summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--29336-0.txt25348
-rw-r--r--29336-0.zipbin0 -> 375531 bytes
-rw-r--r--29336-8.txt25348
-rw-r--r--29336-8.zipbin0 -> 371821 bytes
-rw-r--r--29336-h.zipbin0 -> 416868 bytes
-rw-r--r--29336-h/29336-h.htm29302
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
9 files changed, 80014 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/29336-0.txt b/29336-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..f9923c7
--- /dev/null
+++ b/29336-0.txt
@@ -0,0 +1,25348 @@
+The Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Durch Wüste und Harem
+ Gesammelte Reiseromane, Band I
+
+Author: Karl May
+
+Release Date: July 6, 2009 [EBook #29336]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+
+
+
+
+ Carl May’s
+ gesammelte Reiseromane.
+
+
+ Band I:
+
+ Durch
+ Wüste und Harem
+
+
+ Reiseerlebnisse
+ von
+ Carl May.
+
+
+ Freiburg i. B.
+ Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.
+
+
+
+
+ Inhalt des ersten Bandes.
+
+
+ Seite
+ _Erstes Kapitel._ Ein Todesritt 1
+
+ _Zweites Kapitel._ Vor Gericht 51
+
+ _Drittes Kapitel._ Im Harem 83
+
+ _Viertes Kapitel._ Eine Entführung 131
+
+ _Fünftes Kapitel._ Abu-Seïf 169
+
+ _Sechstes Kapitel._ Wieder frei 212
+
+ _Siebentes Kapitel._ In Mekka 275
+
+ _Achtes Kapitel._ Am Tigris 316
+
+ _Neuntes Kapitel._ Auf Kundschaft 371
+
+ _Zehntes Kapitel._ Der Sieg 427
+
+ _Elftes Kapitel._ Bei den Teufelsanbetern 496
+
+ _Zwölftes Kapitel_. Das große Fest 589
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Selbst ein treuer Leser von #Dr.# Karl May, erging es mir stets wie
+allen Andern, welche seine Reisewerke kennen: ich konnte das Erscheinen
+einer von ihm angekündigten neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gründe
+dieser Ungeduld, welche ich bei der Lektüre keines andern
+Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern beobachtet
+habe, sind einesteils in den hochinteressanten Sujets, welche er wählt,
+und andernteils in der originellen und meisterhaften Weise, in welcher
+er sie beherrscht und behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne
+Leben, ohne innere und äußere Bewegung. Er empfindet, denkt und
+berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen und zwingt den
+Leser, mit ihm zu fühlen, mit ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt
+sich so in ihn hinein, daß man ganz und vollständig sein Eigen wird.
+
+Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine Werke besitzen. Er
+ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, ein Missionar, ein Prediger
+der Gottes- und der Nächstenliebe, doch besteht seine Predigt nicht in
+Worten, sondern in Thaten. Wie köstlich ist’s, daß sein treuer Hadschi
+Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schließlich doch selbst
+Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Zügen wird man fast auf jeder
+Seite begegnen.
+
+Am liebsten möchte ich, anstatt ein Vorwort zu schreiben, gleich
+beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes zu erzählen. Da mir dies aber
+nicht gestattet ist, so mag der freundliche Leser mit der nächsten Seite
+beginnen. Ich bin überzeugt, daß er erst dann aufhören wird, wenn er bei
+der letzten angekommen ist.
+
+_Freiburg_ i. Baden.
+
+ Der Herausgeber und Verleger.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Ein Todesritt.
+
+
+»Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], daß du ein Giaur bleiben willst,
+ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als
+eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«
+
+ [1] Herr.
+
+»Ja.«
+
+»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach
+ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich
+möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird,
+wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse,
+bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich
+gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder
+nicht.«
+
+So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den
+Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach
+dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach
+Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über
+den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.
+
+Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum
+bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte
+behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den
+Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen.
+Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der
+drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener
+Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen
+schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt
+worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen
+wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz
+dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben.
+Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine
+Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er
+auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der
+Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken,
+daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund
+denn als Diener behandelte.
+
+Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht
+unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus
+Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben
+jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und
+ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.
+
+Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße
+schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu
+unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute
+ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte.
+Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den
+bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und
+versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu
+geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.
+
+Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:
+
+»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«
+
+»Nun?«
+
+»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden
+oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«
+
+»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«
+
+»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt,
+denn el Jaum el aakhar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind
+gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel
+Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die
+Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«
+
+»Weiter wird nichts mehr bestehen?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber das Paradies und die Hölle?«
+
+»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen
+habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur
+bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich
+bekehren werde, du magst wollen oder nicht!«
+
+Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte
+sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden
+rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum
+Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr
+mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei
+sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.
+
+Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch,
+vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit
+seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen.
+Halef aber setzte seine Rede fort:
+
+»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit
+bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen?
+Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche
+über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die
+Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«
+
+»Du hast noch Eins vergessen.«
+
+»Was?«
+
+»Das Erscheinen des Deddschel.«
+
+»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und
+willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge;
+ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte
+wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen,
+nicht wahr, Effendi?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine
+guten und bösen Thaten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die
+Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt,
+eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber
+wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller
+menschlichen Thaten.«
+
+»Und nachher?«
+
+»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken
+kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle,
+während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du
+siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse
+Thaten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in
+das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du
+magst wollen oder nicht!«
+
+Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den
+Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren
+spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.
+
+»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn.
+
+»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche,
+welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes
+nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter
+ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe
+wachsen.«
+
+»Brrrrrrr!«
+
+»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der
+Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Thore
+führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften
+Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite
+Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die
+Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die
+Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen
+oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch
+Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie
+wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die
+Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei
+müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre
+Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum
+Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken
+brauchst!«
+
+Ich schüttelte den Kopf und sagte:
+
+»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die
+eurige.«
+
+»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen
+Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir
+beschreiben?«
+
+»Thue es!«
+
+»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Thore. Zuerst
+kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem
+hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer
+als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem
+Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und
+Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf
+golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen
+und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne
+Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den
+Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne
+Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und
+immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor
+der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des
+großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen
+reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist.
+Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des
+Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«
+
+Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed
+aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine
+Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem
+Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß
+mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.
+
+»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg.
+
+»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden
+mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind
+aller Frauen und Mädchen.«
+
+»Warum?« fragte er ganz erstaunt.
+
+»Weil der Prophet sagt: ›Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des
+Bülbül[2], aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.‹
+Hast du das noch nicht gelesen?«
+
+ [2] Nachtigall.
+
+»Ich habe es gelesen.«
+
+Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten
+geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:
+
+»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri
+anzusehen!«
+
+»Ich bleibe ein Christ!«
+
+»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed
+Resul Allah!«
+
+»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana ’Iledsi, fi ’s – semavati, jata –
+haddeso ’smoka?«
+
+Er blickte mich zornig an.
+
+»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch
+dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich
+stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du
+mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen
+wirst!«
+
+Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den
+meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit
+desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum
+Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.
+
+»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!«
+
+Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:
+
+»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was
+ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi[3] Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«
+
+ [3] Mekkapilger.
+
+»So bist du also der Sohn Abul Abbas’, des Sohnes Dawud al Gossarah?«
+
+»Ja.«
+
+»Und beide waren Pilger?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch du bist ein Hadschi?«
+
+»Ja.«
+
+»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«
+
+»Dawud al Gossarah nicht.«
+
+»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?«
+
+»Ja denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte
+sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf,
+das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am
+Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem
+er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein
+Pilger, zu nennen?«
+
+»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«
+
+»Nein.«
+
+»Und auch er ist ein Hadschi?«
+
+»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er
+zurückbleiben mußte.«
+
+»Warum?«
+
+»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth, und liebte sie. Amareh
+wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst.
+Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«
+
+»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?«
+
+»Nein.«
+
+»Und nennst dich dennoch einen Pilger!«
+
+»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich
+zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach
+Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens
+kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen.
+Bin ich also nicht ein Hadschi?«
+
+»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«
+
+»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«
+
+»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und
+bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint
+euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel
+sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi
+Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all
+diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter,
+wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?«
+
+So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche
+Malice lachen. Es giebt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die
+sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die
+Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben,
+in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein.
+Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene
+hin.
+
+»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch
+nicht in Mekka war?«
+
+»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum
+Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das
+nicht Spuren im Sande?«
+
+Wir waren schon längst in das Wadi[4] Tarfaui eingebogen und jetzt an
+eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand
+über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine
+sehr deutliche Fährte zu erkennen.
+
+ [4] Thal, Schlucht.
+
+»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.
+
+»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«
+
+Er blickte mich fragend an.
+
+»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier
+geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?«
+
+»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«
+
+»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du
+unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer
+an, die vor uns sind?«
+
+»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und
+wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle
+Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem
+Freunde oder einem Feinde begegnet.«
+
+»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.«
+
+»Das kann man nicht wissen.«
+
+Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines
+Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie
+ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer
+Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich
+vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide.
+Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande
+befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere
+reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses
+war entweder kein oder ein sehr armer Araber.
+
+Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte,
+und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:
+
+»Was hast du gesehen, Sihdi?«
+
+»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.«
+
+»Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz
+dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du
+willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, über welche
+ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz
+des Wissens, den du hier gehoben hast?«
+
+»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden
+hier vorübergekommen sind.«
+
+»Wer giebt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er
+Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«
+
+Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste
+Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg
+fortzusetzen.
+
+Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi
+eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich
+unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns
+hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren
+Schreien in die Lüfte erhoben.
+
+»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da giebt es ganz
+sicher ein Aas.«
+
+»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich
+ihm folgte.
+
+Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm
+zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit
+einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.
+
+»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch,
+Sihdi, welcher hier liegt?«
+
+Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann,
+welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes
+Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm
+nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber
+lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der
+Berührung sofort fühlte.
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen
+Todes gestorben?« fragte Halef.
+
+»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch am Hinterhaupte?
+Er ist ermordet worden.«
+
+»Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat! Oder sollte der Tote
+in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«
+
+»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer
+Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«
+
+Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die
+Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der
+gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite
+war klein, aber deutlich eingegraben: #»E. P. 15. juillet 1830.«#
+
+»Was findest du?« fragte Halef.
+
+»Dieser Mann ist kein Ibn Arab[5].«
+
+ [5] Araber.
+
+»Was sonst?«
+
+»Ein Franzose.«
+
+»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?«
+
+»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring,
+in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe
+geschlossen wurde.«
+
+»Und dies ist ein solcher Ring?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken
+gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis[6] oder den Nemsi[7]
+stammen, zu denen auch du gehörst.«
+
+ [6] Engländer.
+
+ [7] Deutschen.
+
+»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«
+
+»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht,
+Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«
+
+»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung
+trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«
+
+»Wer hat ihn getötet?«
+
+»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt
+ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß – – –«
+
+Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden
+Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit
+von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten
+Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr
+mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe
+befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem
+Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem
+er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust
+klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd
+ineinander.
+
+»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese
+Schurken, diese Hunde haben es getötet!«
+
+Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten
+Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand
+kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel
+des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer.
+
+»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle
+Ewigkeit in der Dschehennah braten. Nichts, gar nichts haben sie
+zurückgelassen, als das Kamel – und die Papiere, welche dort im Sande
+liegen.«
+
+Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung
+von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als
+unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen
+Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere
+Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte
+sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der #»Vigie algérienne«# und
+ebenso viel vom #»L’Indépendant«# und der #»Mahouna«# in den Händen. Das
+erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das
+dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich
+bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des
+Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen
+Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in
+Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler,
+welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde.
+Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz
+wörtlich überein.
+
+Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese
+Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er
+ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er
+ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?
+
+Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger
+gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr
+schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung
+auf das Kamel niederließen.
+
+»Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?« fragte der Diener.
+
+»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«
+
+»Willst du ihn in die Erde scharren?«
+
+»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen
+über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«
+
+»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«
+
+»Er ist ein Christ.«
+
+»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch
+ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«
+
+»Welche?«
+
+»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«
+
+»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem
+gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!«
+
+Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit
+vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so
+hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der
+Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines
+Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als
+ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der
+hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:
+
+»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und
+ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm
+gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das
+zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du
+hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben.
+Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten
+Thaten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!«
+
+Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der
+Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.
+
+»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher
+nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was thun wir
+jetzt?«
+
+»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«
+
+»Willst du sie töten?«
+
+»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann
+erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich thun
+werde.«
+
+»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn
+getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«
+
+»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur.
+Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen
+auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«
+
+Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen
+Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und
+es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese
+Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.
+
+»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?«
+
+Ich drehte mich nach ihm um.
+
+»Verlassen?«
+
+»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.«
+
+Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß,
+und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.
+
+»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze
+Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir
+die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«
+
+»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam
+reitet, Effendi, denn – Allah akbar, blicke da hinunter!«
+
+Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der
+Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter
+oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha[8] sitzen, in welcher
+sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an
+den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.
+
+ [8] Lache.
+
+»Ah, sie sind es!«
+
+»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie
+haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«
+
+»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef,
+zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und
+ein wenig nach West reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa
+kämen.«
+
+»Warum, Effendi?«
+
+»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden
+haben.«
+
+Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach
+Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten
+auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns
+nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber
+hören, als wir demselben nahe gekommen waren.
+
+Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten,
+bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich that natürlich,
+als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der
+Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für
+nötig, nach meiner Büchse zu langen.
+
+»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.
+
+»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?«
+
+»Wir sind friedliche Reiter.«
+
+»Wo kommt ihr her?«
+
+»Von Westen.«
+
+»Und wo wollt ihr hin?«
+
+»Nach Seddada.«
+
+»Von welchem Stamme seid ihr?«
+
+Ich deutete auf Halef und antwortete:
+
+»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den
+Beni-Sachsa. Wer seid ihr?«
+
+»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«
+
+»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr
+her?«
+
+»Von Gafsa.«
+
+»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?«
+
+»Nach dem Bir[9] Sauidi, wo wir Freunde haben.«
+
+ [9] Brunnen.
+
+Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war
+eine Lüge, doch that ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:
+
+»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?«
+
+»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche
+also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.
+
+»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen.
+Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen
+wir bei euch bleiben?«
+
+»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!«
+
+Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser
+Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere
+Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir
+sofort ungeniert Platz nahmen.
+
+Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren
+keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort
+geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe
+wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten
+zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen,
+blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das
+spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und
+die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich
+vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war
+keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form
+eines Geierschnabels.
+
+Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die
+Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und
+seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen
+zu ihm haben.
+
+Der ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat
+spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale
+sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren
+schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr
+mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie
+vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der
+Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die
+beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes
+Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller
+Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.
+
+Ich that, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus
+der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit
+gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.
+
+»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange.
+
+»Nichts. Wir gehen weiter.«
+
+»Wohin?«
+
+»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«
+
+Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß
+ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter:
+
+»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«
+
+»Ja.«
+
+»Du willst deine Herden dort verkaufen?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder deine Sklaven?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?«
+
+»Nein.«
+
+»Was sonst?«
+
+»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«
+
+»Oder willst du dir ein Weib dort holen?«
+
+Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.
+
+»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem
+Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren
+hast?«
+
+Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann in Folge dessen
+die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen
+hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen;
+Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von
+armenischer Herkunft aufgefallen und – – ah, war es nicht ein
+armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und
+dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit
+genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam
+durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf
+gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff
+befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.
+
+»Erlaube mir!«
+
+Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las:
+#»Paul Galingré, Marseille.«# Das war ganz sicher nicht der Name der
+Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch
+keine Miene, sondern fragte leichthin:
+
+»Was ist das für eine Waffe?«
+
+»Ein – ein – – ein Drehgewehr.«
+
+»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«
+
+Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:
+
+»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«
+
+»Warum?«
+
+»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so
+würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur
+die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände
+eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«
+
+»Nein.«
+
+»So hast du sie gekauft?«
+
+»Nein.«
+
+»Dann war sie eine Beute?«
+
+»Ja.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von einem Franken.«
+
+»Mit dem du kämpftest?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Auf dem Schlachtfelde.«
+
+»Auf welchem?«
+
+»Bei El Guerara.«
+
+»Du lügst!«
+
+Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem
+Revolver.
+
+»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie – – –«
+
+Ich fiel ihm in die Rede:
+
+»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«
+
+Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle
+Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und
+fragte drohend:
+
+»Was meinst du mit diesen Worten?«
+
+Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen
+Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.
+
+»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir
+sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.«
+
+Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich
+aus.
+
+»Woher kennst du mich?«
+
+»Ich kenne dich; das ist genug.«
+
+»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin
+ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«
+
+»Wem gehören diese Sachen?«
+
+»Mir.«
+
+Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »#P. G.#« gezeichnet. Ich
+öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben
+Buchstaben eingraviert.
+
+»Woher hast du sie?«
+
+»Was geht es dich an? Lege sie von dir!«
+
+Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten
+Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war
+stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen.
+
+»Weg mit dem Buche, sage ich dir!«
+
+Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die
+Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten,
+fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der
+beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.
+
+Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber
+ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es
+bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich
+bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen.
+
+»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner.
+
+Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte
+so ruhig wie möglich:
+
+»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.«
+
+»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!«
+
+»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!«
+
+Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich
+wieder zur Erde nieder, und ich that ganz dasselbe. Dann zog ich meinen
+Revolver und begann:
+
+»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg,
+sonst geht das meinige los!«
+
+Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber
+zum augenblicklichen Griffe bereit.
+
+»Du bist kein Uëlad Hamalek?«
+
+»Ich bin einer.«
+
+»Du kommst nicht von Gafsa?«
+
+»Ich komme von dort.«
+
+»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?«
+
+»Was geht es dich an!«
+
+»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den
+du ermordet hast.«
+
+Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.
+
+»Und wenn ich es gethan hätte, was hättest du darüber zu sagen?«
+
+»Nicht viel; nur einige Worte.«
+
+»Welche?«
+
+»Wer war der Mann?«
+
+»Ich kenne ihn nicht.«
+
+»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?«
+
+»Weil es mir so gefiel.«
+
+»War er ein Rechtgläubiger?«
+
+»Nein. Er war ein Giaur.«
+
+»Du hast genommen, was er bei sich trug?«
+
+»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«
+
+»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.«
+
+»Für dich – –?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich verstehe dich nicht.«
+
+»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein
+Giaur und werde sein Rächer sein.«
+
+»Sein Bluträcher?«
+
+»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir
+sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich
+will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der
+Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That
+unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl
+merken: du giebst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.«
+
+Er lächelte überlegen.
+
+»Meinst du wirklich, daß ich dieses thue?«
+
+»Ich meine es.«
+
+»So nimm dir, was du haben willst!«
+
+Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber
+hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.
+
+»Halt, oder ich schieße!«
+
+Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich
+befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit
+als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien
+unentschlossen zu werden.
+
+»Was willst du mit den Sachen thun?«
+
+»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.«
+
+Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte.
+
+»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!«
+
+»Ich lüge nicht.«
+
+»Und was wirst du gegen mich unternehmen?«
+
+»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!«
+
+»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«
+
+»Ja.«
+
+»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten
+ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«
+
+»Ja.«
+
+»Du versprichst es mir?«
+
+»Ja.«
+
+»Beschwöre es!«
+
+»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«
+
+»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.«
+
+»Was hatte er noch bei sich?«
+
+»Nichts.«
+
+»Er hatte Geld.«
+
+»Das werde ich behalten.«
+
+»Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel oder die Börse, in
+der es sich befand.«
+
+»Du sollst sie haben.«
+
+Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die
+er leerte und mir dann entgegen reichte.
+
+»Weiter hatte er nichts bei sich?«
+
+»Nein. Willst du mich aussuchen?«
+
+»Nein.«
+
+»So können wir gehen?«
+
+»Ja.«
+
+Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter
+aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf
+diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und
+bestiegen ihre Pferde.
+
+»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«
+
+Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr
+gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des
+Wadiufers verschwunden.
+
+Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein
+Schweigen.
+
+»Sihdi!«
+
+»Was?«
+
+»Darf ich dir etwas sagen?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du den Strauß?«
+
+»Ja.«
+
+»Weißt du, wie er ist?«
+
+»Nun?«
+
+»Dumm, sehr dumm.«
+
+»Weiter!«
+
+»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der
+Strauß.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil du diese Schurken laufen lässest.«
+
+»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.«
+
+»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du
+dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt
+hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie
+Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder
+eines Christen entkommen!«
+
+»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?«
+
+»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von
+da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg[10] zu verschwinden.«
+
+ [10] Region der Dünen.
+
+»Das werden sie nicht.«
+
+»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.«
+
+»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.«
+
+»Wer sagte es dir?«
+
+»Meine Augen.«
+
+»Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen im Sande betrachtest.
+So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon
+noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du
+magst nun wollen oder nicht!«
+
+»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.«
+
+»Sihdi – –! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!«
+
+»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.«
+
+»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was thun
+wir jetzt?«
+
+»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von
+einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden
+Schurken auch wirklich fort sind.«
+
+Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in
+bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war
+mir gefolgt.
+
+»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.«
+
+»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten
+wenden.«
+
+»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies thäten, müßten sie
+uns ja wieder in die Hände kommen!«
+
+»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen
+guten Vorsprung vor uns zu erlangen.«
+
+»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.«
+
+»Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, daß eines ihrer Pferde den
+Hahnentritt habe?«
+
+»Ja, das sah ich, als sie davonritten.«
+
+»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach
+Seddada gehen.«
+
+»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?«
+
+»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden
+sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder
+zusammenzutreffen.«
+
+»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum
+Aufbruch ist.«
+
+Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden
+ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam[11]
+über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um
+über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der
+fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an
+sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein
+und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte.
+Wir brachen auf.
+
+ [11] Gesichtsschleier.
+
+Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa; wir mußten es also nun
+verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach
+Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier
+Pferde, welche von West nach Ost führte.
+
+»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?«
+
+»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.«
+
+Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke.
+
+»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns
+langsamer reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.«
+
+Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene
+hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond
+emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen.
+
+»Reiten wir hinab?« fragte Halef.
+
+»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.«
+
+Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den
+Ölbäumen einen prächtigen Platz zum Bivouac. Wir waren beide an das
+heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die
+tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen
+nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es
+mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt,
+daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von
+Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Überraschung, daß sie nicht nach
+Seddada führte, sondern nach Süden bog.
+
+»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef.
+
+»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig
+sein.«
+
+»Aber wohin gehen sie denn?«
+
+»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie
+Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.«
+
+»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum
+Bir el Tam über den Schott Rharsa.«
+
+»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über
+Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.«
+
+»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu[12] des
+Sultans haben.«
+
+ [12] Legitimation, Reisepaß.
+
+»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel
+nützen.«
+
+»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige #»Giölgeda
+padischahnün«#[13] zu sündigen!«
+
+ [13] Wörtlich: »Im Schatten des Padischa.«
+
+»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?«
+
+»Ja. Ich habe in Ägypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der
+Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?«
+
+»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber
+setzen wir den Weg fort.«
+
+»Nach Kris?«
+
+»Nach Kris.«
+
+Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und
+folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer
+Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein
+Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte.
+
+Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit
+Virlet d’Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste
+in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land
+zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte
+der Civilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und
+dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber
+läßt sich noch immer streiten.
+
+Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung
+dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel
+Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare,
+hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit
+Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Überreste
+einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott
+und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze
+dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen
+die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und
+im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten
+Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von
+Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der
+Geschichtschreibung, berichtet.
+
+Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer
+ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen,
+nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und
+Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese
+drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt,
+als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe.
+
+Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit
+Sandmassen angehäuft, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat
+sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr
+Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab,
+sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Krystalldecke, bald mit
+einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu
+vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste,
+mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß
+sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variiert. Nur an
+einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr
+auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem
+schmalen Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund
+verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des
+Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen
+Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders
+in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande
+überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.
+
+Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem
+salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter
+sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen,
+doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als
+fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die
+Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen
+Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen,
+hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende
+langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser
+trieb.
+
+Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta,
+Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der
+Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid
+verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner
+Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche
+aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein
+unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des
+Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des
+Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der
+zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden,
+so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die
+kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen
+Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber
+um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel
+gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch
+Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad
+über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer
+Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.
+
+Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert,
+erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel
+geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie
+Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara
+in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche
+vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viele Festigkeit
+besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen
+Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu
+schließen.
+
+Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen.
+Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der
+Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott
+seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«,
+und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der
+Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche
+bedeckt wird.
+
+Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche,
+flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst
+dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben
+die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen,
+in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon
+bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und
+läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer
+Quelle hervorbrechen. – –
+
+Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer
+Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über
+den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des
+Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab.
+
+»Siehst du den Schott, Sihdi?«
+
+»Ja.«
+
+»Bist du schon einmal über den Schott geritten?«
+
+»Nein.«
+
+»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen
+Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben
+sein.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid;
+er hat noch niemals einen falschen Schritt gethan. Er gehört zum Stamme
+der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber
+mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den
+Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich
+anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?«
+
+»Wie weit haben wir noch bis hin?«
+
+»Ein kleines über eine Stunde.«
+
+»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur
+der Mörder finden.«
+
+»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?«
+
+»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden
+bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.«
+
+Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe
+des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten;
+dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da
+schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die
+Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft
+hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir
+folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege
+verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden.
+
+Halef war nachdenklich geworden.
+
+»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er.
+
+»Sage es!«
+
+»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.«
+
+»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch, da ist Kris. Wo ist
+die Wohnung deines Freundes Sadek?«
+
+»Folge mir!«
+
+Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und
+Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren
+Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein
+Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.
+
+»Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!«
+
+»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!«
+
+Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar.
+
+Dann aber wandte sich der Araber zu mir:
+
+»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das
+eurige!«
+
+Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand
+Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die
+Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen.
+
+»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit
+den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große
+Thaten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum
+wahren Glauben bekehren.«
+
+Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und
+wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht
+auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus
+und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den
+Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls
+sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo
+stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu
+sprechen. Auch von den großen Thaten, die wir vollbracht haben sollten,
+wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen
+geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht
+war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu
+spielen. Der Glanzpunkt der Halef’schen Diplomatik war nun allerdings
+die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente
+dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:
+
+»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lautet er?«
+
+»Er lautet Hadschi Halef Omar.«
+
+»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul
+Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer
+frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi
+waren, obgleich – – –«
+
+»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen
+Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines
+Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.«
+
+»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage
+lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir
+gesagt hast!«
+
+»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah
+segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn
+Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird
+noch heute wiederkehren.«
+
+»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte
+Halef.
+
+»Ihr? Wann?«
+
+»Noch heute.«
+
+»Wohin, Sihdi?«
+
+»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?«
+
+»Gefährlich, sehr gefährlich. Es giebt nur zwei wirklich sichere Wege
+hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und
+Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach
+Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei giebt es, die ihn
+genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.«
+
+»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?«
+
+»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt
+er die Strecke nach Seftimi.«
+
+»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.«
+
+»Über zwei Dritteile, Sihdi.«
+
+»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?«
+
+»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.«
+
+»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?«
+
+»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf
+dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager
+tragen kann.«
+
+»Willst du uns führen?«
+
+»Ja, Effendi.«
+
+»So laß uns zunächst den Schott besehen!«
+
+»Du hast noch keinen Schott überschritten?«
+
+»Nein.«
+
+»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens,
+das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit
+sicherem Schritte.«
+
+Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen
+breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das
+eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es
+deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und
+fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es
+einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von
+einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war,
+die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten.
+
+Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter
+uns eine Stimme:
+
+»Sallam aaleïkum, Friede sei mit euch!«
+
+Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine,
+dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen
+hatte.
+
+»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was thut mein Bruder Arfan Rakedihm hier
+am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die
+Sobha führen?«
+
+»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich
+kommen werden.«
+
+»Wohin wollen sie?«
+
+»Nach Fetnassa.«
+
+Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem
+Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:
+
+»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?«
+
+»Ja.«
+
+»Wohin?«
+
+»Auch nach Fetnassa.«
+
+»Und du sollst sie führen?«
+
+»Du errätst es.«
+
+»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.«
+
+»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.«
+
+»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht
+stets die reichsten Reisenden weggefangen?«
+
+»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir
+kommen.«
+
+»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir
+mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird
+euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott
+verschlingen wird.«
+
+Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt
+hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel
+war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich
+von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die zwei
+Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer,
+welche wir in der Wüste getroffen und dann verfolgt hatten.
+
+»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?«
+
+»Ich kenne sie.«
+
+»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?«
+
+Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran.
+
+»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.«
+
+»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer.
+
+»Mörder,« antwortete Halef.
+
+»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?«
+
+»Nein.«
+
+»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?«
+
+»Nein.«
+
+»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu
+mischen.«
+
+Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für
+nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit
+einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich
+sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies
+geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns
+den Rücken kehrten.
+
+Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns
+dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an.
+
+Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit
+Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden
+Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die
+Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den
+heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst,
+sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht
+genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden
+ist. Statt des Eises eine Salzdecke – das war mir mehr als neu. Der
+eigentümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste – das
+alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen
+können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen
+für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart
+und glatt, daß man Schlittschuhe hätte benutzen können, dann aber hatte
+er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und
+vermochte nicht, die geringste Last zu tragen.
+
+Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert
+hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf
+den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar
+nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo
+Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann,
+wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei
+für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die
+Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder
+überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte
+Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen.
+
+Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der
+Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen
+wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek
+zu mir wandte:
+
+»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen
+Weges.«
+
+»Warum schlimm?«
+
+»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird dabei auf eine lange
+Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.«
+
+»Bleibt der Boden stark genug?«
+
+»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen
+Veränderungen.«
+
+»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.«
+
+»Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.«
+
+Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb
+sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten,
+welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen
+sind sie eine Ewigkeit.
+
+Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal und Hügel wechselte.
+Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem
+Salze, die Thalmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in
+welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und
+Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu
+fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß,
+das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen,
+auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten.
+Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die
+Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich
+mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt
+so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu
+lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte – es war
+fürchterlich.
+
+Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge
+kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot.
+
+»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer.
+
+Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und
+betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha:
+
+»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis Gott dem
+Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir
+wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest
+den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg
+derer, über welche – – –«
+
+Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber
+verstummten beide zu gleicher Zeit; – zwischen den zwei nächsten
+Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor,
+stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten
+Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über
+ihm schloß.
+
+In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft,
+welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst
+Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des
+Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der
+Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich
+bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie
+hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den
+unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu thun;
+wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie
+lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und
+schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir
+versanken.
+
+Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der
+Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch
+mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der
+kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und
+brach ein.
+
+»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst.
+
+Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd
+im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern
+suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine
+hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen
+Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck
+augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick,
+während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet
+meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören
+zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es
+keine Worte und keine Zeit zu messen.
+
+Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb
+schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und
+erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich
+wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht
+unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts
+mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit
+angeschlagenem Gewehre mich erwarteten.
+
+Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten
+Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse
+krachten – Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert
+und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein
+Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht
+verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern
+warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten
+mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er
+ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur
+den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter
+ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten
+nicht darauf, wohin uns unser Lauf führte – er stieß einen
+entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er
+verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll
+vor seinem heimtückischen Grabe.
+
+Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf.
+
+»Sihdi, Hilfe, Hilfe!«
+
+Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte,
+kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber
+an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang
+hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich
+platt niederlegte.
+
+»Fasse den Riemen!«
+
+»Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!«
+
+»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!«
+
+Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu
+schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang – er lag
+auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so
+erhob er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste Sure:
+
+»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das
+Reich und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!«
+
+Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht
+beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter
+mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so
+gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie
+unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen,
+der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es
+dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde.
+
+»Sihdi, bist du verwundet?«
+
+»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?«
+
+»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich
+nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing.
+Aber wir sind nun dennoch verloren.«
+
+»Warum?«
+
+»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird
+mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich
+rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich
+dich, wenn ich nicht hier verderbe.«
+
+»Du wirst nicht verderben, Halef.«
+
+»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.«
+
+»Wir werden einen Führer haben.«
+
+»Wen?«
+
+»Omar, den Sohn Sadeks.«
+
+»Wie soll er uns hier finden?«
+
+»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder
+zurückkehren wird?«
+
+»Er wird uns dennoch nicht finden.«
+
+»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und
+nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?«
+
+»Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden
+warten, bis Omar hier vorüberkommt.«
+
+»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns
+untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.«
+
+Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so
+heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer
+salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren. – –
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Vor Gericht.
+
+
+Obgleich ich die Überzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers
+kommen werde, konnte er doch statt über den See um denselben
+herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher
+Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum
+Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam
+der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher
+und erblickte nun auch uns.
+
+»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den
+Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!«
+
+Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er
+erkannte den Freund seines Vaters.
+
+»Sei willkommen, Halef Omar!«
+
+»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef.
+
+»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler.
+Du kamst nach Kris zum Vater?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.«
+
+»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich.
+
+»Wo?«
+
+»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das
+Kismet trifft.«
+
+»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Welches?«
+
+»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.«
+
+Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den
+Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden.
+Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz
+andere Weise, als ich vermutet hatte.
+
+»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
+
+»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten
+zwei Mörder, welche über den Schott gingen.«
+
+»Mein Vater sollte euch führen?«
+
+»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns
+hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die
+Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.«
+
+»Wo sind die Mörder?«
+
+»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir[14] nach
+Fetnassa.«
+
+ [14] Führer.
+
+»So ist der Pfad hier verdorben?«
+
+»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
+
+»Wo versank mein Vater?«
+
+»Dort, dreißig Schritte von hier.«
+
+Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor
+sich nieder und wandte sich dann nach Osten:
+
+»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du
+Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des
+Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen,
+nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen,
+als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich
+schwöre es!«
+
+Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen
+sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe:
+»Erzählt!«
+
+Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling.
+
+»Kommt!«
+
+Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in die
+Richtung zurück, aus der er gekommen war.
+
+Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges
+überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir
+den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen
+betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns
+liegen.
+
+»Was nun?« fragte Halef.
+
+»Folgt mir nur!« antwortete Omar.
+
+Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er
+schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann
+saß vor derselben.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar.
+
+»Aaleïkum,« dankte der Alte.
+
+»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?«
+
+»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.«
+
+»Was thaten sie?«
+
+»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da
+nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne
+ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.«
+
+»Ich danke dir, Abu el Malah!«[15]
+
+ [15] »Vater des Salzes«.
+
+Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige
+Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni,
+Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung
+brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist
+es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch
+einen türkischen Wekil[16], welcher unter der Aufsicht des Regenten von
+Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur
+Verfügung gestellt worden.
+
+ [16] Statthalter.
+
+Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe
+hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst
+nach einer Stunde zurück.
+
+»Ich habe ihn gesehen,« meldete er.
+
+»Wo?« fragte ich.
+
+»Beim Wekil.«
+
+»Beim Statthalter?«
+
+»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit
+ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der
+Audienz.«
+
+Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich
+verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!
+
+Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen,
+niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern
+zeigten. Vor der Thür desselben standen Nefers[17], welche vor einem
+Onbaschi[18] exerzierten, während der Saka[19] zuschauend an der Thür
+lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um
+unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen
+Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in
+einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit
+verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah
+Tabak rauchte.
+
+ [17] Soldaten.
+
+ [18] Korporal.
+
+ [19] Tambour.
+
+»Was wollt ihr?« fragte er.
+
+Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich
+antwortete daher mit einer Gegenfrage:
+
+»Wer bist du?«
+
+Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:
+
+»Der Wekil!«
+
+»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir
+angekommen ist.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Hier ist mein Paß.«
+
+Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf,
+faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten
+Pumphosen.
+
+»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef
+deutete.
+
+»Mein Diener.«
+
+»Wie heißt er?«
+
+»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.«
+
+»Wer ist der andere?«
+
+»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.«
+
+»Und wer bist du selbst?«
+
+»Du hast es ja gelesen!«
+
+»Ich habe es nicht gelesen.«
+
+»Es steht in meinem Passe.«
+
+»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du
+ihn?«
+
+»Von dem französischen Gouvernement in Algier.«
+
+»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat
+den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?«
+
+Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte.
+
+»Ich heiße Kara Ben Nemsi.«
+
+»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?«
+
+»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.«
+
+»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine
+Oasen?«
+
+»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig
+Millionen Menschen auf ihr wohnen.«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß! Es giebt Oasen, in denen es von Geschöpfen
+wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?«
+
+»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen
+Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen
+fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese
+Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen
+Gott glauben die Nemsi?«
+
+»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern
+Vater.«
+
+»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?«
+
+»Sie sind Christen.«
+
+»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?«
+
+»Ja.«
+
+»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden!
+Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür
+sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!«
+
+»Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist oder was dich
+beleidigt?«
+
+»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu
+treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?«
+
+»Omar Ben Sadek.«
+
+»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?«
+
+»Seit gestern.«
+
+»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig
+Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.«
+
+Zu mir gewendet, fuhr er fort:
+
+»Und wie heißt dieser dein Diener hier?«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein
+gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener
+heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.«
+
+»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil
+fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem
+Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du
+bereits bei ihm?«
+
+»Fünf Wochen.«
+
+»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf
+Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?«
+
+»Kara Ben Nemsi.«
+
+»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.«
+
+»Welche, Sihdi?«
+
+»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also
+Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende:
+du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht
+fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu
+stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem
+Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also
+fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden
+Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du
+besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere
+es.«
+
+»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist
+erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und
+deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich,
+edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche
+erhalten.«
+
+»Was willst du von ihm?«
+
+»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an
+seinem Anblick weiden.«
+
+»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein
+edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also
+nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der
+Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht
+du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den
+Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.«
+
+»Ah! Woher wußte er es?«
+
+»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat
+euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so
+hätte ich euch holen lassen.«
+
+»Er hat uns angezeigt? Weshalb?«
+
+»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten,
+die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert
+habe.«
+
+Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den
+unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück
+Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase – er war
+jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder
+Mülasim[20], und man weiß ja, was man von einem türkischen Lieutenant zu
+halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die
+Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den
+guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich
+selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals wieder an ihn gedacht,
+denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem
+Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem
+Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die
+ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch
+dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil
+war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen,
+und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war,
+so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts
+von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte
+unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an,
+ungestraft thun zu können, was ihm beliebte.
+
+ [20] Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Lieutenant.
+
+Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst
+angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner
+Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so
+genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich
+war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei.
+Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht
+wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund
+uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte
+ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte
+dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen.
+
+Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein
+schwarzer Diener, der sich vor ihm wie vor dem Sultan auf die Erde warf.
+Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach
+einiger Zeit öffnete sich die Thür, und die zehn Soldaten mit ihrem
+Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus
+allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im
+mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen
+waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher thun
+konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem
+Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick
+musterte und dann seinen Befehl aussprach:
+
+»Kalkyn – steht auf!«
+
+Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der
+Scheide.
+
+»Kylyn syraji – bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme.
+
+Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in
+den braunen Händen.
+
+»Has – dur – das Gewehr über!« kommandierte er nun.
+
+Die Flinten flogen empor, stießen gegen einander, gegen die Mauer oder
+gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger
+Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.
+
+»Isalam – dur – präsentiert das Gewehr!«
+
+Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen
+Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der
+Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete
+ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um
+hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem
+geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus
+der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo
+er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die
+restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage,
+welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.
+
+»Sessiz, söjle – me – niz – steht still und schwatzt nicht!«
+
+Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und
+Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern
+erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu
+geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu
+bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.
+
+Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium
+ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere
+Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu
+befestigen.
+
+Und wieder öffnete sich die Thür. Der Erwartete trat ein. Er war es.
+
+Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an
+der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des
+Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst
+erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht
+größer gedacht werden konnte.
+
+Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte:
+
+»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von
+dir?«
+
+»Ja.«
+
+»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du
+kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.«
+
+»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er
+sich?«
+
+»Er heißt Abu en Nassr.«
+
+»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.«
+
+»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du
+zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber
+wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in
+Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen
+angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir
+das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges,
+denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer
+Bandit.«
+
+Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und
+fragte:
+
+»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher
+Truppe?«
+
+»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.«
+
+Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte.
+
+»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille,
+das heißt eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret
+ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So
+etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir;
+verstanden!«
+
+Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie
+vorgekommen, das ging über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als
+ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut
+oder vor Verlegenheit:
+
+»Mensch, ich hätte sogar Lawi-Pascha werden können, also General-Major,
+wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!«
+
+»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit
+Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst
+du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen
+oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord
+begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem
+Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen,
+weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach
+Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines
+Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein
+behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn
+gefangen nimmst!«
+
+Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:
+
+»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was
+er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.«
+
+Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt, hob ihn
+empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer.
+
+»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt
+sterben!«
+
+Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab
+ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und
+regungslos liegen blieb.
+
+»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte.
+
+Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner
+Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor
+die Fronte der Seinigen und kommandierte:
+
+»Komyn silahlari – legt die Gewehre weg!«
+
+Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und
+kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück.
+
+»Döndürmek sagha – rechts umgedreht!«
+
+Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter
+einander.
+
+»Gityn erkek tschewresinde, koschyn – iz – nehmt den Mann in die Mitte,
+marsch!«
+
+Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann
+markierte »sol – sagha, sol – sagha = links – rechts, links – rechts!«
+sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war,
+auf das Kommando des Unteroffiziers stehen.
+
+»Onu tutmyn – ergreift ihn!«
+
+Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten
+sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten
+mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu
+meiner Befreiung hätte machen mögen.
+
+»Dschenabin – iz, bizim – war herifu – Hoheit, wir haben den Kerl!«
+meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe.
+
+»Brakyn – jok onu tekrar azad – laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der
+Statthalter mit strenger Miene.
+
+Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus
+als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das
+alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war
+schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte.
+
+Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine
+Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte:
+
+»Du wirst ihn erschießen lassen!«
+
+»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn
+ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen.
+Bring deine Anklage vor!«
+
+»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem
+Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in
+die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.«
+
+»Warum that er dies?«
+
+»Aus Rache.«
+
+»Wofür wollte er sich rächen?«
+
+»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten
+ihn festnehmen, er aber entwischte uns.«
+
+»Kannst du deine Worte beschwören?«
+
+»Beim Barte des Propheten!«
+
+»Das ist genug! – Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann.
+
+»Ja.«
+
+»Was sagst du dazu?«
+
+»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die
+Personen geradezu verwechselt.«
+
+»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern
+ihm.«
+
+»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.«
+
+»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den
+großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über
+dich entscheiden wird.«
+
+»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst
+dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und
+also kein Moslem, sondern ein Christ.«
+
+»Er hat beim Propheten geschworen.«
+
+»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott
+bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim
+Rate der Oase verklagen.«
+
+»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte
+ihm nicht das Geringste thun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu
+und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des
+Großherrn steht.«
+
+»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines
+Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner
+Tasche.«
+
+»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich
+verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht
+werden, zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein
+Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie
+hinab in den Hof; ich werde nachkommen!«
+
+»Alykomün elleri – nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der
+Unteroffizier.
+
+Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab.
+
+»Alyn – iz tüfenkleri – hebt die Flinten auf!«
+
+Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich.
+
+»Wirmyn hep – ütsch – umschließt alle drei!«
+
+Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den
+Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine
+Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen
+bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.
+
+Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden
+Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen,
+daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.
+
+Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil
+mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete
+ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen
+Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich.
+
+»Wermyn ona elli – gebt ihm Fünfzig!«
+
+Jetzt war es Zeit.
+
+»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn.
+
+»Ja.«
+
+»Gieb es mir!«
+
+»Du wirst es niemals zurückerhalten!«
+
+»Warum?«
+
+»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.«
+
+»Du willst mich wirklich schlagen lassen?«
+
+»Ja.«
+
+»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist,
+sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!«
+
+Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der
+vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als
+denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht;
+wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen,
+so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war
+völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr
+konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig
+machen.
+
+»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise.
+
+»Ja; meine Burnusschnur.«
+
+»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum
+Ausgang und lässest keinen Menschen durch!«
+
+»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet.
+
+»Sogleich!«
+
+Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten
+hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und
+drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner
+sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte.
+
+»Binde ihn!« gebot ich Omar.
+
+Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort
+begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers
+zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er
+gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache
+so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog
+jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am
+Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er
+bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten.
+
+»Hatschyn, aramin imdadi – reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der
+Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte.
+
+Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem
+Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere
+Halef mit schußfertigem Gewehre.
+
+»Geri; durar – siz bunda – zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen
+entgegen.
+
+Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen
+auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen.
+
+Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick
+bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen.
+
+»Bist du tot?« fragte ich den Wekil.
+
+»Nein, aber du wirst mich töten?«
+
+»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit.
+Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.«
+
+»Was verlangst du von mir, Sihdi?«
+
+Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme.
+Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt,
+welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns
+zuge – – kugelt kam.
+
+»Tut – halt!« rief sie mir kreischend zu. »Öldirme onu; dir benim
+kodscha – töte ihn nicht; er ist mein Mann!«
+
+Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle
+mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die
+gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem
+Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution
+zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe
+jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig
+entgegen:
+
+»Wer bist du?«
+
+»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie.
+
+»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün – ja, sie ist mein Weib, die Rose
+von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter.
+
+»Wie heißt sie?«
+
+»Demar-im Mersinah – ich heiße Mersinah,« berichtete sie.
+
+»He, demar Mersinah – ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem
+Munde des Wekil.
+
+Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d. i. Myrte. Einem
+so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein.
+
+»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase,
+so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich.
+
+Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte
+lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und
+war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen
+die Türkinnen sein müssen. Übrigens handelte es sich hier, wie sie
+dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.
+
+Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht,
+welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen
+beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht
+vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte
+schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen zu paralysieren
+gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange
+hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie
+jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht
+bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt
+hatte.
+
+»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir
+versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid
+geschehen.«
+
+»Kaladschak-dir – er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!«
+
+»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke
+wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um
+getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein
+Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt
+von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben
+lasse!«
+
+Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert
+stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie
+betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und
+fragte dann mit freundlichem Tone:
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem
+Meere liegt.«
+
+»Sind eure Frauen schön?«
+
+»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El
+Kebihr.«
+
+Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade
+vor ihren Augen gefunden hatte.
+
+»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das
+habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch
+warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor
+dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?«
+
+»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten
+flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle elf besiegen würde,
+und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann
+vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu
+geben.«
+
+»Du sollst Gerechtigkeit haben!«
+
+Da wollte sich mir die Überzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im
+Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil
+sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder
+herzustellen:
+
+»Ich bin ein gerechter Richter und werde – – –«
+
+»Sus-olmar-sen – du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich
+diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt;
+er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war
+schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden
+konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser
+Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du
+etwas thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und
+habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es
+verdient!«
+
+»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!«
+
+»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischahnün, das
+heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein
+Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin,
+in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll
+deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!«
+
+Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr
+anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht.
+
+»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst
+da!«
+
+Da wandte sie sich um.
+
+»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie.
+
+»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.«
+
+»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!«
+
+»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange
+hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.«
+
+»Die ist bereits erledigt.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns
+wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.«
+
+»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?«
+
+»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.«
+
+»Ist das wahr, Wekil?«
+
+Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen
+seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:
+
+»Ja.«
+
+»Du schwörst es mir?«
+
+»Ich schwöre es.«
+
+»Bei Allah und seinem Propheten?«
+
+»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli.
+
+»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden.
+
+»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.«
+
+»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich.
+
+»Er darf,« antwortete ich.
+
+»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.«
+
+»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?«
+
+»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir
+nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen
+lassen.«
+
+»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er
+wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines
+Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.«
+
+Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das
+kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich
+auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn
+festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu
+nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine
+Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d’em b’ed
+d’em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das
+Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen
+konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich
+auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt
+befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als
+solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht
+schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu
+fallen.
+
+Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem
+Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener:
+
+»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?«
+
+»Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich da, wo er es für
+geboten hält, für einen Mohammedaner aus.«
+
+»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?«
+
+»Für einen sehr schlechten.«
+
+»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt
+dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der
+Dschehennah braten willst!«
+
+»Und du wirst selbst so lange darin braten!«
+
+»Weshalb?«
+
+»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und
+tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom
+Baume Zakum essen müssen?«
+
+»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?«
+
+»Du bist ein Lügner und Heuchler!«
+
+»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist
+kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine
+Kugel treffen!«
+
+»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein.
+Soll ich das dem Wekil erzählen?«
+
+»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun an Hadschi Halef Omar,
+dem treuesten Diener, den du finden kannst!«
+
+»Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch die Bedingung, unter
+welcher ich schweige.«
+
+»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein
+wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!«
+
+Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war
+keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing.
+
+»Setze dich!« lud er mich ein.
+
+Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während
+Halef sich mit den Pfeifen zu thun machte, welche man mittlerweile in
+einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte.
+
+»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die
+Unterhaltung.
+
+»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu
+sehen, mit dem er spricht.«
+
+»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen
+aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und
+unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und
+unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals
+eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns,
+und weshalb? O jazik, o wehe!«
+
+»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten
+wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer
+Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein
+Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!«
+
+»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber
+ich wollte dich nicht beleidigen.«
+
+»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein
+schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand
+brauchen kann, weil er nichts bewahrt.«
+
+»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen
+hast.«
+
+Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte
+schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf.
+
+»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst nicht dabei!«
+
+»Ich schließe es.«
+
+»Nur Allah allein darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen
+Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt,
+wohin er nicht kommen wollte.«
+
+»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist
+ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben
+weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt,
+der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.«
+
+»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen
+besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann.
+Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Warst du dabei?«
+
+»Nein.«
+
+»So hat es dir der Tote erzählt?«
+
+»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter
+nicht mehr sprechen kann!«
+
+»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst
+nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst
+du wissen, daß er ein Mörder ist?«
+
+»Ich schließe es.«
+
+»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!«
+
+»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er
+mir den Mord eingestanden.«
+
+»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder
+ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und
+daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist
+ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen
+Scherz zu machen.«
+
+»Mit einem Morde spaßt man nicht!«
+
+»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich,
+daß er den Führer Sadek erschossen hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst dabei?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Und hast es gesehen?«
+
+»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.«
+
+»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb
+sagen, daß er ein Mörder sei?«
+
+»Natürlich!«
+
+»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß
+der Mensch nicht schließen soll!«
+
+»Nun?«
+
+»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du,
+daß er ein Mörder sei?«
+
+»Das versteht sich doch ganz von selbst.«
+
+»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre! Gibt es in deinem
+Lande keine Blutrache?«
+
+»Nein.«
+
+»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein
+Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben
+das Recht, ihn zu verfolgen.«
+
+»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!«
+
+»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.«
+
+»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich
+meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt
+und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat,
+gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er
+hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und
+dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf
+das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß
+mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit
+ihm ab!«
+
+»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar
+sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es
+dir gefällt.«
+
+Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle
+seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er
+nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam,
+als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen
+Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir
+langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine
+Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei,
+von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei
+erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich: »Breh,
+Effendina, zu Hilfe!«
+
+Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der
+Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war
+nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste
+mir mit schadenfroher Miene entgegen:
+
+»Fort, Sihdi – dort reiten!«
+
+Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben
+zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen
+ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war
+erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte
+dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den
+Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die
+elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt, und der Streich
+war gelungen.
+
+Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein
+Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten,
+auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten.
+
+»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung.
+
+»Ich sah es.«
+
+»Wohin?«
+
+»Dorthin.«
+
+Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.
+
+»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen
+nachjagen.«
+
+»Er saß auf einem Reitkamele.«
+
+»Ich werde ihn dennoch ereilen.«
+
+»Du hast kein Tier!«
+
+»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden,
+und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde
+ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir
+nachkommen willst.«
+
+Er eilte von dannen.
+
+Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der
+Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn.
+
+»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von
+Mäusen und Ratten – – –«
+
+Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die
+Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht
+verschleiert.
+
+»Was ist geschehen?« fragte sie mich.
+
+»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen –«
+
+»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die
+roten Fäuste durch die Hülle zwängend.
+
+»Und haben den Gefangenen befreit – – –«
+
+»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen
+Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde.
+
+»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu.
+
+»Des Wekil? – Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf!
+Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem
+Augenblick!«
+
+Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük.
+
+O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im
+Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!
+
+Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:
+
+»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser am
+Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein
+Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des
+Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht
+so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« – – –
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Im Harem.
+
+
+Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit
+der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die
+Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines
+Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt.
+
+Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten Wohnung, schlürfte
+würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des würzigen Djebeli, welcher
+meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern
+boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten porösen
+Thongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die
+Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier
+so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.
+
+Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha.
+
+Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr
+geworden, und wer hat ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst
+als er selbst!
+
+Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Ägypten gekommen, hatten Kairo
+besucht, welches der Ägypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder
+noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es
+mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns
+dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl
+befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle
+Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen
+heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete:
+
+ »Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?«
+
+und von denen man außer dem großäugigen #Pulex canis# und dem rötlichen
+#Pulex musculi# noch den allbeliebten #Pulex irritans# und den wütenden
+#Pulex penetrans# kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Ägypten
+nicht das Jagdgefilde des #»irritans«#, sondern des #»penetrans«#, also
+nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« #Pulex# ist, und so
+brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe,
+nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war.
+
+Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha,
+die mich aus meinen Träumen weckte:
+
+»Was? Wie? Wen?«
+
+»Den Effendi,« antwortete es schüchtern.
+
+»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?«
+
+»Ich muß ihn sprechen.«
+
+»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel – Allah
+beschütze mich vor ihm! – den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du
+nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein
+Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar
+die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben
+sind!«
+
+Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Ägypten
+viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz,
+unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im
+Oriente viel sagen.
+
+Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder
+Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten.
+Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb
+gefüllte homöopatische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand
+gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf
+Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt
+meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine
+Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in
+den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil
+er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne.
+
+Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von
+Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir
+der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten
+beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst;
+er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons
+Münchhausen #senior# verfallen und versuchte nebenbei, durch eine
+Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte.
+
+So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohne eine
+Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte
+Ägypten von früherher und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht
+auszukommen sei, weil sie größere Wunder thue als Höflichkeit und Geld,
+von welchem letzteren mir allerdings kein großer Überfluß zur Verfügung
+stand.
+
+»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder;
+»aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich
+sehen und sprechen.«
+
+»Jetzt nicht.«
+
+»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre
+schenken möge.«
+
+»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein
+Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters?
+Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen
+verdankt?«
+
+»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon
+sein Name sagt.«
+
+»Sein Name? Was meinst du?«
+
+»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir,
+daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.«
+
+»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?«
+
+»Nein.«
+
+»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der
+tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm
+gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein
+Herr hat keine Zeit.«
+
+»So sage mir, Sihdi, was ich thun muß, um zu ihm zu kommen!«
+
+»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten
+der Weisheit erschließt?«
+
+»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.«
+
+»So schließe auf.«
+
+Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken.
+
+»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist,
+als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.«
+
+»So muß ich ihn vergrößern.«
+
+Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte
+ich lachen oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz
+außerordentlich geriebener Portier geworden!
+
+»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem
+Effendi auszurichten hast.«
+
+»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.«
+
+»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten,
+diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes
+von einer weißen Fee gebracht wird?«
+
+»Ist dies wahr?«
+
+»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
+al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht
+glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu
+kosten bekommen!«
+
+»Ich glaube es, Sihdi!«
+
+»Das ist dein Glück!«
+
+»Und werde dir noch zwei Piaster geben.«
+
+»Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?«
+
+»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.«
+
+»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee
+gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!«
+
+»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!«
+
+»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!«
+
+»Aber ich bitte dich – – –«
+
+»Packe dich!«
+
+»Soll ich dir noch einen Piaster geben?«
+
+»Ich nehme nicht einen mehr!«
+
+»Sihdi!«
+
+»Sondern zwei!«
+
+»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei
+Piaster.«
+
+»Schön! Also wer ist krank?«
+
+»Das Weib meines Herrn.«
+
+»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?«
+
+»Er hat nur diese eine.«
+
+»Und soll Mamur gewesen sein?«
+
+»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur
+diese.«
+
+»Was fehlt ihr?«
+
+»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch
+kränker.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der
+Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei
+dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als
+wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du
+nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den
+Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar
+noch mehr krank als ihr Leib?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu
+dem Effendi!«
+
+»Ich darf es nicht thun.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle
+der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch
+nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben,
+sonst würde die Fee nie wiederkommen.«
+
+Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen,
+fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken
+zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort:
+
+»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre
+Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr
+sprechen.«
+
+»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o
+Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr
+sprechen darf?«
+
+»Warum?«
+
+»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem
+Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Gehe fort!«
+
+»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen
+bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.«
+
+»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Ägypters, daß er deine Füße
+mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam
+aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!«
+
+»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat
+mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat
+mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch
+erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Ägypten nicht
+reicher geben würde.«
+
+Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger
+bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man
+ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort
+seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme:
+
+»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand
+ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so
+mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des
+Mokattam.«
+
+»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!«
+
+»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als
+freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines
+Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenig
+Tropfen Tau vom Himmel fallen!«
+
+»Hier hast du noch drei Tropfen!«
+
+»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein
+Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.«
+
+»Er giebt es.«
+
+»So warte!«
+
+Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue
+Fuchs! Übrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er
+einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine
+Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.
+
+Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war
+der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem
+weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den
+wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner
+Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigiebt, so handelte es
+sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht
+durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe
+Abrahim-Mamurs erhalten hatte.
+
+Halef Agha trat ein.
+
+»Schläfst du, Sihdi?«
+
+Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich
+selbst so nennen.
+
+»Nein. Was willst du?«
+
+»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot
+im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.«
+
+Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das
+versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit
+bringen und that, als ob ich nichts gehört hätte.
+
+»Was will er?«
+
+»Es ist jemand krank.«
+
+»Ist es notwendig?«
+
+»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde
+zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.«
+
+Hm, er war kein übler Diplomat!
+
+»Laß den Mann eintreten!«
+
+Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur
+Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn
+anreden würde.
+
+»Tritt näher!«
+
+»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen
+sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am
+Flusse wohnt.«
+
+»Was sollst du mir sagen?«
+
+»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn
+Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des
+Todes. Kein Arzt, kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt
+ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr – den Allah erfreuen
+möge – von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme
+flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau
+des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie
+der Glanz des Goldes.«
+
+Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig
+überschwänglich zu sein.
+
+»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von
+hier?«
+
+»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du
+bei ihm sein.«
+
+»Wer wird mich zurückfahren?«
+
+»Ich.«
+
+»Ich komme. Warte draußen!«
+
+Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein
+anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur,
+Pulsatilla und all’ den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert
+Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von
+vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber
+stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die
+silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte,
+und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche
+Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung
+Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen.
+
+Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende
+Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in
+Berührung.
+
+Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und
+Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen
+emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein
+niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam
+nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits
+vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die
+quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.
+
+Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse
+unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen
+Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen
+brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu
+der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore
+ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.
+
+Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir
+seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten
+vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei
+einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich
+mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front,
+welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima des Landes hatte denn doch
+einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als
+daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen
+mögen.
+
+Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem
+Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung
+geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge
+nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von
+Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des
+betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung
+in die traurige tote Scene.
+
+Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen
+Thorgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis
+hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der
+Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf
+bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen,
+was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und
+Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau
+darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des
+Nils schadlos aushalten zu können.
+
+In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen
+jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen
+jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem
+Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des
+weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlük des Hauses.
+
+Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen
+vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuend gedämpftes Licht fiel. Durch
+die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen
+wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden
+Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer
+trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft,
+die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war.
+Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer
+Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem Abrahim-Mamur, der
+»Besitzer von vielen Beuteln«, saß.
+
+Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem
+Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so
+konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt,
+unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ
+mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen
+Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere
+folgen.
+
+Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen,
+denn jeder Kenner des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die
+Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange,
+wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr
+hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber noch war das
+Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein
+mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien
+wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich
+befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von
+zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten
+Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden
+Blick in das Gesicht!
+
+Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen,
+feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend,
+scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des
+kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie
+beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben
+diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß,
+die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig
+angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem
+Äußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches
+dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.
+
+Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur
+besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht
+gewesen.
+
+»Sallam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen,
+aber schwarzgefärbten Barte hervor.
+
+Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem
+dabei ein Schauer ankommen.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich.
+
+»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig
+träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre
+die Stimme seines Kummers!«
+
+»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem
+Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal
+der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten
+Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.
+
+»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse[21]
+hast du besucht?«
+
+ [21] Höhere Schule im Orient.
+
+»Keine.«
+
+»Keine?«
+
+»Ich bin kein Moslem.«
+
+»Nicht? Was sonst?«
+
+»Ein Nemsi!«
+
+»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den
+Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.«
+
+»Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.«
+
+Er blickte mir kalt in die Augen.
+
+»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer
+von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht
+entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit
+eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?«
+
+»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die
+Medizin.«
+
+»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn
+trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als
+hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und
+besiegen.«
+
+»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm
+allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«
+
+Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes
+Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu
+berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er
+sofort die Schwäche zu verbergen und befolgte meine Aufforderung:
+
+»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der
+zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?«
+
+Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher
+er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich
+ernst und antwortete ziemlich kalt:
+
+»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.«
+
+»Ihr seid doch ungläubig!«
+
+»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah
+nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit
+demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso
+nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der
+Höflichkeit verletzen.«
+
+»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe
+sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«
+
+»Ich erlaube es.«
+
+»Wenn das Weib eines Franken krank ist – – –«
+
+Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm
+nur, in seiner Rede fortzufahren.
+
+»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt –«
+
+»Keine?«
+
+»Nicht die geringste!«
+
+»Weiter!«
+
+»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert – wenn sie
+müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt – – –«
+
+»Weiter!«
+
+»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht – vor Kälte
+schauert und vor Hitze brennt – – –«
+
+»Ich höre. Fahre fort.«
+
+»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt – wenn sie nichts
+wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens
+zittert – – –«
+
+»Immer weiter!«
+
+»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels – wenn sie nicht
+lacht, nicht weint, nicht spricht – wenn sie kein Wort der Freude und
+kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr
+vernimmt – wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der
+Nacht wach in den Ecken kauert – – –«
+
+Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine
+Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten
+Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die
+Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast
+ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu
+wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.
+
+»Du bist noch nicht zu Ende!«
+
+»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr
+in die Brust gestoßen würde – wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort
+flüstert –«
+
+»Welches Wort?«
+
+»Einen Namen.«
+
+»Weiter!«
+
+»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt – – –«
+
+Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte,
+meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein
+vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:
+
+»So wird sie sterben.«
+
+Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag
+getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir.
+Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die
+Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
+widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares
+Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der
+geniale Stift Doré’s zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß
+und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder
+einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung
+dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so – diabolisch. Sein Auge ruhte
+mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in
+einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.
+
+»Giaur!« donnerte er mich an.
+
+»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.
+
+»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll
+dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir
+befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so
+darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«
+
+Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in
+meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:
+
+»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«
+
+»Was?«
+
+»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was
+sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem
+Christen entblößest?«
+
+Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm
+dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.
+
+»Du mußt sterben, Giaur!«
+
+»Wann?«
+
+»Jetzt, sofort!«
+
+»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir
+beliebt.«
+
+»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«
+
+»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären
+gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen
+Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den ›Herdenwürgenden‹
+getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein
+Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und
+wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«
+
+Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit
+einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück,
+denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen
+Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber,
+denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen
+die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten
+Unterhaltung vernehmen solle.
+
+Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor
+den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir
+beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich
+ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein
+zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte
+mit ihr sprechen.
+
+»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.
+
+»Ja.«
+
+»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«
+
+»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«
+
+»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!«
+
+»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«
+
+»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«
+
+»Wo?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Wann?«
+
+»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten
+war.«
+
+»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft
+gut enden würde. Du hast mich ›Hund‹ genannt, und ich sage dir, daß dir
+im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast,
+meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«
+
+»Ich werde meine Diener rufen!«
+
+»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie
+zu legen.«
+
+»Oho, du bist kein Gott!«
+
+»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«
+
+Er lächelte verächtlich.
+
+»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist
+nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden
+deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod
+bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr
+erhalte dich!«
+
+Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu.
+
+»Bleib!« rief er.
+
+Ich schritt dennoch weiter.
+
+»Bleib!« rief er gebieterischer.
+
+Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um.
+
+»So stirb, Giaur!«
+
+Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite
+auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der
+Wand.
+
+»Jetzt bist du mein, Bube!«
+
+Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn
+erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.
+
+Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine
+Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten
+geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den
+Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.
+
+»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht
+wieder, sie zu reizen!«
+
+»Mensch!«
+
+»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn
+mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der
+Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«
+
+»Zauberer!«
+
+»Warum?«
+
+»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und
+du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«
+
+»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein
+Weib, erhalten können.«
+
+Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.
+
+»Wer hat dir diesen Namen genannt?«
+
+»Dein Bote.«
+
+»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«
+
+»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot
+sein kann.«
+
+Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug
+er die Hände vor das Gesicht.
+
+»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«
+
+»Es ist wahr.«
+
+»Kann sie nicht gerettet werden?«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu
+helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«
+
+»Ich bin bereit.«
+
+»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.«
+
+»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann.
+Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!«
+
+Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.
+
+»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt,
+daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf
+welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«
+
+»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den
+Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was
+ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu
+fragen.«
+
+»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«
+
+»Nein.«
+
+»Auch nicht durch Worte?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder durch das Gebet?«
+
+»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie
+gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«
+
+»Welche Mittel sind es?«
+
+»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir
+ausziehen.«
+
+»Es sind keine Gifte?«
+
+»Ich vergifte keinen Kranken.«
+
+»Kannst du das beschwören?«
+
+»Vor jedem Richter.«
+
+»Und du mußt mit ihr sprechen?«
+
+»Ja.«
+
+»Was?«
+
+»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit
+zusammenhängt.«
+
+»Nach andern Dingen nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«
+
+»Ich bin es zufrieden.«
+
+»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«
+
+»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in
+dem Zimmer auf und ab gehen.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die
+Krankheit betrifft.«
+
+»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«
+
+»Das darf nicht sein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer
+betrachten.«
+
+»Aus welchem Grunde?«
+
+»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen
+entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«
+
+»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?«
+
+ [22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige,
+ Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die
+ Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses
+ abgesondert ist.
+
+»Ja.«
+
+»Ein Ungläubiger?«
+
+»Ein Christ.«
+
+»Ich erlaube es nicht!«
+
+»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«
+
+Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der
+Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit
+leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung
+glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines
+Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte
+ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder
+bis zur Thür gehen, dann aber rief er:
+
+»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«
+
+Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu
+lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich
+zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie
+gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden
+ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge
+mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen
+Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste
+Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich
+ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren
+Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in
+dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen
+unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die
+Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen
+Umständen begegnet seien.
+
+Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen,
+denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann
+Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.
+
+Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck
+fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund,
+und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch
+hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:
+
+»Du sollst zu ihr gehen – –«
+
+»Du versprachst es bereits.«
+
+»Und ihre Zimmer sehen – –«
+
+»Natürlich.«
+
+»Auch sie selbst – – –«
+
+»Verschleiert und eingehüllt.«
+
+»Und mit ihr sprechen.«
+
+»Das ist notwendig.«
+
+»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit
+aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort
+sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir
+nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und
+wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen
+sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und
+bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«
+
+ [23] Plural von Sura, die Strophe.
+
+Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese
+Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn
+sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja
+gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur
+konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer
+Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein
+dunkler Punkt zu finden sei.
+
+»Ist es Zeit?« fragte ich.
+
+»Komm!«
+
+Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.
+
+Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in
+denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann
+betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun
+folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach
+benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie
+sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.
+
+»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon
+der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit
+einem halb spöttischen Lächeln.
+
+»Und das Gemach nebenan – –?«
+
+»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß
+mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem
+Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig,
+bis ich wiederkomme!«
+
+Er trat hinaus, und ich war allein.
+
+Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die
+Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte
+meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins
+Wanken.
+
+Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe
+Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer,
+der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.
+
+»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«
+
+»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«
+
+»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.«
+
+Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine
+Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts
+war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden
+Füße.
+
+Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig
+befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich,
+mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in
+eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig
+in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur
+die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der
+Arm war in derselben Weise verhüllt.
+
+Ich wandte mich zu Abrahim.
+
+»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich kann den Puls nicht fühlen.«
+
+»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.
+
+Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes
+Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen
+erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen
+mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr
+Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß
+zu fühlen, sondern auch zu hören, und – täuschte ich mich nicht – da
+wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:
+
+»Kurtar Senitzaji – rette Senitza!«
+
+»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.
+
+»Ja.«
+
+»Was fehlt ihr?«
+
+»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt,
+aber – – – ich werde sie retten.«
+
+Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie
+als an ihn.
+
+»Wie heißt das Übel?«
+
+»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.«
+
+»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«
+
+»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir
+gehorsam seid.«
+
+»Worin soll ich dir gehorchen?«
+
+»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«
+
+»Das werde ich thun.«
+
+»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.«
+
+»Das soll geschehen.«
+
+»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«
+
+»Du? Weshalb?«
+
+»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«
+
+»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«
+
+»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu
+beurteilen vermagst.«
+
+»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«
+
+»Nur das, was du mir erlaubst.«
+
+»Und wo soll es geschehen?«
+
+»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«
+
+»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«
+
+»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer
+Krankheit – – frei.«
+
+»So gieb ihr die Medizin.«
+
+»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem
+Diener.«
+
+»So komm!«
+
+Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied
+von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor
+und wagte die drei Silben:
+
+»Eww’ Allah, mit Gott!«
+
+Sofort aber fuhr er herum:
+
+»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«
+
+»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß
+sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man
+nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«
+
+»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken
+braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«
+
+Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der
+alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen
+Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.
+
+»Wann wirst du morgen kommen?«
+
+»Um dieselbe Stunde.«
+
+»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für
+heute?«
+
+»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir
+beliebt.«
+
+Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor,
+nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.
+
+»Hier, nimm du!«
+
+Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine
+große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das
+Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:
+
+»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe
+sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die
+erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch
+bei mir!«
+
+Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein
+Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein
+befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.
+
+»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse
+sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«
+
+»Hadschi Halef Omar!«
+
+»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«
+
+»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«
+
+»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«
+
+»Noch fünfmal vielleicht.«
+
+»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht
+noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob
+es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.«
+
+Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten.
+Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging
+es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir
+nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.
+
+Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer
+Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt,
+ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche
+lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein:
+
+»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.«
+
+Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell
+um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht
+gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater
+der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht
+hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten
+zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und
+ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier
+wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief
+dann zum Deck empor.
+
+»Hassan el Reïsahn, ohio!«
+
+Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:
+
+»Wer ist – – o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der
+Nemsi Kara Effendi?«
+
+»Er ist es, Abu Hassan.«
+
+»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«
+
+Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.
+
+»Was thust du hier?« fragte er mich.
+
+»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«
+
+»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung
+Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier
+anlegen.«
+
+»Wie lange bleibst du hier?«
+
+»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«
+
+»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«
+
+»Hast du einen guten Wirt?«
+
+»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr
+zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«
+
+ [24] Dorfrichter.
+
+»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«
+
+»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du
+wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«
+
+»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«
+
+»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«
+
+»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.«
+
+ [25] Vorstadt von Kairo mit Hafen.
+
+Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.
+
+»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«
+
+»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn
+ich es habe oder kann!«
+
+»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«
+
+»Kann ich es erfüllen?«
+
+»Ja.«
+
+»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«
+
+»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«
+
+»Ich komme und – – doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen
+bin.«
+
+»Wo?«
+
+»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«
+
+»Bei dem Scheik el Belet?«
+
+»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir
+gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und
+einen Platz für seinen Diener gemietet.«
+
+»Was ist er?«
+
+»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«
+
+»Aber sein Diener konnte es sagen.«
+
+Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.
+
+»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von
+keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und
+giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen
+unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner,
+heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen
+sein wird.«
+
+»So wirst du also nicht zu mir kommen?«
+
+»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah
+behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«
+
+Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte
+mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige
+Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn
+bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.
+
+»Sallam aaleïkum.«
+
+»Aaleïkum.«
+
+»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«
+
+»Wozu?«
+
+»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung
+gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«
+
+»Wo liegt diese Wohnung?«
+
+»Droben.«
+
+»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.«
+
+»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr
+viel zu pfeifen und zu singen scheint.«
+
+»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«
+
+Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber
+doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte
+zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen
+her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen.
+
+»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der
+Stimme Halef, meinen kleinen Diener.
+
+»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der
+andere.
+
+»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.
+
+»Ich auch!«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«
+
+»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«
+
+»Ein Agha?«
+
+»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.«
+
+»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?«
+
+»Alles.«
+
+»Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen Einzigen, der alles
+kurieren kann.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Ich.«
+
+»So bist du auch ein Arzt?«
+
+»Nein. Ich bin auch der Beschützer meines Herrn.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.«
+
+»Ihr konntet draußen bleiben.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt.
+Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Er ist, er ist – – mein Herr, aber nicht dein Herr.«
+
+»Schlingel!«
+
+Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst
+indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und
+pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen;
+nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein
+Lied.
+
+Ich wäre vor freudiger Überraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text
+der beiden Strophen, welche er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er
+sich bediente:
+
+ »Fid-dagle ma tera jekun?
+ Chammin hu Nabuliun.
+ Ma balu-hu jedubb hena?
+ Kussu-hu, ja fitjanena!
+
+ Gema’a homr el-elbise
+ Wast el-chala muntasibe.
+ Ma bal hadolik wakifin?
+ Hallu-na nenzor musri’ in!«
+
+Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten,
+klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als:
+
+ »Was kraucht nur dort im Busch herum?
+ Ich glaub’, es ist Napolium.
+ Was hat er nur zu krauchen dort?
+ Frisch auf, Kam’raden, jagt ihn fort!
+
+ Wer hat nur dort im off’nen Feld’
+ Die roten Hosen hingestellt?
+ Was haben sie zu stehen dort?
+ Frisch auf, Kam’raden, jagt sie fort!«
+
+Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für
+Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Thür,
+öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue
+Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf
+dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung.
+
+Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als
+ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte:
+
+»Gefällt es dir, Effendi?«
+
+»Sehr! Woher hast du das Lied?«
+
+»Selbst gemacht.«
+
+»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?«
+
+»Selbst gemacht, erst recht!«
+
+»Lügner!«
+
+»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!«
+
+»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese
+Melodie kenne ich.«
+
+»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.«
+
+»Und von wem hast du sie gehört?«
+
+»Von niemand.«
+
+»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem
+deutschen Liede.«
+
+»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!«
+
+»Das Lied heißt:
+
+ »Was kraucht nur dort im Busch herum?
+ »Ich glaub’, es ist – – –«
+
+»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone,
+da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man
+vielleicht een Deutscher?«
+
+»Versteht sich!«
+
+»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr
+Hekim-Baschi?«
+
+»Aus Sachsen.«
+
+»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede ’n Ofen einreißen! Und
+Sie sind man wohl een Türke jeworden?«
+
+»Nein. Sie sind ein Preuße?«
+
+»Dat versteht sich! Een Preuße aus’n Jüterbock.«
+
+»Wie kommen Sie hierher?«
+
+»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.«
+
+»Was sind Sie ursprünglich?«
+
+»Balbier unjefähr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme, und da jing ich
+in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.«
+
+»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?«
+
+»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben
+Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.«
+
+»Was thut er hier?«
+
+»Weeß ich’s? Er sucht wat.«
+
+»Was denn?«
+
+»Wird wohl vielleicht ’n Frauenzimmer sein.«
+
+»Ein Frauenzimmer? Das wär’ doch sonderbar!«
+
+»Wird aber doch wohl zutreffen.«
+
+»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?«
+
+»Ne Montenegrinerin, ’ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat
+ausjesprochen wird.«
+
+»Wa–a–as? Senitza heißt sie?«
+
+»Ja.«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens thut er stets
+– – halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß ’nauf!«
+
+Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer
+auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbogk, der sich so
+poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit
+mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile
+eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte.
+Unglücklicher Weise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder
+Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen
+nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur
+erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte,
+blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz
+abzubrechen.
+
+So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen
+schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat
+bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann
+zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterbogker Türken
+zanken.
+
+»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan.
+
+»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser
+auspumpen. Allah giebt morgen wieder einen Tag.«
+
+»Und wann fährst du ab?«
+
+»Übermorgen früh.«
+
+»Du würdest mich mitnehmen?«
+
+»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.«
+
+»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?«
+
+»Meine Dahabïe hat noch viel Platz. Wer ist es?«
+
+»Kein Mann, sondern ein Weib.«
+
+»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?«
+
+»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.«
+
+»Der auch mitfahren wird?«
+
+»Nein.«
+
+»So hast du sie ihm abgekauft?«
+
+»Nein.«
+
+»Er hat sie dir geschenkt?«
+
+»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es
+weiß?«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Mann, weißt du, was das ist?«
+
+»Nun?«
+
+»Eine Tschikarma, eine Entführung!«
+
+»Allerdings.«
+
+»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist
+dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen
+willst?«
+
+»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist
+mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.«
+
+»Öffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!«
+
+Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte
+mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich.
+
+»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!«
+
+»Wohin?«
+
+»Das sollst du sogleich sehen.«
+
+Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf
+in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend,
+daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln
+angemeldet hatten.
+
+Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht
+sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er
+rauchte, sagte mir, daß der Jüterbogker mit seinem »schauderhaftes Jeld«
+wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische
+Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm
+mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort:
+
+»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist
+Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.«
+
+»Seid mir beide willkommen und setzt euch!« erwiderte der junge Mann.
+
+Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen,
+daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne
+weiteres bei ihm einzuführen.
+
+»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte.
+
+»Gern. Sage mir, was ich thun soll.«
+
+»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt
+hast!«
+
+In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus.
+
+»Hassan el Reïsahn«, meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast
+doch bereits geplaudert!«
+
+»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!«
+
+»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm
+reden soll?«
+
+»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des
+Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu
+erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren
+bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir
+vielleicht Auskunft geben kann.«
+
+Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor.
+
+»Ist’s wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?«
+
+»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher
+auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du
+zuerst!«
+
+»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde
+ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!«
+
+»Ich begehre keinen Lohn. Rede!«
+
+»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.«
+
+»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.«
+
+»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.«
+
+»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?«
+
+»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie
+duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang
+der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß
+ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von
+Worten der Güte, und ihre Augen – – –«
+
+Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes.
+
+»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange.
+Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des
+Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?«
+
+»Seit zwei Monden.«
+
+»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?«
+
+»O, Effendi, was sollte dies sein?«
+
+»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette – – –«
+
+»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war
+wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.«
+
+»Ich habe ihn gesehen.«
+
+»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?«
+
+»Heute, vor wenigen Stunden.«
+
+»Wo?«
+
+»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.«
+
+Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände
+auf die Schultern.
+
+»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?«
+
+»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.«
+
+»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.«
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend
+Piaster, wenn du mich zu ihr führst!«
+
+»Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst, so kann ich dich heute
+nicht zu ihr bringen.«
+
+»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?«
+
+»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell
+handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.«
+
+»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.«
+
+»Brenne deine Pfeife an!«
+
+»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß – – –«
+
+»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.«
+
+»Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.«
+
+Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine
+glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken.
+
+»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf.
+
+»Heute schickte ein reicher Ägypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein
+Weib krank sei – – –«
+
+»Sein Weib – – –!«
+
+»So ließ er mir sagen.«
+
+»Du gingst?«
+
+»Ich ging.«
+
+»Wer ist dieser Mann?«
+
+»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem
+einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.«
+
+»Es wird von einer Mauer umgeben?«
+
+»Ja.«
+
+»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile
+abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist
+sie wirklich sein Weib?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.«
+
+»Und krank ist sie?«
+
+»Sehr.«
+
+»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses
+widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?«
+
+»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in
+Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald
+geschieht.«
+
+»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?«
+
+»Nein, ich habe es beobachtet.«
+
+»Du hast sie gesehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Belauscht?«
+
+»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken
+sprechen könne.«
+
+»Er selbst? Unmöglich!«
+
+»Er liebt sie – –«
+
+»Allah strafe ihn!«
+
+»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder
+fortschickte.«
+
+»So sprachst du auch mit ihr?«
+
+»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir
+leise zuzuflüstern: »Rette Senitza.« Sie trägt also diesen Namen,
+obgleich er sie Güzela nennt.«
+
+»Was hast du ihr geantwortet?«
+
+»Daß ich sie retten werde.«
+
+»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und
+entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir
+wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen
+gehalten wird!«
+
+»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und – – –«
+
+»Ich gehe mit, Sihdi!«
+
+»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?«
+
+»Sie kennt ihn sehr gut.«
+
+»Willst du mir ihn anvertrauen?«
+
+»Gern. Aber wozu?«
+
+»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen,
+daß sie den Ring zu sehen bekommt.«
+
+»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der
+Nähe bin. Aber dann?«
+
+»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.«
+
+»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in
+Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den
+Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen
+Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza,
+als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. Ich sah sie
+später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den
+schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu
+besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die
+Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!«
+
+»Wohin?«
+
+»Niemand wußte es.«
+
+»Auch ihre Eltern nicht?«
+
+»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um
+nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte
+nach Ägypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem
+Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal[26], auf welchem ich
+war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich
+blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht
+genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den
+Jaschmak sofort wieder überwarf – weiter sah ich nichts. Seit dieser
+Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.«
+
+ [26] Kleines Segelschiff.
+
+»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder
+gezwungen verlassen hat?«
+
+»Freiwillig nicht.«
+
+»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?«
+
+»Nein.«
+
+»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht
+ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.«
+
+»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?«
+
+»Das ist wahr.«
+
+»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?«
+
+»Ja.«
+
+»Wirst du dein Wort halten?«
+
+»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.«
+
+»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es
+ist?«
+
+»Dein Ring wird mir die Überzeugung geben.«
+
+»Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?«
+
+»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.«
+
+»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.«
+
+»Und dann? Hassan el Reïsahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabïe
+aufzunehmen?«
+
+»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich
+befindet.«
+
+»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.«
+
+»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz gewesen ist,
+so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte
+der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode
+beftraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und
+vorsichtig handeln müssen.«
+
+Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als
+vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine
+Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die
+Kranke geltend machen könnte.
+
+Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und
+trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß
+Isla keine Ruhe finden werde.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Eine Entführung.
+
+
+Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich
+mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte.
+Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch
+den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am
+Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen
+Liedern erschöpfen zu wollen.
+
+Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu
+unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen
+Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit
+meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was
+für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde.
+
+Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und
+als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches
+mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach
+demselben gehalten.
+
+»Effendi, fahre ich mit?« fragte er.
+
+Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:
+
+»Heute brauche ich dich nicht.«
+
+»Wie? du brauchst mich nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn dir nun etwas begegnet!«
+
+»Was soll mir begegnen?«
+
+»Du kannst in das Wasser fallen.«
+
+»So schwimme ich.«
+
+»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er
+dein Freund nicht ist.«
+
+»So könntest du mir auch nicht helfen.«
+
+»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit
+verlassen kannst!«
+
+»So komm!«
+
+Es war ihm natürlich sehr um sein Bakschisch[27] zu thun.
+
+ [27] Trinkgeld.
+
+Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute
+natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im
+Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich
+lange Stangen. Sowohl das Außen- wie auch das Innenthor wurden immer mit
+breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir
+genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer
+erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin
+elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben
+schliefen. Der Herr selbst schlief stets auf dem Diwan seines Selamlük.
+
+Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren
+Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen
+hatte.
+
+»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.«
+
+»So!«
+
+»Sie hat bereits gestern schon gegessen.«
+
+»Ah!«
+
+»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.«
+
+»Freundlich?«
+
+»Freundlich und viel.«
+
+»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen
+vollständig gesund.«
+
+»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.«
+
+»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?«
+
+Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.
+
+»Die Ärzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!«
+
+»Wißbegierig nur; aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder
+die Gesundheit, denen eure Ärzte nicht helfen könnten.«
+
+»War deine Frage wirklich notwendig?«
+
+»Ja!«
+
+»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.«
+
+»So ist die Hilfe sicher.«
+
+Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern
+warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich
+genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert.
+Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen
+konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell
+entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß
+es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien
+Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.
+
+Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte
+ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben
+hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an
+ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat
+Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging,
+sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen – sie
+hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der
+unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für
+jetzt weiter nichts mehr hier zu thun.
+
+Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.
+
+»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen
+Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits
+gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit
+Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.«
+
+Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlük harrte Halef
+bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der
+kleine Agha ein noch größeres Bakschisch als gestern erhielt. Dann ging
+es wieder stromabwärts zurück.
+
+Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.
+
+»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen.
+
+»Ja.«
+
+»Erkannte sie den Ring?«
+
+»Sie erkannte ihn.«
+
+»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!«
+
+»Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß
+sie heute nacht errettet wird.«
+
+»Aber wie?«
+
+»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?«
+
+»Ich werde fertig bis zum Abend.«
+
+»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?«
+
+»Ja.«
+
+»So hört mich! In das Haus führen zwei Thüren, welche aber von innen
+verriegelt sind; durch sie können wir nicht eindringen. Aber es giebt
+noch einen zweiten Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei,
+kannst du schwimmen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut. Es führt ein Kanal aus dem Nil unter den Mauern hinweg nach einem
+Bassin, welches in der Mitte des Hofes sich befindet. Kurz nach
+Mitternacht, wenn alles schläft, treffen wir dort ein, und du dringst
+durch den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Thüre, welche du sofort
+finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen, der sehr leicht
+zurückzuschieben ist. Indem du öffnest, kommst du in den Garten, dessen
+Thüre auf gleiche Weise sich öffnen läßt. Sobald die Thüren offen sind,
+trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten und lehnen sie an
+die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen, hinter welchem die
+Frauengemächer liegen. Ich habe es bereits von innen geöffnet.«
+
+»Und dann?«
+
+»Was dann geschehen soll, muß sich nach den Umständen richten. Wir
+fahren mit einem Boote bis an Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit
+sein muß, das Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so daß er uns nicht
+verfolgen kann. Unterdessen macht der Reïs seine Dahabïe segelfertig.«
+
+Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den Riß des Hauses auf ein
+Blatt Papier, so daß Isla Ben Maflei vollständig orientiert war, wenn er
+heute abend aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter den
+notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und als es Zeit wurde, rief
+ich Halef herein und gab ihm die nötigen Weisungen für das bevorstehende
+Abenteuer.
+
+Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen. Die Wohnungsmiete war
+schon voraus bezahlt.
+
+Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald mit den Sachen nach.
+Das Schiff war bereit zur Fahrt und brauchte nur vom Ufer gelöst zu
+werden. Nach einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein,
+der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen wir in das lange,
+schmale Boot, welches zur Dahabïe gehörte. Die beiden Diener mußten
+rudern, und ich lenkte das Steuer.
+
+Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen
+ruht, als gebe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges
+drohendes Element.
+
+Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten,
+waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus
+dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen
+Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese
+Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies
+zu glauben.
+
+Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt
+ja _vor_ einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar
+bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann
+ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht
+gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor
+Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse
+lagen und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote
+standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst
+konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten,
+und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter
+seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen.
+
+Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes
+aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze
+Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus,
+um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht
+die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles
+in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den
+Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn.
+
+»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein
+wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber
+können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr
+nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen
+können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!«
+
+Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser
+blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein
+und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine
+Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.
+
+»Wird es gehen?« fragte ich ihn.
+
+»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel
+Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.«
+
+»Bist du noch entschlossen?«
+
+»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi, wohlan!«
+
+Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der
+Maueröffnung, durch welche das Wasser führte.
+
+Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine
+Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes
+geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich
+hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der
+Kopf des Schwimmers in der Öffnung wieder erschien.
+
+»Du kehrst zurück?«
+
+»Ja, ich konnte nicht weiter.«
+
+»Warum?«
+
+»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!«
+
+»Weshalb nicht?«
+
+»Die Mauer ist zu hoch – – –«
+
+»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist
+fest verschlossen.«
+
+»Und der Kanal auch.«
+
+»Verschlossen?«
+
+»Ja.«
+
+»Womit?«
+
+»Mit einem starken Holzgitter.«
+
+»Konntest du es nicht entfernen?«
+
+»Es widersteht aller meiner Kraft.«
+
+»Wie weit ist der Ort von hier?«
+
+»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.«
+
+»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und
+erwarte mich hier.«
+
+Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den
+Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht
+offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner
+Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es
+war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut
+eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer
+befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa
+Ratten, Wassermäuse u. s. w. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte
+daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen
+nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden
+Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die
+Mauer – ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war
+eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe
+herausgerissen, so daß eine Öffnung entstanden war, durch welche ich
+mich zwängen konnte.
+
+Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn
+das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser
+und kannte ja auch die Örtlichkeit genauer als er. Ich passierte also
+die Öffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in
+dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als
+ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe
+befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche
+des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des
+Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre,
+welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige
+Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser
+durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst
+unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war.
+Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg
+stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nötigen
+Atem zu holen? – – Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es war
+doch immerhin möglich, daß sich jemand in dem Hofe befand.
+
+Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll
+Atem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend und
+halb gehend, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts.
+
+Eine ziemliche Strecke legte ich so zurück, und schon verspürte ich den
+eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand wirklich an ein neues
+Hindernis stieß. Es war, wie ich fühlte, ein aus einem durchlöcherten
+Blech bestehendes Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalröhre
+einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher oder Filter des
+schlammigen, trüben Wassers dienen sollte.
+
+Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Ängstlichkeit
+meiner.
+
+Zurück konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle zu erreichen
+vermochte, wo die höhere Wölbung des Kanals mir gestattet hätte,
+emporzutauchen und Atem zu schöpfen, war ich jedenfalls schon erstickt,
+und doch schien das ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu
+sein. Hier gab es freilich nur zwei Fälle: entweder es gelang mir,
+hindurchzukommen, oder ich mußte elend ertrinken. Es war kein Augenblick
+zu verlieren.
+
+Ich stemmte mich gegen das Blech – vergebens; ich drückte und preßte mit
+aller Gewalt dagegen, doch ohne Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und
+hinter ihm nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch
+verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft für eine Sekunde; es war
+mir, als wolle eine fürchterliche Gewalt mir die Lunge zerbersten und
+den Körper zersprengen – noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung;
+Herr Gott im Himmel, hilf, daß es mir gelingt! Ich fühle den Tod mit
+nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen; er packt es mit
+grausamer, unerbittlicher Faust und drückt es vernichtend zusammen; die
+Pulse stocken, die Besinnung schwindet, die Seele sträubt sich mit aller
+Gewalt gegen das Entsetzliche, eine krampfhafte, tödliche Expansion
+dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus – ich höre einen Krach,
+kein Geräusch, aber der Kampf des Todes hat vermocht, was dem Leben
+nicht gelingen wollte – das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fuhr
+empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir augenblicklich das
+Leben wiederbrachte, dann tauchte ich wieder unter. Es konnte ja jemand
+im Hofe sein und meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen
+Wasserfläche sichtbar geworden war. Am Rande derselben kam ich
+vorsichtig wieder auf und blickte mich um.
+
+Es schien kein Mond, aber die Sterne des Südens verbreiteten ein
+genügendes Licht, um alle Gegenstände unterscheiden zu können. Ich stieg
+aus dem Bassin und wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich
+ein leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern, hinter
+denen die Frauengemächer lagen. Hier, rechts über mir war die Stelle, an
+welcher ich den Riegelstab entfernt hatte, und links davon bemerkte ich
+eine Spalte in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich nicht
+hatte treten dürfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer Senitzas. War
+sie wach geblieben, um mich zu erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter,
+welches sie auch in ihrer Stube geöffnet hatte? War dies der Fall, so
+hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt wieder
+zurückgezogen, da sie mich unmöglich erkennen konnte.
+
+Ich schlich näher und legte die Hände rund um den Mund.
+
+»Senitza!« flüsterte ich leise.
+
+Da wurde die Spalte größer und ein dunkles Köpfchen erschien.
+
+»Wer bist du?« hauchte es herab.
+
+»Der Hekim, welcher bei dir war.«
+
+»Du kommst, mich zu retten?«
+
+»Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?«
+
+»Ja. Bist du allein?«
+
+»Isla Ben Maflei ist draußen.«
+
+»Ach! Er wird getötet werden!«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Abrahim. Er schläft nicht des Nachts; er wacht. Und die Wärterin
+liegt in dem Raume neben mir. Halt – horch! Oh, fliehe schnell!«
+
+Dort hinter der Thür, welche zum Selamlük führte, ließ sich ein Geräusch
+vernehmen. Die Spalte oben schloß sich, und ich eilte augenblicklich zum
+Bassin zurück. Dort war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte.
+Vorsichtig, damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die mich
+verraten hätten, glitt ich hinein.
+
+Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Thür, und es erschien die
+Gestalt Abrahims, der langsam und spähend den Hof umschritt. Ich stand
+bis zum Munde im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung
+verborgen, so daß mich der Ägypter nicht gewahr werden konnte. Dieser
+überzeugte sich, daß das Thor noch verschlossen sei, und verschwand,
+nachdem er die Runde vollendet hatte, wieder in dem Selamlük.
+
+Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum Thore, schob den Riegel
+zurück und öffnete. Ich stand im Garten. Rasch eilte ich quer über
+denselben hinweg, um nun auch das Mauerthor zu öffnen, und dann wollte
+ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als dieser eben
+erschien.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir gelungen.«
+
+»Ja. Aber ich kämpfte mit dem Tode. Gieb mir mein Gewand!«
+
+Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf nur die Jacke über, um
+nicht in meinen Bewegungen gehindert zu sein, und sagte ihm:
+
+»Ich sprach bereits mit Senitza.«
+
+»Ist es wahr, Effendi?«
+
+»Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.«
+
+»O komm! Schnell, schnell!«
+
+»Warte noch!«
+
+Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu holen, welche ich gleich
+bei meiner ersten Anwesenheit bemerkt hatte. Dann traten wir in den Hof.
+Die Spalte oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder geöffnet.
+
+»Senitza[28], mein Stern, mein – –« rief Isla mit unterdrückter Stimme,
+als ich emporgezeigt hatte. Ich unterbrach ihn:
+
+ [28] Senitza ist serbisch und heißt deutsch Augapfel.
+
+»Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit zu Herzensergüssen. Du
+schweigst, und nur ich rede!«
+
+Dann wandte ich mich empor zu ihr:
+
+»Bist du bereit, mit uns zu gehen?«
+
+»Oh, ja!«
+
+»Durch die Zimmer geht es nicht?«
+
+»Nein. Aber drüben hinter den hölzernen Säulen liegt eine Leiter.«
+
+»Ich hole sie!«
+
+Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten Strick. Ich
+ging und fand die Leiter. Sie war fest. Als ich sie angelehnt hatte,
+stieg Isla empor. Ich schlich unterdessen nach der Thür zum Selamlük, um
+zu horchen.
+
+Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des Mädchens erscheinen sah.
+Sie stieg herab, und Isla unterstützte sie dabei. In dem Augenblicke, in
+welchem sie den Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Stoß; sie
+schwankte und stürzte mit einem lauten Krach zu Boden.
+
+»Flieht! Schnell nach dem Boote!« warnte ich.
+
+Sie eilten nach dem Thore, und zu gleicher Zeit hörte ich Schritte
+hinter der Thür. Abrahim hatte das Geräusch vernommen und kam herbei.
+Ich mußte den Fliehenden den Rückzug decken und folgte ihnen also mit
+nicht zu großer Schnelligkeit. Der Ägypter bemerkte mich, sah auch die
+umgestürzte Leiter und das geöffnete Gitter.
+
+Er stieß einen Schrei aus, der von allen Bewohnern des Hauses gehört
+werden mußte.
+
+»Chirsytz, hajdut, Dieb, Räuber, halt! Herbei, herbei, ihr Männer, ihr
+Leute, ihr Sklaven! Hilfe!«
+
+Mit diesen laut gebrüllten Worten sprang er hinter mir her. Da der
+Orient keine Betten nach Art der unseren kennt und man meist in den
+Kleidern auf dem Diwan schläft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald
+auf den Beinen.
+
+Der Ägypter war hart hinter mir. Am Außenthore blickte ich mich um. Er
+war nur zehn Schritte von mir entfernt, und dort an dem inneren Thore
+erschien bereits ein zweiter Verfolger.
+
+Draußen bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei mit Senitza fliehen;
+ich wandte mich also nach links. Abrahim ließ sich täuschen. Er sah
+nicht sie, sondern nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke,
+in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses, während unser
+Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte ich um die zweite Ecke, das
+Ufer entlang.
+
+»Halt, Bube! Ich schieße!« erscholl es hinter mir.
+
+Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte weiter. Traf mich
+seine Kugel, so war ich tot oder gefangen, denn hinter ihm folgten seine
+Diener, wie ich aus ihrem Geschrei vernahm. Der Schuß krachte. Er hatte
+im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Geschoß flog an
+mir vorüber. Ich that, als sei ich getroffen, und warf mich zur Erde
+nieder.
+
+Er stürzte an mir vorbei, denn er hatte nun das Boot bemerkt, in welches
+Isla eben mit Senitza einstieg. Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf.
+Mit einigen weiten Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im Nacken
+und warf ihn nieder.
+
+Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter mir, sie waren mir
+sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen Zeit und Raum verloren hatte;
+aber ich erreichte den Kahn und sprang hinein. Sofort stieß Halef vom
+Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootslängen entfernt waren, als
+die Verfolger dort ankamen.
+
+Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er überblickte die ganze
+Situation.
+
+»Geri,« brüllte er; »geri erkekler – zurück, zurück, ihr Männer! –
+Zurück, nach dem Boote!«
+
+Alle wandten sich um in der Richtung nach dem Kanale, wo ihr Kahn
+gelegen hatte. Abrahim kam zuerst dort an und stieß einen Schrei der Wut
+aus. Er sah, daß das Boot verschwunden war.
+
+Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gewässer des Ufers verlassen und
+das schneller strömende Wasser erreicht; Halef und der Barbier aus
+Jüterbogk ruderten; auch ich nahm eines der aus dem Boote Abrahims
+genommenen Ruder; Isla that dasselbe, und so schoß unser Kahn sehr
+schnell stromabwärts.
+
+Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung war nicht danach, in
+Worte gefaßt zu werden.
+
+Während des ganzen Abenteuers war doch eine längere Zeit vergangen, so
+daß jetzt bereits sich der Horizont rötete und man die nebellosen
+Wasser des Niles weithin zu überblicken vermochte. Noch immer sahen wir
+Abrahim mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien ein
+Segel, welches in dem Morgenrot erglühte.
+
+»Ein Sandal!« meinte Halef.
+
+Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten, stark bemannten Barken,
+welche so schnell segeln, daß sie fast mit einem Dampfer um die Wette
+gehen.
+
+»Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben verfolgen,« sagte
+Isla.
+
+»Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht auf ihn hört!«
+
+»Wenn Abrahim dem Reïs eine genügende Summe bietet, wird dieser sich
+nicht weigern.«
+
+»Auch in diesem Falle würden wir einen guten Vorsprung gewinnen. Ehe der
+Sandal anlegt und der Reïs mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige
+Zeit. Auch muß sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem
+versehen, was zu einer längeren Reise notwendig ist, da er nicht wissen
+kann, welche Ausdehnung die Verfolgung haben wird.«
+
+Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir machten eine so
+schnelle Fahrt, daß wir nach kaum einer halben Stunde die Dahabïe zu
+Gesicht bekamen, welche uns weiter tragen sollte.
+
+Der alte Abu el Reïsahn lehnte an der Brüstung des Sternes. Er sah, daß
+eine weibliche Person im Boote saß, und wußte also, daß unser
+Unternehmen gelungen sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick.
+
+»Legt an,« rief er. »Die Treppe ist niedergelassen!«
+
+Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am Steuer befestigt. Dann ließ
+man die Seile gehen und zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den
+Schnabel vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und wir
+strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun abwärts trug.
+
+Ich war zum Reïs getreten.
+
+»Wie ging es?« fragte er mich.
+
+»Sehr gut. Ich werde es dir erzählen; doch sage mir vorher, ob ein guter
+Sandal dein Fahrzeug einholen könnte.«
+
+»Werden wir verfolgt?«
+
+»Ich glaube es nicht, doch ist es möglich.«
+
+»Meine Dahabïe ist sehr gut, aber ein guter Sandal holt jede Dahabïe
+ein.«
+
+»So wollen wir wünschen, daß wir unverfolgt bleiben!«
+
+Ich erzählte nun den Hergang unseres Abenteuers und ging dann nach der
+Kajüte, um meine noch immer feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in
+zwei Teile geteilt, einen kleinen und einen größeren. Der erstere war
+für Senitza und der letztere für den Kapitän, Isla Ben Maflei und mich
+bestimmt.
+
+Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt vergangen, als ich
+oberhalb unseres Schiffes die Spitze eines Segels bemerkte, welches sich
+immer mehr vergrößerte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte ich den
+Sandal, welchen wir in der Frühe gesehen hatten.
+
+»Siehst du das Schiff?« fragte ich den Reïs.
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und deine Frage ist auch groß,« antwortete
+er mir. »Ich bin ein Reïs und sollte ein Segel nicht sehen, welches so
+nahe hinter dem meinigen steuert!«
+
+»Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?«
+
+»Nein.«
+
+»Woraus erkennst du dies?«
+
+»Ich kenne diesen Sandal sehr genau.«
+
+»Ah!«
+
+»Er gehört dem Reïs Chalid Ben Mustapha.«
+
+»Kennst du diesen Chalid?«
+
+»Sehr; aber wir sind keine Freunde.«
+
+»Warum?«
+
+»Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines Unehrlichen sein.«
+
+»Hm, so ahnt mir etwas.«
+
+»Was?«
+
+»Daß sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.«
+
+»Werden es sehen!«
+
+»Was wirst du thun, wenn der Sandal sich an die Dahabïe legen will?«
+
+»Ich muß es zugeben. Das Gesetz sagt es so.«
+
+»Und wenn ich es nicht zugebe?«
+
+»Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Reïs meiner Dahabïe und habe
+nach den Vorschriften des Gesetzes zu handeln.«
+
+»Und ich bin der Reïs meines Willens.«
+
+Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche Frage
+vorlegen, aber er begann selbst:
+
+»Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste Freund, den ich gefunden
+habe. Soll ich dir erzählen, wie Senitza in die Hände des Ägypters
+gekommen ist?«
+
+»Ich möchte es sehr gerne hören, doch zu einer solchen Erzählung gehört
+die Ruhe und Sammlung, welche wir jetzt nicht haben können.«
+
+»Du bist unruhig? Weshalb?«
+
+Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht bemerkt.
+
+»Drehe dich um und siehe diesen Sandal.«
+
+Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte:
+
+»Ist Abrahim an Bord?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber es ist sehr leicht möglich, weil der Kapitän
+ein Schurke ist, der sich von Abrahim erkaufen lassen wird.«
+
+»Woher weißt du, daß er ein Schurke ist?«
+
+»Abu el Reïsahn sagt es.«
+
+»Ja,« bestätigte dieser; »ich kenne diesen Kapitän und kenne auch sein
+Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt wäre, würde ich es an seinem
+Segel erkennen, welches dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.«
+
+»Was werden wir thun?« fragte Isla.
+
+»Zunächst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.«
+
+»Und wenn er da ist?«
+
+»So kommt er nicht zu uns herüber.«
+
+Unser Schiffsführer prüfte den Fortgang des Sandal und denjenigen, den
+wir selbst machten, und meinte dann:
+
+»Er kommt uns immer näher. Ich werde eine Trikehta[29] beisetzen
+lassen.«
+
+ [29] Kleineres Segel.
+
+Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen Minuten, daß die
+Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde.
+Der Sandal kam uns immer näher; endlich war er nur noch eine
+Schiffslänge von uns entfernt und ließ das eine Segel fallen, um seine
+Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur auf dem Deck
+stehen.
+
+»Er ist da!« sagte Isla.
+
+»Wo steht er?« fragte der Reïs.
+
+»Ganz vorn am Buge.«
+
+»Dieser? Kara Ben Nemsi, was thun wir? Sie werden uns ansprechen, und
+wir müssen ihnen antworten.«
+
+»Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?«
+
+»Ich, der Inhaber meiner Dahabïe.«
+
+»Merke auf, was ich dir sage, Abu el Reïsahn. Bist du bereit, mir dein
+Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?«
+
+Der Kapitän sah mich erstaunt an, begriff dann aber gleich, was ich für
+einen Zweck verfolgte.
+
+»Ja,« antwortete er.
+
+»Dann bin also ich der Inhaber?«
+
+»Ja.«
+
+»Und du als Reïs mußt thun, was ich will.«
+
+»Ja.«
+
+»Und bist für nichts verantwortlich?«
+
+»Nein.«
+
+»Gut. Rufe deine Leute zusammen!«
+
+Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapitän erklärte ihnen:
+
+»Ihr Männer, ich sage euch, daß dieser Effendi, welcher Kara Ben Nemsi
+heißt, unsere Dahabïe von hier bis Kahira gemietet hat. Ist es nicht
+so?«
+
+»Ja, es ist so,« bestätigte ich.
+
+»Ihr könnt mir also bezeugen, daß ich nicht mehr Herr des Schiffes bin?«
+fragte er die Leute.
+
+»Wir bezeugen es.«
+
+»So geht an eure Plätze. Das aber müßt ihr wissen, daß ich die Leitung
+des Schiffes behalte, denn Kara Ben Nemsi hat es mir befohlen.«
+
+Sie entfernten sich, sichtlich befremdet über die sonderbare Mitteilung,
+welche ihnen geworden war.
+
+Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit uns gekommen. Der
+Kapitän desselben, ein alter langer, sehr hagerer Mann mit einer
+Reiherfeder auf dem Tarbusch, trat an die Bordung und fragte herüber:
+
+»Ho, Dahabïe, welcher Reïs?«
+
+Ich neigte mich vor und antwortete:
+
+»Reïs Hassan.«
+
+»Hassan Abu el Reïsahn?«
+
+»Ja.«
+
+»Schön, kenne ihn,« antwortete er mit schadenfroher Miene. »Ihr habt ein
+Weib an Bord?«
+
+»Ja.«
+
+»Gebt es heraus!«
+
+»Chalid Ben Mustapha, du bist verrückt!«
+
+»Wird sich finden. Wir werden an euch anlegen.«
+
+»Das werden wir verhindern.«
+
+»Wie willst du dies anfangen?«
+
+»Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die Feder an deinem
+Tarbusch!«
+
+Ich erhob sehr schnell die Büchse, welche ich, ohne daß er sie gesehen
+hatte, bereit gehalten hatte, zielte und drückte los. Die Feder flog
+herab. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha
+nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er
+fuhr so hoch in die Luft, als beständen seine hageren Gliedmaßen aus
+elastischem Gummi, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und floh hinter
+den Mast.
+
+»Jetzt weißt du, wie ich schieße, Ben Mustapha,« rief ich hinüber. »Wenn
+dein Sandal noch eine einzige Minute bei uns backseits fährt, so schieße
+ich dir nicht die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem Leibe;
+darauf kannst du dich verlassen!«
+
+Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung. Er eilte an das
+Steuer, riß es aus den Händen dessen, der es bisher regiert hatte, und
+drehte ab. In zwei Minuten befand sich der Sandal in einer solchen
+Entfernung von uns, daß ihn meine Kugel nicht erreichen konnte.
+
+»Jetzt sind wir für den Augenblick sicher,« meinte ich.
+
+»Er wird nicht wieder so nahe kommen,« stimmte Hassan bei; »aber er wird
+uns auch nicht aus dem Auge lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen,
+wo er die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die fürchte ich
+freilich nicht; aber ich fürchte etwas anderes.«
+
+»Was?«
+
+»Das da!«
+
+Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser, und wir verstanden
+sogleich, was er meinte.
+
+Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer
+Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten als vorher und die jetzt
+felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns
+nämlich einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger
+gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast
+unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt mußte die Feindschaft
+der Menschen schweigen, damit sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller
+auf das drohende Element richten konnte. Die Stimme des Reïs tönte laut
+schallend über das Deck:
+
+»Blickt auf, ihr Männer, der Schellahl kommt, der Katarakt! Tretet
+zusammen und betet die heilige Fatcha!«
+
+Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:
+
+»Behüte uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten Teufel!«
+
+»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonierte der Reïs.
+
+Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha, die erste Sure des
+Koran.
+
+Ich muß gestehen, daß dieses Gebet auch mich ergriff, aber nicht aus
+Furcht vor der Gefahr, sondern aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen
+wurzelnden Religiosität dieser halbwilden Menschen, welche nichts thun
+und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig
+ist.
+
+»Wohlan, ihr jungen Männer, ihr mutigen Helden, geht an euere Plätze,«
+gebot nun der Führer; »der Strom hat uns ergriffen.«
+
+Das Kommando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig und exakt ab, wie
+die Führung eines europäischen Fahrzeuges. Das heiße Blut des Südens
+rollt durch die Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem
+Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten
+Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt,
+heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten
+Momente, wenn diese Gefahr vorübergegangen ist, noch lauter zu jubeln,
+zu pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein jeder mit
+Anspannung aller seiner Kräfte, und der Schiffsführer springt von einem
+zum andern, um jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie
+sie nur ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die andern mit
+den süßesten, zärtlichsten Namen, unter denen sich das Wort »Held« am
+meisten wiederholt. Hassan hatte sich auf das Passieren der
+Stromschnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder
+war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche
+jeden Fußbreit des Stromes hier an dieser gefährlichen Stelle kannten.
+
+Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die von dem Wasser
+kaum bedeckten Felsblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck,
+und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes, auch das lauteste
+Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder
+versagten ihre Dienste und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte
+die Dahabïe durch die kochenden Gewässer.
+
+Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und
+lassen nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes
+besitzt. Die Wogen werden förmlich durch dasselbe hindurchgepreßt und
+stürzen sich in einem dicken, mächtigen Strahle nach unten in ein
+Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen
+Steinblöcken.
+
+Mit sausender Hast schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden
+eingezogen. Jetzt befinden wir uns in dem furchtbaren Loche, dessen
+Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie fast mit den Händen
+erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so
+schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden,
+gischtspritzenden Kämme des Falles hinaus, und wir stürzen hinab in den
+Schlund des Kessels. Es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und
+brüllt um uns her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht
+und reißt uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche
+glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad unter dieser Glätte die
+gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen,
+wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab und – – –
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« ertönt Hassans Stimme jetzt so schrill,
+daß sie gehört werden kann. »Allah il Allah, an die Ruder, an die Ruder,
+ihr Jünglinge, ihr Männer, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und Löwen! Der
+Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl, amahl, ïa Allah
+amahl, macht, macht, bei Gott, macht, ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr
+Schurken und Katzen, arbeitet, arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr
+Helden, ihr Unvergleichlichen, Erprobten und Auserwählten!«
+
+Wir schießen einer Schere zu, welche sich grad vor uns öffnet und uns
+im nächsten Augenblicke vernichten wird. Die Felsen sind so scharf, und
+der Fall des Stromes ist so reißend, daß von dem Schiffe kein Handgroß
+von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint.
+
+»Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links, ihr Hunde, ihr
+Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer, links, links mit dem Steuer,
+ihr Braven, ihr Herrlichen, ihr Väter aller Helden! Allah, Allah,
+Maschallah – Gott thut Wunder, ihm sei Dank!«
+
+Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist
+vorübergeflogen. Für einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen
+Fahrwasser, und alles stürzt sich auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu
+danken.
+
+»Esch’hetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck hin –
+»bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aale na baraktak,
+begnadige uns mit deinem Segen!«
+
+Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens
+geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich
+hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die
+unserige, und er muß daher an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser
+ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord
+an Bord rauscht er vorüber. Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte
+hinter sich versteckend. Mir grade gegenüber reißt er die verborgen
+gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange – ich werfe mich nieder –
+die Kugel pfeift über mir weg, und im nächsten Augenblick ist der Sandal
+uns weit voran.
+
+Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand hat Zeit zur
+Verwunderung oder zum Zorne, denn die Strömung packt uns wieder und
+treibt uns in ein Labyrinth von Klippen.
+
+Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der Sandal wurde von der Macht
+des Schellahl an einen Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder
+in die Flut, und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den
+Wogen wieder gefaßt, befreit davon. Aber bei dem Stoße ist ein Mensch
+über Bord gefallen; er hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die
+Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke,
+eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu. Er faßt danach –
+ergreift ihn – wird emporgezogen – es ist – Abrahim-Mamur.
+
+Sobald er das Verdeck glücklich erreicht hatte, schüttelte er das Wasser
+aus seinen Kleidern und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu.
+
+»Hund, du bist ein Räuber und Betrüger!«
+
+Ich erwartete ihn stehenden Fußes, und meine Haltung bewirkte, daß er
+vor mir stehen blieb, ohne seine Fäuste in Anwendung zu bringen.
+
+»Abrahim-Mamur, sei höflich, denn du befindest dich nicht in deinem
+Hause. Sagst du nur noch ein Wort, welches mir nicht gefällt, so lasse
+ich dich an den Mast binden und durchpeitschen!«
+
+Die größte Beleidigung für einen Araber ist ein Schlag, und die
+zweitgrößte ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim machte eine
+Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich.
+
+»Du hast mein Weib an Bord!«
+
+»Nein.«
+
+»Du sagst mir nicht die Wahrheit.«
+
+»Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht dein Weib, sondern
+die Verlobte dieses jungen Mannes, welcher neben dir steht.«
+
+Er stürzte auf die Kajüte zu, dort aber trat ihm Halef entgegen.
+
+»Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas;
+dieses hier sind meine zwei Pistolen, und ich werde dich niederschießen,
+sobald du irgend wohin gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir
+verbietet!«
+
+Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der Ägypter es ansehen
+konnte, daß es ihm mit dem Schießen Ernst sei. Er wandte sich daher ab
+und schnaubte:
+
+»So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das Land geht, um Eure
+Hilfsmatrosen abzusetzen.«
+
+»Thue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so
+lange du dich friedlich benimmst.«
+
+Die Stromschnelle war in ihren gefährlichen Stellen glücklich
+durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nötigen Muße unserer
+Angelegenheit zuwenden.
+
+»Willst du uns jetzt erzählen, auf welche Weise Senitza in die Hand
+dieses Menschen geraten ist?« fragte ich Isla.
+
+»Ich will sie holen,« antwortete er; »sie mag es Euch selbst erzählen.«
+
+»Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Ägypter
+erbittern und zum Äußersten reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie
+Mohammedanerin oder Christin ist.«
+
+»Sie ist eine Christin.«
+
+»Von welcher Konfession?«
+
+»Von der, welche Ihr griechisch nennt.«
+
+»Sie ist nicht seine Frau geworden?«
+
+»Er hat sie gekauft.«
+
+»Ah! Ist es möglich?«
+
+»Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert. Er hat sie in
+Scutari gesehen und ihr gesagt, er liebe sie und sie solle sein Weib
+werden; sie aber hat ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu
+ihrem Vater gekommen und hat eine große Summe geboten, um sie von ihm zu
+kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Thüre hinausgeworfen. Dann hat er den
+Vater der Freundin bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und
+dieser ist auf den Handel eingegangen.«
+
+»Wie?«
+
+»Dieser Mensch hat sie für seine Sklavin ausgegeben, hat sie an
+Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine Schrift darüber ausgehändigt, in
+welcher sie für eine cirkassische Sklavin gilt.«
+
+»Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater so plötzlich
+verschwunden!«
+
+»Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht und ist mit ihr erst
+nach Cypern, dann nach Ägypten gefahren. Das Übrige ist Euch bekannt.«
+
+»Wie hieß der Mann, der sie verkaufte?« fragte ich unwillkürlich.
+
+»Barud el Amasat.«
+
+»El Amasat – el Amasat – dieser Name kommt mir sehr bekannt vor. Wo habe
+ich ihn gehört? War dieser Mensch ein Türke?«
+
+»Nein, sondern ein Armenier.«
+
+Ein Armenier – – ah, jetzt wußte ich es! Hamd el Amasat, jener Armenier,
+welcher uns auf dem Schott Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli
+entfloh – war es derselbe? – Nein, denn die Zeit stimmte nicht.
+
+»Weißt du nicht,« fragte ich Isla, »ob dieser Barud el Amasat einen
+Bruder hat?«
+
+»Nein; Senitza weiß es auch nicht; ich habe sie nach dieser Familie sehr
+genau befragt.«
+
+Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei und wandte sich an mich:
+
+»Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.«
+
+»Sprich!«
+
+»Wie heißt dieser äjyptische Thunichtjut?«
+
+»Abrahim-Mamur.«
+
+»So! Dat will also een Mamur jewesen sein?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn ich kenne diesen
+Menschen besser als er mir!«
+
+»Ah! Wer ist er?«
+
+»Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade kriegte, und weil es
+die erste Bastonnade war, die ich jesehen habe, so habe ich mir sehr
+einjehend nach ihm erkundigt.«
+
+»Nun, wer und was ist er?«
+
+»Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh oder so etwas und hat
+een Jeheimnis verraten oder so unjefähr. Er hat tot jemacht werden
+sollen, aber weil er Gönner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit
+Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim.«
+
+Daß der Barbier aus Jüterbogk diesen Mann kannte, war ein ganz
+staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
+Ich hatte ihn gesehen, und zwar in Ispahan auf dem Almaiden-Shah, wo er
+auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach Konstantinopel
+geschafft zu werden. Mein Weg führte mich damals eine kurze Strecke mit
+derselben Karawane, und so kam es, daß er auch mich gesehen und sich
+jetzt wieder meiner erinnert hatte.
+
+»Ich danke dir, Hamsad, für diese Mitteilung, behalte sie aber jetzt
+noch für dich.«
+
+Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei dem Gedanken, daß Abrahim
+mich verklagen werde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte die
+Vermutung nicht zurückweisen, daß er mit Barud el Amasat, welcher
+Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das Mädchen bekannt
+geworden war. Abrahim war ein degradierter Beamter, ein Gefangener
+gewesen und hatte sogar die Bastonnade erhalten – jetzt trat er als
+Mamur auf und besaß ein Vermögen – dies waren Umstände, welche mir sehr
+zu denken gaben.
+
+Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt noch niemand zu sagen,
+damit Abrahim nicht merke, daß er durchschaut worden sei.
+
+Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle auf die
+Dahabïe genommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unser
+Fahrzeug wandte sich daher dem Ufer zu.
+
+»Werden wir Anker werfen oder nicht?« fragte ich den Reïs.
+
+»Nein, ich lenke sofort um, wenn die Männer das Schiff verlassen haben.«
+
+»Warum?«
+
+»Um die Polizei zu vermeiden.«
+
+»Und Abrahim?«
+
+»Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.«
+
+»Ich fürchte die Polizei nicht.«
+
+»Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter deinem Konsul. Man kann
+dir also nichts thun. Ah!«
+
+Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit bewaffneten, finster
+blickenden Männern besetzt war. Es waren Khawassen – Polizisten.
+
+»Du wirst wohl nicht sofort umlenken,« meinte ich zu Hassan.
+
+»Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir zu gehorchen.«
+
+»Ich befehle es nicht; ich möchte im Gegenteil die hiesige Polizei
+einmal kennen lernen.«
+
+Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen stiegen an Bord, noch
+ehe wir das Ufer erreicht hatten. Die Bemannung des Sandal war hier auch
+gelandet, hatte erzählt, daß Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und
+auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie wir später erfuhren,
+der alte Reïs Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gelaufen
+und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten über mich, den ungläubigen
+Mörder, Aufrührer, Räuber und Empörer, daß ich eigentlich sehr zufrieden
+sein mußte, nur mit dem Hängen oder Säcken davonzukommen.
+
+Da die Gerechtigkeit jener Länder von der wichtigen Erfindung der
+Aktenstöße noch keine Notiz genommen hat, so wird in Rechtsfällen
+überaus schnell und summarisch verfahren.
+
+»Wer ist der Reïs dieses Schiffes,« fragte der Anführer der Khawassen.
+
+»Ich,« antwortete Hassan.
+
+»Wie heißest du?«
+
+»Hassan Abu el Reïsahn.«
+
+»Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen Hekim, der ein
+Ungläubiger ist?«
+
+»Da steht er und heißt Kara Ben Nemsi.«
+
+»Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib, Namens Güzela?«
+
+»Sie ist in der Kajüte.«
+
+»Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und folgt mir zum Richter,
+während ich das Schiff von meinen Leuten bewachen lasse!«
+
+Die Dahabïe legte an, und ihre ganze Bemannung nebst sämtlichen
+Passagieren wurde »sofort anhero transportiert«. Senitza, tief
+verschleiert, ward in eine bereitstehende Sänfte gehoben und mußte
+unserm Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil
+jung und alt, groß und klein sich ihm anschloß. Hamsad al Dscherbaja,
+der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner
+Beine munter sein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!«
+
+Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretär bereits
+unserer Ankunft gewärtig.
+
+Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors oder Befehlshabers
+von tausend Mann, hatte aber trotzdem weder ein kriegerisches noch ein
+übermäßig intelligentes Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal, so
+hatte auch er Abrahim-Mamur für ertrunken gehalten und empfing den vom
+Tode Auferstandenen mit einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem
+Blick war, den er uns zuwarf.
+
+Wir wurden in zwei Lager geteilt: hüben die Bemannung des Sandal mit
+Abrahim und einigen seiner Diener, die er mitgenommen hatte, und drüben
+die Leute von der Dahabïe mit Senitza, Isla und mir nebst Halef und dem
+Barbier.
+
+»Befiehlst du eine Pfeife, Herr?« fragte der Sahbeth-Bei den
+vermeintlichen Mamur.
+
+»Lasse sie bringen!«
+
+Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf niederzusetzen. Dann
+begann die Verhandlung:
+
+»Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!«
+
+»Er lautet Abrahim-Mamur.«
+
+»So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?«
+
+»In En-Nasar.«
+
+»Du bist der Ankläger. Sprich; ich höre zu und werde richten.«
+
+»Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der Tschikarma; ich
+klage an den Mann, der neben ihm steht, der Tschikarma, und ich klage an
+den Führer der Dahabïe der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die
+Diener dieser beiden Männer und die Matrosen der Dahabïe beteiligt sind,
+das magst du bestimmen, o Bimbaschi.«
+
+»Erzähle, wie der Raub vollendet wurde.«
+
+Abrahim erzählte. Als er geendet hatte, wurden seine Zeugen verhört, was
+die Folge hatte, daß ich von dem Reïs des Sandals, Herrn Chalid Ben
+Mustapha, auch noch des Mordversuches bezüchtigt wurde.
+
+In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz, als er sich nun zu mir
+wandte.
+
+»Giaur, wie ist dein Name?«
+
+»Kara Ben Nemsi.«
+
+»Wie heißt deine Heimat?«
+
+»Dschermanistan.«
+
+»Wo liegt diese Handvoll Erde?«
+
+»Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, daß du sehr unwissend bist!«
+
+»Hund!« fuhr er auf. »Was willst du sagen?«
+
+»Dschermanistan ist ein großes Land und hat zehnmal mehr Einwohner als
+ganz Ägypten. Du aber kennst es nicht. Du bist überhaupt ein schlechter
+Geograph und darum lässest du dich von Abrahim-Mamur belügen.«
+
+»Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse dich mit dem Ohre an
+die Wand nageln.«
+
+»Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der Mamur der Provinz
+En-Nasar. Mamurs giebt es nur in Ägypten – –«
+
+»Liegt En-Nasar nicht in Ägypten, Giaur? Ich bin selbst dort gewesen und
+kenne den Mamur wie meinen Bruder, ja, wie mich selbst.«
+
+»Du lügst!«
+
+»Nagelt ihn fest!« gebot der Richter.
+
+Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine Pistolen.
+
+»Bimbaschi, ich sage dir, daß ich erst den niederschießen werde, der
+mich anrührt, und dann dich! Du lügst, ich sage es noch einmal. En-Nasar
+ist eine ganz kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im Lande
+Tripolis; dort giebt es keinen Mamur, sondern einen armen Scheik; er
+heißt Mamra Ibn Alef Abuzin, und ich kenne ihn sehr genau. Ich könnte
+mit dir Komödie spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen; aber
+ich will es kurz machen. Wie kommt es, daß du die Kläger stehen lässest,
+während der Angeklagte, der Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife
+von dir bekommt?«
+
+Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an.
+
+»Wie meinst du das, Giaur?«
+
+»Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen
+Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch[30] des Vizekönigs von Ägypten;
+dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des
+Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.«
+
+ [30] Reiseschein.
+
+»Zeigt die Scheine her!«
+
+Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las
+sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück.
+
+»Sprich weiter.«
+
+Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er thun sollte.
+Ich nahm also wieder das Wort:
+
+»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was
+deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so
+mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden
+auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen
+wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen,
+welche Achtung du ihnen erweisest!«
+
+Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen
+aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:
+
+»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin
+der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf
+sitzen!«
+
+»Wer klagt ihn an?«
+
+»Ich, dieser, dieser und wir alle.«
+
+Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.
+
+»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei.
+
+»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.«
+
+Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir:
+
+»Sprich!«
+
+»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.«
+
+»Welche Trauer?«
+
+»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen
+Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen
+und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich
+ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien,
+wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.«
+
+Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.
+
+»Hund! – Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!«
+
+»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf
+besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!«
+
+»Rede!«
+
+»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus
+Karadagh[31]; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Ägypten entführt.
+Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach
+Ägypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du
+hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein
+Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich
+gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte,
+welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des
+Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört,
+daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie
+getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und
+in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an.
+Nun entscheide!«
+
+ [31] Montenegro. – Beides heißt ebenso wie das slawische
+ Czernagora »Schwarzer Berg«.
+
+Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er
+konnte doch seine Worte und Thaten nicht dementieren, fühlte aber sehr
+wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu thun, was eben
+nur ein Ägypter zu thun vermag.
+
+»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde
+mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle
+aber seid meine Gefangenen!«
+
+Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann
+wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt,
+und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des
+Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige
+Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer
+Viertelstunde aber waren sie verschwunden.
+
+Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben
+Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.
+
+»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«
+
+»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.
+
+»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«
+
+»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben
+oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der
+Baschi wird ihn laufen lassen.«
+
+»Wünschest du seinen Tod?«
+
+»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«
+
+»Und wie denkt deine Freundin darüber?«
+
+Senitza antwortete selbst:
+
+»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde
+nicht mehr an ihn denken.«
+
+Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu
+befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut
+davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das
+Rekognoscieren.
+
+Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit
+war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war
+klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und
+nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof
+zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu
+folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen.
+
+Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen
+verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus
+Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen
+können.
+
+Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte
+der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des
+Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.
+
+Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?
+
+Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht
+nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten
+werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder
+einmal zu treffen.
+
+Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene
+Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage
+glücklich entronnen zu sein. – – –
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Abu-Seïf.
+
+
+Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog,
+und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und
+stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere
+Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin
+erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht
+zusammenkommen konnten.
+
+Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr
+durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer
+trocken und die Wasser teilten sich von einander.
+
+Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem
+Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur
+Linken.
+
+Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des
+Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.
+
+Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter
+aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in
+ihrem Heere.
+
+Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit
+Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der
+Herr streitet für sie wider die Ägypter!
+
+Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer,
+damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und
+über ihre Reiter.
+
+Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder
+vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also
+stürzte sie der Herr mitten in das Meer.
+
+Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht
+des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger
+von ihnen übrig blieb.
+
+Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser
+stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.
+
+Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und
+sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres.
+
+Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte,
+und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen
+Knecht Moses. – – –
+
+An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich
+denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel
+anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres
+schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht,
+welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich
+fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer
+»keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige
+Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem
+ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen
+gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir,
+als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der
+Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe
+deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges
+Land!«
+
+Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der
+Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch
+der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener
+Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des
+Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte
+die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk
+von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein
+Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller
+Gesetze und Gebote bildet.
+
+Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs
+im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme
+Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die
+Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten,
+während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen
+schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen
+später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen
+wäre.
+
+Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den
+Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter
+zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des
+berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend,
+gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der
+Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«
+
+Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die
+Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen
+vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend
+und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen
+Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt,
+dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha,
+von der Gesetzgebung auf dem Sinai – – – sie hatte mir die kleinen Hände
+gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du
+sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon
+längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von
+ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr
+geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit
+des Dichterwortes auf:
+
+ »Ganz anders jene heiligen Geschichten,
+ Die nur das Buch der Bücher kann berichten,
+ In dem vom Geiste sie verzeichnet steh’n.
+ Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken
+ Und tief in ihren Zauber dich versenken,
+ Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh’n.«
+
+Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste
+Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in
+jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl
+noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten
+und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren
+Halef gestört hätte:
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist
+Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es
+jetzt thun werde.«
+
+Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir
+heran und erhob warnend die Hand.
+
+»Thue es nicht, Effendi!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das
+Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit
+sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der
+hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32]
+und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff
+vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33]
+nannten, hat diesen Ort verflucht.«
+
+ [32] Moses.
+
+ [33] Jehova.
+
+»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«
+
+»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst
+auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.«
+
+»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«
+
+»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug
+aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten,
+bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein
+jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«
+
+»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«
+
+»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt
+wird.«
+
+»Dann vorwärts!« –
+
+Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg
+von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten
+liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher
+war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als
+auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen
+trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich
+mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für
+mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte
+ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte,
+was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.
+
+Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm
+und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des
+Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao’s hinter uns.
+Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein
+Fahrzeug vor Anker lag.
+
+Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen
+Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß
+breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich
+ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen
+Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen – denn er wird
+auch gerudert – zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor
+dem andern steht, daß es – vom Winde angeschwellt – ganz über das
+Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon
+bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen
+pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches
+in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind,
+wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen
+Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits
+belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien
+unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem
+indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich
+mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen
+Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die
+Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein
+Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.
+
+Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb
+wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug
+sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.
+
+Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des
+Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste.
+Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem
+kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas
+abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte
+der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort
+an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die
+Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.
+
+Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich
+ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und
+grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer
+Sprache.
+
+»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«
+
+Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte
+mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:
+
+»Ich bin es.«
+
+»Wohin geht dein Sambuk?«
+
+»Überall hin.«
+
+»Was hast du geladen?«
+
+»Verschiedenes.«
+
+»Nimmst du auch Passagiere auf?«
+
+»Das weiß ich nicht.«
+
+Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf
+und meinte in mitleidigem Tone:
+
+»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der
+Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«
+
+Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.
+
+»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«
+
+»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele
+ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die
+Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies
+zu kommen!«
+
+ [34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.
+
+Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem
+zwei riesige Pistolen steckten.
+
+»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der
+Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«
+
+»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch
+ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich
+dich frage.«
+
+»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein
+Arab Dscheheïne.«
+
+Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und
+Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war
+der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.
+
+»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.
+
+»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«
+
+So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem
+Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.
+
+»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«
+
+»Ich würde dich nicht fürchten.«
+
+»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener,
+während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich
+gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem
+Abendlande.«
+
+ [35] Matrosen.
+
+»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und
+redest die Sprache der Araber!«
+
+»Ist dies verboten?«
+
+»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«
+
+»Ich gehöre zu den Nemsi.«
+
+»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein
+Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]?«
+
+ [36] Gärtner.
+
+ [37] Kaufmann.
+
+»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«
+
+»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern
+Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann;
+ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein
+Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein – – –«
+
+»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was
+ich hier in meiner Hand halte?«
+
+Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken.
+Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:
+
+»Die Peitsche.«
+
+»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
+Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem
+Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert
+und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in
+allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es
+wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht
+gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi
+bist und viele Männer hier bei dir hast!«
+
+Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden
+Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom
+Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die
+Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu
+den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit
+erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die
+Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.
+
+»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol
+vorsichtig sinken ließ.
+
+Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner
+wagte es, Hand an Halef zu legen.
+
+»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?«
+fragte der Türke.
+
+»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche
+drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in
+der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke,
+ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!«
+
+Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.
+
+»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten,
+als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast
+einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«
+
+»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«
+
+»Mich.«
+
+»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur – – –«
+
+»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.
+
+»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: ›O ihr
+Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer
+Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen
+nur euer Verderben!‹ Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des
+Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«
+
+»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure
+des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in
+Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«
+
+Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte
+sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück.
+
+»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des
+Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein
+Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«
+
+ [38] Schützling.
+
+»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen
+Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der
+Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn
+unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«
+
+»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter,
+einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«
+
+»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins.
+Ihr sagt: ›Allah il Allah, Gott ist Gott.‹ Und unser Gott sagt: ›Ich bin
+ein starker, einiger Gott.‹ Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: ›Er ist
+der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer;
+sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.‹ Unsere heilige Bibel sagt:
+›Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor
+seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner
+Hände Werk.‹ Ist das nicht ganz dasselbe?«
+
+»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«
+
+ [39] Buch, Bibel.
+
+»Du irrst. Euer Kuran sagt: ›Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß
+ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern
+der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel,
+an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt
+den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum
+bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen
+Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht,
+der ist wahrhaft gottesfürchtig.‹ Unser heiliges Buch gebietet uns: ›Du
+sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.‹
+Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige
+befiehlt?«
+
+»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«
+
+»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist,
+als euer Kuran?«
+
+»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise
+finden, selbst wenn er unrecht hat. – Woher kommst du?«
+
+»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.«
+
+ [40] Türkisch für Ägypten.
+
+»Und wo willst du hin?«
+
+»Nach Tor hinüber.«
+
+»Und dann?«
+
+»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.«
+
+ [41] Kloster.
+
+»So mußt du über das Wasser.«
+
+»Ja. Wohin fährst du?«
+
+»Auch nach Tor.«
+
+»Willst du mich mitnehmen?«
+
+»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht
+verunreinigen.«
+
+»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«
+
+»Für alle vier und die Kamele?«
+
+»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer
+werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«
+
+»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«
+
+»Mit Geld.«
+
+»Willst du Speise von uns nehmen?«
+
+»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«
+
+»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«
+
+Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch,
+für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also
+beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen.
+
+»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff
+zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.
+
+»Ja.«
+
+»Dann sind wir des Mittags in Tor?«
+
+»Ja. Warum fragst du?«
+
+»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«
+
+»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der
+noch mehr verlangen wird.«
+
+»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre
+mit dir.«
+
+»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.«
+
+»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere
+geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier
+Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen
+Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und
+meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.«
+
+»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem
+Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier
+an Bord nehmen.«
+
+ [42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.
+
+»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein
+Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch
+einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte ›hep imdad wermek,
+sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz – alle Hilfe leisten,
+für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.‹ Hast du das
+verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche
+ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist
+du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«
+
+Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu
+mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:
+
+»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für
+drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!«
+
+»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«
+
+»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?«
+
+ [43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.
+
+»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord
+begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.«
+
+Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein
+Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der
+vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef
+an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des
+Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch
+von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und
+kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein
+Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt
+kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger
+war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage
+auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.
+
+»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem
+Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«
+
+»Ich will dich nicht tadeln.«
+
+»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«
+
+»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«
+
+»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden.
+Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote
+Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte
+des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du
+thun?«
+
+Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage
+bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka
+oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen.
+Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein
+Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen
+einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen
+Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt
+erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee
+betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst
+gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich
+sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz
+anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich
+vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer,
+vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar
+gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es
+stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen
+würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.
+
+»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.
+
+»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den
+rechten Glauben annehmen.«
+
+»Nein, das werde ich nicht.«
+
+Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen
+Leuten das Abendgebet befohlen.
+
+»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab;
+erlaube, daß ich bete!«
+
+Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich
+mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen,
+so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem
+Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres
+verschloß.
+
+»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer.
+Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem
+Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa
+Allah, Allah hu!«
+
+Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem
+Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher
+lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden
+Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der
+Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum
+sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem
+ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein
+Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und
+weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er
+zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und
+Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er
+den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:
+
+»La ilaha illa lah!«
+
+»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.
+
+Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir,
+nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der
+Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:
+
+ [44] Steuermann.
+
+»Gott schütze dich!«
+
+»Mich und dich!« lautete die Antwort.
+
+»Wie befindest du dich?«
+
+»So wohl wie du.«
+
+»Wem gehört dieser Sambuk?«
+
+»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«
+
+»Und wer führt ihn?«
+
+»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«
+
+»Und was habt ihr geladen?«
+
+»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll
+einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«
+
+»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«
+
+»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es
+Allah doppelt.«
+
+»Wohin fahrt ihr von hier?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«
+
+»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«
+
+»Nach Dschidda.«
+
+»Auf diesem Floß?«
+
+»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu
+fahren.«
+
+»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die
+es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«
+
+»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese
+beiden Männer?«
+
+»Ein Gi– – ein Nemsi mit seinem Diener.«
+
+»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter
+fahren.«
+
+»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«
+
+»Ich muß weiter.«
+
+»Das ist sehr gefährlich.«
+
+»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im
+Buche verzeichnet.«
+
+Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.
+
+Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich
+über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche
+Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser
+zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung
+nicht verstünde. Der Derwisch fragte:
+
+»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«
+
+»Nein.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt
+verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«
+
+»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«
+
+»Gar keines, aber viele Waffen.«
+
+»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die
+Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um
+damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde
+weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt
+hat, sein Schiff zu betreten!«
+
+Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff
+das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«.
+
+Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht.
+Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum
+hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung
+das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig
+verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu
+irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann
+verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.
+
+Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr
+nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es
+doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht
+mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte,
+sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet
+– – er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas
+»nicht richtig im Staate Dänemark«.
+
+Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu
+beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.
+
+»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande
+zu?«
+
+»So ist es. Woraus vermutest du dies?«
+
+»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.«
+
+»Und was haben diese Augen gesehen?«
+
+»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«
+
+»Ah?«
+
+»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von
+dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?«
+
+ [45] Der »Heulenden« – heulende Derwische.
+
+»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben,
+wenn er keiner ist?«
+
+»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während
+der Nacht fahren werde. Warum thut er es nicht?«
+
+Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte:
+
+»Wo wirst du schlafen, Effendi?«
+
+»Ich werde mich in den Tachta-perde[46] legen.«
+
+ [46] Verschlag.
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.«
+
+»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir
+schlafen hier auf dem Verdeck.«
+
+»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du thun, wenn Feinde zu dem
+Schiffe heran kämen?«
+
+»Welche Feinde meinst du?«
+
+»Räuber.«
+
+»Giebt es hier Räuber?«
+
+»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die
+größten Chirsizler[47] weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist
+vor ihnen sicher.«
+
+ [47] Spitzbuben.
+
+»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held,
+ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor
+keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?«
+
+»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen
+Abu-Seïf, den ›Vater des Säbels‹, der gefährlicher und schrecklicher
+ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?«
+
+»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.«
+
+»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre
+Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur
+wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl
+aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf
+finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr
+Anführer.«
+
+»Und was thut die Regierung dagegen?«
+
+»Welche?«
+
+»Steht Ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?«
+
+»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche
+der Großscherif von Mekka beschützt.«
+
+»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!«
+
+»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht.
+Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?«
+
+»Er ist doch nur ein Mensch.«
+
+»Aber er besitzt die Hilfe des Scheïtan[48]. Er kann sich unsichtbar
+machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch
+einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet,
+aber sein Säbel ist faldschymisch[49]; er dringt durch Thüren und Mauern
+und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib
+und Seele auseinander.«
+
+ [48] Teufels.
+
+ [49] Verhext, bezaubert.
+
+»Den möchte ich sehen!«
+
+»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn
+sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen
+wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen
+und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren,
+die dir drohen.«
+
+»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem
+Schlafengehen.«
+
+Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen
+sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren.
+
+Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden
+als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf
+dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die
+Segel, und der Sambuk steuerte südwärts.
+
+Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir
+ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte.
+Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei
+völlig verschleierte Frauen darin.
+
+Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den
+Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und
+hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob
+sich und rief:
+
+»Sambuk, wohin?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?«
+
+»Bezahlt ihr?«
+
+»Gern.«
+
+»So kommt an Bord.«
+
+Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das
+Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt
+fort.
+
+Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen
+Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen.
+Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht
+abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine
+Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes
+pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer
+beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf,
+ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog,
+nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele
+und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen
+zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs- und Geschmacksnerven
+ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen
+Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges
+so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand ganz den
+Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen;
+wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis
+Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:
+
+ »Wenn deiner Locken Wohlgerüche
+ Ums Grab mir wehn,
+ Dann sprießen tausend Blumen
+ Aus meinem Hügel auf –«
+
+gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter
+der Thüre des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts
+Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter
+sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus
+ihren Kleidern zu bringen waren.
+
+Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und
+dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern.
+
+»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»So bist du hier unbekannt?«
+
+»Ja.«
+
+»Du bist ein Nemtsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Haben die Nemsi auch einen Padischah?«
+
+»Ja.«
+
+»Und Paschas?«
+
+»Ja.«
+
+»Du bist wohl kein Pascha?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber ein berühmter Mann?«
+
+»Pek, billahi – bei Gott, sehr!«
+
+»Du kannst schreiben?«
+
+»Peh ne güzel – und wie schön!«
+
+»Auch schießen?«
+
+»Daha ei – noch besser!«
+
+»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?«
+
+»Ja.«
+
+»Du gehst noch weiter nach dem Süden?«
+
+»Ja.«
+
+»Bist du mit den Ingli bekannt?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du Freunde unter ihnen?«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist sehr gut. Bist du stark?«
+
+»Korkulu – fürchterlich, arslandscha – wie ein Löwe! Soll ich es dir
+beweisen?«
+
+»Nein, Effendi.«
+
+»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen
+sein kann. Packe dich und komme nicht wieder!«
+
+Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen
+Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem
+Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf.
+
+»Wai sana – wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt
+sterben!«
+
+Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter
+folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte
+Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu
+salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem
+Augenblick öffnete sich die Thür des Verschlages, und es erschien eine
+der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die
+beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber
+ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.
+
+Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf
+dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet[50] nicht
+anders mit sich gebracht.
+
+ [50] Schicksal, Vorausbestimmung.
+
+Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen
+sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten
+sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein
+Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen
+Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist.
+
+Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für
+einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein
+»Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was
+konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und
+unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung
+dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut,« und zu was konnte es
+ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies
+hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer
+an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen
+Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der
+augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des
+Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht
+und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung
+besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig.
+
+»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war,
+»hast du ihn gesehen?«
+
+»Wen oder was?«
+
+»Den Bart.«
+
+»Den Bart! Welchen Bart?«
+
+»Den das Weib hatte – –«
+
+»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?«
+
+»Sie hatte den Jaschmak[51] nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach
+über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.«
+
+ [51] Schleier.
+
+»Schnurrbart?«
+
+»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi
+sagen?«
+
+»Ja, aber so, daß es niemand hört.«
+
+Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich
+seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen
+neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem
+Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es
+nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von
+ihm ab und kehrte zu mir zurück.
+
+»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.«
+
+»Wie so?«
+
+»Und dich für noch dümmer als mich.«
+
+»Ah!«
+
+»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals
+die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen
+Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?«
+
+»Ich vermute es.«
+
+»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!«
+
+»Das ist das Einzige, was wir thun werden, und dazu gehört vor allen
+Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen
+suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets
+beispringen können.«
+
+Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den
+Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein
+Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden
+Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein
+unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne
+daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre.
+
+Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker
+gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des
+Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört.
+
+Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt
+stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der
+Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die
+Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen – –? Ich hätte gern
+einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war
+der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie
+gewöhnlich, Feuer anzuzünden.
+
+El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete,
+hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht
+verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser
+Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute
+vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef
+ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der
+Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch
+die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft
+zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte
+ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz
+verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken.
+Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Thüre
+ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im
+Vorderteile des Fahrzeuges lag.
+
+Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht
+herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte:
+
+»Hast du geschlafen?«
+
+»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!«
+
+»Ich kann mich auf dich verlassen?«
+
+»Wie auf dich selbst!«
+
+»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.«
+
+»Das werde ich thun, Sihdi!«
+
+Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte
+schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins
+auf – es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets
+den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die
+Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts
+zu denken. Der Schlummer kam und – – halt, was war das?
+
+Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er
+mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb
+emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder
+auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft
+bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich
+aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war.
+
+»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich.
+
+»Ja, Sihdi. Was ist es?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Ich auch nicht. Horch!«
+
+Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her.
+Draußen am Lande war das Feuer erloschen.
+
+»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache
+meine Waffen und Kleider.«
+
+Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei
+schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und – schlief
+jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet
+wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die
+Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den
+Haïk[52] ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann
+schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und
+kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am
+äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages
+und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf
+kam’s ja an.
+
+ [52] Beduinischer Mantel.
+
+Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah – – das
+sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen
+gebracht, und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte, war von
+dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad
+unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des
+Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich
+vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter
+Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem
+Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann
+wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes
+legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den
+Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder
+emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde.
+
+Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut
+wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d. h. der Ertrag der Steuer,
+welche er eingesammelt hatte, und – – – ich hatte keine Zeit, weiter zu
+vermuten.
+
+»Alargha, iz chijanisch – aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine
+tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte;
+zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart
+neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein
+dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich
+durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau
+unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom
+Verschlage gleich auf das Deck hinab.
+
+In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Kajüte, und ich
+bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei
+Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt
+vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun
+Männer stürzten sofort auf mich los.
+
+»Halef, herbei!« rief ich laut.
+
+Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich
+um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen
+konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe,
+die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am
+Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und
+dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich
+vorhin wieder erkannt hatte: – es war die Stimme des Derwischs.
+
+»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer
+von denen, welche mich umfaßt hielten.
+
+Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da
+krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir.
+
+»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef.
+
+Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte
+mit mir fort.
+
+»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme.
+
+Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten
+Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es
+toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner
+derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen; dann war es
+mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und
+fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr.
+
+Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem
+Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich
+auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber
+ein laut vernehmliches Sog[53] ließ mich vermuten, daß ich mich in dem
+Kielraume eines Fahrzeuges befände, welches in schneller Fahrt begriffen
+war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein
+Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das
+Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus
+Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir
+abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung
+unterwarfen.
+
+ [53] Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden
+ Schiffes verursacht.
+
+Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas
+änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber
+nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir:
+
+»Stehe auf und geh’ mit uns!«
+
+Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles
+Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand
+ebenso zu meiner Überraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den
+Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.
+
+Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer
+kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei
+dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte
+auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen
+Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie
+Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache
+bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine
+Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß
+sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die
+Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder
+seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem
+Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem
+Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem
+Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich
+erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen
+ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden
+geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit
+verächtlichem Blick.
+
+»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch.
+
+»Nein, aber ich vermute es.«
+
+»Nun, wer bin ich?«
+
+»Du bist Abu Seïf.«
+
+»Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!«
+
+»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah
+allein anbeten soll?«
+
+»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle
+dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.«
+
+»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es
+erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise
+bezeigen.«
+
+»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!«
+
+Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch
+einen Schritt näher an ihn heran.
+
+»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf oder bist du ein Henker?«
+
+»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir
+den Kopf vor die Füße!«
+
+»Wahre deinen eigenen Kopf!«
+
+»Giaur!«
+
+»Korkakdschi!«
+
+»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!«
+
+»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine
+Dschasusler[54] in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von
+den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir
+gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!«
+
+ [54] Spione.
+
+»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte
+vermöchten nichts gegen meine Klinge!«
+
+»Aferihn – brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln
+fürchtet.«
+
+»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte
+ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«
+
+»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.«
+
+»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?«
+
+»Pah, du würdest es nicht erlauben!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem
+Säbel.«
+
+Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte
+erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer
+kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und
+reichte ihn mir.
+
+»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die
+Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim
+dritten Hiebe eine Leiche sein.«
+
+Ich nahm den Säbel.
+
+Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater
+des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter
+Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein
+ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit
+Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich
+hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die
+Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und
+ganzen Schwere,« also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und
+ganzen Schwäche« so starke und schwere, Säbel ziemlich ungewohnt war, so
+hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Überlegenheit
+der europäischen Waffenführung zu beweisen.
+
+Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen
+Mienen spiegelte sich die Überzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten
+Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde.
+
+Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen
+Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine
+Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu
+meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll
+unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie
+gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein
+Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu
+verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im
+Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte
+mit harter Festigkeit in die Linie ein, und – die Waffe flog ihm aus der
+Hand und über Bord in das Wasser.
+
+Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die
+Waffe.
+
+Er stand vor mir und starrte mich an.
+
+»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!«
+
+Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine
+Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Überraschung in
+seinem Angesicht.
+
+»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief
+er aus.
+
+»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und
+überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm
+dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während
+dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in
+deiner Hand.«
+
+Diese – freilich gewagte – Appellation an seinen Edelmut hatte einen
+guten Erfolg.
+
+»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast
+dein Schicksal in deiner eigenen Hand.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei
+sein.«
+
+»Was soll ich thun?«
+
+»Du wirst mit mir fechten?«
+
+»Ja.«
+
+»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?«
+
+»Ja.«
+
+»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden
+Auge sehen lassen?«
+
+»Gut!«
+
+»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes
+Fahrzeug in Sicht kommt?«
+
+»Ja.«
+
+»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Hier auf dem Schiffe.«
+
+»Gebunden?«
+
+»Nein, er ist krank.«
+
+»Er hat eine Wunde?«
+
+»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht
+erheben kann.«
+
+»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist
+mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!«
+
+»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt
+wird.«
+
+»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm
+einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.«
+
+»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah[55]; ich habe
+ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine
+Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.«
+
+ [55] Wundarzt.
+
+»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.«
+
+»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht
+versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du
+ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu
+verlangen.«
+
+»Fordere!«
+
+»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der Meinen zu
+verunreinigen?«
+
+»Gut.«
+
+»Du hast Freunde unter den Inglis?«
+
+»Ja.«
+
+»Sind es große Leute?«
+
+»Es sind Paschas unter ihnen.«
+
+»So werden sie dich auslösen?«
+
+Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern
+sich meine Freiheit bezahlen lassen.
+
+»Wie viel verlangst du?«
+
+»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst
+loskaufen.«
+
+Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Ärmeln
+meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden
+worden. Es wäre allerdings zum Lösegelde auch zu wenig gewesen. Daher
+antwortete ich:
+
+»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.«
+
+»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du
+Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist
+vornehm.«
+
+»Ah!«
+
+»Und berühmt.«
+
+»Ah!«
+
+»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.«
+
+»Ich habe Spaß gemacht.«
+
+»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu
+führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer
+Zabit[56], für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.«
+
+ [56] Offizier.
+
+»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie
+umsonst von dir fordern.«
+
+»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und
+mich zwingen, dich frei zu lassen?«
+
+»Er wird es durch seinen Eltschi[57] thun.«
+
+ [57] Gesandten.
+
+»Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi der Nemsi hier in
+dieser Gegend.«
+
+»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldi,
+das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des
+Sultans steht.«
+
+Er lachte.
+
+»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka
+zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit
+deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.«
+
+»Mit wem sonst?«
+
+»Mit den Inglis.«
+
+»Warum mit diesen?«
+
+»Weil sie dich auswechseln sollen.«
+
+»Gegen wen?«
+
+»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit
+seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen
+genommen worden. Sie haben ihn nach Eden[58] geschafft und wollen ihn
+töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.«
+
+ [58] Aden an der Straße Bab-el-Mandeb.
+
+»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden
+mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.«
+
+»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie
+anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so
+werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du
+dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast
+noch viele Tage Zeit.«
+
+»Wie viele?«
+
+»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht,
+auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in
+vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein
+Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine
+volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah
+aus werde ich den Boten abgehen lassen.«
+
+»Ich werde den Brief schreiben.«
+
+»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«
+
+»Das kann ich dir nicht versprechen.«
+
+Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter
+den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?«
+
+»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.«
+
+»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in
+das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du
+schwimmen?«
+
+»Ja.«
+
+»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen
+würden!«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird
+stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht
+aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.«
+
+»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?«
+
+»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er
+der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein
+Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten.
+Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber
+gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.«
+
+Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen.
+
+Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs des
+Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke
+nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in
+einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand.
+
+Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter
+schien sich um mich zu bekümmern, kein Mensch sprach ein Wort zu mir.
+Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige
+Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine
+Kammer, an deren Thür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich
+wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Thüre verriegelt
+und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Wieder frei.
+
+
+Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um
+den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm
+zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso
+unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines
+Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur
+schaden müssen.
+
+Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt
+gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya
+angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher
+wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit,
+ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr
+besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck
+gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle
+steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um
+Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein
+dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam
+und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in
+die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter
+Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die
+Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die
+Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.
+
+Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des
+Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht
+aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von
+Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an
+südwärts giebt es eine Unzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der
+Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die
+Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen
+empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter
+mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die
+Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort
+wird Om-el-Hableïn genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher
+auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der
+Gefahr zu sichern suchte.
+
+Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu.
+Eine Landung vorher war unmöglich.
+
+Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine
+Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.
+
+Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch
+vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht
+getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet.
+
+»Sihdi!«
+
+»Wer ist da?«
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden
+ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?«
+
+»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«
+
+»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr
+leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«
+
+»So hat Abu Seïf mich belogen.«
+
+»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um
+meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den
+Schienen am Beine unten im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie
+entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«
+
+»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«
+
+»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.«
+
+»Was?«
+
+»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu
+pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere
+von seinen Mannen gehen mit.«
+
+»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«
+
+»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner
+Kammer.«
+
+»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht
+umkommen?«
+
+»Ich komme, Sihdi.«
+
+»Aber die Gefahr, Halef!«
+
+»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu
+schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«
+
+»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?«
+
+»Nein.«
+
+»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also
+nicht wissen.«
+
+»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda[59] des
+Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man
+mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.«
+
+ [59] Kammer, Kajüte.
+
+»Das weißt du?«
+
+»Ich habe Gespräche belauscht.«
+
+»Und die Barke in jener Nacht?«
+
+»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf
+uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«
+
+»Gute Nacht!«
+
+Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die
+Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.
+
+Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der
+ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn
+die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des
+Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden
+sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich
+schlief ruhig ein.
+
+Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen
+aber stand mein Wächter.
+
+»Willst du hinauf?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.«
+
+ [60] Gebet zur Mittagszeit.
+
+Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das
+Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden
+Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten
+umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande
+aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.
+
+Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken
+zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich
+nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine
+Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und
+außerdem sah ich mehrere große Ketschikise[61] am Boden liegen, welche
+jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk[62] stand offen, den Abu Seïf
+bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug
+gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal[63] enthielt, in denen
+sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.
+
+ [61] Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei
+ nach außen gewendet.
+
+ [62] Ein schrankartiger Kasten.
+
+ [63] Leinwandsäckchen.
+
+»Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,« sagte er.
+
+»Sprich.«
+
+»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu
+unternehmen?«
+
+»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen
+werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«
+
+»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich,
+strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang
+nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht
+verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«
+
+»Das ist hart.«
+
+»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.«
+
+»Ich muß mich fügen.«
+
+»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich
+sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen.
+Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu
+sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich
+hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht
+geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«
+
+Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein,
+bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich
+fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge
+geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte
+auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten
+empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln
+befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El
+Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es
+mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner
+Thür ein leises Geräusch vernahm.
+
+Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen
+durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte
+gewesen.
+
+Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes
+leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine
+Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein
+Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen.
+Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so
+– – – aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines
+Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam,
+langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen
+harten Schlag – ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und
+doch nicht könne – ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es
+draußen halblaut:
+
+»Sihdi, komm; ich habe ihn!«
+
+Es war Halef.
+
+»Wen?« fragte ich.
+
+»Deinen Wächter.«
+
+»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«
+
+»Bist du an die Wand gebunden?«
+
+»Nein; hinaus zu dir kann ich.«
+
+»So komm, die Thür ist offen.«
+
+Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften
+Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den
+Händen den Hals zugeschnürt.
+
+»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«
+
+»Hier ist eins; warte!«
+
+Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen Händen das Messer hervor,
+nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln
+entzwei.
+
+»Geht es, Sihdi?«
+
+»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot
+ist!«
+
+»Sihdi, er hätte es verdient.«
+
+»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und
+legen ihn in meine Kammer.«
+
+»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.«
+
+»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das
+Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! – So – hier
+ist der Knebel – – hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden – –
+laß den Hals los und halte seine Beine – – – so, fertig. Nun hinein mit
+ihm!«
+
+Ich atmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt
+hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.
+
+»Was nun, Sihdi?« fragte er mich.
+
+»Wie kam das alles, jetzt?«
+
+»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«
+
+»Wenn sie dich entdeckt hätten!«
+
+»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen
+kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst
+nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem
+Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber,
+welcher dich bewacht, an deiner Thüre schlafen werde. Er haßt dich, und
+er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten
+müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin
+ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich
+das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«
+
+»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.«
+
+»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige
+weißt du, Sihdi.«
+
+»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«
+
+»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren
+Afijon[64] anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«
+
+ [64] Opium.
+
+»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als
+diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«
+
+Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten,
+darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen
+wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt
+hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft,
+der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen
+regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie
+schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden
+Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte
+frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung
+weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen
+Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht
+knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben
+und unten an Thür und Pfosten aufgenagelt war.
+
+Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als
+wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich
+mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden
+hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord
+des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen.
+Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.
+
+»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.
+
+»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir
+brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«
+
+»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns
+nicht.«
+
+»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das
+Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?«
+
+»Willst du ein Dieb werden? Nein!«
+
+»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir
+nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die
+Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu
+greifen?«
+
+»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und
+um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen.
+Unser Geld aber haben wir noch.«
+
+»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«
+
+»Hattest du viel?«
+
+»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler
+gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir
+nehmen, was mir gehört.«
+
+Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung
+hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser
+Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des
+geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem
+Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und
+überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder
+gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der
+Sandyk wird verschlossen sein.«
+
+Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:
+
+»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde
+dennoch öffnen.«
+
+»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so giebt es
+einen Krach, der uns verrät!«
+
+»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen
+können. Komm, wir wollen gehen!«
+
+Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß
+er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht
+gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem
+Versprechen:
+
+»Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!«
+
+»Ist es wahr, Sihdi?«
+
+»Ja.«
+
+»So laß uns gehen!«
+
+Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des
+Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein
+bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte.
+
+»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt.
+
+Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen
+Anlauf nehmen.
+
+»Paß auf, Sihdi!«
+
+Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten
+Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.
+
+»Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte
+Halef.
+
+»Wir gehen nach Dschidda.«
+
+»Weißt du den Weg?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder hast du eine Harjta[65], welche dir den Weg zeigt?«
+
+ [65] Landkarte.
+
+»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf
+hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die
+Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach
+den Waffen sehen.«
+
+Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns
+genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die
+hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls
+mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und
+sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber
+ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es giebt ganze Stämme,
+welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen
+bewaffnet sind.
+
+Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden
+war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie
+möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder
+kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam
+vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht
+mit Koloquinthen und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich
+beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging
+leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und
+unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung
+der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr, als
+wir die Minareh[66] einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer
+hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.
+
+ [66] Dieses Wort wird nach französischer Weise Minaret
+ geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was
+ aber falsch ist.
+
+»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef.
+
+Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie
+anzureden.
+
+»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«
+
+»Und was beginnen wir dort?«
+
+»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«
+
+»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen,
+begraben liegt?«
+
+»Ja.«
+
+»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig
+Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben
+liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«
+
+»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa,
+woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt
+Löweninsel; sie gehört jetzt den Christen, den Inglis, und ich selbst
+bin bereits zweimal dort gewesen.«
+
+Er blickte mich erstaunt an.
+
+»Aber unsere Talebs[67] sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die
+Insel Adams betreten will!«
+
+ [67] Gelehrten.
+
+»Bin ich gestorben?«
+
+»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben
+noch nicht hast.«
+
+»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß
+sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«
+
+»Ist das wahr?«
+
+»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.«
+
+»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«
+
+»Sie verstanden sie.«
+
+Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.
+
+»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?«
+
+»Würdest du mich mitnehmen?«
+
+»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten
+werden.«
+
+»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?«
+
+»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte
+es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«
+
+Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam
+gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.
+
+»Halef, du hast mich lieb?«
+
+»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«
+
+»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?«
+
+»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich
+du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben
+kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«
+
+»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«
+
+»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich
+das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah
+verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche
+mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«
+
+»Wie lange wirst du in Mekka sein?«
+
+»Sieben Tage.«
+
+»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch
+gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«
+
+»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?«
+
+»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine
+Bitte erfüllen?«
+
+»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun
+darf.«
+
+»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«
+
+»Ich gehorche.«
+
+»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.«
+
+»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«
+
+»Welche?«
+
+»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch[68] kaufen und viele Geschenke
+und Almosen geben – – –.«
+
+ [68] Wörtlich: »heiliges Zeug«.
+
+»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.«
+
+»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der
+Ungläubigen geprägt.«
+
+»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.«
+
+»Hast du Piaster?«
+
+»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf[69] holen.«
+
+ [69] Geldwechsler.
+
+»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen
+zu können?«
+
+»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts
+kosten.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich reite mit.«
+
+»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone.
+
+»Ja. Ist dies verboten?«
+
+»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du
+nicht.«
+
+»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?«
+
+»Das ist schön, Sihdi; das geht!«
+
+»So sind wir also einig!«
+
+»Und wohin gehst du dann?«
+
+»Zunächst nach Medaïhn Saliha.«
+
+»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der
+Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«
+
+»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man
+erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«
+
+»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg
+versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir
+sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel
+immer offen steht. Und wohin willst du dann?«
+
+»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und
+Bagdad.«
+
+»Und wirst mich mitnehmen?«
+
+»Ja.«
+
+Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine
+Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen
+arme Hadhesi[70] oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein
+zerlumpter Kerl rief mich an:
+
+ [70] Arbeiter.
+
+»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak – bist du gesund, Effendi, wie
+geht es dir, und wie ist dein Befinden?«
+
+Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu
+erwidern.
+
+»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist
+vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und
+wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«
+
+Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M’eschaleeh trug.
+Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht
+werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das
+Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines
+Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei
+Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist
+das M’eschaleeh.
+
+»Deine Worte sind Zahari[71]; sie duften wie die Benaht el
+Dschennet[72],« antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin
+zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir
+nützlich sein.«
+
+ [71] Blumen.
+
+ [72] Töchter des Paradieses, die Houris.
+
+»Welches Geschäft hast du?«
+
+»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri[73], und ich helfe
+ihnen.«
+
+ [73] Eseltreiber.
+
+»Hast du sie zu Hause?«
+
+»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?«
+
+»Was soll ich dir bezahlen?«
+
+»Wohin willst du reiten?«
+
+»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«
+
+Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu
+Fuße, das mußte ihm auffällig sein.
+
+»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet
+habe?«
+
+»Welche Brüder?«
+
+»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie
+du; die habe ich in den großen Khan geführt.«
+
+Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.
+
+»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane
+und in keinem Funduk[74], sondern in einem Privathause nehmen.«
+
+ [74] Gasthaus.
+
+»Ama di bacht – welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung
+finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«
+
+»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?«
+
+»Zwei Piaster.«
+
+Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.
+
+»Hole die Tiere.«
+
+Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter
+einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir
+beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.
+
+»Werden sie uns tragen können?«
+
+»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!«
+
+Das war übertrieben, jedoch mein Tier that nicht im mindesten, als ob
+ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es
+bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich
+im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.
+
+»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut,
+wermya-iz aktsche – halt, gebt Geld!«
+
+In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein
+viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte
+dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser
+Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine
+riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine
+große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.
+
+»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer.
+
+»Der Radschal el Bab[75]. Er nimmt die Steuer für den Großherrn ein.«
+
+ [75] Mann des Thores, Thorwärter.
+
+Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu
+machen, den Paß heraus.
+
+»Was willst du?«
+
+»Geld!«
+
+»Hier!«
+
+Ich hielt ihm das großherrliche Möhür[76] vor das Auge, welches nicht
+durch ein Glas geschützt war.
+
+ [76] Siegel.
+
+»Lutf, dschenabin – Verzeihung, Euer Gnaden!«
+
+Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich
+darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauerreste
+springen. Sie trug eine alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite,
+blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe
+eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere
+Radschal el Bab.
+
+»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer.
+
+»Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also
+beleidigt und fürchtet deine Rache.«
+
+Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines
+Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier
+große, vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.
+
+»Hier ist es!«
+
+»Wem gehört das Haus?«
+
+»Dem Dschewahirdschi[77] Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«
+
+ [77] Juwelier.
+
+»Wird er zu Hause sein?«
+
+»Ja.«
+
+»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!«
+
+Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und
+ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem
+Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand.
+Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus
+zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich
+mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine
+sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür
+wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen
+mir Halef gegeben hatte.
+
+Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.
+
+Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie
+ihren Namen – Dschidda heißt »die Reiche« – nicht ganz mit Unrecht
+führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben,
+welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem
+Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die
+Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab
+el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von
+zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften,
+in die Nysf[78] von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht
+sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist
+es, daß es hier sehr viele Häuser giebt, welche nach außen hin Fenster
+haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und
+haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der
+ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele
+Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler
+aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier,
+Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen:
+– alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen
+begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften
+Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute,
+welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.
+
+ [78] Hälften.
+
+Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt,
+befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter
+gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische
+Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.
+
+Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den
+größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern
+Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu
+verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte,
+würde bald selbst ein Bettler sein. Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem
+Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit
+nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um
+mich wurde. Da plötzlich – ist’s möglich oder nicht? erklang es vom
+Wasser her:
+
+ »Jetzt geh’ i zum Soala
+ Und kaf ma an Strick,
+ Bind ’s Diandl am Buckl,
+ Trog’s überall mit.«
+
+Ein »G’sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und
+sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein
+Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als
+einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht
+in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er
+hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über
+diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein
+gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche
+stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor,
+welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um
+die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen,
+dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.
+
+Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen
+geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich
+zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch
+besser nach rechts herum und sang:
+
+ »Und der Türk und der Ruß,
+ Die zwoa gehn mi nix o’,
+ Wann i no mit der Gret’l
+ Koan Kriegshandl ho’!«
+
+Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der
+Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede
+überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.
+
+»Türkü tschaghyr-durmak – sing weiter!« rief ich hinüber.
+
+Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort
+nochmals hören:
+
+ »Zwischen deiner und meiner
+ Is a weite Gass’n;
+ Bua, wennst mi nöt magst,
+ Kannst es bleiben lass’n!«
+
+Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:
+
+ »Zwischen deiner und meiner
+ Is a enge Gass’n;
+ Bua, wennst mi gern magst,
+ Kannst herrudern lass’n!«
+
+Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den
+Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft;
+dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff
+in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.
+
+Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein
+wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.
+
+»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.
+
+»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«
+
+»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen
+wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«
+
+»Ein Schriftsteller. Und Sie?«
+
+»Ein – ein – – – ein – – hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch,
+Privatsekretär, #bookkeeper#[79], Ehemann, #merchant#[80], Witwer,
+Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«
+
+ [79] Buchhalter.
+
+ [80] Kaufmann.
+
+Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich
+lachen mußte.
+
+»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«
+
+»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders
+besinne. Und Sie?«
+
+»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie
+hier in Dschidda?«
+
+»Nichts. Und Sie?«
+
+»Nichts. Wollen wir einander helfen?«
+
+»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«
+
+»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«
+
+»Ja, schon seit vier Tagen.«
+
+»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«
+
+»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«
+
+»Freilich! Für wann?«
+
+»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«
+
+Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten
+wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen
+ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er
+trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die
+Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen
+einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über
+welches eine lange Matte ausgebreitet war.
+
+»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«
+
+Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das
+Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen
+Koffer öffnete, der in demselben stand.
+
+»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht
+schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«
+
+Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:
+
+»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine
+gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier
+zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken – jeder einen. Da
+noch ein Rest englisches Weizenbrot – ein bißchen altbacken, geht aber
+noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst –
+riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist
+echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser;
+ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in
+dieser Büchse – – schnupfen Sie?«
+
+»Leider nein.«
+
+»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«
+
+»Gern.«
+
+»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir – Sie zehne und ich
+eine.«
+
+»Oder umgekehrt!«
+
+»Geht nicht.«
+
+»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«
+
+»Raten Sie!«
+
+»Zeigen Sie einmal her!«
+
+Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.
+
+»Käse!«
+
+»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben
+Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«
+
+Wir aßen mit Lust.
+
+»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind
+in Triest geboren?«
+
+»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein
+Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt
+es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich
+bekam eine Stiefmutter; na – Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt.
+Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer
+Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach
+Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach
+Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«
+
+»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«
+
+»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber
+hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer
+Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von
+wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich
+krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein
+tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte
+mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem
+Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine
+Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt
+sehnte ich mich nach der Heimat zurück – – –«
+
+»Zu Ihrem Vater?«
+
+»Auch er lebt nicht mehr, hat aber – Gott sei Dank! – keine Not
+gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben.
+Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«
+
+Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl
+nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der
+grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden
+ist.
+
+»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«
+
+»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«
+
+»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«
+
+»Freilich,« lachte er. »Und nun – pressant sind meine Angelegenheiten
+nicht; ich bin mein eigener Herr – was thut es, wenn ich mir das rote
+Meer besehe? Sie thun es ja auch!«
+
+»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«
+
+»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt,
+einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«
+
+»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht – wir sind ja
+trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«
+
+»Wie lange werden Sie hier bleiben?«
+
+»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn
+warten müssen.«
+
+»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«
+
+»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren
+müssen.«
+
+»Wie so?«
+
+»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«
+
+»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«
+
+»Allerdings. Aber, kennt man mich?«
+
+»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«
+
+»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«
+
+»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«
+
+»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger
+sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den
+vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und
+seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen
+unsern heiligen Glauben sein.«
+
+»Sie würden innerlich doch anders denken!«
+
+»Das macht die Schuld nicht geringer.«
+
+»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«
+
+»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der
+Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß
+ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich
+möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag,
+auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den
+Pilger spielt.«
+
+»Wohl nicht.«
+
+»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«
+
+»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber
+werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«
+
+»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn
+Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden.
+Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden
+brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab,
+durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das
+Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für
+einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«
+
+ [81] Kamelart.
+
+»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe
+gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran
+darf.«
+
+»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur
+englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen
+elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten
+einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten
+haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt
+nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«
+
+Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt
+wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte
+diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und
+erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort
+gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.
+
+»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich.
+
+»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?«
+
+»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«
+
+»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?«
+
+»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger
+beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.«
+
+»Du kannst abreisen, sobald du willst.«
+
+Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu
+führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen.
+Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber
+den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten
+ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit
+ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie
+in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den
+Scheidebrief zu geben.
+
+Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme
+sagen:
+
+»Ist dein Herr zu Hause?«
+
+»Dehm arably – sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch
+gesprochene Frage.
+
+»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit
+einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich
+selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.«
+
+Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:
+
+ »Juchheirassasa!
+ Und wenn d’willst, will i a,
+ Und wenn d’willst, so mach auf,
+ Denn desweg’n bin i da!«
+
+Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen.
+Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich
+nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören.
+Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:
+
+ »Soldat bin i gern
+ Und da kenn’ i mi aus,
+ Doch steh i nit gern Schildwach
+ In fremder Leut Haus.«
+
+Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:
+
+ »Und a frischa Bua bin i,
+ D’rum laß dir ’mal sag’n:
+ Wenn d’nit glei itzt aufmachst,
+ Thua i’s Thürerl zerschlag’n!«
+
+Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also
+und öffnete ihm die Thür.
+
+»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären
+schon nach Mekka abgegangen.«
+
+»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«
+
+»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«
+
+»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft?
+Thut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit
+Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre
+Speisenkarte zeigte.«
+
+»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«
+
+»Sprechen Sie!«
+
+»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß
+Sie Reiter sind.«
+
+»Ich reite allerdings ein wenig.«
+
+»Nur Pferd oder auch Kamel?«
+
+»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«
+
+»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich
+heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi[82] giebt, bei dem
+man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen
+zu können – – –«
+
+ [82] Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.
+
+»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?«
+
+»Das ist es!«
+
+»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen –«
+
+»Thut nichts.«
+
+»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.«
+
+»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf
+einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu
+begleiten?«
+
+»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?«
+
+»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«
+
+»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?«
+
+»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?«
+
+»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen
+kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«
+
+»So geht er mit.«
+
+»Wann soll ich kommen?«
+
+»In einer Stunde.«
+
+»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das
+Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht
+ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen
+sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich
+klingenden Namen ›Bit‹ bezeichnet.«
+
+»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«
+
+»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«
+
+»Allerdings.«
+
+»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch
+das deutsche Wort ›Lob‹.«
+
+»Ah! Ist es gar so arg?«
+
+»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit
+dem Worte ›Bergleute‹ bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach
+unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten
+der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu thun. Ein Glück ist es
+nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister
+besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu
+überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach
+dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi[83]
+in seinem Ofen ausbrennen wird.«
+
+ [83] Ein Para hat acht Borbi.
+
+»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«
+
+»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen,
+da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«
+
+»Sie?«
+
+»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem
+ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und
+kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«
+
+»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«
+
+»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich
+mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.«
+
+»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«
+
+»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß
+das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe.
+Vor nun wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten,
+welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von
+Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen,
+ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich
+widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die
+Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise
+ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillet wird sehr
+zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen
+sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das
+Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch
+reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder
+Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen
+Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur
+Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien
+eine Woche lang zu besuchen, und – ich habe mich über den Mangel an
+Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die
+Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben
+diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei
+den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im
+wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren
+kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten,
+daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es
+auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um
+Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als #Commis-voyageurs#,
+Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler oder Kirmeßgäste; sie erleben
+ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der #Table d’hôte#, bei einer
+imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem #Scating-Ring#. Wollen
+wir wetten?«
+
+»Sie machen mich wirklich neugierig!«
+
+»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer,
+wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben
+und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am
+Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in
+Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht
+zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung,
+Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt,
+daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich
+herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die
+Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten.
+Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit
+der größten Hitze eine Quelle finden.«
+
+»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«
+
+»Ich halte es.«
+
+Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem
+Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische
+hinüberklingende Seelenstimmung.
+
+Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat,
+starrte derselbe in Waffen.
+
+»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas
+genießen?« fragte er mich.
+
+»Nein.«
+
+»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«
+
+»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit!
+Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar[84]. Dort finden wir
+Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«
+
+ [84] Zeltdorf.
+
+»Tschekir? Was ist das?«
+
+»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«
+
+»Fi!«
+
+»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken,
+Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für
+den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange
+Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«
+
+»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«
+
+»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine
+Decke?«
+
+»Hier.«
+
+»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?«
+
+»Für den ganzen Tag.«
+
+»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«
+
+»Ohne Begleitung.«
+
+»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür
+aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«
+
+Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne
+sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war. In seinem Hofe
+standen drei Kamele, über welche man hätte weinen mögen.
+
+»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn.
+
+»Dort!«
+
+»Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied.
+
+»Öffne die Thür!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«
+
+»Es sind solche darin.«
+
+»Zeige sie mir!«
+
+Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich
+einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der
+schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie.
+
+»Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin[85] für die drei Kamele,
+welche du uns gesattelt hast?«
+
+ [85] »Hoheit«.
+
+»Fünf Mahbubzechinen[86] für alle drei.«
+
+ [86] à 5 Mark, in Summa also 25 Mark.
+
+»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden
+Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre
+Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und
+ihre Höcker – ah Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine
+weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß
+sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau
+her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns
+andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!«
+
+Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.
+
+»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?«
+
+»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Großherrn? Soll ich ihm
+erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode
+schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und
+das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!«
+
+Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser
+Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu
+leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem
+Sattelzeug vor uns auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef:
+
+»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«
+
+Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte,
+auf die zusammengezogenen Vorderbeine.
+
+»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die
+Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann
+erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße
+müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich
+zu machen suchen.«
+
+»Ich will es versuchen.«
+
+Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem
+ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute
+Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn
+fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die
+Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz
+regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter
+in den Sand.
+
+»Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er
+sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber
+hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!«
+
+»Rrree!«
+
+Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang,
+obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem
+Verleiher noch einen Verweis geben:
+
+»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Und auch lenken?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein
+Metrek[87] dazu gehört!«
+
+ [87] Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen.
+
+»Verzeihe, Herr!«
+
+Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg
+auch ich auf.
+
+Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen
+wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten.
+Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter
+Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz
+bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.
+
+»Wohin?« fragte ich Albani.
+
+»Das überlasse ich Ihnen.«
+
+»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«
+
+Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine
+Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen
+und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort
+ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und
+Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne
+einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte
+des Hedschas erstreckt.
+
+Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber
+fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre
+gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die
+eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen,
+auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten
+Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch
+eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte;
+er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange,
+arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug
+klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine,
+schnalzte mit den Fingern und sang:
+
+ »Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,
+ Mei Sabel macht mir halt Müh,
+ Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt,
+ Das Kamel is ein sakrisch Vieh!«
+
+Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase: es stieg
+empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter
+mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun
+war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und
+die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände
+als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das
+Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.
+
+»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am
+Sattel fest!« rief ich ihm zu.
+
+»Hat sich sein – – hopp! – – hat sich sein – – öh, brrr, ah! – hat
+sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei– – – hopp, au! – – gar
+keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver– – hoppsa, öh, brr! – Ihr
+verwünschtes Viehzeug an!«
+
+»Ich verkomme ja mit ihm!«
+
+»Ja, aber das mei– – oh, brrr, öh! – das meinige rennt ihm ja wie
+bes– – hüh, hoppah! – wie besessen nach!«
+
+»Halten Sie es an!«
+
+»Mit was denn?«
+
+»Mit dem Fuß und dem Zügel!«
+
+»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in – – hoppsa! – nicht in die
+Höhe, und den Zügel, den habe – – halt – öh, halt öh! – den habe ich
+nicht mehr!«
+
+»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.«
+
+»Aber ich habe gar kei– – – brrrr, oh! gar keinen Atem mehr!«
+
+»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«
+
+Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine
+Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite
+ritt.
+
+Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns,
+und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich
+nach und nach im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So
+hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen
+zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters
+auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem
+Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand
+förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir
+einander gegenüber.
+
+Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze
+seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert
+als unsere drei zusammen.
+
+»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die
+Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?«
+
+Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes;
+seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die
+Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus
+welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten – es war kein
+Mann, sondern eine Frau.
+
+»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?«
+
+»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach
+der Stadt zurückkehren.«
+
+Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu
+werden.
+
+»So wohnest du in der Stadt?«
+
+»Nein; ich bin fremd in derselben.«
+
+»Du bist ein Pilger?«
+
+Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen
+Muhammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir
+nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.
+
+»Nein; ich bin kein Hadschi.«
+
+»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu
+gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein
+Rechtgläubiger.«
+
+»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.«
+
+»Bist du ein Jude?«
+
+»Nein; ich bin ein Christ.«
+
+»Und diese beiden?«
+
+»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach
+Mekka gehen will.«
+
+Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.
+
+»Wo ist deine Heimat, Fremdling?«
+
+»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«
+
+»Hast du ein Weib?«
+
+Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen
+ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete:
+
+»Nein.«
+
+»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«
+
+»Ich bin sein Diener und sein Freund.«
+
+Da wandte sie sich wieder zu mir:
+
+»Sihdi, komm und folge mir!«
+
+»Wohin?«
+
+»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?«
+
+»Pah! Vorwärts!«
+
+Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße
+des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an
+ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.
+
+»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem
+Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«
+
+Albani sang statt der Antwort:
+
+ »Dös Dirndel ist sauba
+ Vom Fuaß bis zum Kopf,
+ Nur am Hals hat’s a Binkerl,
+ Dös hoaßt ma an Kropf.«
+
+Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der
+Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht
+gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie
+gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich
+an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg
+nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie
+sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen
+wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? – Sie war
+mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan;
+ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener
+Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so
+gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen,
+furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da
+solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu
+sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung
+gewährt ist.
+
+»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis
+hörte.
+
+»Die Sprache der Deutschen.«
+
+»So bist du ein Nemtsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«
+
+»Warum?«
+
+»Der tapferste Mann war der ›Sultan el Kebihr‹, und dennoch haben ihn
+die Nemtsche-schimakler[88], die Nemtsche-memleketler[89] und die
+Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf
+betrachtet?«
+
+ [88] Nördlichen Deutschen.
+
+ [89] Österreicher.
+
+Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege
+gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter
+sich.
+
+»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich
+bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie
+dich.«
+
+»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar
+seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?«
+
+»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«
+
+»Ich sehe, daß du sie kennst.«
+
+»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht
+bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?«
+
+»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«
+
+»Was sagt der Kuran dazu?«
+
+»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der
+Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk[90] und
+meinen Dscherid[91]. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?«
+
+ [90] Flinte.
+
+ [91] Wurfspieß.
+
+»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke
+ganz dasselbe, was du denkst.«
+
+»Glaubst du auch an deine Waffen?«
+
+»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz[92] der Christen.«
+
+ [92] Heiliges Buch.
+
+»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.«
+
+Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt
+ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr
+fort:
+
+»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?«
+
+Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer
+sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit
+seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich
+antwortete aber ausweichend:
+
+»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«
+
+»Wie viele Male hast du eine Intikam[93] gehabt?«
+
+ [93] Blutrache.
+
+»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er
+wird getötet durch das Gesetz.«
+
+»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?«
+
+»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr
+ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom ›Vater des Säbels‹; kennst du
+ihn?«
+
+»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?«
+
+»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«
+
+Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.
+
+»Gesehen? Wann?«
+
+»Vor noch nicht vielen Stunden.«
+
+»Und wo?«
+
+»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern
+entflohen.«
+
+»Wo ist sein Schiff?«
+
+Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte.
+
+»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«
+
+»Und er ist darauf?«
+
+»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«
+
+»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine
+große Botschaft zu verdanken. Komm!«
+
+Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger
+Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte
+sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug
+aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei
+Mekka wieder fand. In einer Thalmulde standen einige Zelte. Sie deutete
+mit der Hand auf dieselben und meinte:
+
+»Dort wohnen sie.«
+
+»Wer?«
+
+»Die Beni-küfr[94] vom Stamme der Ateïbeh.«
+
+ [94] Verfluchten.
+
+»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el
+Nobejat?«
+
+»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«
+
+Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am
+Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem
+Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte
+hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr
+kriegerisches Aussehen.
+
+»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.
+
+Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein
+Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.
+
+»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«
+
+»Zum Stamme Ateïbeh.«
+
+»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser
+Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind
+die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will
+das Weib von uns?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich
+traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«
+
+»Woran erkennst du dies?«
+
+»Weißt du nicht, daß alle Bedawis[95], welche in der Gegend von Mekka
+wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem
+Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und
+sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an
+ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind
+verflucht.«
+
+ [95] Beduinen.
+
+»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«
+
+»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«
+
+Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen,
+worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von
+ehrwürdigem Aussehen.
+
+»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr
+sollt unsere Gäste sein.«
+
+Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei
+Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort
+Misafir[96] ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen
+schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte
+geführt, wo wir uns auf dem Serir[97] niederließen und mit einem
+frugalen Mahle bewirtet wurden.
+
+ [96] Gast.
+
+ [97] Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.
+
+Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein
+Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der
+wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.
+
+Daß wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute
+keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man
+nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist
+der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus
+gediegenem, schön ciseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch
+versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des
+Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem
+Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite
+Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich,
+nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste
+Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten
+Kokosschale, in welcher der Kopf und – statt des Schlauches – ein Rohr
+befestigt wird.
+
+Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt
+hatte, führte das Wort:
+
+»Ich bin der Scheik el Urdi[98] und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die
+Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich
+dennoch nach einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?«
+
+ [98] Gebieter des Lagers.
+
+»Ich erlaube es.«
+
+»Du gehörst zu den Neßarah?«
+
+»Ja, ich bin ein Christ.«
+
+»Was thust du hier im Lande der Gläubigen?«
+
+»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«
+
+Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.
+
+»Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du dann?«
+
+»Ich kehre in meine Heimat zurück.«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind
+unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest.
+Ist dieser Mann dein Diener?«
+
+Er deutete dabei auf Halef.
+
+»Er ist mein Diener und mein Freund.«
+
+»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek[99] gesprochen; sie
+sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu
+werden.«
+
+ [99] Tochter des Scheik Malek.
+
+»Sie hat dir das Rechte gesagt.«
+
+»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt
+du, was ein Delyl ist?«
+
+»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die
+heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«
+
+»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es
+ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun
+eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt
+sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach
+Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib[100] erfüllt; wenn dies geschehen
+ist, giebt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für
+seine Mühe bezahlt.«
+
+ [100] Unerläßliche und erforderliche Handlungen.
+
+»Auch dies weiß ich.«
+
+Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten
+leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in
+Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden
+Übergang bat er:
+
+»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«
+
+Das war überraschend.
+
+»Wozu?« fragte ich ihn.
+
+»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.«
+
+»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls
+von der Behörde eingesetzt werden.«
+
+»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der
+Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«
+
+»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern,
+wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du
+mußt dich an ihn selbst wenden.«
+
+Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu
+beobachten. Er war ganz verdutzt.
+
+»Willst du es thun?« fragte ihn der Alte.
+
+»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«
+
+Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:
+
+»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön
+oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der
+Hadsch doch wieder freigeben.«
+
+»Sind die Benaht el Arab[101] wie die Töchter der Türken, welche sich
+nicht sehen lassen dürfen?«
+
+ [101] Töchter der Araber.
+
+»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du
+sollst das Mädchen sehen.«
+
+Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ
+das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen
+Ähnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter
+desselben sei.
+
+»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.
+
+Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die
+vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene
+dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.
+
+»Wie heißest du?« fragte er sie.
+
+»Hanneh[102],« antwortete sie.
+
+ [102] Anna.
+
+»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar[103]; deine Wangen leuchten wie
+Zahari[104]; deine Lippen glühen wie Römmahm[105], und deine Wimpern
+sind schattig wie die Blätter von el Szemt[106]. Mein Name lautet Halef
+Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich
+kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.«
+
+ [103] Licht des Mondes.
+
+ [104] Blumen.
+
+ [105] Granatäpfel.
+
+ [106] Akazie.
+
+Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el
+Kamar, sondern wie Nur esch Schemms[107]; seine Sprache trieb poetische
+Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die
+Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und
+Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der
+Ehe.
+
+ [107] Sonnenlicht.
+
+Das Mädchen entfernte sich wieder und der Scheik fragte ihn:
+
+»Wie lautet dein Entschluß?«
+
+»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch
+erfüllen.«
+
+»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis giebt.«
+
+»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses
+Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl
+sucht?«
+
+»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?«
+
+»Den Gouverneur von Mekka?«
+
+»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt,
+stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«
+
+»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche
+nicht den Schutz eines Türken.«
+
+»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha
+ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka,
+wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen
+ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein
+Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar
+der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda.
+Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?«
+
+»Ich habe ihn gesehen.«
+
+»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«
+
+»Nicht möglich!«
+
+»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten, oder ihn leben
+zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein
+Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in
+Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar[108] zu
+schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu
+sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit
+zurück. Du hast beide gesehen: mit meiner Tochter bist du angekommen,
+und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn,
+um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im
+Seraj[109] des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn
+entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal
+sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach
+Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht
+weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner
+Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte
+mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist.
+Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um
+draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine
+Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die
+Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen
+die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten.
+Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des
+Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden
+uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von
+Abu-Seïf gewesen?«
+
+ [108] Zeltdorf.
+
+ [109] Palast.
+
+»Ja.«
+
+»Erzähle es!«
+
+Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.
+
+»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«
+
+»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«
+
+»Willst du uns hinführen?«
+
+»Ihr werdet die Dscheheïne töten?«
+
+»Ja.«
+
+»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.«
+
+»Du darfst dich nicht rächen?«
+
+»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu
+lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr
+seid keine Richter.«
+
+»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden
+den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast
+mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe
+entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen
+willst.«
+
+»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener
+noch einmal zu sein.«
+
+»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«
+
+»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an
+meiner Stelle.
+
+»Du kannst morgen gehen.«
+
+»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so
+weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann
+zurückbringen.«
+
+Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:
+
+»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?«
+
+Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.
+
+»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,«
+antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich
+hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma[110] schließen.«
+
+ [110] Verheiratung.
+
+»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte
+abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.«
+
+»So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf
+ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du
+reiten?«
+
+»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder
+mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen
+für den Abschluß der Verheiratung?«
+
+»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik
+meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber
+ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den
+Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch[111] habe ich.«
+
+ [111] Petschaft und Wachs.
+
+In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine
+Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf
+Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß
+er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem
+Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher,
+sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen
+den Weg förmlich hinter sich.
+
+Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.
+
+»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?«
+
+»Was?«
+
+»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es
+erraten?«
+
+»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.«
+
+Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach
+einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der
+Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen,
+sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten
+Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr
+erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke
+nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu
+vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden
+lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt
+zurückkehrenden Boten sein.
+
+Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er
+sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort
+wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir
+gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz
+dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um
+dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden,
+aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer
+nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann,
+sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden verschwunden waren,
+einen Bogen schlagen. Während wir anderen unseren Weg fortsetzten,
+fragte er:
+
+»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der
+Stadt, wo du uns dann am Thore finden wirst?«
+
+»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du
+mit ihnen geredet hast.«
+
+»Es sind vielleicht Dscheheïne!«
+
+»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab;
+reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige
+Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda
+zurückzufliehen.«
+
+»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.«
+
+Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser
+hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen
+mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in
+gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie
+merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie
+mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der
+Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter
+Eile fort, waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor
+ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich
+gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns
+vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab
+eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so
+mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden,
+kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei
+Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder
+nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben
+beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte
+sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.
+
+»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik.
+
+»Von Dschidda,« antwortete der eine.
+
+»Wohin wollt ihr?«
+
+»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«
+
+»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!«
+
+»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen
+wir die Körbe.«
+
+»Von welchem Stamme seid ihr?«
+
+»Wir wohnen in der Stadt.«
+
+Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja
+wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre
+Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:
+
+»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr
+seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf.
+Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!«
+
+»Was geht es euch an, wer wir sind?«
+
+Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die
+Peitsche aus Halefs Hand.
+
+»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was
+diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen,
+das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige
+Fragen. Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten;
+thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art
+zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab
+sehen lassen könnt!«
+
+Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen
+Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.
+
+»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine.
+
+»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der
+Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken
+befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer
+nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren
+Tabandschab[112]. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser
+Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und
+antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«
+
+ [112] Pistolen.
+
+»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.
+
+»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo habt ihr ihn getroffen?«
+
+»In Mekka.«
+
+»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«
+
+»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.«
+
+»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«
+
+»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«
+
+»So bin ich jetzt mit euch fertig.«
+
+»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde
+sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.«
+
+»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten.
+Folge mir!«
+
+Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb
+noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu
+ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr
+unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf
+seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu
+bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße
+gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden,
+und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das
+Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.
+
+»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte
+Halef.
+
+»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was
+du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«
+
+»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«
+
+»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«
+
+»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen
+reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«
+
+»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«
+
+»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah
+möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes
+Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer
+Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – – die
+ist – – wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne
+am Himmel der Wüste.«
+
+»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich
+glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«
+
+»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin
+einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der
+Blumen trinkt.«
+
+Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun
+eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als
+die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte
+zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen
+sollten.
+
+»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen,
+bis du wieder kommst?«
+
+»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so
+lang ist, wie deine Lanze.«
+
+»Und das Tirscheh oder Kiahat[113] wirst du nicht vergessen?«
+
+ [113] Pergament oder Papier.
+
+»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem[114] mitbringen.«
+
+ [114] Tinte und eine Feder.
+
+»Thue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!«
+
+Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten
+in die Stadt.
+
+»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani.
+
+»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag
+gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«
+
+»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht
+gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«
+
+»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging
+es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! – Sie wollen mit
+diesen Arabern gehen? – So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«
+
+»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen
+wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten
+Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für
+unmöglich halte.«
+
+Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen
+wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten,
+einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der
+weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner
+Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru,
+dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine
+Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir
+wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen,
+worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+In Mekka.
+
+
+Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die
+Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein
+schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter
+dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte
+ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der
+langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag.
+
+Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran.
+
+»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort
+einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?«
+
+»Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.«
+
+»Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki[115] ist das
+Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden
+soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.«
+
+ [115] Osten.
+
+»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle
+erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.«
+
+»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine
+Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein
+Adeschlik[116] verehre?«
+
+ [116] Feuerzeug.
+
+Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché
+gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen
+sehr großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose
+bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn
+zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen.
+
+»Gieb es ihr,« antwortete ich ernsthaft.
+
+»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch wiedergeben, wenn sie
+meine Frau nicht mehr ist?«
+
+»Sie wird es behalten.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen
+lassen! Was soll ich thun, Sihdi?«
+
+»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr etwas anderes!«
+
+»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen
+Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!«
+
+»So gieb ihr nichts.«
+
+Er schüttelte sehr besorgt den Kopf.
+
+»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend
+etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener
+ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?«
+
+Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und
+infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren.
+
+»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber
+ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine
+Jacke, noch meine Büchse schenken!«
+
+»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe
+tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in
+welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen
+würden?«
+
+»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen,
+wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?«
+
+»Du mußt es wieder fordern!«
+
+»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige
+Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und
+sehen, ob ich etwas für dich finde.«
+
+Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.
+
+»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen
+hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohlthätigkeit
+länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines
+Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan.
+Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter
+die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein,
+wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und
+die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!«
+
+Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine
+Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen,
+Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches
+er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz
+vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der
+Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt
+beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen
+lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen
+weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch
+Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht
+viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert
+besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten
+Seltenheiten gehörten.
+
+Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich
+hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte,
+öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen
+Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz
+auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe
+mit künstlichen Schildkröten und hing an einer Kette von Glasfacetten,
+die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der
+Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich
+zeigte ihn Halef.
+
+Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen
+möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa
+Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal
+gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir
+dienen!«
+
+»Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.«
+
+»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?«
+
+»Bei meinem Barte!«
+
+»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen,
+so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!«
+
+Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen,
+legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu
+betrachten.
+
+»Wallahi – billahi – tallahi – bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst
+du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht
+die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit
+den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik – wehe, wenn er das
+Kästchen zertritt!«
+
+»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!«
+
+»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du
+täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen?
+Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ und auch kein Jude! Du bist der
+größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast
+den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan[117] gesperrt!
+Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern,
+und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über
+die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese
+Kette, Sihdi?«
+
+ [117] Gefängnis.
+
+»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.«
+
+»Ich – –?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im
+Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter
+allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich
+verschenken?«
+
+»Ja.«
+
+»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich
+werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.«
+
+»Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!«
+
+»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen
+gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen thatest?«
+
+»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich
+diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars[118] bei mir
+getragen.«
+
+ [118] Weite, türkische Hosen.
+
+»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels,
+den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich
+Hanneh die Kette geben?«
+
+»Sobald sie dein Weib geworden ist.«
+
+»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab[119], denn alle
+Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält.
+Darf ich auch die andern Schätze sehen?«
+
+ [119] Benat ist Plural von Bint, Tochter.
+
+Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und
+Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh
+versammelt.
+
+»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek.
+
+»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.«
+
+»Willst du den Vertrag schreiben?«
+
+»Wenn du es wünschest, ja.«
+
+»So können wir beginnen?«
+
+Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich
+einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen:
+
+»Wie lautet dein voller, ganzer Name?«
+
+»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah.«
+
+»Aus welchem Lande stammest du?«
+
+»Ich stamme aus dem Garbi[120], wo die Sonne hinter der großen Wüste
+untergeht.«
+
+ [120] Westen.
+
+»Zu welchem Stamme gehörst du?«
+
+»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit
+dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen
+Dschebel Schur-Schum.«
+
+Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich
+nun an den Scheik.
+
+»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter.
+Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el
+Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes
+der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim
+und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel
+reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund
+eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte
+aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar
+ist wie Seide, ihre Haut wie Öl, und ihre Tugenden sind rein und
+glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef
+Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!«
+
+Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:
+
+»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine
+Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen
+ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle;
+sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere
+hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein
+Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den
+Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu
+hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert
+gehalten – – warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er
+bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?«
+
+»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher.
+
+»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie
+um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf
+Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.«
+
+Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig
+Schafe, zehn Last- und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut
+und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen?
+Glücklicherweise fuhr der Scheik fort:
+
+»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen,
+zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen,
+daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und
+die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er
+morgen früh beim Fagr[121] eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei
+welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen
+Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als
+Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten.
+Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat
+er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts
+und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.«
+
+ [121] Gebet beim Aufgange der Sonne.
+
+Der Redeführer drehte sich zu Halef um:
+
+»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?«
+
+Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht
+paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch
+klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete:
+
+»Ich nehme diese Bedingungen an.«
+
+»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal,
+nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!«
+
+Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt
+die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen
+ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er
+und Halef unterzeichnet hatten.
+
+Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen
+Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um
+eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein
+Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über
+dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht
+geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war.
+
+Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und
+erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Überreste. Bei dieser
+Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob
+sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen.
+Die Scene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in
+dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre
+Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half
+nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil
+der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und
+Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht
+bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher
+Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die
+unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich
+ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals
+gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.
+
+Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu
+schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.
+
+»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute
+niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören.
+
+»Ja. Du hast es ja versprochen!«
+
+Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:
+
+»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?«
+
+»Nein.«
+
+»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!«
+
+»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es
+wieder herzugeben.«
+
+»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen
+soll!«
+
+»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein
+Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh
+behalten möchtest!«
+
+»Du hast es erraten.«
+
+»So willst du mich also verlassen?«
+
+»Dich, Sihdi – – –? Oh – – –!«
+
+Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.
+
+Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was
+ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war
+klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu
+mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst
+überlassen und schlief bald ein.
+
+Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel
+erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich
+bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot
+gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem
+Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende
+rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie
+und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks
+hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte
+ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß
+und meinte, nach der Feuerwolke deutend:
+
+»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir
+kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.«
+
+»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?«
+
+»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das
+Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen
+haben?«
+
+»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.«
+
+»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm
+gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich,
+daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das
+Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen
+Türken thun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer
+gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha
+von Ägypten, den Allah erschlagen wolle!«
+
+»Du hassest ihn?«
+
+»Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greuelthaten
+gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem
+Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr
+naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger
+bleiben.«
+
+»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?«
+
+»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße
+zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht
+entgehen.«
+
+»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?«
+
+»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?«
+
+»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein.
+Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann
+augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind
+deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka
+befindet.«
+
+»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh
+muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person,
+welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr
+vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon
+lange nach einem Delyl für sie umgesehen.«
+
+»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?«
+
+»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir
+vielleicht einen Boten nach El Frat[122] zu den Beni Schammar oder zu
+den Beni Obeïde, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.«
+
+ [122] Euphrat.
+
+Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont,
+und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten
+nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug
+setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich
+erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe
+angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Überfall mit einemmal zu
+wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine
+ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich
+war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange
+der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf
+machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich
+nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe
+Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene!
+Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich
+zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die
+Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen.
+Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich
+in Mekka gewesen sei – weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war
+mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein
+Überlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß,
+mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so
+oft gethan und war immer glücklich dabei gewesen.
+
+Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen
+Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir
+befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden
+eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis
+wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg
+zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und
+die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und
+mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann
+kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung.
+
+Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und
+machte die Runde um den Thalkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als
+ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne
+leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand
+ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen
+Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über
+welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter
+größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!
+
+Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um
+ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis
+ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten:
+
+»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was
+wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!«
+
+»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu
+bekommen.«
+
+»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest?
+Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du
+erhalten, was dir gebührt.«
+
+»Ich nehme nichts an!«
+
+»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde
+nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er
+dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug
+ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind,
+verbrennen und zerstören?«
+
+»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!«
+
+»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter,
+geben, obgleich auch er schon das seinige bekommen hat.«
+
+»Gebt es ihm!«
+
+Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und
+Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er
+ließ nicht ab – ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß
+er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe
+bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin,
+einen armen Araber glücklich zu machen.
+
+»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten,
+welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik.
+
+»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef.
+
+»Morgen zwischen früh und Mittag.«
+
+»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?«
+
+»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach
+seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram[123] zu gehen. Du reitest
+also nach dem Beith-Allah[124], lässest vor demselben die Kamele halten
+und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef[125], der
+dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und
+nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald
+du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat[126] mit den dabei
+vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte
+glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar[127] und ziehst die
+Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im
+Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der
+Hand zu behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher
+siebenmal wiederholt werden muß.«
+
+ [123] Die große Moschee.
+
+ [124] »Haus Gottes«; es ist gleichfalls die große Moschee
+ gemeint.
+
+ [125] Fremdenführer.
+
+ [126] Niederwerfungen.
+
+ [127] Kanzel, türkisch: Mimbar.
+
+»Nach welcher Seite?«
+
+»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten
+drei Gänge werden mit schnellen Schritten gethan.«
+
+»Warum?«
+
+»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet,
+daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu
+widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden
+Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen
+werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt.
+Zuletzt, wenn das Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Thür
+der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung
+aller deiner Sünden.«
+
+»Dann bin ich fertig?«
+
+»Nein. Du hast nun seitwärts zum El Madschem[128] zu gehen und vor dem
+Mekam-Ibrahim[129] zwei Rikat zu verrichten. Dann begiebst du dich zum
+heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel
+Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben,
+welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist
+ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.«
+
+ [128] Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher
+ Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die
+ Kaaba bauten.
+
+ [129] Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als
+ Fußgestell gedient haben soll.
+
+»Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt dann?«
+
+»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa
+stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das
+Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest
+Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert
+Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier
+steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua
+verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal
+zurück.«
+
+»Dann ist alles gethan?«
+
+»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah
+besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt
+von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und
+kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr
+thun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern
+anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten
+wieder bei uns sein.«
+
+Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber
+für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh
+bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte
+er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter
+war, und fragte:
+
+»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?«
+
+»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun, Halef?«
+
+»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles thue, was ich kann und darf.«
+
+»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen.
+Bringe auch mir eine Flasche mit!«
+
+»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich
+unmöglich thun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken.
+Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle
+retten!«
+
+Dieser Bescheid wurde mit so fester Überzeugung ausgesprochen, daß ich
+nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte
+er:
+
+»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?«
+
+»Das darf ich ja nicht!«
+
+»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.«
+
+»Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir schlafen.«
+
+Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von
+dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen
+komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich
+übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine
+Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda
+bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten
+aufgestellt.
+
+Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen
+ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er
+gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser
+Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein
+machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das
+Kamel besteigen wollte, und fragte:
+
+»Effendi, darf ich mit dir reiten?«
+
+»Du darfst.«
+
+Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die
+Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde
+mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu
+verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde
+zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich:
+
+»Folge mir, Effendi!«
+
+»Wohin?«
+
+»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.«
+
+Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und
+schaute unverwandt nach Süden.
+
+»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich
+führen, wohin du willst!«
+
+Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah
+mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und
+hielt endlich in einem engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf
+den Boden niedersetzte.
+
+»Setze dich zu mir und laß uns plaudern,« sagte sie.
+
+Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach.
+
+»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie
+die eigentümliche Unterhaltung.
+
+»Gewiß!« antwortete ich.
+
+»Ich auch,« bemerkte sie ruhig.
+
+»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erste Mal, daß ein
+muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach.
+
+»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.«
+
+»Woher weißt du es?«
+
+»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das
+Paradies; dort lebten alle Geschöpfe bei einander, ohne sich ein Leides
+zu thun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion
+die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der
+Christen.«
+
+»Kennst du sie?«
+
+»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß
+ihr betet zu Gott: ›Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz
+günahler[130]‹ – Ist dies richtig?«
+
+ [130] Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden
+ vergessen.
+
+»Ja.«
+
+»Und daß in eurem Kuran steht: ›Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim
+durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.‹[131] – Sage mir, ob das
+auch richtig ist!«
+
+ [131] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist
+ in Gott und Gott in ihm.
+
+»Auch das ist richtig.«
+
+»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau
+rauben?«
+
+»Nein. Wenn er es thäte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.«
+
+»Siehst du, daß eure Religion besser ist, als unsere? Bei euch hätte
+Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst
+du die Geschichte dieses Landes?«
+
+»Ja.«
+
+»So weißt du auch, wie die Türken und Ägypter gegen uns gewütet haben,
+trotzdem wir _eines_ Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet
+und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt,
+verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die
+Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse
+diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.«
+
+»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit – –«
+
+»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken,
+aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich thue:
+ich werde mich rächen – rächen an allen, die mich beleidigt haben.«
+
+»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?«
+
+»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die
+heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?«
+
+»Sage es!«
+
+»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?«
+
+»Wer sagt dir das?«
+
+»Ich selbst. Antworte mir!«
+
+»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.«
+
+»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich
+deshalb an diesen Ort geführt. – Würdest du die Gebräuche mitmachen,
+wenn du in Mekka wärest?«
+
+»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.«
+
+»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust recht daran. Gehe
+nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!«
+
+War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß
+sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen
+ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können – freilich
+nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies
+unmöglich.
+
+»Wo liegt Mekka?« fragte ich.
+
+»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Thale liegen.«
+
+»Warum soll ich gehen und nicht reiten?«
+
+»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich
+nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird
+ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen
+Spaziergang gemacht habest.«
+
+»Und du willst wirklich auf mich warten?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange?«
+
+»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.«
+
+»Das ist sehr kurz.«
+
+»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange
+verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba
+sehen; das ist genug.«
+
+Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte,
+mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete
+auf meine Waffen und schüttelte den Kopf.
+
+»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber
+solche Waffen? Laß deine Flinte hier und nimm die meinige dafür.«
+
+Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte
+wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher
+vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den
+Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer
+halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Thal
+hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs
+einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile
+der Stadt.
+
+Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu
+Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen
+mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht
+dröhnen hört.
+
+Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee
+gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen
+ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem
+Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem
+großen Rechteck, welches der Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um
+dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und
+Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte
+zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die
+Breite. Da ich mir das Äußere erst nachher betrachten wollte, trat ich
+durch eines der Thore ein. In demselben saß ein Mekkaui[132], welcher
+mit kupfernen Flaschen handelte.
+
+ [132] Bewohner von Mekka.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche
+Kuleh?«
+
+»Zwei Piaster.«
+
+»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise
+sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.«
+
+Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch.
+Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun
+betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der
+Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua[133] vollständig bekleidet
+war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben
+gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben
+der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere
+Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich
+durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer- und Sänftenträger rannten mit
+ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den
+Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei
+einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein
+Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen
+zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer
+kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um
+bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen,
+als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche
+füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam.
+Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu
+mir. Jetzt drehte ich mich um und – stand keine zehn Schritt von
+Abu-Seïf.
+
+ [133] Schwarzseidener Stoff.
+
+Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir
+dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und
+beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen,
+strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren
+das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es
+war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet.
+
+Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn
+schon hörte ich hinter mir den Ruf:
+
+»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!«
+
+Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich
+hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse
+eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln
+einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen
+gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber,
+sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor
+dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den
+Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den
+Revolver in der Hand. Aber – wird das Tier gehorchen?«
+
+»E – o – ah! – E – o – ah!«
+
+Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei
+Rucken, und windschnell ging’s nun dahin. Schüsse krachten hinter mir –
+nur vorwärts, vorwärts!
+
+Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so
+oft findet, so war ich unbedingt verloren.
+
+In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und
+erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe
+des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche
+mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten
+Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen.
+
+Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch
+verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier
+durch unaufhörliche Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich.
+Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich
+mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig
+nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen,
+welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte.
+
+Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß
+ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies
+ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und
+nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter.
+
+»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an.
+
+»Abu-Seïf.«
+
+»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?«
+
+»Er ist mir ziemlich nahe.«
+
+»Und viele andere?«
+
+»Sie kommen zu spät.«
+
+»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Thal.«
+
+»Warum?«
+
+»Du sollst es sehen.«
+
+»Ich muß erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!«
+
+Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die
+Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt
+erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich
+bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich
+ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er
+nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne
+erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung
+herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da
+gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter
+mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine
+Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen:
+Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht
+mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie,
+wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten.
+
+Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern
+Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten,
+daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen
+Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche
+dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte
+ich mein Dschemmel immer mehr.
+
+So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die
+offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es
+so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand.
+Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber
+zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen
+Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn
+er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf
+weit überlegen.
+
+Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern
+in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß
+dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen
+überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es
+möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so
+aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er
+hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau
+ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich
+mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob
+er Schwalben fangen wolle.
+
+Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger
+war im Bereich meiner Stimme.
+
+»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine
+Kugel!«
+
+»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und
+nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!«
+
+Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu
+schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug
+sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und
+dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten
+werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er that
+nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf
+ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit
+geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht.
+
+»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib.
+
+»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er
+das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.«
+
+Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt
+hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren
+Handschar.
+
+»Was willst du thun?«
+
+»Mir seinen Kopf nehmen.«
+
+»Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.«
+
+»Mein Recht ist älter!«
+
+»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.«
+
+»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?«
+
+»Was thust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach
+hier liegen lasse?«
+
+»So giebst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.«
+
+»Ich gebe es nicht auf.«
+
+»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm
+geschieht.«
+
+Jetzt kam auch Halef herbei.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du gethan?«
+
+»Wie kommst du an diesen Ort?«
+
+»Ich bin dir nachgeeilt!«
+
+»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!«
+
+»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner
+Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen und ging zu
+einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei
+mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das
+beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte,
+erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus
+und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei.
+Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick
+später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu
+deiner Verfolgung zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses
+Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen
+und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das
+Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu
+fangen. Die anderen blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das
+Dschemmel.«
+
+»Es ist nicht dein.«
+
+»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter
+uns; wir können nicht hier bleiben. Was thun wir mit diesem Vater des
+Säbels und des Betruges?«
+
+»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl
+wieder zu sich kommen.«
+
+»Und wohin fliehen wir?«
+
+»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef;
+denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns
+nicht mehr im Lager angetroffen hättest.«
+
+»Du meinst die Höhle Atafrah?«
+
+»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der
+Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft
+mir den Gefangenen binden.«
+
+Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen,
+welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte.
+Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann
+stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu.
+
+So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich
+Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der
+Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später.
+
+Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden.
+
+»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die
+heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!«
+
+»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?«
+
+»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.«
+
+»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!«
+
+»Du warst beim heiligen Brunnen?«
+
+»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren
+Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in
+die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und
+folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du
+dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?«
+
+Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage;
+aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische
+Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht
+ein, seine Anschauung zu widerlegen.
+
+Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein
+Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder
+wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und
+so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis
+wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen
+war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen
+mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten,
+der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte.
+
+»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können
+hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.«
+
+»Wir bleiben hier?« fragte ich.
+
+»Ja, bis der Scheik kommt.«
+
+»Wird er kommen?«
+
+»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand
+von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu
+suchen. Steigt ab und folget mir!«
+
+Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen
+Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen
+gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte
+folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum,
+der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer
+Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde
+angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in
+Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen
+Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im
+grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die
+Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden,
+dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können.
+
+Übrigens aber brauchten wir keine große Sorge zu haben, entdeckt zu
+werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt,
+daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten.
+
+Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche
+meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht
+unbedeutende Summe.
+
+Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen
+waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich
+mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die
+Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein
+sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus
+und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in
+ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus.
+
+»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der
+Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden
+seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen,
+daß ich euch hier angetroffen habe.«
+
+»Wen vermutest du außer mir noch hier?«
+
+»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch
+Abu-Seïf, den Gefangenen.«
+
+»Wie kannst du diese alle hier erwarten?«
+
+»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden
+Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und
+geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich
+sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast.
+Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das
+erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn
+also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die anderen aber
+nicht.«
+
+»Wann kommt der Scheik?«
+
+»Vielleicht noch vor einer Stunde.«
+
+»So komm herein.«
+
+Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum
+Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor
+der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte
+erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage
+war:
+
+»Hast du den Dscheheïne gefangen?«
+
+»Ja.«
+
+»Er ist hier?«
+
+»Unverletzt und gesund.«
+
+»So werden wir über ihn richten!«
+
+Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das
+Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante
+Unterredung.
