Periode durch den
+geschmackvolleren, aber an komischer Kraft freilich geringeren Terenz verdrängt
+worden war, so wirkten jetzt Roscius und Varro, das heißt das Theater und die
+Philologie zusammen, um ihm eine ähnliche Wiederaufstehung zu bereiten, wie sie
+Shakespeare durch Garrick und Johnson widerfuhr; und auch Plautus hatte dabei
+von der gesunkenen Empfänglichkeit und der unruhigen Hast des durch die kurzen
+und lotterigen Possen verwöhnten Publikums zu leiden, so daß die Direktion die
+Länge der Plautinischen Komödien zu entschuldigen, ja vielleicht auch zu
+streichen und zu ändern sich genötigt sah. Je beschränkter das Repertoire war,
+desto mehr richtete sich sowohl die Tätigkeit des dirigierenden und
+exekutierenden Personals, als auch das Interesse des Publikums auf die
+szenische Darstellung der Stücke. Kaum gab es in Rom ein einträglicheres
+Gewerbe als das des Schauspielers und der Tänzerin ersten Ranges. Das
+fürstliche Vermögen des tragischen Schauspielers Aesopus ward bereits erwähnt;
+sein noch höher gefeierter Zeitgenosse Roscius schlug seine Jahreseinnahme auf
+600000 Sesterzen (46000 Taler) an ^7 und die Tänzerin Dionysia die ihrige auf
+200000 Sesterzen (15000 Taler). Daneben wandte man ungeheure Summen auf
+Dekorationen und Kostüme: gelegentlich schritten Züge von sechshundert
+aufgeschirrten Maultieren über die Bühne und das troische Theaterheer ward dazu
+benutzt, um dem Publikum eine Musterkarte der von Pompeius in Asien besiegten
+Nationen vorzuführen. Die den Vortrag der eingelegten Gesangstücke begleitende
+Musik erlangte gleichfalls größere und selbständigere Bedeutung; wie der Wind
+die Wellen, sagt Varro, so lenkt der kundige Flötenspieler die Gemüter der
+Zuhörer mit jeder Abwandlung der Melodie. Sie gewöhnte sich, das Tempo rascher
+zu nehmen und nötigte dadurch den Schauspieler zu lebhafterer Aktion. Die
+musikalische und Bühnenkennerschaft entwickelte sich; der Habitué erkannte
+jedes Tonstück an der ersten Note und wußte die Texte auswendig; jeder
+musikalische oder Rezitationsfehler ward streng von dem Publikum gerügt.
+Lebhaft erinnert das römische Bühnenwesen der ciceronischen Zeit an das heutige
+französische Theater. Wie den losen Tableaus der Tagesstücke der römische Mimus
+entspricht, für den wie für jene nichts zu gut und nichts zu schlecht war, so
+findet auch in beiden sich dasselbe traditionell klassische Trauerspiel und
+Lustspiel, die zu bewundern oder mindestens zu beklatschen der gebildete Mann
+von Rechts wegen verpflichtet ist. Der Menge wird Genüge getan, indem sie in
+der Posse sich selber wiederfindet, in dem Schauspiel den dekorativen Pomp
+anstaunt und den allgemeinen Eindruck einer idealen Welt empfängt; der höher
+Gebildete kümmert im Theater sich nicht um das Stück, sondern einzig um die
+künstlerische Darstellung. Endlich die römische Schauspielkunst selbst pendelte
+in ihren verschiedenen Sphären, ähnlich wie die französische, zwischen der
+Chaumière und dem Salon. Es war nichts Ungewöhnliches, daß die römischen
+Tänzerinnen bei dem Finale das Obergewand abwarfen und dem Publikum einen Tanz
+im Hemde zum besten gaben; andererseits aber galt auch dem römischen Talma als
+das höchste Gesetz seiner Kunst nicht die Naturwahrheit, sondern das Ebenmaß.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^7 Vom Staat erhielt er für jeden Spieltag 1000 Denare (300 Taler) und außerdem
+die Besoldung für seine Truppe. In späteren Jahren wies er für sich das Honorar
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In der rezitativen Poesie scheint es an metrischen Chroniken nach dem Muster
+der Ennianischen nicht gefehlt zu haben; aber sie dürften ausreichend
+kritisiert sein durch jenes artige Mädchengelübde, von dem Catullus singt: der
+heiligen Venus, wenn sie den geliebten Mann von seiner bösen politischen Poesie
+ihr wieder zurück in die Arme führe, das schlechteste der schlechten
+Heldengedichte zum Brandopfer darzubringen. In der Tat ist auf dem ganzen
+Gebiet der rezitativen Dichtung in dieser Epoche die ältere nationalrömische
+Tendenz nur durch ein einziges namhaftes Werk vertreten, das aber auch zu den
+bedeutendsten dichterischen Erzeugnissen der römischen Literatur überhaupt
+gehört. Es ist das Lehrgedicht des Titus Lucretius Carus (655-699 99-55)
+&lsquo;Vom Wesen der Dinge&rsquo;, dessen Verfasser, den besten Kreisen der
+römischen Gesellschaft angehörig, vom öffentlichen Leben aber, sei es durch
+Kränklichkeit, sei es durch Abneigung ferngehalten, kurz vor dem Ausbruch des
+Bürgerkrieges im besten Mannesalter starb. Als Dichter knüpft er energisch an
+Ennius an und damit an die klassische griechische Literatur. Unwillig wendet er
+sich weg von dem &ldquo;hohlen Hellenismus&rdquo; seiner Zeit und bekennt sich
+mit ganzer Seele und vollem Herzen als den Schüler der &ldquo;strengen
+Griechen&rdquo;, wie denn selbst des Thukydides heiliger Ernst in einem der
+bekanntesten Abschnitte dieser römischen Dichtung keinen unwürdigen Widerhall
+gefunden hat. Wie Ennius bei Epicharmos und Euhemeros seine Weisheit schöpft,
+so entlehnt Lucretius die Form seiner Darstellung dem Empedokles, &ldquo;dem
+herrlichsten Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands&rdquo;, und liest dem
+Stoffe nach &ldquo;die goldenen Worte alle zusammen aus den Rollen des
+Epikuros&rdquo;, &ldquo;welcher die anderen Weisen überstrahlt, wie die Sonne
+die Sterne verdunkelt&rdquo;. Wie Ennius verschmäht auch Lucretius die der
+Poesie von dem Alexandrinismus aufgelastete mythologische Gelehrsamkeit und
+fordert nichts von seinem Leser als die Kenntnis der allgemein geläufigen Sagen
+^8. Dem modernen Purismus zum Trotz, der die Fremdwörter aus der Poesie
+auswies, setzt Lucretius, wie es Ennius getan, statt matten und undeutlichen
+Lateins lieber das bezeichnende griechische Wort. Die altrömische Alliteration,
+das Nichtineinandergreifen der Vers- und Satzeinschnitte und überhaupt die
+ältere Rede- und Dichtweise begegnen noch häufig in Lucretius&rsquo; Rhythmen,
+und obwohl er den Vers melodischer behandelt als Ennius, so wälzen sich doch
+seine Hexameter nicht wie die der modernen Dichterschule zierlich hüpfend
+gleich dem rieselnden Bache, sondern mit gewaltiger Langsamkeit gleich dem
+Strome flüssigen Goldes. Auch philosophisch und praktisch lehnt Lucretius
+durchaus an Ennius sich an, den einzigen einheimischen Dichter, den sein
+Gedicht feiert; das Glaubensbekenntnis des Sängers von Rudiae:
+</p>
+
+<p>
+Himmelsgötter freilich gibt es, sagt&rsquo; ich sonst und sag&rsquo; ich noch,
+</p>
+
+<p>
+Doch sie kümmern keinesweges, mein&rsquo; ich, sich um der Menschen Los
+</p>
+
+<p>
+bezeichnet vollständig auch Lucretius&rsquo; religiösen Standpunkt und nicht
+mit Unrecht nennt er deshalb selbst sein Lied gleichsam die Fortsetzung dessen,
+</p>
+
+<p>
+Das uns Ennius sang, der des unverwelklichen Lorbeers
+</p>
+
+<p>
+Kranz zuerst mitbracht&rsquo; aus des Helikon lieblichem Haine,
+</p>
+
+<p>
+Daß Italiens Völkern er strahl&rsquo; in glänzender Glorie.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^8 Einzelne scheinbare Ausnahmen, wie das Weihrauchland Panchaea, sind daraus
+zu erklären, daß dies aus dem Reiseroman des Euhemeros vielleicht schon in die
+Ennianische Poesie, auf jeden Fall in die Gedichte des Lucius Manlius (Plin.
+nat. 10, 2, 4) übergegangen und daher dem Publikum, für das Lucretius schrieb,
+wohlbekannt war.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal, zum letztenmal noch erklingt in Lucretius&rsquo; Gedicht der ganze
+Dichterstolz und der ganze Dichterernst des sechsten Jahrhunderts, in welchem,
+in den Bildern von dem furchtbaren Pöner und dem herrlichen Scipiaden, die
+Anschauung des Dichters heimischer ist als in seiner eigenen gesunkenen Zeit
+^9. Auch ihm klingt der eigene &ldquo;aus dem reichen Gemüt anmutig
+quillende&rdquo; Gesang den gemeinen Liedern gegenüber &ldquo;wie gegen das
+Geschrei der Kraniche das kurze Lied des Schwanes&rdquo;; auch ihm schwillt das
+Herz, den selbsterfundenen Melodien lauschend, von hoher Ehren Hoffnung -
+ebenwie Ennius den Menschen, denen er &ldquo;das Feuerlied kredenzet aus der
+tiefen Brust&rdquo;, verbietet, an seinem, des unsterblichen Sängers Grabe zu
+trauern.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^9 Naiv erscheint dies in den kriegerischen Schilderungen, in denen die
+heerverderbenden Seestürme, die die eigenen Leute zertretenden
+Elefantenscharen, also Bilder aus den Punischen Kriegen, erscheinen, als
+gehörten sie der unmittelbaren Gegenwart an. Vgl. 2, 41; 5, 1226, 1303, 1339.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Es ist ein seltsames Verhängnis, daß dieses ungemeine, an ursprünglicher
+poetischer Begabung den meisten, wo nicht allen seinen Vorgängern weit
+überlegene Talent in eine Zeit gefallen war, in der es selber sich fremd und
+verwaist fühlte und infolgedessen in der wunderlichsten Weise sich im Stoffe
+vergriffen hat. Epikuros&rsquo; System, welches das All in einen großen
+Atomenwirbel verwandelt und die Entstehung und das Ende der Welt sowie alle
+Probleme der Natur und des Lebens in rein mechanischer Weise abzuwickeln
+unternimmt, war wohl etwas weniger albern als die Mythenhistorisierung, wie
+Euhemeros und nach ihm Ennius sie versucht hatten; aber ein geistreiches und
+frisches System war es nicht, und die Aufgabe nun gar, diese mechanische
+Weltanschauung poetisch zu entwickeln, war von der Art, daß wohl nie ein
+Dichter an einen undankbareren Stoff Leben und Kunst verschwendet hat. Der
+philosophische Leser tadelt an dem Lucretischen Lehrgedicht die Weglassung der
+feineren Pointen des Systems, die Oberflächlichkeit namentlich in der
+Darstellung der Kontroversen, die mangelhafte Gliederung, die häufigen
+Wiederholungen mit ebensogutem Recht, wie der poetische an der rhythmisierten
+Mathematik sich ärgert, die einen großen Teil des Gedichtes geradezu unlesbar
+macht. Trotz dieser unglaublichen Mängel, denen jedes mittelmäßige Talent
+unvermeidlich hätte erliegen müssen, durfte dieser Dichter mit Recht sich
+rühmen, aus der poetischen Wildnis einen neuen Kranz davongetragen zu haben,
+wie die Musen noch keinen verliehen hatten; und es sind auch keineswegs bloß
+die gelegentlichen Gleichnisse und sonstigen eingelegten Schilderungen
+mächtiger Naturerscheinungen und mächtigerer Leidenschaften, die dem Dichter
+diesen Kranz erwarben. Die Genialität der Lebensanschauung wie der Poesie des
+Lucretius ruht auf seinem Unglauben, welcher mit der vollen Siegeskraft der
+Wahrheit und darum mit der vollen Lebendigkeit der Dichtung dem herrschenden
+Heuchel- oder Aberglauben gegenübertrat und treten durfte.
+</p>
+
+<p>
+Als danieder er sah das Dasein liegen der Menschheit
+</p>
+
+<p>
+Jammervoll auf der Erd&rsquo;, erdrückt von der lastenden Gottfurcht,
+</p>
+
+<p>
+Die vom Himmelsgewölb ihr Antlitz offenbarend,
+</p>
+
+<p>
+Schauerlich anzusehen, hinab auf die Sterblichen drohte,
+</p>
+
+<p>
+Wagt&rsquo; es ein griechischer Mann zuerst das sterbliche Auge
+</p>
+
+<p>
+Ihr entgegenzuheben, zuerst ihr entgegenzutreten;
+</p>
+
+<p>
+Und die mutige Macht des Gedankens siegte; gewaltig
+</p>
+
+<p>
+Trat hinaus er über die flammenden Schranken des Weltalls
+</p>
+
+<p>
+Und der verständige Geist durchschritt das unendliche Ganze.
+</p>
+
+<p>
+Also eiferte der Dichter, die Götter zu stürzen, wie Brutus die Könige
+gestürzt, und &ldquo;die Natur von ihren strengen Herren zu erlösen&rdquo;.
+Aber nicht gegen Jovis altersschwachen Thron wurden diese Flammenworte
+geschleudert; ebenwie Ennius kämpft Lucretius praktisch vor allen Dingen gegen
+den wüsten Fremd- und Aberglauben der Menge, den Kult der Großen Mutter zum
+Beispiel und die kindische Blitzweisheit der Etrusker. Das Grauen und der
+Widerwille gegen die entsetzliche Welt überhaupt, in der und für die der
+Dichter schrieb, haben dies Gedicht eingegeben. Es wurde verfaßt in jener
+hoffnungslosen Zeit, wo das Regiment der Oligarchie gestürzt und das Caesars
+noch nicht aufgerichtet war, in den schwülen Jahren, während deren der Ausbruch
+des Bürgerkrieges in langer peinlicher Spannung erwartet ward. Wenn man dem
+ungleichartigen und unruhigen Vortrag es anzufühlen meint, daß der Dichter
+täglich erwartete, den wüsten Lärm der Revolution über sich und sein Werk
+hereinbrechen zu sehen, so wird man auch bei seiner Anschauung der Menschen und
+der Dinge nicht vergessen dürfen, unter welchen Menschen und in Aussicht auf
+welche Dinge sie ihm entstand. War es doch in Hellas in der Epoche vor
+Alexander ein gangbares und von allen Besten tief empfundenes Wort, daß nicht
+geboren zu sein das Beste von allem, das nächstdem Beste aber sei zu sterben.
