summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/29336-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '29336-8.txt')
-rw-r--r--29336-8.txt25348
1 files changed, 25348 insertions, 0 deletions
diff --git a/29336-8.txt b/29336-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..bfaee68
--- /dev/null
+++ b/29336-8.txt
@@ -0,0 +1,25348 @@
+The Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Durch Wüste und Harem
+ Gesammelte Reiseromane, Band I
+
+Author: Karl May
+
+Release Date: July 6, 2009 [EBook #29336]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+
+
+
+
+ Carl May's
+ gesammelte Reiseromane.
+
+
+ Band I:
+
+ Durch
+ Wüste und Harem
+
+
+ Reiseerlebnisse
+ von
+ Carl May.
+
+
+ Freiburg i. B.
+ Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.
+
+
+
+
+ Inhalt des ersten Bandes.
+
+
+ Seite
+ _Erstes Kapitel._ Ein Todesritt 1
+
+ _Zweites Kapitel._ Vor Gericht 51
+
+ _Drittes Kapitel._ Im Harem 83
+
+ _Viertes Kapitel._ Eine Entführung 131
+
+ _Fünftes Kapitel._ Abu-Seïf 169
+
+ _Sechstes Kapitel._ Wieder frei 212
+
+ _Siebentes Kapitel._ In Mekka 275
+
+ _Achtes Kapitel._ Am Tigris 316
+
+ _Neuntes Kapitel._ Auf Kundschaft 371
+
+ _Zehntes Kapitel._ Der Sieg 427
+
+ _Elftes Kapitel._ Bei den Teufelsanbetern 496
+
+ _Zwölftes Kapitel_. Das große Fest 589
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Selbst ein treuer Leser von #Dr.# Karl May, erging es mir stets wie
+allen Andern, welche seine Reisewerke kennen: ich konnte das Erscheinen
+einer von ihm angekündigten neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gründe
+dieser Ungeduld, welche ich bei der Lektüre keines andern
+Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern beobachtet
+habe, sind einesteils in den hochinteressanten Sujets, welche er wählt,
+und andernteils in der originellen und meisterhaften Weise, in welcher
+er sie beherrscht und behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne
+Leben, ohne innere und äußere Bewegung. Er empfindet, denkt und
+berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen und zwingt den
+Leser, mit ihm zu fühlen, mit ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt
+sich so in ihn hinein, daß man ganz und vollständig sein Eigen wird.
+
+Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine Werke besitzen. Er
+ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, ein Missionar, ein Prediger
+der Gottes- und der Nächstenliebe, doch besteht seine Predigt nicht in
+Worten, sondern in Thaten. Wie köstlich ist's, daß sein treuer Hadschi
+Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schließlich doch selbst
+Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Zügen wird man fast auf jeder
+Seite begegnen.
+
+Am liebsten möchte ich, anstatt ein Vorwort zu schreiben, gleich
+beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes zu erzählen. Da mir dies aber
+nicht gestattet ist, so mag der freundliche Leser mit der nächsten Seite
+beginnen. Ich bin überzeugt, daß er erst dann aufhören wird, wenn er bei
+der letzten angekommen ist.
+
+_Freiburg_ i. Baden.
+
+ Der Herausgeber und Verleger.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Ein Todesritt.
+
+
+»Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], daß du ein Giaur bleiben willst,
+ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als
+eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«
+
+ [1] Herr.
+
+»Ja.«
+
+»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach
+ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich
+möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird,
+wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse,
+bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich
+gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder
+nicht.«
+
+So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den
+Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach
+dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach
+Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über
+den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.
+
+Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum
+bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte
+behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den
+Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen.
+Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der
+drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener
+Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen
+schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt
+worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen
+wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz
+dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben.
+Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine
+Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er
+auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der
+Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken,
+daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund
+denn als Diener behandelte.
+
+Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht
+unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus
+Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben
+jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und
+ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.
+
+Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße
+schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu
+unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute
+ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte.
+Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den
+bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und
+versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu
+geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.
+
+Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:
+
+»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«
+
+»Nun?«
+
+»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden
+oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«
+
+»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«
+
+»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt,
+denn el Jaum el aakhar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind
+gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel
+Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die
+Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«
+
+»Weiter wird nichts mehr bestehen?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber das Paradies und die Hölle?«
+
+»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen
+habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur
+bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich
+bekehren werde, du magst wollen oder nicht!«
+
+Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte
+sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden
+rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum
+Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr
+mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei
+sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.
+
+Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch,
+vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit
+seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen.
+Halef aber setzte seine Rede fort:
+
+»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit
+bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen?
+Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche
+über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die
+Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«
+
+»Du hast noch Eins vergessen.«
+
+»Was?«
+
+»Das Erscheinen des Deddschel.«
+
+»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und
+willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge;
+ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte
+wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen,
+nicht wahr, Effendi?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine
+guten und bösen Thaten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die
+Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt,
+eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber
+wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller
+menschlichen Thaten.«
+
+»Und nachher?«
+
+»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken
+kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle,
+während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du
+siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse
+Thaten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in
+das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du
+magst wollen oder nicht!«
+
+Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den
+Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren
+spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.
+
+»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn.
+
+»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche,
+welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes
+nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter
+ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe
+wachsen.«
+
+»Brrrrrrr!«
+
+»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der
+Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Thore
+führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften
+Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite
+Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die
+Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die
+Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen
+oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch
+Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie
+wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die
+Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei
+müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre
+Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum
+Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken
+brauchst!«
+
+Ich schüttelte den Kopf und sagte:
+
+»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die
+eurige.«
+
+»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen
+Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir
+beschreiben?«
+
+»Thue es!«
+
+»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Thore. Zuerst
+kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem
+hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer
+als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem
+Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und
+Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf
+golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen
+und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne
+Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den
+Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne
+Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und
+immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor
+der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des
+großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen
+reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist.
+Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des
+Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«
+
+Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed
+aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine
+Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem
+Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß
+mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.
+
+»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg.
+
+»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden
+mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind
+aller Frauen und Mädchen.«
+
+»Warum?« fragte er ganz erstaunt.
+
+»Weil der Prophet sagt: 'Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des
+Bülbül[2], aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.'
+Hast du das noch nicht gelesen?«
+
+ [2] Nachtigall.
+
+»Ich habe es gelesen.«
+
+Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten
+geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:
+
+»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri
+anzusehen!«
+
+»Ich bleibe ein Christ!«
+
+»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed
+Resul Allah!«
+
+»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana 'Iledsi, fi 's -- semavati, jata --
+haddeso 'smoka?«
+
+Er blickte mich zornig an.
+
+»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch
+dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich
+stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du
+mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen
+wirst!«
+
+Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den
+meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit
+desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum
+Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.
+
+»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!«
+
+Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:
+
+»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was
+ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi[3] Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«
+
+ [3] Mekkapilger.
+
+»So bist du also der Sohn Abul Abbas', des Sohnes Dawud al Gossarah?«
+
+»Ja.«
+
+»Und beide waren Pilger?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch du bist ein Hadschi?«
+
+»Ja.«
+
+»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«
+
+»Dawud al Gossarah nicht.«
+
+»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?«
+
+»Ja denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte
+sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf,
+das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am
+Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem
+er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein
+Pilger, zu nennen?«
+
+»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«
+
+»Nein.«
+
+»Und auch er ist ein Hadschi?«
+
+»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er
+zurückbleiben mußte.«
+
+»Warum?«
+
+»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth, und liebte sie. Amareh
+wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst.
+Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«
+
+»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?«
+
+»Nein.«
+
+»Und nennst dich dennoch einen Pilger!«
+
+»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich
+zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach
+Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens
+kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen.
+Bin ich also nicht ein Hadschi?«
+
+»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«
+
+»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«
+
+»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und
+bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint
+euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel
+sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi
+Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all
+diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter,
+wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?«
+
+So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche
+Malice lachen. Es giebt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die
+sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die
+Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben,
+in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein.
+Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene
+hin.
+
+»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch
+nicht in Mekka war?«
+
+»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum
+Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das
+nicht Spuren im Sande?«
+
+Wir waren schon längst in das Wadi[4] Tarfaui eingebogen und jetzt an
+eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand
+über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine
+sehr deutliche Fährte zu erkennen.
+
+ [4] Thal, Schlucht.
+
+»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.
+
+»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«
+
+Er blickte mich fragend an.
+
+»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier
+geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?«
+
+»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«
+
+»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du
+unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer
+an, die vor uns sind?«
+
+»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und
+wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle
+Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem
+Freunde oder einem Feinde begegnet.«
+
+»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.«
+
+»Das kann man nicht wissen.«
+
+Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines
+Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie
+ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer
+Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich
+vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide.
+Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande
+befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere
+reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses
+war entweder kein oder ein sehr armer Araber.
+
+Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte,
+und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:
+
+»Was hast du gesehen, Sihdi?«
+
+»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.«
+
+»Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz
+dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du
+willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, über welche
+ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz
+des Wissens, den du hier gehoben hast?«
+
+»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden
+hier vorübergekommen sind.«
+
+»Wer giebt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er
+Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«
+
+Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste
+Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg
+fortzusetzen.
+
+Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi
+eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich
+unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns
+hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren
+Schreien in die Lüfte erhoben.
+
+»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da giebt es ganz
+sicher ein Aas.«
+
+»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich
+ihm folgte.
+
+Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm
+zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit
+einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.
+
+»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch,
+Sihdi, welcher hier liegt?«
+
+Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann,
+welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes
+Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm
+nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber
+lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der
+Berührung sofort fühlte.
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen
+Todes gestorben?« fragte Halef.
+
+»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch am Hinterhaupte?
+Er ist ermordet worden.«
+
+»Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat! Oder sollte der Tote
+in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«
+
+»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer
+Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«
+
+Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die
+Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der
+gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite
+war klein, aber deutlich eingegraben: #»E. P. 15. juillet 1830.«#
+
+»Was findest du?« fragte Halef.
+
+»Dieser Mann ist kein Ibn Arab[5].«
+
+ [5] Araber.
+
+»Was sonst?«
+
+»Ein Franzose.«
+
+»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?«
+
+»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring,
+in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe
+geschlossen wurde.«
+
+»Und dies ist ein solcher Ring?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken
+gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis[6] oder den Nemsi[7]
+stammen, zu denen auch du gehörst.«
+
+ [6] Engländer.
+
+ [7] Deutschen.
+
+»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«
+
+»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht,
+Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«
+
+»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung
+trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«
+
+»Wer hat ihn getötet?«
+
+»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt
+ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß -- -- --«
+
+Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden
+Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit
+von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten
+Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr
+mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe
+befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem
+Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem
+er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust
+klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd
+ineinander.
+
+»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese
+Schurken, diese Hunde haben es getötet!«
+
+Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten
+Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand
+kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel
+des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer.
+
+»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle
+Ewigkeit in der Dschehennah braten. Nichts, gar nichts haben sie
+zurückgelassen, als das Kamel -- und die Papiere, welche dort im Sande
+liegen.«
+
+Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung
+von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als
+unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen
+Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere
+Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte
+sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der #»Vigie algérienne«# und
+ebenso viel vom #»L'Indépendant«# und der #»Mahouna«# in den Händen. Das
+erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das
+dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich
+bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des
+Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen
+Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in
+Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler,
+welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde.
+Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz
+wörtlich überein.
+
+Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese
+Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er
+ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er
+ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?
+
+Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger
+gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr
+schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung
+auf das Kamel niederließen.
+
+»Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?« fragte der Diener.
+
+»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«
+
+»Willst du ihn in die Erde scharren?«
+
+»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen
+über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«
+
+»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«
+
+»Er ist ein Christ.«
+
+»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch
+ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«
+
+»Welche?«
+
+»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«
+
+»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem
+gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!«
+
+Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit
+vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so
+hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der
+Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines
+Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als
+ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der
+hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:
+
+»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und
+ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm
+gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das
+zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du
+hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben.
+Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten
+Thaten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!«
+
+Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der
+Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.
+
+»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher
+nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was thun wir
+jetzt?«
+
+»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«
+
+»Willst du sie töten?«
+
+»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann
+erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich thun
+werde.«
+
+»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn
+getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«
+
+»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur.
+Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen
+auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«
+
+Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen
+Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und
+es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese
+Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.
+
+»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?«
+
+Ich drehte mich nach ihm um.
+
+»Verlassen?«
+
+»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.«
+
+Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß,
+und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.
+
+»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze
+Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir
+die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«
+
+»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam
+reitet, Effendi, denn -- Allah akbar, blicke da hinunter!«
+
+Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der
+Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter
+oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha[8] sitzen, in welcher
+sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an
+den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.
+
+ [8] Lache.
+
+»Ah, sie sind es!«
+
+»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie
+haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«
+
+»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef,
+zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und
+ein wenig nach West reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa
+kämen.«
+
+»Warum, Effendi?«
+
+»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden
+haben.«
+
+Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach
+Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten
+auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns
+nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber
+hören, als wir demselben nahe gekommen waren.
+
+Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten,
+bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich that natürlich,
+als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der
+Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für
+nötig, nach meiner Büchse zu langen.
+
+»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.
+
+»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?«
+
+»Wir sind friedliche Reiter.«
+
+»Wo kommt ihr her?«
+
+»Von Westen.«
+
+»Und wo wollt ihr hin?«
+
+»Nach Seddada.«
+
+»Von welchem Stamme seid ihr?«
+
+Ich deutete auf Halef und antwortete:
+
+»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den
+Beni-Sachsa. Wer seid ihr?«
+
+»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«
+
+»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr
+her?«
+
+»Von Gafsa.«
+
+»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?«
+
+»Nach dem Bir[9] Sauidi, wo wir Freunde haben.«
+
+ [9] Brunnen.
+
+Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war
+eine Lüge, doch that ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:
+
+»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?«
+
+»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche
+also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.
+
+»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen.
+Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen
+wir bei euch bleiben?«
+
+»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!«
+
+Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser
+Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere
+Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir
+sofort ungeniert Platz nahmen.
+
+Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren
+keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort
+geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe
+wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten
+zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen,
+blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das
+spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und
+die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich
+vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war
+keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form
+eines Geierschnabels.
+
+Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die
+Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und
+seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen
+zu ihm haben.
+
+Der ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat
+spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale
+sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren
+schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr
+mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie
+vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der
+Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die
+beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes
+Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller
+Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.
+
+Ich that, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus
+der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit
+gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.
+
+»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange.
+
+»Nichts. Wir gehen weiter.«
+
+»Wohin?«
+
+»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«
+
+Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß
+ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter:
+
+»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«
+
+»Ja.«
+
+»Du willst deine Herden dort verkaufen?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder deine Sklaven?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?«
+
+»Nein.«
+
+»Was sonst?«
+
+»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«
+
+»Oder willst du dir ein Weib dort holen?«
+
+Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.
+
+»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem
+Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren
+hast?«
+
+Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann in Folge dessen
+die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen
+hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen;
+Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von
+armenischer Herkunft aufgefallen und -- -- ah, war es nicht ein
+armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und
+dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit
+genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam
+durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf
+gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff
+befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.
+
+»Erlaube mir!«
+
+Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las:
+#»Paul Galingré, Marseille.«# Das war ganz sicher nicht der Name der
+Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch
+keine Miene, sondern fragte leichthin:
+
+»Was ist das für eine Waffe?«
+
+»Ein -- ein -- -- ein Drehgewehr.«
+
+»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«
+
+Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:
+
+»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«
+
+»Warum?«
+
+»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so
+würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur
+die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände
+eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«
+
+»Nein.«
+
+»So hast du sie gekauft?«
+
+»Nein.«
+
+»Dann war sie eine Beute?«
+
+»Ja.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von einem Franken.«
+
+»Mit dem du kämpftest?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Auf dem Schlachtfelde.«
+
+»Auf welchem?«
+
+»Bei El Guerara.«
+
+»Du lügst!«
+
+Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem
+Revolver.
+
+»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie -- -- --«
+
+Ich fiel ihm in die Rede:
+
+»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«
+
+Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle
+Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und
+fragte drohend:
+
+»Was meinst du mit diesen Worten?«
+
+Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen
+Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.
+
+»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir
+sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.«
+
+Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich
+aus.
+
+»Woher kennst du mich?«
+
+»Ich kenne dich; das ist genug.«
+
+»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin
+ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«
+
+»Wem gehören diese Sachen?«
+
+»Mir.«
+
+Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »#P. G.#« gezeichnet. Ich
+öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben
+Buchstaben eingraviert.
+
+»Woher hast du sie?«
+
+»Was geht es dich an? Lege sie von dir!«
+
+Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten
+Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war
+stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen.
+
+»Weg mit dem Buche, sage ich dir!«
+
+Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die
+Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten,
+fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der
+beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.
+
+Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber
+ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es
+bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich
+bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen.
+
+»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner.
+
+Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte
+so ruhig wie möglich:
+
+»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.«
+
+»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!«
+
+»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!«
+
+Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich
+wieder zur Erde nieder, und ich that ganz dasselbe. Dann zog ich meinen
+Revolver und begann:
+
+»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg,
+sonst geht das meinige los!«
+
+Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber
+zum augenblicklichen Griffe bereit.
+
+»Du bist kein Uëlad Hamalek?«
+
+»Ich bin einer.«
+
+»Du kommst nicht von Gafsa?«
+
+»Ich komme von dort.«
+
+»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?«
+
+»Was geht es dich an!«
+
+»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den
+du ermordet hast.«
+
+Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.
+
+»Und wenn ich es gethan hätte, was hättest du darüber zu sagen?«
+
+»Nicht viel; nur einige Worte.«
+
+»Welche?«
+
+»Wer war der Mann?«
+
+»Ich kenne ihn nicht.«
+
+»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?«
+
+»Weil es mir so gefiel.«
+
+»War er ein Rechtgläubiger?«
+
+»Nein. Er war ein Giaur.«
+
+»Du hast genommen, was er bei sich trug?«
+
+»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«
+
+»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.«
+
+»Für dich -- --?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich verstehe dich nicht.«
+
+»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein
+Giaur und werde sein Rächer sein.«
+
+»Sein Bluträcher?«
+
+»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir
+sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich
+will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der
+Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That
+unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl
+merken: du giebst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.«
+
+Er lächelte überlegen.
+
+»Meinst du wirklich, daß ich dieses thue?«
+
+»Ich meine es.«
+
+»So nimm dir, was du haben willst!«
+
+Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber
+hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.
+
+»Halt, oder ich schieße!«
+
+Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich
+befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit
+als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien
+unentschlossen zu werden.
+
+»Was willst du mit den Sachen thun?«
+
+»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.«
+
+Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte.
+
+»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!«
+
+»Ich lüge nicht.«
+
+»Und was wirst du gegen mich unternehmen?«
+
+»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!«
+
+»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«
+
+»Ja.«
+
+»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten
+ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«
+
+»Ja.«
+
+»Du versprichst es mir?«
+
+»Ja.«
+
+»Beschwöre es!«
+
+»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«
+
+»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.«
+
+»Was hatte er noch bei sich?«
+
+»Nichts.«
+
+»Er hatte Geld.«
+
+»Das werde ich behalten.«
+
+»Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel oder die Börse, in
+der es sich befand.«
+
+»Du sollst sie haben.«
+
+Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die
+er leerte und mir dann entgegen reichte.
+
+»Weiter hatte er nichts bei sich?«
+
+»Nein. Willst du mich aussuchen?«
+
+»Nein.«
+
+»So können wir gehen?«
+
+»Ja.«
+
+Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter
+aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf
+diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und
+bestiegen ihre Pferde.
+
+»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«
+
+Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr
+gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des
+Wadiufers verschwunden.
+
+Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein
+Schweigen.
+
+»Sihdi!«
+
+»Was?«
+
+»Darf ich dir etwas sagen?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du den Strauß?«
+
+»Ja.«
+
+»Weißt du, wie er ist?«
+
+»Nun?«
+
+»Dumm, sehr dumm.«
+
+»Weiter!«
+
+»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der
+Strauß.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil du diese Schurken laufen lässest.«
+
+»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.«
+
+»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du
+dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt
+hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie
+Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder
+eines Christen entkommen!«
+
+»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?«
+
+»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von
+da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg[10] zu verschwinden.«
+
+ [10] Region der Dünen.
+
+»Das werden sie nicht.«
+
+»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.«
+
+»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.«
+
+»Wer sagte es dir?«
+
+»Meine Augen.«
+
+»Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen im Sande betrachtest.
+So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon
+noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du
+magst nun wollen oder nicht!«
+
+»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.«
+
+»Sihdi -- --! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!«
+
+»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.«
+
+»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was thun
+wir jetzt?«
+
+»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von
+einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden
+Schurken auch wirklich fort sind.«
+
+Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in
+bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war
+mir gefolgt.
+
+»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.«
+
+»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten
+wenden.«
+
+»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies thäten, müßten sie
+uns ja wieder in die Hände kommen!«
+
+»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen
+guten Vorsprung vor uns zu erlangen.«
+
+»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.«
+
+»Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, daß eines ihrer Pferde den
+Hahnentritt habe?«
+
+»Ja, das sah ich, als sie davonritten.«
+
+»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach
+Seddada gehen.«
+
+»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?«
+
+»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden
+sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder
+zusammenzutreffen.«
+
+»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum
+Aufbruch ist.«
+
+Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden
+ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam[11]
+über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um
+über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der
+fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an
+sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein
+und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte.
+Wir brachen auf.
+
+ [11] Gesichtsschleier.
+
+Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa; wir mußten es also nun
+verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach
+Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier
+Pferde, welche von West nach Ost führte.
+
+»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?«
+
+»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.«
+
+Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke.
+
+»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns
+langsamer reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.«
+
+Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene
+hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond
+emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen.
+
+»Reiten wir hinab?« fragte Halef.
+
+»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.«
+
+Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den
+Ölbäumen einen prächtigen Platz zum Bivouac. Wir waren beide an das
+heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die
+tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen
+nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es
+mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt,
+daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von
+Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Überraschung, daß sie nicht nach
+Seddada führte, sondern nach Süden bog.
+
+»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef.
+
+»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig
+sein.«
+
+»Aber wohin gehen sie denn?«
+
+»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie
+Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.«
+
+»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum
+Bir el Tam über den Schott Rharsa.«
+
+»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über
+Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.«
+
+»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu[12] des
+Sultans haben.«
+
+ [12] Legitimation, Reisepaß.
+
+»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel
+nützen.«
+
+»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige #»Giölgeda
+padischahnün«#[13] zu sündigen!«
+
+ [13] Wörtlich: »Im Schatten des Padischa.«
+
+»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?«
+
+»Ja. Ich habe in Ägypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der
+Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?«
+
+»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber
+setzen wir den Weg fort.«
+
+»Nach Kris?«
+
+»Nach Kris.«
+
+Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und
+folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer
+Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein
+Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte.
+
+Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit
+Virlet d'Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste
+in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land
+zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte
+der Civilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und
+dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber
+läßt sich noch immer streiten.
+
+Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung
+dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel
+Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare,
+hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit
+Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Überreste
+einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott
+und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze
+dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen
+die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und
+im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten
+Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von
+Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der
+Geschichtschreibung, berichtet.
+
+Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer
+ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen,
+nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und
+Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese
+drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt,
+als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe.
+
+Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit
+Sandmassen angehäuft, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat
+sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr
+Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab,
+sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Krystalldecke, bald mit
+einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu
+vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste,
+mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß
+sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variiert. Nur an
+einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr
+auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem
+schmalen Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund
+verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des
+Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen
+Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders
+in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande
+überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.
+
+Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem
+salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter
+sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen,
+doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als
+fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die
+Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen
+Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen,
+hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende
+langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser
+trieb.
+
+Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta,
+Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der
+Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid
+verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner
+Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche
+aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein
+unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des
+Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des
+Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der
+zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden,
+so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die
+kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen
+Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber
+um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel
+gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch
+Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad
+über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer
+Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.
+
+Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert,
+erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel
+geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie
+Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara
+in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche
+vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viele Festigkeit
+besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen
+Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu
+schließen.
+
+Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen.
+Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der
+Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott
+seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«,
+und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der
+Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche
+bedeckt wird.
+
+Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche,
+flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst
+dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben
+die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen,
+in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon
+bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und
+läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer
+Quelle hervorbrechen. -- --
+
+Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer
+Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über
+den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des
+Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab.
+
+»Siehst du den Schott, Sihdi?«
+
+»Ja.«
+
+»Bist du schon einmal über den Schott geritten?«
+
+»Nein.«
+
+»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen
+Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben
+sein.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid;
+er hat noch niemals einen falschen Schritt gethan. Er gehört zum Stamme
+der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber
+mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den
+Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich
+anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?«
+
+»Wie weit haben wir noch bis hin?«
+
+»Ein kleines über eine Stunde.«
+
+»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur
+der Mörder finden.«
+
+»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?«
+
+»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden
+bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.«
+
+Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe
+des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten;
+dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da
+schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die
+Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft
+hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir
+folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege
+verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden.
+
+Halef war nachdenklich geworden.
+
+»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er.
+
+»Sage es!«
+
+»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.«
+
+»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch, da ist Kris. Wo ist
+die Wohnung deines Freundes Sadek?«
+
+»Folge mir!«
+
+Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und
+Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren
+Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein
+Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.
+
+»Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!«
+
+»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!«
+
+Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar.
+
+Dann aber wandte sich der Araber zu mir:
+
+»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das
+eurige!«
+
+Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand
+Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die
+Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen.
+
+»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit
+den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große
+Thaten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum
+wahren Glauben bekehren.«
+
+Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und
+wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht
+auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus
+und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den
+Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls
+sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo
+stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu
+sprechen. Auch von den großen Thaten, die wir vollbracht haben sollten,
+wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen
+geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht
+war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu
+spielen. Der Glanzpunkt der Halef'schen Diplomatik war nun allerdings
+die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente
+dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:
+
+»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lautet er?«
+
+»Er lautet Hadschi Halef Omar.«
+
+»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul
+Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer
+frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi
+waren, obgleich -- -- --«
+
+»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen
+Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines
+Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.«
+
+»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage
+lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir
+gesagt hast!«
+
+»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah
+segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn
+Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird
+noch heute wiederkehren.«
+
+»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte
+Halef.
+
+»Ihr? Wann?«
+
+»Noch heute.«
+
+»Wohin, Sihdi?«
+
+»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?«
+
+»Gefährlich, sehr gefährlich. Es giebt nur zwei wirklich sichere Wege
+hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und
+Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach
+Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei giebt es, die ihn
+genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.«
+
+»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?«
+
+»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt
+er die Strecke nach Seftimi.«
+
+»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.«
+
+»Über zwei Dritteile, Sihdi.«
+
+»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?«
+
+»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.«
+
+»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?«
+
+»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf
+dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager
+tragen kann.«
+
+»Willst du uns führen?«
+
+»Ja, Effendi.«
+
+»So laß uns zunächst den Schott besehen!«
+
+»Du hast noch keinen Schott überschritten?«
+
+»Nein.«
+
+»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens,
+das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit
+sicherem Schritte.«
+
+Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen
+breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das
+eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es
+deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und
+fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es
+einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von
+einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war,
+die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten.
+
+Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter
+uns eine Stimme:
+
+»Sallam aaleïkum, Friede sei mit euch!«
+
+Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine,
+dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen
+hatte.
+
+»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was thut mein Bruder Arfan Rakedihm hier
+am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die
+Sobha führen?«
+
+»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich
+kommen werden.«
+
+»Wohin wollen sie?«
+
+»Nach Fetnassa.«
+
+Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem
+Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:
+
+»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?«
+
+»Ja.«
+
+»Wohin?«
+
+»Auch nach Fetnassa.«
+
+»Und du sollst sie führen?«
+
+»Du errätst es.«
+
+»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.«
+
+»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.«
+
+»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht
+stets die reichsten Reisenden weggefangen?«
+
+»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir
+kommen.«
+
+»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir
+mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird
+euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott
+verschlingen wird.«
+
+Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt
+hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel
+war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich
+von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die zwei
+Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer,
+welche wir in der Wüste getroffen und dann verfolgt hatten.
+
+»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?«
+
+»Ich kenne sie.«
+
+»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?«
+
+Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran.
+
+»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.«
+
+»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer.
+
+»Mörder,« antwortete Halef.
+
+»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?«
+
+»Nein.«
+
+»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?«
+
+»Nein.«
+
+»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu
+mischen.«
+
+Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für
+nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit
+einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich
+sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies
+geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns
+den Rücken kehrten.
+
+Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns
+dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an.
+
+Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit
+Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden
+Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die
+Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den
+heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst,
+sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht
+genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden
+ist. Statt des Eises eine Salzdecke -- das war mir mehr als neu. Der
+eigentümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste -- das
+alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen
+können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen
+für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart
+und glatt, daß man Schlittschuhe hätte benutzen können, dann aber hatte
+er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und
+vermochte nicht, die geringste Last zu tragen.
+
+Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert
+hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf
+den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar
+nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo
+Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann,
+wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei
+für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die
+Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder
+überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte
+Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen.
+
+Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der
+Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen
+wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek
+zu mir wandte:
+
+»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen
+Weges.«
+
+»Warum schlimm?«
+
+»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird dabei auf eine lange
+Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.«
+
+»Bleibt der Boden stark genug?«
+
+»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen
+Veränderungen.«
+
+»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.«
+
+»Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.«
+
+Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb
+sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten,
+welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen
+sind sie eine Ewigkeit.
+
+Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal und Hügel wechselte.
+Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem
+Salze, die Thalmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in
+welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und
+Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu
+fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß,
+das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen,
+auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten.
+Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die
+Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich
+mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt
+so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu
+lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte -- es war
+fürchterlich.
+
+Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge
+kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot.
+
+»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer.
+
+Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und
+betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha:
+
+»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis Gott dem
+Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir
+wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest
+den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg
+derer, über welche -- -- --«
+
+Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber
+verstummten beide zu gleicher Zeit; -- zwischen den zwei nächsten
+Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor,
+stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten
+Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über
+ihm schloß.
+
+In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft,
+welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst
+Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des
+Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der
+Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich
+bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie
+hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den
+unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu thun;
+wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie
+lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und
+schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir
+versanken.
+
+Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der
+Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch
+mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der
+kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und
+brach ein.
+
+»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst.
+
+Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd
+im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern
+suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine
+hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen
+Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck
+augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick,
+während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet
+meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören
+zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es
+keine Worte und keine Zeit zu messen.
+
+Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb
+schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und
+erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich
+wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht
+unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts
+mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit
+angeschlagenem Gewehre mich erwarteten.
+
+Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten
+Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse
+krachten -- Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert
+und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein
+Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht
+verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern
+warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten
+mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er
+ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur
+den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter
+ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten
+nicht darauf, wohin uns unser Lauf führte -- er stieß einen
+entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er
+verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll
+vor seinem heimtückischen Grabe.
+
+Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf.
+
+»Sihdi, Hilfe, Hilfe!«
+
+Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte,
+kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber
+an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang
+hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich
+platt niederlegte.
+
+»Fasse den Riemen!«
+
+»Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!«
+
+»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!«
+
+Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu
+schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang -- er lag
+auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so
+erhob er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste Sure:
+
+»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das
+Reich und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!«
+
+Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht
+beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter
+mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so
+gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie
+unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen,
+der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es
+dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde.
+
+»Sihdi, bist du verwundet?«
+
+»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?«
+
+»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich
+nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing.
+Aber wir sind nun dennoch verloren.«
+
+»Warum?«
+
+»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird
+mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich
+rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich
+dich, wenn ich nicht hier verderbe.«
+
+»Du wirst nicht verderben, Halef.«
+
+»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.«
+
+»Wir werden einen Führer haben.«
+
+»Wen?«
+
+»Omar, den Sohn Sadeks.«
+
+»Wie soll er uns hier finden?«
+
+»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder
+zurückkehren wird?«
+
+»Er wird uns dennoch nicht finden.«
+
+»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und
+nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?«
+
+»Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden
+warten, bis Omar hier vorüberkommt.«
+
+»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns
+untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.«
+
+Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so
+heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer
+salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren. -- --
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Vor Gericht.
+
+
+Obgleich ich die Überzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers
+kommen werde, konnte er doch statt über den See um denselben
+herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher
+Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum
+Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam
+der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher
+und erblickte nun auch uns.
+
+»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den
+Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!«
+
+Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er
+erkannte den Freund seines Vaters.
+
+»Sei willkommen, Halef Omar!«
+
+»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef.
+
+»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler.
+Du kamst nach Kris zum Vater?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.«
+
+»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich.
+
+»Wo?«
+
+»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das
+Kismet trifft.«
+
+»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Welches?«
+
+»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.«
+
+Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den
+Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden.
+Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz
+andere Weise, als ich vermutet hatte.
+
+»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
+
+»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten
+zwei Mörder, welche über den Schott gingen.«
+
+»Mein Vater sollte euch führen?«
+
+»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns
+hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die
+Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.«
+
+»Wo sind die Mörder?«
+
+»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir[14] nach
+Fetnassa.«
+
+ [14] Führer.
+
+»So ist der Pfad hier verdorben?«
+
+»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
+
+»Wo versank mein Vater?«
+
+»Dort, dreißig Schritte von hier.«
+
+Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor
+sich nieder und wandte sich dann nach Osten:
+
+»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du
+Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des
+Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen,
+nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen,
+als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich
+schwöre es!«
+
+Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen
+sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe:
+»Erzählt!«
+
+Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling.
+
+»Kommt!«
+
+Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in die
+Richtung zurück, aus der er gekommen war.
+
+Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges
+überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir
+den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen
+betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns
+liegen.
+
+»Was nun?« fragte Halef.
+
+»Folgt mir nur!« antwortete Omar.
+
+Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er
+schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann
+saß vor derselben.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar.
+
+»Aaleïkum,« dankte der Alte.
+
+»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?«
+
+»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.«
+
+»Was thaten sie?«
+
+»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da
+nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne
+ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.«
+
+»Ich danke dir, Abu el Malah!«[15]
+
+ [15] »Vater des Salzes«.
+
+Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige
+Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni,
+Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung
+brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist
+es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch
+einen türkischen Wekil[16], welcher unter der Aufsicht des Regenten von
+Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur
+Verfügung gestellt worden.
+
+ [16] Statthalter.
+
+Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe
+hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst
+nach einer Stunde zurück.
+
+»Ich habe ihn gesehen,« meldete er.
+
+»Wo?« fragte ich.
+
+»Beim Wekil.«
+
+»Beim Statthalter?«
+
+»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit
+ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der
+Audienz.«
+
+Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich
+verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!
+
+Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen,
+niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern
+zeigten. Vor der Thür desselben standen Nefers[17], welche vor einem
+Onbaschi[18] exerzierten, während der Saka[19] zuschauend an der Thür
+lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um
+unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen
+Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in
+einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit
+verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah
+Tabak rauchte.
+
+ [17] Soldaten.
+
+ [18] Korporal.
+
+ [19] Tambour.
+
+»Was wollt ihr?« fragte er.
+
+Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich
+antwortete daher mit einer Gegenfrage:
+
+»Wer bist du?«
+
+Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:
+
+»Der Wekil!«
+
+»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir
+angekommen ist.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Hier ist mein Paß.«
+
+Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf,
+faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten
+Pumphosen.
+
+»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef
+deutete.
+
+»Mein Diener.«
+
+»Wie heißt er?«
+
+»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.«
+
+»Wer ist der andere?«
+
+»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.«
+
+»Und wer bist du selbst?«
+
+»Du hast es ja gelesen!«
+
+»Ich habe es nicht gelesen.«
+
+»Es steht in meinem Passe.«
+
+»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du
+ihn?«
+
+»Von dem französischen Gouvernement in Algier.«
+
+»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat
+den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?«
+
+Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte.
+
+»Ich heiße Kara Ben Nemsi.«
+
+»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?«
+
+»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.«
+
+»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine
+Oasen?«
+
+»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig
+Millionen Menschen auf ihr wohnen.«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß! Es giebt Oasen, in denen es von Geschöpfen
+wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?«
+
+»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen
+Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen
+fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese
+Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen
+Gott glauben die Nemsi?«
+
+»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern
+Vater.«
+
+»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?«
+
+»Sie sind Christen.«
+
+»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?«
+
+»Ja.«
+
+»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden!
+Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür
+sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!«
+
+»Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist oder was dich
+beleidigt?«
+
+»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu
+treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?«
+
+»Omar Ben Sadek.«
+
+»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?«
+
+»Seit gestern.«
+
+»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig
+Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.«
+
+Zu mir gewendet, fuhr er fort:
+
+»Und wie heißt dieser dein Diener hier?«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein
+gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener
+heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.«
+
+»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil
+fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem
+Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du
+bereits bei ihm?«
+
+»Fünf Wochen.«
+
+»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf
+Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?«
+
+»Kara Ben Nemsi.«
+
+»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.«
+
+»Welche, Sihdi?«
+
+»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also
+Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende:
+du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht
+fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu
+stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem
+Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also
+fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden
+Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du
+besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere
+es.«
+
+»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist
+erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und
+deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich,
+edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche
+erhalten.«
+
+»Was willst du von ihm?«
+
+»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an
+seinem Anblick weiden.«
+
+»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein
+edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also
+nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der
+Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht
+du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den
+Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.«
+
+»Ah! Woher wußte er es?«
+
+»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat
+euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so
+hätte ich euch holen lassen.«
+
+»Er hat uns angezeigt? Weshalb?«
+
+»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten,
+die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert
+habe.«
+
+Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den
+unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück
+Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase -- er war
+jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder
+Mülasim[20], und man weiß ja, was man von einem türkischen Lieutenant zu
+halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die
+Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den
+guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich
+selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals wieder an ihn gedacht,
+denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem
+Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem
+Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die
+ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch
+dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil
+war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen,
+und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war,
+so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts
+von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte
+unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an,
+ungestraft thun zu können, was ihm beliebte.
+
+ [20] Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Lieutenant.
+
+Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst
+angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner
+Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so
+genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich
+war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei.
+Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht
+wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund
+uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte
+ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte
+dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen.
+
+Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein
+schwarzer Diener, der sich vor ihm wie vor dem Sultan auf die Erde warf.
+Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach
+einiger Zeit öffnete sich die Thür, und die zehn Soldaten mit ihrem
+Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus
+allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im
+mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen
+waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher thun
+konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem
+Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick
+musterte und dann seinen Befehl aussprach:
+
+»Kalkyn -- steht auf!«
+
+Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der
+Scheide.
+
+»Kylyn syraji -- bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme.
+
+Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in
+den braunen Händen.
+
+»Has -- dur -- das Gewehr über!« kommandierte er nun.
+
+Die Flinten flogen empor, stießen gegen einander, gegen die Mauer oder
+gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger
+Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.
+
+»Isalam -- dur -- präsentiert das Gewehr!«
+
+Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen
+Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der
+Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete
+ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um
+hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem
+geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus
+der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo
+er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die
+restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage,
+welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.
+
+»Sessiz, söjle -- me -- niz -- steht still und schwatzt nicht!«
+
+Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und
+Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern
+erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu
+geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu
+bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.
+
+Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium
+ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere
+Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu
+befestigen.
+
+Und wieder öffnete sich die Thür. Der Erwartete trat ein. Er war es.
+
+Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an
+der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des
+Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst
+erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht
+größer gedacht werden konnte.
+
+Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte:
+
+»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von
+dir?«
+
+»Ja.«
+
+»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du
+kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.«
+
+»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er
+sich?«
+
+»Er heißt Abu en Nassr.«
+
+»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.«
+
+»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du
+zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber
+wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in
+Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen
+angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir
+das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges,
+denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer
+Bandit.«
+
+Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und
+fragte:
+
+»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher
+Truppe?«
+
+»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.«
+
+Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte.
+
+»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille,
+das heißt eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret
+ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So
+etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir;
+verstanden!«
+
+Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie
+vorgekommen, das ging über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als
+ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut
+oder vor Verlegenheit:
+
+»Mensch, ich hätte sogar Lawi-Pascha werden können, also General-Major,
+wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!«
+
+»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit
+Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst
+du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen
+oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord
+begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem
+Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen,
+weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach
+Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines
+Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein
+behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn
+gefangen nimmst!«
+
+Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:
+
+»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was
+er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.«
+
+Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt, hob ihn
+empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer.
+
+»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt
+sterben!«
+
+Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab
+ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und
+regungslos liegen blieb.
+
+»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte.
+
+Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner
+Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor
+die Fronte der Seinigen und kommandierte:
+
+»Komyn silahlari -- legt die Gewehre weg!«
+
+Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und
+kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück.
+
+»Döndürmek sagha -- rechts umgedreht!«
+
+Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter
+einander.
+
+»Gityn erkek tschewresinde, koschyn -- iz -- nehmt den Mann in die Mitte,
+marsch!«
+
+Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann
+markierte »sol -- sagha, sol -- sagha = links -- rechts, links -- rechts!«
+sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war,
+auf das Kommando des Unteroffiziers stehen.
+
+»Onu tutmyn -- ergreift ihn!«
+
+Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten
+sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten
+mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu
+meiner Befreiung hätte machen mögen.
+
+»Dschenabin -- iz, bizim -- war herifu -- Hoheit, wir haben den Kerl!«
+meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe.
+
+»Brakyn -- jok onu tekrar azad -- laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der
+Statthalter mit strenger Miene.
+
+Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus
+als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das
+alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war
+schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte.
+
+Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine
+Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte:
+
+»Du wirst ihn erschießen lassen!«
+
+»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn
+ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen.
+Bring deine Anklage vor!«
+
+»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem
+Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in
+die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.«
+
+»Warum that er dies?«
+
+»Aus Rache.«
+
+»Wofür wollte er sich rächen?«
+
+»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten
+ihn festnehmen, er aber entwischte uns.«
+
+»Kannst du deine Worte beschwören?«
+
+»Beim Barte des Propheten!«
+
+»Das ist genug! -- Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann.
+
+»Ja.«
+
+»Was sagst du dazu?«
+
+»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die
+Personen geradezu verwechselt.«
+
+»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern
+ihm.«
+
+»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.«
+
+»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den
+großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über
+dich entscheiden wird.«
+
+»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst
+dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und
+also kein Moslem, sondern ein Christ.«
+
+»Er hat beim Propheten geschworen.«
+
+»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott
+bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim
+Rate der Oase verklagen.«
+
+»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte
+ihm nicht das Geringste thun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu
+und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des
+Großherrn steht.«
+
+»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines
+Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner
+Tasche.«
+
+»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich
+verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht
+werden, zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein
+Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie
+hinab in den Hof; ich werde nachkommen!«
+
+»Alykomün elleri -- nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der
+Unteroffizier.
+
+Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab.
+
+»Alyn -- iz tüfenkleri -- hebt die Flinten auf!«
+
+Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich.
+
+»Wirmyn hep -- ütsch -- umschließt alle drei!«
+
+Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den
+Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine
+Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen
+bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.
+
+Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden
+Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen,
+daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.
+
+Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil
+mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete
+ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen
+Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich.
+
+»Wermyn ona elli -- gebt ihm Fünfzig!«
+
+Jetzt war es Zeit.
+
+»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn.
+
+»Ja.«
+
+»Gieb es mir!«
+
+»Du wirst es niemals zurückerhalten!«
+
+»Warum?«
+
+»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.«
+
+»Du willst mich wirklich schlagen lassen?«
+
+»Ja.«
+
+»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist,
+sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!«
+
+Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der
+vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als
+denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht;
+wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen,
+so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war
+völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr
+konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig
+machen.
+
+»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise.
+
+»Ja; meine Burnusschnur.«
+
+»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum
+Ausgang und lässest keinen Menschen durch!«
+
+»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet.
+
+»Sogleich!«
+
+Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten
+hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und
+drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner
+sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte.
+
+»Binde ihn!« gebot ich Omar.
+
+Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort
+begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers
+zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er
+gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache
+so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog
+jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am
+Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er
+bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten.
+
+»Hatschyn, aramin imdadi -- reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der
+Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte.
+
+Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem
+Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere
+Halef mit schußfertigem Gewehre.
+
+»Geri; durar -- siz bunda -- zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen
+entgegen.
+
+Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen
+auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen.
+
+Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick
+bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen.
+
+»Bist du tot?« fragte ich den Wekil.
+
+»Nein, aber du wirst mich töten?«
+
+»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit.
+Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.«
+
+»Was verlangst du von mir, Sihdi?«
+
+Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme.
+Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt,
+welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns
+zuge -- -- kugelt kam.
+
+»Tut -- halt!« rief sie mir kreischend zu. »Öldirme onu; dir benim
+kodscha -- töte ihn nicht; er ist mein Mann!«
+
+Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle
+mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die
+gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem
+Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution
+zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe
+jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig
+entgegen:
+
+»Wer bist du?«
+
+»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie.
+
+»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün -- ja, sie ist mein Weib, die Rose
+von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter.
+
+»Wie heißt sie?«
+
+»Demar-im Mersinah -- ich heiße Mersinah,« berichtete sie.
+
+»He, demar Mersinah -- ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem
+Munde des Wekil.
+
+Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d. i. Myrte. Einem
+so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein.
+
+»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase,
+so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich.
+
+Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte
+lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und
+war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen
+die Türkinnen sein müssen. Übrigens handelte es sich hier, wie sie
+dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.
+
+Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht,
+welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen
+beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht
+vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte
+schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen zu paralysieren
+gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange
+hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie
+jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht
+bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt
+hatte.
+
+»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir
+versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid
+geschehen.«
+
+»Kaladschak-dir -- er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!«
+
+»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke
+wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um
+getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein
+Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt
+von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben
+lasse!«
+
+Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert
+stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie
+betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und
+fragte dann mit freundlichem Tone:
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem
+Meere liegt.«
+
+»Sind eure Frauen schön?«
+
+»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El
+Kebihr.«
+
+Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade
+vor ihren Augen gefunden hatte.
+
+»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das
+habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch
+warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor
+dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?«
+
+»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten
+flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle elf besiegen würde,
+und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann
+vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu
+geben.«
+
+»Du sollst Gerechtigkeit haben!«
+
+Da wollte sich mir die Überzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im
+Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil
+sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder
+herzustellen:
+
+»Ich bin ein gerechter Richter und werde -- -- --«
+
+»Sus-olmar-sen -- du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich
+diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt;
+er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war
+schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden
+konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser
+Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du
+etwas thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und
+habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es
+verdient!«
+
+»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!«
+
+»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischahnün, das
+heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein
+Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin,
+in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll
+deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!«
+
+Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr
+anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht.
+
+»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst
+da!«
+
+Da wandte sie sich um.
+
+»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie.
+
+»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.«
+
+»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!«
+
+»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange
+hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.«
+
+»Die ist bereits erledigt.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns
+wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.«
+
+»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?«
+
+»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.«
+
+»Ist das wahr, Wekil?«
+
+Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen
+seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:
+
+»Ja.«
+
+»Du schwörst es mir?«
+
+»Ich schwöre es.«
+
+»Bei Allah und seinem Propheten?«
+
+»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli.
+
+»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden.
+
+»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.«
+
+»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich.
+
+»Er darf,« antwortete ich.
+
+»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.«
+
+»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?«
+
+»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir
+nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen
+lassen.«
+
+»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er
+wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines
+Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.«
+
+Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das
+kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich
+auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn
+festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu
+nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine
+Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d'em b'ed
+d'em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das
+Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen
+konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich
+auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt
+befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als
+solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht
+schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu
+fallen.
+
+Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem
+Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener:
+
+»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?«
+
+»Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich da, wo er es für
+geboten hält, für einen Mohammedaner aus.«
+
+»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?«
+
+»Für einen sehr schlechten.«
+
+»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt
+dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der
+Dschehennah braten willst!«
+
+»Und du wirst selbst so lange darin braten!«
+
+»Weshalb?«
+
+»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und
+tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom
+Baume Zakum essen müssen?«
+
+»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?«
+
+»Du bist ein Lügner und Heuchler!«
+
+»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist
+kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine
+Kugel treffen!«
+
+»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein.
+Soll ich das dem Wekil erzählen?«
+
+»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun an Hadschi Halef Omar,
+dem treuesten Diener, den du finden kannst!«
+
+»Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch die Bedingung, unter
+welcher ich schweige.«
+
+»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein
+wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!«
+
+Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war
+keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing.
+
+»Setze dich!« lud er mich ein.
+
+Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während
+Halef sich mit den Pfeifen zu thun machte, welche man mittlerweile in
+einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte.
+
+»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die
+Unterhaltung.
+
+»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu
+sehen, mit dem er spricht.«
+
+»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen
+aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und
+unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und
+unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals
+eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns,
+und weshalb? O jazik, o wehe!«
+
+»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten
+wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer
+Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein
+Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!«
+
+»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber
+ich wollte dich nicht beleidigen.«
+
+»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein
+schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand
+brauchen kann, weil er nichts bewahrt.«
+
+»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen
+hast.«
+
+Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte
+schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf.
+
+»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst nicht dabei!«
+
+»Ich schließe es.«
+
+»Nur Allah allein darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen
+Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt,
+wohin er nicht kommen wollte.«
+
+»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist
+ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben
+weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt,
+der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.«
+
+»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen
+besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann.
+Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Warst du dabei?«
+
+»Nein.«
+
+»So hat es dir der Tote erzählt?«
+
+»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter
+nicht mehr sprechen kann!«
+
+»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst
+nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst
+du wissen, daß er ein Mörder ist?«
+
+»Ich schließe es.«
+
+»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!«
+
+»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er
+mir den Mord eingestanden.«
+
+»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder
+ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und
+daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist
+ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen
+Scherz zu machen.«
+
+»Mit einem Morde spaßt man nicht!«
+
+»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich,
+daß er den Führer Sadek erschossen hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst dabei?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Und hast es gesehen?«
+
+»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.«
+
+»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb
+sagen, daß er ein Mörder sei?«
+
+»Natürlich!«
+
+»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß
+der Mensch nicht schließen soll!«
+
+»Nun?«
+
+»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du,
+daß er ein Mörder sei?«
+
+»Das versteht sich doch ganz von selbst.«
+
+»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre! Gibt es in deinem
+Lande keine Blutrache?«
+
+»Nein.«
+
+»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein
+Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben
+das Recht, ihn zu verfolgen.«
+
+»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!«
+
+»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.«
+
+»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich
+meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt
+und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat,
+gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er
+hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und
+dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf
+das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß
+mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit
+ihm ab!«
+
+»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar
+sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es
+dir gefällt.«
+
+Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle
+seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er
+nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam,
+als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen
+Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir
+langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine
+Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei,
+von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei
+erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich: »Breh,
+Effendina, zu Hilfe!«
+
+Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der
+Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war
+nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste
+mir mit schadenfroher Miene entgegen:
+
+»Fort, Sihdi -- dort reiten!«
+
+Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben
+zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen
+ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war
+erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte
+dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den
+Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die
+elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt, und der Streich
+war gelungen.
+
+Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein
+Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten,
+auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten.
+
+»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung.
+
+»Ich sah es.«
+
+»Wohin?«
+
+»Dorthin.«
+
+Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.
+
+»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen
+nachjagen.«
+
+»Er saß auf einem Reitkamele.«
+
+»Ich werde ihn dennoch ereilen.«
+
+»Du hast kein Tier!«
+
+»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden,
+und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde
+ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir
+nachkommen willst.«
+
+Er eilte von dannen.
+
+Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der
+Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn.
+
+»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von
+Mäusen und Ratten -- -- --«
+
+Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die
+Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht
+verschleiert.
+
+»Was ist geschehen?« fragte sie mich.
+
+»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen --«
+
+»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die
+roten Fäuste durch die Hülle zwängend.
+
+»Und haben den Gefangenen befreit -- -- --«
+
+»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen
+Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde.
+
+»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu.
+
+»Des Wekil? -- Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf!
+Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem
+Augenblick!«
+
+Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük.
+
+O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im
+Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!
+
+Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:
+
+»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser am
+Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein
+Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des
+Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht
+so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« -- -- --
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Im Harem.
+
+
+Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit
+der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die
+Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines
+Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt.
+
+Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten Wohnung, schlürfte
+würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des würzigen Djebeli, welcher
+meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern
+boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten porösen
+Thongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die
+Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier
+so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.
+
+Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha.
+
+Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr
+geworden, und wer hat ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst
+als er selbst!
+
+Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Ägypten gekommen, hatten Kairo
+besucht, welches der Ägypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder
+noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es
+mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns
+dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl
+befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle
+Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen
+heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete:
+
+ »Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?«
+
+und von denen man außer dem großäugigen #Pulex canis# und dem rötlichen
+#Pulex musculi# noch den allbeliebten #Pulex irritans# und den wütenden
+#Pulex penetrans# kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Ägypten
+nicht das Jagdgefilde des #»irritans«#, sondern des #»penetrans«#, also
+nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« #Pulex# ist, und so
+brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe,
+nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war.
+
+Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha,
+die mich aus meinen Träumen weckte:
+
+»Was? Wie? Wen?«
+
+»Den Effendi,« antwortete es schüchtern.
+
+»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?«
+
+»Ich muß ihn sprechen.«
+
+»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel -- Allah
+beschütze mich vor ihm! -- den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du
+nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein
+Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar
+die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben
+sind!«
+
+Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Ägypten
+viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz,
+unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im
+Oriente viel sagen.
+
+Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder
+Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten.
+Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb
+gefüllte homöopatische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand
+gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf
+Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt
+meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine
+Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in
+den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil
+er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne.
+
+Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von
+Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir
+der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten
+beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst;
+er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons
+Münchhausen #senior# verfallen und versuchte nebenbei, durch eine
+Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte.
+
+So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohne eine
+Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte
+Ägypten von früherher und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht
+auszukommen sei, weil sie größere Wunder thue als Höflichkeit und Geld,
+von welchem letzteren mir allerdings kein großer Überfluß zur Verfügung
+stand.
+
+»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder;
+»aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich
+sehen und sprechen.«
+
+»Jetzt nicht.«
+
+»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre
+schenken möge.«
+
+»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein
+Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters?
+Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen
+verdankt?«
+
+»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon
+sein Name sagt.«
+
+»Sein Name? Was meinst du?«
+
+»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir,
+daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.«
+
+»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?«
+
+»Nein.«
+
+»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der
+tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm
+gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein
+Herr hat keine Zeit.«
+
+»So sage mir, Sihdi, was ich thun muß, um zu ihm zu kommen!«
+
+»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten
+der Weisheit erschließt?«
+
+»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.«
+
+»So schließe auf.«
+
+Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken.
+
+»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist,
+als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.«
+
+»So muß ich ihn vergrößern.«
+
+Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte
+ich lachen oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz
+außerordentlich geriebener Portier geworden!
+
+»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem
+Effendi auszurichten hast.«
+
+»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.«
+
+»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten,
+diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes
+von einer weißen Fee gebracht wird?«
+
+»Ist dies wahr?«
+
+»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
+al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht
+glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu
+kosten bekommen!«
+
+»Ich glaube es, Sihdi!«
+
+»Das ist dein Glück!«
+
+»Und werde dir noch zwei Piaster geben.«
+
+»Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?«
+
+»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.«
+
+»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee
+gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!«
+
+»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!«
+
+»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!«
+
+»Aber ich bitte dich -- -- --«
+
+»Packe dich!«
+
+»Soll ich dir noch einen Piaster geben?«
+
+»Ich nehme nicht einen mehr!«
+
+»Sihdi!«
+
+»Sondern zwei!«
+
+»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei
+Piaster.«
+
+»Schön! Also wer ist krank?«
+
+»Das Weib meines Herrn.«
+
+»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?«
+
+»Er hat nur diese eine.«
+
+»Und soll Mamur gewesen sein?«
+
+»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur
+diese.«
+
+»Was fehlt ihr?«
+
+»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch
+kränker.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der
+Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei
+dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als
+wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du
+nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den
+Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar
+noch mehr krank als ihr Leib?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu
+dem Effendi!«
+
+»Ich darf es nicht thun.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle
+der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch
+nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben,
+sonst würde die Fee nie wiederkommen.«
+
+Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen,
+fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken
+zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort:
+
+»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre
+Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr
+sprechen.«
+
+»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o
+Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr
+sprechen darf?«
+
+»Warum?«
+
+»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem
+Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Gehe fort!«
+
+»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen
+bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.«
+
+»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Ägypters, daß er deine Füße
+mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam
+aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!«
+
+»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat
+mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat
+mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch
+erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Ägypten nicht
+reicher geben würde.«
+
+Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger
+bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man
+ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort
+seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme:
+
+»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand
+ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so
+mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des
+Mokattam.«
+
+»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!«
+
+»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als
+freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines
+Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenig
+Tropfen Tau vom Himmel fallen!«
+
+»Hier hast du noch drei Tropfen!«
+
+»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein
+Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.«
+
+»Er giebt es.«
+
+»So warte!«
+
+Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue
+Fuchs! Übrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er
+einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine
+Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.
+
+Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war
+der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem
+weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den
+wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner
+Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigiebt, so handelte es
+sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht
+durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe
+Abrahim-Mamurs erhalten hatte.
+
+Halef Agha trat ein.
+
+»Schläfst du, Sihdi?«
+
+Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich
+selbst so nennen.
+
+»Nein. Was willst du?«
+
+»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot
+im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.«
+
+Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das
+versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit
+bringen und that, als ob ich nichts gehört hätte.
+
+»Was will er?«
+
+»Es ist jemand krank.«
+
+»Ist es notwendig?«
+
+»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde
+zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.«
+
+Hm, er war kein übler Diplomat!
+
+»Laß den Mann eintreten!«
+
+Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur
+Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn
+anreden würde.
+
+»Tritt näher!«
+
+»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen
+sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am
+Flusse wohnt.«
+
+»Was sollst du mir sagen?«
+
+»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn
+Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des
+Todes. Kein Arzt, kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt
+ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr -- den Allah erfreuen
+möge -- von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme
+flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau
+des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie
+der Glanz des Goldes.«
+
+Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig
+überschwänglich zu sein.
+
+»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von
+hier?«
+
+»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du
+bei ihm sein.«
+
+»Wer wird mich zurückfahren?«
+
+»Ich.«
+
+»Ich komme. Warte draußen!«
+
+Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein
+anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur,
+Pulsatilla und all' den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert
+Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von
+vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber
+stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die
+silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte,
+und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche
+Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung
+Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen.
+
+Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende
+Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in
+Berührung.
+
+Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und
+Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen
+emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein
+niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam
+nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits
+vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die
+quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.
+
+Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse
+unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen
+Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen
+brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu
+der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore
+ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.
+
+Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir
+seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten
+vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei
+einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich
+mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front,
+welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima des Landes hatte denn doch
+einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als
+daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen
+mögen.
+
+Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem
+Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung
+geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge
+nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von
+Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des
+betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung
+in die traurige tote Scene.
+
+Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen
+Thorgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis
+hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der
+Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf
+bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen,
+was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und
+Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau
+darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des
+Nils schadlos aushalten zu können.
+
+In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen
+jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen
+jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem
+Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des
+weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlük des Hauses.
+
+Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen
+vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuend gedämpftes Licht fiel. Durch
+die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen
+wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden
+Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer
+trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft,
+die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war.
+Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer
+Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem Abrahim-Mamur, der
+»Besitzer von vielen Beuteln«, saß.
+
+Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem
+Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so
+konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt,
+unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ
+mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen
+Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere
+folgen.
+
+Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen,
+denn jeder Kenner des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die
+Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange,
+wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr
+hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber noch war das
+Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein
+mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien
+wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich
+befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von
+zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten
+Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden
+Blick in das Gesicht!
+
+Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen,
+feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend,
+scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des
+kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie
+beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben
+diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß,
+die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig
+angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem
+Äußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches
+dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.
+
+Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur
+besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht
+gewesen.
+
+»Sallam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen,
+aber schwarzgefärbten Barte hervor.
+
+Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem
+dabei ein Schauer ankommen.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich.
+
+»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig
+träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre
+die Stimme seines Kummers!«
+
+»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem
+Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal
+der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten
+Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.
+
+»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse[21]
+hast du besucht?«
+
+ [21] Höhere Schule im Orient.
+
+»Keine.«
+
+»Keine?«
+
+»Ich bin kein Moslem.«
+
+»Nicht? Was sonst?«
+
+»Ein Nemsi!«
+
+»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den
+Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.«
+
+»Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.«
+
+Er blickte mir kalt in die Augen.
+
+»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer
+von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht
+entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit
+eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?«
+
+»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die
+Medizin.«
+
+»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn
+trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als
+hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und
+besiegen.«
+
+»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm
+allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«
+
+Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes
+Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu
+berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er
+sofort die Schwäche zu verbergen und befolgte meine Aufforderung:
+
+»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der
+zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?«
+
+Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher
+er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich
+ernst und antwortete ziemlich kalt:
+
+»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.«
+
+»Ihr seid doch ungläubig!«
+
+»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah
+nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit
+demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso
+nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der
+Höflichkeit verletzen.«
+
+»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe
+sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«
+
+»Ich erlaube es.«
+
+»Wenn das Weib eines Franken krank ist -- -- --«
+
+Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm
+nur, in seiner Rede fortzufahren.
+
+»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt --«
+
+»Keine?«
+
+»Nicht die geringste!«
+
+»Weiter!«
+
+»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert -- wenn sie
+müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt -- -- --«
+
+»Weiter!«
+
+»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht -- vor Kälte
+schauert und vor Hitze brennt -- -- --«
+
+»Ich höre. Fahre fort.«
+
+»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt -- wenn sie nichts
+wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens
+zittert -- -- --«
+
+»Immer weiter!«
+
+»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels -- wenn sie nicht
+lacht, nicht weint, nicht spricht -- wenn sie kein Wort der Freude und
+kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr
+vernimmt -- wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der
+Nacht wach in den Ecken kauert -- -- --«
+
+Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine
+Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten
+Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die
+Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast
+ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu
+wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.
+
+»Du bist noch nicht zu Ende!«
+
+»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr
+in die Brust gestoßen würde -- wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort
+flüstert --«
+
+»Welches Wort?«
+
+»Einen Namen.«
+
+»Weiter!«
+
+»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt -- -- --«
+
+Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte,
+meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein
+vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:
+
+»So wird sie sterben.«
+
+Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag
+getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir.
+Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die
+Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
+widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares
+Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der
+geniale Stift Doré's zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß
+und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder
+einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung
+dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so -- diabolisch. Sein Auge ruhte
+mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in
+einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.
+
+»Giaur!« donnerte er mich an.
+
+»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.
+
+»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll
+dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir
+befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so
+darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«
+
+Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in
+meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:
+
+»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«
+
+»Was?«
+
+»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was
+sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem
+Christen entblößest?«
+
+Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm
+dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.
+
+»Du mußt sterben, Giaur!«
+
+»Wann?«
+
+»Jetzt, sofort!«
+
+»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir
+beliebt.«
+
+»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«
+
+»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären
+gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen
+Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den 'Herdenwürgenden'
+getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein
+Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und
+wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«
+
+Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit
+einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück,
+denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen
+Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber,
+denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen
+die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten
+Unterhaltung vernehmen solle.
+
+Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor
+den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir
+beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich
+ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein
+zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte
+mit ihr sprechen.
+
+»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.
+
+»Ja.«
+
+»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«
+
+»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«
+
+»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!«
+
+»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«
+
+»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«
+
+»Wo?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Wann?«
+
+»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten
+war.«
+
+»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft
+gut enden würde. Du hast mich 'Hund' genannt, und ich sage dir, daß dir
+im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast,
+meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«
+
+»Ich werde meine Diener rufen!«
+
+»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie
+zu legen.«
+
+»Oho, du bist kein Gott!«
+
+»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«
+
+Er lächelte verächtlich.
+
+»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist
+nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden
+deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod
+bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr
+erhalte dich!«
+
+Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu.
+
+»Bleib!« rief er.
+
+Ich schritt dennoch weiter.
+
+»Bleib!« rief er gebieterischer.
+
+Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um.
+
+»So stirb, Giaur!«
+
+Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite
+auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der
+Wand.
+
+»Jetzt bist du mein, Bube!«
+
+Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn
+erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.
+
+Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine
+Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten
+geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den
+Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.
+
+»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht
+wieder, sie zu reizen!«
+
+»Mensch!«
+
+»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn
+mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der
+Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«
+
+»Zauberer!«
+
+»Warum?«
+
+»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und
+du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«
+
+»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein
+Weib, erhalten können.«
+
+Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.
+
+»Wer hat dir diesen Namen genannt?«
+
+»Dein Bote.«
+
+»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«
+
+»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot
+sein kann.«
+
+Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug
+er die Hände vor das Gesicht.
+
+»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«
+
+»Es ist wahr.«
+
+»Kann sie nicht gerettet werden?«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu
+helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«
+
+»Ich bin bereit.«
+
+»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.«
+
+»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann.
+Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!«
+
+Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.
+
+»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt,
+daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf
+welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«
+
+»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den
+Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was
+ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu
+fragen.«
+
+»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«
+
+»Nein.«
+
+»Auch nicht durch Worte?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder durch das Gebet?«
+
+»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie
+gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«
+
+»Welche Mittel sind es?«
+
+»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir
+ausziehen.«
+
+»Es sind keine Gifte?«
+
+»Ich vergifte keinen Kranken.«
+
+»Kannst du das beschwören?«
+
+»Vor jedem Richter.«
+
+»Und du mußt mit ihr sprechen?«
+
+»Ja.«
+
+»Was?«
+
+»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit
+zusammenhängt.«
+
+»Nach andern Dingen nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«
+
+»Ich bin es zufrieden.«
+
+»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«
+
+»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in
+dem Zimmer auf und ab gehen.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die
+Krankheit betrifft.«
+
+»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«
+
+»Das darf nicht sein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer
+betrachten.«
+
+»Aus welchem Grunde?«
+
+»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen
+entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«
+
+»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?«
+
+ [22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige,
+ Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die
+ Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses
+ abgesondert ist.
+
+»Ja.«
+
+»Ein Ungläubiger?«
+
+»Ein Christ.«
+
+»Ich erlaube es nicht!«
+
+»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«
+
+Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der
+Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit
+leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung
+glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines
+Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte
+ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder
+bis zur Thür gehen, dann aber rief er:
+
+»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«
+
+Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu
+lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich
+zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie
+gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden
+ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge
+mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen
+Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste
+Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich
+ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren
+Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in
+dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen
+unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die
+Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen
+Umständen begegnet seien.
+
+Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen,
+denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann
+Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.
+
+Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck
+fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund,
+und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch
+hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:
+
+»Du sollst zu ihr gehen -- --«
+
+»Du versprachst es bereits.«
+
+»Und ihre Zimmer sehen -- --«
+
+»Natürlich.«
+
+»Auch sie selbst -- -- --«
+
+»Verschleiert und eingehüllt.«
+
+»Und mit ihr sprechen.«
+
+»Das ist notwendig.«
+
+»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit
+aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort
+sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir
+nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und
+wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen
+sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und
+bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«
+
+ [23] Plural von Sura, die Strophe.
+
+Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese
+Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn
+sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja
+gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur
+konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer
+Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein
+dunkler Punkt zu finden sei.
+
+»Ist es Zeit?« fragte ich.
+
+»Komm!«
+
+Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.
+
+Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in
+denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann
+betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun
+folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach
+benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie
+sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.
+
+»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon
+der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit
+einem halb spöttischen Lächeln.
+
+»Und das Gemach nebenan -- --?«
+
+»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß
+mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem
+Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig,
+bis ich wiederkomme!«
+
+Er trat hinaus, und ich war allein.
+
+Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die
+Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte
+meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins
+Wanken.
+
+Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe
+Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer,
+der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.
+
+»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«
+
+»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«
+
+»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.«
+
+Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine
+Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts
+war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden
+Füße.
+
+Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig
+befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich,
+mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in
+eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig
+in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur
+die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der
+Arm war in derselben Weise verhüllt.
+
+Ich wandte mich zu Abrahim.
+
+»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich kann den Puls nicht fühlen.«
+
+»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.
+
+Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes
+Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen
+erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen
+mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr
+Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß
+zu fühlen, sondern auch zu hören, und -- täuschte ich mich nicht -- da
+wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:
+
+»Kurtar Senitzaji -- rette Senitza!«
+
+»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.
+
+»Ja.«
+
+»Was fehlt ihr?«
+
+»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt,
+aber -- -- -- ich werde sie retten.«
+
+Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie
+als an ihn.
+
+»Wie heißt das Übel?«
+
+»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.«
+
+»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«
+
+»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir
+gehorsam seid.«
+
+»Worin soll ich dir gehorchen?«
+
+»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«
+
+»Das werde ich thun.«
+
+»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.«
+
+»Das soll geschehen.«
+
+»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«
+
+»Du? Weshalb?«
+
+»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«
+
+»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«
+
+»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu
+beurteilen vermagst.«
+
+»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«
+
+»Nur das, was du mir erlaubst.«
+
+»Und wo soll es geschehen?«
+
+»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«
+
+»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«
+
+»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer
+Krankheit -- -- frei.«
+
+»So gieb ihr die Medizin.«
+
+»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem
+Diener.«
+
+»So komm!«
+
+Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied
+von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor
+und wagte die drei Silben:
+
+»Eww' Allah, mit Gott!«
+
+Sofort aber fuhr er herum:
+
+»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«
+
+»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß
+sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man
+nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«
+
+»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken
+braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«
+
+Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der
+alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen
+Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.
+
+»Wann wirst du morgen kommen?«
+
+»Um dieselbe Stunde.«
+
+»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für
+heute?«
+
+»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir
+beliebt.«
+
+Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor,
+nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.
+
+»Hier, nimm du!«
+
+Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine
+große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das
+Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:
+
+»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe
+sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die
+erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch
+bei mir!«
+
+Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein
+Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein
+befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.
+
+»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse
+sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«
+
+»Hadschi Halef Omar!«
+
+»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«
+
+»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«
+
+»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«
+
+»Noch fünfmal vielleicht.«
+
+»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht
+noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob
+es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.«
+
+Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten.
+Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging
+es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir
+nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.
+
+Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer
+Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt,
+ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche
+lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein:
+
+»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.«
+
+Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell
+um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht
+gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater
+der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht
+hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten
+zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und
+ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier
+wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief
+dann zum Deck empor.
+
+»Hassan el Reïsahn, ohio!«
+
+Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:
+
+»Wer ist -- -- o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der
+Nemsi Kara Effendi?«
+
+»Er ist es, Abu Hassan.«
+
+»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«
+
+Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.
+
+»Was thust du hier?« fragte er mich.
+
+»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«
+
+»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung
+Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier
+anlegen.«
+
+»Wie lange bleibst du hier?«
+
+»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«
+
+»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«
+
+»Hast du einen guten Wirt?«
+
+»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr
+zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«
+
+ [24] Dorfrichter.
+
+»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«
+
+»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du
+wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«
+
+»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«
+
+»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«
+
+»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.«
+
+ [25] Vorstadt von Kairo mit Hafen.
+
+Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.
+
+»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«
+
+»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn
+ich es habe oder kann!«
+
+»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«
+
+»Kann ich es erfüllen?«
+
+»Ja.«
+
+»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«
+
+»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«
+
+»Ich komme und -- -- doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen
+bin.«
+
+»Wo?«
+
+»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«
+
+»Bei dem Scheik el Belet?«
+
+»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir
+gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und
+einen Platz für seinen Diener gemietet.«
+
+»Was ist er?«
+
+»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«
+
+»Aber sein Diener konnte es sagen.«
+
+Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.
+
+»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von
+keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und
+giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen
+unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner,
+heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen
+sein wird.«
+
+»So wirst du also nicht zu mir kommen?«
+
+»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah
+behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«
+
+Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte
+mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige
+Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn
+bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.
+
+»Sallam aaleïkum.«
+
+»Aaleïkum.«
+
+»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«
+
+»Wozu?«
+
+»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung
+gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«
+
+»Wo liegt diese Wohnung?«
+
+»Droben.«
+
+»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.«
+
+»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr
+viel zu pfeifen und zu singen scheint.«
+
+»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«
+
+Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber
+doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte
+zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen
+her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen.
+
+»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der
+Stimme Halef, meinen kleinen Diener.
+
+»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der
+andere.
+
+»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.
+
+»Ich auch!«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«
+
+»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«
+
+»Ein Agha?«
+
+»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.«
+
+»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?«
+
+»Alles.«
+
+»Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen Einzigen, der alles
+kurieren kann.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Ich.«
+
+»So bist du auch ein Arzt?«
+
+»Nein. Ich bin auch der Beschützer meines Herrn.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.«
+
+»Ihr konntet draußen bleiben.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt.
+Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Er ist, er ist -- -- mein Herr, aber nicht dein Herr.«
+
+»Schlingel!«
+
+Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst
+indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und
+pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen;
+nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein
+Lied.
+
+Ich wäre vor freudiger Überraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text
+der beiden Strophen, welche er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er
+sich bediente:
+
+ »Fid-dagle ma tera jekun?
+ Chammin hu Nabuliun.
+ Ma balu-hu jedubb hena?
+ Kussu-hu, ja fitjanena!
+
+ Gema'a homr el-elbise
+ Wast el-chala muntasibe.
+ Ma bal hadolik wakifin?
+ Hallu-na nenzor musri' in!«
+
+Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten,
+klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als:
+
+ »Was kraucht nur dort im Busch herum?
+ Ich glaub', es ist Napolium.
+ Was hat er nur zu krauchen dort?
+ Frisch auf, Kam'raden, jagt ihn fort!
