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diff --git a/29336-8.txt b/29336-8.txt new file mode 100644 index 0000000..bfaee68 --- /dev/null +++ b/29336-8.txt @@ -0,0 +1,25348 @@ +The Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Durch Wüste und Harem + Gesammelte Reiseromane, Band I + +Author: Karl May + +Release Date: July 6, 2009 [EBook #29336] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at +Karl-May-Gesellschaft) + + + + + + + Carl May's + gesammelte Reiseromane. + + + Band I: + + Durch + Wüste und Harem + + + Reiseerlebnisse + von + Carl May. + + + Freiburg i. B. + Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld. + + + + + Inhalt des ersten Bandes. + + + Seite + _Erstes Kapitel._ Ein Todesritt 1 + + _Zweites Kapitel._ Vor Gericht 51 + + _Drittes Kapitel._ Im Harem 83 + + _Viertes Kapitel._ Eine Entführung 131 + + _Fünftes Kapitel._ Abu-Seïf 169 + + _Sechstes Kapitel._ Wieder frei 212 + + _Siebentes Kapitel._ In Mekka 275 + + _Achtes Kapitel._ Am Tigris 316 + + _Neuntes Kapitel._ Auf Kundschaft 371 + + _Zehntes Kapitel._ Der Sieg 427 + + _Elftes Kapitel._ Bei den Teufelsanbetern 496 + + _Zwölftes Kapitel_. Das große Fest 589 + + + Alle Rechte vorbehalten. + + + + +Vorwort. + + +Selbst ein treuer Leser von #Dr.# Karl May, erging es mir stets wie +allen Andern, welche seine Reisewerke kennen: ich konnte das Erscheinen +einer von ihm angekündigten neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gründe +dieser Ungeduld, welche ich bei der Lektüre keines andern +Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern beobachtet +habe, sind einesteils in den hochinteressanten Sujets, welche er wählt, +und andernteils in der originellen und meisterhaften Weise, in welcher +er sie beherrscht und behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne +Leben, ohne innere und äußere Bewegung. Er empfindet, denkt und +berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen und zwingt den +Leser, mit ihm zu fühlen, mit ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt +sich so in ihn hinein, daß man ganz und vollständig sein Eigen wird. + +Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine Werke besitzen. Er +ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, ein Missionar, ein Prediger +der Gottes- und der Nächstenliebe, doch besteht seine Predigt nicht in +Worten, sondern in Thaten. Wie köstlich ist's, daß sein treuer Hadschi +Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schließlich doch selbst +Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Zügen wird man fast auf jeder +Seite begegnen. + +Am liebsten möchte ich, anstatt ein Vorwort zu schreiben, gleich +beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes zu erzählen. Da mir dies aber +nicht gestattet ist, so mag der freundliche Leser mit der nächsten Seite +beginnen. Ich bin überzeugt, daß er erst dann aufhören wird, wenn er bei +der letzten angekommen ist. + +_Freiburg_ i. Baden. + + Der Herausgeber und Verleger. + + + + +Erstes Kapitel. + +Ein Todesritt. + + +»Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], daß du ein Giaur bleiben willst, +ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als +eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?« + + [1] Herr. + +»Ja.« + +»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach +ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich +möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird, +wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse, +bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich +gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder +nicht.« + +So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den +Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach +dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach +Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über +den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt. + +Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum +bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte +behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den +Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen. +Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der +drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener +Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen +schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt +worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen +wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz +dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben. +Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine +Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er +auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der +Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken, +daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund +denn als Diener behandelte. + +Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht +unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus +Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben +jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und +ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus. + +Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße +schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu +unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute +ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte. +Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den +bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und +versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu +geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben. + +Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort: + +»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?« + +»Nun?« + +»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden +oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.« + +»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?« + +»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt, +denn el Jaum el aakhar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind +gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel +Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die +Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.« + +»Weiter wird nichts mehr bestehen?« + +»Nein.« + +»Aber das Paradies und die Hölle?« + +»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen +habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur +bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich +bekehren werde, du magst wollen oder nicht!« + +Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte +sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden +rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum +Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr +mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei +sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte. + +Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch, +vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit +seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen. +Halef aber setzte seine Rede fort: + +»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit +bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen? +Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche +über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die +Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.« + +»Du hast noch Eins vergessen.« + +»Was?« + +»Das Erscheinen des Deddschel.« + +»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und +willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge; +ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte +wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen, +nicht wahr, Effendi?« + +»Ja.« + +»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine +guten und bösen Thaten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die +Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt, +eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber +wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller +menschlichen Thaten.« + +»Und nachher?« + +»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken +kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle, +während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du +siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse +Thaten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in +das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du +magst wollen oder nicht!« + +Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den +Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren +spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte. + +»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn. + +»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche, +welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes +nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter +ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe +wachsen.« + +»Brrrrrrr!« + +»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der +Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Thore +führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften +Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite +Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die +Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die +Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen +oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch +Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie +wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die +Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei +müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre +Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum +Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken +brauchst!« + +Ich schüttelte den Kopf und sagte: + +»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die +eurige.« + +»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen +Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir +beschreiben?« + +»Thue es!« + +»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Thore. Zuerst +kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem +hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer +als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem +Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und +Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf +golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen +und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne +Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den +Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne +Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und +immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor +der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des +großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen +reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist. +Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des +Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.« + +Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed +aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine +Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem +Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß +mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde. + +»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg. + +»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden +mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind +aller Frauen und Mädchen.« + +»Warum?« fragte er ganz erstaunt. + +»Weil der Prophet sagt: 'Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des +Bülbül[2], aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.' +Hast du das noch nicht gelesen?« + + [2] Nachtigall. + +»Ich habe es gelesen.« + +Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten +geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit: + +»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri +anzusehen!« + +»Ich bleibe ein Christ!« + +»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed +Resul Allah!« + +»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana 'Iledsi, fi 's -- semavati, jata -- +haddeso 'smoka?« + +Er blickte mich zornig an. + +»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch +dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich +stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du +mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen +wirst!« + +Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den +meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit +desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum +Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder. + +»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!« + +Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann: + +»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was +ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi[3] Halef Omar +Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!« + + [3] Mekkapilger. + +»So bist du also der Sohn Abul Abbas', des Sohnes Dawud al Gossarah?« + +»Ja.« + +»Und beide waren Pilger?« + +»Ja.« + +»Auch du bist ein Hadschi?« + +»Ja.« + +»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?« + +»Dawud al Gossarah nicht.« + +»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?« + +»Ja denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte +sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf, +das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am +Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem +er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein +Pilger, zu nennen?« + +»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?« + +»Nein.« + +»Und auch er ist ein Hadschi?« + +»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er +zurückbleiben mußte.« + +»Warum?« + +»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth, und liebte sie. Amareh +wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst. +Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?« + +»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?« + +»Nein.« + +»Und nennst dich dennoch einen Pilger!« + +»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich +zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach +Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens +kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen. +Bin ich also nicht ein Hadschi?« + +»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?« + +»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!« + +»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und +bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint +euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel +sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi +Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben +Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all +diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter, +wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?« + +So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche +Malice lachen. Es giebt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die +sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die +Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben, +in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein. +Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene +hin. + +»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch +nicht in Mekka war?« + +»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum +Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das +nicht Spuren im Sande?« + +Wir waren schon längst in das Wadi[4] Tarfaui eingebogen und jetzt an +eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand +über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine +sehr deutliche Fährte zu erkennen. + + [4] Thal, Schlucht. + +»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert. + +»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.« + +Er blickte mich fragend an. + +»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier +geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?« + +»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.« + +»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du +unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer +an, die vor uns sind?« + +»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und +wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle +Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem +Freunde oder einem Feinde begegnet.« + +»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.« + +»Das kann man nicht wissen.« + +Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines +Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie +ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer +Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich +vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide. +Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande +befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere +reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses +war entweder kein oder ein sehr armer Araber. + +Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte, +und fragte, als ich mich wieder emporrichtete: + +»Was hast du gesehen, Sihdi?« + +»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.« + +»Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz +dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du +willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, über welche +ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz +des Wissens, den du hier gehoben hast?« + +»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden +hier vorübergekommen sind.« + +»Wer giebt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er +Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!« + +Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste +Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg +fortzusetzen. + +Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi +eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich +unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns +hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren +Schreien in die Lüfte erhoben. + +»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da giebt es ganz +sicher ein Aas.« + +»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich +ihm folgte. + +Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm +zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit +einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus. + +»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch, +Sihdi, welcher hier liegt?« + +Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann, +welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes +Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm +nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber +lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der +Berührung sofort fühlte. + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen +Todes gestorben?« fragte Halef. + +»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch am Hinterhaupte? +Er ist ermordet worden.« + +»Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat! Oder sollte der Tote +in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?« + +»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer +Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.« + +Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die +Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der +gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite +war klein, aber deutlich eingegraben: #»E. P. 15. juillet 1830.«# + +»Was findest du?« fragte Halef. + +»Dieser Mann ist kein Ibn Arab[5].« + + [5] Araber. + +»Was sonst?« + +»Ein Franzose.« + +»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?« + +»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring, +in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe +geschlossen wurde.« + +»Und dies ist ein solcher Ring?« + +»Ja.« + +»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken +gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis[6] oder den Nemsi[7] +stammen, zu denen auch du gehörst.« + + [6] Engländer. + + [7] Deutschen. + +»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.« + +»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht, +Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?« + +»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung +trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.« + +»Wer hat ihn getötet?« + +»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt +ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß -- -- --« + +Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden +Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit +von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten +Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr +mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe +befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem +Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem +er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust +klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd +ineinander. + +»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese +Schurken, diese Hunde haben es getötet!« + +Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten +Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand +kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel +des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer. + +»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle +Ewigkeit in der Dschehennah braten. Nichts, gar nichts haben sie +zurückgelassen, als das Kamel -- und die Papiere, welche dort im Sande +liegen.« + +Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung +von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als +unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen +Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere +Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte +sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der #»Vigie algérienne«# und +ebenso viel vom #»L'Indépendant«# und der #»Mahouna«# in den Händen. Das +erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das +dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich +bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des +Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen +Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in +Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler, +welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde. +Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz +wörtlich überein. + +Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese +Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er +ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er +ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte? + +Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger +gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr +schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung +auf das Kamel niederließen. + +»Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?« fragte der Diener. + +»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.« + +»Willst du ihn in die Erde scharren?« + +»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen +über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.« + +»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?« + +»Er ist ein Christ.« + +»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch +ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!« + +»Welche?« + +»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!« + +»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem +gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!« + +Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit +vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so +hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der +Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines +Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als +ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der +hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen: + +»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und +ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm +gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das +zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du +hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben. +Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten +Thaten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!« + +Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der +Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen. + +»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher +nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was thun wir +jetzt?« + +»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.« + +»Willst du sie töten?« + +»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann +erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich thun +werde.« + +»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn +getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.« + +»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur. +Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen +auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.« + +Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen +Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und +es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese +Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten. + +»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?« + +Ich drehte mich nach ihm um. + +»Verlassen?« + +»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.« + +Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß, +und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule. + +»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze +Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir +die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.« + +»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam +reitet, Effendi, denn -- Allah akbar, blicke da hinunter!« + +Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der +Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter +oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha[8] sitzen, in welcher +sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an +den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen. + + [8] Lache. + +»Ah, sie sind es!« + +»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie +haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.« + +»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef, +zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und +ein wenig nach West reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa +kämen.« + +»Warum, Effendi?« + +»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden +haben.« + +Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach +Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten +auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns +nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber +hören, als wir demselben nahe gekommen waren. + +Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten, +bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich that natürlich, +als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der +Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für +nötig, nach meiner Büchse zu langen. + +»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab. + +»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?« + +»Wir sind friedliche Reiter.« + +»Wo kommt ihr her?« + +»Von Westen.« + +»Und wo wollt ihr hin?« + +»Nach Seddada.« + +»Von welchem Stamme seid ihr?« + +Ich deutete auf Halef und antwortete: + +»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den +Beni-Sachsa. Wer seid ihr?« + +»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.« + +»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr +her?« + +»Von Gafsa.« + +»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?« + +»Nach dem Bir[9] Sauidi, wo wir Freunde haben.« + + [9] Brunnen. + +Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war +eine Lüge, doch that ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte: + +»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?« + +»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche +also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt. + +»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen. +Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen +wir bei euch bleiben?« + +»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!« + +Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser +Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere +Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir +sofort ungeniert Platz nahmen. + +Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren +keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort +geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe +wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten +zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen, +blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das +spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und +die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich +vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war +keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form +eines Geierschnabels. + +Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die +Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und +seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen +zu ihm haben. + +Der ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat +spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale +sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren +schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr +mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie +vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der +Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die +beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes +Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller +Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch. + +Ich that, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus +der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit +gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren. + +»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange. + +»Nichts. Wir gehen weiter.« + +»Wohin?« + +»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.« + +Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß +ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter: + +»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?« + +»Ja.« + +»Du willst deine Herden dort verkaufen?« + +»Nein.« + +»Oder deine Sklaven?« + +»Nein.« + +»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?« + +»Nein.« + +»Was sonst?« + +»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.« + +»Oder willst du dir ein Weib dort holen?« + +Ich improvisierte eine sehr zornige Miene. + +»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem +Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren +hast?« + +Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann in Folge dessen +die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen +hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen; +Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von +armenischer Herkunft aufgefallen und -- -- ah, war es nicht ein +armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und +dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit +genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam +durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf +gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff +befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war. + +»Erlaube mir!« + +Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las: +#»Paul Galingré, Marseille.«# Das war ganz sicher nicht der Name der +Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch +keine Miene, sondern fragte leichthin: + +»Was ist das für eine Waffe?« + +»Ein -- ein -- -- ein Drehgewehr.« + +»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?« + +Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann: + +»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.« + +»Warum?« + +»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so +würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur +die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände +eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?« + +»Nein.« + +»So hast du sie gekauft?« + +»Nein.« + +»Dann war sie eine Beute?« + +»Ja.« + +»Von wem?« + +»Von einem Franken.« + +»Mit dem du kämpftest?« + +»Ja.« + +»Wo?« + +»Auf dem Schlachtfelde.« + +»Auf welchem?« + +»Bei El Guerara.« + +»Du lügst!« + +Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem +Revolver. + +»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie -- -- --« + +Ich fiel ihm in die Rede: + +»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!« + +Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle +Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und +fragte drohend: + +»Was meinst du mit diesen Worten?« + +Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen +Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden. + +»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir +sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.« + +Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich +aus. + +»Woher kennst du mich?« + +»Ich kenne dich; das ist genug.« + +»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin +ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!« + +»Wem gehören diese Sachen?« + +»Mir.« + +Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »#P. G.#« gezeichnet. Ich +öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben +Buchstaben eingraviert. + +»Woher hast du sie?« + +»Was geht es dich an? Lege sie von dir!« + +Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten +Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war +stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen. + +»Weg mit dem Buche, sage ich dir!« + +Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die +Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten, +fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der +beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte. + +Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber +ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es +bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich +bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen. + +»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner. + +Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte +so ruhig wie möglich: + +»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.« + +»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!« + +»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!« + +Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich +wieder zur Erde nieder, und ich that ganz dasselbe. Dann zog ich meinen +Revolver und begann: + +»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg, +sonst geht das meinige los!« + +Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber +zum augenblicklichen Griffe bereit. + +»Du bist kein Uëlad Hamalek?« + +»Ich bin einer.« + +»Du kommst nicht von Gafsa?« + +»Ich komme von dort.« + +»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?« + +»Was geht es dich an!« + +»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den +du ermordet hast.« + +Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht. + +»Und wenn ich es gethan hätte, was hättest du darüber zu sagen?« + +»Nicht viel; nur einige Worte.« + +»Welche?« + +»Wer war der Mann?« + +»Ich kenne ihn nicht.« + +»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?« + +»Weil es mir so gefiel.« + +»War er ein Rechtgläubiger?« + +»Nein. Er war ein Giaur.« + +»Du hast genommen, was er bei sich trug?« + +»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?« + +»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.« + +»Für dich -- --?« + +»Ja.« + +»Ich verstehe dich nicht.« + +»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein +Giaur und werde sein Rächer sein.« + +»Sein Bluträcher?« + +»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir +sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich +will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der +Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That +unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl +merken: du giebst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.« + +Er lächelte überlegen. + +»Meinst du wirklich, daß ich dieses thue?« + +»Ich meine es.« + +»So nimm dir, was du haben willst!« + +Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber +hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen. + +»Halt, oder ich schieße!« + +Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich +befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit +als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien +unentschlossen zu werden. + +»Was willst du mit den Sachen thun?« + +»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.« + +Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte. + +»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!« + +»Ich lüge nicht.« + +»Und was wirst du gegen mich unternehmen?« + +»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!« + +»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?« + +»Ja.« + +»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten +ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?« + +»Ja.« + +»Du versprichst es mir?« + +»Ja.« + +»Beschwöre es!« + +»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.« + +»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.« + +»Was hatte er noch bei sich?« + +»Nichts.« + +»Er hatte Geld.« + +»Das werde ich behalten.« + +»Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel oder die Börse, in +der es sich befand.« + +»Du sollst sie haben.« + +Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die +er leerte und mir dann entgegen reichte. + +»Weiter hatte er nichts bei sich?« + +»Nein. Willst du mich aussuchen?« + +»Nein.« + +»So können wir gehen?« + +»Ja.« + +Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter +aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf +diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und +bestiegen ihre Pferde. + +»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!« + +Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr +gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des +Wadiufers verschwunden. + +Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein +Schweigen. + +»Sihdi!« + +»Was?« + +»Darf ich dir etwas sagen?« + +»Ja.« + +»Kennst du den Strauß?« + +»Ja.« + +»Weißt du, wie er ist?« + +»Nun?« + +»Dumm, sehr dumm.« + +»Weiter!« + +»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der +Strauß.« + +»Warum?« + +»Weil du diese Schurken laufen lässest.« + +»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.« + +»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du +dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt +hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie +Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder +eines Christen entkommen!« + +»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?« + +»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von +da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg[10] zu verschwinden.« + + [10] Region der Dünen. + +»Das werden sie nicht.« + +»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.« + +»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.« + +»Wer sagte es dir?« + +»Meine Augen.« + +»Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen im Sande betrachtest. +So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon +noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du +magst nun wollen oder nicht!« + +»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.« + +»Sihdi -- --! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!« + +»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.« + +»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was thun +wir jetzt?« + +»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von +einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden +Schurken auch wirklich fort sind.« + +Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in +bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war +mir gefolgt. + +»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.« + +»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten +wenden.« + +»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies thäten, müßten sie +uns ja wieder in die Hände kommen!« + +»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen +guten Vorsprung vor uns zu erlangen.« + +»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.« + +»Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, daß eines ihrer Pferde den +Hahnentritt habe?« + +»Ja, das sah ich, als sie davonritten.« + +»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach +Seddada gehen.« + +»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?« + +»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden +sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder +zusammenzutreffen.« + +»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum +Aufbruch ist.« + +Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden +ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam[11] +über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um +über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der +fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an +sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein +und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte. +Wir brachen auf. + + [11] Gesichtsschleier. + +Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa; wir mußten es also nun +verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach +Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier +Pferde, welche von West nach Ost führte. + +»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?« + +»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.« + +Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke. + +»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns +langsamer reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.« + +Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene +hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond +emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen. + +»Reiten wir hinab?« fragte Halef. + +»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.« + +Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den +Ölbäumen einen prächtigen Platz zum Bivouac. Wir waren beide an das +heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die +tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen +nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es +mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt, +daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von +Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Überraschung, daß sie nicht nach +Seddada führte, sondern nach Süden bog. + +»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef. + +»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig +sein.« + +»Aber wohin gehen sie denn?« + +»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie +Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.« + +»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum +Bir el Tam über den Schott Rharsa.« + +»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über +Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.« + +»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu[12] des +Sultans haben.« + + [12] Legitimation, Reisepaß. + +»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel +nützen.« + +»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige #»Giölgeda +padischahnün«#[13] zu sündigen!« + + [13] Wörtlich: »Im Schatten des Padischa.« + +»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?« + +»Ja. Ich habe in Ägypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der +Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?« + +»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber +setzen wir den Weg fort.« + +»Nach Kris?« + +»Nach Kris.« + +Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und +folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer +Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein +Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte. + +Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit +Virlet d'Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste +in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land +zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte +der Civilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und +dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber +läßt sich noch immer streiten. + +Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung +dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel +Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare, +hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit +Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Überreste +einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott +und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze +dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen +die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und +im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten +Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von +Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der +Geschichtschreibung, berichtet. + +Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer +ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen, +nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und +Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese +drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt, +als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe. + +Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit +Sandmassen angehäuft, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat +sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr +Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab, +sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Krystalldecke, bald mit +einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu +vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste, +mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß +sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variiert. Nur an +einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr +auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem +schmalen Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund +verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des +Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen +Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders +in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande +überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht. + +Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem +salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter +sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen, +doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als +fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die +Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen +Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen, +hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende +langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser +trieb. + +Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta, +Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der +Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid +verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner +Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche +aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein +unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des +Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des +Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der +zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden, +so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die +kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen +Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber +um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel +gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch +Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad +über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer +Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren. + +Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert, +erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel +geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie +Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara +in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche +vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viele Festigkeit +besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen +Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu +schließen. + +Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen. +Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der +Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott +seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«, +und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der +Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche +bedeckt wird. + +Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche, +flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst +dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben +die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen, +in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon +bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und +läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer +Quelle hervorbrechen. -- -- + +Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer +Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über +den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des +Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab. + +»Siehst du den Schott, Sihdi?« + +»Ja.« + +»Bist du schon einmal über den Schott geritten?« + +»Nein.« + +»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen +Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?« + +»Allerdings.« + +»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben +sein.« + +»Wer ist das?« + +»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid; +er hat noch niemals einen falschen Schritt gethan. Er gehört zum Stamme +der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber +mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den +Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich +anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?« + +»Wie weit haben wir noch bis hin?« + +»Ein kleines über eine Stunde.« + +»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur +der Mörder finden.« + +»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?« + +»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden +bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.« + +Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe +des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten; +dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da +schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die +Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft +hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir +folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege +verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden. + +Halef war nachdenklich geworden. + +»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er. + +»Sage es!« + +»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.« + +»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch, da ist Kris. Wo ist +die Wohnung deines Freundes Sadek?« + +»Folge mir!« + +Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und +Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren +Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein +Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte. + +»Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!« + +»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!« + +Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar. + +Dann aber wandte sich der Araber zu mir: + +»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das +eurige!« + +Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand +Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die +Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen. + +»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit +den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große +Thaten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum +wahren Glauben bekehren.« + +Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und +wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht +auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus +und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den +Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls +sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo +stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu +sprechen. Auch von den großen Thaten, die wir vollbracht haben sollten, +wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen +geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht +war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu +spielen. Der Glanzpunkt der Halef'schen Diplomatik war nun allerdings +die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente +dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek: + +»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?« + +»Ja.« + +»Wie lautet er?« + +»Er lautet Hadschi Halef Omar.« + +»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul +Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer +frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi +waren, obgleich -- -- --« + +»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen +Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines +Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.« + +»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage +lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir +gesagt hast!« + +»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah +segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn +Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird +noch heute wiederkehren.« + +»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte +Halef. + +»Ihr? Wann?« + +»Noch heute.« + +»Wohin, Sihdi?« + +»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?« + +»Gefährlich, sehr gefährlich. Es giebt nur zwei wirklich sichere Wege +hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und +Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach +Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei giebt es, die ihn +genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.« + +»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?« + +»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt +er die Strecke nach Seftimi.« + +»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.« + +»Über zwei Dritteile, Sihdi.« + +»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?« + +»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.« + +»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?« + +»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf +dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager +tragen kann.« + +»Willst du uns führen?« + +»Ja, Effendi.« + +»So laß uns zunächst den Schott besehen!« + +»Du hast noch keinen Schott überschritten?« + +»Nein.« + +»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens, +das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit +sicherem Schritte.« + +Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen +breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das +eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es +deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und +fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es +einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von +einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war, +die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten. + +Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter +uns eine Stimme: + +»Sallam aaleïkum, Friede sei mit euch!« + +Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine, +dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen +hatte. + +»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was thut mein Bruder Arfan Rakedihm hier +am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die +Sobha führen?« + +»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich +kommen werden.« + +»Wohin wollen sie?« + +»Nach Fetnassa.« + +Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem +Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte: + +»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?« + +»Ja.« + +»Wohin?« + +»Auch nach Fetnassa.« + +»Und du sollst sie führen?« + +»Du errätst es.« + +»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.« + +»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.« + +»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht +stets die reichsten Reisenden weggefangen?« + +»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir +kommen.« + +»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir +mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird +euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott +verschlingen wird.« + +Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt +hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel +war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich +von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die zwei +Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer, +welche wir in der Wüste getroffen und dann verfolgt hatten. + +»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?« + +»Ich kenne sie.« + +»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?« + +Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran. + +»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.« + +»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer. + +»Mörder,« antwortete Halef. + +»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?« + +»Nein.« + +»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?« + +»Nein.« + +»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu +mischen.« + +Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für +nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit +einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich +sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies +geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns +den Rücken kehrten. + +Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns +dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an. + +Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit +Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden +Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die +Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den +heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst, +sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht +genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden +ist. Statt des Eises eine Salzdecke -- das war mir mehr als neu. Der +eigentümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste -- das +alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen +können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen +für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart +und glatt, daß man Schlittschuhe hätte benutzen können, dann aber hatte +er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und +vermochte nicht, die geringste Last zu tragen. + +Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert +hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf +den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar +nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo +Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann, +wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei +für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die +Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder +überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte +Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen. + +Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der +Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen +wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek +zu mir wandte: + +»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen +Weges.« + +»Warum schlimm?« + +»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird dabei auf eine lange +Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.« + +»Bleibt der Boden stark genug?« + +»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen +Veränderungen.« + +»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.« + +»Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.« + +Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb +sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten, +welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen +sind sie eine Ewigkeit. + +Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal und Hügel wechselte. +Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem +Salze, die Thalmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in +welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und +Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu +fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß, +das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen, +auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten. +Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die +Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich +mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt +so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu +lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte -- es war +fürchterlich. + +Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge +kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot. + +»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer. + +Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und +betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha: + +»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis Gott dem +Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir +wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest +den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg +derer, über welche -- -- --« + +Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber +verstummten beide zu gleicher Zeit; -- zwischen den zwei nächsten +Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor, +stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten +Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über +ihm schloß. + +In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft, +welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst +Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des +Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der +Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich +bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie +hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den +unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu thun; +wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie +lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und +schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir +versanken. + +Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der +Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch +mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der +kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und +brach ein. + +»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst. + +Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd +im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern +suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine +hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen +Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck +augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick, +während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet +meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören +zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es +keine Worte und keine Zeit zu messen. + +Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb +schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und +erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich +wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht +unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts +mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit +angeschlagenem Gewehre mich erwarteten. + +Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten +Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse +krachten -- Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert +und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein +Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht +verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern +warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten +mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er +ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur +den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter +ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten +nicht darauf, wohin uns unser Lauf führte -- er stieß einen +entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er +verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll +vor seinem heimtückischen Grabe. + +Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf. + +»Sihdi, Hilfe, Hilfe!« + +Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte, +kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber +an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang +hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich +platt niederlegte. + +»Fasse den Riemen!« + +»Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!« + +»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!« + +Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu +schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang -- er lag +auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so +erhob er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste Sure: + +»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das +Reich und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!« + +Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht +beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter +mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so +gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie +unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen, +der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es +dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde. + +»Sihdi, bist du verwundet?« + +»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?« + +»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich +nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing. +Aber wir sind nun dennoch verloren.« + +»Warum?« + +»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird +mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich +rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich +dich, wenn ich nicht hier verderbe.« + +»Du wirst nicht verderben, Halef.« + +»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.« + +»Wir werden einen Führer haben.« + +»Wen?« + +»Omar, den Sohn Sadeks.« + +»Wie soll er uns hier finden?« + +»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder +zurückkehren wird?« + +»Er wird uns dennoch nicht finden.« + +»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und +nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?« + +»Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden +warten, bis Omar hier vorüberkommt.« + +»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns +untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.« + +Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so +heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer +salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren. -- -- + + + + +Zweites Kapitel. + +Vor Gericht. + + +Obgleich ich die Überzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers +kommen werde, konnte er doch statt über den See um denselben +herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher +Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum +Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam +der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher +und erblickte nun auch uns. + +»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den +Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!« + +Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er +erkannte den Freund seines Vaters. + +»Sei willkommen, Halef Omar!« + +»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef. + +»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler. +Du kamst nach Kris zum Vater?« + +»Ja.« + +»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.« + +»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich. + +»Wo?« + +»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das +Kismet trifft.« + +»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?« + +»Ja.« + +»Welches?« + +»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.« + +Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den +Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden. +Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz +andere Weise, als ich vermutet hatte. + +»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er. + +»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten +zwei Mörder, welche über den Schott gingen.« + +»Mein Vater sollte euch führen?« + +»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns +hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die +Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.« + +»Wo sind die Mörder?« + +»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir[14] nach +Fetnassa.« + + [14] Führer. + +»So ist der Pfad hier verdorben?« + +»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.« + +»Wo versank mein Vater?« + +»Dort, dreißig Schritte von hier.« + +Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor +sich nieder und wandte sich dann nach Osten: + +»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du +Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des +Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen, +nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen, +als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich +schwöre es!« + +Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen +sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe: +»Erzählt!« + +Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling. + +»Kommt!« + +Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in die +Richtung zurück, aus der er gekommen war. + +Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges +überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir +den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen +betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns +liegen. + +»Was nun?« fragte Halef. + +»Folgt mir nur!« antwortete Omar. + +Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er +schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann +saß vor derselben. + +»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar. + +»Aaleïkum,« dankte der Alte. + +»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?« + +»Ja.« + +»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?« + +»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.« + +»Was thaten sie?« + +»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da +nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne +ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.« + +»Ich danke dir, Abu el Malah!«[15] + + [15] »Vater des Salzes«. + +Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige +Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni, +Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung +brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist +es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch +einen türkischen Wekil[16], welcher unter der Aufsicht des Regenten von +Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur +Verfügung gestellt worden. + + [16] Statthalter. + +Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe +hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst +nach einer Stunde zurück. + +»Ich habe ihn gesehen,« meldete er. + +»Wo?« fragte ich. + +»Beim Wekil.« + +»Beim Statthalter?« + +»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit +ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der +Audienz.« + +Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich +verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters! + +Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen, +niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern +zeigten. Vor der Thür desselben standen Nefers[17], welche vor einem +Onbaschi[18] exerzierten, während der Saka[19] zuschauend an der Thür +lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um +unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen +Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in +einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit +verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah +Tabak rauchte. + + [17] Soldaten. + + [18] Korporal. + + [19] Tambour. + +»Was wollt ihr?« fragte er. + +Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich +antwortete daher mit einer Gegenfrage: + +»Wer bist du?« + +Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete: + +»Der Wekil!« + +»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir +angekommen ist.« + +»Wer bist du?« + +»Hier ist mein Paß.« + +Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf, +faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten +Pumphosen. + +»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef +deutete. + +»Mein Diener.« + +»Wie heißt er?« + +»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.« + +»Wer ist der andere?« + +»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.« + +»Und wer bist du selbst?« + +»Du hast es ja gelesen!« + +»Ich habe es nicht gelesen.« + +»Es steht in meinem Passe.« + +»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du +ihn?« + +»Von dem französischen Gouvernement in Algier.« + +»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat +den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?« + +Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte. + +»Ich heiße Kara Ben Nemsi.« + +»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?« + +»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.« + +»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine +Oasen?« + +»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig +Millionen Menschen auf ihr wohnen.« + +»Allah akbar, Gott ist groß! Es giebt Oasen, in denen es von Geschöpfen +wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?« + +»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen +Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen +fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.« + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese +Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen +Gott glauben die Nemsi?« + +»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern +Vater.« + +»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?« + +»Sie sind Christen.« + +»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?« + +»Ja.« + +»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden! +Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür +sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!« + +»Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist oder was dich +beleidigt?« + +»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu +treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?« + +»Omar Ben Sadek.« + +»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?« + +»Seit gestern.« + +»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig +Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.« + +Zu mir gewendet, fuhr er fort: + +»Und wie heißt dieser dein Diener hier?« + +»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein +gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener +heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.« + +»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil +fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem +Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du +bereits bei ihm?« + +»Fünf Wochen.« + +»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf +Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?« + +»Kara Ben Nemsi.« + +»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.« + +»Welche, Sihdi?« + +»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also +Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende: +du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht +fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu +stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem +Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also +fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden +Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du +besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere +es.« + +»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist +erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und +deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich, +edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche +erhalten.« + +»Was willst du von ihm?« + +»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an +seinem Anblick weiden.« + +»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein +edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also +nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der +Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht +du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den +Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.« + +»Ah! Woher wußte er es?« + +»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat +euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so +hätte ich euch holen lassen.« + +»Er hat uns angezeigt? Weshalb?« + +»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten, +die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert +habe.« + +Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den +unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück +Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase -- er war +jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder +Mülasim[20], und man weiß ja, was man von einem türkischen Lieutenant zu +halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die +Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den +guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich +selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals wieder an ihn gedacht, +denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem +Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem +Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die +ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch +dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil +war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen, +und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war, +so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts +von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte +unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an, +ungestraft thun zu können, was ihm beliebte. + + [20] Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Lieutenant. + +Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst +angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner +Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so +genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich +war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei. +Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht +wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund +uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte +ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte +dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen. + +Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein +schwarzer Diener, der sich vor ihm wie vor dem Sultan auf die Erde warf. +Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach +einiger Zeit öffnete sich die Thür, und die zehn Soldaten mit ihrem +Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus +allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im +mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen +waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher thun +konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem +Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick +musterte und dann seinen Befehl aussprach: + +»Kalkyn -- steht auf!« + +Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der +Scheide. + +»Kylyn syraji -- bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme. + +Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in +den braunen Händen. + +»Has -- dur -- das Gewehr über!« kommandierte er nun. + +Die Flinten flogen empor, stießen gegen einander, gegen die Mauer oder +gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger +Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen. + +»Isalam -- dur -- präsentiert das Gewehr!« + +Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen +Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der +Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete +ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um +hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem +geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus +der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo +er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die +restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage, +welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war. + +»Sessiz, söjle -- me -- niz -- steht still und schwatzt nicht!« + +Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und +Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern +erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu +geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu +bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren. + +Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium +ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere +Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu +befestigen. + +Und wieder öffnete sich die Thür. Der Erwartete trat ein. Er war es. + +Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an +der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des +Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst +erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht +größer gedacht werden konnte. + +Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte: + +»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von +dir?« + +»Ja.« + +»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du +kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.« + +»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er +sich?« + +»Er heißt Abu en Nassr.« + +»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.« + +»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du +zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber +wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in +Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen +angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir +das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges, +denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer +Bandit.« + +Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und +fragte: + +»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher +Truppe?« + +»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.« + +Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte. + +»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille, +das heißt eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret +ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So +etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir; +verstanden!« + +Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie +vorgekommen, das ging über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als +ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut +oder vor Verlegenheit: + +»Mensch, ich hätte sogar Lawi-Pascha werden können, also General-Major, +wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!« + +»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit +Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst +du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen +oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord +begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem +Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen, +weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach +Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines +Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein +behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn +gefangen nimmst!« + +Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief: + +»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was +er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.« + +Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt, hob ihn +empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer. + +»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt +sterben!« + +Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab +ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und +regungslos liegen blieb. + +»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte. + +Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner +Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor +die Fronte der Seinigen und kommandierte: + +»Komyn silahlari -- legt die Gewehre weg!« + +Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und +kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück. + +»Döndürmek sagha -- rechts umgedreht!« + +Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter +einander. + +»Gityn erkek tschewresinde, koschyn -- iz -- nehmt den Mann in die Mitte, +marsch!« + +Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann +markierte »sol -- sagha, sol -- sagha = links -- rechts, links -- rechts!« +sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war, +auf das Kommando des Unteroffiziers stehen. + +»Onu tutmyn -- ergreift ihn!« + +Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten +sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten +mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu +meiner Befreiung hätte machen mögen. + +»Dschenabin -- iz, bizim -- war herifu -- Hoheit, wir haben den Kerl!« +meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe. + +»Brakyn -- jok onu tekrar azad -- laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der +Statthalter mit strenger Miene. + +Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus +als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das +alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war +schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte. + +Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine +Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte: + +»Du wirst ihn erschießen lassen!« + +»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn +ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen. +Bring deine Anklage vor!« + +»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem +Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in +die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.« + +»Warum that er dies?« + +»Aus Rache.« + +»Wofür wollte er sich rächen?« + +»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten +ihn festnehmen, er aber entwischte uns.« + +»Kannst du deine Worte beschwören?« + +»Beim Barte des Propheten!« + +»Das ist genug! -- Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann. + +»Ja.« + +»Was sagst du dazu?« + +»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die +Personen geradezu verwechselt.« + +»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern +ihm.« + +»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.« + +»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den +großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über +dich entscheiden wird.« + +»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst +dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und +also kein Moslem, sondern ein Christ.« + +»Er hat beim Propheten geschworen.« + +»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott +bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim +Rate der Oase verklagen.« + +»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte +ihm nicht das Geringste thun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu +und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des +Großherrn steht.« + +»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines +Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner +Tasche.« + +»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich +verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht +werden, zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein +Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie +hinab in den Hof; ich werde nachkommen!« + +»Alykomün elleri -- nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der +Unteroffizier. + +Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab. + +»Alyn -- iz tüfenkleri -- hebt die Flinten auf!« + +Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich. + +»Wirmyn hep -- ütsch -- umschließt alle drei!« + +Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den +Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine +Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen +bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten. + +Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden +Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen, +daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen. + +Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil +mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete +ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen +Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich. + +»Wermyn ona elli -- gebt ihm Fünfzig!« + +Jetzt war es Zeit. + +»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn. + +»Ja.« + +»Gieb es mir!« + +»Du wirst es niemals zurückerhalten!« + +»Warum?« + +»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.« + +»Du willst mich wirklich schlagen lassen?« + +»Ja.« + +»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist, +sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!« + +Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der +vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als +denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht; +wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen, +so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war +völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr +konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig +machen. + +»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise. + +»Ja; meine Burnusschnur.« + +»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum +Ausgang und lässest keinen Menschen durch!« + +»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet. + +»Sogleich!« + +Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten +hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und +drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner +sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte. + +»Binde ihn!« gebot ich Omar. + +Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort +begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers +zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er +gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache +so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog +jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am +Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er +bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten. + +»Hatschyn, aramin imdadi -- reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der +Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte. + +Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem +Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere +Halef mit schußfertigem Gewehre. + +»Geri; durar -- siz bunda -- zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen +entgegen. + +Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen +auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen. + +Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick +bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen. + +»Bist du tot?« fragte ich den Wekil. + +»Nein, aber du wirst mich töten?« + +»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit. +Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.« + +»Was verlangst du von mir, Sihdi?« + +Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme. +Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt, +welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns +zuge -- -- kugelt kam. + +»Tut -- halt!« rief sie mir kreischend zu. »Öldirme onu; dir benim +kodscha -- töte ihn nicht; er ist mein Mann!« + +Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle +mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die +gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem +Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution +zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe +jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig +entgegen: + +»Wer bist du?« + +»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie. + +»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün -- ja, sie ist mein Weib, die Rose +von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter. + +»Wie heißt sie?« + +»Demar-im Mersinah -- ich heiße Mersinah,« berichtete sie. + +»He, demar Mersinah -- ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem +Munde des Wekil. + +Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d. i. Myrte. Einem +so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein. + +»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase, +so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich. + +Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte +lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und +war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen +die Türkinnen sein müssen. Übrigens handelte es sich hier, wie sie +dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn. + +Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht, +welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen +beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht +vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte +schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen zu paralysieren +gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange +hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie +jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht +bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt +hatte. + +»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir +versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid +geschehen.« + +»Kaladschak-dir -- er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!« + +»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke +wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um +getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein +Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt +von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben +lasse!« + +Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert +stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie +betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und +fragte dann mit freundlichem Tone: + +»Wer bist du?« + +»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem +Meere liegt.« + +»Sind eure Frauen schön?« + +»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El +Kebihr.« + +Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade +vor ihren Augen gefunden hatte. + +»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das +habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch +warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor +dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?« + +»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten +flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle elf besiegen würde, +und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann +vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu +geben.« + +»Du sollst Gerechtigkeit haben!« + +Da wollte sich mir die Überzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im +Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil +sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder +herzustellen: + +»Ich bin ein gerechter Richter und werde -- -- --« + +»Sus-olmar-sen -- du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich +diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt; +er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war +schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden +konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser +Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du +etwas thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und +habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es +verdient!« + +»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!« + +»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischahnün, das +heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein +Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin, +in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll +deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!« + +Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr +anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht. + +»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst +da!« + +Da wandte sie sich um. + +»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie. + +»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.« + +»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!« + +»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange +hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.« + +»Die ist bereits erledigt.« + +»Inwiefern?« + +»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?« + +»Das ist richtig.« + +»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns +wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.« + +»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?« + +»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.« + +»Ist das wahr, Wekil?« + +Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen +seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen: + +»Ja.« + +»Du schwörst es mir?« + +»Ich schwöre es.« + +»Bei Allah und seinem Propheten?« + +»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli. + +»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden. + +»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.« + +»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich. + +»Er darf,« antwortete ich. + +»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.« + +»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?« + +»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir +nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen +lassen.« + +»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er +wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines +Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.« + +Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das +kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich +auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn +festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu +nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine +Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d'em b'ed +d'em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das +Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen +konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich +auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt +befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als +solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht +schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu +fallen. + +Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem +Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener: + +»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?« + +»Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich da, wo er es für +geboten hält, für einen Mohammedaner aus.« + +»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?« + +»Für einen sehr schlechten.« + +»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt +dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der +Dschehennah braten willst!« + +»Und du wirst selbst so lange darin braten!« + +»Weshalb?« + +»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und +tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom +Baume Zakum essen müssen?« + +»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?« + +»Du bist ein Lügner und Heuchler!« + +»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist +kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine +Kugel treffen!« + +»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein. +Soll ich das dem Wekil erzählen?« + +»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun an Hadschi Halef Omar, +dem treuesten Diener, den du finden kannst!« + +»Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch die Bedingung, unter +welcher ich schweige.« + +»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein +wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!« + +Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war +keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing. + +»Setze dich!« lud er mich ein. + +Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während +Halef sich mit den Pfeifen zu thun machte, welche man mittlerweile in +einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte. + +»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die +Unterhaltung. + +»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu +sehen, mit dem er spricht.« + +»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen +aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und +unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und +unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals +eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns, +und weshalb? O jazik, o wehe!« + +»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten +wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer +Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein +Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!« + +»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber +ich wollte dich nicht beleidigen.« + +»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein +schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand +brauchen kann, weil er nichts bewahrt.« + +»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen +hast.« + +Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte +schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf. + +»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?« + +»Ja.« + +»Du warst nicht dabei!« + +»Ich schließe es.« + +»Nur Allah allein darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen +Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt, +wohin er nicht kommen wollte.« + +»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist +ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben +weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt, +der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.« + +»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen +besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann. +Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?« + +»Ja.« + +»Warst du dabei?« + +»Nein.« + +»So hat es dir der Tote erzählt?« + +»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter +nicht mehr sprechen kann!« + +»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst +nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst +du wissen, daß er ein Mörder ist?« + +»Ich schließe es.« + +»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!« + +»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er +mir den Mord eingestanden.« + +»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder +ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und +daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist +ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen +Scherz zu machen.« + +»Mit einem Morde spaßt man nicht!« + +»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich, +daß er den Führer Sadek erschossen hat?« + +»Ja.« + +»Du warst dabei?« + +»Allerdings.« + +»Und hast es gesehen?« + +»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.« + +»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb +sagen, daß er ein Mörder sei?« + +»Natürlich!« + +»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß +der Mensch nicht schließen soll!« + +»Nun?« + +»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du, +daß er ein Mörder sei?« + +»Das versteht sich doch ganz von selbst.« + +»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre! Gibt es in deinem +Lande keine Blutrache?« + +»Nein.« + +»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein +Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben +das Recht, ihn zu verfolgen.« + +»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!« + +»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.« + +»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich +meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt +und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat, +gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er +hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und +dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf +das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß +mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit +ihm ab!« + +»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar +sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es +dir gefällt.« + +Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle +seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er +nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam, +als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen +Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir +langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine +Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei, +von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei +erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich: »Breh, +Effendina, zu Hilfe!« + +Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der +Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war +nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste +mir mit schadenfroher Miene entgegen: + +»Fort, Sihdi -- dort reiten!« + +Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben +zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen +ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war +erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte +dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den +Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die +elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt, und der Streich +war gelungen. + +Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein +Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten, +auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten. + +»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung. + +»Ich sah es.« + +»Wohin?« + +»Dorthin.« + +Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an. + +»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen +nachjagen.« + +»Er saß auf einem Reitkamele.« + +»Ich werde ihn dennoch ereilen.« + +»Du hast kein Tier!« + +»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden, +und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde +ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir +nachkommen willst.« + +Er eilte von dannen. + +Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der +Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn. + +»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von +Mäusen und Ratten -- -- --« + +Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die +Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht +verschleiert. + +»Was ist geschehen?« fragte sie mich. + +»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen --« + +»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die +roten Fäuste durch die Hülle zwängend. + +»Und haben den Gefangenen befreit -- -- --« + +»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen +Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde. + +»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu. + +»Des Wekil? -- Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf! +Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem +Augenblick!