+Unter allen in der verwandten caesarischen Zeit einem zarten und poetisch
+organisierten Gemüt möglichen Weltanschauungen war diese die edelste und die
+veredelndste, daß es eine Wohltat für den Menschen ist, erlöst zu werden von
+dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und damit von der bösen die
+Menschen, gleichwie die Kinder die Angst im dunkeln Gemach, tückisch
+beschleichenden Furcht vor dem Tode und vor den Göttern; daß, wie der Schlaf
+der Nacht erquicklicher ist als die Plage des Tages, so auch der Tod, das ewige
+Ausruhen von allem Hoffen und Fürchten, besser ist als das Leben, wie denn auch
+die Götter des Dichters selber nichts sind noch haben als die ewige selige
+Ruhe; daß die Höllenstrafen nicht nach dem Leben den Menschen peinigen, sondern
+während desselben in den wilden und rastlosen Leidenschaften des klopfenden
+Herzens; daß die Aufgabe des Menschen ist, seine Seele zum ruhigen Gleichmaß zu
+stimmen, den Purpur nicht höher zu schätzen als das warme Hauskleid, lieber
+unter den Gehorchenden zu verharren, als in das Getümmel der Bewerber um das
+Herrenamt sich zu drängen, lieber am Bach im Grase zu liegen, als unter dem
+goldenen Plafond des Reichen dessen zahllose Schüsseln leeren zu helfen. Diese
+philosophisch-praktische Tendenz ist der eigentliche ideelle Kern des
+Lucretischen Lehrgedichts und durch alle öde physikalischer Demonstrationen nur
+verschüttet, nicht erdrückt. Wesentlich auf ihr beruht dessen relative Weisheit
+und Wahrheit. Der Mann, der mit einer Ehrfurcht vor seinen großen Vorgängern,
+mit einem gewaltsamen Eifer, wie sie dies Jahrhundert sonst nicht kennt, solche
+Lehre gepredigt und sie mit musischem Zauber verklärt hat, darf zugleich ein
+guter Bürger und ein großer Dichter genannt werden. Das Lehrgedicht vom Wesen
+der Dinge, wie vieles auch daran den Tadel herausfordert, ist eines der
+glänzendsten Gestirne in den sternenarmen Räumen der römischen Literatur
+geblieben, und billig wählte der größte deutsche Sprachenmeister die
+Wiederlesbarmachung des Lucretischen Gedichts zu seiner letzten und
+meisterlichsten Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Lucretius, obwohl seine poetische Kraft wie seine Kunst schon von den
+gebildeten Zeitgenossen bewundert ward, blieb doch, Spätling wie er war, ein
+Meister ohne Schüler. In der hellenischen Modedichtung dagegen fehlte es an
+Schülern wenigstens nicht, die den alexandrinischen Meistern nachzueifern sich
+mühten. Mit richtigem Takt hatten die begabteren unter den alexandrinischen
+Poeten die größeren Arbeiten und die reinen Dichtgattungen, das Drama, das
+Epos, die Lyrik, vermieden; ihre erfreulichsten Leistungen waren ihnen, ähnlich
+wie den neulateinischen Dichtern, in &ldquo;kurzatmigen&rdquo; Aufgaben
+gelungen und vorzugsweise in solchen, die auf den Grenzgebieten der
+Kunstgattungen, namentlich dem weiten, zwischen Erzählung und Lied in der Mitte
+liegenden sich bewegten. Lehrgedichte wurden vielfach geschrieben. Sehr beliebt
+waren ferner kleine heroisch-erotische Epen, vornehmlich aber eine diesem
+Altweibersommer der griechischen Poesie eigentümliche und für ihre
+philologische Hippokrene charakteristische, gelehrte Liebeselegie, wobei der
+Dichter die Schilderung der eigenen, vorwiegend sinnlichen Empfindungen mit
+epischen Fetzen aus dem griechischen Sagenkreis mehr oder minder willkürlich
+durchflocht. Festlieder wurden fleißig und künstlich gezimmert; überhaupt
+waltete bei dem Mangel an freiwilliger poetischer Erfindung das
+Gelegenheitsgedicht vor und namentlich das Epigramm, worin die Alexandriner
+Vortreffliches geleistet haben. Die Dürftigkeit der Stoffe und die sprachliche
+und rhythmische Unfrische, die jeder nicht volkstümlichen Literatur
+unvermeidlich anhaftet, suchte man möglichst zu verstecken unter verzwickten
+Themen, geschraubten Wendungen, seltenen Wörtern und künstlicher
+Versbehandlung, überhaupt dem ganzen Apparat philologisch-antiquarischer
+Gelehrsamkeit und technischer Gewandtheit.
+</p>
+
+<p>
+Dies war das Evangelium, das den römischen Knaben dieser Zeit gepredigt ward,
+und sie kamen in hellen Haufen, um zu hören und auszuüben: schon um 700 (54)
+waren Euphorions Liebesgedichte und ähnliche alexandrinische Poesien die
+gewöhnliche Lektüre und die gewöhnlichen Deklamationsstücke der gebildeten
+Jugend ^10. Die literarische Revolution war da; aber sie lieferte zunächst mit
+seltenen Ausnahmen nur frühreife oder unreife Früchte. Die Zahl der
+&ldquo;neumodischen Dichter&rdquo; war Legion, aber die Poesie war rar und
+Apollo, wie immer, wenn es so gedrang am Parnasse hergeht, genötigt, sehr
+kurzen Prozeß zu machen. Die langen Gedichte taugten niemals etwas, die kurzen
+selten. Auch in diesem literarischen Zeitalter war die Tagespoesie zur
+Landplage geworden; es begegnete wohl, daß einem der Freund zum Hohn als
+Festtagsgeschenk einen Stoß schofler Verse frisch vom Buchhändlerlager ins Haus
+schickte, deren Wert der zierliche Einband und das glatte Papier schon auf drei
+Schritte verriet. Ein eigentliches Publikum, in dem Sinne wie die volkstümliche
+Literatur ein Publikum hat, fehlte den römischen Alexandrinern so gut wie den
+hellenischen: es ist durchaus die Poesie der Clique oder vielmehr der Cliquen,
+deren Glieder eng zusammenhalten, dem Eindringling übel mitspielen, unter sich
+die neuen Poesien vorlesen und kritisieren, auch wohl in ganz alexandrinischer
+Weise die gelungenen Produktionen wieder poetisch feiern und vielfach durch
+Cliquenlob einen falschen und ephemeren Ruhm erschwindeln. Ein namhafter und
+selbst in dieser neuen Richtung poetisch tätiger Lehrer der lateinischen
+Literatur, Valerius Cato, scheint über den angesehensten dieser Zirkel eine Art
+Schulpatronat ausgeübt und über den relativen Wert der Poesien in letzter
+Instanz entschieden zu haben. Ihren griechischen Mustern gegenüber sind diese
+römischen Poeten durchgängig unfrei, zuweilen schülerhaft abhängig; die meisten
+ihrer Produkte werden nichts gewesen sein als die herben Früchte einer im
+Lernen begriffenen und noch keineswegs als reif entlassenen Schuldichtung.
+Indem man in der Sprache und im Maß weit enger, als je die volkstümliche
+lateinische Poesie es getan, an die griechischen Vorbilder sich anschmiegte,
+ward allerdings eine größere sprachliche und metrische Korrektheit und
+Konsequenz erreicht; aber es geschah auf Kosten der Biegsamkeit und Fülle des
+nationalen Idioms. Stofflich erhielten unter dem Einfluß teils der weichlichen
+Muster, teils der sittenlosen Zeit die erotischen Themen ein auffallendes, der
+Poesie wenig zuträgliches Übergewicht; doch wurden auch die beliebten
+metrischen Kompendien der Griechen schon vielfach übersetzt, so das
+astronomische des Aratos von Cicero und entweder am Ende dieser oder
+wahrscheinlicher am Anfang der folgenden Periode das geographische Lehrbuch des
+Eratosthenes von Publius Varro von der Aude und die physikalisch-medizinischen
+des Nikandros von Aemilius Macer. Es ist weder zu verwundern noch zu bedauern,
+daß von dieser zahllosen Dichterschar uns nur wenige Namen aufbehalten worden
+sind; und auch diese werden meistens nur genannt als Kuriositäten oder als
+gewesene Größen: so der Redner Quintus Hortensius mit seinen
+&ldquo;fünfhunderttausend Zeilen&rdquo; langweiliger Schlüpfrigkeit und der
+etwas häufiger erwähnte Laevius, dessen &lsquo;Liebesscherze&rsquo; nur durch
+ihre verwickelten Maße und manierierten Wendungen ein gewisses Interesse auf
+sich zogen. Nun gar das Kleinepos &lsquo;Smyrna&rsquo; des Gaius Helvius Cinna
+(† 710? 44), so sehr es von der Clique angepriesen ward, trägt sowohl in dem
+Stoff, der geschlechtlichen Liebe der Tochter zu dem eigenen Vater, wie in der
+neunjährigen darauf verwandten Mühsal die schlimmsten Kennzeichen der Zeit an
+sich. Eine originelle und erfreuliche Ausnahme machen allein diejenigen Dichter
+dieser Schule, die es verstanden, mit der Sauberkeit und der Formgewandtheit
+derselben den in dem republikanischen und namentlich dem landstädtischen Leben
+noch vorhandenen volkstümlichen Gehalt zu verbinden. Es galt dies, um von
+Laberius und Varro hier zu schweigen, namentlich von den drei schon oben
+erwähnten Poeten der republikanischen Opposition Marcus Furius Bibaculus
+(652-691 102-63), Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48) und Quintus Valerius
+Catullus (667 bis ca. 700 87-54).
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^10 &ldquo;Freilich&rdquo;, sagt Cicero (Tusc. 3, 19, 45) in Beziehung auf
+Ennius, &ldquo;wird der herrliche Dichter von unseren Euphorionrezitierern
+verachtet.&rdquo; &ldquo;Ich bin glücklich angelangt&rdquo;, schreibt derselbe
+an Atticus (7, 2 z. A.), &ldquo;da uns von Epirus herüber der günstige Nordwind
+wehte. Diesen Spondaicus kannst du, wenn du Lust hast, einem von den
+Neumodischen als dein eigen verkaufen&rdquo; (ita belle nobis flavit ab Epiro
+lenissumus Onchesmites. Hunc σποδειάζοντα si cui voles τών νεοτέρων pro tuo
+vendito).
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Von den beiden ersten, deren Schriften untergegangen sind, können wir dies
+freilich nur mutmaßen; über die Gedichte des Catullus steht auch uns noch ein
+Urteil zu. Auch er hängt in Stoff und Form ab von den Alexandrinern. Wir finden
+in seiner Sammlung Übersetzungen von Stücken des Kallimachos und nicht gerade
+von den recht guten, sondern von den recht schwierigen. Auch unter den
+Originalen begegnen gedrechselte Modepoesien, wie die überkünstlichen
+Galliamben zum Lobe der Phrygischen Mutter; und selbst das sonst so schöne
+Gedicht von der Hochzeit der Thetis ist durch die echt alexandrinische
+Einschachtelung der Ariadneklage in das Hauptgedicht künstlerisch verdorben.
+Aber neben diesen Schulstücken steht die melodische Klage der echten Elegie,
+steht das Festgedicht im vollen Schmuck individueller und fast dramatischer
+Durchführung, steht vor allem die solideste Kleinmalerei gebildeter
+Geselligkeit, die anmutigen sehr ungenierten Mädchenabenteuer, davon das halbe
+Vergnügen im Ausschwatzen und Poetisieren der Liebesgeheimnisse besteht, das
+liebe Leben der Jugend bei vollen Bechern und leeren Beuteln, die Reise- und
+die Dichterlust; die römische und öfter noch die veronesische Stadtanekdote und
+der launige Scherz in dem vertrauten Zirkel der Freunde. Jedoch nicht bloß in
+die Saiten greift des Dichters Apoll, sondern er führt auch den Bogen: der
+geflügelte Pfeil des Spottes verschont weder den langweiligen Versemacher noch
+den sprachverderbenden Provinzialen, aber keinen trifft er öfter und schärfer
+als die Gewaltigen, von denen der Freiheit des Volkes Gefahr droht. Die
+kurzzeiligen und kurzweiligen, oft von anmutigen Refrains belebten Maße sind
+von vollendeter Kunst und doch ohne die widerwärtige Glätte der Fabrik.
+Umeinander führen diese Gedichte in das Nil- und in das Potal; aber in dem
+letzteren ist der Dichter unvergleichlich besser zu Hause. Seine Dichtungen
+ruhen wohl auf der alexandrinischen Kunst, aber doch auch auf dem bürgerlichen,
+ja dem landstädtischen Selbstgefühl, auf dem Gegensatz von Verona zu Rom, auf
+dem Gegensatz des schlichten Munizipalen gegen die hochgeborenen, ihren
+geringen Freunden gewöhnlich übel mitspielenden Herren vom Senat, wie er in
+Catulls Heimat, dem blühenden und verhältnismäßig frischen Cisalpinischen
+Gallien, lebendiger noch als irgendwo anders empfunden werden mochte. In die
+schönsten seiner Lieder spielen die süßen Bilder vom Gardasee hinein und
+schwerlich hätte in dieser Zeit ein Hauptstädter ein Gedicht zu schreiben
+vermocht wie das tief empfundene auf des Bruders Tod oder das brave, echt
+bürgerliche Festlied zu der Hochzeit des Manlius und der Arunculeia. Catullus,
+obwohl abhängig von den alexandrinischen Meistern und mitten in der Mode- und
+Cliquendichtung jener Zeit stehend, war doch nicht bloß ein guter Schüler unter
+vielen mäßigen und schlechten, sondern seinen Meistern selbst um so viel
+überlegen, als der Bürger einer freien italischen Gemeinde mehr war als der
+kosmopolitische hellenische Literat. Eminente schöpferische Kraft und hohe
+poetische Intentionen darf man freilich bei ihm nicht suchen; er ist ein
+reichbegabter und anmutiger, aber kein großer Poet, und seine Gedichte sind,
+wie er selbst sie nennt, nichts als &ldquo;Scherze und Torheiten&rdquo;. Aber
+wenn nicht bloß die Zeitgenossen von diesen flüchtigen Liedchen elektrisiert
+wurden, sondern auch die Kunstkritiker der augustischen Zeit ihn neben
+Lucretius als den bedeutendsten Dichter dieser Epoche bezeichnen, so hatten die
+Zeitgenossen wie die Späteren vollkommen recht. Die lateinische Nation hat
+keinen zweiten Dichter hervorgebracht, in dem der künstlerische Gehalt und die
+künstlerische Form in so gleichmäßiger Vollendung wiedererscheinen wie bei
+Catullus; und in diesem Sinne ist Catullus&rsquo; Gedichtsammlung allerdings
+das Vollkommenste, was die lateinische Poesie überhaupt aufzuweisen vermag.