+
+ Wer hat nur dort im off'nen Feld'
+ Die roten Hosen hingestellt?
+ Was haben sie zu stehen dort?
+ Frisch auf, Kam'raden, jagt sie fort!«
+
+Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für
+Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Thür,
+öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue
+Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf
+dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung.
+
+Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als
+ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte:
+
+»Gefällt es dir, Effendi?«
+
+»Sehr! Woher hast du das Lied?«
+
+»Selbst gemacht.«
+
+»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?«
+
+»Selbst gemacht, erst recht!«
+
+»Lügner!«
+
+»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!«
+
+»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese
+Melodie kenne ich.«
+
+»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.«
+
+»Und von wem hast du sie gehört?«
+
+»Von niemand.«
+
+»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem
+deutschen Liede.«
+
+»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!«
+
+»Das Lied heißt:
+
+ »Was kraucht nur dort im Busch herum?
+ »Ich glaub', es ist -- -- --«
+
+»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone,
+da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man
+vielleicht een Deutscher?«
+
+»Versteht sich!«
+
+»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr
+Hekim-Baschi?«
+
+»Aus Sachsen.«
+
+»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede 'n Ofen einreißen! Und
+Sie sind man wohl een Türke jeworden?«
+
+»Nein. Sie sind ein Preuße?«
+
+»Dat versteht sich! Een Preuße aus'n Jüterbock.«
+
+»Wie kommen Sie hierher?«
+
+»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.«
+
+»Was sind Sie ursprünglich?«
+
+»Balbier unjefähr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme, und da jing ich
+in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.«
+
+»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?«
+
+»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben
+Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.«
+
+»Was thut er hier?«
+
+»Weeß ich's? Er sucht wat.«
+
+»Was denn?«
+
+»Wird wohl vielleicht 'n Frauenzimmer sein.«
+
+»Ein Frauenzimmer? Das wär' doch sonderbar!«
+
+»Wird aber doch wohl zutreffen.«
+
+»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?«
+
+»Ne Montenegrinerin, 'ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat
+ausjesprochen wird.«
+
+»Wa--a--as? Senitza heißt sie?«
+
+»Ja.«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens thut er stets
+-- -- halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß 'nauf!«
+
+Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer
+auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbogk, der sich so
+poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit
+mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile
+eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte.
+Unglücklicher Weise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder
+Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen
+nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur
+erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte,
+blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz
+abzubrechen.
+
+So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen
+schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat
+bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann
+zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterbogker Türken
+zanken.
+
+»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan.
+
+»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser
+auspumpen. Allah giebt morgen wieder einen Tag.«
+
+»Und wann fährst du ab?«
+
+»Übermorgen früh.«
+
+»Du würdest mich mitnehmen?«
+
+»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.«
+
+»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?«
+
+»Meine Dahabïe hat noch viel Platz. Wer ist es?«
+
+»Kein Mann, sondern ein Weib.«
+
+»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?«
+
+»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.«
+
+»Der auch mitfahren wird?«
+
+»Nein.«
+
+»So hast du sie ihm abgekauft?«
+
+»Nein.«
+
+»Er hat sie dir geschenkt?«
+
+»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es
+weiß?«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Mann, weißt du, was das ist?«
+
+»Nun?«
+
+»Eine Tschikarma, eine Entführung!«
+
+»Allerdings.«
+
+»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist
+dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen
+willst?«
+
+»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist
+mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.«
+
+»Öffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!«
+
+Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte
+mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich.
+
+»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!«
+
+»Wohin?«
+
+»Das sollst du sogleich sehen.«
+
+Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf
+in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend,
+daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln
+angemeldet hatten.
+
+Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht
+sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er
+rauchte, sagte mir, daß der Jüterbogker mit seinem »schauderhaftes Jeld«
+wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische
+Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm
+mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort:
+
+»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist
+Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.«
+
+»Seid mir beide willkommen und setzt euch!« erwiderte der junge Mann.
+
+Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen,
+daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne
+weiteres bei ihm einzuführen.
+
+»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte.
+
+»Gern. Sage mir, was ich thun soll.«
+
+»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt
+hast!«
+
+In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus.
+
+»Hassan el Reïsahn«, meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast
+doch bereits geplaudert!«
+
+»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!«
+
+»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm
+reden soll?«
+
+»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des
+Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu
+erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren
+bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir
+vielleicht Auskunft geben kann.«
+
+Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor.
+
+»Ist's wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?«
+
+»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher
+auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du
+zuerst!«
+
+»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde
+ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!«
+
+»Ich begehre keinen Lohn. Rede!«
+
+»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.«
+
+»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.«
+
+»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.«
+
+»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?«
+
+»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie
+duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang
+der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß
+ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von
+Worten der Güte, und ihre Augen -- -- --«
+
+Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes.
+
+»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange.
+Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des
+Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?«
+
+»Seit zwei Monden.«
+
+»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?«
+
+»O, Effendi, was sollte dies sein?«
+
+»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette -- -- --«
+
+»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war
+wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.«
+
+»Ich habe ihn gesehen.«
+
+»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?«
+
+»Heute, vor wenigen Stunden.«
+
+»Wo?«
+
+»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.«
+
+Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände
+auf die Schultern.
+
+»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?«
+
+»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.«
+
+»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.«
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend
+Piaster, wenn du mich zu ihr führst!«
+
+»Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst, so kann ich dich heute
+nicht zu ihr bringen.«
+
+»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?«
+
+»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell
+handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.«
+
+»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.«
+
+»Brenne deine Pfeife an!«
+
+»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß -- -- --«
+
+»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.«
+
+»Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.«
+
+Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine
+glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken.
+
+»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf.
+
+»Heute schickte ein reicher Ägypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein
+Weib krank sei -- -- --«
+
+»Sein Weib -- -- --!«
+
+»So ließ er mir sagen.«
+
+»Du gingst?«
+
+»Ich ging.«
+
+»Wer ist dieser Mann?«
+
+»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem
+einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.«
+
+»Es wird von einer Mauer umgeben?«
+
+»Ja.«
+
+»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile
+abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist
+sie wirklich sein Weib?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.«
+
+»Und krank ist sie?«
+
+»Sehr.«
+
+»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses
+widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?«
+
+»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in
+Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald
+geschieht.«
+
+»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?«
+
+»Nein, ich habe es beobachtet.«
+
+»Du hast sie gesehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Belauscht?«
+
+»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken
+sprechen könne.«
+
+»Er selbst? Unmöglich!«
+
+»Er liebt sie -- --«
+
+»Allah strafe ihn!«
+
+»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder
+fortschickte.«
+
+»So sprachst du auch mit ihr?«
+
+»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir
+leise zuzuflüstern: »Rette Senitza.« Sie trägt also diesen Namen,
+obgleich er sie Güzela nennt.«
+
+»Was hast du ihr geantwortet?«
+
+»Daß ich sie retten werde.«
+
+»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und
+entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir
+wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen
+gehalten wird!«
+
+»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und -- -- --«
+
+»Ich gehe mit, Sihdi!«
+
+»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?«
+
+»Sie kennt ihn sehr gut.«
+
+»Willst du mir ihn anvertrauen?«
+
+»Gern. Aber wozu?«
+
+»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen,
+daß sie den Ring zu sehen bekommt.«
+
+»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der
+Nähe bin. Aber dann?«
+
+»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.«
+
+»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in
+Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den
+Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen
+Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza,
+als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. Ich sah sie
+später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den
+schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu
+besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die
+Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!«
+
+»Wohin?«
+
+»Niemand wußte es.«
+
+»Auch ihre Eltern nicht?«
+
+»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um
+nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte
+nach Ägypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem
+Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal[26], auf welchem ich
+war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich
+blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht
+genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den
+Jaschmak sofort wieder überwarf -- weiter sah ich nichts. Seit dieser
+Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.«
+
+ [26] Kleines Segelschiff.
+
+»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder
+gezwungen verlassen hat?«
+
+»Freiwillig nicht.«
+
+»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?«
+
+»Nein.«
+
+»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht
+ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.«
+
+»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?«
+
+»Das ist wahr.«
+
+»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?«
+
+»Ja.«
+
+»Wirst du dein Wort halten?«
+
+»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.«
+
+»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es
+ist?«
+
+»Dein Ring wird mir die Überzeugung geben.«
+
+»Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?«
+
+»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.«
+
+»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.«
+
+»Und dann? Hassan el Reïsahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabïe
+aufzunehmen?«
+
+»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich
+befindet.«
+
+»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.«
+
+»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz gewesen ist,
+so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte
+der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode
+beftraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und
+vorsichtig handeln müssen.«
+
+Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als
+vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine
+Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die
+Kranke geltend machen könnte.
+
+Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und
+trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß
+Isla keine Ruhe finden werde.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Eine Entführung.
+
+
+Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich
+mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte.
+Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch
+den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am
+Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen
+Liedern erschöpfen zu wollen.
+
+Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu
+unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen
+Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit
+meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was
+für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde.
+
+Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und
+als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches
+mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach
+demselben gehalten.
+
+»Effendi, fahre ich mit?« fragte er.
+
+Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:
+
+»Heute brauche ich dich nicht.«
+
+»Wie? du brauchst mich nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn dir nun etwas begegnet!«
+
+»Was soll mir begegnen?«
+
+»Du kannst in das Wasser fallen.«
+
+»So schwimme ich.«
+
+»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er
+dein Freund nicht ist.«
+
+»So könntest du mir auch nicht helfen.«
+
+»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit
+verlassen kannst!«
+
+»So komm!«
+
+Es war ihm natürlich sehr um sein Bakschisch[27] zu thun.
+
+ [27] Trinkgeld.
+
+Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute
+natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im
+Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich
+lange Stangen. Sowohl das Außen- wie auch das Innenthor wurden immer mit
+breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir
+genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer
+erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin
+elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben
+schliefen. Der Herr selbst schlief stets auf dem Diwan seines Selamlük.
+
+Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren
+Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen
+hatte.
+
+»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.«
+
+»So!«
+
+»Sie hat bereits gestern schon gegessen.«
+
+»Ah!«
+
+»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.«
+
+»Freundlich?«
+
+»Freundlich und viel.«
+
+»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen
+vollständig gesund.«
+
+»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.«
+
+»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?«
+
+Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.
+
+»Die Ärzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!«
+
+»Wißbegierig nur; aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder
+die Gesundheit, denen eure Ärzte nicht helfen könnten.«
+
+»War deine Frage wirklich notwendig?«
+
+»Ja!«
+
+»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.«
+
+»So ist die Hilfe sicher.«
+
+Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern
+warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich
+genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert.
+Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen
+konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell
+entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß
+es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien
+Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.
+
+Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte
+ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben
+hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an
+ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat
+Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging,
+sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen -- sie
+hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der
+unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für
+jetzt weiter nichts mehr hier zu thun.
+
+Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.
+
+»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen
+Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits
+gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit
+Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.«
+
+Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlük harrte Halef
+bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der
+kleine Agha ein noch größeres Bakschisch als gestern erhielt. Dann ging
+es wieder stromabwärts zurück.
+
+Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.
+
+»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen.
+
+»Ja.«
+
+»Erkannte sie den Ring?«
+
+»Sie erkannte ihn.«
+
+»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!«
+
+»Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß
+sie heute nacht errettet wird.«
+
+»Aber wie?«
+
+»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?«
+
+»Ich werde fertig bis zum Abend.«
+
+»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?«
+
+»Ja.«
+
+»So hört mich! In das Haus führen zwei Thüren, welche aber von innen
+verriegelt sind; durch sie können wir nicht eindringen. Aber es giebt
+noch einen zweiten Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei,
+kannst du schwimmen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut. Es führt ein Kanal aus dem Nil unter den Mauern hinweg nach einem
+Bassin, welches in der Mitte des Hofes sich befindet. Kurz nach
+Mitternacht, wenn alles schläft, treffen wir dort ein, und du dringst
+durch den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Thüre, welche du sofort
+finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen, der sehr leicht
+zurückzuschieben ist. Indem du öffnest, kommst du in den Garten, dessen
+Thüre auf gleiche Weise sich öffnen läßt. Sobald die Thüren offen sind,
+trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten und lehnen sie an
+die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen, hinter welchem die
+Frauengemächer liegen. Ich habe es bereits von innen geöffnet.«
+
+»Und dann?«
+
+»Was dann geschehen soll, muß sich nach den Umständen richten. Wir
+fahren mit einem Boote bis an Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit
+sein muß, das Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so daß er uns nicht
+verfolgen kann. Unterdessen macht der Reïs seine Dahabïe segelfertig.«
+
+Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den Riß des Hauses auf ein
+Blatt Papier, so daß Isla Ben Maflei vollständig orientiert war, wenn er
+heute abend aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter den
+notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und als es Zeit wurde, rief
+ich Halef herein und gab ihm die nötigen Weisungen für das bevorstehende
+Abenteuer.
+
+Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen. Die Wohnungsmiete war
+schon voraus bezahlt.
+
+Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald mit den Sachen nach.
+Das Schiff war bereit zur Fahrt und brauchte nur vom Ufer gelöst zu
+werden. Nach einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein,
+der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen wir in das lange,
+schmale Boot, welches zur Dahabïe gehörte. Die beiden Diener mußten
+rudern, und ich lenkte das Steuer.
+
+Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen
+ruht, als gebe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges
+drohendes Element.
+
+Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten,
+waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus
+dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen
+Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese
+Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies
+zu glauben.
+
+Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt
+ja _vor_ einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar
+bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann
+ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht
+gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor
+Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse
+lagen und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote
+standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst
+konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten,
+und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter
+seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen.
+
+Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes
+aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze
+Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus,
+um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht
+die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles
+in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den
+Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn.
+
+»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein
+wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber
+können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr
+nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen
+können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!«
+
+Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser
+blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein
+und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine
+Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.
+
+»Wird es gehen?« fragte ich ihn.
+
+»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel
+Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.«
+
+»Bist du noch entschlossen?«
+
+»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi, wohlan!«
+
+Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der
+Maueröffnung, durch welche das Wasser führte.
+
+Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine
+Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes
+geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich
+hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der
+Kopf des Schwimmers in der Öffnung wieder erschien.
+
+»Du kehrst zurück?«
+
+»Ja, ich konnte nicht weiter.«
+
+»Warum?«
+
+»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!«
+
+»Weshalb nicht?«
+
+»Die Mauer ist zu hoch -- -- --«
+
+»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist
+fest verschlossen.«
+
+»Und der Kanal auch.«
+
+»Verschlossen?«
+
+»Ja.«
+
+»Womit?«
+
+»Mit einem starken Holzgitter.«
+
+»Konntest du es nicht entfernen?«
+
+»Es widersteht aller meiner Kraft.«
+
+»Wie weit ist der Ort von hier?«
+
+»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.«
+
+»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und
+erwarte mich hier.«
+
+Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den
+Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht
+offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner
+Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es
+war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut
+eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer
+befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa
+Ratten, Wassermäuse u. s. w. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte
+daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen
+nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden
+Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die
+Mauer -- ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war
+eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe
+herausgerissen, so daß eine Öffnung entstanden war, durch welche ich
+mich zwängen konnte.
+
+Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn
+das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser
+und kannte ja auch die Örtlichkeit genauer als er. Ich passierte also
+die Öffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in
+dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als
+ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe
+befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche
+des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des
+Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre,
+welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige
+Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser
+durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst
+unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war.
+Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg
+stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nötigen
+Atem zu holen? -- -- Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es war
+doch immerhin möglich, daß sich jemand in dem Hofe befand.
+
+Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll
+Atem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend und
+halb gehend, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts.
+
+Eine ziemliche Strecke legte ich so zurück, und schon verspürte ich den
+eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand wirklich an ein neues
+Hindernis stieß. Es war, wie ich fühlte, ein aus einem durchlöcherten
+Blech bestehendes Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalröhre
+einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher oder Filter des
+schlammigen, trüben Wassers dienen sollte.
+
+Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Ängstlichkeit
+meiner.
+
+Zurück konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle zu erreichen
+vermochte, wo die höhere Wölbung des Kanals mir gestattet hätte,
+emporzutauchen und Atem zu schöpfen, war ich jedenfalls schon erstickt,
+und doch schien das ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu
+sein. Hier gab es freilich nur zwei Fälle: entweder es gelang mir,
+hindurchzukommen, oder ich mußte elend ertrinken. Es war kein Augenblick
+zu verlieren.
+
+Ich stemmte mich gegen das Blech -- vergebens; ich drückte und preßte mit
+aller Gewalt dagegen, doch ohne Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und
+hinter ihm nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch
+verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft für eine Sekunde; es war
+mir, als wolle eine fürchterliche Gewalt mir die Lunge zerbersten und
+den Körper zersprengen -- noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung;
+Herr Gott im Himmel, hilf, daß es mir gelingt! Ich fühle den Tod mit
+nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen; er packt es mit
+grausamer, unerbittlicher Faust und drückt es vernichtend zusammen; die
+Pulse stocken, die Besinnung schwindet, die Seele sträubt sich mit aller
+Gewalt gegen das Entsetzliche, eine krampfhafte, tödliche Expansion
+dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus -- ich höre einen Krach,
+kein Geräusch, aber der Kampf des Todes hat vermocht, was dem Leben
+nicht gelingen wollte -- das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fuhr
+empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir augenblicklich das
+Leben wiederbrachte, dann tauchte ich wieder unter. Es konnte ja jemand
+im Hofe sein und meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen
+Wasserfläche sichtbar geworden war. Am Rande derselben kam ich
+vorsichtig wieder auf und blickte mich um.
+
+Es schien kein Mond, aber die Sterne des Südens verbreiteten ein
+genügendes Licht, um alle Gegenstände unterscheiden zu können. Ich stieg
+aus dem Bassin und wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich
+ein leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern, hinter
+denen die Frauengemächer lagen. Hier, rechts über mir war die Stelle, an
+welcher ich den Riegelstab entfernt hatte, und links davon bemerkte ich
+eine Spalte in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich nicht
+hatte treten dürfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer Senitzas. War
+sie wach geblieben, um mich zu erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter,
+welches sie auch in ihrer Stube geöffnet hatte? War dies der Fall, so
+hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt wieder
+zurückgezogen, da sie mich unmöglich erkennen konnte.
+
+Ich schlich näher und legte die Hände rund um den Mund.
+
+»Senitza!« flüsterte ich leise.
+
+Da wurde die Spalte größer und ein dunkles Köpfchen erschien.
+
+»Wer bist du?« hauchte es herab.
+
+»Der Hekim, welcher bei dir war.«
+
+»Du kommst, mich zu retten?«
+
+»Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?«
+
+»Ja. Bist du allein?«
+
+»Isla Ben Maflei ist draußen.«
+
+»Ach! Er wird getötet werden!«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Abrahim. Er schläft nicht des Nachts; er wacht. Und die Wärterin
+liegt in dem Raume neben mir. Halt -- horch! Oh, fliehe schnell!«
+
+Dort hinter der Thür, welche zum Selamlük führte, ließ sich ein Geräusch
+vernehmen. Die Spalte oben schloß sich, und ich eilte augenblicklich zum
+Bassin zurück. Dort war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte.
+Vorsichtig, damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die mich
+verraten hätten, glitt ich hinein.
+
+Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Thür, und es erschien die
+Gestalt Abrahims, der langsam und spähend den Hof umschritt. Ich stand
+bis zum Munde im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung
+verborgen, so daß mich der Ägypter nicht gewahr werden konnte. Dieser
+überzeugte sich, daß das Thor noch verschlossen sei, und verschwand,
+nachdem er die Runde vollendet hatte, wieder in dem Selamlük.
+
+Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum Thore, schob den Riegel
+zurück und öffnete. Ich stand im Garten. Rasch eilte ich quer über
+denselben hinweg, um nun auch das Mauerthor zu öffnen, und dann wollte
+ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als dieser eben
+erschien.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir gelungen.«
+
+»Ja. Aber ich kämpfte mit dem Tode. Gieb mir mein Gewand!«
+
+Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf nur die Jacke über, um
+nicht in meinen Bewegungen gehindert zu sein, und sagte ihm:
+
+»Ich sprach bereits mit Senitza.«
+
+»Ist es wahr, Effendi?«
+
+»Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.«
+
+»O komm! Schnell, schnell!«
+
+»Warte noch!«
+
+Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu holen, welche ich gleich
+bei meiner ersten Anwesenheit bemerkt hatte. Dann traten wir in den Hof.
+Die Spalte oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder geöffnet.
+
+»Senitza[28], mein Stern, mein -- --« rief Isla mit unterdrückter Stimme,
+als ich emporgezeigt hatte. Ich unterbrach ihn:
+
+ [28] Senitza ist serbisch und heißt deutsch Augapfel.
+
+»Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit zu Herzensergüssen. Du
+schweigst, und nur ich rede!«
+
+Dann wandte ich mich empor zu ihr:
+
+»Bist du bereit, mit uns zu gehen?«
+
+»Oh, ja!«
+
+»Durch die Zimmer geht es nicht?«
+
+»Nein. Aber drüben hinter den hölzernen Säulen liegt eine Leiter.«
+
+»Ich hole sie!«
+
+Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten Strick. Ich
+ging und fand die Leiter. Sie war fest. Als ich sie angelehnt hatte,
+stieg Isla empor. Ich schlich unterdessen nach der Thür zum Selamlük, um
+zu horchen.
+
+Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des Mädchens erscheinen sah.
+Sie stieg herab, und Isla unterstützte sie dabei. In dem Augenblicke, in
+welchem sie den Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Stoß; sie
+schwankte und stürzte mit einem lauten Krach zu Boden.
+
+»Flieht! Schnell nach dem Boote!« warnte ich.
+
+Sie eilten nach dem Thore, und zu gleicher Zeit hörte ich Schritte
+hinter der Thür. Abrahim hatte das Geräusch vernommen und kam herbei.
+Ich mußte den Fliehenden den Rückzug decken und folgte ihnen also mit
+nicht zu großer Schnelligkeit. Der Ägypter bemerkte mich, sah auch die
+umgestürzte Leiter und das geöffnete Gitter.
+
+Er stieß einen Schrei aus, der von allen Bewohnern des Hauses gehört
+werden mußte.
+
+»Chirsytz, hajdut, Dieb, Räuber, halt! Herbei, herbei, ihr Männer, ihr
+Leute, ihr Sklaven! Hilfe!«
+
+Mit diesen laut gebrüllten Worten sprang er hinter mir her. Da der
+Orient keine Betten nach Art der unseren kennt und man meist in den
+Kleidern auf dem Diwan schläft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald
+auf den Beinen.
+
+Der Ägypter war hart hinter mir. Am Außenthore blickte ich mich um. Er
+war nur zehn Schritte von mir entfernt, und dort an dem inneren Thore
+erschien bereits ein zweiter Verfolger.
+
+Draußen bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei mit Senitza fliehen;
+ich wandte mich also nach links. Abrahim ließ sich täuschen. Er sah
+nicht sie, sondern nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke,
+in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses, während unser
+Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte ich um die zweite Ecke, das
+Ufer entlang.
+
+»Halt, Bube! Ich schieße!« erscholl es hinter mir.
+
+Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte weiter. Traf mich
+seine Kugel, so war ich tot oder gefangen, denn hinter ihm folgten seine
+Diener, wie ich aus ihrem Geschrei vernahm. Der Schuß krachte. Er hatte
+im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Geschoß flog an
+mir vorüber. Ich that, als sei ich getroffen, und warf mich zur Erde
+nieder.
+
+Er stürzte an mir vorbei, denn er hatte nun das Boot bemerkt, in welches
+Isla eben mit Senitza einstieg. Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf.
+Mit einigen weiten Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im Nacken
+und warf ihn nieder.
+
+Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter mir, sie waren mir
+sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen Zeit und Raum verloren hatte;
+aber ich erreichte den Kahn und sprang hinein. Sofort stieß Halef vom
+Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootslängen entfernt waren, als
+die Verfolger dort ankamen.
+
+Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er überblickte die ganze
+Situation.
+
+»Geri,« brüllte er; »geri erkekler -- zurück, zurück, ihr Männer! --
+Zurück, nach dem Boote!«
+
+Alle wandten sich um in der Richtung nach dem Kanale, wo ihr Kahn
+gelegen hatte. Abrahim kam zuerst dort an und stieß einen Schrei der Wut
+aus. Er sah, daß das Boot verschwunden war.
+
+Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gewässer des Ufers verlassen und
+das schneller strömende Wasser erreicht; Halef und der Barbier aus
+Jüterbogk ruderten; auch ich nahm eines der aus dem Boote Abrahims
+genommenen Ruder; Isla that dasselbe, und so schoß unser Kahn sehr
+schnell stromabwärts.
+
+Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung war nicht danach, in
+Worte gefaßt zu werden.
+
+Während des ganzen Abenteuers war doch eine längere Zeit vergangen, so
+daß jetzt bereits sich der Horizont rötete und man die nebellosen
+Wasser des Niles weithin zu überblicken vermochte. Noch immer sahen wir
+Abrahim mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien ein
+Segel, welches in dem Morgenrot erglühte.
+
+»Ein Sandal!« meinte Halef.
+
+Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten, stark bemannten Barken,
+welche so schnell segeln, daß sie fast mit einem Dampfer um die Wette
+gehen.
+
+»Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben verfolgen,« sagte
+Isla.
+
+»Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht auf ihn hört!«
+
+»Wenn Abrahim dem Reïs eine genügende Summe bietet, wird dieser sich
+nicht weigern.«
+
+»Auch in diesem Falle würden wir einen guten Vorsprung gewinnen. Ehe der
+Sandal anlegt und der Reïs mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige
+Zeit. Auch muß sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem
+versehen, was zu einer längeren Reise notwendig ist, da er nicht wissen
+kann, welche Ausdehnung die Verfolgung haben wird.«
+
+Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir machten eine so
+schnelle Fahrt, daß wir nach kaum einer halben Stunde die Dahabïe zu
+Gesicht bekamen, welche uns weiter tragen sollte.
+
+Der alte Abu el Reïsahn lehnte an der Brüstung des Sternes. Er sah, daß
+eine weibliche Person im Boote saß, und wußte also, daß unser
+Unternehmen gelungen sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick.
+
+»Legt an,« rief er. »Die Treppe ist niedergelassen!«
+
+Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am Steuer befestigt. Dann ließ
+man die Seile gehen und zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den
+Schnabel vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und wir
+strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun abwärts trug.
+
+Ich war zum Reïs getreten.
+
+»Wie ging es?« fragte er mich.
+
+»Sehr gut. Ich werde es dir erzählen; doch sage mir vorher, ob ein guter
+Sandal dein Fahrzeug einholen könnte.«
+
+»Werden wir verfolgt?«
+
+»Ich glaube es nicht, doch ist es möglich.«
+
+»Meine Dahabïe ist sehr gut, aber ein guter Sandal holt jede Dahabïe
+ein.«
+
+»So wollen wir wünschen, daß wir unverfolgt bleiben!«
+
+Ich erzählte nun den Hergang unseres Abenteuers und ging dann nach der
+Kajüte, um meine noch immer feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in
+zwei Teile geteilt, einen kleinen und einen größeren. Der erstere war
+für Senitza und der letztere für den Kapitän, Isla Ben Maflei und mich
+bestimmt.
+
+Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt vergangen, als ich
+oberhalb unseres Schiffes die Spitze eines Segels bemerkte, welches sich
+immer mehr vergrößerte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte ich den
+Sandal, welchen wir in der Frühe gesehen hatten.
+
+»Siehst du das Schiff?« fragte ich den Reïs.
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und deine Frage ist auch groß,« antwortete
+er mir. »Ich bin ein Reïs und sollte ein Segel nicht sehen, welches so
+nahe hinter dem meinigen steuert!«
+
+»Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?«
+
+»Nein.«
+
+»Woraus erkennst du dies?«
+
+»Ich kenne diesen Sandal sehr genau.«
+
+»Ah!«
+
+»Er gehört dem Reïs Chalid Ben Mustapha.«
+
+»Kennst du diesen Chalid?«
+
+»Sehr; aber wir sind keine Freunde.«
+
+»Warum?«
+
+»Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines Unehrlichen sein.«
+
+»Hm, so ahnt mir etwas.«
+
+»Was?«
+
+»Daß sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.«
+
+»Werden es sehen!«
+
+»Was wirst du thun, wenn der Sandal sich an die Dahabïe legen will?«
+
+»Ich muß es zugeben. Das Gesetz sagt es so.«
+
+»Und wenn ich es nicht zugebe?«
+
+»Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Reïs meiner Dahabïe und habe
+nach den Vorschriften des Gesetzes zu handeln.«
+
+»Und ich bin der Reïs meines Willens.«
+
+Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche Frage
+vorlegen, aber er begann selbst:
+
+»Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste Freund, den ich gefunden
+habe. Soll ich dir erzählen, wie Senitza in die Hände des Ägypters
+gekommen ist?«
+
+»Ich möchte es sehr gerne hören, doch zu einer solchen Erzählung gehört
+die Ruhe und Sammlung, welche wir jetzt nicht haben können.«
+
+»Du bist unruhig? Weshalb?«
+
+Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht bemerkt.
+
+»Drehe dich um und siehe diesen Sandal.«
+
+Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte:
+
+»Ist Abrahim an Bord?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber es ist sehr leicht möglich, weil der Kapitän
+ein Schurke ist, der sich von Abrahim erkaufen lassen wird.«
+
+»Woher weißt du, daß er ein Schurke ist?«
+
+»Abu el Reïsahn sagt es.«
+
+»Ja,« bestätigte dieser; »ich kenne diesen Kapitän und kenne auch sein
+Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt wäre, würde ich es an seinem
+Segel erkennen, welches dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.«
+
+»Was werden wir thun?« fragte Isla.
+
+»Zunächst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.«
+
+»Und wenn er da ist?«
+
+»So kommt er nicht zu uns herüber.«
+
+Unser Schiffsführer prüfte den Fortgang des Sandal und denjenigen, den
+wir selbst machten, und meinte dann:
+
+»Er kommt uns immer näher. Ich werde eine Trikehta[29] beisetzen
+lassen.«
+
+ [29] Kleineres Segel.
+
+Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen Minuten, daß die
+Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde.
+Der Sandal kam uns immer näher; endlich war er nur noch eine
+Schiffslänge von uns entfernt und ließ das eine Segel fallen, um seine
+Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur auf dem Deck
+stehen.
+
+»Er ist da!« sagte Isla.
+
+»Wo steht er?« fragte der Reïs.
+
+»Ganz vorn am Buge.«
+
+»Dieser? Kara Ben Nemsi, was thun wir? Sie werden uns ansprechen, und
+wir müssen ihnen antworten.«
+
+»Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?«
+
+»Ich, der Inhaber meiner Dahabïe.«
+
+»Merke auf, was ich dir sage, Abu el Reïsahn. Bist du bereit, mir dein
+Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?«
+
+Der Kapitän sah mich erstaunt an, begriff dann aber gleich, was ich für
+einen Zweck verfolgte.
+
+»Ja,« antwortete er.
+
+»Dann bin also ich der Inhaber?«
+
+»Ja.«
+
+»Und du als Reïs mußt thun, was ich will.«
+
+»Ja.«
+
+»Und bist für nichts verantwortlich?«
+
+»Nein.«
+
+»Gut. Rufe deine Leute zusammen!«
+
+Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapitän erklärte ihnen:
+
+»Ihr Männer, ich sage euch, daß dieser Effendi, welcher Kara Ben Nemsi
+heißt, unsere Dahabïe von hier bis Kahira gemietet hat. Ist es nicht
+so?«
+
+»Ja, es ist so,« bestätigte ich.
+
+»Ihr könnt mir also bezeugen, daß ich nicht mehr Herr des Schiffes bin?«
+fragte er die Leute.
+
+»Wir bezeugen es.«
+
+»So geht an eure Plätze. Das aber müßt ihr wissen, daß ich die Leitung
+des Schiffes behalte, denn Kara Ben Nemsi hat es mir befohlen.«
+
+Sie entfernten sich, sichtlich befremdet über die sonderbare Mitteilung,
+welche ihnen geworden war.
+
+Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit uns gekommen. Der
+Kapitän desselben, ein alter langer, sehr hagerer Mann mit einer
+Reiherfeder auf dem Tarbusch, trat an die Bordung und fragte herüber:
+
+»Ho, Dahabïe, welcher Reïs?«
+
+Ich neigte mich vor und antwortete:
+
+»Reïs Hassan.«
+
+»Hassan Abu el Reïsahn?«
+
+»Ja.«
+
+»Schön, kenne ihn,« antwortete er mit schadenfroher Miene. »Ihr habt ein
+Weib an Bord?«
+
+»Ja.«
+
+»Gebt es heraus!«
+
+»Chalid Ben Mustapha, du bist verrückt!«
+
+»Wird sich finden. Wir werden an euch anlegen.«
+
+»Das werden wir verhindern.«
+
+»Wie willst du dies anfangen?«
+
+»Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die Feder an deinem
+Tarbusch!«
+
+Ich erhob sehr schnell die Büchse, welche ich, ohne daß er sie gesehen
+hatte, bereit gehalten hatte, zielte und drückte los. Die Feder flog
+herab. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha
+nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er
+fuhr so hoch in die Luft, als beständen seine hageren Gliedmaßen aus
+elastischem Gummi, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und floh hinter
+den Mast.
+
+»Jetzt weißt du, wie ich schieße, Ben Mustapha,« rief ich hinüber. »Wenn
+dein Sandal noch eine einzige Minute bei uns backseits fährt, so schieße
+ich dir nicht die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem Leibe;
+darauf kannst du dich verlassen!«
+
+Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung. Er eilte an das
+Steuer, riß es aus den Händen dessen, der es bisher regiert hatte, und
+drehte ab. In zwei Minuten befand sich der Sandal in einer solchen
+Entfernung von uns, daß ihn meine Kugel nicht erreichen konnte.
+
+»Jetzt sind wir für den Augenblick sicher,« meinte ich.
+
+»Er wird nicht wieder so nahe kommen,« stimmte Hassan bei; »aber er wird
+uns auch nicht aus dem Auge lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen,
+wo er die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die fürchte ich
+freilich nicht; aber ich fürchte etwas anderes.«
+
+»Was?«
+
+»Das da!«
+
+Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser, und wir verstanden
+sogleich, was er meinte.
+
+Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer
+Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten als vorher und die jetzt
+felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns
+nämlich einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger
+gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast
+unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt mußte die Feindschaft
+der Menschen schweigen, damit sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller
+auf das drohende Element richten konnte. Die Stimme des Reïs tönte laut
+schallend über das Deck:
+
+»Blickt auf, ihr Männer, der Schellahl kommt, der Katarakt! Tretet
+zusammen und betet die heilige Fatcha!«
+
+Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:
+
+»Behüte uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten Teufel!«
+
+»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonierte der Reïs.
+
+Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha, die erste Sure des
+Koran.
+
+Ich muß gestehen, daß dieses Gebet auch mich ergriff, aber nicht aus
+Furcht vor der Gefahr, sondern aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen
+wurzelnden Religiosität dieser halbwilden Menschen, welche nichts thun
+und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig
+ist.
+
+»Wohlan, ihr jungen Männer, ihr mutigen Helden, geht an euere Plätze,«
+gebot nun der Führer; »der Strom hat uns ergriffen.«
+
+Das Kommando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig und exakt ab, wie
+die Führung eines europäischen Fahrzeuges. Das heiße Blut des Südens
+rollt durch die Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem
+Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten
+Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt,
+heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten
+Momente, wenn diese Gefahr vorübergegangen ist, noch lauter zu jubeln,
+zu pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein jeder mit
+Anspannung aller seiner Kräfte, und der Schiffsführer springt von einem
+zum andern, um jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie
+sie nur ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die andern mit
+den süßesten, zärtlichsten Namen, unter denen sich das Wort »Held« am
+meisten wiederholt. Hassan hatte sich auf das Passieren der
+Stromschnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder
+war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche
+jeden Fußbreit des Stromes hier an dieser gefährlichen Stelle kannten.
+
+Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die von dem Wasser
+kaum bedeckten Felsblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck,
+und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes, auch das lauteste
+Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder
+versagten ihre Dienste und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte
+die Dahabïe durch die kochenden Gewässer.
+
+Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und
+lassen nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes
+besitzt. Die Wogen werden förmlich durch dasselbe hindurchgepreßt und
+stürzen sich in einem dicken, mächtigen Strahle nach unten in ein
+Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen
+Steinblöcken.
+
+Mit sausender Hast schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden
+eingezogen. Jetzt befinden wir uns in dem furchtbaren Loche, dessen
+Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie fast mit den Händen
+erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so
+schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden,
+gischtspritzenden Kämme des Falles hinaus, und wir stürzen hinab in den
+Schlund des Kessels. Es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und
+brüllt um uns her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht
+und reißt uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche
+glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad unter dieser Glätte die
+gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen,
+wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab und -- -- --
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« ertönt Hassans Stimme jetzt so schrill,
+daß sie gehört werden kann. »Allah il Allah, an die Ruder, an die Ruder,
+ihr Jünglinge, ihr Männer, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und Löwen! Der
+Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl, amahl, ïa Allah
+amahl, macht, macht, bei Gott, macht, ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr
+Schurken und Katzen, arbeitet, arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr
+Helden, ihr Unvergleichlichen, Erprobten und Auserwählten!«
+
+Wir schießen einer Schere zu, welche sich grad vor uns öffnet und uns
+im nächsten Augenblicke vernichten wird. Die Felsen sind so scharf, und
+der Fall des Stromes ist so reißend, daß von dem Schiffe kein Handgroß
+von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint.
+
+»Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links, ihr Hunde, ihr
+Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer, links, links mit dem Steuer,
+ihr Braven, ihr Herrlichen, ihr Väter aller Helden! Allah, Allah,
+Maschallah -- Gott thut Wunder, ihm sei Dank!«
+
+Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist
+vorübergeflogen. Für einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen
+Fahrwasser, und alles stürzt sich auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu
+danken.
+
+»Esch'hetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck hin --
+»bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aale na baraktak,
+begnadige uns mit deinem Segen!«
+
+Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens
+geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich
+hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die
+unserige, und er muß daher an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser
+ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord
+an Bord rauscht er vorüber. Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte
+hinter sich versteckend. Mir grade gegenüber reißt er die verborgen
+gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange -- ich werfe mich nieder --
+die Kugel pfeift über mir weg, und im nächsten Augenblick ist der Sandal
+uns weit voran.
+
+Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand hat Zeit zur
+Verwunderung oder zum Zorne, denn die Strömung packt uns wieder und
+treibt uns in ein Labyrinth von Klippen.
+
+Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der Sandal wurde von der Macht
+des Schellahl an einen Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder
+in die Flut, und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den
+Wogen wieder gefaßt, befreit davon. Aber bei dem Stoße ist ein Mensch
+über Bord gefallen; er hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die
+Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke,
+eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu. Er faßt danach --
+ergreift ihn -- wird emporgezogen -- es ist -- Abrahim-Mamur.
+
+Sobald er das Verdeck glücklich erreicht hatte, schüttelte er das Wasser
+aus seinen Kleidern und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu.
+
+»Hund, du bist ein Räuber und Betrüger!«
+
+Ich erwartete ihn stehenden Fußes, und meine Haltung bewirkte, daß er
+vor mir stehen blieb, ohne seine Fäuste in Anwendung zu bringen.
+
+»Abrahim-Mamur, sei höflich, denn du befindest dich nicht in deinem
+Hause. Sagst du nur noch ein Wort, welches mir nicht gefällt, so lasse
+ich dich an den Mast binden und durchpeitschen!«
+
+Die größte Beleidigung für einen Araber ist ein Schlag, und die
+zweitgrößte ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim machte eine
+Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich.
+
+»Du hast mein Weib an Bord!«
+
+»Nein.«
+
+»Du sagst mir nicht die Wahrheit.«
+
+»Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht dein Weib, sondern
+die Verlobte dieses jungen Mannes, welcher neben dir steht.«
+
+Er stürzte auf die Kajüte zu, dort aber trat ihm Halef entgegen.
+
+»Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas;
+dieses hier sind meine zwei Pistolen, und ich werde dich niederschießen,
+sobald du irgend wohin gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir
+verbietet!«
+
+Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der Ägypter es ansehen
+konnte, daß es ihm mit dem Schießen Ernst sei. Er wandte sich daher ab
+und schnaubte:
+
+»So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das Land geht, um Eure
+Hilfsmatrosen abzusetzen.«
+
+»Thue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so
+lange du dich friedlich benimmst.«
+
+Die Stromschnelle war in ihren gefährlichen Stellen glücklich
+durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nötigen Muße unserer
+Angelegenheit zuwenden.
+
+»Willst du uns jetzt erzählen, auf welche Weise Senitza in die Hand
+dieses Menschen geraten ist?« fragte ich Isla.
+
+»Ich will sie holen,« antwortete er; »sie mag es Euch selbst erzählen.«
+
+»Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Ägypter
+erbittern und zum Äußersten reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie
+Mohammedanerin oder Christin ist.«
+
+»Sie ist eine Christin.«
+
+»Von welcher Konfession?«
+
+»Von der, welche Ihr griechisch nennt.«
+
+»Sie ist nicht seine Frau geworden?«
+
+»Er hat sie gekauft.«
+
+»Ah! Ist es möglich?«
+
+»Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert. Er hat sie in
+Scutari gesehen und ihr gesagt, er liebe sie und sie solle sein Weib
+werden; sie aber hat ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu
+ihrem Vater gekommen und hat eine große Summe geboten, um sie von ihm zu
+kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Thüre hinausgeworfen. Dann hat er den
+Vater der Freundin bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und
+dieser ist auf den Handel eingegangen.«
+
+»Wie?«
+
+»Dieser Mensch hat sie für seine Sklavin ausgegeben, hat sie an
+Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine Schrift darüber ausgehändigt, in
+welcher sie für eine cirkassische Sklavin gilt.«
+
+»Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater so plötzlich
+verschwunden!«
+
+»Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht und ist mit ihr erst
+nach Cypern, dann nach Ägypten gefahren. Das Übrige ist Euch bekannt.«
+
+»Wie hieß der Mann, der sie verkaufte?« fragte ich unwillkürlich.
+
+»Barud el Amasat.«
+
+»El Amasat -- el Amasat -- dieser Name kommt mir sehr bekannt vor. Wo habe
+ich ihn gehört? War dieser Mensch ein Türke?«
+
+»Nein, sondern ein Armenier.«
+
+Ein Armenier -- -- ah, jetzt wußte ich es! Hamd el Amasat, jener Armenier,
+welcher uns auf dem Schott Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli
+entfloh -- war es derselbe? -- Nein, denn die Zeit stimmte nicht.
+
+»Weißt du nicht,« fragte ich Isla, »ob dieser Barud el Amasat einen
+Bruder hat?«
+
+»Nein; Senitza weiß es auch nicht; ich habe sie nach dieser Familie sehr
+genau befragt.«
+
+Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei und wandte sich an mich:
+
+»Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.«
+
+»Sprich!«
+
+»Wie heißt dieser äjyptische Thunichtjut?«
+
+»Abrahim-Mamur.«
+
+»So! Dat will also een Mamur jewesen sein?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn ich kenne diesen
+Menschen besser als er mir!«
+
+»Ah! Wer ist er?«
+
+»Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade kriegte, und weil es
+die erste Bastonnade war, die ich jesehen habe, so habe ich mir sehr
+einjehend nach ihm erkundigt.«
+
+»Nun, wer und was ist er?«
+
+»Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh oder so etwas und hat
+een Jeheimnis verraten oder so unjefähr. Er hat tot jemacht werden
+sollen, aber weil er Gönner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit
+Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim.«
+
+Daß der Barbier aus Jüterbogk diesen Mann kannte, war ein ganz
+staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
+Ich hatte ihn gesehen, und zwar in Ispahan auf dem Almaiden-Shah, wo er
+auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach Konstantinopel
+geschafft zu werden. Mein Weg führte mich damals eine kurze Strecke mit
+derselben Karawane, und so kam es, daß er auch mich gesehen und sich
+jetzt wieder meiner erinnert hatte.
+
+»Ich danke dir, Hamsad, für diese Mitteilung, behalte sie aber jetzt
+noch für dich.«
+
+Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei dem Gedanken, daß Abrahim
+mich verklagen werde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte die
+Vermutung nicht zurückweisen, daß er mit Barud el Amasat, welcher
+Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das Mädchen bekannt
+geworden war. Abrahim war ein degradierter Beamter, ein Gefangener
+gewesen und hatte sogar die Bastonnade erhalten -- jetzt trat er als
+Mamur auf und besaß ein Vermögen -- dies waren Umstände, welche mir sehr
+zu denken gaben.
+
+Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt noch niemand zu sagen,
+damit Abrahim nicht merke, daß er durchschaut worden sei.
+
+Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle auf die
+Dahabïe genommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unser
+Fahrzeug wandte sich daher dem Ufer zu.
+
+»Werden wir Anker werfen oder nicht?« fragte ich den Reïs.
+
+»Nein, ich lenke sofort um, wenn die Männer das Schiff verlassen haben.«
+
+»Warum?«
+
+»Um die Polizei zu vermeiden.«
+
+»Und Abrahim?«
+
+»Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.«
+
+»Ich fürchte die Polizei nicht.«
+
+»Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter deinem Konsul. Man kann
+dir also nichts thun. Ah!«
+
+Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit bewaffneten, finster
+blickenden Männern besetzt war. Es waren Khawassen -- Polizisten.
+
+»Du wirst wohl nicht sofort umlenken,« meinte ich zu Hassan.
+
+»Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir zu gehorchen.«
+
+»Ich befehle es nicht; ich möchte im Gegenteil die hiesige Polizei
+einmal kennen lernen.«
+
+Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen stiegen an Bord, noch
+ehe wir das Ufer erreicht hatten. Die Bemannung des Sandal war hier auch
+gelandet, hatte erzählt, daß Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und
+auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie wir später erfuhren,
+der alte Reïs Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gelaufen
+und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten über mich, den ungläubigen
+Mörder, Aufrührer, Räuber und Empörer, daß ich eigentlich sehr zufrieden
+sein mußte, nur mit dem Hängen oder Säcken davonzukommen.
+
+Da die Gerechtigkeit jener Länder von der wichtigen Erfindung der
+Aktenstöße noch keine Notiz genommen hat, so wird in Rechtsfällen
+überaus schnell und summarisch verfahren.
+
+»Wer ist der Reïs dieses Schiffes,« fragte der Anführer der Khawassen.
+
+»Ich,« antwortete Hassan.
+
+»Wie heißest du?«
+
+»Hassan Abu el Reïsahn.«
+
+»Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen Hekim, der ein
+Ungläubiger ist?«
+
+»Da steht er und heißt Kara Ben Nemsi.«
+
+»Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib, Namens Güzela?«
+
+»Sie ist in der Kajüte.«
+
+»Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und folgt mir zum Richter,
+während ich das Schiff von meinen Leuten bewachen lasse!«
+
+Die Dahabïe legte an, und ihre ganze Bemannung nebst sämtlichen
+Passagieren wurde »sofort anhero transportiert«. Senitza, tief
+verschleiert, ward in eine bereitstehende Sänfte gehoben und mußte
+unserm Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil
+jung und alt, groß und klein sich ihm anschloß. Hamsad al Dscherbaja,
+der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner
+Beine munter sein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!«
+
+Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretär bereits
+unserer Ankunft gewärtig.
+
+Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors oder Befehlshabers
+von tausend Mann, hatte aber trotzdem weder ein kriegerisches noch ein
+übermäßig intelligentes Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal, so
+hatte auch er Abrahim-Mamur für ertrunken gehalten und empfing den vom
+Tode Auferstandenen mit einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem
+Blick war, den er uns zuwarf.
+
+Wir wurden in zwei Lager geteilt: hüben die Bemannung des Sandal mit
+Abrahim und einigen seiner Diener, die er mitgenommen hatte, und drüben
+die Leute von der Dahabïe mit Senitza, Isla und mir nebst Halef und dem
+Barbier.
+
+»Befiehlst du eine Pfeife, Herr?« fragte der Sahbeth-Bei den
+vermeintlichen Mamur.
+
+»Lasse sie bringen!«
+
+Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf niederzusetzen. Dann
+begann die Verhandlung:
+
+»Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!«
+
+»Er lautet Abrahim-Mamur.«
+
+»So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?«
+
+»In En-Nasar.«
+
+»Du bist der Ankläger. Sprich; ich höre zu und werde richten.«
+
+»Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der Tschikarma; ich
+klage an den Mann, der neben ihm steht, der Tschikarma, und ich klage an
+den Führer der Dahabïe der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die
+Diener dieser beiden Männer und die Matrosen der Dahabïe beteiligt sind,
+das magst du bestimmen, o Bimbaschi.«
+
+»Erzähle, wie der Raub vollendet wurde.«
+
+Abrahim erzählte. Als er geendet hatte, wurden seine Zeugen verhört, was
+die Folge hatte, daß ich von dem Reïs des Sandals, Herrn Chalid Ben
+Mustapha, auch noch des Mordversuches bezüchtigt wurde.
+
+In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz, als er sich nun zu mir
+wandte.
+
+»Giaur, wie ist dein Name?«
+
+»Kara Ben Nemsi.«
+
+»Wie heißt deine Heimat?«
+
+»Dschermanistan.«
+
+»Wo liegt diese Handvoll Erde?«
+
+»Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, daß du sehr unwissend bist!«
+
+»Hund!« fuhr er auf. »Was willst du sagen?«
+
+»Dschermanistan ist ein großes Land und hat zehnmal mehr Einwohner als
+ganz Ägypten. Du aber kennst es nicht. Du bist überhaupt ein schlechter
+Geograph und darum lässest du dich von Abrahim-Mamur belügen.«
+
+»Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse dich mit dem Ohre an
+die Wand nageln.«
+
+»Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der Mamur der Provinz
+En-Nasar. Mamurs giebt es nur in Ägypten -- --«
+
+»Liegt En-Nasar nicht in Ägypten, Giaur? Ich bin selbst dort gewesen und
+kenne den Mamur wie meinen Bruder, ja, wie mich selbst.«
+
+»Du lügst!«
+
+»Nagelt ihn fest!« gebot der Richter.
+
+Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine Pistolen.
+
+»Bimbaschi, ich sage dir, daß ich erst den niederschießen werde, der
+mich anrührt, und dann dich! Du lügst, ich sage es noch einmal. En-Nasar
+ist eine ganz kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im Lande
+Tripolis; dort giebt es keinen Mamur, sondern einen armen Scheik; er
+heißt Mamra Ibn Alef Abuzin, und ich kenne ihn sehr genau. Ich könnte
+mit dir Komödie spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen; aber
+ich will es kurz machen. Wie kommt es, daß du die Kläger stehen lässest,
+während der Angeklagte, der Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife
+von dir bekommt?«
+
+Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an.
+
+»Wie meinst du das, Giaur?«
+
+»Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen
+Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch[30] des Vizekönigs von Ägypten;
+dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des
+Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.«
+
+ [30] Reiseschein.
+
+»Zeigt die Scheine her!«
+
+Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las
+sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück.
+
+»Sprich weiter.«
+
+Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er thun sollte.
+Ich nahm also wieder das Wort:
+
+»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was
+deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so
+mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden
+auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen
+wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen,
+welche Achtung du ihnen erweisest!«
+
+Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen
+aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:
+
+»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin
+der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf
+sitzen!«
+
+»Wer klagt ihn an?«
+
+»Ich, dieser, dieser und wir alle.«
+
+Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.
+
+»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei.
+
+»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.«
+
+Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir:
+
+»Sprich!«
+
+»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.«
+
+»Welche Trauer?«
+
+»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen
+Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen
+und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich
+ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien,
+wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.«
+
+Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.
+
+»Hund! -- Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!«
+
+»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf
+besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!«
+
+»Rede!«
+
+»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus
+Karadagh[31]; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Ägypten entführt.
+Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach
+Ägypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du
+hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein
+Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich
+gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte,
+welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des
+Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört,
+daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie
+getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und
+in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an.
+Nun entscheide!«
+
+ [31] Montenegro. -- Beides heißt ebenso wie das slawische
+ Czernagora »Schwarzer Berg«.
+
+Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er
+konnte doch seine Worte und Thaten nicht dementieren, fühlte aber sehr
+wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu thun, was eben
+nur ein Ägypter zu thun vermag.
+
+»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde
+mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle
+aber seid meine Gefangenen!«
+
+Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann
+wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt,
+und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des
+Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige
+Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer
+Viertelstunde aber waren sie verschwunden.
+
+Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben
+Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.
+
+»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«
+
+»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.
+
+»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«
+
+»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben
+oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der
+Baschi wird ihn laufen lassen.«
+
+»Wünschest du seinen Tod?«
+
+»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«
+
+»Und wie denkt deine Freundin darüber?«
+
+Senitza antwortete selbst:
+
+»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde
+nicht mehr an ihn denken.«
+
+Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu
+befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut
+davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das
+Rekognoscieren.
+
+Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit
+war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war
+klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und
+nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof
+zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu
+folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen.
+
+Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen
+verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus
+Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen
+können.
+
+Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte
+der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des
+Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.
+
+Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?
+
+Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht
+nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten
+werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder
+einmal zu treffen.
+
+Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene
+Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage
+glücklich entronnen zu sein. -- -- --
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Abu-Seïf.
+
+
+Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog,
+und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und
+stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere
+Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin
+erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht
+zusammenkommen konnten.
+
+Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr
+durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer
+trocken und die Wasser teilten sich von einander.
+
+Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem
+Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur
+Linken.
+
+Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des
+Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.
+
+Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter
+aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in
+ihrem Heere.
+
+Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit
+Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der
+Herr streitet für sie wider die Ägypter!
+
+Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer,
+damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und
+über ihre Reiter.
+
+Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder
+vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also
+stürzte sie der Herr mitten in das Meer.
+
+Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht
+des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger
+von ihnen übrig blieb.
+
+Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser
+stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.
+
+Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und
+sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres.
+
+Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte,
+und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen
+Knecht Moses. -- -- --
+
+An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich
+denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel
+anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres
+schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht,
+welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich
+fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer
+»keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige
+Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem
+ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen
+gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir,
+als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der
+Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe
+deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges
+Land!«
+
+Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der
+Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch
+der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener
+Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des
+Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte
+die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk
+von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein
+Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller
+Gesetze und Gebote bildet.
+
+Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs
+im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme
+Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die
+Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten,
+während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen
+schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen
+später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen
+wäre.
+
+Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den
+Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter
+zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des
+berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend,
+gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der
+Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«
+
+Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die
+Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen
+vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend
+und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen
+Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt,
+dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha,
+von der Gesetzgebung auf dem Sinai -- -- -- sie hatte mir die kleinen Hände
+gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du
+sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon
+längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von
+ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr
+geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit
+des Dichterwortes auf:
+
+ »Ganz anders jene heiligen Geschichten,
+ Die nur das Buch der Bücher kann berichten,
+ In dem vom Geiste sie verzeichnet steh'n.
+ Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken
+ Und tief in ihren Zauber dich versenken,
+ Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh'n.«
+
+Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste
+Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in
+jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl
+noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten
+und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren
+Halef gestört hätte:
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist
+Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es
+jetzt thun werde.«
+
+Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir
+heran und erhob warnend die Hand.
+
+»Thue es nicht, Effendi!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das
+Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit
+sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der
+hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32]
+und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff
+vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33]
+nannten, hat diesen Ort verflucht.«
+
+ [32] Moses.
+
+ [33] Jehova.
+
+»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«
+
+»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst
+auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.«
+
+»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«
+
+»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug
+aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten,
+bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein
+jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«
+
+»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«
+
+»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt
+wird.«
+
+»Dann vorwärts!« --
+
+Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg
+von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten
+liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher
+war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als
+auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen
+trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich
+mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für
+mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte
+ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte,
+was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.
+
+Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm
+und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des
+Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao's hinter uns.
+Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein
+Fahrzeug vor Anker lag.
+
+Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen
+Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß
+breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich
+ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen
+Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen -- denn er wird
+auch gerudert -- zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor
+dem andern steht, daß es -- vom Winde angeschwellt -- ganz über das
+Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon
+bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen
+pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches
+in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind,
+wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen
+Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits
+belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien
+unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem
+indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich
+mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen
+Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die
+Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein
+Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.
+
+Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb
+wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug
+sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.
+
+Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des
+Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste.
+Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem
+kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas
+abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte
+der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort
+an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die
+Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.
+
+Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich
+ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und
+grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer
+Sprache.
+
+»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«
+
+Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte
+mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:
+
+»Ich bin es.«
+
+»Wohin geht dein Sambuk?«
+
+»Überall hin.«
+
+»Was hast du geladen?«
+
+»Verschiedenes.«
+
+»Nimmst du auch Passagiere auf?«
+
+»Das weiß ich nicht.«
+
+Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf
+und meinte in mitleidigem Tone:
+
+»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der
+Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«
+
+Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.
+
+»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«
+
+»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele
+ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die
+Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies
+zu kommen!«
+
+ [34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.
+
+Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem
+zwei riesige Pistolen steckten.
+
+»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der
+Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«
+
+»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch
+ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich
+dich frage.«
+
+»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein
+Arab Dscheheïne.«
+
+Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und
+Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war
+der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.
+
+»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.
+
+»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«
+
+So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem
+Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.
+
+»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«
+
+»Ich würde dich nicht fürchten.«
+
+»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener,
+während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich
+gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem
+Abendlande.«
+
+ [35] Matrosen.
+
+»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und
+redest die Sprache der Araber!«
+
+»Ist dies verboten?«
+
+»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«
+
+»Ich gehöre zu den Nemsi.«
+
+»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein
+Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]?«
+
+ [36] Gärtner.
+
+ [37] Kaufmann.
+
+»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«
+
+»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern
+Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann;
+ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein
+Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein -- -- --«
+
+»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was
+ich hier in meiner Hand halte?«
+
+Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken.
+Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:
+
+»Die Peitsche.«
+
+»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
+Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem
+Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert
+und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in
+allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es
+wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht
+gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi
+bist und viele Männer hier bei dir hast!«
+
+Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden
+Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom
+Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die
+Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu
+den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit
+erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die
+Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.
+
+»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol
+vorsichtig sinken ließ.
+
+Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner
+wagte es, Hand an Halef zu legen.
+
+»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?«
+fragte der Türke.
+
+»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche
+drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in
+der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke,
+ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!«
+
+Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.
+
+»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten,
+als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast
+einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«
+
+»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«
+
+»Mich.«
+
+»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur -- -- --«
+
+»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.
+
+»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: 'O ihr
+Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer
+Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen
+nur euer Verderben!' Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des
+Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«
+
+»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure
+des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in
+Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«
+
+Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte
+sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück.
+
+»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des
+Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein
+Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«
+
+ [38] Schützling.
+
+»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen
+Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der
+Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn
+unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«
+
+»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter,
+einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«
+
+»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins.
+Ihr sagt: 'Allah il Allah, Gott ist Gott.' Und unser Gott sagt: 'Ich bin
+ein starker, einiger Gott.' Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: 'Er ist
+der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer;
+sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.' Unsere heilige Bibel sagt:
+'Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor
+seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner
+Hände Werk.' Ist das nicht ganz dasselbe?«
+
+»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«
+
+ [39] Buch, Bibel.
+
+»Du irrst. Euer Kuran sagt: 'Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß
+ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern
+der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel,
+an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt
+den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum
+bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen
+Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht,
+der ist wahrhaft gottesfürchtig.' Unser heiliges Buch gebietet uns: 'Du
+sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.'
+Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige
+befiehlt?«
+
+»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«
+
+»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist,
+als euer Kuran?«
+
+»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise
+finden, selbst wenn er unrecht hat. -- Woher kommst du?«
+
+»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.«
+
+ [40] Türkisch für Ägypten.
+
+»Und wo willst du hin?«
+
+»Nach Tor hinüber.«
+
+»Und dann?«
+
+»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.«
+
+ [41] Kloster.
+
+»So mußt du über das Wasser.«
+
+»Ja. Wohin fährst du?«
+
+»Auch nach Tor.«
+
+»Willst du mich mitnehmen?«
+
+»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht
+verunreinigen.«
+
+»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«
+
+»Für alle vier und die Kamele?«
+
+»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer
+werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«
+
+»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«
+
+»Mit Geld.«
+
+»Willst du Speise von uns nehmen?«
+
+»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«
+
+»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«
+
+Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch,
+für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also
+beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen.
+
+»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff
+zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.
+
+»Ja.«
+
+»Dann sind wir des Mittags in Tor?«
+
+»Ja. Warum fragst du?«
+
+»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«
+
+»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der
+noch mehr verlangen wird.«
+
+»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre
+mit dir.«
+
+»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.«
+
+»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere
+geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier
+Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen
+Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und
+meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.«
+
+»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem
+Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier
+an Bord nehmen.«
+
+ [42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.
+
+»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein
+Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch
+einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte 'hep imdad wermek,
+sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz -- alle Hilfe leisten,
+für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.' Hast du das
+verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche
+ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist
+du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«
+
+Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu
+mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:
+
+»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für
+drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!«
+
+»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«
+
+»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?«
+
+ [43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.
+
+»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord
+begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.«
+
+Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein
+Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der
+vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef
+an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des
+Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch
+von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und
+kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein
+Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt
+kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger
+war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage
+auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.
+
+»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem
+Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«
+
+»Ich will dich nicht tadeln.«
+
+»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«
+
+»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«
+
+»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden.
+Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote
+Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte
+des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du
+thun?«
+
+Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage
+bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka
+oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen.
+Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein
+Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen
+einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen
+Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt
+erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee
+betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst
+gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich
+sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz
+anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich
+vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer,
+vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar
+gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es
+stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen
+würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.
+
+»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.
+
+»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den
+rechten Glauben annehmen.«
+
+»Nein, das werde ich nicht.«
+
+Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen
+Leuten das Abendgebet befohlen.
+
+»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab;
+erlaube, daß ich bete!«
+
+Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich
+mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen,
+so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem
+Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres
+verschloß.
+
+»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer.
+Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem
+Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa
+Allah, Allah hu!«
+
+Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem
+Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher
+lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden
+Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der
+Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum
+sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem
+ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein
+Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und
+weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er
+zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und
+Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er
+den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:
+
+»La ilaha illa lah!«
+
+»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.
+
+Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir,
+nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der
+Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:
+
+ [44] Steuermann.
+
+»Gott schütze dich!«
+
+»Mich und dich!« lautete die Antwort.
+
+»Wie befindest du dich?«
+
+»So wohl wie du.«
+
+»Wem gehört dieser Sambuk?«
+
+»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«
+
+»Und wer führt ihn?«
+
+»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«
+
+»Und was habt ihr geladen?«
+
+»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll
+einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«
+
+»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«
+
+»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es
+Allah doppelt.«
+
+»Wohin fahrt ihr von hier?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«
+
+»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«
+
+»Nach Dschidda.«
+
+»Auf diesem Floß?«
+
+»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu
+fahren.«
+
+»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die
+es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«
+
+»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese
+beiden Männer?«
+
+»Ein Gi-- -- ein Nemsi mit seinem Diener.«
+
+»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter
+fahren.«
+
+»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«
+
+»Ich muß weiter.«
+
+»Das ist sehr gefährlich.«
+
+»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im
+Buche verzeichnet.«
+
+Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.
+
+Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich
+über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche
+Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser
+zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung
+nicht verstünde. Der Derwisch fragte:
+
+»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«
+
+»Nein.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt
+verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«
+
+»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«
+
+»Gar keines, aber viele Waffen.«
+
+»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die
+Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um
+damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde
+weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt
+hat, sein Schiff zu betreten!«
+
+Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff
+das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«.
+
+Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht.
+Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum
+hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung
+das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig
+verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu
+irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann
+verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.
+
+Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr
+nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es
+doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht
+mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte,
+sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet
+-- -- er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas
+»nicht richtig im Staate Dänemark«.
+
+Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu
+beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.
+
+»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande
+zu?«
+
+»So ist es. Woraus vermutest du dies?«
+
+»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.«
+
+»Und was haben diese Augen gesehen?«
+
+»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«
+
+»Ah?«
+
+»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von
+dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?«
+
+ [45] Der »Heulenden« -- heulende Derwische.
+
+»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben,
+wenn er keiner ist?«
+
+»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während
+der Nacht fahren werde. Warum thut er es nicht?«
+
+Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte:
+
+»Wo wirst du schlafen, Effendi?«
+
+»Ich werde mich in den Tachta-perde[46] legen.«
+
+ [46] Verschlag.
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.«
+
+»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir
+schlafen hier auf dem Verdeck.«
+
+»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du thun, wenn Feinde zu dem
+Schiffe heran kämen?«
+
+»Welche Feinde meinst du?«
+
+»Räuber.«
+
+»Giebt es hier Räuber?«
+
+»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die
+größten Chirsizler[47] weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist
+vor ihnen sicher.«
+
+ [47] Spitzbuben.
+
+»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held,
+ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor
+keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?«
+
+»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen
+Abu-Seïf, den 'Vater des Säbels', der gefährlicher und schrecklicher
+ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?«
+
+»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.«
+
+»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre
+Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur
+wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl
+aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf
+finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr
+Anführer.«
+
+»Und was thut die Regierung dagegen?«
+
+»Welche?«
+
+»Steht Ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?«
+
+»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche
+der Großscherif von Mekka beschützt.«
+
+»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!«
+
+»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht.
+Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?«
+
+»Er ist doch nur ein Mensch.«
+
+»Aber er besitzt die Hilfe des Scheïtan[48]. Er kann sich unsichtbar
+machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch
+einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet,
+aber sein Säbel ist faldschymisch[49]; er dringt durch Thüren und Mauern
+und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib
+und Seele auseinander.«
+
+ [48] Teufels.
+
+ [49] Verhext, bezaubert.
+
+»Den möchte ich sehen!«
+
+»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn
+sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen
+wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen
+und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren,
+die dir drohen.«
+
+»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem
+Schlafengehen.«
+
+Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen
+sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren.
+
+Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden
+als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf
+dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die
+Segel, und der Sambuk steuerte südwärts.
+
+Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir
+ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte.
+Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei
+völlig verschleierte Frauen darin.
+
+Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den
+Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und
+hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob
+sich und rief:
+
+»Sambuk, wohin?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?«
+
+»Bezahlt ihr?«
+
+»Gern.«
+
+»So kommt an Bord.«
+
+Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das
+Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt
+fort.
+
+Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen
+Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen.
+Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht
+abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine
+Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes
+pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer
+beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf,
+ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog,
+nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele
+und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen
+zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs- und Geschmacksnerven
+ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen
+Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges
+so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand ganz den
+Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen;
+wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis
+Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:
+
+ »Wenn deiner Locken Wohlgerüche
+ Ums Grab mir wehn,
+ Dann sprießen tausend Blumen
+ Aus meinem Hügel auf --«
+
+gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter
+der Thüre des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts
+Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter
+sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus
+ihren Kleidern zu bringen waren.
+
+Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und
+dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern.
+
+»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»So bist du hier unbekannt?«
+
+»Ja.«
+
+»Du bist ein Nemtsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Haben die Nemsi auch einen Padischah?«
+
+»Ja.«
+
+»Und Paschas?«
+
+»Ja.«
+
+»Du bist wohl kein Pascha?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber ein berühmter Mann?«
+
+»Pek, billahi -- bei Gott, sehr!«
+
+»Du kannst schreiben?«
+
+»Peh ne güzel -- und wie schön!«
+
+»Auch schießen?«
+
+»Daha ei -- noch besser!«
+
+»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?«
+
+»Ja.«
+
+»Du gehst noch weiter nach dem Süden?«
+
+»Ja.«
+
+»Bist du mit den Ingli bekannt?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du Freunde unter ihnen?«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist sehr gut. Bist du stark?«
+
+»Korkulu -- fürchterlich, arslandscha -- wie ein Löwe! Soll ich es dir
+beweisen?«
+
+»Nein, Effendi.«
+
+»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen
+sein kann. Packe dich und komme nicht wieder!«
+
+Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen
+Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem
+Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf.
+
+»Wai sana -- wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt
+sterben!«
+
+Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter
+folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte
+Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu
+salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem
+Augenblick öffnete sich die Thür des Verschlages, und es erschien eine
+der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die
+beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber
+ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.
+
+Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf
+dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet[50] nicht
+anders mit sich gebracht.
+
+ [50] Schicksal, Vorausbestimmung.
+
+Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen
+sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten
+sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein
+Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen
+Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist.
+
+Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für
+einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein
+»Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was
+konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und
+unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung
+dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut,« und zu was konnte es
+ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies
+hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer
+an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen
+Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der
+augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des
+Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht
+und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung
+besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig.
+
+»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war,
+»hast du ihn gesehen?«
+
+»Wen oder was?«
+
+»Den Bart.«
+
+»Den Bart! Welchen Bart?«
+
+»Den das Weib hatte -- --«
+
+»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?«
+
+»Sie hatte den Jaschmak[51] nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach
+über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.«
+
+ [51] Schleier.
+
+»Schnurrbart?«
+
+»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi
+sagen?«
+
+»Ja, aber so, daß es niemand hört.«
+
+Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich
+seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen
+neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem
+Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es
+nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von
+ihm ab und kehrte zu mir zurück.
+
+»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.«
+
+»Wie so?«
+
+»Und dich für noch dümmer als mich.«
+
+»Ah!«
+
+»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals
+die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen
+Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?«
+
+»Ich vermute es.«
+
+»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!«
+
+»Das ist das Einzige, was wir thun werden, und dazu gehört vor allen
+Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen
+suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets
+beispringen können.«
+
+Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den
+Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein
+Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden
+Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein
+unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne
+daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre.
+
+Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker
+gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des
+Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört.
+
+Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt
+stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der
+Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die
+Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen -- --? Ich hätte gern
+einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war
+der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie
+gewöhnlich, Feuer anzuzünden.
+
+El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete,
+hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht
+verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser
+Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute
+vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef
+ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der
+Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch
+die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft
+zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte
+ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz
+verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken.
+Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Thüre
+ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im
+Vorderteile des Fahrzeuges lag.
+
+Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht
+herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte:
+
+»Hast du geschlafen?«
+
+»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!«
+
+»Ich kann mich auf dich verlassen?«
+
+»Wie auf dich selbst!«
+
+»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.«
+
+»Das werde ich thun, Sihdi!«
+
+Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte
+schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins
+auf -- es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets
+den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die
+Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts
+zu denken. Der Schlummer kam und -- -- halt, was war das?
+
+Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er
+mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb
+emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder
+auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft
+bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich
+aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war.
+
+»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich.
+
+»Ja, Sihdi. Was ist es?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Ich auch nicht. Horch!«
+
+Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her.
+Draußen am Lande war das Feuer erloschen.
+
+»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache
+meine Waffen und Kleider.«
+
+Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei
+schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und -- schlief
+jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet
+wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die
+Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den
+Haïk[52] ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann
+schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und
+kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am
+äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages
+und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf
+kam's ja an.
+
+ [52] Beduinischer Mantel.
+
+Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah -- -- das
+sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen
+gebracht, und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte, war von
+dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad
+unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des
+Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich
+vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter
+Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem
+Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann
+wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes
+legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den
+Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder
+emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde.
+
+Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut
+wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d. h. der Ertrag der Steuer,
+welche er eingesammelt hatte, und -- -- -- ich hatte keine Zeit, weiter zu
+vermuten.
+
+»Alargha, iz chijanisch -- aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine
+tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte;
+zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart
+neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein
+dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich
+durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau
+unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom
+Verschlage gleich auf das Deck hinab.
+
+In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Kajüte, und ich
+bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei
+Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt
+vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun
+Männer stürzten sofort auf mich los.
+
+»Halef, herbei!« rief ich laut.
+
+Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich
+um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen
+konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe,
+die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am
+Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und
+dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich
+vorhin wieder erkannt hatte: -- es war die Stimme des Derwischs.
+
+»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer
+von denen, welche mich umfaßt hielten.
+
+Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da
+krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir.
+
+»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef.
+
+Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte
+mit mir fort.
+
+»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme.
+
+Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten
+Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es
+toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner
+derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen; dann war es
+mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und
+fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr.
+
+Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem
+Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich
+auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber
+ein laut vernehmliches Sog[53] ließ mich vermuten, daß ich mich in dem
+Kielraume eines Fahrzeuges befände, welches in schneller Fahrt begriffen
+war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein
+Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das
+Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus
+Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir
+abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung
+unterwarfen.
+
+ [53] Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden
+ Schiffes verursacht.
+
+Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas
+änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber
+nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir:
+
+»Stehe auf und geh' mit uns!«
+
+Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles
+Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand
+ebenso zu meiner Überraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den
+Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.
+
+Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer
+kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei
+dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte
+auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen
+Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie
+Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache
+bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine
+Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß
+sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die
+Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder
+seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem
+Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem
+Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem
+Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich
+erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen
+ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden
+geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit
+verächtlichem Blick.
+
+»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch.
+
+»Nein, aber ich vermute es.«
+
+»Nun, wer bin ich?«
+
+»Du bist Abu Seïf.«
+
+»Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!«
+
+»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah
+allein anbeten soll?«
+
+»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle
+dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.«
+
+»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es
+erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise
+bezeigen.«
+
+»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!«
+
+Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch
+einen Schritt näher an ihn heran.
+
+»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf oder bist du ein Henker?«
+
+»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir
+den Kopf vor die Füße!«
+
+»Wahre deinen eigenen Kopf!«
+
+»Giaur!«
+
+»Korkakdschi!«
+
+»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!«
+
+»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine
+Dschasusler[54] in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von
+den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir
+gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!«
+
+ [54] Spione.