« + +Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük. + +O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im +Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen! + +Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte: + +»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser am +Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein +Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des +Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht +so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« -- -- -- + + + + +Drittes Kapitel. + +Im Harem. + + +Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit +der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die +Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines +Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt. + +Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten Wohnung, schlürfte +würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des würzigen Djebeli, welcher +meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern +boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten porösen +Thongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die +Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier +so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte. + +Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha. + +Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr +geworden, und wer hat ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst +als er selbst! + +Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Ägypten gekommen, hatten Kairo +besucht, welches der Ägypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder +noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es +mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns +dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl +befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle +Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen +heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete: + + »Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?« + +und von denen man außer dem großäugigen #Pulex canis# und dem rötlichen +#Pulex musculi# noch den allbeliebten #Pulex irritans# und den wütenden +#Pulex penetrans# kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Ägypten +nicht das Jagdgefilde des #»irritans«#, sondern des #»penetrans«#, also +nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« #Pulex# ist, und so +brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe, +nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war. + +Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha, +die mich aus meinen Träumen weckte: + +»Was? Wie? Wen?« + +»Den Effendi,« antwortete es schüchtern. + +»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?« + +»Ich muß ihn sprechen.« + +»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel -- Allah +beschütze mich vor ihm! -- den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du +nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein +Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar +die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben +sind!« + +Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Ägypten +viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz, +unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im +Oriente viel sagen. + +Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder +Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten. +Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb +gefüllte homöopatische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand +gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf +Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt +meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine +Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in +den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil +er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne. + +Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von +Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir +der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten +beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst; +er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons +Münchhausen #senior# verfallen und versuchte nebenbei, durch eine +Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte. + +So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohne eine +Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte +Ägypten von früherher und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht +auszukommen sei, weil sie größere Wunder thue als Höflichkeit und Geld, +von welchem letzteren mir allerdings kein großer Überfluß zur Verfügung +stand. + +»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder; +»aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich +sehen und sprechen.« + +»Jetzt nicht.« + +»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.« + +»Wer ist dein Herr?« + +»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre +schenken möge.« + +»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein +Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters? +Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen +verdankt?« + +»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon +sein Name sagt.« + +»Sein Name? Was meinst du?« + +»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir, +daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.« + +»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?« + +»Nein.« + +»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der +tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm +gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein +Herr hat keine Zeit.« + +»So sage mir, Sihdi, was ich thun muß, um zu ihm zu kommen!« + +»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten +der Weisheit erschließt?« + +»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.« + +»So schließe auf.« + +Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken. + +»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist, +als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.« + +»So muß ich ihn vergrößern.« + +Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte +ich lachen oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz +außerordentlich geriebener Portier geworden! + +»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem +Effendi auszurichten hast.« + +»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.« + +»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten, +diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes +von einer weißen Fee gebracht wird?« + +»Ist dies wahr?« + +»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud +al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht +glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu +kosten bekommen!« + +»Ich glaube es, Sihdi!« + +»Das ist dein Glück!« + +»Und werde dir noch zwei Piaster geben.« + +»Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?« + +»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.« + +»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee +gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!« + +»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!« + +»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!« + +»Aber ich bitte dich -- -- --« + +»Packe dich!« + +»Soll ich dir noch einen Piaster geben?« + +»Ich nehme nicht einen mehr!« + +»Sihdi!« + +»Sondern zwei!« + +»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei +Piaster.« + +»Schön! Also wer ist krank?« + +»Das Weib meines Herrn.« + +»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?« + +»Er hat nur diese eine.« + +»Und soll Mamur gewesen sein?« + +»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur +diese.« + +»Was fehlt ihr?« + +»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch +kränker.« + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der +Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei +dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als +wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du +nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den +Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar +noch mehr krank als ihr Leib?« + +»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu +dem Effendi!« + +»Ich darf es nicht thun.« + +»Warum nicht?« + +»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle +der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch +nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben, +sonst würde die Fee nie wiederkommen.« + +Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen, +fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken +zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort: + +»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre +Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr +sprechen.« + +»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o +Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr +sprechen darf?« + +»Warum?« + +»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem +Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Gehe fort!« + +»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen +bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.« + +»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Ägypters, daß er deine Füße +mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam +aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!« + +»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat +mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat +mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch +erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Ägypten nicht +reicher geben würde.« + +Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger +bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man +ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort +seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme: + +»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand +ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so +mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des +Mokattam.« + +»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!« + +»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als +freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines +Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenig +Tropfen Tau vom Himmel fallen!« + +»Hier hast du noch drei Tropfen!« + +»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein +Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.« + +»Er giebt es.« + +»So warte!« + +Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue +Fuchs! Übrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er +einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine +Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war. + +Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war +der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem +weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den +wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner +Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigiebt, so handelte es +sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht +durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe +Abrahim-Mamurs erhalten hatte. + +Halef Agha trat ein. + +»Schläfst du, Sihdi?« + +Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich +selbst so nennen. + +»Nein. Was willst du?« + +»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot +im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.« + +Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das +versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit +bringen und that, als ob ich nichts gehört hätte. + +»Was will er?« + +»Es ist jemand krank.« + +»Ist es notwendig?« + +»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde +zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.« + +Hm, er war kein übler Diplomat! + +»Laß den Mann eintreten!« + +Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur +Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn +anreden würde. + +»Tritt näher!« + +»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen +sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.« + +»Wer bist du?« + +»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am +Flusse wohnt.« + +»Was sollst du mir sagen?« + +»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn +Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des +Todes. Kein Arzt, kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt +ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr -- den Allah erfreuen +möge -- von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme +flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau +des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie +der Glanz des Goldes.« + +Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig +überschwänglich zu sein. + +»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von +hier?« + +»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du +bei ihm sein.« + +»Wer wird mich zurückfahren?« + +»Ich.« + +»Ich komme. Warte draußen!« + +Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein +anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur, +Pulsatilla und all' den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert +Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von +vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber +stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die +silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte, +und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche +Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung +Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen. + +Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende +Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in +Berührung. + +Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und +Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen +emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein +niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam +nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits +vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die +quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten. + +Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse +unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen +Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen +brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu +der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore +ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde. + +Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir +seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten +vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei +einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich +mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front, +welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima des Landes hatte denn doch +einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als +daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen +mögen. + +Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem +Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung +geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge +nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von +Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des +betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung +in die traurige tote Scene. + +Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen +Thorgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis +hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der +Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf +bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen, +was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und +Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau +darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des +Nils schadlos aushalten zu können. + +In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen +jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen +jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem +Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des +weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlük des Hauses. + +Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen +vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuend gedämpftes Licht fiel. Durch +die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen +wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden +Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer +trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft, +die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war. +Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer +Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem Abrahim-Mamur, der +»Besitzer von vielen Beuteln«, saß. + +Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem +Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so +konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt, +unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ +mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen +Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere +folgen. + +Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen, +denn jeder Kenner des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die +Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange, +wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr +hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber noch war das +Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein +mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien +wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich +befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von +zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten +Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden +Blick in das Gesicht! + +Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen, +feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend, +scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des +kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie +beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben +diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß, +die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig +angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem +Äußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches +dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist. + +Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur +besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht +gewesen. + +»Sallam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen, +aber schwarzgefärbten Barte hervor. + +Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem +dabei ein Schauer ankommen. + +»Aaleïkum!« antwortete ich. + +»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig +träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre +die Stimme seines Kummers!« + +»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem +Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal +der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten +Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen. + +»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse[21] +hast du besucht?« + + [21] Höhere Schule im Orient. + +»Keine.« + +»Keine?« + +»Ich bin kein Moslem.« + +»Nicht? Was sonst?« + +»Ein Nemsi!« + +»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den +Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.« + +»Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.« + +Er blickte mir kalt in die Augen. + +»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer +von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht +entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit +eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?« + +»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die +Medizin.« + +»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn +trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als +hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und +besiegen.« + +»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm +allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!« + +Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes +Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu +berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er +sofort die Schwäche zu verbergen und befolgte meine Aufforderung: + +»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der +zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?« + +Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher +er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich +ernst und antwortete ziemlich kalt: + +»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?« + +»Inwiefern?« + +»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.« + +»Ihr seid doch ungläubig!« + +»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah +nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit +demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso +nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der +Höflichkeit verletzen.« + +»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe +sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?« + +»Ich erlaube es.« + +»Wenn das Weib eines Franken krank ist -- -- --« + +Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm +nur, in seiner Rede fortzufahren. + +»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt --« + +»Keine?« + +»Nicht die geringste!« + +»Weiter!« + +»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert -- wenn sie +müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt -- -- --« + +»Weiter!« + +»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht -- vor Kälte +schauert und vor Hitze brennt -- -- --« + +»Ich höre. Fahre fort.« + +»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt -- wenn sie nichts +wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens +zittert -- -- --« + +»Immer weiter!« + +»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels -- wenn sie nicht +lacht, nicht weint, nicht spricht -- wenn sie kein Wort der Freude und +kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr +vernimmt -- wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der +Nacht wach in den Ecken kauert -- -- --« + +Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine +Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten +Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die +Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast +ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu +wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten. + +»Du bist noch nicht zu Ende!« + +»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr +in die Brust gestoßen würde -- wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort +flüstert --« + +»Welches Wort?« + +»Einen Namen.« + +»Weiter!« + +»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt -- -- --« + +Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte, +meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein +vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben: + +»So wird sie sterben.« + +Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag +getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir. +Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die +Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den +widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares +Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der +geniale Stift Doré's zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß +und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder +einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung +dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so -- diabolisch. Sein Auge ruhte +mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in +einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte. + +»Giaur!« donnerte er mich an. + +»Wie sagtest du?« fragte ich kalt. + +»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll +dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir +befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so +darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!« + +Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in +meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte: + +»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?« + +»Was?« + +»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was +sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem +Christen entblößest?« + +Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm +dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen. + +»Du mußt sterben, Giaur!« + +»Wann?« + +»Jetzt, sofort!« + +»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir +beliebt.« + +»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!« + +»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären +gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen +Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den 'Herdenwürgenden' +getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein +Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und +wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!« + +Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit +einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück, +denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen +Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber, +denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen +die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten +Unterhaltung vernehmen solle. + +Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor +den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir +beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich +ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein +zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte +mit ihr sprechen. + +»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend. + +»Ja.« + +»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?« + +»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.« + +»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!« + +»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?« + +»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.« + +»Wo?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Wann?« + +»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten +war.« + +»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft +gut enden würde. Du hast mich 'Hund' genannt, und ich sage dir, daß dir +im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast, +meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!« + +»Ich werde meine Diener rufen!« + +»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie +zu legen.« + +»Oho, du bist kein Gott!« + +»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?« + +Er lächelte verächtlich. + +»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist +nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden +deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod +bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr +erhalte dich!« + +Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu. + +»Bleib!« rief er. + +Ich schritt dennoch weiter. + +»Bleib!« rief er gebieterischer. + +Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um. + +»So stirb, Giaur!« + +Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite +auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der +Wand. + +»Jetzt bist du mein, Bube!« + +Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn +erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand. + +Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine +Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten +geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den +Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten. + +»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht +wieder, sie zu reizen!« + +»Mensch!« + +»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn +mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der +Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!« + +»Zauberer!« + +»Warum?« + +»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und +du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!« + +»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein +Weib, erhalten können.« + +Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung. + +»Wer hat dir diesen Namen genannt?« + +»Dein Bote.« + +»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!« + +»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot +sein kann.« + +Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug +er die Hände vor das Gesicht. + +»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?« + +»Es ist wahr.« + +»Kann sie nicht gerettet werden?« + +»Vielleicht.« + +»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu +helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.« + +»Ich bin bereit.« + +»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.« + +»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.« + +»Warum nicht?« + +»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann. +Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!« + +Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen. + +»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt, +daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf +welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!« + +»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den +Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was +ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu +fragen.« + +»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?« + +»Nein.« + +»Auch nicht durch Worte?« + +»Nein.« + +»Oder durch das Gebet?« + +»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie +gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.« + +»Welche Mittel sind es?« + +»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir +ausziehen.« + +»Es sind keine Gifte?« + +»Ich vergifte keinen Kranken.« + +»Kannst du das beschwören?« + +»Vor jedem Richter.« + +»Und du mußt mit ihr sprechen?« + +»Ja.« + +»Was?« + +»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit +zusammenhängt.« + +»Nach andern Dingen nicht?« + +»Nein.« + +»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?« + +»Ich bin es zufrieden.« + +»Und du mußt auch ihre Hand betasten?« + +»Ja.« + +»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?« + +»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in +dem Zimmer auf und ab gehen.« + +»Warum?« + +»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die +Krankheit betrifft.« + +»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.« + +»Das darf nicht sein.« + +»Warum nicht?« + +»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer +betrachten.« + +»Aus welchem Grunde?« + +»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen +entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.« + +»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?« + + [22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige, + Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die + Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses + abgesondert ist. + +»Ja.« + +»Ein Ungläubiger?« + +»Ein Christ.« + +»Ich erlaube es nicht!« + +»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!« + +Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der +Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit +leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung +glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines +Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte +ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder +bis zur Thür gehen, dann aber rief er: + +»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!« + +Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu +lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich +zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie +gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden +ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge +mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen +Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste +Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich +ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren +Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in +dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen +unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die +Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen +Umständen begegnet seien. + +Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen, +denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann +Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte. + +Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck +fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund, +und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch +hervorbrechenden Hasses instruierte er mich: + +»Du sollst zu ihr gehen -- --« + +»Du versprachst es bereits.« + +»Und ihre Zimmer sehen -- --« + +»Natürlich.« + +»Auch sie selbst -- -- --« + +»Verschleiert und eingehüllt.« + +»Und mit ihr sprechen.« + +»Das ist notwendig.« + +»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit +aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort +sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir +nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und +wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen +sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und +bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!« + + [23] Plural von Sura, die Strophe. + +Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese +Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn +sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja +gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur +konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer +Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein +dunkler Punkt zu finden sei. + +»Ist es Zeit?« fragte ich. + +»Komm!« + +Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm. + +Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in +denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann +betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun +folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach +benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie +sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden. + +»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon +der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit +einem halb spöttischen Lächeln. + +»Und das Gemach nebenan -- --?« + +»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß +mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem +Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig, +bis ich wiederkomme!« + +Er trat hinaus, und ich war allein. + +Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die +Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte +meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins +Wanken. + +Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe +Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer, +der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen. + +Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder. + +»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich. + +»Ja.« + +»Nun?« + +»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.« + +»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!« + +»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.« + +Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine +Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts +war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden +Füße. + +Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig +befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich, +mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in +eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig +in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur +die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der +Arm war in derselben Weise verhüllt. + +Ich wandte mich zu Abrahim. + +»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.« + +»Warum?« + +»Ich kann den Puls nicht fühlen.« + +»Entferne die Tücher!« gebot er ihr. + +Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes +Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen +erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen +mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr +Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß +zu fühlen, sondern auch zu hören, und -- täuschte ich mich nicht -- da +wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier: + +»Kurtar Senitzaji -- rette Senitza!« + +»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat. + +»Ja.« + +»Was fehlt ihr?« + +»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt, +aber -- -- -- ich werde sie retten.« + +Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie +als an ihn. + +»Wie heißt das Übel?« + +»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.« + +»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?« + +»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir +gehorsam seid.« + +»Worin soll ich dir gehorchen?« + +»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.« + +»Das werde ich thun.« + +»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.« + +»Das soll geschehen.« + +»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.« + +»Du? Weshalb?« + +»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.« + +»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.« + +»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu +beurteilen vermagst.« + +»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?« + +»Nur das, was du mir erlaubst.« + +»Und wo soll es geschehen?« + +»Hier in diesem Raume, grad wie heute.« + +»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!« + +»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer +Krankheit -- -- frei.« + +»So gieb ihr die Medizin.« + +»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem +Diener.« + +»So komm!« + +Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied +von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor +und wagte die drei Silben: + +»Eww' Allah, mit Gott!« + +Sofort aber fuhr er herum: + +»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!« + +»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß +sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man +nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!« + +»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken +braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!« + +Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der +alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen +Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit. + +»Wann wirst du morgen kommen?« + +»Um dieselbe Stunde.« + +»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für +heute?« + +»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir +beliebt.« + +Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor, +nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin. + +»Hier, nimm du!« + +Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine +große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das +Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend: + +»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe +sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die +erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch +bei mir!« + +Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein +Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein +befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte. + +»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse +sein Weib so lange als möglich krank bleiben!« + +»Hadschi Halef Omar!« + +»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?« + +»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.« + +»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?« + +»Noch fünfmal vielleicht.« + +»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht +noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob +es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.« + +Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten. +Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging +es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir +nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten. + +Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer +Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt, +ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche +lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein: + +»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.« + +Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell +um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht +gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater +der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht +hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten +zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und +ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier +wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief +dann zum Deck empor. + +»Hassan el Reïsahn, ohio!« + +Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte: + +»Wer ist -- -- o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der +Nemsi Kara Effendi?« + +»Er ist es, Abu Hassan.« + +»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!« + +Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet. + +»Was thust du hier?« fragte er mich. + +»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?« + +»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung +Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier +anlegen.« + +»Wie lange bleibst du hier?« + +»Nur morgen noch. Wo wohnest du?« + +»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.« + +»Hast du einen guten Wirt?« + +»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr +zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?« + + [24] Dorfrichter. + +»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.« + +»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du +wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.« + +»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?« + +»Nein. Ich will nach Kairo zurück.« + +»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.« + + [25] Vorstadt von Kairo mit Hafen. + +Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke. + +»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!« + +»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn +ich es habe oder kann!« + +»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.« + +»Kann ich es erfüllen?« + +»Ja.« + +»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?« + +»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.« + +»Ich komme und -- -- doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen +bin.« + +»Wo?« + +»In demselben Hause, in welchem du wohnst.« + +»Bei dem Scheik el Belet?« + +»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir +gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und +einen Platz für seinen Diener gemietet.« + +»Was ist er?« + +»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.« + +»Aber sein Diener konnte es sagen.« + +Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war. + +»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von +keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und +giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen +unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner, +heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen +sein wird.« + +»So wirst du also nicht zu mir kommen?« + +»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah +behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.« + +Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte +mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige +Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn +bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein. + +»Sallam aaleïkum.« + +»Aaleïkum.« + +»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.« + +»Wozu?« + +»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung +gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.« + +»Wo liegt diese Wohnung?« + +»Droben.« + +»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.« + +»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr +viel zu pfeifen und zu singen scheint.« + +»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.« + +Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber +doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte +zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen +her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen. + +»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der +Stimme Halef, meinen kleinen Diener. + +»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der +andere. + +»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet. + +»Ich auch!« + +»Wer bist du?« + +»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.« + +»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.« + +»Ein Agha?« + +»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.« + +»Wer ist dein Herr?« + +»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.« + +»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?« + +»Alles.« + +»Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen Einzigen, der alles +kurieren kann.« + +»Wer ist das?« + +»Ich.« + +»So bist du auch ein Arzt?« + +»Nein. Ich bin auch der Beschützer meines Herrn.« + +»Wer ist dein Herr?« + +»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.« + +»Ihr konntet draußen bleiben.« + +»Warum?« + +»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt. +Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?« + +»Ja.« + +»Nun?« + +»Er ist, er ist -- -- mein Herr, aber nicht dein Herr.« + +»Schlingel!« + +Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst +indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und +pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen; +nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein +Lied. + +Ich wäre vor freudiger Überraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text +der beiden Strophen, welche er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er +sich bediente: + + »Fid-dagle ma tera jekun? + Chammin hu Nabuliun. + Ma balu-hu jedubb hena? + Kussu-hu, ja fitjanena! + + Gema'a homr el-elbise + Wast el-chala muntasibe. + Ma bal hadolik wakifin? + Hallu-na nenzor musri' in!« + +Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten, +klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als: + + »Was kraucht nur dort im Busch herum? + Ich glaub', es ist Napolium. + Was hat er nur zu krauchen dort? + Frisch auf, Kam'raden, jagt ihn fort! + + Wer hat nur dort im off'nen Feld' + Die roten Hosen hingestellt? + Was haben sie zu stehen dort? + Frisch auf, Kam'raden, jagt sie fort!« + +Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für +Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Thür, +öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue +Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf +dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung. + +Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als +ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte: + +»Gefällt es dir, Effendi?« + +»Sehr! Woher hast du das Lied?« + +»Selbst gemacht.« + +»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?« + +»Selbst gemacht, erst recht!« + +»Lügner!« + +»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!« + +»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese +Melodie kenne ich.« + +»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.« + +»Und von wem hast du sie gehört?« + +»Von niemand.« + +»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem +deutschen Liede.« + +»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!« + +»Das Lied heißt: + + »Was kraucht nur dort im Busch herum? + »Ich glaub', es ist -- -- --« + +»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone, +da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man +vielleicht een Deutscher?« + +»Versteht sich!« + +»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr +Hekim-Baschi?« + +»Aus Sachsen.« + +»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede 'n Ofen einreißen! Und +Sie sind man wohl een Türke jeworden?« + +»Nein. Sie sind ein Preuße?« + +»Dat versteht sich! Een Preuße aus'n Jüterbock.« + +»Wie kommen Sie hierher?« + +»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.« + +»Was sind Sie ursprünglich?« + +»Balbier unjefähr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme, und da jing ich +in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.« + +»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?« + +»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben +Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.« + +»Was thut er hier?« + +»Weeß ich's? Er sucht wat.« + +»Was denn?« + +»Wird wohl vielleicht 'n Frauenzimmer sein.« + +»Ein Frauenzimmer? Das wär' doch sonderbar!« + +»Wird aber doch wohl zutreffen.« + +»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?« + +»Ne Montenegrinerin, 'ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat +ausjesprochen wird.« + +»Wa--a--as? Senitza heißt sie?« + +»Ja.« + +»Weißt du das gewiß?« + +»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens thut er stets +-- -- halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß 'nauf!« + +Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer +auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbogk, der sich so +poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit +mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile +eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte. +Unglücklicher Weise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder +Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen +nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur +erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte, +blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz +abzubrechen. + +So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen +schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat +bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann +zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterbogker Türken +zanken. + +»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan. + +»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser +auspumpen. Allah giebt morgen wieder einen Tag.« + +»Und wann fährst du ab?« + +»Übermorgen früh.« + +»Du würdest mich mitnehmen?« + +»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.« + +»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?« + +»Meine Dahabïe hat noch viel Platz. Wer ist es?« + +»Kein Mann, sondern ein Weib.« + +»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?« + +»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.« + +»Der auch mitfahren wird?« + +»Nein.« + +»So hast du sie ihm abgekauft?« + +»Nein.« + +»Er hat sie dir geschenkt?« + +»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.« + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es +weiß?« + +»Vielleicht.« + +»Mann, weißt du, was das ist?« + +»Nun?« + +»Eine Tschikarma, eine Entführung!« + +»Allerdings.« + +»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist +dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen +willst?« + +»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist +mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.« + +»Öffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!« + +Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte +mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich. + +»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!« + +»Wohin?« + +»Das sollst du sogleich sehen.« + +Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf +in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend, +daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln +angemeldet hatten. + +Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht +sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er +rauchte, sagte mir, daß der Jüterbogker mit seinem »schauderhaftes Jeld« +wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische +Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm +mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort: + +»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist +Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.« + +»Seid mir beide willkommen und setzt euch!« erwiderte der junge Mann. + +Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen, +daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne +weiteres bei ihm einzuführen. + +»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte. + +»Gern. Sage mir, was ich thun soll.« + +»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt +hast!« + +In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus. + +»Hassan el Reïsahn«, meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast +doch bereits geplaudert!« + +»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!« + +»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm +reden soll?« + +»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des +Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu +erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren +bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir +vielleicht Auskunft geben kann.« + +Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor. + +»Ist's wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?« + +»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher +auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du +zuerst!« + +»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde +ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!« + +»Ich begehre keinen Lohn. Rede!« + +»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.« + +»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.« + +»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.« + +»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?« + +»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie +duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang +der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß +ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von +Worten der Güte, und ihre Augen -- -- --« + +Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes. + +»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange. +Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des +Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?« + +»Seit zwei Monden.« + +»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?« + +»O, Effendi, was sollte dies sein?« + +»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette -- -- --« + +»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war +wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.« + +»Ich habe ihn gesehen.« + +»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?« + +»Heute, vor wenigen Stunden.« + +»Wo?« + +»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.« + +Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände +auf die Schultern. + +»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?« + +»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.« + +»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.« + +»Das geht nicht.« + +»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend +Piaster, wenn du mich zu ihr führst!« + +»Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst, so kann ich dich heute +nicht zu ihr bringen.« + +»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?« + +»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell +handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.« + +»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.« + +»Brenne deine Pfeife an!« + +»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß -- -- --« + +»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.« + +»Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.« + +Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine +glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken. + +»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf. + +»Heute schickte ein reicher Ägypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein +Weib krank sei -- -- --« + +»Sein Weib -- -- --!« + +»So ließ er mir sagen.« + +»Du gingst?« + +»Ich ging.« + +»Wer ist dieser Mann?« + +»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem +einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.« + +»Es wird von einer Mauer umgeben?« + +»Ja.« + +»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile +abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist +sie wirklich sein Weib?« + +»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.« + +»Und krank ist sie?« + +»Sehr.« + +»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses +widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?« + +»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in +Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald +geschieht.« + +»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?« + +»Nein, ich habe es beobachtet.« + +»Du hast sie gesehen?« + +»Ja.« + +»Belauscht?« + +»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken +sprechen könne.« + +»Er selbst? Unmöglich!« + +»Er liebt sie -- --« + +»Allah strafe ihn!« + +»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder +fortschickte.« + +»So sprachst du auch mit ihr?« + +»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir +leise zuzuflüstern: »Rette Senitza.« Sie trägt also diesen Namen, +obgleich er sie Güzela nennt.« + +»Was hast du ihr geantwortet?« + +»Daß ich sie retten werde.« + +»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und +entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir +wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen +gehalten wird!« + +»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und -- -- --« + +»Ich gehe mit, Sihdi!« + +»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?« + +»Sie kennt ihn sehr gut.« + +»Willst du mir ihn anvertrauen?« + +»Gern. Aber wozu?« + +»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen, +daß sie den Ring zu sehen bekommt.« + +»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der +Nähe bin. Aber dann?« + +»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.« + +»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in +Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den +Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen +Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza, +als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. Ich sah sie +später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den +schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu +besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die +Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!« + +»Wohin?« + +»Niemand wußte es.« + +»Auch ihre Eltern nicht?« + +»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um +nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte +nach Ägypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem +Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal[26], auf welchem ich +war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich +blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht +genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den +Jaschmak sofort wieder überwarf -- weiter sah ich nichts. Seit dieser +Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.« + + [26] Kleines Segelschiff. + +»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder +gezwungen verlassen hat?« + +»Freiwillig nicht.« + +»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?« + +»Nein.« + +»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht +ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.« + +»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?« + +»Das ist wahr.« + +»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?« + +»Ja.« + +»Wirst du dein Wort halten?« + +»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.« + +»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es +ist?« + +»Dein Ring wird mir die Überzeugung geben.« + +»Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?« + +»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.« + +»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.« + +»Und dann? Hassan el Reïsahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabïe +aufzunehmen?« + +»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich +befindet.« + +»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.« + +»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz gewesen ist, +so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte +der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode +beftraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und +vorsichtig handeln müssen.« + +Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als +vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine +Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die +Kranke geltend machen könnte. + +Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und +trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß +Isla keine Ruhe finden werde. + + + + +Viertes Kapitel. + +Eine Entführung. + + +Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich +mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte. +Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch +den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am +Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen +Liedern erschöpfen zu wollen. + +Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu +unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen +Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit +meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was +für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde. + +Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und +als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches +mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach +demselben gehalten. + +»Effendi, fahre ich mit?« fragte er. + +Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend: + +»Heute brauche ich dich nicht.« + +»Wie? du brauchst mich nicht?« + +»Nein.« + +»Wenn dir nun etwas begegnet!« + +»Was soll mir begegnen?« + +»Du kannst in das Wasser fallen.« + +»So schwimme ich.« + +»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er +dein Freund nicht ist.« + +»So könntest du mir auch nicht helfen.« + +»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit +verlassen kannst!« + +»So komm!« + +Es war ihm natürlich sehr um sein Bakschisch[27] zu thun. + + [27] Trinkgeld. + +Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute +natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im +Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich +lange Stangen. Sowohl das Außen- wie auch das Innenthor wurden immer mit +breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir +genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer +erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin +elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben +schliefen. Der Herr selbst schlief stets auf dem Diwan seines Selamlük. + +Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren +Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen +hatte. + +»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.« + +»So!« + +»Sie hat bereits gestern schon gegessen.« + +»Ah!« + +»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.« + +»Freundlich?« + +»Freundlich und viel.« + +»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen +vollständig gesund.« + +»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.« + +»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?« + +Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht. + +»Die Ärzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!« + +»Wißbegierig nur; aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder +die Gesundheit, denen eure Ärzte nicht helfen könnten.« + +»War deine Frage wirklich notwendig?« + +»Ja!« + +»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.« + +»So ist die Hilfe sicher.« + +Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern +warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich +genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert. +Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen +konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell +entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß +es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien +Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein. + +Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte +ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben +hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an +ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat +Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging, +sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen -- sie +hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der +unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für +jetzt weiter nichts mehr hier zu thun. + +Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe. + +»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen +Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits +gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit +Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.« + +Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlük harrte Halef +bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der +kleine Agha ein noch größeres Bakschisch als gestern erhielt. Dann ging +es wieder stromabwärts zurück. + +Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn. + +»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen. + +»Ja.« + +»Erkannte sie den Ring?« + +»Sie erkannte ihn.« + +»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!« + +»Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß +sie heute nacht errettet wird.« + +»Aber wie?« + +»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?« + +»Ich werde fertig bis zum Abend.« + +»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?« + +»Ja.« + +»So hört mich! In das Haus führen zwei Thüren, welche aber von innen +verriegelt sind; durch sie können wir nicht eindringen. Aber es giebt +noch einen zweiten Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei, +kannst du schwimmen?« + +»Ja.« + +»Gut. Es führt ein Kanal aus dem Nil unter den Mauern hinweg nach einem +Bassin, welches in der Mitte des Hofes sich befindet. Kurz nach +Mitternacht, wenn alles schläft, treffen wir dort ein, und du dringst +durch den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Thüre, welche du sofort +finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen, der sehr leicht +zurückzuschieben ist. Indem du öffnest, kommst du in den Garten, dessen +Thüre auf gleiche Weise sich öffnen läßt. Sobald die Thüren offen sind, +trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten und lehnen sie an +die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen, hinter welchem die +Frauengemächer liegen. Ich habe es bereits von innen geöffnet.« + +»Und dann?« + +»Was dann geschehen soll, muß sich nach den Umständen richten. Wir +fahren mit einem Boote bis an Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit +sein muß, das Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so daß er uns nicht +verfolgen kann. Unterdessen macht der Reïs seine Dahabïe segelfertig.« + +Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den Riß des Hauses auf ein +Blatt Papier, so daß Isla Ben Maflei vollständig orientiert war, wenn er +heute abend aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter den +notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und als es Zeit wurde, rief +ich Halef herein und gab ihm die nötigen Weisungen für das bevorstehende +Abenteuer. + +Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen. Die Wohnungsmiete war +schon voraus bezahlt. + +Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald mit den Sachen nach. +Das Schiff war bereit zur Fahrt und brauchte nur vom Ufer gelöst zu +werden. Nach einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein, +der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen wir in das lange, +schmale Boot, welches zur Dahabïe gehörte. Die beiden Diener mußten +rudern, und ich lenkte das Steuer. + +Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen +ruht, als gebe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges +drohendes Element. + +Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten, +waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus +dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen +Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese +Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies +zu glauben. + +Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt +ja _vor_ einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar +bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann +ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht +gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor +Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse +lagen und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote +standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst +konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten, +und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter +seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen. + +Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes +aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze +Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus, +um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht +die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles +in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den +Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn. + +»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein +wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber +können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr +nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen +können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!« + +Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser +blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein +und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine +Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn. + +»Wird es gehen?« fragte ich ihn. + +»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel +Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.« + +»Bist du noch entschlossen?« + +»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi, wohlan!« + +Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der +Maueröffnung, durch welche das Wasser führte. + +Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine +Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes +geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich +hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der +Kopf des Schwimmers in der Öffnung wieder erschien. + +»Du kehrst zurück?« + +»Ja, ich konnte nicht weiter.« + +»Warum?« + +»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!« + +»Weshalb nicht?« + +»Die Mauer ist zu hoch -- -- --« + +»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist +fest verschlossen.« + +»Und der Kanal auch.« + +»Verschlossen?« + +»Ja.« + +»Womit?« + +»Mit einem starken Holzgitter.« + +»Konntest du es nicht entfernen?« + +»Es widersteht aller meiner Kraft.« + +»Wie weit ist der Ort von hier?« + +»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.« + +»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und +erwarte mich hier.« + +Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den +Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht +offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner +Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es +war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut +eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer +befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa +Ratten, Wassermäuse u. s. w. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte +daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen +nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden +Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die +Mauer -- ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war +eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe +herausgerissen, so daß eine Öffnung entstanden war, durch welche ich +mich zwängen konnte. + +Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn +das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser +und kannte ja auch die Örtlichkeit genauer als er. Ich passierte also +die Öffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in +dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als +ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe +befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche +des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des +Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre, +welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige +Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser +durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst +unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war. +Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg +stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nötigen +Atem zu holen? -- -- Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es war +doch immerhin möglich, daß sich jemand in dem Hofe befand. + +Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll +Atem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend und +halb gehend, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts. + +Eine ziemliche Strecke legte ich so zurück, und schon verspürte ich den +eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand wirklich an ein neues +Hindernis stieß. Es war, wie ich fühlte, ein aus einem durchlöcherten +Blech bestehendes Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalröhre +einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher oder Filter des +schlammigen, trüben Wassers dienen sollte. + +Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Ängstlichkeit +meiner. + +Zurück konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle zu erreichen +vermochte, wo die höhere Wölbung des Kanals mir gestattet hätte, +emporzutauchen und Atem zu schöpfen, war ich jedenfalls schon erstickt, +und doch schien das ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu +sein. Hier gab es freilich nur zwei Fälle: entweder es gelang mir, +hindurchzukommen, oder ich mußte elend ertrinken. Es war kein Augenblick +zu verlieren. + +Ich stemmte mich gegen das Blech -- vergebens; ich drückte und preßte mit +aller Gewalt dagegen, doch ohne Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und +hinter ihm nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch +verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft für eine Sekunde; es war +mir, als wolle eine fürchterliche Gewalt mir die Lunge zerbersten und +den Körper zersprengen -- noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung; +Herr Gott im Himmel, hilf, daß es mir gelingt! Ich fühle den Tod mit +nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen; er packt es mit +grausamer, unerbittlicher Faust und drückt es vernichtend zusammen; die +Pulse stocken, die Besinnung schwindet, die Seele sträubt sich mit aller +Gewalt gegen das Entsetzliche, eine krampfhafte, tödliche Expansion +dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus -- ich höre einen Krach, +kein Geräusch, aber der Kampf des Todes hat vermocht, was dem Leben +nicht gelingen wollte -- das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fuhr +empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir augenblicklich das +Leben wiederbrachte, dann tauchte ich wieder unter. Es konnte ja jemand +im Hofe sein und meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen +Wasserfläche sichtbar geworden war. Am Rande derselben kam ich +vorsichtig wieder auf und blickte mich um. + +Es schien kein Mond, aber die Sterne des Südens verbreiteten ein +genügendes Licht, um alle Gegenstände unterscheiden zu können. Ich stieg +aus dem Bassin und wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich +ein leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern, hinter +denen die Frauengemächer lagen. Hier, rechts über mir war die Stelle, an +welcher ich den Riegelstab entfernt hatte, und links davon bemerkte ich +eine Spalte in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich nicht +hatte treten dürfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer Senitzas. War +sie wach geblieben, um mich zu erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter, +welches sie auch in ihrer Stube geöffnet hatte? War dies der Fall, so +hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt wieder +zurückgezogen, da sie mich unmöglich erkennen konnte. + +Ich schlich näher und legte die Hände rund um den Mund. + +»Senitza!« flüsterte ich leise. + +Da wurde die Spalte größer und ein dunkles Köpfchen erschien. + +»Wer bist du?« hauchte es herab. + +»Der Hekim, welcher bei dir war.« + +»Du kommst, mich zu retten?« + +»Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?« + +»Ja. Bist du allein?« + +»Isla Ben Maflei ist draußen.« + +»Ach! Er wird getötet werden!« + +»Von wem?« + +»Von Abrahim. Er schläft nicht des Nachts; er wacht. Und die Wärterin +liegt in dem Raume neben mir. Halt -- horch! Oh, fliehe schnell!« + +Dort hinter der Thür, welche zum Selamlük führte, ließ sich ein Geräusch +vernehmen. Die Spalte oben schloß sich, und ich eilte augenblicklich zum +Bassin zurück. Dort war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte. +Vorsichtig, damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die mich +verraten hätten, glitt ich hinein. + +Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Thür, und es erschien die +Gestalt Abrahims, der langsam und spähend den Hof umschritt. Ich stand +bis zum Munde im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung +verborgen, so daß mich der Ägypter nicht gewahr werden konnte. Dieser +überzeugte sich, daß das Thor noch verschlossen sei, und verschwand, +nachdem er die Runde vollendet hatte, wieder in dem Selamlük. + +Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum Thore, schob den Riegel +zurück und öffnete. Ich stand im Garten. Rasch eilte ich quer über +denselben hinweg, um nun auch das Mauerthor zu öffnen, und dann wollte +ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als dieser eben +erschien. + +»Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir gelungen.« + +»Ja. Aber ich kämpfte mit dem Tode. Gieb mir mein Gewand!« + +Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf nur die Jacke über, um +nicht in meinen Bewegungen gehindert zu sein, und sagte ihm: + +»Ich sprach bereits mit Senitza.« + +»Ist es wahr, Effendi?« + +»Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.« + +»O komm! Schnell, schnell!« + +»Warte noch!« + +Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu holen, welche ich gleich +bei meiner ersten Anwesenheit bemerkt hatte. Dann traten wir in den Hof. +Die Spalte oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder geöffnet. + +»Senitza[28], mein Stern, mein -- --« rief Isla mit unterdrückter Stimme, +als ich emporgezeigt hatte. Ich unterbrach ihn: + + [28] Senitza ist serbisch und heißt deutsch Augapfel. + +»Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit zu Herzensergüssen. Du +schweigst, und nur ich rede!« + +Dann wandte ich mich empor zu ihr: + +»Bist du bereit, mit uns zu gehen?« + +»Oh, ja!« + +»Durch die Zimmer geht es nicht?« + +»Nein. Aber drüben hinter den hölzernen Säulen liegt eine Leiter.« + +»Ich hole sie!« + +Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten Strick. Ich +ging und fand die Leiter. Sie war fest. Als ich sie angelehnt hatte, +stieg Isla empor. Ich schlich unterdessen nach der Thür zum Selamlük, um +zu horchen. + +Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des Mädchens erscheinen sah. +Sie stieg herab, und Isla unterstützte sie dabei. In dem Augenblicke, in +welchem sie den Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Stoß; sie +schwankte und stürzte mit einem lauten Krach zu Boden. + +»Flieht! Schnell nach dem Boote!« warnte ich. + +Sie eilten nach dem Thore, und zu gleicher Zeit hörte ich Schritte +hinter der Thür. Abrahim hatte das Geräusch vernommen und kam herbei. +Ich mußte den Fliehenden den Rückzug decken und folgte ihnen also mit +nicht zu großer Schnelligkeit. Der Ägypter bemerkte mich, sah auch die +umgestürzte Leiter und das geöffnete Gitter. + +Er stieß einen Schrei aus, der von allen Bewohnern des Hauses gehört +werden mußte. + +»Chirsytz, hajdut, Dieb, Räuber, halt! Herbei, herbei, ihr Männer, ihr +Leute, ihr Sklaven! Hilfe!« + +Mit diesen laut gebrüllten Worten sprang er hinter mir her. Da der +Orient keine Betten nach Art der unseren kennt und man meist in den +Kleidern auf dem Diwan schläft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald +auf den Beinen. + +Der Ägypter war hart hinter mir. Am Außenthore blickte ich mich um. Er +war nur zehn Schritte von mir entfernt, und dort an dem inneren Thore +erschien bereits ein zweiter Verfolger. + +Draußen bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei mit Senitza fliehen; +ich wandte mich also nach links. Abrahim ließ sich täuschen. Er sah +nicht sie, sondern nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke, +in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses, während unser +Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte ich um die zweite Ecke, das +Ufer entlang. + +»Halt, Bube! Ich schieße!« erscholl es hinter mir. + +Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte weiter. Traf mich +seine Kugel, so war ich tot oder gefangen, denn hinter ihm folgten seine +Diener, wie ich aus ihrem Geschrei vernahm. Der Schuß krachte. Er hatte +im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Geschoß flog an +mir vorüber. Ich that, als sei ich getroffen, und warf mich zur Erde +nieder. + +Er stürzte an mir vorbei, denn er hatte nun das Boot bemerkt, in welches +Isla eben mit Senitza einstieg. Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf. +Mit einigen weiten Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im Nacken +und warf ihn nieder. + +Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter mir, sie waren mir +sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen Zeit und Raum verloren hatte; +aber ich erreichte den Kahn und sprang hinein. Sofort stieß Halef vom +Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootslängen entfernt waren, als +die Verfolger dort ankamen. + +Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er überblickte die ganze +Situation. + +»Geri,« brüllte er; »geri erkekler -- zurück, zurück, ihr Männer! -- +Zurück, nach dem Boote!« + +Alle wandten sich um in der Richtung nach dem Kanale, wo ihr Kahn +gelegen hatte. Abrahim kam zuerst dort an und stieß einen Schrei der Wut +aus. Er sah, daß das Boot verschwunden war. + +Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gewässer des Ufers verlassen und +das schneller strömende Wasser erreicht; Halef und der Barbier aus +Jüterbogk ruderten; auch ich nahm eines der aus dem Boote Abrahims +genommenen Ruder; Isla that dasselbe, und so schoß unser Kahn sehr +schnell stromabwärts. + +Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung war nicht danach, in +Worte gefaßt zu werden. + +Während des ganzen Abenteuers war doch eine längere Zeit vergangen, so +daß jetzt bereits sich der Horizont rötete und man die nebellosen +Wasser des Niles weithin zu überblicken vermochte. Noch immer sahen wir +Abrahim mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien ein +Segel, welches in dem Morgenrot erglühte. + +»Ein Sandal!« meinte Halef. + +Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten, stark bemannten Barken, +welche so schnell segeln, daß sie fast mit einem Dampfer um die Wette +gehen. + +»Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben verfolgen,« sagte +Isla. + +»Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht auf ihn hört!« + +»Wenn Abrahim dem Reïs eine genügende Summe bietet, wird dieser sich +nicht weigern.« + +»Auch in diesem Falle würden wir einen guten Vorsprung gewinnen. Ehe der +Sandal anlegt und der Reïs mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige +Zeit. Auch muß sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem +versehen, was zu einer längeren Reise notwendig ist, da er nicht wissen +kann, welche Ausdehnung die Verfolgung haben wird.« + +Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir machten eine so +schnelle Fahrt, daß wir nach kaum einer halben Stunde die Dahabïe zu +Gesicht bekamen, welche uns weiter tragen sollte. + +Der alte Abu el Reïsahn lehnte an der Brüstung des Sternes. Er sah, daß +eine weibliche Person im Boote saß, und wußte also, daß unser +Unternehmen gelungen sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick. + +»Legt an,« rief er. »Die Treppe ist niedergelassen!« + +Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am Steuer befestigt. Dann ließ +man die Seile gehen und zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den +Schnabel vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und wir +strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun abwärts trug. + +Ich war zum Reïs getreten. + +»Wie ging es?« fragte er mich. + +»Sehr gut. Ich werde es dir erzählen; doch sage mir vorher, ob ein guter +Sandal dein Fahrzeug einholen könnte.« + +»Werden wir verfolgt?« + +»Ich glaube es nicht, doch ist es möglich.« + +»Meine Dahabïe ist sehr gut, aber ein guter Sandal holt jede Dahabïe +ein.« + +»So wollen wir wünschen, daß wir unverfolgt bleiben!« + +Ich erzählte nun den Hergang unseres Abenteuers und ging dann nach der +Kajüte, um meine noch immer feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in +zwei Teile geteilt, einen kleinen und einen größeren. Der erstere war +für Senitza und der letztere für den Kapitän, Isla Ben Maflei und mich +bestimmt. + +Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt vergangen, als ich +oberhalb unseres Schiffes die Spitze eines Segels bemerkte, welches sich +immer mehr vergrößerte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte ich den +Sandal, welchen wir in der Frühe gesehen hatten. + +»Siehst du das Schiff?« fragte ich den Reïs. + +»Allah akbar, Gott ist groß, und deine Frage ist auch groß,« antwortete +er mir. »Ich bin ein Reïs und sollte ein Segel nicht sehen, welches so +nahe hinter dem meinigen steuert!« + +»Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?« + +»Nein.« + +»Woraus erkennst du dies?« + +»Ich kenne diesen Sandal sehr genau.« + +»Ah!« + +»Er gehört dem Reïs Chalid Ben Mustapha.« + +»Kennst du diesen Chalid?« + +»Sehr; aber wir sind keine Freunde.« + +»Warum?« + +»Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines Unehrlichen sein.« + +»Hm, so ahnt mir etwas.« + +»Was?« + +»Daß sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.« + +»Werden es sehen!« + +»Was wirst du thun, wenn der Sandal sich an die Dahabïe legen will?« + +»Ich muß es zugeben. Das Gesetz sagt es so.« + +»Und wenn ich es nicht zugebe?« + +»Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Reïs meiner Dahabïe und habe +nach den Vorschriften des Gesetzes zu handeln.« + +»Und ich bin der Reïs meines Willens.« + +Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche Frage +vorlegen, aber er begann selbst: + +»Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste Freund, den ich gefunden +habe. Soll ich dir erzählen, wie Senitza in die Hände des Ägypters +gekommen ist?« + +»Ich möchte es sehr gerne hören, doch zu einer solchen Erzählung gehört +die Ruhe und Sammlung, welche wir jetzt nicht haben können.« + +»Du bist unruhig? Weshalb?« + +Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht bemerkt. + +»Drehe dich um und siehe diesen Sandal.« + +Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte: + +»Ist Abrahim an Bord?« + +»Ich weiß es nicht, aber es ist sehr leicht möglich, weil der Kapitän +ein Schurke ist, der sich von Abrahim erkaufen lassen wird.« + +»Woher weißt du, daß er ein Schurke ist?« + +»Abu el Reïsahn sagt es.« + +»Ja,« bestätigte dieser; »ich kenne diesen Kapitän und kenne auch sein +Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt wäre, würde ich es an seinem +Segel erkennen, welches dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.« + +»Was werden wir thun?« fragte Isla. + +»Zunächst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.« + +»Und wenn er da ist?« + +»So kommt er nicht zu uns herüber.« + +Unser Schiffsführer prüfte den Fortgang des Sandal und denjenigen, den +wir selbst machten, und meinte dann: + +»Er kommt uns immer näher. Ich werde eine Trikehta[29] beisetzen +lassen.« + + [29] Kleineres Segel. + +Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen Minuten, daß die +Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde. +Der Sandal kam uns immer näher; endlich war er nur noch eine +Schiffslänge von uns entfernt und ließ das eine Segel fallen, um seine +Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur auf dem Deck +stehen. + +»Er ist da!« sagte Isla. + +»Wo steht er?« fragte der Reïs. + +»Ganz vorn am Buge.« + +»Dieser? Kara Ben Nemsi, was thun wir? Sie werden uns ansprechen, und +wir müssen ihnen antworten.« + +»Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?« + +»Ich, der Inhaber meiner Dahabïe.« + +»Merke auf, was ich dir sage, Abu el Reïsahn. Bist du bereit, mir dein +Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?« + +Der Kapitän sah mich erstaunt an, begriff dann aber gleich, was ich für +einen Zweck verfolgte. + +»Ja,« antwortete er. + +»Dann bin also ich der Inhaber?« + +»Ja.« + +»Und du als Reïs mußt thun, was ich will.« + +»Ja.« + +»Und bist für nichts verantwortlich?« + +»Nein.« + +»Gut. Rufe deine Leute zusammen!« + +Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapitän erklärte ihnen: + +»Ihr Männer, ich sage euch, daß dieser Effendi, welcher Kara Ben Nemsi +heißt, unsere Dahabïe von hier bis Kahira gemietet hat. Ist es nicht +so?« + +»Ja, es ist so,« bestätigte ich. + +»Ihr könnt mir also bezeugen, daß ich nicht mehr Herr des Schiffes bin?« +fragte er die Leute. + +»Wir bezeugen es.« + +»So geht an eure Plätze. Das aber müßt ihr wissen, daß ich die Leitung +des Schiffes behalte, denn Kara Ben Nemsi hat es mir befohlen.« + +Sie entfernten sich, sichtlich befremdet über die sonderbare Mitteilung, +welche ihnen geworden war. + +Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit uns gekommen. Der +Kapitän desselben, ein alter langer, sehr hagerer Mann mit einer +Reiherfeder auf dem Tarbusch, trat an die Bordung und fragte herüber: + +»Ho, Dahabïe, welcher Reïs?« + +Ich neigte mich vor und antwortete: + +»Reïs Hassan.« + +»Hassan Abu el Reïsahn?« + +»Ja.« + +»Schön, kenne ihn,« antwortete er mit schadenfroher Miene. »Ihr habt ein +Weib an Bord?« + +»Ja.« + +»Gebt es heraus!« + +»Chalid Ben Mustapha, du bist verrückt!« + +»Wird sich finden. Wir werden an euch anlegen.« + +»Das werden wir verhindern.« + +»Wie willst du dies anfangen?« + +»Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die Feder an deinem +Tarbusch!« + +Ich erhob sehr schnell die Büchse, welche ich, ohne daß er sie gesehen +hatte, bereit gehalten hatte, zielte und drückte los. Die Feder flog +herab. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha +nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er +fuhr so hoch in die Luft, als beständen seine hageren Gliedmaßen aus +elastischem Gummi, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und floh hinter +den Mast. + +»Jetzt weißt du, wie ich schieße, Ben Mustapha,« rief ich hinüber. »Wenn +dein Sandal noch eine einzige Minute bei uns backseits fährt, so schieße +ich dir nicht die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem Leibe; +darauf kannst du dich verlassen!« + +Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung. Er eilte an das +Steuer, riß es aus den Händen dessen, der es bisher regiert hatte, und +drehte ab. In zwei Minuten befand sich der Sandal in einer solchen +Entfernung von uns, daß ihn meine Kugel nicht erreichen konnte. + +»Jetzt sind wir für den Augenblick sicher,« meinte ich. + +»Er wird nicht wieder so nahe kommen,« stimmte Hassan bei; »aber er wird +uns auch nicht aus dem Auge lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen, +wo er die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die fürchte ich +freilich nicht; aber ich fürchte etwas anderes.« + +»Was?« + +»Das da!« + +Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser, und wir verstanden +sogleich, was er meinte. + +Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer +Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten als vorher und die jetzt +felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns +nämlich einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger +gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast +unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt mußte die Feindschaft +der Menschen schweigen, damit sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller +auf das drohende Element richten konnte. Die Stimme des Reïs tönte laut +schallend über das Deck: + +»Blickt auf, ihr Männer, der Schellahl kommt, der Katarakt! Tretet +zusammen und betet die heilige Fatcha!« + +Die Leute folgten seinem Gebote und begannen: + +»Behüte uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten Teufel!« + +»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonierte der Reïs. + +Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha, die erste Sure des +Koran. + +Ich muß gestehen, daß dieses Gebet auch mich ergriff, aber nicht aus +Furcht vor der Gefahr, sondern aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen +wurzelnden Religiosität dieser halbwilden Menschen, welche nichts thun +und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig +ist. + +»Wohlan, ihr jungen Männer, ihr mutigen Helden, geht an euere Plätze,« +gebot nun der Führer; »der Strom hat uns ergriffen.« + +Das Kommando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig und exakt ab, wie +die Führung eines europäischen Fahrzeuges. Das heiße Blut des Südens +rollt durch die Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem +Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten +Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt, +heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten +Momente, wenn diese Gefahr vorübergegangen ist, noch lauter zu jubeln, +zu pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein jeder mit +Anspannung aller seiner Kräfte, und der Schiffsführer springt von einem +zum andern, um jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie +sie nur ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die andern mit +den süßesten, zärtlichsten Namen, unter denen sich das Wort »Held« am +meisten wiederholt. Hassan hatte sich auf das Passieren der +Stromschnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder +war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche +jeden Fußbreit des Stromes hier an dieser gefährlichen Stelle kannten. + +Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die von dem Wasser +kaum bedeckten Felsblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck, +und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes, auch das lauteste +Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder +versagten ihre Dienste und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte +die Dahabïe durch die kochenden Gewässer. + +Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und +lassen nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes +besitzt. Die Wogen werden förmlich durch dasselbe hindurchgepreßt und +stürzen sich in einem dicken, mächtigen Strahle nach unten in ein +Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen +Steinblöcken. + +Mit sausender Hast schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden +eingezogen. Jetzt befinden wir uns in dem furchtbaren Loche, dessen +Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie fast mit den Händen +erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so +schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden, +gischtspritzenden Kämme des Falles hinaus, und wir stürzen hinab in den +Schlund des Kessels. Es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und +brüllt um uns her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht +und reißt uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche +glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad unter dieser Glätte die +gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen, +wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab und -- -- -- + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« ertönt Hassans Stimme jetzt so schrill, +daß sie gehört werden kann. »Allah il Allah, an die Ruder, an die Ruder, +ihr Jünglinge, ihr Männer, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und Löwen! Der +Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl, amahl, ïa Allah +amahl, macht, macht, bei Gott, macht, ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr +Schurken und Katzen, arbeitet, arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr +Helden, ihr Unvergleichlichen, Erprobten und Auserwählten!« + +Wir schießen einer Schere zu, welche sich grad vor uns öffnet und uns +im nächsten Augenblicke vernichten wird. Die Felsen sind so scharf, und +der Fall des Stromes ist so reißend, daß von dem Schiffe kein Handgroß +von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint. + +»Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links, ihr Hunde, ihr +Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer, links, links mit dem Steuer, +ihr Braven, ihr Herrlichen, ihr Väter aller Helden! Allah, Allah, +Maschallah -- Gott thut Wunder, ihm sei Dank!« + +Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist +vorübergeflogen. Für einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen +Fahrwasser, und alles stürzt sich auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu +danken. + +»Esch'hetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck hin -- +»bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aale na baraktak, +begnadige uns mit deinem Segen!« + +Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens +geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich +hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die +unserige, und er muß daher an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser +ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord +an Bord rauscht er vorüber. Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte +hinter sich versteckend. Mir grade gegenüber reißt er die verborgen +gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange -- ich werfe mich nieder -- +die Kugel pfeift über mir weg, und im nächsten Augenblick ist der Sandal +uns weit voran. + +Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand hat Zeit zur +Verwunderung oder zum Zorne, denn die Strömung packt uns wieder und +treibt uns in ein Labyrinth von Klippen. + +Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der Sandal wurde von der Macht +des Schellahl an einen Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder +in die Flut, und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den +Wogen wieder gefaßt, befreit davon. Aber bei dem Stoße ist ein Mensch +über Bord gefallen; er hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die +Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke, +eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu. Er faßt danach -- +ergreift ihn -- wird emporgezogen -- es ist -- Abrahim-Mamur. + +Sobald er das Verdeck glücklich erreicht hatte, schüttelte er das Wasser +aus seinen Kleidern und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu. + +»Hund, du bist ein Räuber und Betrüger!« + +Ich erwartete ihn stehenden Fußes, und meine Haltung bewirkte, daß er +vor mir stehen blieb, ohne seine Fäuste in Anwendung zu bringen. + +»Abrahim-Mamur, sei höflich, denn du befindest dich nicht in deinem +Hause. Sagst du nur noch ein Wort, welches mir nicht gefällt, so lasse +ich dich an den Mast binden und durchpeitschen!« + +Die größte Beleidigung für einen Araber ist ein Schlag, und die +zweitgrößte ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim machte eine +Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich. + +»Du hast mein Weib an Bord!« + +»Nein.« + +»Du sagst mir nicht die Wahrheit.« + +»Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht dein Weib, sondern +die Verlobte dieses jungen Mannes, welcher neben dir steht.« + +Er stürzte auf die Kajüte zu, dort aber trat ihm Halef entgegen. + +»Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas; +dieses hier sind meine zwei Pistolen, und ich werde dich niederschießen, +sobald du irgend wohin gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir +verbietet!« + +Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der Ägypter es ansehen +konnte, daß es ihm mit dem Schießen Ernst sei. Er wandte sich daher ab +und schnaubte: + +»So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das Land geht, um Eure +Hilfsmatrosen abzusetzen.« + +»Thue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so +lange du dich friedlich benimmst.« + +Die Stromschnelle war in ihren gefährlichen Stellen glücklich +durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nötigen Muße unserer +Angelegenheit zuwenden. + +»Willst du uns jetzt erzählen, auf welche Weise Senitza in die Hand +dieses Menschen geraten ist?« fragte ich Isla. + +»Ich will sie holen,« antwortete er; »sie mag es Euch selbst erzählen.« + +»Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Ägypter +erbittern und zum Äußersten reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie +Mohammedanerin oder Christin ist.« + +»Sie ist eine Christin.« + +»Von welcher Konfession?« + +»Von der, welche Ihr griechisch nennt.« + +»Sie ist nicht seine Frau geworden?« + +»Er hat sie gekauft.« + +»Ah! Ist es möglich?« + +»Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert. Er hat sie in +Scutari gesehen und ihr gesagt, er liebe sie und sie solle sein Weib +werden; sie aber hat ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu +ihrem Vater gekommen und hat eine große Summe geboten, um sie von ihm zu +kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Thüre hinausgeworfen. Dann hat er den +Vater der Freundin bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und +dieser ist auf den Handel eingegangen.« + +»Wie?« + +»Dieser Mensch hat sie für seine Sklavin ausgegeben, hat sie an +Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine Schrift darüber ausgehändigt, in +welcher sie für eine cirkassische Sklavin gilt.« + +»Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater so plötzlich +verschwunden!« + +»Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht und ist mit ihr erst +nach Cypern, dann nach Ägypten gefahren. Das Übrige ist Euch bekannt.« + +»Wie hieß der Mann, der sie verkaufte?« fragte ich unwillkürlich. + +»Barud el Amasat.« + +»El Amasat -- el Amasat -- dieser Name kommt mir sehr bekannt vor. Wo habe +ich ihn gehört? War dieser Mensch ein Türke?« + +»Nein, sondern ein Armenier.« + +Ein Armenier -- -- ah, jetzt wußte ich es! Hamd el Amasat, jener Armenier, +welcher uns auf dem Schott Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli +entfloh -- war es derselbe? -- Nein, denn die Zeit stimmte nicht. + +»Weißt du nicht,« fragte ich Isla, »ob dieser Barud el Amasat einen +Bruder hat?« + +»Nein; Senitza weiß es auch nicht; ich habe sie nach dieser Familie sehr +genau befragt.« + +Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei und wandte sich an mich: + +»Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.« + +»Sprich!« + +»Wie heißt dieser äjyptische Thunichtjut?« + +»Abrahim-Mamur.« + +»So! Dat will also een Mamur jewesen sein?« + +»Allerdings.« + +»Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn ich kenne diesen +Menschen besser als er mir!« + +»Ah! Wer ist er?« + +»Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade kriegte, und weil es +die erste Bastonnade war, die ich jesehen habe, so habe ich mir sehr +einjehend nach ihm erkundigt.« + +»Nun, wer und was ist er?« + +»Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh oder so etwas und hat +een Jeheimnis verraten oder so unjefähr. Er hat tot jemacht werden +sollen, aber weil er Gönner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit +Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim.« + +Daß der Barbier aus Jüterbogk diesen Mann kannte, war ein ganz +staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen. +Ich hatte ihn gesehen, und zwar in Ispahan auf dem Almaiden-Shah, wo er +auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach Konstantinopel +geschafft zu werden. Mein Weg führte mich damals eine kurze Strecke mit +derselben Karawane, und so kam es, daß er auch mich gesehen und sich +jetzt wieder meiner erinnert hatte. + +»Ich danke dir, Hamsad, für diese Mitteilung, behalte sie aber jetzt +noch für dich.« + +Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei dem Gedanken, daß Abrahim +mich verklagen werde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte die +Vermutung nicht zurückweisen, daß er mit Barud el Amasat, welcher +Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das Mädchen bekannt +geworden war. Abrahim war ein degradierter Beamter, ein Gefangener +gewesen und hatte sogar die Bastonnade erhalten -- jetzt trat er als +Mamur auf und besaß ein Vermögen -- dies waren Umstände, welche mir sehr +zu denken gaben. + +Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt noch niemand zu sagen, +damit Abrahim nicht merke, daß er durchschaut worden sei. + +Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle auf die +Dahabïe genommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unser +Fahrzeug wandte sich daher dem Ufer zu. + +»Werden wir Anker werfen oder nicht?« fragte ich den Reïs. + +»Nein, ich lenke sofort um, wenn die Männer das Schiff verlassen haben.« + +»Warum?« + +»Um die Polizei zu vermeiden.« + +»Und Abrahim?« + +»Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.« + +»Ich fürchte die Polizei nicht.« + +»Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter deinem Konsul. Man kann +dir also nichts thun. Ah!« + +Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit bewaffneten, finster +blickenden Männern besetzt war. Es waren Khawassen -- Polizisten. + +»Du wirst wohl nicht sofort umlenken,« meinte ich zu Hassan. + +»Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir zu gehorchen.« + +»Ich befehle es nicht; ich möchte im Gegenteil die hiesige Polizei +einmal kennen lernen.« + +Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen stiegen an Bord, noch +ehe wir das Ufer erreicht hatten. Die Bemannung des Sandal war hier auch +gelandet, hatte erzählt, daß Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und +auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie wir später erfuhren, +der alte Reïs Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gelaufen +und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten über mich, den ungläubigen +Mörder, Aufrührer, Räuber und Empörer, daß ich eigentlich sehr zufrieden +sein mußte, nur mit dem Hängen oder Säcken davonzukommen. + +Da die Gerechtigkeit jener Länder von der wichtigen Erfindung der +Aktenstöße noch keine Notiz genommen hat, so wird in Rechtsfällen +überaus schnell und summarisch verfahren. + +»Wer ist der Reïs dieses Schiffes,« fragte der Anführer der Khawassen. + +»Ich,« antwortete Hassan. + +»Wie heißest du?« + +»Hassan Abu el Reïsahn.« + +»Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen Hekim, der ein +Ungläubiger ist?« + +»Da steht er und heißt Kara Ben Nemsi.« + +»Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib, Namens Güzela?« + +»Sie ist in der Kajüte.« + +»Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und folgt mir zum Richter, +während ich das Schiff von meinen Leuten bewachen lasse!« + +Die Dahabïe legte an, und ihre ganze Bemannung nebst sämtlichen +Passagieren wurde »sofort anhero transportiert«. Senitza, tief +verschleiert, ward in eine bereitstehende Sänfte gehoben und mußte +unserm Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil +jung und alt, groß und klein sich ihm anschloß. Hamsad al Dscherbaja, +der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner +Beine munter sein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!« + +Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretär bereits +unserer Ankunft gewärtig. + +Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors oder Befehlshabers +von tausend Mann, hatte aber trotzdem weder ein kriegerisches noch ein +übermäßig intelligentes Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal, so +hatte auch er Abrahim-Mamur für ertrunken gehalten und empfing den vom +Tode Auferstandenen mit einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem +Blick war, den er uns zuwarf. + +Wir wurden in zwei Lager geteilt: hüben die Bemannung des Sandal mit +Abrahim und einigen seiner Diener, die er mitgenommen hatte, und drüben +die Leute von der Dahabïe mit Senitza, Isla und mir nebst Halef und dem +Barbier. + +»Befiehlst du eine Pfeife, Herr?« fragte der Sahbeth-Bei den +vermeintlichen Mamur. + +»Lasse sie bringen!« + +Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf niederzusetzen. Dann +begann die Verhandlung: + +»Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!« + +»Er lautet Abrahim-Mamur.« + +»So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?« + +»In En-Nasar.« + +»Du bist der Ankläger. Sprich; ich höre zu und werde richten.« + +»Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der Tschikarma; ich +klage an den Mann, der neben ihm steht, der Tschikarma, und ich klage an +den Führer der Dahabïe der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die +Diener dieser beiden Männer und die Matrosen der Dahabïe beteiligt sind, +das magst du bestimmen, o Bimbaschi.« + +»Erzähle, wie der Raub vollendet wurde.« + +Abrahim erzählte. Als er geendet hatte, wurden seine Zeugen verhört, was +die Folge hatte, daß ich von dem Reïs des Sandals, Herrn Chalid Ben +Mustapha, auch noch des Mordversuches bezüchtigt wurde. + +In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz, als er sich nun zu mir +wandte. + +»Giaur, wie ist dein Name?« + +»Kara Ben Nemsi.« + +»Wie heißt deine Heimat?« + +»Dschermanistan.« + +»Wo liegt diese Handvoll Erde?« + +»Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, daß du sehr unwissend bist!« + +»Hund!« fuhr er auf. »Was willst du sagen?« + +»Dschermanistan ist ein großes Land und hat zehnmal mehr Einwohner als +ganz Ägypten. Du aber kennst es nicht. Du bist überhaupt ein schlechter +Geograph und darum lässest du dich von Abrahim-Mamur belügen.« + +»Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse dich mit dem Ohre an +die Wand nageln.« + +»Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der Mamur der Provinz +En-Nasar. Mamurs giebt es nur in Ägypten -- --« + +»Liegt En-Nasar nicht in Ägypten, Giaur? Ich bin selbst dort gewesen und +kenne den Mamur wie meinen Bruder, ja, wie mich selbst.« + +»Du lügst!« + +»Nagelt ihn fest!