+</p>
+
+<p>
+Es beginnt endlich in dieser Epoche die Dichtung in prosaischer Form. Das
+bisher unwandelbar festgehaltene Gesetz der echten, naiven wie bewußten, Kunst,
+daß der poetische Stoff und die metrische Fassung sich einander bedingen,
+weicht der Vermischung und Trübung aller Kunstgattungen und Kunstformen, welche
+zu den bezeichnendsten Zügen dieser Zeit gehört. Zwar von Romanen ist noch
+weiter nichts anzuführen, als daß der berühmteste Geschichtschreiber dieser
+Epoche, Sisenna, sich nicht für zu gut hielt, die viel gelesenen Milesischen
+Erzählungen des Aristeides, schlüpfrige Modenovellen der plattesten Sorte, ins
+Lateinische zu übersetzen. Eine originellere und erfreulichere Erscheinung auf
+diesem zweifelhaften poetisch-prosaischen Grenzgebiet sind die ästhetischen
+Schriften Varros, der nicht bloß der bedeutendste Vertreter der lateinischen
+philologisch-historischen Forschung, sondern auch in der schönen Literatur
+einer der fruchtbarsten und interessantesten Schriftsteller ist. Einem in der
+sabinischen Landschaft heimischen, dem römischen Senat seit zweihundert Jahren
+angehörigen Plebejergeschlechte entsprossen, streng in altertümlicher Zucht und
+Ehrbarkeit erzogen ^11 und bereits am Anfang dieser Epoche ein reifer Mann,
+gehörte Marcus Terentius Varro von Reate (638-727 116-27) politisch, wie sich
+von selbst versteht, der Verfassungspartei an und beteiligte sich ehrlich und
+energisch an ihrem Tun und Leiden. Er tat dies teils literarisch, indem er zum
+Beispiel die erste Koalition, das &ldquo;dreiköpfige Ungeheuer&rdquo; in
+Flugschriften bekämpfte, teils im ernsteren Kriege, wo wir ihn im Heere des
+Pompeius als Kommandanten des Jenseitigen Spaniens fanden. Als die Sache der
+Republik verloren war, ward Varro von seinem Überwinder zum Bibliothekar der
+neu zu schaffenden Bibliothek in der Hauptstadt bestimmt. Die Wirren der
+folgenden Zeit rissen den alten Mann noch einmal in ihren Strudel hinein, und
+erst siebzehn Jahre nach Caesars Tode, im neunundachtzigsten seines
+wohlausgefüllten Lebens rief der Tod ihn ab. Die ästhetischen Schriften, die
+ihm einen Namen gemacht haben, waren kürzere Aufsätze, teils einfach prosaische
+ernsteren Inhalts, teils launige Schilderungen, deren prosaisches Grundwerk
+vielfach eingelegte Poesien durchwirken. Jenes sind die
+&lsquo;Philosophisch-historischen Abhandlungen&rsquo; (logistorici), dies die
+Menippischen Satiren. Beide schließen nicht an lateinische Vorbilder sich an,
+namentlich die Varronische Satura keineswegs an die Lucilische; wie denn
+überhaupt die römische Satura nicht eigentlich eine feste Kunstgattung, sondern
+nur negativ das bezeichnet, daß &ldquo;das mannigfaltige Gedicht&rdquo; zu
+keiner der anerkannten Kunstgattungen gezählt sein will und darum denn auch die
+Saturapoesie bei jedem begabten Poeten wieder einen andern und eigenartigen
+Charakter annimmt. Es war vielmehr die voralexandrinische griechische
+Philosophie, in der Varro die Muster für seine strengeren wie für seine
+leichteren ästhetischen Arbeiten fand: für die ernsteren Abhandlungen in den
+Dialogen des Herakleides von Herakleia am Schwarzen Meer († um 450 300), für
+die Satiren in den Schriften des Menippos von Gadara in Syrien (blüht um 475
+280). Die Wahl war bezeichnend. Herakleides, als Schriftsteller angeregt durch
+Platons philosophische Gespräche, hatte über deren glänzende Form den
+wissenschaftlichen Inhalt gänzlich aus den Augen verloren und die
+poetisch-fabulistische Einkleidung zur Hauptsache gemacht; er war ein
+angenehmer und vielgelesener Autor, aber nichts weniger als ein Philosoph.
+Menippos war es ebensowenig, sondern der echteste literarische Vertreter
+derjenigen Philosophie, deren Weisheit darin besteht, die Philosophie zu
+leugnen und die Philosophen zu verhöhnen, der Hundeweisheit des Diogenes; ein
+lustiger Meister ernsthafter Weisheit, bewies er in Exempeln und Schnurren, daß
+außer dem rechtschaffenen Leben alles auf Erden und im Himmel eitel sei, nichts
+aber eitler als der Hader der sogenannten Weisen. Dies waren die rechten Muster
+für Varro, einen Mann voll altrömischen Unwillens über die erbärmliche Zeit und
+voll altrömischer Laune, dabei durchaus nicht ohne plastisches Talent, aber für
+alles, was nicht wie Bild und Tatsache aussah, sondern wie Begriff oder gar wie
+System, vollständig vernagelt und vielleicht den unphilosophischsten unter den
+unphilosophischen Römern ^12. Allein Varro war kein unfreier Schüler. Die
+Anregung und im allgemeinen die Form entlehnte er von Herakleides und
+Mennippos; aber er war eine zu individuelle und zu entschieden römische Natur,
+um nicht seine Nachschöpfungen wesentlich selbständig und national zu halten.
+Für seine ernsten Abhandlungen, in denen ein moralischer Satz oder sonst ein
+Gegenstand von allgemeinem Interesse behandelt ward, verschmähte er in der
+Fabulierung an die Milesischen Märchen zu streifen, wie Herakleides es getan,
+und so gar kinderhafte Geschichten wie die vom Abaris und von dem nach
+siebentägigem Tode wieder zum Leben erwachenden Mädchen dem Leser aufzutischen.
+Nur selten entnahm er die Einkleidung den edleren Mythen der Griechen, wie in
+dem Aufsatz &lsquo;Orestes oder vom Wahnsinn&rsquo;; regelmäßig gab ihm einen
+würdigeren Rahmen für seine Stoffe die Geschichte, namentlich die gleichzeitige
+vaterländische, wodurch diese Aufsätze zugleich, wie sie auch heißen,
+&lsquo;Lobschriften&rsquo; wurden auf geachtete Römer, vor allem auf die
+Koryphäen der Verfassungspartei. So war die Abhandlung &lsquo;Vom
+Frieden&rsquo; zugleich eine Denkschrift auf Metellus Pius, den letzten in der
+glänzenden Reihe der glücklichen Feldherrn des Senats; die &lsquo;Von der
+Götterverehrung&rsquo; zugleich bestimmt, das Andenken an den hochgeachteten
+Optimaten und Pontifex Gaius Curio zu bewahren; der Aufsatz &lsquo;Über das
+Schicksal&rsquo; knüpfte an Marius an, der &lsquo;Über die
+Geschichtschreibung&rsquo; an den ersten Historiker dieser Epoche, Sisenna, der
+&lsquo;Über die Anfänge der römischen Schaubühne&rsquo; an den fürstlichen
+Spielgeber Scaurus, der &lsquo;Über die Zahlen&rsquo; an den feingebildeten
+römischen Bankier Atticus. Die beiden philosophisch-historischen Aufsätze
+&lsquo;Laelius oder von der Freundschaft, &lsquo;Cato oder vom Alter&rsquo;,
+welche Cicero, wahrscheinlich nach dem Muster der Varronischen, schrieb, mögen
+von Varros halb lehrhafter, halb erzählender Behandlung dieser Stoffe ungefähr
+eine Vorstellung geben.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^11 &ldquo;Mir als Knaben&rdquo;, sagt er irgendwo, &ldquo;genügte ein einziger
+Flausrock und ein einziges Unterkleid, Schuhe ohne Strümpfe, ein Pferd ohne
+Sattel; ein warmes Bad hatte ich nicht täglich, ein Flußbad selten.&rdquo;
+Wegen seiner persönlichen Tapferkeit erhielt er im Piratenkrieg, wo er eine
+Flottenabteilung führte, den Schiffskranz.
+</p>
+
+<p>
+^12 Etwas Kindischeres gibt es kaum als Varros Schema der sämtlichen
+Philosophien, das erstlich alle nicht die Beglückung des Menschen als letztes
+Ziel aufstellenden Systeme kurzweg für nicht vorhanden erklärt und dann die
+Zahl der unter dieser Voraussetzung denkbaren Philosophien auf
+zweihundertachtundachtzig berechnet. Der tüchtige Mann war leider zu sehr
+Gelehrter um einzugestehen, daß er Philosoph weder sein könne noch sein möge,
+und hat deshalb als solcher zeit seines Lebens zwischen Stoa, Pythagoreismus
+und Diogenismus einen nicht schönen Eiertanz aufgeführt.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Ebenso originell in Form und Inhalt ward von Varro die Menippische Satire
+behandelt; die dreiste Mischung von Prosa und Versen ist dem griechischen
+Original fremd und der ganze geistige Inhalt von römischer Eigentümlichkeit,
+man möchte sagen von sabinischem Erdgeschmack durchdrungen. Auch diese Satiren
+behandeln, wie die philosophisch-historischen Aufsätze, irgendein moralisches
+oder sonst für das größere Publikum geeignetes Thema, wie dies schon einzelne
+Titel zeigen: &lsquo;Hercules&rsquo; Säulen oder vom Ruhm&rsquo;; &lsquo;Der
+Topf findet den Deckel oder von den Pflichten des Ehemanns&rsquo;; &lsquo;Der
+Nachttopf hat sein Maß oder vom Zechen&rsquo;; &lsquo;Papperlapapp oder von der
+Lobrede&rsquo;. Die plastische Einkleidung, die auch hier nicht fehlen durfte,
+ist natürlich der vaterländischen Geschichte nur selten entlehnt, wie in der
+Satire &lsquo;Serranus oder von den Wahlen&rsquo;. Dagegen spielt die
+Diogenische Hundewelt wie billig eine große Rolle: es begegnen der Hund
+Gelehrter, der Hund Rhetor, der Ritter-Hund, der Wassertrinker-Hund, der
+Hundekatechismus und dergleichen mehr. Ferner wird die Mythologie zu komischen
+Zwecken in Kontribution gesetzt: wir finden einen &lsquo;Befreiten
+Prometheus&rsquo;, einen &lsquo;Strohernen Aias&rsquo;, einen &lsquo;Herkules
+Sokratiker&rsquo;, einen &lsquo;Anderthalb Odysseus&rsquo;, der nicht bloß
+zehn, sondern fünfzehn Jahre in Irrfahrten sich umhergetrieben hat. Der
+dramatisch-novellistische Rahmen schimmert in einzelnen Stücken, zum Beispiel
+im &lsquo;Befreiten Prometheus&rsquo;, in dem &lsquo;Mann von sechzig
+Jahren&rsquo;, im &lsquo;Frühauf&rsquo; noch aus den Trümmern hervor; es
+scheint, daß Varro die Fabel häufig, vielleicht regelmäßig als eigenes Erlebnis
+erzählte, wie zum Beispiel im &lsquo;Frühauf&rsquo; die handelnden Personen zum
+Varro hingehen und ihm Vortrag halten, &ldquo;da er als Büchermacher ihnen
+bekannt war&rdquo;. Über den poetischen Wert dieser Einkleidung ist uns ein
+sicheres Urteil nicht mehr gestattet; einzeln begegnen noch in unseren Trümmern
+allerliebste Schilderungen voll Witz und Lebendigkeit - so eröffnet im
+&lsquo;Befreiten Prometheus&rsquo; der Heros nach Lösung seiner Fesseln eine
+Menschenfabrik, in welcher Goldschuh, der Reiche, sich ein Mädchen bestellt von
+Milch und feinstem Wachs, wie es die milesischen Bienen aus mannigfachen Blüten
+sammeln, ein Mädchen ohne Knochen und Sehnen, ohne Haut und Haar, rein und
+fein, schlank, glatt, zart, allerliebst. Der Lebensatem dieser Dichtung ist die
+Polemik - nicht so sehr die politische der Partei, wie Lucilius und Catullus
+sie übten, sondern die allgemeine sittliche des strengen Alten gegen die
+zügellose und verkehrte Jugend, des in seinen Klassikern lebenden Gelehrten
+gegen die lockere und schofle oder doch ihrer Tendenz nach verwerfliche moderne
+Poesie ^13, des guten Bürgers von altem Schlag gegen das neue Rom, in dem der
+Markt, mit Varro zu reden, ein Schweinestall ist und Numa, wenn er auf seine
+Stadt den Blick wendet, keine Spur seiner weisen Satzungen mehr gewahrt. Varro
+tat in dem Verfassungskampf, was ihm Bürgerpflicht schien; aber sein Herz war
+bei diesem Parteitreiben nicht - &ldquo;warum&rdquo;, klagt er einmal,
+&ldquo;riefet ihr mich aus meinem reinen Leben in den Rathausschmutz?&rdquo; Er
+gehörte der guten alten Zeit an, wo die Rede nach Zwiebeln und Knoblauch
+duftete, aber das Herz gesund war. Nur eine einzelne Seite dieser
+altväterischen Opposition gegen den Geist der neuen Zeit ist die Polemik gegen
+die Erbfeinde des echten Römertums, die griechischen Weltweisen; aber es lag
+sowohl im Wesen der Hundephilosophie als in Varros Naturell, daß die
+menippische Geißel ganz besonders den Philosophen um die Ohren schwirrte und
+sie denn auch in angemessene Angst versetzte - nicht ohne Herzklopfen
+übersandten die philosophischen Skribenten der Zeit dem &ldquo;scharfen
+Mann&rdquo; ihre neu erschienenen Traktate. Das Philosophieren ist wahrlich
+keine Kunst. Mit dem zehnten Teil der Mühe, womit der Herr den Sklaven zum
+Kunstbäcker erzieht, bildet er selbst sich zum Philosophen; freilich, wenn dann
+der Bäcker und der Philosoph beide unter den Hammer kommen, geht der
+Kuchenkünstler hundertmal teurer weg als der Weltweise. Sonderbare Leute, diese
+Philosophen! Der eine befiehlt, die Leichen in Honig beizusetzen - ein Glück,
+daß man ihm nicht den Willen tut, wo bliebe sonst der Honigwein? Der andere
+meint, daß die Menschen wie die Kresse aus der Erde gewachsen sind. Der dritte
+hat einen Weltbohrer erfunden, durch den die Erde einst untergehen wird.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^13 &ldquo;Willst du etwa&rdquo;, schreibt er einmal, &ldquo;die Redefiguren
+und Verse des Quintussklaven Clodius abgurgeln und ausrufen: O Geschick! o
+Schicksalsgeschick!&rdquo; Anderswo: &ldquo;Da der Quintussklave Clodius eine
+solche Anzahl von Komödien ohne irgendeine Muse gemacht hat, sollte ich da
+nicht einmal ein einziges Büchlein mit Ennius zu reden
+&lsquo;fabrizieren&rsquo; können?&rdquo; Dieser sonst nicht bekannte Clodius
+muß wohl ein schlechter Nachahmer des Terenz gewesen sein, da zumal jene ihm
+spöttisch heimgegebenen Worte: &ldquo;O Geschick! o Schicksalsgeschick!&rdquo;
+in einem Terenzischen Lustspiel sich wiederfinden. Die folgende
+Selbstvorstellung eines Poeten in Varros &lsquo;Esel beim Lautenspiel&rsquo;:
+</p>
+
+<p>
+Schüler mich heißt man Pacuvs; er dann war des Ennius Schüler,
+</p>
+
+<p>
+Dieser der Musen; ich selbst nenne Pompilius mich
+</p>
+
+<p>
+könnte füglich die Einleitung des Lucretius parodieren, dem Varro schon als
+abgesagter Feind des epikurischen Systems nicht geneigt gewesen sein kann und
+den er nie anführt.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Gewiß, niemals hat ein Kranker etwas je geträumt
+</p>
+
+<p>
+So toll, was nicht gelehrt schon hätte ein Philosoph.