+
+»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte
+vermöchten nichts gegen meine Klinge!«
+
+»Aferihn -- brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln
+fürchtet.«
+
+»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte
+ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«
+
+»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.«
+
+»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?«
+
+»Pah, du würdest es nicht erlauben!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem
+Säbel.«
+
+Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte
+erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer
+kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und
+reichte ihn mir.
+
+»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die
+Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim
+dritten Hiebe eine Leiche sein.«
+
+Ich nahm den Säbel.
+
+Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater
+des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter
+Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein
+ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit
+Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich
+hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die
+Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und
+ganzen Schwere,« also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und
+ganzen Schwäche« so starke und schwere, Säbel ziemlich ungewohnt war, so
+hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Überlegenheit
+der europäischen Waffenführung zu beweisen.
+
+Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen
+Mienen spiegelte sich die Überzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten
+Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde.
+
+Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen
+Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine
+Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu
+meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll
+unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie
+gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein
+Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu
+verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im
+Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte
+mit harter Festigkeit in die Linie ein, und -- die Waffe flog ihm aus der
+Hand und über Bord in das Wasser.
+
+Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die
+Waffe.
+
+Er stand vor mir und starrte mich an.
+
+»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!«
+
+Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine
+Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Überraschung in
+seinem Angesicht.
+
+»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief
+er aus.
+
+»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und
+überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm
+dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während
+dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in
+deiner Hand.«
+
+Diese -- freilich gewagte -- Appellation an seinen Edelmut hatte einen
+guten Erfolg.
+
+»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast
+dein Schicksal in deiner eigenen Hand.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei
+sein.«
+
+»Was soll ich thun?«
+
+»Du wirst mit mir fechten?«
+
+»Ja.«
+
+»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?«
+
+»Ja.«
+
+»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden
+Auge sehen lassen?«
+
+»Gut!«
+
+»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes
+Fahrzeug in Sicht kommt?«
+
+»Ja.«
+
+»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Hier auf dem Schiffe.«
+
+»Gebunden?«
+
+»Nein, er ist krank.«
+
+»Er hat eine Wunde?«
+
+»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht
+erheben kann.«
+
+»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist
+mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!«
+
+»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt
+wird.«
+
+»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm
+einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.«
+
+»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah[55]; ich habe
+ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine
+Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.«
+
+ [55] Wundarzt.
+
+»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.«
+
+»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht
+versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du
+ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu
+verlangen.«
+
+»Fordere!«
+
+»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der Meinen zu
+verunreinigen?«
+
+»Gut.«
+
+»Du hast Freunde unter den Inglis?«
+
+»Ja.«
+
+»Sind es große Leute?«
+
+»Es sind Paschas unter ihnen.«
+
+»So werden sie dich auslösen?«
+
+Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern
+sich meine Freiheit bezahlen lassen.
+
+»Wie viel verlangst du?«
+
+»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst
+loskaufen.«
+
+Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Ärmeln
+meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden
+worden. Es wäre allerdings zum Lösegelde auch zu wenig gewesen. Daher
+antwortete ich:
+
+»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.«
+
+»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du
+Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist
+vornehm.«
+
+»Ah!«
+
+»Und berühmt.«
+
+»Ah!«
+
+»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.«
+
+»Ich habe Spaß gemacht.«
+
+»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu
+führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer
+Zabit[56], für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.«
+
+ [56] Offizier.
+
+»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie
+umsonst von dir fordern.«
+
+»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und
+mich zwingen, dich frei zu lassen?«
+
+»Er wird es durch seinen Eltschi[57] thun.«
+
+ [57] Gesandten.
+
+»Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi der Nemsi hier in
+dieser Gegend.«
+
+»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldi,
+das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des
+Sultans steht.«
+
+Er lachte.
+
+»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka
+zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit
+deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.«
+
+»Mit wem sonst?«
+
+»Mit den Inglis.«
+
+»Warum mit diesen?«
+
+»Weil sie dich auswechseln sollen.«
+
+»Gegen wen?«
+
+»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit
+seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen
+genommen worden. Sie haben ihn nach Eden[58] geschafft und wollen ihn
+töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.«
+
+ [58] Aden an der Straße Bab-el-Mandeb.
+
+»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden
+mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.«
+
+»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie
+anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so
+werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du
+dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast
+noch viele Tage Zeit.«
+
+»Wie viele?«
+
+»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht,
+auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in
+vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein
+Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine
+volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah
+aus werde ich den Boten abgehen lassen.«
+
+»Ich werde den Brief schreiben.«
+
+»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«
+
+»Das kann ich dir nicht versprechen.«
+
+Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter
+den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?«
+
+»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.«
+
+»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in
+das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du
+schwimmen?«
+
+»Ja.«
+
+»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen
+würden!«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird
+stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht
+aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.«
+
+»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?«
+
+»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er
+der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein
+Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten.
+Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber
+gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.«
+
+Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen.
+
+Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs des
+Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke
+nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in
+einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand.
+
+Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter
+schien sich um mich zu bekümmern, kein Mensch sprach ein Wort zu mir.
+Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige
+Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine
+Kammer, an deren Thür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich
+wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Thüre verriegelt
+und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Wieder frei.
+
+
+Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um
+den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm
+zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso
+unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines
+Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur
+schaden müssen.
+
+Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt
+gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya
+angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher
+wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit,
+ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr
+besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck
+gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle
+steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um
+Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein
+dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam
+und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in
+die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter
+Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die
+Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die
+Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.
+
+Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des
+Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht
+aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von
+Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an
+südwärts giebt es eine Unzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der
+Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die
+Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen
+empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter
+mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die
+Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort
+wird Om-el-Hableïn genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher
+auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der
+Gefahr zu sichern suchte.
+
+Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu.
+Eine Landung vorher war unmöglich.
+
+Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine
+Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.
+
+Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch
+vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht
+getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet.
+
+»Sihdi!«
+
+»Wer ist da?«
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden
+ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?«
+
+»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«
+
+»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr
+leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«
+
+»So hat Abu Seïf mich belogen.«
+
+»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um
+meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den
+Schienen am Beine unten im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie
+entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«
+
+»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«
+
+»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.«
+
+»Was?«
+
+»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu
+pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere
+von seinen Mannen gehen mit.«
+
+»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«
+
+»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner
+Kammer.«
+
+»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht
+umkommen?«
+
+»Ich komme, Sihdi.«
+
+»Aber die Gefahr, Halef!«
+
+»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu
+schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«
+
+»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?«
+
+»Nein.«
+
+»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also
+nicht wissen.«
+
+»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda[59] des
+Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man
+mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.«
+
+ [59] Kammer, Kajüte.
+
+»Das weißt du?«
+
+»Ich habe Gespräche belauscht.«
+
+»Und die Barke in jener Nacht?«
+
+»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf
+uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«
+
+»Gute Nacht!«
+
+Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die
+Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.
+
+Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der
+ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn
+die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des
+Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden
+sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich
+schlief ruhig ein.
+
+Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen
+aber stand mein Wächter.
+
+»Willst du hinauf?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.«
+
+ [60] Gebet zur Mittagszeit.
+
+Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das
+Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden
+Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten
+umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande
+aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.
+
+Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken
+zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich
+nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine
+Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und
+außerdem sah ich mehrere große Ketschikise[61] am Boden liegen, welche
+jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk[62] stand offen, den Abu Seïf
+bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug
+gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal[63] enthielt, in denen
+sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.
+
+ [61] Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei
+ nach außen gewendet.
+
+ [62] Ein schrankartiger Kasten.
+
+ [63] Leinwandsäckchen.
+
+»Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,« sagte er.
+
+»Sprich.«
+
+»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu
+unternehmen?«
+
+»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen
+werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«
+
+»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich,
+strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang
+nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht
+verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«
+
+»Das ist hart.«
+
+»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.«
+
+»Ich muß mich fügen.«
+
+»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich
+sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen.
+Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu
+sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich
+hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht
+geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«
+
+Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein,
+bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich
+fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge
+geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte
+auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten
+empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln
+befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El
+Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es
+mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner
+Thür ein leises Geräusch vernahm.
+
+Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen
+durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte
+gewesen.
+
+Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes
+leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine
+Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein
+Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen.
+Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so
+-- -- -- aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines
+Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam,
+langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen
+harten Schlag -- ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und
+doch nicht könne -- ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es
+draußen halblaut:
+
+»Sihdi, komm; ich habe ihn!«
+
+Es war Halef.
+
+»Wen?« fragte ich.
+
+»Deinen Wächter.«
+
+»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«
+
+»Bist du an die Wand gebunden?«
+
+»Nein; hinaus zu dir kann ich.«
+
+»So komm, die Thür ist offen.«
+
+Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften
+Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den
+Händen den Hals zugeschnürt.
+
+»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«
+
+»Hier ist eins; warte!«
+
+Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen Händen das Messer hervor,
+nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln
+entzwei.
+
+»Geht es, Sihdi?«
+
+»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot
+ist!«
+
+»Sihdi, er hätte es verdient.«
+
+»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und
+legen ihn in meine Kammer.«
+
+»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.«
+
+»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das
+Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! -- So -- hier
+ist der Knebel -- -- hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden -- --
+laß den Hals los und halte seine Beine -- -- -- so, fertig. Nun hinein mit
+ihm!«
+
+Ich atmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt
+hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.
+
+»Was nun, Sihdi?« fragte er mich.
+
+»Wie kam das alles, jetzt?«
+
+»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«
+
+»Wenn sie dich entdeckt hätten!«
+
+»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen
+kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst
+nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem
+Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber,
+welcher dich bewacht, an deiner Thüre schlafen werde. Er haßt dich, und
+er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten
+müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin
+ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich
+das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«
+
+»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.«
+
+»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige
+weißt du, Sihdi.«
+
+»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«
+
+»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren
+Afijon[64] anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«
+
+ [64] Opium.
+
+»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als
+diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«
+
+Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten,
+darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen
+wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt
+hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft,
+der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen
+regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie
+schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden
+Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte
+frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung
+weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen
+Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht
+knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben
+und unten an Thür und Pfosten aufgenagelt war.
+
+Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als
+wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich
+mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden
+hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord
+des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen.
+Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.
+
+»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.
+
+»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir
+brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«
+
+»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns
+nicht.«
+
+»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das
+Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?«
+
+»Willst du ein Dieb werden? Nein!«
+
+»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir
+nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die
+Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu
+greifen?«
+
+»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und
+um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen.
+Unser Geld aber haben wir noch.«
+
+»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«
+
+»Hattest du viel?«
+
+»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler
+gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir
+nehmen, was mir gehört.«
+
+Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung
+hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser
+Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des
+geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem
+Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und
+überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder
+gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der
+Sandyk wird verschlossen sein.«
+
+Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:
+
+»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde
+dennoch öffnen.«
+
+»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so giebt es
+einen Krach, der uns verrät!«
+
+»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen
+können. Komm, wir wollen gehen!«
+
+Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß
+er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht
+gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem
+Versprechen:
+
+»Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!«
+
+»Ist es wahr, Sihdi?«
+
+»Ja.«
+
+»So laß uns gehen!«
+
+Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des
+Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein
+bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte.
+
+»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt.
+
+Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen
+Anlauf nehmen.
+
+»Paß auf, Sihdi!«
+
+Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten
+Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.
+
+»Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte
+Halef.
+
+»Wir gehen nach Dschidda.«
+
+»Weißt du den Weg?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder hast du eine Harjta[65], welche dir den Weg zeigt?«
+
+ [65] Landkarte.
+
+»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf
+hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die
+Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach
+den Waffen sehen.«
+
+Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns
+genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die
+hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls
+mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und
+sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber
+ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es giebt ganze Stämme,
+welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen
+bewaffnet sind.
+
+Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden
+war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie
+möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder
+kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam
+vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht
+mit Koloquinthen und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich
+beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging
+leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und
+unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung
+der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr, als
+wir die Minareh[66] einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer
+hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.
+
+ [66] Dieses Wort wird nach französischer Weise Minaret
+ geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was
+ aber falsch ist.
+
+»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef.
+
+Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie
+anzureden.
+
+»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«
+
+»Und was beginnen wir dort?«
+
+»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«
+
+»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen,
+begraben liegt?«
+
+»Ja.«
+
+»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig
+Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben
+liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«
+
+»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa,
+woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt
+Löweninsel; sie gehört jetzt den Christen, den Inglis, und ich selbst
+bin bereits zweimal dort gewesen.«
+
+Er blickte mich erstaunt an.
+
+»Aber unsere Talebs[67] sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die
+Insel Adams betreten will!«
+
+ [67] Gelehrten.
+
+»Bin ich gestorben?«
+
+»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben
+noch nicht hast.«
+
+»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß
+sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«
+
+»Ist das wahr?«
+
+»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.«
+
+»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«
+
+»Sie verstanden sie.«
+
+Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.
+
+»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?«
+
+»Würdest du mich mitnehmen?«
+
+»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten
+werden.«
+
+»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?«
+
+»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte
+es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«
+
+Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam
+gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.
+
+»Halef, du hast mich lieb?«
+
+»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«
+
+»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?«
+
+»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich
+du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben
+kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«
+
+»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«
+
+»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich
+das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah
+verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche
+mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«
+
+»Wie lange wirst du in Mekka sein?«
+
+»Sieben Tage.«
+
+»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch
+gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«
+
+»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?«
+
+»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine
+Bitte erfüllen?«
+
+»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun
+darf.«
+
+»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«
+
+»Ich gehorche.«
+
+»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.«
+
+»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«
+
+»Welche?«
+
+»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch[68] kaufen und viele Geschenke
+und Almosen geben -- -- --.«
+
+ [68] Wörtlich: »heiliges Zeug«.
+
+»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.«
+
+»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der
+Ungläubigen geprägt.«
+
+»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.«
+
+»Hast du Piaster?«
+
+»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf[69] holen.«
+
+ [69] Geldwechsler.
+
+»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen
+zu können?«
+
+»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts
+kosten.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich reite mit.«
+
+»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone.
+
+»Ja. Ist dies verboten?«
+
+»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du
+nicht.«
+
+»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?«
+
+»Das ist schön, Sihdi; das geht!«
+
+»So sind wir also einig!«
+
+»Und wohin gehst du dann?«
+
+»Zunächst nach Medaïhn Saliha.«
+
+»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der
+Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«
+
+»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man
+erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«
+
+»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg
+versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir
+sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel
+immer offen steht. Und wohin willst du dann?«
+
+»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und
+Bagdad.«
+
+»Und wirst mich mitnehmen?«
+
+»Ja.«
+
+Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine
+Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen
+arme Hadhesi[70] oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein
+zerlumpter Kerl rief mich an:
+
+ [70] Arbeiter.
+
+»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak -- bist du gesund, Effendi, wie
+geht es dir, und wie ist dein Befinden?«
+
+Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu
+erwidern.
+
+»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist
+vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und
+wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«
+
+Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M'eschaleeh trug.
+Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht
+werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das
+Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines
+Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei
+Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist
+das M'eschaleeh.
+
+»Deine Worte sind Zahari[71]; sie duften wie die Benaht el
+Dschennet[72],« antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin
+zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir
+nützlich sein.«
+
+ [71] Blumen.
+
+ [72] Töchter des Paradieses, die Houris.
+
+»Welches Geschäft hast du?«
+
+»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri[73], und ich helfe
+ihnen.«
+
+ [73] Eseltreiber.
+
+»Hast du sie zu Hause?«
+
+»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?«
+
+»Was soll ich dir bezahlen?«
+
+»Wohin willst du reiten?«
+
+»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«
+
+Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu
+Fuße, das mußte ihm auffällig sein.
+
+»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet
+habe?«
+
+»Welche Brüder?«
+
+»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie
+du; die habe ich in den großen Khan geführt.«
+
+Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.
+
+»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane
+und in keinem Funduk[74], sondern in einem Privathause nehmen.«
+
+ [74] Gasthaus.
+
+»Ama di bacht -- welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung
+finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«
+
+»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?«
+
+»Zwei Piaster.«
+
+Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.
+
+»Hole die Tiere.«
+
+Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter
+einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir
+beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.
+
+»Werden sie uns tragen können?«
+
+»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!«
+
+Das war übertrieben, jedoch mein Tier that nicht im mindesten, als ob
+ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es
+bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich
+im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.
+
+»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut,
+wermya-iz aktsche -- halt, gebt Geld!«
+
+In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein
+viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte
+dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser
+Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine
+riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine
+große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.
+
+»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer.
+
+»Der Radschal el Bab[75]. Er nimmt die Steuer für den Großherrn ein.«
+
+ [75] Mann des Thores, Thorwärter.
+
+Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu
+machen, den Paß heraus.
+
+»Was willst du?«
+
+»Geld!«
+
+»Hier!«
+
+Ich hielt ihm das großherrliche Möhür[76] vor das Auge, welches nicht
+durch ein Glas geschützt war.
+
+ [76] Siegel.
+
+»Lutf, dschenabin -- Verzeihung, Euer Gnaden!«
+
+Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich
+darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauerreste
+springen. Sie trug eine alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite,
+blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe
+eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere
+Radschal el Bab.
+
+»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer.
+
+»Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also
+beleidigt und fürchtet deine Rache.«
+
+Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines
+Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier
+große, vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.
+
+»Hier ist es!«
+
+»Wem gehört das Haus?«
+
+»Dem Dschewahirdschi[77] Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«
+
+ [77] Juwelier.
+
+»Wird er zu Hause sein?«
+
+»Ja.«
+
+»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!«
+
+Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und
+ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem
+Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand.
+Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus
+zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich
+mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine
+sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür
+wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen
+mir Halef gegeben hatte.
+
+Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.
+
+Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie
+ihren Namen -- Dschidda heißt »die Reiche« -- nicht ganz mit Unrecht
+führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben,
+welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem
+Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die
+Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab
+el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von
+zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften,
+in die Nysf[78] von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht
+sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist
+es, daß es hier sehr viele Häuser giebt, welche nach außen hin Fenster
+haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und
+haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der
+ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele
+Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler
+aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier,
+Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen:
+-- alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen
+begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften
+Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute,
+welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.
+
+ [78] Hälften.
+
+Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt,
+befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter
+gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische
+Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.
+
+Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den
+größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern
+Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu
+verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte,
+würde bald selbst ein Bettler sein. Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem
+Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit
+nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um
+mich wurde. Da plötzlich -- ist's möglich oder nicht? erklang es vom
+Wasser her:
+
+ »Jetzt geh' i zum Soala
+ Und kaf ma an Strick,
+ Bind 's Diandl am Buckl,
+ Trog's überall mit.«
+
+Ein »G'sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und
+sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein
+Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als
+einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht
+in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er
+hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über
+diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein
+gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche
+stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor,
+welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um
+die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen,
+dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.
+
+Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen
+geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich
+zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch
+besser nach rechts herum und sang:
+
+ »Und der Türk und der Ruß,
+ Die zwoa gehn mi nix o',
+ Wann i no mit der Gret'l
+ Koan Kriegshandl ho'!«
+
+Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der
+Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede
+überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.
+
+»Türkü tschaghyr-durmak -- sing weiter!« rief ich hinüber.
+
+Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort
+nochmals hören:
+
+ »Zwischen deiner und meiner
+ Is a weite Gass'n;
+ Bua, wennst mi nöt magst,
+ Kannst es bleiben lass'n!«
+
+Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:
+
+ »Zwischen deiner und meiner
+ Is a enge Gass'n;
+ Bua, wennst mi gern magst,
+ Kannst herrudern lass'n!«
+
+Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den
+Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft;
+dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff
+in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.
+
+Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein
+wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.
+
+»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.
+
+»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«
+
+»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen
+wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«
+
+»Ein Schriftsteller. Und Sie?«
+
+»Ein -- ein -- -- -- ein -- -- hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch,
+Privatsekretär, #bookkeeper#[79], Ehemann, #merchant#[80], Witwer,
+Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«
+
+ [79] Buchhalter.
+
+ [80] Kaufmann.
+
+Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich
+lachen mußte.
+
+»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«
+
+»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders
+besinne. Und Sie?«
+
+»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie
+hier in Dschidda?«
+
+»Nichts. Und Sie?«
+
+»Nichts. Wollen wir einander helfen?«
+
+»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«
+
+»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«
+
+»Ja, schon seit vier Tagen.«
+
+»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«
+
+»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«
+
+»Freilich! Für wann?«
+
+»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«
+
+Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten
+wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen
+ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er
+trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die
+Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen
+einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über
+welches eine lange Matte ausgebreitet war.
+
+»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«
+
+Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das
+Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen
+Koffer öffnete, der in demselben stand.
+
+»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht
+schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«
+
+Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:
+
+»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine
+gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier
+zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken -- jeder einen. Da
+noch ein Rest englisches Weizenbrot -- ein bißchen altbacken, geht aber
+noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst --
+riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist
+echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser;
+ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in
+dieser Büchse -- -- schnupfen Sie?«
+
+»Leider nein.«
+
+»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«
+
+»Gern.«
+
+»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir -- Sie zehne und ich
+eine.«
+
+»Oder umgekehrt!«
+
+»Geht nicht.«
+
+»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«
+
+»Raten Sie!«
+
+»Zeigen Sie einmal her!«
+
+Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.
+
+»Käse!«
+
+»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben
+Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«
+
+Wir aßen mit Lust.
+
+»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind
+in Triest geboren?«
+
+»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein
+Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt
+es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich
+bekam eine Stiefmutter; na -- Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt.
+Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer
+Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach
+Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach
+Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«
+
+»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«
+
+»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber
+hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer
+Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von
+wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich
+krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein
+tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte
+mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem
+Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine
+Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt
+sehnte ich mich nach der Heimat zurück -- -- --«
+
+»Zu Ihrem Vater?«
+
+»Auch er lebt nicht mehr, hat aber -- Gott sei Dank! -- keine Not
+gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben.
+Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«
+
+Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl
+nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der
+grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden
+ist.
+
+»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«
+
+»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«
+
+»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«
+
+»Freilich,« lachte er. »Und nun -- pressant sind meine Angelegenheiten
+nicht; ich bin mein eigener Herr -- was thut es, wenn ich mir das rote
+Meer besehe? Sie thun es ja auch!«
+
+»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«
+
+»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt,
+einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«
+
+»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht -- wir sind ja
+trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«
+
+»Wie lange werden Sie hier bleiben?«
+
+»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn
+warten müssen.«
+
+»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«
+
+»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren
+müssen.«
+
+»Wie so?«
+
+»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«
+
+»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«
+
+»Allerdings. Aber, kennt man mich?«
+
+»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«
+
+»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«
+
+»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«
+
+»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger
+sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den
+vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und
+seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen
+unsern heiligen Glauben sein.«
+
+»Sie würden innerlich doch anders denken!«
+
+»Das macht die Schuld nicht geringer.«
+
+»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«
+
+»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der
+Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß
+ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich
+möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag,
+auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den
+Pilger spielt.«
+
+»Wohl nicht.«
+
+»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«
+
+»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber
+werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«
+
+»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn
+Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden.
+Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden
+brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab,
+durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das
+Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für
+einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«
+
+ [81] Kamelart.
+
+»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe
+gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran
+darf.«
+
+»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur
+englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen
+elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten
+einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten
+haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt
+nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«
+
+Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt
+wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte
+diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und
+erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort
+gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.
+
+»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich.
+
+»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?«
+
+»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«
+
+»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?«
+
+»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger
+beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.«
+
+»Du kannst abreisen, sobald du willst.«
+
+Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu
+führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen.
+Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber
+den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten
+ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit
+ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie
+in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den
+Scheidebrief zu geben.
+
+Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme
+sagen:
+
+»Ist dein Herr zu Hause?«
+
+»Dehm arably -- sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch
+gesprochene Frage.
+
+»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit
+einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich
+selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.«
+
+Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:
+
+ »Juchheirassasa!
+ Und wenn d'willst, will i a,
+ Und wenn d'willst, so mach auf,
+ Denn desweg'n bin i da!«
+
+Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen.
+Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich
+nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören.
+Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:
+
+ »Soldat bin i gern
+ Und da kenn' i mi aus,
+ Doch steh i nit gern Schildwach
+ In fremder Leut Haus.«
+
+Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:
+
+ »Und a frischa Bua bin i,
+ D'rum laß dir 'mal sag'n:
+ Wenn d'nit glei itzt aufmachst,
+ Thua i's Thürerl zerschlag'n!«
+
+Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also
+und öffnete ihm die Thür.
+
+»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären
+schon nach Mekka abgegangen.«
+
+»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«
+
+»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«
+
+»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft?
+Thut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit
+Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre
+Speisenkarte zeigte.«
+
+»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«
+
+»Sprechen Sie!«
+
+»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß
+Sie Reiter sind.«
+
+»Ich reite allerdings ein wenig.«
+
+»Nur Pferd oder auch Kamel?«
+
+»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«
+
+»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich
+heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi[82] giebt, bei dem
+man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen
+zu können -- -- --«
+
+ [82] Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.
+
+»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?«
+
+»Das ist es!«
+
+»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen --«
+
+»Thut nichts.«
+
+»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.«
+
+»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf
+einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu
+begleiten?«
+
+»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?«
+
+»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«
+
+»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?«
+
+»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?«
+
+»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen
+kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«
+
+»So geht er mit.«
+
+»Wann soll ich kommen?«
+
+»In einer Stunde.«
+
+»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das
+Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht
+ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen
+sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich
+klingenden Namen 'Bit' bezeichnet.«
+
+»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«
+
+»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«
+
+»Allerdings.«
+
+»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch
+das deutsche Wort 'Lob'.«
+
+»Ah! Ist es gar so arg?«
+
+»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit
+dem Worte 'Bergleute' bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach
+unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten
+der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu thun. Ein Glück ist es
+nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister
+besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu
+überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach
+dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi[83]
+in seinem Ofen ausbrennen wird.«
+
+ [83] Ein Para hat acht Borbi.
+
+»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«
+
+»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen,
+da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«
+
+»Sie?«
+
+»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem
+ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und
+kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«
+
+»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«
+
+»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich
+mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.«
+
+»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«
+
+»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß
+das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe.
+Vor nun wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten,
+welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von
+Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen,
+ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich
+widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die
+Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise
+ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillet wird sehr
+zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen
+sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das
+Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch
+reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder
+Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen
+Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur
+Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien
+eine Woche lang zu besuchen, und -- ich habe mich über den Mangel an
+Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die
+Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben
+diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei
+den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im
+wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren
+kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten,
+daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es
+auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um
+Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als #Commis-voyageurs#,
+Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler oder Kirmeßgäste; sie erleben
+ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der #Table d'hôte#, bei einer
+imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem #Scating-Ring#. Wollen
+wir wetten?«
+
+»Sie machen mich wirklich neugierig!«
+
+»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer,
+wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben
+und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am
+Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in
+Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht
+zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung,
+Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt,
+daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich
+herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die
+Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten.
+Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit
+der größten Hitze eine Quelle finden.«
+
+»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«
+
+»Ich halte es.«
+
+Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem
+Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische
+hinüberklingende Seelenstimmung.
+
+Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat,
+starrte derselbe in Waffen.
+
+»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas
+genießen?« fragte er mich.
+
+»Nein.«
+
+»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«
+
+»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit!
+Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar[84]. Dort finden wir
+Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«
+
+ [84] Zeltdorf.
+
+»Tschekir? Was ist das?«
+
+»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«
+
+»Fi!«
+
+»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken,
+Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für
+den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange
+Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«
+
+»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«
+
+»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine
+Decke?«
+
+»Hier.«
+
+»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?«
+
+»Für den ganzen Tag.«
+
+»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«
+
+»Ohne Begleitung.«
+
+»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür
+aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«
+
+Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne
+sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war. In seinem Hofe
+standen drei Kamele, über welche man hätte weinen mögen.
+
+»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn.
+
+»Dort!«
+
+»Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied.
+
+»Öffne die Thür!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«
+
+»Es sind solche darin.«
+
+»Zeige sie mir!«
+
+Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich
+einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der
+schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie.
+
+»Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin[85] für die drei Kamele,
+welche du uns gesattelt hast?«
+
+ [85] »Hoheit«.
+
+»Fünf Mahbubzechinen[86] für alle drei.«
+
+ [86] à 5 Mark, in Summa also 25 Mark.
+
+»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden
+Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre
+Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und
+ihre Höcker -- ah Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine
+weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß
+sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau
+her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns
+andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!«
+
+Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.
+
+»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?«
+
+»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Großherrn? Soll ich ihm
+erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode
+schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und
+das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!«
+
+Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser
+Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu
+leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem
+Sattelzeug vor uns auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef:
+
+»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«
+
+Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte,
+auf die zusammengezogenen Vorderbeine.
+
+»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die
+Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann
+erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße
+müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich
+zu machen suchen.«
+
+»Ich will es versuchen.«
+
+Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem
+ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute
+Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn
+fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die
+Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz
+regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter
+in den Sand.
+
+»Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er
+sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber
+hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!«
+
+»Rrree!«
+
+Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang,
+obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem
+Verleiher noch einen Verweis geben:
+
+»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Und auch lenken?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein
+Metrek[87] dazu gehört!«
+
+ [87] Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen.
+
+»Verzeihe, Herr!«
+
+Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg
+auch ich auf.
+
+Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen
+wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten.
+Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter
+Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz
+bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.
+
+»Wohin?« fragte ich Albani.
+
+»Das überlasse ich Ihnen.«
+
+»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«
+
+Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine
+Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen
+und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort
+ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und
+Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne
+einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte
+des Hedschas erstreckt.
+
+Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber
+fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre
+gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die
+eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen,
+auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten
+Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch
+eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte;
+er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange,
+arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug
+klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine,
+schnalzte mit den Fingern und sang:
+
+ »Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,
+ Mei Sabel macht mir halt Müh,
+ Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt,
+ Das Kamel is ein sakrisch Vieh!«
+
+Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase: es stieg
+empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter
+mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun
+war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und
+die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände
+als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das
+Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.
+
+»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am
+Sattel fest!« rief ich ihm zu.
+
+»Hat sich sein -- -- hopp! -- -- hat sich sein -- -- öh, brrr, ah! -- hat
+sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei-- -- -- hopp, au! -- -- gar
+keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver-- -- hoppsa, öh, brr! -- Ihr
+verwünschtes Viehzeug an!«
+
+»Ich verkomme ja mit ihm!«
+
+»Ja, aber das mei-- -- oh, brrr, öh! -- das meinige rennt ihm ja wie
+bes-- -- hüh, hoppah! -- wie besessen nach!«
+
+»Halten Sie es an!«
+
+»Mit was denn?«
+
+»Mit dem Fuß und dem Zügel!«
+
+»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in -- -- hoppsa! -- nicht in die
+Höhe, und den Zügel, den habe -- -- halt -- öh, halt öh! -- den habe ich
+nicht mehr!«
+
+»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.«
+
+»Aber ich habe gar kei-- -- -- brrrr, oh! gar keinen Atem mehr!«
+
+»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«
+
+Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine
+Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite
+ritt.
+
+Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns,
+und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich
+nach und nach im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So
+hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen
+zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters
+auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem
+Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand
+förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir
+einander gegenüber.
+
+Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze
+seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert
+als unsere drei zusammen.
+
+»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die
+Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?«
+
+Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes;
+seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die
+Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus
+welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten -- es war kein
+Mann, sondern eine Frau.
+
+»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?«
+
+»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach
+der Stadt zurückkehren.«
+
+Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu
+werden.
+
+»So wohnest du in der Stadt?«
+
+»Nein; ich bin fremd in derselben.«
+
+»Du bist ein Pilger?«
+
+Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen
+Muhammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir
+nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.
+
+»Nein; ich bin kein Hadschi.«
+
+»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu
+gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein
+Rechtgläubiger.«
+
+»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.«
+
+»Bist du ein Jude?«
+
+»Nein; ich bin ein Christ.«
+
+»Und diese beiden?«
+
+»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach
+Mekka gehen will.«
+
+Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.
+
+»Wo ist deine Heimat, Fremdling?«
+
+»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«
+
+»Hast du ein Weib?«
+
+Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen
+ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete:
+
+»Nein.«
+
+»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«
+
+»Ich bin sein Diener und sein Freund.«
+
+Da wandte sie sich wieder zu mir:
+
+»Sihdi, komm und folge mir!«
+
+»Wohin?«
+
+»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?«
+
+»Pah! Vorwärts!«
+
+Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße
+des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an
+ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.
+
+»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem
+Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«
+
+Albani sang statt der Antwort:
+
+ »Dös Dirndel ist sauba
+ Vom Fuaß bis zum Kopf,
+ Nur am Hals hat's a Binkerl,
+ Dös hoaßt ma an Kropf.«
+
+Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der
+Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht
+gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie
+gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich
+an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg
+nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie
+sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen
+wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? -- Sie war
+mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan;
+ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener
+Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so
+gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen,
+furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da
+solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu
+sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung
+gewährt ist.
+
+»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis
+hörte.
+
+»Die Sprache der Deutschen.«
+
+»So bist du ein Nemtsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«
+
+»Warum?«
+
+»Der tapferste Mann war der 'Sultan el Kebihr', und dennoch haben ihn
+die Nemtsche-schimakler[88], die Nemtsche-memleketler[89] und die
+Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf
+betrachtet?«
+
+ [88] Nördlichen Deutschen.
+
+ [89] Österreicher.
+
+Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege
+gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter
+sich.
+
+»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich
+bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie
+dich.«
+
+»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar
+seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?«
+
+»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«
+
+»Ich sehe, daß du sie kennst.«
+
+»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht
+bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?«
+
+»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«
+
+»Was sagt der Kuran dazu?«
+
+»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der
+Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk[90] und
+meinen Dscherid[91]. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?«
+
+ [90] Flinte.
+
+ [91] Wurfspieß.
+
+»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke
+ganz dasselbe, was du denkst.«
+
+»Glaubst du auch an deine Waffen?«
+
+»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz[92] der Christen.«
+
+ [92] Heiliges Buch.
+
+»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.«
+
+Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt
+ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr
+fort:
+
+»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?«
+
+Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer
+sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit
+seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich
+antwortete aber ausweichend:
+
+»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«
+
+»Wie viele Male hast du eine Intikam[93] gehabt?«
+
+ [93] Blutrache.
+
+»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er
+wird getötet durch das Gesetz.«
+
+»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?«
+
+»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr
+ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom 'Vater des Säbels'; kennst du
+ihn?«
+
+»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?«
+
+»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«
+
+Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.
+
+»Gesehen? Wann?«
+
+»Vor noch nicht vielen Stunden.«
+
+»Und wo?«
+
+»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern
+entflohen.«
+
+»Wo ist sein Schiff?«
+
+Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte.
+
+»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«
+
+»Und er ist darauf?«
+
+»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«
+
+»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine
+große Botschaft zu verdanken. Komm!«
+
+Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger
+Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte
+sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug
+aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei
+Mekka wieder fand. In einer Thalmulde standen einige Zelte. Sie deutete
+mit der Hand auf dieselben und meinte:
+
+»Dort wohnen sie.«
+
+»Wer?«
+
+»Die Beni-küfr[94] vom Stamme der Ateïbeh.«
+
+ [94] Verfluchten.
+
+»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el
+Nobejat?«
+
+»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«
+
+Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am
+Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem
+Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte
+hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr
+kriegerisches Aussehen.
+
+»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.
+
+Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein
+Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.
+
+»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«
+
+»Zum Stamme Ateïbeh.«
+
+»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser
+Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind
+die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will
+das Weib von uns?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich
+traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«
+
+»Woran erkennst du dies?«
+
+»Weißt du nicht, daß alle Bedawis[95], welche in der Gegend von Mekka
+wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem
+Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und
+sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an
+ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind
+verflucht.«
+
+ [95] Beduinen.
+
+»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«
+
+»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«
+
+Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen,
+worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von
+ehrwürdigem Aussehen.
+
+»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr
+sollt unsere Gäste sein.«
+
+Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei
+Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort
+Misafir[96] ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen
+schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte
+geführt, wo wir uns auf dem Serir[97] niederließen und mit einem
+frugalen Mahle bewirtet wurden.
+
+ [96] Gast.
+
+ [97] Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.
+
+Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein
+Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der
+wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.
+
+Daß wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute
+keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man
+nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist
+der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus
+gediegenem, schön ciseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch
+versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des
+Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem
+Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite
+Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich,
+nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste
+Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten
+Kokosschale, in welcher der Kopf und -- statt des Schlauches -- ein Rohr
+befestigt wird.
+
+Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt
+hatte, führte das Wort:
+
+»Ich bin der Scheik el Urdi[98] und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die
+Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich
+dennoch nach einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?«
+
+ [98] Gebieter des Lagers.
+
+»Ich erlaube es.«
+
+»Du gehörst zu den Neßarah?«
+
+»Ja, ich bin ein Christ.«
+
+»Was thust du hier im Lande der Gläubigen?«
+
+»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«
+
+Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.
+
+»Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du dann?«
+
+»Ich kehre in meine Heimat zurück.«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind
+unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest.
+Ist dieser Mann dein Diener?«
+
+Er deutete dabei auf Halef.
+
+»Er ist mein Diener und mein Freund.«
+
+»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek[99] gesprochen; sie
+sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu
+werden.«
+
+ [99] Tochter des Scheik Malek.
+
+»Sie hat dir das Rechte gesagt.«
+
+»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt
+du, was ein Delyl ist?«
+
+»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die
+heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«
+
+»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es
+ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun
+eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt
+sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach
+Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib[100] erfüllt; wenn dies geschehen
+ist, giebt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für
+seine Mühe bezahlt.«
+
+ [100] Unerläßliche und erforderliche Handlungen.
+
+»Auch dies weiß ich.«
+
+Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten
+leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in
+Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden
+Übergang bat er:
+
+»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«
+
+Das war überraschend.
+
+»Wozu?« fragte ich ihn.
+
+»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.«
+
+»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls
+von der Behörde eingesetzt werden.«
+
+»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der
+Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«
+
+»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern,
+wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du
+mußt dich an ihn selbst wenden.«
+
+Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu
+beobachten. Er war ganz verdutzt.
+
+»Willst du es thun?« fragte ihn der Alte.
+
+»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«
+
+Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:
+
+»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön
+oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der
+Hadsch doch wieder freigeben.«
+
+»Sind die Benaht el Arab[101] wie die Töchter der Türken, welche sich
+nicht sehen lassen dürfen?«
+
+ [101] Töchter der Araber.
+
+»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du
+sollst das Mädchen sehen.«
+
+Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ
+das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen
+Ähnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter
+desselben sei.
+
+»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.
+
+Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die
+vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene
+dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.
+
+»Wie heißest du?« fragte er sie.
+
+»Hanneh[102],« antwortete sie.
+
+ [102] Anna.
+
+»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar[103]; deine Wangen leuchten wie
+Zahari[104]; deine Lippen glühen wie Römmahm[105], und deine Wimpern
+sind schattig wie die Blätter von el Szemt[106]. Mein Name lautet Halef
+Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich
+kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.«
+
+ [103] Licht des Mondes.
+
+ [104] Blumen.
+
+ [105] Granatäpfel.
+
+ [106] Akazie.
+
+Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el
+Kamar, sondern wie Nur esch Schemms[107]; seine Sprache trieb poetische
+Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die
+Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und
+Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der
+Ehe.
+
+ [107] Sonnenlicht.
+
+Das Mädchen entfernte sich wieder und der Scheik fragte ihn:
+
+»Wie lautet dein Entschluß?«
+
+»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch
+erfüllen.«
+
+»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis giebt.«
+
+»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses
+Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl
+sucht?«
+
+»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?«
+
+»Den Gouverneur von Mekka?«
+
+»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt,
+stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«
+
+»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche
+nicht den Schutz eines Türken.«
+
+»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha
+ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka,
+wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen
+ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein
+Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar
+der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda.
+Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?«
+
+»Ich habe ihn gesehen.«
+
+»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«
+
+»Nicht möglich!«
+
+»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten, oder ihn leben
+zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein
+Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in
+Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar[108] zu
+schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu
+sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit
+zurück. Du hast beide gesehen: mit meiner Tochter bist du angekommen,
+und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn,
+um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im
+Seraj[109] des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn
+entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal
+sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach
+Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht
+weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner
+Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte
+mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist.
+Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um
+draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine
+Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die
+Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen
+die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten.
+Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des
+Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden
+uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von
+Abu-Seïf gewesen?«
+
+ [108] Zeltdorf.
+
+ [109] Palast.
+
+»Ja.«
+
+»Erzähle es!«
+
+Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.
+
+»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«
+
+»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«
+
+»Willst du uns hinführen?«
+
+»Ihr werdet die Dscheheïne töten?«
+
+»Ja.«
+
+»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.«
+
+»Du darfst dich nicht rächen?«
+
+»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu
+lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr
+seid keine Richter.«
+
+»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden
+den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast
+mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe
+entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen
+willst.«
+
+»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener
+noch einmal zu sein.«
+
+»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«
+
+»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an
+meiner Stelle.
+
+»Du kannst morgen gehen.«
+
+»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so
+weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann
+zurückbringen.«
+
+Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:
+
+»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?«
+
+Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.
+
+»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,«
+antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich
+hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma[110] schließen.«
+
+ [110] Verheiratung.
+
+»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte
+abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.«
+
+»So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf
+ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du
+reiten?«
+
+»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder
+mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen
+für den Abschluß der Verheiratung?«
+
+»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik
+meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber
+ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den
+Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch[111] habe ich.«
+
+ [111] Petschaft und Wachs.
+
+In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine
+Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf
+Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß
+er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem
+Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher,
+sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen
+den Weg förmlich hinter sich.
+
+Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.
+
+»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?«
+
+»Was?«
+
+»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es
+erraten?«
+
+»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.«
+
+Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach
+einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der
+Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen,
+sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten
+Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr
+erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke
+nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu
+vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden
+lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt
+zurückkehrenden Boten sein.
+
+Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er
+sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort
+wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir
+gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz
+dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um
+dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden,
+aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer
+nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann,
+sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden verschwunden waren,
+einen Bogen schlagen. Während wir anderen unseren Weg fortsetzten,
+fragte er:
+
+»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der
+Stadt, wo du uns dann am Thore finden wirst?«
+
+»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du
+mit ihnen geredet hast.«
+
+»Es sind vielleicht Dscheheïne!«
+
+»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab;
+reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige
+Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda
+zurückzufliehen.«
+
+»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.«
+
+Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser
+hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen
+mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in
+gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie
+merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie
+mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der
+Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter
+Eile fort, waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor
+ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich
+gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns
+vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab
+eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so
+mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden,
+kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei
+Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder
+nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben
+beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte
+sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.
+
+»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik.
+
+»Von Dschidda,« antwortete der eine.
+
+»Wohin wollt ihr?«
+
+»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«
+
+»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!«
+
+»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen
+wir die Körbe.«
+
+»Von welchem Stamme seid ihr?«
+
+»Wir wohnen in der Stadt.«
+
+Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja
+wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre
+Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:
+
+»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr
+seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf.
+Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!«
+
+»Was geht es euch an, wer wir sind?«
+
+Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die
+Peitsche aus Halefs Hand.
+
+»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was
+diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen,
+das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige
+Fragen. Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten;
+thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art
+zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab
+sehen lassen könnt!«
+
+Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen
+Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.
+
+»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine.
+
+»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der
+Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken
+befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer
+nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren
+Tabandschab[112]. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser
+Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und
+antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«
+
+ [112] Pistolen.
+
+»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.
+
+»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo habt ihr ihn getroffen?«
+
+»In Mekka.«
+
+»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«
+
+»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.«
+
+»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«
+
+»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«
+
+»So bin ich jetzt mit euch fertig.«
+
+»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde
+sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.«
+
+»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten.
+Folge mir!«
+
+Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb
+noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu
+ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr
+unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf
+seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu
+bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße
+gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden,
+und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das
+Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.
+
+»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte
+Halef.
+
+»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was
+du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«
+
+»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«
+
+»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«
+
+»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen
+reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«
+
+»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«
+
+»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah
+möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes
+Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer
+Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist -- -- die
+ist -- -- wie -- der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne
+am Himmel der Wüste.«
+
+»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich
+glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«
+
+»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin
+einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der
+Blumen trinkt.«
+
+Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun
+eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als
+die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte
+zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen
+sollten.
+
+»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen,
+bis du wieder kommst?«
+
+»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so
+lang ist, wie deine Lanze.«
+
+»Und das Tirscheh oder Kiahat[113] wirst du nicht vergessen?«
+
+ [113] Pergament oder Papier.
+
+»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem[114] mitbringen.«
+
+ [114] Tinte und eine Feder.
+
+»Thue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!«
+
+Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten
+in die Stadt.
+
+»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani.
+
+»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag
+gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«
+
+»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht
+gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«
+
+»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging
+es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! -- Sie wollen mit
+diesen Arabern gehen? -- So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«
+
+»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen
+wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten
+Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für
+unmöglich halte.«
+
+Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen
+wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten,
+einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der
+weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner
+Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru,
+dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine
+Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir
+wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen,
+worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+In Mekka.
+
+
+Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die
+Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein
+schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter
+dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte
+ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der
+langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag.
+
+Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran.
+
+»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort
+einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?«
+
+»Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.«
+
+»Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki[115] ist das
+Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden
+soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.«
+
+ [115] Osten.
+
+»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle
+erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.«
+
+»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine
+Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein
+Adeschlik[116] verehre?«
+
+ [116] Feuerzeug.
+
+Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché
+gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen
+sehr großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose
+bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn
+zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen.
+
+»Gieb es ihr,« antwortete ich ernsthaft.
+
+»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch wiedergeben, wenn sie
+meine Frau nicht mehr ist?«
+
+»Sie wird es behalten.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen
+lassen! Was soll ich thun, Sihdi?«
+
+»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr etwas anderes!«
+
+»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen
+Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!«
+
+»So gieb ihr nichts.«
+
+Er schüttelte sehr besorgt den Kopf.
+
+»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend
+etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener
+ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?«
+
+Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und
+infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren.
+
+»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber
+ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine
+Jacke, noch meine Büchse schenken!«
+
+»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe
+tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in
+welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen
+würden?«
+
+»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen,
+wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?«
+
+»Du mußt es wieder fordern!«
+
+»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige
+Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und
+sehen, ob ich etwas für dich finde.«
+
+Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.
+
+»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen
+hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohlthätigkeit
+länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines
+Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan.
+Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter
+die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein,
+wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und
+die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!«
+
+Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine
+Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen,
+Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches
+er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz
+vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der
+Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt
+beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen
+lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen
+weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch
+Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht
+viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert
+besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten
+Seltenheiten gehörten.
+
+Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich
+hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte,
+öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen
+Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz
+auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe
+mit künstlichen Schildkröten und hing an einer Kette von Glasfacetten,
+die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der
+Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich
+zeigte ihn Halef.
+
+Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen
+möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa
+Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal
+gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir
+dienen!«
+
+»Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.«
+
+»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?«
+
+»Bei meinem Barte!«
+
+»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen,
+so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!«
+
+Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen,
+legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu
+betrachten.
+
+»Wallahi -- billahi -- tallahi -- bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst
+du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht
+die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit
+den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik -- wehe, wenn er das
+Kästchen zertritt!«
+
+»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!«
+
+»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du
+täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen?
+Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ und auch kein Jude! Du bist der
+größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast
+den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan[117] gesperrt!
+Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern,
+und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über
+die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese
+Kette, Sihdi?«
+
+ [117] Gefängnis.
+
+»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.«
+
+»Ich -- --?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im
+Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter
+allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich
+verschenken?«
+
+»Ja.«
+
+»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich
+werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.«
+
+»Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!«
+
+»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen
+gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen thatest?«
+
+»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich
+diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars[118] bei mir
+getragen.«
+
+ [118] Weite, türkische Hosen.
+
+»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels,
+den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich
+Hanneh die Kette geben?«
+
+»Sobald sie dein Weib geworden ist.«
+
+»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab[119], denn alle
+Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält.
+Darf ich auch die andern Schätze sehen?«
+
+ [119] Benat ist Plural von Bint, Tochter.
+
+Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und
+Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh
+versammelt.
+
+»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek.
+
+»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.«
+
+»Willst du den Vertrag schreiben?«
+
+»Wenn du es wünschest, ja.«
+
+»So können wir beginnen?«
+
+Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich
+einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen:
+
+»Wie lautet dein voller, ganzer Name?«
+
+»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah.«
+
+»Aus welchem Lande stammest du?«
+
+»Ich stamme aus dem Garbi[120], wo die Sonne hinter der großen Wüste
+untergeht.«
+
+ [120] Westen.
+
+»Zu welchem Stamme gehörst du?«
+
+»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit
+dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen
+Dschebel Schur-Schum.«
+
+Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich
+nun an den Scheik.
+
+»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter.
+Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el
+Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes
+der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim
+und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel
+reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund
+eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte
+aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar
+ist wie Seide, ihre Haut wie Öl, und ihre Tugenden sind rein und
+glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef
+Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!«
+
+Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:
+
+»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine
+Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen
+ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle;
+sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere
+hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein
+Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den
+Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu
+hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert
+gehalten -- -- warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er
+bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?«
+
+»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher.
+
+»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie
+um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf
+Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.«
+
+Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig
+Schafe, zehn Last- und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut
+und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen?
+Glücklicherweise fuhr der Scheik fort:
+
+»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen,
+zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen,
+daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und
+die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er
+morgen früh beim Fagr[121] eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei
+welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen
+Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als
+Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten.
+Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat
+er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts
+und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.«
+
+ [121] Gebet beim Aufgange der Sonne.
+
+Der Redeführer drehte sich zu Halef um:
+
+»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?«
+
+Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht
+paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch
+klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete:
+
+»Ich nehme diese Bedingungen an.«
+
+»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal,
+nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!«
+
+Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt
+die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen
+ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er
+und Halef unterzeichnet hatten.
+
+Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen
+Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um
+eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein
+Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über
+dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht
+geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war.
+
+Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und
+erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Überreste. Bei dieser
+Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob
+sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen.
+Die Scene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in
+dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre
+Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half
+nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil
+der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und
+Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht
+bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher
+Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die
+unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich
+ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals
+gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.
+
+Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu
+schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.
+
+»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute
+niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören.
+
+»Ja. Du hast es ja versprochen!«
+
+Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:
+
+»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?«
+
+»Nein.«
+
+»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!«
+
+»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es
+wieder herzugeben.«
+
+»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen
+soll!«
+
+»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein
+Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh
+behalten möchtest!«
+
+»Du hast es erraten.«
+
+»So willst du mich also verlassen?«
+
+»Dich, Sihdi -- -- --? Oh -- -- --!«
+
+Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.
+
+Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was
+ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war
+klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu
+mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst
+überlassen und schlief bald ein.
+
+Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel
+erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich
+bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot
+gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem
+Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende
+rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie
+und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks
+hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte
+ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß
+und meinte, nach der Feuerwolke deutend:
+
+»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir
+kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.«
+
+»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?«
+
+»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das
+Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen
+haben?«
+
+»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.«
+
+»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm
+gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich,
+daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das
+Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen
+Türken thun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer
+gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha
+von Ägypten, den Allah erschlagen wolle!«
+
+»Du hassest ihn?«
+
+»Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greuelthaten
+gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem
+Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr
+naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger
+bleiben.«
+
+»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?«
+
+»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße
+zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht
+entgehen.«
+
+»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?«
+
+»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?«
+
+»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein.
+Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann
+augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind
+deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka
+befindet.«
+
+»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh
+muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person,
+welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr
+vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon
+lange nach einem Delyl für sie umgesehen.«
+
+»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?«
+
+»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir
+vielleicht einen Boten nach El Frat[122] zu den Beni Schammar oder zu
+den Beni Obeïde, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.«
+
+ [122] Euphrat.
+
+Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont,
+und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten
+nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug
+setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich
+erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe
+angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Überfall mit einemmal zu
+wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine
+ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich
+war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange
+der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf
+machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich
+nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe
+Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene!
+Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich
+zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die
+Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen.
+Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich
+in Mekka gewesen sei -- weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war
+mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein
+Überlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß,
+mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so
+oft gethan und war immer glücklich dabei gewesen.
+
+Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen
+Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir
+befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden
+eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis
+wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg
+zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und
+die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und
+mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann
+kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung.
+
+Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und
+machte die Runde um den Thalkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als
+ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne
+leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand
+ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen
+Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über
+welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter
+größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!
+
+Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um
+ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis
+ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten:
+
+»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was
+wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!«
+
+»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu
+bekommen.«
+
+»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest?
+Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du
+erhalten, was dir gebührt.«
+
+»Ich nehme nichts an!«
+
+»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde
+nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er
+dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug
+ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind,
+verbrennen und zerstören?«
+
+»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!«
+
+»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter,
+geben, obgleich auch er schon das seinige bekommen hat.«
+
+»Gebt es ihm!«
+
+Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und
+Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er
+ließ nicht ab -- ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß
+er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe
+bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin,
+einen armen Araber glücklich zu machen.
+
+»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten,
+welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik.
+
+»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef.
+
+»Morgen zwischen früh und Mittag.«
+
+»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?«
+
+»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach
+seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram[123] zu gehen. Du reitest
+also nach dem Beith-Allah[124], lässest vor demselben die Kamele halten
+und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef[125], der
+dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und
+nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald
+du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat[126] mit den dabei
+vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte
+glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar[127] und ziehst die
+Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im
+Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der
+Hand zu behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher
+siebenmal wiederholt werden muß.«
+
+ [123] Die große Moschee.
+
+ [124] »Haus Gottes«; es ist gleichfalls die große Moschee
+ gemeint.
+
+ [125] Fremdenführer.
+
+ [126] Niederwerfungen.
+
+ [127] Kanzel, türkisch: Mimbar.
+
+»Nach welcher Seite?«
+
+»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten
+drei Gänge werden mit schnellen Schritten gethan.«
+
+»Warum?«
+
+»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet,
+daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu
+widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden
+Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen
+werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt.
+Zuletzt, wenn das Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Thür
+der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung
+aller deiner Sünden.«
+
+»Dann bin ich fertig?«
+
+»Nein. Du hast nun seitwärts zum El Madschem[128] zu gehen und vor dem
+Mekam-Ibrahim[129] zwei Rikat zu verrichten. Dann begiebst du dich zum
+heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel
+Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben,
+welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist
+ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.«
+
+ [128] Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher
+ Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die
+ Kaaba bauten.
+
+ [129] Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als
+ Fußgestell gedient haben soll.
+
+»Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt dann?«
+
+»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa
+stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das
+Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest
+Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert
+Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier
+steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua
+verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal
+zurück.«
+
+»Dann ist alles gethan?«
+
+»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah
+besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt
+von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und
+kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr
+thun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern
+anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten
+wieder bei uns sein.«
+
+Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber
+für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh
+bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte
+er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter
+war, und fragte:
+
+»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?«
+
+»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun, Halef?«
+
+»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles thue, was ich kann und darf.«
+
+»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen.
+Bringe auch mir eine Flasche mit!«
+
+»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich
+unmöglich thun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken.
+Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle
+retten!«
+
+Dieser Bescheid wurde mit so fester Überzeugung ausgesprochen, daß ich
+nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte
+er:
+
+»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?«
+
+»Das darf ich ja nicht!«
+
+»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.«
+
+»Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir schlafen.«
+
+Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von
+dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen
+komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich
+übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine
+Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda
+bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten
+aufgestellt.
+
+Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen
+ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er
+gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser
+Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein
+machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das
+Kamel besteigen wollte, und fragte:
+
+»Effendi, darf ich mit dir reiten?«
+
+»Du darfst.«
+
+Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die
+Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde
+mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu
+verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde
+zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich:
+
+»Folge mir, Effendi!«
+
+»Wohin?«
+
+»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.«
+
+Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und
+schaute unverwandt nach Süden.
+
+»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich
+führen, wohin du willst!«
+
+Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah
+mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und
+hielt endlich in einem engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf
+den Boden niedersetzte.
+
+»Setze dich zu mir und laß uns plaudern,« sagte sie.
+
+Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach.
+
+»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie
+die eigentümliche Unterhaltung.
+
+»Gewiß!« antwortete ich.
+
+»Ich auch,« bemerkte sie ruhig.
+
+»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erste Mal, daß ein
+muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach.
+
+»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.«
+
+»Woher weißt du es?«
+
+»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das
+Paradies; dort lebten alle Geschöpfe bei einander, ohne sich ein Leides
+zu thun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion
+die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der
+Christen.«
+
+»Kennst du sie?«
+
+»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß
+ihr betet zu Gott: 'Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz
+günahler[130]' -- Ist dies richtig?«
+
+ [130] Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden
+ vergessen.
+
+»Ja.«
+
+»Und daß in eurem Kuran steht: 'Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim
+durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.'[131] -- Sage mir, ob das
+auch richtig ist!«
+
+ [131] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist
+ in Gott und Gott in ihm.
+
+»Auch das ist richtig.«
+
+»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau
+rauben?«
+
+»Nein. Wenn er es thäte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.«
+
+»Siehst du, daß eure Religion besser ist, als unsere? Bei euch hätte
+Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst
+du die Geschichte dieses Landes?«
+
+»Ja.«
+
+»So weißt du auch, wie die Türken und Ägypter gegen uns gewütet haben,
+trotzdem wir _eines_ Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet
+und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt,
+verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die
+Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse
+diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.«
+
+»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit -- --«
+
+»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken,
+aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich thue:
+ich werde mich rächen -- rächen an allen, die mich beleidigt haben.«
+
+»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?«
+
+»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die
+heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?«
+
+»Sage es!«
+
+»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?«
+
+»Wer sagt dir das?«
+
+»Ich selbst. Antworte mir!«
+
+»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.«
+
+»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich
+deshalb an diesen Ort geführt. -- Würdest du die Gebräuche mitmachen,
+wenn du in Mekka wärest?«
+
+»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.«
+
+»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust recht daran. Gehe
+nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!«
+
+War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß
+sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen
+ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können -- freilich
+nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies
+unmöglich.
+
+»Wo liegt Mekka?« fragte ich.
+
+»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Thale liegen.«
+
+»Warum soll ich gehen und nicht reiten?«
+
+»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich
+nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird
+ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen
+Spaziergang gemacht habest.«
+
+»Und du willst wirklich auf mich warten?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange?«
+
+»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.«
+
+»Das ist sehr kurz.«
+
+»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange
+verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba
+sehen; das ist genug.«
+
+Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte,
+mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete
+auf meine Waffen und schüttelte den Kopf.
+
+»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber
+solche Waffen? Laß deine Flinte hier und nimm die meinige dafür.«
+
+Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte
+wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher
+vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den
+Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer
+halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Thal
+hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs
+einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile
+der Stadt.
+
+Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu
+Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen
+mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht
+dröhnen hört.
+
+Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee
+gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen
+ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem
+Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem
+großen Rechteck, welches der Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um
+dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und
+Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte
+zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die
+Breite. Da ich mir das Äußere erst nachher betrachten wollte, trat ich
+durch eines der Thore ein. In demselben saß ein Mekkaui[132], welcher
+mit kupfernen Flaschen handelte.
+
+ [132] Bewohner von Mekka.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche
+Kuleh?«
+
+»Zwei Piaster.«
+
+»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise
+sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.«
+
+Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch.
+Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun
+betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der
+Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua[133] vollständig bekleidet
+war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben
+gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben
+der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere
+Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich
+durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer- und Sänftenträger rannten mit
+ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den
+Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei
+einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein
+Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen
+zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer
+kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um
+bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen,
+als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche
+füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam.
+Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu
+mir. Jetzt drehte ich mich um und -- stand keine zehn Schritt von
+Abu-Seïf.
+
+ [133] Schwarzseidener Stoff.
+
+Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir
+dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und
+beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen,
+strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren
+das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es
+war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet.
+
+Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn
+schon hörte ich hinter mir den Ruf:
+
+»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!«
+
+Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich
+hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse
+eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln
+einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen
+gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber,
+sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor
+dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den
+Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den
+Revolver in der Hand. Aber -- wird das Tier gehorchen?«
+
+»E -- o -- ah! -- E -- o -- ah!«
+
+Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei
+Rucken, und windschnell ging's nun dahin. Schüsse krachten hinter mir --
+nur vorwärts, vorwärts!
+
+Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so
+oft findet, so war ich unbedingt verloren.
+
+In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und
+erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe
+des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche
+mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten
+Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen.
+
+Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch
+verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier
+durch unaufhörliche Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich.
+Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich
+mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig
+nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen,
+welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte.
+
+Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß
+ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies
+ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und
+nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter.
+
+»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an.
+
+»Abu-Seïf.«
+
+»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?«
+
+»Er ist mir ziemlich nahe.«
+
+»Und viele andere?«
+
+»Sie kommen zu spät.«
+
+»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Thal.«
+
+»Warum?«
+
+»Du sollst es sehen.«
+
+»Ich muß erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!«
+
+Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die
+Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt
+erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich
+bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich
+ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er
+nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne
+erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung
+herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da
+gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter
+mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine
+Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen:
+Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht
+mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie,
+wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten.
+
+Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern
+Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten,
+daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen
+Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche
+dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte
+ich mein Dschemmel immer mehr.
+
+So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die
+offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es
+so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand.
+Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber
+zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen
+Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn
+er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf
+weit überlegen.
+
+Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern
+in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß
+dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen
+überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es
+möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so
+aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er
+hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau
+ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich
+mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob
+er Schwalben fangen wolle.
+
+Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger
+war im Bereich meiner Stimme.
+
+»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine
+Kugel!«
+
+»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und
+nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!«
+
+Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu
+schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug
+sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und
+dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten
+werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er that
+nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf
+ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit
+geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht.
+
+»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib.
+
+»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er
+das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.«
+
+Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt
+hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren
+Handschar.
+
+»Was willst du thun?«
+
+»Mir seinen Kopf nehmen.«
+
+»Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.«
+
+»Mein Recht ist älter!«
+
+»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.«
+
+»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?«
+
+»Was thust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach
+hier liegen lasse?«
+
+»So giebst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.«
+
+»Ich gebe es nicht auf.«
+
+»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm
+geschieht.«
+
+Jetzt kam auch Halef herbei.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du gethan?«
+
+»Wie kommst du an diesen Ort?«
+
+»Ich bin dir nachgeeilt!«
+
+»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!«
+
+»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner
+Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen und ging zu
+einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei
+mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das
+beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte,
+erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus
+und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei.
+Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick
+später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu
+deiner Verfolgung zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses
+Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen
+und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das
+Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu
+fangen. Die anderen blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das
+Dschemmel.«
+
+»Es ist nicht dein.«
+
+»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter
+uns; wir können nicht hier bleiben. Was thun wir mit diesem Vater des
+Säbels und des Betruges?«
+
+»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl
+wieder zu sich kommen.«
+
+»Und wohin fliehen wir?«
+
+»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef;
+denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns
+nicht mehr im Lager angetroffen hättest.«
+
+»Du meinst die Höhle Atafrah?«
+
+»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der
+Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft
+mir den Gefangenen binden.«
+
+Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen,
+welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte.
+Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann
+stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu.
+
+So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich
+Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der
+Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später.
+
+Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden.
+
+»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die
+heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!«
+
+»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?«
+
+»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.«
+
+»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!«
+
+»Du warst beim heiligen Brunnen?«
+
+»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren
+Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in
+die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und
+folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du
+dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?«
+
+Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage;
+aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische
+Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht
+ein, seine Anschauung zu widerlegen.
+
+Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein
+Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder
+wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und
+so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis
+wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen
+war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen
+mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten,
+der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte.
+
+»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können
+hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.«
+
+»Wir bleiben hier?« fragte ich.
+
+»Ja, bis der Scheik kommt.«
+
+»Wird er kommen?«
+
+»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand
+von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu
+suchen. Steigt ab und folget mir!«
+
+Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen
+Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen
+gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte
+folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum,
+der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer
+Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde
+angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in
+Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen
+Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im
+grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die
+Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden,
+dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können.
+
+Übrigens aber brauchten wir keine große Sorge zu haben, entdeckt zu
+werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt,
+daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten.
+
+Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche
+meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht
+unbedeutende Summe.
+
+Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen
+waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich
+mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die
+Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein
+sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus
+und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in
+ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus.
+
+»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der
+Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden
+seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen,
+daß ich euch hier angetroffen habe.«
+
+»Wen vermutest du außer mir noch hier?«
+
+»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch
+Abu-Seïf, den Gefangenen.«
+
+»Wie kannst du diese alle hier erwarten?«
+
+»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden
+Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und
+geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich
+sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast.
+Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das
+erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn
+also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die anderen aber
+nicht.«
+
+»Wann kommt der Scheik?«
+
+»Vielleicht noch vor einer Stunde.«
+
+»So komm herein.«
+
+Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum
+Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor
+der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte
+erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage
+war:
+
+»Hast du den Dscheheïne gefangen?«
+
+»Ja.«
+
+»Er ist hier?«
+
+»Unverletzt und gesund.«
+
+»So werden wir über ihn richten!«
+
+Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das
+Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante
+Unterredung.
+
+»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er.
+
+»Sprich!«
+
+»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh
+niedergeschrieben hast?«
+
+»Alles.«
+
+»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?«
+
+»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.«
+
+»Aber ich habe sie noch nicht beendet!«
+
+»Was fehlt noch?«
+
+»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell
+gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir
+eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina
+gehört.«
+
+»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?«
+
+»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es -- sie hat es mir selbst gesagt!«
+
+»Und du liebst sie wieder?«
+
+»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen
+und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und
+also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.«
+
+»Aber was wird der Scheik sagen?«
+
+»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!«
+
+»Weitere Sorge hast du nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Und ich? Was werde ich dazu sagen?«
+
+»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich
+dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.«
+
+»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!«
+
+»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich
+zurückkehren kann.«
+
+»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr
+euch einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes thun, sie
+behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie
+nicht wieder abzutreten brauchst.«
+
+»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie
+weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
+Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt
+gehen!«
+
+Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen.
+Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf
+getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu
+nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.
+
+»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an
+diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn
+uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?«
+
+»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an
+Abu-Seïf zu nehmen.«
+
+»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!«
+
+Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei.
+
+»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!«
+
+Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.
+
+»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir
+da mit ihm reden? Er weiß, was er gethan hat, und wir wissen es auch;
+was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er
+sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen.
+Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.«
+
+Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde
+aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den
+letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene,
+schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu.
+Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um
+ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte
+große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als
+den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe
+zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall,
+so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen.
+
+Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der
+alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben.
+
+»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu
+bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?«
+
+»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die
+Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder
+ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.«
+
+Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen
+sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber
+kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut
+zitterten. Ein kurzer Meinungstausch ergab, daß ihn niemand gesehen
+hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur
+stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der
+Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.
+
+»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unsern Versteck verraten.
+Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unseren Tieren noch einen Versuch
+machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so
+ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.«
+
+»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter.
+
+Die anderen stimmten bei.
+
+»Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt
+-- tot oder lebendig -- der wird eine große Belohnung bekommen.«
+
+Da trat Halef vor und sprach: »Den Preis habe ich bereits verdient.
+Draußen liegt tot der Vater des Säbels.«
+
+»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik.
+
+»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im
+Auffinden aller Arten des Makam[134]; er hat mich gelehrt, die Spuren
+im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat
+mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen.
+Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah
+ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach
+rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er
+so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu
+verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab
+einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz.
+Seinen Körper werde ich euch zeigen.«
+
+ [134] Fußspur.
+
+Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den
+toten Abu-Seïf zu sehen.
+
+Bald kehrten sie jubelnd zurück.
+
+»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern
+kleinen Halef.
+
+»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht
+wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter
+die Deinen auf.«
+
+»Ein Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?«
+
+»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?«
+
+»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.«
+
+»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der
+Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines
+Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast
+du Verwandte hier in der Nähe?«
+
+»Nein.«
+
+»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?«
+
+»Nein.«
+
+»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?«
+
+»Ein Anhänger der Sunna.«
+
+»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.«
+
+»So berate auch über ein anderes noch mit!«
+
+»Worüber?«
+
+»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?«
+
+Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an.
+Dann begann ich meine Rede:
+
+»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie
+Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein
+Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und
+auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Thaten zu
+verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des
+Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem
+Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand
+diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er
+ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und
+schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts
+gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben
+die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum
+getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und
+haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres
+Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und
+was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge
+davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka
+geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich
+unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah
+ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von
+einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed
+Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi,
+der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht
+wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht
+gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher
+richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen
+und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein
+Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und
+ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm
+und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!«
+
+Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete:
+
+»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich
+euere Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist
+ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Thaten verrichtet,
+und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen.
+Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wessir, dessen Leben seinem
+Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre
+zu bereiten. Wir lieben dich und ihn -- und wir werden unsere Stimmen
+vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich
+mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde
+ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein
+tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat.
+Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu
+feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist
+unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als
+wir. Sallam, Effendi!«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Am Tigris.
+
+
+»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen
+Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein
+jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über
+Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so
+dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der
+Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den
+Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn
+die Öde wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so
+sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie
+so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr
+vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« --
+
+An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser
+Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des _Tigris_
+legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine
+große, ungeheuere, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und
+Athen werden vom Strahle der Sonne erleuchtet, und die Denkmäler des
+einstigen Ägypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie
+reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem
+Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den
+beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über
+welche der Beduine achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, daß
+unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von
+Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im
+Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns
+eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht,
+damit wir uns einen Namen machen!« --? Sie haben Stadt und Turm gebaut,
+aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber
+die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in
+dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der
+Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von
+Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und
+von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. -- --
+
+Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns
+bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte?
+
+Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es
+nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe
+von _Maskat_ verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein
+und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine
+befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen,
+bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte
+mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse
+Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der
+Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine
+Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang
+verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren
+Betrachtung vollständig würdig war:
+
+Ein hoher, grauer Cylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in
+Bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter,
+dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und
+lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum
+Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten,
+umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein
+graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter
+Rock und graukarrierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue
+Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann ein Instrument,
+welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine
+doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein
+zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor.
+
+»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer
+Sperlingsklapper glich.
+
+Er setzte sich auf ein Senïeh, welches eigentlich als Tisch dienen
+sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee,
+senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den
+Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.
+
+»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt.
+
+Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen Zug, blies den
+Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse.
+
+»Wermyn« -- -- er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen,
+und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er
+kurzweg: »Wermyn Roastbeef!«
+
+Der Kawehdschi verstand ihn nicht.
+
+»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn
+Fingern die Pantomime des Essens machte.
+
+»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Thüre
+verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen,
+viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer
+gebraten werden.
+
+Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit.
+
+»Araber?« fragte er.
+
+»#No.#«
+
+»Türke?«
+
+»#No.#«
+
+Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe.
+
+»Englishman?«
+
+»Nein. Ich bin ein Deutscher.«
+
+»Ein Deutscher? Was hier machen?«
+
+»Kaffee trinken!«
+
+»#Very well!# Was sein?«
+
+»Ich bin #writer#!«[135]
+
+ [135] Schreiber, Schriftsteller.
+
+»Ah! Was hier wollen in Maskat?«
+
+»Ansehen.«
+
+»Und dann weiter?«
+
+»Weiß noch nicht.«
+
+»Haben Geld?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie heißen?«
+
+Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die
+dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches
+die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch
+höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie
+Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde.
+Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte
+darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine
+Verbeugung zu machen.
+
+»#Welcome#, Sir; kenne Sie!«
+
+»Ah, mich?«
+
+»#Yes#, sehr!«
+
+»Darf ich fragen, woher?«
+
+»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London,
+Near-Street 47.«
+
+»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?«
+
+»Auf Reisen -- hier oder dort -- weiß nicht. Sie waren mit ihm auf
+Ceylon?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Elefanten gejagt?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann in See auf Girl-Robber?«
+
+»So ist es.«
+
+»Haben Zeit?«
+
+»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?«
+
+»Habe gelesen von Babylon -- Niniveh -- Ausgrabung -- Teufelsanbeter. Will
+hin -- auch ausgraben -- Fowling-bull holen -- britisches Museum schenken.
+Kann nicht Arabisch -- will gern Jäger haben. Machen Sie mit -- bezahle
+gut, sehr gut!«
+
+»Darf ich um Ihren Namen bitten?«
+
+»Lindsay, David Lindsay -- Titel nicht, brauche nicht -- Sir Lindsay
+sagen.«
+
+»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?«
+
+»#Yes.# Habe Dampfboot -- fahre hinauf -- steige aus -- Dampfboot wartet,
+oder zurück nach Bagdad -- kaufe Pferd und Kamel -- reisen, jagen,
+ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie
+mitgehen?«
+
+»Ich bin am liebsten selbständig.«
+
+»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen -- werde gut bezahlen,
+sehr fein bezahlen -- nur mitgehen.«
+
+»Wer ist noch dabei?«
+
+»So viel, wie Sie wollen -- aber lieber ich, Sie, zwei Diener.«
+
+»Wann fahren Sie ab?«
+
+»Übermorgen -- morgen -- heut -- gleich!«
+
+Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich
+bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die
+Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu
+gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer
+lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß
+ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und
+alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit
+aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten
+Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen.
+Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle
+Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen
+begegnet, als er war.
+
+Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote
+mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen
+werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir, daß Halef mit noch einem
+Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern reisen werde,
+um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde
+mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.
+
+Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen
+war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters
+geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und
+Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an
+die Stelle, an welcher wir heute anlegten. -- --
+
+Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und
+die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel
+bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem
+aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte
+aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht
+gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes
+bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad
+zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß,
+alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch
+auszuladen.