+
+»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er.
+
+»Sprich!«
+
+»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh
+niedergeschrieben hast?«
+
+»Alles.«
+
+»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?«
+
+»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.«
+
+»Aber ich habe sie noch nicht beendet!«
+
+»Was fehlt noch?«
+
+»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell
+gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir
+eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina
+gehört.«
+
+»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?«
+
+»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es – sie hat es mir selbst gesagt!«
+
+»Und du liebst sie wieder?«
+
+»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen
+und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und
+also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.«
+
+»Aber was wird der Scheik sagen?«
+
+»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!«
+
+»Weitere Sorge hast du nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Und ich? Was werde ich dazu sagen?«
+
+»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich
+dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.«
+
+»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!«
+
+»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich
+zurückkehren kann.«
+
+»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr
+euch einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes thun, sie
+behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie
+nicht wieder abzutreten brauchst.«
+
+»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie
+weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
+Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt
+gehen!«
+
+Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen.
+Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf
+getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu
+nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.
+
+»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an
+diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn
+uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?«
+
+»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an
+Abu-Seïf zu nehmen.«
+
+»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!«
+
+Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei.
+
+»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!«
+
+Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.
+
+»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir
+da mit ihm reden? Er weiß, was er gethan hat, und wir wissen es auch;
+was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er
+sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen.
+Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.«
+
+Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde
+aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den
+letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene,
+schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu.
+Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um
+ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte
+große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als
+den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe
+zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall,
+so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen.
+
+Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der
+alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben.
+
+»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu
+bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?«
+
+»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die
+Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder
+ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.«
+
+Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen
+sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber
+kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut
+zitterten. Ein kurzer Meinungstausch ergab, daß ihn niemand gesehen
+hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur
+stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der
+Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.
+
+»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unsern Versteck verraten.
+Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unseren Tieren noch einen Versuch
+machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so
+ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.«
+
+»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter.
+
+Die anderen stimmten bei.
+
+»Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt
+– tot oder lebendig – der wird eine große Belohnung bekommen.«
+
+Da trat Halef vor und sprach: »Den Preis habe ich bereits verdient.
+Draußen liegt tot der Vater des Säbels.«
+
+»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik.
+
+»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im
+Auffinden aller Arten des Makam[134]; er hat mich gelehrt, die Spuren
+im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat
+mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen.
+Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah
+ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach
+rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er
+so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu
+verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab
+einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz.
+Seinen Körper werde ich euch zeigen.«
+
+ [134] Fußspur.
+
+Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den
+toten Abu-Seïf zu sehen.
+
+Bald kehrten sie jubelnd zurück.
+
+»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern
+kleinen Halef.
+
+»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht
+wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter
+die Deinen auf.«
+
+»Ein Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?«
+
+»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?«
+
+»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.«
+
+»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der
+Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines
+Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast
+du Verwandte hier in der Nähe?«
+
+»Nein.«
+
+»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?«
+
+»Nein.«
+
+»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?«
+
+»Ein Anhänger der Sunna.«
+
+»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.«
+
+»So berate auch über ein anderes noch mit!«
+
+»Worüber?«
+
+»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?«
+
+Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an.
+Dann begann ich meine Rede:
+
+»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie
+Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein
+Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und
+auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Thaten zu
+verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des
+Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem
+Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand
+diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er
+ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und
+schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts
+gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben
+die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum
+getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und
+haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres
+Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und
+was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge
+davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka
+geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich
+unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah
+ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von
+einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed
+Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi,
+der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht
+wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht
+gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher
+richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen
+und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein
+Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und
+ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm
+und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!«
+
+Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete:
+
+»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich
+euere Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist
+ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Thaten verrichtet,
+und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen.
+Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wessir, dessen Leben seinem
+Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre
+zu bereiten. Wir lieben dich und ihn – und wir werden unsere Stimmen
+vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich
+mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde
+ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein
+tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat.
+Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu
+feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist
+unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als
+wir. Sallam, Effendi!«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Am Tigris.
+
+
+»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen
+Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein
+jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über
+Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so
+dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der
+Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den
+Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn
+die Öde wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so
+sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie
+so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr
+vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« –
+
+An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser
+Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des _Tigris_
+legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine
+große, ungeheuere, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und
+Athen werden vom Strahle der Sonne erleuchtet, und die Denkmäler des
+einstigen Ägypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie
+reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem
+Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den
+beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über
+welche der Beduine achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, daß
+unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von
+Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im
+Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns
+eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht,
+damit wir uns einen Namen machen!« –? Sie haben Stadt und Turm gebaut,
+aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber
+die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in
+dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der
+Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von
+Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und
+von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. – –
+
+Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns
+bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte?
+
+Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es
+nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe
+von _Maskat_ verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein
+und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine
+befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen,
+bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte
+mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse
+Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der
+Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine
+Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang
+verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren
+Betrachtung vollständig würdig war:
+
+Ein hoher, grauer Cylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in
+Bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter,
+dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und
+lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum
+Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten,
+umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein
+graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter
+Rock und graukarrierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue
+Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann ein Instrument,
+welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine
+doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein
+zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor.
+
+»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer
+Sperlingsklapper glich.
+
+Er setzte sich auf ein Senïeh, welches eigentlich als Tisch dienen
+sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee,
+senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den
+Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.
+
+»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt.
+
+Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen Zug, blies den
+Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse.
+
+»Wermyn« – – er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen,
+und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er
+kurzweg: »Wermyn Roastbeef!«
+
+Der Kawehdschi verstand ihn nicht.
+
+»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn
+Fingern die Pantomime des Essens machte.
+
+»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Thüre
+verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen,
+viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer
+gebraten werden.
+
+Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit.
+
+»Araber?« fragte er.
+
+»#No.#«
+
+»Türke?«
+
+»#No.#«
+
+Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe.
+
+»Englishman?«
+
+»Nein. Ich bin ein Deutscher.«
+
+»Ein Deutscher? Was hier machen?«
+
+»Kaffee trinken!«
+
+»#Very well!# Was sein?«
+
+»Ich bin #writer#!«[135]
+
+ [135] Schreiber, Schriftsteller.
+
+»Ah! Was hier wollen in Maskat?«
+
+»Ansehen.«
+
+»Und dann weiter?«
+
+»Weiß noch nicht.«
+
+»Haben Geld?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie heißen?«
+
+Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die
+dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches
+die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch
+höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie
+Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde.
+Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte
+darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine
+Verbeugung zu machen.
+
+»#Welcome#, Sir; kenne Sie!«
+
+»Ah, mich?«
+
+»#Yes#, sehr!«
+
+»Darf ich fragen, woher?«
+
+»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London,
+Near-Street 47.«
+
+»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?«
+
+»Auf Reisen – hier oder dort – weiß nicht. Sie waren mit ihm auf
+Ceylon?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Elefanten gejagt?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann in See auf Girl-Robber?«
+
+»So ist es.«
+
+»Haben Zeit?«
+
+»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?«
+
+»Habe gelesen von Babylon – Niniveh – Ausgrabung – Teufelsanbeter. Will
+hin – auch ausgraben – Fowling-bull holen – britisches Museum schenken.
+Kann nicht Arabisch – will gern Jäger haben. Machen Sie mit – bezahle
+gut, sehr gut!«
+
+»Darf ich um Ihren Namen bitten?«
+
+»Lindsay, David Lindsay – Titel nicht, brauche nicht – Sir Lindsay
+sagen.«
+
+»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?«
+
+»#Yes.# Habe Dampfboot – fahre hinauf – steige aus – Dampfboot wartet,
+oder zurück nach Bagdad – kaufe Pferd und Kamel – reisen, jagen,
+ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie
+mitgehen?«
+
+»Ich bin am liebsten selbständig.«
+
+»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen – werde gut bezahlen,
+sehr fein bezahlen – nur mitgehen.«
+
+»Wer ist noch dabei?«
+
+»So viel, wie Sie wollen – aber lieber ich, Sie, zwei Diener.«
+
+»Wann fahren Sie ab?«
+
+»Übermorgen – morgen – heut – gleich!«
+
+Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich
+bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die
+Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu
+gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer
+lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß
+ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und
+alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit
+aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten
+Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen.
+Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle
+Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen
+begegnet, als er war.
+
+Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote
+mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen
+werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir, daß Halef mit noch einem
+Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern reisen werde,
+um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde
+mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.
+
+Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen
+war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters
+geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und
+Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an
+die Stelle, an welcher wir heute anlegten. – –
+
+Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und
+die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel
+bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem
+aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte
+aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht
+gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes
+bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad
+zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß,
+alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch
+auszuladen.
+
+»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn.
+
+»Warum?«
+
+»Weil wir es morgen bei Tageslicht thun könnten.«
+
+»Geht auch am Abend – bezahle gut!«
+
+»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.«
+
+»Giebt es hier Diebe – Räuber – Mörder?«
+
+»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!«
+
+»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten – haben Büchsen;
+jeder Spitzbube wird niedergeschossen!«
+
+Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir
+mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen
+ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote
+gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite
+und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war
+wunderschön. Vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und
+hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle
+des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf
+dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten
+des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An
+Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpfen sich die Erinnerungen an große
+Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen gleichen dem
+Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.
+
+Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte
+ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als
+sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines
+Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann
+dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein.
+
+Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme
+gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarrierten Anzuge, den er
+selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte.
+
+»Sir, wacht auf!«
+
+Ich sprang auf die Füße und fragte:
+
+»Ist etwas geschehen?«
+
+»Hm – ja!«
+
+»Was?«
+
+»Unangenehm!«
+
+»Was!«
+
+»Pferde fort!«
+
+»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?«
+
+»Weiß nicht.«
+
+»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Aber Sie haben doch gewacht!«
+
+»#Yes!#«
+
+»Wo denn?«
+
+»Dort.«
+
+Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von
+unsern Zelten lag.
+
+»Dort; warum dort?«
+
+»Ist wohl ein Ruinenhügel – hingegangen wegen Fowling-bull.«
+
+»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?«
+
+»#Yes!#«
+
+Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen
+noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden.
+
+»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!«
+
+Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt.
+
+»#Yes!# Von wem?«
+
+»Von Dieben!«
+
+Er machte ein noch vergnügteres Gesicht.
+
+»#Very well#, von Dieben – wo sind sie – wie heißen sie?«
+
+»Weiß ich es?«
+
+»#No# – ich auch #no# – schön, sehr schön! – Abenteuer da!«
+
+»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir
+nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.«
+
+»Schön – ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen – Spuren finden –
+nachlaufen – totschießen – kapitales Vergnügen – bezahle gut, sehr gut!«
+
+Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für
+notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung
+die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit.
+
+»Sechs? Wie viel wir?«
+
+»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt
+auch liegen, bis wir zurückkehren.«
+
+»#Yes!# Das befehlen und dann fort!«
+
+»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?«
+
+»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut – laufe wie
+Hirsch!«
+
+Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er
+die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir.
+Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen,
+und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen
+karrierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine
+Lust, so mit ihm zu laufen.
+
+Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht
+einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel-
+oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht
+weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt.
+Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen.
+Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem
+Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse
+zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von
+Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus
+zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher
+gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt
+gehabt.
+
+Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene.
+
+»Miserabel – tot ärgern!«
+
+»Worüber?«
+
+»Werden entkommen!«
+
+»Weshalb?«
+
+»Haben nun alle Pferde – wir laufen.«
+
+»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar
+nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch
+schließen.«
+
+»Schließen Sie!«
+
+»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?«
+
+»Hm!«
+
+»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande
+dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies
+der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil
+sie über diesen Fluß müssen und sich doch bei Hochwasser mit den fremden
+Pferden nicht hineingetrauen.«
+
+»Also Umweg machen müssen?«
+
+»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Übergangsstelle
+suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.«
+
+»Schön, gut – sehr gut!«
+
+Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.
+
+»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die
+Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban
+über Ihren Hut!«
+
+»Gut – sehr gut – werde machen!«
+
+Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir
+auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war
+wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer
+war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an.
+
+Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei
+englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die
+Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und
+sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen.
+
+»#Nothing!# – Nichts – keine Seele – – miserabel!«
+
+»Hm, auch ich sehe nichts!«
+
+»Wenn Sie geirrt – oho, was dann?«
+
+»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir
+hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier
+nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.«
+
+»Ich auch.«
+
+»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.«
+
+»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen – Abenteuer gern bezahlen –
+sehr gut.«
+
+»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?«
+
+»Wo?«
+
+»Dort!«
+
+Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund
+weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten
+sich – es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu
+sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs- und
+Ahnungsvermögen begabt sei.
+
+»Richtig – sehe auch!«
+
+»Es kommt auf uns zu.«
+
+»#Yes!# Wenn sind, dann schieß’ alle tot!«
+
+»Sir, es sind Menschen!«
+
+»Diebe! Müssen tot – unbedingt tot!«
+
+»Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.«
+
+»Verlassen? Warum?«
+
+»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde
+keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!«
+
+»#Well!# Englishman – Nobelman – Gentleman – werde nicht töten – nur
+Pferde nehmen!«
+
+»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!«
+
+»#Yes!# Zehn Punkte – stimmt!«
+
+»Vier sind ledig und sechs beritten.«
+
+»Hm! Guter Prairiejäger Sie – recht gehabt – Sir John Raffley viel
+erzählt – bei mir bleiben – gut bezahlen, sehr gut!«
+
+»Schießen Sie sicher?«
+
+»Hm, ziemlich!«
+
+»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht
+bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem
+Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe
+so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.«
+
+Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die
+Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus
+eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes
+Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.
+
+»Was nun?« fragte der Engländer.
+
+»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am
+Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die
+Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein,
+da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe,
+und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder
+wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.«
+
+»#Well# – gut, sehr gut – excellent Abenteuer!«
+
+Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz.
+Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei – an
+Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den
+Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im
+Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing mir über die Schulter, und
+nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand.
+
+»Sallam aaleïkum!«
+
+Der freundliche Gruß verblüffte sie.
+
+»Aaleïk –« antwortete einer von ihnen. »Was thust du hier?«
+
+»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.«
+
+»Welcher Hilfe bedarfst du?«
+
+»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen?
+Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?«
+
+»Wir verkaufen keines dieser Pferde!«
+
+»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das
+Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu
+schenken.«
+
+»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd
+verschenken.«
+
+»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des
+Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd,
+sondern vier verehren, weil ich so viele brauche!«
+
+»Allah kerihm – Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß
+und wahrhaftig verrückt.«
+
+»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht
+freiwillig giebt! Blicke dich um! Vielleicht giebst du jenem dort das,
+was du mir verweigerst.«
+
+Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation
+vollständig klar. Sie legten die Lanzen zum Stoße ein.
+
+»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher.
+
+»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.«
+
+»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten,
+so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!«
+
+»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche
+dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß Franken
+sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als
+ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin
+herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings
+täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich
+euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen,
+wohin ihr wollt!«
+
+Er lachte.
+
+»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.«
+
+»Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!«
+
+»Weiche vom Wege!«
+
+Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd
+auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte, und Roß und
+Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu
+zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die
+unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der,
+welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir
+benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.
+
+Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts
+daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten
+lachend davon.
+
+»#Magnificent# – prächtig – schönes Abenteuer – hundert Pfund wert! Wir
+zwei, sie sechs – sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen
+– ausgezeichnet – herrlich!« lachte Lindsay.
+
+»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir.
+Wären unsere Tiere scheu geworden, so kamen wir nicht so schnell weg und
+hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.«
+
+»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?«
+
+»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Übergang wird gelingen.«
+
+Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach
+unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in
+der Wüste zurück.
+
+Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen,
+ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen
+lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu
+beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier
+zu tragen vermag. Übrigens waren wir reichlich mit Munition versehen,
+was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so
+bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus
+hätten bestreiten können.
+
+»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls
+und andern Altertümern!«
+
+Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den
+Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf
+und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits
+auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann
+zu werden.
+
+»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!«
+
+»Warum? Habe Hacke mit.«
+
+»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier
+graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen – – –«
+
+»Regierung? Welche?«
+
+»Die türkische.«
+
+»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?«
+
+»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die
+Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der
+Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da
+die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst
+auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst
+weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich
+Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.«
+
+»Die seidenen Gewänder?«
+
+»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr
+wenig Raum ein.«
+
+»#Well#, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung – aber sogleich
+und sofort – nicht?«
+
+Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben
+werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen.
+
+»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine
+Aufwartung zu machen hat.«
+
+»Raten!«
+
+»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe
+weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer
+des Thathar.«
+
+»Wie weit ist Sindschar von hier?«
+
+»Einen ganzen Breitegrad.«
+
+»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?«
+
+»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie
+genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets
+auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet
+haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die
+einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie
+haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der
+Unstätigkeit ihres Lebens bei.«
+
+»Schönes Leben – viel Abenteuer – viel Ruinen finden – viel ausgraben –
+ausgezeichnet – excellent!«
+
+»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei
+dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten
+Stammes.«
+
+»Gut – #well# – sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!«
+
+»Wir könnten heute noch hier bleiben!«
+
+»Bleiben und nicht graben? Nein – geht nicht! Zelte ab und fort!«
+
+Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Überlegen ich mir
+sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den
+Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den
+Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen
+den Weg nach dem Sabakah-See ein.
+
+Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder
+Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die
+weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht
+vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich
+als eine glücklich gewählte heraus; denn bereits nach kaum mehr als
+einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine
+sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden
+Straußenfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.
+
+»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer.
+
+»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft
+zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.«
+
+»Werden Männer sein!«
+
+Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner
+scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und
+sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust
+berührte.
+
+»Sallam aaleïkum! Wo wollt Ihr hin?« grüßte einer.
+
+»Von welchem Stamme bist du?«
+
+»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar
+gehört.«
+
+»Wie heißt dein Scheik?«
+
+»Er führt den Namen Mohammed Emin.«
+
+»Ist er weit von hier?«
+
+»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.«
+
+Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir – die Diener
+hinter uns – in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie
+um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reiterkünste sehen zu lassen.
+Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe,
+wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden.
+Ich glaube, behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie
+in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten
+dieser Leute.
+
+»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht – würde den Hals brechen!«
+
+»Ich habe noch andere Reiter gesehen.«
+
+»Ah! Wo?«
+
+»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem
+gefrorenen Flusse, wenn das Pferd keine Eisen hat, oder in einem
+steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.«
+
+»Hm! Werde auch nach Amerika gehen – reiten in Urwald – auf Flußeis – in
+Cannon – schönes Abenteuer – prachtvoll! Was sagten diese Leute?«
+
+»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden
+uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer
+der Haddedihn.«
+
+»Tapfere Leute?«
+
+»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem
+gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen,
+und der Mann thut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen
+und faulenzen.«
+
+»Schönes Leben – prächtig – möchte Scheik sein – viel ausgraben –
+manchen Fowling-bull finden und London schicken – hm!«
+
+Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns
+den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in
+Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu
+beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen
+Weideplatze gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von
+Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen
+gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe
+Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande
+Sinear« der heiligen Schrift herrscht: – man beobachtet sie auch in dem
+Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer
+beinahe unbegrenzten Merdsch[136], welche nicht die mindeste Ähnlichkeit
+mit einer Uah[137] des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen
+Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der
+fürchterliche Smum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer
+wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und
+verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die
+Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene
+hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten
+keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein
+Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton,
+der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und
+tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.
+
+ [136] Wiese, Prairie.
+
+ [137] Oase.
+
+Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von
+Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte – rechts und links von
+uns, vor und hinter uns – wogte ein Meer von grasenden und wandernden
+Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen
+waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und
+allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man
+alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu
+gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug
+eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt
+waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur
+Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite
+junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den
+Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng
+anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den
+Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber,
+die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel
+führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen
+bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche
+sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.
+
+Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen
+vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft
+Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen;
+aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen.
+Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und
+hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und
+an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken
+verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen
+Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel
+und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und
+links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker
+ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung
+empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei
+Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem #Belle-vue# sitzt die
+Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie
+am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges
+der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische
+Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt.
+
+Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes
+Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem
+ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen
+war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen,
+als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem
+öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere
+Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt
+erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das
+Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt,
+rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.
+
+Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke
+später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte
+die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte
+Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat,
+um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die
+Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen
+Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein
+dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob
+die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!«
+
+Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein
+Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem
+Sallam aaleïkum.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.
+
+Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:
+
+»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«
+
+»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste
+mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: ›Speise den Fremdling und
+tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen
+Eingang zu kennen!‹ – Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie
+ein türkischer Khawasse[138] empfängst!«
+
+ [138] Polizist.
+
+Er erhob wie abwehrend die Hand.
+
+»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und
+der Verräter nicht.«
+
+Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.
+
+»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.
+
+»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die
+Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139]
+einen Konsul in Mossul?«
+
+ [139] Königin von England.
+
+»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer
+und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und
+eine Dattel für unsere Pferde.«
+
+»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr
+begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!«
+
+Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort
+erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem,
+hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen – ein Zeichen, daß der Scheik
+uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er
+uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige
+Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig
+war, etwas Näheres über uns zu erfahren.
+
+Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:
+
+»Böser Kerl, nicht?«
+
+»Scheint so.«
+
+»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«
+
+»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und
+haben uns sehr vorzusehen.«
+
+»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«
+
+»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar
+nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint
+er zu hassen.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Weiß es nicht.«
+
+»Einmal fragen!«
+
+»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch
+erfahren werden.«
+
+Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.
+
+»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und
+werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe
+wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«
+
+Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.
+
+»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!«
+
+»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«
+
+»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«
+
+»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab
+el Schammar.«
+
+ [140] Schwarzes Zelt.
+
+Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.
+
+»Willst du mich beleidigen?«
+
+»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar
+bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also
+demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«
+
+»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die
+Gastfreundschaft gebrochen?«
+
+»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen
+Angehörige des eigenen Stammes.«
+
+Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier
+aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein
+sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr
+fort:
+
+»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die
+Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen,
+als der deinige mich.«
+
+»Beweise die Wahrheit!«
+
+»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen
+Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war
+regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen
+aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm
+unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem
+Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und
+ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da
+sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und
+liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: ›Folge mir. Ich schwöre
+dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit
+meinem Leben für das deinige stehen!‹ – Da antwortete der Häuptling:
+›Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide
+ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß
+ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.‹ – Sie
+setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik
+traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen,
+sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die
+Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der
+Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim
+des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben
+zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf
+abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine
+Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst
+wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik
+Mohammed Emin?«
+
+ [141] Unter-Stämme.
+
+»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«
+
+»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß
+Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der
+berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«
+
+Er wurde verlegen.
+
+»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein
+Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine
+Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem
+hast du diese Geschichte erfahren?«
+
+ [142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem
+ Tigris.
+
+»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines
+Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir
+vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar,
+und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«
+
+Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.
+
+»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«
+
+»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«
+
+»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber
+sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.«
+
+ [143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den
+ Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.
+
+ [144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben
+ pflegen.
+
+»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«
+
+»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen
+ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«
+
+»Ist er dein Feind?«
+
+»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen
+Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die
+Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich
+jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«
+
+»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«
+
+»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um
+ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich
+selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«
+
+»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die
+Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der
+Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich
+kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«
+
+Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment
+auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies
+mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß
+sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.
+
+»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.
+
+»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so
+daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«
+
+»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um
+mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«
+
+»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte
+Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«
+
+»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«
+
+»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«
+
+Er sprang empor.
+
+»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«
+
+»Ich kenne ihn und seine Leute.«
+
+»Wo trafest du sie?«
+
+»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch
+das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«
+
+»So kennst du sie alle?«
+
+»Alle.«
+
+»Auch – verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein
+Weib, sondern ein Mann – auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«
+
+»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm
+genommen.«
+
+»Hat sie ihre Rache erreicht?«
+
+»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und
+dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«
+
+»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«
+
+»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um
+Abenteuer zu suchen.«
+
+»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du
+bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus.
+Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr
+mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich
+dieser wackere Hadschi Halef Omar?«
+
+Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften
+Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete:
+
+»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik
+Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter
+ihrem Schutze wohnen könne.«
+
+»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir,
+erzähle mir von ihnen!«
+
+Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete
+ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig
+hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.
+
+»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei
+dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein.
+Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«
+
+Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei
+ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher
+sich das »heilige« Wasser befand.
+
+»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?«
+
+ [145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die
+ einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem
+ Weibe spricht.
+
+»Ja.«
+
+»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem
+Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«
+
+»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und
+besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr
+Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«
+
+Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der
+Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während
+meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich
+unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu
+folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein
+zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen
+und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen,
+die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen
+zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten
+Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.
+
+In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee,
+Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich
+gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung,
+schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge
+waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen
+dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß
+sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit
+Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte
+man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein
+großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit
+einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine
+funkelten: – er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken
+hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen
+Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre
+Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger
+geschmückt.
+
+»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom
+Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen
+des Zem-Zem begnadigen will.«
+
+Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste
+glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser
+in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.
+
+»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch
+lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«
+
+Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie
+sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen
+Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:
+
+»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig
+ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich
+freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«
+
+Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch
+vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.
+
+»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay.
+
+»Im Zelte der Frauen.«
+
+»Ah! Nicht möglich!«
+
+»Und doch!«
+
+»Diese Weiber lassen sich sehen?«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«
+
+»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser
+aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute
+ein Tropfen Wunder thut.«
+
+»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«
+
+»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«
+
+»Sind hier Ruinen?«
+
+»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu
+finden.«
+
+»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens
+ein schauderhaftes Essen hier!«
+
+»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus
+bekommen!«
+
+»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«
+
+»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von
+ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener
+abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem
+Raume sein müssen.«
+
+Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so
+versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt
+wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise
+herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte
+saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und
+von einigen Beduinen aufgetragen.
+
+Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art
+Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen
+Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich
+eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als
+Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee
+gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll
+dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr
+erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit
+Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich
+wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus
+welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten
+wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden
+Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange
+bespritzte.
+
+Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn
+genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als
+auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann
+wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die
+köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird,
+wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll
+lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann
+sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn
+der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß
+von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber
+zu fürchten. – Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die
+grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder
+vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst
+Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische
+Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem
+Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten
+sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne
+trocknen.
+
+Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker
+bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.
+
+»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.
+
+Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe
+und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste
+hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger
+gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst
+unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste
+Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner
+bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu,
+als bis ich ihn aufmerksam machte:
+
+»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«
+
+Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann,
+natürlich in englischer Sprache:
+
+»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«
+
+»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«
+
+»Schauderhaft!«
+
+»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.
+
+»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«
+
+»O, ich liebe euch!«
+
+Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte
+dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der
+so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und
+versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem
+unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung
+zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden
+muß.
+
+»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«
+
+»Ja.«
+
+»Ohne Gegenwehr?«
+
+»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«
+
+»Wie so?«
+
+»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!«
+
+Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in
+den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in
+die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem
+Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die
+Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor,
+sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich
+von dem Vergehen wieder zu reinigen.
+
+Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte
+ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine
+große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem
+Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.
+
+Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das
+ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel
+von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem
+Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter
+schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus
+Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen
+gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte
+Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der
+Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen
+pflegen.
+
+Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das
+Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich
+konnte nicht mehr essen.
+
+»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den
+Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.
+
+Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer
+kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El
+Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der
+Engländer.
+
+»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und –
+betrachtete sie dann sehr verlegen.
+
+Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.
+
+»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem
+Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von
+Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie
+sich abtrocknen können.«
+
+Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte
+hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.
+
+Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee
+und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen
+vorzustellen:
+
+»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein
+großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name
+lautet – –«
+
+»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede.
+
+»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte
+Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den
+Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu
+suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns
+sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«
+
+ [146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.
+
+Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was
+sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war
+ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:
+
+»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und
+falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann,
+meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen
+habe.«
+
+»Wohin ist das?«
+
+»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem
+Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das
+Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet
+unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie
+es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er
+will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu
+enträtseln und zu lesen – – –«
+
+»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.
+
+»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel
+er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den
+Bewohnern dieses Landes lassen.«
+
+»Und was sollst du dabei thun?«
+
+»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«
+
+»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf
+ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze
+Land ist voller Ruinen und Trümmer.«
+
+»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr
+versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«
+
+»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch
+viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«
+
+Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.
+
+»Was sagen sie?« fragte er mich.
+
+»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«
+
+»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«
+
+»Ja.«
+
+»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«
+
+»Was sonst machen?«
+
+»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen
+Helden.«
+
+»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«
+
+»Sie wollen Euch solche zeigen.«
+
+»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«
+
+»Das habe ich ihnen gesagt.«
+
+»Was geantwortet?«
+
+»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo
+Inschriften und dergleichen zu finden sind.«
+
+»#Well!# Wir ziehen mit ihnen!«
+
+»Das geht ja nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer
+an?«
+
+»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«
+
+»Das ist sehr zu überlegen.«
+
+»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«
+
+»Nein.«
+
+»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!«
+
+»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«
+
+»Nein!«
+
+Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß
+er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den
+Scheik:
+
+»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe.
+Ist Eure Sache recht und gut?«
+
+»Soll ich sie dir erzählen?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«
+
+»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu
+Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«
+
+»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere
+Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat
+uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn
+bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten
+Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine
+Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich
+meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie
+gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren
+habe.«
+
+»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«
+
+»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul
+wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat
+und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und
+hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich
+gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad
+gehören.«
+
+»Wo lagern deine Feinde?«
+
+»Sie rüsten erst.«
+
+»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?«
+
+»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«
+
+»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste
+locken, um ihn zu verderben?«
+
+»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders
+aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis
+zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«
+
+»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
+
+»Elfhundert.«
+
+»Und deine Gegner?«
+
+»Mehr als dreimal so viel.«
+
+»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«
+
+»Einen Tag.«
+
+»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«
+
+»Am untern Laufe des Zab-asfal.«
+
+»Und die Abu Hammed?«
+
+»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die
+Hamrinberge bricht.«
+
+»Auf welcher Seite?«
+
+»Auf beiden.«
+
+»Und die Dschowari?«
+
+»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«
+
+»Hast du Kundschafter ausgesandt?«
+
+»Nein.«
+
+»Das hättest du thun sollen.«
+
+»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre
+verloren, wenn man ihm begegnete. Aber – – –«
+
+Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:
+
+»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«
+
+»Ja.«
+
+»Und auch unser Freund?«
+
+»Ja.«
+
+»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«
+
+Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen
+anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres
+Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im
+Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht
+hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik
+angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei
+aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das
+schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren
+lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und
+tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.
+
+»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.
+
+»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.
+
+Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr
+abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu
+sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.
+
+»Masch Allah!« antwortete ich.
+
+»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde
+gejagt habe, bis er zusammenbrach?«
+
+»Unmöglich!«
+
+»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«
+
+»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus _einem_ Munde.
+
+»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik.
+»Welches Pferd gefällt dir noch?«
+
+»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und
+diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«
+
+»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden
+eines guten Pferdes.«
+
+»Welche?«
+
+»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«
+
+»An welchen Zeichen erkennst du dies?«
+
+»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig
+ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen
+langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das
+zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen
+Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal
+ein solches Pferd besessen?«
+
+»Ja.«
+
+»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«
+
+»Es kostete mich nichts – es war ein Mustang.«
+
+»Was ist ein Mustang?«
+
+»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«
+
+»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du
+könntest?«
+
+»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«
+
+»Du kannst ihn dir verdienen!«
+
+»Ah! Unmöglich!«
+
+»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«
+
+»Unter welcher Bedingung?«
+
+»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und
+Dschowari sich vereinigen werden.«
+
+Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch,
+aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:
+
+»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«
+
+»Bis du sie bringen kannst.«
+
+»Und wann erhalte ich das Pferd?«
+
+»Wenn du zurückgekehrt bist.«
+
+»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich
+deinen Auftrag auch nicht ausführen.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf
+welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«
+
+Er blickte zu Boden.
+
+»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht
+verloren gehen kann?«
+
+»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches
+Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das
+Tier fangen könnte.«
+
+»Reitest du so gut?«
+
+»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an
+mich gewöhnen.«
+
+»So sind wir dir überlegen!«
+
+»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?«
+
+»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«
+
+»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich
+werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und
+gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt.
+Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.«
+
+»Du sprichst im Scherze, Emir!«
+
+»Ich rede im Ernste.«
+
+»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«
+
+»Gut!«
+
+Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von
+ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der
+Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.
+
+Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.
+
+»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm.
+»Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie
+trage?«
+
+»Nie!«
+
+Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.
+
+»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht
+gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug
+ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«
+
+Jetzt lächelte er beruhigt.
+
+»Es sei, also zehn Mann?«
+
+»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«
+
+»Die auf dich schießen dürfen?«
+
+»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle
+deine besten Reiter und Schützen aus!«
+
+»Du bist tollkühn, Emir!«
+
+»Das glaubst du nur.«
+
+»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«
+
+»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit
+ihrer Kugel zu treffen.«
+
+»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«
+
+»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu
+Ende!«
+
+»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles
+sehen zu können.«
+
+»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«
+
+»Thue es!«
+
+Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich
+fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar
+verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel.
+Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine
+Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die
+Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales
+»wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals
+und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen
+Bauchgurtes.
+
+»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?«
+
+»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern
+getroffen?«
+
+»Ja; hier sind zehn!«
+
+Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf,
+welche sich in der Nähe befanden.
+
+»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte
+von hier?«
+
+»Wir sehen es.«
+
+»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt
+ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!«
+
+Ich sprang auf – der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber
+folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich
+die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der
+vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.
+
+Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in
+die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich
+um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen
+schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum.
+Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur
+ein Araber zu stande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er
+hob die Flinte empor; der Schuß krachte.
+
+»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es.
+
+Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich
+hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun
+mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben,
+welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des
+Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort
+richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach
+rechts hinüber und jagte weiter.
+
+»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die
+guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.
+
+Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor.
+Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem
+spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn
+sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich
+aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das
+Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte
+wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte
+Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes
+hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an
+welchem der Ritt begonnen hatte.
+
+Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder
+Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen
+auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich
+gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte
+mich bei der Hand.
+
+»Hamdulillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe
+Angst um dich gehabt. Es giebt im ganzen Stamm El Schammar keinen
+solchen Reiter, wie du bist!«
+
+»Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten
+als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der
+Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel
+und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern
+diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel
+einmal verändern?«
+
+»Wie?«
+
+»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch
+ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.«
+
+»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du
+würdest sie alle vom Pferde schießen!«
+
+»So glaubst du nun also wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor
+den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter
+mir habe?«
+
+»Emir, ich glaube es.« – Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann
+aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines
+Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen
+Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du
+mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein
+Geheimnis sagen.«
+
+Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist,
+sein Geheimnis; das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf
+welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und
+dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von
+seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen
+selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem
+Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten
+Todesgefahr befindet.
+
+»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur
+das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?«
+
+»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.«
+
+»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht
+werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es
+erfahren kann.«
+
+»So komm!«
+
+Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu:
+
+»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm
+die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort ›Rih!‹«
+
+»Rih, das heißt Wind.«
+
+»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als
+der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.«
+
+»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als
+ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll
+ich reiten?«
+
+»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.«
+
+»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?«
+
+»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so
+kostbares Pferd zu behandeln ist?«
+
+»Nein.«
+
+»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche
+von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich
+lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese
+Sure?«
+
+»Ja.«
+
+»Sage sie her!«
+
+Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd.
+
+Ich gehorchte seinem Willen:
+
+»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den schnelleilenden Rossen
+mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken
+sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind
+einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen
+durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und
+er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu
+irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles
+herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht
+wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage
+der Herr sie vollkommen kennt?«
+
+»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts
+vorgesagt; thue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden
+bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!«
+
+Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an
+meine Seite.
+
+»Warum auf Euch geschossen?«
+
+»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.«
+
+»Ah, schön, Prachtpferd!«
+
+»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?«
+
+»Dem Scheik!«
+
+»Nein.«
+
+»Wem sonst?«
+
+»Mir.«
+
+»Pah!«
+
+»Mir; wirklich!«
+
+»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen;
+merkt Euch das!«
+
+»Gut, so behalte ich alles andere für mich!«
+
+»Was?«
+
+»Daß ich euch morgen früh verlasse.«
+
+»Warum?«
+
+»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits.
+Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme
+zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen
+Rappen geschenkt.«
+
+»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!«
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung – – –«
+
+»Pah, ziehe mich als Araber an!«
+
+»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?«
+
+»Richtig! Wie lange ausbleiben?«
+
+»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab
+hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.«
+
+»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?«
+
+»Werde mich in acht nehmen.«
+
+»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.«
+
+»Welchen?«
+
+»Nicht bloß nach Beduinen forschen.«
+
+»Nach wem sonst noch?«
+
+»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London
+ins Museum schicken!«
+
+»Werde es thun, verlaßt euch darauf!«
+
+»#Well!# Fertig; eintreten!«
+
+Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest
+des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend
+wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab:
+die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine
+kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnisse zu den leisen,
+einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann
+wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.
+
+Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik, ich aber ging zu dem
+Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen.
+Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt?
+Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet,
+bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt: wir wurden also durch
+denselben schnell vertraut miteinander; und indem ich beim Recitieren
+der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich
+auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich
+lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines
+treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete
+sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus.
+
+»Geschlafen, Sir?« fragte er.
+
+»Ja.«
+
+»Ich nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Sehr lebendig im Zelte.«
+
+»Die Schläfer?«
+
+»Nein.«
+
+»Wer sonst?«
+
+»Die Fleas, Lice und Gnats!«
+
+Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen.
+
+»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir Lindsay.«
+
+»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.«
+
+»Warum?«
+
+»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.«
+
+»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.«
+
+»Wäre vielleicht zu spät gewesen.«
+
+»Warum?«
+
+»Habe Euch viel zu fragen.«
+
+»So fragt einmal zu!«
+
+Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft
+erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor.
+
+»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen
+verschiedenes. Was heißt Freund?«
+
+»Aschab.«
+
+»Feind?«
+
+»Kiman.«
+
+»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?«
+
+»Rijahl fransch.«
+
+»Was heißt Geldbeutel?«
+
+»Surrah.«
+
+»Werde Steine graben. Was heißt Stein?«
+
+»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.«
+
+So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle
+notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des
+Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen.
+
+Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde
+und verließ den Ort, an den ich vielleicht nimmer zurückkehren konnte.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Auf Kundschaft.
+
+
+Ich hatte mir vorgenommen, zunächst den südlichsten Stamm, die
+Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu ihnen wäre gewesen, dem
+Thatharflusse zu folgen, der fast stets parallel mit dem Tigris fließt;
+leider aber war sehr zu vermuten, daß just an seinen Ufern die Obeïde
+ihre Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich. Ich hatte
+mich so einzurichten, daß ich etwa eine Meile oberhalb Tekrit den Tigris
+erreichte; dann traf ich sicher auf den gesuchten Stamm.
+
+Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser brauchte ich für mein
+Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs im vollen Safte stand. Und so hatte
+ich weiter keine Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede
+feindliche Begegnung zu vermeiden. Für das erstere hatte ich den
+Ortssinn, die Sonne und den Kompaß, und für das letztere das Fernrohr,
+mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen
+wurde.
+
+Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am Abend legte ich mich
+hinter einem einsamen Felsen zur Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der
+Gedanke, ob es nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten,
+da ich dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir zu wissen
+notwendig war. Es war dies ein sehr überflüssiges Überlegen, wie ich am
+andern Morgen sehen sollte. Ich hatte nämlich sehr fest geschlafen und
+erwachte durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich
+aufblickte, sah ich fünf Reiter von Norden her grade auf die Stelle
+zukommen, an welcher ich mich befand. Sie waren so nahe, daß sie mich
+bereits gesehen hatten. Flucht lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich
+der Rappe wohl schnell davongetragen hätte. Ich erhob mich also, saß
+auf, um für alles gerüstet zu sein, und nahm den Stutzen nachlässig zur
+Hand.
+
+Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre Pferde einige Schritte vor
+mir. Da in ihren Mienen nicht die geringste Feindseligkeit zu finden
+war, konnte ich mich einstweilen beruhigen.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte mich der eine.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich.
+
+»Du hast hier diese Nacht geschlafen?«
+
+»So ist es.«
+
+»Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt zur Ruhe legen
+könntest?«
+
+»Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt. Dem einen giebt er
+ein Dach von Filz und dem andern den Himmel zur Decke.«
+
+»Du aber könntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein Pferd, welches
+mehr wert ist, als hundert Zelte.«
+
+»Es ist mein einziges Besitztum.«
+
+»Verkaufst du es?«
+
+»Nein.«
+
+»Du mußt zu einem Stamme gehören, der nicht weit von hier sein Lager
+hat.«
+
+»Warum?«
+
+»Dein Hengst ist frisch.«
+
+»Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen von hier, weit,
+weit noch hinter den heiligen Städten im Westen.«
+
+»Wie heißt dein Stamm?«
+
+»Uëlad German.«
+
+»Ja, da drüben im Moghreb sagt man meist Uëlad statt Beni oder Abu.
+Warum entfernst du dich so weit von deinem Lande?«
+
+»Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch die Duars und Städte
+sehen, welche gegen Persien liegen, damit ich den Meinen viel erzählen
+kann, wenn ich heimkehre.«
+
+»Wohin geht zunächst dein Weg?«
+
+»Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah führt.«
+
+»So kannst du mit uns reiten.«
+
+»Wo ist euer Ziel?«
+
+»Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden am Ufer und auf den
+Inseln des Tigris weiden.«
+
+Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein? Sie hatten mich
+gefragt: es war also nicht unhöflich, wenn auch ich mich erkundigte.
+
+»Welchem Stamme gehören diese Herden?«
+
+»Dem Stamme Abu Mohammed.«
+
+»Sind noch andere Stämme in der Nähe?«
+
+»Ja. Abwärts die Alabeïden, welche dem Scheik von Kernina Tribut
+bezahlen, und aufwärts die Dschowari.«
+
+»Wem bezahlen diese den Tribut?«
+
+»Man hört es, daß du aus fernen Landen kommst. Die Dschowari zahlen
+nicht, sondern sie nehmen sich Tribut. Es sind Diebe und Räuber, vor
+denen unsere Herden keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du
+gegen sie kämpfen willst!«
+
+»Ihr kämpft mit ihnen?«
+
+»Ja. Wir haben uns mit den Alabeïden verbunden. Willst du Thaten thun,
+so kannst du es bei uns lernen. Aber warum schläfst du hier am Hügel des
+Löwen?«
+
+»Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war müde und habe mich zur Ruhe
+gelegt.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig; du bist ein Liebling Allahs, sonst hätte
+dich der Würger der Herden zerrissen. Kein Araber möchte hier eine
+Stunde ruhen, denn an diesem Felsen halten die Löwen ihre
+Zusammenkünfte.«
+
+»Es giebt hier am Tigris Löwen?«
+
+»Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben aber findest du nur den
+Leopard. Willst du mit uns reiten?«
+
+»Wenn ich euer Gast sein soll.«
+
+»Du bist es. Nimm unsere Hand und laß uns Datteln tauschen!«
+
+Wir legten die flachen Hände ineinander, und dann bekam ich von jedem
+eine Dattel, die ich aß, während ich fünf andere dafür gab, welche auch
+aus freier Hand verzehrt wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach
+Südosten ein. Einige Zeit später passierten wir den Thathar, und die
+ebene Gegend wurde nach und nach bergiger.
+
+Ich lernte in meinen Begleitern fünf ehrliche Nomaden kennen, in deren
+Herzen kein Falsch zu finden war. Sie hatten zur Feier einer Hochzeit
+einen befreundeten Stamm besucht und kehrten nun zurück voll Freude über
+die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten.
+
+Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich plötzlich wieder senkte.
+Zur Rechten wurden in weiter Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar,
+zur Linken, auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns
+breitete sich das Thal des Tigris aus. In einer halben Stunde war der
+Strom erreicht. Er hatte hier die Breite von wohl einer englischen
+Meile, und seine Wasser wurden von einer großen, langgestreckten, grün
+bewachsenen Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte.
+
+»Du gehst mit hinüber? Du wirst unserem Scheik willkommen sein!«
+
+»Wie kommen wir hinüber?«
+
+»Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits bemerkt worden. Komm
+weiter aufwärts, wo das Kellek landet.«
+
+Ein Kellek ist ein Floß, welches gewöhnlich zweimal so lang als breit
+ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen, welche durch Querhölzer
+befestigt sind, über welche Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen
+sich die Last befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden.
+Regiert wird so ein Floß durch zwei Ruder, deren Riemen aus gespaltenen
+und wieder zusammengebundenen Bambusstücken gefertigt sind. Ein solches
+Floß stieß drüben von der Insel ab. Es war so groß, daß es mehr als
+sechs Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hinüber.
+
+Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen Hunden und einem alten,
+ehrwürdig aussehenden Araber bewillkommt, welcher der Vater eines meiner
+Gefährten war.
+
+»Erlaube, daß ich dich zum Scheik führe,« sagte der bisherige
+Wortführer.
+
+Auf unserem Wege gesellten sich mehrere Männer zu uns, die sich aber
+bescheiden hinter uns hielten und mich durch keine Frage belästigten.
+Ihre Blicke hingen voll Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht
+weit. Er endete vor einer ziemlich geräumigen Hütte, welche aus
+Weidenstämmen gefertigt, mit Bambus gedeckt und von innen mit Matten
+bekleidet war. Als wir eintraten, erhob sich ein stark und kräftig
+gebauter Mann von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war
+beschäftigt gewesen, sein Scharay[147] auf einem Steine zu schärfen.
+
+ [147] Scharfes afghanisches Messer.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich.
+
+»Aaleïk!« antwortete er, indem er mich scharf musterte.
+
+»Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,« bat mein Begleiter.
+»Er ist ein vornehmer Krieger, so daß ich ihm mein Zelt nicht anzubieten
+wage.«
+
+»Wen du bringst, der ist mir willkommen,« lautete die Antwort.
+
+Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand.
+
+»Setze dich, o Fremdling. Du bist müde und hungrig, du sollst ruhen und
+essen; erlaube aber zuvor, daß ich nach deinem Pferde sehe!«
+
+Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst das Pferd und dann der
+Mann. Als er wieder eintrat, sah ich es ihm sofort an, daß ihm der
+Anblick des Rappen Achtung für mich eingeflößt hatte.
+
+»Du hast ein edles Tier, Masch Allah; möge es dir erhalten bleiben! Ich
+kenne es.«
+
+Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch nicht!
+
+»Woher kennst du es?«
+
+»Es ist das beste Roß der Haddedihn.«
+
+»Auch die Haddedihn kennst du?«
+
+»Ich kenne alle Stämme. Aber dich kenne ich nicht.«
+
+»Kennst du den Scheik der Haddedihn?«
+
+»Mohammed Emin?«
+
+»Ja. Von ihm komme ich.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Zu dir.«
+
+»Er hat dich zu mir gesandt?«
+
+»Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.«
+
+»Ruhe dich erst aus, bevor du erzählst.«
+
+»Ich bin nicht müde, und was ich dir zu sagen habe, ist so wichtig, daß
+ich es gleich sagen möchte.«
+
+»So sprich!«
+
+»Ich höre, daß die Dschowari deine Feinde sind.«
+
+»Sie sind es,« antwortete er mit finsterer Miene.
+
+»Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde der Haddedihn.«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Weißt du auch, daß sie sich mit den Abu Hammed und Obeïde verbunden
+haben, die Haddedihn in ihren Weidegründen anzugreifen?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Ich höre, daß du dich mit den Alabeïden vereinigt hast, sie zu
+strafen?«
+
+»Ja.«
+
+»So komme ich zu dir, um das Nähere mit dir zu besprechen.«
+
+»So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du wirst dich erquicken und
+uns nicht eher verlassen, als bis ich meine Ältesten zusammengerufen
+habe.«
+
+Nach kaum einer Stunde saßen acht Männer um mich und den Scheik herum
+und rissen große Fetzen Fleisches von dem Hammel, welcher aufgetragen
+worden war. Diese acht Männer waren die Ältesten der Abu Mohammed. Ich
+erzählte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen und der Bote
+ihres Scheik geworden war.
+
+»Was willst du uns für Vorschläge machen?« fragte der Scheik.
+
+»Keine. Über eure Häupter sind mehr Jahre gezogen als über mein Haupt.
+Es ziemt dem Jüngeren nicht, dem Alten die Wege vorzuschreiben.«
+
+»Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt ist noch jung, aber dein
+Verstand ist alt, sonst hätte Mohammed Emin dich nicht zu seinem
+Gesandten gemacht. Rede! Wir werden hören und dann entscheiden.«
+
+»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
+
+»Neunhundert.«
+
+»Und die Alabeïde?«
+
+»Achthundert.«
+
+»Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als die Feinde zusammen
+zählen.«
+
+»Wie viele Krieger haben die Haddedihn?«
+
+»Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals weniger an. Wißt ihr
+vielleicht, wann die Dschowari sich mit den Abu Hammed vereinigen
+wollen?«
+
+»Am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema[148].«
+
+ [148] Tag der Versammlung = Freitag.
+
+»Weißt du das genau?«
+
+»Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari.«
+
+»Und wo soll diese Vereinigung geschehen?«
+
+»Bei den Ruinen von Khan Kernina.«
+
+»Und dann?«
+
+»Dann werden sich diese beiden Stämme mit den Obeïde vereinigen.«
+
+»Wo?«
+
+»Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der Kanuzaberge.«
+
+»Wann?«
+
+»Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.«
+
+»Du bist außerordentlich gut unterrichtet. Wohin werden sie sich nachher
+wenden?«
+
+»Grad nach den Weideplätzen der Haddedihn.«
+
+»Was wolltet ihr thun?«
+
+»Wir wollten die Zelte überfallen, in denen sie ihre Frauen und Kinder
+zurücklassen, und dann ihre Herden wegführen.«
+
+»Würde dies klug sein?«
+
+»Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt wurde.«
+
+»Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert, die Feinde aber
+dreitausend Krieger. Sie hätten gesiegt, wären als Sieger zurückgekehrt
+und euch nachgejagt, um euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe
+wegzunehmen. Wenn ich unrecht habe, so sagt es.«
+
+»Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn würden durch andere Stämme
+der Schammar verstärkt werden.«
+
+»Diese Stämme werden vom Gouverneur von Mossul angegriffen.«
+
+»Was rätst du uns? Würde es nicht am besten sein, die Feinde einzeln zu
+vernichten?«
+
+»Ihr würdet einen Stamm besiegen, und die andern beiden aufmerksam
+machen. Sie müssen kurz nach ihrer Vereinigung, also bei dem Wirbel El
+Kelab angegriffen werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin am
+dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen Kriegern von den
+Kanuzabergen herabsteigen und sich auf die Feinde werfen, während ihr
+sie von Süden angreift und sie somit in den Strudel Kelab getrieben
+werden.«
+
+Dieser Plan wurde nach längerer Beratung angenommen und dann noch auf
+das Eingehendste besprochen. Darüber war ein großer Teil des Nachmittags
+vergangen und der Abend rückte heran, so daß ich mich veranlaßt sah,
+für die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen aber wurde ich beizeiten
+wieder an das Ufer gesetzt und ritt denselben Weg zurück, den ich
+gekommen war.
+
+Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt hatte, war auf
+eine so leichte und einfache Weise gelöst worden, daß ich mich fast
+schämen mußte, es zu erzählen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient
+werden. Was konnte ich aber noch thun? Ja, war es nicht vielleicht
+besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren? Diesen Gedanken
+wurde ich nicht wieder los. Ich setzte also gar nicht über den Thathar
+zurück, sondern ritt an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die
+Kanuzaberge zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur Hälfte
+verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das Wadi Dschehennem, wo
+ich mit dem Engländer die Pferdediebe getroffen hatte, ein Teil dieser
+Kanuzaberge sei. Ich wußte diese Frage nicht zu beantworten, setzte
+meinen Weg fort und hielt mich später mehr nach rechts, um in die Nähe
+des Dschebel Hamrin zu kommen.
+
+Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken, als ich zwei
+Reiter bemerkte, welche am westlichen Gesichtskreise erschienen und mit
+großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen
+Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor
+zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie.
+
+Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie
+hielten vor mir an.
+
+»Wer bist du?« fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen.
+
+So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen.
+
+»Ein Fremdling,« antwortete ich kurz.
+
+»Woher kommst du?«
+
+»Von Westen, wie ihr seht.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Wohin das Kismet mich führt.«
+
+»Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.«
+
+»Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager
+sorgt.«
+
+»Wen?«
+
+»Allah. Lebt wohl!«
+
+Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so
+langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine
+Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte
+die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen
+binden können.
+
+»Sallam aaleïkum,« grüßte jetzt der eine. »Wir waren vorhin nicht
+höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm.
+Wer bist du?«
+
+Ich antwortete natürlich nicht.
+
+»Wer du bist?«
+
+Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritte begleitete.
+
+»Laß ihn,« meinte der andere. »Allah wird Wunder thun und ihm den Mund
+öffnen. Soll er reiten oder gehen?«
+
+»Gehen!«
+
+Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den
+Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel
+und – fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten
+Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges
+Geschöpf!
+
+Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen
+hindurch, und endlich sah ich aus einem Thale mehrere Feuer uns
+entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir
+lenkten in dies Thal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten
+endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger
+Mann trat. Er sah mich und ich ihn – wir erkannten einander.
+
+»Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?« fragte er.
+
+»Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine
+Thar[149] bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!«
+
+ [149] Blutrache.
+
+Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt:
+
+»Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn!
+Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört
+werde. Ich rufe die andern zusammen.«
+
+»Was thun wir mit dem Pferde?«
+
+»Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.«
+
+»Und seine Waffen?«
+
+»Werden in das Zelt gebracht.«
+
+Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung, aber
+vor einer Versammlung von – Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts
+nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen.
+
+»Kennst du mich?« fragte der Älteste der Anwesenden.
+
+»Nein.«
+
+»Weißt du, wo du dich befindest?«
+
+»Nein.«
+
+»Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo hast du ihn gesehen?«
+
+»Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich
+mir wieder holte.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?«
+
+»Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.«
+
+»Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!«
+
+»Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.«
+
+»Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!«
+
+»Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen. Wer ist ein
+Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten
+hast?«
+
+»Mir.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das
+nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!«
+
+»Bindet ihn fester!« gebot er.
+
+»Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich
+das Wasser des Zem-Zem befindet!«
+
+»Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhangen.
+Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?«
+
+»Ja.«
+
+»Gieb uns davon.«
+
+»Nein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.«
+
+»Sind wir deine Feinde?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein. Wir haben dir noch kein Leid gethan. Wir wollen nur das Pferd,
+welches du geraubt hast, seinem Eigner wieder bringen.«
+
+»Der Eigner bin ich.«
+
+»Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die
+Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Mohammed Emin,
+dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?«
+
+»Er hat es mir geschenkt.«
+
+»Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.«
+
+»Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich
+gefesselt bin!«
+
+»Warum hat er dir es geschenkt?«
+
+»Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber geht das nichts an!«
+
+»Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn
+einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk
+giebt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die
+Haddedihn verlassen?«
+
+»Vorgestern früh.«
+
+»Wo weiden ihre Herden?«
+
+»Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.«
+
+»Könntest du uns zu ihnen führen?«
+
+»Nein.«
+
+»Wo warst du seit vorgestern?«
+
+»Überall.«
+
+»Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir
+geschieht. Führet ihn fort!«
+
+Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden.
+Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine
+nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt,
+die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich
+aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte,
+auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre.
+Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag
+nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das
+Wachtfeuer loderte, der Lagmi[150] kreiste von Hand zu Hand, und die
+Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende
+Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat,
+der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um
+sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme – – ich
+erwachte.
+
+ [150] Dattelpalmensaft.
+
+War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber,
+und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der
+Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit – ein Löwe umschlich das
+Lager.
+
+»Schlaft ihr?« fragte ich.
+
+»Nein.«
+
+»Hört ihr den Löwen?«
+
+»Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.«
+
+»Tötet ihn!«
+
+»Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?«
+
+»Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?«
+
+»Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme
+vollständig zu hören.«
+
+»Ist der Scheik bei ihnen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er
+mir mein Gewehr giebt.«
+
+»Du bist wahnsinnig!«
+
+»Ich bin vollständig bei Sinnen. Gehe hinaus!«
+
+»Ist es dein Ernst?«
+
+»Ja; packe dich!«
+
+Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich
+hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der
+Mann zurück. Er band mich los.
+
+»Folge mir!« gebot er.
+
+Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner
+wagte es, aus dem Schutze der Zelte zu treten.
+
+»Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?« fragte der Scheik.
+
+»Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.«
+
+»Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu
+jagen, und mehrere würden sterben daran.«
+
+»Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.«
+
+»Sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+»Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah giebt das
+Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.«
+
+»So gieb mir mein Gewehr!«
+
+»Welches?«
+
+»Das schwere, und mein Messer.«
+
+»Bringt ihm beides,« gebot der Scheik.
+
+Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er
+dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den
+Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu thun, und diese Drei
+konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte.
+
+Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.
+
+»Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?«
+
+»Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?«
+
+»Ja.«
+
+»Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem,
+welchen du in der Tasche hast.«
+
+»Ich schwöre es!«
+
+»Löst ihm die Hände!«
+
+Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im Zelte des Scheik, und
+vor demselben war der Rappe. Ich hatte keine Besorgnis mehr.
+
+Es war die Stunde, in welcher der Löwe am liebsten um die Herden
+schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Ich fühlte an meinen
+Gürtel, ob der Patronenbeutel noch vorhanden sei, dann schritt ich bis
+zum ersten Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein Auge an
+die Dunkelheit zu gewöhnen. Vor mir und zu beiden Seiten gewahrte ich
+einige Kamele und zahlreiche Schafe, die sich zusammengedrängt hatten.
+Die Hunde, welche sonst des Nachts die Wächter dieser Tiere sind, waren
+entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte verkrochen.
+
+Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise und langsam
+vorwärts. Ich wußte, daß ich den Löwen noch eher riechen würde, als ich
+ihn bei dieser Dunkelheit zu Gesichte bekommen konnte. Da – – es war als
+ob der Boden unter mir erbebte – erscholl der Donner dieser Stimme
+seitwärts von mir, und einige Augenblicke darauf vernahm ich einen
+dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer Körper gegen einen andern prallt –
+ein leises Stöhnen, ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden
+Knochen – und da, höchstens zwanzig Schritte vor mir funkelten die
+beiden Feuerkugeln: – ich kannte dieses grünliche rollende Licht. Ich
+hob das Gewehr trotz der Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und
+drückte ab.
+
+Ein gräßlicher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz meines Schusses
+hatte dem Löwen seinen Feind gezeigt; auch ich hatte ihn gesehen, der
+auf dem Rücken eines Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen
+Zähnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein großer dunkler Gegenstand
+schnellte durch die Luft und kam höchstens drei Schritte vor mir auf den
+Boden nieder. Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der Sprung
+schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war doch verwundet. Ich kniete
+noch fast im Anschlage und drückte den zweiten und letzten Schuß los,
+nicht mitten zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine Auge
+hinein. Dann ließ ich die Büchse blitzschnell fallen und nahm das Messer
+zur Hand – der Feind kam nicht über mich; er war von dem tödlichen
+Schusse förmlich zurückgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich
+einige Schritte zurück, um wieder zu laden. Ringsum herrschte Stille;
+auch im Lager war kein Hauch zu hören. Man hielt mich wohl für tot.
+
+Sobald aber der schwächste Schimmer des Tages den Körper des Löwen
+einigermaßen erkennen ließ, trat ich hinzu. Er war tot, und nun machte
+ich mich daran, ihn aus der Haut zu schälen. Ich hatte meine Gründe,
+nicht lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese Trophäe
+zurückzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem Gefühle als nach dem
+Gesichte vor sich, war aber doch beendet, als der Morgenschimmer etwas
+kräftiger wurde.
+
+Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir über die Schulter und kehrte in
+das Lager zurück. Es war jedenfalls nur ein kleines Zweiglager der
+räuberischen Abu Hammed. Die Männer, Frauen und Kinder saßen
+erwartungsvoll vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten, erhob sich ein
+ungeheurer Lärm. Allah wurde in allen Tönen angerufen, und hundert Hände
+streckten sich nach meiner Beute aus.
+
+»Du hast ihn getötet?« rief der Scheik. »Wirklich? Allein?«
+
+»Allein!«
+
+»So hat dir der Scheïtan beigestanden!«
+
+»Steht der Scheïtan einem Hadschi bei?«
+
+»Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulet, einen Talisman, mit Hilfe
+dessen du diese That vollbringst?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Hier!«
+
+Ich hielt ihm die Büchse vor die Nase.
+
+»Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen. Wo liegt der Körper des
+Löwen?«
+
+»Draußen rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!«
+
+Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte ich gewünscht.
+
+»Wem gehört die Haut des Löwen?« frug der Scheik mit lüsternem Blick.
+
+»Darüber wollen wir in deinem Zelte beraten. Tretet ein!«
+
+Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zwölf Männer da. Gleich
+beim Eintritt erblickte ich meine anderen Waffen; sie hingen an einem
+Pflock. Mit zwei Schritten stand ich dort, riß sie herab, warf die
+Büchse über die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand. Die Löwenhaut
+war mir infolge ihrer Größe und Schwere sehr hinderlich; aber es mußte
+doch versucht werden. Rasch stand ich wieder unter dem Eingang des
+Zeltes.
+
+»Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser Büchse nur auf den
+Löwen zu schießen – – –«
+
+»Ja.«
+
+»Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schießen werde, das habe ich
+nicht gesagt.«
+
+»Es gehört hierher. Gieb es zurück.«
+
+»Es gehört in meine Hand, und die wird es behalten.«
+
+»Er wird fliehen – haltet ihn!«
+
+Da erhob ich den Stutzen zum Schuß.
+
+»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben
+Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir
+genossen habe. Wir sehen uns wieder!«
+
+Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese
+kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich
+hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits
+am letzten Zelte vorbei.
+
+Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein
+wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den
+Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im
+Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des
+Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte
+ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich
+hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der
+vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen
+weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt,
+drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter
+seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre
+nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen
+Lauf wieder lud.
+
+Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug
+gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht.
+Ich hielt wieder, drehte um und zielte – zwei Schüsse knallten
+nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu
+viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit
+wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch
+meinen Spuren zu folgen schienen.
+
+Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks
+nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren
+nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den
+Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse
+des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an
+welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser
+Übergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch
+tiefe und nicht sehr breite Thäler getrennt werden. Das breiteste Thal
+von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so
+prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der
+möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen,
+den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb
+mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen und hielt daher
+noch eine Nachtruhe.
+
+Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor
+Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe
+zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus
+ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus
+dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich.
+»Wie ist es gegangen?«
+
+»Gut.«
+
+»Hast du etwas erfahren?«
+
+»Alles!«
+
+»Alles? Was?«
+
+»Rufe die Ältesten zusammen; ich werde euch Bericht erstatten.«
+
+Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der anderen Seite des
+Pferdes herabgeworfen hatte.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes, ein Löwe! Wie kommst du zu diesem Felle?«
+
+»Ich habe es ihm abgezogen.«
+
+»Ihm? Dem Herrn selbst?«
+
+»Ja.«
+
+»So hast du mit ihm gesprochen?«
+
+»Kurze Zeit.«
+
+»Wie viele Jäger waren dabei?«
+
+»Keiner.«
+
+»Allah sei mit dir, daß dich dein Gedächtnis nicht verlasse!«
+
+»Ich war allein!«
+
+»Wo?«
+
+»Im Lager der Abu Hammed.«
+
+»Die hätten dich erschlagen!«
+
+»Sie haben es nicht gethan, wie du siehst. Sogar Zedar Ben Huli hat mir
+das Leben gelassen.«
+
+»Auch ihn hast du gesehen?«
+
+»Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.«
+
+»Erzähle!«
+
+»Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst muß ich alles öfters
+erzählen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles ausführlich hören!«
+
+Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als ich den Engländer im
+vollsten Galopp daherstürmen sah.
+
+»Habe soeben gehört, daß Ihr da seid, Sir,« rief er schon von weitem.
+»Habt Ihr gefunden?«
+
+»Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.«
+
+»Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?«
+
+»Auch!«
+
+»Schön, sehr gut! Werde graben, finden und nach London schicken. Erst
+aber wohl kämpfen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.«
+
+»Was?«
+
+»Seltenheit, Schrift.«
+
+»Wo?«
+
+»Loch, hier in der Nähe. Ziegelstein.«
+
+»Eine Schrift auf einem Ziegelstein?«
+
+»#Yes!# Keilschrift. Könnt Ihr lesen?«
+
+»Ein wenig.«
+
+»Ich nicht. Wollen sehen!«
+
+»Ja. Wo ist der Stein?«
+
+»In Zelt. Gleich holen!«
+
+Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund zum Vorschein.
+
+»Hier, ansehen, lesen!«
+
+Der Stein war beinahe vollständig zerbröckelt, und die wenigen Keile,
+welche die verwitterte Inschrift noch zeigte, waren kaum mehr zu
+unterscheiden.
+
+»Nun?« fragte Master Lindsay neugierig.
+
+»Wartet nur. Das ist nicht so leicht, als Ihr denkt. Ich finde nur drei
+Worte, die vielleicht zu entziffern wären. Sie heißen, wenn ich nicht
+irre: #Tetuda Babrut ésis.#«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Zum Ruhme Babylons aufgeführt.«
+
+Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis
+hinter an die Ohren.
+
+»Lest Ihr richtig, Sir?«
+
+»Ich denke es.«
+
+»Was daraus nehmen?«
+
+»Alles und nichts!«
+
+»Hm! Hier doch gar nicht Babylon!«
+
+»Was sonst?«
+
+»Niniveh!«
+
+»Meinetwegen Rio de Janeïro! Reimt Euch das Dings da selbst zusammen
+oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu.«
+
+»Aber warum ich Euch mitgenommen?«
+
+»Gut! Hebt den Ziegelkloß auf, bis ich Zeit habe!«
+
+»#Well!# Was habt Ihr zu thun?«
+
+»Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse zu erzählen
+habe.«
+
+»Werde auch mitthun!«
+
+»Und übrigens muß ich vorher essen. Ich habe Hunger wie ein Bär.«
+
+»Auch da werde mitthun!«
+
+Er trat mit mir in das Zelt.
+
+»Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?«
+
+»Miserabel! Verlange Brot – Araber bringt Stiefel; verlange Hut – Araber
+bringt Salz; verlange Flinte – Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft,
+schrecklich! Lasse Euch nicht wieder fort!«
+
+Nach der Rückkehr des Scheik brauchte ich nicht lange auf das Mahl zu
+warten. Während desselben stellten sich die Geladenen ein. Die Pfeifen
+wurden angezündet, der Kaffee ging herum, und dann drängte Lindsay:
+
+»Anfangen, Sir! Bin neugierig.«
+
+Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet, bis mein Hunger
+gestillt war; dann aber begann ich:
+
+»Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt, aber es ist mir wider
+alles Erwarten sehr leicht geworden, sie zu lösen. Und dabei bringe ich
+Euch eine so ausführliche Nachricht, wie Ihr sie sicherlich nicht
+erwartet habt.«
+
+»Rede!« bat der Scheik.
+
+»Die Feinde haben ihre Rüstungen bereits vollendet. Es sind die Orte
+bestimmt, wo die drei Stämme sich vereinigen, und ebenso ist die Zeit
+angegeben, in der dies geschehen wird.«
+
+»Aber du hast es nicht erfahren können!«
+
+»Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu Hammed am Tage nach dem
+nächsten Jaum el Dschema bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen.
+Diese beiden Stämme stoßen dann am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema
+zwischen dem Wirbel El Kelab und dem Ende der Kanuzaberge mit den Obeïde
+zusammen.«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+»Ja.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von dem Scheik der Abu Mohammed.«
+
+»Hast du mit ihm gesprochen?«
+
+»Ich war sogar in seinem Zelte.«
+
+»Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und Abu Hammed nicht in
+Frieden.«
+
+»Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein Freund. Er wird dir
+mit dem Stamme der Alabeïden zu Hilfe kommen.«
+
+»Sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich jubelnd die Hände. Ich
+wurde von ihnen beinahe erdrückt. Dann mußte ich alles so ausführlich
+wie möglich erzählen. Ich that es. Sie glaubten alles, nur daß ich den
+Löwen so ganz allein und noch dazu bei stockfinsterer Nacht erlegt haben
+wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln. Der Araber ist gewohnt,
+dieses Tier nur am Tage und zwar in möglichst zahlreicher Gesellschaft
+anzugreifen. Ich legte ihnen endlich das Fell vor.
+
+»Hat diese Haut ein Loch?«
+
+Sie besahen es höchst aufmerksam.
+
+»Nein,« lautete dann der Bescheid.
+
+»Wenn Araber einen Löwen töten, so hat die Haut sehr viele Löcher. Ich
+habe ihm zwei Kugeln gegeben. Seht her! Die erste Kugel war zu hoch
+gezielt, weil er zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht
+ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut gestreift und das
+Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die zweite Kugel gab ich ihm, als er
+zwei oder drei Schritte von mir war; sie ist ihm in das linke Auge
+gedrungen. Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.«
+
+»Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare Tier so nahe an
+dich herankommen lassen, daß dein Pulver seine Haare verbrannte. Wenn es
+dich nun gefressen hätte?«
+
+»So hätte es so im Buche gestanden. Ich habe diese Haut mitgebracht für
+dich, o Scheik. Nimm sie von mir an und gebrauche sie als Schmuck deines
+Zeltes!«
+
+»Ist dies dein Ernst?« fragte er erfreut.
+
+»Mein Ernst.«
+
+»Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf diesem Felle werde ich
+schlafen, und der Mut des Löwen wird in mein Herz einziehen.«
+
+»Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit Mut zu erfüllen, den du
+übrigens auch bald brauchen wirst.«
+
+»Wirst du mitkämpfen gegen unsere Feinde?«
+
+»Ja. Sie sind Diebe und Räuber und haben auch mir nach dem Leben
+getrachtet; ich stelle mich unter deinen Befehl, und hier mein Freund
+wird dasselbe thun.«
+
+»Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen. Du sollst der
+Anführer einer Abteilung sein.«
+
+»Davon laß uns später sprechen; für jetzt aber erlaube mir, an eurer
+Beratung teilzunehmen.«
+
+»Du hast recht; wir müssen uns beraten, denn wir haben nur noch fünf
+Tage Zeit.«
+
+»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger
+der Haddedihn um dich zu versammeln?«
+
+»So ist es.«
+
+»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.«
+
+»Warum noch heute?«
+
+»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf
+diesen Kampf eingeübt werden.«
+
+Er lächelte stolz.
+
+»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf
+gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer
+hat der Stamm der Abu Mohammed?«
+
+»Neunhundert.«
+
+»Und die Alabeïde?«
+
+»Achthundert.«
+
+»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu kommt die Überraschung,
+da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!«
+
+»Oder wir werden besiegt!«
+
+»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?«
+
+»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er
+vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu
+Mohammed zu spät eintreffen?«
+
+»Es ist möglich.«
+
+»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird
+erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er
+erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die
+Überraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind
+nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn
+so darnieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und
+mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.«
+
+»Wie wolltest du dies beginnen?«
+
+»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.«
+
+»Wie kämpfen diese?«
+
+Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische
+Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für
+diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs
+für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich
+hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten
+zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich
+bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte
+die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche
+Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet
+hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen,
+welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:
+
+»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen
+der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«
+
+»Wir haben Zeit.«
+
+»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig
+zu machen?«
+
+»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir
+wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es
+einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten
+aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den
+geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen
+werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«
+
+Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.
+
+»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen
+die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen.
+Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses
+heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die
+Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen
+sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber
+führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt,
+weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen
+Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen
+die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen
+selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer
+Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen
+zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche
+in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig
+im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im
+Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit
+eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«
+
+»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt
+erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit
+einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«
+
+Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:
+
+»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«
+
+»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was
+es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von
+unserem Vorhaben Nachricht erhält.«
+
+Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser
+langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er
+die Gelegenheit zum Sprechen:
+
+»Sir, ich bin auch hier!«
+
+»Ich sehe Euch!«
+
+»Wollte auch ’was hören!«
+
+»Meine Erlebnisse?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache
+halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.«
+
+Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der
+darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert.
+
+»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc!
+Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich
+auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!«
+
+»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein
+General, der von der Kriegführung so viel versteht, wie das Flußpferd
+vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Übrigens wird
+es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.«
+
+»Warum?«
+
+»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.«
+
+»Ah! Wie?«
+
+»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.«
+
+»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!«
+
+Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte
+allerlei neue Gedanken mit:
+
+»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er
+erwartet?«
+
+»Nein.«
+
+»Was fordern die Alabeïden?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Du hättest fragen sollen!«
+
+»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach
+Beute fragen würde.«
+
+»Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen Schaden?«
+
+»Der besiegte Feind.«
+
+»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und
+Kinder nebst seinem Vieh fortführen!«
+
+»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du giebst
+die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht
+eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg
+vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den
+Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.«
+
+Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an.
+
+»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir
+von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis
+erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine
+Postenlinie ziehen.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger, von denen du
+überzeugt bist, daß sie treu sind. Sie lassen sich nicht sehen und
+beobachten alles. Von El Deradsch bis hierher stellst du in gewissen
+Entfernungen andere auf; es genügen vier Mann, welche darauf zu achten
+haben, daß sie mit keinem Fremden zusammenkommen, und uns alles
+berichten, was die ersten zwei erkunden. Einer trägt die Kunde zum
+andern und kehrt dann auf seinen Posten zurück.«
+
+»Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.«
+
+»Eine eben solche Linie, nur etwas weitläufiger, stellst du auf zwischen
+hier und den Weideplätzen der Abu Mohammed. Ich habe das mit ihrem
+Scheik bereits besprochen. Er wird die Hälfte dieser Linie mit seinen
+Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?«
+
+»Ja.«
+
+»Dort wird sein äußerster Posten zu treffen sein.«
+
+»Wie viele Männer werde ich dazu brauchen?«
+
+»Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele. Wie viele Krieger
+hast du hier im Lager?«
+
+»Es können vierhundert sein.«
+
+»Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du mußt noch heute Musterung über
+sie halten, und wir können unsere Übungen heute noch beginnen.«
+
+Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen einer halben Stunde
+waren die vierhundert Mann beisammen. Der Scheik hielt ihnen eine lange,
+blühende Rede und ließ sie am Ende derselben auf den Bart des Propheten
+schwören, die Rüstung gegen keinen Unberufenen zu erwähnen; dann befahl
+er ihnen, sich in Reihe und Glied aufzustellen.
+
+Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu Pferde; ein jeder hatte
+Messer, Säbel und die lange, befiederte Lanze, welche bei besserer
+Schulung eine fürchterliche Waffe sein könnte. Viele trugen auch den
+gefährlichen Nibat[151] oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die
+Schießwaffen ließen vieles zu wünschen übrig. Einige Krieger hatten noch
+den alten Lederschild nebst Köcher, Pfeil und Bogen. Andere besaßen
+Luntenflinten, die ihren Eigentümern gefährlicher waren, als dem Feinde,
+und die übrigen hatten Perkussionsgewehre mit überlangen Läufen.
+
+ [151] Keule.
+
+Letztere ließ ich vortreten, die andern aber schickte ich fort, mit der
+Bemerkung, morgen in aller Frühe wieder zu kommen. Die Zurückgebliebenen
+hieß ich absitzen und Proben ihrer Fertigkeit im Schießen ablegen. Im
+allgemeinen konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren gegen
+zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien aus ihnen und begann
+meinen Instruktionsunterricht. Dieser war allerdings nicht weit her. Die
+Leute sollten im Takte marschieren und laufen können und ein
+Schnellfeuer unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu Pferde
+anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm ernstlich stand zu halten;
+jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen
+Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren.
+
+Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei ihnen galt es, sie zu
+einem geschlossenen Angriff mit der Lanze zu befähigen, nachdem sie ihre
+Gewehre abgeschossen hatten. Ich kann sagen, daß die Leute sehr schnell
+begriffen und überaus begeistert waren.
+
+Gegen Abend hörten wir, daß die Verbindung mit den Abu Mohammed
+hergestellt sei, und bekamen zu gleicher Zeit die Nachricht, daß ihr
+Scheik von meinem Abenteuer bei den Abu Hammed bereits gehört habe. Es
+ging Antwort zurück, und von diesem Augenblick an wurde ein durch die
+Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr unterhalten.
+
+Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den Rapphengst bestieg, um
+einen Schnellritt hinein in die Savanne zu machen. Ich war noch gar
+nicht weit gelangt, so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte
+eine gewöhnliche, mittelmäßige Gestalt, der andere aber war sehr klein
+von Statur und schien von der Unterhaltung mit seinem Begleiter ganz
+außerordentlich in Anspruch genommen zu sein, denn er focht mit Arm und
+Beinen in der Luft, als wolle er Mücken morden.
+
+Ich mußte unwillkürlich an meinen kleinen Halef denken.
+
+Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen mein Pferd.
+
+»Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?«
+
+Er war es wirklich, der kleine Hadschi Halef Omar!
+
+»Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.«
+
+Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu
+küssen.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe
+mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne.«
+
+»Wie geht es dem würdigen Scheik Malek?«
+
+»Er ist wohlauf.«
+
+»Amscha?«
+
+»Ebenso.«
+
+»Hanneh, deine Freundin?«
+
+»O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.«
+
+»Und die andern?«
+
+»Sie sagten mir, daß ich dich grüßen solle, wenn ich dich fände.«
+
+»Wo sind sie?«
+
+»Sie sind am Abhange des Schammargebirges zurückgeblieben und haben mich
+an den Scheik der Schammar vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme
+bitten solle.«
+
+»Bei welchem Scheik?«
+
+»Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst treffe.«
+
+»Ich habe bereits für euch gesorgt. Da drüben ist das Lager der
+Haddedihn.«
+
+»Das sind Schammar. Wie heißt ihr Scheik?«
+
+»Mohammed Emin.«
+
+»Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?«
+
+»Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch gesprochen. Sieh diesen
+Hengst! Wie gefällt er dir?«
+
+»Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher der Abkömmling
+einer Stute von Koheli.«
+
+»Er gehört mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun kannst du sehen, daß
+er mein Freund ist!«
+
+»Allah gebe ihm dafür ein langes Leben! Wird er auch uns aufnehmen?«
+
+»Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt und folgt mir jetzt.«
+
+Wir setzten uns in Marsch.
+
+»Sihdi,« meinte Halef, »die Wege Allahs sind unerforschlich. Ich
+glaubte, lange nach dir fragen zu müssen, ehe ich eine Kunde bekäme, und
+nun bist du der erste, dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn
+gekommen?«
+
+Ich erzählte ihm das Nötige in Kürze und fuhr dann fort:
+
+»Weißt du, was ich jetzt bei ihm bin?«
+
+»Nun?«
+
+»General.«
+
+»General?«
+
+»Ja.«
+
+»Hat er Truppen?«
+
+»Nein. Er hat aber Krieg.«
+
+»Gegen wen?«
+
+»Gegen die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari.«
+
+»Das sind Räuber, die am Zab und Tigris wohnen; ich habe sehr vieles von
+ihnen gehört, was nicht gut ist.«
+
+»Sie rüsten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens überfallen; wir aber
+haben davon gehört, und nun bin ich sein General, der seine Krieger
+unterrichtet.«
+
+»Ja, Sihdi, ich weiß, daß du alles verstehst und alles kannst, und es
+ist ein wahres Glück, daß du kein Giaur mehr bist!«
+
+»Nicht?«
+
+»Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.«
+
+»Wer sagt dir das?«
+
+»Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen Zem-Zem bei dir;
+folglich bist du ein guter Moslem geworden. Habe ich dir nicht stets
+gesagt, daß ich dich bekehren würde, du magst wollen oder nicht?« –
+
+Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte des Scheik ab. Als
+wir eintraten, hatte er seine Räte bei sich.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte Halef.
+
+Sein Begleiter that dasselbe. Ich übernahm es, sie vorzustellen.
+
+»Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden Männer zu bringen, welche mit
+dir sprechen wollen. Dieser hier heißt Nasar Ibn Mothalleh, und dieser
+ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah, von dem ich dir bereits erzählt habe.«
+
+»Von ihm?«
+
+»Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen, sondern kurz nur
+Hadschi Halef Omar genannt.«
+
+»Dein Diener und Begleiter?«
+
+»Ja.«
+
+»Der Abu-Seïf, den Vater des Säbels, erschlagen hat?«
+
+»Ja. Er gehört jetzt zu dem Stamme der Ateïbeh, dessen Scheik dein
+Freund Malek ist.«
+
+»Seid mir willkommen, ihr Männer von Ateïbeh! Sei mir willkommen,
+Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt ist klein, aber dein Mut ist groß, und
+deine Tapferkeit ist erhaben. Möchten alle Männer so sein, wie du!
+Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?«
+
+»Ich bringe sie. Er läßt dich grüßen und fragen, ob du ihn und die
+Seinigen in den Stamm der Haddedihn aufnehmen magst.«
+
+»Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen sein. Wo befindet
+er sich jetzt?«
+
+»Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine halbe Tagreise von hier.
+Ich höre, daß du Krieger brauchst?«
+
+»So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen mir und denen, die
+neben uns wohnen.«
+
+»Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.«
+
+»Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben Nemsi hat mir doch gesagt,
+daß ihr weniger seid!«
+
+»Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes Al Hariel bei uns
+aufgenommen.«
+
+»Was tragt ihr für Waffen?«
+
+»Säbel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten. Mehrere haben sogar auch
+Pistolen. Wie ich mit den Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi
+sagen.«
+
+»Ich weiß es bereits. Aber dieser Mann ist kein Sihdi, sondern ein Emir;
+merke es dir!«
+
+»Ich weiß es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi zu nennen. Soll
+einer von uns sofort aufbrechen und Scheik Malek mit den Seinen
+herholen, da ihr Krieger braucht?«
+
+»Ihr seid müde.«
+
+»Wir sind nicht ermüdet. Ich reite sofort zurück.«
+
+Sein Begleiter fiel ihm in die Rede:
+
+»Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mußt bleiben; ich werde
+zurückkehren.«
+
+»Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,« meinte der Scheik.
+
+»Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln auf meinem Pferde.«
+
+Der Scheik wandte sich ihm zu:
+
+»Aber dein Pferd wird müde sein. Nimm das meinige; es hat mehrere Tage
+ausgeruht und wird dich schnell zu Malek bringen, den du von mir grüßen
+mögest!«
+
+Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten befand er sich auf dem
+Rückwege nach den Bergen von Schammar.
+
+»Emir,« sagte der Scheik zu mir, »weißt du, was meine Krieger von dir
+sagen?«
+
+»Nun?«
+
+»Daß sie dich lieben.«
+
+»Ich danke dir!«
+
+»Und daß sie den Sieg gewinnen müssen, wenn du bei ihnen bist.«
+
+»Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden morgen ein Manöver
+veranstalten.«
+
+»Wie? Was?«
+
+»Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen. Die letzten werden
+morgen früh nachkommen. Sie sind schnell eingeübt, und dann stellen wir
+den Kampf vor, den wir mit den drei Stämmen haben werden. Die Hälfte
+sind die Haddedihn, die andere Hälfte sind die Feinde. Drüben die alten
+Ruinen gelten als die Berge von Hamrin und Kanuza, und so werde ich es
+deinen Kriegern zeigen, wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu
+kämpfen haben.«
+
+Diese Ankündigung steigerte die bereits vorhandene Begeisterung um das
+Doppelte, und als sich die Kunde davon hinaus vor das Zelt verbreitete,
+erhob sich ein lauter Jubel über das ganze Lager, welches sich während
+des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuzüge bedeutend
+vergrößert hatte.
+
+Was ich voraus gesagt hatte, das geschah:
+
+Am andern Mittag waren wir vollzählig. Ich hatte Offiziere und
+Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen, nachdem ich ihm
+seinen Platz angewiesen hatte, sofort einübten. Am Spätnachmittag begann
+das Manöver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Das Fußvolk
+schoß ganz exakt, und die Chocs der einzelnen berittenen Körper wurden
+mit eleganter Sicherheit ausgeführt.
+
+Noch während des Manövers kam das letzte Glied unserer Postenkette
+herbeigeritten.
+
+»Was bringst du?« fragte der Scheik, dessen Antlitz vor Zufriedenheit
+glänzte.
+
+»Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu Hammed vereinigt.«
+
+»Wann?«
+
+»Gegen Abend.«
+
+»Und die Abu Mohammed?«
+
+»Sind bereits hinter ihnen her.«
+
+»Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit ihr Marsch nicht
+verraten wird, wie ich es angeraten habe?«
+
+»Ja.«
+
+Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten kam. Es war das
+diesseitige Glied der Kette nach dem Thale von Deradsch hinüber.
+
+»Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.«
+
+»Welche?«
+
+»Die Obeïde haben Leute vom Zab herübergesandt, um die Gegend zu
+untersuchen.«
+
+»Wie viel Männer sind es gewesen?«
+
+»Acht.«
+
+»Wie weit sind sie gekommen?«
+
+»Bis durch El Deradsch hindurch.«
+
+»Haben sie unsere Leute gesehen?«
+
+»Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann haben sie im Thale
+gelagert und vieles miteinander gesprochen.«
+
+»Ah! Hier hätte es möglich sein sollen, sie zu belauschen!«
+
+»Es war möglich, und Ibn Nazar hat es gethan.«
+
+Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche das Thal Deradsch
+bewachen sollten.
+
+»Was hat er gehört? Wenn es wichtig ist, soll er eine Belohnung
+erhalten.«
+
+»Sie haben gesagt, daß morgen genau zur Mittagszeit die Obeïde
+übersetzen wollen, um die Abu Hammed und Dschowari zu treffen, die dann
+ihrer bereits warten werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch
+vordringen und dort während der Nacht lagern, weil sie glauben, dort
+nicht gesehen zu werden. Am nächsten Morgen nachher wollen sie über uns
+herfallen.«
+
+»Sind diese acht Männer wieder fortgeritten?«
+
+»Nur sechs von ihnen. Zwei mußten zurückbleiben, um das Thal zu
+bewachen.«
+
+»Reite zurück und sage Ibn Nazar und seinem Gefährten, daß ich heute
+noch selbst zu ihnen kommen werde. Einer soll zurückbleiben, um die
+beiden zu bewachen, und der andere mag mich beim letzten Posten
+erwarten, um mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.«
+
+Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf Antwort.
+
+»Du hast gehört, was jener meldete?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, Emir.«
+
+»So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der Abu Mohammed. Er soll
+sich hart hinter dem Feinde halten und sich nicht sehen lassen. Ist
+derselbe in das Thal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im
+Rücken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen. Alle Thäler
+zwischen El Hamrin und el Kanuza sind zu besetzen. Das übrige wird
+unsere Sorge sein.«
+
+Er jagte davon. Wir aber brachen unsere Übung ab, um den Leuten Ruhe zu
+gönnen.
+
+»Du willst nach Deradsch?« fragte der Scheik auf dem Rückwege.
+
+»Ja.«
+
+»Warum?«
+
+»Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.«
+
+»Kann dies kein anderer verrichten?«
+
+»Nein. Die Sache ist so wichtig, daß ich sie selbst übernehme. Wenn
+diese zwei nicht ganz ruhig und sicher aufgehoben werden, so ist unser
+schöner Plan vollständig verdorben.«
+
+»Nimm dir einige Männer mit.«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich und unsere beiden Posten, das ist genug.«
+
+»Sihdi, ich gehe mit!« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite
+gewichen war.
+
+Ich wußte, daß er auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen werde, und
+nickte ihm also Gewährung.
+
+»Ich weiß nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen Ritt aushalten
+wird. Ich muß während der Nacht hin und zurück.«
+
+»Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,« meinte der Scheik.
+
+Eine Stunde später waren wir unterwegs: ich auf dem Rappen, und Halef
+auf einem Goldbraunen, der seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die
+Strecke bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zurück. Dort
+erwartete uns Ibn Nazar.
+
+»Du hast die beiden Männer belauscht?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten. Wo ist dein Gefährte?«
+
+»Ganz in der Nähe der beiden Kundschafter.«
+
+»Führe uns!«
+
+Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel, und bald erblickten wir
+den Höhenzug, hinter welchem El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitwärts
+ein. Wir mußten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an den Eingang
+einer dunklen Vertiefung.
+
+»Hier sind unsere Pferde, Herr.«
+
+Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde hinein. Sie standen so
+sicher, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchten. Dann schritten wir
+auf dem Kamme des Höhenzugs weiter, bis sich das Thal zu unseren Füßen
+öffnete.
+
+»Nimm dich in acht, Herr, daß kein Stein hinabfällt, der uns verraten
+könnte!«
+
+Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem Führer, und Halef hinter
+mir, immer einer in den Fußstapfen des andern. Endlich langten wir unten
+an. Eine Gestalt kam uns entgegen.
+
+»Nazar?«
+
+»Ich bin es. Wo sind sie?«
+
+»Noch dort.«
+
+Ich trat hinzu.
+
+»Wo?«
+
+»Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie liegen dahinter.«
+
+»Und ihre Pferde?«
+
+»Haben sie etwas weiter vorwärts angebunden.«
+
+»Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm, Halef!«
+
+Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorwärts. Er folgte mir. Wir
+gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich spürte Tabaksgeruch und hörte zwei
+halblaute Stimmen miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante
+vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen:
+
+»Zwei gegen sechs!«
+
+»Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen, ist lang und dünn
+gewesen, wie eine Lanze, und hat ein graues Kanonenrohr auf dem Kopfe
+gehabt.«
+
+»Der Scheïtan!«
+
+»Nein, sondern nur ein böser Geist, ein Dschin.«
+
+»Der andere aber ist der Teufel gewesen?«
+
+»Wie ein Mensch, aber fürchterlich! Sein Mund hat geraucht, und seine
+Augen haben Flammen gesprudelt. Er hat nur die Hand erhoben, und da sind
+alle sechs Pferde tot zusammengestürzt, mit den andern vier aber sind
+die zwei Teufel – Allah möge sie verfluchen – durch die Luft
+davongeritten.«
+
+»Am hellen Tage?«
+
+»Am hellen Tage.«
+
+»Gräßlich! Allah behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Und
+dann ist er gar in das Lager der Abu Hammed gekommen?«
+
+»Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.«
+
+»Wie?«
+
+»Sie haben ihn für einen Mann gehalten und sein Pferd für den berühmten
+Rappen des Scheik Mohammed Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd
+haben und nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager brachten,
+erkannte ihn der Sohn des Scheik.«
+
+»Er hätte ihm die Freiheit geben sollen.«
+
+»Er glaubte immer noch, daß er vielleicht doch ein Mensch wäre.«
+
+»Hatten sie ihn gefesselt?«
+
+»Ja. Aber da kam ein Löwe in das Lager, und der Fremde sagte, er wolle
+ihn ganz allein erlegen, wenn man ihm seine Büchse gebe. Man gab sie
+ihm, und er ging in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen
+Blitze vom Himmel, und es krachten zwei Schüsse. Nach einigen Minuten
+kam er. Er hatte das Fell des Löwen umgeworfen, stieg auf sein Pferd und
+ritt durch die Luft davon.«
+
+»Hat ihn keiner halten wollen?«
+
+»Doch; aber die Männer griffen in die Luft. Und als man ihm nachjagte,
+fielen drei Kugeln vom Himmel welche die drei besten Pferde töteten.«
+
+»Woher weißt du das?«
+
+»Der Bote erzählte es, welchen Zedar Ben Huli an unseren Scheik sandte.
+Glaubst du nun, daß es der Scheïtan war?«
+
+»Er war es.«
+
+»Was würdest du thun, wenn er dir erschiene?«
+
+»Ich würde auf ihn schießen und dazu die heilige Fatcha beten.«
+
+Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen.
+
+»So bete sie!« gebot ich ihm.
+
+»Allah kerihm!«
+
+»Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!«
+
+Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten.
+
+»Ich bin der, von dem du erzählt hast. Du nennst mich den Scheïtan; wehe
+dir, wenn du ein Glied regst, um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen
+die Waffen!«
+
+Sie ließen dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre Zähne klappern zu
+hören.
+
+»Binde ihnen die Hände mit ihren eigenen Gürteln!«
+
+Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest überzeugt sein, daß die
+Knoten nicht aufgehen würden.
+
+»Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch euer Leben lieb ist! Von
+welchem Stamme seid ihr?«
+
+»Wir sind Obeïde.«
+
+»Euer Stamm geht morgen über den Tigris?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie viele Krieger habt ihr?«
+
+»Zwölfhundert.«
+
+»Womit sind sie bewaffnet?«
+
+»Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.«
+
+»Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?«
+
+»Nicht viele.«
+
+»Wie setzt ihr über – auf Kähnen?«
+
+»Auf Flößen; wir haben keine Kähne.«
+
+»Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?«
+
+»So viel wie wir.«
+
+»Wie sind diese bewaffnet?«
+
+»Sie haben mehr Pfeile als Flinten.«
+
+»Und wie viele Männer bringen euch die Dschowari?«
+
+»Tausend.«
+
+»Haben diese Pfeile oder Flinten?«
+
+»Sie haben beides.«
+
+»Kommen bloß eure Krieger herüber, oder werdet ihr diese Gegend auch mit
+euren Herden überziehen?«
+
+»Nur die Krieger kommen.«
+
+»Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?«
+
+»Der Gouverneur hat es uns befohlen.«
+
+»Er hat euch nichts zu befehlen, ihr gehört unter den Statthalter von
+Bagdad. Wo sind eure Pferde?«
+
+»Dort.«
+
+»Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu entkommen, werde ich
+euch niederschießen. Nazar, kommt!« – Die beiden anderen kamen herbei.
+
+»Bindet diese beiden Männer hier fest auf ihre Pferde!«
+
+Die Obeïde ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen ohne Weigerung auf
+und wurden auf ihren Tieren so befestigt, daß an eine Flucht gar nicht
+zu denken war.
+
+Hierauf gab ich den Befehl:
+
+»Jetzt holt unsere Pferde drüben herab und bringt sie an den Eingang zum
+Thale. Ibn Nazar, du bleibst hier in El Deradsch zurück, der andere aber
+mag Halef die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.«
+
+Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde am äußersten Abhange
+des Thales hinabzuleiten. Dann stiegen wir auf und kehrten zurück,
+während Ibn Nazar auf seinem Posten verblieb.
+
+»Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie möglich nach.«
+
+Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die Schenkel. Ich that dies aus
+zwei Gründen: erstens war meine Gegenwart im Lager nötig, und zweitens
+hatte ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den höchsten
+Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er flog leicht, wie ein Vogel,
+über die Ebene dahin; der schnelle Lauf schien ihm sogar Vergnügen zu
+machen, denn er wieherte einigemal freudig auf. Plötzlich legte ich ihm
+die Hand zwischen die Ohren – –
+
+»Rih!« – –
+
+Auf diesen Ruf legte er die Ohren zurück; er schien länger und dünner zu
+werden, schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen. Dem
+bisherigen Galopp hätten hundert andere auch gute Pferde nicht zu folgen
+vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war er wie die Windstille
+gegen eine rasende Bö, wie der Gang einer Ente gegen den Flug einer
+Schwalbe. Die Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles
+hätte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen, und dabei
+war der Lauf desselben überaus glatt und gleichmäßig. Es war wirklich
+nicht zu viel, was Mohammed Emin zu mir gesagt hatte: »Dieses Pferd wird
+dich durch tausend Reiter hindurchtragen, und ich fühle mich unendlich
+stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten Renners zu sein.«
+
+Doch ich mußte daran denken, diese äußerste Anspannung aller Kräfte zu
+beenden; ich ließ den Rappen in Gang fallen und legte ihm liebkosend die
+Hand an den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem Beweis
+meiner Anerkennung und trug stolz den Hals.
+
+Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi Deradsch nur den vierten
+Teil der Zeit gebraucht, welche zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In
+der Nähe des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen und
+Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die ich wegen der Dunkelheit nicht
+genau zu erkennen vermochte, und im Zelte selbst wartete meiner eine
+sehr angenehme Überraschung: – Malek stand vor dem Scheik, welcher
+soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten Begrüßung
+auszusprechen.
+
+»Sallam!« begrüßte mich der Ateïbeh, indem er mir beide Hände
+entgegenstreckte. »Meine Augen freuen sich, dich zu sehen, und mein Ohr
+ist entzückt, die Schritte deines Fußes zu vernehmen!«
+
+»Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele! Er hat ein Wunder
+gethan, um dich heute schon zu uns zu bringen.«
+
+»Welches Wunder meint deine Zunge?«
+
+»Wir konnten dich heute unmöglich erwarten. Es sind ja drei Tagreisen
+von hier bis zum Dschebel Schammar und zurück!«
+
+»Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte nicht bis zum Berge der
+Schammar zu reiten. Nachdem er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich
+von einem verirrten Hirten, daß die Krieger der Haddedihn hier ihre
+Herden weiden. Ihr Scheik, der berühmte und tapfere Mohammed Emin, ist
+mein Freund; Hadschi Halef konnte nur auf ihn und keinen anderen
+getroffen sein, und so berieten wir uns, nicht auf seine Rückkehr zu
+warten, sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.«
+
+»Dein Entschluß war gut, denn ohne ihn hätten wir dich heute nicht
+begrüßen können.«
+
+»Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges, und mein Herz freute
+sich, als ich erfuhr, daß ich dich, o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den
+Kriegern der Haddedihn finden werde. Allah liebt dich und mich; er
+leitet unsere Füße auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch sage, wo
+ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner Achtung und meiner Liebe?«
+
+»Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus und ließ ihn mit
+zwei Gefangenen zurück; in kurzer Zeit wirst du ihn sehen.«
+
+»Es ist dir gelungen?« fragte mich Mohammed Emin.
+
+»Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie können uns nicht
+schaden.«
+
+»Ich höre,« meinte Malek, »daß Feindschaft ausgebrochen ist zwischen den
+Haddedihn und den Räubern am Tigris?«
+
+»Du hast recht gehört. Morgen, wenn die Sonne am höchsten gestiegen ist,
+werden unsere Gewehre donnern und unsere Säbel blitzen.«
+
+»Ihr werdet sie überfallen?«
+
+»Sie wollen uns überfallen, wir aber werden sie empfangen.«
+
+»Dürfen euch die Männer der Ateïbeh ihre Säbel leihen?«
+
+»Ich weiß, daß dein Säbel ist wie Dsu al Fekar[152], dem niemand
+widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir
+sind. Wie viele Männer sind bei dir?«
+
+ [152] »Der Blitzende«, Muhammeds Degen, der noch heute
+ aufbewahrt wird.
+
+»Einige mehr als fünfzig.«
+
+»Sie sind müde?«
+
+»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse
+des Kampfes vernimmt? Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch
+überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!«
+
+»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer
+Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze
+verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.«
+
+Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß
+ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde
+reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht
+beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen
+meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an
+und fragte:
+
+»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?«
+
+»So ist es, o Scheik.«
+
+»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der
+Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen
+der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Übermacht sollte uns
+erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was
+die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen
+will?«
+
+Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.
+
+»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet
+einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher
+sei. Haben eure Anführer dies gethan?«
+
+»Wir wissen es nicht, o Scheik!«
+
+»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von
+Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das
+Thal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle
+erhalten könne! Ich werde euch und die euren so behandeln, wie sie es
+verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!«
+
+Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem
+Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug.
+
+»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das
+Marameh[153] ab!«
+
+ [153] Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen
+ wird.
+
+Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen:
+
+»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?«
+
+»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.«
+
+»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die
+Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?«
+
+»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt
+werden.«
+
+»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür,
+Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!«
+
+»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?«
+
+»Ich gebiete es dir!«
+
+»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der
+Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht
+gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam
+sein.«
+
+Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und
+nahm einen Schambijeh[154] hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des
+Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes.
+
+ [154] Krummer Dolch.
+
+»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik.
+
+»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann
+mit ihm den Scheitel und die Schuschah[155] der tapferen Haddedihn
+berühren, o Scheik?«
+
+ [155] Haarbüschel auf dem Scheitel.
+
+»Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen hast!«
+
+Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die
+Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war;
+ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch
+Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der
+Schneide eines Rasiermessers wichen.
+
+»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen
+von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser;
+versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!«
+
+Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch
+ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie
+wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu
+lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es
+seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und
+daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde.
+
+»Allah il Allah,« begann er; »es giebt keinen Gott außer Allah. Alles,
+was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen
+sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die
+einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der
+Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich,
+darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht
+auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu
+dir gesagt: ›Nanu malihin – wir haben Salz miteinander gegessen.‹
+Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich
+habe zu dir gesagt: ›Nanu malihin.‹ Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid
+meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe
+für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?«
+
+Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.
+
+»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist
+das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem
+Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder
+erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere
+Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es giebt einen
+Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich
+meine?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»So sage es.«
+
+»Das Blut.«
+
+»Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum Tode, und die
+Freundschaft, die durch das Blut geschlossen wird, hört erst auf, wenn
+man stirbt. Scheik Malek, gieb mir deinen Arm!«
+
+Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich handelte. Er entblößte
+seinen Unterarm und hielt ihn Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn
+leicht mit der Spitze seines Messers und ließ die hervorquellenden
+Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gefüllten, hölzernen Becher fallen,
+welchen er darunter hielt. Dann winkte er mich herbei.
+
+»Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein Freund sein und der Freund
+dieses Mannes, der sich Scheik Malek el Ateïbeh nennt?«
+
+»Ich will es.«
+
+»Willst du es sein bis zum Tode?«
+
+»Ich will es.«
+
+»So sind deine Freunde und Feinde auch unsere Freunde und Feinde, und
+unsere Freunde und Feinde sind auch deine Freunde und Feinde?«
+
+»Sie sind es.«
+
+»So gieb mir deinen Arm!«
+
+Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und ließ die wenigen
+Blutstropfen, welche hervorquollen, in den Becher fallen. Dann that er
+dasselbe an seinem Arm und schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut
+mit dem Wasser zu vermischen.
+
+»Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile und genießt ihn
+mit dem Gedanken an den Allwissenden, der unsere geheimsten Gedanken
+kennt. Wir haben sechs Füße, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs
+Lippen, und dennoch sei es nur ein Fuß, ein Arm, ein Auge, ein Ohr und
+eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei Köpfe, aber dennoch sei es
+nur ein Herz und ein Kopf. Wo der eine ist, da wandeln die andern, und
+was der eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gefährten es
+thäten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!«
+
+Er reichte mir den Becher dar.
+
+»Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt am weitesten von hier;
+trink deinen Teil zuerst und reiche dann den Becher unserem Freunde.«
+
+Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck; Malek folgte mir,
+und Mohammed Emin trank den Rest aus. Dann umarmte und küßte er uns,
+während er jedem sagte:
+
+»Jetzt bist du mein Rafik[156], und ich bin dein Rafik; unsere
+Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere Wege scheiden mag!«
+
+ [156] Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle
+ Aschab, das ist Gefährten.
+
+Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell durch das ganze
+Lager, und wer auch nur das kleinste Vorrecht oder die geringste
+Vergünstigung zu besitzen glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu
+beglückwünschen. Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so daß
+wir erst spät wieder nur zu dreien beieinander saßen.
+
+Wir mußten Scheik Malek eine Beschreibung des Terrains liefern, auf
+welchem der Kampf voraussichtlich stattfinden werde, und ihn mit unserem
+Verteidigungsplane bekannt machen. Er billigte denselben vollständig und
+fragte zuletzt:
+
+»Können die Feinde nicht nach Norden entweichen?«
+
+»Sie könnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel Kanuza, das ist also
+längs des Wadi Dschehennem, durchbrechen; aber wir werden ihnen auch
+diesen Weg verlegen. Scheik Mohammed, hast du angeordnet, daß Werkzeuge
+vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?«
+
+»Es ist geschehen.«
+
+»Sind die Frauen ausgewählt, welche uns begleiten sollen, um die
+Verwundeten zu verbinden?«
+
+»Sie sind bereit.«
+
+»So laß Pferde aussuchen für unsern Gefährten und seine Männer. Wir
+müssen aufbrechen, denn der Tag wird bald erscheinen.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Der Sieg.
+
+
+Eine halbe Stunde später setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht
+etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei
+den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel
+miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte.
+
+Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der
+Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das
+Sanitätscorps zu bilden hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur
+Verbindung mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen
+dienen sollten.
+
+Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und
+warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein
+erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu
+sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte.
+
+Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, daß nichts vorgefallen sei.
+Wir erreichten also ohne Störung den langgezogenen Dschebel Deradsch,
+hinter welchem sich das fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost
+erstreckte. Diejenigen, welche als Schützen ausersehen waren, stiegen
+ab; ihre Pferde wurden in gehöriger Ordnung in der Ebene angepflockt,
+damit im Falle eines Rückzuges keine Verwirrung entstehen könne. Unweit
+davon wurden die Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen
+hatten, aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erwähnt, für die
+Verwundeten bestimmt. Wasser war in Schläuchen genug, Verbandzeug aber
+nur sehr wenig vorhanden, ein Übelstand, welcher mich mit Bedauern
+erfüllte.
+
+Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern verband, hatten
+wir natürlich hinter uns hergezogen, so daß wir mit ihnen immer in
+Verbindung blieben. Es waren fast stündlich Meldungen von ihnen
+angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, daß die Feinde
+unseren Anmarsch noch nicht entdeckt hätten.
+
+Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr
+einsilbig verhalten. Es war mir ja keine Zeit übrig geblieben, die ich
+ihm hätte widmen können. Jetzt hielt er an meiner Seite.
+
+»Wo schlagen, Sir? Hier?« fragte er.
+
+»Nein, hinter dieser Höhe,« antwortete ich.
+
+»Bei Euch bleiben?«
+
+»Wie Ihr wollt.«
+
+»Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?«
+
+»Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso schießen wie fechten,
+wenn es notwendig ist.«
+
+»Bleibe bei Euch.«
+
+»So wartet hier. Meine Abteilung hält hier, bis ich sie abhole.«
+
+»Nicht hinein in das Thal?«
+
+»Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den Fluß ziehen, um den Feind
+zu verhindern, nach Norden zu entkommen.«
+
+»Wie viel Mann?«
+
+»Hundert.«
+
+»#Well#! sehr gut, ausgezeichnet!«
+
+Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht übernommen. Zwar war
+ich Freund und Gefährte der Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch,
+Leute, wenn auch im offenen Kampfe, zu töten, die mir nichts gethan
+hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern ausgefochten
+werden sollte, ging mich persönlich gar nichts an, und da nicht zu
+erwarten stand, daß die Feinde sich nach Norden wenden würden, so hatte
+ich gebeten, mich der Abteilung anschließen zu dürfen, welche den
+Feinden dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten wäre ich am
+Verbandplatze zurückgeblieben; dies war aber eine Unmöglichkeit.
+
+Jetzt führte der Scheik seine Reiterei in das Thal, und ich schloß mich
+ihr an. Sie wurde in die beiden Seitenthäler rechts und links verteilt.
+Dann folgte die Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die Höhe
+rechts, das andere Drittel die Höhe links, um – hinter den zahlreichen
+Felsen versteckt – den Feind von oben herab fassen zu können; das letzte
+Drittel, welches zumeist aus Scheik Malek und seinen Männern bestand,
+blieb am Eingange zurück, um denselben zu verbarrikadieren und hinter
+dieser Verschanzung hervor den Feind zu begrüßen. Jetzt kehrte ich
+zurück und ritt mit meinen hundert Mann davon.
+
+Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen Thalpaß fanden, welcher
+es uns ermöglichte, den Dschebel zu übersteigen. Nach einer Stunde
+erblickten wir den Fluß vor uns. Weiter rechts, also nach Süden zu, gab
+es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an das Wasser trat,
+und also einen Halbkreis bildete, aus welchem heraus sehr schwer zu
+entkommen war, wenn man einmal das Unglück gehabt hatte, hinein zu
+geraten. Hier postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine
+zehnfache Übermacht ohne große Anstrengung aufhalten.
+
+Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, saßen wir ab und machten es
+uns bequem. Master Lindsay fragte mich:
+
+»Hier bekannt, Sir?«
+
+»Nein,« antwortete ich.
+
+»Ob vielleicht Ruinen hier?«
+
+»Weiß nicht.«
+
+»Einmal fragen!«
+
+Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die Antwort übersetzte:
+
+»Weiter oben.«
+
+»Wie heißt?«
+
+»Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.«
+
+»Fowling-bulls dort?«
+
+»Hm! Man müßte erst sehen.«
+
+»Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?«
+
+»Bis Mittag, auch wohl später. Vielleicht giebt es für uns gar keinen
+Kampf.«
+
+»Werde unterdessen einmal ansehen.«
+
+»Was?«
+
+»Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner Museum schicken;
+berühmt werden; #well#!«
+
+»Das wird jetzt nicht gut möglich sein.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil Ihr von hier bis dorthin gegen fünfzehn englische Meilen zu reiten
+hättet.«
+
+»Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!«
+
+Er legte sich hinter ein Euphorbiengebüsch, ich aber beschloß, zu
+rekognoscieren, gab den Leuten die nötige Weisung und ritt südwärts dem
+Flusse entlang.
+
+Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter Kletterer;
+ich konnte es wagen, mit ihm den Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich
+denn, als sich mir ein günstiges Terrain bot, zur Höhe empor, um eine
+Übersicht zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr den
+östlichen Horizont. Da sah ich, daß drüben, jenseits des Flusses, ein
+sehr reges Leben herrschte. Am südlichen, also am linken Ufer des Zab
+wimmelte die Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia hinab,
+und unterhalb des Chelab[157] lagen mehrere große Haufen von
+Ziegenschläuchen, aus denen man wohl soeben die Flöße machen wollte,
+welche zum Übersetzen der Obeïde dienen sollten. Das diesseitige Ufer
+des Tigris konnte ich nicht sehen – wegen der Höhe, hinter welchem das
+Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich mir vor, auch
+jene Höhe zu ersteigen.
+
+ [157] Stromschnelle.
+
+Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt,
+und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt
+erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom
+Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer
+hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im
+Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger
+ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen
+Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den
+Kavallerie-Hinterhalt.
+
+Dann richtete ich das Rohr nach Süden.
+
+Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, daß man bereits im Begriffe stand,
+sie abzubrechen. Das waren die Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten
+wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert.
+Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knieen gelegen, als am
+5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen
+Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich
+machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris
+getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra
+abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der
+Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis
+zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana.
+
+Ich sah, daß die Ziegenhäute aufgeblasen und verbunden wurden, sah die
+Reiter, welche, die Pferde an der Hand führend, sich auf die Flöße
+begaben; ich sah die Flöße abstoßen und am diesseitigen Ufer landen. Es
+war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren
+Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine
+glänzende Phantasia[158] auszuführen.
+
+ [158] Scheingefecht.
+
+Das kam erwünscht, daß sie ihre Pferde jetzt so anstrengten; die Tiere
+mußten dann, wenn es galt, wohl ermüdet sein.
+
+So saß ich wohl eine Stunde lang. Die Obeïde waren jetzt alle herüber,
+und ich sah, daß sich der Zug nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt
+kletterte ich wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zurück. Die
+Stunde der Entscheidung war gekommen.
+
+Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt zu erreichen, von dem
+es mir möglich war, von der Höhe hinabzukommen. Schon wollte ich zu
+Thale lenken, als ich ganz dort oben am nördlichen Horizont etwas
+blitzen sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein
+Glasstückchen fiele. Wir konnten den Feind nur von Süden her erwarten,
+dennoch aber nahm ich mein Fernrohr zur Hand und suchte die Stelle auf,
+an welcher ich den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich
+fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl dunkler Punkte,
+welche sich abwärts bewegten. Es mußten Reiter sein, und einer von ihnen
+war es, dessen Körper das Licht der Sonne reflektierte.
+
+Waren es Feinde? Sie befanden sich nördlich grad so weit von dem
+Verstecke meiner Leute, wie ich südlich von demselben entfernt war. Hier
+galt kein Zögern; ich mußte ihnen zuvorkommen.
+
+Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abwärts stieg, dann aber, als er
+die Thalsohle unter den Hufen hatte, wie ein Vogel dahinflog. Ich war
+überzeugt, daß ich zur rechten Zeit eintreffen würde.
+
+Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute zusammen und teilte
+ihnen mit, was ich beobachtet hatte. Wir schafften die Pferde aus dem
+Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die
+Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprunge desselben, während
+der andere Teil zurückblieb, um – hinter Euphorbien und Gummipflanzen
+verborgen, den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden.
+
+Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen.
+Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im
+Anschlage hielt.
+
+»Wie viele?« fragte er kurz.
+
+»Konnte sie nicht genau zählen,« antwortete ich ihm.
+
+»Ungefähr?«
+
+»Zwanzig.«
+
+»Pah! Warum denn so viele Mühe geben?«
+
+Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine
+beiden Diener folgten ihm augenblicklich.
+
+Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber,
+welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich
+vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann
+hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals
+erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die
+hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine
+Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel.
+
+Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle
+herbeigekommen waren; dann winkte er einem Manne, der sich an seiner
+Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule,
+als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort
+die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den
+Engländer in arabischer Sprache:
+
+»Wer bist du?«
+
+Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe
+Verbeugung, sagte aber kein Wort.
+
+Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache.
+
+»Im Inglis – ich bin ein Engländer,« lautete die Antwort.
+
+»Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!« klang es jetzt in englischen
+Lauten. »Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser
+Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen
+bitten?«
+
+»David Lindsay.«
+
+»Dies sind Ihre Diener?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Aber was thun Sie hier?«
+
+»#Nothing# – nichts.«
+
+»Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Und welches ist dieser Zweck?«
+
+»#To dig# – ausgraben.«
+
+»Was?«
+
+»Fowling-bulls.«
+
+»Ah!« lächelte der Mann überlegen. »Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute
+und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?«
+
+»Mit Dampfer.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Nach Bagdad zurück.«
+
+»So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?«
+
+»#Yes.#«
+
+»Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?«
+
+»Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?«
+
+Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche
+übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann:
+
+»Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber,
+welche da drüben ihre Weideplätze haben.«
+
+Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des
+Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen.
+
+»Wer Sie?« fragte der Engländer weiter.
+
+»Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul zu Mossul.«
+
+»Ah! Wohin?«
+
+»Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.«
+
+»Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?«
+
+»Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren
+muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von
+dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es,
+daß – – – –«
+
+Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte eines unserer
+Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele. Sofort griff der Scheik
+in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich
+mich.
+
+»Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!« sagte ich.
+
+Der Scheik blieb vor Überraschung halten.
+
+»Wer sind Sie?« fragte der Dolmetscher. »Auch ein Engländer? Sie tragen
+sich aber doch genau wie ein Araber!«
+
+»Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir
+wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die
+Sitten dieses Landes bekümmern.«
+
+»Wer ist es?« fragte der Scheik den Griechen.
+
+»Ein Nemsi.«
+
+»Sind die Nemsi Gläubige?«
+
+»Sie sind Christen.«
+
+»Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?«
+
+»Ich war in Mekka,« antwortete ich ihm.
+
+»Du sprichst unsere Sprache?«
+
+»Ich spreche sie.«
+
+»Du gehörst zu diesem Inglis?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?«
+
+»Bereits mehrere Tage.«
+
+Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter:
+
+»Kennst du die Haddedihn?«
+
+»Ich kenne sie.«
+
+»Woher hast du sie kennen gelernt?«
+
+»Ich bin der Rafik ihres Scheik.«
+
+»So bist du verloren!«
+
+»Warum?«
+
+»Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.«
+
+»Wann?«
+
+»Sofort.«
+
+»Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed, war auch
+stark!«
+
+»Was willst du mit ihm?«
+
+»Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.«
+
+»Maschallah! Bist du der Mann, welcher den Löwen getötet hat?«
+
+»Ich bin es.«
+
+»So bist du mein. _Mir_ entkommst du nicht.«
+
+»Oder du bist mein und entkommst _mir_ nicht. Sieh dich um!«
+
+Er that es, bemerkte aber niemand.
+
+»Auf, ihr Männer!« rief ich laut.
+
+Sofort erhoben sich sämtliche Haddedihn und legten die Gewehre auf ihn
+und seine Leute an.
+
+»Ah, du bist klug wie ein Abul Hosseïn[159] und tötest die Löwen, mich
+aber fängst du nicht!« rief er aus.
+
+ [159] Beiname des Fuchses.
+
+Er riß den krummen Säbel vom Gürtel, drängte sein Pferd zu mir heran und
+holte aus zum tödlichen Hieb. Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu
+werden. Ich schoß auf sein Pferd – dieses überstürzte sich – er fiel zu
+Boden – und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings begann ein
+Ringen, welches mir bewies, daß er ein außerordentlich kräftiger Mann
+sei; ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb
+auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward.
+
+Während dieses kurzen Ringens wogte es rund um mich her; aber was da
+geschah, das war kein Kampf zu nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen,
+nur auf die Pferde zu schießen; infolgedessen wurden gleich durch die
+erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang, sämtliche
+Pferde der Obeïde entweder getötet oder schwer verwundet. Die Krieger
+lagen zu Boden geworfen, und von allen Seiten starrten ihnen die langen,
+bewimpelten Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen fünffach
+überlegen waren. Selbst der Fluß bot ihnen keine Gelegenheit zum
+Entkommen, da unsere Kugeln jeden Schwimmenden erreicht hätten. Als sich
+der Knäuel löste, welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen
+sie ratlos bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden
+Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur mein Wunsch sein,
+den Auftritt ohne Blutvergießen zu endigen.
+
+»Gebt euch keine Mühe, ihr Krieger der Obeïde; ihr seid in unseren
+Händen. Ihr seid zwanzig Mann, wir aber zählen über hundert Reiter, und
+euer Scheik befindet sich in meiner Hand!«
+
+»Schießt ihn nieder!« gebot ihnen der Scheik.
+
+»Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt, so werden diese
+beiden Männer euren Scheik töten!« antwortete ich.
+
+»Schießt ihn nieder, den Dib[160], den Ibn Avah[161], den Erneb![162]«
+rief er trotz meiner Drohung.
+
+ [160] Wolf.
+
+ [161] Schakal.
+
+ [162] Hase.
+
+»Laßt euch dies nicht einfallen; denn auch ihr wäret verloren!«
+
+»Eure Brüder werden euch und mich rächen!« rief der Scheik.
+
+»Eure Brüder? Die Obeïde? Vielleicht auch die Abu Hammed und die
+Dschowari!«
+
+Er blickte mich überrascht an.
+
+»Was weißt du von ihnen?« stieß er hervor.
+
+»Daß sie in diesem Augenblick von den Kriegern der Haddedihn ebenso
+überrumpelt werden, wie ich dich und diese Männer gefangen habe.«
+
+»Du lügst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden kann. Meine Krieger
+werden dich mit allen Söhnen und Töchtern der Haddedihn fangen und
+fortführen!«
+
+»Allah behüte deinen Kopf, daß du die Gedanken nicht verlierst! Würden
+wir hier auf dich warten, wenn wir nicht gewußt hätten, was du gegen
+Scheik Mohammed unternehmen willst?«
+
+»Woher weißt du, daß ich am Grabe des Hadschi Ali war?«
+
+Ich beschloß, auf den Busch zu klopfen – und erwiderte also:
+
+»Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Glück für dein Unternehmen zu
+erbeten; aber dieses Grab liegt auf dem linken Ufer des Tigris, und du
+bist dann an dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu erspähen, wo die
+andern Stämme der Schammar sich befinden.«
+
+Ich sah ihm an, daß ich mit meiner Kombination das Richtige getroffen
+hatte. Er stieß trotzdem ein höhnisches Gelächter aus und antwortete:
+
+»Dein Verstand ist faul und träge wie der Schlamm, der im Flusse liegt.
+Gieb uns frei, so soll dir nichts geschehen!«
+
+Jetzt lachte ich und fragte:
+
+»Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?«
+
+»Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann seid ihr verloren!«
+
+»Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du hast weder gehört noch
+gesehen, was vorging, ehe die Deinigen über den Fluß herüber kamen.«
+
+»Was soll geschehen sein?« fragte er in verächtlichem Ton.
+
+»Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet habe.«
+
+»Wo?«
+
+»Im Wadi Deradsch.«
+
+Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu:
+
+»Du siehst, daß euer Plan verraten ist. Du weißt, daß ich bei den Abu
+Hammed war. Ehe ich dorthin kam, war ich bei den Abu Mohammed. Sie und
+die Alabeïden, die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn
+verbunden, euch in dem Wadi Deradsch einzuschließen. Horch!«
+
+Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu hören.
+
+»Hörst du diese Schüsse? Sie sind bereits im Thale eingeschlossen und
+werden alle niedergemacht, wenn sie sich nicht ergeben.«
+
+»Allah il Allah!« rief er. »Ist das wahr?«
+
+»Es ist wahr.«
+
+»So töte mich!«
+
+»Du bist ein Feigling!«
+
+»Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?«
+
+»Ja. Du bist der Scheik der Obeïde, der Vater deines Stammes; es ist
+deine Pflicht, ihm in der Not beizustehen; du aber willst ihn
+verlassen!«
+
+»Bist du verrückt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn ich gefangen bin!«
+
+»Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale, die nach Blut
+lechzen; sie wollen euern Überfall zurückweisen und dann Frieden mit
+euch schließen. Bei dieser Beratung darf der Scheik der Obeïde nicht
+fehlen.«
+
+»Noch einmal: sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+»Beschwöre es!«
+
+»Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt, Bursche!«
+
+Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher ruhig dagestanden, jetzt
+aber sprang er plötzlich auf einen meiner Leute, welche nach und nach
+näher getreten waren, um unsere Worte zu verstehen, stieß ihn zur Seite
+und eilte davon. Einige Schüsse krachten hinter ihm, aber in der Eile
+war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm, den Vorsprung zu
+erreichen und hinter demselben zu verschwinden.
+
+»Schießt jeden nieder, der sich hier rührt!«
+
+Mit diesen Worten eilte ich dem Flüchtling nach. Als ich den Vorsprung
+erreichte, war er bereits über hundert Schritte von demselben entfernt.
+
+»Bleib stehen!« rief ich ihm nach.
+
+Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that mir leid, aber ich war
+gezwungen, auf ihn zu schießen; doch nahm ich mir vor, ihn nur zu
+verwunden, wenn es möglich war. Ich zielte scharf und drückte ab. Er
+lief noch eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann stehen. Es war,
+als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um seine eigene Achse drehte,
+dann fiel er nieder.
+
+»Holt ihn herbei!« gebot ich.
+
+Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und trugen ihn herbei.
+Die Kugel saß in seinem Oberschenkel.
+
+»Du siehst, Eslah el Mahem, daß wir Ernst machen. Befiehl deinen Leuten,
+sich zu ergeben!«
+
+»Und wenn ich es ihnen nicht befehle?« fragte er.
+
+»So zwingen wir sie, und dann fließt ihr Blut, was wir gern vermeiden
+wollen.«
+
+»Willst du mir später bezeugen, daß ich mich nur ergeben habe, weil ihr
+fünfmal mehr seid als wir, und weil du mir sagst, daß die Meinen in dem
+Wadi Deradsch eingeschlossen sind?«
+
+»Ich bezeuge es dir!«
+
+»So gebt eure Waffen ab!« knirschte er. »Aber Allah verderbe dich bis
+in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn du mich belogen hast!«
+
+Die Obeïde wurden entwaffnet.
+
+»Sir!« rief Lindsay während dieser Beschäftigung.
+
+»Was?« fragte ich und drehte mich um.
+
+Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefaßt und meldete:
+
+»Frißt Papier, der Kerl!«
+
+Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen in der
+zusammengeballten Hand.
+
+»Geben Sie her!« sagte ich.
+
+»Nie!«
+
+»Pah!«
+
+Ein Druck auf seine Hand – er schrie vor Schmerz auf und öffnete die
+Finger. Das Papier war der Teil eines Briefumschlags und enthielt nur
+ein einziges Wort: Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts
+und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen oder noch im
+Munde.
+
+»Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!« forderte ich ihn auf.
+
+Ein höhnisches Lächeln war seine Antwort, und zugleich sah ich, wie er
+den Kopf etwas erhob, um leichter schlingen zu können. Sofort faßte ich
+ihn bei der Kehle. Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der
+Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun, ein
+Papierklümpchen ans Tageslicht zu fördern. Die Papierfetzen enthielten
+nur wenige Zeilen in Chiffreschrift, und außerdem schien es ganz
+unmöglich, die einzelnen Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie
+zusammengehörten. Ich faßte den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn:
+
+»Von wem war dieses Schreiben verfaßt?«
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete er.
+
+»Von wem hast du es erhalten?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Lügner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben und zu sterben?«
+
+Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort:
+
+»Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden, und ich lasse
+dich hier zurück für die Geier und Schakale!«
+
+»Ich muß schweigen,« sagte er.
+
+»So schweige auf ewig!«
+
+Ich erhob mich. Das wirkte.
+
+»Frage, Effendi!« rief er aus.
+
+»Von wem hast du diesen Brief?«
+
+»Vom englischen Vicekonsul in Mossul.«
+
+»An wen war er gerichtet?«
+
+»An den Konsul zu Bagdad.«
+
+»Kennst du seinen Inhalt?«
+
+»Nein.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Ich schwöre, daß ich keinen Buchstaben zu lesen bekam!«
+
+»Aber du ahnest, was er enthielt?«
+
+»Ja.«
+
+»So rede!«
+
+»Politik!«
+
+»Natürlich!«
+
+»Weiter darf ich nichts sagen.«
+
+»Hast du einen Schwur abgelegt?«
+
+»Ja.«
+
+»Hm! Du bist ein Grieche?«
+
+»Ja.«
+
+»Woher?«
+
+»Aus Lemnos.«
+
+»Ich dachte es! Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter,
+und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die
+Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die
+ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich
+verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele. Du
+würdest heute deinen Eid brechen, wenn ich dich zwänge oder dir den
+Eidbruch bezahlte, Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul
+gebracht? Schweig! Ich ahne es, denn ich weiß, wodurch ihr alles werdet,
+was ihr seid! Du magst deinem Eide treu bleiben, denn die Politik, von
+der du sprachst, kenne ich! Warum hetzt ihr diese Stämme gegen einander
+auf? Warum stachelt ihr einmal den Türken und das andere Mal den Perser
+gegen sie auf? Und das thun Christen! Andere, welche die Lehre des
+Weltheilandes wirklich befolgen, bringen die Worte der Liebe und des
+Erbarmens in dieses Land, und ihr säet Unkraut zwischen den Weizen, daß
+er erstickt, eure Saat aber tausendfältige Früchte trägt. Fliehe zu
+deinem Popen; er mag für dich um Vergebung bitten! Du hast auch den
+Russen gedient?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Wo?«
+
+»In Stambul.«
+
+»Wohlan! Ich sehe, daß du wenigstens noch fähig bist, die Wahrheit zu
+bekennen, und daher will ich dich nicht der Rache der Haddedihn
+übergeben.«
+
+»Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich dafür segnen!«
+
+»Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?«
+
+»Alexander Kolettis.«
+
+»Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn
+früher trug, nichts gemein. Bill!«
+
+»Sir!« antwortete der Gerufene.
+
+»Kannst du eine Wunde verbinden?«
+
+»Das nicht, Sir, aber ein Loch verknüpfen, das kann ich wohl.«
+
+»Knüpfe es ihm zu!«
+
+Der Grieche wurde von dem Engländer verbunden. Wer weiß ob ich nicht
+anders gehandelt hätte, wenn ich damals gewußt hätte, unter welchen
+Umständen ich diesen Menschen später wiedersehen sollte. Ich wandte mich
+zu dem gefesselten Scheik:
+
+»Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und es thut mir leid, einen
+mutigen Krieger gefesselt zu sehen. Willst du mir versprechen, stets an
+meiner Seite zu bleiben und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?«
+
+»Warum?«
+
+»Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.«
+
+»Ich verspreche es!«
+
+»Bei dem Barte des Propheten?«
+
+»Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!«
+
+»Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!«
+
+»Schwört mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!« gebot er.
+
+»Wir schwören es!« ertönte die Antwort.
+
+»So sollt ihr nicht gebunden werden,« versprach ich ihnen.
+
+Zugleich löste ich die Bande des Scheik.
+
+»Sihdi, du bist ein edelmütiger Krieger,« sagte er. »Du hast nur unsere
+Tiere töten lassen, uns aber verschont. Allah segne dich, obgleich mein
+Pferd mir lieber als ein Bruder war!«
+
+Ich sah es seinen edlen Zügen an, daß diesem Manne jeder Verrat, jede
+Gemeinheit und Treulosigkeit fremd war, und sagte zu ihm:
+
+»Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angehörigen deines Volkes von
+fremden Zungen verleiten lassen; sei später stärker! Willst du dein
+Schwert, deinen Dolch und deine Flinte wieder haben?«
+
+»Das thust du nicht, Effendi!« erwiderte er erstaunt.
+
+»Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines Stammes sein; ich mag
+dich nicht wie einen Huteijeh oder wie einen Chelawijeh[163] behandeln.
+Du sollst vor Mohammed Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein
+freier Mann, mit den Waffen in der Hand.«
+
+ [163] Verachtete Stämme, die zum Pöbel gerechnet werden,
+ ungefähr wie die Paria in Indien.
+
+Ich gab ihm seinen Säbel und auch die anderen Waffen. Er sprang auf und
+starrte mich an.
+
+»Wie ist dein Name, Sihdi?«
+
+»Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.«
+
+»Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde,
+sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn
+glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich
+leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei
+dir trägst und mit denen du mich töten könntest. Zeige mir deinen
+Dolch!«
+
+Ich that es. Er prüfte die Klinge und meinte dann:
+
+»Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander; siehe dagegen meinen
+Schambijeh!«
+
+Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk, zweischneidig, leicht
+gekrümmt, wunderbar damasciert, und in arabischer Sprache stand zu
+beiden Seiten der Wahlspruch: »Nur nach dem Sieg in die Scheide.« Er war
+gewiß von einem jener alten, berühmten Waffenschmiede in Damaskus
+gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben sind und mit denen sich
+jetzt keiner mehr vergleichen kann.
+
+»Gefällt er dir?« fragte der Scheik.
+
+»Er ist wohl fünfzig Schafe wert!«
+
+»Sage hundert oder hundertfünfzig, denn es haben ihn zehn meiner Väter
+getragen, und er ist niemals zersprungen. Er sei dein; gieb mir den
+deinigen dafür!«
+
+Das war ein Tausch, den ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich den
+Scheik nicht unversöhnlich beleidigen wollte. Ich gab also meinen Dolch
+hin.
+
+»Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde diese Klinge tragen
+zum Andenken an dich und zu Ehren deiner Väter!«
+
+»Sie läßt dich nie im Stiche, so lange deine Hand fest bleibt!«
+
+Da hörten wir den Hufschlag eines Pferdes und gleich darauf bog ein
+Reiter um den Felsenvorsprung, welcher unser Versteck nach Süden
+abschloß. Es war kein anderer als mein kleiner Halef.
+
+»Sihdi, du sollst kommen!« rief er, als er mich erblickte.
+
+»Wie steht es, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Wir haben gesiegt.«
+
+»Ging es schwer?«
+
+»Es ging leicht. Alle sind gefangen!«
+
+»Alle?«
+
+»Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el Mahem, der Scheik der
+Obeïde, fehlt.«
+
+Ich wandte mich an diesen:
+
+»Siehst du, daß ich dir die Wahrheit sagte?« Dann fragte ich Halef:
+»Trafen die Abu Mohammed zur rechten Zeit ein?«
+
+»Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen das Wadi so, daß
+kein Feind entkommen konnte. Wer sind diese Männer?«
+
+»Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.«
+
+»Deine Gefangenen?«
+
+»Ja, sie werden mit mir kommen.«
+
+»Wallah, billah, tillah! Erlaube, daß ich gleich zurückkehre, um diese
+Kunde Mohammed Emin und Scheik Malek zu bringen!«
+
+Er jagte wieder davon.
+
+Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der Grieche wurde auf
+eines derselben gesetzt; die übrigen mußten gehen. So setzte sich der
+Zug in Bewegung. Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet
+hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein.
+
+Der bereits erwähnte Thalpaß führte uns auf die andere Seite der Berge;
+dann ging es auf der Ebene stracks nach Süden. Wir hatten das Wadi noch
+lange nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns entgegen
+kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed Emin und die Scheiks der
+Abu Mohammed und der Alabeïde-Araber waren es.
+
+»Du hast ihn gefangen?« rief mir jetzt Mohammed Emin entgegen.
+
+»Eslah el Mahem? Ja.«
+
+»Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie viele Männer hat dich der
+Kampf gekostet?«
+
+»Keinen.«
+
+»Wer wurde verwundet?«
+
+»Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schuß.«
+
+»So ist Allah gnädig gewesen mit uns. Wir haben nur zwei Tote und elf
+Verwundete.«
+
+»Und der Feind?«
+
+»Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest eingeschlossen, daß er
+sich nicht zu rühren vermochte. Unsere Schützen trafen gut und konnten
+doch nicht selbst getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest
+zusammen, wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder, als sie
+aus den Schluchten hervorbrachen.«
+
+»Wo befindet sich der Feind?«
+
+»Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen abgeben müssen, und keiner
+kann entkommen, denn das Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt
+sehe ich Eslah el Mahem! Aber wie, er trägt die Waffen?«
+
+»Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen. Weißt du, daß man den
+Tapfern ehren soll?«
+
+»Er wollte uns vernichten!«
+
+»Er wird dafür bestraft werden.«
+
+»Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es gut sein. Komm!«
+
+Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen folgten uns so schnell wie
+möglich. Auf dem Verbandplatz herrschte reges Leben, und vor demselben
+bildete eine Anzahl bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte
+die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks saßen. Ich wartete, bis
+Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend:
+
+»Willst du bei mir bleiben?«
+
+Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte:
+
+»Sie sind meine Verbündeten; ich gehöre zu ihnen.«
+
+Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite nieder. Es wurde
+dabei kein Wort gesprochen, aber man sah es, daß die beiden anderen bei
+seinem Erscheinen erschraken. Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige
+Hoffnung gesetzt.
+
+»Führe deine Gefangenen in das Wadi!« sagte Malek.
+
+Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich mir ein
+außerordentlich malerischer Anblick dar. In die Brustwehr war zur
+Erleichterung des Verkehrs eine Bresche gerissen; zu beiden Seiten der
+Thalwände hatten sich Wachtposten aufgestellt; die ganze Thalsohle
+wimmelte von gefangenen Menschen und Pferden, und im Hintergrunde
+lagerten diejenigen unserer Verbündeten, welche noch im Wadi Platz
+gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene Haddedihn beschäftigt,
+die Pferde der Feinde zu sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu
+bringen, wo auch die Waffen derselben auf einem einzigen großen Haufen
+lagen.
+
+»Hast du so etwas bereits gesehen?« fragte mich Malek.
+
+»Noch größeres,« antwortete ich.
+
+»Ich nicht.«
+
+»Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?«
+
+»Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.«
+
+»Und was wird nun geschehen?«
+
+»Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia
+veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.«
+
+»Nein das werden wir nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?«
+
+»Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle verbittern
+werden?«
+
+»Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?«
+
+»Was sollte uns abhalten?«
+
+»Die Arbeit. Freund und Feind muß gelabt werden.«
+
+»Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun haben.«
+
+»Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?«
+
+»Bis sie zurückkehren dürfen.«
+
+»Und wann soll dies geschehen?«
+
+»So bald wie möglich; wir hätten nichts zu essen für dieses Heer von
+Freunden und Feinden.«
+
+»Siehst du, daß ich recht habe? Ein Freudenfest soll gefeiert werden,
+aber erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Zunächst ist es notwendig, daß
+sich die Scheiks versammeln, um über alles zu sprechen, was beschlossen
+werden muß, und dann müssen die Beschlüsse schleunigst ausgeführt
+werden. Sage den Scheiks, daß sechstausend Menschen nicht viele Tage
+hier beisammen sein dürfen!«
+
+Er ging. Nun trat Lindsay heran.
+
+»Herrlicher Sieg! Nicht?« meinte er.
+
+»Sehr!«
+
+»Wie meine Sache gemacht, Sir?«
+
+»Ausgezeichnet!«
+
+»Schön! Hm! Viele Menschen hier.«
+
+»Man sieht es.«
+
+»Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen liegen?«
+
+»Möglich; man müßte sich einmal erkundigen.«
+
+»Fragt einmal, Sir!«
+
+»Sobald es möglich ist, ja.«
+
+»Jetzt gleich, sofort!«
+
+»Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht ist meine
+Anwesenheit bei der Beratung nötig, welche jetzt beginnen wird.«
+
+»Schön! Hm! Aber nachher fragen! Wie?«
+
+»Sicher!«
+
+Ich ließ ihn stehen und schritt zu den Zelten.
+
+Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den Verbänden zu
+verbessern war. Als ich dies besorgt hatte, trat ich in jenes Zelt, in
+welchem die Scheiks ihre Besprechung hielten. Diese ging sehr lebhaft
+vor sich. Man konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich
+glaube, daß ich ihnen willkommen kam.
+
+»Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara Ben Nemsi,« sagte
+Malek. »Du bist in allen Ländern der Erde gewesen und weißt, was recht
+und vorteilhaft ist.«
+
+»Fragt, ich werde antworten!«
+
+»Wem gehören die Waffen der Besiegten?«
+
+»Dem Sieger.«
+
+»Wem ihre Pferde?«
+
+»Dem Sieger.«
+
+»Wem ihre Kleider?«
+
+»Die Räuber nehmen sie ihnen, der wahre Gläubige aber läßt sie ihnen.«
+
+»Wem gehört ihr Geld, ihr Schmuck?«
+
+»Der wahre Gläubige nimmt nur ihre Waffen und ihre Pferde.«
+
+»Wem gehören ihre Herden?«
+
+»Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so gehören sie ihnen,
+aber sie haben die Kosten des Krieges und den jährlichen Tribut davon zu
+bezahlen.«
+
+»Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir haben sie besiegt, und
+nun gehört uns ihr Leben und alles, was sie besitzen.«
+
+»Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du sagst, daß ihr Leben
+euch gehöre?«
+
+»So ist es.«
+
+»Wollt ihr es ihnen nehmen?«
+
+»Nein. Wir sind keine Henker und keine Mörder.«
+
+»Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? Können sie leben ohne die
+Herden?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr ihnen also das Leben. Ja,
+ihr beraubt euch in diesem Falle selbst!«
+
+»Wie?«
+
+»Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?«
+
+»Ja.«
+
+»Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen, wenn er keine Herden hat?«
+
+»Dein Mund spricht weise und verständig.«
+
+»Hört weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre Kleider, ihre
+Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr sie, zu stehlen und zu rauben,
+damit sie nicht verhungern. Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar
+zunächst; das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst, der sie
+arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und das seid ihr. Was ist besser,
+Freunde zum Nachbar zu haben oder Räuber?«
+
+»Das erstere.«
+
+»So macht sie zu euren Freunden und nicht zu Räubern! Man nimmt dem
+Besiegten nur das, womit er schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und
+die Pferde nehmt, so erhaltet ihr zehntausend Stück verschiedene Waffen
+und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?«
+
+»Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.«
+
+»Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde mehr, um Krieg zu führen.
+Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz
+begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können;
+dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen. Ich habe
+gesprochen!«
+
+»Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man ihnen heute von ihren
+Herden?«
+
+»So viel wie der Schaden beträgt, den euch ihr Überfall gemacht hat.«
+
+»Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?«
+
+»Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um
+ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu
+sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage
+vergelten zu können.«
+
+»Nun bleibt die Blutrache übrig. Wir haben mehrere der ihrigen getötet.«
+
+»Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen entlassen werden, mögen
+die Chamseh und Aaman[164] zusammentreten und den Blutpreis bestimmen.
+Ihr habt mehr zu bezahlen, als sie, und könnt es gleich bezahlen von der
+Beute, welche ihr macht.«
+
+ [164] Verwandte.
+
+»Wird man uns die Kriegsentschädigung bringen?«
+
+»Nein. Ihr müßt sie holen. Die Gefangenen müssen hier bleiben, bis ihr
+sie erhalten habt. Und um des Tributes sicher zu sein, müßt ihr stets
+einige vornehme Leute der besiegten Stämme als Geiseln bei euch haben.
+Zahlt man den Tribut nicht, so kommen diese Geiseln in Gefahr.«
+
+»Wir würden sie töten. Nun sollst du uns das letzte sagen. Wie verteilen
+wir die Kriegsentschädigung und den Tribut unter uns? Das ist sehr
+schwer zu bestimmen.«
+
+»Das ist sogar sehr leicht zu bestimmen, wenn ihr Freunde seid. Die
+Entschädigung holt ihr euch, während ihr hier noch beisammen seid, und
+dann könnt ihr sie nach den Köpfen verteilen.«
+
+»So soll es sein!«
+
+»Nun seid ihr drei Stämme, und sie sind drei Stämme; auch die Zahl der
+Mitglieder dieser Stämme ist fast gleich. Warum soll nicht je ein Stamm
+von euch von einem Stamme von ihnen den jährlichen Tribut erhalten? Ihr
+seid Freunde und Gefährten. Wollt ihr euch um den Schwanz eines Schafes
+oder um die Hörner eines Stieres zanken und entzweien?«
+
+»Du hast recht. Wer aber soll die Kriegsentschädigung von ihren
+Weideplätzen holen?«
+
+»So viele Leute, als dazu erforderlich sind, und dabei sollen zwei
+Drittel der eurigen und ein Drittel der ihrigen sein.«
+
+»Das ist gut. Und was wirst du von dieser Entschädigung erhalten?«
+
+»Nichts. Ich ziehe weiter und brauche keine Herden. Waffen und ein Pferd
+habe ich auch.«
+
+»Und die drei Männer, welche bei dir sind?«
+
+»Die werden auch nichts nehmen; sie haben alles, was sie brauchen.«
+
+»So wirst du nehmen müssen, was wir dir als Dank darbringen werden. Dein
+Haupt ist nicht so alt wie eines der unsrigen, aber du hast dennoch
+unsern Kriegern gelehrt, wie man über einen großen Feind siegt, ohne
+viele Tote zu haben.«
+
+»Wenn ihr mir danken wollt, so thut denen wohl, welche als eure Feinde
+verwundet in euren Zelten liegen, und seht, ob ihr eine Ruine findet,
+aus welcher man Figuren und Steine mit fremden Schriften graben kann.
+Mein Gefährte wünscht solche Dinge zu sehen. Nun habt ihr gehört, was
+ich euch zu sagen habe; Allah erleuchte eure Weisheit, damit ich bald
+erfahre, was ihr beschlossen habt!«
+
+»Du sollst bleiben und mit uns beraten!«
+
+»Ich kann nichts anderes sagen, als was ich bereits gesagt habe. Ihr
+werdet das Richtige treffen.«
+
+Ich ging hinaus und beeilte mich, den gefangenen Scheiks Datteln und
+Wasser zu besorgen. Dann traf ich auf Halef, welcher mich nach dem Wadi
+Deradsch begleitete, welches ich jetzt näher in Augenschein nehmen
+wollte. Die gefangenen Abu Hammed kannten mich. Einige von ihnen erhoben
+sich ehrerbietig, als ich vor ihnen vorüberging, und andere steckten
+flüsternd die Köpfe zusammen. Im Hintergrunde wurde ich von den dort
+anwesenden Abu Mohammed mit Freuden begrüßt. Sie waren ganz begeistert,
+die mächtigen Feinde auf eine so leichte Weise besiegt zu haben. Ich
+ging von Gruppe zu Gruppe, und so kam es, daß mehrere Stunden vergangen
+waren, als ich die Zelte wieder erreichte.
+
+Während dieser Zeit hatten die nach dem Weideplatze gesandten Boten
+dafür gesorgt, daß das Lager abgebrochen und in die unmittelbare Nähe
+des Wadi Deradsch verlegt wurde. Die ganze Ebene wimmelte bereits von
+Herden, und nun gab es Hämmel genug zu den Festmahlzeiten, welche heute
+abend in jedem Zelte zu erwarten waren. Mohammed Emin hatte mich bereits
+gesucht.
+
+»Dein Wort ist so gut wie deine That,« meinte er. »Es ist befolgt
+worden. Die Obeïde werden den Haddedihn, die Abu Hammed den Abu Mohammed
+und die Dschowari den Alabeïde den Tribut bezahlen.«
+
+»Wie viel Kriegsentschädigung entrichten die einzelnen Stämme?«
+
+Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch nicht grausam; dies
+freute mich außerordentlich, zumal ich mir sagen konnte, daß mein Wort
+hier nicht ganz ohne Einfluß gewesen war gegenüber den grausamen
+Gewohnheiten, welche in solchen Fällen in Anwendung kamen. Von Sklaverei
+war keine Rede gewesen.
+
+»Wirst du mir eine Bitte erfüllen?« fragte der Scheik.
+
+»Gern, wenn ich kann. Sprich sie aus!«
+
+»Wir werden einen Teil der Herden der Besiegten holen; dazu brauchen die
+Männer, welche wir senden, weise und tapfere Anführer. Ich und Scheik
+Malek müssen hier bei den Gefangenen bleiben. Wir brauchen drei
+Anführer, einen zu den Obeïde, einen zu den Abu Hammed und einen zu den
+Dschowari. Die Scheiks der Abu Mohammed und der Alabeïde sind bereit;
+es fehlt uns der dritte. Willst du es sein?«
+
+»Ich will.«
+
+»Wohin willst du gehen?«
+
+»Wohin gehen die andern?«
+
+»Sie wollen dir die erste Wahl überlassen.«
+
+»So gehe ich zu den Abu Hammed, weil ich bereits einmal bei ihnen
+gewesen bin. Wann sollen wir aufbrechen?«
+
+»Morgen. Wie viele Männer willst du mit dir nehmen?«
+
+»Vierzig Mann von den Abu Hammed und sechzig von deinen Haddedihn. Auch
+Halef Omar nehme ich mit.«
+
+»So suche sie dir heraus. Werden die Abu Hammed bewaffnet sein müssen?«
+
+»Nein, denn dies wäre ein großer Fehler. Seid ihr mit den Scheiks der
+Besiegten bereits einig geworden?«
+
+»Nein. Das wird bis zum letzten Gebete heute geschehen.«
+
+»Behalte die angesehenen Krieger hier und schicke nur die gewöhnlichen
+Männer mit uns fort; diese sind zum Treiben der Herden gut genug.«
+
+Ich ging, um mir meine Leute auszuwählen; dabei traf ich auf Lindsay.
+
+»Gefragt, Sir?« redete er mich an.
+
+»Noch nicht.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ist nicht nötig, denn ich habe den Scheiks Auftrag gegeben,
+nachzuforschen.«
+
+»Herrlich! Prächtig! Scheiks wissen alles! Werde Ruinen finden!«
+
+»Ich denke es! Wollt Ihr einen interessanten Ritt mitmachen?«
+
+»Wohin?«
+
+»Bis unterhalb von El Fattha, wo der Tigris durch die Hamrinberge
+geht.«
+
+»Was dort?«
+
+»Die Kriegsentschädigung holen, welche in Herden besteht.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Bei dem Stamme Abu Hammed, der uns damals unsere Pferde raubte.«
+
+»Köstlich, Sir! Bin dabei! Wie viele Männer mit?«
+
+»Hundert.«
+
+»Gut! Prächtig! Imposanter Zug. Ruinen dort?«
+
+»Mehrere Gräberhügel, aber am linken Ufer.«
+
+»Kommen nicht hinüber?«
+
+»Nein.«
+
+»Schade! Jammerschade! Könnten nachsuchen! Fowling-bulls finden!«
+
+»Wir werden trotzdem etwas Ausgezeichnetes finden.«
+
+»Was?«
+
+»Etwas Leckeres, das wir lange entbehrt haben, nämlich Trüffeln.«
+
+»Trüffeln? Oh! Ah!«
+
+Er sperrte den Mund so weit auf, als ob er eine ganze Trüffelpastete auf
+einmal verspeisen wolle.
+
+»Sie wachsen in Haufen in jener Gegend, und ich habe erfahren, daß damit
+ein nicht unbedeutender Handel nach Bagdad, Basra, Kerkuk und Sulimaniah
+getrieben wird. Sogar bis Kirmanschah sollen sie gehen.«
+
+»Gehe mit, Sir, gehe mit! Trüffeln! Hm! Prachtvoll!«
+
+Damit verschwand er, um seinen beiden Dienern die große Neuigkeit
+mitzuteilen; ich aber ging, um meine Leute herauszusuchen.
+
+Bis zum Abend sahen sich die drei besiegten Scheiks wirklich gezwungen,
+auf alle Forderungen der Sieger einzugehen, und nun begann ein
+Freudenfest, infolgedessen mancher feiste Hammel sein Leben lassen
+mußte. Mitten in diesem Jubel lag ich unter duftenden Blüten, umklungen
+von tausend Stimmen und doch allein mit meinen Gedanken. Vor vielen
+Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren ihre gefürchteten Speere
+geschwungen. Hier hatte vielleicht auch das Zelt des Holofernes
+gestanden, aus Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und
+Edelsteinen geschmückt. Und drüben auf den rauschenden Wellen des
+Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche Herodot beschreibt:
+
+»Die Boote sind von kreisrunder Form und aus Fellen gemacht. Sie werden
+in Armenien und in den Gegenden ober Assyrien gebaut. Die Rippen werden
+aus Weidenruten und Zweigen gemacht und sind außerhalb mit Fellen
+umgeben. Sie sind rund, wie ein Schild, und zwischen Vorderteil und
+Hinterteil ist kein Unterschied. Den Boden ihrer Schiffe kleiden die
+Schiffer mit Rohr oder Stroh aus, und Kaufmannsgüter, besonders Palmwein
+einnehmend, schwimmen sie den Fluß hinunter. Die Boote haben zwei Ruder;
+an jedem ist ein Mann. Der eine zieht auf sich zu, und der andere stößt
+von sich ab. Diese Schiffe haben verschiedene Maßverhältnisse; einige
+sind so groß, daß sie eine Last bis zum Werte von fünftausend Talenten
+tragen; die kleineren haben einen Esel an Bord; die größeren mehrere.
+Sobald die Bootsleute nach Babylon kommen, verfügen sie über die Waren
+und Güter und bieten dann die Rippen und das Rohr des Floßes zum
+Verkaufe aus. Mit den Schläuchen beladen sie dann ihre Esel und gehen
+mit ihnen nach Armenien zurück, wo sie neue Fahrzeuge bauen.«
+
+Trotz der Jahrhunderte sind sich diese Fahrzeuge gleich geblieben; aber
+die Völker, welche hier lebten, sind verschwunden. Wie wird es sein,
+wenn abermals eine solche Zeit vergangen ist? – –
+
+Am andern Vormittage brachen wir auf: ich mit Halef und einem Abu Hammed
+als Führer voran, die andern hinter mir. Den Nachtrab machte Sir David
+Lindsay.
+
+Wir kamen zwischen den Kanuza- und Hamrinbergen hindurch und erblickten
+bald am linken Ufer Tell Hamlia, einen kleinen, künstlichen Hügel. Am
+rechten Ufer lag Kalaat el Dschebbar, »die Burg der Tyrannen«, eine
+Ruine, welche aus einigen verfallenen, runden Türmen besteht, die durch
+Wälle verbunden sind. Dann erreichten wir Tell Dahab, einen kleinen
+Hügel, welcher am linken Ufer des Flusses liegt, und bei Brey el Bad,
+einem ziemlich steilen Felsen, machten wir Halt, um das Mittagsmahl
+einzunehmen. Gegen Abend gelangten wir nach El Fattha, wo sich der Fluß
+einen fünfzig Ellen breiten Weg durch die Hamrinberge zwingt, und als
+wir diese Enge überwunden hatten, schlugen wir das Nachtlager auf. Die
+Abu Hammed waren unbewaffnet, aber ich teilte die Haddedihn doch in zwei
+Hälften, welche abwechselnd zu wachen hatten, damit keiner der
+Gefangenen entfliehen solle. Wäre es nur einem einzigen gelungen, so
+hätte er seinem Stamme unsere Ankunft verraten, und die besten Tiere
+wären dann geflüchtet oder versteckt worden.
+
+Mit Tagesgrauen brachen wir wieder auf. Der Fluß war breit und bildete
+viele Inseln. An dem linken Ufer zogen sich niedrige Hügel hin, am
+rechten aber lag die Ebene offen vor uns, und hier sollten sich längs
+des Flusses die Abu Hammed gelagert haben.
+
+»Habt ihr einen Weideplatz oder mehrere?« fragte ich den Führer.
+
+»Nur einen.«
+
+Ich sah es ihm an, daß er mir die Unwahrheit sagte.
+
+»Du lügst!«
+
+»Ich lüge nicht, Emir!«
+
+»Nun gut. Ich will mir Mühe geben, dir zu glauben; aber wenn ich
+bemerke, daß du mich täuschest, so jage ich dir eine Kugel durch den
+Kopf!«
+
+»Das wirst du nicht thun!«
+
+»Ich thue es!«
+
+»Du thust es nicht, denn ich sage dir, daß wir vielleicht zwei Plätze
+haben.«
+
+»Vielleicht?«
+
+»Oder gewiß; also zwei.«
+
+»Oder drei!«
+
+»Nur zwei!«
+
+»Gut. Wenn ich aber drei finde, so bist du verloren!«
+
+»Verzeihe, Emir! Sie könnten ja unterdessen noch einen gefunden haben.
+Dann sind es drei.«
+
+»Ah! Vielleicht sind es vier?«
+
+»Du wirst noch zehn haben wollen!«
+
+»Du bist ein Abu Hammed und willst nicht gern verlieren, was du
+zusammengeraubt hast. Ich werde nicht weiter in dich dringen.«
+
+»Wir haben vier, Emir,« sagte er ängstlich.
+
+»Gut. Schweige nun, denn ich werde mich selbst überzeugen!«
+
+Ich hatte unterdessen den Horizont mit meinem Rohre abgesucht und in der
+Ferne einige bewegliche Punkte entdeckt. Ich rief denjenigen Haddedihn
+herbei, welcher die Leute unter mir befehligte. Er war ein wackerer und
+entschlossener Krieger, den ich für vollständig zuverlässig hielt.
+
+»Wir haben vierzig Abu Hammed bei uns. Glaubst du, sie mit dreißig
+unserer Leute sicher bewachen zu können?«
+
+»Mit zehn, Emir. Sie haben ja keine Waffen!«
+
+»Ich werde jetzt mit Hadschi Halef Omar vorwärts reiten, um Kunde
+einzuziehen. Wenn die Sonne gerade über jenem Strauche steht und ich bin
+nicht zurück, so sendest du mir dreißig Haddedihn nach, welche mich
+suchen müssen!«
+
+Ich rief dem Engländer, und er kam mit seinen beiden Dienern heran. Ich
+sagte ihm:
+
+»Ich habe Euch einen sehr wichtigen Posten anzuvertrauen.«
+
+»#Well!#« antwortete er.
+
+»Ich werde jetzt einmal voranreiten, um zu sehen, wie weit sich die
+Weideplätze der Abu Hammed ausdehnen. Bin ich in zwei Stunden noch nicht
+zurück, so kommen mir dreißig Mann der Unseren nach.«
+
+»Ich mit?«
+
+»Nein. Ihr bleibt bei den übrigen zurück, um die Gefangenen zu bewachen.
+Wenn einer Miene macht, zu entfliehen, so schießt Ihr ihn nieder.«
+
+»#Yes!# Wenn einer flieht, schieße alle nieder.«
+
+»Gut, aber mehr nicht!«
+
+»#No.# Aber Sir, wenn mit den Abu Hammed reden, dann einmal fragen!«
+
+»Was?«
+
+»Nach Ruinen und Fowling-bulls.«
+
+»Gut. Vorwärts, Halef!«
+
+Wir galoppierten über die Ebene hin und grad auf die Punkte zu, welche
+ich gesehen hatte. Es war eine weidende Schafherde, bei welcher ein
+alter Mann stand.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn.
+
+»Aaleïkum!« antwortete er, sich tief verneigend.
+
+»Ist Friede auf deiner Weide?«
+
+»Es ist Friede da, o Herr. Bringst du auch Frieden?«
+
+»Ich bringe ihn. Du gehörst zum Stamme der Abu Hammed?«
+
+»Du sagst es.«
+
+»Wo ist euer Lager?«
+
+»Da unten hinter der Krümmung des Flusses.«
+
+»Habt ihr mehrere Weideplätze?«
+
+»Warum fragst du, o Herr?«
+
+»Weil ich eine Botschaft an alle deines Stammes auszurichten habe.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
+
+»Hamdulillah! Du wirst eine frohe Botschaft bringen.«
+
+»Ich bringe sie. Also sag’, wie viele Weideplätze ihr habt.«
+
+»Sechs. Drei hier am Flusse hinab und drei auf den Inseln im Strome.«
+
+»Sind alle Inseln hier euer Eigentum?«
+
+»Alle.«
+
+»Sind sie alle bewohnt?«
+
+»Alle, bis auf eine.«
+
+Es lag etwas in dem Tone dieser Antwort und in dem Gesichte des Alten,
+was mich aufmerksam machte; ich ließ mir aber nichts merken und fragte:
+
+»Wo liegt diese eine?«
+
+»Grad gegenüber von uns liegt die erste, und die ich meine, das ist die
+vierte, o Herr.«
+
+Ich beschloß im stillen, auf diese Insel ein scharfes Auge zu haben,
+laut aber erkundigte ich mich:
+
+»Warum ist sie nicht bewohnt?«
+
+»Weil man sehr schwer zu ihr gelangen kann, da der Strom gefährlich
+ist.«
+
+Hm! Dann hätte sie ja recht gut die Eigenschaft, als Aufenthaltsort für
+Gefangene zu dienen! So dachte ich und fuhr zu fragen fort:
+
+»Wie viele Männer sind in euerm Lager?«
+
+»Bist du wirklich ein Abgesandter des Scheik, o Herr?«
+
+Dieses Mißtrauen vermehrte natürlich auch das meinige.
+
+»Ich bin es. Ich habe mit ihm und mit den Scheiks der Obeïde und der
+Dschowari gesprochen.«
+
+»Was bringst du für eine Botschaft?«
+
+»Die Botschaft des Friedens.«
+
+»Warum hat er keinen Mann seines Stammes gesandt?«
+
+»Die Männer der Abu Hammed kommen gleich hinter mir.«
+
+Ich wollte nicht weiter in ihn dringen und ritt also weiter, aber ganz
+nahe an das Ufer des Flusses, um die Inseln zu zählen. Als wir die
+dritte hinter uns hatten, machte der Fluß eine Krümmung, und nun lagen
+die Zelte des Lagers vor unsern Augen. Die ganze Ebene rings umher war
+von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen angefüllt. Pferde sah ich nur
+wenige. Ebenso erblickte ich nur wenige Männer, die noch dazu alt und
+kraftlos, also ungefährlich waren. Wir ritten in die Zeltgasse ein.
+
+Vor einem der Zelte stand ein junges Mädchen, welches ein dort
+angebundenes Pferd liebkoste. Als es mich erblickte, stieß es einen
+Schrei aus, sprang zu Pferde und jagte davon. Sollte ich der Flüchtigen
+nachreiten? Ich that es nicht; es würde auch nicht viel gefruchtet
+haben, denn ich wurde jetzt von allen umringt, welche im Lager anwesend
+waren: von Greisen, Kranken, Frauen und Mädchen. Ein Greis legte die
+Hand auf den Hals meines Pferdes und fragte:
+
+»Wer bist du, Herr?«
+
+»Ich bin ein Bote, den euch Zedar Ben Huli sendet.«
+
+»Der Scheik! Mit welcher Botschaft sendet er dich?«
+
+»Das werde ich euch sagen, wenn alle hier versammelt sind. Wie viele
+Krieger hat er hier zurückgelassen?«
+
+»Fünfzehn junge Männer. Ajehma wird fortgeritten sein, um sie zu
+holen.«
+
+»So erlaube, daß ich absteige. Du aber« – und nun wandte ich mich an
+Halef – »reite sofort weiter, denn die Dschowari müssen dieselbe
+Botschaft empfangen.«
+
+Halef wandte sein Pferd und sprengte davon.
+
+»Kann dein Gefährte nicht hier bleiben, um sich auszuruhen und Speise zu
+nehmen?« fragte der Alte.
+
+»Er ist nicht müde und nicht hungrig, und sein Auftrag leidet kein
+Zögern. Wo befinden sich die jungen Krieger?«
+
+»Bei der Insel.«
+
+Ah, wieder diese Insel!
+
+»Was thun sie dort?«
+
+»Sie« – – er stockte und fuhr dann fort: – »Sie weiden die Herde.«
+
+»Ist diese Insel weit von hier?«
+
+»Nein. Siehe, da kommen sie bereits!«
+
+Wirklich kam ein Trupp Bewaffneter vom Flusse her auf uns zugesprengt.
+Es waren die Jüngsten des Stammes, fast noch Knaben; sie und die Alten
+hatte man zurückgelassen. Sie hatten keine Schießgewehre, sondern nur
+Spieße und Keulen. Der Vorderste und zugleich auch der Ansehnlichste von
+ihnen erhob die Keule im Reiten und schleuderte sie nach mir, indem er
+rief:
+
+»Hund, du wagst es, zu uns zu kommen?«
+
+Ich hatte zum Glück die Büchse vorgenommen und konnte mit ihrem Kolben
+den Wurf parieren; aber die Lanzen sämtlicher Knaben waren auf mich
+gerichtet. Ich machte mir nicht sehr viel daraus, gab vielmehr meinem
+Rappen die Schenkel und drängte ihn hart an das Roß des Angreifers. Er
+allein von allen mochte das zwanzigste Jahr erreicht haben.
+
+»Knabe, du wagst es, einen Gast deines Stammes anzugreifen?«
+
+Mit diesen Worten riß ich ihn zu mir herüber und setzte ihn vor mir auf
+den Hengst. Er hing an meiner Hand mit schlaffen Gelenken wie ein
+Gliedermann; die Angst war ihm in den Leib gefahren.
+
+»Nun stecht, wenn ihr jemand töten wollt!« fügte ich hinzu.
+
+Sie hüteten sich wohl, dies zu thun, denn er bildete einen Schild vor
+mir; aber die wackern Knaben waren nicht ganz unentschlossen. Einige von
+ihnen stiegen vom Pferde und versuchten, von der Seite oder von hinten
+an mich zu kommen, während die andern mich vorn beschäftigten. Sollte
+ich sie verwunden? Es wäre jammerschade gewesen. Ich drängte daher das
+Pferd hart an eines der Zelte, daß ich den Rücken frei bekam, und frug:
+
+»Was habe ich euch gethan, daß ihr mich töten wollt?«
+
+»Wir kennen dich,« antwortete einer. »Du sollst uns nicht wieder
+entkommen, du Mann mit der Löwenhaut!«
+
+»Du sprichst sehr kühn, du Knabe mit der Lämmerhaut!«
+
+Da hob eine alte Frau heulend ihre Hände empor und rief:
+
+»Ist es dieser? O, thut ihm nichts, denn er ist fürchterlich!«
+
+»Wir töten ihn!« antwortete die Bande.
+
+»Er wird euch zerreißen, und dann durch die Luft davonreiten!«
+
+»Ich werde nicht davonreiten, sondern bleiben,« antwortete ich und
+schleuderte nun meinen Gefangenen mitten unter die Angreifenden hinein.
+Dann glitt ich vom Pferde und trat in das Zelt. Mit einem Schnitte
+meines Dolches erweiterte ich den Eingang so, daß ich das Tier, welches
+ich keiner Gefahr aussetzen wollte, zu mir hereinziehen konnte. Nun war
+ich vor den Stichen dieser Wespen so ziemlich geborgen.
+
+»Wir haben ihn! Hamdulillah, wir haben ihn!« jubelte es draußen.
+
+»Umgebt das Zelt, laßt ihn nicht heraus!« rief eine andere Stimme.
+
+»Schießt ihn durch die Wände tot!« ertönte ein Ruf.
+
+»Nein, wir fangen ihn lebendig. Er hat den Rappen bei sich; den dürfen
+wir nicht verletzen; der Scheik will ihn haben!«
+
+Daß sich keiner zu mir hereinwagen würde, konnte ich mir denken; daher
+setzte ich mich gemütlich nieder und langte nach dem kalten Fleisch,
+welches auf einer Platte in meiner Nähe lag. Übrigens dauerte diese
+unfreiwillige Einquartierung nicht sehr lange; Halef hatte sein Pferd
+angestrengt, und gar bald erdröhnte der Boden unter dem Galoppe von
+dreißig Berittenen.
+
+»Allah kerihm – Gott sei uns gnädig!« hörte ich rufen. »Das sind
+Feinde!«
+
+Ich trat aus dem Zelte. Von der ganzen Bevölkerung des Lagers war nicht
+eine einzige Person mehr zu sehen. Alle hatten sich in die Zelte
+verkrochen.
+
+»Sihdi!« rief laut die Stimme Halefs.
+
+»Hier, Hadschi Halef Omar!«
+
+»Hat man dir etwas gethan?«
+
+»Nein. Besetzt das Lager, daß niemand entkommt! Wer zu entfliehen sucht,
+wird niedergestoßen!«
+
+Diese Worte waren laut genug gesprochen, um von allen gehört zu werden.
+Ich wollte nur drohen. Dann sandte ich Halef von einem Zelte zum andern,
+um sämtliche Greise herbeizuführen; die fünfzehn Knaben brauchte ich
+nicht. Es dauerte lange, bis die Alten beisammen waren; sie hatten sich
+versteckt und kamen nur mit Zittern und Zagen herbei. Als sie in
+ängstlicher Erwartung um mich herum saßen, begann ich die Unterhaltung.
+
+»Habt ihr die Tättowierung meiner Leute auch gesehen?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»So habt ihr ihren Stamm erkannt?«
+
+»Ja. Es sind Haddedihn, Herr.«
+
+»Wo sind eure Krieger?«
+
+»Du wirst es wissen, Herr.«
+
+»Ja, ich weiß es, und ich will es euch sagen: Alle sind gefangen von den
+Haddedihn, und nicht ein einziger ist entkommen.»
+
+»Allah kerihm!«
+
+»Ja, Allah möge ihnen und euch gnädig sein!«
+
+»Er lügt!« flüsterte einer von ihnen, dem das Alter den Mut noch nicht
+geknickt hatte.
+
+Ich drehte mich zu ihm:
+
+»Du sagst, daß ich lüge? Dein Haar ist grau, und dein Rücken beugt sich
+unter der Last der Jahre; daher will ich dir die Worte verzeihen. Warum
+meinst du, daß ich dich belüge?«
+
+»Wie können die Haddedihn drei ganze Stämme gefangen nehmen?«
+
+»Du würdest es glauben, wenn du wüßtest, daß sie nicht allein gewesen
+sind. Sie waren mit den Abu Mohammed und den Alabeïde verbunden. Sie
+wußten alles, und als ich von euren Kriegern gefangen genommen wurde,
+kam ich von den Abu Mohammed, wo ich gewesen war, um den Krieg mit ihnen
+zu besprechen. Im Wadi Deradsch haben wir die Euren empfangen, und es
+ist kein einziger entkommen. Hört, welchen Befehl ich gebe!«
+
+Ich trat unter den Eingang des Zeltes, in welchem wir uns befanden, und
+winkte Halef herbei.
+
+»Reite zurück und hole die gefangenen Abu Hammed herbei!«
+
+Sie erschraken jetzt wirklich, und der Alte fragte:
+
+»Ist es möglich, Herr?«
+
+»Ich sage die Wahrheit. Die sämtlichen Krieger eures Stammes sind in
+unserer Hand. Entweder werden sie getötet oder ihr bezahlt das Lösegeld,
+welches für sie gefordert wird.«
+
+»Auch Scheik Zedar Ben Huli ist gefangen?«
+
+»Auch er.«
+
+»So hättest du wegen des Lösegeldes mit ihm reden sollen!«
+
+»Ich habe es gethan.«
+
+»Was sagte er?«
+
+»Er will es zahlen und hat mir vierzig von euren Leuten mitgegeben,
+welche jetzt kommen, um es zu holen.«
+
+»Allah schütze uns! Wie hoch ist es?«
+
+»Das werdet ihr hören. Wie viel Stück zählen eure Herden?«
+
+»Wir wissen es nicht!«
+
+»Ihr lügt! Ein jeder kennt die Zahl der Tiere, welche seinem Stamm
+gehören. Wie viel Pferde habt ihr?«
+
+»Zwanzig, außer denen, die mit in den Kampf gezogen sind.«
+
+»Diese sind für euch verloren. Wie viele Kamele?«
+
+»Dreihundert.«
+
+»Rinder?«
+
+»Zwölfhundert.«
+
+»Esel und Maultiere?«
+
+»Vielleicht dreißig.«
+
+»Schafe?«
+
+»Neuntausend.«
+
+»Euer Stamm ist nicht reich. Das Lösegeld wird betragen: zehn Pferde,
+hundert Kamele, dreihundert Rinder, zehn Esel und Maultiere und
+zweitausend Schafe.«
+
+Da erhoben die Alten ein fürchterliches Wehgeheul. Sie thaten mir
+allerdings sehr leid, aber ich konnte ja nichts ändern, und wenn ich
+diese Ziffern mit denen verglich, welche unter andern Verhältnissen
+aufgestellt worden wären, so fühlte ich mich in meinem Gewissen
+vollständig beruhigt. Um dem Jammergeschrei ein Ende zu machen, rief ich
+in etwas barschem Tone:
+
+»Still! Scheik Zedar Ben Huli hat es genehmigt.«
+
+»Wir können so viel nicht geben!« lautete die Antwort.
+
+»Ihr könnt es! Was man geraubt hat, das kann man sehr leicht wieder
+hergeben!«
+
+»Wir haben nichts geraubt. Warum willst du uns für Haremi[165] halten?«
+
+ [165] Räuber. Dieses Wort ist übrigens eine Ehrenbezeichnung bei
+ den Beduinen.
+
+»Seid still! Wurde ich nicht selbst von euch angefallen?«
+
+»Es geschah zum Scherze, Herr!«
+
+»Dann treibt ihr einen gefährlichen Scherz. Wie viele Weideplätze habt
+ihr?«
+
+»Sechs.«
+
+»Auch auf Inseln?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch auf der Insel, bei welcher vorhin eure jungen Männer waren?«
+
+»Nein.«
+
+»Man sagte mir doch, daß sie dort die Herden weideten! Ihr habt den Mund
+ganz voller Unwahrheit! Wer befindet sich auf dieser Insel?«
+
+Sie sahen sich verlegen an, dann antwortete der Sprecher:
+
+»Es sind Männer da.«
+
+»Was für Männer?«
+
+»Fremde.«
+
+»Wo sind sie her?«
+
+»Wir wissen es nicht.«
+
+»Wer weiß es sonst?«
+
+»Nur der Scheik.«
+
+»Wer hat diese Männer zu euch gebracht?«
+
+»Unsere Krieger.«
+
+»Eure Krieger! Und nur der Scheik weiß es, wo sie her sind? Ich sehe,
+daß ich von euch dreitausend Schafe verlangen muß – statt zweitausend!
+Oder wollt ihr nicht lieber sprechen?«
+
+»Herr, wir dürfen nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Der Scheik würde uns bestrafen. Sei barmherzig mit uns!«
+
+»Ihr habt recht; ich will euch diese Verlegenheit ersparen.«
+
+Da kam es zwischen den Zelten herangetrabt: es waren die Gefangenen mit
+ihrer Bedeckung. Bei diesem Anblick erhob sich, ohne daß sich jemand
+sehen ließ, in allen Zelten ein großes Klagegeschrei. Ich stand auf.
+
+»Jetzt könnt ihr sehen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Vierzig
+von euren Kriegern sind da, um das Lösegeld zu holen. Geht jetzt in die
+Zelte und holt alle Bewohner des Lagers hinaus vor dasselbe; es soll
+ihnen nichts geschehen, aber ich habe mit ihnen zu reden.«
+
+Es machte einige Mühe, diese Menge von Greisen, Frauen und Kindern zu
+versammeln. Als sie beisammen waren, trat ich zu den Gefangenen:
+
+»Seht hier eure Väter, eure Mütter, Schwestern und Kinder! Sie sind in
+meiner Hand und ich werde sie gefangen fortführen, wenn ihr den
+Befehlen ungehorsam seid, die ihr jetzt erhaltet. Ihr habt sechs
+Weideplätze, die alle in der Nähe sind. Ich teile euch in sechs Haufen,
+von denen sich ein jeder unter der Aufsicht meiner Krieger nach einem
+der Plätze begiebt, um die Tiere hierher zu treiben. In einer Stunde
+müssen alle Herden hier beisammen sein!«
+
+Wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Abu Hammed verteilten sich
+unter der Aufsicht der Haddedihn, und nur zwölf Männer behielt ich von
+den letzteren zurück. Bei ihnen war Halef.
+
+»Ich werde mich jetzt entfernen, Halef,« sagte ich ihm.
+
+»Wohin, Sihdi?« fragte er.
+
+»Nach der Insel. Du wirst hier auf Ordnung sehen und dann später die
+Auswahl der Tiere leiten. Sorge dafür, daß diesen armen Leuten nicht
+bloß die besten genommen werden. Die Ausscheidung soll gerecht
+geschehen.«
+
+»Sie haben es nicht verdient, Sihdi!«
+
+»Aber ich will es so. Verstehst du, Halef?«
+
+Master Lindsay kam heran.
+
+»Habt Ihr gefragt, Sir?«
+
+»Noch nicht.«
+
+»Nicht vergessen, Sir!«
+
+»Nein. Ich habe Euch wieder einen Posten anzuvertrauen.«
+
+»#Well!# Welchen?«
+
+»Seht darauf, daß keine dieser Frauen entflieht!«
+
+»#Yes!#«
+
+»Wenn eine von ihnen Miene macht, davon zu laufen, so – – –«
+
+»Schieße ich sie nieder!«
+
+»O nein, Mylord!«
+
+»Was denn?«
+
+»So laßt Ihr sie laufen!«
+
+»#Well#, Sir!«
+
+Diese zwei Worte brachte er heraus, aber den Mund brachte er nicht
+wieder zu. Ich war übrigens fest überzeugt, daß schon der bloße Anblick
+von Sir David Lindsay den Frauen jede Absicht zur Flucht benehmen werde.
+In seinem karrierten Anzuge mußte er ihnen wie ein Ungeheuer vorkommen.
+
+Jetzt nahm ich zwei Haddedihn mit mir und schritt dem Flusse zu. Hier
+hatte ich die vierte Insel vor mir. Sie war lang und schmal und mit
+dichtem Rohr bewachsen, welches die Höhe eines Mannes weit überragte.
+Ich konnte kein lebendes Wesen erblicken, aber sie barg ein Geheimnis,
+das ich unbedingt ergründen mußte. Daß ich keinen der Abu Hammed
+mitgenommen hatte, war geschehen, um niemand für spätere Zeit in Schaden
+zu bringen.
+
+»Sucht nach einem Floß!« gebot ich den beiden.
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Nach dieser Insel.«
+
+»Emir, das ist nicht möglich!«
+
+»Warum?«
+
+»Siehst du nicht die reißende Strömung zu ihren beiden Seiten? Es würde
+jedes Floß an ihr zerschellen.«
+
+Der Mann hatte recht, aber dennoch hegte ich die Überzeugung, daß irgend
+ein Verkehr zwischen dem Ufer und dieser Insel stattfinden müsse, und
+als ich schärfer hinblickte, bemerkte ich, daß an ihrer oberen Spitze
+das Rohr niedergetreten war.
+
+»Blickt dahin! Seht ihr nicht, daß dort Menschen gewesen sind?«
+
+»Es scheint so, Emir.«
+
+»So muß auch ein Fahrzeug vorhanden sein.«
+
+»Es würde zerschellen; das ist sicher!«
+
+»Sucht!«
+
+Sie gingen nach rechts und links am Ufer hinab und hinauf, kehrten aber
+unverrichteter Sache zurück. Jetzt suchte ich selbst mit, lange
+vergeblich. Endlich aber entdeckte ich – – zwar kein Floß und keinen
+Kahn, aber eine Vorrichtung, deren Zweck mir sofort einleuchtete. An den
+Stamm eines Baumes, welcher oberhalb der Insel hart am Wasser stand, war
+ein langes, starkes Palmfaserseil befestigt. Das eine Ende desselben
+schlang sich um den Stamm, das Seil selbst aber war unter dem daneben
+wuchernden dichten Gestrüpp versteckt. Als ich es hervorzog, zeigte sich
+an dem andern Ende ein jetzt zusammengesunkener Schlauch, aus einer
+Bockshaut gefertigt, und über demselben war ein Querholz angebracht,
+welches jedenfalls dazu dienen sollte, sich mit den Händen daran
+festzuhalten.
+
+»Seht, hier ist das Floß. Dieses kann allerdings nicht zerschellen. Ich
+werde hinüberschwimmen, während ihr hier wacht, daß ich nicht gestört
+werde.«
+
+»Es ist gefährlich, Emir!«
+
+»Andere sind auch hinübergekommen.«
+
+Ich warf die Oberkleider ab und blies den Schlauch auf. Die Öffnung
+wurde mit einer daran befestigten Schnur verschlossen.
+
+»Haltet das Seil und laßt es langsam durch die Hände laufen!«
+
+Ich faßte das Querholz fest und glitt in das Wasser. Sofort ergriff mich
+die Strömung, welche so stark war, daß ein Mann alle seine Kräfte
+anstrengen mußte, um das Seil halten zu können. Einen Menschen von
+drüben herüber holen, dazu gehörten wohl die vereinigten Kräfte von
+mehreren Männern. Ich mußte nach jenseits der Insel halten; es gelang,
+und ich landete glücklich, obgleich ich einen tüchtigen Stoß erhielt.
+Meine erste Sorge war, das Seil so zu befestigen, daß es mir nicht
+abhanden kommen konnte; dann ergriff ich den Dolch, welchen ich zu mir
+gesteckt hatte.
+
+Von der Spitze der Insel führte durch das Rohrdickicht ein schmaler,
+ausgetretener Pfad, auf welchem ich bald vor eine kleine, aus Bambus,
+Schilf und Binsen gefertigte Hütte kam. Sie war so niedrig, daß kein
+Mensch in ihr zu stehen vermochte. Ihr Inneres enthielt nichts als
+einige Kleidungsstücke. Ich betrachtete dieselben genau und bemerkte,
+daß es die zerfetzten Anzüge von drei Männern waren. Keine Spur zeigte,
+daß die Besitzer derselben noch vor kurzer Zeit hier anwesend gewesen
+seien; aber der Pfad führte weiter.
+
+Ich folgte ihm, und bald war es mir, als ob ich ein Stöhnen hörte. Ich
+hastete vorwärts und gelangte an eine Stelle, wo das Rohr abgehauen war.
+Auf dieser kleinen Blöße bemerkte ich – – drei Menschenköpfe, welche mit
+dem Halse auf den Erdboden gestellt waren; so wenigstens schien es mir.
+Sie waren ganz unförmlich aufgeschwollen, und die Ursache davon ließ
+sich sehr leicht erkennen; denn bei meiner Ankunft erhob sich eine
+dichte Wolke von Moskitos und Schnaken in die Luft. Augen und Mund waren
+geschlossen. Waren das Totenköpfe, welche man aus irgend einem Grunde
+hierher gestellt hatte?
+
+Ich bückte mich nieder und berührte einen derselben. Da hauchte ein
+leiser Wehelaut zwischen den Lippen hervor, und die Augen öffneten sich
+und starrten mich mit einem gläsernen Blick an. Ich war wohl in meinem
+Leben selten über ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte ich mich so
+sehr, daß ich mehrere Schritte zurückwich.
+
+Ich trat wieder näher und untersuchte die Sache. Wahrhaftig, drei
+Männer waren eingegraben, lebendig eingegraben in den feuchten, fauligen
+Boden bis an die Köpfe.
+
+»Wer seid ihr?« fragte ich laut.
+
+Da öffneten alle drei die Augen und stierten mich mit wahnsinnigen
+Blicken an. Die Lippen des einen thaten sich auf:
+
+»Oh Adi!« ächzte er langsam.
+
+Adi? Ist dies nicht der Name des großen Heiligen der Dschesidi, der
+sogenannten Teufelsanbeter?
+
+»Wer hat euch hierher gebracht?« fragte ich weiter.
+
+Wieder öffnete sich der Mund, aber er war nicht mehr im stande, einen
+Laut hören zu lassen. Ich arbeitete mich durch das dichte Röhricht nach
+dem Ufer der Insel und füllte beide Hände mit Wasser. Rasch kehrte ich
+zurück und flößte das Naß den Gemarterten ein. Sie schlürften es mit
+Gier. Ich konnte nur wenig auf einmal bringen, da es mir unterwegs
+zwischen den Fingern durchtropfte, und so mußte ich sehr oft hin und her
+gehen, ehe sie ihren fürchterlichen Durst gestillt hatten.
+
+»Giebt es hier eine Hacke?« fragte ich.
+
+»Mitgenommen,« flüsterte der eine.
+
+Ich rannte nach der oberen Spitze der Insel. Drüben standen noch meine
+Begleiter. Ich legte die Hand an den Mund, um das Rauschen des Wassers
+zu übertönen, und rief ihnen zu:
+
+»Holt einen Spaten, eine Hacke und die drei Engländer, aber ganz
+heimlich!«
+
+Sie verschwanden. Halef durfte ich nicht herbescheiden, weil er drüben
+notwendig war. Ich wartete mit Ungeduld – endlich aber erschienen die
+Haddedihn mit den drei Verlangten und auch mit einem Werkzeuge, welches
+einer Hacke ähnlich sah.
+
+»Sir David Lindsay!« rief ich hinüber.
+
+»#Yes!#« antwortete er.
+
+»Schnell herüber! Bill und der andere auch! Bringt die Hacke mit!«
+
+»Meine Hacke? Fowling-bulls gefunden?«
+
+»Werden sehen!«
+
+Ich machte den Schlauch los und schob ihn in das Wasser.
+
+»Zieht an!«
+
+Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel.
+
+»Wo?« fragte er.
+
+»Warten! Erst die anderen auch herüber!«
+
+»#Well!#«
+
+Er winkte den Leuten drüben, sich zu sputen, und endlich standen die
+beiden kräftigen Burschen an unserer Seite. Bill hatte die Hacke bei
+sich. Ich befestigte den Schlauch wieder.
+
+»Kommt, Sir!«
+
+»Ah! Endlich!«
+
+»Sir David Lindsay, wollt Ihr mir verzeihen?«
+
+»Was?«
+
+»Ich habe keine Fowling-bulls gefunden.«
+
+»Keine?« – Er blieb stehen und riß den Mund weit auf. »Keine? Ah!«
+
+»Aber ich habe etwas ganz Entsetzliches entdeckt! Kommt!«
+
+Ich ergriff die Hacke und schritt voran.
+
+Mit einem Ausrufe des Entsetzens prallte der Engländer zurück, als wir
+den Platz erreichten. Jetzt war der Anblick allerdings fast noch
+schrecklicher als vorher, da die drei die Augen offen hatten und die
+Köpfe bewegten, um den Insektenschwarm von sich abzuhalten.
+
+»Man hat sie eingegraben!« sagte ich.
+
+»Wer?« fragte Lindsay.
+
+»Weiß es nicht, werden es erfahren.«
+
+Ich gebrauchte die Hacke mit solcher Hast, und die andern scharrten und
+kratzten mit den Händen dazu, daß wir bereits nach einer Viertelstunde
+die drei Unglücklichen vor uns liegen hatten. Sie waren von allen
+Kleidern entblößt, und die Hände und Füße hatte man ihnen mit
+Baststricken zusammengebunden. Ich wußte, daß die Araber ihre Kranken
+bei gewissen schlimmen Krankheiten bis an den Kopf in die Erde graben
+und diesem sogenannten »Einpacken« eine bedeutende Heilkraft
+zuschreiben; aber diese Männer waren gefesselt, also nicht krank
+gewesen.
+
+Wir trugen sie an das Wasser und überspritzten sie. Dies erfrischte ihre
+Lebensgeister.
+
+»Wer seid ihr?« fragte ich.
+
+»Baadri!« klang die Antwort.
+
+Baadri? Das war ja der Name eines Dorfes, welches ausschließlich von
+Teufelsanbetern bewohnt wurde! Ich hatte also doch wohl mit meinen
+Vermutungen das Richtige getroffen.
+
+»Hinüber mit ihnen!« befahl ich.
+
+»Wie?« frug der Engländer.
+
+»Ich schwimme zuerst hinüber, um ziehen zu helfen, und nehme zugleich
+ihre Kleider mit. Ihr kommt dann nach, ein jeder mit einem von ihnen.«
+
+»#Well!# Wird aber nicht leicht sein.«
+
+»Ihr nehmt ihn quer vor euch über die Arme.«
+
+Ich rollte die Kleider wie einen Turban zusammen und nahm diesen auf den
+Kopf. Dann ließ ich mich an das Ufer ziehen. Was nun kam, das war für
+mich und die beiden Haddedihn eine sehr harte Arbeit, für die andern
+aber außerordentlich gefährlich; dennoch gelang es uns, alle sechs
+glücklich an das Ufer zu bringen.
+
+»Zieht ihnen die Kleider an! Dann bleiben sie heimlich hier liegen.
+Ihr, Sir David, werdet ihnen im stillen Nahrung bringen, während die
+andern sie bewachen.«
+
+»#Well!# Fragt, wer sie eingegraben hat.«
+
+»Der Scheik natürlich.«
+
+»Tot schlagen den Kerl!«
+
+Dieses letzte Abenteuer hatte über eine Stunde Zeit in Anspruch
+genommen. Als wir das Lager erreichten, wimmelte die Ebene von Tausenden
+von Tieren. Das Geschäft des Auswählens war ein schwieriges, doch der
+kleine Hadschi Halef Omar war seiner Aufgabe vollständig gewachsen. Er
+hatte meinen Hengst bestiegen, natürlich mit der Absicht, schneller
+vorwärts zu kommen und nebenbei ein wenig bewundert zu werden, und war
+allüberall zu sehen. Die Haddedihn waren ganz begeistert für ihre
+Arbeit, die gefangenen Abu Hammed aber, welche ihnen helfen mußten,
+konnten den stillen Grimm in ihren Mienen nicht verbergen. Und nun gar
+da, wo die Weiber und Greise saßen, da floßen heiße Thränen, und mancher
+halblaute Fluch stahl sich zwischen den Lippen hervor. Ich trat zu der
+Weibergruppe. Ich hatte da eine Frau bemerkt, welche mit einer
+heimlichen Befriedigung dem Treiben meiner Leute zusah. Hatte sie einen
+Groll gegen den Scheik im Herzen?
+
+»Folge mir!« gebot ich ihr.
+
+»Herr, sei gnädig! Ich habe nichts gethan!« flehte sie erschrocken.
+
+»Es soll dir nichts geschehen!«
+
+Ich führte sie in das leere Zelt, in welchem ich mich bereits vorhin
+befunden hatte. Dort stellte ich mich vor sie hin, sah ihr scharf in die
+Augen und fragte sie:
+
+»Du hast einen Feind in deinem Stamme?«
+
+Sie blickte überrascht empor.
+
+»Herr, woher weißt du es?«
+
+»Sei offen! Wer ist es?«
+
+»Du wirst es ihm wieder sagen!«
+
+»Nein, denn er ist auch mein Feind.«
+
+»Du bist es, der ihn besiegt hat?«
+
+»Ich bin es. Du hassest den Scheik Zedar Ben Huli?«
+
+Da blitzte ihr dunkles Auge auf.
+
+»Ja, Herr, ich hasse ihn.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich hasse ihn, weil er mir den Vater meiner Kinder töten ließ.«
+
+»Warum?«
+
+»Mein Herr wollte nicht stehlen.«
+
+»Weshalb nicht?«
+
+»Weil der Scheik den größten Teil des Raubes erhält.«
+
+»Du bist arm?«
+
+»Der Oheim meiner Kinder hat mich zu sich genommen; auch er ist arm.«
+
+»Wie viele Tiere hat er?«
+
+»Ein Rind und zehn Schafe; er wird sie heute hergeben müssen, denn wenn
+der Scheik zurückkehrt, so werden wir den ganzen Verlust zu tragen
+haben. Der Scheik wird nicht arm, sondern nur der Stamm.«
+
+»Er soll nicht zurückkehren, wenn du aufrichtig bist.«
+
+»Herr, sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie. Ich werde ihn als Gefangenen zurückbehalten und den Abu
+Hammed einen Scheik geben, welcher gerecht und ehrlich ist. Der Ohm
+deiner Kinder soll heute behalten, was er hat.«
+
+»Herr, deine Hand ist voll von Barmherzigkeit. Was willst du von mir
+wissen?«
+
+»Du kennst die Insel da drüben im Flusse?«
+
+Sie erbleichte.
+
+»Warum fragst du nach ihr?«
+
+»Weil ich mit dir von ihr sprechen will.«
+
+»O thue das nicht, Herr, denn wer ihr Geheimnis verrät, den wird der
+Scheik töten!«
+
+»Wenn du mir das Geheimnis sagst, so wird er nicht wiederkommen.«
+
+»Ist dies wirklich wahr?«
+
+»Glaube mir! Also wozu dient die Insel?«
+
+»Sie ist der Aufenthalt der Gefangenen des Scheik.«
+
+»Welcher Gefangenen?«
+
+»Er fängt die Reisenden weg, welche über die Ebene oder auf dem Wasser
+kommen, und nimmt ihnen alles ab. Wenn sie nichts besitzen, so tötet er
+sie; wenn sie aber reich sind, so behält er sie bei sich, um ein
+Lösegeld zu erpressen.«
+
+»Dann kommen sie auf die Insel?«
+
+»Ja, in die Schilfhütte. Sie können nicht entfliehen, denn es werden
+ihnen die Hände und die Füße gebunden.«
+
+»Wenn dann der Scheik das Lösegeld erhalten hat?«
+
+»So tötet er sie dennoch, um nicht verraten zu werden.«
+
+»Und wenn sie es nicht zahlen wollen oder nicht zahlen können?«
+
+»So martert er sie.«
+
+»Worin bestehen die Qualen, die er ihnen bereitet?«
+
+»Er hat ihrer viele. Oft aber läßt er sie eingraben.«
+
+»Wer macht den Kerkermeister?«
+
+»Er und seine Söhne.«
+
+Der, welcher mich gefangen genommen hatte, war auch sein Sohn; ich hatte
+ihn unter den Gefangenen im Wadi Deradsch bemerkt. Darum fragte ich:
+
+»Wie viele Söhne hat der Scheik?«
+
+»Zwei.«
+
+»Ist einer von ihnen hier?«
+
+»Derjenige, welcher dich töten wollte, als du in das Lager kamst.«
+
+»Sind jetzt Gefangene auf der Insel?«
+
+»Zwei oder drei.«
+
+»Wo sind sie?«
+
+»Ich weiß es nicht. Das erfahren nur diejenigen Männer, welche bei dem
+Fange waren.«
+
+»Wie sind sie in seine Hände gekommen?«
+
+»Sie kamen auf einem Kellek[166] den Fluß herab und legten des Abends
+nicht weit von hier an das Ufer an. Da hat er sie überfallen.«
+
+ [166] Floß.
+
+»Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?«
+
+Sie sann ein wenig nach und meinte dann:
+
+»Wohl beinahe zwanzig Tage.«
+
+»Wie hat er sie behandelt?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Habt ihr hier viele Tachterwahns[167]?«
+
+ [167] Frauenkörbe, von Kamelen getragen.
+
+»Es sind mehrere vorhanden.«
+
+Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldstücke hervor. Sie
+gehörten zu den Münzen, welche ich in den Satteltaschen des Abu-Seïf
+gefunden hatte. Sein herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet;
+das Geld aber war mir bis heute geblieben.
+
+»Ich danke dir! Hier hast du!«
+
+»O Herr, deine Gnade ist größer als – – –«
+
+»Danke nicht,« unterbrach ich sie. »Ist der Oheim deiner Kinder mit
+gefangen?«
+
+»Ja.«
+
+»Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann, der das schwarze Pferd
+reitet, und sage ihm von mir, daß er dir deine Tiere geben soll. Der
+Scheik wird nicht zurückkehren.«
+
+»O Herr – –!«
+
+»Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was wir gesprochen haben!«
+
+Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem
+Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er
+kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten.
+
+»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!«
+
+»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein
+Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du
+ihr.«
+
+»Ich gehorche, Effendi.«
+
+»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und
+sattelst drei Kamele mit ihnen.«
+
+»Wer soll hinein kommen, Sihdi?«
+
+»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da
+rechts?«
+
+»Ich sehe beides.«
+
+»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe
+in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet.
+Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich
+liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die
+Kamele tragen!«
+
+»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so
+viel nicht allein thun.«
+
+»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir
+helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder
+übernehmen.«
+
+Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden
+ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef
+gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze,
+lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem
+jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet
+hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm
+heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe.
+
+»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine
+Schnur bei Euch?«
+
+»Denke, daß hier viele Stricke sind.«
+
+Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden
+sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen
+Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück.
+
+»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?«
+
+Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.
+
+»Sehe ihn, Sir.«
+
+»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu
+beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr
+fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder
+an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.«
+
+»#Yes#, Sir! Sehr schön!«
+
+»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch
+erreichen.«
+
+»Hat es verdient!«
+
+»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute,
+und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!«
+
+»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!«
+
+»Vorwärts also!«
+
+Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die
+Schulter.
+
+»#I have the honour, Mylord!# Mitgehen, Galgenstrick!«
+
+Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die
+Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte
+er sich zu mir herum.
+
+»Was soll das sein, Emir?«
+
+»Du wirst mit uns gehen.«
+
+»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!«
+
+Da drängte sich ein altes Weib herbei.
+
+»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?«
+
+»Er wird uns begleiten.«
+
+»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz
+seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder,
+den die Blutrache ereilt?«
+
+»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!«
+
+Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst
+Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte
+mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das
+Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer
+Räuberhöhle entronnen sei.
+
+Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges
+gestellt. Ich ritt zu ihm heran.
+
+»Liegen sie bequem?«
+
+»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.«
+
+»Haben sie gegessen?«
+
+»Nein, Milch getrunken.«
+
+»Um so besser. Können sie reden?«
+
+»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche
+ich nicht verstehe, Effendi.«
+
+»Es wird Kurdisch sein.«
+
+»Kurdisch?«
+
+»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.«
+
+»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal
+gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!«
+
+»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave,
+sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.«
+
+»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann.
+Kannst du sie sprechen?«
+
+»Nein.«
+
+Er fuhr beinahe erschrocken auf.
+
+»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!«
+
+»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.«
+
+»Gar nicht?«
+
+»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist;
+vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu
+machen.«
+
+»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!«
+
+»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß
+ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem
+Halef zufrieden ist!«
+
+»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der
+Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber
+gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah.«
+
+»Also nach dem Teufel kommst du!«
+
+»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!«
+
+»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!«
+
+Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein.
+
+Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere
+viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang
+erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und
+sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum
+Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als
+auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln.
+Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir
+Lindsay noch einmal herbeikam.
+
+»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!«
+
+»Was?«
+
+»Hm! Unbegreiflich!«
+
+»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?«
+
+»Der? #No!# Liegt fest angebunden!«
+
+»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?«
+
+»Hauptsache vergessen!«
+
+»Nun? Redet nur!«
+
+»Trüffeln!«
+
+Jetzt mußte ich hellauf lachen.
+
+»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu
+Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.«
+
+»Wo nun Trüffeln her?«
+
+»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!«
+
+»Schön! Gute Nacht, Sir!«
+
+Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am
+andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so
+gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein
+wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen
+das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.
+
+Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich
+sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache
+hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine
+und sah mich freudig forschend an.
+
+»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne
+dich wieder!«
+
+»Wer bin ich, mein Freund?«
+
+»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem
+Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!«
+
+»Wie, du kennst meinen Namen?«
+
+»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel
+von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.«
+
+Ich wandte mich zu Halef:
+
+»Plaudertasche!«
+
+»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der
+Kleine.
+
+»Ja; aber ohne Prahlerei.«
+
+»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu
+den Kranken.
+
+»Ja, Emir.«
+
+»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.«
+
+»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.«
+
+»Wo ist eure Heimat?«
+
+»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.«
+
+»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?«
+
+»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und
+einen Brief von ihm zu bringen –«
+
+»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?«
+
+»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr
+bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des
+Großherrn; er sollte für uns bitten.«
+
+»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?«
+
+»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf
+demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort
+landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu
+Hammed überfallen.«
+
+»Er beraubte euch?«
+
+»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns
+trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit
+sie ein Lösegeld schicken sollten.«
+
+»Ihr thatet es nicht?«
+
+»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.«
+
+»Aber euer Scheik?«
+
+»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er
+hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns
+dennoch getötet hätte.«
+
+»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das
+Lösegeld bezahlt worden wäre.«
+
+»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an
+Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.«
+
+»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?«
+
+»Ja.«
+
+»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?«
+
+»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.«
+
+»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!«
+
+»Emir, vergilt es ihm nicht!«
+
+»Wie?«
+
+»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem
+Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.«
+
+Das also waren Teufelsanbeter!
+
+»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«
+
+»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das
+Zeichen eines Hadschi!«
+
+»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?«
+
+»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.«
+
+»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.«
+
+»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.«
+
+»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?«
+
+»Nein. Ich bin ein Franke.«
+
+»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?«
+
+ [168] Jesus.
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du die heilige Taufe?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?«
+
+»Ich glaube es.«
+
+»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns,
+daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem
+Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!«
+
+»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?«
+
+»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.«
+
+»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.«
+
+Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat
+el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der
+Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und
+versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst
+bereiten werde.
+
+Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza
+und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte
+unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik
+Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten
+uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte.
+Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und
+bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte.
+
+Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als
+durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche
+Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen,
+welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem
+andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf
+der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.
+
+»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin.
+
+»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir
+noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?«
+
+»Hier im Zelte. Da kommen sie.«
+
+Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten
+tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu.
+
+»Hast du mehr gebracht, als du sollst?«
+
+»Du meinst Tiere?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.«
+
+»Ich werde zählen!«
+
+»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht,
+als ich sollte.«
+
+»Was?«
+
+»Willst du es sehen?«
+
+»Ich muß es sehen!«
+
+»So rufe jenen dort herbei.«
+
+Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des
+Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.
+
+»Kommt alle mit!« sagte ich.
+
+Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo
+sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef
+ließ gerade die Dschesidi aussteigen.
+
+»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli.
+
+Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls.
+
+»Die Dschesidi!« rief er.
+
+»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon
+viele gemordet hast, Ungeheuer!«
+
+Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.
+
+»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde.
+
+»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein
+Kampfgefährte gewesen ist.«
+
+Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei
+Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück.
+Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in
+diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden
+Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der
+jüngere Sohn des Scheik einher.
+
+Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu
+mir:
+
+»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?«
+
+»Wie du siehst!«
+
+»Was hat er gethan?«
+
+»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den
+Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann
+bist du wieder frei – eine Strafe, die viel zu gering für dich und für
+deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!«
+
+Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem
+Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik
+ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!«
+
+Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem
+Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell
+umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick
+aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse
+erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik
+durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden
+aber handfest empfangen und überwältigt.
+
+Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung,
+die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen.
+Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte:
+der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück.
+
+Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten.
+Da erscholl zunächst die Frage Halefs:
+
+»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?«
+
+»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort.
+
+Dieser trat zu den dreien heran.
+
+»Marhaba – ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis
+ihr euch von eueren Leiden erholt habt!«
+
+Da blickte Selek schnell empor.
+
+»Mohammed Emin?« fragte er.
+
+»So heiße ich.«
+
+»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?«
+
+»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.«
+
+»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!«
+
+»Sage sie!«
+
+»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum
+Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche
+einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und
+indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: ›Gehe zu den
+Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft
+werde. Die andern sind hingerichtet worden.‹ Dies ist es, was ich dir zu
+sagen habe.«
+
+Der Scheik taumelte zurück.
+
+»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er
+gestaltet?«
+
+»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis
+zur Brust herab.«
+
+»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm!
+Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein
+Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann
+war es, als du mit ihm geredet hast?«
+
+»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!«
+
+»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger
+schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und
+zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder
+willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?«
+
+»Ich reite mit!«
+
+»Allah segne dich! – Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der
+Haddedihn verkündigen!«
+
+Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage:
+
+»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?«
+
+»Ich gehe mit.«
+
+»Sihdi, darf ich dir folgen?«
+
+»Halef, denke an dein Weib!«
+
+»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener!
+Darf ich dich begleiten?«
+
+»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und
+Scheik Malek, ob sie es erlauben.«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Bei den Teufelsanbetern.
+
+
+So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen
+Pascha.
+
+Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um
+seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung
+Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu
+lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den
+Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische
+Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab
+es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so
+phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann
+hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen,
+und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das
+Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und
+ich.
+
+Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir
+David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu
+machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und
+Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er
+hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben
+und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des
+verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und
+nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel
+Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht
+begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts
+nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die
+Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen,
+brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn
+für ihn vollständig genügte.
+
+Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet
+worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den
+Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen
+entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten,
+da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns
+vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen
+Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn
+el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich
+war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines
+Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern
+Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu
+erreichen.
+
+Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands
+aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein,
+denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben.
+Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig;
+denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern
+vermochte.
+
+Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das
+Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu
+ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169]
+einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen
+Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.
+
+ [169] Keller.
+
+Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres
+Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an,
+daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich
+mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:
+
+»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«
+
+»Woran?«
+
+»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«
+
+»Ah! Warum?«
+
+»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«
+
+»Ja. Du weißt dies ja längst.«
+
+»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich
+nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die
+Dschehennah!«
+
+Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm
+gesehen hatte.
+
+»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem
+Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf
+nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet
+hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach
+ihrer Heimat zogen?«
+
+»Ich werde sie besuchen.«
+
+»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber
+ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den
+Himmel verloren.«
+
+»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?«
+
+»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in
+welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«
+
+Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi,
+den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts
+wisse, und fragte:
+
+»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«
+
+»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels,
+welche den Scheïtan anbeten.«
+
+»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«
+
+»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?«
+
+»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«
+
+»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?«
+
+»Ich glaube dir wirklich nicht.«
+
+»Und hast sie selbst gesehen?«
+
+»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen
+Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer,
+welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie
+an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«
+
+»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber
+ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden
+Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan
+den Teufel anbetet.«
+
+»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?«
+
+»Nein. Ich habe es aber gehört.«
+
+»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?«
+
+»Sie hatten es auch von anderen gehört.«
+
+»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die
+Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig
+sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«
+
+»Ist das wahr?«
+
+»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme,
+wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«
+
+»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.«
+
+»Nun?«
+
+»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«
+
+»Ja.«
+
+»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«
+
+»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«
+
+»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen
+und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«
+
+»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer
+andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was
+weißt du noch von ihnen?«
+
+ [170] Mit den Assyrern in Syrien.
+
+»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie
+anbeten, und das ist der Teufel.«
+
+»Ist er es wirklich?«
+
+»Ja.«
+
+»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«
+
+»Ja.«
+
+»Und in jedem steht ein Hahn?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?«
+
+»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie
+haben auch falsche Engel.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich
+Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und
+Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn
+und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah
+nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber
+sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl,
+Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«
+
+ [171] Gabriël.
+
+ [172] Der heilige Geist.
+
+»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel
+giebt.«
+
+»Du? Warum?« fragte er erstaunt.
+
+»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als
+dem Kuran.«
+
+ [173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4,
+ V. 5.
+
+»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und
+glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des
+Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!«
+
+»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«
+
+»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von
+vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als
+er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also
+nicht kennen.«
+
+»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern
+nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen
+ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer
+und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten.
+Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir
+deinen Glauben nicht nehmen.«
+
+»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«
+
+»Nein. Ich versichere es dir!«
+
+»Aber sie werden uns töten!«
+
+»Weder mich noch dich.«
+
+»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht,
+sondern nur die Muselmänner.«
+
+»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie
+töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von
+den Christen angegriffen wurden.«
+
+»Aber ich bin ein Moslem!«
+
+»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei
+ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«
+
+»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir
+gehen!«
+
+Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es
+waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha.
+Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:
+
+»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?«
+
+Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ,
+hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt.
+Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der
+Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja,
+ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.
+
+»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch.
+
+Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei
+der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern
+sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und
+Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie
+unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen
+Diener:
+
+ [174] Gürtel.
+
+»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!«
+
+»Ja.«
+
+»Wer ist es?«
+
+»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.«
+
+ [175] Offiziere.
+
+»Wer sendet sie?«
+
+»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«
+
+»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha – Allah
+schütze ihn! – würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern,
+welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie
+gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte
+wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!«
+
+Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen
+einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe
+auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.
+
+»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?«
+
+Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem
+eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in
+der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem
+Eingange zu:
+
+»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi
+ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört,
+was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!«
+
+»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!«
+
+»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer
+sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den
+Gruß zu sagen.«
+
+»Bei einem Ungläubigen – – –«
+
+Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.
+
+»Hinaus!«
+
+»Wir haben – – –«
+
+»Hinaus!«
+
+Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir
+doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen
+Vorschriften geben zu lassen. – Man muß den Orientalen zu behandeln
+verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt
+selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst
+große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend,
+welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen
+Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es
+andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges
+oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr
+geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört
+nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen
+Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann
+besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die
+Hand an der Waffe oder – – die Hand im Beutel.
+
+»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef.
+
+Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines
+Verhaltens.
+
+»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«
+
+»Kennst du diese Arnauten?«
+
+»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«
+
+»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine
+alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war
+blind.«
+
+»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«
+
+»Und kennst du den Pascha?«
+
+»Er ist ein sehr guter Mann!«
+
+»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm
+fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade
+erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen
+gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und
+bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu
+seinen Arnauten: ›Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!‹ Sie
+thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein
+Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen.
+Sihdi, was wird er mit uns thun?«
+
+»Das müssen wir abwarten.«
+
+»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas
+Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne
+ihn mitzunehmen.«
+
+»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«
+
+»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«
+
+»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«
+
+»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei
+dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück
+bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen
+hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden
+Kugeln vor den Kopf!«
+
+Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der
+wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.
+
+»Aber Hanneh?« fragte ich.
+
+»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann
+lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!«
+
+»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht
+so weit kommen wird.«
+
+Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat
+trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.
+
+»Salama!« grüßte er.
+
+»Sallam! Was willst du?«
+
+»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«
+
+»Ja.«
+
+»Der Pascha – Allah schenke ihm tausend Jahre! – hat dir eine Sänfte
+gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«
+
+»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«
+
+Als er hinaus war, sagte Halef:
+
+»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?«
+
+»Warum?«
+
+»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«
+
+»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!«
+
+Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp
+von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und
+einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte
+sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit.
+
+ [176] Träger.
+
+»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene.
+
+Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuten, daß
+ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe
+fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt.
+
+»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone.
+
+Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem
+verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken
+musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt,
+denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr
+wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus,
+welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte, und trat ein:
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über die Brust
+verschränkte und mich verbeugte.
+
+»Sal – –«
+
+Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann:
+
+»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?«
+
+»So ist es.«
+
+»Sind die Nemsi Moslemim?«
+
+»Nein. Sie sind Christen.«
+
+»Und dennoch wagst du den Gruß der Moslemim!«
+
+»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein Liebling des Padischah
+– Gott beschirme ihn! – Soll ich dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen,
+die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?«
+
+»Du bist kühn, Fremdling!«
+
+Es war ein eigentümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der
+Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht
+wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und
+Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die
+rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit
+Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung
+bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an
+seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von
+Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der
+kostbarsten, die ich je gesehen hatte.
+
+Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte,
+fragte er weiter:
+
+»Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen lassen?«
+
+»Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und die anderen Konsuln sind
+mir ebenso fremd wie du selbst. Ein Konsul kann mich nicht besser und
+schlechter machen, als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du
+brauchst mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.«
+
+»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob du ein
+sehr großer Mann seist!«
+
+»Würde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?«
+
+Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch
+gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte.
+
+»Wie heißest du?«
+
+»Hasredin[177], ich habe verschiedene Namen.«
+
+ [177] Hoheit.
+
+»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur _einen_ Namen hat!«
+
+»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei
+jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.«
+
+»So hast du viele Länder und viele Völker gesehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Nenne die Völker!«
+
+»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler – –«
+
+Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich
+aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte
+größer. Endlich aber platzte er heraus:
+
+»Hei-hei![178] Giebt es so viele Völker auf der Erde?«
+
+ [178] Ausruf der Verwunderung.
+
+»Noch viel, viel mehr!«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie
+Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst du so viele
+Länder besucht haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der Nemsi
+gingst?«
+
+»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja[179]
+kam.«
+
+ [179] Amerika.
+
+»Und was bist du?«
+
+»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.«
+
+»Was schreibst du da?«
+
+»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.«
+
+»Kommen in diesen Chaberler[180] auch die Männer vor, mit denen du
+zusammentriffst?«
+
+ [180] Zeitungen.
+
+»Nur die vorzüglichsten.«
+
+»Auch ich?«
+
+»Auch du.«
+
+»Was würdest du über mich schreiben?«
+
+»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch
+nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.«
+
+»Und wer liest das?«
+
+»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.«
+
+»Auch Paschas und Fürsten?«
+
+»Auch sie.«
+
+In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von
+Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz
+unwillkürlich auf.
+
+»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.«
+
+»Dein Arzt?« fragte ich verwundert.
+
+»Ja. Hast du einmal Disch aghrisi[181] gehabt?«
+
+ [181] Zahnschmerzen.
+
+»Als Kind.«
+
+»So weißt du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund
+sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es
+mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den
+Mund nicht zubringen.«
+
+Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich
+beschloß, dies zu benutzen.
+
+»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?«
+
+»Bist du ein Hekim?«
+
+»Bei Gelegenheit.«
+
+»So komm her! Unten rechts!«
+
+Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein.
+
+»Erlaubst du mir, den Zahn zu befühlen?«
+
+»Wenn es nicht wehe thut!«
+
+Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war
+der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen
+Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene
+Operation zu vollenden.
+
+»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?«
+
+»Sechzig.«
+
+»Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich dir den Zahn
+herausnehme, ohne daß es dich schmerzt?«
+
+»Du kannst es nicht!«
+
+»Ich kann es!«
+
+»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst du die Hiebe, die ihm
+erlassen werden.«
+
+Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein.
+
+»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.«
+
+Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück.
+
+Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst – des
+Hokuspokus wegen – ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den
+kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern,
+schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte
+meine Hand schnell und schob sie von sich weg.
+
+»Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das
+Ding!«
+
+Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den
+Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein
+alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange
+– aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen
+aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte
+nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu
+kleinen Mund.
+
+»Paß auf, ob es wehe thut! Bir – iki – itsch – eins, zwei, drei! Hier
+ist der Ungehorsame, welcher dir solche Schmerzen bereitet hat!« Ich gab
+ihm den Zahn.
+
+Er sah mich ganz erstaunt an.
+
+»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!«
+
+»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!«
+
+Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er
+überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei.
+
+»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich dich nennen?«
+
+»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.«
+
+»Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?«
+
+»Hm! Unter Umständen!«
+
+Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien.
+
+»Frage überall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen hat!«
+
+Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt selbst
+Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig
+geworden war.
+
+»Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?« fragte er.
+
+»Weil sie mich beschimpften.«
+
+»Erzähle!«
+
+Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann
+drohend seine Hand.
+
+»Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du mußtest sofort
+kommen. Danke Allah, daß er dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen
+herauszunehmen!«
+
+»Was hättest du mir gethan?«
+
+»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.«
+
+»Bestraft? Das hättest du nicht gethan!«
+
+»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?«
+
+»Der Großherr selbst.«
+
+»Der Großherr?« fragte er verblüfft.