+</p>
+
+<p>
+Es ist spaßhaft anzusehen, wie so ein Langbart- der etymologisierende Stoiker
+ist gemeint - ein jedes Wort bedächtig auf der Goldwaage wägt; aber nichts geht
+doch über den echten Philosophenzank - ein stoischer Faustkampf übertrifft weit
+jede Athletenbalgerei. In der Satire &lsquo;Die Marcusstadt oder vom
+Regimente&rsquo;, wo Marcus sich ein Wolkenkuckucksheim nach seinem Herzen
+schuf, erging es, ebenwie in dem attischen, dem Bauern gut, dem Philosophen
+aber übel; der Schnell-durch-ein-Glied-Beweis (Celer-δι΄-ενός-λήμματος-λόγος),
+Antipatros, des Stoikers Sohn, schlägt darin seinem Gegner, offenbar dem
+philosophischen Zweiglied (Dilemma), mit der Feldhacke den Schädel ein. Mit
+dieser sittlich polemischen Tendenz und diesem Talent, einen kaustischen und
+pittoresken Ausdruck für sie zu finden, das, wie die dialogische Einkleidung
+der im achtzigsten Jahre geschriebenen Bücher vom Landbau beweist, bis in das
+höchste Alter ihn nicht verließ, vereinigte sich auf das glücklichste Varros
+unvergleichliche Kunde der nationalen Sitte und Sprache, die in den
+philologischen Schriften seines Greisenalters kollektaneenartig, hier aber in
+ihrer ganzen unmittelbaren Fülle und Frische sich entfaltet. Varro war im
+besten und vollsten Sinne des Wortes ein Lokalgelehrter, der seine Nation in
+ihrer ehemaligen Eigentümlichkeit und Abgeschlossenheit wie in ihrer modernen
+Verschliffenheit und Zerstreuung aus vieljähriger eigener Anschauung kannte und
+seine unmittelbare Kenntnis der Landessitte und Landessprache durch die
+umfassendste Durchforschung der geschichtlichen und literarischen Archive
+ergänzt und vertieft hatte. Was insofern an verstandesmäßiger Auffassung und
+Gelehrsamkeit in unserem Sinn ihm abging, das gewann die Anschauung und die in
+ihm lebendige Poesie. Er haschte weder nach antiquarischen Notizen noch nach
+seltenen veralteten oder poetischen Wörtern ^14; aber er selbst war ein alter
+und altfränkischer Mann und beinah ein Bauer, die Klassiker seiner Nation ihm
+liebe, langgewohnte Genossen; wie konnte es fehlen, daß von der Sitte der
+Väter, die er über alles liebte und vor allen kannte, gar vielerlei in seinen
+Schriften erzählt ward, und daß seine Rede überfloß von sprichwörtlichen
+griechischen und lateinischen Wendungen, von guten alten, in der sabinischen
+Umgangssprache bewahrten Wörtern, von Ennianischen, Lucilischen, vor allem
+Plautinischen Reminiszenzen? Den Prosastil dieser ästhetischen Schriften aus
+Varros früherer Zeit darf man sich nicht vorstellen nach dem seines im hohen
+Alter geschriebenen und wahrscheinlich im unfertigen Zustand veröffentlichten
+sprachwissenschaftlichen Werkes, wo allerdings die Satzglieder am Faden der
+Relative aufgereiht werden wie die Drosseln an der Schnur; daß aber Varro
+grundsätzlich die strenge Stilisierung und die attische Periodisierung verwarf,
+wurde früher schon bemerkt, und seine ästhetischen Aufsätze waren zwar ohne den
+gemeinen Schwulst und die falschen Flitter des Vulgarismus, aber in mehr
+lebendig gefügten als wohl gegliederten Sätzen unklassisch und selbst
+schluderig geschrieben. Die eingelegten Poesien dagegen bewiesen nicht bloß,
+daß ihr Urheber die mannigfaltigsten Maße meisterlich wie nur einer der
+Modepoeten zu bilden verstand, sondern auch, daß er ein Recht hatte, denen sich
+zuzuzählen, welchen ein Gott es vergönnt hat, &ldquo;die Sorgen aus dem Herzen
+zu bannen durch das Lied und die heilige Dichtkunst&rdquo; ^15. Schule machte
+die Varronische Skizze so wenig wie das Lucretische Lehrgedicht; zu den
+allgemeineren Ursachen kam hier noch hinzu das durchaus individuelle Gepräge
+derselben, welches unzertrennlich war von dem höheren Alter, der
+Bauernhaftigkeit und selbst von der eigenartigen Gelehrsamkeit ihres
+Verfassers. Aber die Anmut und Laune vor allem der menippischen Satiren, welche
+an Zahl wie an Bedeutung Varros ernsteren Arbeiten weit überlegen gewesen zu
+sein scheinen, fesselte die Zeitgenossen sowohl wie diejenigen Späteren, die
+für Originalität und Volkstümlichkeit Sinn hatten; und auch wir noch, denen es
+nicht mehr vergönnt ist, sie zu lesen, mögen aus den erhaltenen Bruchstücken
+einigermaßen es nachempfinden, daß der Schreiber &ldquo;es verstand, zu lachen
+und mit Maß zu scherzen&rdquo;. Und schon als der letzte Hauch des scheidenden
+guten Geistes der alten Bürgerzeit, als der jüngste grüne Sproß, den die
+volkstümliche lateinische Poesie getrieben hat, verdienten es Varros Satiren,
+daß der Dichter in seinem poetischen Testament diese seine menippischen Kinder
+jedem empfahl,
+</p>
+
+<p>
+Dem da Romas liegt und Latiums Blühen am Herzen,
+</p>
+
+<p>
+und sie behaupten denn auch einen ehrenvollen Platz in der Literatur wie in der
+Geschichte des italischen Volkes ^16.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^14 Er selbst sagt einmal treffend, daß er veraltete Wörter nicht besonders
+liebe, aber öfter brauche, poetische Wörter sehr liebe, aber nicht brauche.
+</p>
+
+<p>
+^15 Die folgende Schilderung ist dem &lsquo;Marcussklaven&rsquo; entnommen:
+</p>
+
+<p>
+Auf einmal, um die Zeit der Mitternacht etwa,
+</p>
+
+<p>
+Als uns mit Feuerflammen weit und breit gestickt
+</p>
+
+<p>
+Der luftige Raum den Himmelssternenreigen wies,
+</p>
+
+<p>
+Umschleierte des Himmels goldenes Gewölb
+</p>
+
+<p>
+Mit kühlem Regenflor der raschen Wolken Zug,
+</p>
+
+<p>
+Hinab das Wasser schüttend auf die Sterblichen,
+</p>
+
+<p>
+Und schossen, los sich reißend von dem eisigen Pol,
+</p>
+
+<p>
+Die Wind&rsquo;, heran, des Großen Bären tolle Brut,
+</p>
+
+<p>
+Fortführend mit sich Ziegel, Zweig&rsquo; und Wetterwust.
+</p>
+
+<p>
+Doch wir, gestürzt, schiffbrüchig, gleich der Störche Schwarm,
+</p>
+
+<p>
+Die an zweizackigen Blitzes Glut die Flügel sich
+</p>
+
+<p>
+Versengt, wir fielen traurig jäh zur Erd&rsquo; hinab.
+</p>
+
+<p>
+In der &lsquo;Menschenstadt&rsquo; heißt es:
+</p>
+
+<p>
+Nicht wird frei dir die Brust durch Gold und Fülle der Schätze;
+</p>
+
+<p>
+Nicht dem Sterblichen nimmt von der Seele der persische Goldberg
+</p>
+
+<p>
+Sorg&rsquo; und Furcht, und auch der Saal nicht Crassus des Reichen.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch leichtere Weise gelang dem Dichter. In &lsquo;Der Topf hat sein
+Maß&rsquo; stand folgender zierliche Lobspruch auf den Wein:
+</p>
+
+<p>
+Es bleibt der Wein für jedermann der beste Trank.
+</p>
+
+<p>
+Er ist das Mittel, das den Kranken macht gesund;
+</p>
+
+<p>
+Er ist der süße Keimeplatz der Fröhlichkeit,
+</p>
+
+<p>
+Er ist der Kitt, der Freundeskreis zusammenhält.
+</p>
+
+<p>
+Und in dem &lsquo;Weltbohrer&rsquo; schließt der heimkehrende Wandersmann also
+seinen Zuruf an die Schiffer:
+</p>
+
+<p>
+Laßt schießen die Zügel dem leisesten Hauch,
+</p>
+
+<p>
+Bis daß uns des frischeren Windes Geleit
+</p>
+
+<p>
+Rückführt in die liebliche Heimat!
+</p>
+
+<p>
+^16 Die Skizzen Varros haben eine so ungemeine historische und selbst poetische
+Bedeutsamkeit und sind doch infolge der trümmerhaften Gestalt, in der uns die
+Kunde davon zugekommen ist, so wenigen bekannt und so verdrießlich
+kennenzulernen, daß es wohl erlaubt sein wird, einige derselben hier mit der
+wenigen zur Lesbarkeit unumgänglichen Restauration zu resümieren.
+</p>
+
+<p>
+Die Satire &lsquo;Frühauf&rsquo; schildert die ländliche Haushaltung.
+&ldquo;Frühauf ruft mit der Sonne zum Aufstehen und führt selbst die Leute auf
+den Arbeitsplatz. Die Jungen machen selbst sich ihr Bett, das die Arbeit ihnen
+weich macht, und stellen sich selber Wasserkrug und Lampe dazu. Der Trank ist
+der klare frische Quell, die Kost Brot und als Zubrot Zwiebeln. In Haus und
+Feld gedeiht alles. Das Haus ist kein Kunstbau; aber der Architekt könnte
+Symmetrie daran lernen. Für den Acker wird gesorgt, daß er nicht unordentlich
+und wüst in Unsauberkeit und Vernachlässigung verkomme; dafür wehrt die
+dankbare Ceres den Schaden von der Frucht, daß die Schober hochgeschichtet das
+Herz des Landmannes erfreuen. Hier gilt noch das Gastrecht; willkommen ist, wer
+nur Muttermilch gesogen hat. Brotkammer und Weinfaß und der Wurstvorrat am
+Hausbalken, Schlüssel und Schloß sind dem Wandersmann dienstwillig, und hoch
+türmen vor ihm die Speisen sich auf; zufrieden sitzt der gesättigte Gast, nicht
+vor- noch rückwärts schauend, nickend am Herde in der Küche. Zum Lager wird der
+wärmste doppelwollige Schafpelz für ihn ausgebreitet. Hier gehorcht man noch
+als guter Bürger dem gerechten Gesetz, das weder aus Mißgunst Unschuldigen zu
+nahe tritt, noch aus Gunst Schuldigen verzeiht. Hier redet man nicht Böses
+wider den Nächsten. Hier rekelt man nicht mit den Füßen auf dem heiligen Herd,
+sondern ehrt die Götter mit Andacht und mit Opfern, wirft dem Hausgeist sein
+Stückchen Fleisch in das bestimmte Schüsselchen und geleitet, wenn der Hausherr
+stirbt, die Bahre mit demselben Gebet, mit welchem die des Vaters und des
+Großvaters hinweggetragen wurde.&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+In einer anderen Satire tritt ein &ldquo;Lehrer der Alten auf, dessen die
+gesunkene Zeit dringender zu bedürfen scheint als des Jugendlehrers, und setzt
+auseinander, &ldquo;wie einst alles in Rom keusch und fromm war und jetzt alles
+so ganz anders ist&rdquo;. &ldquo;Trügt mich mein Auge oder sehe ich Sklaven in
+Waffen gegen ihre Herren? - Einst ward, wer zur Aushebung sich nicht stellte,
+von Staats wegen als Sklave in die Fremde verkauft; jetzt heißt [der
+Aristokratie, 2, 225; 3, 358; 4, 103 u. 330] der Zensor, der Feigheit und alles
+hingehen läßt, ein großer Bürger und erntet Lob, daß er nicht darauf aus ist,
+sich durch Kränkung der Mitbürger einen Namen zu machen. - Einst ließ der
+römische Bauer sich alle Woche einmal den Bart scheren; jetzt kann der
+Ackersklave es nicht fein genug haben. - Einst sah man auf den Gütern einen
+Kornspeicher, der zehn Ernten faßte, geräumige Keller für die Weinfässer und
+entsprechende Keltern; jetzt hält der Herr sich Pfauenherden und läßt seine
+Türen mit afrikanischem Zypressenholz einlegen. - Einst drehte die Hausfrau mit
+der Hand die Spindel und hielt dabei den Topf auf dem Herd im Auge, damit der
+Brei nicht verbrenne; jetzt&rdquo; - heißt es in einer andern Satire
+-&ldquo;bettelt die Tochter den Vater um ein Pfund Edelsteine, das Weib den
+Mann um einen Scheffel Perlen an. - Einst war der Mann in der Brautnacht stumm
+und blöde; jetzt gibt die Frau sich dem ersten besten Kutscher preis. - Einst
+war der Kindersegen der Stolz des Weibes, jetzt, wenn der Mann sich Kinder
+wünscht, antwortet sie: Weißt du nicht, was Ennius sagt?:
+</p>
+
+<p>
+Lieber will ich ja das Leben dreimal wagen in der Schlacht,
+</p>
+
+<p>
+Als ein einzig Mal gebären. -
+</p>
+
+<p>
+Einst war die Frau vollkommen zufrieden, wenn der Mann ein- oder zweimal im
+Jahre sie in dem ungepolsterten Wagen über Land fuhr&rdquo;; jetzt - konnte er
+hinzusetzen (vgl. Cic. Mil. 21, 55) - schmollt die Frau, wenn der Mann ohne sie
+auf sein Landgut geht, und folgt der reisenden Dame das elegante griechische
+Bedientengesindel und die Kapelle nach auf die Villa.&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+In einer Schrift der ernsteren Gattung &lsquo;Catus oder die Kinderzucht&rsquo;
+belehrt Varro den Freund, der ihn deswegen um Rat gefragt, nicht bloß über die
+Gottheiten, denen nach altem Brauch für der Kinder Wohl zu opfern war, sondern,
+hinweisend auf die verständigere Kindererziehung der Perser und auf seine
+eigene streng verlebte Jugend, warnt er vor überfüttern und überschlafen, vor
+süßem Brot und feiner Kost - die jungen Hunde, meint der Alte, werden jetzt
+verständiger genährt als die Kinder -, ebenso vor dem Besiebnen und Besegnen,
+das in Krankheitsfällen so oft die Stelle des ärztlichen Rates vertrat. Er rät,
+die Mädchen zum Sticken anzuhalten, damit sie später die Stickereien und
+Webereien richtig zu beurteilen verständen, und sie nicht zu früh das
+Kinderkleid ablegen zu lassen; er warnt davor, die Knaben in die Fechterspiele
+zu führen, in denen früh das Herz verhärtet und die Grausamkeit gelernt wird.
+</p>
+
+<p>
+In dem &lsquo;Mann von sechzig Jahren&rsquo; erscheint Varro als ein römischer
+Epimenides, der, als zehnjähriger Knabe eingeschlafen, nach einem halben
+Jahrhundert wiedererwacht. Er staunt darüber, statt seines glattgeschorenen
+Knabenkopfes ein altes Glatzhaupt wiederzufinden, mit häßlicher Schnauze und
+wüsten Borsten gleich dem Igel; mehr noch aber staunt er über das verwandelte
+Rom. Die lucrinischen Austern, sonst eine Hochzeitschüssel, sind jetzt ein
+Alltagsgericht; dafür rüstet denn auch der bankrotte Schlemmer im stillen die
+Brandfackel. Wenn sonst der Vater dem Knaben vergab, so ist jetzt das Vergeben
+an den Knaben gekommen; das heißt, er vergibt dem Vater mit Gift. Der Wahlplatz
+ist zur Börse geworden, der Kriminalprozeß zur Goldgrube für die Geschworenen.