+
+»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn.
+
+»Warum?«
+
+»Weil wir es morgen bei Tageslicht thun könnten.«
+
+»Geht auch am Abend -- bezahle gut!«
+
+»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.«
+
+»Giebt es hier Diebe -- Räuber -- Mörder?«
+
+»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!«
+
+»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten -- haben Büchsen;
+jeder Spitzbube wird niedergeschossen!«
+
+Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir
+mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen
+ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote
+gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite
+und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war
+wunderschön. Vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und
+hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle
+des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf
+dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten
+des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An
+Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpfen sich die Erinnerungen an große
+Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen gleichen dem
+Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.
+
+Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte
+ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als
+sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines
+Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann
+dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein.
+
+Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme
+gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarrierten Anzuge, den er
+selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte.
+
+»Sir, wacht auf!«
+
+Ich sprang auf die Füße und fragte:
+
+»Ist etwas geschehen?«
+
+»Hm -- ja!«
+
+»Was?«
+
+»Unangenehm!«
+
+»Was!«
+
+»Pferde fort!«
+
+»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?«
+
+»Weiß nicht.«
+
+»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Aber Sie haben doch gewacht!«
+
+»#Yes!#«
+
+»Wo denn?«
+
+»Dort.«
+
+Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von
+unsern Zelten lag.
+
+»Dort; warum dort?«
+
+»Ist wohl ein Ruinenhügel -- hingegangen wegen Fowling-bull.«
+
+»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?«
+
+»#Yes!#«
+
+Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen
+noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden.
+
+»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!«
+
+Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt.
+
+»#Yes!# Von wem?«
+
+»Von Dieben!«
+
+Er machte ein noch vergnügteres Gesicht.
+
+»#Very well#, von Dieben -- wo sind sie -- wie heißen sie?«
+
+»Weiß ich es?«
+
+»#No# -- ich auch #no# -- schön, sehr schön! -- Abenteuer da!«
+
+»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir
+nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.«
+
+»Schön -- ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen -- Spuren finden --
+nachlaufen -- totschießen -- kapitales Vergnügen -- bezahle gut, sehr gut!«
+
+Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für
+notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung
+die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit.
+
+»Sechs? Wie viel wir?«
+
+»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt
+auch liegen, bis wir zurückkehren.«
+
+»#Yes!# Das befehlen und dann fort!«
+
+»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?«
+
+»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut -- laufe wie
+Hirsch!«
+
+Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er
+die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir.
+Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen,
+und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen
+karrierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine
+Lust, so mit ihm zu laufen.
+
+Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht
+einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel-
+oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht
+weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt.
+Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen.
+Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem
+Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse
+zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von
+Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus
+zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher
+gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt
+gehabt.
+
+Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene.
+
+»Miserabel -- tot ärgern!«
+
+»Worüber?«
+
+»Werden entkommen!«
+
+»Weshalb?«
+
+»Haben nun alle Pferde -- wir laufen.«
+
+»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar
+nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch
+schließen.«
+
+»Schließen Sie!«
+
+»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?«
+
+»Hm!«
+
+»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande
+dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies
+der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil
+sie über diesen Fluß müssen und sich doch bei Hochwasser mit den fremden
+Pferden nicht hineingetrauen.«
+
+»Also Umweg machen müssen?«
+
+»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Übergangsstelle
+suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.«
+
+»Schön, gut -- sehr gut!«
+
+Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.
+
+»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die
+Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban
+über Ihren Hut!«
+
+»Gut -- sehr gut -- werde machen!«
+
+Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir
+auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war
+wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer
+war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an.
+
+Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei
+englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die
+Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und
+sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen.
+
+»#Nothing!# -- Nichts -- keine Seele -- -- miserabel!«
+
+»Hm, auch ich sehe nichts!«
+
+»Wenn Sie geirrt -- oho, was dann?«
+
+»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir
+hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier
+nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.«
+
+»Ich auch.«
+
+»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.«
+
+»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen -- Abenteuer gern bezahlen --
+sehr gut.«
+
+»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?«
+
+»Wo?«
+
+»Dort!«
+
+Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund
+weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten
+sich -- es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu
+sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs- und
+Ahnungsvermögen begabt sei.
+
+»Richtig -- sehe auch!«
+
+»Es kommt auf uns zu.«
+
+»#Yes!# Wenn sind, dann schieß' alle tot!«
+
+»Sir, es sind Menschen!«
+
+»Diebe! Müssen tot -- unbedingt tot!«
+
+»Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.«
+
+»Verlassen? Warum?«
+
+»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde
+keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!«
+
+»#Well!# Englishman -- Nobelman -- Gentleman -- werde nicht töten -- nur
+Pferde nehmen!«
+
+»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!«
+
+»#Yes!# Zehn Punkte -- stimmt!«
+
+»Vier sind ledig und sechs beritten.«
+
+»Hm! Guter Prairiejäger Sie -- recht gehabt -- Sir John Raffley viel
+erzählt -- bei mir bleiben -- gut bezahlen, sehr gut!«
+
+»Schießen Sie sicher?«
+
+»Hm, ziemlich!«
+
+»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht
+bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem
+Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe
+so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.«
+
+Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die
+Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus
+eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes
+Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.
+
+»Was nun?« fragte der Engländer.
+
+»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am
+Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die
+Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein,
+da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe,
+und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder
+wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.«
+
+»#Well# -- gut, sehr gut -- excellent Abenteuer!«
+
+Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz.
+Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei -- an
+Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den
+Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im
+Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing mir über die Schulter, und
+nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand.
+
+»Sallam aaleïkum!«
+
+Der freundliche Gruß verblüffte sie.
+
+»Aaleïk --« antwortete einer von ihnen. »Was thust du hier?«
+
+»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.«
+
+»Welcher Hilfe bedarfst du?«
+
+»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen?
+Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?«
+
+»Wir verkaufen keines dieser Pferde!«
+
+»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das
+Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu
+schenken.«
+
+»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd
+verschenken.«
+
+»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des
+Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd,
+sondern vier verehren, weil ich so viele brauche!«
+
+»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß
+und wahrhaftig verrückt.«
+
+»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht
+freiwillig giebt! Blicke dich um! Vielleicht giebst du jenem dort das,
+was du mir verweigerst.«
+
+Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation
+vollständig klar. Sie legten die Lanzen zum Stoße ein.
+
+»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher.
+
+»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.«
+
+»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten,
+so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!«
+
+»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche
+dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß Franken
+sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als
+ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin
+herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings
+täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich
+euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen,
+wohin ihr wollt!«
+
+Er lachte.
+
+»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.«
+
+»Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!«
+
+»Weiche vom Wege!«
+
+Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd
+auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte, und Roß und
+Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu
+zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die
+unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der,
+welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir
+benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.
+
+Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts
+daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten
+lachend davon.
+
+»#Magnificent# -- prächtig -- schönes Abenteuer -- hundert Pfund wert! Wir
+zwei, sie sechs -- sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen
+-- ausgezeichnet -- herrlich!« lachte Lindsay.
+
+»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir.
+Wären unsere Tiere scheu geworden, so kamen wir nicht so schnell weg und
+hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.«
+
+»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?«
+
+»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Übergang wird gelingen.«
+
+Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach
+unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in
+der Wüste zurück.
+
+Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen,
+ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen
+lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu
+beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier
+zu tragen vermag. Übrigens waren wir reichlich mit Munition versehen,
+was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so
+bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus
+hätten bestreiten können.
+
+»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls
+und andern Altertümern!«
+
+Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den
+Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf
+und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits
+auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann
+zu werden.
+
+»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!«
+
+»Warum? Habe Hacke mit.«
+
+»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier
+graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen -- -- --«
+
+»Regierung? Welche?«
+
+»Die türkische.«
+
+»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?«
+
+»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die
+Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der
+Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da
+die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst
+auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst
+weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich
+Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.«
+
+»Die seidenen Gewänder?«
+
+»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr
+wenig Raum ein.«
+
+»#Well#, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung -- aber sogleich
+und sofort -- nicht?«
+
+Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben
+werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen.
+
+»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine
+Aufwartung zu machen hat.«
+
+»Raten!«
+
+»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe
+weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer
+des Thathar.«
+
+»Wie weit ist Sindschar von hier?«
+
+»Einen ganzen Breitegrad.«
+
+»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?«
+
+»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie
+genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets
+auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet
+haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die
+einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie
+haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der
+Unstätigkeit ihres Lebens bei.«
+
+»Schönes Leben -- viel Abenteuer -- viel Ruinen finden -- viel ausgraben --
+ausgezeichnet -- excellent!«
+
+»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei
+dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten
+Stammes.«
+
+»Gut -- #well# -- sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!«
+
+»Wir könnten heute noch hier bleiben!«
+
+»Bleiben und nicht graben? Nein -- geht nicht! Zelte ab und fort!«
+
+Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Überlegen ich mir
+sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den
+Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den
+Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen
+den Weg nach dem Sabakah-See ein.
+
+Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder
+Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die
+weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht
+vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich
+als eine glücklich gewählte heraus; denn bereits nach kaum mehr als
+einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine
+sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden
+Straußenfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.
+
+»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer.
+
+»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft
+zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.«
+
+»Werden Männer sein!«
+
+Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner
+scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und
+sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust
+berührte.
+
+»Sallam aaleïkum! Wo wollt Ihr hin?« grüßte einer.
+
+»Von welchem Stamme bist du?«
+
+»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar
+gehört.«
+
+»Wie heißt dein Scheik?«
+
+»Er führt den Namen Mohammed Emin.«
+
+»Ist er weit von hier?«
+
+»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.«
+
+Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir -- die Diener
+hinter uns -- in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie
+um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reiterkünste sehen zu lassen.
+Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe,
+wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden.
+Ich glaube, behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie
+in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten
+dieser Leute.
+
+»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht -- würde den Hals brechen!«
+
+»Ich habe noch andere Reiter gesehen.«
+
+»Ah! Wo?«
+
+»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem
+gefrorenen Flusse, wenn das Pferd keine Eisen hat, oder in einem
+steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.«
+
+»Hm! Werde auch nach Amerika gehen -- reiten in Urwald -- auf Flußeis -- in
+Cannon -- schönes Abenteuer -- prachtvoll! Was sagten diese Leute?«
+
+»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden
+uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer
+der Haddedihn.«
+
+»Tapfere Leute?«
+
+»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem
+gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen,
+und der Mann thut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen
+und faulenzen.«
+
+»Schönes Leben -- prächtig -- möchte Scheik sein -- viel ausgraben --
+manchen Fowling-bull finden und London schicken -- hm!«
+
+Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns
+den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in
+Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu
+beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen
+Weideplatze gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von
+Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen
+gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe
+Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande
+Sinear« der heiligen Schrift herrscht: -- man beobachtet sie auch in dem
+Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer
+beinahe unbegrenzten Merdsch[136], welche nicht die mindeste Ähnlichkeit
+mit einer Uah[137] des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen
+Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der
+fürchterliche Smum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer
+wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und
+verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die
+Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene
+hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten
+keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein
+Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton,
+der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und
+tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.
+
+ [136] Wiese, Prairie.
+
+ [137] Oase.
+
+Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von
+Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte -- rechts und links von
+uns, vor und hinter uns -- wogte ein Meer von grasenden und wandernden
+Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen
+waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und
+allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man
+alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu
+gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug
+eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt
+waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur
+Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite
+junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den
+Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng
+anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den
+Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber,
+die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel
+führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen
+bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche
+sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.
+
+Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen
+vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft
+Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen;
+aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen.
+Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und
+hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und
+an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken
+verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen
+Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel
+und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und
+links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker
+ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung
+empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei
+Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem #Belle-vue# sitzt die
+Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie
+am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges
+der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische
+Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt.
+
+Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes
+Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem
+ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen
+war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen,
+als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem
+öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere
+Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt
+erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das
+Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt,
+rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.
+
+Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke
+später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte
+die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte
+Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat,
+um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die
+Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen
+Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein
+dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob
+die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!«
+
+Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein
+Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem
+Sallam aaleïkum.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.
+
+Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:
+
+»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«
+
+»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste
+mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: 'Speise den Fremdling und
+tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen
+Eingang zu kennen!' -- Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie
+ein türkischer Khawasse[138] empfängst!«
+
+ [138] Polizist.
+
+Er erhob wie abwehrend die Hand.
+
+»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und
+der Verräter nicht.«
+
+Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.
+
+»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.
+
+»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die
+Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139]
+einen Konsul in Mossul?«
+
+ [139] Königin von England.
+
+»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer
+und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und
+eine Dattel für unsere Pferde.«
+
+»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr
+begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!«
+
+Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort
+erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem,
+hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen -- ein Zeichen, daß der Scheik
+uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er
+uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige
+Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig
+war, etwas Näheres über uns zu erfahren.
+
+Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:
+
+»Böser Kerl, nicht?«
+
+»Scheint so.«
+
+»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«
+
+»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und
+haben uns sehr vorzusehen.«
+
+»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«
+
+»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar
+nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint
+er zu hassen.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Weiß es nicht.«
+
+»Einmal fragen!«
+
+»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch
+erfahren werden.«
+
+Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.
+
+»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und
+werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe
+wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«
+
+Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.
+
+»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!«
+
+»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«
+
+»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«
+
+»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab
+el Schammar.«
+
+ [140] Schwarzes Zelt.
+
+Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.
+
+»Willst du mich beleidigen?«
+
+»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar
+bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also
+demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«
+
+»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die
+Gastfreundschaft gebrochen?«
+
+»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen
+Angehörige des eigenen Stammes.«
+
+Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier
+aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein
+sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr
+fort:
+
+»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die
+Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen,
+als der deinige mich.«
+
+»Beweise die Wahrheit!«
+
+»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen
+Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war
+regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen
+aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm
+unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem
+Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und
+ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da
+sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und
+liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: 'Folge mir. Ich schwöre
+dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit
+meinem Leben für das deinige stehen!' -- Da antwortete der Häuptling:
+'Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide
+ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß
+ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.' -- Sie
+setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik
+traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen,
+sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die
+Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der
+Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim
+des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben
+zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf
+abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine
+Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst
+wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik
+Mohammed Emin?«
+
+ [141] Unter-Stämme.
+
+»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«
+
+»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß
+Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der
+berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«
+
+Er wurde verlegen.
+
+»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein
+Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine
+Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem
+hast du diese Geschichte erfahren?«
+
+ [142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem
+ Tigris.
+
+»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines
+Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir
+vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar,
+und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«
+
+Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.
+
+»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«
+
+»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«
+
+»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber
+sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.«
+
+ [143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den
+ Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.
+
+ [144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben
+ pflegen.
+
+»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«
+
+»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen
+ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«
+
+»Ist er dein Feind?«
+
+»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen
+Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die
+Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich
+jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«
+
+»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«
+
+»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um
+ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich
+selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«
+
+»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die
+Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der
+Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich
+kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«
+
+Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment
+auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies
+mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß
+sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.
+
+»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.
+
+»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so
+daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«
+
+»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um
+mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«
+
+»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte
+Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«
+
+»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«
+
+»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«
+
+Er sprang empor.
+
+»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«
+
+»Ich kenne ihn und seine Leute.«
+
+»Wo trafest du sie?«
+
+»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch
+das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«
+
+»So kennst du sie alle?«
+
+»Alle.«
+
+»Auch -- verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein
+Weib, sondern ein Mann -- auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«
+
+»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm
+genommen.«
+
+»Hat sie ihre Rache erreicht?«
+
+»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und
+dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«
+
+»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«
+
+»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um
+Abenteuer zu suchen.«
+
+»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du
+bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus.
+Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr
+mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich
+dieser wackere Hadschi Halef Omar?«
+
+Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften
+Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete:
+
+»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik
+Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter
+ihrem Schutze wohnen könne.«
+
+»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir,
+erzähle mir von ihnen!«
+
+Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete
+ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig
+hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.
+
+»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei
+dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein.
+Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«
+
+Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei
+ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher
+sich das »heilige« Wasser befand.
+
+»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?«
+
+ [145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die
+ einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem
+ Weibe spricht.
+
+»Ja.«
+
+»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem
+Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«
+
+»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und
+besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr
+Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«
+
+Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der
+Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während
+meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich
+unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu
+folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein
+zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen
+und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen,
+die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen
+zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten
+Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.
+
+In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee,
+Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich
+gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung,
+schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge
+waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen
+dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß
+sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit
+Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte
+man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein
+großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit
+einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine
+funkelten: -- er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken
+hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen
+Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre
+Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger
+geschmückt.
+
+»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom
+Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen
+des Zem-Zem begnadigen will.«
+
+Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste
+glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser
+in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.
+
+»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch
+lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«
+
+Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie
+sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen
+Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:
+
+»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig
+ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich
+freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«
+
+Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch
+vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.
+
+»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay.
+
+»Im Zelte der Frauen.«
+
+»Ah! Nicht möglich!«
+
+»Und doch!«
+
+»Diese Weiber lassen sich sehen?«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«
+
+»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser
+aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute
+ein Tropfen Wunder thut.«
+
+»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«
+
+»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«
+
+»Sind hier Ruinen?«
+
+»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu
+finden.«
+
+»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens
+ein schauderhaftes Essen hier!«
+
+»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus
+bekommen!«
+
+»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«
+
+»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von
+ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener
+abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem
+Raume sein müssen.«
+
+Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so
+versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt
+wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise
+herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte
+saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und
+von einigen Beduinen aufgetragen.
+
+Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art
+Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen
+Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich
+eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als
+Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee
+gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll
+dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr
+erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit
+Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich
+wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus
+welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten
+wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden
+Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange
+bespritzte.
+
+Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn
+genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als
+auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann
+wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die
+köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird,
+wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll
+lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann
+sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn
+der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß
+von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber
+zu fürchten. -- Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die
+grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder
+vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst
+Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische
+Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem
+Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten
+sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne
+trocknen.
+
+Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker
+bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.
+
+»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.
+
+Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe
+und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste
+hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger
+gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst
+unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste
+Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner
+bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu,
+als bis ich ihn aufmerksam machte:
+
+»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«
+
+Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann,
+natürlich in englischer Sprache:
+
+»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«
+
+»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«
+
+»Schauderhaft!«
+
+»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.
+
+»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«
+
+»O, ich liebe euch!«
+
+Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte
+dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der
+so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und
+versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem
+unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung
+zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden
+muß.
+
+»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«
+
+»Ja.«
+
+»Ohne Gegenwehr?«
+
+»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«
+
+»Wie so?«
+
+»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!«
+
+Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in
+den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in
+die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem
+Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die
+Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor,
+sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich
+von dem Vergehen wieder zu reinigen.
+
+Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte
+ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine
+große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem
+Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.
+
+Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das
+ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel
+von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem
+Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter
+schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus
+Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen
+gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte
+Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der
+Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen
+pflegen.
+
+Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das
+Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich
+konnte nicht mehr essen.
+
+»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den
+Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.
+
+Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer
+kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El
+Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der
+Engländer.
+
+»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und --
+betrachtete sie dann sehr verlegen.
+
+Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.
+
+»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem
+Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von
+Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie
+sich abtrocknen können.«
+
+Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte
+hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.
+
+Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee
+und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen
+vorzustellen:
+
+»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein
+großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name
+lautet -- --«
+
+»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede.
+
+»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte
+Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den
+Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu
+suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns
+sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«
+
+ [146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.
+
+Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was
+sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war
+ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:
+
+»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und
+falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann,
+meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen
+habe.«
+
+»Wohin ist das?«
+
+»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem
+Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das
+Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet
+unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie
+es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er
+will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu
+enträtseln und zu lesen -- -- --«
+
+»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.
+
+»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel
+er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den
+Bewohnern dieses Landes lassen.«
+
+»Und was sollst du dabei thun?«
+
+»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«
+
+»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf
+ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze
+Land ist voller Ruinen und Trümmer.«
+
+»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr
+versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«
+
+»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch
+viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«
+
+Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.
+
+»Was sagen sie?« fragte er mich.
+
+»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«
+
+»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«
+
+»Ja.«
+
+»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«
+
+»Was sonst machen?«
+
+»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen
+Helden.«
+
+»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«
+
+»Sie wollen Euch solche zeigen.«
+
+»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«
+
+»Das habe ich ihnen gesagt.«
+
+»Was geantwortet?«
+
+»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo
+Inschriften und dergleichen zu finden sind.«
+
+»#Well!# Wir ziehen mit ihnen!«
+
+»Das geht ja nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer
+an?«
+
+»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«
+
+»Das ist sehr zu überlegen.«
+
+»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«
+
+»Nein.«
+
+»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!«
+
+»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«
+
+»Nein!«
+
+Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß
+er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den
+Scheik:
+
+»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe.
+Ist Eure Sache recht und gut?«
+
+»Soll ich sie dir erzählen?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«
+
+»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu
+Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«
+
+»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere
+Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat
+uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn
+bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten
+Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine
+Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich
+meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie
+gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren
+habe.«
+
+»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«
+
+»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul
+wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat
+und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und
+hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich
+gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad
+gehören.«
+
+»Wo lagern deine Feinde?«
+
+»Sie rüsten erst.«
+
+»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?«
+
+»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«
+
+»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste
+locken, um ihn zu verderben?«
+
+»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders
+aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis
+zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«
+
+»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
+
+»Elfhundert.«
+
+»Und deine Gegner?«
+
+»Mehr als dreimal so viel.«
+
+»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«
+
+»Einen Tag.«
+
+»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«
+
+»Am untern Laufe des Zab-asfal.«
+
+»Und die Abu Hammed?«
+
+»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die
+Hamrinberge bricht.«
+
+»Auf welcher Seite?«
+
+»Auf beiden.«
+
+»Und die Dschowari?«
+
+»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«
+
+»Hast du Kundschafter ausgesandt?«
+
+»Nein.«
+
+»Das hättest du thun sollen.«
+
+»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre
+verloren, wenn man ihm begegnete. Aber -- -- --«
+
+Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:
+
+»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«
+
+»Ja.«
+
+»Und auch unser Freund?«
+
+»Ja.«
+
+»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«
+
+Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen
+anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres
+Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im
+Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht
+hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik
+angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei
+aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das
+schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren
+lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und
+tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.
+
+»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.
+
+»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.
+
+Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr
+abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu
+sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.
+
+»Masch Allah!« antwortete ich.
+
+»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde
+gejagt habe, bis er zusammenbrach?«
+
+»Unmöglich!«
+
+»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«
+
+»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus _einem_ Munde.
+
+»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik.
+»Welches Pferd gefällt dir noch?«
+
+»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und
+diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«
+
+»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden
+eines guten Pferdes.«
+
+»Welche?«
+
+»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«
+
+»An welchen Zeichen erkennst du dies?«
+
+»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig
+ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen
+langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das
+zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen
+Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal
+ein solches Pferd besessen?«
+
+»Ja.«
+
+»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«
+
+»Es kostete mich nichts -- es war ein Mustang.«
+
+»Was ist ein Mustang?«
+
+»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«
+
+»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du
+könntest?«
+
+»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«
+
+»Du kannst ihn dir verdienen!«
+
+»Ah! Unmöglich!«
+
+»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«
+
+»Unter welcher Bedingung?«
+
+»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und
+Dschowari sich vereinigen werden.«
+
+Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch,
+aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:
+
+»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«
+
+»Bis du sie bringen kannst.«
+
+»Und wann erhalte ich das Pferd?«
+
+»Wenn du zurückgekehrt bist.«
+
+»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich
+deinen Auftrag auch nicht ausführen.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf
+welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«
+
+Er blickte zu Boden.
+
+»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht
+verloren gehen kann?«
+
+»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches
+Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das
+Tier fangen könnte.«
+
+»Reitest du so gut?«
+
+»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an
+mich gewöhnen.«
+
+»So sind wir dir überlegen!«
+
+»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?«
+
+»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«
+
+»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich
+werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und
+gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt.
+Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.«
+
+»Du sprichst im Scherze, Emir!«
+
+»Ich rede im Ernste.«
+
+»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«
+
+»Gut!«
+
+Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von
+ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der
+Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.
+
+Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.
+
+»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm.
+»Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie
+trage?«
+
+»Nie!«
+
+Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.
+
+»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht
+gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug
+ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«
+
+Jetzt lächelte er beruhigt.
+
+»Es sei, also zehn Mann?«
+
+»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«
+
+»Die auf dich schießen dürfen?«
+
+»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle
+deine besten Reiter und Schützen aus!«
+
+»Du bist tollkühn, Emir!«
+
+»Das glaubst du nur.«
+
+»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«
+
+»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit
+ihrer Kugel zu treffen.«
+
+»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«
+
+»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu
+Ende!«
+
+»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles
+sehen zu können.«
+
+»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«
+
+»Thue es!«
+
+Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich
+fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar
+verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel.
+Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine
+Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die
+Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales
+»wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals
+und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen
+Bauchgurtes.
+
+»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?«
+
+»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern
+getroffen?«
+
+»Ja; hier sind zehn!«
+
+Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf,
+welche sich in der Nähe befanden.
+
+»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte
+von hier?«
+
+»Wir sehen es.«
+
+»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt
+ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!«
+
+Ich sprang auf -- der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber
+folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich
+die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der
+vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.
+
+Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in
+die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich
+um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen
+schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum.
+Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur
+ein Araber zu stande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er
+hob die Flinte empor; der Schuß krachte.
+
+»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es.
+
+Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich
+hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun
+mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben,
+welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des
+Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort
+richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach
+rechts hinüber und jagte weiter.
+
+»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die
+guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.
+
+Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor.
+Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem
+spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn
+sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich
+aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das
+Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte
+wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte
+Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes
+hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an
+welchem der Ritt begonnen hatte.
+
+Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder
+Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen
+auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich
+gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte
+mich bei der Hand.
+
+»Hamdulillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe
+Angst um dich gehabt. Es giebt im ganzen Stamm El Schammar keinen
+solchen Reiter, wie du bist!«
+
+»Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten
+als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der
+Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel
+und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern
+diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel
+einmal verändern?«
+
+»Wie?«
+
+»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch
+ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.«
+
+»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du
+würdest sie alle vom Pferde schießen!«
+
+»So glaubst du nun also wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor
+den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter
+mir habe?«
+
+»Emir, ich glaube es.« -- Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann
+aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines
+Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen
+Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du
+mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein
+Geheimnis sagen.«
+
+Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist,
+sein Geheimnis; das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf
+welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und
+dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von
+seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen
+selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem
+Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten
+Todesgefahr befindet.
+
+»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur
+das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?«
+
+»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.«
+
+»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht
+werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es
+erfahren kann.«
+
+»So komm!«
+
+Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu:
+
+»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm
+die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort 'Rih!'«
+
+»Rih, das heißt Wind.«
+
+»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als
+der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.«
+
+»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als
+ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll
+ich reiten?«
+
+»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.«
+
+»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?«
+
+»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so
+kostbares Pferd zu behandeln ist?«
+
+»Nein.«
+
+»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche
+von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich
+lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese
+Sure?«
+
+»Ja.«
+
+»Sage sie her!«
+
+Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd.
+
+Ich gehorchte seinem Willen:
+
+»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den schnelleilenden Rossen
+mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken
+sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind
+einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen
+durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und
+er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu
+irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles
+herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht
+wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage
+der Herr sie vollkommen kennt?«
+
+»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts
+vorgesagt; thue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden
+bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!«
+
+Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an
+meine Seite.
+
+»Warum auf Euch geschossen?«
+
+»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.«
+
+»Ah, schön, Prachtpferd!«
+
+»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?«
+
+»Dem Scheik!«
+
+»Nein.«
+
+»Wem sonst?«
+
+»Mir.«
+
+»Pah!«
+
+»Mir; wirklich!«
+
+»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen;
+merkt Euch das!«
+
+»Gut, so behalte ich alles andere für mich!«
+
+»Was?«
+
+»Daß ich euch morgen früh verlasse.«
+
+»Warum?«
+
+»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits.
+Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme
+zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen
+Rappen geschenkt.«
+
+»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!«
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung -- -- --«
+
+»Pah, ziehe mich als Araber an!«
+
+»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?«
+
+»Richtig! Wie lange ausbleiben?«
+
+»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab
+hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.«
+
+»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?«
+
+»Werde mich in acht nehmen.«
+
+»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.«
+
+»Welchen?«
+
+»Nicht bloß nach Beduinen forschen.«
+
+»Nach wem sonst noch?«
+
+»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London
+ins Museum schicken!«
+
+»Werde es thun, verlaßt euch darauf!«
+
+»#Well!# Fertig; eintreten!«
+
+Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest
+des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend
+wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab:
+die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine
+kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnisse zu den leisen,
+einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann
+wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.
+
+Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik, ich aber ging zu dem
+Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen.
+Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt?
+Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet,
+bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt: wir wurden also durch
+denselben schnell vertraut miteinander; und indem ich beim Recitieren
+der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich
+auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich
+lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines
+treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete
+sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus.
+
+»Geschlafen, Sir?« fragte er.
+
+»Ja.«
+
+»Ich nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Sehr lebendig im Zelte.«
+
+»Die Schläfer?«
+
+»Nein.«
+
+»Wer sonst?«
+
+»Die Fleas, Lice und Gnats!«
+
+Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen.
+
+»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir Lindsay.«
+
+»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.«
+
+»Warum?«
+
+»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.«
+
+»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.«
+
+»Wäre vielleicht zu spät gewesen.«
+
+»Warum?«
+
+»Habe Euch viel zu fragen.«
+
+»So fragt einmal zu!«
+
+Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft
+erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor.
+
+»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen
+verschiedenes. Was heißt Freund?«
+
+»Aschab.«
+
+»Feind?«
+
+»Kiman.«
+
+»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?«
+
+»Rijahl fransch.«
+
+»Was heißt Geldbeutel?«
+
+»Surrah.«
+
+»Werde Steine graben. Was heißt Stein?«
+
+»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.«
+
+So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle
+notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des
+Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen.
+
+Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde
+und verließ den Ort, an den ich vielleicht nimmer zurückkehren konnte.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Auf Kundschaft.
+
+
+Ich hatte mir vorgenommen, zunächst den südlichsten Stamm, die
+Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu ihnen wäre gewesen, dem
+Thatharflusse zu folgen, der fast stets parallel mit dem Tigris fließt;
+leider aber war sehr zu vermuten, daß just an seinen Ufern die Obeïde
+ihre Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich. Ich hatte
+mich so einzurichten, daß ich etwa eine Meile oberhalb Tekrit den Tigris
+erreichte; dann traf ich sicher auf den gesuchten Stamm.
+
+Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser brauchte ich für mein
+Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs im vollen Safte stand. Und so hatte
+ich weiter keine Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede
+feindliche Begegnung zu vermeiden. Für das erstere hatte ich den
+Ortssinn, die Sonne und den Kompaß, und für das letztere das Fernrohr,
+mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen
+wurde.
+
+Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am Abend legte ich mich
+hinter einem einsamen Felsen zur Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der
+Gedanke, ob es nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten,
+da ich dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir zu wissen
+notwendig war. Es war dies ein sehr überflüssiges Überlegen, wie ich am
+andern Morgen sehen sollte. Ich hatte nämlich sehr fest geschlafen und
+erwachte durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich
+aufblickte, sah ich fünf Reiter von Norden her grade auf die Stelle
+zukommen, an welcher ich mich befand. Sie waren so nahe, daß sie mich
+bereits gesehen hatten. Flucht lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich
+der Rappe wohl schnell davongetragen hätte. Ich erhob mich also, saß
+auf, um für alles gerüstet zu sein, und nahm den Stutzen nachlässig zur
+Hand.
+
+Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre Pferde einige Schritte vor
+mir. Da in ihren Mienen nicht die geringste Feindseligkeit zu finden
+war, konnte ich mich einstweilen beruhigen.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte mich der eine.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich.
+
+»Du hast hier diese Nacht geschlafen?«
+
+»So ist es.«
+
+»Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt zur Ruhe legen
+könntest?«
+
+»Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt. Dem einen giebt er
+ein Dach von Filz und dem andern den Himmel zur Decke.«
+
+»Du aber könntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein Pferd, welches
+mehr wert ist, als hundert Zelte.«
+
+»Es ist mein einziges Besitztum.«
+
+»Verkaufst du es?«
+
+»Nein.«
+
+»Du mußt zu einem Stamme gehören, der nicht weit von hier sein Lager
+hat.«
+
+»Warum?«
+
+»Dein Hengst ist frisch.«
+
+»Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen von hier, weit,
+weit noch hinter den heiligen Städten im Westen.«
+
+»Wie heißt dein Stamm?«
+
+»Uëlad German.«
+
+»Ja, da drüben im Moghreb sagt man meist Uëlad statt Beni oder Abu.
+Warum entfernst du dich so weit von deinem Lande?«
+
+»Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch die Duars und Städte
+sehen, welche gegen Persien liegen, damit ich den Meinen viel erzählen
+kann, wenn ich heimkehre.«
+
+»Wohin geht zunächst dein Weg?«
+
+»Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah führt.«
+
+»So kannst du mit uns reiten.«
+
+»Wo ist euer Ziel?«
+
+»Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden am Ufer und auf den
+Inseln des Tigris weiden.«
+
+Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein? Sie hatten mich
+gefragt: es war also nicht unhöflich, wenn auch ich mich erkundigte.
+
+»Welchem Stamme gehören diese Herden?«
+
+»Dem Stamme Abu Mohammed.«
+
+»Sind noch andere Stämme in der Nähe?«
+
+»Ja. Abwärts die Alabeïden, welche dem Scheik von Kernina Tribut
+bezahlen, und aufwärts die Dschowari.«
+
+»Wem bezahlen diese den Tribut?«
+
+»Man hört es, daß du aus fernen Landen kommst. Die Dschowari zahlen
+nicht, sondern sie nehmen sich Tribut. Es sind Diebe und Räuber, vor
+denen unsere Herden keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du
+gegen sie kämpfen willst!«
+
+»Ihr kämpft mit ihnen?«
+
+»Ja. Wir haben uns mit den Alabeïden verbunden. Willst du Thaten thun,
+so kannst du es bei uns lernen. Aber warum schläfst du hier am Hügel des
+Löwen?«
+
+»Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war müde und habe mich zur Ruhe
+gelegt.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig; du bist ein Liebling Allahs, sonst hätte
+dich der Würger der Herden zerrissen. Kein Araber möchte hier eine
+Stunde ruhen, denn an diesem Felsen halten die Löwen ihre
+Zusammenkünfte.«
+
+»Es giebt hier am Tigris Löwen?«
+
+»Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben aber findest du nur den
+Leopard. Willst du mit uns reiten?«
+
+»Wenn ich euer Gast sein soll.«
+
+»Du bist es. Nimm unsere Hand und laß uns Datteln tauschen!«
+
+Wir legten die flachen Hände ineinander, und dann bekam ich von jedem
+eine Dattel, die ich aß, während ich fünf andere dafür gab, welche auch
+aus freier Hand verzehrt wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach
+Südosten ein. Einige Zeit später passierten wir den Thathar, und die
+ebene Gegend wurde nach und nach bergiger.
+
+Ich lernte in meinen Begleitern fünf ehrliche Nomaden kennen, in deren
+Herzen kein Falsch zu finden war. Sie hatten zur Feier einer Hochzeit
+einen befreundeten Stamm besucht und kehrten nun zurück voll Freude über
+die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten.
+
+Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich plötzlich wieder senkte.
+Zur Rechten wurden in weiter Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar,
+zur Linken, auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns
+breitete sich das Thal des Tigris aus. In einer halben Stunde war der
+Strom erreicht. Er hatte hier die Breite von wohl einer englischen
+Meile, und seine Wasser wurden von einer großen, langgestreckten, grün
+bewachsenen Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte.
+
+»Du gehst mit hinüber? Du wirst unserem Scheik willkommen sein!«
+
+»Wie kommen wir hinüber?«
+
+»Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits bemerkt worden. Komm
+weiter aufwärts, wo das Kellek landet.«
+
+Ein Kellek ist ein Floß, welches gewöhnlich zweimal so lang als breit
+ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen, welche durch Querhölzer
+befestigt sind, über welche Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen
+sich die Last befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden.
+Regiert wird so ein Floß durch zwei Ruder, deren Riemen aus gespaltenen
+und wieder zusammengebundenen Bambusstücken gefertigt sind. Ein solches
+Floß stieß drüben von der Insel ab. Es war so groß, daß es mehr als
+sechs Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hinüber.
+
+Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen Hunden und einem alten,
+ehrwürdig aussehenden Araber bewillkommt, welcher der Vater eines meiner
+Gefährten war.
+
+»Erlaube, daß ich dich zum Scheik führe,« sagte der bisherige
+Wortführer.
+
+Auf unserem Wege gesellten sich mehrere Männer zu uns, die sich aber
+bescheiden hinter uns hielten und mich durch keine Frage belästigten.
+Ihre Blicke hingen voll Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht
+weit. Er endete vor einer ziemlich geräumigen Hütte, welche aus
+Weidenstämmen gefertigt, mit Bambus gedeckt und von innen mit Matten
+bekleidet war. Als wir eintraten, erhob sich ein stark und kräftig
+gebauter Mann von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war
+beschäftigt gewesen, sein Scharay[147] auf einem Steine zu schärfen.
+
+ [147] Scharfes afghanisches Messer.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich.
+
+»Aaleïk!« antwortete er, indem er mich scharf musterte.
+
+»Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,« bat mein Begleiter.
+»Er ist ein vornehmer Krieger, so daß ich ihm mein Zelt nicht anzubieten
+wage.«
+
+»Wen du bringst, der ist mir willkommen,« lautete die Antwort.
+
+Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand.
+
+»Setze dich, o Fremdling. Du bist müde und hungrig, du sollst ruhen und
+essen; erlaube aber zuvor, daß ich nach deinem Pferde sehe!«
+
+Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst das Pferd und dann der
+Mann. Als er wieder eintrat, sah ich es ihm sofort an, daß ihm der
+Anblick des Rappen Achtung für mich eingeflößt hatte.
+
+»Du hast ein edles Tier, Masch Allah; möge es dir erhalten bleiben! Ich
+kenne es.«
+
+Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch nicht!
+
+»Woher kennst du es?«
+
+»Es ist das beste Roß der Haddedihn.«
+
+»Auch die Haddedihn kennst du?«
+
+»Ich kenne alle Stämme. Aber dich kenne ich nicht.«
+
+»Kennst du den Scheik der Haddedihn?«
+
+»Mohammed Emin?«
+
+»Ja. Von ihm komme ich.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Zu dir.«
+
+»Er hat dich zu mir gesandt?«
+
+»Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.«
+
+»Ruhe dich erst aus, bevor du erzählst.«
+
+»Ich bin nicht müde, und was ich dir zu sagen habe, ist so wichtig, daß
+ich es gleich sagen möchte.«
+
+»So sprich!«
+
+»Ich höre, daß die Dschowari deine Feinde sind.«
+
+»Sie sind es,« antwortete er mit finsterer Miene.
+
+»Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde der Haddedihn.«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Weißt du auch, daß sie sich mit den Abu Hammed und Obeïde verbunden
+haben, die Haddedihn in ihren Weidegründen anzugreifen?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Ich höre, daß du dich mit den Alabeïden vereinigt hast, sie zu
+strafen?«
+
+»Ja.«
+
+»So komme ich zu dir, um das Nähere mit dir zu besprechen.«
+
+»So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du wirst dich erquicken und
+uns nicht eher verlassen, als bis ich meine Ältesten zusammengerufen
+habe.«
+
+Nach kaum einer Stunde saßen acht Männer um mich und den Scheik herum
+und rissen große Fetzen Fleisches von dem Hammel, welcher aufgetragen
+worden war. Diese acht Männer waren die Ältesten der Abu Mohammed. Ich
+erzählte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen und der Bote
+ihres Scheik geworden war.
+
+»Was willst du uns für Vorschläge machen?« fragte der Scheik.
+
+»Keine. Über eure Häupter sind mehr Jahre gezogen als über mein Haupt.
+Es ziemt dem Jüngeren nicht, dem Alten die Wege vorzuschreiben.«
+
+»Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt ist noch jung, aber dein
+Verstand ist alt, sonst hätte Mohammed Emin dich nicht zu seinem
+Gesandten gemacht. Rede! Wir werden hören und dann entscheiden.«
+
+»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
+
+»Neunhundert.«
+
+»Und die Alabeïde?«
+
+»Achthundert.«
+
+»Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als die Feinde zusammen
+zählen.«
+
+»Wie viele Krieger haben die Haddedihn?«
+
+»Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals weniger an. Wißt ihr
+vielleicht, wann die Dschowari sich mit den Abu Hammed vereinigen
+wollen?«
+
+»Am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema[148].«
+
+ [148] Tag der Versammlung = Freitag.
+
+»Weißt du das genau?«
+
+»Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari.«
+
+»Und wo soll diese Vereinigung geschehen?«
+
+»Bei den Ruinen von Khan Kernina.«
+
+»Und dann?«
+
+»Dann werden sich diese beiden Stämme mit den Obeïde vereinigen.«
+
+»Wo?«
+
+»Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der Kanuzaberge.«
+
+»Wann?«
+
+»Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.«
+
+»Du bist außerordentlich gut unterrichtet. Wohin werden sie sich nachher
+wenden?«
+
+»Grad nach den Weideplätzen der Haddedihn.«
+
+»Was wolltet ihr thun?«
+
+»Wir wollten die Zelte überfallen, in denen sie ihre Frauen und Kinder
+zurücklassen, und dann ihre Herden wegführen.«
+
+»Würde dies klug sein?«
+
+»Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt wurde.«
+
+»Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert, die Feinde aber
+dreitausend Krieger. Sie hätten gesiegt, wären als Sieger zurückgekehrt
+und euch nachgejagt, um euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe
+wegzunehmen. Wenn ich unrecht habe, so sagt es.«
+
+»Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn würden durch andere Stämme
+der Schammar verstärkt werden.«
+
+»Diese Stämme werden vom Gouverneur von Mossul angegriffen.«
+
+»Was rätst du uns? Würde es nicht am besten sein, die Feinde einzeln zu
+vernichten?«
+
+»Ihr würdet einen Stamm besiegen, und die andern beiden aufmerksam
+machen. Sie müssen kurz nach ihrer Vereinigung, also bei dem Wirbel El
+Kelab angegriffen werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin am
+dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen Kriegern von den
+Kanuzabergen herabsteigen und sich auf die Feinde werfen, während ihr
+sie von Süden angreift und sie somit in den Strudel Kelab getrieben
+werden.«
+
+Dieser Plan wurde nach längerer Beratung angenommen und dann noch auf
+das Eingehendste besprochen. Darüber war ein großer Teil des Nachmittags
+vergangen und der Abend rückte heran, so daß ich mich veranlaßt sah,
+für die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen aber wurde ich beizeiten
+wieder an das Ufer gesetzt und ritt denselben Weg zurück, den ich
+gekommen war.
+
+Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt hatte, war auf
+eine so leichte und einfache Weise gelöst worden, daß ich mich fast
+schämen mußte, es zu erzählen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient
+werden. Was konnte ich aber noch thun? Ja, war es nicht vielleicht
+besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren? Diesen Gedanken
+wurde ich nicht wieder los. Ich setzte also gar nicht über den Thathar
+zurück, sondern ritt an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die
+Kanuzaberge zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur Hälfte
+verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das Wadi Dschehennem, wo
+ich mit dem Engländer die Pferdediebe getroffen hatte, ein Teil dieser
+Kanuzaberge sei. Ich wußte diese Frage nicht zu beantworten, setzte
+meinen Weg fort und hielt mich später mehr nach rechts, um in die Nähe
+des Dschebel Hamrin zu kommen.
+
+Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken, als ich zwei
+Reiter bemerkte, welche am westlichen Gesichtskreise erschienen und mit
+großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen
+Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor
+zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie.
+
+Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie
+hielten vor mir an.
+
+»Wer bist du?« fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen.
+
+So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen.
+
+»Ein Fremdling,« antwortete ich kurz.
+
+»Woher kommst du?«
+
+»Von Westen, wie ihr seht.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Wohin das Kismet mich führt.«
+
+»Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.«
+
+»Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager
+sorgt.«
+
+»Wen?«
+
+»Allah. Lebt wohl!«
+
+Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so
+langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine
+Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte
+die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen
+binden können.
+
+»Sallam aaleïkum,« grüßte jetzt der eine. »Wir waren vorhin nicht
+höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm.
+Wer bist du?«
+
+Ich antwortete natürlich nicht.
+
+»Wer du bist?«
+
+Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritte begleitete.
+
+»Laß ihn,« meinte der andere. »Allah wird Wunder thun und ihm den Mund
+öffnen. Soll er reiten oder gehen?«
+
+»Gehen!«
+
+Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den
+Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel
+und -- fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten
+Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges
+Geschöpf!
+
+Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen
+hindurch, und endlich sah ich aus einem Thale mehrere Feuer uns
+entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir
+lenkten in dies Thal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten
+endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger
+Mann trat. Er sah mich und ich ihn -- wir erkannten einander.
+
+»Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?« fragte er.
+
+»Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine
+Thar[149] bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!«
+
+ [149] Blutrache.
+
+Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt:
+
+»Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn!
+Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört
+werde. Ich rufe die andern zusammen.«
+
+»Was thun wir mit dem Pferde?«
+
+»Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.«
+
+»Und seine Waffen?«
+
+»Werden in das Zelt gebracht.«
+
+Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung, aber
+vor einer Versammlung von -- Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts
+nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen.
+
+»Kennst du mich?« fragte der Älteste der Anwesenden.
+
+»Nein.«
+
+»Weißt du, wo du dich befindest?«
+
+»Nein.«
+
+»Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo hast du ihn gesehen?«
+
+»Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich
+mir wieder holte.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?«
+
+»Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.«
+
+»Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!«
+
+»Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.«
+
+»Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!«
+
+»Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen. Wer ist ein
+Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten
+hast?«
+
+»Mir.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das
+nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!«
+
+»Bindet ihn fester!« gebot er.
+
+»Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich
+das Wasser des Zem-Zem befindet!«
+
+»Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhangen.
+Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?«
+
+»Ja.«
+
+»Gieb uns davon.«
+
+»Nein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.«
+
+»Sind wir deine Feinde?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein. Wir haben dir noch kein Leid gethan. Wir wollen nur das Pferd,
+welches du geraubt hast, seinem Eigner wieder bringen.«
+
+»Der Eigner bin ich.«
+
+»Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die
+Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Mohammed Emin,
+dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?«
+
+»Er hat es mir geschenkt.«
+
+»Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.«
+
+»Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich
+gefesselt bin!«
+
+»Warum hat er dir es geschenkt?«
+
+»Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber geht das nichts an!«
+
+»Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn
+einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk
+giebt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die
+Haddedihn verlassen?«
+
+»Vorgestern früh.«
+
+»Wo weiden ihre Herden?«
+
+»Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.«
+
+»Könntest du uns zu ihnen führen?«
+
+»Nein.«
+
+»Wo warst du seit vorgestern?«
+
+»Überall.«
+
+»Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir
+geschieht. Führet ihn fort!«
+
+Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden.
+Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine
+nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt,
+die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich
+aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte,
+auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre.
+Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag
+nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das
+Wachtfeuer loderte, der Lagmi[150] kreiste von Hand zu Hand, und die
+Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende
+Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat,
+der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um
+sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme -- -- ich
+erwachte.
+
+ [150] Dattelpalmensaft.
+
+War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber,
+und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der
+Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit -- ein Löwe umschlich das
+Lager.
+
+»Schlaft ihr?« fragte ich.
+
+»Nein.«
+
+»Hört ihr den Löwen?«
+
+»Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.«
+
+»Tötet ihn!«
+
+»Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?«
+
+»Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?«
+
+»Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme
+vollständig zu hören.«
+
+»Ist der Scheik bei ihnen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er
+mir mein Gewehr giebt.«
+
+»Du bist wahnsinnig!«
+
+»Ich bin vollständig bei Sinnen. Gehe hinaus!«
+
+»Ist es dein Ernst?«
+
+»Ja; packe dich!«
+
+Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich
+hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der
+Mann zurück. Er band mich los.
+
+»Folge mir!« gebot er.
+
+Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner
+wagte es, aus dem Schutze der Zelte zu treten.
+
+»Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?« fragte der Scheik.
+
+»Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.«
+
+»Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu
+jagen, und mehrere würden sterben daran.«
+
+»Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.«
+
+»Sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+»Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah giebt das
+Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.«
+
+»So gieb mir mein Gewehr!«
+
+»Welches?«
+
+»Das schwere, und mein Messer.«
+
+»Bringt ihm beides,« gebot der Scheik.
+
+Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er
+dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den
+Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu thun, und diese Drei
+konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte.
+
+Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.
+
+»Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?«
+
+»Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?«
+
+»Ja.«
+
+»Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem,
+welchen du in der Tasche hast.«
+
+»Ich schwöre es!«
+
+»Löst ihm die Hände!«
+
+Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im Zelte des Scheik, und
+vor demselben war der Rappe. Ich hatte keine Besorgnis mehr.
+
+Es war die Stunde, in welcher der Löwe am liebsten um die Herden
+schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Ich fühlte an meinen
+Gürtel, ob der Patronenbeutel noch vorhanden sei, dann schritt ich bis
+zum ersten Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein Auge an
+die Dunkelheit zu gewöhnen. Vor mir und zu beiden Seiten gewahrte ich
+einige Kamele und zahlreiche Schafe, die sich zusammengedrängt hatten.
+Die Hunde, welche sonst des Nachts die Wächter dieser Tiere sind, waren
+entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte verkrochen.
+
+Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise und langsam
+vorwärts. Ich wußte, daß ich den Löwen noch eher riechen würde, als ich
+ihn bei dieser Dunkelheit zu Gesichte bekommen konnte. Da -- -- es war als
+ob der Boden unter mir erbebte -- erscholl der Donner dieser Stimme
+seitwärts von mir, und einige Augenblicke darauf vernahm ich einen
+dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer Körper gegen einen andern prallt --
+ein leises Stöhnen, ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden
+Knochen -- und da, höchstens zwanzig Schritte vor mir funkelten die
+beiden Feuerkugeln: -- ich kannte dieses grünliche rollende Licht. Ich
+hob das Gewehr trotz der Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und
+drückte ab.
+
+Ein gräßlicher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz meines Schusses
+hatte dem Löwen seinen Feind gezeigt; auch ich hatte ihn gesehen, der
+auf dem Rücken eines Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen
+Zähnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein großer dunkler Gegenstand
+schnellte durch die Luft und kam höchstens drei Schritte vor mir auf den
+Boden nieder. Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der Sprung
+schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war doch verwundet. Ich kniete
+noch fast im Anschlage und drückte den zweiten und letzten Schuß los,
+nicht mitten zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine Auge
+hinein. Dann ließ ich die Büchse blitzschnell fallen und nahm das Messer
+zur Hand -- der Feind kam nicht über mich; er war von dem tödlichen
+Schusse förmlich zurückgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich
+einige Schritte zurück, um wieder zu laden. Ringsum herrschte Stille;
+auch im Lager war kein Hauch zu hören. Man hielt mich wohl für tot.
+
+Sobald aber der schwächste Schimmer des Tages den Körper des Löwen
+einigermaßen erkennen ließ, trat ich hinzu. Er war tot, und nun machte
+ich mich daran, ihn aus der Haut zu schälen. Ich hatte meine Gründe,
+nicht lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese Trophäe
+zurückzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem Gefühle als nach dem
+Gesichte vor sich, war aber doch beendet, als der Morgenschimmer etwas
+kräftiger wurde.
+
+Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir über die Schulter und kehrte in
+das Lager zurück. Es war jedenfalls nur ein kleines Zweiglager der
+räuberischen Abu Hammed. Die Männer, Frauen und Kinder saßen
+erwartungsvoll vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten, erhob sich ein
+ungeheurer Lärm. Allah wurde in allen Tönen angerufen, und hundert Hände
+streckten sich nach meiner Beute aus.
+
+»Du hast ihn getötet?« rief der Scheik. »Wirklich? Allein?«
+
+»Allein!«
+
+»So hat dir der Scheïtan beigestanden!«
+
+»Steht der Scheïtan einem Hadschi bei?«
+
+»Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulet, einen Talisman, mit Hilfe
+dessen du diese That vollbringst?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Hier!«
+
+Ich hielt ihm die Büchse vor die Nase.
+
+»Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen. Wo liegt der Körper des
+Löwen?«
+
+»Draußen rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!«
+
+Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte ich gewünscht.
+
+»Wem gehört die Haut des Löwen?« frug der Scheik mit lüsternem Blick.
+
+»Darüber wollen wir in deinem Zelte beraten. Tretet ein!«
+
+Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zwölf Männer da. Gleich
+beim Eintritt erblickte ich meine anderen Waffen; sie hingen an einem
+Pflock. Mit zwei Schritten stand ich dort, riß sie herab, warf die
+Büchse über die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand. Die Löwenhaut
+war mir infolge ihrer Größe und Schwere sehr hinderlich; aber es mußte
+doch versucht werden. Rasch stand ich wieder unter dem Eingang des
+Zeltes.
+
+»Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser Büchse nur auf den
+Löwen zu schießen -- -- --«
+
+»Ja.«
+
+»Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schießen werde, das habe ich
+nicht gesagt.«
+
+»Es gehört hierher. Gieb es zurück.«
+
+»Es gehört in meine Hand, und die wird es behalten.«
+
+»Er wird fliehen -- haltet ihn!«
+
+Da erhob ich den Stutzen zum Schuß.
+
+»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben
+Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir
+genossen habe. Wir sehen uns wieder!«
+
+Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese
+kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich
+hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits
+am letzten Zelte vorbei.
+
+Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein
+wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den
+Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im
+Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des
+Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte
+ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich
+hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der
+vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen
+weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt,
+drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter
+seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre
+nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen
+Lauf wieder lud.
+
+Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug
+gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht.
+Ich hielt wieder, drehte um und zielte -- zwei Schüsse knallten
+nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu
+viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit
+wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch
+meinen Spuren zu folgen schienen.
+
+Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks
+nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren
+nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den
+Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse
+des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an
+welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser
+Übergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch
+tiefe und nicht sehr breite Thäler getrennt werden. Das breiteste Thal
+von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so
+prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der
+möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen,
+den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb
+mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen und hielt daher
+noch eine Nachtruhe.
+
+Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor
+Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe
+zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus
+ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus
+dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich.
+»Wie ist es gegangen?«
+
+»Gut.«
+
+»Hast du etwas erfahren?«
+
+»Alles!«
+
+»Alles? Was?«
+
+»Rufe die Ältesten zusammen; ich werde euch Bericht erstatten.«
+
+Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der anderen Seite des
+Pferdes herabgeworfen hatte.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes, ein Löwe! Wie kommst du zu diesem Felle?«
+
+»Ich habe es ihm abgezogen.«
+
+»Ihm? Dem Herrn selbst?«
+
+»Ja.«
+
+»So hast du mit ihm gesprochen?«
+
+»Kurze Zeit.«
+
+»Wie viele Jäger waren dabei?«
+
+»Keiner.«
+
+»Allah sei mit dir, daß dich dein Gedächtnis nicht verlasse!«
+
+»Ich war allein!«
+
+»Wo?«
+
+»Im Lager der Abu Hammed.«
+
+»Die hätten dich erschlagen!«
+
+»Sie haben es nicht gethan, wie du siehst. Sogar Zedar Ben Huli hat mir
+das Leben gelassen.«
+
+»Auch ihn hast du gesehen?«
+
+»Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.«
+
+»Erzähle!«
+
+»Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst muß ich alles öfters
+erzählen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles ausführlich hören!«
+
+Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als ich den Engländer im
+vollsten Galopp daherstürmen sah.
+
+»Habe soeben gehört, daß Ihr da seid, Sir,« rief er schon von weitem.
+»Habt Ihr gefunden?«
+
+»Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.«
+
+»Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?«
+
+»Auch!«
+
+»Schön, sehr gut! Werde graben, finden und nach London schicken. Erst
+aber wohl kämpfen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.«
+
+»Was?«
+
+»Seltenheit, Schrift.«
+
+»Wo?«
+
+»Loch, hier in der Nähe. Ziegelstein.«
+
+»Eine Schrift auf einem Ziegelstein?«
+
+»#Yes!# Keilschrift. Könnt Ihr lesen?«
+
+»Ein wenig.«
+
+»Ich nicht. Wollen sehen!«
+
+»Ja. Wo ist der Stein?«
+
+»In Zelt. Gleich holen!«
+
+Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund zum Vorschein.
+
+»Hier, ansehen, lesen!«
+
+Der Stein war beinahe vollständig zerbröckelt, und die wenigen Keile,
+welche die verwitterte Inschrift noch zeigte, waren kaum mehr zu
+unterscheiden.
+
+»Nun?« fragte Master Lindsay neugierig.
+
+»Wartet nur. Das ist nicht so leicht, als Ihr denkt. Ich finde nur drei
+Worte, die vielleicht zu entziffern wären. Sie heißen, wenn ich nicht
+irre: #Tetuda Babrut ésis.#«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Zum Ruhme Babylons aufgeführt.«
+
+Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis
+hinter an die Ohren.
+
+»Lest Ihr richtig, Sir?«
+
+»Ich denke es.«
+
+»Was daraus nehmen?«
+
+»Alles und nichts!«
+
+»Hm! Hier doch gar nicht Babylon!«
+
+»Was sonst?«
+
+»Niniveh!«
+
+»Meinetwegen Rio de Janeïro! Reimt Euch das Dings da selbst zusammen
+oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu.«
+
+»Aber warum ich Euch mitgenommen?«
+
+»Gut! Hebt den Ziegelkloß auf, bis ich Zeit habe!«
+
+»#Well!# Was habt Ihr zu thun?«
+
+»Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse zu erzählen
+habe.«
+
+»Werde auch mitthun!«
+
+»Und übrigens muß ich vorher essen. Ich habe Hunger wie ein Bär.«
+
+»Auch da werde mitthun!«
+
+Er trat mit mir in das Zelt.
+
+»Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?«
+
+»Miserabel! Verlange Brot -- Araber bringt Stiefel; verlange Hut -- Araber
+bringt Salz; verlange Flinte -- Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft,
+schrecklich! Lasse Euch nicht wieder fort!«
+
+Nach der Rückkehr des Scheik brauchte ich nicht lange auf das Mahl zu
+warten. Während desselben stellten sich die Geladenen ein. Die Pfeifen
+wurden angezündet, der Kaffee ging herum, und dann drängte Lindsay:
+
+»Anfangen, Sir! Bin neugierig.«
+
+Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet, bis mein Hunger
+gestillt war; dann aber begann ich:
+
+»Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt, aber es ist mir wider
+alles Erwarten sehr leicht geworden, sie zu lösen. Und dabei bringe ich
+Euch eine so ausführliche Nachricht, wie Ihr sie sicherlich nicht
+erwartet habt.«
+
+»Rede!« bat der Scheik.
+
+»Die Feinde haben ihre Rüstungen bereits vollendet. Es sind die Orte
+bestimmt, wo die drei Stämme sich vereinigen, und ebenso ist die Zeit
+angegeben, in der dies geschehen wird.«
+
+»Aber du hast es nicht erfahren können!«
+
+»Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu Hammed am Tage nach dem
+nächsten Jaum el Dschema bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen.
+Diese beiden Stämme stoßen dann am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema
+zwischen dem Wirbel El Kelab und dem Ende der Kanuzaberge mit den Obeïde
+zusammen.«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+»Ja.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von dem Scheik der Abu Mohammed.«
+
+»Hast du mit ihm gesprochen?«
+
+»Ich war sogar in seinem Zelte.«
+
+»Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und Abu Hammed nicht in
+Frieden.«
+
+»Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein Freund. Er wird dir
+mit dem Stamme der Alabeïden zu Hilfe kommen.«
+
+»Sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich jubelnd die Hände. Ich
+wurde von ihnen beinahe erdrückt. Dann mußte ich alles so ausführlich
+wie möglich erzählen. Ich that es. Sie glaubten alles, nur daß ich den
+Löwen so ganz allein und noch dazu bei stockfinsterer Nacht erlegt haben
+wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln. Der Araber ist gewohnt,
+dieses Tier nur am Tage und zwar in möglichst zahlreicher Gesellschaft
+anzugreifen. Ich legte ihnen endlich das Fell vor.
+
+»Hat diese Haut ein Loch?«
+
+Sie besahen es höchst aufmerksam.
+
+»Nein,« lautete dann der Bescheid.
+
+»Wenn Araber einen Löwen töten, so hat die Haut sehr viele Löcher. Ich
+habe ihm zwei Kugeln gegeben. Seht her! Die erste Kugel war zu hoch
+gezielt, weil er zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht
+ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut gestreift und das
+Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die zweite Kugel gab ich ihm, als er
+zwei oder drei Schritte von mir war; sie ist ihm in das linke Auge
+gedrungen. Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.«
+
+»Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare Tier so nahe an
+dich herankommen lassen, daß dein Pulver seine Haare verbrannte. Wenn es
+dich nun gefressen hätte?«
+
+»So hätte es so im Buche gestanden. Ich habe diese Haut mitgebracht für
+dich, o Scheik. Nimm sie von mir an und gebrauche sie als Schmuck deines
+Zeltes!«
+
+»Ist dies dein Ernst?« fragte er erfreut.
+
+»Mein Ernst.«
+
+»Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf diesem Felle werde ich
+schlafen, und der Mut des Löwen wird in mein Herz einziehen.«
+
+»Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit Mut zu erfüllen, den du
+übrigens auch bald brauchen wirst.«
+
+»Wirst du mitkämpfen gegen unsere Feinde?«
+
+»Ja. Sie sind Diebe und Räuber und haben auch mir nach dem Leben
+getrachtet; ich stelle mich unter deinen Befehl, und hier mein Freund
+wird dasselbe thun.«
+
+»Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen. Du sollst der
+Anführer einer Abteilung sein.«
+
+»Davon laß uns später sprechen; für jetzt aber erlaube mir, an eurer
+Beratung teilzunehmen.«
+
+»Du hast recht; wir müssen uns beraten, denn wir haben nur noch fünf
+Tage Zeit.«
+
+»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger
+der Haddedihn um dich zu versammeln?«
+
+»So ist es.«
+
+»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.«
+
+»Warum noch heute?«
+
+»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf
+diesen Kampf eingeübt werden.«
+
+Er lächelte stolz.
+
+»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf
+gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer
+hat der Stamm der Abu Mohammed?«
+
+»Neunhundert.«
+
+»Und die Alabeïde?«
+
+»Achthundert.«
+
+»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu kommt die Überraschung,
+da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!«
+
+»Oder wir werden besiegt!«
+
+»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?«
+
+»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er
+vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu
+Mohammed zu spät eintreffen?«
+
+»Es ist möglich.«
+
+»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird
+erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er
+erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die
+Überraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind
+nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn
+so darnieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und
+mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.«
+
+»Wie wolltest du dies beginnen?«
+
+»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.«
+
+»Wie kämpfen diese?«
+
+Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische
+Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für
+diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs
+für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich
+hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten
+zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich
+bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte
+die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche
+Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet
+hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen,
+welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:
+
+»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen
+der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«
+
+»Wir haben Zeit.«
+
+»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig
+zu machen?«
+
+»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir
+wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es
+einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten
+aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den
+geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen
+werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«
+
+Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.
+
+»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen
+die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen.
+Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses
+heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die
+Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen
+sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber
+führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt,
+weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen
+Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen
+die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen
+selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer
+Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen
+zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche
+in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig
+im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im
+Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit
+eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«
+
+»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt
+erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit
+einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«
+
+Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:
+
+»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«
+
+»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was
+es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von
+unserem Vorhaben Nachricht erhält.«
+
+Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser
+langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er
+die Gelegenheit zum Sprechen:
+
+»Sir, ich bin auch hier!«
+
+»Ich sehe Euch!«
+
+»Wollte auch 'was hören!«
+
+»Meine Erlebnisse?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache
+halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.«
+
+Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der
+darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert.
+
+»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc!
+Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich
+auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!«
+
+»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein
+General, der von der Kriegführung so viel versteht, wie das Flußpferd
+vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Übrigens wird
+es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.«
+
+»Warum?«
+
+»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.«
+
+»Ah! Wie?«
+
+»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.«
+
+»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!«
+
+Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte
+allerlei neue Gedanken mit:
+
+»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er
+erwartet?«
+
+»Nein.«
+
+»Was fordern die Alabeïden?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Du hättest fragen sollen!«
+
+»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach
+Beute fragen würde.«
+
+»Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen Schaden?«
+
+»Der besiegte Feind.«
+
+»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und
+Kinder nebst seinem Vieh fortführen!«
+
+»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du giebst
+die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht
+eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg
+vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den
+Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.«
+
+Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an.
+
+»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir
+von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis
+erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine
+Postenlinie ziehen.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger, von denen du
+überzeugt bist, daß sie treu sind. Sie lassen sich nicht sehen und
+beobachten alles. Von El Deradsch bis hierher stellst du in gewissen
+Entfernungen andere auf; es genügen vier Mann, welche darauf zu achten
+haben, daß sie mit keinem Fremden zusammenkommen, und uns alles
+berichten, was die ersten zwei erkunden. Einer trägt die Kunde zum
+andern und kehrt dann auf seinen Posten zurück.«
+
+»Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.«
+
+»Eine eben solche Linie, nur etwas weitläufiger, stellst du auf zwischen
+hier und den Weideplätzen der Abu Mohammed. Ich habe das mit ihrem
+Scheik bereits besprochen. Er wird die Hälfte dieser Linie mit seinen
+Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?«
+
+»Ja.«
+
+»Dort wird sein äußerster Posten zu treffen sein.«
+
+»Wie viele Männer werde ich dazu brauchen?«
+
+»Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele. Wie viele Krieger
+hast du hier im Lager?«
+
+»Es können vierhundert sein.«
+
+»Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du mußt noch heute Musterung über
+sie halten, und wir können unsere Übungen heute noch beginnen.«
+
+Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen einer halben Stunde
+waren die vierhundert Mann beisammen. Der Scheik hielt ihnen eine lange,
+blühende Rede und ließ sie am Ende derselben auf den Bart des Propheten
+schwören, die Rüstung gegen keinen Unberufenen zu erwähnen; dann befahl
+er ihnen, sich in Reihe und Glied aufzustellen.
+
+Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu Pferde; ein jeder hatte
+Messer, Säbel und die lange, befiederte Lanze, welche bei besserer
+Schulung eine fürchterliche Waffe sein könnte. Viele trugen auch den
+gefährlichen Nibat[151] oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die
+Schießwaffen ließen vieles zu wünschen übrig. Einige Krieger hatten noch
+den alten Lederschild nebst Köcher, Pfeil und Bogen. Andere besaßen
+Luntenflinten, die ihren Eigentümern gefährlicher waren, als dem Feinde,
+und die übrigen hatten Perkussionsgewehre mit überlangen Läufen.
+
+ [151] Keule.
+
+Letztere ließ ich vortreten, die andern aber schickte ich fort, mit der
+Bemerkung, morgen in aller Frühe wieder zu kommen. Die Zurückgebliebenen
+hieß ich absitzen und Proben ihrer Fertigkeit im Schießen ablegen. Im
+allgemeinen konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren gegen
+zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien aus ihnen und begann
+meinen Instruktionsunterricht. Dieser war allerdings nicht weit her. Die
+Leute sollten im Takte marschieren und laufen können und ein
+Schnellfeuer unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu Pferde
+anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm ernstlich stand zu halten;
+jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen
+Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren.
+
+Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei ihnen galt es, sie zu
+einem geschlossenen Angriff mit der Lanze zu befähigen, nachdem sie ihre
+Gewehre abgeschossen hatten. Ich kann sagen, daß die Leute sehr schnell
+begriffen und überaus begeistert waren.
+
+Gegen Abend hörten wir, daß die Verbindung mit den Abu Mohammed
+hergestellt sei, und bekamen zu gleicher Zeit die Nachricht, daß ihr
+Scheik von meinem Abenteuer bei den Abu Hammed bereits gehört habe. Es
+ging Antwort zurück, und von diesem Augenblick an wurde ein durch die
+Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr unterhalten.
+
+Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den Rapphengst bestieg, um
+einen Schnellritt hinein in die Savanne zu machen. Ich war noch gar
+nicht weit gelangt, so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte
+eine gewöhnliche, mittelmäßige Gestalt, der andere aber war sehr klein
+von Statur und schien von der Unterhaltung mit seinem Begleiter ganz
+außerordentlich in Anspruch genommen zu sein, denn er focht mit Arm und
+Beinen in der Luft, als wolle er Mücken morden.
+
+Ich mußte unwillkürlich an meinen kleinen Halef denken.
+
+Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen mein Pferd.
+
+»Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?«
+
+Er war es wirklich, der kleine Hadschi Halef Omar!
+
+»Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.«
+
+Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu
+küssen.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe
+mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne.«
+
+»Wie geht es dem würdigen Scheik Malek?«
+
+»Er ist wohlauf.«
+
+»Amscha?«
+
+»Ebenso.«
+
+»Hanneh, deine Freundin?«
+
+»O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.«
+
+»Und die andern?«
+
+»Sie sagten mir, daß ich dich grüßen solle, wenn ich dich fände.«
+
+»Wo sind sie?«
+
+»Sie sind am Abhange des Schammargebirges zurückgeblieben und haben mich
+an den Scheik der Schammar vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme
+bitten solle.«
+
+»Bei welchem Scheik?«
+
+»Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst treffe.«
+
+»Ich habe bereits für euch gesorgt. Da drüben ist das Lager der
+Haddedihn.«
+
+»Das sind Schammar. Wie heißt ihr Scheik?«
+
+»Mohammed Emin.«
+
+»Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?«
+
+»Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch gesprochen. Sieh diesen
+Hengst! Wie gefällt er dir?«
+
+»Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher der Abkömmling
+einer Stute von Koheli.«
+
+»Er gehört mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun kannst du sehen, daß
+er mein Freund ist!«
+
+»Allah gebe ihm dafür ein langes Leben! Wird er auch uns aufnehmen?«
+
+»Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt und folgt mir jetzt.«
+
+Wir setzten uns in Marsch.
+
+»Sihdi,« meinte Halef, »die Wege Allahs sind unerforschlich. Ich
+glaubte, lange nach dir fragen zu müssen, ehe ich eine Kunde bekäme, und
+nun bist du der erste, dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn
+gekommen?«
+
+Ich erzählte ihm das Nötige in Kürze und fuhr dann fort:
+
+»Weißt du, was ich jetzt bei ihm bin?«
+
+»Nun?«
+
+»General.«
+
+»General?«
+
+»Ja.«
+
+»Hat er Truppen?«
+
+»Nein. Er hat aber Krieg.«
+
+»Gegen wen?«
+
+»Gegen die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari.«
+
+»Das sind Räuber, die am Zab und Tigris wohnen; ich habe sehr vieles von
+ihnen gehört, was nicht gut ist.«
+
+»Sie rüsten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens überfallen; wir aber
+haben davon gehört, und nun bin ich sein General, der seine Krieger
+unterrichtet.«
+
+»Ja, Sihdi, ich weiß, daß du alles verstehst und alles kannst, und es
+ist ein wahres Glück, daß du kein Giaur mehr bist!«
+
+»Nicht?«
+
+»Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.«
+
+»Wer sagt dir das?«
+
+»Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen Zem-Zem bei dir;
+folglich bist du ein guter Moslem geworden. Habe ich dir nicht stets
+gesagt, daß ich dich bekehren würde, du magst wollen oder nicht?« --
+
+Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte des Scheik ab. Als
+wir eintraten, hatte er seine Räte bei sich.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte Halef.
+
+Sein Begleiter that dasselbe. Ich übernahm es, sie vorzustellen.
+
+»Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden Männer zu bringen, welche mit
+dir sprechen wollen. Dieser hier heißt Nasar Ibn Mothalleh, und dieser
+ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah, von dem ich dir bereits erzählt habe.«
+
+»Von ihm?«
+
+»Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen, sondern kurz nur
+Hadschi Halef Omar genannt.«
+
+»Dein Diener und Begleiter?«
+
+»Ja.«
+
+»Der Abu-Seïf, den Vater des Säbels, erschlagen hat?«
+
+»Ja. Er gehört jetzt zu dem Stamme der Ateïbeh, dessen Scheik dein
+Freund Malek ist.«
+
+»Seid mir willkommen, ihr Männer von Ateïbeh! Sei mir willkommen,
+Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt ist klein, aber dein Mut ist groß, und
+deine Tapferkeit ist erhaben. Möchten alle Männer so sein, wie du!
+Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?«
+
+»Ich bringe sie. Er läßt dich grüßen und fragen, ob du ihn und die
+Seinigen in den Stamm der Haddedihn aufnehmen magst.«
+
+»Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen sein. Wo befindet
+er sich jetzt?«
+
+»Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine halbe Tagreise von hier.
+Ich höre, daß du Krieger brauchst?«
+
+»So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen mir und denen, die
+neben uns wohnen.«
+
+»Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.«
+
+»Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben Nemsi hat mir doch gesagt,
+daß ihr weniger seid!«
+
+»Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes Al Hariel bei uns
+aufgenommen.«
+
+»Was tragt ihr für Waffen?«
+
+»Säbel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten. Mehrere haben sogar auch
+Pistolen. Wie ich mit den Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi
+sagen.«
+
+»Ich weiß es bereits. Aber dieser Mann ist kein Sihdi, sondern ein Emir;
+merke es dir!«
+
+»Ich weiß es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi zu nennen. Soll
+einer von uns sofort aufbrechen und Scheik Malek mit den Seinen
+herholen, da ihr Krieger braucht?«
+
+»Ihr seid müde.«
+
+»Wir sind nicht ermüdet. Ich reite sofort zurück.«
+
+Sein Begleiter fiel ihm in die Rede:
+
+»Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mußt bleiben; ich werde
+zurückkehren.«
+
+»Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,« meinte der Scheik.