+
+»Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß
+deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst du, daß es nicht
+notwendig sei, dieses Tirscheh[182] zu berücksichtigen? Hier nimm und
+lies!«
+
+ [182] Pergament.
+
+Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen
+hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz.
+
+»Ein Bu-djeruldi des Großherrn – Allah segne ihn!«
+
+Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück.
+
+»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst du dazu?«
+
+»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du dazu, o Pascha?«
+
+»Wirklich, du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes,
+weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.«
+
+»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn
+über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubnis gegeben, alle
+seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen
+darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.«
+
+Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze
+dich!«
+
+Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife
+zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen.
+
+Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte.
+Dann saßen wir rauchend und trinkend beieinander, als ob wir ein paar
+alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und
+um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden
+arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen
+nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und fragte:
+
+»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?«
+
+»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der eine.
+
+»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn
+sogar einen Ungläubigen genannt!«
+
+»Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.«
+
+»Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!«
+
+»Herr, du hast – – –«
+
+»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?«
+
+»Nein, o Pascha.«
+
+»Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein
+jeder von euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es
+draußen!«
+
+Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich.
+Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen
+gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen.
+
+»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist
+erhaben, aber deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller
+Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und du
+wirst deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!«
+
+Ȇber diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso,
+als ob sie mich beleidigt hätten?«
+
+»Herr, du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der
+Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten
+fort. Man wird im Abendlande deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß du
+meine Bitte erfüllt hast.«
+
+»Diese Hunde sind es nicht wert, daß wir ihnen vergeben; aber damit du
+siehst, daß ich dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein.
+Packt euch fort, und laßt euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht
+sehen!«
+
+Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:
+
+»In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?«
+
+»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu dir.«
+
+Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht
+sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei.
+
+»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von
+Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß du ihn eingeschlagen
+hast!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten und von ihnen ermordet
+worden wärest.«
+
+Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg!
+
+»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?« fragte ich.
+
+»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren
+treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich
+bereits begonnen, sie zu vernichten.«
+
+»Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?«
+
+»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.«
+
+Diese »besseren Dinge« waren leicht zu erraten: Ausrauben der
+Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.
+
+»Ah, ich errate!«
+
+»Was errätst du?«
+
+»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er
+sie untereinander entzweit!«
+
+»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es
+wirklich so gemacht.«
+
+»Ist es gelungen?«
+
+»Schlecht! Und weißt du, wer die Schuld daran trägt?«
+
+»Wer?«
+
+»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die tapfersten
+unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das
+Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen
+sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche
+den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getötet oder
+gefangen genommen. Sie haben den größten Teil ihrer Herden verloren und
+müssen Tribut zahlen.«
+
+»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?«
+
+»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tötet des
+Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine
+Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer der Hölle.«
+
+»Kannst du seiner nicht habhaft werden?«
+
+»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden.
+Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist
+ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.«
+
+Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine
+Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank.
+
+»Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?«
+
+»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu
+spät war. Die Haddedihn hatten die Herden bereits weggenommen.«
+
+»Du wirst sie bestrafen?«
+
+»Ja.«
+
+»Sogleich?«
+
+»Ich wollte, aber ich muß ihnen leider noch eine Frist gewähren,
+obgleich ich meine Truppen bereits vollständig zusammengezogen habe.
+Warst du schon in den Ruinen von Kufjundschik?«
+
+»Nein.«
+
+»Dort ist alles Militär versammelt, welches gegen die Schammar ziehen
+sollte; jetzt aber werde ich die Leute nach einem andern Ort schicken.«
+
+»Darf ich fragen, wohin?«
+
+»Das ist mein Geheimnis, und niemand darf es erfahren. Du weißt wohl
+auch, daß diplomatische Heimlichkeiten sehr streng bewahrt werden
+müssen.«
+
+Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem Auftrage fortgeschickt
+hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten ausfindig zu machen. Ich
+suchte ihm das Ergebnis seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es
+war mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfuße oder mit dem
+Zangenungetüm in die Zahnpalisaden eines Arnauten Bresche reißen zu
+müssen – und zwar schmerzlos, wie es jedenfalls verlangt wurde.
+
+»Nun?« fragte der Gouverneur.
+
+»Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden, welcher an Disch
+aghrisi leidet!«
+
+»Auch du selbst leidest nicht daran?«
+
+»Nein.«
+
+Mir wurde das Herz leicht. Der liebenswürdige Pascha wandte sich
+bedauernd zu mir:
+
+»Es ist schade! Ich wollte dir Gelegenheit geben, deine Kunst bewundern
+zu lassen. Aber vielleicht findet sich morgen oder übermorgen einer.«
+
+»Morgen und übermorgen werde ich nicht mehr hier sein.«
+
+»Nicht? Du mußt bleiben. Du sollst in meinem Palast wohnen und so
+bedient werden wie ich. – Gehe!«
+
+Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder entfernte. Ich
+antwortete:
+
+»Und doch muß ich für jetzt fort, werde aber wiederkommen.«
+
+»Wohin willst du gehen?«
+
+»Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.«
+
+»Wie weit?«
+
+»Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura Schina oder gar bis
+nach Dschulamerik.«
+
+»Was willst du dort?«
+
+»Ich will sehen, was es dort für Menschen giebt und welche Pflanzen und
+Kräuter in jenen Gegenden wachsen.«
+
+»Und warum soll dies so bald geschehen, daß du nicht einige Tage bei mir
+bleiben kannst?«
+
+»Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.«
+
+»Die Menschen dort oben brauchst du nicht kennen zu lernen. Es sind
+kurdische Räuber und einige Dschesidi, welche Allah verdammen wolle!
+Aber die Kräuter? Wozu? Ah, du bist ein Hekim und brauchst Kräuter! Aber
+hast du nicht daran gedacht, daß die Kurden dich vielleicht töten
+werden?«
+
+»Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei ihnen.«
+
+»Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?«
+
+»Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute Büchse, und – – ich
+habe ja auch dich, o Pascha!«
+
+»Mich?«
+
+»Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?«
+
+»Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines Bezirkes. Ich habe
+dort Kanonen und eine Besatzung von dreihundert Albanesen.«
+
+»Amadijah muß eine sehr starke Festung sein!«
+
+»Nicht nur stark, sondern völlig uneinnehmbar. Sie ist der Schlüssel
+gegen das Land der freien Kurden. Aber auch die unterworfenen Stämme
+sind widerspenstig und schlimm.«
+
+»Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir deinen Schutz gewähren.
+Das ist die Bitte, deretwegen ich zu dir kam.«
+
+»Sie soll dir gewährt sein, doch unter einer Bedingung.«
+
+»Welche?«
+
+»Du kommst wieder zurück und wirst mein Gast.«
+
+»Ich nehme diese Bedingung an.«
+
+»Ich werde dir zwei Khawassen mitgeben, welche dich bedienen und
+beschützen sollen. Weißt du auch, daß du durch das Land der Dschesidi
+kommst?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Das ist ein böses, ungehorsames Volk, dem man die Zähne zeigen soll.
+Sie beten den Teufel an, löschen die Lichter aus und trinken Wein.«
+
+»Ist letzteres gar so schlimm?«
+
+Er sah mich von der Seite forschend an.
+
+»Trinkst du Wein?«
+
+»Sehr gern.«
+
+»Hast du Wein bei dir?«
+
+»Nein.«
+
+»Ich dachte, du hättest solchen, dann – – dann – – – hätte ich dich
+vor deiner Abreise einmal besucht.«
+
+Um dies hören zu dürfen, mußte ich bereits sein Vertrauen einigermaßen
+gewonnen haben. Ich konnte mir dies zu nutze machen und sagte also:
+
+»Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.«
+
+»Auch solchen, welcher spritzt?«
+
+Er meinte jedenfalls Champagner.
+
+»Hast du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?«
+
+»O nein! Weißt du nicht, daß der Prophet verboten hat, Wein zu trinken?
+Ich bin ein treuer Anhänger des Kuran!«
+
+»Ich weiß es. Aber man kann solchen Spritzwein künstlich machen, und
+dann ist es kein eigentlicher Wein!«
+
+»Du kannst spritzenden Wein machen?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber dies dauert lange Zeit – vielleicht einige Wochen oder gar einige
+Monate?«
+
+»Es dauert nur einige Stunden.«
+
+»Willst du mir einen solchen Trank machen?«
+
+»Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge, welche dazu nötig
+sind.«
+
+»Was brauchst du?«
+
+»Flaschen.«
+
+»Die habe ich.«
+
+»Zucker und Rosinen.«
+
+»Bekommst du von mir.«
+
+»Essig und Wasser.«
+
+»Hat mein Mudbachdschi[183].«
+
+ [183] Koch.
+
+»Und dann einiges, was man nur in der Apotheke bekommt.«
+
+»Gehört es zu den Ilatschlar[184]?«
+
+ [184] Arzneien.
+
+»Ja.«
+
+»Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst du noch etwas?«
+
+»Nein. Aber du müßtest mir erlauben, den Wein in deiner Küche zu
+bereiten.«
+
+»Darf ich zusehen, damit ich es lerne?«
+
+»Das ist fast unmöglich, o Pascha. Wein zu bereiten, den ein Moslem
+trinken darf, Wein, welcher spritzt und die Seele erheitert, das ist ein
+sehr großes Geheimnis!«
+
+»Ich gebe dir, was du verlangst!«
+
+»Ein so wichtiges Geheimnis verkauft man nicht. Nur ein Freund darf es
+erfahren.«
+
+»Bin ich nicht dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich liebe dich und werde
+gern alles gewähren, um was du mich bittest.«
+
+»Ich weiß es, o Pascha, und darum sollst du mein Geheimnis erfahren.
+Wie viele Flaschen soll ich dir füllen?«
+
+»Zwanzig. Oder ist es zu viel?«
+
+»Nein. Laß uns in die Küche gehen!«
+
+Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher Unterthan des
+Königs Bacchus. Es wurden andere Pfeifen angezündet, und dann begaben
+wir uns in die Küche.
+
+Die Herren des Vorzimmers machten sehr große Augen, als sie mich mit der
+»Friedenspfeife« so kameradschaftlich an seiner Seite erblickten; er
+aber beachtete sie nicht. Die Küche lag zu ebener Erde und war ein
+hoher, dunkler Raum mit einem ungeheuren Herde, auf welchem über dem
+Feuer ein großer Kessel voll siedenden Wassers hing, das zur Bereitung
+des Kaffees bestimmt war. Unser Eintritt erregte weniger Überraschung
+als vielmehr Entsetzen. Es saßen fünf oder sechs Kerle rauchend am Boden
+und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der Pascha war wohl
+niemals in seiner Küche gewesen, und bei seinem Erscheinen wurden die
+Leute völlig starr vor Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit
+weit geöffneten Augen an.
+
+Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben mit Fußtritten
+und rief:
+
+»Auf, ihr Faulenzer, ihr Sklaven! Kennt ihr mich nicht, daß ihr sitzen
+bleibt, als ob ich einer euresgleichen sei?«
+
+Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder, ihm zu Füßen.
+
+»Habt ihr heißes Wasser?«
+
+»Dort kocht es, Herr,« antwortete einer, welcher der Koch zu sein
+schien; denn er war der dickste und schmutzigste von allen.
+
+»Hole Rosinen, du Lümmel!«
+
+»Wie viele?«
+
+»Wie viel brauchst du?« fragte er mich.
+
+Ich prüfte die Menge des Wassers und wies dann auf ein leeres Gefäß.
+
+»Diesen Krug dreimal voll.«
+
+»Und Zucker?«
+
+»Noch einmal so viel.«
+
+»Und Essig?«
+
+»Vielleicht den zehnten Teil.«
+
+»Habt ihr’s gehört, ihr Scheusale? Packt euch!«
+
+Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien. Ich ließ die
+Rosinen waschen und that dann alles in das kochende Wasser. Ein
+abendländischer Champagnerfabrikant hätte meine Brauerei belacht, ich
+aber hatte keine Zeit und mußte die Sache so kurz wie möglich machen, um
+das chemische Gedächtnis des edlen Pascha nicht mit allzu vielen
+Prozeduren zu beschweren.
+
+»Nun in die Apotheke!« bat ich ihn.
+
+»Komm!«
+
+Er schritt voran und führte mich in ein Gemach, welches auch zu ebener
+Erde war. In demselben lag der arme Hekim mit verbundenen Füßen am
+Boden. Auch ihm gab der Pascha einen Fußtritt.
+
+»Steh auf, Widerwärtiger, und erzeige mir und diesem großen Effendi die
+Ehre, die uns gebührt. Danke ihm, denn er hat für dich gebeten, daß ich
+dir deine Portion Hiebe erließ. Wisse, du Nichtsnutz, daß er mir den
+Zahn herausgenommen hat, ohne daß ich es fühlte. Ich gebiete dir, ihm zu
+danken!«
+
+O, welches Vergnügen, der Leibarzt eines Pascha zu sein! Dieser arme
+Schlucker warf sich vor mir nieder und küßte mir den Saum meines alten
+Haïk. Dann fragte der Pascha:
+
+»Wo ist die Apotheke?«
+
+Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten.
+
+»Hier, o Pascha!«
+
+»Öffne!«
+
+Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand Düten, Blättern,
+Büchsen, Amuletten, Pflasterstangen und sonstigem Zeug zu sehen, dessen
+Charakter und Bestimmung mir vollständig unbekannt war. Ich fragte nach
+kohlensaurem Natron und Weinsteinsäure. Von dem ersteren war genug, von
+letzterer aber ganz wenig vorhanden; doch genügte es.
+
+»Hast du alles?« fragte mich der Pascha.
+
+»Ja.«
+
+Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot ihm:
+
+»Besorge von diesen beiden Sachen eine größere Menge und merke dir ihre
+Namen. Ich brauche sie sehr notwendig, falls ein Pferd krank wird. Wenn
+du die Namen vergissest, erhältst du fünfzig wohlgezählte Hiebe!«
+
+Wir kehrten in die Küche zurück. Es wurden Flaschen, Lack, Draht und
+kaltes Wasser beigeschafft, und dann jagte der Gouverneur alle
+Anwesenden hinaus. Kein Mensch außer ihm sollte, wenn auch nur
+teilweise, Mitwisser des großen Geheimnisses werden, einen Wein zu
+bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten Moslem ohne
+Gewissensbisse getrunken werden könne.
+
+Dann kochten, brauten, kühlten, füllten, pfropften und siegelten wir,
+daß ihm der Schweiß vom Angesichte troff, und als wir endlich fertig
+waren, durften die Diener wieder eintreten, um die Flaschen an den
+kühlsten Ort des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur
+Prüfung mit und trug sie mit höchsteigener Hand durch das Vorzimmer in
+sein Gemach, wo wir uns wieder niederließen.
+
+»Wollen wir trinken?« fragte er.
+
+»Er ist noch nicht abgekühlt genug.«
+
+»Wir trinken ihn warm.«
+
+»So schmeckt er nicht.«
+
+»Er muß!«
+
+Natürlich mußte er, denn der Pascha gebot es ja! Dieser ließ zwei Gläser
+bringen, verbot jedermann, selbst dem Meldenden, den Eintritt und löste
+den Draht.
+
+Puff! – Der Stöpsel flog an die Decke.
+
+»Allah il Allah!« rief er erschrocken.
+
+Gischtend schoß der Kunstwein aus der Flasche. Ich wollte mein Glas
+schnell unterhalten.
+
+»Maschallah! Er spritzt wirklich!«
+
+Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals der Flasche zwischen die
+Lippen. Sie war fast leer, als er wieder absetzte und den Finger in die
+Öffnung steckte, um sie zu verschließen.
+
+»Saltanatly – prächtig! Höre, mein Freund, ich liebe dich! Dieser Wein
+ist sogar besser, als das Wasser vom Brunnen Zem-Zem!«
+
+»Findest du dies?«
+
+»Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser Hawus Kewser, welches man
+im Paradiese trinken wird. Ich werde dir nicht zwei, sondern vier
+Khawassen mitgeben.«
+
+»Ich danke dir! Hast du dir genau gemerkt, wie man diesen Wein
+bereitet?«
+
+»Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!«
+
+Ohne an mich oder daran zu denken, daß zwei Gläser vorhanden seien,
+setzte er die Flasche wieder an den Mund und nahm sie erst dann hinweg,
+als sie leer war.
+
+»Bom bosch! Sie ist versiecht. Warum ist sie nicht größer gewesen!«
+
+»Merkst du nun, wie kostbar mein Geheimnis war?«
+
+»Beim Propheten, ich merke es! O, ihr Nemsi seid sehr kluge Leute! Aber
+erlaube mir, dich einmal zu verlassen!«
+
+Er erhob sich und verließ das Zimmer. Als er nach einer Weile
+zurückkehrte, trug er etwas unter seinem Kaftan verborgen. Als er sich
+gesetzt hatte, zog er es hervor. Es waren – zwei Flaschen. Ich lachte.
+
+»Du hast sie selbst geholt?« fragte ich.
+
+»Kendi – selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist, darf niemand anrühren
+außer mir. Ich habe es unten befohlen, und wer von jetzt an die Flasche
+nur betastet, den lasse ich zu Tode peitschen!«
+
+»Du willst noch trinken?«
+
+»Sollte ich nicht? Ist dieses Getränk nicht köstlich?«
+
+»Aber ich sage dir, daß dieser Wein erst dann den rechten Geschmack
+haben wird, wenn er kalt geworden ist.«
+
+»Wie muß er dann schmecken, wenn er jetzt schon so köstlich ist! Preis
+sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker und Arzneien wachsen läßt, um das
+Herz seiner Gläubigen zu erquicken!«
+
+Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene drückte die höchste
+Wonne aus, und als die zweite Flasche leer war, meinte er:
+
+»Freund, dir kommt keiner gleich, weder ein Gläubiger noch ein
+Ungläubiger. Vier Khawassen sind für dich zu wenig; du sollst sechs
+haben!«
+
+»Deine Güte ist groß, o Pascha; ich werde sie zu rühmen wissen!«
+
+»Wirst du auch erzählen von dem, was ich jetzt getrunken habe?«
+
+»Nein, darüber werde ich schweigen; denn ich werde auch das nicht
+sagen, was ich getrunken habe.«
+
+»Maschallah, du hast recht! Ich trinke, ohne an dich zu denken. Reiche
+mir dein Glas, ich werde diese Flasche noch öffnen.«
+
+Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es schmeckte genau so, wie
+ungekühltes Sodawasser mit Rosinenbrühe und Zucker schmecken muß; für
+den anspruchslosen Gaumen des Pascha mußte es ein Genuß sein.
+
+»Weißt du,« sagte er und that wieder einen langen Zug, »daß sechs
+Khawassen für dich noch immer zu wenig sind? Du sollst zehn bekommen!«
+
+»Ich danke dir, o Pascha!«
+
+Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen, meine Reise mit
+einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten, und das konnte mir unter
+Umständen außerordentlich hinderlich werden.
+
+»Also du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,« berührte er das alte
+Thema. »Kennst du ihre Sprache?«
+
+»Es ist die kurdische?«
+
+»Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur wenige von ihnen arabisch.«
+
+»Ich kenne ihn nicht.«
+
+»So werde ich dir einen Dolmetscher mitgeben.«
+
+»Vielleicht ist dies unnötig. Das Kurdische ist dem Persischen verwandt,
+und dieses verstehe ich.«
+
+»Ich verstehe beides nicht, und du mußt am besten wissen, ob du einen
+Dragoman brauchst. Aber halte dich in ihrem Lande ja nicht lange auf.
+Ruhe dich bei ihnen nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell
+hindurch.«
+
+»Warum?«
+
+»Es könnte dir sonst etwas Schlimmes passieren.«
+
+»Was?«
+
+»Das ist mein Geheimnis. Ich sage dir nur, daß dir grad die
+Schutzwache, welche ich dir mitgebe, gefährlich werden könnte. Trink!«
+
+Dies war bereits das zweite Geheimnis, welches er berührte.
+
+»Deine Leute können mich nur bis Amadijah begleiten?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.«
+
+»Welches Gebiet kommt dann?«
+
+»Das Gebiet der Kurden von Berwari.«
+
+»Wie heißt die Hauptstadt derselben?«
+
+»Die Residenz ist das feste Schloß Gumri, auf dem ihr Bey wohnt. Ich
+werde dir einen Brief an ihn mitgeben; aber ob das Schreiben eine gute
+Wirkung hat, das kann ich dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter
+hast du?«
+
+»Einen Diener.«
+
+»Nur einen? Hast du gute Pferde?«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist gut für dich, denn vom Pferde hängt sehr oft die Freiheit und
+das Leben des Reiters ab. Und es wäre sehr schade, wenn dir ein Unglück
+geschähe; denn du warst der Besitzer eines sehr schönen Geheimnisses und
+hast es mir offenbart. Aber ich will dir auch dankbar sein. Weißt du,
+was ich für dich thun werde?«
+
+»Was?«
+
+Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner wohlwollendsten
+Miene:
+
+»Weißt du, was der Disch-parassi ist?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Nun?«
+
+»Es ist eine Steuer, welche nur du allein zu fordern hast.«
+
+Ich drückte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der Disch-parassi, die
+»Zahnvergütung«, ist eine Abgabe an Geld, welche überall erhoben wird,
+wo der Pascha auf seinen Reisen anhält, und zwar dafür, daß er sich
+seine Zähne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die ihm die
+betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern müssen.
+
+»Du hast es erraten,« meinte er. »Ich werde dir eine Schrift mitgeben,
+in welcher ich befehle, dir überall, wohin du kommst, den Disch-parassi
+auszuzahlen, grad als ob ich es sei. Wann willst du abreisen?«
+
+»Morgen früh.«
+
+»Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben sogleich
+ausfertigen zu lassen!«
+
+Er stand auf und verließ das Zimmer. Da der Schwarze ihm die Pfeife
+nachtragen mußte, so blieb ich allein zurück. Neben dem Pascha hatten
+einige Papiere gelegen, mit denen er sich vor meinem Erscheinen
+beschäftigt haben mochte. Schnell griff ich zu und öffnete eines. Es war
+ein Plan des Thales von Scheik Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht
+mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich konnte diesen Gedanken
+nicht weiter verfolgen, denn der Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen
+Befehl erschien sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben
+diktierte: eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten der
+Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberhäupter und sonstigen
+Behörden, und darin hieß es, daß ich das Recht habe, den Disch-parassi
+zu erheben, und die Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen
+sollten, als ob der Pascha sie selbst stelle.
+
+Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit in Mossul war
+über Erwartung vollständig erreicht, und dieses Wunder hatte außer
+meinem furchtlosen Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht.
+
+»Bist du mit mir zufrieden?« fragte er.
+
+»Unendlich, o Pascha. Deine Güte will mich mit Wohlthaten erdrücken!«
+
+»Danke mir nicht jetzt, sondern später.«
+
+»Ich wünsche, daß ich es einst vermag!«
+
+»Du vermagst es!«
+
+»Wodurch?«
+
+»Das kann ich dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht nur ein Hekim,
+sondern auch ein Offizier.«
+
+»Weshalb vermutest du dies?«
+
+»Ein Hekim oder ein Mann, der Bücher schreibt, würde es nicht wagen,
+mich ohne die Begleitung eines Konsuls zu besuchen. Du hast ein
+Bu-djeruldi des Großherrn, und ich weiß, daß der Padischah zuweilen
+fremde Offiziere kommen läßt, die seine Länder bereisen müssen, um ihm
+dann militärischen Bericht zu erstatten. Gestehe es, du bist ein
+solcher!«
+
+Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vorteil sein, und es wäre sehr
+unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen. Ich wollte aber auch nicht
+lügen und darum drechselte ich folgende diplomatische Phrasen:
+
+»Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn du weißt, daß der Padischah
+solche fremde Offiziere sendet, so hast du wohl auch gehört, daß dies
+meist im geheimen geschieht. Dürfen sie dieses Geheimnis verraten?«
+
+»Nein. Ich will dich gar nicht dazu bereden, aber du wirst mir dafür
+dankbar sein. Das ist es, was ich vorhin meinte.«
+
+»Womit kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?«
+
+»Wenn du aus den Bergen von Kurdistan zurückkehrst, werde ich dich zu
+den Arabern von Schammar senden, besonders zu den Haddedihn. Du sollst
+ihre Gebiete bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.«
+
+»Ah!«
+
+»Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner Leute. Ich weiß,
+daß die Offiziere der Franken klüger sind als die unsrigen, obgleich ich
+selbst ein Oberst gewesen bin und dem Padischah große Dienste geleistet
+habe. Ich würde dich ersuchen, dir die Gegenden der Dschesidi anzusehen;
+aber dazu ist es schon zu spät. Ich habe von ihnen bereits das, was ich
+brauche.«
+
+Diese Worte gaben mir die Überzeugung, daß ich vorhin ganz richtig
+vermutet hatte. Die in Kufjundschik versammelten Truppen standen bereit,
+über die Teufelsanbeter herzufallen. Er fuhr fort:
+
+»Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und nicht etwa warten bis
+zu dem Tage, an welchem sie ihr großes Fest feiern.«
+
+»Welches Fest?«
+
+»Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres Scheik Adi gefeiert.
+Hier hast du deine Schreiben. Allah sei bei dir! Zu welcher Zeit wirst
+du morgen früh die Stadt verlassen?«
+
+»Zur Zeit des ersten Gebetes.«
+
+»Die zehn Khawassen sollen dann in deiner Wohnung sein.«
+
+»Herr, ich habe an zweien genug.«
+
+»Das verstehst du nicht. Zehn sind besser als zwei; das merke dir. Du
+sollst fünf Arnauten und fünf Baschi erhalten. Kehre bald zurück und
+vergiß nicht, daß ich dir meine Liebe geschenkt habe!«
+
+Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging erhobenen Hauptes
+aus dem Hause, welches ich vor einigen Stunden als halber Gefangener
+betreten hatte. Als ich meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in
+Waffen.
+
+»Preis sei Allah, daß du kommst, Sihdi!« begrüßte er mich. »Wärst du
+beim Untergang der Sonne noch nicht hier gewesen, so hätte ich mein
+Wort gehalten und den Pascha erschossen!«
+
+»Das muß ich mir verbitten; der Pascha ist mein Freund!«
+
+»Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des Menschen sein!«
+
+»Ich habe ihn gezähmt.«
+
+»Maschallah! Dann hast du ein Wunder gethan. Wie ist dies gekommen?«
+
+»Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen unter seinem Schutze
+und werden zehn Khawassen erhalten, die uns begleiten.«
+
+»Das ist gut!«
+
+»Vielleicht auch nicht! Außerdem hat er mir Empfehlungsbriefe gegeben
+und das Recht, den Disch-parassi zu erheben.«
+
+»Allah akbar, so bist du ja auch Pascha geworden! Aber sage, Sihdi, wer
+hat zu gehorchen: ich den Khawassen oder sie mir?«
+
+»Sie dir, denn du bist nicht ein Diener, sondern Hadschi Halef Omar
+Agha, mein Begleiter und Beschützer.«
+
+»Das ist gut, und ich sage dir, daß sie mich kennen lernen sollen, wenn
+es ihnen einfällt, mir die Achtung zu verweigern!«
+
+Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am nächsten Morgen mit dem Grauen
+des Tages sich erhob und den Kopf zur Thüre hinausstreckte, wurde er von
+zehn Männern begrüßt, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er weckte
+mich sofort, und ich beeilte mich natürlich, meine Herren Beschützer in
+Augenschein zu nehmen.
+
+Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, fünf Arnauten und fünf
+Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gewöhnliche Kleidung des türkischen
+Militärs. Die Arnauten hatten purpurne Sammetoberwesten, grüne, mit
+Sammet besetzte Unterwesten, breite Schärpen, rote Beinkleider mit
+metallenen Schienen, rote Turbans und trugen so viele Waffen an sich,
+daß man mit ihren Messern und Pistolen eine dreimal zahlreichere Schar
+hätte bewaffnen können. Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk
+Emini[185] und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi[186]
+kommandiert.
+
+ [185] Fourier oder Schreiber einer Compagnie.
+
+ [186] Befehlshaber von zehn Mann.
+
+Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er ritt kein Pferd, sondern
+einen Esel, und trug das Zeichen seiner Würde – ein ungeheures Tintenfaß
+– an einem Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige Dutzend
+Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes Männchen, dem die Nase fehlte;
+desto größer aber war der Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe
+herabhing. Seine Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, daß
+die Haut kaum zuzulangen schien, und für die Augen blieb nur so viel
+Raum zum Öffnen übrig, als notwendig war, einen kleinen Lichtstrahl in
+das Gehirn des Mannes gelangen zu lassen.
+
+Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm, diese tapferen
+Helden damit zu begrüßen. Er trat hinaus zu ihnen, und ich stellte mich
+so, daß ich den Vorgang beobachten konnte.
+
+»Sabahiniz chajir – guten Morgen, ihr wackeren Streiter! Seid uns
+willkommen!«
+
+»Sabahiniz chajir – guten Morgen!« erwiderten alle zugleich.
+
+»Ihr seid gekommen, den berühmten Kara Ben Nemsi auf seiner Reise zu
+begleiten?«
+
+»Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.«
+
+»So will ich euch sagen, daß mein Name Hadschi Agha Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist; ich bin der
+Reisemarschall und Agha dessen, den ihr begleiten sollt, und ihr habt
+also meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der Befehl, den
+euch der Pascha gegeben hat?«
+
+Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer solchen Fistelstimme, daß
+es klang, als höre man eine alte, eingerostete #F#-Trompete blasen:
+
+»Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah segnen möge, und heiße
+Ifra. Merke dir diesen Namen! Der Pascha, dessen treuester Diener ich
+bin, hat mir dieses Tintenfaß und diese Federn nebst vielem Papier
+gegeben, um alles aufzuschreiben, was euch und uns begegnet. Ich bin der
+tapfere Führer dieser Leute und werde euch beweisen, daß – – –«
+
+»Schweig, Eschekun-atli!«[187] unterbrach ihn der Onbaschi, indem er
+sich den gewaltigen Bart strich. »Was bist du? Unser Anführer? Du Zwerg!
+Du Herr des Tintenfasses und der Gänse, von denen deine Federn sind, das
+bist du, aber weiter nichts!«
+
+ [187] Eselsreiter.
+
+»Was? Ich bin Buluk Emini und heiße Ifra. Meine Tapferkeit – – –«
+
+»Schweig, sage ich dir! Deine Tapferkeit wächst in den Füßen deines
+Esels, den Allah verbrennen möge; denn diese Kreatur hat die armselige
+Angewohnheit, des Tages durchzugehen und des Nachts den Himmel
+anzubrüllen. Wir kennen dich und deinen Esel, aber dennoch ist es sehr
+ungewiß, wer von euch der Buluk Emini und wer der Esel ist!«
+
+»Wahre deine Zunge, Onbaschi! Weißt du nicht, daß ich so tapfer bin,
+daß ich mich im Kampfe sogar dahin gewagt habe, wo man die Nasen abhaut?
+Blicke meine Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und du wirst
+staunen über die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten habe! Oder
+weißt du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte von dem Verluste
+meiner Nase? So höre! Es war damals, als wir vor Sebastopol gegen die
+Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgewühle und erhob
+soeben meinen Arm, um – – –«
+
+»Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal gehört!« – Und
+sich zu Halef wendend, fuhr er fort: »Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir
+haben gehört, daß der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und das
+gefällt uns; wir haben ferner gehört, daß er sich unserer Aghas
+angenommen hat, und das gefällt uns noch mehr. Wir werden ihn beschützen
+und ihm dienen, und er soll mit uns zufrieden sein!«
+
+»So frage ich noch einmal, welche Befehle euch der Pascha gegeben hat.«
+
+»Er hat uns befohlen, dafür zu sorgen, daß der Emir wie der beste
+Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen werde.«
+
+»So werden wir überall unentgeltlich Obdach und Nahrung erhalten?«
+
+»Alles, was ihr braucht, und auch wir.«
+
+»Hat er euch auch gesagt von dem Disch-parassi?«
+
+»Ja.«
+
+»Der wird in barem Gelde einkassiert?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie hoch beläuft er sich?«
+
+»So hoch, wie der Emir es will.«
+
+»Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie die Sonne, und seine
+Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr sollt es gut haben bei uns. Seid ihr
+ganz bereit, die Reise anzutreten?«
+
+»Ja.«
+
+»Habt ihr zu essen?«
+
+»Für einen Tag.«
+
+»Aber keine Zelte!«
+
+»Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend eine gute Wohnung
+bekommen.«
+
+»Wißt ihr, daß wir durch das Land der Dschesidi gehen werden?«
+
+»Wir wissen es.«
+
+»Fürchtet ihr euch vor den Teufelsanbetern?«
+
+»Fürchten? Agha Halef Omar, hast du vielleicht einmal gehört, daß ein
+Arnaute sich gefürchtet hat? Oder ist vielleicht ein Merd-es-Scheïtan,
+ein Mann des Teufels, der Scheïtan selbst? Sage dem Emir, daß wir bereit
+sind, ihn zu empfangen!«
+
+Nach einer Weile ließ ich mein Pferd vorführen und trat hinaus. Die zehn
+Mann standen in Achtung vor mir, ein jeder bei dem Kopfe seines Pferdes.
+Ich nickte nur, stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp
+setzte sich in Bewegung.
+
+Wir ritten über die Schiffbrücke hinüber und befanden uns dann am linken
+Ufer des Tigris außerhalb der Stadt Mossul. Dort erst rief ich den
+Onbaschi an meine Seite und fragte ihn dann:
+
+»Wem dienst du jetzt, mir oder dem Pascha?«
+
+»Dir, o Emir.«
+
+»Ich bin mit dir zufrieden. Schicke mir den Buluk Emini her.«
+
+Er ritt zurück, und dann kam der kleine Dicke.
+
+»Dein Name ist Ifra? Ich habe gehört, daß du ein tapferer Krieger bist.«
+
+»Sehr tapfer!« versicherte er mit seiner Trompetenstimme.
+
+»Du kannst schreiben?«
+
+»Sehr gut, sehr schön, o Emir!«
+
+»Wo hast du gedient und gekämpft?«
+
+»In allen Ländern der Erde.«
+
+»Ah! Nenne mir diese Länder.«
+
+»Wozu, Emir? Es würden mehr als tausend Namen sein!«
+
+»So mußt du ein berühmter Buluk Emini sein.«
+
+»Sehr berühmt! Hast du noch nichts von mir gehört?«
+
+»Nein.«
+
+»So bist du sicher in deinem Leben noch nicht aus dem Lande
+fortgekommen, sonst hättest du von meinem Ruhme gehört. Ich muß dir zum
+Beispiel einmal erzählen, wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war
+nämlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da
+stand ich im dichtesten Kampfgewühle und erhob grad meinen Arm – – –«
+
+Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls den Geruch des Esels
+nicht ertragen; er schnaubte zornig, sträubte die Mähne und biß nach dem
+Grauen des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem Bisse
+auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und riß aus – ja, es war keine
+Flucht, sondern ein wirkliches Ausreißen. Es ging über Stock und Stein,
+uns voran; der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem Rücken des
+Esels erhalten, und bald waren beide aus unsern Augen verschwunden.
+
+»So geht es ihm stets!« hörte ich den Onbaschi zu Halef sagen.
+
+»Wir müssen ihm nach,« antwortete dieser; »sonst verlieren wir ihn.«
+
+»Den?« lachte der Arnaut. »Es wäre nicht schade um ihn. Aber sorge dich
+nicht! Es ist ihm schon tausendmal passiert, und niemals ging er
+verloren.«
+
+»Aber warum reitet er diese Bestie?«
+
+»Er muß.«
+
+»Muß? Warum?«
+
+»Der Jüsbaschi[188] will es. Er macht sich einen Spaß mit Ifra und dem
+Esel.«
+
+ [188] Hauptmann, Befehlshaber von hundert Mann.
+
+Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des heiligen Georg
+hindurch waren, sahen wir den Buluk Emini vor uns halten. Er ließ mich
+herankommen und rief bereits von weitem:
+
+»Herr, hast du vielleicht geglaubt, daß der Esel mit mir durchgegangen
+ist?«
+
+»Ich bin überzeugt davon.«
+
+»Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um den Weg zu untersuchen,
+den wir reiten werden. Gehen wir den Khausser entlang, oder reiten wir
+den gewöhnlichen Weg?«
+
+»Wir bleiben auf dem Pfade.«
+
+»So erlaube mir, daß ich dir meine Geschichte später erzähle. Ich werde
+euch jetzt als Wegweiser dienen.«
+
+Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder Flüßchen, welches an den
+nördlichen Ausläufern des Dschebel Maklub entspringt und auf seinem
+Laufe nach Mossul die Ländereien zahlreicher Dörfer bewässert. Wir
+ritten auf einer kleinen Brücke über ihn hinweg und hatten ihn dann
+stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und das Dorf von Khorsabad
+liegen ungefähr sieben Wegstunden nördlich von Mossul. Die Gegend
+besteht aus Marschboden, aus welchem giftige Fieberdünste emporsteigen.
+Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber wohl noch eine gute
+Wegstunde vor uns, als uns ein Trupp von vielleicht fünfzig Arnauten
+entgegen kam. An der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte
+sah ich die weiße Kleidung eines Arabers. Näher gekommen, erkannte ich
+– – den Scheik Mohammed Emin.
+
+O wehe! Er war in die Hände dieser Leute gefallen, er, der Feind des
+Pascha, der bereits dessen Sohn gefangen genommen und nach Amadijah
+geschickt hatte. Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich
+gewehrt hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken.
+Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe überrumpelt? Ich mußte alles
+aufbieten, ihn aus dieser gefährlichen Gesellschaft zu bringen. Daher
+blieb ich mitten im Wege halten und ließ den Trupp herankommen.
+
+Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur Seite des Weges auf den
+Boden zu werfen. Halef und ich blieben zu Pferde. Der Anführer trennte
+sich von den andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten.
+Hart vor mir parierte er sein Pferd und fragte, ohne die am Boden
+Liegenden zu beachten:
+
+»Sallam! Wer bist du?«
+
+»Aaleïkum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.«
+
+»Von welchem Stamme?«
+
+»Vom Volke der Nemsi.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Nach dem Osten.«
+
+»Zu wem?«
+
+»Überall hin!«
+
+»Mann, du antwortest sehr kurz! Weißt du, was ich bin?«
+
+»Ich sehe es.«
+
+»So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest du hier?«
+
+»Mit demselben Rechte, mit welchem du hier reitest!«
+
+»Tallahi, bei Gott, du bist sehr kühn! Ich reite hier auf Befehl des
+Mutessarif von Mossul; das kannst du dir denken!«
+
+»Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul und des
+Padischah von Konstantinopel; das kannst du dir denken!«
+
+Er öffnete die Augen ein wenig mehr und befahl mir dann:
+
+»Beweise es!«
+
+»Hier!«
+
+Ich gab ihm meine Legitimationen. Er öffnete sie unter den
+vorgeschriebenen Formalitäten und las sie dann. Darauf faltete er sie
+sorgfältig wieder zusammen, gab sie mir zurück und meinte dann in sehr
+höflichem Tone:
+
+»Du trägst selbst die Schuld, daß ich streng zu dir sprach. Du sahst,
+wer ich bin, und hättest mir höflicher antworten sollen!«
+
+»Du trägst selbst die Schuld, daß dies nicht geschehen ist,« antwortete
+ich ihm. »Du sahst meine Begleitung, die mich als einen Mann
+legitimiert, welcher sich der Freundschaft des Mutessarif erfreut, und
+hättest höflicher fragen sollen! – Grüße deinen Herrn sehr viele Male
+von mir; guten Morgen!«
+
+»Zu Befehl, mein Herr!« antwortete er.
+
+Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen, etwas zur
+Befreiung von Mohammed Emin zu thun, hatte aber gleich beim Anfange des
+Gespräches mit dem Offizier bemerkt, daß dies unnötig sei. Die
+Begleitung desselben war etwas rückwärts hinter ihm halten geblieben und
+hielt ihre Augen mehr auf mich als auf ihren Gefangenen gerichtet.
+Dieser machte sich diesen Umstand sofort zu Nutzen. Er war nur leicht
+gefesselt und saß auf einem schlechten türkischen Pferde. Im letzten
+Gliede des Trupps aber führte man sein vortreffliches Tier, an dessen
+Sattel alle seine Waffen hingen. Ich bemerkte seine glücklichen
+Bemühungen, sich die Hände frei zu machen, und grad in dem Augenblicke,
+an welchem ich das Gespräch abbrach, sprang er mit den Füßen auf den
+Rücken seines Tieres.
+
+»Halef, aufgepaßt!« raunte ich dem Diener zu, welcher ebenso aufmerksam
+beobachtet hatte, wie ich selbst.
+
+»Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!« antwortete er mir.
+
+Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte der Haddedihn einige
+kühne Sprünge von Croupe zu Croupe der hinter ihm haltenden Pferde,
+deren Reiter sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten,
+und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen eigenen
+Renner erreicht, saß im Sattel, riß den Zügel aus der Hand dessen, der
+denselben hielt, und jagte seitwärts von dannen, nicht den Weg hinauf
+oder hinab, sondern stracks auf das Flüßchen zu.
+
+Ein vielstimmiger Schrei der Überraschung und des Grimmes erscholl
+hinter ihm.
+
+»Dein Gefangener flieht,« rief ich dem Anführer zu; »laß uns ihm
+nachjagen!«
+
+Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte dem Flüchtigen
+nach. Halef hielt sich an meiner Seite.
+
+»Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite so, daß sie nicht
+schießen können, ohne uns zu treffen!«
+
+Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann. Zum Glück dachten
+die Verfolger zunächst nur daran, Mohammed Emin einzuholen, und als sie
+sahen, daß sein Pferd den ihrigen überlegen sei, und zu den Waffen
+griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte, bereits zu groß
+geworden. Auch waren ihre Schießgewehre nicht gut zu gebrauchen, da ich
+mit Halef nicht in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen
+Zickzack ritt und dabei mir alle mögliche Mühe gab, mein Pferd als
+störrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und bockte, dann schnellte es
+davon, warf sich mitten im Laufe zur Seite, drehte sich auf den
+Hinterfüßen um seine eigene Achse, schoß eine Strecke weit nach rechts
+oder links und schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte
+Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es, daß die Türken
+nicht schießen konnten, aus Furcht, uns zu treffen.
+
+Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die Fluten des Khausser
+getrieben. Er kam glücklich hinüber, und ich mit Halef auch; aber ehe es
+den anderen gelang, uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen
+bedeutenden Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten Tieren
+vorwärts, immer nach Nordwesten zu, bis wir ungefähr zwei Wegstunden
+zurückgelegt hatten und auf die Straße trafen, welche von Mossul über
+Telkeïf direkt nach Rabban Hormuzd führt und ganz parallel derjenigen
+zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscherraijah und Baadri
+erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn sein Pferd an. Er sah
+nur uns beide, denn die andern waren längst hinter dem Horizonte
+verschwunden.
+
+»Preis sei Gott!« rief er. »Effendi, ich danke dir, daß du ihnen die
+Hände von den Flinten genommen hast! Was thun wir nun, damit sie uns
+verlieren?«
+
+»Wie bist du in ihre Hände gekommen, Scheik?« fragte der kleine Halef.
+
+»Das wird er uns später sagen; jetzt ist keine Zeit dazu,« antwortete
+ich. »Mohammed Emin, kennst du das sumpfige Land, welches zwischen dem
+Tigris und dem Dschebel Maklub liegt?«
+
+»Ich bin einmal durch dasselbe geritten.«
+
+»In welcher Richtung?«
+
+»Von Baascheika und Baazani über Ras al Aïn nach Dohuk hinüber.«
+
+»Ist der Sumpf gefährlich?«
+
+»Nein.«
+
+»Seht ihr dort im Nordost jene Höhe, welche man vielleicht in drei
+Stunden erreichen kann?«
+
+»Wir sehen sie.«
+
+»Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier müssen wir uns
+trennen. Die Straße dürfen wir nicht verfolgen, denn sonst würde man uns
+sehen und unsere Richtung erraten. Wir müssen in den Sumpf, und zwar
+einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen sollten,
+nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.«
+
+»Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?« fragte Halef.
+
+»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich
+als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen
+mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, du gehst hier ab und
+behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der
+Scheik bleibt im Norden: – jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem
+andern.«
+
+Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab
+und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines
+wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und
+ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten.
+
+Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie
+ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es giebt kein Land
+der Erde, welches so zahlreiche und hohe Rätsel birgt, wie der Boden,
+welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den
+Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem
+Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren
+Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und
+Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind.
+Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer,
+Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten,
+Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer,
+Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: – ein Angehöriger dieser
+Nationen, Stämme und Sekten kann einem bei jedem Schritte begegnen, und
+wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen
+Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute
+derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der
+Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der
+Blutrache zum Opfer fielen. Hier hängen die menschlichen Wohnungen an
+den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets
+bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das
+System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige
+Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind
+unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den
+christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde
+verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: der
+Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere
+Gottesmänner alles thun und wagen: – in den kurdischen Bergen fließen
+die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst
+dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die
+Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise
+schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege
+frei sein für die Füße derjenigen, welche »den Frieden predigen und das
+Heil verkündigen«. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen
+können: »Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die
+Bastonnade erhalten hätte.« Und dieser Agha war – ein strenger
+Mohammedaner.
+
+Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden
+war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die
+Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam
+trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah
+ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem
+ich mich in kurzer Zeit vereinigte.
+
+»Ist dir jemand begegnet?« fragte ich ihn.
+
+»Nein, Sihdi.«
+
+»Es hat dich niemand gesehen?«
+
+»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen
+haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Tier hinter sich herzog.
+Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.«
+
+»Kannst du _den_ dort erkennen?« fragte ich, nach Norden deutend.
+
+»O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!«
+
+»Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten wird er bei uns sein.«
+
+So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei.
+
+»Was nun, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Das wird sich ganz nach dem richten, was du erfahren hast. Bist du
+vielleicht bemerkt worden?«
+
+»Nein. Nur ein Schäfer trieb in weiter Entfernung seine Herde an mir
+vorüber.«
+
+»Wie wurdest du gefangen?«
+
+»Du hattest mich nach den Ruinen von Khorsabad bestellt. Bis heute
+morgen verbarg ich mich in dem südlichen Teile derselben, dann aber
+postierte ich mich dem Wege näher, um dich kommen zu sehen. Hier wurde
+ich von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte mich nicht
+wehren, weil es ihrer zu viele waren, und weshalb sie mich gefangen
+nahmen, das weiß ich nicht.«
+
+»Fragten sie dich nach deinem Stamm und deinem Namen?«
+
+»Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.«
+
+»Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber hätte dich an deiner
+Tättowierung erkannt. Sie nahmen dich gefangen, weil in den Ruinen von
+Kufjundschik die Truppen des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen
+die Schammar zu ziehen.«
+
+Er erschrak und hielt sein Pferd an.
+
+»Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da muß ich sofort umkehren!«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich kenne den Plan des Gouverneur.«
+
+»Welches ist dieser Plan?«
+
+»Der Zug gegen die Schammar ist für jetzt nur eine Maske. Der Mutessarif
+will zunächst die Dschesidi überfallen. Diese sollen das nicht ahnen,
+und daher giebt er vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.«
+
+»Weißt du dies genau?«
+
+»Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen. Ich soll
+zurückkommen und ihm die Weideplätze der Schammar auskundschaften.«
+
+»Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird, so benutzt er
+sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch gegen die Schammar zu
+schicken.«
+
+»Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig werden; darauf kannst
+du dich verlassen. Und dann ist die kurze Frühlingszeit vorüber.«
+
+»Maschallah, was hat der Frühling mit diesem Kriege zu thun, Effendi?«
+
+»Sehr viel. Sobald die heißen Tage kommen, verdorren die Pflanzen, und
+die Ebene trocknet aus. Die Bedawi ziehen sich mit ihren Herden nach den
+Bergen des Schammar oder des Sindschar zurück, und das Heer des
+Gouverneur müßte elend verschmachten.«
+
+»Du hast recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg getrost fortsetzen;
+aber ich kenne ihn nicht.«
+
+»Wir haben rechts die Straße nach Aïn Sifni, links den Weg nach
+Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri aber darf man uns nicht sehen, und
+so wird es zweckmäßig sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten.
+Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns nicht mehr zu
+verbergen.«
+
+»Wie weit haben wir bis Baadri?«
+
+»Drei Stunden.«
+
+»Herr, du bist ein großer Emir. Du bist aus einem weit entfernten Lande
+und kennst diese Gegend besser als ich!«
+
+»Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau nach der Gegend
+erkundigt, durch welche wir reisen müssen. Das ist alles! Jetzt aber
+vorwärts!«
+
+Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden wollten, kaum eine halbe
+Stunde von einander entfernt lagen, glückte es uns doch, unbemerkt zu
+bleiben. Sahen wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links
+hinüber, und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns nach
+rechts. Natürlich leistete mir mein Fernrohr dabei die wichtigsten
+Dienste, und nur ihm allein hatten wir es zu verdanken, daß wir uns
+endlich beim Anblick von Baadri sicher fühlen konnten.
+
+Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel gewesen und also
+ziemlich müde, als wir die Hügelreihe erreichten, an deren Fuße das Dorf
+lag, welches der Wohnplatz des geistlichen Oberhauptes der
+Teufelsanbeter, sowie des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich
+fragte den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem Namen des Bey.
+Er sah mich verlegen an. Ich hatte ganz außer acht gelassen, daß die
+Dschesidi meist nicht arabisch reden.
+
+»Bey nidsche demar – wie heißt der Bey?« fragte ich türkisch.
+
+»Ali Bey,« antwortete er mir.
+
+»Ol nerde oturar – wo wohnt er?«
+
+»Gel, seni götirim – komm, ich werde dich führen!«
+
+Er führte uns bis an ein großes, aus Steinen aufgeführtes Gebäude.
+
+»Itscherde otur – da drinnen wohnt er,« sagte der Mann; dann entfernte
+er sich wieder.
+
+Das Dorf war außerordentlich belebt. Ich bemerkte außer den Häusern und
+Hütten auch eine Menge Zelte, vor denen Pferde oder Esel angebunden
+waren, und zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge hin
+und her. Diese war so bedeutend, daß unser Kommen gar nicht aufzufallen
+schien.
+
+»Sihdi, schau hierher!« sagte Halef. »Kennst du den?«
+
+Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des Hauses angebunden war.
+Wahrhaftig, es war der Esel unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und
+trat ein. Da scholl mir die dünne Fistelstimme des tapfern Ifra
+entgegen:
+
+»Und du willst mir wirklich keine andere Wohnung geben?«
+
+»Ich habe keine andere,« antwortete eine andere Stimme in sehr trockenem
+Tone.
+
+»Du bist der Kiajah[189]; du mußt eine andere schaffen!«
+
+ [189] Dorfoberhaupt.
+
+»Ich habe dir bereits gesagt, daß ich keine andere habe. Das Dorf ist
+voll von Pilgern; es ist kein Platz mehr leer. Warum führt dein Effendi
+nicht ein Zelt bei sich?«
+
+»Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein großer Bey, der berühmter ist, als
+alle Dschesidenfürsten im Gebirge!«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen fangen.«
+
+»Einen Gefangenen fangen? Bist du toll?«
+
+»Einen entflohenen Gefangenen.«
+
+»Ach so!«
+
+»Er hat einen Firman des Großherrn, einen Firman el Onsul[190], einen
+Firman und viele Briefe des Mutessarif, und hier ist auch meine
+Bescheinigung.«
+
+ [190] Paß des Konsuls.
+
+»Er mag selbst kommen!«
+
+»Was? Er hat den Disch-parassi, und du sagst, er möge selbst kommen! Ich
+werde mit dem Scheik sprechen!«
+
+»Der ist nicht hier.«
+
+»So rede ich mit dem Bey!«
+
+»Gehe hinein zu ihm!«
+
+»Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn, habe
+fünfunddreißig Piaster Monatssold[191] und brauche mich vor keinem
+Kiajah zu fürchten. Hörst du es?«
+
+ [191] Sieben Mark.
+
+»Ja. Fünfunddreißig Piaster für den Monat!« klang es beinahe lustig.
+»Was bekommst du noch?«
+
+»Was noch? Höre es! Zwei Pfund Brot, siebzehn Lot Fleisch, drei Lot
+Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz und anderthalb Lot Zuthaten täglich,
+außerdem auch noch Seife, Öl und Stiefelschmiere. Verstehst du mich? Und
+wenn du über meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe, so werde ich
+dir erzählen, wie sie mir abhanden gekommen ist! Das war damals, als wir
+vor Sebastopol standen; ich befand mich im dicksten Kugelregen,
+und – – –«
+
+»Ich habe keine Zeit, dich anzuhören. Soll ich es dem Bey sagen, daß du
+mit ihm reden willst?«
+
+»Sage es ihm. Doch vergiß nicht, zu erwähnen, daß ich mich nicht
+abweisen lasse!«
+
+Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten Unterhaltung. Ich
+trat ein, Mohammed Emin und Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im
+Begriff, eine Thüre zu öffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen
+um.
+
+»Da kommt der Emir selbst,« meinte Ifra. »Er wird dir zeigen, wem du zu
+gehorchen hast!«
+
+Ich wandte mich zunächst zu dem Buluk Emini:
+
+»Du hier! Wie kommst du so ganz allein nach Baadri?«
+
+Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb er mir die
+Antwort nicht schuldig:
+
+»Habe ich dir nicht gesagt, daß ich voranreiten würde, Excellenz?«
+
+»Wo sind die andern?«
+
+»Iflemisch – verschwunden, verduftet, weggeblasen!«
+
+»Wohin?«
+
+»Ich weiß es nicht, Hoheit.«
+
+»Du mußt es doch gesehen haben!«
+
+»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten alle hinter ihm her,
+auch meine Leute und die Arnauten.«
+
+»Warum du nicht?«
+
+»Benim eschek – mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich
+doch nach Baadri, um dir Quartier zu machen.«
+
+»Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?«
+
+»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich
+erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.«
+
+Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emins wegen.
+
+»Werden die andern bald nachkommen?«
+
+»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und
+dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege
+des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung,
+verzeichnet.«
+
+»Ist Ali Bey hier?« fragte ich jetzt den Dorfältesten.
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Bu kapu escheri – hinter dieser Thüre.«
+
+»Ist er allein?«
+
+»Ja.«
+
+»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!«
+
+Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in
+die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd:
+
+»Wer ist dieser Araber?«
+
+»Ein Scheik.«
+
+»Wo kommt er her?«
+
+»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt
+bei uns bleiben.«
+
+»Wer tschok Bakschischler – giebt er viele Trinkgelder?«
+
+»Bu kadar – so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger
+emporstreckte.
+
+Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit
+strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der
+Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr
+schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige
+Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug
+eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter
+welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel
+befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit
+war.
+
+»Chosch geldin demek – seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst
+mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den
+Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken.
+
+»Mazal bujurum sultanum – vergib mir, Herr, daß ich dein Haus betrete,«
+antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte dich fragen, ob es
+in deinem Gebiete eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe
+legen können.«
+
+Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen
+und erwiderte dann:
+
+»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah
+sagte mir, daß du ein Emir seist.«
+
+»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom
+Abendlande her.«
+
+»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch keinen von
+ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr
+gern kennen lernen möchte.«
+
+»Darf ich dich fragen, warum?«
+
+»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn
+gebracht.«
+
+»Sind sie hier in Baadri?«
+
+»Ja.«
+
+»Und heißen Pali, Selek und Melaf?«
+
+Er trat überrascht einen Schritt zurück.
+
+»Du kennst sie?«
+
+»Wie hieß der Nemtsche, den du meinest?«
+
+»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.«
+
+»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der
+Haddedihn, und der andere ist Halef, mein Begleiter.«
+
+»Ist es möglich? Welch eine Überraschung! Seni gerek olarim – ich muß
+dich umarmen!«
+
+Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er
+auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei letzterem den Kuß unterließ.
+Dann faßte er mich bei der Hand und sagte:
+
+»Tschelebim mahalinde geldin – Herr, du kommst zur rechten Zeit. Wir
+haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt;
+du aber sollst dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen
+Tage dauern, und auch später noch recht lange!«
+
+»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.«
+
+»Es wird ihm gefallen.«
+
+»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir dir noch
+erzählen werden.«
+
+»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist euer Haus, und mein
+Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!«
+
+Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem
+Gemeindeältesten sagen:
+
+»Hast du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist?
+Lerne, auch mich danach zu schätzen. Merke dir das!«
+
+Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und
+der Scheik mußten zur Seite Ali Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine
+Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr
+aufmerksam.
+
+»Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen
+hat!«
+
+»Willst du meine Wangen schamrot machen?«
+
+»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tötete! Ich möchte sein,
+wie du! Du bist ein Christ?«
+
+»Ja.«
+
+»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch
+ein Christ.«
+
+»Sind die Dschesidi Christen?«
+
+»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute
+für sich genommen – – –«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+Er zog die Brauen zusammen.
+
+»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu
+herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind
+gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß
+Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende
+Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden
+des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit
+zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe
+predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der
+Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut
+ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus
+einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann
+die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im
+Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt
+meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt
+hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich
+zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und
+zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn
+sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der
+Christen sagt: Muhabbet bitmez – die Liebe hört nie auf!«
+
+ [192] Giftkraut.
+
+ [193] Nelke.
+
+Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner
+Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur
+ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen
+Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem
+Helden.
+
+»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne
+kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun.
+
+»Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses sagt: ›Chüdanün söz
+tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar – das Wort Gottes ist ein Hammer,
+welcher Felsen zertrümmert.‹ Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser
+zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe
+entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni
+dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen;
+sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als
+Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre
+Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie
+hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das
+heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch
+verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen.
+Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen
+lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein.
+Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den
+Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche
+Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der
+dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des
+Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der
+Jeboschu[196], welcher da gebietet: ›Günesch ile kamer, sus hem Gibbea
+jakinda hem dere Adschala – Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im
+Thale von Ajalon!‹ Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit
+dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der
+mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut,
+welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen
+niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in
+eurem Buche nicht: ›Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma – die
+Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?‹ – Wäre ich
+ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle
+Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege
+ebnen, von denen euer Kitab sagt: ›Wazar-lar sallami, der-ler ughurü –
+sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!‹ – Du blickst
+mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg
+und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du
+dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen
+wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können?
+Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und
+sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du
+sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise
+unternimmst?«
+
+ [194] Amerika.
+
+ [195] Katholiken.
+
+ [196] Josua.
+
+ [197] Simson.
+
+ [198] Hirt David.
+
+ [199] Noah.
+
+ [200] Moses.
+
+»Nein,« mußte ich allerdings antworten.
+
+»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten
+ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören
+ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne
+Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der
+Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und
+beruhigen soll das ›Schamata arasynda daghlere – das Geschrei in den
+Bergen‹, von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch
+kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer,
+nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so
+höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es
+sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe
+nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist
+verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«
+
+»Ja.«
+
+»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir
+wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war
+ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere
+Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die
+brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere,
+und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte
+über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr
+Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan,
+Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze.
+Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre
+Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du
+dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum
+nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn
+sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns
+und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen
+Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die
+Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem
+Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten
+wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern
+Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin – du kommst zur rechten
+Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist
+der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«
+
+Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir
+Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter
+kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201]
+waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in
+einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über
+sie zu verschaffen.
+
+ [201] Teufelsleute.
+
+»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde
+sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen,
+welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«
+
+»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben
+unser Fest mitfeiern.«
+
+»Du kennst sie?«
+
+»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er
+befindet sich in Amadijah.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber
+jetzt nicht befreien können.«
+
+»Warum?«
+
+»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu
+befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen
+bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«
+
+»Wie viel?«
+
+»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten
+Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit
+dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk,
+zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203]
+stehen.«
+
+ [202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann.
+
+ [203] Major, Befehlshaber von tausend Mann.
+
+»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«
+
+»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht
+hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder
+Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und
+beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel
+von Amadijah liegt.«
+
+»Welche Truppen stehen in Mossul?«
+
+»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der
+Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll
+gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge
+kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«
+
+»Wie hoch zählen diese letzteren?«
+
+»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai
+Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die
+beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.«
+
+ [204] Oberst.
+
+ [205] Regiments-Quartiermeister.
+
+ [206] Dschesidischer Heiliger.
+
+»Weißt du, wo sie sich versammeln?«
+
+»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen
+von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren,
+daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden
+erst später marschfertig.«
+
+»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden
+bist.«
+
+»Wieso?«
+
+»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her
+aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu
+verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches
+in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment
+in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler
+begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu
+verwenden?«
+
+Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:
+
+»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«
+
+»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich
+Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie
+befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«
+
+»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche
+in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach
+Amadijah bestimmt.«
+
+»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage
+eures großen Festes hier an!«
+
+»Emir!«
+
+Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich
+fuhr fort:
+
+»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern
+nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden
+von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf
+Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah.
+Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«
+
+»Herr, wäre dies so gemeint?«
+
+»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das
+Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari,
+Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden
+ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen
+können.«
+
+»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«
+
+»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen
+ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif,
+daß er euch in Scheik Adi überfallen will.«
+
+»Wirklich?«
+
+»Höre!«
+
+Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich
+zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er
+sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.
+
+»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns
+fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren
+gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der
+Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur
+Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau
+ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: – die Mäuse, welche
+er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen
+können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen,
+was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige
+Augenblicke entferne.«
+
+Er ging hinaus.
+
+»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin.
+
+»Ebenso wie dir!«
+
+»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte
+Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines
+Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!«
+
+»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen
+werden?« fragte ich ihn lächelnd.
+
+»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr
+schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«
+
+Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein
+ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und
+schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen
+über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen;
+seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren
+Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit
+welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine
+ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz
+und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen
+Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor
+uns und grüßte mit volltönender Stimme:
+
+»Günesch-iniz söjündürme-sun – eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte
+er hinzu: »#Hun be kurmangdschi zanin# – versteht ihr, kurdisch zu
+sprechen?«
+
+Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi
+ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte
+er:
+
+»#Schima zazadscha zani?#«
+
+Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind
+die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht
+kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und
+antwortete auf türkisch:
+
+»Seni an-lamez-iz – wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche
+– bitte, rede türkisch!«
+
+Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem
+Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und
+fragte:
+
+»Nemtsche sen – bist du der Deutsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Izim seni kutschaklam-am – erlaube, daß ich dich umarme!«
+
+Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den
+angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der
+Bey gesessen hatte.
+
+»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.«
+
+»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.«
+
+»Wobei hat er mich erwähnt?«
+
+»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.«
+
+»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des
+Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie
+kann es da noch ein Leid für mich geben?«
+
+»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.«
+
+Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz
+ruhig, als er antwortete:
+
+»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und
+meine Söhne getötet. Was ist’s mit ihm?«
+
+»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!«
+
+»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis
+vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken
+gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest
+zu stören?«
+
+»Ich glaube es.«
+
+»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele
+verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?«
+
+»Nein.«
+
+»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst
+gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst dort?«
+
+»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«
+
+»Wo?«
+
+»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in – – du bist ein Pir,
+ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige
+Buch der Christen?«
+
+»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in
+türkischer Sprache.«
+
+ [207] Altes Testament.
+
+»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«
+
+»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.«
+
+»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort
+lautet der zwölfte Vers: ›Haben auch die Götter der Heiden alle die
+gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und
+Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?‹ Dieses Thalassar ist Tel
+Afer.«
+
+Er blickte mich erstaunt an.
+
+»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche
+bereits vor Jahrtausenden bestanden?«
+
+»So ist es.«
+
+»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan,
+am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen.
+Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es
+ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei
+sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um
+alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein
+Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit
+erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt
+gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten,
+und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um
+mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du
+die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine
+Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und
+ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und
+schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich
+mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und
+stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war
+es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht
+getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am
+Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele
+Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der
+Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine
+Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und
+schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist
+jetzt Miralai.«
+
+ [208] Lieutenant.
+
+Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr
+ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen
+Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde
+sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen.
+Es war schrecklich anzuhören.
+
+»Du willst dich rächen?« fragte ich.
+
+»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine
+böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein
+Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. – Ihr
+werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«
+
+»Wir wissen es noch nicht.«
+
+»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken;
+bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen
+werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi
+können euch leicht unterstützen.«
+
+Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte
+das frühere Leben wieder bekommen.
+
+»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in
+der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren.
+
+Er schüttelte langsam den Kopf.
+
+»Glaubst du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns
+erzählt? Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und
+Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit
+des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die
+Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum
+lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das
+Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer Kitab sagt,
+daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen
+kann. Ihr heiliget euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir
+heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die
+Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie ihr es mit
+dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau[209] sei auf der Erde gewesen und
+werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den
+Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die
+Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der
+Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird.
+Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen nicht, wann
+er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl,
+als er sie in dem Baghtsche Gethseman[210] schlafend fand: ›Gözetyn
+namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz – wachet und betet,
+auf daß ihr nicht überfallen werdet!‹ Darum bedienen wir uns des Hahnes,
+der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe
+mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und
+ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Blech gemacht
+und mit Gold überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir
+einen lebendigen. Sind wir deshalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure
+Priester sind weiser, und eure Lehren sind besser; wir würden bessere
+Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen
+Dschesidi der einzige, welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und
+darum rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.«
+
+ [209] Der Herr Jesus.
+
+ [210] Garten Gethsemane.
+
+»Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die eurigen unterweisen
+könnten?«
+
+»Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit. Die Lehre der
+Christen ist gespalten. Wenn ihr uns einmal sagen könnt, daß ihr einig
+seid, so werdet ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des
+Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun
+sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in eurem Kitab:
+›Im jol de gertscheklik de ömir de – ich bin der Weg und die Wahrheit
+und das Leben.‹ Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele
+Wahrheiten, da es doch nur den Einen giebt, der das Leben ist? Darum
+streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist,
+sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen
+wird.«
+
+Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir – offen gestanden – sehr
+lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich
+beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich
+mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eignen Heimat
+schweigen – leider, leider! Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand.
+
+»Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen
+muß, aber wir werden uns wiedersehen.«
+
+Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach
+und sagte:
+
+»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er
+war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat
+überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.«
+
+»Ein Buch?« fragte ich erstaunt.
+
+»Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser
+Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes,
+und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun
+einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können,
+hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein
+Buch.«
+
+»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?«
+
+»In seiner Wohnung.«
+
+»Und wo ist diese?«
+
+»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher
+und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber
+seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.«
+
+»Denkst du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?«
+
+»Er wird es sehr gern thun.«
+
+»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?«
+
+»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die
+Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst du das Buch erhalten; ich werde
+es dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß ihr bleiben wollt!«
+
+»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?«
+
+»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige
+Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu
+ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken
+auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu
+finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie
+Nachricht bringen, mögt ihr es euch bei mir gefallen lassen!«
+
+Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali Bey umarmte uns vor
+Freuden nochmals, als wir ihm dies mitteilten, und bat uns:
+
+»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch sehe!«
+
+Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung,
+daß die Dschesidi ihre Frauen bei weitem nicht so abschließen, wie es
+die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie
+bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben
+erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute
+nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem
+falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem
+rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und
+dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so
+übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Kultus schwankt
+zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das
+letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls
+die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen
+derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen.
+
+Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide
+speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom
+Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei
+erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen
+Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei andern aber gingen
+nach der Abteilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente.
+
+Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr
+schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe
+geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn.
+
+»Seid willkommen, ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter
+Einfachheit und reichte uns die Rechte.
+
+Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name
+ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und
+küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz
+zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst
+sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten
+orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken
+findet. Ali Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache
+oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das
+letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu
+gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste
+mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und
+stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir
+standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und
+darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter
+dadurch vergalt, daß sie mir den besten Teil der Speisen vorlegte und
+mir nach Tisch ihren Garten zeigte.
+
+Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im
+Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am
+besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte, bei
+welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern
+Bint el Onsul, Tochter des Konsuls, genannt wird.
+
+Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich
+auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht
+erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein
+starkes Heft.
+
+»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick.
+
+Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan niedergelassen. Der
+Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes
+nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben
+und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in
+mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr
+schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald
+es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der
+Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich
+beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung so viel wie
+möglich auszunutzen.
+
+Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die
+Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen,
+erklang folgender Gesang:
+
+ »Ghawra min ave the
+ Bina michak, dartschin ber pischte
+ Dave min chala surat ta kate
+ Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete[211].«
+
+ [211] Frei übersetzt:
+ »Ein christliches Mädchen kommt Wasser zu holen.
+ Ich steh’ ihr im Rücken und atme verstohlen.
+ Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es küssen,
+ Und sollt’ ich in Fesseln nach Rußland dann müssen.«
+
+Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst
+im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider
+blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen,
+wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es
+wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest
+nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche
+Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte.
+
+»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der
+Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut
+unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im
+Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor
+ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil
+Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.«
+
+Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher
+Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort:
+
+»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich
+tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde tot am Boden; da holte einer mit
+dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich
+aber denselben zurückzog, so traf er meine Na – – –«
+
+In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich
+ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf
+den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines
+Truthahnes folge, und dann schloß sich jenes vielstimmige, ächzende
+Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele
+der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an,
+welches diese rätselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte.
+Ifra aber meinte ruhig:
+
+»Was staunt ihr denn? Mein Esel war’s! Er kann die Dunkelheit nicht
+leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht
+geworden ist.«
+
+Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige
+Kreatur! Diese Stimme mußte ja Tote lebendig machen! Wer sollte während
+der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen
+Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der
+Lunge eine Diskantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im
+Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Klarinetten zu haben
+schien.
+
+Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von
+der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien »im Buche
+verzeichnet« zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen
+dürfe.
+
+»So schreit das Tier also die ganze Nacht?« fragte einer.
+
+»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers.
+»Alle zwei Minuten einmal.«
+
+»Gewöhne es ihm ab!«
+
+»Womit?«
+
+»Ich weiß es nicht!«
+
+»So behalte auch deinen Rat für dich! Ich habe alles vergebens versucht:
+– Schläge, Hunger und Durst.«
+
+»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht
+erkennt!«
+
+»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich
+an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und – schreit weiter.«
+
+»Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht dich ganz gewiß,
+aber er hat keine Lust, dir den Gefallen zu thun.«
+
+»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Tiere den Menschen
+verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen
+stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen.
+Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein,
+stumm aber gewißlich nicht.«
+
+»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört
+hat. In welcher Sprache redest du zu dem Esel?«
+
+»In der türkischen.«
+
+»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen
+ist, der das Türkische gar nicht versteht?«
+
+»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!«
+
+»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn du zu ihm redest? Sein
+Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu
+ihm!«
+
+»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi
+Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden
+kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt
+hat. Auch Soliman[212] konnte alle Tiere verstehen.«
+
+ [212] Salomo.
+
+»Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden. Kennst du die
+Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine
+gesprochen haben?«
+
+»Nein.«
+
+»So werde ich sie euch erzählen! #De vachtha beni Isráil meru ki
+dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi
+wi va hania khoè parve dikerin, pev tschun, jek debee – – –#«
+
+»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest du?«
+
+»In unserer. Es ist Kurmangdschi.«
+
+»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!«
+
+»So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels, der auch nur seine
+Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch
+erzählen? Sie wird ganz anders klingen!«
+
+»Versuche es nur!«
+
+»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen
+Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichtum und ein
+Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie
+aneinander. Der eine sagte: ›Es ist mein Haus!‹ Der andere sagte: ›Es
+ist mein Haus!‹ Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein
+Backstein und sagte: ›Was, schämt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder
+dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert
+Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im
+Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich
+zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich.
+Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann:
+ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem
+Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was
+ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele
+nicht – – –‹«
+
+Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er
+anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er
+that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit
+der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba
+verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung
+und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich.
+
+»Emir, ist es wahr, daß du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da
+ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich dich
+begrüße.«
+
+Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen
+Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich.
+
+»Wo sind Pali und Melaf?« fragte ich ihn.
+
+»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu.
+Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich dich nachher
+wieder?«
+
+»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft
+vielleicht ein Geheimnis?«
+
+»Möglich; aber du darfst sie hören. Komm, Emir!«
+
+Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß
+der Zutritt dort jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der
+gute Hadschi war schon wieder beim Essen.
+
+»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe
+dir etwas mitzuteilen.«
+
+»Sprich!«
+
+»Dürfen es alle hören?«
+
+»Alle.«
+
+»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach
+Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht
+wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über
+Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah
+versteckt.«
+
+»Wer sagte das?«
+
+»Ein Holzfäller aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana
+Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus
+Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind
+über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt
+oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.«
+
+»Wer sagte dir dieses?«
+
+»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu
+gehen.«
+
+»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken.
+Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz
+am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?«
+
+»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.«
+
+»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu
+verbergen?«
+
+»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.«
+
+»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch
+unsere Tiere dort unterzubringen?«
+
+»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem
+Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird
+bemerken, was wir thun.«
+
+»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit dir
+sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen jedermann. Ich wollte dich
+bitten, hier den Emir zu bedienen, aber du wirst wohl anderweit
+gebraucht.«
+
+»Darf ich ihm meinen Sohn senden?«
+
+»Thue es!«
+
+»Spricht er ein gutes Kurdisch?« fragte ich.
+
+»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.«
+
+»So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!«
+
+Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die
+Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei
+demselben wohl gegen zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und
+mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus
+drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten,
+drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine
+vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte
+ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen
+Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam.
+
+Während des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit dem ich mich in mein
+Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu
+studieren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger,
+doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über alles, was ich von ihm
+zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den
+Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die
+Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die
+andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie
+das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus
+Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das
+Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden,
+wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt,
+als dem klar und offen zu Tage Liegenden.
+
+Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast
+regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche,
+markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht
+auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch
+reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als
+aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur
+Ruhe begab, wurden die überlauten Interjektionen des Graurockes geradezu
+unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst
+nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen.
+
+Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu
+immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine
+Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer,
+und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche
+geradezu infernalisch genannt werden mußte.
+
+Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein
+verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk
+Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen;
+jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich
+nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte
+vor meiner Thür. Er trat ein.
+
+»Schläfst du schon, Emir?«
+
+Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in
+voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst
+keine bessere Einleitung finden können.
+
+»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange,
+welchen dein Esel vollführt!«
+
+»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt
+kommen sie alle zu mir und verlangen, daß ich das Tier hinaus in den
+Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So
+weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder
+nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere
+meinen Grad.«
+
+»So schaffe ihn in den Wald.«
+
+»O Emir, das geht nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es giebt Wölfe im Walde.«
+
+»So bleibe mit draußen und bewache ihn!«
+
+»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!«
+
+»Nun?«
+
+»Dann frißt einer den Esel und der andere mich!«
+
+»Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade nicht.«
+
+»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu dir gehen solle.«
+
+»Zu mir? Warum?«
+
+»Herr, glaubst du, daß dieser Esel eine Seele hat?«
+
+»Natürlich hat er eine.«
+
+»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!«
+
+»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr getauscht: seine
+Seele ist in dich, und deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist du der
+Esel und fürchtest dich wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und
+brüllt wie ein Löwe. Was könnte ich dagegen thun?«
+
+»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine
+türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht.
+Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich dich,
+herabzukommen. Wenn du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken,
+wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier.
+Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig
+Ruhe läßt.«
+
+»Glaubst du denn wirklich, daß – – –«
+
+In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme abermals, und zwar mit
+solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit
+einfiel.
+
+»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab,
+sonst ist er verloren und seine Seele auch!«
+
+Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir einen Spaß machen?
+Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des
+Grautieres hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut
+widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.
+
+»Wer weiß ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen zu bringen?« fragte ich.
+
+Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:
+
+»Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!«
+
+Mein Hadschi gehörte also zu den wahren »Gläubigen«. Ich trat an den
+Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige
+fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase
+und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte
+mich an Ifra.
+
+»Buluk Emini, wie hieß dein Vater?«
+
+»Nachir Mirja.«
+
+»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater deines Vaters?«
+
+»Muthallam Sobuf.«
+
+»Der ist es! Wo wohnte er?«
+
+»In Hirmenlü bei Adrianopel.«
+
+»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat,
+um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz
+gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: ›Escheklerin sew – liebe deine
+Esel!‹ Darum muß der Geist deines Großvaters diese That sühnen. Er hat
+an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt,
+umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere
+einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst
+werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst du
+ihn erlösen, Ifra?«
+
+»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das
+Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel
+schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu
+schrecklich sein. »Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe,
+um den Vater meines Vaters zu erretten.«
+
+»Hole einen Stein und eine Schnur!«
+
+Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul
+und schrie.
+
+»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.«
+
+Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den
+Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte
+der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen;
+dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem
+Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz
+brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort
+eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel
+befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er
+schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit
+den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu
+schreien – aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine
+größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm
+vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken.
+
+»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir,
+du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!«
+
+Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger
+noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei.
+
+Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches
+im Dorfe hin und her flutete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche
+teils in Baadri blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach
+Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik
+Mohammed Emin.
+
+»Hast du hinunter vor das Haus gesehen?« fragte er mich.
+
+»Nein.«
+
+»Blicke hinab!«
+
+Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen hunderte von
+Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte
+dem andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben
+erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich
+nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs
+aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken.
+
+Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte.
+
+»Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer
+Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?«
+
+»Ja. Das Tier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang
+seiner eigenen Stimme ermutigen.«
+
+»Wollt ihr mir zum Frühmahle folgen?«
+
+Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef
+nebst dem Sohn Seleks, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen
+mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die
+Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir
+die Hand.
+
+»Sabah’l kher – guten Morgen!« grüßte ich sie.
+
+»Sabah’l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava – wie ist dein Befinden?«
+
+»Kangia! Tu ciava – gut; wie befindest du dich?«
+
+»Skuker quode kangia – Gott sei Dank, gut!«
+
+»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt.
+
+»Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,«
+antwortete ich. »Und das ist wenig genug.«
+
+»Kommt herbei und setzt euch!«
+
+Es gab zunächst Kaffee mit Honigkuchen und dann Hammelbraten, den man in
+dünnen, breiten Stücken wie Brot aß. Dazu trank man Arpa, eine Art
+Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt.
+Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk Emini kauerte
+trübsinnig seitwärts.
+
+»Ifra, warum kommst du nicht zu uns?« fragte ich ihn.
+
+»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er.
+
+»Was fehlt dir?«
+
+»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und
+geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl
+auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines
+Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am
+Schwanz!«
+
+Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die
+Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten
+konnte, laut aufzulachen.
+
+»Du lachest!« erwiderte er vorwurfsvoll. »Hättest du einen Esel, welcher
+der Vater deines Vaters ist, so würdest du weinen. Ich soll dich nach
+Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder
+auf den Geist meines Großvaters!«
+
+»Das sollst du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf
+einen Geist kann sich niemand setzen.«
+
+»Auf wem soll ich denn reiten?«
+
+»Auf deinem Esel.«
+
+Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.
+
+»Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja gesagt!«
+
+»Das war nur Scherz.«
+
+»O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!«
+
+»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß du dir meinen
+Scherz so zu Herzen nimmst.«
+
+»Effendi, du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft
+mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen?
+Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines
+Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was
+dir die Seele des Esels anbefohlen hat?«
+
+»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das
+will ich dir sagen. Hast du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen
+schließt, wenn er kräht?«
+
+»Ich habe es gesehen.«
+
+»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so
+wird er niemals krähen. Hast du beobachtet, daß dein Esel stets den
+Schwanz erhebt, wenn er schreien will?«
+
+»Ja wirklich, das thut er, Effendi!«
+
+»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann
+wird er das Schreien lassen.«
+
+»Ist dies wirklich so?«
+
+»Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!«
+
+»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?«
+
+»Nein, ich sage es dir ja!«
+
+»Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!«
+
+Er sprang hinaus und riß dem Tiere den Stein vom Schwanze herunter; dann
+kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu
+beteiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen
+durfte, zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi
+untereinander leben.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Das große Fest.
+
+
+Eine Stunde später ritt ich mit meinem Dolmetscher in den lichten Morgen
+hinein spazieren. Mohammed Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben
+und sich überhaupt so wenig wie möglich zu zeigen.
+
+»Kennst du das Thal Idiz?« fragte ich den Begleiter.
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?«
+
+»Zwei Stunden.«
+
+»Ich möchte es sehen. Willst du mich hinführen?«
+
+»Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder über Scheik Adi?«
+
+»Welcher Weg ist der kürzere?«
+
+»Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.«
+
+»Wir wählen ihn dennoch.«
+
+»Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares Tier, wie ich kaum
+jemals so eines gesehen habe; aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt
+sein.«
+
+»Gerade heute will ich es prüfen.«
+
+Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter dem man sich ja nicht einen
+gebahnten Steig zu denken hat, ging steil bergan und wieder steil
+bergab, aber mein Rappe hielt wacker aus. Die Höhen, welche erst mit
+Gebüsch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem, dunklem Wald
+besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen wir dahinritten. Endlich
+wurde der Pfad so gefährlich, daß wir absteigen und die Pferde führen
+mußten. Es war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe wir
+den Fuß auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers war diese Art
+Terrain gewohnt: es trat mit mehr Sicherheit auf und wußte die
+gefährlichen Stellen aus Erfahrung besser von den ungefährlichen zu
+unterscheiden; aber mein Rappe besaß einen glücklichen Instinkt und eine
+außerordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam die Überzeugung, daß er
+bereits nach kurzer Übung ein sehr guter Berggänger sein werde;
+wenigstens zeigte er bereits heute, daß er nicht ermüdete, während das
+andere Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu kämpfen begann.
+
+Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als wir an ein Dickicht
+gelangten, hinter welchem die Felsen fast senkrecht hinabfielen.
+
+»Das ist das Thal,« meinte der Führer.
+
+»Wie kommen wir hinab?«
+
+»Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und dieser führt von Scheik
+Adi hierher.«
+
+»Ist er betreten?«
+
+»Nein; er ist von dem übrigen Boden gar nicht zu unterscheiden. Komm!«
+
+Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales
+ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem
+Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach
+einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder
+abstieg. Er deutete nach rechts.
+
+»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi
+weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.«
+
+Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten
+Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und
+Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden.
+Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt,
+konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß
+genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und
+verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten,
+daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die
+Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher
+selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich
+in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele
+durstige Kehlen.
+
+Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann
+ich das Gespräch mit der Bemerkung:
+
+»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen
+konnte.«
+
+»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten
+Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre
+Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen
+Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.«
+
+»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.«
+
+»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine
+Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine
+Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet
+fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen;
+aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest
+nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den
+Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.«
+
+»Sind sie alle bewaffnet?«
+
+»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen
+wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen
+Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere
+Freudensalven.«
+
+»Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?«
+
+»Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der Glaube sehr
+gleichgültig. Er hat nur das eine Ziel, reich zu werden, und dazu müssen
+ihm bald die Araber und die Chaldäer, bald die Kurden oder die Dschesidi
+verhelfen. Oder meinst du, daß unser Glaube so schlimm sei, daß er
+verdiene, ausgerottet zu werden?«
+
+Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben. Von ihm konnte ich
+erfahren, was der Pir mir noch nicht gesagt hatte.
+
+»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich.
+
+»Und hast auch noch nichts über ihn gehört?«
+
+»Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.«
+
+»Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres über uns. Hast du auch von
+meinem Vater nichts erfahren oder von Pali und Melaf?«
+
+»Nein; wenigstens nichts Hauptsächliches; aber ich denke, daß du mir
+einiges sagen wirst.«
+
+»O Emir, wir sprechen nie zu Fremden über unsern Glauben!«
+
+»Bin ich dir fremd?«
+
+»Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern das Leben gerettet und
+auch jetzt uns vor den Türken gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du
+bist der einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich muß dir
+sagen, daß ich selbst nicht alles weiß.«
+
+»Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?«
+
+»Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge, welche die Eltern ganz
+allein zu wissen brauchen? Unsere Priester sind unsere Väter.«
+
+»Darf ich dich fragen?«
+
+»Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu nennen!«
+
+»Ich weiß es; aber ich möchte grad über diesen Gegenstand einiges
+wissen. Wirst du mir Auskunft geben, wenn ich das Wort vermeide?«
+
+»Soviel ich’s vermag, ja.«
+
+Dieses Wort war der Name des Teufels, den die Dschesidi niemals
+aussprechen. Das Wort Scheïtan ist bei ihnen so verpönt, daß sie selbst
+ähnliche Worte sorgfältig vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem
+Flusse sprechen, so sagen sie »Nahr«, aber niemals »Schat«, weil dieses
+letztere Wort mit der ersten Silbe von Scheïtan in naher Beziehung
+steht. Das Wort »Keïtan« (Franse oder Faden) wird vermieden und auch die
+Wörter »Naal« (Hufeisen) und »Naal-band« (Hufschmied), weil sie mit den
+Worten »Laan« (Fluch) und »mahlun« (verflucht) in einer gewissen Nähe
+stehen. Sie sprechen vom Teufel nur in Umschreibung, und zwar mit
+Ehrfurcht. Sie nennen ihn Melek el Kuht, der mächtige König oder Melek
+Ta-us, König Pfauhahn.
+
+»Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes Wesen?«
+
+»Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht unter Gott. Dieser
+Kyral meleklerün war das oberste der himmlischen Wesen; aber Gott war
+sein Schöpfer und Herr.«
+
+»Wo ist er jetzt?«
+
+»Er empörte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.«
+
+»Wohin?«
+
+»Auf die Erde und auf alle Sterne.«
+
+»Nun ist er der Herr derjenigen, die in der Dschehennah wohnen?«
+
+»Nein. Ihr glaubt wohl, daß er ewig unglücklich ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubt ihr auch, daß Gott allgütig, gnädig und barmherzig ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann wird er auch verzeihen – den Menschen und den Engeln, welche gegen
+ihn sündigen. Das glauben wir, und darum bedauern wir jenen, welchen du
+meinst. Jetzt kann er uns schaden, und darum nennen wir seinen Namen
+nicht. Später, wenn er seine Macht zurück erhält, kann er die Menschen
+belohnen, und darum reden wir nichts Böses von ihm.«
+
+»Ihr verehrt ihn? Ihr betet ihn an?«
+
+»Nein, denn er ist Gottes Geschöpf wie wir; aber wir hüten uns, ihn zu
+beleidigen.«
+
+»Was bedeutet der Hahn, welcher bei euren Gottesdiensten zugegen ist?«
+
+»Der bedeutet jenen nicht, welchen du meinst. Er ist ein Bild der
+Wachsamkeit. Hat euch Azerat Esau, der Sohn Gottes, nicht erzählt von
+den Jungfrauen, welche den Bräutigam erwarteten?«
+
+»Ja.«
+
+»Fünf von ihnen schliefen ein und dürfen nun nicht in den Himmel. Kennst
+du die Erzählung von dem Jünger, welcher seinen Meister verleugnete?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch da krähte der Hahn. Darum ist er bei uns das Zeichen, daß wir
+wachen, daß wir den großen Bräutigam erwarten.«
+
+»Glaubt ihr das, was die Bibel erzählt?«
+
+»Wir glauben es, obgleich ich nicht alles weiß, was sie erzählt.«
+
+»Habt ihr nicht auch ein heiliges Buch, in welchem eure Lehren
+verzeichnet sind?«
+
+»Wir hatten ein solches. Es wurde in Baascheikha aufbewahrt, aber ich
+habe gehört, daß es verloren gegangen ist.«
+
+»Welches sind eure heiligen Handlungen?«
+
+»Du wirst sie alle in Scheik Adi kennen lernen.«
+
+»Kannst du mir sagen, wer Scheik Adi war?«
+
+»Das weiß ich nicht genau.«
+
+»Betet ihr zu ihm?«
+
+»Nein. Wir verehren ihn nur dadurch, daß wir an seinem Grabe zu Gott
+beten. Er war ein Heiliger und wohnt bei Gott.«
+
+»Welche Arten von Priestern giebt es bei euch?«
+
+»Zunächst kommen die Pirs. Dieses Wort heißt eigentlich ein alter oder
+ein weiser Mann; hier aber bedeutet es ein heiliger Mann.«
+
+»Wie kleiden sie sich?«
+
+»Sie können sich kleiden, wie es ihnen gefällt; aber sie führen ein sehr
+frommes Leben, und Gott giebt ihnen die Macht, durch ihre Fürbitte alle
+Krankheiten des Leibes und der Seele zu heilen.«
+
+»Giebt es viele Pirs?«
+
+»Ich kenne jetzt nur drei. Pir Kamek ist der größte von ihnen.«
+
+»Weiter!«
+
+»Nach ihnen kommen die Scheiks. Sie müssen so viel Arabisch lernen, um
+unsere heiligen Lieder zu verstehen.«
+
+»Werden diese in arabischer Sprache gesungen?«
+
+»Ja.«
+
+»Warum nicht in kurdischer?«
+
+»Ich weiß es nicht. Aus den Scheiks werden die Wächter des heiligen
+Grabes gewählt, wo sie das Feuer unterhalten und die Pilger bewirten
+müssen.«
+
+»Haben sie eine besondere Kleidung?«
+
+»Sie gehen ganz weiß gekleidet und tragen als Zeichen ihres Amtes einen
+Gürtel, welcher rot und gelb ist. Nach diesen Scheiks kommen die
+Prediger, welche wir Kawals nennen. Sie können die heiligen Instrumente
+spielen und gehen von Ort zu Ort, um die Gläubigen zu belehren.«
+
+»Welches sind die heiligen Instrumente?«
+
+»Das Tamburin und die Flöte. Auch verstehen die Kawals bei den hohen
+Festen zu singen.«
+
+»Wie kleiden sie sich?«
+
+»Sie können alle Farben tragen, doch kleiden sie sich gewöhnlich weiß.
+Dann aber muß ihr Turban schwarz sein, zur Unterscheidung von den
+Scheiks. Nach ihnen kommen die Fakirs, welche die niederen Dienste am
+Grabe und auch anderswo verrichten. Sie haben meist dunkle Gewänder und
+tragen ein rotes Tuch quer über dem Turban.«
+
+»Wer ernennt eure Priester?«
+
+»Sie werden nicht ernannt, denn diese Würde ist erblich. Wenn ein
+Priester stirbt und keinen Sohn hinterläßt, so geht sein Amt auf seine
+älteste Tochter über.«
+
+Das war allerdings höchst merkwürdig, besonders im Orient!
+
+»Und wer ist der Oberste aller Priester?«
+
+»Der Scheik von Baadri. Du hast ihn noch nicht gesehen, denn er befindet
+sich bereits in Scheik Adi, um das Fest vorzubereiten. Hast du noch
+etwas zu fragen?«
+
+»Noch vieles! Werden eure Kinder getauft?«
+
+»Getauft und beschnitten.«
+
+»Giebt es unreine Speisen, welche ihr nicht essen dürft?«
+
+»Wir essen kein Schweinfleisch und haben keine blaue Farbe, denn der
+Himmel ist so erhaben, daß wir seine Farbe nicht unsern irdischen Dingen
+geben mögen.«
+
+»Habt ihr eine Kiblah?«
+
+»Ja. Wenn wir beten, so wenden wir das Angesicht dem Orte zu, an welchem
+an diesem Tage die Sonne aufgegangen ist. Auch die Toten werden bei
+ihrem Begräbnisse so gelegt, daß ihr Angesicht nach dieser Gegend
+gerichtet ist.«
+
+»Weißt du, woher eure Religion gekommen ist?«
+
+»Scheik Adi, der Heilige, hat sie uns gelehrt. Wir selbst aber sind aus
+den Ländern des untern Euphrat gekommen. Dann zogen unsere Väter nach
+Syrien, nach dem Sindschar und endlich hierher.«
+
+Ich hätte sehr gern noch weiter gefragt, aber es erschallte von oben her
+ein Schrei, und als wir emporblickten, erkannten wir Selek, welcher im
+Begriffe war, zu uns herabzusteigen. Bald stand er neben uns und reichte
+uns die Hand.
+
+»Beinahe hätte ich euch erschossen,« lautete sein Gruß.
+
+»Uns? Warum?« fragte ich.
+
+»Von oben herab hielt ich euch für Fremde, und solche dürfen in dieses
+Thal nicht eindringen. Dann aber erkannte ich euch. Ich komme, um
+nachzusehen, ob das Thal der Vorbereitung bedarf.«
+
+»Zur Aufnahme der Flüchtigen?«
+
+»Der Flüchtigen? Wir werden nicht fliehen; aber ich habe dem Bey
+erzählt, wie listig du die Feinde der Schammar nach jenem Thale
+locktest, in welchem ihr sie gefangen nahmt, und wir werden ganz
+dasselbe thun.«
+
+»Ihr wollt die Türken hierher locken?«
+
+»Nein, sondern nach Scheik Adi; die Pilger aber sollen während des
+Kampfes hier untergebracht werden. Der Bey hat es so befohlen, und der
+Scheik ist damit einverstanden.«
+
+Er untersuchte das Wasser und die Höhlen und fragte uns dann, ob wir ihn
+zurückbegleiten wollten. Dies verstand sich ganz von selbst. Wir führten
+unsere Pferde empor, saßen dann auf und hielten stracks auf Baadri zu.
+Als wir dort ankamen, fand ich den Bey einigermaßen in Aufregung.
+
+»Ich habe Kunde erhalten, seitdem du fortgeritten bist,« sagte er. »Die
+Türken aus Diarbekir stehen bereits am Ghomelflusse, und die aus Kerkjuk
+haben unterhalb der Berge auch schon denselben Fluß erreicht.«
+
+»So sind deine Kundschafter von Amadijah bereits zurück?«
+
+»Sie sind gar nicht bis nach Amadijah gekommen, denn sie mußten sich
+teilen, um diese Truppen zu beobachten. Es ist nun erwiesen, daß der
+geplante Überfall nur uns gilt.«
+
+»Ist es bereits bekannt?«
+
+»Nein, denn dadurch könnte der Feind erfahren, daß er uns gerüstet
+finden wird. Ich sage dir, Emir, ich werde entweder sterben oder diesem
+Mutessarif eine Lehre geben, die er nie vergessen soll!«
+
+»Ich werde bis nach dem Kampfe bei dir bleiben.«
+
+»Ich danke dir, Emir; aber kämpfen sollst du nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Du bist mein Gast: Gott hat mir dein Leben anvertraut.«
+
+»Gott kann es am besten schützen. Soll ich dein Gast sein und dich
+allein in den Kampf gehen lassen? Sollen die Deinen von mir erzählen,
+daß ich ein Feigling bin?«
+
+»Das werden sie niemals sagen. Bist du nicht auch der Gast des
+Mutessarif gewesen? Hast du nicht seinen Paß und seine Briefe in der
+Tasche? Und jetzt willst du gegen ihn kämpfen? Mußt du nicht deinen Arm
+aufheben für den Sohn deines Freundes, den ihr befreien wollt? Und
+kannst du mir nicht dienen, auch ohne daß du meine Feinde tötest?«
+
+»Du hast recht in allem, was du sagest. Ich wollte aber auch nicht
+töten, sondern vielleicht dahin wirken, daß kein Blut vergossen wird.«
+
+»Laß diese Sorge mir, Effendi! Ich trachte nicht nach Blut; ich will nur
+den Tyrannen von mir weisen.«
+
+»Wie willst du dies durchführen?«
+
+»Weißt du, daß in Scheik Adi bereits dreitausend Pilger eingetroffen
+sind? Bis zum Beginne des Festes werden es sechstausend und noch mehr
+sein.«
+
+»Männer, Frauen und Kinder?«
+
+»Ja. Die Frauen und Kinder sende ich in das Thal Idiz, und nur die
+Männer bleiben zurück. Die Truppen aus Diarbekir und Kerkjuk werden sich
+auf dem Wege von Kaloni her vereinigen, und die aus Mossul kommen über
+Dscherraijah oder Aïn Sifni herauf. Sie wollen uns in dem Thale des
+Heiligen einschließen; wir aber steigen hinter dem Grabe empor und
+stehen rund um das Thal, wenn sie eingerückt sind. Dann können wir sie
+niederstrecken bis auf den letzten Mann, wenn sie sich nicht ergeben.
+Andernfalls aber sende ich einen Boten an den Mutessarif und stelle
+meine Bedingungen, unter denen ich sie freigebe. Er wird sich dann vor
+dem Großherrn in Stambul zu verantworten haben.«
+
+»Er wird diesem die Angelegenheit in einem falschen Lichte schildern.«
+
+»Aber es wird ihm nicht gelingen, den Padischah zu täuschen; denn ich
+habe vorhin eine heimliche Gesandtschaft nach Stambul gesandt, welche
+ihm zuvorkommen wird.«
+
+Ich mußte mir im Innern eingestehen, daß Ali Bey nicht nur ein mutiger,
+sondern auch ein kluger und darum vorsichtiger Mann sei.
+
+»Und wie willst du mich verwenden?« fragte ich ihn.
+
+»Du sollst mit jenen ziehen, welche unsere Frauen und Kinder und unsere
+Habe beschützen werden.«
+
+»Eure Habe nehmt ihr mit?«
+
+»So viel wir fortbringen. Ich werde noch heute allen Bewohnern von
+Baadri sagen lassen, daß sie alles nach dem Thale Idiz schaffen mögen,
+aber heimlich, damit mein Plan nicht verraten werde.«
+
+»Und Scheik Mohammed Emin?«
+
+»Er geht mit dir. Ihr könntet jetzt nicht nach Amadijah kommen, da der
+Weg dorthin bereits nicht mehr frei ist.«
+
+»Die Türken würden das Bu-djeruldi des Großherrn und den Ferman des
+Mutessarif achten müssen.«
+
+»Aber es sind Leute aus Kerkjuk dabei, und wie leicht ist es möglich,
+daß einer von ihnen Mohammed Emin kennt!«
+
+Noch während wir sprachen, kamen zwei Männer in das Haus. Es waren meine
+beiden alten Bekannten Pali und Melaf, welche ganz außer sich waren, als
+sie mich erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die Hände küßten.
+
+»Wo ist der Pir?« fragte Ali Bey.
+
+»Im Grabe des Jonas bei Kufjundschik. Er sendet uns, um dir zu sagen,
+daß wir am zweiten Tage des Festes früh am Morgen überfallen werden
+sollen.«
+
+»Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben wird?«
+
+»Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei Türken erschlagen
+worden. Er will die Thäter in Scheik Adi holen.«
+
+»Es sind in Malthaijah von zwei Türken zwei Dschesidi erschlagen worden,
+so lautet die Wahrheit. Siehst du, Emir, wie diese Türken sind? Sie
+erschlagen meine Leute, um Ursache zum Einfall in unser Gebiet zu haben.
+Mögen sie finden, was sie suchen!«
+
+Ich begab mich mit meinem Dolmetscher nach meinem Zimmer, wo ich meine
+Übungen begann. Mohammed Emin saß wortlos dabei, rauchte seine Pfeife
+und wunderte sich baß darüber, daß ich mir so viele Mühe gab, ein Buch
+zu lesen und die Worte einer fremden Sprache zu verstehen. Dies that ich
+während des ganzen Tages und am Abend. Auch der nächste Tag verging
+unter dieser angenehmen Beschäftigung.
+
+Unterdessen hatte ich bemerkt, daß die Bewohner von Baadri ihre Habe
+ohne Aufsehen fortschafften; auch wurde in einer Stube unseres Hauses
+eine große Menge Kugeln gegossen. Beifügen muß ich noch, daß der Esel
+des Buluk Emini während dieser Zeit nicht wieder laut geworden war, da
+ihm sein Herr und Meister sofort bei Einbruch der Dunkelheit den Stein
+an den Schwanz befestigt hatte.
+
+Pilger kamen fortwährend, bald einzeln, bald in Familien und bald in
+größeren Trupps. Viele waren arm und auf die Mildthätigkeit anderer
+angewiesen. Dann trieb einer eine Ziege oder einen fetten Hammel herbei;
+reichere Leute hatten einen Ochsen oder zwei, ja einige Male sah ich
+sogar ganze Herden vorüberziehen. Das waren die Liebes- und Opfergaben,
+welche die Wohlhabenden zum heiligen Grabe brachten, damit ihre armen
+Brüder nicht Mangel leiden sollten. So viele auch kamen und gingen: –
+meine Baschi-Bozuks und Arnauten blieben verschollen, und ich habe bis
+zum heutigen Tage nicht erfahren, wo sie geblieben sind.
+
+Am dritten Tage, dem ersten Tage des Festes, saß ich mit meinem
+Dolmetscher wieder beim Buche. Es war noch vor Sonnenaufgang. Ich war in
+die Arbeit so vertieft, daß ich gar nicht bemerkte, daß der Buluk Emini
+eingetreten war.
+
+»Emir!« rief er, nachdem er sich bereits einige Male geräuspert hatte,
+ohne daß es von mir bemerkt worden war.
+
+»Was giebt es?«
+
+»Fort!«
+
+Jetzt erst bemerkte ich, daß er bereits gespornt und gestiefelt sei,
+übergab dem Sohne Seleks das Buch und sprang auf. Ich hatte ganz
+vergessen, daß ich mich baden und frische Wäsche anlegen müsse, wenn ich
+überhaupt am Grabe des Heiligen würdig erscheinen wollte. Ich nahm die
+Wäsche zu mir, ging hinab und eilte hinaus vor das Dorf. Der Bach
+wimmelte von Badenden und ich mußte ziemlich weit gehen, um eine Stelle
+zu finden, an welcher ich mich unbeobachtet glaubte.
+
+Hier badete ich und wechselte die Wäsche, eine Prozedur, welche man auf
+Reisen im Oriente nicht gar zu häufig vornehmen kann. Daher fühlte ich
+mich wie neugeboren und wollte bereits den Ort verlassen, als ich eine
+leise Bewegung des Gebüsches bemerkte, welches sich an den Ufern des
+Baches hinzog. War es ein Tier oder ein Mensch? Wir standen auf dem
+Kriegsfuße, und so konnte es nichts schaden, wenn ich die Sache einmal
+näher untersuchte. Ich that daher vollständig unbefangen, pflückte
+einige Blumen und näherte mich dabei scheinbar absichtslos dem Orte, an
+dem ich die erwähnte Bewegung bemerkt hatte. Dabei kehrte ich dem Busche
+den Rücken zu; plötzlich aber drehte ich mich um und stand mit einem
+schnellen Sprunge mitten im dichten Zweigwerk. Vor mir kauerte ein Mann,
+er sah noch jung aus, hatte aber beinahe einen militärischen Anstrich,
+obgleich ich nur ein Messer als einzige Waffe bei ihm bemerkte. Eine
+breite Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er erhob sich und wollte
+sich rasch zurückziehen, ich aber faßte seine Hand und hielt ihn fest.
+
+»Was thust du hier?« fragte ich.
+
+»Nichts.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ein – ein Dschesidi,« klang es zaghaft.
+
+»Woher?«
+
+»Ich heiße Lassa und bin ein Dassini.«
+
+Ich hatte gehört, daß die Dassini eine der vornehmsten Familien der
+Dschesidi seien; er sah mir aber gar nicht aus wie ein Teufelsanbeter.
+
+»Ich habe dich gefragt, was du hier thust?«
+
+»Ich versteckte mich, weil ich dich nicht stören wollte.«
+
+»Und was thatest du vorher hier?«
+
+»Ich wollte baden.«
+
+»Wo hast du die Wäsche?«
+
+»Ich habe keine.«
+
+»Du warst vor mir hier und hattest also das Recht, hier zu bleiben,
+statt dich zu verstecken. Wo hast du diese Nacht geschlafen?«
+
+»Im Dorfe.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Bei – bei – bei – – ich kenne seinen Namen nicht.«
+
+»Ein Dassini kehrt bei keinem Manne ein, dessen Namen er nicht kennt.
+Komm mit mir und zeige mir deinen Wirt!«
+
+»Ich muß vorher baden!«
+
+»Das wirst du nachher thun. Vorwärts!«
+
+Er versuchte, sich von meinem Griffe zu befreien.
+
+»Mit welchem Rechte sprichst du in dieser Weise zu mir?«
+
+»Mit dem Rechte des Mißtrauens.«
+
+»Ebenso könnte ich dir mißtrauen!«
+
+»Natürlich! Ich bitte dich, es zu thun. Dann führst du mich in das Dorf,
+und es wird sich zeigen, wer ich bin.«
+
+»Gehe, wohin es dir beliebt!«
+
+»Das thue ich auch; aber du wirst mich begleiten.«
+
+Sein Blick hing an meinem Gürtel; er bemerkte, daß ich keine Waffe bei
+mir trug, und ich sah es ihm an, daß er im Begriffe stehe, nach seinem
+Messer zu greifen. Dies konnte mich aber nicht irre machen; darum hielt
+ich sein Handgelenk nur fester und gab ihm einen scharfen Ruck, der ihn
+zwang, aus dem Busch heraus in das Freie zu treten.
+
+»Was wagest du?« blitzte er mich an.
+
+»Gar nichts. Du gehst mit mir; tschapuk – sofort!«
+
+»Laß meine Hand los, sonst – – –!«
+
+»Was sonst?«
+
+»Brauche ich Gewalt!«
+
+»Brauche sie!«
+
+»Da – – –!«
+
+Er zog das Messer und stieß nach mir; ich aber griff von unten herauf
+und faßte nun auch seine zweite Hand.
+
+»Schade um dich; denn du scheinst kein Feigling zu sein!«
+
+Ich drückte ihm die Hand, daß er das Messer fallen ließ, hob dasselbe
+schnell auf und faßte ihn bei der Jacke.
+
+»Nun vorwärts, sonst – –! Hier nimm meine Wäsche auf und trage sie!«
+
+»Herr, thue es nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Bist du ein Dschesidi?«
+
+»Nein.«
+
+»Warum willst du mich dann nach dem Dorfe schaffen?«
+
+»Das will ich dir sagen: du bist ein türkischer Soldat, ein Spion.«
+
+Er erbleichte.
+
+»Du irrst, Herr! Wenn du kein Dschesidi bist, so laß mich frei!«
+
+»Dschesidi oder nicht; vorwärts!«
+
+Er krümmte sich unter meinem Griffe, aber er mußte mit. Ich zwang ihn
+sogar, meine Wäsche zu tragen. Wir erregten kein geringes Aufsehen, als
+wir das Dorf erreichten, und eine ziemliche Menschenmenge folgte uns
+nach der Wohnung des Beys. Er befand sich im Selamlük, wohin ich auch
+den Fremden schaffte. Unweit der Thüre stand, ohne daß der Gefangene ihn
+bemerkte, mein Baschi-Bozuk, der eine sehr überraschte Miene machte, als
+wir an ihm vorübergingen. Er mußte ihn kennen.
+
+»Wen bringst du mir da?« fragte Ali Bey.
+
+»Einen Fremden, den ich draußen am Bache fand. Er hatte sich versteckt,
+und zwar an einem Orte, von welchem aus er das ganze Dorf und auch den
+Weg nach Scheik Adi überblicken konnte.«
+
+»Wer ist er?«
+
+»Er behauptet, Lassa zu heißen und ein Dassini zu sein.«
+
+»Dann müßte ich ihn kennen; auch giebt es keinen Dassini dieses Namens.«
+
+»Er stach nach mir, als ich ihn zwang, mit mir zu gehen. Hier ist er.
+Thue mit ihm, was du willst!«
+
+Ich verließ den Raum. Draußen stand der Buluk Emini noch.
+
+»Kennst du den Mann, den ich jetzt brachte?«
+
+»Ja. Was hat er gethan, Emir? Gewiß hast du ihn verkannt! Er ist kein
+Dieb und kein Räuber.«
+
+»Was sonst?«
+
+»Er ist Kol Agassi[213] bei meinem Regiment.«
+
+ [213] Überzähliger Stabsoffizier zu Fuße.
+
+»Ah! Wie heißt er?«
+
+»Nasir. Wir nannten ihn Nasir Agassi. Er ist der Freund des Miralai Omar
+Amed.«
+
+»Gut; sage Halef, daß er satteln möge!«
+
+Ich kehrte in das Selamlük zurück, wo vor Mohammed Emin und einigen der
+zufällig anwesenden bedeutenderen Dorfbewohner das Verhör bereits
+begonnen hatte.
+
+»Seit wann lagst du im Busche?« fragte der Bey.
+
+»Seit dieser Mann hier badete.«
+
+»Dieser Mann ist ein Emir; merke dir das! Du bist kein Dassini und auch
+kein Dschesidi. Wie heißt du?«
+
+»Das sage ich nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich habe eine Blutrache da droben in den kurdischen Bergen; ich muß
+verschweigen, wer ich bin und wie ich heiße.«
+
+»Seit wann hat ein Kol Agassi mit der Blutrache der freien Kurden zu
+thun?« fragte ich ihn.
+
+Er wurde noch bleicher als vorhin am Bache.
+
+»Kol Agassi? Was meinest du?« fragte er dennoch beherzt.
+
+»Ich meine, daß ich Nasir Agassi, den Vertrauten vom Miralai Omar Amed,
+so genau kenne, daß ich mich nicht täuschen lasse.«
+
+»Du – du – – du kennst mich? Wallahi, so bin ich verloren; das ist mein
+Verhängnis!«
+
+»Nein; es ist dein Kismet nicht. Gestehe aufrichtig, was du hier
+thatest, so wird dir vielleicht nichts geschehen!«
+
+»Ich habe nichts zu sagen.«
+
+»Dann bist du verl– – –«
+
+Ich unterbrach den zornigen Bey mit einer schnellen Handbewegung und
+wandte mich wieder zu dem Gefangenen.
+
+»Ist das von der Blutrache die Wahrheit?«
+
+»Ja, Emir!«
+
+»So sei ein anderes Mal vorsichtiger. Wenn du mir versprichst,
+unverweilt nach Mossul zurückzukehren und die Rache für jetzt
+aufzuschieben, so bist du frei.«
+
+»Effendi!« rief da der Bey erschrocken. »Bedenke doch, daß wir ja – –«
+
+»Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach ich ihn abermals. »Dieser
+Mann ist ein Stabsoffizier des Mutessarif, ein Kol Agassi, aus dem einst
+vielleicht ein General werden kann, und du lebst mit dem Mutessarif in
+Freundschaft und in tiefstem Frieden. Es thut mir jetzt leid, diesen
+Offizier belästigt zu haben, was gar nicht geschehen wäre, wenn ich ihn
+sofort gekannt hätte. – Du versprichst mir also, unverweilt nach Mossul
+zurückzukehren?«
+
+»Ich verspreche es.«
+
+»Betrifft diese Rache einen Dschesidi?«
+
+»Nein.«
+
+»So gehe, und Allah behüte dich, daß die Rache nicht gefährlich für dich
+selbst wird!«
+
+Er stand ganz erstaunt. Noch vor einem Augenblick hatte er den gewissen
+Tod vor sich gesehen, und jetzt sah er sich frei. Er faßte meine Hand
+und rief:
+
+»Emir, ich danke dir! Allah segne dich und alle die Deinen!«
+
+Dann war er in größter Eile zur Thür hinaus. Er mochte befürchten, daß
+wir unsere Großmut noch bereuen könnten.
+
+»Was hast du gethan!« sagte Ali Bey mehr erzürnt als erstaunt.
+
+»Das Beste, was ich thun konnte,« antwortete ich.
+
+»Das Beste? Dieser Mensch ist ein Spion!«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Und hatte den Tod verdient!«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Und du schenktest ihm die Freiheit! Zwangst ihn nicht zum Geständnis!«
+
+Auch die andern Dschesidi schauten finster drein. Ich ließ mich dies
+nicht anfechten und antwortete:
+
+»Was hättest du durch sein Geständnis erfahren?«
+
+»Vielleicht viel!«
+
+»Nicht mehr, als wir bereits wissen. Und übrigens schien er der Mann zu
+sein, der lieber stirbt als gesteht.«
+
+»So hätten wir ihn getötet!«
+
+»Und was wäre die Folge davon gewesen?«
+
+»Daß es einen Spion weniger gegeben hätte!«
+
+»O, die Folgen wären noch ganz andere gewesen. Der Kol Agassi war
+jedenfalls abgeschickt, sich zu überzeugen, ob wir eine Ahnung von dem
+beabsichtigten Überfalle haben. Töteten wir ihn, oder hielten wir ihn
+gefangen, so kehrte er nicht zurück, und man hätte gewußt, daß wir
+bereits gewarnt sind. Nun aber hat er seine Freiheit wieder erhalten,
+und der Miralai Omar Amed wird als ganz sicher annehmen, daß wir nicht
+das geringste von dem Anschlage des Mutessarif ahnen. Es würde doch die
+allergrößte Dummheit sein, einen Spion zu entlassen, wenn man überzeugt
+ist, daß man überfallen werden soll – so werden sie sich sagen. Habe ich
+recht?«
+
+Der Bey umarmte mich.
+
+»Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so weit wie die deinigen.
+Aber ich werde ihm einen Späher nachsenden, um mich zu überzeugen, daß
+er auch wirklich fortgeht.«
+
+»Auch dies wirst du nicht thun.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Er könnte grad dadurch auf das aufmerksam werden, was wir ihm durch
+seine Freilassung verborgen haben. Er wird sich hüten, hier zu bleiben,
+und übrigens kommen jetzt genug Leute an, bei denen du dich erkundigen
+kannst, ob sie ihm begegnet sind.«
+
+Auch hier drang ich durch. Es war mir eine angenehme Genugthuung, zwei
+Vorteile verbunden zu haben: – ich hatte einem Menschen, der doch nur
+auf Befehl gehandelt hatte, das Leben erhalten und zu gleicher Zeit den
+Plan des Mutessarif vereitelt. Mit diesem Gefühle ging ich in das
+Frauengemach, welches hier eigentlich Küche genannt werden mußte, um das
+Frühstück einzunehmen. Vorher aber holte ich aus meiner kleinen
+Raritätensammlung, die ich von Isla Ben Maflei erhalten hatte, ein
+Armband, an welchem ein Medaillon angebracht war.
+
+Der kleine Bey war auch bereits munter. Während ihn seine Mutter hielt,
+versuchte ich seine niedliche Physiognomie zu Papiere zu bringen. Es
+gelang ganz leidlich, denn Kinder sind einander ähnlich. Dann legte ich
+das Papier in das Medaillon und gab der Mutter das Armband.
+
+»Trage dies als Andenken an den Emir der Nemtsche,« bat ich sie; »das
+Gesicht deines Sohnes befindet sich darin; es wird ewig jung bleiben,
+auch wenn er alt geworden ist.«
+
+Sie sah das Bild an und war ganz entzückt. In fünf Minuten hatte sie es
+sämtlichen Bewohnern des Hauses und allen Anwesenden gezeigt, und ich
+konnte mich vor Dankbarkeitsbezeigungen kaum retten. Dann aber brachen
+wir auf, allerdings nicht mit dem Gefühle, daß es zu einer Lustbarkeit
+gehe, sondern in sehr ernster Stimmung.
+
+Ali Bey hatte seine kostbarste Kleidung angelegt. Er ritt mit mir
+voraus, und dann folgten die angesehensten Leute des Dorfes. Mohammed
+Emin befand sich natürlich an unserer Seite. Er war mißmutig, da unser
+Ritt nach Amadijah eine solche Unterbrechung erlitten hatte. Vor uns her
+zog eine Schar von Musikanten mit Flöten und Tamburins. Hinterher kamen
+die Frauen, meist mit Eseln, die mit Teppichen, Kissen und allerlei
+Gerätschaften beladen waren.
+
+»Hast du deine Vorbereitungen für Baadri getroffen?« fragte ich den Bey.
+
+»Ja. Bis Dscherraijah stehen Posten, welche mir das Nahen des Feindes
+sofort melden.«
+
+»Baadri wirst du den Türken ohne Verteidigung lassen?«
+
+»Natürlich. Sie werden still hindurchziehen, um uns nicht vor der Zeit
+aufmerksam zu machen.«
+
+Von jetzt an ging es sehr laut um uns zu. Wir wurden von Reitern
+umschwärmt, welche Scheingefechte aufführten, und von allen Seiten
+knallten unaufhörlich Salven. Jetzt wurde der Weg sehr schmal und wand
+sich stellenweise so steil an den Bergen empor, daß wir absteigen und,
+einer hinter dem andern, unsere Pferde über die Felsen führen mußten.
+Erst nach einer starken Stunde erreichten wir den Gipfel des Passes und
+konnten nun in das grüne bewaldete Thal von Scheik Adi hinabblicken.
+
+Ein jeder schoß, sobald er die weiße Turmspitze des Grabmales
+erblickte, sein Gewehr ab, und von unten herauf antworteten
+ununterbrochen Schüsse, so daß ein großes Infanteriegefecht
+stattzufinden schien, dessen Echo in den Bergen widerhallte. Hinter uns
+kamen immer neue Züge, und als wir den Abhang hinabritten, sahen wir
+rechts und links zur Seite zahlreiche Pilger unter den Bäumen liegen.
+Sie ruhten sich hier von den Strapazen des Steigens aus und genossen
+dabei den Anblick des Heiligtumes und der herrlichen Gebirgsnatur, der
+für die Bewohner der Ebene eine wahre Erquickung sein mußte.
+
+Wir hatten das Grabmal noch nicht erreicht, so kam uns Mir Scheik Khan,
+das geistliche Oberhaupt der Dschesidi, an der Spitze mehrerer Scheiks
+entgegen. Er wird Emir Hadschi genannt und stammt von der Familie der
+Ommijaden ab. Seine Familie wird als die Hauptfamilie der Dschesidi
+betrachtet und Posmir oder Begzadehs genannt. Er selbst war ein
+kräftiger Greis von mildem, ehrwürdigem Aussehen und schien nicht den
+mindesten hierarchischen Stolz zu besitzen; denn er verbeugte sich vor
+mir und umarmte mich dann so innig, wie man es bei einem Sohne thun
+würde.
+
+»Aaleïk salam u rahhmet Allah. Ser sere men at – der Friede und die
+Barmherzigkeit Gottes sei mit dir! Ihr seid mir willkommen!« grüßte er.
+
+»Chode scogholeta rast init – Gott stehe dir bei in deinem Amte!«
+antwortete ich. »Aber willst du nicht türkisch mit mir sprechen? Ich
+verstehe die Sprache eures Landes noch nicht!«
+
+»Befiehl über mich nach deinem Gefallen, und sei mein Gast in dem Hause
+dessen, an dessen Grabe wir die Allmacht und die Gnade verehren.«
+
+Wir waren natürlich bei seinem Nahen abgestiegen. Auf einen Wink von ihm
+wurden unsere Pferde in Empfang genommen, und wir, nämlich Ali Bey,
+Mohammed Emin und ich, schritten an seiner Seite dem Grabmale zu. Wir
+gelangten zunächst in einen von einer Mauer umgebenen Hof, welcher
+bereits ganz von Menschen erfüllt war; dann gelangten wir an den Eingang
+des innern Hofes, welcher von den Dschesidi nie anders als barfuß
+betreten wird. Ich folgte diesem Beispiele, zog meine Schuhe aus und
+ließ sie am Eingange zurück.
+
+In dem innern Hofe standen viele Bäume, deren Schatten den Pilgern
+Kühlung und Labung bringt; dichter Oleander trieb Blüte an Blüte, und
+ein ungeheurer Weinstock bildete eine Laube, nach welcher uns der Mir
+Scheik Khan führte und in der wir Platz nahmen. Einige Scheiks und
+Kawals ruhten unter den Bäumen, sonst waren wir allein.
+
+In diesem Hofe erhebt sich das eigentliche Gebäude des Grabmales,
+welches von zwei weißen Türmen überragt wird, die mit dem tiefen Grün
+des Thales lebhaft und wohlthuend kontrastieren. Ihre Spitzen sind
+vergoldet und ihre Seiten in viele Winkel gebrochen, zwischen denen sich
+Licht und Schatten jagen. Über dem Thorwege waren einige Figuren
+ausgehauen, in denen ich einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen
+Mann und einen Kamm erkannte. Das Innere des Gebäudes ist, wie ich
+nachher sah, in drei Hauptabteilungen geschieden, von denen die eine
+größer ist, als die beiden andern. Diese Halle wird von Säulen und Bogen
+getragen und hat einen Brunnen, dessen Wasser für sehr heilig gehalten
+wird. Mit demselben werden die Kinder getauft. In der einen der zwei
+kleineren Abteilungen befindet sich das eigentliche Grab des Heiligen.
+Über der Gruft erhebt sich ein großes kubisches Gehäuse, welches aus
+Thon gebildet und mit Gips überzogen ist. Als einziger Schmuck ist ein
+grünes, gesticktes Tuch darüber gebreitet, und eine ewige Lampe brennt
+in dem Gemache.
+
+Der Thon des Grabmales bedarf von Zeit zu Zeit einer Ergänzung, da die
+Hüter des Heiligtums kleine Kugeln daraus bereiten, welche von den
+Pilgern gern gekauft und als Andenken mitgenommen, vielleicht auch als
+Amulette getragen werden. Diese Kugeln befinden sich in einem Gefäße,
+welches an dem erwähnten Weinstocke angebracht ist, und haben
+verschiedene Größen: von der Größe einer Erbse bis zu der jener kleinen
+Marmor- oder Glaskugeln, mit denen bei uns die Kinder zu spielen
+pflegen.
+
+In dem zweiten kleinen Gemache befindet sich auch ein Grab, über dessen
+Inhalt die Dschesidi aber selbst nicht klar zu sein scheinen.
+
+In der Umfassungsmauer, welche das Heiligtum umgiebt, sind zahlreiche
+Nischen angebracht, welche die Lichter aufzunehmen haben, mit denen bei
+größeren Festen illuminirt wird. Das Grabmal wird von Gebäuden umgeben,
+welche den Priestern und Dienern des Grabes zur Wohnung dienen. Der
+ganze Ort aber liegt in einer engen Thalschlucht, deren Felsen von allen
+Seiten sehr steil in die Höhe steigen. Er besteht nur aus wenigen
+profanen Wohnungen und enthält außer dem Heiligtume vorzugsweise solche
+Gebäude, welche die Pilger aufzunehmen haben. Jeder Stamm oder auch jede
+größere Abteilung desselben hat dann ein solches Haus ausschließlich für
+sich in Besitz.
+
+Draußen vor den Mauern hatte sich ein förmlicher Jahrmarkt entfaltet.
+Alle möglichen Arten von Geweben und Zeugen hingen zum Verkaufe von den
+Ästen der Bäume nieder; alle möglichen Früchte und Eßwaren wurden
+feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenstände und allerlei orientalisches
+Allerhand war zu bekommen. Wäre die Tracht nicht gewesen, so hätte ich
+mich in die Heimat versetzt dünken können, so heiter und unbefangen, so
+harmlos und gutmütig war das bunte Treiben in dem Dorfe des Heiligen.
+Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben sich immer mehr meine
+Sympathie, und ich stimme dem vollständig bei, was ein sehr verständiger
+Engländer, welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir später in
+Konstantinopel von ihnen sagte:
+
+»Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie besser sind, als ihre
+Verleumder. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie
+die Deutschen Asiens werden, und nirgends hat das Christentum so große
+Hoffnung auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse
+überseeische Sendboten der Mission schildern die Dschesidi nur deshalb
+so ganz und gar unwahr, um einem etwaigen kleinen Erfolge eine sehr
+große Bedeutung verleihen zu können.«
+
+Natürlich ließ ich meiner Wißbegierde nicht die Zügel schießen, so daß
+sie zur lästigen Neugierde werden konnte, und vielleicht grad darum
+wurde unsere Unterhaltung eine so animiert herzliche, als ob wir Glieder
+einer Familie seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet hätten.
+Zunächst kam die Rede auf den bevorstehenden Angriff, doch wurde dieser
+Gegenstand bald beiseite gelegt, da es sich herausstellte, daß Ali Bey
+alle erforderlichen Maßregeln mit der größten Sorgfalt getroffen hatte.
+Dann kam das Gespräch auf Mohammed Emins und meine Person, auf unsere
+Erlebnisse und gegenwärtigen Absichten.
+
+»Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bedürft der Hilfe,« meinte der
+Mir Scheik Khan. »Ich werde euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den
+Beistand aller Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.«
+
+»Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?« fragte ich.
+
+»Nein, sondern ein Melek Ta-us.«
+
+Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung
+des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den
+über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem
+Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen
+sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche
+der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einer
+besonderen Mission beehrt! Und dieses große, dieses geheimnisvolle Wort,
+über welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier so gelassen
+aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene an und fragte:
+
+»Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?«
+
+Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem unwissenden Sohne
+eine notwendige Erklärung giebt, antwortete er:
+
+»Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher Name bei uns nicht
+ausgesprochen wird. Melek Ta-us heißt auch das Tier, welches bei uns ein
+Symbol des Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen wir
+auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen verleihe, zu denen
+ich Vertrauen habe. Ich weiß alles, was man über uns fabelt; aber deine
+Weisheit wird dir sagen, daß ich uns vor dir nicht zu verteidigen
+brauche. Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen
+Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, daß dort die Bilder der Gottesmutter,
+des Gottessohnes und vieler Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr
+haben, welches das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das
+Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten, wo diese
+Bilder sind, aber ich werde niemals glauben, daß ihr diese Bilder
+anbetet. Wir glauben von euch das Richtige, und ihr glaubet von uns das
+Falsche. Wer ist verständiger und gütiger, ihr oder wir? Blicke hin an
+das Thor! Meinst du, daß wir diese Bilder anbeten?«
+
+»Nein.«
+
+»Du siehst einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen
+Kamm. Die Dschesidi können nicht lesen; daher ist es besser, man sagt
+ihnen durch diese Bilder, was man ihnen sagen möchte. Eine Schrift
+würden sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen,
+weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen sind. Dieser Heilige war
+ein Mann; darum beten wir ihn nicht an; aber wir versammeln uns an
+seinem Grabe, wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.«
+
+»Er hat euren Glauben gestiftet?«
+
+»Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebräuche gegeben. Der
+Glaube wohnt im Herzen, die Sitten aber wachsen aus dem Boden, auf
+welchem wir leben, und aus dem Lande, welches diesen Boden rings
+umgrenzt. Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre sind auch
+diejenigen Satzungen des Kurans gekommen, welche wir für gut und heilsam
+erkannt haben.«
+
+»Man erzählte mir, daß er Wunder gethan habe.«
+
+»Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie thut, so thut er sie durch
+die Hand der Menschen. Blicke hinein, dort in die Halle! Dort ist ein
+Brunnen, den Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed
+in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem eine heilige Quelle. Er nahm
+von dem Wasser des Zem-Zem und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort
+öffnete sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So wird uns
+erzählt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben, denn das Wunder ist auch
+ohne dies da. Oder ist es kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein
+das lebendige Wasser fließt? Dieses ist bei uns ein Symbol der Reinheit
+unserer Seele, und darum halten wir es für heilig, nicht aber, weil es
+von der Quelle Zem-Zem stammen soll.«
+
+Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt öffnete sich das äußere
+Thor, um einen langen Zug von Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder
+eine Lampe trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke für die
+Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus irgend einer Gefahr. Sie
+waren für Scheik Schems[214] bestimmt, das leuchtende Symbol der
+göttlichen Klarheit.
+
+ [214] Sonne.
+
+Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei recht eigentümliche
+kurdische Flinten. Bei einer derselben wurden Lauf und Schaft durch
+zwanzig starke, breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres
+Zielen ganz unmöglich machten. Eine zweite zeigte eine Art Bajonnet,
+welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken zu beiden Seiten des
+Laufes befestigt waren. Die Männer überreichten ihre Krüge den Priestern
+und traten der Reihe nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu küssen,
+wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten.
+
+Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des Festes den heiligen Ort mit
+seiner ganzen Umgebung zu illuminieren. Es darf dabei kein gewöhnliches
+Öl oder gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies für unrein
+gilt. Nur das Öl vom Sesam ist gestattet.
+
+Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl gegen zwanzig Kinder
+getauft und beschnitten, welche zum Teil von sehr weit hergebracht
+worden waren. Ich wohnte diesen religiösen Handlungen bei.
+
+Später entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um einen Gang durch das
+Thal zu machen. Am auffälligsten war mir die ungeheure Zahl von
+Fackeln, welche zum Verkaufe auslagen. Nach einer ungefähren Schätzung
+konnten es zehntausend sein. Die Händler machten glänzende Geschäfte,
+denn ihre Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen.
+
+Eben standen wir vor einem Verkäufer von Glas- und unechten
+Korallenwaren, als ich die weiße Gestalt des Pir Kamek den Bergpfad
+herabkommen sah. Er mußte, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns
+vorüber, und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen.
+
+»Willkommen hier, ihr Gäste vom Scheik Schems! Ihr werdet den Heiligen
+der Dschesidi kennen lernen.«
+
+Er reichte uns die Hände. Sobald er bemerkt worden war, wurde er vom
+Volke umringt, und ein jeder bemühte sich, seine Hand oder den Saum
+seines Gewandes zu berühren und zu küssen. Er hielt eine Ansprache an
+die Versammelten; sein langes weißes Haar flatterte im Morgenwinde;
+seine Augen leuchteten, und seine Gebärden zeigten die Lebhaftigkeit der
+Begeisterung. Dazu krachten die Schüsse der Ankommenden von oben herab,
+und ganze Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte ich
+seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer Sprache hielt. Am
+Schlusse derselben aber intonierte er einen Gesang, in welchen alle
+einfielen und dessen Anfang mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam,
+übersetzte:
+
+»O gnädiger und großmütiger Gott, welcher nährt die Ameise und die
+kriechende Schlange, Nacht und Tag Lenkender, Lebendiger, Höchster,
+Ursachloser, welcher der Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht
+zuweist! Weiser, herrsche über Weisheit; Starker, herrsche über die
+Stärke; Lebendiger, herrsche über den Tod!«
+
+Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der Pir trat zu mir.
+
+»Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?«
+
+»Nein. Du weißt, daß ich deine Sprache nicht rede.«
+
+»Ich sagte ihnen, daß ich Scheik Schems ein Opfer bringen werde, und nun
+sind sie in den Wald gegangen, um das nötige Holz zu holen. Willst du
+dem Opfer beiwohnen, so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir;
+dort kommen bereits die Opferstiere.«
+
+Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben eine lange Reihe von
+Ochsen aufgeführt wurde. Wir folgten ihm langsam nach.
+
+»Was geschieht mit den Tieren?« fragte ich meinen Dolmetscher.
+
+»Sie werden geschlachtet.«
+
+»Für wen?«
+
+»Für Scheik Schems.«
+
+»Kann die Sonne Stiere essen?«
+
+»Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.«
+
+»Nur das Fleisch?«
+
+»Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut. Mir Scheik Khan
+übernimmt die Verteilung.«
+
+»Und das Blut?«
+
+»Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben, denn die Seele
+ist im Blute.«
+
+Das war also genau die alttestamentliche Anschauung, daß das Leben des
+Leibes, daß die Seele im Blute liege. Ich sah, daß es sich hier nicht um
+eine heidnische Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es
+den Armen ermöglichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen feiern zu
+können.
+
+Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik Khan aus dem Thore,
+gefolgt von Pir Kamek, von einigen Scheiks und Kawals und einer größeren
+Anzahl von Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz wurde
+von einer großen Menge Krieger umgeben, welche ihre Gewehre schußbereit
+hielten. Da warf Mir Scheik Khan das Obergewand ab, sprang auf den
+ersten Stier und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den
+Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben
+Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele
+Schüsse krachten.
+
+Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es
+gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und
+schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle
+der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß
+kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader
+zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut
+aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von
+Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die
+andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine
+außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen.
+
+Da trat Ali Bey zu mir.
+
+»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der
+Freundschaft der Badinan versichern.«
+
+»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?«
+
+»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr
+Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher
+wie möglich gehen muß. Komm!«
+
+Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen
+aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes
+bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der
+Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir
+Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus
+konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten
+Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden.
+
+Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems)
+gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes
+treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte
+Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische
+Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer
+Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in
+arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von
+Gott!«
+
+Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen
+Kotschers[215]. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken
+und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die
+Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den
+Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben
+waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz
+bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen
+Steinen hingen ihnen um den Nacken.
+
+ [215] Wandernde Stämme.
+
+Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine
+Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit
+durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das
+lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes
+Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff
+befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen
+Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem
+kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten
+in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre
+Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen
+hatten.
+
+Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus
+Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß
+und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und
+Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.
+
+Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien,
+aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und
+Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und
+Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku.
+Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre
+Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre
+Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander
+wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte
+sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem
+Fremden – es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier
+zusammentrafen.
+
+Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die Männer in einzelnen
+größeren oder kleineren Gruppen nach dem Grabmale begaben.
+
+»Was thun sie dort?« fragte ich Ali Bey.
+
+»Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.«
+
+»Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?«
+
+»Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren Stämmen und Wohnsitzen
+zusammen, deren Anführer sie begleitet oder von dem sie eine
+Bescheinigung vorzeigen.«
+
+»Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?«
+
+»Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes aber werden einige
+Tiere geschlachtet, welche weiß, ganz weiß sein müssen, und deren
+Fleisch gehört den Priestern.«
+
+»Können eure Priester Sünde thun?«
+
+»Warum nicht? Sie sind doch Menschen!«
+
+»Auch die Pirs, die Heiligen?«
+
+»Auch sie.«
+
+»Auch Mir Scheik Khan?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubst du, daß auch der große Heilige Scheik Adi Sünde gethan hat?«
+
+»Auch er war ein Sünder, denn er war nicht Gott.«
+
+»Laßt ihr eure Sünden auf eurer Seele liegen?«
+
+»Nein, wir entfernen sie.«
+
+»Wie?«
+
+»Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer und das Wasser. Du
+weißt, daß wir uns bereits gestern oder heute gewaschen haben. Dabei
+erkennen wir unsere Sünde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden
+sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst du sehen, daß wir
+unsere Seelen auch durch die Flamme reinigen.«
+
+»Du glaubst also, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt?«
+
+»Wie könnte sie sterben, da sie von Gott ist!«
+
+»Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht glaube?«
+
+»Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: »Japar-di bir sagh solukü
+burunuje – er blies ihm einen lebendigen Odem in seine Nase?«
+
+»Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo bleibt sie nach dem Tode
+des Leibes?«
+
+»Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet hast. Auch
+Gottes Odem geht wieder zu ihm zurück, nachdem er von Sünden rein
+geworden ist. – Laß uns nun aufbrechen!«
+
+»Wie weit ist es bis Kaloni?«
+
+»Man reitet vier Stunden lang.«
+
+Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und verließen ohne alle
+Begleitung das Thal. Der Weg führte an der steilen Bergwand empor, und
+als wir die Höhe derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht
+bewaldetes, von zahlreichen Thälern durchzogenes Gebirgsland vor mir.
+Dieses Land wird von den großen Stämmen der Missuri-Kurden bewohnt, zu
+denen auch die Badinan gehören. Unser Weg führte bald bergab, bald
+wieder bergauf, bald zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald
+dahin. An den Abhängen sahen wir einige kleine Dörfer liegen, aber die
+Häuser derselben waren verlassen. Hier und da hatten wir die kalten
+Fluten eines wilden Bergbaches zu durchreiten, der sein Wasser dem
+Ghomel entgegenschickte, um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus
+zuzufließen, der in den großen Zab geht und sich mit diesem bei Keschaf
+in den Tigris ergießt. Diese Häuser waren von Weingärten umgeben, neben
+denen Sesam, Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders
+schmuckes Aussehen durch die Blüten und Früchte der sorgsam gepflegten
+Feigen-, Walnuß-, Granatapfel-, Pfirsich-, Kirschen-, Maulbeer- und
+Olivenbäume.
+
+Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche die Gegend bis
+Dschulamerik bewohnten, waren schon alle in Scheik Adi eingetroffen, und
+wir waren bereits zwei Stunden weit geritten, als wir eine Stimme
+hörten, welche uns anrief.
+
+Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein Kurde. Er hatte sehr weite,
+unten offene Hosen an, und die nackten Füße steckten in niedrigen
+Lederschuhen. Der Körper war nur mit einem am Halse viereckig
+ausgeschnittenen Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging. Sein
+dichtes Haar hing in lockigen Strähnen über die Schultern herab, und auf
+dem Kopfe trug er eine jener merkwürdigen, häßlichen Filzmützen, welche
+das Aussehen einer riesigen Spinne haben, deren runder Körper den
+Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und zur Seite bis auf die
+Achseln niederhängen. Im Gürtel trug er ein Messer, eine Pulverflasche
+und den Kugelbeutel, eine Flinte aber war nicht zu sehen.
+
+»Ni, vro’l kjer – guten Tag!« grüßte er uns. »Wohin will Ali Bey, der
+Tapfere, reiten?«
+
+»Chode t’aveschket – Gott behüte dich!« antwortete der Bey. »Du kennst
+mich? Von welchem Stamme bist du?«
+
+»Ich bin ein Badinan, Herr.«
+
+»Aus Kaloni?«
+
+»Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.«
+
+»Wohnt ihr noch in euren Häusern?«
+
+»Nein. Wir haben unsere Hütten bereits bezogen.«
+
+»Sie liegen hier in der Nähe?«
+
+»Woher vermutest du das?«
+
+»Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung entfernt, so nimmt er
+sein Gewehr mit. Du aber hast das deinige nicht bei dir.«
+
+»Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?«
+
+»Mit deinem Häuptling.«
+
+»Steige ab und folge mir!«
+
+Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim Zügel. Der Kurde führte
+uns in den Wald hinein, in dessen Tiefe wir einen starken, aus gefällten
+Bäumen errichteten Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche
+Hütten liegen sahen, die nur aus Stangen, Ästen und Laubwerk
+hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine schmale Öffnung gelassen
+worden, die uns den Eingang gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte
+von Kindern sich zwischen den Hütten und Bäumen umhertummeln, während
+die Erwachsenen, sowohl Männer als Frauen, damit beschäftigt waren, den
+Verhau zu vergrößern und zu befestigen. Auf einer der größten Hütten saß
+ein Mann. Es war der Häuptling, der diesen höheren Platz eingenommen
+hatte, um einen freieren Überblick zu haben und die Arbeit besser
+dirigieren zu können. Als er meinen Begleiter erblickte, sprang er herab
+und kam uns entgegen.
+
+»Kjeïr ati; Chode dáuleta ta mazen b’ket – sei willkommen; Gott vermehre
+deinen Reichtum!«
+
+Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte einem Weibe, welches
+eine Decke ausbreitete, auf welche wir uns niedersetzten. Mich schien er
+gar nicht zu beachten. Ein Dschesidi wäre auch gegen mich höflich
+gewesen. Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau war, brachte jetzt
+drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus dem Holze eines Indschaz[216]
+geschnitten waren, und ein junges Mädchen trug eine Schüssel auf, in
+welcher Trauben und Honigscheiben lagen. Der Häuptling nahm seinen
+Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet war, vom
+Gürtel, öffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey.
+
+ [216] Pomeranzenbaum.
+
+»Taklif b’ ela k’ narek, au, beïn ma batal – mache keine Umstände, die
+unter uns überflüssig sind!« sagte er.
+
+Dabei griff er mit seinen schmutzigen Händen in den Honig, zog sich mit
+den Fingern ein Stück heraus und schob es in den Mund.
+
+Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand.
+
+»Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und dir!« begann er die
+Unterhaltung.
+
+»Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,« lautete die einfache
+Antwort.
+
+»Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?«
+
+»Auch zwischen ihnen.«
+
+»Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind kommt, um dich
+anzugreifen und zu überfallen?«
+
+»Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich dich um Hilfe
+bitten.«
+
+»Und du würdest auch mir helfen, wenn ich dich darum ersuche?«
+
+»Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich es thun.«
+
+»Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?«
+
+»Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien Kurden. Er ist ein
+Räuber, der unsere Herden lichtet und unsere Töchter verkauft.«
+
+»Hast du gehört, daß er uns in Scheik Adi überfallen will?«
+
+»Ich hörte es von meinen Leuten, welche dir als Kundschafter dienten.«
+
+»Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?«
+
+»Du siehst es!« Er deutete dabei mit einer Armbewegung auf die Hütten
+ringsumher. »Wir haben Kalahoni verlassen und uns im Walde Hütten
+gebaut. Nun machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen
+können, wenn die Türken uns angreifen werden.«
+
+»Sie werden euch nicht angreifen.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns zu überraschen, so
+müssen sie vorher allen Kampf und Lärm vermeiden. Sie werden also dein
+Gebiet sehr ruhig durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen
+Weg vermeiden und durch die Wälder gehen, um die Höhe von Scheik Adi
+unbemerkt zu erreichen.«
+
+»Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.«
+
+»Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie auch über euch
+herfallen.«
+
+»Du wirst dich nicht besiegen lassen.«
+
+»Willst du mir dazu verhelfen?«
+
+»Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine Krieger nach Scheik
+Adi senden?«
+
+»Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um ohne Hilfe mit den Türken
+fertig zu werden. Du sollst nur deine Krieger verbergen und die Türken
+ruhig ziehen lassen, damit sie sich für sicher halten.«
+
+»Ihnen folgen soll ich nicht?«
+
+»Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschließen, daß sie nicht
+wieder zurück können. Auf der zweiten Höhe zwischen hier und Scheik Adi
+ist der Paß so schmal, daß nur zwei Männer neben einander gehen können.
+Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst du mit zwanzig Kriegern
+tausend Türken töten.«
+
+»Ich werde es thun. Aber was giebst du mir dafür?«
+
+»Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so daß ich sie allein besiege, sollst
+du fünfzig Gewehre erhalten; hast du aber mit ihnen zu kämpfen, so gebe
+ich dir hundert Türkenflinten, wenn du dich tapfer hältst.«
+
+»Hundert Türkenflinten!« rief der Häuptling begeistert. Er fuhr mit
+größter Eile in den Honig und steckte sich ein solches Stück davon in
+den Mund, daß ich glaubte, es müsse ihn erwürgen. »Hundert
+Türkenflinten!« wiederholte er kauend. »Wirst du Wort halten?«
+
+»Habe ich dich bereits einmal belogen?«
+
+»Nein. Du bist mein Bruder, mein Gefährte, mein Freund, mein
+Kampfgenosse, und ich glaube dir. Ich werde mir die Gewehre verdienen!«
+
+»Du kannst sie dir aber nur dann verdienen, wenn du die Türken bei ihrem
+Kommen ungestört ziehen lässest.«
+
+»Sie sollen keinen von meinen Männern sehen!«
+
+»Und sie dann hinderst, zurückzukehren, wenn es mir nicht gelingen
+sollte, sie zu umzingeln und festzuhalten.«
+
+»Ich werde nicht nur den Paß, sondern auch die Seitenthäler besetzen,
+damit sie weder rechts noch links, weder vor- noch rückwärts können!«
+
+»Daran thust du wohl. Doch will ich nicht haben, daß viel Blut vergossen
+werde. Die Soldaten können nichts dafür, sie müssen dem Gouverneur
+gehorchen; und wenn wir grausam sind, so ist der Padischah zu Stambul
+mächtig genug, ein großes Heer zu senden, welches uns vernichten kann.«
+
+»Ich verstehe dich. Ein guter Feldherr muß Gewalt und auch List
+anzuwenden verstehen. Dann kann er mit einem kleinen Gefolge ein großes
+Heer besiegen. Wann werden die Türken kommen?«
+
+»Sie werden es so einrichten, daß sie beim Anbruche des morgenden Tages
+Scheik Adi überfallen können.«
+
+»Die Überrumpelung sollen sie selbst haben. Ich weiß, daß du ein
+tapferer Krieger bist. Du wirst es den Türken ganz ebenso machen, wie es
+da unten in der Ebene die Haddedihn-Schammar ihren Feinden gemacht
+haben.«
+
+»Du hast davon gehört?«
+
+»Wer sollte dies nicht wissen? Die Kunde von solchen Heldenthaten
+verbreitet sich schnell über Berg und Thal. Mohammed Emin hat seinen
+Tribus zum reichsten Stamm gemacht.«
+
+Ali Bey lächelte mir heimlich zu und meinte dann:
+
+»Es ist eine schöne That, Tausende gefangen zu nehmen, ohne daß ein
+Kampf stattfindet.«
+
+»Diese That wäre Mohammed Emin nicht gelungen. Er ist stark und tapfer;
+aber er hat einen fremden Feldherrn bei sich gehabt.«
+
+»Einen fremden?« fragte der schlaue Bey.
+
+Ihn ärgerte jedenfalls die Nichtbeachtung, die mir von seiten des
+Häuptlings widerfahren war, und er ergriff nun die Gelegenheit, ihn zu
+beschämen. Dabei konnte es natürlich auf ein Übermaß von Lob gar nicht
+ankommen.
+
+»Ja, einen fremden,« antwortete der Häuptling. »Weißt du das noch
+nicht?«
+
+»Erzähle es!«
+
+Und der Kurde that es in folgender Weise:
+
+»»Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, saß vor seinem Zelte, um Rat
+zu halten mit den Ältesten seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf,
+und ein Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der Alten
+die Erde berührte.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte er.
+
+»Aaleïkum sallah!« antwortete Mohammed Emin. »Fremdling, wer bist du,
+und woher kommst du?«
+
+Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht; er selber aber trug ein
+Panzerhemd, Arm- und Beinschienen und einen Helm aus gediegenem Golde.
+Um seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri des Paradieses
+gewebt hatten; denn tausend lebendige Sterne kreiseten in seinen
+Maschen. Der Schaft seiner Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze
+leuchtete wie der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die
+Bärte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch funkelte wie
+Diamant, und sein Schwert konnte Stahl und Eisen zermalmen.
+
+»Ich bin der Feldherr eines fernen Landes,« antwortete der Glänzende.
+»Ich liebe dich und hörte vor einer Stunde, daß dein Stamm ausgerottet
+werden soll. Darum setzte ich mich auf mein Roß, welches zu fliegen
+vermag, wie der Gedanke des Menschen, und eilte herbei, dich zu warnen.«
+
+»Wer ist es, der meinen Stamm ausrotten will?« fragte Mohammed.
+
+Der Himmlische nannte die Namen der Feinde.
+
+»Weißt du dies gewiß?«
+
+»Mein Schild sagt mir alles, was auf Erden geschieht. Blicke her!«
+
+Mohammed sah auf den goldenen Schild. In der Mitte desselben war ein
+Karfunkel, fünfmal größer als die Hand eines Mannes, und in diesem sah
+er alle seine Feinde, wie sie sich versammelten, um gegen ihn zu ziehen.
+
+»Welch ein Heer!« rief er. »Wir sind verloren!«
+
+»Nein, denn ich werde dir helfen,« antwortete der Fremde. »Versammle
+alle deine Krieger um das Thal der Stufen und warte, bis ich dir die
+Feinde bringe!«
+
+Er gab hierauf seinem Pferde ein Zeichen, worauf es wieder emporstieg
+und hinter der Wolke verschwand. Mohammed Emin aber wappnete sich und
+die Seinen und zog nach dem Thale der Stufen, welches er rundum
+besetzte, sodaß die Feinde wohl hinein, aber nicht wieder heraus
+konnten. Am andern Morgen kam der fremde Held geritten. Er leuchtete wie
+hundert Sonnen, und dieses Licht blendete die Feinde, sodaß sie die
+Augen schlossen und ihm folgten mitten in das Thal der Stufen hinein.
+Dort aber kehrte er seinen Schild um; der Glanz wich von ihm, und sie
+öffneten die Augen. Da sahen sie sich in einem Thale, aus dem es keinen
+Ausweg gab, und mußten sich ergeben. Mohammed Emin tötete sie nicht;
+aber er nahm ihnen einen Teil ihrer Herden und forderte einen Tribut von
+ihnen, den sie jährlich geben müssen, so lange die Erde steht.««
+
+So erzählte der Kurde und schwieg nun.
+
+»Und was geschah mit dem fremden Feldherrn?« fragte der Bey.
+
+»Sallam aaleïkum!« sprach er; »dann erhob sich sein schwarzes Roß in die
+Wolken, und er verschwand,« lautete die Antwort.
+
+»Diese Geschichte ist sehr schön zu hören; aber weißt du auch, ob sie
+wirklich geschehen ist?«
+
+»Sie ist geschehen. Fünf Männer vom Dschelu waren zu derselben Zeit in
+Salamijah gewesen, wo es von den Haddedihn erzählt wurde. Sie kamen hier
+vorüber und berichteten es mir und meinen Leuten.«
+
+»Du hast recht; diese Geschichte ist geschehen, aber anders, als du sie
+vernommen hast. Willst du das schwarze Roß des Seraskiers sehen?«
+
+»Herr, das ist nicht möglich!«
+
+»Es ist möglich, denn es steht in der Nähe.«
+
+»Wo?«
+
+»Dort der Rapphengst ist es.«
+
+»Du scherzest, Bey!«
+
+»Ich scherze nicht, sondern ich sage dir die Wahrheit.«
+
+»Das Pferd ist herrlich, wie ich noch keines gesehen habe, aber es ist
+ja das Roß dieses Mannes!«
+
+»Und dieser Mann ist der fremde Seraskier, von dem du erzählt hast.«
+
+»Unmöglich!« – Er machte vor Erstaunen den Mund so weit auf, daß man die
+ausgiebigsten zahnärztlichen Beobachtungen und Operationen hätte
+vornehmen können.
+
+»Unmöglich, sagst du? Habe ich dich einmal belogen? Ich sage dir noch
+einmal, daß er es wirklich ist!«
+
+Die Augen und Lippen des Häuptlings öffneten sich immer weiter; er
+starrte mich wie sinnlos an und streckte ganz unwillkürlich seine Hand
+nach dem Honig aus, kam aber daneben und griff in den Tabaksbeutel.
+Ohne dies zu bemerken, langte er zu und schob eine ziemliche Portion des
+narkotischen Krautes zwischen seine weißglänzenden Zähne hinein. Ich
+hatte diesen Tabak sehr in Verdacht, alles andere, aber nur kein Tabak
+zu sein, und jedenfalls hatte ich da ganz richtig vermutet; denn er
+brachte im Momente eine so schnelle krampfhebende Wirkung hervor, daß
+der Häuptling augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten
+Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte.
+
+»Katera peghamber – um des Propheten willen! Ist er es wirklich?« fragte
+er noch einmal, und zwar in der äußersten Bestürzung.
+
+»Ich habe es dir bereits versichert!« antwortete der Angenetzte, indem
+er sich mit dem Zipfel seines Kleides das Angesicht reinigte.
+
+»O Seraskier,« wandte sich der Mann jetzt zu mir; »atina ta,
+inschiallah, keïrah – gebe Gott, daß uns dein Besuch Glück bringe!«
+
+»Er bringt dir Glück, das verspreche ich dir!« antwortete ich.
+
+»Dein Roß ist hier, das schwarze,« fuhr er fort, »aber wo ist dein
+Schild mit dem Karfunkel, dein Panzer, dein Helm, deine Lanze, dein
+Säbel?«
+
+»Höre, was ich dir sage! Ich bin der fremde Krieger, welcher bei
+Mohammed Emin gewesen ist, aber ich stieg nicht vom Himmel herab. Ich
+komme aus einem fernen Lande, aber ich bin nicht der Seraskier
+desselben. Ich habe nicht goldene und silberne Waffen gehabt, aber hier
+siehst du Waffen, wie ihr sie nicht habt, und mit denen ich mich vor
+vielen Feinden nicht zu fürchten brauche. Soll ich dir zeigen, wie sie
+schießen?«
+
+»Sere ta, Ser babe ta, Ser hemscher ta Ali Bey – bei deinem Haupte, beim
+Haupte deines Vaters und beim Haupte deines Freundes Ali Bey, thue es
+nicht!« bat er erschrocken. »Du hast die Rüstung, die Lanze, den Schild
+und das Schwert von dir gelegt, um diese Waffen zu gebrauchen, die
+vielleicht noch viel gefährlicher sind. Nezanum zïeh le dem – ich weiß
+nicht, was ich dir geben soll; aber versprich mir, daß du mein Freund
+sein willst!«
+
+»Was kann es nützen, wenn du mein Freund wirst? In deinem Lande giebt es
+ein Sprichwort, welches lautet: ›Dischmini be aquil schi yari be aquil
+tschitire – ein Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne
+Verstand.‹«
+
+»Bin ich unverständig gewesen, Herr?«
+
+»Weißt du nicht, daß man einen Gast begrüßen muß, zumal wenn er mit
+einem Freunde kommt?«
+
+»Du hast recht, Herr! Du strafst mich mit einem Sprichworte; erlaube,
+daß ich dir mit einem andern antworte: ›Betschuk lasime thabe ’i mesinan
+bebe – der Kleine muß dem Großen gehorsam sein.‹ Sei du der Große; ich
+werde dir gehorchen!«
+
+»Gehorche zunächst meinem Freunde Ali Bey! Er wird siegen, und deine
+Türkenflinten sind dir dann gewiß.«
+
+»Du zürnst? Verzeihe mir! Ser sere men; bu kalmeta ta siuh taksir nakem
+– bei meinem Haupte; um dir zu dienen, werde ich nichts sparen. Nimm
+diese Trauben und iß; nimm diesen Tabak und rauche!«
+
+»Wir danken dir,« antwortete Ali Bey, der jedenfalls auch an sauberere
+Genüsse gewöhnt war. »Wir haben vor unserem Aufbruche gegessen und
+dürfen keine Zeit verlieren, nach Scheik Adi zurückzukehren.«
+
+Er erhob sich, und ich that dasselbe. Der Häuptling begleitete uns bis
+an den Pfad und versprach noch einmal, seine Pflicht so vollständig wie
+möglich zu erfüllen. Dann ritten wir denselben Weg zurück, den wir
+gekommen waren.
+
+
+
+
+Druck der Hoffmann’schen Buchdruckerei in Stuttgart.
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1882 als Band I der Reihe »Carl May’s gesammelte
+Reiseromane« erschienenen Erstausgabe in Buchform erstellt. Die Umlaute
+Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Kleinere Unregelmäßigkeiten
+in der Schreibweise wurden beibehalten, einige Inkonsistenzen und
+Satzfehler wurden aber im gewissenhaften Vergleich mit der
+Zeitschriftenfassung (»Deutscher Hausschatz«) verbessert. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+book edition published in 1882 as Volume I of the series »Carl May’s
+gesammelte Reiseromane«. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by
+Ä, Ö, Ü. Minor irregularities have been maintained, however some
+spelling inconsistencies and typesetting errors have beein corrected
+based on careful comparison with the magazine edition published earlier
+in »Deutscher Hausschatz«. The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+S. iv: [extra word] beherrscht und und behandelt
+S. 001: [normalized] Dra el Hauna -> Haua
+S. 007: »»Des Weibes Stimme ... Natter.«« -> ›Des ... Natter‹
+S. 008: [added quotes] »Ah! Und dennoch nennst du
+S. 011: [normalized] Zwei Pferde und ein Djemmel -> Dschemmel
+S. 013: Alla kerihm, Gott ist gnädig! -> Allah
+S. 013: auf die Hand des Todten fiel -> Toten
+S. 020: »Von Gaffa.« -> Gafsa
+S. 020: daß sie von Gaffa kamen -> Gafsa
+S. 022: in welche eine Name eingraviert war -> ein Name
+S. 025: »Du kommst nicht von Gaffa?« -> Gafsa
+S. 029: zum Scheidan, zum Teufel -> Scheïtan
+S. 032: das mächtige #»Giölgeda padisahnün#« -> padischahnün
+S. 041: Sallam aaleikum, Friede sei mit euch -> aaleïkum
+S. 041: »Aaleikum!« antwortete Sadek -> Aaleïkum
+S. 052: [added period] »Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
+S. 052: [added closing quotes] »Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
+S. 062: als ich noch als Miralei in Stambul stand -> Miralai
+S. 064: [added comma] sofort packen würden, sah aber
+S. 065: [added comma] Ja, er soll erschossen werden
+S. 074: [added quotes] »Er wird mir nicht entfliehen
+S. 078: Mann im Wadi Tarfani getötet hat? -> Tarfaui
+S. 079: der eigentlich Hamd el Amusat -> Amasat
+S. 080: kehrte er nach seiner Zeit -> einer
+S. 080: »Fort, Shidi – dort reiten!« -> Sihdi
+S. 082: am Giölgeda wekülanün -> wekilanün
+S. 085: der mit Scheidan im Bunde stehe -> Scheïtan
+S. 092: [normalized] Kein Arzt, kein Fakhir -> Fakir
+S. 094: der Erbauer des einsames Hauses -> einsamen
+S. 094: [normalized] in das Selamlück des Hauses -> Selamlük
+S. 096: Gotte gebe dir Frieden -> Gott
+S. 103: uud seine Lippen blau vor Wut -> und
+S. 107: ihm war ich ein nnabweisbarer Eindringling -> unabweisbarer
+S. 113: Wir legten bei dem Kahn an -> langten
+S. 127: [added closing quotes] obgleich er sie Güzela nennt.«
+S. 131: Ausguck nach demseblen gehalten -> demselben
+S. 137: [added closing quotes] Haidi, wohlan!«
+S. 138: [added comma] »Ja, ich konnte nicht weiter.«
+S. 138: mit steineren Platten bedeckt -> steinernen
+S. 139: Ich passirte also die Öffnung -> passierte
+S. 141: Ich schlich näher uud legte die Hände -> und
+S. 142: [normalized] »Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
+S. 143: Wir brauchen also weder die Stange -> brauchten
+S. 144: meist in den Kleideru -> Kleidern
+S. 146: [added period] »Ein Sandal!« meinte Halef.
+S. 149: ausgebessert nnd zusammengeflickt -> und
+S. 154: Allah kehrim, Gott ist gnädig! -> kerihm
+S. 155: Alla ïa Sahtir -> Allah
+S. 157: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
+S. 162: [removed extra comma] mir nebst, Halef und dem Barbier
+S. 165: dem Großwessir in Istambul -> Großwesir
+S. 164: [normalized] einen armen Scheikh -> Scheik
+S. 167: [normalized] an das Recognoscieren -> Rekognoscieren
+S. 190: Aber er besitzt die Hilfe des Scheitan -> Scheïtan
+S. 194: folgte ihm mich gezückter Waffe -> mit gezückter Waffe
+S. 195: ein guter Schütze sei. -> sei?
+S. 198: »Ja, Shidi. Was ist es?« -> Sihdi
+S. 209: die Gegend von Sahna -> Sanah
+S. 213: [normalized] Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
+S. 220: [extra comma removed] Dank der orientalischen Sorglosigkeit, hatte
+S. 222: [normalized] Hamdullillah, Gott sei Dank! -> Hamdulillah
+S. 227: [normalized] oder nach Bassra und Bagdad -> Basra
+S. 238: [added mdash] Gott sei Dank! – keine Not gelitten
+S. 244: das deutsche Worte ›Lob‹ -> Wort
+S. 248: Siehst du diesen Bu-djuruldi -> Bu-djeruldi
+S. 249: [normalized] sattle dort die drei Hedschihn -> Hedjihn
+S. 271: »So bin ich jetzt mich euch fertig.« -> mit
+S. 276: ein kleines Döschen ans Papiermaché -> aus
+S. 277: [normalized] weder meinen Haik, noch meine Jacke -> Haïk
+S. 278: [normalized] Das ist ja der Scheitan -> Scheïtan
+S. 279: [normalized] bei Allah, es ist der Scheitan! -> Scheïtan
+S. 279: [normalized] du hast den Scheitan bezwungen -> Scheïtan
+S. 280: [normalized] daß sie den Scheitan gefangen hält -> Scheïtan
+S. 282: zehn Lastkamelen nnd fünfzig Schafen. -> und
+S. 283: die heiligen Gebräuche und kehreu dann sofort -> kehren
+S. 284: [normalized] weil der Scheitan doch lebendig war -> Scheïtan
+S. 284: [normalized] Der gefangene Scheitan war -> Scheïtan
+S. 294: [In Footnote] wie auch wir die Sünden vergessen? -> vergessen.
+S. 308: Rippe genommen nnd -> und
+S. 320: [normalized] Fowlingbull holen -> Fowling-bull
+S. 323: [added period] begann dann auf und ab zu patrouillieren.
+S. 324: [normalized] hingegangen wegen Fowlingbull -> Fowling-bull
+S. 329: die Stelle, welche ich angedeutet habe -> hatte
+S. 334: und wehenden Straußfedern -> Straußenfedern
+S. 334: Werden sie stechen! -> stechen?
+S. 337: nach Tausensenden zählenden -> Tausenden
+S. 349: da Ihr nicht arabisch versteht? -> versteht!
+S. 360: Wann du zurückgekehrt bist -> Wenn
+S. 361: sehr leicht verloren gehen kann. -> kann?
+S. 364: [normalized] Hamdullillah! Preis sei Allah -> Hamdulillah
+S. 365: Alla kehrim, Allah ist gnädig -> Allah kerihm
+S. 374: [added closing quotes] halten die Löwen ihre Zusammenkünfte.«
+S. 375: welches der Vater eines meiner Gefährten -> welcher
+S. 375: [added comma] geräumigen Hütte, welche
+S. 380: Vor zweien? Nein? -> Nein!
+S. 384: [normalized] er gehört Muhammed Emin -> Mohammed
+S. 390: Halt. Wer es wagt -> Halt!
+S. 394: [added closing quotes] Hier doch gar nicht Babylon!«
+S. 395: Ruinen von Khan Kherninn vereinigen -> Khernina
+S. 398: [normalized] Abu Muhammed zu spät eintreffen? -> Abu Mohammed
+S. 401: [normalized] Scheik der Abu Muhammed gesagt -> Abu Mohammed
+S. 403: [added opening quotes] »Dort wird sein äußerster Posten
+S. 403: [added closing quotes] zu treffen sein.«
+S. 407: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
+S. 409: [added closing quotes] »Ich danke dir!«
+S. 410: das letzte Glied unserere Postenkette -> unserer
+S. 412: [deleted extra word] ich auf auf dem Rappen -> auf
+S. 433: [deleted extra quotes] »Wir hatten nicht sehr lange
+S. 435: [normalized] Dieser berühmte Mann ist Esla el Mahem -> Eslah
+S. 441: [normalized] Du siehst, Esla el Mahem -> Eslah
+S. 447: [normalized] Mit ihren Scheiks! Hamdullilah! -> Hamdulillah
+S. 450: die es es jemals hier gegeben hat -> die es jemals
+S. 451: die wissen, wo Ruinen liegen.« -> liegen?«
+S. 455: »Und die drei Männer, welche bei dir sind.« -> sind?
+S. 458: Fowlingsbulls finden! -> Fowling-bulls
+S. 458: [normalized] nach Bagdad, Baßra, Kerkuk -> Basra
+S. 460: [normalized] rechten Ufer lag Kalaat el Dschebber -> Dschebbar
+S. 463: [added closing quotes] »Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
+S. 469: [added closing quotes] »Zwölfhundert.«
+S. 486: [normalized] Nicht nach dem Scheitan -> Scheïtan
+S. 492: wie du schon viele gemordest hast -> gemordet
+S. 494: Er bat mich, ihm trinken zu geben -> ihm zu trinken zu geben
+S. 514: Du steht im Giölgeda padischahnün -> stehst
+S. 518: [normalized] mit dem alten Geißfuße -> Geisfuße
+S. 518: in die Zahnpalissaden -> Zahnpalisaden
+S. 519: Kanonen nnd eine Besatzung -> und
+S. 529: [normalized] des Thales von Scheikh Adi -> Scheik
+S. 536: [normalized] Merd-esch-Scheïtan -> Merd-es-Scheïtan
+S. 536: [added closing quotes] mir oder dem Pascha?«
+S. 539: [normalized] nach Amadija geschickt hatte -> Amadijah
+S. 542: [normalized] Khorsabad, Dscheraijah und Baadri -> Dscherraijah
+S. 554: [added closing quotes] »Sind die Dschesidi Christen?«
+S. 542: [normalized] direkt nach Raban Hormuzd führt -> Rabban
+S. 558: Die Radjahell Scheïtan -> Radjahl el Scheïtan
+S. 559: [normalized] Ihr wollt zu Amad al Ghandur -> el
+S. 560: [normalized] vierten Infanterie-Regimente -> Infanterieregimente
+S. 561: [normalized] zweite Infanterie-Regiment -> Infanterieregiment
+S. 570: [normalized] versuchen, Amad al Ghandur zu finden -> el
+S. 583: harte die Menge meiner -> harrte
+S. 586: Du redest ja Kurmanydschi -> Kurmangdschi
+S. 596: [added closing quotes] »Welches sind die heiligen Instrumente?«
+S. 598: sondern nach Scheid Adi -> Scheik
+S. 605: [normalized] Er befand sich im Selamlik -> Selamlük
+S. 606: [normalized] Ich kehrte in das Selamlik zurück -> Selamlük
+S. 610: [normalized] Bis Dscherajah stehen Posten -> Dscherraijah
+S. 626: Eiu Dschesidi wäre auch -> Ein
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+***** This file should be named 29336-0.txt or 29336-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/9/3/3/29336/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/29336-0.zip b/29336-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..bd3f049
--- /dev/null
+++ b/29336-0.zip
Binary files differ
diff --git a/29336-8.txt b/29336-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..bfaee68
--- /dev/null
+++ b/29336-8.txt
@@ -0,0 +1,25348 @@
+The Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Durch Wüste und Harem
+ Gesammelte Reiseromane, Band I
+
+Author: Karl May
+
+Release Date: July 6, 2009 [EBook #29336]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+
+
+
+
+ Carl May's
+ gesammelte Reiseromane.
+
+
+ Band I:
+
+ Durch
+ Wüste und Harem
+
+
+ Reiseerlebnisse
+ von
+ Carl May.
+
+
+ Freiburg i. B.
+ Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.
+
+
+
+
+ Inhalt des ersten Bandes.
+
+
+ Seite
+ _Erstes Kapitel._ Ein Todesritt 1
+
+ _Zweites Kapitel._ Vor Gericht 51
+
+ _Drittes Kapitel._ Im Harem 83
+
+ _Viertes Kapitel._ Eine Entführung 131
+
+ _Fünftes Kapitel._ Abu-Seïf 169
+
+ _Sechstes Kapitel._ Wieder frei 212
+
+ _Siebentes Kapitel._ In Mekka 275
+
+ _Achtes Kapitel._ Am Tigris 316
+
+ _Neuntes Kapitel._ Auf Kundschaft 371
+
+ _Zehntes Kapitel._ Der Sieg 427
+
+ _Elftes Kapitel._ Bei den Teufelsanbetern 496
+
+ _Zwölftes Kapitel_. Das große Fest 589
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Selbst ein treuer Leser von #Dr.# Karl May, erging es mir stets wie
+allen Andern, welche seine Reisewerke kennen: ich konnte das Erscheinen
+einer von ihm angekündigten neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gründe
+dieser Ungeduld, welche ich bei der Lektüre keines andern
+Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern beobachtet
+habe, sind einesteils in den hochinteressanten Sujets, welche er wählt,
+und andernteils in der originellen und meisterhaften Weise, in welcher
+er sie beherrscht und behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne
+Leben, ohne innere und äußere Bewegung. Er empfindet, denkt und
+berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen und zwingt den
+Leser, mit ihm zu fühlen, mit ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt
+sich so in ihn hinein, daß man ganz und vollständig sein Eigen wird.
+
+Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine Werke besitzen. Er
+ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, ein Missionar, ein Prediger
+der Gottes- und der Nächstenliebe, doch besteht seine Predigt nicht in
+Worten, sondern in Thaten. Wie köstlich ist's, daß sein treuer Hadschi
+Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schließlich doch selbst
+Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Zügen wird man fast auf jeder
+Seite begegnen.
+
+Am liebsten möchte ich, anstatt ein Vorwort zu schreiben, gleich
+beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes zu erzählen. Da mir dies aber
+nicht gestattet ist, so mag der freundliche Leser mit der nächsten Seite
+beginnen. Ich bin überzeugt, daß er erst dann aufhören wird, wenn er bei
+der letzten angekommen ist.
+
+_Freiburg_ i. Baden.
+
+ Der Herausgeber und Verleger.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Ein Todesritt.
+
+
+»Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], daß du ein Giaur bleiben willst,
+ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als
+eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«
+
+ [1] Herr.
+
+»Ja.«
+
+»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach
+ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich
+möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird,
+wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse,
+bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich
+gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder
+nicht.«
+
+So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den
+Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach
+dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach
+Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über
+den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.
+
+Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum
+bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte
+behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den
+Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen.
+Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der
+drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener
+Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen
+schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt
+worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen
+wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz
+dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben.
+Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine
+Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er
+auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der
+Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken,
+daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund
+denn als Diener behandelte.
+
+Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht
+unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus
+Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben
+jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und
+ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.
+
+Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße
+schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu
+unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute
+ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte.
+Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den
+bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und
+versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu
+geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.
+
+Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:
+
+»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«
+
+»Nun?«
+
+»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden
+oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«
+
+»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«
+
+»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt,
+denn el Jaum el aakhar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind
+gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel
+Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die
+Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«
+
+»Weiter wird nichts mehr bestehen?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber das Paradies und die Hölle?«
+
+»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen
+habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur
+bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich
+bekehren werde, du magst wollen oder nicht!«
+
+Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte
+sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden
+rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum
+Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr
+mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei
+sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.
+
+Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch,
+vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit
+seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen.
+Halef aber setzte seine Rede fort:
+
+»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit
+bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen?
+Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche
+über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die
+Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«
+
+»Du hast noch Eins vergessen.«
+
+»Was?«
+
+»Das Erscheinen des Deddschel.«
+
+»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und
+willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge;
+ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte
+wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen,
+nicht wahr, Effendi?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine
+guten und bösen Thaten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die
+Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt,
+eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber
+wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller
+menschlichen Thaten.«
+
+»Und nachher?«
+
+»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken
+kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle,
+während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du
+siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse
+Thaten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in
+das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du
+magst wollen oder nicht!«
+
+Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den
+Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren
+spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.
+
+»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn.
+
+»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche,
+welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes
+nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter
+ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe
+wachsen.«
+
+»Brrrrrrr!«
+
+»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der
+Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Thore
+führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften
+Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite
+Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die
+Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die
+Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen
+oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch
+Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie
+wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die
+Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei
+müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre
+Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum
+Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken
+brauchst!«
+
+Ich schüttelte den Kopf und sagte:
+
+»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die
+eurige.«
+
+»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen
+Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir
+beschreiben?«
+
+»Thue es!«
+
+»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Thore. Zuerst
+kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem
+hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer
+als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem
+Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und
+Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf
+golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen
+und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne
+Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den
+Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne
+Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und
+immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor
+der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des
+großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen
+reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist.
+Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des
+Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«
+
+Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed
+aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine
+Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem
+Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß
+mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.
+
+»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg.
+
+»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden
+mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind
+aller Frauen und Mädchen.«
+
+»Warum?« fragte er ganz erstaunt.
+
+»Weil der Prophet sagt: 'Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des
+Bülbül[2], aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.'
+Hast du das noch nicht gelesen?«
+
+ [2] Nachtigall.
+
+»Ich habe es gelesen.«
+
+Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten
+geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:
+
+»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri
+anzusehen!«
+
+»Ich bleibe ein Christ!«
+
+»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed
+Resul Allah!«
+
+»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana 'Iledsi, fi 's -- semavati, jata --
+haddeso 'smoka?«
+
+Er blickte mich zornig an.
+
+»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch
+dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich
+stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du
+mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen
+wirst!«
+
+Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den
+meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit
+desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum
+Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.
+
+»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!«
+
+Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:
+
+»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was
+ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi[3] Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«
+
+ [3] Mekkapilger.
+
+»So bist du also der Sohn Abul Abbas', des Sohnes Dawud al Gossarah?«
+
+»Ja.«
+
+»Und beide waren Pilger?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch du bist ein Hadschi?«
+
+»Ja.«
+
+»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«
+
+»Dawud al Gossarah nicht.«
+
+»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?«
+
+»Ja denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte
+sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf,
+das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am
+Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem
+er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein
+Pilger, zu nennen?«
+
+»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«
+
+»Nein.«
+
+»Und auch er ist ein Hadschi?«
+
+»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er
+zurückbleiben mußte.«
+
+»Warum?«
+
+»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth, und liebte sie. Amareh
+wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst.
+Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«
+
+»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?«
+
+»Nein.«
+
+»Und nennst dich dennoch einen Pilger!«
+
+»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich
+zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach
+Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens
+kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen.
+Bin ich also nicht ein Hadschi?«
+
+»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«
+
+»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«
+
+»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und
+bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint
+euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel
+sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi
+Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all
+diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter,
+wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?«
+
+So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche
+Malice lachen. Es giebt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die
+sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die
+Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben,
+in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein.
+Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene
+hin.
+
+»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch
+nicht in Mekka war?«
+
+»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum
+Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das
+nicht Spuren im Sande?«
+
+Wir waren schon längst in das Wadi[4] Tarfaui eingebogen und jetzt an
+eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand
+über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine
+sehr deutliche Fährte zu erkennen.
+
+ [4] Thal, Schlucht.
+
+»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.
+
+»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«
+
+Er blickte mich fragend an.
+
+»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier
+geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?«
+
+»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«
+
+»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du
+unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer
+an, die vor uns sind?«
+
+»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und
+wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle
+Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem
+Freunde oder einem Feinde begegnet.«
+
+»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.«
+
+»Das kann man nicht wissen.«
+
+Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines
+Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie
+ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer
+Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich
+vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide.
+Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande
+befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere
+reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses
+war entweder kein oder ein sehr armer Araber.
+
+Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte,
+und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:
+
+»Was hast du gesehen, Sihdi?«
+
+»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.«
+
+»Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz
+dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du
+willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, über welche
+ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz
+des Wissens, den du hier gehoben hast?«
+
+»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden
+hier vorübergekommen sind.«
+
+»Wer giebt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er
+Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«
+
+Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste
+Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg
+fortzusetzen.
+
+Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi
+eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich
+unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns
+hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren
+Schreien in die Lüfte erhoben.
+
+»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da giebt es ganz
+sicher ein Aas.«
+
+»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich
+ihm folgte.
+
+Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm
+zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit
+einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.
+
+»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch,
+Sihdi, welcher hier liegt?«
+
+Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann,
+welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes
+Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm
+nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber
+lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der
+Berührung sofort fühlte.
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen
+Todes gestorben?« fragte Halef.
+
+»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch am Hinterhaupte?
+Er ist ermordet worden.«
+
+»Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat! Oder sollte der Tote
+in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«
+
+»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer
+Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«
+
+Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die
+Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der
+gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite
+war klein, aber deutlich eingegraben: #»E. P. 15. juillet 1830.«#
+
+»Was findest du?« fragte Halef.
+
+»Dieser Mann ist kein Ibn Arab[5].«
+
+ [5] Araber.
+
+»Was sonst?«
+
+»Ein Franzose.«
+
+»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?«
+
+»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring,
+in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe
+geschlossen wurde.«
+
+»Und dies ist ein solcher Ring?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken
+gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis[6] oder den Nemsi[7]
+stammen, zu denen auch du gehörst.«
+
+ [6] Engländer.
+
+ [7] Deutschen.
+
+»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«
+
+»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht,
+Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«
+
+»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung
+trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«
+
+»Wer hat ihn getötet?«
+
+»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt
+ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß -- -- --«
+
+Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden
+Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit
+von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten
+Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr
+mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe
+befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem
+Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem
+er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust
+klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd
+ineinander.
+
+»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese
+Schurken, diese Hunde haben es getötet!«
+
+Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten
+Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand
+kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel
+des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer.
+
+»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle
+Ewigkeit in der Dschehennah braten. Nichts, gar nichts haben sie
+zurückgelassen, als das Kamel -- und die Papiere, welche dort im Sande
+liegen.«
+
+Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung
+von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als
+unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen
+Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere
+Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte
+sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der #»Vigie algérienne«# und
+ebenso viel vom #»L'Indépendant«# und der #»Mahouna«# in den Händen. Das
+erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das
+dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich
+bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des
+Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen
+Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in
+Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler,
+welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde.
+Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz
+wörtlich überein.
+
+Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese
+Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er
+ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er
+ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?
+
+Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger
+gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr
+schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung
+auf das Kamel niederließen.
+
+»Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?« fragte der Diener.
+
+»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«
+
+»Willst du ihn in die Erde scharren?«
+
+»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen
+über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«
+
+»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«
+
+»Er ist ein Christ.«
+
+»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch
+ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«
+
+»Welche?«
+
+»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«
+
+»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem
+gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!«
+
+Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit
+vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so
+hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der
+Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines
+Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als
+ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der
+hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:
+
+»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und
+ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm
+gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das
+zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du
+hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben.
+Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten
+Thaten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!«
+
+Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der
+Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.
+
+»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher
+nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was thun wir
+jetzt?«
+
+»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«
+
+»Willst du sie töten?«
+
+»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann
+erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich thun
+werde.«
+
+»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn
+getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«
+
+»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur.
+Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen
+auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«
+
+Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen
+Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und
+es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese
+Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.
+
+»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?«
+
+Ich drehte mich nach ihm um.
+
+»Verlassen?«
+
+»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.«
+
+Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß,
+und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.
+
+»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze
+Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir
+die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«
+
+»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam
+reitet, Effendi, denn -- Allah akbar, blicke da hinunter!«
+
+Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der
+Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter
+oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha[8] sitzen, in welcher
+sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an
+den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.
+
+ [8] Lache.
+
+»Ah, sie sind es!«
+
+»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie
+haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«
+
+»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef,
+zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und
+ein wenig nach West reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa
+kämen.«
+
+»Warum, Effendi?«
+
+»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden
+haben.«
+
+Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach
+Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten
+auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns
+nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber
+hören, als wir demselben nahe gekommen waren.
+
+Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten,
+bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich that natürlich,
+als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der
+Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für
+nötig, nach meiner Büchse zu langen.
+
+»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.
+
+»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?«
+
+»Wir sind friedliche Reiter.«
+
+»Wo kommt ihr her?«
+
+»Von Westen.«
+
+»Und wo wollt ihr hin?«
+
+»Nach Seddada.«
+
+»Von welchem Stamme seid ihr?«
+
+Ich deutete auf Halef und antwortete:
+
+»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den
+Beni-Sachsa. Wer seid ihr?«
+
+»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«
+
+»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr
+her?«
+
+»Von Gafsa.«
+
+»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?«
+
+»Nach dem Bir[9] Sauidi, wo wir Freunde haben.«
+
+ [9] Brunnen.
+
+Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war
+eine Lüge, doch that ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:
+
+»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?«
+
+»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche
+also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.
+
+»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen.
+Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen
+wir bei euch bleiben?«
+
+»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!«
+
+Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser
+Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere
+Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir
+sofort ungeniert Platz nahmen.
+
+Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren
+keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort
+geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe
+wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten
+zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen,
+blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das
+spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und
+die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich
+vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war
+keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form
+eines Geierschnabels.
+
+Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die
+Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und
+seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen
+zu ihm haben.
+
+Der ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat
+spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale
+sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren
+schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr
+mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie
+vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der
+Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die
+beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes
+Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller
+Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.
+
+Ich that, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus
+der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit
+gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.
+
+»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange.
+
+»Nichts. Wir gehen weiter.«
+
+»Wohin?«
+
+»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«
+
+Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß
+ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter:
+
+»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«
+
+»Ja.«
+
+»Du willst deine Herden dort verkaufen?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder deine Sklaven?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?«
+
+»Nein.«
+
+»Was sonst?«
+
+»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«
+
+»Oder willst du dir ein Weib dort holen?«
+
+Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.
+
+»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem
+Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren
+hast?«
+
+Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann in Folge dessen
+die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen
+hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen;
+Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von
+armenischer Herkunft aufgefallen und -- -- ah, war es nicht ein
+armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und
+dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit
+genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam
+durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf
+gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff
+befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.
+
+»Erlaube mir!«
+
+Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las:
+#»Paul Galingré, Marseille.«# Das war ganz sicher nicht der Name der
+Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch
+keine Miene, sondern fragte leichthin:
+
+»Was ist das für eine Waffe?«
+
+»Ein -- ein -- -- ein Drehgewehr.«
+
+»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«
+
+Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:
+
+»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«
+
+»Warum?«
+
+»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so
+würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur
+die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände
+eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«
+
+»Nein.«
+
+»So hast du sie gekauft?«
+
+»Nein.«
+
+»Dann war sie eine Beute?«
+
+»Ja.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von einem Franken.«
+
+»Mit dem du kämpftest?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Auf dem Schlachtfelde.«
+
+»Auf welchem?«
+
+»Bei El Guerara.«
+
+»Du lügst!«
+
+Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem
+Revolver.
+
+»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie -- -- --«
+
+Ich fiel ihm in die Rede:
+
+»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«
+
+Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle
+Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und
+fragte drohend:
+
+»Was meinst du mit diesen Worten?«
+
+Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen
+Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.
+
+»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir
+sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.«
+
+Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich
+aus.
+
+»Woher kennst du mich?«
+
+»Ich kenne dich; das ist genug.«
+
+»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin
+ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«
+
+»Wem gehören diese Sachen?«
+
+»Mir.«
+
+Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »#P. G.#« gezeichnet. Ich
+öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben
+Buchstaben eingraviert.
+
+»Woher hast du sie?«
+
+»Was geht es dich an? Lege sie von dir!«
+
+Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten
+Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war
+stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen.
+
+»Weg mit dem Buche, sage ich dir!«
+
+Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die
+Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten,
+fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der
+beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.
+
+Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber
+ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es
+bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich
+bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen.
+
+»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner.
+
+Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte
+so ruhig wie möglich:
+
+»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.«
+
+»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!«
+
+»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!«
+
+Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich
+wieder zur Erde nieder, und ich that ganz dasselbe. Dann zog ich meinen
+Revolver und begann:
+
+»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg,
+sonst geht das meinige los!«
+
+Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber
+zum augenblicklichen Griffe bereit.
+
+»Du bist kein Uëlad Hamalek?«
+
+»Ich bin einer.«
+
+»Du kommst nicht von Gafsa?«
+
+»Ich komme von dort.«
+
+»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?«
+
+»Was geht es dich an!«
+
+»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den
+du ermordet hast.«
+
+Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.
+
+»Und wenn ich es gethan hätte, was hättest du darüber zu sagen?«
+
+»Nicht viel; nur einige Worte.«
+
+»Welche?«
+
+»Wer war der Mann?«
+
+»Ich kenne ihn nicht.«
+
+»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?«
+
+»Weil es mir so gefiel.«
+
+»War er ein Rechtgläubiger?«
+
+»Nein. Er war ein Giaur.«
+
+»Du hast genommen, was er bei sich trug?«
+
+»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«
+
+»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.«
+
+»Für dich -- --?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich verstehe dich nicht.«
+
+»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein
+Giaur und werde sein Rächer sein.«
+
+»Sein Bluträcher?«
+
+»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir
+sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich
+will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der
+Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That
+unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl
+merken: du giebst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.«
+
+Er lächelte überlegen.
+
+»Meinst du wirklich, daß ich dieses thue?«
+
+»Ich meine es.«
+
+»So nimm dir, was du haben willst!«
+
+Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber
+hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.
+
+»Halt, oder ich schieße!«
+
+Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich
+befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit
+als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien
+unentschlossen zu werden.
+
+»Was willst du mit den Sachen thun?«
+
+»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.«
+
+Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte.
+
+»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!«
+
+»Ich lüge nicht.«
+
+»Und was wirst du gegen mich unternehmen?«
+
+»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!«
+
+»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«
+
+»Ja.«
+
+»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten
+ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«
+
+»Ja.«
+
+»Du versprichst es mir?«
+
+»Ja.«
+
+»Beschwöre es!«
+
+»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«
+
+»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.«
+
+»Was hatte er noch bei sich?«
+
+»Nichts.«
+
+»Er hatte Geld.«
+
+»Das werde ich behalten.«
+
+»Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel oder die Börse, in
+der es sich befand.«
+
+»Du sollst sie haben.«
+
+Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die
+er leerte und mir dann entgegen reichte.
+
+»Weiter hatte er nichts bei sich?«
+
+»Nein. Willst du mich aussuchen?«
+
+»Nein.«
+
+»So können wir gehen?«
+
+»Ja.«
+
+Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter
+aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf
+diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und
+bestiegen ihre Pferde.
+
+»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«
+
+Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr
+gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des
+Wadiufers verschwunden.
+
+Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein
+Schweigen.
+
+»Sihdi!«
+
+»Was?«
+
+»Darf ich dir etwas sagen?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du den Strauß?«
+
+»Ja.«
+
+»Weißt du, wie er ist?«
+
+»Nun?«
+
+»Dumm, sehr dumm.«
+
+»Weiter!«
+
+»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der
+Strauß.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil du diese Schurken laufen lässest.«
+
+»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.«
+
+»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du
+dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt
+hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie
+Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder
+eines Christen entkommen!«
+
+»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?«
+
+»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von
+da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg[10] zu verschwinden.«
+
+ [10] Region der Dünen.
+
+»Das werden sie nicht.«
+
+»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.«
+
+»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.«
+
+»Wer sagte es dir?«
+
+»Meine Augen.«
+
+»Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen im Sande betrachtest.
+So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon
+noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du
+magst nun wollen oder nicht!«
+
+»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.«
+
+»Sihdi -- --! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!«
+
+»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.«
+
+»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was thun
+wir jetzt?«
+
+»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von
+einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden
+Schurken auch wirklich fort sind.«
+
+Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in
+bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war
+mir gefolgt.
+
+»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.«
+
+»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten
+wenden.«
+
+»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies thäten, müßten sie
+uns ja wieder in die Hände kommen!«
+
+»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen
+guten Vorsprung vor uns zu erlangen.«
+
+»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.«
+
+»Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, daß eines ihrer Pferde den
+Hahnentritt habe?«
+
+»Ja, das sah ich, als sie davonritten.«
+
+»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach
+Seddada gehen.«
+
+»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?«
+
+»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden
+sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder
+zusammenzutreffen.«
+
+»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum
+Aufbruch ist.«
+
+Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden
+ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam[11]
+über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um
+über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der
+fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an
+sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein
+und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte.
+Wir brachen auf.
+
+ [11] Gesichtsschleier.
+
+Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa; wir mußten es also nun
+verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach
+Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier
+Pferde, welche von West nach Ost führte.
+
+»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?«
+
+»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.«
+
+Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke.
+
+»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns
+langsamer reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.«
+
+Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene
+hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond
+emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen.
+
+»Reiten wir hinab?« fragte Halef.
+
+»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.«
+
+Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den
+Ölbäumen einen prächtigen Platz zum Bivouac. Wir waren beide an das
+heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die
+tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen
+nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es
+mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt,
+daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von
+Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Überraschung, daß sie nicht nach
+Seddada führte, sondern nach Süden bog.
+
+»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef.
+
+»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig
+sein.«
+
+»Aber wohin gehen sie denn?«
+
+»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie
+Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.«
+
+»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum
+Bir el Tam über den Schott Rharsa.«
+
+»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über
+Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.«
+
+»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu[12] des
+Sultans haben.«
+
+ [12] Legitimation, Reisepaß.
+
+»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel
+nützen.«
+
+»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige #»Giölgeda
+padischahnün«#[13] zu sündigen!«
+
+ [13] Wörtlich: »Im Schatten des Padischa.«
+
+»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?«
+
+»Ja. Ich habe in Ägypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der
+Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?«
+
+»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber
+setzen wir den Weg fort.«
+
+»Nach Kris?«
+
+»Nach Kris.«
+
+Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und
+folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer
+Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein
+Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte.
+
+Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit
+Virlet d'Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste
+in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land
+zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte
+der Civilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und
+dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber
+läßt sich noch immer streiten.
+
+Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung
+dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel
+Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare,
+hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit
+Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Überreste
+einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott
+und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze
+dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen
+die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und
+im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten
+Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von
+Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der
+Geschichtschreibung, berichtet.
+
+Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer
+ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen,
+nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und
+Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese
+drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt,
+als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe.
+
+Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit
+Sandmassen angehäuft, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat
+sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr
+Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab,
+sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Krystalldecke, bald mit
+einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu
+vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste,
+mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß
+sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variiert. Nur an
+einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr
+auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem
+schmalen Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund
+verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des
+Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen
+Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders
+in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande
+überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.
+
+Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem
+salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter
+sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen,
+doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als
+fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die
+Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen
+Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen,
+hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende
+langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser
+trieb.
+
+Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta,
+Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der
+Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid
+verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner
+Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche
+aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein
+unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des
+Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des
+Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der
+zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden,
+so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die
+kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen
+Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber
+um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel
+gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch
+Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad
+über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer
+Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.
+
+Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert,
+erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel
+geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie
+Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara
+in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche
+vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viele Festigkeit
+besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen
+Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu
+schließen.
+
+Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen.
+Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der
+Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott
+seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«,
+und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der
+Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche
+bedeckt wird.
+
+Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche,
+flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst
+dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben
+die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen,
+in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon
+bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und
+läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer
+Quelle hervorbrechen. -- --
+
+Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer
+Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über
+den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des
+Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab.
+
+»Siehst du den Schott, Sihdi?«
+
+»Ja.«
+
+»Bist du schon einmal über den Schott geritten?«
+
+»Nein.«
+
+»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen
+Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben
+sein.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid;
+er hat noch niemals einen falschen Schritt gethan. Er gehört zum Stamme
+der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber
+mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den
+Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich
+anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?«
+
+»Wie weit haben wir noch bis hin?«
+
+»Ein kleines über eine Stunde.«
+
+»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur
+der Mörder finden.«
+
+»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?«
+
+»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden
+bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.«
+
+Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe
+des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten;
+dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da
+schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die
+Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft
+hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir
+folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege
+verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden.
+
+Halef war nachdenklich geworden.
+
+»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er.
+
+»Sage es!«
+
+»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.«
+
+»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch, da ist Kris. Wo ist
+die Wohnung deines Freundes Sadek?«
+
+»Folge mir!«
+
+Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und
+Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren
+Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein
+Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.
+
+»Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!«
+
+»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!«
+
+Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar.
+
+Dann aber wandte sich der Araber zu mir:
+
+»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das
+eurige!«
+
+Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand
+Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die
+Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen.
+
+»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit
+den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große
+Thaten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum
+wahren Glauben bekehren.«
+
+Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und
+wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht
+auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus
+und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den
+Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls
+sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo
+stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu
+sprechen. Auch von den großen Thaten, die wir vollbracht haben sollten,
+wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen
+geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht
+war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu
+spielen. Der Glanzpunkt der Halef'schen Diplomatik war nun allerdings
+die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente
+dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:
+
+»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lautet er?«
+
+»Er lautet Hadschi Halef Omar.«
+
+»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul
+Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer
+frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi
+waren, obgleich -- -- --«
+
+»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen
+Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines
+Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.«
+
+»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage
+lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir
+gesagt hast!«
+
+»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah
+segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn
+Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird
+noch heute wiederkehren.«
+
+»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte
+Halef.
+
+»Ihr? Wann?«
+
+»Noch heute.«
+
+»Wohin, Sihdi?«
+
+»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?«
+
+»Gefährlich, sehr gefährlich. Es giebt nur zwei wirklich sichere Wege
+hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und
+Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach
+Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei giebt es, die ihn
+genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.«
+
+»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?«
+
+»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt
+er die Strecke nach Seftimi.«
+
+»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.«
+
+»Über zwei Dritteile, Sihdi.«
+
+»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?«
+
+»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.«
+
+»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?«
+
+»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf
+dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager
+tragen kann.«
+
+»Willst du uns führen?«
+
+»Ja, Effendi.«
+
+»So laß uns zunächst den Schott besehen!«
+
+»Du hast noch keinen Schott überschritten?«
+
+»Nein.«
+
+»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens,
+das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit
+sicherem Schritte.«
+
+Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen
+breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das
+eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es
+deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und
+fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es
+einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von
+einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war,
+die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten.
+
+Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter
+uns eine Stimme:
+
+»Sallam aaleïkum, Friede sei mit euch!«
+
+Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine,
+dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen
+hatte.
+
+»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was thut mein Bruder Arfan Rakedihm hier
+am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die
+Sobha führen?«
+
+»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich
+kommen werden.«
+
+»Wohin wollen sie?«
+
+»Nach Fetnassa.«
+
+Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem
+Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:
+
+»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?«
+
+»Ja.«
+
+»Wohin?«
+
+»Auch nach Fetnassa.«
+
+»Und du sollst sie führen?«
+
+»Du errätst es.«
+
+»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.«
+
+»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.«
+
+»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht
+stets die reichsten Reisenden weggefangen?«
+
+»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir
+kommen.«
+
+»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir
+mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird
+euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott
+verschlingen wird.«
+
+Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt
+hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel
+war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich
+von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die zwei
+Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer,
+welche wir in der Wüste getroffen und dann verfolgt hatten.
+
+»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?«
+
+»Ich kenne sie.«
+
+»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?«
+
+Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran.
+
+»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.«
+
+»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer.
+
+»Mörder,« antwortete Halef.
+
+»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?«
+
+»Nein.«
+
+»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?«
+
+»Nein.«
+
+»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu
+mischen.«
+
+Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für
+nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit
+einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich
+sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies
+geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns
+den Rücken kehrten.
+
+Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns
+dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an.
+
+Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit
+Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden
+Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die
+Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den
+heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst,
+sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht
+genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden
+ist. Statt des Eises eine Salzdecke -- das war mir mehr als neu. Der
+eigentümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste -- das
+alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen
+können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen
+für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart
+und glatt, daß man Schlittschuhe hätte benutzen können, dann aber hatte
+er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und
+vermochte nicht, die geringste Last zu tragen.
+
+Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert
+hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf
+den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar
+nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo
+Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann,
+wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei
+für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die
+Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder
+überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte
+Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen.
+
+Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der
+Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen
+wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek
+zu mir wandte:
+
+»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen
+Weges.«
+
+»Warum schlimm?«
+
+»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird dabei auf eine lange
+Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.«
+
+»Bleibt der Boden stark genug?«
+
+»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen
+Veränderungen.«
+
+»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.«
+
+»Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.«
+
+Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb
+sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten,
+welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen
+sind sie eine Ewigkeit.
+
+Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal und Hügel wechselte.
+Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem
+Salze, die Thalmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in
+welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und
+Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu
+fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß,
+das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen,
+auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten.
+Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die
+Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich
+mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt
+so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu
+lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte -- es war
+fürchterlich.
+
+Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge
+kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot.
+
+»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer.
+
+Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und
+betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha:
+
+»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis Gott dem
+Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir
+wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest
+den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg
+derer, über welche -- -- --«
+
+Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber
+verstummten beide zu gleicher Zeit; -- zwischen den zwei nächsten
+Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor,
+stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten
+Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über
+ihm schloß.
+
+In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft,
+welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst
+Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des
+Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der
+Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich
+bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie
+hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den
+unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu thun;
+wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie
+lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und
+schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir
+versanken.
+
+Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der
+Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch
+mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der
+kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und
+brach ein.
+
+»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst.
+
+Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd
+im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern
+suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine
+hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen
+Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck
+augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick,
+während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet
+meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören
+zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es
+keine Worte und keine Zeit zu messen.
+
+Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb
+schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und
+erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich
+wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht
+unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts
+mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit
+angeschlagenem Gewehre mich erwarteten.
+
+Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten
+Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse
+krachten -- Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert
+und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein
+Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht
+verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern
+warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten
+mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er
+ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur
+den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter
+ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten
+nicht darauf, wohin uns unser Lauf führte -- er stieß einen
+entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er
+verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll
+vor seinem heimtückischen Grabe.
+
+Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf.
+
+»Sihdi, Hilfe, Hilfe!«
+
+Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte,
+kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber
+an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang
+hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich
+platt niederlegte.
+
+»Fasse den Riemen!«
+
+»Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!«
+
+»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!«
+
+Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu
+schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang -- er lag
+auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so
+erhob er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste Sure:
+
+»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das
+Reich und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!«
+
+Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht
+beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter
+mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so
+gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie
+unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen,
+der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es
+dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde.
+
+»Sihdi, bist du verwundet?«
+
+»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?«
+
+»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich
+nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing.
+Aber wir sind nun dennoch verloren.«
+
+»Warum?«
+
+»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird
+mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich
+rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich
+dich, wenn ich nicht hier verderbe.«
+
+»Du wirst nicht verderben, Halef.«
+
+»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.«
+
+»Wir werden einen Führer haben.«
+
+»Wen?«
+
+»Omar, den Sohn Sadeks.«
+
+»Wie soll er uns hier finden?«
+
+»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder
+zurückkehren wird?«
+
+»Er wird uns dennoch nicht finden.«
+
+»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und
+nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?«
+
+»Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden
+warten, bis Omar hier vorüberkommt.«
+
+»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns
+untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.«
+
+Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so
+heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer
+salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren. -- --
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Vor Gericht.
+
+
+Obgleich ich die Überzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers
+kommen werde, konnte er doch statt über den See um denselben
+herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher
+Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum
+Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam
+der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher
+und erblickte nun auch uns.
+
+»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den
+Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!«
+
+Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er
+erkannte den Freund seines Vaters.
+
+»Sei willkommen, Halef Omar!«
+
+»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef.
+
+»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler.
+Du kamst nach Kris zum Vater?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.«
+
+»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich.
+
+»Wo?«
+
+»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das
+Kismet trifft.«
+
+»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Welches?«
+
+»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.«
+
+Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den
+Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden.
+Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz
+andere Weise, als ich vermutet hatte.
+
+»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
+
+»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten
+zwei Mörder, welche über den Schott gingen.«
+
+»Mein Vater sollte euch führen?«
+
+»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns
+hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die
+Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.«
+
+»Wo sind die Mörder?«
+
+»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir[14] nach
+Fetnassa.«
+
+ [14] Führer.
+
+»So ist der Pfad hier verdorben?«
+
+»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
+
+»Wo versank mein Vater?«
+
+»Dort, dreißig Schritte von hier.«
+
+Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor
+sich nieder und wandte sich dann nach Osten:
+
+»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du
+Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des
+Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen,
+nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen,
+als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich
+schwöre es!«
+
+Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen
+sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe:
+»Erzählt!«
+
+Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling.
+
+»Kommt!«
+
+Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in die
+Richtung zurück, aus der er gekommen war.
+
+Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges
+überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir
+den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen
+betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns
+liegen.
+
+»Was nun?« fragte Halef.
+
+»Folgt mir nur!« antwortete Omar.
+
+Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er
+schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann
+saß vor derselben.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar.
+
+»Aaleïkum,« dankte der Alte.
+
+»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?«
+
+»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.«
+
+»Was thaten sie?«
+
+»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da
+nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne
+ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.«
+
+»Ich danke dir, Abu el Malah!«[15]
+
+ [15] »Vater des Salzes«.
+
+Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige
+Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni,
+Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung
+brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist
+es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch
+einen türkischen Wekil[16], welcher unter der Aufsicht des Regenten von
+Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur
+Verfügung gestellt worden.
+
+ [16] Statthalter.
+
+Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe
+hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst
+nach einer Stunde zurück.
+
+»Ich habe ihn gesehen,« meldete er.
+
+»Wo?« fragte ich.
+
+»Beim Wekil.«
+
+»Beim Statthalter?«
+
+»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit
+ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der
+Audienz.«
+
+Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich
+verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!
+
+Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen,
+niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern
+zeigten. Vor der Thür desselben standen Nefers[17], welche vor einem
+Onbaschi[18] exerzierten, während der Saka[19] zuschauend an der Thür
+lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um
+unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen
+Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in
+einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit
+verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah
+Tabak rauchte.
+
+ [17] Soldaten.
+
+ [18] Korporal.
+
+ [19] Tambour.
+
+»Was wollt ihr?« fragte er.
+
+Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich
+antwortete daher mit einer Gegenfrage:
+
+»Wer bist du?«
+
+Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:
+
+»Der Wekil!«
+
+»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir
+angekommen ist.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Hier ist mein Paß.«
+
+Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf,
+faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten
+Pumphosen.
+
+»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef
+deutete.
+
+»Mein Diener.«
+
+»Wie heißt er?«
+
+»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.«
+
+»Wer ist der andere?«
+
+»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.«
+
+»Und wer bist du selbst?«
+
+»Du hast es ja gelesen!«
+
+»Ich habe es nicht gelesen.«
+
+»Es steht in meinem Passe.«
+
+»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du
+ihn?«
+
+»Von dem französischen Gouvernement in Algier.«
+
+»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat
+den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?«
+
+Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte.
+
+»Ich heiße Kara Ben Nemsi.«
+
+»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?«
+
+»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.«
+
+»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine
+Oasen?«
+
+»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig
+Millionen Menschen auf ihr wohnen.«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß! Es giebt Oasen, in denen es von Geschöpfen
+wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?«
+
+»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen
+Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen
+fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese
+Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen
+Gott glauben die Nemsi?«
+
+»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern
+Vater.«
+
+»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?«
+
+»Sie sind Christen.«
+
+»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?«
+
+»Ja.«
+
+»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden!
+Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür
+sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!«
+
+»Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist oder was dich
+beleidigt?«
+
+»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu
+treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?«
+
+»Omar Ben Sadek.«
+
+»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?«
+
+»Seit gestern.«
+
+»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig
+Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.«
+
+Zu mir gewendet, fuhr er fort:
+
+»Und wie heißt dieser dein Diener hier?«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein
+gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener
+heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.«
+
+»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil
+fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem
+Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du
+bereits bei ihm?«
+
+»Fünf Wochen.«
+
+»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf
+Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?«
+
+»Kara Ben Nemsi.«
+
+»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.«
+
+»Welche, Sihdi?«
+
+»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also
+Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende:
+du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht
+fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu
+stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem
+Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also
+fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden
+Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du
+besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere
+es.«
+
+»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist
+erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und
+deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich,
+edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche
+erhalten.«
+
+»Was willst du von ihm?«
+
+»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an
+seinem Anblick weiden.«
+
+»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein
+edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also
+nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der
+Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht
+du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den
+Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.«
+
+»Ah! Woher wußte er es?«
+
+»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat
+euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so
+hätte ich euch holen lassen.«
+
+»Er hat uns angezeigt? Weshalb?«
+
+»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten,
+die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert
+habe.«
+
+Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den
+unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück
+Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase -- er war
+jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder
+Mülasim[20], und man weiß ja, was man von einem türkischen Lieutenant zu
+halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die
+Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den
+guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich
+selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals wieder an ihn gedacht,
+denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem
+Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem
+Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die
+ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch
+dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil
+war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen,
+und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war,
+so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts
+von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte
+unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an,
+ungestraft thun zu können, was ihm beliebte.
+
+ [20] Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Lieutenant.
+
+Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst
+angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner
+Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so
+genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich
+war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei.
+Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht
+wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund
+uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte
+ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte
+dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen.
+
+Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein
+schwarzer Diener, der sich vor ihm wie vor dem Sultan auf die Erde warf.
+Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach
+einiger Zeit öffnete sich die Thür, und die zehn Soldaten mit ihrem
+Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus
+allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im
+mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen
+waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher thun
+konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem
+Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick
+musterte und dann seinen Befehl aussprach:
+
+»Kalkyn -- steht auf!«
+
+Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der
+Scheide.
+
+»Kylyn syraji -- bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme.
+
+Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in
+den braunen Händen.
+
+»Has -- dur -- das Gewehr über!« kommandierte er nun.
+
+Die Flinten flogen empor, stießen gegen einander, gegen die Mauer oder
+gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger
+Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.
+
+»Isalam -- dur -- präsentiert das Gewehr!«
+
+Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen
+Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der
+Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete
+ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um
+hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem
+geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus
+der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo
+er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die
+restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage,
+welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.
+
+»Sessiz, söjle -- me -- niz -- steht still und schwatzt nicht!«
+
+Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und
+Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern
+erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu
+geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu
+bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.
+
+Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium
+ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere
+Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu
+befestigen.
+
+Und wieder öffnete sich die Thür. Der Erwartete trat ein. Er war es.
+
+Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an
+der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des
+Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst
+erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht
+größer gedacht werden konnte.
+
+Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte:
+
+»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von
+dir?«
+
+»Ja.«
+
+»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du
+kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.«
+
+»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er
+sich?«
+
+»Er heißt Abu en Nassr.«
+
+»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.«
+
+»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du
+zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber
+wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in
+Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen
+angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir
+das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges,
+denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer
+Bandit.«
+
+Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und
+fragte:
+
+»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher
+Truppe?«
+
+»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.«
+
+Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte.
+
+»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille,
+das heißt eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret
+ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So
+etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir;
+verstanden!«
+
+Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie
+vorgekommen, das ging über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als
+ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut
+oder vor Verlegenheit:
+
+»Mensch, ich hätte sogar Lawi-Pascha werden können, also General-Major,
+wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!«
+
+»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit
+Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst
+du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen
+oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord
+begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem
+Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen,
+weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach
+Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines
+Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein
+behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn
+gefangen nimmst!«
+
+Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:
+
+»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was
+er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.«
+
+Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt, hob ihn
+empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer.
+
+»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt
+sterben!«
+
+Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab
+ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und
+regungslos liegen blieb.
+
+»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte.
+
+Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner
+Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor
+die Fronte der Seinigen und kommandierte:
+
+»Komyn silahlari -- legt die Gewehre weg!«
+
+Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und
+kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück.
+
+»Döndürmek sagha -- rechts umgedreht!«
+
+Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter
+einander.
+
+»Gityn erkek tschewresinde, koschyn -- iz -- nehmt den Mann in die Mitte,
+marsch!«
+
+Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann
+markierte »sol -- sagha, sol -- sagha = links -- rechts, links -- rechts!«
+sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war,
+auf das Kommando des Unteroffiziers stehen.
+
+»Onu tutmyn -- ergreift ihn!«
+
+Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten
+sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten
+mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu
+meiner Befreiung hätte machen mögen.
+
+»Dschenabin -- iz, bizim -- war herifu -- Hoheit, wir haben den Kerl!«
+meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe.
+
+»Brakyn -- jok onu tekrar azad -- laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der
+Statthalter mit strenger Miene.
+
+Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus
+als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das
+alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war
+schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte.
+
+Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine
+Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte:
+
+»Du wirst ihn erschießen lassen!«
+
+»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn
+ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen.
+Bring deine Anklage vor!«
+
+»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem
+Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in
+die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.«
+
+»Warum that er dies?«
+
+»Aus Rache.«
+
+»Wofür wollte er sich rächen?«
+
+»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten
+ihn festnehmen, er aber entwischte uns.«
+
+»Kannst du deine Worte beschwören?«
+
+»Beim Barte des Propheten!«
+
+»Das ist genug! -- Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann.
+
+»Ja.«
+
+»Was sagst du dazu?«
+
+»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die
+Personen geradezu verwechselt.«
+
+»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern
+ihm.«
+
+»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.«
+
+»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den
+großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über
+dich entscheiden wird.«
+
+»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst
+dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und
+also kein Moslem, sondern ein Christ.«
+
+»Er hat beim Propheten geschworen.«
+
+»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott
+bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim
+Rate der Oase verklagen.«
+
+»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte
+ihm nicht das Geringste thun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu
+und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des
+Großherrn steht.«
+
+»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines
+Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner
+Tasche.«
+
+»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich
+verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht
+werden, zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein
+Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie
+hinab in den Hof; ich werde nachkommen!«
+
+»Alykomün elleri -- nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der
+Unteroffizier.
+
+Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab.
+
+»Alyn -- iz tüfenkleri -- hebt die Flinten auf!«
+
+Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich.
+
+»Wirmyn hep -- ütsch -- umschließt alle drei!«
+
+Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den
+Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine
+Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen
+bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.
+
+Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden
+Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen,
+daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.
+
+Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil
+mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete
+ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen
+Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich.
+
+»Wermyn ona elli -- gebt ihm Fünfzig!«
+
+Jetzt war es Zeit.
+
+»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn.
+
+»Ja.«
+
+»Gieb es mir!«
+
+»Du wirst es niemals zurückerhalten!«
+
+»Warum?«
+
+»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.«
+
+»Du willst mich wirklich schlagen lassen?«
+
+»Ja.«
+
+»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist,
+sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!«
+
+Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der
+vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als
+denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht;
+wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen,
+so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war
+völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr
+konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig
+machen.
+
+»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise.
+
+»Ja; meine Burnusschnur.«
+
+»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum
+Ausgang und lässest keinen Menschen durch!«
+
+»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet.
+
+»Sogleich!«
+
+Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten
+hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und
+drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner
+sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte.
+
+»Binde ihn!« gebot ich Omar.
+
+Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort
+begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers
+zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er
+gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache
+so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog
+jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am
+Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er
+bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten.
+
+»Hatschyn, aramin imdadi -- reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der
+Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte.
+
+Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem
+Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere
+Halef mit schußfertigem Gewehre.
+
+»Geri; durar -- siz bunda -- zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen
+entgegen.
+
+Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen
+auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen.
+
+Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick
+bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen.
+
+»Bist du tot?« fragte ich den Wekil.
+
+»Nein, aber du wirst mich töten?«
+
+»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit.
+Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.«
+
+»Was verlangst du von mir, Sihdi?«
+
+Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme.
+Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt,
+welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns
+zuge -- -- kugelt kam.
+
+»Tut -- halt!« rief sie mir kreischend zu. »Öldirme onu; dir benim
+kodscha -- töte ihn nicht; er ist mein Mann!«
+
+Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle
+mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die
+gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem
+Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution
+zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe
+jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig
+entgegen:
+
+»Wer bist du?«
+
+»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie.
+
+»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün -- ja, sie ist mein Weib, die Rose
+von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter.
+
+»Wie heißt sie?«
+
+»Demar-im Mersinah -- ich heiße Mersinah,« berichtete sie.
+
+»He, demar Mersinah -- ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem
+Munde des Wekil.
+
+Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d. i. Myrte. Einem
+so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein.
+
+»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase,
+so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich.
+
+Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte
+lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und
+war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen
+die Türkinnen sein müssen. Übrigens handelte es sich hier, wie sie
+dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.
+
+Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht,
+welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen
+beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht
+vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte
+schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen zu paralysieren
+gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange
+hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie
+jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht
+bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt
+hatte.
+
+»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir
+versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid
+geschehen.«
+
+»Kaladschak-dir -- er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!«
+
+»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke
+wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um
+getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein
+Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt
+von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben
+lasse!«
+
+Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert
+stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie
+betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und
+fragte dann mit freundlichem Tone:
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem
+Meere liegt.«
+
+»Sind eure Frauen schön?«
+
+»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El
+Kebihr.«
+
+Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade
+vor ihren Augen gefunden hatte.
+
+»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das
+habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch
+warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor
+dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?«
+
+»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten
+flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle elf besiegen würde,
+und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann
+vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu
+geben.«
+
+»Du sollst Gerechtigkeit haben!«
+
+Da wollte sich mir die Überzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im
+Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil
+sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder
+herzustellen:
+
+»Ich bin ein gerechter Richter und werde -- -- --«
+
+»Sus-olmar-sen -- du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich
+diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt;
+er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war
+schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden
+konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser
+Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du
+etwas thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und
+habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es
+verdient!«
+
+»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!«
+
+»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischahnün, das
+heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein
+Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin,
+in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll
+deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!«
+
+Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr
+anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht.
+
+»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst
+da!«
+
+Da wandte sie sich um.
+
+»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie.
+
+»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.«
+
+»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!«
+
+»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange
+hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.«
+
+»Die ist bereits erledigt.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns
+wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.«
+
+»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?«
+
+»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.«
+
+»Ist das wahr, Wekil?«
+
+Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen
+seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:
+
+»Ja.«
+
+»Du schwörst es mir?«
+
+»Ich schwöre es.«
+
+»Bei Allah und seinem Propheten?«
+
+»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli.
+
+»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden.
+
+»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.«
+
+»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich.
+
+»Er darf,« antwortete ich.
+
+»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.«
+
+»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?«
+
+»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir
+nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen
+lassen.«
+
+»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er
+wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines
+Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.«
+
+Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das
+kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich
+auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn
+festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu
+nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine
+Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d'em b'ed
+d'em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das
+Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen
+konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich
+auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt
+befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als
+solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht
+schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu
+fallen.