+Keinem Gesetze wird noch gehorcht, außer dem einen, daß nichts für nichts
+gegeben wird. Alle Tugenden sind geschwunden; dafür begrüßen den Erwachten als
+neue Insassen die Gotteslästerung, die Wortlosigkeit, die Geilheit. &ldquo;O
+wehe dir, Marcus, über solchen Schlaf und solches Erwachen!&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Skizze gleicht der catilinarischen Zeit, kurz nach welcher (um 697 57) sie
+der alte Mann geschrieben haben muß, und es lag eine Wahrheit in der bitteren
+Schlußwendung, wo der Marcus, gehörig ausgescholten wegen seiner unzeitgemäßen
+Anklagen und antiquarischen Reminiszenzen, mit parodischer Anwendung einer
+uralten römischen Sitte, als unnützer Greis auf die Brücke geschleppt und in
+den Tiber gestürzt wird. Es war allerdings für solche Männer in Rom kein Platz
+mehr.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Zu einer kritischen Geschichtschreibung in der Art, wie die Nationalgeschichte
+von den Attikern in ihrer klassischen Zeit, wie die Weltgeschichte von Polybios
+geschrieben ward, ist man in Rom eigentlich niemals gelangt. Selbst auf dem
+dafür am meisten geeigneten Boden, in der Darstellung der gleichzeitigen und
+der jüngst vergangenen Ereignisse, blieb es im ganzen bei mehr oder minder
+unzulänglichen Versuchen; in der Epoche namentlich von Sulla bis auf Caesar
+wurden die nicht sehr bedeutenden Leistungen, welche die vorhergehende auf
+diesem Gebiet aufzuweisen hatte, die Arbeiten Antipaters und Asellios, kaum
+auch nur erreicht. Das einzige diesem Gebiete angehörende namhafte Werk, das in
+der gegenwärtigen Epoche entstand, ist des Lucius Cornelius Sisenna (Prätor 676
+78) Geschichte des Bundesgenossen- und Bürgerkrieges. Von ihr bezeugen die,
+welche sie lasen, daß sie an Lebendigkeit und Lesbarkeit die alten trockenen
+Chroniken weit übertraf, dafür aber in einem durchaus unreinen und selbst in
+das Kindische verfallenden Stil geschrieben war; wie denn auch die wenigen
+übrigen Bruchstücke eine kleinliche Detailmalerei des Gräßlichen ^17 und eine
+Menge neugebildeter oder der Umgangssprache entnommener Wörter aufzeigen. Wenn
+noch hinzugefügt wird, daß das Muster des Verfassers und sozusagen der einzige
+ihm geläufige griechische Historiker Kleitarchos war, der Verfasser einer
+zwischen Geschichte und Fiktion schwankenden Biographie Alexanders des Großen
+in der Art des Halbromans, der den Namen des Curtius trägt, so wird man nicht
+anstehen, in Sisennas vielgerühmtem Geschichtswerk nicht ein Erzeugnis echter
+historischer Kritik und Kunst zu erkennen, sondern den ersten römischen Versuch
+in der bei den Griechen so beliebten Zwittergattung von Geschichte und Roman,
+welche das tatsächliche Grundwerk durch erfundene Ausführung lebendig und
+interessant machen möchte und es dadurch schal und unwahr macht; und es wird
+nicht ferner Verwunderung erregen demselben Sisenna auch als Übersetzer
+griechischer Moderomane zu begegnen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^17 &ldquo;Die Unschuldigen&rdquo;, hieß es in einer Rede, &ldquo;zitternd an
+allen Gliedern, schleppst du heraus und am hohen Uferrande des Flusses beim
+Morgengrauen (lässest du sie schlachten).&rdquo; Solche ohne Mühe einer
+Taschenbuchsnovelle einzufügende Phrasen begegnen mehrere.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Daß es auf dem Gebiet der allgemeinen Stadt- und gar der Weltchronik noch weit
+erbärmlicher aussah, lag in der Natur der Sache. Die steigende Regsamkeit der
+antiquarischen Forschung ließ erwarten, daß aus Urkunden und sonstigen
+zuverlässigen Quellen die gangbare Erzählung rektifiziert werden würde; allein
+diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Je mehr und je tiefer man forschte, desto
+deutlicher trat es hervor, was es hieß, eine kritische Geschichte Roms
+schreiben. Schon die Schwierigkeiten, die der Forschung und Darstellung sich
+entgegenstellten, waren unermeßlich; aber die bedenklichsten Hindernisse waren
+nicht die literarischer Art. Die konventionelle Urgeschichte Roms, wie sie
+jetzt seit wenigstens zehn Menschenaltern erzählt und geglaubt ward, war mit
+dem bürgerlichen Leben der Nation aufs innigste zusammengewachsen; und doch
+mußte bei jeder eingehenden und ehrlichen Forschung nicht bloß einzelnes hie
+und da modifiziert, sondern das ganze Gebäude so gut umgeworfen werden wie die
+fränkische Urgeschichte vom König Pharamund und die britische vom König Arthur.
+Ein konservativ gesinnter Forscher, wie zum Beispiel Varro war, konnte an
+dieses Werk nicht Hand legen wollen; und hätte ein verwegener Freigeist sich
+dazu gefunden, so würde gegen diesen schlimmsten aller Revolutionäre, der der
+Verfassungspartei sogar ihre Vergangenheit zu nehmen Anstalt machte, von allen
+guten Bürgern das &ldquo;Kreuzige&rdquo; erschollen sein. So führte die
+philologische und antiquarische Forschung von der Geschichtschreibung mehr ab
+als zu ihr hin. Varro und die Einsichtigeren überhaupt gaben die Chronik als
+solche offenbar verloren; höchstens daß man, wie Titus Pomponius Atticus tat,
+die Beamten- und Geschlechtsverzeichnisse in tabellarischer Anspruchslosigkeit
+zusammenstellte - ein Werk übrigens, durch das die synchronistische
+griechisch-römische Jahrzählung in der Weise, wie sie den Späteren
+konventionell feststand, zum Abschluß geführt worden ist. Die
+Stadtchronikenfabrik stellte aber darum ihre Tätigkeit natürlich nicht ein,
+sondern fuhr fort zu der großen, von der Langenweile für die Langeweile
+geschriebenen Bibliothek ihre Beiträge so gut in Prosa wie in Versen zu
+liefern, ohne daß die Buchmacher, zum Teil bereits Freigelassene, um die
+eigentliche Forschung irgend sich bekümmert hätten. Was uns von diesen
+Schriften genannt wird - erhalten ist keine derselben -, scheint nicht bloß
+durchaus untergeordneter Art, sondern großenteils sogar von unlauterer
+Fälschung durchdrungen gewesen zu sein. Zwar die Chronik des Quintus Claudius
+Quadrigarius (um 676? 78) war in einem altmodischen, aber guten Stil
+geschrieben und befliß in der Darstellung der Fabelzeit sich wenigstens einer
+löblichen Kürze. Aber wenn Gaius Licinius Macer († als gewesener Prätor 688
+66), des Dichters Calvus Vater und ein eifriger Demokrat, mehr als irgendein
+anderer Chronist auf Urkundenforschung und Kritik Anspruch machte, so sind
+seine &ldquo;leinenen Bücher&rdquo; und anderes ihm Eigentümliche im höchsten
+Grade verdächtig und wird wahrscheinlich eine sehr umfassende und zum Teil in
+die späteren Annalisten übergegangene Interpolation der gesamten Chronik zu
+demokratisch-tendenziösen Zwecken auf ihn zurückgehen. Valerius Antias endlich
+übertraf in der Weitläufigkeit wie in der kindischen Fabulierung alle seine
+Vorgänger. Die Zahlenlüge war hier systematisch bis auf die gleichzeitige
+Geschichte herab durchgeführt und die Urgeschichte Roms aus dem Platten
+abermals ins Platte gearbeitet; wie denn zum Beispiel die Erzählung, in welcher
+Art der weise Numa nach Anweisung der Nymphe Egeria die Götter Faunus und Picus
+mit Weine fing, und die schöne, von selbigem Numa hierauf mit Gott Jupiter
+gepflogene Unterhaltung allen Verehrern der sogenannten Sagengeschichte Roms
+nicht dringend genug empfohlen werden können, um womöglich auch sie, versteht
+sich ihrem Kerne nach, zu glauben. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn die
+griechischen Novellenschreiber dieser Zeit solche für sie wie gemachte Stoffe
+sich hätten entgehen lassen. In der Tat fehlte es auch nicht an griechischen
+Literaten, welche die römische Geschichte zu Romanen verarbeiteten: eine solche
+Schrift waren zum Beispiel des schon unter den in Rom lebenden griechischen
+Literaten erwähnten Polyhistors Alexandros fünf Bücher &lsquo;Über Rom&rsquo;,
+ein widerwärtiges Gemisch abgestandener historischer Überlieferung und
+trivialer, vorwiegend erotischer Erfindung. Er vermutlich hat den Anfang dazu
+gemacht, das halbe Jahrtausend, welches mangelte, um Troias Untergang und Roms
+Entstehung in den durch die beiderseitigen Fabeln geforderten chronologischen
+Zusammenhang zu bringen, auszufüllen mit einer jener tatenlosen Königslisten,
+wie sie den ägyptischen und griechischen Chronisten leider geläufig waren; denn
+allem Anschein nach ist er es, der die Könige Aventinus und Tiberinus und das
+albanische Silviergeschlecht in die Welt gesetzt hat, welche dann im einzelnen
+mit Namen, Regierungszeit und mehrerer Anschaulichkeit wegen auch einem
+Konterfei auszustatten die Folgezeit nicht versäumte.
+</p>
+
+<p>
+So dringt von verschiedenen Seiten her der historische Roman der Griechen in
+die römische Historiographie ein; und es ist mehr als wahrscheinlich, daß von
+dem, was man heute Tradition der römischen Urzeit zu nennen gewohnt ist, nicht
+der kleinste Teil aus Quellen herrührt von dem Schlage der &lsquo;Amadis von
+Gallien&rsquo; und der Fouquéschen Ritterromane - eine erbauliche Betrachtung
+wenigstens für diejenigen, die Sinn haben für den Humor der Geschichte und die
+Komik der noch in gewissen Zirkeln des neunzehnten Jahrhunderts für König Numa
+gehegten Pietät zu würdigen verstehen. Neu ein in die römische Literatur tritt
+in dieser Epoche neben der Landes- die Universal- oder, richtiger gesagt, die
+zusammengefaßte römisch-hellenische Geschichte. Cornelius Nepos aus Ticinum
+(ca. 650 - ca. 725 100-30) liefert zuerst eine allgemeine Chronik
+(herausgegeben vor 700 54) und eine nach gewissen Kategorien geordnete
+allgemeine Biographiensammlung politisch oder literarisch ausgezeichneter
+römischer und griechischer oder doch in die römische oder griechische
+Geschichte eingreifender Männer. Diese Arbeiten schließen an die
+Universalgeschichten sich an, wie sie die Griechen schon seit längerer Zeit
+schrieben; und ebendiese griechischen Weltchroniken begannen jetzt auch, wie
+zum Beispiel die im Jahre 698 (56) abgeschlossene des Kastor, Schwiegersohns
+des galatischen Königs Deiotarus, die bisher von ihnen vernachlässigte römische
+Geschichte in ihren Kreis zu ziehen. Diese Arbeiten haben allerdings, ebenwie
+Polybios, versucht, an die Stelle der lokalen die Geschichte der Mittelmeerwelt
+zu setzen; aber was bei Polybios aus großartig klarer Auffassung und tiefem
+geschichtlichen Sinn hervorging, ist in diesen Chroniken vielmehr das Produkt
+des praktischen Bedürfnisses für den Schul- und den Selbstunterricht. Der
+künstlerischen Geschichtschreibung können diese Weltchroniken, Lehrbücher für
+den Schulunterricht oder Handbücher zum Nachschlagen, und die ganze damit
+zusammenhängende, auch in lateinischer Sprache späterhin sehr weitschichtig
+gewordene Literatur kaum zugezählt werden; und namentlich Nepos selbst war ein
+reiner, weder durch Geist noch auch nur durch Planmäßigkeit ausgezeichneter
+Kompilator.
+</p>
+
+<p>
+Merkwürdig und in hohem Grade charakteristisch ist die Historiographie dieser
+Zeit allerdings, aber freilich so unerfreulich wie die Zeit selbst. Das
+Ineinandergreifen der griechischen und der lateinischen Literatur tritt auf
+keinem Gebiet so deutlich hervor wie auf dem der Geschichte; hier setzen die
+beiderseitigen Literaturen in Stoff und Form am frühesten sich ins gleiche und
+die einheitliche Auffassung der hellenisch-italischen Geschichte, mit der
+Polybios seiner Zeit vorangeeilt war, lernte jetzt bereits der griechische wie
+der römische Knabe in der Schule. Allein wenn der Mittelmeerstaat einen
+Geschichtschreiber gefunden hatte, ehe er seiner selbst sich bewußt worden war,
+so stand jetzt, wo dies Bewußtsein sich eingestellt hatte, weder bei den
+Griechen noch bei den Römern ein Mann auf, der ihm den rechten Ausdruck zu
+leihen vermochte. Eine römische Geschichtschreibung, sagt Cicero, gibt es
+nicht; und soweit wir urteilen können, ist dies nicht mehr als die einfache
+Wahrheit. Die Forschung wendet von der Geschichtschreibung sich ab, die
+Geschichtschreibung von der Forschung; die historische Literatur schwankt
+zwischen dem Schulbuch und dem Roman. Alle reinen Kunstgattungen, Epos, Drama,
+Lyrik, Historie, sind nichtig in dieser nichtigen Welt; aber in keiner Gattung
+spiegelt doch der geistige Verfall der ciceronischen Zeit in so grauenvoller
+Klarheit sich wieder wie in ihrer Historiographie.