« gebot der Richter. + +Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine Pistolen. + +»Bimbaschi, ich sage dir, daß ich erst den niederschießen werde, der +mich anrührt, und dann dich! Du lügst, ich sage es noch einmal. En-Nasar +ist eine ganz kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im Lande +Tripolis; dort giebt es keinen Mamur, sondern einen armen Scheik; er +heißt Mamra Ibn Alef Abuzin, und ich kenne ihn sehr genau. Ich könnte +mit dir Komödie spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen; aber +ich will es kurz machen. Wie kommt es, daß du die Kläger stehen lässest, +während der Angeklagte, der Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife +von dir bekommt?« + +Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an. + +»Wie meinst du das, Giaur?« + +»Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen +Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch[30] des Vizekönigs von Ägypten; +dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des +Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.« + + [30] Reiseschein. + +»Zeigt die Scheine her!« + +Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las +sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück. + +»Sprich weiter.« + +Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er thun sollte. +Ich nahm also wieder das Wort: + +»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was +deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so +mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden +auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen +wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen, +welche Achtung du ihnen erweisest!« + +Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen +aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort: + +»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin +der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf +sitzen!« + +»Wer klagt ihn an?« + +»Ich, dieser, dieser und wir alle.« + +Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts. + +»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei. + +»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.« + +Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir: + +»Sprich!« + +»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.« + +»Welche Trauer?« + +»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen +Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen +und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich +ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien, +wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.« + +Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden. + +»Hund! -- Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!« + +»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf +besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!« + +»Rede!« + +»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus +Karadagh[31]; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Ägypten entführt. +Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach +Ägypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du +hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein +Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich +gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte, +welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des +Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört, +daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie +getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und +in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an. +Nun entscheide!« + + [31] Montenegro. -- Beides heißt ebenso wie das slawische + Czernagora »Schwarzer Berg«. + +Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er +konnte doch seine Worte und Thaten nicht dementieren, fühlte aber sehr +wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu thun, was eben +nur ein Ägypter zu thun vermag. + +»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde +mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle +aber seid meine Gefangenen!« + +Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann +wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt, +und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des +Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige +Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer +Viertelstunde aber waren sie verschwunden. + +Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben +Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß. + +»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?« + +»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er. + +»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?« + +»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben +oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der +Baschi wird ihn laufen lassen.« + +»Wünschest du seinen Tod?« + +»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.« + +»Und wie denkt deine Freundin darüber?« + +Senitza antwortete selbst: + +»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde +nicht mehr an ihn denken.« + +Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu +befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut +davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das +Rekognoscieren. + +Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit +war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war +klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und +nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof +zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu +folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen. + +Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen +verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus +Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen +können. + +Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte +der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des +Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht. + +Wo aber befand sich Abrahim-Mamur? + +Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht +nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten +werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder +einmal zu treffen. + +Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene +Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage +glücklich entronnen zu sein. -- -- -- + + + + +Fünftes Kapitel. + +Abu-Seïf. + + +Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog, +und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und +stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere +Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin +erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht +zusammenkommen konnten. + +Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr +durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer +trocken und die Wasser teilten sich von einander. + +Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem +Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur +Linken. + +Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des +Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer. + +Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter +aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in +ihrem Heere. + +Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit +Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der +Herr streitet für sie wider die Ägypter! + +Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer, +damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und +über ihre Reiter. + +Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder +vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also +stürzte sie der Herr mitten in das Meer. + +Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht +des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger +von ihnen übrig blieb. + +Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser +stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken. + +Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und +sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres. + +Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte, +und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen +Knecht Moses. -- -- -- + +An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich +denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel +anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres +schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht, +welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich +fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer +»keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige +Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem +ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen +gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir, +als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der +Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe +deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges +Land!« + +Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der +Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch +der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener +Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des +Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte +die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk +von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein +Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller +Gesetze und Gebote bildet. + +Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs +im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme +Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die +Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten, +während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen +schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen +später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen +wäre. + +Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den +Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter +zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des +berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend, +gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der +Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!« + +Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die +Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen +vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend +und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen +Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt, +dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha, +von der Gesetzgebung auf dem Sinai -- -- -- sie hatte mir die kleinen Hände +gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du +sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon +längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von +ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr +geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit +des Dichterwortes auf: + + »Ganz anders jene heiligen Geschichten, + Die nur das Buch der Bücher kann berichten, + In dem vom Geiste sie verzeichnet steh'n. + Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken + Und tief in ihren Zauber dich versenken, + Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh'n.« + +Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste +Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in +jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl +noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten +und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren +Halef gestört hätte: + +»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist +Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es +jetzt thun werde.« + +Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir +heran und erhob warnend die Hand. + +»Thue es nicht, Effendi!« + +»Warum?« + +»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das +Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit +sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der +hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32] +und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff +vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33] +nannten, hat diesen Ort verflucht.« + + [32] Moses. + + [33] Jehova. + +»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?« + +»Ja.« + +»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.« + +»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst +auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.« + +»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.« + +»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug +aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten, +bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein +jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.« + +»Wie lange haben wir da noch zu reiten?« + +»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt +wird.« + +»Dann vorwärts!« -- + +Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg +von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten +liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher +war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als +auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen +trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich +mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für +mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte +ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte, +was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte. + +Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm +und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des +Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao's hinter uns. +Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein +Fahrzeug vor Anker lag. + +Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen +Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß +breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich +ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen +Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen -- denn er wird +auch gerudert -- zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor +dem andern steht, daß es -- vom Winde angeschwellt -- ganz über das +Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon +bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen +pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches +in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind, +wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen +Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits +belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien +unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem +indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich +mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen +Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die +Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein +Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen. + +Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb +wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug +sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle. + +Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des +Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste. +Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem +kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas +abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte +der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort +an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die +Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen. + +Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich +ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und +grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer +Sprache. + +»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?« + +Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte +mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich: + +»Ich bin es.« + +»Wohin geht dein Sambuk?« + +»Überall hin.« + +»Was hast du geladen?« + +»Verschiedenes.« + +»Nimmst du auch Passagiere auf?« + +»Das weiß ich nicht.« + +Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf +und meinte in mitleidigem Tone: + +»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der +Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!« + +Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an. + +»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?« + +»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele +ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die +Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies +zu kommen!« + + [34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben. + +Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem +zwei riesige Pistolen steckten. + +»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der +Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.« + +»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch +ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich +dich frage.« + +»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein +Arab Dscheheïne.« + +Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und +Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war +der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich. + +»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn. + +»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!« + +So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem +Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ. + +»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?« + +»Ich würde dich nicht fürchten.« + +»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener, +während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich +gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem +Abendlande.« + + [35] Matrosen. + +»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und +redest die Sprache der Araber!« + +»Ist dies verboten?« + +»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?« + +»Ich gehöre zu den Nemsi.« + +»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein +Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]?« + + [36] Gärtner. + + [37] Kaufmann. + +»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.« + +»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern +Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann; +ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein +Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein -- -- --« + +»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was +ich hier in meiner Hand halte?« + +Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken. +Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch: + +»Die Peitsche.« + +»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi +Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem +Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert +und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in +allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es +wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht +gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi +bist und viele Männer hier bei dir hast!« + +Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden +Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom +Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die +Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu +den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit +erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die +Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust. + +»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol +vorsichtig sinken ließ. + +Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner +wagte es, Hand an Halef zu legen. + +»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?« +fragte der Türke. + +»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche +drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in +der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke, +ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!« + +Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor. + +»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten, +als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast +einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!« + +»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?« + +»Mich.« + +»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur -- -- --« + +»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn. + +»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: 'O ihr +Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer +Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen +nur euer Verderben!' Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des +Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?« + +»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure +des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in +Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.« + +Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte +sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück. + +»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des +Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein +Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!« + + [38] Schützling. + +»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen +Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der +Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn +unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.« + +»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter, +einen Vater, einen Sohn und einen Geist.« + +»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins. +Ihr sagt: 'Allah il Allah, Gott ist Gott.' Und unser Gott sagt: 'Ich bin +ein starker, einiger Gott.' Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: 'Er ist +der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer; +sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.' Unsere heilige Bibel sagt: +'Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor +seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner +Hände Werk.' Ist das nicht ganz dasselbe?« + +»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.« + + [39] Buch, Bibel. + +»Du irrst. Euer Kuran sagt: 'Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß +ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern +der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel, +an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt +den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum +bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen +Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht, +der ist wahrhaft gottesfürchtig.' Unser heiliges Buch gebietet uns: 'Du +sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.' +Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige +befiehlt?« + +»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.« + +»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist, +als euer Kuran?« + +»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise +finden, selbst wenn er unrecht hat. -- Woher kommst du?« + +»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.« + + [40] Türkisch für Ägypten. + +»Und wo willst du hin?« + +»Nach Tor hinüber.« + +»Und dann?« + +»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.« + + [41] Kloster. + +»So mußt du über das Wasser.« + +»Ja. Wohin fährst du?« + +»Auch nach Tor.« + +»Willst du mich mitnehmen?« + +»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht +verunreinigen.« + +»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?« + +»Für alle vier und die Kamele?« + +»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer +werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.« + +»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?« + +»Mit Geld.« + +»Willst du Speise von uns nehmen?« + +»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.« + +»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.« + +Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch, +für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also +beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen. + +»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff +zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich. + +»Ja.« + +»Dann sind wir des Mittags in Tor?« + +»Ja. Warum fragst du?« + +»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.« + +»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der +noch mehr verlangen wird.« + +»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre +mit dir.« + +»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.« + +»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere +geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier +Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen +Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und +meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.« + +»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem +Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier +an Bord nehmen.« + + [42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war. + +»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein +Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch +einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte 'hep imdad wermek, +sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz -- alle Hilfe leisten, +für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.' Hast du das +verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche +ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist +du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.« + +Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu +mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen: + +»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für +drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!« + +»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.« + +»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?« + + [43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«. + +»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord +begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.« + +Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein +Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der +vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef +an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des +Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch +von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und +kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein +Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt +kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger +war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage +auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen. + +»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem +Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?« + +»Ich will dich nicht tadeln.« + +»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?« + +»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?« + +»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden. +Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote +Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte +des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du +thun?« + +Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage +bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka +oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen. +Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein +Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen +einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen +Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt +erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee +betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst +gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich +sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz +anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich +vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer, +vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar +gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es +stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen +würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen. + +»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef. + +»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den +rechten Glauben annehmen.« + +»Nein, das werde ich nicht.« + +Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen +Leuten das Abendgebet befohlen. + +»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab; +erlaube, daß ich bete!« + +Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich +mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen, +so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem +Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres +verschloß. + +»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer. +Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem +Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa +Allah, Allah hu!« + +Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem +Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher +lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden +Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der +Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum +sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem +ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein +Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und +weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er +zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und +Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er +den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er: + +»La ilaha illa lah!« + +»Illa lah!« antworteten die andern im Chore. + +Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir, +nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der +Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch: + + [44] Steuermann. + +»Gott schütze dich!« + +»Mich und dich!« lautete die Antwort. + +»Wie befindest du dich?« + +»So wohl wie du.« + +»Wem gehört dieser Sambuk?« + +»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.« + +»Und wer führt ihn?« + +»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.« + +»Und was habt ihr geladen?« + +»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll +einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.« + +»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?« + +»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es +Allah doppelt.« + +»Wohin fahrt ihr von hier?« + +»Nach Tor.« + +»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.« + +»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?« + +»Nach Dschidda.« + +»Auf diesem Floß?« + +»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu +fahren.« + +»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die +es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!« + +»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese +beiden Männer?« + +»Ein Gi-- -- ein Nemsi mit seinem Diener.« + +»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?« + +»Nach Tor.« + +»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter +fahren.« + +»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?« + +»Ich muß weiter.« + +»Das ist sehr gefährlich.« + +»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im +Buche verzeichnet.« + +Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor. + +Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich +über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche +Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser +zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung +nicht verstünde. Der Derwisch fragte: + +»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?« + +»Nein.« + +»Woher weißt du dies?« + +»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt +verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.« + +»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?« + +»Gar keines, aber viele Waffen.« + +»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die +Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um +damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde +weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt +hat, sein Schiff zu betreten!« + +Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff +das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«. + +Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht. +Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum +hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung +das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig +verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu +irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann +verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei. + +Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr +nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es +doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht +mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte, +sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet +-- -- er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas +»nicht richtig im Staate Dänemark«. + +Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu +beschäftigen, meine Gedanken zu erraten. + +»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich. + +»Ja.« + +»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande +zu?« + +»So ist es. Woraus vermutest du dies?« + +»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.« + +»Und was haben diese Augen gesehen?« + +»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.« + +»Ah?« + +»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von +dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?« + + [45] Der »Heulenden« -- heulende Derwische. + +»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben, +wenn er keiner ist?« + +»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während +der Nacht fahren werde. Warum thut er es nicht?« + +Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte: + +»Wo wirst du schlafen, Effendi?« + +»Ich werde mich in den Tachta-perde[46] legen.« + + [46] Verschlag. + +»Das geht nicht.« + +»Warum?« + +»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.« + +»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir +schlafen hier auf dem Verdeck.« + +»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du thun, wenn Feinde zu dem +Schiffe heran kämen?« + +»Welche Feinde meinst du?« + +»Räuber.« + +»Giebt es hier Räuber?« + +»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die +größten Chirsizler[47] weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist +vor ihnen sicher.« + + [47] Spitzbuben. + +»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held, +ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor +keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?« + +»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen +Abu-Seïf, den 'Vater des Säbels', der gefährlicher und schrecklicher +ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?« + +»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.« + +»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre +Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur +wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl +aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf +finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr +Anführer.« + +»Und was thut die Regierung dagegen?« + +»Welche?« + +»Steht Ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?« + +»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche +der Großscherif von Mekka beschützt.« + +»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!« + +»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht. +Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?« + +»Er ist doch nur ein Mensch.« + +»Aber er besitzt die Hilfe des Scheïtan[48]. Er kann sich unsichtbar +machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch +einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet, +aber sein Säbel ist faldschymisch[49]; er dringt durch Thüren und Mauern +und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib +und Seele auseinander.« + + [48] Teufels. + + [49] Verhext, bezaubert. + +»Den möchte ich sehen!« + +»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn +sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen +wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen +und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren, +die dir drohen.« + +»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem +Schlafengehen.« + +Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen +sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren. + +Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden +als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf +dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die +Segel, und der Sambuk steuerte südwärts. + +Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir +ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte. +Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei +völlig verschleierte Frauen darin. + +Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den +Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und +hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob +sich und rief: + +»Sambuk, wohin?« + +»Nach Tor.« + +»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?« + +»Bezahlt ihr?« + +»Gern.« + +»So kommt an Bord.« + +Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das +Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt +fort. + +Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen +Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen. +Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht +abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine +Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes +pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer +beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf, +ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog, +nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele +und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen +zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs- und Geschmacksnerven +ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen +Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges +so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand ganz den +Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen; +wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis +Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse: + + »Wenn deiner Locken Wohlgerüche + Ums Grab mir wehn, + Dann sprießen tausend Blumen + Aus meinem Hügel auf --« + +gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter +der Thüre des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts +Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter +sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus +ihren Kleidern zu bringen waren. + +Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und +dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern. + +»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich. + +»Ja.« + +»So bist du hier unbekannt?« + +»Ja.« + +»Du bist ein Nemtsche?« + +»Ja.« + +»Haben die Nemsi auch einen Padischah?« + +»Ja.« + +»Und Paschas?« + +»Ja.« + +»Du bist wohl kein Pascha?« + +»Nein.« + +»Aber ein berühmter Mann?« + +»Pek, billahi -- bei Gott, sehr!« + +»Du kannst schreiben?« + +»Peh ne güzel -- und wie schön!« + +»Auch schießen?« + +»Daha ei -- noch besser!« + +»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?« + +»Ja.« + +»Du gehst noch weiter nach dem Süden?« + +»Ja.« + +»Bist du mit den Ingli bekannt?« + +»Ja.« + +»Hast du Freunde unter ihnen?« + +»Ja.« + +»Das ist sehr gut. Bist du stark?« + +»Korkulu -- fürchterlich, arslandscha -- wie ein Löwe! Soll ich es dir +beweisen?« + +»Nein, Effendi.« + +»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen +sein kann. Packe dich und komme nicht wieder!« + +Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen +Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem +Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf. + +»Wai sana -- wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt +sterben!« + +Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter +folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte +Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu +salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem +Augenblick öffnete sich die Thür des Verschlages, und es erschien eine +der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die +beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber +ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe. + +Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf +dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet[50] nicht +anders mit sich gebracht. + + [50] Schicksal, Vorausbestimmung. + +Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen +sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten +sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein +Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen +Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist. + +Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für +einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein +»Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was +konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und +unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung +dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut,« und zu was konnte es +ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies +hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer +an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen +Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der +augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des +Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht +und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung +besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig. + +»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war, +»hast du ihn gesehen?« + +»Wen oder was?« + +»Den Bart.« + +»Den Bart! Welchen Bart?« + +»Den das Weib hatte -- --« + +»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?« + +»Sie hatte den Jaschmak[51] nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach +über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.« + + [51] Schleier. + +»Schnurrbart?« + +»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi +sagen?« + +»Ja, aber so, daß es niemand hört.« + +Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich +seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen +neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem +Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es +nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von +ihm ab und kehrte zu mir zurück. + +»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.« + +»Wie so?« + +»Und dich für noch dümmer als mich.« + +»Ah!« + +»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals +die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen +Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?« + +»Ich vermute es.« + +»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!« + +»Das ist das Einzige, was wir thun werden, und dazu gehört vor allen +Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen +suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets +beispringen können.« + +Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den +Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein +Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden +Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein +unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne +daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre. + +Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker +gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des +Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört. + +Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt +stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der +Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die +Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen -- --? Ich hätte gern +einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war +der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie +gewöhnlich, Feuer anzuzünden. + +El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete, +hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht +verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser +Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute +vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef +ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der +Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch +die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft +zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte +ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz +verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken. +Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Thüre +ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im +Vorderteile des Fahrzeuges lag. + +Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht +herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte: + +»Hast du geschlafen?« + +»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!« + +»Ich kann mich auf dich verlassen?« + +»Wie auf dich selbst!« + +»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.« + +»Das werde ich thun, Sihdi!« + +Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte +schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins +auf -- es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets +den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die +Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts +zu denken. Der Schlummer kam und -- -- halt, was war das? + +Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er +mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb +emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder +auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft +bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich +aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war. + +»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich. + +»Ja, Sihdi. Was ist es?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Ich auch nicht. Horch!« + +Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her. +Draußen am Lande war das Feuer erloschen. + +»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache +meine Waffen und Kleider.« + +Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei +schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und -- schlief +jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet +wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die +Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den +Haïk[52] ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann +schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und +kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am +äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages +und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf +kam's ja an. + + [52] Beduinischer Mantel. + +Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah -- -- das +sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen +gebracht, und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte, war von +dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad +unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des +Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich +vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter +Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem +Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann +wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes +legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den +Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder +emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde. + +Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut +wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d. h. der Ertrag der Steuer, +welche er eingesammelt hatte, und -- -- -- ich hatte keine Zeit, weiter zu +vermuten. + +»Alargha, iz chijanisch -- aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine +tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte; +zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart +neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein +dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich +durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau +unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom +Verschlage gleich auf das Deck hinab. + +In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Kajüte, und ich +bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei +Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt +vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun +Männer stürzten sofort auf mich los. + +»Halef, herbei!« rief ich laut. + +Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich +um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen +konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe, +die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am +Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und +dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich +vorhin wieder erkannt hatte: -- es war die Stimme des Derwischs. + +»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer +von denen, welche mich umfaßt hielten. + +Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da +krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir. + +»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef. + +Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte +mit mir fort. + +»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme. + +Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten +Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es +toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner +derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen; dann war es +mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und +fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr. + +Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem +Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich +auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber +ein laut vernehmliches Sog[53] ließ mich vermuten, daß ich mich in dem +Kielraume eines Fahrzeuges befände, welches in schneller Fahrt begriffen +war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein +Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das +Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus +Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir +abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung +unterwarfen. + + [53] Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden + Schiffes verursacht. + +Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas +änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber +nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir: + +»Stehe auf und geh' mit uns!« + +Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles +Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand +ebenso zu meiner Überraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den +Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte. + +Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer +kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei +dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte +auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen +Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie +Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache +bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine +Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß +sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die +Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder +seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem +Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem +Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem +Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich +erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen +ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden +geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit +verächtlichem Blick. + +»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch. + +»Nein, aber ich vermute es.« + +»Nun, wer bin ich?« + +»Du bist Abu Seïf.« + +»Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!« + +»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah +allein anbeten soll?« + +»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle +dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.« + +»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es +erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise +bezeigen.« + +»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!« + +Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch +einen Schritt näher an ihn heran. + +»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf oder bist du ein Henker?« + +»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir +den Kopf vor die Füße!« + +»Wahre deinen eigenen Kopf!« + +»Giaur!« + +»Korkakdschi!« + +»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!« + +»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine +Dschasusler[54] in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von +den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir +gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!« + + [54] Spione. + +»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte +vermöchten nichts gegen meine Klinge!« + +»Aferihn -- brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln +fürchtet.« + +»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte +ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!« + +»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.« + +»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?« + +»Pah, du würdest es nicht erlauben!« + +»Warum nicht?« + +»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem +Säbel.« + +Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte +erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer +kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und +reichte ihn mir. + +»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die +Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim +dritten Hiebe eine Leiche sein.« + +Ich nahm den Säbel. + +Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater +des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter +Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein +ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit +Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich +hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die +Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und +ganzen Schwere,« also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und +ganzen Schwäche« so starke und schwere, Säbel ziemlich ungewohnt war, so +hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Überlegenheit +der europäischen Waffenführung zu beweisen. + +Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen +Mienen spiegelte sich die Überzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten +Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde. + +Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen +Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine +Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu +meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll +unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie +gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein +Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu +verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im +Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte +mit harter Festigkeit in die Linie ein, und -- die Waffe flog ihm aus der +Hand und über Bord in das Wasser. + +Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die +Waffe. + +Er stand vor mir und starrte mich an. + +»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!« + +Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine +Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Überraschung in +seinem Angesicht. + +»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief +er aus. + +»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und +überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm +dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während +dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in +deiner Hand.« + +Diese -- freilich gewagte -- Appellation an seinen Edelmut hatte einen +guten Erfolg. + +»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast +dein Schicksal in deiner eigenen Hand.« + +»Inwiefern?« + +»Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei +sein.« + +»Was soll ich thun?« + +»Du wirst mit mir fechten?« + +»Ja.« + +»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?« + +»Ja.« + +»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden +Auge sehen lassen?« + +»Gut!« + +»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes +Fahrzeug in Sicht kommt?« + +»Ja.« + +»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.« + +»Wo ist er?« + +»Hier auf dem Schiffe.« + +»Gebunden?« + +»Nein, er ist krank.« + +»Er hat eine Wunde?« + +»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht +erheben kann.« + +»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist +mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!« + +»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt +wird.« + +»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm +einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.« + +»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah[55]; ich habe +ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine +Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.« + + [55] Wundarzt. + +»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.« + +»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht +versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du +ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu +verlangen.« + +»Fordere!« + +»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der Meinen zu +verunreinigen?« + +»Gut.« + +»Du hast Freunde unter den Inglis?« + +»Ja.« + +»Sind es große Leute?« + +»Es sind Paschas unter ihnen.« + +»So werden sie dich auslösen?« + +Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern +sich meine Freiheit bezahlen lassen. + +»Wie viel verlangst du?« + +»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst +loskaufen.« + +Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Ärmeln +meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden +worden. Es wäre allerdings zum Lösegelde auch zu wenig gewesen. Daher +antwortete ich: + +»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.« + +»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du +Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist +vornehm.« + +»Ah!« + +»Und berühmt.« + +»Ah!« + +»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.« + +»Ich habe Spaß gemacht.« + +»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu +führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer +Zabit[56], für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.« + + [56] Offizier. + +»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie +umsonst von dir fordern.« + +»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und +mich zwingen, dich frei zu lassen?« + +»Er wird es durch seinen Eltschi[57] thun.« + + [57] Gesandten. + +»Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi der Nemsi hier in +dieser Gegend.« + +»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldi, +das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des +Sultans steht.« + +Er lachte. + +»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka +zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit +deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.« + +»Mit wem sonst?« + +»Mit den Inglis.« + +»Warum mit diesen?« + +»Weil sie dich auswechseln sollen.« + +»Gegen wen?« + +»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit +seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen +genommen worden. Sie haben ihn nach Eden[58] geschafft und wollen ihn +töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.« + + [58] Aden an der Straße Bab-el-Mandeb. + +»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden +mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.« + +»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie +anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so +werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du +dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast +noch viele Tage Zeit.« + +»Wie viele?« + +»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht, +auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in +vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein +Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine +volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah +aus werde ich den Boten abgehen lassen.« + +»Ich werde den Brief schreiben.« + +»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?« + +»Das kann ich dir nicht versprechen.« + +Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht. + +»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter +den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?« + +»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.« + +»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in +das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du +schwimmen?« + +»Ja.« + +»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen +würden!« + +»Ich weiß es.« + +»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird +stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht +aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.« + +»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?« + +»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er +der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein +Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten. +Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber +gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.« + +Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen. + +Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs des +Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke +nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in +einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand. + +Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter +schien sich um mich zu bekümmern, kein Mensch sprach ein Wort zu mir. +Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige +Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine +Kammer, an deren Thür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich +wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Thüre verriegelt +und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Wieder frei. + + +Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um +den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm +zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso +unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines +Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur +schaden müssen. + +Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt +gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya +angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher +wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit, +ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr +besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck +gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle +steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um +Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein +dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam +und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in +die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter +Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die +Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die +Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her. + +Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des +Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht +aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von +Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an +südwärts giebt es eine Unzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der +Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die +Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen +empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter +mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die +Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort +wird Om-el-Hableïn genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher +auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der +Gefahr zu sichern suchte. + +Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu. +Eine Landung vorher war unmöglich. + +Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine +Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war. + +Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch +vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht +getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet. + +»Sihdi!« + +»Wer ist da?« + +»Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden +ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?« + +»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.« + +»Warum nicht?« + +»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.« + +»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr +leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.« + +»So hat Abu Seïf mich belogen.« + +»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um +meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den +Schienen am Beine unten im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie +entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.« + +»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!« + +»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.« + +»Was?« + +»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu +pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere +von seinen Mannen gehen mit.« + +»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.« + +»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner +Kammer.« + +»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht +umkommen?« + +»Ich komme, Sihdi.« + +»Aber die Gefahr, Halef!« + +»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu +schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.« + +»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?« + +»Nein.« + +»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also +nicht wissen.« + +»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda[59] des +Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man +mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.« + + [59] Kammer, Kajüte. + +»Das weißt du?« + +»Ich habe Gespräche belauscht.« + +»Und die Barke in jener Nacht?« + +»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf +uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!« + +»Gute Nacht!« + +Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die +Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle. + +Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der +ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn +die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des +Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden +sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich +schlief ruhig ein. + +Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen +aber stand mein Wächter. + +»Willst du hinauf?« fragte er mich. + +»Ja.« + +»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.« + + [60] Gebet zur Mittagszeit. + +Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das +Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden +Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten +umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande +aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte. + +Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken +zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich +nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine +Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und +außerdem sah ich mehrere große Ketschikise[61] am Boden liegen, welche +jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk[62] stand offen, den Abu Seïf +bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug +gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal[63] enthielt, in denen +sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden. + + [61] Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei + nach außen gewendet. + + [62] Ein schrankartiger Kasten. + + [63] Leinwandsäckchen. + +»Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,« sagte er. + +»Sprich.« + +»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu +unternehmen?« + +»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen +werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.« + +»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich, +strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang +nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht +verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.« + +»Das ist hart.« + +»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.« + +»Ich muß mich fügen.« + +»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich +sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen. +Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu +sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich +hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht +geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!« + +Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein, +bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich +fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge +geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte +auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten +empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln +befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El +Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es +mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner +Thür ein leises Geräusch vernahm. + +Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen +durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte +gewesen. + +Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes +leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine +Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein +Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen. +Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so +-- -- -- aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines +Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam, +langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen +harten Schlag -- ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und +doch nicht könne -- ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es +draußen halblaut: + +»Sihdi, komm; ich habe ihn!« + +Es war Halef. + +»Wen?« fragte ich. + +»Deinen Wächter.« + +»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.« + +»Bist du an die Wand gebunden?« + +»Nein; hinaus zu dir kann ich.« + +»So komm, die Thür ist offen.« + +Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften +Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den +Händen den Hals zugeschnürt. + +»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!« + +»Hier ist eins; warte!« + +Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen Händen das Messer hervor, +nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln +entzwei. + +»Geht es, Sihdi?« + +»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot +ist!« + +»Sihdi, er hätte es verdient.« + +»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und +legen ihn in meine Kammer.« + +»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.« + +»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das +Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! -- So -- hier +ist der Knebel -- -- hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden -- -- +laß den Hals los und halte seine Beine -- -- -- so, fertig. Nun hinein mit +ihm!« + +Ich atmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt +hatte und nun mit Halef an der Treppe stand. + +»Was nun, Sihdi?« fragte er mich. + +»Wie kam das alles, jetzt?« + +»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.« + +»Wenn sie dich entdeckt hätten!« + +»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen +kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst +nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem +Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber, +welcher dich bewacht, an deiner Thüre schlafen werde. Er haßt dich, und +er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten +müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin +ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich +das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.« + +»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.« + +»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige +weißt du, Sihdi.« + +»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?« + +»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren +Afijon[64] anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.« + + [64] Opium. + +»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als +diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.« + +Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten, +darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen +wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt +hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft, +der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen +regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie +schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden +Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte +frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung +weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen +Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht +knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben +und unten an Thür und Pfosten aufgenagelt war. + +Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als +wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich +mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden +hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord +des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen. +Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir. + +»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef. + +»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir +brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.« + +»Weiter nichts?« + +»Nein.« + +»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.« + +»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns +nicht.« + +»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das +Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?« + +»Willst du ein Dieb werden? Nein!« + +»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al +Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir +nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die +Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu +greifen?« + +»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und +um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen. +Unser Geld aber haben wir noch.« + +»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.« + +»Hattest du viel?« + +»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler +gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir +nehmen, was mir gehört.« + +Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung +hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser +Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des +geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem +Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und +überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder +gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der +Sandyk wird verschlossen sein.« + +Er trat hinzu, visitierte und sagte dann: + +»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde +dennoch öffnen.« + +»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so giebt es +einen Krach, der uns verrät!« + +»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen +können. Komm, wir wollen gehen!« + +Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß +er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht +gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem +Versprechen: + +»Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!« + +»Ist es wahr, Sihdi?« + +»Ja.« + +»So laß uns gehen!« + +Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des +Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein +bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte. + +»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt. + +Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen +Anlauf nehmen. + +»Paß auf, Sihdi!« + +Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten +Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort. + +»Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte +Halef. + +»Wir gehen nach Dschidda.« + +»Weißt du den Weg?« + +»Nein.« + +»Oder hast du eine Harjta[65], welche dir den Weg zeigt?« + + [65] Landkarte. + +»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf +hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die +Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach +den Waffen sehen.« + +Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns +genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die +hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls +mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und +sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber +ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es giebt ganze Stämme, +welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen +bewaffnet sind. + +Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden +war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie +möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder +kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam +vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht +mit Koloquinthen und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich +beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging +leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und +unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung +der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr, als +wir die Minareh[66] einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer +hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war. + + [66] Dieses Wort wird nach französischer Weise Minaret + geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was + aber falsch ist. + +»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef. + +Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie +anzureden. + +»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.« + +»Und was beginnen wir dort?« + +»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.« + +»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen, +begraben liegt?« + +»Ja.« + +»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig +Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben +liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.« + +»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa, +woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt +Löweninsel; sie gehört jetzt den Christen, den Inglis, und ich selbst +bin bereits zweimal dort gewesen.« + +Er blickte mich erstaunt an. + +»Aber unsere Talebs[67] sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die +Insel Adams betreten will!« + + [67] Gelehrten. + +»Bin ich gestorben?« + +»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben +noch nicht hast.« + +»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß +sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?« + +»Ja.« + +»Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.« + +»Ist das wahr?« + +»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.« + +»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.« + +»Sie verstanden sie.« + +Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht. + +»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?« + +»Würdest du mich mitnehmen?« + +»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten +werden.« + +»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?« + +»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte +es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!« + +Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam +gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten. + +»Halef, du hast mich lieb?« + +»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!« + +»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?« + +»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich +du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben +kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.« + +»Das kann bloß ein Hadschi sagen.« + +»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich +das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah +verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche +mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?« + +»Wie lange wirst du in Mekka sein?« + +»Sieben Tage.« + +»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch +gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?« + +»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?« + +»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine +Bitte erfüllen?« + +»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun +darf.« + +»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.« + +»Ich gehorche.« + +»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.« + +»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?« + +»Welche?« + +»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch[68] kaufen und viele Geschenke +und Almosen geben -- -- --.« + + [68] Wörtlich: »heiliges Zeug«. + +»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.« + +»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der +Ungläubigen geprägt.« + +»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.« + +»Hast du Piaster?« + +»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf[69] holen.« + + [69] Geldwechsler. + +»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen +zu können?« + +»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts +kosten.« + +»Warum?« + +»Ich reite mit.« + +»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone. + +»Ja. Ist dies verboten?« + +»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du +nicht.« + +»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?« + +»Das ist schön, Sihdi; das geht!« + +»So sind wir also einig!« + +»Und wohin gehst du dann?« + +»Zunächst nach Medaïhn Saliha.« + +»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der +Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?« + +»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man +erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.« + +»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg +versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir +sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel +immer offen steht. Und wohin willst du dann?« + +»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und +Bagdad.« + +»Und wirst mich mitnehmen?« + +»Ja.« + +Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine +Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen +arme Hadhesi[70] oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein +zerlumpter Kerl rief mich an: + + [70] Arbeiter. + +»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak -- bist du gesund, Effendi, wie +geht es dir, und wie ist dein Befinden?« + +Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu +erwidern. + +»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist +vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und +wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?« + +Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M'eschaleeh trug. +Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht +werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das +Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines +Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei +Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist +das M'eschaleeh. + +»Deine Worte sind Zahari[71]; sie duften wie die Benaht el +Dschennet[72],« antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin +zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir +nützlich sein.« + + [71] Blumen. + + [72] Töchter des Paradieses, die Houris. + +»Welches Geschäft hast du?« + +»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri[73], und ich helfe +ihnen.« + + [73] Eseltreiber. + +»Hast du sie zu Hause?« + +»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?« + +»Was soll ich dir bezahlen?« + +»Wohin willst du reiten?« + +»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.« + +Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu +Fuße, das mußte ihm auffällig sein. + +»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet +habe?« + +»Welche Brüder?« + +»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie +du; die habe ich in den großen Khan geführt.« + +Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen. + +»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane +und in keinem Funduk[74], sondern in einem Privathause nehmen.« + + [74] Gasthaus. + +»Ama di bacht -- welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung +finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.« + +»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?« + +»Zwei Piaster.« + +Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann. + +»Hole die Tiere.« + +Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter +einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir +beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten. + +»Werden sie uns tragen können?« + +»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!« + +Das war übertrieben, jedoch mein Tier that nicht im mindesten, als ob +ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es +bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich +im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde. + +»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut, +wermya-iz aktsche -- halt, gebt Geld!« + +In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein +viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte +dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser +Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine +riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine +große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren. + +»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer. + +»Der Radschal el Bab[75]. Er nimmt die Steuer für den Großherrn ein.« + + [75] Mann des Thores, Thorwärter. + +Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu +machen, den Paß heraus. + +»Was willst du?« + +»Geld!« + +»Hier!« + +Ich hielt ihm das großherrliche Möhür[76] vor das Auge, welches nicht +durch ein Glas geschützt war. + + [76] Siegel. + +»Lutf, dschenabin -- Verzeihung, Euer Gnaden!« + +Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich +darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauerreste +springen. Sie trug eine alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite, +blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe +eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere +Radschal el Bab. + +»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer. + +»Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also +beleidigt und fürchtet deine Rache.« + +Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines +Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier +große, vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte. + +»Hier ist es!« + +»Wem gehört das Haus?« + +»Dem Dschewahirdschi[77] Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.« + + [77] Juwelier. + +»Wird er zu Hause sein?« + +»Ja.« + +»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!« + +Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und +ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem +Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand. +Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus +zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich +mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine +sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür +wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen +mir Halef gegeben hatte. + +Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen. + +Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie +ihren Namen -- Dschidda heißt »die Reiche« -- nicht ganz mit Unrecht +führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben, +welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem +Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die +Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab +el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von +zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften, +in die Nysf[78] von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht +sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist +es, daß es hier sehr viele Häuser giebt, welche nach außen hin Fenster +haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und +haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der +ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele +Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler +aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier, +Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen: +-- alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen +begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften +Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute, +welche in der Stadt selbst keinen Platz finden. + + [78] Hälften. + +Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt, +befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter +gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische +Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee. + +Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den +größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern +Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu +verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte, +würde bald selbst ein Bettler sein. Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem +Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit +nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um +mich wurde. Da plötzlich -- ist's möglich oder nicht? erklang es vom +Wasser her: + + »Jetzt geh' i zum Soala + Und kaf ma an Strick, + Bind 's Diandl am Buckl, + Trog's überall mit.« + +Ein »G'sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und +sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein +Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als +einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht +in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er +hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über +diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein +gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche +stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor, +welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um +die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen, +dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte. + +Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen +geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich +zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch +besser nach rechts herum und sang: + + »Und der Türk und der Ruß, + Die zwoa gehn mi nix o', + Wann i no mit der Gret'l + Koan Kriegshandl ho'!« + +Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der +Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede +überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund. + +»Türkü tschaghyr-durmak -- sing weiter!« rief ich hinüber. + +Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort +nochmals hören: + + »Zwischen deiner und meiner + Is a weite Gass'n; + Bua, wennst mi nöt magst, + Kannst es bleiben lass'n!« + +Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren: + + »Zwischen deiner und meiner + Is a enge Gass'n; + Bua, wennst mi gern magst, + Kannst herrudern lass'n!« + +Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den +Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft; +dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff +in das Steuer und lenkte dem Ufer zu. + +Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein +wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete. + +»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft. + +»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.« + +»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen +wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?« + +»Ein Schriftsteller. Und Sie?« + +»Ein -- ein -- -- -- ein -- -- hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch, +Privatsekretär, #bookkeeper#[79], Ehemann, #merchant#[80], Witwer, +Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.« + + [79] Buchhalter. + + [80] Kaufmann. + +Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich +lachen mußte. + +»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?« + +»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders +besinne. Und Sie?« + +»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie +hier in Dschidda?« + +»Nichts. Und Sie?« + +»Nichts. Wollen wir einander helfen?« + +»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!« + +»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?« + +»Ja, schon seit vier Tagen.« + +»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.« + +»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?« + +»Freilich! Für wann?« + +»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.« + +Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten +wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen +ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er +trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die +Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen +einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über +welches eine lange Matte ausgebreitet war. + +»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!« + +Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das +Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen +Koffer öffnete, der in demselben stand. + +»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht +schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!« + +Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte: + +»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine +gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier +zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken -- jeder einen. Da +noch ein Rest englisches Weizenbrot -- ein bißchen altbacken, geht aber +noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst -- +riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist +echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser; +ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in +dieser Büchse -- -- schnupfen Sie?« + +»Leider nein.« + +»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?« + +»Gern.« + +»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir -- Sie zehne und ich +eine.« + +»Oder umgekehrt!« + +»Geht nicht.« + +»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?« + +»Raten Sie!« + +»Zeigen Sie einmal her!« + +Er gab mir die Kapsel und ich roch daran. + +»Käse!« + +»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben +Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.« + +Wir aßen mit Lust. + +»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind +in Triest geboren?« + +»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein +Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt +es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich +bekam eine Stiefmutter; na -- Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt. +Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer +Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach +Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach +Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?« + +»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.« + +»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber +hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer +Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von +wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich +krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein +tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte +mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem +Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine +Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt +sehnte ich mich nach der Heimat zurück -- -- --« + +»Zu Ihrem Vater?« + +»Auch er lebt nicht mehr, hat aber -- Gott sei Dank! -- keine Not +gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben. +Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.« + +Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl +nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der +grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden +ist. + +»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?« + +»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.« + +»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?« + +»Freilich,« lachte er. »Und nun -- pressant sind meine Angelegenheiten +nicht; ich bin mein eigener Herr -- was thut es, wenn ich mir das rote +Meer besehe? Sie thun es ja auch!« + +»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?« + +»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt, +einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?« + +»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht -- wir sind ja +trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.« + +»Wie lange werden Sie hier bleiben?« + +»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn +warten müssen.« + +»Das freut mich; so können wir einander länger haben.« + +»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren +müssen.« + +»Wie so?« + +»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.« + +»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!« + +»Allerdings. Aber, kennt man mich?« + +»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?« + +»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.« + +»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?« + +»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger +sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den +vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und +seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen +unsern heiligen Glauben sein.« + +»Sie würden innerlich doch anders denken!« + +»Das macht die Schuld nicht geringer.« + +»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?« + +»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der +Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß +ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich +möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag, +auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den +Pilger spielt.« + +»Wohl nicht.« + +»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?« + +»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber +werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.« + +»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn +Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden. +Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden +brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab, +durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das +Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für +einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.« + + [81] Kamelart. + +»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe +gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran +darf.« + +»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur +englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen +elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten +einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten +haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt +nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.« + +Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt +wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte +diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und +erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort +gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben. + +»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich. + +»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?« + +»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.« + +»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?« + +»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger +beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.« + +»Du kannst abreisen, sobald du willst.« + +Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu +führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen. +Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber +den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten +ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit +ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie +in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den +Scheidebrief zu geben. + +Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme +sagen: + +»Ist dein Herr zu Hause?« + +»Dehm arably -- sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch +gesprochene Frage. + +»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit +einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich +selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.« + +Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang: + + »Juchheirassasa! + Und wenn d'willst, will i a, + Und wenn d'willst, so mach auf, + Denn desweg'n bin i da!« + +Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen. +Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich +nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören. +Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort: + + »Soldat bin i gern + Und da kenn' i mi aus, + Doch steh i nit gern Schildwach + In fremder Leut Haus.« + +Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er: + + »Und a frischa Bua bin i, + D'rum laß dir 'mal sag'n: + Wenn d'nit glei itzt aufmachst, + Thua i's Thürerl zerschlag'n!« + +Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also +und öffnete ihm die Thür. + +»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären +schon nach Mekka abgegangen.« + +»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.« + +»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!« + +»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft? +Thut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit +Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre +Speisenkarte zeigte.« + +»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.« + +»Sprechen Sie!« + +»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß +Sie Reiter sind.« + +»Ich reite allerdings ein wenig.« + +»Nur Pferd oder auch Kamel?« + +»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.« + +»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich +heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi[82] giebt, bei dem +man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen +zu können -- -- --« + + [82] Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher. + +»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?« + +»Das ist es!« + +»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen --« + +»Thut nichts.« + +»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.« + +»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf +einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu +begleiten?« + +»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?« + +»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?« + +»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?« + +»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?« + +»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen +kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.« + +»So geht er mit.« + +»Wann soll ich kommen?« + +»In einer Stunde.« + +»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das +Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht +ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen +sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich +klingenden Namen 'Bit' bezeichnet.« + +»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.« + +»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?« + +»Allerdings.« + +»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch +das deutsche Wort 'Lob'.« + +»Ah! Ist es gar so arg?« + +»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit +dem Worte 'Bergleute' bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach +unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten +der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu thun. Ein Glück ist es +nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister +besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu +überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach +dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi[83] +in seinem Ofen ausbrennen wird.« + + [83] Ein Para hat acht Borbi. + +»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?« + +»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen, +da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.« + +»Sie?« + +»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem +ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und +kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.« + +»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?« + +»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich +mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.« + +»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!« + +»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß +das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe. +Vor nun wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten, +welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von +Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen, +ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich +widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die +Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise +ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillet wird sehr +zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen +sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das +Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch +reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder +Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen +Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur +Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien +eine Woche lang zu besuchen, und -- ich habe mich über den Mangel an +Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die +Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben +diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei +den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im +wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren +kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten, +daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es +auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um +Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als #Commis-voyageurs#, +Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler oder Kirmeßgäste; sie erleben +ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der #Table d'hôte#, bei einer +imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem #Scating-Ring#. Wollen +wir wetten?« + +»Sie machen mich wirklich neugierig!« + +»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer, +wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben +und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am +Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in +Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht +zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung, +Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt, +daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich +herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die +Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten. +Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit +der größten Hitze eine Quelle finden.« + +»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!« + +»Ich halte es.« + +Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem +Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische +hinüberklingende Seelenstimmung. + +Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat, +starrte derselbe in Waffen. + +»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas +genießen?« fragte er mich. + +»Nein.« + +»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.« + +»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit! +Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar[84]. Dort finden wir +Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.« + + [84] Zeltdorf. + +»Tschekir? Was ist das?« + +»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.« + +»Fi!« + +»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken, +Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für +den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange +Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?« + +»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.« + +»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine +Decke?« + +»Hier.« + +»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?« + +»Für den ganzen Tag.« + +»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?« + +»Ohne Begleitung.« + +»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür +aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!