+
+Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem
+Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener:
+
+»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?«
+
+»Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich da, wo er es für
+geboten hält, für einen Mohammedaner aus.«
+
+»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?«
+
+»Für einen sehr schlechten.«
+
+»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt
+dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der
+Dschehennah braten willst!«
+
+»Und du wirst selbst so lange darin braten!«
+
+»Weshalb?«
+
+»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und
+tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom
+Baume Zakum essen müssen?«
+
+»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?«
+
+»Du bist ein Lügner und Heuchler!«
+
+»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist
+kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine
+Kugel treffen!«
+
+»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein.
+Soll ich das dem Wekil erzählen?«
+
+»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun an Hadschi Halef Omar,
+dem treuesten Diener, den du finden kannst!«
+
+»Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch die Bedingung, unter
+welcher ich schweige.«
+
+»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein
+wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!«
+
+Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war
+keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing.
+
+»Setze dich!« lud er mich ein.
+
+Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während
+Halef sich mit den Pfeifen zu thun machte, welche man mittlerweile in
+einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte.
+
+»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die
+Unterhaltung.
+
+»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu
+sehen, mit dem er spricht.«
+
+»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen
+aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und
+unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und
+unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals
+eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns,
+und weshalb? O jazik, o wehe!«
+
+»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten
+wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer
+Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein
+Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!«
+
+»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber
+ich wollte dich nicht beleidigen.«
+
+»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein
+schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand
+brauchen kann, weil er nichts bewahrt.«
+
+»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen
+hast.«
+
+Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte
+schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf.
+
+»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst nicht dabei!«
+
+»Ich schließe es.«
+
+»Nur Allah allein darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen
+Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt,
+wohin er nicht kommen wollte.«
+
+»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist
+ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben
+weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt,
+der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.«
+
+»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen
+besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann.
+Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Warst du dabei?«
+
+»Nein.«
+
+»So hat es dir der Tote erzählt?«
+
+»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter
+nicht mehr sprechen kann!«
+
+»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst
+nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst
+du wissen, daß er ein Mörder ist?«
+
+»Ich schließe es.«
+
+»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!«
+
+»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er
+mir den Mord eingestanden.«
+
+»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder
+ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und
+daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist
+ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen
+Scherz zu machen.«
+
+»Mit einem Morde spaßt man nicht!«
+
+»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich,
+daß er den Führer Sadek erschossen hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst dabei?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Und hast es gesehen?«
+
+»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.«
+
+»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb
+sagen, daß er ein Mörder sei?«
+
+»Natürlich!«
+
+»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß
+der Mensch nicht schließen soll!«
+
+»Nun?«
+
+»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du,
+daß er ein Mörder sei?«
+
+»Das versteht sich doch ganz von selbst.«
+
+»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre! Gibt es in deinem
+Lande keine Blutrache?«
+
+»Nein.«
+
+»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein
+Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben
+das Recht, ihn zu verfolgen.«
+
+»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!«
+
+»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.«
+
+»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich
+meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt
+und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat,
+gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er
+hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und
+dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf
+das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß
+mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit
+ihm ab!«
+
+»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar
+sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es
+dir gefällt.«
+
+Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle
+seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er
+nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam,
+als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen
+Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir
+langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine
+Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei,
+von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei
+erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich: »Breh,
+Effendina, zu Hilfe!«
+
+Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der
+Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war
+nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste
+mir mit schadenfroher Miene entgegen:
+
+»Fort, Sihdi -- dort reiten!«
+
+Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben
+zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen
+ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war
+erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte
+dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den
+Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die
+elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt, und der Streich
+war gelungen.
+
+Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein
+Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten,
+auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten.
+
+»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung.
+
+»Ich sah es.«
+
+»Wohin?«
+
+»Dorthin.«
+
+Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.
+
+»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen
+nachjagen.«
+
+»Er saß auf einem Reitkamele.«
+
+»Ich werde ihn dennoch ereilen.«
+
+»Du hast kein Tier!«
+
+»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden,
+und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde
+ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir
+nachkommen willst.«
+
+Er eilte von dannen.
+
+Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der
+Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn.
+
+»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von
+Mäusen und Ratten -- -- --«
+
+Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die
+Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht
+verschleiert.
+
+»Was ist geschehen?« fragte sie mich.
+
+»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen --«
+
+»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die
+roten Fäuste durch die Hülle zwängend.
+
+»Und haben den Gefangenen befreit -- -- --«
+
+»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen
+Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde.
+
+»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu.
+
+»Des Wekil? -- Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf!
+Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem
+Augenblick!«
+
+Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük.
+
+O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im
+Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!
+
+Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:
+
+»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser am
+Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein
+Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des
+Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht
+so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« -- -- --
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Im Harem.
+
+
+Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit
+der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die
+Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines
+Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt.
+
+Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten Wohnung, schlürfte
+würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des würzigen Djebeli, welcher
+meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern
+boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten porösen
+Thongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die
+Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier
+so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.
+
+Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha.
+
+Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr
+geworden, und wer hat ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst
+als er selbst!
+
+Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Ägypten gekommen, hatten Kairo
+besucht, welches der Ägypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder
+noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es
+mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns
+dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl
+befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle
+Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen
+heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete:
+
+ »Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?«
+
+und von denen man außer dem großäugigen #Pulex canis# und dem rötlichen
+#Pulex musculi# noch den allbeliebten #Pulex irritans# und den wütenden
+#Pulex penetrans# kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Ägypten
+nicht das Jagdgefilde des #»irritans«#, sondern des #»penetrans«#, also
+nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« #Pulex# ist, und so
+brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe,
+nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war.
+
+Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha,
+die mich aus meinen Träumen weckte:
+
+»Was? Wie? Wen?«
+
+»Den Effendi,« antwortete es schüchtern.
+
+»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?«
+
+»Ich muß ihn sprechen.«
+
+»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel -- Allah
+beschütze mich vor ihm! -- den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du
+nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein
+Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar
+die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben
+sind!«
+
+Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Ägypten
+viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz,
+unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im
+Oriente viel sagen.
+
+Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder
+Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten.
+Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb
+gefüllte homöopatische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand
+gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf
+Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt
+meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine
+Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in
+den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil
+er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne.
+
+Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von
+Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir
+der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten
+beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst;
+er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons
+Münchhausen #senior# verfallen und versuchte nebenbei, durch eine
+Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte.
+
+So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohne eine
+Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte
+Ägypten von früherher und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht
+auszukommen sei, weil sie größere Wunder thue als Höflichkeit und Geld,
+von welchem letzteren mir allerdings kein großer Überfluß zur Verfügung
+stand.
+
+»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder;
+»aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich
+sehen und sprechen.«
+
+»Jetzt nicht.«
+
+»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre
+schenken möge.«
+
+»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein
+Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters?
+Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen
+verdankt?«
+
+»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon
+sein Name sagt.«
+
+»Sein Name? Was meinst du?«
+
+»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir,
+daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.«
+
+»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?«
+
+»Nein.«
+
+»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der
+tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm
+gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein
+Herr hat keine Zeit.«
+
+»So sage mir, Sihdi, was ich thun muß, um zu ihm zu kommen!«
+
+»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten
+der Weisheit erschließt?«
+
+»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.«
+
+»So schließe auf.«
+
+Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken.
+
+»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist,
+als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.«
+
+»So muß ich ihn vergrößern.«
+
+Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte
+ich lachen oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz
+außerordentlich geriebener Portier geworden!
+
+»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem
+Effendi auszurichten hast.«
+
+»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.«
+
+»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten,
+diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes
+von einer weißen Fee gebracht wird?«
+
+»Ist dies wahr?«
+
+»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
+al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht
+glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu
+kosten bekommen!«
+
+»Ich glaube es, Sihdi!«
+
+»Das ist dein Glück!«
+
+»Und werde dir noch zwei Piaster geben.«
+
+»Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?«
+
+»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.«
+
+»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee
+gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!«
+
+»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!«
+
+»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!«
+
+»Aber ich bitte dich -- -- --«
+
+»Packe dich!«
+
+»Soll ich dir noch einen Piaster geben?«
+
+»Ich nehme nicht einen mehr!«
+
+»Sihdi!«
+
+»Sondern zwei!«
+
+»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei
+Piaster.«
+
+»Schön! Also wer ist krank?«
+
+»Das Weib meines Herrn.«
+
+»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?«
+
+»Er hat nur diese eine.«
+
+»Und soll Mamur gewesen sein?«
+
+»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur
+diese.«
+
+»Was fehlt ihr?«
+
+»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch
+kränker.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der
+Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei
+dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als
+wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du
+nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den
+Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar
+noch mehr krank als ihr Leib?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu
+dem Effendi!«
+
+»Ich darf es nicht thun.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle
+der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch
+nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben,
+sonst würde die Fee nie wiederkommen.«
+
+Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen,
+fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken
+zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort:
+
+»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre
+Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr
+sprechen.«
+
+»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o
+Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr
+sprechen darf?«
+
+»Warum?«
+
+»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem
+Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Gehe fort!«
+
+»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen
+bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.«
+
+»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Ägypters, daß er deine Füße
+mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam
+aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!«
+
+»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat
+mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat
+mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch
+erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Ägypten nicht
+reicher geben würde.«
+
+Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger
+bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man
+ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort
+seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme:
+
+»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand
+ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so
+mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des
+Mokattam.«
+
+»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!«
+
+»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als
+freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines
+Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenig
+Tropfen Tau vom Himmel fallen!«
+
+»Hier hast du noch drei Tropfen!«
+
+»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein
+Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.«
+
+»Er giebt es.«
+
+»So warte!«
+
+Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue
+Fuchs! Übrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er
+einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine
+Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.
+
+Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war
+der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem
+weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den
+wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner
+Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigiebt, so handelte es
+sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht
+durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe
+Abrahim-Mamurs erhalten hatte.
+
+Halef Agha trat ein.
+
+»Schläfst du, Sihdi?«
+
+Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich
+selbst so nennen.
+
+»Nein. Was willst du?«
+
+»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot
+im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.«
+
+Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das
+versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit
+bringen und that, als ob ich nichts gehört hätte.
+
+»Was will er?«
+
+»Es ist jemand krank.«
+
+»Ist es notwendig?«
+
+»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde
+zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.«
+
+Hm, er war kein übler Diplomat!
+
+»Laß den Mann eintreten!«
+
+Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur
+Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn
+anreden würde.
+
+»Tritt näher!«
+
+»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen
+sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am
+Flusse wohnt.«
+
+»Was sollst du mir sagen?«
+
+»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn
+Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des
+Todes. Kein Arzt, kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt
+ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr -- den Allah erfreuen
+möge -- von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme
+flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau
+des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie
+der Glanz des Goldes.«
+
+Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig
+überschwänglich zu sein.
+
+»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von
+hier?«
+
+»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du
+bei ihm sein.«
+
+»Wer wird mich zurückfahren?«
+
+»Ich.«
+
+»Ich komme. Warte draußen!«
+
+Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein
+anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur,
+Pulsatilla und all' den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert
+Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von
+vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber
+stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die
+silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte,
+und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche
+Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung
+Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen.
+
+Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende
+Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in
+Berührung.
+
+Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und
+Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen
+emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein
+niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam
+nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits
+vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die
+quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.
+
+Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse
+unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen
+Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen
+brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu
+der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore
+ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.
+
+Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir
+seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten
+vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei
+einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich
+mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front,
+welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima des Landes hatte denn doch
+einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als
+daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen
+mögen.
+
+Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem
+Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung
+geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge
+nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von
+Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des
+betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung
+in die traurige tote Scene.
+
+Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen
+Thorgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis
+hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der
+Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf
+bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen,
+was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und
+Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau
+darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des
+Nils schadlos aushalten zu können.
+
+In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen
+jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen
+jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem
+Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des
+weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlük des Hauses.
+
+Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen
+vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuend gedämpftes Licht fiel. Durch
+die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen
+wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden
+Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer
+trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft,
+die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war.
+Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer
+Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem Abrahim-Mamur, der
+»Besitzer von vielen Beuteln«, saß.
+
+Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem
+Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so
+konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt,
+unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ
+mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen
+Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere
+folgen.
+
+Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen,
+denn jeder Kenner des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die
+Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange,
+wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr
+hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber noch war das
+Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein
+mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien
+wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich
+befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von
+zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten
+Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden
+Blick in das Gesicht!
+
+Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen,
+feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend,
+scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des
+kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie
+beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben
+diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß,
+die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig
+angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem
+Äußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches
+dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.
+
+Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur
+besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht
+gewesen.
+
+»Sallam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen,
+aber schwarzgefärbten Barte hervor.
+
+Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem
+dabei ein Schauer ankommen.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich.
+
+»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig
+träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre
+die Stimme seines Kummers!«
+
+»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem
+Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal
+der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten
+Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.
+
+»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse[21]
+hast du besucht?«
+
+ [21] Höhere Schule im Orient.
+
+»Keine.«
+
+»Keine?«
+
+»Ich bin kein Moslem.«
+
+»Nicht? Was sonst?«
+
+»Ein Nemsi!«
+
+»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den
+Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.«
+
+»Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.«
+
+Er blickte mir kalt in die Augen.
+
+»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer
+von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht
+entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit
+eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?«
+
+»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die
+Medizin.«
+
+»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn
+trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als
+hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und
+besiegen.«
+
+»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm
+allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«
+
+Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes
+Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu
+berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er
+sofort die Schwäche zu verbergen und befolgte meine Aufforderung:
+
+»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der
+zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?«
+
+Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher
+er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich
+ernst und antwortete ziemlich kalt:
+
+»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.«
+
+»Ihr seid doch ungläubig!«
+
+»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah
+nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit
+demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso
+nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der
+Höflichkeit verletzen.«
+
+»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe
+sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«
+
+»Ich erlaube es.«
+
+»Wenn das Weib eines Franken krank ist -- -- --«
+
+Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm
+nur, in seiner Rede fortzufahren.
+
+»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt --«
+
+»Keine?«
+
+»Nicht die geringste!«
+
+»Weiter!«
+
+»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert -- wenn sie
+müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt -- -- --«
+
+»Weiter!«
+
+»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht -- vor Kälte
+schauert und vor Hitze brennt -- -- --«
+
+»Ich höre. Fahre fort.«
+
+»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt -- wenn sie nichts
+wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens
+zittert -- -- --«
+
+»Immer weiter!«
+
+»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels -- wenn sie nicht
+lacht, nicht weint, nicht spricht -- wenn sie kein Wort der Freude und
+kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr
+vernimmt -- wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der
+Nacht wach in den Ecken kauert -- -- --«
+
+Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine
+Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten
+Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die
+Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast
+ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu
+wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.
+
+»Du bist noch nicht zu Ende!«
+
+»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr
+in die Brust gestoßen würde -- wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort
+flüstert --«
+
+»Welches Wort?«
+
+»Einen Namen.«
+
+»Weiter!«
+
+»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt -- -- --«
+
+Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte,
+meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein
+vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:
+
+»So wird sie sterben.«
+
+Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag
+getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir.
+Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die
+Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
+widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares
+Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der
+geniale Stift Doré's zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß
+und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder
+einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung
+dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so -- diabolisch. Sein Auge ruhte
+mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in
+einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.
+
+»Giaur!« donnerte er mich an.
+
+»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.
+
+»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll
+dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir
+befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so
+darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«
+
+Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in
+meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:
+
+»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«
+
+»Was?«
+
+»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was
+sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem
+Christen entblößest?«
+
+Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm
+dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.
+
+»Du mußt sterben, Giaur!«
+
+»Wann?«
+
+»Jetzt, sofort!«
+
+»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir
+beliebt.«
+
+»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«
+
+»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären
+gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen
+Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den 'Herdenwürgenden'
+getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein
+Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und
+wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«
+
+Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit
+einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück,
+denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen
+Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber,
+denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen
+die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten
+Unterhaltung vernehmen solle.
+
+Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor
+den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir
+beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich
+ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein
+zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte
+mit ihr sprechen.
+
+»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.
+
+»Ja.«
+
+»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«
+
+»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«
+
+»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!«
+
+»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«
+
+»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«
+
+»Wo?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Wann?«
+
+»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten
+war.«
+
+»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft
+gut enden würde. Du hast mich 'Hund' genannt, und ich sage dir, daß dir
+im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast,
+meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«
+
+»Ich werde meine Diener rufen!«
+
+»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie
+zu legen.«
+
+»Oho, du bist kein Gott!«
+
+»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«
+
+Er lächelte verächtlich.
+
+»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist
+nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden
+deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod
+bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr
+erhalte dich!«
+
+Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu.
+
+»Bleib!« rief er.
+
+Ich schritt dennoch weiter.
+
+»Bleib!« rief er gebieterischer.
+
+Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um.
+
+»So stirb, Giaur!«
+
+Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite
+auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der
+Wand.
+
+»Jetzt bist du mein, Bube!«
+
+Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn
+erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.
+
+Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine
+Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten
+geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den
+Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.
+
+»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht
+wieder, sie zu reizen!«
+
+»Mensch!«
+
+»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn
+mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der
+Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«
+
+»Zauberer!«
+
+»Warum?«
+
+»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und
+du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«
+
+»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein
+Weib, erhalten können.«
+
+Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.
+
+»Wer hat dir diesen Namen genannt?«
+
+»Dein Bote.«
+
+»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«
+
+»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot
+sein kann.«
+
+Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug
+er die Hände vor das Gesicht.
+
+»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«
+
+»Es ist wahr.«
+
+»Kann sie nicht gerettet werden?«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu
+helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«
+
+»Ich bin bereit.«
+
+»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.«
+
+»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann.
+Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!«
+
+Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.
+
+»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt,
+daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf
+welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«
+
+»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den
+Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was
+ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu
+fragen.«
+
+»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«
+
+»Nein.«
+
+»Auch nicht durch Worte?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder durch das Gebet?«
+
+»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie
+gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«
+
+»Welche Mittel sind es?«
+
+»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir
+ausziehen.«
+
+»Es sind keine Gifte?«
+
+»Ich vergifte keinen Kranken.«
+
+»Kannst du das beschwören?«
+
+»Vor jedem Richter.«
+
+»Und du mußt mit ihr sprechen?«
+
+»Ja.«
+
+»Was?«
+
+»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit
+zusammenhängt.«
+
+»Nach andern Dingen nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«
+
+»Ich bin es zufrieden.«
+
+»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«
+
+»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in
+dem Zimmer auf und ab gehen.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die
+Krankheit betrifft.«
+
+»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«
+
+»Das darf nicht sein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer
+betrachten.«
+
+»Aus welchem Grunde?«
+
+»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen
+entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«
+
+»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?«
+
+ [22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige,
+ Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die
+ Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses
+ abgesondert ist.
+
+»Ja.«
+
+»Ein Ungläubiger?«
+
+»Ein Christ.«
+
+»Ich erlaube es nicht!«
+
+»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«
+
+Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der
+Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit
+leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung
+glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines
+Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte
+ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder
+bis zur Thür gehen, dann aber rief er:
+
+»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«
+
+Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu
+lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich
+zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie
+gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden
+ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge
+mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen
+Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste
+Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich
+ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren
+Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in
+dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen
+unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die
+Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen
+Umständen begegnet seien.
+
+Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen,
+denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann
+Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.
+
+Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck
+fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund,
+und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch
+hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:
+
+»Du sollst zu ihr gehen -- --«
+
+»Du versprachst es bereits.«
+
+»Und ihre Zimmer sehen -- --«
+
+»Natürlich.«
+
+»Auch sie selbst -- -- --«
+
+»Verschleiert und eingehüllt.«
+
+»Und mit ihr sprechen.«
+
+»Das ist notwendig.«
+
+»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit
+aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort
+sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir
+nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und
+wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen
+sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und
+bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«
+
+ [23] Plural von Sura, die Strophe.
+
+Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese
+Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn
+sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja
+gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur
+konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer
+Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein
+dunkler Punkt zu finden sei.
+
+»Ist es Zeit?« fragte ich.
+
+»Komm!«
+
+Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.
+
+Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in
+denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann
+betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun
+folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach
+benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie
+sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.
+
+»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon
+der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit
+einem halb spöttischen Lächeln.
+
+»Und das Gemach nebenan -- --?«
+
+»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß
+mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem
+Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig,
+bis ich wiederkomme!«
+
+Er trat hinaus, und ich war allein.
+
+Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die
+Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte
+meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins
+Wanken.
+
+Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe
+Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer,
+der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.
+
+Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.
+
+»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«
+
+»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«
+
+»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.«
+
+Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine
+Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts
+war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden
+Füße.
+
+Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig
+befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich,
+mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in
+eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig
+in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur
+die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der
+Arm war in derselben Weise verhüllt.
+
+Ich wandte mich zu Abrahim.
+
+»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich kann den Puls nicht fühlen.«
+
+»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.
+
+Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes
+Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen
+erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen
+mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr
+Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß
+zu fühlen, sondern auch zu hören, und -- täuschte ich mich nicht -- da
+wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:
+
+»Kurtar Senitzaji -- rette Senitza!«
+
+»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.
+
+»Ja.«
+
+»Was fehlt ihr?«
+
+»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt,
+aber -- -- -- ich werde sie retten.«
+
+Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie
+als an ihn.
+
+»Wie heißt das Übel?«
+
+»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.«
+
+»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«
+
+»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir
+gehorsam seid.«
+
+»Worin soll ich dir gehorchen?«
+
+»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«
+
+»Das werde ich thun.«
+
+»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.«
+
+»Das soll geschehen.«
+
+»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«
+
+»Du? Weshalb?«
+
+»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«
+
+»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«
+
+»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu
+beurteilen vermagst.«
+
+»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«
+
+»Nur das, was du mir erlaubst.«
+
+»Und wo soll es geschehen?«
+
+»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«
+
+»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«
+
+»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer
+Krankheit -- -- frei.«
+
+»So gieb ihr die Medizin.«
+
+»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem
+Diener.«
+
+»So komm!«
+
+Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied
+von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor
+und wagte die drei Silben:
+
+»Eww' Allah, mit Gott!«
+
+Sofort aber fuhr er herum:
+
+»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«
+
+»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß
+sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man
+nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«
+
+»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken
+braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«
+
+Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der
+alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen
+Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.
+
+»Wann wirst du morgen kommen?«
+
+»Um dieselbe Stunde.«
+
+»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für
+heute?«
+
+»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir
+beliebt.«
+
+Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor,
+nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.
+
+»Hier, nimm du!«
+
+Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine
+große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das
+Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:
+
+»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe
+sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die
+erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch
+bei mir!«
+
+Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein
+Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein
+befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.
+
+»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse
+sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«
+
+»Hadschi Halef Omar!«
+
+»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«
+
+»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«
+
+»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«
+
+»Noch fünfmal vielleicht.«
+
+»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht
+noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob
+es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.«
+
+Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten.
+Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging
+es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir
+nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.
+
+Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer
+Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt,
+ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche
+lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein:
+
+»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.«
+
+Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell
+um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht
+gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater
+der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht
+hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten
+zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und
+ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier
+wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief
+dann zum Deck empor.
+
+»Hassan el Reïsahn, ohio!«
+
+Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:
+
+»Wer ist -- -- o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der
+Nemsi Kara Effendi?«
+
+»Er ist es, Abu Hassan.«
+
+»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«
+
+Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.
+
+»Was thust du hier?« fragte er mich.
+
+»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«
+
+»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung
+Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier
+anlegen.«
+
+»Wie lange bleibst du hier?«
+
+»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«
+
+»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«
+
+»Hast du einen guten Wirt?«
+
+»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr
+zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«
+
+ [24] Dorfrichter.
+
+»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«
+
+»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du
+wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«
+
+»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«
+
+»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«
+
+»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.«
+
+ [25] Vorstadt von Kairo mit Hafen.
+
+Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.
+
+»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«
+
+»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn
+ich es habe oder kann!«
+
+»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«
+
+»Kann ich es erfüllen?«
+
+»Ja.«
+
+»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«
+
+»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«
+
+»Ich komme und -- -- doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen
+bin.«
+
+»Wo?«
+
+»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«
+
+»Bei dem Scheik el Belet?«
+
+»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir
+gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und
+einen Platz für seinen Diener gemietet.«
+
+»Was ist er?«
+
+»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«
+
+»Aber sein Diener konnte es sagen.«
+
+Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.
+
+»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von
+keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und
+giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen
+unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner,
+heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen
+sein wird.«
+
+»So wirst du also nicht zu mir kommen?«
+
+»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah
+behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«
+
+Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte
+mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige
+Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn
+bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.
+
+»Sallam aaleïkum.«
+
+»Aaleïkum.«
+
+»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«
+
+»Wozu?«
+
+»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung
+gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«
+
+»Wo liegt diese Wohnung?«
+
+»Droben.«
+
+»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.«
+
+»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr
+viel zu pfeifen und zu singen scheint.«
+
+»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«
+
+Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber
+doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte
+zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen
+her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen.
+
+»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der
+Stimme Halef, meinen kleinen Diener.
+
+»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der
+andere.
+
+»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.
+
+»Ich auch!«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«
+
+»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«
+
+»Ein Agha?«
+
+»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.«
+
+»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?«
+
+»Alles.«
+
+»Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen Einzigen, der alles
+kurieren kann.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Ich.«
+
+»So bist du auch ein Arzt?«
+
+»Nein. Ich bin auch der Beschützer meines Herrn.«
+
+»Wer ist dein Herr?«
+
+»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.«
+
+»Ihr konntet draußen bleiben.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt.
+Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Er ist, er ist -- -- mein Herr, aber nicht dein Herr.«
+
+»Schlingel!«
+
+Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst
+indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und
+pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen;
+nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein
+Lied.
+
+Ich wäre vor freudiger Überraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text
+der beiden Strophen, welche er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er
+sich bediente:
+
+ »Fid-dagle ma tera jekun?
+ Chammin hu Nabuliun.
+ Ma balu-hu jedubb hena?
+ Kussu-hu, ja fitjanena!
+
+ Gema'a homr el-elbise
+ Wast el-chala muntasibe.
+ Ma bal hadolik wakifin?
+ Hallu-na nenzor musri' in!«
+
+Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten,
+klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als:
+
+ »Was kraucht nur dort im Busch herum?
+ Ich glaub', es ist Napolium.
+ Was hat er nur zu krauchen dort?
+ Frisch auf, Kam'raden, jagt ihn fort!
+
+ Wer hat nur dort im off'nen Feld'
+ Die roten Hosen hingestellt?
+ Was haben sie zu stehen dort?
+ Frisch auf, Kam'raden, jagt sie fort!«
+
+Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für
+Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Thür,
+öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue
+Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf
+dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung.
+
+Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als
+ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte:
+
+»Gefällt es dir, Effendi?«
+
+»Sehr! Woher hast du das Lied?«
+
+»Selbst gemacht.«
+
+»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?«
+
+»Selbst gemacht, erst recht!«
+
+»Lügner!«
+
+»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!«
+
+»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese
+Melodie kenne ich.«
+
+»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.«
+
+»Und von wem hast du sie gehört?«
+
+»Von niemand.«
+
+»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem
+deutschen Liede.«
+
+»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!«
+
+»Das Lied heißt:
+
+ »Was kraucht nur dort im Busch herum?
+ »Ich glaub', es ist -- -- --«
+
+»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone,
+da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man
+vielleicht een Deutscher?«
+
+»Versteht sich!«
+
+»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr
+Hekim-Baschi?«
+
+»Aus Sachsen.«
+
+»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede 'n Ofen einreißen! Und
+Sie sind man wohl een Türke jeworden?«
+
+»Nein. Sie sind ein Preuße?«
+
+»Dat versteht sich! Een Preuße aus'n Jüterbock.«
+
+»Wie kommen Sie hierher?«
+
+»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.«
+
+»Was sind Sie ursprünglich?«
+
+»Balbier unjefähr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme, und da jing ich
+in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.«
+
+»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?«
+
+»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben
+Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.«
+
+»Was thut er hier?«
+
+»Weeß ich's? Er sucht wat.«
+
+»Was denn?«
+
+»Wird wohl vielleicht 'n Frauenzimmer sein.«
+
+»Ein Frauenzimmer? Das wär' doch sonderbar!«
+
+»Wird aber doch wohl zutreffen.«
+
+»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?«
+
+»Ne Montenegrinerin, 'ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat
+ausjesprochen wird.«
+
+»Wa--a--as? Senitza heißt sie?«
+
+»Ja.«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens thut er stets
+-- -- halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß 'nauf!«
+
+Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer
+auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbogk, der sich so
+poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit
+mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile
+eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte.
+Unglücklicher Weise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder
+Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen
+nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur
+erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte,
+blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz
+abzubrechen.
+
+So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen
+schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat
+bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann
+zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterbogker Türken
+zanken.
+
+»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan.
+
+»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser
+auspumpen. Allah giebt morgen wieder einen Tag.«
+
+»Und wann fährst du ab?«
+
+»Übermorgen früh.«
+
+»Du würdest mich mitnehmen?«
+
+»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.«
+
+»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?«
+
+»Meine Dahabïe hat noch viel Platz. Wer ist es?«
+
+»Kein Mann, sondern ein Weib.«
+
+»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?«
+
+»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.«
+
+»Der auch mitfahren wird?«
+
+»Nein.«
+
+»So hast du sie ihm abgekauft?«
+
+»Nein.«
+
+»Er hat sie dir geschenkt?«
+
+»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es
+weiß?«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Mann, weißt du, was das ist?«
+
+»Nun?«
+
+»Eine Tschikarma, eine Entführung!«
+
+»Allerdings.«
+
+»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist
+dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen
+willst?«
+
+»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist
+mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.«
+
+»Öffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!«
+
+Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte
+mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich.
+
+»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!«
+
+»Wohin?«
+
+»Das sollst du sogleich sehen.«
+
+Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf
+in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend,
+daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln
+angemeldet hatten.
+
+Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht
+sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er
+rauchte, sagte mir, daß der Jüterbogker mit seinem »schauderhaftes Jeld«
+wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische
+Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm
+mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort:
+
+»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist
+Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.«
+
+»Seid mir beide willkommen und setzt euch!« erwiderte der junge Mann.
+
+Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen,
+daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne
+weiteres bei ihm einzuführen.
+
+»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte.
+
+»Gern. Sage mir, was ich thun soll.«
+
+»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt
+hast!«
+
+In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus.
+
+»Hassan el Reïsahn«, meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast
+doch bereits geplaudert!«
+
+»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!«
+
+»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm
+reden soll?«
+
+»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des
+Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu
+erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren
+bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir
+vielleicht Auskunft geben kann.«
+
+Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor.
+
+»Ist's wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?«
+
+»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher
+auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du
+zuerst!«
+
+»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde
+ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!«
+
+»Ich begehre keinen Lohn. Rede!«
+
+»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.«
+
+»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.«
+
+»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.«
+
+»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?«
+
+»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie
+duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang
+der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß
+ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von
+Worten der Güte, und ihre Augen -- -- --«
+
+Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes.
+
+»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange.
+Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des
+Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?«
+
+»Seit zwei Monden.«
+
+»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?«
+
+»O, Effendi, was sollte dies sein?«
+
+»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette -- -- --«
+
+»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war
+wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.«
+
+»Ich habe ihn gesehen.«
+
+»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?«
+
+»Heute, vor wenigen Stunden.«
+
+»Wo?«
+
+»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.«
+
+Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände
+auf die Schultern.
+
+»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?«
+
+»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.«
+
+»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.«
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend
+Piaster, wenn du mich zu ihr führst!«
+
+»Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst, so kann ich dich heute
+nicht zu ihr bringen.«
+
+»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?«
+
+»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell
+handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.«
+
+»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.«
+
+»Brenne deine Pfeife an!«
+
+»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß -- -- --«
+
+»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.«
+
+»Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.«
+
+Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine
+glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken.
+
+»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf.
+
+»Heute schickte ein reicher Ägypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein
+Weib krank sei -- -- --«
+
+»Sein Weib -- -- --!«
+
+»So ließ er mir sagen.«
+
+»Du gingst?«
+
+»Ich ging.«
+
+»Wer ist dieser Mann?«
+
+»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem
+einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.«
+
+»Es wird von einer Mauer umgeben?«
+
+»Ja.«
+
+»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile
+abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist
+sie wirklich sein Weib?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.«
+
+»Und krank ist sie?«
+
+»Sehr.«
+
+»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses
+widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?«
+
+»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in
+Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald
+geschieht.«
+
+»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?«
+
+»Nein, ich habe es beobachtet.«
+
+»Du hast sie gesehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Belauscht?«
+
+»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken
+sprechen könne.«
+
+»Er selbst? Unmöglich!«
+
+»Er liebt sie -- --«
+
+»Allah strafe ihn!«
+
+»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder
+fortschickte.«
+
+»So sprachst du auch mit ihr?«
+
+»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir
+leise zuzuflüstern: »Rette Senitza.« Sie trägt also diesen Namen,
+obgleich er sie Güzela nennt.«
+
+»Was hast du ihr geantwortet?«
+
+»Daß ich sie retten werde.«
+
+»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und
+entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir
+wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen
+gehalten wird!«
+
+»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und -- -- --«
+
+»Ich gehe mit, Sihdi!«
+
+»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?«
+
+»Sie kennt ihn sehr gut.«
+
+»Willst du mir ihn anvertrauen?«
+
+»Gern. Aber wozu?«
+
+»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen,
+daß sie den Ring zu sehen bekommt.«
+
+»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der
+Nähe bin. Aber dann?«
+
+»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.«
+
+»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in
+Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den
+Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen
+Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza,
+als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. Ich sah sie
+später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den
+schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu
+besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die
+Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!«
+
+»Wohin?«
+
+»Niemand wußte es.«
+
+»Auch ihre Eltern nicht?«
+
+»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um
+nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte
+nach Ägypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem
+Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal[26], auf welchem ich
+war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich
+blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht
+genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den
+Jaschmak sofort wieder überwarf -- weiter sah ich nichts. Seit dieser
+Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.«
+
+ [26] Kleines Segelschiff.
+
+»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder
+gezwungen verlassen hat?«
+
+»Freiwillig nicht.«
+
+»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?«
+
+»Nein.«
+
+»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht
+ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.«
+
+»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?«
+
+»Das ist wahr.«
+
+»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?«
+
+»Ja.«
+
+»Wirst du dein Wort halten?«
+
+»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.«
+
+»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es
+ist?«
+
+»Dein Ring wird mir die Überzeugung geben.«
+
+»Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?«
+
+»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.«
+
+»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.«
+
+»Und dann? Hassan el Reïsahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabïe
+aufzunehmen?«
+
+»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich
+befindet.«
+
+»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.«
+
+»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz gewesen ist,
+so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte
+der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode
+beftraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und
+vorsichtig handeln müssen.«
+
+Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als
+vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine
+Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die
+Kranke geltend machen könnte.
+
+Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und
+trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß
+Isla keine Ruhe finden werde.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Eine Entführung.
+
+
+Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich
+mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte.
+Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch
+den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am
+Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen
+Liedern erschöpfen zu wollen.
+
+Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu
+unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen
+Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit
+meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was
+für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde.
+
+Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und
+als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches
+mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach
+demselben gehalten.
+
+»Effendi, fahre ich mit?« fragte er.
+
+Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:
+
+»Heute brauche ich dich nicht.«
+
+»Wie? du brauchst mich nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn dir nun etwas begegnet!«
+
+»Was soll mir begegnen?«
+
+»Du kannst in das Wasser fallen.«
+
+»So schwimme ich.«
+
+»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er
+dein Freund nicht ist.«
+
+»So könntest du mir auch nicht helfen.«
+
+»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit
+verlassen kannst!«
+
+»So komm!«
+
+Es war ihm natürlich sehr um sein Bakschisch[27] zu thun.
+
+ [27] Trinkgeld.
+
+Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute
+natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im
+Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich
+lange Stangen. Sowohl das Außen- wie auch das Innenthor wurden immer mit
+breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir
+genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer
+erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin
+elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben
+schliefen. Der Herr selbst schlief stets auf dem Diwan seines Selamlük.
+
+Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren
+Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen
+hatte.
+
+»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.«
+
+»So!«
+
+»Sie hat bereits gestern schon gegessen.«
+
+»Ah!«
+
+»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.«
+
+»Freundlich?«
+
+»Freundlich und viel.«
+
+»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen
+vollständig gesund.«
+
+»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.«
+
+»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?«
+
+Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.
+
+»Die Ärzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!«
+
+»Wißbegierig nur; aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder
+die Gesundheit, denen eure Ärzte nicht helfen könnten.«
+
+»War deine Frage wirklich notwendig?«
+
+»Ja!«
+
+»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.«
+
+»So ist die Hilfe sicher.«
+
+Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern
+warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich
+genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert.
+Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen
+konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell
+entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß
+es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien
+Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.
+
+Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte
+ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben
+hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an
+ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat
+Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging,
+sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen -- sie
+hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der
+unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für
+jetzt weiter nichts mehr hier zu thun.
+
+Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.
+
+»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen
+Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits
+gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit
+Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.«
+
+Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlük harrte Halef
+bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der
+kleine Agha ein noch größeres Bakschisch als gestern erhielt. Dann ging
+es wieder stromabwärts zurück.
+
+Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.
+
+»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen.
+
+»Ja.«
+
+»Erkannte sie den Ring?«
+
+»Sie erkannte ihn.«
+
+»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!«
+
+»Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß
+sie heute nacht errettet wird.«
+
+»Aber wie?«
+
+»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?«
+
+»Ich werde fertig bis zum Abend.«
+
+»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?«
+
+»Ja.«
+
+»So hört mich! In das Haus führen zwei Thüren, welche aber von innen
+verriegelt sind; durch sie können wir nicht eindringen. Aber es giebt
+noch einen zweiten Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei,
+kannst du schwimmen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut. Es führt ein Kanal aus dem Nil unter den Mauern hinweg nach einem
+Bassin, welches in der Mitte des Hofes sich befindet. Kurz nach
+Mitternacht, wenn alles schläft, treffen wir dort ein, und du dringst
+durch den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Thüre, welche du sofort
+finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen, der sehr leicht
+zurückzuschieben ist. Indem du öffnest, kommst du in den Garten, dessen
+Thüre auf gleiche Weise sich öffnen läßt. Sobald die Thüren offen sind,
+trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten und lehnen sie an
+die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen, hinter welchem die
+Frauengemächer liegen. Ich habe es bereits von innen geöffnet.«
+
+»Und dann?«
+
+»Was dann geschehen soll, muß sich nach den Umständen richten. Wir
+fahren mit einem Boote bis an Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit
+sein muß, das Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so daß er uns nicht
+verfolgen kann. Unterdessen macht der Reïs seine Dahabïe segelfertig.«
+
+Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den Riß des Hauses auf ein
+Blatt Papier, so daß Isla Ben Maflei vollständig orientiert war, wenn er
+heute abend aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter den
+notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und als es Zeit wurde, rief
+ich Halef herein und gab ihm die nötigen Weisungen für das bevorstehende
+Abenteuer.
+
+Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen. Die Wohnungsmiete war
+schon voraus bezahlt.
+
+Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald mit den Sachen nach.
+Das Schiff war bereit zur Fahrt und brauchte nur vom Ufer gelöst zu
+werden. Nach einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein,
+der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen wir in das lange,
+schmale Boot, welches zur Dahabïe gehörte. Die beiden Diener mußten
+rudern, und ich lenkte das Steuer.
+
+Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen
+ruht, als gebe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges
+drohendes Element.
+
+Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten,
+waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus
+dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen
+Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese
+Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies
+zu glauben.
+
+Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt
+ja _vor_ einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar
+bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann
+ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht
+gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor
+Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse
+lagen und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote
+standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst
+konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten,
+und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter
+seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen.
+
+Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes
+aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze
+Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus,
+um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht
+die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles
+in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den
+Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn.
+
+»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein
+wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber
+können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr
+nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen
+können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!«
+
+Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser
+blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein
+und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine
+Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.
+
+»Wird es gehen?« fragte ich ihn.
+
+»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel
+Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.«
+
+»Bist du noch entschlossen?«
+
+»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi, wohlan!«
+
+Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der
+Maueröffnung, durch welche das Wasser führte.
+
+Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine
+Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes
+geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich
+hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der
+Kopf des Schwimmers in der Öffnung wieder erschien.
+
+»Du kehrst zurück?«
+
+»Ja, ich konnte nicht weiter.«
+
+»Warum?«
+
+»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!«
+
+»Weshalb nicht?«
+
+»Die Mauer ist zu hoch -- -- --«
+
+»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist
+fest verschlossen.«
+
+»Und der Kanal auch.«
+
+»Verschlossen?«
+
+»Ja.«
+
+»Womit?«
+
+»Mit einem starken Holzgitter.«
+
+»Konntest du es nicht entfernen?«
+
+»Es widersteht aller meiner Kraft.«
+
+»Wie weit ist der Ort von hier?«
+
+»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.«
+
+»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und
+erwarte mich hier.«
+
+Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den
+Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht
+offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner
+Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es
+war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut
+eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer
+befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa
+Ratten, Wassermäuse u. s. w. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte
+daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen
+nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden
+Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die
+Mauer -- ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war
+eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe
+herausgerissen, so daß eine Öffnung entstanden war, durch welche ich
+mich zwängen konnte.
+
+Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn
+das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser
+und kannte ja auch die Örtlichkeit genauer als er. Ich passierte also
+die Öffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in
+dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als
+ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe
+befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche
+des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des
+Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre,
+welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige
+Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser
+durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst
+unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war.
+Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg
+stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nötigen
+Atem zu holen? -- -- Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es war
+doch immerhin möglich, daß sich jemand in dem Hofe befand.
+
+Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll
+Atem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend und
+halb gehend, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts.
+
+Eine ziemliche Strecke legte ich so zurück, und schon verspürte ich den
+eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand wirklich an ein neues
+Hindernis stieß. Es war, wie ich fühlte, ein aus einem durchlöcherten
+Blech bestehendes Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalröhre
+einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher oder Filter des
+schlammigen, trüben Wassers dienen sollte.
+
+Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Ängstlichkeit
+meiner.
+
+Zurück konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle zu erreichen
+vermochte, wo die höhere Wölbung des Kanals mir gestattet hätte,
+emporzutauchen und Atem zu schöpfen, war ich jedenfalls schon erstickt,
+und doch schien das ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu
+sein. Hier gab es freilich nur zwei Fälle: entweder es gelang mir,
+hindurchzukommen, oder ich mußte elend ertrinken. Es war kein Augenblick
+zu verlieren.
+
+Ich stemmte mich gegen das Blech -- vergebens; ich drückte und preßte mit
+aller Gewalt dagegen, doch ohne Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und
+hinter ihm nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch
+verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft für eine Sekunde; es war
+mir, als wolle eine fürchterliche Gewalt mir die Lunge zerbersten und
+den Körper zersprengen -- noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung;
+Herr Gott im Himmel, hilf, daß es mir gelingt! Ich fühle den Tod mit
+nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen; er packt es mit
+grausamer, unerbittlicher Faust und drückt es vernichtend zusammen; die
+Pulse stocken, die Besinnung schwindet, die Seele sträubt sich mit aller
+Gewalt gegen das Entsetzliche, eine krampfhafte, tödliche Expansion
+dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus -- ich höre einen Krach,
+kein Geräusch, aber der Kampf des Todes hat vermocht, was dem Leben
+nicht gelingen wollte -- das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fuhr
+empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir augenblicklich das
+Leben wiederbrachte, dann tauchte ich wieder unter. Es konnte ja jemand
+im Hofe sein und meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen
+Wasserfläche sichtbar geworden war. Am Rande derselben kam ich
+vorsichtig wieder auf und blickte mich um.
+
+Es schien kein Mond, aber die Sterne des Südens verbreiteten ein
+genügendes Licht, um alle Gegenstände unterscheiden zu können. Ich stieg
+aus dem Bassin und wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich
+ein leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern, hinter
+denen die Frauengemächer lagen. Hier, rechts über mir war die Stelle, an
+welcher ich den Riegelstab entfernt hatte, und links davon bemerkte ich
+eine Spalte in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich nicht
+hatte treten dürfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer Senitzas. War
+sie wach geblieben, um mich zu erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter,
+welches sie auch in ihrer Stube geöffnet hatte? War dies der Fall, so
+hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt wieder
+zurückgezogen, da sie mich unmöglich erkennen konnte.
+
+Ich schlich näher und legte die Hände rund um den Mund.
+
+»Senitza!« flüsterte ich leise.
+
+Da wurde die Spalte größer und ein dunkles Köpfchen erschien.
+
+»Wer bist du?« hauchte es herab.
+
+»Der Hekim, welcher bei dir war.«
+
+»Du kommst, mich zu retten?«
+
+»Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?«
+
+»Ja. Bist du allein?«
+
+»Isla Ben Maflei ist draußen.«
+
+»Ach! Er wird getötet werden!«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Abrahim. Er schläft nicht des Nachts; er wacht. Und die Wärterin
+liegt in dem Raume neben mir. Halt -- horch! Oh, fliehe schnell!«
+
+Dort hinter der Thür, welche zum Selamlük führte, ließ sich ein Geräusch
+vernehmen. Die Spalte oben schloß sich, und ich eilte augenblicklich zum
+Bassin zurück. Dort war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte.
+Vorsichtig, damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die mich
+verraten hätten, glitt ich hinein.
+
+Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Thür, und es erschien die
+Gestalt Abrahims, der langsam und spähend den Hof umschritt. Ich stand
+bis zum Munde im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung
+verborgen, so daß mich der Ägypter nicht gewahr werden konnte. Dieser
+überzeugte sich, daß das Thor noch verschlossen sei, und verschwand,
+nachdem er die Runde vollendet hatte, wieder in dem Selamlük.
+
+Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum Thore, schob den Riegel
+zurück und öffnete. Ich stand im Garten. Rasch eilte ich quer über
+denselben hinweg, um nun auch das Mauerthor zu öffnen, und dann wollte
+ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als dieser eben
+erschien.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir gelungen.«
+
+»Ja. Aber ich kämpfte mit dem Tode. Gieb mir mein Gewand!«
+
+Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf nur die Jacke über, um
+nicht in meinen Bewegungen gehindert zu sein, und sagte ihm:
+
+»Ich sprach bereits mit Senitza.«
+
+»Ist es wahr, Effendi?«
+
+»Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.«
+
+»O komm! Schnell, schnell!«
+
+»Warte noch!«
+
+Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu holen, welche ich gleich
+bei meiner ersten Anwesenheit bemerkt hatte. Dann traten wir in den Hof.
+Die Spalte oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder geöffnet.
+
+»Senitza[28], mein Stern, mein -- --« rief Isla mit unterdrückter Stimme,
+als ich emporgezeigt hatte. Ich unterbrach ihn:
+
+ [28] Senitza ist serbisch und heißt deutsch Augapfel.
+
+»Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit zu Herzensergüssen. Du
+schweigst, und nur ich rede!«
+
+Dann wandte ich mich empor zu ihr:
+
+»Bist du bereit, mit uns zu gehen?«
+
+»Oh, ja!«
+
+»Durch die Zimmer geht es nicht?«
+
+»Nein. Aber drüben hinter den hölzernen Säulen liegt eine Leiter.«
+
+»Ich hole sie!«
+
+Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten Strick. Ich
+ging und fand die Leiter. Sie war fest. Als ich sie angelehnt hatte,
+stieg Isla empor. Ich schlich unterdessen nach der Thür zum Selamlük, um
+zu horchen.
+
+Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des Mädchens erscheinen sah.
+Sie stieg herab, und Isla unterstützte sie dabei. In dem Augenblicke, in
+welchem sie den Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Stoß; sie
+schwankte und stürzte mit einem lauten Krach zu Boden.
+
+»Flieht! Schnell nach dem Boote!« warnte ich.
+
+Sie eilten nach dem Thore, und zu gleicher Zeit hörte ich Schritte
+hinter der Thür. Abrahim hatte das Geräusch vernommen und kam herbei.
+Ich mußte den Fliehenden den Rückzug decken und folgte ihnen also mit
+nicht zu großer Schnelligkeit. Der Ägypter bemerkte mich, sah auch die
+umgestürzte Leiter und das geöffnete Gitter.
+
+Er stieß einen Schrei aus, der von allen Bewohnern des Hauses gehört
+werden mußte.
+
+»Chirsytz, hajdut, Dieb, Räuber, halt! Herbei, herbei, ihr Männer, ihr
+Leute, ihr Sklaven! Hilfe!«
+
+Mit diesen laut gebrüllten Worten sprang er hinter mir her. Da der
+Orient keine Betten nach Art der unseren kennt und man meist in den
+Kleidern auf dem Diwan schläft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald
+auf den Beinen.
+
+Der Ägypter war hart hinter mir. Am Außenthore blickte ich mich um. Er
+war nur zehn Schritte von mir entfernt, und dort an dem inneren Thore
+erschien bereits ein zweiter Verfolger.
+
+Draußen bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei mit Senitza fliehen;
+ich wandte mich also nach links. Abrahim ließ sich täuschen. Er sah
+nicht sie, sondern nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke,
+in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses, während unser
+Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte ich um die zweite Ecke, das
+Ufer entlang.
+
+»Halt, Bube! Ich schieße!« erscholl es hinter mir.
+
+Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte weiter. Traf mich
+seine Kugel, so war ich tot oder gefangen, denn hinter ihm folgten seine
+Diener, wie ich aus ihrem Geschrei vernahm. Der Schuß krachte. Er hatte
+im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Geschoß flog an
+mir vorüber. Ich that, als sei ich getroffen, und warf mich zur Erde
+nieder.
+
+Er stürzte an mir vorbei, denn er hatte nun das Boot bemerkt, in welches
+Isla eben mit Senitza einstieg. Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf.
+Mit einigen weiten Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im Nacken
+und warf ihn nieder.
+
+Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter mir, sie waren mir
+sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen Zeit und Raum verloren hatte;
+aber ich erreichte den Kahn und sprang hinein. Sofort stieß Halef vom
+Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootslängen entfernt waren, als
+die Verfolger dort ankamen.
+
+Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er überblickte die ganze
+Situation.
+
+»Geri,« brüllte er; »geri erkekler -- zurück, zurück, ihr Männer! --
+Zurück, nach dem Boote!«
+
+Alle wandten sich um in der Richtung nach dem Kanale, wo ihr Kahn
+gelegen hatte. Abrahim kam zuerst dort an und stieß einen Schrei der Wut
+aus. Er sah, daß das Boot verschwunden war.
+
+Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gewässer des Ufers verlassen und
+das schneller strömende Wasser erreicht; Halef und der Barbier aus
+Jüterbogk ruderten; auch ich nahm eines der aus dem Boote Abrahims
+genommenen Ruder; Isla that dasselbe, und so schoß unser Kahn sehr
+schnell stromabwärts.
+
+Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung war nicht danach, in
+Worte gefaßt zu werden.
+
+Während des ganzen Abenteuers war doch eine längere Zeit vergangen, so
+daß jetzt bereits sich der Horizont rötete und man die nebellosen
+Wasser des Niles weithin zu überblicken vermochte. Noch immer sahen wir
+Abrahim mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien ein
+Segel, welches in dem Morgenrot erglühte.
+
+»Ein Sandal!« meinte Halef.
+
+Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten, stark bemannten Barken,
+welche so schnell segeln, daß sie fast mit einem Dampfer um die Wette
+gehen.
+
+»Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben verfolgen,« sagte
+Isla.
+
+»Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht auf ihn hört!«
+
+»Wenn Abrahim dem Reïs eine genügende Summe bietet, wird dieser sich
+nicht weigern.«
+
+»Auch in diesem Falle würden wir einen guten Vorsprung gewinnen. Ehe der
+Sandal anlegt und der Reïs mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige
+Zeit. Auch muß sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem
+versehen, was zu einer längeren Reise notwendig ist, da er nicht wissen
+kann, welche Ausdehnung die Verfolgung haben wird.«
+
+Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir machten eine so
+schnelle Fahrt, daß wir nach kaum einer halben Stunde die Dahabïe zu
+Gesicht bekamen, welche uns weiter tragen sollte.
+
+Der alte Abu el Reïsahn lehnte an der Brüstung des Sternes. Er sah, daß
+eine weibliche Person im Boote saß, und wußte also, daß unser
+Unternehmen gelungen sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick.
+
+»Legt an,« rief er. »Die Treppe ist niedergelassen!«
+
+Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am Steuer befestigt. Dann ließ
+man die Seile gehen und zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den
+Schnabel vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und wir
+strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun abwärts trug.
+
+Ich war zum Reïs getreten.
+
+»Wie ging es?« fragte er mich.
+
+»Sehr gut. Ich werde es dir erzählen; doch sage mir vorher, ob ein guter
+Sandal dein Fahrzeug einholen könnte.«
+
+»Werden wir verfolgt?«
+
+»Ich glaube es nicht, doch ist es möglich.«
+
+»Meine Dahabïe ist sehr gut, aber ein guter Sandal holt jede Dahabïe
+ein.«
+
+»So wollen wir wünschen, daß wir unverfolgt bleiben!«
+
+Ich erzählte nun den Hergang unseres Abenteuers und ging dann nach der
+Kajüte, um meine noch immer feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in
+zwei Teile geteilt, einen kleinen und einen größeren. Der erstere war
+für Senitza und der letztere für den Kapitän, Isla Ben Maflei und mich
+bestimmt.
+
+Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt vergangen, als ich
+oberhalb unseres Schiffes die Spitze eines Segels bemerkte, welches sich
+immer mehr vergrößerte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte ich den
+Sandal, welchen wir in der Frühe gesehen hatten.
+
+»Siehst du das Schiff?« fragte ich den Reïs.
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und deine Frage ist auch groß,« antwortete
+er mir. »Ich bin ein Reïs und sollte ein Segel nicht sehen, welches so
+nahe hinter dem meinigen steuert!«
+
+»Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?«
+
+»Nein.«
+
+»Woraus erkennst du dies?«
+
+»Ich kenne diesen Sandal sehr genau.«
+
+»Ah!«
+
+»Er gehört dem Reïs Chalid Ben Mustapha.«
+
+»Kennst du diesen Chalid?«
+
+»Sehr; aber wir sind keine Freunde.«
+
+»Warum?«
+
+»Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines Unehrlichen sein.«
+
+»Hm, so ahnt mir etwas.«
+
+»Was?«
+
+»Daß sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.«
+
+»Werden es sehen!«
+
+»Was wirst du thun, wenn der Sandal sich an die Dahabïe legen will?«
+
+»Ich muß es zugeben. Das Gesetz sagt es so.«
+
+»Und wenn ich es nicht zugebe?«
+
+»Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Reïs meiner Dahabïe und habe
+nach den Vorschriften des Gesetzes zu handeln.«
+
+»Und ich bin der Reïs meines Willens.«
+
+Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche Frage
+vorlegen, aber er begann selbst:
+
+»Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste Freund, den ich gefunden
+habe. Soll ich dir erzählen, wie Senitza in die Hände des Ägypters
+gekommen ist?«
+
+»Ich möchte es sehr gerne hören, doch zu einer solchen Erzählung gehört
+die Ruhe und Sammlung, welche wir jetzt nicht haben können.«
+
+»Du bist unruhig? Weshalb?«
+
+Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht bemerkt.
+
+»Drehe dich um und siehe diesen Sandal.«
+
+Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte:
+
+»Ist Abrahim an Bord?«
+
+»Ich weiß es nicht, aber es ist sehr leicht möglich, weil der Kapitän
+ein Schurke ist, der sich von Abrahim erkaufen lassen wird.«
+
+»Woher weißt du, daß er ein Schurke ist?«
+
+»Abu el Reïsahn sagt es.«
+
+»Ja,« bestätigte dieser; »ich kenne diesen Kapitän und kenne auch sein
+Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt wäre, würde ich es an seinem
+Segel erkennen, welches dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.«
+
+»Was werden wir thun?« fragte Isla.
+
+»Zunächst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.«
+
+»Und wenn er da ist?«
+
+»So kommt er nicht zu uns herüber.«
+
+Unser Schiffsführer prüfte den Fortgang des Sandal und denjenigen, den
+wir selbst machten, und meinte dann:
+
+»Er kommt uns immer näher. Ich werde eine Trikehta[29] beisetzen
+lassen.«
+
+ [29] Kleineres Segel.
+
+Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen Minuten, daß die
+Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde.
+Der Sandal kam uns immer näher; endlich war er nur noch eine
+Schiffslänge von uns entfernt und ließ das eine Segel fallen, um seine
+Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur auf dem Deck
+stehen.
+
+»Er ist da!« sagte Isla.
+
+»Wo steht er?« fragte der Reïs.
+
+»Ganz vorn am Buge.«
+
+»Dieser? Kara Ben Nemsi, was thun wir? Sie werden uns ansprechen, und
+wir müssen ihnen antworten.«
+
+»Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?«
+
+»Ich, der Inhaber meiner Dahabïe.«
+
+»Merke auf, was ich dir sage, Abu el Reïsahn. Bist du bereit, mir dein
+Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?«
+
+Der Kapitän sah mich erstaunt an, begriff dann aber gleich, was ich für
+einen Zweck verfolgte.
+
+»Ja,« antwortete er.
+
+»Dann bin also ich der Inhaber?«
+
+»Ja.«
+
+»Und du als Reïs mußt thun, was ich will.«
+
+»Ja.«
+
+»Und bist für nichts verantwortlich?«
+
+»Nein.«
+
+»Gut. Rufe deine Leute zusammen!«
+
+Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapitän erklärte ihnen:
+
+»Ihr Männer, ich sage euch, daß dieser Effendi, welcher Kara Ben Nemsi
+heißt, unsere Dahabïe von hier bis Kahira gemietet hat. Ist es nicht
+so?«
+
+»Ja, es ist so,« bestätigte ich.
+
+»Ihr könnt mir also bezeugen, daß ich nicht mehr Herr des Schiffes bin?«
+fragte er die Leute.
+
+»Wir bezeugen es.«
+
+»So geht an eure Plätze. Das aber müßt ihr wissen, daß ich die Leitung
+des Schiffes behalte, denn Kara Ben Nemsi hat es mir befohlen.«
+
+Sie entfernten sich, sichtlich befremdet über die sonderbare Mitteilung,
+welche ihnen geworden war.
+
+Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit uns gekommen. Der
+Kapitän desselben, ein alter langer, sehr hagerer Mann mit einer
+Reiherfeder auf dem Tarbusch, trat an die Bordung und fragte herüber:
+
+»Ho, Dahabïe, welcher Reïs?«
+
+Ich neigte mich vor und antwortete:
+
+»Reïs Hassan.«
+
+»Hassan Abu el Reïsahn?«
+
+»Ja.«
+
+»Schön, kenne ihn,« antwortete er mit schadenfroher Miene. »Ihr habt ein
+Weib an Bord?«
+
+»Ja.«
+
+»Gebt es heraus!«
+
+»Chalid Ben Mustapha, du bist verrückt!«
+
+»Wird sich finden. Wir werden an euch anlegen.«
+
+»Das werden wir verhindern.«
+
+»Wie willst du dies anfangen?«
+
+»Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die Feder an deinem
+Tarbusch!«
+
+Ich erhob sehr schnell die Büchse, welche ich, ohne daß er sie gesehen
+hatte, bereit gehalten hatte, zielte und drückte los. Die Feder flog
+herab. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha
+nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er
+fuhr so hoch in die Luft, als beständen seine hageren Gliedmaßen aus
+elastischem Gummi, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und floh hinter
+den Mast.
+
+»Jetzt weißt du, wie ich schieße, Ben Mustapha,« rief ich hinüber. »Wenn
+dein Sandal noch eine einzige Minute bei uns backseits fährt, so schieße
+ich dir nicht die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem Leibe;
+darauf kannst du dich verlassen!«
+
+Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung. Er eilte an das
+Steuer, riß es aus den Händen dessen, der es bisher regiert hatte, und
+drehte ab. In zwei Minuten befand sich der Sandal in einer solchen
+Entfernung von uns, daß ihn meine Kugel nicht erreichen konnte.
+
+»Jetzt sind wir für den Augenblick sicher,« meinte ich.
+
+»Er wird nicht wieder so nahe kommen,« stimmte Hassan bei; »aber er wird
+uns auch nicht aus dem Auge lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen,
+wo er die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die fürchte ich
+freilich nicht; aber ich fürchte etwas anderes.«
+
+»Was?«
+
+»Das da!«
+
+Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser, und wir verstanden
+sogleich, was er meinte.
+
+Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer
+Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten als vorher und die jetzt
+felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns
+nämlich einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger
+gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast
+unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt mußte die Feindschaft
+der Menschen schweigen, damit sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller
+auf das drohende Element richten konnte. Die Stimme des Reïs tönte laut
+schallend über das Deck:
+
+»Blickt auf, ihr Männer, der Schellahl kommt, der Katarakt! Tretet
+zusammen und betet die heilige Fatcha!«
+
+Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:
+
+»Behüte uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten Teufel!«
+
+»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonierte der Reïs.
+
+Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha, die erste Sure des
+Koran.
+
+Ich muß gestehen, daß dieses Gebet auch mich ergriff, aber nicht aus
+Furcht vor der Gefahr, sondern aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen
+wurzelnden Religiosität dieser halbwilden Menschen, welche nichts thun
+und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig
+ist.
+
+»Wohlan, ihr jungen Männer, ihr mutigen Helden, geht an euere Plätze,«
+gebot nun der Führer; »der Strom hat uns ergriffen.«
+
+Das Kommando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig und exakt ab, wie
+die Führung eines europäischen Fahrzeuges. Das heiße Blut des Südens
+rollt durch die Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem
+Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten
+Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt,
+heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten
+Momente, wenn diese Gefahr vorübergegangen ist, noch lauter zu jubeln,
+zu pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein jeder mit
+Anspannung aller seiner Kräfte, und der Schiffsführer springt von einem
+zum andern, um jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie
+sie nur ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die andern mit
+den süßesten, zärtlichsten Namen, unter denen sich das Wort »Held« am
+meisten wiederholt. Hassan hatte sich auf das Passieren der
+Stromschnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder
+war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche
+jeden Fußbreit des Stromes hier an dieser gefährlichen Stelle kannten.
+
+Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die von dem Wasser
+kaum bedeckten Felsblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck,
+und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes, auch das lauteste
+Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder
+versagten ihre Dienste und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte
+die Dahabïe durch die kochenden Gewässer.
+
+Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und
+lassen nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes
+besitzt. Die Wogen werden förmlich durch dasselbe hindurchgepreßt und
+stürzen sich in einem dicken, mächtigen Strahle nach unten in ein
+Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen
+Steinblöcken.
+
+Mit sausender Hast schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden
+eingezogen. Jetzt befinden wir uns in dem furchtbaren Loche, dessen
+Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie fast mit den Händen
+erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so
+schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden,
+gischtspritzenden Kämme des Falles hinaus, und wir stürzen hinab in den
+Schlund des Kessels. Es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und
+brüllt um uns her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht
+und reißt uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche
+glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad unter dieser Glätte die
+gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen,
+wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab und -- -- --
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« ertönt Hassans Stimme jetzt so schrill,
+daß sie gehört werden kann. »Allah il Allah, an die Ruder, an die Ruder,
+ihr Jünglinge, ihr Männer, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und Löwen! Der
+Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl, amahl, ïa Allah
+amahl, macht, macht, bei Gott, macht, ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr
+Schurken und Katzen, arbeitet, arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr
+Helden, ihr Unvergleichlichen, Erprobten und Auserwählten!«
+
+Wir schießen einer Schere zu, welche sich grad vor uns öffnet und uns
+im nächsten Augenblicke vernichten wird. Die Felsen sind so scharf, und
+der Fall des Stromes ist so reißend, daß von dem Schiffe kein Handgroß
+von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint.
+
+»Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links, ihr Hunde, ihr
+Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer, links, links mit dem Steuer,
+ihr Braven, ihr Herrlichen, ihr Väter aller Helden! Allah, Allah,
+Maschallah -- Gott thut Wunder, ihm sei Dank!«
+
+Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist
+vorübergeflogen. Für einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen
+Fahrwasser, und alles stürzt sich auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu
+danken.
+
+»Esch'hetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck hin --
+»bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aale na baraktak,
+begnadige uns mit deinem Segen!«
+
+Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens
+geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich
+hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die
+unserige, und er muß daher an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser
+ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord
+an Bord rauscht er vorüber. Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte
+hinter sich versteckend. Mir grade gegenüber reißt er die verborgen
+gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange -- ich werfe mich nieder --
+die Kugel pfeift über mir weg, und im nächsten Augenblick ist der Sandal
+uns weit voran.
+
+Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand hat Zeit zur
+Verwunderung oder zum Zorne, denn die Strömung packt uns wieder und
+treibt uns in ein Labyrinth von Klippen.
+
+Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der Sandal wurde von der Macht
+des Schellahl an einen Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder
+in die Flut, und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den
+Wogen wieder gefaßt, befreit davon. Aber bei dem Stoße ist ein Mensch
+über Bord gefallen; er hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die
+Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke,
+eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu. Er faßt danach --
+ergreift ihn -- wird emporgezogen -- es ist -- Abrahim-Mamur.
+
+Sobald er das Verdeck glücklich erreicht hatte, schüttelte er das Wasser
+aus seinen Kleidern und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu.
+
+»Hund, du bist ein Räuber und Betrüger!«
+
+Ich erwartete ihn stehenden Fußes, und meine Haltung bewirkte, daß er
+vor mir stehen blieb, ohne seine Fäuste in Anwendung zu bringen.
+
+»Abrahim-Mamur, sei höflich, denn du befindest dich nicht in deinem
+Hause. Sagst du nur noch ein Wort, welches mir nicht gefällt, so lasse
+ich dich an den Mast binden und durchpeitschen!«
+
+Die größte Beleidigung für einen Araber ist ein Schlag, und die
+zweitgrößte ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim machte eine
+Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich.
+
+»Du hast mein Weib an Bord!«
+
+»Nein.«
+
+»Du sagst mir nicht die Wahrheit.«
+
+»Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht dein Weib, sondern
+die Verlobte dieses jungen Mannes, welcher neben dir steht.«
+
+Er stürzte auf die Kajüte zu, dort aber trat ihm Halef entgegen.
+
+»Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas;
+dieses hier sind meine zwei Pistolen, und ich werde dich niederschießen,
+sobald du irgend wohin gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir
+verbietet!«
+
+Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der Ägypter es ansehen
+konnte, daß es ihm mit dem Schießen Ernst sei. Er wandte sich daher ab
+und schnaubte:
+
+»So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das Land geht, um Eure
+Hilfsmatrosen abzusetzen.«
+
+»Thue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so
+lange du dich friedlich benimmst.«
+
+Die Stromschnelle war in ihren gefährlichen Stellen glücklich
+durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nötigen Muße unserer
+Angelegenheit zuwenden.
+
+»Willst du uns jetzt erzählen, auf welche Weise Senitza in die Hand
+dieses Menschen geraten ist?« fragte ich Isla.
+
+»Ich will sie holen,« antwortete er; »sie mag es Euch selbst erzählen.«
+
+»Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Ägypter
+erbittern und zum Äußersten reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie
+Mohammedanerin oder Christin ist.«
+
+»Sie ist eine Christin.«
+
+»Von welcher Konfession?«
+
+»Von der, welche Ihr griechisch nennt.«
+
+»Sie ist nicht seine Frau geworden?«
+
+»Er hat sie gekauft.«
+
+»Ah! Ist es möglich?«
+
+»Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert. Er hat sie in
+Scutari gesehen und ihr gesagt, er liebe sie und sie solle sein Weib
+werden; sie aber hat ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu
+ihrem Vater gekommen und hat eine große Summe geboten, um sie von ihm zu
+kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Thüre hinausgeworfen. Dann hat er den
+Vater der Freundin bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und
+dieser ist auf den Handel eingegangen.«
+
+»Wie?«
+
+»Dieser Mensch hat sie für seine Sklavin ausgegeben, hat sie an
+Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine Schrift darüber ausgehändigt, in
+welcher sie für eine cirkassische Sklavin gilt.«
+
+»Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater so plötzlich
+verschwunden!«
+
+»Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht und ist mit ihr erst
+nach Cypern, dann nach Ägypten gefahren. Das Übrige ist Euch bekannt.«
+
+»Wie hieß der Mann, der sie verkaufte?« fragte ich unwillkürlich.
+
+»Barud el Amasat.«
+
+»El Amasat -- el Amasat -- dieser Name kommt mir sehr bekannt vor. Wo habe
+ich ihn gehört? War dieser Mensch ein Türke?«
+
+»Nein, sondern ein Armenier.«
+
+Ein Armenier -- -- ah, jetzt wußte ich es! Hamd el Amasat, jener Armenier,
+welcher uns auf dem Schott Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli
+entfloh -- war es derselbe? -- Nein, denn die Zeit stimmte nicht.
+
+»Weißt du nicht,« fragte ich Isla, »ob dieser Barud el Amasat einen
+Bruder hat?«
+
+»Nein; Senitza weiß es auch nicht; ich habe sie nach dieser Familie sehr
+genau befragt.«
+
+Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei und wandte sich an mich:
+
+»Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.«
+
+»Sprich!«
+
+»Wie heißt dieser äjyptische Thunichtjut?«
+
+»Abrahim-Mamur.«
+
+»So! Dat will also een Mamur jewesen sein?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn ich kenne diesen
+Menschen besser als er mir!«
+
+»Ah! Wer ist er?«
+
+»Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade kriegte, und weil es
+die erste Bastonnade war, die ich jesehen habe, so habe ich mir sehr
+einjehend nach ihm erkundigt.«
+
+»Nun, wer und was ist er?«
+
+»Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh oder so etwas und hat
+een Jeheimnis verraten oder so unjefähr. Er hat tot jemacht werden
+sollen, aber weil er Gönner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit
+Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim.«
+
+Daß der Barbier aus Jüterbogk diesen Mann kannte, war ein ganz
+staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
+Ich hatte ihn gesehen, und zwar in Ispahan auf dem Almaiden-Shah, wo er
+auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach Konstantinopel
+geschafft zu werden. Mein Weg führte mich damals eine kurze Strecke mit
+derselben Karawane, und so kam es, daß er auch mich gesehen und sich
+jetzt wieder meiner erinnert hatte.
+
+»Ich danke dir, Hamsad, für diese Mitteilung, behalte sie aber jetzt
+noch für dich.«
+
+Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei dem Gedanken, daß Abrahim
+mich verklagen werde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte die
+Vermutung nicht zurückweisen, daß er mit Barud el Amasat, welcher
+Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das Mädchen bekannt
+geworden war. Abrahim war ein degradierter Beamter, ein Gefangener
+gewesen und hatte sogar die Bastonnade erhalten -- jetzt trat er als
+Mamur auf und besaß ein Vermögen -- dies waren Umstände, welche mir sehr
+zu denken gaben.
+
+Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt noch niemand zu sagen,
+damit Abrahim nicht merke, daß er durchschaut worden sei.
+
+Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle auf die
+Dahabïe genommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unser
+Fahrzeug wandte sich daher dem Ufer zu.
+
+»Werden wir Anker werfen oder nicht?« fragte ich den Reïs.
+
+»Nein, ich lenke sofort um, wenn die Männer das Schiff verlassen haben.«
+
+»Warum?«
+
+»Um die Polizei zu vermeiden.«
+
+»Und Abrahim?«
+
+»Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.«
+
+»Ich fürchte die Polizei nicht.«
+
+»Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter deinem Konsul. Man kann
+dir also nichts thun. Ah!«
+
+Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit bewaffneten, finster
+blickenden Männern besetzt war. Es waren Khawassen -- Polizisten.
+
+»Du wirst wohl nicht sofort umlenken,« meinte ich zu Hassan.
+
+»Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir zu gehorchen.«
+
+»Ich befehle es nicht; ich möchte im Gegenteil die hiesige Polizei
+einmal kennen lernen.«
+
+Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen stiegen an Bord, noch
+ehe wir das Ufer erreicht hatten. Die Bemannung des Sandal war hier auch
+gelandet, hatte erzählt, daß Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und
+auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie wir später erfuhren,
+der alte Reïs Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gelaufen
+und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten über mich, den ungläubigen
+Mörder, Aufrührer, Räuber und Empörer, daß ich eigentlich sehr zufrieden
+sein mußte, nur mit dem Hängen oder Säcken davonzukommen.
+
+Da die Gerechtigkeit jener Länder von der wichtigen Erfindung der
+Aktenstöße noch keine Notiz genommen hat, so wird in Rechtsfällen
+überaus schnell und summarisch verfahren.
+
+»Wer ist der Reïs dieses Schiffes,« fragte der Anführer der Khawassen.
+
+»Ich,« antwortete Hassan.
+
+»Wie heißest du?«
+
+»Hassan Abu el Reïsahn.«
+
+»Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen Hekim, der ein
+Ungläubiger ist?«
+
+»Da steht er und heißt Kara Ben Nemsi.«
+
+»Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib, Namens Güzela?«
+
+»Sie ist in der Kajüte.«
+
+»Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und folgt mir zum Richter,
+während ich das Schiff von meinen Leuten bewachen lasse!«
+
+Die Dahabïe legte an, und ihre ganze Bemannung nebst sämtlichen
+Passagieren wurde »sofort anhero transportiert«. Senitza, tief
+verschleiert, ward in eine bereitstehende Sänfte gehoben und mußte
+unserm Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil
+jung und alt, groß und klein sich ihm anschloß. Hamsad al Dscherbaja,
+der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner
+Beine munter sein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!«
+
+Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretär bereits
+unserer Ankunft gewärtig.
+
+Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors oder Befehlshabers
+von tausend Mann, hatte aber trotzdem weder ein kriegerisches noch ein
+übermäßig intelligentes Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal, so
+hatte auch er Abrahim-Mamur für ertrunken gehalten und empfing den vom
+Tode Auferstandenen mit einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem
+Blick war, den er uns zuwarf.
+
+Wir wurden in zwei Lager geteilt: hüben die Bemannung des Sandal mit
+Abrahim und einigen seiner Diener, die er mitgenommen hatte, und drüben
+die Leute von der Dahabïe mit Senitza, Isla und mir nebst Halef und dem
+Barbier.
+
+»Befiehlst du eine Pfeife, Herr?« fragte der Sahbeth-Bei den
+vermeintlichen Mamur.
+
+»Lasse sie bringen!«
+
+Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf niederzusetzen. Dann
+begann die Verhandlung:
+
+»Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!«
+
+»Er lautet Abrahim-Mamur.«
+
+»So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?«
+
+»In En-Nasar.«
+
+»Du bist der Ankläger. Sprich; ich höre zu und werde richten.«
+
+»Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der Tschikarma; ich
+klage an den Mann, der neben ihm steht, der Tschikarma, und ich klage an
+den Führer der Dahabïe der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die
+Diener dieser beiden Männer und die Matrosen der Dahabïe beteiligt sind,
+das magst du bestimmen, o Bimbaschi.«
+
+»Erzähle, wie der Raub vollendet wurde.«
+
+Abrahim erzählte. Als er geendet hatte, wurden seine Zeugen verhört, was
+die Folge hatte, daß ich von dem Reïs des Sandals, Herrn Chalid Ben
+Mustapha, auch noch des Mordversuches bezüchtigt wurde.
+
+In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz, als er sich nun zu mir
+wandte.
+
+»Giaur, wie ist dein Name?«
+
+»Kara Ben Nemsi.«
+
+»Wie heißt deine Heimat?«
+
+»Dschermanistan.«
+
+»Wo liegt diese Handvoll Erde?«
+
+»Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, daß du sehr unwissend bist!«
+
+»Hund!« fuhr er auf. »Was willst du sagen?«
+
+»Dschermanistan ist ein großes Land und hat zehnmal mehr Einwohner als
+ganz Ägypten. Du aber kennst es nicht. Du bist überhaupt ein schlechter
+Geograph und darum lässest du dich von Abrahim-Mamur belügen.«
+
+»Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse dich mit dem Ohre an
+die Wand nageln.«
+
+»Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der Mamur der Provinz
+En-Nasar. Mamurs giebt es nur in Ägypten -- --«
+
+»Liegt En-Nasar nicht in Ägypten, Giaur? Ich bin selbst dort gewesen und
+kenne den Mamur wie meinen Bruder, ja, wie mich selbst.«
+
+»Du lügst!«
+
+»Nagelt ihn fest!« gebot der Richter.
+
+Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine Pistolen.
+
+»Bimbaschi, ich sage dir, daß ich erst den niederschießen werde, der
+mich anrührt, und dann dich! Du lügst, ich sage es noch einmal. En-Nasar
+ist eine ganz kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im Lande
+Tripolis; dort giebt es keinen Mamur, sondern einen armen Scheik; er
+heißt Mamra Ibn Alef Abuzin, und ich kenne ihn sehr genau. Ich könnte
+mit dir Komödie spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen; aber
+ich will es kurz machen. Wie kommt es, daß du die Kläger stehen lässest,
+während der Angeklagte, der Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife
+von dir bekommt?«
+
+Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an.
+
+»Wie meinst du das, Giaur?«
+
+»Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen
+Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch[30] des Vizekönigs von Ägypten;
+dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des
+Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.«
+
+ [30] Reiseschein.
+
+»Zeigt die Scheine her!«
+
+Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las
+sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück.
+
+»Sprich weiter.«
+
+Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er thun sollte.
+Ich nahm also wieder das Wort:
+
+»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was
+deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so
+mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden
+auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen
+wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen,
+welche Achtung du ihnen erweisest!«
+
+Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen
+aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:
+
+»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin
+der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf
+sitzen!«
+
+»Wer klagt ihn an?«
+
+»Ich, dieser, dieser und wir alle.«
+
+Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.
+
+»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei.
+
+»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.«
+
+Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir:
+
+»Sprich!«
+
+»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.«
+
+»Welche Trauer?«
+
+»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen
+Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen
+und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich
+ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien,
+wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.«
+
+Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.
+
+»Hund! -- Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!«
+
+»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf
+besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!«
+
+»Rede!«
+
+»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus
+Karadagh[31]; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Ägypten entführt.
+Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach
+Ägypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du
+hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein
+Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich
+gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte,
+welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des
+Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört,
+daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie
+getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und
+in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an.
+Nun entscheide!«
+
+ [31] Montenegro. -- Beides heißt ebenso wie das slawische
+ Czernagora »Schwarzer Berg«.
+
+Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er
+konnte doch seine Worte und Thaten nicht dementieren, fühlte aber sehr
+wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu thun, was eben
+nur ein Ägypter zu thun vermag.
+
+»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde
+mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle
+aber seid meine Gefangenen!«
+
+Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann
+wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt,
+und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des
+Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige
+Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer
+Viertelstunde aber waren sie verschwunden.
+
+Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben
+Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.
+
+»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«
+
+»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.
+
+»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«
+
+»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben
+oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der
+Baschi wird ihn laufen lassen.«
+
+»Wünschest du seinen Tod?«
+
+»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«
+
+»Und wie denkt deine Freundin darüber?«
+
+Senitza antwortete selbst:
+
+»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde
+nicht mehr an ihn denken.«
+
+Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu
+befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut
+davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das
+Rekognoscieren.
+
+Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit
+war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war
+klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und
+nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof
+zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu
+folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen.
+
+Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen
+verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus
+Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen
+können.
+
+Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte
+der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des
+Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.
+
+Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?
+
+Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht
+nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten
+werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder
+einmal zu treffen.
+
+Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene
+Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage
+glücklich entronnen zu sein. -- -- --
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Abu-Seïf.
+
+
+Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog,
+und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und
+stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere
+Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin
+erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht
+zusammenkommen konnten.
+
+Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr
+durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer
+trocken und die Wasser teilten sich von einander.
+
+Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem
+Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur
+Linken.
+
+Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des
+Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.
+
+Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter
+aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in
+ihrem Heere.
+
+Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit
+Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der
+Herr streitet für sie wider die Ägypter!
+
+Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer,
+damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und
+über ihre Reiter.
+
+Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder
+vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also
+stürzte sie der Herr mitten in das Meer.
+
+Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht
+des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger
+von ihnen übrig blieb.
+
+Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser
+stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.
+
+Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und
+sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres.
+
+Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte,
+und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen
+Knecht Moses. -- -- --
+
+An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich
+denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel
+anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres
+schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht,
+welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich
+fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer
+»keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige
+Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem
+ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen
+gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir,
+als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der
+Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe
+deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges
+Land!«
+
+Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der
+Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch
+der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener
+Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des
+Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte
+die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk
+von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein
+Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller
+Gesetze und Gebote bildet.
+
+Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs
+im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme
+Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die
+Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten,
+während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen
+schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen
+später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen
+wäre.
+
+Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den
+Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter
+zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des
+berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend,
+gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der
+Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«
+
+Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die
+Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen
+vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend
+und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen
+Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt,
+dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha,
+von der Gesetzgebung auf dem Sinai -- -- -- sie hatte mir die kleinen Hände
+gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du
+sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon
+längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von
+ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr
+geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit
+des Dichterwortes auf:
+
+ »Ganz anders jene heiligen Geschichten,
+ Die nur das Buch der Bücher kann berichten,
+ In dem vom Geiste sie verzeichnet steh'n.
+ Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken
+ Und tief in ihren Zauber dich versenken,
+ Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh'n.«
+
+Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste
+Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in
+jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl
+noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten
+und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren
+Halef gestört hätte:
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist
+Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es
+jetzt thun werde.«
+
+Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir
+heran und erhob warnend die Hand.
+
+»Thue es nicht, Effendi!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das
+Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit
+sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der
+hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32]
+und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff
+vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33]
+nannten, hat diesen Ort verflucht.«
+
+ [32] Moses.
+
+ [33] Jehova.
+
+»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«
+
+»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst
+auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.«
+
+»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«
+
+»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug
+aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten,
+bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein
+jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«
+
+»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«
+
+»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt
+wird.«
+
+»Dann vorwärts!« --
+
+Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg
+von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten
+liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher
+war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als
+auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen
+trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich
+mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für
+mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte
+ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte,
+was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.
+
+Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm
+und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des
+Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao's hinter uns.
+Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein
+Fahrzeug vor Anker lag.
+
+Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen
+Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß
+breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich
+ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen
+Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen -- denn er wird
+auch gerudert -- zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor
+dem andern steht, daß es -- vom Winde angeschwellt -- ganz über das
+Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon
+bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen
+pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches
+in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind,
+wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen
+Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits
+belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien
+unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem
+indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich
+mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen
+Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die
+Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein
+Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.
+
+Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb
+wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug
+sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.
+
+Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des
+Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste.
+Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem
+kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas
+abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte
+der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort
+an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die
+Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.
+
+Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich
+ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und
+grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer
+Sprache.
+
+»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«
+
+Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte
+mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:
+
+»Ich bin es.«
+
+»Wohin geht dein Sambuk?«
+
+»Überall hin.«
+
+»Was hast du geladen?«
+
+»Verschiedenes.«
+
+»Nimmst du auch Passagiere auf?«
+
+»Das weiß ich nicht.«
+
+Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf
+und meinte in mitleidigem Tone:
+
+»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der
+Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«
+
+Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.
+
+»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«
+
+»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele
+ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die
+Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies
+zu kommen!«
+
+ [34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.
+
+Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem
+zwei riesige Pistolen steckten.
+
+»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der
+Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«
+
+»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch
+ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich
+dich frage.«
+
+»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein
+Arab Dscheheïne.«
+
+Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und
+Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war
+der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.
+
+»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.
+
+»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«
+
+So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem
+Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.
+
+»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«
+
+»Ich würde dich nicht fürchten.«
+
+»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener,
+während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich
+gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem
+Abendlande.«
+
+ [35] Matrosen.
+
+»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und
+redest die Sprache der Araber!«
+
+»Ist dies verboten?«
+
+»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«
+
+»Ich gehöre zu den Nemsi.«
+
+»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein
+Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]?«
+
+ [36] Gärtner.
+
+ [37] Kaufmann.
+
+»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«
+
+»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern
+Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann;
+ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein
+Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein -- -- --«
+
+»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was
+ich hier in meiner Hand halte?«
+
+Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken.
+Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:
+
+»Die Peitsche.«
+
+»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
+Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem
+Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert
+und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in
+allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es
+wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht
+gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi
+bist und viele Männer hier bei dir hast!«
+
+Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden
+Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom
+Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die
+Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu
+den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit
+erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die
+Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.
+
+»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol
+vorsichtig sinken ließ.
+
+Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner
+wagte es, Hand an Halef zu legen.
+
+»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?«
+fragte der Türke.
+
+»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche
+drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in
+der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke,
+ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!«
+
+Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.
+
+»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten,
+als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast
+einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«
+
+»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«
+
+»Mich.«
+
+»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur -- -- --«
+
+»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.
+
+»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: 'O ihr
+Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer
+Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen
+nur euer Verderben!' Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des
+Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«
+
+»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure
+des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in
+Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«
+
+Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte
+sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück.
+
+»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des
+Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein
+Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«
+
+ [38] Schützling.
+
+»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen
+Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der
+Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn
+unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«
+
+»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter,
+einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«
+
+»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins.
+Ihr sagt: 'Allah il Allah, Gott ist Gott.' Und unser Gott sagt: 'Ich bin
+ein starker, einiger Gott.' Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: 'Er ist
+der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer;
+sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.' Unsere heilige Bibel sagt:
+'Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor
+seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner
+Hände Werk.' Ist das nicht ganz dasselbe?«
+
+»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«
+
+ [39] Buch, Bibel.
+
+»Du irrst. Euer Kuran sagt: 'Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß
+ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern
+der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel,
+an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt
+den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum
+bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen
+Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht,
+der ist wahrhaft gottesfürchtig.' Unser heiliges Buch gebietet uns: 'Du
+sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.'
+Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige
+befiehlt?«
+
+»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«
+
+»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist,
+als euer Kuran?«
+
+»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise
+finden, selbst wenn er unrecht hat. -- Woher kommst du?«
+
+»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.«
+
+ [40] Türkisch für Ägypten.
+
+»Und wo willst du hin?«
+
+»Nach Tor hinüber.«
+
+»Und dann?«
+
+»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.«
+
+ [41] Kloster.
+
+»So mußt du über das Wasser.«
+
+»Ja. Wohin fährst du?«
+
+»Auch nach Tor.«
+
+»Willst du mich mitnehmen?«
+
+»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht
+verunreinigen.«
+
+»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«
+
+»Für alle vier und die Kamele?«
+
+»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer
+werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«
+
+»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«
+
+»Mit Geld.«
+
+»Willst du Speise von uns nehmen?«
+
+»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«
+
+»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«
+
+Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch,
+für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also
+beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen.
+
+»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff
+zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.
+
+»Ja.«
+
+»Dann sind wir des Mittags in Tor?«
+
+»Ja. Warum fragst du?«
+
+»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«
+
+»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der
+noch mehr verlangen wird.«
+
+»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre
+mit dir.«
+
+»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.«
+
+»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere
+geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier
+Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen
+Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und
+meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.«
+
+»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem
+Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier
+an Bord nehmen.«
+
+ [42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.
+
+»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein
+Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch
+einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte 'hep imdad wermek,
+sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz -- alle Hilfe leisten,
+für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.' Hast du das
+verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche
+ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist
+du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«
+
+Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu
+mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:
+
+»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für
+drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!«
+
+»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«
+
+»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?«
+
+ [43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.
+
+»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord
+begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.«
+
+Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein
+Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der
+vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef
+an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des
+Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch
+von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und
+kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein
+Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt
+kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger
+war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage
+auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.
+
+»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem
+Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«
+
+»Ich will dich nicht tadeln.«
+
+»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«
+
+»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«
+
+»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden.
+Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote
+Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte
+des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du
+thun?«
+
+Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage
+bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka
+oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen.
+Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein
+Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen
+einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen
+Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt
+erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee
+betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst
+gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich
+sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz
+anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich
+vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer,
+vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar
+gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es
+stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen
+würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.
+
+»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.
+
+»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den
+rechten Glauben annehmen.«
+
+»Nein, das werde ich nicht.«
+
+Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen
+Leuten das Abendgebet befohlen.
+
+»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab;
+erlaube, daß ich bete!«
+
+Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich
+mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen,
+so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem
+Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres
+verschloß.
+
+»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer.
+Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem
+Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa
+Allah, Allah hu!«
+
+Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem
+Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher
+lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden
+Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der
+Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum
+sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem
+ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein
+Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und
+weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er
+zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und
+Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er
+den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:
+
+»La ilaha illa lah!«
+
+»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.
+
+Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir,
+nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der
+Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:
+
+ [44] Steuermann.
+
+»Gott schütze dich!«
+
+»Mich und dich!« lautete die Antwort.
+
+»Wie befindest du dich?«
+
+»So wohl wie du.«
+
+»Wem gehört dieser Sambuk?«
+
+»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«
+
+»Und wer führt ihn?«
+
+»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«
+
+»Und was habt ihr geladen?«
+
+»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll
+einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«
+
+»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«
+
+»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es
+Allah doppelt.«
+
+»Wohin fahrt ihr von hier?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«
+
+»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«
+
+»Nach Dschidda.«
+
+»Auf diesem Floß?«
+
+»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu
+fahren.«
+
+»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die
+es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«
+
+»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese
+beiden Männer?«
+
+»Ein Gi-- -- ein Nemsi mit seinem Diener.«
+
+»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter
+fahren.«
+
+»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«
+
+»Ich muß weiter.«
+
+»Das ist sehr gefährlich.«
+
+»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im
+Buche verzeichnet.«
+
+Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.
+
+Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich
+über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche
+Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser
+zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung
+nicht verstünde. Der Derwisch fragte:
+
+»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«
+
+»Nein.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt
+verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«
+
+»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«
+
+»Gar keines, aber viele Waffen.«
+
+»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die
+Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um
+damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde
+weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt
+hat, sein Schiff zu betreten!«
+
+Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff
+das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«.
+
+Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht.
+Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum
+hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung
+das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig
+verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu
+irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann
+verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.
+
+Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr
+nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es
+doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht
+mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte,
+sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet
+-- -- er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas
+»nicht richtig im Staate Dänemark«.
+
+Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu
+beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.
+
+»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande
+zu?«
+
+»So ist es. Woraus vermutest du dies?«
+
+»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.«
+
+»Und was haben diese Augen gesehen?«
+
+»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«
+
+»Ah?«
+
+»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von
+dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?«
+
+ [45] Der »Heulenden« -- heulende Derwische.
+
+»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben,
+wenn er keiner ist?«
+
+»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während
+der Nacht fahren werde. Warum thut er es nicht?«
+
+Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte:
+
+»Wo wirst du schlafen, Effendi?«
+
+»Ich werde mich in den Tachta-perde[46] legen.«
+
+ [46] Verschlag.
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.«
+
+»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir
+schlafen hier auf dem Verdeck.«
+
+»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du thun, wenn Feinde zu dem
+Schiffe heran kämen?«
+
+»Welche Feinde meinst du?«
+
+»Räuber.«
+
+»Giebt es hier Räuber?«
+
+»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die
+größten Chirsizler[47] weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist
+vor ihnen sicher.«
+
+ [47] Spitzbuben.
+
+»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held,
+ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor
+keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?«
+
+»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen
+Abu-Seïf, den 'Vater des Säbels', der gefährlicher und schrecklicher
+ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?«
+
+»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.«
+
+»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre
+Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur
+wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl
+aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf
+finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr
+Anführer.«
+
+»Und was thut die Regierung dagegen?«
+
+»Welche?«
+
+»Steht Ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?«
+
+»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche
+der Großscherif von Mekka beschützt.«
+
+»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!«
+
+»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht.
+Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?«
+
+»Er ist doch nur ein Mensch.«
+
+»Aber er besitzt die Hilfe des Scheïtan[48]. Er kann sich unsichtbar
+machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch
+einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet,
+aber sein Säbel ist faldschymisch[49]; er dringt durch Thüren und Mauern
+und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib
+und Seele auseinander.«
+
+ [48] Teufels.
+
+ [49] Verhext, bezaubert.
+
+»Den möchte ich sehen!«
+
+»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn
+sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen
+wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen
+und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren,
+die dir drohen.«
+
+»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem
+Schlafengehen.«
+
+Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen
+sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren.
+
+Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden
+als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf
+dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die
+Segel, und der Sambuk steuerte südwärts.
+
+Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir
+ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte.
+Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei
+völlig verschleierte Frauen darin.
+
+Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den
+Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und
+hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob
+sich und rief:
+
+»Sambuk, wohin?«
+
+»Nach Tor.«
+
+»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?«
+
+»Bezahlt ihr?«
+
+»Gern.«
+
+»So kommt an Bord.«
+
+Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das
+Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt
+fort.
+
+Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen
+Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen.
+Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht
+abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine
+Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes
+pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer
+beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf,
+ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog,
+nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele
+und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen
+zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs- und Geschmacksnerven
+ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen
+Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges
+so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand ganz den
+Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen;
+wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis
+Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:
+
+ »Wenn deiner Locken Wohlgerüche
+ Ums Grab mir wehn,
+ Dann sprießen tausend Blumen
+ Aus meinem Hügel auf --«
+
+gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter
+der Thüre des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts
+Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter
+sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus
+ihren Kleidern zu bringen waren.
+
+Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und
+dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern.
+
+»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»So bist du hier unbekannt?«
+
+»Ja.«
+
+»Du bist ein Nemtsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Haben die Nemsi auch einen Padischah?«
+
+»Ja.«
+
+»Und Paschas?«
+
+»Ja.«
+
+»Du bist wohl kein Pascha?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber ein berühmter Mann?«
+
+»Pek, billahi -- bei Gott, sehr!«
+
+»Du kannst schreiben?«
+
+»Peh ne güzel -- und wie schön!«
+
+»Auch schießen?«
+
+»Daha ei -- noch besser!«
+
+»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?«
+
+»Ja.«
+
+»Du gehst noch weiter nach dem Süden?«
+
+»Ja.«
+
+»Bist du mit den Ingli bekannt?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du Freunde unter ihnen?«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist sehr gut. Bist du stark?«
+
+»Korkulu -- fürchterlich, arslandscha -- wie ein Löwe! Soll ich es dir
+beweisen?«
+
+»Nein, Effendi.«
+
+»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen
+sein kann. Packe dich und komme nicht wieder!«
+
+Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen
+Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem
+Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf.
+
+»Wai sana -- wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt
+sterben!«
+
+Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter
+folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte
+Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu
+salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem
+Augenblick öffnete sich die Thür des Verschlages, und es erschien eine
+der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die
+beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber
+ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.
+
+Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf
+dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet[50] nicht
+anders mit sich gebracht.
+
+ [50] Schicksal, Vorausbestimmung.
+
+Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen
+sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten
+sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein
+Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen
+Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist.
+
+Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für
+einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein
+»Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was
+konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und
+unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung
+dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut,« und zu was konnte es
+ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies
+hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer
+an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen
+Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der
+augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des
+Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht
+und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung
+besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig.
+
+»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war,
+»hast du ihn gesehen?«
+
+»Wen oder was?«
+
+»Den Bart.«
+
+»Den Bart! Welchen Bart?«
+
+»Den das Weib hatte -- --«
+
+»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?«
+
+»Sie hatte den Jaschmak[51] nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach
+über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.«
+
+ [51] Schleier.
+
+»Schnurrbart?«
+
+»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi
+sagen?«
+
+»Ja, aber so, daß es niemand hört.«
+
+Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich
+seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen
+neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem
+Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es
+nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von
+ihm ab und kehrte zu mir zurück.
+
+»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.«
+
+»Wie so?«
+
+»Und dich für noch dümmer als mich.«
+
+»Ah!«
+
+»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals
+die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen
+Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?«
+
+»Ich vermute es.«
+
+»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!«
+
+»Das ist das Einzige, was wir thun werden, und dazu gehört vor allen
+Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen
+suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets
+beispringen können.«
+
+Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den
+Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein
+Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden
+Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein
+unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne
+daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre.
+
+Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker
+gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des
+Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört.
+
+Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt
+stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der
+Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die
+Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen -- --? Ich hätte gern
+einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war
+der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie
+gewöhnlich, Feuer anzuzünden.
+
+El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete,
+hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht
+verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser
+Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute
+vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef
+ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der
+Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch
+die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft
+zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte
+ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz
+verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken.
+Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Thüre
+ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im
+Vorderteile des Fahrzeuges lag.
+
+Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht
+herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte:
+
+»Hast du geschlafen?«
+
+»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!«
+
+»Ich kann mich auf dich verlassen?«
+
+»Wie auf dich selbst!«
+
+»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.«
+
+»Das werde ich thun, Sihdi!«
+
+Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte
+schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins
+auf -- es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets
+den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die
+Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts
+zu denken. Der Schlummer kam und -- -- halt, was war das?
+
+Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er
+mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb
+emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder
+auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft
+bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich
+aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war.
+
+»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich.
+
+»Ja, Sihdi. Was ist es?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Ich auch nicht. Horch!«
+
+Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her.
+Draußen am Lande war das Feuer erloschen.
+
+»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache
+meine Waffen und Kleider.«
+
+Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei
+schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und -- schlief
+jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet
+wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die
+Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den
+Haïk[52] ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann
+schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und
+kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am
+äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages
+und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf
+kam's ja an.
+
+ [52] Beduinischer Mantel.
+
+Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah -- -- das
+sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen
+gebracht, und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte, war von
+dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad
+unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des
+Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich
+vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter
+Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem
+Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann
+wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes
+legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den
+Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder
+emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde.
+
+Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut
+wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d. h. der Ertrag der Steuer,
+welche er eingesammelt hatte, und -- -- -- ich hatte keine Zeit, weiter zu
+vermuten.
+
+»Alargha, iz chijanisch -- aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine
+tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte;
+zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart
+neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein
+dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich
+durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau
+unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom
+Verschlage gleich auf das Deck hinab.
+
+In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Kajüte, und ich
+bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei
+Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt
+vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun
+Männer stürzten sofort auf mich los.
+
+»Halef, herbei!« rief ich laut.
+
+Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich
+um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen
+konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe,
+die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am
+Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und
+dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich
+vorhin wieder erkannt hatte: -- es war die Stimme des Derwischs.
+
+»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer
+von denen, welche mich umfaßt hielten.
+
+Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da
+krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir.
+
+»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef.
+
+Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte
+mit mir fort.
+
+»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme.
+
+Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten
+Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es
+toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner
+derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen; dann war es
+mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und
+fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr.
+
+Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem
+Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich
+auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber
+ein laut vernehmliches Sog[53] ließ mich vermuten, daß ich mich in dem
+Kielraume eines Fahrzeuges befände, welches in schneller Fahrt begriffen
+war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein
+Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das
+Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus
+Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir
+abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung
+unterwarfen.
+
+ [53] Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden
+ Schiffes verursacht.
+
+Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas
+änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber
+nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir:
+
+»Stehe auf und geh' mit uns!«
+
+Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles
+Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand
+ebenso zu meiner Überraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den
+Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.
+
+Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer
+kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei
+dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte
+auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen
+Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie
+Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache
+bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine
+Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß
+sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die
+Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder
+seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem
+Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem
+Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem
+Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich
+erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen
+ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden
+geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit
+verächtlichem Blick.
+
+»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch.
+
+»Nein, aber ich vermute es.«
+
+»Nun, wer bin ich?«
+
+»Du bist Abu Seïf.«
+
+»Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!«
+
+»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah
+allein anbeten soll?«
+
+»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle
+dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.«
+
+»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es
+erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise
+bezeigen.«
+
+»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!«
+
+Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch
+einen Schritt näher an ihn heran.
+
+»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf oder bist du ein Henker?«
+
+»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir
+den Kopf vor die Füße!«
+
+»Wahre deinen eigenen Kopf!«
+
+»Giaur!«
+
+»Korkakdschi!«
+
+»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!«
+
+»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine
+Dschasusler[54] in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von
+den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir
+gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!«
+
+ [54] Spione.
+
+»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte
+vermöchten nichts gegen meine Klinge!«
+
+»Aferihn -- brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln
+fürchtet.«
+
+»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte
+ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«
+
+»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.«
+
+»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?«
+
+»Pah, du würdest es nicht erlauben!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem
+Säbel.«
+
+Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte
+erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer
+kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und
+reichte ihn mir.
+
+»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die
+Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim
+dritten Hiebe eine Leiche sein.«
+
+Ich nahm den Säbel.
+
+Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater
+des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter
+Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein
+ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit
+Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich
+hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die
+Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und
+ganzen Schwere,« also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und
+ganzen Schwäche« so starke und schwere, Säbel ziemlich ungewohnt war, so
+hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Überlegenheit
+der europäischen Waffenführung zu beweisen.
+
+Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen
+Mienen spiegelte sich die Überzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten
+Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde.
+
+Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen
+Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine
+Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu
+meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll
+unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie
+gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein
+Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu
+verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im
+Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte
+mit harter Festigkeit in die Linie ein, und -- die Waffe flog ihm aus der
+Hand und über Bord in das Wasser.
+
+Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die
+Waffe.
+
+Er stand vor mir und starrte mich an.
+
+»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!«
+
+Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine
+Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Überraschung in
+seinem Angesicht.
+
+»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief
+er aus.
+
+»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und
+überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm
+dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während
+dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in
+deiner Hand.«
+
+Diese -- freilich gewagte -- Appellation an seinen Edelmut hatte einen
+guten Erfolg.
+
+»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast
+dein Schicksal in deiner eigenen Hand.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei
+sein.«
+
+»Was soll ich thun?«
+
+»Du wirst mit mir fechten?«
+
+»Ja.«
+
+»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?«
+
+»Ja.«
+
+»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden
+Auge sehen lassen?«
+
+»Gut!«
+
+»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes
+Fahrzeug in Sicht kommt?«
+
+»Ja.«
+
+»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Hier auf dem Schiffe.«
+
+»Gebunden?«
+
+»Nein, er ist krank.«
+
+»Er hat eine Wunde?«
+
+»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht
+erheben kann.«
+
+»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist
+mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!«
+
+»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt
+wird.«
+
+»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm
+einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.«
+
+»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah[55]; ich habe
+ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine
+Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.«
+
+ [55] Wundarzt.
+
+»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.«
+
+»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht
+versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du
+ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu
+verlangen.«
+
+»Fordere!«
+
+»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der Meinen zu
+verunreinigen?«
+
+»Gut.«
+
+»Du hast Freunde unter den Inglis?«
+
+»Ja.«
+
+»Sind es große Leute?«
+
+»Es sind Paschas unter ihnen.«
+
+»So werden sie dich auslösen?«
+
+Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern
+sich meine Freiheit bezahlen lassen.
+
+»Wie viel verlangst du?«
+
+»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst
+loskaufen.«
+
+Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Ärmeln
+meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden
+worden. Es wäre allerdings zum Lösegelde auch zu wenig gewesen. Daher
+antwortete ich:
+
+»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.«
+
+»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du
+Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist
+vornehm.«
+
+»Ah!«
+
+»Und berühmt.«
+
+»Ah!«
+
+»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.«
+
+»Ich habe Spaß gemacht.«
+
+»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu
+führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer
+Zabit[56], für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.«
+
+ [56] Offizier.
+
+»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie
+umsonst von dir fordern.«
+
+»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und
+mich zwingen, dich frei zu lassen?«
+
+»Er wird es durch seinen Eltschi[57] thun.«
+
+ [57] Gesandten.
+
+»Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi der Nemsi hier in
+dieser Gegend.«
+
+»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldi,
+das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des
+Sultans steht.«
+
+Er lachte.
+
+»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka
+zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit
+deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.«
+
+»Mit wem sonst?«
+
+»Mit den Inglis.«
+
+»Warum mit diesen?«
+
+»Weil sie dich auswechseln sollen.«
+
+»Gegen wen?«
+
+»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit
+seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen
+genommen worden. Sie haben ihn nach Eden[58] geschafft und wollen ihn
+töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.«
+
+ [58] Aden an der Straße Bab-el-Mandeb.
+
+»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden
+mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.«
+
+»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie
+anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so
+werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du
+dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast
+noch viele Tage Zeit.«
+
+»Wie viele?«
+
+»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht,
+auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in
+vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein
+Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine
+volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah
+aus werde ich den Boten abgehen lassen.«
+
+»Ich werde den Brief schreiben.«
+
+»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«
+
+»Das kann ich dir nicht versprechen.«
+
+Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter
+den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?«
+
+»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.«
+
+»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in
+das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du
+schwimmen?«
+
+»Ja.«
+
+»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen
+würden!«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird
+stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht
+aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.«
+
+»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?«
+
+»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er
+der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein
+Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten.
+Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber
+gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.«
+
+Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen.
+
+Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs des
+Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke
+nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in
+einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand.
+
+Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter
+schien sich um mich zu bekümmern, kein Mensch sprach ein Wort zu mir.
+Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige
+Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine
+Kammer, an deren Thür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich
+wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Thüre verriegelt
+und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Wieder frei.
+
+
+Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um
+den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm
+zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso
+unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines
+Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur
+schaden müssen.
+
+Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt
+gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya
+angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher
+wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit,
+ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr
+besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck
+gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle
+steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um
+Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein
+dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam
+und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in
+die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter
+Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die
+Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die
+Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.
+
+Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des
+Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht
+aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von
+Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an
+südwärts giebt es eine Unzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der
+Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die
+Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen
+empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter
+mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die
+Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort
+wird Om-el-Hableïn genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher
+auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der
+Gefahr zu sichern suchte.
+
+Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu.
+Eine Landung vorher war unmöglich.
+
+Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine
+Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.
+
+Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch
+vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht
+getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet.
+
+»Sihdi!«
+
+»Wer ist da?«
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden
+ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?«
+
+»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«
+
+»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr
+leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«
+
+»So hat Abu Seïf mich belogen.«
+
+»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um
+meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den
+Schienen am Beine unten im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie
+entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«
+
+»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«
+
+»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.«
+
+»Was?«
+
+»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu
+pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere
+von seinen Mannen gehen mit.«
+
+»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«
+
+»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner
+Kammer.«
+
+»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht
+umkommen?«
+
+»Ich komme, Sihdi.«
+
+»Aber die Gefahr, Halef!«
+
+»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu
+schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«
+
+»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?«
+
+»Nein.«
+
+»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also
+nicht wissen.«
+
+»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda[59] des
+Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man
+mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.«
+
+ [59] Kammer, Kajüte.
+
+»Das weißt du?«
+
+»Ich habe Gespräche belauscht.«
+
+»Und die Barke in jener Nacht?«
+
+»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf
+uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«
+
+»Gute Nacht!«
+
+Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die
+Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.
+
+Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der
+ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn
+die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des
+Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden
+sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich
+schlief ruhig ein.
+
+Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen
+aber stand mein Wächter.
+
+»Willst du hinauf?« fragte er mich.
+
+»Ja.«
+
+»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.«
+
+ [60] Gebet zur Mittagszeit.
+
+Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das
+Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden
+Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten
+umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande
+aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.
+
+Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken
+zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich
+nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine
+Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und
+außerdem sah ich mehrere große Ketschikise[61] am Boden liegen, welche
+jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk[62] stand offen, den Abu Seïf
+bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug
+gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal[63] enthielt, in denen
+sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.
+
+ [61] Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei
+ nach außen gewendet.
+
+ [62] Ein schrankartiger Kasten.
+
+ [63] Leinwandsäckchen.
+
+»Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,« sagte er.
+
+»Sprich.«
+
+»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu
+unternehmen?«
+
+»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen
+werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«
+
+»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich,
+strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang
+nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht
+verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«
+
+»Das ist hart.«
+
+»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.«
+
+»Ich muß mich fügen.«
+
+»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich
+sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen.
+Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu
+sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich
+hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht
+geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«
+
+Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein,
+bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich
+fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge
+geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte
+auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten
+empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln
+befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El
+Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es
+mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner
+Thür ein leises Geräusch vernahm.
+
+Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen
+durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte
+gewesen.
+
+Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes
+leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine
+Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein
+Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen.
+Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so
+-- -- -- aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines
+Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam,
+langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen
+harten Schlag -- ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und
+doch nicht könne -- ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es
+draußen halblaut:
+
+»Sihdi, komm; ich habe ihn!«
+
+Es war Halef.
+
+»Wen?« fragte ich.
+
+»Deinen Wächter.«
+
+»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«
+
+»Bist du an die Wand gebunden?«
+
+»Nein; hinaus zu dir kann ich.«
+
+»So komm, die Thür ist offen.«
+
+Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften
+Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den
+Händen den Hals zugeschnürt.
+
+»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«
+
+»Hier ist eins; warte!«
+
+Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen Händen das Messer hervor,
+nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln
+entzwei.
+
+»Geht es, Sihdi?«
+
+»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot
+ist!«
+
+»Sihdi, er hätte es verdient.«
+
+»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und
+legen ihn in meine Kammer.«
+
+»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.«
+
+»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das
+Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! -- So -- hier
+ist der Knebel -- -- hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden -- --
+laß den Hals los und halte seine Beine -- -- -- so, fertig. Nun hinein mit
+ihm!«
+
+Ich atmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt
+hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.
+
+»Was nun, Sihdi?« fragte er mich.
+
+»Wie kam das alles, jetzt?«
+
+»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«
+
+»Wenn sie dich entdeckt hätten!«
+
+»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen
+kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst
+nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem
+Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber,
+welcher dich bewacht, an deiner Thüre schlafen werde. Er haßt dich, und
+er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten
+müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin
+ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich
+das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«
+
+»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.«
+
+»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige
+weißt du, Sihdi.«
+
+»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«
+
+»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren
+Afijon[64] anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«
+
+ [64] Opium.
+
+»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als
+diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«
+
+Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten,
+darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen
+wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt
+hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft,
+der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen
+regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie
+schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden
+Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte
+frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung
+weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen
+Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht
+knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben
+und unten an Thür und Pfosten aufgenagelt war.
+
+Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als
+wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich
+mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden
+hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord
+des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen.
+Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.
+
+»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.
+
+»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir
+brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«
+
+»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns
+nicht.«
+
+»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das
+Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?«
+
+»Willst du ein Dieb werden? Nein!«
+
+»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir
+nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die
+Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu
+greifen?«
+
+»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und
+um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen.
+Unser Geld aber haben wir noch.«
+
+»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«
+
+»Hattest du viel?«
+
+»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler
+gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir
+nehmen, was mir gehört.«
+
+Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung
+hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser
+Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des
+geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem
+Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und
+überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder
+gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der
+Sandyk wird verschlossen sein.«
+
+Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:
+
+»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde
+dennoch öffnen.«
+
+»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so giebt es
+einen Krach, der uns verrät!«
+
+»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen
+können. Komm, wir wollen gehen!«
+
+Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß
+er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht
+gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem
+Versprechen:
+
+»Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!«
+
+»Ist es wahr, Sihdi?«
+
+»Ja.«
+
+»So laß uns gehen!«
+
+Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des
+Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein
+bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte.
+
+»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt.
+
+Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen
+Anlauf nehmen.
+
+»Paß auf, Sihdi!«
+
+Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten
+Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.
+
+»Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte
+Halef.
+
+»Wir gehen nach Dschidda.«
+
+»Weißt du den Weg?«
+
+»Nein.«
+
+»Oder hast du eine Harjta[65], welche dir den Weg zeigt?«
+
+ [65] Landkarte.
+
+»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf
+hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die
+Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach
+den Waffen sehen.«
+
+Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns
+genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die
+hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls
+mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und
+sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber
+ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es giebt ganze Stämme,
+welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen
+bewaffnet sind.
+
+Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden
+war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie
+möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder
+kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam
+vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht
+mit Koloquinthen und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich
+beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging
+leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und
+unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung
+der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr, als
+wir die Minareh[66] einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer
+hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.
+
+ [66] Dieses Wort wird nach französischer Weise Minaret
+ geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was
+ aber falsch ist.
+
+»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef.
+
+Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie
+anzureden.
+
+»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«
+
+»Und was beginnen wir dort?«
+
+»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«
+
+»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen,
+begraben liegt?«
+
+»Ja.«
+
+»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig
+Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben
+liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«
+
+»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa,
+woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt
+Löweninsel; sie gehört jetzt den Christen, den Inglis, und ich selbst
+bin bereits zweimal dort gewesen.«
+
+Er blickte mich erstaunt an.
+
+»Aber unsere Talebs[67] sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die
+Insel Adams betreten will!«
+
+ [67] Gelehrten.
+
+»Bin ich gestorben?«
+
+»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben
+noch nicht hast.«
+
+»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß
+sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«
+
+»Ist das wahr?«
+
+»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.«
+
+»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«
+
+»Sie verstanden sie.«
+
+Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.
+
+»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?«
+
+»Würdest du mich mitnehmen?«
+
+»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten
+werden.«
+
+»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?«
+
+»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte
+es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«
+
+Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam
+gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.
+
+»Halef, du hast mich lieb?«
+
+»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«
+
+»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?«
+
+»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich
+du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben
+kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«
+
+»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«
+
+»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich
+das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah
+verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche
+mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«
+
+»Wie lange wirst du in Mekka sein?«
+
+»Sieben Tage.«
+
+»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch
+gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«
+
+»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?«
+
+»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine
+Bitte erfüllen?«
+
+»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun
+darf.«
+
+»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«
+
+»Ich gehorche.«
+
+»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.«
+
+»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«
+
+»Welche?«
+
+»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch[68] kaufen und viele Geschenke
+und Almosen geben -- -- --.«
+
+ [68] Wörtlich: »heiliges Zeug«.
+
+»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.«
+
+»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der
+Ungläubigen geprägt.«
+
+»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.«
+
+»Hast du Piaster?«
+
+»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf[69] holen.«
+
+ [69] Geldwechsler.
+
+»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen
+zu können?«
+
+»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts
+kosten.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich reite mit.«
+
+»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone.
+
+»Ja. Ist dies verboten?«
+
+»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du
+nicht.«
+
+»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?«
+
+»Das ist schön, Sihdi; das geht!«
+
+»So sind wir also einig!«
+
+»Und wohin gehst du dann?«
+
+»Zunächst nach Medaïhn Saliha.«
+
+»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der
+Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«
+
+»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man
+erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«
+
+»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg
+versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir
+sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel
+immer offen steht. Und wohin willst du dann?«
+
+»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und
+Bagdad.«
+
+»Und wirst mich mitnehmen?«
+
+»Ja.«
+
+Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine
+Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen
+arme Hadhesi[70] oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein
+zerlumpter Kerl rief mich an:
+
+ [70] Arbeiter.
+
+»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak -- bist du gesund, Effendi, wie
+geht es dir, und wie ist dein Befinden?«
+
+Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu
+erwidern.
+
+»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist
+vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und
+wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«
+
+Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M'eschaleeh trug.
+Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht
+werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das
+Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines
+Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei
+Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist
+das M'eschaleeh.
+
+»Deine Worte sind Zahari[71]; sie duften wie die Benaht el
+Dschennet[72],« antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin
+zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir
+nützlich sein.«
+
+ [71] Blumen.
+
+ [72] Töchter des Paradieses, die Houris.
+
+»Welches Geschäft hast du?«
+
+»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri[73], und ich helfe
+ihnen.«
+
+ [73] Eseltreiber.
+
+»Hast du sie zu Hause?«
+
+»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?«
+
+»Was soll ich dir bezahlen?«
+
+»Wohin willst du reiten?«
+
+»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«
+
+Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu
+Fuße, das mußte ihm auffällig sein.
+
+»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet
+habe?«
+
+»Welche Brüder?«
+
+»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie
+du; die habe ich in den großen Khan geführt.«
+
+Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.
+
+»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane
+und in keinem Funduk[74], sondern in einem Privathause nehmen.«
+
+ [74] Gasthaus.
+
+»Ama di bacht -- welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung
+finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«
+
+»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?«
+
+»Zwei Piaster.«
+
+Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.
+
+»Hole die Tiere.«
+
+Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter
+einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir
+beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.
+
+»Werden sie uns tragen können?«
+
+»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!«
+
+Das war übertrieben, jedoch mein Tier that nicht im mindesten, als ob
+ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es
+bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich
+im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.
+
+»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut,
+wermya-iz aktsche -- halt, gebt Geld!«
+
+In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein
+viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte
+dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser
+Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine
+riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine
+große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.
+
+»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer.
+
+»Der Radschal el Bab[75]. Er nimmt die Steuer für den Großherrn ein.«
+
+ [75] Mann des Thores, Thorwärter.
+
+Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu
+machen, den Paß heraus.
+
+»Was willst du?«
+
+»Geld!«
+
+»Hier!«
+
+Ich hielt ihm das großherrliche Möhür[76] vor das Auge, welches nicht
+durch ein Glas geschützt war.
+
+ [76] Siegel.
+
+»Lutf, dschenabin -- Verzeihung, Euer Gnaden!«
+
+Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich
+darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauerreste
+springen. Sie trug eine alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite,
+blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe
+eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere
+Radschal el Bab.
+
+»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer.
+
+»Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also
+beleidigt und fürchtet deine Rache.«
+
+Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines
+Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier
+große, vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.
+
+»Hier ist es!«
+
+»Wem gehört das Haus?«
+
+»Dem Dschewahirdschi[77] Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«
+
+ [77] Juwelier.
+
+»Wird er zu Hause sein?«
+
+»Ja.«
+
+»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!«
+
+Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und
+ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem
+Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand.
+Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus
+zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich
+mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine
+sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür
+wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen
+mir Halef gegeben hatte.
+
+Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.
+
+Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie
+ihren Namen -- Dschidda heißt »die Reiche« -- nicht ganz mit Unrecht
+führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben,
+welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem
+Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die
+Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab
+el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von
+zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften,
+in die Nysf[78] von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht
+sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist
+es, daß es hier sehr viele Häuser giebt, welche nach außen hin Fenster
+haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und
+haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der
+ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele
+Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler
+aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier,
+Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen:
+-- alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen
+begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften
+Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute,
+welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.
+
+ [78] Hälften.
+
+Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt,
+befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter
+gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische
+Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.
+
+Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den
+größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern
+Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu
+verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte,
+würde bald selbst ein Bettler sein. Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem
+Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit
+nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um
+mich wurde. Da plötzlich -- ist's möglich oder nicht? erklang es vom
+Wasser her:
+
+ »Jetzt geh' i zum Soala
+ Und kaf ma an Strick,
+ Bind 's Diandl am Buckl,
+ Trog's überall mit.«
+
+Ein »G'sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und
+sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein
+Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als
+einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht
+in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er
+hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über
+diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein
+gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche
+stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor,
+welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um
+die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen,
+dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.
+
+Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen
+geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich
+zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch
+besser nach rechts herum und sang:
+
+ »Und der Türk und der Ruß,
+ Die zwoa gehn mi nix o',
+ Wann i no mit der Gret'l
+ Koan Kriegshandl ho'!«
+
+Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der
+Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede
+überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.
+
+»Türkü tschaghyr-durmak -- sing weiter!« rief ich hinüber.
+
+Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort
+nochmals hören:
+
+ »Zwischen deiner und meiner
+ Is a weite Gass'n;
+ Bua, wennst mi nöt magst,
+ Kannst es bleiben lass'n!«
+
+Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:
+
+ »Zwischen deiner und meiner
+ Is a enge Gass'n;
+ Bua, wennst mi gern magst,
+ Kannst herrudern lass'n!«
+
+Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den
+Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft;
+dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff
+in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.
+
+Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein
+wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.
+
+»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.
+
+»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«
+
+»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen
+wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«
+
+»Ein Schriftsteller. Und Sie?«
+
+»Ein -- ein -- -- -- ein -- -- hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch,
+Privatsekretär, #bookkeeper#[79], Ehemann, #merchant#[80], Witwer,
+Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«
+
+ [79] Buchhalter.
+
+ [80] Kaufmann.
+
+Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich
+lachen mußte.
+
+»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«
+
+»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders
+besinne. Und Sie?«
+
+»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie
+hier in Dschidda?«
+
+»Nichts. Und Sie?«
+
+»Nichts. Wollen wir einander helfen?«
+
+»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«
+
+»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«
+
+»Ja, schon seit vier Tagen.«
+
+»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«
+
+»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«
+
+»Freilich! Für wann?«
+
+»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«
+
+Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten
+wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen
+ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er
+trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die
+Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen
+einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über
+welches eine lange Matte ausgebreitet war.
+
+»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«
+
+Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das
+Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen
+Koffer öffnete, der in demselben stand.
+
+»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht
+schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«
+
+Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:
+
+»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine
+gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier
+zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken -- jeder einen. Da
+noch ein Rest englisches Weizenbrot -- ein bißchen altbacken, geht aber
+noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst --
+riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist
+echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser;
+ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in
+dieser Büchse -- -- schnupfen Sie?«
+
+»Leider nein.«
+
+»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«
+
+»Gern.«
+
+»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir -- Sie zehne und ich
+eine.«
+
+»Oder umgekehrt!«
+
+»Geht nicht.«
+
+»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«
+
+»Raten Sie!«
+
+»Zeigen Sie einmal her!«
+
+Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.
+
+»Käse!«
+
+»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben
+Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«
+
+Wir aßen mit Lust.
+
+»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind
+in Triest geboren?«
+
+»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein
+Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt
+es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich
+bekam eine Stiefmutter; na -- Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt.
+Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer
+Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach
+Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach
+Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«
+
+»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«
+
+»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber
+hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer
+Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von
+wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich
+krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein
+tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte
+mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem
+Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine
+Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt
+sehnte ich mich nach der Heimat zurück -- -- --«
+
+»Zu Ihrem Vater?«
+
+»Auch er lebt nicht mehr, hat aber -- Gott sei Dank! -- keine Not
+gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben.
+Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«
+
+Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl
+nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der
+grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden
+ist.
+
+»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«
+
+»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«
+
+»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«
+
+»Freilich,« lachte er. »Und nun -- pressant sind meine Angelegenheiten
+nicht; ich bin mein eigener Herr -- was thut es, wenn ich mir das rote
+Meer besehe? Sie thun es ja auch!«
+
+»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«
+
+»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt,
+einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«
+
+»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht -- wir sind ja
+trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«
+
+»Wie lange werden Sie hier bleiben?«
+
+»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn
+warten müssen.«
+
+»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«
+
+»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren
+müssen.«
+
+»Wie so?«
+
+»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«
+
+»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«
+
+»Allerdings. Aber, kennt man mich?«
+
+»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«
+
+»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«
+
+»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«
+
+»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger
+sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den
+vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und
+seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen
+unsern heiligen Glauben sein.«
+
+»Sie würden innerlich doch anders denken!«
+
+»Das macht die Schuld nicht geringer.«
+
+»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«
+
+»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der
+Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß
+ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich
+möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag,
+auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den
+Pilger spielt.«
+
+»Wohl nicht.«
+
+»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«
+
+»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber
+werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«
+
+»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn
+Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden.
+Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden
+brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab,
+durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das
+Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für
+einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«
+
+ [81] Kamelart.
+
+»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe
+gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran
+darf.«
+
+»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur
+englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen
+elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten
+einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten
+haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt
+nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«
+
+Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt
+wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte
+diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und
+erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort
+gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.
+
+»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich.
+
+»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?«
+
+»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«
+
+»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?«
+
+»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger
+beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.«
+
+»Du kannst abreisen, sobald du willst.«
+
+Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu
+führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen.
+Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber
+den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten
+ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit
+ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie
+in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den
+Scheidebrief zu geben.
+
+Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme
+sagen:
+
+»Ist dein Herr zu Hause?«
+
+»Dehm arably -- sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch
+gesprochene Frage.
+
+»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit
+einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich
+selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.«
+
+Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:
+
+ »Juchheirassasa!
+ Und wenn d'willst, will i a,
+ Und wenn d'willst, so mach auf,
+ Denn desweg'n bin i da!«
+
+Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen.
+Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich
+nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören.
+Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:
+
+ »Soldat bin i gern
+ Und da kenn' i mi aus,
+ Doch steh i nit gern Schildwach
+ In fremder Leut Haus.«
+
+Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:
+
+ »Und a frischa Bua bin i,
+ D'rum laß dir 'mal sag'n:
+ Wenn d'nit glei itzt aufmachst,
+ Thua i's Thürerl zerschlag'n!«
+
+Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also
+und öffnete ihm die Thür.
+
+»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären
+schon nach Mekka abgegangen.«
+
+»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«
+
+»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«
+
+»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft?
+Thut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit
+Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre
+Speisenkarte zeigte.«
+
+»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«
+
+»Sprechen Sie!«
+
+»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß
+Sie Reiter sind.«
+
+»Ich reite allerdings ein wenig.«
+
+»Nur Pferd oder auch Kamel?«
+
+»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«
+
+»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich
+heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi[82] giebt, bei dem
+man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen
+zu können -- -- --«
+
+ [82] Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.
+
+»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?«
+
+»Das ist es!«
+
+»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen --«
+
+»Thut nichts.«
+
+»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.«
+
+»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf
+einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu
+begleiten?«
+
+»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?«
+
+»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«
+
+»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?«
+
+»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?«
+
+»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen
+kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«
+
+»So geht er mit.«
+
+»Wann soll ich kommen?«
+
+»In einer Stunde.«
+
+»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das
+Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht
+ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen
+sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich
+klingenden Namen 'Bit' bezeichnet.«
+
+»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«
+
+»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«
+
+»Allerdings.«
+
+»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch
+das deutsche Wort 'Lob'.«
+
+»Ah! Ist es gar so arg?«
+
+»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit
+dem Worte 'Bergleute' bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach
+unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten
+der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu thun. Ein Glück ist es
+nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister
+besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu
+überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach
+dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi[83]
+in seinem Ofen ausbrennen wird.«
+
+ [83] Ein Para hat acht Borbi.
+
+»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«
+
+»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen,
+da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«
+
+»Sie?«
+
+»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem
+ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und
+kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«
+
+»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«
+
+»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich
+mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.«
+
+»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«
+
+»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß
+das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe.
+Vor nun wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten,
+welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von
+Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen,
+ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich
+widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die
+Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise
+ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillet wird sehr
+zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen
+sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das
+Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch
+reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder
+Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen
+Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur
+Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien
+eine Woche lang zu besuchen, und -- ich habe mich über den Mangel an
+Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die
+Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben
+diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei
+den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im
+wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren
+kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten,
+daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es
+auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um
+Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als #Commis-voyageurs#,
+Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler oder Kirmeßgäste; sie erleben
+ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der #Table d'hôte#, bei einer
+imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem #Scating-Ring#. Wollen
+wir wetten?«
+
+»Sie machen mich wirklich neugierig!«
+
+»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer,
+wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben
+und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am
+Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in
+Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht
+zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung,
+Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt,
+daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich
+herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die
+Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten.
+Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit
+der größten Hitze eine Quelle finden.«
+
+»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«
+
+»Ich halte es.«
+
+Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem
+Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische
+hinüberklingende Seelenstimmung.
+
+Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat,
+starrte derselbe in Waffen.
+
+»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas
+genießen?« fragte er mich.
+
+»Nein.«
+
+»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«
+
+»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit!
+Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar[84]. Dort finden wir
+Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«
+
+ [84] Zeltdorf.
+
+»Tschekir? Was ist das?«
+
+»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«
+
+»Fi!«
+
+»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken,
+Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für
+den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange
+Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«
+
+»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«
+
+»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine
+Decke?«
+
+»Hier.«
+
+»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?«
+
+»Für den ganzen Tag.«
+
+»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«
+
+»Ohne Begleitung.«
+
+»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür
+aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«
+
+Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne
+sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war. In seinem Hofe
+standen drei Kamele, über welche man hätte weinen mögen.
+
+»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn.
+
+»Dort!«
+
+»Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied.
+
+»Öffne die Thür!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«
+
+»Es sind solche darin.«
+
+»Zeige sie mir!«
+
+Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich
+einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der
+schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie.
+
+»Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin[85] für die drei Kamele,
+welche du uns gesattelt hast?«
+
+ [85] »Hoheit«.
+
+»Fünf Mahbubzechinen[86] für alle drei.«
+
+ [86] à 5 Mark, in Summa also 25 Mark.
+
+»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden
+Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre
+Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und
+ihre Höcker -- ah Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine
+weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß
+sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau
+her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns
+andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!«
+
+Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.
+
+»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?«
+
+»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Großherrn? Soll ich ihm
+erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode
+schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und
+das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!«
+
+Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser
+Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu
+leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem
+Sattelzeug vor uns auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef:
+
+»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«
+
+Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte,
+auf die zusammengezogenen Vorderbeine.
+
+»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die
+Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann
+erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße
+müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich
+zu machen suchen.«
+
+»Ich will es versuchen.«
+
+Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem
+ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute
+Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn
+fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die
+Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz
+regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter
+in den Sand.
+
+»Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er
+sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber
+hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!«
+
+»Rrree!«
+
+Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang,
+obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem
+Verleiher noch einen Verweis geben:
+
+»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Und auch lenken?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein
+Metrek[87] dazu gehört!«
+
+ [87] Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen.
+
+»Verzeihe, Herr!«
+
+Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg
+auch ich auf.
+
+Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen
+wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten.
+Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter
+Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz
+bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.
+
+»Wohin?« fragte ich Albani.
+
+»Das überlasse ich Ihnen.«
+
+»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«
+
+Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine
+Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen
+und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort
+ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und
+Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne
+einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte
+des Hedschas erstreckt.
+
+Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber
+fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre
+gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die
+eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen,
+auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten
+Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch
+eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte;
+er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange,
+arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug
+klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine,
+schnalzte mit den Fingern und sang:
+
+ »Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,
+ Mei Sabel macht mir halt Müh,
+ Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt,
+ Das Kamel is ein sakrisch Vieh!«
+
+Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase: es stieg
+empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter
+mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun
+war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und
+die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände
+als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das
+Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.
+
+»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am
+Sattel fest!« rief ich ihm zu.
+
+»Hat sich sein -- -- hopp! -- -- hat sich sein -- -- öh, brrr, ah! -- hat
+sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei-- -- -- hopp, au! -- -- gar
+keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver-- -- hoppsa, öh, brr! -- Ihr
+verwünschtes Viehzeug an!«
+
+»Ich verkomme ja mit ihm!«
+
+»Ja, aber das mei-- -- oh, brrr, öh! -- das meinige rennt ihm ja wie
+bes-- -- hüh, hoppah! -- wie besessen nach!«
+
+»Halten Sie es an!«
+
+»Mit was denn?«
+
+»Mit dem Fuß und dem Zügel!«
+
+»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in -- -- hoppsa! -- nicht in die
+Höhe, und den Zügel, den habe -- -- halt -- öh, halt öh! -- den habe ich
+nicht mehr!«
+
+»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.«
+
+»Aber ich habe gar kei-- -- -- brrrr, oh! gar keinen Atem mehr!«
+
+»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«
+
+Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine
+Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite
+ritt.
+
+Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns,
+und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich
+nach und nach im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So
+hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen
+zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters
+auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem
+Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand
+förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir
+einander gegenüber.
+
+Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze
+seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert
+als unsere drei zusammen.
+
+»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die
+Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?«
+
+Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes;
+seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die
+Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus
+welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten -- es war kein
+Mann, sondern eine Frau.
+
+»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?«
+
+»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach
+der Stadt zurückkehren.«
+
+Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu
+werden.
+
+»So wohnest du in der Stadt?«
+
+»Nein; ich bin fremd in derselben.«
+
+»Du bist ein Pilger?«
+
+Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen
+Muhammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir
+nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.
+
+»Nein; ich bin kein Hadschi.«
+
+»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu
+gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein
+Rechtgläubiger.«
+
+»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.«
+
+»Bist du ein Jude?«
+
+»Nein; ich bin ein Christ.«
+
+»Und diese beiden?«
+
+»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach
+Mekka gehen will.«
+
+Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.
+
+»Wo ist deine Heimat, Fremdling?«
+
+»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«
+
+»Hast du ein Weib?«
+
+Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen
+ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete:
+
+»Nein.«
+
+»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«
+
+»Ich bin sein Diener und sein Freund.«
+
+Da wandte sie sich wieder zu mir:
+
+»Sihdi, komm und folge mir!«
+
+»Wohin?«
+
+»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?«
+
+»Pah! Vorwärts!«
+
+Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße
+des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an
+ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.
+
+»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem
+Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«
+
+Albani sang statt der Antwort:
+
+ »Dös Dirndel ist sauba
+ Vom Fuaß bis zum Kopf,
+ Nur am Hals hat's a Binkerl,
+ Dös hoaßt ma an Kropf.«
+
+Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der
+Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht
+gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie
+gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich
+an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg
+nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie
+sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen
+wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? -- Sie war
+mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan;
+ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener
+Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so
+gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen,
+furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da
+solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu
+sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung
+gewährt ist.
+
+»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis
+hörte.
+
+»Die Sprache der Deutschen.«
+
+»So bist du ein Nemtsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«
+
+»Warum?«
+
+»Der tapferste Mann war der 'Sultan el Kebihr', und dennoch haben ihn
+die Nemtsche-schimakler[88], die Nemtsche-memleketler[89] und die
+Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf
+betrachtet?«
+
+ [88] Nördlichen Deutschen.
+
+ [89] Österreicher.
+
+Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege
+gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter
+sich.
+
+»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich
+bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie
+dich.«
+
+»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar
+seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?«
+
+»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«
+
+»Ich sehe, daß du sie kennst.«
+
+»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht
+bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?«
+
+»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«
+
+»Was sagt der Kuran dazu?«
+
+»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der
+Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk[90] und
+meinen Dscherid[91]. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?«
+
+ [90] Flinte.
+
+ [91] Wurfspieß.
+
+»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke
+ganz dasselbe, was du denkst.«
+
+»Glaubst du auch an deine Waffen?«
+
+»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz[92] der Christen.«
+
+ [92] Heiliges Buch.
+
+»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.«
+
+Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt
+ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr
+fort:
+
+»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?«
+
+Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer
+sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit
+seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich
+antwortete aber ausweichend:
+
+»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«
+
+»Wie viele Male hast du eine Intikam[93] gehabt?«
+
+ [93] Blutrache.
+
+»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er
+wird getötet durch das Gesetz.«
+
+»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?«
+
+»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr
+ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom 'Vater des Säbels'; kennst du
+ihn?«
+
+»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?«
+
+»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«
+
+Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.
+
+»Gesehen? Wann?«
+
+»Vor noch nicht vielen Stunden.«
+
+»Und wo?«
+
+»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern
+entflohen.«
+
+»Wo ist sein Schiff?«
+
+Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte.
+
+»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«
+
+»Und er ist darauf?«
+
+»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«
+
+»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine
+große Botschaft zu verdanken. Komm!«
+
+Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger
+Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte
+sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug
+aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei
+Mekka wieder fand. In einer Thalmulde standen einige Zelte. Sie deutete
+mit der Hand auf dieselben und meinte:
+
+»Dort wohnen sie.«
+
+»Wer?«
+
+»Die Beni-küfr[94] vom Stamme der Ateïbeh.«
+
+ [94] Verfluchten.
+
+»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el
+Nobejat?«
+
+»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«
+
+Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am
+Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem
+Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte
+hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr
+kriegerisches Aussehen.
+
+»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.
+
+Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein
+Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.
+
+»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«
+
+»Zum Stamme Ateïbeh.«
+
+»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser
+Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind
+die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will
+das Weib von uns?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich
+traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«
+
+»Woran erkennst du dies?«
+
+»Weißt du nicht, daß alle Bedawis[95], welche in der Gegend von Mekka
+wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem
+Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und
+sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an
+ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind
+verflucht.«
+
+ [95] Beduinen.
+
+»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«
+
+»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«
+
+Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen,
+worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von
+ehrwürdigem Aussehen.
+
+»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr
+sollt unsere Gäste sein.«
+
+Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei
+Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort
+Misafir[96] ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen
+schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte
+geführt, wo wir uns auf dem Serir[97] niederließen und mit einem
+frugalen Mahle bewirtet wurden.
+
+ [96] Gast.
+
+ [97] Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.
+
+Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein
+Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der
+wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.
+
+Daß wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute
+keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man
+nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist
+der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus
+gediegenem, schön ciseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch
+versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des
+Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem
+Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite
+Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich,
+nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste
+Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten
+Kokosschale, in welcher der Kopf und -- statt des Schlauches -- ein Rohr
+befestigt wird.
+
+Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt
+hatte, führte das Wort:
+
+»Ich bin der Scheik el Urdi[98] und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die
+Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich
+dennoch nach einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?«
+
+ [98] Gebieter des Lagers.
+
+»Ich erlaube es.«
+
+»Du gehörst zu den Neßarah?«
+
+»Ja, ich bin ein Christ.«
+
+»Was thust du hier im Lande der Gläubigen?«
+
+»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«
+
+Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.
+
+»Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du dann?«
+
+»Ich kehre in meine Heimat zurück.«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind
+unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest.
+Ist dieser Mann dein Diener?«
+
+Er deutete dabei auf Halef.
+
+»Er ist mein Diener und mein Freund.«
+
+»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek[99] gesprochen; sie
+sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu
+werden.«
+
+ [99] Tochter des Scheik Malek.
+
+»Sie hat dir das Rechte gesagt.«
+
+»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt
+du, was ein Delyl ist?«
+
+»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die
+heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«
+
+»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es
+ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun
+eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt
+sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach
+Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib[100] erfüllt; wenn dies geschehen
+ist, giebt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für
+seine Mühe bezahlt.«
+
+ [100] Unerläßliche und erforderliche Handlungen.
+
+»Auch dies weiß ich.«
+
+Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten
+leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in
+Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden
+Übergang bat er:
+
+»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«
+
+Das war überraschend.
+
+»Wozu?« fragte ich ihn.
+
+»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.«
+
+»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls
+von der Behörde eingesetzt werden.«
+
+»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der
+Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«
+
+»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern,
+wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du
+mußt dich an ihn selbst wenden.«
+
+Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu
+beobachten. Er war ganz verdutzt.
+
+»Willst du es thun?« fragte ihn der Alte.
+
+»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«
+
+Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:
+
+»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön
+oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der
+Hadsch doch wieder freigeben.«
+
+»Sind die Benaht el Arab[101] wie die Töchter der Türken, welche sich
+nicht sehen lassen dürfen?«
+
+ [101] Töchter der Araber.
+
+»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du
+sollst das Mädchen sehen.«
+
+Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ
+das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen
+Ähnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter
+desselben sei.
+
+»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.
+
+Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die
+vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene
+dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.
+
+»Wie heißest du?« fragte er sie.
+
+»Hanneh[102],« antwortete sie.
+
+ [102] Anna.
+
+»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar[103]; deine Wangen leuchten wie
+Zahari[104]; deine Lippen glühen wie Römmahm[105], und deine Wimpern
+sind schattig wie die Blätter von el Szemt[106]. Mein Name lautet Halef
+Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich
+kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.«
+
+ [103] Licht des Mondes.
+
+ [104] Blumen.
+
+ [105] Granatäpfel.
+
+ [106] Akazie.
+
+Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el
+Kamar, sondern wie Nur esch Schemms[107]; seine Sprache trieb poetische
+Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die
+Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und
+Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der
+Ehe.
+
+ [107] Sonnenlicht.
+
+Das Mädchen entfernte sich wieder und der Scheik fragte ihn:
+
+»Wie lautet dein Entschluß?«
+
+»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch
+erfüllen.«
+
+»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis giebt.«
+
+»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses
+Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl
+sucht?«
+
+»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?«
+
+»Den Gouverneur von Mekka?«
+
+»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt,
+stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«
+
+»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche
+nicht den Schutz eines Türken.«
+
+»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha
+ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka,
+wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen
+ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein
+Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar
+der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda.
+Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?«
+
+»Ich habe ihn gesehen.«
+
+»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«
+
+»Nicht möglich!«
+
+»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten, oder ihn leben
+zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein
+Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in
+Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar[108] zu
+schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu
+sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit
+zurück. Du hast beide gesehen: mit meiner Tochter bist du angekommen,
+und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn,
+um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im
+Seraj[109] des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn
+entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal
+sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach
+Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht
+weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner
+Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte
+mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist.
+Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um
+draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine
+Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die
+Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen
+die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten.
+Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des
+Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden
+uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von
+Abu-Seïf gewesen?«
+
+ [108] Zeltdorf.
+
+ [109] Palast.
+
+»Ja.«
+
+»Erzähle es!«
+
+Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.
+
+»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«
+
+»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«
+
+»Willst du uns hinführen?«
+
+»Ihr werdet die Dscheheïne töten?«
+
+»Ja.«
+
+»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.«
+
+»Du darfst dich nicht rächen?«
+
+»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu
+lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr
+seid keine Richter.«
+
+»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden
+den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast
+mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe
+entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen
+willst.«
+
+»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener
+noch einmal zu sein.«
+
+»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«
+
+»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an
+meiner Stelle.
+
+»Du kannst morgen gehen.«
+
+»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so
+weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann
+zurückbringen.«
+
+Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:
+
+»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?«
+
+Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.
+
+»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,«
+antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich
+hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma[110] schließen.«
+
+ [110] Verheiratung.
+
+»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte
+abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.«
+
+»So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf
+ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du
+reiten?«
+
+»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder
+mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen
+für den Abschluß der Verheiratung?«
+
+»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik
+meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber
+ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den
+Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch[111] habe ich.«
+
+ [111] Petschaft und Wachs.
+
+In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine
+Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf
+Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß
+er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem
+Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher,
+sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen
+den Weg förmlich hinter sich.
+
+Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.
+
+»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?«
+
+»Was?«
+
+»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es
+erraten?«
+
+»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.«
+
+Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach
+einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der
+Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen,
+sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten
+Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr
+erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke
+nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu
+vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden
+lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt
+zurückkehrenden Boten sein.
+
+Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er
+sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort
+wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir
+gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz
+dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um
+dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden,
+aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer
+nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann,
+sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden verschwunden waren,
+einen Bogen schlagen. Während wir anderen unseren Weg fortsetzten,
+fragte er:
+
+»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der
+Stadt, wo du uns dann am Thore finden wirst?«
+
+»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du
+mit ihnen geredet hast.«
+
+»Es sind vielleicht Dscheheïne!«
+
+»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab;
+reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige
+Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda
+zurückzufliehen.«
+
+»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.«
+
+Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser
+hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen
+mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in
+gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie
+merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie
+mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der
+Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter
+Eile fort, waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor
+ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich
+gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns
+vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab
+eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so
+mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden,
+kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei
+Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder
+nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben
+beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte
+sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.
+
+»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik.
+
+»Von Dschidda,« antwortete der eine.
+
+»Wohin wollt ihr?«
+
+»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«
+
+»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!«
+
+»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen
+wir die Körbe.«
+
+»Von welchem Stamme seid ihr?«
+
+»Wir wohnen in der Stadt.«
+
+Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja
+wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre
+Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:
+
+»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr
+seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf.
+Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!«
+
+»Was geht es euch an, wer wir sind?«
+
+Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die
+Peitsche aus Halefs Hand.
+
+»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was
+diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen,
+das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige
+Fragen. Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten;
+thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art
+zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab
+sehen lassen könnt!«
+
+Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen
+Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.
+
+»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine.
+
+»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der
+Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken
+befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer
+nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren
+Tabandschab[112]. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser
+Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und
+antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«
+
+ [112] Pistolen.
+
+»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.
+
+»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo habt ihr ihn getroffen?«
+
+»In Mekka.«
+
+»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«
+
+»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.«
+
+»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«
+
+»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«
+
+»So bin ich jetzt mit euch fertig.«
+
+»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde
+sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.«
+
+»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten.
+Folge mir!«
+
+Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb
+noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu
+ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr
+unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf
+seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu
+bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße
+gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden,
+und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das
+Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.
+
+»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte
+Halef.
+
+»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was
+du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«
+
+»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«
+
+»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«
+
+»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen
+reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«
+
+»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«
+
+»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah
+möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes
+Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer
+Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist -- -- die
+ist -- -- wie -- der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne
+am Himmel der Wüste.«
+
+»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich
+glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«
+
+»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin
+einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der
+Blumen trinkt.«
+
+Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun
+eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als
+die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte
+zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen
+sollten.
+
+»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen,
+bis du wieder kommst?«
+
+»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so
+lang ist, wie deine Lanze.«
+
+»Und das Tirscheh oder Kiahat[113] wirst du nicht vergessen?«
+
+ [113] Pergament oder Papier.
+
+»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem[114] mitbringen.«
+
+ [114] Tinte und eine Feder.
+
+»Thue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!«
+
+Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten
+in die Stadt.
+
+»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani.
+
+»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag
+gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«
+
+»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht
+gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«
+
+»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging
+es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! -- Sie wollen mit
+diesen Arabern gehen? -- So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«
+
+»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen
+wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten
+Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für
+unmöglich halte.«
+
+Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen
+wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten,
+einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der
+weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner
+Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru,
+dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine
+Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir
+wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen,
+worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+In Mekka.
+
+
+Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die
+Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein
+schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter
+dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte
+ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der
+langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag.
+
+Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran.
+
+»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort
+einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?«
+
+»Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.«
+
+»Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki[115] ist das
+Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden
+soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.«
+
+ [115] Osten.
+
+»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle
+erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.«
+
+»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine
+Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein
+Adeschlik[116] verehre?«
+
+ [116] Feuerzeug.
+
+Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché
+gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen
+sehr großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose
+bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn
+zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen.
+
+»Gieb es ihr,« antwortete ich ernsthaft.
+
+»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch wiedergeben, wenn sie
+meine Frau nicht mehr ist?«
+
+»Sie wird es behalten.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen
+lassen! Was soll ich thun, Sihdi?«
+
+»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr etwas anderes!«
+
+»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen
+Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!«
+
+»So gieb ihr nichts.«
+
+Er schüttelte sehr besorgt den Kopf.
+
+»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend
+etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener
+ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?«
+
+Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und
+infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren.
+
+»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber
+ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine
+Jacke, noch meine Büchse schenken!«
+
+»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe
+tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in
+welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen
+würden?«
+
+»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen,
+wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?«
+
+»Du mußt es wieder fordern!«
+
+»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige
+Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und
+sehen, ob ich etwas für dich finde.«
+
+Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.
+
+»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen
+hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohlthätigkeit
+länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines
+Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan.
+Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter
+die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein,
+wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und
+die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!«
+
+Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine
+Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen,
+Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches
+er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz
+vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der
+Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt
+beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen
+lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen
+weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch
+Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht
+viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert
+besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten
+Seltenheiten gehörten.
+
+Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich
+hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte,
+öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen
+Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz
+auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe
+mit künstlichen Schildkröten und hing an einer Kette von Glasfacetten,
+die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der
+Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich
+zeigte ihn Halef.
+
+Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen
+möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa
+Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal
+gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir
+dienen!«
+
+»Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.«
+
+»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?«
+
+»Bei meinem Barte!«
+
+»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen,
+so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!«
+
+Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen,
+legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu
+betrachten.
+
+»Wallahi -- billahi -- tallahi -- bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst
+du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht
+die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit
+den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik -- wehe, wenn er das
+Kästchen zertritt!«
+
+»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!«
+
+»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du
+täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen?
+Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ und auch kein Jude! Du bist der
+größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast
+den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan[117] gesperrt!
+Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern,
+und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über
+die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese
+Kette, Sihdi?«
+
+ [117] Gefängnis.
+
+»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.«
+
+»Ich -- --?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im
+Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter
+allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich
+verschenken?«
+
+»Ja.«
+
+»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich
+werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.«
+
+»Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!«
+
+»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen
+gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen thatest?«
+
+»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich
+diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars[118] bei mir
+getragen.«
+
+ [118] Weite, türkische Hosen.
+
+»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels,
+den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich
+Hanneh die Kette geben?«
+
+»Sobald sie dein Weib geworden ist.«
+
+»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab[119], denn alle
+Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält.
+Darf ich auch die andern Schätze sehen?«
+
+ [119] Benat ist Plural von Bint, Tochter.
+
+Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und
+Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh
+versammelt.
+
+»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek.
+
+»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.«
+
+»Willst du den Vertrag schreiben?«
+
+»Wenn du es wünschest, ja.«
+
+»So können wir beginnen?«
+
+Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich
+einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen:
+
+»Wie lautet dein voller, ganzer Name?«
+
+»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah.«
+
+»Aus welchem Lande stammest du?«
+
+»Ich stamme aus dem Garbi[120], wo die Sonne hinter der großen Wüste
+untergeht.«
+
+ [120] Westen.
+
+»Zu welchem Stamme gehörst du?«
+
+»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit
+dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen
+Dschebel Schur-Schum.«
+
+Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich
+nun an den Scheik.
+
+»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter.
+Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el
+Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes
+der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim
+und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel
+reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund
+eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte
+aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar
+ist wie Seide, ihre Haut wie Öl, und ihre Tugenden sind rein und
+glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef
+Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!«
+
+Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:
+
+»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine
+Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen
+ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle;
+sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere
+hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein
+Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den
+Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu
+hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert
+gehalten -- -- warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er
+bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?«
+
+»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher.
+
+»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie
+um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf
+Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.«
+
+Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig
+Schafe, zehn Last- und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut
+und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen?
+Glücklicherweise fuhr der Scheik fort:
+
+»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen,
+zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen,
+daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und
+die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er
+morgen früh beim Fagr[121] eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei
+welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen
+Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als
+Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten.
+Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat
+er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts
+und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.«
+
+ [121] Gebet beim Aufgange der Sonne.
+
+Der Redeführer drehte sich zu Halef um:
+
+»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?«
+
+Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht
+paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch
+klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete:
+
+»Ich nehme diese Bedingungen an.«
+
+»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal,
+nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!«
+
+Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt
+die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen
+ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er
+und Halef unterzeichnet hatten.
+
+Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen
+Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um
+eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein
+Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über
+dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht
+geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war.
+
+Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und
+erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Überreste. Bei dieser
+Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob
+sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen.
+Die Scene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in
+dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre
+Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half
+nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil
+der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und
+Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht
+bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher
+Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die
+unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich
+ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals
+gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.
+
+Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu
+schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.
+
+»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute
+niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören.
+
+»Ja. Du hast es ja versprochen!«
+
+Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:
+
+»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?«
+
+»Nein.«
+
+»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!«
+
+»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es
+wieder herzugeben.«
+
+»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen
+soll!«
+
+»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein
+Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh
+behalten möchtest!«
+
+»Du hast es erraten.«
+
+»So willst du mich also verlassen?«
+
+»Dich, Sihdi -- -- --? Oh -- -- --!«
+
+Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.
+
+Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was
+ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war
+klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu
+mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst
+überlassen und schlief bald ein.
+
+Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel
+erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich
+bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot
+gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem
+Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende
+rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie
+und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks
+hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte
+ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß
+und meinte, nach der Feuerwolke deutend:
+
+»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir
+kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.«
+
+»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?«
+
+»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das
+Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen
+haben?«
+
+»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.«
+
+»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm
+gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich,
+daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das
+Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen
+Türken thun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer
+gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha
+von Ägypten, den Allah erschlagen wolle!«
+
+»Du hassest ihn?«
+
+»Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greuelthaten
+gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem
+Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr
+naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger
+bleiben.«
+
+»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?«
+
+»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße
+zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht
+entgehen.«
+
+»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?«
+
+»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?«
+
+»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein.
+Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann
+augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind
+deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka
+befindet.«
+
+»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh
+muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person,
+welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr
+vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon
+lange nach einem Delyl für sie umgesehen.«
+
+»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?«
+
+»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir
+vielleicht einen Boten nach El Frat[122] zu den Beni Schammar oder zu
+den Beni Obeïde, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.«
+
+ [122] Euphrat.
+
+Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont,
+und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten
+nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug
+setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich
+erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe
+angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Überfall mit einemmal zu
+wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine
+ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich
+war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange
+der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf
+machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich
+nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe
+Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene!
+Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich
+zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die
+Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen.
+Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich
+in Mekka gewesen sei -- weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war
+mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein
+Überlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß,
+mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so
+oft gethan und war immer glücklich dabei gewesen.
+
+Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen
+Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir
+befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden
+eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis
+wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg
+zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und
+die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und
+mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann
+kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung.
+
+Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und
+machte die Runde um den Thalkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als
+ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne
+leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand
+ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen
+Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über
+welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter
+größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!
+
+Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um
+ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis
+ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten:
+
+»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was
+wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!«
+
+»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu
+bekommen.«
+
+»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest?
+Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du
+erhalten, was dir gebührt.«
+
+»Ich nehme nichts an!«
+
+»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde
+nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er
+dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug
+ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind,
+verbrennen und zerstören?«
+
+»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!«
+
+»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter,
+geben, obgleich auch er schon das seinige bekommen hat.«
+
+»Gebt es ihm!«
+
+Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und
+Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er
+ließ nicht ab -- ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß
+er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe
+bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin,
+einen armen Araber glücklich zu machen.
+
+»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten,
+welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik.
+
+»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef.
+
+»Morgen zwischen früh und Mittag.«
+
+»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?«
+
+»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach
+seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram[123] zu gehen. Du reitest
+also nach dem Beith-Allah[124], lässest vor demselben die Kamele halten
+und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef[125], der
+dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und
+nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald
+du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat[126] mit den dabei
+vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte
+glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar[127] und ziehst die
+Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im
+Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der
+Hand zu behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher
+siebenmal wiederholt werden muß.«
+
+ [123] Die große Moschee.
+
+ [124] »Haus Gottes«; es ist gleichfalls die große Moschee
+ gemeint.
+
+ [125] Fremdenführer.
+
+ [126] Niederwerfungen.
+
+ [127] Kanzel, türkisch: Mimbar.
+
+»Nach welcher Seite?«
+
+»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten
+drei Gänge werden mit schnellen Schritten gethan.«
+
+»Warum?«
+
+»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet,
+daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu
+widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden
+Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen
+werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt.
+Zuletzt, wenn das Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Thür
+der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung
+aller deiner Sünden.«
+
+»Dann bin ich fertig?«
+
+»Nein. Du hast nun seitwärts zum El Madschem[128] zu gehen und vor dem
+Mekam-Ibrahim[129] zwei Rikat zu verrichten. Dann begiebst du dich zum
+heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel
+Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben,
+welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist
+ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.«
+
+ [128] Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher
+ Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die
+ Kaaba bauten.
+
+ [129] Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als
+ Fußgestell gedient haben soll.
+
+»Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt dann?«
+
+»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa
+stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das
+Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest
+Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert
+Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier
+steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua
+verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal
+zurück.«
+
+»Dann ist alles gethan?«
+
+»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah
+besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt
+von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und
+kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr
+thun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern
+anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten
+wieder bei uns sein.«
+
+Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber
+für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh
+bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte
+er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter
+war, und fragte:
+
+»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?«
+
+»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun, Halef?«
+
+»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles thue, was ich kann und darf.«
+
+»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen.
+Bringe auch mir eine Flasche mit!«
+
+»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich
+unmöglich thun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken.
+Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle
+retten!«
+
+Dieser Bescheid wurde mit so fester Überzeugung ausgesprochen, daß ich
+nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte
+er:
+
+»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?«
+
+»Das darf ich ja nicht!«
+
+»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.«
+
+»Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir schlafen.«
+
+Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von
+dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen
+komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich
+übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine
+Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda
+bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten
+aufgestellt.
+
+Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen
+ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er
+gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser
+Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein
+machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das
+Kamel besteigen wollte, und fragte:
+
+»Effendi, darf ich mit dir reiten?«
+
+»Du darfst.«
+
+Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die
+Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde
+mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu
+verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde
+zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich:
+
+»Folge mir, Effendi!«
+
+»Wohin?«
+
+»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.«
+
+Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und
+schaute unverwandt nach Süden.
+
+»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich
+führen, wohin du willst!«
+
+Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah
+mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und
+hielt endlich in einem engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf
+den Boden niedersetzte.
+
+»Setze dich zu mir und laß uns plaudern,« sagte sie.
+
+Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach.
+
+»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie
+die eigentümliche Unterhaltung.
+
+»Gewiß!« antwortete ich.
+
+»Ich auch,« bemerkte sie ruhig.
+
+»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erste Mal, daß ein
+muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach.
+
+»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.«
+
+»Woher weißt du es?«
+
+»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das
+Paradies; dort lebten alle Geschöpfe bei einander, ohne sich ein Leides
+zu thun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion
+die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der
+Christen.«
+
+»Kennst du sie?«
+
+»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß
+ihr betet zu Gott: 'Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz
+günahler[130]' -- Ist dies richtig?«
+
+ [130] Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden
+ vergessen.
+
+»Ja.«
+
+»Und daß in eurem Kuran steht: 'Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim
+durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.'[131] -- Sage mir, ob das
+auch richtig ist!«
+
+ [131] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist
+ in Gott und Gott in ihm.
+
+»Auch das ist richtig.«
+
+»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau
+rauben?«
+
+»Nein. Wenn er es thäte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.«
+
+»Siehst du, daß eure Religion besser ist, als unsere? Bei euch hätte
+Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst
+du die Geschichte dieses Landes?«
+
+»Ja.«
+
+»So weißt du auch, wie die Türken und Ägypter gegen uns gewütet haben,
+trotzdem wir _eines_ Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet
+und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt,
+verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die
+Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse
+diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.«
+
+»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit -- --«
+
+»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken,
+aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich thue:
+ich werde mich rächen -- rächen an allen, die mich beleidigt haben.«
+
+»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?«
+
+»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die
+heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?«
+
+»Sage es!«
+
+»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?«
+
+»Wer sagt dir das?«
+
+»Ich selbst. Antworte mir!«
+
+»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.«
+
+»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich
+deshalb an diesen Ort geführt. -- Würdest du die Gebräuche mitmachen,
+wenn du in Mekka wärest?«
+
+»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.«
+
+»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust recht daran. Gehe
+nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!«
+
+War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß
+sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen
+ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können -- freilich
+nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies
+unmöglich.
+
+»Wo liegt Mekka?« fragte ich.
+
+»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Thale liegen.«
+
+»Warum soll ich gehen und nicht reiten?«
+
+»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich
+nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird
+ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen
+Spaziergang gemacht habest.«
+
+»Und du willst wirklich auf mich warten?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange?«
+
+»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.«
+
+»Das ist sehr kurz.«
+
+»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange
+verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba
+sehen; das ist genug.«
+
+Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte,
+mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete
+auf meine Waffen und schüttelte den Kopf.
+
+»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber
+solche Waffen? Laß deine Flinte hier und nimm die meinige dafür.«
+
+Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte
+wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher
+vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den
+Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer
+halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Thal
+hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs
+einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile
+der Stadt.
+
+Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu
+Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen
+mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht
+dröhnen hört.
+
+Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee
+gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen
+ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem
+Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem
+großen Rechteck, welches der Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um
+dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und
+Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte
+zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die
+Breite. Da ich mir das Äußere erst nachher betrachten wollte, trat ich
+durch eines der Thore ein. In demselben saß ein Mekkaui[132], welcher
+mit kupfernen Flaschen handelte.
+
+ [132] Bewohner von Mekka.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche
+Kuleh?«
+
+»Zwei Piaster.«
+
+»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise
+sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.«
+
+Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch.
+Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun
+betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der
+Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua[133] vollständig bekleidet
+war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben
+gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben
+der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere
+Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich
+durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer- und Sänftenträger rannten mit
+ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den
+Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei
+einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein
+Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen
+zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer
+kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um
+bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen,
+als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche
+füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam.
+Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu
+mir. Jetzt drehte ich mich um und -- stand keine zehn Schritt von
+Abu-Seïf.
+
+ [133] Schwarzseidener Stoff.
+
+Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir
+dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und
+beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen,
+strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren
+das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es
+war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet.
+
+Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn
+schon hörte ich hinter mir den Ruf:
+
+»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!«
+
+Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich
+hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse
+eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln
+einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen
+gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber,
+sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor
+dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den
+Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den
+Revolver in der Hand. Aber -- wird das Tier gehorchen?«
+
+»E -- o -- ah! -- E -- o -- ah!«
+
+Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei
+Rucken, und windschnell ging's nun dahin. Schüsse krachten hinter mir --
+nur vorwärts, vorwärts!
+
+Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so
+oft findet, so war ich unbedingt verloren.
+
+In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und
+erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe
+des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche
+mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten
+Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen.
+
+Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch
+verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier
+durch unaufhörliche Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich.
+Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich
+mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig
+nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen,
+welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte.
+
+Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß
+ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies
+ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und
+nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter.
+
+»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an.
+
+»Abu-Seïf.«
+
+»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?«
+
+»Er ist mir ziemlich nahe.«
+
+»Und viele andere?«
+
+»Sie kommen zu spät.«
+
+»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Thal.«
+
+»Warum?«
+
+»Du sollst es sehen.«
+
+»Ich muß erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!«
+
+Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die
+Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt
+erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich
+bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich
+ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er
+nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne
+erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung
+herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da
+gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter
+mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine
+Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen:
+Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht
+mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie,
+wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten.
+
+Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern
+Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten,
+daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen
+Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche
+dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte
+ich mein Dschemmel immer mehr.
+
+So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die
+offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es
+so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand.
+Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber
+zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen
+Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn
+er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf
+weit überlegen.
+
+Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern
+in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß
+dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen
+überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es
+möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so
+aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er
+hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau
+ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich
+mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob
+er Schwalben fangen wolle.
+
+Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger
+war im Bereich meiner Stimme.
+
+»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine
+Kugel!«
+
+»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und
+nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!«
+
+Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu
+schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug
+sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und
+dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten
+werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er that
+nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf
+ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit
+geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht.
+
+»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib.
+
+»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er
+das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.«
+
+Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt
+hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren
+Handschar.
+
+»Was willst du thun?«
+
+»Mir seinen Kopf nehmen.«
+
+»Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.«
+
+»Mein Recht ist älter!«
+
+»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.«
+
+»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?«
+
+»Was thust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach
+hier liegen lasse?«
+
+»So giebst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.«
+
+»Ich gebe es nicht auf.«
+
+»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm
+geschieht.«
+
+Jetzt kam auch Halef herbei.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du gethan?«
+
+»Wie kommst du an diesen Ort?«
+
+»Ich bin dir nachgeeilt!«
+
+»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!«
+
+»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner
+Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen und ging zu
+einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei
+mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das
+beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte,
+erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus
+und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei.
+Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick
+später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu
+deiner Verfolgung zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses
+Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen
+und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das
+Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu
+fangen. Die anderen blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das
+Dschemmel.«
+
+»Es ist nicht dein.«
+
+»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter
+uns; wir können nicht hier bleiben. Was thun wir mit diesem Vater des
+Säbels und des Betruges?«
+
+»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl
+wieder zu sich kommen.«
+
+»Und wohin fliehen wir?«
+
+»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef;
+denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns
+nicht mehr im Lager angetroffen hättest.«
+
+»Du meinst die Höhle Atafrah?«
+
+»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der
+Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft
+mir den Gefangenen binden.«
+
+Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen,
+welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte.
+Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann
+stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu.
+
+So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich
+Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der
+Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später.
+
+Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden.
+
+»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die
+heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!«
+
+»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?«
+
+»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.«
+
+»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!«
+
+»Du warst beim heiligen Brunnen?«
+
+»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren
+Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in
+die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und
+folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du
+dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?«
+
+Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage;
+aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische
+Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht
+ein, seine Anschauung zu widerlegen.
+
+Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein
+Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder
+wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und
+so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis
+wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen
+war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen
+mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten,
+der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte.
+
+»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können
+hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.«
+
+»Wir bleiben hier?« fragte ich.
+
+»Ja, bis der Scheik kommt.«
+
+»Wird er kommen?«
+
+»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand
+von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu
+suchen. Steigt ab und folget mir!«
+
+Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen
+Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen
+gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte
+folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum,
+der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer
+Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde
+angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in
+Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen
+Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im
+grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die
+Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden,
+dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können.
+
+Übrigens aber brauchten wir keine große Sorge zu haben, entdeckt zu
+werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt,
+daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten.
+
+Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche
+meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht
+unbedeutende Summe.
+
+Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen
+waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich
+mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die
+Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein
+sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus
+und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in
+ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus.
+
+»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der
+Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden
+seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen,
+daß ich euch hier angetroffen habe.«
+
+»Wen vermutest du außer mir noch hier?«
+
+»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch
+Abu-Seïf, den Gefangenen.«
+
+»Wie kannst du diese alle hier erwarten?«
+
+»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden
+Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und
+geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich
+sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast.
+Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das
+erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn
+also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die anderen aber
+nicht.«
+
+»Wann kommt der Scheik?«
+
+»Vielleicht noch vor einer Stunde.«
+
+»So komm herein.«
+
+Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum
+Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor
+der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte
+erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage
+war:
+
+»Hast du den Dscheheïne gefangen?«
+
+»Ja.«
+
+»Er ist hier?«
+
+»Unverletzt und gesund.«
+
+»So werden wir über ihn richten!«
+
+Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das
+Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante
+Unterredung.
+
+»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er.
+
+»Sprich!«
+
+»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh
+niedergeschrieben hast?«
+
+»Alles.«
+
+»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?«
+
+»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.«
+
+»Aber ich habe sie noch nicht beendet!«
+
+»Was fehlt noch?«
+
+»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell
+gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir
+eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina
+gehört.«
+
+»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?«
+
+»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es -- sie hat es mir selbst gesagt!«
+
+»Und du liebst sie wieder?«
+
+»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen
+und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und
+also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.«
+
+»Aber was wird der Scheik sagen?«
+
+»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!«
+
+»Weitere Sorge hast du nicht?«
+
+»Nein.«
+
+»Und ich? Was werde ich dazu sagen?«
+
+»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich
+dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.«
+
+»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!«
+
+»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich
+zurückkehren kann.«
+
+»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr
+euch einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes thun, sie
+behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie
+nicht wieder abzutreten brauchst.«
+
+»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie
+weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
+Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt
+gehen!«
+
+Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen.
+Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf
+getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu
+nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.
+
+»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an
+diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn
+uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?«
+
+»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an
+Abu-Seïf zu nehmen.«
+
+»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!«
+
+Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei.
+
+»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!«
+
+Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.
+
+»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir
+da mit ihm reden? Er weiß, was er gethan hat, und wir wissen es auch;
+was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er
+sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen.
+Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.«
+
+Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde
+aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den
+letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene,
+schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu.
+Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um
+ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte
+große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als
+den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe
+zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall,
+so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen.
+
+Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der
+alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben.
+
+»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu
+bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?«
+
+»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die
+Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder
+ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.«
+
+Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen
+sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber
+kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut
+zitterten. Ein kurzer Meinungstausch ergab, daß ihn niemand gesehen
+hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur
+stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der
+Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.
+
+»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unsern Versteck verraten.
+Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unseren Tieren noch einen Versuch
+machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so
+ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.«
+
+»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter.
+
+Die anderen stimmten bei.
+
+»Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt
+-- tot oder lebendig -- der wird eine große Belohnung bekommen.«
+
+Da trat Halef vor und sprach: »Den Preis habe ich bereits verdient.
+Draußen liegt tot der Vater des Säbels.«
+
+»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik.
+
+»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im
+Auffinden aller Arten des Makam[134]; er hat mich gelehrt, die Spuren
+im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat
+mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen.
+Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah
+ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach
+rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er
+so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu
+verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab
+einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz.
+Seinen Körper werde ich euch zeigen.«
+
+ [134] Fußspur.
+
+Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den
+toten Abu-Seïf zu sehen.
+
+Bald kehrten sie jubelnd zurück.
+
+»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern
+kleinen Halef.
+
+»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht
+wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter
+die Deinen auf.«
+
+»Ein Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?«
+
+»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?«
+
+»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.«
+
+»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der
+Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines
+Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast
+du Verwandte hier in der Nähe?«
+
+»Nein.«
+
+»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?«
+
+»Nein.«
+
+»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?«
+
+»Ein Anhänger der Sunna.«
+
+»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.«
+
+»So berate auch über ein anderes noch mit!«
+
+»Worüber?«
+
+»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?«
+
+Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an.
+Dann begann ich meine Rede:
+
+»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie
+Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein
+Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und
+auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Thaten zu
+verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des
+Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem
+Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand
+diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er
+ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und
+schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts
+gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben
+die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum
+getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und
+haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres
+Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und
+was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge
+davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka
+geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich
+unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah
+ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von
+einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed
+Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi,
+der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht
+wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht
+gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher
+richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen
+und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein
+Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und
+ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm
+und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!«
+
+Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete:
+
+»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich
+euere Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist
+ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Thaten verrichtet,
+und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen.
+Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wessir, dessen Leben seinem
+Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre
+zu bereiten. Wir lieben dich und ihn -- und wir werden unsere Stimmen
+vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich
+mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde
+ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein
+tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat.
+Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu
+feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist
+unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als
+wir. Sallam, Effendi!«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Am Tigris.
+
+
+»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen
+Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein
+jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über
+Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so
+dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der
+Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den
+Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn
+die Öde wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so
+sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie
+so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr
+vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« --
+
+An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser
+Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des _Tigris_
+legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine
+große, ungeheuere, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und
+Athen werden vom Strahle der Sonne erleuchtet, und die Denkmäler des
+einstigen Ägypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie
+reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem
+Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den
+beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über
+welche der Beduine achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, daß
+unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von
+Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im
+Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns
+eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht,
+damit wir uns einen Namen machen!« --? Sie haben Stadt und Turm gebaut,
+aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber
+die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in
+dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der
+Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von
+Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und
+von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. -- --
+
+Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns
+bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte?
+
+Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es
+nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe
+von _Maskat_ verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein
+und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine
+befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen,
+bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte
+mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse
+Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der
+Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine
+Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang
+verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren
+Betrachtung vollständig würdig war:
+
+Ein hoher, grauer Cylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in
+Bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter,
+dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und
+lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum
+Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten,
+umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein
+graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter
+Rock und graukarrierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue
+Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann ein Instrument,
+welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine
+doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein
+zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor.
+
+»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer
+Sperlingsklapper glich.
+
+Er setzte sich auf ein Senïeh, welches eigentlich als Tisch dienen
+sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee,
+senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den
+Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.
+
+»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt.
+
+Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen Zug, blies den
+Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse.
+
+»Wermyn« -- -- er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen,
+und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er
+kurzweg: »Wermyn Roastbeef!«
+
+Der Kawehdschi verstand ihn nicht.
+
+»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn
+Fingern die Pantomime des Essens machte.
+
+»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Thüre
+verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen,
+viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer
+gebraten werden.
+
+Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit.
+
+»Araber?« fragte er.
+
+»#No.#«
+
+»Türke?«
+
+»#No.#«
+
+Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe.
+
+»Englishman?«
+
+»Nein. Ich bin ein Deutscher.«
+
+»Ein Deutscher? Was hier machen?«
+
+»Kaffee trinken!«
+
+»#Very well!# Was sein?«
+
+»Ich bin #writer#!«[135]
+
+ [135] Schreiber, Schriftsteller.
+
+»Ah! Was hier wollen in Maskat?«
+
+»Ansehen.«
+
+»Und dann weiter?«
+
+»Weiß noch nicht.«
+
+»Haben Geld?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie heißen?«
+
+Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die
+dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches
+die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch
+höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie
+Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde.
+Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte
+darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine
+Verbeugung zu machen.
+
+»#Welcome#, Sir; kenne Sie!«
+
+»Ah, mich?«
+
+»#Yes#, sehr!«
+
+»Darf ich fragen, woher?«
+
+»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London,
+Near-Street 47.«
+
+»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?«
+
+»Auf Reisen -- hier oder dort -- weiß nicht. Sie waren mit ihm auf
+Ceylon?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Elefanten gejagt?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann in See auf Girl-Robber?«
+
+»So ist es.«
+
+»Haben Zeit?«
+
+»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?«
+
+»Habe gelesen von Babylon -- Niniveh -- Ausgrabung -- Teufelsanbeter. Will
+hin -- auch ausgraben -- Fowling-bull holen -- britisches Museum schenken.
+Kann nicht Arabisch -- will gern Jäger haben. Machen Sie mit -- bezahle
+gut, sehr gut!«
+
+»Darf ich um Ihren Namen bitten?«
+
+»Lindsay, David Lindsay -- Titel nicht, brauche nicht -- Sir Lindsay
+sagen.«
+
+»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?«
+
+»#Yes.# Habe Dampfboot -- fahre hinauf -- steige aus -- Dampfboot wartet,
+oder zurück nach Bagdad -- kaufe Pferd und Kamel -- reisen, jagen,
+ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie
+mitgehen?«
+
+»Ich bin am liebsten selbständig.«
+
+»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen -- werde gut bezahlen,
+sehr fein bezahlen -- nur mitgehen.«
+
+»Wer ist noch dabei?«
+
+»So viel, wie Sie wollen -- aber lieber ich, Sie, zwei Diener.«
+
+»Wann fahren Sie ab?«
+
+»Übermorgen -- morgen -- heut -- gleich!«
+
+Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich
+bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die
+Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu
+gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer
+lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß
+ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und
+alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit
+aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten
+Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen.
+Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle
+Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen
+begegnet, als er war.
+
+Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote
+mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen
+werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir, daß Halef mit noch einem
+Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern reisen werde,
+um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde
+mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.
+
+Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen
+war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters
+geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und
+Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an
+die Stelle, an welcher wir heute anlegten. -- --
+
+Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und
+die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel
+bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem
+aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte
+aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht
+gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes
+bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad
+zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß,
+alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch
+auszuladen.
+
+»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn.
+
+»Warum?«
+
+»Weil wir es morgen bei Tageslicht thun könnten.«
+
+»Geht auch am Abend -- bezahle gut!«
+
+»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.«
+
+»Giebt es hier Diebe -- Räuber -- Mörder?«
+
+»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!«
+
+»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten -- haben Büchsen;
+jeder Spitzbube wird niedergeschossen!«
+
+Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir
+mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen
+ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote
+gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite
+und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war
+wunderschön. Vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und
+hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle
+des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf
+dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten
+des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An
+Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpfen sich die Erinnerungen an große
+Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen gleichen dem
+Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.
+
+Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte
+ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als
+sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines
+Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann
+dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein.
+
+Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme
+gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarrierten Anzuge, den er
+selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte.
+
+»Sir, wacht auf!«
+
+Ich sprang auf die Füße und fragte:
+
+»Ist etwas geschehen?«
+
+»Hm -- ja!«
+
+»Was?«
+
+»Unangenehm!«
+
+»Was!«
+
+»Pferde fort!«
+
+»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?«
+
+»Weiß nicht.«
+
+»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Aber Sie haben doch gewacht!«
+
+»#Yes!#«
+
+»Wo denn?«
+
+»Dort.«
+
+Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von
+unsern Zelten lag.
+
+»Dort; warum dort?«
+
+»Ist wohl ein Ruinenhügel -- hingegangen wegen Fowling-bull.«
+
+»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?«
+
+»#Yes!#«
+
+Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen
+noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden.
+
+»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!«
+
+Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt.
+
+»#Yes!# Von wem?«
+
+»Von Dieben!«
+
+Er machte ein noch vergnügteres Gesicht.
+
+»#Very well#, von Dieben -- wo sind sie -- wie heißen sie?«
+
+»Weiß ich es?«
+
+»#No# -- ich auch #no# -- schön, sehr schön! -- Abenteuer da!«
+
+»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir
+nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.«
+
+»Schön -- ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen -- Spuren finden --
+nachlaufen -- totschießen -- kapitales Vergnügen -- bezahle gut, sehr gut!«
+
+Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für
+notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung
+die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit.
+
+»Sechs? Wie viel wir?«
+
+»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt
+auch liegen, bis wir zurückkehren.«
+
+»#Yes!# Das befehlen und dann fort!«
+
+»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?«
+
+»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut -- laufe wie
+Hirsch!«
+
+Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er
+die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir.
+Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen,
+und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen
+karrierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine
+Lust, so mit ihm zu laufen.
+
+Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht
+einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel-
+oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht
+weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt.
+Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen.
+Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem
+Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse
+zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von
+Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus
+zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher
+gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt
+gehabt.
+
+Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene.
+
+»Miserabel -- tot ärgern!«
+
+»Worüber?«
+
+»Werden entkommen!«
+
+»Weshalb?«
+
+»Haben nun alle Pferde -- wir laufen.«
+
+»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar
+nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch
+schließen.«
+
+»Schließen Sie!«
+
+»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?«
+
+»Hm!«
+
+»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande
+dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies
+der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil
+sie über diesen Fluß müssen und sich doch bei Hochwasser mit den fremden
+Pferden nicht hineingetrauen.«
+
+»Also Umweg machen müssen?«
+
+»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Übergangsstelle
+suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.«
+
+»Schön, gut -- sehr gut!«
+
+Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.
+
+»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die
+Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban
+über Ihren Hut!«
+
+»Gut -- sehr gut -- werde machen!«
+
+Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir
+auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war
+wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer
+war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an.
+
+Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei
+englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die
+Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und
+sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen.
+
+»#Nothing!# -- Nichts -- keine Seele -- -- miserabel!«
+
+»Hm, auch ich sehe nichts!«
+
+»Wenn Sie geirrt -- oho, was dann?«
+
+»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir
+hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier
+nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.«
+
+»Ich auch.«
+
+»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.«
+
+»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen -- Abenteuer gern bezahlen --
+sehr gut.«
+
+»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?«
+
+»Wo?«
+
+»Dort!«
+
+Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund
+weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten
+sich -- es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu
+sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs- und
+Ahnungsvermögen begabt sei.
+
+»Richtig -- sehe auch!«
+
+»Es kommt auf uns zu.«
+
+»#Yes!# Wenn sind, dann schieß' alle tot!«
+
+»Sir, es sind Menschen!«
+
+»Diebe! Müssen tot -- unbedingt tot!«
+
+»Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.«
+
+»Verlassen? Warum?«
+
+»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde
+keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!«
+
+»#Well!# Englishman -- Nobelman -- Gentleman -- werde nicht töten -- nur
+Pferde nehmen!«
+
+»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!«
+
+»#Yes!# Zehn Punkte -- stimmt!«
+
+»Vier sind ledig und sechs beritten.«
+
+»Hm! Guter Prairiejäger Sie -- recht gehabt -- Sir John Raffley viel
+erzählt -- bei mir bleiben -- gut bezahlen, sehr gut!«
+
+»Schießen Sie sicher?«
+
+»Hm, ziemlich!«
+
+»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht
+bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem
+Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe
+so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.«
+
+Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die
+Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus
+eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes
+Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.
+
+»Was nun?« fragte der Engländer.
+
+»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am
+Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die
+Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein,
+da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe,
+und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder
+wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.«
+
+»#Well# -- gut, sehr gut -- excellent Abenteuer!«
+
+Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz.
+Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei -- an
+Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den
+Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im
+Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing mir über die Schulter, und
+nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand.
+
+»Sallam aaleïkum!«
+
+Der freundliche Gruß verblüffte sie.
+
+»Aaleïk --« antwortete einer von ihnen. »Was thust du hier?«
+
+»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.«
+
+»Welcher Hilfe bedarfst du?«
+
+»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen?
+Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?«
+
+»Wir verkaufen keines dieser Pferde!«
+
+»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das
+Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu
+schenken.«
+
+»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd
+verschenken.«
+
+»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des
+Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd,
+sondern vier verehren, weil ich so viele brauche!«
+
+»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß
+und wahrhaftig verrückt.«
+
+»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht
+freiwillig giebt! Blicke dich um! Vielleicht giebst du jenem dort das,
+was du mir verweigerst.«
+
+Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation
+vollständig klar. Sie legten die Lanzen zum Stoße ein.
+
+»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher.
+
+»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.«
+
+»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten,
+so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!«
+
+»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche
+dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß Franken
+sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als
+ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin
+herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings
+täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich
+euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen,
+wohin ihr wollt!«
+
+Er lachte.
+
+»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.«
+
+»Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!«
+
+»Weiche vom Wege!«
+
+Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd
+auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte, und Roß und
+Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu
+zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die
+unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der,
+welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir
+benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.
+
+Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts
+daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten
+lachend davon.
+
+»#Magnificent# -- prächtig -- schönes Abenteuer -- hundert Pfund wert! Wir
+zwei, sie sechs -- sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen
+-- ausgezeichnet -- herrlich!« lachte Lindsay.
+
+»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir.
+Wären unsere Tiere scheu geworden, so kamen wir nicht so schnell weg und
+hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.«
+
+»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?«
+
+»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Übergang wird gelingen.«
+
+Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach
+unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in
+der Wüste zurück.
+
+Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen,
+ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen
+lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu
+beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier
+zu tragen vermag. Übrigens waren wir reichlich mit Munition versehen,
+was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so
+bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus
+hätten bestreiten können.
+
+»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls
+und andern Altertümern!«
+
+Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den
+Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf
+und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits
+auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann
+zu werden.
+
+»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!«
+
+»Warum? Habe Hacke mit.«
+
+»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier
+graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen -- -- --«
+
+»Regierung? Welche?«
+
+»Die türkische.«
+
+»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?«
+
+»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die
+Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der
+Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da
+die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst
+auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst
+weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich
+Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.«
+
+»Die seidenen Gewänder?«
+
+»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr
+wenig Raum ein.«
+
+»#Well#, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung -- aber sogleich
+und sofort -- nicht?«
+
+Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben
+werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen.
+
+»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine
+Aufwartung zu machen hat.«
+
+»Raten!«
+
+»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe
+weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer
+des Thathar.«
+
+»Wie weit ist Sindschar von hier?«
+
+»Einen ganzen Breitegrad.«
+
+»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?«
+
+»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie
+genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets
+auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet
+haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die
+einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie
+haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der
+Unstätigkeit ihres Lebens bei.«
+
+»Schönes Leben -- viel Abenteuer -- viel Ruinen finden -- viel ausgraben --
+ausgezeichnet -- excellent!«
+
+»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei
+dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten
+Stammes.«
+
+»Gut -- #well# -- sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!«
+
+»Wir könnten heute noch hier bleiben!«
+
+»Bleiben und nicht graben? Nein -- geht nicht! Zelte ab und fort!«
+
+Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Überlegen ich mir
+sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den
+Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den
+Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen
+den Weg nach dem Sabakah-See ein.
+
+Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder
+Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die
+weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht
+vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich
+als eine glücklich gewählte heraus; denn bereits nach kaum mehr als
+einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine
+sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden
+Straußenfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.
+
+»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer.
+
+»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft
+zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.«
+
+»Werden Männer sein!«
+
+Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner
+scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und
+sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust
+berührte.
+
+»Sallam aaleïkum! Wo wollt Ihr hin?« grüßte einer.
+
+»Von welchem Stamme bist du?«
+
+»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar
+gehört.«
+
+»Wie heißt dein Scheik?«
+
+»Er führt den Namen Mohammed Emin.«
+
+»Ist er weit von hier?«
+
+»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.«
+
+Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir -- die Diener
+hinter uns -- in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie
+um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reiterkünste sehen zu lassen.
+Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe,
+wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden.
+Ich glaube, behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie
+in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten
+dieser Leute.
+
+»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht -- würde den Hals brechen!«
+
+»Ich habe noch andere Reiter gesehen.«
+
+»Ah! Wo?«
+
+»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem
+gefrorenen Flusse, wenn das Pferd keine Eisen hat, oder in einem
+steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.«
+
+»Hm! Werde auch nach Amerika gehen -- reiten in Urwald -- auf Flußeis -- in
+Cannon -- schönes Abenteuer -- prachtvoll! Was sagten diese Leute?«
+
+»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden
+uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer
+der Haddedihn.«
+
+»Tapfere Leute?«
+
+»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem
+gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen,
+und der Mann thut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen
+und faulenzen.«
+
+»Schönes Leben -- prächtig -- möchte Scheik sein -- viel ausgraben --
+manchen Fowling-bull finden und London schicken -- hm!«
+
+Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns
+den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in
+Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu
+beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen
+Weideplatze gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von
+Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen
+gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe
+Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande
+Sinear« der heiligen Schrift herrscht: -- man beobachtet sie auch in dem
+Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer
+beinahe unbegrenzten Merdsch[136], welche nicht die mindeste Ähnlichkeit
+mit einer Uah[137] des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen
+Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der
+fürchterliche Smum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer
+wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und
+verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die
+Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene
+hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten
+keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein
+Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton,
+der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und
+tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.
+
+ [136] Wiese, Prairie.
+
+ [137] Oase.
+
+Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von
+Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte -- rechts und links von
+uns, vor und hinter uns -- wogte ein Meer von grasenden und wandernden
+Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen
+waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und
+allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man
+alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu
+gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug
+eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt
+waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur
+Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite
+junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den
+Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng
+anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den
+Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber,
+die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel
+führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen
+bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche
+sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.
+
+Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen
+vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft
+Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen;
+aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen.
+Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und
+hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und
+an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken
+verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen
+Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel
+und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und
+links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker
+ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung
+empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei
+Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem #Belle-vue# sitzt die
+Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie
+am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges
+der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische
+Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt.
+
+Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes
+Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem
+ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen
+war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen,
+als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem
+öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere
+Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt
+erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das
+Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt,
+rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.
+
+Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke
+später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte
+die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte
+Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat,
+um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die
+Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen
+Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein
+dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob
+die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!«
+
+Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein
+Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem
+Sallam aaleïkum.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.
+
+Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:
+
+»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«
+
+»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste
+mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: 'Speise den Fremdling und
+tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen
+Eingang zu kennen!' -- Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie
+ein türkischer Khawasse[138] empfängst!«
+
+ [138] Polizist.
+
+Er erhob wie abwehrend die Hand.
+
+»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und
+der Verräter nicht.«
+
+Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.
+
+»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.
+
+»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die
+Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139]
+einen Konsul in Mossul?«
+
+ [139] Königin von England.
+
+»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer
+und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und
+eine Dattel für unsere Pferde.«
+
+»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr
+begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!«
+
+Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort
+erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem,
+hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen -- ein Zeichen, daß der Scheik
+uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er
+uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige
+Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig
+war, etwas Näheres über uns zu erfahren.
+
+Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:
+
+»Böser Kerl, nicht?«
+
+»Scheint so.«
+
+»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«
+
+»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und
+haben uns sehr vorzusehen.«
+
+»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«
+
+»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar
+nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint
+er zu hassen.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Weiß es nicht.«
+
+»Einmal fragen!«
+
+»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch
+erfahren werden.«
+
+Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.
+
+»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und
+werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe
+wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«
+
+Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.
+
+»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!«
+
+»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«
+
+»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«
+
+»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab
+el Schammar.«
+
+ [140] Schwarzes Zelt.
+
+Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.
+
+»Willst du mich beleidigen?«
+
+»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar
+bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also
+demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«
+
+»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die
+Gastfreundschaft gebrochen?«
+
+»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen
+Angehörige des eigenen Stammes.«
+
+Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier
+aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein
+sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr
+fort:
+
+»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die
+Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen,
+als der deinige mich.«
+
+»Beweise die Wahrheit!«
+
+»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen
+Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war
+regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen
+aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm
+unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem
+Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und
+ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da
+sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und
+liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: 'Folge mir. Ich schwöre
+dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit
+meinem Leben für das deinige stehen!' -- Da antwortete der Häuptling:
+'Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide
+ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß
+ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.' -- Sie
+setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik
+traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen,
+sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die
+Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der
+Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim
+des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben
+zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf
+abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine
+Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst
+wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik
+Mohammed Emin?«
+
+ [141] Unter-Stämme.
+
+»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«
+
+»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß
+Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der
+berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«
+
+Er wurde verlegen.
+
+»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein
+Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine
+Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem
+hast du diese Geschichte erfahren?«
+
+ [142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem
+ Tigris.
+
+»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines
+Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir
+vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar,
+und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«
+
+Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.
+
+»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«
+
+»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«
+
+»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber
+sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.«
+
+ [143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den
+ Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.
+
+ [144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben
+ pflegen.
+
+»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«
+
+»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen
+ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«
+
+»Ist er dein Feind?«
+
+»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen
+Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die
+Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich
+jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«
+
+»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«
+
+»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um
+ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich
+selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«
+
+»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die
+Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der
+Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich
+kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«
+
+Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment
+auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies
+mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß
+sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.
+
+»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.
+
+»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so
+daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«
+
+»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um
+mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«
+
+»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte
+Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«
+
+»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«
+
+»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«
+
+Er sprang empor.
+
+»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«
+
+»Ich kenne ihn und seine Leute.«
+
+»Wo trafest du sie?«
+
+»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch
+das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«
+
+»So kennst du sie alle?«
+
+»Alle.«
+
+»Auch -- verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein
+Weib, sondern ein Mann -- auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«
+
+»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm
+genommen.«
+
+»Hat sie ihre Rache erreicht?«
+
+»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und
+dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«
+
+»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«
+
+»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um
+Abenteuer zu suchen.«
+
+»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du
+bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus.
+Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr
+mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich
+dieser wackere Hadschi Halef Omar?«
+
+Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften
+Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete:
+
+»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik
+Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter
+ihrem Schutze wohnen könne.«
+
+»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir,
+erzähle mir von ihnen!«
+
+Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete
+ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig
+hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.
+
+»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei
+dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein.
+Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«
+
+Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei
+ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher
+sich das »heilige« Wasser befand.
+
+»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?«
+
+ [145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die
+ einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem
+ Weibe spricht.
+
+»Ja.«
+
+»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem
+Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«
+
+»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und
+besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr
+Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«
+
+Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der
+Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während
+meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich
+unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu
+folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein
+zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen
+und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen,
+die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen
+zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten
+Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.
+
+In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee,
+Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich
+gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung,
+schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge
+waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen
+dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß
+sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit
+Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte
+man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein
+großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit
+einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine
+funkelten: -- er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken
+hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen
+Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre
+Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger
+geschmückt.
+
+»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom
+Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen
+des Zem-Zem begnadigen will.«
+
+Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste
+glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser
+in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.
+
+»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch
+lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«
+
+Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie
+sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen
+Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:
+
+»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig
+ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich
+freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«
+
+Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch
+vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.
+
+»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay.
+
+»Im Zelte der Frauen.«
+
+»Ah! Nicht möglich!«
+
+»Und doch!«
+
+»Diese Weiber lassen sich sehen?«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«
+
+»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser
+aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute
+ein Tropfen Wunder thut.«
+
+»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«
+
+»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«
+
+»Sind hier Ruinen?«
+
+»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu
+finden.«
+
+»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens
+ein schauderhaftes Essen hier!«
+
+»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus
+bekommen!«
+
+»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«
+
+»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von
+ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener
+abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem
+Raume sein müssen.«
+
+Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so
+versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt
+wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise
+herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte
+saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und
+von einigen Beduinen aufgetragen.
+
+Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art
+Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen
+Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich
+eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als
+Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee
+gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll
+dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr
+erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit
+Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich
+wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus
+welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten
+wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden
+Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange
+bespritzte.
+
+Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn
+genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als
+auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann
+wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die
+köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird,
+wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll
+lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann
+sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn
+der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß
+von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber
+zu fürchten. -- Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die
+grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder
+vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst
+Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische
+Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem
+Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten
+sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne
+trocknen.
+
+Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker
+bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.
+
+»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.
+
+Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe
+und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste
+hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger
+gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst
+unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste
+Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner
+bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu,
+als bis ich ihn aufmerksam machte:
+
+»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«
+
+Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann,
+natürlich in englischer Sprache:
+
+»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«
+
+»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«
+
+»Schauderhaft!«
+
+»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.
+
+»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«
+
+»O, ich liebe euch!«
+
+Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte
+dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der
+so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und
+versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem
+unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung
+zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden
+muß.
+
+»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«
+
+»Ja.«
+
+»Ohne Gegenwehr?«
+
+»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«
+
+»Wie so?«
+
+»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!«
+
+Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in
+den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in
+die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem
+Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die
+Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor,
+sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich
+von dem Vergehen wieder zu reinigen.
+
+Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte
+ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine
+große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem
+Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.
+
+Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das
+ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel
+von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem
+Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter
+schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus
+Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen
+gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte
+Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der
+Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen
+pflegen.
+
+Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das
+Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich
+konnte nicht mehr essen.
+
+»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den
+Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.
+
+Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer
+kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El
+Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der
+Engländer.
+
+»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und --
+betrachtete sie dann sehr verlegen.
+
+Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.
+
+»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem
+Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von
+Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie
+sich abtrocknen können.«
+
+Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte
+hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.
+
+Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee
+und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen
+vorzustellen:
+
+»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein
+großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name
+lautet -- --«
+
+»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede.
+
+»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte
+Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den
+Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu
+suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns
+sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«
+
+ [146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.
+
+Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was
+sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war
+ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:
+
+»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und
+falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann,
+meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen
+habe.«
+
+»Wohin ist das?«
+
+»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem
+Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das
+Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet
+unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie
+es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er
+will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu
+enträtseln und zu lesen -- -- --«
+
+»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.
+
+»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel
+er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den
+Bewohnern dieses Landes lassen.«
+
+»Und was sollst du dabei thun?«
+
+»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«
+
+»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf
+ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze
+Land ist voller Ruinen und Trümmer.«
+
+»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr
+versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«
+
+»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch
+viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«
+
+Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.
+
+»Was sagen sie?« fragte er mich.
+
+»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«
+
+»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«
+
+»Ja.«
+
+»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun?«
+
+»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«
+
+»Was sonst machen?«
+
+»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen
+Helden.«
+
+»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«
+
+»Sie wollen Euch solche zeigen.«
+
+»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«
+
+»Das habe ich ihnen gesagt.«
+
+»Was geantwortet?«
+
+»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo
+Inschriften und dergleichen zu finden sind.«
+
+»#Well!# Wir ziehen mit ihnen!«
+
+»Das geht ja nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer
+an?«
+
+»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«
+
+»Das ist sehr zu überlegen.«
+
+»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«
+
+»Nein.«
+
+»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!«
+
+»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«
+
+»Nein!«
+
+Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß
+er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den
+Scheik:
+
+»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe.
+Ist Eure Sache recht und gut?«
+
+»Soll ich sie dir erzählen?«
+
+»Ja.«
+
+»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«
+
+»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu
+Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«
+
+»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere
+Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat
+uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn
+bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten
+Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine
+Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich
+meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie
+gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren
+habe.«
+
+»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«
+
+»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul
+wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat
+und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und
+hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich
+gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad
+gehören.«
+
+»Wo lagern deine Feinde?«
+
+»Sie rüsten erst.«
+
+»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?«
+
+»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«
+
+»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste
+locken, um ihn zu verderben?«
+
+»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders
+aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis
+zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«
+
+»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
+
+»Elfhundert.«
+
+»Und deine Gegner?«
+
+»Mehr als dreimal so viel.«
+
+»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«
+
+»Einen Tag.«
+
+»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«
+
+»Am untern Laufe des Zab-asfal.«
+
+»Und die Abu Hammed?«
+
+»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die
+Hamrinberge bricht.«
+
+»Auf welcher Seite?«
+
+»Auf beiden.«
+
+»Und die Dschowari?«
+
+»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«
+
+»Hast du Kundschafter ausgesandt?«
+
+»Nein.«
+
+»Das hättest du thun sollen.«
+
+»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre
+verloren, wenn man ihm begegnete. Aber -- -- --«
+
+Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:
+
+»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«
+
+»Ja.«
+
+»Und auch unser Freund?«
+
+»Ja.«
+
+»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«
+
+Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen
+anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres
+Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im
+Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht
+hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik
+angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei
+aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das
+schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren
+lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und
+tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.
+
+»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.
+
+»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.
+
+Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr
+abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu
+sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.
+
+»Masch Allah!« antwortete ich.
+
+»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde
+gejagt habe, bis er zusammenbrach?«
+
+»Unmöglich!«
+
+»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«
+
+»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus _einem_ Munde.
+
+»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik.
+»Welches Pferd gefällt dir noch?«
+
+»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und
+diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«
+
+»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden
+eines guten Pferdes.«
+
+»Welche?«
+
+»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«
+
+»An welchen Zeichen erkennst du dies?«
+
+»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig
+ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen
+langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das
+zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen
+Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal
+ein solches Pferd besessen?«
+
+»Ja.«
+
+»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«
+
+»Es kostete mich nichts -- es war ein Mustang.«
+
+»Was ist ein Mustang?«
+
+»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«
+
+»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du
+könntest?«
+
+»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«
+
+»Du kannst ihn dir verdienen!«
+
+»Ah! Unmöglich!«
+
+»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«
+
+»Unter welcher Bedingung?«
+
+»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und
+Dschowari sich vereinigen werden.«
+
+Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch,
+aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:
+
+»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«
+
+»Bis du sie bringen kannst.«
+
+»Und wann erhalte ich das Pferd?«
+
+»Wenn du zurückgekehrt bist.«
+
+»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich
+deinen Auftrag auch nicht ausführen.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf
+welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«
+
+Er blickte zu Boden.
+
+»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht
+verloren gehen kann?«
+
+»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches
+Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das
+Tier fangen könnte.«
+
+»Reitest du so gut?«
+
+»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an
+mich gewöhnen.«
+
+»So sind wir dir überlegen!«
+
+»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?«
+
+»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«
+
+»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich
+werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und
+gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt.
+Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.«
+
+»Du sprichst im Scherze, Emir!«
+
+»Ich rede im Ernste.«
+
+»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«
+
+»Gut!«
+
+Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von
+ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der
+Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.
+
+Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.
+
+»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm.
+»Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie
+trage?«
+
+»Nie!«
+
+Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.
+
+»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht
+gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug
+ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«
+
+Jetzt lächelte er beruhigt.
+
+»Es sei, also zehn Mann?«
+
+»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«
+
+»Die auf dich schießen dürfen?«
+
+»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle
+deine besten Reiter und Schützen aus!«
+
+»Du bist tollkühn, Emir!«
+
+»Das glaubst du nur.«
+
+»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«
+
+»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit
+ihrer Kugel zu treffen.«
+
+»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«
+
+»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu
+Ende!«
+
+»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles
+sehen zu können.«
+
+»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«
+
+»Thue es!«
+
+Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich
+fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar
+verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel.
+Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine
+Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die
+Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales
+»wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals
+und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen
+Bauchgurtes.
+
+»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?«
+
+»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern
+getroffen?«
+
+»Ja; hier sind zehn!«
+
+Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf,
+welche sich in der Nähe befanden.
+
+»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte
+von hier?«
+
+»Wir sehen es.«
+
+»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt
+ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!«
+
+Ich sprang auf -- der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber
+folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich
+die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der
+vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.
+
+Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in
+die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich
+um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen
+schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum.
+Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur
+ein Araber zu stande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er
+hob die Flinte empor; der Schuß krachte.
+
+»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es.
+
+Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich
+hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun
+mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben,
+welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des
+Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort
+richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach
+rechts hinüber und jagte weiter.
+
+»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die
+guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.
+
+Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor.
+Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem
+spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn
+sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich
+aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das
+Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte
+wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte
+Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes
+hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an
+welchem der Ritt begonnen hatte.
+
+Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder
+Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen
+auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich
+gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte
+mich bei der Hand.
+
+»Hamdulillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe
+Angst um dich gehabt. Es giebt im ganzen Stamm El Schammar keinen
+solchen Reiter, wie du bist!«
+
+»Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten
+als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der
+Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel
+und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern
+diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel
+einmal verändern?«
+
+»Wie?«
+
+»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch
+ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.«
+
+»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du
+würdest sie alle vom Pferde schießen!«
+
+»So glaubst du nun also wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor
+den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter
+mir habe?«
+
+»Emir, ich glaube es.« -- Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann
+aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines
+Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen
+Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du
+mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein
+Geheimnis sagen.«
+
+Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist,
+sein Geheimnis; das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf
+welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und
+dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von
+seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen
+selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem
+Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten
+Todesgefahr befindet.
+
+»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur
+das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?«
+
+»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.«
+
+»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht
+werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es
+erfahren kann.«
+
+»So komm!«
+
+Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu:
+
+»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm
+die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort 'Rih!'«
+
+»Rih, das heißt Wind.«
+
+»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als
+der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.«
+
+»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als
+ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll
+ich reiten?«
+
+»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.«
+
+»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?«
+
+»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so
+kostbares Pferd zu behandeln ist?«
+
+»Nein.«
+
+»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche
+von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich
+lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese
+Sure?«
+
+»Ja.«
+
+»Sage sie her!«
+
+Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd.
+
+Ich gehorchte seinem Willen:
+
+»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den schnelleilenden Rossen
+mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken
+sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind
+einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen
+durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und
+er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu
+irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles
+herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht
+wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage
+der Herr sie vollkommen kennt?«
+
+»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts
+vorgesagt; thue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden
+bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!«
+
+Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an
+meine Seite.
+
+»Warum auf Euch geschossen?«
+
+»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.«
+
+»Ah, schön, Prachtpferd!«
+
+»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?«
+
+»Dem Scheik!«
+
+»Nein.«
+
+»Wem sonst?«
+
+»Mir.«
+
+»Pah!«
+
+»Mir; wirklich!«
+
+»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen;
+merkt Euch das!«
+
+»Gut, so behalte ich alles andere für mich!«
+
+»Was?«
+
+»Daß ich euch morgen früh verlasse.«
+
+»Warum?«
+
+»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits.
+Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme
+zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen
+Rappen geschenkt.«
+
+»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!«
+
+»Das geht nicht.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung -- -- --«
+
+»Pah, ziehe mich als Araber an!«
+
+»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?«
+
+»Richtig! Wie lange ausbleiben?«
+
+»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab
+hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.«
+
+»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?«
+
+»Werde mich in acht nehmen.«
+
+»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.«
+
+»Welchen?«
+
+»Nicht bloß nach Beduinen forschen.«
+
+»Nach wem sonst noch?«
+
+»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London
+ins Museum schicken!«
+
+»Werde es thun, verlaßt euch darauf!«
+
+»#Well!# Fertig; eintreten!«
+
+Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest
+des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend
+wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab:
+die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine
+kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnisse zu den leisen,
+einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann
+wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.
+
+Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik, ich aber ging zu dem
+Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen.
+Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt?
+Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet,
+bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt: wir wurden also durch
+denselben schnell vertraut miteinander; und indem ich beim Recitieren
+der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich
+auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich
+lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines
+treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete
+sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus.
+
+»Geschlafen, Sir?« fragte er.
+
+»Ja.«
+
+»Ich nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Sehr lebendig im Zelte.«
+
+»Die Schläfer?«
+
+»Nein.«
+
+»Wer sonst?«
+
+»Die Fleas, Lice und Gnats!«
+
+Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen.
+
+»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir Lindsay.«
+
+»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.«
+
+»Warum?«
+
+»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.«
+
+»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.«
+
+»Wäre vielleicht zu spät gewesen.«
+
+»Warum?«
+
+»Habe Euch viel zu fragen.«
+
+»So fragt einmal zu!«
+
+Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft
+erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor.
+
+»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen
+verschiedenes. Was heißt Freund?«
+
+»Aschab.«
+
+»Feind?«
+
+»Kiman.«
+
+»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?«
+
+»Rijahl fransch.«
+
+»Was heißt Geldbeutel?«
+
+»Surrah.«
+
+»Werde Steine graben. Was heißt Stein?«
+
+»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.«
+
+So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle
+notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des
+Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen.
+
+Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde
+und verließ den Ort, an den ich vielleicht nimmer zurückkehren konnte.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Auf Kundschaft.
+
+
+Ich hatte mir vorgenommen, zunächst den südlichsten Stamm, die
+Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu ihnen wäre gewesen, dem
+Thatharflusse zu folgen, der fast stets parallel mit dem Tigris fließt;
+leider aber war sehr zu vermuten, daß just an seinen Ufern die Obeïde
+ihre Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich. Ich hatte
+mich so einzurichten, daß ich etwa eine Meile oberhalb Tekrit den Tigris
+erreichte; dann traf ich sicher auf den gesuchten Stamm.
+
+Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser brauchte ich für mein
+Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs im vollen Safte stand. Und so hatte
+ich weiter keine Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede
+feindliche Begegnung zu vermeiden. Für das erstere hatte ich den
+Ortssinn, die Sonne und den Kompaß, und für das letztere das Fernrohr,
+mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen
+wurde.
+
+Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am Abend legte ich mich
+hinter einem einsamen Felsen zur Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der
+Gedanke, ob es nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten,
+da ich dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir zu wissen
+notwendig war. Es war dies ein sehr überflüssiges Überlegen, wie ich am
+andern Morgen sehen sollte. Ich hatte nämlich sehr fest geschlafen und
+erwachte durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich
+aufblickte, sah ich fünf Reiter von Norden her grade auf die Stelle
+zukommen, an welcher ich mich befand. Sie waren so nahe, daß sie mich
+bereits gesehen hatten. Flucht lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich
+der Rappe wohl schnell davongetragen hätte. Ich erhob mich also, saß
+auf, um für alles gerüstet zu sein, und nahm den Stutzen nachlässig zur
+Hand.
+
+Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre Pferde einige Schritte vor
+mir. Da in ihren Mienen nicht die geringste Feindseligkeit zu finden
+war, konnte ich mich einstweilen beruhigen.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte mich der eine.
+
+»Aaleïkum!« antwortete ich.
+
+»Du hast hier diese Nacht geschlafen?«
+
+»So ist es.«
+
+»Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt zur Ruhe legen
+könntest?«
+
+»Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt. Dem einen giebt er
+ein Dach von Filz und dem andern den Himmel zur Decke.«
+
+»Du aber könntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein Pferd, welches
+mehr wert ist, als hundert Zelte.«
+
+»Es ist mein einziges Besitztum.«
+
+»Verkaufst du es?«
+
+»Nein.«
+
+»Du mußt zu einem Stamme gehören, der nicht weit von hier sein Lager
+hat.«
+
+»Warum?«
+
+»Dein Hengst ist frisch.«
+
+»Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen von hier, weit,
+weit noch hinter den heiligen Städten im Westen.«
+
+»Wie heißt dein Stamm?«
+
+»Uëlad German.«
+
+»Ja, da drüben im Moghreb sagt man meist Uëlad statt Beni oder Abu.
+Warum entfernst du dich so weit von deinem Lande?«
+
+»Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch die Duars und Städte
+sehen, welche gegen Persien liegen, damit ich den Meinen viel erzählen
+kann, wenn ich heimkehre.«
+
+»Wohin geht zunächst dein Weg?«
+
+»Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah führt.«
+
+»So kannst du mit uns reiten.«
+
+»Wo ist euer Ziel?«
+
+»Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden am Ufer und auf den
+Inseln des Tigris weiden.«
+
+Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein? Sie hatten mich
+gefragt: es war also nicht unhöflich, wenn auch ich mich erkundigte.
+
+»Welchem Stamme gehören diese Herden?«
+
+»Dem Stamme Abu Mohammed.«
+
+»Sind noch andere Stämme in der Nähe?«
+
+»Ja. Abwärts die Alabeïden, welche dem Scheik von Kernina Tribut
+bezahlen, und aufwärts die Dschowari.«
+
+»Wem bezahlen diese den Tribut?«
+
+»Man hört es, daß du aus fernen Landen kommst. Die Dschowari zahlen
+nicht, sondern sie nehmen sich Tribut. Es sind Diebe und Räuber, vor
+denen unsere Herden keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du
+gegen sie kämpfen willst!«
+
+»Ihr kämpft mit ihnen?«
+
+»Ja. Wir haben uns mit den Alabeïden verbunden. Willst du Thaten thun,
+so kannst du es bei uns lernen. Aber warum schläfst du hier am Hügel des
+Löwen?«
+
+»Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war müde und habe mich zur Ruhe
+gelegt.«
+
+»Allah kerihm, Gott ist gnädig; du bist ein Liebling Allahs, sonst hätte
+dich der Würger der Herden zerrissen. Kein Araber möchte hier eine
+Stunde ruhen, denn an diesem Felsen halten die Löwen ihre
+Zusammenkünfte.«
+
+»Es giebt hier am Tigris Löwen?«
+
+»Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben aber findest du nur den
+Leopard. Willst du mit uns reiten?«
+
+»Wenn ich euer Gast sein soll.«
+
+»Du bist es. Nimm unsere Hand und laß uns Datteln tauschen!«
+
+Wir legten die flachen Hände ineinander, und dann bekam ich von jedem
+eine Dattel, die ich aß, während ich fünf andere dafür gab, welche auch
+aus freier Hand verzehrt wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach
+Südosten ein. Einige Zeit später passierten wir den Thathar, und die
+ebene Gegend wurde nach und nach bergiger.
+
+Ich lernte in meinen Begleitern fünf ehrliche Nomaden kennen, in deren
+Herzen kein Falsch zu finden war. Sie hatten zur Feier einer Hochzeit
+einen befreundeten Stamm besucht und kehrten nun zurück voll Freude über
+die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten.
+
+Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich plötzlich wieder senkte.
+Zur Rechten wurden in weiter Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar,
+zur Linken, auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns
+breitete sich das Thal des Tigris aus. In einer halben Stunde war der
+Strom erreicht. Er hatte hier die Breite von wohl einer englischen
+Meile, und seine Wasser wurden von einer großen, langgestreckten, grün
+bewachsenen Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte.
+
+»Du gehst mit hinüber? Du wirst unserem Scheik willkommen sein!«
+
+»Wie kommen wir hinüber?«
+
+»Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits bemerkt worden. Komm
+weiter aufwärts, wo das Kellek landet.«
+
+Ein Kellek ist ein Floß, welches gewöhnlich zweimal so lang als breit
+ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen, welche durch Querhölzer
+befestigt sind, über welche Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen
+sich die Last befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden.
+Regiert wird so ein Floß durch zwei Ruder, deren Riemen aus gespaltenen
+und wieder zusammengebundenen Bambusstücken gefertigt sind. Ein solches
+Floß stieß drüben von der Insel ab. Es war so groß, daß es mehr als
+sechs Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hinüber.
+
+Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen Hunden und einem alten,
+ehrwürdig aussehenden Araber bewillkommt, welcher der Vater eines meiner
+Gefährten war.
+
+»Erlaube, daß ich dich zum Scheik führe,« sagte der bisherige
+Wortführer.
+
+Auf unserem Wege gesellten sich mehrere Männer zu uns, die sich aber
+bescheiden hinter uns hielten und mich durch keine Frage belästigten.
+Ihre Blicke hingen voll Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht
+weit. Er endete vor einer ziemlich geräumigen Hütte, welche aus
+Weidenstämmen gefertigt, mit Bambus gedeckt und von innen mit Matten
+bekleidet war. Als wir eintraten, erhob sich ein stark und kräftig
+gebauter Mann von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war
+beschäftigt gewesen, sein Scharay[147] auf einem Steine zu schärfen.
+
+ [147] Scharfes afghanisches Messer.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich.
+
+»Aaleïk!« antwortete er, indem er mich scharf musterte.
+
+»Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,« bat mein Begleiter.
+»Er ist ein vornehmer Krieger, so daß ich ihm mein Zelt nicht anzubieten
+wage.«
+
+»Wen du bringst, der ist mir willkommen,« lautete die Antwort.
+
+Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand.