+</p>
+
+<p>
+Die kleine historische Literatur dieser Zeit weist dagegen unter vielen
+geringfügigen und verschollenen Produktionen eine Schrift ersten Ranges auf:
+die Memoiren Caesars oder vielmehr der militärische Rapport des demokratischen
+Generals an das Volk, von dem er seinen Auftrag erhalten hatte. Der vollendete
+und allein von dem Verfasser selbst veröffentlichte Abschnitt, der die
+keltischen Feldzüge bis zum Jahre 702 (52) schildert, hat offenbar den Zweck,
+das formell verfassungswidrige Beginnen Caesars, ohne Auftrag der kompetenten
+Behörde ein großes Land zu erobern und zu diesem Ende sein Heer beständig zu
+vermehren, so gut wie möglich vor dem Publikum zu rechtfertigen; es ward
+geschrieben und bekannt gemacht im Jahre 703 (51), als in Rom der Sturm gegen
+Caesar losbrach und er aufgefordert ward, sein Heer zu entlassen und sich zur
+Verantwortung zu stellen ^18. Der Verfasser dieser Rechtfertigungsschrift
+schreibt, wie er auch selber sagt, durchaus als Offizier und vermeidet es
+sorgfältig, die militärische Berichterstattung auf die bedenklichen Gebiete der
+politischen Organisation und Administration zu erstrecken. Seine in der Form
+eines Militärberichts entworfene Gelegenheits- und Parteischrift ist selber ein
+Stück Geschichte wie die Bulletins Napoleons, aber ein Geschichtswerk im
+rechten Sinne des Wortes ist sie nicht und soll sie nicht sein; die
+Objektivität der Darstellung ist nicht die historische, sondern die des
+Beamten. Allein in dieser bescheidenen Gattung ist die Arbeit meisterlich und
+vollendet wie keine andere in der gesamten römischen Literatur. Die Darstellung
+ist immer knapp und nie karg, immer schlicht und nie nachlässig, immer von
+durchsichtiger Lebendigkeit und nie gespannt oder manieriert. Die Sprache ist
+vollkommen rein von Archaismen wie von Vulgarismen, der Typus der modernen
+Urbanität. Den Büchern vom Bürgerkrieg meint man es anzufühlen, daß der
+Verfasser den Krieg hatte vermeiden wollen und nicht vermeiden können,
+vielleicht auch, daß in Caesars Seele wie in jeder anderen die Zeit der
+Hoffnung eine reinere und frischere war als die der Erfüllung; aber über die
+Schrift vom Gallischen Krieg ist eine helle Heiterkeit, eine einfache Anmut
+ausgegossen, welche nicht minder einzig in der Literatur dastehen wie Caesar in
+der Geschichte.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^18 Daß die Schrift über den Gallischen Krieg auf einmal publiziert worden ist,
+hat man längst vermutet; den bestimmten Beweis dafür liefert die Erwähnung der
+Gleichstellung der Boier und der Häduer schon im ersten Buch (c. 28), während
+doch die Boier noch im siebenten (c. 10) als zinspflichtige Untertanen der
+Häduer vorkommen und offenbar erst wegen ihres Verhaltens und desjenigen der
+Häduer in dem Kriege gegen Vercingetorix gleiches Recht mit ihren bisherigen
+Herren erhielten. Andererseits wird, wer die Geschichte der Zeit aufmerksam
+verfolgt, in der Äußerung über die Milonische Krise (7, 6) den Beweis finden,
+daß die Schrift vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges publiziert ward; nicht weil
+Pompeius hier gelobt wird, sondern weil Caesar daselbst die Ausnahmegesetze vom
+Jahr 702 (52) billigt. Dies konnte und mußte er tun, solange er ein friedliches
+Abkommen mit Pompeius herbeizuführen suchte, nicht aber nach dem Bruch, wo er
+die aufgrund jener für ihn verletzenden Gesetze erfolgten Verurteilungen
+umstieß. Darum ist die Veröffentlichung dieser Schrift mit vollem Recht in das
+Jahr 703 (51) gesetzt worden.
+</p>
+
+<p>
+Die Tendenz der Schrift erkennt man am deutlichsten in der beständigen, oft, am
+entschiedensten wohl bei der aquitanischen Expedition, nicht glücklichen
+Motivierung jedes einzelnen Kriegsakts als einer nach Lage der Dinge
+unvermeidlichen Defensivmaßregel. Daß die Gegner Caesars Angriffe auf die
+Kelten und Deutschen vor allem als unprovoziert tadelten, ist bekannt (Suet.
+Caes. 24).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Verwandter Art sind die Briefwechsel von Staatsmännern und Literaten dieser
+Zeit, die in der folgenden Epoche mit Sorgfalt gesammelt und veröffentlicht
+wurden: so die Korrespondenz von Caesar selbst, von Cicero, Calvus und andern.
+Den eigentlich literarischen Leistungen können sie noch weniger beigezählt
+werden; aber für die geschichtliche wie für jede andere Forschung war diese
+Korrespondenzliteratur ein reiches Archiv und das treueste Spiegelbild einer
+Epoche, in der so viel würdiger Gehalt vergangener Zeiten und so viel Geist,
+Geschicklichkeit und Talent im kleinen Treiben sich verflüchtigte und
+verzettelte.
+</p>
+
+<p>
+Eine Journalistik in dem heutigen Sinn hat bei den Römern niemals sich
+gebildet; die literarische Polemik blieb angewiesen auf die Broschürenliteratur
+und daneben allenfalls auf die zu jener Zeit allgemein verbreitete Sitte die
+für das Publikum bestimmten Notizen an öffentlichen Orten mit dem Pinsel oder
+dem Griffel anzuschreiben. Dagegen wurden untergeordnete Individuen dazu
+verwandt, für die abwesenden Vornehmen die Tagesvorfälle und Stadtneuigkeiten
+aufzuzeichnen; auch für die sofortige Veröffentlichung eines Auszugs aus den
+Senatsverhandlungen traf Caesar schon in seinem ersten Konsulat geeignete
+Maßregeln. Aus den Privatjournalen jener römischen Penny-a-liners und diesen
+offiziellen laufenden Berichten entstand eine Art von hauptstädtischem
+Intelligenzblatt (acta diurna), in dem das Resümee der vor dem Volke und im
+Senat verhandelten Geschäfte, ferner Geburten, Todesfälle und dergleichen mehr
+verzeichnet wurden. Dasselbe wurde eine nicht unwichtige geschichtliche Quelle,
+blieb aber ohne eigentliche politische wie ohne literarische Bedeutung.
+</p>
+
+<p>
+Zu der historischen Nebenliteratur gehört von Rechts wegen auch die
+Redeschriftstellerei. Die Rede, aufgezeichnet oder nicht, ist ihrer Natur nach
+ephemer und gehört der Literatur nicht an; indes kann sie, wie der Bericht und
+der Brief, und sie noch leichter als diese, durch die Prägnanz des Moments und
+die Macht des Geistes, denen sie entspringt, eintreten unter die bleibenden
+Schätze der nationalen Literatur. So spielten denn auch in Rom die
+Aufzeichnungen der vor der Bürgerschaft oder den Geschworenen gehaltenen Reden
+politischen Inhalts nicht bloß seit langem eine große Rolle in dem öffentlichen
+Leben, sondern es wurden auch die Reden namentlich des Gaius Gracchus mit Recht
+gezählt zu den klassischen römischen Schriften. In dieser Epoche aber tritt
+hier nach allen Seiten hin eine seltsame Verwandlung ein. Die politische
+Redeschriftstellerei ist im Sinken wie die Staatsrede selbst. Die politische
+Rede fand, in Rom wie überhaupt in den alten Politien, ihren Höhepunkt in den
+Verhandlungen vor der Bürgerschaft: hier fesselten den Redner nicht, wie im
+Senat, kollegialische Rücksichten und lästige Formen, nicht, wie in den
+Gerichtsreden, die der Politik an sich fremden Interessen der Anklage und
+Verteidigung; hier allein schwoll ihm das Herz hoch vor der ganzen, an seinen
+Lippen hangenden großen und mächtigen römischen Volksgemeinde. Allein damit war
+es nun vorbei. Nicht als hätte es an Rednern gemangelt oder an der
+Veröffentlichung der vor der Bürgerschaft gehaltenen Reden; vielmehr ward die
+politische Schriftstellerei jetzt erst recht weitläufig und es fing an, zu den
+stehenden Tafelbeschwerden zu gehören, daß der Wirt die Gäste durch Vorlesung
+seiner neuesten Reden inkommodierte. Auch Publius Clodius ließ seine Volksreden
+als Broschüren ausgehen, ebenwie Gaius Gracchus; aber es ist nicht dasselbe,
+wenn zwei Männer dasselbe tun. Die bedeutenderen Führer selbst der Opposition,
+vor allem Caesar selbst, sprachen zu der Bürgerschaft nicht oft und
+veröffentlichten nicht mehr die vor ihr gehaltenen Reden; ja sie suchten zum
+Teil für ihre politischen Flugschriften sich eine andere Form als die
+hergebrachte der Contionen, in welcher Hinsicht namentlich die Lob- und
+Tadelschriften auf Cato bemerkenswert sind. Es ist das wohl erklärlich. Gaius
+Gracchus hatte zur Bürgerschaft gesprochen; jetzt sprach man zu dem Pöbel; und
+wie das Publikum, so die Rede. Kein Wunder, wenn der reputierliche politische
+Schriftsteller auch die Einkleidung vermied, als habe er seine Worte an die auf
+dem Markte der Hauptstadt versammelten Haufen gerichtet. Wenn also die
+Redeschriftstellerei in ihrer bisherigen literarischen und politischen Geltung
+in derselben Weise verfällt, wie alle naturgemäß aus dem nationalen Leben
+entwickelten Zweige der Literatur, so beginnt zugleich eine seltsame
+nichtpolitische Plädoyerliteratur. Bisher hatte man nichts davon gewußt, daß
+der Advokatenvortrag als solcher, außer für die Richter und die Parteien, auch
+noch für Mit- und Nachwelt zur literarischen Erbauung bestimmt sei; kein
+Sachwalter hatte seine Plädoyers aufgezeichnet und veröffentlicht, wofern
+dieselben nicht etwa zugleich politische Reden waren und insofern sich dazu
+eigneten, als Parteischriften verbreitet zu werden, und auch dies war nicht
+gerade häufig geschehen. Noch Quintus Hortensius (640-704 114-50), in den
+ersten Jahren dieser Periode der gefeiertste römische Advokat, veröffentlichte
+nur wenige und wie es scheint nur die ganz oder halb politischen Reden. Erst
+sein Nachfolger in dem Prinzipat der römischen Sachwalter, Marcus Tullius
+Cicero (648-711 106-43), war von Haus aus ebensosehr Schriftsteller wie
+Gerichtsredner; er publizierte seine Plädoyers regelmäßig und auch dann, wenn
+sie nicht oder nur entfernt mit der Politik zusammenhingen. Dies ist nicht
+Fortschritt, sondern Unnatur und Verfall. Auch in Athen ist das Auftreten der
+nichtpolitischen Advokatenreden unter den Gattungen der Literatur ein Zeichen
+der Krankheit; und zwiefach ist es dies in Rom, das diese Mißbildung nicht wie
+Athen aus dem überspannten rhetorischen Treiben mit einer gewissen
+Notwendigkeit erzeugt, sondern willkürlich und im Widerspruch mit den besseren
+Traditionen der Nation dem Ausland abgeborgt hat. Dennoch kam diese neue
+Gattung rasch in Aufnahme, teils weil sie mit der älteren politischen
+Redeschriftstellerei vielfach sich berührte und zusammenfloß, teils weil das
+unpoetische, rechthaberische, rhetorisierende Naturell der Römer für den neuen
+Samen einen günstigen Boden darbot, wie ja denn noch heute die Advokatenrede
+und selbst eine Art von Prozeßliteratur in Italien etwas bedeutet. Also erwarb
+die von der Politik emanzipierte Redeschriftstellerei das Bürgerrecht in der
+römischen Literatenwelt durch Cicero. Wir haben dieses vielseitigen Mannes
+schon mehrfach gedenken müssen. Als Staatsmann ohne Einsicht, Ansicht und
+Absicht, hat er nacheinander als Demokrat, als Aristokrat und als Werkzeug der
+Monarchen figuriert und ist nie mehr gewesen als ein kurzsichtiger Egoist. Wo
+er zu handeln schien, waren die Fragen, auf die es ankam, regelmäßig eben
+abgetan: so trat er im Prozeß des Verres gegen die Senatsgerichte auf, als sie
+bereits beseitigt waren; so schwieg er bei der Verhandlung über das Gabinische
+und verfocht das Manilische Gesetz; so polterte er gegen Catilina, als dessen
+Abgang bereits feststand, und so weiter. Gegen Scheinangriffe war er gewaltig
+und Mauern von Pappe hat er viele mit Geprassel eingerannt; eine ernstliche
+Sache ist nie, weder im guten noch im bösen, durch ihn entschieden worden und
+vor allem die Hinrichtung der Catilinarier hat er weit mehr geschehen lassen
+als selber bewirkt. In literarischer Hinsicht ist es bereits hervorgehoben
+worden, daß er der Schöpfer der modernen lateinischen Prosa war; auf seiner
+Stilistik ruht seine Bedeutung, und allein als Stilist auch zeigt er ein
+sicheres Selbstgefühl. Als Schriftsteller dagegen steht er vollkommen ebenso
+tief wie als Staatsmann. Er hat in den mannigfaltigsten Aufgaben sich versucht,
+in unendlichen Hexametern Marius&rsquo; Groß- und seine eigenen Kleintaten
+besungen, mit seinen Reden den Demosthenes, mit seinen philosophischen
+Gesprächen den Platon aus dem Felde geschlagen und nur die Zeit hat ihm
+gefehlt, um auch den Thukydides zu überwinden. Er war in der Tat so durchaus
+Pfuscher, daß es ziemlich einerlei war, welchen Acker er pflügte. Eine
+Journalistennatur im schlechtesten Sinne des Wortes, an Worten, wie er selber
+sagt, überreich, an Gedanken über alle Begriffe arm, gab es kein Fach, worin er
+nicht mit Hilfe weniger Bücher rasch einen lesbaren Aufsatz übersetzend oder
+kompilierend hergestellt hätte. Am treuesten gibt seine Korrespondenz sein Bild
+wieder. Man pflegt sie interessant und geistreich zu nennen: sie ist es auch,
+solange sie das hauptstädtische oder Villenleben der vornehmen Welt
+widerspiegelt; aber wo der Schreiber auf sich selbst angewiesen ist, wie im
+Exil, in Kilikien und nach der Pharsalischen Schlacht, ist sie matt und leer,
+wie nur je die Seele eines aus seinen Kreisen verschlagenen Feuilletonisten.