« + +Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne +sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war. In seinem Hofe +standen drei Kamele, über welche man hätte weinen mögen. + +»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn. + +»Dort!« + +»Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied. + +»Öffne die Thür!« + +»Warum?« + +»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.« + +»Es sind solche darin.« + +»Zeige sie mir!« + +Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich +einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der +schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie. + +»Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin[85] für die drei Kamele, +welche du uns gesattelt hast?« + + [85] »Hoheit«. + +»Fünf Mahbubzechinen[86] für alle drei.« + + [86] à 5 Mark, in Summa also 25 Mark. + +»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden +Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre +Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und +ihre Höcker -- ah Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine +weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß +sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau +her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns +andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!« + +Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an. + +»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?« + +»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Großherrn? Soll ich ihm +erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode +schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und +das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!« + +Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser +Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu +leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem +Sattelzeug vor uns auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef: + +»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!« + +Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte, +auf die zusammengezogenen Vorderbeine. + +»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die +Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann +erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße +müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich +zu machen suchen.« + +»Ich will es versuchen.« + +Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem +ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute +Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn +fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die +Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz +regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter +in den Sand. + +»Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er +sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber +hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!« + +»Rrree!« + +Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang, +obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem +Verleiher noch einen Verweis geben: + +»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?« + +»Ja, Herr.« + +»Und auch lenken?« + +»Ja.« + +»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein +Metrek[87] dazu gehört!« + + [87] Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen. + +»Verzeihe, Herr!« + +Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg +auch ich auf. + +Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen +wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten. +Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter +Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz +bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße. + +»Wohin?« fragte ich Albani. + +»Das überlasse ich Ihnen.« + +»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!« + +Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine +Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen +und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort +ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und +Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne +einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte +des Hedschas erstreckt. + +Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber +fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre +gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die +eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen, +auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten +Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch +eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte; +er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange, +arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug +klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine, +schnalzte mit den Fingern und sang: + + »Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert, + Mei Sabel macht mir halt Müh, + Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt, + Das Kamel is ein sakrisch Vieh!« + +Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase: es stieg +empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter +mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun +war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und +die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände +als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das +Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar. + +»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am +Sattel fest!« rief ich ihm zu. + +»Hat sich sein -- -- hopp! -- -- hat sich sein -- -- öh, brrr, ah! -- hat +sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei-- -- -- hopp, au! -- -- gar +keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver-- -- hoppsa, öh, brr! -- Ihr +verwünschtes Viehzeug an!« + +»Ich verkomme ja mit ihm!« + +»Ja, aber das mei-- -- oh, brrr, öh! -- das meinige rennt ihm ja wie +bes-- -- hüh, hoppah! -- wie besessen nach!« + +»Halten Sie es an!« + +»Mit was denn?« + +»Mit dem Fuß und dem Zügel!« + +»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in -- -- hoppsa! -- nicht in die +Höhe, und den Zügel, den habe -- -- halt -- öh, halt öh! -- den habe ich +nicht mehr!« + +»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.« + +»Aber ich habe gar kei-- -- -- brrrr, oh! gar keinen Atem mehr!« + +»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!« + +Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine +Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite +ritt. + +Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns, +und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich +nach und nach im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So +hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen +zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters +auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem +Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand +förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir +einander gegenüber. + +Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze +seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert +als unsere drei zusammen. + +»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die +Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen. + +»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?« + +Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes; +seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die +Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus +welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten -- es war kein +Mann, sondern eine Frau. + +»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?« + +»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach +der Stadt zurückkehren.« + +Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu +werden. + +»So wohnest du in der Stadt?« + +»Nein; ich bin fremd in derselben.« + +»Du bist ein Pilger?« + +Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen +Muhammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir +nicht ein, mit einer Lüge zu antworten. + +»Nein; ich bin kein Hadschi.« + +»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu +gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein +Rechtgläubiger.« + +»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.« + +»Bist du ein Jude?« + +»Nein; ich bin ein Christ.« + +»Und diese beiden?« + +»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach +Mekka gehen will.« + +Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef. + +»Wo ist deine Heimat, Fremdling?« + +»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.« + +»Hast du ein Weib?« + +Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen +ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete: + +»Nein.« + +»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?« + +»Ich bin sein Diener und sein Freund.« + +Da wandte sie sich wieder zu mir: + +»Sihdi, komm und folge mir!« + +»Wohin?« + +»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?« + +»Pah! Vorwärts!« + +Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße +des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an +ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns. + +»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem +Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?« + +Albani sang statt der Antwort: + + »Dös Dirndel ist sauba + Vom Fuaß bis zum Kopf, + Nur am Hals hat's a Binkerl, + Dös hoaßt ma an Kropf.« + +Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der +Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht +gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie +gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich +an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg +nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie +sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen +wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? -- Sie war +mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan; +ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener +Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so +gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen, +furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da +solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu +sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung +gewährt ist. + +»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis +hörte. + +»Die Sprache der Deutschen.« + +»So bist du ein Nemtsche?« + +»Ja.« + +»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.« + +»Warum?« + +»Der tapferste Mann war der 'Sultan el Kebihr', und dennoch haben ihn +die Nemtsche-schimakler[88], die Nemtsche-memleketler[89] und die +Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf +betrachtet?« + + [88] Nördlichen Deutschen. + + [89] Österreicher. + +Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege +gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter +sich. + +»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich +bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie +dich.« + +»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar +seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?« + +»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?« + +»Ich sehe, daß du sie kennst.« + +»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht +bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?« + +»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?« + +»Was sagt der Kuran dazu?« + +»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der +Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk[90] und +meinen Dscherid[91]. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?« + + [90] Flinte. + + [91] Wurfspieß. + +»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke +ganz dasselbe, was du denkst.« + +»Glaubst du auch an deine Waffen?« + +»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz[92] der Christen.« + + [92] Heiliges Buch. + +»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.« + +Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt +ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr +fort: + +»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?« + +Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer +sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit +seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich +antwortete aber ausweichend: + +»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.« + +»Wie viele Male hast du eine Intikam[93] gehabt?« + + [93] Blutrache. + +»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er +wird getötet durch das Gesetz.« + +»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?« + +»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr +ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom 'Vater des Säbels'; kennst du +ihn?« + +»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?« + +»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.« + +Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum. + +»Gesehen? Wann?« + +»Vor noch nicht vielen Stunden.« + +»Und wo?« + +»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern +entflohen.« + +»Wo ist sein Schiff?« + +Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte. + +»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.« + +»Und er ist darauf?« + +»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.« + +»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine +große Botschaft zu verdanken. Komm!« + +Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger +Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte +sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug +aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei +Mekka wieder fand. In einer Thalmulde standen einige Zelte. Sie deutete +mit der Hand auf dieselben und meinte: + +»Dort wohnen sie.« + +»Wer?« + +»Die Beni-küfr[94] vom Stamme der Ateïbeh.« + + [94] Verfluchten. + +»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el +Nobejat?« + +»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!« + +Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am +Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem +Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte +hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr +kriegerisches Aussehen. + +»Wartet hier!« befahl die Gebieterin. + +Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein +Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden. + +»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?« + +»Zum Stamme Ateïbeh.« + +»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser +Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind +die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will +das Weib von uns?« + +»Ich weiß es noch nicht.« + +»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich +traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.« + +»Woran erkennst du dies?« + +»Weißt du nicht, daß alle Bedawis[95], welche in der Gegend von Mekka +wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem +Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und +sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an +ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind +verflucht.« + + [95] Beduinen. + +»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?« + +»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.« + +Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen, +worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von +ehrwürdigem Aussehen. + +»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr +sollt unsere Gäste sein.« + +Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei +Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort +Misafir[96] ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen +schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte +geführt, wo wir uns auf dem Serir[97] niederließen und mit einem +frugalen Mahle bewirtet wurden. + + [96] Gast. + + [97] Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt. + +Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein +Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der +wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung. + +Daß wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute +keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man +nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist +der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus +gediegenem, schön ciseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch +versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des +Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem +Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite +Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich, +nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste +Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten +Kokosschale, in welcher der Kopf und -- statt des Schlauches -- ein Rohr +befestigt wird. + +Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt +hatte, führte das Wort: + +»Ich bin der Scheik el Urdi[98] und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die +Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich +dennoch nach einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?« + + [98] Gebieter des Lagers. + +»Ich erlaube es.« + +»Du gehörst zu den Neßarah?« + +»Ja, ich bin ein Christ.« + +»Was thust du hier im Lande der Gläubigen?« + +»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.« + +Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht. + +»Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du dann?« + +»Ich kehre in meine Heimat zurück.« + +»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind +unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest. +Ist dieser Mann dein Diener?« + +Er deutete dabei auf Halef. + +»Er ist mein Diener und mein Freund.« + +»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek[99] gesprochen; sie +sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu +werden.« + + [99] Tochter des Scheik Malek. + +»Sie hat dir das Rechte gesagt.« + +»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?« + +»Ja.« + +»Wo?« + +»Ich weiß es noch nicht.« + +»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt +du, was ein Delyl ist?« + +»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die +heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.« + +»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es +ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun +eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt +sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach +Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib[100] erfüllt; wenn dies geschehen +ist, giebt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für +seine Mühe bezahlt.« + + [100] Unerläßliche und erforderliche Handlungen. + +»Auch dies weiß ich.« + +Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten +leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in +Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden +Übergang bat er: + +»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!« + +Das war überraschend. + +»Wozu?« fragte ich ihn. + +»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.« + +»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls +von der Behörde eingesetzt werden.« + +»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der +Pilgerfahrt wieder frei zu geben?« + +»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern, +wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du +mußt dich an ihn selbst wenden.« + +Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu +beobachten. Er war ganz verdutzt. + +»Willst du es thun?« fragte ihn der Alte. + +»Darf ich das Mädchen vorher sehen?« + +Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann: + +»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön +oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der +Hadsch doch wieder freigeben.« + +»Sind die Benaht el Arab[101] wie die Töchter der Türken, welche sich +nicht sehen lassen dürfen?« + + [101] Töchter der Araber. + +»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du +sollst das Mädchen sehen.« + +Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ +das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen +Ähnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter +desselben sei. + +»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik. + +Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die +vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene +dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen. + +»Wie heißest du?« fragte er sie. + +»Hanneh[102],« antwortete sie. + + [102] Anna. + +»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar[103]; deine Wangen leuchten wie +Zahari[104]; deine Lippen glühen wie Römmahm[105], und deine Wimpern +sind schattig wie die Blätter von el Szemt[106]. Mein Name lautet Halef +Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich +kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.« + + [103] Licht des Mondes. + + [104] Blumen. + + [105] Granatäpfel. + + [106] Akazie. + +Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el +Kamar, sondern wie Nur esch Schemms[107]; seine Sprache trieb poetische +Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die +Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und +Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der +Ehe. + + [107] Sonnenlicht. + +Das Mädchen entfernte sich wieder und der Scheik fragte ihn: + +»Wie lautet dein Entschluß?« + +»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch +erfüllen.« + +»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis giebt.« + +»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses +Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl +sucht?« + +»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?« + +»Den Gouverneur von Mekka?« + +»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt, +stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.« + +»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche +nicht den Schutz eines Türken.« + +»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha +ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka, +wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen +ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein +Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar +der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda. +Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?« + +»Ich habe ihn gesehen.« + +»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.« + +»Nicht möglich!« + +»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten, oder ihn leben +zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein +Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in +Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar[108] zu +schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu +sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit +zurück. Du hast beide gesehen: mit meiner Tochter bist du angekommen, +und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn, +um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im +Seraj[109] des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn +entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal +sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach +Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht +weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner +Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte +mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist. +Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um +draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine +Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die +Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen +die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten. +Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des +Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden +uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von +Abu-Seïf gewesen?« + + [108] Zeltdorf. + + [109] Palast. + +»Ja.« + +»Erzähle es!« + +Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer. + +»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?« + +»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.« + +»Willst du uns hinführen?« + +»Ihr werdet die Dscheheïne töten?« + +»Ja.« + +»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.« + +»Du darfst dich nicht rächen?« + +»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu +lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr +seid keine Richter.« + +»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden +den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast +mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe +entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen +willst.« + +»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener +noch einmal zu sein.« + +»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?« + +»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an +meiner Stelle. + +»Du kannst morgen gehen.« + +»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so +weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann +zurückbringen.« + +Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab: + +»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?« + +Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte. + +»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,« +antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich +hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma[110] schließen.« + + [110] Verheiratung. + +»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte +abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.« + +»So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf +ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du +reiten?« + +»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder +mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen +für den Abschluß der Verheiratung?« + +»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik +meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber +ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den +Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch[111] habe ich.« + + [111] Petschaft und Wachs. + +In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine +Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf +Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß +er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem +Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher, +sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen +den Weg förmlich hinter sich. + +Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts. + +»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?« + +»Was?« + +»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es +erraten?« + +»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.« + +Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach +einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der +Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen, +sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten +Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr +erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke +nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu +vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden +lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt +zurückkehrenden Boten sein. + +Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er +sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort +wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir +gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz +dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um +dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden, +aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer +nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann, +sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden verschwunden waren, +einen Bogen schlagen. Während wir anderen unseren Weg fortsetzten, +fragte er: + +»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der +Stadt, wo du uns dann am Thore finden wirst?« + +»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du +mit ihnen geredet hast.« + +»Es sind vielleicht Dscheheïne!« + +»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab; +reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige +Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda +zurückzufliehen.« + +»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.« + +Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser +hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen +mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in +gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie +merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie +mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der +Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter +Eile fort, waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor +ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich +gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns +vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab +eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so +mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden, +kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei +Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder +nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben +beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte +sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten. + +»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik. + +»Von Dschidda,« antwortete der eine. + +»Wohin wollt ihr?« + +»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.« + +»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!« + +»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen +wir die Körbe.« + +»Von welchem Stamme seid ihr?« + +»Wir wohnen in der Stadt.« + +Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja +wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre +Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte: + +»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr +seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf. +Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!« + +»Was geht es euch an, wer wir sind?« + +Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die +Peitsche aus Halefs Hand. + +»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was +diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen, +das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige +Fragen. Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten; +thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art +zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab +sehen lassen könnt!« + +Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen +Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern. + +»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine. + +»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der +Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken +befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer +nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren +Tabandschab[112]. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser +Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und +antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?« + + [112] Pistolen. + +»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war. + +»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?« + +»Ja.« + +»Wo habt ihr ihn getroffen?« + +»In Mekka.« + +»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?« + +»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.« + +»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?« + +»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.« + +»So bin ich jetzt mit euch fertig.« + +»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde +sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.« + +»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten. +Folge mir!« + +Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb +noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu +ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr +unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf +seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu +bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße +gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden, +und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das +Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns. + +»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte +Halef. + +»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was +du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!« + +»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?« + +»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.« + +»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen +reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?« + +»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.« + +»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah +möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes +Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer +Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist -- -- die +ist -- -- wie -- der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne +am Himmel der Wüste.« + +»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich +glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!« + +»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin +einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der +Blumen trinkt.« + +Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun +eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als +die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte +zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen +sollten. + +»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen, +bis du wieder kommst?« + +»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so +lang ist, wie deine Lanze.« + +»Und das Tirscheh oder Kiahat[113] wirst du nicht vergessen?« + + [113] Pergament oder Papier. + +»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem[114] mitbringen.« + + [114] Tinte und eine Feder. + +»Thue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!« + +Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten +in die Stadt. + +»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani. + +»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag +gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.« + +»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht +gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?« + +»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging +es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! -- Sie wollen mit +diesen Arabern gehen? -- So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.« + +»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen +wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten +Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für +unmöglich halte.« + +Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen +wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten, +einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der +weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner +Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru, +dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine +Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir +wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen, +worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten. + + + + +Siebentes Kapitel. + +In Mekka. + + +Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die +Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein +schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter +dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte +ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der +langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag. + +Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran. + +»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort +einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?« + +»Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.« + +»Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki[115] ist das +Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden +soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.« + + [115] Osten. + +»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle +erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.« + +»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine +Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein +Adeschlik[116] verehre?« + + [116] Feuerzeug. + +Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché +gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen +sehr großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose +bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn +zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen. + +»Gieb es ihr,« antwortete ich ernsthaft. + +»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch wiedergeben, wenn sie +meine Frau nicht mehr ist?« + +»Sie wird es behalten.« + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen +lassen! Was soll ich thun, Sihdi?« + +»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr etwas anderes!« + +»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen +Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!« + +»So gieb ihr nichts.« + +Er schüttelte sehr besorgt den Kopf. + +»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend +etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener +ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?« + +Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und +infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren. + +»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber +ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine +Jacke, noch meine Büchse schenken!« + +»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe +tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in +welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen +würden?« + +»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen, +wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?« + +»Du mußt es wieder fordern!« + +»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige +Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und +sehen, ob ich etwas für dich finde.« + +Da richtete er sich erfreut im Sattel empor. + +»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen +hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohlthätigkeit +länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines +Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan. +Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter +die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein, +wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und +die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!« + +Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine +Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen, +Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches +er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz +vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der +Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt +beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen +lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen +weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch +Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht +viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert +besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten +Seltenheiten gehörten. + +Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich +hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte, +öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen +Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz +auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe +mit künstlichen Schildkröten und hing an einer Kette von Glasfacetten, +die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der +Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich +zeigte ihn Halef. + +Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück. + +»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen +möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa +Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal +gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir +dienen!« + +»Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.« + +»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?« + +»Nein.« + +»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?« + +»Bei meinem Barte!« + +»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen, +so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!« + +Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen, +legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu +betrachten. + +»Wallahi -- billahi -- tallahi -- bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst +du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht +die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit +den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik -- wehe, wenn er das +Kästchen zertritt!« + +»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!« + +»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du +täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen? +Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ und auch kein Jude! Du bist der +größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast +den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan[117] gesperrt! +Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern, +und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über +die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese +Kette, Sihdi?« + + [117] Gefängnis. + +»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.« + +»Ich -- --?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im +Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter +allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich +verschenken?« + +»Ja.« + +»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich +werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.« + +»Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!« + +»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen +gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen thatest?« + +»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich +diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars[118] bei mir +getragen.« + + [118] Weite, türkische Hosen. + +»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels, +den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich +Hanneh die Kette geben?« + +»Sobald sie dein Weib geworden ist.« + +»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab[119], denn alle +Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält. +Darf ich auch die andern Schätze sehen?« + + [119] Benat ist Plural von Bint, Tochter. + +Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und +Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh +versammelt. + +»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek. + +»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.« + +»Willst du den Vertrag schreiben?« + +»Wenn du es wünschest, ja.« + +»So können wir beginnen?« + +Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich +einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen: + +»Wie lautet dein voller, ganzer Name?« + +»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al +Gossarah.« + +»Aus welchem Lande stammest du?« + +»Ich stamme aus dem Garbi[120], wo die Sonne hinter der großen Wüste +untergeht.« + + [120] Westen. + +»Zu welchem Stamme gehörst du?« + +»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit +dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen +Dschebel Schur-Schum.« + +Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich +nun an den Scheik. + +»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter. +Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el +Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes +der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim +und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel +reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar +Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund +eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte +aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar +ist wie Seide, ihre Haut wie Öl, und ihre Tugenden sind rein und +glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef +Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!« + +Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann: + +»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine +Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al +Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen +ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle; +sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere +hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein +Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den +Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu +hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert +gehalten -- -- warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er +bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?« + +»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher. + +»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie +um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf +Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.« + +Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig +Schafe, zehn Last- und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut +und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen? +Glücklicherweise fuhr der Scheik fort: + +»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen, +zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen, +daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und +die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er +morgen früh beim Fagr[121] eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei +welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen +Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als +Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten. +Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat +er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts +und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.« + + [121] Gebet beim Aufgange der Sonne. + +Der Redeführer drehte sich zu Halef um: + +»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?« + +Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht +paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch +klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete: + +»Ich nehme diese Bedingungen an.« + +»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal, +nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!« + +Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt +die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen +ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er +und Halef unterzeichnet hatten. + +Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen +Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um +eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein +Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über +dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht +geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war. + +Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und +erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Überreste. Bei dieser +Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob +sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen. +Die Scene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in +dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre +Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half +nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil +der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und +Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht +bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher +Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die +unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich +ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals +gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten. + +Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu +schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft. + +»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute +niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören. + +»Ja. Du hast es ja versprochen!« + +Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut: + +»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?« + +»Nein.« + +»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!« + +»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es +wieder herzugeben.« + +»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen +soll!« + +»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein +Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh +behalten möchtest!« + +»Du hast es erraten.« + +»So willst du mich also verlassen?« + +»Dich, Sihdi -- -- --? Oh -- -- --!« + +Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort. + +Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was +ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war +klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu +mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst +überlassen und schlief bald ein. + +Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel +erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich +bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot +gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem +Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende +rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie +und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks +hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte +ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß +und meinte, nach der Feuerwolke deutend: + +»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir +kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.« + +»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?« + +»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das +Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen +haben?« + +»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.« + +»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm +gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich, +daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das +Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen +Türken thun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer +gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha +von Ägypten, den Allah erschlagen wolle!« + +»Du hassest ihn?« + +»Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greuelthaten +gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem +Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr +naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger +bleiben.« + +»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?« + +»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße +zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht +entgehen.« + +»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?« + +»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?« + +»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein. +Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann +augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind +deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka +befindet.« + +»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh +muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person, +welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr +vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon +lange nach einem Delyl für sie umgesehen.« + +»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?« + +»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir +vielleicht einen Boten nach El Frat[122] zu den Beni Schammar oder zu +den Beni Obeïde, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.« + + [122] Euphrat. + +Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont, +und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten +nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug +setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich +erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe +angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Überfall mit einemmal zu +wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine +ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich +war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange +der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf +machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich +nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe +Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene! +Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich +zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die +Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen. +Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich +in Mekka gewesen sei -- weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war +mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein +Überlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß, +mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so +oft gethan und war immer glücklich dabei gewesen. + +Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen +Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir +befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden +eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis +wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg +zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und +die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und +mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann +kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung. + +Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und +machte die Runde um den Thalkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als +ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne +leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand +ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen +Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über +welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter +größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka! + +Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um +ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis +ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten: + +»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was +wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!« + +»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu +bekommen.« + +»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest? +Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du +erhalten, was dir gebührt.« + +»Ich nehme nichts an!« + +»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde +nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er +dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug +ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind, +verbrennen und zerstören?« + +»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!« + +»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter, +geben, obgleich auch er schon das seinige bekommen hat.« + +»Gebt es ihm!« + +Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und +Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er +ließ nicht ab -- ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß +er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe +bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin, +einen armen Araber glücklich zu machen. + +»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten, +welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik. + +»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef. + +»Morgen zwischen früh und Mittag.« + +»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?« + +»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach +seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram[123] zu gehen. Du reitest +also nach dem Beith-Allah[124], lässest vor demselben die Kamele halten +und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef[125], der +dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und +nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald +du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat[126] mit den dabei +vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte +glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar[127] und ziehst die +Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im +Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der +Hand zu behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher +siebenmal wiederholt werden muß.« + + [123] Die große Moschee. + + [124] »Haus Gottes«; es ist gleichfalls die große Moschee + gemeint. + + [125] Fremdenführer. + + [126] Niederwerfungen. + + [127] Kanzel, türkisch: Mimbar. + +»Nach welcher Seite?« + +»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten +drei Gänge werden mit schnellen Schritten gethan.« + +»Warum?« + +»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, +daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu +widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden +Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen +werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt. +Zuletzt, wenn das Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Thür +der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung +aller deiner Sünden.« + +»Dann bin ich fertig?« + +»Nein. Du hast nun seitwärts zum El Madschem[128] zu gehen und vor dem +Mekam-Ibrahim[129] zwei Rikat zu verrichten. Dann begiebst du dich zum +heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel +Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben, +welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist +ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.« + + [128] Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher + Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die + Kaaba bauten. + + [129] Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als + Fußgestell gedient haben soll. + +»Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt dann?« + +»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa +stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das +Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest +Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert +Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier +steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua +verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal +zurück.« + +»Dann ist alles gethan?« + +»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah +besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt +von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und +kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr +thun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern +anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten +wieder bei uns sein.« + +Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber +für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh +bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte +er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter +war, und fragte: + +»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?« + +»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun, Halef?« + +»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles thue, was ich kann und darf.« + +»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen. +Bringe auch mir eine Flasche mit!« + +»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich +unmöglich thun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken. +Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle +retten!« + +Dieser Bescheid wurde mit so fester Überzeugung ausgesprochen, daß ich +nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte +er: + +»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?« + +»Das darf ich ja nicht!« + +»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.« + +»Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir schlafen.« + +Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von +dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen +komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich +übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine +Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda +bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten +aufgestellt. + +Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen +ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er +gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser +Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein +machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das +Kamel besteigen wollte, und fragte: + +»Effendi, darf ich mit dir reiten?« + +»Du darfst.« + +Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die +Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde +mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu +verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde +zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich: + +»Folge mir, Effendi!« + +»Wohin?« + +»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.« + +Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und +schaute unverwandt nach Süden. + +»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich +führen, wohin du willst!« + +Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah +mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und +hielt endlich in einem engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf +den Boden niedersetzte. + +»Setze dich zu mir und laß uns plaudern,« sagte sie. + +Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach. + +»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie +die eigentümliche Unterhaltung. + +»Gewiß!« antwortete ich. + +»Ich auch,« bemerkte sie ruhig. + +»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erste Mal, daß ein +muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach. + +»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.« + +»Woher weißt du es?« + +»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das +Paradies; dort lebten alle Geschöpfe bei einander, ohne sich ein Leides +zu thun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion +die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der +Christen.« + +»Kennst du sie?« + +»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß +ihr betet zu Gott: 'Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz +günahler[130]' -- Ist dies richtig?« + + [130] Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden + vergessen. + +»Ja.« + +»Und daß in eurem Kuran steht: 'Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim +durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.'[131] -- Sage mir, ob das +auch richtig ist!« + + [131] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist + in Gott und Gott in ihm. + +»Auch das ist richtig.« + +»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau +rauben?« + +»Nein. Wenn er es thäte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.« + +»Siehst du, daß eure Religion besser ist, als unsere? Bei euch hätte +Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst +du die Geschichte dieses Landes?« + +»Ja.« + +»So weißt du auch, wie die Türken und Ägypter gegen uns gewütet haben, +trotzdem wir _eines_ Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet +und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt, +verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die +Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse +diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.« + +»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit -- --« + +»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken, +aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich thue: +ich werde mich rächen -- rächen an allen, die mich beleidigt haben.« + +»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?« + +»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die +heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?« + +»Sage es!« + +»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?« + +»Wer sagt dir das?« + +»Ich selbst. Antworte mir!« + +»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.« + +»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich +deshalb an diesen Ort geführt. -- Würdest du die Gebräuche mitmachen, +wenn du in Mekka wärest?« + +»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.« + +»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust recht daran. Gehe +nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!« + +War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß +sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen +ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können -- freilich +nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies +unmöglich. + +»Wo liegt Mekka?« fragte ich. + +»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Thale liegen.« + +»Warum soll ich gehen und nicht reiten?« + +»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich +nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird +ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen +Spaziergang gemacht habest.« + +»Und du willst wirklich auf mich warten?« + +»Ja.« + +»Wie lange?« + +»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.« + +»Das ist sehr kurz.« + +»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange +verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba +sehen; das ist genug.« + +Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte, +mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete +auf meine Waffen und schüttelte den Kopf. + +»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber +solche Waffen? Laß deine Flinte hier und nimm die meinige dafür.« + +Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte +wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher +vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den +Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer +halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Thal +hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs +einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile +der Stadt. + +Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu +Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen +mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht +dröhnen hört. + +Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee +gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen +ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem +Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem +großen Rechteck, welches der Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um +dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und +Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte +zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die +Breite. Da ich mir das Äußere erst nachher betrachten wollte, trat ich +durch eines der Thore ein. In demselben saß ein Mekkaui[132], welcher +mit kupfernen Flaschen handelte. + + [132] Bewohner von Mekka. + +»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche +Kuleh?« + +»Zwei Piaster.« + +»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise +sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.« + +Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch. +Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun +betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der +Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua[133] vollständig bekleidet +war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben +gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben +der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere +Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich +durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer- und Sänftenträger rannten mit +ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den +Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei +einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein +Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen +zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer +kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um +bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen, +als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche +füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam. +Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu +mir. Jetzt drehte ich mich um und -- stand keine zehn Schritt von +Abu-Seïf. + + [133] Schwarzseidener Stoff. + +Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir +dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und +beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen, +strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren +das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es +war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet. + +Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn +schon hörte ich hinter mir den Ruf: + +»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!« + +Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich +hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse +eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln +einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen +gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber, +sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor +dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den +Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den +Revolver in der Hand. Aber -- wird das Tier gehorchen?« + +»E -- o -- ah! -- E -- o -- ah!« + +Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei +Rucken, und windschnell ging's nun dahin. Schüsse krachten hinter mir -- +nur vorwärts, vorwärts! + +Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so +oft findet, so war ich unbedingt verloren. + +In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und +erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe +des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche +mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten +Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen. + +Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch +verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier +durch unaufhörliche Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich. +Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich +mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig +nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen, +welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte. + +Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß +ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies +ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und +nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter. + +»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an. + +»Abu-Seïf.« + +»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?« + +»Er ist mir ziemlich nahe.« + +»Und viele andere?« + +»Sie kommen zu spät.« + +»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Thal.« + +»Warum?« + +»Du sollst es sehen.« + +»Ich muß erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!« + +Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die +Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt +erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich +bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich +ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er +nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne +erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung +herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da +gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter +mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine +Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen: +Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht +mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie, +wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten. + +Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern +Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten, +daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen +Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche +dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte +ich mein Dschemmel immer mehr. + +So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die +offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es +so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand. +Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber +zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen +Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn +er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf +weit überlegen. + +Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern +in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß +dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen +überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es +möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so +aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er +hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau +ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich +mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob +er Schwalben fangen wolle. + +Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger +war im Bereich meiner Stimme. + +»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine +Kugel!« + +»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und +nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!« + +Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu +schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug +sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und +dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten +werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er that +nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf +ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit +geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht. + +»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib. + +»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er +das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.« + +Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt +hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren +Handschar. + +»Was willst du thun?« + +»Mir seinen Kopf nehmen.« + +»Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.« + +»Mein Recht ist älter!« + +»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.« + +»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?« + +»Was thust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach +hier liegen lasse?« + +»So giebst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.« + +»Ich gebe es nicht auf.« + +»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm +geschieht.« + +Jetzt kam auch Halef herbei. + +»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du gethan?« + +»Wie kommst du an diesen Ort?« + +»Ich bin dir nachgeeilt!« + +»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!« + +»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner +Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen und ging zu +einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei +mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das +beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte, +erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus +und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei. +Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick +später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu +deiner Verfolgung zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses +Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen +und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das +Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu +fangen. Die anderen blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das +Dschemmel.« + +»Es ist nicht dein.« + +»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter +uns; wir können nicht hier bleiben. Was thun wir mit diesem Vater des +Säbels und des Betruges?« + +»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl +wieder zu sich kommen.« + +»Und wohin fliehen wir?« + +»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef; +denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns +nicht mehr im Lager angetroffen hättest.« + +»Du meinst die Höhle Atafrah?« + +»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der +Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft +mir den Gefangenen binden.« + +Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen, +welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte. +Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann +stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu. + +So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich +Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der +Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später. + +Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden. + +»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die +heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!« + +»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?« + +»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.« + +»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!« + +»Du warst beim heiligen Brunnen?« + +»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!« + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren +Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in +die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und +folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du +dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?« + +Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage; +aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische +Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht +ein, seine Anschauung zu widerlegen. + +Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein +Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder +wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und +so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis +wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen +war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen +mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten, +der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte. + +»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können +hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.« + +»Wir bleiben hier?« fragte ich. + +»Ja, bis der Scheik kommt.« + +»Wird er kommen?« + +»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand +von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu +suchen. Steigt ab und folget mir!« + +Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen +Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen +gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte +folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum, +der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer +Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde +angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in +Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen +Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im +grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die +Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden, +dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können. + +Übrigens aber brauchten wir keine große Sorge zu haben, entdeckt zu +werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt, +daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten. + +Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche +meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht +unbedeutende Summe. + +Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen +waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich +mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die +Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein +sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus +und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in +ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus. + +»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der +Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden +seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen, +daß ich euch hier angetroffen habe.« + +»Wen vermutest du außer mir noch hier?« + +»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch +Abu-Seïf, den Gefangenen.« + +»Wie kannst du diese alle hier erwarten?« + +»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden +Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und +geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich +sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast. +Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das +erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn +also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die anderen aber +nicht.« + +»Wann kommt der Scheik?« + +»Vielleicht noch vor einer Stunde.« + +»So komm herein.« + +Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum +Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor +der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte +erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage +war: + +»Hast du den Dscheheïne gefangen?« + +»Ja.« + +»Er ist hier?« + +»Unverletzt und gesund.« + +»So werden wir über ihn richten!« + +Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das +Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante +Unterredung. + +»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er. + +»Sprich!« + +»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh +niedergeschrieben hast?« + +»Alles.« + +»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?« + +»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.« + +»Aber ich habe sie noch nicht beendet!« + +»Was fehlt noch?« + +»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell +gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir +eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina +gehört.« + +»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?« + +»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es -- sie hat es mir selbst gesagt!« + +»Und du liebst sie wieder?« + +»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen +und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und +also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.« + +»Aber was wird der Scheik sagen?« + +»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!« + +»Weitere Sorge hast du nicht?« + +»Nein.« + +»Und ich? Was werde ich dazu sagen?« + +»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich +dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.« + +»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!« + +»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich +zurückkehren kann.« + +»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr +euch einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes thun, sie +behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie +nicht wieder abzutreten brauchst.« + +»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie +weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi +Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt +gehen!« + +Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen. +Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf +getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu +nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder. + +»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an +diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn +uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?« + +»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an +Abu-Seïf zu nehmen.« + +»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!« + +Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei. + +»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!« + +Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen. + +»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir +da mit ihm reden? Er weiß, was er gethan hat, und wir wissen es auch; +was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er +sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen. +Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.« + +Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde +aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den +letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene, +schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu. +Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um +ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte +große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als +den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe +zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall, +so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen. + +Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der +alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben. + +»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich. + +»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu +bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?« + +»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die +Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder +ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.« + +Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen +sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber +kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut +zitterten. Ein kurzer Meinungstausch ergab, daß ihn niemand gesehen +hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur +stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der +Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern. + +»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unsern Versteck verraten. +Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unseren Tieren noch einen Versuch +machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so +ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.« + +»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter. + +Die anderen stimmten bei. + +»Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt +-- tot oder lebendig -- der wird eine große Belohnung bekommen.« + +Da trat Halef vor und sprach: »Den Preis habe ich bereits verdient. +Draußen liegt tot der Vater des Säbels.« + +»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik. + +»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im +Auffinden aller Arten des Makam[134]; er hat mich gelehrt, die Spuren +im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat +mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen. +Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah +ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach +rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er +so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu +verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab +einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz. +Seinen Körper werde ich euch zeigen.« + + [134] Fußspur. + +Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den +toten Abu-Seïf zu sehen. + +Bald kehrten sie jubelnd zurück. + +»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern +kleinen Halef. + +»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht +wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter +die Deinen auf.« + +»Ein Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?« + +»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?« + +»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.« + +»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der +Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines +Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast +du Verwandte hier in der Nähe?« + +»Nein.« + +»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?« + +»Nein.« + +»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?« + +»Ein Anhänger der Sunna.« + +»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?« + +»Nein.« + +»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.« + +»So berate auch über ein anderes noch mit!« + +»Worüber?« + +»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?« + +Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an. +Dann begann ich meine Rede: + +»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie +Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein +Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und +auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Thaten zu +verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des +Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem +Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand +diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al +Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er +ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und +schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts +gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben +die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum +getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und +haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres +Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und +was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge +davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka +geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich +unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah +ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von +einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed +Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, +der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht +wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht +gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher +richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen +und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein +Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und +ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm +und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!« + +Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete: + +»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich +euere Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist +ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Thaten verrichtet, +und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen. +Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wessir, dessen Leben seinem +Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre +zu bereiten. Wir lieben dich und ihn -- und wir werden unsere Stimmen +vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich +mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde +ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein +tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat. +Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu +feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist +unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als +wir. Sallam, Effendi!« + + + + +Achtes Kapitel. + +Am Tigris. + + +»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen +Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein +jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über +Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so +dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der +Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den +Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn +die Öde wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so +sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie +so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr +vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« -- + +An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser +Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des _Tigris_ +legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine +große, ungeheuere, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und +Athen werden vom Strahle der Sonne erleuchtet, und die Denkmäler des +einstigen Ägypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie +reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem +Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den +beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über +welche der Beduine achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, daß +unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von +Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im +Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns +eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, +damit wir uns einen Namen machen!« --? Sie haben Stadt und Turm gebaut, +aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber +die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in +dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der +Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von +Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und +von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. -- -- + +Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns +bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte? + +Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es +nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe +von _Maskat_ verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein +und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine +befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen, +bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte +mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse +Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der +Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine +Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang +verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren +Betrachtung vollständig würdig war: + +Ein hoher, grauer Cylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in +Bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter, +dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und +lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum +Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten, +umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein +graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter +Rock und graukarrierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue +Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann ein Instrument, +welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine +doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein +zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor. + +»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer +Sperlingsklapper glich. + +Er setzte sich auf ein Senïeh, welches eigentlich als Tisch dienen +sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee, +senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den +Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden. + +»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt. + +Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen Zug, blies den +Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse. + +»Wermyn« -- -- er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen, +und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er +kurzweg: »Wermyn Roastbeef!« + +Der Kawehdschi verstand ihn nicht. + +»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn +Fingern die Pantomime des Essens machte. + +»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Thüre +verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen, +viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer +gebraten werden. + +Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit. + +»Araber?« fragte er. + +»#No.#« + +»Türke?« + +»#No.#« + +Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe. + +»Englishman?« + +»Nein. Ich bin ein Deutscher.« + +»Ein Deutscher? Was hier machen?« + +»Kaffee trinken!« + +»#Very well!# Was sein?« + +»Ich bin #writer#!«[135] + + [135] Schreiber, Schriftsteller. + +»Ah! Was hier wollen in Maskat?« + +»Ansehen.« + +»Und dann weiter?« + +»Weiß noch nicht.« + +»Haben Geld?« + +»Ja.« + +»Wie heißen?« + +Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die +dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches +die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch +höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie +Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde. +Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte +darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine +Verbeugung zu machen. + +»#Welcome#, Sir; kenne Sie!« + +»Ah, mich?« + +»#Yes#, sehr!« + +»Darf ich fragen, woher?« + +»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London, +Near-Street 47.« + +»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?« + +»Auf Reisen -- hier oder dort -- weiß nicht. Sie waren mit ihm auf +Ceylon?« + +»Allerdings.« + +»Elefanten gejagt?« + +»Ja.« + +»Dann in See auf Girl-Robber?« + +»So ist es.« + +»Haben Zeit?« + +»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?« + +»Habe gelesen von Babylon -- Niniveh -- Ausgrabung -- Teufelsanbeter. Will +hin -- auch ausgraben -- Fowling-bull holen -- britisches Museum schenken. +Kann nicht Arabisch -- will gern Jäger haben. Machen Sie mit -- bezahle +gut, sehr gut!« + +»Darf ich um Ihren Namen bitten?« + +»Lindsay, David Lindsay -- Titel nicht, brauche nicht -- Sir Lindsay +sagen.« + +»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?« + +»#Yes.# Habe Dampfboot -- fahre hinauf -- steige aus -- Dampfboot wartet, +oder zurück nach Bagdad -- kaufe Pferd und Kamel -- reisen, jagen, +ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie +mitgehen?« + +»Ich bin am liebsten selbständig.« + +»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen -- werde gut bezahlen, +sehr fein bezahlen -- nur mitgehen.« + +»Wer ist noch dabei?« + +»So viel, wie Sie wollen -- aber lieber ich, Sie, zwei Diener.« + +»Wann fahren Sie ab?« + +»Übermorgen -- morgen -- heut -- gleich!« + +Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich +bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die +Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu +gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer +lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß +ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und +alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit +aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten +Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen. +Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle +Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen +begegnet, als er war. + +Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote +mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen +werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir, daß Halef mit noch einem +Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern reisen werde, +um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde +mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen. + +Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen +war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters +geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und +Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an +die Stelle, an welcher wir heute anlegten. -- -- + +Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und +die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel +bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem +aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte +aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht +gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes +bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad +zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß, +alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch +auszuladen. + +»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn. + +»Warum?« + +»Weil wir es morgen bei Tageslicht thun könnten.« + +»Geht auch am Abend -- bezahle gut!« + +»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.« + +»Giebt es hier Diebe -- Räuber -- Mörder?« + +»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!« + +»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten -- haben Büchsen; +jeder Spitzbube wird niedergeschossen!« + +Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir +mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen +ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote +gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite +und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war +wunderschön. Vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und +hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle +des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf +dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten +des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An +Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpfen sich die Erinnerungen an große +Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen gleichen dem +Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat. + +Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte +ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als +sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines +Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann +dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein. + +Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme +gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarrierten Anzuge, den er +selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte. + +»Sir, wacht auf!« + +Ich sprang auf die Füße und fragte: + +»Ist etwas geschehen?« + +»Hm -- ja!« + +»Was?« + +»Unangenehm!« + +»Was!« + +»Pferde fort!« + +»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?« + +»Weiß nicht.« + +»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?« + +»#Yes!#« + +»Aber Sie haben doch gewacht!« + +»#Yes!#« + +»Wo denn?« + +»Dort.« + +Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von +unsern Zelten lag. + +»Dort; warum dort?« + +»Ist wohl ein Ruinenhügel -- hingegangen wegen Fowling-bull.« + +»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?« + +»#Yes!#« + +Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen +noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden. + +»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!« + +Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt. + +»#Yes!# Von wem?« + +»Von Dieben!« + +Er machte ein noch vergnügteres Gesicht. + +»#Very well#, von Dieben -- wo sind sie -- wie heißen sie?« + +»Weiß ich es?« + +»#No# -- ich auch #no# -- schön, sehr schön! -- Abenteuer da!« + +»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir +nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.« + +»Schön -- ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen -- Spuren finden -- +nachlaufen -- totschießen -- kapitales Vergnügen -- bezahle gut, sehr gut!« + +Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für +notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung +die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit. + +»Sechs? Wie viel wir?« + +»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt +auch liegen, bis wir zurückkehren.« + +»#Yes!# Das befehlen und dann fort!« + +»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?« + +»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut -- laufe wie +Hirsch!« + +Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er +die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir. +Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen, +und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen +karrierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine +Lust, so mit ihm zu laufen. + +Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht +einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel- +oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht +weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt. +Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen. +Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem +Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse +zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von +Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus +zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher +gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt +gehabt. + +Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene. + +»Miserabel -- tot ärgern!« + +»Worüber?« + +»Werden entkommen!« + +»Weshalb?« + +»Haben nun alle Pferde -- wir laufen.« + +»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar +nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch +schließen.« + +»Schließen Sie!« + +»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?« + +»Hm!« + +»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande +dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies +der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil +sie über diesen Fluß müssen und sich doch bei Hochwasser mit den fremden +Pferden nicht hineingetrauen.« + +»Also Umweg machen müssen?« + +»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Übergangsstelle +suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.« + +»Schön, gut -- sehr gut!« + +Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer. + +»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?« + +»#Yes!#« + +»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die +Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban +über Ihren Hut!« + +»Gut -- sehr gut -- werde machen!« + +Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir +auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war +wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer +war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an. + +Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei +englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die +Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und +sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen. + +»#Nothing!# -- Nichts -- keine Seele -- -- miserabel!« + +»Hm, auch ich sehe nichts!« + +»Wenn Sie geirrt -- oho, was dann?« + +»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir +hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier +nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.« + +»Ich auch.« + +»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.« + +»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen -- Abenteuer gern bezahlen -- +sehr gut.« + +»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?« + +»Wo?« + +»Dort!« + +Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund +weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten +sich -- es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu +sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs- und +Ahnungsvermögen begabt sei. + +»Richtig -- sehe auch!« + +»Es kommt auf uns zu.« + +»#Yes!# Wenn sind, dann schieß' alle tot!« + +»Sir, es sind Menschen!« + +»Diebe! Müssen tot -- unbedingt tot!« + +»Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.« + +»Verlassen? Warum?« + +»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde +keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!« + +»#Well!# Englishman -- Nobelman -- Gentleman -- werde nicht töten -- nur +Pferde nehmen!« + +»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!« + +»#Yes!# Zehn Punkte -- stimmt!« + +»Vier sind ledig und sechs beritten.« + +»Hm! Guter Prairiejäger Sie -- recht gehabt -- Sir John Raffley viel +erzählt -- bei mir bleiben -- gut bezahlen, sehr gut!« + +»Schießen Sie sicher?« + +»Hm, ziemlich!« + +»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht +bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem +Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe +so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.« + +Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die +Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus +eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes +Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck. + +»Was nun?« fragte der Engländer. + +»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am +Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die +Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein, +da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe, +und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder +wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.« + +»#Well# -- gut, sehr gut -- excellent Abenteuer!« + +Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz. +Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei -- an +Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den +Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im +Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing mir über die Schulter, und +nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand. + +»Sallam aaleïkum!« + +Der freundliche Gruß verblüffte sie. + +»Aaleïk --« antwortete einer von ihnen. »Was thust du hier?« + +»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.« + +»Welcher Hilfe bedarfst du?« + +»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen? +Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?« + +»Wir verkaufen keines dieser Pferde!« + +»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das +Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu +schenken.« + +»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd +verschenken.« + +»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des +Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd, +sondern vier verehren, weil ich so viele brauche!« + +»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß +und wahrhaftig verrückt.« + +»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht +freiwillig giebt! Blicke dich um! Vielleicht giebst du jenem dort das, +was du mir verweigerst.