+
+»Setze dich, o Fremdling. Du bist müde und hungrig, du sollst ruhen und
+essen; erlaube aber zuvor, daß ich nach deinem Pferde sehe!«
+
+Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst das Pferd und dann der
+Mann. Als er wieder eintrat, sah ich es ihm sofort an, daß ihm der
+Anblick des Rappen Achtung für mich eingeflößt hatte.
+
+»Du hast ein edles Tier, Masch Allah; möge es dir erhalten bleiben! Ich
+kenne es.«
+
+Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch nicht!
+
+»Woher kennst du es?«
+
+»Es ist das beste Roß der Haddedihn.«
+
+»Auch die Haddedihn kennst du?«
+
+»Ich kenne alle Stämme. Aber dich kenne ich nicht.«
+
+»Kennst du den Scheik der Haddedihn?«
+
+»Mohammed Emin?«
+
+»Ja. Von ihm komme ich.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Zu dir.«
+
+»Er hat dich zu mir gesandt?«
+
+»Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.«
+
+»Ruhe dich erst aus, bevor du erzählst.«
+
+»Ich bin nicht müde, und was ich dir zu sagen habe, ist so wichtig, daß
+ich es gleich sagen möchte.«
+
+»So sprich!«
+
+»Ich höre, daß die Dschowari deine Feinde sind.«
+
+»Sie sind es,« antwortete er mit finsterer Miene.
+
+»Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde der Haddedihn.«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Weißt du auch, daß sie sich mit den Abu Hammed und Obeïde verbunden
+haben, die Haddedihn in ihren Weidegründen anzugreifen?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Ich höre, daß du dich mit den Alabeïden vereinigt hast, sie zu
+strafen?«
+
+»Ja.«
+
+»So komme ich zu dir, um das Nähere mit dir zu besprechen.«
+
+»So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du wirst dich erquicken und
+uns nicht eher verlassen, als bis ich meine Ältesten zusammengerufen
+habe.«
+
+Nach kaum einer Stunde saßen acht Männer um mich und den Scheik herum
+und rissen große Fetzen Fleisches von dem Hammel, welcher aufgetragen
+worden war. Diese acht Männer waren die Ältesten der Abu Mohammed. Ich
+erzählte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen und der Bote
+ihres Scheik geworden war.
+
+»Was willst du uns für Vorschläge machen?« fragte der Scheik.
+
+»Keine. Über eure Häupter sind mehr Jahre gezogen als über mein Haupt.
+Es ziemt dem Jüngeren nicht, dem Alten die Wege vorzuschreiben.«
+
+»Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt ist noch jung, aber dein
+Verstand ist alt, sonst hätte Mohammed Emin dich nicht zu seinem
+Gesandten gemacht. Rede! Wir werden hören und dann entscheiden.«
+
+»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
+
+»Neunhundert.«
+
+»Und die Alabeïde?«
+
+»Achthundert.«
+
+»Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als die Feinde zusammen
+zählen.«
+
+»Wie viele Krieger haben die Haddedihn?«
+
+»Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals weniger an. Wißt ihr
+vielleicht, wann die Dschowari sich mit den Abu Hammed vereinigen
+wollen?«
+
+»Am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema[148].«
+
+ [148] Tag der Versammlung = Freitag.
+
+»Weißt du das genau?«
+
+»Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari.«
+
+»Und wo soll diese Vereinigung geschehen?«
+
+»Bei den Ruinen von Khan Kernina.«
+
+»Und dann?«
+
+»Dann werden sich diese beiden Stämme mit den Obeïde vereinigen.«
+
+»Wo?«
+
+»Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der Kanuzaberge.«
+
+»Wann?«
+
+»Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.«
+
+»Du bist außerordentlich gut unterrichtet. Wohin werden sie sich nachher
+wenden?«
+
+»Grad nach den Weideplätzen der Haddedihn.«
+
+»Was wolltet ihr thun?«
+
+»Wir wollten die Zelte überfallen, in denen sie ihre Frauen und Kinder
+zurücklassen, und dann ihre Herden wegführen.«
+
+»Würde dies klug sein?«
+
+»Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt wurde.«
+
+»Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert, die Feinde aber
+dreitausend Krieger. Sie hätten gesiegt, wären als Sieger zurückgekehrt
+und euch nachgejagt, um euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe
+wegzunehmen. Wenn ich unrecht habe, so sagt es.«
+
+»Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn würden durch andere Stämme
+der Schammar verstärkt werden.«
+
+»Diese Stämme werden vom Gouverneur von Mossul angegriffen.«
+
+»Was rätst du uns? Würde es nicht am besten sein, die Feinde einzeln zu
+vernichten?«
+
+»Ihr würdet einen Stamm besiegen, und die andern beiden aufmerksam
+machen. Sie müssen kurz nach ihrer Vereinigung, also bei dem Wirbel El
+Kelab angegriffen werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin am
+dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen Kriegern von den
+Kanuzabergen herabsteigen und sich auf die Feinde werfen, während ihr
+sie von Süden angreift und sie somit in den Strudel Kelab getrieben
+werden.«
+
+Dieser Plan wurde nach längerer Beratung angenommen und dann noch auf
+das Eingehendste besprochen. Darüber war ein großer Teil des Nachmittags
+vergangen und der Abend rückte heran, so daß ich mich veranlaßt sah,
+für die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen aber wurde ich beizeiten
+wieder an das Ufer gesetzt und ritt denselben Weg zurück, den ich
+gekommen war.
+
+Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt hatte, war auf
+eine so leichte und einfache Weise gelöst worden, daß ich mich fast
+schämen mußte, es zu erzählen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient
+werden. Was konnte ich aber noch thun? Ja, war es nicht vielleicht
+besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren? Diesen Gedanken
+wurde ich nicht wieder los. Ich setzte also gar nicht über den Thathar
+zurück, sondern ritt an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die
+Kanuzaberge zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur Hälfte
+verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das Wadi Dschehennem, wo
+ich mit dem Engländer die Pferdediebe getroffen hatte, ein Teil dieser
+Kanuzaberge sei. Ich wußte diese Frage nicht zu beantworten, setzte
+meinen Weg fort und hielt mich später mehr nach rechts, um in die Nähe
+des Dschebel Hamrin zu kommen.
+
+Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken, als ich zwei
+Reiter bemerkte, welche am westlichen Gesichtskreise erschienen und mit
+großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen
+Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor
+zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie.
+
+Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie
+hielten vor mir an.
+
+»Wer bist du?« fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen.
+
+So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen.
+
+»Ein Fremdling,« antwortete ich kurz.
+
+»Woher kommst du?«
+
+»Von Westen, wie ihr seht.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Wohin das Kismet mich führt.«
+
+»Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.«
+
+»Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager
+sorgt.«
+
+»Wen?«
+
+»Allah. Lebt wohl!«
+
+Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so
+langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine
+Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte
+die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen
+binden können.
+
+»Sallam aaleïkum,« grüßte jetzt der eine. »Wir waren vorhin nicht
+höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm.
+Wer bist du?«
+
+Ich antwortete natürlich nicht.
+
+»Wer du bist?«
+
+Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritte begleitete.
+
+»Laß ihn,« meinte der andere. »Allah wird Wunder thun und ihm den Mund
+öffnen. Soll er reiten oder gehen?«
+
+»Gehen!«
+
+Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den
+Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel
+und -- fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten
+Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges
+Geschöpf!
+
+Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen
+hindurch, und endlich sah ich aus einem Thale mehrere Feuer uns
+entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir
+lenkten in dies Thal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten
+endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger
+Mann trat. Er sah mich und ich ihn -- wir erkannten einander.
+
+»Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?« fragte er.
+
+»Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine
+Thar[149] bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!«
+
+ [149] Blutrache.
+
+Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt:
+
+»Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn!
+Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört
+werde. Ich rufe die andern zusammen.«
+
+»Was thun wir mit dem Pferde?«
+
+»Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.«
+
+»Und seine Waffen?«
+
+»Werden in das Zelt gebracht.«
+
+Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung, aber
+vor einer Versammlung von -- Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts
+nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen.
+
+»Kennst du mich?« fragte der Älteste der Anwesenden.
+
+»Nein.«
+
+»Weißt du, wo du dich befindest?«
+
+»Nein.«
+
+»Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo hast du ihn gesehen?«
+
+»Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich
+mir wieder holte.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?«
+
+»Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.«
+
+»Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!«
+
+»Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.«
+
+»Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!«
+
+»Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen. Wer ist ein
+Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten
+hast?«
+
+»Mir.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das
+nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!«
+
+»Bindet ihn fester!« gebot er.
+
+»Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich
+das Wasser des Zem-Zem befindet!«
+
+»Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhangen.
+Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?«
+
+»Ja.«
+
+»Gieb uns davon.«
+
+»Nein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.«
+
+»Sind wir deine Feinde?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein. Wir haben dir noch kein Leid gethan. Wir wollen nur das Pferd,
+welches du geraubt hast, seinem Eigner wieder bringen.«
+
+»Der Eigner bin ich.«
+
+»Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die
+Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Mohammed Emin,
+dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?«
+
+»Er hat es mir geschenkt.«
+
+»Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.«
+
+»Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich
+gefesselt bin!«
+
+»Warum hat er dir es geschenkt?«
+
+»Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber geht das nichts an!«
+
+»Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn
+einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk
+giebt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die
+Haddedihn verlassen?«
+
+»Vorgestern früh.«
+
+»Wo weiden ihre Herden?«
+
+»Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.«
+
+»Könntest du uns zu ihnen führen?«
+
+»Nein.«
+
+»Wo warst du seit vorgestern?«
+
+»Überall.«
+
+»Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir
+geschieht. Führet ihn fort!«
+
+Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden.
+Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine
+nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt,
+die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich
+aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte,
+auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre.
+Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag
+nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das
+Wachtfeuer loderte, der Lagmi[150] kreiste von Hand zu Hand, und die
+Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende
+Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat,
+der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um
+sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme -- -- ich
+erwachte.
+
+ [150] Dattelpalmensaft.
+
+War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber,
+und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der
+Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit -- ein Löwe umschlich das
+Lager.
+
+»Schlaft ihr?« fragte ich.
+
+»Nein.«
+
+»Hört ihr den Löwen?«
+
+»Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.«
+
+»Tötet ihn!«
+
+»Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?«
+
+»Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?«
+
+»Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme
+vollständig zu hören.«
+
+»Ist der Scheik bei ihnen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er
+mir mein Gewehr giebt.«
+
+»Du bist wahnsinnig!«
+
+»Ich bin vollständig bei Sinnen. Gehe hinaus!«
+
+»Ist es dein Ernst?«
+
+»Ja; packe dich!«
+
+Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich
+hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der
+Mann zurück. Er band mich los.
+
+»Folge mir!« gebot er.
+
+Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner
+wagte es, aus dem Schutze der Zelte zu treten.
+
+»Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?« fragte der Scheik.
+
+»Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.«
+
+»Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu
+jagen, und mehrere würden sterben daran.«
+
+»Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.«
+
+»Sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+»Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah giebt das
+Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.«
+
+»So gieb mir mein Gewehr!«
+
+»Welches?«
+
+»Das schwere, und mein Messer.«
+
+»Bringt ihm beides,« gebot der Scheik.
+
+Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er
+dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den
+Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu thun, und diese Drei
+konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte.
+
+Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.
+
+»Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?«
+
+»Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?«
+
+»Ja.«
+
+»Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem,
+welchen du in der Tasche hast.«
+
+»Ich schwöre es!«
+
+»Löst ihm die Hände!«
+
+Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im Zelte des Scheik, und
+vor demselben war der Rappe. Ich hatte keine Besorgnis mehr.
+
+Es war die Stunde, in welcher der Löwe am liebsten um die Herden
+schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Ich fühlte an meinen
+Gürtel, ob der Patronenbeutel noch vorhanden sei, dann schritt ich bis
+zum ersten Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein Auge an
+die Dunkelheit zu gewöhnen. Vor mir und zu beiden Seiten gewahrte ich
+einige Kamele und zahlreiche Schafe, die sich zusammengedrängt hatten.
+Die Hunde, welche sonst des Nachts die Wächter dieser Tiere sind, waren
+entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte verkrochen.
+
+Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise und langsam
+vorwärts. Ich wußte, daß ich den Löwen noch eher riechen würde, als ich
+ihn bei dieser Dunkelheit zu Gesichte bekommen konnte. Da -- -- es war als
+ob der Boden unter mir erbebte -- erscholl der Donner dieser Stimme
+seitwärts von mir, und einige Augenblicke darauf vernahm ich einen
+dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer Körper gegen einen andern prallt --
+ein leises Stöhnen, ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden
+Knochen -- und da, höchstens zwanzig Schritte vor mir funkelten die
+beiden Feuerkugeln: -- ich kannte dieses grünliche rollende Licht. Ich
+hob das Gewehr trotz der Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und
+drückte ab.
+
+Ein gräßlicher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz meines Schusses
+hatte dem Löwen seinen Feind gezeigt; auch ich hatte ihn gesehen, der
+auf dem Rücken eines Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen
+Zähnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein großer dunkler Gegenstand
+schnellte durch die Luft und kam höchstens drei Schritte vor mir auf den
+Boden nieder. Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der Sprung
+schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war doch verwundet. Ich kniete
+noch fast im Anschlage und drückte den zweiten und letzten Schuß los,
+nicht mitten zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine Auge
+hinein. Dann ließ ich die Büchse blitzschnell fallen und nahm das Messer
+zur Hand -- der Feind kam nicht über mich; er war von dem tödlichen
+Schusse förmlich zurückgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich
+einige Schritte zurück, um wieder zu laden. Ringsum herrschte Stille;
+auch im Lager war kein Hauch zu hören. Man hielt mich wohl für tot.
+
+Sobald aber der schwächste Schimmer des Tages den Körper des Löwen
+einigermaßen erkennen ließ, trat ich hinzu. Er war tot, und nun machte
+ich mich daran, ihn aus der Haut zu schälen. Ich hatte meine Gründe,
+nicht lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese Trophäe
+zurückzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem Gefühle als nach dem
+Gesichte vor sich, war aber doch beendet, als der Morgenschimmer etwas
+kräftiger wurde.
+
+Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir über die Schulter und kehrte in
+das Lager zurück. Es war jedenfalls nur ein kleines Zweiglager der
+räuberischen Abu Hammed. Die Männer, Frauen und Kinder saßen
+erwartungsvoll vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten, erhob sich ein
+ungeheurer Lärm. Allah wurde in allen Tönen angerufen, und hundert Hände
+streckten sich nach meiner Beute aus.
+
+»Du hast ihn getötet?« rief der Scheik. »Wirklich? Allein?«
+
+»Allein!«
+
+»So hat dir der Scheïtan beigestanden!«
+
+»Steht der Scheïtan einem Hadschi bei?«
+
+»Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulet, einen Talisman, mit Hilfe
+dessen du diese That vollbringst?«
+
+»Ja.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Hier!«
+
+Ich hielt ihm die Büchse vor die Nase.
+
+»Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen. Wo liegt der Körper des
+Löwen?«
+
+»Draußen rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!«
+
+Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte ich gewünscht.
+
+»Wem gehört die Haut des Löwen?« frug der Scheik mit lüsternem Blick.
+
+»Darüber wollen wir in deinem Zelte beraten. Tretet ein!«
+
+Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zwölf Männer da. Gleich
+beim Eintritt erblickte ich meine anderen Waffen; sie hingen an einem
+Pflock. Mit zwei Schritten stand ich dort, riß sie herab, warf die
+Büchse über die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand. Die Löwenhaut
+war mir infolge ihrer Größe und Schwere sehr hinderlich; aber es mußte
+doch versucht werden. Rasch stand ich wieder unter dem Eingang des
+Zeltes.
+
+»Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser Büchse nur auf den
+Löwen zu schießen -- -- --«
+
+»Ja.«
+
+»Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schießen werde, das habe ich
+nicht gesagt.«
+
+»Es gehört hierher. Gieb es zurück.«
+
+»Es gehört in meine Hand, und die wird es behalten.«
+
+»Er wird fliehen -- haltet ihn!«
+
+Da erhob ich den Stutzen zum Schuß.
+
+»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben
+Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir
+genossen habe. Wir sehen uns wieder!«
+
+Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese
+kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich
+hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits
+am letzten Zelte vorbei.
+
+Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein
+wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den
+Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im
+Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des
+Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte
+ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich
+hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der
+vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen
+weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt,
+drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter
+seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre
+nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen
+Lauf wieder lud.
+
+Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug
+gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht.
+Ich hielt wieder, drehte um und zielte -- zwei Schüsse knallten
+nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu
+viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit
+wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch
+meinen Spuren zu folgen schienen.
+
+Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks
+nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren
+nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den
+Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse
+des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an
+welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser
+Übergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch
+tiefe und nicht sehr breite Thäler getrennt werden. Das breiteste Thal
+von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so
+prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der
+möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen,
+den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb
+mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen und hielt daher
+noch eine Nachtruhe.
+
+Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor
+Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe
+zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus
+ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus
+dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich.
+»Wie ist es gegangen?«
+
+»Gut.«
+
+»Hast du etwas erfahren?«
+
+»Alles!«
+
+»Alles? Was?«
+
+»Rufe die Ältesten zusammen; ich werde euch Bericht erstatten.«
+
+Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der anderen Seite des
+Pferdes herabgeworfen hatte.
+
+»Maschallah, Wunder Gottes, ein Löwe! Wie kommst du zu diesem Felle?«
+
+»Ich habe es ihm abgezogen.«
+
+»Ihm? Dem Herrn selbst?«
+
+»Ja.«
+
+»So hast du mit ihm gesprochen?«
+
+»Kurze Zeit.«
+
+»Wie viele Jäger waren dabei?«
+
+»Keiner.«
+
+»Allah sei mit dir, daß dich dein Gedächtnis nicht verlasse!«
+
+»Ich war allein!«
+
+»Wo?«
+
+»Im Lager der Abu Hammed.«
+
+»Die hätten dich erschlagen!«
+
+»Sie haben es nicht gethan, wie du siehst. Sogar Zedar Ben Huli hat mir
+das Leben gelassen.«
+
+»Auch ihn hast du gesehen?«
+
+»Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.«
+
+»Erzähle!«
+
+»Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst muß ich alles öfters
+erzählen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles ausführlich hören!«
+
+Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als ich den Engländer im
+vollsten Galopp daherstürmen sah.
+
+»Habe soeben gehört, daß Ihr da seid, Sir,« rief er schon von weitem.
+»Habt Ihr gefunden?«
+
+»Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.«
+
+»Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?«
+
+»Auch!«
+
+»Schön, sehr gut! Werde graben, finden und nach London schicken. Erst
+aber wohl kämpfen?«
+
+»Ja.«
+
+»Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.«
+
+»Was?«
+
+»Seltenheit, Schrift.«
+
+»Wo?«
+
+»Loch, hier in der Nähe. Ziegelstein.«
+
+»Eine Schrift auf einem Ziegelstein?«
+
+»#Yes!# Keilschrift. Könnt Ihr lesen?«
+
+»Ein wenig.«
+
+»Ich nicht. Wollen sehen!«
+
+»Ja. Wo ist der Stein?«
+
+»In Zelt. Gleich holen!«
+
+Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund zum Vorschein.
+
+»Hier, ansehen, lesen!«
+
+Der Stein war beinahe vollständig zerbröckelt, und die wenigen Keile,
+welche die verwitterte Inschrift noch zeigte, waren kaum mehr zu
+unterscheiden.
+
+»Nun?« fragte Master Lindsay neugierig.
+
+»Wartet nur. Das ist nicht so leicht, als Ihr denkt. Ich finde nur drei
+Worte, die vielleicht zu entziffern wären. Sie heißen, wenn ich nicht
+irre: #Tetuda Babrut ésis.#«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Zum Ruhme Babylons aufgeführt.«
+
+Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis
+hinter an die Ohren.
+
+»Lest Ihr richtig, Sir?«
+
+»Ich denke es.«
+
+»Was daraus nehmen?«
+
+»Alles und nichts!«
+
+»Hm! Hier doch gar nicht Babylon!«
+
+»Was sonst?«
+
+»Niniveh!«
+
+»Meinetwegen Rio de Janeïro! Reimt Euch das Dings da selbst zusammen
+oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu.«
+
+»Aber warum ich Euch mitgenommen?«
+
+»Gut! Hebt den Ziegelkloß auf, bis ich Zeit habe!«
+
+»#Well!# Was habt Ihr zu thun?«
+
+»Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse zu erzählen
+habe.«
+
+»Werde auch mitthun!«
+
+»Und übrigens muß ich vorher essen. Ich habe Hunger wie ein Bär.«
+
+»Auch da werde mitthun!«
+
+Er trat mit mir in das Zelt.
+
+»Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?«
+
+»Miserabel! Verlange Brot -- Araber bringt Stiefel; verlange Hut -- Araber
+bringt Salz; verlange Flinte -- Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft,
+schrecklich! Lasse Euch nicht wieder fort!«
+
+Nach der Rückkehr des Scheik brauchte ich nicht lange auf das Mahl zu
+warten. Während desselben stellten sich die Geladenen ein. Die Pfeifen
+wurden angezündet, der Kaffee ging herum, und dann drängte Lindsay:
+
+»Anfangen, Sir! Bin neugierig.«
+
+Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet, bis mein Hunger
+gestillt war; dann aber begann ich:
+
+»Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt, aber es ist mir wider
+alles Erwarten sehr leicht geworden, sie zu lösen. Und dabei bringe ich
+Euch eine so ausführliche Nachricht, wie Ihr sie sicherlich nicht
+erwartet habt.«
+
+»Rede!« bat der Scheik.
+
+»Die Feinde haben ihre Rüstungen bereits vollendet. Es sind die Orte
+bestimmt, wo die drei Stämme sich vereinigen, und ebenso ist die Zeit
+angegeben, in der dies geschehen wird.«
+
+»Aber du hast es nicht erfahren können!«
+
+»Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu Hammed am Tage nach dem
+nächsten Jaum el Dschema bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen.
+Diese beiden Stämme stoßen dann am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema
+zwischen dem Wirbel El Kelab und dem Ende der Kanuzaberge mit den Obeïde
+zusammen.«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+»Ja.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von dem Scheik der Abu Mohammed.«
+
+»Hast du mit ihm gesprochen?«
+
+»Ich war sogar in seinem Zelte.«
+
+»Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und Abu Hammed nicht in
+Frieden.«
+
+»Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein Freund. Er wird dir
+mit dem Stamme der Alabeïden zu Hilfe kommen.«
+
+»Sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich jubelnd die Hände. Ich
+wurde von ihnen beinahe erdrückt. Dann mußte ich alles so ausführlich
+wie möglich erzählen. Ich that es. Sie glaubten alles, nur daß ich den
+Löwen so ganz allein und noch dazu bei stockfinsterer Nacht erlegt haben
+wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln. Der Araber ist gewohnt,
+dieses Tier nur am Tage und zwar in möglichst zahlreicher Gesellschaft
+anzugreifen. Ich legte ihnen endlich das Fell vor.
+
+»Hat diese Haut ein Loch?«
+
+Sie besahen es höchst aufmerksam.
+
+»Nein,« lautete dann der Bescheid.
+
+»Wenn Araber einen Löwen töten, so hat die Haut sehr viele Löcher. Ich
+habe ihm zwei Kugeln gegeben. Seht her! Die erste Kugel war zu hoch
+gezielt, weil er zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht
+ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut gestreift und das
+Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die zweite Kugel gab ich ihm, als er
+zwei oder drei Schritte von mir war; sie ist ihm in das linke Auge
+gedrungen. Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.«
+
+»Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare Tier so nahe an
+dich herankommen lassen, daß dein Pulver seine Haare verbrannte. Wenn es
+dich nun gefressen hätte?«
+
+»So hätte es so im Buche gestanden. Ich habe diese Haut mitgebracht für
+dich, o Scheik. Nimm sie von mir an und gebrauche sie als Schmuck deines
+Zeltes!«
+
+»Ist dies dein Ernst?« fragte er erfreut.
+
+»Mein Ernst.«
+
+»Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf diesem Felle werde ich
+schlafen, und der Mut des Löwen wird in mein Herz einziehen.«
+
+»Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit Mut zu erfüllen, den du
+übrigens auch bald brauchen wirst.«
+
+»Wirst du mitkämpfen gegen unsere Feinde?«
+
+»Ja. Sie sind Diebe und Räuber und haben auch mir nach dem Leben
+getrachtet; ich stelle mich unter deinen Befehl, und hier mein Freund
+wird dasselbe thun.«
+
+»Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen. Du sollst der
+Anführer einer Abteilung sein.«
+
+»Davon laß uns später sprechen; für jetzt aber erlaube mir, an eurer
+Beratung teilzunehmen.«
+
+»Du hast recht; wir müssen uns beraten, denn wir haben nur noch fünf
+Tage Zeit.«
+
+»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger
+der Haddedihn um dich zu versammeln?«
+
+»So ist es.«
+
+»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.«
+
+»Warum noch heute?«
+
+»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf
+diesen Kampf eingeübt werden.«
+
+Er lächelte stolz.
+
+»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf
+gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer
+hat der Stamm der Abu Mohammed?«
+
+»Neunhundert.«
+
+»Und die Alabeïde?«
+
+»Achthundert.«
+
+»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu kommt die Überraschung,
+da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!«
+
+»Oder wir werden besiegt!«
+
+»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?«
+
+»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er
+vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu
+Mohammed zu spät eintreffen?«
+
+»Es ist möglich.«
+
+»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird
+erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er
+erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die
+Überraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind
+nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn
+so darnieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und
+mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.«
+
+»Wie wolltest du dies beginnen?«
+
+»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.«
+
+»Wie kämpfen diese?«
+
+Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische
+Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für
+diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs
+für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich
+hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten
+zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich
+bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte
+die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche
+Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet
+hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen,
+welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:
+
+»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen
+der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«
+
+»Wir haben Zeit.«
+
+»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig
+zu machen?«
+
+»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir
+wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es
+einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten
+aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den
+geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen
+werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«
+
+Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.
+
+»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen
+die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen.
+Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses
+heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die
+Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen
+sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber
+führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt,
+weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen
+Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen
+die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen
+selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer
+Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen
+zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche
+in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig
+im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im
+Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit
+eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«
+
+»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt
+erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit
+einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«
+
+Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:
+
+»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«
+
+»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was
+es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von
+unserem Vorhaben Nachricht erhält.«
+
+Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser
+langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er
+die Gelegenheit zum Sprechen:
+
+»Sir, ich bin auch hier!«
+
+»Ich sehe Euch!«
+
+»Wollte auch 'was hören!«
+
+»Meine Erlebnisse?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache
+halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.«
+
+Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der
+darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert.
+
+»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc!
+Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich
+auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!«
+
+»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein
+General, der von der Kriegführung so viel versteht, wie das Flußpferd
+vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Übrigens wird
+es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.«
+
+»Warum?«
+
+»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.«
+
+»Ah! Wie?«
+
+»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.«
+
+»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!«
+
+Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte
+allerlei neue Gedanken mit:
+
+»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er
+erwartet?«
+
+»Nein.«
+
+»Was fordern die Alabeïden?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Du hättest fragen sollen!«
+
+»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach
+Beute fragen würde.«
+
+»Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen Schaden?«
+
+»Der besiegte Feind.«
+
+»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und
+Kinder nebst seinem Vieh fortführen!«
+
+»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du giebst
+die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht
+eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg
+vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den
+Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.«
+
+Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an.
+
+»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir
+von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis
+erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine
+Postenlinie ziehen.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger, von denen du
+überzeugt bist, daß sie treu sind. Sie lassen sich nicht sehen und
+beobachten alles. Von El Deradsch bis hierher stellst du in gewissen
+Entfernungen andere auf; es genügen vier Mann, welche darauf zu achten
+haben, daß sie mit keinem Fremden zusammenkommen, und uns alles
+berichten, was die ersten zwei erkunden. Einer trägt die Kunde zum
+andern und kehrt dann auf seinen Posten zurück.«
+
+»Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.«
+
+»Eine eben solche Linie, nur etwas weitläufiger, stellst du auf zwischen
+hier und den Weideplätzen der Abu Mohammed. Ich habe das mit ihrem
+Scheik bereits besprochen. Er wird die Hälfte dieser Linie mit seinen
+Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?«
+
+»Ja.«
+
+»Dort wird sein äußerster Posten zu treffen sein.«
+
+»Wie viele Männer werde ich dazu brauchen?«
+
+»Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele. Wie viele Krieger
+hast du hier im Lager?«
+
+»Es können vierhundert sein.«
+
+»Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du mußt noch heute Musterung über
+sie halten, und wir können unsere Übungen heute noch beginnen.«
+
+Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen einer halben Stunde
+waren die vierhundert Mann beisammen. Der Scheik hielt ihnen eine lange,
+blühende Rede und ließ sie am Ende derselben auf den Bart des Propheten
+schwören, die Rüstung gegen keinen Unberufenen zu erwähnen; dann befahl
+er ihnen, sich in Reihe und Glied aufzustellen.
+
+Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu Pferde; ein jeder hatte
+Messer, Säbel und die lange, befiederte Lanze, welche bei besserer
+Schulung eine fürchterliche Waffe sein könnte. Viele trugen auch den
+gefährlichen Nibat[151] oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die
+Schießwaffen ließen vieles zu wünschen übrig. Einige Krieger hatten noch
+den alten Lederschild nebst Köcher, Pfeil und Bogen. Andere besaßen
+Luntenflinten, die ihren Eigentümern gefährlicher waren, als dem Feinde,
+und die übrigen hatten Perkussionsgewehre mit überlangen Läufen.
+
+ [151] Keule.
+
+Letztere ließ ich vortreten, die andern aber schickte ich fort, mit der
+Bemerkung, morgen in aller Frühe wieder zu kommen. Die Zurückgebliebenen
+hieß ich absitzen und Proben ihrer Fertigkeit im Schießen ablegen. Im
+allgemeinen konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren gegen
+zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien aus ihnen und begann
+meinen Instruktionsunterricht. Dieser war allerdings nicht weit her. Die
+Leute sollten im Takte marschieren und laufen können und ein
+Schnellfeuer unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu Pferde
+anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm ernstlich stand zu halten;
+jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen
+Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren.
+
+Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei ihnen galt es, sie zu
+einem geschlossenen Angriff mit der Lanze zu befähigen, nachdem sie ihre
+Gewehre abgeschossen hatten. Ich kann sagen, daß die Leute sehr schnell
+begriffen und überaus begeistert waren.
+
+Gegen Abend hörten wir, daß die Verbindung mit den Abu Mohammed
+hergestellt sei, und bekamen zu gleicher Zeit die Nachricht, daß ihr
+Scheik von meinem Abenteuer bei den Abu Hammed bereits gehört habe. Es
+ging Antwort zurück, und von diesem Augenblick an wurde ein durch die
+Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr unterhalten.
+
+Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den Rapphengst bestieg, um
+einen Schnellritt hinein in die Savanne zu machen. Ich war noch gar
+nicht weit gelangt, so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte
+eine gewöhnliche, mittelmäßige Gestalt, der andere aber war sehr klein
+von Statur und schien von der Unterhaltung mit seinem Begleiter ganz
+außerordentlich in Anspruch genommen zu sein, denn er focht mit Arm und
+Beinen in der Luft, als wolle er Mücken morden.
+
+Ich mußte unwillkürlich an meinen kleinen Halef denken.
+
+Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen mein Pferd.
+
+»Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?«
+
+Er war es wirklich, der kleine Hadschi Halef Omar!
+
+»Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.«
+
+Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu
+küssen.
+
+»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe
+mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne.«
+
+»Wie geht es dem würdigen Scheik Malek?«
+
+»Er ist wohlauf.«
+
+»Amscha?«
+
+»Ebenso.«
+
+»Hanneh, deine Freundin?«
+
+»O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.«
+
+»Und die andern?«
+
+»Sie sagten mir, daß ich dich grüßen solle, wenn ich dich fände.«
+
+»Wo sind sie?«
+
+»Sie sind am Abhange des Schammargebirges zurückgeblieben und haben mich
+an den Scheik der Schammar vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme
+bitten solle.«
+
+»Bei welchem Scheik?«
+
+»Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst treffe.«
+
+»Ich habe bereits für euch gesorgt. Da drüben ist das Lager der
+Haddedihn.«
+
+»Das sind Schammar. Wie heißt ihr Scheik?«
+
+»Mohammed Emin.«
+
+»Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?«
+
+»Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch gesprochen. Sieh diesen
+Hengst! Wie gefällt er dir?«
+
+»Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher der Abkömmling
+einer Stute von Koheli.«
+
+»Er gehört mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun kannst du sehen, daß
+er mein Freund ist!«
+
+»Allah gebe ihm dafür ein langes Leben! Wird er auch uns aufnehmen?«
+
+»Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt und folgt mir jetzt.«
+
+Wir setzten uns in Marsch.
+
+»Sihdi,« meinte Halef, »die Wege Allahs sind unerforschlich. Ich
+glaubte, lange nach dir fragen zu müssen, ehe ich eine Kunde bekäme, und
+nun bist du der erste, dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn
+gekommen?«
+
+Ich erzählte ihm das Nötige in Kürze und fuhr dann fort:
+
+»Weißt du, was ich jetzt bei ihm bin?«
+
+»Nun?«
+
+»General.«
+
+»General?«
+
+»Ja.«
+
+»Hat er Truppen?«
+
+»Nein. Er hat aber Krieg.«
+
+»Gegen wen?«
+
+»Gegen die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari.«
+
+»Das sind Räuber, die am Zab und Tigris wohnen; ich habe sehr vieles von
+ihnen gehört, was nicht gut ist.«
+
+»Sie rüsten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens überfallen; wir aber
+haben davon gehört, und nun bin ich sein General, der seine Krieger
+unterrichtet.«
+
+»Ja, Sihdi, ich weiß, daß du alles verstehst und alles kannst, und es
+ist ein wahres Glück, daß du kein Giaur mehr bist!«
+
+»Nicht?«
+
+»Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.«
+
+»Wer sagt dir das?«
+
+»Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen Zem-Zem bei dir;
+folglich bist du ein guter Moslem geworden. Habe ich dir nicht stets
+gesagt, daß ich dich bekehren würde, du magst wollen oder nicht?« --
+
+Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte des Scheik ab. Als
+wir eintraten, hatte er seine Räte bei sich.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte Halef.
+
+Sein Begleiter that dasselbe. Ich übernahm es, sie vorzustellen.
+
+»Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden Männer zu bringen, welche mit
+dir sprechen wollen. Dieser hier heißt Nasar Ibn Mothalleh, und dieser
+ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah, von dem ich dir bereits erzählt habe.«
+
+»Von ihm?«
+
+»Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen, sondern kurz nur
+Hadschi Halef Omar genannt.«
+
+»Dein Diener und Begleiter?«
+
+»Ja.«
+
+»Der Abu-Seïf, den Vater des Säbels, erschlagen hat?«
+
+»Ja. Er gehört jetzt zu dem Stamme der Ateïbeh, dessen Scheik dein
+Freund Malek ist.«
+
+»Seid mir willkommen, ihr Männer von Ateïbeh! Sei mir willkommen,
+Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt ist klein, aber dein Mut ist groß, und
+deine Tapferkeit ist erhaben. Möchten alle Männer so sein, wie du!
+Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?«
+
+»Ich bringe sie. Er läßt dich grüßen und fragen, ob du ihn und die
+Seinigen in den Stamm der Haddedihn aufnehmen magst.«
+
+»Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen sein. Wo befindet
+er sich jetzt?«
+
+»Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine halbe Tagreise von hier.
+Ich höre, daß du Krieger brauchst?«
+
+»So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen mir und denen, die
+neben uns wohnen.«
+
+»Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.«
+
+»Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben Nemsi hat mir doch gesagt,
+daß ihr weniger seid!«
+
+»Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes Al Hariel bei uns
+aufgenommen.«
+
+»Was tragt ihr für Waffen?«
+
+»Säbel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten. Mehrere haben sogar auch
+Pistolen. Wie ich mit den Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi
+sagen.«
+
+»Ich weiß es bereits. Aber dieser Mann ist kein Sihdi, sondern ein Emir;
+merke es dir!«
+
+»Ich weiß es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi zu nennen. Soll
+einer von uns sofort aufbrechen und Scheik Malek mit den Seinen
+herholen, da ihr Krieger braucht?«
+
+»Ihr seid müde.«
+
+»Wir sind nicht ermüdet. Ich reite sofort zurück.«
+
+Sein Begleiter fiel ihm in die Rede:
+
+»Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mußt bleiben; ich werde
+zurückkehren.«
+
+»Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,« meinte der Scheik.
+
+»Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln auf meinem Pferde.«
+
+Der Scheik wandte sich ihm zu:
+
+»Aber dein Pferd wird müde sein. Nimm das meinige; es hat mehrere Tage
+ausgeruht und wird dich schnell zu Malek bringen, den du von mir grüßen
+mögest!«
+
+Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten befand er sich auf dem
+Rückwege nach den Bergen von Schammar.
+
+»Emir,« sagte der Scheik zu mir, »weißt du, was meine Krieger von dir
+sagen?«
+
+»Nun?«
+
+»Daß sie dich lieben.«
+
+»Ich danke dir!«
+
+»Und daß sie den Sieg gewinnen müssen, wenn du bei ihnen bist.«
+
+»Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden morgen ein Manöver
+veranstalten.«
+
+»Wie? Was?«
+
+»Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen. Die letzten werden
+morgen früh nachkommen. Sie sind schnell eingeübt, und dann stellen wir
+den Kampf vor, den wir mit den drei Stämmen haben werden. Die Hälfte
+sind die Haddedihn, die andere Hälfte sind die Feinde. Drüben die alten
+Ruinen gelten als die Berge von Hamrin und Kanuza, und so werde ich es
+deinen Kriegern zeigen, wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu
+kämpfen haben.«
+
+Diese Ankündigung steigerte die bereits vorhandene Begeisterung um das
+Doppelte, und als sich die Kunde davon hinaus vor das Zelt verbreitete,
+erhob sich ein lauter Jubel über das ganze Lager, welches sich während
+des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuzüge bedeutend
+vergrößert hatte.
+
+Was ich voraus gesagt hatte, das geschah:
+
+Am andern Mittag waren wir vollzählig. Ich hatte Offiziere und
+Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen, nachdem ich ihm
+seinen Platz angewiesen hatte, sofort einübten. Am Spätnachmittag begann
+das Manöver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Das Fußvolk
+schoß ganz exakt, und die Chocs der einzelnen berittenen Körper wurden
+mit eleganter Sicherheit ausgeführt.
+
+Noch während des Manövers kam das letzte Glied unserer Postenkette
+herbeigeritten.
+
+»Was bringst du?« fragte der Scheik, dessen Antlitz vor Zufriedenheit
+glänzte.
+
+»Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu Hammed vereinigt.«
+
+»Wann?«
+
+»Gegen Abend.«
+
+»Und die Abu Mohammed?«
+
+»Sind bereits hinter ihnen her.«
+
+»Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit ihr Marsch nicht
+verraten wird, wie ich es angeraten habe?«
+
+»Ja.«
+
+Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten kam. Es war das
+diesseitige Glied der Kette nach dem Thale von Deradsch hinüber.
+
+»Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.«
+
+»Welche?«
+
+»Die Obeïde haben Leute vom Zab herübergesandt, um die Gegend zu
+untersuchen.«
+
+»Wie viel Männer sind es gewesen?«
+
+»Acht.«
+
+»Wie weit sind sie gekommen?«
+
+»Bis durch El Deradsch hindurch.«
+
+»Haben sie unsere Leute gesehen?«
+
+»Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann haben sie im Thale
+gelagert und vieles miteinander gesprochen.«
+
+»Ah! Hier hätte es möglich sein sollen, sie zu belauschen!«
+
+»Es war möglich, und Ibn Nazar hat es gethan.«
+
+Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche das Thal Deradsch
+bewachen sollten.
+
+»Was hat er gehört? Wenn es wichtig ist, soll er eine Belohnung
+erhalten.«
+
+»Sie haben gesagt, daß morgen genau zur Mittagszeit die Obeïde
+übersetzen wollen, um die Abu Hammed und Dschowari zu treffen, die dann
+ihrer bereits warten werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch
+vordringen und dort während der Nacht lagern, weil sie glauben, dort
+nicht gesehen zu werden. Am nächsten Morgen nachher wollen sie über uns
+herfallen.«
+
+»Sind diese acht Männer wieder fortgeritten?«
+
+»Nur sechs von ihnen. Zwei mußten zurückbleiben, um das Thal zu
+bewachen.«
+
+»Reite zurück und sage Ibn Nazar und seinem Gefährten, daß ich heute
+noch selbst zu ihnen kommen werde. Einer soll zurückbleiben, um die
+beiden zu bewachen, und der andere mag mich beim letzten Posten
+erwarten, um mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.«
+
+Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf Antwort.
+
+»Du hast gehört, was jener meldete?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, Emir.«
+
+»So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der Abu Mohammed. Er soll
+sich hart hinter dem Feinde halten und sich nicht sehen lassen. Ist
+derselbe in das Thal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im
+Rücken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen. Alle Thäler
+zwischen El Hamrin und el Kanuza sind zu besetzen. Das übrige wird
+unsere Sorge sein.«
+
+Er jagte davon. Wir aber brachen unsere Übung ab, um den Leuten Ruhe zu
+gönnen.
+
+»Du willst nach Deradsch?« fragte der Scheik auf dem Rückwege.
+
+»Ja.«
+
+»Warum?«
+
+»Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.«
+
+»Kann dies kein anderer verrichten?«
+
+»Nein. Die Sache ist so wichtig, daß ich sie selbst übernehme. Wenn
+diese zwei nicht ganz ruhig und sicher aufgehoben werden, so ist unser
+schöner Plan vollständig verdorben.«
+
+»Nimm dir einige Männer mit.«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich und unsere beiden Posten, das ist genug.«
+
+»Sihdi, ich gehe mit!« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite
+gewichen war.
+
+Ich wußte, daß er auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen werde, und
+nickte ihm also Gewährung.
+
+»Ich weiß nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen Ritt aushalten
+wird. Ich muß während der Nacht hin und zurück.«
+
+»Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,« meinte der Scheik.
+
+Eine Stunde später waren wir unterwegs: ich auf dem Rappen, und Halef
+auf einem Goldbraunen, der seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die
+Strecke bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zurück. Dort
+erwartete uns Ibn Nazar.
+
+»Du hast die beiden Männer belauscht?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten. Wo ist dein Gefährte?«
+
+»Ganz in der Nähe der beiden Kundschafter.«
+
+»Führe uns!«
+
+Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel, und bald erblickten wir
+den Höhenzug, hinter welchem El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitwärts
+ein. Wir mußten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an den Eingang
+einer dunklen Vertiefung.
+
+»Hier sind unsere Pferde, Herr.«
+
+Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde hinein. Sie standen so
+sicher, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchten. Dann schritten wir
+auf dem Kamme des Höhenzugs weiter, bis sich das Thal zu unseren Füßen
+öffnete.
+
+»Nimm dich in acht, Herr, daß kein Stein hinabfällt, der uns verraten
+könnte!«
+
+Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem Führer, und Halef hinter
+mir, immer einer in den Fußstapfen des andern. Endlich langten wir unten
+an. Eine Gestalt kam uns entgegen.
+
+»Nazar?«
+
+»Ich bin es. Wo sind sie?«
+
+»Noch dort.«
+
+Ich trat hinzu.
+
+»Wo?«
+
+»Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?«
+
+»Ja.«
+
+»Sie liegen dahinter.«
+
+»Und ihre Pferde?«
+
+»Haben sie etwas weiter vorwärts angebunden.«
+
+»Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm, Halef!«
+
+Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorwärts. Er folgte mir. Wir
+gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich spürte Tabaksgeruch und hörte zwei
+halblaute Stimmen miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante
+vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen:
+
+»Zwei gegen sechs!«
+
+»Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen, ist lang und dünn
+gewesen, wie eine Lanze, und hat ein graues Kanonenrohr auf dem Kopfe
+gehabt.«
+
+»Der Scheïtan!«
+
+»Nein, sondern nur ein böser Geist, ein Dschin.«
+
+»Der andere aber ist der Teufel gewesen?«
+
+»Wie ein Mensch, aber fürchterlich! Sein Mund hat geraucht, und seine
+Augen haben Flammen gesprudelt. Er hat nur die Hand erhoben, und da sind
+alle sechs Pferde tot zusammengestürzt, mit den andern vier aber sind
+die zwei Teufel -- Allah möge sie verfluchen -- durch die Luft
+davongeritten.«
+
+»Am hellen Tage?«
+
+»Am hellen Tage.«
+
+»Gräßlich! Allah behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Und
+dann ist er gar in das Lager der Abu Hammed gekommen?«
+
+»Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.«
+
+»Wie?«
+
+»Sie haben ihn für einen Mann gehalten und sein Pferd für den berühmten
+Rappen des Scheik Mohammed Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd
+haben und nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager brachten,
+erkannte ihn der Sohn des Scheik.«
+
+»Er hätte ihm die Freiheit geben sollen.«
+
+»Er glaubte immer noch, daß er vielleicht doch ein Mensch wäre.«
+
+»Hatten sie ihn gefesselt?«
+
+»Ja. Aber da kam ein Löwe in das Lager, und der Fremde sagte, er wolle
+ihn ganz allein erlegen, wenn man ihm seine Büchse gebe. Man gab sie
+ihm, und er ging in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen
+Blitze vom Himmel, und es krachten zwei Schüsse. Nach einigen Minuten
+kam er. Er hatte das Fell des Löwen umgeworfen, stieg auf sein Pferd und
+ritt durch die Luft davon.«
+
+»Hat ihn keiner halten wollen?«
+
+»Doch; aber die Männer griffen in die Luft. Und als man ihm nachjagte,
+fielen drei Kugeln vom Himmel welche die drei besten Pferde töteten.«
+
+»Woher weißt du das?«
+
+»Der Bote erzählte es, welchen Zedar Ben Huli an unseren Scheik sandte.
+Glaubst du nun, daß es der Scheïtan war?«
+
+»Er war es.«
+
+»Was würdest du thun, wenn er dir erschiene?«
+
+»Ich würde auf ihn schießen und dazu die heilige Fatcha beten.«
+
+Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen.
+
+»So bete sie!« gebot ich ihm.
+
+»Allah kerihm!«
+
+»Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!«
+
+Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten.
+
+»Ich bin der, von dem du erzählt hast. Du nennst mich den Scheïtan; wehe
+dir, wenn du ein Glied regst, um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen
+die Waffen!«
+
+Sie ließen dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre Zähne klappern zu
+hören.
+
+»Binde ihnen die Hände mit ihren eigenen Gürteln!«
+
+Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest überzeugt sein, daß die
+Knoten nicht aufgehen würden.
+
+»Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch euer Leben lieb ist! Von
+welchem Stamme seid ihr?«
+
+»Wir sind Obeïde.«
+
+»Euer Stamm geht morgen über den Tigris?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie viele Krieger habt ihr?«
+
+»Zwölfhundert.«
+
+»Womit sind sie bewaffnet?«
+
+»Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.«
+
+»Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?«
+
+»Nicht viele.«
+
+»Wie setzt ihr über -- auf Kähnen?«
+
+»Auf Flößen; wir haben keine Kähne.«
+
+»Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?«
+
+»So viel wie wir.«
+
+»Wie sind diese bewaffnet?«
+
+»Sie haben mehr Pfeile als Flinten.«
+
+»Und wie viele Männer bringen euch die Dschowari?«
+
+»Tausend.«
+
+»Haben diese Pfeile oder Flinten?«
+
+»Sie haben beides.«
+
+»Kommen bloß eure Krieger herüber, oder werdet ihr diese Gegend auch mit
+euren Herden überziehen?«
+
+»Nur die Krieger kommen.«
+
+»Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?«
+
+»Der Gouverneur hat es uns befohlen.«
+
+»Er hat euch nichts zu befehlen, ihr gehört unter den Statthalter von
+Bagdad. Wo sind eure Pferde?«
+
+»Dort.«
+
+»Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu entkommen, werde ich
+euch niederschießen. Nazar, kommt!« -- Die beiden anderen kamen herbei.
+
+»Bindet diese beiden Männer hier fest auf ihre Pferde!«
+
+Die Obeïde ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen ohne Weigerung auf
+und wurden auf ihren Tieren so befestigt, daß an eine Flucht gar nicht
+zu denken war.
+
+Hierauf gab ich den Befehl:
+
+»Jetzt holt unsere Pferde drüben herab und bringt sie an den Eingang zum
+Thale. Ibn Nazar, du bleibst hier in El Deradsch zurück, der andere aber
+mag Halef die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.«
+
+Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde am äußersten Abhange
+des Thales hinabzuleiten. Dann stiegen wir auf und kehrten zurück,
+während Ibn Nazar auf seinem Posten verblieb.
+
+»Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie möglich nach.«
+
+Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die Schenkel. Ich that dies aus
+zwei Gründen: erstens war meine Gegenwart im Lager nötig, und zweitens
+hatte ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den höchsten
+Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er flog leicht, wie ein Vogel,
+über die Ebene dahin; der schnelle Lauf schien ihm sogar Vergnügen zu
+machen, denn er wieherte einigemal freudig auf. Plötzlich legte ich ihm
+die Hand zwischen die Ohren -- --
+
+»Rih!« -- --
+
+Auf diesen Ruf legte er die Ohren zurück; er schien länger und dünner zu
+werden, schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen. Dem
+bisherigen Galopp hätten hundert andere auch gute Pferde nicht zu folgen
+vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war er wie die Windstille
+gegen eine rasende Bö, wie der Gang einer Ente gegen den Flug einer
+Schwalbe. Die Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles
+hätte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen, und dabei
+war der Lauf desselben überaus glatt und gleichmäßig. Es war wirklich
+nicht zu viel, was Mohammed Emin zu mir gesagt hatte: »Dieses Pferd wird
+dich durch tausend Reiter hindurchtragen, und ich fühle mich unendlich
+stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten Renners zu sein.«
+
+Doch ich mußte daran denken, diese äußerste Anspannung aller Kräfte zu
+beenden; ich ließ den Rappen in Gang fallen und legte ihm liebkosend die
+Hand an den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem Beweis
+meiner Anerkennung und trug stolz den Hals.
+
+Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi Deradsch nur den vierten
+Teil der Zeit gebraucht, welche zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In
+der Nähe des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen und
+Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die ich wegen der Dunkelheit nicht
+genau zu erkennen vermochte, und im Zelte selbst wartete meiner eine
+sehr angenehme Überraschung: -- Malek stand vor dem Scheik, welcher
+soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten Begrüßung
+auszusprechen.
+
+»Sallam!« begrüßte mich der Ateïbeh, indem er mir beide Hände
+entgegenstreckte. »Meine Augen freuen sich, dich zu sehen, und mein Ohr
+ist entzückt, die Schritte deines Fußes zu vernehmen!«
+
+»Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele! Er hat ein Wunder
+gethan, um dich heute schon zu uns zu bringen.«
+
+»Welches Wunder meint deine Zunge?«
+
+»Wir konnten dich heute unmöglich erwarten. Es sind ja drei Tagreisen
+von hier bis zum Dschebel Schammar und zurück!«
+
+»Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte nicht bis zum Berge der
+Schammar zu reiten. Nachdem er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich
+von einem verirrten Hirten, daß die Krieger der Haddedihn hier ihre
+Herden weiden. Ihr Scheik, der berühmte und tapfere Mohammed Emin, ist
+mein Freund; Hadschi Halef konnte nur auf ihn und keinen anderen
+getroffen sein, und so berieten wir uns, nicht auf seine Rückkehr zu
+warten, sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.«
+
+»Dein Entschluß war gut, denn ohne ihn hätten wir dich heute nicht
+begrüßen können.«
+
+»Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges, und mein Herz freute
+sich, als ich erfuhr, daß ich dich, o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den
+Kriegern der Haddedihn finden werde. Allah liebt dich und mich; er
+leitet unsere Füße auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch sage, wo
+ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner Achtung und meiner Liebe?«
+
+»Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus und ließ ihn mit
+zwei Gefangenen zurück; in kurzer Zeit wirst du ihn sehen.«
+
+»Es ist dir gelungen?« fragte mich Mohammed Emin.
+
+»Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie können uns nicht
+schaden.«
+
+»Ich höre,« meinte Malek, »daß Feindschaft ausgebrochen ist zwischen den
+Haddedihn und den Räubern am Tigris?«
+
+»Du hast recht gehört. Morgen, wenn die Sonne am höchsten gestiegen ist,
+werden unsere Gewehre donnern und unsere Säbel blitzen.«
+
+»Ihr werdet sie überfallen?«
+
+»Sie wollen uns überfallen, wir aber werden sie empfangen.«
+
+»Dürfen euch die Männer der Ateïbeh ihre Säbel leihen?«
+
+»Ich weiß, daß dein Säbel ist wie Dsu al Fekar[152], dem niemand
+widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir
+sind. Wie viele Männer sind bei dir?«
+
+ [152] »Der Blitzende«, Muhammeds Degen, der noch heute
+ aufbewahrt wird.
+
+»Einige mehr als fünfzig.«
+
+»Sie sind müde?«
+
+»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse
+des Kampfes vernimmt? Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch
+überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!«
+
+»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer
+Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze
+verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.«
+
+Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß
+ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde
+reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht
+beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen
+meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an
+und fragte:
+
+»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?«
+
+»So ist es, o Scheik.«
+
+»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der
+Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen
+der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Übermacht sollte uns
+erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was
+die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen
+will?«
+
+Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.
+
+»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet
+einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher
+sei. Haben eure Anführer dies gethan?«
+
+»Wir wissen es nicht, o Scheik!«
+
+»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von
+Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das
+Thal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle
+erhalten könne! Ich werde euch und die euren so behandeln, wie sie es
+verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!«
+
+Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem
+Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug.
+
+»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das
+Marameh[153] ab!«
+
+ [153] Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen
+ wird.
+
+Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen:
+
+»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?«
+
+»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.«
+
+»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die
+Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?«
+
+»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt
+werden.«
+
+»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür,
+Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!«
+
+»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?«
+
+»Ich gebiete es dir!«
+
+»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der
+Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht
+gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam
+sein.«
+
+Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und
+nahm einen Schambijeh[154] hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des
+Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes.
+
+ [154] Krummer Dolch.
+
+»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik.
+
+»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann
+mit ihm den Scheitel und die Schuschah[155] der tapferen Haddedihn
+berühren, o Scheik?«
+
+ [155] Haarbüschel auf dem Scheitel.
+
+»Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen hast!«
+
+Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die
+Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war;
+ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch
+Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der
+Schneide eines Rasiermessers wichen.
+
+»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen
+von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser;
+versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!«
+
+Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch
+ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie
+wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu
+lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es
+seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und
+daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde.
+
+»Allah il Allah,« begann er; »es giebt keinen Gott außer Allah. Alles,
+was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen
+sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die
+einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der
+Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich,
+darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht
+auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu
+dir gesagt: 'Nanu malihin -- wir haben Salz miteinander gegessen.'
+Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich
+habe zu dir gesagt: 'Nanu malihin.' Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid
+meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe
+für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?«
+
+Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.
+
+»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist
+das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem
+Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder
+erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere
+Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es giebt einen
+Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich
+meine?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»So sage es.«
+
+»Das Blut.«
+
+»Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum Tode, und die
+Freundschaft, die durch das Blut geschlossen wird, hört erst auf, wenn
+man stirbt. Scheik Malek, gieb mir deinen Arm!«
+
+Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich handelte. Er entblößte
+seinen Unterarm und hielt ihn Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn
+leicht mit der Spitze seines Messers und ließ die hervorquellenden
+Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gefüllten, hölzernen Becher fallen,
+welchen er darunter hielt. Dann winkte er mich herbei.
+
+»Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein Freund sein und der Freund
+dieses Mannes, der sich Scheik Malek el Ateïbeh nennt?«
+
+»Ich will es.«
+
+»Willst du es sein bis zum Tode?«
+
+»Ich will es.«
+
+»So sind deine Freunde und Feinde auch unsere Freunde und Feinde, und
+unsere Freunde und Feinde sind auch deine Freunde und Feinde?«
+
+»Sie sind es.«
+
+»So gieb mir deinen Arm!«
+
+Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und ließ die wenigen
+Blutstropfen, welche hervorquollen, in den Becher fallen. Dann that er
+dasselbe an seinem Arm und schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut
+mit dem Wasser zu vermischen.
+
+»Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile und genießt ihn
+mit dem Gedanken an den Allwissenden, der unsere geheimsten Gedanken
+kennt. Wir haben sechs Füße, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs
+Lippen, und dennoch sei es nur ein Fuß, ein Arm, ein Auge, ein Ohr und
+eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei Köpfe, aber dennoch sei es
+nur ein Herz und ein Kopf. Wo der eine ist, da wandeln die andern, und
+was der eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gefährten es
+thäten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!«
+
+Er reichte mir den Becher dar.
+
+»Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt am weitesten von hier;
+trink deinen Teil zuerst und reiche dann den Becher unserem Freunde.«
+
+Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck; Malek folgte mir,
+und Mohammed Emin trank den Rest aus. Dann umarmte und küßte er uns,
+während er jedem sagte:
+
+»Jetzt bist du mein Rafik[156], und ich bin dein Rafik; unsere
+Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere Wege scheiden mag!«
+
+ [156] Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle
+ Aschab, das ist Gefährten.
+
+Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell durch das ganze
+Lager, und wer auch nur das kleinste Vorrecht oder die geringste
+Vergünstigung zu besitzen glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu
+beglückwünschen. Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so daß
+wir erst spät wieder nur zu dreien beieinander saßen.
+
+Wir mußten Scheik Malek eine Beschreibung des Terrains liefern, auf
+welchem der Kampf voraussichtlich stattfinden werde, und ihn mit unserem
+Verteidigungsplane bekannt machen. Er billigte denselben vollständig und
+fragte zuletzt:
+
+»Können die Feinde nicht nach Norden entweichen?«
+
+»Sie könnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel Kanuza, das ist also
+längs des Wadi Dschehennem, durchbrechen; aber wir werden ihnen auch
+diesen Weg verlegen. Scheik Mohammed, hast du angeordnet, daß Werkzeuge
+vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?«
+
+»Es ist geschehen.«
+
+»Sind die Frauen ausgewählt, welche uns begleiten sollen, um die
+Verwundeten zu verbinden?«
+
+»Sie sind bereit.«
+
+»So laß Pferde aussuchen für unsern Gefährten und seine Männer. Wir
+müssen aufbrechen, denn der Tag wird bald erscheinen.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Der Sieg.
+
+
+Eine halbe Stunde später setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht
+etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei
+den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel
+miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte.
+
+Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der
+Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das
+Sanitätscorps zu bilden hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur
+Verbindung mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen
+dienen sollten.
+
+Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und
+warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein
+erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu
+sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte.
+
+Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, daß nichts vorgefallen sei.
+Wir erreichten also ohne Störung den langgezogenen Dschebel Deradsch,
+hinter welchem sich das fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost
+erstreckte. Diejenigen, welche als Schützen ausersehen waren, stiegen
+ab; ihre Pferde wurden in gehöriger Ordnung in der Ebene angepflockt,
+damit im Falle eines Rückzuges keine Verwirrung entstehen könne. Unweit
+davon wurden die Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen
+hatten, aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erwähnt, für die
+Verwundeten bestimmt. Wasser war in Schläuchen genug, Verbandzeug aber
+nur sehr wenig vorhanden, ein Übelstand, welcher mich mit Bedauern
+erfüllte.
+
+Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern verband, hatten
+wir natürlich hinter uns hergezogen, so daß wir mit ihnen immer in
+Verbindung blieben. Es waren fast stündlich Meldungen von ihnen
+angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, daß die Feinde
+unseren Anmarsch noch nicht entdeckt hätten.
+
+Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr
+einsilbig verhalten. Es war mir ja keine Zeit übrig geblieben, die ich
+ihm hätte widmen können. Jetzt hielt er an meiner Seite.
+
+»Wo schlagen, Sir? Hier?« fragte er.
+
+»Nein, hinter dieser Höhe,« antwortete ich.
+
+»Bei Euch bleiben?«
+
+»Wie Ihr wollt.«
+
+»Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?«
+
+»Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso schießen wie fechten,
+wenn es notwendig ist.«
+
+»Bleibe bei Euch.«
+
+»So wartet hier. Meine Abteilung hält hier, bis ich sie abhole.«
+
+»Nicht hinein in das Thal?«
+
+»Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den Fluß ziehen, um den Feind
+zu verhindern, nach Norden zu entkommen.«
+
+»Wie viel Mann?«
+
+»Hundert.«
+
+»#Well#! sehr gut, ausgezeichnet!«
+
+Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht übernommen. Zwar war
+ich Freund und Gefährte der Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch,
+Leute, wenn auch im offenen Kampfe, zu töten, die mir nichts gethan
+hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern ausgefochten
+werden sollte, ging mich persönlich gar nichts an, und da nicht zu
+erwarten stand, daß die Feinde sich nach Norden wenden würden, so hatte
+ich gebeten, mich der Abteilung anschließen zu dürfen, welche den
+Feinden dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten wäre ich am
+Verbandplatze zurückgeblieben; dies war aber eine Unmöglichkeit.
+
+Jetzt führte der Scheik seine Reiterei in das Thal, und ich schloß mich
+ihr an. Sie wurde in die beiden Seitenthäler rechts und links verteilt.
+Dann folgte die Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die Höhe
+rechts, das andere Drittel die Höhe links, um -- hinter den zahlreichen
+Felsen versteckt -- den Feind von oben herab fassen zu können; das letzte
+Drittel, welches zumeist aus Scheik Malek und seinen Männern bestand,
+blieb am Eingange zurück, um denselben zu verbarrikadieren und hinter
+dieser Verschanzung hervor den Feind zu begrüßen. Jetzt kehrte ich
+zurück und ritt mit meinen hundert Mann davon.
+
+Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen Thalpaß fanden, welcher
+es uns ermöglichte, den Dschebel zu übersteigen. Nach einer Stunde
+erblickten wir den Fluß vor uns. Weiter rechts, also nach Süden zu, gab
+es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an das Wasser trat,
+und also einen Halbkreis bildete, aus welchem heraus sehr schwer zu
+entkommen war, wenn man einmal das Unglück gehabt hatte, hinein zu
+geraten. Hier postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine
+zehnfache Übermacht ohne große Anstrengung aufhalten.
+
+Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, saßen wir ab und machten es
+uns bequem. Master Lindsay fragte mich:
+
+»Hier bekannt, Sir?«
+
+»Nein,« antwortete ich.
+
+»Ob vielleicht Ruinen hier?«
+
+»Weiß nicht.«
+
+»Einmal fragen!«
+
+Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die Antwort übersetzte:
+
+»Weiter oben.«
+
+»Wie heißt?«
+
+»Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.«
+
+»Fowling-bulls dort?«
+
+»Hm! Man müßte erst sehen.«
+
+»Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?«
+
+»Bis Mittag, auch wohl später. Vielleicht giebt es für uns gar keinen
+Kampf.«
+
+»Werde unterdessen einmal ansehen.«
+
+»Was?«
+
+»Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner Museum schicken;
+berühmt werden; #well#!«
+
+»Das wird jetzt nicht gut möglich sein.«
+
+»Warum?«
+
+»Weil Ihr von hier bis dorthin gegen fünfzehn englische Meilen zu reiten
+hättet.«
+
+»Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!«
+
+Er legte sich hinter ein Euphorbiengebüsch, ich aber beschloß, zu
+rekognoscieren, gab den Leuten die nötige Weisung und ritt südwärts dem
+Flusse entlang.
+
+Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter Kletterer;
+ich konnte es wagen, mit ihm den Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich
+denn, als sich mir ein günstiges Terrain bot, zur Höhe empor, um eine
+Übersicht zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr den
+östlichen Horizont. Da sah ich, daß drüben, jenseits des Flusses, ein
+sehr reges Leben herrschte. Am südlichen, also am linken Ufer des Zab
+wimmelte die Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia hinab,
+und unterhalb des Chelab[157] lagen mehrere große Haufen von
+Ziegenschläuchen, aus denen man wohl soeben die Flöße machen wollte,
+welche zum Übersetzen der Obeïde dienen sollten. Das diesseitige Ufer
+des Tigris konnte ich nicht sehen -- wegen der Höhe, hinter welchem das
+Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich mir vor, auch
+jene Höhe zu ersteigen.
+
+ [157] Stromschnelle.
+
+Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt,
+und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt
+erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom
+Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer
+hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im
+Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger
+ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen
+Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den
+Kavallerie-Hinterhalt.
+
+Dann richtete ich das Rohr nach Süden.
+
+Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, daß man bereits im Begriffe stand,
+sie abzubrechen. Das waren die Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten
+wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert.
+Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knieen gelegen, als am
+5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen
+Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich
+machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris
+getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra
+abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der
+Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis
+zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana.
+
+Ich sah, daß die Ziegenhäute aufgeblasen und verbunden wurden, sah die
+Reiter, welche, die Pferde an der Hand führend, sich auf die Flöße
+begaben; ich sah die Flöße abstoßen und am diesseitigen Ufer landen. Es
+war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren
+Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine
+glänzende Phantasia[158] auszuführen.
+
+ [158] Scheingefecht.
+
+Das kam erwünscht, daß sie ihre Pferde jetzt so anstrengten; die Tiere
+mußten dann, wenn es galt, wohl ermüdet sein.
+
+So saß ich wohl eine Stunde lang. Die Obeïde waren jetzt alle herüber,
+und ich sah, daß sich der Zug nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt
+kletterte ich wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zurück. Die
+Stunde der Entscheidung war gekommen.
+
+Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt zu erreichen, von dem
+es mir möglich war, von der Höhe hinabzukommen. Schon wollte ich zu
+Thale lenken, als ich ganz dort oben am nördlichen Horizont etwas
+blitzen sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein
+Glasstückchen fiele. Wir konnten den Feind nur von Süden her erwarten,
+dennoch aber nahm ich mein Fernrohr zur Hand und suchte die Stelle auf,
+an welcher ich den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich
+fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl dunkler Punkte,
+welche sich abwärts bewegten. Es mußten Reiter sein, und einer von ihnen
+war es, dessen Körper das Licht der Sonne reflektierte.
+
+Waren es Feinde? Sie befanden sich nördlich grad so weit von dem
+Verstecke meiner Leute, wie ich südlich von demselben entfernt war. Hier
+galt kein Zögern; ich mußte ihnen zuvorkommen.
+
+Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abwärts stieg, dann aber, als er
+die Thalsohle unter den Hufen hatte, wie ein Vogel dahinflog. Ich war
+überzeugt, daß ich zur rechten Zeit eintreffen würde.
+
+Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute zusammen und teilte
+ihnen mit, was ich beobachtet hatte. Wir schafften die Pferde aus dem
+Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die
+Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprunge desselben, während
+der andere Teil zurückblieb, um -- hinter Euphorbien und Gummipflanzen
+verborgen, den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden.
+
+Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen.
+Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im
+Anschlage hielt.
+
+»Wie viele?« fragte er kurz.
+
+»Konnte sie nicht genau zählen,« antwortete ich ihm.
+
+»Ungefähr?«
+
+»Zwanzig.«
+
+»Pah! Warum denn so viele Mühe geben?«
+
+Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine
+beiden Diener folgten ihm augenblicklich.
+
+Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber,
+welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich
+vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann
+hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals
+erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die
+hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine
+Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel.
+
+Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle
+herbeigekommen waren; dann winkte er einem Manne, der sich an seiner
+Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule,
+als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort
+die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den
+Engländer in arabischer Sprache:
+
+»Wer bist du?«
+
+Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe
+Verbeugung, sagte aber kein Wort.
+
+Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache.
+
+»Im Inglis -- ich bin ein Engländer,« lautete die Antwort.
+
+»Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!« klang es jetzt in englischen
+Lauten. »Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser
+Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen
+bitten?«
+
+»David Lindsay.«
+
+»Dies sind Ihre Diener?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Aber was thun Sie hier?«
+
+»#Nothing# -- nichts.«
+
+»Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?«
+
+»#Yes!#«
+
+»Und welches ist dieser Zweck?«
+
+»#To dig# -- ausgraben.«
+
+»Was?«
+
+»Fowling-bulls.«
+
+»Ah!« lächelte der Mann überlegen. »Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute
+und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?«
+
+»Mit Dampfer.«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Nach Bagdad zurück.«
+
+»So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?«
+
+»#Yes.#«
+
+»Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?«
+
+»Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?«
+
+Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche
+übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann:
+
+»Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber,
+welche da drüben ihre Weideplätze haben.«
+
+Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des
+Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen.
+
+»Wer Sie?« fragte der Engländer weiter.
+
+»Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul zu Mossul.«
+
+»Ah! Wohin?«
+
+»Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.«
+
+»Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?«
+
+»Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren
+muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von
+dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es,
+daß -- -- -- --«
+
+Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte eines unserer
+Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele. Sofort griff der Scheik
+in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich
+mich.
+
+»Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!« sagte ich.
+
+Der Scheik blieb vor Überraschung halten.
+
+»Wer sind Sie?« fragte der Dolmetscher. »Auch ein Engländer? Sie tragen
+sich aber doch genau wie ein Araber!«
+
+»Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir
+wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die
+Sitten dieses Landes bekümmern.«
+
+»Wer ist es?« fragte der Scheik den Griechen.
+
+»Ein Nemsi.«
+
+»Sind die Nemsi Gläubige?«
+
+»Sie sind Christen.«
+
+»Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?«
+
+»Ich war in Mekka,« antwortete ich ihm.
+
+»Du sprichst unsere Sprache?«
+
+»Ich spreche sie.«
+
+»Du gehörst zu diesem Inglis?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?«
+
+»Bereits mehrere Tage.«
+
+Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter:
+
+»Kennst du die Haddedihn?«
+
+»Ich kenne sie.«
+
+»Woher hast du sie kennen gelernt?«
+
+»Ich bin der Rafik ihres Scheik.«
+
+»So bist du verloren!«
+
+»Warum?«
+
+»Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.«
+
+»Wann?«
+
+»Sofort.«
+
+»Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed, war auch
+stark!«
+
+»Was willst du mit ihm?«
+
+»Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.«
+
+»Maschallah! Bist du der Mann, welcher den Löwen getötet hat?«
+
+»Ich bin es.«
+
+»So bist du mein. _Mir_ entkommst du nicht.«
+
+»Oder du bist mein und entkommst _mir_ nicht. Sieh dich um!«
+
+Er that es, bemerkte aber niemand.
+
+»Auf, ihr Männer!« rief ich laut.
+
+Sofort erhoben sich sämtliche Haddedihn und legten die Gewehre auf ihn
+und seine Leute an.
+
+»Ah, du bist klug wie ein Abul Hosseïn[159] und tötest die Löwen, mich
+aber fängst du nicht!« rief er aus.
+
+ [159] Beiname des Fuchses.
+
+Er riß den krummen Säbel vom Gürtel, drängte sein Pferd zu mir heran und
+holte aus zum tödlichen Hieb. Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu
+werden. Ich schoß auf sein Pferd -- dieses überstürzte sich -- er fiel zu
+Boden -- und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings begann ein
+Ringen, welches mir bewies, daß er ein außerordentlich kräftiger Mann
+sei; ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb
+auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward.
+
+Während dieses kurzen Ringens wogte es rund um mich her; aber was da
+geschah, das war kein Kampf zu nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen,
+nur auf die Pferde zu schießen; infolgedessen wurden gleich durch die
+erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang, sämtliche
+Pferde der Obeïde entweder getötet oder schwer verwundet. Die Krieger
+lagen zu Boden geworfen, und von allen Seiten starrten ihnen die langen,
+bewimpelten Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen fünffach
+überlegen waren. Selbst der Fluß bot ihnen keine Gelegenheit zum
+Entkommen, da unsere Kugeln jeden Schwimmenden erreicht hätten. Als sich
+der Knäuel löste, welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen
+sie ratlos bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden
+Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur mein Wunsch sein,
+den Auftritt ohne Blutvergießen zu endigen.
+
+»Gebt euch keine Mühe, ihr Krieger der Obeïde; ihr seid in unseren
+Händen. Ihr seid zwanzig Mann, wir aber zählen über hundert Reiter, und
+euer Scheik befindet sich in meiner Hand!«
+
+»Schießt ihn nieder!« gebot ihnen der Scheik.
+
+»Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt, so werden diese
+beiden Männer euren Scheik töten!« antwortete ich.
+
+»Schießt ihn nieder, den Dib[160], den Ibn Avah[161], den Erneb![162]«
+rief er trotz meiner Drohung.
+
+ [160] Wolf.
+
+ [161] Schakal.
+
+ [162] Hase.
+
+»Laßt euch dies nicht einfallen; denn auch ihr wäret verloren!«
+
+»Eure Brüder werden euch und mich rächen!« rief der Scheik.
+
+»Eure Brüder? Die Obeïde? Vielleicht auch die Abu Hammed und die
+Dschowari!«
+
+Er blickte mich überrascht an.
+
+»Was weißt du von ihnen?« stieß er hervor.
+
+»Daß sie in diesem Augenblick von den Kriegern der Haddedihn ebenso
+überrumpelt werden, wie ich dich und diese Männer gefangen habe.«
+
+»Du lügst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden kann. Meine Krieger
+werden dich mit allen Söhnen und Töchtern der Haddedihn fangen und
+fortführen!«
+
+»Allah behüte deinen Kopf, daß du die Gedanken nicht verlierst! Würden
+wir hier auf dich warten, wenn wir nicht gewußt hätten, was du gegen
+Scheik Mohammed unternehmen willst?«
+
+»Woher weißt du, daß ich am Grabe des Hadschi Ali war?«
+
+Ich beschloß, auf den Busch zu klopfen -- und erwiderte also:
+
+»Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Glück für dein Unternehmen zu
+erbeten; aber dieses Grab liegt auf dem linken Ufer des Tigris, und du
+bist dann an dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu erspähen, wo die
+andern Stämme der Schammar sich befinden.«
+
+Ich sah ihm an, daß ich mit meiner Kombination das Richtige getroffen
+hatte. Er stieß trotzdem ein höhnisches Gelächter aus und antwortete:
+
+»Dein Verstand ist faul und träge wie der Schlamm, der im Flusse liegt.
+Gieb uns frei, so soll dir nichts geschehen!«
+
+Jetzt lachte ich und fragte:
+
+»Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?«
+
+»Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann seid ihr verloren!«
+
+»Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du hast weder gehört noch
+gesehen, was vorging, ehe die Deinigen über den Fluß herüber kamen.«
+
+»Was soll geschehen sein?« fragte er in verächtlichem Ton.
+
+»Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet habe.«
+
+»Wo?«
+
+»Im Wadi Deradsch.«
+
+Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu:
+
+»Du siehst, daß euer Plan verraten ist. Du weißt, daß ich bei den Abu
+Hammed war. Ehe ich dorthin kam, war ich bei den Abu Mohammed. Sie und
+die Alabeïden, die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn
+verbunden, euch in dem Wadi Deradsch einzuschließen. Horch!«
+
+Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu hören.
+
+»Hörst du diese Schüsse? Sie sind bereits im Thale eingeschlossen und
+werden alle niedergemacht, wenn sie sich nicht ergeben.«
+
+»Allah il Allah!« rief er. »Ist das wahr?«
+
+»Es ist wahr.«
+
+»So töte mich!«
+
+»Du bist ein Feigling!«
+
+»Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?«
+
+»Ja. Du bist der Scheik der Obeïde, der Vater deines Stammes; es ist
+deine Pflicht, ihm in der Not beizustehen; du aber willst ihn
+verlassen!«
+
+»Bist du verrückt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn ich gefangen bin!«
+
+»Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale, die nach Blut
+lechzen; sie wollen euern Überfall zurückweisen und dann Frieden mit
+euch schließen. Bei dieser Beratung darf der Scheik der Obeïde nicht
+fehlen.«
+
+»Noch einmal: sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie.«
+
+»Beschwöre es!«
+
+»Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt, Bursche!«
+
+Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher ruhig dagestanden, jetzt
+aber sprang er plötzlich auf einen meiner Leute, welche nach und nach
+näher getreten waren, um unsere Worte zu verstehen, stieß ihn zur Seite
+und eilte davon. Einige Schüsse krachten hinter ihm, aber in der Eile
+war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm, den Vorsprung zu
+erreichen und hinter demselben zu verschwinden.
+
+»Schießt jeden nieder, der sich hier rührt!«
+
+Mit diesen Worten eilte ich dem Flüchtling nach. Als ich den Vorsprung
+erreichte, war er bereits über hundert Schritte von demselben entfernt.
+
+»Bleib stehen!« rief ich ihm nach.
+
+Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that mir leid, aber ich war
+gezwungen, auf ihn zu schießen; doch nahm ich mir vor, ihn nur zu
+verwunden, wenn es möglich war. Ich zielte scharf und drückte ab. Er
+lief noch eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann stehen. Es war,
+als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um seine eigene Achse drehte,
+dann fiel er nieder.
+
+»Holt ihn herbei!« gebot ich.
+
+Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und trugen ihn herbei.
+Die Kugel saß in seinem Oberschenkel.
+
+»Du siehst, Eslah el Mahem, daß wir Ernst machen. Befiehl deinen Leuten,
+sich zu ergeben!«
+
+»Und wenn ich es ihnen nicht befehle?« fragte er.
+
+»So zwingen wir sie, und dann fließt ihr Blut, was wir gern vermeiden
+wollen.«
+
+»Willst du mir später bezeugen, daß ich mich nur ergeben habe, weil ihr
+fünfmal mehr seid als wir, und weil du mir sagst, daß die Meinen in dem
+Wadi Deradsch eingeschlossen sind?«
+
+»Ich bezeuge es dir!«
+
+»So gebt eure Waffen ab!« knirschte er. »Aber Allah verderbe dich bis
+in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn du mich belogen hast!«
+
+Die Obeïde wurden entwaffnet.
+
+»Sir!« rief Lindsay während dieser Beschäftigung.
+
+»Was?« fragte ich und drehte mich um.
+
+Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefaßt und meldete:
+
+»Frißt Papier, der Kerl!«
+
+Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen in der
+zusammengeballten Hand.
+
+»Geben Sie her!« sagte ich.
+
+»Nie!«
+
+»Pah!«
+
+Ein Druck auf seine Hand -- er schrie vor Schmerz auf und öffnete die
+Finger. Das Papier war der Teil eines Briefumschlags und enthielt nur
+ein einziges Wort: Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts
+und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen oder noch im
+Munde.
+
+»Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!« forderte ich ihn auf.
+
+Ein höhnisches Lächeln war seine Antwort, und zugleich sah ich, wie er
+den Kopf etwas erhob, um leichter schlingen zu können. Sofort faßte ich
+ihn bei der Kehle. Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der
+Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun, ein
+Papierklümpchen ans Tageslicht zu fördern. Die Papierfetzen enthielten
+nur wenige Zeilen in Chiffreschrift, und außerdem schien es ganz
+unmöglich, die einzelnen Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie
+zusammengehörten. Ich faßte den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn:
+
+»Von wem war dieses Schreiben verfaßt?«
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete er.
+
+»Von wem hast du es erhalten?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Lügner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben und zu sterben?«
+
+Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort:
+
+»Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden, und ich lasse
+dich hier zurück für die Geier und Schakale!«
+
+»Ich muß schweigen,« sagte er.
+
+»So schweige auf ewig!«
+
+Ich erhob mich. Das wirkte.
+
+»Frage, Effendi!« rief er aus.
+
+»Von wem hast du diesen Brief?«
+
+»Vom englischen Vicekonsul in Mossul.«
+
+»An wen war er gerichtet?«
+
+»An den Konsul zu Bagdad.«
+
+»Kennst du seinen Inhalt?«
+
+»Nein.«
+
+»Lüge nicht!«
+
+»Ich schwöre, daß ich keinen Buchstaben zu lesen bekam!«
+
+»Aber du ahnest, was er enthielt?«
+
+»Ja.«
+
+»So rede!«
+
+»Politik!«
+
+»Natürlich!«
+
+»Weiter darf ich nichts sagen.«
+
+»Hast du einen Schwur abgelegt?«
+
+»Ja.«
+
+»Hm! Du bist ein Grieche?«
+
+»Ja.«
+
+»Woher?«
+
+»Aus Lemnos.«
+
+»Ich dachte es! Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter,
+und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die
+Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die
+ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich
+verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele. Du
+würdest heute deinen Eid brechen, wenn ich dich zwänge oder dir den
+Eidbruch bezahlte, Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul
+gebracht? Schweig! Ich ahne es, denn ich weiß, wodurch ihr alles werdet,
+was ihr seid! Du magst deinem Eide treu bleiben, denn die Politik, von
+der du sprachst, kenne ich! Warum hetzt ihr diese Stämme gegen einander
+auf? Warum stachelt ihr einmal den Türken und das andere Mal den Perser
+gegen sie auf? Und das thun Christen! Andere, welche die Lehre des
+Weltheilandes wirklich befolgen, bringen die Worte der Liebe und des
+Erbarmens in dieses Land, und ihr säet Unkraut zwischen den Weizen, daß
+er erstickt, eure Saat aber tausendfältige Früchte trägt. Fliehe zu
+deinem Popen; er mag für dich um Vergebung bitten! Du hast auch den
+Russen gedient?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Wo?«
+
+»In Stambul.«
+
+»Wohlan! Ich sehe, daß du wenigstens noch fähig bist, die Wahrheit zu
+bekennen, und daher will ich dich nicht der Rache der Haddedihn
+übergeben.«
+
+»Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich dafür segnen!«
+
+»Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?«
+
+»Alexander Kolettis.«
+
+»Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn
+früher trug, nichts gemein. Bill!«
+
+»Sir!« antwortete der Gerufene.
+
+»Kannst du eine Wunde verbinden?«
+
+»Das nicht, Sir, aber ein Loch verknüpfen, das kann ich wohl.«
+
+»Knüpfe es ihm zu!«
+
+Der Grieche wurde von dem Engländer verbunden. Wer weiß ob ich nicht
+anders gehandelt hätte, wenn ich damals gewußt hätte, unter welchen
+Umständen ich diesen Menschen später wiedersehen sollte. Ich wandte mich
+zu dem gefesselten Scheik:
+
+»Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und es thut mir leid, einen
+mutigen Krieger gefesselt zu sehen. Willst du mir versprechen, stets an
+meiner Seite zu bleiben und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?«
+
+»Warum?«
+
+»Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.«
+
+»Ich verspreche es!«
+
+»Bei dem Barte des Propheten?«
+
+»Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!«
+
+»Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!«
+
+»Schwört mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!« gebot er.
+
+»Wir schwören es!« ertönte die Antwort.
+
+»So sollt ihr nicht gebunden werden,« versprach ich ihnen.
+
+Zugleich löste ich die Bande des Scheik.
+
+»Sihdi, du bist ein edelmütiger Krieger,« sagte er. »Du hast nur unsere
+Tiere töten lassen, uns aber verschont. Allah segne dich, obgleich mein
+Pferd mir lieber als ein Bruder war!«
+
+Ich sah es seinen edlen Zügen an, daß diesem Manne jeder Verrat, jede
+Gemeinheit und Treulosigkeit fremd war, und sagte zu ihm:
+
+»Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angehörigen deines Volkes von
+fremden Zungen verleiten lassen; sei später stärker! Willst du dein
+Schwert, deinen Dolch und deine Flinte wieder haben?«
+
+»Das thust du nicht, Effendi!« erwiderte er erstaunt.
+
+»Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines Stammes sein; ich mag
+dich nicht wie einen Huteijeh oder wie einen Chelawijeh[163] behandeln.
+Du sollst vor Mohammed Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein
+freier Mann, mit den Waffen in der Hand.«
+
+ [163] Verachtete Stämme, die zum Pöbel gerechnet werden,
+ ungefähr wie die Paria in Indien.
+
+Ich gab ihm seinen Säbel und auch die anderen Waffen. Er sprang auf und
+starrte mich an.
+
+»Wie ist dein Name, Sihdi?«
+
+»Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.«
+
+»Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde,
+sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn
+glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich
+leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei
+dir trägst und mit denen du mich töten könntest. Zeige mir deinen
+Dolch!«
+
+Ich that es. Er prüfte die Klinge und meinte dann:
+
+»Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander; siehe dagegen meinen
+Schambijeh!«
+
+Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk, zweischneidig, leicht
+gekrümmt, wunderbar damasciert, und in arabischer Sprache stand zu
+beiden Seiten der Wahlspruch: »Nur nach dem Sieg in die Scheide.« Er war
+gewiß von einem jener alten, berühmten Waffenschmiede in Damaskus
+gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben sind und mit denen sich
+jetzt keiner mehr vergleichen kann.
+
+»Gefällt er dir?« fragte der Scheik.
+
+»Er ist wohl fünfzig Schafe wert!«
+
+»Sage hundert oder hundertfünfzig, denn es haben ihn zehn meiner Väter
+getragen, und er ist niemals zersprungen. Er sei dein; gieb mir den
+deinigen dafür!«
+
+Das war ein Tausch, den ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich den
+Scheik nicht unversöhnlich beleidigen wollte. Ich gab also meinen Dolch
+hin.
+
+»Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde diese Klinge tragen
+zum Andenken an dich und zu Ehren deiner Väter!«
+
+»Sie läßt dich nie im Stiche, so lange deine Hand fest bleibt!«
+
+Da hörten wir den Hufschlag eines Pferdes und gleich darauf bog ein
+Reiter um den Felsenvorsprung, welcher unser Versteck nach Süden
+abschloß. Es war kein anderer als mein kleiner Halef.
+
+»Sihdi, du sollst kommen!« rief er, als er mich erblickte.
+
+»Wie steht es, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Wir haben gesiegt.«
+
+»Ging es schwer?«
+
+»Es ging leicht. Alle sind gefangen!«
+
+»Alle?«
+
+»Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el Mahem, der Scheik der
+Obeïde, fehlt.«
+
+Ich wandte mich an diesen:
+
+»Siehst du, daß ich dir die Wahrheit sagte?« Dann fragte ich Halef:
+»Trafen die Abu Mohammed zur rechten Zeit ein?«
+
+»Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen das Wadi so, daß
+kein Feind entkommen konnte. Wer sind diese Männer?«
+
+»Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.«
+
+»Deine Gefangenen?«
+
+»Ja, sie werden mit mir kommen.«
+
+»Wallah, billah, tillah! Erlaube, daß ich gleich zurückkehre, um diese
+Kunde Mohammed Emin und Scheik Malek zu bringen!«
+
+Er jagte wieder davon.
+
+Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der Grieche wurde auf
+eines derselben gesetzt; die übrigen mußten gehen. So setzte sich der
+Zug in Bewegung. Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet
+hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein.
+
+Der bereits erwähnte Thalpaß führte uns auf die andere Seite der Berge;
+dann ging es auf der Ebene stracks nach Süden. Wir hatten das Wadi noch
+lange nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns entgegen
+kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed Emin und die Scheiks der
+Abu Mohammed und der Alabeïde-Araber waren es.
+
+»Du hast ihn gefangen?« rief mir jetzt Mohammed Emin entgegen.
+
+»Eslah el Mahem? Ja.«
+
+»Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie viele Männer hat dich der
+Kampf gekostet?«
+
+»Keinen.«
+
+»Wer wurde verwundet?«
+
+»Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schuß.«
+
+»So ist Allah gnädig gewesen mit uns. Wir haben nur zwei Tote und elf
+Verwundete.«
+
+»Und der Feind?«
+
+»Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest eingeschlossen, daß er
+sich nicht zu rühren vermochte. Unsere Schützen trafen gut und konnten
+doch nicht selbst getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest
+zusammen, wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder, als sie
+aus den Schluchten hervorbrachen.«
+
+»Wo befindet sich der Feind?«
+
+»Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen abgeben müssen, und keiner
+kann entkommen, denn das Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt
+sehe ich Eslah el Mahem! Aber wie, er trägt die Waffen?«
+
+»Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen. Weißt du, daß man den
+Tapfern ehren soll?«
+
+»Er wollte uns vernichten!«
+
+»Er wird dafür bestraft werden.«
+
+»Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es gut sein. Komm!«
+
+Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen folgten uns so schnell wie
+möglich. Auf dem Verbandplatz herrschte reges Leben, und vor demselben
+bildete eine Anzahl bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte
+die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks saßen. Ich wartete, bis
+Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend:
+
+»Willst du bei mir bleiben?«
+
+Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte:
+
+»Sie sind meine Verbündeten; ich gehöre zu ihnen.«
+
+Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite nieder. Es wurde
+dabei kein Wort gesprochen, aber man sah es, daß die beiden anderen bei
+seinem Erscheinen erschraken. Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige
+Hoffnung gesetzt.
+
+»Führe deine Gefangenen in das Wadi!« sagte Malek.
+
+Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich mir ein
+außerordentlich malerischer Anblick dar. In die Brustwehr war zur
+Erleichterung des Verkehrs eine Bresche gerissen; zu beiden Seiten der
+Thalwände hatten sich Wachtposten aufgestellt; die ganze Thalsohle
+wimmelte von gefangenen Menschen und Pferden, und im Hintergrunde
+lagerten diejenigen unserer Verbündeten, welche noch im Wadi Platz
+gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene Haddedihn beschäftigt,
+die Pferde der Feinde zu sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu
+bringen, wo auch die Waffen derselben auf einem einzigen großen Haufen
+lagen.
+
+»Hast du so etwas bereits gesehen?« fragte mich Malek.
+
+»Noch größeres,« antwortete ich.
+
+»Ich nicht.«
+
+»Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?«
+
+»Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.«
+
+»Und was wird nun geschehen?«
+
+»Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia
+veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.«
+
+»Nein das werden wir nicht.«
+
+»Warum?«
+
+»Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?«
+
+»Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle verbittern
+werden?«
+
+»Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?«
+
+»Was sollte uns abhalten?«
+
+»Die Arbeit. Freund und Feind muß gelabt werden.«
+
+»Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun haben.«
+
+»Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?«
+
+»Bis sie zurückkehren dürfen.«
+
+»Und wann soll dies geschehen?«
+
+»So bald wie möglich; wir hätten nichts zu essen für dieses Heer von
+Freunden und Feinden.«
+
+»Siehst du, daß ich recht habe? Ein Freudenfest soll gefeiert werden,
+aber erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Zunächst ist es notwendig, daß
+sich die Scheiks versammeln, um über alles zu sprechen, was beschlossen
+werden muß, und dann müssen die Beschlüsse schleunigst ausgeführt
+werden. Sage den Scheiks, daß sechstausend Menschen nicht viele Tage
+hier beisammen sein dürfen!«
+
+Er ging. Nun trat Lindsay heran.
+
+»Herrlicher Sieg! Nicht?« meinte er.
+
+»Sehr!«
+
+»Wie meine Sache gemacht, Sir?«
+
+»Ausgezeichnet!«
+
+»Schön! Hm! Viele Menschen hier.«
+
+»Man sieht es.«
+
+»Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen liegen?«
+
+»Möglich; man müßte sich einmal erkundigen.«
+
+»Fragt einmal, Sir!«
+
+»Sobald es möglich ist, ja.«
+
+»Jetzt gleich, sofort!«
+
+»Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht ist meine
+Anwesenheit bei der Beratung nötig, welche jetzt beginnen wird.«
+
+»Schön! Hm! Aber nachher fragen! Wie?«
+
+»Sicher!«
+
+Ich ließ ihn stehen und schritt zu den Zelten.
+
+Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den Verbänden zu
+verbessern war. Als ich dies besorgt hatte, trat ich in jenes Zelt, in
+welchem die Scheiks ihre Besprechung hielten. Diese ging sehr lebhaft
+vor sich. Man konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich
+glaube, daß ich ihnen willkommen kam.
+
+»Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara Ben Nemsi,« sagte
+Malek. »Du bist in allen Ländern der Erde gewesen und weißt, was recht
+und vorteilhaft ist.«
+
+»Fragt, ich werde antworten!«
+
+»Wem gehören die Waffen der Besiegten?«
+
+»Dem Sieger.«
+
+»Wem ihre Pferde?«
+
+»Dem Sieger.«
+
+»Wem ihre Kleider?«
+
+»Die Räuber nehmen sie ihnen, der wahre Gläubige aber läßt sie ihnen.«
+
+»Wem gehört ihr Geld, ihr Schmuck?«
+
+»Der wahre Gläubige nimmt nur ihre Waffen und ihre Pferde.«
+
+»Wem gehören ihre Herden?«
+
+»Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so gehören sie ihnen,
+aber sie haben die Kosten des Krieges und den jährlichen Tribut davon zu
+bezahlen.«
+
+»Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir haben sie besiegt, und
+nun gehört uns ihr Leben und alles, was sie besitzen.«
+
+»Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du sagst, daß ihr Leben
+euch gehöre?«
+
+»So ist es.«
+
+»Wollt ihr es ihnen nehmen?«
+
+»Nein. Wir sind keine Henker und keine Mörder.«
+
+»Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? Können sie leben ohne die
+Herden?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr ihnen also das Leben. Ja,
+ihr beraubt euch in diesem Falle selbst!«
+
+»Wie?«
+
+»Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?«
+
+»Ja.«
+
+»Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen, wenn er keine Herden hat?«
+
+»Dein Mund spricht weise und verständig.«
+
+»Hört weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre Kleider, ihre
+Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr sie, zu stehlen und zu rauben,
+damit sie nicht verhungern. Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar
+zunächst; das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst, der sie
+arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und das seid ihr. Was ist besser,
+Freunde zum Nachbar zu haben oder Räuber?«
+
+»Das erstere.«
+
+»So macht sie zu euren Freunden und nicht zu Räubern! Man nimmt dem
+Besiegten nur das, womit er schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und
+die Pferde nehmt, so erhaltet ihr zehntausend Stück verschiedene Waffen
+und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?«
+
+»Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.«
+
+»Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde mehr, um Krieg zu führen.
+Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz
+begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können;
+dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen. Ich habe
+gesprochen!«
+
+»Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man ihnen heute von ihren
+Herden?«
+
+»So viel wie der Schaden beträgt, den euch ihr Überfall gemacht hat.«
+
+»Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?«
+
+»Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um
+ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu
+sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage
+vergelten zu können.«
+
+»Nun bleibt die Blutrache übrig. Wir haben mehrere der ihrigen getötet.«
+
+»Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen entlassen werden, mögen
+die Chamseh und Aaman[164] zusammentreten und den Blutpreis bestimmen.
+Ihr habt mehr zu bezahlen, als sie, und könnt es gleich bezahlen von der
+Beute, welche ihr macht.«
+
+ [164] Verwandte.
+
+»Wird man uns die Kriegsentschädigung bringen?«
+
+»Nein. Ihr müßt sie holen. Die Gefangenen müssen hier bleiben, bis ihr
+sie erhalten habt. Und um des Tributes sicher zu sein, müßt ihr stets
+einige vornehme Leute der besiegten Stämme als Geiseln bei euch haben.
+Zahlt man den Tribut nicht, so kommen diese Geiseln in Gefahr.«
+
+»Wir würden sie töten. Nun sollst du uns das letzte sagen. Wie verteilen
+wir die Kriegsentschädigung und den Tribut unter uns? Das ist sehr
+schwer zu bestimmen.«
+
+»Das ist sogar sehr leicht zu bestimmen, wenn ihr Freunde seid. Die
+Entschädigung holt ihr euch, während ihr hier noch beisammen seid, und
+dann könnt ihr sie nach den Köpfen verteilen.«
+
+»So soll es sein!«
+
+»Nun seid ihr drei Stämme, und sie sind drei Stämme; auch die Zahl der
+Mitglieder dieser Stämme ist fast gleich. Warum soll nicht je ein Stamm
+von euch von einem Stamme von ihnen den jährlichen Tribut erhalten? Ihr
+seid Freunde und Gefährten. Wollt ihr euch um den Schwanz eines Schafes
+oder um die Hörner eines Stieres zanken und entzweien?«
+
+»Du hast recht. Wer aber soll die Kriegsentschädigung von ihren
+Weideplätzen holen?«
+
+»So viele Leute, als dazu erforderlich sind, und dabei sollen zwei
+Drittel der eurigen und ein Drittel der ihrigen sein.«
+
+»Das ist gut. Und was wirst du von dieser Entschädigung erhalten?«
+
+»Nichts. Ich ziehe weiter und brauche keine Herden. Waffen und ein Pferd
+habe ich auch.«
+
+»Und die drei Männer, welche bei dir sind?«
+
+»Die werden auch nichts nehmen; sie haben alles, was sie brauchen.«
+
+»So wirst du nehmen müssen, was wir dir als Dank darbringen werden. Dein
+Haupt ist nicht so alt wie eines der unsrigen, aber du hast dennoch
+unsern Kriegern gelehrt, wie man über einen großen Feind siegt, ohne
+viele Tote zu haben.«
+
+»Wenn ihr mir danken wollt, so thut denen wohl, welche als eure Feinde
+verwundet in euren Zelten liegen, und seht, ob ihr eine Ruine findet,
+aus welcher man Figuren und Steine mit fremden Schriften graben kann.
+Mein Gefährte wünscht solche Dinge zu sehen. Nun habt ihr gehört, was
+ich euch zu sagen habe; Allah erleuchte eure Weisheit, damit ich bald
+erfahre, was ihr beschlossen habt!«
+
+»Du sollst bleiben und mit uns beraten!«
+
+»Ich kann nichts anderes sagen, als was ich bereits gesagt habe. Ihr
+werdet das Richtige treffen.«
+
+Ich ging hinaus und beeilte mich, den gefangenen Scheiks Datteln und
+Wasser zu besorgen. Dann traf ich auf Halef, welcher mich nach dem Wadi
+Deradsch begleitete, welches ich jetzt näher in Augenschein nehmen
+wollte. Die gefangenen Abu Hammed kannten mich. Einige von ihnen erhoben
+sich ehrerbietig, als ich vor ihnen vorüberging, und andere steckten
+flüsternd die Köpfe zusammen. Im Hintergrunde wurde ich von den dort
+anwesenden Abu Mohammed mit Freuden begrüßt. Sie waren ganz begeistert,
+die mächtigen Feinde auf eine so leichte Weise besiegt zu haben. Ich
+ging von Gruppe zu Gruppe, und so kam es, daß mehrere Stunden vergangen
+waren, als ich die Zelte wieder erreichte.
+
+Während dieser Zeit hatten die nach dem Weideplatze gesandten Boten
+dafür gesorgt, daß das Lager abgebrochen und in die unmittelbare Nähe
+des Wadi Deradsch verlegt wurde. Die ganze Ebene wimmelte bereits von
+Herden, und nun gab es Hämmel genug zu den Festmahlzeiten, welche heute
+abend in jedem Zelte zu erwarten waren. Mohammed Emin hatte mich bereits
+gesucht.
+
+»Dein Wort ist so gut wie deine That,« meinte er. »Es ist befolgt
+worden. Die Obeïde werden den Haddedihn, die Abu Hammed den Abu Mohammed
+und die Dschowari den Alabeïde den Tribut bezahlen.«
+
+»Wie viel Kriegsentschädigung entrichten die einzelnen Stämme?«
+
+Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch nicht grausam; dies
+freute mich außerordentlich, zumal ich mir sagen konnte, daß mein Wort
+hier nicht ganz ohne Einfluß gewesen war gegenüber den grausamen
+Gewohnheiten, welche in solchen Fällen in Anwendung kamen. Von Sklaverei
+war keine Rede gewesen.
+
+»Wirst du mir eine Bitte erfüllen?« fragte der Scheik.
+
+»Gern, wenn ich kann. Sprich sie aus!«
+
+»Wir werden einen Teil der Herden der Besiegten holen; dazu brauchen die
+Männer, welche wir senden, weise und tapfere Anführer. Ich und Scheik
+Malek müssen hier bei den Gefangenen bleiben. Wir brauchen drei
+Anführer, einen zu den Obeïde, einen zu den Abu Hammed und einen zu den
+Dschowari. Die Scheiks der Abu Mohammed und der Alabeïde sind bereit;
+es fehlt uns der dritte. Willst du es sein?«
+
+»Ich will.«
+
+»Wohin willst du gehen?«
+
+»Wohin gehen die andern?«
+
+»Sie wollen dir die erste Wahl überlassen.«
+
+»So gehe ich zu den Abu Hammed, weil ich bereits einmal bei ihnen
+gewesen bin. Wann sollen wir aufbrechen?«
+
+»Morgen. Wie viele Männer willst du mit dir nehmen?«
+
+»Vierzig Mann von den Abu Hammed und sechzig von deinen Haddedihn. Auch
+Halef Omar nehme ich mit.«
+
+»So suche sie dir heraus. Werden die Abu Hammed bewaffnet sein müssen?«
+
+»Nein, denn dies wäre ein großer Fehler. Seid ihr mit den Scheiks der
+Besiegten bereits einig geworden?«
+
+»Nein. Das wird bis zum letzten Gebete heute geschehen.«
+
+»Behalte die angesehenen Krieger hier und schicke nur die gewöhnlichen
+Männer mit uns fort; diese sind zum Treiben der Herden gut genug.«
+
+Ich ging, um mir meine Leute auszuwählen; dabei traf ich auf Lindsay.
+
+»Gefragt, Sir?« redete er mich an.
+
+»Noch nicht.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ist nicht nötig, denn ich habe den Scheiks Auftrag gegeben,
+nachzuforschen.«
+
+»Herrlich! Prächtig! Scheiks wissen alles! Werde Ruinen finden!«
+
+»Ich denke es! Wollt Ihr einen interessanten Ritt mitmachen?«
+
+»Wohin?«
+
+»Bis unterhalb von El Fattha, wo der Tigris durch die Hamrinberge
+geht.«
+
+»Was dort?«
+
+»Die Kriegsentschädigung holen, welche in Herden besteht.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Bei dem Stamme Abu Hammed, der uns damals unsere Pferde raubte.«
+
+»Köstlich, Sir! Bin dabei! Wie viele Männer mit?«
+
+»Hundert.«
+
+»Gut! Prächtig! Imposanter Zug. Ruinen dort?«
+
+»Mehrere Gräberhügel, aber am linken Ufer.«
+
+»Kommen nicht hinüber?«
+
+»Nein.«
+
+»Schade! Jammerschade! Könnten nachsuchen! Fowling-bulls finden!«
+
+»Wir werden trotzdem etwas Ausgezeichnetes finden.«
+
+»Was?«
+
+»Etwas Leckeres, das wir lange entbehrt haben, nämlich Trüffeln.«
+
+»Trüffeln? Oh! Ah!«
+
+Er sperrte den Mund so weit auf, als ob er eine ganze Trüffelpastete auf
+einmal verspeisen wolle.
+
+»Sie wachsen in Haufen in jener Gegend, und ich habe erfahren, daß damit
+ein nicht unbedeutender Handel nach Bagdad, Basra, Kerkuk und Sulimaniah
+getrieben wird. Sogar bis Kirmanschah sollen sie gehen.«
+
+»Gehe mit, Sir, gehe mit! Trüffeln! Hm! Prachtvoll!«
+
+Damit verschwand er, um seinen beiden Dienern die große Neuigkeit
+mitzuteilen; ich aber ging, um meine Leute herauszusuchen.
+
+Bis zum Abend sahen sich die drei besiegten Scheiks wirklich gezwungen,
+auf alle Forderungen der Sieger einzugehen, und nun begann ein
+Freudenfest, infolgedessen mancher feiste Hammel sein Leben lassen
+mußte. Mitten in diesem Jubel lag ich unter duftenden Blüten, umklungen
+von tausend Stimmen und doch allein mit meinen Gedanken. Vor vielen
+Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren ihre gefürchteten Speere
+geschwungen. Hier hatte vielleicht auch das Zelt des Holofernes
+gestanden, aus Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und
+Edelsteinen geschmückt. Und drüben auf den rauschenden Wellen des
+Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche Herodot beschreibt:
+
+»Die Boote sind von kreisrunder Form und aus Fellen gemacht. Sie werden
+in Armenien und in den Gegenden ober Assyrien gebaut. Die Rippen werden
+aus Weidenruten und Zweigen gemacht und sind außerhalb mit Fellen
+umgeben. Sie sind rund, wie ein Schild, und zwischen Vorderteil und
+Hinterteil ist kein Unterschied. Den Boden ihrer Schiffe kleiden die
+Schiffer mit Rohr oder Stroh aus, und Kaufmannsgüter, besonders Palmwein
+einnehmend, schwimmen sie den Fluß hinunter. Die Boote haben zwei Ruder;
+an jedem ist ein Mann. Der eine zieht auf sich zu, und der andere stößt
+von sich ab. Diese Schiffe haben verschiedene Maßverhältnisse; einige
+sind so groß, daß sie eine Last bis zum Werte von fünftausend Talenten
+tragen; die kleineren haben einen Esel an Bord; die größeren mehrere.
+Sobald die Bootsleute nach Babylon kommen, verfügen sie über die Waren
+und Güter und bieten dann die Rippen und das Rohr des Floßes zum
+Verkaufe aus. Mit den Schläuchen beladen sie dann ihre Esel und gehen
+mit ihnen nach Armenien zurück, wo sie neue Fahrzeuge bauen.«
+
+Trotz der Jahrhunderte sind sich diese Fahrzeuge gleich geblieben; aber
+die Völker, welche hier lebten, sind verschwunden. Wie wird es sein,
+wenn abermals eine solche Zeit vergangen ist? -- --
+
+Am andern Vormittage brachen wir auf: ich mit Halef und einem Abu Hammed
+als Führer voran, die andern hinter mir. Den Nachtrab machte Sir David
+Lindsay.
+
+Wir kamen zwischen den Kanuza- und Hamrinbergen hindurch und erblickten
+bald am linken Ufer Tell Hamlia, einen kleinen, künstlichen Hügel. Am
+rechten Ufer lag Kalaat el Dschebbar, »die Burg der Tyrannen«, eine
+Ruine, welche aus einigen verfallenen, runden Türmen besteht, die durch
+Wälle verbunden sind. Dann erreichten wir Tell Dahab, einen kleinen
+Hügel, welcher am linken Ufer des Flusses liegt, und bei Brey el Bad,
+einem ziemlich steilen Felsen, machten wir Halt, um das Mittagsmahl
+einzunehmen. Gegen Abend gelangten wir nach El Fattha, wo sich der Fluß
+einen fünfzig Ellen breiten Weg durch die Hamrinberge zwingt, und als
+wir diese Enge überwunden hatten, schlugen wir das Nachtlager auf. Die
+Abu Hammed waren unbewaffnet, aber ich teilte die Haddedihn doch in zwei
+Hälften, welche abwechselnd zu wachen hatten, damit keiner der
+Gefangenen entfliehen solle. Wäre es nur einem einzigen gelungen, so
+hätte er seinem Stamme unsere Ankunft verraten, und die besten Tiere
+wären dann geflüchtet oder versteckt worden.
+
+Mit Tagesgrauen brachen wir wieder auf. Der Fluß war breit und bildete
+viele Inseln. An dem linken Ufer zogen sich niedrige Hügel hin, am
+rechten aber lag die Ebene offen vor uns, und hier sollten sich längs
+des Flusses die Abu Hammed gelagert haben.
+
+»Habt ihr einen Weideplatz oder mehrere?« fragte ich den Führer.
+
+»Nur einen.«
+
+Ich sah es ihm an, daß er mir die Unwahrheit sagte.
+
+»Du lügst!«
+
+»Ich lüge nicht, Emir!«
+
+»Nun gut. Ich will mir Mühe geben, dir zu glauben; aber wenn ich
+bemerke, daß du mich täuschest, so jage ich dir eine Kugel durch den
+Kopf!«
+
+»Das wirst du nicht thun!«
+
+»Ich thue es!«
+
+»Du thust es nicht, denn ich sage dir, daß wir vielleicht zwei Plätze
+haben.«
+
+»Vielleicht?«
+
+»Oder gewiß; also zwei.«
+
+»Oder drei!«
+
+»Nur zwei!«
+
+»Gut. Wenn ich aber drei finde, so bist du verloren!«
+
+»Verzeihe, Emir! Sie könnten ja unterdessen noch einen gefunden haben.
+Dann sind es drei.«
+
+»Ah! Vielleicht sind es vier?«
+
+»Du wirst noch zehn haben wollen!«
+
+»Du bist ein Abu Hammed und willst nicht gern verlieren, was du
+zusammengeraubt hast. Ich werde nicht weiter in dich dringen.«
+
+»Wir haben vier, Emir,« sagte er ängstlich.
+
+»Gut. Schweige nun, denn ich werde mich selbst überzeugen!«
+
+Ich hatte unterdessen den Horizont mit meinem Rohre abgesucht und in der
+Ferne einige bewegliche Punkte entdeckt. Ich rief denjenigen Haddedihn
+herbei, welcher die Leute unter mir befehligte. Er war ein wackerer und
+entschlossener Krieger, den ich für vollständig zuverlässig hielt.
+
+»Wir haben vierzig Abu Hammed bei uns. Glaubst du, sie mit dreißig
+unserer Leute sicher bewachen zu können?«
+
+»Mit zehn, Emir. Sie haben ja keine Waffen!«
+
+»Ich werde jetzt mit Hadschi Halef Omar vorwärts reiten, um Kunde
+einzuziehen. Wenn die Sonne gerade über jenem Strauche steht und ich bin
+nicht zurück, so sendest du mir dreißig Haddedihn nach, welche mich
+suchen müssen!«
+
+Ich rief dem Engländer, und er kam mit seinen beiden Dienern heran. Ich
+sagte ihm:
+
+»Ich habe Euch einen sehr wichtigen Posten anzuvertrauen.«
+
+»#Well!#« antwortete er.
+
+»Ich werde jetzt einmal voranreiten, um zu sehen, wie weit sich die
+Weideplätze der Abu Hammed ausdehnen. Bin ich in zwei Stunden noch nicht
+zurück, so kommen mir dreißig Mann der Unseren nach.«
+
+»Ich mit?«
+
+»Nein. Ihr bleibt bei den übrigen zurück, um die Gefangenen zu bewachen.
+Wenn einer Miene macht, zu entfliehen, so schießt Ihr ihn nieder.«
+
+»#Yes!# Wenn einer flieht, schieße alle nieder.«
+
+»Gut, aber mehr nicht!«
+
+»#No.# Aber Sir, wenn mit den Abu Hammed reden, dann einmal fragen!«
+
+»Was?«
+
+»Nach Ruinen und Fowling-bulls.«
+
+»Gut. Vorwärts, Halef!«
+
+Wir galoppierten über die Ebene hin und grad auf die Punkte zu, welche
+ich gesehen hatte. Es war eine weidende Schafherde, bei welcher ein
+alter Mann stand.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn.
+
+»Aaleïkum!« antwortete er, sich tief verneigend.
+
+»Ist Friede auf deiner Weide?«
+
+»Es ist Friede da, o Herr. Bringst du auch Frieden?«
+
+»Ich bringe ihn. Du gehörst zum Stamme der Abu Hammed?«
+
+»Du sagst es.«
+
+»Wo ist euer Lager?«
+
+»Da unten hinter der Krümmung des Flusses.«
+
+»Habt ihr mehrere Weideplätze?«
+
+»Warum fragst du, o Herr?«
+
+»Weil ich eine Botschaft an alle deines Stammes auszurichten habe.«
+
+»Von wem?«
+
+»Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
+
+»Hamdulillah! Du wirst eine frohe Botschaft bringen.«
+
+»Ich bringe sie. Also sag', wie viele Weideplätze ihr habt.«
+
+»Sechs. Drei hier am Flusse hinab und drei auf den Inseln im Strome.«
+
+»Sind alle Inseln hier euer Eigentum?«
+
+»Alle.«
+
+»Sind sie alle bewohnt?«
+
+»Alle, bis auf eine.«
+
+Es lag etwas in dem Tone dieser Antwort und in dem Gesichte des Alten,
+was mich aufmerksam machte; ich ließ mir aber nichts merken und fragte:
+
+»Wo liegt diese eine?«
+
+»Grad gegenüber von uns liegt die erste, und die ich meine, das ist die
+vierte, o Herr.«
+
+Ich beschloß im stillen, auf diese Insel ein scharfes Auge zu haben,
+laut aber erkundigte ich mich:
+
+»Warum ist sie nicht bewohnt?«
+
+»Weil man sehr schwer zu ihr gelangen kann, da der Strom gefährlich
+ist.«
+
+Hm! Dann hätte sie ja recht gut die Eigenschaft, als Aufenthaltsort für
+Gefangene zu dienen! So dachte ich und fuhr zu fragen fort:
+
+»Wie viele Männer sind in euerm Lager?«
+
+»Bist du wirklich ein Abgesandter des Scheik, o Herr?«
+
+Dieses Mißtrauen vermehrte natürlich auch das meinige.
+
+»Ich bin es. Ich habe mit ihm und mit den Scheiks der Obeïde und der
+Dschowari gesprochen.«
+
+»Was bringst du für eine Botschaft?«
+
+»Die Botschaft des Friedens.«
+
+»Warum hat er keinen Mann seines Stammes gesandt?«
+
+»Die Männer der Abu Hammed kommen gleich hinter mir.«
+
+Ich wollte nicht weiter in ihn dringen und ritt also weiter, aber ganz
+nahe an das Ufer des Flusses, um die Inseln zu zählen. Als wir die
+dritte hinter uns hatten, machte der Fluß eine Krümmung, und nun lagen
+die Zelte des Lagers vor unsern Augen. Die ganze Ebene rings umher war
+von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen angefüllt. Pferde sah ich nur
+wenige. Ebenso erblickte ich nur wenige Männer, die noch dazu alt und
+kraftlos, also ungefährlich waren. Wir ritten in die Zeltgasse ein.
+
+Vor einem der Zelte stand ein junges Mädchen, welches ein dort
+angebundenes Pferd liebkoste. Als es mich erblickte, stieß es einen
+Schrei aus, sprang zu Pferde und jagte davon. Sollte ich der Flüchtigen
+nachreiten? Ich that es nicht; es würde auch nicht viel gefruchtet
+haben, denn ich wurde jetzt von allen umringt, welche im Lager anwesend
+waren: von Greisen, Kranken, Frauen und Mädchen. Ein Greis legte die
+Hand auf den Hals meines Pferdes und fragte:
+
+»Wer bist du, Herr?«
+
+»Ich bin ein Bote, den euch Zedar Ben Huli sendet.«
+
+»Der Scheik! Mit welcher Botschaft sendet er dich?«
+
+»Das werde ich euch sagen, wenn alle hier versammelt sind. Wie viele
+Krieger hat er hier zurückgelassen?«
+
+»Fünfzehn junge Männer. Ajehma wird fortgeritten sein, um sie zu
+holen.«
+
+»So erlaube, daß ich absteige. Du aber« -- und nun wandte ich mich an
+Halef -- »reite sofort weiter, denn die Dschowari müssen dieselbe
+Botschaft empfangen.«
+
+Halef wandte sein Pferd und sprengte davon.
+
+»Kann dein Gefährte nicht hier bleiben, um sich auszuruhen und Speise zu
+nehmen?« fragte der Alte.
+
+»Er ist nicht müde und nicht hungrig, und sein Auftrag leidet kein
+Zögern. Wo befinden sich die jungen Krieger?«
+
+»Bei der Insel.«
+
+Ah, wieder diese Insel!
+
+»Was thun sie dort?«
+
+»Sie« -- -- er stockte und fuhr dann fort: -- »Sie weiden die Herde.«
+
+»Ist diese Insel weit von hier?«
+
+»Nein. Siehe, da kommen sie bereits!«
+
+Wirklich kam ein Trupp Bewaffneter vom Flusse her auf uns zugesprengt.
+Es waren die Jüngsten des Stammes, fast noch Knaben; sie und die Alten
+hatte man zurückgelassen. Sie hatten keine Schießgewehre, sondern nur
+Spieße und Keulen. Der Vorderste und zugleich auch der Ansehnlichste von
+ihnen erhob die Keule im Reiten und schleuderte sie nach mir, indem er
+rief:
+
+»Hund, du wagst es, zu uns zu kommen?«
+
+Ich hatte zum Glück die Büchse vorgenommen und konnte mit ihrem Kolben
+den Wurf parieren; aber die Lanzen sämtlicher Knaben waren auf mich
+gerichtet. Ich machte mir nicht sehr viel daraus, gab vielmehr meinem
+Rappen die Schenkel und drängte ihn hart an das Roß des Angreifers. Er
+allein von allen mochte das zwanzigste Jahr erreicht haben.
+
+»Knabe, du wagst es, einen Gast deines Stammes anzugreifen?«
+
+Mit diesen Worten riß ich ihn zu mir herüber und setzte ihn vor mir auf
+den Hengst. Er hing an meiner Hand mit schlaffen Gelenken wie ein
+Gliedermann; die Angst war ihm in den Leib gefahren.
+
+»Nun stecht, wenn ihr jemand töten wollt!« fügte ich hinzu.
+
+Sie hüteten sich wohl, dies zu thun, denn er bildete einen Schild vor
+mir; aber die wackern Knaben waren nicht ganz unentschlossen. Einige von
+ihnen stiegen vom Pferde und versuchten, von der Seite oder von hinten
+an mich zu kommen, während die andern mich vorn beschäftigten. Sollte
+ich sie verwunden? Es wäre jammerschade gewesen. Ich drängte daher das
+Pferd hart an eines der Zelte, daß ich den Rücken frei bekam, und frug:
+
+»Was habe ich euch gethan, daß ihr mich töten wollt?«
+
+»Wir kennen dich,« antwortete einer. »Du sollst uns nicht wieder
+entkommen, du Mann mit der Löwenhaut!«
+
+»Du sprichst sehr kühn, du Knabe mit der Lämmerhaut!«
+
+Da hob eine alte Frau heulend ihre Hände empor und rief:
+
+»Ist es dieser? O, thut ihm nichts, denn er ist fürchterlich!«
+
+»Wir töten ihn!« antwortete die Bande.
+
+»Er wird euch zerreißen, und dann durch die Luft davonreiten!«
+
+»Ich werde nicht davonreiten, sondern bleiben,« antwortete ich und
+schleuderte nun meinen Gefangenen mitten unter die Angreifenden hinein.
+Dann glitt ich vom Pferde und trat in das Zelt. Mit einem Schnitte
+meines Dolches erweiterte ich den Eingang so, daß ich das Tier, welches
+ich keiner Gefahr aussetzen wollte, zu mir hereinziehen konnte. Nun war
+ich vor den Stichen dieser Wespen so ziemlich geborgen.
+
+»Wir haben ihn! Hamdulillah, wir haben ihn!« jubelte es draußen.
+
+»Umgebt das Zelt, laßt ihn nicht heraus!« rief eine andere Stimme.
+
+»Schießt ihn durch die Wände tot!« ertönte ein Ruf.
+
+»Nein, wir fangen ihn lebendig. Er hat den Rappen bei sich; den dürfen
+wir nicht verletzen; der Scheik will ihn haben!«
+
+Daß sich keiner zu mir hereinwagen würde, konnte ich mir denken; daher
+setzte ich mich gemütlich nieder und langte nach dem kalten Fleisch,
+welches auf einer Platte in meiner Nähe lag. Übrigens dauerte diese
+unfreiwillige Einquartierung nicht sehr lange; Halef hatte sein Pferd
+angestrengt, und gar bald erdröhnte der Boden unter dem Galoppe von
+dreißig Berittenen.
+
+»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig!« hörte ich rufen. »Das sind
+Feinde!«
+
+Ich trat aus dem Zelte. Von der ganzen Bevölkerung des Lagers war nicht
+eine einzige Person mehr zu sehen. Alle hatten sich in die Zelte
+verkrochen.
+
+»Sihdi!« rief laut die Stimme Halefs.
+
+»Hier, Hadschi Halef Omar!«
+
+»Hat man dir etwas gethan?«
+
+»Nein. Besetzt das Lager, daß niemand entkommt! Wer zu entfliehen sucht,
+wird niedergestoßen!«
+
+Diese Worte waren laut genug gesprochen, um von allen gehört zu werden.
+Ich wollte nur drohen. Dann sandte ich Halef von einem Zelte zum andern,
+um sämtliche Greise herbeizuführen; die fünfzehn Knaben brauchte ich
+nicht. Es dauerte lange, bis die Alten beisammen waren; sie hatten sich
+versteckt und kamen nur mit Zittern und Zagen herbei. Als sie in
+ängstlicher Erwartung um mich herum saßen, begann ich die Unterhaltung.
+
+»Habt ihr die Tättowierung meiner Leute auch gesehen?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»So habt ihr ihren Stamm erkannt?«
+
+»Ja. Es sind Haddedihn, Herr.«
+
+»Wo sind eure Krieger?«
+
+»Du wirst es wissen, Herr.«
+
+»Ja, ich weiß es, und ich will es euch sagen: Alle sind gefangen von den
+Haddedihn, und nicht ein einziger ist entkommen.»
+
+»Allah kerihm!«
+
+»Ja, Allah möge ihnen und euch gnädig sein!«
+
+»Er lügt!« flüsterte einer von ihnen, dem das Alter den Mut noch nicht
+geknickt hatte.
+
+Ich drehte mich zu ihm:
+
+»Du sagst, daß ich lüge? Dein Haar ist grau, und dein Rücken beugt sich
+unter der Last der Jahre; daher will ich dir die Worte verzeihen. Warum
+meinst du, daß ich dich belüge?«
+
+»Wie können die Haddedihn drei ganze Stämme gefangen nehmen?«
+
+»Du würdest es glauben, wenn du wüßtest, daß sie nicht allein gewesen
+sind. Sie waren mit den Abu Mohammed und den Alabeïde verbunden. Sie
+wußten alles, und als ich von euren Kriegern gefangen genommen wurde,
+kam ich von den Abu Mohammed, wo ich gewesen war, um den Krieg mit ihnen
+zu besprechen. Im Wadi Deradsch haben wir die Euren empfangen, und es
+ist kein einziger entkommen. Hört, welchen Befehl ich gebe!«
+
+Ich trat unter den Eingang des Zeltes, in welchem wir uns befanden, und
+winkte Halef herbei.
+
+»Reite zurück und hole die gefangenen Abu Hammed herbei!«
+
+Sie erschraken jetzt wirklich, und der Alte fragte:
+
+»Ist es möglich, Herr?«
+
+»Ich sage die Wahrheit. Die sämtlichen Krieger eures Stammes sind in
+unserer Hand. Entweder werden sie getötet oder ihr bezahlt das Lösegeld,
+welches für sie gefordert wird.«
+
+»Auch Scheik Zedar Ben Huli ist gefangen?«
+
+»Auch er.«
+
+»So hättest du wegen des Lösegeldes mit ihm reden sollen!«
+
+»Ich habe es gethan.«
+
+»Was sagte er?«
+
+»Er will es zahlen und hat mir vierzig von euren Leuten mitgegeben,
+welche jetzt kommen, um es zu holen.«
+
+»Allah schütze uns! Wie hoch ist es?«
+
+»Das werdet ihr hören. Wie viel Stück zählen eure Herden?«
+
+»Wir wissen es nicht!«
+
+»Ihr lügt! Ein jeder kennt die Zahl der Tiere, welche seinem Stamm
+gehören. Wie viel Pferde habt ihr?«
+
+»Zwanzig, außer denen, die mit in den Kampf gezogen sind.«
+
+»Diese sind für euch verloren. Wie viele Kamele?«
+
+»Dreihundert.«
+
+»Rinder?«
+
+»Zwölfhundert.«
+
+»Esel und Maultiere?«
+
+»Vielleicht dreißig.«
+
+»Schafe?«
+
+»Neuntausend.«
+
+»Euer Stamm ist nicht reich. Das Lösegeld wird betragen: zehn Pferde,
+hundert Kamele, dreihundert Rinder, zehn Esel und Maultiere und
+zweitausend Schafe.«
+
+Da erhoben die Alten ein fürchterliches Wehgeheul. Sie thaten mir
+allerdings sehr leid, aber ich konnte ja nichts ändern, und wenn ich
+diese Ziffern mit denen verglich, welche unter andern Verhältnissen
+aufgestellt worden wären, so fühlte ich mich in meinem Gewissen
+vollständig beruhigt. Um dem Jammergeschrei ein Ende zu machen, rief ich
+in etwas barschem Tone:
+
+»Still! Scheik Zedar Ben Huli hat es genehmigt.«
+
+»Wir können so viel nicht geben!« lautete die Antwort.
+
+»Ihr könnt es! Was man geraubt hat, das kann man sehr leicht wieder
+hergeben!«
+
+»Wir haben nichts geraubt. Warum willst du uns für Haremi[165] halten?«
+
+ [165] Räuber. Dieses Wort ist übrigens eine Ehrenbezeichnung bei
+ den Beduinen.
+
+»Seid still! Wurde ich nicht selbst von euch angefallen?«
+
+»Es geschah zum Scherze, Herr!«
+
+»Dann treibt ihr einen gefährlichen Scherz. Wie viele Weideplätze habt
+ihr?«
+
+»Sechs.«
+
+»Auch auf Inseln?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch auf der Insel, bei welcher vorhin eure jungen Männer waren?«
+
+»Nein.«
+
+»Man sagte mir doch, daß sie dort die Herden weideten! Ihr habt den Mund
+ganz voller Unwahrheit! Wer befindet sich auf dieser Insel?«
+
+Sie sahen sich verlegen an, dann antwortete der Sprecher:
+
+»Es sind Männer da.«
+
+»Was für Männer?«
+
+»Fremde.«
+
+»Wo sind sie her?«
+
+»Wir wissen es nicht.«
+
+»Wer weiß es sonst?«
+
+»Nur der Scheik.«
+
+»Wer hat diese Männer zu euch gebracht?«
+
+»Unsere Krieger.«
+
+»Eure Krieger! Und nur der Scheik weiß es, wo sie her sind? Ich sehe,
+daß ich von euch dreitausend Schafe verlangen muß -- statt zweitausend!
+Oder wollt ihr nicht lieber sprechen?«
+
+»Herr, wir dürfen nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Der Scheik würde uns bestrafen. Sei barmherzig mit uns!«
+
+»Ihr habt recht; ich will euch diese Verlegenheit ersparen.«
+
+Da kam es zwischen den Zelten herangetrabt: es waren die Gefangenen mit
+ihrer Bedeckung. Bei diesem Anblick erhob sich, ohne daß sich jemand
+sehen ließ, in allen Zelten ein großes Klagegeschrei. Ich stand auf.
+
+»Jetzt könnt ihr sehen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Vierzig
+von euren Kriegern sind da, um das Lösegeld zu holen. Geht jetzt in die
+Zelte und holt alle Bewohner des Lagers hinaus vor dasselbe; es soll
+ihnen nichts geschehen, aber ich habe mit ihnen zu reden.«
+
+Es machte einige Mühe, diese Menge von Greisen, Frauen und Kindern zu
+versammeln. Als sie beisammen waren, trat ich zu den Gefangenen:
+
+»Seht hier eure Väter, eure Mütter, Schwestern und Kinder! Sie sind in
+meiner Hand und ich werde sie gefangen fortführen, wenn ihr den
+Befehlen ungehorsam seid, die ihr jetzt erhaltet. Ihr habt sechs
+Weideplätze, die alle in der Nähe sind. Ich teile euch in sechs Haufen,
+von denen sich ein jeder unter der Aufsicht meiner Krieger nach einem
+der Plätze begiebt, um die Tiere hierher zu treiben. In einer Stunde
+müssen alle Herden hier beisammen sein!«
+
+Wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Abu Hammed verteilten sich
+unter der Aufsicht der Haddedihn, und nur zwölf Männer behielt ich von
+den letzteren zurück. Bei ihnen war Halef.
+
+»Ich werde mich jetzt entfernen, Halef,« sagte ich ihm.
+
+»Wohin, Sihdi?« fragte er.
+
+»Nach der Insel. Du wirst hier auf Ordnung sehen und dann später die
+Auswahl der Tiere leiten. Sorge dafür, daß diesen armen Leuten nicht
+bloß die besten genommen werden. Die Ausscheidung soll gerecht
+geschehen.«
+
+»Sie haben es nicht verdient, Sihdi!«
+
+»Aber ich will es so. Verstehst du, Halef?«
+
+Master Lindsay kam heran.
+
+»Habt Ihr gefragt, Sir?«
+
+»Noch nicht.«
+
+»Nicht vergessen, Sir!«
+
+»Nein. Ich habe Euch wieder einen Posten anzuvertrauen.«
+
+»#Well!# Welchen?«
+
+»Seht darauf, daß keine dieser Frauen entflieht!«
+
+»#Yes!#«
+
+»Wenn eine von ihnen Miene macht, davon zu laufen, so -- -- --«
+
+»Schieße ich sie nieder!«
+
+»O nein, Mylord!«
+
+»Was denn?«
+
+»So laßt Ihr sie laufen!«
+
+»#Well#, Sir!«
+
+Diese zwei Worte brachte er heraus, aber den Mund brachte er nicht
+wieder zu. Ich war übrigens fest überzeugt, daß schon der bloße Anblick
+von Sir David Lindsay den Frauen jede Absicht zur Flucht benehmen werde.
+In seinem karrierten Anzuge mußte er ihnen wie ein Ungeheuer vorkommen.
+
+Jetzt nahm ich zwei Haddedihn mit mir und schritt dem Flusse zu. Hier
+hatte ich die vierte Insel vor mir. Sie war lang und schmal und mit
+dichtem Rohr bewachsen, welches die Höhe eines Mannes weit überragte.
+Ich konnte kein lebendes Wesen erblicken, aber sie barg ein Geheimnis,
+das ich unbedingt ergründen mußte. Daß ich keinen der Abu Hammed
+mitgenommen hatte, war geschehen, um niemand für spätere Zeit in Schaden
+zu bringen.
+
+»Sucht nach einem Floß!« gebot ich den beiden.
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Nach dieser Insel.«
+
+»Emir, das ist nicht möglich!«
+
+»Warum?«
+
+»Siehst du nicht die reißende Strömung zu ihren beiden Seiten? Es würde
+jedes Floß an ihr zerschellen.«
+
+Der Mann hatte recht, aber dennoch hegte ich die Überzeugung, daß irgend
+ein Verkehr zwischen dem Ufer und dieser Insel stattfinden müsse, und
+als ich schärfer hinblickte, bemerkte ich, daß an ihrer oberen Spitze
+das Rohr niedergetreten war.
+
+»Blickt dahin! Seht ihr nicht, daß dort Menschen gewesen sind?«
+
+»Es scheint so, Emir.«
+
+»So muß auch ein Fahrzeug vorhanden sein.«
+
+»Es würde zerschellen; das ist sicher!«
+
+»Sucht!«
+
+Sie gingen nach rechts und links am Ufer hinab und hinauf, kehrten aber
+unverrichteter Sache zurück. Jetzt suchte ich selbst mit, lange
+vergeblich. Endlich aber entdeckte ich -- -- zwar kein Floß und keinen
+Kahn, aber eine Vorrichtung, deren Zweck mir sofort einleuchtete. An den
+Stamm eines Baumes, welcher oberhalb der Insel hart am Wasser stand, war
+ein langes, starkes Palmfaserseil befestigt. Das eine Ende desselben
+schlang sich um den Stamm, das Seil selbst aber war unter dem daneben
+wuchernden dichten Gestrüpp versteckt. Als ich es hervorzog, zeigte sich
+an dem andern Ende ein jetzt zusammengesunkener Schlauch, aus einer
+Bockshaut gefertigt, und über demselben war ein Querholz angebracht,
+welches jedenfalls dazu dienen sollte, sich mit den Händen daran
+festzuhalten.
+
+»Seht, hier ist das Floß. Dieses kann allerdings nicht zerschellen. Ich
+werde hinüberschwimmen, während ihr hier wacht, daß ich nicht gestört
+werde.«
+
+»Es ist gefährlich, Emir!«
+
+»Andere sind auch hinübergekommen.«
+
+Ich warf die Oberkleider ab und blies den Schlauch auf. Die Öffnung
+wurde mit einer daran befestigten Schnur verschlossen.
+
+»Haltet das Seil und laßt es langsam durch die Hände laufen!«
+
+Ich faßte das Querholz fest und glitt in das Wasser. Sofort ergriff mich
+die Strömung, welche so stark war, daß ein Mann alle seine Kräfte
+anstrengen mußte, um das Seil halten zu können. Einen Menschen von
+drüben herüber holen, dazu gehörten wohl die vereinigten Kräfte von
+mehreren Männern. Ich mußte nach jenseits der Insel halten; es gelang,
+und ich landete glücklich, obgleich ich einen tüchtigen Stoß erhielt.
+Meine erste Sorge war, das Seil so zu befestigen, daß es mir nicht
+abhanden kommen konnte; dann ergriff ich den Dolch, welchen ich zu mir
+gesteckt hatte.
+
+Von der Spitze der Insel führte durch das Rohrdickicht ein schmaler,
+ausgetretener Pfad, auf welchem ich bald vor eine kleine, aus Bambus,
+Schilf und Binsen gefertigte Hütte kam. Sie war so niedrig, daß kein
+Mensch in ihr zu stehen vermochte. Ihr Inneres enthielt nichts als
+einige Kleidungsstücke. Ich betrachtete dieselben genau und bemerkte,
+daß es die zerfetzten Anzüge von drei Männern waren. Keine Spur zeigte,
+daß die Besitzer derselben noch vor kurzer Zeit hier anwesend gewesen
+seien; aber der Pfad führte weiter.
+
+Ich folgte ihm, und bald war es mir, als ob ich ein Stöhnen hörte. Ich
+hastete vorwärts und gelangte an eine Stelle, wo das Rohr abgehauen war.
+Auf dieser kleinen Blöße bemerkte ich -- -- drei Menschenköpfe, welche mit
+dem Halse auf den Erdboden gestellt waren; so wenigstens schien es mir.
+Sie waren ganz unförmlich aufgeschwollen, und die Ursache davon ließ
+sich sehr leicht erkennen; denn bei meiner Ankunft erhob sich eine
+dichte Wolke von Moskitos und Schnaken in die Luft. Augen und Mund waren
+geschlossen. Waren das Totenköpfe, welche man aus irgend einem Grunde
+hierher gestellt hatte?
+
+Ich bückte mich nieder und berührte einen derselben. Da hauchte ein
+leiser Wehelaut zwischen den Lippen hervor, und die Augen öffneten sich
+und starrten mich mit einem gläsernen Blick an. Ich war wohl in meinem
+Leben selten über ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte ich mich so
+sehr, daß ich mehrere Schritte zurückwich.
+
+Ich trat wieder näher und untersuchte die Sache. Wahrhaftig, drei
+Männer waren eingegraben, lebendig eingegraben in den feuchten, fauligen
+Boden bis an die Köpfe.
+
+»Wer seid ihr?« fragte ich laut.
+
+Da öffneten alle drei die Augen und stierten mich mit wahnsinnigen
+Blicken an. Die Lippen des einen thaten sich auf:
+
+»Oh Adi!« ächzte er langsam.
+
+Adi? Ist dies nicht der Name des großen Heiligen der Dschesidi, der
+sogenannten Teufelsanbeter?
+
+»Wer hat euch hierher gebracht?« fragte ich weiter.
+
+Wieder öffnete sich der Mund, aber er war nicht mehr im stande, einen
+Laut hören zu lassen. Ich arbeitete mich durch das dichte Röhricht nach
+dem Ufer der Insel und füllte beide Hände mit Wasser. Rasch kehrte ich
+zurück und flößte das Naß den Gemarterten ein. Sie schlürften es mit
+Gier. Ich konnte nur wenig auf einmal bringen, da es mir unterwegs
+zwischen den Fingern durchtropfte, und so mußte ich sehr oft hin und her
+gehen, ehe sie ihren fürchterlichen Durst gestillt hatten.
+
+»Giebt es hier eine Hacke?« fragte ich.
+
+»Mitgenommen,« flüsterte der eine.
+
+Ich rannte nach der oberen Spitze der Insel. Drüben standen noch meine
+Begleiter. Ich legte die Hand an den Mund, um das Rauschen des Wassers
+zu übertönen, und rief ihnen zu:
+
+»Holt einen Spaten, eine Hacke und die drei Engländer, aber ganz
+heimlich!«
+
+Sie verschwanden. Halef durfte ich nicht herbescheiden, weil er drüben
+notwendig war. Ich wartete mit Ungeduld -- endlich aber erschienen die
+Haddedihn mit den drei Verlangten und auch mit einem Werkzeuge, welches
+einer Hacke ähnlich sah.
+
+»Sir David Lindsay!« rief ich hinüber.
+
+»#Yes!#« antwortete er.
+
+»Schnell herüber! Bill und der andere auch! Bringt die Hacke mit!«
+
+»Meine Hacke? Fowling-bulls gefunden?«
+
+»Werden sehen!«
+
+Ich machte den Schlauch los und schob ihn in das Wasser.
+
+»Zieht an!«
+
+Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel.
+
+»Wo?« fragte er.
+
+»Warten! Erst die anderen auch herüber!«
+
+»#Well!#«
+
+Er winkte den Leuten drüben, sich zu sputen, und endlich standen die
+beiden kräftigen Burschen an unserer Seite. Bill hatte die Hacke bei
+sich. Ich befestigte den Schlauch wieder.
+
+»Kommt, Sir!«
+
+»Ah! Endlich!«
+
+»Sir David Lindsay, wollt Ihr mir verzeihen?«
+
+»Was?«
+
+»Ich habe keine Fowling-bulls gefunden.«
+
+»Keine?« -- Er blieb stehen und riß den Mund weit auf. »Keine? Ah!«
+
+»Aber ich habe etwas ganz Entsetzliches entdeckt! Kommt!«
+
+Ich ergriff die Hacke und schritt voran.
+
+Mit einem Ausrufe des Entsetzens prallte der Engländer zurück, als wir
+den Platz erreichten. Jetzt war der Anblick allerdings fast noch
+schrecklicher als vorher, da die drei die Augen offen hatten und die
+Köpfe bewegten, um den Insektenschwarm von sich abzuhalten.
+
+»Man hat sie eingegraben!« sagte ich.
+
+»Wer?« fragte Lindsay.
+
+»Weiß es nicht, werden es erfahren.«
+
+Ich gebrauchte die Hacke mit solcher Hast, und die andern scharrten und
+kratzten mit den Händen dazu, daß wir bereits nach einer Viertelstunde
+die drei Unglücklichen vor uns liegen hatten. Sie waren von allen
+Kleidern entblößt, und die Hände und Füße hatte man ihnen mit
+Baststricken zusammengebunden. Ich wußte, daß die Araber ihre Kranken
+bei gewissen schlimmen Krankheiten bis an den Kopf in die Erde graben
+und diesem sogenannten »Einpacken« eine bedeutende Heilkraft
+zuschreiben; aber diese Männer waren gefesselt, also nicht krank
+gewesen.
+
+Wir trugen sie an das Wasser und überspritzten sie. Dies erfrischte ihre
+Lebensgeister.
+
+»Wer seid ihr?« fragte ich.
+
+»Baadri!« klang die Antwort.
+
+Baadri? Das war ja der Name eines Dorfes, welches ausschließlich von
+Teufelsanbetern bewohnt wurde! Ich hatte also doch wohl mit meinen
+Vermutungen das Richtige getroffen.
+
+»Hinüber mit ihnen!« befahl ich.
+
+»Wie?« frug der Engländer.
+
+»Ich schwimme zuerst hinüber, um ziehen zu helfen, und nehme zugleich
+ihre Kleider mit. Ihr kommt dann nach, ein jeder mit einem von ihnen.«
+
+»#Well!# Wird aber nicht leicht sein.«
+
+»Ihr nehmt ihn quer vor euch über die Arme.«
+
+Ich rollte die Kleider wie einen Turban zusammen und nahm diesen auf den
+Kopf. Dann ließ ich mich an das Ufer ziehen. Was nun kam, das war für
+mich und die beiden Haddedihn eine sehr harte Arbeit, für die andern
+aber außerordentlich gefährlich; dennoch gelang es uns, alle sechs
+glücklich an das Ufer zu bringen.
+
+»Zieht ihnen die Kleider an! Dann bleiben sie heimlich hier liegen.
+Ihr, Sir David, werdet ihnen im stillen Nahrung bringen, während die
+andern sie bewachen.«
+
+»#Well!# Fragt, wer sie eingegraben hat.«
+
+»Der Scheik natürlich.«
+
+»Tot schlagen den Kerl!«
+
+Dieses letzte Abenteuer hatte über eine Stunde Zeit in Anspruch
+genommen. Als wir das Lager erreichten, wimmelte die Ebene von Tausenden
+von Tieren. Das Geschäft des Auswählens war ein schwieriges, doch der
+kleine Hadschi Halef Omar war seiner Aufgabe vollständig gewachsen. Er
+hatte meinen Hengst bestiegen, natürlich mit der Absicht, schneller
+vorwärts zu kommen und nebenbei ein wenig bewundert zu werden, und war
+allüberall zu sehen. Die Haddedihn waren ganz begeistert für ihre
+Arbeit, die gefangenen Abu Hammed aber, welche ihnen helfen mußten,
+konnten den stillen Grimm in ihren Mienen nicht verbergen. Und nun gar
+da, wo die Weiber und Greise saßen, da floßen heiße Thränen, und mancher
+halblaute Fluch stahl sich zwischen den Lippen hervor. Ich trat zu der
+Weibergruppe. Ich hatte da eine Frau bemerkt, welche mit einer
+heimlichen Befriedigung dem Treiben meiner Leute zusah. Hatte sie einen
+Groll gegen den Scheik im Herzen?
+
+»Folge mir!« gebot ich ihr.
+
+»Herr, sei gnädig! Ich habe nichts gethan!« flehte sie erschrocken.
+
+»Es soll dir nichts geschehen!«
+
+Ich führte sie in das leere Zelt, in welchem ich mich bereits vorhin
+befunden hatte. Dort stellte ich mich vor sie hin, sah ihr scharf in die
+Augen und fragte sie:
+
+»Du hast einen Feind in deinem Stamme?«
+
+Sie blickte überrascht empor.
+
+»Herr, woher weißt du es?«
+
+»Sei offen! Wer ist es?«
+
+»Du wirst es ihm wieder sagen!«
+
+»Nein, denn er ist auch mein Feind.«
+
+»Du bist es, der ihn besiegt hat?«
+
+»Ich bin es. Du hassest den Scheik Zedar Ben Huli?«
+
+Da blitzte ihr dunkles Auge auf.
+
+»Ja, Herr, ich hasse ihn.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich hasse ihn, weil er mir den Vater meiner Kinder töten ließ.«
+
+»Warum?«
+
+»Mein Herr wollte nicht stehlen.«
+
+»Weshalb nicht?«
+
+»Weil der Scheik den größten Teil des Raubes erhält.«
+
+»Du bist arm?«
+
+»Der Oheim meiner Kinder hat mich zu sich genommen; auch er ist arm.«
+
+»Wie viele Tiere hat er?«
+
+»Ein Rind und zehn Schafe; er wird sie heute hergeben müssen, denn wenn
+der Scheik zurückkehrt, so werden wir den ganzen Verlust zu tragen
+haben. Der Scheik wird nicht arm, sondern nur der Stamm.«
+
+»Er soll nicht zurückkehren, wenn du aufrichtig bist.«
+
+»Herr, sagst du die Wahrheit?«
+
+»Ich sage sie. Ich werde ihn als Gefangenen zurückbehalten und den Abu
+Hammed einen Scheik geben, welcher gerecht und ehrlich ist. Der Ohm
+deiner Kinder soll heute behalten, was er hat.«
+
+»Herr, deine Hand ist voll von Barmherzigkeit. Was willst du von mir
+wissen?«
+
+»Du kennst die Insel da drüben im Flusse?«
+
+Sie erbleichte.
+
+»Warum fragst du nach ihr?«
+
+»Weil ich mit dir von ihr sprechen will.«
+
+»O thue das nicht, Herr, denn wer ihr Geheimnis verrät, den wird der
+Scheik töten!«
+
+»Wenn du mir das Geheimnis sagst, so wird er nicht wiederkommen.«
+
+»Ist dies wirklich wahr?«
+
+»Glaube mir! Also wozu dient die Insel?«
+
+»Sie ist der Aufenthalt der Gefangenen des Scheik.«
+
+»Welcher Gefangenen?«
+
+»Er fängt die Reisenden weg, welche über die Ebene oder auf dem Wasser
+kommen, und nimmt ihnen alles ab. Wenn sie nichts besitzen, so tötet er
+sie; wenn sie aber reich sind, so behält er sie bei sich, um ein
+Lösegeld zu erpressen.«
+
+»Dann kommen sie auf die Insel?«
+
+»Ja, in die Schilfhütte. Sie können nicht entfliehen, denn es werden
+ihnen die Hände und die Füße gebunden.«
+
+»Wenn dann der Scheik das Lösegeld erhalten hat?«
+
+»So tötet er sie dennoch, um nicht verraten zu werden.«
+
+»Und wenn sie es nicht zahlen wollen oder nicht zahlen können?«
+
+»So martert er sie.«
+
+»Worin bestehen die Qualen, die er ihnen bereitet?«
+
+»Er hat ihrer viele. Oft aber läßt er sie eingraben.«
+
+»Wer macht den Kerkermeister?«
+
+»Er und seine Söhne.«
+
+Der, welcher mich gefangen genommen hatte, war auch sein Sohn; ich hatte
+ihn unter den Gefangenen im Wadi Deradsch bemerkt. Darum fragte ich:
+
+»Wie viele Söhne hat der Scheik?«
+
+»Zwei.«
+
+»Ist einer von ihnen hier?«
+
+»Derjenige, welcher dich töten wollte, als du in das Lager kamst.«
+
+»Sind jetzt Gefangene auf der Insel?«
+
+»Zwei oder drei.«
+
+»Wo sind sie?«
+
+»Ich weiß es nicht. Das erfahren nur diejenigen Männer, welche bei dem
+Fange waren.«
+
+»Wie sind sie in seine Hände gekommen?«
+
+»Sie kamen auf einem Kellek[166] den Fluß herab und legten des Abends
+nicht weit von hier an das Ufer an. Da hat er sie überfallen.«
+
+ [166] Floß.
+
+»Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?«
+
+Sie sann ein wenig nach und meinte dann:
+
+»Wohl beinahe zwanzig Tage.«
+
+»Wie hat er sie behandelt?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Habt ihr hier viele Tachterwahns[167]?«
+
+ [167] Frauenkörbe, von Kamelen getragen.
+
+»Es sind mehrere vorhanden.«
+
+Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldstücke hervor. Sie
+gehörten zu den Münzen, welche ich in den Satteltaschen des Abu-Seïf
+gefunden hatte. Sein herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet;
+das Geld aber war mir bis heute geblieben.
+
+»Ich danke dir! Hier hast du!«
+
+»O Herr, deine Gnade ist größer als -- -- --«
+
+»Danke nicht,« unterbrach ich sie. »Ist der Oheim deiner Kinder mit
+gefangen?«
+
+»Ja.«
+
+»Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann, der das schwarze Pferd
+reitet, und sage ihm von mir, daß er dir deine Tiere geben soll. Der
+Scheik wird nicht zurückkehren.«
+
+»O Herr -- --!«
+
+»Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was wir gesprochen haben!«
+
+Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem
+Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er
+kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten.
+
+»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!«
+
+»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein
+Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du
+ihr.«
+
+»Ich gehorche, Effendi.«
+
+»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und
+sattelst drei Kamele mit ihnen.«
+
+»Wer soll hinein kommen, Sihdi?«
+
+»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da
+rechts?«
+
+»Ich sehe beides.«
+
+»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe
+in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet.
+Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich
+liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die
+Kamele tragen!«
+
+»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so
+viel nicht allein thun.«
+
+»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir
+helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder
+übernehmen.«
+
+Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden
+ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef
+gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze,
+lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem
+jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet
+hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm
+heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe.
+
+»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine
+Schnur bei Euch?«
+
+»Denke, daß hier viele Stricke sind.«
+
+Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden
+sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen
+Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück.
+
+»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?«
+
+Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.
+
+»Sehe ihn, Sir.«
+
+»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu
+beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr
+fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder
+an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.«
+
+»#Yes#, Sir! Sehr schön!«
+
+»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch
+erreichen.«
+
+»Hat es verdient!«
+
+»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute,
+und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!«
+
+»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!«
+
+»Vorwärts also!«
+
+Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die
+Schulter.
+
+»#I have the honour, Mylord!# Mitgehen, Galgenstrick!«
+
+Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die
+Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte
+er sich zu mir herum.
+
+»Was soll das sein, Emir?«
+
+»Du wirst mit uns gehen.«
+
+»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!«
+
+Da drängte sich ein altes Weib herbei.
+
+»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?«
+
+»Er wird uns begleiten.«
+
+»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz
+seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder,
+den die Blutrache ereilt?«
+
+»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!«
+
+Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst
+Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte
+mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das
+Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer
+Räuberhöhle entronnen sei.
+
+Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges
+gestellt. Ich ritt zu ihm heran.
+
+»Liegen sie bequem?«
+
+»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.«
+
+»Haben sie gegessen?«
+
+»Nein, Milch getrunken.«
+
+»Um so besser. Können sie reden?«
+
+»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche
+ich nicht verstehe, Effendi.«
+
+»Es wird Kurdisch sein.«
+
+»Kurdisch?«
+
+»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.«
+
+»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal
+gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!«
+
+»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave,
+sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.«
+
+»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann.
+Kannst du sie sprechen?«
+
+»Nein.«
+
+Er fuhr beinahe erschrocken auf.
+
+»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!«
+
+»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.«
+
+»Gar nicht?«
+
+»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist;
+vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu
+machen.«
+
+»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!«
+
+»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß
+ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem
+Halef zufrieden ist!«
+
+»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der
+Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber
+gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah.«
+
+»Also nach dem Teufel kommst du!«
+
+»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!«
+
+»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!«
+
+Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein.
+
+Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere
+viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang
+erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und
+sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum
+Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als
+auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln.
+Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir
+Lindsay noch einmal herbeikam.
+
+»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!«
+
+»Was?«
+
+»Hm! Unbegreiflich!«
+
+»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?«
+
+»Der? #No!# Liegt fest angebunden!«
+
+»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?«
+
+»Hauptsache vergessen!«
+
+»Nun? Redet nur!«
+
+»Trüffeln!«
+
+Jetzt mußte ich hellauf lachen.
+
+»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu
+Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.«
+
+»Wo nun Trüffeln her?«
+
+»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!«
+
+»Schön! Gute Nacht, Sir!«
+
+Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am
+andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so
+gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein
+wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen
+das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.
+
+Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich
+sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache
+hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine
+und sah mich freudig forschend an.
+
+»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne
+dich wieder!«
+
+»Wer bin ich, mein Freund?«
+
+»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem
+Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!«
+
+»Wie, du kennst meinen Namen?«
+
+»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel
+von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.«
+
+Ich wandte mich zu Halef:
+
+»Plaudertasche!«
+
+»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der
+Kleine.
+
+»Ja; aber ohne Prahlerei.«
+
+»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu
+den Kranken.
+
+»Ja, Emir.«
+
+»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.«
+
+»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.«
+
+»Wo ist eure Heimat?«
+
+»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.«
+
+»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?«
+
+»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und
+einen Brief von ihm zu bringen --«
+
+»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?«
+
+»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr
+bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des
+Großherrn; er sollte für uns bitten.«
+
+»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?«
+
+»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf
+demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort
+landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu
+Hammed überfallen.«
+
+»Er beraubte euch?«
+
+»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns
+trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit
+sie ein Lösegeld schicken sollten.«
+
+»Ihr thatet es nicht?«
+
+»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.«
+
+»Aber euer Scheik?«
+
+»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er
+hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns
+dennoch getötet hätte.«
+
+»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das
+Lösegeld bezahlt worden wäre.«
+
+»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an
+Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.«
+
+»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?«
+
+»Ja.«
+
+»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?«
+
+»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.«
+
+»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!«
+
+»Emir, vergilt es ihm nicht!«
+
+»Wie?«
+
+»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem
+Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.«
+
+Das also waren Teufelsanbeter!
+
+»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«
+
+»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das
+Zeichen eines Hadschi!«
+
+»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?«
+
+»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.«
+
+»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.«
+
+»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.«
+
+»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?«
+
+»Nein. Ich bin ein Franke.«
+
+»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?«
+
+ [168] Jesus.
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Kennst du die heilige Taufe?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?«
+
+»Ich glaube es.«
+
+»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns,
+daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem
+Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!«
+
+»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?«
+
+»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.«
+
+»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.«
+
+Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat
+el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der
+Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und
+versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst
+bereiten werde.
+
+Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza
+und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte
+unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik
+Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten
+uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte.
+Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und
+bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte.
+
+Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als
+durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche
+Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen,
+welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem
+andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf
+der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.
+
+»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin.
+
+»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir
+noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?«
+
+»Hier im Zelte. Da kommen sie.«
+
+Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten
+tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu.
+
+»Hast du mehr gebracht, als du sollst?«
+
+»Du meinst Tiere?«
+
+»Ja.«
+
+»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.«
+
+»Ich werde zählen!«
+
+»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht,
+als ich sollte.«
+
+»Was?«
+
+»Willst du es sehen?«
+
+»Ich muß es sehen!«
+
+»So rufe jenen dort herbei.«
+
+Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des
+Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.
+
+»Kommt alle mit!« sagte ich.
+
+Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo
+sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef
+ließ gerade die Dschesidi aussteigen.
+
+»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli.
+
+Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls.
+
+»Die Dschesidi!« rief er.
+
+»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon
+viele gemordet hast, Ungeheuer!«
+
+Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.
+
+»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde.
+
+»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein
+Kampfgefährte gewesen ist.«
+
+Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei
+Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück.
+Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in
+diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden
+Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der
+jüngere Sohn des Scheik einher.
+
+Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu
+mir:
+
+»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?«
+
+»Wie du siehst!«
+
+»Was hat er gethan?«
+
+»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den
+Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann
+bist du wieder frei -- eine Strafe, die viel zu gering für dich und für
+deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!«
+
+Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem
+Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik
+ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!«
+
+Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem
+Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell
+umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick
+aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse
+erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik
+durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden
+aber handfest empfangen und überwältigt.
+
+Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung,
+die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen.
+Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte:
+der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück.
+
+Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten.
+Da erscholl zunächst die Frage Halefs:
+
+»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?«
+
+»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort.
+
+Dieser trat zu den dreien heran.
+
+»Marhaba -- ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis
+ihr euch von eueren Leiden erholt habt!«
+
+Da blickte Selek schnell empor.
+
+»Mohammed Emin?« fragte er.
+
+»So heiße ich.«
+
+»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?«
+
+»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.«
+
+»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!«
+
+»Sage sie!«
+
+»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum
+Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche
+einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und
+indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: 'Gehe zu den
+Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft
+werde. Die andern sind hingerichtet worden.' Dies ist es, was ich dir zu
+sagen habe.«
+
+Der Scheik taumelte zurück.
+
+»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er
+gestaltet?«
+
+»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis
+zur Brust herab.«
+
+»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm!
+Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein
+Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann
+war es, als du mit ihm geredet hast?«
+
+»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!«
+
+»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger
+schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und
+zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder
+willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?«
+
+»Ich reite mit!«
+
+»Allah segne dich! -- Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der
+Haddedihn verkündigen!«
+
+Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage:
+
+»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?«
+
+»Ich gehe mit.«
+
+»Sihdi, darf ich dir folgen?«
+
+»Halef, denke an dein Weib!«
+
+»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener!
+Darf ich dich begleiten?«
+
+»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und
+Scheik Malek, ob sie es erlauben.«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Bei den Teufelsanbetern.
+
+
+So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen
+Pascha.
+
+Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um
+seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung
+Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu
+lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den
+Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische
+Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab
+es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so
+phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann
+hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen,
+und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das
+Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und
+ich.
+
+Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir
+David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu
+machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und
+Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er
+hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben
+und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des
+verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und
+nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel
+Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht
+begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts
+nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die
+Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen,
+brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn
+für ihn vollständig genügte.
+
+Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet
+worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den
+Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen
+entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten,
+da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns
+vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen
+Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn
+el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich
+war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines
+Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern
+Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu
+erreichen.
+
+Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands
+aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein,
+denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben.
+Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig;
+denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern
+vermochte.
+
+Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das
+Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu
+ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169]
+einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen
+Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.
+
+ [169] Keller.
+
+Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres
+Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an,
+daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich
+mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:
+
+»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«
+
+»Woran?«
+
+»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«
+
+»Ah! Warum?«
+
+»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«
+
+»Ja. Du weißt dies ja längst.«
+
+»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich
+nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die
+Dschehennah!«
+
+Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm
+gesehen hatte.
+
+»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«
+
+»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem
+Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf
+nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet
+hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach
+ihrer Heimat zogen?«
+
+»Ich werde sie besuchen.«
+
+»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber
+ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den
+Himmel verloren.«
+
+»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?«
+
+»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in
+welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«
+
+Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi,
+den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts
+wisse, und fragte:
+
+»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«
+
+»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels,
+welche den Scheïtan anbeten.«
+
+»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«
+
+»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?«
+
+»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«
+
+»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?«
+
+»Ich glaube dir wirklich nicht.«
+
+»Und hast sie selbst gesehen?«
+
+»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen
+Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer,
+welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie
+an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«
+
+»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber
+ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden
+Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan
+den Teufel anbetet.«
+
+»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?«
+
+»Nein. Ich habe es aber gehört.«
+
+»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?«
+
+»Sie hatten es auch von anderen gehört.«
+
+»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die
+Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig
+sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«
+
+»Ist das wahr?«
+
+»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme,
+wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«
+
+»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.«
+
+»Nun?«
+
+»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«
+
+»Ja.«
+
+»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«
+
+»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«
+
+»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen
+und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«
+
+»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer
+andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was
+weißt du noch von ihnen?«
+
+ [170] Mit den Assyrern in Syrien.
+
+»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie
+anbeten, und das ist der Teufel.«
+
+»Ist er es wirklich?«
+
+»Ja.«
+
+»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«
+
+»Ja.«
+
+»Und in jedem steht ein Hahn?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?«
+
+»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie
+haben auch falsche Engel.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich
+Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und
+Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn
+und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah
+nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber
+sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl,
+Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«
+
+ [171] Gabriël.
+
+ [172] Der heilige Geist.
+
+»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel
+giebt.«
+
+»Du? Warum?« fragte er erstaunt.
+
+»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als
+dem Kuran.«
+
+ [173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4,
+ V. 5.
+
+»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und
+glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des
+Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!«
+
+»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«
+
+»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von
+vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als
+er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also
+nicht kennen.«
+
+»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern
+nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen
+ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer
+und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten.
+Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir
+deinen Glauben nicht nehmen.«
+
+»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«
+
+»Nein. Ich versichere es dir!«
+
+»Aber sie werden uns töten!«
+
+»Weder mich noch dich.«
+
+»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht,
+sondern nur die Muselmänner.«
+
+»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie
+töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von
+den Christen angegriffen wurden.«
+
+»Aber ich bin ein Moslem!«
+
+»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei
+ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«
+
+»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir
+gehen!«
+
+Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es
+waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha.
+Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:
+
+»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?«
+
+Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ,
+hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt.
+Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der
+Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja,
+ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.
+
+»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch.
+
+Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei
+der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern
+sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und
+Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie
+unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen
+Diener:
+
+ [174] Gürtel.
+
+»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!«
+
+»Ja.«
+
+»Wer ist es?«
+
+»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.«
+
+ [175] Offiziere.
+
+»Wer sendet sie?«
+
+»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«
+
+»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha -- Allah
+schütze ihn! -- würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern,
+welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie
+gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte
+wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!«
+
+Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen
+einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe
+auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.
+
+»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?«
+
+Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem
+eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in
+der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem
+Eingange zu:
+
+»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi
+ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört,
+was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!«
+
+»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!«
+
+»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer
+sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den
+Gruß zu sagen.«
+
+»Bei einem Ungläubigen -- -- --«
+
+Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.
+
+»Hinaus!«
+
+»Wir haben -- -- --«
+
+»Hinaus!«
+
+Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir
+doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen
+Vorschriften geben zu lassen. -- Man muß den Orientalen zu behandeln
+verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt
+selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst
+große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend,
+welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen
+Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es
+andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges
+oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr
+geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört
+nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen
+Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann
+besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die
+Hand an der Waffe oder -- -- die Hand im Beutel.
+
+»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef.
+
+Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines
+Verhaltens.
+
+»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«
+
+»Kennst du diese Arnauten?«
+
+»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«
+
+»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine
+alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war
+blind.«
+
+»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«
+
+»Und kennst du den Pascha?«
+
+»Er ist ein sehr guter Mann!«
+
+»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm
+fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade
+erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen
+gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und
+bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu
+seinen Arnauten: 'Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!' Sie
+thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein
+Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen.
+Sihdi, was wird er mit uns thun?«
+
+»Das müssen wir abwarten.«
+
+»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas
+Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne
+ihn mitzunehmen.«
+
+»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«
+
+»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«
+
+»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«
+
+»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei
+dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück
+bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen
+hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden
+Kugeln vor den Kopf!«
+
+Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der
+wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.
+
+»Aber Hanneh?« fragte ich.
+
+»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann
+lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!«
+
+»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht
+so weit kommen wird.«
+
+Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat
+trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.
+
+»Salama!« grüßte er.
+
+»Sallam! Was willst du?«
+
+»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«
+
+»Ja.«
+
+»Der Pascha -- Allah schenke ihm tausend Jahre! -- hat dir eine Sänfte
+gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«
+
+»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«
+
+Als er hinaus war, sagte Halef:
+
+»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?«
+
+»Warum?«
+
+»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«
+
+»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!«
+
+Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp
+von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und
+einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte
+sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit.
+
+ [176] Träger.
+
+»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene.
+
+Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuten, daß
+ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe
+fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt.
+
+»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone.
+
+Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem
+verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken
+musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt,
+denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr
+wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus,
+welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte, und trat ein:
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über die Brust
+verschränkte und mich verbeugte.
+
+»Sal -- --«
+
+Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann:
+
+»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?«
+
+»So ist es.«
+
+»Sind die Nemsi Moslemim?«
+
+»Nein. Sie sind Christen.«
+
+»Und dennoch wagst du den Gruß der Moslemim!«
+
+»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein Liebling des Padischah
+-- Gott beschirme ihn! -- Soll ich dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen,
+die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?«
+
+»Du bist kühn, Fremdling!«
+
+Es war ein eigentümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der
+Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht
+wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und
+Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die
+rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit
+Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung
+bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an
+seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von
+Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der
+kostbarsten, die ich je gesehen hatte.
+
+Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte,
+fragte er weiter:
+
+»Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen lassen?«
+
+»Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und die anderen Konsuln sind
+mir ebenso fremd wie du selbst. Ein Konsul kann mich nicht besser und
+schlechter machen, als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du
+brauchst mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.«
+
+»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob du ein
+sehr großer Mann seist!«
+
+»Würde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?«
+
+Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch
+gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte.
+
+»Wie heißest du?«
+
+»Hasredin[177], ich habe verschiedene Namen.«
+
+ [177] Hoheit.
+
+»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur _einen_ Namen hat!«
+
+»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei
+jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.«
+
+»So hast du viele Länder und viele Völker gesehen?«
+
+»Ja.«
+
+»Nenne die Völker!«
+
+»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler -- --«
+
+Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich
+aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte
+größer. Endlich aber platzte er heraus:
+
+»Hei-hei![178] Giebt es so viele Völker auf der Erde?«
+
+ [178] Ausruf der Verwunderung.
+
+»Noch viel, viel mehr!«
+
+»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie
+Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst du so viele
+Länder besucht haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der Nemsi
+gingst?«
+
+»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja[179]
+kam.«
+
+ [179] Amerika.
+
+»Und was bist du?«
+
+»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.«
+
+»Was schreibst du da?«
+
+»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.«
+
+»Kommen in diesen Chaberler[180] auch die Männer vor, mit denen du
+zusammentriffst?«
+
+ [180] Zeitungen.
+
+»Nur die vorzüglichsten.«
+
+»Auch ich?«
+
+»Auch du.«
+
+»Was würdest du über mich schreiben?«
+
+»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch
+nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.«
+
+»Und wer liest das?«
+
+»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.«
+
+»Auch Paschas und Fürsten?«
+
+»Auch sie.«
+
+In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von
+Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz
+unwillkürlich auf.
+
+»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.«
+
+»Dein Arzt?« fragte ich verwundert.
+
+»Ja. Hast du einmal Disch aghrisi[181] gehabt?«
+
+ [181] Zahnschmerzen.
+
+»Als Kind.«
+
+»So weißt du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund
+sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es
+mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den
+Mund nicht zubringen.«
+
+Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich
+beschloß, dies zu benutzen.
+
+»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?«
+
+»Bist du ein Hekim?«
+
+»Bei Gelegenheit.«
+
+»So komm her! Unten rechts!«
+
+Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein.
+
+»Erlaubst du mir, den Zahn zu befühlen?«
+
+»Wenn es nicht wehe thut!«
+
+Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war
+der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen
+Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene
+Operation zu vollenden.
+
+»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?«
+
+»Sechzig.«
+
+»Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich dir den Zahn
+herausnehme, ohne daß es dich schmerzt?«
+
+»Du kannst es nicht!«
+
+»Ich kann es!«
+
+»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst du die Hiebe, die ihm
+erlassen werden.«
+
+Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein.
+
+»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.«
+
+Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück.
+
+Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst -- des
+Hokuspokus wegen -- ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den
+kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern,
+schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte
+meine Hand schnell und schob sie von sich weg.
+
+»Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das
+Ding!«
+
+Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den
+Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein
+alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange
+-- aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen
+aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte
+nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu
+kleinen Mund.
+
+»Paß auf, ob es wehe thut! Bir -- iki -- itsch -- eins, zwei, drei! Hier
+ist der Ungehorsame, welcher dir solche Schmerzen bereitet hat!« Ich gab
+ihm den Zahn.
+
+Er sah mich ganz erstaunt an.
+
+»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!«
+
+»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!«
+
+Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er
+überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei.
+
+»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich dich nennen?«
+
+»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.«
+
+»Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?«
+
+»Hm! Unter Umständen!«
+
+Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien.
+
+»Frage überall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen hat!«
+
+Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt selbst
+Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig
+geworden war.
+
+»Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?« fragte er.
+
+»Weil sie mich beschimpften.«
+
+»Erzähle!«
+
+Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann
+drohend seine Hand.
+
+»Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du mußtest sofort
+kommen. Danke Allah, daß er dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen
+herauszunehmen!«
+
+»Was hättest du mir gethan?«
+
+»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.«
+
+»Bestraft? Das hättest du nicht gethan!«
+
+»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?«
+
+»Der Großherr selbst.«
+
+»Der Großherr?« fragte er verblüfft.
+
+»Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß
+deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst du, daß es nicht
+notwendig sei, dieses Tirscheh[182] zu berücksichtigen? Hier nimm und
+lies!«
+
+ [182] Pergament.
+
+Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen
+hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz.
+
+»Ein Bu-djeruldi des Großherrn -- Allah segne ihn!«
+
+Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück.
+
+»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst du dazu?«
+
+»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du dazu, o Pascha?«
+
+»Wirklich, du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes,
+weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.«
+
+»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn
+über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubnis gegeben, alle
+seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen
+darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.«
+
+Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze
+dich!«
+
+Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife
+zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen.
+
+Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte.
+Dann saßen wir rauchend und trinkend beieinander, als ob wir ein paar
+alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und
+um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden
+arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen
+nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und fragte:
+
+»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?«
+
+»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der eine.
+
+»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn
+sogar einen Ungläubigen genannt!«
+
+»Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.«
+
+»Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!«
+
+»Herr, du hast -- -- --«
+
+»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?«
+
+»Nein, o Pascha.«
+
+»Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein
+jeder von euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es
+draußen!«
+
+Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich.
+Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen
+gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen.
+
+»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist
+erhaben, aber deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller
+Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und du
+wirst deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!«
+
+Ȇber diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso,
+als ob sie mich beleidigt hätten?«
+
+»Herr, du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der
+Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten
+fort. Man wird im Abendlande deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß du
+meine Bitte erfüllt hast.«
+
+»Diese Hunde sind es nicht wert, daß wir ihnen vergeben; aber damit du
+siehst, daß ich dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein.
+Packt euch fort, und laßt euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht
+sehen!«
+
+Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:
+
+»In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?«
+
+»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu dir.«
+
+Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht
+sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei.
+
+»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von
+Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß du ihn eingeschlagen
+hast!«
+
+»Warum?«
+
+»Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten und von ihnen ermordet
+worden wärest.«
+
+Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg!
+
+»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?« fragte ich.
+
+»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren
+treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich
+bereits begonnen, sie zu vernichten.«
+
+»Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?«
+
+»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.«
+
+Diese »besseren Dinge« waren leicht zu erraten: Ausrauben der
+Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.
+
+»Ah, ich errate!«
+
+»Was errätst du?«
+
+»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er
+sie untereinander entzweit!«
+
+»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es
+wirklich so gemacht.«
+
+»Ist es gelungen?«
+
+»Schlecht! Und weißt du, wer die Schuld daran trägt?«
+
+»Wer?«
+
+»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die tapfersten
+unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das
+Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen
+sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche
+den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getötet oder
+gefangen genommen. Sie haben den größten Teil ihrer Herden verloren und
+müssen Tribut zahlen.«
+
+»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?«
+
+»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tötet des
+Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine
+Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer der Hölle.«
+
+»Kannst du seiner nicht habhaft werden?«
+
+»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden.
+Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist
+ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.«
+
+Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine
+Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank.
+
+»Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?«
+
+»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu
+spät war. Die Haddedihn hatten die Herden bereits weggenommen.«
+
+»Du wirst sie bestrafen?«
+
+»Ja.«
+
+»Sogleich?«
+
+»Ich wollte, aber ich muß ihnen leider noch eine Frist gewähren,
+obgleich ich meine Truppen bereits vollständig zusammengezogen habe.
+Warst du schon in den Ruinen von Kufjundschik?«
+
+»Nein.«
+
+»Dort ist alles Militär versammelt, welches gegen die Schammar ziehen
+sollte; jetzt aber werde ich die Leute nach einem andern Ort schicken.«
+
+»Darf ich fragen, wohin?«
+
+»Das ist mein Geheimnis, und niemand darf es erfahren. Du weißt wohl
+auch, daß diplomatische Heimlichkeiten sehr streng bewahrt werden
+müssen.«
+
+Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem Auftrage fortgeschickt
+hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten ausfindig zu machen. Ich
+suchte ihm das Ergebnis seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es
+war mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfuße oder mit dem
+Zangenungetüm in die Zahnpalisaden eines Arnauten Bresche reißen zu
+müssen -- und zwar schmerzlos, wie es jedenfalls verlangt wurde.
+
+»Nun?« fragte der Gouverneur.
+
+»Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden, welcher an Disch
+aghrisi leidet!«
+
+»Auch du selbst leidest nicht daran?«
+
+»Nein.«
+
+Mir wurde das Herz leicht. Der liebenswürdige Pascha wandte sich
+bedauernd zu mir:
+
+»Es ist schade! Ich wollte dir Gelegenheit geben, deine Kunst bewundern
+zu lassen. Aber vielleicht findet sich morgen oder übermorgen einer.«
+
+»Morgen und übermorgen werde ich nicht mehr hier sein.«
+
+»Nicht? Du mußt bleiben. Du sollst in meinem Palast wohnen und so
+bedient werden wie ich. -- Gehe!«
+
+Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder entfernte. Ich
+antwortete:
+
+»Und doch muß ich für jetzt fort, werde aber wiederkommen.«
+
+»Wohin willst du gehen?«
+
+»Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.«
+
+»Wie weit?«
+
+»Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura Schina oder gar bis
+nach Dschulamerik.«
+
+»Was willst du dort?«
+
+»Ich will sehen, was es dort für Menschen giebt und welche Pflanzen und
+Kräuter in jenen Gegenden wachsen.«
+
+»Und warum soll dies so bald geschehen, daß du nicht einige Tage bei mir
+bleiben kannst?«
+
+»Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.«
+
+»Die Menschen dort oben brauchst du nicht kennen zu lernen. Es sind
+kurdische Räuber und einige Dschesidi, welche Allah verdammen wolle!
+Aber die Kräuter? Wozu? Ah, du bist ein Hekim und brauchst Kräuter! Aber
+hast du nicht daran gedacht, daß die Kurden dich vielleicht töten
+werden?«
+
+»Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei ihnen.«
+
+»Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?«
+
+»Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute Büchse, und -- -- ich
+habe ja auch dich, o Pascha!«
+
+»Mich?«
+
+»Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?«
+
+»Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines Bezirkes. Ich habe
+dort Kanonen und eine Besatzung von dreihundert Albanesen.«
+
+»Amadijah muß eine sehr starke Festung sein!«
+
+»Nicht nur stark, sondern völlig uneinnehmbar. Sie ist der Schlüssel
+gegen das Land der freien Kurden. Aber auch die unterworfenen Stämme
+sind widerspenstig und schlimm.«
+
+»Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir deinen Schutz gewähren.
+Das ist die Bitte, deretwegen ich zu dir kam.«
+
+»Sie soll dir gewährt sein, doch unter einer Bedingung.«
+
+»Welche?«
+
+»Du kommst wieder zurück und wirst mein Gast.«
+
+»Ich nehme diese Bedingung an.«
+
+»Ich werde dir zwei Khawassen mitgeben, welche dich bedienen und
+beschützen sollen. Weißt du auch, daß du durch das Land der Dschesidi
+kommst?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Das ist ein böses, ungehorsames Volk, dem man die Zähne zeigen soll.
+Sie beten den Teufel an, löschen die Lichter aus und trinken Wein.«
+
+»Ist letzteres gar so schlimm?«
+
+Er sah mich von der Seite forschend an.
+
+»Trinkst du Wein?«
+
+»Sehr gern.«
+
+»Hast du Wein bei dir?«
+
+»Nein.«
+
+»Ich dachte, du hättest solchen, dann -- -- dann -- -- -- hätte ich dich
+vor deiner Abreise einmal besucht.«
+
+Um dies hören zu dürfen, mußte ich bereits sein Vertrauen einigermaßen
+gewonnen haben. Ich konnte mir dies zu nutze machen und sagte also:
+
+»Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.«
+
+»Auch solchen, welcher spritzt?«
+
+Er meinte jedenfalls Champagner.
+
+»Hast du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?«
+
+»O nein! Weißt du nicht, daß der Prophet verboten hat, Wein zu trinken?
+Ich bin ein treuer Anhänger des Kuran!«
+
+»Ich weiß es. Aber man kann solchen Spritzwein künstlich machen, und
+dann ist es kein eigentlicher Wein!«
+
+»Du kannst spritzenden Wein machen?«
+
+»Ja.«
+
+»Aber dies dauert lange Zeit -- vielleicht einige Wochen oder gar einige
+Monate?«
+
+»Es dauert nur einige Stunden.«
+
+»Willst du mir einen solchen Trank machen?«
+
+»Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge, welche dazu nötig
+sind.«
+
+»Was brauchst du?«
+
+»Flaschen.«
+
+»Die habe ich.«
+
+»Zucker und Rosinen.«
+
+»Bekommst du von mir.«
+
+»Essig und Wasser.«
+
+»Hat mein Mudbachdschi[183].«
+
+ [183] Koch.
+
+»Und dann einiges, was man nur in der Apotheke bekommt.«
+
+»Gehört es zu den Ilatschlar[184]?«
+
+ [184] Arzneien.
+
+»Ja.«
+
+»Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst du noch etwas?«
+
+»Nein. Aber du müßtest mir erlauben, den Wein in deiner Küche zu
+bereiten.«
+
+»Darf ich zusehen, damit ich es lerne?«
+
+»Das ist fast unmöglich, o Pascha. Wein zu bereiten, den ein Moslem
+trinken darf, Wein, welcher spritzt und die Seele erheitert, das ist ein
+sehr großes Geheimnis!«
+
+»Ich gebe dir, was du verlangst!«
+
+»Ein so wichtiges Geheimnis verkauft man nicht. Nur ein Freund darf es
+erfahren.«
+
+»Bin ich nicht dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich liebe dich und werde
+gern alles gewähren, um was du mich bittest.«
+
+»Ich weiß es, o Pascha, und darum sollst du mein Geheimnis erfahren.
+Wie viele Flaschen soll ich dir füllen?«
+
+»Zwanzig. Oder ist es zu viel?«
+
+»Nein. Laß uns in die Küche gehen!«
+
+Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher Unterthan des
+Königs Bacchus. Es wurden andere Pfeifen angezündet, und dann begaben
+wir uns in die Küche.
+
+Die Herren des Vorzimmers machten sehr große Augen, als sie mich mit der
+»Friedenspfeife« so kameradschaftlich an seiner Seite erblickten; er
+aber beachtete sie nicht. Die Küche lag zu ebener Erde und war ein
+hoher, dunkler Raum mit einem ungeheuren Herde, auf welchem über dem
+Feuer ein großer Kessel voll siedenden Wassers hing, das zur Bereitung
+des Kaffees bestimmt war. Unser Eintritt erregte weniger Überraschung
+als vielmehr Entsetzen. Es saßen fünf oder sechs Kerle rauchend am Boden
+und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der Pascha war wohl
+niemals in seiner Küche gewesen, und bei seinem Erscheinen wurden die
+Leute völlig starr vor Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit
+weit geöffneten Augen an.
+
+Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben mit Fußtritten
+und rief:
+
+»Auf, ihr Faulenzer, ihr Sklaven! Kennt ihr mich nicht, daß ihr sitzen
+bleibt, als ob ich einer euresgleichen sei?«
+
+Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder, ihm zu Füßen.
+
+»Habt ihr heißes Wasser?«
+
+»Dort kocht es, Herr,« antwortete einer, welcher der Koch zu sein
+schien; denn er war der dickste und schmutzigste von allen.
+
+»Hole Rosinen, du Lümmel!«
+
+»Wie viele?«
+
+»Wie viel brauchst du?« fragte er mich.
+
+Ich prüfte die Menge des Wassers und wies dann auf ein leeres Gefäß.
+
+»Diesen Krug dreimal voll.«
+
+»Und Zucker?«
+
+»Noch einmal so viel.«
+
+»Und Essig?«
+
+»Vielleicht den zehnten Teil.«
+
+»Habt ihr's gehört, ihr Scheusale? Packt euch!«
+
+Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien. Ich ließ die
+Rosinen waschen und that dann alles in das kochende Wasser. Ein
+abendländischer Champagnerfabrikant hätte meine Brauerei belacht, ich
+aber hatte keine Zeit und mußte die Sache so kurz wie möglich machen, um
+das chemische Gedächtnis des edlen Pascha nicht mit allzu vielen
+Prozeduren zu beschweren.
+
+»Nun in die Apotheke!« bat ich ihn.
+
+»Komm!«
+
+Er schritt voran und führte mich in ein Gemach, welches auch zu ebener
+Erde war. In demselben lag der arme Hekim mit verbundenen Füßen am
+Boden. Auch ihm gab der Pascha einen Fußtritt.
+
+»Steh auf, Widerwärtiger, und erzeige mir und diesem großen Effendi die
+Ehre, die uns gebührt. Danke ihm, denn er hat für dich gebeten, daß ich
+dir deine Portion Hiebe erließ. Wisse, du Nichtsnutz, daß er mir den
+Zahn herausgenommen hat, ohne daß ich es fühlte. Ich gebiete dir, ihm zu
+danken!«
+
+O, welches Vergnügen, der Leibarzt eines Pascha zu sein! Dieser arme
+Schlucker warf sich vor mir nieder und küßte mir den Saum meines alten
+Haïk. Dann fragte der Pascha:
+
+»Wo ist die Apotheke?«
+
+Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten.
+
+»Hier, o Pascha!«
+
+»Öffne!«
+
+Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand Düten, Blättern,
+Büchsen, Amuletten, Pflasterstangen und sonstigem Zeug zu sehen, dessen
+Charakter und Bestimmung mir vollständig unbekannt war. Ich fragte nach
+kohlensaurem Natron und Weinsteinsäure. Von dem ersteren war genug, von
+letzterer aber ganz wenig vorhanden; doch genügte es.
+
+»Hast du alles?« fragte mich der Pascha.
+
+»Ja.«
+
+Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot ihm:
+
+»Besorge von diesen beiden Sachen eine größere Menge und merke dir ihre
+Namen. Ich brauche sie sehr notwendig, falls ein Pferd krank wird. Wenn
+du die Namen vergissest, erhältst du fünfzig wohlgezählte Hiebe!«
+
+Wir kehrten in die Küche zurück. Es wurden Flaschen, Lack, Draht und
+kaltes Wasser beigeschafft, und dann jagte der Gouverneur alle
+Anwesenden hinaus. Kein Mensch außer ihm sollte, wenn auch nur
+teilweise, Mitwisser des großen Geheimnisses werden, einen Wein zu
+bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten Moslem ohne
+Gewissensbisse getrunken werden könne.
+
+Dann kochten, brauten, kühlten, füllten, pfropften und siegelten wir,
+daß ihm der Schweiß vom Angesichte troff, und als wir endlich fertig
+waren, durften die Diener wieder eintreten, um die Flaschen an den
+kühlsten Ort des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur
+Prüfung mit und trug sie mit höchsteigener Hand durch das Vorzimmer in
+sein Gemach, wo wir uns wieder niederließen.
+
+»Wollen wir trinken?« fragte er.
+
+»Er ist noch nicht abgekühlt genug.«
+
+»Wir trinken ihn warm.«
+
+»So schmeckt er nicht.«
+
+»Er muß!«
+
+Natürlich mußte er, denn der Pascha gebot es ja! Dieser ließ zwei Gläser
+bringen, verbot jedermann, selbst dem Meldenden, den Eintritt und löste
+den Draht.
+
+Puff! -- Der Stöpsel flog an die Decke.
+
+»Allah il Allah!« rief er erschrocken.
+
+Gischtend schoß der Kunstwein aus der Flasche. Ich wollte mein Glas
+schnell unterhalten.
+
+»Maschallah! Er spritzt wirklich!«
+
+Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals der Flasche zwischen die
+Lippen. Sie war fast leer, als er wieder absetzte und den Finger in die
+Öffnung steckte, um sie zu verschließen.
+
+»Saltanatly -- prächtig! Höre, mein Freund, ich liebe dich! Dieser Wein
+ist sogar besser, als das Wasser vom Brunnen Zem-Zem!«
+
+»Findest du dies?«
+
+»Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser Hawus Kewser, welches man
+im Paradiese trinken wird. Ich werde dir nicht zwei, sondern vier
+Khawassen mitgeben.«
+
+»Ich danke dir! Hast du dir genau gemerkt, wie man diesen Wein
+bereitet?«
+
+»Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!«
+
+Ohne an mich oder daran zu denken, daß zwei Gläser vorhanden seien,
+setzte er die Flasche wieder an den Mund und nahm sie erst dann hinweg,
+als sie leer war.
+
+»Bom bosch! Sie ist versiecht. Warum ist sie nicht größer gewesen!«
+
+»Merkst du nun, wie kostbar mein Geheimnis war?«
+
+»Beim Propheten, ich merke es! O, ihr Nemsi seid sehr kluge Leute! Aber
+erlaube mir, dich einmal zu verlassen!«
+
+Er erhob sich und verließ das Zimmer. Als er nach einer Weile
+zurückkehrte, trug er etwas unter seinem Kaftan verborgen. Als er sich
+gesetzt hatte, zog er es hervor. Es waren -- zwei Flaschen. Ich lachte.
+
+»Du hast sie selbst geholt?« fragte ich.
+
+»Kendi -- selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist, darf niemand anrühren
+außer mir. Ich habe es unten befohlen, und wer von jetzt an die Flasche
+nur betastet, den lasse ich zu Tode peitschen!«
+
+»Du willst noch trinken?«
+
+»Sollte ich nicht? Ist dieses Getränk nicht köstlich?«
+
+»Aber ich sage dir, daß dieser Wein erst dann den rechten Geschmack
+haben wird, wenn er kalt geworden ist.«
+
+»Wie muß er dann schmecken, wenn er jetzt schon so köstlich ist! Preis
+sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker und Arzneien wachsen läßt, um das
+Herz seiner Gläubigen zu erquicken!«
+
+Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene drückte die höchste
+Wonne aus, und als die zweite Flasche leer war, meinte er:
+
+»Freund, dir kommt keiner gleich, weder ein Gläubiger noch ein
+Ungläubiger. Vier Khawassen sind für dich zu wenig; du sollst sechs
+haben!«
+
+»Deine Güte ist groß, o Pascha; ich werde sie zu rühmen wissen!«
+
+»Wirst du auch erzählen von dem, was ich jetzt getrunken habe?«
+
+»Nein, darüber werde ich schweigen; denn ich werde auch das nicht
+sagen, was ich getrunken habe.«
+
+»Maschallah, du hast recht! Ich trinke, ohne an dich zu denken. Reiche
+mir dein Glas, ich werde diese Flasche noch öffnen.«
+
+Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es schmeckte genau so, wie
+ungekühltes Sodawasser mit Rosinenbrühe und Zucker schmecken muß; für
+den anspruchslosen Gaumen des Pascha mußte es ein Genuß sein.
+
+»Weißt du,« sagte er und that wieder einen langen Zug, »daß sechs
+Khawassen für dich noch immer zu wenig sind? Du sollst zehn bekommen!«
+
+»Ich danke dir, o Pascha!«
+
+Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen, meine Reise mit
+einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten, und das konnte mir unter
+Umständen außerordentlich hinderlich werden.
+
+»Also du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,« berührte er das alte
+Thema. »Kennst du ihre Sprache?«
+
+»Es ist die kurdische?«
+
+»Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur wenige von ihnen arabisch.«
+
+»Ich kenne ihn nicht.«
+
+»So werde ich dir einen Dolmetscher mitgeben.«
+
+»Vielleicht ist dies unnötig. Das Kurdische ist dem Persischen verwandt,
+und dieses verstehe ich.«
+
+»Ich verstehe beides nicht, und du mußt am besten wissen, ob du einen
+Dragoman brauchst. Aber halte dich in ihrem Lande ja nicht lange auf.
+Ruhe dich bei ihnen nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell
+hindurch.«
+
+»Warum?«
+
+»Es könnte dir sonst etwas Schlimmes passieren.«
+
+»Was?«
+
+»Das ist mein Geheimnis. Ich sage dir nur, daß dir grad die
+Schutzwache, welche ich dir mitgebe, gefährlich werden könnte. Trink!«
+
+Dies war bereits das zweite Geheimnis, welches er berührte.
+
+»Deine Leute können mich nur bis Amadijah begleiten?« fragte ich ihn.
+
+»Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.«
+
+»Welches Gebiet kommt dann?«
+
+»Das Gebiet der Kurden von Berwari.«
+
+»Wie heißt die Hauptstadt derselben?«
+
+»Die Residenz ist das feste Schloß Gumri, auf dem ihr Bey wohnt. Ich
+werde dir einen Brief an ihn mitgeben; aber ob das Schreiben eine gute
+Wirkung hat, das kann ich dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter
+hast du?«
+
+»Einen Diener.«
+
+»Nur einen? Hast du gute Pferde?«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist gut für dich, denn vom Pferde hängt sehr oft die Freiheit und
+das Leben des Reiters ab. Und es wäre sehr schade, wenn dir ein Unglück
+geschähe; denn du warst der Besitzer eines sehr schönen Geheimnisses und
+hast es mir offenbart. Aber ich will dir auch dankbar sein. Weißt du,
+was ich für dich thun werde?«
+
+»Was?«
+
+Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner wohlwollendsten
+Miene:
+
+»Weißt du, was der Disch-parassi ist?«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Nun?«
+
+»Es ist eine Steuer, welche nur du allein zu fordern hast.«
+
+Ich drückte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der Disch-parassi, die
+»Zahnvergütung«, ist eine Abgabe an Geld, welche überall erhoben wird,
+wo der Pascha auf seinen Reisen anhält, und zwar dafür, daß er sich
+seine Zähne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die ihm die
+betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern müssen.
+
+»Du hast es erraten,« meinte er. »Ich werde dir eine Schrift mitgeben,
+in welcher ich befehle, dir überall, wohin du kommst, den Disch-parassi
+auszuzahlen, grad als ob ich es sei. Wann willst du abreisen?«
+
+»Morgen früh.«
+
+»Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben sogleich
+ausfertigen zu lassen!«
+
+Er stand auf und verließ das Zimmer. Da der Schwarze ihm die Pfeife
+nachtragen mußte, so blieb ich allein zurück. Neben dem Pascha hatten
+einige Papiere gelegen, mit denen er sich vor meinem Erscheinen
+beschäftigt haben mochte. Schnell griff ich zu und öffnete eines. Es war
+ein Plan des Thales von Scheik Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht
+mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich konnte diesen Gedanken
+nicht weiter verfolgen, denn der Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen
+Befehl erschien sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben
+diktierte: eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten der
+Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberhäupter und sonstigen
+Behörden, und darin hieß es, daß ich das Recht habe, den Disch-parassi
+zu erheben, und die Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen
+sollten, als ob der Pascha sie selbst stelle.
+
+Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit in Mossul war
+über Erwartung vollständig erreicht, und dieses Wunder hatte außer
+meinem furchtlosen Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht.
+
+»Bist du mit mir zufrieden?« fragte er.
+
+»Unendlich, o Pascha. Deine Güte will mich mit Wohlthaten erdrücken!«
+
+»Danke mir nicht jetzt, sondern später.«
+
+»Ich wünsche, daß ich es einst vermag!«
+
+»Du vermagst es!«
+
+»Wodurch?«
+
+»Das kann ich dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht nur ein Hekim,
+sondern auch ein Offizier.«
+
+»Weshalb vermutest du dies?«
+
+»Ein Hekim oder ein Mann, der Bücher schreibt, würde es nicht wagen,
+mich ohne die Begleitung eines Konsuls zu besuchen. Du hast ein
+Bu-djeruldi des Großherrn, und ich weiß, daß der Padischah zuweilen
+fremde Offiziere kommen läßt, die seine Länder bereisen müssen, um ihm
+dann militärischen Bericht zu erstatten. Gestehe es, du bist ein
+solcher!«
+
+Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vorteil sein, und es wäre sehr
+unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen. Ich wollte aber auch nicht
+lügen und darum drechselte ich folgende diplomatische Phrasen:
+
+»Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn du weißt, daß der Padischah
+solche fremde Offiziere sendet, so hast du wohl auch gehört, daß dies
+meist im geheimen geschieht. Dürfen sie dieses Geheimnis verraten?«
+
+»Nein. Ich will dich gar nicht dazu bereden, aber du wirst mir dafür
+dankbar sein. Das ist es, was ich vorhin meinte.«
+
+»Womit kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?«
+
+»Wenn du aus den Bergen von Kurdistan zurückkehrst, werde ich dich zu
+den Arabern von Schammar senden, besonders zu den Haddedihn. Du sollst
+ihre Gebiete bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.«
+
+»Ah!«
+
+»Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner Leute. Ich weiß,
+daß die Offiziere der Franken klüger sind als die unsrigen, obgleich ich
+selbst ein Oberst gewesen bin und dem Padischah große Dienste geleistet
+habe. Ich würde dich ersuchen, dir die Gegenden der Dschesidi anzusehen;
+aber dazu ist es schon zu spät. Ich habe von ihnen bereits das, was ich
+brauche.«
+
+Diese Worte gaben mir die Überzeugung, daß ich vorhin ganz richtig
+vermutet hatte. Die in Kufjundschik versammelten Truppen standen bereit,
+über die Teufelsanbeter herzufallen. Er fuhr fort:
+
+»Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und nicht etwa warten bis
+zu dem Tage, an welchem sie ihr großes Fest feiern.«
+
+»Welches Fest?«
+
+»Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres Scheik Adi gefeiert.
+Hier hast du deine Schreiben. Allah sei bei dir! Zu welcher Zeit wirst
+du morgen früh die Stadt verlassen?«
+
+»Zur Zeit des ersten Gebetes.«
+
+»Die zehn Khawassen sollen dann in deiner Wohnung sein.«
+
+»Herr, ich habe an zweien genug.«
+
+»Das verstehst du nicht. Zehn sind besser als zwei; das merke dir. Du
+sollst fünf Arnauten und fünf Baschi erhalten. Kehre bald zurück und
+vergiß nicht, daß ich dir meine Liebe geschenkt habe!«
+
+Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging erhobenen Hauptes
+aus dem Hause, welches ich vor einigen Stunden als halber Gefangener
+betreten hatte. Als ich meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in
+Waffen.
+
+»Preis sei Allah, daß du kommst, Sihdi!« begrüßte er mich. »Wärst du
+beim Untergang der Sonne noch nicht hier gewesen, so hätte ich mein
+Wort gehalten und den Pascha erschossen!«
+
+»Das muß ich mir verbitten; der Pascha ist mein Freund!«
+
+»Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des Menschen sein!«
+
+»Ich habe ihn gezähmt.«
+
+»Maschallah! Dann hast du ein Wunder gethan. Wie ist dies gekommen?«
+
+»Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen unter seinem Schutze
+und werden zehn Khawassen erhalten, die uns begleiten.«
+
+»Das ist gut!«
+
+»Vielleicht auch nicht! Außerdem hat er mir Empfehlungsbriefe gegeben
+und das Recht, den Disch-parassi zu erheben.«
+
+»Allah akbar, so bist du ja auch Pascha geworden! Aber sage, Sihdi, wer
+hat zu gehorchen: ich den Khawassen oder sie mir?«
+
+»Sie dir, denn du bist nicht ein Diener, sondern Hadschi Halef Omar
+Agha, mein Begleiter und Beschützer.«
+
+»Das ist gut, und ich sage dir, daß sie mich kennen lernen sollen, wenn
+es ihnen einfällt, mir die Achtung zu verweigern!«
+
+Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am nächsten Morgen mit dem Grauen
+des Tages sich erhob und den Kopf zur Thüre hinausstreckte, wurde er von
+zehn Männern begrüßt, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er weckte
+mich sofort, und ich beeilte mich natürlich, meine Herren Beschützer in
+Augenschein zu nehmen.
+
+Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, fünf Arnauten und fünf
+Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gewöhnliche Kleidung des türkischen
+Militärs. Die Arnauten hatten purpurne Sammetoberwesten, grüne, mit
+Sammet besetzte Unterwesten, breite Schärpen, rote Beinkleider mit
+metallenen Schienen, rote Turbans und trugen so viele Waffen an sich,
+daß man mit ihren Messern und Pistolen eine dreimal zahlreichere Schar
+hätte bewaffnen können. Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk
+Emini[185] und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi[186]
+kommandiert.
+
+ [185] Fourier oder Schreiber einer Compagnie.
+
+ [186] Befehlshaber von zehn Mann.
+
+Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er ritt kein Pferd, sondern
+einen Esel, und trug das Zeichen seiner Würde -- ein ungeheures Tintenfaß
+-- an einem Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige Dutzend
+Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes Männchen, dem die Nase fehlte;
+desto größer aber war der Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe
+herabhing. Seine Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, daß
+die Haut kaum zuzulangen schien, und für die Augen blieb nur so viel
+Raum zum Öffnen übrig, als notwendig war, einen kleinen Lichtstrahl in
+das Gehirn des Mannes gelangen zu lassen.
+
+Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm, diese tapferen
+Helden damit zu begrüßen. Er trat hinaus zu ihnen, und ich stellte mich
+so, daß ich den Vorgang beobachten konnte.
+
+»Sabahiniz chajir -- guten Morgen, ihr wackeren Streiter! Seid uns
+willkommen!«
+
+»Sabahiniz chajir -- guten Morgen!« erwiderten alle zugleich.
+
+»Ihr seid gekommen, den berühmten Kara Ben Nemsi auf seiner Reise zu
+begleiten?«
+
+»Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.«
+
+»So will ich euch sagen, daß mein Name Hadschi Agha Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist; ich bin der
+Reisemarschall und Agha dessen, den ihr begleiten sollt, und ihr habt
+also meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der Befehl, den
+euch der Pascha gegeben hat?«
+
+Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer solchen Fistelstimme, daß
+es klang, als höre man eine alte, eingerostete #F#-Trompete blasen:
+
+»Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah segnen möge, und heiße
+Ifra. Merke dir diesen Namen! Der Pascha, dessen treuester Diener ich
+bin, hat mir dieses Tintenfaß und diese Federn nebst vielem Papier
+gegeben, um alles aufzuschreiben, was euch und uns begegnet. Ich bin der
+tapfere Führer dieser Leute und werde euch beweisen, daß -- -- --«
+
+»Schweig, Eschekun-atli!«[187] unterbrach ihn der Onbaschi, indem er
+sich den gewaltigen Bart strich. »Was bist du? Unser Anführer? Du Zwerg!
+Du Herr des Tintenfasses und der Gänse, von denen deine Federn sind, das
+bist du, aber weiter nichts!«
+
+ [187] Eselsreiter.
+
+»Was? Ich bin Buluk Emini und heiße Ifra. Meine Tapferkeit -- -- --«
+
+»Schweig, sage ich dir! Deine Tapferkeit wächst in den Füßen deines
+Esels, den Allah verbrennen möge; denn diese Kreatur hat die armselige
+Angewohnheit, des Tages durchzugehen und des Nachts den Himmel
+anzubrüllen. Wir kennen dich und deinen Esel, aber dennoch ist es sehr
+ungewiß, wer von euch der Buluk Emini und wer der Esel ist!«
+
+»Wahre deine Zunge, Onbaschi! Weißt du nicht, daß ich so tapfer bin,
+daß ich mich im Kampfe sogar dahin gewagt habe, wo man die Nasen abhaut?
+Blicke meine Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und du wirst
+staunen über die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten habe! Oder
+weißt du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte von dem Verluste
+meiner Nase? So höre! Es war damals, als wir vor Sebastopol gegen die
+Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgewühle und erhob
+soeben meinen Arm, um -- -- --«
+
+»Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal gehört!« -- Und
+sich zu Halef wendend, fuhr er fort: »Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir
+haben gehört, daß der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und das
+gefällt uns; wir haben ferner gehört, daß er sich unserer Aghas
+angenommen hat, und das gefällt uns noch mehr. Wir werden ihn beschützen
+und ihm dienen, und er soll mit uns zufrieden sein!«
+
+»So frage ich noch einmal, welche Befehle euch der Pascha gegeben hat.«
+
+»Er hat uns befohlen, dafür zu sorgen, daß der Emir wie der beste
+Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen werde.«
+
+»So werden wir überall unentgeltlich Obdach und Nahrung erhalten?«
+
+»Alles, was ihr braucht, und auch wir.«
+
+»Hat er euch auch gesagt von dem Disch-parassi?«
+
+»Ja.«
+
+»Der wird in barem Gelde einkassiert?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie hoch beläuft er sich?«
+
+»So hoch, wie der Emir es will.«
+
+»Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie die Sonne, und seine
+Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr sollt es gut haben bei uns. Seid ihr
+ganz bereit, die Reise anzutreten?«
+
+»Ja.«
+
+»Habt ihr zu essen?«
+
+»Für einen Tag.«
+
+»Aber keine Zelte!«
+
+»Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend eine gute Wohnung
+bekommen.«
+
+»Wißt ihr, daß wir durch das Land der Dschesidi gehen werden?«
+
+»Wir wissen es.«
+
+»Fürchtet ihr euch vor den Teufelsanbetern?«
+
+»Fürchten? Agha Halef Omar, hast du vielleicht einmal gehört, daß ein
+Arnaute sich gefürchtet hat? Oder ist vielleicht ein Merd-es-Scheïtan,
+ein Mann des Teufels, der Scheïtan selbst? Sage dem Emir, daß wir bereit
+sind, ihn zu empfangen!«
+
+Nach einer Weile ließ ich mein Pferd vorführen und trat hinaus. Die zehn
+Mann standen in Achtung vor mir, ein jeder bei dem Kopfe seines Pferdes.
+Ich nickte nur, stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp
+setzte sich in Bewegung.
+
+Wir ritten über die Schiffbrücke hinüber und befanden uns dann am linken
+Ufer des Tigris außerhalb der Stadt Mossul. Dort erst rief ich den
+Onbaschi an meine Seite und fragte ihn dann:
+
+»Wem dienst du jetzt, mir oder dem Pascha?«
+
+»Dir, o Emir.«
+
+»Ich bin mit dir zufrieden. Schicke mir den Buluk Emini her.«
+
+Er ritt zurück, und dann kam der kleine Dicke.
+
+»Dein Name ist Ifra? Ich habe gehört, daß du ein tapferer Krieger bist.«
+
+»Sehr tapfer!« versicherte er mit seiner Trompetenstimme.
+
+»Du kannst schreiben?«
+
+»Sehr gut, sehr schön, o Emir!«
+
+»Wo hast du gedient und gekämpft?«
+
+»In allen Ländern der Erde.«
+
+»Ah! Nenne mir diese Länder.«
+
+»Wozu, Emir? Es würden mehr als tausend Namen sein!«
+
+»So mußt du ein berühmter Buluk Emini sein.«
+
+»Sehr berühmt! Hast du noch nichts von mir gehört?«
+
+»Nein.«
+
+»So bist du sicher in deinem Leben noch nicht aus dem Lande
+fortgekommen, sonst hättest du von meinem Ruhme gehört. Ich muß dir zum
+Beispiel einmal erzählen, wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war
+nämlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da
+stand ich im dichtesten Kampfgewühle und erhob grad meinen Arm -- -- --«
+
+Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls den Geruch des Esels
+nicht ertragen; er schnaubte zornig, sträubte die Mähne und biß nach dem
+Grauen des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem Bisse
+auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und riß aus -- ja, es war keine
+Flucht, sondern ein wirkliches Ausreißen. Es ging über Stock und Stein,
+uns voran; der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem Rücken des
+Esels erhalten, und bald waren beide aus unsern Augen verschwunden.
+
+»So geht es ihm stets!« hörte ich den Onbaschi zu Halef sagen.
+
+»Wir müssen ihm nach,« antwortete dieser; »sonst verlieren wir ihn.«
+
+»Den?« lachte der Arnaut. »Es wäre nicht schade um ihn. Aber sorge dich
+nicht! Es ist ihm schon tausendmal passiert, und niemals ging er
+verloren.«
+
+»Aber warum reitet er diese Bestie?«
+
+»Er muß.«
+
+»Muß? Warum?«
+
+»Der Jüsbaschi[188] will es. Er macht sich einen Spaß mit Ifra und dem
+Esel.«
+
+ [188] Hauptmann, Befehlshaber von hundert Mann.
+
+Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des heiligen Georg
+hindurch waren, sahen wir den Buluk Emini vor uns halten. Er ließ mich
+herankommen und rief bereits von weitem:
+
+»Herr, hast du vielleicht geglaubt, daß der Esel mit mir durchgegangen
+ist?«
+
+»Ich bin überzeugt davon.«
+
+»Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um den Weg zu untersuchen,
+den wir reiten werden. Gehen wir den Khausser entlang, oder reiten wir
+den gewöhnlichen Weg?«
+
+»Wir bleiben auf dem Pfade.«
+
+»So erlaube mir, daß ich dir meine Geschichte später erzähle. Ich werde
+euch jetzt als Wegweiser dienen.«
+
+Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder Flüßchen, welches an den
+nördlichen Ausläufern des Dschebel Maklub entspringt und auf seinem
+Laufe nach Mossul die Ländereien zahlreicher Dörfer bewässert. Wir
+ritten auf einer kleinen Brücke über ihn hinweg und hatten ihn dann
+stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und das Dorf von Khorsabad
+liegen ungefähr sieben Wegstunden nördlich von Mossul. Die Gegend
+besteht aus Marschboden, aus welchem giftige Fieberdünste emporsteigen.
+Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber wohl noch eine gute
+Wegstunde vor uns, als uns ein Trupp von vielleicht fünfzig Arnauten
+entgegen kam. An der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte
+sah ich die weiße Kleidung eines Arabers. Näher gekommen, erkannte ich
+-- -- den Scheik Mohammed Emin.
+
+O wehe! Er war in die Hände dieser Leute gefallen, er, der Feind des
+Pascha, der bereits dessen Sohn gefangen genommen und nach Amadijah
+geschickt hatte. Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich
+gewehrt hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken.
+Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe überrumpelt? Ich mußte alles
+aufbieten, ihn aus dieser gefährlichen Gesellschaft zu bringen. Daher
+blieb ich mitten im Wege halten und ließ den Trupp herankommen.
+
+Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur Seite des Weges auf den
+Boden zu werfen. Halef und ich blieben zu Pferde. Der Anführer trennte
+sich von den andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten.
+Hart vor mir parierte er sein Pferd und fragte, ohne die am Boden
+Liegenden zu beachten:
+
+»Sallam! Wer bist du?«
+
+»Aaleïkum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.«
+
+»Von welchem Stamme?«
+
+»Vom Volke der Nemsi.«
+
+»Wohin willst du?«
+
+»Nach dem Osten.«
+
+»Zu wem?«
+
+»Überall hin!«
+
+»Mann, du antwortest sehr kurz! Weißt du, was ich bin?«
+
+»Ich sehe es.«
+
+»So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest du hier?«
+
+»Mit demselben Rechte, mit welchem du hier reitest!«
+
+»Tallahi, bei Gott, du bist sehr kühn! Ich reite hier auf Befehl des
+Mutessarif von Mossul; das kannst du dir denken!«
+
+»Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul und des
+Padischah von Konstantinopel; das kannst du dir denken!«
+
+Er öffnete die Augen ein wenig mehr und befahl mir dann:
+
+»Beweise es!«
+
+»Hier!«
+
+Ich gab ihm meine Legitimationen. Er öffnete sie unter den
+vorgeschriebenen Formalitäten und las sie dann. Darauf faltete er sie
+sorgfältig wieder zusammen, gab sie mir zurück und meinte dann in sehr
+höflichem Tone:
+
+»Du trägst selbst die Schuld, daß ich streng zu dir sprach. Du sahst,
+wer ich bin, und hättest mir höflicher antworten sollen!«
+
+»Du trägst selbst die Schuld, daß dies nicht geschehen ist,« antwortete
+ich ihm. »Du sahst meine Begleitung, die mich als einen Mann
+legitimiert, welcher sich der Freundschaft des Mutessarif erfreut, und
+hättest höflicher fragen sollen! -- Grüße deinen Herrn sehr viele Male
+von mir; guten Morgen!«
+
+»Zu Befehl, mein Herr!« antwortete er.
+
+Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen, etwas zur
+Befreiung von Mohammed Emin zu thun, hatte aber gleich beim Anfange des
+Gespräches mit dem Offizier bemerkt, daß dies unnötig sei. Die
+Begleitung desselben war etwas rückwärts hinter ihm halten geblieben und
+hielt ihre Augen mehr auf mich als auf ihren Gefangenen gerichtet.
+Dieser machte sich diesen Umstand sofort zu Nutzen. Er war nur leicht
+gefesselt und saß auf einem schlechten türkischen Pferde. Im letzten
+Gliede des Trupps aber führte man sein vortreffliches Tier, an dessen
+Sattel alle seine Waffen hingen. Ich bemerkte seine glücklichen
+Bemühungen, sich die Hände frei zu machen, und grad in dem Augenblicke,
+an welchem ich das Gespräch abbrach, sprang er mit den Füßen auf den
+Rücken seines Tieres.
+
+»Halef, aufgepaßt!« raunte ich dem Diener zu, welcher ebenso aufmerksam
+beobachtet hatte, wie ich selbst.
+
+»Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!« antwortete er mir.
+
+Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte der Haddedihn einige
+kühne Sprünge von Croupe zu Croupe der hinter ihm haltenden Pferde,
+deren Reiter sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten,
+und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen eigenen
+Renner erreicht, saß im Sattel, riß den Zügel aus der Hand dessen, der
+denselben hielt, und jagte seitwärts von dannen, nicht den Weg hinauf
+oder hinab, sondern stracks auf das Flüßchen zu.
+
+Ein vielstimmiger Schrei der Überraschung und des Grimmes erscholl
+hinter ihm.
+
+»Dein Gefangener flieht,« rief ich dem Anführer zu; »laß uns ihm
+nachjagen!«
+
+Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte dem Flüchtigen
+nach. Halef hielt sich an meiner Seite.
+
+»Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite so, daß sie nicht
+schießen können, ohne uns zu treffen!«
+
+Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann. Zum Glück dachten
+die Verfolger zunächst nur daran, Mohammed Emin einzuholen, und als sie
+sahen, daß sein Pferd den ihrigen überlegen sei, und zu den Waffen
+griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte, bereits zu groß
+geworden. Auch waren ihre Schießgewehre nicht gut zu gebrauchen, da ich
+mit Halef nicht in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen
+Zickzack ritt und dabei mir alle mögliche Mühe gab, mein Pferd als
+störrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und bockte, dann schnellte es
+davon, warf sich mitten im Laufe zur Seite, drehte sich auf den
+Hinterfüßen um seine eigene Achse, schoß eine Strecke weit nach rechts
+oder links und schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte
+Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es, daß die Türken
+nicht schießen konnten, aus Furcht, uns zu treffen.
+
+Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die Fluten des Khausser
+getrieben. Er kam glücklich hinüber, und ich mit Halef auch; aber ehe es
+den anderen gelang, uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen
+bedeutenden Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten Tieren
+vorwärts, immer nach Nordwesten zu, bis wir ungefähr zwei Wegstunden
+zurückgelegt hatten und auf die Straße trafen, welche von Mossul über
+Telkeïf direkt nach Rabban Hormuzd führt und ganz parallel derjenigen
+zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscherraijah und Baadri
+erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn sein Pferd an. Er sah
+nur uns beide, denn die andern waren längst hinter dem Horizonte
+verschwunden.
+
+»Preis sei Gott!« rief er. »Effendi, ich danke dir, daß du ihnen die
+Hände von den Flinten genommen hast! Was thun wir nun, damit sie uns
+verlieren?«
+
+»Wie bist du in ihre Hände gekommen, Scheik?« fragte der kleine Halef.
+
+»Das wird er uns später sagen; jetzt ist keine Zeit dazu,« antwortete
+ich. »Mohammed Emin, kennst du das sumpfige Land, welches zwischen dem
+Tigris und dem Dschebel Maklub liegt?«
+
+»Ich bin einmal durch dasselbe geritten.«
+
+»In welcher Richtung?«
+
+»Von Baascheika und Baazani über Ras al Aïn nach Dohuk hinüber.«
+
+»Ist der Sumpf gefährlich?«
+
+»Nein.«
+
+»Seht ihr dort im Nordost jene Höhe, welche man vielleicht in drei
+Stunden erreichen kann?«
+
+»Wir sehen sie.«
+
+»Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier müssen wir uns
+trennen. Die Straße dürfen wir nicht verfolgen, denn sonst würde man uns
+sehen und unsere Richtung erraten. Wir müssen in den Sumpf, und zwar
+einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen sollten,
+nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.«
+
+»Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?« fragte Halef.
+
+»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich
+als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen
+mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, du gehst hier ab und
+behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der
+Scheik bleibt im Norden: -- jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem
+andern.«
+
+Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab
+und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines
+wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und
+ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten.
+
+Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie
+ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es giebt kein Land
+der Erde, welches so zahlreiche und hohe Rätsel birgt, wie der Boden,
+welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den
+Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem
+Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren
+Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und
+Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind.
+Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer,
+Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten,
+Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer,
+Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: -- ein Angehöriger dieser
+Nationen, Stämme und Sekten kann einem bei jedem Schritte begegnen, und
+wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen
+Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute
+derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der
+Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der
+Blutrache zum Opfer fielen. Hier hängen die menschlichen Wohnungen an
+den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets
+bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das
+System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige
+Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind
+unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den
+christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde
+verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: der
+Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere
+Gottesmänner alles thun und wagen: -- in den kurdischen Bergen fließen
+die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst
+dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die
+Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise
+schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege
+frei sein für die Füße derjenigen, welche »den Frieden predigen und das
+Heil verkündigen«. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen
+können: »Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die
+Bastonnade erhalten hätte.« Und dieser Agha war -- ein strenger
+Mohammedaner.
+
+Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden
+war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die
+Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam
+trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah
+ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem
+ich mich in kurzer Zeit vereinigte.