+Daß ein solcher Staatsmann und ein solcher Literat auch als Mensch nicht anders
+sein konnte als von schwach überfirnißter Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit,
+ist kaum noch nötig zu sagen. Sollen wir den Redner noch schildern? Der große
+Schriftsteller ist doch auch ein großer Mensch; und vor allem dem großen Redner
+strömt die Überzeugung und die Leidenschaft klarer und brausender aus den
+Tiefen der Brust hervor als den dürftigen vielen, die nur zählen und nicht
+sind. Cicero hatte keine Überzeugung und keine Leidenschaft; er war nichts als
+Advokat und kein guter Advokat. Er verstand es, seine Sacherzählung
+anekdotenhaft pikant vorzutragen, wenn nicht das Gefühl, doch die
+Sentimentalität seiner Zuhörer zu erregen und durch Witze oder Witzeleien meist
+persönlicher Art das trockene Geschäft der Rechtspflege zu erheitern; seine
+besseren Reden, wenngleich auch sie die freie Anmut und den sicheren Treff der
+vorzüglichsten Kompositionen dieser Art, zum Beispiel der Memoiren von
+Beaumarchais, bei weitem nicht erreichen, sind doch eine leichte und angenehme
+Lektüre. Werden aber schon die eben bezeichneten Vorzüge dem ernsten Richter
+als Vorzüge sehr zweifelhaften Wertes erscheinen, so muß der absolute Mangel
+politischen Sinnes in den staatsrechtlichen, juristischer Deduktion in den
+Gerichtsreden, der pflichtvergessene, die Sache stets über dem Anwalt aus den
+Augen verlierende Egoismus, die gräßliche Gedankenöde jeden Leser der
+Ciceronischen Reden von Herz und Verstand empören. Wenn hier etwas wunderbar
+ist, so sind es wahrlich nicht die Reden, sondern die Bewunderung, die
+dieselben fanden. Mit Cicero wird jeder Unbefangene bald im reinen sein; der
+Ciceronianismus ist ein Problem, das in der Tat nicht eigentlich aufgelöst,
+sondern nur aufgehoben werden kann in dem größeren Geheimnis der Menschennatur:
+der Sprache und der Wirkung der Sprache auf das Gemüt. Indem die edle
+lateinische Sprache, eben bevor sie als Volksidiom unterging, von jenem
+gewandten Stilisten noch einmal gleichsam zusammengefaßt und in seinen
+weitläufigen Schriften niedergelegt ward, ging auf das unwürdige Gefäß etwas
+über von der Gewalt, die die Sprache ausübt, und von der Pietät, die sie
+erweckt. Man besaß einen großen lateinischen Prosaiker; denn Caesar war, wie
+Napoleon, nur beiläufig Schriftsteller. War es zu verwundern, daß man in
+Ermangelung eines solchen wenigstens den Genius der Sprache ehrte in dem großen
+Stilisten? und daß, wie Cicero selbst, so auch Ciceros Leser sich gewöhnten zu
+fragen, nicht was, sondern wie er geschrieben? Gewohnheit und Schulmeisterei
+vollendeten dann, was die Macht der Sprache begonnen hatte. Ciceros
+Zeitgenossen übrigens waren begreiflicherweise in dieser seltsamen Abgötterei
+weit weniger befangen als viele der Späteren. Die Ciceronische Manier
+beherrschte wohl ein Menschenalter hindurch die römische Advokatenwelt, so gut
+wie die noch weit schlechtere des Hortensius es getan; allein die bedeutendsten
+Männer, zum Beispiel Caesar, hielten doch stets derselben sich fern, und unter
+der jüngeren Generation regte bei allen frischen und lebendigen Talenten sich
+die entschiedenste Opposition gegen jene zwitterhafte und schwächliche
+Redekunst. Man vermißte in Ciceros Sprache Knappheit und Strenge, in den Späßen
+das Leben, in der Anordnung Klarheit und Gliederung, vor allen Dingen aber in
+der ganzen Beredsamkeit das Feuer, das den Redner macht. Statt der rhodischen
+Eklektiker fing man an, auf die echten Attiker, namentlich auf Lysias und
+Demosthenes zurückzugehen und suchte eine kräftigere und männlichere
+Beredsamkeit in Rom einzubürgern. Dieser Richtung gehörten an der feierliche,
+aber steife Marcus Iunius Brutus (669-712 85-42), die beiden politischen
+Parteigänger Marcus Caelius Rufus (672-706 82-48) und Gaius Scribonius Curio (†
+705 49), beide als Redner voll Geist und Leben, der auch als Dichter bekannte
+Calvus (672-706 82-48), die literarische Koryphäe dieses jüngeren
+Rednerkreises, und der ernste und gewissenhafte Gaius Asinius Pollio (678-757
+76-4 n. Chr.). Unleugbar war in dieser jüngeren Redeliteratur mehr Geschmack
+und mehr Geist als in der Hortensischen und Ciceronischen zusammengenommen;
+indes vermögen wir nicht zu ermessen, wie weit unter den Stürmen der
+Revolution, die diesen ganzen reichbegabten Kreis mit einziger Ausnahme des
+Pollio rasch wegrafften, die besseren Keime noch zur Entwicklung gelangten. Die
+Zeit war ihnen allzu kurz gemessen. Die neue Monarchie begann damit, der
+Redefreiheit den Krieg zu machen und unterdrückte die politische Rede bald
+ganz. Seitdem ward wohl noch die untergeordnete Gattung des reinen
+Advokatenplädoyers in der Literatur festgehalten; aber die höhere Redekunst und
+Redeliteratur, die durchaus ruht auf dem politischen Treiben, ging mit diesem
+selbst notwendig und für immer zu Grabe.
+</p>
+
+<p>
+Endlich entwickelt sich in der ästhetischen Literatur dieser Zeit die
+künstlerische Behandlung fachwissenschaftlicher Stoffe in der Form des
+stilisierten Dialogs, wie sie bei den Griechen sehr verbreitet und vereinzelt
+auch bereits früher bei den Römern vorgekommen war. Namentlich Cicero versuchte
+sich vielfach in der Darstellung rhetorischer und philosophischer Stoffe in
+dieser Form und in der Verschmelzung des Lehrbuchs mit dem Lesebuche. Seine
+Hauptschriften sind die &lsquo;Vom Redner&rsquo; (geschrieben 699 55), wozu die
+Geschichte der römischen Beredsamkeit (der Dialog &lsquo;Brutus&rsquo;,
+geschrieben 708 46) und andere kleinere rhetorische Aufsätze ergänzend
+hinzutreten, und die Schrift &lsquo;Vom Staat&rsquo; (geschrieben 700 54),
+womit die Schrift &lsquo;Von den Gesetzen&rsquo; (geschrieben 702? 52) nach
+Platonischem Muster in Verbindung gesetzt ist. Es sind keine große Kunstwerke,
+aber unzweifelhaft diejenigen Arbeiten, in denen die Vorzüge des Verfassers am
+meisten und seine Mängel am wenigsten hervortreten. Die rhetorischen Schriften
+erreichen bei weitem nicht die lehrhafte Strenge und begriffliche Schärfe der
+dem Herennius gewidmeten Rhetorik, aber enthalten dafür einen Schatz von
+praktischer Sachwaltererfahrung und Sachwalteranekdoten aller Art in leichter
+und geschmackvoller Darstellung und lösen in der Tat das Problem einer
+amüsanten Lehrschrift. Die Schrift vom Staat führt in einem wunderlichen,
+geschichtlich-philosophischen Zwittergebilde den Grundgedanken durch, daß die
+bestehende Verfassung Roms wesentlich die von den Philosophen gesuchte ideale
+Staatsordnung sei; eine freilich eben so unphilosophische wie unhistorische,
+übrigens auch nicht einmal dem Verfasser eigentümliche Idee, die aber
+begreiflicherweise populär ward und blieb. Das wissenschaftliche Grundwerk
+dieser rhetorischen und politischen Schriften Ciceros gehört natürlich durchaus
+den Griechen und auch vieles einzelne, zum Beispiel der große Schlußeffekt in
+der Schrift vom Staate, der Traum des Scipio, ist geradezu ihnen abgeborgt;
+doch kommt denselben insofern eine relative Originalität zu, als die
+Bearbeitung durchaus römische Lokalfarbe zeigt und das staatliche Selbstgefühl,
+zu dem der Römer den Griechen gegenüber allerdings berechtigt war, den
+Verfasser sogar mit einer gewissen Selbständigkeit seinen griechischen
+Lehrmeistern entgegentreten ließ. Auch die Gesprächsform Ciceros ist zwar weder
+die echte Fragedialektik der besten griechischen Kunstdialoge noch der echte
+Konversationston Diderots oder Lessings; aber die großen Gruppen der um Crassus
+und Antonius sich versammelnden Advokaten und der älteren und jüngeren
+Staatsmänner des Scipionischen Zirkels geben doch einen lebendigen und
+bedeutenden Rahmen, passende Anknüpfungen für geschichtliche Beziehungen und
+Anekdoten und geschickte Ruhepunkte für die wissenschaftliche Erörterung. Der
+Stil ist ebenso durchgearbeitet und gefeilt wie in den bestgeschriebenen Reden
+und insofern erfreulicher als diese, als der Verfasser hier nicht oft einen
+vergeblichen Anlauf zum Pathos nimmt. Wenn diese philosophisch gefärbten
+rhetorischen und politischen Schriften Ciceros nicht ohne Verdienst sind, so
+fiel dagegen der Kompilator vollständig durch, als er in der unfreiwilligen
+Muße seiner letzten Lebensjahre (709, 710 45, 44) sich an die eigentliche
+Philosophie machte und mit ebenso großer Verdrießlichkeit wie Eilfertigkeit in
+ein paar Monaten eine philosophische Bibliothek zusammenschrieb. Das Rezept war
+sehr einfach. In roher Nachahmung der populären aristotelischen Schriften, in
+welchen die dialogische Form hauptsächlich zur Entwicklung und Kritisierung der
+verschiedenen älteren Systeme benutzt war, nähte Cicero die das gleiche Problem
+behandelnden epikureischen, stoischen und synkretistischen Schriften, wie sie
+ihm in die Hand kamen oder gegeben wurden, zu einem sogenannten Dialog
+aneinander, ohne von sich mehr dazu zu tun als teils irgendeine, aus der
+reichen Sammlung von Vorreden für künftige Werke, die er liegen hatte, dem
+neuen Buche vorgeschobene Einleitung, teils eine gewisse Popularisierung, indem
+er römische Beispiele und Beziehungen einflocht, auch wohl auf ungehörige, aber
+dem Schreiber wie dem Leser geläufigere Gegenstände, in der Ethik zum Beispiel
+auf den rednerischen Anstand, abschweifte, teils diejenige Verhunzung, ohne
+welche ein weder zum philosophischen Denken noch auch nur zum philosophischen
+Wissen gelangter, schnell und dreist arbeitender Literat dialektische
+Gedankenreihen nicht reproduziert. Auf diesem Wege konnten denn freilich sehr
+schnell eine Menge dicker Bücher entstehen - &ldquo;es sind Abschriften&rdquo;,
+schrieb der Verfasser selbst einem über seine Fruchtbarkeit verwunderten
+Freunde; &ldquo;sie machen mir wenig Mühe, denn ich gebe nur die Worte dazu und
+die habe ich in Überfluß&rdquo;. Dagegen war denn weiter nichts zu sagen; wer
+aber in solchen Schreibereien klassische Produktionen sucht, dem kann man nur
+raten sich in literarischen Dingen eines schönen Stillschweigens zu
+befleißigen.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Wissenschaften herrschte reges Leben nur in einer einzigen: es war
+dies die lateinische Philologie. Das von Stilo angelegte Gebäude sprachlicher
+und sachlicher Forschung innerhalb des latinischen Volksbereichs wurde vor
+allem von seinem Schüler Varro in der großartigsten Weise ausgebaut. Es
+erschienen umfassende Durcharbeitungen des gesamten Sprachschatzes, namentlich
+Figulus&rsquo; weitschichtige grammatische Kommentarien und Varros großes Werk
+&lsquo;Von der lateinischen Sprache&rsquo;; grammatische und
+sprachgeschichtliche Monographien, wie Varros Schriften vom lateinischen
+Sprachgebrauch, über die Synonymen, über das Alter der Buchstaben, über die
+Entstehung der lateinischen Sprache; Scholien zu der älteren Literatur,
+besonders zum Plautus; literargeschichtliche Arbeiten, Dichterbiographien,
+Untersuchungen über die ältere Schaubühne, über die szenische Teilung der
+Plautinischen Komödien und über die Echtheit derselben. Die lateinische
+Realphilologie, welche die gesamte ältere Geschichte und das aus der
+praktischen Jurisprudenz ausfallende Sakralrecht in ihren Kreis zog, wurde
+zusammengefaßt in Varros fundamentalen und für alle Zeiten fundamental
+gebliebenen &lsquo;Altertümern der menschlichen und der göttlichen Dinge&rsquo;
+(bekanntgemacht zwischen 687 und 709 67 und 45). Die erste Hälfte &lsquo;Von
+den menschlichen Dingen&rsquo; schilderte die Urzeit Roms, die Stadt- und
+Landeinteilung, die Wissenschaft von den Jahren, Monaten und Tagen, endlich die
+öffentlichen Handlungen daheim und im Kriege; in der zweiten Hälfte &lsquo;Von
+den göttlichen Dingen&rsquo; wurde die Staatstheologie, das Wesen und die
+Bedeutung der Sachverständigenkollegien, der heiligen Stätten, der religiösen
+Feste, der Opfer- und Weihgeschenke, endlich der Götter selbst übersichtlich
+entwickelt. Dazu kam außer einer Anzahl von Monographien - zum Beispiel über
+die Herkunft des römischen Volkes, über die aus Troia stammenden römischen
+Geschlechter, über die Distrikte - als ein größerer und selbständigerer
+Nachtrag die Schrift &lsquo;Vom Leben des römischen Volkes&rsquo;; ein
+merkwürdiger Versuch einer römischen Sittengeschichte, die ein Bild des
+häuslichen finanziellen und Kulturzustandes in der Königs-, der ersten
+republikanischen, der hannibalischen und der jüngsten Zeit entwarf. Diese
+Arbeiten Varros ruhen auf einer so vielseitigen und in ihrer Art so großartigen
+empirischen Kenntnis der römischen Welt und ihres hellenischen Grenzgebiets,
+wie sie nie weder vor- noch nachher ein anderer Römer besessen hat und zu der
+die lebendige Anschauung der Dinge und das Studium der Literatur gleichmäßig
+beigetragen haben; das Lob der Zeitgenossen war wohlverdient, daß Varro seine
+in ihrer eigenen Welt fremden Landsleute in der Heimat orientiert und die Römer
+kennen gelehrt habe, wer und wo sie seien. Kritik aber und System wird man
+vergebens suchen. Die griechische Kunde scheint aus ziemlich trüben Quellen
+geflossen und es finden sich Spuren, daß auch in der römischen der Schreiber
+von dem Einfluß des historischen Romans seiner Zeit nicht frei war. Der Stoff
+ist wohl in ein bequemes und symmetrisches Fachwerk eingereiht, aber methodisch
+weder gegliedert noch behandelt und bei allem Bestreben, Überlieferung und
+eigene Beobachtung harmonisch zu verarbeiten, sind doch Varros
+wissenschaftliche Arbeiten weder von einem gewissen Köhlerglauben gegenüber der
+Tradition noch von unpraktischer Scholastik freizusprechen ^19. Die Anlehnung
+an die griechische Philologie besteht mehr im Nachahmen der Mängel als der
+Vorzüge derselben, wie denn vor allem das Etymologisieren auf bloßen Anklang
+hin sowohl bei Varro selbst wie bei den sonstigen Sprachgelehrten dieser Zeit
+sich in die reine Scharade und oft geradezu ins Alberne verläuft ^20. In ihrer
+empirischen Sicherheit und Fülle wie auch in ihrer empirischen Unzulänglichkeit
+und Unmethode erinnert die Varronische lebhaft an die englische
+Nationalphilologie und findet auch ebenwie diese ihren Mittelpunkt in dem
+Studium der älteren Schaubühne. Daß die monarchische Literatur im Gegensatz
+gegen diese sprachliche Empirie die Sprachregel entwickelte, ward bereits
+bemerkt. Es ist in hohem Grade bedeutsam, daß an der Spitze der modernen
+Grammatiker kein geringerer Mann steht als Caesar selbst, der in seiner Schrift
+über die Analogie (bekanntgemacht zwischen 696 und 704 68 und 50) es zuerst
+unternahm die freie Sprache unter die Gewalt des Gesetzes zu zwingen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^19 Ein merkwürdiges Exempel ist in der Schrift von der Landwirtschaft die
+allgemeine Auseinandersetzung über das Vieh (2, 1), mit den neunmal neun
+Unterabteilungen der Viehzuchtlehre, mit der &ldquo;unglaublichen&rdquo; aber
+&ldquo;wahren&rdquo; Tatsache, daß die Stuten bei Olisipo (Lissabon) vom Winde
+befruchtet werden, überhaupt mit ihrem sonderbaren Gemenge philosophischer,
+historischer und landwirtschaftlicher Notizen.