« + +Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation +vollständig klar. Sie legten die Lanzen zum Stoße ein. + +»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher. + +»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.« + +»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten, +so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!« + +»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche +dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß Franken +sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als +ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin +herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings +täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich +euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen, +wohin ihr wollt!« + +Er lachte. + +»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.« + +»Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!« + +»Weiche vom Wege!« + +Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd +auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte, und Roß und +Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu +zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die +unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der, +welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir +benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon. + +Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts +daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten +lachend davon. + +»#Magnificent# -- prächtig -- schönes Abenteuer -- hundert Pfund wert! Wir +zwei, sie sechs -- sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen +-- ausgezeichnet -- herrlich!« lachte Lindsay. + +»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir. +Wären unsere Tiere scheu geworden, so kamen wir nicht so schnell weg und +hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.« + +»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?« + +»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Übergang wird gelingen.« + +Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach +unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in +der Wüste zurück. + +Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen, +ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen +lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu +beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier +zu tragen vermag. Übrigens waren wir reichlich mit Munition versehen, +was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so +bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus +hätten bestreiten können. + +»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls +und andern Altertümern!« + +Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den +Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf +und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits +auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann +zu werden. + +»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!« + +»Warum? Habe Hacke mit.« + +»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier +graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen -- -- --« + +»Regierung? Welche?« + +»Die türkische.« + +»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?« + +»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die +Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der +Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da +die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst +auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst +weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich +Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.« + +»Die seidenen Gewänder?« + +»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr +wenig Raum ein.« + +»#Well#, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung -- aber sogleich +und sofort -- nicht?« + +Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben +werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen. + +»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine +Aufwartung zu machen hat.« + +»Raten!« + +»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe +weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer +des Thathar.« + +»Wie weit ist Sindschar von hier?« + +»Einen ganzen Breitegrad.« + +»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?« + +»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie +genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets +auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet +haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die +einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie +haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der +Unstätigkeit ihres Lebens bei.« + +»Schönes Leben -- viel Abenteuer -- viel Ruinen finden -- viel ausgraben -- +ausgezeichnet -- excellent!« + +»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei +dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten +Stammes.« + +»Gut -- #well# -- sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!« + +»Wir könnten heute noch hier bleiben!« + +»Bleiben und nicht graben? Nein -- geht nicht! Zelte ab und fort!« + +Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Überlegen ich mir +sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den +Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den +Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen +den Weg nach dem Sabakah-See ein. + +Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder +Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die +weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht +vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich +als eine glücklich gewählte heraus; denn bereits nach kaum mehr als +einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine +sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden +Straußenfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los. + +»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer. + +»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft +zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.« + +»Werden Männer sein!« + +Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner +scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und +sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust +berührte. + +»Sallam aaleïkum! Wo wollt Ihr hin?« grüßte einer. + +»Von welchem Stamme bist du?« + +»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar +gehört.« + +»Wie heißt dein Scheik?« + +»Er führt den Namen Mohammed Emin.« + +»Ist er weit von hier?« + +»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.« + +Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir -- die Diener +hinter uns -- in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie +um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reiterkünste sehen zu lassen. +Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe, +wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden. +Ich glaube, behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie +in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten +dieser Leute. + +»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht -- würde den Hals brechen!« + +»Ich habe noch andere Reiter gesehen.« + +»Ah! Wo?« + +»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem +gefrorenen Flusse, wenn das Pferd keine Eisen hat, oder in einem +steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.« + +»Hm! Werde auch nach Amerika gehen -- reiten in Urwald -- auf Flußeis -- in +Cannon -- schönes Abenteuer -- prachtvoll! Was sagten diese Leute?« + +»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden +uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer +der Haddedihn.« + +»Tapfere Leute?« + +»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem +gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen, +und der Mann thut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen +und faulenzen.« + +»Schönes Leben -- prächtig -- möchte Scheik sein -- viel ausgraben -- +manchen Fowling-bull finden und London schicken -- hm!« + +Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns +den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in +Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu +beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen +Weideplatze gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von +Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen +gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe +Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande +Sinear« der heiligen Schrift herrscht: -- man beobachtet sie auch in dem +Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer +beinahe unbegrenzten Merdsch[136], welche nicht die mindeste Ähnlichkeit +mit einer Uah[137] des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen +Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der +fürchterliche Smum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer +wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und +verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die +Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene +hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten +keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein +Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton, +der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und +tödliche Licht der großen Wüste erinnerte. + + [136] Wiese, Prairie. + + [137] Oase. + +Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von +Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte -- rechts und links von +uns, vor und hinter uns -- wogte ein Meer von grasenden und wandernden +Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen +waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und +allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man +alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu +gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug +eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt +waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur +Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite +junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den +Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng +anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den +Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber, +die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel +führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen +bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche +sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten. + +Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen +vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft +Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen; +aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen. +Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und +hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und +an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken +verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen +Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel +und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und +links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker +ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung +empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei +Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem #Belle-vue# sitzt die +Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie +am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges +der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische +Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt. + +Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes +Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem +ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen +war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen, +als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem +öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere +Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt +erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das +Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt, +rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten. + +Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke +später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte +die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte +Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat, +um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die +Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen +Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein +dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob +die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!« + +Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein +Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem +Sallam aaleïkum. + +»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde. + +Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er: + +»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?« + +»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste +mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: 'Speise den Fremdling und +tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen +Eingang zu kennen!' -- Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie +ein türkischer Khawasse[138] empfängst!« + + [138] Polizist. + +Er erhob wie abwehrend die Hand. + +»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und +der Verräter nicht.« + +Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer. + +»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn. + +»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die +Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139] +einen Konsul in Mossul?« + + [139] Königin von England. + +»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer +und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und +eine Dattel für unsere Pferde.« + +»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr +begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!« + +Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort +erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem, +hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen -- ein Zeichen, daß der Scheik +uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er +uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige +Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig +war, etwas Näheres über uns zu erfahren. + +Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich: + +»Böser Kerl, nicht?« + +»Scheint so.« + +»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?« + +»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und +haben uns sehr vorzusehen.« + +»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!« + +»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar +nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint +er zu hassen.« + +»Weshalb?« + +»Weiß es nicht.« + +»Einmal fragen!« + +»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch +erfahren werden.« + +Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich. + +»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und +werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe +wohl! Allah segne dich und die Deinigen!« + +Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet. + +»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!« + +»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.« + +»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.« + +»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab +el Schammar.« + + [140] Schwarzes Zelt. + +Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche. + +»Willst du mich beleidigen?« + +»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar +bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also +demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!« + +»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die +Gastfreundschaft gebrochen?« + +»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen +Angehörige des eigenen Stammes.« + +Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier +aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein +sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr +fort: + +»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die +Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen, +als der deinige mich.« + +»Beweise die Wahrheit!« + +»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen +Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war +regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen +aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm +unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem +Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und +ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da +sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und +liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: 'Folge mir. Ich schwöre +dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit +meinem Leben für das deinige stehen!' -- Da antwortete der Häuptling: +'Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide +ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß +ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.' -- Sie +setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik +traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen, +sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die +Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der +Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim +des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben +zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf +abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine +Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst +wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik +Mohammed Emin?« + + [141] Unter-Stämme. + +»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.« + +»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß +Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der +berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.« + +Er wurde verlegen. + +»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein +Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine +Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem +hast du diese Geschichte erfahren?« + + [142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem + Tigris. + +»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines +Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir +vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar, +und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.« + +Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch. + +»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!« + +»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?« + +»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber +sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.« + + [143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den + Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen. + + [144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben + pflegen. + +»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.« + +»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen +ihres Konsuls, den Allah verderben möge!« + +»Ist er dein Feind?« + +»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen +Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die +Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich +jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.« + +»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!« + +»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um +ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich +selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!« + +»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die +Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der +Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich +kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!« + +Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment +auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies +mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß +sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten. + +»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich. + +»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so +daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.« + +»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um +mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?« + +»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte +Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.« + +»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?« + +»Ja.« + +»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.« + +»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?« + +Er sprang empor. + +»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?« + +»Ich kenne ihn und seine Leute.« + +»Wo trafest du sie?« + +»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch +das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.« + +»So kennst du sie alle?« + +»Alle.« + +»Auch -- verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein +Weib, sondern ein Mann -- auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?« + +»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm +genommen.« + +»Hat sie ihre Rache erreicht?« + +»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und +dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.« + +»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?« + +»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um +Abenteuer zu suchen.« + +»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du +bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus. +Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr +mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich +dieser wackere Hadschi Halef Omar?« + +Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften +Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete: + +»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik +Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter +ihrem Schutze wohnen könne.« + +»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir, +erzähle mir von ihnen!« + +Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete +ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig +hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand. + +»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei +dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein. +Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.« + +Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei +ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher +sich das »heilige« Wasser befand. + +»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?« + + [145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die + einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem + Weibe spricht. + +»Ja.« + +»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem +Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!« + +»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und +besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr +Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.« + +Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der +Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während +meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich +unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu +folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein +zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen +und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen, +die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen +zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten +Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin. + +In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee, +Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich +gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung, +schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge +waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen +dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß +sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit +Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte +man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein +großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit +einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine +funkelten: -- er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken +hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen +Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre +Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger +geschmückt. + +»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom +Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen +des Zem-Zem begnadigen will.« + +Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste +glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser +in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus. + +»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch +lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!« + +Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie +sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen +Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik: + +»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig +ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich +freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.« + +Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch +vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen. + +»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay. + +»Im Zelte der Frauen.« + +»Ah! Nicht möglich!« + +»Und doch!« + +»Diese Weiber lassen sich sehen?« + +»Warum nicht?« + +»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!« + +»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser +aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute +ein Tropfen Wunder thut.« + +»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!« + +»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!« + +»Sind hier Ruinen?« + +»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu +finden.« + +»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens +ein schauderhaftes Essen hier!« + +»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus +bekommen!« + +»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.« + +»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von +ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener +abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem +Raume sein müssen.« + +Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so +versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt +wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise +herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte +saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und +von einigen Beduinen aufgetragen. + +Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art +Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen +Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich +eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als +Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee +gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll +dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr +erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit +Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich +wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus +welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten +wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden +Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange +bespritzte. + +Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn +genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als +auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann +wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die +köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird, +wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll +lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann +sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn +der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß +von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber +zu fürchten. -- Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die +grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder +vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst +Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische +Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem +Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten +sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne +trocknen. + +Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker +bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor. + +»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles. + +Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe +und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste +hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger +gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst +unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste +Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner +bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu, +als bis ich ihn aufmerksam machte: + +»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!« + +Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann, +natürlich in englischer Sprache: + +»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!« + +»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.« + +»Schauderhaft!« + +»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik. + +»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.« + +»O, ich liebe euch!« + +Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte +dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der +so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und +versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem +unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung +zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden +muß. + +»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?« + +»Ja.« + +»Ohne Gegenwehr?« + +»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.« + +»Wie so?« + +»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!« + +Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in +den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in +die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem +Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die +Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor, +sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich +von dem Vergehen wieder zu reinigen. + +Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte +ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine +große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem +Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen. + +Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das +ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel +von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem +Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter +schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus +Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen +gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte +Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der +Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen +pflegen. + +Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das +Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich +konnte nicht mehr essen. + +»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den +Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab. + +Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer +kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El +Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der +Engländer. + +»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und -- +betrachtete sie dann sehr verlegen. + +Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen. + +»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem +Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von +Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie +sich abtrocknen können.« + +Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte +hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon. + +Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee +und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen +vorzustellen: + +»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein +großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name +lautet -- --« + +»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede. + +»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte +Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den +Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu +suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns +sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!« + + [146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen. + +Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was +sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war +ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz: + +»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und +falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann, +meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen +habe.« + +»Wohin ist das?« + +»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem +Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das +Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet +unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie +es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er +will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu +enträtseln und zu lesen -- -- --« + +»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein. + +»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel +er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den +Bewohnern dieses Landes lassen.« + +»Und was sollst du dabei thun?« + +»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.« + +»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf +ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze +Land ist voller Ruinen und Trümmer.« + +»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr +versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.« + +»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch +viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.« + +Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war. + +»Was sagen sie?« fragte er mich. + +»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.« + +»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?« + +»Ja.« + +»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?« + +»Ja.« + +»Nun?« + +»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.« + +»Was sonst machen?« + +»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen +Helden.« + +»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?« + +»Sie wollen Euch solche zeigen.« + +»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!« + +»Das habe ich ihnen gesagt.« + +»Was geantwortet?« + +»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo +Inschriften und dergleichen zu finden sind.« + +»#Well!# Wir ziehen mit ihnen!« + +»Das geht ja nicht!« + +»Warum nicht?« + +»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer +an?« + +»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.« + +»Das ist sehr zu überlegen.« + +»Fürchtet Ihr Euch, Sir?« + +»Nein.« + +»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!« + +»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.« + +»Nein!« + +Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß +er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den +Scheik: + +»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe. +Ist Eure Sache recht und gut?« + +»Soll ich sie dir erzählen?« + +»Ja.« + +»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?« + +»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu +Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.« + +»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere +Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat +uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn +bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten +Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine +Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich +meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie +gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren +habe.« + +»Hast du dich nach ihnen erkundigt?« + +»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul +wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat +und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und +hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich +gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad +gehören.« + +»Wo lagern deine Feinde?« + +»Sie rüsten erst.« + +»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?« + +»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?« + +»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste +locken, um ihn zu verderben?« + +»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders +aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis +zu meinen Weideplätzen kommen lassen.« + +»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?« + +»Elfhundert.« + +»Und deine Gegner?« + +»Mehr als dreimal so viel.« + +»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?« + +»Einen Tag.« + +»Wo haben die Obeïde ihr Lager?« + +»Am untern Laufe des Zab-asfal.« + +»Und die Abu Hammed?« + +»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die +Hamrinberge bricht.« + +»Auf welcher Seite?« + +»Auf beiden.« + +»Und die Dschowari?« + +»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.« + +»Hast du Kundschafter ausgesandt?« + +»Nein.« + +»Das hättest du thun sollen.« + +»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre +verloren, wenn man ihm begegnete. Aber -- -- --« + +Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort: + +»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?« + +»Ja.« + +»Und auch unser Freund?« + +»Ja.« + +»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!« + +Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen +anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres +Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im +Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht +hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik +angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei +aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das +schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren +lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und +tief rot, Mähne und Schweif wie Seide. + +»Herrlich!« rief ich unwillkürlich. + +»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik. + +Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr +abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu +sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will. + +»Masch Allah!« antwortete ich. + +»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde +gejagt habe, bis er zusammenbrach?« + +»Unmöglich!« + +»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!« + +»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus _einem_ Munde. + +»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik. +»Welches Pferd gefällt dir noch?« + +»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und +diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!« + +»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden +eines guten Pferdes.« + +»Welche?« + +»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.« + +»An welchen Zeichen erkennst du dies?« + +»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig +ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen +langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das +zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen +Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal +ein solches Pferd besessen?« + +»Ja.« + +»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.« + +»Es kostete mich nichts -- es war ein Mustang.« + +»Was ist ein Mustang?« + +»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.« + +»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du +könntest?« + +»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.« + +»Du kannst ihn dir verdienen!« + +»Ah! Unmöglich!« + +»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.« + +»Unter welcher Bedingung?« + +»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und +Dschowari sich vereinigen werden.« + +Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch, +aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte: + +»Bis wann verlangst du diese Nachricht?« + +»Bis du sie bringen kannst.« + +»Und wann erhalte ich das Pferd?« + +»Wenn du zurückgekehrt bist.« + +»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich +deinen Auftrag auch nicht ausführen.« + +»Warum?« + +»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf +welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.« + +Er blickte zu Boden. + +»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht +verloren gehen kann?« + +»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches +Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das +Tier fangen könnte.« + +»Reitest du so gut?« + +»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an +mich gewöhnen.« + +»So sind wir dir überlegen!« + +»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?« + +»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.« + +»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich +werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und +gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt. +Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.« + +»Du sprichst im Scherze, Emir!« + +»Ich rede im Ernste.« + +»Und wenn ich dich beim Wort nehme?« + +»Gut!« + +Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von +ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der +Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde. + +Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder. + +»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm. +»Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie +trage?« + +»Nie!« + +Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder. + +»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht +gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug +ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.« + +Jetzt lächelte er beruhigt. + +»Es sei, also zehn Mann?« + +»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.« + +»Die auf dich schießen dürfen?« + +»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle +deine besten Reiter und Schützen aus!« + +»Du bist tollkühn, Emir!« + +»Das glaubst du nur.« + +»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?« + +»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit +ihrer Kugel zu treffen.« + +»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!« + +»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu +Ende!« + +»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles +sehen zu können.« + +»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!« + +»Thue es!« + +Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich +fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar +verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel. +Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine +Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die +Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales +»wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals +und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen +Bauchgurtes. + +»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?« + +»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern +getroffen?« + +»Ja; hier sind zehn!« + +Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf, +welche sich in der Nähe befanden. + +»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte +von hier?« + +»Wir sehen es.« + +»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt +ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!« + +Ich sprang auf -- der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber +folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich +die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der +vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war. + +Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in +die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich +um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen +schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum. +Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur +ein Araber zu stande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er +hob die Flinte empor; der Schuß krachte. + +»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es. + +Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich +hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun +mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben, +welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des +Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort +richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach +rechts hinüber und jagte weiter. + +»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die +guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären. + +Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor. +Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem +spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn +sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich +aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das +Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte +wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte +Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes +hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an +welchem der Ritt begonnen hatte. + +Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder +Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen +auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich +gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte +mich bei der Hand. + +»Hamdulillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe +Angst um dich gehabt. Es giebt im ganzen Stamm El Schammar keinen +solchen Reiter, wie du bist!« + +»Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten +als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der +Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel +und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern +diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel +einmal verändern?« + +»Wie?« + +»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch +ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.« + +»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du +würdest sie alle vom Pferde schießen!« + +»So glaubst du nun also wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor +den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter +mir habe?« + +»Emir, ich glaube es.« -- Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann +aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines +Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen +Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du +mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein +Geheimnis sagen.« + +Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist, +sein Geheimnis; das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf +welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und +dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von +seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen +selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem +Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten +Todesgefahr befindet. + +»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur +das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?« + +»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.« + +»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht +werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es +erfahren kann.« + +»So komm!« + +Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu: + +»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm +die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort 'Rih!'« + +»Rih, das heißt Wind.« + +»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als +der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.« + +»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als +ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll +ich reiten?« + +»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.« + +»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?« + +»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so +kostbares Pferd zu behandeln ist?« + +»Nein.« + +»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche +von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich +lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese +Sure?« + +»Ja.« + +»Sage sie her!« + +Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd. + +Ich gehorchte seinem Willen: + +»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den schnelleilenden Rossen +mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken +sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind +einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen +durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und +er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu +irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles +herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht +wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage +der Herr sie vollkommen kennt?« + +»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts +vorgesagt; thue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden +bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!« + +Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an +meine Seite. + +»Warum auf Euch geschossen?« + +»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.« + +»Ah, schön, Prachtpferd!« + +»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?« + +»Dem Scheik!« + +»Nein.« + +»Wem sonst?« + +»Mir.« + +»Pah!« + +»Mir; wirklich!« + +»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen; +merkt Euch das!« + +»Gut, so behalte ich alles andere für mich!« + +»Was?« + +»Daß ich euch morgen früh verlasse.« + +»Warum?« + +»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits. +Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme +zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen +Rappen geschenkt.« + +»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!« + +»Das geht nicht.« + +»Warum nicht?« + +»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung -- -- --« + +»Pah, ziehe mich als Araber an!« + +»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?« + +»Richtig! Wie lange ausbleiben?« + +»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab +hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.« + +»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?« + +»Werde mich in acht nehmen.« + +»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.« + +»Welchen?« + +»Nicht bloß nach Beduinen forschen.« + +»Nach wem sonst noch?« + +»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London +ins Museum schicken!« + +»Werde es thun, verlaßt euch darauf!« + +»#Well!# Fertig; eintreten!« + +Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest +des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend +wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab: +die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine +kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnisse zu den leisen, +einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann +wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe. + +Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik, ich aber ging zu dem +Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen. +Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt? +Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet, +bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt: wir wurden also durch +denselben schnell vertraut miteinander; und indem ich beim Recitieren +der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich +auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich +lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines +treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete +sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus. + +»Geschlafen, Sir?« fragte er. + +»Ja.« + +»Ich nicht.« + +»Warum?« + +»Sehr lebendig im Zelte.« + +»Die Schläfer?« + +»Nein.« + +»Wer sonst?« + +»Die Fleas, Lice und Gnats!« + +Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen. + +»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir Lindsay.« + +»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.« + +»Warum?« + +»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.« + +»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.« + +»Wäre vielleicht zu spät gewesen.« + +»Warum?« + +»Habe Euch viel zu fragen.« + +»So fragt einmal zu!« + +Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft +erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor. + +»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen +verschiedenes. Was heißt Freund?« + +»Aschab.« + +»Feind?« + +»Kiman.« + +»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?« + +»Rijahl fransch.« + +»Was heißt Geldbeutel?« + +»Surrah.« + +»Werde Steine graben. Was heißt Stein?« + +»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.« + +So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle +notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des +Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen. + +Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde +und verließ den Ort, an den ich vielleicht nimmer zurückkehren konnte. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Auf Kundschaft. + + +Ich hatte mir vorgenommen, zunächst den südlichsten Stamm, die +Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu ihnen wäre gewesen, dem +Thatharflusse zu folgen, der fast stets parallel mit dem Tigris fließt; +leider aber war sehr zu vermuten, daß just an seinen Ufern die Obeïde +ihre Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich. Ich hatte +mich so einzurichten, daß ich etwa eine Meile oberhalb Tekrit den Tigris +erreichte; dann traf ich sicher auf den gesuchten Stamm. + +Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser brauchte ich für mein +Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs im vollen Safte stand. Und so hatte +ich weiter keine Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede +feindliche Begegnung zu vermeiden. Für das erstere hatte ich den +Ortssinn, die Sonne und den Kompaß, und für das letztere das Fernrohr, +mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen +wurde. + +Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am Abend legte ich mich +hinter einem einsamen Felsen zur Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der +Gedanke, ob es nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten, +da ich dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir zu wissen +notwendig war. Es war dies ein sehr überflüssiges Überlegen, wie ich am +andern Morgen sehen sollte. Ich hatte nämlich sehr fest geschlafen und +erwachte durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich +aufblickte, sah ich fünf Reiter von Norden her grade auf die Stelle +zukommen, an welcher ich mich befand. Sie waren so nahe, daß sie mich +bereits gesehen hatten. Flucht lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich +der Rappe wohl schnell davongetragen hätte. Ich erhob mich also, saß +auf, um für alles gerüstet zu sein, und nahm den Stutzen nachlässig zur +Hand. + +Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre Pferde einige Schritte vor +mir. Da in ihren Mienen nicht die geringste Feindseligkeit zu finden +war, konnte ich mich einstweilen beruhigen. + +»Sallam aaleïkum!« grüßte mich der eine. + +»Aaleïkum!« antwortete ich. + +»Du hast hier diese Nacht geschlafen?« + +»So ist es.« + +»Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt zur Ruhe legen +könntest?« + +»Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt. Dem einen giebt er +ein Dach von Filz und dem andern den Himmel zur Decke.« + +»Du aber könntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein Pferd, welches +mehr wert ist, als hundert Zelte.« + +»Es ist mein einziges Besitztum.« + +»Verkaufst du es?« + +»Nein.« + +»Du mußt zu einem Stamme gehören, der nicht weit von hier sein Lager +hat.« + +»Warum?« + +»Dein Hengst ist frisch.« + +»Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen von hier, weit, +weit noch hinter den heiligen Städten im Westen.« + +»Wie heißt dein Stamm?« + +»Uëlad German.« + +»Ja, da drüben im Moghreb sagt man meist Uëlad statt Beni oder Abu. +Warum entfernst du dich so weit von deinem Lande?« + +»Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch die Duars und Städte +sehen, welche gegen Persien liegen, damit ich den Meinen viel erzählen +kann, wenn ich heimkehre.« + +»Wohin geht zunächst dein Weg?« + +»Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah führt.« + +»So kannst du mit uns reiten.« + +»Wo ist euer Ziel?« + +»Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden am Ufer und auf den +Inseln des Tigris weiden.« + +Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein? Sie hatten mich +gefragt: es war also nicht unhöflich, wenn auch ich mich erkundigte. + +»Welchem Stamme gehören diese Herden?« + +»Dem Stamme Abu Mohammed.« + +»Sind noch andere Stämme in der Nähe?« + +»Ja. Abwärts die Alabeïden, welche dem Scheik von Kernina Tribut +bezahlen, und aufwärts die Dschowari.« + +»Wem bezahlen diese den Tribut?« + +»Man hört es, daß du aus fernen Landen kommst. Die Dschowari zahlen +nicht, sondern sie nehmen sich Tribut. Es sind Diebe und Räuber, vor +denen unsere Herden keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du +gegen sie kämpfen willst!« + +»Ihr kämpft mit ihnen?« + +»Ja. Wir haben uns mit den Alabeïden verbunden. Willst du Thaten thun, +so kannst du es bei uns lernen. Aber warum schläfst du hier am Hügel des +Löwen?« + +»Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war müde und habe mich zur Ruhe +gelegt.« + +»Allah kerihm, Gott ist gnädig; du bist ein Liebling Allahs, sonst hätte +dich der Würger der Herden zerrissen. Kein Araber möchte hier eine +Stunde ruhen, denn an diesem Felsen halten die Löwen ihre +Zusammenkünfte.« + +»Es giebt hier am Tigris Löwen?« + +»Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben aber findest du nur den +Leopard. Willst du mit uns reiten?« + +»Wenn ich euer Gast sein soll.« + +»Du bist es. Nimm unsere Hand und laß uns Datteln tauschen!« + +Wir legten die flachen Hände ineinander, und dann bekam ich von jedem +eine Dattel, die ich aß, während ich fünf andere dafür gab, welche auch +aus freier Hand verzehrt wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach +Südosten ein. Einige Zeit später passierten wir den Thathar, und die +ebene Gegend wurde nach und nach bergiger. + +Ich lernte in meinen Begleitern fünf ehrliche Nomaden kennen, in deren +Herzen kein Falsch zu finden war. Sie hatten zur Feier einer Hochzeit +einen befreundeten Stamm besucht und kehrten nun zurück voll Freude über +die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten. + +Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich plötzlich wieder senkte. +Zur Rechten wurden in weiter Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar, +zur Linken, auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns +breitete sich das Thal des Tigris aus. In einer halben Stunde war der +Strom erreicht. Er hatte hier die Breite von wohl einer englischen +Meile, und seine Wasser wurden von einer großen, langgestreckten, grün +bewachsenen Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte. + +»Du gehst mit hinüber? Du wirst unserem Scheik willkommen sein!« + +»Wie kommen wir hinüber?« + +»Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits bemerkt worden. Komm +weiter aufwärts, wo das Kellek landet.« + +Ein Kellek ist ein Floß, welches gewöhnlich zweimal so lang als breit +ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen, welche durch Querhölzer +befestigt sind, über welche Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen +sich die Last befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden. +Regiert wird so ein Floß durch zwei Ruder, deren Riemen aus gespaltenen +und wieder zusammengebundenen Bambusstücken gefertigt sind. Ein solches +Floß stieß drüben von der Insel ab. Es war so groß, daß es mehr als +sechs Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hinüber. + +Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen Hunden und einem alten, +ehrwürdig aussehenden Araber bewillkommt, welcher der Vater eines meiner +Gefährten war. + +»Erlaube, daß ich dich zum Scheik führe,« sagte der bisherige +Wortführer. + +Auf unserem Wege gesellten sich mehrere Männer zu uns, die sich aber +bescheiden hinter uns hielten und mich durch keine Frage belästigten. +Ihre Blicke hingen voll Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht +weit. Er endete vor einer ziemlich geräumigen Hütte, welche aus +Weidenstämmen gefertigt, mit Bambus gedeckt und von innen mit Matten +bekleidet war. Als wir eintraten, erhob sich ein stark und kräftig +gebauter Mann von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war +beschäftigt gewesen, sein Scharay[147] auf einem Steine zu schärfen. + + [147] Scharfes afghanisches Messer. + +»Sallam aaleïkum!« grüßte ich. + +»Aaleïk!« antwortete er, indem er mich scharf musterte. + +»Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,« bat mein Begleiter. +»Er ist ein vornehmer Krieger, so daß ich ihm mein Zelt nicht anzubieten +wage.« + +»Wen du bringst, der ist mir willkommen,« lautete die Antwort. + +Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand. + +»Setze dich, o Fremdling. Du bist müde und hungrig, du sollst ruhen und +essen; erlaube aber zuvor, daß ich nach deinem Pferde sehe!« + +Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst das Pferd und dann der +Mann. Als er wieder eintrat, sah ich es ihm sofort an, daß ihm der +Anblick des Rappen Achtung für mich eingeflößt hatte. + +»Du hast ein edles Tier, Masch Allah; möge es dir erhalten bleiben! Ich +kenne es.« + +Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch nicht! + +»Woher kennst du es?« + +»Es ist das beste Roß der Haddedihn.« + +»Auch die Haddedihn kennst du?« + +»Ich kenne alle Stämme. Aber dich kenne ich nicht.« + +»Kennst du den Scheik der Haddedihn?« + +»Mohammed Emin?« + +»Ja. Von ihm komme ich.« + +»Wohin willst du?« + +»Zu dir.« + +»Er hat dich zu mir gesandt?« + +»Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.« + +»Ruhe dich erst aus, bevor du erzählst.« + +»Ich bin nicht müde, und was ich dir zu sagen habe, ist so wichtig, daß +ich es gleich sagen möchte.« + +»So sprich!« + +»Ich höre, daß die Dschowari deine Feinde sind.« + +»Sie sind es,« antwortete er mit finsterer Miene. + +»Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde der Haddedihn.« + +»Ich weiß es.« + +»Weißt du auch, daß sie sich mit den Abu Hammed und Obeïde verbunden +haben, die Haddedihn in ihren Weidegründen anzugreifen?« + +»Ich weiß es.« + +»Ich höre, daß du dich mit den Alabeïden vereinigt hast, sie zu +strafen?« + +»Ja.« + +»So komme ich zu dir, um das Nähere mit dir zu besprechen.« + +»So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du wirst dich erquicken und +uns nicht eher verlassen, als bis ich meine Ältesten zusammengerufen +habe.« + +Nach kaum einer Stunde saßen acht Männer um mich und den Scheik herum +und rissen große Fetzen Fleisches von dem Hammel, welcher aufgetragen +worden war. Diese acht Männer waren die Ältesten der Abu Mohammed. Ich +erzählte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen und der Bote +ihres Scheik geworden war. + +»Was willst du uns für Vorschläge machen?« fragte der Scheik. + +»Keine. Über eure Häupter sind mehr Jahre gezogen als über mein Haupt. +Es ziemt dem Jüngeren nicht, dem Alten die Wege vorzuschreiben.« + +»Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt ist noch jung, aber dein +Verstand ist alt, sonst hätte Mohammed Emin dich nicht zu seinem +Gesandten gemacht. Rede! Wir werden hören und dann entscheiden.« + +»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?« + +»Neunhundert.« + +»Und die Alabeïde?« + +»Achthundert.« + +»Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als die Feinde zusammen +zählen.« + +»Wie viele Krieger haben die Haddedihn?« + +»Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals weniger an. Wißt ihr +vielleicht, wann die Dschowari sich mit den Abu Hammed vereinigen +wollen?« + +»Am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema[148].« + + [148] Tag der Versammlung = Freitag. + +»Weißt du das genau?« + +»Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari.« + +»Und wo soll diese Vereinigung geschehen?« + +»Bei den Ruinen von Khan Kernina.« + +»Und dann?« + +»Dann werden sich diese beiden Stämme mit den Obeïde vereinigen.« + +»Wo?« + +»Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der Kanuzaberge.« + +»Wann?« + +»Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.« + +»Du bist außerordentlich gut unterrichtet. Wohin werden sie sich nachher +wenden?« + +»Grad nach den Weideplätzen der Haddedihn.« + +»Was wolltet ihr thun?« + +»Wir wollten die Zelte überfallen, in denen sie ihre Frauen und Kinder +zurücklassen, und dann ihre Herden wegführen.« + +»Würde dies klug sein?« + +»Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt wurde.« + +»Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert, die Feinde aber +dreitausend Krieger. Sie hätten gesiegt, wären als Sieger zurückgekehrt +und euch nachgejagt, um euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe +wegzunehmen. Wenn ich unrecht habe, so sagt es.« + +»Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn würden durch andere Stämme +der Schammar verstärkt werden.« + +»Diese Stämme werden vom Gouverneur von Mossul angegriffen.« + +»Was rätst du uns? Würde es nicht am besten sein, die Feinde einzeln zu +vernichten?« + +»Ihr würdet einen Stamm besiegen, und die andern beiden aufmerksam +machen. Sie müssen kurz nach ihrer Vereinigung, also bei dem Wirbel El +Kelab angegriffen werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin am +dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen Kriegern von den +Kanuzabergen herabsteigen und sich auf die Feinde werfen, während ihr +sie von Süden angreift und sie somit in den Strudel Kelab getrieben +werden.« + +Dieser Plan wurde nach längerer Beratung angenommen und dann noch auf +das Eingehendste besprochen. Darüber war ein großer Teil des Nachmittags +vergangen und der Abend rückte heran, so daß ich mich veranlaßt sah, +für die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen aber wurde ich beizeiten +wieder an das Ufer gesetzt und ritt denselben Weg zurück, den ich +gekommen war. + +Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt hatte, war auf +eine so leichte und einfache Weise gelöst worden, daß ich mich fast +schämen mußte, es zu erzählen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient +werden. Was konnte ich aber noch thun? Ja, war es nicht vielleicht +besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren? Diesen Gedanken +wurde ich nicht wieder los. Ich setzte also gar nicht über den Thathar +zurück, sondern ritt an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die +Kanuzaberge zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur Hälfte +verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das Wadi Dschehennem, wo +ich mit dem Engländer die Pferdediebe getroffen hatte, ein Teil dieser +Kanuzaberge sei. Ich wußte diese Frage nicht zu beantworten, setzte +meinen Weg fort und hielt mich später mehr nach rechts, um in die Nähe +des Dschebel Hamrin zu kommen. + +Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken, als ich zwei +Reiter bemerkte, welche am westlichen Gesichtskreise erschienen und mit +großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen +Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor +zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie. + +Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie +hielten vor mir an. + +»Wer bist du?« fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen. + +So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen. + +»Ein Fremdling,« antwortete ich kurz. + +»Woher kommst du?« + +»Von Westen, wie ihr seht.« + +»Wohin willst du?« + +»Wohin das Kismet mich führt.« + +»Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.« + +»Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager +sorgt.« + +»Wen?« + +»Allah. Lebt wohl!« + +Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so +langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine +Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte +die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen +binden können. + +»Sallam aaleïkum,« grüßte jetzt der eine. »Wir waren vorhin nicht +höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm. +Wer bist du?« + +Ich antwortete natürlich nicht. + +»Wer du bist?« + +Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritte begleitete. + +»Laß ihn,« meinte der andere. »Allah wird Wunder thun und ihm den Mund +öffnen. Soll er reiten oder gehen?« + +»Gehen!« + +Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den +Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel +und -- fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten +Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges +Geschöpf! + +Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen +hindurch, und endlich sah ich aus einem Thale mehrere Feuer uns +entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir +lenkten in dies Thal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten +endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger +Mann trat. Er sah mich und ich ihn -- wir erkannten einander. + +»Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?« fragte er. + +»Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine +Thar[149] bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!« + + [149] Blutrache. + +Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt: + +»Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn! +Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört +werde. Ich rufe die andern zusammen.« + +»Was thun wir mit dem Pferde?« + +»Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.« + +»Und seine Waffen?« + +»Werden in das Zelt gebracht.« + +Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung, aber +vor einer Versammlung von -- Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts +nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen. + +»Kennst du mich?« fragte der Älteste der Anwesenden. + +»Nein.« + +»Weißt du, wo du dich befindest?« + +»Nein.« + +»Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?« + +»Ja.« + +»Wo hast du ihn gesehen?« + +»Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich +mir wieder holte.« + +»Lüge nicht!« + +»Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?« + +»Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.« + +»Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!« + +»Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.« + +»Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!« + +»Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen. Wer ist ein +Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten +hast?« + +»Mir.« + +»Lüge nicht!« + +»Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das +nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!« + +»Bindet ihn fester!« gebot er. + +»Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich +das Wasser des Zem-Zem befindet!« + +»Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhangen. +Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?« + +»Ja.« + +»Gieb uns davon.« + +»Nein.« + +»Warum nicht?« + +»Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.« + +»Sind wir deine Feinde?« + +»Ja.« + +»Nein. Wir haben dir noch kein Leid gethan. Wir wollen nur das Pferd, +welches du geraubt hast, seinem Eigner wieder bringen.« + +»Der Eigner bin ich.« + +»Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die +Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Mohammed Emin, +dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?« + +»Er hat es mir geschenkt.« + +»Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.« + +»Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich +gefesselt bin!« + +»Warum hat er dir es geschenkt?« + +»Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber geht das nichts an!« + +»Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn +einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk +giebt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die +Haddedihn verlassen?« + +»Vorgestern früh.« + +»Wo weiden ihre Herden?« + +»Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.« + +»Könntest du uns zu ihnen führen?« + +»Nein.« + +»Wo warst du seit vorgestern?« + +»Überall.« + +»Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir +geschieht. Führet ihn fort!« + +Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden. +Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine +nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt, +die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich +aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte, +auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre. +Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag +nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das +Wachtfeuer loderte, der Lagmi[150] kreiste von Hand zu Hand, und die +Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende +Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat, +der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um +sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme -- -- ich +erwachte. + + [150] Dattelpalmensaft. + +War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber, +und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der +Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit -- ein Löwe umschlich das +Lager. + +»Schlaft ihr?« fragte ich. + +»Nein.« + +»Hört ihr den Löwen?« + +»Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.« + +»Tötet ihn!« + +»Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?« + +»Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?« + +»Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme +vollständig zu hören.« + +»Ist der Scheik bei ihnen?« + +»Ja.« + +»Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er +mir mein Gewehr giebt.« + +»Du bist wahnsinnig!« + +»Ich bin vollständig bei Sinnen. Gehe hinaus!« + +»Ist es dein Ernst?« + +»Ja; packe dich!« + +Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich +hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der +Mann zurück. Er band mich los. + +»Folge mir!« gebot er. + +Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner +wagte es, aus dem Schutze der Zelte zu treten. + +»Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?« fragte der Scheik. + +»Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.« + +»Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu +jagen, und mehrere würden sterben daran.« + +»Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.« + +»Sagst du die Wahrheit?« + +»Ich sage sie.« + +»Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah giebt das +Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.« + +»So gieb mir mein Gewehr!« + +»Welches?« + +»Das schwere, und mein Messer.« + +»Bringt ihm beides,« gebot der Scheik. + +Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er +dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den +Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu thun, und diese Drei +konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte. + +Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht. + +»Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?« + +»Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?« + +»Ja.« + +»Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem, +welchen du in der Tasche hast.« + +»Ich schwöre es!« + +»Löst ihm die Hände!« + +Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im Zelte des Scheik, und +vor demselben war der Rappe. Ich hatte keine Besorgnis mehr. + +Es war die Stunde, in welcher der Löwe am liebsten um die Herden +schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Ich fühlte an meinen +Gürtel, ob der Patronenbeutel noch vorhanden sei, dann schritt ich bis +zum ersten Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein Auge an +die Dunkelheit zu gewöhnen. Vor mir und zu beiden Seiten gewahrte ich +einige Kamele und zahlreiche Schafe, die sich zusammengedrängt hatten. +Die Hunde, welche sonst des Nachts die Wächter dieser Tiere sind, waren +entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte verkrochen. + +Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise und langsam +vorwärts. Ich wußte, daß ich den Löwen noch eher riechen würde, als ich +ihn bei dieser Dunkelheit zu Gesichte bekommen konnte. Da -- -- es war als +ob der Boden unter mir erbebte -- erscholl der Donner dieser Stimme +seitwärts von mir, und einige Augenblicke darauf vernahm ich einen +dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer Körper gegen einen andern prallt -- +ein leises Stöhnen, ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden +Knochen -- und da, höchstens zwanzig Schritte vor mir funkelten die +beiden Feuerkugeln: -- ich kannte dieses grünliche rollende Licht. Ich +hob das Gewehr trotz der Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und +drückte ab. + +Ein gräßlicher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz meines Schusses +hatte dem Löwen seinen Feind gezeigt; auch ich hatte ihn gesehen, der +auf dem Rücken eines Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen +Zähnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein großer dunkler Gegenstand +schnellte durch die Luft und kam höchstens drei Schritte vor mir auf den +Boden nieder. Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der Sprung +schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war doch verwundet. Ich kniete +noch fast im Anschlage und drückte den zweiten und letzten Schuß los, +nicht mitten zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine Auge +hinein. Dann ließ ich die Büchse blitzschnell fallen und nahm das Messer +zur Hand -- der Feind kam nicht über mich; er war von dem tödlichen +Schusse förmlich zurückgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich +einige Schritte zurück, um wieder zu laden. Ringsum herrschte Stille; +auch im Lager war kein Hauch zu hören. Man hielt mich wohl für tot. + +Sobald aber der schwächste Schimmer des Tages den Körper des Löwen +einigermaßen erkennen ließ, trat ich hinzu. Er war tot, und nun machte +ich mich daran, ihn aus der Haut zu schälen. Ich hatte meine Gründe, +nicht lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese Trophäe +zurückzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem Gefühle als nach dem +Gesichte vor sich, war aber doch beendet, als der Morgenschimmer etwas +kräftiger wurde. + +Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir über die Schulter und kehrte in +das Lager zurück. Es war jedenfalls nur ein kleines Zweiglager der +räuberischen Abu Hammed. Die Männer, Frauen und Kinder saßen +erwartungsvoll vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten, erhob sich ein +ungeheurer Lärm. Allah wurde in allen Tönen angerufen, und hundert Hände +streckten sich nach meiner Beute aus. + +»Du hast ihn getötet?« rief der Scheik. »Wirklich? Allein?« + +»Allein!« + +»So hat dir der Scheïtan beigestanden!« + +»Steht der Scheïtan einem Hadschi bei?« + +»Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulet, einen Talisman, mit Hilfe +dessen du diese That vollbringst?« + +»Ja.« + +»Wo ist er?« + +»Hier!« + +Ich hielt ihm die Büchse vor die Nase. + +»Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen. Wo liegt der Körper des +Löwen?« + +»Draußen rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!« + +Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte ich gewünscht. + +»Wem gehört die Haut des Löwen?« frug der Scheik mit lüsternem Blick. + +»Darüber wollen wir in deinem Zelte beraten. Tretet ein!« + +Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zwölf Männer da. Gleich +beim Eintritt erblickte ich meine anderen Waffen; sie hingen an einem +Pflock. Mit zwei Schritten stand ich dort, riß sie herab, warf die +Büchse über die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand. Die Löwenhaut +war mir infolge ihrer Größe und Schwere sehr hinderlich; aber es mußte +doch versucht werden. Rasch stand ich wieder unter dem Eingang des +Zeltes. + +»Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser Büchse nur auf den +Löwen zu schießen -- -- --« + +»Ja.« + +»Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schießen werde, das habe ich +nicht gesagt.« + +»Es gehört hierher. Gieb es zurück.« + +»Es gehört in meine Hand, und die wird es behalten.« + +»Er wird fliehen -- haltet ihn!« + +Da erhob ich den Stutzen zum Schuß. + +»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben +Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir +genossen habe. Wir sehen uns wieder!« + +Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese +kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich +hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits +am letzten Zelte vorbei. + +Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein +wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den +Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im +Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des +Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte +ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich +hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der +vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen +weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt, +drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter +seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre +nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen +Lauf wieder lud. + +Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug +gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht. +Ich hielt wieder, drehte um und zielte -- zwei Schüsse knallten +nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu +viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit +wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch +meinen Spuren zu folgen schienen. + +Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks +nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren +nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den +Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse +des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an +welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser +Übergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch +tiefe und nicht sehr breite Thäler getrennt werden. Das breiteste Thal +von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so +prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der +möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen, +den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb +mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen und hielt daher +noch eine Nachtruhe. + +Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor +Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe +zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus +ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus +dem Zelte, als ich vor demselben anlangte. + +»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich. +»Wie ist es gegangen?« + +»Gut.« + +»Hast du etwas erfahren?« + +»Alles!« + +»Alles? Was?« + +»Rufe die Ältesten zusammen; ich werde euch Bericht erstatten.« + +Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der anderen Seite des +Pferdes herabgeworfen hatte. + +»Maschallah, Wunder Gottes, ein Löwe! Wie kommst du zu diesem Felle?« + +»Ich habe es ihm abgezogen.« + +»Ihm? Dem Herrn selbst?« + +»Ja.« + +»So hast du mit ihm gesprochen?« + +»Kurze Zeit.« + +»Wie viele Jäger waren dabei?« + +»Keiner.« + +»Allah sei mit dir, daß dich dein Gedächtnis nicht verlasse!« + +»Ich war allein!« + +»Wo?« + +»Im Lager der Abu Hammed.« + +»Die hätten dich erschlagen!« + +»Sie haben es nicht gethan, wie du siehst. Sogar Zedar Ben Huli hat mir +das Leben gelassen.« + +»Auch ihn hast du gesehen?« + +»Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.« + +»Erzähle!« + +»Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst muß ich alles öfters +erzählen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles ausführlich hören!« + +Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als ich den Engländer im +vollsten Galopp daherstürmen sah. + +»Habe soeben gehört, daß Ihr da seid, Sir,« rief er schon von weitem. +»Habt Ihr gefunden?« + +»Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.« + +»Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?« + +»Auch!« + +»Schön, sehr gut! Werde graben, finden und nach London schicken. Erst +aber wohl kämpfen?« + +»Ja.« + +»Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.« + +»Was?« + +»Seltenheit, Schrift.« + +»Wo?« + +»Loch, hier in der Nähe. Ziegelstein.« + +»Eine Schrift auf einem Ziegelstein?« + +»#Yes!# Keilschrift. Könnt Ihr lesen?« + +»Ein wenig.« + +»Ich nicht. Wollen sehen!« + +»Ja. Wo ist der Stein?« + +»In Zelt. Gleich holen!« + +Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund zum Vorschein. + +»Hier, ansehen, lesen!« + +Der Stein war beinahe vollständig zerbröckelt, und die wenigen Keile, +welche die verwitterte Inschrift noch zeigte, waren kaum mehr zu +unterscheiden. + +»Nun?« fragte Master Lindsay neugierig. + +»Wartet nur. Das ist nicht so leicht, als Ihr denkt. Ich finde nur drei +Worte, die vielleicht zu entziffern wären. Sie heißen, wenn ich nicht +irre: #Tetuda Babrut ésis.#« + +»Was heißt das?« + +»Zum Ruhme Babylons aufgeführt.« + +Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis +hinter an die Ohren. + +»Lest Ihr richtig, Sir?« + +»Ich denke es.« + +»Was daraus nehmen?« + +»Alles und nichts!« + +»Hm! Hier doch gar nicht Babylon!« + +»Was sonst?« + +»Niniveh!« + +»Meinetwegen Rio de Janeïro! Reimt Euch das Dings da selbst zusammen +oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu.« + +»Aber warum ich Euch mitgenommen?« + +»Gut! Hebt den Ziegelkloß auf, bis ich Zeit habe!« + +»#Well!# Was habt Ihr zu thun?« + +»Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse zu erzählen +habe.« + +»Werde auch mitthun!« + +»Und übrigens muß ich vorher essen. Ich habe Hunger wie ein Bär.« + +»Auch da werde mitthun!« + +Er trat mit mir in das Zelt. + +»Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?« + +»Miserabel! Verlange Brot -- Araber bringt Stiefel; verlange Hut -- Araber +bringt Salz; verlange Flinte -- Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft, +schrecklich! Lasse Euch nicht wieder fort!« + +Nach der Rückkehr des Scheik brauchte ich nicht lange auf das Mahl zu +warten. Während desselben stellten sich die Geladenen ein. Die Pfeifen +wurden angezündet, der Kaffee ging herum, und dann drängte Lindsay: + +»Anfangen, Sir! Bin neugierig.« + +Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet, bis mein Hunger +gestillt war; dann aber begann ich: + +»Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt, aber es ist mir wider +alles Erwarten sehr leicht geworden, sie zu lösen. Und dabei bringe ich +Euch eine so ausführliche Nachricht, wie Ihr sie sicherlich nicht +erwartet habt.« + +»Rede!« bat der Scheik. + +»Die Feinde haben ihre Rüstungen bereits vollendet. Es sind die Orte +bestimmt, wo die drei Stämme sich vereinigen, und ebenso ist die Zeit +angegeben, in der dies geschehen wird.« + +»Aber du hast es nicht erfahren können!« + +»Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu Hammed am Tage nach dem +nächsten Jaum el Dschema bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen. +Diese beiden Stämme stoßen dann am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema +zwischen dem Wirbel El Kelab und dem Ende der Kanuzaberge mit den Obeïde +zusammen.« + +»Weißt du das gewiß?« + +»Ja.« + +»Von wem?« + +»Von dem Scheik der Abu Mohammed.« + +»Hast du mit ihm gesprochen?« + +»Ich war sogar in seinem Zelte.« + +»Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und Abu Hammed nicht in +Frieden.« + +»Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein Freund. Er wird dir +mit dem Stamme der Alabeïden zu Hilfe kommen.« + +»Sagst du die Wahrheit?« + +»Ich sage sie.« + +Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich jubelnd die Hände. Ich +wurde von ihnen beinahe erdrückt. Dann mußte ich alles so ausführlich +wie möglich erzählen. Ich that es. Sie glaubten alles, nur daß ich den +Löwen so ganz allein und noch dazu bei stockfinsterer Nacht erlegt haben +wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln. Der Araber ist gewohnt, +dieses Tier nur am Tage und zwar in möglichst zahlreicher Gesellschaft +anzugreifen. Ich legte ihnen endlich das Fell vor. + +»Hat diese Haut ein Loch?« + +Sie besahen es höchst aufmerksam. + +»Nein,« lautete dann der Bescheid. + +»Wenn Araber einen Löwen töten, so hat die Haut sehr viele Löcher. Ich +habe ihm zwei Kugeln gegeben. Seht her! Die erste Kugel war zu hoch +gezielt, weil er zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht +ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut gestreift und das +Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die zweite Kugel gab ich ihm, als er +zwei oder drei Schritte von mir war; sie ist ihm in das linke Auge +gedrungen. Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.« + +»Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare Tier so nahe an +dich herankommen lassen, daß dein Pulver seine Haare verbrannte. Wenn es +dich nun gefressen hätte?« + +»So hätte es so im Buche gestanden. Ich habe diese Haut mitgebracht für +dich, o Scheik. Nimm sie von mir an und gebrauche sie als Schmuck deines +Zeltes!« + +»Ist dies dein Ernst?« fragte er erfreut. + +»Mein Ernst.« + +»Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf diesem Felle werde ich +schlafen, und der Mut des Löwen wird in mein Herz einziehen.« + +»Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit Mut zu erfüllen, den du +übrigens auch bald brauchen wirst.« + +»Wirst du mitkämpfen gegen unsere Feinde?« + +»Ja. Sie sind Diebe und Räuber und haben auch mir nach dem Leben +getrachtet; ich stelle mich unter deinen Befehl, und hier mein Freund +wird dasselbe thun.« + +»Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen. Du sollst der +Anführer einer Abteilung sein.« + +»Davon laß uns später sprechen; für jetzt aber erlaube mir, an eurer +Beratung teilzunehmen.« + +»Du hast recht; wir müssen uns beraten, denn wir haben nur noch fünf +Tage Zeit.« + +»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger +der Haddedihn um dich zu versammeln?« + +»So ist es.« + +»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.« + +»Warum noch heute?« + +»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf +diesen Kampf eingeübt werden.« + +Er lächelte stolz. + +»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf +gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer +hat der Stamm der Abu Mohammed?« + +»Neunhundert.« + +»Und die Alabeïde?« + +»Achthundert.« + +»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu kommt die Überraschung, +da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!« + +»Oder wir werden besiegt!« + +»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?« + +»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er +vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu +Mohammed zu spät eintreffen?« + +»Es ist möglich.« + +»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird +erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er +erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die +Überraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind +nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn +so darnieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und +mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.« + +»Wie wolltest du dies beginnen?« + +»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.« + +»Wie kämpfen diese?« + +Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische +Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für +diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs +für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich +hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten +zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich +bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte +die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche +Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet +hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen, +welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort: + +»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen +der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.« + +»Wir haben Zeit.« + +»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig +zu machen?« + +»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir +wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es +einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten +aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den +geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen +werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.« + +Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden. + +»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen +die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen. +Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses +heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die +Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen +sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber +führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt, +weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen +Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen +die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen +selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer +Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen +zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche +in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig +im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im +Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit +eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.« + +»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt +erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit +einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!« + +Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort: + +»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.« + +»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was +es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von +unserem Vorhaben Nachricht erhält.« + +Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser +langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er +die Gelegenheit zum Sprechen: + +»Sir, ich bin auch hier!« + +»Ich sehe Euch!« + +»Wollte auch 'was hören!« + +»Meine Erlebnisse?« + +»#Yes!#« + +»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache +halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.« + +Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der +darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert. + +»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc! +Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich +auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!« + +»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein +General, der von der Kriegführung so viel versteht, wie das Flußpferd +vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Übrigens wird +es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.« + +»Warum?« + +»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.« + +»Ah! Wie?« + +»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.« + +»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!« + +Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte +allerlei neue Gedanken mit: + +»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er +erwartet?« + +»Nein.« + +»Was fordern die Alabeïden?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Du hättest fragen sollen!« + +»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach +Beute fragen würde.« + +»Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen Schaden?« + +»Der besiegte Feind.« + +»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und +Kinder nebst seinem Vieh fortführen!« + +»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du giebst +die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht +eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg +vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den +Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.« + +Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an. + +»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir +von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis +erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine +Postenlinie ziehen.« + +»Wie meinst du das?« + +»In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger, von denen du +überzeugt bist, daß sie treu sind. Sie lassen sich nicht sehen und +beobachten alles. Von El Deradsch bis hierher stellst du in gewissen +Entfernungen andere auf; es genügen vier Mann, welche darauf zu achten +haben, daß sie mit keinem Fremden zusammenkommen, und uns alles +berichten, was die ersten zwei erkunden. Einer trägt die Kunde zum +andern und kehrt dann auf seinen Posten zurück.« + +»Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.« + +»Eine eben solche Linie, nur etwas weitläufiger, stellst du auf zwischen +hier und den Weideplätzen der Abu Mohammed. Ich habe das mit ihrem +Scheik bereits besprochen. Er wird die Hälfte dieser Linie mit seinen +Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?« + +»Ja.« + +»Dort wird sein äußerster Posten zu treffen sein.« + +»Wie viele Männer werde ich dazu brauchen?« + +»Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele. Wie viele Krieger +hast du hier im Lager?« + +»Es können vierhundert sein.« + +»Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du mußt noch heute Musterung über +sie halten, und wir können unsere Übungen heute noch beginnen.« + +Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen einer halben Stunde +waren die vierhundert Mann beisammen. Der Scheik hielt ihnen eine lange, +blühende Rede und ließ sie am Ende derselben auf den Bart des Propheten +schwören, die Rüstung gegen keinen Unberufenen zu erwähnen; dann befahl +er ihnen, sich in Reihe und Glied aufzustellen. + +Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu Pferde; ein jeder hatte +Messer, Säbel und die lange, befiederte Lanze, welche bei besserer +Schulung eine fürchterliche Waffe sein könnte. Viele trugen auch den +gefährlichen Nibat[151] oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die +Schießwaffen ließen vieles zu wünschen übrig. Einige Krieger hatten noch +den alten Lederschild nebst Köcher, Pfeil und Bogen. Andere besaßen +Luntenflinten, die ihren Eigentümern gefährlicher waren, als dem Feinde, +und die übrigen hatten Perkussionsgewehre mit überlangen Läufen. + + [151] Keule. + +Letztere ließ ich vortreten, die andern aber schickte ich fort, mit der +Bemerkung, morgen in aller Frühe wieder zu kommen. Die Zurückgebliebenen +hieß ich absitzen und Proben ihrer Fertigkeit im Schießen ablegen. Im +allgemeinen konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren gegen +zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien aus ihnen und begann +meinen Instruktionsunterricht. Dieser war allerdings nicht weit her. Die +Leute sollten im Takte marschieren und laufen können und ein +Schnellfeuer unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu Pferde +anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm ernstlich stand zu halten; +jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen +Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren. + +Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei ihnen galt es, sie zu +einem geschlossenen Angriff mit der Lanze zu befähigen, nachdem sie ihre +Gewehre abgeschossen hatten. Ich kann sagen, daß die Leute sehr schnell +begriffen und überaus begeistert waren. + +Gegen Abend hörten wir, daß die Verbindung mit den Abu Mohammed +hergestellt sei, und bekamen zu gleicher Zeit die Nachricht, daß ihr +Scheik von meinem Abenteuer bei den Abu Hammed bereits gehört habe. Es +ging Antwort zurück, und von diesem Augenblick an wurde ein durch die +Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr unterhalten. + +Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den Rapphengst bestieg, um +einen Schnellritt hinein in die Savanne zu machen. Ich war noch gar +nicht weit gelangt, so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte +eine gewöhnliche, mittelmäßige Gestalt, der andere aber war sehr klein +von Statur und schien von der Unterhaltung mit seinem Begleiter ganz +außerordentlich in Anspruch genommen zu sein, denn er focht mit Arm und +Beinen in der Luft, als wolle er Mücken morden. + +Ich mußte unwillkürlich an meinen kleinen Halef denken. + +Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen mein Pferd. + +»Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?« + +Er war es wirklich, der kleine Hadschi Halef Omar! + +»Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.« + +Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu +küssen. + +»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe +mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne.« + +»Wie geht es dem würdigen Scheik Malek?« + +»Er ist wohlauf.« + +»Amscha?« + +»Ebenso.« + +»Hanneh, deine Freundin?« + +»O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.« + +»Und die andern?« + +»Sie sagten mir, daß ich dich grüßen solle, wenn ich dich fände.« + +»Wo sind sie?« + +»Sie sind am Abhange des Schammargebirges zurückgeblieben und haben mich +an den Scheik der Schammar vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme +bitten solle.« + +»Bei welchem Scheik?« + +»Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst treffe.« + +»Ich habe bereits für euch gesorgt. Da drüben ist das Lager der +Haddedihn.« + +»Das sind Schammar. Wie heißt ihr Scheik?« + +»Mohammed Emin.« + +»Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?« + +»Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch gesprochen. Sieh diesen +Hengst! Wie gefällt er dir?« + +»Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher der Abkömmling +einer Stute von Koheli.« + +»Er gehört mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun kannst du sehen, daß +er mein Freund ist!« + +»Allah gebe ihm dafür ein langes Leben! Wird er auch uns aufnehmen?« + +»Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt und folgt mir jetzt.« + +Wir setzten uns in Marsch. + +»Sihdi,« meinte Halef, »die Wege Allahs sind unerforschlich. Ich +glaubte, lange nach dir fragen zu müssen, ehe ich eine Kunde bekäme, und +nun bist du der erste, dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn +gekommen?« + +Ich erzählte ihm das Nötige in Kürze und fuhr dann fort: + +»Weißt du, was ich jetzt bei ihm bin?« + +»Nun?« + +»General.« + +»General?« + +»Ja.« + +»Hat er Truppen?« + +»Nein. Er hat aber Krieg.« + +»Gegen wen?« + +»Gegen die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari.« + +»Das sind Räuber, die am Zab und Tigris wohnen; ich habe sehr vieles von +ihnen gehört, was nicht gut ist.« + +»Sie rüsten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens überfallen; wir aber +haben davon gehört, und nun bin ich sein General, der seine Krieger +unterrichtet.« + +»Ja, Sihdi, ich weiß, daß du alles verstehst und alles kannst, und es +ist ein wahres Glück, daß du kein Giaur mehr bist!« + +»Nicht?« + +»Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.« + +»Wer sagt dir das?« + +»Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen Zem-Zem bei dir; +folglich bist du ein guter Moslem geworden. Habe ich dir nicht stets +gesagt, daß ich dich bekehren würde, du magst wollen oder nicht?« -- + +Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte des Scheik ab. Als +wir eintraten, hatte er seine Räte bei sich. + +»Sallam aaleïkum!« grüßte Halef. + +Sein Begleiter that dasselbe. Ich übernahm es, sie vorzustellen. + +»Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden Männer zu bringen, welche mit +dir sprechen wollen. Dieser hier heißt Nasar Ibn Mothalleh, und dieser +ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al +Gossarah, von dem ich dir bereits erzählt habe.« + +»Von ihm?« + +»Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen, sondern kurz nur +Hadschi Halef Omar genannt.« + +»Dein Diener und Begleiter?« + +»Ja.« + +»Der Abu-Seïf, den Vater des Säbels, erschlagen hat?« + +»Ja. Er gehört jetzt zu dem Stamme der Ateïbeh, dessen Scheik dein +Freund Malek ist.« + +»Seid mir willkommen, ihr Männer von Ateïbeh! Sei mir willkommen, +Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt ist klein, aber dein Mut ist groß, und +deine Tapferkeit ist erhaben. Möchten alle Männer so sein, wie du! +Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?« + +»Ich bringe sie. Er läßt dich grüßen und fragen, ob du ihn und die +Seinigen in den Stamm der Haddedihn aufnehmen magst.« + +»Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen sein. Wo befindet +er sich jetzt?« + +»Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine halbe Tagreise von hier. +Ich höre, daß du Krieger brauchst?« + +»So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen mir und denen, die +neben uns wohnen.« + +»Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.« + +»Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben Nemsi hat mir doch gesagt, +daß ihr weniger seid!« + +»Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes Al Hariel bei uns +aufgenommen.« + +»Was tragt ihr für Waffen?« + +»Säbel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten. Mehrere haben sogar auch +Pistolen. Wie ich mit den Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi +sagen.« + +»Ich weiß es bereits. Aber dieser Mann ist kein Sihdi, sondern ein Emir; +merke es dir!« + +»Ich weiß es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi zu nennen. Soll +einer von uns sofort aufbrechen und Scheik Malek mit den Seinen +herholen, da ihr Krieger braucht?« + +»Ihr seid müde.« + +»Wir sind nicht ermüdet. Ich reite sofort zurück.« + +Sein Begleiter fiel ihm in die Rede: + +»Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mußt bleiben; ich werde +zurückkehren.« + +»Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,« meinte der Scheik. + +»Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln auf meinem Pferde.« + +Der Scheik wandte sich ihm zu: + +»Aber dein Pferd wird müde sein. Nimm das meinige; es hat mehrere Tage +ausgeruht und wird dich schnell zu Malek bringen, den du von mir grüßen +mögest!« + +Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten befand er sich auf dem +Rückwege nach den Bergen von Schammar. + +»Emir,« sagte der Scheik zu mir, »weißt du, was meine Krieger von dir +sagen?« + +»Nun?« + +»Daß sie dich lieben.« + +»Ich danke dir!« + +»Und daß sie den Sieg gewinnen müssen, wenn du bei ihnen bist.« + +»Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden morgen ein Manöver +veranstalten.« + +»Wie? Was?« + +»Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen. Die letzten werden +morgen früh nachkommen. Sie sind schnell eingeübt, und dann stellen wir +den Kampf vor, den wir mit den drei Stämmen haben werden. Die Hälfte +sind die Haddedihn, die andere Hälfte sind die Feinde. Drüben die alten +Ruinen gelten als die Berge von Hamrin und Kanuza, und so werde ich es +deinen Kriegern zeigen, wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu +kämpfen haben.« + +Diese Ankündigung steigerte die bereits vorhandene Begeisterung um das +Doppelte, und als sich die Kunde davon hinaus vor das Zelt verbreitete, +erhob sich ein lauter Jubel über das ganze Lager, welches sich während +des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuzüge bedeutend +vergrößert hatte. + +Was ich voraus gesagt hatte, das geschah: + +Am andern Mittag waren wir vollzählig. Ich hatte Offiziere und +Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen, nachdem ich ihm +seinen Platz angewiesen hatte, sofort einübten. Am Spätnachmittag begann +das Manöver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Das Fußvolk +schoß ganz exakt, und die Chocs der einzelnen berittenen Körper wurden +mit eleganter Sicherheit ausgeführt. + +Noch während des Manövers kam das letzte Glied unserer Postenkette +herbeigeritten. + +»Was bringst du?« fragte der Scheik, dessen Antlitz vor Zufriedenheit +glänzte. + +»Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu Hammed vereinigt.« + +»Wann?« + +»Gegen Abend.« + +»Und die Abu Mohammed?« + +»Sind bereits hinter ihnen her.« + +»Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit ihr Marsch nicht +verraten wird, wie ich es angeraten habe?« + +»Ja.« + +Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten kam. Es war das +diesseitige Glied der Kette nach dem Thale von Deradsch hinüber. + +»Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.« + +»Welche?« + +»Die Obeïde haben Leute vom Zab herübergesandt, um die Gegend zu +untersuchen.« + +»Wie viel Männer sind es gewesen?« + +»Acht.« + +»Wie weit sind sie gekommen?« + +»Bis durch El Deradsch hindurch.« + +»Haben sie unsere Leute gesehen?« + +»Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann haben sie im Thale +gelagert und vieles miteinander gesprochen.« + +»Ah! Hier hätte es möglich sein sollen, sie zu belauschen!« + +»Es war möglich, und Ibn Nazar hat es gethan.« + +Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche das Thal Deradsch +bewachen sollten. + +»Was hat er gehört? Wenn es wichtig ist, soll er eine Belohnung +erhalten.« + +»Sie haben gesagt, daß morgen genau zur Mittagszeit die Obeïde +übersetzen wollen, um die Abu Hammed und Dschowari zu treffen, die dann +ihrer bereits warten werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch +vordringen und dort während der Nacht lagern, weil sie glauben, dort +nicht gesehen zu werden. Am nächsten Morgen nachher wollen sie über uns +herfallen.