+
+»Ist dir jemand begegnet?« fragte ich ihn.
+
+»Nein, Sihdi.«
+
+»Es hat dich niemand gesehen?«
+
+»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen
+haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Tier hinter sich herzog.
+Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.«
+
+»Kannst du _den_ dort erkennen?« fragte ich, nach Norden deutend.
+
+»O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!«
+
+»Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten wird er bei uns sein.«
+
+So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei.
+
+»Was nun, Effendi?« fragte er mich.
+
+»Das wird sich ganz nach dem richten, was du erfahren hast. Bist du
+vielleicht bemerkt worden?«
+
+»Nein. Nur ein Schäfer trieb in weiter Entfernung seine Herde an mir
+vorüber.«
+
+»Wie wurdest du gefangen?«
+
+»Du hattest mich nach den Ruinen von Khorsabad bestellt. Bis heute
+morgen verbarg ich mich in dem südlichen Teile derselben, dann aber
+postierte ich mich dem Wege näher, um dich kommen zu sehen. Hier wurde
+ich von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte mich nicht
+wehren, weil es ihrer zu viele waren, und weshalb sie mich gefangen
+nahmen, das weiß ich nicht.«
+
+»Fragten sie dich nach deinem Stamm und deinem Namen?«
+
+»Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.«
+
+»Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber hätte dich an deiner
+Tättowierung erkannt. Sie nahmen dich gefangen, weil in den Ruinen von
+Kufjundschik die Truppen des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen
+die Schammar zu ziehen.«
+
+Er erschrak und hielt sein Pferd an.
+
+»Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da muß ich sofort umkehren!«
+
+»Das ist nicht nötig. Ich kenne den Plan des Gouverneur.«
+
+»Welches ist dieser Plan?«
+
+»Der Zug gegen die Schammar ist für jetzt nur eine Maske. Der Mutessarif
+will zunächst die Dschesidi überfallen. Diese sollen das nicht ahnen,
+und daher giebt er vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.«
+
+»Weißt du dies genau?«
+
+»Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen. Ich soll
+zurückkommen und ihm die Weideplätze der Schammar auskundschaften.«
+
+»Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird, so benutzt er
+sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch gegen die Schammar zu
+schicken.«
+
+»Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig werden; darauf kannst
+du dich verlassen. Und dann ist die kurze Frühlingszeit vorüber.«
+
+»Maschallah, was hat der Frühling mit diesem Kriege zu thun, Effendi?«
+
+»Sehr viel. Sobald die heißen Tage kommen, verdorren die Pflanzen, und
+die Ebene trocknet aus. Die Bedawi ziehen sich mit ihren Herden nach den
+Bergen des Schammar oder des Sindschar zurück, und das Heer des
+Gouverneur müßte elend verschmachten.«
+
+»Du hast recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg getrost fortsetzen;
+aber ich kenne ihn nicht.«
+
+»Wir haben rechts die Straße nach Aïn Sifni, links den Weg nach
+Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri aber darf man uns nicht sehen, und
+so wird es zweckmäßig sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten.
+Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns nicht mehr zu
+verbergen.«
+
+»Wie weit haben wir bis Baadri?«
+
+»Drei Stunden.«
+
+»Herr, du bist ein großer Emir. Du bist aus einem weit entfernten Lande
+und kennst diese Gegend besser als ich!«
+
+»Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau nach der Gegend
+erkundigt, durch welche wir reisen müssen. Das ist alles! Jetzt aber
+vorwärts!«
+
+Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden wollten, kaum eine halbe
+Stunde von einander entfernt lagen, glückte es uns doch, unbemerkt zu
+bleiben. Sahen wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links
+hinüber, und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns nach
+rechts. Natürlich leistete mir mein Fernrohr dabei die wichtigsten
+Dienste, und nur ihm allein hatten wir es zu verdanken, daß wir uns
+endlich beim Anblick von Baadri sicher fühlen konnten.
+
+Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel gewesen und also
+ziemlich müde, als wir die Hügelreihe erreichten, an deren Fuße das Dorf
+lag, welches der Wohnplatz des geistlichen Oberhauptes der
+Teufelsanbeter, sowie des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich
+fragte den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem Namen des Bey.
+Er sah mich verlegen an. Ich hatte ganz außer acht gelassen, daß die
+Dschesidi meist nicht arabisch reden.
+
+»Bey nidsche demar -- wie heißt der Bey?« fragte ich türkisch.
+
+»Ali Bey,« antwortete er mir.
+
+»Ol nerde oturar -- wo wohnt er?«
+
+»Gel, seni götirim -- komm, ich werde dich führen!«
+
+Er führte uns bis an ein großes, aus Steinen aufgeführtes Gebäude.
+
+»Itscherde otur -- da drinnen wohnt er,« sagte der Mann; dann entfernte
+er sich wieder.
+
+Das Dorf war außerordentlich belebt. Ich bemerkte außer den Häusern und
+Hütten auch eine Menge Zelte, vor denen Pferde oder Esel angebunden
+waren, und zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge hin
+und her. Diese war so bedeutend, daß unser Kommen gar nicht aufzufallen
+schien.
+
+»Sihdi, schau hierher!« sagte Halef. »Kennst du den?«
+
+Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des Hauses angebunden war.
+Wahrhaftig, es war der Esel unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und
+trat ein. Da scholl mir die dünne Fistelstimme des tapfern Ifra
+entgegen:
+
+»Und du willst mir wirklich keine andere Wohnung geben?«
+
+»Ich habe keine andere,« antwortete eine andere Stimme in sehr trockenem
+Tone.
+
+»Du bist der Kiajah[189]; du mußt eine andere schaffen!«
+
+ [189] Dorfoberhaupt.
+
+»Ich habe dir bereits gesagt, daß ich keine andere habe. Das Dorf ist
+voll von Pilgern; es ist kein Platz mehr leer. Warum führt dein Effendi
+nicht ein Zelt bei sich?«
+
+»Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein großer Bey, der berühmter ist, als
+alle Dschesidenfürsten im Gebirge!«
+
+»Wo ist er?«
+
+»Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen fangen.«
+
+»Einen Gefangenen fangen? Bist du toll?«
+
+»Einen entflohenen Gefangenen.«
+
+»Ach so!«
+
+»Er hat einen Firman des Großherrn, einen Firman el Onsul[190], einen
+Firman und viele Briefe des Mutessarif, und hier ist auch meine
+Bescheinigung.«
+
+ [190] Paß des Konsuls.
+
+»Er mag selbst kommen!«
+
+»Was? Er hat den Disch-parassi, und du sagst, er möge selbst kommen! Ich
+werde mit dem Scheik sprechen!«
+
+»Der ist nicht hier.«
+
+»So rede ich mit dem Bey!«
+
+»Gehe hinein zu ihm!«
+
+»Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn, habe
+fünfunddreißig Piaster Monatssold[191] und brauche mich vor keinem
+Kiajah zu fürchten. Hörst du es?«
+
+ [191] Sieben Mark.
+
+»Ja. Fünfunddreißig Piaster für den Monat!« klang es beinahe lustig.
+»Was bekommst du noch?«
+
+»Was noch? Höre es! Zwei Pfund Brot, siebzehn Lot Fleisch, drei Lot
+Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz und anderthalb Lot Zuthaten täglich,
+außerdem auch noch Seife, Öl und Stiefelschmiere. Verstehst du mich? Und
+wenn du über meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe, so werde ich
+dir erzählen, wie sie mir abhanden gekommen ist! Das war damals, als wir
+vor Sebastopol standen; ich befand mich im dicksten Kugelregen,
+und -- -- --«
+
+»Ich habe keine Zeit, dich anzuhören. Soll ich es dem Bey sagen, daß du
+mit ihm reden willst?«
+
+»Sage es ihm. Doch vergiß nicht, zu erwähnen, daß ich mich nicht
+abweisen lasse!«
+
+Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten Unterhaltung. Ich
+trat ein, Mohammed Emin und Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im
+Begriff, eine Thüre zu öffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen
+um.
+
+»Da kommt der Emir selbst,« meinte Ifra. »Er wird dir zeigen, wem du zu
+gehorchen hast!«
+
+Ich wandte mich zunächst zu dem Buluk Emini:
+
+»Du hier! Wie kommst du so ganz allein nach Baadri?«
+
+Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb er mir die
+Antwort nicht schuldig:
+
+»Habe ich dir nicht gesagt, daß ich voranreiten würde, Excellenz?«
+
+»Wo sind die andern?«
+
+»Iflemisch -- verschwunden, verduftet, weggeblasen!«
+
+»Wohin?«
+
+»Ich weiß es nicht, Hoheit.«
+
+»Du mußt es doch gesehen haben!«
+
+»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten alle hinter ihm her,
+auch meine Leute und die Arnauten.«
+
+»Warum du nicht?«
+
+»Benim eschek -- mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich
+doch nach Baadri, um dir Quartier zu machen.«
+
+»Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?«
+
+»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich
+erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.«
+
+Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emins wegen.
+
+»Werden die andern bald nachkommen?«
+
+»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und
+dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege
+des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung,
+verzeichnet.«
+
+»Ist Ali Bey hier?« fragte ich jetzt den Dorfältesten.
+
+»Ja.«
+
+»Wo?«
+
+»Bu kapu escheri -- hinter dieser Thüre.«
+
+»Ist er allein?«
+
+»Ja.«
+
+»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!«
+
+Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in
+die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd:
+
+»Wer ist dieser Araber?«
+
+»Ein Scheik.«
+
+»Wo kommt er her?«
+
+»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt
+bei uns bleiben.«
+
+»Wer tschok Bakschischler -- giebt er viele Trinkgelder?«
+
+»Bu kadar -- so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger
+emporstreckte.
+
+Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit
+strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der
+Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr
+schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige
+Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug
+eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter
+welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel
+befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit
+war.
+
+»Chosch geldin demek -- seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst
+mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den
+Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken.
+
+»Mazal bujurum sultanum -- vergib mir, Herr, daß ich dein Haus betrete,«
+antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte dich fragen, ob es
+in deinem Gebiete eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe
+legen können.«
+
+Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen
+und erwiderte dann:
+
+»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah
+sagte mir, daß du ein Emir seist.«
+
+»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom
+Abendlande her.«
+
+»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch keinen von
+ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr
+gern kennen lernen möchte.«
+
+»Darf ich dich fragen, warum?«
+
+»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.«
+
+»Inwiefern?«
+
+»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn
+gebracht.«
+
+»Sind sie hier in Baadri?«
+
+»Ja.«
+
+»Und heißen Pali, Selek und Melaf?«
+
+Er trat überrascht einen Schritt zurück.
+
+»Du kennst sie?«
+
+»Wie hieß der Nemtsche, den du meinest?«
+
+»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.«
+
+»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der
+Haddedihn, und der andere ist Halef, mein Begleiter.«
+
+»Ist es möglich? Welch eine Überraschung! Seni gerek olarim -- ich muß
+dich umarmen!«
+
+Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er
+auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei letzterem den Kuß unterließ.
+Dann faßte er mich bei der Hand und sagte:
+
+»Tschelebim mahalinde geldin -- Herr, du kommst zur rechten Zeit. Wir
+haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt;
+du aber sollst dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen
+Tage dauern, und auch später noch recht lange!«
+
+»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.«
+
+»Es wird ihm gefallen.«
+
+»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir dir noch
+erzählen werden.«
+
+»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist euer Haus, und mein
+Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!«
+
+Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem
+Gemeindeältesten sagen:
+
+»Hast du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist?
+Lerne, auch mich danach zu schätzen. Merke dir das!«
+
+Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und
+der Scheik mußten zur Seite Ali Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine
+Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr
+aufmerksam.
+
+»Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen
+hat!«
+
+»Willst du meine Wangen schamrot machen?«
+
+»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tötete! Ich möchte sein,
+wie du! Du bist ein Christ?«
+
+»Ja.«
+
+»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch
+ein Christ.«
+
+»Sind die Dschesidi Christen?«
+
+»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute
+für sich genommen -- -- --«
+
+»Weißt du das gewiß?«
+
+Er zog die Brauen zusammen.
+
+»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu
+herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind
+gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß
+Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende
+Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden
+des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit
+zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe
+predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der
+Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut
+ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus
+einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann
+die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im
+Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt
+meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt
+hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich
+zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und
+zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn
+sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der
+Christen sagt: Muhabbet bitmez -- die Liebe hört nie auf!«
+
+ [192] Giftkraut.
+
+ [193] Nelke.
+
+Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner
+Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur
+ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen
+Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem
+Helden.
+
+»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne
+kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun.
+
+»Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses sagt: 'Chüdanün söz
+tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar -- das Wort Gottes ist ein Hammer,
+welcher Felsen zertrümmert.' Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser
+zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe
+entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni
+dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen;
+sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als
+Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre
+Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie
+hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das
+heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch
+verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen.
+Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen
+lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein.
+Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den
+Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche
+Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der
+dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des
+Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der
+Jeboschu[196], welcher da gebietet: 'Günesch ile kamer, sus hem Gibbea
+jakinda hem dere Adschala -- Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im
+Thale von Ajalon!' Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit
+dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der
+mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut,
+welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen
+niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in
+eurem Buche nicht: 'Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma -- die
+Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?' -- Wäre ich
+ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle
+Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege
+ebnen, von denen euer Kitab sagt: 'Wazar-lar sallami, der-ler ughurü --
+sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!' -- Du blickst
+mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg
+und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du
+dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen
+wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können?
+Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und
+sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du
+sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise
+unternimmst?«
+
+ [194] Amerika.
+
+ [195] Katholiken.
+
+ [196] Josua.
+
+ [197] Simson.
+
+ [198] Hirt David.
+
+ [199] Noah.
+
+ [200] Moses.
+
+»Nein,« mußte ich allerdings antworten.
+
+»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten
+ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören
+ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne
+Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der
+Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und
+beruhigen soll das 'Schamata arasynda daghlere -- das Geschrei in den
+Bergen', von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch
+kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer,
+nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so
+höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es
+sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe
+nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist
+verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«
+
+»Ja.«
+
+»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir
+wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war
+ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere
+Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die
+brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere,
+und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte
+über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr
+Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan,
+Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze.
+Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre
+Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du
+dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum
+nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn
+sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns
+und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen
+Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die
+Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem
+Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten
+wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern
+Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin -- du kommst zur rechten
+Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist
+der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«
+
+Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir
+Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter
+kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201]
+waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in
+einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über
+sie zu verschaffen.
+
+ [201] Teufelsleute.
+
+»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde
+sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen,
+welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«
+
+»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben
+unser Fest mitfeiern.«
+
+»Du kennst sie?«
+
+»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er
+befindet sich in Amadijah.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber
+jetzt nicht befreien können.«
+
+»Warum?«
+
+»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu
+befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen
+bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«
+
+»Wie viel?«
+
+»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten
+Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit
+dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk,
+zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203]
+stehen.«
+
+ [202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann.
+
+ [203] Major, Befehlshaber von tausend Mann.
+
+»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«
+
+»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht
+hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder
+Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und
+beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel
+von Amadijah liegt.«
+
+»Welche Truppen stehen in Mossul?«
+
+»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der
+Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll
+gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge
+kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«
+
+»Wie hoch zählen diese letzteren?«
+
+»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai
+Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die
+beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.«
+
+ [204] Oberst.
+
+ [205] Regiments-Quartiermeister.
+
+ [206] Dschesidischer Heiliger.
+
+»Weißt du, wo sie sich versammeln?«
+
+»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen
+von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren,
+daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden
+erst später marschfertig.«
+
+»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden
+bist.«
+
+»Wieso?«
+
+»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her
+aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu
+verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches
+in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment
+in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler
+begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu
+verwenden?«
+
+Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:
+
+»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«
+
+»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«
+
+»Nein.«
+
+»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich
+Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie
+befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«
+
+»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche
+in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach
+Amadijah bestimmt.«
+
+»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage
+eures großen Festes hier an!«
+
+»Emir!«
+
+Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich
+fuhr fort:
+
+»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern
+nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden
+von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf
+Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah.
+Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«
+
+»Herr, wäre dies so gemeint?«
+
+»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das
+Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari,
+Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden
+ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen
+können.«
+
+»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«
+
+»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen
+ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif,
+daß er euch in Scheik Adi überfallen will.«
+
+»Wirklich?«
+
+»Höre!«
+
+Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich
+zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er
+sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.
+
+»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns
+fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren
+gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der
+Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur
+Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau
+ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: -- die Mäuse, welche
+er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen
+können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen,
+was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige
+Augenblicke entferne.«
+
+Er ging hinaus.
+
+»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin.
+
+»Ebenso wie dir!«
+
+»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte
+Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines
+Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!«
+
+»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen
+werden?« fragte ich ihn lächelnd.
+
+»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr
+schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«
+
+Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein
+ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und
+schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen
+über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen;
+seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren
+Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit
+welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine
+ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz
+und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen
+Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor
+uns und grüßte mit volltönender Stimme:
+
+»Günesch-iniz söjündürme-sun -- eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte
+er hinzu: »#Hun be kurmangdschi zanin# -- versteht ihr, kurdisch zu
+sprechen?«
+
+Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi
+ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte
+er:
+
+»#Schima zazadscha zani?#«
+
+Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind
+die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht
+kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und
+antwortete auf türkisch:
+
+»Seni an-lamez-iz -- wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche
+-- bitte, rede türkisch!«
+
+Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem
+Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und
+fragte:
+
+»Nemtsche sen -- bist du der Deutsche?«
+
+»Ja.«
+
+»Izim seni kutschaklam-am -- erlaube, daß ich dich umarme!«
+
+Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den
+angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der
+Bey gesessen hatte.
+
+»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.«
+
+»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.«
+
+»Wobei hat er mich erwähnt?«
+
+»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.«
+
+»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des
+Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie
+kann es da noch ein Leid für mich geben?«
+
+»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.«
+
+Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz
+ruhig, als er antwortete:
+
+»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und
+meine Söhne getötet. Was ist's mit ihm?«
+
+»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!«
+
+»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis
+vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken
+gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest
+zu stören?«
+
+»Ich glaube es.«
+
+»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele
+verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?«
+
+»Nein.«
+
+»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst
+gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?«
+
+»Ja.«
+
+»Du warst dort?«
+
+»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«
+
+»Wo?«
+
+»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in -- -- du bist ein Pir,
+ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige
+Buch der Christen?«
+
+»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in
+türkischer Sprache.«
+
+ [207] Altes Testament.
+
+»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«
+
+»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.«
+
+»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort
+lautet der zwölfte Vers: 'Haben auch die Götter der Heiden alle die
+gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und
+Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?' Dieses Thalassar ist Tel
+Afer.«
+
+Er blickte mich erstaunt an.
+
+»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche
+bereits vor Jahrtausenden bestanden?«
+
+»So ist es.«
+
+»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan,
+am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen.
+Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es
+ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei
+sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um
+alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein
+Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit
+erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt
+gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten,
+und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um
+mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du
+die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine
+Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und
+ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und
+schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich
+mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und
+stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war
+es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht
+getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am
+Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele
+Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der
+Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine
+Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und
+schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist
+jetzt Miralai.«
+
+ [208] Lieutenant.
+
+Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr
+ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen
+Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde
+sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen.
+Es war schrecklich anzuhören.
+
+»Du willst dich rächen?« fragte ich.
+
+»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine
+böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein
+Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. -- Ihr
+werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«
+
+»Wir wissen es noch nicht.«
+
+»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken;
+bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen
+werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi
+können euch leicht unterstützen.«
+
+Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte
+das frühere Leben wieder bekommen.
+
+»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in
+der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren.
+
+Er schüttelte langsam den Kopf.
+
+»Glaubst du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns
+erzählt? Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und
+Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit
+des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die
+Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum
+lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das
+Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer Kitab sagt,
+daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen
+kann. Ihr heiliget euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir
+heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die
+Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie ihr es mit
+dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau[209] sei auf der Erde gewesen und
+werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den
+Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die
+Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der
+Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird.
+Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen nicht, wann
+er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl,
+als er sie in dem Baghtsche Gethseman[210] schlafend fand: 'Gözetyn
+namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz -- wachet und betet,
+auf daß ihr nicht überfallen werdet!' Darum bedienen wir uns des Hahnes,
+der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe
+mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und
+ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Blech gemacht
+und mit Gold überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir
+einen lebendigen. Sind wir deshalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure
+Priester sind weiser, und eure Lehren sind besser; wir würden bessere
+Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen
+Dschesidi der einzige, welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und
+darum rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.«
+
+ [209] Der Herr Jesus.
+
+ [210] Garten Gethsemane.
+
+»Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die eurigen unterweisen
+könnten?«
+
+»Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit. Die Lehre der
+Christen ist gespalten. Wenn ihr uns einmal sagen könnt, daß ihr einig
+seid, so werdet ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des
+Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun
+sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in eurem Kitab:
+'Im jol de gertscheklik de ömir de -- ich bin der Weg und die Wahrheit
+und das Leben.' Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele
+Wahrheiten, da es doch nur den Einen giebt, der das Leben ist? Darum
+streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist,
+sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen
+wird.«
+
+Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir -- offen gestanden -- sehr
+lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich
+beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich
+mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eignen Heimat
+schweigen -- leider, leider! Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand.
+
+»Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen
+muß, aber wir werden uns wiedersehen.«
+
+Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach
+und sagte:
+
+»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er
+war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat
+überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.«
+
+»Ein Buch?« fragte ich erstaunt.
+
+»Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser
+Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes,
+und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun
+einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können,
+hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein
+Buch.«
+
+»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?«
+
+»In seiner Wohnung.«
+
+»Und wo ist diese?«
+
+»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher
+und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber
+seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.«
+
+»Denkst du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?«
+
+»Er wird es sehr gern thun.«
+
+»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?«
+
+»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die
+Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst du das Buch erhalten; ich werde
+es dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß ihr bleiben wollt!«
+
+»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?«
+
+»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige
+Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu
+ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken
+auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu
+finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie
+Nachricht bringen, mögt ihr es euch bei mir gefallen lassen!«
+
+Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali Bey umarmte uns vor
+Freuden nochmals, als wir ihm dies mitteilten, und bat uns:
+
+»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch sehe!«
+
+Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung,
+daß die Dschesidi ihre Frauen bei weitem nicht so abschließen, wie es
+die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie
+bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben
+erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute
+nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem
+falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem
+rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und
+dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so
+übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Kultus schwankt
+zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das
+letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls
+die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen
+derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen.
+
+Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide
+speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom
+Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei
+erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen
+Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei andern aber gingen
+nach der Abteilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente.
+
+Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr
+schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe
+geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn.
+
+»Seid willkommen, ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter
+Einfachheit und reichte uns die Rechte.
+
+Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name
+ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und
+küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz
+zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst
+sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten
+orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken
+findet. Ali Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache
+oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das
+letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu
+gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste
+mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und
+stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir
+standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und
+darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter
+dadurch vergalt, daß sie mir den besten Teil der Speisen vorlegte und
+mir nach Tisch ihren Garten zeigte.
+
+Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im
+Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am
+besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte, bei
+welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern
+Bint el Onsul, Tochter des Konsuls, genannt wird.
+
+Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich
+auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht
+erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein
+starkes Heft.
+
+»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick.
+
+Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan niedergelassen. Der
+Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes
+nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben
+und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in
+mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr
+schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald
+es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der
+Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich
+beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung so viel wie
+möglich auszunutzen.
+
+Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die
+Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen,
+erklang folgender Gesang:
+
+ »Ghawra min ave the
+ Bina michak, dartschin ber pischte
+ Dave min chala surat ta kate
+ Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete[211].«
+
+ [211] Frei übersetzt:
+ »Ein christliches Mädchen kommt Wasser zu holen.
+ Ich steh' ihr im Rücken und atme verstohlen.
+ Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es küssen,
+ Und sollt' ich in Fesseln nach Rußland dann müssen.«
+
+Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst
+im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider
+blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen,
+wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es
+wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest
+nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche
+Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte.
+
+»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der
+Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut
+unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im
+Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor
+ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil
+Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.«
+
+Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher
+Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort:
+
+»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich
+tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde tot am Boden; da holte einer mit
+dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich
+aber denselben zurückzog, so traf er meine Na -- -- --«
+
+In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich
+ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf
+den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines
+Truthahnes folge, und dann schloß sich jenes vielstimmige, ächzende
+Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele
+der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an,
+welches diese rätselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte.
+Ifra aber meinte ruhig:
+
+»Was staunt ihr denn? Mein Esel war's! Er kann die Dunkelheit nicht
+leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht
+geworden ist.«
+
+Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige
+Kreatur! Diese Stimme mußte ja Tote lebendig machen! Wer sollte während
+der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen
+Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der
+Lunge eine Diskantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im
+Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Klarinetten zu haben
+schien.
+
+Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von
+der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien »im Buche
+verzeichnet« zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen
+dürfe.
+
+»So schreit das Tier also die ganze Nacht?« fragte einer.
+
+»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers.
+»Alle zwei Minuten einmal.«
+
+»Gewöhne es ihm ab!«
+
+»Womit?«
+
+»Ich weiß es nicht!«
+
+»So behalte auch deinen Rat für dich! Ich habe alles vergebens versucht:
+-- Schläge, Hunger und Durst.«
+
+»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht
+erkennt!«
+
+»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich
+an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und -- schreit weiter.«
+
+»Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht dich ganz gewiß,
+aber er hat keine Lust, dir den Gefallen zu thun.«
+
+»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Tiere den Menschen
+verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen
+stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen.
+Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein,
+stumm aber gewißlich nicht.«
+
+»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört
+hat. In welcher Sprache redest du zu dem Esel?«
+
+»In der türkischen.«
+
+»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen
+ist, der das Türkische gar nicht versteht?«
+
+»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!«
+
+»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn du zu ihm redest? Sein
+Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu
+ihm!«
+
+»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi
+Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden
+kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt
+hat. Auch Soliman[212] konnte alle Tiere verstehen.«
+
+ [212] Salomo.
+
+»Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden. Kennst du die
+Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine
+gesprochen haben?«
+
+»Nein.«
+
+»So werde ich sie euch erzählen! #De vachtha beni Isráil meru ki
+dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi
+wi va hania khoè parve dikerin, pev tschun, jek debee -- -- --#«
+
+»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest du?«
+
+»In unserer. Es ist Kurmangdschi.«
+
+»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!«
+
+»So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels, der auch nur seine
+Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch
+erzählen? Sie wird ganz anders klingen!«
+
+»Versuche es nur!«
+
+»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen
+Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichtum und ein
+Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie
+aneinander. Der eine sagte: 'Es ist mein Haus!' Der andere sagte: 'Es
+ist mein Haus!' Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein
+Backstein und sagte: 'Was, schämt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder
+dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert
+Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im
+Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich
+zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich.
+Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann:
+ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem
+Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was
+ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele
+nicht -- -- --'«
+
+Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er
+anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er
+that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit
+der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba
+verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung
+und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich.
+
+»Emir, ist es wahr, daß du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da
+ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich dich
+begrüße.«
+
+Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen
+Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich.
+
+»Wo sind Pali und Melaf?« fragte ich ihn.
+
+»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu.
+Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich dich nachher
+wieder?«
+
+»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft
+vielleicht ein Geheimnis?«
+
+»Möglich; aber du darfst sie hören. Komm, Emir!«
+
+Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß
+der Zutritt dort jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der
+gute Hadschi war schon wieder beim Essen.
+
+»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe
+dir etwas mitzuteilen.«
+
+»Sprich!«
+
+»Dürfen es alle hören?«
+
+»Alle.«
+
+»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach
+Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht
+wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über
+Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah
+versteckt.«
+
+»Wer sagte das?«
+
+»Ein Holzfäller aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana
+Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus
+Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind
+über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt
+oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.«
+
+»Wer sagte dir dieses?«
+
+»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu
+gehen.«
+
+»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken.
+Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz
+am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?«
+
+»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.«
+
+»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu
+verbergen?«
+
+»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.«
+
+»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch
+unsere Tiere dort unterzubringen?«
+
+»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem
+Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird
+bemerken, was wir thun.«
+
+»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit dir
+sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen jedermann. Ich wollte dich
+bitten, hier den Emir zu bedienen, aber du wirst wohl anderweit
+gebraucht.«
+
+»Darf ich ihm meinen Sohn senden?«
+
+»Thue es!«
+
+»Spricht er ein gutes Kurdisch?« fragte ich.
+
+»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.«
+
+»So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!«
+
+Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die
+Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei
+demselben wohl gegen zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und
+mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus
+drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten,
+drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine
+vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte
+ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen
+Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam.
+
+Während des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit dem ich mich in mein
+Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu
+studieren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger,
+doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über alles, was ich von ihm
+zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den
+Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die
+Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die
+andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie
+das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus
+Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das
+Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden,
+wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt,
+als dem klar und offen zu Tage Liegenden.
+
+Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast
+regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche,
+markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht
+auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch
+reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als
+aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur
+Ruhe begab, wurden die überlauten Interjektionen des Graurockes geradezu
+unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst
+nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen.
+
+Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu
+immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine
+Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer,
+und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche
+geradezu infernalisch genannt werden mußte.
+
+Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein
+verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk
+Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen;
+jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich
+nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte
+vor meiner Thür. Er trat ein.
+
+»Schläfst du schon, Emir?«
+
+Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in
+voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst
+keine bessere Einleitung finden können.
+
+»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange,
+welchen dein Esel vollführt!«
+
+»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt
+kommen sie alle zu mir und verlangen, daß ich das Tier hinaus in den
+Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So
+weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder
+nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere
+meinen Grad.«
+
+»So schaffe ihn in den Wald.«
+
+»O Emir, das geht nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es giebt Wölfe im Walde.«
+
+»So bleibe mit draußen und bewache ihn!«
+
+»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!«
+
+»Nun?«
+
+»Dann frißt einer den Esel und der andere mich!«
+
+»Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade nicht.«
+
+»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu dir gehen solle.«
+
+»Zu mir? Warum?«
+
+»Herr, glaubst du, daß dieser Esel eine Seele hat?«
+
+»Natürlich hat er eine.«
+
+»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!«
+
+»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr getauscht: seine
+Seele ist in dich, und deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist du der
+Esel und fürchtest dich wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und
+brüllt wie ein Löwe. Was könnte ich dagegen thun?«
+
+»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine
+türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht.
+Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich dich,
+herabzukommen. Wenn du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken,
+wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier.
+Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig
+Ruhe läßt.«
+
+»Glaubst du denn wirklich, daß -- -- --«
+
+In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme abermals, und zwar mit
+solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit
+einfiel.
+
+»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab,
+sonst ist er verloren und seine Seele auch!«
+
+Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir einen Spaß machen?
+Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des
+Grautieres hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut
+widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.
+
+»Wer weiß ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen zu bringen?« fragte ich.
+
+Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:
+
+»Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!«
+
+Mein Hadschi gehörte also zu den wahren »Gläubigen«. Ich trat an den
+Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige
+fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase
+und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte
+mich an Ifra.
+
+»Buluk Emini, wie hieß dein Vater?«
+
+»Nachir Mirja.«
+
+»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater deines Vaters?«
+
+»Muthallam Sobuf.«
+
+»Der ist es! Wo wohnte er?«
+
+»In Hirmenlü bei Adrianopel.«
+
+»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat,
+um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz
+gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: 'Escheklerin sew -- liebe deine
+Esel!' Darum muß der Geist deines Großvaters diese That sühnen. Er hat
+an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt,
+umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere
+einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst
+werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst du
+ihn erlösen, Ifra?«
+
+»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das
+Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel
+schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu
+schrecklich sein. »Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe,
+um den Vater meines Vaters zu erretten.«
+
+»Hole einen Stein und eine Schnur!«
+
+Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul
+und schrie.
+
+»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.«
+
+Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den
+Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte
+der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen;
+dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem
+Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz
+brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort
+eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel
+befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er
+schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit
+den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu
+schreien -- aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine
+größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm
+vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken.
+
+»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir,
+du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!«
+
+Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger
+noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei.
+
+Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches
+im Dorfe hin und her flutete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche
+teils in Baadri blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach
+Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik
+Mohammed Emin.
+
+»Hast du hinunter vor das Haus gesehen?« fragte er mich.
+
+»Nein.«
+
+»Blicke hinab!«
+
+Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen hunderte von
+Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte
+dem andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben
+erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich
+nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs
+aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken.
+
+Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte.
+
+»Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer
+Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?«
+
+»Ja. Das Tier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang
+seiner eigenen Stimme ermutigen.«
+
+»Wollt ihr mir zum Frühmahle folgen?«
+
+Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef
+nebst dem Sohn Seleks, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen
+mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die
+Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir
+die Hand.
+
+»Sabah'l kher -- guten Morgen!« grüßte ich sie.
+
+»Sabah'l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava -- wie ist dein Befinden?«
+
+»Kangia! Tu ciava -- gut; wie befindest du dich?«
+
+»Skuker quode kangia -- Gott sei Dank, gut!«
+
+»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt.
+
+»Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,«
+antwortete ich. »Und das ist wenig genug.«
+
+»Kommt herbei und setzt euch!«
+
+Es gab zunächst Kaffee mit Honigkuchen und dann Hammelbraten, den man in
+dünnen, breiten Stücken wie Brot aß. Dazu trank man Arpa, eine Art
+Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt.
+Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk Emini kauerte
+trübsinnig seitwärts.
+
+»Ifra, warum kommst du nicht zu uns?« fragte ich ihn.
+
+»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er.
+
+»Was fehlt dir?«
+
+»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und
+geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl
+auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines
+Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am
+Schwanz!«
+
+Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die
+Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten
+konnte, laut aufzulachen.
+
+»Du lachest!« erwiderte er vorwurfsvoll. »Hättest du einen Esel, welcher
+der Vater deines Vaters ist, so würdest du weinen. Ich soll dich nach
+Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder
+auf den Geist meines Großvaters!«
+
+»Das sollst du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf
+einen Geist kann sich niemand setzen.«
+
+»Auf wem soll ich denn reiten?«
+
+»Auf deinem Esel.«
+
+Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.
+
+»Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja gesagt!«
+
+»Das war nur Scherz.«
+
+»O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!«
+
+»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß du dir meinen
+Scherz so zu Herzen nimmst.«
+
+»Effendi, du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft
+mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen?
+Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines
+Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was
+dir die Seele des Esels anbefohlen hat?«
+
+»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das
+will ich dir sagen. Hast du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen
+schließt, wenn er kräht?«
+
+»Ich habe es gesehen.«
+
+»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so
+wird er niemals krähen. Hast du beobachtet, daß dein Esel stets den
+Schwanz erhebt, wenn er schreien will?«
+
+»Ja wirklich, das thut er, Effendi!«
+
+»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann
+wird er das Schreien lassen.«
+
+»Ist dies wirklich so?«
+
+»Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!«
+
+»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?«
+
+»Nein, ich sage es dir ja!«
+
+»Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!«
+
+Er sprang hinaus und riß dem Tiere den Stein vom Schwanze herunter; dann
+kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu
+beteiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen
+durfte, zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi
+untereinander leben.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Das große Fest.
+
+
+Eine Stunde später ritt ich mit meinem Dolmetscher in den lichten Morgen
+hinein spazieren. Mohammed Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben
+und sich überhaupt so wenig wie möglich zu zeigen.
+
+»Kennst du das Thal Idiz?« fragte ich den Begleiter.
+
+»Ja.«
+
+»Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?«
+
+»Zwei Stunden.«
+
+»Ich möchte es sehen. Willst du mich hinführen?«
+
+»Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder über Scheik Adi?«
+
+»Welcher Weg ist der kürzere?«
+
+»Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.«
+
+»Wir wählen ihn dennoch.«
+
+»Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares Tier, wie ich kaum
+jemals so eines gesehen habe; aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt
+sein.«
+
+»Gerade heute will ich es prüfen.«
+
+Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter dem man sich ja nicht einen
+gebahnten Steig zu denken hat, ging steil bergan und wieder steil
+bergab, aber mein Rappe hielt wacker aus. Die Höhen, welche erst mit
+Gebüsch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem, dunklem Wald
+besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen wir dahinritten. Endlich
+wurde der Pfad so gefährlich, daß wir absteigen und die Pferde führen
+mußten. Es war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe wir
+den Fuß auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers war diese Art
+Terrain gewohnt: es trat mit mehr Sicherheit auf und wußte die
+gefährlichen Stellen aus Erfahrung besser von den ungefährlichen zu
+unterscheiden; aber mein Rappe besaß einen glücklichen Instinkt und eine
+außerordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam die Überzeugung, daß er
+bereits nach kurzer Übung ein sehr guter Berggänger sein werde;
+wenigstens zeigte er bereits heute, daß er nicht ermüdete, während das
+andere Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu kämpfen begann.
+
+Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als wir an ein Dickicht
+gelangten, hinter welchem die Felsen fast senkrecht hinabfielen.
+
+»Das ist das Thal,« meinte der Führer.
+
+»Wie kommen wir hinab?«
+
+»Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und dieser führt von Scheik
+Adi hierher.«
+
+»Ist er betreten?«
+
+»Nein; er ist von dem übrigen Boden gar nicht zu unterscheiden. Komm!«
+
+Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales
+ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem
+Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach
+einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder
+abstieg. Er deutete nach rechts.
+
+»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi
+weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.«
+
+Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten
+Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und
+Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden.
+Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt,
+konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß
+genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und
+verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten,
+daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die
+Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher
+selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich
+in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele
+durstige Kehlen.
+
+Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann
+ich das Gespräch mit der Bemerkung:
+
+»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen
+konnte.«
+
+»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten
+Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre
+Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen
+Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.«
+
+»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.«
+
+»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine
+Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine
+Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet
+fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen;
+aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest
+nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den
+Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.«
+
+»Sind sie alle bewaffnet?«
+
+»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen
+wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen
+Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere
+Freudensalven.«
+
+»Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?«
+
+»Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der Glaube sehr
+gleichgültig. Er hat nur das eine Ziel, reich zu werden, und dazu müssen
+ihm bald die Araber und die Chaldäer, bald die Kurden oder die Dschesidi
+verhelfen. Oder meinst du, daß unser Glaube so schlimm sei, daß er
+verdiene, ausgerottet zu werden?«
+
+Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben. Von ihm konnte ich
+erfahren, was der Pir mir noch nicht gesagt hatte.
+
+»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich.
+
+»Und hast auch noch nichts über ihn gehört?«
+
+»Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.«
+
+»Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres über uns. Hast du auch von
+meinem Vater nichts erfahren oder von Pali und Melaf?«
+
+»Nein; wenigstens nichts Hauptsächliches; aber ich denke, daß du mir
+einiges sagen wirst.«
+
+»O Emir, wir sprechen nie zu Fremden über unsern Glauben!«
+
+»Bin ich dir fremd?«
+
+»Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern das Leben gerettet und
+auch jetzt uns vor den Türken gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du
+bist der einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich muß dir
+sagen, daß ich selbst nicht alles weiß.«
+
+»Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?«
+
+»Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge, welche die Eltern ganz
+allein zu wissen brauchen? Unsere Priester sind unsere Väter.«
+
+»Darf ich dich fragen?«
+
+»Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu nennen!«
+
+»Ich weiß es; aber ich möchte grad über diesen Gegenstand einiges
+wissen. Wirst du mir Auskunft geben, wenn ich das Wort vermeide?«
+
+»Soviel ich's vermag, ja.«
+
+Dieses Wort war der Name des Teufels, den die Dschesidi niemals
+aussprechen. Das Wort Scheïtan ist bei ihnen so verpönt, daß sie selbst
+ähnliche Worte sorgfältig vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem
+Flusse sprechen, so sagen sie »Nahr«, aber niemals »Schat«, weil dieses
+letztere Wort mit der ersten Silbe von Scheïtan in naher Beziehung
+steht. Das Wort »Keïtan« (Franse oder Faden) wird vermieden und auch die
+Wörter »Naal« (Hufeisen) und »Naal-band« (Hufschmied), weil sie mit den
+Worten »Laan« (Fluch) und »mahlun« (verflucht) in einer gewissen Nähe
+stehen. Sie sprechen vom Teufel nur in Umschreibung, und zwar mit
+Ehrfurcht. Sie nennen ihn Melek el Kuht, der mächtige König oder Melek
+Ta-us, König Pfauhahn.
+
+»Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes Wesen?«
+
+»Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht unter Gott. Dieser
+Kyral meleklerün war das oberste der himmlischen Wesen; aber Gott war
+sein Schöpfer und Herr.«
+
+»Wo ist er jetzt?«
+
+»Er empörte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.«
+
+»Wohin?«
+
+»Auf die Erde und auf alle Sterne.«
+
+»Nun ist er der Herr derjenigen, die in der Dschehennah wohnen?«
+
+»Nein. Ihr glaubt wohl, daß er ewig unglücklich ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubt ihr auch, daß Gott allgütig, gnädig und barmherzig ist?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann wird er auch verzeihen -- den Menschen und den Engeln, welche gegen
+ihn sündigen. Das glauben wir, und darum bedauern wir jenen, welchen du
+meinst. Jetzt kann er uns schaden, und darum nennen wir seinen Namen
+nicht. Später, wenn er seine Macht zurück erhält, kann er die Menschen
+belohnen, und darum reden wir nichts Böses von ihm.«
+
+»Ihr verehrt ihn? Ihr betet ihn an?«
+
+»Nein, denn er ist Gottes Geschöpf wie wir; aber wir hüten uns, ihn zu
+beleidigen.«
+
+»Was bedeutet der Hahn, welcher bei euren Gottesdiensten zugegen ist?«
+
+»Der bedeutet jenen nicht, welchen du meinst. Er ist ein Bild der
+Wachsamkeit. Hat euch Azerat Esau, der Sohn Gottes, nicht erzählt von
+den Jungfrauen, welche den Bräutigam erwarteten?«
+
+»Ja.«
+
+»Fünf von ihnen schliefen ein und dürfen nun nicht in den Himmel. Kennst
+du die Erzählung von dem Jünger, welcher seinen Meister verleugnete?«
+
+»Ja.«
+
+»Auch da krähte der Hahn. Darum ist er bei uns das Zeichen, daß wir
+wachen, daß wir den großen Bräutigam erwarten.«
+
+»Glaubt ihr das, was die Bibel erzählt?«
+
+»Wir glauben es, obgleich ich nicht alles weiß, was sie erzählt.«
+
+»Habt ihr nicht auch ein heiliges Buch, in welchem eure Lehren
+verzeichnet sind?«
+
+»Wir hatten ein solches. Es wurde in Baascheikha aufbewahrt, aber ich
+habe gehört, daß es verloren gegangen ist.«
+
+»Welches sind eure heiligen Handlungen?«
+
+»Du wirst sie alle in Scheik Adi kennen lernen.«
+
+»Kannst du mir sagen, wer Scheik Adi war?«
+
+»Das weiß ich nicht genau.«
+
+»Betet ihr zu ihm?«
+
+»Nein. Wir verehren ihn nur dadurch, daß wir an seinem Grabe zu Gott
+beten. Er war ein Heiliger und wohnt bei Gott.«
+
+»Welche Arten von Priestern giebt es bei euch?«
+
+»Zunächst kommen die Pirs. Dieses Wort heißt eigentlich ein alter oder
+ein weiser Mann; hier aber bedeutet es ein heiliger Mann.«
+
+»Wie kleiden sie sich?«
+
+»Sie können sich kleiden, wie es ihnen gefällt; aber sie führen ein sehr
+frommes Leben, und Gott giebt ihnen die Macht, durch ihre Fürbitte alle
+Krankheiten des Leibes und der Seele zu heilen.«
+
+»Giebt es viele Pirs?«
+
+»Ich kenne jetzt nur drei. Pir Kamek ist der größte von ihnen.«
+
+»Weiter!«
+
+»Nach ihnen kommen die Scheiks. Sie müssen so viel Arabisch lernen, um
+unsere heiligen Lieder zu verstehen.«
+
+»Werden diese in arabischer Sprache gesungen?«
+
+»Ja.«
+
+»Warum nicht in kurdischer?«
+
+»Ich weiß es nicht. Aus den Scheiks werden die Wächter des heiligen
+Grabes gewählt, wo sie das Feuer unterhalten und die Pilger bewirten
+müssen.«
+
+»Haben sie eine besondere Kleidung?«
+
+»Sie gehen ganz weiß gekleidet und tragen als Zeichen ihres Amtes einen
+Gürtel, welcher rot und gelb ist. Nach diesen Scheiks kommen die
+Prediger, welche wir Kawals nennen. Sie können die heiligen Instrumente
+spielen und gehen von Ort zu Ort, um die Gläubigen zu belehren.«
+
+»Welches sind die heiligen Instrumente?«
+
+»Das Tamburin und die Flöte. Auch verstehen die Kawals bei den hohen
+Festen zu singen.«
+
+»Wie kleiden sie sich?«
+
+»Sie können alle Farben tragen, doch kleiden sie sich gewöhnlich weiß.
+Dann aber muß ihr Turban schwarz sein, zur Unterscheidung von den
+Scheiks. Nach ihnen kommen die Fakirs, welche die niederen Dienste am
+Grabe und auch anderswo verrichten. Sie haben meist dunkle Gewänder und
+tragen ein rotes Tuch quer über dem Turban.«
+
+»Wer ernennt eure Priester?«
+
+»Sie werden nicht ernannt, denn diese Würde ist erblich. Wenn ein
+Priester stirbt und keinen Sohn hinterläßt, so geht sein Amt auf seine
+älteste Tochter über.«
+
+Das war allerdings höchst merkwürdig, besonders im Orient!
+
+»Und wer ist der Oberste aller Priester?«
+
+»Der Scheik von Baadri. Du hast ihn noch nicht gesehen, denn er befindet
+sich bereits in Scheik Adi, um das Fest vorzubereiten. Hast du noch
+etwas zu fragen?«
+
+»Noch vieles! Werden eure Kinder getauft?«
+
+»Getauft und beschnitten.«
+
+»Giebt es unreine Speisen, welche ihr nicht essen dürft?«
+
+»Wir essen kein Schweinfleisch und haben keine blaue Farbe, denn der
+Himmel ist so erhaben, daß wir seine Farbe nicht unsern irdischen Dingen
+geben mögen.«
+
+»Habt ihr eine Kiblah?«
+
+»Ja. Wenn wir beten, so wenden wir das Angesicht dem Orte zu, an welchem
+an diesem Tage die Sonne aufgegangen ist. Auch die Toten werden bei
+ihrem Begräbnisse so gelegt, daß ihr Angesicht nach dieser Gegend
+gerichtet ist.«
+
+»Weißt du, woher eure Religion gekommen ist?«
+
+»Scheik Adi, der Heilige, hat sie uns gelehrt. Wir selbst aber sind aus
+den Ländern des untern Euphrat gekommen. Dann zogen unsere Väter nach
+Syrien, nach dem Sindschar und endlich hierher.«
+
+Ich hätte sehr gern noch weiter gefragt, aber es erschallte von oben her
+ein Schrei, und als wir emporblickten, erkannten wir Selek, welcher im
+Begriffe war, zu uns herabzusteigen. Bald stand er neben uns und reichte
+uns die Hand.
+
+»Beinahe hätte ich euch erschossen,« lautete sein Gruß.
+
+»Uns? Warum?« fragte ich.
+
+»Von oben herab hielt ich euch für Fremde, und solche dürfen in dieses
+Thal nicht eindringen. Dann aber erkannte ich euch. Ich komme, um
+nachzusehen, ob das Thal der Vorbereitung bedarf.«
+
+»Zur Aufnahme der Flüchtigen?«
+
+»Der Flüchtigen? Wir werden nicht fliehen; aber ich habe dem Bey
+erzählt, wie listig du die Feinde der Schammar nach jenem Thale
+locktest, in welchem ihr sie gefangen nahmt, und wir werden ganz
+dasselbe thun.«
+
+»Ihr wollt die Türken hierher locken?«
+
+»Nein, sondern nach Scheik Adi; die Pilger aber sollen während des
+Kampfes hier untergebracht werden. Der Bey hat es so befohlen, und der
+Scheik ist damit einverstanden.«
+
+Er untersuchte das Wasser und die Höhlen und fragte uns dann, ob wir ihn
+zurückbegleiten wollten. Dies verstand sich ganz von selbst. Wir führten
+unsere Pferde empor, saßen dann auf und hielten stracks auf Baadri zu.
+Als wir dort ankamen, fand ich den Bey einigermaßen in Aufregung.
+
+»Ich habe Kunde erhalten, seitdem du fortgeritten bist,« sagte er. »Die
+Türken aus Diarbekir stehen bereits am Ghomelflusse, und die aus Kerkjuk
+haben unterhalb der Berge auch schon denselben Fluß erreicht.«
+
+»So sind deine Kundschafter von Amadijah bereits zurück?«
+
+»Sie sind gar nicht bis nach Amadijah gekommen, denn sie mußten sich
+teilen, um diese Truppen zu beobachten. Es ist nun erwiesen, daß der
+geplante Überfall nur uns gilt.«
+
+»Ist es bereits bekannt?«
+
+»Nein, denn dadurch könnte der Feind erfahren, daß er uns gerüstet
+finden wird. Ich sage dir, Emir, ich werde entweder sterben oder diesem
+Mutessarif eine Lehre geben, die er nie vergessen soll!«
+
+»Ich werde bis nach dem Kampfe bei dir bleiben.«
+
+»Ich danke dir, Emir; aber kämpfen sollst du nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Du bist mein Gast: Gott hat mir dein Leben anvertraut.«
+
+»Gott kann es am besten schützen. Soll ich dein Gast sein und dich
+allein in den Kampf gehen lassen? Sollen die Deinen von mir erzählen,
+daß ich ein Feigling bin?«
+
+»Das werden sie niemals sagen. Bist du nicht auch der Gast des
+Mutessarif gewesen? Hast du nicht seinen Paß und seine Briefe in der
+Tasche? Und jetzt willst du gegen ihn kämpfen? Mußt du nicht deinen Arm
+aufheben für den Sohn deines Freundes, den ihr befreien wollt? Und
+kannst du mir nicht dienen, auch ohne daß du meine Feinde tötest?«
+
+»Du hast recht in allem, was du sagest. Ich wollte aber auch nicht
+töten, sondern vielleicht dahin wirken, daß kein Blut vergossen wird.«
+
+»Laß diese Sorge mir, Effendi! Ich trachte nicht nach Blut; ich will nur
+den Tyrannen von mir weisen.«
+
+»Wie willst du dies durchführen?«
+
+»Weißt du, daß in Scheik Adi bereits dreitausend Pilger eingetroffen
+sind? Bis zum Beginne des Festes werden es sechstausend und noch mehr
+sein.«
+
+»Männer, Frauen und Kinder?«
+
+»Ja. Die Frauen und Kinder sende ich in das Thal Idiz, und nur die
+Männer bleiben zurück. Die Truppen aus Diarbekir und Kerkjuk werden sich
+auf dem Wege von Kaloni her vereinigen, und die aus Mossul kommen über
+Dscherraijah oder Aïn Sifni herauf. Sie wollen uns in dem Thale des
+Heiligen einschließen; wir aber steigen hinter dem Grabe empor und
+stehen rund um das Thal, wenn sie eingerückt sind. Dann können wir sie
+niederstrecken bis auf den letzten Mann, wenn sie sich nicht ergeben.
+Andernfalls aber sende ich einen Boten an den Mutessarif und stelle
+meine Bedingungen, unter denen ich sie freigebe. Er wird sich dann vor
+dem Großherrn in Stambul zu verantworten haben.«
+
+»Er wird diesem die Angelegenheit in einem falschen Lichte schildern.«
+
+»Aber es wird ihm nicht gelingen, den Padischah zu täuschen; denn ich
+habe vorhin eine heimliche Gesandtschaft nach Stambul gesandt, welche
+ihm zuvorkommen wird.«
+
+Ich mußte mir im Innern eingestehen, daß Ali Bey nicht nur ein mutiger,
+sondern auch ein kluger und darum vorsichtiger Mann sei.
+
+»Und wie willst du mich verwenden?« fragte ich ihn.
+
+»Du sollst mit jenen ziehen, welche unsere Frauen und Kinder und unsere
+Habe beschützen werden.«
+
+»Eure Habe nehmt ihr mit?«
+
+»So viel wir fortbringen. Ich werde noch heute allen Bewohnern von
+Baadri sagen lassen, daß sie alles nach dem Thale Idiz schaffen mögen,
+aber heimlich, damit mein Plan nicht verraten werde.«
+
+»Und Scheik Mohammed Emin?«
+
+»Er geht mit dir. Ihr könntet jetzt nicht nach Amadijah kommen, da der
+Weg dorthin bereits nicht mehr frei ist.«
+
+»Die Türken würden das Bu-djeruldi des Großherrn und den Ferman des
+Mutessarif achten müssen.«
+
+»Aber es sind Leute aus Kerkjuk dabei, und wie leicht ist es möglich,
+daß einer von ihnen Mohammed Emin kennt!«
+
+Noch während wir sprachen, kamen zwei Männer in das Haus. Es waren meine
+beiden alten Bekannten Pali und Melaf, welche ganz außer sich waren, als
+sie mich erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die Hände küßten.
+
+»Wo ist der Pir?« fragte Ali Bey.
+
+»Im Grabe des Jonas bei Kufjundschik. Er sendet uns, um dir zu sagen,
+daß wir am zweiten Tage des Festes früh am Morgen überfallen werden
+sollen.«
+
+»Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben wird?«
+
+»Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei Türken erschlagen
+worden. Er will die Thäter in Scheik Adi holen.«
+
+»Es sind in Malthaijah von zwei Türken zwei Dschesidi erschlagen worden,
+so lautet die Wahrheit. Siehst du, Emir, wie diese Türken sind? Sie
+erschlagen meine Leute, um Ursache zum Einfall in unser Gebiet zu haben.
+Mögen sie finden, was sie suchen!«
+
+Ich begab mich mit meinem Dolmetscher nach meinem Zimmer, wo ich meine
+Übungen begann. Mohammed Emin saß wortlos dabei, rauchte seine Pfeife
+und wunderte sich baß darüber, daß ich mir so viele Mühe gab, ein Buch
+zu lesen und die Worte einer fremden Sprache zu verstehen. Dies that ich
+während des ganzen Tages und am Abend. Auch der nächste Tag verging
+unter dieser angenehmen Beschäftigung.
+
+Unterdessen hatte ich bemerkt, daß die Bewohner von Baadri ihre Habe
+ohne Aufsehen fortschafften; auch wurde in einer Stube unseres Hauses
+eine große Menge Kugeln gegossen. Beifügen muß ich noch, daß der Esel
+des Buluk Emini während dieser Zeit nicht wieder laut geworden war, da
+ihm sein Herr und Meister sofort bei Einbruch der Dunkelheit den Stein
+an den Schwanz befestigt hatte.
+
+Pilger kamen fortwährend, bald einzeln, bald in Familien und bald in
+größeren Trupps. Viele waren arm und auf die Mildthätigkeit anderer
+angewiesen. Dann trieb einer eine Ziege oder einen fetten Hammel herbei;
+reichere Leute hatten einen Ochsen oder zwei, ja einige Male sah ich
+sogar ganze Herden vorüberziehen. Das waren die Liebes- und Opfergaben,
+welche die Wohlhabenden zum heiligen Grabe brachten, damit ihre armen
+Brüder nicht Mangel leiden sollten. So viele auch kamen und gingen: --
+meine Baschi-Bozuks und Arnauten blieben verschollen, und ich habe bis
+zum heutigen Tage nicht erfahren, wo sie geblieben sind.
+
+Am dritten Tage, dem ersten Tage des Festes, saß ich mit meinem
+Dolmetscher wieder beim Buche. Es war noch vor Sonnenaufgang. Ich war in
+die Arbeit so vertieft, daß ich gar nicht bemerkte, daß der Buluk Emini
+eingetreten war.
+
+»Emir!« rief er, nachdem er sich bereits einige Male geräuspert hatte,
+ohne daß es von mir bemerkt worden war.
+
+»Was giebt es?«
+
+»Fort!«
+
+Jetzt erst bemerkte ich, daß er bereits gespornt und gestiefelt sei,
+übergab dem Sohne Seleks das Buch und sprang auf. Ich hatte ganz
+vergessen, daß ich mich baden und frische Wäsche anlegen müsse, wenn ich
+überhaupt am Grabe des Heiligen würdig erscheinen wollte. Ich nahm die
+Wäsche zu mir, ging hinab und eilte hinaus vor das Dorf. Der Bach
+wimmelte von Badenden und ich mußte ziemlich weit gehen, um eine Stelle
+zu finden, an welcher ich mich unbeobachtet glaubte.
+
+Hier badete ich und wechselte die Wäsche, eine Prozedur, welche man auf
+Reisen im Oriente nicht gar zu häufig vornehmen kann. Daher fühlte ich
+mich wie neugeboren und wollte bereits den Ort verlassen, als ich eine
+leise Bewegung des Gebüsches bemerkte, welches sich an den Ufern des
+Baches hinzog. War es ein Tier oder ein Mensch? Wir standen auf dem
+Kriegsfuße, und so konnte es nichts schaden, wenn ich die Sache einmal
+näher untersuchte. Ich that daher vollständig unbefangen, pflückte
+einige Blumen und näherte mich dabei scheinbar absichtslos dem Orte, an
+dem ich die erwähnte Bewegung bemerkt hatte. Dabei kehrte ich dem Busche
+den Rücken zu; plötzlich aber drehte ich mich um und stand mit einem
+schnellen Sprunge mitten im dichten Zweigwerk. Vor mir kauerte ein Mann,
+er sah noch jung aus, hatte aber beinahe einen militärischen Anstrich,
+obgleich ich nur ein Messer als einzige Waffe bei ihm bemerkte. Eine
+breite Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er erhob sich und wollte
+sich rasch zurückziehen, ich aber faßte seine Hand und hielt ihn fest.
+
+»Was thust du hier?« fragte ich.
+
+»Nichts.«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Ein -- ein Dschesidi,« klang es zaghaft.
+
+»Woher?«
+
+»Ich heiße Lassa und bin ein Dassini.«
+
+Ich hatte gehört, daß die Dassini eine der vornehmsten Familien der
+Dschesidi seien; er sah mir aber gar nicht aus wie ein Teufelsanbeter.
+
+»Ich habe dich gefragt, was du hier thust?«
+
+»Ich versteckte mich, weil ich dich nicht stören wollte.«
+
+»Und was thatest du vorher hier?«
+
+»Ich wollte baden.«
+
+»Wo hast du die Wäsche?«
+
+»Ich habe keine.«
+
+»Du warst vor mir hier und hattest also das Recht, hier zu bleiben,
+statt dich zu verstecken. Wo hast du diese Nacht geschlafen?«
+
+»Im Dorfe.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Bei -- bei -- bei -- -- ich kenne seinen Namen nicht.«
+
+»Ein Dassini kehrt bei keinem Manne ein, dessen Namen er nicht kennt.
+Komm mit mir und zeige mir deinen Wirt!«
+
+»Ich muß vorher baden!«
+
+»Das wirst du nachher thun. Vorwärts!«
+
+Er versuchte, sich von meinem Griffe zu befreien.
+
+»Mit welchem Rechte sprichst du in dieser Weise zu mir?«
+
+»Mit dem Rechte des Mißtrauens.«
+
+»Ebenso könnte ich dir mißtrauen!«
+
+»Natürlich! Ich bitte dich, es zu thun. Dann führst du mich in das Dorf,
+und es wird sich zeigen, wer ich bin.«
+
+»Gehe, wohin es dir beliebt!«
+
+»Das thue ich auch; aber du wirst mich begleiten.«
+
+Sein Blick hing an meinem Gürtel; er bemerkte, daß ich keine Waffe bei
+mir trug, und ich sah es ihm an, daß er im Begriffe stehe, nach seinem
+Messer zu greifen. Dies konnte mich aber nicht irre machen; darum hielt
+ich sein Handgelenk nur fester und gab ihm einen scharfen Ruck, der ihn
+zwang, aus dem Busch heraus in das Freie zu treten.
+
+»Was wagest du?« blitzte er mich an.
+
+»Gar nichts. Du gehst mit mir; tschapuk -- sofort!«
+
+»Laß meine Hand los, sonst -- -- --!«
+
+»Was sonst?«
+
+»Brauche ich Gewalt!«
+
+»Brauche sie!«
+
+»Da -- -- --!«
+
+Er zog das Messer und stieß nach mir; ich aber griff von unten herauf
+und faßte nun auch seine zweite Hand.
+
+»Schade um dich; denn du scheinst kein Feigling zu sein!«
+
+Ich drückte ihm die Hand, daß er das Messer fallen ließ, hob dasselbe
+schnell auf und faßte ihn bei der Jacke.
+
+»Nun vorwärts, sonst -- --! Hier nimm meine Wäsche auf und trage sie!«
+
+»Herr, thue es nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Bist du ein Dschesidi?«
+
+»Nein.«
+
+»Warum willst du mich dann nach dem Dorfe schaffen?«
+
+»Das will ich dir sagen: du bist ein türkischer Soldat, ein Spion.«
+
+Er erbleichte.
+
+»Du irrst, Herr! Wenn du kein Dschesidi bist, so laß mich frei!«
+
+»Dschesidi oder nicht; vorwärts!«
+
+Er krümmte sich unter meinem Griffe, aber er mußte mit. Ich zwang ihn
+sogar, meine Wäsche zu tragen. Wir erregten kein geringes Aufsehen, als
+wir das Dorf erreichten, und eine ziemliche Menschenmenge folgte uns
+nach der Wohnung des Beys. Er befand sich im Selamlük, wohin ich auch
+den Fremden schaffte. Unweit der Thüre stand, ohne daß der Gefangene ihn
+bemerkte, mein Baschi-Bozuk, der eine sehr überraschte Miene machte, als
+wir an ihm vorübergingen. Er mußte ihn kennen.
+
+»Wen bringst du mir da?« fragte Ali Bey.
+
+»Einen Fremden, den ich draußen am Bache fand. Er hatte sich versteckt,
+und zwar an einem Orte, von welchem aus er das ganze Dorf und auch den
+Weg nach Scheik Adi überblicken konnte.«
+
+»Wer ist er?«
+
+»Er behauptet, Lassa zu heißen und ein Dassini zu sein.«
+
+»Dann müßte ich ihn kennen; auch giebt es keinen Dassini dieses Namens.«
+
+»Er stach nach mir, als ich ihn zwang, mit mir zu gehen. Hier ist er.
+Thue mit ihm, was du willst!«
+
+Ich verließ den Raum. Draußen stand der Buluk Emini noch.
+
+»Kennst du den Mann, den ich jetzt brachte?«
+
+»Ja. Was hat er gethan, Emir? Gewiß hast du ihn verkannt! Er ist kein
+Dieb und kein Räuber.«
+
+»Was sonst?«
+
+»Er ist Kol Agassi[213] bei meinem Regiment.«
+
+ [213] Überzähliger Stabsoffizier zu Fuße.
+
+»Ah! Wie heißt er?«
+
+»Nasir. Wir nannten ihn Nasir Agassi. Er ist der Freund des Miralai Omar
+Amed.«
+
+»Gut; sage Halef, daß er satteln möge!«
+
+Ich kehrte in das Selamlük zurück, wo vor Mohammed Emin und einigen der
+zufällig anwesenden bedeutenderen Dorfbewohner das Verhör bereits
+begonnen hatte.
+
+»Seit wann lagst du im Busche?« fragte der Bey.
+
+»Seit dieser Mann hier badete.«
+
+»Dieser Mann ist ein Emir; merke dir das! Du bist kein Dassini und auch
+kein Dschesidi. Wie heißt du?«
+
+»Das sage ich nicht!«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich habe eine Blutrache da droben in den kurdischen Bergen; ich muß
+verschweigen, wer ich bin und wie ich heiße.«
+
+»Seit wann hat ein Kol Agassi mit der Blutrache der freien Kurden zu
+thun?« fragte ich ihn.
+
+Er wurde noch bleicher als vorhin am Bache.
+
+»Kol Agassi? Was meinest du?« fragte er dennoch beherzt.
+
+»Ich meine, daß ich Nasir Agassi, den Vertrauten vom Miralai Omar Amed,
+so genau kenne, daß ich mich nicht täuschen lasse.«
+
+»Du -- du -- -- du kennst mich? Wallahi, so bin ich verloren; das ist mein
+Verhängnis!«
+
+»Nein; es ist dein Kismet nicht. Gestehe aufrichtig, was du hier
+thatest, so wird dir vielleicht nichts geschehen!«
+
+»Ich habe nichts zu sagen.«
+
+»Dann bist du verl-- -- --«
+
+Ich unterbrach den zornigen Bey mit einer schnellen Handbewegung und
+wandte mich wieder zu dem Gefangenen.
+
+»Ist das von der Blutrache die Wahrheit?«
+
+»Ja, Emir!«
+
+»So sei ein anderes Mal vorsichtiger. Wenn du mir versprichst,
+unverweilt nach Mossul zurückzukehren und die Rache für jetzt
+aufzuschieben, so bist du frei.«
+
+»Effendi!« rief da der Bey erschrocken. »Bedenke doch, daß wir ja -- --«
+
+»Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach ich ihn abermals. »Dieser
+Mann ist ein Stabsoffizier des Mutessarif, ein Kol Agassi, aus dem einst
+vielleicht ein General werden kann, und du lebst mit dem Mutessarif in
+Freundschaft und in tiefstem Frieden. Es thut mir jetzt leid, diesen
+Offizier belästigt zu haben, was gar nicht geschehen wäre, wenn ich ihn
+sofort gekannt hätte. -- Du versprichst mir also, unverweilt nach Mossul
+zurückzukehren?«
+
+»Ich verspreche es.«
+
+»Betrifft diese Rache einen Dschesidi?«
+
+»Nein.«
+
+»So gehe, und Allah behüte dich, daß die Rache nicht gefährlich für dich
+selbst wird!«
+
+Er stand ganz erstaunt. Noch vor einem Augenblick hatte er den gewissen
+Tod vor sich gesehen, und jetzt sah er sich frei. Er faßte meine Hand
+und rief:
+
+»Emir, ich danke dir! Allah segne dich und alle die Deinen!«
+
+Dann war er in größter Eile zur Thür hinaus. Er mochte befürchten, daß
+wir unsere Großmut noch bereuen könnten.
+
+»Was hast du gethan!« sagte Ali Bey mehr erzürnt als erstaunt.
+
+»Das Beste, was ich thun konnte,« antwortete ich.
+
+»Das Beste? Dieser Mensch ist ein Spion!«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Und hatte den Tod verdient!«
+
+»Das ist richtig.«
+
+»Und du schenktest ihm die Freiheit! Zwangst ihn nicht zum Geständnis!«
+
+Auch die andern Dschesidi schauten finster drein. Ich ließ mich dies
+nicht anfechten und antwortete:
+
+»Was hättest du durch sein Geständnis erfahren?«
+
+»Vielleicht viel!«
+
+»Nicht mehr, als wir bereits wissen. Und übrigens schien er der Mann zu
+sein, der lieber stirbt als gesteht.«
+
+»So hätten wir ihn getötet!«
+
+»Und was wäre die Folge davon gewesen?«
+
+»Daß es einen Spion weniger gegeben hätte!«
+
+»O, die Folgen wären noch ganz andere gewesen. Der Kol Agassi war
+jedenfalls abgeschickt, sich zu überzeugen, ob wir eine Ahnung von dem
+beabsichtigten Überfalle haben. Töteten wir ihn, oder hielten wir ihn
+gefangen, so kehrte er nicht zurück, und man hätte gewußt, daß wir
+bereits gewarnt sind. Nun aber hat er seine Freiheit wieder erhalten,
+und der Miralai Omar Amed wird als ganz sicher annehmen, daß wir nicht
+das geringste von dem Anschlage des Mutessarif ahnen. Es würde doch die
+allergrößte Dummheit sein, einen Spion zu entlassen, wenn man überzeugt
+ist, daß man überfallen werden soll -- so werden sie sich sagen. Habe ich
+recht?«
+
+Der Bey umarmte mich.
+
+»Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so weit wie die deinigen.
+Aber ich werde ihm einen Späher nachsenden, um mich zu überzeugen, daß
+er auch wirklich fortgeht.«
+
+»Auch dies wirst du nicht thun.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Er könnte grad dadurch auf das aufmerksam werden, was wir ihm durch
+seine Freilassung verborgen haben. Er wird sich hüten, hier zu bleiben,
+und übrigens kommen jetzt genug Leute an, bei denen du dich erkundigen
+kannst, ob sie ihm begegnet sind.«
+
+Auch hier drang ich durch. Es war mir eine angenehme Genugthuung, zwei
+Vorteile verbunden zu haben: -- ich hatte einem Menschen, der doch nur
+auf Befehl gehandelt hatte, das Leben erhalten und zu gleicher Zeit den
+Plan des Mutessarif vereitelt. Mit diesem Gefühle ging ich in das
+Frauengemach, welches hier eigentlich Küche genannt werden mußte, um das
+Frühstück einzunehmen. Vorher aber holte ich aus meiner kleinen
+Raritätensammlung, die ich von Isla Ben Maflei erhalten hatte, ein
+Armband, an welchem ein Medaillon angebracht war.
+
+Der kleine Bey war auch bereits munter. Während ihn seine Mutter hielt,
+versuchte ich seine niedliche Physiognomie zu Papiere zu bringen. Es
+gelang ganz leidlich, denn Kinder sind einander ähnlich. Dann legte ich
+das Papier in das Medaillon und gab der Mutter das Armband.
+
+»Trage dies als Andenken an den Emir der Nemtsche,« bat ich sie; »das
+Gesicht deines Sohnes befindet sich darin; es wird ewig jung bleiben,
+auch wenn er alt geworden ist.«
+
+Sie sah das Bild an und war ganz entzückt. In fünf Minuten hatte sie es
+sämtlichen Bewohnern des Hauses und allen Anwesenden gezeigt, und ich
+konnte mich vor Dankbarkeitsbezeigungen kaum retten. Dann aber brachen
+wir auf, allerdings nicht mit dem Gefühle, daß es zu einer Lustbarkeit
+gehe, sondern in sehr ernster Stimmung.
+
+Ali Bey hatte seine kostbarste Kleidung angelegt. Er ritt mit mir
+voraus, und dann folgten die angesehensten Leute des Dorfes. Mohammed
+Emin befand sich natürlich an unserer Seite. Er war mißmutig, da unser
+Ritt nach Amadijah eine solche Unterbrechung erlitten hatte. Vor uns her
+zog eine Schar von Musikanten mit Flöten und Tamburins. Hinterher kamen
+die Frauen, meist mit Eseln, die mit Teppichen, Kissen und allerlei
+Gerätschaften beladen waren.
+
+»Hast du deine Vorbereitungen für Baadri getroffen?« fragte ich den Bey.
+
+»Ja. Bis Dscherraijah stehen Posten, welche mir das Nahen des Feindes
+sofort melden.«
+
+»Baadri wirst du den Türken ohne Verteidigung lassen?«
+
+»Natürlich. Sie werden still hindurchziehen, um uns nicht vor der Zeit
+aufmerksam zu machen.«
+
+Von jetzt an ging es sehr laut um uns zu. Wir wurden von Reitern
+umschwärmt, welche Scheingefechte aufführten, und von allen Seiten
+knallten unaufhörlich Salven. Jetzt wurde der Weg sehr schmal und wand
+sich stellenweise so steil an den Bergen empor, daß wir absteigen und,
+einer hinter dem andern, unsere Pferde über die Felsen führen mußten.
+Erst nach einer starken Stunde erreichten wir den Gipfel des Passes und
+konnten nun in das grüne bewaldete Thal von Scheik Adi hinabblicken.
+
+Ein jeder schoß, sobald er die weiße Turmspitze des Grabmales
+erblickte, sein Gewehr ab, und von unten herauf antworteten
+ununterbrochen Schüsse, so daß ein großes Infanteriegefecht
+stattzufinden schien, dessen Echo in den Bergen widerhallte. Hinter uns
+kamen immer neue Züge, und als wir den Abhang hinabritten, sahen wir
+rechts und links zur Seite zahlreiche Pilger unter den Bäumen liegen.
+Sie ruhten sich hier von den Strapazen des Steigens aus und genossen
+dabei den Anblick des Heiligtumes und der herrlichen Gebirgsnatur, der
+für die Bewohner der Ebene eine wahre Erquickung sein mußte.
+
+Wir hatten das Grabmal noch nicht erreicht, so kam uns Mir Scheik Khan,
+das geistliche Oberhaupt der Dschesidi, an der Spitze mehrerer Scheiks
+entgegen. Er wird Emir Hadschi genannt und stammt von der Familie der
+Ommijaden ab. Seine Familie wird als die Hauptfamilie der Dschesidi
+betrachtet und Posmir oder Begzadehs genannt. Er selbst war ein
+kräftiger Greis von mildem, ehrwürdigem Aussehen und schien nicht den
+mindesten hierarchischen Stolz zu besitzen; denn er verbeugte sich vor
+mir und umarmte mich dann so innig, wie man es bei einem Sohne thun
+würde.
+
+»Aaleïk salam u rahhmet Allah. Ser sere men at -- der Friede und die
+Barmherzigkeit Gottes sei mit dir! Ihr seid mir willkommen!« grüßte er.
+
+»Chode scogholeta rast init -- Gott stehe dir bei in deinem Amte!«
+antwortete ich. »Aber willst du nicht türkisch mit mir sprechen? Ich
+verstehe die Sprache eures Landes noch nicht!«
+
+»Befiehl über mich nach deinem Gefallen, und sei mein Gast in dem Hause
+dessen, an dessen Grabe wir die Allmacht und die Gnade verehren.«
+
+Wir waren natürlich bei seinem Nahen abgestiegen. Auf einen Wink von ihm
+wurden unsere Pferde in Empfang genommen, und wir, nämlich Ali Bey,
+Mohammed Emin und ich, schritten an seiner Seite dem Grabmale zu. Wir
+gelangten zunächst in einen von einer Mauer umgebenen Hof, welcher
+bereits ganz von Menschen erfüllt war; dann gelangten wir an den Eingang
+des innern Hofes, welcher von den Dschesidi nie anders als barfuß
+betreten wird. Ich folgte diesem Beispiele, zog meine Schuhe aus und
+ließ sie am Eingange zurück.
+
+In dem innern Hofe standen viele Bäume, deren Schatten den Pilgern
+Kühlung und Labung bringt; dichter Oleander trieb Blüte an Blüte, und
+ein ungeheurer Weinstock bildete eine Laube, nach welcher uns der Mir
+Scheik Khan führte und in der wir Platz nahmen. Einige Scheiks und
+Kawals ruhten unter den Bäumen, sonst waren wir allein.
+
+In diesem Hofe erhebt sich das eigentliche Gebäude des Grabmales,
+welches von zwei weißen Türmen überragt wird, die mit dem tiefen Grün
+des Thales lebhaft und wohlthuend kontrastieren. Ihre Spitzen sind
+vergoldet und ihre Seiten in viele Winkel gebrochen, zwischen denen sich
+Licht und Schatten jagen. Über dem Thorwege waren einige Figuren
+ausgehauen, in denen ich einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen
+Mann und einen Kamm erkannte. Das Innere des Gebäudes ist, wie ich
+nachher sah, in drei Hauptabteilungen geschieden, von denen die eine
+größer ist, als die beiden andern. Diese Halle wird von Säulen und Bogen
+getragen und hat einen Brunnen, dessen Wasser für sehr heilig gehalten
+wird. Mit demselben werden die Kinder getauft. In der einen der zwei
+kleineren Abteilungen befindet sich das eigentliche Grab des Heiligen.
+Über der Gruft erhebt sich ein großes kubisches Gehäuse, welches aus
+Thon gebildet und mit Gips überzogen ist. Als einziger Schmuck ist ein
+grünes, gesticktes Tuch darüber gebreitet, und eine ewige Lampe brennt
+in dem Gemache.
+
+Der Thon des Grabmales bedarf von Zeit zu Zeit einer Ergänzung, da die
+Hüter des Heiligtums kleine Kugeln daraus bereiten, welche von den
+Pilgern gern gekauft und als Andenken mitgenommen, vielleicht auch als
+Amulette getragen werden. Diese Kugeln befinden sich in einem Gefäße,
+welches an dem erwähnten Weinstocke angebracht ist, und haben
+verschiedene Größen: von der Größe einer Erbse bis zu der jener kleinen
+Marmor- oder Glaskugeln, mit denen bei uns die Kinder zu spielen
+pflegen.
+
+In dem zweiten kleinen Gemache befindet sich auch ein Grab, über dessen
+Inhalt die Dschesidi aber selbst nicht klar zu sein scheinen.
+
+In der Umfassungsmauer, welche das Heiligtum umgiebt, sind zahlreiche
+Nischen angebracht, welche die Lichter aufzunehmen haben, mit denen bei
+größeren Festen illuminirt wird. Das Grabmal wird von Gebäuden umgeben,
+welche den Priestern und Dienern des Grabes zur Wohnung dienen. Der
+ganze Ort aber liegt in einer engen Thalschlucht, deren Felsen von allen
+Seiten sehr steil in die Höhe steigen. Er besteht nur aus wenigen
+profanen Wohnungen und enthält außer dem Heiligtume vorzugsweise solche
+Gebäude, welche die Pilger aufzunehmen haben. Jeder Stamm oder auch jede
+größere Abteilung desselben hat dann ein solches Haus ausschließlich für
+sich in Besitz.
+
+Draußen vor den Mauern hatte sich ein förmlicher Jahrmarkt entfaltet.
+Alle möglichen Arten von Geweben und Zeugen hingen zum Verkaufe von den
+Ästen der Bäume nieder; alle möglichen Früchte und Eßwaren wurden
+feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenstände und allerlei orientalisches
+Allerhand war zu bekommen. Wäre die Tracht nicht gewesen, so hätte ich
+mich in die Heimat versetzt dünken können, so heiter und unbefangen, so
+harmlos und gutmütig war das bunte Treiben in dem Dorfe des Heiligen.
+Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben sich immer mehr meine
+Sympathie, und ich stimme dem vollständig bei, was ein sehr verständiger
+Engländer, welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir später in
+Konstantinopel von ihnen sagte:
+
+»Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie besser sind, als ihre
+Verleumder. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie
+die Deutschen Asiens werden, und nirgends hat das Christentum so große
+Hoffnung auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse
+überseeische Sendboten der Mission schildern die Dschesidi nur deshalb
+so ganz und gar unwahr, um einem etwaigen kleinen Erfolge eine sehr
+große Bedeutung verleihen zu können.«
+
+Natürlich ließ ich meiner Wißbegierde nicht die Zügel schießen, so daß
+sie zur lästigen Neugierde werden konnte, und vielleicht grad darum
+wurde unsere Unterhaltung eine so animiert herzliche, als ob wir Glieder
+einer Familie seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet hätten.
+Zunächst kam die Rede auf den bevorstehenden Angriff, doch wurde dieser
+Gegenstand bald beiseite gelegt, da es sich herausstellte, daß Ali Bey
+alle erforderlichen Maßregeln mit der größten Sorgfalt getroffen hatte.
+Dann kam das Gespräch auf Mohammed Emins und meine Person, auf unsere
+Erlebnisse und gegenwärtigen Absichten.
+
+»Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bedürft der Hilfe,« meinte der
+Mir Scheik Khan. »Ich werde euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den
+Beistand aller Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.«
+
+»Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?« fragte ich.
+
+»Nein, sondern ein Melek Ta-us.«
+
+Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung
+des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den
+über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem
+Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen
+sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche
+der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einer
+besonderen Mission beehrt! Und dieses große, dieses geheimnisvolle Wort,
+über welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier so gelassen
+aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene an und fragte:
+
+»Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?«
+
+Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem unwissenden Sohne
+eine notwendige Erklärung giebt, antwortete er:
+
+»Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher Name bei uns nicht
+ausgesprochen wird. Melek Ta-us heißt auch das Tier, welches bei uns ein
+Symbol des Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen wir
+auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen verleihe, zu denen
+ich Vertrauen habe. Ich weiß alles, was man über uns fabelt; aber deine
+Weisheit wird dir sagen, daß ich uns vor dir nicht zu verteidigen
+brauche. Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen
+Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, daß dort die Bilder der Gottesmutter,
+des Gottessohnes und vieler Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr
+haben, welches das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das
+Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten, wo diese
+Bilder sind, aber ich werde niemals glauben, daß ihr diese Bilder
+anbetet. Wir glauben von euch das Richtige, und ihr glaubet von uns das
+Falsche. Wer ist verständiger und gütiger, ihr oder wir? Blicke hin an
+das Thor! Meinst du, daß wir diese Bilder anbeten?«
+
+»Nein.«
+
+»Du siehst einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen
+Kamm. Die Dschesidi können nicht lesen; daher ist es besser, man sagt
+ihnen durch diese Bilder, was man ihnen sagen möchte. Eine Schrift
+würden sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen,
+weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen sind. Dieser Heilige war
+ein Mann; darum beten wir ihn nicht an; aber wir versammeln uns an
+seinem Grabe, wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.«
+
+»Er hat euren Glauben gestiftet?«
+
+»Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebräuche gegeben. Der
+Glaube wohnt im Herzen, die Sitten aber wachsen aus dem Boden, auf
+welchem wir leben, und aus dem Lande, welches diesen Boden rings
+umgrenzt. Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre sind auch
+diejenigen Satzungen des Kurans gekommen, welche wir für gut und heilsam
+erkannt haben.«
+
+»Man erzählte mir, daß er Wunder gethan habe.«
+
+»Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie thut, so thut er sie durch
+die Hand der Menschen. Blicke hinein, dort in die Halle! Dort ist ein
+Brunnen, den Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed
+in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem eine heilige Quelle. Er nahm
+von dem Wasser des Zem-Zem und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort
+öffnete sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So wird uns
+erzählt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben, denn das Wunder ist auch
+ohne dies da. Oder ist es kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein
+das lebendige Wasser fließt? Dieses ist bei uns ein Symbol der Reinheit
+unserer Seele, und darum halten wir es für heilig, nicht aber, weil es
+von der Quelle Zem-Zem stammen soll.«
+
+Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt öffnete sich das äußere
+Thor, um einen langen Zug von Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder
+eine Lampe trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke für die
+Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus irgend einer Gefahr. Sie
+waren für Scheik Schems[214] bestimmt, das leuchtende Symbol der
+göttlichen Klarheit.
+
+ [214] Sonne.
+
+Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei recht eigentümliche
+kurdische Flinten. Bei einer derselben wurden Lauf und Schaft durch
+zwanzig starke, breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres
+Zielen ganz unmöglich machten. Eine zweite zeigte eine Art Bajonnet,
+welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken zu beiden Seiten des
+Laufes befestigt waren. Die Männer überreichten ihre Krüge den Priestern
+und traten der Reihe nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu küssen,
+wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten.
+
+Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des Festes den heiligen Ort mit
+seiner ganzen Umgebung zu illuminieren. Es darf dabei kein gewöhnliches
+Öl oder gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies für unrein
+gilt. Nur das Öl vom Sesam ist gestattet.
+
+Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl gegen zwanzig Kinder
+getauft und beschnitten, welche zum Teil von sehr weit hergebracht
+worden waren. Ich wohnte diesen religiösen Handlungen bei.
+
+Später entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um einen Gang durch das
+Thal zu machen. Am auffälligsten war mir die ungeheure Zahl von
+Fackeln, welche zum Verkaufe auslagen. Nach einer ungefähren Schätzung
+konnten es zehntausend sein. Die Händler machten glänzende Geschäfte,
+denn ihre Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen.
+
+Eben standen wir vor einem Verkäufer von Glas- und unechten
+Korallenwaren, als ich die weiße Gestalt des Pir Kamek den Bergpfad
+herabkommen sah. Er mußte, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns
+vorüber, und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen.
+
+»Willkommen hier, ihr Gäste vom Scheik Schems! Ihr werdet den Heiligen
+der Dschesidi kennen lernen.«
+
+Er reichte uns die Hände. Sobald er bemerkt worden war, wurde er vom
+Volke umringt, und ein jeder bemühte sich, seine Hand oder den Saum
+seines Gewandes zu berühren und zu küssen. Er hielt eine Ansprache an
+die Versammelten; sein langes weißes Haar flatterte im Morgenwinde;
+seine Augen leuchteten, und seine Gebärden zeigten die Lebhaftigkeit der
+Begeisterung. Dazu krachten die Schüsse der Ankommenden von oben herab,
+und ganze Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte ich
+seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer Sprache hielt. Am
+Schlusse derselben aber intonierte er einen Gesang, in welchen alle
+einfielen und dessen Anfang mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam,
+übersetzte:
+
+»O gnädiger und großmütiger Gott, welcher nährt die Ameise und die
+kriechende Schlange, Nacht und Tag Lenkender, Lebendiger, Höchster,
+Ursachloser, welcher der Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht
+zuweist! Weiser, herrsche über Weisheit; Starker, herrsche über die
+Stärke; Lebendiger, herrsche über den Tod!«
+
+Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der Pir trat zu mir.
+
+»Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?«
+
+»Nein. Du weißt, daß ich deine Sprache nicht rede.«
+
+»Ich sagte ihnen, daß ich Scheik Schems ein Opfer bringen werde, und nun
+sind sie in den Wald gegangen, um das nötige Holz zu holen. Willst du
+dem Opfer beiwohnen, so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir;
+dort kommen bereits die Opferstiere.«
+
+Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben eine lange Reihe von
+Ochsen aufgeführt wurde. Wir folgten ihm langsam nach.
+
+»Was geschieht mit den Tieren?« fragte ich meinen Dolmetscher.
+
+»Sie werden geschlachtet.«
+
+»Für wen?«
+
+»Für Scheik Schems.«
+
+»Kann die Sonne Stiere essen?«
+
+»Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.«
+
+»Nur das Fleisch?«
+
+»Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut. Mir Scheik Khan
+übernimmt die Verteilung.«
+
+»Und das Blut?«
+
+»Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben, denn die Seele
+ist im Blute.«
+
+Das war also genau die alttestamentliche Anschauung, daß das Leben des
+Leibes, daß die Seele im Blute liege. Ich sah, daß es sich hier nicht um
+eine heidnische Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es
+den Armen ermöglichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen feiern zu
+können.
+
+Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik Khan aus dem Thore,
+gefolgt von Pir Kamek, von einigen Scheiks und Kawals und einer größeren
+Anzahl von Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz wurde
+von einer großen Menge Krieger umgeben, welche ihre Gewehre schußbereit
+hielten. Da warf Mir Scheik Khan das Obergewand ab, sprang auf den
+ersten Stier und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den
+Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben
+Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele
+Schüsse krachten.
+
+Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es
+gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und
+schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle
+der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß
+kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader
+zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut
+aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von
+Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die
+andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine
+außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen.
+
+Da trat Ali Bey zu mir.
+
+»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der
+Freundschaft der Badinan versichern.«
+
+»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?«
+
+»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr
+Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher
+wie möglich gehen muß. Komm!«
+
+Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen
+aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes
+bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der
+Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir
+Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus
+konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten
+Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden.
+
+Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems)
+gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes
+treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte
+Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische
+Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer
+Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in
+arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von
+Gott!«
+
+Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen
+Kotschers[215]. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken
+und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die
+Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den
+Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben
+waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz
+bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen
+Steinen hingen ihnen um den Nacken.
+
+ [215] Wandernde Stämme.
+
+Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine
+Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit
+durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das
+lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes
+Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff
+befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen
+Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem
+kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten
+in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre
+Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen
+hatten.
+
+Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus
+Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß
+und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und
+Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.
+
+Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien,
+aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und
+Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und
+Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku.
+Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre
+Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre
+Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander
+wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte
+sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem
+Fremden -- es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier
+zusammentrafen.
+
+Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die Männer in einzelnen
+größeren oder kleineren Gruppen nach dem Grabmale begaben.
+
+»Was thun sie dort?« fragte ich Ali Bey.
+
+»Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.«
+
+»Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?«
+
+»Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren Stämmen und Wohnsitzen
+zusammen, deren Anführer sie begleitet oder von dem sie eine
+Bescheinigung vorzeigen.«
+
+»Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?«
+
+»Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes aber werden einige
+Tiere geschlachtet, welche weiß, ganz weiß sein müssen, und deren
+Fleisch gehört den Priestern.«
+
+»Können eure Priester Sünde thun?«
+
+»Warum nicht? Sie sind doch Menschen!«
+
+»Auch die Pirs, die Heiligen?«
+
+»Auch sie.«
+
+»Auch Mir Scheik Khan?«
+
+»Ja.«
+
+»Glaubst du, daß auch der große Heilige Scheik Adi Sünde gethan hat?«
+
+»Auch er war ein Sünder, denn er war nicht Gott.«
+
+»Laßt ihr eure Sünden auf eurer Seele liegen?«
+
+»Nein, wir entfernen sie.«
+
+»Wie?«
+
+»Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer und das Wasser. Du
+weißt, daß wir uns bereits gestern oder heute gewaschen haben. Dabei
+erkennen wir unsere Sünde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden
+sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst du sehen, daß wir
+unsere Seelen auch durch die Flamme reinigen.«
+
+»Du glaubst also, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt?«
+
+»Wie könnte sie sterben, da sie von Gott ist!«
+
+»Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht glaube?«
+
+»Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: »Japar-di bir sagh solukü
+burunuje -- er blies ihm einen lebendigen Odem in seine Nase?«
+
+»Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo bleibt sie nach dem Tode
+des Leibes?«
+
+»Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet hast. Auch
+Gottes Odem geht wieder zu ihm zurück, nachdem er von Sünden rein
+geworden ist. -- Laß uns nun aufbrechen!«
+
+»Wie weit ist es bis Kaloni?«
+
+»Man reitet vier Stunden lang.«
+
+Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und verließen ohne alle
+Begleitung das Thal. Der Weg führte an der steilen Bergwand empor, und
+als wir die Höhe derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht
+bewaldetes, von zahlreichen Thälern durchzogenes Gebirgsland vor mir.
+Dieses Land wird von den großen Stämmen der Missuri-Kurden bewohnt, zu
+denen auch die Badinan gehören. Unser Weg führte bald bergab, bald
+wieder bergauf, bald zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald
+dahin. An den Abhängen sahen wir einige kleine Dörfer liegen, aber die
+Häuser derselben waren verlassen. Hier und da hatten wir die kalten
+Fluten eines wilden Bergbaches zu durchreiten, der sein Wasser dem
+Ghomel entgegenschickte, um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus
+zuzufließen, der in den großen Zab geht und sich mit diesem bei Keschaf
+in den Tigris ergießt. Diese Häuser waren von Weingärten umgeben, neben
+denen Sesam, Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders
+schmuckes Aussehen durch die Blüten und Früchte der sorgsam gepflegten
+Feigen-, Walnuß-, Granatapfel-, Pfirsich-, Kirschen-, Maulbeer- und
+Olivenbäume.
+
+Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche die Gegend bis
+Dschulamerik bewohnten, waren schon alle in Scheik Adi eingetroffen, und
+wir waren bereits zwei Stunden weit geritten, als wir eine Stimme
+hörten, welche uns anrief.
+
+Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein Kurde. Er hatte sehr weite,
+unten offene Hosen an, und die nackten Füße steckten in niedrigen
+Lederschuhen. Der Körper war nur mit einem am Halse viereckig
+ausgeschnittenen Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging. Sein
+dichtes Haar hing in lockigen Strähnen über die Schultern herab, und auf
+dem Kopfe trug er eine jener merkwürdigen, häßlichen Filzmützen, welche
+das Aussehen einer riesigen Spinne haben, deren runder Körper den
+Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und zur Seite bis auf die
+Achseln niederhängen. Im Gürtel trug er ein Messer, eine Pulverflasche
+und den Kugelbeutel, eine Flinte aber war nicht zu sehen.
+
+»Ni, vro'l kjer -- guten Tag!« grüßte er uns. »Wohin will Ali Bey, der
+Tapfere, reiten?«
+
+»Chode t'aveschket -- Gott behüte dich!« antwortete der Bey. »Du kennst
+mich? Von welchem Stamme bist du?«
+
+»Ich bin ein Badinan, Herr.«
+
+»Aus Kaloni?«
+
+»Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.«
+
+»Wohnt ihr noch in euren Häusern?«
+
+»Nein. Wir haben unsere Hütten bereits bezogen.«
+
+»Sie liegen hier in der Nähe?«
+
+»Woher vermutest du das?«
+
+»Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung entfernt, so nimmt er
+sein Gewehr mit. Du aber hast das deinige nicht bei dir.«
+
+»Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?«
+
+»Mit deinem Häuptling.«
+
+»Steige ab und folge mir!«
+
+Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim Zügel. Der Kurde führte
+uns in den Wald hinein, in dessen Tiefe wir einen starken, aus gefällten
+Bäumen errichteten Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche
+Hütten liegen sahen, die nur aus Stangen, Ästen und Laubwerk
+hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine schmale Öffnung gelassen
+worden, die uns den Eingang gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte
+von Kindern sich zwischen den Hütten und Bäumen umhertummeln, während
+die Erwachsenen, sowohl Männer als Frauen, damit beschäftigt waren, den
+Verhau zu vergrößern und zu befestigen. Auf einer der größten Hütten saß
+ein Mann. Es war der Häuptling, der diesen höheren Platz eingenommen
+hatte, um einen freieren Überblick zu haben und die Arbeit besser
+dirigieren zu können. Als er meinen Begleiter erblickte, sprang er herab
+und kam uns entgegen.
+
+»Kjeïr ati; Chode dáuleta ta mazen b'ket -- sei willkommen; Gott vermehre
+deinen Reichtum!«
+
+Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte einem Weibe, welches
+eine Decke ausbreitete, auf welche wir uns niedersetzten. Mich schien er
+gar nicht zu beachten. Ein Dschesidi wäre auch gegen mich höflich
+gewesen. Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau war, brachte jetzt
+drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus dem Holze eines Indschaz[216]
+geschnitten waren, und ein junges Mädchen trug eine Schüssel auf, in
+welcher Trauben und Honigscheiben lagen. Der Häuptling nahm seinen
+Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet war, vom
+Gürtel, öffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey.
+
+ [216] Pomeranzenbaum.
+
+»Taklif b' ela k' narek, au, beïn ma batal -- mache keine Umstände, die
+unter uns überflüssig sind!« sagte er.
+
+Dabei griff er mit seinen schmutzigen Händen in den Honig, zog sich mit
+den Fingern ein Stück heraus und schob es in den Mund.
+
+Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand.
+
+»Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und dir!« begann er die
+Unterhaltung.
+
+»Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,« lautete die einfache
+Antwort.
+
+»Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?«
+
+»Auch zwischen ihnen.«
+
+»Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind kommt, um dich
+anzugreifen und zu überfallen?«
+
+»Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich dich um Hilfe
+bitten.«
+
+»Und du würdest auch mir helfen, wenn ich dich darum ersuche?«
+
+»Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich es thun.«
+
+»Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?«
+
+»Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien Kurden. Er ist ein
+Räuber, der unsere Herden lichtet und unsere Töchter verkauft.«
+
+»Hast du gehört, daß er uns in Scheik Adi überfallen will?«
+
+»Ich hörte es von meinen Leuten, welche dir als Kundschafter dienten.«
+
+»Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?«
+
+»Du siehst es!« Er deutete dabei mit einer Armbewegung auf die Hütten
+ringsumher. »Wir haben Kalahoni verlassen und uns im Walde Hütten
+gebaut. Nun machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen
+können, wenn die Türken uns angreifen werden.«
+
+»Sie werden euch nicht angreifen.«
+
+»Woher weißt du dies?«
+
+»Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns zu überraschen, so
+müssen sie vorher allen Kampf und Lärm vermeiden. Sie werden also dein
+Gebiet sehr ruhig durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen
+Weg vermeiden und durch die Wälder gehen, um die Höhe von Scheik Adi
+unbemerkt zu erreichen.«
+
+»Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.«
+
+»Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie auch über euch
+herfallen.«
+
+»Du wirst dich nicht besiegen lassen.«
+
+»Willst du mir dazu verhelfen?«
+
+»Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine Krieger nach Scheik
+Adi senden?«
+
+»Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um ohne Hilfe mit den Türken
+fertig zu werden. Du sollst nur deine Krieger verbergen und die Türken
+ruhig ziehen lassen, damit sie sich für sicher halten.«
+
+»Ihnen folgen soll ich nicht?«
+
+»Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschließen, daß sie nicht
+wieder zurück können. Auf der zweiten Höhe zwischen hier und Scheik Adi
+ist der Paß so schmal, daß nur zwei Männer neben einander gehen können.
+Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst du mit zwanzig Kriegern
+tausend Türken töten.«
+
+»Ich werde es thun. Aber was giebst du mir dafür?«
+
+»Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so daß ich sie allein besiege, sollst
+du fünfzig Gewehre erhalten; hast du aber mit ihnen zu kämpfen, so gebe
+ich dir hundert Türkenflinten, wenn du dich tapfer hältst.«
+
+»Hundert Türkenflinten!« rief der Häuptling begeistert. Er fuhr mit
+größter Eile in den Honig und steckte sich ein solches Stück davon in
+den Mund, daß ich glaubte, es müsse ihn erwürgen. »Hundert
+Türkenflinten!« wiederholte er kauend. »Wirst du Wort halten?«
+
+»Habe ich dich bereits einmal belogen?«
+
+»Nein. Du bist mein Bruder, mein Gefährte, mein Freund, mein
+Kampfgenosse, und ich glaube dir. Ich werde mir die Gewehre verdienen!«
+
+»Du kannst sie dir aber nur dann verdienen, wenn du die Türken bei ihrem
+Kommen ungestört ziehen lässest.«
+
+»Sie sollen keinen von meinen Männern sehen!«
+
+»Und sie dann hinderst, zurückzukehren, wenn es mir nicht gelingen
+sollte, sie zu umzingeln und festzuhalten.«
+
+»Ich werde nicht nur den Paß, sondern auch die Seitenthäler besetzen,
+damit sie weder rechts noch links, weder vor- noch rückwärts können!«
+
+»Daran thust du wohl. Doch will ich nicht haben, daß viel Blut vergossen
+werde. Die Soldaten können nichts dafür, sie müssen dem Gouverneur
+gehorchen; und wenn wir grausam sind, so ist der Padischah zu Stambul
+mächtig genug, ein großes Heer zu senden, welches uns vernichten kann.«
+
+»Ich verstehe dich. Ein guter Feldherr muß Gewalt und auch List
+anzuwenden verstehen. Dann kann er mit einem kleinen Gefolge ein großes
+Heer besiegen. Wann werden die Türken kommen?«
+
+»Sie werden es so einrichten, daß sie beim Anbruche des morgenden Tages
+Scheik Adi überfallen können.«
+
+»Die Überrumpelung sollen sie selbst haben. Ich weiß, daß du ein
+tapferer Krieger bist. Du wirst es den Türken ganz ebenso machen, wie es
+da unten in der Ebene die Haddedihn-Schammar ihren Feinden gemacht
+haben.«
+
+»Du hast davon gehört?«
+
+»Wer sollte dies nicht wissen? Die Kunde von solchen Heldenthaten
+verbreitet sich schnell über Berg und Thal. Mohammed Emin hat seinen
+Tribus zum reichsten Stamm gemacht.«
+
+Ali Bey lächelte mir heimlich zu und meinte dann:
+
+»Es ist eine schöne That, Tausende gefangen zu nehmen, ohne daß ein
+Kampf stattfindet.«
+
+»Diese That wäre Mohammed Emin nicht gelungen. Er ist stark und tapfer;
+aber er hat einen fremden Feldherrn bei sich gehabt.«
+
+»Einen fremden?« fragte der schlaue Bey.
+
+Ihn ärgerte jedenfalls die Nichtbeachtung, die mir von seiten des
+Häuptlings widerfahren war, und er ergriff nun die Gelegenheit, ihn zu
+beschämen. Dabei konnte es natürlich auf ein Übermaß von Lob gar nicht
+ankommen.
+
+»Ja, einen fremden,« antwortete der Häuptling. »Weißt du das noch
+nicht?«
+
+»Erzähle es!«
+
+Und der Kurde that es in folgender Weise:
+
+»»Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, saß vor seinem Zelte, um Rat
+zu halten mit den Ältesten seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf,
+und ein Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der Alten
+die Erde berührte.
+
+»Sallam aaleïkum!« grüßte er.
+
+»Aaleïkum sallah!« antwortete Mohammed Emin. »Fremdling, wer bist du,
+und woher kommst du?«
+
+Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht; er selber aber trug ein
+Panzerhemd, Arm- und Beinschienen und einen Helm aus gediegenem Golde.
+Um seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri des Paradieses
+gewebt hatten; denn tausend lebendige Sterne kreiseten in seinen
+Maschen. Der Schaft seiner Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze
+leuchtete wie der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die
+Bärte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch funkelte wie
+Diamant, und sein Schwert konnte Stahl und Eisen zermalmen.
+
+»Ich bin der Feldherr eines fernen Landes,« antwortete der Glänzende.
+»Ich liebe dich und hörte vor einer Stunde, daß dein Stamm ausgerottet
+werden soll. Darum setzte ich mich auf mein Roß, welches zu fliegen
+vermag, wie der Gedanke des Menschen, und eilte herbei, dich zu warnen.«
+
+»Wer ist es, der meinen Stamm ausrotten will?« fragte Mohammed.
+
+Der Himmlische nannte die Namen der Feinde.
+
+»Weißt du dies gewiß?«
+
+»Mein Schild sagt mir alles, was auf Erden geschieht. Blicke her!«
+
+Mohammed sah auf den goldenen Schild. In der Mitte desselben war ein
+Karfunkel, fünfmal größer als die Hand eines Mannes, und in diesem sah
+er alle seine Feinde, wie sie sich versammelten, um gegen ihn zu ziehen.
+
+»Welch ein Heer!« rief er. »Wir sind verloren!«
+
+»Nein, denn ich werde dir helfen,« antwortete der Fremde. »Versammle
+alle deine Krieger um das Thal der Stufen und warte, bis ich dir die
+Feinde bringe!«
+
+Er gab hierauf seinem Pferde ein Zeichen, worauf es wieder emporstieg
+und hinter der Wolke verschwand. Mohammed Emin aber wappnete sich und
+die Seinen und zog nach dem Thale der Stufen, welches er rundum
+besetzte, sodaß die Feinde wohl hinein, aber nicht wieder heraus
+konnten. Am andern Morgen kam der fremde Held geritten. Er leuchtete wie
+hundert Sonnen, und dieses Licht blendete die Feinde, sodaß sie die
+Augen schlossen und ihm folgten mitten in das Thal der Stufen hinein.
+Dort aber kehrte er seinen Schild um; der Glanz wich von ihm, und sie
+öffneten die Augen. Da sahen sie sich in einem Thale, aus dem es keinen
+Ausweg gab, und mußten sich ergeben. Mohammed Emin tötete sie nicht;
+aber er nahm ihnen einen Teil ihrer Herden und forderte einen Tribut von
+ihnen, den sie jährlich geben müssen, so lange die Erde steht.««
+
+So erzählte der Kurde und schwieg nun.
+
+»Und was geschah mit dem fremden Feldherrn?« fragte der Bey.
+
+»Sallam aaleïkum!« sprach er; »dann erhob sich sein schwarzes Roß in die
+Wolken, und er verschwand,« lautete die Antwort.
+
+»Diese Geschichte ist sehr schön zu hören; aber weißt du auch, ob sie
+wirklich geschehen ist?«
+
+»Sie ist geschehen. Fünf Männer vom Dschelu waren zu derselben Zeit in
+Salamijah gewesen, wo es von den Haddedihn erzählt wurde. Sie kamen hier
+vorüber und berichteten es mir und meinen Leuten.«
+
+»Du hast recht; diese Geschichte ist geschehen, aber anders, als du sie
+vernommen hast. Willst du das schwarze Roß des Seraskiers sehen?«
+
+»Herr, das ist nicht möglich!«
+
+»Es ist möglich, denn es steht in der Nähe.«
+
+»Wo?«
+
+»Dort der Rapphengst ist es.«
+
+»Du scherzest, Bey!«
+
+»Ich scherze nicht, sondern ich sage dir die Wahrheit.«
+
+»Das Pferd ist herrlich, wie ich noch keines gesehen habe, aber es ist
+ja das Roß dieses Mannes!«
+
+»Und dieser Mann ist der fremde Seraskier, von dem du erzählt hast.«
+
+»Unmöglich!« -- Er machte vor Erstaunen den Mund so weit auf, daß man die
+ausgiebigsten zahnärztlichen Beobachtungen und Operationen hätte
+vornehmen können.
+
+»Unmöglich, sagst du? Habe ich dich einmal belogen? Ich sage dir noch
+einmal, daß er es wirklich ist!«
+
+Die Augen und Lippen des Häuptlings öffneten sich immer weiter; er
+starrte mich wie sinnlos an und streckte ganz unwillkürlich seine Hand
+nach dem Honig aus, kam aber daneben und griff in den Tabaksbeutel.
+Ohne dies zu bemerken, langte er zu und schob eine ziemliche Portion des
+narkotischen Krautes zwischen seine weißglänzenden Zähne hinein. Ich
+hatte diesen Tabak sehr in Verdacht, alles andere, aber nur kein Tabak
+zu sein, und jedenfalls hatte ich da ganz richtig vermutet; denn er
+brachte im Momente eine so schnelle krampfhebende Wirkung hervor, daß
+der Häuptling augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten
+Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte.
+
+»Katera peghamber -- um des Propheten willen! Ist er es wirklich?« fragte
+er noch einmal, und zwar in der äußersten Bestürzung.
+
+»Ich habe es dir bereits versichert!« antwortete der Angenetzte, indem
+er sich mit dem Zipfel seines Kleides das Angesicht reinigte.
+
+»O Seraskier,« wandte sich der Mann jetzt zu mir; »atina ta,
+inschiallah, keïrah -- gebe Gott, daß uns dein Besuch Glück bringe!«
+
+»Er bringt dir Glück, das verspreche ich dir!« antwortete ich.
+
+»Dein Roß ist hier, das schwarze,« fuhr er fort, »aber wo ist dein
+Schild mit dem Karfunkel, dein Panzer, dein Helm, deine Lanze, dein
+Säbel?«
+
+»Höre, was ich dir sage! Ich bin der fremde Krieger, welcher bei
+Mohammed Emin gewesen ist, aber ich stieg nicht vom Himmel herab. Ich
+komme aus einem fernen Lande, aber ich bin nicht der Seraskier
+desselben. Ich habe nicht goldene und silberne Waffen gehabt, aber hier
+siehst du Waffen, wie ihr sie nicht habt, und mit denen ich mich vor
+vielen Feinden nicht zu fürchten brauche. Soll ich dir zeigen, wie sie
+schießen?«
+
+»Sere ta, Ser babe ta, Ser hemscher ta Ali Bey -- bei deinem Haupte, beim
+Haupte deines Vaters und beim Haupte deines Freundes Ali Bey, thue es
+nicht!« bat er erschrocken. »Du hast die Rüstung, die Lanze, den Schild
+und das Schwert von dir gelegt, um diese Waffen zu gebrauchen, die
+vielleicht noch viel gefährlicher sind. Nezanum zïeh le dem -- ich weiß
+nicht, was ich dir geben soll; aber versprich mir, daß du mein Freund
+sein willst!«
+
+»Was kann es nützen, wenn du mein Freund wirst? In deinem Lande giebt es
+ein Sprichwort, welches lautet: 'Dischmini be aquil schi yari be aquil
+tschitire -- ein Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne
+Verstand.'«
+
+»Bin ich unverständig gewesen, Herr?«
+
+»Weißt du nicht, daß man einen Gast begrüßen muß, zumal wenn er mit
+einem Freunde kommt?«
+
+»Du hast recht, Herr! Du strafst mich mit einem Sprichworte; erlaube,
+daß ich dir mit einem andern antworte: 'Betschuk lasime thabe 'i mesinan
+bebe -- der Kleine muß dem Großen gehorsam sein.' Sei du der Große; ich
+werde dir gehorchen!«
+
+»Gehorche zunächst meinem Freunde Ali Bey! Er wird siegen, und deine
+Türkenflinten sind dir dann gewiß.«
+
+»Du zürnst? Verzeihe mir! Ser sere men; bu kalmeta ta siuh taksir nakem
+-- bei meinem Haupte; um dir zu dienen, werde ich nichts sparen. Nimm
+diese Trauben und iß; nimm diesen Tabak und rauche!«
+
+»Wir danken dir,« antwortete Ali Bey, der jedenfalls auch an sauberere
+Genüsse gewöhnt war. »Wir haben vor unserem Aufbruche gegessen und
+dürfen keine Zeit verlieren, nach Scheik Adi zurückzukehren.«
+
+Er erhob sich, und ich that dasselbe. Der Häuptling begleitete uns bis
+an den Pfad und versprach noch einmal, seine Pflicht so vollständig wie
+möglich zu erfüllen. Dann ritten wir denselben Weg zurück, den wir
+gekommen waren.
+
+
+
+
+Druck der Hoffmann'schen Buchdruckerei in Stuttgart.
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1882 als Band I der Reihe »Carl May's gesammelte
+Reiseromane« erschienenen Erstausgabe in Buchform erstellt. Die Umlaute
+Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Kleinere Unregelmäßigkeiten
+in der Schreibweise wurden beibehalten, einige Inkonsistenzen und
+Satzfehler wurden aber im gewissenhaften Vergleich mit der
+Zeitschriftenfassung (»Deutscher Hausschatz«) verbessert. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+book edition published in 1882 as Volume I of the series »Carl May's
+gesammelte Reiseromane«. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by
+Ä, Ö, Ü. Minor irregularities have been maintained, however some
+spelling inconsistencies and typesetting errors have beein corrected
+based on careful comparison with the magazine edition published earlier
+in »Deutscher Hausschatz«. The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+S. iv: [extra word] beherrscht und und behandelt
+S. 001: [normalized] Dra el Hauna -> Haua
+S. 007: »»Des Weibes Stimme ... Natter.«« -> 'Des ... Natter'
+S. 008: [added quotes] »Ah! Und dennoch nennst du
+S. 011: [normalized] Zwei Pferde und ein Djemmel -> Dschemmel
+S. 013: Alla kerihm, Gott ist gnädig! -> Allah
+S. 013: auf die Hand des Todten fiel -> Toten
+S. 020: »Von Gaffa.« -> Gafsa
+S. 020: daß sie von Gaffa kamen -> Gafsa
+S. 022: in welche eine Name eingraviert war -> ein Name
+S. 025: »Du kommst nicht von Gaffa?« -> Gafsa
+S. 029: zum Scheidan, zum Teufel -> Scheïtan
+S. 032: das mächtige #»Giölgeda padisahnün#« -> padischahnün
+S. 041: Sallam aaleikum, Friede sei mit euch -> aaleïkum
+S. 041: »Aaleikum!« antwortete Sadek -> Aaleïkum
+S. 052: [added period] »Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
+S. 052: [added closing quotes] »Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
+S. 062: als ich noch als Miralei in Stambul stand -> Miralai
+S. 064: [added comma] sofort packen würden, sah aber
+S. 065: [added comma] Ja, er soll erschossen werden
+S. 074: [added quotes] »Er wird mir nicht entfliehen
+S. 078: Mann im Wadi Tarfani getötet hat? -> Tarfaui
+S. 079: der eigentlich Hamd el Amusat -> Amasat
+S. 080: kehrte er nach seiner Zeit -> einer
+S. 080: »Fort, Shidi -- dort reiten!« -> Sihdi
+S. 082: am Giölgeda wekülanün -> wekilanün
+S. 085: der mit Scheidan im Bunde stehe -> Scheïtan
+S. 092: [normalized] Kein Arzt, kein Fakhir -> Fakir
+S. 094: der Erbauer des einsames Hauses -> einsamen
+S. 094: [normalized] in das Selamlück des Hauses -> Selamlük
+S. 096: Gotte gebe dir Frieden -> Gott
+S. 103: uud seine Lippen blau vor Wut -> und
+S. 107: ihm war ich ein nnabweisbarer Eindringling -> unabweisbarer
+S. 113: Wir legten bei dem Kahn an -> langten
+S. 127: [added closing quotes] obgleich er sie Güzela nennt.«
+S. 131: Ausguck nach demseblen gehalten -> demselben
+S. 137: [added closing quotes] Haidi, wohlan!«
+S. 138: [added comma] »Ja, ich konnte nicht weiter.«
+S. 138: mit steineren Platten bedeckt -> steinernen
+S. 139: Ich passirte also die Öffnung -> passierte
+S. 141: Ich schlich näher uud legte die Hände -> und
+S. 142: [normalized] »Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
+S. 143: Wir brauchen also weder die Stange -> brauchten
+S. 144: meist in den Kleideru -> Kleidern
+S. 146: [added period] »Ein Sandal!« meinte Halef.
+S. 149: ausgebessert nnd zusammengeflickt -> und
+S. 154: Allah kehrim, Gott ist gnädig! -> kerihm
+S. 155: Alla ïa Sahtir -> Allah
+S. 157: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
+S. 162: [removed extra comma] mir nebst, Halef und dem Barbier
+S. 165: dem Großwessir in Istambul -> Großwesir
+S. 164: [normalized] einen armen Scheikh -> Scheik
+S. 167: [normalized] an das Recognoscieren -> Rekognoscieren
+S. 190: Aber er besitzt die Hilfe des Scheitan -> Scheïtan
+S. 194: folgte ihm mich gezückter Waffe -> mit gezückter Waffe
+S. 195: ein guter Schütze sei. -> sei?
+S. 198: »Ja, Shidi. Was ist es?« -> Sihdi
+S. 209: die Gegend von Sahna -> Sanah
+S. 213: [normalized] Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
+S. 220: [extra comma removed] Dank der orientalischen Sorglosigkeit, hatte
+S. 222: [normalized] Hamdullillah, Gott sei Dank! -> Hamdulillah
+S. 227: [normalized] oder nach Bassra und Bagdad -> Basra
+S. 238: [added mdash] Gott sei Dank! -- keine Not gelitten
+S. 244: das deutsche Worte 'Lob' -> Wort
+S. 248: Siehst du diesen Bu-djuruldi -> Bu-djeruldi
+S. 249: [normalized] sattle dort die drei Hedschihn -> Hedjihn
+S. 271: »So bin ich jetzt mich euch fertig.« -> mit
+S. 276: ein kleines Döschen ans Papiermaché -> aus
+S. 277: [normalized] weder meinen Haik, noch meine Jacke -> Haïk
+S. 278: [normalized] Das ist ja der Scheitan -> Scheïtan
+S. 279: [normalized] bei Allah, es ist der Scheitan! -> Scheïtan
+S. 279: [normalized] du hast den Scheitan bezwungen -> Scheïtan
+S. 280: [normalized] daß sie den Scheitan gefangen hält -> Scheïtan
+S. 282: zehn Lastkamelen nnd fünfzig Schafen. -> und
+S. 283: die heiligen Gebräuche und kehreu dann sofort -> kehren
+S. 284: [normalized] weil der Scheitan doch lebendig war -> Scheïtan
+S. 284: [normalized] Der gefangene Scheitan war -> Scheïtan
+S. 294: [In Footnote] wie auch wir die Sünden vergessen? -> vergessen.
+S. 308: Rippe genommen nnd -> und
+S. 320: [normalized] Fowlingbull holen -> Fowling-bull
+S. 323: [added period] begann dann auf und ab zu patrouillieren.
+S. 324: [normalized] hingegangen wegen Fowlingbull -> Fowling-bull
+S. 329: die Stelle, welche ich angedeutet habe -> hatte
+S. 334: und wehenden Straußfedern -> Straußenfedern
+S. 334: Werden sie stechen! -> stechen?
+S. 337: nach Tausensenden zählenden -> Tausenden
+S. 349: da Ihr nicht arabisch versteht? -> versteht!
+S. 360: Wann du zurückgekehrt bist -> Wenn
+S. 361: sehr leicht verloren gehen kann. -> kann?
+S. 364: [normalized] Hamdullillah! Preis sei Allah -> Hamdulillah
+S. 365: Alla kehrim, Allah ist gnädig -> Allah kerihm
+S. 374: [added closing quotes] halten die Löwen ihre Zusammenkünfte.«
+S. 375: welches der Vater eines meiner Gefährten -> welcher
+S. 375: [added comma] geräumigen Hütte, welche
+S. 380: Vor zweien? Nein? -> Nein!
+S. 384: [normalized] er gehört Muhammed Emin -> Mohammed
+S. 390: Halt. Wer es wagt -> Halt!
+S. 394: [added closing quotes] Hier doch gar nicht Babylon!«
+S. 395: Ruinen von Khan Kherninn vereinigen -> Khernina
+S. 398: [normalized] Abu Muhammed zu spät eintreffen? -> Abu Mohammed
+S. 401: [normalized] Scheik der Abu Muhammed gesagt -> Abu Mohammed
+S. 403: [added opening quotes] »Dort wird sein äußerster Posten
+S. 403: [added closing quotes] zu treffen sein.«
+S. 407: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
+S. 409: [added closing quotes] »Ich danke dir!«
+S. 410: das letzte Glied unserere Postenkette -> unserer
+S. 412: [deleted extra word] ich auf auf dem Rappen -> auf
+S. 433: [deleted extra quotes] »Wir hatten nicht sehr lange
+S. 435: [normalized] Dieser berühmte Mann ist Esla el Mahem -> Eslah
+S. 441: [normalized] Du siehst, Esla el Mahem -> Eslah
+S. 447: [normalized] Mit ihren Scheiks! Hamdullilah! -> Hamdulillah
+S. 450: die es es jemals hier gegeben hat -> die es jemals
+S. 451: die wissen, wo Ruinen liegen.« -> liegen?«
+S. 455: »Und die drei Männer, welche bei dir sind.« -> sind?
+S. 458: Fowlingsbulls finden! -> Fowling-bulls
+S. 458: [normalized] nach Bagdad, Baßra, Kerkuk -> Basra
+S. 460: [normalized] rechten Ufer lag Kalaat el Dschebber -> Dschebbar
+S. 463: [added closing quotes] »Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
+S. 469: [added closing quotes] »Zwölfhundert.«
+S. 486: [normalized] Nicht nach dem Scheitan -> Scheïtan
+S. 492: wie du schon viele gemordest hast -> gemordet
+S. 494: Er bat mich, ihm trinken zu geben -> ihm zu trinken zu geben
+S. 514: Du steht im Giölgeda padischahnün -> stehst
+S. 518: [normalized] mit dem alten Geißfuße -> Geisfuße
+S. 518: in die Zahnpalissaden -> Zahnpalisaden
+S. 519: Kanonen nnd eine Besatzung -> und
+S. 529: [normalized] des Thales von Scheikh Adi -> Scheik
+S. 536: [normalized] Merd-esch-Scheïtan -> Merd-es-Scheïtan
+S. 536: [added closing quotes] mir oder dem Pascha?«
+S. 539: [normalized] nach Amadija geschickt hatte -> Amadijah
+S. 542: [normalized] Khorsabad, Dscheraijah und Baadri -> Dscherraijah
+S. 554: [added closing quotes] »Sind die Dschesidi Christen?«
+S. 542: [normalized] direkt nach Raban Hormuzd führt -> Rabban
+S. 558: Die Radjahell Scheïtan -> Radjahl el Scheïtan
+S. 559: [normalized] Ihr wollt zu Amad al Ghandur -> el
+S. 560: [normalized] vierten Infanterie-Regimente -> Infanterieregimente
+S. 561: [normalized] zweite Infanterie-Regiment -> Infanterieregiment
+S. 570: [normalized] versuchen, Amad al Ghandur zu finden -> el
+S. 583: harte die Menge meiner -> harrte
+S. 586: Du redest ja Kurmanydschi -> Kurmangdschi
+S. 596: [added closing quotes] »Welches sind die heiligen Instrumente?«
+S. 598: sondern nach Scheid Adi -> Scheik
+S. 605: [normalized] Er befand sich im Selamlik -> Selamlük
+S. 606: [normalized] Ich kehrte in das Selamlik zurück -> Selamlük
+S. 610: [normalized] Bis Dscherajah stehen Posten -> Dscherraijah
+S. 626: Eiu Dschesidi wäre auch -> Ein
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+***** This file should be named 29336-8.txt or 29336-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/9/3/3/29336/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/29336-8.zip b/29336-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..600f631
--- /dev/null
+++ b/29336-8.zip
Binary files differ
diff --git a/29336-h.zip b/29336-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..8483621
--- /dev/null
+++ b/29336-h.zip
Binary files differ
diff --git a/29336-h/29336-h.htm b/29336-h/29336-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..e97cf3d
--- /dev/null
+++ b/29336-h/29336-h.htm
@@ -0,0 +1,29302 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+ <head>
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <title>
+ The Project Gutenberg eBook of Durch W&uuml;ste und Harem, by Karl May
+ </title>
+ <style type="text/css">
+ body {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+ }
+ p {
+ margin-top: .75em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .75em;
+ text-indent: 1em;
+ }
+ h1,h2,h3,h4,h5,h6 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ clear: both;
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ font-weight: normal;
+ }
+
+ h1 {
+ margin-top: 1em;
+ font-size: xx-large;
+ line-height: 125%;
+ }
+ h2 {
+ margin-top: 4em;
+ margin-bottom: 1em;
+ font-size: large;
+ line-height: 200%;
+ }
+ h2 span.caption {
+ font-size: x-large;
+ letter-spacing: 0.3ex;
+ padding-left: 0.3ex;
+ }
+
+ em.gesperrt {
+ letter-spacing: 0.35ex;
+ padding-left: 0.35ex;
+ font-style: normal;
+ }
+ em.antiqua {
+ font-style: italic;
+ }
+
+ hr {
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ clear: both;
+ height: 1px;
+ border: 0;
+ background-color: black;
+ color: black;
+ }
+ hr.printer {
+ width: 5em;
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+
+ p.seriestitle {
+ text-align: center;
+ font-size: medium;
+ margin-top: 1em;
+ text-indent: 0em;
+ line-height: 150%;
+ }
+ p.volume {
+ text-align: center;
+ font-size: medium;
+ margin-top: 0.5em;
+ margin-bottom: 3em;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ p.volumetitle {
+ text-align: center;
+ font-size: x-large;
+ margin-top: 1em;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ p.subtitle {
+ text-align: center;
+ font-size: large;
+ margin-top: 3em;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ p.writtenby {
+ text-align: center;
+ margin-top: 1.5em;
+ margin-bottom: 1.5em;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ p.author {
+ font-size: x-large;
+ text-align: center;
+ letter-spacing: 0.35ex;
+ padding-left: 0.35ex;
+ margin-bottom: 3em;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ p.publisher {
+ font-size: medium;
+ line-height: 175%;
+ margin-top: 4em;
+ margin-bottom: 6em;
+ text-align: center;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ p.copyright {
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 3em;
+ font-size: medium;
+ text-align: center;
+ letter-spacing: 0.35ex;
+ padding-left: 0.35ex;
+ }
+ p.printer {
+ text-align: center;
+ font-size: smaller;
+ }
+
+ .dropcap {
+ font-size: x-large;
+ line-height: 100%;
+ }
+
+ table {
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ }
+ table.toc {
+ font-size: medium;
+ width: 55ex;
+ line-height: 160%;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 1em;
+ }
+ table.toc td {
+ text-align: left;
+ }
+ table.toc td.onpage {
+ padding-left: 2em;
+ vertical-align: bottom;
+ text-align: right;
+ text-indent: 0em;
+ }
+
+ div.note {
+ margin: 4em 10% 0 10%;
+ padding: 1em;
+ border: 1px dashed black;
+ color: inherit;
+ background-color: #F0F8FF;
+ font-size: smaller;
+ }
+ div.note p {
+ margin-top: 0em;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ div.footnote p {
+ text-indent: 0em;
+ }
+
+ ul {
+ list-style: none;
+ margin-left: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ padding-left: 1.5em;
+ text-indent: -1.5em;
+ }
+
+ .invisible {
+ visibility: hidden;
+ }
+ .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ position: absolute;
+ right: 1%;
+ font-size: x-small;
+ font-weight: normal;
+ font-style: normal;
+ text-align: right;
+ text-indent: 0em;
+ color: gray;
+ background-color: inherit;
+ }
+
+ a:link {
+ text-decoration: none;
+ color: rgb(10%,30%,60%);
+ background-color: inherit;
+ }
+ a:visited {
+ text-decoration: none;
+ color: rgb(10%,30%,60%);
+ background-color: inherit;
+ }
+ a:hover {
+ text-decoration: underline;
+ }
+ a:active {
+ text-decoration: underline;
+ }
+
+ .center {
+ text-align: center;
+ }
+ .address {
+ text-indent: 2em;
+ }
+ .signature {
+ text-align: right;
+ padding-right: 10%;
+ margin-top: 0em;
+ font-size: large;
+ }
+
+ .smaller {font-size: smaller;}
+
+ .footnote {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+ font-size: smaller;
+ }
+ .footnote .label {
+ position: absolute;
+ right: 84%;
+ text-align: right;
+ }
+ .fnanchor {
+ vertical-align: baseline;
+ font-size: 80%;
+ position: relative;
+ top: -.4em;
+ }
+
+ .poem {
+ margin-left:10%;
+ margin-right:10%;
+ text-align: left;
+ }
+ .poem br {
+ display: none;
+ }
+ .poem .stanza {
+ margin: 1em 0em 1em 0em;
+ }
+ .poem span.i0 {
+ display: block;
+ margin-left: 0em;
+ padding-left: 3em;
+ text-indent: -3em;
+ }
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Durch Wüste und Harem
+ Gesammelte Reiseromane, Band I
+
+Author: Karl May
+
+Release Date: July 6, 2009 [EBook #29336]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+
+<p><span class="invisible pagenum"><a name="Page_i" id="Page_i">[i]</a></span></p>
+
+<p class="seriestitle">Carl May&#8217;s
+gesammelte Reiseromane.</p>
+
+<p class="volume">Band I:</p>
+
+<!-- <p class="volumetitle">Durch W&uuml;ste und Harem.</p> -->
+
+
+<!-- <p class="publisher">Freiburg i.&nbsp;B.<br /> -->
+<!-- <em class="gesperrt">Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.</em></p> -->
+
+<p><span class="invisible pagenum"><a name="Page_ii" id="Page_ii">[ii]</a></span></p>
+
+<h1><span class="smaller">Durch</span><br />
+W&uuml;ste und Harem</h1>
+
+
+<p class="subtitle">Reiseerlebnisse</p>
+
+<p class="writtenby">von</p>
+
+<p class="author">Carl May.</p>
+
+
+<p class="publisher">Freiburg i.&nbsp;B.<br />
+<em class="gesperrt">Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.</em></p>
+
+
+
+
+<h2><span class="invisible pagenum"><a name="Page_iii" id="Page_iii">[iii]</a></span>
+<a name="Inhalt_des_ersten_Bandes" id="Inhalt_des_ersten_Bandes"></a>Inhalt des ersten Bandes.</h2>
+
+
+<div class="center">
+<table class="toc" summary="Inhalt">
+<tr><td></td><td class="onpage" style="font-size: 90%">Seite</td></tr>
+<tr><td><a href="#Erstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Erstes Kapitel.</em> Ein Todesritt</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_1">1</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Zweites_Kapitel"><em class="gesperrt">Zweites Kapitel.</em> Vor Gericht</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Drittes_Kapitel"><em class="gesperrt">Drittes Kapitel.</em> Im Harem</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_83">83</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Viertes_Kapitel"><em class="gesperrt">Viertes Kapitel.</em> Eine Entf&uuml;hrung</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_131">131</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Fuenftes_Kapitel"><em class="gesperrt">F&uuml;nftes Kapitel.</em> Abu-Se&iuml;f</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_169">169</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Sechstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel.</em> Wieder frei</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_212">212</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Siebentes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel.</em> In Mekka</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_275">275</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Achtes_Kapitel"><em class="gesperrt">Achtes Kapitel.</em> Am Tigris</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_316">316</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Neuntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Neuntes Kapitel.</em> Auf Kundschaft</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_371">371</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Zehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zehntes Kapitel.</em> Der Sieg</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_427">427</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Elftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Elftes Kapitel.</em> Bei den Teufelsanbetern</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_496">496</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Zwoelftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zw&ouml;lftes Kapitel</em>. Das gro&szlig;e Fest</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_589">589</a></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p class="copyright">Alle Rechte vorbehalten.</p>
+
+
+
+<h2><span class="invisible pagenum"><a name="Page_iv" id="Page_iv">[iv]</a></span>
+<span class="caption"><a name="Vorwort" id="Vorwort"></a>Vorwort.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">S</span>elbst ein treuer Leser von <em class="antiqua">Dr.</em> Karl May, erging
+es mir stets wie allen Andern, welche seine Reisewerke
+kennen: ich konnte das Erscheinen einer von ihm angek&uuml;ndigten
+neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gr&uuml;nde
+dieser Ungeduld, welche ich bei der Lekt&uuml;re keines andern
+Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern
+beobachtet habe, sind einesteils in den hochinteressanten
+Sujets, welche er w&auml;hlt, und andernteils in der originellen
+und meisterhaften Weise, in welcher er sie beherrscht und
+behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne
+Leben, ohne innere und &auml;u&szlig;ere Bewegung. Er empfindet,
+denkt und berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen
+und zwingt den Leser, mit ihm zu f&uuml;hlen, mit
+ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt sich so in
+ihn hinein, da&szlig; man ganz und vollst&auml;ndig sein Eigen
+wird.</p>
+
+<p>Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine
+Werke besitzen. Er ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen,
+<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_v" id="Page_v">[v]</a></span> -->ein Missionar, ein Prediger der Gottes- und der N&auml;chstenliebe,
+doch besteht seine Predigt nicht in Worten, sondern
+in Thaten. Wie k&ouml;stlich ist&#8217;s, da&szlig; sein treuer Hadschi
+Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schlie&szlig;lich
+doch selbst Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Z&uuml;gen
+wird man fast auf jeder Seite begegnen.</p>
+
+<p>Am liebsten m&ouml;chte ich, anstatt ein Vorwort zu
+schreiben, gleich beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes
+zu erz&auml;hlen. Da mir dies aber nicht gestattet ist, so mag
+der freundliche Leser mit der n&auml;chsten Seite beginnen.
+Ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; er erst dann aufh&ouml;ren wird, wenn
+er bei der letzten angekommen ist.</p>
+
+<p class="address"><em class="gesperrt">Freiburg</em> i. Baden.</p>
+<p class="signature">Der Herausgeber und Verleger.</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>
+<a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Ein Todesritt.</span></h2>
+
+
+<p>&raquo;<span class="dropcap">U</span>nd ist es wirklich wahr, Sihdi<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, da&szlig; du ein Giaur
+bleiben willst, ein Ungl&auml;ubiger, welcher ver&auml;chtlicher ist als
+ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes
+fri&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Herr.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, ich hasse die Ungl&auml;ubigen und g&ouml;nne es
+ihnen, da&szlig; sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen,
+wo der Teufel wohnt; aber dich m&ouml;chte ich retten
+vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird,
+wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen
+Zeugnisse, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als
+andere Sihdis, denen ich gedient habe, und darum werde
+ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit
+dem ich in den Schluchten und Kl&uuml;ften des Dschebel Aures
+herumgekrochen und dann nach dem Dra el Haua heruntergestiegen
+war, um &uuml;ber den Dschebel Tarfaui nach Seddada,
+Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten
+aus ein Weg &uuml;ber den ber&uuml;chtigten Schott Dscherid nach
+Fetnassa und Kbilli f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Halef war ein eigent&uuml;mliches Kerlchen. Er war so
+klein, da&szlig; er mir kaum bis unter die Arme reichte, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>dabei so hager und d&uuml;nn, da&szlig; man h&auml;tte behaupten m&ouml;gen,
+er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den L&ouml;schpapierbl&auml;ttern
+eines Herbariums in fortw&auml;hrender Pressung gelegen.
+Dabei verschwand sein Gesichtchen vollst&auml;ndig unter
+einem Turban, der drei volle Fu&szlig; im Durchmesser hatte,
+und sein einst wei&szlig; gewesener Burnus, welcher jetzt in
+allen m&ouml;glichen Fett- und Schmutznuancen schimmerte, war
+jedenfalls f&uuml;r einen weit gr&ouml;&szlig;eren Mann gefertigt worden,
+so da&szlig; er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und
+nun gehen wollte, empornehmen mu&szlig;te wie das Reitkleid
+einer Dame. Aber trotz dieser &auml;u&szlig;eren Unansehnlichkeit
+mu&szlig;te man allen Respekt vor ihm haben. Er besa&szlig; einen
+ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und
+eine Ausdauer, welche ihn die gr&ouml;&szlig;ten Beschwerden &uuml;berwinden
+lie&szlig;. Und da er auch au&szlig;erdem alle Dialekte sprach,
+welche zwischen dem Wohnsitze der U&euml;lad Bu Seba und
+den Nilm&uuml;ndungen erklingen, so kann man sich denken, da&szlig;
+er meine vollste Zufriedenheit besa&szlig;, so da&szlig; ich ihn mehr
+als Freund denn als Diener behandelte.</p>
+
+<p>Eine Eigenschaft besa&szlig; er nun allerdings, welche mir
+zuweilen recht unbequem werden konnte: er war ein fanatischer
+Muselmann und hatte aus Liebe zu mir den Entschlu&szlig;
+gefa&szlig;t, mich zum Islam zu bekehren. Eben jetzt
+hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen,
+und ich h&auml;tte lachen k&ouml;nnen, so komisch sah er
+dabei aus.</p>
+
+<p>Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und
+meine F&uuml;&szlig;e schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte
+sich, um seine Figur zu unterst&uuml;tzen, eine alte, d&uuml;rre, aber
+himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute ausgew&auml;hlt und sa&szlig;
+also so hoch, da&szlig; er zu mir herniederblicken konnte. W&auml;hrend
+der Unterhaltung war er &auml;u&szlig;erst lebhaft; er wedelte mit
+den b&uuml;gellosen Beinen, gestikulierte mit den d&uuml;nnen, braunen
+<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>&Auml;rmchen und versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes
+Mienenspiel Nachdruck zu geben, da&szlig; ich alle M&uuml;he
+hatte, ernst zu bleiben.</p>
+
+<p>Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr
+er fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem
+Tode ergehen wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie m&ouml;gen
+Moslemim, Christen, Juden oder etwas Anderes sein, in
+den Barzakh.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der
+Auferstehung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall
+der Posaunen erweckt, denn el Jaum el aakhar, der j&uuml;ngste
+Tag, und el Akhiret, das Ende, sind gekommen, wo dann
+alles zu Grunde geht, au&szlig;er el Kuhrs, der Sessel Gottes,
+er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam,
+die Tafel und die Feder der g&ouml;ttlichen Vorherbestimmung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter wird nichts mehr bestehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das Paradies und die H&ouml;lle?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich,
+was ich vergessen habe, und daher ist es jammerschade,
+da&szlig; du ein verfluchter Giaur bleiben willst. Aber ich
+schw&ouml;re es bei meinem Barte, da&szlig; ich dich bekehren werde,
+du magst wollen oder nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende
+Falten, zupfte sich an den sieben Fasern seines Kinns,
+zerrte an den acht Spinnenf&auml;den rechts und an den neun
+Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum Bart
+genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die H&ouml;he
+und fuhr mit der freien andern Hand der Stute so kr&auml;ftig
+<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>in die M&auml;hne, als sei sie der Teufel, dem ich entrissen
+werden sollte.</p>
+
+<p>Das so grausam aus seinem Nachdenken gest&ouml;rte Tier
+machte einen Versuch, vorn emporzusteigen, besann sich aber
+sofort auf die Ehrw&uuml;rdigkeit seines Alters und lie&szlig; sich
+in seinen Gleichmut stolz zur&uuml;ckfallen. Halef aber setzte
+seine Rede fort:</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die
+H&ouml;lle, m&uuml;ssen auch mit bleiben, denn wohin sollten die
+Seligen und die Verdammten sonst kommen? Vorher aber
+m&uuml;ssen die Auferstandenen &uuml;ber die Br&uuml;cke Ssirath, welche
+&uuml;ber den Teich Handh f&uuml;hrt und so schmal und scharf ist,
+wie die Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast noch Eins vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Erscheinen des Deddschel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle
+heiligen B&uuml;cher und willst dich nicht zur wahren Lehre
+bekehren! Aber trage nur keine Sorge; ich werde einen
+gl&auml;ubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte
+wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den
+Antichrist nennen, nicht wahr, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann wird &uuml;ber jeden das Buch Kitab aufgeschlagen,
+in welchem seine guten und b&ouml;sen Thaten verzeichnet stehen,
+und die Hisab gehalten, die Musterung seiner Handlungen,
+welche &uuml;ber f&uuml;nfzigtausend Jahre w&auml;hrt, eine Zeit, welche
+den Guten wie ein Augenblick vergehen, den B&ouml;sen aber
+wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm,
+das Abwiegen aller menschlichen Thaten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nachher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit &uuml;berwiegenden
+guten Werken kommen in das Paradies, die
+<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>ungl&auml;ubigen S&uuml;nder aber in die H&ouml;lle, w&auml;hrend die s&uuml;ndigen
+Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden.
+Du siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn
+du mehr gute als b&ouml;se Thaten verrichtest. Aber du
+sollst gerettet werden, du sollst mit mir in das Dschennet,
+in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren,
+du magst wollen oder nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so
+energisch mit den Beinen, da&szlig; die alte Hassi-Ferdschahn-Stute
+ganz verwundert die Ohren spitzte und mit den
+gro&szlig;en Augen nach ihm zu schielen versuchte.</p>
+
+<p>&raquo;Und was harrt meiner in eurer H&ouml;lle?&laquo; fragte
+ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige
+Feuer; dort flie&szlig;en B&auml;che, welche so sehr stinken, da&szlig; der
+Verdammte trotz seines gl&uuml;henden Durstes nicht aus ihnen
+trinken mag, und dort stehen f&uuml;rchterliche B&auml;ume, unter
+ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen
+Teufelsk&ouml;pfe wachsen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Brrrrrrr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher
+der Dschehenna ist der Strafengel Thabek. Sie hat sieben
+Abteilungen, zu denen sieben Thore f&uuml;hren. Im Dschehennem,
+der ersten Abteilung, m&uuml;ssen die s&uuml;ndhaften
+Moslemim b&uuml;&szlig;en so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha,
+die zweite Abteilung, ist f&uuml;r die Christen, Hothama, die
+dritte Abteilung, f&uuml;r die Juden, Sair, die vierte, f&uuml;r
+die Sabier, Sakar, die f&uuml;nfte, f&uuml;r die Magier und Feueranbeter,
+und Gehim, die sechste, f&uuml;r alle, welche G&ouml;tzen
+oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung,
+welche auch Derk Asfal genannt wird, ist die
+allertiefste und f&uuml;rchterlichste; sie wird alle Heuchler aufnehmen.
+In allen diesen Abteilungen werden die Verdammten
+<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>von b&ouml;sen Geistern durch Feuerstr&ouml;me geschleppt,
+und dabei m&uuml;ssen sie vom Baume Zakum die Teufelsk&ouml;pfe
+essen, welche dann ihre Eingeweide zerbei&szlig;en und zerfleischen.
+O, Effendi, bekehre dich zum Propheten, damit
+du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken
+brauchst!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sch&uuml;ttelte den Kopf und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Dann komme ich in unsere H&ouml;lle, welche ebenso
+entsetzlich ist wie die eurige.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim
+Propheten und allen Kalifen, da&szlig; du in das Paradies
+kommen wirst. Soll ich es dir beschreiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thue es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Dschennet liegt &uuml;ber den sieben Himmeln und
+hat acht Thore. Zuerst kommst du an den gro&szlig;en Brunnen
+Hawus Kewser, aus welchem hunderttausende Selige zugleich
+trinken k&ouml;nnen. Sein Wasser ist wei&szlig;er als Milch,
+sein Geruch k&ouml;stlicher als Moschus und Myrrha, und an
+seinem Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen,
+welche mit Diamanten und Steinen besetzt sind. Dann
+kommst du an Orte, wo die Seligen auf golddurchwirkten
+Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen J&uuml;nglingen
+und ewig jungen Houris k&ouml;stliche Speisen und Getr&auml;nke.
+Ihr Ohr wird ohne Aufh&ouml;ren von den Ges&auml;ngen des
+Engels Israfil entz&uuml;ckt und von den Harmonien der
+B&auml;ume, in denen Glocken h&auml;ngen, welche ein vom Throne
+Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig
+Ellen lang und immerfort grad drei&szlig;ig Jahre alt. Unter
+allen B&auml;umen aber ragt hervor der Tubah, der Baum
+der Gl&uuml;ckseligkeit, dessen Stamm im Palaste des gro&szlig;en
+Propheten steht und dessen &Auml;ste in die Wohnungen der
+Seligen reichen, wo an ihnen alles h&auml;ngt, was zur Seligkeit
+erforderlich ist. Aus den Wurzeln des Baumes
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>Tubah entspringen alle Fl&uuml;sse des Paradieses, in denen
+Milch, Wein, Kaffee und Honig str&ouml;mt.&laquo;</p>
+
+<p>Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung mu&szlig; ich
+bemerken, da&szlig; Muhammed aus der christlichen Anschauung
+gesch&ouml;pft und dieselbe f&uuml;r seine Nomadenhorden umgemodelt
+hat. Halef blickte mich jetzt mit einem Gesichte
+an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war,
+da&szlig; mich seine Beschreibung des Paradieses &uuml;berw&auml;ltigt
+haben werde.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was meinst du jetzt?&laquo; fragte er, als ich schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dir aufrichtig sagen, da&szlig; ich nicht sechzig
+Ellen lang werden mag; auch mag ich von den Houris
+nichts wissen, denn ich bin ein Feind aller Frauen und
+M&auml;dchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; fragte er ganz erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Weil der Prophet sagt: &#8250;Des Weibes Stimme ist
+wie der Gesang des B&uuml;lb&uuml;l<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, aber ihre Zunge ist voll
+Gift wie die Zunge der Natter.&#8249; Hast du das noch
+nicht gelesen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Nachtigall.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich habe es gelesen.&laquo;</p>
+
+<p>Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten
+seines eigenen Propheten geschlagen. Dann fragte er mit
+etwas weniger Zuversichtlichkeit:</p>
+
+<p>&raquo;Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit sch&ouml;n? Du
+brauchst ja keine Houri anzusehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bleibe ein Christ!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa
+Allah, we Muhammed Resul Allah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es schwerer, zu beten: Ja abana &#8217;Iledsi, fi &#8217;s
+&ndash; semavati, jata &ndash; haddeso &#8217;smoka?&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mich zornig an.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>&raquo;Ich wei&szlig; es wohl, da&szlig; Isa Ben Marryam, den
+ihr Jesus nennt, euch dieses Gebet gelehrt hat; ihr
+nennt es das Vaterunser. Du willst mich stets zu deinem
+Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, da&szlig; du
+mich zu einem Abtr&uuml;nnigen vom Tauhid, dem Glauben
+an Allah, machen wirst!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche
+den meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich
+von der Fruchtlosigkeit desselben vollst&auml;ndig &uuml;berzeugt, aber
+es war das einzige Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen.
+Das bew&auml;hrte sich auch jetzt wieder.</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; mir meinen Glauben, wie ich dir den
+deinigen lasse!&laquo;</p>
+
+<p>Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich
+hin und brummte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst
+wollen oder nicht. Was ich einmal will, das will ich,
+denn ich bin der Hadschi<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Halef Omar Ben Hadschi
+Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Mekkapilger.</p></div>
+
+<p>&raquo;So bist du also der Sohn Abul Abbas&#8217;, des Sohnes
+Dawud al Gossarah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und beide waren Pilger?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch du bist ein Hadschi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die
+heilige Kaaba gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dawud al Gossarah nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, denn er war einer. Er wohnte am Dschebel
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>Schur-Schum und machte sich als J&uuml;ngling auf die Pilgerreise.
+Er kam gl&uuml;cklich &uuml;ber el Dschuf, das man den
+Leib der W&uuml;ste nennt; dann aber wurde er krank und
+mu&szlig;te am Brunnen Trasah zur&uuml;ckbleiben. Dort nahm
+er ein Weib und starb, nachdem er seinen Sohn Abul
+Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein Pilger,
+zu nennen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und auch er ist ein Hadschi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in
+die Ebene Admar, wo er zur&uuml;ckbleiben mu&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth,
+und liebte sie. Amareh wurde sein Weib und gebar ihm
+Halef Omar, den du hier neben dir siehst. Dann starb
+er. War er nicht ein Hadschi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Aber du selbst warst in Mekka?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nennst dich dennoch einen Pilger!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich
+auf die Pilgerschaft. Ich zog gen Aufgang und Niedergang
+der Sonne; ich ging nach Mittag und nach Mitternacht;
+ich lernte alle Oasen der W&uuml;ste und alle Orte
+&Auml;gyptens kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich
+werde noch dorthin kommen. Bin ich also nicht ein
+Hadschi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich
+einen Hadschi nennen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glich! Doch du wirst auch irgendwo eine sch&ouml;ne
+Jungfrau finden und bei ihr bleiben; deinem Sohne wird
+es ebenso gehen, denn dies scheint euer Kismet zu sein,
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel sagen:
+&raquo;Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth
+Ibn Hadschi Sa&iuml;d al Hamza Ben Hadschi Schehab
+Tofa&iuml;l Ibn Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas
+Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,&laquo; und keiner von all
+diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein
+echter, wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?&laquo;</p>
+
+<p>So ernst er sonst war, er mu&szlig;te dennoch &uuml;ber diese
+kleine, unsch&auml;dliche Malice lachen. Es giebt unter den
+Muhammedanern sehr, sehr Viele, die sich, besonders dem
+Fremden gegen&uuml;ber, als Hadschi geb&auml;rden, ohne die Kaaba
+gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht
+zu haben, in Arafah gewesen und in Minah geschoren und
+rasiert worden zu sein. Mein guter Halef f&uuml;hlte sich geschlagen,
+aber er nahm es mit guter Miene hin.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; fragte er kleinlaut, &raquo;wirst du es ausplaudern,
+da&szlig; ich noch nicht in Mekka war?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du
+wieder anf&auml;ngst, mich zum Islam zu bekehren; sonst aber
+werde ich schweigen. Doch schau, sind das nicht Spuren
+im Sande?&laquo;</p>
+
+<p>Wir waren schon l&auml;ngst in das Wadi<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Tarfaui
+eingebogen und jetzt an eine Stelle desselben gekommen,
+an welcher der W&uuml;stenwind den Flugsand &uuml;ber die hohen
+Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war
+eine sehr deutliche F&auml;hrte zu erkennen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Thal, Schlucht.</p></div>
+
+<p>&raquo;Hier sind Leute geritten,&laquo; meinte Halef unbek&uuml;mmert.</p>
+
+<p>&raquo;So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mich fragend an.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, das ist &uuml;berfl&uuml;ssig. Es ist genug, zu wissen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>da&szlig; Leute hier geritten sind. Weshalb willst du die
+Hufspuren untersuchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor
+sich hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen
+willst, so wirst du unter zwei Monden nicht nach
+Seddada kommen. Was gehen dich die M&auml;nner an, die
+vor uns sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin in fernen L&auml;ndern gewesen, in denen es
+viel Wildnis giebt und wo sehr oft das Leben davon abh&auml;ngt,
+da&szlig; man alle Darb und Ethar, alle Spuren und
+F&auml;hrten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem
+Freunde oder einem Feinde begegnet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann man nicht wissen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg ab. Es waren die F&auml;hrten dreier Tiere
+zu bemerken, eines Kamels und zweier Pferde. Das
+erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie ich an der
+Zierlichkeit seiner Hufeindr&uuml;cke bemerkte. Bei genauer Betrachtung
+fiel mir eine Eigent&uuml;mlichkeit der Spuren auf,
+welche mich vermuten lie&szlig;, da&szlig; das eine der Pferde an
+dem &raquo;Hahnentritte&laquo; leide. Dieses mu&szlig;te meine Verwunderung
+erregen, da ich mich in einem Lande befand,
+dessen Pferdereichtum zur Folge hat, da&szlig; man niemals
+Tiere reitet, welche mit diesem &Uuml;bel behaftet sind. Der
+Besitzer des Rosses war entweder kein oder ein sehr armer
+Araber.</p>
+
+<p>Halef l&auml;chelte &uuml;ber die Sorgfalt, mit welcher ich den
+Sand untersuchte, und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du gesehen, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es waren zwei Pferde und ein Kamel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>Augen; ich habe ganz dasselbe gesehen, ohne da&szlig; ich von
+meinem Tiere zu steigen brauchte. Du willst ein Taleb
+sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, &uuml;ber welche
+ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen w&uuml;rde. Was hilft
+dir nun der Schatz des Wissens, den du hier gehoben hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nun zun&auml;chst, da&szlig; die drei Reiter vor
+ungef&auml;hr vier Stunden hier vor&uuml;bergekommen sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer giebt dir etwas f&uuml;r diese Weisheit? Ihr
+M&auml;nner aus dem Belad er Rumi, aus Europa, seid sonderbare
+Leute!&laquo;</p>
+
+<p>Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem
+ich das tiefste Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor,
+schweigend unsern Weg fortzusetzen.</p>
+
+<p>Wir folgten der F&auml;hrte wohl eine Stunde lang, bis
+wir da, wo das Wadi eine Kr&uuml;mmung machte und wir nun
+um eine Ecke bogen, unwillk&uuml;rlich unsere Pferde anhielten.
+Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns hinter
+einer Sandd&uuml;ne hockten und sich bei unserem Anblick mit
+heiseren Schreien in die L&uuml;fte erhoben.</p>
+
+<p>&raquo;El B&uuml;dj, der Bartgeier,&laquo; meinte Halef. &raquo;Wo er ist,
+da giebt es ganz sicher ein Aas.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,&laquo; antwortete
+ich, indem ich ihm folgte.</p>
+
+<p>Er hatte sein Pferd rascher vorw&auml;rts getrieben, so
+da&szlig; ich hinter ihm zur&uuml;ckgeblieben war. Kaum hatte er
+die D&uuml;ne erreicht, so hielt er mit einem Rucke still und
+stie&szlig; einen Ruf des Schreckens aus.</p>
+
+<p>&raquo;Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist
+das nicht ein Mensch, Sihdi, welcher hier liegt?&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te allerdings bejahend antworten. Es war
+wirklich ein Mann, welcher hier lag, und an dessen Leichnam
+die Geier ihr schauderhaftes Mahl gehalten hatten.
+Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm nieder.
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>Seine Kleidung war von den Krallen der V&ouml;gel zerfetzt.
+Aber lange konnte dieser Ungl&uuml;ckliche noch nicht tot sein,
+wie ich bei der Ber&uuml;hrung sofort f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig! Sihdi, ist dieser Mann
+eines nat&uuml;rlichen Todes gestorben?&laquo; fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und
+das Loch am Hinterhaupte? Er ist ermordet worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat!
+Oder sollte der Tote in einem ehrlichen Kampfe gefallen
+sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er
+das Opfer einer Blutrache. Wir wollen seine Kleider
+untersuchen.&laquo;</p>
+
+<p>Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste,
+bis mein Blick auf die Hand des Toten fiel. Ich bemerkte
+einen einfachen Goldreif von der gew&ouml;hnlichen Form der
+Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite war
+klein, aber deutlich eingegraben: <em class="antiqua">&raquo;E.&nbsp;P. 15. juillet 1830.&laquo;</em></p>
+
+<p>&raquo;Was findest du?&laquo; fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Mann ist kein Ibn Arab<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Araber.</p></div>
+
+<p>&raquo;Was sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Franzose.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen
+beide je einen Ring, in welchem der Name und der Tag
+eingegraben ist, an dem die Ehe geschlossen wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dies ist ein solcher Ring?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber woran erkennst du, da&szlig; dieser Tote zu dem
+Volke der Franken geh&ouml;rt? Er k&ouml;nnte doch ebenso gut
+<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>von den Inglis<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> oder den Nemsi<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> stammen, zu denen
+auch du geh&ouml;rst.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Engl&auml;nder.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Deutschen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Es sind franz&ouml;sische Zeichen, welche ich hier lese.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kann dennoch zu einem anderen Volke geh&ouml;ren.
+Meinst du nicht, Effendi, da&szlig; man einen Ring finden
+oder auch stehlen kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er
+unter seiner Kleidung tr&auml;gt. Es ist dasjenige eines Europ&auml;ers.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat ihn get&ouml;tet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, da&szlig; der
+Boden hier aufgew&uuml;hlt ist vom Kampfe? Bemerkst du
+nicht, da&szlig;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus
+meiner knieenden Stellung erhoben, um den Erdboden zu
+untersuchen, und fand nicht weit von der Stelle, an welcher
+der Tote lag, den Anfang einer breiten Blutspur, welche
+sich seitw&auml;rts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr mit
+schu&szlig;bereitem Gewehre, da die M&ouml;rder sich leicht noch in
+der N&auml;he befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen,
+so stieg mit lautem Fl&uuml;gelschlage ein Geier empor
+und ich bemerkte an dem Orte, von welchem er sich erhoben
+hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust
+klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die H&auml;nde
+bedauernd ineinander.</p>
+
+<p>&raquo;Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn,
+und diese M&ouml;rder, diese Schurken, diese Hunde haben es
+get&ouml;tet!&laquo;</p>
+
+<p>Es war klar, er bedauerte das pr&auml;chtige Reittier
+viel mehr als den toten Franzosen. Als echter Sohn
+der W&uuml;ste, dem der geringste Gegenstand kostbar werden
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>kann, b&uuml;ckte er sich nieder und untersuchte den Sattel
+des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer.</p>
+
+<p>&raquo;Die M&ouml;rder haben bereits alles hinweggenommen,
+Sihdi. M&ouml;gen sie in alle Ewigkeit in der Dschehennah
+braten. Nichts, gar nichts haben sie zur&uuml;ckgelassen, als
+das Kamel &ndash; und die Papiere, welche dort im Sande
+liegen.&laquo;</p>
+
+<p>Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich
+in einer Entfernung von uns allerdings einige mit den
+H&auml;nden zusammengeballte und wohl als unn&uuml;tz weggeworfene
+Papierst&uuml;cke. Sie konnten mir vielleicht einen
+Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben.
+Es waren mehrere Zeitungsbogen. Ich gl&auml;ttete die zusammengeknitterten
+Fetzen und pa&szlig;te sie genau aneinander.
+Ich hatte zwei Seiten der <em class="antiqua">&raquo;Vigie alg&eacute;rienne&laquo;</em> und ebenso
+viel vom <em class="antiqua">&raquo;L&#8217;Ind&eacute;pendant&laquo;</em> und der <em class="antiqua">&raquo;Mahouna&laquo;</em> in den
+H&auml;nden. Das erste Blatt erscheint in Algier, das zweite
+in Constantine und das dritte in Guelma. Trotz dieser
+&ouml;rtlichen Verschiedenheit bemerkte ich bei n&auml;herer Pr&uuml;fung
+eine mir auff&auml;llige &Uuml;bereinstimmung bez&uuml;glich des Inhaltes
+der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten n&auml;mlich alle
+drei einen Bericht &uuml;ber die Ermordung eines reichen
+franz&ouml;sischen Kaufmannes in Blidah. Des Mordes dringend
+verd&auml;chtig war ein armenischer H&auml;ndler, welcher die Flucht
+ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde. Die Beschreibung
+seiner Person stimmte in allen drei Journalen
+ganz w&ouml;rtlich &uuml;berein.</p>
+
+<p>Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses
+Kamel geh&ouml;rte, diese Bl&auml;tter bei sich gef&uuml;hrt? Ging ihn
+der Fall pers&ouml;nlich etwas an? War er ein Verwandter
+des Kaufmanns in Blidah, war er der M&ouml;rder, oder war
+er ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt
+hatte?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den
+Ring an meinen Finger gesteckt hatte, und kehrte mit
+Halef zu der Leiche zur&uuml;ck. &Uuml;ber ihr schwebten beharrlich
+die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung auf
+das Kamel niederlie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?&laquo; fragte der
+Diener.</p>
+
+<p>&raquo;Es bleibt uns nichts &uuml;brig, als den Mann zu
+begraben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du ihn in die Erde scharren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten
+einen Steinhaufen &uuml;ber ihm; so wird kein Tier
+zu ihm gelangen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du denkst wirklich, da&szlig; er ein Giaur ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist ein Christ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist m&ouml;glich, da&szlig; du dich dennoch irrst, Sihdi;
+er kann trotzdem auch ein Rechtgl&auml;ubiger sein. Darum
+erlaube mir eine Bitte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; uns ihn so legen, da&szlig; er mit dem Gesichte nach
+Mekka blickt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich
+nach Jerusalem gerichtet, wo der Weltheiland litt und
+starb. Greife an!&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein trauriges Werk, welches wir in der
+tiefen Einsamkeit vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher
+den Ungl&uuml;cklichen bedeckte, so hoch war, da&szlig; er der Leiche
+vollst&auml;ndigen Schutz gegen die Tiere der W&uuml;ste gew&auml;hrte,
+f&uuml;gte ich noch so viel hinzu, da&szlig; er die Gestalt eines
+Kreuzes bekam, und faltete dann die H&auml;nde, um ein Gebet
+zu sprechen. Als ich damit geendet hatte, wandte
+Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der hundertundzw&ouml;lften
+Sure des Korans zu beginnen:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>&raquo;Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich:
+Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und
+ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich. Der
+Mensch liebt das dahineilende Leben und l&auml;sset das zuk&uuml;nftige
+unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen,
+und nun wirst du hingetrieben zu deinem Herrn, der dich
+auferwecken wird zum neuen Leben. M&ouml;ge dann die Zahl
+deiner S&uuml;nden klein sein und die Zahl deiner guten Thaten
+so gro&szlig; wie der Sand, auf dem du einschliefst in der
+W&uuml;ste!&laquo;</p>
+
+<p>Nach diesen Worten b&uuml;ckte er sich nieder, um seine
+H&auml;nde, die er mit der Leiche verunreinigt hatte, mit dem
+Sande abzuwaschen.</p>
+
+<p>&raquo;So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder
+Israel kauscher nennen, und darf wieder ber&uuml;hren, was
+rein und heilig ist. Was thun wir jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir eilen den M&ouml;rdern nach, um sie einzuholen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du sie t&ouml;ten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen
+sprechen und dann erfahren, warum sie ihn get&ouml;tet haben.
+Dann wei&szlig; ich, was ich thun werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es k&ouml;nnen keine klugen M&auml;nner sein, sonst h&auml;tten
+sie nicht ein Hedjihn get&ouml;tet, welches mehr wert ist, als
+ihre Pferde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Hedjihn h&auml;tte sie vielleicht verraten. Hier
+siehst du ihre Spur. Vorw&auml;rts! Sie sind f&uuml;nf Stunden
+vor uns; vielleicht treffen wir morgen auf sie, noch ehe
+sie Seddada erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir jagten trotz der dr&uuml;ckenden Hitze und des
+schwierigen, felsigen Bodens mit einer Eile dahin, als
+ob es gelte, Gazellen einzuholen, und es war dabei ganz
+unm&ouml;glich, ein Gespr&auml;ch zu f&uuml;hren. Diese Schweigsamkeit
+aber konnte mein guter Halef unm&ouml;glich lange aushalten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>&raquo;Sihdi,&laquo; rief er hinter mir, &raquo;Sihdi, willst du mich
+verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich drehte mich nach ihm um.</p>
+
+<p>&raquo;Verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Meine Stute hat &auml;ltere Beine als dein Berberhengst.&laquo;</p>
+
+<p>Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits
+von Schwei&szlig;, und der Schaum flog ihr in gro&szlig;en Flocken
+von dem Maule.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wir k&ouml;nnen heute nicht wie gew&ouml;hnlich w&auml;hrend
+der gr&ouml;&szlig;ten Hitze Rast machen, sondern wir m&uuml;ssen reiten
+bis zur Nacht, sonst holen wir die beiden, welche vor
+uns sind, nicht ein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer zu viel eilt, kommt auch nicht fr&uuml;her als der,
+welcher langsam reitet, Effendi, denn &ndash; Allah akbar,
+blicke da hinunter!&laquo;</p>
+
+<p>Wir befanden uns vor einem j&auml;hen Sturze des Wadi
+und sahen in der Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde
+unter uns zwei Reiter oder vielmehr zwei M&auml;nner
+an einer kleinen Sobha<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> sitzen, in welcher sich einiges
+brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten
+an den d&uuml;rren, stacheligen Mimosen herum, welche in der
+N&auml;he standen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Lache.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ah, sie sind es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu hei&szlig;
+gewesen, und sie haben beschlossen, zu warten, bis die
+gr&ouml;&szlig;te Glut vor&uuml;ber ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen.
+Zur&uuml;ck, Halef, zur&uuml;ck, damit sie dich nicht bemerken! Wir
+werden das Wadi verlassen und ein wenig nach West
+reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa
+k&auml;men.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>&raquo;Warum, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen nicht ahnen, da&szlig; wir die Leiche des Ermordeten
+gefunden haben.&laquo;</p>
+
+<p>Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und
+wir ritten stracks nach Westen in die W&uuml;ste hinein. Dann
+schlugen wir einen Bogen und hielten auf die Stelle zu,
+an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns
+nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi sa&szlig;en,
+mu&szlig;ten uns aber h&ouml;ren, als wir demselben nahe gekommen
+waren.</p>
+
+<p>Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung
+erreichten, bereits erhoben und nach ihren Gewehren
+gegriffen. Ich that nat&uuml;rlich, als sei ich ebenso &uuml;berrascht
+wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der W&uuml;ste so
+pl&ouml;tzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht f&uuml;r
+n&ouml;tig, nach meiner B&uuml;chse zu langen.</p>
+
+<p>&raquo;Salam aale&iuml;kum!&laquo; rief ich, mein Pferd anhaltend,
+zu ihnen hinab.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum,&laquo; antwortete der &auml;ltere von ihnen. &raquo;Wer
+seid ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind friedliche Reiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo kommt ihr her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Westen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo wollt ihr hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Seddada.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von welchem Stamme seid ihr?&laquo;</p>
+
+<p>Ich deutete auf Halef und antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich
+geh&ouml;re zu den Beni-Sachsa. Wer seid ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind von dem ber&uuml;hmten Stamme der U&euml;lad
+Hamalek.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die U&euml;lad Hamalek sind gute Reiter und tapfere
+Krieger. Wo kommt ihr her?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>&raquo;Von Gafsa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin
+wollt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach dem Bir<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Sauidi, wo wir Freunde haben.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Brunnen.</p></div>
+
+<p>Beides, da&szlig; sie von Gafsa kamen und nach dem
+Brunnen Sauidi wollten, war eine L&uuml;ge, doch that ich,
+als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir bleiben hier bis zum fr&uuml;hen Morgen,&laquo; lautete
+die Antwort, welche also f&uuml;r meine Frage weder ein Ja
+noch ein Nein enthielt.</p>
+
+<p>&raquo;Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der n&auml;chsten
+Sonne hier auszuruhen. Ihr habt genug Wasser f&uuml;r uns
+alle und auch f&uuml;r unsere Pferde. D&uuml;rfen wir bei euch
+bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die W&uuml;ste geh&ouml;rt allen. Marhaba, du sollst uns
+willkommen sein!&laquo;</p>
+
+<p>Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen,
+da&szlig; ihnen unser Gehen lieber gewesen w&auml;re, als unser
+Bleiben; wir aber lie&szlig;en unsere Pferde den Abhang
+hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir
+sofort ungeniert Platz nahmen.</p>
+
+<p>Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren
+konnte, waren keineswegs Vertrauen erweckend. Der &auml;ltere,
+welcher bisher das Wort gef&uuml;hrt hatte, war lang und hager
+gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe wie an einer
+Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten
+zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; &uuml;ber den
+schmalen, blutleeren Lippen fristete ein d&uuml;nner Bart ein
+k&uuml;mmerliches Dasein; das spitze Kinn zeigte eine auffallende
+Neigung, nach oben zu steigen, und die Nase, ja, diese
+Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich vor
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben
+hatte. Das war keine Adler- und auch keine Habichtsnase;
+sie hatte wirklich die Form eines Geierschnabels.</p>
+
+<p>Der andere war ein junger Mann von auffallender
+Sch&ouml;nheit; aber die Leidenschaften hatten sein Auge umflort,
+seine Nerven entkr&auml;ftet und seine Stirn und Wangen
+zu fr&uuml;h gefurcht. Man konnte unm&ouml;glich Vertrauen zu
+ihm haben.</p>
+
+<p>Der &auml;ltere sprach das Arabische mit jenem Accente,
+wie man es am Euphrat spricht, und der j&uuml;ngere lie&szlig;
+mich vermuten, da&szlig; er kein Orientale sondern ein Europ&auml;er
+sei. Ihre Pferde, welche in der N&auml;he standen, waren
+schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein
+sehr mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren
+ausgezeichnet. Da, wo sie vorhin gesessen, lagen verschiedene
+Gegenst&auml;nde, welche sonst in der W&uuml;ste selten
+sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil
+die beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen:
+ein seidenes Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette,
+ein Kompa&szlig;, ein prachtvoller Revolver und ein in Maroquin
+gebundenes Taschenbuch.</p>
+
+<p>Ich that, als ob ich diese Gegenst&auml;nde gar nicht bemerkt
+h&auml;tte, nahm aus der Satteltasche eine Handvoll
+Datteln und begann, dieselben mit gleichg&uuml;ltiger und zufriedener
+Miene zu verzehren.</p>
+
+<p>&raquo;Was wollt ihr in Seddada?&laquo; fragte mich der Lange.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Wir gehen weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.&laquo;</p>
+
+<p>Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gef&auml;hrten
+warf, sagte mir, da&szlig; ihr Weg der n&auml;mliche sei. Dann
+fragte er weiter:</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Gesch&auml;fte in Fetnassa oder Kbilli?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst deine Herden dort verkaufen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder deine Sklaven?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan
+kommen l&auml;ssest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit
+Fetnassa keinen Handel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder willst du dir ein Weib dort holen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; es eine Beleidigung ist, zu
+einem Manne von seinem Weibe zu sprechen! Oder bist
+du ein Giaur, da&szlig; du dieses nicht erfahren hast?&laquo;</p>
+
+<p>Wahrhaftig, der Mann erschrak f&ouml;rmlich, und ich
+begann in Folge dessen die Vermutung zu hegen, da&szlig;
+ich mit meinen Worten das Richtige getroffen hatte.
+Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen;
+Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr
+bei M&auml;nnern von armenischer Herkunft aufgefallen und
+&ndash;&nbsp;&ndash; ah, war es nicht ein armenischer H&auml;ndler, der den
+Kaufmann in Blidah ermordet hatte und dessen Steckbrief
+ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die
+Zeit genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement,
+aufmerksam durchzulesen. W&auml;hrend mir diese Gedanken
+blitzschnell durch den Kopf gingen, fiel mein Blick
+nochmals auf den Revolver. An seinem Griff befand
+sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube mir!&laquo;</p>
+
+<p>Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der
+Waffe und las: <em class="antiqua">&raquo;Paul Galingr&eacute;, Marseille.&laquo;</em> Das war
+<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>ganz sicher nicht der Name der Fabrik, sondern des Besitzers.
+Ich verriet aber mein Interesse durch keine Miene, sondern
+fragte leichthin:</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das f&uuml;r eine Waffe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein &ndash; ein &ndash;&nbsp;&ndash; ein Drehgewehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schie&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>Er erkl&auml;rte es mir. Ich h&ouml;rte ihm sehr aufmerksam
+zu und meinte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist kein U&euml;lad Hamalek, sondern ein Giaur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehe, da&szlig; ich recht geraten habe! W&auml;rest du ein
+Sohn des Propheten, so w&uuml;rdest du mich niederschie&szlig;en,
+weil ich dich einen Giaur nannte. Nur die Ungl&auml;ubigen
+haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die H&auml;nde
+eines U&euml;lad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hast du sie gekauft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann war sie eine Beute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von einem Franken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem du k&auml;mpftest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf dem Schlachtfelde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf welchem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei El Guerara.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du l&uuml;gst!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt ri&szlig; ihm doch endlich die Geduld. Er erhob
+sich und griff nach dem Revolver.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagst du? Ich l&uuml;ge? Soll ich dich niederschie&szlig;en
+wie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>Ich fiel ihm in die Rede:</p>
+
+<p>&raquo;Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!&laquo;</p>
+
+<p>Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder
+nieder, und eine fahle Bl&auml;sse bedeckte das Gesicht des
+Mannes. Doch raffte er sich zusammen und fragte drohend:</p>
+
+<p>&raquo;Was meinst du mit diesen Worten?&laquo;</p>
+
+<p>Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus
+und that einen Blick in die Bl&auml;tter, um den Namen des
+M&ouml;rders zu finden.</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, da&szlig; du ganz gewi&szlig; kein U&euml;lad Hamalek
+bist. Dein Name ist mir sehr bekannt; er lautet Hamd
+el Amasat.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt fuhr er zur&uuml;ck und streckte beide H&auml;nde wie zur
+Abwehr gegen mich aus.</p>
+
+<p>&raquo;Woher kennst du mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne dich; das ist genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, du kennst mich nicht; ich hei&szlig;e nicht so, wie
+du sagtest; ich bin ein U&euml;lad Hamalek, und wer das nicht
+glaubt, den schie&szlig;e ich nieder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;ren diese Sachen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir.&laquo;</p>
+
+<p>Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit &raquo;<em class="antiqua">P.&nbsp;G.</em>&laquo;
+gezeichnet. Ich &ouml;ffnete die Uhr und fand auf der Innenseite
+des Deckels ganz dieselben Buchstaben eingraviert.</p>
+
+<p>&raquo;Woher hast du sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was geht es dich an? Lege sie von dir!&laquo;</p>
+
+<p>Anstatt ihm zu gehorchen, &ouml;ffnete ich auch das Notizbuch.
+Auf dem ersten Blatte desselben las ich den Namen
+Paul Galingr&eacute;; der Inhalt aber war stenographiert, und
+ich kann Stenographie nicht lesen.</p>
+
+<p>&raquo;Weg mit dem Buche, sage ich dir!&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der
+Hand, so da&szlig; es in die Lache flog. Ich erhob mich, um
+<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>den Versuch zu machen, es zu retten, fand aber jetzt doppelten
+Widerstand, da sich nun auch der j&uuml;ngere der beiden
+M&auml;nner zwischen mich und das Wasser stellte.</p>
+
+<p>Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichg&uuml;ltig
+zugeh&ouml;rt, aber ich sah, da&szlig; sein Finger an dem
+Dr&uuml;cker seiner langen Flinte lag. Es bedurfte nur eines
+Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich
+b&uuml;ckte mich, um auch den Kompa&szlig; noch aufzunehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!&laquo;
+rief der Gegner.</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck
+zu geben; ich aber sagte so ruhig wie m&ouml;glich:</p>
+
+<p>&raquo;Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu
+reden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mit dir nichts zu schaffen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht
+niederschie&szlig;en soll!&laquo;</p>
+
+<p>Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu
+sein. Er lie&szlig; sich wieder zur Erde nieder, und ich that
+ganz dasselbe. Dann zog ich meinen Revolver und
+begann:</p>
+
+<p>&raquo;Siehe, da&szlig; ich auch ein solches Drehgewehr habe!
+Lege das deinige weg, sonst geht das meinige los!&laquo;</p>
+
+<p>Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der
+Hand, hielt sich aber zum augenblicklichen Griffe bereit.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist kein U&euml;lad Hamalek?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin einer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kommst nicht von Gafsa?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme von dort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was geht es dich an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche
+eines Mannes, den du ermordet hast.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>Ein b&ouml;ser Zug durchzuckte sein Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich es gethan h&auml;tte, was h&auml;ttest du dar&uuml;ber
+zu sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht viel; nur einige Worte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer war der Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne ihn nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum hast du ihn und sein Kamel get&ouml;tet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil es mir so gefiel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;War er ein Rechtgl&auml;ubiger?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Er war ein Giaur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast genommen, was er bei sich trug?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sollte ich es bei ihm liegen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn du hattest es f&uuml;r mich aufzuheben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r dich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe dich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur;
+ich bin auch ein Giaur und werde sein R&auml;cher sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sein Blutr&auml;cher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; wenn ich das w&auml;re, so h&auml;ttest du bereits aufgeh&ouml;rt,
+zu leben. Wir sind in der W&uuml;ste, wo kein Gesetz
+gilt als nur das des St&auml;rkeren. Ich will nicht erproben,
+wer von uns der St&auml;rkere ist; ich &uuml;bergebe dich der Rache
+Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That
+unvergolten l&auml;&szlig;t; aber das Eine sage ich dir, und das
+magst du dir wohl merken: du giebst alles heraus, was
+du dem Toten abgenommen hast.&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte &uuml;berlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du wirklich, da&szlig; ich dieses thue?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So nimm dir, was du haben willst!&laquo;</p>
+
+<p>Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>greifen; schnell aber hielt ich ihm die M&uuml;ndung des meinigen
+entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Halt, oder ich schie&szlig;e!&laquo;</p>
+
+<p>Es war jedenfalls eine sehr eigent&uuml;mliche Situation,
+in der ich mich befand. Gl&uuml;cklicherweise aber schien mein
+Gegner mehr Verschlagenheit als Mut zu besitzen. Er
+zog die Hand wieder zur&uuml;ck und schien unentschlossen zu
+werden.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du mit den Sachen thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde sie den Verwandten des Toten zur&uuml;ckgeben.&laquo;</p>
+
+<p>Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich
+jetzt fixierte.</p>
+
+<p>&raquo;Du l&uuml;gst. Du willst sie f&uuml;r dich behalten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich l&uuml;ge nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was wirst du gegen mich unternehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt nichts; aber h&uuml;te dich, mir jemals wieder zu
+begegnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du reitest wirklich von hier nach Seddada?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich
+und meinen Gef&auml;hrten ungehindert nach dem Bir Sauidi
+gehen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du versprichst es mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beschw&ouml;re es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Giaur schw&ouml;rt nie; sein Wort ist auch ohne
+Schwur die Wahrheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompa&szlig;
+und das Tuch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hatte er noch bei sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hatte Geld.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>&raquo;Das werde ich behalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel
+oder die B&ouml;rse, in der es sich befand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst sie haben.&laquo;</p>
+
+<p>Er griff in seinen G&uuml;rtel und zog eine gestickte Perlenb&ouml;rse
+hervor, die er leerte und mir dann entgegen reichte.</p>
+
+<p>&raquo;Weiter hatte er nichts bei sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Willst du mich aussuchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So k&ouml;nnen wir gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>Er schien sich jetzt doch leichter zu f&uuml;hlen als vorhin;
+sein Begleiter aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch,
+der sehr froh war, auf diese Weise davonzukommen. Sie
+nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und bestiegen ihre
+Pferde.</p>
+
+<p>&raquo;Salam aale&iuml;kum, Friede sei mit euch!&laquo;</p>
+
+<p>Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unh&ouml;flichkeit
+sehr gleichg&uuml;ltig hin. In wenigen Augenblicken
+waren sie hinter dem Rande des Wadiufers verschwunden.</p>
+
+<p>Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen;
+nun brach er sein Schweigen.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich dir etwas sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du den Strau&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, wie er ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dumm, sehr dumm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>&raquo;Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch
+schlimmer vor, als der Strau&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du diese Schurken laufen l&auml;ssest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann sie nicht halten und auch nicht t&ouml;ten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht? H&auml;tten sie einen Rechtgl&auml;ubigen
+ermordet, so kannst du dich darauf verlassen, da&szlig; ich sie
+zum Sche&iuml;tan, zum Teufel, geschickt h&auml;tte. Da es aber
+ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichg&uuml;ltig, ob sie Strafe
+finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und l&auml;ssest die
+M&ouml;rder eines Christen entkommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sagt dir, da&szlig; sie entkommen werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi
+erreichen und von da nach Debila und El U&euml;d gehen, um
+in der Areg<a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> zu verschwinden.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Region der D&uuml;nen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das werden sie nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sonst? Sie sagten ja, da&szlig; sie nach Bir Sauidi
+gehen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sagte es dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Augen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen
+im Sande betrachtest. So wie du kann nur ein Ungl&auml;ubiger
+handeln. Aber ich werde dich schon noch zum rechten
+Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du
+magst nun wollen oder nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka
+gewesen zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;! Du hast mir ja versprochen, das nicht
+zu sagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>&raquo;Du bist der Herr, und ich mu&szlig; es mir gefallen lassen.
+Aber, was thun wir jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sorgen zun&auml;chst f&uuml;r unsere Sicherheit. Hier
+k&ouml;nnen wir leicht von einer Kugel getroffen werden. Wir
+m&uuml;ssen uns &uuml;berzeugen, ob diese beiden Schurken auch
+wirklich fort sind.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings
+die zwei Reiter in bereits sehr gro&szlig;er Entfernung von
+uns auf S&uuml;dwest zuhalten. Halef war mir gefolgt.</p>
+
+<p>&raquo;Dort reiten sie,&laquo; meinte er. &raquo;Das ist die Richtung
+nach Bir Sauidi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden
+sie sich nach Osten wenden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, dein Gehirn d&uuml;nkt mir schwach. Wenn sie dies
+th&auml;ten, m&uuml;&szlig;ten sie uns ja wieder in die H&auml;nde kommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie meinen, da&szlig; wir erst morgen aufbrechen, und
+glauben also, einen guten Vorsprung vor uns zu erlangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du r&auml;tst und wirst doch das Richtige nicht treffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, da&szlig; eines
+ihrer Pferde den Hahnentritt habe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das sah ich, als sie davonritten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage,
+da&szlig; sie nach Seddada gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum folgen wir ihnen nicht sofort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&auml;men ihnen sonst zuvor, da wir den geraden
+Weg haben; dann w&uuml;rden sie auf unsere Spur sto&szlig;en und
+sich h&uuml;ten, mit uns wieder zusammenzutreffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen,
+bis es Zeit zum Aufbruch ist.&laquo;</p>
+
+<p>Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf
+meine am Boden ausgebreitete Decke aus, zog das Ende
+meines Turbans als Lischam<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> &uuml;ber das Gesicht und schlo&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um &uuml;ber unser
+letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in
+der f&uuml;rchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken l&auml;ngere
+Zeit mit einer an sich schon unklaren Sache zu besch&auml;ftigen?
+Ich schlummerte wirklich ein und mochte &uuml;ber zwei Stunden
+geschlafen haben, als ich wieder erwachte. Wir brachen auf.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Gesichtsschleier.</p></div>
+
+<p>Das Wadi Tarfaui m&uuml;ndet in den Schott Rharsa;
+wir mu&szlig;ten es also nun verlassen, wenn wir, nach Osten
+zu, Seddada erreichen wollten. Nach Verlauf von vielleicht
+einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier
+Pferde, welche von West nach Ost f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese F&auml;hrte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen
+nach Seddada.&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg ab und untersuchte die Eindr&uuml;cke.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vor&uuml;bergekommen.
+La&szlig; uns langsamer reiten, sonst sehen sie
+uns hinter sich.&laquo;</p>
+
+<p>Die Ausl&auml;ufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allm&auml;hlich
+in die Ebene hernieder, und als die Sonne unterging
+und nach kurzer Zeit der Mond emporstieg, sahen
+wir Seddada zu unsern F&uuml;&szlig;en liegen.</p>
+
+<p>&raquo;Reiten wir hinab?&laquo; fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am
+Abhange des Berges.&laquo;</p>
+
+<p>Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und
+fanden unter den &Ouml;lb&auml;umen einen pr&auml;chtigen Platz zum
+Bivouac. Wir waren beide an das heulende Bellen des
+Schakal, an das Gekl&auml;ffe des Fennek und an die tieferen
+T&ouml;ne der schleichenden Hy&auml;ne gew&ouml;hnt und lie&szlig;en uns
+von diesen n&auml;chtlichen Lauten nicht im Schlafe st&ouml;ren.
+Als wir erwachten, war es mein erstes, die gestrige F&auml;hrte
+wieder aufzusuchen. Ich war &uuml;berzeugt, da&szlig; sie mir hier
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>in der N&auml;he eines bewohnten Ortes nicht mehr von Nutzen
+sein werde, fand aber zu meiner &Uuml;berraschung, da&szlig; sie
+nicht nach Seddada f&uuml;hrte, sondern nach S&uuml;den bog.</p>
+
+<p>&raquo;Warum gingen sie nicht hernieder?&laquo; fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter M&ouml;rder
+mu&szlig; vorsichtig sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wohin gehen sie denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jedenfalls nach Kris, um &uuml;ber den Dscherid zu
+reiten. Dann haben sie Algerien hinter sich und sind in
+leidlicher Sicherheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht
+vom Bir el Khalla zum Bir el Tam &uuml;ber den Schott
+Rharsa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann solchen Leuten noch nicht gen&uuml;gen. Ich
+wette, da&szlig; sie &uuml;ber Fezzan nach Kufarah gehen, denn
+erst dort sind sie vollst&auml;ndig sicher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>
+des Sultans haben.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Legitimation, Reisepa&szlig;.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das w&uuml;rde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten
+gegen&uuml;ber nicht viel n&uuml;tzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du? Ich m&ouml;chte es Keinem raten, gegen
+das m&auml;chtige <em class="antiqua">&raquo;Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n&laquo;</em><a name="FNanchor_13_13" id="FNanchor_13_13"></a><a href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> zu s&uuml;ndigen!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" id="Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13"><span class="label">[13]</span></a> W&ouml;rtlich: &raquo;Im Schatten des Padischa.&laquo;</p></div>
+
+<p>&raquo;Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein
+willst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich habe in &Auml;gypten gesehen, was der Gro&szlig;herr
+vermag; aber in der W&uuml;ste f&uuml;rchte ich ihn nicht.
+Werden wir jetzt nach Seddada gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser
+zu trinken. Dann aber setzen wir den Weg fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Kris?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Kris.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Bereits eine Viertelstunde sp&auml;ter hatten wir uns
+restauriert und folgten dem Reitwege, welcher von Seddada
+nach Kris f&uuml;hrt. Zu unserer Linken gl&auml;nzte die
+Fl&auml;che des Schott Dscherid zu uns herauf, ein Anblick,
+den ich vollst&auml;ndig auszukosten suchte.</p>
+
+<p>Die Sahara ist ein gro&szlig;es, noch immer nicht gel&ouml;stes
+R&auml;tsel. Schon seit Virlet d&#8217;Aoust im Jahre 1845 besteht
+das Projekt, einen Teil der W&uuml;ste in ein Meer und
+dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land
+zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken
+dem Fortschritte der Civilisation n&auml;her zu bringen. Ob
+aber dieses Projekt ausf&uuml;hrbar und dann auch von den
+beabsichtigten Erfolgen gekr&ouml;nt sein wird, dar&uuml;ber l&auml;&szlig;t
+sich noch immer streiten.</p>
+
+<p>Am Fu&szlig;e des S&uuml;dabhanges des Dschebel Aures und
+der &ouml;stlichen Fortsetzung dieser Bergmasse, also des Dra
+el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel Situna und Dschebel
+Hadifa, dehnt sich eine einheitliche un&uuml;bersehbare, hier
+und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen
+mit Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind,
+welche als &Uuml;berreste einstiger gro&szlig;er Binnengew&auml;sser im
+algerischen Teile den Namen Schott und im tunesischen
+Teile den Namen Sobha oder Sebcha f&uuml;hren. Die Grenze
+dieses eigent&uuml;mlichen und hochinteressanten Gebietes bilden
+im Westen die Ausl&auml;ufer des Beni-Mzab-Plateau, im
+Osten die Landenge von Gabes und im S&uuml;den die D&uuml;nenregion
+von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten
+Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung
+der Golf von Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot,
+der Vater der Geschichtschreibung, berichtet.</p>
+
+<p>Au&szlig;er einer gro&szlig;en Anzahl kleinerer S&uuml;mpfe, welche
+im Sommer ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus
+drei gr&ouml;&szlig;eren Salzseen, n&auml;mlich, von West nach Ost
+<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und Dscherid,
+welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt.
+Diese drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche
+H&auml;lfte tiefer liegt, als das Mittelmeer bei Gabes zur
+Zeit der Ebbe.</p>
+
+<p>Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum
+gro&szlig;en Teile mit Sandmassen angeh&auml;uft, und nur in der
+Mitte der einzelnen Bassins hat sich eine ziemlich betr&auml;chtliche
+Wassermasse erhalten, welche durch ihr Aussehen
+den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung
+gab, sie bald mit einem Kampferteppich oder
+einer Krystalldecke, bald mit einer Silberplatte oder der
+Oberfl&auml;che geschmolzenen Metalls zu vergleichen. Dieses
+Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste, mit
+der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist,
+so da&szlig; sie zwischen zehn und h&ouml;chstens zwanzig Centimeter
+variiert. Nur an einzelnen Stellen ist es m&ouml;glich, sich
+ohne die eminenteste Lebensgefahr auf sie zu wagen. Wehe
+dem, der auch nur eine Hand breit von dem schmalen
+Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund
+verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar
+&uuml;ber dem Kopfe des Versinkenden schlie&szlig;t sich alsbald
+die Decke wieder. Die schmalen Furten, welche &uuml;ber die
+Salzdecke der Schotts f&uuml;hren, werden besonders in der
+Regenzeit h&ouml;chst gef&auml;hrlich, indem der Regen die vom
+Flugsande &uuml;berdeckte Kruste blo&szlig;legt und ausw&auml;scht.</p>
+
+<p>Das Wasser dieser Schotts ist gr&uuml;n und dickfl&uuml;ssig
+und bei weitem salziger als das des Meeres. Ein Versuch,
+die Tiefe des Abgrundes unter sich zu messen, w&uuml;rde
+des Terrains halber zu keinem Resultate f&uuml;hren, doch
+darf wohl angenommen werden, da&szlig; keiner der Salzmor&auml;ste
+tiefer als f&uuml;nfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr
+bei dem Einbrechen durch die Salzdecke ist bedingt
+<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>durch die Massen eines fl&uuml;ssigen, beweglichen Sandes,
+welcher unter der f&uuml;nfzig bis achtzig Centimeter tiefen,
+hellgr&uuml;nen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der
+Jahrtausende langen Arbeit des Samums ist, der den
+Sand aus der W&uuml;ste in das Wasser trieb.</p>
+
+<p>Schon die &auml;ltesten arabischen Geographen, wie Ebn
+Dschobeir, Ebn Batuta, Obeidah el Bekri, El Istakhri
+und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der Gef&auml;hrlichkeit
+dieser Schotts f&uuml;r die Reisenden &uuml;berein. Der Dscherid
+verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen,
+welche in seiner Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre
+1826 mu&szlig;te eine Karawane, welche aus mehr als tausend
+Lastkamelen bestand, den Schott &uuml;berschreiten. Ein ungl&uuml;cklicher
+Zufall brachte das Leitkamel, welches an der
+Spitze des Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es
+verschwand im Abgrunde des Schott, und ihm folgten
+alle anderen Tiere, welche rettungslos in der z&auml;hen, seifigen
+Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden,
+so nahm die Salzdecke wieder ihre fr&uuml;here
+Gestalt an, und nicht die kleinste Ver&auml;nderung, das mindeste
+Anzeichen verriet den gr&auml;&szlig;lichen Ungl&uuml;cksfall. Ein
+solches Vorkommnis k&ouml;nnte unm&ouml;glich erscheinen, aber um
+es zu glauben, mu&szlig; man sich nur vergegenw&auml;rtigen, da&szlig;
+jedes Kamel gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem
+es ja meist auch durch Stricke verbunden ist, blind und
+unbedingt zu folgen, und da&szlig; der Pfad &uuml;ber die Schotts
+oft so schmal ist, da&szlig; es einem Tiere oder gar einer
+Karawane ganz unm&ouml;glich wird, wieder umzukehren.</p>
+
+<p>Der Anblick dieser t&uuml;ckischen Fl&auml;chen, unter denen
+der Tod lauert, erinnert an einzelnen Stellen an den
+bl&auml;ulich schillernden Spiegel geschmolzenen Bleies. Die
+Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie Flaschenglas
+und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Solfatara in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche,
+breiige Masse, welche vollst&auml;ndig sicher zu sein scheint,
+aber doch nur so viele Festigkeit besitzt, um einen leichten
+Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen Last aber
+unter derselben zu weichen, um sich &uuml;ber ihr wieder zu
+schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Den F&uuml;hrern dienen kleine, auseinander liegende
+Steine als Wegzeichen. Fr&uuml;her gab es auf dem Schott
+El Kebir auch eingesteckte Palmen&auml;ste. Der Ast der
+Dattelb&auml;ume hei&szlig;t Dscherid, und diesem Umstande hat der
+Schott seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinh&auml;ufchen
+hei&szlig;en &raquo;Gma&iuml;r&laquo;, und auch sie fehlen an solchen
+Punkten, wo auf mehrere Meter L&auml;nge der Boden von
+einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfl&auml;che
+bedeckt wird.</p>
+
+<p>Die Kruste der Schotts bildet &uuml;brigens nicht etwa
+eine einheitliche, flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile
+Wellen, welche selbst drei&szlig;ig Meter H&ouml;he erreichen.
+Die K&auml;mme dieser Bodenwellen bilden eben die Furten, welche
+von den Karawanen ben&uuml;tzt werden, und zwischen ihnen,
+in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben.
+Doch ger&auml;t schon bei einem m&auml;&szlig;igen Winde die Salzdecke
+in eine schwingende Bewegung und l&auml;&szlig;t das Wasser aus
+einzelnen &Ouml;ffnungen und L&ouml;chern mit der Macht einer
+Quelle hervorbrechen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Also diese freundlich glitzernde, aber tr&uuml;gerische Fl&auml;che
+lag zu unserer Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten,
+von wo aus eine Furt &uuml;ber den Schott nach
+Fetnassa auf der gegen&uuml;berliegenden Halbinsel des Nifzaua
+f&uuml;hrt. Halef streckte die Hand aus und deutete
+hinab.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du den Schott, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>&raquo;Bist du schon einmal &uuml;ber den Schott geritten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So danke Allah, denn vielleicht w&auml;rest du sonst bereits
+zu deinen V&auml;tern versammelt! Und wir wollen
+wirklich hin&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek
+wird wohl noch am Leben sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Bruder Sadek ist der ber&uuml;hmteste F&uuml;hrer
+&uuml;ber den Schott Dscherid; er hat noch niemals einen
+falschen Schritt gethan. Er geh&ouml;rt zum Stamme der
+Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui
+Hamed, lebt aber mit seinem Sohne, der ein wackerer
+Krieger ist, in Kris. Er kennt den Schott wie kein zweiter,
+und er ist es ganz allein, dem ich dich anvertrauen m&ouml;chte,
+Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit haben wir noch bis hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein kleines &uuml;ber eine Stunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir m&uuml;ssen
+sehen, ob wir eine Spur der M&ouml;rder finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du meinst wirklich, da&szlig; sie auch nach Kris gegangen
+sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten
+und werden bereits vor uns sein, um &uuml;ber den
+Schott zu gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir verlie&szlig;en den bisherigen Weg und hielten grad
+nach West. In der N&auml;he des Pfades fanden wir viele
+Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten; dann aber
+wurden sie weniger zahlreich und h&ouml;rten endlich ganz auf.
+Da schlie&szlig;lich, wo der Reitpfad nach El Hamma f&uuml;hrt,
+erblickte ich die F&auml;hrte zweier Pferde im Sande, und
+nachdem ich sie geh&ouml;rig gepr&uuml;ft hatte, gelangte ich zu der
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>&Uuml;berzeugung, da&szlig; es die gesuchte sei. Wir folgten ihr
+bis in die N&auml;he von Kris, wo sie sich im breiten Wege
+verlor. Ich hatte also die Gewi&szlig;heit, da&szlig; sich die M&ouml;rder
+hier befanden.</p>
+
+<p>Halef war nachdenklich geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, soll ich dir etwas sagen?&laquo; meinte er.</p>
+
+<p>&raquo;Sage es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es freut mich, da&szlig; du zur Erkenntnis kommst.
+Doch, da ist Kris. Wo ist die Wohnung deines Freundes
+Sadek?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen
+liegenden Zelten und H&uuml;tten bestand, herum bis zu einer
+Gruppe von Mandelb&auml;umen, in deren Schutze eine breite,
+niedere H&uuml;tte lag, aus der bei unserem Anblick ein Araber
+trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.</p>
+
+<p>&raquo;Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!&laquo;</p>
+
+<p>Sie lagen einander in den Armen und herzten sich
+wie ein Liebespaar.</p>
+
+<p>Dann aber wandte sich der Araber zu mir:</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihe, da&szlig; ich dich verga&szlig;! Tretet ein in mein
+Haus; es ist das eurige!&laquo;</p>
+
+<p>Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und
+pr&auml;sentierte uns allerhand Erfrischungen, denen wir flei&szlig;ig
+zusprachen. Jetzt glaubte Halef die Zeit gekommen, mich
+seinem Freunde vorzustellen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Kara Ben Nemsi, ein gro&szlig;er Taleb aus
+dem Abendlande, der mit den V&ouml;geln redet und im Sande
+lesen kann. Wir haben schon viele gro&szlig;e Thaten vollbracht;
+ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum
+wahren Glauben bekehren.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem
+Namen gefragt und wirklich das Wort Karl im Ged&auml;chtnisse
+behalten. Da er es aber nicht auszusprechen
+vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus
+und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu.
+Wo ich mit den V&ouml;geln geredet hatte, konnte ich mich
+leider nicht entsinnen; jedenfalls sollte mich diese Behauptung
+ebenb&uuml;rtig an die Seite des weisen Salomo
+stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den
+Tieren zu sprechen. Auch von den gro&szlig;en Thaten, die
+wir vollbracht haben sollten, wu&szlig;te ich weiter nichts, als
+da&szlig; ich einmal im Gestr&uuml;ppe h&auml;ngen geblieben und dabei
+gem&auml;chlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht war,
+der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir
+Haschens zu spielen. Der Glanzpunkt der Halef&#8217;schen
+Diplomatik war nun allerdings die Behauptung, da&szlig; ich
+mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente daf&uuml;r
+eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du den ganzen Namen deines Freundes
+Halef?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lautet er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er lautet Hadschi Halef Omar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.
+Du h&ouml;rst also, da&szlig; er zu einer frommen, verdienstvollen
+Familie geh&ouml;rt, deren Glieder alle Hadschi waren, obgleich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen
+Pantomime des Schreckens, &raquo;sprich nicht
+von den Verdiensten deines Dieners! Du wei&szlig;t, da&szlig; ich
+dir stets gern gehorchen werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und
+<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>mir sprechen; frage lieber deinen Freund Sadek, wo sich
+sein Sohn befindet, von dem du mir gesagt hast!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?&laquo; fragte
+der Araber. &raquo;Allah segne dich, Halef, da&szlig; du derer gedenkst,
+die dich lieben! Omar Ibn Sadek, mein Sohn,
+ist &uuml;ber den Schott nach Seftimi gegangen und wird
+noch heute wiederkehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch wir wollen &uuml;ber den Schott, und du sollst
+uns f&uuml;hren,&laquo; meinte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr? Wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch heute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hin&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gef&auml;hrlich, sehr gef&auml;hrlich. Es giebt nur zwei
+wirklich sichere Wege hin&uuml;ber an das jenseitige Ufer,
+n&auml;mlich El Toserija zwischen Toser und Fetnassa und
+Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von
+hier nach Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur
+zwei giebt es, die ihn genau kennen; das bin ich und
+Arfan Rakedihm hier in Kris.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen.
+Desto besser aber kennt er die Strecke nach Seftimi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese f&auml;llt wohl einige Zeit lang zusammen mit der
+nach Fetnassa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber zwei Dritteile, Sihdi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind
+wir in Fetnassa?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere
+gut sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du gehst auch w&auml;hrend der Nacht &uuml;ber den
+Schott?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel,
+<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>so &uuml;bernachtet man auf dem Schott, und zwar da, wo
+das Salz so dick ist, da&szlig; es das Lager tragen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du uns f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Effendi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; uns zun&auml;chst den Schott besehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast noch keinen Schott &uuml;berschritten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen,
+den Ort des Verderbens, das Meer des Schweigens, &uuml;ber
+welches ich dich hinwegf&uuml;hren werde mit sicherem Schritte.&laquo;</p>
+
+<p>Wir verlie&szlig;en die H&uuml;tte und wandten uns nach
+Osten. Nachdem wir einen breiten, sumpfigen Rand &uuml;berschritten
+hatten, gelangten wir an das eigentliche Ufer
+des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es deckte,
+nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch
+und fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei
+war es so hart, da&szlig; es einen mittelstarken Mann zu
+tragen vermochte. Es wurde verh&uuml;llt von einer d&uuml;nnen
+Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht
+war, die dann in bl&auml;ulich wei&szlig;em Schimmer ergl&auml;nzten.</p>
+
+<p>Noch w&auml;hrend ich mit dieser Untersuchung besch&auml;ftigt
+war, ert&ouml;nte hinter uns eine Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum, Friede sei mit euch!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker,
+krummbeiniger Beduine, dem irgend eine Krankheit oder
+wohl auch ein Schu&szlig; die Nase weggenommen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum!&laquo; antwortete Sadek. &raquo;Was thut mein
+Bruder Arfan Rakedihm hier am Schott? Er tr&auml;gt die
+Reisekleider. Will er fremde Wanderer &uuml;ber die Sobha
+f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es,&laquo; antwortete der Gefragte. &raquo;Zwei M&auml;nner
+sind es, die gleich kommen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin wollen sie?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>&raquo;Nach Fetnassa.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann hie&szlig; Arfan Rakedihm und war also der
+andere F&uuml;hrer, von welchem Sadek gesprochen hatte. Er
+deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Wollen diese zwei Fremdlinge auch &uuml;ber den See?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch nach Fetnassa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du sollst sie f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du err&auml;tst es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen gleich mit mir gehen; dann ersparst du
+dir die M&uuml;he.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind Freunde, die mir keine M&uuml;he machen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es: du bist geizig und g&ouml;nnst mir nichts.
+Hast du mir nicht stets die reichsten Reisenden weggefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich fange keinen weg; ich f&uuml;hre nur die Leute,
+welche freiwillig zu mir kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum ist Omar, dein Sohn, F&uuml;hrer nach Seftimi
+geworden? Ihr nehmt mir mit Gewalt das Brot hinweg,
+damit ich verhungern soll; Allah aber wird euch strafen
+und eure Schritte so lenken, da&szlig; euch der Schott verschlingen
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>Es mochte sein, da&szlig; die Konkurrenz hier eine Feindschaft
+entwickelt hatte, aber dieser Mann besa&szlig; &uuml;berhaupt
+keine guten Augen, und so viel war sicher, da&szlig; ich mich
+ihm nicht gern anvertraut h&auml;tte. Er wandte sich von uns
+und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die
+zwei Reiter erschienen, welche er f&uuml;hren sollte. Es waren
+die beiden M&auml;nner, welche wir in der W&uuml;ste getroffen
+und dann verfolgt hatten.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; rief Halef. &raquo;Kennst du sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor.
+Ich hinderte ihn daran.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;! Sie werden uns nicht entgehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sind die M&auml;nner?&laquo; fragte unser F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;rder,&laquo; antwortete Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus
+deinem Stamme get&ouml;tet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du &uuml;ber Blut mit ihnen zu richten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in
+fremde H&auml;ndel zu mischen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt
+es nicht einmal f&uuml;r n&ouml;tig, die M&auml;nner, welche ihm als
+M&ouml;rder geschildert worden waren, mit einem Blick zu
+betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt.
+Ich sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen.
+Als dies geschehen war, h&ouml;rten wir ein ver&auml;chtliches Lachen,
+mit welchem sie uns den R&uuml;cken kehrten.</p>
+
+<p>Wir gingen in die H&uuml;tte zur&uuml;ck, ruhten noch bis
+Mittag aus, versahen uns dann mit dem n&ouml;tigen Proviante
+und traten die gef&auml;hrliche Wanderung an.</p>
+
+<p>Ich habe auf fremden, unbekannten Str&ouml;men zur
+Winterszeit mit Schneeschuhen meilenweite Strecken zur&uuml;ckgelegt
+und mu&szlig;te jeden Augenblick gew&auml;rtig sein, einzubrechen,
+habe aber dabei niemals die Empfindung wahrgenommen,
+welche mich beschlich, als ich jetzt den heimt&uuml;ckischen
+Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder
+Angst, sondern es mochte ungef&auml;hr das Gef&uuml;hl eines Seilt&auml;nzers
+sein, der nicht genau wei&szlig;, ob das Tau, welches
+ihn tr&auml;gt, auch geh&ouml;rig befestigt worden ist. Statt des
+Eises eine Salzdecke &ndash; das war mir mehr als neu. Der
+eigent&uuml;mliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>Kruste &ndash; das alles erschien mir zu fremd, als da&szlig; ich
+mich h&auml;tte sicher f&uuml;hlen k&ouml;nnen. Ich pr&uuml;fte bei jedem
+Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen f&uuml;r die
+Festigkeit unseres Fu&szlig;bodens. Stellenweise war derselbe
+so hart und glatt, da&szlig; man Schlittschuhe h&auml;tte benutzen
+k&ouml;nnen, dann aber hatte er wieder das schmutzige, lockere
+Gef&uuml;ge von niedergetautem Schnee und vermochte nicht,
+die geringste Last zu tragen.</p>
+
+<p>Erst nachdem ich mich &uuml;ber das so Ungewohnte
+einigerma&szlig;en orientiert hatte, stieg ich zu Pferde, um mich
+n&auml;chst dem F&uuml;hrer auch zugleich auf den Instinkt meines
+Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar nicht
+zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er
+trabte, wo Sicherheit vorhanden war, h&ouml;chst wohlgemut
+darauf los und zeigte dann, wenn sein Vertrauen ersch&uuml;ttert
+war, eine ganz vorz&uuml;gliche Liebhaberei f&uuml;r die
+besten Stellen des oft kaum fu&szlig;breiten Pfades. Er legte
+dann die Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden,
+schnaubte zweifelnd oder &uuml;berlegend und trieb die Vorsicht
+einigemale so weit, eine zweifelhafte Stelle erst durch
+einige Schl&auml;ge mit dem Vorderhufe zu pr&uuml;fen.</p>
+
+<p>Der F&uuml;hrer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter
+mir ritt Halef. Der Weg nahm unsere Aufmerksamkeit
+so in Anspruch, da&szlig; nur wenig gesprochen wurde. So
+waren wir bereits &uuml;ber drei Stunden unterwegs, als sich
+Sadek zu mir wandte:</p>
+
+<p>&raquo;Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die
+schlimmste Stelle des ganzen Weges.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum schlimm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird
+dabei auf eine lange Strecke so schmal, da&szlig; man ihn mit
+zwei H&auml;nden bedecken kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleibt der Boden stark genug?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht genau; die St&auml;rke unterliegt oft
+gro&szlig;en Ver&auml;nderungen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer
+als du.&laquo;</p>
+
+<p>Hier war der F&uuml;hrer Herr und Meister; ich gehorchte
+ihm also und blieb sitzen. Doch noch heute denke
+ich mit Schaudern an die zehn Minuten, welche nun
+folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verh&auml;ltnissen
+sind sie eine Ewigkeit.</p>
+
+<p>Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal
+und H&uuml;gel wechselte. Die wellenf&ouml;rmigen Erhebungen
+bestanden zwar aus hartem, haltbarem Salze, die Thalmulden
+aber aus einer z&auml;hen, breiartigen Masse, in welcher
+sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen
+Mensch und Tier nur unter h&ouml;chster Aufmerksamkeit und
+mit der gr&ouml;&szlig;ten Gefahr zu fu&szlig;en vermochten. Und dabei
+ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde sa&szlig;, das gr&uuml;ne
+Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so da&szlig; die
+Stellen, auf denen man fu&szlig;en konnte, erst unter der
+Flut gesucht werden mu&szlig;ten. Dabei war das allerschlimmste,
+da&szlig; der F&uuml;hrer und dann wieder auch die
+Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mu&szlig;ten,
+ehe sie sich mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten,
+und doch war dieser Halt so gering, so tr&uuml;gerisch und
+verr&auml;terisch, da&szlig; man keinen Augenblick zu lange darauf
+verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte &ndash; es
+war f&uuml;rchterlich.</p>
+
+<p>Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf
+wohl zwanzig Meter L&auml;nge kaum einen zehn Zoll breiten,
+halbwegs zuverl&auml;ssigen Pfad bot.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, aufgepa&szlig;t! Wir stehen mitten im Tode,&laquo;
+rief der F&uuml;hrer.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>Er wandte sich w&auml;hrend des Forttastens mit dem
+Gesichte nach Morgen und betete mit lauter Stimme
+die heilige Fatcha:</p>
+
+<p>&raquo;Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und
+Preis Gott dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da
+herrscht am Tage des Gerichtes. Dir wollen wir dienen
+und zu dir wollen wir flehen, auf da&szlig; du uns f&uuml;hrest
+den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und
+nicht den Weg derer, &uuml;ber welche&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen;
+pl&ouml;tzlich aber verstummten beide zu gleicher Zeit; &ndash;
+zwischen den zwei n&auml;chsten Wellenh&uuml;geln hervor fiel ein
+Schu&szlig;. Der F&uuml;hrer warf beide Arme empor, stie&szlig; einen
+unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im n&auml;chsten
+Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort
+wieder &uuml;ber ihm schlo&szlig;.</p>
+
+<p>In solchen Augenblicken erh&auml;lt der menschliche Geist
+eine Spannkraft, welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken
+und Schl&uuml;ssen, zu denen sonst Viertelstunden oder
+gar Stunden geh&ouml;ren, mit der Schnelligkeit des Blitzes
+und tagesheller Deutlichkeit zum Bewu&szlig;tsein bringt. Noch
+war der Schu&szlig; nicht verhallt und der F&uuml;hrer nicht ganz
+versunken, so wu&szlig;te ich bereits alles. Die beiden M&ouml;rder
+wollten ihre Ankl&auml;ger verderben; sie hatten ihren F&uuml;hrer
+um so leichter gewonnen, als derselbe auf den unserigen
+eifers&uuml;chtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu
+thun; wenn sie unsern F&uuml;hrer t&ouml;teten, waren wir unbedingt
+verloren. Sie lauerten also hier bei der gef&auml;hrlichsten
+Stelle des ganzen Weges und schossen Sadek nieder. Nun
+brauchten sie nur zuzusehen, wie wir versanken.</p>
+
+<p>Da&szlig; Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen
+war, merkte ich trotz der Schnelligkeit, mit der alles geschah.
+Hatte die durchfahrende Kugel auch mein Pferd
+<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>gestreift, oder war es der Schreck &uuml;ber den Schu&szlig;? Der
+kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten
+den Halt und brach ein.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi!&laquo; br&uuml;llte hinter mir Halef in unbeschreiblicher
+Angst.</p>
+
+<p>Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch
+w&auml;hrend das Pferd im Versinken war und sich mit den
+Vorderhufen vergeblich anzuklammern suchte, st&uuml;tzte ich
+die beiden H&auml;nde auf den Sattelknopf, warf die Beine
+hinten in die Luft empor und schlug eine Volte &uuml;ber den
+Kopf des armen Pferdes hinweg, welches durch den hierbei
+ausge&uuml;bten Druck augenblicklich unter den Salzboden
+gedr&uuml;ckt wurde. In dem Augenblick, w&auml;hrend dessen ich
+durch die Luft flog, hat Gott das inbr&uuml;nstigste Gebet
+meines ganzen Lebens geh&ouml;rt. Nicht lange Worte und
+viele Minuten geh&ouml;ren zum Gebete; wenn man zwischen
+Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es keine Worte und
+keine Zeit zu messen.</p>
+
+<p>Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich
+unter mir; halb schon im Versinken, fu&szlig;te ich wieder und
+raffte mich empor; ich sank und erhob mich, ich strauchelte,
+ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich wurde hinabgerissen
+und kam dennoch vorw&auml;rts und ging dennoch
+nicht unter; ich h&ouml;rte nichts mehr, ich f&uuml;hlte nichts mehr,
+ich sah nichts mehr als nur die drei M&auml;nner dort an
+der Salzwelle, von denen zwei mit angeschlagenem Gewehre
+mich erwarteten.</p>
+
+<p>Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den F&uuml;&szlig;en,
+festen, breiten Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug
+mich sicher. Zwei Sch&uuml;sse krachten &ndash; Gott wollte, da&szlig;
+ich noch leben sollte; ich war gestolpert und niedergest&uuml;rzt;
+die Kugeln pfiffen an mir vor&uuml;ber. Ich trug mein Gewehr
+noch auf dem R&uuml;cken; es war ein Wunder, da&szlig; ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>es nicht verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an
+die B&uuml;chse, sondern warf mich gleich mit geballten F&auml;usten
+auf die Schurken. Sie erwarteten mich nicht einmal.
+Der F&uuml;hrer floh; der &auml;ltere der beiden wu&szlig;te, da&szlig; er
+ohne F&uuml;hrer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich;
+ich fa&szlig;te nur den j&uuml;ngeren. Er ri&szlig; sich los und sprang
+davon; ich blieb hart hinter ihm. Ihm blendete die Angst
+und mir der Zorn die Augen; wir achteten nicht darauf,
+wohin uns unser Lauf f&uuml;hrte &ndash; er stie&szlig; einen entsetzlichen,
+heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zur&uuml;ck. Er
+verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum
+drei&szlig;ig Zoll vor seinem heimt&uuml;ckischen Grabe.</p>
+
+<p>Da ert&ouml;nte hinter mir ein angstvoller Ruf.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, Hilfe, Hilfe!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich
+festen Fu&szlig; gefa&szlig;t hatte, k&auml;mpfte Halef um sein Leben.
+Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber an der dort
+zum Gl&uuml;cke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang
+hinzu, ri&szlig; die B&uuml;chse herab und hielt sie ihm entgegen,
+indem ich mich platt niederlegte.</p>
+
+<p>&raquo;Fasse den Riemen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu
+dir. Halte aber fest!&laquo;</p>
+
+<p>Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen K&ouml;rper
+in die H&ouml;he zu schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf
+an, und es gelang &ndash; er lag auf der sicheren Decke des
+Sumpfes. Kaum hatte er Atem gesch&ouml;pft, so erhob
+er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste
+Sure:</p>
+
+<p>&raquo;Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset
+Gott; sein ist das Reich und ihm geb&uuml;hrt das Lob, denn
+er ist aller Dinge m&auml;chtig!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich
+konnte nicht beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich
+aufrichtig gestehe. Hinter mir lag die f&uuml;rchterliche Salzfl&auml;che
+so ruhig, so bewegungslos, so glei&szlig;end, und doch
+hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie unseren
+F&uuml;hrer verschlungen, und vor uns sah ich den M&ouml;rder
+entkommen, der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser
+zuckte in mir, und es dauerte eine geraume Weile, bis ich
+ruhig wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, bist du verwundet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich
+gerettet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi.