+
+»Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln auf meinem Pferde.«
+
+Der Scheik wandte sich ihm zu:
+
+»Aber dein Pferd wird müde sein. Nimm das meinige; es hat mehrere Tage
+ausgeruht und wird dich schnell zu Malek bringen, den du von mir grüßen
+mögest!«
+
+Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten befand er sich auf dem
+Rückwege nach den Bergen von Schammar.
+
+»Emir,« sagte der Scheik zu mir, »weißt du, was meine Krieger von dir
+sagen?«
+
+»Nun?«
+
+»Daß sie dich lieben.«
+
+»Ich danke dir!«
+
+»Und daß sie den Sieg gewinnen müssen, wenn du bei ihnen bist.«
+
+»Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden morgen ein Manöver
+veranstalten.«
+
+»Wie? Was?«
+
+»Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen. Die letzten werden
+morgen früh nachkommen. Sie sind schnell eingeübt, und dann stellen wir
+den Kampf vor, den wir mit den drei Stämmen haben werden. Die Hälfte
+sind die Haddedihn, die andere Hälfte sind die Feinde. Drüben die alten
+Ruinen gelten als die Berge von Hamrin und Kanuza, und so werde ich es
+deinen Kriegern zeigen, wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu
+kämpfen haben.«
+
+Diese Ankündigung steigerte die bereits vorhandene Begeisterung um das
+Doppelte, und als sich die Kunde davon hinaus vor das Zelt verbreitete,
+erhob sich ein lauter Jubel über das ganze Lager, welches sich während
+des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuzüge bedeutend
+vergrößert hatte.
+
+Was ich voraus gesagt hatte, das geschah:
+
+Am andern Mittag waren wir vollzählig. Ich hatte Offiziere und
+Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen, nachdem ich ihm
+seinen Platz angewiesen hatte, sofort einübten. Am Spätnachmittag begann
+das Manöver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Das Fußvolk
+schoß ganz exakt, und die Chocs der einzelnen berittenen Körper wurden
+mit eleganter Sicherheit ausgeführt.
+
+Noch während des Manövers kam das letzte Glied unserer Postenkette
+herbeigeritten.
+
+»Was bringst du?« fragte der Scheik, dessen Antlitz vor Zufriedenheit
+glänzte.
+
+»Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu Hammed vereinigt.«
+
+»Wann?«
+
+»Gegen Abend.«
+
+»Und die Abu Mohammed?«
+
+»Sind bereits hinter ihnen her.«
+
+»Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit ihr Marsch nicht
+verraten wird, wie ich es angeraten habe?«
+
+»Ja.«
+
+Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten kam. Es war das
+diesseitige Glied der Kette nach dem Thale von Deradsch hinüber.
+
+»Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.«
+
+»Welche?«
+
+»Die Obeïde haben Leute vom Zab herübergesandt, um die Gegend zu
+untersuchen.«
+
+»Wie viel Männer sind es gewesen?«
+
+»Acht.«
+
+»Wie weit sind sie gekommen?«
+
+»Bis durch El Deradsch hindurch.«
+
+»Haben sie unsere Leute gesehen?«
+
+»Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann haben sie im Thale
+gelagert und vieles miteinander gesprochen.«
+
+»Ah! Hier hätte es möglich sein sollen, sie zu belauschen!«
+
+»Es war möglich, und Ibn Nazar hat es gethan.«
+
+Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche das Thal Deradsch
+bewachen sollten.
+
+»Was hat er gehört? Wenn es wichtig ist, soll er eine Belohnung
+erhalten.«
+
+»Sie haben gesagt, daß morgen genau zur Mittagszeit die Obeïde
+übersetzen wollen, um die Abu Hammed und Dschowari zu treffen, die dann
+ihrer bereits warten werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch
+vordringen und dort während der Nacht lagern, weil sie glauben, dort
+nicht gesehen zu werden. Am nächsten Morgen nachher wollen sie über uns
+herfallen.«
+
+»Sind diese acht Männer wieder fortgeritten?«
+
+»Nur sechs von ihnen. Zwei mußten zurückbleiben, um das Thal zu
+bewachen.«
+
+»Reite zurück und sage Ibn Nazar und seinem Gefährten, daß ich heute
+noch selbst zu ihnen kommen werde. Einer soll zurückbleiben, um die
+beiden zu bewachen, und der andere mag mich beim letzten Posten
+erwarten, um mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.«
+
+Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf Antwort.
+
+»Du hast gehört, was jener meldete?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, Emir.«
+
+»So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der Abu Mohammed. Er soll
+sich hart hinter dem Feinde halten und sich nicht sehen lassen. Ist
+derselbe in das Thal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im
+Rücken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen. Alle Thäler
+zwischen El Hamrin und el Kanuza sind zu besetzen. Das übrige wird
+unsere Sorge sein.«
+
+Er jagte davon. Wir aber brachen unsere Übung ab, um den Leuten Ruhe zu
+gönnen.
+
+»Du willst nach Deradsch?« fragte der Scheik auf dem Rückwege.
+
+»Ja.«
+
+»Warum?«
+
+»Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.«
+
+»Kann dies kein anderer verrichten?«
+
+»Nein. Die Sache ist so wichtig, daß ich sie selbst übernehme. Wenn
+diese zwei nicht ganz ruhig und sicher aufgehoben werden, so ist unser
+schöner Plan vollständig verdorben.«
+
+»Nimm dir einige Männer mit.«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich und unsere beiden Posten, das ist genug.«
+
+»Sihdi, ich gehe mit!« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite
+gewichen war.
+
+Ich wußte, daß er auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen werde, und
+nickte ihm also Gewährung.
+
+»Ich weiß nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen Ritt aushalten
+wird. Ich muß während der Nacht hin und zurück.«
+
+»Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,« meinte der Scheik.
+
+Eine Stunde später waren wir unterwegs: ich auf dem Rappen, und Halef
+auf einem Goldbraunen, der seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die
+Strecke bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zurück. Dort
+erwartete uns Ibn Nazar.
+
+»Du hast die beiden Männer belauscht?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten. Wo ist dein Gefährte?«
+
+»Ganz in der Nähe der beiden Kundschafter.«
+
+»Führe uns!«
+
+Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel, und bald erblickten wir
+den Höhenzug, hinter welchem El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitwärts
+ein. Wir mußten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an den Eingang
+einer dunklen Vertiefung.
+
+»Hier sind unsere Pferde, Herr.«
+
+Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde hinein. Sie standen so
+sicher, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchten. Dann schritten wir
+auf dem Kamme des Höhenzugs weiter, bis sich das Thal zu unseren Füßen
+öffnete.
+
+»Nimm dich in acht, Herr, daß kein Stein hinabfällt, der uns verraten
+könnte!«
+
+Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem Führer, und Halef hinter
+mir, immer einer in den Fußstapfen des andern. Endlich langten wir unten
+an. Eine Gestalt kam uns entgegen.
+
+»Nazar?«
+
+»Ich bin es. Wo sind sie?«
+
+»Noch dort.«
+
+Ich trat hinzu.
+
+»Wo?«
+
+»Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie liegen dahinter.«
+
+»Und ihre Pferde?«
+
+»Haben sie etwas weiter vorwärts angebunden.«
+
+»Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm, Halef!«
+
+Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorwärts. Er folgte mir. Wir
+gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich spürte Tabaksgeruch und hörte zwei
+halblaute Stimmen miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante
+vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen:
+
+»Zwei gegen sechs!«
+
+»Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen, ist lang und dünn
+gewesen, wie eine Lanze, und hat ein graues Kanonenrohr auf dem Kopfe
+gehabt.«
+
+»Der Scheïtan!«
+
+»Nein, sondern nur ein böser Geist, ein Dschin.«
+
+»Der andere aber ist der Teufel gewesen?«
+
+»Wie ein Mensch, aber fürchterlich! Sein Mund hat geraucht, und seine
+Augen haben Flammen gesprudelt. Er hat nur die Hand erhoben, und da sind
+alle sechs Pferde tot zusammengestürzt, mit den andern vier aber sind
+die zwei Teufel -- Allah möge sie verfluchen -- durch die Luft
+davongeritten.«
+
+»Am hellen Tage?«
+
+»Am hellen Tage.«
+
+»Gräßlich! Allah behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Und
+dann ist er gar in das Lager der Abu Hammed gekommen?«
+
+»Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.«
+
+»Wie?«
+
+»Sie haben ihn für einen Mann gehalten und sein Pferd für den berühmten
+Rappen des Scheik Mohammed Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd
+haben und nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager brachten,
+erkannte ihn der Sohn des Scheik.«
+
+»Er hätte ihm die Freiheit geben sollen.«
+
+»Er glaubte immer noch, daß er vielleicht doch ein Mensch wäre.«
+
+»Hatten sie ihn gefesselt?«
+
+»Ja. Aber da kam ein Löwe in das Lager, und der Fremde sagte, er wolle
+ihn ganz allein erlegen, wenn man ihm seine Büchse gebe. Man gab sie
+ihm, und er ging in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen
+Blitze vom Himmel, und es krachten zwei Schüsse. Nach einigen Minuten
+kam er. Er hatte das Fell des Löwen umgeworfen, stieg auf sein Pferd und
+ritt durch die Luft davon.«
+
+»Hat ihn keiner halten wollen?«
+
+»Doch; aber die Männer griffen in die Luft. Und als man ihm nachjagte,
+fielen drei Kugeln vom Himmel welche die drei besten Pferde töteten.«
+
+»Woher weißt du das?«
+
+»Der Bote erzählte es, welchen Zedar Ben Huli an unseren Scheik sandte.
+Glaubst du nun, daß es der Scheïtan war?«
+
+»Er war es.«
+
+»Was würdest du thun, wenn er dir erschiene?«
+
+»Ich würde auf ihn schießen und dazu die heilige Fatcha beten.«
+
+Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen.
+
+»So bete sie!« gebot ich ihm.
+
+»Allah kerihm!«
+
+»Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!«
+
+Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten.
+
+»Ich bin der, von dem du erzählt hast. Du nennst mich den Scheïtan; wehe
+dir, wenn du ein Glied regst, um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen
+die Waffen!«
+
+Sie ließen dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre Zähne klappern zu
+hören.
+
+»Binde ihnen die Hände mit ihren eigenen Gürteln!«
+
+Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest überzeugt sein, daß die
+Knoten nicht aufgehen würden.
+
+»Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch euer Leben lieb ist! Von
+welchem Stamme seid ihr?«
+
+»Wir sind Obeïde.«
+
+»Euer Stamm geht morgen über den Tigris?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie viele Krieger habt ihr?«
+
+»Zwölfhundert.«
+
+»Womit sind sie bewaffnet?«
+
+»Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.«
+
+»Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?«
+
+»Nicht viele.«
+
+»Wie setzt ihr über -- auf Kähnen?«
+
+»Auf Flößen; wir haben keine Kähne.«
+
+»Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?«
+
+»So viel wie wir.«
+
+»Wie sind diese bewaffnet?«
+
+»Sie haben mehr Pfeile als Flinten.«
+
+»Und wie viele Männer bringen euch die Dschowari?«
+
+»Tausend.«
+
+»Haben diese Pfeile oder Flinten?«
+
+»Sie haben beides.«
+
+»Kommen bloß eure Krieger herüber, oder werdet ihr diese Gegend auch mit
+euren Herden überziehen?«
+
+»Nur die Krieger kommen.«
+
+»Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?«
+
+»Der Gouverneur hat es uns befohlen.«
+
+»Er hat euch nichts zu befehlen, ihr gehört unter den Statthalter von
+Bagdad. Wo sind eure Pferde?«
+
+»Dort.«
+
+»Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu entkommen, werde ich
+euch niederschießen. Nazar, kommt!« -- Die beiden anderen kamen herbei.
+
+»Bindet diese beiden Männer hier fest auf ihre Pferde!«
+
+Die Obeïde ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen ohne Weigerung auf
+und wurden auf ihren Tieren so befestigt, daß an eine Flucht gar nicht
+zu denken war.
+
+Hierauf gab ich den Befehl:
+
+»Jetzt holt unsere Pferde drüben herab und bringt sie an den Eingang zum
+Thale. Ibn Nazar, du bleibst hier in El Deradsch zurück, der andere aber
+mag Halef die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.«
+
+Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde am äußersten Abhange
+des Thales hinabzuleiten. Dann stiegen wir auf und kehrten zurück,
+während Ibn Nazar auf seinem Posten verblieb.
+
+»Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie möglich nach.«
+
+Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die Schenkel. Ich that dies aus
+zwei Gründen: erstens war meine Gegenwart im Lager nötig, und zweitens
+hatte ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den höchsten
+Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er flog leicht, wie ein Vogel,
+über die Ebene dahin; der schnelle Lauf schien ihm sogar Vergnügen zu
+machen, denn er wieherte einigemal freudig auf. Plötzlich legte ich ihm
+die Hand zwischen die Ohren -- --
+
+»Rih!« -- --
+
+Auf diesen Ruf legte er die Ohren zurück; er schien länger und dünner zu
+werden, schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen. Dem
+bisherigen Galopp hätten hundert andere auch gute Pferde nicht zu folgen
+vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war er wie die Windstille
+gegen eine rasende Bö, wie der Gang einer Ente gegen den Flug einer
+Schwalbe. Die Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles
+hätte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen, und dabei
+war der Lauf desselben überaus glatt und gleichmäßig. Es war wirklich
+nicht zu viel, was Mohammed Emin zu mir gesagt hatte: »Dieses Pferd wird
+dich durch tausend Reiter hindurchtragen, und ich fühle mich unendlich
+stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten Renners zu sein.«
+
+Doch ich mußte daran denken, diese äußerste Anspannung aller Kräfte zu
+beenden; ich ließ den Rappen in Gang fallen und legte ihm liebkosend die
+Hand an den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem Beweis
+meiner Anerkennung und trug stolz den Hals.
+
+Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi Deradsch nur den vierten
+Teil der Zeit gebraucht, welche zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In
+der Nähe des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen und
+Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die ich wegen der Dunkelheit nicht
+genau zu erkennen vermochte, und im Zelte selbst wartete meiner eine
+sehr angenehme Überraschung: -- Malek stand vor dem Scheik, welcher
+soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten Begrüßung
+auszusprechen.
+
+»Sallam!« begrüßte mich der Ateïbeh, indem er mir beide Hände
+entgegenstreckte. »Meine Augen freuen sich, dich zu sehen, und mein Ohr
+ist entzückt, die Schritte deines Fußes zu vernehmen!«
+
+»Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele! Er hat ein Wunder
+gethan, um dich heute schon zu uns zu bringen.«
+
+»Welches Wunder meint deine Zunge?«
+
+»Wir konnten dich heute unmöglich erwarten. Es sind ja drei Tagreisen
+von hier bis zum Dschebel Schammar und zurück!«
+
+»Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte nicht bis zum Berge der
+Schammar zu reiten. Nachdem er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich
+von einem verirrten Hirten, daß die Krieger der Haddedihn hier ihre
+Herden weiden. Ihr Scheik, der berühmte und tapfere Mohammed Emin, ist
+mein Freund; Hadschi Halef konnte nur auf ihn und keinen anderen
+getroffen sein, und so berieten wir uns, nicht auf seine Rückkehr zu
+warten, sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.«
+
+»Dein Entschluß war gut, denn ohne ihn hätten wir dich heute nicht
+begrüßen können.«
+
+»Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges, und mein Herz freute
+sich, als ich erfuhr, daß ich dich, o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den
+Kriegern der Haddedihn finden werde. Allah liebt dich und mich; er
+leitet unsere Füße auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch sage, wo
+ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner Achtung und meiner Liebe?«
+
+»Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus und ließ ihn mit
+zwei Gefangenen zurück; in kurzer Zeit wirst du ihn sehen.«
+
+»Es ist dir gelungen?« fragte mich Mohammed Emin.
+
+»Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie können uns nicht
+schaden.«
+
+»Ich höre,« meinte Malek, »daß Feindschaft ausgebrochen ist zwischen den
+Haddedihn und den Räubern am Tigris?«
+
+»Du hast recht gehört. Morgen, wenn die Sonne am höchsten gestiegen ist,
+werden unsere Gewehre donnern und unsere Säbel blitzen.«
+
+»Ihr werdet sie überfallen?«
+
+»Sie wollen uns überfallen, wir aber werden sie empfangen.«
+
+»Dürfen euch die Männer der Ateïbeh ihre Säbel leihen?«
+
+»Ich weiß, daß dein Säbel ist wie Dsu al Fekar[152], dem niemand
+widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir
+sind. Wie viele Männer sind bei dir?«
+
+ [152] »Der Blitzende«, Muhammeds Degen, der noch heute
+ aufbewahrt wird.
+
+»Einige mehr als fünfzig.«
+
+»Sie sind müde?«
+
+»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse
+des Kampfes vernimmt? Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch
+überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!«
+
+»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer
+Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze
+verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.«
+
+Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß
+ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde
+reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht
+beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen
+meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an
+und fragte:
+
+»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?«
+
+»So ist es, o Scheik.«
+
+»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der
+Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen
+der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Übermacht sollte uns
+erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was
+die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen
+will?«
+
+Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.
+
+»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet
+einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher
+sei. Haben eure Anführer dies gethan?«
+
+»Wir wissen es nicht, o Scheik!«
+
+»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von
+Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das
+Thal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle
+erhalten könne! Ich werde euch und die euren so behandeln, wie sie es
+verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!«
+
+Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem
+Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug.
+
+»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das
+Marameh[153] ab!«
+
+ [153] Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen
+ wird.
+
+Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen:
+
+»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?«
+
+»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.«
+
+»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die
+Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?«
+
+»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt
+werden.«
+
+»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür,
+Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!«
+
+»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?«
+
+»Ich gebiete es dir!«
+
+»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der
+Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht
+gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam
+sein.«
+
+Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und
+nahm einen Schambijeh[154] hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des
+Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes.
+
+ [154] Krummer Dolch.
+
+»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik.
+
+»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann
+mit ihm den Scheitel und die Schuschah[155] der tapferen Haddedihn
+berühren, o Scheik?«
+
+ [155] Haarbüschel auf dem Scheitel.
+
+»Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen hast!«
+
+Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die
+Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war;
+ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch
+Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der
+Schneide eines Rasiermessers wichen.
+
+»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen
+von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser;
+versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!«
+
+Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch
+ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie
+wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu
+lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es
+seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und
+daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde.
+
+»Allah il Allah,« begann er; »es giebt keinen Gott außer Allah. Alles,
+was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen
+sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die
+einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der
+Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich,
+darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht
+auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu
+dir gesagt: 'Nanu malihin -- wir haben Salz miteinander gegessen.'
+Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich
+habe zu dir gesagt: 'Nanu malihin.' Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid
+meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe
+für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?«
+
+Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.
+
+»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist
+das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem
+Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder
+erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere
+Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es giebt einen
+Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich
+meine?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»So sage es.«
+
+»Das Blut.«
+
+»Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum Tode, und die
+Freundschaft, die durch das Blut geschlossen wird, hört erst auf, wenn
+man stirbt. Scheik Malek, gieb mir deinen Arm!«
+
+Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich handelte. Er entblößte
+seinen Unterarm und hielt ihn Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn
+leicht mit der Spitze seines Messers und ließ die hervorquellenden
+Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gefüllten, hölzernen Becher fallen,
+welchen er darunter hielt. Dann winkte er mich herbei.
+
+»Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein Freund sein und der Freund
+dieses Mannes, der sich Scheik Malek el Ateïbeh nennt?«
+
+»Ich will es.«
+
+»Willst du es sein bis zum Tode?«
+
+»Ich will es.«
+
+»So sind deine Freunde und Feinde auch unsere Freunde und Feinde, und
+unsere Freunde und Feinde sind auch deine Freunde und Feinde?«
+
+»Sie sind es.«
+
+»So gieb mir deinen Arm!«
+
+Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und ließ die wenigen
+Blutstropfen, welche hervorquollen, in den Becher fallen. Dann that er
+dasselbe an seinem Arm und schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut
+mit dem Wasser zu vermischen.
+
+»Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile und genießt ihn
+mit dem Gedanken an den Allwissenden, der unsere geheimsten Gedanken
+kennt. Wir haben sechs Füße, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs
+Lippen, und dennoch sei es nur ein Fuß, ein Arm, ein Auge, ein Ohr und
+eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei Köpfe, aber dennoch sei es
+nur ein Herz und ein Kopf. Wo der eine ist, da wandeln die andern, und
+was der eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gefährten es
+thäten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!«
+
+Er reichte mir den Becher dar.
+
+»Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt am weitesten von hier;
+trink deinen Teil zuerst und reiche dann den Becher unserem Freunde.«
+
+Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck; Malek folgte mir,
+und Mohammed Emin trank den Rest aus. Dann umarmte und küßte er uns,
+während er jedem sagte:
+
+»Jetzt bist du mein Rafik[156], und ich bin dein Rafik; unsere
+Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere Wege scheiden mag!«
+
+ [156] Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle
+ Aschab, das ist Gefährten.
+
+Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell durch das ganze
+Lager, und wer auch nur das kleinste Vorrecht oder die geringste
+Vergünstigung zu besitzen glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu
+beglückwünschen. Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so daß
+wir erst spät wieder nur zu dreien beieinander saßen.
+
+Wir mußten Scheik Malek eine Beschreibung des Terrains liefern, auf
+welchem der Kampf voraussichtlich stattfinden werde, und ihn mit unserem
+Verteidigungsplane bekannt machen. Er billigte denselben vollständig und
+fragte zuletzt:
+
+»Können die Feinde nicht nach Norden entweichen?«
+
+»Sie könnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel Kanuza, das ist also
+längs des Wadi Dschehennem, durchbrechen; aber wir werden ihnen auch
+diesen Weg verlegen. Scheik Mohammed, hast du angeordnet, daß Werkzeuge
+vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?«
+
+»Es ist geschehen.«
+
+»Sind die Frauen ausgewählt, welche uns begleiten sollen, um die
+Verwundeten zu verbinden?«
+
+»Sie sind bereit.«
+
+»So laß Pferde aussuchen für unsern Gefährten und seine Männer. Wir
+müssen aufbrechen, denn der Tag wird bald erscheinen.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Der Sieg.
+
+
+Eine halbe Stunde später setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht
+etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei
+den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel
+miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte.
+
+Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der
+Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das
+Sanitätscorps zu bilden hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur
+Verbindung mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen
+dienen sollten.
+
+Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und
+warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein
+erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu
+sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte.
+
+Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, daß nichts vorgefallen sei.
+Wir erreichten also ohne Störung den langgezogenen Dschebel Deradsch,
+hinter welchem sich das fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost
+erstreckte. Diejenigen, welche als Schützen ausersehen waren, stiegen
+ab; ihre Pferde wurden in gehöriger Ordnung in der Ebene angepflockt,
+damit im Falle eines Rückzuges keine Verwirrung entstehen könne. Unweit
+davon wurden die Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen
+hatten, aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erwähnt, für die
+Verwundeten bestimmt. Wasser war in Schläuchen genug, Verbandzeug aber
+nur sehr wenig vorhanden, ein Übelstand, welcher mich mit Bedauern
+erfüllte.
+
+Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern verband, hatten
+wir natürlich hinter uns hergezogen, so daß wir mit ihnen immer in
+Verbindung blieben. Es waren fast stündlich Meldungen von ihnen
+angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, daß die Feinde
+unseren Anmarsch noch nicht entdeckt hätten.
+
+Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr
+einsilbig verhalten. Es war mir ja keine Zeit übrig geblieben, die ich
+ihm hätte widmen können. Jetzt hielt er an meiner Seite.
+
+»Wo schlagen, Sir? Hier?« fragte er.
+
+»Nein, hinter dieser Höhe,« antwortete ich.
+
+»Bei Euch bleiben?«
+
+»Wie Ihr wollt.«
+
+»Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?«
+
+»Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso schießen wie fechten,
+wenn es notwendig ist.«
+
+»Bleibe bei Euch.«
+
+»So wartet hier. Meine Abteilung hält hier, bis ich sie abhole.«
+
+»Nicht hinein in das Thal?«
+
+»Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den Fluß ziehen, um den Feind
+zu verhindern, nach Norden zu entkommen.«
+
+»Wie viel Mann?«
+
+»Hundert.«
+
+»#Well#! sehr gut, ausgezeichnet!«
+
+Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht übernommen. Zwar war
+ich Freund und Gefährte der Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch,
+Leute, wenn auch im offenen Kampfe, zu töten, die mir nichts gethan
+hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern ausgefochten
+werden sollte, ging mich persönlich gar nichts an, und da nicht zu
+erwarten stand, daß die Feinde sich nach Norden wenden würden, so hatte
+ich gebeten, mich der Abteilung anschließen zu dürfen, welche den
+Feinden dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten wäre ich am
+Verbandplatze zurückgeblieben; dies war aber eine Unmöglichkeit.
+
+Jetzt führte der Scheik seine Reiterei in das Thal, und ich schloß mich
+ihr an. Sie wurde in die beiden Seitenthäler rechts und links verteilt.
+Dann folgte die Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die Höhe
+rechts, das andere Drittel die Höhe links, um -- hinter den zahlreichen
+Felsen versteckt -- den Feind von oben herab fassen zu können; das letzte
+Drittel, welches zumeist aus Scheik Malek und seinen Männern bestand,
+blieb am Eingange zurück, um denselben zu verbarrikadieren und hinter
+dieser Verschanzung hervor den Feind zu begrüßen. Jetzt kehrte ich
+zurück und ritt mit meinen hundert Mann davon.
+
+Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen Thalpaß fanden, welcher
+es uns ermöglichte, den Dschebel zu übersteigen. Nach einer Stunde
+erblickten wir den Fluß vor uns. Weiter rechts, also nach Süden zu, gab
+es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an das Wasser trat,
+und also einen Halbkreis bildete, aus welchem heraus sehr schwer zu
+entkommen war, wenn man einmal das Unglück gehabt hatte, hinein zu
+geraten. Hier postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine
+zehnfache Übermacht ohne große Anstrengung aufhalten.
+
+Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, saßen wir ab und machten es
+uns bequem. Master Lindsay fragte mich:
+
+»Hier bekannt, Sir?«
+
+»Nein,« antwortete ich.
+
+»Ob vielleicht Ruinen hier?«
+
+»Weiß nicht.«
+
+»Einmal fragen!«
+
+Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die Antwort übersetzte:
+
+»Weiter oben.«
+
+»Wie heißt?«
+
+»Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.«
+
+»Fowling-bulls dort?«
+
+»Hm! Man müßte erst sehen.«
+
+»Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?«
+
+»Bis Mittag, auch wohl später. Vielleicht giebt es für uns gar keinen
+Kampf.«
+
+»Werde unterdessen einmal ansehen.«
+
+»Was?«
+
+»Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner Museum schicken;
+berühmt werden; #well#!«
+
+»Das wird jetzt nicht gut möglich sein.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil Ihr von hier bis dorthin gegen fünfzehn englische Meilen zu reiten
+hättet.«
+
+»Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!«
+
+Er legte sich hinter ein Euphorbiengebüsch, ich aber beschloß, zu
+rekognoscieren, gab den Leuten die nötige Weisung und ritt südwärts dem
+Flusse entlang.
+
+Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter Kletterer;
+ich konnte es wagen, mit ihm den Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich
+denn, als sich mir ein günstiges Terrain bot, zur Höhe empor, um eine
+Übersicht zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr den
+östlichen Horizont. Da sah ich, daß drüben, jenseits des Flusses, ein
+sehr reges Leben herrschte. Am südlichen, also am linken Ufer des Zab
+wimmelte die Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia hinab,
+und unterhalb des Chelab[157] lagen mehrere große Haufen von
+Ziegenschläuchen, aus denen man wohl soeben die Flöße machen wollte,
+welche zum Übersetzen der Obeïde dienen sollten. Das diesseitige Ufer
+des Tigris konnte ich nicht sehen -- wegen der Höhe, hinter welchem das
+Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich mir vor, auch
+jene Höhe zu ersteigen.
+
+ [157] Stromschnelle.
+
+Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt,
+und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt
+erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom
+Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer
+hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im
+Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger
+ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen
+Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den
+Kavallerie-Hinterhalt.
+
+Dann richtete ich das Rohr nach Süden.
+
+Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, daß man bereits im Begriffe stand,
+sie abzubrechen. Das waren die Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten
+wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert.
+Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knieen gelegen, als am
+5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen
+Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich
+machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris
+getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra
+abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der
+Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis
+zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana.
+
+Ich sah, daß die Ziegenhäute aufgeblasen und verbunden wurden, sah die
+Reiter, welche, die Pferde an der Hand führend, sich auf die Flöße
+begaben; ich sah die Flöße abstoßen und am diesseitigen Ufer landen. Es
+war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren
+Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine
+glänzende Phantasia[158] auszuführen.
+
+ [158] Scheingefecht.
+
+Das kam erwünscht, daß sie ihre Pferde jetzt so anstrengten; die Tiere
+mußten dann, wenn es galt, wohl ermüdet sein.
+
+So saß ich wohl eine Stunde lang. Die Obeïde waren jetzt alle herüber,
+und ich sah, daß sich der Zug nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt
+kletterte ich wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zurück. Die
+Stunde der Entscheidung war gekommen.
+
+Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt zu erreichen, von dem
+es mir möglich war, von der Höhe hinabzukommen. Schon wollte ich zu
+Thale lenken, als ich ganz dort oben am nördlichen Horizont etwas
+blitzen sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein
+Glasstückchen fiele. Wir konnten den Feind nur von Süden her erwarten,
+dennoch aber nahm ich mein Fernrohr zur Hand und suchte die Stelle auf,
+an welcher ich den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich
+fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl dunkler Punkte,
+welche sich abwärts bewegten. Es mußten Reiter sein, und einer von ihnen
+war es, dessen Körper das Licht der Sonne reflektierte.
+
+Waren es Feinde? Sie befanden sich nördlich grad so weit von dem
+Verstecke meiner Leute, wie ich südlich von demselben entfernt war. Hier
+galt kein Zögern; ich mußte ihnen zuvorkommen.
+
+Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abwärts stieg, dann aber, als er
+die Thalsohle unter den Hufen hatte, wie ein Vogel dahinflog. Ich war
+überzeugt, daß ich zur rechten Zeit eintreffen würde.
+
+Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute zusammen und teilte
+ihnen mit, was ich beobachtet hatte. Wir schafften die Pferde aus dem
+Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die
+Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprunge desselben, während
+der andere Teil zurückblieb, um -- hinter Euphorbien und Gummipflanzen
+verborgen, den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden.
+
+Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen.
+Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im
+Anschlage hielt.
+
+»Wie viele?« fragte er kurz.
+
+»Konnte sie nicht genau zählen,« antwortete ich ihm.
+
+»Ungefähr?«
+
+»Zwanzig.«
+
+»Pah! Warum denn so viele Mühe geben?«
+
+Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine
+beiden Diener folgten ihm augenblicklich.
+
+Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber,
+welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich
+vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann
+hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals
+erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die
+hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine
+Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel.
+
+Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle
+herbeigekommen waren; dann winkte er einem Manne, der sich an seiner
+Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule,
+als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort
+die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den
+Engländer in arabischer Sprache:
+
+»Wer bist du?«
+
+Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe
+Verbeugung, sagte aber kein Wort.
+
+Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache.
+
+»Im Inglis -- ich bin ein Engländer,« lautete die Antwort.
+
+»Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!« klang es jetzt in englischen
+Lauten. »Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser
+Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen
+bitten?«
+
+»David Lindsay.«
+
+»Dies sind Ihre Diener?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Aber was thun Sie hier?«
+
+»#Nothing# -- nichts.«
+
+»Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Und welches ist dieser Zweck?«
+
+»#To dig# -- ausgraben.«
+
+»Was?«
+
+»Fowling-bulls.«
+
+»Ah!« lächelte der Mann überlegen. »Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute
+und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?«
+
+»Mit Dampfer.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Nach Bagdad zurück.«
+
+»So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?«
+
+»#Yes.#«
+
+»Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?«
+
+»Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?«
+
+Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche
+übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann:
+
+»Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber,
+welche da drüben ihre Weideplätze haben.«
+
+Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des
+Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen.
+
+»Wer Sie?« fragte der Engländer weiter.
+
+»Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul zu Mossul.«
+
+»Ah! Wohin?«
+
+»Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.«
+
+»Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?«
+
+»Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren
+muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von
+dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es,
+daß -- -- -- --«
+
+Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte eines unserer
+Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele. Sofort griff der Scheik
+in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich
+mich.
+
+»Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!« sagte ich.
+
+Der Scheik blieb vor Überraschung halten.
+
+»Wer sind Sie?« fragte der Dolmetscher. »Auch ein Engländer? Sie tragen
+sich aber doch genau wie ein Araber!«
+
+»Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir
+wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die
+Sitten dieses Landes bekümmern.«
+
+»Wer ist es?« fragte der Scheik den Griechen.
+
+»Ein Nemsi.«
+
+»Sind die Nemsi Gläubige?«
+
+»Sie sind Christen.«
+
+»Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?«
+
+»Ich war in Mekka,« antwortete ich ihm.
+
+»Du sprichst unsere Sprache?«
+
+»Ich spreche sie.«
+
+»Du gehörst zu diesem Inglis?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?«
+
+»Bereits mehrere Tage.«
+
+Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter:
+
+»Kennst du die Haddedihn?«
+
+»Ich kenne sie.«
+
+»Woher hast du sie kennen gelernt?«
+
+»Ich bin der Rafik ihres Scheik.«
+
+»So bist du verloren!«
+
+»Warum?«
+
+»Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.«
+
+»Wann?«
+
+»Sofort.«
+
+»Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed, war auch
+stark!«
+
+»Was willst du mit ihm?«
+
+»Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.«
+
+»Maschallah! Bist du der Mann, welcher den Löwen getötet hat?«
+
+»Ich bin es.«
+
+»So bist du mein. _Mir_ entkommst du nicht.«
+
+»Oder du bist mein und entkommst _mir_ nicht. Sieh dich um!«
+
+Er that es, bemerkte aber niemand.
+
+»Auf, ihr Männer!« rief ich laut.
+
+Sofort erhoben sich sämtliche Haddedihn und legten die Gewehre auf ihn
+und seine Leute an.
+
+»Ah, du bist klug wie ein Abul Hosseïn[159] und tötest die Löwen, mich
+aber fängst du nicht!« rief er aus.
+
+ [159] Beiname des Fuchses.
+
+Er riß den krummen Säbel vom Gürtel, drängte sein Pferd zu mir heran und
+holte aus zum tödlichen Hieb. Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu
+werden. Ich schoß auf sein Pferd -- dieses überstürzte sich -- er fiel zu
+Boden -- und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings begann ein
+Ringen, welches mir bewies, daß er ein außerordentlich kräftiger Mann
+sei; ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb
+auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward.
+
+Während dieses kurzen Ringens wogte es rund um mich her; aber was da
+geschah, das war kein Kampf zu nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen,
+nur auf die Pferde zu schießen; infolgedessen wurden gleich durch die
+erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang, sämtliche
+Pferde der Obeïde entweder getötet oder schwer verwundet. Die Krieger
+lagen zu Boden geworfen, und von allen Seiten starrten ihnen die langen,
+bewimpelten Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen fünffach
+überlegen waren. Selbst der Fluß bot ihnen keine Gelegenheit zum
+Entkommen, da unsere Kugeln jeden Schwimmenden erreicht hätten. Als sich
+der Knäuel löste, welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen
+sie ratlos bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden
+Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur mein Wunsch sein,
+den Auftritt ohne Blutvergießen zu endigen.
+
+»Gebt euch keine Mühe, ihr Krieger der Obeïde; ihr seid in unseren
+Händen. Ihr seid zwanzig Mann, wir aber zählen über hundert Reiter, und
+euer Scheik befindet sich in meiner Hand!«
+
+»Schießt ihn nieder!« gebot ihnen der Scheik.
+
+»Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt, so werden diese
+beiden Männer euren Scheik töten!« antwortete ich.
+
+»Schießt ihn nieder, den Dib[160], den Ibn Avah[161], den Erneb![162]«
+rief er trotz meiner Drohung.
+
+ [160] Wolf.
+
+ [161] Schakal.
+
+ [162] Hase.
+
+»Laßt euch dies nicht einfallen; denn auch ihr wäret verloren!«
+
+»Eure Brüder werden euch und mich rächen!« rief der Scheik.
+
+»Eure Brüder? Die Obeïde? Vielleicht auch die Abu Hammed und die
+Dschowari!«
+
+Er blickte mich überrascht an.
+
+»Was weißt du von ihnen?« stieß er hervor.
+
+»Daß sie in diesem Augenblick von den Kriegern der Haddedihn ebenso
+überrumpelt werden, wie ich dich und diese Männer gefangen habe.«
+
+»Du lügst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden kann. Meine Krieger
+werden dich mit allen Söhnen und Töchtern der Haddedihn fangen und
+fortführen!«
+
+»Allah behüte deinen Kopf, daß du die Gedanken nicht verlierst! Würden
+wir hier auf dich warten, wenn wir nicht gewußt hätten, was du gegen
+Scheik Mohammed unternehmen willst?«
+
+»Woher weißt du, daß ich am Grabe des Hadschi Ali war?«
+
+Ich beschloß, auf den Busch zu klopfen -- und erwiderte also:
+
+»Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Glück für dein Unternehmen zu
+erbeten; aber dieses Grab liegt auf dem linken Ufer des Tigris, und du
+bist dann an dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu erspähen, wo die
+andern Stämme der Schammar sich befinden.«
+
+Ich sah ihm an, daß ich mit meiner Kombination das Richtige getroffen
+hatte. Er stieß trotzdem ein höhnisches Gelächter aus und antwortete:
+
+»Dein Verstand ist faul und träge wie der Schlamm, der im Flusse liegt.
+Gieb uns frei, so soll dir nichts geschehen!«
+
+Jetzt lachte ich und fragte:
+
+»Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?«
+
+»Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann seid ihr verloren!«
+
+»Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du hast weder gehört noch
+gesehen, was vorging, ehe die Deinigen über den Fluß herüber kamen.«
+
+»Was soll geschehen sein?« fragte er in verächtlichem Ton.
+
+»Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet habe.«
+
+»Wo?«
+
+»Im Wadi Deradsch.«
+
+Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu:
+
+»Du siehst, daß euer Plan verraten ist. Du weißt, daß ich bei den Abu
+Hammed war. Ehe ich dorthin kam, war ich bei den Abu Mohammed. Sie und
+die Alabeïden, die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn
+verbunden, euch in dem Wadi Deradsch einzuschließen. Horch!«
+
+Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu hören.
+
+»Hörst du diese Schüsse? Sie sind bereits im Thale eingeschlossen und
+werden alle niedergemacht, wenn sie sich nicht ergeben.«
+
+»Allah il Allah!« rief er. »Ist das wahr?«
+
+»Es ist wahr.«
+
+»So töte mich!«
+
+»Du bist ein Feigling!«
+
+»Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?«
+
+»Ja. Du bist der Scheik der Obeïde, der Vater deines Stammes; es ist
+deine Pflicht, ihm in der Not beizustehen; du aber willst ihn
+verlassen!«
+
+»Bist du verrückt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn ich gefangen bin!«
+
+»Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale, die nach Blut
+lechzen; sie wollen euern Überfall zurückweisen und dann Frieden mit
+euch schließen. Bei dieser Beratung darf der Scheik der Obeïde nicht
+fehlen.«
+
+»Noch einmal: sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+»Beschwöre es!«
+
+»Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt, Bursche!«
+
+Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher ruhig dagestanden, jetzt
+aber sprang er plötzlich auf einen meiner Leute, welche nach und nach
+näher getreten waren, um unsere Worte zu verstehen, stieß ihn zur Seite
+und eilte davon. Einige Schüsse krachten hinter ihm, aber in der Eile
+war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm, den Vorsprung zu
+erreichen und hinter demselben zu verschwinden.
+
+»Schießt jeden nieder, der sich hier rührt!«
+
+Mit diesen Worten eilte ich dem Flüchtling nach. Als ich den Vorsprung
+erreichte, war er bereits über hundert Schritte von demselben entfernt.
+
+»Bleib stehen!« rief ich ihm nach.
+
+Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that mir leid, aber ich war
+gezwungen, auf ihn zu schießen; doch nahm ich mir vor, ihn nur zu
+verwunden, wenn es möglich war. Ich zielte scharf und drückte ab. Er
+lief noch eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann stehen. Es war,
+als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um seine eigene Achse drehte,
+dann fiel er nieder.
+
+»Holt ihn herbei!« gebot ich.
+
+Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und trugen ihn herbei.
+Die Kugel saß in seinem Oberschenkel.
+
+»Du siehst, Eslah el Mahem, daß wir Ernst machen. Befiehl deinen Leuten,
+sich zu ergeben!«
+
+»Und wenn ich es ihnen nicht befehle?« fragte er.
+
+»So zwingen wir sie, und dann fließt ihr Blut, was wir gern vermeiden
+wollen.«
+
+»Willst du mir später bezeugen, daß ich mich nur ergeben habe, weil ihr
+fünfmal mehr seid als wir, und weil du mir sagst, daß die Meinen in dem
+Wadi Deradsch eingeschlossen sind?«
+
+»Ich bezeuge es dir!«
+
+»So gebt eure Waffen ab!« knirschte er. »Aber Allah verderbe dich bis
+in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn du mich belogen hast!«
+
+Die Obeïde wurden entwaffnet.
+
+»Sir!« rief Lindsay während dieser Beschäftigung.
+
+»Was?« fragte ich und drehte mich um.
+
+Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefaßt und meldete:
+
+»Frißt Papier, der Kerl!«
+
+Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen in der
+zusammengeballten Hand.
+
+»Geben Sie her!« sagte ich.
+
+»Nie!«
+
+»Pah!«
+
+Ein Druck auf seine Hand -- er schrie vor Schmerz auf und öffnete die
+Finger. Das Papier war der Teil eines Briefumschlags und enthielt nur
+ein einziges Wort: Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts
+und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen oder noch im
+Munde.
+
+»Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!« forderte ich ihn auf.
+
+Ein höhnisches Lächeln war seine Antwort, und zugleich sah ich, wie er
+den Kopf etwas erhob, um leichter schlingen zu können. Sofort faßte ich
+ihn bei der Kehle. Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der
+Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun, ein
+Papierklümpchen ans Tageslicht zu fördern. Die Papierfetzen enthielten
+nur wenige Zeilen in Chiffreschrift, und außerdem schien es ganz
+unmöglich, die einzelnen Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie
+zusammengehörten. Ich faßte den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn:
+
+»Von wem war dieses Schreiben verfaßt?«
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete er.
+
+»Von wem hast du es erhalten?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Lügner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben und zu sterben?«
+
+Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort:
+
+»Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden, und ich lasse
+dich hier zurück für die Geier und Schakale!«
+
+»Ich muß schweigen,« sagte er.
+
+»So schweige auf ewig!«
+
+Ich erhob mich. Das wirkte.
+
+»Frage, Effendi!« rief er aus.
+
+»Von wem hast du diesen Brief?«
+
+»Vom englischen Vicekonsul in Mossul.«
+
+»An wen war er gerichtet?«
+
+»An den Konsul zu Bagdad.«
+
+»Kennst du seinen Inhalt?«
+
+»Nein.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Ich schwöre, daß ich keinen Buchstaben zu lesen bekam!«
+
+»Aber du ahnest, was er enthielt?«
+
+»Ja.«
+
+»So rede!«
+
+»Politik!«
+
+»Natürlich!«
+
+»Weiter darf ich nichts sagen.«
+
+»Hast du einen Schwur abgelegt?«
+
+»Ja.«
+
+»Hm! Du bist ein Grieche?«
+
+»Ja.«
+
+»Woher?«
+
+»Aus Lemnos.«
+
+»Ich dachte es! Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter,
+und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die
+Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die
+ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich
+verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele. Du
+würdest heute deinen Eid brechen, wenn ich dich zwänge oder dir den
+Eidbruch bezahlte, Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul
+gebracht? Schweig! Ich ahne es, denn ich weiß, wodurch ihr alles werdet,
+was ihr seid! Du magst deinem Eide treu bleiben, denn die Politik, von
+der du sprachst, kenne ich! Warum hetzt ihr diese Stämme gegen einander
+auf? Warum stachelt ihr einmal den Türken und das andere Mal den Perser
+gegen sie auf? Und das thun Christen! Andere, welche die Lehre des
+Weltheilandes wirklich befolgen, bringen die Worte der Liebe und des
+Erbarmens in dieses Land, und ihr säet Unkraut zwischen den Weizen, daß
+er erstickt, eure Saat aber tausendfältige Früchte trägt. Fliehe zu
+deinem Popen; er mag für dich um Vergebung bitten! Du hast auch den
+Russen gedient?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Wo?«
+
+»In Stambul.«
+
+»Wohlan! Ich sehe, daß du wenigstens noch fähig bist, die Wahrheit zu
+bekennen, und daher will ich dich nicht der Rache der Haddedihn
+übergeben.«
+
+»Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich dafür segnen!«
+
+»Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?«
+
+»Alexander Kolettis.«
+
+»Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn
+früher trug, nichts gemein. Bill!«
+
+»Sir!« antwortete der Gerufene.
+
+»Kannst du eine Wunde verbinden?«
+
+»Das nicht, Sir, aber ein Loch verknüpfen, das kann ich wohl.«
+
+»Knüpfe es ihm zu!«
+
+Der Grieche wurde von dem Engländer verbunden. Wer weiß ob ich nicht
+anders gehandelt hätte, wenn ich damals gewußt hätte, unter welchen
+Umständen ich diesen Menschen später wiedersehen sollte. Ich wandte mich
+zu dem gefesselten Scheik:
+
+»Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und es thut mir leid, einen
+mutigen Krieger gefesselt zu sehen. Willst du mir versprechen, stets an
+meiner Seite zu bleiben und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?«
+
+»Warum?«
+
+»Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.«
+
+»Ich verspreche es!«
+
+»Bei dem Barte des Propheten?«
+
+»Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!«
+
+»Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!«
+
+»Schwört mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!« gebot er.
+
+»Wir schwören es!« ertönte die Antwort.
+
+»So sollt ihr nicht gebunden werden,« versprach ich ihnen.
+
+Zugleich löste ich die Bande des Scheik.
+
+»Sihdi, du bist ein edelmütiger Krieger,« sagte er. »Du hast nur unsere
+Tiere töten lassen, uns aber verschont. Allah segne dich, obgleich mein
+Pferd mir lieber als ein Bruder war!«
+
+Ich sah es seinen edlen Zügen an, daß diesem Manne jeder Verrat, jede
+Gemeinheit und Treulosigkeit fremd war, und sagte zu ihm:
+
+»Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angehörigen deines Volkes von
+fremden Zungen verleiten lassen; sei später stärker! Willst du dein
+Schwert, deinen Dolch und deine Flinte wieder haben?«
+
+»Das thust du nicht, Effendi!« erwiderte er erstaunt.
+
+»Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines Stammes sein; ich mag
+dich nicht wie einen Huteijeh oder wie einen Chelawijeh[163] behandeln.
+Du sollst vor Mohammed Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein
+freier Mann, mit den Waffen in der Hand.«
+
+ [163] Verachtete Stämme, die zum Pöbel gerechnet werden,
+ ungefähr wie die Paria in Indien.
+
+Ich gab ihm seinen Säbel und auch die anderen Waffen. Er sprang auf und
+starrte mich an.
+
+»Wie ist dein Name, Sihdi?«
+
+»Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.«
+
+»Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde,
+sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn
+glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich
+leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei
+dir trägst und mit denen du mich töten könntest. Zeige mir deinen
+Dolch!«
+
+Ich that es. Er prüfte die Klinge und meinte dann:
+
+»Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander; siehe dagegen meinen
+Schambijeh!«
+
+Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk, zweischneidig, leicht
+gekrümmt, wunderbar damasciert, und in arabischer Sprache stand zu
+beiden Seiten der Wahlspruch: »Nur nach dem Sieg in die Scheide.« Er war
+gewiß von einem jener alten, berühmten Waffenschmiede in Damaskus
+gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben sind und mit denen sich
+jetzt keiner mehr vergleichen kann.
+
+»Gefällt er dir?« fragte der Scheik.
+
+»Er ist wohl fünfzig Schafe wert!«
+
+»Sage hundert oder hundertfünfzig, denn es haben ihn zehn meiner Väter
+getragen, und er ist niemals zersprungen. Er sei dein; gieb mir den
+deinigen dafür!«
+
+Das war ein Tausch, den ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich den
+Scheik nicht unversöhnlich beleidigen wollte. Ich gab also meinen Dolch
+hin.
+
+»Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde diese Klinge tragen
+zum Andenken an dich und zu Ehren deiner Väter!«
+
+»Sie läßt dich nie im Stiche, so lange deine Hand fest bleibt!«
+
+Da hörten wir den Hufschlag eines Pferdes und gleich darauf bog ein
+Reiter um den Felsenvorsprung, welcher unser Versteck nach Süden
+abschloß. Es war kein anderer als mein kleiner Halef.
+
+»Sihdi, du sollst kommen!« rief er, als er mich erblickte.
+
+»Wie steht es, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Wir haben gesiegt.«
+
+»Ging es schwer?«
+
+»Es ging leicht. Alle sind gefangen!«
+
+»Alle?«
+
+»Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el Mahem, der Scheik der
+Obeïde, fehlt.«
+
+Ich wandte mich an diesen:
+
+»Siehst du, daß ich dir die Wahrheit sagte?« Dann fragte ich Halef:
+»Trafen die Abu Mohammed zur rechten Zeit ein?«
+
+»Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen das Wadi so, daß
+kein Feind entkommen konnte. Wer sind diese Männer?«
+
+»Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.«
+
+»Deine Gefangenen?«
+
+»Ja, sie werden mit mir kommen.«
+
+»Wallah, billah, tillah! Erlaube, daß ich gleich zurückkehre, um diese
+Kunde Mohammed Emin und Scheik Malek zu bringen!«
+
+Er jagte wieder davon.
+
+Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der Grieche wurde auf
+eines derselben gesetzt; die übrigen mußten gehen. So setzte sich der
+Zug in Bewegung. Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet
+hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein.
+
+Der bereits erwähnte Thalpaß führte uns auf die andere Seite der Berge;
+dann ging es auf der Ebene stracks nach Süden. Wir hatten das Wadi noch
+lange nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns entgegen
+kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed Emin und die Scheiks der
+Abu Mohammed und der Alabeïde-Araber waren es.
+
+»Du hast ihn gefangen?« rief mir jetzt Mohammed Emin entgegen.
+
+»Eslah el Mahem? Ja.«
+
+»Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie viele Männer hat dich der
+Kampf gekostet?«
+
+»Keinen.«
+
+»Wer wurde verwundet?«
+
+»Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schuß.«
+
+»So ist Allah gnädig gewesen mit uns. Wir haben nur zwei Tote und elf
+Verwundete.«
+
+»Und der Feind?«
+
+»Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest eingeschlossen, daß er
+sich nicht zu rühren vermochte. Unsere Schützen trafen gut und konnten
+doch nicht selbst getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest
+zusammen, wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder, als sie
+aus den Schluchten hervorbrachen.«
+
+»Wo befindet sich der Feind?«
+
+»Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen abgeben müssen, und keiner
+kann entkommen, denn das Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt
+sehe ich Eslah el Mahem! Aber wie, er trägt die Waffen?«
+
+»Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen. Weißt du, daß man den
+Tapfern ehren soll?«
+
+»Er wollte uns vernichten!«
+
+»Er wird dafür bestraft werden.«
+
+»Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es gut sein. Komm!«
+
+Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen folgten uns so schnell wie
+möglich. Auf dem Verbandplatz herrschte reges Leben, und vor demselben
+bildete eine Anzahl bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte
+die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks saßen. Ich wartete, bis
+Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend:
+
+»Willst du bei mir bleiben?«
+
+Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte:
+
+»Sie sind meine Verbündeten; ich gehöre zu ihnen.«
+
+Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite nieder. Es wurde
+dabei kein Wort gesprochen, aber man sah es, daß die beiden anderen bei
+seinem Erscheinen erschraken. Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige
+Hoffnung gesetzt.
+
+»Führe deine Gefangenen in das Wadi!« sagte Malek.
+
+Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich mir ein
+außerordentlich malerischer Anblick dar. In die Brustwehr war zur
+Erleichterung des Verkehrs eine Bresche gerissen; zu beiden Seiten der
+Thalwände hatten sich Wachtposten aufgestellt; die ganze Thalsohle
+wimmelte von gefangenen Menschen und Pferden, und im Hintergrunde
+lagerten diejenigen unserer Verbündeten, welche noch im Wadi Platz
+gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene Haddedihn beschäftigt,
+die Pferde der Feinde zu sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu
+bringen, wo auch die Waffen derselben auf einem einzigen großen Haufen
+lagen.
+
+»Hast du so etwas bereits gesehen?« fragte mich Malek.
+
+»Noch größeres,« antwortete ich.
+
+»Ich nicht.«
+
+»Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?«
+
+»Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.«
+
+»Und was wird nun geschehen?«
+
+»Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia
+veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.«
+
+»Nein das werden wir nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?«
+
+»Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle verbittern
+werden?«
+
+»Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?«
+
+»Was sollte uns abhalten?«
+
+»Die Arbeit. Freund und Feind muß gelabt werden.«
+
+»Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun haben.«
+
+»Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?«
+
+»Bis sie zurückkehren dürfen.«
+
+»Und wann soll dies geschehen?«
+
+»So bald wie möglich; wir hätten nichts zu essen für dieses Heer von
+Freunden und Feinden.«
+
+»Siehst du, daß ich recht habe? Ein Freudenfest soll gefeiert werden,
+aber erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Zunächst ist es notwendig, daß
+sich die Scheiks versammeln, um über alles zu sprechen, was beschlossen
+werden muß, und dann müssen die Beschlüsse schleunigst ausgeführt
+werden. Sage den Scheiks, daß sechstausend Menschen nicht viele Tage
+hier beisammen sein dürfen!«
+
+Er ging. Nun trat Lindsay heran.
+
+»Herrlicher Sieg! Nicht?« meinte er.
+
+»Sehr!«
+
+»Wie meine Sache gemacht, Sir?«
+
+»Ausgezeichnet!«
+
+»Schön! Hm! Viele Menschen hier.«
+
+»Man sieht es.«
+
+»Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen liegen?«
+
+»Möglich; man müßte sich einmal erkundigen.«
+
+»Fragt einmal, Sir!«
+
+»Sobald es möglich ist, ja.«
+
+»Jetzt gleich, sofort!«
+
+»Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht ist meine
+Anwesenheit bei der Beratung nötig, welche jetzt beginnen wird.«
+
+»Schön! Hm! Aber nachher fragen! Wie?«
+
+»Sicher!«
+
+Ich ließ ihn stehen und schritt zu den Zelten.
+
+Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den Verbänden zu
+verbessern war. Als ich dies besorgt hatte, trat ich in jenes Zelt, in
+welchem die Scheiks ihre Besprechung hielten. Diese ging sehr lebhaft
+vor sich. Man konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich
+glaube, daß ich ihnen willkommen kam.
+
+»Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara Ben Nemsi,« sagte
+Malek. »Du bist in allen Ländern der Erde gewesen und weißt, was recht
+und vorteilhaft ist.«
+
+»Fragt, ich werde antworten!«
+
+»Wem gehören die Waffen der Besiegten?«
+
+»Dem Sieger.«
+
+»Wem ihre Pferde?«
+
+»Dem Sieger.«
+
+»Wem ihre Kleider?«
+
+»Die Räuber nehmen sie ihnen, der wahre Gläubige aber läßt sie ihnen.«
+
+»Wem gehört ihr Geld, ihr Schmuck?«
+
+»Der wahre Gläubige nimmt nur ihre Waffen und ihre Pferde.«
+
+»Wem gehören ihre Herden?«
+
+»Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so gehören sie ihnen,
+aber sie haben die Kosten des Krieges und den jährlichen Tribut davon zu
+bezahlen.«
+
+»Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir haben sie besiegt, und
+nun gehört uns ihr Leben und alles, was sie besitzen.«
+
+»Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du sagst, daß ihr Leben
+euch gehöre?«
+
+»So ist es.«
+
+»Wollt ihr es ihnen nehmen?«
+
+»Nein. Wir sind keine Henker und keine Mörder.«
+
+»Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? Können sie leben ohne die
+Herden?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr ihnen also das Leben. Ja,
+ihr beraubt euch in diesem Falle selbst!«
+
+»Wie?«
+
+»Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?«
+
+»Ja.«
+
+»Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen, wenn er keine Herden hat?«
+
+»Dein Mund spricht weise und verständig.«
+
+»Hört weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre Kleider, ihre
+Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr sie, zu stehlen und zu rauben,
+damit sie nicht verhungern. Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar
+zunächst; das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst, der sie
+arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und das seid ihr. Was ist besser,
+Freunde zum Nachbar zu haben oder Räuber?«
+
+»Das erstere.«
+
+»So macht sie zu euren Freunden und nicht zu Räubern! Man nimmt dem
+Besiegten nur das, womit er schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und
+die Pferde nehmt, so erhaltet ihr zehntausend Stück verschiedene Waffen
+und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?«
+
+»Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.«
+
+»Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde mehr, um Krieg zu führen.
+Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz
+begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können;
+dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen. Ich habe
+gesprochen!«
+
+»Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man ihnen heute von ihren
+Herden?«
+
+»So viel wie der Schaden beträgt, den euch ihr Überfall gemacht hat.«
+
+»Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?«
+
+»Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um
+ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu
+sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage
+vergelten zu können.«
+
+»Nun bleibt die Blutrache übrig. Wir haben mehrere der ihrigen getötet.«
+
+»Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen entlassen werden, mögen
+die Chamseh und Aaman[164] zusammentreten und den Blutpreis bestimmen.
+Ihr habt mehr zu bezahlen, als sie, und könnt es gleich bezahlen von der
+Beute, welche ihr macht.«
+
+ [164] Verwandte.
+
+»Wird man uns die Kriegsentschädigung bringen?«
+
+»Nein. Ihr müßt sie holen. Die Gefangenen müssen hier bleiben, bis ihr
+sie erhalten habt. Und um des Tributes sicher zu sein, müßt ihr stets
+einige vornehme Leute der besiegten Stämme als Geiseln bei euch haben.
+Zahlt man den Tribut nicht, so kommen diese Geiseln in Gefahr.«
+
+»Wir würden sie töten. Nun sollst du uns das letzte sagen. Wie verteilen
+wir die Kriegsentschädigung und den Tribut unter uns? Das ist sehr
+schwer zu bestimmen.«
+
+»Das ist sogar sehr leicht zu bestimmen, wenn ihr Freunde seid. Die
+Entschädigung holt ihr euch, während ihr hier noch beisammen seid, und
+dann könnt ihr sie nach den Köpfen verteilen.«
+
+»So soll es sein!«
+
+»Nun seid ihr drei Stämme, und sie sind drei Stämme; auch die Zahl der
+Mitglieder dieser Stämme ist fast gleich. Warum soll nicht je ein Stamm
+von euch von einem Stamme von ihnen den jährlichen Tribut erhalten? Ihr
+seid Freunde und Gefährten. Wollt ihr euch um den Schwanz eines Schafes
+oder um die Hörner eines Stieres zanken und entzweien?«
+
+»Du hast recht. Wer aber soll die Kriegsentschädigung von ihren
+Weideplätzen holen?«
+
+»So viele Leute, als dazu erforderlich sind, und dabei sollen zwei
+Drittel der eurigen und ein Drittel der ihrigen sein.«
+
+»Das ist gut. Und was wirst du von dieser Entschädigung erhalten?«
+
+»Nichts. Ich ziehe weiter und brauche keine Herden. Waffen und ein Pferd
+habe ich auch.«
+
+»Und die drei Männer, welche bei dir sind?«
+
+»Die werden auch nichts nehmen; sie haben alles, was sie brauchen.«
+
+»So wirst du nehmen müssen, was wir dir als Dank darbringen werden. Dein
+Haupt ist nicht so alt wie eines der unsrigen, aber du hast dennoch
+unsern Kriegern gelehrt, wie man über einen großen Feind siegt, ohne
+viele Tote zu haben.«
+
+»Wenn ihr mir danken wollt, so thut denen wohl, welche als eure Feinde
+verwundet in euren Zelten liegen, und seht, ob ihr eine Ruine findet,
+aus welcher man Figuren und Steine mit fremden Schriften graben kann.
+Mein Gefährte wünscht solche Dinge zu sehen. Nun habt ihr gehört, was
+ich euch zu sagen habe; Allah erleuchte eure Weisheit, damit ich bald
+erfahre, was ihr beschlossen habt!«
+
+»Du sollst bleiben und mit uns beraten!«
+
+»Ich kann nichts anderes sagen, als was ich bereits gesagt habe. Ihr
+werdet das Richtige treffen.«
+
+Ich ging hinaus und beeilte mich, den gefangenen Scheiks Datteln und
+Wasser zu besorgen. Dann traf ich auf Halef, welcher mich nach dem Wadi
+Deradsch begleitete, welches ich jetzt näher in Augenschein nehmen
+wollte. Die gefangenen Abu Hammed kannten mich. Einige von ihnen erhoben
+sich ehrerbietig, als ich vor ihnen vorüberging, und andere steckten
+flüsternd die Köpfe zusammen. Im Hintergrunde wurde ich von den dort
+anwesenden Abu Mohammed mit Freuden begrüßt. Sie waren ganz begeistert,
+die mächtigen Feinde auf eine so leichte Weise besiegt zu haben. Ich
+ging von Gruppe zu Gruppe, und so kam es, daß mehrere Stunden vergangen
+waren, als ich die Zelte wieder erreichte.
+
+Während dieser Zeit hatten die nach dem Weideplatze gesandten Boten
+dafür gesorgt, daß das Lager abgebrochen und in die unmittelbare Nähe
+des Wadi Deradsch verlegt wurde. Die ganze Ebene wimmelte bereits von
+Herden, und nun gab es Hämmel genug zu den Festmahlzeiten, welche heute
+abend in jedem Zelte zu erwarten waren. Mohammed Emin hatte mich bereits
+gesucht.
+
+»Dein Wort ist so gut wie deine That,« meinte er. »Es ist befolgt
+worden. Die Obeïde werden den Haddedihn, die Abu Hammed den Abu Mohammed
+und die Dschowari den Alabeïde den Tribut bezahlen.«
+
+»Wie viel Kriegsentschädigung entrichten die einzelnen Stämme?«
+
+Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch nicht grausam; dies
+freute mich außerordentlich, zumal ich mir sagen konnte, daß mein Wort
+hier nicht ganz ohne Einfluß gewesen war gegenüber den grausamen
+Gewohnheiten, welche in solchen Fällen in Anwendung kamen. Von Sklaverei
+war keine Rede gewesen.
+
+»Wirst du mir eine Bitte erfüllen?« fragte der Scheik.
+
+»Gern, wenn ich kann. Sprich sie aus!«
+
+»Wir werden einen Teil der Herden der Besiegten holen; dazu brauchen die
+Männer, welche wir senden, weise und tapfere Anführer. Ich und Scheik
+Malek müssen hier bei den Gefangenen bleiben. Wir brauchen drei
+Anführer, einen zu den Obeïde, einen zu den Abu Hammed und einen zu den
+Dschowari. Die Scheiks der Abu Mohammed und der Alabeïde sind bereit;
+es fehlt uns der dritte. Willst du es sein?«
+
+»Ich will.«
+
+»Wohin willst du gehen?«
+
+»Wohin gehen die andern?«
+
+»Sie wollen dir die erste Wahl überlassen.«
+
+»So gehe ich zu den Abu Hammed, weil ich bereits einmal bei ihnen
+gewesen bin. Wann sollen wir aufbrechen?«
+
+»Morgen. Wie viele Männer willst du mit dir nehmen?«
+
+»Vierzig Mann von den Abu Hammed und sechzig von deinen Haddedihn. Auch
+Halef Omar nehme ich mit.«
+
+»So suche sie dir heraus. Werden die Abu Hammed bewaffnet sein müssen?«
+
+»Nein, denn dies wäre ein großer Fehler. Seid ihr mit den Scheiks der
+Besiegten bereits einig geworden?«
+
+»Nein. Das wird bis zum letzten Gebete heute geschehen.«
+
+»Behalte die angesehenen Krieger hier und schicke nur die gewöhnlichen
+Männer mit uns fort; diese sind zum Treiben der Herden gut genug.«
+
+Ich ging, um mir meine Leute auszuwählen; dabei traf ich auf Lindsay.
+
+»Gefragt, Sir?« redete er mich an.
+
+»Noch nicht.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ist nicht nötig, denn ich habe den Scheiks Auftrag gegeben,
+nachzuforschen.«
+
+»Herrlich! Prächtig! Scheiks wissen alles! Werde Ruinen finden!«
+
+»Ich denke es! Wollt Ihr einen interessanten Ritt mitmachen?«
+
+»Wohin?«
+
+»Bis unterhalb von El Fattha, wo der Tigris durch die Hamrinberge
+geht.«
+
+»Was dort?«
+
+»Die Kriegsentschädigung holen, welche in Herden besteht.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Bei dem Stamme Abu Hammed, der uns damals unsere Pferde raubte.«
+
+»Köstlich, Sir! Bin dabei! Wie viele Männer mit?«
+
+»Hundert.«
+
+»Gut! Prächtig! Imposanter Zug. Ruinen dort?«
+
+»Mehrere Gräberhügel, aber am linken Ufer.«
+
+»Kommen nicht hinüber?«
+
+»Nein.«
+
+»Schade! Jammerschade! Könnten nachsuchen! Fowling-bulls finden!«
+
+»Wir werden trotzdem etwas Ausgezeichnetes finden.«
+
+»Was?«
+
+»Etwas Leckeres, das wir lange entbehrt haben, nämlich Trüffeln.«
+
+»Trüffeln? Oh! Ah!«
+
+Er sperrte den Mund so weit auf, als ob er eine ganze Trüffelpastete auf
+einmal verspeisen wolle.
+
+»Sie wachsen in Haufen in jener Gegend, und ich habe erfahren, daß damit
+ein nicht unbedeutender Handel nach Bagdad, Basra, Kerkuk und Sulimaniah
+getrieben wird. Sogar bis Kirmanschah sollen sie gehen.«
+
+»Gehe mit, Sir, gehe mit! Trüffeln! Hm! Prachtvoll!«
+
+Damit verschwand er, um seinen beiden Dienern die große Neuigkeit
+mitzuteilen; ich aber ging, um meine Leute herauszusuchen.
+
+Bis zum Abend sahen sich die drei besiegten Scheiks wirklich gezwungen,
+auf alle Forderungen der Sieger einzugehen, und nun begann ein
+Freudenfest, infolgedessen mancher feiste Hammel sein Leben lassen
+mußte. Mitten in diesem Jubel lag ich unter duftenden Blüten, umklungen
+von tausend Stimmen und doch allein mit meinen Gedanken. Vor vielen
+Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren ihre gefürchteten Speere
+geschwungen. Hier hatte vielleicht auch das Zelt des Holofernes
+gestanden, aus Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und
+Edelsteinen geschmückt. Und drüben auf den rauschenden Wellen des
+Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche Herodot beschreibt:
+
+»Die Boote sind von kreisrunder Form und aus Fellen gemacht. Sie werden
+in Armenien und in den Gegenden ober Assyrien gebaut. Die Rippen werden
+aus Weidenruten und Zweigen gemacht und sind außerhalb mit Fellen
+umgeben. Sie sind rund, wie ein Schild, und zwischen Vorderteil und
+Hinterteil ist kein Unterschied. Den Boden ihrer Schiffe kleiden die
+Schiffer mit Rohr oder Stroh aus, und Kaufmannsgüter, besonders Palmwein
+einnehmend, schwimmen sie den Fluß hinunter. Die Boote haben zwei Ruder;
+an jedem ist ein Mann. Der eine zieht auf sich zu, und der andere stößt
+von sich ab. Diese Schiffe haben verschiedene Maßverhältnisse; einige
+sind so groß, daß sie eine Last bis zum Werte von fünftausend Talenten
+tragen; die kleineren haben einen Esel an Bord; die größeren mehrere.
+Sobald die Bootsleute nach Babylon kommen, verfügen sie über die Waren
+und Güter und bieten dann die Rippen und das Rohr des Floßes zum
+Verkaufe aus. Mit den Schläuchen beladen sie dann ihre Esel und gehen
+mit ihnen nach Armenien zurück, wo sie neue Fahrzeuge bauen.«
+
+Trotz der Jahrhunderte sind sich diese Fahrzeuge gleich geblieben; aber
+die Völker, welche hier lebten, sind verschwunden. Wie wird es sein,
+wenn abermals eine solche Zeit vergangen ist? -- --
+
+Am andern Vormittage brachen wir auf: ich mit Halef und einem Abu Hammed
+als Führer voran, die andern hinter mir. Den Nachtrab machte Sir David
+Lindsay.
+
+Wir kamen zwischen den Kanuza- und Hamrinbergen hindurch und erblickten
+bald am linken Ufer Tell Hamlia, einen kleinen, künstlichen Hügel. Am
+rechten Ufer lag Kalaat el Dschebbar, »die Burg der Tyrannen«, eine
+Ruine, welche aus einigen verfallenen, runden Türmen besteht, die durch
+Wälle verbunden sind. Dann erreichten wir Tell Dahab, einen kleinen
+Hügel, welcher am linken Ufer des Flusses liegt, und bei Brey el Bad,
+einem ziemlich steilen Felsen, machten wir Halt, um das Mittagsmahl
+einzunehmen. Gegen Abend gelangten wir nach El Fattha, wo sich der Fluß
+einen fünfzig Ellen breiten Weg durch die Hamrinberge zwingt, und als
+wir diese Enge überwunden hatten, schlugen wir das Nachtlager auf. Die
+Abu Hammed waren unbewaffnet, aber ich teilte die Haddedihn doch in zwei
+Hälften, welche abwechselnd zu wachen hatten, damit keiner der
+Gefangenen entfliehen solle. Wäre es nur einem einzigen gelungen, so
+hätte er seinem Stamme unsere Ankunft verraten, und die besten Tiere
+wären dann geflüchtet oder versteckt worden.
+
+Mit Tagesgrauen brachen wir wieder auf. Der Fluß war breit und bildete
+viele Inseln. An dem linken Ufer zogen sich niedrige Hügel hin, am
+rechten aber lag die Ebene offen vor uns, und hier sollten sich längs
+des Flusses die Abu Hammed gelagert haben.
+
+»Habt ihr einen Weideplatz oder mehrere?« fragte ich den Führer.
+
+»Nur einen.«
+
+Ich sah es ihm an, daß er mir die Unwahrheit sagte.
+
+»Du lügst!«
+
+»Ich lüge nicht, Emir!«
+
+»Nun gut. Ich will mir Mühe geben, dir zu glauben; aber wenn ich
+bemerke, daß du mich täuschest, so jage ich dir eine Kugel durch den
+Kopf!«
+
+»Das wirst du nicht thun!«
+
+»Ich thue es!«
+
+»Du thust es nicht, denn ich sage dir, daß wir vielleicht zwei Plätze
+haben.«
+
+»Vielleicht?«
+
+»Oder gewiß; also zwei.«
+
+»Oder drei!«
+
+»Nur zwei!«
+
+»Gut. Wenn ich aber drei finde, so bist du verloren!«
+
+»Verzeihe, Emir! Sie könnten ja unterdessen noch einen gefunden haben.
+Dann sind es drei.«
+
+»Ah! Vielleicht sind es vier?«
+
+»Du wirst noch zehn haben wollen!«
+
+»Du bist ein Abu Hammed und willst nicht gern verlieren, was du
+zusammengeraubt hast. Ich werde nicht weiter in dich dringen.«
+
+»Wir haben vier, Emir,« sagte er ängstlich.
+
+»Gut. Schweige nun, denn ich werde mich selbst überzeugen!«
+
+Ich hatte unterdessen den Horizont mit meinem Rohre abgesucht und in der
+Ferne einige bewegliche Punkte entdeckt. Ich rief denjenigen Haddedihn
+herbei, welcher die Leute unter mir befehligte. Er war ein wackerer und
+entschlossener Krieger, den ich für vollständig zuverlässig hielt.
+
+»Wir haben vierzig Abu Hammed bei uns. Glaubst du, sie mit dreißig
+unserer Leute sicher bewachen zu können?«
+
+»Mit zehn, Emir. Sie haben ja keine Waffen!«
+
+»Ich werde jetzt mit Hadschi Halef Omar vorwärts reiten, um Kunde
+einzuziehen. Wenn die Sonne gerade über jenem Strauche steht und ich bin
+nicht zurück, so sendest du mir dreißig Haddedihn nach, welche mich
+suchen müssen!«
+
+Ich rief dem Engländer, und er kam mit seinen beiden Dienern heran. Ich
+sagte ihm:
+
+»Ich habe Euch einen sehr wichtigen Posten anzuvertrauen.«
+
+»#Well!#« antwortete er.
+
+»Ich werde jetzt einmal voranreiten, um zu sehen, wie weit sich die
+Weideplätze der Abu Hammed ausdehnen. Bin ich in zwei Stunden noch nicht
+zurück, so kommen mir dreißig Mann der Unseren nach.«
+
+»Ich mit?«
+
+»Nein. Ihr bleibt bei den übrigen zurück, um die Gefangenen zu bewachen.
+Wenn einer Miene macht, zu entfliehen, so schießt Ihr ihn nieder.«
+
+»#Yes!# Wenn einer flieht, schieße alle nieder.«
+
+»Gut, aber mehr nicht!«
+
+»#No.# Aber Sir, wenn mit den Abu Hammed reden, dann einmal fragen!«
+
+»Was?«
+
+»Nach Ruinen und Fowling-bulls.«
+
+»Gut. Vorwärts, Halef!«
+
+Wir galoppierten über die Ebene hin und grad auf die Punkte zu, welche
+ich gesehen hatte. Es war eine weidende Schafherde, bei welcher ein
+alter Mann stand.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn.