+</p>
+
+<p>
+^20 So leitet Varro facere her von facies, weil wer etwas macht, der Sache ein
+Ansehn gibt, volpes, den Fuchs, nach Stilo von volare pedibus als den
+Fliegefuß; Gaius Trebatius, ein philosophischer Jurist dieser Zeit, sacellum
+von sacra cella; Figulus frater von fere alter und so weiter. Dies Treiben, das
+nicht etwa vereinzelt, sondern als Hauptelement der philologischen Literatur
+dieser Zeit erscheint hat die größte Ähnlichkeit mit der Weise, wie man bis vor
+kurzem Sprachvergleichung trieb, ehe die Einsicht in den Sprachenorganismus
+hier den Empirikern das Handwerk legte.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Neben dieser ungemeinen Regsamkeit auf dem Gebiet der Philologie fällt die
+geringe Tätigkeit in den übrigen Wissenschaften auf. Was von Belang in der
+Philosophie erschien, wie Lucretius&rsquo; Darstellung des epikureischen
+Systems in dem poetischen Kinderkleide der vorsokratischen Philosophie und die
+besseren Schriften Ciceros, tat seine Wirkung und fand sein Publikum nicht
+durch, sondern trotz des philosophischen Inhalts einzig durch die ästhetische
+Form; die zahlreichen Übersetzungen epikureischer Schriften und die
+pythagoreischen Arbeiten, wie Varros großes Werk über die Elemente der Zahlen
+und das noch ausführlichere des Figulus von den Göttern, hatten ohne Zweifel
+weder wissenschaftlichen noch formellen Wert.
+</p>
+
+<p>
+Auch in den Fachwissenschaften ist es schwach bestellt. Varros dialogisch
+geschriebene Bücher vom Landbau sind freilich methodischer als die seiner
+Vorgänger Cato und Saserna, auf die denn auch mancher tadelnde Seitenblick
+fällt, dafür aber im ganzen mehr aus der Schreibstube hervorgegangen als, wie
+jene älteren Werke, aus der lebendigen Erfahrung. Von desselben sowie des
+Servius Sulpicius Rufus (Konsul 703 51) juristischen Arbeiten ist kaum etwas
+weiter zu sagen, als daß sie zu dem dialektischen und philologischen Aufputz
+der römischen Jurisprudenz beigetragen haben. Weiter aber ist hier nichts zu
+nennen als etwa noch des Gaius Matius drei Bücher über Kochen, Einsalzen und
+Einmachen, unseres Wissens das älteste römische Kochbuch und als das Werk eines
+vornehmen Mannes allerdings eine bemerkenswerte Erscheinung. Daß Mathematik und
+Physik durch die gesteigerten hellenistischen und utilitarischen Tendenzen der
+Monarchie gefördert wurden, zeigt sich wohl in der steigenden Bedeutung
+derselben im Jugendunterricht und in einzelnen praktischen Anwendungen, wohin,
+außer der Reform des Kalenders, etwa noch gezählt werden können das Aufkommen
+der Wandkarten in dieser Zeit; die verbesserte Technik des Schiffsbaus und der
+musikalischen Instrumente; Anlagen und Bauten wie das von Varro angegebene
+Vogelhaus, die von Caesars Ingenieuren ausgeführte Pfahlbrücke über den Rhein,
+sogar zwei halbkreisförmige, zum Zusammenschieben eingerichtete, zuerst
+gesondert als zwei Theater, dann zusammen als Amphitheater benutzte
+Brettergerüste. Ausländische Naturmerkwürdigkeiten bei den Volksfesten
+öffentlich zur Schau zu stellen war nicht ungewöhnlich; und die Schilderungen
+merkwürdiger Tiere, die Caesar in seine Feldzugsberichte eingelegt hat,
+beweisen, daß ein Aristoteles, wenn er aufgetreten wäre, seinen Fürsten
+wiederum gefunden haben würde. Was aber von literarischen Leistungen auf diesem
+Gebiet erwähnt wird, hängt wesentlich an den Neupythagoreismus sich an; so des
+Figulus Zusammenstellung griechischer und barbarischer, d. h. ägyptischer
+Himmelsbeobachtungen und desselben Schriften von den Tieren, den Winden, den
+Geschlechtsteilen. Nachdem überhaupt die griechische Naturforschung von dem
+Aristotelischen Streben, im einzelnen das Gesetz zu finden, mehr und mehr zu
+der empirischen und meistens unkritischen Beobachtung des Äußerlichen und
+Auffallenden in der Natur abgeirrt war, konnte die Naturwissenschaft, indem sie
+als mystische Naturphilosophie auftrat, statt aufzuklären und anzuregen, nur
+noch mehr verdummen und lähmen; und solchem Treiben gegenüber ließ man es
+besser noch bei der Plattheit bewenden, welche Cicero als sokratische Weisheit
+vorträgt, daß die Naturforschung entweder nach Dingen sucht, die niemand wissen
+könne, oder nach solchen, die niemand zu wissen brauche.
+</p>
+
+<p>
+Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die Kunst, so zeigen auch hier sich
+dieselben unerfreulichen Erscheinungen, die das ganze geistige Leben dieser
+Periode erfüllen. Das Staatsbauwesen stockte in der Geldklemme der letzten Zeit
+der Republik so gut wie ganz. Von dem Bauluxus der Vornehmen Roms war bereits
+die Rede; die Architekten lernten infolgedessen den Marmor verschwenden - die
+farbigen Sorten wie der gelbe numidische (Giallo antico) und andere kamen in
+dieser Zeit in Aufnahme und auch die lunensischen (carrarischen) Marmorbrüche
+wurden jetzt zuerst benutzt - und fingen an, die Fußböden der Zimmer mit Mosaik
+auszulegen, die Wände mit Marmorplatten zu täfeln oder auch den Stuck
+marmorartig zu bemalen - die ersten Anfänge der späteren Zimmerwandmalerei. Die
+Kunst aber gewann nicht bei dieser verschwenderischen Pracht.
+</p>
+
+<p>
+In den bildenden Künsten waren Kennerschaft und Sammelei in weiterem Zunehmen.
+Es war eine bloße Affektation catonischer Simplizität, wenn ein Advokat vor den
+Geschworenen von den Kunstwerken &ldquo;eines gewissen Praxiteles&rdquo;
+sprach; alles reiste und schaute und das Handwerk der Kunstciceronen oder, wie
+sie damals hießen, der Exegeten, war keines von den schlechtesten. Auf alte
+Kunstwerke wurde förmlich Jagd gemacht - weniger freilich noch auf Statuen und
+Gemälde, als nach der rohen Art römischer Prachtwirtschaft auf kunstvolles
+Gerät und Zimmer- und Tafeldekoration aller Art. Schon zu jener Zeit wühlte man
+die alten griechischen Gräber von Capua und Korinth um wegen der Erz- und
+Tongefäße, die den Toten waren mit ins Grab gegeben worden. Für eine kleine
+Nippfigur von Bronze wurden 40000 (3000 Taler), für ein paar kostbare Teppiche
+200000 Sesterzen (15000 Taler) bezahlt; eine gutgearbeitete kupferne
+Kochmaschine kam höher zu stehen als ein Landgut. Wie billig ward bei dieser
+barbarischen Kunstjagd der reiche Liebhaber von seinen Zuträgern häufig
+geprellt: aber der ökonomische Ruin namentlich des an Kunstwerken überreichen
+Kleinasiens brachte auch manches wirklich alte und seltene Prachtstück und
+Kunststück auf den Markt und von Athen, Syrakus, Kyzikos, Pergamon, Chios,
+Samos und wie die alten Kunststätten weiter hießen, wanderte alles, was feil
+war und gar manches, was es nicht war, in die Paläste und Villen der römischen
+Großen. Welche Kunstschätze zum Beispiel das Haus des Lucullus barg, der
+freilich wohl nicht mit Unrecht beschuldigt wurde, sein artistisches Interesse
+auf Kosten seiner Feldherrnpflichten befriedigt zu haben, ward bereits erwähnt.
+Die Kunstliebhaber drängten sich daselbst wie heutzutage in Villa Borghese und
+beklagten auch damals schon sich über die Verbannung der Kunstschätze auf die
+Paläste und Landhäuser der vornehmen Herren, wo sie schwierig und nur nach
+besonders von dem Besitzer eingeholter Erlaubnis gesehen werden konnten. Die
+öffentlichen Gebäude dagegen füllten sich keineswegs im Verhältnis mit
+berühmten Werken griechischer Meister, und vielfach standen noch in den Tempeln
+der Hauptstadt nichts als die alten holzgeschnitzten Götterbilder. Von Ausübung
+der Kunst ist so gut wie gar nichts zu berichten; kaum wird aus dieser Zeit ein
+anderer römischer Bildhauer oder Maler mit Namen genannt als ein gewisser
+Arellius, dessen Bilder reißend abgingen, nicht ihres künstlerischen Wertes
+wegen, sondern weil der arge Roué in den Bildern der Göttinnen getreue
+Konterfeie seiner jedesmaligen Mätressen lieferte.
+</p>
+
+<p>
+Die Bedeutung von Musik und Tanz stieg im öffentlichen wie im häuslichen Leben.
+Wie die Theatermusik und das Tanzstück in der Bühnenentwicklung dieser Zeit zu
+selbständigerer Geltung gelangte, wurde bereits dargestellt; es kann noch
+hinzugefügt werden, daß jetzt in Rom selbst auf der öffentlichen Bühne schon
+sehr häufig von griechischen Musikern, Tänzern und Deklamatoren Vorstellungen
+gegeben wurden, wie sie in Kleinasien und überhaupt in der ganzen hellenischen
+und hellenisierenden Welt üblich waren ^21. Dazu kamen denn die Musikanten und
+Tänzerinnen, die bei Tafel und sonst auf Bestellung ihre Künste produzierten,
+und die in vornehmen Häusern nicht mehr seltenen eigenen Kapellen von Saiten-
+und Blasinstrumenten und Sängern. Daß aber auch die vornehme Welt selbst
+fleißig spielte und sang, beweist schon die Aufnahme der Musik in den Kreis der
+allgemein anerkannten Unterrichtsgegenstände; und was das Tanzen anlangt, so
+wurde, um von den Frauen zu schweigen, selbst Konsularen es vorgehalten, daß
+sie im kleinen Zirkel sich mit Tanzvorstellungen produzierten.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^21 Dergleichen &ldquo;griechische Spiele&rdquo; waren nicht bloß in den
+griechischen Städten Italiens, namentlich in Neapel (Cic. Arch. 5, 10; Plut.
+Brut. 21), sondern jetzt schon auch in Rom sehr häufig (Cic. ad. fam. 7, 1, 3;
+Att. 16, 5, 1; Suet. Caes. 39; Plut. Brut. 21). Wenn die bekannte Grabschrift
+der vierzehnjährigen Licinia Eucharis, die wahrscheinlich dem Ende dieser
+Epoche angehört, dieses &ldquo;wohlunterrichtete und in allen Künsten von den
+Musen selbst unterwiesene Mädchen&rdquo;, in den Privatvorstellungen der
+vornehmen Häuser als Tänzerin glänzen und öffentlich zuerst auf der
+griechischen Schaubühne auftreten läßt (modo nobilium ludos decoravi choro, Et
+Graeca in scaena prima populo apparui), so kann dies wohl nur heißen, daß sie
+das erste Mädchen war, das auf der öffentlichen griechischen Schaubühne in Rom
+erschien, wie denn überhaupt erst in dieser Epoche die Frauenzimmer in Rom
+anfingen, öffentlich aufzutreten.
+</p>
+
+<p>
+Diese &ldquo;griechischen Spielen in Rom scheinen nicht eigentlich szenische
+gewesen zu sein, sondern vielmehr zu der Gattung der zusammengesetzten,
+zunächst musikalisch-deklamatorischen Aufführungen gehört zu haben, wie sie
+auch in Griechenland in späterer Zeit nicht selten vorkamen (F. G. Welcker, Die
+griechischen Tragödien. Bonn 1839-41, S. 1277). Dahin führt das Hervortreten
+des Flötenspiels bei Polybios (30, 13) des Tanzes in dem Berichte Suetons über
+die bei Caesars Spielen aufgeführten kleinasiatischen Waffentänze und in der
+Grabschrift der Eucharis; auch die Beschreibung des Kitharöden Her. Rhet. 4,
+47, 60 (vgl. Vitr. 5, 7) wird solchen &ldquo;griechischen Spielen&rdquo;
+entnommen sein. Bezeichnend ist noch die Verbindung dieser Vorstellungen in Rom
+mit griechischen Athletenkämpfen (Polyb. a. a. O.; Liv. 39, 22). Dramatische
+Rezitationen waren von diesen Mischspielen keineswegs ausgeschlossen, wie denn
+unter den Spielern, die Lucius Anicius 587 (167) in Rom auftreten ließ,
+ausdrücklich Tragödien miterwähnt werden; aber es wurden doch dabei nicht
+eigentlich Schauspiele aufgeführt, sondern vielmehr von einzelnen Künstlern
+entweder ganze Dramen oder wohl noch häufiger Stücke daraus deklamierend oder
+singend zur Flöte vorgetragen. Das wird denn auch in Rom vorgekommen sein; aber
+allem Anschein nach war für das römische Publikum die Hauptsache bei diesen
+griechischen Spielen Musik und Tanz, und die Texte mögen für sie wenig mehr
+bedeutet haben als heutzutage die der italienischen Oper für die Londoner und
+Pariser. Jene zusammengesetzten Spiele mit ihrem wüsten Potpourri eigneten sich
+auch weit besser für das römische Publikum und namentlich für die Aufführungen
+in Privathäusern als eigentlich szenische Aufführungen in griechischer Sprache;
+daß auch die letzteren in Rom vorgekommen sind, läßt sich nicht widerlegen,
+aber auch nicht beweisen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Indes gegen das Ende dieser Periode zeigen mit der beginnenden Monarchie sich
+auch in der Kunst die Anfänge einer besseren Zeit. Welchen gewaltigen
+Aufschwung das hauptstädtische Bauwesen durch Caesar nahm und das
+Reichsbauwesen nehmen sollte, ist früher erzählt worden. Sogar im
+Stempelschnitt der Münzen erscheint um das Jahr 700 (54) eine bemerkenswerte
+Änderung: das bis dahin größtenteils rohe und nachlässige Gepräge wird seitdem
+feiner und sorgsamer behandelt.
+</p>
+
+<p>
+Wir stehen am Ende der römischen Republik. Wir sahen sie ein halbes Jahrtausend
+in Italien und in den Landschaften am Mittelmeer schalten; wir sahen sie nicht
+durch äußere Gewalt, sondern durch inneren Verfall politisch und sittlich,
+religiös und literarisch zugrunde gehen und der neuen Monarchie Caesars Platz
+machen. Es war in der Welt, wie Caesar sie vorfand, viel edle Erbschaft
+vergangener Jahrhunderte und eine unendliche Fülle von Pracht und Herrlichkeit,
+aber wenig Geist, noch weniger Geschmack und am wenigsten Freude im und am
+Leben. Wohl war es eine alte Welt; und auch Caesars genialer Patriotismus
+vermochte nicht, sie wieder jung zu machen. Die Morgenröte kehrt nicht wieder,
+bevor die Nacht völlig hereingebrochen ist. Aber doch kam mit ihm den
+vielgeplagten Völkern am Mittelmeer nach schwülem Mittag ein leidlicher Abend;
+und als sodann nach langer geschichtlicher Nacht der neue Völkertag abermals
+anbrach und frische Nationen in freier Selbstbewegung nach neuen und höheren
+Zielen den Lauf begannen, da fanden sich manche darunter, in denen der von
+Caesar ausgestreute Same aufgegangen war und die ihm ihre nationale
+Individualität verdankten und verdanken.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
+
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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