+Und weiter wei&szlig; ich nichts. Ich konnte erst dann wieder
+denken, als ich dort am Rande hing. Aber wir sind nun
+dennoch verloren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben keinen F&uuml;hrer. O, Sadek, Freund meiner
+Seele, dein Geist wird mir verzeihen, da&szlig; ich schuld an
+deinem Tode bin. Aber ich werde dich r&auml;chen, das schw&ouml;re
+ich dir beim Barte des Propheten; r&auml;chen werde ich dich,
+wenn ich nicht hier verderbe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst nicht verderben, Halef.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden verderben; wir werden verhungern und
+verdursten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden einen F&uuml;hrer haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Omar, den Sohn Sadeks.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie soll er uns hier finden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du nicht geh&ouml;rt, da&szlig; er nach Seftimi gegangen
+ist und heute wieder zur&uuml;ckkehren wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird uns dennoch nicht finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, da&szlig; der
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>Weg nach Seftimi und nach Fetnassa auf zwei Dritteile
+ganz derselbe sei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues
+Leben. Ja, wir werden warten, bis Omar hier vor&uuml;berkommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r ihn ist es ein Gl&uuml;ck, wenn er uns findet. Er
+w&uuml;rde hier hinter uns untergehen, da der fr&uuml;here Pfad
+versunken ist, ohne da&szlig; er es wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder;
+die Sonne brannte so hei&szlig;, da&szlig; unsere Kleider in wenigen
+Minuten getrocknet und mit einer salzigen Kruste &uuml;berzogen
+wurden, so weit sie na&szlig; gewesen waren.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+<a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Vor Gericht.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">O</span>bgleich ich die &Uuml;berzeugung hegte, da&szlig; der Sohn
+des ermordeten F&uuml;hrers kommen werde, konnte er doch
+statt &uuml;ber den See um denselben herumgegangen sein. Wir
+warteten also mit gro&szlig;er, ja mit &auml;ngstlicher Spannung.
+Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden
+bis zum Abend; da lie&szlig; sich eine Gestalt erkennen, welche
+von Osten her langsam der Stelle nahte, an welcher wir
+uns befanden. Sie kam n&auml;her und n&auml;her und erblickte
+nun auch uns.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist es,&laquo; meinte Halef, legte die H&auml;nde wie ein
+Sprachrohr an den Mund und rief: &raquo;Omar Ben Sadek,
+eile herbei!&laquo;</p>
+
+<p>Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand
+bald vor uns. Er erkannte den Freund seines Vaters.</p>
+
+<p>&raquo;Sei willkommen, Halef Omar!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hadschi Halef Omar!&laquo; verbesserte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld
+an diesem Fehler. Du kamst nach Kris zum Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, mu&szlig;
+er in der N&auml;he sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist in der N&auml;he,&laquo; antwortete Halef feierlich.</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Omar Ibn Sadek, dem Gl&auml;ubigen geziemt es, stark
+zu sein, wenn ihn das Kismet trifft.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>&raquo;Rede, Halef, rede! Es ist ein Ungl&uuml;ck geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah hat deinen Vater zu seinen V&auml;tern versammelt.&laquo;</p>
+
+<p>Der J&uuml;ngling stand vor uns, keines Wortes m&auml;chtig.
+Sein Auge starrte den Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht
+war furchtbar bleich geworden. Endlich gewann
+er die Sprache wieder, aber er ben&uuml;tzte sie auf ganz andere
+Weise, als ich vermutet hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dieser Sihdi?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater
+brachte. Wir verfolgten zwei M&ouml;rder, welche &uuml;ber den
+Schott gingen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Vater sollte euch f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; er f&uuml;hrte uns. Die M&ouml;rder bestachen Arfan
+Rakedihm und stellten uns hier einen Hinterhalt. Sie
+schossen deinen Vater nieder; er und die Pferde versanken
+in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind die M&ouml;rder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit
+dem Chabir<a name="FNanchor_14_14" id="FNanchor_14_14"></a><a href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> nach Fetnassa.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href="#FNanchor_14_14"><span class="label">[14]</span></a> F&uuml;hrer.</p></div>
+
+<p>&raquo;So ist der Pfad hier verdorben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Du kannst ihn nicht betreten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo versank mein Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort, drei&szlig;ig Schritte von hier.&laquo;</p>
+
+<p>Omar ging so weit vorw&auml;rts, als die Decke trug,
+starrte eine Weile vor sich nieder und wandte sich dann
+nach Osten:</p>
+
+<p>&raquo;Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, h&ouml;re
+mich! Muhammed, du Prophet des Allerh&ouml;chsten, h&ouml;re
+mich! Ihr Kalifen und M&auml;rtyrer des Glaubens, h&ouml;rt
+mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee
+besuchen, als bis die Dschehennah aufgenommen hat den
+M&ouml;rder meines Vaters! Ich schw&ouml;re es!&laquo;</p>
+
+<p>Ich war tief ersch&uuml;ttert von diesem Schwure, durfte
+aber nichts dagegen sagen. Nun setzte er sich zu uns und
+bat mit beinahe unnat&uuml;rlicher Ruhe: &raquo;Erz&auml;hlt!&laquo;</p>
+
+<p>Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war,
+erhob sich der J&uuml;ngling.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt!&laquo;</p>
+
+<p>Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran,
+wieder in die Richtung zur&uuml;ck, aus der er gekommen war.</p>
+
+<p>Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen
+des Weges &uuml;berwunden; es war keine gro&szlig;e Gefahr mehr
+zu bef&uuml;rchten, trotzdem wir den ganzen Abend und die
+ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen betraten
+wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa
+vor uns liegen.</p>
+
+<p>&raquo;Was nun?&laquo; fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Folgt mir nur!&laquo; antwortete Omar.</p>
+
+<p>Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern
+von ihm h&ouml;rte. Er schritt auf die dem Strande zun&auml;chst
+gelegene H&uuml;tte zu. Ein alter Mann sa&szlig; vor derselben.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te Omar.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum,&laquo; dankte der Alte.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus
+Kris?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden
+Manne das Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was thaten sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach
+Bir Rekeb, um von da nach Kris zur&uuml;ckzukehren. Der
+<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne ein Pferd und
+fragte nach dem Wege nach Kbilli.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Abu el Malah!&laquo;<a name="FNanchor_15_15" id="FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a></p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href="#FNanchor_15_15"><span class="label">[15]</span></a> &raquo;Vater des Salzes&laquo;.</p></div>
+
+<p>Er ging schweigend weiter und f&uuml;hrte uns in eine
+H&uuml;tte, wo wir einige Datteln a&szlig;en und eine Schale Lagmi
+tranken. Dann ging es nach Beschni, Negua und Mansurah,
+wo wir auf unsere Erkundigungen &uuml;berall in Erfahrung
+brachten, da&szlig; wir dem Gesuchten auf den Fersen
+seien. Von Mansurah ist es gar nicht weit bis zu der
+gro&szlig;en Oase Kbilli. Dort gab es damals noch einen
+t&uuml;rkischen Wekil<a name="FNanchor_16_16" id="FNanchor_16_16"></a><a href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>, welcher unter der Aufsicht des Regenten
+von Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren
+ihm zehn Soldaten zur Verf&uuml;gung gestellt worden.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href="#FNanchor_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Statthalter.</p></div>
+
+<p>Wir begaben uns zun&auml;chst in ein Kaffeehaus, wo
+Omar nicht lange Ruhe hatte. Er verlie&szlig; uns, um Erkundigungen
+einzuziehen, und kehrte erst nach einer
+Stunde zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn gesehen,&laquo; meldete er.</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Beim Wekil.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beim Statthalter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Er ist sein Gast und tr&auml;gt sehr pr&auml;chtige
+Kleidung. Wenn ihr mit ihm reden wollt, so m&uuml;&szlig;t ihr
+kommen, denn es ist jetzt die Zeit der Audienz.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Interesse war im h&ouml;chsten Grade erregt. Ein
+steckbrieflich verfolgter M&ouml;rder war der Gast eines gro&szlig;herrlichen
+Statthalters!</p>
+
+<p>Omar f&uuml;hrte uns &uuml;ber einen freien Platz hinweg
+nach einem steinernen, niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern
+keine Spur von Fenstern zeigten. Vor der Th&uuml;r
+desselben standen Nefers<a name="FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a>, welche vor einem Onbaschi<a name="FNanchor_18_18" id="FNanchor_18_18"></a><a href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a>
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>exerzierten, w&auml;hrend der Saka<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> zuschauend an der
+Th&uuml;r lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen
+und von einem Neger um unser Begehr befragt. Er
+f&uuml;hrte uns in das Selaml&uuml;k, einen kahlw&auml;ndigen Raum,
+dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand,
+der in einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf
+demselben sa&szlig; ein Mann mit verschwommenen Gesichtsz&uuml;gen,
+welcher aus einer uralten persischen Hukah Tabak
+rauchte.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href="#FNanchor_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Soldaten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href="#FNanchor_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Korporal.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href="#FNanchor_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Tambour.</p></div>
+
+<p>&raquo;Was wollt ihr?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde,
+behagte mir nicht. Ich antwortete daher mit einer Gegenfrage:</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Der Wekil!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder
+gestern bei dir angekommen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist mein Pa&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf
+einen Blick darauf, faltete es zusammen und steckte es in
+die Tasche seiner weiten Pumphosen.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dieser Mann?&laquo; fragte er dann weiter, indem
+er auf Halef deutete.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Diener.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er nennt sich Hadschi Halef Omar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist der andere?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist der F&uuml;hrer Omar Ben Sadek.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer bist du selbst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es ja gelesen!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>&raquo;Ich habe es nicht gelesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es steht in meinem Passe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist mit den Zeichen der Ungl&auml;ubigen geschrieben.
+Von wem hast du ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von dem franz&ouml;sischen Gouvernement in Algier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das franz&ouml;sische Gouvernement in Algier gilt hier
+nichts. Dein Pa&szlig; hat den Wert eines leeren Papieres.
+Also, wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>Ich beschlo&szlig;, den Namen zu behalten, welchen mir
+Halef gegeben hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hei&szlig;e Kara Ben Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht.
+Wo wohnen sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vom Westen der T&uuml;rkei bis an die L&auml;nder der
+Fransezler und Engleterri.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist die Oase gro&szlig;, in der sie leben, oder haben sie
+mehrere kleine Oasen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so gro&szlig;
+ist, da&szlig; f&uuml;nfzig Millionen Menschen auf ihr wohnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, Gott ist gro&szlig;! Es giebt Oasen, in
+denen es von Gesch&ouml;pfen wimmelt. Hat diese Oase auch
+B&auml;che?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat f&uuml;nfhundert Fl&uuml;sse und Millionen B&auml;che.
+Viele von diesen Fl&uuml;ssen sind so gro&szlig;, da&szlig; Schiffe auf
+ihnen fahren, die mehr Menschen fassen, als Basma oder
+Rahmath Einwohner hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig! Welch ein Ungl&uuml;ck,
+wenn alle diese Schiffe in einer Stunde von den Fl&uuml;ssen
+verschlungen w&uuml;rden! An welchen Gott glauben die
+Nemsi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn
+nicht Allah sondern Vater.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>&raquo;Sie sind Christen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du
+also auch ein Christ?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem
+Wekil von Kbilli zu reden! Ich werde dir die Bastonnade
+geben lassen, wenn du nicht sogleich daf&uuml;r sorgest, da&szlig; du
+mir aus den Augen kommst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist
+oder was dich beleidigt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir
+unter die Augen zu treten. Also wie hei&szlig;t hier dieser
+dein F&uuml;hrer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Omar Ben Sadek.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du
+diesem Nemsi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit gestern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht lange. Ich will also gn&auml;dig sein
+und dir nur zwanzig Hiebe auf die Fu&szlig;sohle geben
+lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Zu mir gewendet, fuhr er fort:</p>
+
+<p>&raquo;Und wie hei&szlig;t dieser dein Diener hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, Gott ist gro&szlig;, aber er hat leider dein
+Ged&auml;chtnis so klein gemacht, da&szlig; du dir nicht einmal
+zwei Namen merken kannst! Mein Diener hei&szlig;t, wie
+ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde
+nachher dein Urteil f&auml;llen! Also, Halef Omar, du bist
+ein Hadschi und dienst einem Ungl&auml;ubigen? Das verdient
+doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du bereits
+bei ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;nf Wochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wirst du sechzig Hiebe auf die Fu&szlig;sohlen erhalten
+<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>und darauf f&uuml;nf Tage hungern und d&uuml;rsten m&uuml;ssen!
+Und du, nun wieder; wie war dein Name?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kara Ben Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei gro&szlig;e Verbrechen
+begangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz
+oder Hazretin-iz, also Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu
+nennen! Deine Verbrechen sind folgende: du hast erstens
+zwei Rechtgl&auml;ubige verf&uuml;hrt, dir zu dienen, macht f&uuml;nfzehn
+Stockschl&auml;ge; du hast zweitens es gewagt, mich in
+meinem Kef zu st&ouml;ren, macht wieder f&uuml;nfzehn Stockschl&auml;ge;
+du hast drittens an meinem Ged&auml;chtnisse gezweifelt, macht
+zwanzig Stockschl&auml;ge; zusammen also f&uuml;nfzig Hiebe auf
+die Fu&szlig;sohle. Und da es mein Recht ist, f&uuml;r jeden Richterspruch
+das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles,
+was du besitzest und bei dir tr&auml;gst, von jetzt an mir geh&ouml;ren;
+ich konfisziere es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, gro&szlig;er Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine
+Gerechtigkeit ist erhaben, deine Weisheit ganz erhaben,
+deine Gnade noch erhabener und deine Klugheit und Schlauheit
+am allererhabensten! Aber ich bitte dich, edler Bei
+von Kbilli, la&szlig; uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche
+erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du von ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich vermute, da&szlig; er ein Bekannter von mir ist,
+und m&ouml;chte mich an seinem Anblick weiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein
+gro&szlig;er Krieger, ein edler Sohn des Sultans und ein
+strenger Anh&auml;nger des Kuran; er ist also nie der Bekannte
+eines Ungl&auml;ubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der
+Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen
+lassen. Nicht du sollst dich an seinem Anblick weiden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>sondern er soll sich an den Hieben erg&ouml;tzen, welche ihr
+erhaltet. Er wu&szlig;te, da&szlig; ihr kommen w&uuml;rdet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Woher wu&szlig;te er es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid vorhin an ihm vor&uuml;bergegangen, ohne ihn
+zu sehen, und er hat euch sofort bei mir angezeigt. W&auml;ret
+ihr nicht von selbst gekommen, so h&auml;tte ich euch holen
+lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat uns angezeigt? Weshalb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werdet ihr noch h&ouml;ren. Ihr sollt dann eine
+zweite Strafe erhalten, die noch gr&ouml;&szlig;er ist als diejenige,
+welche ich euch vorhin diktiert habe.&laquo;</p>
+
+<p>Das war nun allerdings ein eigent&uuml;mlicher, wunderlicher
+Verlauf, den unsere Audienz bei diesem Beamten
+nahm. Ein Wekil mit zehn St&uuml;ck Soldaten in einer so
+vorgeschobenen, vergessenen Oase &ndash; er war jedenfalls
+einmal nichts anderes gewesen, als h&ouml;chstens Tschausch
+oder M&uuml;lasim<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>, und man wei&szlig; ja, was man von einem
+t&uuml;rkischen Lieutenant zu halten hat. Diese Subalternen
+sind oder waren nichts anderes, als die Stiefelputzer und
+Pfeifenstopfer der h&ouml;heren Chargen. Man hatte den guten
+Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben,
+f&uuml;r sich selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals
+wieder an ihn gedacht, denn der Bei von Tunis hatte
+bereits alle t&uuml;rkischen Soldaten aus dem Lande gejagt,
+und die Beduinenst&auml;mme standen nur in der Weise unter
+dem Schutze des Gro&szlig;herrn, da&szlig; er ihren H&auml;uptlingen
+j&auml;hrlich die ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, w&auml;hrend
+sie sich ihm dadurch dankbar erwiesen, da&szlig; sie gar nicht
+mehr an ihn dachten. Der brave Wekil war also in
+Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen,
+und da dies den Eingebornen gegen&uuml;ber immer eine gef&auml;hrliche
+Sache war, so mu&szlig;te ihm ein Fremder wie ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>ganz gelegen kommen. Er wu&szlig;te nichts von Deutschland;
+er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte
+unter r&auml;uberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und
+nahm also an, ungestraft thun zu k&ouml;nnen, was ihm
+beliebte.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href="#FNanchor_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Tschausch = Feldwebel; M&uuml;lasim = Lieutenant.</p></div>
+
+<p>Allerdings hatte es seine Richtigkeit, da&szlig; ich nur
+auf mich selbst angewiesen war, aber es fiel mir doch
+nicht ein, mich vor &raquo;Seiner Hoheit&laquo; zu f&uuml;rchten, vielmehr
+machte es mir Spa&szlig;, da&szlig; er uns in so genialer Unverfrorenheit
+mit der Bastonnade begl&uuml;cken wollte. Zugleich
+war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von
+uns gesuchte sei. Omar konnte sich ja geirrt haben, was
+mir allerdings nicht wahrscheinlich erschien, wenn ich in
+Betracht zog, da&szlig; dieser Gastfreund uns angezeigt hatte.
+Welches Verbrechens er uns bez&uuml;chtigt hatte, ahnte ich.
+Jedenfalls war er ein fr&uuml;herer Bekannter des Wekil und
+benutzte dies, uns auf irgend eine Weise unsch&auml;dlich zu
+machen.</p>
+
+<p>Der Statthalter klatschte in die H&auml;nde, und sogleich
+erschien ein schwarzer Diener, der sich vor ihm
+wie vor dem Sultan auf die Erde warf. Der Wekil
+fl&uuml;sterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte.
+Nach einiger Zeit &ouml;ffnete sich die Th&uuml;r, und die zehn
+Soldaten mit ihrem Onbaschi traten ein. Sie boten
+einen kl&auml;glichen Anblick in ihren aus allen m&ouml;glichen
+Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im mindesten
+einer milit&auml;rischen Uniform glichen; die meisten von ihnen
+waren barfu&szlig;, und alle trugen Gewehre, mit denen man
+alles eher thun konnte, als schie&szlig;en. Sie warfen sich
+kunterbunt durcheinander vor dem Wekil nieder, der sie
+zun&auml;chst mit einem m&ouml;glichst martialischen Blick musterte
+und dann seinen Befehl aussprach:</p>
+
+<p>&raquo;Kalkyn &ndash; steht auf!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>Sie erhoben sich, und der Onbaschi ri&szlig; seinen m&auml;chtigen
+Sarras aus der Scheide.</p>
+
+<p>&raquo;Kylyn syraji &ndash; bildet die Reihe!&laquo; br&uuml;llte er mit
+einer Stentorstimme.</p>
+
+<p>Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten
+nach Belieben in den braunen H&auml;nden.</p>
+
+<p>&raquo;Has &ndash; dur &ndash; das Gewehr &uuml;ber!&laquo; kommandierte
+er nun.</p>
+
+<p>Die Flinten flogen empor, stie&szlig;en gegen einander,
+gegen die Mauer oder gegen die K&ouml;pfe der stattlichen
+Helden, kamen aber doch nach einiger Zeit gl&uuml;cklich auf
+die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.</p>
+
+<p>&raquo;Isalam &ndash; dur &ndash; pr&auml;sentiert das Gewehr!&laquo;</p>
+
+<p>Wieder bildeten die Flinten einen wirren Kn&auml;uel,
+bei dessen Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, da&szlig; die
+eine ihren Lauf verlor. Der Soldat b&uuml;ckte sich gem&auml;chlich
+nieder, hob ihn in die H&ouml;he, betrachtete ihn von allen
+Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um hindurchzugucken
+und sich zu &uuml;berzeugen, da&szlig; das Loch, aus dem
+geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur
+aus der Tasche und band den desertierten Lauf
+behutsam auf dem Orte fest, wo er hingeh&ouml;rte, n&auml;mlich
+an den Schaft. Dann endlich brachte er die restaurierte
+Waffe mit h&ouml;chst befriedigter Miene in diejenige Lage,
+welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.</p>
+
+<p>&raquo;Sessiz, s&ouml;jle &ndash; me &ndash; niz &ndash; steht still und schwatzt
+nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesem Rufe dr&uuml;ckten sie die Lippen mit sichtlicher
+Kraft und Energie zusammen und lie&szlig;en durch ein sehr
+ernsthaftes Augenzwinkern erkennen, da&szlig; es ihr unumst&ouml;&szlig;licher
+Wille sei, keinen Laut von sich zu geben. Sie
+merkten, da&szlig; sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu
+bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>Ich mu&szlig;te mir wirklich M&uuml;he geben, bei diesem
+sonderbaren Exerzitium ernsthaft zu bleiben, und wie ich
+deutlich bemerkte, hatte meine heitere Laune zugleich den
+Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu befestigen.</p>
+
+<p>Und wieder &ouml;ffnete sich die Th&uuml;r. Der Erwartete
+trat ein. Er war es.</p>
+
+<p>Ohne uns eines Blickes zu w&uuml;rdigen, ging er zum
+Teppich, lie&szlig; sich an der Seite des Wekil nieder und nahm
+die Pfeife aus der Hand des Schwarzen, der mit ihm
+eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst erhob
+er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die
+gar nicht gr&ouml;&szlig;er gedacht werden konnte.</p>
+
+<p>Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich
+fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er
+ein Bekannter von dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von
+dir, das hei&szlig;t, du kennst ihn. Aber dein Freund ist er
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde mich auch f&uuml;r seine Freundschaft sehr
+bedanken. Wie nennt er sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hei&szlig;t Abu en Nassr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giaur, wage es nicht, mich der L&uuml;ge zu zeihen, sonst
+erh&auml;ltst du zwanzig Hiebe mehr! Allerdings hei&szlig;t mein
+Freund Hamd el Amasat; aber wisse, du Hund von einem
+Ungl&auml;ubigen, als ich noch als Miralai in Stambul stand,
+wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen angefallen;
+da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen
+und rettete mir das Leben. Seit jener Nacht hei&szlig;t er
+Abu en Nassr, der Vater des Sieges, denn niemand
+kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer Bandit.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu
+sch&uuml;tteln, und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen
+sein? Bei welcher Truppe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat einen Schritt n&auml;her zu ihm heran und erhob
+die Rechte.</p>
+
+<p>&raquo;Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe
+ich dir eine Ssille, das hei&szlig;t eine solche Ohrfeige, da&szlig; du
+morgen deine Nase f&uuml;r ein Minaret ansehen sollst! Du
+w&auml;rst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So etwas
+darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht
+aber mir; verstanden!&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich mit ungew&ouml;hnlicher Schnelligkeit. Das
+war ihm noch nie vorgekommen, das ging &uuml;ber alle seine
+Begriffe; er starrte mich an, als ob ich ein Gespenst sei,
+und stotterte dann, ich wei&szlig; nicht, ob vor Wut oder vor
+Verlegenheit:</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, ich h&auml;tte sogar Lawi-Pascha werden k&ouml;nnen,
+also General-Major, wenn mir die Stelle hier in Kbilli
+nicht lieber gewesen w&auml;re!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und
+Tapferkeit. Du hast mit Banditen gek&auml;mpft, welche dein
+Freund mit blo&szlig;en Worten besiegte, h&ouml;rst du es? Er
+ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen
+oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in
+Algier einen Raubmord begangen; er hat im Wadi Tarfaui
+einen Mann get&ouml;tet; er hat auf dem Schott Dscherid meinen
+F&uuml;hrer, den Vater dieses J&uuml;nglings, erschossen, weil er
+mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis
+nach Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den
+Freund eines Mannes, der ein Oberst im Dienste des
+Gro&szlig;herrn gewesen zu sein behauptet. Ich klage ihn des
+<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Mordes bei dir an und verlange, da&szlig; du ihn gefangen
+nimmst!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken
+und wei&szlig; nicht, was er redet. Er mag seinen Rausch
+verschlafen und sich dann verantworten.&laquo;</p>
+
+<p>Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich
+ihn gepackt, hob ihn empor und warf ihn zu Boden. Er
+sprang auf und zog sein Messer.</p>
+
+<p>&raquo;Hund, du hast dich an einem Gl&auml;ubigen vergriffen;
+du mu&szlig;t jetzt sterben!&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt
+auf mich. Ich aber gab ihm einen so wohlgezielten Faustschlag,
+da&szlig; er niederst&uuml;rzte und regungslos liegen blieb.</p>
+
+<p>&raquo;Fa&szlig;t ihn!&laquo; gebot der Wekil seinen Soldaten, indem
+er auf mich zeigte.</p>
+
+<p>Ich erwartete, da&szlig; sie mich sofort packen w&uuml;rden,
+sah aber zu meiner Verwunderung, da&szlig; es ganz anders
+kam. Der Unteroffizier n&auml;mlich trat vor die Fronte der
+Seinigen und kommandierte:</p>
+
+<p>&raquo;Komyn silahlari &ndash; legt die Gewehre weg!&laquo;</p>
+
+<p>Alle b&uuml;ckten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den
+Boden und kehrten dann in ihre vorige Haltung zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;D&ouml;nd&uuml;rmek sagha &ndash; rechts umgedreht!&laquo;</p>
+
+<p>Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun
+in einer Reihe hinter einander.</p>
+
+<p>&raquo;Gityn erkek tschewresinde, koschyn &ndash; iz &ndash; nehmt
+den Mann in die Mitte, marsch!&laquo;</p>
+
+<p>Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken
+Fu&szlig;; der Fl&uuml;gelmann markierte &raquo;sol &ndash; sagha, sol &ndash; sagha
+= links &ndash; rechts, links &ndash; rechts!&laquo; sie marschierten um
+mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war, auf
+das Kommando des Unteroffiziers stehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>&raquo;Onu tutmyn &ndash; ergreift ihn!&laquo;</p>
+
+<p>Zwanzig H&auml;nde mit gerade hundert braunen, schmutzigen
+Fingern streckten sich von hinten und vorn, von rechts
+und links nach mir aus und fa&szlig;ten mich am Burnus.
+Die Sache war zu komisch, als da&szlig; ich eine Bewegung
+zu meiner Befreiung h&auml;tte machen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Dschenabin &ndash; iz, bizim &ndash; war herifu &ndash; Hoheit,
+wir haben den Kerl!&laquo; meldete der Oberstkommandierende
+der tapfern Truppe.</p>
+
+<p>&raquo;Brakyn &ndash; jok onu tekrar azad &ndash; la&szlig;t ihn nicht
+wieder frei!&laquo; gebot der Statthalter mit strenger Miene.</p>
+
+<p>Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer
+in meinen Burnus als vorher, und gerade die steife, orientalische
+W&uuml;rde, mit der das alles geschah, und die etwas
+urkomisch Marionettenhaftes hatte, war schuld, da&szlig; ich
+beinahe laut aufgelacht h&auml;tte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr
+wieder erhoben. Seine Augen funkelten vor Wut und
+Rachgier, als er zum Wekil sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst ihn erschie&szlig;en lassen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich
+ihn verh&ouml;ren, denn ich bin ein gerechter Richter und mag
+niemand ungeh&ouml;rt verurteilen. Bring deine Anklage vor!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Giaur,&laquo; begann der M&ouml;rder, &raquo;ging mit
+einem F&uuml;hrer und seinem Diener &uuml;ber den Schott; er traf
+auf uns und st&uuml;rzte meinen Gef&auml;hrten in die Fluten, so
+da&szlig; dieser elend ertrinken mu&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum that er dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus Rache.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wof&uuml;r wollte er sich r&auml;chen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann get&ouml;tet; wir
+kamen dazu und wollten ihn festnehmen, er aber entwischte
+uns.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>&raquo;Kannst du deine Worte beschw&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beim Barte des Propheten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist genug! &ndash; Hast du diese Worte vernommen?&laquo;
+fragte er mich dann.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sagst du dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; er ein Schurke ist. Er war der M&ouml;rder und
+hat in seiner Anklage die Personen geradezu verwechselt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich
+glaube nicht dir, sondern ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er dient einem Ungl&auml;ubigen; seine Worte gelten
+nichts. Ich werde den gro&szlig;en Rat der Oase einberufen
+lassen, der meine Worte h&ouml;ren und &uuml;ber dich entscheiden
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ
+bin, und schenkst dennoch einem Giaur dein Vertrauen.
+Dieser Mensch ist ein Armenier und also kein Moslem,
+sondern ein Christ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat beim Propheten geschworen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine Niedertr&auml;chtigkeit und eine S&uuml;nde, f&uuml;r
+die ihn Gott bestrafen wird. Wenn du mich nicht h&ouml;ren
+willst, so werde ich ihn beim Rate der Oase verklagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Giaur kann keinen Gl&auml;ubigen verklagen, und
+der Rat der Oase k&ouml;nnte ihm nicht das Geringste thun,
+denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu und ist also
+ein Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n, einer, der im Schatten des
+Gro&szlig;herrn steht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich bin ein Gi&ouml;lgeda senin kyral&uuml;n, einer, der
+im Schatten seines K&ouml;nigs wandelt. Auch ich habe ein
+Bu-Djeruldu; du hast es in deiner Tasche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich w&uuml;rde
+mich verunreinigen, wenn ich es l&auml;se. Deine Sache wird
+<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>noch heute untersucht werden, zun&auml;chst aber erhaltet ihr
+die Bastonnade: du f&uuml;nfzig, dein Diener sechzig und dein
+F&uuml;hrer zwanzig Hiebe auf die Fu&szlig;sohle. F&uuml;hrt sie hinab
+in den Hof; ich werde nachkommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alykom&uuml;n elleri &ndash; nehmt die H&auml;nde zur&uuml;ck!&laquo; gebot
+sofort der Unteroffizier.</p>
+
+<p>Die hundert Finger lie&szlig;en augenblicklich von mir ab.</p>
+
+<p>&raquo;Alyn &ndash; iz t&uuml;fenkleri &ndash; hebt die Flinten auf!&laquo;</p>
+
+<p>Die Helden st&uuml;rzten auf ihre Gewehre zu und nahmen
+sie wieder an sich.</p>
+
+<p>&raquo;Wirmyn hep &ndash; &uuml;tsch &ndash; umschlie&szlig;t alle drei!&laquo;</p>
+
+<p>Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt.
+Wir wurden hinaus in den Hof gef&uuml;hrt, in dessen Mitte
+sich ein bankartiger Block befand. Seine Beschaffenheit
+deutete darauf hin, da&szlig; er zur Aufnahme derjenigen bestimmt
+sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.</p>
+
+<p>Weil ich selbst mich ruhig gef&uuml;gt hatte, waren auch
+meine beiden Gef&auml;hrten ohne allen Widerstand gefolgt,
+aber ich sah es in ihren Augen, da&szlig; sie nur auf mein
+Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.</p>
+
+<p>Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten,
+erschien der Wekil mit Abu en Nassr. Der Schwarze
+trug den Teppich vor ihnen her, breitete ihn auf dem Boden
+aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen Feuer f&uuml;r
+ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf
+mich.</p>
+
+<p>&raquo;Wermyn ona elli &ndash; gebt ihm F&uuml;nfzig!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt war es Zeit.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?&laquo;
+fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gieb es mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst es niemals zur&uuml;ckerhalten!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; sich kein Gl&auml;ubiger daran verunreinigen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst mich wirklich schlagen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht,
+wenn er gezwungen ist, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!&laquo;</p>
+
+<p>Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen
+Mauer und an der vierten von dem Geb&auml;ude umschlossen;
+es gab keinen andern Ausgang als denjenigen, durch
+welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht;
+wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte
+man uns gelassen, so erforderte es der ritterliche Gebrauch
+der W&uuml;ste; der Wekil war v&ouml;llig unsch&auml;dlich, ebenso auch
+seine Soldaten, und nur Abu en Nassr konnte gef&auml;hrlich
+werden. Ich mu&szlig;te ihn vor allen Dingen kampfunf&auml;hig
+machen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du eine Schnur?&laquo; fragte ich Omar leise.</p>
+
+<p>&raquo;Ja; meine Burnusschnur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mache sie los!&laquo; Und gegen Halef f&uuml;gte ich hinzu:
+&raquo;Du springst zum Ausgang und l&auml;ssest keinen Menschen
+durch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verschaffe sie dir!&laquo; hatte indessen der Wekil geantwortet.</p>
+
+<p>&raquo;Sogleich!&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten sprang ich ganz pl&ouml;tzlich zwischen
+den Soldaten hindurch und auf Abu en Nassr zu, ri&szlig;
+ihm die Arme auf den R&uuml;cken und dr&uuml;ckte ihm das Knie
+so fest auf den Nacken, da&szlig; er sich in seiner sitzenden
+Stellung nicht zu r&uuml;hren vermochte.</p>
+
+<p>&raquo;Binde ihn!&laquo; gebot ich Omar.</p>
+
+<p>Dieser Befehl war eigentlich &uuml;berfl&uuml;ssig, denn Omar
+hatte mich sofort begriffen und war bereits dabei, seine
+<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>Schnur um die Arme des Armeniers zu schlingen. Ehe
+nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er
+gefesselt. Mein pl&ouml;tzlicher Angriff hatte den Wekil und
+seine Leibwache so perplex gemacht, da&szlig; sie mich ganz
+konsterniert anstaunten. Ich zog jetzt mit der Rechten
+mein Messer und fa&szlig;te ihn mit der Linken am Genick.
+Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als
+ob er bereits vollst&auml;ndig tot sei; desto mehr Leben aber
+kam in die Soldaten.</p>
+
+<p>&raquo;Hatschyn, aramin imdadi &ndash; rei&szlig;t aus, bringt Hilfe!&laquo;
+br&uuml;llte der Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden
+hatte.</p>
+
+<p>Sein S&auml;bel w&auml;re ihm hinderlich geworden, er warf
+ihn weg und rannte dem Ausgange zu; die andern folgten
+ihm. Dort aber stand bereits der wackere Halef mit schu&szlig;fertigem
+Gewehre.</p>
+
+<p>&raquo;Geri; durar &ndash; siz bunda &ndash; zur&uuml;ck! Ihr bleibt
+hier!&laquo; rief er ihnen entgegen.</p>
+
+<p>Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen
+vier Richtungen auseinander, um Schutz in den Mauerecken
+zu suchen.</p>
+
+<p>Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit
+finsterem Blick bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu
+sto&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du tot?&laquo; fragte ich den Wekil.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aber du wirst mich t&ouml;ten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit
+und Tapferkeit. Aber ich sage dir, da&szlig; dein Leben
+an einem d&uuml;nnen Haare h&auml;ngt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was verlangst du von mir, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf
+einer Weiberstimme. Ich blickte auf und bemerkte eine
+kleine dicke, weibliche Gestalt, welche vom Eingange her
+<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>mit m&ouml;glichster Anstrengung auf uns zuge&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;kugelt
+kam.</p>
+
+<p>&raquo;Tut &ndash; halt!&laquo; rief sie mir kreischend zu. &raquo;&Ouml;ldirme
+onu; dir benim kodscha &ndash; t&ouml;te ihn nicht; er ist mein Mann!&laquo;</p>
+
+<p>Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer
+dichten Kleiderh&uuml;lle mit wahrhaft schwimm&auml;hnlichen Bewegungen
+auf mich zusteuerte, war die gn&auml;dige Frau Statthalterin.
+Jedenfalls hatte sie von dem mit einem Holzgitter
+versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution
+zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken m&uuml;ssen,
+da&szlig; dieselbe jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle.
+Ich fragte ihr ruhig entgegen:</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im kary wekil&uuml;n, ich bin das Weib des Wekil,&laquo;
+antwortete sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ewet, dir benim awret, g&uuml;l Kbillin&uuml;n &ndash; ja, sie ist
+mein Weib, die Rose von Kbilli,&laquo; best&auml;tigte &auml;chzend der
+Statthalter.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Demar-im Mersinah &ndash; ich hei&szlig;e Mersinah,&laquo; berichtete
+sie.</p>
+
+<p>&raquo;He, demar Mersinah &ndash; ja, sie hei&szlig;t Mersinah,&laquo;
+ert&ouml;nte das Echo aus dem Munde des Wekil.</p>
+
+<p>Also sie war die &raquo;Rose von Kbilli&laquo; und hie&szlig; Mersinah,
+d.&nbsp;i. Myrte. Einem so zarten Wesen gegen&uuml;ber mu&szlig;te
+ich nachgiebig sein.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du mir die Morgenr&ouml;te deines Antlitzes zeigst,
+o Blume der Oase, so werde ich meine Hand von ihm
+nehmen,&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem
+Angesichte. Sie hatte lange Zeit unter den Arabern gelebt,
+deren Frauen unverh&uuml;llt gehen, und war also weniger
+zur&uuml;ckhaltend geworden, als unter andern Verh&auml;ltnissen
+<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>die T&uuml;rkinnen sein m&uuml;ssen. &Uuml;brigens handelte es sich
+hier, wie sie dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.</p>
+
+<p>Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes
+Frauenangesicht, welches so fett war, da&szlig; man die Augen
+kaum und das Stumpfn&auml;schen beinahe gar nicht unterscheiden
+konnte. Madame Wekil war vielleicht vierzig
+Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte
+schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen
+zu paralysieren gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle
+je auf der Mitte der Wange hervorgebrachte Punkte gaben
+ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie jetzt die Vorderarme
+aus der H&uuml;lle streckte, bemerkte ich, da&szlig; sie nicht blo&szlig;
+die N&auml;gel, sondern auch die ganzen H&auml;nde mit Henna rot
+gef&auml;rbt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!&laquo; schmeichelte
+ich. &raquo;Wenn du mir versprichst, da&szlig; der Wekil ruhig sitzen
+bleibt, soll ihm jetzt kein Leid geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kaladschak-dir &ndash; er wird sitzen bleiben; ich verspreche
+es dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mag er es deiner Lieblichkeit danken, da&szlig; ich
+ihn nicht zerdr&uuml;cke wie eine Indschir, wie eine Feige, die
+in der Presse liegt, um getrocknet zu werden. Deine Stimme
+gleicht der Stimme der Fl&ouml;te; dein Auge gl&auml;nzt wie das
+Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt von
+Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, da&szlig;
+ich ihn leben lasse!&laquo;</p>
+
+<p>Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf,
+indem er erleichtert st&ouml;hnte, blieb aber gehorsam in seiner
+sitzenden Stellung. Sie betrachtete mich sehr aufmerksam
+vom Kopfe bis zu den F&uuml;&szlig;en herab und fragte dann mit
+freundlichem Tone:</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>&raquo;Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat
+weit dr&uuml;ben &uuml;ber dem Meere liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind eure Frauen sch&ouml;n?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind sch&ouml;n, aber sie gleichen doch nicht den Frauen
+am Schott El Kebihr.&laquo;</p>
+
+<p>Sie nickte, befriedigt l&auml;chelnd, und ich sah es ihr an,
+da&szlig; ich Gnade vor ihren Augen gefunden hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr
+h&ouml;fliche Leute, das habe ich schon oft geh&ouml;rt,&laquo; entschied sie.
+&raquo;Du bist uns willkommen! Doch warum hast du diesen
+Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor
+dir, und warum wolltest du den m&auml;chtigen Statthalter
+t&ouml;ten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein M&ouml;rder
+ist; deine Soldaten flohen vor mir, weil sie merkten, da&szlig;
+ich sie alle elf besiegen w&uuml;rde, und den Wekil habe ich
+gebunden, weil er mich schlagen und dann vielleicht sogar
+zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu
+geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst Gerechtigkeit haben!&laquo;</p>
+
+<p>Da wollte sich mir die &Uuml;berzeugung aufdr&auml;ngen, da&szlig;
+der Pantoffel im Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt,
+wie im Abendlande. Der Wekil sah seine Autorit&auml;t bedroht
+und machte einen Versuch, sie wieder herzustellen:</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein gerechter Richter und werde&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sus-olmar-sen &ndash; du wirst schweigen!&laquo; gebot sie ihm.
+&raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; ich diesen Menschen kenne, der sich Abu
+en Nassr, Vater der Sieger, nennt; er sollte sich aber
+Abu el Jalani, Vater der L&uuml;gner, nennen. Er war
+schuld, da&szlig; man dich nach Algier schickte, grad als du
+M&uuml;lasim werden konntest; er war schuld, da&szlig; du dann
+nach Tunis kamst und hier in dieser Einsamkeit vergraben
+wurdest, und so oft er hier bei dir war, mu&szlig;test du etwas
+<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse
+ihn und habe nichts dagegen, da&szlig; dieser Fremdling hier
+ihn t&ouml;tet. Er hat es verdient!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kann nicht get&ouml;tet werden; er ist ein Gi&ouml;lgeda
+padischahn&uuml;n!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Gi&ouml;lgeda
+padischahn&uuml;n, das hei&szlig;t, er steht im Schatten des Padischah;
+dieser Fremdling aber ist ein Gi&ouml;lgeda wekilan&uuml;n, das hei&szlig;t,
+er steht im Schatten der Statthalterin, in meinem Schatten,
+h&ouml;rst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll
+deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er
+machte Miene, sich ihr anzuschlie&szlig;en. Das war nat&uuml;rlich
+ganz gegen meine Absicht.</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick
+fa&szlig;te. &raquo;Du bleibst da!&laquo;</p>
+
+<p>Da wandte sie sich um.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du nicht gesagt, da&szlig; du ihn freigeben willst?&laquo;
+fragte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, doch nur unter der Bedingung, da&szlig; er an seinem
+Platze bleibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann
+jedenfalls so lange hier bleiben, bis meine Angelegenheit
+erledigt ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die ist bereits erledigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Inwiefern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habe ich dir nicht gesagt, da&szlig; du uns willkommen
+bist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist richtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen
+so lange bei uns wohnen, bis es dir gef&auml;llig ist, uns wieder
+zu verlassen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>&raquo;Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt
+hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was
+du willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist das wahr, Wekil?&laquo;</p>
+
+<p>Er z&ouml;gerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger
+Blick aus den Augen seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du schw&ouml;rst es mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schw&ouml;re es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei Allah und seinem Propheten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; ich?&laquo; fragte er Madame, die Rose von Kbilli.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t!&laquo; antwortete sie sehr entschieden.</p>
+
+<p>&raquo;So schw&ouml;re ich es bei Allah und dem Propheten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun darf er mit mir gehen?&laquo; fragte sie mich.</p>
+
+<p>&raquo;Er darf,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel
+mit Kuskussu speisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher
+aufbewahren kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort
+an der Mauer. Er wird dir nicht entfliehen, denn ich
+werde ihn durch unsere Truppen bewachen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde ihn selbst bewachen,&laquo; antwortete Omar
+an meiner Stelle. &raquo;Er wird mir nicht entfliehen, sondern
+mit seinem Tode das Leben meines Vaters bezahlen. Mein
+Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.&laquo;</p>
+
+<p>Der M&ouml;rder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung
+an nicht das kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge
+gl&uuml;hte t&uuml;ckisch und unheimlich auf uns, als er uns nach
+der Palme folgen mu&szlig;te, an welcher wir ihn festbanden.
+Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben
+zu nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>wu&szlig;te, da&szlig; keine Bitte meinerseits Omar vermocht h&auml;tte,
+ihn zu begnadigen. Ed d&#8217;em b&#8217;ed d&#8217;em, oder wie der
+T&uuml;rke sagt, kan kan&uuml; &ouml;demar, das Blut bezahlt das Blut.
+Am liebsten w&auml;re es mir trotz allem gewesen, wenn es
+ihm gelingen konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen;
+aber so lange ich mich auf seiner F&auml;hrte befunden
+hatte und so lange er sich in meiner Gewalt befand, mu&szlig;te
+ich ihn als Feind und M&ouml;rder betrachten und also auch
+als solchen behandeln. Gewi&szlig; war es auf alle F&auml;lle, da&szlig;
+er mich nicht schonen w&uuml;rde, falls ich das Ungl&uuml;ck haben
+sollte, in seine Hand zu fallen.</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; ihn also in der Obhut Omars und begab
+mich mit Halef nach dem Selaml&uuml;k. Unterwegs fragte mich
+der kleine Diener:</p>
+
+<p>&raquo;Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist
+dies wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich
+da, wo er es f&uuml;r geboten h&auml;lt, f&uuml;r einen Mohammedaner
+aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du h&auml;ltst ihn f&uuml;r einen schlechten Menschen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r einen sehr schlechten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Effendi, da&szlig; die Christen schlechte Menschen
+sind! Du mu&szlig;t dich zum wahren Glauben bekennen, wenn
+du nicht in alle Ewigkeit in der Dschehennah braten willst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du wirst selbst so lange darin braten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mir nicht erz&auml;hlt, da&szlig; im Derk Asfal, in
+der siebenten und tiefsten H&ouml;lle, alle L&uuml;gner und Heuchler
+braten und die Teufelsk&ouml;pfe vom Baume Zakum essen
+m&uuml;ssen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein L&uuml;gner und Heuchler!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit,
+<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>und in meinem Herzen ist kein Falsch. Wer mich so
+nennt, wie du mich nanntest, den wird meine Kugel
+treffen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du l&uuml;gst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst,
+ein Hadschi zu sein. Soll ich das dem Wekil erz&auml;hlen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun
+an Hadschi Halef Omar, dem treuesten Diener, den du
+finden kannst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch
+die Bedingung, unter welcher ich schweige.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch
+wirst du dennoch ein wahrer Gl&auml;ubiger werden, du magst
+nun wollen oder nicht, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil
+erwartet. Es war keineswegs die freundlichste Miene,
+mit welcher er mich empfing.</p>
+
+<p>&raquo;Setze dich!&laquo; lud er mich ein.</p>
+
+<p>Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben
+ihm Platz, w&auml;hrend Halef sich mit den Pfeifen zu thun
+machte, welche man mittlerweile in einer Ecke des Raumes
+bereitgestellt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes
+sehen?&laquo; begann die Unterhaltung.</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das
+Angesicht dessen zu sehen, mit dem er spricht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen
+sich, die eurigen aber lassen sich sehen. Unsere Frauen
+tragen Kleider, die oben lang und unten kurz sind; die
+eurigen aber haben Gew&auml;nder, welche oben kurz und unten
+lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt
+ihr jemals eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure
+M&auml;dchen aber kommen zu uns, und weshalb? O jazik,
+o wehe!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>&raquo;Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von
+euch geboten wurde? Seit wann ist es Sitte geworden,
+den Gastfreund mit einer Beleidigung zu empfangen? Ich
+brauche weder deinen Hammel noch dein Kuskussu und
+werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen,
+was ich dachte, aber ich wollte dich nicht beleidigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was
+er denkt. Ein schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen
+Topfe, den niemand brauchen kann, weil er nichts
+bewahrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Setze dich wieder nieder, und erz&auml;hle mir, wo du
+Abu en Nassr getroffen hast.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erstattete ihm ausf&uuml;hrlichen Bericht von unserem
+Abenteuer. Er h&ouml;rte schweigend zu und sch&uuml;ttelte sodann
+den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Du glaubst also, da&szlig; er den Kaufmann in Blidah
+ermordet hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du warst nicht dabei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schlie&szlig;e es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur Allah allein darf schlie&szlig;en; er ist allwissend,
+und des Menschen Gedanke ist wie der Reiter, den ein
+ungehorsames Pferd dorthin tr&auml;gt, wohin er nicht kommen
+wollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur Allah darf schlie&szlig;en, weil er allwissend ist?
+O Wekil, dein Geist ist m&uuml;de von den vielen Hammeln
+mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben weil Allah
+allwissend ist, braucht er nicht zu schlie&szlig;en; wer schlie&szlig;t,
+der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher
+zu kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re, da&szlig; du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der
+viele Schulen besucht hat, denn du sprichst in Worten,
+<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>die niemand verstehen kann. Und du glaubst auch, da&szlig;
+er den Mann im Wadi Tarfaui get&ouml;tet hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warst du dabei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hat es dir der Tote erz&auml;hlt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, h&auml;tten
+gewu&szlig;t, da&szlig; ein Toter nicht mehr sprechen kann!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unh&ouml;flichkeit!
+Also du warst nicht dabei, und der Tote konnte es dir
+nicht sagen; woher also willst du wissen, da&szlig; er ein
+M&ouml;rder ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schlie&szlig;e es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dir bereits gesagt, da&szlig; nur Allah schlie&szlig;en
+darf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als
+ich ihn traf, hat er mir den Mord eingestanden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis,
+da&szlig; er ein M&ouml;rder ist, denn mit einer Spur hat noch
+niemand einen Menschen erschlagen. Und da&szlig; er dir den
+Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist
+ein Kusch-schakan&uuml;n, ein Spa&szlig;vogel, dessen Absicht es war,
+sich einen Scherz zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit einem Morde spa&szlig;t man nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und
+du glaubst auch endlich, da&szlig; er den F&uuml;hrer Sadek erschossen
+hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du warst dabei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hast es gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist
+Zeuge.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>&raquo;Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du
+wirklich deshalb sagen, da&szlig; er ein M&ouml;rder sei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, Allah st&auml;rke deine Gedanken, denn du sollst
+gleich einsehen, da&szlig; der Mensch nicht schlie&szlig;en soll!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du Zeuge bist, da&szlig; er den F&uuml;hrer erschossen
+hat, schlie&szlig;est du, da&szlig; er ein M&ouml;rder sei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das versteht sich doch ganz von selbst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen w&auml;re!
+Gibt es in deinem Lande keine Blutrache?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sage ich dir, da&szlig; der Blutr&auml;cher niemals ein
+M&ouml;rder ist. Kein Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu
+denen der Tote geh&ouml;rte, haben das Recht, ihn zu verfolgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem
+Sadek geh&ouml;rte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir
+sagen, da&szlig; ich meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der
+eigentlich Hamd el Amasat hei&szlig;t und schon vorher wohl
+auch noch einen armenischen Namen getragen hat, gar
+nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe l&auml;&szlig;t.
+Aber er hat den F&uuml;hrer Sadek erschlagen, dessen Sohn
+Omar Ben Sadek ist, und dieser letztere hat also, wie
+du vorhin selbst erkl&auml;rtest, ein Recht auf das Leben des
+M&ouml;rders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch daf&uuml;r,
+da&szlig; mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet,
+sonst rechne ich mit ihm ab!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich
+werde mit Omar sprechen, der ihn freigeben soll; du
+aber bist mein Gast, so lange es dir gef&auml;llt.&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wu&szlig;te
+<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>voraus, da&szlig; alle seine Bem&uuml;hungen bei Omar vergeblich
+sein w&uuml;rden. Wirklich kehrte er nach einer Zeit mit finsterer
+Miene zur&uuml;ck und blieb auch schweigsam, als der
+am Spie&szlig;e gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die
+lieblichen Hennafinger der &raquo;Rose von Kbilli&laquo; zubereitet
+hatten. Ich und Halef, wir langten wacker zu, und eben
+hatte mir der Wekil gesagt, da&szlig; Omar seine Mahlzeit
+hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen
+sei, von seinem Gefangenen fortzugehen, als drau&szlig;en
+ein lauter Schrei erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf
+wiederholte sich: &raquo;Breh, Effendina, zu Hilfe!&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte
+hinaus. Omar lag an der Erde und balgte sich mit den
+Soldaten herum, der Gefangene aber war nicht zu sehen.
+Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste
+mir mit schadenfroher Miene entgegen:</p>
+
+<p>&raquo;Fort, Sihdi &ndash; dort reiten!&laquo;</p>
+
+<p>Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich
+sah Abu en Nassr eben zwischen den Palmen verschwinden.
+Er ritt ein Eilkamel, welches einen ganz famosen
+Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil
+war erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en
+Nassr retten; er hatte dem Schwarzen den Befehl gegeben,
+das Kamel bereit zu halten, und den Soldaten befohlen,
+Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die
+elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt,
+und der Streich war gelungen.</p>
+
+<p>Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar
+hatte sein Messer gebraucht, und als ich den Kn&auml;uel, den
+die K&auml;mpfenden bildeten, auseinanderbrachte, sah ich,
+da&szlig; mehrere von ihnen bluteten.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist fort, Sihdi!&laquo; keuchte der junge F&uuml;hrer vor
+Wut und Anstrengung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>&raquo;Ich sah es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dorthin.&laquo;</p>
+
+<p>Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.</p>
+
+<p>&raquo;Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem
+Entflohenen nachjagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er sa&szlig; auf einem Reitkamele.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde ihn dennoch ereilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast kein Tier!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles
+Tier geben werden, und Datteln und Wasserschl&auml;uche.
+Ehe er am Horizonte verschwindet, werde ich auf seiner
+Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du
+mir nachkommen willst.&laquo;</p>
+
+<p>Er eilte von dannen.</p>
+
+<p>Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen,
+Omar aus den H&auml;nden der Soldaten zu befreien. Er
+gl&uuml;hte vor Zorn.</p>
+
+<p>&raquo;Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde,
+ihr Abk&ouml;mmlinge von M&auml;usen und Ratten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er h&auml;tte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn
+nicht die Wekila auf dem Platze erschienen w&auml;re. Sie
+war wieder dicht verschleiert.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist geschehen?&laquo; fragte sie mich.</p>
+
+<p>&raquo;Deine Truppen sind &uuml;ber meinen F&uuml;hrer hergefallen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Schurken, ihr Buben!&laquo; rief sie, mit dem Fu&szlig;e
+stampfend und die roten F&auml;uste durch die H&uuml;lle zw&auml;ngend.</p>
+
+<p>&raquo;Und haben den Gefangenen befreit&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Spitzbuben, ihr Betr&uuml;ger!&laquo; fuhr sie fort, und
+es hatte allen Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen
+werde.</p>
+
+<p>&raquo;Auf Befehl des Wekil,&laquo; f&uuml;gte ich hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Des Wekil? &ndash; Der Wurm, der Ungehorsame,
+<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>der Unn&uuml;tze, der Trotzkopf! Meine Hand soll &uuml;ber ihn
+kommen, und zwar sogleich, in diesem Augenblick!&laquo;</p>
+
+<p>Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne
+nach dem Selaml&uuml;k.</p>
+
+<p>O du begl&uuml;ckende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist
+ganz dasselbe im Norden wie im S&uuml;den, im Osten wie
+im Westen!</p>
+
+<p>Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen
+uns hier besser am Gi&ouml;lgeda wekilan&uuml;n, im Schatten
+der Statthalterin, als wenn wir ein Bu-Djeruldu h&auml;tten
+und der Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n, der Schatten des Gro&szlig;herrn,
+uns besch&uuml;tzte. Hamdulillah, Preis sei Allah, da&szlig;
+ich nicht so gl&uuml;cklich bin, der Wekil dieser Statthalterin
+zu sein!&laquo;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+<a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Im Harem.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>s war um die Zeit, in welcher die &auml;gyptische Sonne
+ihre Strahlen mit der gesteigertsten Glut auf die Erde
+sendet und ein jeder, den nicht die Not hinaus unter den
+freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines Daches
+zur&uuml;ckzieht und nach der m&ouml;glichsten Ruhe und K&uuml;hlung
+strebt.</p>
+
+<p>Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten
+Wohnung, schl&uuml;rfte w&uuml;rzigen Mokka und schwelgte
+im Dufte des w&uuml;rzigen Djebeli, welcher meiner Pfeife
+entstr&ouml;mte. Die starken, nach au&szlig;en fensterlosen Mauern
+boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten
+por&ouml;sen Thongef&auml;&szlig;e, durch deren W&auml;nde das Nilwasser
+verdunstete, machten die Atmosph&auml;re so ertr&auml;glich, da&szlig;
+ich von der w&auml;hrend der Mittagszeit hier so gew&ouml;hnlichen
+Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.</p>
+
+<p>Da erhob sich drau&szlig;en die scheltende Stimme meines
+Dieners Halef Agha.</p>
+
+<p>Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein
+Agha, ein Herr geworden, und wer hat ihn dazu gemacht?
+Spa&szlig;hafte Frage! Wer denn sonst als er selbst!</p>
+
+<p>Wir waren &uuml;ber Tripolis und Kufarah nach &Auml;gypten
+gekommen, hatten Kairo besucht, welches der &Auml;gypter
+schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder noch lieber el
+Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit
+es mir meine beschr&auml;nkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren
+<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>und hatten uns dann zum Ausruhen die Wohnung
+genommen, in welcher ich mich ganz wohl befunden h&auml;tte,
+wenn nicht mein sonst ganz pr&auml;chtiger Diwan und alle
+Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen
+Gesch&ouml;pfen heimgesucht worden w&auml;ren, von welchen der
+alte, gute Fischart dichtete:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und von denen man au&szlig;er dem gro&szlig;&auml;ugigen <em class="antiqua">Pulex canis</em>
+und dem r&ouml;tlichen <em class="antiqua">Pulex musculi</em> noch den allbeliebten
+<em class="antiqua">Pulex irritans</em> und den w&uuml;tenden <em class="antiqua">Pulex penetrans</em> kennen
+gelernt hat. Leider mu&szlig; ich sagen, da&szlig; &Auml;gypten nicht
+das Jagdgefilde des <em class="antiqua">&raquo;irritans&laquo;</em>, sondern des <em class="antiqua">&raquo;penetrans&laquo;</em>,
+also nicht des &raquo;reizenden&laquo; sondern des &raquo;durchdringenden&laquo;
+<em class="antiqua">Pulex</em> ist, und so brauche ich wohl nicht hinzuzuf&uuml;gen,
+da&szlig; mein Kef, meine Mittagsruhe, nicht ganz ohne alle
+Bel&auml;stigung geblieben war.</p>
+
+<p>Also drau&szlig;en erhob sich die scheltende Stimme meines
+Dieners Halef Agha, die mich aus meinen Tr&auml;umen weckte:</p>
+
+<p>&raquo;Was? Wie? Wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Effendi,&laquo; antwortete es sch&uuml;chtern.</p>
+
+<p>&raquo;Den Effendi el kebihr, den gro&szlig;en Herrn und
+Meister willst du st&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; ihn sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? Du mu&szlig;t? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir
+der Teufel &ndash; Allah besch&uuml;tze mich vor ihm! &ndash; den Kopf
+mit Nilschlamm gef&uuml;llt, so da&szlig; du nicht begreifen kannst,
+was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein Mann,
+den der Prophet mit Weisheit speist, so da&szlig; er alles kann,
+sogar die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen,
+woran sie gestorben sind!&laquo;</p>
+
+<p>Ach, ja wohl, ich mu&szlig; es eingestehen, da&szlig; mein
+Halef hier in &Auml;gypten viel, viel anders geworden war!
+Er war jetzt au&szlig;erordentlich stolz, unendlich grob und
+<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>heillos aufschneiderisch geworden, und das will im Oriente
+viel sagen.</p>
+
+<p>Im Morgenlande wird jeder Deutsche f&uuml;r einen
+gro&szlig;en G&auml;rtner und jeder Ausl&auml;nder f&uuml;r einen guten
+Sch&uuml;tzen oder f&uuml;r einen gro&szlig;en Arzt gehalten. Nun war
+mir ungl&uuml;cklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb
+gef&uuml;llte hom&ouml;opatische Apotheke von Willmar Schwabe in
+die Hand gekommen; ich hatte hier und da bei einem
+Fremden oder Bekannten f&uuml;nf K&ouml;rnchen von der drei&szlig;igsten
+Potenz versucht, dann w&auml;hrend der Nilfahrt meinen
+Schiffern gegen alle m&ouml;glichen eingebildeten Leiden eine
+Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer
+Schnelligkeit in den Ruf eines Arztes gekommen, der mit
+dem Sche&iuml;tan im Bunde stehe, weil er mit drei K&ouml;rnchen
+Durrhahirse Tote lebendig machen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine
+gelinde Art von Gr&ouml;&szlig;enwahn erweckt, der ihn aber gl&uuml;cklicherweise
+nicht hinderte, mir der treueste und aufmerksamste
+Diener zu sein. Da&szlig; er am meisten beitrug, meinen
+Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst;
+er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des
+weiland Barons M&uuml;nchhausen <em class="antiqua">senior</em> verfallen und versuchte
+nebenbei, durch eine Grobheit zu gl&auml;nzen, welche
+klassisch zu werden drohte.</p>
+
+<p>So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen
+Lohne eine Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht
+zu sehen war. Er kannte &Auml;gypten von fr&uuml;herher und behauptete,
+da&szlig; ohne Peitsche da gar nicht auszukommen
+sei, weil sie gr&ouml;&szlig;ere Wunder thue als H&ouml;flichkeit und
+Geld, von welchem letzteren mir allerdings kein gro&szlig;er
+&Uuml;berflu&szlig; zur Verf&uuml;gung stand.</p>
+
+<p>&raquo;Gott erhalte deine Rede, Sihdi,&laquo; h&ouml;rte ich die bittende
+Stimme wieder; &raquo;aber ich mu&szlig; deinen Effendi,
+<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>den gro&szlig;en Arzt aus Frankhistan, wirklich sehen und
+sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist sehr notwendig, sonst h&auml;tte mich mein Herr
+nicht gesandt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dein Herr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist der reiche und m&auml;chtige Abrahim-Mamur,
+dem Allah tausend Jahre schenken m&ouml;ge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur,
+und wie hie&szlig; sein Vater? Wer war der Vater
+seines Vaters und der Vater seines Vatervaters? Von
+wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen
+Namen verdankt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich nicht, Sihdi, aber er ist ein m&auml;chtiger
+Herr, wie ja schon sein Name sagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sein Name? Was meinst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur. Mamur hei&szlig;t Vorsteher einer
+Provinz, und ich sage dir, da&szlig; er wirklich ein Mamur
+gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewesen? Er ist es also nicht mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich,
+Halef Agha, der tapfere Freund und Besch&uuml;tzer meines
+Gebieters, habe noch nie von ihm geh&ouml;rt und noch nie die
+Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein Herr hat
+keine Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sage mir, Sihdi, was ich thun mu&szlig;, um zu
+ihm zu kommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schl&uuml;ssel,
+der die St&auml;tten der Weisheit erschlie&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe diesen Schl&uuml;ssel bei mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So schlie&szlig;e auf.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern
+von Geldst&uuml;cken.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Piaster? Mann, ich sage dir, da&szlig; das Loch
+im Schlosse gr&ouml;&szlig;er ist, als dein Schl&uuml;ssel; er pa&szlig;t nicht,
+denn er ist zu klein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mu&szlig; ich ihn vergr&ouml;&szlig;ern.&laquo;</p>
+
+<p>Wieder klang es drau&szlig;en wie kleine Silberst&uuml;cke.
+Ich wu&szlig;te nicht, sollte ich lachen oder mich &auml;rgern. Dieser
+Halef Agha war ja ein ganz au&szlig;erordentlich geriebener
+Portier geworden!</p>
+
+<p>&raquo;Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen,
+was du bei dem Effendi auszurichten hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin
+mitbringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, was f&auml;llt dir ein! F&uuml;r drei Piaster soll
+ich ihn verleiten, diese Medizin wegzugeben, welche ihm
+in der ersten Nacht jedes Neumondes von einer wei&szlig;en
+Fee gebracht wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist dies wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul
+Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, sage es. Ich
+habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht glaubst, so
+wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu
+kosten bekommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist dein Gl&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und werde dir noch zwei Piaster geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines
+Herrn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi
+erfahren darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>Effendi, der die Fee gesehen hat! Geh nach Hause; Halef
+Agha l&auml;&szlig;t sich nicht beleidigen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von
+dannen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte dich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Packe dich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich dir noch einen Piaster geben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme nicht einen mehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sondern zwei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor G&uuml;te. Hier
+hast du die zwei Piaster.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n! Also wer ist krank?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Weib meines Herrn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Weib deines Herrn?&laquo; frug Halef verwundert.
+&raquo;Welche Frau?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat nur diese eine.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und soll Mamur gewesen sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist so reich, da&szlig; er hundert Frauen haben k&ouml;nnte,
+aber er liebt nur diese.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand wei&szlig; es; aber ihr Leib ist krank, und
+ihre Seele ist noch kr&auml;nker.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig, aber ich nicht. Ich
+stehe da, mit der Nilpeitsche in der Hand, und m&ouml;chte
+sie dir auf den R&uuml;cken geben. Bei dem Barte des Propheten,
+dein Mund spricht eine solche Weisheit, als w&auml;re
+dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen!
+Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; ein Weib gar keine Seele
+hat und deshalb auch nicht in den Himmel darf? Wie
+also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar
+noch mehr krank als ihr Leib?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi.
+La&szlig; mich hinein zu dem Effendi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf es nicht thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die
+Frauen. Die sch&ouml;nste Perle der Weiber ist ihm wie der
+Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch nie das
+Gewand einer Frau ber&uuml;hrt. Er darf kein irdisches Weib
+lieben, sonst w&uuml;rde die Fee nie wiederkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te das Talent Halef Aghas von Minute zu
+Minute mehr anerkennen, f&uuml;hlte aber trotzdem gro&szlig;e Lust,
+ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken zu lassen. Jetzt ert&ouml;nte
+die Antwort:</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t wissen, Sihdi, da&szlig; er ihr Gewand nicht
+ber&uuml;hren und ihre Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur
+durch das Gitter mit ihr sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die
+Weisheit deiner Rede, o Mann. Merkst du denn nicht,
+da&szlig; er grad durch das Gitter nicht mit ihr sprechen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden
+soll, gar nicht zu dem Weibe k&auml;me, sondern am Gitter
+h&auml;ngen bleiben w&uuml;rde. Gehe fort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schl&auml;ge
+auf die Sohlen bekommen, wenn ich den weisen Effendi
+nicht bringe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke deinem g&uuml;tigen Herrn, du Sklave eines
+&Auml;gypters, da&szlig; er deine F&uuml;&szlig;e mit Gnade erleuchtet. Ich
+will dich nicht um dein Gl&uuml;ck betr&uuml;gen. Sallam aale&iuml;kum,
+Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der
+Herr unseres Hauses hat mehr Beutel in seiner Schatzkammer,
+als du jemals z&auml;hlen kannst. Er hat mir befohlen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>da&szlig; du auch mitkommen sollst, und du wirst ein
+Bakschisch erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive
+von &Auml;gypten nicht reicher geben w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt endlich wurde der Mann klug und fa&szlig;te meinen
+Halef etwas kr&auml;ftiger bei dem Punkte, an welchem man
+jeden Orientalen zu packen hat, wenn man ihn g&uuml;nstig
+stimmen soll. Der kleine Haushofmeister &auml;nderte auch
+sofort seinen Ton und antwortete mit h&ouml;rbar freundlicherer
+Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein
+Piaster in meiner Hand ist mir lieber als zehn Beutel in
+einer anderen. Die deinige aber ist so mager, wie der
+Schakal in der Schlinge oder wie die W&uuml;ste jenseits des
+Mokattam.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; den Rat deines Herzens nicht z&ouml;gern, mein
+Bruder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Bruder? Mensch bedenke, da&szlig; du ein Sklave
+bist, w&auml;hrend ich als freier Mann meinen Effendi begleite
+und besch&uuml;tze! Der Rat meines Herzens bleibt zur&uuml;ck.
+Wie kann das Feld Fr&uuml;chte bringen, wenn so
+wenig Tropfen Tau vom Himmel fallen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier hast du noch drei Tropfen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi st&ouml;ren
+darf, wenn dein Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er giebt es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So warte!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt endlich also glaubte er, mich &raquo;st&ouml;ren zu d&uuml;rfen&laquo;,
+der schlaue Fuchs! &Uuml;brigens handelte er nach der allgemeinen
+Unsitte, so da&szlig; er einigerma&szlig;en zu entschuldigen
+war, zumal das wenige, was er f&uuml;r seine Dienste von
+mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.</p>
+
+<p>Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung
+erf&uuml;llte, war der Umstand, da&szlig; ich nicht zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>einem m&auml;nnlichen sondern zu einem weiblichen Patienten
+verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den wandernden
+Nomadenst&auml;mmen, der Muselmann die Bewohnerinnen
+seiner Frauengem&auml;cher niemals den Augen eines Fremden
+freigiebt, so handelte es sich hier jedenfalls um ein nicht
+mehr junges Weib, das sich vielleicht durch die Eigenschaften
+des Charakters und Gem&uuml;tes die Liebe Abrahim-Mamurs
+erhalten hatte.</p>
+
+<p>Halef Agha trat ein.</p>
+
+<p>&raquo;Schl&auml;fst du, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und
+drau&szlig;en lie&szlig; er sich selbst so nennen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Was willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drau&szlig;en steht ein Mann, welcher mit dir sprechen
+will. Er hat ein Boot im Nile und sagte, ich m&uuml;sse
+auch mitkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Der schlaue Bursche machte diese Schlu&szlig;bemerkung
+nur, um sich das versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich
+wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen und that, als ob
+ich nichts geh&ouml;rt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Was will er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist jemand krank.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es notwendig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon
+im Begriff, die Erde zu verlassen. Darum mu&szlig;t du
+eilen, wenn du sie festhalten willst.&laquo;</p>
+
+<p>Hm, er war kein &uuml;bler Diplomat!</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; den Mann eintreten!&laquo;</p>
+
+<p>Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser
+verbeugte sich bis zur Erde nieder, zog die Schuhe aus
+und wartete dann dem&uuml;tig, bis ich ihn anreden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Tritt n&auml;her!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum! Allah sei mit dir, o Herr, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>lasse dein Ohr offen sein f&uuml;r die dem&uuml;tige Bitte des
+geringsten deiner Knechte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein Diener des gro&szlig;en Abrahim-Mamur,
+der aufw&auml;rts droben am Flusse wohnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sollst du mir sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gro&szlig;es Herzeleid gekommen &uuml;ber das Haus
+meines Gebieters, denn G&uuml;zela, die Krone seines Herzens,
+schwindet hin in die Schatten des Todes. Kein Arzt,
+kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt
+ihrer Krankheit aufzuhalten. Da h&ouml;rte mein Herr &ndash; den
+Allah erfreuen m&ouml;ge &ndash; von dir und deinem Ruhme und
+da&szlig; der Tod vor deiner Stimme flieht. Er sandte mich
+zu dir und l&auml;&szlig;t dir sagen: Komm und nimm den Tau
+des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank
+s&uuml;&szlig; sein und hell wie der Glanz des Goldes.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir
+ein wenig &uuml;berschw&auml;nglich zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr
+wohnt. Ist er weit von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot.
+In einer Stunde wirst du bei ihm sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer wird mich zur&uuml;ckfahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme. Warte drau&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm seine Schuhe und zog sich zur&uuml;ck. Ich
+erhob mich, warf ein anderes Gewand &uuml;ber und griff
+nach meinem K&auml;stchen mit Aconit, Sulphur, Pulsatilla
+und all&#8217; den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert
+Nummern zu haben sind. Bereits nach f&uuml;nf Minuten
+sa&szlig;en wir in dem von vier Ruderern bewegten
+Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber stolz
+wie ein Pascha von drei Ro&szlig;schweifen. Im G&uuml;rtel trug
+<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>er die silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt
+erhalten hatte, und den scharfen, gl&auml;nzenden Dolch,
+in der Hand aber die unvermeidliche Nilpeitsche, als das
+beste Mittel, sich unter der dortigen Bev&ouml;lkerung Achtung,
+Ehrerbietung und Ber&uuml;cksichtigung zu verschaffen.</p>
+
+<p>Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufw&auml;rts
+gehende Bewegung unseres Fahrzeuges brachte
+uns mit einem k&uuml;hlenden Luftzuge in Ber&uuml;hrung.</p>
+
+<p>Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-,
+Sesam- und Sennespflanzungen vor&uuml;ber, aus deren Hintergrunde
+schlanke Palmen emporragten; dann folgten
+unbebaute Fl&auml;chen, &uuml;ber welche sich ein niederes Gestr&uuml;pp
+von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam
+nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus
+den wohl bereits vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsbl&ouml;cken
+erhob sich die quadratische Mauer, durch welche
+wir uns den Eingang suchen mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>Als wir anlangten, bemerkte ich, da&szlig; ein schmaler
+Kanal aus dem Flusse unter der Mauer fortf&uuml;hrte, jedenfalls
+um die Bewohner mit dem n&ouml;tigen Wasser zu versehen,
+ohne da&szlig; dieselben sich aus ihrer Wohnung
+zu bem&uuml;hen brauchten. Unser F&uuml;hrer schritt uns voran,
+f&uuml;hrte uns um zwei Ecken zu der dem Wasser abgekehrten
+Seite und gab an dem dort befindlichen Thore ein
+Zeichen, auf welches uns bald ge&ouml;ffnet wurde.</p>
+
+<p>Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen,
+doch beachteten wir seine tief bis zur Erde herabgehende
+Reverenz gar nicht und schritten vorw&auml;rts, an ihm vor&uuml;ber.
+Architektonische Sch&ouml;nheit durfte ich bei einem
+orientalischen Prachtgeb&auml;ude nicht erwarten, und so f&uuml;hlte
+ich mich auch nicht &uuml;berrascht von der kahlen, nackten,
+fensterlosen Front, welche das Haus mir zukehrte. Aber
+das Klima des Landes hatte denn doch einen etwas zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>zerst&ouml;renden Einflu&szlig; auf das alte Gem&auml;uer ausge&uuml;bt, als
+da&szlig; ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes
+h&auml;tte empfehlen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Fr&uuml;her hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen
+der Mauer und dem Geb&auml;ude geschm&uuml;ckt und den Bewohnerinnen
+eine angenehme Erholung geboten; jetzt waren
+sie l&auml;ngst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge nur
+blickte, fand es nichts als starre kahle &Ouml;de, und nur
+Scharen von Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen
+und Spr&uuml;ngen des betreffenden Geb&auml;udes nisteten, brachten
+einigerma&szlig;en Leben und Bewegung in die traurige tote
+Scene.</p>
+
+<p>Der voranschreitende Bote f&uuml;hrte uns durch einen
+dunkeln, niedrigen Thorgang in einen kleinen Hof, dessen
+Mitte ein Bassin einnahm. Also bis hierher f&uuml;hrte der
+Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der Erbauer
+des einsamen Hauses war klugerweise vor allen
+Dingen darauf bedacht gewesen, sich und die Seinigen
+reichlich mit dem zu versorgen, was in dem hei&szlig;en Klima
+jener L&auml;nderstriche das Notwendigste und Unentbehrlichste ist.
+Zugleich bemerkte ich nun auch, da&szlig; der ganze Bau darauf
+gerichtet war, die j&auml;hrlich wiederkehrenden &Uuml;berschwemmungen
+des Nils schadlos aushalten zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>In diesen Hof hinab gingen mehrere h&ouml;lzerne Gitterwerke,
+hinter denen jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden
+R&auml;ume lagen. Ich konnte ihnen jetzt keine gro&szlig;e,
+zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem
+Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umh&auml;ngen
+hatte, hier des weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser
+in das Selaml&uuml;k des Hauses.</p>
+
+<p>Es war ein ger&auml;umiges, halbdunkles und hohes Zimmer,
+durch dessen vergitterte Fenster&ouml;ffnungen ein wohlthuend
+ged&auml;mpftes Licht fiel. Durch die aufgeklebten
+<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen wohnlichen
+Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden
+Wasserk&uuml;hlgef&auml;&szlig;e erzeugten eine recht angenehme Temperatur.
+Ein Gel&auml;nder trennte den Raum in zwei H&auml;lften,
+deren vordere f&uuml;r die Dienerschaft, die hintere aber f&uuml;r
+den Herrn und die besuchenden G&auml;ste bestimmt war. Den
+erh&ouml;hten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher
+von einer Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem
+Abrahim-Mamur, der &raquo;Besitzer von vielen Beuteln&laquo;, sa&szlig;.</p>
+
+<p>Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte
+gem&auml;&szlig; vor seinem Sitze stehen. Da ich nicht die dort
+gew&ouml;hnliche Fu&szlig;bekleidung trug, so konnte ich mich ihrer
+auch nicht entledigen, sondern schritt, unbek&uuml;mmert um
+meine Lederstiefel, &uuml;ber die kostbaren Teppiche und lie&szlig;
+mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den
+unvermeidlichen Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen,
+und nun konnte das weitere folgen.</p>
+
+<p>Mein erster Blick war nat&uuml;rlich nach seiner Pfeife
+gerichtet gewesen, denn jeder Kenner des Orients wei&szlig;,
+da&szlig; man an derselben sehr genau die Verh&auml;ltnisse ihres
+Besitzers zu erkennen vermag. Das lange, wohlriechende
+und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr
+hatte gewi&szlig; seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber
+noch war das Bernsteinmundst&uuml;ck, welches aus zwei Teilen
+bestand, zwischen denen ein mit Edelsteinen besetzter Ring
+hervorschimmerte. Der Mann schien wirklich &raquo;viele Beutel&laquo;
+zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich befangen zu
+machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von
+zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten
+Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber
+also einen pr&uuml;fenden Blick in das Gesicht!</p>
+
+<p>Wo hatte ich diese Z&uuml;ge doch nur bereits einmal
+gesehen, diese sch&ouml;nen, feinen und in ihrer Mi&szlig;harmonie
+<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>doch so diabolischen Z&uuml;ge? Forschend, scharf, stechend,
+nein, f&ouml;rmlich durchbohrend senkt sich der Blick des kleinen,
+unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt
+und wie beruhigt wieder zur&uuml;ck. Gl&uuml;hende und entnervende
+Leidenschaften haben diesem Gesichte immer tiefere
+Spuren eingegraben; die Liebe, der Ha&szlig;, die Rache, der
+Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine gro&szlig;artig
+angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzurei&szlig;en
+und dem &Auml;u&szlig;eren des Mannes jenes unbeschreibliche
+Etwas zu verleihen, welches dem Guten und
+Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.</p>
+
+<p>Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe
+ich ihn; ich mu&szlig; mich nur besinnen; aber das f&uuml;hle ich,
+unter freundlichen Umst&auml;nden ist es nicht gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; ert&ouml;nte es langsam zwischen dem
+vollen, pr&auml;chtigen, aber schwarzgef&auml;rbten Barte hervor.</p>
+
+<p>Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und
+Gem&uuml;t; es konnte einem dabei ein Schauer ankommen.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum!&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;ge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren
+deiner F&uuml;&szlig;e und Honig tr&auml;ufeln von den Spitzen
+deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr h&ouml;re die
+Stimme seines Kummers!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das
+Gift, welches an dem Leben deines Gl&uuml;ckes nagt,&laquo; erwiderte
+ich seinen Gru&szlig;, da nicht einmal der Arzt nach dem
+Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den gr&ouml;&szlig;ten
+Versto&szlig; gegen die H&ouml;flichkeit und Sitte zu begehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; du ein weiser Hekim seiest.
+Welche Medresse<a name="FNanchor_21_21" id="FNanchor_21_21"></a><a href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> hast du besucht?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href="#FNanchor_21_21"><span class="label">[21]</span></a> H&ouml;here Schule im Orient.</p></div>
+
+<p>&raquo;Keine.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>&raquo;Ich bin kein Moslem.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht? Was sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Nemsi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Nemsi! O, ich wei&szlig;, die Nemsi sind kluge
+Leute; sie kennen den Stein der Weisen und das Abracadabra,
+welches den Tod vertreibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein
+Abracadabra.&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mir kalt in die Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich
+wei&szlig;, da&szlig; die Zauberer von ihrer Kunst nicht sprechen
+d&uuml;rfen, und will sie dir auch gar nicht entlocken, nur
+helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit
+eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weder durch Worte noch durch einen Talisman,
+sondern durch die Medizin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube
+an dich, denn trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine
+Hand mit Erfolg begabt, als h&auml;tte sie der Prophet gesegnet.
+Du wirst die Krankheit finden und besiegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr ist allm&auml;chtig; er kann retten und verderben,
+und nur ihm allein geb&uuml;hrt die Ehre. Doch wenn
+ich helfen soll, so sprich!&laquo;</p>
+
+<p>Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so
+unbedeutendes Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben,
+schien ihn unangenehm zu ber&uuml;hren, trotzdem er darauf
+vorbereitet sein mu&szlig;te; doch versuchte er sofort die Schw&auml;che
+zu verbergen und befolgte meine Aufforderung:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist aus dem Lande der Ungl&auml;ubigen, wo es
+keine Schande ist, von der zu reden, welche die Tochter
+einer Mutter ist?&laquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte mich innerlich am&uuml;siert von der Art und
+<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>Weise, mit welcher er es zu umgehen suchte, von &raquo;seinem
+Weibe&laquo; zu sprechen, doch blieb ich ernst und antwortete
+ziemlich kalt:</p>
+
+<p>&raquo;Du willst, da&szlig; ich dir helfen soll und beschimpfest
+mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Inwiefern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du nennst meine Heimat das Land der Ungl&auml;ubigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid doch ungl&auml;ubig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott
+ist, den ihr Allah nennt. Du hei&szlig;est mich von deinem
+Standpunkte aus einen Ungl&auml;ubigen; mit demselben Rechte
+k&ouml;nnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso nennen;
+aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der
+H&ouml;flichkeit verletzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweigen wir &uuml;ber den Glauben! Der Moslem
+darf nicht von seinem Weibe sprechen; aber du erlaubst,
+da&szlig; ich von den Frauen in Frankhistan rede?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erlaube es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn das Weib eines Franken krank ist&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir
+erwarte; ich winkte ihm nur, in seiner Rede fortzufahren.</p>
+
+<p>&raquo;Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich
+nimmt&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht die geringste!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Glanz ihrer Augen und die F&uuml;lle ihrer Wangen
+verliert &ndash; wenn sie m&uuml;de ist und doch den Genu&szlig; des
+Schlafes nicht mehr kennt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend
+geht &ndash; vor K&auml;lte schauert und vor Hitze brennt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re. Fahre fort.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>&raquo;Bei jedem Ger&auml;usch erschrickt und zusammenzuckt &ndash;
+wenn sie nichts w&uuml;nscht, nichts liebt, nichts ha&szlig;t und
+unter dem Schlage ihres Herzens zittert&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer weiter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen
+Vogels &ndash; wenn sie nicht lacht, nicht weint, nicht spricht
+&ndash; wenn sie kein Wort der Freude und kein Wort der
+Klage h&ouml;ren l&auml;&szlig;t und ihre Seufzer selbst nicht mehr vernimmt
+&ndash; wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen
+will und in der Nacht wach in den Ecken kauert&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden
+Augen war eine Angst zu erkennen, welche sich durch jede
+der aufgez&auml;hlten Krankheitssymptome zu n&auml;hren und zu
+vergr&ouml;&szlig;ern schien. Er mu&szlig;te die Kranke mit der letzten,
+tr&uuml;ben und also schwersten Glut seines fast ausgebrannten
+Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und
+zu wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verh&auml;ltnis zu
+ihr verraten.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist noch nicht zu Ende!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie zuweilen pl&ouml;tzlich einen Schrei ausst&ouml;&szlig;t,
+als ob ein Dolch ihr in die Brust gesto&szlig;en w&uuml;rde &ndash;
+wenn sie ohne Aufh&ouml;ren ein fremdes Wort fl&uuml;stert &ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches Wort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen Namen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie hustet und dann Blut &uuml;ber ihre bleichen
+Lippen flie&szlig;t&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, da&szlig;
+ich merken mu&szlig;te, meine Entscheidung sei ein Urteil f&uuml;r
+ihn, ein befreiendes oder ein vernichtendes. Ich z&ouml;gerte
+nicht, ihm das letztere zu geben:</p>
+
+<p>&raquo;So wird sie sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Er sa&szlig; erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe
+<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>ihn der Schlag getroffen, dann aber sprang er auf und
+stand hochaufgerichtet vor mir. Der rote Fez war ihm
+von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die Pfeife
+seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
+widerstreitendsten Gef&uuml;hlen. Es war ein eigent&uuml;mliches,
+ein furchtbares Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen
+des Teufels, wie sie der geniale Stift Dor&eacute;&#8217;s zu zeichnen
+versteht, nicht mit Schweif, Pferdefu&szlig; und H&ouml;rnern, sondern
+mit h&ouml;chster Harmonie des Gliederbaues, jeder einzelne
+Zug des Gesichts eine Sch&ouml;nheit, und doch in der Gesamtwirkung
+dieser Z&uuml;ge so absto&szlig;end, so h&auml;&szlig;lich, so &ndash;
+diabolisch. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke des
+Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in einen zornigen
+und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.</p>
+
+<p>&raquo;Giaur!&laquo; donnerte er mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sagtest du?&laquo; fragte ich kalt.</p>
+
+<p>&raquo;Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen,
+Hund? Die Peitsche soll dir lehren, wer ich bin, und
+da&szlig; du zu thun hast, nur was ich dir befehle. Stirbt
+sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so darfst
+du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!&laquo;</p>
+
+<p>Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich
+mich, stellte mich in meiner ganzen L&auml;nge vor ihn hin und
+fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, was die gr&ouml;&szlig;te Schande f&uuml;r einen Moslem
+ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was
+sagt der Prophet und was sagt der Kuran dazu, da&szlig; du
+die Scham deines Scheitels vor einem Christen entbl&ouml;&szlig;est?&laquo;</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt
+und, vor Grimm dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus
+der Sch&auml;rpe gerissen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>&raquo;Du mu&szlig;t sterben, Giaur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt, sofort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde sterben, wann es Gott gef&auml;llt, nicht aber
+wann es dir beliebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst sterben. Bete dein Gebet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur,&laquo; antwortete ich ruhig wie zuvor,
+&raquo;ich habe den B&auml;ren gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen;
+der Elefant hat meinen Schu&szlig; geh&ouml;rt, und
+meine Kugel hat den L&ouml;wen, den &#8250;Herdenw&uuml;rgenden&#8249; getroffen.
+Danke Allah, da&szlig; du noch lebst, und bitte Gott,
+da&szlig; er dein Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn
+du bist zu schwach dazu und wirst doch sterben, wenn es
+nicht sofort geschieht!&laquo;</p>
+
+<p>Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als
+die andere, und mit einem zuckenden Sprunge wollte er
+mich fassen, fuhr aber sofort zur&uuml;ck, denn jetzt blitzte auch
+in meiner Hand die Waffe, die man in jenen L&auml;ndern
+niemals weglegen darf. Wir standen einander allein
+gegen&uuml;ber, denn er hatte sofort nach der Darreichung des
+Kaffees und der Pfeifen die Dienerschaft hinausgewinkt,
+damit sie nichts von unserer zarten Unterhaltung vernehmen
+solle.</p>
+
+<p>Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten
+Grund, mich vor den Bewohnern des alten Hauses
+zu f&uuml;rchten; n&ouml;tigenfalls h&auml;tten wir beide die wenigen
+hier wohnenden M&auml;nner zusammengeschossen; aber ich
+ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, f&uuml;r die
+ich mich ungemein zu interessieren begann; ich mu&szlig;te sie
+sehen und wom&ouml;glich einige Worte mit ihr sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst schie&szlig;en?&laquo; frug er w&uuml;tend, auf meinen
+Revolver deutend.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>&raquo;Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu
+verteidigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte
+als du eintratest!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist wahr, Abrahim-Mamur?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich dich bereits einmal gesehen habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch das wei&szlig; ich nicht; aber das ist sicher, da&szlig;
+es nicht im Guten war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Grade wie heute, denn es sollte mich wundern,
+wenn diese Zusammenkunft gut enden w&uuml;rde. Du hast
+mich &#8250;Hund&#8249; genannt, und ich sage dir, da&szlig; dir im n&auml;chsten
+Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt
+hast, meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies
+wohl, Abrahim-Mamur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde meine Diener rufen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um
+dich dann tot neben sie zu legen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oho, du bist kein Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand
+eines Nemsi gef&uuml;hlt?&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte ver&auml;chtlich.</p>
+
+<p>&raquo;Nimm dich in acht, da&szlig; du sie nicht einmal zu
+f&uuml;hlen bekommst! Sie ist nicht in Rosen&ouml;l gebadet, wie
+die deinige. Aber ich will dir den Frieden deines Hauses
+lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, da&szlig; ich den Tod
+bezwinge; dein Wunsch mag sich erf&uuml;llen; rabbena chali&euml;k,
+der Herr erhalte dich!&laquo;</p>
+
+<p>Ich steckte den Revolver ein und schritt der Th&uuml;re zu.</p>
+
+<p>&raquo;Bleib!&laquo; rief er.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>Ich schritt dennoch weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Bleib!&laquo; rief er gebieterischer.</p>
+
+<p>Ich hatte beinahe die Th&uuml;re erreicht und kehrte
+nicht um.</p>
+
+<p>&raquo;So stirb, Giaur!&laquo;</p>
+
+<p>Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch
+Zeit, zur Seite auszuweichen. Sein Dolch flog an mir
+vor&uuml;ber und tief in das Get&auml;fel der Wand.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt bist du mein, Bube!&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, fa&szlig;te ihn,
+grad wie ich ihn erwischte, ri&szlig; ihn empor und schleuderte
+ihn an die Wand.</p>
+
+<p>Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann
+wieder empor. Seine Augen waren weit ge&ouml;ffnet, die
+Adern seiner Stirne zum Bersten geschwollen und seine
+Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den Revolver
+entgegen, und er blieb eingesch&uuml;chtert vor mir halten.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt.
+Wage es nicht wieder, sie zu reizen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mensch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen
+Arzt um Hilfe bittet, ihn mit Worten beschimpft und
+dann gar hinterr&uuml;cks ermorden will? Der Glaube, welcher
+solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zauberer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du keiner w&auml;rest, h&auml;tte dich ganz sicher mein
+Dolch getroffen, und du h&auml;ttest nicht die Kraft gehabt,
+mich emporzuwerfen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so h&auml;tte ich dir
+auch G&uuml;zela, dein Weib, erhalten k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es
+hatte Wirkung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>&raquo;Wer hat dir diesen Namen genannt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Bote.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Ungl&auml;ubiger darf nicht den Namen einer Gl&auml;ubigen
+aussprechen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus,
+welches bereits morgen tot sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit
+an, dann aber schlug er die H&auml;nde vor das Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es wahr, Hekim, da&szlig; sie bereits morgen tot
+sein kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann sie nicht gerettet werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage nicht vielleicht, sondern sage gewi&szlig;. Bist du
+bereit, mir zu helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere,
+was du willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin bereit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich
+dir jetzt nicht geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen,
+wenn er ihn sehen kann. Komm, la&szlig; uns zu ihr gehen,
+oder la&szlig; sie zu uns kommen!&laquo;</p>
+
+<p>Er fuhr zur&uuml;ck, wie von einem Sto&szlig;e getroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Masch Allah, bist du toll? Der Geist der W&uuml;ste
+hat dein Hirn verbrannt, da&szlig; du nicht wei&szlig;t, was du
+forderst. Das Weib mu&szlig; ja sterben, auf welchem das
+Auge eines fremden Mannes ruhte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu
+ihr darf. Ich mu&szlig; den Schlag ihres Pulses messen und
+Antwort von ihr h&ouml;ren &uuml;ber vieles, was ihre Krankheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand
+zu fragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du heilst wirklich nicht durch Talisman?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch nicht durch Worte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder durch das Gebet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bete auch f&uuml;r die Leidenden; aber Gott hat
+uns die Mittel, sie gesund zu machen, bereits in die Hand
+gelegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Mittel sind es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren S&auml;fte
+und Kr&auml;fte wir ausziehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind keine Gifte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich vergifte keinen Kranken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du das beschw&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor jedem Richter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du mu&szlig;t mit ihr sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; sie fragen nach ihrer Krankheit und allem,
+was damit zusammenh&auml;ngt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach andern Dingen nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich
+sie dir erlaube?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es zufrieden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du mu&szlig;t auch ihre Hand betasten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mu&szlig;t
+du ihr Angesicht sehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie
+mu&szlig; einige Male in dem Zimmer auf und ab gehen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu
+erkennen ist, was die Krankheit betrifft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das darf nicht sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; sie da sehen, wo sie wohnt; ich mu&szlig; alle
+ihre Zimmer betrachten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus welchem Grunde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden
+Wohnungen entstehen, und das kann nur das
+Auge des Arztes bemerken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So willst du wirklich mein Harem<a name="FNanchor_22_22" id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> betreten?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" id="Footnote_22_22"></a><a href="#FNanchor_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich &raquo;das Heilige, Unverletzliche&laquo;
+und bezeichnet bei den Muhammedanern die Frauenwohnung, welche von den
+&uuml;brigen R&auml;umen des Hauses abgesondert ist.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Ungl&auml;ubiger?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Christ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erlaube es nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mag sie sterben. Sallam aale&iuml;kum, Friede sei
+mit dir und ihr!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits
+aus der Aufz&auml;hlung der Symptome gemerkt hatte, da&szlig;
+G&uuml;zela an einer hochgradigen Gem&uuml;tskrankheit leide, that
+ich doch, als ob ich an eine blo&szlig; k&ouml;rperliche Erkrankung
+glaube; denn grad weil ich vermutete, da&szlig; ihr Leiden die
+Folge eines Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses
+Mannes gebracht hatte, wollte ich mich so viel wie m&ouml;glich
+&uuml;ber alles aufkl&auml;ren. Er lie&szlig; mich wieder bis zur
+Th&uuml;r gehen, dann aber rief er:</p>
+
+<p>&raquo;Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gem&auml;cher
+betreten!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine
+Genugthuung merken zu lassen, wieder auf ihn zu. Ich
+hatte gesiegt und war au&szlig;erordentlich zufrieden mit den
+Zugest&auml;ndnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie gew&auml;hrten
+mir mehr, als wohl jemals einem Europ&auml;er zugestanden
+worden ist. Die Liebe des &Auml;gypters und infolge
+dessen also auch seine Sorge mu&szlig;te eine sehr ungew&ouml;hnliche
+sein, da&szlig; er sich zu solchen Zugest&auml;ndnissen
+verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste Erbitterung
+gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war
+ich ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner
+inneren H&auml;uslichkeit, und ich hegte die &Uuml;berzeugung, da&szlig;
+ich ihn auch selbst in dem Falle einer gl&uuml;cklichen Heilung
+der kranken Frau als einen unvers&ouml;hnlichen Feind zur&uuml;cklassen
+werde, zumal er ganz so wie ich die &Uuml;berzeugung
+hatte, da&szlig; wir uns bereits einmal unter unfreundlichen
+Umst&auml;nden begegnet seien.</p>
+
+<p>Jetzt entfernte er sich, um alles N&ouml;tige in eigener
+Person anzuordnen, denn keiner seiner Diener durfte
+ahnen, da&szlig; er einem fremden Mann Zutritt in das
+Heiligtum seines Hauses gestatte.</p>
+
+<p>Er kehrte erst nach einer langen Weile zur&uuml;ck. Es
+lag ein Ausdruck fester, trotziger Entschlossenheit um
+seinen zusammengekniffenen Mund, und mit einem Blicke
+voll versteckt bleiben sollenden, aber doch hervorbrechenden
+Hasses instruierte er mich:</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst zu ihr gehen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du versprachst es bereits.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ihre Zimmer sehen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch sie selbst&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verschleiert und eingeh&uuml;llt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und mit ihr sprechen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>&raquo;Das ist notwendig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber
+bei der Seligkeit aller Himmel und bei den Qualen aller
+H&ouml;llen, sobald du ein Wort sprichst, welches ich nicht
+w&uuml;nsche, oder das Geringste thust, was dir nicht von
+mir erlaubt wurde, sto&szlig;e ich sie nieder. Du bist stark
+und wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen
+dich, sondern gegen sie gerichtet sein. Ich schw&ouml;re es dir
+bei allen Suwar<a name="FNanchor_23_23" id="FNanchor_23_23"></a><a href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> des Kuran und bei allen Kalifen,
+deren Andenken Allah segnen m&ouml;ge!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23_23" id="Footnote_23_23"></a><a href="#FNanchor_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Plural von Sura, die Strophe.</p></div>
+
+<p>Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte
+sich, da&szlig; ihm diese Versicherung mehr n&uuml;tzen werde,
+als die prahlerischsten Drohungen, wenn sie gegen mich
+selbst gerichtet gewesen w&auml;ren. &Uuml;brigens war es mir
+ja gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten
+zu kr&auml;nken; nur konnte ich mich bei seinem Verhalten je
+l&auml;nger desto weniger einer Ahnung entschlagen, da&szlig; in
+seinem Verh&auml;ltnisse zu der Kranken irgend ein dunkler
+Punkt zu finden sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es Zeit?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Komm!&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst kamen wir durch einige fast in Tr&uuml;mmern
+liegende R&auml;ume, in denen allerlei n&auml;chtliches Getier sein
+Wesen treiben mochte; dann betraten wir ein Gemach,
+welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun folgte
+der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches
+Frauengemach benutzt wurde. Alle die umherliegenden
+Kleinigkeiten waren solche, wie sie von Frauen gesucht
+und gern benutzt werden.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest.
+Siehe, ob du den D&auml;mon der Krankheit in ihnen zu finden
+<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>vermagst!&laquo; meinte Abrahim-Mamur mit einem halb sp&ouml;ttischen
+L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Und das Gemach nebenan&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch
+sehen, aber ich mu&szlig; mich vorher &uuml;berzeugen, ob die Sonne
+ihr Angesicht verh&uuml;llt hat vor dem Auge des Fremden.
+Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig,
+bis ich wiederkomme!&laquo;</p>
+
+<p>Er trat hinaus, und ich war allein.</p>
+
+<p>Also da drau&szlig;en befand sich G&uuml;zela. Dieser Name
+bedeutet w&ouml;rtlich &raquo;die Sch&ouml;ne&laquo;. Dieser Umstand und das
+ganze Verhalten des &Auml;gypters brachte meine fr&uuml;here Vermutung,
+da&szlig; es sich um eine &auml;ltere Person handle, ins
+Wanken.</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; mein Auge durch den Raum schweifen. Es
+war hier ganz dieselbe Einrichtung getroffen, wie in dem
+Zimmer des Hausherrn: das Gel&auml;nder, der Diwan, die
+Nische mit den K&uuml;hlgef&auml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du die R&auml;ume gepr&uuml;ft?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es l&auml;&szlig;t sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken
+gewesen bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm, Effendi. Aber la&szlig; dich noch einmal
+warnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon gut! Ich wei&szlig; ganz genau, was ich zu thun
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Wir traten in das andere Gemach. In weite Gew&auml;nder
+geh&uuml;llt, stand eine Frauengestalt tief verschleiert
+an der hintern Wand des Zimmers. Nichts war von
+ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden
+F&uuml;&szlig;e.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den
+&Auml;gypter vollst&auml;ndig befriedigte, lie&szlig; sie eine kleine Bewegung
+machen und bat sie endlich, mir die Hand zu
+reichen. Fast w&auml;re ich trotz der ernsten Situation in
+eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war n&auml;mlich
+so vollst&auml;ndig in ein dickes Tuch gebunden, da&szlig; es
+ganz und gar unm&ouml;glich war, auch nur die Lage oder
+Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar
+der Arm war in derselben Weise verh&uuml;llt.</p>
+
+<p>Ich wandte mich zu Abrahim.</p>
+
+<p>&raquo;Mamur, diese Bandagen m&uuml;ssen entfernt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann den Puls nicht f&uuml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entferne die T&uuml;cher!&laquo; gebot er ihr.</p>
+
+<p>Sie zog den Arm hinter die H&uuml;llen zur&uuml;ck und lie&szlig;
+dann ein zartes H&auml;ndchen erscheinen, an dessen Goldfinger
+ich einen sehr schmalen Reifen erblickte, welcher eine Perle
+trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen mit gespannter
+Aufmerksamkeit. W&auml;hrend ich meine drei Finger
+an ihr Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie
+um den Puls nicht blo&szlig; zu f&uuml;hlen, sondern auch zu h&ouml;ren,
+und &ndash; t&auml;uschte ich mich nicht &ndash; da wehte es leise, leise,
+fast unh&ouml;rbar durch den Schleier:</p>
+
+<p>&raquo;Kurtar Senitzaji &ndash; rette Senitza!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du fertig?&laquo; fragte jetzt Abrahim, indem er rasch
+n&auml;her trat.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat ein gro&szlig;es, ein tiefes Leiden, das gr&ouml;&szlig;te,
+welches es giebt, aber &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ich werde sie retten.&laquo;</p>
+
+<p>Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer
+Betonung mehr an sie als an ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t das &Uuml;bel?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>&raquo;Es hat einen fremden Namen, den nur die &Auml;rzte
+verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann bald, aber auch sehr sp&auml;t geschehen, je
+nachdem Ihr mir gehorsam seid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Worin soll ich dir gehorchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t ihr meine Medizin regelm&auml;&szlig;ig verabreichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werde ich thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie mu&szlig; einsam bleiben und vor allem &Auml;rger beh&uuml;tet
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das soll geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; t&auml;glich mit ihr sprechen d&uuml;rfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du? Weshalb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken
+einrichten zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines
+Kranken nicht zu beurteilen vermagst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du denn mit ihr zu sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur das, was du mir erlaubst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo soll es geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier in diesem Raume, grad wie heute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage es genau, wie lange du kommen mu&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in
+f&uuml;nf Tagen von ihrer Krankheit &ndash;&nbsp;&ndash; frei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gieb ihr die Medizin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im
+Hofe bei meinem Diener.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung
+einen stummen Abschied von ihr zu nehmen. Sie hob
+<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>unter der H&uuml;lle die H&auml;nde wie bittend empor und wagte
+die drei Silben:</p>
+
+<p>&raquo;Eww&#8217; Allah, mit Gott!&laquo;</p>
+
+<p>Sofort aber fuhr er herum:</p>
+
+<p>&raquo;Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt
+wirst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur,&laquo; antwortete ich sehr ernst, &raquo;habe
+ich nicht gesagt, da&szlig; sie vor jedem &Auml;rger, vor jedem
+Kummer bewahrt werden mu&szlig;? So spricht man nicht
+zu einer Kranken, in deren N&auml;he der Tod schon steht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mag sie zun&auml;chst selbst daf&uuml;r sorgen, da&szlig; sie
+sich nicht zu kr&auml;nken braucht. Sie wei&szlig;, da&szlig; sie nicht
+sprechen soll. Komm!&laquo;</p>
+
+<p>Wir kehrten in das Selaml&uuml;k zur&uuml;ck, wo ich nach
+Halef schickte, der alsbald mit der Apotheke erschien. Ich
+gab <em class="antiqua">Ignatia</em> nebst den n&ouml;tigen Vorschriften und machte
+mich dann zum Gehen bereit.</p>
+
+<p>&raquo;Wann wirst du morgen kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um dieselbe Stunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie
+viel verlangst du f&uuml;r heute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du
+mir geben, was dir beliebt.&laquo;</p>
+
+<p>Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte
+B&ouml;rse hervor, nahm einige St&uuml;cke und reichte sie Halef hin.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, nimm du!&laquo;</p>
+
+<p>Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu,
+als ob es sich um eine gro&szlig;e Gnadenbezeugung gegen den
+&Auml;gypter handle, und meinte, das Bakschisch ungesehen in
+seine Tasche senkend:</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die
+meine auch. Ich schlie&szlig;e sie gegen dich nicht zu, weil
+der Prophet sagt, da&szlig; eine offene Hand die erste Stufe
+<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und
+auch bei mir!&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen, von dem &Auml;gypter bis in den Garten
+begleitet, wo uns ein Diener die in der Mauer befindliche
+Th&uuml;r &ouml;ffnete. Als wir uns allein befanden, griff
+Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne
+Abrahim-Mamur und lasse sein Weib so lange als m&ouml;glich
+krank bleiben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hadschi Halef Omar!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen g&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit
+zu g&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch f&uuml;nfmal vielleicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;nfmal drei macht f&uuml;nfzehn Zechinen; wenn sie
+gesund wird, vielleicht noch f&uuml;nfzehn Zechinen, macht
+drei&szlig;ig Zechinen. Ich werde forschen, ob es hier am
+Nil noch mehr kranke Frauen giebt.&laquo;</p>
+
+<p>Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer
+bereits erwarteten. Unser voriger F&uuml;hrer sa&szlig; am Steuer,
+und als wir eingestiegen waren, ging es flott den Strom
+hinab, schneller nat&uuml;rlich als aufw&auml;rts, so da&szlig; wir nach
+einer halben Stunde unser Ziel erreichten.</p>
+
+<p>Wir legten ganz in der N&auml;he einer Dahab&iuml;e an, welche
+w&auml;hrend unserer Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen
+war. Ihre Taue waren befestigt, ihre Segel
+eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche
+lud der Re&iuml;s, der Schiffskapit&auml;n, seine Leute zum
+Gebete ein:</p>
+
+<p>&raquo;Ha&iuml; al el salah, auf, r&uuml;stet euch zum Gebete.&laquo;</p>
+
+<p>Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte
+mich aber schnell um. Diese Stimme kam mir au&szlig;erordentlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>bekannt vor. Hatte ich recht geh&ouml;rt? War
+dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Re&iuml;sahn,
+Vater der Schiffsf&uuml;hrer, nannten? Er war in Kufarah,
+wo er einen Sohn besucht hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen
+und mit uns nach &Auml;gypten zur&uuml;ckgekehrt.
+Wir hatten einander au&szlig;erordentlich lieb gewonnen,
+und ich war &uuml;berzeugt, da&szlig; er sehr erfreut sein werde,
+mich hier wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das
+Gebet beendet war, und rief dann zum Deck empor.</p>
+
+<p>&raquo;Hassan el Re&iuml;sahn, ohio!&laquo;</p>
+
+<p>Sofort reckte er sein altes, gutes, b&auml;rtiges Gesicht
+herab und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist &ndash;&nbsp;&ndash; o, Allah akbar, Gott ist gro&szlig;! Ist
+das nicht mein Sohn, der Nemsi Kara Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist es, Abu Hassan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Komm herauf, mein Sohn; ich mu&szlig; dich umarmen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste
+bewillkommnet.</p>
+
+<p>&raquo;Was thust du hier?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich ruhe aus von der Reise. Und du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo
+ich eine Ladung Sennesbl&auml;tter eingenommen habe. Ich
+bekam ein Leck und mu&szlig;te also hier anlegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange bleibst du hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur morgen noch. Wo wohnest du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du einen guten Wirt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist der Scheik el Belet<a name="FNanchor_24_24" id="FNanchor_24_24"></a><a href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> des Ortes, ein Mann,
+mit dem ich sehr zufrieden bin. Du wirst diesen Abend
+bei mir sein, Abu Hassan?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24_24" id="Footnote_24_24"></a><a href="#FNanchor_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Dorfrichter.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen
+sind.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>&raquo;Ich habe nur die eine; du mu&szlig;t also die deinige
+mitbringen, aber du wirst den k&ouml;stlichsten Djebeli rauchen,
+den es je gegeben hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme gewi&szlig;. Bleibst du noch lange hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich will nach Kairo zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh<a name="FNanchor_25_25" id="FNanchor_25_25"></a><a href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> an.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25_25" id="Footnote_25_25"></a><a href="#FNanchor_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Vorstadt von Kairo mit Hafen.</p></div>
+
+<p>Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.</p>
+
+<p>&raquo;Hassan, du nanntest mich deinen Freund!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so
+soll es dir werden, wenn ich es habe oder kann!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte dich um etwas sehr Gro&szlig;es bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich es erf&uuml;llen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es dir schon voraus gew&auml;hrt. Was ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit
+mir Kaffee trinkst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme und &ndash;&nbsp;&ndash; doch mein Sohn, ich verga&szlig;,
+da&szlig; ich bereits geladen bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In demselben Hause, in welchem du wohnst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei dem Scheik el Belet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der
+zwei Tage mit mir gefahren und hier ausgestiegen ist.
+Er hat dort eine Stube f&uuml;r sich und einen Platz f&uuml;r seinen
+Diener gemietet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht; er hat es mir nicht gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sein Diener konnte es sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kapit&auml;n lachte, was sonst seine Angewohnheit
+nicht war.</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen
+geh&ouml;rt hat und doch von keiner sehr viel lernte. Er raucht,
+<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>pfeift und singt den ganzen Tag und giebt, wenn man ihn
+fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen unwahr
+sind. Ehegestern war er ein T&uuml;rke, gestern ein Montenegriner,
+heute ist er ein Druse, und Allah wei&szlig; es,
+was er morgen und &uuml;bermorgen sein wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wirst du also nicht zu mir kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern
+geraucht habe. Allah beh&uuml;te dich; ich habe noch zu arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt
+nach und streckte mich, in meiner Wohnung angekommen,
+auf den Diwan, um mir das heutige Erlebnis zurecht zu
+legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn bereits
+nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und
+hat mich um eine Wohnung gebeten, die ich ihm auch
+gegeben habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo liegt diese Wohnung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Droben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So st&ouml;rt mich der Mann ja gar nicht. Thue, was
+dir beliebt, Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat
+einen Diener, der sehr viel zu pfeifen und zu singen
+scheint.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es mir nicht gef&auml;llt, so werde ich es ihm
+verbieten.&laquo;</p>
+
+<p>Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder
+allein, sollte aber doch zu keinem ruhigen Nachdenken
+kommen, denn ich vernahm die Schritte zweier Menschen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>welche, der eine vom Hofe her und der andere von au&szlig;en
+her kommend, gerade an meiner Th&uuml;r zusammentrafen.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du hier? Wer bist du?&laquo; frug der eine.
+Ich erkannte an der Stimme Halef, meinen kleinen Diener.</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist denn du zun&auml;chst, und was willst du in
+diesem Hause?&laquo; frug der andere.</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Ich geh&ouml;re in dieses Haus!&laquo; meinte Halef sehr
+entr&uuml;stet.</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin Hamsad al Dscherbaja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Agha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; der Begleiter und Besch&uuml;tzer meines Herrn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dein Herr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der gro&szlig;e Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein gro&szlig;er Arzt? Was kuriert er denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen
+Einzigen, der alles kurieren kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bist du auch ein Arzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich bin auch der Besch&uuml;tzer meines Herrn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dein Herr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; man nicht. Wir sind erst vorhin in
+dieses Haus gezogen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr konntet drau&szlig;en bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ihr unh&ouml;fliche M&auml;nner seid und keine Antwort
+gebt, wenn man fragt. Willst du mir sagen, wer dein
+Herr ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist, er ist &ndash;&nbsp;&ndash; mein Herr, aber nicht dein
+Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlingel!&laquo;</p>
+
+<p>Nach diesem letzten Worte h&ouml;rte ich, da&szlig; mein Halef
+sich h&ouml;chst indigniert entfernte. Der andere blieb unter
+dem Eingange stehen und pfiff; dann begann er leise vor
+sich hin zu brummen und zu summen; nachher kam eine
+Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in
+ein Lied.</p>
+
+<p>Ich w&auml;re vor freudiger &Uuml;berraschung beinahe aufgesprungen,
+denn der Text der beiden Strophen, welche
+er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er sich bediente:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Fid-dagle ma tera jekun?<br /></span>
+<span class="i0">Chammin hu Nabuliun.<br /></span>
+<span class="i0">Ma balu-hu jedubb hena?<br /></span>
+<span class="i0">Kussu-hu, ja fitjanena!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gema&#8217;a homr el-elbise<br /></span>
+<span class="i0">Wast el-chala muntasibe.<br /></span>
+<span class="i0">Ma bal hadolik wakifin?<br /></span>
+<span class="i0">Hallu-na nenzor musri&#8217; in!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz
+pr&auml;chtig reimten, klingen in unserm guten Deutsch nicht
+anders als:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Was kraucht nur dort im Busch herum?<br /></span>
+<span class="i0">Ich glaub&#8217;, es ist Napolium.<br /></span>
+<span class="i0">Was hat er nur zu krauchen dort?<br /></span>
+<span class="i0">Frisch auf, Kam&#8217;raden, jagt ihn fort!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer hat nur dort im off&#8217;nen Feld&#8217;<br /></span>
+<span class="i0">Die roten Hosen hingestellt?<br /></span>
+<span class="i0">Was haben sie zu stehen dort?<br /></span>
+<span class="i0">Frisch auf, Kam&#8217;raden, jagt sie fort!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note
+f&uuml;r Note und Ton f&uuml;r Ton. Ich sprang, als er die
+zweite Strophe beendet hatte, zur Th&uuml;r, &ouml;ffnete dieselbe
+und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue
+Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und
+einen Fez auf dem Kopfe, war also eine ganz gew&ouml;hnliche
+Erscheinung.</p>
+
+<p>Als er mich sah, stemmte er die F&auml;uste in die H&uuml;ften,
+stellte sich, als ob er sich aus mir nicht das mindeste
+mache, vor mich hin und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Gef&auml;llt es dir, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr! Woher hast du das Lied?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Selbst gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die
+Melodien?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Selbst gemacht, erst recht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;L&uuml;gner!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse
+mich nicht schimpfen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein
+gro&szlig;er Schlingel! Diese Melodie kenne ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie
+von mir geh&ouml;rt hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und von wem hast du sie geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von niemand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie
+geh&ouml;rt zu einem deutschen Liede.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh, Effendi, was wei&szlig;t du von Deutschland!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Lied hei&szlig;t:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Was kraucht nur dort im Busch herum?<br /></span>
+<span class="i0">&raquo;Ich glaub&#8217;, es ist&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;Hurrjes, wat is mich denn dat!&laquo; unterbrach er
+mich mit jubelndem Tone, da ich diese Worte in deutscher
+<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>Sprache gesprochen hatte. &raquo;Sind Sie man vielleicht een
+Deutscher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Versteht sich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn
+ich fragen darf, Herr Hekim-Baschi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus Sachsen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede
+&#8217;n Ofen einrei&szlig;en! Und Sie sind man wohl een T&uuml;rke
+jeworden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Sie sind ein Preu&szlig;e?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dat versteht sich! Een Preu&szlig;e aus&#8217;n J&uuml;terbock.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommen Sie hierher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel
+und auch mit die Beene.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sind Sie urspr&uuml;nglich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Balbier unjef&auml;hr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme,
+und da jing ich in die weite Welt, bald hierhin,
+bald dorthin, bis endlich hierher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden mir das alles erz&auml;hlen m&uuml;ssen. Wem
+aber dienen Sie jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn
+und hee&szlig;t Isla Ben Maflei, hat schauderhaftes Jeld,
+dat Kerlchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was thut er hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wee&szlig; ich&#8217;s? Er sucht wat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird wohl vielleicht &#8217;n Frauenzimmer sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Frauenzimmer? Das w&auml;r&#8217; doch sonderbar!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird aber doch wohl zutreffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sollte es f&uuml;r ein Frauenzimmer sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne Montenegrinerin, &#8217;ne Senitscha oder Senitza,
+oder wie dat ausjesprochen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wa&ndash;a&ndash;as? Senitza hei&szlig;t sie?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du das gewi&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr;
+zweetens thut er stets &ndash;&nbsp;&ndash; halt, er klatscht droben,
+Herr Effendi; ich mu&szlig; &#8217;nauf!&laquo;</p>
+
+<p>Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb
+mich in dem Zimmer auf und ab. Zwar mu&szlig;te mir
+dieser Barbier aus J&uuml;terbogk, der sich so poetisch Hamsad
+al Dscherbaja nannte, h&ouml;chst interessant sein, noch weit
+mehr aber war meine Teilnahme f&uuml;r seinen Herrn erwacht,
+der hier am Nile eine Montenegrinerin suchte, welche
+den Namen Senitza f&uuml;hrte. Ungl&uuml;cklicher Weise aber
+kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder Leibweh
+hatten, und denen meine Zauberk&ouml;rner helfen sollten.
+Sie sa&szlig;en nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde
+bei mir, ehe ich nur erfahren konnte, was ihnen fehlte,
+und als ich sie abgefertigt hatte, blieben sie am Platze,
+bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz abzubrechen.</p>
+
+<p>So wurde es Abend. Der Kapit&auml;n kam und stieg
+nach oben, lie&szlig; aber seinen schl&uuml;rfenden Schritt nach einer
+halben Stunde wieder vernehmen und trat bei mir ein.
+Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich
+dann zur&uuml;ck. Kurze Zeit sp&auml;ter h&ouml;rte ich ihn mit dem
+J&uuml;terbogker T&uuml;rken zanken.</p>
+
+<p>&raquo;Ist dein Leck ausgebessert?&laquo; fragte ich Hassan.</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht. Ich konnte f&uuml;r heute nur das Loch
+verstopfen und das Wasser auspumpen. Allah giebt morgen
+wieder einen Tag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann f&auml;hrst du ab?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;bermorgen fr&uuml;h.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du w&uuml;rdest mich mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Seele w&uuml;rde sich freuen, dich bei mir zu
+haben.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>&raquo;Wenn ich nun noch jemand mitbr&auml;chte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Dahab&iuml;e hat noch viel Platz. Wer ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Mann, sondern ein Weib.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft,
+Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Sie ist das Weib eines anderen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der auch mitfahren wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hast du sie ihm abgekauft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat sie dir geschenkt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich werde sie ihm nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig! Du willst sie ihm
+nehmen, ohne da&szlig; er es wei&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mann, wei&szlig;t du, was das ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Tschikarma, eine Entf&uuml;hrung!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft
+wird. Ist dein Geist dunkel und deine Seele finster geworden,
+da&szlig; du in das Verderben gehen willst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich.
+Ich wei&szlig;, du bist mein Freund und kannst schweigen.
+Ich werde dir alles erz&auml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Ouml;ffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich
+h&ouml;re!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erstattete ihm Bericht &uuml;ber mein heutiges Abenteuer,
+und er h&ouml;rte mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich
+fertig war, erhob er sich.</p>
+
+<p>&raquo;Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und
+folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>&raquo;Das sollst du sogleich sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm.
+Er f&uuml;hrte mich hinauf in die Wohnung des Kaufmannes.
+Der Diener desselben war nicht anwesend, daher traten
+wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes H&uuml;steln
+angemeldet hatten.</p>
+
+<p>Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er
+mochte vielleicht sechsundzwanzig Jahre z&auml;hlen. Der kostbare
+Tschibuk, aus welchem er rauchte, sagte mir, da&szlig;
+der J&uuml;terbogker mit seinem &raquo;schauderhaftes Jeld&laquo; wohl
+recht haben k&ouml;nne. Er war eine interessante, sympathische
+Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute,
+da&szlig; ich ihm mein Wohlwollen schenken k&ouml;nnte. Der alte
+Abu el Re&iuml;sahn nahm das Wort:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Gro&szlig;h&auml;ndler Isla Ben Maflei aus
+Stambul, und das hier ist Effendi Kara Ben Nemsi,
+mein Freund, den ich liebe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid mir beide willkommen und setzt euch!&laquo; erwiderte
+der junge Mann.</p>
+
+<p>Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn
+er mu&szlig;te sich sagen, da&szlig; der Kapit&auml;n jedenfalls einen
+guten Grund haben m&uuml;sse, mich so ohne weiteres bei ihm
+einzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?&laquo;
+fragte der Alte.</p>
+
+<p>&raquo;Gern. Sage mir, was ich thun soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle diesem Manne die Geschichte, welche du
+mir vorhin erz&auml;hlt hast!&laquo;</p>
+
+<p>In den Z&uuml;gen des Kaufmannes dr&uuml;ckte sich Staunen
+und Mi&szlig;mut aus.</p>
+
+<p>&raquo;Hassan el Re&iuml;sahn&laquo;, meinte er, &raquo;du gelobtest mir
+Schweigen und hast doch bereits geplaudert!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erz&auml;hlt habe!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>&raquo;Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst,
+da&szlig; ich auch zu ihm reden soll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sagtest zu mir, ich solle w&auml;hrend meiner Fahrt,
+da, wo ich des Abends anlegen mu&szlig;, die Augen offen
+halten, um mich nach dem zu erkundigen, was dir verloren
+ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren
+bereits schon ge&ouml;ffnet und bringe dir hier diesen Mann,
+der dir vielleicht Auskunft geben kann.&laquo;</p>
+
+<p>Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen
+Rucke empor.</p>
+
+<p>&raquo;Ist&#8217;s wahr? Du k&ouml;nntest mir Auskunft erteilen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen,
+und ich wei&szlig; daher auch gar nicht, wor&uuml;ber ich
+dir Auskunft geben k&ouml;nnte. Sprich du zuerst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu
+h&ouml;ren w&uuml;nsche, so werde ich dich besser belohnen, als ein
+Pascha es k&ouml;nnte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich begehre keinen Lohn. Rede!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza hei&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben
+Namen gegeben hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo, wo, Effendi? Rede schnell.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, sie ist sch&ouml;n wie die Rose und herrlich wie die
+Morgenr&ouml;te; sie duftet wie die Bl&uuml;te der Reseda, und
+ihre Stimme klingt wie der Gesang der Houris. Ihr
+Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr
+Fu&szlig; ist wie der Fu&szlig; von Delila, welche Samson verriet.
+Ihr Mund tr&auml;ufelt von Worten der G&uuml;te, und ihre
+Augen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines
+Armes.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>&raquo;Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie
+ich sie verlange. Sprich nicht mit der Zunge eines Br&auml;utigams,
+sondern mit den Worten des Verstandes! Seit
+wann ist sie dir verloren gegangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit zwei Monden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen
+kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Effendi, was sollte dies sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring,
+dessen Gold so d&uuml;nn war wie Papier, aber er trug eine
+sch&ouml;ne Perle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heute, vor wenigen Stunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der N&auml;he dieses Ortes, nicht weiter als eine
+Stunde von hier.&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte
+mir seine beiden H&auml;nde auf die Schultern.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? T&auml;uschest
+du dich nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr; ich t&auml;usche mich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm, erhebe dich; wir m&uuml;ssen hin zu ihr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das geht nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geht, es mu&szlig; gehen! Ich gebe dir tausend Piaster,
+zwei-, dreitausend Piaster, wenn du mich zu ihr f&uuml;hrst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst,
+so kann ich dich heute nicht zu ihr bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann sonst? Morgen, morgen ganz fr&uuml;h?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze
+dich! Wer zu schnell handelt, handelt langsam. Wir
+wollen uns besprechen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>&raquo;Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Brenne deine Pfeife an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine Zeit dazu; ich mu&szlig;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten
+hast, so mu&szlig; ich gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.&laquo;</p>
+
+<p>Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus
+dem Becken eine glimmende Kohle, um den Tabak seiner
+Pfeife in Brand zu stecken.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin bereit. Nun sprich!&laquo; forderte er mich
+dann auf.</p>
+
+<p>&raquo;Heute schickte ein reicher &Auml;gypter zu mir, zu ihm
+zu kommen, weil sein Weib krank sei&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sein Weib&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So lie&szlig; er mir sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du gingst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich ging.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dieser Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufw&auml;rts
+von hier in einem einsamen, halb verfallenen Hause,
+welches am Ufer des Niles steht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird von einer Mauer umgeben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle St&auml;dte,
+D&ouml;rfer und Lager am Nile abgeforscht, aber ich dachte
+nicht, da&szlig; dieses Haus bewohnt werde. Ist sie wirklich
+sein Weib?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht, aber ich glaube es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und krank ist sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr
+etwas B&ouml;ses widerf&auml;hrt. An welcher Krankheit leidet sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie ha&szlig;t ihn; sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>verzehrt sich in Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und
+wird sterben, wenn es nicht bald geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich habe es beobachtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast sie gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Belauscht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Er f&uuml;hrte mich in seine Frauenwohnung,
+damit ich mit der Kranken sprechen k&ouml;nne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er selbst? Unm&ouml;glich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er liebt sie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah strafe ihn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und f&uuml;rchtete, da&szlig; sie sterben werde, wenn er mich
+wieder fortschickte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sprachst du auch mit ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte.
+Aber sie fand Zeit, mir leise zuzufl&uuml;stern: &raquo;Rette Senitza.&laquo;
+Sie tr&auml;gt also diesen Namen, obgleich er sie G&uuml;zela nennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du ihr geantwortet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich sie retten werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, ich liebe dich; dir geh&ouml;rt mein Leben! Er
+hat sie geraubt und entf&uuml;hrt. Er hat sie durch Betrug
+an sich gerissen. Komm, Effendi, wir wollen gehen. Ich
+mu&szlig; wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen
+gehalten wird!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder
+hin zu ihr und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe mit, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du
+am Finger tr&auml;gst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennt ihn sehr gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir ihn anvertrauen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern. Aber wozu?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>&raquo;Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es
+so einzurichten wissen, da&szlig; sie den Ring zu sehen bekommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen,
+da&szlig; ich in der N&auml;he bin. Aber dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle du zun&auml;chst das, was ich wissen mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Gesch&auml;ft ist
+eines der gr&ouml;&szlig;ten in Istambul; ich bin der einzige Sohn
+meines Vaters, und w&auml;hrend er den Bazar verwaltet und
+die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen Reisen
+zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und
+sah Senitza, als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren
+fuhr. Ich sah sie sp&auml;ter wieder. Ihr Vater
+wohnt nicht in Scutari, sondern auf den schwarzen Bergen;
+sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu besuchen.
+Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See
+reiste, war die Freundin mit ihrem Manne verschwunden,
+und Senitza dazu!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand wu&szlig;te es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch ihre Eltern nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora
+verlassen, um nach seinem Kinde zu suchen, so weit
+die Erde reicht; ich aber mu&szlig;te nach &Auml;gypten, um Eink&auml;ufe
+zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem
+Dampfboote, welches aufw&auml;rts fuhr. Als der Sandal<a name="FNanchor_26_26" id="FNanchor_26_26"></a><a href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>,
+auf welchem ich war, an ihm vor&uuml;berlenkte, h&ouml;rte ich
+dr&uuml;ben meinen Namen nennen. Ich blickte hin&uuml;ber und
+erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht genommen
+hatte. Neben ihr stand ein sch&ouml;ner, finsterer Mann,
+der ihr den Jaschmak sofort wieder &uuml;berwarf &ndash; weiter
+sah ich nichts. Seit dieser Stunde habe ich ihre Spur
+verfolgt.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26_26" id="Footnote_26_26"></a><a href="#FNanchor_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Kleines Segelschiff.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>&raquo;Du wei&szlig;t also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig
+oder gezwungen verlassen hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freiwillig nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person
+geirrt? Vielleicht ist es eine andere gewesen, die ihr &auml;hnlich
+sieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte sie dann gerufen und die H&auml;nde nach mir
+ausgestreckt, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wahr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du dein Wort halten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du
+da erkennen, ob sie es ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Ring wird mir die &Uuml;berzeugung geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen
+kannst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann? Hassan el Re&iuml;sahn, w&auml;rest du bereit,
+sie in deiner Dahab&iuml;e aufzunehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne,
+bei dem sie sich befindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer
+Provinz gewesen ist, so ist er m&auml;chtig genug, uns zu verderben,
+wenn er uns ergreift,&laquo; meinte der Kapit&auml;n mit
+ernster Miene. &raquo;Eine Entf&uuml;hrung wird mit dem Tode
+bestraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen
+sehr klug und vorsichtig handeln m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die
+Gefahr als vielmehr an das Abenteuer selbst. Nat&uuml;rlich
+stand es fest, da&szlig; ich keine Hand r&uuml;hren w&uuml;rde, wenn
+Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die Kranke
+geltend machen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Wir besprachen uns noch lange &uuml;ber das bevorstehende
+Ereignis und trennten uns dann, um schlafen zu
+gehen, doch war ich &uuml;berzeugt, da&szlig; Isla keine Ruhe
+finden werde.</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>
+<a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Eine Entf&uuml;hrung.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>a es sehr sp&auml;t geworden war, als wir schlafen
+gingen, so wunderte ich mich nicht dar&uuml;ber, da&szlig; ich am
+andern Morgen auch sehr sp&auml;t erwachte. Ich h&auml;tte vielleicht
+noch l&auml;nger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch den
+Gesang des Barbiers erweckt worden w&auml;re. Dieser lehnte
+drau&szlig;en am Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen
+ganzen Vorrat an deutschen Liedern ersch&ouml;pfen zu wollen.</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; den S&auml;nger hereinkommen, um mich ein
+Weilchen mit ihm zu unterhalten, und fand in ihm einen
+recht gutm&uuml;tigen aber leichtsinnigen Burschen, den ich
+trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit meinem
+braven Halef vertauscht h&auml;tte. Ich ahnte damals nicht,
+unter was f&uuml;r b&ouml;sen Verh&auml;ltnissen ich sp&auml;ter mit ihm
+zusammentreffen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Am Vormittage besuchte ich den Abu el Re&iuml;sahn auf
+seinem Schiffe, und als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt
+hatte, erschien das Boot, welches mich abholen sollte.
+Halef hatte schon l&auml;ngst flei&szlig;igen Ausguck nach demselben
+gehalten.</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, fahre ich mit?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>Ich sch&uuml;ttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:</p>
+
+<p>&raquo;Heute brauche ich dich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie? du brauchst mich nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn dir nun etwas begegnet!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>&raquo;Was soll mir begegnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst in das Wasser fallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So schwimme ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder Abrahim-Mamur kann dich t&ouml;ten. Ich habe
+es ihm angesehen, da&szlig; er dein Freund nicht ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So k&ouml;nntest du mir auch nicht helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den
+du dich allzeit verlassen kannst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm!&laquo;</p>
+
+<p>Es war ihm nat&uuml;rlich sehr um sein Bakschisch<a name="FNanchor_27_27" id="FNanchor_27_27"></a><a href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> zu
+thun.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27_27" id="Footnote_27_27"></a><a href="#FNanchor_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Trinkgeld.</p></div>
+
+<p>Der Weg wurde ganz in derselben Weise zur&uuml;ckgelegt,
+doch war ich heute nat&uuml;rlich aufmerksamer auf
+alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im Garten,
+den wir durchschreiten mu&szlig;ten, lagen mehrere starke und
+ziemlich lange Stangen. Sowohl das Au&szlig;en- wie auch
+das Innenthor wurden immer mit breiten, h&ouml;lzernen Riegeln
+verschlossen, deren Konstruktion ich mir genau merkte.
+Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer
+erfuhr ich, da&szlig; au&szlig;er dem Herrn, der Kranken und einer
+alten W&auml;rterin elf Fellahs zu dem Hause geh&ouml;rten und
+nachts auch in demselben schliefen. Der Herr selbst schlief
+stets auf dem Diwan seines Selaml&uuml;k.</p>
+
+<p>Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich
+freundlicheren Miene entgegen, als diejenige war, mit
+welcher er mich gestern entlassen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein gro&szlig;er
+Arzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat bereits gestern schon gegessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat mit der W&auml;rterin gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>&raquo;Freundlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freundlich und viel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger
+als f&uuml;nf Tagen vollst&auml;ndig gesund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und heute fr&uuml;h hat sie sogar ein wenig gesungen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?&laquo;</p>
+
+<p>Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Die &Auml;rzte der Ungl&auml;ubigen sind sehr neugierig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;begierig nur; aber diese Wi&szlig;begierde rettet
+vielen das Leben oder die Gesundheit, denen eure &Auml;rzte
+nicht helfen k&ouml;nnten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;War deine Frage wirklich notwendig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist noch ein M&auml;dchen, obgleich sie mir geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist die Hilfe sicher.&laquo;</p>
+
+<p>Er f&uuml;hrte mich wieder nur bis in das Zimmer, in
+welchem ich gestern warten mu&szlig;te und in welchem ich
+auch heute zur&uuml;ckblieb. Ich sah mich genauer um. Fenster
+gab es nicht; die Licht&ouml;ffnungen waren vergittert. Das
+h&ouml;lzerne Gitterwerk war so angebracht worden, da&szlig; man
+es &ouml;ffnen konnte, indem man ein langes, d&uuml;nnes Riegelst&auml;bchen
+herauszog. Schnell entschlossen zog ich es heraus
+und steckte es so hinter das Gitter, da&szlig; es nicht bemerkt
+werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien
+Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.</p>
+
+<p>Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor.
+Unterdessen spielte ich wie im Eifer f&uuml;r die Sache mit
+dem Ringe, den mir Isla mitgegeben hatte, und lie&szlig; ihn
+dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an
+ihre F&uuml;&szlig;e; sie b&uuml;ckte sich schnell und hob ihn auf. Sofort
+aber trat Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der
+Hand. So schnell das ging, sie hatte doch Zeit gehabt,
+einen Blick auf den Ring zu werfen &ndash; sie hatte ihn erkannt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der
+unwillk&uuml;rlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen.
+Nun hatte ich f&uuml;r jetzt weiter nichts mehr hier zu thun.</p>
+
+<p>Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.</p>
+
+<p>&raquo;Gott ist gut und allm&auml;chtig,&laquo; antwortete ich; &raquo;er
+sendet den Seinen Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er
+es will, so ist sie morgen bereits gesund. Sie mag die
+Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit Vertrauen
+warten, bis ich wiederkomme.&laquo;</p>
+
+<p>Heute entlie&szlig; sie mich, ohne ein Wort zu wagen.
+Im Selaml&uuml;k harrte Halef bereits mit der Apotheke. Ich
+gab nichts als ein Zuckerpulver, wof&uuml;r der kleine Agha
+ein noch gr&ouml;&szlig;eres Bakschisch als gestern erhielt. Dann
+ging es wieder stromabw&auml;rts zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Der Kapit&auml;n erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du sie gesehen?&laquo; rief mir dieser entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erkannte sie den Ring?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie erkannte ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wei&szlig; sie, da&szlig; ich in der N&auml;he bin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig
+deutet, so wei&szlig; sie, da&szlig; sie heute nacht errettet wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hassan el Re&iuml;sahn, bist du mit deinem Lecke fertig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde fertig bis zum Abend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo
+zu bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So h&ouml;rt mich! In das Haus f&uuml;hren zwei Th&uuml;ren,
+welche aber von innen verriegelt sind; durch sie k&ouml;nnen
+wir nicht eindringen. Aber es giebt noch einen zweiten
+Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei,
+kannst du schwimmen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Es f&uuml;hrt ein Kanal aus dem Nil unter den
+Mauern hinweg nach einem Bassin, welches in der Mitte
+des Hofes sich befindet. Kurz nach Mitternacht, wenn
+alles schl&auml;ft, treffen wir dort ein, und du dringst durch
+den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Th&uuml;re,
+welche du sofort finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen,
+der sehr leicht zur&uuml;ckzuschieben ist. Indem du
+&ouml;ffnest, kommst du in den Garten, dessen Th&uuml;re auf gleiche
+Weise sich &ouml;ffnen l&auml;&szlig;t. Sobald die Th&uuml;ren offen sind,
+trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten
+und lehnen sie an die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen,
+hinter welchem die Frauengem&auml;cher liegen. Ich
+habe es bereits von innen ge&ouml;ffnet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was dann geschehen soll, mu&szlig; sich nach den Umst&auml;nden
+richten. Wir fahren mit einem Boote bis an
+Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit sein mu&szlig;, das
+Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so da&szlig; er uns nicht
+verfolgen kann. Unterdessen macht der Re&iuml;s seine Dahab&iuml;e
+segelfertig.&laquo;</p>
+
+<p>Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den
+Ri&szlig; des Hauses auf ein Blatt Papier, so da&szlig; Isla Ben
+Maflei vollst&auml;ndig orientiert war, wenn er heute abend
+aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter
+den notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und
+als es Zeit wurde, rief ich Halef herein und gab ihm
+die n&ouml;tigen Weisungen f&uuml;r das bevorstehende Abenteuer.</p>
+
+<p>Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen.
+Die Wohnungsmiete war schon voraus bezahlt.</p>
+
+<p>Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald
+mit den Sachen nach. Das Schiff war bereit zur Fahrt
+und brauchte nur vom Ufer gel&ouml;st zu werden. Nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein,
+der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen
+wir in das lange, schmale Boot, welches zur Dahab&iuml;e
+geh&ouml;rte. Die beiden Diener mu&szlig;ten rudern, und ich lenkte
+das Steuer.</p>
+
+<p>Es war eine jener N&auml;chte, in denen die Natur in
+so tiefem Vertrauen ruht, als gebe es auf dem ganzen
+weiten Erdenrunde kein einziges drohendes Element.</p>
+
+<p>Die leisen L&uuml;fte, welche mit dem Schatten der D&auml;mmerung
+gespielt hatten, waren zur Ruhe gegangen; die
+Sterne des S&uuml;dens l&auml;chelten freundlich aus dem tiefblauen
+Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrw&uuml;rdigen
+Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer
+breiten Bahn. Diese Ruhe herrschte auch in meinem Innern,
+obgleich es schwer scheint, dies zu glauben.</p>
+
+<p>Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten,
+aber man bebt ja <em class="gesperrt">vor</em> einem Ereignisse; ist dasselbe
+jedoch einmal angebahnt oder gar bereits eingetreten,
+so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann ohne
+innere K&auml;mpfe handeln. Eine n&auml;chtliche Entf&uuml;hrung w&auml;re
+vielleicht gar nicht notwendig gewesen; wir h&auml;tten vielmehr
+Abrahim-Mamur vor Gericht angreifen k&ouml;nnen.
+Aber wir wu&szlig;ten ja nicht, wie die Verh&auml;ltnisse lagen
+und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu
+Gebote standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen.
+Nur von ihr erst konnten wir erfahren, was wir wissen
+mu&szlig;ten, um gegen ihn aufzutreten, und das konnten wir
+nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter seinem
+R&uuml;cken in unsere H&auml;nde zu bekommen.</p>
+
+<p>Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen
+Umrisse des Geb&auml;udes aus ihrer grauen, steinigen Umgebung
+hervor. Wir legten eine kurze Strecke unterhalb
+der Mauer an, und ich stieg zun&auml;chst ganz allein aus,
+<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung
+des Hauses nicht die geringste Spur von Leben, und auch
+innerhalb der Mauern schien alles in tiefster Ruhe zu
+liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den
+Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern
+Kahn.</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist das Boot,&laquo; sagte ich zu den beiden Dienern.
+&raquo;Fahrt es ein wenig abw&auml;rts, f&uuml;llt es mit Steinen und
+la&szlig;t es sinken. Die Ruder aber k&ouml;nnen wir gebrauchen.
+Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr nachher
+nicht anh&auml;ngen la&szlig;t, sondern so bereit haltet, da&szlig;
+wir absto&szlig;en k&ouml;nnen, sobald wir einsteigen. Isla Ben
+Maflei, folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>Ich verlie&szlig; das Boot, und wir schlichen zum Kanale.
+Dessen Wasser blickten uns nicht sehr einladend entgegen.
+Ich warf einen Stein hinein und erkannte dadurch, da&szlig;
+der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine Kleider aus und
+stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.</p>
+
+<p>&raquo;Wird es gehen?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen.
+Der Kanal hat so viel Schlamm, da&szlig; er mir fast bis
+an die Kniee reicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du noch entschlossen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi,
+wohlan!&laquo;</p>
+
+<p>Er hob die Beine empor, stie&szlig; die Arme aus und
+verschwand unter der Mauer&ouml;ffnung, durch welche das
+Wasser f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Ich verlie&szlig; die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete
+noch eine Weile, da es ja sehr leicht m&ouml;glich war,
+da&szlig; etwas Unvorhergesehenes geschehen konnte, was meine
+Gegenwart w&uuml;nschenswert erscheinen lie&szlig;. Ich hatte das
+Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als
+<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>der Kopf des Schwimmers in der &Ouml;ffnung wieder erschien.</p>
+
+<p>&raquo;Du kehrst zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich konnte nicht weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, wir k&ouml;nnen Senitza nicht befreien!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Mauer ist zu hoch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es w&uuml;rde auch nichts helfen, wenn sie niedriger
+w&auml;re, denn das Haus ist fest verschlossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Kanal auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verschlossen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Womit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit einem starken Holzgitter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Konntest du es nicht entfernen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es widersteht aller meiner Kraft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit ist der Ort von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Gitter mu&szlig; sich grad bei der Grundmauer des
+Hauses befinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte
+meine Kleider und erwarte mich hier.&laquo;</p>
+
+<p>Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das
+Wasser. Mich auf den R&uuml;cken legend, schwamm ich vorw&auml;rts.
+Der Kanal war auch im Garten nicht offen, sondern
+mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner
+Berechnung das Haus erreicht haben mu&szlig;te, stie&szlig; ich an
+das Gitter. Es war so breit und hoch wie der Kanal
+selbst, bestand aus starken, gut eingef&uuml;gten Holzstangen
+und war mit eisernen Klammern an die Mauer befestigt.
+Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie
+etwa Ratten, Wasserm&auml;use u.&nbsp;s.&nbsp;w. vom Bassin fernzuhalten.
+Ich r&uuml;ttelte daran; es gab nicht nach, und ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>mu&szlig;te einsehen, da&szlig; es im ganzen nicht zu entfernen sei.
+Ich fa&szlig;te einen einzelnen Stab mit beiden H&auml;nden, stemmte
+die hoch emporgezogenen Kniee h&uuml;ben und dr&uuml;ben gegen
+die Mauer &ndash; ein Ruck aus allen Kr&auml;ften, und die Stange
+zerbrach. Jetzt war eine Bresche da, und in Zeit von
+zwei Minuten hatte ich noch vier St&auml;be herausgerissen,
+so da&szlig; eine &Ouml;ffnung entstanden war, durch welche ich
+mich zw&auml;ngen konnte.</p>
+
+<p>Sollte ich zur&uuml;ckkehren, um Isla das weitere zu
+&uuml;berlassen? Nein, denn das w&auml;re Zeitverschwendung gewesen.
+Ich befand mich nun einmal im Wasser und
+kannte ja auch die &Ouml;rtlichkeit genauer als er. Ich passierte
+also die &Ouml;ffnung, welche ich mir gemacht hatte, und
+schwamm weiter fort in dem Wasser, welches durch den
+aufgew&uuml;hlten Schlamm ganz dick war. Als ich mich nach
+meiner ungef&auml;hren Berechnung unter dem inneren Hofe
+befinden mu&szlig;te, senkte sich pl&ouml;tzlich die W&ouml;lbung bis auf
+die Oberfl&auml;che des Wassers herunter, und ich wu&szlig;te nun,
+da&szlig; ich mich in der N&auml;he des Bassins befand. Der Kanal
+glich von hier aus nur noch einer R&ouml;hre, welche so vollst&auml;ndig
+mit Wasser gef&uuml;llt war, da&szlig; die zum Atmen
+n&ouml;tige Luft fehlte. Die noch &uuml;brige Strecke mu&szlig;te ich
+also unter Wasser durchkriechen oder tauchend durchschwimmen,
+was nicht nur h&ouml;chst unbequem und anstrengend,
+sondern auch mit gr&ouml;&szlig;ter Gefahr verbunden war.
+Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis
+in den Weg stellte und ich auch nicht so weit zur&uuml;ckkehren
+konnte, um den n&ouml;tigen Atem zu holen? &ndash;&nbsp;&ndash;
+Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es
+war doch immerhin m&ouml;glich, da&szlig; sich jemand in dem Hofe
+befand.</p>
+
+<p>Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich
+sog die Lunge voll Atem, bog mich unter das Wasser
+<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>und schob mich, halb schwimmend und halb gehend, mit
+m&ouml;glichster Schnelligkeit vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>Eine ziemliche Strecke legte ich so zur&uuml;ck, und schon
+versp&uuml;rte ich den eintretenden Luftmangel, als ich mit der
+Hand wirklich an ein neues Hindernis stie&szlig;. Es war,
+wie ich f&uuml;hlte, ein aus einem durchl&ouml;cherten Blech bestehendes
+Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalr&ouml;hre
+einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher
+oder Filter des schlammigen, tr&uuml;ben Wassers dienen sollte.</p>
+
+<p>Bei dieser Entdeckung bem&auml;chtigte sich eine wirkliche
+&Auml;ngstlichkeit meiner.</p>
+
+<p>Zur&uuml;ck konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle
+zu erreichen vermochte, wo die h&ouml;here W&ouml;lbung des Kanals
+mir gestattet h&auml;tte, emporzutauchen und Atem zu sch&ouml;pfen,
+war ich jedenfalls schon erstickt, und doch schien das
+ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu sein.
+Hier gab es freilich nur zwei F&auml;lle: entweder es gelang
+mir, hindurchzukommen, oder ich mu&szlig;te elend ertrinken.
+Es war kein Augenblick zu verlieren.</p>
+
+<p>Ich stemmte mich gegen das Blech &ndash; vergebens; ich
+dr&uuml;ckte und pre&szlig;te mit aller Gewalt dagegen, doch ohne
+Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und hinter ihm
+nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch
+verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft f&uuml;r eine
+Sekunde; es war mir, als wolle eine f&uuml;rchterliche Gewalt
+mir die Lunge zerbersten und den K&ouml;rper zersprengen
+&ndash; noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung; Herr Gott
+im Himmel, hilf, da&szlig; es mir gelingt! Ich f&uuml;hle den
+Tod mit nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen;
+er packt es mit grausamer, unerbittlicher Faust und dr&uuml;ckt
+es vernichtend zusammen; die Pulse stocken, die Besinnung
+schwindet, die Seele str&auml;ubt sich mit aller Gewalt gegen
+das Entsetzliche, eine krampfhafte, t&ouml;dliche Expansion
+<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus &ndash; ich
+h&ouml;re keinen Krach, kein Ger&auml;usch, aber der Kampf des
+Todes hat vermocht, was dem Leben nicht gelingen wollte
+&ndash; das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fuhr
+empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir
+augenblicklich das Leben wiederbrachte, dann tauchte ich
+wieder unter. Es konnte ja jemand im Hofe sein und
+meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen
+Wasserfl&auml;che sichtbar geworden war. Am Rande derselben
+kam ich vorsichtig wieder auf und blickte mich um.</p>
+
+<p>Es schien kein Mond, aber die Sterne des S&uuml;dens
+verbreiteten ein gen&uuml;gendes Licht, um alle Gegenst&auml;nde
+unterscheiden zu k&ouml;nnen. Ich stieg aus dem Bassin und
+wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich ein
+leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern,
+hinter denen die Frauengem&auml;cher lagen. Hier, rechts &uuml;ber
+mir war die Stelle, an welcher ich den Riegelstab entfernt
+hatte, und links davon bemerkte ich eine Spalte
+in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich
+nicht hatte treten d&uuml;rfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer
+Senitzas. War sie wach geblieben, um mich zu
+erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter, welches sie
+auch in ihrer Stube ge&ouml;ffnet hatte? War dies der Fall, so
+hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt
+wieder zur&uuml;ckgezogen, da sie mich unm&ouml;glich erkennen konnte.</p>
+
+<p>Ich schlich n&auml;her und legte die H&auml;nde rund um den
+Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Senitza!&laquo; fl&uuml;sterte ich leise.</p>
+
+<p>Da wurde die Spalte gr&ouml;&szlig;er und ein dunkles K&ouml;pfchen
+erschien.</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo; hauchte es herab.</p>
+
+<p>&raquo;Der Hekim, welcher bei dir war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kommst, mich zu retten?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>&raquo;Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Bist du allein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Isla Ben Maflei ist drau&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach! Er wird get&ouml;tet werden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Abrahim. Er schl&auml;ft nicht des Nachts; er
+wacht. Und die W&auml;rterin liegt in dem Raume neben
+mir. Halt &ndash; horch! Oh, fliehe schnell!&laquo;</p>
+
+<p>Dort hinter der Th&uuml;r, welche zum Selaml&uuml;k f&uuml;hrte,
+lie&szlig; sich ein Ger&auml;usch vernehmen. Die Spalte oben schlo&szlig;
+sich, und ich eilte augenblicklich zum Bassin zur&uuml;ck. Dort
+war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte. Vorsichtig,
+damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die
+mich verraten h&auml;tten, glitt ich hinein.</p>
+
+<p>Kaum war dies geschehen, so &ouml;ffnete sich die Th&uuml;r,
+und es erschien die Gestalt Abrahims, der langsam und
+sp&auml;hend den Hof umschritt. Ich stand bis zum Munde
+im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung
+verborgen, so da&szlig; mich der &Auml;gypter nicht gewahr werden
+konnte. Dieser &uuml;berzeugte sich, da&szlig; das Thor noch verschlossen
+sei, und verschwand, nachdem er die Runde vollendet
+hatte, wieder in dem Selaml&uuml;k.</p>
+
+<p>Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum
+Thore, schob den Riegel zur&uuml;ck und &ouml;ffnete. Ich stand
+im Garten. Rasch eilte ich quer &uuml;ber denselben hinweg,
+um nun auch das Mauerthor zu &ouml;ffnen, und dann wollte
+ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als
+dieser eben erschien.</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir
+gelungen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Aber ich k&auml;mpfte mit dem Tode. Gieb mir
+mein Gewand!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf
+nur die Jacke &uuml;ber, um nicht in meinen Bewegungen gehindert
+zu sein, und sagte ihm:</p>
+
+<p>&raquo;Ich sprach bereits mit Senitza.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es wahr, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O komm! Schnell, schnell!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warte noch!&laquo;</p>
+
+<p>Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu
+holen, welche ich gleich bei meiner ersten Anwesenheit bemerkt
+hatte. Dann traten wir in den Hof. Die Spalte
+oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder ge&ouml;ffnet.</p>
+
+<p>&raquo;Senitza<a name="FNanchor_28_28" id="FNanchor_28_28"></a><a href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>, mein Stern, mein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo; rief Isla mit
+unterdr&uuml;ckter Stimme, als ich emporgezeigt hatte. Ich
+unterbrach ihn:</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28_28" id="Footnote_28_28"></a><a href="#FNanchor_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Senitza ist serbisch und hei&szlig;t deutsch Augapfel.</p></div>
+
+<p>&raquo;Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit
+zu Herzenserg&uuml;ssen. Du schweigst, und nur ich rede!&laquo;</p>
+
+<p>Dann wandte ich mich empor zu ihr:</p>
+
+<p>&raquo;Bist du bereit, mit uns zu gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh, ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durch die Zimmer geht es nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber dr&uuml;ben hinter den h&ouml;lzernen S&auml;ulen
+liegt eine Leiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hole sie!&laquo;</p>
+
+<p>Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten
+Strick. Ich ging und fand die Leiter. Sie
+war fest. Als ich sie angelehnt hatte, stieg Isla empor.
+Ich schlich unterdessen nach der Th&uuml;r zum Selaml&uuml;k, um
+zu horchen.</p>
+
+<p>Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des M&auml;dchens
+erscheinen sah. Sie stieg herab, und Isla unterst&uuml;tzte
+sie dabei. In dem Augenblicke, in welchem sie den
+<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Sto&szlig;; sie
+schwankte und st&uuml;rzte mit einem lauten Krach zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Flieht! Schnell nach dem Boote!&laquo; warnte ich.</p>
+
+<p>Sie eilten nach dem Thore, und zu gleicher Zeit h&ouml;rte
+ich Schritte hinter der Th&uuml;r. Abrahim hatte das Ger&auml;usch
+vernommen und kam herbei. Ich mu&szlig;te den Fliehenden
+den R&uuml;ckzug decken und folgte ihnen also mit nicht
+zu gro&szlig;er Schnelligkeit. Der &Auml;gypter bemerkte mich,
+sah auch die umgest&uuml;rzte Leiter und das ge&ouml;ffnete Gitter.</p>
+
+<p>Er stie&szlig; einen Schrei aus, der von allen Bewohnern
+des Hauses geh&ouml;rt werden mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Chirsytz, hajdut, Dieb, R&auml;uber, halt! Herbei, herbei,
+ihr M&auml;nner, ihr Leute, ihr Sklaven! Hilfe!&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen laut gebr&uuml;llten Worten sprang er hinter
+mir her. Da der Orient keine Betten nach Art der unseren
+kennt und man meist in den Kleidern auf dem Diwan
+schl&auml;ft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald auf
+den Beinen.</p>
+
+<p>Der &Auml;gypter war hart hinter mir. Am Au&szlig;enthore
+blickte ich mich um. Er war nur zehn Schritte von mir
+entfernt, und dort an dem inneren Thore erschien bereits
+ein zweiter Verfolger.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei
+mit Senitza fliehen; ich wandte mich also nach links.
+Abrahim lie&szlig; sich t&auml;uschen. Er sah nicht sie, sondern
+nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke,
+in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses,
+w&auml;hrend unser Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte
+ich um die zweite Ecke, das Ufer entlang.</p>
+
+<p>&raquo;Halt, Bube! Ich schie&szlig;e!&laquo; erscholl es hinter mir.</p>
+
+<p>Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte
+weiter. Traf mich seine Kugel, so war ich tot oder gefangen,
+denn hinter ihm folgten seine Diener, wie ich aus
+<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>ihrem Geschrei vernahm. Der Schu&szlig; krachte. Er hatte
+im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Gescho&szlig;
+flog an mir vor&uuml;ber. Ich that, als sei ich getroffen,
+und warf mich zur Erde nieder.</p>
+
+<p>Er st&uuml;rzte an mir vorbei, denn er hatte nun das
+Boot bemerkt, in welches Isla eben mit Senitza einstieg.
+Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf. Mit einigen
+weiten Spr&uuml;ngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im
+Nacken und warf ihn nieder.</p>
+
+<p>Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter
+mir, sie waren mir sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen
+Zeit und Raum verloren hatte; aber ich erreichte
+den Kahn und sprang hinein. Sofort stie&szlig; Halef vom
+Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootsl&auml;ngen entfernt
+waren, als die Verfolger dort ankamen.</p>
+
+<p>Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er &uuml;berblickte
+die ganze Situation.</p>
+
+<p>&raquo;Geri,&laquo; br&uuml;llte er; &raquo;geri erkekler &ndash; zur&uuml;ck, zur&uuml;ck,
+ihr M&auml;nner! &ndash; Zur&uuml;ck, nach dem Boote!&laquo;</p>
+
+<p>Alle wandten sich um in der Richtung nach dem
+Kanale, wo ihr Kahn gelegen hatte. Abrahim kam zuerst
+dort an und stie&szlig; einen Schrei der Wut aus. Er sah,
+da&szlig; das Boot verschwunden war.</p>
+
+<p>Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gew&auml;sser des
+Ufers verlassen und das schneller str&ouml;mende Wasser erreicht;
+Halef und der Barbier aus J&uuml;terbogk ruderten; auch ich
+nahm eines der aus dem Boote Abrahims genommenen
+Ruder; Isla that dasselbe, und so scho&szlig; unser Kahn sehr
+schnell stromabw&auml;rts.</p>
+
+<p>Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung
+war nicht danach, in Worte gefa&szlig;t zu werden.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des ganzen Abenteuers war doch eine l&auml;ngere
+Zeit vergangen, so da&szlig; jetzt bereits sich der Horizont
+<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>r&ouml;tete und man die nebellosen Wasser des Niles weithin
+zu &uuml;berblicken vermochte. Noch immer sahen wir Abrahim
+mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien
+ein Segel, welches in dem Morgenrot ergl&uuml;hte.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Sandal!&laquo; meinte Halef.</p>
+
+<p>Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten,
+stark bemannten Barken, welche so schnell segeln, da&szlig; sie
+fast mit einem Dampfer um die Wette gehen.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben
+verfolgen,&laquo; sagte Isla.</p>
+
+<p>&raquo;Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht
+auf ihn h&ouml;rt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Abrahim dem Re&iuml;s eine gen&uuml;gende Summe
+bietet, wird dieser sich nicht weigern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch in diesem Falle w&uuml;rden wir einen guten Vorsprung
+gewinnen. Ehe der Sandal anlegt und der Re&iuml;s
+mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige Zeit. Auch
+mu&szlig; sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem
+versehen, was zu einer l&auml;ngeren Reise notwendig ist, da
+er nicht wissen kann, welche Ausdehnung die Verfolgung
+haben wird.&laquo;</p>
+
+<p>Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir
+machten eine so schnelle Fahrt, da&szlig; wir nach kaum einer
+halben Stunde die Dahab&iuml;e zu Gesicht bekamen, welche
+uns weiter tragen sollte.</p>
+
+<p>Der alte Abu el Re&iuml;sahn lehnte an der Br&uuml;stung
+des Sternes. Er sah, da&szlig; eine weibliche Person im
+Boote sa&szlig;, und wu&szlig;te also, da&szlig; unser Unternehmen gelungen
+sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick.</p>
+
+<p>&raquo;Legt an,&laquo; rief er. &raquo;Die Treppe ist niedergelassen!&laquo;</p>
+
+<p>Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am
+Steuer befestigt. Dann lie&szlig; man die Seile gehen und
+zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den Schnabel
+<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und
+wir strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun
+abw&auml;rts trug.</p>
+
+<p>Ich war zum Re&iuml;s getreten.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ging es?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut. Ich werde es dir erz&auml;hlen; doch sage
+mir vorher, ob ein guter Sandal dein Fahrzeug einholen
+k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden wir verfolgt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es nicht, doch ist es m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Dahab&iuml;e ist sehr gut, aber ein guter Sandal
+holt jede Dahab&iuml;e ein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wollen wir w&uuml;nschen, da&szlig; wir unverfolgt
+bleiben!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erz&auml;hlte nun den Hergang unseres Abenteuers
+und ging dann nach der Kaj&uuml;te, um meine noch immer
+feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in zwei Teile geteilt,
+einen kleinen und einen gr&ouml;&szlig;eren. Der erstere war
+f&uuml;r Senitza und der letztere f&uuml;r den Kapit&auml;n, Isla Ben
+Maflei und mich bestimmt.</p>
+
+<p>Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt
+vergangen, als ich oberhalb unseres Schiffes die
+Spitze eines Segels bemerkte, welches sich immer mehr
+vergr&ouml;&szlig;erte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte
+ich den Sandal, welchen wir in der Fr&uuml;he gesehen hatten.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du das Schiff?&laquo; fragte ich den Re&iuml;s.</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, Gott ist gro&szlig;, und deine Frage ist
+auch gro&szlig;,&laquo; antwortete er mir. &raquo;Ich bin ein Re&iuml;s und
+sollte ein Segel nicht sehen, welches so nahe hinter dem
+meinigen steuert!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woraus erkennst du dies?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>&raquo;Ich kenne diesen Sandal sehr genau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er geh&ouml;rt dem Re&iuml;s Chalid Ben Mustapha.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du diesen Chalid?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr; aber wir sind keine Freunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines
+Unehrlichen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, so ahnt mir etwas.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden es sehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was wirst du thun, wenn der Sandal sich an die
+Dahab&iuml;e legen will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; es zugeben. Das Gesetz sagt es so.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich es nicht zugebe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Re&iuml;s
+meiner Dahab&iuml;e und habe nach den Vorschriften des Gesetzes
+zu handeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich bin der Re&iuml;s meines Willens.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche
+Frage vorlegen, aber er begann selbst:</p>
+
+<p>&raquo;Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste
+Freund, den ich gefunden habe. Soll ich dir erz&auml;hlen,
+wie Senitza in die H&auml;nde des &Auml;gypters gekommen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte es sehr gerne h&ouml;ren, doch zu einer solchen
+Erz&auml;hlung geh&ouml;rt die Ruhe und Sammlung, welche wir
+jetzt nicht haben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist unruhig? Weshalb?&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht
+bemerkt.</p>
+
+<p>&raquo;Drehe dich um und siehe diesen Sandal.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Ist Abrahim an Bord?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht, aber es ist sehr leicht m&ouml;glich,
+weil der Kapit&auml;n ein Schurke ist, der sich von Abrahim
+erkaufen lassen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du, da&szlig; er ein Schurke ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abu el Re&iuml;sahn sagt es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; best&auml;tigte dieser; &raquo;ich kenne diesen Kapit&auml;n
+und kenne auch sein Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt
+w&auml;re, w&uuml;rde ich es an seinem Segel erkennen, welches
+dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was werden wir thun?&laquo; fragte Isla.</p>
+
+<p>&raquo;Zun&auml;chst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn er da ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kommt er nicht zu uns her&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>Unser Schiffsf&uuml;hrer pr&uuml;fte den Fortgang des Sandal
+und denjenigen, den wir selbst machten, und meinte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Er kommt uns immer n&auml;her. Ich werde eine Trikehta<a name="FNanchor_29_29" id="FNanchor_29_29"></a><a href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>
+beisetzen lassen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29_29" id="Footnote_29_29"></a><a href="#FNanchor_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Kleineres Segel.</p></div>
+
+<p>Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen
+Minuten, da&szlig; die Entscheidung dadurch h&ouml;chstens verz&ouml;gert,
+nicht aber aufgehoben werde. Der Sandal kam
+uns immer n&auml;her; endlich war er nur noch eine Schiffsl&auml;nge
+von uns entfernt und lie&szlig; das eine Segel fallen,
+um seine Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur
+auf dem Deck stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist da!&laquo; sagte Isla.</p>
+
+<p>&raquo;Wo steht er?&laquo; fragte der Re&iuml;s.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz vorn am Buge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser? Kara Ben Nemsi, was thun wir? Sie werden
+uns ansprechen, und wir m&uuml;ssen ihnen antworten.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>&raquo;Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich, der Inhaber meiner Dahab&iuml;e.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Merke auf, was ich dir sage, Abu el Re&iuml;sahn. Bist
+du bereit, mir dein Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?&laquo;</p>
+
+<p>Der Kapit&auml;n sah mich erstaunt an, begriff dann aber
+gleich, was ich f&uuml;r einen Zweck verfolgte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Dann bin also ich der Inhaber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du als Re&iuml;s mu&szlig;t thun, was ich will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und bist f&uuml;r nichts verantwortlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Rufe deine Leute zusammen!&laquo;</p>
+
+<p>Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapit&auml;n
+erkl&auml;rte ihnen:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr M&auml;nner, ich sage euch, da&szlig; dieser Effendi,
+welcher Kara Ben Nemsi hei&szlig;t, unsere Dahab&iuml;e von hier
+bis Kahira gemietet hat. Ist es nicht so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, es ist so,&laquo; best&auml;tigte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt mir also bezeugen, da&szlig; ich nicht mehr
+Herr des Schiffes bin?&laquo; fragte er die Leute.</p>
+
+<p>&raquo;Wir bezeugen es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So geht an eure Pl&auml;tze. Das aber m&uuml;&szlig;t ihr wissen,
+da&szlig; ich die Leitung des Schiffes behalte, denn Kara Ben
+Nemsi hat es mir befohlen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie entfernten sich, sichtlich befremdet &uuml;ber die sonderbare
+Mitteilung, welche ihnen geworden war.</p>
+
+<p>Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit
+uns gekommen. Der Kapit&auml;n desselben, ein alter langer,
+sehr hagerer Mann mit einer Reiherfeder auf dem Tarbusch,
+trat an die Bordung und fragte her&uuml;ber:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>&raquo;Ho, Dahab&iuml;e, welcher Re&iuml;s?&laquo;</p>
+
+<p>Ich neigte mich vor und antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Re&iuml;s Hassan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hassan Abu el Re&iuml;sahn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n, kenne ihn,&laquo; antwortete er mit schadenfroher
+Miene. &raquo;Ihr habt ein Weib an Bord?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gebt es heraus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Chalid Ben Mustapha, du bist verr&uuml;ckt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird sich finden. Wir werden an euch anlegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werden wir verhindern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie willst du dies anfangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die
+Feder an deinem Tarbusch!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erhob sehr schnell die B&uuml;chse, welche ich, ohne
+da&szlig; er sie gesehen hatte, bereit gehalten hatte, zielte und
+dr&uuml;ckte los. Die Feder flog herab. Selbst das entsetzlichste
+Ungl&uuml;ck h&auml;tte den w&uuml;rdigen Ben Mustapha nicht
+so in Aufregung versetzen k&ouml;nnen, wie dieser Warnungsschu&szlig;.
+Er fuhr so hoch in die Luft, als best&auml;nden seine
+hageren Gliedma&szlig;en aus elastischem Gummi, hielt sich
+den Kopf mit beiden H&auml;nden und floh hinter den Mast.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt wei&szlig;t du, wie ich schie&szlig;e, Ben Mustapha,&laquo;
+rief ich hin&uuml;ber. &raquo;Wenn dein Sandal noch eine einzige
+Minute bei uns backseits f&auml;hrt, so schie&szlig;e ich dir nicht
+die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem
+Leibe; darauf kannst du dich verlassen!&laquo;</p>
+
+<p>Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung.
+Er eilte an das Steuer, ri&szlig; es aus den H&auml;nden dessen, der
+es bisher regiert hatte, und drehte ab. In zwei Minuten
+befand sich der Sandal in einer solchen Entfernung
+von uns, da&szlig; ihn meine Kugel nicht erreichen konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>&raquo;Jetzt sind wir f&uuml;r den Augenblick sicher,&laquo; meinte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird nicht wieder so nahe kommen,&laquo; stimmte
+Hassan bei; &raquo;aber er wird uns auch nicht aus dem Auge
+lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen, wo er die
+Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die f&uuml;rchte
+ich freilich nicht; aber ich f&uuml;rchte etwas anderes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das da!&laquo;</p>
+
+<p>Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser,
+und wir verstanden sogleich, was er meinte.</p>
+
+<p>Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, da&szlig; die
+Wogen mit gr&ouml;&szlig;erer Gewalt und Schnelligkeit vorw&auml;rts
+strebten als vorher und die jetzt felsig gewordenen Ufer
+einander immer n&auml;her traten. Wir n&auml;herten uns n&auml;mlich
+einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger
+gefahrdrohend f&uuml;r den Schiffer, dem Verkehre auf dem
+Nile fast un&uuml;berwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt
+mu&szlig;te die Feindschaft der Menschen schweigen, damit sich
+die ungeteilte Aufmerksamkeit aller auf das drohende Element
+richten konnte. Die Stimme des Re&iuml;s t&ouml;nte laut
+schallend &uuml;ber das Deck:</p>
+
+<p>&raquo;Blickt auf, ihr M&auml;nner, der Schellahl kommt, der
+Katarakt! Tretet zusammen und betet die heilige Fatcha!&laquo;</p>
+
+<p>Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:</p>
+
+<p>&raquo;Beh&uuml;te uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten
+Teufel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Namen des Allbarmherzigen!&laquo; intonierte der
+Re&iuml;s.</p>
+
+<p>Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha,
+die erste Sure des Koran.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig; gestehen, da&szlig; dieses Gebet auch mich ergriff,
+aber nicht aus Furcht vor der Gefahr, sondern
+aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen wurzelnden Religiosit&auml;t
+<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>dieser halbwilden Menschen, welche nichts thun
+und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem
+Schwachen m&auml;chtig ist.</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan, ihr jungen M&auml;nner, ihr mutigen Helden,
+geht an euere Pl&auml;tze,&laquo; gebot nun der F&uuml;hrer; &raquo;der Strom
+hat uns ergriffen.&laquo;</p>
+
+<p>Das Kommando eines Nilschiffes l&auml;uft nicht so ruhig
+und exakt ab, wie die F&uuml;hrung eines europ&auml;ischen Fahrzeuges.
+Das hei&szlig;e Blut des S&uuml;dens rollt durch die
+Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem
+Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige
+der tiefsten Niedergeschlagenheit und Verzweiflung.
+Alles schreit, ruft, br&uuml;llt, heult, betet oder flucht im Augenblicke
+der Gefahr, um im n&auml;chsten Momente, wenn diese
+Gefahr vor&uuml;bergegangen ist, noch lauter zu jubeln, zu
+pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein
+jeder mit Anspannung aller seiner Kr&auml;fte, und der Schiffsf&uuml;hrer
+springt von einem zum andern, um jeden anzufeuern,
+tadelt die S&auml;umigen in Ausdr&uuml;cken, wie sie nur
+ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die
+andern mit den s&uuml;&szlig;esten, z&auml;rtlichsten Namen, unter denen
+sich das Wort &raquo;Held&laquo; am meisten wiederholt. Hassan
+hatte sich auf das Passieren der Stromschnelle vorbereitet
+und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder war
+doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenf&uuml;hrer,
+welche jeden Fu&szlig;breit des Stromes hier an dieser gef&auml;hrlichen
+Stelle kannten.</p>
+
+<p>Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt
+&uuml;ber die von dem Wasser kaum bedeckten Felsbl&ouml;cke; die
+Wellen st&uuml;rzten sch&auml;umend &uuml;ber das Deck, und der Donner
+des Kataraktes &uuml;bert&auml;ubte jedes, auch das lauteste Kommandowort.
+Das Schiff st&ouml;hnte und krachte in allen
+Fugen; die Ruder versagten ihre Dienste und, dem Steuer
+<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>vollst&auml;ndig ungehorsam, tobte die Dahab&iuml;e durch die
+kochenden Gew&auml;sser.</p>
+
+<p>Da treten die schwarzen, gl&auml;nzenden Felsen vor uns
+eng zusammen und lassen nur noch ein Thor offen, welches
+kaum die Breite unseres Schiffes besitzt. Die Wogen
+werden f&ouml;rmlich durch dasselbe hindurchgepre&szlig;t und st&uuml;rzen
+sich in einem dicken, m&auml;chtigen Strahle nach unten in ein
+Becken, welches &uuml;bers&auml;et ist von haarscharfen und nadelspitzen
+Steinbl&ouml;cken.</p>
+
+<p>Mit sausender Hast schie&szlig;en wir dem Thore zu. Die
+Ruder werden eingezogen. Jetzt befinden wir uns in
+dem furchtbaren Loche, dessen W&auml;nde uns zu beiden Seiten
+so nahe sind, da&szlig; wir sie fast mit den H&auml;nden erreichen
+k&ouml;nnen. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so
+schleudert uns die rasende Gewalt der Str&ouml;mung &uuml;ber
+die spr&uuml;henden, gischtspritzenden K&auml;mme des Falles hinaus,
+und wir st&uuml;rzen hinab in den Schlund des Kessels. Es
+brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und br&uuml;llt um uns
+her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht
+und rei&szlig;t uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren
+Wasserfl&auml;che glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad
+unter dieser Gl&auml;tte die gef&auml;hrlichste T&uuml;cke birgt, denn
+wir schwimmen nicht, nein, wir fallen, wir st&uuml;rzen mit
+rapider Vehemenz die absch&uuml;ssige Bahn hinab und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig!&laquo; ert&ouml;nt Hassans
+Stimme jetzt so schrill, da&szlig; sie geh&ouml;rt werden kann. &raquo;Allah
+il Allah, an die Ruder, an die Ruder, ihr J&uuml;nglinge,
+ihr M&auml;nner, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und L&ouml;wen!
+Der Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl,
+amahl, &iuml;a Allah amahl, macht, macht, bei Gott, macht,
+ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr Schurken und Katzen, arbeitet,
+arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr Helden, ihr
+Unvergleichlichen, Erprobten und Auserw&auml;hlten!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>Wir schie&szlig;en einer Schere zu, welche sich grad vor
+uns &ouml;ffnet und uns im n&auml;chsten Augenblicke vernichten
+wird. Die Felsen sind so scharf, und der Fall des
+Stromes ist so rei&szlig;end, da&szlig; von dem Schiffe kein Handgro&szlig;
+von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint.</p>
+
+<p>&raquo;Allah &iuml;a Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links,
+ihr Hunde, ihr Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer,
+links, links mit dem Steuer, ihr Braven, ihr Herrlichen,
+ihr V&auml;ter aller Helden! Allah, Allah, Maschallah &ndash;
+Gott thut Wunder, ihm sei Dank!&laquo;</p>
+
+<p>Das Schiff hat den fast &uuml;bermenschlichen Anstrengungen
+gehorcht und ist vor&uuml;bergeflogen. F&uuml;r einige
+Augenblicke befinden wir uns im ruhigen Fahrwasser,
+und alles st&uuml;rzt sich auf die Kniee, um dem Allm&auml;chtigen
+zu danken.</p>
+
+<p>&raquo;Esch&#8217;hetu inu la il laha il Allah!&laquo; t&ouml;nt es jubelnd
+&uuml;ber das Deck hin &ndash; &raquo;bezeuge, da&szlig; es nur einen Gott
+giebt! Sellem aale na baraktak, begnadige uns mit deinem
+Segen!&laquo;</p>
+
+<p>Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der
+Sehne eines Bogens geschnellt. Es ist der Sandal, welcher
+dieselben Gefahren hinter sich hat, wie wir. Seine
+Schnelligkeit ist jetzt wieder gr&ouml;&szlig;er als die unserige, und
+er mu&szlig; daher an uns vor&uuml;ber. Aber das offene Fahrwasser
+ist so schmal, da&szlig; wir nur mit M&uuml;he auszuweichen
+verm&ouml;gen, und fast Bord an Bord rauscht er vor&uuml;ber.
+Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte hinter sich
+versteckend. Mir grade gegen&uuml;ber rei&szlig;t er die verborgen
+gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange &ndash; ich
+werfe mich nieder &ndash; die Kugel pfeift &uuml;ber mir weg, und
+im n&auml;chsten Augenblick ist der Sandal uns weit voran.</p>
+
+<p>Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand
+hat Zeit zur Verwunderung oder zum Zorne, denn die
+<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>Str&ouml;mung packt uns wieder und treibt uns in ein Labyrinth
+von Klippen.</p>
+
+<p>Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der
+Sandal wurde von der Macht des Schellahl an einen
+Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder in die
+Flut, und das nur leicht besch&auml;digte Fahrzeug schie&szlig;t,
+von den Wogen wieder gefa&szlig;t, befreit davon. Aber bei
+dem Sto&szlig;e ist ein Mensch &uuml;ber Bord gefallen; er h&auml;ngt
+im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die Klippe klammernd.
+Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke,
+eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten
+zu. Er fa&szlig;t danach &ndash; ergreift ihn &ndash; wird
+emporgezogen &ndash; es ist &ndash; Abrahim-Mamur.</p>
+
+<p>Sobald er das Verdeck gl&uuml;cklich erreicht hatte, sch&uuml;ttelte
+er das Wasser aus seinen Kleidern und st&uuml;rzte dann
+mit geballten F&auml;usten auf mich zu.</p>
+
+<p>&raquo;Hund, du bist ein R&auml;uber und Betr&uuml;ger!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erwartete ihn stehenden Fu&szlig;es, und meine Haltung
+bewirkte, da&szlig; er vor mir stehen blieb, ohne seine
+F&auml;uste in Anwendung zu bringen.</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur, sei h&ouml;flich, denn du befindest dich
+nicht in deinem Hause. Sagst du nur noch ein Wort,
+welches mir nicht gef&auml;llt, so lasse ich dich an den Mast
+binden und durchpeitschen!&laquo;</p>
+
+<p>Die gr&ouml;&szlig;te Beleidigung f&uuml;r einen Araber ist ein Schlag,
+und die zweitgr&ouml;&szlig;te ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim
+machte eine Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast mein Weib an Bord!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sagst mir nicht die Wahrheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht
+dein Weib, sondern die Verlobte dieses jungen Mannes,
+welcher neben dir steht.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>Er st&uuml;rzte auf die Kaj&uuml;te zu, dort aber trat ihm
+Halef entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas; dieses hier sind meine zwei Pistolen,
+und ich werde dich niederschie&szlig;en, sobald du irgend wohin
+gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir verbietet!&laquo;</p>
+
+<p>Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der
+&Auml;gypter es ansehen konnte, da&szlig; es ihm mit dem Schie&szlig;en
+Ernst sei. Er wandte sich daher ab und schnaubte:</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das
+Land geht, um Eure Hilfsmatrosen abzusetzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind,
+sondern mein Gast, so lange du dich friedlich benimmst.&laquo;</p>
+
+<p>Die Stromschnelle war in ihren gef&auml;hrlichen Stellen
+gl&uuml;cklich durchschifft, und wir konnten uns nun mit der
+n&ouml;tigen Mu&szlig;e unserer Angelegenheit zuwenden.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du uns jetzt erz&auml;hlen, auf welche Weise
+Senitza in die Hand dieses Menschen geraten ist?&laquo; fragte
+ich Isla.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will sie holen,&laquo; antwortete er; &raquo;sie mag es
+Euch selbst erz&auml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; sie mag in der Kaj&uuml;te bleiben, denn ihr Anblick
+w&uuml;rde den &Auml;gypter erbittern und zum &Auml;u&szlig;ersten
+reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie Mohammedanerin
+oder Christin ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist eine Christin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von welcher Konfession?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von der, welche Ihr griechisch nennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist nicht seine Frau geworden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat sie gekauft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Ist es m&ouml;glich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert.
+Er hat sie in Scutari gesehen und ihr gesagt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>er liebe sie und sie solle sein Weib werden; sie aber hat
+ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu ihrem
+Vater gekommen und hat eine gro&szlig;e Summe geboten, um
+sie von ihm zu kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Th&uuml;re
+hinausgeworfen. Dann hat er den Vater der Freundin
+bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und
+dieser ist auf den Handel eingegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Mensch hat sie f&uuml;r seine Sklavin ausgegeben,
+hat sie an Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine
+Schrift dar&uuml;ber ausgeh&auml;ndigt, in welcher sie f&uuml;r eine
+cirkassische Sklavin gilt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater
+so pl&ouml;tzlich verschwunden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht
+und ist mit ihr erst nach Cypern, dann nach &Auml;gypten
+gefahren. Das &Uuml;brige ist Euch bekannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hie&szlig; der Mann, der sie verkaufte?&laquo; fragte ich
+unwillk&uuml;rlich.</p>
+
+<p>&raquo;Barud el Amasat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;El Amasat &ndash; el Amasat &ndash; dieser Name kommt
+mir sehr bekannt vor. Wo habe ich ihn geh&ouml;rt? War
+dieser Mensch ein T&uuml;rke?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sondern ein Armenier.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Armenier &ndash;&nbsp;&ndash; ah, jetzt wu&szlig;te ich es! Hamd
+el Amasat, jener Armenier, welcher uns auf dem Schott
+Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli entfloh
+&ndash; war es derselbe? &ndash; Nein, denn die Zeit stimmte
+nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du nicht,&laquo; fragte ich Isla, &raquo;ob dieser Barud
+el Amasat einen Bruder hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; Senitza wei&szlig; es auch nicht; ich habe sie nach
+dieser Familie sehr genau befragt.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei
+und wandte sich an mich:</p>
+
+<p>&raquo;Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t dieser &auml;jyptische Thunichtjut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abrahim-Mamur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So! Dat will also een Mamur jewesen sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn
+ich kenne diesen Menschen besser als er mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Wer ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade
+kriegte, und weil es die erste Bastonnade war, die
+ich jesehen habe, so habe ich mir sehr einjehend nach ihm
+erkundigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wer und was ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh
+oder so etwas und hat een Jeheimnis verraten oder so
+unjef&auml;hr. Er hat tot jemacht werden sollen, aber weil
+er G&ouml;nner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit
+Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; der Barbier aus J&uuml;terbogk diesen Mann kannte,
+war ein ganz staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir
+wie Schuppen von den Augen. Ich hatte ihn gesehen,
+und zwar in Ispahan auf dem Almaiden-Shah, wo er
+auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach
+Konstantinopel geschafft zu werden. Mein Weg f&uuml;hrte
+mich damals eine kurze Strecke mit derselben Karawane,
+und so kam es, da&szlig; er auch mich gesehen und sich jetzt
+wieder meiner erinnert hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Hamsad, f&uuml;r diese Mitteilung, behalte
+sie aber jetzt noch f&uuml;r dich.&laquo;</p>
+
+<p>Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>dem Gedanken, da&szlig; Abrahim mich verklagen werde. Ich
+wei&szlig; nicht, wie es kam, aber ich konnte die Vermutung
+nicht zur&uuml;ckweisen, da&szlig; er mit Barud el Amasat, welcher
+Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das M&auml;dchen
+bekannt geworden war. Abrahim war ein degradierter
+Beamter, ein Gefangener gewesen und hatte sogar
+die Bastonnade erhalten &ndash; jetzt trat er als Mamur auf
+und besa&szlig; ein Verm&ouml;gen &ndash; dies waren Umst&auml;nde, welche
+mir sehr zu denken gaben.</p>
+
+<p>Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt
+noch niemand zu sagen, damit Abrahim nicht merke, da&szlig;
+er durchschaut worden sei.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Landeplatze mu&szlig;ten die oberhalb der
+Stromschnelle auf die Dahab&iuml;e genommenen Schiffer wieder
+an das Land gesetzt werden. Unser Fahrzeug wandte
+sich daher dem Ufer zu.</p>
+
+<p>&raquo;Werden wir Anker werfen oder nicht?&laquo; fragte ich den Re&iuml;s.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich lenke sofort um, wenn die M&auml;nner das
+Schiff verlassen haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um die Polizei zu vermeiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Abrahim?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;rchte die Polizei nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter
+deinem Konsul. Man kann dir also nichts thun. Ah!&laquo;</p>
+
+<p>Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit
+bewaffneten, finster blickenden M&auml;nnern besetzt war. Es
+waren Khawassen &ndash; Polizisten.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst wohl nicht sofort umlenken,&laquo; meinte ich
+zu Hassan.</p>
+
+<p>&raquo;Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir
+zu gehorchen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>&raquo;Ich befehle es nicht; ich m&ouml;chte im Gegenteil die
+hiesige Polizei einmal kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen
+stiegen an Bord, noch ehe wir das Ufer erreicht hatten.
+Die Bemannung des Sandal war hier auch gelandet, hatte
+erz&auml;hlt, da&szlig; Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und
+auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie
+wir sp&auml;ter erfuhren, der alte Re&iuml;s Chalid Ben Mustapha
+eilenden Fu&szlig;es zum Richter gelaufen und hatte eine so
+wohlgesetzte Rede gehalten &uuml;ber mich, den ungl&auml;ubigen
+M&ouml;rder, Aufr&uuml;hrer, R&auml;uber und Emp&ouml;rer, da&szlig; ich eigentlich
+sehr zufrieden sein mu&szlig;te, nur mit dem H&auml;ngen oder
+S&auml;cken davonzukommen.</p>
+
+<p>Da die Gerechtigkeit jener L&auml;nder von der wichtigen
+Erfindung der Aktenst&ouml;&szlig;e noch keine Notiz genommen
+hat, so wird in Rechtsf&auml;llen &uuml;beraus schnell und summarisch
+verfahren.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist der Re&iuml;s dieses Schiffes,&laquo; fragte der Anf&uuml;hrer
+der Khawassen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich,&laquo; antwortete Hassan.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;est du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hassan Abu el Re&iuml;sahn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen
+Hekim, der ein Ungl&auml;ubiger ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da steht er und hei&szlig;t Kara Ben Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib,
+Namens G&uuml;zela?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist in der Kaj&uuml;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und
+folgt mir zum Richter, w&auml;hrend ich das Schiff von meinen
+Leuten bewachen lasse!&laquo;</p>
+
+<p>Die Dahab&iuml;e legte an, und ihre ganze Bemannung
+nebst s&auml;mtlichen Passagieren wurde &raquo;sofort anhero transportiert&laquo;.
+<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Senitza, tief verschleiert, ward in eine bereitstehende
+S&auml;nfte gehoben und mu&szlig;te unserm Zuge folgen,
+der bei jedem weiteren Schritte gr&ouml;&szlig;er wurde, weil jung
+und alt, gro&szlig; und klein sich ihm anschlo&szlig;. Hamsad al
+Dscherbaja, der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und
+pfiff nach dem Takte seiner Beine munter sein &raquo;Mu&szlig; i
+denn, mu&szlig; i denn zum St&auml;dtele hinaus!&laquo;</p>
+
+<p>Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor sa&szlig; mit seinem
+Sekret&auml;r bereits unserer Ankunft gew&auml;rtig.</p>
+
+<p>Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors
+oder Befehlshabers von tausend Mann, hatte aber trotzdem
+weder ein kriegerisches noch ein &uuml;berm&auml;&szlig;ig intelligentes
+Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal,
+so hatte auch er Abrahim-Mamur f&uuml;r ertrunken gehalten
+und empfing den vom Tode Auferstandenen mit
+einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem Blick
+war, den er uns zuwarf.</p>
+
+<p>Wir wurden in zwei Lager geteilt: h&uuml;ben die Bemannung
+des Sandal mit Abrahim und einigen seiner
+Diener, die er mitgenommen hatte, und dr&uuml;ben die Leute
+von der Dahab&iuml;e mit Senitza, Isla und mir nebst Halef
+und dem Barbier.</p>
+
+<p>&raquo;Befiehlst du eine Pfeife, Herr?&laquo; fragte der Sahbeth-Bei
+den vermeintlichen Mamur.</p>
+
+<p>&raquo;Lasse sie bringen!&laquo;</p>
+
+<p>Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf
+niederzusetzen. Dann begann die Verhandlung:</p>
+
+<p>&raquo;Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er lautet Abrahim-Mamur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In En-Nasar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist der Ankl&auml;ger. Sprich; ich h&ouml;re zu und
+werde richten.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>&raquo;Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der
+Tschikarma; ich klage an den Mann, der neben ihm steht,
+der Tschikarma, und ich klage an den F&uuml;hrer der Dahab&iuml;e
+der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die Diener
+dieser beiden M&auml;nner und die Matrosen der Dahab&iuml;e beteiligt
+sind, das magst du bestimmen, o Bimbaschi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle, wie der Raub vollendet wurde.&laquo;</p>
+
+<p>Abrahim erz&auml;hlte. Als er geendet hatte, wurden
+seine Zeugen verh&ouml;rt, was die Folge hatte, da&szlig; ich von
+dem Re&iuml;s des Sandals, Herrn Chalid Ben Mustapha,
+auch noch des Mordversuches bez&uuml;chtigt wurde.</p>
+
+<p>In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz,
+als er sich nun zu mir wandte.</p>
+
+<p>&raquo;Giaur, wie ist dein Name?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kara Ben Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t deine Heimat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dschermanistan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo liegt diese Handvoll Erde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, da&szlig; du
+sehr unwissend bist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hund!&laquo; fuhr er auf. &raquo;Was willst du sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dschermanistan ist ein gro&szlig;es Land und hat zehnmal
+mehr Einwohner als ganz &Auml;gypten. Du aber kennst
+es nicht. Du bist &uuml;berhaupt ein schlechter Geograph und
+darum l&auml;ssest du dich von Abrahim-Mamur bel&uuml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse
+dich mit dem Ohre an die Wand nageln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der
+Mamur der Provinz En-Nasar. Mamurs giebt es nur
+in &Auml;gypten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Liegt En-Nasar nicht in &Auml;gypten, Giaur? Ich
+bin selbst dort gewesen und kenne den Mamur wie meinen
+Bruder, ja, wie mich selbst.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>&raquo;Du l&uuml;gst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nagelt ihn fest!&laquo; gebot der Richter.</p>
+
+<p>Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine
+Pistolen.</p>
+
+<p>&raquo;Bimbaschi, ich sage dir, da&szlig; ich erst den niederschie&szlig;en
+werde, der mich anr&uuml;hrt, und dann dich! Du
+l&uuml;gst, ich sage es noch einmal. En-Nasar ist eine ganz
+kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im
+Lande Tripolis; dort giebt es keinen Mamur, sondern
+einen armen Scheik; er hei&szlig;t Mamra Ibn Alef Abuzin,
+und ich kenne ihn sehr genau. Ich k&ouml;nnte mit dir Kom&ouml;die
+spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen;
+aber ich will es kurz machen. Wie kommt es, da&szlig; du
+die Kl&auml;ger stehen l&auml;ssest, w&auml;hrend der Angeklagte, der
+Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife von dir bekommt?&laquo;</p>
+
+<p>Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an.</p>
+
+<p>&raquo;Wie meinst du das, Giaur?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen!
+Ich habe einen Pa&szlig; bei mir und auch einen
+Izin-gitisch<a name="FNanchor_30_30" id="FNanchor_30_30"></a><a href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> des Vizek&ouml;nigs von &Auml;gypten; dieser aber,
+mein Gef&auml;hrte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu
+des Gro&szlig;herrn und ist also ein Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30_30" id="Footnote_30_30"></a><a href="#FNanchor_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Reiseschein.</p></div>
+
+<p>&raquo;Zeigt die Scheine her!&laquo;</p>
+
+<p>Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den
+seinigen vor. Er las sie und gab sie uns dann mit verlegener
+Miene zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Sprich weiter.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Aufforderung bewies mir, da&szlig; er nicht wu&szlig;te,
+was er thun sollte. Ich nahm also wieder das Wort:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und
+<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>wei&szlig;t doch nicht, was deines Amtes ist. Wenn du ein
+Handschreiben des Gro&szlig;herrn liesest, so mu&szlig;t du es vorher
+an Stirn, Auge und Mund dr&uuml;cken und alle Anwesenden
+auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit
+selbst zugegen w&auml;re. Ich werde dem Khedive und
+dem Gro&szlig;wesir in Istambul erz&auml;hlen, welche Achtung
+du ihnen erweisest!&laquo;</p>
+
+<p>Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken,
+da&szlig; er die Augen aufri&szlig; und den Mund &ouml;ffnete, ohne
+ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen
+Worten meinte. Ich bin der Ankl&auml;ger und mu&szlig; stehen,
+und dieser ist der Angeklagte und darf sitzen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer klagt ihn an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich, dieser, dieser und wir alle.&laquo;</p>
+
+<p>Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.</p>
+
+<p>&raquo;Wessen klagst du ihn an?&laquo; fragte der Sahbeth-Bei.</p>
+
+<p>&raquo;Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er
+uns anklagte.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah es, da&szlig; Abrahim unruhig wurde. Der
+Richter gebot mir:</p>
+
+<p>&raquo;Sprich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du dauerst mich, Bimbaschi, da&szlig; du eine solche
+Trauer erleben mu&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Trauer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; du einen Mann verurteilen mu&szlig;t, den du so
+gut kennst wie deinen Bruder, ja wie dich selbst. Du
+bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen und wei&szlig;t genau,
+da&szlig; er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, da&szlig; auch ich
+ihn kenne. Er hei&szlig;t Dawuhd Arafim, war Beamter des
+Gro&szlig;herrn in Persien, wurde aber abgesetzt und bekam
+sogar die Bastonnade.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>&raquo;Hund! &ndash; Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand
+verloren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sahbeth-Bei, h&ouml;re mich weiter, dann wird es sich
+zeigen, wessen Kopf besser ist und fester sitzt, der meine
+oder der seine!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rede!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin
+aus Karadagh<a name="FNanchor_31_31" id="FNanchor_31_31"></a><a href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach
+&Auml;gypten entf&uuml;hrt. Hier mein Freund ist ihr rechtm&auml;&szlig;iger
+Verlobter, und darum ist er nach &Auml;gypten gekommen
+und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du
+hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du
+nicht. Er ist ein Frauenr&auml;uber und Betr&uuml;ger. La&szlig; dir
+seine Legitimation zeigen, oder ich gehe zum Khedive und
+sage, wie du Gerechtigkeit &uuml;bst in dem Amte, welches er
+dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapit&auml;n des Sandal
+des Mordversuches angeklagt. Frage diese M&auml;nner! Sie
+alle haben es geh&ouml;rt, da&szlig; ich ihm die Feder vom Tarbusch
+schie&szlig;en wollte, und ich habe sie getroffen. Der,
+welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und
+in der Absicht, mich zu t&ouml;ten, auf mich geschossen. Ich
+klage ihn an. Nun entscheide!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31_31" id="Footnote_31_31"></a><a href="#FNanchor_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Montenegro. &ndash; Beides hei&szlig;t ebenso wie das slawische Czernagora
+&raquo;Schwarzer Berg&laquo;.</p></div>
+
+<p>Der brave Mann befand sich nat&uuml;rlich in einer
+gro&szlig;en Verlegenheit. Er konnte doch seine Worte und
+Thaten nicht dementieren, f&uuml;hlte aber sehr wohl, da&szlig; ich
+im Rechte sei, und so entschlo&szlig; er sich, zu thun, was
+eben nur ein &Auml;gypter zu thun vermag.</p>
+
+<p>&raquo;Das Volk soll hinaus und in seine H&auml;user gehen!&laquo;
+gebot er. &raquo;Ich werde mir die Sache &uuml;berlegen und am
+Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle aber seid meine
+Gefangenen!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschl&auml;gen
+hinaus; sodann wurde Abrahim-Mamur mit der
+Mannschaft des Sandal gefangen abgef&uuml;hrt, und schlie&szlig;lich
+schaffte man auch uns fort, n&auml;mlich in den Hof des
+Geb&auml;udes, in welchem wir uns ungest&ouml;rt bewegen durften,
+w&auml;hrend einige Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu
+bewachen schienen. Nach einer Viertelstunde aber waren
+sie verschwunden.</p>
+
+<p>Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und
+trat zu Isla Ben Maflei, welcher neben Senitza am
+Brunnen sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Denkst du, da&szlig; wir heute unsern Proze&szlig; gewinnen
+werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke gar nichts; ich &uuml;berlasse alles dir,&laquo; antwortete
+er.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim
+geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem
+Bimbaschi Geld geben oder einen der kostbaren Ringe,
+die er an den Fingern tr&auml;gt, und der Baschi wird ihn
+laufen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;nschest du seinen Tod?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie denkt deine Freundin dar&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>Senitza antwortete selbst:</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, ich war sehr ungl&uuml;cklich, jetzt aber bin ich
+frei. Ich werde nicht mehr an ihn denken.&laquo;</p>
+
+<p>Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den
+Abu el Re&iuml;sahn zu befragen. Er erkl&auml;rte mir rundweg,
+da&szlig; er sehr froh sei, mit heiler Haut davonzukommen,
+und so machte ich mich denn beruhigt an das Rekognoscieren.</p>
+
+<p>Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Stra&szlig;e.
+Die hei&szlig;e Tageszeit war eingetreten und ich sah keinen
+<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>Menschen auf der Stra&szlig;e. Es war klar, da&szlig; der Sahbeth-Bei
+w&uuml;nschte, da&szlig; wir uns selbst ranzionieren und nicht
+auf seine Entscheidung warten m&ouml;chten; ich kehrte daher
+in den Hof zur&uuml;ck, teilte den Leuten meine Ansicht mit
+und forderte sie auf, mir zu folgen. Sie thaten es, und
+kein Mensch trat unserm Thun entgegen.</p>
+
+<p>Als wir die Dahab&iuml;e erreichten, ergab es sich, da&szlig;
+sie von den Khawassen verlassen worden war. Ein Freund
+und Bewunderer der Ladung, welche aus Sennesbl&auml;ttern
+bestand, h&auml;tte ganz ungest&ouml;rt eine Annexion vornehmen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden.
+Jedenfalls hatte der w&uuml;rdige Chalid Ben
+Mustapha noch eher als wir die Absicht des Richters begriffen
+und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.</p>
+
+<p>Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?</p>
+
+<p>Dies zu erfahren w&auml;re uns nicht gleichg&uuml;ltig gewesen;
+denn es war nicht nur m&ouml;glich, sondern sehr wahrscheinlich,
+da&szlig; er uns im Auge behalten werde. Ich wenigstens
+hatte die Ahnung, ihn fr&uuml;her oder sp&auml;ter wieder einmal
+zu treffen.</p>
+
+<p>Die Dahab&iuml;e lichtete den Anker, und wir setzten unsere
+unterbrochene Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewu&szlig;tsein,
+einer sehr schlimmen Lage gl&uuml;cklich entronnen zu
+sein.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+<a name="Fuenftes_Kapitel" id="Fuenftes_Kapitel"></a>F&uuml;nftes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Abu-Se&iuml;f.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">U</span>nd es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem
+Heere Israels herzog, und ging hinter dasselbe, und die
+Wolkens&auml;ule wich auch von vorn weg und stand nun von
+hinten zwischen dem Heere der &Auml;gypter und dem Heere
+Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und
+hierhin erleuchtete sie die Nacht, so da&szlig; diese und jene
+die ganze Nacht nicht zusammenkommen konnten.</p>
+
+<p>Als nun Moses seine Hand ausstreckte &uuml;ber das
+Meer, nahm es der Herr durch einen starken Ostwind
+hinweg w&auml;hrend der Nacht und machte das Meer trocken
+und die Wasser teilten sich von einander.</p>
+
+<p>Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das
+Meer auf dem Trockenen, und das Wasser stand wie
+Mauern ihnen zur Rechten und zur Linken.</p>
+
+<p>Und die &Auml;gypter folgten und gingen hinein, ihnen
+nach, alle Rosse des Pharao und Wagen und Reiter,
+mitten in das Meer.</p>
+
+<p>Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf
+das Heer der &Auml;gypter aus der Feuers&auml;ule und aus der
+Wolke, und machte einen Schrecken in ihrem Heere.</p>
+
+<p>Und stie&szlig; die R&auml;der von ihren Streitwagen und
+st&uuml;rzte sie um mit Ungest&uuml;m. Da sprachen die &Auml;gypter:
+Lasset uns fliehen vor Israel; der Herr streitet f&uuml;r sie
+wider die &Auml;gypter!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand
+aus &uuml;ber das Meer, damit das Wasser wieder herfalle
+&uuml;ber die &Auml;gypter, &uuml;ber ihre Wagen und &uuml;ber ihre Reiter.</p>
+
+<p>Da streckte Moses seine Hand aus &uuml;ber das Meer,
+und das Meer kam wieder vor morgens in seinen Strom,
+und die &Auml;gypter flohen ihm entgegen. Also st&uuml;rzte sie
+der Herr mitten in das Meer.</p>
+
+<p>Da&szlig; das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und
+Reiter und alle Macht des Pharao, die ihnen nachgezogen
+war in das Meer, so da&szlig; kein einziger von ihnen &uuml;brig
+blieb.</p>
+
+<p>Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das
+Meer, und das Wasser stand ihnen gleich Mauern zur
+Rechten und zur Linken.</p>
+
+<p>Also half der Herr Israel an diesem Tage von der
+Hand der &Auml;gypter, und sie erblickten die &Auml;gypter tot
+an dem Ufer des Meeres.</p>
+
+<p>Und die Hand des Herrn war m&auml;chtig, die er den
+&Auml;gyptern gezeiget hatte, und das Volk Israel f&uuml;rchtete
+den Herrn und glaubte an ihn und an seinen Knecht
+Moses.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14,
+V. 19-31) mu&szlig;te ich denken, als ich im &raquo;Thale Hiroth,
+gegen Baal Zephon&laquo;, mein Kamel anhielt, um das Auge
+&uuml;ber die glitzernden Fluten des roten Meeres schweifen
+zu lassen. Es kam auch &uuml;ber mich etwas von jener
+Furcht, welche sein Anblick in den Herzen der Kinder
+Israels erweckt hatte. Ich f&uuml;hlte nicht ein Grauen vor
+jenem Elemente, welches leider noch immer &raquo;keine Balken&laquo;
+hat, sondern es &uuml;berlief mich jene heilige, and&auml;chtige Scheu,
+welche jeder Gl&auml;ubige f&uuml;hlt, sobald er einen Ort betritt,
+von dem ihm die biblische Geschichte erz&auml;hlt, da&szlig; hier der
+Fu&szlig; des Ewigen gerastet und hier die Hand des Unendlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>gewaltet habe. Es war mir, als h&ouml;re ich jene
+Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der
+Jochebeth zugerufen hatte: &raquo;Mose, Mose, tritt nicht
+herzu, sondern ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort,
+darauf du stehest, ist ein heiliges Land!&laquo;</p>
+
+<p>Hinter mir also lag das Land des Osiris und der
+Isis, das Land der Pyramiden und der Sphinxe, das
+Land, in welchem das Volk Gottes das Joch der Knechtschaft
+getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau
+jener Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch
+heute das Staunen des Nilreisenden erregen. Im Schilfe
+des altehrw&uuml;rdigen Stromes dort hatte die K&ouml;nigstochter
+das Kn&auml;blein gefunden, welches berufen war, ein Volk
+von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn g&ouml;ttlichen
+Geboten ein Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden
+die Grundlage aller Gesetze und Gebote bildet.</p>
+
+<p>Vor mir, da zu meinen F&uuml;&szlig;en, funkelten die Fluten
+des arabischen Golfs im gl&uuml;henden Strahle der Sonne.
+Diese Fluten hatten einst, der Stimme Jehova Sabaoths
+gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die Geknechteten
+des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden
+hatten, w&auml;hrend das reisige Volk ihrer Unterdr&uuml;cker
+und Verfolger einen schauervollen Untergang fand.
+Das waren dieselben Fluten, in denen sp&auml;ter auch der
+&raquo;Sultan Kebihr&laquo;, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Und gegen&uuml;ber dem Birket Faraun, dem See des
+Pharao, wie die Araber den Ort nennen, an welchem die
+beiden Wassermauern &uuml;ber die &Auml;gypter zusammenschlugen,
+erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des ber&uuml;hmtesten Berges
+der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend, gleichdem unter
+Donner und Blitz &uuml;ber ihm erschollenen: &raquo;Ich bin der Herr,
+dein Gott; du sollst keine fremden G&ouml;tter neben mir haben!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>Es war nicht die &Ouml;rtlichkeit allein, es war noch
+viel mehr die Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht
+von mir zu weisen vermochte, wenn ich es auch gewollt
+h&auml;tte. Wie oft hatte ich lauschend und mit stockendem
+Atem auf dem Scho&szlig;e meiner alten, guten, frommen
+Gro&szlig;mutter gesessen, wenn sie mir erz&auml;hlte von der Erschaffung
+der Welt, dem S&uuml;ndenfalle, dem Brudermorde,
+der S&uuml;ndflut, von Sodom und Gomorrha, von der Gesetzgebung
+auf dem Sinai &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; sie hatte mir die
+kleinen H&auml;nde gefaltet, damit ich ihr mit der n&ouml;tigen
+Andacht das zehnfache &raquo;du sollst&laquo; nachsprechen m&ouml;ge. Jetzt
+lag die irdische H&uuml;lle der Guten schon l&auml;ngst unter der
+Erde, und ich hielt gegen&uuml;ber dem Orte, welcher mir von
+ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich
+nur ihr geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es
+dr&auml;ngte sich mir die Wahrheit des Dichterwortes auf:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ganz anders jene heiligen Geschichten,<br /></span>
+<span class="i0">Die nur das Buch der B&uuml;cher kann berichten,<br /></span>
+<span class="i0">In dem vom Geiste sie verzeichnet steh&#8217;n.<br /></span>
+<span class="i0">Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken<br /></span>
+<span class="i0">Und tief in ihren Zauber dich versenken,<br /></span>
+<span class="i0">Denn Gottes Odem f&uuml;hlst du daraus weh&#8217;n.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Der Glaube tr&auml;gt eine festere &Uuml;berzeugung in sich,
+als das stolzeste Geb&auml;ude menschlicher Logik sie zu geben
+vermag. Das war es, was ich in jener Stunde so recht
+lebhaft f&uuml;hlte und erkannte, und ich h&auml;tte wohl noch
+lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem
+Kamele halten und hin&uuml;berblicken k&ouml;nnen, wenn mich
+nicht die Stimme meines wackeren Halef gest&ouml;rt h&auml;tte:</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah, Preis sei Gott, da&szlig; die W&uuml;ste vor&uuml;ber
+ist! Sihdi, hier ist Wasser. Steige herab von dem
+Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es jetzt thun
+werde.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns gef&uuml;hrt
+hatten, zu mir heran und erhob warnend die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Thue es nicht, Effendi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes,
+wohnt. Wer hier in das Wasser geht, der wird entweder
+ertrinken oder den Keim des Sterbens mit sich fortnehmen.
+Jeder Tropfen dieser See ist eine Thr&auml;ne der
+hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil
+sie Sidna Musa<a name="FNanchor_32_32" id="FNanchor_32_32"></a><a href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> und die Seinigen t&ouml;ten wollten. Hier
+eilt jedes Boot und jedes Schiff vor&uuml;ber, ohne anzuhalten;
+denn Allah, den die Hebr&auml;er Dschehuwa<a name="FNanchor_33_33" id="FNanchor_33_33"></a><a href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> nannten,
+hat diesen Ort verflucht.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_32_32" id="Footnote_32_32"></a><a href="#FNanchor_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Moses.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_33_33" id="Footnote_33_33"></a><a href="#FNanchor_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Jehova.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ist es wirklich so, da&szlig; hier kein Schiff anh&auml;lt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches
+mich aufnehmen sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich
+f&uuml;hren, und du sollst auf unsern Kamelen schneller hinkommen,
+als auf einem Schiffe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann mu&szlig;t du allerdings fahren; aber hier wird
+dich kein Fahrzeug aufnehmen. Erlaube, da&szlig; wir dich
+noch eine Strecke nach S&uuml;den begleiten, bis wir einen
+Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo
+ein jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange haben wir da noch zu reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken
+eine Stunde genannt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann vorw&auml;rts!&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>den gew&ouml;hnlichen Weg von Kairo nach Suez eingeschlagen.
+Die zwischen den beiden St&auml;dten liegende W&uuml;ste verdient
+den Namen W&uuml;ste schon l&auml;ngst nicht mehr. Fr&uuml;her war
+sie gef&uuml;rchtet sowohl wegen ihres vollst&auml;ndigen Wassermangels
+als auch wegen der r&auml;uberischen Beduinen, die
+auf der &ouml;den Strecke ihr Wesen trieben. Jetzt ist das
+anders geworden, und dies war der Grund, da&szlig; ich mich
+weiter s&uuml;dw&auml;rts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Ein&ouml;de
+hatte f&uuml;r mich mehr Interesse als eine Reise auf
+gebahnten Wegen. Deshalb wollte ich jetzt auch Suez
+vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte, was
+ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend unseres Rittes tauchten die beiden kahlen
+H&ouml;hen des Dschekehm und des Da-ad vor uns auf, und
+als rechts von uns der hohe Gipfel des Dschebel Gharib
+sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao&#8217;s hinter uns.
+Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in
+welcher ein Fahrzeug vor Anker lag.</p>
+
+<p>Es war eine jener Barken, welche man auf dem
+roten Meere mit dem Namen Sambuk bezeichnet. Sie
+war ungef&auml;hr sechzig Fu&szlig; lang und f&uuml;nfzehn Fu&szlig;
+breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter
+denen gew&ouml;hnlich ein Verschlag angebracht ist, welcher
+den Kapit&auml;n oder die vornehmen Passagiere beherbergt.
+So ein Sambuk hat au&szlig;er den Riemen &ndash; denn er wird
+auch gerudert &ndash; zwei dreieckige Segel, von denen das
+eine so weit vor dem andern steht, da&szlig; es &ndash; vom Winde
+angeschwellt &ndash; ganz &uuml;ber das Vorderteil des Schiffes
+ragt und dort eine Art halbkreisf&ouml;rmigen Ballon bildet,
+wie man sie auf antiken M&uuml;nzen und auf alten Fresken
+zu sehen pflegt. Man kann getrost annehmen, da&szlig; die
+Fahrzeuge dieses Seestriches in Beziehung auf Bauart,
+F&uuml;hrung und Takelung ganz noch dieselben sind, wie sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>im grauen Altertume hier gesehen wurden, und da&szlig; die
+heutigen Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerpl&auml;tze
+besuchen, welche bereits belebt waren zur Zeit, als Dionysos
+seinen ber&uuml;hmten Zug nach Indien unternahm.
+Die K&uuml;stenschiffe des roten Meeres sind gew&ouml;hnlich aus
+jenem indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch
+nennen, und das sich mit der Zeit im Wasser derma&szlig;en
+verh&auml;rtet, da&szlig; es unm&ouml;glich ist, einen Nagel einzuschlagen.
+Von einer F&auml;ulnis dieses Holzes ist niemals die Rede,
+und so kommt es, da&szlig; man Sambuks zu sehen bekommt,
+welche ein Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.</p>
+
+<p>Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr
+gef&auml;hrliche; deshalb wird w&auml;hrend der Nacht niemals
+gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug sucht sich beim Nahen
+des Abends eine sichere Ankerstelle.</p>
+
+<p>Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan.
+Er war mittels des Ankers und eines Taues befestigt
+und lag ohne Bemannung an der K&uuml;ste. Die Schiffer
+hatten den Bord verlassen und sa&szlig;en oder lagen an einem
+kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergo&szlig;. Derjenige,
+welcher etwas abseits von ihnen in gravit&auml;tischer
+Haltung auf einer Matte sa&szlig;, mu&szlig;te der Kapit&auml;n oder
+der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort
+an, da&szlig; er kein Araber sondern ein T&uuml;rke war; der
+Sambuk zeigte die Farben des Gro&szlig;herrn, und die Bemannung
+trug t&uuml;rkische Uniformen.</p>
+
+<p>Keiner der M&auml;nner r&uuml;hrte sich von seinem Platze,
+als wir uns nahten. Ich ritt bis hart an den Anf&uuml;hrer
+heran, hob die Rechte zur Brust empor und gr&uuml;&szlig;te ihn
+absichtlich nicht in t&uuml;rkischer, sondern in arabischer Sprache.</p>
+
+<p>&raquo;Gott sch&uuml;tze dich! Bist du der Kapit&auml;n dieses
+Schiffes?&laquo;</p>
+
+<p>Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>empor, musterte mich sehr eingehend und sehr lange und
+antwortete endlich:</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin geht dein Sambuk?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berall hin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du geladen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verschiedenes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nimmst du auch Passagiere auf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher
+sch&uuml;ttelte ich den Kopf und meinte in mitleidigem Tone:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Kelleh, ein Ungl&uuml;cklicher, den der Kuran
+dem Mitleide der Gl&auml;ubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich mit einem halb zornigen, halb &uuml;berraschten
+Blick an.</p>
+
+<p>&raquo;Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Ungl&uuml;cklichen?
+Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache
+verliehen, aber deine Seele ist stumm. Wende dich nach
+der Kiblah<a name="FNanchor_34_34" id="FNanchor_34_34"></a><a href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> und bitte Gott, da&szlig; er ihr die Sprache
+wiedergebe, sonst wird sie einst unf&auml;hig sein, in das Paradies
+zu kommen!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_34_34" id="Footnote_34_34"></a><a href="#FNanchor_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.</p></div>
+
+<p>Er l&auml;chelte ver&auml;chtlich und legte die Hand an den
+G&uuml;rtel, in welchem zwei riesige Pistolen steckten.</p>
+
+<p>&raquo;Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein
+Schw&auml;tzer; der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht
+es vor, zu schweigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein gro&szlig;er
+und jedenfalls auch ein ber&uuml;hmter Mann, aber du wirst
+mir trotzdem Antwort geben, wenn ich dich frage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst mir drohen? Ich sehe, da&szlig; ich recht gedacht
+habe: Du bist ein Arab Dschehe&iuml;ne.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Die Araber vom Stamme Dschehe&iuml;ne sind am roten
+Meere als Schmuggler und R&auml;uber bekannt. Der Zolleinnehmer
+hielt mich f&uuml;r einen solchen; das war der Grund
+seines absto&szlig;enden Benehmens gegen mich.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchtest du dich vor den Beni Dschehe&iuml;ne?&laquo; fragte
+ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals
+gef&uuml;rchtet!&laquo;</p>
+
+<p>So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag
+doch in seinem Gesichte etwas, was mich an seinem Mute
+zweifeln lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich nun ein Dschehe&iuml;ne w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde dich nicht f&uuml;rchten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich. Du hast zw&ouml;lf Gemi-ta&iuml;fasyler<a name="FNanchor_35_35" id="FNanchor_35_35"></a><a href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> bei dir
+und acht Diener, w&auml;hrend bei mir nur drei M&auml;nner sind.
+Aber ich bin kein Dschehe&iuml;ne; ich geh&ouml;re gar nicht zu den
+Beni Arab, sondern ich komme aus dem Abendlande.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_35_35" id="Footnote_35_35"></a><a href="#FNanchor_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Matrosen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Aus dem Abendlande? Du tr&auml;gst doch die Kleidung
+eines Beduinen und redest die Sprache der Araber!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist dies verboten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich geh&ouml;re zu den Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Nemtsche,&laquo; meinte er mit geringsch&auml;tziger Miene.
+&raquo;So bist du ein Bostandschi<a name="FNanchor_36_36" id="FNanchor_36_36"></a><a href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> oder ein Bazirgian<a name="FNanchor_37_37" id="FNanchor_37_37"></a><a href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_36_36" id="Footnote_36_36"></a><a href="#FNanchor_36_36"><span class="label">[36]</span></a> G&auml;rtner.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_37_37" id="Footnote_37_37"></a><a href="#FNanchor_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Kaufmann.</p></div>
+
+<p>&raquo;Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich
+f&uuml;r einen tapfern Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber?