+
+»Aaleïkum!« antwortete er, sich tief verneigend.
+
+»Ist Friede auf deiner Weide?«
+
+»Es ist Friede da, o Herr. Bringst du auch Frieden?«
+
+»Ich bringe ihn. Du gehörst zum Stamme der Abu Hammed?«
+
+»Du sagst es.«
+
+»Wo ist euer Lager?«
+
+»Da unten hinter der Krümmung des Flusses.«
+
+»Habt ihr mehrere Weideplätze?«
+
+»Warum fragst du, o Herr?«
+
+»Weil ich eine Botschaft an alle deines Stammes auszurichten habe.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
+
+»Hamdulillah! Du wirst eine frohe Botschaft bringen.«
+
+»Ich bringe sie. Also sag', wie viele Weideplätze ihr habt.«
+
+»Sechs. Drei hier am Flusse hinab und drei auf den Inseln im Strome.«
+
+»Sind alle Inseln hier euer Eigentum?«
+
+»Alle.«
+
+»Sind sie alle bewohnt?«
+
+»Alle, bis auf eine.«
+
+Es lag etwas in dem Tone dieser Antwort und in dem Gesichte des Alten,
+was mich aufmerksam machte; ich ließ mir aber nichts merken und fragte:
+
+»Wo liegt diese eine?«
+
+»Grad gegenüber von uns liegt die erste, und die ich meine, das ist die
+vierte, o Herr.«
+
+Ich beschloß im stillen, auf diese Insel ein scharfes Auge zu haben,
+laut aber erkundigte ich mich:
+
+»Warum ist sie nicht bewohnt?«
+
+»Weil man sehr schwer zu ihr gelangen kann, da der Strom gefährlich
+ist.«
+
+Hm! Dann hätte sie ja recht gut die Eigenschaft, als Aufenthaltsort für
+Gefangene zu dienen! So dachte ich und fuhr zu fragen fort:
+
+»Wie viele Männer sind in euerm Lager?«
+
+»Bist du wirklich ein Abgesandter des Scheik, o Herr?«
+
+Dieses Mißtrauen vermehrte natürlich auch das meinige.
+
+»Ich bin es. Ich habe mit ihm und mit den Scheiks der Obeïde und der
+Dschowari gesprochen.«
+
+»Was bringst du für eine Botschaft?«
+
+»Die Botschaft des Friedens.«
+
+»Warum hat er keinen Mann seines Stammes gesandt?«
+
+»Die Männer der Abu Hammed kommen gleich hinter mir.«
+
+Ich wollte nicht weiter in ihn dringen und ritt also weiter, aber ganz
+nahe an das Ufer des Flusses, um die Inseln zu zählen. Als wir die
+dritte hinter uns hatten, machte der Fluß eine Krümmung, und nun lagen
+die Zelte des Lagers vor unsern Augen. Die ganze Ebene rings umher war
+von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen angefüllt. Pferde sah ich nur
+wenige. Ebenso erblickte ich nur wenige Männer, die noch dazu alt und
+kraftlos, also ungefährlich waren. Wir ritten in die Zeltgasse ein.
+
+Vor einem der Zelte stand ein junges Mädchen, welches ein dort
+angebundenes Pferd liebkoste. Als es mich erblickte, stieß es einen
+Schrei aus, sprang zu Pferde und jagte davon. Sollte ich der Flüchtigen
+nachreiten? Ich that es nicht; es würde auch nicht viel gefruchtet
+haben, denn ich wurde jetzt von allen umringt, welche im Lager anwesend
+waren: von Greisen, Kranken, Frauen und Mädchen. Ein Greis legte die
+Hand auf den Hals meines Pferdes und fragte:
+
+»Wer bist du, Herr?«
+
+»Ich bin ein Bote, den euch Zedar Ben Huli sendet.«
+
+»Der Scheik! Mit welcher Botschaft sendet er dich?«
+
+»Das werde ich euch sagen, wenn alle hier versammelt sind. Wie viele
+Krieger hat er hier zurückgelassen?«
+
+»Fünfzehn junge Männer. Ajehma wird fortgeritten sein, um sie zu
+holen.«
+
+»So erlaube, daß ich absteige. Du aber« -- und nun wandte ich mich an
+Halef -- »reite sofort weiter, denn die Dschowari müssen dieselbe
+Botschaft empfangen.«
+
+Halef wandte sein Pferd und sprengte davon.
+
+»Kann dein Gefährte nicht hier bleiben, um sich auszuruhen und Speise zu
+nehmen?« fragte der Alte.
+
+»Er ist nicht müde und nicht hungrig, und sein Auftrag leidet kein
+Zögern. Wo befinden sich die jungen Krieger?«
+
+»Bei der Insel.«
+
+Ah, wieder diese Insel!
+
+»Was thun sie dort?«
+
+»Sie« -- -- er stockte und fuhr dann fort: -- »Sie weiden die Herde.«
+
+»Ist diese Insel weit von hier?«
+
+»Nein. Siehe, da kommen sie bereits!«
+
+Wirklich kam ein Trupp Bewaffneter vom Flusse her auf uns zugesprengt.
+Es waren die Jüngsten des Stammes, fast noch Knaben; sie und die Alten
+hatte man zurückgelassen. Sie hatten keine Schießgewehre, sondern nur
+Spieße und Keulen. Der Vorderste und zugleich auch der Ansehnlichste von
+ihnen erhob die Keule im Reiten und schleuderte sie nach mir, indem er
+rief:
+
+»Hund, du wagst es, zu uns zu kommen?«
+
+Ich hatte zum Glück die Büchse vorgenommen und konnte mit ihrem Kolben
+den Wurf parieren; aber die Lanzen sämtlicher Knaben waren auf mich
+gerichtet. Ich machte mir nicht sehr viel daraus, gab vielmehr meinem
+Rappen die Schenkel und drängte ihn hart an das Roß des Angreifers. Er
+allein von allen mochte das zwanzigste Jahr erreicht haben.
+
+»Knabe, du wagst es, einen Gast deines Stammes anzugreifen?«
+
+Mit diesen Worten riß ich ihn zu mir herüber und setzte ihn vor mir auf
+den Hengst. Er hing an meiner Hand mit schlaffen Gelenken wie ein
+Gliedermann; die Angst war ihm in den Leib gefahren.
+
+»Nun stecht, wenn ihr jemand töten wollt!« fügte ich hinzu.
+
+Sie hüteten sich wohl, dies zu thun, denn er bildete einen Schild vor
+mir; aber die wackern Knaben waren nicht ganz unentschlossen. Einige von
+ihnen stiegen vom Pferde und versuchten, von der Seite oder von hinten
+an mich zu kommen, während die andern mich vorn beschäftigten. Sollte
+ich sie verwunden? Es wäre jammerschade gewesen. Ich drängte daher das
+Pferd hart an eines der Zelte, daß ich den Rücken frei bekam, und frug:
+
+»Was habe ich euch gethan, daß ihr mich töten wollt?«
+
+»Wir kennen dich,« antwortete einer. »Du sollst uns nicht wieder
+entkommen, du Mann mit der Löwenhaut!«
+
+»Du sprichst sehr kühn, du Knabe mit der Lämmerhaut!«
+
+Da hob eine alte Frau heulend ihre Hände empor und rief:
+
+»Ist es dieser? O, thut ihm nichts, denn er ist fürchterlich!«
+
+»Wir töten ihn!« antwortete die Bande.
+
+»Er wird euch zerreißen, und dann durch die Luft davonreiten!«
+
+»Ich werde nicht davonreiten, sondern bleiben,« antwortete ich und
+schleuderte nun meinen Gefangenen mitten unter die Angreifenden hinein.
+Dann glitt ich vom Pferde und trat in das Zelt. Mit einem Schnitte
+meines Dolches erweiterte ich den Eingang so, daß ich das Tier, welches
+ich keiner Gefahr aussetzen wollte, zu mir hereinziehen konnte. Nun war
+ich vor den Stichen dieser Wespen so ziemlich geborgen.
+
+»Wir haben ihn! Hamdulillah, wir haben ihn!« jubelte es draußen.
+
+»Umgebt das Zelt, laßt ihn nicht heraus!« rief eine andere Stimme.
+
+»Schießt ihn durch die Wände tot!« ertönte ein Ruf.
+
+»Nein, wir fangen ihn lebendig. Er hat den Rappen bei sich; den dürfen
+wir nicht verletzen; der Scheik will ihn haben!«
+
+Daß sich keiner zu mir hereinwagen würde, konnte ich mir denken; daher
+setzte ich mich gemütlich nieder und langte nach dem kalten Fleisch,
+welches auf einer Platte in meiner Nähe lag. Übrigens dauerte diese
+unfreiwillige Einquartierung nicht sehr lange; Halef hatte sein Pferd
+angestrengt, und gar bald erdröhnte der Boden unter dem Galoppe von
+dreißig Berittenen.
+
+»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig!« hörte ich rufen. »Das sind
+Feinde!«
+
+Ich trat aus dem Zelte. Von der ganzen Bevölkerung des Lagers war nicht
+eine einzige Person mehr zu sehen. Alle hatten sich in die Zelte
+verkrochen.
+
+»Sihdi!« rief laut die Stimme Halefs.
+
+»Hier, Hadschi Halef Omar!«
+
+»Hat man dir etwas gethan?«
+
+»Nein. Besetzt das Lager, daß niemand entkommt! Wer zu entfliehen sucht,
+wird niedergestoßen!«
+
+Diese Worte waren laut genug gesprochen, um von allen gehört zu werden.
+Ich wollte nur drohen. Dann sandte ich Halef von einem Zelte zum andern,
+um sämtliche Greise herbeizuführen; die fünfzehn Knaben brauchte ich
+nicht. Es dauerte lange, bis die Alten beisammen waren; sie hatten sich
+versteckt und kamen nur mit Zittern und Zagen herbei. Als sie in
+ängstlicher Erwartung um mich herum saßen, begann ich die Unterhaltung.
+
+»Habt ihr die Tättowierung meiner Leute auch gesehen?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»So habt ihr ihren Stamm erkannt?«
+
+»Ja. Es sind Haddedihn, Herr.«
+
+»Wo sind eure Krieger?«
+
+»Du wirst es wissen, Herr.«
+
+»Ja, ich weiß es, und ich will es euch sagen: Alle sind gefangen von den
+Haddedihn, und nicht ein einziger ist entkommen.»
+
+»Allah kerihm!«
+
+»Ja, Allah möge ihnen und euch gnädig sein!«
+
+»Er lügt!« flüsterte einer von ihnen, dem das Alter den Mut noch nicht
+geknickt hatte.
+
+Ich drehte mich zu ihm:
+
+»Du sagst, daß ich lüge? Dein Haar ist grau, und dein Rücken beugt sich
+unter der Last der Jahre; daher will ich dir die Worte verzeihen. Warum
+meinst du, daß ich dich belüge?«
+
+»Wie können die Haddedihn drei ganze Stämme gefangen nehmen?«
+
+»Du würdest es glauben, wenn du wüßtest, daß sie nicht allein gewesen
+sind. Sie waren mit den Abu Mohammed und den Alabeïde verbunden. Sie
+wußten alles, und als ich von euren Kriegern gefangen genommen wurde,
+kam ich von den Abu Mohammed, wo ich gewesen war, um den Krieg mit ihnen
+zu besprechen. Im Wadi Deradsch haben wir die Euren empfangen, und es
+ist kein einziger entkommen. Hört, welchen Befehl ich gebe!«
+
+Ich trat unter den Eingang des Zeltes, in welchem wir uns befanden, und
+winkte Halef herbei.
+
+»Reite zurück und hole die gefangenen Abu Hammed herbei!«
+
+Sie erschraken jetzt wirklich, und der Alte fragte:
+
+»Ist es möglich, Herr?«
+
+»Ich sage die Wahrheit. Die sämtlichen Krieger eures Stammes sind in
+unserer Hand. Entweder werden sie getötet oder ihr bezahlt das Lösegeld,
+welches für sie gefordert wird.«
+
+»Auch Scheik Zedar Ben Huli ist gefangen?«
+
+»Auch er.«
+
+»So hättest du wegen des Lösegeldes mit ihm reden sollen!«
+
+»Ich habe es gethan.«
+
+»Was sagte er?«
+
+»Er will es zahlen und hat mir vierzig von euren Leuten mitgegeben,
+welche jetzt kommen, um es zu holen.«
+
+»Allah schütze uns! Wie hoch ist es?«
+
+»Das werdet ihr hören. Wie viel Stück zählen eure Herden?«
+
+»Wir wissen es nicht!«
+
+»Ihr lügt! Ein jeder kennt die Zahl der Tiere, welche seinem Stamm
+gehören. Wie viel Pferde habt ihr?«
+
+»Zwanzig, außer denen, die mit in den Kampf gezogen sind.«
+
+»Diese sind für euch verloren. Wie viele Kamele?«
+
+»Dreihundert.«
+
+»Rinder?«
+
+»Zwölfhundert.«
+
+»Esel und Maultiere?«
+
+»Vielleicht dreißig.«
+
+»Schafe?«
+
+»Neuntausend.«
+
+»Euer Stamm ist nicht reich. Das Lösegeld wird betragen: zehn Pferde,
+hundert Kamele, dreihundert Rinder, zehn Esel und Maultiere und
+zweitausend Schafe.«
+
+Da erhoben die Alten ein fürchterliches Wehgeheul. Sie thaten mir
+allerdings sehr leid, aber ich konnte ja nichts ändern, und wenn ich
+diese Ziffern mit denen verglich, welche unter andern Verhältnissen
+aufgestellt worden wären, so fühlte ich mich in meinem Gewissen
+vollständig beruhigt. Um dem Jammergeschrei ein Ende zu machen, rief ich
+in etwas barschem Tone:
+
+»Still! Scheik Zedar Ben Huli hat es genehmigt.«
+
+»Wir können so viel nicht geben!« lautete die Antwort.
+
+»Ihr könnt es! Was man geraubt hat, das kann man sehr leicht wieder
+hergeben!«
+
+»Wir haben nichts geraubt. Warum willst du uns für Haremi[165] halten?«
+
+ [165] Räuber. Dieses Wort ist übrigens eine Ehrenbezeichnung bei
+ den Beduinen.
+
+»Seid still! Wurde ich nicht selbst von euch angefallen?«
+
+»Es geschah zum Scherze, Herr!«
+
+»Dann treibt ihr einen gefährlichen Scherz. Wie viele Weideplätze habt
+ihr?«
+
+»Sechs.«
+
+»Auch auf Inseln?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch auf der Insel, bei welcher vorhin eure jungen Männer waren?«
+
+»Nein.«
+
+»Man sagte mir doch, daß sie dort die Herden weideten! Ihr habt den Mund
+ganz voller Unwahrheit! Wer befindet sich auf dieser Insel?«
+
+Sie sahen sich verlegen an, dann antwortete der Sprecher:
+
+»Es sind Männer da.«
+
+»Was für Männer?«
+
+»Fremde.«
+
+»Wo sind sie her?«
+
+»Wir wissen es nicht.«
+
+»Wer weiß es sonst?«
+
+»Nur der Scheik.«
+
+»Wer hat diese Männer zu euch gebracht?«
+
+»Unsere Krieger.«
+
+»Eure Krieger! Und nur der Scheik weiß es, wo sie her sind? Ich sehe,
+daß ich von euch dreitausend Schafe verlangen muß -- statt zweitausend!
+Oder wollt ihr nicht lieber sprechen?«
+
+»Herr, wir dürfen nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Der Scheik würde uns bestrafen. Sei barmherzig mit uns!«
+
+»Ihr habt recht; ich will euch diese Verlegenheit ersparen.«
+
+Da kam es zwischen den Zelten herangetrabt: es waren die Gefangenen mit
+ihrer Bedeckung. Bei diesem Anblick erhob sich, ohne daß sich jemand
+sehen ließ, in allen Zelten ein großes Klagegeschrei. Ich stand auf.
+
+»Jetzt könnt ihr sehen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Vierzig
+von euren Kriegern sind da, um das Lösegeld zu holen. Geht jetzt in die
+Zelte und holt alle Bewohner des Lagers hinaus vor dasselbe; es soll
+ihnen nichts geschehen, aber ich habe mit ihnen zu reden.«
+
+Es machte einige Mühe, diese Menge von Greisen, Frauen und Kindern zu
+versammeln. Als sie beisammen waren, trat ich zu den Gefangenen:
+
+»Seht hier eure Väter, eure Mütter, Schwestern und Kinder! Sie sind in
+meiner Hand und ich werde sie gefangen fortführen, wenn ihr den
+Befehlen ungehorsam seid, die ihr jetzt erhaltet. Ihr habt sechs
+Weideplätze, die alle in der Nähe sind. Ich teile euch in sechs Haufen,
+von denen sich ein jeder unter der Aufsicht meiner Krieger nach einem
+der Plätze begiebt, um die Tiere hierher zu treiben. In einer Stunde
+müssen alle Herden hier beisammen sein!«
+
+Wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Abu Hammed verteilten sich
+unter der Aufsicht der Haddedihn, und nur zwölf Männer behielt ich von
+den letzteren zurück. Bei ihnen war Halef.
+
+»Ich werde mich jetzt entfernen, Halef,« sagte ich ihm.
+
+»Wohin, Sihdi?« fragte er.
+
+»Nach der Insel. Du wirst hier auf Ordnung sehen und dann später die
+Auswahl der Tiere leiten. Sorge dafür, daß diesen armen Leuten nicht
+bloß die besten genommen werden. Die Ausscheidung soll gerecht
+geschehen.«
+
+»Sie haben es nicht verdient, Sihdi!«
+
+»Aber ich will es so. Verstehst du, Halef?«
+
+Master Lindsay kam heran.
+
+»Habt Ihr gefragt, Sir?«
+
+»Noch nicht.«
+
+»Nicht vergessen, Sir!«
+
+»Nein. Ich habe Euch wieder einen Posten anzuvertrauen.«
+
+»#Well!# Welchen?«
+
+»Seht darauf, daß keine dieser Frauen entflieht!«
+
+»#Yes!#«
+
+»Wenn eine von ihnen Miene macht, davon zu laufen, so -- -- --«
+
+»Schieße ich sie nieder!«
+
+»O nein, Mylord!«
+
+»Was denn?«
+
+»So laßt Ihr sie laufen!«
+
+»#Well#, Sir!«
+
+Diese zwei Worte brachte er heraus, aber den Mund brachte er nicht
+wieder zu. Ich war übrigens fest überzeugt, daß schon der bloße Anblick
+von Sir David Lindsay den Frauen jede Absicht zur Flucht benehmen werde.
+In seinem karrierten Anzuge mußte er ihnen wie ein Ungeheuer vorkommen.
+
+Jetzt nahm ich zwei Haddedihn mit mir und schritt dem Flusse zu. Hier
+hatte ich die vierte Insel vor mir. Sie war lang und schmal und mit
+dichtem Rohr bewachsen, welches die Höhe eines Mannes weit überragte.
+Ich konnte kein lebendes Wesen erblicken, aber sie barg ein Geheimnis,
+das ich unbedingt ergründen mußte. Daß ich keinen der Abu Hammed
+mitgenommen hatte, war geschehen, um niemand für spätere Zeit in Schaden
+zu bringen.
+
+»Sucht nach einem Floß!« gebot ich den beiden.
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Nach dieser Insel.«
+
+»Emir, das ist nicht möglich!«
+
+»Warum?«
+
+»Siehst du nicht die reißende Strömung zu ihren beiden Seiten? Es würde
+jedes Floß an ihr zerschellen.«
+
+Der Mann hatte recht, aber dennoch hegte ich die Überzeugung, daß irgend
+ein Verkehr zwischen dem Ufer und dieser Insel stattfinden müsse, und
+als ich schärfer hinblickte, bemerkte ich, daß an ihrer oberen Spitze
+das Rohr niedergetreten war.
+
+»Blickt dahin! Seht ihr nicht, daß dort Menschen gewesen sind?«
+
+»Es scheint so, Emir.«
+
+»So muß auch ein Fahrzeug vorhanden sein.«
+
+»Es würde zerschellen; das ist sicher!«
+
+»Sucht!«
+
+Sie gingen nach rechts und links am Ufer hinab und hinauf, kehrten aber
+unverrichteter Sache zurück. Jetzt suchte ich selbst mit, lange
+vergeblich. Endlich aber entdeckte ich -- -- zwar kein Floß und keinen
+Kahn, aber eine Vorrichtung, deren Zweck mir sofort einleuchtete. An den
+Stamm eines Baumes, welcher oberhalb der Insel hart am Wasser stand, war
+ein langes, starkes Palmfaserseil befestigt. Das eine Ende desselben
+schlang sich um den Stamm, das Seil selbst aber war unter dem daneben
+wuchernden dichten Gestrüpp versteckt. Als ich es hervorzog, zeigte sich
+an dem andern Ende ein jetzt zusammengesunkener Schlauch, aus einer
+Bockshaut gefertigt, und über demselben war ein Querholz angebracht,
+welches jedenfalls dazu dienen sollte, sich mit den Händen daran
+festzuhalten.
+
+»Seht, hier ist das Floß. Dieses kann allerdings nicht zerschellen. Ich
+werde hinüberschwimmen, während ihr hier wacht, daß ich nicht gestört
+werde.«
+
+»Es ist gefährlich, Emir!«
+
+»Andere sind auch hinübergekommen.«
+
+Ich warf die Oberkleider ab und blies den Schlauch auf. Die Öffnung
+wurde mit einer daran befestigten Schnur verschlossen.
+
+»Haltet das Seil und laßt es langsam durch die Hände laufen!«
+
+Ich faßte das Querholz fest und glitt in das Wasser. Sofort ergriff mich
+die Strömung, welche so stark war, daß ein Mann alle seine Kräfte
+anstrengen mußte, um das Seil halten zu können. Einen Menschen von
+drüben herüber holen, dazu gehörten wohl die vereinigten Kräfte von
+mehreren Männern. Ich mußte nach jenseits der Insel halten; es gelang,
+und ich landete glücklich, obgleich ich einen tüchtigen Stoß erhielt.
+Meine erste Sorge war, das Seil so zu befestigen, daß es mir nicht
+abhanden kommen konnte; dann ergriff ich den Dolch, welchen ich zu mir
+gesteckt hatte.
+
+Von der Spitze der Insel führte durch das Rohrdickicht ein schmaler,
+ausgetretener Pfad, auf welchem ich bald vor eine kleine, aus Bambus,
+Schilf und Binsen gefertigte Hütte kam. Sie war so niedrig, daß kein
+Mensch in ihr zu stehen vermochte. Ihr Inneres enthielt nichts als
+einige Kleidungsstücke. Ich betrachtete dieselben genau und bemerkte,
+daß es die zerfetzten Anzüge von drei Männern waren. Keine Spur zeigte,
+daß die Besitzer derselben noch vor kurzer Zeit hier anwesend gewesen
+seien; aber der Pfad führte weiter.
+
+Ich folgte ihm, und bald war es mir, als ob ich ein Stöhnen hörte. Ich
+hastete vorwärts und gelangte an eine Stelle, wo das Rohr abgehauen war.
+Auf dieser kleinen Blöße bemerkte ich -- -- drei Menschenköpfe, welche mit
+dem Halse auf den Erdboden gestellt waren; so wenigstens schien es mir.
+Sie waren ganz unförmlich aufgeschwollen, und die Ursache davon ließ
+sich sehr leicht erkennen; denn bei meiner Ankunft erhob sich eine
+dichte Wolke von Moskitos und Schnaken in die Luft. Augen und Mund waren
+geschlossen. Waren das Totenköpfe, welche man aus irgend einem Grunde
+hierher gestellt hatte?
+
+Ich bückte mich nieder und berührte einen derselben. Da hauchte ein
+leiser Wehelaut zwischen den Lippen hervor, und die Augen öffneten sich
+und starrten mich mit einem gläsernen Blick an. Ich war wohl in meinem
+Leben selten über ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte ich mich so
+sehr, daß ich mehrere Schritte zurückwich.
+
+Ich trat wieder näher und untersuchte die Sache. Wahrhaftig, drei
+Männer waren eingegraben, lebendig eingegraben in den feuchten, fauligen
+Boden bis an die Köpfe.
+
+»Wer seid ihr?« fragte ich laut.
+
+Da öffneten alle drei die Augen und stierten mich mit wahnsinnigen
+Blicken an. Die Lippen des einen thaten sich auf:
+
+»Oh Adi!« ächzte er langsam.
+
+Adi? Ist dies nicht der Name des großen Heiligen der Dschesidi, der
+sogenannten Teufelsanbeter?
+
+»Wer hat euch hierher gebracht?« fragte ich weiter.
+
+Wieder öffnete sich der Mund, aber er war nicht mehr im stande, einen
+Laut hören zu lassen. Ich arbeitete mich durch das dichte Röhricht nach
+dem Ufer der Insel und füllte beide Hände mit Wasser. Rasch kehrte ich
+zurück und flößte das Naß den Gemarterten ein. Sie schlürften es mit
+Gier. Ich konnte nur wenig auf einmal bringen, da es mir unterwegs
+zwischen den Fingern durchtropfte, und so mußte ich sehr oft hin und her
+gehen, ehe sie ihren fürchterlichen Durst gestillt hatten.
+
+»Giebt es hier eine Hacke?« fragte ich.
+
+»Mitgenommen,« flüsterte der eine.
+
+Ich rannte nach der oberen Spitze der Insel. Drüben standen noch meine
+Begleiter. Ich legte die Hand an den Mund, um das Rauschen des Wassers
+zu übertönen, und rief ihnen zu:
+
+»Holt einen Spaten, eine Hacke und die drei Engländer, aber ganz
+heimlich!«
+
+Sie verschwanden. Halef durfte ich nicht herbescheiden, weil er drüben
+notwendig war. Ich wartete mit Ungeduld -- endlich aber erschienen die
+Haddedihn mit den drei Verlangten und auch mit einem Werkzeuge, welches
+einer Hacke ähnlich sah.
+
+»Sir David Lindsay!« rief ich hinüber.
+
+»#Yes!#« antwortete er.
+
+»Schnell herüber! Bill und der andere auch! Bringt die Hacke mit!«
+
+»Meine Hacke? Fowling-bulls gefunden?«
+
+»Werden sehen!«
+
+Ich machte den Schlauch los und schob ihn in das Wasser.
+
+»Zieht an!«
+
+Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel.
+
+»Wo?« fragte er.
+
+»Warten! Erst die anderen auch herüber!«
+
+»#Well!#«
+
+Er winkte den Leuten drüben, sich zu sputen, und endlich standen die
+beiden kräftigen Burschen an unserer Seite. Bill hatte die Hacke bei
+sich. Ich befestigte den Schlauch wieder.
+
+»Kommt, Sir!«
+
+»Ah! Endlich!«
+
+»Sir David Lindsay, wollt Ihr mir verzeihen?«
+
+»Was?«
+
+»Ich habe keine Fowling-bulls gefunden.«
+
+»Keine?« -- Er blieb stehen und riß den Mund weit auf. »Keine? Ah!«
+
+»Aber ich habe etwas ganz Entsetzliches entdeckt! Kommt!«
+
+Ich ergriff die Hacke und schritt voran.
+
+Mit einem Ausrufe des Entsetzens prallte der Engländer zurück, als wir
+den Platz erreichten. Jetzt war der Anblick allerdings fast noch
+schrecklicher als vorher, da die drei die Augen offen hatten und die
+Köpfe bewegten, um den Insektenschwarm von sich abzuhalten.
+
+»Man hat sie eingegraben!« sagte ich.
+
+»Wer?« fragte Lindsay.
+
+»Weiß es nicht, werden es erfahren.«
+
+Ich gebrauchte die Hacke mit solcher Hast, und die andern scharrten und
+kratzten mit den Händen dazu, daß wir bereits nach einer Viertelstunde
+die drei Unglücklichen vor uns liegen hatten. Sie waren von allen
+Kleidern entblößt, und die Hände und Füße hatte man ihnen mit
+Baststricken zusammengebunden. Ich wußte, daß die Araber ihre Kranken
+bei gewissen schlimmen Krankheiten bis an den Kopf in die Erde graben
+und diesem sogenannten »Einpacken« eine bedeutende Heilkraft
+zuschreiben; aber diese Männer waren gefesselt, also nicht krank
+gewesen.
+
+Wir trugen sie an das Wasser und überspritzten sie. Dies erfrischte ihre
+Lebensgeister.
+
+»Wer seid ihr?« fragte ich.
+
+»Baadri!« klang die Antwort.
+
+Baadri? Das war ja der Name eines Dorfes, welches ausschließlich von
+Teufelsanbetern bewohnt wurde! Ich hatte also doch wohl mit meinen
+Vermutungen das Richtige getroffen.
+
+»Hinüber mit ihnen!« befahl ich.
+
+»Wie?« frug der Engländer.
+
+»Ich schwimme zuerst hinüber, um ziehen zu helfen, und nehme zugleich
+ihre Kleider mit. Ihr kommt dann nach, ein jeder mit einem von ihnen.«
+
+»#Well!# Wird aber nicht leicht sein.«
+
+»Ihr nehmt ihn quer vor euch über die Arme.«
+
+Ich rollte die Kleider wie einen Turban zusammen und nahm diesen auf den
+Kopf. Dann ließ ich mich an das Ufer ziehen. Was nun kam, das war für
+mich und die beiden Haddedihn eine sehr harte Arbeit, für die andern
+aber außerordentlich gefährlich; dennoch gelang es uns, alle sechs
+glücklich an das Ufer zu bringen.
+
+»Zieht ihnen die Kleider an! Dann bleiben sie heimlich hier liegen.
+Ihr, Sir David, werdet ihnen im stillen Nahrung bringen, während die
+andern sie bewachen.«
+
+»#Well!# Fragt, wer sie eingegraben hat.«
+
+»Der Scheik natürlich.«
+
+»Tot schlagen den Kerl!«
+
+Dieses letzte Abenteuer hatte über eine Stunde Zeit in Anspruch
+genommen. Als wir das Lager erreichten, wimmelte die Ebene von Tausenden
+von Tieren. Das Geschäft des Auswählens war ein schwieriges, doch der
+kleine Hadschi Halef Omar war seiner Aufgabe vollständig gewachsen. Er
+hatte meinen Hengst bestiegen, natürlich mit der Absicht, schneller
+vorwärts zu kommen und nebenbei ein wenig bewundert zu werden, und war
+allüberall zu sehen. Die Haddedihn waren ganz begeistert für ihre
+Arbeit, die gefangenen Abu Hammed aber, welche ihnen helfen mußten,
+konnten den stillen Grimm in ihren Mienen nicht verbergen. Und nun gar
+da, wo die Weiber und Greise saßen, da floßen heiße Thränen, und mancher
+halblaute Fluch stahl sich zwischen den Lippen hervor. Ich trat zu der
+Weibergruppe. Ich hatte da eine Frau bemerkt, welche mit einer
+heimlichen Befriedigung dem Treiben meiner Leute zusah. Hatte sie einen
+Groll gegen den Scheik im Herzen?
+
+»Folge mir!« gebot ich ihr.
+
+»Herr, sei gnädig! Ich habe nichts gethan!« flehte sie erschrocken.
+
+»Es soll dir nichts geschehen!«
+
+Ich führte sie in das leere Zelt, in welchem ich mich bereits vorhin
+befunden hatte. Dort stellte ich mich vor sie hin, sah ihr scharf in die
+Augen und fragte sie:
+
+»Du hast einen Feind in deinem Stamme?«
+
+Sie blickte überrascht empor.
+
+»Herr, woher weißt du es?«
+
+»Sei offen! Wer ist es?«
+
+»Du wirst es ihm wieder sagen!«
+
+»Nein, denn er ist auch mein Feind.«
+
+»Du bist es, der ihn besiegt hat?«
+
+»Ich bin es. Du hassest den Scheik Zedar Ben Huli?«
+
+Da blitzte ihr dunkles Auge auf.
+
+»Ja, Herr, ich hasse ihn.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich hasse ihn, weil er mir den Vater meiner Kinder töten ließ.«
+
+»Warum?«
+
+»Mein Herr wollte nicht stehlen.«
+
+»Weshalb nicht?«
+
+»Weil der Scheik den größten Teil des Raubes erhält.«
+
+»Du bist arm?«
+
+»Der Oheim meiner Kinder hat mich zu sich genommen; auch er ist arm.«
+
+»Wie viele Tiere hat er?«
+
+»Ein Rind und zehn Schafe; er wird sie heute hergeben müssen, denn wenn
+der Scheik zurückkehrt, so werden wir den ganzen Verlust zu tragen
+haben. Der Scheik wird nicht arm, sondern nur der Stamm.«
+
+»Er soll nicht zurückkehren, wenn du aufrichtig bist.«
+
+»Herr, sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie. Ich werde ihn als Gefangenen zurückbehalten und den Abu
+Hammed einen Scheik geben, welcher gerecht und ehrlich ist. Der Ohm
+deiner Kinder soll heute behalten, was er hat.«
+
+»Herr, deine Hand ist voll von Barmherzigkeit. Was willst du von mir
+wissen?«
+
+»Du kennst die Insel da drüben im Flusse?«
+
+Sie erbleichte.
+
+»Warum fragst du nach ihr?«
+
+»Weil ich mit dir von ihr sprechen will.«
+
+»O thue das nicht, Herr, denn wer ihr Geheimnis verrät, den wird der
+Scheik töten!«
+
+»Wenn du mir das Geheimnis sagst, so wird er nicht wiederkommen.«
+
+»Ist dies wirklich wahr?«
+
+»Glaube mir! Also wozu dient die Insel?«
+
+»Sie ist der Aufenthalt der Gefangenen des Scheik.«
+
+»Welcher Gefangenen?«
+
+»Er fängt die Reisenden weg, welche über die Ebene oder auf dem Wasser
+kommen, und nimmt ihnen alles ab. Wenn sie nichts besitzen, so tötet er
+sie; wenn sie aber reich sind, so behält er sie bei sich, um ein
+Lösegeld zu erpressen.«
+
+»Dann kommen sie auf die Insel?«
+
+»Ja, in die Schilfhütte. Sie können nicht entfliehen, denn es werden
+ihnen die Hände und die Füße gebunden.«
+
+»Wenn dann der Scheik das Lösegeld erhalten hat?«
+
+»So tötet er sie dennoch, um nicht verraten zu werden.«
+
+»Und wenn sie es nicht zahlen wollen oder nicht zahlen können?«
+
+»So martert er sie.«
+
+»Worin bestehen die Qualen, die er ihnen bereitet?«
+
+»Er hat ihrer viele. Oft aber läßt er sie eingraben.«
+
+»Wer macht den Kerkermeister?«
+
+»Er und seine Söhne.«
+
+Der, welcher mich gefangen genommen hatte, war auch sein Sohn; ich hatte
+ihn unter den Gefangenen im Wadi Deradsch bemerkt. Darum fragte ich:
+
+»Wie viele Söhne hat der Scheik?«
+
+»Zwei.«
+
+»Ist einer von ihnen hier?«
+
+»Derjenige, welcher dich töten wollte, als du in das Lager kamst.«
+
+»Sind jetzt Gefangene auf der Insel?«
+
+»Zwei oder drei.«
+
+»Wo sind sie?«
+
+»Ich weiß es nicht. Das erfahren nur diejenigen Männer, welche bei dem
+Fange waren.«
+
+»Wie sind sie in seine Hände gekommen?«
+
+»Sie kamen auf einem Kellek[166] den Fluß herab und legten des Abends
+nicht weit von hier an das Ufer an. Da hat er sie überfallen.«
+
+ [166] Floß.
+
+»Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?«
+
+Sie sann ein wenig nach und meinte dann:
+
+»Wohl beinahe zwanzig Tage.«
+
+»Wie hat er sie behandelt?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Habt ihr hier viele Tachterwahns[167]?«
+
+ [167] Frauenkörbe, von Kamelen getragen.
+
+»Es sind mehrere vorhanden.«
+
+Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldstücke hervor. Sie
+gehörten zu den Münzen, welche ich in den Satteltaschen des Abu-Seïf
+gefunden hatte. Sein herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet;
+das Geld aber war mir bis heute geblieben.
+
+»Ich danke dir! Hier hast du!«
+
+»O Herr, deine Gnade ist größer als -- -- --«
+
+»Danke nicht,« unterbrach ich sie. »Ist der Oheim deiner Kinder mit
+gefangen?«
+
+»Ja.«
+
+»Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann, der das schwarze Pferd
+reitet, und sage ihm von mir, daß er dir deine Tiere geben soll. Der
+Scheik wird nicht zurückkehren.«
+
+»O Herr -- --!«
+
+»Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was wir gesprochen haben!«
+
+Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem
+Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er
+kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten.
+
+»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!«
+
+»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein
+Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du
+ihr.«
+
+»Ich gehorche, Effendi.«
+
+»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und
+sattelst drei Kamele mit ihnen.«
+
+»Wer soll hinein kommen, Sihdi?«
+
+»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da
+rechts?«
+
+»Ich sehe beides.«
+
+»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe
+in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet.
+Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich
+liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die
+Kamele tragen!«
+
+»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so
+viel nicht allein thun.«
+
+»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir
+helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder
+übernehmen.«
+
+Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden
+ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef
+gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze,
+lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem
+jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet
+hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm
+heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe.
+
+»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine
+Schnur bei Euch?«
+
+»Denke, daß hier viele Stricke sind.«
+
+Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden
+sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen
+Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück.
+
+»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?«
+
+Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.
+
+»Sehe ihn, Sir.«
+
+»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu
+beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr
+fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder
+an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.«
+
+»#Yes#, Sir! Sehr schön!«
+
+»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch
+erreichen.«
+
+»Hat es verdient!«
+
+»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute,
+und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!«
+
+»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!«
+
+»Vorwärts also!«
+
+Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die
+Schulter.
+
+»#I have the honour, Mylord!# Mitgehen, Galgenstrick!«
+
+Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die
+Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte
+er sich zu mir herum.
+
+»Was soll das sein, Emir?«
+
+»Du wirst mit uns gehen.«
+
+»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!«
+
+Da drängte sich ein altes Weib herbei.
+
+»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?«
+
+»Er wird uns begleiten.«
+
+»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz
+seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder,
+den die Blutrache ereilt?«
+
+»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!«
+
+Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst
+Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte
+mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das
+Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer
+Räuberhöhle entronnen sei.
+
+Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges
+gestellt. Ich ritt zu ihm heran.
+
+»Liegen sie bequem?«
+
+»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.«
+
+»Haben sie gegessen?«
+
+»Nein, Milch getrunken.«
+
+»Um so besser. Können sie reden?«
+
+»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche
+ich nicht verstehe, Effendi.«
+
+»Es wird Kurdisch sein.«
+
+»Kurdisch?«
+
+»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.«
+
+»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal
+gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!«
+
+»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave,
+sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.«
+
+»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann.
+Kannst du sie sprechen?«
+
+»Nein.«
+
+Er fuhr beinahe erschrocken auf.
+
+»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!«
+
+»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.«
+
+»Gar nicht?«
+
+»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist;
+vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu
+machen.«
+
+»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!«
+
+»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß
+ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem
+Halef zufrieden ist!«
+
+»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der
+Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber
+gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah.«
+
+»Also nach dem Teufel kommst du!«
+
+»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!«
+
+»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!«
+
+Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein.
+
+Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere
+viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang
+erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und
+sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum
+Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als
+auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln.
+Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir
+Lindsay noch einmal herbeikam.
+
+»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!«
+
+»Was?«
+
+»Hm! Unbegreiflich!«
+
+»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?«
+
+»Der? #No!# Liegt fest angebunden!«
+
+»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?«
+
+»Hauptsache vergessen!«
+
+»Nun? Redet nur!«
+
+»Trüffeln!«
+
+Jetzt mußte ich hellauf lachen.
+
+»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu
+Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.«
+
+»Wo nun Trüffeln her?«
+
+»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!«
+
+»Schön! Gute Nacht, Sir!«
+
+Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am
+andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so
+gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein
+wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen
+das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.
+
+Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich
+sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache
+hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine
+und sah mich freudig forschend an.
+
+»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne
+dich wieder!«
+
+»Wer bin ich, mein Freund?«
+
+»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem
+Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!«
+
+»Wie, du kennst meinen Namen?«
+
+»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel
+von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.«
+
+Ich wandte mich zu Halef:
+
+»Plaudertasche!«
+
+»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der
+Kleine.
+
+»Ja; aber ohne Prahlerei.«
+
+»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu
+den Kranken.
+
+»Ja, Emir.«
+
+»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.«
+
+»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.«
+
+»Wo ist eure Heimat?«
+
+»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.«
+
+»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?«
+
+»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und
+einen Brief von ihm zu bringen --«
+
+»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?«
+
+»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr
+bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des
+Großherrn; er sollte für uns bitten.«
+
+»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?«
+
+»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf
+demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort
+landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu
+Hammed überfallen.«
+
+»Er beraubte euch?«
+
+»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns
+trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit
+sie ein Lösegeld schicken sollten.«
+
+»Ihr thatet es nicht?«
+
+»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.«
+
+»Aber euer Scheik?«
+
+»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er
+hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns
+dennoch getötet hätte.«
+
+»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das
+Lösegeld bezahlt worden wäre.«
+
+»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an
+Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.«
+
+»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?«
+
+»Ja.«
+
+»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?«
+
+»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.«
+
+»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!«
+
+»Emir, vergilt es ihm nicht!«
+
+»Wie?«
+
+»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem
+Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.«
+
+Das also waren Teufelsanbeter!
+
+»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«
+
+»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das
+Zeichen eines Hadschi!«
+
+»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?«
+
+»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.«
+
+»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.«
+
+»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.«
+
+»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?«
+
+»Nein. Ich bin ein Franke.«
+
+»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?«
+
+ [168] Jesus.
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du die heilige Taufe?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?«
+
+»Ich glaube es.«
+
+»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns,
+daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem
+Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!«
+
+»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?«
+
+»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.«
+
+»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.«
+
+Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat
+el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der
+Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und
+versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst
+bereiten werde.
+
+Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza
+und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte
+unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik
+Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten
+uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte.
+Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und
+bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte.
+
+Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als
+durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche
+Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen,
+welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem
+andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf
+der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.
+
+»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin.
+
+»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir
+noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?«
+
+»Hier im Zelte. Da kommen sie.«
+
+Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten
+tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu.
+
+»Hast du mehr gebracht, als du sollst?«
+
+»Du meinst Tiere?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.«
+
+»Ich werde zählen!«
+
+»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht,
+als ich sollte.«
+
+»Was?«
+
+»Willst du es sehen?«
+
+»Ich muß es sehen!«
+
+»So rufe jenen dort herbei.«
+
+Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des
+Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.
+
+»Kommt alle mit!« sagte ich.
+
+Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo
+sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef
+ließ gerade die Dschesidi aussteigen.
+
+»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli.
+
+Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls.
+
+»Die Dschesidi!« rief er.
+
+»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon
+viele gemordet hast, Ungeheuer!«
+
+Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.
+
+»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde.
+
+»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein
+Kampfgefährte gewesen ist.«
+
+Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei
+Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück.
+Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in
+diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden
+Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der
+jüngere Sohn des Scheik einher.
+
+Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu
+mir:
+
+»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?«
+
+»Wie du siehst!«
+
+»Was hat er gethan?«
+
+»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den
+Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann
+bist du wieder frei -- eine Strafe, die viel zu gering für dich und für
+deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!«
+
+Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem
+Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik
+ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!«
+
+Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem
+Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell
+umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick
+aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse
+erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik
+durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden
+aber handfest empfangen und überwältigt.
+
+Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung,
+die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen.
+Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte:
+der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück.
+
+Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten.
+Da erscholl zunächst die Frage Halefs:
+
+»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?«
+
+»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort.
+
+Dieser trat zu den dreien heran.
+
+»Marhaba -- ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis
+ihr euch von eueren Leiden erholt habt!«
+
+Da blickte Selek schnell empor.
+
+»Mohammed Emin?« fragte er.
+
+»So heiße ich.«
+
+»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?«
+
+»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.«
+
+»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!«
+
+»Sage sie!«
+
+»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum
+Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche
+einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und
+indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: 'Gehe zu den
+Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft
+werde. Die andern sind hingerichtet worden.' Dies ist es, was ich dir zu
+sagen habe.«
+
+Der Scheik taumelte zurück.
+
+»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er
+gestaltet?«
+
+»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis
+zur Brust herab.«
+
+»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm!
+Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein
+Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann
+war es, als du mit ihm geredet hast?«
+
+»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!«
+
+»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger
+schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und
+zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder
+willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?«
+
+»Ich reite mit!«
+
+»Allah segne dich! -- Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der
+Haddedihn verkündigen!«
+
+Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage:
+
+»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?«
+
+»Ich gehe mit.«
+
+»Sihdi, darf ich dir folgen?«
+
+»Halef, denke an dein Weib!«
+
+»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener!
+Darf ich dich begleiten?«
+
+»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und
+Scheik Malek, ob sie es erlauben.«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Bei den Teufelsanbetern.
+
+
+So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen
+Pascha.
+
+Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um
+seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung
+Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu
+lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den
+Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische
+Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab
+es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so
+phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann
+hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen,
+und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das
+Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und
+ich.
+
+Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir
+David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu
+machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und
+Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er
+hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben
+und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des
+verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und
+nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel
+Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht
+begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts
+nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die
+Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen,
+brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn
+für ihn vollständig genügte.
+
+Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet
+worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den
+Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen
+entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten,
+da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns
+vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen
+Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn
+el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich
+war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines
+Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern
+Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu
+erreichen.
+
+Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands
+aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein,
+denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben.
+Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig;
+denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern
+vermochte.
+
+Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das
+Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu
+ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169]
+einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen
+Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.
+
+ [169] Keller.
+
+Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres
+Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an,
+daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich
+mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:
+
+»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«
+
+»Woran?«
+
+»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«
+
+»Ah! Warum?«
+
+»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«
+
+»Ja. Du weißt dies ja längst.«
+
+»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich
+nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die
+Dschehennah!«
+
+Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm
+gesehen hatte.
+
+»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem
+Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf
+nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet
+hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach
+ihrer Heimat zogen?«
+
+»Ich werde sie besuchen.«
+
+»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber
+ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den
+Himmel verloren.«
+
+»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?«
+
+»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in
+welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«
+
+Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi,
+den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts
+wisse, und fragte:
+
+»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«
+
+»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels,
+welche den Scheïtan anbeten.«
+
+»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«
+
+»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?«
+
+»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«
+
+»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?«
+
+»Ich glaube dir wirklich nicht.«
+
+»Und hast sie selbst gesehen?«
+
+»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen
+Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer,
+welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie
+an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«
+
+»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber
+ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden
+Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan
+den Teufel anbetet.«
+
+»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?«
+
+»Nein. Ich habe es aber gehört.«
+
+»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?«
+
+»Sie hatten es auch von anderen gehört.«
+
+»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die
+Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig
+sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«
+
+»Ist das wahr?«
+
+»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme,
+wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«
+
+»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.«
+
+»Nun?«
+
+»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«
+
+»Ja.«
+
+»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«
+
+»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«
+
+»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen
+und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«
+
+»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer
+andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was
+weißt du noch von ihnen?«
+
+ [170] Mit den Assyrern in Syrien.
+
+»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie
+anbeten, und das ist der Teufel.«
+
+»Ist er es wirklich?«
+
+»Ja.«
+
+»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«
+
+»Ja.«
+
+»Und in jedem steht ein Hahn?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?«
+
+»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie
+haben auch falsche Engel.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich
+Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und
+Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn
+und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah
+nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber
+sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl,
+Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«
+
+ [171] Gabriël.
+
+ [172] Der heilige Geist.
+
+»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel
+giebt.«
+
+»Du? Warum?« fragte er erstaunt.
+
+»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als
+dem Kuran.«
+
+ [173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4,
+ V. 5.
+
+»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und
+glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des
+Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!«
+
+»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«
+
+»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von
+vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als
+er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also
+nicht kennen.«
+
+»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern
+nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen
+ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer
+und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten.
+Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir
+deinen Glauben nicht nehmen.«
+
+»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«
+
+»Nein. Ich versichere es dir!«
+
+»Aber sie werden uns töten!«
+
+»Weder mich noch dich.«
+
+»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht,
+sondern nur die Muselmänner.«
+
+»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie
+töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von
+den Christen angegriffen wurden.«
+
+»Aber ich bin ein Moslem!«
+
+»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei
+ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«
+
+»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir
+gehen!«
+
+Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es
+waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha.
+Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:
+
+»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?«
+
+Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ,
+hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt.
+Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der
+Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja,
+ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.
+
+»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch.
+
+Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei
+der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern
+sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und
+Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie
+unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen
+Diener:
+
+ [174] Gürtel.
+
+»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!«
+
+»Ja.«
+
+»Wer ist es?«
+
+»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.«
+
+ [175] Offiziere.
+
+»Wer sendet sie?«
+
+»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«
+
+»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha -- Allah
+schütze ihn! -- würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern,
+welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie
+gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte
+wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!«
+
+Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen
+einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe
+auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.
+
+»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?«
+
+Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem
+eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in
+der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem
+Eingange zu:
+
+»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi
+ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört,
+was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!«
+
+»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!«
+
+»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer
+sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den
+Gruß zu sagen.«
+
+»Bei einem Ungläubigen -- -- --«
+
+Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.
+
+»Hinaus!«
+
+»Wir haben -- -- --«
+
+»Hinaus!«
+
+Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir
+doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen
+Vorschriften geben zu lassen. -- Man muß den Orientalen zu behandeln
+verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt
+selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst
+große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend,
+welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen
+Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es
+andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges
+oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr
+geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört
+nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen
+Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann
+besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die
+Hand an der Waffe oder -- -- die Hand im Beutel.
+
+»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef.
+
+Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines
+Verhaltens.
+
+»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«
+
+»Kennst du diese Arnauten?«
+
+»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«
+
+»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine
+alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war
+blind.«
+
+»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«
+
+»Und kennst du den Pascha?«
+
+»Er ist ein sehr guter Mann!«
+
+»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm
+fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade
+erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen
+gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und
+bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu
+seinen Arnauten: 'Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!' Sie
+thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein
+Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen.
+Sihdi, was wird er mit uns thun?«
+
+»Das müssen wir abwarten.«
+
+»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas
+Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne
+ihn mitzunehmen.«
+
+»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«
+
+»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«
+
+»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«
+
+»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei
+dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück
+bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen
+hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden
+Kugeln vor den Kopf!«
+
+Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der
+wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.
+
+»Aber Hanneh?« fragte ich.
+
+»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann
+lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!«
+
+»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht
+so weit kommen wird.«
+
+Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat
+trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.
+
+»Salama!« grüßte er.
+
+»Sallam! Was willst du?«
+
+»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«
+
+»Ja.«
+
+»Der Pascha -- Allah schenke ihm tausend Jahre! -- hat dir eine Sänfte
+gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«
+
+»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«
+
+Als er hinaus war, sagte Halef:
+
+»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?«
+
+»Warum?«
+
+»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«
+
+»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!«
+
+Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp
+von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und
+einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte
+sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit.
+
+ [176] Träger.
+
+»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene.
+
+Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuten, daß
+ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe
+fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt.
+
+»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone.
+
+Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem
+verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken
+musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt,
+denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr
+wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus,
+welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte, und trat ein:
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über die Brust
+verschränkte und mich verbeugte.
+
+»Sal -- --«
+
+Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann:
+
+»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?«
+
+»So ist es.«
+
+»Sind die Nemsi Moslemim?«
+
+»Nein. Sie sind Christen.«
+
+»Und dennoch wagst du den Gruß der Moslemim!«
+
+»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein Liebling des Padischah
+-- Gott beschirme ihn! -- Soll ich dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen,
+die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?«
+
+»Du bist kühn, Fremdling!«
+
+Es war ein eigentümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der
+Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht
+wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und
+Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die
+rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit
+Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung
+bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an
+seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von
+Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der
+kostbarsten, die ich je gesehen hatte.
+
+Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte,
+fragte er weiter:
+
+»Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen lassen?«
+
+»Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und die anderen Konsuln sind
+mir ebenso fremd wie du selbst. Ein Konsul kann mich nicht besser und
+schlechter machen, als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du
+brauchst mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.«
+
+»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob du ein
+sehr großer Mann seist!«
+
+»Würde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?«
+
+Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch
+gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte.
+
+»Wie heißest du?«
+
+»Hasredin[177], ich habe verschiedene Namen.«
+
+ [177] Hoheit.
+
+»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur _einen_ Namen hat!«
+
+»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei
+jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.«
+
+»So hast du viele Länder und viele Völker gesehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Nenne die Völker!«
+
+»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler -- --«
+
+Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich
+aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte
+größer. Endlich aber platzte er heraus:
+
+»Hei-hei![178] Giebt es so viele Völker auf der Erde?«
+
+ [178] Ausruf der Verwunderung.
+
+»Noch viel, viel mehr!«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie
+Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst du so viele
+Länder besucht haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der Nemsi
+gingst?«
+
+»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja[179]
+kam.«
+
+ [179] Amerika.
+
+»Und was bist du?«
+
+»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.«
+
+»Was schreibst du da?«
+
+»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.«
+
+»Kommen in diesen Chaberler[180] auch die Männer vor, mit denen du
+zusammentriffst?«
+
+ [180] Zeitungen.
+
+»Nur die vorzüglichsten.«
+
+»Auch ich?«
+
+»Auch du.«
+
+»Was würdest du über mich schreiben?«
+
+»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch
+nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.«
+
+»Und wer liest das?«
+
+»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.«
+
+»Auch Paschas und Fürsten?«
+
+»Auch sie.«
+
+In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von
+Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz
+unwillkürlich auf.
+
+»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.«
+
+»Dein Arzt?« fragte ich verwundert.
+
+»Ja. Hast du einmal Disch aghrisi[181] gehabt?«
+
+ [181] Zahnschmerzen.
+
+»Als Kind.«
+
+»So weißt du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund
+sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es
+mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den
+Mund nicht zubringen.«
+
+Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich
+beschloß, dies zu benutzen.
+
+»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?«
+
+»Bist du ein Hekim?«
+
+»Bei Gelegenheit.«
+
+»So komm her! Unten rechts!«
+
+Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein.
+
+»Erlaubst du mir, den Zahn zu befühlen?«
+
+»Wenn es nicht wehe thut!«
+
+Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war
+der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen
+Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene
+Operation zu vollenden.
+
+»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?«
+
+»Sechzig.«
+
+»Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich dir den Zahn
+herausnehme, ohne daß es dich schmerzt?«
+
+»Du kannst es nicht!«
+
+»Ich kann es!«
+
+»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst du die Hiebe, die ihm
+erlassen werden.«
+
+Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein.
+
+»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.«
+
+Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück.
+
+Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst -- des
+Hokuspokus wegen -- ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den
+kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern,
+schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte
+meine Hand schnell und schob sie von sich weg.
+
+»Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das
+Ding!«
+
+Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den
+Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein
+alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange
+-- aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen
+aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte
+nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu
+kleinen Mund.
+
+»Paß auf, ob es wehe thut! Bir -- iki -- itsch -- eins, zwei, drei! Hier
+ist der Ungehorsame, welcher dir solche Schmerzen bereitet hat!« Ich gab
+ihm den Zahn.
+
+Er sah mich ganz erstaunt an.
+
+»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!«
+
+»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!«
+
+Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er
+überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei.
+
+»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich dich nennen?«
+
+»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.«
+
+»Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?«
+
+»Hm! Unter Umständen!«
+
+Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien.
+
+»Frage überall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen hat!«
+
+Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt selbst
+Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig
+geworden war.
+
+»Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?« fragte er.
+
+»Weil sie mich beschimpften.«
+
+»Erzähle!«
+
+Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann
+drohend seine Hand.
+
+»Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du mußtest sofort
+kommen. Danke Allah, daß er dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen
+herauszunehmen!«
+
+»Was hättest du mir gethan?«
+
+»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.«
+
+»Bestraft? Das hättest du nicht gethan!«
+
+»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?«
+
+»Der Großherr selbst.«
+
+»Der Großherr?« fragte er verblüfft.
+
+»Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß
+deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst du, daß es nicht
+notwendig sei, dieses Tirscheh[182] zu berücksichtigen? Hier nimm und
+lies!«
+
+ [182] Pergament.
+
+Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen
+hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz.
+
+»Ein Bu-djeruldi des Großherrn -- Allah segne ihn!«
+
+Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück.
+
+»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst du dazu?«
+
+»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du dazu, o Pascha?«
+
+»Wirklich, du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes,
+weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.«
+
+»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn
+über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubnis gegeben, alle
+seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen
+darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.«
+
+Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze
+dich!«
+
+Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife
+zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen.
+
+Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte.
+Dann saßen wir rauchend und trinkend beieinander, als ob wir ein paar
+alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und
+um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden
+arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen
+nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und fragte:
+
+»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?«
+
+»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der eine.
+
+»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn
+sogar einen Ungläubigen genannt!«
+
+»Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.«
+
+»Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!«
+
+»Herr, du hast -- -- --«
+
+»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?«
+
+»Nein, o Pascha.«
+
+»Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein
+jeder von euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es
+draußen!«
+
+Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich.
+Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen
+gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen.
+
+»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist
+erhaben, aber deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller
+Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und du
+wirst deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!«
+
+Ȇber diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso,
+als ob sie mich beleidigt hätten?«
+
+»Herr, du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der
+Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten
+fort. Man wird im Abendlande deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß du
+meine Bitte erfüllt hast.«
+
+»Diese Hunde sind es nicht wert, daß wir ihnen vergeben; aber damit du
+siehst, daß ich dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein.
+Packt euch fort, und laßt euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht
+sehen!«
+
+Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:
+
+»In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?«
+
+»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu dir.«
+
+Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht
+sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei.
+
+»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von
+Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß du ihn eingeschlagen
+hast!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten und von ihnen ermordet
+worden wärest.«
+
+Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg!
+
+»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?« fragte ich.
+
+»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren
+treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich
+bereits begonnen, sie zu vernichten.«
+
+»Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?«
+
+»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.«
+
+Diese »besseren Dinge« waren leicht zu erraten: Ausrauben der
+Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.
+
+»Ah, ich errate!«
+
+»Was errätst du?«
+
+»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er
+sie untereinander entzweit!«
+
+»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es
+wirklich so gemacht.«
+
+»Ist es gelungen?«
+
+»Schlecht! Und weißt du, wer die Schuld daran trägt?«
+
+»Wer?«
+
+»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die tapfersten
+unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das
+Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen
+sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche
+den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getötet oder
+gefangen genommen. Sie haben den größten Teil ihrer Herden verloren und
+müssen Tribut zahlen.«
+
+»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?«
+
+»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tötet des
+Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine
+Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer der Hölle.«
+
+»Kannst du seiner nicht habhaft werden?«
+
+»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden.
+Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist
+ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.«
+
+Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine
+Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank.
+
+»Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?«
+
+»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu
+spät war. Die Haddedihn hatten die Herden bereits weggenommen.«
+
+»Du wirst sie bestrafen?«
+
+»Ja.«
+
+»Sogleich?«
+
+»Ich wollte, aber ich muß ihnen leider noch eine Frist gewähren,
+obgleich ich meine Truppen bereits vollständig zusammengezogen habe.
+Warst du schon in den Ruinen von Kufjundschik?«
+
+»Nein.«
+
+»Dort ist alles Militär versammelt, welches gegen die Schammar ziehen
+sollte; jetzt aber werde ich die Leute nach einem andern Ort schicken.«
+
+»Darf ich fragen, wohin?«
+
+»Das ist mein Geheimnis, und niemand darf es erfahren. Du weißt wohl
+auch, daß diplomatische Heimlichkeiten sehr streng bewahrt werden
+müssen.«
+
+Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem Auftrage fortgeschickt
+hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten ausfindig zu machen. Ich
+suchte ihm das Ergebnis seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es
+war mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfuße oder mit dem
+Zangenungetüm in die Zahnpalisaden eines Arnauten Bresche reißen zu
+müssen -- und zwar schmerzlos, wie es jedenfalls verlangt wurde.
+
+»Nun?« fragte der Gouverneur.
+
+»Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden, welcher an Disch
+aghrisi leidet!«
+
+»Auch du selbst leidest nicht daran?«
+
+»Nein.«
+
+Mir wurde das Herz leicht. Der liebenswürdige Pascha wandte sich
+bedauernd zu mir:
+
+»Es ist schade! Ich wollte dir Gelegenheit geben, deine Kunst bewundern
+zu lassen. Aber vielleicht findet sich morgen oder übermorgen einer.«
+
+»Morgen und übermorgen werde ich nicht mehr hier sein.«
+
+»Nicht? Du mußt bleiben. Du sollst in meinem Palast wohnen und so
+bedient werden wie ich. -- Gehe!«
+
+Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder entfernte. Ich
+antwortete:
+
+»Und doch muß ich für jetzt fort, werde aber wiederkommen.«
+
+»Wohin willst du gehen?«
+
+»Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.«
+
+»Wie weit?«
+
+»Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura Schina oder gar bis
+nach Dschulamerik.«
+
+»Was willst du dort?«
+
+»Ich will sehen, was es dort für Menschen giebt und welche Pflanzen und
+Kräuter in jenen Gegenden wachsen.«
+
+»Und warum soll dies so bald geschehen, daß du nicht einige Tage bei mir
+bleiben kannst?«
+
+»Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.«
+
+»Die Menschen dort oben brauchst du nicht kennen zu lernen. Es sind
+kurdische Räuber und einige Dschesidi, welche Allah verdammen wolle!
+Aber die Kräuter? Wozu? Ah, du bist ein Hekim und brauchst Kräuter! Aber
+hast du nicht daran gedacht, daß die Kurden dich vielleicht töten
+werden?«
+
+»Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei ihnen.«
+
+»Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?«
+
+»Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute Büchse, und -- -- ich
+habe ja auch dich, o Pascha!«
+
+»Mich?«
+
+»Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?«
+
+»Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines Bezirkes. Ich habe
+dort Kanonen und eine Besatzung von dreihundert Albanesen.«
+
+»Amadijah muß eine sehr starke Festung sein!«
+
+»Nicht nur stark, sondern völlig uneinnehmbar. Sie ist der Schlüssel
+gegen das Land der freien Kurden. Aber auch die unterworfenen Stämme
+sind widerspenstig und schlimm.«
+
+»Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir deinen Schutz gewähren.
+Das ist die Bitte, deretwegen ich zu dir kam.«
+
+»Sie soll dir gewährt sein, doch unter einer Bedingung.«
+
+»Welche?«
+
+»Du kommst wieder zurück und wirst mein Gast.«
+
+»Ich nehme diese Bedingung an.«
+
+»Ich werde dir zwei Khawassen mitgeben, welche dich bedienen und
+beschützen sollen. Weißt du auch, daß du durch das Land der Dschesidi
+kommst?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Das ist ein böses, ungehorsames Volk, dem man die Zähne zeigen soll.
+Sie beten den Teufel an, löschen die Lichter aus und trinken Wein.«
+
+»Ist letzteres gar so schlimm?«
+
+Er sah mich von der Seite forschend an.
+
+»Trinkst du Wein?«
+
+»Sehr gern.«
+
+»Hast du Wein bei dir?«
+
+»Nein.«
+
+»Ich dachte, du hättest solchen, dann -- -- dann -- -- -- hätte ich dich
+vor deiner Abreise einmal besucht.«
+
+Um dies hören zu dürfen, mußte ich bereits sein Vertrauen einigermaßen
+gewonnen haben. Ich konnte mir dies zu nutze machen und sagte also:
+
+»Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.«
+
+»Auch solchen, welcher spritzt?«
+
+Er meinte jedenfalls Champagner.
+
+»Hast du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?«
+
+»O nein! Weißt du nicht, daß der Prophet verboten hat, Wein zu trinken?
+Ich bin ein treuer Anhänger des Kuran!«
+
+»Ich weiß es. Aber man kann solchen Spritzwein künstlich machen, und
+dann ist es kein eigentlicher Wein!«
+
+»Du kannst spritzenden Wein machen?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber dies dauert lange Zeit -- vielleicht einige Wochen oder gar einige
+Monate?«
+
+»Es dauert nur einige Stunden.«
+
+»Willst du mir einen solchen Trank machen?«
+
+»Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge, welche dazu nötig
+sind.«
+
+»Was brauchst du?«
+
+»Flaschen.«
+
+»Die habe ich.«
+
+»Zucker und Rosinen.«
+
+»Bekommst du von mir.«
+
+»Essig und Wasser.«
+
+»Hat mein Mudbachdschi[183].«
+
+ [183] Koch.
+
+»Und dann einiges, was man nur in der Apotheke bekommt.«
+
+»Gehört es zu den Ilatschlar[184]?«
+
+ [184] Arzneien.
+
+»Ja.«
+
+»Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst du noch etwas?«
+
+»Nein. Aber du müßtest mir erlauben, den Wein in deiner Küche zu
+bereiten.«
+
+»Darf ich zusehen, damit ich es lerne?«
+
+»Das ist fast unmöglich, o Pascha. Wein zu bereiten, den ein Moslem
+trinken darf, Wein, welcher spritzt und die Seele erheitert, das ist ein
+sehr großes Geheimnis!«
+
+»Ich gebe dir, was du verlangst!«
+
+»Ein so wichtiges Geheimnis verkauft man nicht. Nur ein Freund darf es
+erfahren.«
+
+»Bin ich nicht dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich liebe dich und werde
+gern alles gewähren, um was du mich bittest.«
+
+»Ich weiß es, o Pascha, und darum sollst du mein Geheimnis erfahren.
+Wie viele Flaschen soll ich dir füllen?«
+
+»Zwanzig. Oder ist es zu viel?«
+
+»Nein. Laß uns in die Küche gehen!«
+
+Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher Unterthan des
+Königs Bacchus. Es wurden andere Pfeifen angezündet, und dann begaben
+wir uns in die Küche.
+
+Die Herren des Vorzimmers machten sehr große Augen, als sie mich mit der
+»Friedenspfeife« so kameradschaftlich an seiner Seite erblickten; er
+aber beachtete sie nicht. Die Küche lag zu ebener Erde und war ein
+hoher, dunkler Raum mit einem ungeheuren Herde, auf welchem über dem
+Feuer ein großer Kessel voll siedenden Wassers hing, das zur Bereitung
+des Kaffees bestimmt war. Unser Eintritt erregte weniger Überraschung
+als vielmehr Entsetzen. Es saßen fünf oder sechs Kerle rauchend am Boden
+und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der Pascha war wohl
+niemals in seiner Küche gewesen, und bei seinem Erscheinen wurden die
+Leute völlig starr vor Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit
+weit geöffneten Augen an.
+
+Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben mit Fußtritten
+und rief:
+
+»Auf, ihr Faulenzer, ihr Sklaven! Kennt ihr mich nicht, daß ihr sitzen
+bleibt, als ob ich einer euresgleichen sei?«
+
+Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder, ihm zu Füßen.
+
+»Habt ihr heißes Wasser?«
+
+»Dort kocht es, Herr,« antwortete einer, welcher der Koch zu sein
+schien; denn er war der dickste und schmutzigste von allen.
+
+»Hole Rosinen, du Lümmel!«
+
+»Wie viele?«
+
+»Wie viel brauchst du?« fragte er mich.
+
+Ich prüfte die Menge des Wassers und wies dann auf ein leeres Gefäß.
+
+»Diesen Krug dreimal voll.«
+
+»Und Zucker?«
+
+»Noch einmal so viel.«
+
+»Und Essig?«
+
+»Vielleicht den zehnten Teil.«
+
+»Habt ihr's gehört, ihr Scheusale? Packt euch!«
+
+Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien. Ich ließ die
+Rosinen waschen und that dann alles in das kochende Wasser. Ein
+abendländischer Champagnerfabrikant hätte meine Brauerei belacht, ich
+aber hatte keine Zeit und mußte die Sache so kurz wie möglich machen, um
+das chemische Gedächtnis des edlen Pascha nicht mit allzu vielen
+Prozeduren zu beschweren.
+
+»Nun in die Apotheke!« bat ich ihn.
+
+»Komm!«
+
+Er schritt voran und führte mich in ein Gemach, welches auch zu ebener
+Erde war. In demselben lag der arme Hekim mit verbundenen Füßen am
+Boden. Auch ihm gab der Pascha einen Fußtritt.
+
+»Steh auf, Widerwärtiger, und erzeige mir und diesem großen Effendi die
+Ehre, die uns gebührt. Danke ihm, denn er hat für dich gebeten, daß ich
+dir deine Portion Hiebe erließ. Wisse, du Nichtsnutz, daß er mir den
+Zahn herausgenommen hat, ohne daß ich es fühlte. Ich gebiete dir, ihm zu
+danken!«
+
+O, welches Vergnügen, der Leibarzt eines Pascha zu sein! Dieser arme
+Schlucker warf sich vor mir nieder und küßte mir den Saum meines alten
+Haïk. Dann fragte der Pascha:
+
+»Wo ist die Apotheke?«
+
+Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten.
+
+»Hier, o Pascha!«
+
+»Öffne!«
+
+Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand Düten, Blättern,
+Büchsen, Amuletten, Pflasterstangen und sonstigem Zeug zu sehen, dessen
+Charakter und Bestimmung mir vollständig unbekannt war. Ich fragte nach
+kohlensaurem Natron und Weinsteinsäure. Von dem ersteren war genug, von
+letzterer aber ganz wenig vorhanden; doch genügte es.
+
+»Hast du alles?« fragte mich der Pascha.
+
+»Ja.«
+
+Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot ihm:
+
+»Besorge von diesen beiden Sachen eine größere Menge und merke dir ihre
+Namen. Ich brauche sie sehr notwendig, falls ein Pferd krank wird. Wenn
+du die Namen vergissest, erhältst du fünfzig wohlgezählte Hiebe!«
+
+Wir kehrten in die Küche zurück. Es wurden Flaschen, Lack, Draht und
+kaltes Wasser beigeschafft, und dann jagte der Gouverneur alle
+Anwesenden hinaus. Kein Mensch außer ihm sollte, wenn auch nur
+teilweise, Mitwisser des großen Geheimnisses werden, einen Wein zu
+bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten Moslem ohne
+Gewissensbisse getrunken werden könne.
+
+Dann kochten, brauten, kühlten, füllten, pfropften und siegelten wir,
+daß ihm der Schweiß vom Angesichte troff, und als wir endlich fertig
+waren, durften die Diener wieder eintreten, um die Flaschen an den
+kühlsten Ort des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur
+Prüfung mit und trug sie mit höchsteigener Hand durch das Vorzimmer in
+sein Gemach, wo wir uns wieder niederließen.
+
+»Wollen wir trinken?« fragte er.
+
+»Er ist noch nicht abgekühlt genug.«
+
+»Wir trinken ihn warm.«
+
+»So schmeckt er nicht.«
+
+»Er muß!«
+
+Natürlich mußte er, denn der Pascha gebot es ja! Dieser ließ zwei Gläser
+bringen, verbot jedermann, selbst dem Meldenden, den Eintritt und löste
+den Draht.
+
+Puff! -- Der Stöpsel flog an die Decke.
+
+»Allah il Allah!« rief er erschrocken.
+
+Gischtend schoß der Kunstwein aus der Flasche. Ich wollte mein Glas
+schnell unterhalten.
+
+»Maschallah! Er spritzt wirklich!«
+
+Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals der Flasche zwischen die
+Lippen. Sie war fast leer, als er wieder absetzte und den Finger in die
+Öffnung steckte, um sie zu verschließen.
+
+»Saltanatly -- prächtig! Höre, mein Freund, ich liebe dich! Dieser Wein
+ist sogar besser, als das Wasser vom Brunnen Zem-Zem!«
+
+»Findest du dies?«
+
+»Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser Hawus Kewser, welches man
+im Paradiese trinken wird. Ich werde dir nicht zwei, sondern vier
+Khawassen mitgeben.«
+
+»Ich danke dir! Hast du dir genau gemerkt, wie man diesen Wein
+bereitet?«
+
+»Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!«
+
+Ohne an mich oder daran zu denken, daß zwei Gläser vorhanden seien,
+setzte er die Flasche wieder an den Mund und nahm sie erst dann hinweg,
+als sie leer war.
+
+»Bom bosch! Sie ist versiecht. Warum ist sie nicht größer gewesen!«
+
+»Merkst du nun, wie kostbar mein Geheimnis war?«
+
+»Beim Propheten, ich merke es! O, ihr Nemsi seid sehr kluge Leute! Aber
+erlaube mir, dich einmal zu verlassen!«
+
+Er erhob sich und verließ das Zimmer. Als er nach einer Weile
+zurückkehrte, trug er etwas unter seinem Kaftan verborgen. Als er sich
+gesetzt hatte, zog er es hervor. Es waren -- zwei Flaschen. Ich lachte.
+
+»Du hast sie selbst geholt?« fragte ich.