« + +»Sind diese acht Männer wieder fortgeritten?« + +»Nur sechs von ihnen. Zwei mußten zurückbleiben, um das Thal zu +bewachen.« + +»Reite zurück und sage Ibn Nazar und seinem Gefährten, daß ich heute +noch selbst zu ihnen kommen werde. Einer soll zurückbleiben, um die +beiden zu bewachen, und der andere mag mich beim letzten Posten +erwarten, um mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.« + +Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf Antwort. + +»Du hast gehört, was jener meldete?« fragte ich ihn. + +»Ja, Emir.« + +»So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der Abu Mohammed. Er soll +sich hart hinter dem Feinde halten und sich nicht sehen lassen. Ist +derselbe in das Thal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im +Rücken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen. Alle Thäler +zwischen El Hamrin und el Kanuza sind zu besetzen. Das übrige wird +unsere Sorge sein.« + +Er jagte davon. Wir aber brachen unsere Übung ab, um den Leuten Ruhe zu +gönnen. + +»Du willst nach Deradsch?« fragte der Scheik auf dem Rückwege. + +»Ja.« + +»Warum?« + +»Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.« + +»Kann dies kein anderer verrichten?« + +»Nein. Die Sache ist so wichtig, daß ich sie selbst übernehme. Wenn +diese zwei nicht ganz ruhig und sicher aufgehoben werden, so ist unser +schöner Plan vollständig verdorben.« + +»Nimm dir einige Männer mit.« + +»Das ist nicht nötig. Ich und unsere beiden Posten, das ist genug.« + +»Sihdi, ich gehe mit!« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite +gewichen war. + +Ich wußte, daß er auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen werde, und +nickte ihm also Gewährung. + +»Ich weiß nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen Ritt aushalten +wird. Ich muß während der Nacht hin und zurück.« + +»Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,« meinte der Scheik. + +Eine Stunde später waren wir unterwegs: ich auf dem Rappen, und Halef +auf einem Goldbraunen, der seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die +Strecke bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zurück. Dort +erwartete uns Ibn Nazar. + +»Du hast die beiden Männer belauscht?« fragte ich ihn. + +»Ja, Herr.« + +»Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten. Wo ist dein Gefährte?« + +»Ganz in der Nähe der beiden Kundschafter.« + +»Führe uns!« + +Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel, und bald erblickten wir +den Höhenzug, hinter welchem El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitwärts +ein. Wir mußten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an den Eingang +einer dunklen Vertiefung. + +»Hier sind unsere Pferde, Herr.« + +Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde hinein. Sie standen so +sicher, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchten. Dann schritten wir +auf dem Kamme des Höhenzugs weiter, bis sich das Thal zu unseren Füßen +öffnete. + +»Nimm dich in acht, Herr, daß kein Stein hinabfällt, der uns verraten +könnte!« + +Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem Führer, und Halef hinter +mir, immer einer in den Fußstapfen des andern. Endlich langten wir unten +an. Eine Gestalt kam uns entgegen. + +»Nazar?« + +»Ich bin es. Wo sind sie?« + +»Noch dort.« + +Ich trat hinzu. + +»Wo?« + +»Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?« + +»Ja.« + +»Sie liegen dahinter.« + +»Und ihre Pferde?« + +»Haben sie etwas weiter vorwärts angebunden.« + +»Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm, Halef!« + +Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorwärts. Er folgte mir. Wir +gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich spürte Tabaksgeruch und hörte zwei +halblaute Stimmen miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante +vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen: + +»Zwei gegen sechs!« + +»Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen, ist lang und dünn +gewesen, wie eine Lanze, und hat ein graues Kanonenrohr auf dem Kopfe +gehabt.« + +»Der Scheïtan!« + +»Nein, sondern nur ein böser Geist, ein Dschin.« + +»Der andere aber ist der Teufel gewesen?« + +»Wie ein Mensch, aber fürchterlich! Sein Mund hat geraucht, und seine +Augen haben Flammen gesprudelt. Er hat nur die Hand erhoben, und da sind +alle sechs Pferde tot zusammengestürzt, mit den andern vier aber sind +die zwei Teufel -- Allah möge sie verfluchen -- durch die Luft +davongeritten.« + +»Am hellen Tage?« + +»Am hellen Tage.« + +»Gräßlich! Allah behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Und +dann ist er gar in das Lager der Abu Hammed gekommen?« + +»Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.« + +»Wie?« + +»Sie haben ihn für einen Mann gehalten und sein Pferd für den berühmten +Rappen des Scheik Mohammed Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd +haben und nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager brachten, +erkannte ihn der Sohn des Scheik.« + +»Er hätte ihm die Freiheit geben sollen.« + +»Er glaubte immer noch, daß er vielleicht doch ein Mensch wäre.« + +»Hatten sie ihn gefesselt?« + +»Ja. Aber da kam ein Löwe in das Lager, und der Fremde sagte, er wolle +ihn ganz allein erlegen, wenn man ihm seine Büchse gebe. Man gab sie +ihm, und er ging in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen +Blitze vom Himmel, und es krachten zwei Schüsse. Nach einigen Minuten +kam er. Er hatte das Fell des Löwen umgeworfen, stieg auf sein Pferd und +ritt durch die Luft davon.« + +»Hat ihn keiner halten wollen?« + +»Doch; aber die Männer griffen in die Luft. Und als man ihm nachjagte, +fielen drei Kugeln vom Himmel welche die drei besten Pferde töteten.« + +»Woher weißt du das?« + +»Der Bote erzählte es, welchen Zedar Ben Huli an unseren Scheik sandte. +Glaubst du nun, daß es der Scheïtan war?« + +»Er war es.« + +»Was würdest du thun, wenn er dir erschiene?« + +»Ich würde auf ihn schießen und dazu die heilige Fatcha beten.« + +Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen. + +»So bete sie!« gebot ich ihm. + +»Allah kerihm!« + +»Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!« + +Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten. + +»Ich bin der, von dem du erzählt hast. Du nennst mich den Scheïtan; wehe +dir, wenn du ein Glied regst, um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen +die Waffen!« + +Sie ließen dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre Zähne klappern zu +hören. + +»Binde ihnen die Hände mit ihren eigenen Gürteln!« + +Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest überzeugt sein, daß die +Knoten nicht aufgehen würden. + +»Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch euer Leben lieb ist! Von +welchem Stamme seid ihr?« + +»Wir sind Obeïde.« + +»Euer Stamm geht morgen über den Tigris?« + +»Ja.« + +»Wie viele Krieger habt ihr?« + +»Zwölfhundert.« + +»Womit sind sie bewaffnet?« + +»Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.« + +»Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?« + +»Nicht viele.« + +»Wie setzt ihr über -- auf Kähnen?« + +»Auf Flößen; wir haben keine Kähne.« + +»Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?« + +»So viel wie wir.« + +»Wie sind diese bewaffnet?« + +»Sie haben mehr Pfeile als Flinten.« + +»Und wie viele Männer bringen euch die Dschowari?« + +»Tausend.« + +»Haben diese Pfeile oder Flinten?« + +»Sie haben beides.« + +»Kommen bloß eure Krieger herüber, oder werdet ihr diese Gegend auch mit +euren Herden überziehen?« + +»Nur die Krieger kommen.« + +»Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?« + +»Der Gouverneur hat es uns befohlen.« + +»Er hat euch nichts zu befehlen, ihr gehört unter den Statthalter von +Bagdad. Wo sind eure Pferde?« + +»Dort.« + +»Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu entkommen, werde ich +euch niederschießen. Nazar, kommt!« -- Die beiden anderen kamen herbei. + +»Bindet diese beiden Männer hier fest auf ihre Pferde!« + +Die Obeïde ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen ohne Weigerung auf +und wurden auf ihren Tieren so befestigt, daß an eine Flucht gar nicht +zu denken war. + +Hierauf gab ich den Befehl: + +»Jetzt holt unsere Pferde drüben herab und bringt sie an den Eingang zum +Thale. Ibn Nazar, du bleibst hier in El Deradsch zurück, der andere aber +mag Halef die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.« + +Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde am äußersten Abhange +des Thales hinabzuleiten. Dann stiegen wir auf und kehrten zurück, +während Ibn Nazar auf seinem Posten verblieb. + +»Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie möglich nach.« + +Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die Schenkel. Ich that dies aus +zwei Gründen: erstens war meine Gegenwart im Lager nötig, und zweitens +hatte ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den höchsten +Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er flog leicht, wie ein Vogel, +über die Ebene dahin; der schnelle Lauf schien ihm sogar Vergnügen zu +machen, denn er wieherte einigemal freudig auf. Plötzlich legte ich ihm +die Hand zwischen die Ohren -- -- + +»Rih!« -- -- + +Auf diesen Ruf legte er die Ohren zurück; er schien länger und dünner zu +werden, schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen. Dem +bisherigen Galopp hätten hundert andere auch gute Pferde nicht zu folgen +vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war er wie die Windstille +gegen eine rasende Bö, wie der Gang einer Ente gegen den Flug einer +Schwalbe. Die Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles +hätte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen, und dabei +war der Lauf desselben überaus glatt und gleichmäßig. Es war wirklich +nicht zu viel, was Mohammed Emin zu mir gesagt hatte: »Dieses Pferd wird +dich durch tausend Reiter hindurchtragen, und ich fühle mich unendlich +stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten Renners zu sein.« + +Doch ich mußte daran denken, diese äußerste Anspannung aller Kräfte zu +beenden; ich ließ den Rappen in Gang fallen und legte ihm liebkosend die +Hand an den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem Beweis +meiner Anerkennung und trug stolz den Hals. + +Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi Deradsch nur den vierten +Teil der Zeit gebraucht, welche zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In +der Nähe des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen und +Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die ich wegen der Dunkelheit nicht +genau zu erkennen vermochte, und im Zelte selbst wartete meiner eine +sehr angenehme Überraschung: -- Malek stand vor dem Scheik, welcher +soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten Begrüßung +auszusprechen. + +»Sallam!« begrüßte mich der Ateïbeh, indem er mir beide Hände +entgegenstreckte. »Meine Augen freuen sich, dich zu sehen, und mein Ohr +ist entzückt, die Schritte deines Fußes zu vernehmen!« + +»Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele! Er hat ein Wunder +gethan, um dich heute schon zu uns zu bringen.« + +»Welches Wunder meint deine Zunge?« + +»Wir konnten dich heute unmöglich erwarten. Es sind ja drei Tagreisen +von hier bis zum Dschebel Schammar und zurück!« + +»Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte nicht bis zum Berge der +Schammar zu reiten. Nachdem er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich +von einem verirrten Hirten, daß die Krieger der Haddedihn hier ihre +Herden weiden. Ihr Scheik, der berühmte und tapfere Mohammed Emin, ist +mein Freund; Hadschi Halef konnte nur auf ihn und keinen anderen +getroffen sein, und so berieten wir uns, nicht auf seine Rückkehr zu +warten, sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.« + +»Dein Entschluß war gut, denn ohne ihn hätten wir dich heute nicht +begrüßen können.« + +»Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges, und mein Herz freute +sich, als ich erfuhr, daß ich dich, o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den +Kriegern der Haddedihn finden werde. Allah liebt dich und mich; er +leitet unsere Füße auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch sage, wo +ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner Achtung und meiner Liebe?« + +»Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus und ließ ihn mit +zwei Gefangenen zurück; in kurzer Zeit wirst du ihn sehen.« + +»Es ist dir gelungen?« fragte mich Mohammed Emin. + +»Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie können uns nicht +schaden.« + +»Ich höre,« meinte Malek, »daß Feindschaft ausgebrochen ist zwischen den +Haddedihn und den Räubern am Tigris?« + +»Du hast recht gehört. Morgen, wenn die Sonne am höchsten gestiegen ist, +werden unsere Gewehre donnern und unsere Säbel blitzen.« + +»Ihr werdet sie überfallen?« + +»Sie wollen uns überfallen, wir aber werden sie empfangen.« + +»Dürfen euch die Männer der Ateïbeh ihre Säbel leihen?« + +»Ich weiß, daß dein Säbel ist wie Dsu al Fekar[152], dem niemand +widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir +sind. Wie viele Männer sind bei dir?« + + [152] »Der Blitzende«, Muhammeds Degen, der noch heute + aufbewahrt wird. + +»Einige mehr als fünfzig.« + +»Sie sind müde?« + +»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse +des Kampfes vernimmt? Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch +überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!« + +»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer +Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze +verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.« + +Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß +ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde +reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht +beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen +meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an +und fragte: + +»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?« + +»So ist es, o Scheik.« + +»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der +Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen +der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Übermacht sollte uns +erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was +die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen +will?« + +Sie sahen zu Boden und antworteten nicht. + +»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet +einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher +sei. Haben eure Anführer dies gethan?« + +»Wir wissen es nicht, o Scheik!« + +»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von +Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das +Thal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle +erhalten könne! Ich werde euch und die euren so behandeln, wie sie es +verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!« + +Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem +Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug. + +»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das +Marameh[153] ab!« + + [153] Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen + wird. + +Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen: + +»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?« + +»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.« + +»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die +Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?« + +»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt +werden.« + +»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür, +Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!« + +»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?« + +»Ich gebiete es dir!« + +»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der +Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht +gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam +sein.« + +Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und +nahm einen Schambijeh[154] hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des +Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes. + + [154] Krummer Dolch. + +»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik. + +»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann +mit ihm den Scheitel und die Schuschah[155] der tapferen Haddedihn +berühren, o Scheik?« + + [155] Haarbüschel auf dem Scheitel. + +»Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen hast!« + +Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die +Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war; +ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch +Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der +Schneide eines Rasiermessers wichen. + +»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen +von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser; +versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!« + +Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch +ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie +wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu +lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es +seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und +daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde. + +»Allah il Allah,« begann er; »es giebt keinen Gott außer Allah. Alles, +was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen +sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die +einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der +Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich, +darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht +auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu +dir gesagt: 'Nanu malihin -- wir haben Salz miteinander gegessen.' +Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich +habe zu dir gesagt: 'Nanu malihin.' Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid +meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe +für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?« + +Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken. + +»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist +das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem +Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder +erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere +Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es giebt einen +Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich +meine?« + +»Ich weiß es.« + +»So sage es.« + +»Das Blut.« + +»Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum Tode, und die +Freundschaft, die durch das Blut geschlossen wird, hört erst auf, wenn +man stirbt. Scheik Malek, gieb mir deinen Arm!« + +Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich handelte. Er entblößte +seinen Unterarm und hielt ihn Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn +leicht mit der Spitze seines Messers und ließ die hervorquellenden +Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gefüllten, hölzernen Becher fallen, +welchen er darunter hielt. Dann winkte er mich herbei. + +»Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein Freund sein und der Freund +dieses Mannes, der sich Scheik Malek el Ateïbeh nennt?« + +»Ich will es.« + +»Willst du es sein bis zum Tode?« + +»Ich will es.« + +»So sind deine Freunde und Feinde auch unsere Freunde und Feinde, und +unsere Freunde und Feinde sind auch deine Freunde und Feinde?« + +»Sie sind es.« + +»So gieb mir deinen Arm!« + +Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und ließ die wenigen +Blutstropfen, welche hervorquollen, in den Becher fallen. Dann that er +dasselbe an seinem Arm und schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut +mit dem Wasser zu vermischen. + +»Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile und genießt ihn +mit dem Gedanken an den Allwissenden, der unsere geheimsten Gedanken +kennt. Wir haben sechs Füße, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs +Lippen, und dennoch sei es nur ein Fuß, ein Arm, ein Auge, ein Ohr und +eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei Köpfe, aber dennoch sei es +nur ein Herz und ein Kopf. Wo der eine ist, da wandeln die andern, und +was der eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gefährten es +thäten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!« + +Er reichte mir den Becher dar. + +»Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt am weitesten von hier; +trink deinen Teil zuerst und reiche dann den Becher unserem Freunde.« + +Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck; Malek folgte mir, +und Mohammed Emin trank den Rest aus. Dann umarmte und küßte er uns, +während er jedem sagte: + +»Jetzt bist du mein Rafik[156], und ich bin dein Rafik; unsere +Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere Wege scheiden mag!« + + [156] Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle + Aschab, das ist Gefährten. + +Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell durch das ganze +Lager, und wer auch nur das kleinste Vorrecht oder die geringste +Vergünstigung zu besitzen glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu +beglückwünschen. Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so daß +wir erst spät wieder nur zu dreien beieinander saßen. + +Wir mußten Scheik Malek eine Beschreibung des Terrains liefern, auf +welchem der Kampf voraussichtlich stattfinden werde, und ihn mit unserem +Verteidigungsplane bekannt machen. Er billigte denselben vollständig und +fragte zuletzt: + +»Können die Feinde nicht nach Norden entweichen?« + +»Sie könnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel Kanuza, das ist also +längs des Wadi Dschehennem, durchbrechen; aber wir werden ihnen auch +diesen Weg verlegen. Scheik Mohammed, hast du angeordnet, daß Werkzeuge +vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?« + +»Es ist geschehen.« + +»Sind die Frauen ausgewählt, welche uns begleiten sollen, um die +Verwundeten zu verbinden?« + +»Sie sind bereit.« + +»So laß Pferde aussuchen für unsern Gefährten und seine Männer. Wir +müssen aufbrechen, denn der Tag wird bald erscheinen.« + + + + +Zehntes Kapitel. + +Der Sieg. + + +Eine halbe Stunde später setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht +etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei +den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel +miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte. + +Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der +Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das +Sanitätscorps zu bilden hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur +Verbindung mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen +dienen sollten. + +Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und +warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein +erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu +sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte. + +Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, daß nichts vorgefallen sei. +Wir erreichten also ohne Störung den langgezogenen Dschebel Deradsch, +hinter welchem sich das fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost +erstreckte. Diejenigen, welche als Schützen ausersehen waren, stiegen +ab; ihre Pferde wurden in gehöriger Ordnung in der Ebene angepflockt, +damit im Falle eines Rückzuges keine Verwirrung entstehen könne. Unweit +davon wurden die Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen +hatten, aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erwähnt, für die +Verwundeten bestimmt. Wasser war in Schläuchen genug, Verbandzeug aber +nur sehr wenig vorhanden, ein Übelstand, welcher mich mit Bedauern +erfüllte. + +Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern verband, hatten +wir natürlich hinter uns hergezogen, so daß wir mit ihnen immer in +Verbindung blieben. Es waren fast stündlich Meldungen von ihnen +angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, daß die Feinde +unseren Anmarsch noch nicht entdeckt hätten. + +Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr +einsilbig verhalten. Es war mir ja keine Zeit übrig geblieben, die ich +ihm hätte widmen können. Jetzt hielt er an meiner Seite. + +»Wo schlagen, Sir? Hier?« fragte er. + +»Nein, hinter dieser Höhe,« antwortete ich. + +»Bei Euch bleiben?« + +»Wie Ihr wollt.« + +»Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?« + +»Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso schießen wie fechten, +wenn es notwendig ist.« + +»Bleibe bei Euch.« + +»So wartet hier. Meine Abteilung hält hier, bis ich sie abhole.« + +»Nicht hinein in das Thal?« + +»Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den Fluß ziehen, um den Feind +zu verhindern, nach Norden zu entkommen.« + +»Wie viel Mann?« + +»Hundert.« + +»#Well#! sehr gut, ausgezeichnet!« + +Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht übernommen. Zwar war +ich Freund und Gefährte der Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch, +Leute, wenn auch im offenen Kampfe, zu töten, die mir nichts gethan +hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern ausgefochten +werden sollte, ging mich persönlich gar nichts an, und da nicht zu +erwarten stand, daß die Feinde sich nach Norden wenden würden, so hatte +ich gebeten, mich der Abteilung anschließen zu dürfen, welche den +Feinden dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten wäre ich am +Verbandplatze zurückgeblieben; dies war aber eine Unmöglichkeit. + +Jetzt führte der Scheik seine Reiterei in das Thal, und ich schloß mich +ihr an. Sie wurde in die beiden Seitenthäler rechts und links verteilt. +Dann folgte die Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die Höhe +rechts, das andere Drittel die Höhe links, um -- hinter den zahlreichen +Felsen versteckt -- den Feind von oben herab fassen zu können; das letzte +Drittel, welches zumeist aus Scheik Malek und seinen Männern bestand, +blieb am Eingange zurück, um denselben zu verbarrikadieren und hinter +dieser Verschanzung hervor den Feind zu begrüßen. Jetzt kehrte ich +zurück und ritt mit meinen hundert Mann davon. + +Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen Thalpaß fanden, welcher +es uns ermöglichte, den Dschebel zu übersteigen. Nach einer Stunde +erblickten wir den Fluß vor uns. Weiter rechts, also nach Süden zu, gab +es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an das Wasser trat, +und also einen Halbkreis bildete, aus welchem heraus sehr schwer zu +entkommen war, wenn man einmal das Unglück gehabt hatte, hinein zu +geraten. Hier postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine +zehnfache Übermacht ohne große Anstrengung aufhalten. + +Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, saßen wir ab und machten es +uns bequem. Master Lindsay fragte mich: + +»Hier bekannt, Sir?« + +»Nein,« antwortete ich. + +»Ob vielleicht Ruinen hier?« + +»Weiß nicht.« + +»Einmal fragen!« + +Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die Antwort übersetzte: + +»Weiter oben.« + +»Wie heißt?« + +»Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.« + +»Fowling-bulls dort?« + +»Hm! Man müßte erst sehen.« + +»Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?« + +»Bis Mittag, auch wohl später. Vielleicht giebt es für uns gar keinen +Kampf.« + +»Werde unterdessen einmal ansehen.« + +»Was?« + +»Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner Museum schicken; +berühmt werden; #well#!« + +»Das wird jetzt nicht gut möglich sein.« + +»Warum?« + +»Weil Ihr von hier bis dorthin gegen fünfzehn englische Meilen zu reiten +hättet.« + +»Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!« + +Er legte sich hinter ein Euphorbiengebüsch, ich aber beschloß, zu +rekognoscieren, gab den Leuten die nötige Weisung und ritt südwärts dem +Flusse entlang. + +Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter Kletterer; +ich konnte es wagen, mit ihm den Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich +denn, als sich mir ein günstiges Terrain bot, zur Höhe empor, um eine +Übersicht zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr den +östlichen Horizont. Da sah ich, daß drüben, jenseits des Flusses, ein +sehr reges Leben herrschte. Am südlichen, also am linken Ufer des Zab +wimmelte die Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia hinab, +und unterhalb des Chelab[157] lagen mehrere große Haufen von +Ziegenschläuchen, aus denen man wohl soeben die Flöße machen wollte, +welche zum Übersetzen der Obeïde dienen sollten. Das diesseitige Ufer +des Tigris konnte ich nicht sehen -- wegen der Höhe, hinter welchem das +Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich mir vor, auch +jene Höhe zu ersteigen. + + [157] Stromschnelle. + +Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt, +und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt +erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom +Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer +hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im +Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger +ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen +Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den +Kavallerie-Hinterhalt. + +Dann richtete ich das Rohr nach Süden. + +Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, daß man bereits im Begriffe stand, +sie abzubrechen. Das waren die Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten +wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert. +Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knieen gelegen, als am +5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen +Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich +machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris +getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra +abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der +Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis +zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana. + +Ich sah, daß die Ziegenhäute aufgeblasen und verbunden wurden, sah die +Reiter, welche, die Pferde an der Hand führend, sich auf die Flöße +begaben; ich sah die Flöße abstoßen und am diesseitigen Ufer landen. Es +war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren +Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine +glänzende Phantasia[158] auszuführen. + + [158] Scheingefecht. + +Das kam erwünscht, daß sie ihre Pferde jetzt so anstrengten; die Tiere +mußten dann, wenn es galt, wohl ermüdet sein. + +So saß ich wohl eine Stunde lang. Die Obeïde waren jetzt alle herüber, +und ich sah, daß sich der Zug nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt +kletterte ich wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zurück. Die +Stunde der Entscheidung war gekommen. + +Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt zu erreichen, von dem +es mir möglich war, von der Höhe hinabzukommen. Schon wollte ich zu +Thale lenken, als ich ganz dort oben am nördlichen Horizont etwas +blitzen sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein +Glasstückchen fiele. Wir konnten den Feind nur von Süden her erwarten, +dennoch aber nahm ich mein Fernrohr zur Hand und suchte die Stelle auf, +an welcher ich den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich +fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl dunkler Punkte, +welche sich abwärts bewegten. Es mußten Reiter sein, und einer von ihnen +war es, dessen Körper das Licht der Sonne reflektierte. + +Waren es Feinde? Sie befanden sich nördlich grad so weit von dem +Verstecke meiner Leute, wie ich südlich von demselben entfernt war. Hier +galt kein Zögern; ich mußte ihnen zuvorkommen. + +Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abwärts stieg, dann aber, als er +die Thalsohle unter den Hufen hatte, wie ein Vogel dahinflog. Ich war +überzeugt, daß ich zur rechten Zeit eintreffen würde. + +Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute zusammen und teilte +ihnen mit, was ich beobachtet hatte. Wir schafften die Pferde aus dem +Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die +Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprunge desselben, während +der andere Teil zurückblieb, um -- hinter Euphorbien und Gummipflanzen +verborgen, den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden. + +Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen. +Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im +Anschlage hielt. + +»Wie viele?« fragte er kurz. + +»Konnte sie nicht genau zählen,« antwortete ich ihm. + +»Ungefähr?« + +»Zwanzig.« + +»Pah! Warum denn so viele Mühe geben?« + +Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine +beiden Diener folgten ihm augenblicklich. + +Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber, +welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich +vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann +hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals +erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die +hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine +Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel. + +Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle +herbeigekommen waren; dann winkte er einem Manne, der sich an seiner +Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule, +als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort +die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den +Engländer in arabischer Sprache: + +»Wer bist du?« + +Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe +Verbeugung, sagte aber kein Wort. + +Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache. + +»Im Inglis -- ich bin ein Engländer,« lautete die Antwort. + +»Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!« klang es jetzt in englischen +Lauten. »Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser +Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen +bitten?« + +»David Lindsay.« + +»Dies sind Ihre Diener?« + +»#Yes!#« + +»Aber was thun Sie hier?« + +»#Nothing# -- nichts.« + +»Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?« + +»#Yes!#« + +»Und welches ist dieser Zweck?« + +»#To dig# -- ausgraben.« + +»Was?« + +»Fowling-bulls.« + +»Ah!« lächelte der Mann überlegen. »Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute +und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?« + +»Mit Dampfer.« + +»Wo ist er?« + +»Nach Bagdad zurück.« + +»So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?« + +»#Yes.#« + +»Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?« + +»Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?« + +Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche +übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann: + +»Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber, +welche da drüben ihre Weideplätze haben.« + +Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des +Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen. + +»Wer Sie?« fragte der Engländer weiter. + +»Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul zu Mossul.« + +»Ah! Wohin?« + +»Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.« + +»Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?« + +»Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren +muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von +dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es, +daß -- -- -- --« + +Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte eines unserer +Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele. Sofort griff der Scheik +in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich +mich. + +»Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!« sagte ich. + +Der Scheik blieb vor Überraschung halten. + +»Wer sind Sie?« fragte der Dolmetscher. »Auch ein Engländer? Sie tragen +sich aber doch genau wie ein Araber!« + +»Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir +wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die +Sitten dieses Landes bekümmern.« + +»Wer ist es?« fragte der Scheik den Griechen. + +»Ein Nemsi.« + +»Sind die Nemsi Gläubige?« + +»Sie sind Christen.« + +»Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?« + +»Ich war in Mekka,« antwortete ich ihm. + +»Du sprichst unsere Sprache?« + +»Ich spreche sie.« + +»Du gehörst zu diesem Inglis?« + +»Ja.« + +»Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?« + +»Bereits mehrere Tage.« + +Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter: + +»Kennst du die Haddedihn?« + +»Ich kenne sie.« + +»Woher hast du sie kennen gelernt?« + +»Ich bin der Rafik ihres Scheik.« + +»So bist du verloren!« + +»Warum?« + +»Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.« + +»Wann?« + +»Sofort.« + +»Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed, war auch +stark!« + +»Was willst du mit ihm?« + +»Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.« + +»Maschallah! Bist du der Mann, welcher den Löwen getötet hat?« + +»Ich bin es.« + +»So bist du mein. _Mir_ entkommst du nicht.« + +»Oder du bist mein und entkommst _mir_ nicht. Sieh dich um!« + +Er that es, bemerkte aber niemand. + +»Auf, ihr Männer!« rief ich laut. + +Sofort erhoben sich sämtliche Haddedihn und legten die Gewehre auf ihn +und seine Leute an. + +»Ah, du bist klug wie ein Abul Hosseïn[159] und tötest die Löwen, mich +aber fängst du nicht!« rief er aus. + + [159] Beiname des Fuchses. + +Er riß den krummen Säbel vom Gürtel, drängte sein Pferd zu mir heran und +holte aus zum tödlichen Hieb. Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu +werden. Ich schoß auf sein Pferd -- dieses überstürzte sich -- er fiel zu +Boden -- und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings begann ein +Ringen, welches mir bewies, daß er ein außerordentlich kräftiger Mann +sei; ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb +auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward. + +Während dieses kurzen Ringens wogte es rund um mich her; aber was da +geschah, das war kein Kampf zu nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen, +nur auf die Pferde zu schießen; infolgedessen wurden gleich durch die +erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang, sämtliche +Pferde der Obeïde entweder getötet oder schwer verwundet. Die Krieger +lagen zu Boden geworfen, und von allen Seiten starrten ihnen die langen, +bewimpelten Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen fünffach +überlegen waren. Selbst der Fluß bot ihnen keine Gelegenheit zum +Entkommen, da unsere Kugeln jeden Schwimmenden erreicht hätten. Als sich +der Knäuel löste, welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen +sie ratlos bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden +Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur mein Wunsch sein, +den Auftritt ohne Blutvergießen zu endigen. + +»Gebt euch keine Mühe, ihr Krieger der Obeïde; ihr seid in unseren +Händen. Ihr seid zwanzig Mann, wir aber zählen über hundert Reiter, und +euer Scheik befindet sich in meiner Hand!« + +»Schießt ihn nieder!« gebot ihnen der Scheik. + +»Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt, so werden diese +beiden Männer euren Scheik töten!« antwortete ich. + +»Schießt ihn nieder, den Dib[160], den Ibn Avah[161], den Erneb![162]« +rief er trotz meiner Drohung. + + [160] Wolf. + + [161] Schakal. + + [162] Hase. + +»Laßt euch dies nicht einfallen; denn auch ihr wäret verloren!« + +»Eure Brüder werden euch und mich rächen!« rief der Scheik. + +»Eure Brüder? Die Obeïde? Vielleicht auch die Abu Hammed und die +Dschowari!« + +Er blickte mich überrascht an. + +»Was weißt du von ihnen?« stieß er hervor. + +»Daß sie in diesem Augenblick von den Kriegern der Haddedihn ebenso +überrumpelt werden, wie ich dich und diese Männer gefangen habe.« + +»Du lügst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden kann. Meine Krieger +werden dich mit allen Söhnen und Töchtern der Haddedihn fangen und +fortführen!« + +»Allah behüte deinen Kopf, daß du die Gedanken nicht verlierst! Würden +wir hier auf dich warten, wenn wir nicht gewußt hätten, was du gegen +Scheik Mohammed unternehmen willst?« + +»Woher weißt du, daß ich am Grabe des Hadschi Ali war?« + +Ich beschloß, auf den Busch zu klopfen -- und erwiderte also: + +»Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Glück für dein Unternehmen zu +erbeten; aber dieses Grab liegt auf dem linken Ufer des Tigris, und du +bist dann an dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu erspähen, wo die +andern Stämme der Schammar sich befinden.« + +Ich sah ihm an, daß ich mit meiner Kombination das Richtige getroffen +hatte. Er stieß trotzdem ein höhnisches Gelächter aus und antwortete: + +»Dein Verstand ist faul und träge wie der Schlamm, der im Flusse liegt. +Gieb uns frei, so soll dir nichts geschehen!« + +Jetzt lachte ich und fragte: + +»Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?« + +»Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann seid ihr verloren!« + +»Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du hast weder gehört noch +gesehen, was vorging, ehe die Deinigen über den Fluß herüber kamen.« + +»Was soll geschehen sein?« fragte er in verächtlichem Ton. + +»Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet habe.« + +»Wo?« + +»Im Wadi Deradsch.« + +Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu: + +»Du siehst, daß euer Plan verraten ist. Du weißt, daß ich bei den Abu +Hammed war. Ehe ich dorthin kam, war ich bei den Abu Mohammed. Sie und +die Alabeïden, die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn +verbunden, euch in dem Wadi Deradsch einzuschließen. Horch!« + +Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu hören. + +»Hörst du diese Schüsse? Sie sind bereits im Thale eingeschlossen und +werden alle niedergemacht, wenn sie sich nicht ergeben.« + +»Allah il Allah!« rief er. »Ist das wahr?« + +»Es ist wahr.« + +»So töte mich!« + +»Du bist ein Feigling!« + +»Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?« + +»Ja. Du bist der Scheik der Obeïde, der Vater deines Stammes; es ist +deine Pflicht, ihm in der Not beizustehen; du aber willst ihn +verlassen!« + +»Bist du verrückt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn ich gefangen bin!« + +»Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale, die nach Blut +lechzen; sie wollen euern Überfall zurückweisen und dann Frieden mit +euch schließen. Bei dieser Beratung darf der Scheik der Obeïde nicht +fehlen.« + +»Noch einmal: sagst du die Wahrheit?« + +»Ich sage sie.« + +»Beschwöre es!« + +»Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt, Bursche!« + +Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher ruhig dagestanden, jetzt +aber sprang er plötzlich auf einen meiner Leute, welche nach und nach +näher getreten waren, um unsere Worte zu verstehen, stieß ihn zur Seite +und eilte davon. Einige Schüsse krachten hinter ihm, aber in der Eile +war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm, den Vorsprung zu +erreichen und hinter demselben zu verschwinden. + +»Schießt jeden nieder, der sich hier rührt!« + +Mit diesen Worten eilte ich dem Flüchtling nach. Als ich den Vorsprung +erreichte, war er bereits über hundert Schritte von demselben entfernt. + +»Bleib stehen!« rief ich ihm nach. + +Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that mir leid, aber ich war +gezwungen, auf ihn zu schießen; doch nahm ich mir vor, ihn nur zu +verwunden, wenn es möglich war. Ich zielte scharf und drückte ab. Er +lief noch eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann stehen. Es war, +als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um seine eigene Achse drehte, +dann fiel er nieder. + +»Holt ihn herbei!« gebot ich. + +Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und trugen ihn herbei. +Die Kugel saß in seinem Oberschenkel. + +»Du siehst, Eslah el Mahem, daß wir Ernst machen. Befiehl deinen Leuten, +sich zu ergeben!« + +»Und wenn ich es ihnen nicht befehle?« fragte er. + +»So zwingen wir sie, und dann fließt ihr Blut, was wir gern vermeiden +wollen.« + +»Willst du mir später bezeugen, daß ich mich nur ergeben habe, weil ihr +fünfmal mehr seid als wir, und weil du mir sagst, daß die Meinen in dem +Wadi Deradsch eingeschlossen sind?« + +»Ich bezeuge es dir!« + +»So gebt eure Waffen ab!« knirschte er. »Aber Allah verderbe dich bis +in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn du mich belogen hast!« + +Die Obeïde wurden entwaffnet. + +»Sir!« rief Lindsay während dieser Beschäftigung. + +»Was?« fragte ich und drehte mich um. + +Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefaßt und meldete: + +»Frißt Papier, der Kerl!« + +Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen in der +zusammengeballten Hand. + +»Geben Sie her!« sagte ich. + +»Nie!« + +»Pah!« + +Ein Druck auf seine Hand -- er schrie vor Schmerz auf und öffnete die +Finger. Das Papier war der Teil eines Briefumschlags und enthielt nur +ein einziges Wort: Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts +und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen oder noch im +Munde. + +»Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!« forderte ich ihn auf. + +Ein höhnisches Lächeln war seine Antwort, und zugleich sah ich, wie er +den Kopf etwas erhob, um leichter schlingen zu können. Sofort faßte ich +ihn bei der Kehle. Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der +Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun, ein +Papierklümpchen ans Tageslicht zu fördern. Die Papierfetzen enthielten +nur wenige Zeilen in Chiffreschrift, und außerdem schien es ganz +unmöglich, die einzelnen Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie +zusammengehörten. Ich faßte den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn: + +»Von wem war dieses Schreiben verfaßt?« + +»Ich weiß es nicht,« antwortete er. + +»Von wem hast du es erhalten?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Lügner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben und zu sterben?« + +Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort: + +»Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden, und ich lasse +dich hier zurück für die Geier und Schakale!« + +»Ich muß schweigen,« sagte er. + +»So schweige auf ewig!« + +Ich erhob mich. Das wirkte. + +»Frage, Effendi!« rief er aus. + +»Von wem hast du diesen Brief?« + +»Vom englischen Vicekonsul in Mossul.« + +»An wen war er gerichtet?« + +»An den Konsul zu Bagdad.« + +»Kennst du seinen Inhalt?« + +»Nein.« + +»Lüge nicht!« + +»Ich schwöre, daß ich keinen Buchstaben zu lesen bekam!« + +»Aber du ahnest, was er enthielt?« + +»Ja.« + +»So rede!« + +»Politik!« + +»Natürlich!« + +»Weiter darf ich nichts sagen.« + +»Hast du einen Schwur abgelegt?« + +»Ja.« + +»Hm! Du bist ein Grieche?« + +»Ja.« + +»Woher?« + +»Aus Lemnos.« + +»Ich dachte es! Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter, +und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die +Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die +ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich +verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele. Du +würdest heute deinen Eid brechen, wenn ich dich zwänge oder dir den +Eidbruch bezahlte, Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul +gebracht? Schweig! Ich ahne es, denn ich weiß, wodurch ihr alles werdet, +was ihr seid! Du magst deinem Eide treu bleiben, denn die Politik, von +der du sprachst, kenne ich! Warum hetzt ihr diese Stämme gegen einander +auf? Warum stachelt ihr einmal den Türken und das andere Mal den Perser +gegen sie auf? Und das thun Christen! Andere, welche die Lehre des +Weltheilandes wirklich befolgen, bringen die Worte der Liebe und des +Erbarmens in dieses Land, und ihr säet Unkraut zwischen den Weizen, daß +er erstickt, eure Saat aber tausendfältige Früchte trägt. Fliehe zu +deinem Popen; er mag für dich um Vergebung bitten! Du hast auch den +Russen gedient?« + +»Ja, Herr.« + +»Wo?« + +»In Stambul.« + +»Wohlan! Ich sehe, daß du wenigstens noch fähig bist, die Wahrheit zu +bekennen, und daher will ich dich nicht der Rache der Haddedihn +übergeben.« + +»Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich dafür segnen!« + +»Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?« + +»Alexander Kolettis.« + +»Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn +früher trug, nichts gemein. Bill!« + +»Sir!« antwortete der Gerufene. + +»Kannst du eine Wunde verbinden?« + +»Das nicht, Sir, aber ein Loch verknüpfen, das kann ich wohl.« + +»Knüpfe es ihm zu!« + +Der Grieche wurde von dem Engländer verbunden. Wer weiß ob ich nicht +anders gehandelt hätte, wenn ich damals gewußt hätte, unter welchen +Umständen ich diesen Menschen später wiedersehen sollte. Ich wandte mich +zu dem gefesselten Scheik: + +»Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und es thut mir leid, einen +mutigen Krieger gefesselt zu sehen. Willst du mir versprechen, stets an +meiner Seite zu bleiben und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?« + +»Warum?« + +»Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.« + +»Ich verspreche es!« + +»Bei dem Barte des Propheten?« + +»Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!« + +»Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!« + +»Schwört mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!« gebot er. + +»Wir schwören es!« ertönte die Antwort. + +»So sollt ihr nicht gebunden werden,« versprach ich ihnen. + +Zugleich löste ich die Bande des Scheik. + +»Sihdi, du bist ein edelmütiger Krieger,« sagte er. »Du hast nur unsere +Tiere töten lassen, uns aber verschont. Allah segne dich, obgleich mein +Pferd mir lieber als ein Bruder war!« + +Ich sah es seinen edlen Zügen an, daß diesem Manne jeder Verrat, jede +Gemeinheit und Treulosigkeit fremd war, und sagte zu ihm: + +»Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angehörigen deines Volkes von +fremden Zungen verleiten lassen; sei später stärker! Willst du dein +Schwert, deinen Dolch und deine Flinte wieder haben?« + +»Das thust du nicht, Effendi!« erwiderte er erstaunt. + +»Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines Stammes sein; ich mag +dich nicht wie einen Huteijeh oder wie einen Chelawijeh[163] behandeln. +Du sollst vor Mohammed Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein +freier Mann, mit den Waffen in der Hand.« + + [163] Verachtete Stämme, die zum Pöbel gerechnet werden, + ungefähr wie die Paria in Indien. + +Ich gab ihm seinen Säbel und auch die anderen Waffen. Er sprang auf und +starrte mich an. + +»Wie ist dein Name, Sihdi?« + +»Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.« + +»Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde, +sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn +glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich +leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei +dir trägst und mit denen du mich töten könntest. Zeige mir deinen +Dolch!« + +Ich that es. Er prüfte die Klinge und meinte dann: + +»Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander; siehe dagegen meinen +Schambijeh!« + +Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk, zweischneidig, leicht +gekrümmt, wunderbar damasciert, und in arabischer Sprache stand zu +beiden Seiten der Wahlspruch: »Nur nach dem Sieg in die Scheide.« Er war +gewiß von einem jener alten, berühmten Waffenschmiede in Damaskus +gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben sind und mit denen sich +jetzt keiner mehr vergleichen kann. + +»Gefällt er dir?« fragte der Scheik. + +»Er ist wohl fünfzig Schafe wert!« + +»Sage hundert oder hundertfünfzig, denn es haben ihn zehn meiner Väter +getragen, und er ist niemals zersprungen. Er sei dein; gieb mir den +deinigen dafür!« + +Das war ein Tausch, den ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich den +Scheik nicht unversöhnlich beleidigen wollte. Ich gab also meinen Dolch +hin. + +»Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde diese Klinge tragen +zum Andenken an dich und zu Ehren deiner Väter!« + +»Sie läßt dich nie im Stiche, so lange deine Hand fest bleibt!« + +Da hörten wir den Hufschlag eines Pferdes und gleich darauf bog ein +Reiter um den Felsenvorsprung, welcher unser Versteck nach Süden +abschloß. Es war kein anderer als mein kleiner Halef. + +»Sihdi, du sollst kommen!« rief er, als er mich erblickte. + +»Wie steht es, Hadschi Halef Omar?« + +»Wir haben gesiegt.« + +»Ging es schwer?« + +»Es ging leicht. Alle sind gefangen!« + +»Alle?« + +»Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el Mahem, der Scheik der +Obeïde, fehlt.« + +Ich wandte mich an diesen: + +»Siehst du, daß ich dir die Wahrheit sagte?« Dann fragte ich Halef: +»Trafen die Abu Mohammed zur rechten Zeit ein?« + +»Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen das Wadi so, daß +kein Feind entkommen konnte. Wer sind diese Männer?« + +»Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.« + +»Deine Gefangenen?« + +»Ja, sie werden mit mir kommen.« + +»Wallah, billah, tillah! Erlaube, daß ich gleich zurückkehre, um diese +Kunde Mohammed Emin und Scheik Malek zu bringen!« + +Er jagte wieder davon. + +Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der Grieche wurde auf +eines derselben gesetzt; die übrigen mußten gehen. So setzte sich der +Zug in Bewegung. Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet +hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein. + +Der bereits erwähnte Thalpaß führte uns auf die andere Seite der Berge; +dann ging es auf der Ebene stracks nach Süden. Wir hatten das Wadi noch +lange nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns entgegen +kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed Emin und die Scheiks der +Abu Mohammed und der Alabeïde-Araber waren es. + +»Du hast ihn gefangen?« rief mir jetzt Mohammed Emin entgegen. + +»Eslah el Mahem? Ja.« + +»Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie viele Männer hat dich der +Kampf gekostet?« + +»Keinen.« + +»Wer wurde verwundet?« + +»Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schuß.« + +»So ist Allah gnädig gewesen mit uns. Wir haben nur zwei Tote und elf +Verwundete.« + +»Und der Feind?« + +»Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest eingeschlossen, daß er +sich nicht zu rühren vermochte. Unsere Schützen trafen gut und konnten +doch nicht selbst getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest +zusammen, wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder, als sie +aus den Schluchten hervorbrachen.« + +»Wo befindet sich der Feind?« + +»Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen abgeben müssen, und keiner +kann entkommen, denn das Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt +sehe ich Eslah el Mahem! Aber wie, er trägt die Waffen?« + +»Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen. Weißt du, daß man den +Tapfern ehren soll?« + +»Er wollte uns vernichten!« + +»Er wird dafür bestraft werden.« + +»Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es gut sein. Komm!« + +Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen folgten uns so schnell wie +möglich. Auf dem Verbandplatz herrschte reges Leben, und vor demselben +bildete eine Anzahl bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte +die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks saßen. Ich wartete, bis +Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend: + +»Willst du bei mir bleiben?« + +Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte: + +»Sie sind meine Verbündeten; ich gehöre zu ihnen.« + +Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite nieder. Es wurde +dabei kein Wort gesprochen, aber man sah es, daß die beiden anderen bei +seinem Erscheinen erschraken. Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige +Hoffnung gesetzt. + +»Führe deine Gefangenen in das Wadi!« sagte Malek. + +Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich mir ein +außerordentlich malerischer Anblick dar. In die Brustwehr war zur +Erleichterung des Verkehrs eine Bresche gerissen; zu beiden Seiten der +Thalwände hatten sich Wachtposten aufgestellt; die ganze Thalsohle +wimmelte von gefangenen Menschen und Pferden, und im Hintergrunde +lagerten diejenigen unserer Verbündeten, welche noch im Wadi Platz +gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene Haddedihn beschäftigt, +die Pferde der Feinde zu sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu +bringen, wo auch die Waffen derselben auf einem einzigen großen Haufen +lagen. + +»Hast du so etwas bereits gesehen?« fragte mich Malek. + +»Noch größeres,« antwortete ich. + +»Ich nicht.« + +»Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?« + +»Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.« + +»Und was wird nun geschehen?« + +»Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia +veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.« + +»Nein das werden wir nicht.« + +»Warum?« + +»Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?« + +»Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle verbittern +werden?« + +»Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?« + +»Was sollte uns abhalten?« + +»Die Arbeit. Freund und Feind muß gelabt werden.« + +»Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun haben.« + +»Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?« + +»Bis sie zurückkehren dürfen.« + +»Und wann soll dies geschehen?« + +»So bald wie möglich; wir hätten nichts zu essen für dieses Heer von +Freunden und Feinden.« + +»Siehst du, daß ich recht habe? Ein Freudenfest soll gefeiert werden, +aber erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Zunächst ist es notwendig, daß +sich die Scheiks versammeln, um über alles zu sprechen, was beschlossen +werden muß, und dann müssen die Beschlüsse schleunigst ausgeführt +werden. Sage den Scheiks, daß sechstausend Menschen nicht viele Tage +hier beisammen sein dürfen!« + +Er ging. Nun trat Lindsay heran. + +»Herrlicher Sieg! Nicht?« meinte er. + +»Sehr!« + +»Wie meine Sache gemacht, Sir?« + +»Ausgezeichnet!« + +»Schön! Hm! Viele Menschen hier.« + +»Man sieht es.« + +»Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen liegen?« + +»Möglich; man müßte sich einmal erkundigen.« + +»Fragt einmal, Sir!« + +»Sobald es möglich ist, ja.« + +»Jetzt gleich, sofort!« + +»Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht ist meine +Anwesenheit bei der Beratung nötig, welche jetzt beginnen wird.« + +»Schön! Hm! Aber nachher fragen! Wie?« + +»Sicher!« + +Ich ließ ihn stehen und schritt zu den Zelten. + +Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den Verbänden zu +verbessern war. Als ich dies besorgt hatte, trat ich in jenes Zelt, in +welchem die Scheiks ihre Besprechung hielten. Diese ging sehr lebhaft +vor sich. Man konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich +glaube, daß ich ihnen willkommen kam. + +»Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara Ben Nemsi,« sagte +Malek. »Du bist in allen Ländern der Erde gewesen und weißt, was recht +und vorteilhaft ist.« + +»Fragt, ich werde antworten!« + +»Wem gehören die Waffen der Besiegten?« + +»Dem Sieger.« + +»Wem ihre Pferde?« + +»Dem Sieger.« + +»Wem ihre Kleider?« + +»Die Räuber nehmen sie ihnen, der wahre Gläubige aber läßt sie ihnen.« + +»Wem gehört ihr Geld, ihr Schmuck?« + +»Der wahre Gläubige nimmt nur ihre Waffen und ihre Pferde.« + +»Wem gehören ihre Herden?« + +»Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so gehören sie ihnen, +aber sie haben die Kosten des Krieges und den jährlichen Tribut davon zu +bezahlen.« + +»Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir haben sie besiegt, und +nun gehört uns ihr Leben und alles, was sie besitzen.« + +»Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du sagst, daß ihr Leben +euch gehöre?« + +»So ist es.« + +»Wollt ihr es ihnen nehmen?« + +»Nein. Wir sind keine Henker und keine Mörder.« + +»Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? Können sie leben ohne die +Herden?« + +»Nein.« + +»Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr ihnen also das Leben. Ja, +ihr beraubt euch in diesem Falle selbst!« + +»Wie?« + +»Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?« + +»Ja.« + +»Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen, wenn er keine Herden hat?« + +»Dein Mund spricht weise und verständig.« + +»Hört weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre Kleider, ihre +Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr sie, zu stehlen und zu rauben, +damit sie nicht verhungern. Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar +zunächst; das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst, der sie +arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und das seid ihr. Was ist besser, +Freunde zum Nachbar zu haben oder Räuber?« + +»Das erstere.« + +»So macht sie zu euren Freunden und nicht zu Räubern! Man nimmt dem +Besiegten nur das, womit er schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und +die Pferde nehmt, so erhaltet ihr zehntausend Stück verschiedene Waffen +und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?« + +»Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.« + +»Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde mehr, um Krieg zu führen. +Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz +begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können; +dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen. Ich habe +gesprochen!« + +»Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man ihnen heute von ihren +Herden?« + +»So viel wie der Schaden beträgt, den euch ihr Überfall gemacht hat.« + +»Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?« + +»Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um +ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu +sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage +vergelten zu können.« + +»Nun bleibt die Blutrache übrig. Wir haben mehrere der ihrigen getötet.« + +»Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen entlassen werden, mögen +die Chamseh und Aaman[164] zusammentreten und den Blutpreis bestimmen. +Ihr habt mehr zu bezahlen, als sie, und könnt es gleich bezahlen von der +Beute, welche ihr macht.« + + [164] Verwandte. + +»Wird man uns die Kriegsentschädigung bringen?« + +»Nein. Ihr müßt sie holen. Die Gefangenen müssen hier bleiben, bis ihr +sie erhalten habt. Und um des Tributes sicher zu sein, müßt ihr stets +einige vornehme Leute der besiegten Stämme als Geiseln bei euch haben. +Zahlt man den Tribut nicht, so kommen diese Geiseln in Gefahr.« + +»Wir würden sie töten. Nun sollst du uns das letzte sagen. Wie verteilen +wir die Kriegsentschädigung und den Tribut unter uns? Das ist sehr +schwer zu bestimmen.« + +»Das ist sogar sehr leicht zu bestimmen, wenn ihr Freunde seid. Die +Entschädigung holt ihr euch, während ihr hier noch beisammen seid, und +dann könnt ihr sie nach den Köpfen verteilen.« + +»So soll es sein!« + +»Nun seid ihr drei Stämme, und sie sind drei Stämme; auch die Zahl der +Mitglieder dieser Stämme ist fast gleich. Warum soll nicht je ein Stamm +von euch von einem Stamme von ihnen den jährlichen Tribut erhalten? Ihr +seid Freunde und Gefährten. Wollt ihr euch um den Schwanz eines Schafes +oder um die Hörner eines Stieres zanken und entzweien?« + +»Du hast recht. Wer aber soll die Kriegsentschädigung von ihren +Weideplätzen holen?« + +»So viele Leute, als dazu erforderlich sind, und dabei sollen zwei +Drittel der eurigen und ein Drittel der ihrigen sein.« + +»Das ist gut. Und was wirst du von dieser Entschädigung erhalten?« + +»Nichts. Ich ziehe weiter und brauche keine Herden. Waffen und ein Pferd +habe ich auch.« + +»Und die drei Männer, welche bei dir sind?« + +»Die werden auch nichts nehmen; sie haben alles, was sie brauchen.« + +»So wirst du nehmen müssen, was wir dir als Dank darbringen werden. Dein +Haupt ist nicht so alt wie eines der unsrigen, aber du hast dennoch +unsern Kriegern gelehrt, wie man über einen großen Feind siegt, ohne +viele Tote zu haben.« + +»Wenn ihr mir danken wollt, so thut denen wohl, welche als eure Feinde +verwundet in euren Zelten liegen, und seht, ob ihr eine Ruine findet, +aus welcher man Figuren und Steine mit fremden Schriften graben kann. +Mein Gefährte wünscht solche Dinge zu sehen. Nun habt ihr gehört, was +ich euch zu sagen habe; Allah erleuchte eure Weisheit, damit ich bald +erfahre, was ihr beschlossen habt!« + +»Du sollst bleiben und mit uns beraten!« + +»Ich kann nichts anderes sagen, als was ich bereits gesagt habe. Ihr +werdet das Richtige treffen.« + +Ich ging hinaus und beeilte mich, den gefangenen Scheiks Datteln und +Wasser zu besorgen. Dann traf ich auf Halef, welcher mich nach dem Wadi +Deradsch begleitete, welches ich jetzt näher in Augenschein nehmen +wollte. Die gefangenen Abu Hammed kannten mich. Einige von ihnen erhoben +sich ehrerbietig, als ich vor ihnen vorüberging, und andere steckten +flüsternd die Köpfe zusammen. Im Hintergrunde wurde ich von den dort +anwesenden Abu Mohammed mit Freuden begrüßt. Sie waren ganz begeistert, +die mächtigen Feinde auf eine so leichte Weise besiegt zu haben. Ich +ging von Gruppe zu Gruppe, und so kam es, daß mehrere Stunden vergangen +waren, als ich die Zelte wieder erreichte. + +Während dieser Zeit hatten die nach dem Weideplatze gesandten Boten +dafür gesorgt, daß das Lager abgebrochen und in die unmittelbare Nähe +des Wadi Deradsch verlegt wurde. Die ganze Ebene wimmelte bereits von +Herden, und nun gab es Hämmel genug zu den Festmahlzeiten, welche heute +abend in jedem Zelte zu erwarten waren. Mohammed Emin hatte mich bereits +gesucht. + +»Dein Wort ist so gut wie deine That,« meinte er. »Es ist befolgt +worden. Die Obeïde werden den Haddedihn, die Abu Hammed den Abu Mohammed +und die Dschowari den Alabeïde den Tribut bezahlen.« + +»Wie viel Kriegsentschädigung entrichten die einzelnen Stämme?« + +Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch nicht grausam; dies +freute mich außerordentlich, zumal ich mir sagen konnte, daß mein Wort +hier nicht ganz ohne Einfluß gewesen war gegenüber den grausamen +Gewohnheiten, welche in solchen Fällen in Anwendung kamen. Von Sklaverei +war keine Rede gewesen. + +»Wirst du mir eine Bitte erfüllen?« fragte der Scheik. + +»Gern, wenn ich kann. Sprich sie aus!« + +»Wir werden einen Teil der Herden der Besiegten holen; dazu brauchen die +Männer, welche wir senden, weise und tapfere Anführer. Ich und Scheik +Malek müssen hier bei den Gefangenen bleiben. Wir brauchen drei +Anführer, einen zu den Obeïde, einen zu den Abu Hammed und einen zu den +Dschowari. Die Scheiks der Abu Mohammed und der Alabeïde sind bereit; +es fehlt uns der dritte. Willst du es sein?« + +»Ich will.« + +»Wohin willst du gehen?« + +»Wohin gehen die andern?« + +»Sie wollen dir die erste Wahl überlassen.« + +»So gehe ich zu den Abu Hammed, weil ich bereits einmal bei ihnen +gewesen bin. Wann sollen wir aufbrechen?« + +»Morgen. Wie viele Männer willst du mit dir nehmen?« + +»Vierzig Mann von den Abu Hammed und sechzig von deinen Haddedihn. Auch +Halef Omar nehme ich mit.« + +»So suche sie dir heraus. Werden die Abu Hammed bewaffnet sein müssen?« + +»Nein, denn dies wäre ein großer Fehler. Seid ihr mit den Scheiks der +Besiegten bereits einig geworden?« + +»Nein. Das wird bis zum letzten Gebete heute geschehen.« + +»Behalte die angesehenen Krieger hier und schicke nur die gewöhnlichen +Männer mit uns fort; diese sind zum Treiben der Herden gut genug.« + +Ich ging, um mir meine Leute auszuwählen; dabei traf ich auf Lindsay. + +»Gefragt, Sir?« redete er mich an. + +»Noch nicht.« + +»Warum nicht?« + +»Ist nicht nötig, denn ich habe den Scheiks Auftrag gegeben, +nachzuforschen.« + +»Herrlich! Prächtig! Scheiks wissen alles! Werde Ruinen finden!« + +»Ich denke es! Wollt Ihr einen interessanten Ritt mitmachen?« + +»Wohin?« + +»Bis unterhalb von El Fattha, wo der Tigris durch die Hamrinberge +geht.« + +»Was dort?« + +»Die Kriegsentschädigung holen, welche in Herden besteht.« + +»Bei wem?« + +»Bei dem Stamme Abu Hammed, der uns damals unsere Pferde raubte.« + +»Köstlich, Sir! Bin dabei! Wie viele Männer mit?« + +»Hundert.« + +»Gut! Prächtig! Imposanter Zug. Ruinen dort?« + +»Mehrere Gräberhügel, aber am linken Ufer.« + +»Kommen nicht hinüber?« + +»Nein.« + +»Schade! Jammerschade! Könnten nachsuchen! Fowling-bulls finden!« + +»Wir werden trotzdem etwas Ausgezeichnetes finden.« + +»Was?« + +»Etwas Leckeres, das wir lange entbehrt haben, nämlich Trüffeln.« + +»Trüffeln? Oh! Ah!« + +Er sperrte den Mund so weit auf, als ob er eine ganze Trüffelpastete auf +einmal verspeisen wolle. + +»Sie wachsen in Haufen in jener Gegend, und ich habe erfahren, daß damit +ein nicht unbedeutender Handel nach Bagdad, Basra, Kerkuk und Sulimaniah +getrieben wird. Sogar bis Kirmanschah sollen sie gehen.« + +»Gehe mit, Sir, gehe mit! Trüffeln! Hm! Prachtvoll!« + +Damit verschwand er, um seinen beiden Dienern die große Neuigkeit +mitzuteilen; ich aber ging, um meine Leute herauszusuchen. + +Bis zum Abend sahen sich die drei besiegten Scheiks wirklich gezwungen, +auf alle Forderungen der Sieger einzugehen, und nun begann ein +Freudenfest, infolgedessen mancher feiste Hammel sein Leben lassen +mußte. Mitten in diesem Jubel lag ich unter duftenden Blüten, umklungen +von tausend Stimmen und doch allein mit meinen Gedanken. Vor vielen +Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren ihre gefürchteten Speere +geschwungen. Hier hatte vielleicht auch das Zelt des Holofernes +gestanden, aus Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und +Edelsteinen geschmückt. Und drüben auf den rauschenden Wellen des +Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche Herodot beschreibt: + +»Die Boote sind von kreisrunder Form und aus Fellen gemacht. Sie werden +in Armenien und in den Gegenden ober Assyrien gebaut. Die Rippen werden +aus Weidenruten und Zweigen gemacht und sind außerhalb mit Fellen +umgeben. Sie sind rund, wie ein Schild, und zwischen Vorderteil und +Hinterteil ist kein Unterschied. Den Boden ihrer Schiffe kleiden die +Schiffer mit Rohr oder Stroh aus, und Kaufmannsgüter, besonders Palmwein +einnehmend, schwimmen sie den Fluß hinunter. Die Boote haben zwei Ruder; +an jedem ist ein Mann. Der eine zieht auf sich zu, und der andere stößt +von sich ab. Diese Schiffe haben verschiedene Maßverhältnisse; einige +sind so groß, daß sie eine Last bis zum Werte von fünftausend Talenten +tragen; die kleineren haben einen Esel an Bord; die größeren mehrere. +Sobald die Bootsleute nach Babylon kommen, verfügen sie über die Waren +und Güter und bieten dann die Rippen und das Rohr des Floßes zum +Verkaufe aus. Mit den Schläuchen beladen sie dann ihre Esel und gehen +mit ihnen nach Armenien zurück, wo sie neue Fahrzeuge bauen.« + +Trotz der Jahrhunderte sind sich diese Fahrzeuge gleich geblieben; aber +die Völker, welche hier lebten, sind verschwunden. Wie wird es sein, +wenn abermals eine solche Zeit vergangen ist? -- -- + +Am andern Vormittage brachen wir auf: ich mit Halef und einem Abu Hammed +als Führer voran, die andern hinter mir. Den Nachtrab machte Sir David +Lindsay. + +Wir kamen zwischen den Kanuza- und Hamrinbergen hindurch und erblickten +bald am linken Ufer Tell Hamlia, einen kleinen, künstlichen Hügel. Am +rechten Ufer lag Kalaat el Dschebbar, »die Burg der Tyrannen«, eine +Ruine, welche aus einigen verfallenen, runden Türmen besteht, die durch +Wälle verbunden sind. Dann erreichten wir Tell Dahab, einen kleinen +Hügel, welcher am linken Ufer des Flusses liegt, und bei Brey el Bad, +einem ziemlich steilen Felsen, machten wir Halt, um das Mittagsmahl +einzunehmen. Gegen Abend gelangten wir nach El Fattha, wo sich der Fluß +einen fünfzig Ellen breiten Weg durch die Hamrinberge zwingt, und als +wir diese Enge überwunden hatten, schlugen wir das Nachtlager auf. Die +Abu Hammed waren unbewaffnet, aber ich teilte die Haddedihn doch in zwei +Hälften, welche abwechselnd zu wachen hatten, damit keiner der +Gefangenen entfliehen solle. Wäre es nur einem einzigen gelungen, so +hätte er seinem Stamme unsere Ankunft verraten, und die besten Tiere +wären dann geflüchtet oder versteckt worden. + +Mit Tagesgrauen brachen wir wieder auf. Der Fluß war breit und bildete +viele Inseln. An dem linken Ufer zogen sich niedrige Hügel hin, am +rechten aber lag die Ebene offen vor uns, und hier sollten sich längs +des Flusses die Abu Hammed gelagert haben. + +»Habt ihr einen Weideplatz oder mehrere?« fragte ich den Führer. + +»Nur einen.« + +Ich sah es ihm an, daß er mir die Unwahrheit sagte. + +»Du lügst!« + +»Ich lüge nicht, Emir!« + +»Nun gut. Ich will mir Mühe geben, dir zu glauben; aber wenn ich +bemerke, daß du mich täuschest, so jage ich dir eine Kugel durch den +Kopf!« + +»Das wirst du nicht thun!« + +»Ich thue es!« + +»Du thust es nicht, denn ich sage dir, daß wir vielleicht zwei Plätze +haben.« + +»Vielleicht?« + +»Oder gewiß; also zwei.« + +»Oder drei!« + +»Nur zwei!« + +»Gut. Wenn ich aber drei finde, so bist du verloren!« + +»Verzeihe, Emir! Sie könnten ja unterdessen noch einen gefunden haben. +Dann sind es drei.« + +»Ah! Vielleicht sind es vier?« + +»Du wirst noch zehn haben wollen!« + +»Du bist ein Abu Hammed und willst nicht gern verlieren, was du +zusammengeraubt hast. Ich werde nicht weiter in dich dringen.« + +»Wir haben vier, Emir,« sagte er ängstlich. + +»Gut. Schweige nun, denn ich werde mich selbst überzeugen!« + +Ich hatte unterdessen den Horizont mit meinem Rohre abgesucht und in der +Ferne einige bewegliche Punkte entdeckt. Ich rief denjenigen Haddedihn +herbei, welcher die Leute unter mir befehligte. Er war ein wackerer und +entschlossener Krieger, den ich für vollständig zuverlässig hielt. + +»Wir haben vierzig Abu Hammed bei uns. Glaubst du, sie mit dreißig +unserer Leute sicher bewachen zu können?« + +»Mit zehn, Emir. Sie haben ja keine Waffen!« + +»Ich werde jetzt mit Hadschi Halef Omar vorwärts reiten, um Kunde +einzuziehen. Wenn die Sonne gerade über jenem Strauche steht und ich bin +nicht zurück, so sendest du mir dreißig Haddedihn nach, welche mich +suchen müssen!« + +Ich rief dem Engländer, und er kam mit seinen beiden Dienern heran. Ich +sagte ihm: + +»Ich habe Euch einen sehr wichtigen Posten anzuvertrauen.« + +»#Well!#« antwortete er. + +»Ich werde jetzt einmal voranreiten, um zu sehen, wie weit sich die +Weideplätze der Abu Hammed ausdehnen. Bin ich in zwei Stunden noch nicht +zurück, so kommen mir dreißig Mann der Unseren nach.« + +»Ich mit?« + +»Nein. Ihr bleibt bei den übrigen zurück, um die Gefangenen zu bewachen. +Wenn einer Miene macht, zu entfliehen, so schießt Ihr ihn nieder.« + +»#Yes!# Wenn einer flieht, schieße alle nieder.« + +»Gut, aber mehr nicht!« + +»#No.# Aber Sir, wenn mit den Abu Hammed reden, dann einmal fragen!« + +»Was?« + +»Nach Ruinen und Fowling-bulls.« + +»Gut. Vorwärts, Halef!« + +Wir galoppierten über die Ebene hin und grad auf die Punkte zu, welche +ich gesehen hatte. Es war eine weidende Schafherde, bei welcher ein +alter Mann stand. + +»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn. + +»Aaleïkum!« antwortete er, sich tief verneigend. + +»Ist Friede auf deiner Weide?« + +»Es ist Friede da, o Herr. Bringst du auch Frieden?« + +»Ich bringe ihn. Du gehörst zum Stamme der Abu Hammed?« + +»Du sagst es.« + +»Wo ist euer Lager?« + +»Da unten hinter der Krümmung des Flusses.« + +»Habt ihr mehrere Weideplätze?« + +»Warum fragst du, o Herr?« + +»Weil ich eine Botschaft an alle deines Stammes auszurichten habe.« + +»Von wem?« + +»Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.« + +»Hamdulillah! Du wirst eine frohe Botschaft bringen.« + +»Ich bringe sie. Also sag', wie viele Weideplätze ihr habt.« + +»Sechs. Drei hier am Flusse hinab und drei auf den Inseln im Strome.« + +»Sind alle Inseln hier euer Eigentum?« + +»Alle.« + +»Sind sie alle bewohnt?« + +»Alle, bis auf eine.« + +Es lag etwas in dem Tone dieser Antwort und in dem Gesichte des Alten, +was mich aufmerksam machte; ich ließ mir aber nichts merken und fragte: + +»Wo liegt diese eine?« + +»Grad gegenüber von uns liegt die erste, und die ich meine, das ist die +vierte, o Herr.« + +Ich beschloß im stillen, auf diese Insel ein scharfes Auge zu haben, +laut aber erkundigte ich mich: + +»Warum ist sie nicht bewohnt?« + +»Weil man sehr schwer zu ihr gelangen kann, da der Strom gefährlich +ist.« + +Hm! Dann hätte sie ja recht gut die Eigenschaft, als Aufenthaltsort für +Gefangene zu dienen! So dachte ich und fuhr zu fragen fort: + +»Wie viele Männer sind in euerm Lager?« + +»Bist du wirklich ein Abgesandter des Scheik, o Herr?« + +Dieses Mißtrauen vermehrte natürlich auch das meinige. + +»Ich bin es. Ich habe mit ihm und mit den Scheiks der Obeïde und der +Dschowari gesprochen.« + +»Was bringst du für eine Botschaft?« + +»Die Botschaft des Friedens.« + +»Warum hat er keinen Mann seines Stammes gesandt?« + +»Die Männer der Abu Hammed kommen gleich hinter mir.« + +Ich wollte nicht weiter in ihn dringen und ritt also weiter, aber ganz +nahe an das Ufer des Flusses, um die Inseln zu zählen. Als wir die +dritte hinter uns hatten, machte der Fluß eine Krümmung, und nun lagen +die Zelte des Lagers vor unsern Augen. Die ganze Ebene rings umher war +von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen angefüllt. Pferde sah ich nur +wenige. Ebenso erblickte ich nur wenige Männer, die noch dazu alt und +kraftlos, also ungefährlich waren. Wir ritten in die Zeltgasse ein. + +Vor einem der Zelte stand ein junges Mädchen, welches ein dort +angebundenes Pferd liebkoste. Als es mich erblickte, stieß es einen +Schrei aus, sprang zu Pferde und jagte davon. Sollte ich der Flüchtigen +nachreiten? Ich that es nicht; es würde auch nicht viel gefruchtet +haben, denn ich wurde jetzt von allen umringt, welche im Lager anwesend +waren: von Greisen, Kranken, Frauen und Mädchen. Ein Greis legte die +Hand auf den Hals meines Pferdes und fragte: + +»Wer bist du, Herr?« + +»Ich bin ein Bote, den euch Zedar Ben Huli sendet.« + +»Der Scheik! Mit welcher Botschaft sendet er dich?« + +»Das werde ich euch sagen, wenn alle hier versammelt sind. Wie viele +Krieger hat er hier zurückgelassen?« + +»Fünfzehn junge Männer. Ajehma wird fortgeritten sein, um sie zu +holen.« + +»So erlaube, daß ich absteige. Du aber« -- und nun wandte ich mich an +Halef -- »reite sofort weiter, denn die Dschowari müssen dieselbe +Botschaft empfangen.« + +Halef wandte sein Pferd und sprengte davon. + +»Kann dein Gefährte nicht hier bleiben, um sich auszuruhen und Speise zu +nehmen?« fragte der Alte. + +»Er ist nicht müde und nicht hungrig, und sein Auftrag leidet kein +Zögern. Wo befinden sich die jungen Krieger?« + +»Bei der Insel.« + +Ah, wieder diese Insel! + +»Was thun sie dort?« + +»Sie« -- -- er stockte und fuhr dann fort: -- »Sie weiden die Herde.« + +»Ist diese Insel weit von hier?« + +»Nein. Siehe, da kommen sie bereits!« + +Wirklich kam ein Trupp Bewaffneter vom Flusse her auf uns zugesprengt. +Es waren die Jüngsten des Stammes, fast noch Knaben; sie und die Alten +hatte man zurückgelassen. Sie hatten keine Schießgewehre, sondern nur +Spieße und Keulen. Der Vorderste und zugleich auch der Ansehnlichste von +ihnen erhob die Keule im Reiten und schleuderte sie nach mir, indem er +rief: + +»Hund, du wagst es, zu uns zu kommen?« + +Ich hatte zum Glück die Büchse vorgenommen und konnte mit ihrem Kolben +den Wurf parieren; aber die Lanzen sämtlicher Knaben waren auf mich +gerichtet. Ich machte mir nicht sehr viel daraus, gab vielmehr meinem +Rappen die Schenkel und drängte ihn hart an das Roß des Angreifers. Er +allein von allen mochte das zwanzigste Jahr erreicht haben. + +»Knabe, du wagst es, einen Gast deines Stammes anzugreifen?« + +Mit diesen Worten riß ich ihn zu mir herüber und setzte ihn vor mir auf +den Hengst. Er hing an meiner Hand mit schlaffen Gelenken wie ein +Gliedermann; die Angst war ihm in den Leib gefahren. + +»Nun stecht, wenn ihr jemand töten wollt!« fügte ich hinzu. + +Sie hüteten sich wohl, dies zu thun, denn er bildete einen Schild vor +mir; aber die wackern Knaben waren nicht ganz unentschlossen. Einige von +ihnen stiegen vom Pferde und versuchten, von der Seite oder von hinten +an mich zu kommen, während die andern mich vorn beschäftigten. Sollte +ich sie verwunden? Es wäre jammerschade gewesen. Ich drängte daher das +Pferd hart an eines der Zelte, daß ich den Rücken frei bekam, und frug: + +»Was habe ich euch gethan, daß ihr mich töten wollt?« + +»Wir kennen dich,« antwortete einer. »Du sollst uns nicht wieder +entkommen, du Mann mit der Löwenhaut!« + +»Du sprichst sehr kühn, du Knabe mit der Lämmerhaut!« + +Da hob eine alte Frau heulend ihre Hände empor und rief: + +»Ist es dieser? O, thut ihm nichts, denn er ist fürchterlich!« + +»Wir töten ihn!« antwortete die Bande. + +»Er wird euch zerreißen, und dann durch die Luft davonreiten!« + +»Ich werde nicht davonreiten, sondern bleiben,« antwortete ich und +schleuderte nun meinen Gefangenen mitten unter die Angreifenden hinein. +Dann glitt ich vom Pferde und trat in das Zelt. Mit einem Schnitte +meines Dolches erweiterte ich den Eingang so, daß ich das Tier, welches +ich keiner Gefahr aussetzen wollte, zu mir hereinziehen konnte. Nun war +ich vor den Stichen dieser Wespen so ziemlich geborgen. + +»Wir haben ihn! Hamdulillah, wir haben ihn!« jubelte es draußen. + +»Umgebt das Zelt, laßt ihn nicht heraus!« rief eine andere Stimme. + +»Schießt ihn durch die Wände tot!« ertönte ein Ruf. + +»Nein, wir fangen ihn lebendig. Er hat den Rappen bei sich; den dürfen +wir nicht verletzen; der Scheik will ihn haben!« + +Daß sich keiner zu mir hereinwagen würde, konnte ich mir denken; daher +setzte ich mich gemütlich nieder und langte nach dem kalten Fleisch, +welches auf einer Platte in meiner Nähe lag. Übrigens dauerte diese +unfreiwillige Einquartierung nicht sehr lange; Halef hatte sein Pferd +angestrengt, und gar bald erdröhnte der Boden unter dem Galoppe von +dreißig Berittenen. + +»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig!« hörte ich rufen. »Das sind +Feinde!« + +Ich trat aus dem Zelte. Von der ganzen Bevölkerung des Lagers war nicht +eine einzige Person mehr zu sehen. Alle hatten sich in die Zelte +verkrochen. + +»Sihdi!« rief laut die Stimme Halefs. + +»Hier, Hadschi Halef Omar!« + +»Hat man dir etwas gethan?« + +»Nein. Besetzt das Lager, daß niemand entkommt! Wer zu entfliehen sucht, +wird niedergestoßen!« + +Diese Worte waren laut genug gesprochen, um von allen gehört zu werden. +Ich wollte nur drohen. Dann sandte ich Halef von einem Zelte zum andern, +um sämtliche Greise herbeizuführen; die fünfzehn Knaben brauchte ich +nicht. Es dauerte lange, bis die Alten beisammen waren; sie hatten sich +versteckt und kamen nur mit Zittern und Zagen herbei. Als sie in +ängstlicher Erwartung um mich herum saßen, begann ich die Unterhaltung. + +»Habt ihr die Tättowierung meiner Leute auch gesehen?« + +»Ja, Herr.« + +»So habt ihr ihren Stamm erkannt?« + +»Ja. Es sind Haddedihn, Herr.« + +»Wo sind eure Krieger?« + +»Du wirst es wissen, Herr.« + +»Ja, ich weiß es, und ich will es euch sagen: Alle sind gefangen von den +Haddedihn, und nicht ein einziger ist entkommen.» + +»Allah kerihm!« + +»Ja, Allah möge ihnen und euch gnädig sein!« + +»Er lügt!« flüsterte einer von ihnen, dem das Alter den Mut noch nicht +geknickt hatte. + +Ich drehte mich zu ihm: + +»Du sagst, daß ich lüge? Dein Haar ist grau, und dein Rücken beugt sich +unter der Last der Jahre; daher will ich dir die Worte verzeihen. Warum +meinst du, daß ich dich belüge?« + +»Wie können die Haddedihn drei ganze Stämme gefangen nehmen?« + +»Du würdest es glauben, wenn du wüßtest, daß sie nicht allein gewesen +sind. Sie waren mit den Abu Mohammed und den Alabeïde verbunden. Sie +wußten alles, und als ich von euren Kriegern gefangen genommen wurde, +kam ich von den Abu Mohammed, wo ich gewesen war, um den Krieg mit ihnen +zu besprechen. Im Wadi Deradsch haben wir die Euren empfangen, und es +ist kein einziger entkommen. Hört, welchen Befehl ich gebe!« + +Ich trat unter den Eingang des Zeltes, in welchem wir uns befanden, und +winkte Halef herbei. + +»Reite zurück und hole die gefangenen Abu Hammed herbei!« + +Sie erschraken jetzt wirklich, und der Alte fragte: + +»Ist es möglich, Herr?« + +»Ich sage die Wahrheit. Die sämtlichen Krieger eures Stammes sind in +unserer Hand. Entweder werden sie getötet oder ihr bezahlt das Lösegeld, +welches für sie gefordert wird.« + +»Auch Scheik Zedar Ben Huli ist gefangen?« + +»Auch er.« + +»So hättest du wegen des Lösegeldes mit ihm reden sollen!« + +»Ich habe es gethan.« + +»Was sagte er?« + +»Er will es zahlen und hat mir vierzig von euren Leuten mitgegeben, +welche jetzt kommen, um es zu holen.« + +»Allah schütze uns! Wie hoch ist es?« + +»Das werdet ihr hören. Wie viel Stück zählen eure Herden?« + +»Wir wissen es nicht!« + +»Ihr lügt! Ein jeder kennt die Zahl der Tiere, welche seinem Stamm +gehören. Wie viel Pferde habt ihr?« + +»Zwanzig, außer denen, die mit in den Kampf gezogen sind.« + +»Diese sind für euch verloren. Wie viele Kamele?« + +»Dreihundert.« + +»Rinder?« + +»Zwölfhundert.« + +»Esel und Maultiere?« + +»Vielleicht dreißig.« + +»Schafe?« + +»Neuntausend.« + +»Euer Stamm ist nicht reich. Das Lösegeld wird betragen: zehn Pferde, +hundert Kamele, dreihundert Rinder, zehn Esel und Maultiere und +zweitausend Schafe.« + +Da erhoben die Alten ein fürchterliches Wehgeheul. Sie thaten mir +allerdings sehr leid, aber ich konnte ja nichts ändern, und wenn ich +diese Ziffern mit denen verglich, welche unter andern Verhältnissen +aufgestellt worden wären, so fühlte ich mich in meinem Gewissen +vollständig beruhigt. Um dem Jammergeschrei ein Ende zu machen, rief ich +in etwas barschem Tone: + +»Still! Scheik Zedar Ben Huli hat es genehmigt.« + +»Wir können so viel nicht geben!« lautete die Antwort. + +»Ihr könnt es! Was man geraubt hat, das kann man sehr leicht wieder +hergeben!« + +»Wir haben nichts geraubt. Warum willst du uns für Haremi[165] halten?« + + [165] Räuber. Dieses Wort ist übrigens eine Ehrenbezeichnung bei + den Beduinen. + +»Seid still! Wurde ich nicht selbst von euch angefallen?« + +»Es geschah zum Scherze, Herr!« + +»Dann treibt ihr einen gefährlichen Scherz. Wie viele Weideplätze habt +ihr?« + +»Sechs.« + +»Auch auf Inseln?« + +»Ja.« + +»Auch auf der Insel, bei welcher vorhin eure jungen Männer waren?« + +»Nein.« + +»Man sagte mir doch, daß sie dort die Herden weideten! Ihr habt den Mund +ganz voller Unwahrheit! Wer befindet sich auf dieser Insel?« + +Sie sahen sich verlegen an, dann antwortete der Sprecher: + +»Es sind Männer da.« + +»Was für Männer?« + +»Fremde.« + +»Wo sind sie her?« + +»Wir wissen es nicht.« + +»Wer weiß es sonst?« + +»Nur der Scheik.« + +»Wer hat diese Männer zu euch gebracht?« + +»Unsere Krieger.« + +»Eure Krieger! Und nur der Scheik weiß es, wo sie her sind? Ich sehe, +daß ich von euch dreitausend Schafe verlangen muß -- statt zweitausend! +Oder wollt ihr nicht lieber sprechen?« + +»Herr, wir dürfen nicht!« + +»Warum nicht?« + +»Der Scheik würde uns bestrafen. Sei barmherzig mit uns!« + +»Ihr habt recht; ich will euch diese Verlegenheit ersparen.« + +Da kam es zwischen den Zelten herangetrabt: es waren die Gefangenen mit +ihrer Bedeckung. Bei diesem Anblick erhob sich, ohne daß sich jemand +sehen ließ, in allen Zelten ein großes Klagegeschrei. Ich stand auf. + +»Jetzt könnt ihr sehen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Vierzig +von euren Kriegern sind da, um das Lösegeld zu holen. Geht jetzt in die +Zelte und holt alle Bewohner des Lagers hinaus vor dasselbe; es soll +ihnen nichts geschehen, aber ich habe mit ihnen zu reden.« + +Es machte einige Mühe, diese Menge von Greisen, Frauen und Kindern zu +versammeln. Als sie beisammen waren, trat ich zu den Gefangenen: + +»Seht hier eure Väter, eure Mütter, Schwestern und Kinder! Sie sind in +meiner Hand und ich werde sie gefangen fortführen, wenn ihr den +Befehlen ungehorsam seid, die ihr jetzt erhaltet. Ihr habt sechs +Weideplätze, die alle in der Nähe sind. Ich teile euch in sechs Haufen, +von denen sich ein jeder unter der Aufsicht meiner Krieger nach einem +der Plätze begiebt, um die Tiere hierher zu treiben. In einer Stunde +müssen alle Herden hier beisammen sein!« + +Wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Abu Hammed verteilten sich +unter der Aufsicht der Haddedihn, und nur zwölf Männer behielt ich von +den letzteren zurück. Bei ihnen war Halef. + +»Ich werde mich jetzt entfernen, Halef,« sagte ich ihm. + +»Wohin, Sihdi?« fragte er. + +»Nach der Insel. Du wirst hier auf Ordnung sehen und dann später die +Auswahl der Tiere leiten. Sorge dafür, daß diesen armen Leuten nicht +bloß die besten genommen werden. Die Ausscheidung soll gerecht +geschehen.« + +»Sie haben es nicht verdient, Sihdi!« + +»Aber ich will es so. Verstehst du, Halef?« + +Master Lindsay kam heran. + +»Habt Ihr gefragt, Sir?« + +»Noch nicht.« + +»Nicht vergessen, Sir!« + +»Nein. Ich habe Euch wieder einen Posten anzuvertrauen.« + +»#Well!# Welchen?« + +»Seht darauf, daß keine dieser Frauen entflieht!« + +»#Yes!#« + +»Wenn eine von ihnen Miene macht, davon zu laufen, so -- -- --« + +»Schieße ich sie nieder!« + +»O nein, Mylord!« + +»Was denn?« + +»So laßt Ihr sie laufen!« + +»#Well#, Sir!« + +Diese zwei Worte brachte er heraus, aber den Mund brachte er nicht +wieder zu. Ich war übrigens fest überzeugt, daß schon der bloße Anblick +von Sir David Lindsay den Frauen jede Absicht zur Flucht benehmen werde. +In seinem karrierten Anzuge mußte er ihnen wie ein Ungeheuer vorkommen. + +Jetzt nahm ich zwei Haddedihn mit mir und schritt dem Flusse zu. Hier +hatte ich die vierte Insel vor mir. Sie war lang und schmal und mit +dichtem Rohr bewachsen, welches die Höhe eines Mannes weit überragte. +Ich konnte kein lebendes Wesen erblicken, aber sie barg ein Geheimnis, +das ich unbedingt ergründen mußte. Daß ich keinen der Abu Hammed +mitgenommen hatte, war geschehen, um niemand für spätere Zeit in Schaden +zu bringen. + +»Sucht nach einem Floß!« gebot ich den beiden. + +»Wohin willst du?« + +»Nach dieser Insel.« + +»Emir, das ist nicht möglich!« + +»Warum?« + +»Siehst du nicht die reißende Strömung zu ihren beiden Seiten? Es würde +jedes Floß an ihr zerschellen.« + +Der Mann hatte recht, aber dennoch hegte ich die Überzeugung, daß irgend +ein Verkehr zwischen dem Ufer und dieser Insel stattfinden müsse, und +als ich schärfer hinblickte, bemerkte ich, daß an ihrer oberen Spitze +das Rohr niedergetreten war. + +»Blickt dahin! Seht ihr nicht, daß dort Menschen gewesen sind?« + +»Es scheint so, Emir.« + +»So muß auch ein Fahrzeug vorhanden sein.« + +»Es würde zerschellen; das ist sicher!« + +»Sucht!« + +Sie gingen nach rechts und links am Ufer hinab und hinauf, kehrten aber +unverrichteter Sache zurück. Jetzt suchte ich selbst mit, lange +vergeblich. Endlich aber entdeckte ich -- -- zwar kein Floß und keinen +Kahn, aber eine Vorrichtung, deren Zweck mir sofort einleuchtete. An den +Stamm eines Baumes, welcher oberhalb der Insel hart am Wasser stand, war +ein langes, starkes Palmfaserseil befestigt. Das eine Ende desselben +schlang sich um den Stamm, das Seil selbst aber war unter dem daneben +wuchernden dichten Gestrüpp versteckt. Als ich es hervorzog, zeigte sich +an dem andern Ende ein jetzt zusammengesunkener Schlauch, aus einer +Bockshaut gefertigt, und über demselben war ein Querholz angebracht, +welches jedenfalls dazu dienen sollte, sich mit den Händen daran +festzuhalten. + +»Seht, hier ist das Floß. Dieses kann allerdings nicht zerschellen. Ich +werde hinüberschwimmen, während ihr hier wacht, daß ich nicht gestört +werde.« + +»Es ist gefährlich, Emir!« + +»Andere sind auch hinübergekommen.« + +Ich warf die Oberkleider ab und blies den Schlauch auf. Die Öffnung +wurde mit einer daran befestigten Schnur verschlossen. + +»Haltet das Seil und laßt es langsam durch die Hände laufen!« + +Ich faßte das Querholz fest und glitt in das Wasser. Sofort ergriff mich +die Strömung, welche so stark war, daß ein Mann alle seine Kräfte +anstrengen mußte, um das Seil halten zu können. Einen Menschen von +drüben herüber holen, dazu gehörten wohl die vereinigten Kräfte von +mehreren Männern. Ich mußte nach jenseits der Insel halten; es gelang, +und ich landete glücklich, obgleich ich einen tüchtigen Stoß erhielt. +Meine erste Sorge war, das Seil so zu befestigen, daß es mir nicht +abhanden kommen konnte; dann ergriff ich den Dolch, welchen ich zu mir +gesteckt hatte. + +Von der Spitze der Insel führte durch das Rohrdickicht ein schmaler, +ausgetretener Pfad, auf welchem ich bald vor eine kleine, aus Bambus, +Schilf und Binsen gefertigte Hütte kam. Sie war so niedrig, daß kein +Mensch in ihr zu stehen vermochte. Ihr Inneres enthielt nichts als +einige Kleidungsstücke. Ich betrachtete dieselben genau und bemerkte, +daß es die zerfetzten Anzüge von drei Männern waren. Keine Spur zeigte, +daß die Besitzer derselben noch vor kurzer Zeit hier anwesend gewesen +seien; aber der Pfad führte weiter. + +Ich folgte ihm, und bald war es mir, als ob ich ein Stöhnen hörte. Ich +hastete vorwärts und gelangte an eine Stelle, wo das Rohr abgehauen war. +Auf dieser kleinen Blöße bemerkte ich -- -- drei Menschenköpfe, welche mit +dem Halse auf den Erdboden gestellt waren; so wenigstens schien es mir. +Sie waren ganz unförmlich aufgeschwollen, und die Ursache davon ließ +sich sehr leicht erkennen; denn bei meiner Ankunft erhob sich eine +dichte Wolke von Moskitos und Schnaken in die Luft. Augen und Mund waren +geschlossen. Waren das Totenköpfe, welche man aus irgend einem Grunde +hierher gestellt hatte? + +Ich bückte mich nieder und berührte einen derselben. Da hauchte ein +leiser Wehelaut zwischen den Lippen hervor, und die Augen öffneten sich +und starrten mich mit einem gläsernen Blick an. Ich war wohl in meinem +Leben selten über ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte ich mich so +sehr, daß ich mehrere Schritte zurückwich. + +Ich trat wieder näher und untersuchte die Sache. Wahrhaftig, drei +Männer waren eingegraben, lebendig eingegraben in den feuchten, fauligen +Boden bis an die Köpfe. + +»Wer seid ihr?« fragte ich laut. + +Da öffneten alle drei die Augen und stierten mich mit wahnsinnigen +Blicken an. Die Lippen des einen thaten sich auf: + +»Oh Adi!« ächzte er langsam. + +Adi? Ist dies nicht der Name des großen Heiligen der Dschesidi, der +sogenannten Teufelsanbeter? + +»Wer hat euch hierher gebracht?« fragte ich weiter. + +Wieder öffnete sich der Mund, aber er war nicht mehr im stande, einen +Laut hören zu lassen. Ich arbeitete mich durch das dichte Röhricht nach +dem Ufer der Insel und füllte beide Hände mit Wasser. Rasch kehrte ich +zurück und flößte das Naß den Gemarterten ein. Sie schlürften es mit +Gier. Ich konnte nur wenig auf einmal bringen, da es mir unterwegs +zwischen den Fingern durchtropfte, und so mußte ich sehr oft hin und her +gehen, ehe sie ihren fürchterlichen Durst gestillt hatten. + +»Giebt es hier eine Hacke?« fragte ich. + +»Mitgenommen,« flüsterte der eine. + +Ich rannte nach der oberen Spitze der Insel. Drüben standen noch meine +Begleiter. Ich legte die Hand an den Mund, um das Rauschen des Wassers +zu übertönen, und rief ihnen zu: + +»Holt einen Spaten, eine Hacke und die drei Engländer, aber ganz +heimlich!« + +Sie verschwanden. Halef durfte ich nicht herbescheiden, weil er drüben +notwendig war. Ich wartete mit Ungeduld -- endlich aber erschienen die +Haddedihn mit den drei Verlangten und auch mit einem Werkzeuge, welches +einer Hacke ähnlich sah. + +»Sir David Lindsay!« rief ich hinüber. + +»#Yes!#« antwortete er. + +»Schnell herüber! Bill und der andere auch! Bringt die Hacke mit!« + +»Meine Hacke? Fowling-bulls gefunden?« + +»Werden sehen!« + +Ich machte den Schlauch los und schob ihn in das Wasser. + +»Zieht an!« + +Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel. + +»Wo?« fragte er. + +»Warten! Erst die anderen auch herüber!« + +»#Well!#« + +Er winkte den Leuten drüben, sich zu sputen, und endlich standen die +beiden kräftigen Burschen an unserer Seite. Bill hatte die Hacke bei +sich. Ich befestigte den Schlauch wieder. + +»Kommt, Sir!« + +»Ah! Endlich!« + +»Sir David Lindsay, wollt Ihr mir verzeihen?« + +»Was?« + +»Ich habe keine Fowling-bulls gefunden.« + +»Keine?« -- Er blieb stehen und riß den Mund weit auf. »Keine? Ah!« + +»Aber ich habe etwas ganz Entsetzliches entdeckt! Kommt!« + +Ich ergriff die Hacke und schritt voran. + +Mit einem Ausrufe des Entsetzens prallte der Engländer zurück, als wir +den Platz erreichten. Jetzt war der Anblick allerdings fast noch +schrecklicher als vorher, da die drei die Augen offen hatten und die +Köpfe bewegten, um den Insektenschwarm von sich abzuhalten. + +»Man hat sie eingegraben!« sagte ich. + +»Wer?« fragte Lindsay. + +»Weiß es nicht, werden es erfahren.« + +Ich gebrauchte die Hacke mit solcher Hast, und die andern scharrten und +kratzten mit den Händen dazu, daß wir bereits nach einer Viertelstunde +die drei Unglücklichen vor uns liegen hatten. Sie waren von allen +Kleidern entblößt, und die Hände und Füße hatte man ihnen mit +Baststricken zusammengebunden. Ich wußte, daß die Araber ihre Kranken +bei gewissen schlimmen Krankheiten bis an den Kopf in die Erde graben +und diesem sogenannten »Einpacken« eine bedeutende Heilkraft +zuschreiben; aber diese Männer waren gefesselt, also nicht krank +gewesen. + +Wir trugen sie an das Wasser und überspritzten sie. Dies erfrischte ihre +Lebensgeister. + +»Wer seid ihr?« fragte ich. + +»Baadri!« klang die Antwort. + +Baadri? Das war ja der Name eines Dorfes, welches ausschließlich von +Teufelsanbetern bewohnt wurde! Ich hatte also doch wohl mit meinen +Vermutungen das Richtige getroffen. + +»Hinüber mit ihnen!« befahl ich. + +»Wie?« frug der Engländer. + +»Ich schwimme zuerst hinüber, um ziehen zu helfen, und nehme zugleich +ihre Kleider mit. Ihr kommt dann nach, ein jeder mit einem von ihnen.« + +»#Well!# Wird aber nicht leicht sein.« + +»Ihr nehmt ihn quer vor euch über die Arme.« + +Ich rollte die Kleider wie einen Turban zusammen und nahm diesen auf den +Kopf. Dann ließ ich mich an das Ufer ziehen. Was nun kam, das war für +mich und die beiden Haddedihn eine sehr harte Arbeit, für die andern +aber außerordentlich gefährlich; dennoch gelang es uns, alle sechs +glücklich an das Ufer zu bringen. + +»Zieht ihnen die Kleider an! Dann bleiben sie heimlich hier liegen. +Ihr, Sir David, werdet ihnen im stillen Nahrung bringen, während die +andern sie bewachen.« + +»#Well!# Fragt, wer sie eingegraben hat.« + +»Der Scheik natürlich.« + +»Tot schlagen den Kerl!« + +Dieses letzte Abenteuer hatte über eine Stunde Zeit in Anspruch +genommen. Als wir das Lager erreichten, wimmelte die Ebene von Tausenden +von Tieren. Das Geschäft des Auswählens war ein schwieriges, doch der +kleine Hadschi Halef Omar war seiner Aufgabe vollständig gewachsen. Er +hatte meinen Hengst bestiegen, natürlich mit der Absicht, schneller +vorwärts zu kommen und nebenbei ein wenig bewundert zu werden, und war +allüberall zu sehen. Die Haddedihn waren ganz begeistert für ihre +Arbeit, die gefangenen Abu Hammed aber, welche ihnen helfen mußten, +konnten den stillen Grimm in ihren Mienen nicht verbergen. Und nun gar +da, wo die Weiber und Greise saßen, da floßen heiße Thränen, und mancher +halblaute Fluch stahl sich zwischen den Lippen hervor. Ich trat zu der +Weibergruppe. Ich hatte da eine Frau bemerkt, welche mit einer +heimlichen Befriedigung dem Treiben meiner Leute zusah. Hatte sie einen +Groll gegen den Scheik im Herzen? + +»Folge mir!« gebot ich ihr. + +»Herr, sei gnädig! Ich habe nichts gethan!« flehte sie erschrocken. + +»Es soll dir nichts geschehen!« + +Ich führte sie in das leere Zelt, in welchem ich mich bereits vorhin +befunden hatte. Dort stellte ich mich vor sie hin, sah ihr scharf in die +Augen und fragte sie: + +»Du hast einen Feind in deinem Stamme?« + +Sie blickte überrascht empor. + +»Herr, woher weißt du es?« + +»Sei offen! Wer ist es?« + +»Du wirst es ihm wieder sagen!« + +»Nein, denn er ist auch mein Feind.« + +»Du bist es, der ihn besiegt hat?« + +»Ich bin es. Du hassest den Scheik Zedar Ben Huli?« + +Da blitzte ihr dunkles Auge auf. + +»Ja, Herr, ich hasse ihn.« + +»Warum?« + +»Ich hasse ihn, weil er mir den Vater meiner Kinder töten ließ.« + +»Warum?« + +»Mein Herr wollte nicht stehlen.« + +»Weshalb nicht?« + +»Weil der Scheik den größten Teil des Raubes erhält.« + +»Du bist arm?« + +»Der Oheim meiner Kinder hat mich zu sich genommen; auch er ist arm.« + +»Wie viele Tiere hat er?« + +»Ein Rind und zehn Schafe; er wird sie heute hergeben müssen, denn wenn +der Scheik zurückkehrt, so werden wir den ganzen Verlust zu tragen +haben. Der Scheik wird nicht arm, sondern nur der Stamm.« + +»Er soll nicht zurückkehren, wenn du aufrichtig bist.« + +»Herr, sagst du die Wahrheit?« + +»Ich sage sie. Ich werde ihn als Gefangenen zurückbehalten und den Abu +Hammed einen Scheik geben, welcher gerecht und ehrlich ist. Der Ohm +deiner Kinder soll heute behalten, was er hat.« + +»Herr, deine Hand ist voll von Barmherzigkeit. Was willst du von mir +wissen?« + +»Du kennst die Insel da drüben im Flusse?« + +Sie erbleichte. + +»Warum fragst du nach ihr?« + +»Weil ich mit dir von ihr sprechen will.« + +»O thue das nicht, Herr, denn wer ihr Geheimnis verrät, den wird der +Scheik töten!« + +»Wenn du mir das Geheimnis sagst, so wird er nicht wiederkommen.« + +»Ist dies wirklich wahr?« + +»Glaube mir! Also wozu dient die Insel?« + +»Sie ist der Aufenthalt der Gefangenen des Scheik.« + +»Welcher Gefangenen?« + +»Er fängt die Reisenden weg, welche über die Ebene oder auf dem Wasser +kommen, und nimmt ihnen alles ab. Wenn sie nichts besitzen, so tötet er +sie; wenn sie aber reich sind, so behält er sie bei sich, um ein +Lösegeld zu erpressen.« + +»Dann kommen sie auf die Insel?« + +»Ja, in die Schilfhütte. Sie können nicht entfliehen, denn es werden +ihnen die Hände und die Füße gebunden.« + +»Wenn dann der Scheik das Lösegeld erhalten hat?« + +»So tötet er sie dennoch, um nicht verraten zu werden.« + +»Und wenn sie es nicht zahlen wollen oder nicht zahlen können?« + +»So martert er sie.« + +»Worin bestehen die Qualen, die er ihnen bereitet?« + +»Er hat ihrer viele. Oft aber läßt er sie eingraben.« + +»Wer macht den Kerkermeister?« + +»Er und seine Söhne.« + +Der, welcher mich gefangen genommen hatte, war auch sein Sohn; ich hatte +ihn unter den Gefangenen im Wadi Deradsch bemerkt. Darum fragte ich: + +»Wie viele Söhne hat der Scheik?« + +»Zwei.« + +»Ist einer von ihnen hier?« + +»Derjenige, welcher dich töten wollte, als du in das Lager kamst.« + +»Sind jetzt Gefangene auf der Insel?« + +»Zwei oder drei.« + +»Wo sind sie?« + +»Ich weiß es nicht. Das erfahren nur diejenigen Männer, welche bei dem +Fange waren.« + +»Wie sind sie in seine Hände gekommen?« + +»Sie kamen auf einem Kellek[166] den Fluß herab und legten des Abends +nicht weit von hier an das Ufer an. Da hat er sie überfallen.« + + [166] Floß. + +»Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?« + +Sie sann ein wenig nach und meinte dann: + +»Wohl beinahe zwanzig Tage.« + +»Wie hat er sie behandelt?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Habt ihr hier viele Tachterwahns[167]?« + + [167] Frauenkörbe, von Kamelen getragen. + +»Es sind mehrere vorhanden.« + +Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldstücke hervor. Sie +gehörten zu den Münzen, welche ich in den Satteltaschen des Abu-Seïf +gefunden hatte. Sein herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet; +das Geld aber war mir bis heute geblieben. + +»Ich danke dir! Hier hast du!« + +»O Herr, deine Gnade ist größer als -- -- --« + +»Danke nicht,« unterbrach ich sie. »Ist der Oheim deiner Kinder mit +gefangen?« + +»Ja.« + +»Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann, der das schwarze Pferd +reitet, und sage ihm von mir, daß er dir deine Tiere geben soll. Der +Scheik wird nicht zurückkehren.« + +»O Herr -- --!« + +»Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was wir gesprochen haben!« + +Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem +Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er +kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten. + +»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?« + +»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!« + +»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein +Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du +ihr.« + +»Ich gehorche, Effendi.« + +»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und +sattelst drei Kamele mit ihnen.« + +»Wer soll hinein kommen, Sihdi?« + +»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da +rechts?« + +»Ich sehe beides.« + +»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe +in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet. +Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich +liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die +Kamele tragen!« + +»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so +viel nicht allein thun.« + +»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir +helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder +übernehmen.« + +Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden +ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef +gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze, +lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem +jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet +hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm +heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe. + +»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine +Schnur bei Euch?« + +»Denke, daß hier viele Stricke sind.« + +Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden +sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen +Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück. + +»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?« + +Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink. + +»Sehe ihn, Sir.« + +»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu +beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr +fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder +an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.« + +»#Yes#, Sir! Sehr schön!« + +»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch +erreichen.« + +»Hat es verdient!« + +»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute, +und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!« + +»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!« + +»Vorwärts also!« + +Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die +Schulter. + +»#I have the honour, Mylord!# Mitgehen, Galgenstrick!« + +Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die +Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte +er sich zu mir herum. + +»Was soll das sein, Emir?« + +»Du wirst mit uns gehen.« + +»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!« + +Da drängte sich ein altes Weib herbei. + +»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?« + +»Er wird uns begleiten.« + +»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz +seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder, +den die Blutrache ereilt?« + +»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!« + +Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst +Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte +mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das +Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer +Räuberhöhle entronnen sei. + +Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges +gestellt. Ich ritt zu ihm heran. + +»Liegen sie bequem?« + +»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.« + +»Haben sie gegessen?« + +»Nein, Milch getrunken.« + +»Um so besser. Können sie reden?« + +»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche +ich nicht verstehe, Effendi.« + +»Es wird Kurdisch sein.« + +»Kurdisch?« + +»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.« + +»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal +gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!« + +»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave, +sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.« + +»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann. +Kannst du sie sprechen?« + +»Nein.« + +Er fuhr beinahe erschrocken auf. + +»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!« + +»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.« + +»Gar nicht?« + +»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist; +vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu +machen.« + +»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!« + +»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß +ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem +Halef zufrieden ist!« + +»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der +Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber +gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al +Gossarah.« + +»Also nach dem Teufel kommst du!« + +»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!« + +»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!« + +Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein. + +Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere +viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang +erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und +sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum +Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als +auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln. +Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir +Lindsay noch einmal herbeikam. + +»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!« + +»Was?« + +»Hm! Unbegreiflich!« + +»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?« + +»Der? #No!# Liegt fest angebunden!« + +»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?« + +»Hauptsache vergessen!« + +»Nun? Redet nur!« + +»Trüffeln!« + +Jetzt mußte ich hellauf lachen. + +»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu +Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.« + +»Wo nun Trüffeln her?« + +»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!« + +»Schön! Gute Nacht, Sir!« + +Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am +andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so +gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein +wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen +das Sprechen keine Beschwerden mehr machte. + +Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich +sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache +hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine +und sah mich freudig forschend an. + +»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne +dich wieder!« + +»Wer bin ich, mein Freund?« + +»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem +Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!« + +»Wie, du kennst meinen Namen?« + +»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel +von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.« + +Ich wandte mich zu Halef: + +»Plaudertasche!« + +»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der +Kleine. + +»Ja; aber ohne Prahlerei.« + +»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu +den Kranken. + +»Ja, Emir.« + +»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.« + +»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.« + +»Wo ist eure Heimat?« + +»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.« + +»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?« + +»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und +einen Brief von ihm zu bringen --« + +»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?