+
+»Kendi -- selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist, darf niemand anrühren
+außer mir. Ich habe es unten befohlen, und wer von jetzt an die Flasche
+nur betastet, den lasse ich zu Tode peitschen!«
+
+»Du willst noch trinken?«
+
+»Sollte ich nicht? Ist dieses Getränk nicht köstlich?«
+
+»Aber ich sage dir, daß dieser Wein erst dann den rechten Geschmack
+haben wird, wenn er kalt geworden ist.«
+
+»Wie muß er dann schmecken, wenn er jetzt schon so köstlich ist! Preis
+sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker und Arzneien wachsen läßt, um das
+Herz seiner Gläubigen zu erquicken!«
+
+Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene drückte die höchste
+Wonne aus, und als die zweite Flasche leer war, meinte er:
+
+»Freund, dir kommt keiner gleich, weder ein Gläubiger noch ein
+Ungläubiger. Vier Khawassen sind für dich zu wenig; du sollst sechs
+haben!«
+
+»Deine Güte ist groß, o Pascha; ich werde sie zu rühmen wissen!«
+
+»Wirst du auch erzählen von dem, was ich jetzt getrunken habe?«
+
+»Nein, darüber werde ich schweigen; denn ich werde auch das nicht
+sagen, was ich getrunken habe.«
+
+»Maschallah, du hast recht! Ich trinke, ohne an dich zu denken. Reiche
+mir dein Glas, ich werde diese Flasche noch öffnen.«
+
+Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es schmeckte genau so, wie
+ungekühltes Sodawasser mit Rosinenbrühe und Zucker schmecken muß; für
+den anspruchslosen Gaumen des Pascha mußte es ein Genuß sein.
+
+»Weißt du,« sagte er und that wieder einen langen Zug, »daß sechs
+Khawassen für dich noch immer zu wenig sind? Du sollst zehn bekommen!«
+
+»Ich danke dir, o Pascha!«
+
+Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen, meine Reise mit
+einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten, und das konnte mir unter
+Umständen außerordentlich hinderlich werden.
+
+»Also du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,« berührte er das alte
+Thema. »Kennst du ihre Sprache?«
+
+»Es ist die kurdische?«
+
+»Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur wenige von ihnen arabisch.«
+
+»Ich kenne ihn nicht.«
+
+»So werde ich dir einen Dolmetscher mitgeben.«
+
+»Vielleicht ist dies unnötig. Das Kurdische ist dem Persischen verwandt,
+und dieses verstehe ich.«
+
+»Ich verstehe beides nicht, und du mußt am besten wissen, ob du einen
+Dragoman brauchst. Aber halte dich in ihrem Lande ja nicht lange auf.
+Ruhe dich bei ihnen nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell
+hindurch.«
+
+»Warum?«
+
+»Es könnte dir sonst etwas Schlimmes passieren.«
+
+»Was?«
+
+»Das ist mein Geheimnis. Ich sage dir nur, daß dir grad die
+Schutzwache, welche ich dir mitgebe, gefährlich werden könnte. Trink!«
+
+Dies war bereits das zweite Geheimnis, welches er berührte.
+
+»Deine Leute können mich nur bis Amadijah begleiten?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.«
+
+»Welches Gebiet kommt dann?«
+
+»Das Gebiet der Kurden von Berwari.«
+
+»Wie heißt die Hauptstadt derselben?«
+
+»Die Residenz ist das feste Schloß Gumri, auf dem ihr Bey wohnt. Ich
+werde dir einen Brief an ihn mitgeben; aber ob das Schreiben eine gute
+Wirkung hat, das kann ich dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter
+hast du?«
+
+»Einen Diener.«
+
+»Nur einen? Hast du gute Pferde?«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist gut für dich, denn vom Pferde hängt sehr oft die Freiheit und
+das Leben des Reiters ab. Und es wäre sehr schade, wenn dir ein Unglück
+geschähe; denn du warst der Besitzer eines sehr schönen Geheimnisses und
+hast es mir offenbart. Aber ich will dir auch dankbar sein. Weißt du,
+was ich für dich thun werde?«
+
+»Was?«
+
+Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner wohlwollendsten
+Miene:
+
+»Weißt du, was der Disch-parassi ist?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Nun?«
+
+»Es ist eine Steuer, welche nur du allein zu fordern hast.«
+
+Ich drückte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der Disch-parassi, die
+»Zahnvergütung«, ist eine Abgabe an Geld, welche überall erhoben wird,
+wo der Pascha auf seinen Reisen anhält, und zwar dafür, daß er sich
+seine Zähne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die ihm die
+betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern müssen.
+
+»Du hast es erraten,« meinte er. »Ich werde dir eine Schrift mitgeben,
+in welcher ich befehle, dir überall, wohin du kommst, den Disch-parassi
+auszuzahlen, grad als ob ich es sei. Wann willst du abreisen?«
+
+»Morgen früh.«
+
+»Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben sogleich
+ausfertigen zu lassen!«
+
+Er stand auf und verließ das Zimmer. Da der Schwarze ihm die Pfeife
+nachtragen mußte, so blieb ich allein zurück. Neben dem Pascha hatten
+einige Papiere gelegen, mit denen er sich vor meinem Erscheinen
+beschäftigt haben mochte. Schnell griff ich zu und öffnete eines. Es war
+ein Plan des Thales von Scheik Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht
+mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich konnte diesen Gedanken
+nicht weiter verfolgen, denn der Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen
+Befehl erschien sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben
+diktierte: eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten der
+Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberhäupter und sonstigen
+Behörden, und darin hieß es, daß ich das Recht habe, den Disch-parassi
+zu erheben, und die Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen
+sollten, als ob der Pascha sie selbst stelle.
+
+Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit in Mossul war
+über Erwartung vollständig erreicht, und dieses Wunder hatte außer
+meinem furchtlosen Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht.
+
+»Bist du mit mir zufrieden?« fragte er.
+
+»Unendlich, o Pascha. Deine Güte will mich mit Wohlthaten erdrücken!«
+
+»Danke mir nicht jetzt, sondern später.«
+
+»Ich wünsche, daß ich es einst vermag!«
+
+»Du vermagst es!«
+
+»Wodurch?«
+
+»Das kann ich dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht nur ein Hekim,
+sondern auch ein Offizier.«
+
+»Weshalb vermutest du dies?«
+
+»Ein Hekim oder ein Mann, der Bücher schreibt, würde es nicht wagen,
+mich ohne die Begleitung eines Konsuls zu besuchen. Du hast ein
+Bu-djeruldi des Großherrn, und ich weiß, daß der Padischah zuweilen
+fremde Offiziere kommen läßt, die seine Länder bereisen müssen, um ihm
+dann militärischen Bericht zu erstatten. Gestehe es, du bist ein
+solcher!«
+
+Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vorteil sein, und es wäre sehr
+unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen. Ich wollte aber auch nicht
+lügen und darum drechselte ich folgende diplomatische Phrasen:
+
+»Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn du weißt, daß der Padischah
+solche fremde Offiziere sendet, so hast du wohl auch gehört, daß dies
+meist im geheimen geschieht. Dürfen sie dieses Geheimnis verraten?«
+
+»Nein. Ich will dich gar nicht dazu bereden, aber du wirst mir dafür
+dankbar sein. Das ist es, was ich vorhin meinte.«
+
+»Womit kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?«
+
+»Wenn du aus den Bergen von Kurdistan zurückkehrst, werde ich dich zu
+den Arabern von Schammar senden, besonders zu den Haddedihn. Du sollst
+ihre Gebiete bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.«
+
+»Ah!«
+
+»Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner Leute. Ich weiß,
+daß die Offiziere der Franken klüger sind als die unsrigen, obgleich ich
+selbst ein Oberst gewesen bin und dem Padischah große Dienste geleistet
+habe. Ich würde dich ersuchen, dir die Gegenden der Dschesidi anzusehen;
+aber dazu ist es schon zu spät. Ich habe von ihnen bereits das, was ich
+brauche.«
+
+Diese Worte gaben mir die Überzeugung, daß ich vorhin ganz richtig
+vermutet hatte. Die in Kufjundschik versammelten Truppen standen bereit,
+über die Teufelsanbeter herzufallen. Er fuhr fort:
+
+»Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und nicht etwa warten bis
+zu dem Tage, an welchem sie ihr großes Fest feiern.«
+
+»Welches Fest?«
+
+»Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres Scheik Adi gefeiert.
+Hier hast du deine Schreiben. Allah sei bei dir! Zu welcher Zeit wirst
+du morgen früh die Stadt verlassen?«
+
+»Zur Zeit des ersten Gebetes.«
+
+»Die zehn Khawassen sollen dann in deiner Wohnung sein.«
+
+»Herr, ich habe an zweien genug.«
+
+»Das verstehst du nicht. Zehn sind besser als zwei; das merke dir. Du
+sollst fünf Arnauten und fünf Baschi erhalten. Kehre bald zurück und
+vergiß nicht, daß ich dir meine Liebe geschenkt habe!«
+
+Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging erhobenen Hauptes
+aus dem Hause, welches ich vor einigen Stunden als halber Gefangener
+betreten hatte. Als ich meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in
+Waffen.
+
+»Preis sei Allah, daß du kommst, Sihdi!« begrüßte er mich. »Wärst du
+beim Untergang der Sonne noch nicht hier gewesen, so hätte ich mein
+Wort gehalten und den Pascha erschossen!«
+
+»Das muß ich mir verbitten; der Pascha ist mein Freund!«
+
+»Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des Menschen sein!«
+
+»Ich habe ihn gezähmt.«
+
+»Maschallah! Dann hast du ein Wunder gethan. Wie ist dies gekommen?«
+
+»Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen unter seinem Schutze
+und werden zehn Khawassen erhalten, die uns begleiten.«
+
+»Das ist gut!«
+
+»Vielleicht auch nicht! Außerdem hat er mir Empfehlungsbriefe gegeben
+und das Recht, den Disch-parassi zu erheben.«
+
+»Allah akbar, so bist du ja auch Pascha geworden! Aber sage, Sihdi, wer
+hat zu gehorchen: ich den Khawassen oder sie mir?«
+
+»Sie dir, denn du bist nicht ein Diener, sondern Hadschi Halef Omar
+Agha, mein Begleiter und Beschützer.«
+
+»Das ist gut, und ich sage dir, daß sie mich kennen lernen sollen, wenn
+es ihnen einfällt, mir die Achtung zu verweigern!«
+
+Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am nächsten Morgen mit dem Grauen
+des Tages sich erhob und den Kopf zur Thüre hinausstreckte, wurde er von
+zehn Männern begrüßt, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er weckte
+mich sofort, und ich beeilte mich natürlich, meine Herren Beschützer in
+Augenschein zu nehmen.
+
+Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, fünf Arnauten und fünf
+Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gewöhnliche Kleidung des türkischen
+Militärs. Die Arnauten hatten purpurne Sammetoberwesten, grüne, mit
+Sammet besetzte Unterwesten, breite Schärpen, rote Beinkleider mit
+metallenen Schienen, rote Turbans und trugen so viele Waffen an sich,
+daß man mit ihren Messern und Pistolen eine dreimal zahlreichere Schar
+hätte bewaffnen können. Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk
+Emini[185] und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi[186]
+kommandiert.
+
+ [185] Fourier oder Schreiber einer Compagnie.
+
+ [186] Befehlshaber von zehn Mann.
+
+Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er ritt kein Pferd, sondern
+einen Esel, und trug das Zeichen seiner Würde -- ein ungeheures Tintenfaß
+-- an einem Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige Dutzend
+Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes Männchen, dem die Nase fehlte;
+desto größer aber war der Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe
+herabhing. Seine Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, daß
+die Haut kaum zuzulangen schien, und für die Augen blieb nur so viel
+Raum zum Öffnen übrig, als notwendig war, einen kleinen Lichtstrahl in
+das Gehirn des Mannes gelangen zu lassen.
+
+Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm, diese tapferen
+Helden damit zu begrüßen. Er trat hinaus zu ihnen, und ich stellte mich
+so, daß ich den Vorgang beobachten konnte.
+
+»Sabahiniz chajir -- guten Morgen, ihr wackeren Streiter! Seid uns
+willkommen!«
+
+»Sabahiniz chajir -- guten Morgen!« erwiderten alle zugleich.
+
+»Ihr seid gekommen, den berühmten Kara Ben Nemsi auf seiner Reise zu
+begleiten?«
+
+»Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.«
+
+»So will ich euch sagen, daß mein Name Hadschi Agha Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist; ich bin der
+Reisemarschall und Agha dessen, den ihr begleiten sollt, und ihr habt
+also meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der Befehl, den
+euch der Pascha gegeben hat?«
+
+Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer solchen Fistelstimme, daß
+es klang, als höre man eine alte, eingerostete #F#-Trompete blasen:
+
+»Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah segnen möge, und heiße
+Ifra. Merke dir diesen Namen! Der Pascha, dessen treuester Diener ich
+bin, hat mir dieses Tintenfaß und diese Federn nebst vielem Papier
+gegeben, um alles aufzuschreiben, was euch und uns begegnet. Ich bin der
+tapfere Führer dieser Leute und werde euch beweisen, daß -- -- --«
+
+»Schweig, Eschekun-atli!«[187] unterbrach ihn der Onbaschi, indem er
+sich den gewaltigen Bart strich. »Was bist du? Unser Anführer? Du Zwerg!
+Du Herr des Tintenfasses und der Gänse, von denen deine Federn sind, das
+bist du, aber weiter nichts!«
+
+ [187] Eselsreiter.
+
+»Was? Ich bin Buluk Emini und heiße Ifra. Meine Tapferkeit -- -- --«
+
+»Schweig, sage ich dir! Deine Tapferkeit wächst in den Füßen deines
+Esels, den Allah verbrennen möge; denn diese Kreatur hat die armselige
+Angewohnheit, des Tages durchzugehen und des Nachts den Himmel
+anzubrüllen. Wir kennen dich und deinen Esel, aber dennoch ist es sehr
+ungewiß, wer von euch der Buluk Emini und wer der Esel ist!«
+
+»Wahre deine Zunge, Onbaschi! Weißt du nicht, daß ich so tapfer bin,
+daß ich mich im Kampfe sogar dahin gewagt habe, wo man die Nasen abhaut?
+Blicke meine Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und du wirst
+staunen über die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten habe! Oder
+weißt du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte von dem Verluste
+meiner Nase? So höre! Es war damals, als wir vor Sebastopol gegen die
+Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgewühle und erhob
+soeben meinen Arm, um -- -- --«
+
+»Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal gehört!« -- Und
+sich zu Halef wendend, fuhr er fort: »Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir
+haben gehört, daß der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und das
+gefällt uns; wir haben ferner gehört, daß er sich unserer Aghas
+angenommen hat, und das gefällt uns noch mehr. Wir werden ihn beschützen
+und ihm dienen, und er soll mit uns zufrieden sein!«
+
+»So frage ich noch einmal, welche Befehle euch der Pascha gegeben hat.«
+
+»Er hat uns befohlen, dafür zu sorgen, daß der Emir wie der beste
+Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen werde.«
+
+»So werden wir überall unentgeltlich Obdach und Nahrung erhalten?«
+
+»Alles, was ihr braucht, und auch wir.«
+
+»Hat er euch auch gesagt von dem Disch-parassi?«
+
+»Ja.«
+
+»Der wird in barem Gelde einkassiert?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie hoch beläuft er sich?«
+
+»So hoch, wie der Emir es will.«
+
+»Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie die Sonne, und seine
+Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr sollt es gut haben bei uns. Seid ihr
+ganz bereit, die Reise anzutreten?«
+
+»Ja.«
+
+»Habt ihr zu essen?«
+
+»Für einen Tag.«
+
+»Aber keine Zelte!«
+
+»Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend eine gute Wohnung
+bekommen.«
+
+»Wißt ihr, daß wir durch das Land der Dschesidi gehen werden?«
+
+»Wir wissen es.«
+
+»Fürchtet ihr euch vor den Teufelsanbetern?«
+
+»Fürchten? Agha Halef Omar, hast du vielleicht einmal gehört, daß ein
+Arnaute sich gefürchtet hat? Oder ist vielleicht ein Merd-es-Scheïtan,
+ein Mann des Teufels, der Scheïtan selbst? Sage dem Emir, daß wir bereit
+sind, ihn zu empfangen!«
+
+Nach einer Weile ließ ich mein Pferd vorführen und trat hinaus. Die zehn
+Mann standen in Achtung vor mir, ein jeder bei dem Kopfe seines Pferdes.
+Ich nickte nur, stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp
+setzte sich in Bewegung.
+
+Wir ritten über die Schiffbrücke hinüber und befanden uns dann am linken
+Ufer des Tigris außerhalb der Stadt Mossul. Dort erst rief ich den
+Onbaschi an meine Seite und fragte ihn dann:
+
+»Wem dienst du jetzt, mir oder dem Pascha?«
+
+»Dir, o Emir.«
+
+»Ich bin mit dir zufrieden. Schicke mir den Buluk Emini her.«
+
+Er ritt zurück, und dann kam der kleine Dicke.
+
+»Dein Name ist Ifra? Ich habe gehört, daß du ein tapferer Krieger bist.«
+
+»Sehr tapfer!« versicherte er mit seiner Trompetenstimme.
+
+»Du kannst schreiben?«
+
+»Sehr gut, sehr schön, o Emir!«
+
+»Wo hast du gedient und gekämpft?«
+
+»In allen Ländern der Erde.«
+
+»Ah! Nenne mir diese Länder.«
+
+»Wozu, Emir? Es würden mehr als tausend Namen sein!«
+
+»So mußt du ein berühmter Buluk Emini sein.«
+
+»Sehr berühmt! Hast du noch nichts von mir gehört?«
+
+»Nein.«
+
+»So bist du sicher in deinem Leben noch nicht aus dem Lande
+fortgekommen, sonst hättest du von meinem Ruhme gehört. Ich muß dir zum
+Beispiel einmal erzählen, wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war
+nämlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da
+stand ich im dichtesten Kampfgewühle und erhob grad meinen Arm -- -- --«
+
+Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls den Geruch des Esels
+nicht ertragen; er schnaubte zornig, sträubte die Mähne und biß nach dem
+Grauen des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem Bisse
+auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und riß aus -- ja, es war keine
+Flucht, sondern ein wirkliches Ausreißen. Es ging über Stock und Stein,
+uns voran; der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem Rücken des
+Esels erhalten, und bald waren beide aus unsern Augen verschwunden.
+
+»So geht es ihm stets!« hörte ich den Onbaschi zu Halef sagen.
+
+»Wir müssen ihm nach,« antwortete dieser; »sonst verlieren wir ihn.«
+
+»Den?« lachte der Arnaut. »Es wäre nicht schade um ihn. Aber sorge dich
+nicht! Es ist ihm schon tausendmal passiert, und niemals ging er
+verloren.«
+
+»Aber warum reitet er diese Bestie?«
+
+»Er muß.«
+
+»Muß? Warum?«
+
+»Der Jüsbaschi[188] will es. Er macht sich einen Spaß mit Ifra und dem
+Esel.«
+
+ [188] Hauptmann, Befehlshaber von hundert Mann.
+
+Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des heiligen Georg
+hindurch waren, sahen wir den Buluk Emini vor uns halten. Er ließ mich
+herankommen und rief bereits von weitem:
+
+»Herr, hast du vielleicht geglaubt, daß der Esel mit mir durchgegangen
+ist?«
+
+»Ich bin überzeugt davon.«
+
+»Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um den Weg zu untersuchen,
+den wir reiten werden. Gehen wir den Khausser entlang, oder reiten wir
+den gewöhnlichen Weg?«
+
+»Wir bleiben auf dem Pfade.«
+
+»So erlaube mir, daß ich dir meine Geschichte später erzähle. Ich werde
+euch jetzt als Wegweiser dienen.«
+
+Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder Flüßchen, welches an den
+nördlichen Ausläufern des Dschebel Maklub entspringt und auf seinem
+Laufe nach Mossul die Ländereien zahlreicher Dörfer bewässert. Wir
+ritten auf einer kleinen Brücke über ihn hinweg und hatten ihn dann
+stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und das Dorf von Khorsabad
+liegen ungefähr sieben Wegstunden nördlich von Mossul. Die Gegend
+besteht aus Marschboden, aus welchem giftige Fieberdünste emporsteigen.
+Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber wohl noch eine gute
+Wegstunde vor uns, als uns ein Trupp von vielleicht fünfzig Arnauten
+entgegen kam. An der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte
+sah ich die weiße Kleidung eines Arabers. Näher gekommen, erkannte ich
+-- -- den Scheik Mohammed Emin.
+
+O wehe! Er war in die Hände dieser Leute gefallen, er, der Feind des
+Pascha, der bereits dessen Sohn gefangen genommen und nach Amadijah
+geschickt hatte. Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich
+gewehrt hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken.
+Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe überrumpelt? Ich mußte alles
+aufbieten, ihn aus dieser gefährlichen Gesellschaft zu bringen. Daher
+blieb ich mitten im Wege halten und ließ den Trupp herankommen.
+
+Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur Seite des Weges auf den
+Boden zu werfen. Halef und ich blieben zu Pferde. Der Anführer trennte
+sich von den andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten.
+Hart vor mir parierte er sein Pferd und fragte, ohne die am Boden
+Liegenden zu beachten:
+
+»Sallam! Wer bist du?«
+
+»Aaleïkum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.«
+
+»Von welchem Stamme?«
+
+»Vom Volke der Nemsi.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Nach dem Osten.«
+
+»Zu wem?«
+
+»Überall hin!«
+
+»Mann, du antwortest sehr kurz! Weißt du, was ich bin?«
+
+»Ich sehe es.«
+
+»So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest du hier?«
+
+»Mit demselben Rechte, mit welchem du hier reitest!«
+
+»Tallahi, bei Gott, du bist sehr kühn! Ich reite hier auf Befehl des
+Mutessarif von Mossul; das kannst du dir denken!«
+
+»Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul und des
+Padischah von Konstantinopel; das kannst du dir denken!«
+
+Er öffnete die Augen ein wenig mehr und befahl mir dann:
+
+»Beweise es!«
+
+»Hier!«
+
+Ich gab ihm meine Legitimationen. Er öffnete sie unter den
+vorgeschriebenen Formalitäten und las sie dann. Darauf faltete er sie
+sorgfältig wieder zusammen, gab sie mir zurück und meinte dann in sehr
+höflichem Tone:
+
+»Du trägst selbst die Schuld, daß ich streng zu dir sprach. Du sahst,
+wer ich bin, und hättest mir höflicher antworten sollen!«
+
+»Du trägst selbst die Schuld, daß dies nicht geschehen ist,« antwortete
+ich ihm. »Du sahst meine Begleitung, die mich als einen Mann
+legitimiert, welcher sich der Freundschaft des Mutessarif erfreut, und
+hättest höflicher fragen sollen! -- Grüße deinen Herrn sehr viele Male
+von mir; guten Morgen!«
+
+»Zu Befehl, mein Herr!« antwortete er.
+
+Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen, etwas zur
+Befreiung von Mohammed Emin zu thun, hatte aber gleich beim Anfange des
+Gespräches mit dem Offizier bemerkt, daß dies unnötig sei. Die
+Begleitung desselben war etwas rückwärts hinter ihm halten geblieben und
+hielt ihre Augen mehr auf mich als auf ihren Gefangenen gerichtet.
+Dieser machte sich diesen Umstand sofort zu Nutzen. Er war nur leicht
+gefesselt und saß auf einem schlechten türkischen Pferde. Im letzten
+Gliede des Trupps aber führte man sein vortreffliches Tier, an dessen
+Sattel alle seine Waffen hingen. Ich bemerkte seine glücklichen
+Bemühungen, sich die Hände frei zu machen, und grad in dem Augenblicke,
+an welchem ich das Gespräch abbrach, sprang er mit den Füßen auf den
+Rücken seines Tieres.
+
+»Halef, aufgepaßt!« raunte ich dem Diener zu, welcher ebenso aufmerksam
+beobachtet hatte, wie ich selbst.
+
+»Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!« antwortete er mir.
+
+Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte der Haddedihn einige
+kühne Sprünge von Croupe zu Croupe der hinter ihm haltenden Pferde,
+deren Reiter sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten,
+und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen eigenen
+Renner erreicht, saß im Sattel, riß den Zügel aus der Hand dessen, der
+denselben hielt, und jagte seitwärts von dannen, nicht den Weg hinauf
+oder hinab, sondern stracks auf das Flüßchen zu.
+
+Ein vielstimmiger Schrei der Überraschung und des Grimmes erscholl
+hinter ihm.
+
+»Dein Gefangener flieht,« rief ich dem Anführer zu; »laß uns ihm
+nachjagen!«
+
+Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte dem Flüchtigen
+nach. Halef hielt sich an meiner Seite.
+
+»Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite so, daß sie nicht
+schießen können, ohne uns zu treffen!«
+
+Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann. Zum Glück dachten
+die Verfolger zunächst nur daran, Mohammed Emin einzuholen, und als sie
+sahen, daß sein Pferd den ihrigen überlegen sei, und zu den Waffen
+griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte, bereits zu groß
+geworden. Auch waren ihre Schießgewehre nicht gut zu gebrauchen, da ich
+mit Halef nicht in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen
+Zickzack ritt und dabei mir alle mögliche Mühe gab, mein Pferd als
+störrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und bockte, dann schnellte es
+davon, warf sich mitten im Laufe zur Seite, drehte sich auf den
+Hinterfüßen um seine eigene Achse, schoß eine Strecke weit nach rechts
+oder links und schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte
+Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es, daß die Türken
+nicht schießen konnten, aus Furcht, uns zu treffen.
+
+Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die Fluten des Khausser
+getrieben. Er kam glücklich hinüber, und ich mit Halef auch; aber ehe es
+den anderen gelang, uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen
+bedeutenden Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten Tieren
+vorwärts, immer nach Nordwesten zu, bis wir ungefähr zwei Wegstunden
+zurückgelegt hatten und auf die Straße trafen, welche von Mossul über
+Telkeïf direkt nach Rabban Hormuzd führt und ganz parallel derjenigen
+zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscherraijah und Baadri
+erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn sein Pferd an. Er sah
+nur uns beide, denn die andern waren längst hinter dem Horizonte
+verschwunden.
+
+»Preis sei Gott!« rief er. »Effendi, ich danke dir, daß du ihnen die
+Hände von den Flinten genommen hast! Was thun wir nun, damit sie uns
+verlieren?«
+
+»Wie bist du in ihre Hände gekommen, Scheik?« fragte der kleine Halef.
+
+»Das wird er uns später sagen; jetzt ist keine Zeit dazu,« antwortete
+ich. »Mohammed Emin, kennst du das sumpfige Land, welches zwischen dem
+Tigris und dem Dschebel Maklub liegt?«
+
+»Ich bin einmal durch dasselbe geritten.«
+
+»In welcher Richtung?«
+
+»Von Baascheika und Baazani über Ras al Aïn nach Dohuk hinüber.«
+
+»Ist der Sumpf gefährlich?«
+
+»Nein.«
+
+»Seht ihr dort im Nordost jene Höhe, welche man vielleicht in drei
+Stunden erreichen kann?«
+
+»Wir sehen sie.«
+
+»Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier müssen wir uns
+trennen. Die Straße dürfen wir nicht verfolgen, denn sonst würde man uns
+sehen und unsere Richtung erraten. Wir müssen in den Sumpf, und zwar
+einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen sollten,
+nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.«
+
+»Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?« fragte Halef.
+
+»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich
+als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen
+mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, du gehst hier ab und
+behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der
+Scheik bleibt im Norden: -- jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem
+andern.«
+
+Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab
+und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines
+wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und
+ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten.
+
+Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie
+ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es giebt kein Land
+der Erde, welches so zahlreiche und hohe Rätsel birgt, wie der Boden,
+welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den
+Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem
+Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren
+Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und
+Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind.
+Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer,
+Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten,
+Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer,
+Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: -- ein Angehöriger dieser
+Nationen, Stämme und Sekten kann einem bei jedem Schritte begegnen, und
+wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen
+Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute
+derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der
+Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der
+Blutrache zum Opfer fielen. Hier hängen die menschlichen Wohnungen an
+den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets
+bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das
+System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige
+Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind
+unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den
+christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde
+verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: der
+Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere
+Gottesmänner alles thun und wagen: -- in den kurdischen Bergen fließen
+die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst
+dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die
+Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise
+schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege
+frei sein für die Füße derjenigen, welche »den Frieden predigen und das
+Heil verkündigen«. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen
+können: »Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die
+Bastonnade erhalten hätte.« Und dieser Agha war -- ein strenger
+Mohammedaner.
+
+Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden
+war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die
+Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam
+trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah
+ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem
+ich mich in kurzer Zeit vereinigte.
+
+»Ist dir jemand begegnet?« fragte ich ihn.
+
+»Nein, Sihdi.«
+
+»Es hat dich niemand gesehen?«
+
+»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen
+haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Tier hinter sich herzog.
+Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.«
+
+»Kannst du _den_ dort erkennen?« fragte ich, nach Norden deutend.
+
+»O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!«
+
+»Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten wird er bei uns sein.«
+
+So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei.
+
+»Was nun, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Das wird sich ganz nach dem richten, was du erfahren hast. Bist du
+vielleicht bemerkt worden?«
+
+»Nein. Nur ein Schäfer trieb in weiter Entfernung seine Herde an mir
+vorüber.«
+
+»Wie wurdest du gefangen?«
+
+»Du hattest mich nach den Ruinen von Khorsabad bestellt. Bis heute
+morgen verbarg ich mich in dem südlichen Teile derselben, dann aber
+postierte ich mich dem Wege näher, um dich kommen zu sehen. Hier wurde
+ich von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte mich nicht
+wehren, weil es ihrer zu viele waren, und weshalb sie mich gefangen
+nahmen, das weiß ich nicht.«
+
+»Fragten sie dich nach deinem Stamm und deinem Namen?«
+
+»Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.«
+
+»Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber hätte dich an deiner
+Tättowierung erkannt. Sie nahmen dich gefangen, weil in den Ruinen von
+Kufjundschik die Truppen des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen
+die Schammar zu ziehen.«
+
+Er erschrak und hielt sein Pferd an.
+
+»Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da muß ich sofort umkehren!«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich kenne den Plan des Gouverneur.«
+
+»Welches ist dieser Plan?«
+
+»Der Zug gegen die Schammar ist für jetzt nur eine Maske. Der Mutessarif
+will zunächst die Dschesidi überfallen. Diese sollen das nicht ahnen,
+und daher giebt er vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.«
+
+»Weißt du dies genau?«
+
+»Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen. Ich soll
+zurückkommen und ihm die Weideplätze der Schammar auskundschaften.«
+
+»Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird, so benutzt er
+sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch gegen die Schammar zu
+schicken.«
+
+»Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig werden; darauf kannst
+du dich verlassen. Und dann ist die kurze Frühlingszeit vorüber.«
+
+»Maschallah, was hat der Frühling mit diesem Kriege zu thun, Effendi?«
+
+»Sehr viel. Sobald die heißen Tage kommen, verdorren die Pflanzen, und
+die Ebene trocknet aus. Die Bedawi ziehen sich mit ihren Herden nach den
+Bergen des Schammar oder des Sindschar zurück, und das Heer des
+Gouverneur müßte elend verschmachten.«
+
+»Du hast recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg getrost fortsetzen;
+aber ich kenne ihn nicht.«
+
+»Wir haben rechts die Straße nach Aïn Sifni, links den Weg nach
+Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri aber darf man uns nicht sehen, und
+so wird es zweckmäßig sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten.
+Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns nicht mehr zu
+verbergen.«
+
+»Wie weit haben wir bis Baadri?«
+
+»Drei Stunden.«
+
+»Herr, du bist ein großer Emir. Du bist aus einem weit entfernten Lande
+und kennst diese Gegend besser als ich!«
+
+»Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau nach der Gegend
+erkundigt, durch welche wir reisen müssen. Das ist alles! Jetzt aber
+vorwärts!«
+
+Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden wollten, kaum eine halbe
+Stunde von einander entfernt lagen, glückte es uns doch, unbemerkt zu
+bleiben. Sahen wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links
+hinüber, und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns nach
+rechts. Natürlich leistete mir mein Fernrohr dabei die wichtigsten
+Dienste, und nur ihm allein hatten wir es zu verdanken, daß wir uns
+endlich beim Anblick von Baadri sicher fühlen konnten.
+
+Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel gewesen und also
+ziemlich müde, als wir die Hügelreihe erreichten, an deren Fuße das Dorf
+lag, welches der Wohnplatz des geistlichen Oberhauptes der
+Teufelsanbeter, sowie des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich
+fragte den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem Namen des Bey.
+Er sah mich verlegen an. Ich hatte ganz außer acht gelassen, daß die
+Dschesidi meist nicht arabisch reden.
+
+»Bey nidsche demar -- wie heißt der Bey?« fragte ich türkisch.
+
+»Ali Bey,« antwortete er mir.
+
+»Ol nerde oturar -- wo wohnt er?«
+
+»Gel, seni götirim -- komm, ich werde dich führen!«
+
+Er führte uns bis an ein großes, aus Steinen aufgeführtes Gebäude.
+
+»Itscherde otur -- da drinnen wohnt er,« sagte der Mann; dann entfernte
+er sich wieder.
+
+Das Dorf war außerordentlich belebt. Ich bemerkte außer den Häusern und
+Hütten auch eine Menge Zelte, vor denen Pferde oder Esel angebunden
+waren, und zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge hin
+und her. Diese war so bedeutend, daß unser Kommen gar nicht aufzufallen
+schien.
+
+»Sihdi, schau hierher!« sagte Halef. »Kennst du den?«
+
+Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des Hauses angebunden war.
+Wahrhaftig, es war der Esel unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und
+trat ein. Da scholl mir die dünne Fistelstimme des tapfern Ifra
+entgegen:
+
+»Und du willst mir wirklich keine andere Wohnung geben?«
+
+»Ich habe keine andere,« antwortete eine andere Stimme in sehr trockenem
+Tone.
+
+»Du bist der Kiajah[189]; du mußt eine andere schaffen!«
+
+ [189] Dorfoberhaupt.
+
+»Ich habe dir bereits gesagt, daß ich keine andere habe. Das Dorf ist
+voll von Pilgern; es ist kein Platz mehr leer. Warum führt dein Effendi
+nicht ein Zelt bei sich?«
+
+»Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein großer Bey, der berühmter ist, als
+alle Dschesidenfürsten im Gebirge!«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen fangen.«
+
+»Einen Gefangenen fangen? Bist du toll?«
+
+»Einen entflohenen Gefangenen.«
+
+»Ach so!«
+
+»Er hat einen Firman des Großherrn, einen Firman el Onsul[190], einen
+Firman und viele Briefe des Mutessarif, und hier ist auch meine
+Bescheinigung.«
+
+ [190] Paß des Konsuls.
+
+»Er mag selbst kommen!«
+
+»Was? Er hat den Disch-parassi, und du sagst, er möge selbst kommen! Ich
+werde mit dem Scheik sprechen!«
+
+»Der ist nicht hier.«
+
+»So rede ich mit dem Bey!«
+
+»Gehe hinein zu ihm!«
+
+»Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn, habe
+fünfunddreißig Piaster Monatssold[191] und brauche mich vor keinem
+Kiajah zu fürchten. Hörst du es?«
+
+ [191] Sieben Mark.
+
+»Ja. Fünfunddreißig Piaster für den Monat!« klang es beinahe lustig.
+»Was bekommst du noch?«
+
+»Was noch? Höre es! Zwei Pfund Brot, siebzehn Lot Fleisch, drei Lot
+Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz und anderthalb Lot Zuthaten täglich,
+außerdem auch noch Seife, Öl und Stiefelschmiere. Verstehst du mich? Und
+wenn du über meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe, so werde ich
+dir erzählen, wie sie mir abhanden gekommen ist! Das war damals, als wir
+vor Sebastopol standen; ich befand mich im dicksten Kugelregen,
+und -- -- --«
+
+»Ich habe keine Zeit, dich anzuhören. Soll ich es dem Bey sagen, daß du
+mit ihm reden willst?«
+
+»Sage es ihm. Doch vergiß nicht, zu erwähnen, daß ich mich nicht
+abweisen lasse!«
+
+Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten Unterhaltung. Ich
+trat ein, Mohammed Emin und Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im
+Begriff, eine Thüre zu öffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen
+um.
+
+»Da kommt der Emir selbst,« meinte Ifra. »Er wird dir zeigen, wem du zu
+gehorchen hast!«
+
+Ich wandte mich zunächst zu dem Buluk Emini:
+
+»Du hier! Wie kommst du so ganz allein nach Baadri?«
+
+Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb er mir die
+Antwort nicht schuldig:
+
+»Habe ich dir nicht gesagt, daß ich voranreiten würde, Excellenz?«
+
+»Wo sind die andern?«
+
+»Iflemisch -- verschwunden, verduftet, weggeblasen!«
+
+»Wohin?«
+
+»Ich weiß es nicht, Hoheit.«
+
+»Du mußt es doch gesehen haben!«
+
+»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten alle hinter ihm her,
+auch meine Leute und die Arnauten.«
+
+»Warum du nicht?«
+
+»Benim eschek -- mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich
+doch nach Baadri, um dir Quartier zu machen.«
+
+»Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?«
+
+»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich
+erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.«
+
+Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emins wegen.
+
+»Werden die andern bald nachkommen?«
+
+»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und
+dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege
+des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung,
+verzeichnet.«
+
+»Ist Ali Bey hier?« fragte ich jetzt den Dorfältesten.
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Bu kapu escheri -- hinter dieser Thüre.«
+
+»Ist er allein?«
+
+»Ja.«
+
+»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!«
+
+Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in
+die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd:
+
+»Wer ist dieser Araber?«
+
+»Ein Scheik.«
+
+»Wo kommt er her?«
+
+»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt
+bei uns bleiben.«
+
+»Wer tschok Bakschischler -- giebt er viele Trinkgelder?«
+
+»Bu kadar -- so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger
+emporstreckte.
+
+Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit
+strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der
+Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr
+schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige
+Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug
+eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter
+welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel
+befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit
+war.
+
+»Chosch geldin demek -- seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst
+mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den
+Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken.
+
+»Mazal bujurum sultanum -- vergib mir, Herr, daß ich dein Haus betrete,«
+antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte dich fragen, ob es
+in deinem Gebiete eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe
+legen können.«
+
+Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen
+und erwiderte dann:
+
+»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah
+sagte mir, daß du ein Emir seist.«
+
+»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom
+Abendlande her.«
+
+»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch keinen von
+ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr
+gern kennen lernen möchte.«
+
+»Darf ich dich fragen, warum?«
+
+»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn
+gebracht.«
+
+»Sind sie hier in Baadri?«
+
+»Ja.«
+
+»Und heißen Pali, Selek und Melaf?«
+
+Er trat überrascht einen Schritt zurück.
+
+»Du kennst sie?«
+
+»Wie hieß der Nemtsche, den du meinest?«
+
+»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.«
+
+»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der
+Haddedihn, und der andere ist Halef, mein Begleiter.«
+
+»Ist es möglich? Welch eine Überraschung! Seni gerek olarim -- ich muß
+dich umarmen!«
+
+Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er
+auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei letzterem den Kuß unterließ.
+Dann faßte er mich bei der Hand und sagte:
+
+»Tschelebim mahalinde geldin -- Herr, du kommst zur rechten Zeit. Wir
+haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt;
+du aber sollst dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen
+Tage dauern, und auch später noch recht lange!«
+
+»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.«
+
+»Es wird ihm gefallen.«
+
+»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir dir noch
+erzählen werden.«
+
+»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist euer Haus, und mein
+Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!«
+
+Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem
+Gemeindeältesten sagen:
+
+»Hast du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist?
+Lerne, auch mich danach zu schätzen. Merke dir das!«
+
+Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und
+der Scheik mußten zur Seite Ali Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine
+Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr
+aufmerksam.
+
+»Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen
+hat!«
+
+»Willst du meine Wangen schamrot machen?«
+
+»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tötete! Ich möchte sein,
+wie du! Du bist ein Christ?«
+
+»Ja.«
+
+»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch
+ein Christ.«
+
+»Sind die Dschesidi Christen?«
+
+»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute
+für sich genommen -- -- --«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+Er zog die Brauen zusammen.
+
+»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu
+herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind
+gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß
+Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende
+Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden
+des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit
+zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe
+predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der
+Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut
+ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus
+einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann
+die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im
+Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt
+meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt
+hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich
+zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und
+zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn
+sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der
+Christen sagt: Muhabbet bitmez -- die Liebe hört nie auf!«
+
+ [192] Giftkraut.
+
+ [193] Nelke.
+
+Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner
+Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur
+ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen
+Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem
+Helden.
+
+»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne
+kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun.
+
+»Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses sagt: 'Chüdanün söz
+tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar -- das Wort Gottes ist ein Hammer,
+welcher Felsen zertrümmert.' Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser
+zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe
+entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni
+dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen;
+sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als
+Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre
+Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie
+hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das
+heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch
+verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen.
+Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen
+lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein.
+Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den
+Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche
+Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der
+dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des
+Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der
+Jeboschu[196], welcher da gebietet: 'Günesch ile kamer, sus hem Gibbea
+jakinda hem dere Adschala -- Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im
+Thale von Ajalon!' Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit
+dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der
+mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut,
+welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen
+niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in
+eurem Buche nicht: 'Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma -- die
+Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?' -- Wäre ich
+ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle
+Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege
+ebnen, von denen euer Kitab sagt: 'Wazar-lar sallami, der-ler ughurü --
+sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!' -- Du blickst
+mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg
+und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du
+dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen
+wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können?
+Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und
+sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du
+sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise
+unternimmst?«
+
+ [194] Amerika.
+
+ [195] Katholiken.
+
+ [196] Josua.
+
+ [197] Simson.
+
+ [198] Hirt David.
+
+ [199] Noah.
+
+ [200] Moses.
+
+»Nein,« mußte ich allerdings antworten.
+
+»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten
+ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören
+ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne
+Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der
+Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und
+beruhigen soll das 'Schamata arasynda daghlere -- das Geschrei in den
+Bergen', von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch
+kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer,
+nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so
+höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es
+sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe
+nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist
+verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«
+
+»Ja.«
+
+»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir
+wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war
+ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere
+Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die
+brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere,
+und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte
+über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr
+Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan,
+Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze.
+Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre
+Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du
+dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum
+nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn
+sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns
+und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen
+Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die
+Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem
+Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten
+wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern
+Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin -- du kommst zur rechten
+Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist
+der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«
+
+Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir
+Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter
+kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201]
+waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in
+einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über
+sie zu verschaffen.
+
+ [201] Teufelsleute.
+
+»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde
+sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen,
+welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«
+
+»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben
+unser Fest mitfeiern.«
+
+»Du kennst sie?«
+
+»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er
+befindet sich in Amadijah.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber
+jetzt nicht befreien können.«
+
+»Warum?«
+
+»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu
+befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen
+bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«
+
+»Wie viel?«
+
+»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten
+Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit
+dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk,
+zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203]
+stehen.«
+
+ [202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann.
+
+ [203] Major, Befehlshaber von tausend Mann.
+
+»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«
+
+»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht
+hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder
+Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und
+beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel
+von Amadijah liegt.«
+
+»Welche Truppen stehen in Mossul?«
+
+»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der
+Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll
+gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge
+kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«
+
+»Wie hoch zählen diese letzteren?«
+
+»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai
+Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die
+beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.«
+
+ [204] Oberst.
+
+ [205] Regiments-Quartiermeister.
+
+ [206] Dschesidischer Heiliger.
+
+»Weißt du, wo sie sich versammeln?«
+
+»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen
+von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren,
+daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden
+erst später marschfertig.«
+
+»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden
+bist.«
+
+»Wieso?«
+
+»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her
+aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu
+verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches
+in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment
+in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler
+begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu
+verwenden?«
+
+Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:
+
+»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«
+
+»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich
+Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie
+befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«
+
+»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche
+in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach
+Amadijah bestimmt.«
+
+»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage
+eures großen Festes hier an!«
+
+»Emir!«
+
+Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich
+fuhr fort:
+
+»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern
+nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden
+von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf
+Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah.
+Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«
+
+»Herr, wäre dies so gemeint?«
+
+»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das
+Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari,
+Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden
+ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen
+können.«
+
+»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«
+
+»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen
+ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif,
+daß er euch in Scheik Adi überfallen will.«
+
+»Wirklich?«
+
+»Höre!«
+
+Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich
+zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er
+sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.
+
+»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns
+fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren
+gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der
+Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur
+Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau
+ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: -- die Mäuse, welche
+er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen
+können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen,
+was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige
+Augenblicke entferne.«
+
+Er ging hinaus.
+
+»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin.
+
+»Ebenso wie dir!«
+
+»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte
+Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines
+Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!«
+
+»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen
+werden?« fragte ich ihn lächelnd.
+
+»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr
+schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«
+
+Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein
+ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und
+schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen
+über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen;
+seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren
+Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit
+welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine
+ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz
+und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen
+Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor
+uns und grüßte mit volltönender Stimme:
+
+»Günesch-iniz söjündürme-sun -- eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte
+er hinzu: »#Hun be kurmangdschi zanin# -- versteht ihr, kurdisch zu
+sprechen?«
+
+Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi
+ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte
+er:
+
+»#Schima zazadscha zani?#«
+
+Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind
+die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht
+kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und
+antwortete auf türkisch:
+
+»Seni an-lamez-iz -- wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche
+-- bitte, rede türkisch!«
+
+Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem
+Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und
+fragte:
+
+»Nemtsche sen -- bist du der Deutsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Izim seni kutschaklam-am -- erlaube, daß ich dich umarme!«
+
+Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den
+angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der
+Bey gesessen hatte.
+
+»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.«
+
+»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.«
+
+»Wobei hat er mich erwähnt?«
+
+»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.«
+
+»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des
+Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie
+kann es da noch ein Leid für mich geben?«
+
+»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.«
+
+Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz
+ruhig, als er antwortete:
+
+»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und
+meine Söhne getötet. Was ist's mit ihm?«
+
+»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!«
+
+»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis
+vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken
+gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest
+zu stören?«
+
+»Ich glaube es.«
+
+»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele
+verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?«
+
+»Nein.«
+
+»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst
+gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst dort?«
+
+»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«
+
+»Wo?«
+
+»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in -- -- du bist ein Pir,
+ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige
+Buch der Christen?«
+
+»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in
+türkischer Sprache.«
+
+ [207] Altes Testament.
+
+»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«
+
+»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.«
+
+»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort
+lautet der zwölfte Vers: 'Haben auch die Götter der Heiden alle die
+gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und
+Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?' Dieses Thalassar ist Tel
+Afer.«
+
+Er blickte mich erstaunt an.
+
+»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche
+bereits vor Jahrtausenden bestanden?«
+
+»So ist es.«
+
+»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan,
+am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen.
+Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es
+ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei
+sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um
+alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein
+Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit
+erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt
+gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten,
+und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um
+mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du
+die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine
+Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und
+ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und
+schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich
+mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und
+stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war
+es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht
+getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am
+Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele
+Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der
+Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine
+Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und
+schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist
+jetzt Miralai.«
+
+ [208] Lieutenant.
+
+Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr
+ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen
+Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde
+sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen.
+Es war schrecklich anzuhören.
+
+»Du willst dich rächen?« fragte ich.
+
+»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine
+böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein
+Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. -- Ihr
+werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«
+
+»Wir wissen es noch nicht.«
+
+»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken;
+bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen
+werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi
+können euch leicht unterstützen.«
+
+Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte
+das frühere Leben wieder bekommen.
+
+»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in
+der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren.
+
+Er schüttelte langsam den Kopf.
+
+»Glaubst du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns
+erzählt? Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und
+Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit
+des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die
+Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum
+lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das
+Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer Kitab sagt,
+daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen
+kann. Ihr heiliget euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir
+heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die
+Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie ihr es mit
+dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau[209] sei auf der Erde gewesen und
+werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den
+Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die
+Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der
+Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird.
+Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen nicht, wann
+er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl,
+als er sie in dem Baghtsche Gethseman[210] schlafend fand: 'Gözetyn
+namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz -- wachet und betet,
+auf daß ihr nicht überfallen werdet!' Darum bedienen wir uns des Hahnes,
+der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe
+mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und
+ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Blech gemacht
+und mit Gold überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir
+einen lebendigen. Sind wir deshalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure
+Priester sind weiser, und eure Lehren sind besser; wir würden bessere
+Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen
+Dschesidi der einzige, welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und
+darum rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.«
+
+ [209] Der Herr Jesus.
+
+ [210] Garten Gethsemane.
+
+»Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die eurigen unterweisen
+könnten?«
+
+»Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit. Die Lehre der
+Christen ist gespalten. Wenn ihr uns einmal sagen könnt, daß ihr einig
+seid, so werdet ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des
+Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun
+sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in eurem Kitab:
+'Im jol de gertscheklik de ömir de -- ich bin der Weg und die Wahrheit
+und das Leben.' Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele
+Wahrheiten, da es doch nur den Einen giebt, der das Leben ist? Darum
+streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist,
+sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen
+wird.«
+
+Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir -- offen gestanden -- sehr
+lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich
+beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich
+mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eignen Heimat
+schweigen -- leider, leider! Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand.
+
+»Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen
+muß, aber wir werden uns wiedersehen.«
+
+Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach
+und sagte:
+
+»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er
+war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat
+überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.«
+
+»Ein Buch?« fragte ich erstaunt.
+
+»Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser
+Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes,
+und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun
+einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können,
+hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein
+Buch.«
+
+»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?«
+
+»In seiner Wohnung.«
+
+»Und wo ist diese?«
+
+»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher
+und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber
+seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.«
+
+»Denkst du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?«
+
+»Er wird es sehr gern thun.«
+
+»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?«
+
+»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die
+Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst du das Buch erhalten; ich werde
+es dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß ihr bleiben wollt!«
+
+»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?«
+
+»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige
+Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu
+ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken
+auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu
+finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie
+Nachricht bringen, mögt ihr es euch bei mir gefallen lassen!«
+
+Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali Bey umarmte uns vor
+Freuden nochmals, als wir ihm dies mitteilten, und bat uns:
+
+»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch sehe!«
+
+Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung,
+daß die Dschesidi ihre Frauen bei weitem nicht so abschließen, wie es
+die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie
+bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben
+erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute
+nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem
+falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem
+rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und
+dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so
+übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Kultus schwankt
+zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das
+letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls
+die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen
+derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen.
+
+Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide
+speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom
+Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei
+erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen
+Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei andern aber gingen
+nach der Abteilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente.
+
+Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr
+schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe
+geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn.
+
+»Seid willkommen, ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter
+Einfachheit und reichte uns die Rechte.
+
+Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name
+ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und
+küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz
+zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst
+sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten
+orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken
+findet. Ali Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache
+oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das
+letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu
+gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste
+mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und
+stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir
+standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und
+darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter
+dadurch vergalt, daß sie mir den besten Teil der Speisen vorlegte und
+mir nach Tisch ihren Garten zeigte.
+
+Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im
+Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am
+besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte, bei
+welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern
+Bint el Onsul, Tochter des Konsuls, genannt wird.
+
+Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich
+auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht
+erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein
+starkes Heft.
+
+»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick.
+
+Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan niedergelassen. Der
+Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes
+nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben
+und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in
+mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr
+schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald
+es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der
+Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich
+beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung so viel wie
+möglich auszunutzen.
+
+Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die
+Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen,
+erklang folgender Gesang:
+
+ »Ghawra min ave the
+ Bina michak, dartschin ber pischte
+ Dave min chala surat ta kate
+ Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete[211].«
+
+ [211] Frei übersetzt:
+ »Ein christliches Mädchen kommt Wasser zu holen.
+ Ich steh' ihr im Rücken und atme verstohlen.
+ Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es küssen,
+ Und sollt' ich in Fesseln nach Rußland dann müssen.«
+
+Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst
+im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider
+blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen,
+wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es
+wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest
+nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche
+Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte.
+
+»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der
+Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut
+unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im
+Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor
+ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil
+Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.«
+
+Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher
+Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort:
+
+»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich
+tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde tot am Boden; da holte einer mit
+dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich
+aber denselben zurückzog, so traf er meine Na -- -- --«
+
+In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich
+ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf
+den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines
+Truthahnes folge, und dann schloß sich jenes vielstimmige, ächzende
+Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele
+der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an,
+welches diese rätselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte.
+Ifra aber meinte ruhig:
+
+»Was staunt ihr denn? Mein Esel war's! Er kann die Dunkelheit nicht
+leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht
+geworden ist.«
+
+Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige
+Kreatur! Diese Stimme mußte ja Tote lebendig machen! Wer sollte während
+der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen
+Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der
+Lunge eine Diskantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im
+Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Klarinetten zu haben
+schien.
+
+Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von
+der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien »im Buche
+verzeichnet« zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen
+dürfe.
+
+»So schreit das Tier also die ganze Nacht?« fragte einer.
+
+»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers.
+»Alle zwei Minuten einmal.«
+
+»Gewöhne es ihm ab!«
+
+»Womit?«
+
+»Ich weiß es nicht!«
+
+»So behalte auch deinen Rat für dich! Ich habe alles vergebens versucht:
+-- Schläge, Hunger und Durst.«
+
+»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht
+erkennt!«
+
+»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich
+an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und -- schreit weiter.«
+
+»Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht dich ganz gewiß,
+aber er hat keine Lust, dir den Gefallen zu thun.«
+
+»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Tiere den Menschen
+verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen
+stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen.
+Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein,
+stumm aber gewißlich nicht.«
+
+»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört
+hat. In welcher Sprache redest du zu dem Esel?«
+
+»In der türkischen.«
+
+»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen
+ist, der das Türkische gar nicht versteht?«
+
+»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!«
+
+»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn du zu ihm redest? Sein
+Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu
+ihm!«
+
+»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi
+Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden
+kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt
+hat. Auch Soliman[212] konnte alle Tiere verstehen.«
+
+ [212] Salomo.
+
+»Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden. Kennst du die
+Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine
+gesprochen haben?«
+
+»Nein.«
+
+»So werde ich sie euch erzählen! #De vachtha beni Isráil meru ki
+dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi
+wi va hania khoè parve dikerin, pev tschun, jek debee -- -- --#«
+
+»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest du?«
+
+»In unserer. Es ist Kurmangdschi.«
+
+»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!«
+
+»So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels, der auch nur seine
+Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch
+erzählen? Sie wird ganz anders klingen!«
+
+»Versuche es nur!«
+
+»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen
+Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichtum und ein
+Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie
+aneinander. Der eine sagte: 'Es ist mein Haus!' Der andere sagte: 'Es
+ist mein Haus!' Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein
+Backstein und sagte: 'Was, schämt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder
+dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert
+Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im
+Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich
+zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich.
+Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann:
+ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem
+Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was
+ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele
+nicht -- -- --'«
+
+Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er
+anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er
+that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit
+der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba
+verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung
+und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich.
+
+»Emir, ist es wahr, daß du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da
+ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich dich
+begrüße.«
+
+Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen
+Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich.
+
+»Wo sind Pali und Melaf?« fragte ich ihn.
+
+»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu.
+Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich dich nachher
+wieder?«
+
+»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft
+vielleicht ein Geheimnis?«
+
+»Möglich; aber du darfst sie hören. Komm, Emir!«
+
+Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß
+der Zutritt dort jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der
+gute Hadschi war schon wieder beim Essen.
+
+»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe
+dir etwas mitzuteilen.«
+
+»Sprich!«
+
+»Dürfen es alle hören?«
+
+»Alle.«
+
+»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach
+Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht
+wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über
+Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah
+versteckt.«
+
+»Wer sagte das?«
+
+»Ein Holzfäller aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana
+Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus
+Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind
+über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt
+oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.«
+
+»Wer sagte dir dieses?«
+
+»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu
+gehen.«
+
+»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken.
+Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz
+am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?«
+
+»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.«
+
+»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu
+verbergen?«
+
+»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.«
+
+»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch
+unsere Tiere dort unterzubringen?«
+
+»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem
+Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird
+bemerken, was wir thun.«
+
+»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit dir
+sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen jedermann. Ich wollte dich
+bitten, hier den Emir zu bedienen, aber du wirst wohl anderweit
+gebraucht.«
+
+»Darf ich ihm meinen Sohn senden?«
+
+»Thue es!«
+
+»Spricht er ein gutes Kurdisch?« fragte ich.
+
+»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.«
+
+»So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!«
+
+Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die
+Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei
+demselben wohl gegen zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und
+mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus
+drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten,
+drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine
+vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte
+ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen
+Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam.
+
+Während des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit dem ich mich in mein
+Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu
+studieren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger,
+doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über alles, was ich von ihm
+zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den
+Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die
+Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die
+andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie
+das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus
+Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das
+Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden,
+wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt,
+als dem klar und offen zu Tage Liegenden.
+
+Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast
+regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche,
+markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht
+auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch
+reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als
+aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur
+Ruhe begab, wurden die überlauten Interjektionen des Graurockes geradezu
+unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst
+nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen.
+
+Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu
+immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine
+Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer,
+und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche
+geradezu infernalisch genannt werden mußte.
+
+Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein
+verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk
+Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen;
+jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich
+nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte
+vor meiner Thür. Er trat ein.
+
+»Schläfst du schon, Emir?«
+
+Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in
+voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst
+keine bessere Einleitung finden können.
+
+»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange,
+welchen dein Esel vollführt!«
+
+»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt
+kommen sie alle zu mir und verlangen, daß ich das Tier hinaus in den
+Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So
+weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder
+nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere
+meinen Grad.«
+
+»So schaffe ihn in den Wald.«
+
+»O Emir, das geht nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es giebt Wölfe im Walde.«
+
+»So bleibe mit draußen und bewache ihn!«
+
+»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!«
+
+»Nun?«
+
+»Dann frißt einer den Esel und der andere mich!«
+
+»Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade nicht.«
+
+»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu dir gehen solle.«
+
+»Zu mir? Warum?«
+
+»Herr, glaubst du, daß dieser Esel eine Seele hat?«
+
+»Natürlich hat er eine.«
+
+»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!«
+
+»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr getauscht: seine
+Seele ist in dich, und deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist du der
+Esel und fürchtest dich wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und
+brüllt wie ein Löwe. Was könnte ich dagegen thun?«
+
+»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine
+türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht.
+Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich dich,
+herabzukommen. Wenn du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken,
+wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier.
+Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig
+Ruhe läßt.«
+
+»Glaubst du denn wirklich, daß -- -- --«
+
+In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme abermals, und zwar mit
+solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit
+einfiel.
+
+»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab,
+sonst ist er verloren und seine Seele auch!«
+
+Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir einen Spaß machen?
+Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des
+Grautieres hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut
+widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.
+
+»Wer weiß ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen zu bringen?« fragte ich.
+
+Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:
+
+»Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!«
+
+Mein Hadschi gehörte also zu den wahren »Gläubigen«. Ich trat an den
+Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige
+fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase
+und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte
+mich an Ifra.
+
+»Buluk Emini, wie hieß dein Vater?«
+
+»Nachir Mirja.«
+
+»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater deines Vaters?«
+
+»Muthallam Sobuf.«
+
+»Der ist es! Wo wohnte er?«
+
+»In Hirmenlü bei Adrianopel.«
+
+»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat,
+um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz
+gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: 'Escheklerin sew -- liebe deine
+Esel!' Darum muß der Geist deines Großvaters diese That sühnen. Er hat
+an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt,
+umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere
+einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst
+werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst du
+ihn erlösen, Ifra?«
+
+»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das
+Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel
+schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu
+schrecklich sein. »Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe,
+um den Vater meines Vaters zu erretten.«
+
+»Hole einen Stein und eine Schnur!«
+
+Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul
+und schrie.
+
+»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.«
+
+Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den
+Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte
+der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen;
+dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem
+Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz
+brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort
+eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel
+befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er
+schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit
+den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu
+schreien -- aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine
+größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm
+vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken.
+
+»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir,
+du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!«
+
+Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger
+noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei.
+
+Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches
+im Dorfe hin und her flutete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche
+teils in Baadri blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach
+Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik
+Mohammed Emin.
+
+»Hast du hinunter vor das Haus gesehen?« fragte er mich.
+
+»Nein.«
+
+»Blicke hinab!«
+
+Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen hunderte von
+Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte
+dem andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben
+erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich
+nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs
+aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken.
+
+Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte.
+
+»Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer
+Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?«
+
+»Ja. Das Tier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang
+seiner eigenen Stimme ermutigen.«
+
+»Wollt ihr mir zum Frühmahle folgen?«
+
+Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef
+nebst dem Sohn Seleks, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen
+mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die
+Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir
+die Hand.
+
+»Sabah'l kher -- guten Morgen!« grüßte ich sie.
+
+»Sabah'l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava -- wie ist dein Befinden?«
+
+»Kangia! Tu ciava -- gut; wie befindest du dich?«
+
+»Skuker quode kangia -- Gott sei Dank, gut!«
+
+»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt.
+
+»Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,«
+antwortete ich. »Und das ist wenig genug.«
+
+»Kommt herbei und setzt euch!«
+
+Es gab zunächst Kaffee mit Honigkuchen und dann Hammelbraten, den man in
+dünnen, breiten Stücken wie Brot aß. Dazu trank man Arpa, eine Art
+Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt.
+Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk Emini kauerte
+trübsinnig seitwärts.
+
+»Ifra, warum kommst du nicht zu uns?« fragte ich ihn.
+
+»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er.
+
+»Was fehlt dir?«
+
+»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und
+geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl
+auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines
+Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am
+Schwanz!«
+
+Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die
+Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten
+konnte, laut aufzulachen.
+
+»Du lachest!« erwiderte er vorwurfsvoll. »Hättest du einen Esel, welcher
+der Vater deines Vaters ist, so würdest du weinen. Ich soll dich nach
+Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder
+auf den Geist meines Großvaters!«
+
+»Das sollst du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf
+einen Geist kann sich niemand setzen.«
+
+»Auf wem soll ich denn reiten?«
+
+»Auf deinem Esel.«
+
+Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.
+
+»Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja gesagt!«
+
+»Das war nur Scherz.«
+
+»O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!«
+
+»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß du dir meinen
+Scherz so zu Herzen nimmst.«
+
+»Effendi, du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft
+mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen?
+Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines
+Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was
+dir die Seele des Esels anbefohlen hat?«
+
+»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das
+will ich dir sagen. Hast du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen
+schließt, wenn er kräht?«
+
+»Ich habe es gesehen.«
+
+»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so
+wird er niemals krähen. Hast du beobachtet, daß dein Esel stets den
+Schwanz erhebt, wenn er schreien will?«
+
+»Ja wirklich, das thut er, Effendi!«
+
+»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann
+wird er das Schreien lassen.«
+
+»Ist dies wirklich so?«
+
+»Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!«
+
+»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?«
+
+»Nein, ich sage es dir ja!«
+
+»Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!«
+
+Er sprang hinaus und riß dem Tiere den Stein vom Schwanze herunter; dann
+kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu
+beteiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen
+durfte, zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi
+untereinander leben.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Das große Fest.
+
+
+Eine Stunde später ritt ich mit meinem Dolmetscher in den lichten Morgen
+hinein spazieren. Mohammed Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben
+und sich überhaupt so wenig wie möglich zu zeigen.
+
+»Kennst du das Thal Idiz?« fragte ich den Begleiter.
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?«
+
+»Zwei Stunden.«
+
+»Ich möchte es sehen. Willst du mich hinführen?«
+
+»Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder über Scheik Adi?«
+
+»Welcher Weg ist der kürzere?«
+
+»Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.«
+
+»Wir wählen ihn dennoch.«
+
+»Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares Tier, wie ich kaum
+jemals so eines gesehen habe; aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt
+sein.«
+
+»Gerade heute will ich es prüfen.«
+
+Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter dem man sich ja nicht einen
+gebahnten Steig zu denken hat, ging steil bergan und wieder steil
+bergab, aber mein Rappe hielt wacker aus. Die Höhen, welche erst mit
+Gebüsch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem, dunklem Wald
+besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen wir dahinritten. Endlich
+wurde der Pfad so gefährlich, daß wir absteigen und die Pferde führen
+mußten. Es war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe wir
+den Fuß auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers war diese Art
+Terrain gewohnt: es trat mit mehr Sicherheit auf und wußte die
+gefährlichen Stellen aus Erfahrung besser von den ungefährlichen zu
+unterscheiden; aber mein Rappe besaß einen glücklichen Instinkt und eine
+außerordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam die Überzeugung, daß er
+bereits nach kurzer Übung ein sehr guter Berggänger sein werde;
+wenigstens zeigte er bereits heute, daß er nicht ermüdete, während das
+andere Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu kämpfen begann.
+
+Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als wir an ein Dickicht
+gelangten, hinter welchem die Felsen fast senkrecht hinabfielen.
+
+»Das ist das Thal,« meinte der Führer.
+
+»Wie kommen wir hinab?«
+
+»Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und dieser führt von Scheik
+Adi hierher.«
+
+»Ist er betreten?«
+
+»Nein; er ist von dem übrigen Boden gar nicht zu unterscheiden. Komm!«
+
+Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales
+ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem
+Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach
+einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder
+abstieg. Er deutete nach rechts.
+
+»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi
+weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.«
+
+Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten
+Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und
+Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden.
+Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt,
+konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß
+genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und
+verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten,
+daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die
+Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher
+selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich
+in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele
+durstige Kehlen.
+
+Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann
+ich das Gespräch mit der Bemerkung:
+
+»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen
+konnte.«
+
+»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten
+Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre
+Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen
+Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.«
+
+»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.«
+
+»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine
+Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine
+Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet
+fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen;
+aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest
+nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den
+Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.«
+
+»Sind sie alle bewaffnet?«
+
+»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen
+wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen
+Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere
+Freudensalven.«
+
+»Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?«
+
+»Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der Glaube sehr
+gleichgültig. Er hat nur das eine Ziel, reich zu werden, und dazu müssen
+ihm bald die Araber und die Chaldäer, bald die Kurden oder die Dschesidi
+verhelfen. Oder meinst du, daß unser Glaube so schlimm sei, daß er
+verdiene, ausgerottet zu werden?«
+
+Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben. Von ihm konnte ich
+erfahren, was der Pir mir noch nicht gesagt hatte.
+
+»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich.
+
+»Und hast auch noch nichts über ihn gehört?«
+
+»Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.«
+
+»Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres über uns. Hast du auch von
+meinem Vater nichts erfahren oder von Pali und Melaf?«
+
+»Nein; wenigstens nichts Hauptsächliches; aber ich denke, daß du mir
+einiges sagen wirst.«
+
+»O Emir, wir sprechen nie zu Fremden über unsern Glauben!«
+
+»Bin ich dir fremd?«
+
+»Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern das Leben gerettet und
+auch jetzt uns vor den Türken gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du
+bist der einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich muß dir
+sagen, daß ich selbst nicht alles weiß.«
+
+»Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?«
+
+»Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge, welche die Eltern ganz
+allein zu wissen brauchen? Unsere Priester sind unsere Väter.«
+
+»Darf ich dich fragen?«
+
+»Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu nennen!«
+
+»Ich weiß es; aber ich möchte grad über diesen Gegenstand einiges
+wissen. Wirst du mir Auskunft geben, wenn ich das Wort vermeide?«
+
+»Soviel ich's vermag, ja.«
+
+Dieses Wort war der Name des Teufels, den die Dschesidi niemals
+aussprechen. Das Wort Scheïtan ist bei ihnen so verpönt, daß sie selbst
+ähnliche Worte sorgfältig vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem
+Flusse sprechen, so sagen sie »Nahr«, aber niemals »Schat«, weil dieses
+letztere Wort mit der ersten Silbe von Scheïtan in naher Beziehung
+steht. Das Wort »Keïtan« (Franse oder Faden) wird vermieden und auch die
+Wörter »Naal« (Hufeisen) und »Naal-band« (Hufschmied), weil sie mit den
+Worten »Laan« (Fluch) und »mahlun« (verflucht) in einer gewissen Nähe
+stehen. Sie sprechen vom Teufel nur in Umschreibung, und zwar mit
+Ehrfurcht. Sie nennen ihn Melek el Kuht, der mächtige König oder Melek
+Ta-us, König Pfauhahn.
+
+»Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes Wesen?«
+
+»Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht unter Gott. Dieser
+Kyral meleklerün war das oberste der himmlischen Wesen; aber Gott war
+sein Schöpfer und Herr.«
+
+»Wo ist er jetzt?«
+
+»Er empörte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.«
+
+»Wohin?«
+
+»Auf die Erde und auf alle Sterne.«
+
+»Nun ist er der Herr derjenigen, die in der Dschehennah wohnen?«
+
+»Nein. Ihr glaubt wohl, daß er ewig unglücklich ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubt ihr auch, daß Gott allgütig, gnädig und barmherzig ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann wird er auch verzeihen -- den Menschen und den Engeln, welche gegen
+ihn sündigen. Das glauben wir, und darum bedauern wir jenen, welchen du
+meinst. Jetzt kann er uns schaden, und darum nennen wir seinen Namen
+nicht. Später, wenn er seine Macht zurück erhält, kann er die Menschen
+belohnen, und darum reden wir nichts Böses von ihm.«
+
+»Ihr verehrt ihn? Ihr betet ihn an?«
+
+»Nein, denn er ist Gottes Geschöpf wie wir; aber wir hüten uns, ihn zu
+beleidigen.«
+
+»Was bedeutet der Hahn, welcher bei euren Gottesdiensten zugegen ist?«
+
+»Der bedeutet jenen nicht, welchen du meinst. Er ist ein Bild der
+Wachsamkeit. Hat euch Azerat Esau, der Sohn Gottes, nicht erzählt von
+den Jungfrauen, welche den Bräutigam erwarteten?«
+
+»Ja.«
+
+»Fünf von ihnen schliefen ein und dürfen nun nicht in den Himmel. Kennst
+du die Erzählung von dem Jünger, welcher seinen Meister verleugnete?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch da krähte der Hahn. Darum ist er bei uns das Zeichen, daß wir
+wachen, daß wir den großen Bräutigam erwarten.«
+
+»Glaubt ihr das, was die Bibel erzählt?«
+
+»Wir glauben es, obgleich ich nicht alles weiß, was sie erzählt.«
+
+»Habt ihr nicht auch ein heiliges Buch, in welchem eure Lehren
+verzeichnet sind?«
+
+»Wir hatten ein solches. Es wurde in Baascheikha aufbewahrt, aber ich
+habe gehört, daß es verloren gegangen ist.«
+
+»Welches sind eure heiligen Handlungen?«
+
+»Du wirst sie alle in Scheik Adi kennen lernen.«
+
+»Kannst du mir sagen, wer Scheik Adi war?«
+
+»Das weiß ich nicht genau.«
+
+»Betet ihr zu ihm?«
+
+»Nein. Wir verehren ihn nur dadurch, daß wir an seinem Grabe zu Gott
+beten. Er war ein Heiliger und wohnt bei Gott.«
+
+»Welche Arten von Priestern giebt es bei euch?«
+
+»Zunächst kommen die Pirs. Dieses Wort heißt eigentlich ein alter oder
+ein weiser Mann; hier aber bedeutet es ein heiliger Mann.«
+
+»Wie kleiden sie sich?«
+
+»Sie können sich kleiden, wie es ihnen gefällt; aber sie führen ein sehr
+frommes Leben, und Gott giebt ihnen die Macht, durch ihre Fürbitte alle
+Krankheiten des Leibes und der Seele zu heilen.«
+
+»Giebt es viele Pirs?«
+
+»Ich kenne jetzt nur drei. Pir Kamek ist der größte von ihnen.«
+
+»Weiter!«
+
+»Nach ihnen kommen die Scheiks. Sie müssen so viel Arabisch lernen, um
+unsere heiligen Lieder zu verstehen.«
+
+»Werden diese in arabischer Sprache gesungen?«
+
+»Ja.«
+
+»Warum nicht in kurdischer?«
+
+»Ich weiß es nicht. Aus den Scheiks werden die Wächter des heiligen
+Grabes gewählt, wo sie das Feuer unterhalten und die Pilger bewirten
+müssen.«
+
+»Haben sie eine besondere Kleidung?«
+
+»Sie gehen ganz weiß gekleidet und tragen als Zeichen ihres Amtes einen
+Gürtel, welcher rot und gelb ist. Nach diesen Scheiks kommen die
+Prediger, welche wir Kawals nennen. Sie können die heiligen Instrumente
+spielen und gehen von Ort zu Ort, um die Gläubigen zu belehren.«
+
+»Welches sind die heiligen Instrumente?«
+
+»Das Tamburin und die Flöte. Auch verstehen die Kawals bei den hohen
+Festen zu singen.«
+
+»Wie kleiden sie sich?«
+
+»Sie können alle Farben tragen, doch kleiden sie sich gewöhnlich weiß.
+Dann aber muß ihr Turban schwarz sein, zur Unterscheidung von den
+Scheiks. Nach ihnen kommen die Fakirs, welche die niederen Dienste am
+Grabe und auch anderswo verrichten. Sie haben meist dunkle Gewänder und
+tragen ein rotes Tuch quer über dem Turban.«
+
+»Wer ernennt eure Priester?«
+
+»Sie werden nicht ernannt, denn diese Würde ist erblich. Wenn ein
+Priester stirbt und keinen Sohn hinterläßt, so geht sein Amt auf seine
+älteste Tochter über.«
+
+Das war allerdings höchst merkwürdig, besonders im Orient!
+
+»Und wer ist der Oberste aller Priester?«
+
+»Der Scheik von Baadri. Du hast ihn noch nicht gesehen, denn er befindet
+sich bereits in Scheik Adi, um das Fest vorzubereiten. Hast du noch
+etwas zu fragen?«
+
+»Noch vieles! Werden eure Kinder getauft?«
+
+»Getauft und beschnitten.«
+
+»Giebt es unreine Speisen, welche ihr nicht essen dürft?«
+
+»Wir essen kein Schweinfleisch und haben keine blaue Farbe, denn der
+Himmel ist so erhaben, daß wir seine Farbe nicht unsern irdischen Dingen
+geben mögen.«
+
+»Habt ihr eine Kiblah?«
+
+»Ja. Wenn wir beten, so wenden wir das Angesicht dem Orte zu, an welchem
+an diesem Tage die Sonne aufgegangen ist. Auch die Toten werden bei
+ihrem Begräbnisse so gelegt, daß ihr Angesicht nach dieser Gegend
+gerichtet ist.«
+
+»Weißt du, woher eure Religion gekommen ist?«
+
+»Scheik Adi, der Heilige, hat sie uns gelehrt. Wir selbst aber sind aus
+den Ländern des untern Euphrat gekommen. Dann zogen unsere Väter nach
+Syrien, nach dem Sindschar und endlich hierher.«
+
+Ich hätte sehr gern noch weiter gefragt, aber es erschallte von oben her
+ein Schrei, und als wir emporblickten, erkannten wir Selek, welcher im
+Begriffe war, zu uns herabzusteigen. Bald stand er neben uns und reichte
+uns die Hand.
+
+»Beinahe hätte ich euch erschossen,« lautete sein Gruß.
+
+»Uns? Warum?« fragte ich.
+
+»Von oben herab hielt ich euch für Fremde, und solche dürfen in dieses
+Thal nicht eindringen. Dann aber erkannte ich euch. Ich komme, um
+nachzusehen, ob das Thal der Vorbereitung bedarf.«
+
+»Zur Aufnahme der Flüchtigen?«
+
+»Der Flüchtigen? Wir werden nicht fliehen; aber ich habe dem Bey
+erzählt, wie listig du die Feinde der Schammar nach jenem Thale
+locktest, in welchem ihr sie gefangen nahmt, und wir werden ganz
+dasselbe thun.«
+
+»Ihr wollt die Türken hierher locken?«
+
+»Nein, sondern nach Scheik Adi; die Pilger aber sollen während des
+Kampfes hier untergebracht werden. Der Bey hat es so befohlen, und der
+Scheik ist damit einverstanden.«
+
+Er untersuchte das Wasser und die Höhlen und fragte uns dann, ob wir ihn
+zurückbegleiten wollten. Dies verstand sich ganz von selbst. Wir führten
+unsere Pferde empor, saßen dann auf und hielten stracks auf Baadri zu.
+Als wir dort ankamen, fand ich den Bey einigermaßen in Aufregung.
+
+»Ich habe Kunde erhalten, seitdem du fortgeritten bist,« sagte er. »Die
+Türken aus Diarbekir stehen bereits am Ghomelflusse, und die aus Kerkjuk
+haben unterhalb der Berge auch schon denselben Fluß erreicht.«
+
+»So sind deine Kundschafter von Amadijah bereits zurück?«
+
+»Sie sind gar nicht bis nach Amadijah gekommen, denn sie mußten sich
+teilen, um diese Truppen zu beobachten. Es ist nun erwiesen, daß der
+geplante Überfall nur uns gilt.«
+
+»Ist es bereits bekannt?«
+
+»Nein, denn dadurch könnte der Feind erfahren, daß er uns gerüstet
+finden wird. Ich sage dir, Emir, ich werde entweder sterben oder diesem
+Mutessarif eine Lehre geben, die er nie vergessen soll!«
+
+»Ich werde bis nach dem Kampfe bei dir bleiben.«
+
+»Ich danke dir, Emir; aber kämpfen sollst du nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Du bist mein Gast: Gott hat mir dein Leben anvertraut.«
+
+»Gott kann es am besten schützen. Soll ich dein Gast sein und dich
+allein in den Kampf gehen lassen? Sollen die Deinen von mir erzählen,
+daß ich ein Feigling bin?«
+
+»Das werden sie niemals sagen. Bist du nicht auch der Gast des
+Mutessarif gewesen? Hast du nicht seinen Paß und seine Briefe in der
+Tasche? Und jetzt willst du gegen ihn kämpfen? Mußt du nicht deinen Arm
+aufheben für den Sohn deines Freundes, den ihr befreien wollt? Und
+kannst du mir nicht dienen, auch ohne daß du meine Feinde tötest?«
+
+»Du hast recht in allem, was du sagest. Ich wollte aber auch nicht
+töten, sondern vielleicht dahin wirken, daß kein Blut vergossen wird.«
+
+»Laß diese Sorge mir, Effendi! Ich trachte nicht nach Blut; ich will nur
+den Tyrannen von mir weisen.«
+
+»Wie willst du dies durchführen?«
+
+»Weißt du, daß in Scheik Adi bereits dreitausend Pilger eingetroffen
+sind? Bis zum Beginne des Festes werden es sechstausend und noch mehr
+sein.«
+
+»Männer, Frauen und Kinder?«
+
+»Ja. Die Frauen und Kinder sende ich in das Thal Idiz, und nur die
+Männer bleiben zurück. Die Truppen aus Diarbekir und Kerkjuk werden sich
+auf dem Wege von Kaloni her vereinigen, und die aus Mossul kommen über
+Dscherraijah oder Aïn Sifni herauf. Sie wollen uns in dem Thale des
+Heiligen einschließen; wir aber steigen hinter dem Grabe empor und
+stehen rund um das Thal, wenn sie eingerückt sind. Dann können wir sie
+niederstrecken bis auf den letzten Mann, wenn sie sich nicht ergeben.
+Andernfalls aber sende ich einen Boten an den Mutessarif und stelle
+meine Bedingungen, unter denen ich sie freigebe. Er wird sich dann vor
+dem Großherrn in Stambul zu verantworten haben.«
+
+»Er wird diesem die Angelegenheit in einem falschen Lichte schildern.«
+
+»Aber es wird ihm nicht gelingen, den Padischah zu täuschen; denn ich
+habe vorhin eine heimliche Gesandtschaft nach Stambul gesandt, welche
+ihm zuvorkommen wird.«
+
+Ich mußte mir im Innern eingestehen, daß Ali Bey nicht nur ein mutiger,
+sondern auch ein kluger und darum vorsichtiger Mann sei.
+
+»Und wie willst du mich verwenden?« fragte ich ihn.
+
+»Du sollst mit jenen ziehen, welche unsere Frauen und Kinder und unsere
+Habe beschützen werden.«
+
+»Eure Habe nehmt ihr mit?«
+
+»So viel wir fortbringen. Ich werde noch heute allen Bewohnern von
+Baadri sagen lassen, daß sie alles nach dem Thale Idiz schaffen mögen,
+aber heimlich, damit mein Plan nicht verraten werde.«
+
+»Und Scheik Mohammed Emin?«
+
+»Er geht mit dir. Ihr könntet jetzt nicht nach Amadijah kommen, da der
+Weg dorthin bereits nicht mehr frei ist.«
+
+»Die Türken würden das Bu-djeruldi des Großherrn und den Ferman des
+Mutessarif achten müssen.«
+
+»Aber es sind Leute aus Kerkjuk dabei, und wie leicht ist es möglich,
+daß einer von ihnen Mohammed Emin kennt!«
+
+Noch während wir sprachen, kamen zwei Männer in das Haus. Es waren meine
+beiden alten Bekannten Pali und Melaf, welche ganz außer sich waren, als
+sie mich erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die Hände küßten.
+
+»Wo ist der Pir?« fragte Ali Bey.
+
+»Im Grabe des Jonas bei Kufjundschik. Er sendet uns, um dir zu sagen,
+daß wir am zweiten Tage des Festes früh am Morgen überfallen werden
+sollen.«
+
+»Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben wird?«
+
+»Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei Türken erschlagen
+worden. Er will die Thäter in Scheik Adi holen.«
+
+»Es sind in Malthaijah von zwei Türken zwei Dschesidi erschlagen worden,
+so lautet die Wahrheit. Siehst du, Emir, wie diese Türken sind? Sie
+erschlagen meine Leute, um Ursache zum Einfall in unser Gebiet zu haben.
+Mögen sie finden, was sie suchen!«
+
+Ich begab mich mit meinem Dolmetscher nach meinem Zimmer, wo ich meine
+Übungen begann. Mohammed Emin saß wortlos dabei, rauchte seine Pfeife
+und wunderte sich baß darüber, daß ich mir so viele Mühe gab, ein Buch
+zu lesen und die Worte einer fremden Sprache zu verstehen. Dies that ich
+während des ganzen Tages und am Abend. Auch der nächste Tag verging
+unter dieser angenehmen Beschäftigung.
+
+Unterdessen hatte ich bemerkt, daß die Bewohner von Baadri ihre Habe
+ohne Aufsehen fortschafften; auch wurde in einer Stube unseres Hauses
+eine große Menge Kugeln gegossen. Beifügen muß ich noch, daß der Esel
+des Buluk Emini während dieser Zeit nicht wieder laut geworden war, da
+ihm sein Herr und Meister sofort bei Einbruch der Dunkelheit den Stein
+an den Schwanz befestigt hatte.
+
+Pilger kamen fortwährend, bald einzeln, bald in Familien und bald in
+größeren Trupps. Viele waren arm und auf die Mildthätigkeit anderer
+angewiesen. Dann trieb einer eine Ziege oder einen fetten Hammel herbei;
+reichere Leute hatten einen Ochsen oder zwei, ja einige Male sah ich
+sogar ganze Herden vorüberziehen. Das waren die Liebes- und Opfergaben,
+welche die Wohlhabenden zum heiligen Grabe brachten, damit ihre armen
+Brüder nicht Mangel leiden sollten. So viele auch kamen und gingen: --
+meine Baschi-Bozuks und Arnauten blieben verschollen, und ich habe bis
+zum heutigen Tage nicht erfahren, wo sie geblieben sind.
+
+Am dritten Tage, dem ersten Tage des Festes, saß ich mit meinem
+Dolmetscher wieder beim Buche. Es war noch vor Sonnenaufgang. Ich war in
+die Arbeit so vertieft, daß ich gar nicht bemerkte, daß der Buluk Emini
+eingetreten war.
+
+»Emir!« rief er, nachdem er sich bereits einige Male geräuspert hatte,
+ohne daß es von mir bemerkt worden war.
+
+»Was giebt es?«
+
+»Fort!«
+
+Jetzt erst bemerkte ich, daß er bereits gespornt und gestiefelt sei,
+übergab dem Sohne Seleks das Buch und sprang auf. Ich hatte ganz
+vergessen, daß ich mich baden und frische Wäsche anlegen müsse, wenn ich
+überhaupt am Grabe des Heiligen würdig erscheinen wollte. Ich nahm die
+Wäsche zu mir, ging hinab und eilte hinaus vor das Dorf. Der Bach
+wimmelte von Badenden und ich mußte ziemlich weit gehen, um eine Stelle
+zu finden, an welcher ich mich unbeobachtet glaubte.
+
+Hier badete ich und wechselte die Wäsche, eine Prozedur, welche man auf
+Reisen im Oriente nicht gar zu häufig vornehmen kann. Daher fühlte ich
+mich wie neugeboren und wollte bereits den Ort verlassen, als ich eine
+leise Bewegung des Gebüsches bemerkte, welches sich an den Ufern des
+Baches hinzog. War es ein Tier oder ein Mensch? Wir standen auf dem
+Kriegsfuße, und so konnte es nichts schaden, wenn ich die Sache einmal
+näher untersuchte. Ich that daher vollständig unbefangen, pflückte
+einige Blumen und näherte mich dabei scheinbar absichtslos dem Orte, an
+dem ich die erwähnte Bewegung bemerkt hatte. Dabei kehrte ich dem Busche
+den Rücken zu; plötzlich aber drehte ich mich um und stand mit einem
+schnellen Sprunge mitten im dichten Zweigwerk. Vor mir kauerte ein Mann,
+er sah noch jung aus, hatte aber beinahe einen militärischen Anstrich,
+obgleich ich nur ein Messer als einzige Waffe bei ihm bemerkte. Eine
+breite Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er erhob sich und wollte
+sich rasch zurückziehen, ich aber faßte seine Hand und hielt ihn fest.
+
+»Was thust du hier?« fragte ich.
+
+»Nichts.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ein -- ein Dschesidi,« klang es zaghaft.
+
+»Woher?«
+
+»Ich heiße Lassa und bin ein Dassini.«
+
+Ich hatte gehört, daß die Dassini eine der vornehmsten Familien der
+Dschesidi seien; er sah mir aber gar nicht aus wie ein Teufelsanbeter.
+
+»Ich habe dich gefragt, was du hier thust?«
+
+»Ich versteckte mich, weil ich dich nicht stören wollte.«
+
+»Und was thatest du vorher hier?«
+
+»Ich wollte baden.«
+
+»Wo hast du die Wäsche?«
+
+»Ich habe keine.«
+
+»Du warst vor mir hier und hattest also das Recht, hier zu bleiben,
+statt dich zu verstecken. Wo hast du diese Nacht geschlafen?«
+
+»Im Dorfe.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Bei -- bei -- bei -- -- ich kenne seinen Namen nicht.«
+
+»Ein Dassini kehrt bei keinem Manne ein, dessen Namen er nicht kennt.
+Komm mit mir und zeige mir deinen Wirt!«
+
+»Ich muß vorher baden!«
+
+»Das wirst du nachher thun. Vorwärts!«
+
+Er versuchte, sich von meinem Griffe zu befreien.
+
+»Mit welchem Rechte sprichst du in dieser Weise zu mir?«
+
+»Mit dem Rechte des Mißtrauens.«
+
+»Ebenso könnte ich dir mißtrauen!«
+
+»Natürlich! Ich bitte dich, es zu thun. Dann führst du mich in das Dorf,
+und es wird sich zeigen, wer ich bin.«
+
+»Gehe, wohin es dir beliebt!«
+
+»Das thue ich auch; aber du wirst mich begleiten.«
+
+Sein Blick hing an meinem Gürtel; er bemerkte, daß ich keine Waffe bei
+mir trug, und ich sah es ihm an, daß er im Begriffe stehe, nach seinem
+Messer zu greifen. Dies konnte mich aber nicht irre machen; darum hielt
+ich sein Handgelenk nur fester und gab ihm einen scharfen Ruck, der ihn
+zwang, aus dem Busch heraus in das Freie zu treten.
+
+»Was wagest du?« blitzte er mich an.
+
+»Gar nichts. Du gehst mit mir; tschapuk -- sofort!«
+
+»Laß meine Hand los, sonst -- -- --!«
+
+»Was sonst?«
+
+»Brauche ich Gewalt!«
+
+»Brauche sie!«
+
+»Da -- -- --!«
+
+Er zog das Messer und stieß nach mir; ich aber griff von unten herauf
+und faßte nun auch seine zweite Hand.
+
+»Schade um dich; denn du scheinst kein Feigling zu sein!«
+
+Ich drückte ihm die Hand, daß er das Messer fallen ließ, hob dasselbe
+schnell auf und faßte ihn bei der Jacke.
+
+»Nun vorwärts, sonst -- --! Hier nimm meine Wäsche auf und trage sie!«
+
+»Herr, thue es nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Bist du ein Dschesidi?«
+
+»Nein.«
+
+»Warum willst du mich dann nach dem Dorfe schaffen?«
+
+»Das will ich dir sagen: du bist ein türkischer Soldat, ein Spion.«
+
+Er erbleichte.
+
+»Du irrst, Herr! Wenn du kein Dschesidi bist, so laß mich frei!«
+
+»Dschesidi oder nicht; vorwärts!«
+
+Er krümmte sich unter meinem Griffe, aber er mußte mit. Ich zwang ihn
+sogar, meine Wäsche zu tragen. Wir erregten kein geringes Aufsehen, als
+wir das Dorf erreichten, und eine ziemliche Menschenmenge folgte uns
+nach der Wohnung des Beys. Er befand sich im Selamlük, wohin ich auch
+den Fremden schaffte. Unweit der Thüre stand, ohne daß der Gefangene ihn
+bemerkte, mein Baschi-Bozuk, der eine sehr überraschte Miene machte, als
+wir an ihm vorübergingen. Er mußte ihn kennen.
+
+»Wen bringst du mir da?« fragte Ali Bey.
+
+»Einen Fremden, den ich draußen am Bache fand. Er hatte sich versteckt,
+und zwar an einem Orte, von welchem aus er das ganze Dorf und auch den
+Weg nach Scheik Adi überblicken konnte.«
+
+»Wer ist er?«
+
+»Er behauptet, Lassa zu heißen und ein Dassini zu sein.«
+
+»Dann müßte ich ihn kennen; auch giebt es keinen Dassini dieses Namens.«
+
+»Er stach nach mir, als ich ihn zwang, mit mir zu gehen. Hier ist er.
+Thue mit ihm, was du willst!«
+
+Ich verließ den Raum. Draußen stand der Buluk Emini noch.
+
+»Kennst du den Mann, den ich jetzt brachte?«
+
+»Ja. Was hat er gethan, Emir? Gewiß hast du ihn verkannt! Er ist kein
+Dieb und kein Räuber.«
+
+»Was sonst?«
+
+»Er ist Kol Agassi[213] bei meinem Regiment.«
+
+ [213] Überzähliger Stabsoffizier zu Fuße.
+
+»Ah! Wie heißt er?«
+
+»Nasir. Wir nannten ihn Nasir Agassi. Er ist der Freund des Miralai Omar
+Amed.«
+
+»Gut; sage Halef, daß er satteln möge!«
+
+Ich kehrte in das Selamlük zurück, wo vor Mohammed Emin und einigen der
+zufällig anwesenden bedeutenderen Dorfbewohner das Verhör bereits
+begonnen hatte.
+
+»Seit wann lagst du im Busche?« fragte der Bey.
+
+»Seit dieser Mann hier badete.«
+
+»Dieser Mann ist ein Emir; merke dir das! Du bist kein Dassini und auch
+kein Dschesidi. Wie heißt du?«
+
+»Das sage ich nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich habe eine Blutrache da droben in den kurdischen Bergen; ich muß
+verschweigen, wer ich bin und wie ich heiße.«
+
+»Seit wann hat ein Kol Agassi mit der Blutrache der freien Kurden zu
+thun?« fragte ich ihn.
+
+Er wurde noch bleicher als vorhin am Bache.
+
+»Kol Agassi? Was meinest du?« fragte er dennoch beherzt.
+
+»Ich meine, daß ich Nasir Agassi, den Vertrauten vom Miralai Omar Amed,
+so genau kenne, daß ich mich nicht täuschen lasse.«
+
+»Du -- du -- -- du kennst mich? Wallahi, so bin ich verloren; das ist mein
+Verhängnis!«
+
+»Nein; es ist dein Kismet nicht. Gestehe aufrichtig, was du hier
+thatest, so wird dir vielleicht nichts geschehen!«
+
+»Ich habe nichts zu sagen.«
+
+»Dann bist du verl-- -- --«
+
+Ich unterbrach den zornigen Bey mit einer schnellen Handbewegung und
+wandte mich wieder zu dem Gefangenen.
+
+»Ist das von der Blutrache die Wahrheit?«
+
+»Ja, Emir!«
+
+»So sei ein anderes Mal vorsichtiger. Wenn du mir versprichst,
+unverweilt nach Mossul zurückzukehren und die Rache für jetzt
+aufzuschieben, so bist du frei.«
+
+»Effendi!« rief da der Bey erschrocken. »Bedenke doch, daß wir ja -- --«
+
+»Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach ich ihn abermals. »Dieser
+Mann ist ein Stabsoffizier des Mutessarif, ein Kol Agassi, aus dem einst
+vielleicht ein General werden kann, und du lebst mit dem Mutessarif in
+Freundschaft und in tiefstem Frieden. Es thut mir jetzt leid, diesen
+Offizier belästigt zu haben, was gar nicht geschehen wäre, wenn ich ihn
+sofort gekannt hätte. -- Du versprichst mir also, unverweilt nach Mossul
+zurückzukehren?«
+
+»Ich verspreche es.«
+
+»Betrifft diese Rache einen Dschesidi?«
+
+»Nein.«
+
+»So gehe, und Allah behüte dich, daß die Rache nicht gefährlich für dich
+selbst wird!«
+
+Er stand ganz erstaunt. Noch vor einem Augenblick hatte er den gewissen
+Tod vor sich gesehen, und jetzt sah er sich frei. Er faßte meine Hand
+und rief:
+
+»Emir, ich danke dir! Allah segne dich und alle die Deinen!«
+
+Dann war er in größter Eile zur Thür hinaus. Er mochte befürchten, daß
+wir unsere Großmut noch bereuen könnten.
+
+»Was hast du gethan!« sagte Ali Bey mehr erzürnt als erstaunt.
+
+»Das Beste, was ich thun konnte,« antwortete ich.
+
+»Das Beste? Dieser Mensch ist ein Spion!«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Und hatte den Tod verdient!«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Und du schenktest ihm die Freiheit! Zwangst ihn nicht zum Geständnis!«
+
+Auch die andern Dschesidi schauten finster drein. Ich ließ mich dies
+nicht anfechten und antwortete:
+
+»Was hättest du durch sein Geständnis erfahren?«
+
+»Vielleicht viel!«
+
+»Nicht mehr, als wir bereits wissen. Und übrigens schien er der Mann zu
+sein, der lieber stirbt als gesteht.«
+
+»So hätten wir ihn getötet!«
+
+»Und was wäre die Folge davon gewesen?«
+
+»Daß es einen Spion weniger gegeben hätte!«
+
+»O, die Folgen wären noch ganz andere gewesen. Der Kol Agassi war
+jedenfalls abgeschickt, sich zu überzeugen, ob wir eine Ahnung von dem
+beabsichtigten Überfalle haben. Töteten wir ihn, oder hielten wir ihn
+gefangen, so kehrte er nicht zurück, und man hätte gewußt, daß wir
+bereits gewarnt sind. Nun aber hat er seine Freiheit wieder erhalten,
+und der Miralai Omar Amed wird als ganz sicher annehmen, daß wir nicht
+das geringste von dem Anschlage des Mutessarif ahnen. Es würde doch die
+allergrößte Dummheit sein, einen Spion zu entlassen, wenn man überzeugt
+ist, daß man überfallen werden soll -- so werden sie sich sagen. Habe ich
+recht?«
+
+Der Bey umarmte mich.
+
+»Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so weit wie die deinigen.
+Aber ich werde ihm einen Späher nachsenden, um mich zu überzeugen, daß
+er auch wirklich fortgeht.«
+
+»Auch dies wirst du nicht thun.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Er könnte grad dadurch auf das aufmerksam werden, was wir ihm durch
+seine Freilassung verborgen haben. Er wird sich hüten, hier zu bleiben,
+und übrigens kommen jetzt genug Leute an, bei denen du dich erkundigen
+kannst, ob sie ihm begegnet sind.«
+
+Auch hier drang ich durch. Es war mir eine angenehme Genugthuung, zwei
+Vorteile verbunden zu haben: -- ich hatte einem Menschen, der doch nur
+auf Befehl gehandelt hatte, das Leben erhalten und zu gleicher Zeit den
+Plan des Mutessarif vereitelt. Mit diesem Gefühle ging ich in das
+Frauengemach, welches hier eigentlich Küche genannt werden mußte, um das
+Frühstück einzunehmen. Vorher aber holte ich aus meiner kleinen
+Raritätensammlung, die ich von Isla Ben Maflei erhalten hatte, ein
+Armband, an welchem ein Medaillon angebracht war.
+
+Der kleine Bey war auch bereits munter. Während ihn seine Mutter hielt,
+versuchte ich seine niedliche Physiognomie zu Papiere zu bringen. Es
+gelang ganz leidlich, denn Kinder sind einander ähnlich. Dann legte ich
+das Papier in das Medaillon und gab der Mutter das Armband.
+
+»Trage dies als Andenken an den Emir der Nemtsche,« bat ich sie; »das
+Gesicht deines Sohnes befindet sich darin; es wird ewig jung bleiben,
+auch wenn er alt geworden ist.«
+
+Sie sah das Bild an und war ganz entzückt. In fünf Minuten hatte sie es
+sämtlichen Bewohnern des Hauses und allen Anwesenden gezeigt, und ich
+konnte mich vor Dankbarkeitsbezeigungen kaum retten. Dann aber brachen
+wir auf, allerdings nicht mit dem Gefühle, daß es zu einer Lustbarkeit
+gehe, sondern in sehr ernster Stimmung.
+
+Ali Bey hatte seine kostbarste Kleidung angelegt. Er ritt mit mir
+voraus, und dann folgten die angesehensten Leute des Dorfes. Mohammed
+Emin befand sich natürlich an unserer Seite. Er war mißmutig, da unser
+Ritt nach Amadijah eine solche Unterbrechung erlitten hatte. Vor uns her
+zog eine Schar von Musikanten mit Flöten und Tamburins. Hinterher kamen
+die Frauen, meist mit Eseln, die mit Teppichen, Kissen und allerlei
+Gerätschaften beladen waren.
+
+»Hast du deine Vorbereitungen für Baadri getroffen?« fragte ich den Bey.
+
+»Ja. Bis Dscherraijah stehen Posten, welche mir das Nahen des Feindes
+sofort melden.«
+
+»Baadri wirst du den Türken ohne Verteidigung lassen?«
+
+»Natürlich. Sie werden still hindurchziehen, um uns nicht vor der Zeit
+aufmerksam zu machen.«
+
+Von jetzt an ging es sehr laut um uns zu. Wir wurden von Reitern
+umschwärmt, welche Scheingefechte aufführten, und von allen Seiten
+knallten unaufhörlich Salven. Jetzt wurde der Weg sehr schmal und wand
+sich stellenweise so steil an den Bergen empor, daß wir absteigen und,
+einer hinter dem andern, unsere Pferde über die Felsen führen mußten.
+Erst nach einer starken Stunde erreichten wir den Gipfel des Passes und
+konnten nun in das grüne bewaldete Thal von Scheik Adi hinabblicken.
+
+Ein jeder schoß, sobald er die weiße Turmspitze des Grabmales
+erblickte, sein Gewehr ab, und von unten herauf antworteten
+ununterbrochen Schüsse, so daß ein großes Infanteriegefecht
+stattzufinden schien, dessen Echo in den Bergen widerhallte. Hinter uns
+kamen immer neue Züge, und als wir den Abhang hinabritten, sahen wir
+rechts und links zur Seite zahlreiche Pilger unter den Bäumen liegen.
+Sie ruhten sich hier von den Strapazen des Steigens aus und genossen
+dabei den Anblick des Heiligtumes und der herrlichen Gebirgsnatur, der
+für die Bewohner der Ebene eine wahre Erquickung sein mußte.
+
+Wir hatten das Grabmal noch nicht erreicht, so kam uns Mir Scheik Khan,
+das geistliche Oberhaupt der Dschesidi, an der Spitze mehrerer Scheiks
+entgegen. Er wird Emir Hadschi genannt und stammt von der Familie der
+Ommijaden ab. Seine Familie wird als die Hauptfamilie der Dschesidi
+betrachtet und Posmir oder Begzadehs genannt. Er selbst war ein
+kräftiger Greis von mildem, ehrwürdigem Aussehen und schien nicht den
+mindesten hierarchischen Stolz zu besitzen; denn er verbeugte sich vor
+mir und umarmte mich dann so innig, wie man es bei einem Sohne thun
+würde.
+
+»Aaleïk salam u rahhmet Allah. Ser sere men at -- der Friede und die
+Barmherzigkeit Gottes sei mit dir! Ihr seid mir willkommen!« grüßte er.
+
+»Chode scogholeta rast init -- Gott stehe dir bei in deinem Amte!«
+antwortete ich. »Aber willst du nicht türkisch mit mir sprechen? Ich
+verstehe die Sprache eures Landes noch nicht!«
+
+»Befiehl über mich nach deinem Gefallen, und sei mein Gast in dem Hause
+dessen, an dessen Grabe wir die Allmacht und die Gnade verehren.«
+
+Wir waren natürlich bei seinem Nahen abgestiegen. Auf einen Wink von ihm
+wurden unsere Pferde in Empfang genommen, und wir, nämlich Ali Bey,
+Mohammed Emin und ich, schritten an seiner Seite dem Grabmale zu. Wir
+gelangten zunächst in einen von einer Mauer umgebenen Hof, welcher
+bereits ganz von Menschen erfüllt war; dann gelangten wir an den Eingang
+des innern Hofes, welcher von den Dschesidi nie anders als barfuß
+betreten wird. Ich folgte diesem Beispiele, zog meine Schuhe aus und
+ließ sie am Eingange zurück.
+
+In dem innern Hofe standen viele Bäume, deren Schatten den Pilgern
+Kühlung und Labung bringt; dichter Oleander trieb Blüte an Blüte, und
+ein ungeheurer Weinstock bildete eine Laube, nach welcher uns der Mir
+Scheik Khan führte und in der wir Platz nahmen. Einige Scheiks und
+Kawals ruhten unter den Bäumen, sonst waren wir allein.
+
+In diesem Hofe erhebt sich das eigentliche Gebäude des Grabmales,
+welches von zwei weißen Türmen überragt wird, die mit dem tiefen Grün
+des Thales lebhaft und wohlthuend kontrastieren. Ihre Spitzen sind
+vergoldet und ihre Seiten in viele Winkel gebrochen, zwischen denen sich
+Licht und Schatten jagen. Über dem Thorwege waren einige Figuren
+ausgehauen, in denen ich einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen
+Mann und einen Kamm erkannte. Das Innere des Gebäudes ist, wie ich
+nachher sah, in drei Hauptabteilungen geschieden, von denen die eine
+größer ist, als die beiden andern. Diese Halle wird von Säulen und Bogen
+getragen und hat einen Brunnen, dessen Wasser für sehr heilig gehalten
+wird. Mit demselben werden die Kinder getauft. In der einen der zwei
+kleineren Abteilungen befindet sich das eigentliche Grab des Heiligen.
+Über der Gruft erhebt sich ein großes kubisches Gehäuse, welches aus
+Thon gebildet und mit Gips überzogen ist. Als einziger Schmuck ist ein
+grünes, gesticktes Tuch darüber gebreitet, und eine ewige Lampe brennt
+in dem Gemache.
+
+Der Thon des Grabmales bedarf von Zeit zu Zeit einer Ergänzung, da die
+Hüter des Heiligtums kleine Kugeln daraus bereiten, welche von den
+Pilgern gern gekauft und als Andenken mitgenommen, vielleicht auch als
+Amulette getragen werden. Diese Kugeln befinden sich in einem Gefäße,
+welches an dem erwähnten Weinstocke angebracht ist, und haben
+verschiedene Größen: von der Größe einer Erbse bis zu der jener kleinen
+Marmor- oder Glaskugeln, mit denen bei uns die Kinder zu spielen
+pflegen.
+
+In dem zweiten kleinen Gemache befindet sich auch ein Grab, über dessen
+Inhalt die Dschesidi aber selbst nicht klar zu sein scheinen.
+
+In der Umfassungsmauer, welche das Heiligtum umgiebt, sind zahlreiche
+Nischen angebracht, welche die Lichter aufzunehmen haben, mit denen bei
+größeren Festen illuminirt wird. Das Grabmal wird von Gebäuden umgeben,
+welche den Priestern und Dienern des Grabes zur Wohnung dienen. Der
+ganze Ort aber liegt in einer engen Thalschlucht, deren Felsen von allen
+Seiten sehr steil in die Höhe steigen. Er besteht nur aus wenigen
+profanen Wohnungen und enthält außer dem Heiligtume vorzugsweise solche
+Gebäude, welche die Pilger aufzunehmen haben. Jeder Stamm oder auch jede
+größere Abteilung desselben hat dann ein solches Haus ausschließlich für
+sich in Besitz.
+
+Draußen vor den Mauern hatte sich ein förmlicher Jahrmarkt entfaltet.
+Alle möglichen Arten von Geweben und Zeugen hingen zum Verkaufe von den
+Ästen der Bäume nieder; alle möglichen Früchte und Eßwaren wurden
+feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenstände und allerlei orientalisches
+Allerhand war zu bekommen. Wäre die Tracht nicht gewesen, so hätte ich
+mich in die Heimat versetzt dünken können, so heiter und unbefangen, so
+harmlos und gutmütig war das bunte Treiben in dem Dorfe des Heiligen.
+Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben sich immer mehr meine
+Sympathie, und ich stimme dem vollständig bei, was ein sehr verständiger
+Engländer, welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir später in
+Konstantinopel von ihnen sagte:
+
+»Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie besser sind, als ihre
+Verleumder. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie
+die Deutschen Asiens werden, und nirgends hat das Christentum so große
+Hoffnung auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse
+überseeische Sendboten der Mission schildern die Dschesidi nur deshalb
+so ganz und gar unwahr, um einem etwaigen kleinen Erfolge eine sehr
+große Bedeutung verleihen zu können.«
+
+Natürlich ließ ich meiner Wißbegierde nicht die Zügel schießen, so daß
+sie zur lästigen Neugierde werden konnte, und vielleicht grad darum
+wurde unsere Unterhaltung eine so animiert herzliche, als ob wir Glieder
+einer Familie seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet hätten.
+Zunächst kam die Rede auf den bevorstehenden Angriff, doch wurde dieser
+Gegenstand bald beiseite gelegt, da es sich herausstellte, daß Ali Bey
+alle erforderlichen Maßregeln mit der größten Sorgfalt getroffen hatte.
+Dann kam das Gespräch auf Mohammed Emins und meine Person, auf unsere
+Erlebnisse und gegenwärtigen Absichten.
+
+»Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bedürft der Hilfe,« meinte der
+Mir Scheik Khan. »Ich werde euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den
+Beistand aller Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.«
+
+»Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?« fragte ich.
+
+»Nein, sondern ein Melek Ta-us.«
+
+Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung
+des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den
+über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem
+Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen
+sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche
+der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einer
+besonderen Mission beehrt! Und dieses große, dieses geheimnisvolle Wort,
+über welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier so gelassen
+aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene an und fragte:
+
+»Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?«
+
+Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem unwissenden Sohne
+eine notwendige Erklärung giebt, antwortete er:
+
+»Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher Name bei uns nicht
+ausgesprochen wird. Melek Ta-us heißt auch das Tier, welches bei uns ein
+Symbol des Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen wir
+auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen verleihe, zu denen
+ich Vertrauen habe. Ich weiß alles, was man über uns fabelt; aber deine
+Weisheit wird dir sagen, daß ich uns vor dir nicht zu verteidigen
+brauche. Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen
+Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, daß dort die Bilder der Gottesmutter,
+des Gottessohnes und vieler Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr
+haben, welches das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das
+Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten, wo diese
+Bilder sind, aber ich werde niemals glauben, daß ihr diese Bilder
+anbetet. Wir glauben von euch das Richtige, und ihr glaubet von uns das
+Falsche. Wer ist verständiger und gütiger, ihr oder wir? Blicke hin an
+das Thor! Meinst du, daß wir diese Bilder anbeten?«
+
+»Nein.«
+
+»Du siehst einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen
+Kamm. Die Dschesidi können nicht lesen; daher ist es besser, man sagt
+ihnen durch diese Bilder, was man ihnen sagen möchte. Eine Schrift
+würden sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen,
+weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen sind. Dieser Heilige war
+ein Mann; darum beten wir ihn nicht an; aber wir versammeln uns an
+seinem Grabe, wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.«
+
+»Er hat euren Glauben gestiftet?«
+
+»Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebräuche gegeben. Der
+Glaube wohnt im Herzen, die Sitten aber wachsen aus dem Boden, auf
+welchem wir leben, und aus dem Lande, welches diesen Boden rings
+umgrenzt. Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre sind auch
+diejenigen Satzungen des Kurans gekommen, welche wir für gut und heilsam
+erkannt haben.«
+
+»Man erzählte mir, daß er Wunder gethan habe.«
+
+»Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie thut, so thut er sie durch
+die Hand der Menschen. Blicke hinein, dort in die Halle! Dort ist ein
+Brunnen, den Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed
+in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem eine heilige Quelle. Er nahm
+von dem Wasser des Zem-Zem und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort
+öffnete sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So wird uns
+erzählt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben, denn das Wunder ist auch
+ohne dies da. Oder ist es kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein
+das lebendige Wasser fließt? Dieses ist bei uns ein Symbol der Reinheit
+unserer Seele, und darum halten wir es für heilig, nicht aber, weil es
+von der Quelle Zem-Zem stammen soll.«
+
+Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt öffnete sich das äußere
+Thor, um einen langen Zug von Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder
+eine Lampe trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke für die
+Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus irgend einer Gefahr. Sie
+waren für Scheik Schems[214] bestimmt, das leuchtende Symbol der
+göttlichen Klarheit.
+
+ [214] Sonne.
+
+Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei recht eigentümliche
+kurdische Flinten. Bei einer derselben wurden Lauf und Schaft durch
+zwanzig starke, breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres
+Zielen ganz unmöglich machten. Eine zweite zeigte eine Art Bajonnet,
+welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken zu beiden Seiten des
+Laufes befestigt waren. Die Männer überreichten ihre Krüge den Priestern
+und traten der Reihe nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu küssen,
+wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten.
+
+Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des Festes den heiligen Ort mit
+seiner ganzen Umgebung zu illuminieren. Es darf dabei kein gewöhnliches
+Öl oder gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies für unrein
+gilt. Nur das Öl vom Sesam ist gestattet.
+
+Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl gegen zwanzig Kinder
+getauft und beschnitten, welche zum Teil von sehr weit hergebracht
+worden waren. Ich wohnte diesen religiösen Handlungen bei.
+
+Später entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um einen Gang durch das
+Thal zu machen. Am auffälligsten war mir die ungeheure Zahl von
+Fackeln, welche zum Verkaufe auslagen. Nach einer ungefähren Schätzung
+konnten es zehntausend sein. Die Händler machten glänzende Geschäfte,
+denn ihre Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen.
+
+Eben standen wir vor einem Verkäufer von Glas- und unechten
+Korallenwaren, als ich die weiße Gestalt des Pir Kamek den Bergpfad
+herabkommen sah. Er mußte, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns
+vorüber, und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen.
+
+»Willkommen hier, ihr Gäste vom Scheik Schems! Ihr werdet den Heiligen
+der Dschesidi kennen lernen.«
+
+Er reichte uns die Hände. Sobald er bemerkt worden war, wurde er vom
+Volke umringt, und ein jeder bemühte sich, seine Hand oder den Saum
+seines Gewandes zu berühren und zu küssen. Er hielt eine Ansprache an
+die Versammelten; sein langes weißes Haar flatterte im Morgenwinde;
+seine Augen leuchteten, und seine Gebärden zeigten die Lebhaftigkeit der
+Begeisterung. Dazu krachten die Schüsse der Ankommenden von oben herab,
+und ganze Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte ich
+seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer Sprache hielt. Am
+Schlusse derselben aber intonierte er einen Gesang, in welchen alle
+einfielen und dessen Anfang mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam,
+übersetzte:
+
+»O gnädiger und großmütiger Gott, welcher nährt die Ameise und die
+kriechende Schlange, Nacht und Tag Lenkender, Lebendiger, Höchster,
+Ursachloser, welcher der Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht
+zuweist! Weiser, herrsche über Weisheit; Starker, herrsche über die
+Stärke; Lebendiger, herrsche über den Tod!«
+
+Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der Pir trat zu mir.
+
+»Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?«
+
+»Nein. Du weißt, daß ich deine Sprache nicht rede.«
+
+»Ich sagte ihnen, daß ich Scheik Schems ein Opfer bringen werde, und nun
+sind sie in den Wald gegangen, um das nötige Holz zu holen. Willst du
+dem Opfer beiwohnen, so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir;
+dort kommen bereits die Opferstiere.«
+
+Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben eine lange Reihe von
+Ochsen aufgeführt wurde. Wir folgten ihm langsam nach.
+
+»Was geschieht mit den Tieren?« fragte ich meinen Dolmetscher.
+
+»Sie werden geschlachtet.«
+
+»Für wen?«
+
+»Für Scheik Schems.«
+
+»Kann die Sonne Stiere essen?«
+
+»Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.«
+
+»Nur das Fleisch?«
+
+»Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut. Mir Scheik Khan
+übernimmt die Verteilung.«
+
+»Und das Blut?«
+
+»Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben, denn die Seele
+ist im Blute.«
+
+Das war also genau die alttestamentliche Anschauung, daß das Leben des
+Leibes, daß die Seele im Blute liege. Ich sah, daß es sich hier nicht um
+eine heidnische Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es
+den Armen ermöglichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen feiern zu
+können.
+
+Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik Khan aus dem Thore,
+gefolgt von Pir Kamek, von einigen Scheiks und Kawals und einer größeren
+Anzahl von Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz wurde
+von einer großen Menge Krieger umgeben, welche ihre Gewehre schußbereit
+hielten. Da warf Mir Scheik Khan das Obergewand ab, sprang auf den
+ersten Stier und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den
+Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben
+Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele
+Schüsse krachten.
+
+Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es
+gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und
+schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle
+der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß
+kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader
+zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut
+aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von
+Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die
+andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine
+außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen.
+
+Da trat Ali Bey zu mir.
+
+»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der
+Freundschaft der Badinan versichern.«
+
+»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?«
+
+»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr
+Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher
+wie möglich gehen muß. Komm!«
+
+Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen
+aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes
+bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der
+Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir
+Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus
+konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten
+Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden.
+
+Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems)
+gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes
+treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte
+Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische
+Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer
+Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in
+arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von
+Gott!«
+
+Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen
+Kotschers[215]. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken
+und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die
+Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den
+Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben
+waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz
+bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen
+Steinen hingen ihnen um den Nacken.
+
+ [215] Wandernde Stämme.
+
+Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine
+Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit
+durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das
+lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes
+Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff
+befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen
+Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem
+kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten
+in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre
+Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen
+hatten.
+
+Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus
+Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß
+und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und
+Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.
+
+Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien,
+aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und
+Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und
+Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku.
+Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre
+Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre
+Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander
+wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte
+sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem
+Fremden -- es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier
+zusammentrafen.
+
+Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die Männer in einzelnen
+größeren oder kleineren Gruppen nach dem Grabmale begaben.
+
+»Was thun sie dort?« fragte ich Ali Bey.
+
+»Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.«
+
+»Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?«
+
+»Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren Stämmen und Wohnsitzen
+zusammen, deren Anführer sie begleitet oder von dem sie eine
+Bescheinigung vorzeigen.«
+
+»Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?«
+
+»Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes aber werden einige
+Tiere geschlachtet, welche weiß, ganz weiß sein müssen, und deren
+Fleisch gehört den Priestern.«
+
+»Können eure Priester Sünde thun?«
+
+»Warum nicht? Sie sind doch Menschen!«
+
+»Auch die Pirs, die Heiligen?«
+
+»Auch sie.«
+
+»Auch Mir Scheik Khan?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubst du, daß auch der große Heilige Scheik Adi Sünde gethan hat?«
+
+»Auch er war ein Sünder, denn er war nicht Gott.«
+
+»Laßt ihr eure Sünden auf eurer Seele liegen?«
+
+»Nein, wir entfernen sie.«
+
+»Wie?«
+
+»Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer und das Wasser. Du
+weißt, daß wir uns bereits gestern oder heute gewaschen haben. Dabei
+erkennen wir unsere Sünde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden
+sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst du sehen, daß wir
+unsere Seelen auch durch die Flamme reinigen.«
+
+»Du glaubst also, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt?«
+
+»Wie könnte sie sterben, da sie von Gott ist!«
+
+»Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht glaube?«
+
+»Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: »Japar-di bir sagh solukü
+burunuje -- er blies ihm einen lebendigen Odem in seine Nase?«
+
+»Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo bleibt sie nach dem Tode
+des Leibes?«
+
+»Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet hast. Auch
+Gottes Odem geht wieder zu ihm zurück, nachdem er von Sünden rein
+geworden ist. -- Laß uns nun aufbrechen!«
+
+»Wie weit ist es bis Kaloni?«
+
+»Man reitet vier Stunden lang.«
+
+Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und verließen ohne alle
+Begleitung das Thal. Der Weg führte an der steilen Bergwand empor, und
+als wir die Höhe derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht
+bewaldetes, von zahlreichen Thälern durchzogenes Gebirgsland vor mir.
+Dieses Land wird von den großen Stämmen der Missuri-Kurden bewohnt, zu
+denen auch die Badinan gehören. Unser Weg führte bald bergab, bald
+wieder bergauf, bald zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald
+dahin. An den Abhängen sahen wir einige kleine Dörfer liegen, aber die
+Häuser derselben waren verlassen. Hier und da hatten wir die kalten
+Fluten eines wilden Bergbaches zu durchreiten, der sein Wasser dem
+Ghomel entgegenschickte, um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus
+zuzufließen, der in den großen Zab geht und sich mit diesem bei Keschaf
+in den Tigris ergießt. Diese Häuser waren von Weingärten umgeben, neben
+denen Sesam, Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders
+schmuckes Aussehen durch die Blüten und Früchte der sorgsam gepflegten
+Feigen-, Walnuß-, Granatapfel-, Pfirsich-, Kirschen-, Maulbeer- und
+Olivenbäume.
+
+Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche die Gegend bis
+Dschulamerik bewohnten, waren schon alle in Scheik Adi eingetroffen, und
+wir waren bereits zwei Stunden weit geritten, als wir eine Stimme
+hörten, welche uns anrief.
+
+Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein Kurde. Er hatte sehr weite,
+unten offene Hosen an, und die nackten Füße steckten in niedrigen
+Lederschuhen. Der Körper war nur mit einem am Halse viereckig
+ausgeschnittenen Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging. Sein
+dichtes Haar hing in lockigen Strähnen über die Schultern herab, und auf
+dem Kopfe trug er eine jener merkwürdigen, häßlichen Filzmützen, welche
+das Aussehen einer riesigen Spinne haben, deren runder Körper den
+Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und zur Seite bis auf die
+Achseln niederhängen. Im Gürtel trug er ein Messer, eine Pulverflasche
+und den Kugelbeutel, eine Flinte aber war nicht zu sehen.
+
+»Ni, vro'l kjer -- guten Tag!« grüßte er uns. »Wohin will Ali Bey, der
+Tapfere, reiten?«
+
+»Chode t'aveschket -- Gott behüte dich!« antwortete der Bey. »Du kennst
+mich? Von welchem Stamme bist du?«
+
+»Ich bin ein Badinan, Herr.«
+
+»Aus Kaloni?«
+
+»Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.«
+
+»Wohnt ihr noch in euren Häusern?«
+
+»Nein. Wir haben unsere Hütten bereits bezogen.«
+
+»Sie liegen hier in der Nähe?«
+
+»Woher vermutest du das?«
+
+»Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung entfernt, so nimmt er
+sein Gewehr mit. Du aber hast das deinige nicht bei dir.«
+
+»Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?«
+
+»Mit deinem Häuptling.«
+
+»Steige ab und folge mir!«
+
+Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim Zügel. Der Kurde führte
+uns in den Wald hinein, in dessen Tiefe wir einen starken, aus gefällten
+Bäumen errichteten Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche
+Hütten liegen sahen, die nur aus Stangen, Ästen und Laubwerk
+hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine schmale Öffnung gelassen
+worden, die uns den Eingang gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte
+von Kindern sich zwischen den Hütten und Bäumen umhertummeln, während
+die Erwachsenen, sowohl Männer als Frauen, damit beschäftigt waren, den
+Verhau zu vergrößern und zu befestigen. Auf einer der größten Hütten saß
+ein Mann. Es war der Häuptling, der diesen höheren Platz eingenommen
+hatte, um einen freieren Überblick zu haben und die Arbeit besser
+dirigieren zu können. Als er meinen Begleiter erblickte, sprang er herab
+und kam uns entgegen.
+
+»Kjeïr ati; Chode dáuleta ta mazen b'ket -- sei willkommen; Gott vermehre
+deinen Reichtum!«
+
+Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte einem Weibe, welches
+eine Decke ausbreitete, auf welche wir uns niedersetzten. Mich schien er
+gar nicht zu beachten. Ein Dschesidi wäre auch gegen mich höflich
+gewesen. Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau war, brachte jetzt
+drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus dem Holze eines Indschaz[216]
+geschnitten waren, und ein junges Mädchen trug eine Schüssel auf, in
+welcher Trauben und Honigscheiben lagen. Der Häuptling nahm seinen
+Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet war, vom
+Gürtel, öffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey.
+
+ [216] Pomeranzenbaum.
+
+»Taklif b' ela k' narek, au, beïn ma batal -- mache keine Umstände, die
+unter uns überflüssig sind!« sagte er.
+
+Dabei griff er mit seinen schmutzigen Händen in den Honig, zog sich mit
+den Fingern ein Stück heraus und schob es in den Mund.
+
+Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand.
+
+»Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und dir!« begann er die
+Unterhaltung.
+
+»Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,« lautete die einfache
+Antwort.
+
+»Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?«
+
+»Auch zwischen ihnen.«
+
+»Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind kommt, um dich
+anzugreifen und zu überfallen?«
+
+»Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich dich um Hilfe
+bitten.«
+
+»Und du würdest auch mir helfen, wenn ich dich darum ersuche?«
+
+»Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich es thun.«
+
+»Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?«
+
+»Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien Kurden. Er ist ein
+Räuber, der unsere Herden lichtet und unsere Töchter verkauft.«
+
+»Hast du gehört, daß er uns in Scheik Adi überfallen will?«
+
+»Ich hörte es von meinen Leuten, welche dir als Kundschafter dienten.«
+
+»Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?«
+
+»Du siehst es!« Er deutete dabei mit einer Armbewegung auf die Hütten
+ringsumher. »Wir haben Kalahoni verlassen und uns im Walde Hütten
+gebaut. Nun machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen
+können, wenn die Türken uns angreifen werden.«
+
+»Sie werden euch nicht angreifen.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns zu überraschen, so
+müssen sie vorher allen Kampf und Lärm vermeiden. Sie werden also dein
+Gebiet sehr ruhig durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen
+Weg vermeiden und durch die Wälder gehen, um die Höhe von Scheik Adi
+unbemerkt zu erreichen.«
+
+»Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.«
+
+»Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie auch über euch
+herfallen.«
+
+»Du wirst dich nicht besiegen lassen.«
+
+»Willst du mir dazu verhelfen?«
+
+»Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine Krieger nach Scheik
+Adi senden?«
+
+»Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um ohne Hilfe mit den Türken
+fertig zu werden. Du sollst nur deine Krieger verbergen und die Türken
+ruhig ziehen lassen, damit sie sich für sicher halten.«
+
+»Ihnen folgen soll ich nicht?«
+
+»Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschließen, daß sie nicht
+wieder zurück können. Auf der zweiten Höhe zwischen hier und Scheik Adi
+ist der Paß so schmal, daß nur zwei Männer neben einander gehen können.
+Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst du mit zwanzig Kriegern
+tausend Türken töten.«
+
+»Ich werde es thun. Aber was giebst du mir dafür?«
+
+»Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so daß ich sie allein besiege, sollst
+du fünfzig Gewehre erhalten; hast du aber mit ihnen zu kämpfen, so gebe
+ich dir hundert Türkenflinten, wenn du dich tapfer hältst.«
+
+»Hundert Türkenflinten!« rief der Häuptling begeistert. Er fuhr mit
+größter Eile in den Honig und steckte sich ein solches Stück davon in
+den Mund, daß ich glaubte, es müsse ihn erwürgen. »Hundert
+Türkenflinten!« wiederholte er kauend. »Wirst du Wort halten?«
+
+»Habe ich dich bereits einmal belogen?«
+
+»Nein. Du bist mein Bruder, mein Gefährte, mein Freund, mein
+Kampfgenosse, und ich glaube dir. Ich werde mir die Gewehre verdienen!«
+
+»Du kannst sie dir aber nur dann verdienen, wenn du die Türken bei ihrem
+Kommen ungestört ziehen lässest.«
+
+»Sie sollen keinen von meinen Männern sehen!«
+
+»Und sie dann hinderst, zurückzukehren, wenn es mir nicht gelingen
+sollte, sie zu umzingeln und festzuhalten.«
+
+»Ich werde nicht nur den Paß, sondern auch die Seitenthäler besetzen,
+damit sie weder rechts noch links, weder vor- noch rückwärts können!«
+
+»Daran thust du wohl. Doch will ich nicht haben, daß viel Blut vergossen
+werde. Die Soldaten können nichts dafür, sie müssen dem Gouverneur
+gehorchen; und wenn wir grausam sind, so ist der Padischah zu Stambul
+mächtig genug, ein großes Heer zu senden, welches uns vernichten kann.«
+
+»Ich verstehe dich. Ein guter Feldherr muß Gewalt und auch List
+anzuwenden verstehen. Dann kann er mit einem kleinen Gefolge ein großes
+Heer besiegen. Wann werden die Türken kommen?«
+
+»Sie werden es so einrichten, daß sie beim Anbruche des morgenden Tages
+Scheik Adi überfallen können.«
+
+»Die Überrumpelung sollen sie selbst haben. Ich weiß, daß du ein
+tapferer Krieger bist. Du wirst es den Türken ganz ebenso machen, wie es
+da unten in der Ebene die Haddedihn-Schammar ihren Feinden gemacht
+haben.«
+
+»Du hast davon gehört?«
+
+»Wer sollte dies nicht wissen? Die Kunde von solchen Heldenthaten
+verbreitet sich schnell über Berg und Thal. Mohammed Emin hat seinen
+Tribus zum reichsten Stamm gemacht.«
+
+Ali Bey lächelte mir heimlich zu und meinte dann:
+
+»Es ist eine schöne That, Tausende gefangen zu nehmen, ohne daß ein
+Kampf stattfindet.«
+
+»Diese That wäre Mohammed Emin nicht gelungen. Er ist stark und tapfer;
+aber er hat einen fremden Feldherrn bei sich gehabt.«
+
+»Einen fremden?« fragte der schlaue Bey.
+
+Ihn ärgerte jedenfalls die Nichtbeachtung, die mir von seiten des
+Häuptlings widerfahren war, und er ergriff nun die Gelegenheit, ihn zu
+beschämen. Dabei konnte es natürlich auf ein Übermaß von Lob gar nicht
+ankommen.
+
+»Ja, einen fremden,« antwortete der Häuptling. »Weißt du das noch
+nicht?«
+
+»Erzähle es!«
+
+Und der Kurde that es in folgender Weise:
+
+»»Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, saß vor seinem Zelte, um Rat
+zu halten mit den Ältesten seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf,
+und ein Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der Alten
+die Erde berührte.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte er.
+
+»Aaleïkum sallah!« antwortete Mohammed Emin. »Fremdling, wer bist du,
+und woher kommst du?«
+
+Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht; er selber aber trug ein
+Panzerhemd, Arm- und Beinschienen und einen Helm aus gediegenem Golde.
+Um seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri des Paradieses
+gewebt hatten; denn tausend lebendige Sterne kreiseten in seinen
+Maschen. Der Schaft seiner Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze
+leuchtete wie der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die
+Bärte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch funkelte wie
+Diamant, und sein Schwert konnte Stahl und Eisen zermalmen.
+
+»Ich bin der Feldherr eines fernen Landes,« antwortete der Glänzende.
+»Ich liebe dich und hörte vor einer Stunde, daß dein Stamm ausgerottet
+werden soll. Darum setzte ich mich auf mein Roß, welches zu fliegen
+vermag, wie der Gedanke des Menschen, und eilte herbei, dich zu warnen.«
+
+»Wer ist es, der meinen Stamm ausrotten will?« fragte Mohammed.
+
+Der Himmlische nannte die Namen der Feinde.
+
+»Weißt du dies gewiß?«
+
+»Mein Schild sagt mir alles, was auf Erden geschieht. Blicke her!«
+
+Mohammed sah auf den goldenen Schild. In der Mitte desselben war ein
+Karfunkel, fünfmal größer als die Hand eines Mannes, und in diesem sah
+er alle seine Feinde, wie sie sich versammelten, um gegen ihn zu ziehen.
+
+»Welch ein Heer!« rief er. »Wir sind verloren!«
+
+»Nein, denn ich werde dir helfen,« antwortete der Fremde. »Versammle
+alle deine Krieger um das Thal der Stufen und warte, bis ich dir die
+Feinde bringe!«
+
+Er gab hierauf seinem Pferde ein Zeichen, worauf es wieder emporstieg
+und hinter der Wolke verschwand. Mohammed Emin aber wappnete sich und
+die Seinen und zog nach dem Thale der Stufen, welches er rundum
+besetzte, sodaß die Feinde wohl hinein, aber nicht wieder heraus
+konnten. Am andern Morgen kam der fremde Held geritten. Er leuchtete wie
+hundert Sonnen, und dieses Licht blendete die Feinde, sodaß sie die
+Augen schlossen und ihm folgten mitten in das Thal der Stufen hinein.
+Dort aber kehrte er seinen Schild um; der Glanz wich von ihm, und sie
+öffneten die Augen. Da sahen sie sich in einem Thale, aus dem es keinen
+Ausweg gab, und mußten sich ergeben. Mohammed Emin tötete sie nicht;
+aber er nahm ihnen einen Teil ihrer Herden und forderte einen Tribut von
+ihnen, den sie jährlich geben müssen, so lange die Erde steht.««
+
+So erzählte der Kurde und schwieg nun.
+
+»Und was geschah mit dem fremden Feldherrn?« fragte der Bey.
+
+»Sallam aaleïkum!« sprach er; »dann erhob sich sein schwarzes Roß in die
+Wolken, und er verschwand,« lautete die Antwort.
+
+»Diese Geschichte ist sehr schön zu hören; aber weißt du auch, ob sie
+wirklich geschehen ist?«
+
+»Sie ist geschehen. Fünf Männer vom Dschelu waren zu derselben Zeit in
+Salamijah gewesen, wo es von den Haddedihn erzählt wurde. Sie kamen hier
+vorüber und berichteten es mir und meinen Leuten.«
+
+»Du hast recht; diese Geschichte ist geschehen, aber anders, als du sie
+vernommen hast. Willst du das schwarze Roß des Seraskiers sehen?«
+
+»Herr, das ist nicht möglich!«
+
+»Es ist möglich, denn es steht in der Nähe.«
+
+»Wo?«
+
+»Dort der Rapphengst ist es.«
+
+»Du scherzest, Bey!«
+
+»Ich scherze nicht, sondern ich sage dir die Wahrheit.«
+
+»Das Pferd ist herrlich, wie ich noch keines gesehen habe, aber es ist
+ja das Roß dieses Mannes!«
+
+»Und dieser Mann ist der fremde Seraskier, von dem du erzählt hast.«
+
+»Unmöglich!« -- Er machte vor Erstaunen den Mund so weit auf, daß man die
+ausgiebigsten zahnärztlichen Beobachtungen und Operationen hätte
+vornehmen können.
+
+»Unmöglich, sagst du? Habe ich dich einmal belogen? Ich sage dir noch
+einmal, daß er es wirklich ist!«
+
+Die Augen und Lippen des Häuptlings öffneten sich immer weiter; er
+starrte mich wie sinnlos an und streckte ganz unwillkürlich seine Hand
+nach dem Honig aus, kam aber daneben und griff in den Tabaksbeutel.
+Ohne dies zu bemerken, langte er zu und schob eine ziemliche Portion des
+narkotischen Krautes zwischen seine weißglänzenden Zähne hinein. Ich
+hatte diesen Tabak sehr in Verdacht, alles andere, aber nur kein Tabak
+zu sein, und jedenfalls hatte ich da ganz richtig vermutet; denn er
+brachte im Momente eine so schnelle krampfhebende Wirkung hervor, daß
+der Häuptling augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten
+Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte.
+
+»Katera peghamber -- um des Propheten willen! Ist er es wirklich?« fragte
+er noch einmal, und zwar in der äußersten Bestürzung.
+
+»Ich habe es dir bereits versichert!« antwortete der Angenetzte, indem
+er sich mit dem Zipfel seines Kleides das Angesicht reinigte.
+
+»O Seraskier,« wandte sich der Mann jetzt zu mir; »atina ta,
+inschiallah, keïrah -- gebe Gott, daß uns dein Besuch Glück bringe!«
+
+»Er bringt dir Glück, das verspreche ich dir!« antwortete ich.
+
+»Dein Roß ist hier, das schwarze,« fuhr er fort, »aber wo ist dein
+Schild mit dem Karfunkel, dein Panzer, dein Helm, deine Lanze, dein
+Säbel?«
+
+»Höre, was ich dir sage! Ich bin der fremde Krieger, welcher bei
+Mohammed Emin gewesen ist, aber ich stieg nicht vom Himmel herab. Ich
+komme aus einem fernen Lande, aber ich bin nicht der Seraskier
+desselben. Ich habe nicht goldene und silberne Waffen gehabt, aber hier
+siehst du Waffen, wie ihr sie nicht habt, und mit denen ich mich vor
+vielen Feinden nicht zu fürchten brauche. Soll ich dir zeigen, wie sie
+schießen?«
+
+»Sere ta, Ser babe ta, Ser hemscher ta Ali Bey -- bei deinem Haupte, beim
+Haupte deines Vaters und beim Haupte deines Freundes Ali Bey, thue es
+nicht!« bat er erschrocken. »Du hast die Rüstung, die Lanze, den Schild
+und das Schwert von dir gelegt, um diese Waffen zu gebrauchen, die
+vielleicht noch viel gefährlicher sind. Nezanum zïeh le dem -- ich weiß
+nicht, was ich dir geben soll; aber versprich mir, daß du mein Freund
+sein willst!«
+
+»Was kann es nützen, wenn du mein Freund wirst? In deinem Lande giebt es
+ein Sprichwort, welches lautet: 'Dischmini be aquil schi yari be aquil
+tschitire -- ein Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne
+Verstand.'«
+
+»Bin ich unverständig gewesen, Herr?«
+
+»Weißt du nicht, daß man einen Gast begrüßen muß, zumal wenn er mit
+einem Freunde kommt?«
+
+»Du hast recht, Herr! Du strafst mich mit einem Sprichworte; erlaube,
+daß ich dir mit einem andern antworte: 'Betschuk lasime thabe 'i mesinan
+bebe -- der Kleine muß dem Großen gehorsam sein.' Sei du der Große; ich
+werde dir gehorchen!«
+
+»Gehorche zunächst meinem Freunde Ali Bey! Er wird siegen, und deine
+Türkenflinten sind dir dann gewiß.«
+
+»Du zürnst? Verzeihe mir! Ser sere men; bu kalmeta ta siuh taksir nakem
+-- bei meinem Haupte; um dir zu dienen, werde ich nichts sparen. Nimm
+diese Trauben und iß; nimm diesen Tabak und rauche!«
+
+»Wir danken dir,« antwortete Ali Bey, der jedenfalls auch an sauberere
+Genüsse gewöhnt war. »Wir haben vor unserem Aufbruche gegessen und
+dürfen keine Zeit verlieren, nach Scheik Adi zurückzukehren.«
+
+Er erhob sich, und ich that dasselbe. Der Häuptling begleitete uns bis
+an den Pfad und versprach noch einmal, seine Pflicht so vollständig wie
+möglich zu erfüllen. Dann ritten wir denselben Weg zurück, den wir
+gekommen waren.
+
+
+
+
+Druck der Hoffmann'schen Buchdruckerei in Stuttgart.
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1882 als Band I der Reihe »Carl May's gesammelte
+Reiseromane« erschienenen Erstausgabe in Buchform erstellt. Die Umlaute
+Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Kleinere Unregelmäßigkeiten
+in der Schreibweise wurden beibehalten, einige Inkonsistenzen und
+Satzfehler wurden aber im gewissenhaften Vergleich mit der
+Zeitschriftenfassung (»Deutscher Hausschatz«) verbessert. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+book edition published in 1882 as Volume I of the series »Carl May's
+gesammelte Reiseromane«. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by
+Ä, Ö, Ü. Minor irregularities have been maintained, however some
+spelling inconsistencies and typesetting errors have beein corrected
+based on careful comparison with the magazine edition published earlier
+in »Deutscher Hausschatz«. The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+S. iv: [extra word] beherrscht und und behandelt
+S. 001: [normalized] Dra el Hauna -> Haua
+S. 007: »»Des Weibes Stimme ... Natter.«« -> 'Des ... Natter'
+S. 008: [added quotes] »Ah! Und dennoch nennst du
+S. 011: [normalized] Zwei Pferde und ein Djemmel -> Dschemmel
+S. 013: Alla kerihm, Gott ist gnädig! -> Allah
+S. 013: auf die Hand des Todten fiel -> Toten
+S. 020: »Von Gaffa.« -> Gafsa
+S. 020: daß sie von Gaffa kamen -> Gafsa
+S. 022: in welche eine Name eingraviert war -> ein Name
+S. 025: »Du kommst nicht von Gaffa?« -> Gafsa
+S. 029: zum Scheidan, zum Teufel -> Scheïtan
+S. 032: das mächtige #»Giölgeda padisahnün#« -> padischahnün
+S. 041: Sallam aaleikum, Friede sei mit euch -> aaleïkum
+S. 041: »Aaleikum!« antwortete Sadek -> Aaleïkum
+S. 052: [added period] »Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
+S. 052: [added closing quotes] »Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
+S. 062: als ich noch als Miralei in Stambul stand -> Miralai
+S. 064: [added comma] sofort packen würden, sah aber
+S. 065: [added comma] Ja, er soll erschossen werden
+S. 074: [added quotes] »Er wird mir nicht entfliehen
+S. 078: Mann im Wadi Tarfani getötet hat? -> Tarfaui
+S. 079: der eigentlich Hamd el Amusat -> Amasat
+S. 080: kehrte er nach seiner Zeit -> einer
+S. 080: »Fort, Shidi -- dort reiten!« -> Sihdi
+S. 082: am Giölgeda wekülanün -> wekilanün
+S. 085: der mit Scheidan im Bunde stehe -> Scheïtan
+S. 092: [normalized] Kein Arzt, kein Fakhir -> Fakir
+S. 094: der Erbauer des einsames Hauses -> einsamen
+S. 094: [normalized] in das Selamlück des Hauses -> Selamlük
+S. 096: Gotte gebe dir Frieden -> Gott
+S. 103: uud seine Lippen blau vor Wut -> und
+S. 107: ihm war ich ein nnabweisbarer Eindringling -> unabweisbarer
+S. 113: Wir legten bei dem Kahn an -> langten
+S. 127: [added closing quotes] obgleich er sie Güzela nennt.«
+S. 131: Ausguck nach demseblen gehalten -> demselben
+S. 137: [added closing quotes] Haidi, wohlan!«
+S. 138: [added comma] »Ja, ich konnte nicht weiter.«
+S. 138: mit steineren Platten bedeckt -> steinernen
+S. 139: Ich passirte also die Öffnung -> passierte
+S. 141: Ich schlich näher uud legte die Hände -> und
+S. 142: [normalized] »Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
+S. 143: Wir brauchen also weder die Stange -> brauchten
+S. 144: meist in den Kleideru -> Kleidern
+S. 146: [added period] »Ein Sandal!« meinte Halef.
+S. 149: ausgebessert nnd zusammengeflickt -> und
+S. 154: Allah kehrim, Gott ist gnädig! -> kerihm
+S. 155: Alla ïa Sahtir -> Allah
+S. 157: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
+S. 162: [removed extra comma] mir nebst, Halef und dem Barbier
+S. 165: dem Großwessir in Istambul -> Großwesir
+S. 164: [normalized] einen armen Scheikh -> Scheik
+S. 167: [normalized] an das Recognoscieren -> Rekognoscieren
+S. 190: Aber er besitzt die Hilfe des Scheitan -> Scheïtan
+S. 194: folgte ihm mich gezückter Waffe -> mit gezückter Waffe
+S. 195: ein guter Schütze sei. -> sei?
+S. 198: »Ja, Shidi. Was ist es?« -> Sihdi
+S. 209: die Gegend von Sahna -> Sanah
+S. 213: [normalized] Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
+S. 220: [extra comma removed] Dank der orientalischen Sorglosigkeit, hatte
+S. 222: [normalized] Hamdullillah, Gott sei Dank! -> Hamdulillah
+S. 227: [normalized] oder nach Bassra und Bagdad -> Basra
+S. 238: [added mdash] Gott sei Dank! -- keine Not gelitten
+S. 244: das deutsche Worte 'Lob' -> Wort
+S. 248: Siehst du diesen Bu-djuruldi -> Bu-djeruldi
+S. 249: [normalized] sattle dort die drei Hedschihn -> Hedjihn
+S. 271: »So bin ich jetzt mich euch fertig.« -> mit
+S. 276: ein kleines Döschen ans Papiermaché -> aus
+S. 277: [normalized] weder meinen Haik, noch meine Jacke -> Haïk
+S. 278: [normalized] Das ist ja der Scheitan -> Scheïtan
+S. 279: [normalized] bei Allah, es ist der Scheitan! -> Scheïtan
+S. 279: [normalized] du hast den Scheitan bezwungen -> Scheïtan
+S. 280: [normalized] daß sie den Scheitan gefangen hält -> Scheïtan
+S. 282: zehn Lastkamelen nnd fünfzig Schafen. -> und
+S. 283: die heiligen Gebräuche und kehreu dann sofort -> kehren
+S. 284: [normalized] weil der Scheitan doch lebendig war -> Scheïtan
+S. 284: [normalized] Der gefangene Scheitan war -> Scheïtan
+S. 294: [In Footnote] wie auch wir die Sünden vergessen? -> vergessen.
+S. 308: Rippe genommen nnd -> und
+S. 320: [normalized] Fowlingbull holen -> Fowling-bull
+S. 323: [added period] begann dann auf und ab zu patrouillieren.
+S. 324: [normalized] hingegangen wegen Fowlingbull -> Fowling-bull
+S. 329: die Stelle, welche ich angedeutet habe -> hatte
+S. 334: und wehenden Straußfedern -> Straußenfedern
+S. 334: Werden sie stechen! -> stechen?
+S. 337: nach Tausensenden zählenden -> Tausenden
+S. 349: da Ihr nicht arabisch versteht? -> versteht!
+S. 360: Wann du zurückgekehrt bist -> Wenn
+S. 361: sehr leicht verloren gehen kann. -> kann?
+S. 364: [normalized] Hamdullillah! Preis sei Allah -> Hamdulillah
+S. 365: Alla kehrim, Allah ist gnädig -> Allah kerihm
+S. 374: [added closing quotes] halten die Löwen ihre Zusammenkünfte.«
+S. 375: welches der Vater eines meiner Gefährten -> welcher
+S. 375: [added comma] geräumigen Hütte, welche
+S. 380: Vor zweien? Nein? -> Nein!
+S. 384: [normalized] er gehört Muhammed Emin -> Mohammed
+S. 390: Halt. Wer es wagt -> Halt!
+S. 394: [added closing quotes] Hier doch gar nicht Babylon!«
+S. 395: Ruinen von Khan Kherninn vereinigen -> Khernina
+S. 398: [normalized] Abu Muhammed zu spät eintreffen? -> Abu Mohammed
+S. 401: [normalized] Scheik der Abu Muhammed gesagt -> Abu Mohammed
+S. 403: [added opening quotes] »Dort wird sein äußerster Posten
+S. 403: [added closing quotes] zu treffen sein.«
+S. 407: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
+S. 409: [added closing quotes] »Ich danke dir!«
+S. 410: das letzte Glied unserere Postenkette -> unserer
+S. 412: [deleted extra word] ich auf auf dem Rappen -> auf
+S. 433: [deleted extra quotes] »Wir hatten nicht sehr lange
+S. 435: [normalized] Dieser berühmte Mann ist Esla el Mahem -> Eslah
+S. 441: [normalized] Du siehst, Esla el Mahem -> Eslah
+S. 447: [normalized] Mit ihren Scheiks! Hamdullilah! -> Hamdulillah
+S. 450: die es es jemals hier gegeben hat -> die es jemals
+S. 451: die wissen, wo Ruinen liegen.« -> liegen?«
+S. 455: »Und die drei Männer, welche bei dir sind.« -> sind?
+S. 458: Fowlingsbulls finden! -> Fowling-bulls
+S. 458: [normalized] nach Bagdad, Baßra, Kerkuk -> Basra
+S. 460: [normalized] rechten Ufer lag Kalaat el Dschebber -> Dschebbar
+S. 463: [added closing quotes] »Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
+S. 469: [added closing quotes] »Zwölfhundert.«
+S. 486: [normalized] Nicht nach dem Scheitan -> Scheïtan
+S. 492: wie du schon viele gemordest hast -> gemordet
+S. 494: Er bat mich, ihm trinken zu geben -> ihm zu trinken zu geben
+S. 514: Du steht im Giölgeda padischahnün -> stehst
+S. 518: [normalized] mit dem alten Geißfuße -> Geisfuße
+S. 518: in die Zahnpalissaden -> Zahnpalisaden
+S. 519: Kanonen nnd eine Besatzung -> und
+S. 529: [normalized] des Thales von Scheikh Adi -> Scheik
+S. 536: [normalized] Merd-esch-Scheïtan -> Merd-es-Scheïtan
+S. 536: [added closing quotes] mir oder dem Pascha?«
+S. 539: [normalized] nach Amadija geschickt hatte -> Amadijah
+S. 542: [normalized] Khorsabad, Dscheraijah und Baadri -> Dscherraijah
+S. 554: [added closing quotes] »Sind die Dschesidi Christen?«
+S. 542: [normalized] direkt nach Raban Hormuzd führt -> Rabban
+S. 558: Die Radjahell Scheïtan -> Radjahl el Scheïtan
+S. 559: [normalized] Ihr wollt zu Amad al Ghandur -> el
+S. 560: [normalized] vierten Infanterie-Regimente -> Infanterieregimente
+S. 561: [normalized] zweite Infanterie-Regiment -> Infanterieregiment
+S. 570: [normalized] versuchen, Amad al Ghandur zu finden -> el
+S. 583: harte die Menge meiner -> harrte
+S. 586: Du redest ja Kurmanydschi -> Kurmangdschi
+S. 596: [added closing quotes] »Welches sind die heiligen Instrumente?«
+S. 598: sondern nach Scheid Adi -> Scheik
+S. 605: [normalized] Er befand sich im Selamlik -> Selamlük
+S. 606: [normalized] Ich kehrte in das Selamlik zurück -> Selamlük
+S. 610: [normalized] Bis Dscherajah stehen Posten -> Dscherraijah
+S. 626: Eiu Dschesidi wäre auch -> Ein
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+***** This file should be named 29336-8.txt or 29336-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/9/3/3/29336/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.