« + +»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr +bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des +Großherrn; er sollte für uns bitten.« + +»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?« + +»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf +demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort +landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu +Hammed überfallen.« + +»Er beraubte euch?« + +»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns +trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit +sie ein Lösegeld schicken sollten.« + +»Ihr thatet es nicht?« + +»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.« + +»Aber euer Scheik?« + +»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er +hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns +dennoch getötet hätte.« + +»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das +Lösegeld bezahlt worden wäre.« + +»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an +Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.« + +»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?« + +»Ja.« + +»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?« + +»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.« + +»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!« + +»Emir, vergilt es ihm nicht!« + +»Wie?« + +»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem +Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.« + +Das also waren Teufelsanbeter! + +»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.« + +»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das +Zeichen eines Hadschi!« + +»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?« + +»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.« + +»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.« + +»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.« + +»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?« + +»Nein. Ich bin ein Franke.« + +»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?« + +»Ja.« + +»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?« + + [168] Jesus. + +»Ja.« + +»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?« + +»Ja.« + +»Kennst du die heilige Taufe?« + +»Ja.« + +»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?« + +»Ich glaube es.« + +»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns, +daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem +Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!« + +»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?« + +»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.« + +»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.« + +Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat +el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der +Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und +versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst +bereiten werde. + +Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza +und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte +unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik +Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten +uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte. +Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und +bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte. + +Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als +durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche +Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen, +welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem +andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf +der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde. + +»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin. + +»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir +noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?« + +»Hier im Zelte. Da kommen sie.« + +Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten +tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu. + +»Hast du mehr gebracht, als du sollst?« + +»Du meinst Tiere?« + +»Ja.« + +»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.« + +»Ich werde zählen!« + +»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht, +als ich sollte.« + +»Was?« + +»Willst du es sehen?« + +»Ich muß es sehen!« + +»So rufe jenen dort herbei.« + +Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des +Zeltes erschien. Er rief ihn herbei. + +»Kommt alle mit!« sagte ich. + +Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo +sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef +ließ gerade die Dschesidi aussteigen. + +»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli. + +Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls. + +»Die Dschesidi!« rief er. + +»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon +viele gemordet hast, Ungeheuer!« + +Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an. + +»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde. + +»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein +Kampfgefährte gewesen ist.« + +Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei +Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück. +Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in +diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden +Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der +jüngere Sohn des Scheik einher. + +Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu +mir: + +»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?« + +»Wie du siehst!« + +»Was hat er gethan?« + +»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den +Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann +bist du wieder frei -- eine Strafe, die viel zu gering für dich und für +deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!« + +Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem +Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik +ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!« + +Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem +Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell +umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick +aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse +erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik +durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden +aber handfest empfangen und überwältigt. + +Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung, +die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen. +Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte: +der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück. + +Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten. +Da erscholl zunächst die Frage Halefs: + +»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?« + +»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort. + +Dieser trat zu den dreien heran. + +»Marhaba -- ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis +ihr euch von eueren Leiden erholt habt!« + +Da blickte Selek schnell empor. + +»Mohammed Emin?« fragte er. + +»So heiße ich.« + +»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?« + +»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.« + +»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!« + +»Sage sie!« + +»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum +Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche +einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und +indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: 'Gehe zu den +Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft +werde. Die andern sind hingerichtet worden.' Dies ist es, was ich dir zu +sagen habe.« + +Der Scheik taumelte zurück. + +»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er +gestaltet?« + +»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis +zur Brust herab.« + +»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm! +Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein +Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann +war es, als du mit ihm geredet hast?« + +»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!« + +»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger +schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und +zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder +willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?« + +»Ich reite mit!« + +»Allah segne dich! -- Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der +Haddedihn verkündigen!« + +Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage: + +»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?« + +»Ich gehe mit.« + +»Sihdi, darf ich dir folgen?« + +»Halef, denke an dein Weib!« + +»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener! +Darf ich dich begleiten?« + +»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und +Scheik Malek, ob sie es erlauben.« + + + + +Elftes Kapitel. + +Bei den Teufelsanbetern. + + +So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen +Pascha. + +Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um +seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung +Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu +lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den +Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische +Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab +es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so +phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann +hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen, +und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das +Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und +ich. + +Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir +David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu +machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und +Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er +hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben +und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des +verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und +nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel +Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht +begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts +nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die +Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen, +brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn +für ihn vollständig genügte. + +Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet +worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den +Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen +entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten, +da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns +vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen +Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn +el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich +war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines +Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern +Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu +erreichen. + +Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands +aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein, +denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben. +Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig; +denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern +vermochte. + +Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das +Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu +ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169] +einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen +Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen. + + [169] Keller. + +Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres +Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an, +daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich +mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte: + +»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!« + +»Woran?« + +»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.« + +»Ah! Warum?« + +»Du willst nach Amadijah, Sihdi?« + +»Ja. Du weißt dies ja längst.« + +»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich +nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die +Dschehennah!« + +Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm +gesehen hatte. + +»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?« + +»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem +Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf +nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet +hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach +ihrer Heimat zogen?« + +»Ich werde sie besuchen.« + +»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber +ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den +Himmel verloren.« + +»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?« + +»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in +welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?« + +Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi, +den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts +wisse, und fragte: + +»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?« + +»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels, +welche den Scheïtan anbeten.« + +»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!« + +»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?« + +»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.« + +»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?« + +»Ich glaube dir wirklich nicht.« + +»Und hast sie selbst gesehen?« + +»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen +Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer, +welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie +an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.« + +»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber +ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden +Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan +den Teufel anbetet.« + +»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?« + +»Nein. Ich habe es aber gehört.« + +»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?« + +»Sie hatten es auch von anderen gehört.« + +»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die +Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig +sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.« + +»Ist das wahr?« + +»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme, +wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.« + +»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.« + +»Nun?« + +»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?« + +»Ja.« + +»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.« + +»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.« + +»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen +und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.« + +»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer +andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was +weißt du noch von ihnen?« + + [170] Mit den Assyrern in Syrien. + +»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie +anbeten, und das ist der Teufel.« + +»Ist er es wirklich?« + +»Ja.« + +»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?« + +»Ja.« + +»Und in jedem steht ein Hahn?« + +»Ja.« + +»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?« + +»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie +haben auch falsche Engel.« + +»Inwiefern?« + +»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich +Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und +Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn +und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah +nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber +sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl, +Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?« + + [171] Gabriël. + + [172] Der heilige Geist. + +»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel +giebt.« + +»Du? Warum?« fragte er erstaunt. + +»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als +dem Kuran.« + + [173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4, + V. 5. + +»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und +glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des +Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!« + +»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!« + +»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von +vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als +er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also +nicht kennen.« + +»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern +nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen +ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer +und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten. +Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir +deinen Glauben nicht nehmen.« + +»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?« + +»Nein. Ich versichere es dir!« + +»Aber sie werden uns töten!« + +»Weder mich noch dich.« + +»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht, +sondern nur die Muselmänner.« + +»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie +töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von +den Christen angegriffen wurden.« + +»Aber ich bin ein Moslem!« + +»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei +ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?« + +»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir +gehen!« + +Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es +waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha. +Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte: + +»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?« + +Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ, +hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt. +Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der +Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja, +ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte. + +»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch. + +Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei +der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern +sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und +Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie +unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen +Diener: + + [174] Gürtel. + +»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!« + +»Ja.« + +»Wer ist es?« + +»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.« + + [175] Offiziere. + +»Wer sendet sie?« + +»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!« + +»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha -- Allah +schütze ihn! -- würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern, +welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie +gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte +wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!« + +Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen +einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe +auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn. + +»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?« + +Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem +eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in +der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem +Eingange zu: + +»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi +ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha +Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört, +was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!« + +»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!« + +»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer +sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den +Gruß zu sagen.« + +»Bei einem Ungläubigen -- -- --« + +Im Nu war ich auf und stand vor ihnen. + +»Hinaus!« + +»Wir haben -- -- --« + +»Hinaus!« + +Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir +doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen +Vorschriften geben zu lassen. -- Man muß den Orientalen zu behandeln +verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt +selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst +große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend, +welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen +Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es +andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges +oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr +geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört +nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen +Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann +besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die +Hand an der Waffe oder -- -- die Hand im Beutel. + +»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef. + +Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines +Verhaltens. + +»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!« + +»Kennst du diese Arnauten?« + +»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.« + +»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine +alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war +blind.« + +»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.« + +»Und kennst du den Pascha?« + +»Er ist ein sehr guter Mann!« + +»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm +fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade +erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen +gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und +bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu +seinen Arnauten: 'Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!' Sie +thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein +Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen. +Sihdi, was wird er mit uns thun?« + +»Das müssen wir abwarten.« + +»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas +Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne +ihn mitzunehmen.« + +»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.« + +»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!« + +»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?« + +»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei +dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück +bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen +hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden +Kugeln vor den Kopf!« + +Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der +wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen. + +»Aber Hanneh?« fragte ich. + +»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann +lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!« + +»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht +so weit kommen wird.« + +Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat +trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen. + +»Salama!« grüßte er. + +»Sallam! Was willst du?« + +»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?« + +»Ja.« + +»Der Pascha -- Allah schenke ihm tausend Jahre! -- hat dir eine Sänfte +gesandt. Du sollst zu ihm kommen!« + +»Gehe hinauf. Ich komme gleich!« + +Als er hinaus war, sagte Halef: + +»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?« + +»Warum?« + +»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.« + +»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!« + +Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp +von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und +einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte +sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit. + + [176] Träger. + +»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene. + +Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuten, daß +ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe +fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt. + +»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone. + +Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem +verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken +musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt, +denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr +wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus, +welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte, und trat ein: + +»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über die Brust +verschränkte und mich verbeugte. + +»Sal -- --« + +Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann: + +»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?« + +»So ist es.« + +»Sind die Nemsi Moslemim?« + +»Nein. Sie sind Christen.« + +»Und dennoch wagst du den Gruß der Moslemim!« + +»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein Liebling des Padischah +-- Gott beschirme ihn! -- Soll ich dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen, +die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?« + +»Du bist kühn, Fremdling!« + +Es war ein eigentümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der +Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht +wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und +Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die +rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit +Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung +bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an +seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von +Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der +kostbarsten, die ich je gesehen hatte. + +Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte, +fragte er weiter: + +»Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen lassen?« + +»Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und die anderen Konsuln sind +mir ebenso fremd wie du selbst. Ein Konsul kann mich nicht besser und +schlechter machen, als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du +brauchst mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.« + +»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob du ein +sehr großer Mann seist!« + +»Würde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?« + +Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch +gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte. + +»Wie heißest du?« + +»Hasredin[177], ich habe verschiedene Namen.« + + [177] Hoheit. + +»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur _einen_ Namen hat!« + +»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei +jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.« + +»So hast du viele Länder und viele Völker gesehen?« + +»Ja.« + +»Nenne die Völker!« + +»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler -- --« + +Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich +aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte +größer. Endlich aber platzte er heraus: + +»Hei-hei![178] Giebt es so viele Völker auf der Erde?« + + [178] Ausruf der Verwunderung. + +»Noch viel, viel mehr!« + +»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie +Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst du so viele +Länder besucht haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der Nemsi +gingst?« + +»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja[179] +kam.« + + [179] Amerika. + +»Und was bist du?« + +»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.« + +»Was schreibst du da?« + +»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.« + +»Kommen in diesen Chaberler[180] auch die Männer vor, mit denen du +zusammentriffst?« + + [180] Zeitungen. + +»Nur die vorzüglichsten.« + +»Auch ich?« + +»Auch du.« + +»Was würdest du über mich schreiben?« + +»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch +nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.« + +»Und wer liest das?« + +»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.« + +»Auch Paschas und Fürsten?« + +»Auch sie.« + +In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von +Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz +unwillkürlich auf. + +»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.« + +»Dein Arzt?« fragte ich verwundert. + +»Ja. Hast du einmal Disch aghrisi[181] gehabt?« + + [181] Zahnschmerzen. + +»Als Kind.« + +»So weißt du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund +sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es +mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den +Mund nicht zubringen.« + +Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich +beschloß, dies zu benutzen. + +»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?« + +»Bist du ein Hekim?« + +»Bei Gelegenheit.« + +»So komm her! Unten rechts!« + +Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein. + +»Erlaubst du mir, den Zahn zu befühlen?« + +»Wenn es nicht wehe thut!« + +Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war +der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen +Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene +Operation zu vollenden. + +»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?« + +»Sechzig.« + +»Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich dir den Zahn +herausnehme, ohne daß es dich schmerzt?« + +»Du kannst es nicht!« + +»Ich kann es!« + +»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst du die Hiebe, die ihm +erlassen werden.« + +Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein. + +»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.« + +Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück. + +Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst -- des +Hokuspokus wegen -- ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den +kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern, +schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte +meine Hand schnell und schob sie von sich weg. + +»Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das +Ding!« + +Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den +Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein +alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange +-- aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen +aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte +nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu +kleinen Mund. + +»Paß auf, ob es wehe thut! Bir -- iki -- itsch -- eins, zwei, drei! Hier +ist der Ungehorsame, welcher dir solche Schmerzen bereitet hat!« Ich gab +ihm den Zahn. + +Er sah mich ganz erstaunt an. + +»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!« + +»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!« + +Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er +überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei. + +»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich dich nennen?« + +»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.« + +»Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?« + +»Hm! Unter Umständen!« + +Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien. + +»Frage überall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen hat!« + +Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt selbst +Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig +geworden war. + +»Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?« fragte er. + +»Weil sie mich beschimpften.« + +»Erzähle!« + +Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann +drohend seine Hand. + +»Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du mußtest sofort +kommen. Danke Allah, daß er dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen +herauszunehmen!« + +»Was hättest du mir gethan?« + +»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.« + +»Bestraft? Das hättest du nicht gethan!« + +»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?« + +»Der Großherr selbst.« + +»Der Großherr?« fragte er verblüfft. + +»Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß +deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst du, daß es nicht +notwendig sei, dieses Tirscheh[182] zu berücksichtigen? Hier nimm und +lies!« + + [182] Pergament. + +Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen +hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz. + +»Ein Bu-djeruldi des Großherrn -- Allah segne ihn!« + +Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück. + +»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst du dazu?« + +»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du dazu, o Pascha?« + +»Wirklich, du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes, +weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.« + +»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn +über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubnis gegeben, alle +seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen +darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.« + +Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze +dich!« + +Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife +zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen. + +Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte. +Dann saßen wir rauchend und trinkend beieinander, als ob wir ein paar +alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und +um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden +arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen +nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und fragte: + +»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?« + +»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der eine. + +»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn +sogar einen Ungläubigen genannt!« + +»Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.« + +»Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!« + +»Herr, du hast -- -- --« + +»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?« + +»Nein, o Pascha.« + +»Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein +jeder von euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es +draußen!« + +Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich. +Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen +gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen. + +»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist +erhaben, aber deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller +Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und du +wirst deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!« + +»Über diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso, +als ob sie mich beleidigt hätten?« + +»Herr, du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der +Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten +fort. Man wird im Abendlande deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß du +meine Bitte erfüllt hast.« + +»Diese Hunde sind es nicht wert, daß wir ihnen vergeben; aber damit du +siehst, daß ich dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein. +Packt euch fort, und laßt euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht +sehen!« + +Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich: + +»In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?« + +»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu dir.« + +Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht +sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei. + +»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von +Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß du ihn eingeschlagen +hast!« + +»Warum?« + +»Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten und von ihnen ermordet +worden wärest.« + +Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg! + +»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?« fragte ich. + +»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren +treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich +bereits begonnen, sie zu vernichten.« + +»Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?« + +»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.« + +Diese »besseren Dinge« waren leicht zu erraten: Ausrauben der +Unterthanen, um den Pascha zu bereichern. + +»Ah, ich errate!« + +»Was errätst du?« + +»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er +sie untereinander entzweit!« + +»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es +wirklich so gemacht.« + +»Ist es gelungen?« + +»Schlecht! Und weißt du, wer die Schuld daran trägt?« + +»Wer?« + +»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die tapfersten +unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das +Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen +sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche +den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getötet oder +gefangen genommen. Sie haben den größten Teil ihrer Herden verloren und +müssen Tribut zahlen.« + +»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?« + +»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tötet des +Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine +Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer der Hölle.« + +»Kannst du seiner nicht habhaft werden?« + +»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden. +Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist +ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.« + +Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine +Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank. + +»Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?« + +»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu +spät war. Die Haddedihn hatten die Herden bereits weggenommen.« + +»Du wirst sie bestrafen?« + +»Ja.« + +»Sogleich?« + +»Ich wollte, aber ich muß ihnen leider noch eine Frist gewähren, +obgleich ich meine Truppen bereits vollständig zusammengezogen habe. +Warst du schon in den Ruinen von Kufjundschik?« + +»Nein.« + +»Dort ist alles Militär versammelt, welches gegen die Schammar ziehen +sollte; jetzt aber werde ich die Leute nach einem andern Ort schicken.« + +»Darf ich fragen, wohin?« + +»Das ist mein Geheimnis, und niemand darf es erfahren. Du weißt wohl +auch, daß diplomatische Heimlichkeiten sehr streng bewahrt werden +müssen.« + +Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem Auftrage fortgeschickt +hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten ausfindig zu machen. Ich +suchte ihm das Ergebnis seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es +war mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfuße oder mit dem +Zangenungetüm in die Zahnpalisaden eines Arnauten Bresche reißen zu +müssen -- und zwar schmerzlos, wie es jedenfalls verlangt wurde. + +»Nun?« fragte der Gouverneur. + +»Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden, welcher an Disch +aghrisi leidet!« + +»Auch du selbst leidest nicht daran?« + +»Nein.« + +Mir wurde das Herz leicht. Der liebenswürdige Pascha wandte sich +bedauernd zu mir: + +»Es ist schade! Ich wollte dir Gelegenheit geben, deine Kunst bewundern +zu lassen. Aber vielleicht findet sich morgen oder übermorgen einer.« + +»Morgen und übermorgen werde ich nicht mehr hier sein.« + +»Nicht? Du mußt bleiben. Du sollst in meinem Palast wohnen und so +bedient werden wie ich. -- Gehe!« + +Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder entfernte. Ich +antwortete: + +»Und doch muß ich für jetzt fort, werde aber wiederkommen.« + +»Wohin willst du gehen?« + +»Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.« + +»Wie weit?« + +»Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura Schina oder gar bis +nach Dschulamerik.« + +»Was willst du dort?« + +»Ich will sehen, was es dort für Menschen giebt und welche Pflanzen und +Kräuter in jenen Gegenden wachsen.« + +»Und warum soll dies so bald geschehen, daß du nicht einige Tage bei mir +bleiben kannst?« + +»Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.« + +»Die Menschen dort oben brauchst du nicht kennen zu lernen. Es sind +kurdische Räuber und einige Dschesidi, welche Allah verdammen wolle! +Aber die Kräuter? Wozu? Ah, du bist ein Hekim und brauchst Kräuter! Aber +hast du nicht daran gedacht, daß die Kurden dich vielleicht töten +werden?« + +»Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei ihnen.« + +»Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?« + +»Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute Büchse, und -- -- ich +habe ja auch dich, o Pascha!« + +»Mich?« + +»Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?« + +»Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines Bezirkes. Ich habe +dort Kanonen und eine Besatzung von dreihundert Albanesen.« + +»Amadijah muß eine sehr starke Festung sein!« + +»Nicht nur stark, sondern völlig uneinnehmbar. Sie ist der Schlüssel +gegen das Land der freien Kurden. Aber auch die unterworfenen Stämme +sind widerspenstig und schlimm.« + +»Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir deinen Schutz gewähren. +Das ist die Bitte, deretwegen ich zu dir kam.« + +»Sie soll dir gewährt sein, doch unter einer Bedingung.« + +»Welche?« + +»Du kommst wieder zurück und wirst mein Gast.« + +»Ich nehme diese Bedingung an.« + +»Ich werde dir zwei Khawassen mitgeben, welche dich bedienen und +beschützen sollen. Weißt du auch, daß du durch das Land der Dschesidi +kommst?« + +»Ich weiß es.« + +»Das ist ein böses, ungehorsames Volk, dem man die Zähne zeigen soll. +Sie beten den Teufel an, löschen die Lichter aus und trinken Wein.« + +»Ist letzteres gar so schlimm?« + +Er sah mich von der Seite forschend an. + +»Trinkst du Wein?« + +»Sehr gern.« + +»Hast du Wein bei dir?« + +»Nein.« + +»Ich dachte, du hättest solchen, dann -- -- dann -- -- -- hätte ich dich +vor deiner Abreise einmal besucht.« + +Um dies hören zu dürfen, mußte ich bereits sein Vertrauen einigermaßen +gewonnen haben. Ich konnte mir dies zu nutze machen und sagte also: + +»Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.« + +»Auch solchen, welcher spritzt?« + +Er meinte jedenfalls Champagner. + +»Hast du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?« + +»O nein! Weißt du nicht, daß der Prophet verboten hat, Wein zu trinken? +Ich bin ein treuer Anhänger des Kuran!« + +»Ich weiß es. Aber man kann solchen Spritzwein künstlich machen, und +dann ist es kein eigentlicher Wein!« + +»Du kannst spritzenden Wein machen?« + +»Ja.« + +»Aber dies dauert lange Zeit -- vielleicht einige Wochen oder gar einige +Monate?« + +»Es dauert nur einige Stunden.« + +»Willst du mir einen solchen Trank machen?« + +»Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge, welche dazu nötig +sind.« + +»Was brauchst du?« + +»Flaschen.« + +»Die habe ich.« + +»Zucker und Rosinen.« + +»Bekommst du von mir.« + +»Essig und Wasser.« + +»Hat mein Mudbachdschi[183].« + + [183] Koch. + +»Und dann einiges, was man nur in der Apotheke bekommt.« + +»Gehört es zu den Ilatschlar[184]?« + + [184] Arzneien. + +»Ja.« + +»Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst du noch etwas?« + +»Nein. Aber du müßtest mir erlauben, den Wein in deiner Küche zu +bereiten.« + +»Darf ich zusehen, damit ich es lerne?« + +»Das ist fast unmöglich, o Pascha. Wein zu bereiten, den ein Moslem +trinken darf, Wein, welcher spritzt und die Seele erheitert, das ist ein +sehr großes Geheimnis!« + +»Ich gebe dir, was du verlangst!« + +»Ein so wichtiges Geheimnis verkauft man nicht. Nur ein Freund darf es +erfahren.« + +»Bin ich nicht dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich liebe dich und werde +gern alles gewähren, um was du mich bittest.« + +»Ich weiß es, o Pascha, und darum sollst du mein Geheimnis erfahren. +Wie viele Flaschen soll ich dir füllen?« + +»Zwanzig. Oder ist es zu viel?« + +»Nein. Laß uns in die Küche gehen!« + +Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher Unterthan des +Königs Bacchus. Es wurden andere Pfeifen angezündet, und dann begaben +wir uns in die Küche. + +Die Herren des Vorzimmers machten sehr große Augen, als sie mich mit der +»Friedenspfeife« so kameradschaftlich an seiner Seite erblickten; er +aber beachtete sie nicht. Die Küche lag zu ebener Erde und war ein +hoher, dunkler Raum mit einem ungeheuren Herde, auf welchem über dem +Feuer ein großer Kessel voll siedenden Wassers hing, das zur Bereitung +des Kaffees bestimmt war. Unser Eintritt erregte weniger Überraschung +als vielmehr Entsetzen. Es saßen fünf oder sechs Kerle rauchend am Boden +und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der Pascha war wohl +niemals in seiner Küche gewesen, und bei seinem Erscheinen wurden die +Leute völlig starr vor Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit +weit geöffneten Augen an. + +Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben mit Fußtritten +und rief: + +»Auf, ihr Faulenzer, ihr Sklaven! Kennt ihr mich nicht, daß ihr sitzen +bleibt, als ob ich einer euresgleichen sei?« + +Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder, ihm zu Füßen. + +»Habt ihr heißes Wasser?« + +»Dort kocht es, Herr,« antwortete einer, welcher der Koch zu sein +schien; denn er war der dickste und schmutzigste von allen. + +»Hole Rosinen, du Lümmel!« + +»Wie viele?« + +»Wie viel brauchst du?« fragte er mich. + +Ich prüfte die Menge des Wassers und wies dann auf ein leeres Gefäß. + +»Diesen Krug dreimal voll.« + +»Und Zucker?« + +»Noch einmal so viel.« + +»Und Essig?« + +»Vielleicht den zehnten Teil.« + +»Habt ihr's gehört, ihr Scheusale? Packt euch!« + +Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien. Ich ließ die +Rosinen waschen und that dann alles in das kochende Wasser. Ein +abendländischer Champagnerfabrikant hätte meine Brauerei belacht, ich +aber hatte keine Zeit und mußte die Sache so kurz wie möglich machen, um +das chemische Gedächtnis des edlen Pascha nicht mit allzu vielen +Prozeduren zu beschweren. + +»Nun in die Apotheke!« bat ich ihn. + +»Komm!« + +Er schritt voran und führte mich in ein Gemach, welches auch zu ebener +Erde war. In demselben lag der arme Hekim mit verbundenen Füßen am +Boden. Auch ihm gab der Pascha einen Fußtritt. + +»Steh auf, Widerwärtiger, und erzeige mir und diesem großen Effendi die +Ehre, die uns gebührt. Danke ihm, denn er hat für dich gebeten, daß ich +dir deine Portion Hiebe erließ. Wisse, du Nichtsnutz, daß er mir den +Zahn herausgenommen hat, ohne daß ich es fühlte. Ich gebiete dir, ihm zu +danken!« + +O, welches Vergnügen, der Leibarzt eines Pascha zu sein! Dieser arme +Schlucker warf sich vor mir nieder und küßte mir den Saum meines alten +Haïk. Dann fragte der Pascha: + +»Wo ist die Apotheke?« + +Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten. + +»Hier, o Pascha!« + +»Öffne!« + +Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand Düten, Blättern, +Büchsen, Amuletten, Pflasterstangen und sonstigem Zeug zu sehen, dessen +Charakter und Bestimmung mir vollständig unbekannt war. Ich fragte nach +kohlensaurem Natron und Weinsteinsäure. Von dem ersteren war genug, von +letzterer aber ganz wenig vorhanden; doch genügte es. + +»Hast du alles?« fragte mich der Pascha. + +»Ja.« + +Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot ihm: + +»Besorge von diesen beiden Sachen eine größere Menge und merke dir ihre +Namen. Ich brauche sie sehr notwendig, falls ein Pferd krank wird. Wenn +du die Namen vergissest, erhältst du fünfzig wohlgezählte Hiebe!« + +Wir kehrten in die Küche zurück. Es wurden Flaschen, Lack, Draht und +kaltes Wasser beigeschafft, und dann jagte der Gouverneur alle +Anwesenden hinaus. Kein Mensch außer ihm sollte, wenn auch nur +teilweise, Mitwisser des großen Geheimnisses werden, einen Wein zu +bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten Moslem ohne +Gewissensbisse getrunken werden könne. + +Dann kochten, brauten, kühlten, füllten, pfropften und siegelten wir, +daß ihm der Schweiß vom Angesichte troff, und als wir endlich fertig +waren, durften die Diener wieder eintreten, um die Flaschen an den +kühlsten Ort des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur +Prüfung mit und trug sie mit höchsteigener Hand durch das Vorzimmer in +sein Gemach, wo wir uns wieder niederließen. + +»Wollen wir trinken?« fragte er. + +»Er ist noch nicht abgekühlt genug.« + +»Wir trinken ihn warm.« + +»So schmeckt er nicht.« + +»Er muß!« + +Natürlich mußte er, denn der Pascha gebot es ja! Dieser ließ zwei Gläser +bringen, verbot jedermann, selbst dem Meldenden, den Eintritt und löste +den Draht. + +Puff! -- Der Stöpsel flog an die Decke. + +»Allah il Allah!« rief er erschrocken. + +Gischtend schoß der Kunstwein aus der Flasche. Ich wollte mein Glas +schnell unterhalten. + +»Maschallah! Er spritzt wirklich!« + +Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals der Flasche zwischen die +Lippen. Sie war fast leer, als er wieder absetzte und den Finger in die +Öffnung steckte, um sie zu verschließen. + +»Saltanatly -- prächtig! Höre, mein Freund, ich liebe dich! Dieser Wein +ist sogar besser, als das Wasser vom Brunnen Zem-Zem!« + +»Findest du dies?« + +»Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser Hawus Kewser, welches man +im Paradiese trinken wird. Ich werde dir nicht zwei, sondern vier +Khawassen mitgeben.« + +»Ich danke dir! Hast du dir genau gemerkt, wie man diesen Wein +bereitet?« + +»Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!« + +Ohne an mich oder daran zu denken, daß zwei Gläser vorhanden seien, +setzte er die Flasche wieder an den Mund und nahm sie erst dann hinweg, +als sie leer war. + +»Bom bosch! Sie ist versiecht. Warum ist sie nicht größer gewesen!« + +»Merkst du nun, wie kostbar mein Geheimnis war?« + +»Beim Propheten, ich merke es! O, ihr Nemsi seid sehr kluge Leute! Aber +erlaube mir, dich einmal zu verlassen!« + +Er erhob sich und verließ das Zimmer. Als er nach einer Weile +zurückkehrte, trug er etwas unter seinem Kaftan verborgen. Als er sich +gesetzt hatte, zog er es hervor. Es waren -- zwei Flaschen. Ich lachte. + +»Du hast sie selbst geholt?« fragte ich. + +»Kendi -- selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist, darf niemand anrühren +außer mir. Ich habe es unten befohlen, und wer von jetzt an die Flasche +nur betastet, den lasse ich zu Tode peitschen!« + +»Du willst noch trinken?« + +»Sollte ich nicht? Ist dieses Getränk nicht köstlich?« + +»Aber ich sage dir, daß dieser Wein erst dann den rechten Geschmack +haben wird, wenn er kalt geworden ist.« + +»Wie muß er dann schmecken, wenn er jetzt schon so köstlich ist! Preis +sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker und Arzneien wachsen läßt, um das +Herz seiner Gläubigen zu erquicken!« + +Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene drückte die höchste +Wonne aus, und als die zweite Flasche leer war, meinte er: + +»Freund, dir kommt keiner gleich, weder ein Gläubiger noch ein +Ungläubiger. Vier Khawassen sind für dich zu wenig; du sollst sechs +haben!« + +»Deine Güte ist groß, o Pascha; ich werde sie zu rühmen wissen!« + +»Wirst du auch erzählen von dem, was ich jetzt getrunken habe?« + +»Nein, darüber werde ich schweigen; denn ich werde auch das nicht +sagen, was ich getrunken habe.« + +»Maschallah, du hast recht! Ich trinke, ohne an dich zu denken. Reiche +mir dein Glas, ich werde diese Flasche noch öffnen.« + +Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es schmeckte genau so, wie +ungekühltes Sodawasser mit Rosinenbrühe und Zucker schmecken muß; für +den anspruchslosen Gaumen des Pascha mußte es ein Genuß sein. + +»Weißt du,« sagte er und that wieder einen langen Zug, »daß sechs +Khawassen für dich noch immer zu wenig sind? Du sollst zehn bekommen!« + +»Ich danke dir, o Pascha!« + +Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen, meine Reise mit +einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten, und das konnte mir unter +Umständen außerordentlich hinderlich werden. + +»Also du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,« berührte er das alte +Thema. »Kennst du ihre Sprache?« + +»Es ist die kurdische?« + +»Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur wenige von ihnen arabisch.« + +»Ich kenne ihn nicht.« + +»So werde ich dir einen Dolmetscher mitgeben.« + +»Vielleicht ist dies unnötig. Das Kurdische ist dem Persischen verwandt, +und dieses verstehe ich.« + +»Ich verstehe beides nicht, und du mußt am besten wissen, ob du einen +Dragoman brauchst. Aber halte dich in ihrem Lande ja nicht lange auf. +Ruhe dich bei ihnen nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell +hindurch.« + +»Warum?« + +»Es könnte dir sonst etwas Schlimmes passieren.« + +»Was?« + +»Das ist mein Geheimnis. Ich sage dir nur, daß dir grad die +Schutzwache, welche ich dir mitgebe, gefährlich werden könnte. Trink!« + +Dies war bereits das zweite Geheimnis, welches er berührte. + +»Deine Leute können mich nur bis Amadijah begleiten?« fragte ich ihn. + +»Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.« + +»Welches Gebiet kommt dann?« + +»Das Gebiet der Kurden von Berwari.« + +»Wie heißt die Hauptstadt derselben?« + +»Die Residenz ist das feste Schloß Gumri, auf dem ihr Bey wohnt. Ich +werde dir einen Brief an ihn mitgeben; aber ob das Schreiben eine gute +Wirkung hat, das kann ich dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter +hast du?« + +»Einen Diener.« + +»Nur einen? Hast du gute Pferde?« + +»Ja.« + +»Das ist gut für dich, denn vom Pferde hängt sehr oft die Freiheit und +das Leben des Reiters ab. Und es wäre sehr schade, wenn dir ein Unglück +geschähe; denn du warst der Besitzer eines sehr schönen Geheimnisses und +hast es mir offenbart. Aber ich will dir auch dankbar sein. Weißt du, +was ich für dich thun werde?« + +»Was?« + +Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner wohlwollendsten +Miene: + +»Weißt du, was der Disch-parassi ist?« + +»Ich weiß es.« + +»Nun?« + +»Es ist eine Steuer, welche nur du allein zu fordern hast.« + +Ich drückte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der Disch-parassi, die +»Zahnvergütung«, ist eine Abgabe an Geld, welche überall erhoben wird, +wo der Pascha auf seinen Reisen anhält, und zwar dafür, daß er sich +seine Zähne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die ihm die +betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern müssen. + +»Du hast es erraten,« meinte er. »Ich werde dir eine Schrift mitgeben, +in welcher ich befehle, dir überall, wohin du kommst, den Disch-parassi +auszuzahlen, grad als ob ich es sei. Wann willst du abreisen?« + +»Morgen früh.« + +»Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben sogleich +ausfertigen zu lassen!« + +Er stand auf und verließ das Zimmer. Da der Schwarze ihm die Pfeife +nachtragen mußte, so blieb ich allein zurück. Neben dem Pascha hatten +einige Papiere gelegen, mit denen er sich vor meinem Erscheinen +beschäftigt haben mochte. Schnell griff ich zu und öffnete eines. Es war +ein Plan des Thales von Scheik Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht +mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich konnte diesen Gedanken +nicht weiter verfolgen, denn der Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen +Befehl erschien sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben +diktierte: eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten der +Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberhäupter und sonstigen +Behörden, und darin hieß es, daß ich das Recht habe, den Disch-parassi +zu erheben, und die Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen +sollten, als ob der Pascha sie selbst stelle. + +Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit in Mossul war +über Erwartung vollständig erreicht, und dieses Wunder hatte außer +meinem furchtlosen Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht. + +»Bist du mit mir zufrieden?« fragte er. + +»Unendlich, o Pascha. Deine Güte will mich mit Wohlthaten erdrücken!« + +»Danke mir nicht jetzt, sondern später.« + +»Ich wünsche, daß ich es einst vermag!« + +»Du vermagst es!« + +»Wodurch?« + +»Das kann ich dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht nur ein Hekim, +sondern auch ein Offizier.« + +»Weshalb vermutest du dies?« + +»Ein Hekim oder ein Mann, der Bücher schreibt, würde es nicht wagen, +mich ohne die Begleitung eines Konsuls zu besuchen. Du hast ein +Bu-djeruldi des Großherrn, und ich weiß, daß der Padischah zuweilen +fremde Offiziere kommen läßt, die seine Länder bereisen müssen, um ihm +dann militärischen Bericht zu erstatten. Gestehe es, du bist ein +solcher!« + +Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vorteil sein, und es wäre sehr +unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen. Ich wollte aber auch nicht +lügen und darum drechselte ich folgende diplomatische Phrasen: + +»Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn du weißt, daß der Padischah +solche fremde Offiziere sendet, so hast du wohl auch gehört, daß dies +meist im geheimen geschieht. Dürfen sie dieses Geheimnis verraten?« + +»Nein. Ich will dich gar nicht dazu bereden, aber du wirst mir dafür +dankbar sein. Das ist es, was ich vorhin meinte.« + +»Womit kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?« + +»Wenn du aus den Bergen von Kurdistan zurückkehrst, werde ich dich zu +den Arabern von Schammar senden, besonders zu den Haddedihn. Du sollst +ihre Gebiete bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.« + +»Ah!« + +»Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner Leute. Ich weiß, +daß die Offiziere der Franken klüger sind als die unsrigen, obgleich ich +selbst ein Oberst gewesen bin und dem Padischah große Dienste geleistet +habe. Ich würde dich ersuchen, dir die Gegenden der Dschesidi anzusehen; +aber dazu ist es schon zu spät. Ich habe von ihnen bereits das, was ich +brauche.« + +Diese Worte gaben mir die Überzeugung, daß ich vorhin ganz richtig +vermutet hatte. Die in Kufjundschik versammelten Truppen standen bereit, +über die Teufelsanbeter herzufallen. Er fuhr fort: + +»Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und nicht etwa warten bis +zu dem Tage, an welchem sie ihr großes Fest feiern.« + +»Welches Fest?« + +»Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres Scheik Adi gefeiert. +Hier hast du deine Schreiben. Allah sei bei dir! Zu welcher Zeit wirst +du morgen früh die Stadt verlassen?« + +»Zur Zeit des ersten Gebetes.« + +»Die zehn Khawassen sollen dann in deiner Wohnung sein.« + +»Herr, ich habe an zweien genug.« + +»Das verstehst du nicht. Zehn sind besser als zwei; das merke dir. Du +sollst fünf Arnauten und fünf Baschi erhalten. Kehre bald zurück und +vergiß nicht, daß ich dir meine Liebe geschenkt habe!« + +Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging erhobenen Hauptes +aus dem Hause, welches ich vor einigen Stunden als halber Gefangener +betreten hatte. Als ich meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in +Waffen. + +»Preis sei Allah, daß du kommst, Sihdi!« begrüßte er mich. »Wärst du +beim Untergang der Sonne noch nicht hier gewesen, so hätte ich mein +Wort gehalten und den Pascha erschossen!« + +»Das muß ich mir verbitten; der Pascha ist mein Freund!« + +»Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des Menschen sein!« + +»Ich habe ihn gezähmt.« + +»Maschallah! Dann hast du ein Wunder gethan. Wie ist dies gekommen?« + +»Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen unter seinem Schutze +und werden zehn Khawassen erhalten, die uns begleiten.« + +»Das ist gut!« + +»Vielleicht auch nicht! Außerdem hat er mir Empfehlungsbriefe gegeben +und das Recht, den Disch-parassi zu erheben.« + +»Allah akbar, so bist du ja auch Pascha geworden! Aber sage, Sihdi, wer +hat zu gehorchen: ich den Khawassen oder sie mir?« + +»Sie dir, denn du bist nicht ein Diener, sondern Hadschi Halef Omar +Agha, mein Begleiter und Beschützer.« + +»Das ist gut, und ich sage dir, daß sie mich kennen lernen sollen, wenn +es ihnen einfällt, mir die Achtung zu verweigern!« + +Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am nächsten Morgen mit dem Grauen +des Tages sich erhob und den Kopf zur Thüre hinausstreckte, wurde er von +zehn Männern begrüßt, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er weckte +mich sofort, und ich beeilte mich natürlich, meine Herren Beschützer in +Augenschein zu nehmen. + +Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, fünf Arnauten und fünf +Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gewöhnliche Kleidung des türkischen +Militärs. Die Arnauten hatten purpurne Sammetoberwesten, grüne, mit +Sammet besetzte Unterwesten, breite Schärpen, rote Beinkleider mit +metallenen Schienen, rote Turbans und trugen so viele Waffen an sich, +daß man mit ihren Messern und Pistolen eine dreimal zahlreichere Schar +hätte bewaffnen können. Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk +Emini[185] und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi[186] +kommandiert. + + [185] Fourier oder Schreiber einer Compagnie. + + [186] Befehlshaber von zehn Mann. + +Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er ritt kein Pferd, sondern +einen Esel, und trug das Zeichen seiner Würde -- ein ungeheures Tintenfaß +-- an einem Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige Dutzend +Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes Männchen, dem die Nase fehlte; +desto größer aber war der Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe +herabhing. Seine Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, daß +die Haut kaum zuzulangen schien, und für die Augen blieb nur so viel +Raum zum Öffnen übrig, als notwendig war, einen kleinen Lichtstrahl in +das Gehirn des Mannes gelangen zu lassen. + +Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm, diese tapferen +Helden damit zu begrüßen. Er trat hinaus zu ihnen, und ich stellte mich +so, daß ich den Vorgang beobachten konnte. + +»Sabahiniz chajir -- guten Morgen, ihr wackeren Streiter! Seid uns +willkommen!« + +»Sabahiniz chajir -- guten Morgen!« erwiderten alle zugleich. + +»Ihr seid gekommen, den berühmten Kara Ben Nemsi auf seiner Reise zu +begleiten?« + +»Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.« + +»So will ich euch sagen, daß mein Name Hadschi Agha Halef Omar Ben +Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist; ich bin der +Reisemarschall und Agha dessen, den ihr begleiten sollt, und ihr habt +also meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der Befehl, den +euch der Pascha gegeben hat?« + +Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer solchen Fistelstimme, daß +es klang, als höre man eine alte, eingerostete #F#-Trompete blasen: + +»Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah segnen möge, und heiße +Ifra. Merke dir diesen Namen! Der Pascha, dessen treuester Diener ich +bin, hat mir dieses Tintenfaß und diese Federn nebst vielem Papier +gegeben, um alles aufzuschreiben, was euch und uns begegnet. Ich bin der +tapfere Führer dieser Leute und werde euch beweisen, daß -- -- --« + +»Schweig, Eschekun-atli!«[187] unterbrach ihn der Onbaschi, indem er +sich den gewaltigen Bart strich. »Was bist du? Unser Anführer? Du Zwerg! +Du Herr des Tintenfasses und der Gänse, von denen deine Federn sind, das +bist du, aber weiter nichts!« + + [187] Eselsreiter. + +»Was? Ich bin Buluk Emini und heiße Ifra. Meine Tapferkeit -- -- --« + +»Schweig, sage ich dir! Deine Tapferkeit wächst in den Füßen deines +Esels, den Allah verbrennen möge; denn diese Kreatur hat die armselige +Angewohnheit, des Tages durchzugehen und des Nachts den Himmel +anzubrüllen. Wir kennen dich und deinen Esel, aber dennoch ist es sehr +ungewiß, wer von euch der Buluk Emini und wer der Esel ist!« + +»Wahre deine Zunge, Onbaschi! Weißt du nicht, daß ich so tapfer bin, +daß ich mich im Kampfe sogar dahin gewagt habe, wo man die Nasen abhaut? +Blicke meine Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und du wirst +staunen über die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten habe! Oder +weißt du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte von dem Verluste +meiner Nase? So höre! Es war damals, als wir vor Sebastopol gegen die +Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgewühle und erhob +soeben meinen Arm, um -- -- --« + +»Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal gehört!« -- Und +sich zu Halef wendend, fuhr er fort: »Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir +haben gehört, daß der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und das +gefällt uns; wir haben ferner gehört, daß er sich unserer Aghas +angenommen hat, und das gefällt uns noch mehr. Wir werden ihn beschützen +und ihm dienen, und er soll mit uns zufrieden sein!« + +»So frage ich noch einmal, welche Befehle euch der Pascha gegeben hat.« + +»Er hat uns befohlen, dafür zu sorgen, daß der Emir wie der beste +Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen werde.« + +»So werden wir überall unentgeltlich Obdach und Nahrung erhalten?« + +»Alles, was ihr braucht, und auch wir.« + +»Hat er euch auch gesagt von dem Disch-parassi?« + +»Ja.« + +»Der wird in barem Gelde einkassiert?« + +»Ja.« + +»Wie hoch beläuft er sich?« + +»So hoch, wie der Emir es will.« + +»Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie die Sonne, und seine +Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr sollt es gut haben bei uns. Seid ihr +ganz bereit, die Reise anzutreten?« + +»Ja.« + +»Habt ihr zu essen?« + +»Für einen Tag.« + +»Aber keine Zelte!« + +»Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend eine gute Wohnung +bekommen.« + +»Wißt ihr, daß wir durch das Land der Dschesidi gehen werden?« + +»Wir wissen es.« + +»Fürchtet ihr euch vor den Teufelsanbetern?« + +»Fürchten? Agha Halef Omar, hast du vielleicht einmal gehört, daß ein +Arnaute sich gefürchtet hat? Oder ist vielleicht ein Merd-es-Scheïtan, +ein Mann des Teufels, der Scheïtan selbst? Sage dem Emir, daß wir bereit +sind, ihn zu empfangen!« + +Nach einer Weile ließ ich mein Pferd vorführen und trat hinaus. Die zehn +Mann standen in Achtung vor mir, ein jeder bei dem Kopfe seines Pferdes. +Ich nickte nur, stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp +setzte sich in Bewegung. + +Wir ritten über die Schiffbrücke hinüber und befanden uns dann am linken +Ufer des Tigris außerhalb der Stadt Mossul. Dort erst rief ich den +Onbaschi an meine Seite und fragte ihn dann: + +»Wem dienst du jetzt, mir oder dem Pascha?« + +»Dir, o Emir.« + +»Ich bin mit dir zufrieden. Schicke mir den Buluk Emini her.« + +Er ritt zurück, und dann kam der kleine Dicke. + +»Dein Name ist Ifra? Ich habe gehört, daß du ein tapferer Krieger bist.« + +»Sehr tapfer!« versicherte er mit seiner Trompetenstimme. + +»Du kannst schreiben?« + +»Sehr gut, sehr schön, o Emir!« + +»Wo hast du gedient und gekämpft?« + +»In allen Ländern der Erde.« + +»Ah! Nenne mir diese Länder.« + +»Wozu, Emir? Es würden mehr als tausend Namen sein!« + +»So mußt du ein berühmter Buluk Emini sein.« + +»Sehr berühmt! Hast du noch nichts von mir gehört?« + +»Nein.« + +»So bist du sicher in deinem Leben noch nicht aus dem Lande +fortgekommen, sonst hättest du von meinem Ruhme gehört. Ich muß dir zum +Beispiel einmal erzählen, wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war +nämlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da +stand ich im dichtesten Kampfgewühle und erhob grad meinen Arm -- -- --« + +Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls den Geruch des Esels +nicht ertragen; er schnaubte zornig, sträubte die Mähne und biß nach dem +Grauen des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem Bisse +auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und riß aus -- ja, es war keine +Flucht, sondern ein wirkliches Ausreißen. Es ging über Stock und Stein, +uns voran; der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem Rücken des +Esels erhalten, und bald waren beide aus unsern Augen verschwunden. + +»So geht es ihm stets!« hörte ich den Onbaschi zu Halef sagen. + +»Wir müssen ihm nach,« antwortete dieser; »sonst verlieren wir ihn.« + +»Den?« lachte der Arnaut. »Es wäre nicht schade um ihn. Aber sorge dich +nicht! Es ist ihm schon tausendmal passiert, und niemals ging er +verloren.« + +»Aber warum reitet er diese Bestie?« + +»Er muß.« + +»Muß? Warum?« + +»Der Jüsbaschi[188] will es. Er macht sich einen Spaß mit Ifra und dem +Esel.« + + [188] Hauptmann, Befehlshaber von hundert Mann. + +Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des heiligen Georg +hindurch waren, sahen wir den Buluk Emini vor uns halten. Er ließ mich +herankommen und rief bereits von weitem: + +»Herr, hast du vielleicht geglaubt, daß der Esel mit mir durchgegangen +ist?« + +»Ich bin überzeugt davon.« + +»Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um den Weg zu untersuchen, +den wir reiten werden. Gehen wir den Khausser entlang, oder reiten wir +den gewöhnlichen Weg?« + +»Wir bleiben auf dem Pfade.« + +»So erlaube mir, daß ich dir meine Geschichte später erzähle. Ich werde +euch jetzt als Wegweiser dienen.« + +Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder Flüßchen, welches an den +nördlichen Ausläufern des Dschebel Maklub entspringt und auf seinem +Laufe nach Mossul die Ländereien zahlreicher Dörfer bewässert. Wir +ritten auf einer kleinen Brücke über ihn hinweg und hatten ihn dann +stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und das Dorf von Khorsabad +liegen ungefähr sieben Wegstunden nördlich von Mossul. Die Gegend +besteht aus Marschboden, aus welchem giftige Fieberdünste emporsteigen. +Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber wohl noch eine gute +Wegstunde vor uns, als uns ein Trupp von vielleicht fünfzig Arnauten +entgegen kam. An der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte +sah ich die weiße Kleidung eines Arabers. Näher gekommen, erkannte ich +-- -- den Scheik Mohammed Emin. + +O wehe! Er war in die Hände dieser Leute gefallen, er, der Feind des +Pascha, der bereits dessen Sohn gefangen genommen und nach Amadijah +geschickt hatte. Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich +gewehrt hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken. +Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe überrumpelt? Ich mußte alles +aufbieten, ihn aus dieser gefährlichen Gesellschaft zu bringen. Daher +blieb ich mitten im Wege halten und ließ den Trupp herankommen. + +Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur Seite des Weges auf den +Boden zu werfen. Halef und ich blieben zu Pferde. Der Anführer trennte +sich von den andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten. +Hart vor mir parierte er sein Pferd und fragte, ohne die am Boden +Liegenden zu beachten: + +»Sallam! Wer bist du?« + +»Aaleïkum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.« + +»Von welchem Stamme?« + +»Vom Volke der Nemsi.« + +»Wohin willst du?« + +»Nach dem Osten.« + +»Zu wem?« + +»Überall hin!« + +»Mann, du antwortest sehr kurz! Weißt du, was ich bin?« + +»Ich sehe es.« + +»So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest du hier?« + +»Mit demselben Rechte, mit welchem du hier reitest!« + +»Tallahi, bei Gott, du bist sehr kühn! Ich reite hier auf Befehl des +Mutessarif von Mossul; das kannst du dir denken!« + +»Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul und des +Padischah von Konstantinopel; das kannst du dir denken!« + +Er öffnete die Augen ein wenig mehr und befahl mir dann: + +»Beweise es!« + +»Hier!« + +Ich gab ihm meine Legitimationen. Er öffnete sie unter den +vorgeschriebenen Formalitäten und las sie dann. Darauf faltete er sie +sorgfältig wieder zusammen, gab sie mir zurück und meinte dann in sehr +höflichem Tone: + +»Du trägst selbst die Schuld, daß ich streng zu dir sprach. Du sahst, +wer ich bin, und hättest mir höflicher antworten sollen!« + +»Du trägst selbst die Schuld, daß dies nicht geschehen ist,« antwortete +ich ihm. »Du sahst meine Begleitung, die mich als einen Mann +legitimiert, welcher sich der Freundschaft des Mutessarif erfreut, und +hättest höflicher fragen sollen! -- Grüße deinen Herrn sehr viele Male +von mir; guten Morgen!« + +»Zu Befehl, mein Herr!« antwortete er. + +Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen, etwas zur +Befreiung von Mohammed Emin zu thun, hatte aber gleich beim Anfange des +Gespräches mit dem Offizier bemerkt, daß dies unnötig sei. Die +Begleitung desselben war etwas rückwärts hinter ihm halten geblieben und +hielt ihre Augen mehr auf mich als auf ihren Gefangenen gerichtet. +Dieser machte sich diesen Umstand sofort zu Nutzen. Er war nur leicht +gefesselt und saß auf einem schlechten türkischen Pferde. Im letzten +Gliede des Trupps aber führte man sein vortreffliches Tier, an dessen +Sattel alle seine Waffen hingen. Ich bemerkte seine glücklichen +Bemühungen, sich die Hände frei zu machen, und grad in dem Augenblicke, +an welchem ich das Gespräch abbrach, sprang er mit den Füßen auf den +Rücken seines Tieres. + +»Halef, aufgepaßt!« raunte ich dem Diener zu, welcher ebenso aufmerksam +beobachtet hatte, wie ich selbst. + +»Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!« antwortete er mir. + +Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte der Haddedihn einige +kühne Sprünge von Croupe zu Croupe der hinter ihm haltenden Pferde, +deren Reiter sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten, +und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen eigenen +Renner erreicht, saß im Sattel, riß den Zügel aus der Hand dessen, der +denselben hielt, und jagte seitwärts von dannen, nicht den Weg hinauf +oder hinab, sondern stracks auf das Flüßchen zu. + +Ein vielstimmiger Schrei der Überraschung und des Grimmes erscholl +hinter ihm. + +»Dein Gefangener flieht,« rief ich dem Anführer zu; »laß uns ihm +nachjagen!« + +Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte dem Flüchtigen +nach. Halef hielt sich an meiner Seite. + +»Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite so, daß sie nicht +schießen können, ohne uns zu treffen!« + +Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann. Zum Glück dachten +die Verfolger zunächst nur daran, Mohammed Emin einzuholen, und als sie +sahen, daß sein Pferd den ihrigen überlegen sei, und zu den Waffen +griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte, bereits zu groß +geworden. Auch waren ihre Schießgewehre nicht gut zu gebrauchen, da ich +mit Halef nicht in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen +Zickzack ritt und dabei mir alle mögliche Mühe gab, mein Pferd als +störrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und bockte, dann schnellte es +davon, warf sich mitten im Laufe zur Seite, drehte sich auf den +Hinterfüßen um seine eigene Achse, schoß eine Strecke weit nach rechts +oder links und schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte +Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es, daß die Türken +nicht schießen konnten, aus Furcht, uns zu treffen. + +Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die Fluten des Khausser +getrieben. Er kam glücklich hinüber, und ich mit Halef auch; aber ehe es +den anderen gelang, uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen +bedeutenden Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten Tieren +vorwärts, immer nach Nordwesten zu, bis wir ungefähr zwei Wegstunden +zurückgelegt hatten und auf die Straße trafen, welche von Mossul über +Telkeïf direkt nach Rabban Hormuzd führt und ganz parallel derjenigen +zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscherraijah und Baadri +erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn sein Pferd an. Er sah +nur uns beide, denn die andern waren längst hinter dem Horizonte +verschwunden. + +»Preis sei Gott!« rief er. »Effendi, ich danke dir, daß du ihnen die +Hände von den Flinten genommen hast! Was thun wir nun, damit sie uns +verlieren?« + +»Wie bist du in ihre Hände gekommen, Scheik?« fragte der kleine Halef. + +»Das wird er uns später sagen; jetzt ist keine Zeit dazu,« antwortete +ich. »Mohammed Emin, kennst du das sumpfige Land, welches zwischen dem +Tigris und dem Dschebel Maklub liegt?« + +»Ich bin einmal durch dasselbe geritten.« + +»In welcher Richtung?« + +»Von Baascheika und Baazani über Ras al Aïn nach Dohuk hinüber.« + +»Ist der Sumpf gefährlich?« + +»Nein.« + +»Seht ihr dort im Nordost jene Höhe, welche man vielleicht in drei +Stunden erreichen kann?« + +»Wir sehen sie.« + +»Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier müssen wir uns +trennen. Die Straße dürfen wir nicht verfolgen, denn sonst würde man uns +sehen und unsere Richtung erraten. Wir müssen in den Sumpf, und zwar +einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen sollten, +nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.« + +»Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?« fragte Halef. + +»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich +als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen +mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, du gehst hier ab und +behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der +Scheik bleibt im Norden: -- jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem +andern.« + +Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab +und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines +wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und +ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten. + +Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie +ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es giebt kein Land +der Erde, welches so zahlreiche und hohe Rätsel birgt, wie der Boden, +welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den +Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem +Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren +Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und +Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind. +Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer, +Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten, +Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer, +Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: -- ein Angehöriger dieser +Nationen, Stämme und Sekten kann einem bei jedem Schritte begegnen, und +wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen +Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute +derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der +Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der +Blutrache zum Opfer fielen. Hier hängen die menschlichen Wohnungen an +den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets +bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das +System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige +Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind +unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den +christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde +verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: der +Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere +Gottesmänner alles thun und wagen: -- in den kurdischen Bergen fließen +die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst +dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die +Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise +schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege +frei sein für die Füße derjenigen, welche »den Frieden predigen und das +Heil verkündigen«. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen +können: »Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die +Bastonnade erhalten hätte.« Und dieser Agha war -- ein strenger +Mohammedaner. + +Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden +war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die +Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam +trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah +ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem +ich mich in kurzer Zeit vereinigte. + +»Ist dir jemand begegnet?« fragte ich ihn. + +»Nein, Sihdi.« + +»Es hat dich niemand gesehen?« + +»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen +haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Tier hinter sich herzog. +Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.« + +»Kannst du _den_ dort erkennen?« fragte ich, nach Norden deutend. + +»O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!« + +»Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten wird er bei uns sein.« + +So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei. + +»Was nun, Effendi?« fragte er mich. + +»Das wird sich ganz nach dem richten, was du erfahren hast. Bist du +vielleicht bemerkt worden?« + +»Nein. Nur ein Schäfer trieb in weiter Entfernung seine Herde an mir +vorüber.« + +»Wie wurdest du gefangen?« + +»Du hattest mich nach den Ruinen von Khorsabad bestellt. Bis heute +morgen verbarg ich mich in dem südlichen Teile derselben, dann aber +postierte ich mich dem Wege näher, um dich kommen zu sehen. Hier wurde +ich von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte mich nicht +wehren, weil es ihrer zu viele waren, und weshalb sie mich gefangen +nahmen, das weiß ich nicht.« + +»Fragten sie dich nach deinem Stamm und deinem Namen?« + +»Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.« + +»Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber hätte dich an deiner +Tättowierung erkannt. Sie nahmen dich gefangen, weil in den Ruinen von +Kufjundschik die Truppen des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen +die Schammar zu ziehen.« + +Er erschrak und hielt sein Pferd an. + +»Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da muß ich sofort umkehren!« + +»Das ist nicht nötig. Ich kenne den Plan des Gouverneur.« + +»Welches ist dieser Plan?« + +»Der Zug gegen die Schammar ist für jetzt nur eine Maske. Der Mutessarif +will zunächst die Dschesidi überfallen. Diese sollen das nicht ahnen, +und daher giebt er vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.« + +»Weißt du dies genau?« + +»Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen. Ich soll +zurückkommen und ihm die Weideplätze der Schammar auskundschaften.« + +»Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird, so benutzt er +sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch gegen die Schammar zu +schicken.« + +»Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig werden; darauf kannst +du dich verlassen. Und dann ist die kurze Frühlingszeit vorüber.« + +»Maschallah, was hat der Frühling mit diesem Kriege zu thun, Effendi?« + +»Sehr viel. Sobald die heißen Tage kommen, verdorren die Pflanzen, und +die Ebene trocknet aus. Die Bedawi ziehen sich mit ihren Herden nach den +Bergen des Schammar oder des Sindschar zurück, und das Heer des +Gouverneur müßte elend verschmachten.« + +»Du hast recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg getrost fortsetzen; +aber ich kenne ihn nicht.« + +»Wir haben rechts die Straße nach Aïn Sifni, links den Weg nach +Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri aber darf man uns nicht sehen, und +so wird es zweckmäßig sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten. +Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns nicht mehr zu +verbergen.« + +»Wie weit haben wir bis Baadri?« + +»Drei Stunden.« + +»Herr, du bist ein großer Emir. Du bist aus einem weit entfernten Lande +und kennst diese Gegend besser als ich!« + +»Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau nach der Gegend +erkundigt, durch welche wir reisen müssen. Das ist alles! Jetzt aber +vorwärts!« + +Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden wollten, kaum eine halbe +Stunde von einander entfernt lagen, glückte es uns doch, unbemerkt zu +bleiben. Sahen wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links +hinüber, und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns nach +rechts. Natürlich leistete mir mein Fernrohr dabei die wichtigsten +Dienste, und nur ihm allein hatten wir es zu verdanken, daß wir uns +endlich beim Anblick von Baadri sicher fühlen konnten. + +Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel gewesen und also +ziemlich müde, als wir die Hügelreihe erreichten, an deren Fuße das Dorf +lag, welches der Wohnplatz des geistlichen Oberhauptes der +Teufelsanbeter, sowie des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich +fragte den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem Namen des Bey. +Er sah mich verlegen an. Ich hatte ganz außer acht gelassen, daß die +Dschesidi meist nicht arabisch reden. + +»Bey nidsche demar -- wie heißt der Bey?« fragte ich türkisch. + +»Ali Bey,« antwortete er mir. + +»Ol nerde oturar -- wo wohnt er?« + +»Gel, seni götirim -- komm, ich werde dich führen!« + +Er führte uns bis an ein großes, aus Steinen aufgeführtes Gebäude. + +»Itscherde otur -- da drinnen wohnt er,« sagte der Mann; dann entfernte +er sich wieder. + +Das Dorf war außerordentlich belebt. Ich bemerkte außer den Häusern und +Hütten auch eine Menge Zelte, vor denen Pferde oder Esel angebunden +waren, und zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge hin +und her. Diese war so bedeutend, daß unser Kommen gar nicht aufzufallen +schien. + +»Sihdi, schau hierher!« sagte Halef. »Kennst du den?« + +Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des Hauses angebunden war. +Wahrhaftig, es war der Esel unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und +trat ein. Da scholl mir die dünne Fistelstimme des tapfern Ifra +entgegen: + +»Und du willst mir wirklich keine andere Wohnung geben?« + +»Ich habe keine andere,« antwortete eine andere Stimme in sehr trockenem +Tone. + +»Du bist der Kiajah[189]; du mußt eine andere schaffen!« + + [189] Dorfoberhaupt. + +»Ich habe dir bereits gesagt, daß ich keine andere habe. Das Dorf ist +voll von Pilgern; es ist kein Platz mehr leer. Warum führt dein Effendi +nicht ein Zelt bei sich?« + +»Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein großer Bey, der berühmter ist, als +alle Dschesidenfürsten im Gebirge!« + +»Wo ist er?« + +»Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen fangen.« + +»Einen Gefangenen fangen? Bist du toll?« + +»Einen entflohenen Gefangenen.« + +»Ach so!« + +»Er hat einen Firman des Großherrn, einen Firman el Onsul[190], einen +Firman und viele Briefe des Mutessarif, und hier ist auch meine +Bescheinigung.« + + [190] Paß des Konsuls. + +»Er mag selbst kommen!« + +»Was? Er hat den Disch-parassi, und du sagst, er möge selbst kommen! Ich +werde mit dem Scheik sprechen!« + +»Der ist nicht hier.« + +»So rede ich mit dem Bey!« + +»Gehe hinein zu ihm!« + +»Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn, habe +fünfunddreißig Piaster Monatssold[191] und brauche mich vor keinem +Kiajah zu fürchten. Hörst du es?« + + [191] Sieben Mark. + +»Ja. Fünfunddreißig Piaster für den Monat!« klang es beinahe lustig. +»Was bekommst du noch?« + +»Was noch? Höre es! Zwei Pfund Brot, siebzehn Lot Fleisch, drei Lot +Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz und anderthalb Lot Zuthaten täglich, +außerdem auch noch Seife, Öl und Stiefelschmiere. Verstehst du mich? Und +wenn du über meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe, so werde ich +dir erzählen, wie sie mir abhanden gekommen ist! Das war damals, als wir +vor Sebastopol standen; ich befand mich im dicksten Kugelregen, +und -- -- --« + +»Ich habe keine Zeit, dich anzuhören. Soll ich es dem Bey sagen, daß du +mit ihm reden willst?« + +»Sage es ihm. Doch vergiß nicht, zu erwähnen, daß ich mich nicht +abweisen lasse!« + +Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten Unterhaltung. Ich +trat ein, Mohammed Emin und Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im +Begriff, eine Thüre zu öffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen +um. + +»Da kommt der Emir selbst,« meinte Ifra. »Er wird dir zeigen, wem du zu +gehorchen hast!« + +Ich wandte mich zunächst zu dem Buluk Emini: + +»Du hier! Wie kommst du so ganz allein nach Baadri?« + +Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb er mir die +Antwort nicht schuldig: + +»Habe ich dir nicht gesagt, daß ich voranreiten würde, Excellenz?« + +»Wo sind die andern?« + +»Iflemisch -- verschwunden, verduftet, weggeblasen!« + +»Wohin?« + +»Ich weiß es nicht, Hoheit.« + +»Du mußt es doch gesehen haben!« + +»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten alle hinter ihm her, +auch meine Leute und die Arnauten.« + +»Warum du nicht?« + +»Benim eschek -- mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich +doch nach Baadri, um dir Quartier zu machen.« + +»Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?« + +»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich +erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.« + +Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emins wegen. + +»Werden die andern bald nachkommen?« + +»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und +dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege +des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung, +verzeichnet.« + +»Ist Ali Bey hier?« fragte ich jetzt den Dorfältesten. + +»Ja.« + +»Wo?« + +»Bu kapu escheri -- hinter dieser Thüre.« + +»Ist er allein?« + +»Ja.« + +»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!« + +Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in +die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd: + +»Wer ist dieser Araber?« + +»Ein Scheik.« + +»Wo kommt er her?« + +»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt +bei uns bleiben.« + +»Wer tschok Bakschischler -- giebt er viele Trinkgelder?« + +»Bu kadar -- so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger +emporstreckte. + +Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit +strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der +Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr +schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige +Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug +eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter +welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel +befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit +war. + +»Chosch geldin demek -- seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst +mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den +Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken. + +»Mazal bujurum sultanum -- vergib mir, Herr, daß ich dein Haus betrete,« +antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte dich fragen, ob es +in deinem Gebiete eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe +legen können.« + +Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen +und erwiderte dann: + +»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah +sagte mir, daß du ein Emir seist.« + +»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom +Abendlande her.« + +»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch keinen von +ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr +gern kennen lernen möchte.« + +»Darf ich dich fragen, warum?« + +»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.« + +»Inwiefern?« + +»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn +gebracht.« + +»Sind sie hier in Baadri?« + +»Ja.« + +»Und heißen Pali, Selek und Melaf?« + +Er trat überrascht einen Schritt zurück. + +»Du kennst sie?« + +»Wie hieß der Nemtsche, den du meinest?« + +»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.« + +»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der +Haddedihn, und der andere ist Halef, mein Begleiter.« + +»Ist es möglich? Welch eine Überraschung! Seni gerek olarim -- ich muß +dich umarmen!« + +Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er +auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei letzterem den Kuß unterließ. +Dann faßte er mich bei der Hand und sagte: + +»Tschelebim mahalinde geldin -- Herr, du kommst zur rechten Zeit. Wir +haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt; +du aber sollst dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen +Tage dauern, und auch später noch recht lange!« + +»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.« + +»Es wird ihm gefallen.« + +»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir dir noch +erzählen werden.« + +»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist euer Haus, und mein +Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!« + +Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem +Gemeindeältesten sagen: + +»Hast du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist? +Lerne, auch mich danach zu schätzen. Merke dir das!« + +Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und +der Scheik mußten zur Seite Ali Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine +Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr +aufmerksam. + +»Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen +hat!« + +»Willst du meine Wangen schamrot machen?« + +»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tötete! Ich möchte sein, +wie du! Du bist ein Christ?« + +»Ja.« + +»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch +ein Christ.« + +»Sind die Dschesidi Christen?« + +»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute +für sich genommen -- -- --« + +»Weißt du das gewiß?« + +Er zog die Brauen zusammen. + +»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu +herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind +gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß +Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende +Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden +des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit +zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe +predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der +Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut +ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus +einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann +die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im +Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt +meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt +hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich +zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und +zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn +sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der +Christen sagt: Muhabbet bitmez -- die Liebe hört nie auf!« + + [192] Giftkraut. + + [193] Nelke. + +Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner +Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur +ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen +Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem +Helden. + +»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne +kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun. + +»Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses sagt: 'Chüdanün söz +tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar -- das Wort Gottes ist ein Hammer, +welcher Felsen zertrümmert.' Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser +zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe +entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni +dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen; +sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als +Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre +Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie +hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das +heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch +verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen. +Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen +lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein. +Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den +Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche +Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der +dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des +Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der +Jeboschu[196], welcher da gebietet: 'Günesch ile kamer, sus hem Gibbea +jakinda hem dere Adschala -- Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im +Thale von Ajalon!' Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit +dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der +mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut, +welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen +niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in +eurem Buche nicht: 'Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma -- die +Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?' -- Wäre ich +ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle +Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege +ebnen, von denen euer Kitab sagt: 'Wazar-lar sallami, der-ler ughurü -- +sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!' -- Du blickst +mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg +und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du +dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen +wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können? +Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und +sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du +sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise +unternimmst?« + + [194] Amerika. + + [195] Katholiken. + + [196] Josua. + + [197] Simson. + + [198] Hirt David. + + [199] Noah. + + [200] Moses. + +»Nein,« mußte ich allerdings antworten. + +»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten +ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören +ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne +Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der +Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und +beruhigen soll das 'Schamata arasynda daghlere -- das Geschrei in den +Bergen', von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch +kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer, +nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so +höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es +sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe +nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist +verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?« + +»Ja.« + +»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir +wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war +ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere +Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die +brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere, +und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte +über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr +Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan, +Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze. +Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre +Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du +dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum +nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn +sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns +und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen +Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die +Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem +Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten +wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern +Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin -- du kommst zur rechten +Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist +der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.« + +Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir +Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter +kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201] +waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in +einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über +sie zu verschaffen. + + [201] Teufelsleute. + +»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde +sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen, +welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.« + +»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben +unser Fest mitfeiern.« + +»Du kennst sie?« + +»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er +befindet sich in Amadijah.« + +»Woher weißt du dies?« + +»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber +jetzt nicht befreien können.« + +»Warum?« + +»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu +befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen +bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.« + +»Wie viel?« + +»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten +Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit +dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk, +zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203] +stehen.« + + [202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann. + + [203] Major, Befehlshaber von tausend Mann. + +»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?« + +»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht +hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder +Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und +beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel +von Amadijah liegt.« + +»Welche Truppen stehen in Mossul?« + +»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der +Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll +gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge +kommen, um nach Amadijah zu marschieren.« + +»Wie hoch zählen diese letzteren?« + +»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai +Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die +beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.« + + [204] Oberst. + + [205] Regiments-Quartiermeister. + + [206] Dschesidischer Heiliger. + +»Weißt du, wo sie sich versammeln?« + +»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen +von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren, +daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden +erst später marschfertig.« + +»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden +bist.« + +»Wieso?« + +»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her +aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu +verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches +in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment +in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler +begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu +verwenden?« + +Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann: + +»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.« + +»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?« + +»Nein.« + +»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich +Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie +befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.« + +»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche +in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach +Amadijah bestimmt.« + +»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage +eures großen Festes hier an!« + +»Emir!« + +Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich +fuhr fort: + +»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern +nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden +von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf +Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah. +Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.« + +»Herr, wäre dies so gemeint?« + +»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das +Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari, +Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden +ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen +können.« + +»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!« + +»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen +ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif, +daß er euch in Scheik Adi überfallen will.« + +»Wirklich?« + +»Höre!« + +Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich +zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er +sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand. + +»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns +fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren +gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der +Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur +Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau +ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: -- die Mäuse, welche +er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen +können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen, +was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige +Augenblicke entferne.« + +Er ging hinaus. + +»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin. + +»Ebenso wie dir!« + +»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte +Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines +Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!« + +»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen +werden?« fragte ich ihn lächelnd. + +»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr +schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.« + +Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein +ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und +schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen +über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen; +seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren +Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit +welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine +ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz +und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen +Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor +uns und grüßte mit volltönender Stimme: + +»Günesch-iniz söjündürme-sun -- eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte +er hinzu: »#Hun be kurmangdschi zanin# -- versteht ihr, kurdisch zu +sprechen?« + +Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi +ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte +er: + +»#Schima zazadscha zani?#« + +Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind +die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht +kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und +antwortete auf türkisch: + +»Seni an-lamez-iz -- wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche +-- bitte, rede türkisch!« + +Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem +Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und +fragte: + +»Nemtsche sen -- bist du der Deutsche?« + +»Ja.« + +»Izim seni kutschaklam-am -- erlaube, daß ich dich umarme!« + +Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den +angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der +Bey gesessen hatte. + +»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.« + +»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.« + +»Wobei hat er mich erwähnt?« + +»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.« + +»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des +Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie +kann es da noch ein Leid für mich geben?« + +»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.« + +Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz +ruhig, als er antwortete: + +»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und +meine Söhne getötet. Was ist's mit ihm?« + +»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!« + +»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis +vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken +gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest +zu stören?« + +»Ich glaube es.« + +»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele +verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?« + +»Nein.« + +»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst +gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?« + +»Ja.« + +»Du warst dort?« + +»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.« + +»Wo?« + +»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in -- -- du bist ein Pir, +ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige +Buch der Christen?« + +»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in +türkischer Sprache.« + + [207] Altes Testament. + +»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?« + +»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.« + +»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort +lautet der zwölfte Vers: 'Haben auch die Götter der Heiden alle die +gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und +Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?' Dieses Thalassar ist Tel +Afer.« + +Er blickte mich erstaunt an. + +»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche +bereits vor Jahrtausenden bestanden?« + +»So ist es.« + +»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan, +am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen. +Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es +ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei +sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um +alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein +Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit +erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt +gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten, +und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um +mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du +die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine +Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und +ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und +schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich +mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und +stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war +es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht +getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am +Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele +Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der +Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine +Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und +schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist +jetzt Miralai.« + + [208] Lieutenant. + +Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr +ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen +Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde +sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen. +Es war schrecklich anzuhören. + +»Du willst dich rächen?« fragte ich. + +»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine +böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein +Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. -- Ihr +werdet während unseres Festes bei uns verweilen?« + +»Wir wissen es noch nicht.« + +»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken; +bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen +werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi +können euch leicht unterstützen.« + +Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte +das frühere Leben wieder bekommen. + +»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in +der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren. + +Er schüttelte langsam den Kopf. + +»Glaubst du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns +erzählt? Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und +Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit +des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die +Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum +lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das +Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer Kitab sagt, +daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen +kann. Ihr heiliget euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir +heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die +Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie ihr es mit +dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau[209] sei auf der Erde gewesen und +werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den +Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die +Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der +Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird. +Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen nicht, wann +er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl, +als er sie in dem Baghtsche Gethseman[210] schlafend fand: 'Gözetyn +namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz -- wachet und betet, +auf daß ihr nicht überfallen werdet!' Darum bedienen wir uns des Hahnes, +der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe +mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und +ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Blech gemacht +und mit Gold überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir +einen lebendigen. Sind wir deshalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure +Priester sind weiser, und eure Lehren sind besser; wir würden bessere +Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen +Dschesidi der einzige, welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und +darum rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.« + + [209] Der Herr Jesus. + + [210] Garten Gethsemane. + +»Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die eurigen unterweisen +könnten?« + +»Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit. Die Lehre der +Christen ist gespalten. Wenn ihr uns einmal sagen könnt, daß ihr einig +seid, so werdet ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des +Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun +sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in eurem Kitab: +'Im jol de gertscheklik de ömir de -- ich bin der Weg und die Wahrheit +und das Leben.' Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele +Wahrheiten, da es doch nur den Einen giebt, der das Leben ist? Darum +streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist, +sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen +wird.« + +Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir -- offen gestanden -- sehr +lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich +beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich +mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eignen Heimat +schweigen -- leider, leider! Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand. + +»Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen +muß, aber wir werden uns wiedersehen.« + +Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach +und sagte: + +»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er +war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat +überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.« + +»Ein Buch?« fragte ich erstaunt. + +»Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser +Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes, +und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun +einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können, +hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein +Buch.« + +»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?« + +»In seiner Wohnung.« + +»Und wo ist diese?« + +»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher +und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber +seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.« + +»Denkst du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?« + +»Er wird es sehr gern thun.« + +»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?« + +»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die +Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst du das Buch erhalten; ich werde +es dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß ihr bleiben wollt!« + +»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?« + +»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige +Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu +ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken +auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu +finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie +Nachricht bringen, mögt ihr es euch bei mir gefallen lassen!« + +Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali Bey umarmte uns vor +Freuden nochmals, als wir ihm dies mitteilten, und bat uns: + +»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch sehe!« + +Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung, +daß die Dschesidi ihre Frauen bei weitem nicht so abschließen, wie es +die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie +bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben +erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute +nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem +falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem +rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und +dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so +übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Kultus schwankt +zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das +letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls +die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen +derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen. + +Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide +speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom +Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei +erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen +Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei andern aber gingen +nach der Abteilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente. + +Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr +schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe +geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn. + +»Seid willkommen, ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter +Einfachheit und reichte uns die Rechte. + +Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name +ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und +küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz +zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst +sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten +orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken +findet. Ali Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache +oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das +letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu +gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste +mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und +stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir +standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und +darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter +dadurch vergalt, daß sie mir den besten Teil der Speisen vorlegte und +mir nach Tisch ihren Garten zeigte. + +Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im +Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am +besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte, bei +welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern +Bint el Onsul, Tochter des Konsuls, genannt wird. + +Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich +auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht +erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein +starkes Heft. + +»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick. + +Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan niedergelassen. Der +Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes +nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben +und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in +mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr +schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald +es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der +Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich +beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung so viel wie +möglich auszunutzen. + +Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die +Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen, +erklang folgender Gesang: + + »Ghawra min ave the + Bina michak, dartschin ber pischte + Dave min chala surat ta kate + Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete[211].« + + [211] Frei übersetzt: + »Ein christliches Mädchen kommt Wasser zu holen. + Ich steh' ihr im Rücken und atme verstohlen. + Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es küssen, + Und sollt' ich in Fesseln nach Rußland dann müssen.« + +Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst +im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider +blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen, +wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es +wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest +nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche +Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte. + +»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der +Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut +unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im +Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor +ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil +Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.« + +Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher +Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort: + +»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich +tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde tot am Boden; da holte einer mit +dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich +aber denselben zurückzog, so traf er meine Na -- -- --« + +In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich +ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf +den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines +Truthahnes folge, und dann schloß sich jenes vielstimmige, ächzende +Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele +der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an, +welches diese rätselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte. +Ifra aber meinte ruhig: + +»Was staunt ihr denn? Mein Esel war's! Er kann die Dunkelheit nicht +leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht +geworden ist.« + +Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige +Kreatur! Diese Stimme mußte ja Tote lebendig machen! Wer sollte während +der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen +Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der +Lunge eine Diskantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im +Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Klarinetten zu haben +schien. + +Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von +der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien »im Buche +verzeichnet« zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen +dürfe. + +»So schreit das Tier also die ganze Nacht?« fragte einer. + +»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers. +»Alle zwei Minuten einmal.« + +»Gewöhne es ihm ab!« + +»Womit?« + +»Ich weiß es nicht!« + +»So behalte auch deinen Rat für dich! Ich habe alles vergebens versucht: +-- Schläge, Hunger und Durst.« + +»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht +erkennt!« + +»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich +an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und -- schreit weiter.« + +»Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht dich ganz gewiß, +aber er hat keine Lust, dir den Gefallen zu thun.« + +»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Tiere den Menschen +verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen +stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen. +Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein, +stumm aber gewißlich nicht.« + +»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört +hat. In welcher Sprache redest du zu dem Esel?« + +»In der türkischen.« + +»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen +ist, der das Türkische gar nicht versteht?« + +»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!« + +»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn du zu ihm redest? Sein +Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu +ihm!« + +»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi +Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden +kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt +hat. Auch Soliman[212] konnte alle Tiere verstehen.« + + [212] Salomo. + +»Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden. Kennst du die +Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine +gesprochen haben?« + +»Nein.« + +»So werde ich sie euch erzählen! #De vachtha beni Isráil meru ki +dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi +wi va hania khoè parve dikerin, pev tschun, jek debee -- -- --#« + +»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest du?« + +»In unserer. Es ist Kurmangdschi.« + +»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!« + +»So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels, der auch nur seine +Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch +erzählen? Sie wird ganz anders klingen!« + +»Versuche es nur!« + +»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen +Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichtum und ein +Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie +aneinander. Der eine sagte: 'Es ist mein Haus!' Der andere sagte: 'Es +ist mein Haus!' Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein +Backstein und sagte: 'Was, schämt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder +dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert +Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im +Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich +zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich. +Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann: +ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem +Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was +ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele +nicht -- -- --'« + +Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er +anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er +that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit +der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba +verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung +und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich. + +»Emir, ist es wahr, daß du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da +ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich dich +begrüße.« + +Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen +Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich. + +»Wo sind Pali und Melaf?« fragte ich ihn. + +»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu. +Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich dich nachher +wieder?« + +»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft +vielleicht ein Geheimnis?« + +»Möglich; aber du darfst sie hören. Komm, Emir!« + +Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß +der Zutritt dort jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der +gute Hadschi war schon wieder beim Essen. + +»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe +dir etwas mitzuteilen.« + +»Sprich!« + +»Dürfen es alle hören?« + +»Alle.« + +»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach +Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht +wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über +Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah +versteckt.« + +»Wer sagte das?« + +»Ein Holzfäller aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana +Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus +Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind +über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt +oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.« + +»Wer sagte dir dieses?« + +»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu +gehen.« + +»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken. +Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz +am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?« + +»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.« + +»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu +verbergen?« + +»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.« + +»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch +unsere Tiere dort unterzubringen?« + +»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem +Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird +bemerken, was wir thun.« + +»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit dir +sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen jedermann. Ich wollte dich +bitten, hier den Emir zu bedienen, aber du wirst wohl anderweit +gebraucht.« + +»Darf ich ihm meinen Sohn senden?« + +»Thue es!« + +»Spricht er ein gutes Kurdisch?« fragte ich. + +»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.« + +»So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!« + +Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die +Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei +demselben wohl gegen zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und +mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus +drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten, +drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine +vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte +ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen +Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam. + +Während des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit dem ich mich in mein +Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu +studieren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger, +doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über alles, was ich von ihm +zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den +Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die +Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die +andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie +das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus +Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das +Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden, +wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt, +als dem klar und offen zu Tage Liegenden. + +Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast +regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche, +markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht +auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch +reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als +aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur +Ruhe begab, wurden die überlauten Interjektionen des Graurockes geradezu +unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst +nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen. + +Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu +immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine +Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer, +und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche +geradezu infernalisch genannt werden mußte. + +Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein +verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk +Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen; +jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich +nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte +vor meiner Thür. Er trat ein. + +»Schläfst du schon, Emir?« + +Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in +voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst +keine bessere Einleitung finden können. + +»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange, +welchen dein Esel vollführt!« + +»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt +kommen sie alle zu mir und verlangen, daß ich das Tier hinaus in den +Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So +weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder +nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere +meinen Grad.« + +»So schaffe ihn in den Wald.« + +»O Emir, das geht nicht!« + +»Warum nicht?« + +»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es giebt Wölfe im Walde.« + +»So bleibe mit draußen und bewache ihn!« + +»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!« + +»Nun?« + +»Dann frißt einer den Esel und der andere mich!« + +»Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade nicht.« + +»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu dir gehen solle.« + +»Zu mir? Warum?« + +»Herr, glaubst du, daß dieser Esel eine Seele hat?« + +»Natürlich hat er eine.« + +»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!« + +»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr getauscht: seine +Seele ist in dich, und deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist du der +Esel und fürchtest dich wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und +brüllt wie ein Löwe. Was könnte ich dagegen thun?« + +»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine +türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht. +Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich dich, +herabzukommen. Wenn du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken, +wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier. +Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig +Ruhe läßt.« + +»Glaubst du denn wirklich, daß -- -- --« + +In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme abermals, und zwar mit +solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit +einfiel. + +»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab, +sonst ist er verloren und seine Seele auch!« + +Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir einen Spaß machen? +Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des +Grautieres hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut +widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner. + +»Wer weiß ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen zu bringen?« fragte ich. + +Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich: + +»Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!« + +Mein Hadschi gehörte also zu den wahren »Gläubigen«. Ich trat an den +Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige +fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase +und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte +mich an Ifra. + +»Buluk Emini, wie hieß dein Vater?« + +»Nachir Mirja.« + +»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater deines Vaters?« + +»Muthallam Sobuf.« + +»Der ist es! Wo wohnte er?« + +»In Hirmenlü bei Adrianopel.« + +»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat, +um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz +gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: 'Escheklerin sew -- liebe deine +Esel!' Darum muß der Geist deines Großvaters diese That sühnen. Er hat +an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt, +umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere +einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst +werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst du +ihn erlösen, Ifra?« + +»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das +Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel +schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu +schrecklich sein. »Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe, +um den Vater meines Vaters zu erretten.« + +»Hole einen Stein und eine Schnur!« + +Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul +und schrie. + +»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.« + +Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den +Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte +der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen; +dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem +Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz +brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort +eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel +befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er +schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit +den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu +schreien -- aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine +größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm +vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken. + +»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir, +du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!« + +Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger +noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei. + +Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches +im Dorfe hin und her flutete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche +teils in Baadri blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach +Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik +Mohammed Emin. + +»Hast du hinunter vor das Haus gesehen?« fragte er mich. + +»Nein.« + +»Blicke hinab!« + +Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen hunderte von +Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte +dem andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben +erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich +nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs +aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken. + +Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte. + +»Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer +Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?« + +»Ja. Das Tier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang +seiner eigenen Stimme ermutigen.« + +»Wollt ihr mir zum Frühmahle folgen?« + +Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef +nebst dem Sohn Seleks, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen +mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die +Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir +die Hand. + +»Sabah'l kher -- guten Morgen!« grüßte ich sie. + +»Sabah'l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava -- wie ist dein Befinden?« + +»Kangia! Tu ciava -- gut; wie befindest du dich?« + +»Skuker quode kangia -- Gott sei Dank, gut!« + +»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt. + +»Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,« +antwortete ich. »Und das ist wenig genug.« + +»Kommt herbei und setzt euch!« + +Es gab zunächst Kaffee mit Honigkuchen und dann Hammelbraten, den man in +dünnen, breiten Stücken wie Brot aß. Dazu trank man Arpa, eine Art +Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt. +Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk Emini kauerte +trübsinnig seitwärts. + +»Ifra, warum kommst du nicht zu uns?« fragte ich ihn. + +»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er. + +»Was fehlt dir?« + +»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und +geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl +auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines +Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am +Schwanz!« + +Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die +Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten +konnte, laut aufzulachen. + +»Du lachest!« erwiderte er vorwurfsvoll. »Hättest du einen Esel, welcher +der Vater deines Vaters ist, so würdest du weinen. Ich soll dich nach +Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder +auf den Geist meines Großvaters!« + +»Das sollst du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf +einen Geist kann sich niemand setzen.« + +»Auf wem soll ich denn reiten?« + +»Auf deinem Esel.« + +Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an. + +»Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja gesagt!« + +»Das war nur Scherz.« + +»O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!« + +»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß du dir meinen +Scherz so zu Herzen nimmst.« + +»Effendi, du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft +mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen? +Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines +Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was +dir die Seele des Esels anbefohlen hat?« + +»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das +will ich dir sagen. Hast du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen +schließt, wenn er kräht?« + +»Ich habe es gesehen.« + +»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so +wird er niemals krähen. Hast du beobachtet, daß dein Esel stets den +Schwanz erhebt, wenn er schreien will?« + +»Ja wirklich, das thut er, Effendi!« + +»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann +wird er das Schreien lassen.« + +»Ist dies wirklich so?« + +»Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!« + +»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?« + +»Nein, ich sage es dir ja!« + +»Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!« + +Er sprang hinaus und riß dem Tiere den Stein vom Schwanze herunter; dann +kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu +beteiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen +durfte, zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi +untereinander leben. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Das große Fest. + + +Eine Stunde später ritt ich mit meinem Dolmetscher in den lichten Morgen +hinein spazieren. Mohammed Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben +und sich überhaupt so wenig wie möglich zu zeigen. + +»Kennst du das Thal Idiz?« fragte ich den Begleiter. + +»Ja.« + +»Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?« + +»Zwei Stunden.« + +»Ich möchte es sehen. Willst du mich hinführen?« + +»Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder über Scheik Adi?« + +»Welcher Weg ist der kürzere?« + +»Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.« + +»Wir wählen ihn dennoch.« + +»Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares Tier, wie ich kaum +jemals so eines gesehen habe; aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt +sein.« + +»Gerade heute will ich es prüfen.« + +Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter dem man sich ja nicht einen +gebahnten Steig zu denken hat, ging steil bergan und wieder steil +bergab, aber mein Rappe hielt wacker aus. Die Höhen, welche erst mit +Gebüsch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem, dunklem Wald +besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen wir dahinritten. Endlich +wurde der Pfad so gefährlich, daß wir absteigen und die Pferde führen +mußten. Es war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe wir +den Fuß auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers war diese Art +Terrain gewohnt: es trat mit mehr Sicherheit auf und wußte die +gefährlichen Stellen aus Erfahrung besser von den ungefährlichen zu +unterscheiden; aber mein Rappe besaß einen glücklichen Instinkt und eine +außerordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam die Überzeugung, daß er +bereits nach kurzer Übung ein sehr guter Berggänger sein werde; +wenigstens zeigte er bereits heute, daß er nicht ermüdete, während das +andere Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu kämpfen begann. + +Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als wir an ein Dickicht +gelangten, hinter welchem die Felsen fast senkrecht hinabfielen. + +»Das ist das Thal,« meinte der Führer. + +»Wie kommen wir hinab?« + +»Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und dieser führt von Scheik +Adi hierher.« + +»Ist er betreten?« + +»Nein; er ist von dem übrigen Boden gar nicht zu unterscheiden. Komm!« + +Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales +ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem +Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach +einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder +abstieg. Er deutete nach rechts. + +»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi +weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.« + +Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten +Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und +Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden. +Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt, +konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß +genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und +verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten, +daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die +Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher +selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich +in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele +durstige Kehlen. + +Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann +ich das Gespräch mit der Bemerkung: + +»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen +konnte.« + +»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten +Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre +Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen +Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.« + +»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.« + +»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine +Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine +Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet +fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen; +aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest +nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den +Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.« + +»Sind sie alle bewaffnet?« + +»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen +wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen +Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere +Freudensalven.« + +»Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?« + +»Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der Glaube sehr +gleichgültig. Er hat nur das eine Ziel, reich zu werden, und dazu müssen +ihm bald die Araber und die Chaldäer, bald die Kurden oder die Dschesidi +verhelfen. Oder meinst du, daß unser Glaube so schlimm sei, daß er +verdiene, ausgerottet zu werden?« + +Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben. Von ihm konnte ich +erfahren, was der Pir mir noch nicht gesagt hatte. + +»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich. + +»Und hast auch noch nichts über ihn gehört?« + +»Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.« + +»Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres über uns. Hast du auch von +meinem Vater nichts erfahren oder von Pali und Melaf?« + +»Nein; wenigstens nichts Hauptsächliches; aber ich denke, daß du mir +einiges sagen wirst.« + +»O Emir, wir sprechen nie zu Fremden über unsern Glauben!« + +»Bin ich dir fremd?« + +»Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern das Leben gerettet und +auch jetzt uns vor den Türken gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du +bist der einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich muß dir +sagen, daß ich selbst nicht alles weiß.« + +»Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?« + +»Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge, welche die Eltern ganz +allein zu wissen brauchen? Unsere Priester sind unsere Väter.« + +»Darf ich dich fragen?« + +»Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu nennen!« + +»Ich weiß es; aber ich möchte grad über diesen Gegenstand einiges +wissen. Wirst du mir Auskunft geben, wenn ich das Wort vermeide?« + +»Soviel ich's vermag, ja.« + +Dieses Wort war der Name des Teufels, den die Dschesidi niemals +aussprechen. Das Wort Scheïtan ist bei ihnen so verpönt, daß sie selbst +ähnliche Worte sorgfältig vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem +Flusse sprechen, so sagen sie »Nahr«, aber niemals »Schat«, weil dieses +letztere Wort mit der ersten Silbe von Scheïtan in naher Beziehung +steht. Das Wort »Keïtan« (Franse oder Faden) wird vermieden und auch die +Wörter »Naal« (Hufeisen) und »Naal-band« (Hufschmied), weil sie mit den +Worten »Laan« (Fluch) und »mahlun« (verflucht) in einer gewissen Nähe +stehen. Sie sprechen vom Teufel nur in Umschreibung, und zwar mit +Ehrfurcht. Sie nennen ihn Melek el Kuht, der mächtige König oder Melek +Ta-us, König Pfauhahn. + +»Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes Wesen?« + +»Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht unter Gott. Dieser +Kyral meleklerün war das oberste der himmlischen Wesen; aber Gott war +sein Schöpfer und Herr.« + +»Wo ist er jetzt?« + +»Er empörte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.« + +»Wohin?« + +»Auf die Erde und auf alle Sterne.« + +»Nun ist er der Herr derjenigen, die in der Dschehennah wohnen?« + +»Nein. Ihr glaubt wohl, daß er ewig unglücklich ist?« + +»Ja.« + +»Glaubt ihr auch, daß Gott allgütig, gnädig und barmherzig ist?« + +»Ja.« + +»Dann wird er auch verzeihen -- den Menschen und den Engeln, welche gegen +ihn sündigen. Das glauben wir, und darum bedauern wir jenen, welchen du +meinst. Jetzt kann er uns schaden, und darum nennen wir seinen Namen +nicht. Später, wenn er seine Macht zurück erhält, kann er die Menschen +belohnen, und darum reden wir nichts Böses von ihm.« + +»Ihr verehrt ihn? Ihr betet ihn an?« + +»Nein, denn er ist Gottes Geschöpf wie wir; aber wir hüten uns, ihn zu +beleidigen.« + +»Was bedeutet der Hahn, welcher bei euren Gottesdiensten zugegen ist?« + +»Der bedeutet jenen nicht, welchen du meinst. Er ist ein Bild der +Wachsamkeit. Hat euch Azerat Esau, der Sohn Gottes, nicht erzählt von +den Jungfrauen, welche den Bräutigam erwarteten?« + +»Ja.« + +»Fünf von ihnen schliefen ein und dürfen nun nicht in den Himmel. Kennst +du die Erzählung von dem Jünger, welcher seinen Meister verleugnete?« + +»Ja.« + +»Auch da krähte der Hahn. Darum ist er bei uns das Zeichen, daß wir +wachen, daß wir den großen Bräutigam erwarten.« + +»Glaubt ihr das, was die Bibel erzählt?« + +»Wir glauben es, obgleich ich nicht alles weiß, was sie erzählt.« + +»Habt ihr nicht auch ein heiliges Buch, in welchem eure Lehren +verzeichnet sind?« + +»Wir hatten ein solches. Es wurde in Baascheikha aufbewahrt, aber ich +habe gehört, daß es verloren gegangen ist.« + +»Welches sind eure heiligen Handlungen?« + +»Du wirst sie alle in Scheik Adi kennen lernen.« + +»Kannst du mir sagen, wer Scheik Adi war?« + +»Das weiß ich nicht genau.« + +»Betet ihr zu ihm?« + +»Nein. Wir verehren ihn nur dadurch, daß wir an seinem Grabe zu Gott +beten. Er war ein Heiliger und wohnt bei Gott.« + +»Welche Arten von Priestern giebt es bei euch?« + +»Zunächst kommen die Pirs. Dieses Wort heißt eigentlich ein alter oder +ein weiser Mann; hier aber bedeutet es ein heiliger Mann.« + +»Wie kleiden sie sich?« + +»Sie können sich kleiden, wie es ihnen gefällt; aber sie führen ein sehr +frommes Leben, und Gott giebt ihnen die Macht, durch ihre Fürbitte alle +Krankheiten des Leibes und der Seele zu heilen.« + +»Giebt es viele Pirs?« + +»Ich kenne jetzt nur drei. Pir Kamek ist der größte von ihnen.« + +»Weiter!« + +»Nach ihnen kommen die Scheiks. Sie müssen so viel Arabisch lernen, um +unsere heiligen Lieder zu verstehen.« + +»Werden diese in arabischer Sprache gesungen?« + +»Ja.« + +»Warum nicht in kurdischer?« + +»Ich weiß es nicht. Aus den Scheiks werden die Wächter des heiligen +Grabes gewählt, wo sie das Feuer unterhalten und die Pilger bewirten +müssen.« + +»Haben sie eine besondere Kleidung?« + +»Sie gehen ganz weiß gekleidet und tragen als Zeichen ihres Amtes einen +Gürtel, welcher rot und gelb ist. Nach diesen Scheiks kommen die +Prediger, welche wir Kawals nennen. Sie können die heiligen Instrumente +spielen und gehen von Ort zu Ort, um die Gläubigen zu belehren.« + +»Welches sind die heiligen Instrumente?« + +»Das Tamburin und die Flöte. Auch verstehen die Kawals bei den hohen +Festen zu singen.« + +»Wie kleiden sie sich?« + +»Sie können alle Farben tragen, doch kleiden sie sich gewöhnlich weiß. +Dann aber muß ihr Turban schwarz sein, zur Unterscheidung von den +Scheiks. Nach ihnen kommen die Fakirs, welche die niederen Dienste am +Grabe und auch anderswo verrichten. Sie haben meist dunkle Gewänder und +tragen ein rotes Tuch quer über dem Turban.« + +»Wer ernennt eure Priester?« + +»Sie werden nicht ernannt, denn diese Würde ist erblich. Wenn ein +Priester stirbt und keinen Sohn hinterläßt, so geht sein Amt auf seine +älteste Tochter über.« + +Das war allerdings höchst merkwürdig, besonders im Orient! + +»Und wer ist der Oberste aller Priester?« + +»Der Scheik von Baadri. Du hast ihn noch nicht gesehen, denn er befindet +sich bereits in Scheik Adi, um das Fest vorzubereiten. Hast du noch +etwas zu fragen?« + +»Noch vieles! Werden eure Kinder getauft?« + +»Getauft und beschnitten.« + +»Giebt es unreine Speisen, welche ihr nicht essen dürft?« + +»Wir essen kein Schweinfleisch und haben keine blaue Farbe, denn der +Himmel ist so erhaben, daß wir seine Farbe nicht unsern irdischen Dingen +geben mögen.« + +»Habt ihr eine Kiblah?« + +»Ja. Wenn wir beten, so wenden wir das Angesicht dem Orte zu, an welchem +an diesem Tage die Sonne aufgegangen ist. Auch die Toten werden bei +ihrem Begräbnisse so gelegt, daß ihr Angesicht nach dieser Gegend +gerichtet ist.« + +»Weißt du, woher eure Religion gekommen ist?« + +»Scheik Adi, der Heilige, hat sie uns gelehrt. Wir selbst aber sind aus +den Ländern des untern Euphrat gekommen. Dann zogen unsere Väter nach +Syrien, nach dem Sindschar und endlich hierher.« + +Ich hätte sehr gern noch weiter gefragt, aber es erschallte von oben her +ein Schrei, und als wir emporblickten, erkannten wir Selek, welcher im +Begriffe war, zu uns herabzusteigen. Bald stand er neben uns und reichte +uns die Hand. + +»Beinahe hätte ich euch erschossen,« lautete sein Gruß. + +»Uns? Warum?« fragte ich. + +»Von oben herab hielt ich euch für Fremde, und solche dürfen in dieses +Thal nicht eindringen. Dann aber erkannte ich euch. Ich komme, um +nachzusehen, ob das Thal der Vorbereitung bedarf.« + +»Zur Aufnahme der Flüchtigen?« + +»Der Flüchtigen? Wir werden nicht fliehen; aber ich habe dem Bey +erzählt, wie listig du die Feinde der Schammar nach jenem Thale +locktest, in welchem ihr sie gefangen nahmt, und wir werden ganz +dasselbe thun.« + +»Ihr wollt die Türken hierher locken?« + +»Nein, sondern nach Scheik Adi; die Pilger aber sollen während des +Kampfes hier untergebracht werden. Der Bey hat es so befohlen, und der +Scheik ist damit einverstanden.« + +Er untersuchte das Wasser und die Höhlen und fragte uns dann, ob wir ihn +zurückbegleiten wollten. Dies verstand sich ganz von selbst. Wir führten +unsere Pferde empor, saßen dann auf und hielten stracks auf Baadri zu. +Als wir dort ankamen, fand ich den Bey einigermaßen in Aufregung. + +»Ich habe Kunde erhalten, seitdem du fortgeritten bist,« sagte er. »Die +Türken aus Diarbekir stehen bereits am Ghomelflusse, und die aus Kerkjuk +haben unterhalb der Berge auch schon denselben Fluß erreicht.« + +»So sind deine Kundschafter von Amadijah bereits zurück?« + +»Sie sind gar nicht bis nach Amadijah gekommen, denn sie mußten sich +teilen, um diese Truppen zu beobachten. Es ist nun erwiesen, daß der +geplante Überfall nur uns gilt.« + +»Ist es bereits bekannt?« + +»Nein, denn dadurch könnte der Feind erfahren, daß er uns gerüstet +finden wird. Ich sage dir, Emir, ich werde entweder sterben oder diesem +Mutessarif eine Lehre geben, die er nie vergessen soll!« + +»Ich werde bis nach dem Kampfe bei dir bleiben.« + +»Ich danke dir, Emir; aber kämpfen sollst du nicht!« + +»Warum nicht?« + +»Du bist mein Gast: Gott hat mir dein Leben anvertraut.« + +»Gott kann es am besten schützen. Soll ich dein Gast sein und dich +allein in den Kampf gehen lassen? Sollen die Deinen von mir erzählen, +daß ich ein Feigling bin?« + +»Das werden sie niemals sagen. Bist du nicht auch der Gast des +Mutessarif gewesen? Hast du nicht seinen Paß und seine Briefe in der +Tasche? Und jetzt willst du gegen ihn kämpfen? Mußt du nicht deinen Arm +aufheben für den Sohn deines Freundes, den ihr befreien wollt? Und +kannst du mir nicht dienen, auch ohne daß du meine Feinde tötest?« + +»Du hast recht in allem, was du sagest. Ich wollte aber auch nicht +töten, sondern vielleicht dahin wirken, daß kein Blut vergossen wird.« + +»Laß diese Sorge mir, Effendi! Ich trachte nicht nach Blut; ich will nur +den Tyrannen von mir weisen.« + +»Wie willst du dies durchführen?« + +»Weißt du, daß in Scheik Adi bereits dreitausend Pilger eingetroffen +sind? Bis zum Beginne des Festes werden es sechstausend und noch mehr +sein.« + +»Männer, Frauen und Kinder?« + +»Ja. Die Frauen und Kinder sende ich in das Thal Idiz, und nur die +Männer bleiben zurück. Die Truppen aus Diarbekir und Kerkjuk werden sich +auf dem Wege von Kaloni her vereinigen, und die aus Mossul kommen über +Dscherraijah oder Aïn Sifni herauf. Sie wollen uns in dem Thale des +Heiligen einschließen; wir aber steigen hinter dem Grabe empor und +stehen rund um das Thal, wenn sie eingerückt sind. Dann können wir sie +niederstrecken bis auf den letzten Mann, wenn sie sich nicht ergeben. +Andernfalls aber sende ich einen Boten an den Mutessarif und stelle +meine Bedingungen, unter denen ich sie freigebe. Er wird sich dann vor +dem Großherrn in Stambul zu verantworten haben.« + +»Er wird diesem die Angelegenheit in einem falschen Lichte schildern.« + +»Aber es wird ihm nicht gelingen, den Padischah zu täuschen; denn ich +habe vorhin eine heimliche Gesandtschaft nach Stambul gesandt, welche +ihm zuvorkommen wird.« + +Ich mußte mir im Innern eingestehen, daß Ali Bey nicht nur ein mutiger, +sondern auch ein kluger und darum vorsichtiger Mann sei. + +»Und wie willst du mich verwenden?« fragte ich ihn. + +»Du sollst mit jenen ziehen, welche unsere Frauen und Kinder und unsere +Habe beschützen werden.« + +»Eure Habe nehmt ihr mit?« + +»So viel wir fortbringen. Ich werde noch heute allen Bewohnern von +Baadri sagen lassen, daß sie alles nach dem Thale Idiz schaffen mögen, +aber heimlich, damit mein Plan nicht verraten werde.« + +»Und Scheik Mohammed Emin?« + +»Er geht mit dir. Ihr könntet jetzt nicht nach Amadijah kommen, da der +Weg dorthin bereits nicht mehr frei ist.« + +»Die Türken würden das Bu-djeruldi des Großherrn und den Ferman des +Mutessarif achten müssen.« + +»Aber es sind Leute aus Kerkjuk dabei, und wie leicht ist es möglich, +daß einer von ihnen Mohammed Emin kennt!« + +Noch während wir sprachen, kamen zwei Männer in das Haus. Es waren meine +beiden alten Bekannten Pali und Melaf, welche ganz außer sich waren, als +sie mich erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die Hände küßten. + +»Wo ist der Pir?« fragte Ali Bey. + +»Im Grabe des Jonas bei Kufjundschik. Er sendet uns, um dir zu sagen, +daß wir am zweiten Tage des Festes früh am Morgen überfallen werden +sollen.« + +»Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben wird?« + +»Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei Türken erschlagen +worden. Er will die Thäter in Scheik Adi holen.« + +»Es sind in Malthaijah von zwei Türken zwei Dschesidi erschlagen worden, +so lautet die Wahrheit. Siehst du, Emir, wie diese Türken sind? Sie +erschlagen meine Leute, um Ursache zum Einfall in unser Gebiet zu haben. +Mögen sie finden, was sie suchen!« + +Ich begab mich mit meinem Dolmetscher nach meinem Zimmer, wo ich meine +Übungen begann. Mohammed Emin saß wortlos dabei, rauchte seine Pfeife +und wunderte sich baß darüber, daß ich mir so viele Mühe gab, ein Buch +zu lesen und die Worte einer fremden Sprache zu verstehen. Dies that ich +während des ganzen Tages und am Abend. Auch der nächste Tag verging +unter dieser angenehmen Beschäftigung. + +Unterdessen hatte ich bemerkt, daß die Bewohner von Baadri ihre Habe +ohne Aufsehen fortschafften; auch wurde in einer Stube unseres Hauses +eine große Menge Kugeln gegossen. Beifügen muß ich noch, daß der Esel +des Buluk Emini während dieser Zeit nicht wieder laut geworden war, da +ihm sein Herr und Meister sofort bei Einbruch der Dunkelheit den Stein +an den Schwanz befestigt hatte. + +Pilger kamen fortwährend, bald einzeln, bald in Familien und bald in +größeren Trupps. Viele waren arm und auf die Mildthätigkeit anderer +angewiesen. Dann trieb einer eine Ziege oder einen fetten Hammel herbei; +reichere Leute hatten einen Ochsen oder zwei, ja einige Male sah ich +sogar ganze Herden vorüberziehen. Das waren die Liebes- und Opfergaben, +welche die Wohlhabenden zum heiligen Grabe brachten, damit ihre armen +Brüder nicht Mangel leiden sollten. So viele auch kamen und gingen: -- +meine Baschi-Bozuks und Arnauten blieben verschollen, und ich habe bis +zum heutigen Tage nicht erfahren, wo sie geblieben sind. + +Am dritten Tage, dem ersten Tage des Festes, saß ich mit meinem +Dolmetscher wieder beim Buche. Es war noch vor Sonnenaufgang. Ich war in +die Arbeit so vertieft, daß ich gar nicht bemerkte, daß der Buluk Emini +eingetreten war. + +»Emir!« rief er, nachdem er sich bereits einige Male geräuspert hatte, +ohne daß es von mir bemerkt worden war. + +»Was giebt es?« + +»Fort!« + +Jetzt erst bemerkte ich, daß er bereits gespornt und gestiefelt sei, +übergab dem Sohne Seleks das Buch und sprang auf. Ich hatte ganz +vergessen, daß ich mich baden und frische Wäsche anlegen müsse, wenn ich +überhaupt am Grabe des Heiligen würdig erscheinen wollte. Ich nahm die +Wäsche zu mir, ging hinab und eilte hinaus vor das Dorf. Der Bach +wimmelte von Badenden und ich mußte ziemlich weit gehen, um eine Stelle +zu finden, an welcher ich mich unbeobachtet glaubte. + +Hier badete ich und wechselte die Wäsche, eine Prozedur, welche man auf +Reisen im Oriente nicht gar zu häufig vornehmen kann. Daher fühlte ich +mich wie neugeboren und wollte bereits den Ort verlassen, als ich eine +leise Bewegung des Gebüsches bemerkte, welches sich an den Ufern des +Baches hinzog. War es ein Tier oder ein Mensch? Wir standen auf dem +Kriegsfuße, und so konnte es nichts schaden, wenn ich die Sache einmal +näher untersuchte. Ich that daher vollständig unbefangen, pflückte +einige Blumen und näherte mich dabei scheinbar absichtslos dem Orte, an +dem ich die erwähnte Bewegung bemerkt hatte. Dabei kehrte ich dem Busche +den Rücken zu; plötzlich aber drehte ich mich um und stand mit einem +schnellen Sprunge mitten im dichten Zweigwerk. Vor mir kauerte ein Mann, +er sah noch jung aus, hatte aber beinahe einen militärischen Anstrich, +obgleich ich nur ein Messer als einzige Waffe bei ihm bemerkte. Eine +breite Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er erhob sich und wollte +sich rasch zurückziehen, ich aber faßte seine Hand und hielt ihn fest. + +»Was thust du hier?« fragte ich. + +»Nichts.« + +»Wer bist du?« + +»Ein -- ein Dschesidi,« klang es zaghaft. + +»Woher?« + +»Ich heiße Lassa und bin ein Dassini.« + +Ich hatte gehört, daß die Dassini eine der vornehmsten Familien der +Dschesidi seien; er sah mir aber gar nicht aus wie ein Teufelsanbeter. + +»Ich habe dich gefragt, was du hier thust?« + +»Ich versteckte mich, weil ich dich nicht stören wollte.« + +»Und was thatest du vorher hier?« + +»Ich wollte baden.« + +»Wo hast du die Wäsche?« + +»Ich habe keine.« + +»Du warst vor mir hier und hattest also das Recht, hier zu bleiben, +statt dich zu verstecken. Wo hast du diese Nacht geschlafen?« + +»Im Dorfe.« + +»Bei wem?« + +»Bei -- bei -- bei -- -- ich kenne seinen Namen nicht.« + +»Ein Dassini kehrt bei keinem Manne ein, dessen Namen er nicht kennt. +Komm mit mir und zeige mir deinen Wirt!« + +»Ich muß vorher baden!« + +»Das wirst du nachher thun. Vorwärts!« + +Er versuchte, sich von meinem Griffe zu befreien. + +»Mit welchem Rechte sprichst du in dieser Weise zu mir?« + +»Mit dem Rechte des Mißtrauens.« + +»Ebenso könnte ich dir mißtrauen!« + +»Natürlich! Ich bitte dich, es zu thun. Dann führst du mich in das Dorf, +und es wird sich zeigen, wer ich bin.« + +»Gehe, wohin es dir beliebt!« + +»Das thue ich auch; aber du wirst mich begleiten.« + +Sein Blick hing an meinem Gürtel; er bemerkte, daß ich keine Waffe bei +mir trug, und ich sah es ihm an, daß er im Begriffe stehe, nach seinem +Messer zu greifen. Dies konnte mich aber nicht irre machen; darum hielt +ich sein Handgelenk nur fester und gab ihm einen scharfen Ruck, der ihn +zwang, aus dem Busch heraus in das Freie zu treten. + +»Was wagest du?« blitzte er mich an. + +»Gar nichts. Du gehst mit mir; tschapuk -- sofort!« + +»Laß meine Hand los, sonst -- -- --!« + +»Was sonst?« + +»Brauche ich Gewalt!« + +»Brauche sie!« + +»Da -- -- --!« + +Er zog das Messer und stieß nach mir; ich aber griff von unten herauf +und faßte nun auch seine zweite Hand. + +»Schade um dich; denn du scheinst kein Feigling zu sein!« + +Ich drückte ihm die Hand, daß er das Messer fallen ließ, hob dasselbe +schnell auf und faßte ihn bei der Jacke. + +»Nun vorwärts, sonst -- --! Hier nimm meine Wäsche auf und trage sie!« + +»Herr, thue es nicht!« + +»Warum nicht?« + +»Bist du ein Dschesidi?« + +»Nein.« + +»Warum willst du mich dann nach dem Dorfe schaffen?« + +»Das will ich dir sagen: du bist ein türkischer Soldat, ein Spion.« + +Er erbleichte. + +»Du irrst, Herr! Wenn du kein Dschesidi bist, so laß mich frei!« + +»Dschesidi oder nicht; vorwärts!« + +Er krümmte sich unter meinem Griffe, aber er mußte mit. Ich zwang ihn +sogar, meine Wäsche zu tragen. Wir erregten kein geringes Aufsehen, als +wir das Dorf erreichten, und eine ziemliche Menschenmenge folgte uns +nach der Wohnung des Beys. Er befand sich im Selamlük, wohin ich auch +den Fremden schaffte. Unweit der Thüre stand, ohne daß der Gefangene ihn +bemerkte, mein Baschi-Bozuk, der eine sehr überraschte Miene machte, als +wir an ihm vorübergingen. Er mußte ihn kennen. + +»Wen bringst du mir da?« fragte Ali Bey. + +»Einen Fremden, den ich draußen am Bache fand. Er hatte sich versteckt, +und zwar an einem Orte, von welchem aus er das ganze Dorf und auch den +Weg nach Scheik Adi überblicken konnte.« + +»Wer ist er?« + +»Er behauptet, Lassa zu heißen und ein Dassini zu sein.« + +»Dann müßte ich ihn kennen; auch giebt es keinen Dassini dieses Namens.« + +»Er stach nach mir, als ich ihn zwang, mit mir zu gehen. Hier ist er. +Thue mit ihm, was du willst!« + +Ich verließ den Raum. Draußen stand der Buluk Emini noch. + +»Kennst du den Mann, den ich jetzt brachte?« + +»Ja. Was hat er gethan, Emir? Gewiß hast du ihn verkannt! Er ist kein +Dieb und kein Räuber.« + +»Was sonst?« + +»Er ist Kol Agassi[213] bei meinem Regiment.« + + [213] Überzähliger Stabsoffizier zu Fuße. + +»Ah! Wie heißt er?« + +»Nasir. Wir nannten ihn Nasir Agassi. Er ist der Freund des Miralai Omar +Amed.« + +»Gut; sage Halef, daß er satteln möge!« + +Ich kehrte in das Selamlük zurück, wo vor Mohammed Emin und einigen der +zufällig anwesenden bedeutenderen Dorfbewohner das Verhör bereits +begonnen hatte. + +»Seit wann lagst du im Busche?« fragte der Bey. + +»Seit dieser Mann hier badete.« + +»Dieser Mann ist ein Emir; merke dir das! Du bist kein Dassini und auch +kein Dschesidi. Wie heißt du?« + +»Das sage ich nicht!« + +»Warum nicht?« + +»Ich habe eine Blutrache da droben in den kurdischen Bergen; ich muß +verschweigen, wer ich bin und wie ich heiße.« + +»Seit wann hat ein Kol Agassi mit der Blutrache der freien Kurden zu +thun?« fragte ich ihn. + +Er wurde noch bleicher als vorhin am Bache. + +»Kol Agassi? Was meinest du?« fragte er dennoch beherzt. + +»Ich meine, daß ich Nasir Agassi, den Vertrauten vom Miralai Omar Amed, +so genau kenne, daß ich mich nicht täuschen lasse.« + +»Du -- du -- -- du kennst mich? Wallahi, so bin ich verloren; das ist mein +Verhängnis!« + +»Nein; es ist dein Kismet nicht. Gestehe aufrichtig, was du hier +thatest, so wird dir vielleicht nichts geschehen!« + +»Ich habe nichts zu sagen.« + +»Dann bist du verl-- -- --« + +Ich unterbrach den zornigen Bey mit einer schnellen Handbewegung und +wandte mich wieder zu dem Gefangenen. + +»Ist das von der Blutrache die Wahrheit?« + +»Ja, Emir!« + +»So sei ein anderes Mal vorsichtiger. Wenn du mir versprichst, +unverweilt nach Mossul zurückzukehren und die Rache für jetzt +aufzuschieben, so bist du frei.« + +»Effendi!« rief da der Bey erschrocken. »Bedenke doch, daß wir ja -- --« + +»Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach ich ihn abermals. »Dieser +Mann ist ein Stabsoffizier des Mutessarif, ein Kol Agassi, aus dem einst +vielleicht ein General werden kann, und du lebst mit dem Mutessarif in +Freundschaft und in tiefstem Frieden. Es thut mir jetzt leid, diesen +Offizier belästigt zu haben, was gar nicht geschehen wäre, wenn ich ihn +sofort gekannt hätte. -- Du versprichst mir also, unverweilt nach Mossul +zurückzukehren?« + +»Ich verspreche es.« + +»Betrifft diese Rache einen Dschesidi?« + +»Nein.« + +»So gehe, und Allah behüte dich, daß die Rache nicht gefährlich für dich +selbst wird!« + +Er stand ganz erstaunt. Noch vor einem Augenblick hatte er den gewissen +Tod vor sich gesehen, und jetzt sah er sich frei. Er faßte meine Hand +und rief: + +»Emir, ich danke dir! Allah segne dich und alle die Deinen!« + +Dann war er in größter Eile zur Thür hinaus. Er mochte befürchten, daß +wir unsere Großmut noch bereuen könnten. + +»Was hast du gethan!« sagte Ali Bey mehr erzürnt als erstaunt. + +»Das Beste, was ich thun konnte,« antwortete ich. + +»Das Beste? Dieser Mensch ist ein Spion!« + +»Das ist richtig.« + +»Und hatte den Tod verdient!« + +»Das ist richtig.« + +»Und du schenktest ihm die Freiheit! Zwangst ihn nicht zum Geständnis!« + +Auch die andern Dschesidi schauten finster drein. Ich ließ mich dies +nicht anfechten und antwortete: + +»Was hättest du durch sein Geständnis erfahren?« + +»Vielleicht viel!« + +»Nicht mehr, als wir bereits wissen. Und übrigens schien er der Mann zu +sein, der lieber stirbt als gesteht.« + +»So hätten wir ihn getötet!« + +»Und was wäre die Folge davon gewesen?« + +»Daß es einen Spion weniger gegeben hätte!« + +»O, die Folgen wären noch ganz andere gewesen. Der Kol Agassi war +jedenfalls abgeschickt, sich zu überzeugen, ob wir eine Ahnung von dem +beabsichtigten Überfalle haben. Töteten wir ihn, oder hielten wir ihn +gefangen, so kehrte er nicht zurück, und man hätte gewußt, daß wir +bereits gewarnt sind. Nun aber hat er seine Freiheit wieder erhalten, +und der Miralai Omar Amed wird als ganz sicher annehmen, daß wir nicht +das geringste von dem Anschlage des Mutessarif ahnen. Es würde doch die +allergrößte Dummheit sein, einen Spion zu entlassen, wenn man überzeugt +ist, daß man überfallen werden soll -- so werden sie sich sagen. Habe ich +recht?« + +Der Bey umarmte mich. + +»Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so weit wie die deinigen. +Aber ich werde ihm einen Späher nachsenden, um mich zu überzeugen, daß +er auch wirklich fortgeht.« + +»Auch dies wirst du nicht thun.« + +»Warum nicht?« + +»Er könnte grad dadurch auf das aufmerksam werden, was wir ihm durch +seine Freilassung verborgen haben. Er wird sich hüten, hier zu bleiben, +und übrigens kommen jetzt genug Leute an, bei denen du dich erkundigen +kannst, ob sie ihm begegnet sind.« + +Auch hier drang ich durch. Es war mir eine angenehme Genugthuung, zwei +Vorteile verbunden zu haben: -- ich hatte einem Menschen, der doch nur +auf Befehl gehandelt hatte, das Leben erhalten und zu gleicher Zeit den +Plan des Mutessarif vereitelt. Mit diesem Gefühle ging ich in das +Frauengemach, welches hier eigentlich Küche genannt werden mußte, um das +Frühstück einzunehmen. Vorher aber holte ich aus meiner kleinen +Raritätensammlung, die ich von Isla Ben Maflei erhalten hatte, ein +Armband, an welchem ein Medaillon angebracht war. + +Der kleine Bey war auch bereits munter. Während ihn seine Mutter hielt, +versuchte ich seine niedliche Physiognomie zu Papiere zu bringen. Es +gelang ganz leidlich, denn Kinder sind einander ähnlich. Dann legte ich +das Papier in das Medaillon und gab der Mutter das Armband. + +»Trage dies als Andenken an den Emir der Nemtsche,« bat ich sie; »das +Gesicht deines Sohnes befindet sich darin; es wird ewig jung bleiben, +auch wenn er alt geworden ist.« + +Sie sah das Bild an und war ganz entzückt. In fünf Minuten hatte sie es +sämtlichen Bewohnern des Hauses und allen Anwesenden gezeigt, und ich +konnte mich vor Dankbarkeitsbezeigungen kaum retten. Dann aber brachen +wir auf, allerdings nicht mit dem Gefühle, daß es zu einer Lustbarkeit +gehe, sondern in sehr ernster Stimmung. + +Ali Bey hatte seine kostbarste Kleidung angelegt. Er ritt mit mir +voraus, und dann folgten die angesehensten Leute des Dorfes. Mohammed +Emin befand sich natürlich an unserer Seite. Er war mißmutig, da unser +Ritt nach Amadijah eine solche Unterbrechung erlitten hatte. Vor uns her +zog eine Schar von Musikanten mit Flöten und Tamburins. Hinterher kamen +die Frauen, meist mit Eseln, die mit Teppichen, Kissen und allerlei +Gerätschaften beladen waren. + +»Hast du deine Vorbereitungen für Baadri getroffen?« fragte ich den Bey. + +»Ja. Bis Dscherraijah stehen Posten, welche mir das Nahen des Feindes +sofort melden.« + +»Baadri wirst du den Türken ohne Verteidigung lassen?« + +»Natürlich. Sie werden still hindurchziehen, um uns nicht vor der Zeit +aufmerksam zu machen.« + +Von jetzt an ging es sehr laut um uns zu. Wir wurden von Reitern +umschwärmt, welche Scheingefechte aufführten, und von allen Seiten +knallten unaufhörlich Salven. Jetzt wurde der Weg sehr schmal und wand +sich stellenweise so steil an den Bergen empor, daß wir absteigen und, +einer hinter dem andern, unsere Pferde über die Felsen führen mußten. +Erst nach einer starken Stunde erreichten wir den Gipfel des Passes und +konnten nun in das grüne bewaldete Thal von Scheik Adi hinabblicken. + +Ein jeder schoß, sobald er die weiße Turmspitze des Grabmales +erblickte, sein Gewehr ab, und von unten herauf antworteten +ununterbrochen Schüsse, so daß ein großes Infanteriegefecht +stattzufinden schien, dessen Echo in den Bergen widerhallte. Hinter uns +kamen immer neue Züge, und als wir den Abhang hinabritten, sahen wir +rechts und links zur Seite zahlreiche Pilger unter den Bäumen liegen. +Sie ruhten sich hier von den Strapazen des Steigens aus und genossen +dabei den Anblick des Heiligtumes und der herrlichen Gebirgsnatur, der +für die Bewohner der Ebene eine wahre Erquickung sein mußte. + +Wir hatten das Grabmal noch nicht erreicht, so kam uns Mir Scheik Khan, +das geistliche Oberhaupt der Dschesidi, an der Spitze mehrerer Scheiks +entgegen. Er wird Emir Hadschi genannt und stammt von der Familie der +Ommijaden ab. Seine Familie wird als die Hauptfamilie der Dschesidi +betrachtet und Posmir oder Begzadehs genannt. Er selbst war ein +kräftiger Greis von mildem, ehrwürdigem Aussehen und schien nicht den +mindesten hierarchischen Stolz zu besitzen; denn er verbeugte sich vor +mir und umarmte mich dann so innig, wie man es bei einem Sohne thun +würde. + +»Aaleïk salam u rahhmet Allah. Ser sere men at -- der Friede und die +Barmherzigkeit Gottes sei mit dir! Ihr seid mir willkommen!« grüßte er. + +»Chode scogholeta rast init -- Gott stehe dir bei in deinem Amte!« +antwortete ich. »Aber willst du nicht türkisch mit mir sprechen? Ich +verstehe die Sprache eures Landes noch nicht!« + +»Befiehl über mich nach deinem Gefallen, und sei mein Gast in dem Hause +dessen, an dessen Grabe wir die Allmacht und die Gnade verehren.« + +Wir waren natürlich bei seinem Nahen abgestiegen. Auf einen Wink von ihm +wurden unsere Pferde in Empfang genommen, und wir, nämlich Ali Bey, +Mohammed Emin und ich, schritten an seiner Seite dem Grabmale zu. Wir +gelangten zunächst in einen von einer Mauer umgebenen Hof, welcher +bereits ganz von Menschen erfüllt war; dann gelangten wir an den Eingang +des innern Hofes, welcher von den Dschesidi nie anders als barfuß +betreten wird. Ich folgte diesem Beispiele, zog meine Schuhe aus und +ließ sie am Eingange zurück. + +In dem innern Hofe standen viele Bäume, deren Schatten den Pilgern +Kühlung und Labung bringt; dichter Oleander trieb Blüte an Blüte, und +ein ungeheurer Weinstock bildete eine Laube, nach welcher uns der Mir +Scheik Khan führte und in der wir Platz nahmen. Einige Scheiks und +Kawals ruhten unter den Bäumen, sonst waren wir allein. + +In diesem Hofe erhebt sich das eigentliche Gebäude des Grabmales, +welches von zwei weißen Türmen überragt wird, die mit dem tiefen Grün +des Thales lebhaft und wohlthuend kontrastieren. Ihre Spitzen sind +vergoldet und ihre Seiten in viele Winkel gebrochen, zwischen denen sich +Licht und Schatten jagen. Über dem Thorwege waren einige Figuren +ausgehauen, in denen ich einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen +Mann und einen Kamm erkannte. Das Innere des Gebäudes ist, wie ich +nachher sah, in drei Hauptabteilungen geschieden, von denen die eine +größer ist, als die beiden andern. Diese Halle wird von Säulen und Bogen +getragen und hat einen Brunnen, dessen Wasser für sehr heilig gehalten +wird. Mit demselben werden die Kinder getauft. In der einen der zwei +kleineren Abteilungen befindet sich das eigentliche Grab des Heiligen. +Über der Gruft erhebt sich ein großes kubisches Gehäuse, welches aus +Thon gebildet und mit Gips überzogen ist. Als einziger Schmuck ist ein +grünes, gesticktes Tuch darüber gebreitet, und eine ewige Lampe brennt +in dem Gemache. + +Der Thon des Grabmales bedarf von Zeit zu Zeit einer Ergänzung, da die +Hüter des Heiligtums kleine Kugeln daraus bereiten, welche von den +Pilgern gern gekauft und als Andenken mitgenommen, vielleicht auch als +Amulette getragen werden. Diese Kugeln befinden sich in einem Gefäße, +welches an dem erwähnten Weinstocke angebracht ist, und haben +verschiedene Größen: von der Größe einer Erbse bis zu der jener kleinen +Marmor- oder Glaskugeln, mit denen bei uns die Kinder zu spielen +pflegen. + +In dem zweiten kleinen Gemache befindet sich auch ein Grab, über dessen +Inhalt die Dschesidi aber selbst nicht klar zu sein scheinen. + +In der Umfassungsmauer, welche das Heiligtum umgiebt, sind zahlreiche +Nischen angebracht, welche die Lichter aufzunehmen haben, mit denen bei +größeren Festen illuminirt wird. Das Grabmal wird von Gebäuden umgeben, +welche den Priestern und Dienern des Grabes zur Wohnung dienen. Der +ganze Ort aber liegt in einer engen Thalschlucht, deren Felsen von allen +Seiten sehr steil in die Höhe steigen. Er besteht nur aus wenigen +profanen Wohnungen und enthält außer dem Heiligtume vorzugsweise solche +Gebäude, welche die Pilger aufzunehmen haben. Jeder Stamm oder auch jede +größere Abteilung desselben hat dann ein solches Haus ausschließlich für +sich in Besitz. + +Draußen vor den Mauern hatte sich ein förmlicher Jahrmarkt entfaltet. +Alle möglichen Arten von Geweben und Zeugen hingen zum Verkaufe von den +Ästen der Bäume nieder; alle möglichen Früchte und Eßwaren wurden +feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenstände und allerlei orientalisches +Allerhand war zu bekommen. Wäre die Tracht nicht gewesen, so hätte ich +mich in die Heimat versetzt dünken können, so heiter und unbefangen, so +harmlos und gutmütig war das bunte Treiben in dem Dorfe des Heiligen. +Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben sich immer mehr meine +Sympathie, und ich stimme dem vollständig bei, was ein sehr verständiger +Engländer, welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir später in +Konstantinopel von ihnen sagte: + +»Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie besser sind, als ihre +Verleumder. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie +die Deutschen Asiens werden, und nirgends hat das Christentum so große +Hoffnung auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse +überseeische Sendboten der Mission schildern die Dschesidi nur deshalb +so ganz und gar unwahr, um einem etwaigen kleinen Erfolge eine sehr +große Bedeutung verleihen zu können.« + +Natürlich ließ ich meiner Wißbegierde nicht die Zügel schießen, so daß +sie zur lästigen Neugierde werden konnte, und vielleicht grad darum +wurde unsere Unterhaltung eine so animiert herzliche, als ob wir Glieder +einer Familie seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet hätten. +Zunächst kam die Rede auf den bevorstehenden Angriff, doch wurde dieser +Gegenstand bald beiseite gelegt, da es sich herausstellte, daß Ali Bey +alle erforderlichen Maßregeln mit der größten Sorgfalt getroffen hatte. +Dann kam das Gespräch auf Mohammed Emins und meine Person, auf unsere +Erlebnisse und gegenwärtigen Absichten. + +»Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bedürft der Hilfe,« meinte der +Mir Scheik Khan. »Ich werde euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den +Beistand aller Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.« + +»Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?« fragte ich. + +»Nein, sondern ein Melek Ta-us.« + +Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung +des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den +über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem +Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen +sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche +der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einer +besonderen Mission beehrt! Und dieses große, dieses geheimnisvolle Wort, +über welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier so gelassen +aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene an und fragte: + +»Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?« + +Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem unwissenden Sohne +eine notwendige Erklärung giebt, antwortete er: + +»Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher Name bei uns nicht +ausgesprochen wird. Melek Ta-us heißt auch das Tier, welches bei uns ein +Symbol des Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen wir +auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen verleihe, zu denen +ich Vertrauen habe. Ich weiß alles, was man über uns fabelt; aber deine +Weisheit wird dir sagen, daß ich uns vor dir nicht zu verteidigen +brauche. Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen +Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, daß dort die Bilder der Gottesmutter, +des Gottessohnes und vieler Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr +haben, welches das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das +Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten, wo diese +Bilder sind, aber ich werde niemals glauben, daß ihr diese Bilder +anbetet. Wir glauben von euch das Richtige, und ihr glaubet von uns das +Falsche. Wer ist verständiger und gütiger, ihr oder wir? Blicke hin an +das Thor! Meinst du, daß wir diese Bilder anbeten?« + +»Nein.« + +»Du siehst einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen +Kamm. Die Dschesidi können nicht lesen; daher ist es besser, man sagt +ihnen durch diese Bilder, was man ihnen sagen möchte. Eine Schrift +würden sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen, +weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen sind. Dieser Heilige war +ein Mann; darum beten wir ihn nicht an; aber wir versammeln uns an +seinem Grabe, wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.« + +»Er hat euren Glauben gestiftet?« + +»Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebräuche gegeben. Der +Glaube wohnt im Herzen, die Sitten aber wachsen aus dem Boden, auf +welchem wir leben, und aus dem Lande, welches diesen Boden rings +umgrenzt. Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre sind auch +diejenigen Satzungen des Kurans gekommen, welche wir für gut und heilsam +erkannt haben.« + +»Man erzählte mir, daß er Wunder gethan habe.« + +»Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie thut, so thut er sie durch +die Hand der Menschen. Blicke hinein, dort in die Halle! Dort ist ein +Brunnen, den Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed +in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem eine heilige Quelle. Er nahm +von dem Wasser des Zem-Zem und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort +öffnete sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So wird uns +erzählt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben, denn das Wunder ist auch +ohne dies da. Oder ist es kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein +das lebendige Wasser fließt? Dieses ist bei uns ein Symbol der Reinheit +unserer Seele, und darum halten wir es für heilig, nicht aber, weil es +von der Quelle Zem-Zem stammen soll.« + +Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt öffnete sich das äußere +Thor, um einen langen Zug von Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder +eine Lampe trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke für die +Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus irgend einer Gefahr. Sie +waren für Scheik Schems[214] bestimmt, das leuchtende Symbol der +göttlichen Klarheit. + + [214] Sonne. + +Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei recht eigentümliche +kurdische Flinten. Bei einer derselben wurden Lauf und Schaft durch +zwanzig starke, breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres +Zielen ganz unmöglich machten. Eine zweite zeigte eine Art Bajonnet, +welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken zu beiden Seiten des +Laufes befestigt waren. Die Männer überreichten ihre Krüge den Priestern +und traten der Reihe nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu küssen, +wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten. + +Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des Festes den heiligen Ort mit +seiner ganzen Umgebung zu illuminieren. Es darf dabei kein gewöhnliches +Öl oder gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies für unrein +gilt. Nur das Öl vom Sesam ist gestattet. + +Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl gegen zwanzig Kinder +getauft und beschnitten, welche zum Teil von sehr weit hergebracht +worden waren. Ich wohnte diesen religiösen Handlungen bei. + +Später entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um einen Gang durch das +Thal zu machen. Am auffälligsten war mir die ungeheure Zahl von +Fackeln, welche zum Verkaufe auslagen. Nach einer ungefähren Schätzung +konnten es zehntausend sein. Die Händler machten glänzende Geschäfte, +denn ihre Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen. + +Eben standen wir vor einem Verkäufer von Glas- und unechten +Korallenwaren, als ich die weiße Gestalt des Pir Kamek den Bergpfad +herabkommen sah. Er mußte, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns +vorüber, und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen. + +»Willkommen hier, ihr Gäste vom Scheik Schems! Ihr werdet den Heiligen +der Dschesidi kennen lernen.« + +Er reichte uns die Hände. Sobald er bemerkt worden war, wurde er vom +Volke umringt, und ein jeder bemühte sich, seine Hand oder den Saum +seines Gewandes zu berühren und zu küssen. Er hielt eine Ansprache an +die Versammelten; sein langes weißes Haar flatterte im Morgenwinde; +seine Augen leuchteten, und seine Gebärden zeigten die Lebhaftigkeit der +Begeisterung. Dazu krachten die Schüsse der Ankommenden von oben herab, +und ganze Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte ich +seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer Sprache hielt. Am +Schlusse derselben aber intonierte er einen Gesang, in welchen alle +einfielen und dessen Anfang mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam, +übersetzte: + +»O gnädiger und großmütiger Gott, welcher nährt die Ameise und die +kriechende Schlange, Nacht und Tag Lenkender, Lebendiger, Höchster, +Ursachloser, welcher der Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht +zuweist! Weiser, herrsche über Weisheit; Starker, herrsche über die +Stärke; Lebendiger, herrsche über den Tod!« + +Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der Pir trat zu mir. + +»Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?« + +»Nein. Du weißt, daß ich deine Sprache nicht rede.« + +»Ich sagte ihnen, daß ich Scheik Schems ein Opfer bringen werde, und nun +sind sie in den Wald gegangen, um das nötige Holz zu holen. Willst du +dem Opfer beiwohnen, so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir; +dort kommen bereits die Opferstiere.« + +Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben eine lange Reihe von +Ochsen aufgeführt wurde. Wir folgten ihm langsam nach. + +»Was geschieht mit den Tieren?« fragte ich meinen Dolmetscher. + +»Sie werden geschlachtet.« + +»Für wen?« + +»Für Scheik Schems.« + +»Kann die Sonne Stiere essen?« + +»Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.« + +»Nur das Fleisch?« + +»Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut. Mir Scheik Khan +übernimmt die Verteilung.« + +»Und das Blut?« + +»Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben, denn die Seele +ist im Blute.« + +Das war also genau die alttestamentliche Anschauung, daß das Leben des +Leibes, daß die Seele im Blute liege. Ich sah, daß es sich hier nicht um +eine heidnische Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es +den Armen ermöglichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen feiern zu +können. + +Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik Khan aus dem Thore, +gefolgt von Pir Kamek, von einigen Scheiks und Kawals und einer größeren +Anzahl von Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz wurde +von einer großen Menge Krieger umgeben, welche ihre Gewehre schußbereit +hielten. Da warf Mir Scheik Khan das Obergewand ab, sprang auf den +ersten Stier und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den +Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben +Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele +Schüsse krachten. + +Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es +gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und +schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle +der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß +kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader +zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut +aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von +Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die +andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine +außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen. + +Da trat Ali Bey zu mir. + +»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der +Freundschaft der Badinan versichern.« + +»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?« + +»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr +Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher +wie möglich gehen muß. Komm!« + +Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen +aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes +bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der +Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir +Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus +konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten +Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden. + +Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems) +gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes +treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte +Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische +Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer +Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in +arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von +Gott!« + +Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen +Kotschers[215]. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken +und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die +Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den +Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben +waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz +bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen +Steinen hingen ihnen um den Nacken. + + [215] Wandernde Stämme. + +Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine +Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit +durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das +lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes +Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff +befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen +Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem +kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten +in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre +Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen +hatten. + +Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus +Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß +und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und +Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind. + +Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien, +aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und +Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und +Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku. +Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre +Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre +Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander +wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte +sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem +Fremden -- es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier +zusammentrafen. + +Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die Männer in einzelnen +größeren oder kleineren Gruppen nach dem Grabmale begaben. + +»Was thun sie dort?« fragte ich Ali Bey. + +»Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.« + +»Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?« + +»Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren Stämmen und Wohnsitzen +zusammen, deren Anführer sie begleitet oder von dem sie eine +Bescheinigung vorzeigen.« + +»Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?« + +»Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes aber werden einige +Tiere geschlachtet, welche weiß, ganz weiß sein müssen, und deren +Fleisch gehört den Priestern.« + +»Können eure Priester Sünde thun?« + +»Warum nicht? Sie sind doch Menschen!« + +»Auch die Pirs, die Heiligen?« + +»Auch sie.« + +»Auch Mir Scheik Khan?« + +»Ja.« + +»Glaubst du, daß auch der große Heilige Scheik Adi Sünde gethan hat?« + +»Auch er war ein Sünder, denn er war nicht Gott.« + +»Laßt ihr eure Sünden auf eurer Seele liegen?« + +»Nein, wir entfernen sie.« + +»Wie?« + +»Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer und das Wasser. Du +weißt, daß wir uns bereits gestern oder heute gewaschen haben. Dabei +erkennen wir unsere Sünde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden +sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst du sehen, daß wir +unsere Seelen auch durch die Flamme reinigen.« + +»Du glaubst also, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt?« + +»Wie könnte sie sterben, da sie von Gott ist!« + +»Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht glaube?« + +»Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: »Japar-di bir sagh solukü +burunuje -- er blies ihm einen lebendigen Odem in seine Nase?« + +»Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo bleibt sie nach dem Tode +des Leibes?« + +»Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet hast. Auch +Gottes Odem geht wieder zu ihm zurück, nachdem er von Sünden rein +geworden ist. -- Laß uns nun aufbrechen!« + +»Wie weit ist es bis Kaloni?« + +»Man reitet vier Stunden lang.« + +Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und verließen ohne alle +Begleitung das Thal. Der Weg führte an der steilen Bergwand empor, und +als wir die Höhe derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht +bewaldetes, von zahlreichen Thälern durchzogenes Gebirgsland vor mir. +Dieses Land wird von den großen Stämmen der Missuri-Kurden bewohnt, zu +denen auch die Badinan gehören. Unser Weg führte bald bergab, bald +wieder bergauf, bald zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald +dahin. An den Abhängen sahen wir einige kleine Dörfer liegen, aber die +Häuser derselben waren verlassen. Hier und da hatten wir die kalten +Fluten eines wilden Bergbaches zu durchreiten, der sein Wasser dem +Ghomel entgegenschickte, um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus +zuzufließen, der in den großen Zab geht und sich mit diesem bei Keschaf +in den Tigris ergießt. Diese Häuser waren von Weingärten umgeben, neben +denen Sesam, Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders +schmuckes Aussehen durch die Blüten und Früchte der sorgsam gepflegten +Feigen-, Walnuß-, Granatapfel-, Pfirsich-, Kirschen-, Maulbeer- und +Olivenbäume. + +Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche die Gegend bis +Dschulamerik bewohnten, waren schon alle in Scheik Adi eingetroffen, und +wir waren bereits zwei Stunden weit geritten, als wir eine Stimme +hörten, welche uns anrief. + +Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein Kurde. Er hatte sehr weite, +unten offene Hosen an, und die nackten Füße steckten in niedrigen +Lederschuhen. Der Körper war nur mit einem am Halse viereckig +ausgeschnittenen Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging. Sein +dichtes Haar hing in lockigen Strähnen über die Schultern herab, und auf +dem Kopfe trug er eine jener merkwürdigen, häßlichen Filzmützen, welche +das Aussehen einer riesigen Spinne haben, deren runder Körper den +Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und zur Seite bis auf die +Achseln niederhängen. Im Gürtel trug er ein Messer, eine Pulverflasche +und den Kugelbeutel, eine Flinte aber war nicht zu sehen. + +»Ni, vro'l kjer -- guten Tag!« grüßte er uns. »Wohin will Ali Bey, der +Tapfere, reiten?« + +»Chode t'aveschket -- Gott behüte dich!« antwortete der Bey. »Du kennst +mich? Von welchem Stamme bist du?« + +»Ich bin ein Badinan, Herr.« + +»Aus Kaloni?« + +»Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.« + +»Wohnt ihr noch in euren Häusern?« + +»Nein. Wir haben unsere Hütten bereits bezogen.« + +»Sie liegen hier in der Nähe?« + +»Woher vermutest du das?« + +»Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung entfernt, so nimmt er +sein Gewehr mit. Du aber hast das deinige nicht bei dir.« + +»Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?« + +»Mit deinem Häuptling.« + +»Steige ab und folge mir!« + +Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim Zügel. Der Kurde führte +uns in den Wald hinein, in dessen Tiefe wir einen starken, aus gefällten +Bäumen errichteten Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche +Hütten liegen sahen, die nur aus Stangen, Ästen und Laubwerk +hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine schmale Öffnung gelassen +worden, die uns den Eingang gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte +von Kindern sich zwischen den Hütten und Bäumen umhertummeln, während +die Erwachsenen, sowohl Männer als Frauen, damit beschäftigt waren, den +Verhau zu vergrößern und zu befestigen. Auf einer der größten Hütten saß +ein Mann. Es war der Häuptling, der diesen höheren Platz eingenommen +hatte, um einen freieren Überblick zu haben und die Arbeit besser +dirigieren zu können. Als er meinen Begleiter erblickte, sprang er herab +und kam uns entgegen. + +»Kjeïr ati; Chode dáuleta ta mazen b'ket -- sei willkommen; Gott vermehre +deinen Reichtum!« + +Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte einem Weibe, welches +eine Decke ausbreitete, auf welche wir uns niedersetzten. Mich schien er +gar nicht zu beachten. Ein Dschesidi wäre auch gegen mich höflich +gewesen. Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau war, brachte jetzt +drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus dem Holze eines Indschaz[216] +geschnitten waren, und ein junges Mädchen trug eine Schüssel auf, in +welcher Trauben und Honigscheiben lagen. Der Häuptling nahm seinen +Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet war, vom +Gürtel, öffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey. + + [216] Pomeranzenbaum. + +»Taklif b' ela k' narek, au, beïn ma batal -- mache keine Umstände, die +unter uns überflüssig sind!« sagte er. + +Dabei griff er mit seinen schmutzigen Händen in den Honig, zog sich mit +den Fingern ein Stück heraus und schob es in den Mund. + +Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand. + +»Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und dir!« begann er die +Unterhaltung. + +»Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,« lautete die einfache +Antwort. + +»Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?« + +»Auch zwischen ihnen.« + +»Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind kommt, um dich +anzugreifen und zu überfallen?« + +»Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich dich um Hilfe +bitten.« + +»Und du würdest auch mir helfen, wenn ich dich darum ersuche?« + +»Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich es thun.« + +»Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?« + +»Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien Kurden. Er ist ein +Räuber, der unsere Herden lichtet und unsere Töchter verkauft.« + +»Hast du gehört, daß er uns in Scheik Adi überfallen will?« + +»Ich hörte es von meinen Leuten, welche dir als Kundschafter dienten.« + +»Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?« + +»Du siehst es!« Er deutete dabei mit einer Armbewegung auf die Hütten +ringsumher. »Wir haben Kalahoni verlassen und uns im Walde Hütten +gebaut. Nun machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen +können, wenn die Türken uns angreifen werden.« + +»Sie werden euch nicht angreifen.« + +»Woher weißt du dies?« + +»Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns zu überraschen, so +müssen sie vorher allen Kampf und Lärm vermeiden. Sie werden also dein +Gebiet sehr ruhig durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen +Weg vermeiden und durch die Wälder gehen, um die Höhe von Scheik Adi +unbemerkt zu erreichen.« + +»Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.« + +»Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie auch über euch +herfallen.« + +»Du wirst dich nicht besiegen lassen.« + +»Willst du mir dazu verhelfen?« + +»Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine Krieger nach Scheik +Adi senden?« + +»Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um ohne Hilfe mit den Türken +fertig zu werden. Du sollst nur deine Krieger verbergen und die Türken +ruhig ziehen lassen, damit sie sich für sicher halten.« + +»Ihnen folgen soll ich nicht?« + +»Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschließen, daß sie nicht +wieder zurück können. Auf der zweiten Höhe zwischen hier und Scheik Adi +ist der Paß so schmal, daß nur zwei Männer neben einander gehen können. +Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst du mit zwanzig Kriegern +tausend Türken töten.« + +»Ich werde es thun. Aber was giebst du mir dafür?« + +»Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so daß ich sie allein besiege, sollst +du fünfzig Gewehre erhalten; hast du aber mit ihnen zu kämpfen, so gebe +ich dir hundert Türkenflinten, wenn du dich tapfer hältst.« + +»Hundert Türkenflinten!« rief der Häuptling begeistert. Er fuhr mit +größter Eile in den Honig und steckte sich ein solches Stück davon in +den Mund, daß ich glaubte, es müsse ihn erwürgen. »Hundert +Türkenflinten!« wiederholte er kauend. »Wirst du Wort halten?« + +»Habe ich dich bereits einmal belogen?« + +»Nein. Du bist mein Bruder, mein Gefährte, mein Freund, mein +Kampfgenosse, und ich glaube dir. Ich werde mir die Gewehre verdienen!« + +»Du kannst sie dir aber nur dann verdienen, wenn du die Türken bei ihrem +Kommen ungestört ziehen lässest.« + +»Sie sollen keinen von meinen Männern sehen!« + +»Und sie dann hinderst, zurückzukehren, wenn es mir nicht gelingen +sollte, sie zu umzingeln und festzuhalten.« + +»Ich werde nicht nur den Paß, sondern auch die Seitenthäler besetzen, +damit sie weder rechts noch links, weder vor- noch rückwärts können!« + +»Daran thust du wohl. Doch will ich nicht haben, daß viel Blut vergossen +werde. Die Soldaten können nichts dafür, sie müssen dem Gouverneur +gehorchen; und wenn wir grausam sind, so ist der Padischah zu Stambul +mächtig genug, ein großes Heer zu senden, welches uns vernichten kann.« + +»Ich verstehe dich. Ein guter Feldherr muß Gewalt und auch List +anzuwenden verstehen. Dann kann er mit einem kleinen Gefolge ein großes +Heer besiegen. Wann werden die Türken kommen?« + +»Sie werden es so einrichten, daß sie beim Anbruche des morgenden Tages +Scheik Adi überfallen können.« + +»Die Überrumpelung sollen sie selbst haben. Ich weiß, daß du ein +tapferer Krieger bist. Du wirst es den Türken ganz ebenso machen, wie es +da unten in der Ebene die Haddedihn-Schammar ihren Feinden gemacht +haben.« + +»Du hast davon gehört?« + +»Wer sollte dies nicht wissen? Die Kunde von solchen Heldenthaten +verbreitet sich schnell über Berg und Thal. Mohammed Emin hat seinen +Tribus zum reichsten Stamm gemacht.« + +Ali Bey lächelte mir heimlich zu und meinte dann: + +»Es ist eine schöne That, Tausende gefangen zu nehmen, ohne daß ein +Kampf stattfindet.« + +»Diese That wäre Mohammed Emin nicht gelungen. Er ist stark und tapfer; +aber er hat einen fremden Feldherrn bei sich gehabt.« + +»Einen fremden?« fragte der schlaue Bey. + +Ihn ärgerte jedenfalls die Nichtbeachtung, die mir von seiten des +Häuptlings widerfahren war, und er ergriff nun die Gelegenheit, ihn zu +beschämen. Dabei konnte es natürlich auf ein Übermaß von Lob gar nicht +ankommen. + +»Ja, einen fremden,« antwortete der Häuptling. »Weißt du das noch +nicht?« + +»Erzähle es!« + +Und der Kurde that es in folgender Weise: + +»»Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, saß vor seinem Zelte, um Rat +zu halten mit den Ältesten seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf, +und ein Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der Alten +die Erde berührte. + +»Sallam aaleïkum!« grüßte er. + +»Aaleïkum sallah!« antwortete Mohammed Emin. »Fremdling, wer bist du, +und woher kommst du?« + +Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht; er selber aber trug ein +Panzerhemd, Arm- und Beinschienen und einen Helm aus gediegenem Golde. +Um seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri des Paradieses +gewebt hatten; denn tausend lebendige Sterne kreiseten in seinen +Maschen. Der Schaft seiner Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze +leuchtete wie der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die +Bärte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch funkelte wie +Diamant, und sein Schwert konnte Stahl und Eisen zermalmen. + +»Ich bin der Feldherr eines fernen Landes,« antwortete der Glänzende. +»Ich liebe dich und hörte vor einer Stunde, daß dein Stamm ausgerottet +werden soll. Darum setzte ich mich auf mein Roß, welches zu fliegen +vermag, wie der Gedanke des Menschen, und eilte herbei, dich zu warnen.« + +»Wer ist es, der meinen Stamm ausrotten will?« fragte Mohammed. + +Der Himmlische nannte die Namen der Feinde. + +»Weißt du dies gewiß?« + +»Mein Schild sagt mir alles, was auf Erden geschieht. Blicke her!« + +Mohammed sah auf den goldenen Schild. In der Mitte desselben war ein +Karfunkel, fünfmal größer als die Hand eines Mannes, und in diesem sah +er alle seine Feinde, wie sie sich versammelten, um gegen ihn zu ziehen. + +»Welch ein Heer!« rief er. »Wir sind verloren!« + +»Nein, denn ich werde dir helfen,« antwortete der Fremde. »Versammle +alle deine Krieger um das Thal der Stufen und warte, bis ich dir die +Feinde bringe!« + +Er gab hierauf seinem Pferde ein Zeichen, worauf es wieder emporstieg +und hinter der Wolke verschwand. Mohammed Emin aber wappnete sich und +die Seinen und zog nach dem Thale der Stufen, welches er rundum +besetzte, sodaß die Feinde wohl hinein, aber nicht wieder heraus +konnten. Am andern Morgen kam der fremde Held geritten. Er leuchtete wie +hundert Sonnen, und dieses Licht blendete die Feinde, sodaß sie die +Augen schlossen und ihm folgten mitten in das Thal der Stufen hinein. +Dort aber kehrte er seinen Schild um; der Glanz wich von ihm, und sie +öffneten die Augen. Da sahen sie sich in einem Thale, aus dem es keinen +Ausweg gab, und mußten sich ergeben. Mohammed Emin tötete sie nicht; +aber er nahm ihnen einen Teil ihrer Herden und forderte einen Tribut von +ihnen, den sie jährlich geben müssen, so lange die Erde steht.«« + +So erzählte der Kurde und schwieg nun. + +»Und was geschah mit dem fremden Feldherrn?« fragte der Bey. + +»Sallam aaleïkum!« sprach er; »dann erhob sich sein schwarzes Roß in die +Wolken, und er verschwand,« lautete die Antwort. + +»Diese Geschichte ist sehr schön zu hören; aber weißt du auch, ob sie +wirklich geschehen ist?« + +»Sie ist geschehen. Fünf Männer vom Dschelu waren zu derselben Zeit in +Salamijah gewesen, wo es von den Haddedihn erzählt wurde. Sie kamen hier +vorüber und berichteten es mir und meinen Leuten.« + +»Du hast recht; diese Geschichte ist geschehen, aber anders, als du sie +vernommen hast. Willst du das schwarze Roß des Seraskiers sehen?« + +»Herr, das ist nicht möglich!« + +»Es ist möglich, denn es steht in der Nähe.« + +»Wo?« + +»Dort der Rapphengst ist es.« + +»Du scherzest, Bey!« + +»Ich scherze nicht, sondern ich sage dir die Wahrheit.« + +»Das Pferd ist herrlich, wie ich noch keines gesehen habe, aber es ist +ja das Roß dieses Mannes!« + +»Und dieser Mann ist der fremde Seraskier, von dem du erzählt hast.« + +»Unmöglich!« -- Er machte vor Erstaunen den Mund so weit auf, daß man die +ausgiebigsten zahnärztlichen Beobachtungen und Operationen hätte +vornehmen können. + +»Unmöglich, sagst du? Habe ich dich einmal belogen? Ich sage dir noch +einmal, daß er es wirklich ist!« + +Die Augen und Lippen des Häuptlings öffneten sich immer weiter; er +starrte mich wie sinnlos an und streckte ganz unwillkürlich seine Hand +nach dem Honig aus, kam aber daneben und griff in den Tabaksbeutel. +Ohne dies zu bemerken, langte er zu und schob eine ziemliche Portion des +narkotischen Krautes zwischen seine weißglänzenden Zähne hinein. Ich +hatte diesen Tabak sehr in Verdacht, alles andere, aber nur kein Tabak +zu sein, und jedenfalls hatte ich da ganz richtig vermutet; denn er +brachte im Momente eine so schnelle krampfhebende Wirkung hervor, daß +der Häuptling augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten +Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte. + +»Katera peghamber -- um des Propheten willen! Ist er es wirklich?« fragte +er noch einmal, und zwar in der äußersten Bestürzung. + +»Ich habe es dir bereits versichert!« antwortete der Angenetzte, indem +er sich mit dem Zipfel seines Kleides das Angesicht reinigte. + +»O Seraskier,« wandte sich der Mann jetzt zu mir; »atina ta, +inschiallah, keïrah -- gebe Gott, daß uns dein Besuch Glück bringe!« + +»Er bringt dir Glück, das verspreche ich dir!« antwortete ich. + +»Dein Roß ist hier, das schwarze,« fuhr er fort, »aber wo ist dein +Schild mit dem Karfunkel, dein Panzer, dein Helm, deine Lanze, dein +Säbel?« + +»Höre, was ich dir sage! Ich bin der fremde Krieger, welcher bei +Mohammed Emin gewesen ist, aber ich stieg nicht vom Himmel herab. Ich +komme aus einem fernen Lande, aber ich bin nicht der Seraskier +desselben. Ich habe nicht goldene und silberne Waffen gehabt, aber hier +siehst du Waffen, wie ihr sie nicht habt, und mit denen ich mich vor +vielen Feinden nicht zu fürchten brauche. Soll ich dir zeigen, wie sie +schießen?« + +»Sere ta, Ser babe ta, Ser hemscher ta Ali Bey -- bei deinem Haupte, beim +Haupte deines Vaters und beim Haupte deines Freundes Ali Bey, thue es +nicht!« bat er erschrocken. »Du hast die Rüstung, die Lanze, den Schild +und das Schwert von dir gelegt, um diese Waffen zu gebrauchen, die +vielleicht noch viel gefährlicher sind. Nezanum zïeh le dem -- ich weiß +nicht, was ich dir geben soll; aber versprich mir, daß du mein Freund +sein willst!« + +»Was kann es nützen, wenn du mein Freund wirst? In deinem Lande giebt es +ein Sprichwort, welches lautet: 'Dischmini be aquil schi yari be aquil +tschitire -- ein Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne +Verstand.'« + +»Bin ich unverständig gewesen, Herr?« + +»Weißt du nicht, daß man einen Gast begrüßen muß, zumal wenn er mit +einem Freunde kommt?« + +»Du hast recht, Herr! Du strafst mich mit einem Sprichworte; erlaube, +daß ich dir mit einem andern antworte: 'Betschuk lasime thabe 'i mesinan +bebe -- der Kleine muß dem Großen gehorsam sein.' Sei du der Große; ich +werde dir gehorchen!« + +»Gehorche zunächst meinem Freunde Ali Bey! Er wird siegen, und deine +Türkenflinten sind dir dann gewiß.« + +»Du zürnst? Verzeihe mir! Ser sere men; bu kalmeta ta siuh taksir nakem +-- bei meinem Haupte; um dir zu dienen, werde ich nichts sparen. Nimm +diese Trauben und iß; nimm diesen Tabak und rauche!« + +»Wir danken dir,« antwortete Ali Bey, der jedenfalls auch an sauberere +Genüsse gewöhnt war. »Wir haben vor unserem Aufbruche gegessen und +dürfen keine Zeit verlieren, nach Scheik Adi zurückzukehren.« + +Er erhob sich, und ich that dasselbe. Der Häuptling begleitete uns bis +an den Pfad und versprach noch einmal, seine Pflicht so vollständig wie +möglich zu erfüllen. Dann ritten wir denselben Weg zurück, den wir +gekommen waren. + + + + +Druck der Hoffmann'schen Buchdruckerei in Stuttgart. + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1882 als Band I der Reihe »Carl May's gesammelte +Reiseromane« erschienenen Erstausgabe in Buchform erstellt. Die Umlaute +Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Kleinere Unregelmäßigkeiten +in der Schreibweise wurden beibehalten, einige Inkonsistenzen und +Satzfehler wurden aber im gewissenhaften Vergleich mit der +Zeitschriftenfassung (»Deutscher Hausschatz«) verbessert. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# + + +Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +book edition published in 1882 as Volume I of the series »Carl May's +gesammelte Reiseromane«. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by +Ä, Ö, Ü. Minor irregularities have been maintained, however some +spelling inconsistencies and typesetting errors have beein corrected +based on careful comparison with the magazine edition published earlier +in »Deutscher Hausschatz«. The table below lists all corrections applied +to the original text. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# + +S. iv: [extra word] beherrscht und und behandelt +S. 001: [normalized] Dra el Hauna -> Haua +S. 007: »»Des Weibes Stimme ... Natter.«« -> 'Des ... Natter' +S. 008: [added quotes] »Ah! Und dennoch nennst du +S. 011: [normalized] Zwei Pferde und ein Djemmel -> Dschemmel +S. 013: Alla kerihm, Gott ist gnädig! -> Allah +S. 013: auf die Hand des Todten fiel -> Toten +S. 020: »Von Gaffa.« -> Gafsa +S. 020: daß sie von Gaffa kamen -> Gafsa +S. 022: in welche eine Name eingraviert war -> ein Name +S. 025: »Du kommst nicht von Gaffa?« -> Gafsa +S. 029: zum Scheidan, zum Teufel -> Scheïtan +S. 032: das mächtige #»Giölgeda padisahnün#« -> padischahnün +S. 041: Sallam aaleikum, Friede sei mit euch -> aaleïkum +S. 041: »Aaleikum!« antwortete Sadek -> Aaleïkum +S. 052: [added period] »Wer ist dieser Sihdi?« fragte er. +S. 052: [added closing quotes] »Ja. Du kannst ihn nicht betreten.« +S. 062: als ich noch als Miralei in Stambul stand -> Miralai +S. 064: [added comma] sofort packen würden, sah aber +S. 065: [added comma] Ja, er soll erschossen werden +S. 074: [added quotes] »Er wird mir nicht entfliehen +S. 078: Mann im Wadi Tarfani getötet hat? -> Tarfaui +S. 079: der eigentlich Hamd el Amusat -> Amasat +S. 080: kehrte er nach seiner Zeit -> einer +S. 080: »Fort, Shidi -- dort reiten!« -> Sihdi +S. 082: am Giölgeda wekülanün -> wekilanün +S. 085: der mit Scheidan im Bunde stehe -> Scheïtan +S. 092: [normalized] Kein Arzt, kein Fakhir -> Fakir +S. 094: der Erbauer des einsames Hauses -> einsamen +S. 094: [normalized] in das Selamlück des Hauses -> Selamlük +S. 096: Gotte gebe dir Frieden -> Gott +S. 103: uud seine Lippen blau vor Wut -> und +S. 107: ihm war ich ein nnabweisbarer Eindringling -> unabweisbarer +S. 113: Wir legten bei dem Kahn an -> langten +S. 127: [added closing quotes] obgleich er sie Güzela nennt.« +S. 131: Ausguck nach demseblen gehalten -> demselben +S. 137: [added closing quotes] Haidi, wohlan!« +S. 138: [added comma] »Ja, ich konnte nicht weiter.« +S. 138: mit steineren Platten bedeckt -> steinernen +S. 139: Ich passirte also die Öffnung -> passierte +S. 141: Ich schlich näher uud legte die Hände -> und +S. 142: [normalized] »Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah +S. 143: Wir brauchen also weder die Stange -> brauchten +S. 144: meist in den Kleideru -> Kleidern +S. 146: [added period] »Ein Sandal!« meinte Halef. +S. 149: ausgebessert nnd zusammengeflickt -> und +S. 154: Allah kehrim, Gott ist gnädig! -> kerihm +S. 155: Alla ïa Sahtir -> Allah +S. 157: Hadschi Abbul Abbas -> Abul +S. 162: [removed extra comma] mir nebst, Halef und dem Barbier +S. 165: dem Großwessir in Istambul -> Großwesir +S. 164: [normalized] einen armen Scheikh -> Scheik +S. 167: [normalized] an das Recognoscieren -> Rekognoscieren +S. 190: Aber er besitzt die Hilfe des Scheitan -> Scheïtan +S. 194: folgte ihm mich gezückter Waffe -> mit gezückter Waffe +S. 195: ein guter Schütze sei. -> sei? +S. 198: »Ja, Shidi. Was ist es?« -> Sihdi +S. 209: die Gegend von Sahna -> Sanah +S. 213: [normalized] Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah +S. 220: [extra comma removed] Dank der orientalischen Sorglosigkeit, hatte +S. 222: [normalized] Hamdullillah, Gott sei Dank! -> Hamdulillah +S. 227: [normalized] oder nach Bassra und Bagdad -> Basra +S. 238: [added mdash] Gott sei Dank! -- keine Not gelitten +S. 244: das deutsche Worte 'Lob' -> Wort +S. 248: Siehst du diesen Bu-djuruldi -> Bu-djeruldi +S. 249: [normalized] sattle dort die drei Hedschihn -> Hedjihn +S. 271: »So bin ich jetzt mich euch fertig.« -> mit +S. 276: ein kleines Döschen ans Papiermaché -> aus +S. 277: [normalized] weder meinen Haik, noch meine Jacke -> Haïk +S. 278: [normalized] Das ist ja der Scheitan -> Scheïtan +S. 279: [normalized] bei Allah, es ist der Scheitan! -> Scheïtan +S. 279: [normalized] du hast den Scheitan bezwungen -> Scheïtan +S. 280: [normalized] daß sie den Scheitan gefangen hält -> Scheïtan +S. 282: zehn Lastkamelen nnd fünfzig Schafen. -> und +S. 283: die heiligen Gebräuche und kehreu dann sofort -> kehren +S. 284: [normalized] weil der Scheitan doch lebendig war -> Scheïtan +S. 284: [normalized] Der gefangene Scheitan war -> Scheïtan +S. 294: [In Footnote] wie auch wir die Sünden vergessen? -> vergessen. +S. 308: Rippe genommen nnd -> und +S. 320: [normalized] Fowlingbull holen -> Fowling-bull +S. 323: [added period] begann dann auf und ab zu patrouillieren. +S. 324: [normalized] hingegangen wegen Fowlingbull -> Fowling-bull +S. 329: die Stelle, welche ich angedeutet habe -> hatte +S. 334: und wehenden Straußfedern -> Straußenfedern +S. 334: Werden sie stechen! -> stechen? +S. 337: nach Tausensenden zählenden -> Tausenden +S. 349: da Ihr nicht arabisch versteht? -> versteht! +S. 360: Wann du zurückgekehrt bist -> Wenn +S. 361: sehr leicht verloren gehen kann. -> kann? +S. 364: [normalized] Hamdullillah! Preis sei Allah -> Hamdulillah +S. 365: Alla kehrim, Allah ist gnädig -> Allah kerihm +S. 374: [added closing quotes] halten die Löwen ihre Zusammenkünfte.« +S. 375: welches der Vater eines meiner Gefährten -> welcher +S. 375: [added comma] geräumigen Hütte, welche +S. 380: Vor zweien? Nein? -> Nein! +S. 384: [normalized] er gehört Muhammed Emin -> Mohammed +S. 390: Halt. Wer es wagt -> Halt! +S. 394: [added closing quotes] Hier doch gar nicht Babylon!« +S. 395: Ruinen von Khan Kherninn vereinigen -> Khernina +S. 398: [normalized] Abu Muhammed zu spät eintreffen? -> Abu Mohammed +S. 401: [normalized] Scheik der Abu Muhammed gesagt -> Abu Mohammed +S. 403: [added opening quotes] »Dort wird sein äußerster Posten +S. 403: [added closing quotes] zu treffen sein.« +S. 407: Hadschi Abbul Abbas -> Abul +S. 409: [added closing quotes] »Ich danke dir!« +S. 410: das letzte Glied unserere Postenkette -> unserer +S. 412: [deleted extra word] ich auf auf dem Rappen -> auf +S. 433: [deleted extra quotes] »Wir hatten nicht sehr lange +S. 435: [normalized] Dieser berühmte Mann ist Esla el Mahem -> Eslah +S. 441: [normalized] Du siehst, Esla el Mahem -> Eslah +S. 447: [normalized] Mit ihren Scheiks! Hamdullilah! -> Hamdulillah +S. 450: die es es jemals hier gegeben hat -> die es jemals +S. 451: die wissen, wo Ruinen liegen.« -> liegen?« +S. 455: »Und die drei Männer, welche bei dir sind.« -> sind? +S. 458: Fowlingsbulls finden! -> Fowling-bulls +S. 458: [normalized] nach Bagdad, Baßra, Kerkuk -> Basra +S. 460: [normalized] rechten Ufer lag Kalaat el Dschebber -> Dschebbar +S. 463: [added closing quotes] »Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.« +S. 469: [added closing quotes] »Zwölfhundert.« +S. 486: [normalized] Nicht nach dem Scheitan -> Scheïtan +S. 492: wie du schon viele gemordest hast -> gemordet +S. 494: Er bat mich, ihm trinken zu geben -> ihm zu trinken zu geben +S. 514: Du steht im Giölgeda padischahnün -> stehst +S. 518: [normalized] mit dem alten Geißfuße -> Geisfuße +S. 518: in die Zahnpalissaden -> Zahnpalisaden +S. 519: Kanonen nnd eine Besatzung -> und +S. 529: [normalized] des Thales von Scheikh Adi -> Scheik +S. 536: [normalized] Merd-esch-Scheïtan -> Merd-es-Scheïtan +S. 536: [added closing quotes] mir oder dem Pascha?« +S. 539: [normalized] nach Amadija geschickt hatte -> Amadijah +S. 542: [normalized] Khorsabad, Dscheraijah und Baadri -> Dscherraijah +S. 554: [added closing quotes] »Sind die Dschesidi Christen?« +S. 542: [normalized] direkt nach Raban Hormuzd führt -> Rabban +S. 558: Die Radjahell Scheïtan -> Radjahl el Scheïtan +S. 559: [normalized] Ihr wollt zu Amad al Ghandur -> el +S. 560: [normalized] vierten Infanterie-Regimente -> Infanterieregimente +S. 561: [normalized] zweite Infanterie-Regiment -> Infanterieregiment +S. 570: [normalized] versuchen, Amad al Ghandur zu finden -> el +S. 583: harte die Menge meiner -> harrte +S. 586: Du redest ja Kurmanydschi -> Kurmangdschi +S. 596: [added closing quotes] »Welches sind die heiligen Instrumente?« +S. 598: sondern nach Scheid Adi -> Scheik +S. 605: [normalized] Er befand sich im Selamlik -> Selamlük +S. 606: [normalized] Ich kehrte in das Selamlik zurück -> Selamlük +S. 610: [normalized] Bis Dscherajah stehen Posten -> Dscherraijah +S. 626: Eiu Dschesidi wäre auch -> Ein + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM *** + +***** This file should be named 29336-8.txt or 29336-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/9/3/3/29336/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at +Karl-May-Gesellschaft) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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