+Ein Schreiber ist kein Mann; ein Schreiber ist ein Mensch,
+welcher Federn i&szlig;t und Tinte trinkt; ein Schreiber hat
+kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>&raquo;Halt!&laquo; unterbrach ihn da mein Diener. &raquo;Muhrad
+Ibrahim, siehst du, was ich hier in meiner Hand halte?&laquo;</p>
+
+<p>Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche
+vor den T&uuml;rken. Dieser zog die Brauen finster zusammen,
+antwortete aber doch:</p>
+
+<p>&raquo;Die Peitsche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi
+Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Dieser
+Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem Menschen
+f&uuml;rchtet. Wir haben die Sahara und ganz &Auml;gypten
+durchwandert und haben gro&szlig;e Heldenthaten verrichtet;
+man wird von uns erz&auml;hlen in allen Kaffeeh&auml;usern und
+auf allen Kirchh&ouml;fen der Welt, und wenn du es wagst,
+noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi
+nicht gef&auml;llt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du
+ein Wergi-Baschi bist und viele M&auml;nner hier bei dir hast!&laquo;</p>
+
+<p>Diese Drohung hatte eine au&szlig;erordentlich rasche Wirkung.
+Die beiden Beduinen, welche bis hierher meine
+Begleiter gewesen waren, wurden vom Schreck &uuml;ber die
+K&uuml;hnheit Halefs um einige Schritte zur&uuml;ckgeworfen; die
+Matrosen und &uuml;brigen Begleiter des T&uuml;rken sprangen auf
+und griffen zu den Waffen, und der Baschi hatte sich mit
+derselben Schnelligkeit erhoben. Er griff nach seinem
+Pistol, aber Halef hielt ihm schon die M&uuml;ndung seiner
+eigenen Waffe auf die Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Ergreift ihn!&laquo; gebot der Baschi, indem er selbst
+jedoch sein Pistol vorsichtig sinken lie&szlig;.</p>
+
+<p>Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter
+bei, aber keiner wagte es, Hand an Halef zu legen.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, was es hei&szlig;t, einem Wergi-Baschi mit
+der Peitsche zu drohen?&laquo; fragte der T&uuml;rke.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es,&laquo; antwortete Halef. &raquo;Einem Wergi-Baschi
+mit der Peitsche drohen, hei&szlig;t, sie ihn auch wirklich
+<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>kosten lassen, wenn er es wagt, in der Weise weiter zu
+sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein T&uuml;rke, ein
+Sklave des Gro&szlig;herrn; ich aber bin ein freier Araber!&laquo;</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog
+meinen Pa&szlig; hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Muhrad Ibrahim, du siehst, da&szlig; wir uns noch
+weniger vor euch f&uuml;rchten, als ihr vor uns; du hast einen
+sehr gro&szlig;en Fehler begangen, denn du hast einen Effendi
+beleidigt, der im Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n steht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Schutze des Gro&szlig;herrn, den Allah segnen m&ouml;ge?
+Wen meinst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du schimpfest!&laquo; unterbrach ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Ungl&auml;ubiger, und von den Giaurs steht
+im Kuran: &#8250;O ihr Gl&auml;ubigen, schlie&szlig;t keine Freundschaft
+mit solchen, die nicht zu eurer Religion geh&ouml;ren. Sie
+lassen nicht ab, euch zu verf&uuml;hren, und w&uuml;nschen nur
+euer Verderben!&#8249; Wie kann also ein Ungl&auml;ubiger im
+Schutze des Gro&szlig;herrn stehen, welcher der Schirm der
+Gl&auml;ubigen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in
+der dritten Sure des Kuran, in der Sura Amran; aber
+&ouml;ffne deine Augen und beuge dich in Demut nieder vor
+dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm das Pergament, dr&uuml;ckte es an Stirn, Augen
+und Brust, verbeugte sich bis zur Erde und las es. Dann
+gab er mir es zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, da&szlig; du
+ein Arkadar<a name="FNanchor_38_38" id="FNanchor_38_38"></a><a href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a> des Sultans bist? Ich h&auml;tte dich nicht
+Giaur genannt, obgleich du ein Ungl&auml;ubiger bist. Sei
+mir willkommen, Effendi!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_38_38" id="Footnote_38_38"></a><a href="#FNanchor_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Sch&uuml;tzling.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>&raquo;Du hei&szlig;est mich willkommen und sch&auml;ndest mit demselben
+Atemzuge meinen Glauben! Wir Christen kennen
+die Gesetze der H&ouml;flichkeit und der Gastfreundschaft besser
+als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn unser Gott
+ist es, den ihr Allah nennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr
+aber habt drei G&ouml;tter, einen Vater, einen Sohn und einen
+Geist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn
+und Geist sind eins. Ihr sagt: &#8250;Allah il Allah, Gott
+ist Gott.&#8249; Und unser Gott sagt: &#8250;Ich bin ein starker,
+einiger Gott.&#8249; Euer Kuran sagt in der zweiten Sura:
+&#8250;Er ist der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht
+Schlaf, nicht Schlummer; sein ist, was im Himmel und
+auf Erden ist.&#8249; Unsere heilige Bibel sagt: &#8250;Gott ist von
+Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor
+seinen Augen; er hat die Erde gegr&uuml;ndet, und die Himmel
+sind seiner H&auml;nde Werk.&#8249; Ist das nicht ganz dasselbe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, euer Kitab<a name="FNanchor_39_39" id="FNanchor_39_39"></a><a href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> ist gut, aber euer Glaube ist
+falsch.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_39_39" id="Footnote_39_39"></a><a href="#FNanchor_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Buch, Bibel.</p></div>
+
+<p>&raquo;Du irrst. Euer Kuran sagt: &#8250;Die Gerechtigkeit
+besteht nicht darin, da&szlig; ihr euer Gesicht nach Osten oder
+Westen richtet (beim Gebet), sondern der ist gerecht, der
+an Gott glaubt, an den j&uuml;ngsten Tag, an die Engel, an
+die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem
+Verm&ouml;gen giebt den Anverwandten, den Waisen, Armen
+und Pilgern, ja jedem, der ihn darum bittet, der Gefangene
+erl&ouml;set, sein Gebet verrichtet, an seinen Vertr&auml;gen
+festh&auml;lt, geduldig Not und Ungl&uuml;ck ertr&auml;gt. Der ist gerecht,
+der ist wahrhaft gottesf&uuml;rchtig.&#8249; Unser heiliges
+Buch gebietet uns: &#8250;Du sollst Gott lieben &uuml;ber alles und
+deinen N&auml;chsten wie dich selbst.&#8249; Gebietet uns unser
+<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige befiehlt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab
+abgeschrieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist dies m&ouml;glich, da unser Kitab &uuml;ber zweitausend
+Jahre &auml;lter ist, als euer Kuran?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Effendi, und ein Effendi mu&szlig; immer
+Gr&uuml;nde und Beweise finden, selbst wenn er unrecht hat.
+&ndash; Woher kommst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus dem Lande Gipt<a name="FNanchor_40_40" id="FNanchor_40_40"></a><a href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>, dort im Westen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_40_40" id="Footnote_40_40"></a><a href="#FNanchor_40_40"><span class="label">[40]</span></a> T&uuml;rkisch f&uuml;r &Auml;gypten.</p></div>
+
+<p>&raquo;Und wo willst du hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Tor hin&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach dem Manastyr<a name="FNanchor_41_41" id="FNanchor_41_41"></a><a href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> auf dem Dschebel Sinahi.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_41_41" id="Footnote_41_41"></a><a href="#FNanchor_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Kloster.</p></div>
+
+<p>&raquo;So mu&szlig;t du &uuml;ber das Wasser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Wohin f&auml;hrst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch nach Tor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mich mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du gut bezahlst und daf&uuml;r sorgest, da&szlig; wir
+uns mit dir nicht verunreinigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r alle vier und die Kamele?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur f&uuml;r mich und meinen Diener Hadschi Halef.
+Diese beiden M&auml;nner werden mit ihren Kamelen wieder
+umkehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit
+etwas anderem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Geld.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du Speise von uns nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bezahlst du f&uuml;r dich zehn und f&uuml;r diesen Hadschi
+Halef acht Misri.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht.
+Es war echt t&uuml;rkisch, f&uuml;r die kurze Fahrt und einige
+Schl&uuml;cke Wasser achtzehn Misri, also beinahe vierunddrei&szlig;ig
+Thaler zu verlangen.</p>
+
+<p>&raquo;Du f&auml;hrst einen Tag bis ungef&auml;hr zur Bucht von
+Nayazat, wo dein Schiff zur Nacht vor Anker geht?&laquo;
+fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sind wir des Mittags in Tor?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Warum fragst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich dir f&uuml;r diese kurze Fahrt nicht achtzehn
+Misri geben werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wirst du hier zur&uuml;ckbleiben und mit einem
+andern fahren m&uuml;ssen, der noch mehr verlangen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde weder zur&uuml;ckbleiben, noch mit einem
+andern fahren. Ich fahre mit dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;re, was ich dir sage! Diese beiden M&auml;nner haben
+mir ihre Tiere geliehen und mich zu Fu&szlig;e begleitet von
+El Kahira f&uuml;r vier Mariatheresienthaler; bei der Hadsch
+wird jeder Pilger f&uuml;r einen Mariatheresienthaler &uuml;ber das
+Meer gesetzt; ich werde dir f&uuml;r mich und meinen Diener
+drei Thaler geben; das ist genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff;
+er geh&ouml;rt dem Gro&szlig;herrn. Ich habe die Zehka<a name="FNanchor_42_42" id="FNanchor_42_42"></a><a href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a>
+einzusammeln und darf keinen Passagier an Bord nehmen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_42_42" id="Footnote_42_42"></a><a href="#FNanchor_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.</p></div>
+
+<p>&raquo;Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst
+du! Grade weil dein Sambuk dem Gro&szlig;herrn geh&ouml;rt,
+wirst du mich aufnehmen m&uuml;ssen. Blicke noch einmal hier
+in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte &#8250;hep imdad
+wermek, sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>alle Hilfe leisten, f&uuml;r Sicherheit bedacht sein, selbst ohne
+Bezahlung.&#8249; Hast du das verstanden? Einen Privatmann
+m&uuml;&szlig;te ich bezahlen; einen Beamten brauche ich nicht zu
+bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist
+du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine
+Forderung zu m&auml;&szlig;igen. Endlich nach langer Debatte
+hielt er mir die Hand entgegen:</p>
+
+<p>&raquo;So mag es sein. Du bist im Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n,
+und ich will dich f&uuml;r drei Thaler mitnehmen. Gieb
+sie her!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff
+verlasse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, sind die Ne&szlig;arah<a name="FNanchor_43_43" id="FNanchor_43_43"></a><a href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> alle so geizig wie du?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_43_43" id="Footnote_43_43"></a><a href="#FNanchor_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit &raquo;Nazarenern&laquo;.</p></div>
+
+<p>&raquo;Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube,
+da&szlig; ich mich an Bord begebe; ich werde nicht am Lande,
+sondern auf dem Schiffe schlafen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich bezahlte meine F&uuml;hrer, welche, sobald sie au&szlig;erdem
+noch ein Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele
+bestiegen und trotz der vorger&uuml;ckten Tageszeit ihren R&uuml;ckweg
+antraten. Dann stieg ich mit Halef an Bord. Ich
+befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. W&auml;hrend des
+Rittes durch die W&uuml;ste hat man ebenso wie von der Hitze
+des Tages auch von der unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen K&auml;lte der
+N&auml;chte zu leiden. Wer arm ist und kein Zelt hat, schmiegt
+sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein Pferd,
+um sich w&auml;hrend der Ruhe an demselben zu w&auml;rmen. Ich
+hatte jetzt kein Tier mehr, und da die Nachtk&uuml;hle hier am
+Wasser jedenfalls strenger war als im Innern des Landes,
+so zog ich es vor, hinter dem Verschlage auf dem
+Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>&raquo;Sihdi,&laquo; fragte mich Halef, &raquo;habe ich es recht gemacht,
+da&szlig; ich diesem Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dich nicht tadeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber warum sagst du jedem, da&szlig; du ein Ungl&auml;ubiger bist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf man sich f&uuml;rchten, die Wahrheit zu sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein
+Gl&auml;ubiger zu werden. Wir sind auf dem Wasser, welches
+die Franken Bar-el-Hamra, das rote Meer, nennen; dort
+liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die St&auml;dte
+des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du,
+was wirst du thun?&laquo;</p>
+
+<p>Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir w&auml;hrend
+der letzten Tage bereits heimlich vorgelegt hatte.
+Dem Christen, welcher sich nach Mekka oder Medina
+wagt, droht der Tod; so steht es in den B&uuml;chern zu lesen.
+Ist es wirklich so schlimm? Mu&szlig; man hingehen und sagen,
+da&szlig; man ein Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied
+zu machen zwischen einer ruhigeren Zeit und jenen
+Tagen, an welchen die gro&szlig;en Pilgerkarawanen eintreffen
+und der Fanatismus seinen Siedepunkt erreicht? Ich hatte
+oft gelesen, da&szlig; ein Ungl&auml;ubiger keine Moschee betreten
+d&uuml;rfe, und war dann sp&auml;ter in verschiedenen Moscheen
+selbst gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen
+St&auml;dte nicht &auml;hnlich sein? Ich hatte &uuml;berhaupt den Orient
+in vielen, vielen Beziehungen ganz anders, und zwar
+n&uuml;chterner gefunden, als man sich ihn gew&ouml;hnlich vorzustellen
+pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, da&szlig; ein
+kurzer, vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich
+so furchtbar gef&auml;hrlich sei. Der T&uuml;rke hatte mich
+f&uuml;r einen Beduinen gehalten; es stand sehr zu vermuten,
+da&szlig; auch andere dieselbe Meinung von mir hegen w&uuml;rden.
+Und dennoch konnte ich zu keinem Entschlu&szlig; kommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>&raquo;Das wei&szlig; ich jetzt nicht,&laquo; antwortete ich dem kleinen
+Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und
+vorher in Dschidda den rechten Glauben annehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das werde ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung.
+Der T&uuml;rke hatte seinen Leuten das Abendgebet befohlen.</p>
+
+<p>&raquo;Effendi,&laquo; meinte Halef, &raquo;die Sonne steigt hinter die
+Erde hinab; erlaube, da&szlig; ich bete!&laquo;</p>
+
+<p>Er lie&szlig; sich auf die Kniee nieder und betete. Seine
+Stimme mischte sich mit dem Unisono der betenden T&uuml;rken.
+Noch war dasselbe kaum verklungen, so lie&szlig; sich eine
+andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem Felsenriffe
+hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des
+Meeres verschlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;An Allah haben wir volle Gen&uuml;ge, und herrlich ist
+er, der Besch&uuml;tzer. Es giebt keine Macht und keine Gewalt,
+au&szlig;er bei Gott, dem Hohen, dem Gro&szlig;en. O unser
+Herr, &iuml;a Allah, o gern Verzeihender, o Allg&uuml;tiger, &iuml;a
+Allah, Allah hu!&laquo;</p>
+
+<p>Diese Worte wurden mit einer tiefen Ba&szlig;stimme intoniert,
+jedoch dem Namen Allah gab der Betende allemal
+einen Ton, welcher eine Quinte h&ouml;her lag. Ich kannte
+diese Worte und diese T&ouml;ne; so pflegen die heulenden Derwische
+zu beten. Die T&uuml;rken hatten sich erhoben und
+sahen nach der Richtung, aus welcher die Stimme erscholl.
+Jetzt kam ein kleines, kaum sechs Fu&szlig; langes und vier
+Fu&szlig; breites Flo&szlig; zum Vorschein, auf welchem ein Mann
+kniete, welcher ein Paddelruder f&uuml;hrte und dazu im Takte
+sein Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen
+wei&szlig;en Turban, und wei&szlig; war auch seine ganze &uuml;brige
+Kleidung. Dies war ein Zeichen, da&szlig; er zur Fakirsekte
+der Kaderijeh geh&ouml;re, welche meist aus Fischern und
+<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet
+wurde. Als er den Sambuk erblickte, stutzte er einen
+Augenblick, dann aber rief er:</p>
+
+<p>&raquo;La ilaha illa lah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Illa lah!&laquo; antworteten die andern im Chore.</p>
+
+<p>Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Flo&szlig; an
+und stieg an Bord. Wir, n&auml;mlich Halef und ich, befanden
+uns nicht allein an Bord; der K&uuml;rekdschi<a name="FNanchor_44_44" id="FNanchor_44_44"></a><a href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> war uns gefolgt,
+und an diesen wandte sich der Derwisch:</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_44_44" id="Footnote_44_44"></a><a href="#FNanchor_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Steuermann.</p></div>
+
+<p>&raquo;Gott sch&uuml;tze dich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich und dich!&laquo; lautete die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Wie befindest du dich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wohl wie du.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;rt dieser Sambuk?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seiner Herrlichkeit dem Gro&szlig;herrn, welcher der
+Liebling Allahs ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer f&uuml;hrt ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was habt ihr geladen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu
+Ort, um den Zoll einzunehmen, welchen der Gro&szlig;scherif
+von Mekka anbefohlen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben die Gl&auml;ubigen reichlich gegeben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist keiner zur&uuml;ckgeblieben, denn wer Almosen
+giebt, dem vergilt es Allah doppelt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin fahrt ihr von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Tor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werdet ihr morgen nicht erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst
+du hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Dschidda.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf diesem Flo&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>&raquo;Ja. Ich habe ein Gel&uuml;bde gethan, nur auf meinen
+Knieen nach Mekka zu fahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bedenke die B&auml;nke, die Riffe, die Untiefen,
+die b&ouml;sen Winde, die es hier giebt, und die Haifische,
+welche dein Flo&szlig; umschw&auml;rmen werden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah ist der allein Starke; er wird mich sch&uuml;tzen.
+Wer sind diese beiden M&auml;nner?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gi&ndash; &ndash; ein Nemsi mit seinem Diener.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Ungl&auml;ubiger? Wo will er hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Tor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube, da&szlig; ich meine Datteln hier verzehre; dann
+werde ich weiter fahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gef&auml;llt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr gef&auml;hrlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Gl&auml;ubige hat nichts zu f&uuml;rchten; sein Leben
+und sein Ende ist im Buche verzeichnet.&laquo;</p>
+
+<p>Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln
+hervor.</p>
+
+<p>Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt
+gefunden und mich &uuml;ber das Gel&auml;nder gelehnt. Da die
+beiden Sprechenden eine ziemliche Strecke von mir entfernt
+waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser zu
+blicken schien, so mochten sie denken, da&szlig; ich ihre Unterhaltung
+nicht verst&uuml;nde. Der Derwisch fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir f&uuml;r
+die Fahrt verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des
+Gro&szlig;herrn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er
+viel Gep&auml;ck bei sich?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>&raquo;Gar keines, aber viele Waffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich
+habe geh&ouml;rt, da&szlig; die Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er
+wird die Waffen nur tragen, um damit zu prunken. Doch
+jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde weiter
+fahren. Sage deinem Herrn Dank, da&szlig; er einem armen
+Fakir erlaubt hat, sein Schiff zu betreten!&laquo;</p>
+
+<p>Einige Augenblicke sp&auml;ter kniete er wieder auf seinem
+Flo&szlig;. Er ergriff das Ruder, f&uuml;hrte es im Takte und
+sang dazu sein &raquo;&iuml;a Allah, Allah hu!&laquo;.</p>
+
+<p>Dieser Mensch hatte einen eigent&uuml;mlichen Eindruck
+auf mich gemacht. Warum hatte er das Schiff bestiegen
+und nicht am Ufer angelegt? Warum hatte er gefragt,
+ob ich reich sei, und w&auml;hrend der ganzen Unterhaltung
+das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Sch&auml;rfe er
+nicht vollst&auml;ndig verbergen konnte? Ich hatte &auml;u&szlig;erlich
+nicht den mindesten Grund zu irgend einer Bef&uuml;rchtung,
+und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann verd&auml;chtig
+vor. Ich h&auml;tte schw&ouml;ren m&ouml;gen, da&szlig; er gar kein
+Derwisch sei.</p>
+
+<p>Als er f&uuml;r das blo&szlig;e Auge unverfolgbar war, richtete
+ich mein Fernrohr nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden
+die D&auml;mmerung sehr kurz ist, war es doch noch hell genug,
+ihn durch die Gl&auml;ser zu erkennen. Er kniete nicht mehr,
+wie sein angebliches Gel&uuml;bde ihm doch vorgeschrieben h&auml;tte,
+sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Flo&szlig;
+halb gewendet &ndash;&nbsp;&ndash; er ruderte der jenseitigen K&uuml;ste zu.
+Hier war jedenfalls etwas &raquo;nicht richtig im Staate D&auml;nemark&laquo;.</p>
+
+<p>Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er
+schien sich damit zu besch&auml;ftigen, meine Gedanken zu erraten.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du ihn noch, Sihdi?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>&raquo;Er denkt, da&szlig; wir ihn nicht mehr sehen k&ouml;nnen,
+und rudert dem Lande zu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es. Woraus vermutest du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe
+Augen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was haben diese Augen gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; dieser Mann weder ein Derwisch noch ein
+Fakir war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und geh&ouml;rt,
+da&szlig; ein Derwisch von dem Orden Kaderijeh die
+Litanei der Hawlaj&uuml;p<a name="FNanchor_45_45" id="FNanchor_45_45"></a><a href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> redet und singt?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_45_45" id="Footnote_45_45"></a><a href="#FNanchor_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Der &raquo;Heulenden&laquo; &ndash; heulende Derwische.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich f&uuml;r
+einen Fakir ausgeben, wenn er keiner ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig; man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte,
+da&szlig; er auch w&auml;hrend der Nacht fahren werde. Warum
+thut er es nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Da unterbrach der Steuermann unser Gespr&auml;ch. Er
+trat herzu und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Wo wirst du schlafen, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde mich in den Tachta-perde<a name="FNanchor_46_46" id="FNanchor_46_46"></a><a href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> legen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_46_46" id="Footnote_46_46"></a><a href="#FNanchor_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Verschlag.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das geht nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil dort das Geld aufbewahrt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein
+zu h&uuml;llen, und wir schlafen hier auf dem Verdeck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst sie haben, Sihdi. Was w&uuml;rdest du thun,
+wenn Feinde zu dem Schiffe heran k&auml;men?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Feinde meinst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;R&auml;uber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es hier R&auml;uber?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>&raquo;Die Dschehe&iuml;ne wohnen hier in der N&auml;he. Sie sind
+ber&uuml;chtigt als die gr&ouml;&szlig;ten Chirsizler<a name="FNanchor_47_47" id="FNanchor_47_47"></a><a href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> weit und breit,
+und kein Schiff, kein Mensch ist vor ihnen sicher.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_47_47" id="Footnote_47_47"></a><a href="#FNanchor_47_47"><span class="label">[47]</span></a> Spitzbuben.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad
+Ibrahim, ist ein Held, ein tapferer Mann, der sich vor
+keinem Menschen f&uuml;rchtet, auch vor keinem R&auml;uber, vor
+keinem Dschehe&iuml;ne?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist er; aber was vermag er, und was verm&ouml;gen
+wir alle gegen Abu-Se&iuml;f, den &#8250;Vater des S&auml;bels&#8249;, der gef&auml;hrlicher
+und schrecklicher ist, als der L&ouml;we in den Bergen
+oder der Haifisch im Meere?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abu-Se&iuml;f? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals
+von ihm geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen
+die Dschehe&iuml;ne ihre Herden nach den beiden Inseln Libnah
+und Dschebel Hassan und lassen nur wenig M&auml;nner bei
+ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl
+aus. Sie &uuml;berfallen die Barken und nehmen entweder
+alles, was sie darauf finden, oder erpressen sich ein schweres
+L&ouml;segeld, und Abu-Se&iuml;f ist ihr Anf&uuml;hrer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was thut die Regierung dagegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Steht Ihr denn nicht im Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der reicht nicht bis zu den Dschehe&iuml;ne. Dies sind
+freie Araber, welche der Gro&szlig;scherif von Mekka besch&uuml;tzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So helft euch selbst! Fangt die R&auml;uber!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies
+nicht versteht. Wer kann Abu-Se&iuml;f fangen und t&ouml;ten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist doch nur ein Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er besitzt die Hilfe des Sche&iuml;tan<a name="FNanchor_48_48" id="FNanchor_48_48"></a><a href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>. Er kann
+sich unsichtbar machen; er kann die Luft und das Meer
+<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>durchfliegen; er wird weder durch einen S&auml;bel, noch durch
+ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet, aber sein
+S&auml;bel ist faldschymisch<a name="FNanchor_49_49" id="FNanchor_49_49"></a><a href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>; er dringt durch Th&uuml;ren und
+Mauern und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und
+noch mehr Feinden Leib und Seele auseinander.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_48_48" id="Footnote_48_48"></a><a href="#FNanchor_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Teufels.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_49_49" id="Footnote_49_49"></a><a href="#FNanchor_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Verhext, bezaubert.</p></div>
+
+<p>&raquo;Den m&ouml;chte ich sehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O wehe, w&uuml;nsche das nicht, Effendi! Der Teufel
+sagt es ihm, da&szlig; du ihn sehen willst, und dann kannst
+du dich darauf verlassen, da&szlig; er kommen wird. Ich gehe,
+um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen
+und bete vorher zu deinem Gott, da&szlig; er dich bewahre
+vor allen Gefahren, die dir drohen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke f&uuml;r deinen Rat, aber ich bete gew&ouml;hnlich
+vor dem Schlafengehen.&laquo;</p>
+
+<p>Er brachte uns die Decken, in welche wir uns h&uuml;llten,
+und wir schliefen sehr bald ein, da wir von unserem
+Ritt erm&uuml;det waren.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Nacht hatten einige Matrosen sowohl
+am Lande die Schlafenden als auch an Bord das Geld
+bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf dem
+Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gel&ouml;st;
+man stellte die Segel, und der Sambuk steuerte s&uuml;dw&auml;rts.</p>
+
+<p>Wir waren ungef&auml;hr drei Viertelstunden lang unter
+Segel gewesen, als wir ein Boot erblickten, welches in
+der gleichen Richtung vor uns ruderte. Als wir n&auml;her
+an dasselbe herankamen, sahen wir zwei M&auml;nner und
+zwei v&ouml;llig verschleierte Frauen darin.</p>
+
+<p>Das Boot hielt bald an, und die M&auml;nner gaben
+ein Zeichen, da&szlig; sie den Sambuk anzureden ged&auml;chten.
+Der Steuermann lie&szlig; das Segel abfallen und hemmte so
+den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer
+erhob sich und rief:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>&raquo;Sambuk, wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Tor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bezahlt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kommt an Bord.&laquo;</p>
+
+<p>Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen
+an Bord, w&auml;hrend das Boot ins Schlepptau genommen
+wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt fort.</p>
+
+<p>Der Wergi-Baschi begab sich in die Kaj&uuml;te, jedenfalls
+um f&uuml;r die Frauen Platz zu machen; dann wurden
+dieselben den Blicken der M&auml;nner entzogen. Sie mu&szlig;ten
+an mir vor&uuml;ber. Als Europ&auml;er brauchte ich mich nicht
+abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung,
+da&szlig; keine Atmosph&auml;re von Parf&uuml;m sie umgab; denn die
+Frauen des Morgenlandes pflegen sich so zu parf&uuml;mieren,
+da&szlig; man den Geruch bereits aus einer betr&auml;chtlichen
+Entfernung versp&uuml;rt. Ein Odeur allerdings fiel mir
+auf, ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif
+hinter ihnen herzog, n&auml;mlich jener jedem Orientalen bekannte
+Geruch, welcher halb vom Kamele und halb von
+dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen
+zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs-
+und Geschmacksnerven ganz dieselbe Wirkung hat wie
+weiland der Inhalt der franz&ouml;sischen Seegrasmatrazen,
+den aus Mangel an Besserem w&auml;hrend des letzten Krieges
+so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich
+empfand ganz den Eindruck, als seien zwei Kameltreiber
+an mir vor&uuml;ber gegangen; wenigstens war es gewi&szlig;,
+da&szlig; der ber&uuml;hmte persische Dichter Hafis Schems-ed-Din
+Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wenn deiner Locken Wohlger&uuml;che<br /></span>
+<span class="i0">Ums Grab mir wehn,<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span><span class="i0">Dann sprie&szlig;en tausend Blumen<br /></span>
+<span class="i0">Aus meinem H&uuml;gel auf&nbsp;&ndash;&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>gesungen h&auml;tte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach,
+bis sie hinter der Th&uuml;re des Verschlages verschwunden
+waren, konnte aber weiter nichts Besonderes bemerken.
+Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter sich, so
+da&szlig; die Ausd&uuml;nstungen des &raquo;W&uuml;stenschiffes&laquo; nicht leicht
+aus ihren Kleidern zu bringen waren.</p>
+
+<p>Ihre beiden Begleiter sprachen erst l&auml;ngere Zeit mit
+dem Steuermanne und dem Baschi; dann suchte der eine
+mich zu entern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re, da&szlig; du ein Franke bist, Effendi?&laquo; fragte
+er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bist du hier unbekannt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Nemtsche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben die Nemsi auch einen Padischah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Paschas?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist wohl kein Pascha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ein ber&uuml;hmter Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pek, billahi &ndash; bei Gott, sehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst schreiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Peh ne g&uuml;zel &ndash; und wie sch&ouml;n!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch schie&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daha ei &ndash; noch besser!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du gehst noch weiter nach dem S&uuml;den?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du mit den Ingli bekannt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Freunde unter ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr gut. Bist du stark?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Korkulu &ndash; f&uuml;rchterlich, arslandscha &ndash; wie ein L&ouml;we!
+Soll ich es dir beweisen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Effendi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch, denn deine Neugierde ist gr&ouml;&szlig;er als die
+Geduld eines Menschen sein kann. Packe dich und komme
+nicht wieder!&laquo;</p>
+
+<p>Ich fa&szlig;te ihn, drehte ihn in die passende Richtung
+und gab ihm einen Sto&szlig;, da&szlig; er weit &uuml;ber das Deck hin
+scho&szlig; und dann dasselbe mit seinem Bauche begr&uuml;&szlig;te. Aber
+im Nu war er wieder auf.</p>
+
+<p>&raquo;Wai sana &ndash; wehe dir, du hast einen Gl&auml;ubigen
+beleidigt; du mu&szlig;t sterben!&laquo;</p>
+
+<p>Er ri&szlig; seinen Handschar heraus und st&uuml;rzte auf mich
+zu. Sein Begleiter folgte ihm mit gez&uuml;ckter Waffe.
+Schnell zog ich Halef die harte Nilpeitsche aus dem G&uuml;rtel,
+um mit derselben die Angreifer zu salutieren; aber es
+sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem Augenblick
+&ouml;ffnete sich die Th&uuml;r des Verschlages, und es erschien
+eine der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog
+sich dann zur&uuml;ck. Die beiden Araber hemmten ihre Schritte
+und gingen lautlos beiseite; aber ihre Blicke sagten mir,
+da&szlig; ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.</p>
+
+<p>Die T&uuml;rken hatten dem Vorgang mit gro&szlig;em Gleichmute
+zugesehen. W&auml;re auf dem Schiffe jemand get&ouml;tet worden,
+so h&auml;tte es ja sein Kismet<a name="FNanchor_50_50" id="FNanchor_50_50"></a><a href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> nicht anders mit sich gebracht.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_50_50" id="Footnote_50_50"></a><a href="#FNanchor_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Schicksal, Vorausbestimmung.</p></div>
+
+<p>Was mich betrifft, so hatten mich die unn&uuml;tzen Fragen
+<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>dieses Menschen sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren
+sie wirklich so unn&uuml;tz? Hatten sie nicht vielleicht einen
+verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein Schw&auml;tzer,
+am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen
+Unbekannten, von dem er sogar nur das wei&szlig;, da&szlig; er
+ein Giaur ist.</p>
+
+<p>Ich hatte mich im Humor des &Auml;rgers f&uuml;r einen
+ber&uuml;hmten Mann und f&uuml;r einen gro&szlig;en Sch&uuml;tzen ausgegeben.
+Warum wollte er wissen, ob ich ein &raquo;Pascha&laquo;,
+ein ber&uuml;hmter Mann, ein Schreiber, ein guter Sch&uuml;tze sei?
+Was konnte es ihm n&uuml;tzen, zu wissen, ob ich weiter nach
+S&uuml;den wolle und unter den Engl&auml;ndern Freunde habe?
+Warum hatte er bei der Bejahung dieser letzten Frage
+gesagt: &raquo;Das ist sehr gut,&laquo; und zu was konnte es ihm
+dienen, zu erfahren, ob ich stark und kr&auml;ftig sei? Und
+&uuml;berdies hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet,
+wie sie ein Oberer an seinen Untergebenen, ein
+Untersuchungsbeamter an einen Angeschuldigten richtet.
+Am auff&auml;lligsten dabei war aber der augenblickliche Gehorsam,
+den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des
+Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter
+dem Manne steht und f&uuml;r das &ouml;ffentliche Leben nicht die
+mindeste Selbstbestimmung besitzt, gewi&szlig; sehr ungew&ouml;hnlich,
+vielleicht sogar verd&auml;chtig.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite
+gewichen war, &raquo;hast du ihn gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen oder was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Bart.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Bart! Welchen Bart?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den das Weib hatte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hatte den Jaschmak<a name="FNanchor_51_51" id="FNanchor_51_51"></a><a href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> nicht doppelt, wie vorher,
+<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>sondern einfach &uuml;ber dem Gesichte, und so habe ich den Bart
+gesehen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_51_51" id="Footnote_51_51"></a><a href="#FNanchor_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Schleier.</p></div>
+
+<p>&raquo;Schnurrbart?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann.
+Soll ich es dem Baschi sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber so, da&szlig; es niemand h&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn
+ich wu&szlig;te, da&szlig; ich seinen scharfen Augen trauen k&ouml;nne,
+und unwillk&uuml;rlich brachte ich diesen neuen Umstand mit
+dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem
+Baschi reden; dieser sch&uuml;ttelte den Kopf und lachte; er
+glaubte es nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer h&ouml;chst
+aufgebrachten Miene von ihm ab und kehrte zu mir zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, da&szlig; er sogar mich
+f&uuml;r dumm h&auml;lt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dich f&uuml;r noch d&uuml;mmer als mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er sagt, da&szlig; ein Weib niemals einen Bart habe,
+und da&szlig; ein Mann niemals die Kleidung eines Weibes
+anlegen werde. Sihdi, was h&auml;ltst du von diesen Frauen,
+welche Vollb&auml;rte tragen? Vielleicht sind es Dschehe&iuml;ne?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich vermute es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So m&uuml;ssen wir die Augen offen halten, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist das Einzige, was wir thun werden, und
+dazu geh&ouml;rt vor allen Dingen, da&szlig; wir unser Mi&szlig;trauen
+und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen suchen. Halte
+dich abseits von mir, aber so, da&szlig; wir einander stets beispringen
+k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich lie&szlig;
+mich auf den Teppich nieder. Dann besch&auml;ftigte ich mich
+mit Eintr&auml;gen in mein Tagebuch, behielt aber dabei sowohl
+den Verschlag, als auch die beiden Araber immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>im Auge. Es war mir, als h&auml;tte ich alle Augenblicke ein
+unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging
+der Tag, ohne da&szlig; irgend etwas Bedenkliches eingetreten w&auml;re.</p>
+
+<p>Der Abend d&auml;mmerte bereits, als wir in einer kleinen
+Bucht vor Anker gingen, welche gebildet wird durch eine
+hufeisenf&ouml;rmige Kr&uuml;mmung des Dschebel Nayazet, der zur
+gro&szlig;en Granitkette des Sinai geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Die K&uuml;ste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte
+vom Ufer entfernt stiegen die tief zerkl&uuml;fteten Felsen steil
+zum Himmel empor. Der Ankerplatz bot aus diesem
+Grunde vollst&auml;ndige Sicherheit gegen die Winde, ob aber
+heute auch gegen andere St&ouml;rungen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;? Ich h&auml;tte gern
+einige der n&auml;chsten Kl&uuml;fte und Felsenspalten untersucht, leider
+aber war der Abend bereits da, ehe die T&uuml;rken das Land
+betreten hatten, um, wie gew&ouml;hnlich, Feuer anzuz&uuml;nden.</p>
+
+<p>El Mogreb und eine Stunde sp&auml;ter el Aschia, die
+beiden Abendgebete, hallten feierlich die steilen Bergw&auml;nde
+empor. Wer hier vielleicht verborgen war, mu&szlig;te unsere
+Anwesenheit h&ouml;ren, selbst wenn er unser Feuer nicht gesehen
+h&auml;tte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute vorgezogen, die
+Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef
+ausgemacht, da&szlig; wir abwechselnd wachen wollten. Sp&auml;ter
+kamen einige der Matrosen wieder an Bord, um die Wache
+zu &uuml;bernehmen, und da traten auch die beiden Frauen
+aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft zu
+genie&szlig;en. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert;
+das konnte ich bemerken, weil die Sterne des S&uuml;dens
+einen solchen Glanz verbreiteten, da&szlig; es nicht schwer war,
+das ganze Verdeck zu &uuml;berblicken. Sie kehrten aber bald
+wieder zu ihrem Verschlage zur&uuml;ck, dessen Th&uuml;re ich mit
+meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im
+Vorderteile des Fahrzeuges lag.</p>
+
+<p>Halef schlief ungef&auml;hr f&uuml;nf Schritte von mir entfernt.
+<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>Als Mitternacht herankam, weckte ich ihn heimlich und
+fl&uuml;sterte:</p>
+
+<p>&raquo;Hast du geschlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann mich auf dich verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie auf dich selbst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werde ich thun, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>Ich h&uuml;llte mich fester in den Teppich und schlo&szlig; die
+Augen. Ich wollte schlafen, aber es gelang mir nicht.
+Ich sagte in Gedanken das Einmaleins auf &ndash; es half
+nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets
+den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen
+so, da&szlig; die Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und
+bem&uuml;hte mich, an gar nichts zu denken. Der Schlummer
+kam und &ndash;&nbsp;&ndash; halt, was war das?</p>
+
+<p>Ich wickelte den Kopf aus der Decke und sp&auml;hte zu
+Halef hin&uuml;ber. Auch er mu&szlig;te aufmerksam geworden sein,
+denn er hatte sich, wie horchend, halb emporgerichtet. Ich
+h&ouml;rte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder auf
+das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die
+Luft bildete, vernahm ich das seltsame Ger&auml;usch wieder,
+welches mich aufgeweckt hatte, trotzdem es &uuml;beraus leise war.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rst du etwas, Halef?&laquo; fl&uuml;sterte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi. Was ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch nicht. Horch!&laquo;</p>
+
+<p>Ein leises, ganz leises Pl&auml;tschern ert&ouml;nte jetzt vom
+Hinterteile her. Drau&szlig;en am Lande war das Feuer erloschen.</p>
+
+<p>&raquo;Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem
+Hinterdeck; bewache meine Waffen und Kleider.&laquo;</p>
+
+<p>Von den drei T&uuml;rken, welche wieder an Bord gekommen
+<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>waren, lagen zwei schlafend am Boden; der dritte
+hatte sich niedergekauert und &ndash; schlief jedenfalls auch.
+Es war denkbar, da&szlig; ich von der Kaj&uuml;te aus beobachtet
+wurde; daher mu&szlig;te ich die m&ouml;glichste Vorsicht anwenden.
+Ich lie&szlig; die B&uuml;chse und den Stutzen liegen und legte
+sowohl den Turban als auch den Ha&iuml;k<a name="FNanchor_52_52" id="FNanchor_52_52"></a><a href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> ab, welche mich
+durch ihre wei&szlig;e Farbe verraten h&auml;tten. Dann schmiegte
+ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes
+und kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle
+erreichte, wo am &auml;u&szlig;ersten Backbord eine Art H&uuml;hnersteige
+auf die Decke des Verschlages und zum Steuerruder f&uuml;hrte.
+Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf kam&#8217;s ja an.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_52_52" id="Footnote_52_52"></a><a href="#FNanchor_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Beduinischer Mantel.</p></div>
+
+<p>Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den
+Ruderwinkel. Ah &ndash;&nbsp;&ndash; das sonderbare Ger&auml;usch war
+erkl&auml;rt. Das Boot, welches die beiden Frauen gebracht,
+und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte,
+war von dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt
+worden, da&szlig; es grad unter dem einen Fenster lag,
+welches sich am breiten Hinterteile des Fahrzeuges befand.
+Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich vorsichtig
+von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter Gegenstand
+an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an
+dem Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings
+nur dann wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr
+hart auf die Bretter des Verdeckes legte. Unten in dem
+Boote befanden sich drei M&auml;nner, welche den Gegenstand
+in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil
+wieder emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen
+wurde.</p>
+
+<p>Die Sache war mir nat&uuml;rlich sofort klar. Was in
+dem Boote aufgestaut wurde, war das Geld des Wergi-Baschi,
+d.&nbsp;h. der Ertrag der Steuer, welche er eingesammelt
+<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>hatte, und &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ich hatte keine Zeit, weiter zu
+vermuten.</p>
+
+<p>&raquo;Alargha, iz chijanisch &ndash; aufgeschaut, wir sind verraten!&laquo;
+rief eine tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo
+man das Verdeck &uuml;berblicken konnte; zu gleicher Zeit
+krachte ein Schu&szlig;, und eine Kugel bohrte sich hart neben
+mir in die Planke. Ein zweiter Schu&szlig; blitzte dr&uuml;ben auf,
+ein dritter; die Kugeln flogen gl&uuml;cklicherweise an mir vor&uuml;ber,
+und ich durfte mich ihnen nicht l&auml;nger aussetzen.
+Ich sah nur noch, da&szlig; das Tau unten gekappt und das
+Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom Verschlage
+gleich auf das Deck hinab.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick &ouml;ffnete sich die Th&uuml;re der
+Kaj&uuml;te, und ich bemerkte zweierlei, n&auml;mlich da&szlig; an der
+hinteren Seite derselben zwei Bretter entfernt und da&szlig;
+durch diese L&uuml;cke eine Anzahl M&auml;nner unbemerkt vom
+Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht,
+aber neun M&auml;nner st&uuml;rzten sofort auf mich los.</p>
+
+<p>&raquo;Halef, herbei!&laquo; rief ich laut.</p>
+
+<p>Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen.
+Drei hatten mich um den Leib gefa&szlig;t und sorgten daf&uuml;r,
+da&szlig; ich nicht in den G&uuml;rtel langen konnte. Drei sprangen
+Halef entgegen, und die andern gaben sich M&uuml;he, die
+F&auml;uste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte.
+Drau&szlig;en am Lande krachten Sch&uuml;sse, und ert&ouml;nten Fl&uuml;che
+und Hilferufe, und dazwischen h&ouml;rte man die Kommandos
+jener tiefen Ba&szlig;stimme, welche ich vorhin wieder erkannt
+hatte: &ndash; es war die Stimme des Derwischs.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist der Nemtsche. T&ouml;tet ihn nicht, sondern fangt
+ihn!&laquo; gebot einer von denen, welche mich umfa&szlig;t hielten.</p>
+
+<p>Ich suchte mich loszurei&szlig;en: es ging nicht. Sechs
+gegen einen! Da krachte ein Pistolenschu&szlig; nicht weit
+von mir.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>&raquo;Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!&laquo; rief Halef.</p>
+
+<p>Ich machte einen gewaltigen Ruck und ri&szlig; meine
+Dr&auml;nger einige Schritte mit mir fort.</p>
+
+<p>&raquo;Bet&auml;ubt ihn!&laquo; erscholl eine keuchende Stimme.</p>
+
+<p>Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz
+meiner verzweifelten Gegenwehr einige Schl&auml;ge &uuml;ber den
+Kopf, die mich niederstreckten. Es toste mir in den Ohren
+wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner derselben
+h&ouml;rte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen;
+dann war es mir, als w&uuml;rde ich an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en
+zusammengeschn&uuml;rt und fortgeschleift, und endlich empfand
+ich gar nichts mehr.</p>
+
+<p>Als ich erwachte, f&uuml;hlte ich einen w&uuml;sten, pochenden
+Schmerz in meinem Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume
+Zeit, bis es mir gelang, mich auf das Vorgefallene
+zu besinnen. Um mich her war es v&ouml;llig dunkel, aber ein
+laut vernehmliches Sog<a name="FNanchor_53_53" id="FNanchor_53_53"></a><a href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> lie&szlig; mich vermuten, da&szlig; ich mich
+in dem Kielraume eines Fahrzeuges bef&auml;nde, welches in
+schneller Fahrt begriffen war. Die H&auml;nde und die Beine
+waren mir so fest gebunden, da&szlig; ich kein Glied r&uuml;hren
+konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das
+Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen,
+sondern aus T&uuml;chern; aber sie verhinderten mich, die
+Schiffsratten von mir abzuwehren, welche meine Person
+einer sehr genauen Untersuchung unterwarfen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_53_53" id="Footnote_53_53"></a><a href="#FNanchor_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Das Ger&auml;usch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden Schiffes
+verursacht.</p></div>
+
+<p>Es verging eine lange, lange Zeit, ohne da&szlig; sich in
+meiner Lage etwas &auml;nderte. Endlich h&ouml;rte ich das Ger&auml;usch
+von Schritten, konnte aber nichts sehen. Meine
+Fesseln wurden gel&ouml;st, und eine Stimme gebot mir:</p>
+
+<p>&raquo;Stehe auf und geh&#8217; mit uns!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erhob mich. Sie f&uuml;hrten mich aus dem Kielraum
+<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>durch ein halbdunkles Zwischendeck nach oben. Unterwegs
+untersuchte ich meine Kleider und fand ebenso zu meiner
+&Uuml;berraschung wie Beruhigung, da&szlig; man mir au&szlig;er den
+Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.</p>
+
+<p>Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, da&szlig; ich mich
+auf einer kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke
+befand, welche zwei dreieckige und ein trapezisches Segel
+hatte. Diese Takelung erforderte auf diesem an St&uuml;rmen,
+B&ouml;en, Riffen und Untiefen reichen Meere einen Kapit&auml;n,
+der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel
+Mut wie Kaltbl&uuml;tigkeit besitzen mu&szlig;te. Das Fahrzeug
+war um das Dreifache bemannt, als notwendig gewesen
+w&auml;re, und hatte auf dem Vorderdecke eine Kanone, welche
+aber so von Kisten, Ballen und F&auml;ssern maskiert war,
+da&szlig; sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt
+werden konnte. Die Mannschaft bestand aus lauter wettergebr&auml;unten
+M&auml;nnern, von denen jeder seinen G&uuml;rtel mit
+Schu&szlig;-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem
+Hinterdecke sa&szlig; ein Mann in roten Hosen, gr&uuml;nem Turban
+und blauem Kaftan. Seine lange Weste war reich mit
+Gold gestickt, und in dem Bassora-Shawl, der ihm als
+G&uuml;rtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich erkannte
+in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber,
+welchen ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte.
+Ich wurde vor die beiden gef&uuml;hrt. Der Araber musterte
+mich mit rachgierigem, der Derwisch mit ver&auml;chtlichem Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, wer ich bin?&laquo; fragte mich der Derwisch.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aber ich vermute es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wer bin ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist Abu Se&iuml;f.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&auml;llt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben,
+da&szlig; man nur Allah allein anbeten soll?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>&raquo;Das gilt nicht f&uuml;r dich, denn du bist ein Ungl&auml;ubiger.
+Ich befehle dir, niederzuknien, um deine Demut zu
+bezeugen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch wei&szlig; ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und
+selbst wenn ich es erfahren h&auml;tte, w&uuml;rde ich dir meine
+Achtung auf eine andere Weise bezeigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich erhoben und fa&szlig;te seinen krummen
+S&auml;bel. Ich trat noch einen Schritt n&auml;her an ihn heran.</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Se&iuml;f oder
+bist du ein Henker?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin Abu Se&iuml;f und halte mein Wort. Nieder
+mit dir, oder ich lege dir den Kopf vor die F&uuml;&szlig;e!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahre deinen eigenen Kopf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giaur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Korkakdschi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was!&laquo; zischte er. &raquo;Einen Korkakdschi, einen Feigling
+nennst du mich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum griffst du den Sambuk des Nachts an?
+Warum h&uuml;lltest du deine Dschasusler<a name="FNanchor_54_54" id="FNanchor_54_54"></a><a href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> in Weiberkleider?
+Warum zeigst du hier Mut, wo du von den Deinen umgeben
+und besch&uuml;tzt wirst? St&auml;ndest du allein mir gegen&uuml;ber,
+so w&uuml;rdest du anders mit mir reden!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_54_54" id="Footnote_54_54"></a><a href="#FNanchor_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Spione.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich bin Abu Se&iuml;f, der Vater des S&auml;bels, und
+zehn M&auml;nner deiner Sorte verm&ouml;chten nichts gegen meine
+Klinge!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aferihn &ndash; brav so! So mu&szlig; man reden, wenn
+man sich zu handeln f&uuml;rchtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? W&auml;re
+dies der Fall, so wollte ich dir im Augenblick beweisen,
+da&szlig; ich die Wahrheit gesagt habe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Zehn sind nicht n&ouml;tig; es gen&uuml;gt Einer.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>&raquo;Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah, du w&uuml;rdest es nicht erlauben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du dich f&uuml;rchtest. Du t&ouml;test mit dem Munde,
+nicht aber mit dem S&auml;bel.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte einen verst&auml;rkten Ausfall seines Zornes
+auf diese Worte erwartet, sah mich aber get&auml;uscht. Er
+verbarg diesen Grimm hinter einer kalten, t&ouml;dlichen Ruhe,
+nahm seinem Nachbar den S&auml;bel vom G&uuml;rtel und reichte
+ihn mir.</p>
+
+<p>&raquo;Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir,
+selbst wenn du die Fertigkeit Aframs und die St&auml;rke
+Kelads h&auml;ttest, so w&uuml;rdest du beim dritten Hiebe eine
+Leiche sein.&laquo;</p>
+
+<p>Ich nahm den S&auml;bel.</p>
+
+<p>Es war eine eigent&uuml;mliche Situation, in der ich mich
+befand. Der &raquo;Vater des S&auml;bels&laquo; mu&szlig;te nach orientalischen
+Begriffen ein ausgezeichneter Fechter sein, aber ich
+wu&szlig;te, da&szlig; der Orientale durchschnittlich ein ebenso schlechter
+Fechter als schlechter Sch&uuml;tze ist. Mit der Fertigkeit
+Aframs und der St&auml;rke Kelads war es wohl nicht gar
+so weit her. Ich hatte noch mit keinem Orientalen nach
+den Regeln der Fechtkunst die Klinge gekreuzt, und wenn
+mir auch der dargereichte, an der &raquo;halben und ganzen
+Schwere,&laquo; also an der &raquo;Parierung&laquo; d&uuml;nne, und an der
+&raquo;halben und ganzen Schw&auml;che&laquo; so starke und schwere S&auml;bel
+ziemlich ungewohnt war, so hatte ich dennoch gro&szlig;e
+Lust, dem &raquo;Vater des S&auml;bels&laquo; die &Uuml;berlegenheit der
+europ&auml;ischen Waffenf&uuml;hrung zu beweisen.</p>
+
+<p>Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe
+getreten, und in allen Mienen spiegelte sich die &Uuml;berzeugung,
+da&szlig; ich wirklich bei dem dritten Hiebe des Abu
+Se&iuml;f ein toter Mann sein werde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein,
+da&szlig; ich keinen Moment Zeit hatte, Position zu nehmen.
+Ich parierte seine unreine Winkelquart und versuchte, mir
+sofort eine Bl&ouml;&szlig;e zu verschaffen; zu meinem Erstaunen
+aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll unter
+meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte;
+sie gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und
+schlug Espadon; mein Hieb kam zum Sitzen, obgleich es
+meine Absicht nicht war, ihn sehr zu verletzen. Voll Wut
+dar&uuml;ber verga&szlig; er sich, trat zur&uuml;ck und gab im Sprunge
+abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor,
+setzte mit harter Festigkeit in die Linie ein, und &ndash; die
+Waffe flog ihm aus der Hand und &uuml;ber Bord in das
+Wasser.</p>
+
+<p>Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zur&uuml;ck
+und senkte die Waffe.</p>
+
+<p>Er stand vor mir und starrte mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Abu Se&iuml;f, du bist ein sehr geschickter Fechter!&laquo;</p>
+
+<p>Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber
+ich sah gegen meine Erwartung nicht das Zeichen des
+Grimmes, sondern nur der &Uuml;berraschung in seinem Angesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, du bist ein Ungl&auml;ubiger und hast doch Abu
+Se&iuml;f besiegt!&laquo; rief er aus.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten
+ist kein edles und &uuml;berlegtes. Mein zweiter Hieb kostete
+dich Blut, und mein dritter nahm dir die Waffe; ja, ich
+bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, w&auml;hrend
+dein dritter mich t&ouml;ten sollte. Hier hast du den S&auml;bel;
+ich bin in deiner Hand.&laquo;</p>
+
+<p>Diese &ndash; freilich gewagte &ndash; Appellation an seinen
+Edelmut hatte einen guten Erfolg.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener;
+<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>aber du hast dein Schicksal in deiner eigenen
+Hand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Inwiefern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst
+du bald wieder frei sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was soll ich thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mit mir fechten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt
+wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist,
+von keinem fremden Auge sehen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen,
+wenn ein anderes Fahrzeug in Sicht kommt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier auf dem Schiffe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gebunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er ist krank.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat eine Wunde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen,
+da&szlig; er sich nicht erheben kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht
+geben. Mein Diener ist mein Freund, den ich pflegen
+mu&szlig;; du wirst mir dies erlauben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, da&szlig;
+er gut verpflegt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das gen&uuml;gt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen
+hat, so mu&szlig; ich es ihm einrichten. Es ist wohl hier
+keiner, welcher das versteht.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>&raquo;Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein
+Dscherrah<a name="FNanchor_55_55" id="FNanchor_55_55"></a><a href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a>; ich habe ihm seine Wunde verbunden und
+auch sein Bein geschient. Er hat keine Schmerzen mehr
+und ist mit mir zufrieden.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_55_55" id="Footnote_55_55"></a><a href="#FNanchor_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Wundarzt.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; dies aus seinem Munde erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten!
+Willst du mir nicht versprechen, nicht mit ihm zu reden,
+so werde ich daf&uuml;r sorgen, da&szlig; du ihn nicht zu sehen bekommst.
+Aber ich habe noch mehr von dir zu verlangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fordere!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Christ und wirst dich h&uuml;ten, einen der
+Meinen zu verunreinigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast Freunde unter den Inglis?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind es gro&szlig;e Leute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind Paschas unter ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werden sie dich ausl&ouml;sen?&laquo;</p>
+
+<p>Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich
+nicht t&ouml;ten, sondern sich meine Freiheit bezahlen lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel verlangst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du
+kannst dich nicht selbst loskaufen.&laquo;</p>
+
+<p>Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was
+ich in den &Auml;rmeln meiner t&uuml;rkischen Jacke eingen&auml;ht hatte,
+war von ihm nicht gefunden worden. Es w&auml;re allerdings
+zum L&ouml;segelde auch zu wenig gewesen. Daher antwortete
+ich:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nichts; ich bin nicht reich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet
+sind und du Instrumente bei dir f&uuml;hrst, welche ich gar
+nicht kenne. Aber du bist vornehm.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>&raquo;Ah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ber&uuml;hmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Spa&szlig; gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark
+ist und den S&auml;bel so zu f&uuml;hren wei&szlig;, wie du, der kann
+nichts anderes sein, als ein gro&szlig;er Zabit<a name="FNanchor_56_56" id="FNanchor_56_56"></a><a href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a>, f&uuml;r den sein
+Padischah gern ein gutes L&ouml;segeld geben wird.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_56_56" id="Footnote_56_56"></a><a href="#FNanchor_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Offizier.</p></div>
+
+<p>&raquo;Mein K&ouml;nig wird meine Freiheit nicht mit Geld
+bezahlen; er wird sie umsonst von dir fordern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne keinen K&ouml;nig der Nemsi; wie also will er
+mit mir reden und mich zwingen, dich frei zu lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird es durch seinen Eltschi<a name="FNanchor_57_57" id="FNanchor_57_57"></a><a href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> thun.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_57_57" id="Footnote_57_57"></a><a href="#FNanchor_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Gesandten.</p></div>
+
+<p>&raquo;Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi
+der Nemsi hier in dieser Gegend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Gesandte ist in Stambul beim Gro&szlig;herrn. Ich
+habe ein Bu-Dscheruldi, das ihr hier Bjuruldu nennt,
+und bin also einer, der in dem Schatten des Sultans
+steht.&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der
+Gro&szlig;scherif von Mekka zu gebieten, und ich bin m&auml;chtiger
+als diese beiden. Ich werde weder mit deinem K&ouml;nig
+noch mit seinem Gesandten &uuml;ber dich verhandeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit wem sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit den Inglis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum mit diesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil sie dich auswechseln sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet.
+<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Er hat mit seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen
+und ist von ihnen gefangen genommen worden.
+Sie haben ihn nach Eden<a name="FNanchor_58_58" id="FNanchor_58_58"></a><a href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> geschafft und wollen ihn
+t&ouml;ten; nun aber werden sie ihn f&uuml;r dich frei lassen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_58_58" id="Footnote_58_58"></a><a href="#FNanchor_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Aden an der Stra&szlig;e Bab-el-Mandeb.</p></div>
+
+<p>&raquo;Vielleicht irrst du dich. Ich geh&ouml;re nicht zu den
+Inglis. Sie werden mich wohl in deinen H&auml;nden lassen
+und deinen Bruder t&ouml;ten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst
+einen Brief an sie anfertigen, den ich ihnen &uuml;bergeben
+lasse. Machst du den Brief gut, so werden sie dich auswechseln;
+machst du ihn aber schlecht, so hast du dich selbst
+get&ouml;tet. Also &uuml;berlege dir den Brief recht sehr; du hast
+noch viele Tage Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben ein b&ouml;ses Meer vor uns; aber ich werde,
+so viel es angeht, auch des Nachts fahren. Wenn uns
+der Wind g&uuml;nstig bleibt, sind wir in vier Tagen in
+Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich
+mein Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso
+weit. Du hast also eine volle Woche Zeit, &uuml;ber dein
+Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah aus werde
+ich den Boten abgehen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde den Brief schreiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu
+unternehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich dir nicht versprechen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, Gott ist gro&szlig;, und ich habe es nicht
+geglaubt, da&szlig; unter den Christen auch ehrliche Leute sind.
+Also du willst mir entfliehen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>&raquo;Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werden wir auch nicht fechten; du k&ouml;nntest mich
+erschlagen und in das Wasser springen, um dich durch
+Schwimmen zu retten. Kannst du schwimmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bedenke, da&szlig; hier im Wasser viele Fische sind, die
+dich fressen w&uuml;rden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann
+hier neben mir wird stets an deiner Seite sein. Du hast
+ihn beleidigt; er wird dich nicht aus den Augen lassen,
+bis du entweder frei oder gestorben bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was wird in diesen beiden F&auml;llen mit meinem
+Diener werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine gro&szlig;e
+S&uuml;nde begangen, da er der Diener eines Ungl&auml;ubigen ist;
+aber er ist weder ein T&uuml;rke noch ein Giaur, er wird seine
+Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten. Jetzt
+kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein W&auml;chter
+aber gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer
+eingeschlossen wirst.&laquo;</p>
+
+<p>Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war
+also entlassen.</p>
+
+<p>Ich schritt zun&auml;chst nach dem Vorderdeck und ging
+dann l&auml;ngs des Regelings spazieren; als ich erm&uuml;det war,
+legte ich mich auf eine Decke nieder. Stets blieb der
+Araber in meiner N&auml;he, so da&szlig; er sich immer in
+einer Entfernung von f&uuml;nf bis sechs Schritten von mir
+befand.</p>
+
+<p>Das war ebenso &uuml;berfl&uuml;ssig wie f&uuml;r mich unangenehm.
+Kein Mensch weiter schien sich um mich zu bek&uuml;mmern,
+kein Mensch sprach ein Wort zu mir. Man reichte mir
+schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige Datteln.
+<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mu&szlig;te ich hinunter
+in meine Kammer, an deren Th&uuml;r sich mein W&auml;chter so
+lange postierte, bis ich wieder oben erscheinen durfte, und
+am Abend wurde die Th&uuml;re verriegelt und mit allerlei
+Ger&uuml;mpel verbarrikadiert.</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>
+<a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Wieder frei.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">U</span>nter diesen Umst&auml;nden vergingen drei Tage. Ich
+empfand mehr Sorge um den kranken Halef als um mich
+selbst; aber alle meine Bem&uuml;hungen, zu ihm zu kommen,
+w&auml;ren vergeblich gewesen. Nat&uuml;rlich befand er sich ebenso
+unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem
+R&uuml;cken meines W&auml;chters dem braven Diener ein Zeichen
+zu geben, h&auml;tte uns beiden nur schaden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Wir waren ungef&auml;hr, da wir eine sehr schnelle und
+gl&uuml;ckliche Fahrt gemacht hatten, in der Gegend zwischen
+Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya angekommen, von wo
+an die K&uuml;ste bis Dschidda immer niedriger und flacher
+wird. Es war zur Zeit der D&auml;mmerung. Im Norden
+stand, eine Seltenheit, ein kleines, schleierartiges W&ouml;lkchen
+am Himmel, welches Abu Se&iuml;f sehr besorgt betrachtete.
+Die Nacht brach herein, und ich mu&szlig;te unter Deck gehen.
+Da war es jetzt schw&uuml;ler noch als gew&ouml;hnlich, und diese
+Schw&uuml;le steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde.
+Ich war um Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da
+h&ouml;rte ich von fern her ein dumpfes Brausen, Donnern
+und Rollen, welches mit Sturmeseile n&auml;her kam und unser
+Schiff erfa&szlig;te. Ich f&uuml;hlte, da&szlig; es mit dem Vorderteile
+tief in die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann
+mit verdoppelter Geschwindigkeit dahinscho&szlig;. Es &auml;chzte
+und st&ouml;hnte in allen Fugen. Die Mastenf&uuml;&szlig;e krachten in
+<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die Bemannung
+unter &auml;ngstlichen Rufen, Jammern und Beten hin
+und her.</p>
+
+<p>Dazwischen hinein t&ouml;nten die lauten, besonnenen Kommandorufe
+des F&uuml;hrers. Es war auch notwendig, da&szlig;
+dieser seine Kaltbl&uuml;tigkeit nicht aufgab. Nach meiner ungef&auml;hren
+Berechnung nahten wir uns der H&ouml;he von Rabbegh,
+welches von den Arabern Rabr genannt wird, und
+von da an s&uuml;dw&auml;rts giebt es eine Unzahl von Klippen
+und Korallenb&auml;nken, welche der Schiffahrt selbst bei Tage
+sehr gef&auml;hrlich sind. Dort liegt auch die Insel Ghauat,
+und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen
+empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht
+und ruhigem Wetter mit den gr&ouml;&szlig;ten Gefahren verbunden
+ist, und deshalb bereiten sich die Schiffer, ehe sie
+dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort
+wird Om-el-Hable&iuml;n genannt, &raquo;Ort der beiden Seile&laquo;,
+ein Name, welcher auf die Art und Weise hindeutet, in
+welcher man fr&uuml;her sich vor der Gefahr zu sichern suchte.</p>
+
+<p>Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender
+Schnelligkeit zu. Eine Landung vorher war unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber
+wenn das Schiff auf eine Klippe rannte, war ich doch
+verloren, da meine Kammer verschlossen war.</p>
+
+<p>Da war es mir, als h&ouml;rte ich mitten im Brausen
+der Elemente ein Ger&auml;usch vor meiner Th&uuml;r. Ich trat
+n&auml;her und horchte. Ich hatte mich nicht get&auml;uscht. Man
+entfernte die Verrammelung, und die Th&uuml;r wurde ge&ouml;ffnet.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen
+Ort gleich finden lie&szlig;! Kennst du nicht die Stimme deines
+treuen Halef?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>&raquo;Halef? Unm&ouml;glich! Der kann es nicht sein; der kann
+nicht gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am
+Arme; aber nur sehr leicht. Das Bein habe ich nicht
+gebrochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hat Abu Se&iuml;f mich belogen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sondern ich habe ihn get&auml;uscht. Ich mu&szlig;te
+mich verstellen, um meinem guten Sihdi helfen zu k&ouml;nnen.
+Nun habe ich drei Tage mit den Schienen am Beine unten
+im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie entfernt
+und bin auf Kundschaft ausgekrochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe auch Verschiedenes erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abu Se&iuml;f wird eine Strecke vor Dschidda anlegen,
+um nach Mekka zu pilgern. Er will dort beten, da&szlig; sein
+Bruder wieder frei werde. Mehrere von seinen Mannen
+gehen mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht ist es uns da m&ouml;glich, zu entkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine
+Waffen sind in seiner Kammer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser
+Nacht nicht umkommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme, Sihdi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die Gefahr, Halef!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heute ist es so finster, da&szlig; mich niemand sehen
+konnte, und nach uns zu schauen, haben sie keine Zeit,
+Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Schmerzen in deiner Wunde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>&raquo;Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in
+Ohnmacht und kann es also nicht wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun
+in der Oda<a name="FNanchor_59_59" id="FNanchor_59_59"></a><a href="#Footnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> des Kapit&auml;ns liegt, und die Bemannung
+angebunden. Nur uns zwei hat man mitgenommen, damit
+du den Bruder Abu Se&iuml;fs befreien sollst.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_59_59" id="Footnote_59_59"></a><a href="#FNanchor_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Kammer, Kaj&uuml;te.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig;t du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Gespr&auml;che belauscht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Barke in jener Nacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor
+Anker und hatte auf uns gewartet. Chajir ola, gute
+Nacht, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht!&laquo;</p>
+
+<p>Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte
+auch die Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.</p>
+
+<p>Ich hatte w&auml;hrend dieses Besuches den Orkan ganz
+und gar vergessen, der ganz unerwartet ebenso schnell sich
+legte, als er gekommen war; und wenn die See auch noch
+lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des Schiffes
+merkte, so vermutete ich doch, da&szlig; nun heller Himmel geworden
+sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend
+verminderte. Ich schlief ruhig ein.</p>
+
+<p>Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Th&uuml;r
+war ge&ouml;ffnet, drau&szlig;en aber stand mein W&auml;chter.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du hinauf?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst nur bis zum Deghri<a name="FNanchor_60_60" id="FNanchor_60_60"></a><a href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> oben bleiben.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_60_60" id="Footnote_60_60"></a><a href="#FNanchor_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Gebet zur Mittagszeit.</p></div>
+
+<p>Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des
+Sturmes verwischt. Das Schiff lag in einer sehr schmalen,
+tief in das Land einschneidenden Bucht vor Anker. Die
+Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten
+<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>umgelegt worden, so da&szlig; das Fahrzeug weder vom Meere,
+noch vom Lande aus, welches w&uuml;st und unbewohnt erschien,
+leicht gesehen werden konnte.</p>
+
+<p>Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungew&ouml;hnliches
+bemerken zu k&ouml;nnen. Dann aber lie&szlig; mich
+Abu Se&iuml;f zu sich kommen. Er befand sich nicht an Deck,
+sondern in seiner Kaj&uuml;te, in welcher ich alle meine Waffen
+an der Wand h&auml;ngen sah. Auch die Patronenkapsel war
+da, und au&szlig;erdem sah ich mehrere gro&szlig;e Ketschikise<a name="FNanchor_61_61" id="FNanchor_61_61"></a><a href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a> am
+Boden liegen, welche jedenfalls Pulver enthielten. Ein
+Sandyk<a name="FNanchor_62_62" id="FNanchor_62_62"></a><a href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a> stand offen, den Abu Se&iuml;f bei meinem Eintritt
+sofort verschlo&szlig;; dennoch hatte ich Zeit genug gehabt, zu
+bemerken, da&szlig; er lauter Kettschuwal<a name="FNanchor_63_63" id="FNanchor_63_63"></a><a href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> enthielt, in denen
+sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder
+befanden.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_61_61" id="Footnote_61_61"></a><a href="#FNanchor_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei nach au&szlig;en
+gewendet.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_62_62" id="Footnote_62_62"></a><a href="#FNanchor_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Ein schrankartiger Kasten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_63_63" id="Footnote_63_63"></a><a href="#FNanchor_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Leinwands&auml;ckchen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,&laquo;
+sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Sprich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verweigerst du mir noch immer das Versprechen,
+keinen Fluchtversuch zu unternehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin kein L&uuml;gner und sage dir daher aufrichtig,
+da&szlig; ich fliehen werde, sobald sich mir eine Gelegenheit
+dazu bietet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du
+zwingst mich, strenger mit dir zu verfahren, als ich m&ouml;chte.
+Ich werde zwei Tage lang nicht an Bord sein; du darfst
+w&auml;hrend dieser Zeit deine Kammer nicht verlassen und
+wirst mit gebundenen H&auml;nden unten liegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist hart.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; aber du tr&auml;gst selbst die Schuld.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; mich f&uuml;gen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>&raquo;So kannst du gehen. Merke dir jedoch, da&szlig; ich
+Befehl geben werde, dich sofort zu t&ouml;ten, wenn du den
+Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen. W&auml;rest du
+ein Rechtgl&auml;ubiger, so w&uuml;rde ich dich bitten, mein Freund
+zu sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte
+dich nicht. Ich h&auml;tte deinem Versprechen Glauben geschenkt;
+du willst es aber nicht geben, und so mu&szlig;t du
+nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wurde unter Deck gef&uuml;hrt und dort eingeschlossen.
+Es war eine Pein, bei der da unten herrschenden Glut
+gefesselt liegen zu m&uuml;ssen; aber ich f&uuml;gte mich darein,
+trotzdem mein W&auml;chter seiner Rachsucht dadurch Gen&uuml;ge
+geschehen lie&szlig;, da&szlig; er mir weder Speise noch Trank brachte.
+Ich hoffte auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie
+ich sie so gro&szlig; noch selten empfunden hatte. Meine Lage
+wurde dadurch, da&szlig; ich mich im Dunkeln befand, nat&uuml;rlich
+nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El
+Aschia beten h&ouml;ren; dann war eine lange, lange Zeit vergangen,
+und es mu&szlig;te weit &uuml;ber Mitternacht sein, als
+ich endlich drau&szlig;en vor meiner Th&uuml;r ein leises Ger&auml;usch
+vernahm.</p>
+
+<p>Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr
+zu h&ouml;ren. Sprechen durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht
+war es auch blo&szlig; eine Ratte gewesen.</p>
+
+<p>Es blieb eine Weile ruhig; dann h&ouml;rte ich Schritte
+nahen, denen jenes leise Rauschen folgte, welches entsteht,
+wenn ein Teppich oder eine Matte auf den Boden gebreitet
+wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein
+W&auml;chter sich vorgenommen, vor meiner Th&uuml;r die &uuml;brige
+Nacht zuzubringen. Nun war es aus mit meiner Hoffnung,
+denn wenn Halef ja noch kam, so &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; aber
+horch! Was war das? Es geh&ouml;rte die ganze Sch&auml;rfe
+meines Geh&ouml;rs dazu, um zu bemerken, da&szlig; der Holzriegel
+<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>an meiner Th&uuml;r langsam, langsam zur&uuml;ckgeschoben wurde.
+Einige Sekunden nachher h&ouml;rte ich einen harten Schlag
+&ndash; ein Ger&auml;usch, als wenn jemand vom Boden empor
+wolle und doch nicht k&ouml;nne &ndash; ein kurzes, ersticktes St&ouml;hnen,
+und dann erklang es drau&szlig;en halblaut:</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, komm; ich habe ihn!&laquo;</p>
+
+<p>Es war Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Wen?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Deinen W&auml;chter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann dir nicht helfen, die H&auml;nde sind mir gebunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du an die Wand gebunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; hinaus zu dir kann ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm, die Th&uuml;r ist offen.&laquo;</p>
+
+<p>Als ich hinaustrat, f&uuml;hlte ich, da&szlig; der Araber unter
+krampfhaften Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf
+ihm und hatte ihm mit den H&auml;nden den Hals zugeschn&uuml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hle in seinen G&uuml;rtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist eins; warte!&laquo;</p>
+
+<p>Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen
+H&auml;nden das Messer hervor, nahm den Griff fest zwischen
+die Z&auml;hne und s&auml;gte mir die Fesseln entzwei.</p>
+
+<p>&raquo;Geht es, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, jetzt habe ich die H&auml;nde frei. Gott sei Dank,
+da&szlig; er noch nicht tot ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, er h&auml;tte es verdient.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben
+ihm einen Knebel und legen ihn in meine Kammer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wird er durch die Nase st&ouml;hnen und uns verraten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele
+es ihm um das Gesicht. La&szlig; jetzt ein wenig locker, so
+da&szlig; er Atem bekommt! &ndash; So &ndash; hier ist der Knebel &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>&ndash; hier sein G&uuml;rtel, um H&auml;nde und F&uuml;&szlig;e zu binden
+&ndash;&nbsp;&ndash; la&szlig; den Hals los und halte seine Beine &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+so, fertig. Nun hinein mit ihm!&laquo;</p>
+
+<p>Ich atmete tief auf, als ich die Th&uuml;r hinter dem
+Gefangenen verriegelt hatte und nun mit Halef an der
+Treppe stand.</p>
+
+<p>&raquo;Was nun, Sihdi?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kam das alles, jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor
+und horchte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie dich entdeckt h&auml;tten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, da&szlig; ich
+mich nicht regen kann. Da h&ouml;rte ich, da&szlig; der Vater des
+S&auml;bels mit zw&ouml;lf M&auml;nnern zun&auml;chst nach Dschidda gegangen
+ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem
+Gro&szlig;scherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich,
+da&szlig; der Araber, welcher dich bewacht, an deiner Th&uuml;re
+schlafen werde. Er ha&szlig;t dich, und er h&auml;tte dich l&auml;ngst
+get&ouml;tet, wenn er sich nicht vor Abu Se&iuml;f f&uuml;rchten m&uuml;&szlig;te.
+Wenn ich zu dir wollte, so mu&szlig;te ich ihm zuvorkommen,
+und so bin ich &uuml;ber das Deck gekrochen, ohne da&szlig; ich
+bemerkt wurde. Du hast mich das in der W&uuml;ste gelehrt.
+Und kaum war ich da, so kam er auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, das also warst du! Ich hatte es geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse
+genommen. Das &Uuml;brige wei&szlig;t du, Sihdi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut. Als ich &uuml;ber das Deck schlich, waren sie
+im Begriff, ihren Afijon<a name="FNanchor_64_64" id="FNanchor_64_64"></a><a href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> anzubrennen. Ihr Gebieter
+ist fort, da d&uuml;rfen sie es wagen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_64_64" id="Footnote_64_64"></a><a href="#FNanchor_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Opium.</p></div>
+
+<p>&raquo;So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>sind besser als diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt
+komm; ich gehe voran.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend wir nach oben schlichen, konnte ich mich
+nicht enthalten, dar&uuml;ber zu l&auml;cheln, da&szlig; Abu Se&iuml;f dem
+Gro&szlig;scherif ein Geschenk bringen wollte, welches doch ein
+Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt hatte. Als
+ich den Kopf aus der Luke steckte, versp&uuml;rte ich jenen Duft,
+der in der N&auml;he jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die
+M&auml;nner lagen regungslos auf dem Verdeck umher; es
+war nicht zu erkennen, ob sie schliefen oder nur in regungsloser
+Lage den Rausch des bet&auml;ubenden Giftes erwarten
+wollten. Gl&uuml;cklicherweise war der Weg nach der Kaj&uuml;te
+frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in
+dieser Richtung weiter und gelangten gl&uuml;cklich an die
+Th&uuml;r. Dank der orientalischen Sorglosigkeit hatte dieselbe
+kein Schlo&szlig;; die Angeln konnten auch nicht knarren,
+weil sie einfach aus einem St&uuml;cke Leder bestanden, welches
+oben und unten an Th&uuml;r und Pfosten aufgenagelt war.</p>
+
+<p>Ich &ouml;ffnete nur so weit, als n&ouml;tig war, um hinein
+zu kriechen, und als wir uns im Innern befanden, zog
+ich die Th&uuml;r wieder zu. Nun f&uuml;hlte ich mich so sicher
+und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden
+h&auml;tte. Hier hingen meine Waffen, und f&uuml;nf Schritte
+davon war der Bord des Schiffes, von welchem ein Sprung
+gen&uuml;gte, um an das Land zu kommen. Die Uhr, den
+Kompa&szlig;, das Geld hatte ich bei mir.</p>
+
+<p>&raquo;Was soll ich mitnehmen?&laquo; fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke
+liegen sah. Wir brauchen sie notwendig; ich nehme auch
+eine.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich habe erlauscht, da&szlig; sich hier viel Geld befindet.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>&raquo;Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen,
+denn es geh&ouml;rt uns nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du
+willst diesen R&auml;ubern das Geld lassen, welches wir so
+notwendig brauchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du ein Dieb werden? Nein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas
+Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ein Dieb? Sihdi, das
+sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir nicht selbst befohlen,
+dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die
+Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in
+diese Decken zu greifen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die R&auml;uber
+um unsere Decken und um deine Waffen gekommen und
+haben also das Recht, uns zu entsch&auml;digen. Unser Geld
+aber haben wir noch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hattest du viel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler
+gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun
+sind sie weg, und ich werde mir nehmen, was mir geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In
+gewisser Beziehung hatte er recht. Wir befanden uns in
+Umst&auml;nden, unter denen wir uns unser Recht selbst zu
+wahren hatten. Wo konnten wir Abu Se&iuml;f auf R&uuml;ckgabe
+des geraubten Geldes verklagen? Ich mu&szlig;te zu sehr sparen,
+als da&szlig; ich meinem Diener das Geraubte aus meiner
+Tasche h&auml;tte ersetzen k&ouml;nnen, und &uuml;berdies h&auml;tte ein weiterer
+Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder gar in
+Gefahr gebracht; ich begn&uuml;gte mich also mit dem Einwande:
+&raquo;Der Sandyk wird verschlossen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>&raquo;Ja, es ist ein Schlo&szlig; daran, und der Schl&uuml;ssel
+fehlt, aber ich werde dennoch &ouml;ffnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schlo&szlig;
+aufsprengst, so giebt es einen Krach, der uns verr&auml;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler
+doch nicht holen k&ouml;nnen. Komm, wir wollen gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach,
+bedauerte ich fast, da&szlig; er auf Ersatz verzichten mu&szlig;te.
+Ein anderer Araber h&auml;tte es nicht gethan, davon war ich
+&uuml;berzeugt, und das brachte mich zu dem Versprechen:</p>
+
+<p>&raquo;Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von
+mir bekommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es wahr, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; uns gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Wir verlie&szlig;en die Kaj&uuml;te und erreichten gl&uuml;cklich den
+Rand des Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und
+dem Lande war doch ein bedeutender, wie man bei dem
+n&auml;chtlichen Sternenlichte bemerken konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Kommst du hin&uuml;ber, Halef?&laquo; fragte ich besorgt.</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te, da&szlig; er ein guter Springer war; hier
+aber konnte man keinen Anlauf nehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Pa&szlig; auf, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich, setzte den Fu&szlig; auf den Regeling und stand
+im n&auml;chsten Augenblick dr&uuml;ben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei.
+Aber was nun?&laquo; fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Wir gehen nach Dschidda.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du den Weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder hast du eine Harjta<a name="FNanchor_65_65" id="FNanchor_65_65"></a><a href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a>, welche dir den Weg zeigt?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_65_65" id="Footnote_65_65"></a><a href="#FNanchor_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Landkarte.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>&raquo;Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach S&uuml;den
+zu halten. Abu Se&iuml;f hat zu Fu&szlig; hinwandern m&uuml;ssen;
+das ist ein sicheres Zeichen, da&szlig; die Stadt nicht sehr weit
+von hier liegt. La&szlig; uns vor allen Dingen erst nach den
+Waffen sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengestr&auml;uch
+zur&uuml;ck, welches uns gen&uuml;gend verbarg, denn es war nicht
+die kleine arabische, sondern die hohe ostindische Art. Meine
+Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls mit dem
+Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden
+und sich &uuml;ber den schweren B&auml;rent&ouml;ter h&ouml;chlichst wundern
+m&uuml;ssen. Der Araber ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt,
+und es giebt ganze St&auml;mme, welche noch mit
+Flinten der &auml;ltesten, seltsamsten Konstruktionen bewaffnet
+sind.</p>
+
+<p>Nachdem wir uns &uuml;berzeugt hatten, da&szlig; unsere Flucht
+nicht bemerkt worden war, machten wir uns auf den unbekannten
+Weg. Wir mu&szlig;ten, so viel wie m&ouml;glich, der
+K&uuml;ste folgen, und diese hatte zahlreiche gr&ouml;&szlig;ere oder kleinere
+Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so da&szlig;
+wir nur langsam vorw&auml;rts kamen. Dazu war der Boden
+trotz der N&auml;he des Meeres sehr dicht mit Koloquinthen
+und Alo&euml;n bewachsen, welche das Gehen au&szlig;erordentlich
+beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der
+Marsch ging leichter und schneller vor sich. Man konnte
+in die Ferne blicken und unterscheiden, welche Richtung
+man einzuschlagen hatte, um eine Kr&uuml;mmung der K&uuml;ste
+abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr,
+als wir die Minareh<a name="FNanchor_66_66" id="FNanchor_66_66"></a><a href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a> einer Stadt vor uns erblickten,
+welche mit einer hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer
+umgeben war.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_66_66" id="Footnote_66_66"></a><a href="#FNanchor_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Dieses Wort wird nach franz&ouml;sischer Weise Minaret geschrieben und von
+vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was aber falsch ist.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>&raquo;Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?&laquo;
+fragte Halef.</p>
+
+<p>Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet,
+ohne sie anzureden.</p>
+
+<p>&raquo;Nein; das ist ganz sicher Dschidda.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was beginnen wir dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde mir zun&auml;chst den Ort ansehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich auch. Wei&szlig;t du, da&szlig; dort Eva, die Mutter
+aller Lebendigen, begraben liegt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig
+Tage und vierzig N&auml;chte; dann ging er nach Selan-Dib,
+wo er starb und nun auch begraben liegt. Das ist eine
+Insel, von der nur die Gl&auml;ubigen etwas wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst, Halef. Diese Insel hie&szlig; bei ihren Bewohnern
+Sinhala Dvipa, woraus ihr in euerer Sprache
+Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa hei&szlig;t L&ouml;weninsel;
+sie geh&ouml;rt jetzt den Christen, den Inglis, und ich
+selbst bin bereits zweimal dort gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mich erstaunt an.</p>
+
+<p>&raquo;Aber unsere Talebs<a name="FNanchor_67_67" id="FNanchor_67_67"></a><a href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> sagen doch, da&szlig; jeder Ungl&auml;ubige
+stirbt, der die Insel Adams betreten will!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_67_67" id="Footnote_67_67"></a><a href="#FNanchor_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Gelehrten.</p></div>
+
+<p>&raquo;Bin ich gestorben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich
+du den wahren Glauben noch nicht hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr,
+jeder Ungl&auml;ubige mu&szlig; sterben, der die heiligen St&auml;tten
+von Mekka und Medina betritt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen
+sind.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>&raquo;Ist das wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann mu&szlig;ten sie unsere Sprache und unsere Gebr&auml;uche
+verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie verstanden sie.&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mir &auml;ngstlich forschend in das Angesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rdest du mich mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Sihdi; denn ich w&uuml;rde in der tiefsten Dschehenna
+gebraten werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rdest du mich verraten, wenn du mich dort s&auml;hest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, mache mich nicht traurig! Ich m&uuml;&szlig;te dich
+verraten und k&ouml;nnte es doch vielleicht nicht. Ich w&uuml;rde
+nicht mehr leben k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah ihm an, da&szlig; dies seine volle &Uuml;berzeugung
+war; es w&auml;re grausam gewesen, ihn l&auml;nger zu versuchen
+und in Angst zu halten.</p>
+
+<p>&raquo;Halef, du hast mich lieb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir
+reisen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die
+Erde reicht, obgleich du ein Christ bist. Aber ich wei&szlig;,
+da&szlig; du noch zum rechten Glauben kommen wirst, denn ich
+werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann blo&szlig; ein Hadschi sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da
+ist Dschidda, wo ich das Grab Evas besuchen werde;
+dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah verweilen,
+mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebr&auml;uche
+mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange wirst du in Mekka sein?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>&raquo;Sieben Tage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist
+deine Hadsch auch g&uuml;ltig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat
+f&auml;llt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist g&uuml;ltig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag
+es hei&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wohl das n&ouml;rdliche Thor, das Bab el Medina.
+Wirst du mir eine Bitte erf&uuml;llen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, denn ich wei&szlig;, da&szlig; du mir nichts befiehlst, was
+ich nicht thun darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst hier keinem Menschen sagen, da&szlig; ich ein
+Christ bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehorche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erf&uuml;llen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; mir in Mekka das Aziz-kumahsch<a name="FNanchor_68_68" id="FNanchor_68_68"></a><a href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a> kaufen
+und viele Geschenke und Almosen geben&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_68_68" id="Footnote_68_68"></a><a href="#FNanchor_68_68"><span class="label">[68]</span></a> W&ouml;rtlich: &raquo;heiliges Zeug&laquo;.</p></div>
+
+<p>&raquo;Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch
+heute erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden
+im Lande der Ungl&auml;ubigen gepr&auml;gt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Piaster?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf<a name="FNanchor_69_69" id="FNanchor_69_69"></a><a href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a>
+holen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_69_69" id="Footnote_69_69"></a><a href="#FNanchor_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Geldwechsler.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um
+auch nach Medina gehen zu k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise
+dorthin wird dich nichts kosten.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich reite mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Medina, Sihdi?&laquo; fragte er in bedenklichem Tone.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ist dies verboten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina
+hinein darfst du nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sch&ouml;n, Sihdi; das geht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind wir also einig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wohin gehst du dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zun&auml;chst nach Meda&iuml;hn Saliha.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, dann bist du des Todes! Wei&szlig;t du nicht, da&szlig;
+dies die Stadt der Geister ist, die keinen Sterblichen bei
+sich dulden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden mich dulden m&uuml;ssen. Es ist ein sehr
+geheimnisvoller Ort; man erz&auml;hlt sich wunderbare Sachen
+von ihm, und darum mu&szlig; ich ihn sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden
+uns den Weg versperren; aber ich werde dich nicht verlassen,
+und wenn ich mit dir sterben sollte. Ich bin dann
+ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel immer offen steht.
+Und wohin willst du dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul
+oder nach Basra und Bagdad.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wirst mich mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es
+au&szlig;erhalb der Mauern eine Menge zerstreut stehender
+H&uuml;tten aus Stroh oder Palmenbl&auml;ttern, in denen arme
+Hadhesi<a name="FNanchor_70_70" id="FNanchor_70_70"></a><a href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> oder noch &auml;rmere Holz- und Gem&uuml;seh&auml;ndler
+wohnten. Ein zerlumpter Kerl rief mich an:</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_70_70" id="Footnote_70_70"></a><a href="#FNanchor_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Arbeiter.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>&raquo;Ta&iuml;bihn, Effendi, seiak, keif chelak &ndash; bist du gesund,
+Effendi, wie geht es dir, und wie ist dein Befinden?&laquo;</p>
+
+<p>Ich blieb stehen. Im Orient mu&szlig; man immer Zeit
+haben, einen Gru&szlig; zu erwidern.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut,
+und mein Befinden ist vortrefflich; aber wie geht es dir,
+du Sohn eines tapfern Vaters, und wie laufen deine Gesch&auml;fte,
+du Erbe vom fr&ouml;mmsten Stamme der Moslemim?&laquo;</p>
+
+<p>Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, da&szlig; er das
+M&#8217;eschaleeh trug. Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer
+Zeit von den Christen besucht werden darf, f&uuml;r eine heilige
+Stadt, und die heiligen St&auml;dte haben das Vorrecht, dieses
+Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines
+Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder
+Schl&auml;fe zwei Schnitte beigebracht, deren Narben f&uuml;r das
+ganze Leben bleiben. Das ist das M&#8217;eschaleeh.</p>
+
+<p>&raquo;Deine Worte sind Zahari<a name="FNanchor_71_71" id="FNanchor_71_71"></a><a href="#Footnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a>; sie duften wie die Benaht
+el Dschennet<a name="FNanchor_72_72" id="FNanchor_72_72"></a><a href="#Footnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a>,&laquo; antwortete der Mann. &raquo;Auch mir geht
+es gut, und ich bin zufrieden mit dem Gesch&auml;fte, welches
+ich treibe. Es wird auch dir n&uuml;tzlich sein.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_71_71" id="Footnote_71_71"></a><a href="#FNanchor_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Blumen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_72_72" id="Footnote_72_72"></a><a href="#FNanchor_72_72"><span class="label">[72]</span></a> T&ouml;chter des Paradieses, die Houris.</p></div>
+
+<p>&raquo;Welches Gesch&auml;ft hast du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe drei Tiere stehen. Meine S&ouml;hne sind
+Hamahri<a name="FNanchor_73_73" id="FNanchor_73_73"></a><a href="#Footnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a>, und ich helfe ihnen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_73_73" id="Footnote_73_73"></a><a href="#FNanchor_73_73"><span class="label">[73]</span></a> Eseltreiber.</p></div>
+
+<p>&raquo;Hast du sie zu Hause?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was soll ich dir bezahlen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung
+suchen.&laquo;</p>
+
+<p>Er musterte mich mit einem eigent&uuml;mlichen Blick.
+Ein Fremder, und zu Fu&szlig;e, das mu&szlig;te ihm auff&auml;llig sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>&raquo;Sihdi,&laquo; fragte er, &raquo;willst du dahin, wohin ich deine
+Br&uuml;der geleitet habe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Br&uuml;der?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn
+M&auml;nner zu Fu&szlig;e, so wie du; die habe ich in den gro&szlig;en
+Khan gef&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>Das war jedenfalls Abu Se&iuml;f mit den Seinen gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Das waren keine Br&uuml;der von mir. Ich will meine
+Wohnung in keinem Khane und in keinem Funduk<a name="FNanchor_74_74" id="FNanchor_74_74"></a><a href="#Footnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a>, sondern
+in einem Privathause nehmen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_74_74" id="Footnote_74_74"></a><a href="#FNanchor_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Gasthaus.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ama di bacht &ndash; welch ein Gl&uuml;ck! Ich wei&szlig; ein
+Haus, wo du eine Wohnung finden kannst, die beinahe
+f&uuml;r einen Prinzen zu sch&ouml;n ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei Piaster.&laquo;</p>
+
+<p>Das waren ungef&auml;hr zwanzig Pfennige pro Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Hole die Tiere.&laquo;</p>
+
+<p>Er stieg nun mit gravit&auml;tischem Schritte von dannen
+und brachte hinter einer Umfriedigung zwei Esel hervor,
+die so klein waren, da&szlig; sie mir beinahe zwischen den
+Beinen durchlaufen konnten.</p>
+
+<p>&raquo;Werden sie uns tragen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, einer von ihnen w&uuml;rde uns alle drei tragen
+k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Das war &uuml;bertrieben, jedoch mein Tier that nicht
+im mindesten, als ob ich ihm zu schwer sei; vielmehr
+schlug es sofort, nachdem ich es bestiegen hatte, einen sehr
+muntern Trab an, welcher allerdings gleich im Innern
+der Stadtmauer unterbrochen wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Tut,&laquo; rief n&auml;mlich eine schnarrende Stimme von
+der Seite her; &raquo;tut, wermya-iz aktsche &ndash; halt, gebt Geld!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>In einem halb verfallenen Gem&auml;uer zu meiner Rechten
+befand sich ein viereckiges Loch; in diesem Loche befand
+sich ein Kopf; auf dem Gesichte dieses Kopfes befand
+sich eine f&uuml;rchterliche Brille, und in dieser Brille befand
+sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine
+riesige Nase und seitw&auml;rts nach unten, von der Nase aus
+gerechnet, eine gro&szlig;e &Ouml;ffnung, aus welcher die Worte
+wahrscheinlich gekommen waren.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist das?&laquo; fragte ich unsern F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>&raquo;Der Radschal el Bab<a name="FNanchor_75_75" id="FNanchor_75_75"></a><a href="#Footnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a>. Er nimmt die Steuer f&uuml;r
+den Gro&szlig;herrn ein.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_75_75" id="Footnote_75_75"></a><a href="#FNanchor_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Mann des Thores, Thorw&auml;rter.</p></div>
+
+<p>Ich dr&auml;ngte mein Eselein bis vor das Loch und
+nahm, um mir einen Spa&szlig; zu machen, den Pa&szlig; heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geld!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt ihm das gro&szlig;herrliche M&ouml;h&uuml;r<a name="FNanchor_76_76" id="FNanchor_76_76"></a><a href="#Footnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> vor das
+Auge, welches nicht durch ein Glas gesch&uuml;tzt war.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_76_76" id="Footnote_76_76"></a><a href="#FNanchor_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Siegel.</p></div>
+
+<p>&raquo;Lutf, dschenabin &ndash; Verzeihung, Euer Gnaden!&laquo;</p>
+
+<p>Die &Ouml;ffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht
+verschwand und gleich darauf sah ich eine hagere Gestalt
+seitw&auml;rts &uuml;ber einige Mauerreste springen. Sie trug eine
+alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite, blaue Beinkleider,
+rote Str&uuml;mpfe, eine gr&uuml;ne Jacke und auf dem
+Kopfe eine wei&szlig;e M&uuml;tze mit einem herabh&auml;ngenden Sacke.
+Es war der wackere Radschal el Bab.</p>
+
+<p>&raquo;Warum rei&szlig;t er aus?&laquo; fragte ich den F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu
+geben. Er hat dich also beleidigt und f&uuml;rchtet deine Rache.&laquo;</p>
+
+<p>Wir ritten weiter und gelangten nach f&uuml;nf Minuten
+vor das Thor eines Hauses, welches, eine Seltenheit in
+<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>mohammedanischen L&auml;ndern, vier gro&szlig;e, vergitterte Fenster
+nach der Stra&szlig;e zu hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;rt das Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Dschewahirdschi<a name="FNanchor_77_77" id="FNanchor_77_77"></a><a href="#Footnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> Tamaru. Er hat mir Auftrag
+gegeben.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_77_77" id="Footnote_77_77"></a><a href="#FNanchor_77_77"><span class="label">[77]</span></a> Juwelier.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wird er zu Hause sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kannst du zur&uuml;ckkehren. Hier hast du noch ein
+Bakschisch!&laquo;</p>
+
+<p>Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf
+einen seiner Esel und ritt von dannen. Ich trat mit
+Halef in das Haus und wurde von einem Schwarzen
+nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand.
+Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort
+f&uuml;hrte er mich in das Haus zur&uuml;ck und zeigte mir eine
+Reihe von Gem&auml;chern, welche leer standen. Ich mietete
+zwei auf eine Woche und hatte daf&uuml;r zwei Talaris, was
+als eine sehr anst&auml;ndige Bezahlung angesehen werden
+mu&szlig;te, zu entrichten. Daf&uuml;r wurde ich aber auch nicht
+ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen mir
+Halef gegeben hatte.</p>
+
+<p>Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die
+Stadt anzusehen.</p>
+
+<p>Dschidda ist eine ganz h&uuml;bsche Stadt, und es scheint
+mir, als ob sie ihren Namen &ndash; Dschidda hei&szlig;t &raquo;die
+Reiche&laquo; &ndash; nicht ganz mit Unrecht f&uuml;hre. Sie ist nach
+drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben,
+welche T&uuml;rme tr&auml;gt und von einem tiefen Graben besch&uuml;tzt
+wird. Nach dem Meere zu wird sie durch ein Fort und
+mehrere Batterien verteidigt. Die Mauer hat drei Thore:
+<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab
+el Mekka, welches das sch&ouml;nste ist und zwei T&uuml;rme hat,
+deren Zinnen von zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die
+Stadt zerf&auml;llt in zwei H&auml;lften, in die Nysf<a name="FNanchor_78_78" id="FNanchor_78_78"></a><a href="#Footnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> von Syrien
+und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht sehr schmutzige
+Stra&szlig;en und viele h&uuml;bsche freie Pl&auml;tze. Auffallend ist
+es, da&szlig; es hier sehr viele H&auml;user giebt, welche nach au&szlig;en
+hin Fenster haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke
+hoch, von guter Bauart und haben h&uuml;bsche Bogenth&uuml;ren,
+Balkons und S&ouml;ller. Der Bazar l&auml;uft in der ganzen
+L&auml;nge der Stadt mit dem Meere parallel und m&uuml;ndet in
+viele Seitenstra&szlig;en. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen,
+Fallatah, H&auml;ndler aus Basra, Bagdad, Maskat
+und Makalla, &Auml;gypter, Nubier, Abessynier, T&uuml;rken,
+Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier,
+Malayen: &ndash; alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem
+Christen kann man zuweilen begegnen. Hinter der Mauer
+beginnt, wie bei den meisten Ortschaften Arabiens, sofort
+die W&uuml;ste und dort stehen die H&uuml;tten jener Leute, welche
+in der Stadt selbst keinen Platz finden.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_78_78" id="Footnote_78_78"></a><a href="#FNanchor_78_78"><span class="label">[78]</span></a> H&auml;lften.</p></div>
+
+<p>Nicht weit von der Kaserne, welche in der N&auml;he des
+Bab el Medina liegt, befindet sich der Kirchhof, auf
+welchem das Grab unserer Stammmutter gezeigt wird.
+Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preu&szlig;ische
+Ellen lang und tr&auml;gt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.</p>
+
+<p>Da&szlig; es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht
+zu verwundern. Den gr&ouml;&szlig;ten Beitrag dazu liefert Indien.
+W&auml;hrend die armen Pilger aus andern L&auml;ndern sich
+Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur R&uuml;ckkehr zu
+verdienen, ist der Indier zu tr&auml;ge dazu. Wer einem
+jeden geben wollte, w&uuml;rde bald selbst ein Bettler sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem Hafen und
+schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte &uuml;ber die
+M&ouml;glichkeit nach, Mekka sehen zu k&ouml;nnen, und merkte kaum,
+da&szlig; es immer einsamer um mich wurde. Da pl&ouml;tzlich &ndash;
+ist&#8217;s m&ouml;glich oder nicht? erklang es vom Wasser her:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Jetzt geh&#8217; i zum Soala<br /></span>
+<span class="i0">Und kaf ma an Strick,<br /></span>
+<span class="i0">Bind &#8217;s Diandl am Buckl,<br /></span>
+<span class="i0">Trog&#8217;s &uuml;berall mit.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Ein &raquo;G&#8217;sangl&laquo; aus der Heimat! Hier in Dschidda!
+Ich blickte mich um und sah einen Kahn, in welchem zwei
+M&auml;nner sa&szlig;en. Der eine war ein Eingeborener. Seine
+Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als einen
+Hadharemieh; gewi&szlig; geh&ouml;rte ihm der Kahn. Der andere
+stand aufrecht in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine
+ganz wunderbare Figur. Er hatte einen blauen Turban
+auf, trug rote, t&uuml;rkische Pumphosen und &uuml;ber diesen einen
+europ&auml;ischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein gelbseidenes
+Tuch war um den Hals geschlungen, und aus
+diesem Tuche stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi
+von der Sorte hervor, welche in der lieben Heimat
+den Namen &raquo;Vaterm&ouml;rder&laquo; zu tragen pflegt. Um die sehr
+umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen,
+dessen Scheide so dick war, da&szlig; man drei
+Klingen in ihr vermuten konnte.</p>
+
+<p>Dies war der S&auml;nger. Er hatte bemerkt, da&szlig; ich
+vor &Uuml;berraschung stehen geblieben war, und mochte denken,
+einen sangesfrohen Beduinen vor sich zu haben; denn er
+hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch besser
+nach rechts herum und sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und der T&uuml;rk und der Ru&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Die zwoa gehn mi nix o&#8217;,<br /></span>
+<span class="i0">Wann i no mit der Gret&#8217;l<br /></span>
+<span class="i0">Koan Kriegshandl ho&#8217;!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>Das war eine Freude f&uuml;r mich, viel gr&ouml;&szlig;er noch wie
+damals, als der J&uuml;terbogker Hamsad al Dscherbaja mich
+im Hause am Nil mit seinem Liede &uuml;berrascht hatte! Auch
+ich legte die Hand an den Mund.</p>
+
+<p>&raquo;T&uuml;rk&uuml; tschaghyr-durmak &ndash; sing weiter!&laquo; rief ich
+hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Ob er mich verstanden hatte, wu&szlig;te ich nicht, aber
+er lie&szlig; sich sofort nochmals h&ouml;ren:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Zwischen deiner und meiner<br /></span>
+<span class="i0">Is a weite Gass&#8217;n;<br /></span>
+<span class="i0">Bua, wennst mi n&ouml;t magst,<br /></span>
+<span class="i0">Kannst es bleiben lass&#8217;n!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Jetzt mu&szlig;te ich den Jodler auch probieren:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Zwischen deiner und meiner<br /></span>
+<span class="i0">Is a enge Gass&#8217;n;<br /></span>
+<span class="i0">Bua, wennst mi gern magst,<br /></span>
+<span class="i0">Kannst herrudern lass&#8217;n!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Da stie&szlig; er einen lauten Juchzer aus, ri&szlig; den Turban
+vom Haupte, den Sarras aus der Scheide, und schwenkte
+Turban und S&auml;bel hoch in der Luft; dann brachte er
+diese beiden Gegenst&auml;nde wieder an Ort und Stelle, griff
+in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.</p>
+
+<p>Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land,
+blieb aber doch ein wenig verbl&uuml;fft stehen, als er mich
+n&auml;her betrachtete.</p>
+
+<p>&raquo;Ein T&uuml;rke, der deutsch reden kann?&laquo; fragte er
+zweifelhaft.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sondern ein Deutscher, der ein bi&szlig;chen T&uuml;rkisch
+probiert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen.
+Aber Sie sehen wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf
+ich fragen, was Sie sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schriftsteller. Und Sie?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>&raquo;Ein &ndash; ein &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ein &ndash;&nbsp;&ndash; hm, Violinist,
+Komiker, Schiffskoch, Privatsekret&auml;r, <em class="antiqua">bookkeeper</em><a name="FNanchor_79_79" id="FNanchor_79_79"></a><a href="#Footnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a>, Ehemann,
+<em class="antiqua">merchant</em><a name="FNanchor_80_80" id="FNanchor_80_80"></a><a href="#Footnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a>, Witwer, Rentier und jetzt Tourist
+nach Hause zu.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_79_79" id="Footnote_79_79"></a><a href="#FNanchor_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Buchhalter.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_80_80" id="Footnote_80_80"></a><a href="#FNanchor_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Kaufmann.</p></div>
+
+<p>Er brachte das mit einer so &uuml;berw&auml;ltigenden Grandezza
+vor, da&szlig; ich lachen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach
+Hause wollen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, n&auml;mlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs
+mich anders besinne. Und Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten
+wieder. Was thun Sie hier in Dschidda?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Und Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Wollen wir einander helfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich, wenn es Ihnen n&auml;mlich recht ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, schon seit vier Tagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich seit ungef&auml;hr so vielen Stunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie
+zu mir einladen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich! F&uuml;r wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht
+weit.&laquo;</p>
+
+<p>Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann
+ab, dann schritten wir nach dem Hafen zur&uuml;ck. Unterwegs
+wurden nur allgemeine Bemerkungen ausgetauscht, bis
+wir an ein einst&ouml;ckiges H&auml;uschen kamen, in welches er
+trat. Es wurde durch den Eingang in zwei H&auml;lften
+geteilt. Er &ouml;ffnete die Th&uuml;r zur rechten Seite, und wir
+traten in ein kleines Gemach, dessen einziges M&ouml;bel aus
+einem niederen, h&ouml;lzernen Ger&uuml;ste bestand, &uuml;ber welches
+eine lange Matte ausgebreitet war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>&raquo;Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen
+Sie Platz!&laquo;</p>
+
+<p>Wir sch&uuml;ttelten einander nochmals die H&auml;nde, und
+ich setzte mich auf das Serir, w&auml;hrend er in einen nebenan
+liegenden Raum trat und einen gro&szlig;en Koffer &ouml;ffnete,
+der in demselben stand.</p>
+
+<p>&raquo;Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten
+doch nicht schonen,&laquo; rief er mir zu. &raquo;Passen Sie
+auf, was ich Ihnen bringe!&laquo;</p>
+
+<p>Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir
+vorsetzte:</p>
+
+<p>&raquo;Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in
+der Kaffeemaschine gekocht; es ist das beste, was man in
+dieser Hitze genie&szlig;en kann. Hier zwei Pfannkuchen, dort
+in der Tabaksb&uuml;chse gebacken &ndash; jeder einen. Da noch
+ein Rest englisches Weizenbrot &ndash; ein bi&szlig;chen altbacken,
+geht aber noch. Sie haben gute Z&auml;hne, wie ich sehe.
+Dazu diese halbe Bombaywurst &ndash; riecht vielleicht ein
+wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist echter,
+alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser
+als Wasser; ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch
+nicht notwendig. Nachher in dieser B&uuml;chse &ndash;&nbsp;&ndash; schnupfen
+Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Leider nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier! Es sind nur noch elf St&uuml;ck; die teilen wir &ndash;
+Sie zehne und ich eine.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder umgekehrt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel,
+was haben Sie da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Raten Sie!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>&raquo;Zeigen Sie einmal her!&laquo;</p>
+
+<p>Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.</p>
+
+<p>&raquo;K&auml;se!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie
+zu! Ein Messer haben Sie jedenfalls; hier ist auch eine
+Gabel.&laquo;</p>
+
+<p>Wir a&szlig;en mit Lust.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein Sachse,&laquo; sagte ich und nannte ihm
+meinen Namen. &raquo;Sie sind in Triest geboren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich hei&szlig;e Martin Albani. Mein Vater war
+seines Zeichens ein Schuster. Ich sollte etwas besseres
+werden, n&auml;mlich ein Kaufmann, hielt es aber lieber mit
+meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich
+bekam eine Stiefmutter; na &ndash; Sie wissen, wie es dann
+herzugehen pflegt. Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde
+aber mit einer Pre&szlig;nitzer Harfenistengesellschaft bekannt
+und schlo&szlig; mich ihr an. Wir gingen nach Venedig, Mailand
+und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach
+Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;. Sie gehen oft weit &uuml;ber See.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum
+Komiker; leider aber hatten wir Ungl&uuml;ck, und ich war
+froh, da&szlig; ich auf einem Bremer Kauffahrer eine Stelle
+fand. Mit diesem kam ich sp&auml;ter nach London, von wo
+aus ich mit einem Engl&auml;nder nach Indien segelte. In
+Bombay wurde ich krank in das Hospital geschafft. Der
+Verwalter desselben war ein t&uuml;chtiger Mann, aber kein
+Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte mich, als
+ich wieder gesund geworden war. Sp&auml;ter kam ich zu
+einem H&auml;ndler als Buchf&uuml;hrer; er starb am Fieber, und
+ich heiratete seine Witwe. Wir lebten kinderlos und
+gl&uuml;cklich bis zu ihrem Tode. Jetzt sehnte ich mich nach
+der Heimat zur&uuml;ck&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>&raquo;Zu Ihrem Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch er lebt nicht mehr, hat aber &ndash; Gott sei Dank! &ndash;
+keine Not gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir
+einander oft geschrieben. Nun habe ich mein Gesch&auml;ft
+verkauft und fahre langsam der Heimat zu.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war.
+Reich konnte er wohl nicht genannt werden; er machte
+auf mich den Eindruck eines Mannes, der grad so viel
+hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden
+ist.</p>
+
+<p>&raquo;Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig;te in Maskat und Aden einige Ziffern in
+Ordnung bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern
+gew&ouml;hnt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich,&laquo; lachte er. &raquo;Und nun &ndash; pressant sind
+meine Angelegenheiten nicht; ich bin mein eigener Herr
+&ndash; was thut es, wenn ich mir das rote Meer besehe?
+Sie thun es ja auch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben
+Sie nicht geglaubt, einen Bayern oder Tyroler in mir
+zu finden, als Sie mich singen h&ouml;rten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; aber doch f&uuml;hle ich mich nicht etwa entt&auml;uscht
+&ndash; wir sind ja trotzdem Landsleute und freuen uns, einander
+getroffen zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange werden Sie hier bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde
+wohl eine Woche auf ihn warten m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das freut mich; so k&ouml;nnen wir einander l&auml;nger
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns
+vielleicht doch entbehren m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>&raquo;Wie so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie? Ich denke, f&uuml;r Christen ist das verboten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings. Aber, kennt man mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so viel ich f&uuml;r meine K&uuml;che brauche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen
+haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch das; doch ist gewi&szlig;, da&szlig; mein Benehmen nicht
+genau das der Pilger sein w&uuml;rde. Wollte ich ihren Gebr&auml;uchen
+folgen, mich den vorgeschriebenen Ceremonien
+unterwerfen und gar zu Allah beten und seinen Propheten
+anrufen, so w&uuml;rde dies gewi&szlig; eine Vers&uuml;ndigung gegen
+unsern heiligen Glauben sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;rden innerlich doch anders denken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das macht die Schuld nicht geringer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, aber kein solches. &Uuml;brigens bin ich gar kein
+Mann der Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen,
+so hat es nur den Wert, da&szlig; ich es gesehen habe und
+unter Bekannten einmal davon erz&auml;hlen kann. Ich m&ouml;chte
+behaupten, da&szlig; man die Stadt des Propheten zu besuchen
+vermag, auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen,
+da&szlig; man den Pilger spielt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie, da&szlig; Mekka nur von Pilgern besucht
+wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man sollte allerdings meinen, da&szlig; auch Kaufleute
+hinkommen. Diese aber werden doch auch die heiligen
+Orte besuchen und dort beten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man wird sie aber nicht dar&uuml;ber kontrollieren. Ich
+rechne sechzehn Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet
+sie sehr gut in acht Stunden. H&auml;tte ich ein Bischarihnhedjihn<a name="FNanchor_81_81" id="FNanchor_81_81"></a><a href="#Footnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a>,
+<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>so w&uuml;rde ich blo&szlig; vier Stunden brauchen. Ich
+komme dort an, steige in irgend einem Khan ab, durchwandere
+ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe
+mir das Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige
+Stunden. Ein jeder wird mich f&uuml;r einen Moslem halten,
+und ich kann ruhig wieder zur&uuml;ckkehren.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_81_81" id="Footnote_81_81"></a><a href="#FNanchor_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Kamelart.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das klingt ganz ungef&auml;hrlich, aber gewagt ist es
+dennoch. Ich habe gelesen, da&szlig; ein Christ h&ouml;chstens bis
+auf neun Meilen an die Stadt heran darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann d&uuml;rften wir ja auch nicht in Dschidda sein,
+wenn nicht etwa nur englische Meilen gemeint sind. Auf
+dem Wege von hier nach Mekka liegen elf Kaffeeh&auml;user;
+ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten einzukehren,
+und dabei auch sagen, da&szlig; ich ein Christ bin. Die
+Zeiten haben sehr vieles ge&auml;ndert; jetzt gen&uuml;gt es, die
+Christen die Stadt nicht betreten zu lassen. Ich werde
+den Versuch wagen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen,
+da&szlig; jetzt wirklich mein Entschlu&szlig; fest stand, nach Mekka
+zu reisen. Ich brachte diesen Gedanken heim in meine
+Wohnung, schlief mit demselben ein und erwachte auch
+mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort
+gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?&laquo;
+fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten,
+bis mehrere Pilger beisammen sind und dann auf einem
+Mietkamele reiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst abreisen, sobald du willst.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>Delyls sind n&auml;mlich diejenigen Beamten, welche die
+fremden Pilger zu f&uuml;hren und darauf zu sehen haben,
+da&szlig; diese keine Vorschrift vers&auml;umen. Unter den Pilgern
+befinden sich sehr viele Frauen und M&auml;dchen. Da aber
+den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der
+Heiligt&uuml;mer verboten ist, so machen die Delyls ein Gesch&auml;ft
+daraus, sich gegen Bezahlung mit ledigen Pilgerinnen,
+die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie in Mekka
+zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt
+den Scheidebrief zu geben.</p>
+
+<p>Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so h&ouml;rte
+ich drau&szlig;en eine Stimme sagen:</p>
+
+<p>&raquo;Ist dein Herr zu Hause?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dehm arably &ndash; sprich arabisch!&laquo; antwortete Halef
+auf die deutsch gesprochene Frage.</p>
+
+<p>&raquo;Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; h&ouml;chstens
+k&ouml;nnte ich dich mit einem bi&szlig;chen T&uuml;rkisch traktieren. Aber
+warte, ich werde mich gleich selbst anmelden; denn jedenfalls
+steckt er da hinter der Th&uuml;r.&laquo;</p>
+
+<p>Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Juchheirassasa!<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn d&#8217;willst, will i a,<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn d&#8217;willst, so mach auf,<br /></span>
+<span class="i0">Denn desweg&#8217;n bin i da!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Er schien den Text seiner Schnadah&uuml;pfeln den Verh&auml;ltnissen
+anzupassen. Gewi&szlig; stand Halef vor Erstaunen
+ganz starr da drau&szlig;en, und wenn ich nicht antwortete,
+so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas h&ouml;ren. Es
+dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Soldat bin i gern<br /></span>
+<span class="i0">Und da kenn&#8217; i mi aus,<br /></span>
+<span class="i0">Doch steh i nit gern Schildwach<br /></span>
+<span class="i0">In fremder Leut Haus.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte,
+drohte er:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und a frischa Bua bin i,<br /></span>
+<span class="i0">D&#8217;rum la&szlig; dir &#8217;mal sag&#8217;n:<br /></span>
+<span class="i0">Wenn d&#8217;nit glei itzt aufmachst,<br /></span>
+<span class="i0">Thua i&#8217;s Th&uuml;rerl zerschlag&#8217;n!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen;
+ich erhob mich also und &ouml;ffnete ihm die Th&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Aha,&laquo; lachte er, &raquo;es hat also geholfen! Ich dachte
+beinahe, Sie w&auml;ren schon nach Mekka abgegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte
+ich komme!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Verlangen nach Revanche f&uuml;r Ihre gestrige
+Gastfreundschaft? Thut mir leid! Ich kann n&ouml;tigenfalls
+mit etwas Munition, aber nicht mit Proviant dienen,
+wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre Speisenkarte
+zeigte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr
+eine Frage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprechen Sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sprachen gestern wenig &uuml;ber Ihre Erlebnisse;
+aber ich vermute, da&szlig; Sie Reiter sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich reite allerdings ein wenig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur Pferd oder auch Kamel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen
+war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe noch nie auf dem R&uuml;cken eines Kameles
+gesessen. Nun h&ouml;rte ich heute fr&uuml;h, da&szlig; es ganz in der
+N&auml;he einen Dewedschi<a name="FNanchor_82_82" id="FNanchor_82_82"></a><a href="#Footnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> giebt, bei dem man f&uuml;r ein Billiges
+die M&ouml;glichkeit erh&auml;lt, einmal den Beduinen spielen
+zu k&ouml;nnen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_82_82" id="Footnote_82_82"></a><a href="#FNanchor_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>&raquo;Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thut nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe
+leistet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin darauf gefa&szlig;t. Die K&uuml;ste des roten Meeres
+bereist und nicht auf einem Kamele gesessen zu haben!
+Darf ich Sie einladen, mich zu begleiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda
+herum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder
+ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie Sie es bestimmen. Man wei&szlig; hierzulande niemals,
+was einem begegnen kann, und ein Diener ist hier
+im Orient eigentlich niemals &uuml;berfl&uuml;ssig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So geht er mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann soll ich kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In einer Stunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung.
+Untersuchen Sie, ehe Sie das Kamel besteigen, den Sattel
+und die Decke genau; eine solche Vorsicht ist stets am
+Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen
+sechsf&uuml;&szlig;igen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit
+dem lieblich klingenden Namen &#8250;Bit&#8249; bezeichnet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen
+Sprachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>&raquo;So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet,
+wie auf lateinisch das deutsche Wort &#8250;Lob&#8249;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Ist es gar so arg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn geh&ouml;rt, da&szlig;
+man diese Schmarotzer mit dem Worte &#8250;Bergleute&#8249; bezeichnet,
+jedenfalls, weil sie von oben nach unten arbeiten.
+Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten
+der Araber und mit den Bergleuten der Kamele
+zu thun. Ein Gl&uuml;ck ist es nur, da&szlig; die ersteren eine so
+r&uuml;hrende Treue f&uuml;r ihre Herren und Meister besitzen und
+folglich es verschm&auml;hen, einen Giaur wenigstens f&ouml;rmlich
+zu &uuml;berfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke
+unter, welche Sie nach dem Ritt dem n&auml;chsten Pastetenb&auml;cker
+geben, der sie f&uuml;r wenige Borbi<a name="FNanchor_83_83" id="FNanchor_83_83"></a><a href="#Footnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a> in seinem Ofen
+ausbrennen wird.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_83_83" id="Footnote_83_83"></a><a href="#FNanchor_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Ein Para hat acht Borbi.</p></div>
+
+<p>&raquo;Nicht &uuml;bel! Nehmen wir Waffen mit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser
+Vorsicht gezwungen, da ich jeden Augenblick hier oder in
+der Umgebung Feinde treffen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft
+eines Seer&auml;ubers, dem ich erst gestern fr&uuml;h entflohen bin.
+Er ist auf dem Wege nach Mekka und kann sich sehr
+leicht noch hier in Dschidda befinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige
+beikommen, obgleich mein Leben keinen Pfennig wert ist,
+sobald wir uns begegnen sollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum sollte ich davon sprechen? Man h&ouml;rt und
+liest jetzt sehr oft, da&szlig; das Leben immer n&uuml;chterner werde
+<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span>und es gar keine Abenteuer mehr gebe. Vor nur wenigen
+Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten,
+welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man k&ouml;nne die
+alte Welt von Hammerfest bis zur Capstadt und von
+England bis nach Japan durchreisen, ohne nur eine Spur
+von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich
+widersprach ihm nicht, aber ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; es nur
+auf die Pers&ouml;nlichkeit des Reisenden und auf die Art und
+Weise der Reise ankommt. Eine Reise per Entreprise
+oder mit Rundreisebillet wird sehr zahm sein, selbst wenn
+sie nach Celebes oder zu den Feuerl&auml;ndern gehen sollte.
+Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und
+Bahnen, das Kanoe dem Steamer und die B&uuml;chse dem
+wohl visierten Passe vor; auch reise ich lieber nach Timbuktu
+oder Tobolsk als nach Nizza oder Helgoland; ich
+verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen
+B&auml;deker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger
+Geld zur Verf&uuml;gung, als mancher braucht, um von Prag
+aus die Kaiserstadt Wien eine Woche lang zu besuchen,
+und &ndash; ich habe mich &uuml;ber den Mangel an Abenteuern
+niemals zu beklagen gehabt. Wer mit gro&szlig;en Mitteln
+die Atlasl&auml;nder oder die Weststaaten Nordamerikas besucht,
+dem stehen eben diese Mittel im Wege; wer aber
+mit leichter Tasche kommt, der wird bei den Beduinen
+Gastfreundschaft suchen und sich n&uuml;tzlich machen, dr&uuml;ben
+im wilden Westen aber sich sein Brot schie&szlig;en und mit
+hundert Gefahren k&auml;mpfen m&uuml;ssen; ihm wird es nie an
+Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten, da&szlig; uns nachher
+bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es
+auch ein nur kleines sein? Die Recken fr&uuml;herer Zeiten
+zogen aus, um Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden
+reisen als <em class="antiqua">Commis-voyageurs</em>, Touristen, Sommerfrischler,
+B&auml;derbummler oder Kirme&szlig;g&auml;ste; sie erleben ihre Abenteuer
+<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>unter dem Regenschirme, an der <em class="antiqua">Table d&#8217;h&ocirc;te</em>, bei
+einer imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem
+<em class="antiqua">Scating-Ring</em>. Wollen wir wetten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie machen mich wirklich neugierig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht
+ein Abenteuer, wenn Sie in der Dschungel zwei
+Tigern begegnen, welche sich auf Leben und Tod bek&auml;mpfen;
+ich nenne es ein ebenso gro&szlig;es Abenteuer, wenn ich am
+Waldesrande auf zwei Ameisenv&ouml;lker sto&szlig;e, deren Kampf
+nicht blo&szlig; in Beziehung auf Mut und K&ouml;rperanstrengung
+eine Hunnen- oder Gotenschlacht zu nennen ist, sondern
+uns auch solche Beispiele von Aufopferung, Gehorsam
+und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt,
+da&szlig; wir dar&uuml;ber blo&szlig; erstaunen m&uuml;ssen. Gottes Allmacht
+zeigt sich herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen
+beiden Tigern, die Ihnen blo&szlig; deshalb gr&ouml;&szlig;er erscheinen,
+weil Sie sich vor ihnen f&uuml;rchten. Doch, gehen Sie jetzt
+und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit der
+gr&ouml;&szlig;ten Hitze eine Quelle finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung
+auf das Abenteuer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich halte es.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht
+gehalten; denn zu einem Erstlingsritt auf dem Kamele
+geh&ouml;rt unbedingt eine in das Romantische hin&uuml;berklingende
+Seelenstimmung.</p>
+
+<p>Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis
+Wohnung trat, starrte derselbe in Waffen.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder
+wollen wir erst etwas genie&szlig;en?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier
+diese ganze Tasche voll.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>&raquo;Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant
+mit? Weg damit! Wenn uns hungert, so suchen
+wir uns ein Duar<a name="FNanchor_84_84" id="FNanchor_84_84"></a><a href="#Footnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a>. Dort finden wir Datteln, Mehl,
+Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_84_84" id="Footnote_84_84"></a><a href="#FNanchor_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Zeltdorf.</p></div>
+
+<p>&raquo;Tschekir? Was ist das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken,
+Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte
+Milch mit K&auml;semaden i&szlig;t, f&uuml;r den m&uuml;ssen Heuschrecken
+eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange Zeit Heuschrecken
+mit wildem Honig gegessen hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger
+Mann. Haben Sie eine Decke?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verf&uuml;gung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r den ganzen Tag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner
+Leute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ohne Begleitung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall
+Kaution legen m&uuml;ssen, daf&uuml;r aber befinden wir uns um
+so wohler und ungest&ouml;rter. Kommen Sie!&laquo;</p>
+
+<p>Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von
+ihm. Ich sah es dem Manne sofort an, da&szlig; er kein
+Araber sondern ein T&uuml;rke war. In seinem Hofe standen
+drei Kamele, &uuml;ber welche man h&auml;tte weinen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist dein Stall?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>&raquo;Dort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in
+zwei Teile schied.</p>
+
+<p>&raquo;&Ouml;ffne die Th&uuml;r!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin
+befinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind solche darin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zeige sie mir!&laquo;</p>
+
+<p>Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher &ouml;ffnete
+er und lie&szlig; mich einen Blick in die andere Abteilung
+werfen. Dort lagen acht der sch&ouml;nsten Reitkamele. Ich
+trat n&auml;her und betrachtete sie.</p>
+
+<p>&raquo;Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin<a name="FNanchor_85_85" id="FNanchor_85_85"></a><a href="#Footnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> f&uuml;r
+die drei Kamele, welche du uns gesattelt hast?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_85_85" id="Footnote_85_85"></a><a href="#FNanchor_85_85"><span class="label">[85]</span></a> &raquo;Hoheit&laquo;.</p></div>
+
+<p>&raquo;F&uuml;nf Mahbubzechinen<a name="FNanchor_86_86" id="FNanchor_86_86"></a><a href="#Footnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> f&uuml;r alle drei.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_86_86" id="Footnote_86_86"></a><a href="#FNanchor_86_86"><span class="label">[86]</span></a> &agrave; 5 Mark, in Summa also 25 Mark.</p></div>
+
+<p>&raquo;Und f&uuml;r einen solchen Preis bekommen wir diese
+Lasttiere mit wunden Beinen und F&uuml;&szlig;en! Schau her, du
+kannst durch ihre Seiten blicken; ihre Lefzen h&auml;ngen auf
+die Seite, wie hier dein zerrissener Jacken&auml;rmel, und ihre
+H&ouml;cker &ndash; ah Dewedschi, sie haben keinen H&ouml;cker! Sie
+haben eine weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt
+und kraftlos, so da&szlig; sie kaum den Sattel tragen k&ouml;nnen.
+Und wie sehen diese S&auml;ttel aus! Schau her, Mann! Was
+marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns
+andere Kamele und andere Decken und andere S&auml;ttel!&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich halb mi&szlig;trauisch und halb zornig an.</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du, da&szlig; du mir einen solchen Befehl geben
+magst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Gro&szlig;herrn?
+Soll ich ihm erz&auml;hlen, da&szlig; du ein Betr&uuml;ger bist
+<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span>und deine armen Tiere zu Tode schindest? Schnell, sattle
+dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und das graue
+in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche H&auml;nde machen!&laquo;</p>
+
+<p>Ein Beduine h&auml;tte sofort zur Pistole oder zum Messer
+gegriffen; dieser Mann aber war ein T&uuml;rke. Er beeilte
+sich, meinem Befehle Folge zu leisten, und bald lagen seine
+drei besten Kamele mit sehr reinlichem Sattelzeug vor uns
+auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef:</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!&laquo;</p>
+
+<p>Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches
+Albani tragen sollte, auf die zusammengezogenen Vorderbeine.</p>
+
+<p>&raquo;Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel ber&uuml;hren,
+geht das Hedjihn in die H&ouml;he, und zwar vorn zuerst, so
+da&szlig; Sie nach hinten geworfen werden. Dann erhebt es
+sich hinten, und Sie sto&szlig;en nach vorn. Diese beiden St&ouml;&szlig;e
+m&uuml;ssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres
+K&ouml;rpers unsch&auml;dlich zu machen suchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will es versuchen.&laquo;</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te an und schwang sich auf. Sofort erhob
+sich das Tier, trotzdem ich meinen Fu&szlig; nicht von seinen
+Beinen genommen hatte. Der gute Schnadah&uuml;pfels&auml;nger
+flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn fest
+anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in
+die H&ouml;he, und da er die H&auml;nde noch immer vorn hatte,
+so flog er ganz regelrecht aus dem Sattel und &uuml;ber den
+Kopf des Kamels hinweg herunter in den Sand.</p>
+
+<p>&raquo;Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!&laquo;
+meinte er, indem er sich erhob und die Achsel rieb, mit
+welcher er aufgesto&szlig;en war. &raquo;Aber hinauf mu&szlig; ich doch.
+Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rrree!&laquo;</p>
+
+<p>Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite
+<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>Versuch gelang, obgleich der Reiter zwei derbe St&ouml;&szlig;e
+auszuhalten hatte. Ich mu&szlig;te dem Verleiher noch einen
+Verweis geben:</p>
+
+<p>&raquo;Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und auch lenken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, du kannst es nicht, denn du wei&szlig;t ja nicht
+einmal, da&szlig; ein Metrek<a name="FNanchor_87_87" id="FNanchor_87_87"></a><a href="#Footnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> dazu geh&ouml;rt!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_87_87" id="Footnote_87_87"></a><a href="#FNanchor_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Ein kleines, nach au&szlig;en umgebogenes St&ouml;ckchen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Verzeihe, Herr!&laquo;</p>
+
+<p>Er gab einen Wink, und die St&auml;bchen wurden herbeigebracht.
+Jetzt stieg auch ich auf.</p>
+
+<p>Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren,
+als es der Fall gewesen w&auml;re, wenn wir uns mit den
+abgetriebenen Lastkamelen begn&uuml;gt h&auml;tten. Unsere jetzigen
+S&auml;ttel waren sehr h&uuml;bsch mit Troddeln und bunter Stickerei
+verziert und die Decken so gro&szlig;, da&szlig; sie die Tiere ganz
+bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo; fragte ich Albani.</p>
+
+<p>&raquo;Das &uuml;berlasse ich Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut; also zum Bab el Medina hinaus!&laquo;</p>
+
+<p>Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden
+auf sich; seine Kleidung war zu auff&auml;llig. Ich
+lenkte daher durch mehrere Seitenstra&szlig;en und brachte uns
+nach einigen Umwegen gl&uuml;cklich zum Thore hinaus. Dort
+ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier
+und Habeschaner und gelangten dann sofort in die W&uuml;ste,
+welche sich ohne einen Pflanzen&uuml;bergangsg&uuml;rtel bis direkt
+an das Weichbild aller St&auml;dte des Hedschas erstreckt.</p>
+
+<p>Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel
+gehalten. Nun aber fielen unsere Kamele ganz freiwillig
+<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>in jenen B&auml;rentrott, der ihre gew&ouml;hnliche Gangart ist
+und durch welchen jeder Neuling in die eigent&uuml;mliche Lage
+versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen, auch ohne
+einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. W&auml;hrend
+der ersten Schritte lachte er &uuml;ber sich selbst. Er besa&szlig;
+nicht das Geschick, durch eigene Bewegungen die St&ouml;&szlig;e zu
+mildern, welche ihm sein Tier erteilte; er schwankte her&uuml;ber,
+hin&uuml;ber, nach hinten und nach vorn; seine lange,
+arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger
+Sarras schlug klirrend an die Seite des Kameles. Er
+nahm ihn also zwischen die Beine, schnalzte mit den
+Fingern und sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,<br /></span>
+<span class="i0">Mei Sabel macht mir halt M&uuml;h,<br /></span>
+<span class="i0">Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt,<br /></span>
+<span class="i0">Das Kamel is ein sakrisch Vieh!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf
+die Nase: es stieg empor und scho&szlig; dann vorw&auml;rts, da&szlig;
+der Sand mehrere Ellen hoch hinter mir aufwirbelte. Die
+beiden anderen Kamele folgten nat&uuml;rlich, und nun war
+es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in
+der linken und die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte
+diese beiden Gegenst&auml;nde als Balancestangen, indem
+er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das
+Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick
+dar.</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;ngen Sie das Schie&szlig;eisen &uuml;ber und halten Sie
+sich mit den H&auml;nden am Sattel fest!&laquo; rief ich ihm zu.</p>
+
+<p>&raquo;Hat sich sein &ndash;&nbsp;&ndash; hopp! &ndash;&nbsp;&ndash; hat sich sein &ndash;&nbsp;&ndash;
+&ouml;h, brrr, ah! &ndash; hat sich sein &Uuml;berh&auml;ngen! Ich habe ja
+gar kei&ndash; &ndash;&nbsp;&ndash; hopp, au! &ndash;&nbsp;&ndash; gar keine Zeit dazu!
+Halten Sie doch Ihr ver&ndash; &ndash; hoppsa, &ouml;h, brr! &ndash; Ihr
+verw&uuml;nschtes Viehzeug an!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>&raquo;Ich verkomme ja mit ihm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber das mei&ndash; &ndash; oh, brrr, &ouml;h! &ndash; das meinige
+rennt ihm ja wie bes&ndash; &ndash; h&uuml;h, hoppah! &ndash; wie
+besessen nach!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halten Sie es an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit was denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Fu&szlig; und dem Z&uuml;gel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Fu&szlig;, den bringe ich ja gar nicht in &ndash;&nbsp;&ndash;
+hoppsa! &ndash; nicht in die H&ouml;he, und den Z&uuml;gel, den habe
+&ndash;&nbsp;&ndash; halt &ndash; &ouml;h, halt &ouml;h! &ndash; den habe ich nicht mehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So m&uuml;ssen Sie warten, bis das Tier von selber
+steht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich habe gar kei&ndash; &ndash;&nbsp;&ndash; brrrr, oh! gar
+keinen Atem mehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich wieder vorw&auml;rts und horchte nicht
+mehr auf seine Interjektionen. Er befand sich in guten
+H&auml;nden, da Halef an seiner Seite ritt.</p>
+
+<p>Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung
+hinter uns, und nun breitete sich die offene
+Ebene vor uns aus. Albani schien sich nach und nach
+im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So
+hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei
+deutsche Meilen zur&uuml;ckgelegt, als vor uns die Gestalt
+eines einzelnen Reiters auftauchte. Er war wohl eine
+halbe Meile von uns entfernt und ritt dem Anschein nach
+ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand
+f&ouml;rmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn
+Minuten hielten wir einander gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen
+und hatte die Kapuze seines Burnus weit &uuml;ber das Gesicht
+gezogen. Sein Kamel war mehr wert als unsere drei zusammen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>&raquo;Sallam aale&iuml;kum, Friede sei mit dir!&laquo; gr&uuml;&szlig;te er
+mich, w&auml;hrend er die Hand entbl&ouml;&szlig;te, um die Verh&uuml;llung
+zu entfernen.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum!&laquo; antwortete ich. &raquo;Welches ist dein Weg
+hier in der W&uuml;ste?&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die
+Stimme eines Weibes; seine Hand war zwar braun, aber
+klein und zart, und als er jetzt die Kapuze entfernte, erblickte
+ich ein vollst&auml;ndig bartloses Angesicht, aus welchem
+mich zwei gro&szlig;e, braune Augen lebhaft musterten &ndash; es
+war kein Mann, sondern eine Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Weg ist &uuml;berall,&laquo; antwortete sie. &raquo;Wohin
+f&uuml;hrt dich der deinige?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten
+und dann wieder nach der Stadt zur&uuml;ckkehren.&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien
+mi&szlig;trauisch zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;So wohnest du in der Stadt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; ich bin fremd in derselben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Pilger?&laquo;</p>
+
+<p>Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt,
+hier f&uuml;r einen Muhammedaner zu gelten; aber da
+ich direkt befragt wurde, so fiel es mir nicht ein, mit
+einer L&uuml;ge zu antworten.</p>
+
+<p>&raquo;Nein; ich bin kein Hadschi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht
+her, um nach Mekka zu gehen? Entweder warst du fr&uuml;her
+in der heiligen Stadt, oder du bist kein Rechtgl&auml;ubiger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube
+ist nicht der eurige.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du ein Jude?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; ich bin ein Christ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und diese beiden?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span>&raquo;Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem,
+der nach Mekka gehen will.&laquo;</p>
+
+<p>Da hellte sich ihr Gesicht pl&ouml;tzlich auf, und sie wandte
+sich an Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist deine Heimat, Fremdling?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Westen, weit von hier, hinter der gro&szlig;en W&uuml;ste.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du ein Weib?&laquo;</p>
+
+<p>Er erstaunte gerade so wie ich &uuml;ber diese Frage,
+welche auszusprechen ganz gegen die Sitte des Orients
+war. Er antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin sein Diener und sein Freund.&laquo;</p>
+
+<p>Da wandte sie sich wieder zu mir:</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, komm und folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du ein Schw&auml;tzer, oder f&uuml;rchtest du dich vor
+einem Weibe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah! Vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur
+zur&uuml;ck, welche die F&uuml;&szlig;e des Tieres vorher im Sande zur&uuml;ckgelassen
+hatten. Ich hielt mich an ihrer Seite, und
+die andern beiden blieben hinter uns.</p>
+
+<p>&raquo;Nun,&laquo; fragte ich zu Albani zur&uuml;ck, &raquo;hatte ich nicht
+recht mit dem Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?&laquo;</p>
+
+<p>Albani sang statt der Antwort:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;D&ouml;s Dirndel ist sauba<br /></span>
+<span class="i0">Vom Fua&szlig; bis zum Kopf,<br /></span>
+<span class="i0">Nur am Hals hat&#8217;s a Binkerl,<br /></span>
+<span class="i0">D&ouml;s hoa&szlig;t ma an Kropf.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und
+die Strahlen der W&uuml;stensonne, sowie die Strapazen und
+Entbehrungen hatten ihr Angesicht gebr&auml;unt und demselben
+<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie
+gewi&szlig; nicht h&auml;&szlig;lich gewesen, das sah man ihr heute noch
+sehr deutlich an. Was f&uuml;hrte sie so ganz allein in die
+W&uuml;ste? Warum hatte sie den Weg nach Dschidda eingeschlagen
+und kehrte nun mit uns zur&uuml;ck? Warum war
+sie sichtlich erfreut gewesen, als sie h&ouml;rte, da&szlig; Halef nach
+Mekka gehen wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie
+uns f&uuml;hren werde? &ndash; Sie war mir ein R&auml;tsel. Sie trug
+eine Flinte und an ihrem G&uuml;rtel einen Yatagan; ja, in
+den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener
+Wurfspie&szlig;e stecken, welche in der Hand eines gewandten
+Arabers so gef&auml;hrlich sind. Sie machte ganz den Eindruck
+einer selbst&auml;ndigen, furchtlosen Amazone, und dieses
+letztere Wort war ganz am Platze, da solche kriegerische
+Frauen in manchen Gegenden des Orients &ouml;fter zu sehen
+sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere
+Stellung gew&auml;hrt ist.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das f&uuml;r eine Sprache?&laquo; fragte sie, als sie
+die Antwort Albanis h&ouml;rte.</p>
+
+<p>&raquo;Die Sprache der Deutschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bist du ein Nemtsche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Nemtsche m&uuml;ssen tapfere Leute sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der tapferste Mann war der &#8250;Sultan el Kebihr&#8249;, und
+dennoch haben ihn die Nemtsche-schimakler<a name="FNanchor_88_88" id="FNanchor_88_88"></a><a href="#Footnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a>, die Nemtsche-memleketler<a name="FNanchor_89_89" id="FNanchor_89_89"></a><a href="#Footnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a>
+und die Moskowler besiegt. Warum werde
+ich von deinem Auge so scharf betrachtet?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_88_88" id="Footnote_88_88"></a><a href="#FNanchor_88_88"><span class="label">[88]</span></a> N&ouml;rdlichen Deutschen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_89_89" id="Footnote_89_89"></a><a href="#FNanchor_89_89"><span class="label">[89]</span></a> &Ouml;sterreicher.</p></div>
+
+<p>Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang
+der Freiheitskriege geh&ouml;rt; sie hatte sicher eine nicht gew&ouml;hnliche
+Vergangenheit hinter sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span>&raquo;Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,&laquo;
+antwortete ich. &raquo;Ich bin nicht gewohnt, in deinem Lande
+ein Weib so kennen zu lernen, wie dich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Weib, welches Waffen tr&auml;gt? Welches M&auml;nner
+t&ouml;tet? Welches sogar seinen Stamm regiert? Hast du
+nicht von Ghali&euml; geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ghali&euml;?&laquo; fragte ich, mich besinnend; &raquo;war sie nicht
+vom Stamme Begum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe, da&szlig; du sie kennst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und
+schlug in der Schlacht bei Taraba die Truppen des Mehemed
+Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es. Siehst du nun, da&szlig; auch ein Weib sein
+darf wie ein Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sagt der Kuran dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Kuran?&laquo; fragte sie mit einer Geb&auml;rde der Geringsch&auml;tzung.
+&raquo;Der Kuran ist ein Buch; hier habe ich
+meinen Yatagan, mein T&uuml;fenk<a name="FNanchor_90_90" id="FNanchor_90_90"></a><a href="#Footnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a> und meinen Dscherid<a name="FNanchor_91_91" id="FNanchor_91_91"></a><a href="#Footnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a>.
+Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_90_90" id="Footnote_90_90"></a><a href="#FNanchor_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Flinte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_91_91" id="Footnote_91_91"></a><a href="#FNanchor_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Wurfspie&szlig;.</p></div>
+
+<p>&raquo;An die Waffen. Du siehst also, da&szlig; ich kein Giaur
+bin, denn ich denke ganz dasselbe, was du denkst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du auch an deine Waffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz<a name="FNanchor_92_92" id="FNanchor_92_92"></a><a href="#Footnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a>
+der Christen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_92_92" id="Footnote_92_92"></a><a href="#FNanchor_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Heiliges Buch.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.&laquo;</p>
+
+<p>Das war nun allerdings ein Kompliment f&uuml;r mich,
+da der Araber gewohnt ist, den Mann nach den Waffen
+zu beurteilen, welche er tr&auml;gt. Sie fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat mehr Feinde get&ouml;tet, du oder dein Freund?&laquo;</p>
+
+<p>Kam es auf die Waffen an, so mu&szlig;te Albani allerdings
+bedeutend tapferer sein als ich; dennoch war ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>&uuml;berzeugt, da&szlig; der gute Triester mit seinem Sarras gewi&szlig;
+noch keinem Menschen gef&auml;hrlich geworden sei. Ich antwortete
+aber ausweichend:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mit ihm noch nicht dar&uuml;ber gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele Male hast du eine Intikam<a name="FNanchor_93_93" id="FNanchor_93_93"></a><a href="#Footnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> gehabt?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_93_93" id="Footnote_93_93"></a><a href="#FNanchor_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Blutrache.</p></div>
+
+<p>&raquo;Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen
+Feind zu t&ouml;ten; er wird get&ouml;tet durch das Gesetz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn jetzt Abu-Se&iuml;f k&auml;me und dich t&ouml;ten
+wollte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So w&uuml;rde ich mich wehren und ihn im Notfalle
+t&ouml;ten, denn die Notwehr ist hier erlaubt. Aber du sprichst
+vom &#8250;Vater des S&auml;bels&#8249;; kennst du ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast
+du von ihm geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nicht blo&szlig; von Abu-Se&iuml;f geh&ouml;rt, sondern
+ihn gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir
+herum.</p>
+
+<p>&raquo;Gesehen? Wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor noch nicht vielen Stunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener
+und bin ihm gestern entflohen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist sein Schiff?&laquo;</p>
+
+<p>Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Dort liegt es in einer Bucht versteckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und er ist darauf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Er ist in Mekka, um dem Gro&szlig;scherif ein
+Geschenk zu bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Gro&szlig;scherif ist nicht in Mekka, sondern in Ta&iuml;f.
+Ich habe dir eine gro&szlig;e Botschaft zu verdanken. Komm!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span>Sie trieb ihr Dschemmel zu gr&ouml;&szlig;erer Eile an und
+lenkte nach einiger Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe
+von Bodenerhebungen am Horizonte sichtbar wurde. Als
+wir n&auml;her kamen, bemerkte ich, da&szlig; dieser H&ouml;henzug aus
+demselben sch&ouml;nen grauen Granit bestand, wie ich ihn
+sp&auml;ter bei Mekka wieder fand. In einer Thalmulde
+standen einige Zelte. Sie deutete mit der Hand auf dieselben
+und meinte:</p>
+
+<p>&raquo;Dort wohnen sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Beni-k&uuml;fr<a name="FNanchor_94_94" id="FNanchor_94_94"></a><a href="#Footnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> vom Stamme der Ate&iuml;beh.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_94_94" id="Footnote_94_94"></a><a href="#FNanchor_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Verfluchten.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich denke, die Ate&iuml;beh wohnen in El Zallaleh,
+Taleh und dem Wadi el Nobejat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles
+erfahren!&laquo;</p>
+
+<p>Vor den Zelten lagen wohl an die drei&szlig;ig Kamele
+nebst einigen Pferden am Boden, und eine Anzahl d&uuml;rrer,
+struppiger W&uuml;stenhunde erhob bei unserem Nahen ein
+w&uuml;tendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte
+hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten
+ein sehr kriegerisches Aussehen.</p>
+
+<p>&raquo;Wartet hier!&laquo; befahl die Gebieterin.</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat
+zu den M&auml;nnern. Mein Gespr&auml;ch mit ihr war weder
+von Albani noch von Halef vernommen worden.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; fragte Halef, &raquo;zu welchem Stamme geh&ouml;ren
+diese Leute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Stamme Ate&iuml;beh.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe von ihm geh&ouml;rt. Zu ihm z&auml;hlen die
+tapfersten M&auml;nner dieser W&uuml;ste, und keine Pilgerkarawane
+ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind die gr&ouml;&szlig;ten Feinde
+<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>der Dschehe&iuml;ne, zu denen Abu Se&iuml;f geh&ouml;rt. Was will
+das Weib von uns?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werden wir es erfahren. Aber halte deine
+Waffen bereit, Sihdi; ich traue ihnen nicht, denn es sind
+Ausgesto&szlig;ene und Verfluchte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woran erkennst du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; alle Bedawis<a name="FNanchor_95_95" id="FNanchor_95_95"></a><a href="#Footnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a>, welche in der
+Gegend von Mekka wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern,
+die Asche von dem R&auml;ucherholze und den Staub
+von der Th&uuml;rschwelle der Kaaba sammeln und sich damit
+die Stirn einreiben? Diese M&auml;nner hier aber haben nichts
+an ihren Stirnen; sie d&uuml;rfen nicht nach Mekka und nicht
+zur Kaaba; sie sind verflucht.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_95_95" id="Footnote_95_95"></a><a href="#FNanchor_95_95"><span class="label">[95]</span></a> Beduinen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Aus welchem Grunde kann man sie ausgesto&szlig;en
+haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den
+M&auml;nnern gesprochen, worauf einer von ihnen sich uns
+n&auml;herte. Er war ein Greis von ehrw&uuml;rdigem Aussehen.</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet
+in unsere Zelte. Ihr sollt unsere G&auml;ste sein.&laquo;</p>
+
+<p>Diese letztere Versicherung gab mir die &Uuml;berzeugung,
+da&szlig; wir keinerlei Gefahr bei ihnen zu f&uuml;rchten h&auml;tten.
+Hat der Araber einmal das Wort Misafir<a name="FNanchor_96_96" id="FNanchor_96_96"></a><a href="#Footnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a> ausgesprochen,
+so darf man ihm vollst&auml;ndiges Vertrauen schenken. Wir
+stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte
+gef&uuml;hrt, wo wir uns auf dem Serir<a name="FNanchor_97_97" id="FNanchor_97_97"></a><a href="#Footnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> niederlie&szlig;en und
+mit einem frugalen Mahle bewirtet wurden.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_96_96" id="Footnote_96_96"></a><a href="#FNanchor_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Gast.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_97_97" id="Footnote_97_97"></a><a href="#FNanchor_97_97"><span class="label">[97]</span></a> Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.</p></div>
+
+<p>W&auml;hrend wir a&szlig;en, ward kein Wort gesprochen.
+Dann aber wurde uns je ein Bery gereicht, und w&auml;hrend
+<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der wohl aus
+Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.</p>
+
+<p>Da&szlig; wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer
+Beweis, da&szlig; diese Leute keine Reicht&uuml;mer besa&szlig;en. In
+der Gegend der heiligen Stadt raucht man n&auml;mlich aus
+dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte
+ist der Khedra. Er ruht gew&ouml;hnlich auf einem Dreifu&szlig;,
+besteht aus gediegenem, sch&ouml;n ciseliertem Silber und ist
+mit einem langen Schlauch versehen, welcher Lei&euml;h genannt
+wird und je nach dem Reichtume des Besitzers mit Edelsteinen
+oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem Khedra
+raucht man meist nur den k&ouml;stlichen Tabak von Schiras.
+Die zweite Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem
+Khedra ziemlich &auml;hnlich, nur etwas kleiner und weniger
+kostbar. Die dritte und gew&ouml;hnlichste Sorte ist der Bery.
+Er besteht aus einer mit Wasser gef&uuml;llten Kokosschale, in
+welcher der Kopf und &ndash; statt des Schlauches &ndash; ein Rohr
+befestigt wird.</p>
+
+<p>Es waren &uuml;ber zwanzig M&auml;nner in dem Zelte. Der
+Alte, welcher uns begr&uuml;&szlig;t hatte, f&uuml;hrte das Wort:</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der Scheik el Urdi<a name="FNanchor_98_98" id="FNanchor_98_98"></a><a href="#Footnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> und habe mit dir zu
+reden, Sihdi. Die Sitte verbietet, den Gast mit Fragen
+zu qu&auml;len; aber ich werde dich dennoch nach einigem fragen
+m&uuml;ssen. Erlaubst du mir es?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_98_98" id="Footnote_98_98"></a><a href="#FNanchor_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Gebieter des Lagers.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich erlaube es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du geh&ouml;rst zu den Ne&szlig;arah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich bin ein Christ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was thust du hier im Lande der Gl&auml;ubigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen
+lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>&raquo;Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du
+dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kehre in meine Heimat zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, Gott ist gro&szlig;, und die Gedanken der
+Ne&szlig;arah sind unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich
+werde glauben, was du sagest. Ist dieser Mann dein
+Diener?&laquo;</p>
+
+<p>Er deutete dabei auf Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist mein Diener und mein Freund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek<a name="FNanchor_99_99" id="FNanchor_99_99"></a><a href="#Footnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a>
+gesprochen; sie sagte mir, da&szlig; dein Diener nach
+Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu werden.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_99_99" id="Footnote_99_99"></a><a href="#FNanchor_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Tochter des Scheik Malek.</p></div>
+
+<p>&raquo;Sie hat dir das Rechte gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst auf ihn warten, bis er zur&uuml;ckkehrt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache
+der Gl&auml;ubigen. Wei&szlig;t du, was ein Delyl ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Delyl ist ein F&uuml;hrer, welcher das Gewerbe
+treibt, den Pilgern die heiligen Orte und die Merkw&uuml;rdigkeiten
+von Mekka zu zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t es. Aber ein Delyl betreibt auch noch
+ein anderes Gesch&auml;ft. Es ist den ledigen Frauen verboten,
+die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun eine
+Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und
+verm&auml;hlt sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt
+sie als sein Weib nach Mekka, wo sie die Faradh und
+Wadschib<a name="FNanchor_100_100" id="FNanchor_100_100"></a><a href="#Footnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> erf&uuml;llt; wenn dies geschehen ist, giebt er sie
+wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird f&uuml;r
+seine M&uuml;he bezahlt.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_100_100" id="Footnote_100_100"></a><a href="#FNanchor_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Unerl&auml;&szlig;liche und erforderliche Handlungen.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>&raquo;Auch dies wei&szlig; ich.&laquo;</p>
+
+<p>Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig.
+Welche Absichten leiteten ihn, die Pilgerfahrt
+Halefs mit dem Amte eines Delyl in Verbindung zu
+bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden
+&Uuml;bergang bat er:</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube deinem Diener, f&uuml;r die Zeit seiner Hadsch
+ein Delyl zu sein!&laquo;</p>
+
+<p>Das war &uuml;berraschend.</p>
+
+<p>&raquo;Wozu?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis
+ausgesprochen hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte,
+welche jedenfalls von der Beh&ouml;rde eingesetzt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten
+und sie nach der Pilgerfahrt wieder frei zu geben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine
+Erlaubnis gern, wenn du denkst, da&szlig; sie erforderlich ist.
+Er ist ein freier Mann; du mu&szlig;t dich an ihn selbst
+wenden.&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein f&ouml;rmlicher Genu&szlig;, das Gesicht meines
+guten Halef zu beobachten. Er war ganz verdutzt.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du es thun?&laquo; fragte ihn der Alte.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich das M&auml;dchen vorher sehen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Scheik l&auml;chelte ein wenig und antwortete dann:</p>
+
+<p>&raquo;Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist
+oder jung, ob sch&ouml;n oder h&auml;&szlig;lich, das ist ganz gleichg&uuml;ltig;
+denn du wirst sie nach der Hadsch doch wieder freigeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind die Benaht el Arab<a name="FNanchor_101_101" id="FNanchor_101_101"></a><a href="#Footnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a> wie die T&ouml;chter der
+T&uuml;rken, welche sich nicht sehen lassen d&uuml;rfen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_101_101" id="Footnote_101_101"></a><a href="#FNanchor_101_101"><span class="label">[101]</span></a> T&ouml;chter der Araber.</p></div>
+
+<p>&raquo;Die T&ouml;chter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht
+zu verbergen. Du sollst das M&auml;dchen sehen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden
+vom Boden und verlie&szlig; das Zelt. Nach kurzer Zeit trat
+er mit einem M&auml;dchen ein, dessen &Auml;hnlichkeit mit der
+Amazone mich erraten lie&szlig;, da&szlig; diese die Mutter desselben
+sei.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sie; blicke sie an!&laquo; sagte der Scheik.</p>
+
+<p>Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen
+Gebrauch. Die vielleicht f&uuml;nfzehnj&auml;hrige, aber
+bereits vollst&auml;ndig erwachsene dunkel&auml;ugige Sch&ouml;ne schien
+ihm zu gefallen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;est du?&laquo; fragte er sie.</p>
+
+<p>&raquo;Hanneh<a name="FNanchor_102_102" id="FNanchor_102_102"></a><a href="#Footnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a>,&laquo; antwortete sie.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_102_102" id="Footnote_102_102"></a><a href="#FNanchor_102_102"><span class="label">[102]</span></a> Anna.</p></div>
+
+<p>&raquo;Dein Auge gl&auml;nzt wie Nur el Kamar<a name="FNanchor_103_103" id="FNanchor_103_103"></a><a href="#Footnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a>; deine
+Wangen leuchten wie Zahari<a name="FNanchor_104_104" id="FNanchor_104_104"></a><a href="#Footnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a>; deine Lippen gl&uuml;hen wie
+R&ouml;mmahm<a name="FNanchor_105_105" id="FNanchor_105_105"></a><a href="#Footnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a>, und deine Wimpern sind schattig wie die
+Bl&auml;tter von el Szemt<a name="FNanchor_106_106" id="FNanchor_106_106"></a><a href="#Footnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a>. Mein Name lautet Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,
+und wenn ich kann, so werde ich deinen Wunsch
+erf&uuml;llen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_103_103" id="Footnote_103_103"></a><a href="#FNanchor_103_103"><span class="label">[103]</span></a> Licht des Mondes.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_104_104" id="Footnote_104_104"></a><a href="#FNanchor_104_104"><span class="label">[104]</span></a> Blumen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_105_105" id="Footnote_105_105"></a><a href="#FNanchor_105_105"><span class="label">[105]</span></a> Granat&auml;pfel.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_106_106" id="Footnote_106_106"></a><a href="#FNanchor_106_106"><span class="label">[106]</span></a> Akazie.</p></div>
+
+<p>Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht
+blo&szlig; wie Nur el Kamar, sondern wie Nur esch Schemms<a name="FNanchor_107_107" id="FNanchor_107_107"></a><a href="#Footnote_107_107" class="fnanchor">[107]</a>;
+seine Sprache trieb poetische Bl&uuml;ten; vielleicht stand er
+am Rande desselben Abgrundes, welcher die Hadschi-Hoffnungen
+seines Vaters und Gro&szlig;vaters, weiland Abul
+Abbas und Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der
+Abgrund der Liebe und der Ehe.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_107_107" id="Footnote_107_107"></a><a href="#FNanchor_107_107"><span class="label">[107]</span></a> Sonnenlicht.</p></div>
+
+<p>Das M&auml;dchen entfernte sich wieder und der Scheik
+fragte ihn:</p>
+
+<p>&raquo;Wie lautet dein Entschlu&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abr&auml;t, werde
+ich deinen Wunsch erf&uuml;llen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>&raquo;Dein Herr hat bereits gesagt, da&szlig; er dir die Erlaubnis
+giebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es!&laquo; stimmte ich bei. &raquo;Aber sage uns nun
+auch, warum dieses M&auml;dchen nach Mekka soll und warum
+sie sich nicht in Dschidda einen Delyl sucht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Gouverneur von Mekka?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, du mu&szlig;t ihn kennen, denn jeder Fremdling,
+der Dschidda betritt, stellt sich ihm vor, um seinen Schutz
+zu erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm
+gewesen; ich brauche nicht den Schutz eines T&uuml;rken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann.
+Der Schutz des Pascha ist nur gegen hohen Preis zu erhalten.
+Ja, er wohnt nicht in Mekka, wohin er eigentlich
+geh&ouml;rt, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen ist.
+Sein Gehalt betr&auml;gt &uuml;ber eine Million Piaster, aber er
+wei&szlig; sein Einkommen bis auf das F&uuml;nffache zu bringen.
+Ihm mu&szlig; jeder zahlen, sogar der Schmuggler und der
+Seer&auml;uber, und darum eben wohnt er in Dschidda. Man
+sagte mir, da&szlig; du Abu-Se&iuml;f gesehen hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, dieser R&auml;uber ist ein guter Bekannter des
+Pascha.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht m&ouml;glich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb
+zu t&ouml;ten, oder ihn leben zu lassen, um eine Rente von
+ihm zu beziehen? Abu-Se&iuml;f ist ein Dschehe&iuml;ne; ich bin ein
+Ate&iuml;beh. Diese beiden St&auml;mme leben in Todfeindschaft;
+dennoch wagte er es, sich an unser Duar<a name="FNanchor_108_108" id="FNanchor_108_108"></a><a href="#Footnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a> zu schleichen
+und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein
+Weib zu sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>ihre Tochter mit zur&uuml;ck. Du hast beide gesehen: mit
+meiner Tochter bist du angekommen, und die ihrige war
+soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn, um
+mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das
+war im Seraj<a name="FNanchor_109_109" id="FNanchor_109_109"></a><a href="#Footnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a> des Statthalters. Dieser sch&uuml;tzte den
+R&auml;uber und lie&szlig; ihn entkommen, w&auml;hrend ich vor dem
+Thore auf ihn lauerte. Sp&auml;ter einmal sandte mich der
+Scheik meines Stammes mit diesen M&auml;nnern hier nach
+Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen.
+Wir lagerten nicht weit von der Pforte er Ramah; da
+sah ich Abu-Se&iuml;f mit einigen seiner Leute kommen; er
+wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn &uuml;bermannte
+mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit
+verboten ist. Ich wollte ihn nicht t&ouml;ten, sondern ihn nur
+zwingen, mir zu folgen, um drau&szlig;en vor der Stadt mit
+ihm zu k&auml;mpfen. Er wehrte sich, und seine M&auml;nner halfen
+ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, da&szlig;
+die Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm
+aber und den Seinigen die Freiheit lie&szlig;en. Zur Strafe
+wurden uns die heiligen Orte verboten. Unser ganzer
+Stamm wurde verflucht und mu&szlig;te uns aussto&szlig;en, um
+des Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir ge&auml;chtet.
+Aber wir werden uns r&auml;chen und diese Gegend
+verlassen. Du bist ein Gefangener von Abu-Se&iuml;f gewesen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_108_108" id="Footnote_108_108"></a><a href="#FNanchor_108_108"><span class="label">[108]</span></a> Zeltdorf.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_109_109" id="Footnote_109_109"></a><a href="#FNanchor_109_109"><span class="label">[109]</span></a> Palast.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle es!&laquo;</p>
+
+<p>Ich gab ihm einen kurzen Bericht &uuml;ber das Abenteuer.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du den Ort genau, an welchem sein Schiff
+verborgen liegt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde ihn selbst bei Nacht wieder finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du uns hinf&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>&raquo;Ihr werdet die Dschehe&iuml;ne t&ouml;ten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So verbietet mir mein Glaube, euer F&uuml;hrer zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst dich nicht r&auml;chen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst
+unsere Feinde zu lieben. Nur die Beh&ouml;rde hat das Recht,
+den B&ouml;sen zu bestrafen, und ihr seid keine Richter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine
+Christen und werden den Feind bestrafen, weil er beim
+Richter Schutz finden w&uuml;rde. Du hast mir den Ort beschrieben,
+und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe
+entdecken. Nur versprich mir, da&szlig; du die Dschehe&iuml;ne nicht
+warnen willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine
+Lust, ihr Gefangener noch einmal zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka
+gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,&laquo; antwortete
+der Diener an meiner Stelle.</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst morgen gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; ihn gleich bei uns bleiben,&laquo; bat der Scheik.
+&raquo;Wir werden ihn so weit an die Stadt begleiten, als
+wir ihr nahen d&uuml;rfen, und ihn dir dann zur&uuml;ckbringen.&laquo;</p>
+
+<p>Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn
+warten?&laquo;</p>
+
+<p>Ich bemerkte sofort, da&szlig; dieser Wunsch allgemeine
+Freude erregte.</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, ich sehe, da&szlig; du die Ausgesto&szlig;enen nicht
+verachtest,&laquo; antwortete der Scheik. &raquo;Du sollst uns willkommen
+sein! Du bleibst gleich hier bei uns und hilfst
+uns am Abend die Ewlenma<a name="FNanchor_110_110" id="FNanchor_110_110"></a><a href="#Footnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a> schlie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_110_110" id="Footnote_110_110"></a><a href="#FNanchor_110_110"><span class="label">[110]</span></a> Verheiratung.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>&raquo;Das geht nicht. Ich mu&szlig; zuvor nach Dschidda zur&uuml;ck,
+um meine Gesch&auml;fte abzuschlie&szlig;en. Mein Wirt mu&szlig;
+wissen, wo ich mich befinde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten.
+Auch sie darf ich nicht betreten, denn sie ist eine
+heilige Stadt. Wann willst du reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig
+Zeit, um wieder mit dir zur&uuml;ckzukehren. Soll ich dir
+einen Kadi oder Mullah mitbringen f&uuml;r den Abschlu&szlig; der
+Verheiratung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah.
+Ich bin der Scheik meines Lagers, und was vor mir geschieht,
+hat Kraft und G&uuml;ltigkeit. Aber ein Pergament
+oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir
+den Vertrag niederschreiben. Das Moh&uuml;r und Gemedsch<a name="FNanchor_111_111" id="FNanchor_111_111"></a><a href="#Footnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a>
+habe ich.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_111_111" id="Footnote_111_111"></a><a href="#FNanchor_111_111"><span class="label">[111]</span></a> Petschaft und Wachs.</p></div>
+
+<p>In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen
+auf. Die kleine Truppe bestand au&szlig;er uns dreien aus
+dem Scheik, seiner Tochter und f&uuml;nf Ate&iuml;beh. Ich folgte
+dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, da&szlig; er
+nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts
+nach dem Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr
+so viel Not wie vorher, sich auf seinem Kamele zu halten,
+und die langen Beine der Tiere warfen den Weg f&ouml;rmlich
+hinter sich.</p>
+
+<p>Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand
+seitw&auml;rts.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, was da dr&uuml;ben liegt, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Bucht, in welcher das Schiff des R&auml;ubers liegt.
+Habe ich es erraten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir
+ritten weiter. Nach einiger Zeit zeigten sich zwei kleine
+Punkte am Horizonte, gerade in der Richtung auf Dschidda
+zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen, sondern
+verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erw&auml;hnten
+Bucht bringen mu&szlig;te. Es waren Fu&szlig;g&auml;nger,
+wie ich durch das Fernrohr erkannte. Das mu&szlig;te hier
+in der W&uuml;ste auffallen, und es lag der Gedanke nahe,
+da&szlig; sie zu den Leuten von Abu-Se&iuml;f geh&ouml;rten. Es war
+sehr zu vermuten, da&szlig; mein W&auml;chter dem Kapit&auml;n unsere
+Flucht hatte melden lassen, und in diesem Falle konnten
+diese beiden M&auml;nner die jetzt zur&uuml;ckkehrenden Boten sein.</p>
+
+<p>Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie
+scharf. Dann wandte er sich zu seinen Leuten und fl&uuml;sterte
+ihnen eine Weisung zu. Sofort wandten sich drei von
+ihnen in der Richtung zur&uuml;ck, aus welcher wir gekommen
+waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete
+ganz dasselbe wie ich, und wollte die M&auml;nner in seine
+Gewalt bekommen. Um dies zu bewirken, mu&szlig;te er ihnen
+den Weg nach der Bucht abschneiden, aber so, da&szlig; sie es
+nicht merkten. Daher schob er seine drei M&auml;nner nicht
+schr&auml;g vor, sondern er lie&szlig; sie scheinbar zur&uuml;ckkehren und
+dann, sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden
+verschwunden waren, einen Bogen schlagen. W&auml;hrend wir
+anderen unseren Weg fortsetzten, fragte er:</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder
+reitest du nach der Stadt, wo du uns dann am Thore
+finden wirst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst diese M&auml;nner sprechen, und ich werde bei
+dir bleiben, bis du mit ihnen geredet hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind vielleicht Dschehe&iuml;ne!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke es auch. Deine drei M&auml;nner schneiden
+sie vom Schiffe ab; reite du hier schief hin&uuml;ber, und ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>will mit Halef unsere bisherige Richtung fortsetzen, damit
+es ihnen nicht einf&auml;llt, nach Dschidda zur&uuml;ckzufliehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Rat ist gut; ich folge ihm.&laquo;</p>
+
+<p>Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm
+anzuschlie&szlig;en. Dieser hatte es so leichter, da ich mit Halef
+den sch&auml;rfsten Galopp einschlagen mu&szlig;te. Wir zwei flogen
+wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in gleicher
+Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren R&uuml;cken ein.
+Sie merkten erst jetzt unsere Absicht und z&ouml;gerten. Hinter
+sich hatten sie mich mit Halef, seitw&auml;rts von ihnen kam
+Malek auf sie zu, und nur der Weg vor ihnen schien noch
+frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter Eile fort,
+waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ate&iuml;beh
+vor ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung
+nicht m&ouml;glich gewesen war, einen von uns zu erkennen,
+mu&szlig;ten sie doch Feinde in uns vermuten und versuchten,
+uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab
+eine M&ouml;glichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie
+sich teilten, so mu&szlig;ten wir dies auch thun, und dann war
+es einem sicher zielenden, kaltbl&uuml;tigen Fu&szlig;g&auml;nger nicht
+ganz unm&ouml;glich, es mit zwei und auch drei Kamelreitern
+aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder
+nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben
+auszuf&uuml;hren. Sie blieben beisammen und wurden von
+uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte sie
+auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.</p>
+
+<p>&raquo;Woher kommt ihr?&laquo; fragte sie der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Von Dschidda,&laquo; antwortete der eine.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin wollt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In die W&uuml;ste, um Tr&uuml;ffel zu suchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tr&uuml;ffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch K&ouml;rbe
+bei euch!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span>&raquo;Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schw&auml;mme hier
+wachsen; dann holen wir die K&ouml;rbe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von welchem Stamme seid ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wohnen in der Stadt.&laquo;</p>
+
+<p>Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn
+diese M&auml;nner mu&szlig;ten ja wissen, da&szlig; ich sie kannte. Auch
+Halef &auml;rgerte sich &uuml;ber ihre Dreistigkeit. Er lockerte seine
+Peitsche und meinte:</p>
+
+<p>&raquo;Glaubt ihr etwa, da&szlig; dieser Effendi und ich blind
+geworden sind? Ihr seid Schurken und L&uuml;gner! Ihr
+seid Dschehe&iuml;ne und geh&ouml;rt zu Abu-Se&iuml;f. Wenn ihr es
+nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was geht es euch an, wer wir sind?&laquo;</p>
+
+<p>Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu
+lassen, und nahm die Peitsche aus Halefs Hand.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t euch nicht verlachen, ihr M&auml;nner! H&ouml;rt, was
+ich euch sage! Was diese Krieger vom Stamme der Ate&iuml;beh
+mit euch haben und von euch wollen, das geht mich nichts
+an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige Fragen.
+Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu bef&uuml;rchten;
+thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit
+dieser Peitsche in der Art zeichnen, da&szlig; ihr euch nie
+wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab sehen lassen
+k&ouml;nnt!&laquo;</p>
+
+<p>Mit Schl&auml;gen drohen, ist eine der gr&ouml;&szlig;ten Beleidigungen
+f&uuml;r einen Beduinen. Die beiden griffen auch sofort
+nach ihren Messern.</p>
+
+<p>&raquo;Wir w&uuml;rden dich t&ouml;ten, ehe du zu schlagen vermagst,&laquo;
+drohte der eine.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie m&auml;chtig
+eine Peitsche aus der Haut des Nilpferdes ist, sobald sie
+sich in der Hand eines Franken befindet. Sie schneidet
+so scharf wie ein Yatagan; sie f&auml;llt schwerer nieder als eine
+<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren Tabandschab<a name="FNanchor_112_112" id="FNanchor_112_112"></a><a href="#Footnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a>.
+Seht ihr denn nicht, da&szlig; die Waffen aller
+dieser M&auml;nner auf euch gerichtet sind? La&szlig;t also eure
+Messer im G&uuml;rtel und antwortet! Ihr seid zu Abu-Se&iuml;f
+gesandt worden?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_112_112" id="Footnote_112_112"></a><a href="#FNanchor_112_112"><span class="label">[112]</span></a> Pistolen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; klang es z&ouml;gernd, da sie bemerkten, da&szlig; kein
+Entrinnen war.</p>
+
+<p>&raquo;Um ihm zu sagen, da&szlig; ich euch entkommen bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo habt ihr ihn getroffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Mekka.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zur&uuml;ckgekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange bleibt Abu-Se&iuml;f in der heiligen Stadt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur kurze Zeit. Er will nach Ta&iuml;f, wo sich der
+Scherif-Emir befindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bin ich jetzt mit euch fertig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du willst diese R&auml;uber entkommen lassen?&laquo;
+rief Halef. &raquo;Ich werde sie erschie&szlig;en, damit sie keinem
+mehr schaden k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst
+du mit mir halten. Folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte
+mir; Albani aber blieb noch zur&uuml;ck. Er hatte seinen langen
+Sarras gezogen; doch hatte ich zu ihm das gute Vertrauen,
+da&szlig; diese energische Pantomime sehr unsch&auml;dlicher
+Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen
+auf seinem Kamele sitzen, als die Ate&iuml;beh absprangen, um
+die Dschehe&iuml;ne zu bew&auml;ltigen. Es gelang dies, nachdem
+einige unsch&auml;dliche Messerst&ouml;&szlig;e gewechselt worden waren.
+Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>die Reiter derselben wandten sich zur&uuml;ck, um die Gefangenen
+in das Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch
+sterben,&laquo; meinte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine
+Sache! Bedenke, was du heute werden sollst. Ein Br&auml;utigam
+mu&szlig; vers&ouml;hnlich sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, w&uuml;rdest du den Delyl bei dieser Hanneh
+machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn ich ein Moslem w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man
+von diesen Dingen reden kann. Wei&szlig;t du, was die Liebe ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie i&szlig;t,
+bekommt Bauchgrimmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe
+vergleichen! Allah m&ouml;ge deinen Verstand erleuchten und
+dein Herz erw&auml;rmen! Ein gutes Weib ist wie eine Pfeife
+von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer Tabak
+mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist &ndash;&nbsp;&ndash;
+die ist &ndash;&nbsp;&ndash; wie &ndash; der Turban auf einem kahlen Haupte
+und wie die Sonne am Himmel der W&uuml;ste.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt
+den Sonnenstich. Ich glaube, du hast ihn schon, Halef.
+Allah helfe dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, ich wei&szlig;, da&szlig; du niemals ein Br&auml;utigam
+sein willst; ich aber bin einer, und daher ist mein Herz
+ge&ouml;ffnet wie eine Nase, die den Duft der Blumen trinkt.&laquo;</p>
+
+<p>Unser kurzes Gespr&auml;ch war zu Ende, denn die anderen
+hatten uns nun eingeholt. Es wurde &uuml;ber das Vorgefallene
+kein Wort verloren, und als die Stadt in Sicht
+kam, lie&szlig; der Scheik seine Tiere halten. Er hatte zwei
+ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer R&uuml;ckkehr
+tragen sollten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span>&raquo;Hier werde ich warten, Sihdi,&laquo; sagte er. &raquo;Welche
+Zeit wird vergehen, bis du wieder kommst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde zur&uuml;ck sein, ehe die Sonne einen Weg
+zur&uuml;ckgelegt hat, der so lang ist, wie deine Lanze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das Tirscheh oder Kiahat<a name="FNanchor_113_113" id="FNanchor_113_113"></a><a href="#Footnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> wirst du nicht vergessen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_113_113" id="Footnote_113_113"></a><a href="#FNanchor_113_113"><span class="label">[113]</span></a> Pergament oder Papier.</p></div>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich werde auch M&uuml;rek und ein Kalem<a name="FNanchor_114_114" id="FNanchor_114_114"></a><a href="#Footnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a>
+mitbringen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_114_114" id="Footnote_114_114"></a><a href="#FNanchor_114_114"><span class="label">[114]</span></a> Tinte und eine Feder.</p></div>
+
+<p>&raquo;Thue es. Allah sch&uuml;tze dich, bis wir dich wiedersehen!&laquo;</p>
+
+<p>Die Ate&iuml;beh hockten sich neben ihre Kamele nieder,
+und wir drei ritten in die Stadt.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, war das kein Abenteuer?&laquo; fragte ich Albani.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings. Und was f&uuml;r eines! Es h&auml;tte ja beinahe
+Mord und Totschlag gegeben. Ich hielt mich wirklich
+zum Kampf bereit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden
+Roland, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Wie ist
+Ihnen der Ritt bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab
+gebracht; dann aber ging es leidlich. Ich lobe mir ein
+gutes deutsches Kanapee! &ndash; Sie wollen mit diesen Arabern
+gehen? &ndash; So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahrscheinlich, da Sie ja die n&auml;chste Gelegenheit
+zur Abreise benutzen wollen. Doch habe ich so viele Beispiele
+eines ganz unerwarteten Zusammentreffens erlebt,
+da&szlig; ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht f&uuml;r unm&ouml;glich
+halte.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Worte sollten sich sp&auml;ter wirklich erf&uuml;llen. F&uuml;r
+jetzt aber nahmen wir, nachdem wir dem Kamelverleiher
+seine Tiere zur&uuml;ckgebracht hatten, einen so herzlichen Abschied,
+wie es Landsleuten ziemt, die sich in der weiten
+<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span>Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef
+nach meiner Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken
+und mich von Tamaru, dem Wirt, zu verabschieden.
+Ich hatte nicht geglaubt, da&szlig; ich seine Wohnung
+so bald aufgeben w&uuml;rde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten
+wir wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden
+Kamele bestiegen, worauf wir mit den Ate&iuml;beh nach
+ihrem Lager ritten.</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span>
+<a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">In Mekka.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">W</span>&auml;hrend des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am
+schweigsamsten war die Tochter des Scheik. Sie sprach
+kein Wort; aber in ihren Augen gl&uuml;hte ein schlimmes
+Feuer, und wenn sie nach links hin&uuml;berblickte, wo sie
+hinter dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Se&iuml;f
+vermuten mu&szlig;te, fa&szlig;te ihre Rechte stets entweder den
+Griff ihres Handschar oder den Kolben der langen Flinte,
+welche quer &uuml;ber ihrem Sattel lag.</p>
+
+<p>Als wir in der N&auml;he des Lagers anlangten, ritt
+Halef zu mir heran.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; fragte er, &raquo;wie sind die Gebr&auml;uche deines
+Landes? Hat dort einer, der sich ein Weib nimmt, die
+Braut zu beschenken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen
+Scharki<a name="FNanchor_115_115" id="FNanchor_115_115"></a><a href="#Footnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a> ist das Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein
+f&uuml;r einige Tage meine Frau werden soll, so wei&szlig; ich
+nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_115_115" id="Footnote_115_115"></a><a href="#FNanchor_115_115"><span class="label">[115]</span></a> Osten.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ein Geschenk ist eine H&ouml;flichkeit, welche wohl immer
+angenehme Gef&uuml;hle erregt. Ich an deiner Stelle w&uuml;rde
+h&ouml;flich sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>gar nicht auf eine Hochzeit vorbereitet. Meinst du, da&szlig;
+ich ihr vielleicht mein Adeschlik<a name="FNanchor_116_116" id="FNanchor_116_116"></a><a href="#Footnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> verehre?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_116_116" id="Footnote_116_116"></a><a href="#FNanchor_116_116"><span class="label">[116]</span></a> Feuerzeug.</p></div>
+
+<p>Er hatte sich n&auml;mlich in Kairo ein kleines D&ouml;schen
+aus Papiermach&eacute; gekauft und verwahrte darin die Z&uuml;ndh&ouml;lzer.
+Das Ding hatte f&uuml;r ihn einen sehr gro&szlig;en Wert,
+weil er dem H&auml;ndler das zwanzigfache f&uuml;r die Dose bezahlt
+hatte, die kaum drei&szlig;ig Pfennige wert war. Die
+Liebe brachte ihn zu dem heroischen Entschlu&szlig;, seinem
+kostbaren Besitztume zu entsagen.</p>
+
+<p>&raquo;Gieb es ihr,&laquo; antwortete ich ernsthaft.</p>
+
+<p>&raquo;Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch
+wiedergeben, wenn sie meine Frau nicht mehr ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird es behalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig; er wird mich nicht
+um das meinige kommen lassen! Was soll ich thun, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr
+etwas anderes!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr
+doch weder meinen Turban, noch meine Flinte, noch die
+Nilpeitsche geben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gieb ihr nichts.&laquo;</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte sehr besorgt den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine
+Braut und mu&szlig; irgend etwas erhalten. Was sollen die
+Ate&iuml;beh von dir denken, wenn dein Diener ein Weib
+nimmt, ohne es zu beschenken?&laquo;</p>
+
+<p>Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an
+meinen Ehrgeiz und infolgedessen nat&uuml;rlich auch an meinen
+Beutel zu appellieren.</p>
+
+<p>&raquo;Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef!
+Mir geht es aber ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut
+<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>weder meinen Ha&iuml;k, noch meine Jacke, noch meine B&uuml;chse
+schenken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt
+f&uuml;r jede Gabe tausendf&auml;ltige Zinsen. Tr&auml;gt dein Kamel
+nicht auch ein Leders&auml;ckchen, in welchem du Dinge verborgen
+hast, die eine Braut in Entz&uuml;cken versetzen w&uuml;rden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, w&uuml;rde
+ich es wiederbekommen, wenn Hanneh nicht mehr dein
+Weib ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t es wieder fordern!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil
+du mir tausendf&auml;ltige Zinsen in Aussicht stellst, so werde
+ich nachher das S&auml;ckchen &ouml;ffnen und sehen, ob ich etwas
+f&uuml;r dich finde.&laquo;</p>
+
+<p>Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den
+Allah erschaffen hat. Deine G&uuml;te ist breiter als die
+Sahara, und deine Wohlth&auml;tigkeit l&auml;nger als der Nil.
+Dein Vater war der ber&uuml;hmteste, und der Vater deines
+Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im K&ouml;nigreiche
+Nemsistan. Deine Mutter war die sch&ouml;nste der
+Rosen, und die Mutter deiner Mutter die lieblichste Blume
+des Abendlandes. Deine S&ouml;hne m&ouml;gen zahlreich sein, wie
+die Sterne am Himmel, deine T&ouml;chter wie der Sand in
+der W&uuml;ste, und die Kinder deiner Kinder zahllos wie die
+Tropfen des Meeres!&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig; wir jetzt das Lager erreichten,
+sonst h&auml;tte seine Dankbarkeit mich noch mit allen T&ouml;chtern
+der Samojeden, Tungusen, Eskimos und Papuas verheiratet.
+Was das Leders&auml;ckchen betrifft, welches er erw&auml;hnt
+hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was
+sich ganz vortrefflich zu einem Geschenk f&uuml;r ein Beduinenm&auml;dchen
+eignete. Der Kaufmannssohn Isla Ben Maflei
+<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>n&auml;mlich hatte, als unsere Nilfahrt beendet war und wir
+voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen lassen,
+mich mit einer Sammlung von Dingen auszur&uuml;sten, die
+auf meinen weiteren Wanderungen als Geschenke dienen
+konnten, um mir dadurch Gef&auml;lligkeiten zu erwerben. Es
+waren lauter Gegenst&auml;nde, welche nicht viel Platz wegnahmen
+und dabei an sich zwar keinen allzu gro&szlig;en Wert
+besa&szlig;en, bei den Bewohnern der W&uuml;stenl&auml;nder aber zu
+den gr&ouml;&szlig;ten Seltenheiten geh&ouml;rten.</p>
+
+<p>W&auml;hrend unserer Abwesenheit war eines der Zelte
+ger&auml;umt und f&uuml;r mich hergerichtet worden. Als ich von
+demselben Besitz genommen hatte, &ouml;ffnete ich den Ledersack
+und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen Glasdeckel
+ein kleines Teufelchen sich k&uuml;nstlich bewegte. Es war ganz
+auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenkn&ouml;pfe
+mit k&uuml;nstlichen Schildkr&ouml;ten und hing an
+einer Kette von Glasfacetten, die bei Licht oder Feuerschein
+in allen Regenbogenfarben funkelten. Der Schmuck
+h&auml;tte in Paris gewi&szlig; nicht mehr als zwei Francs gekostet.
+Ich zeigte ihn Halef.</p>
+
+<p>Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Sche&iuml;tan,
+den Gott verfluchen m&ouml;ge! Sihdi, wie bekommst du
+den Teufel in deine Gewalt? La illa illa Allah, we Muhammed
+resul Allah! Beh&uuml;te uns, Herr, vor dem dreimal
+gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein
+wollen wir dienen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kann nicht heraus, wirklich nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>&raquo;Bei meinem Barte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm
+gelingt, heraus zu kommen, so bin ich verloren, und meine
+Seele komme &uuml;ber dich und deine V&auml;ter!&laquo;</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te die Kette sehr vorsichtig mit den &auml;u&szlig;ersten
+Fingerspitzen, legte das Medaillon auf den Erdboden und
+kniete nieder, um es genau zu betrachten.</p>
+
+<p>&raquo;Wallahi &ndash; billahi &ndash; tallahi &ndash; bei Allah, es ist
+der Sche&iuml;tan! Siehst du, wie er das Maul aufrei&szlig;t und
+die Zunge hervorstreckt? Er verdreht die Augen und
+wackelt mit den H&ouml;rnern; er ringelt den Schwanz, droht
+mit den Krallen und stampft mit den F&uuml;&szlig;en! O jazik &ndash;
+wehe, wenn er das K&auml;stchen zertritt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann er nicht. Es ist ja nur eine k&uuml;nstlich
+verfertigte Figur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine k&uuml;nstliche Figur, von Menschenh&auml;nden gemacht?
+Effendi, du t&auml;uschest mich, damit ich Mut bekommen soll.
+Wer kann den Teufel machen? Kein Mensch, kein Gl&auml;ubiger,
+kein Christ und auch kein Jude! Du bist der gr&ouml;&szlig;te
+Taleb und der k&uuml;hnste Held, welchen die Erde tr&auml;gt, denn
+du hast den Sche&iuml;tan bezwungen und in dieses enge Zindan<a name="FNanchor_117_117" id="FNanchor_117_117"></a><a href="#Footnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a>
+gesperrt! Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher
+vor ihm und seinen Geistern, und alle Nachkommen des
+Propheten k&ouml;nnen jauchzen und sich freuen &uuml;ber die Qualen,
+die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese
+Kette, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_117_117" id="Footnote_117_117"></a><a href="#FNanchor_117_117"><span class="label">[117]</span></a> Gef&auml;ngnis.</p></div>
+
+<p>&raquo;Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als
+alle Diamanten im Throne des gro&szlig;en Mogul? Wer diese
+Kette besitzt, der wird ber&uuml;hmt unter allen S&ouml;hnen und
+T&ouml;chtern der Gl&auml;ubigen. Willst du sie wirklich verschenken?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sei g&uuml;tig, Sihdi, und erlaube, da&szlig; ich sie f&uuml;r
+mich behalte! Ich werde dem M&auml;dchen doch lieber mein
+Feuerzeug geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann mu&szlig; ich gehorchen. Aber wo hast du sie und
+die andern Sachen gehabt, ehe du sie gestern in das S&auml;ckchen
+thatest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Kahira bis hierher ist eine gef&auml;hrliche Gegend,
+und darum habe ich diese Kostbarkeiten in den Beinen
+meiner Schalwars<a name="FNanchor_118_118" id="FNanchor_118_118"></a><a href="#Footnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a> bei mir getragen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_118_118" id="Footnote_118_118"></a><a href="#FNanchor_118_118"><span class="label">[118]</span></a> Weite, t&uuml;rkische Hosen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch &uuml;ber
+die List des Teufels, den du gezwungen hast, in deinen
+Schalwars zu wohnen. Wann soll ich Hanneh die Kette
+geben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sobald sie dein Weib geworden ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird die ber&uuml;hmteste sein unter allen Benat el
+Arab<a name="FNanchor_119_119" id="FNanchor_119_119"></a><a href="#Footnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a>, denn alle St&auml;mme werden erz&auml;hlen und r&uuml;hmen,
+da&szlig; sie den Sche&iuml;tan gefangen h&auml;lt. Darf ich auch die
+andern Sch&auml;tze sehen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_119_119" id="Footnote_119_119"></a><a href="#FNanchor_119_119"><span class="label">[119]</span></a> Benat ist Plural von Bint, Tochter.</p></div>
+
+<p>Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und
+lie&szlig; mich und Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem
+Zelte alle Ate&iuml;beh versammelt.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?&laquo; fragte
+Malek.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du den Vertrag schreiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du es w&uuml;nschest, ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So k&ouml;nnen wir beginnen?&laquo;</p>
+
+<p>Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und
+sogleich erhob sich einer der anwesenden M&auml;nner, um ihn
+zu fragen:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>&raquo;Wie lautet dein voller, ganzer Name?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hei&szlig;e Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas
+Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus welchem Lande stammest du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stamme aus dem Garbi<a name="FNanchor_120_120" id="FNanchor_120_120"></a><a href="#Footnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a>, wo die Sonne hinter
+der gro&szlig;en W&uuml;ste untergeht.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_120_120" id="Footnote_120_120"></a><a href="#FNanchor_120_120"><span class="label">[120]</span></a> Westen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Zu welchem Stamme geh&ouml;rst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen
+m&ouml;ge, bewohnte mit dem ber&uuml;hmten Stamme der U&euml;lad
+Selim und U&euml;lad Bu Seba den gro&szlig;en Dschebel Schur-Schum.&laquo;</p>
+
+<p>Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der
+Braut war, wandte sich nun an den Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o
+Weiser und Gerechter. Du bist Hadschi Malek Iffandi
+Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami
+Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen
+Stammes der Beni Ate&iuml;beh. Hier dieser Mann ist ein
+Held vom Stamme U&euml;lad Selim und U&euml;lad Bu Seba,
+welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel
+reichen und Dschebel Schur-Schum hei&szlig;en. Er f&uuml;hrt den
+Namen Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn
+Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund eines
+gro&szlig;en Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in
+unserem Zelte aufgenommen haben. Du hast eine Tochter.
+Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar ist wie Seide, ihre
+Haut wie &Ouml;l, und ihre Tugenden sind rein und gl&auml;nzend
+wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen.
+Halef Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik,
+was du dazu zu sagen hast!&laquo;</p>
+
+<p>Der Angeredete imitierte ein w&uuml;rdevolles Nachdenken
+und antwortete dann:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>&raquo;Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun
+und h&ouml;re auch meine Rede. Dieser Halef Omar Ben
+Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah
+ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns
+gedrungen ist. Sein Arm ist un&uuml;berwindlich; sein Lauf
+gleicht dem der Gazelle; sein Auge hat den Blick des
+Adlers; er wirft den Dscherid mehrere hundert Schritte
+weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein Handschar
+hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er
+den Kuran gelernt und ist im Rate einer der Kl&uuml;gsten
+und Erfahrensten. Dazu hat ihn dieser gewaltige Bei
+der Franken seiner Freundschaft f&uuml;r wert gehalten &ndash;&nbsp;&ndash;
+warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er
+bereit ist, meine Bedingungen zu erf&uuml;llen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Bedingungen stellst du ihm?&laquo; fragte der
+vorige Sprecher.</p>
+
+<p>&raquo;Das M&auml;dchen ist die Tochter eines m&auml;chtigen Scheik,
+daher kann er sie um keinen gew&ouml;hnlichen Preis haben.
+Ich fordere eine Stute, f&uuml;nf Reitkamele, zehn Lastkamele
+und f&uuml;nfzig Schafe.&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob
+er diese f&uuml;nfzig Schafe, zehn Last- und f&uuml;nf Reitkamele
+samt der Stute soeben mit Haut und Haar verschlungen
+habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen? Gl&uuml;cklicherweise
+fuhr der Scheik fort:</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute,
+f&uuml;nf Reitkamelen, zehn Lastkamelen und f&uuml;nfzig Schafen.
+Eure Weisheit wird da einsehen, da&szlig; es ganz unn&ouml;tig ist,
+bei so trefflichen Verh&auml;ltnissen den Preis und die Morgengabe
+gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich,
+da&szlig; er morgen fr&uuml;h beim Fagr<a name="FNanchor_121_121" id="FNanchor_121_121"></a><a href="#Footnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a> eine Wallfahrt nach
+Mekka antrete, bei welcher er sein Weib mitzunehmen hat.
+<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>Sie verrichten dort die heiligen Gebr&auml;uche und kehren
+dann sofort zu uns zur&uuml;ck. Er hat sein Weib als Jungfrau
+zu behandeln und sie nach seiner R&uuml;ckkehr wieder
+abzutreten. F&uuml;r diesen Dienst erh&auml;lt er ein Kamel und
+einen Sack voll Datteln. Hat er aber sein Weib nicht
+als eine Fremde betrachtet, so erh&auml;lt er nichts und wird
+get&ouml;tet. Ihr seid Zeugen, da&szlig; ich dieses bestimme.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_121_121" id="Footnote_121_121"></a><a href="#FNanchor_121_121"><span class="label">[121]</span></a> Gebet beim Aufgange der Sonne.</p></div>
+
+<p>Der Redef&uuml;hrer drehte sich zu Halef um:</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es geh&ouml;rt. Wie lautet deine Antwort?&laquo;</p>
+
+<p>Es war dem Gefragten anzusehen, da&szlig; ihm ein gewisser
+Punkt nicht recht pa&szlig;te, n&auml;mlich das Verlangen,
+sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch klug, sich in
+die gegenw&auml;rtigen Umst&auml;nde zu schicken, und antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme diese Bedingungen an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mache die Schrift, Effendi,&laquo; bat der Scheik.
+&raquo;Mache sie zweimal, n&auml;mlich einmal f&uuml;r mich und das
+zweite Mal f&uuml;r ihn!&laquo;</p>
+
+<p>Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene
+vor. Es erhielt die Zustimmung des Scheiks,
+welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen lie&szlig; und den
+Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er
+und Halef unterzeichnet hatten.</p>
+
+<p>Damit waren die Formalit&auml;ten erf&uuml;llt, und die unerl&auml;&szlig;lichen
+Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie
+waren, da es sich nur um eine Scheinverheiratung handelte,
+sehr bescheidener Art. Es wurde ein Hammel geschlachtet
+und ganz gebraten. W&auml;hrend er an einem Spie&szlig;e
+&uuml;ber dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei
+welchem aber nicht geschossen wurde; ein Umstand, dessen
+Grund nicht schwer zu erraten war.</p>
+
+<p>Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur
+die M&auml;nner a&szlig;en, und erst als wir satt waren, bekamen
+die Frauen die &Uuml;berreste. Bei dieser Gelegenheit mu&szlig;te
+<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span>auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob
+sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk
+zu &uuml;berreichen. Die Scene aber, welche nun folgte, l&auml;&szlig;t
+sich nicht beschreiben. Der in dem Medaillon eingesperrte
+Teufel war ein Wunder, welches &uuml;ber alle ihre Begriffe
+ging. All mein Bem&uuml;hen, ihnen die Mechanik zu erkl&auml;ren,
+half nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders
+deshalb, weil der Sche&iuml;tan doch lebendig war.
+Ich ward als der gr&ouml;&szlig;te Held und Zauberer gepriesen;
+aber das Ende war, da&szlig; Hanneh das Geschenk nicht bekam.
+Der gefangene Sche&iuml;tan war ein Wunder von so
+unendlicher Wichtigkeit, da&szlig; nur der Scheik selbst f&uuml;r
+w&uuml;rdig gehalten wurde, die unvergleichliche Kostbarkeit
+aufzubewahren; nat&uuml;rlich erst, nachdem ich ihm mit aller
+Feierlichkeit versichert hatte, da&szlig; es dem Teufel niemals
+gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.</p>
+
+<p>Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zur&uuml;ckzog,
+um zu schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, mu&szlig; ich alles halten und erf&uuml;llen, was du
+heute niedergeschrieben hast?&laquo; lie&szlig; er sich h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Du hast es ja versprochen!&laquo;</p>
+
+<p>Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rdest du dein Weib auch wieder hergeben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dennoch sagst du, da&szlig; ich mein Versprechen zu
+halten habe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche
+ich nicht, es wieder herzugeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, da&szlig; ich
+es ebenso machen soll!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du ein Knabe, da&szlig; du eines Vormundes bedarfst?
+Und wie kann ein Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen?
+Ich glaube, da&szlig; du Hanneh behalten m&ouml;chtest!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>&raquo;Du hast es erraten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So willst du mich also verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dich, Sihdi&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;? Oh&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!&laquo;</p>
+
+<p>Er r&auml;usperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.</p>
+
+<p>Ein unverst&auml;ndliches Brummen und sp&auml;ter einige Seufzer
+waren alles, was ich zu h&ouml;ren bekam. Er warf sich von
+einer Seite auf die andere; es war klar, da&szlig; sein Wohlgefallen
+an dem M&auml;dchen mit seiner Anh&auml;nglichkeit zu mir
+in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mu&szlig;te ihn
+sich selbst &uuml;berlassen und schlief bald ein.</p>
+
+<p>Mein Schlaf war so fest, da&szlig; mich erst ein lautes
+Kamelgetrappel erweckte. Ich erhob mich und trat vor
+das Zelt. Im Osten erhellte sich bereits der Horizont,
+und da dr&uuml;ben, wo die Bucht lag, war er hellrot gef&auml;rbt.
+Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche
+bei diesem Anblick in mir aufstieg, wurde best&auml;tigt durch
+das im Lager herrschende rege Leben. Die M&auml;nner waren
+fort gewesen und kehrten jetzt zur&uuml;ck, sie und ihre Kamele
+reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks
+hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele
+stieg, bemerkte ich, da&szlig; ihr Gewand mit Blut bespritzt
+war. Malek bot mir den Morgengru&szlig; und meinte, nach
+der Feuerwolke deutend:</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, da&szlig; wir das Schiff gefunden haben? Sie
+schliefen, als wir kamen, und sind nun zu den Hunden,
+ihren V&auml;tern, versammelt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast sie get&ouml;tet und das Schiff beraubt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Geh&ouml;rt
+nicht dem Sieger das Eigentum des Besiegten? Wer
+will uns streitig machen, was wir gewonnen haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Zehka, welche Abu-Se&iuml;f geraubt hat, geh&ouml;rt dem
+Scherif Emir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Scherif Emir, der uns ausgesto&szlig;en hat? Selbst
+<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>wenn das Geld ihm geh&ouml;rte, w&uuml;rde er es nicht wieder
+erhalten. Aber glaubst du wirklich, da&szlig; es die Zehka war?
+Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das Recht,
+diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals
+durch einen T&uuml;rken thun lassen. Der T&uuml;rke, welchen du
+f&uuml;r einen Zolleinnehmer gehalten hast, war entweder ein
+Schmuggler oder ein Z&ouml;llner des Pascha von &Auml;gypten,
+den Allah erschlagen wolle!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hassest ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von
+den Greuelthaten geh&ouml;rt, welche zur Zeit der Wachabiten
+hier geschahen? Mag das Geld dem Pascha geh&ouml;ren oder
+dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr naht.
+Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir k&ouml;nnen hier nicht
+l&auml;nger bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo wirst du dein Lager aufschlagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem
+aus ich die Stra&szlig;e zwischen Mekka und Dschidda beobachten
+kann. Abu-Se&iuml;f darf mir nicht entgehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir
+drohen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du, da&szlig; ein Ate&iuml;beh sich vor Gefahren
+f&uuml;rchtet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aber selbst der mutigste Mann mu&szlig; zugleich
+auch vorsichtig sein. Wenn dir Abu-Se&iuml;f in die H&auml;nde
+f&auml;llt und du ihn t&ouml;test, so mu&szlig;t du dann augenblicklich
+diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind
+deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit
+Halef in Mekka befindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle
+zu suchen hat. Hanneh mu&szlig; nach Mekka, ehe wir fortgehen.
+Sie ist unter uns die einzige Person, welche noch
+nicht in der heiligen Stadt war, und sp&auml;ter ist es ihr
+<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>vielleicht unm&ouml;glich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich
+mich schon lange nach einem Delyl f&uuml;r sie umgesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir ziehen in die W&uuml;ste Er Nahman, nach Maskat
+zu, und dann senden wir vielleicht einen Boten nach El
+Frat<a name="FNanchor_122_122" id="FNanchor_122_122"></a><a href="#Footnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a> zu den Beni Schammar oder zu den Beni Obe&iuml;de,
+um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_122_122" id="Footnote_122_122"></a><a href="#FNanchor_122_122"><span class="label">[122]</span></a> Euphrat.</p></div>
+
+<p>Der kurzen D&auml;mmerung folgte der Tag. Die Sonne
+ber&uuml;hrte den Horizont, und die Araber, welche noch nach
+dem vergossenen Blute rochen, knieten nieder zum Gebet.
+Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug
+setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollst&auml;ndig hell war,
+sah ich erst, welche Menge von Gegenst&auml;nden sich die Ate&iuml;beh
+vom Schiffe angeeignet hatten. Sie waren durch diesen
+&Uuml;berfall mit einemmal zu wohlhabenden Leuten geworden.
+Aus diesem Grunde herrschte eine ungew&ouml;hnliche Munterkeit
+unter ihnen. Ich hielt mich etwas zur&uuml;ck. Ich war
+verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem
+Untergange der Dschehe&iuml;ne nennen mu&szlig;te. Ich konnte mir
+allerdings keinen Vorwurf machen, aber es galt doch immer,
+das Gewissen zu befragen, ob ich mich nicht vielleicht h&auml;tte
+anders verhalten k&ouml;nnen. Auch machte mir die N&auml;he Mekkas
+viel zu schaffen. Da lag sie, die &raquo;Heilige&laquo;, die Verbotene!
+Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen?
+Ich zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und
+dennoch mu&szlig;te ich die Bedenklichkeiten, welche dagegen
+aufstiegen, ernstlich ber&uuml;cksichtigen. Was hatte ich davon,
+wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, da&szlig; ich in
+Mekka gewesen sei &ndash; weiter nichts. Und wurde ich entdeckt,
+so war mein Tod unvermeidlich, und was f&uuml;r ein
+Tod! Aber hier konnte ein &Uuml;berlegen und Abw&auml;gen der
+Gr&uuml;nde zu nichts f&uuml;hren, und ich beschlo&szlig;, mich nach den
+<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>eintretenden Verh&auml;ltnissen zu richten. Ich hatte dies so
+oft gethan und war immer gl&uuml;cklich dabei gewesen.</p>
+
+<p>Um so wenig wie m&ouml;glich Begegnungen zu haben,
+machte der Scheik einen Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause,
+bis der Abend hereinbrach. Wir befanden uns in
+einer engen Schlucht, welche von steilen Granitw&auml;nden
+eingefa&szlig;t war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten,
+bis wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus
+dem es keinen zweiten Ausweg zu geben schien. Hier
+stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und die
+Frauen z&uuml;ndeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr
+reichliche und mannigfaltige Mahlzeit, die nat&uuml;rlich aus
+der Schiffsk&uuml;che stammte. Dann kam der von allen ersehnte
+Augenblick der Beuteverteilung.</p>
+
+<p>Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verlie&szlig; ich
+die anderen und machte die Runde um den Thalkessel.
+An einer Stelle d&uuml;nkte es mich, als ob man hier doch emporsteigen
+k&ouml;nne, und ich versuchte es. Die Sterne leuchteten
+hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde
+stand ich oben auf der H&ouml;he des Berges und hatte einen
+freien Blick nach allen Seiten. Dort unten im S&uuml;den sah
+es aus wie eine Reihe kahler Berge, &uuml;ber welche sich jener
+wei&szlig;liche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter
+gr&ouml;&szlig;erer St&auml;dte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!</p>
+
+<p>Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ate&iuml;beh,
+welche sich um ihren Anteil an der Beute stritten.
+Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich zu ihnen zur&uuml;ckkehrte.
+Der Scheik empfing mich mit den Worten:</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben?
+Du mu&szlig;t von allem, was wir auf dem Schiffe fanden,
+deinen Teil erhalten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und
+habe also auch nichts zu bekommen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>&raquo;H&auml;tten wir die Dschehe&iuml;ne gefunden, wenn du uns
+nicht begegnet w&auml;rest? Du bist unser F&uuml;hrer gewesen,
+ohne es zu wollen, und darum sollst du erhalten, was
+dir geb&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme nichts an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf
+ihn aus dem Grunde nicht beschimpfen, weil du mein Gast
+bist; aber er ist falsch, wenn er dir verbietet, Beute zu
+nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug ist zerst&ouml;rt.
+Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind,
+verbrennen und zerst&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was
+ihr habt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir behalten es nicht. Erlaube, da&szlig; wir es Halef,
+deinem Begleiter, geben, obgleich auch er schon das seinige
+bekommen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gebt es ihm!&laquo;</p>
+
+<p>Der kleine Halef Omar flo&szlig; von Dank &uuml;ber. Er
+hatte einige Waffen und Kleidungsst&uuml;cke erhalten und au&szlig;erdem
+einen Beutel mit Silberm&uuml;nzen. Er lie&szlig; nicht ab
+&ndash; ich mu&szlig;te ihm dieselben vorz&auml;hlen, um Zeuge zu sein,
+da&szlig; er heute ein au&szlig;erordentlich reicher Mann geworden
+sei. Die Summe bestand allerdings in ungef&auml;hr achthundert
+Piastern und reichte hin, einen armen Araber gl&uuml;cklich
+zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Mit diesem Geld kannst du mehr als f&uuml;nfzigmal
+die Kosten bestreiten, welche du in Mekka haben wirst,&laquo;
+bemerkte der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?&laquo; fragte
+ihn Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Morgen zwischen fr&uuml;h und Mittag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu
+verhalten?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span>&raquo;Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines
+jeden Pilgers, nach seiner Ankunft unverz&uuml;glich nach El
+Hamram<a name="FNanchor_123_123" id="FNanchor_123_123"></a><a href="#Footnote_123_123" class="fnanchor">[123]</a> zu gehen. Du reitest also nach dem Beith-Allah<a name="FNanchor_124_124" id="FNanchor_124_124"></a><a href="#Footnote_124_124" class="fnanchor">[124]</a>,
+l&auml;ssest vor demselben die Kamele halten und
+trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef<a name="FNanchor_125_125" id="FNanchor_125_125"></a><a href="#Footnote_125_125" class="fnanchor">[125]</a>,
+der dich f&uuml;hren und in allem unterrichten wird; nur mu&szlig;t
+du ihn vorher und nicht sp&auml;ter um den Preis befragen,
+weil du sonst betrogen wirst. Sobald du die Kaaba erblickst,
+verrichtest du zwei Rikat<a name="FNanchor_126_126" id="FNanchor_126_126"></a><a href="#Footnote_126_126" class="fnanchor">[126]</a> mit den dabei vorgeschriebenen
+Gebeten, zum Dank daf&uuml;r, da&szlig; du die heilige
+St&auml;tte gl&uuml;cklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar<a name="FNanchor_127_127" id="FNanchor_127_127"></a><a href="#Footnote_127_127" class="fnanchor">[127]</a>
+und ziehst die Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen
+und werden bewacht; denn es ist im Beith-Allah nicht wie
+in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der Hand zu
+behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die
+Kaaba, welcher siebenmal wiederholt werden mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_123_123" id="Footnote_123_123"></a><a href="#FNanchor_123_123"><span class="label">[123]</span></a> Die gro&szlig;e Moschee.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_124_124" id="Footnote_124_124"></a><a href="#FNanchor_124_124"><span class="label">[124]</span></a> &raquo;Haus Gottes&laquo;; es ist gleichfalls die gro&szlig;e Moschee gemeint.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_125_125" id="Footnote_125_125"></a><a href="#FNanchor_125_125"><span class="label">[125]</span></a> Fremdenf&uuml;hrer.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_126_126" id="Footnote_126_126"></a><a href="#FNanchor_126_126"><span class="label">[126]</span></a> Niederwerfungen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_127_127" id="Footnote_127_127"></a><a href="#FNanchor_127_127"><span class="label">[127]</span></a> Kanzel, t&uuml;rkisch: Mimbar.</p></div>
+
+<p>&raquo;Nach welcher Seite?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach rechts, so da&szlig; die Kaaba dir stets zur Linken
+bleibt. Die ersten drei G&auml;nge werden mit schnellen Schritten
+gethan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich
+das Ger&uuml;cht verbreitet, da&szlig; er sehr gef&auml;hrlich erkrankt
+sei, und um dieses Ger&uuml;cht zu widerlegen, rannte er dreimal
+schnell um die Kaaba herum. Die folgenden G&auml;nge
+geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei
+gesprochen werden m&uuml;ssen. Nach einem jeden Umlaufe
+wird der heilige Stein gek&uuml;&szlig;t. Zuletzt, wenn das Towaf
+beendet ist, dr&uuml;ckst du die Brust an die Th&uuml;r der Kaaba,
+breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung
+aller deiner S&uuml;nden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>&raquo;Dann bin ich fertig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Du hast nun seitw&auml;rts zum El Madschem<a name="FNanchor_128_128" id="FNanchor_128_128"></a><a href="#Footnote_128_128" class="fnanchor">[128]</a>
+zu gehen und vor dem Mekam-Ibrahim<a name="FNanchor_129_129" id="FNanchor_129_129"></a><a href="#Footnote_129_129" class="fnanchor">[129]</a> zwei Rikat zu verrichten.
+Dann begiebst du dich zum heiligen Brunnen Zem-Zem
+und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel Wasser
+daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen
+mitgeben, welche du mir f&uuml;llen und mitbringen magst;
+denn das heilige Wasser ist ein Mittel gegen alle Krankheiten
+des Leibes und der Seele.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_128_128" id="Footnote_128_128"></a><a href="#FNanchor_128_128"><span class="label">[128]</span></a> Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher Abraham
+und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die Kaaba bauten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_129_129" id="Footnote_129_129"></a><a href="#FNanchor_129_129"><span class="label">[129]</span></a> Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als Fu&szlig;gestell gedient
+haben soll.</p></div>
+
+<p>&raquo;Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt
+dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach
+Merua. Auf dem H&uuml;gel Szafa stehen drei offene Bogen.
+Dort stellst du dich hin, wendest das Angesicht nach der
+Moschee, erhebst die H&auml;nde gen Himmel und bittest Allah
+um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du
+sechshundert Schritt weit nach dem Altan von Merua.
+Unterwegs siehst du vier steinerne Pfeiler, an denen du
+springend vor&uuml;berlaufen mu&szlig;t. Auf Merua verrichtest
+du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal
+zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann ist alles gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn nun mu&szlig;t du dir dein Haupt scheren
+lassen und Omrah besuchen, welches so weit au&szlig;erhalb
+der Stadt liegt, wie wir uns jetzt von Mekka befinden.
+Dann hast du die heiligen Handlungen erf&uuml;llt und kannst
+zur&uuml;ckkehren. Im Monat der gro&szlig;en Wallfahrt mu&szlig; der
+Gl&auml;ubige mehr thun und braucht lange Zeit dazu, weil
+viele Tausende von Pilgern anwesend sind; du aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten wieder bei
+uns sein.&laquo;</p>
+
+<p>Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige,
+welche aber f&uuml;r mich von keinem Interesse waren,
+da sie sich meist nur auf Hanneh bezogen. Ich legte mich
+zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte er, ob ich
+bereits eingeschlafen sei. Er merkte, da&szlig; ich noch munter
+war, und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, wer wird dich bedienen w&auml;hrend meiner Abwesenheit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun,
+Halef?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Du wei&szlig;t, da&szlig; ich f&uuml;r dich alles thue, was
+ich kann und darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen
+Zem-Zem mitbringen. Bringe auch mir eine Flasche mit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht;
+denn das kann ich unm&ouml;glich thun. Von diesem Brunnen
+d&uuml;rfen nur die Gl&auml;ubigen trinken. Wenn ich dir Wasser
+br&auml;chte, so w&uuml;rde mich nichts vor der ewigen H&ouml;lle retten!&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Bescheid wurde mit so fester &Uuml;berzeugung
+ausgesprochen, da&szlig; ich nicht weiter in den Diener zu
+dringen versuchte. Nach einer Pause fragte er:</p>
+
+<p>&raquo;Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das darf ich ja nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten
+Glauben bekehrst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir
+schlafen.&laquo;</p>
+
+<p>Am andern Morgen ritt er als w&uuml;rdiger Ehemann
+mit seinem Weibe von dannen. Er nahm die Weisung
+mit, zu sagen, da&szlig; er aus fernen Landen komme, und ja
+nicht zu verraten, da&szlig; seine Begleiterin, die sich &uuml;brigens
+<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>jetzt verschleiert hatte, eine Ate&iuml;beh sei. Mit ihm ritt eine
+Strecke weit ein Krieger, welcher die Stra&szlig;e zwischen
+Mekka und Dschidda bewachen sollte. Auch am Eingange
+unserer Schlucht wurde ein Wachtposten aufgestellt.</p>
+
+<p>Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am
+zweiten Morgen ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis
+zu einem kleinen Streifzug. Er gab mir ein Kamel und
+bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser Aufenthalt nicht
+entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein
+machen zu k&ouml;nnen; aber die Tochter des Scheik trat zu
+mir, als ich das Kamel besteigen wollte, und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, darf ich mit dir reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst.&laquo;</p>
+
+<p>Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillk&uuml;rlich
+die Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt,
+meine Begleiterin w&uuml;rde mich warnen; allein sie
+hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu verlieren.
+Nur als wir ungef&auml;hr den vierten Teil einer Wegstunde
+zur&uuml;ckgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und
+bat mich:</p>
+
+<p>&raquo;Folge mir, Effendi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will sehen, ob unser W&auml;chter an seinem Platze ist.&laquo;</p>
+
+<p>Nach kaum f&uuml;nf Minuten erblickten wir ihn. Er sa&szlig;
+auf einer Anh&ouml;he und schaute unverwandt nach S&uuml;den.</p>
+
+<p>&raquo;Er braucht uns nicht zu sehen,&laquo; sagte sie. &raquo;Komm,
+Sihdi; ich werde dich f&uuml;hren, wohin du willst!&laquo;</p>
+
+<p>Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach
+links hin&uuml;ber und sah mich dabei l&auml;chelnd an. Dann lie&szlig;
+sie die Tiere weit ausgreifen und hielt endlich in einem
+engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf den Boden
+niedersetzte.</p>
+
+<p>&raquo;Setze dich zu mir und la&szlig; uns plaudern,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>Sie wurde mir immer r&auml;tselhafter, doch kam ich ihrer
+Aufforderung nach.</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;ltst du deinen Glauben f&uuml;r den allein richtigen,
+Effendi?&laquo; begann sie die eigent&uuml;mliche Unterhaltung.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;!&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch,&laquo; bemerkte sie ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;Du auch?&laquo; fragte ich verwundert; denn es war das
+erste Mal, da&szlig; ein muselm&auml;nnischer Mund mir gegen&uuml;ber
+ein solches Bekenntnis aussprach.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Effendi, ich wei&szlig;, da&szlig; nur deine Religion die
+richtige ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen
+gab, war das Paradies; dort lebten alle Gesch&ouml;pfe
+bei einander, ohne sich ein Leides zu thun. So hat es
+Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion die
+richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion
+der Christen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; aber ein alter T&uuml;rke hat uns einst von ihr
+erz&auml;hlt. Er sagte, da&szlig; ihr betet zu Gott: &#8250;Ile unut
+bizim g&uuml;nahler, b&ouml;jle unutar-iz g&uuml;nahler<a name="FNanchor_130_130" id="FNanchor_130_130"></a><a href="#Footnote_130_130" class="fnanchor">[130]</a>&#8249; &ndash; Ist dies
+richtig?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_130_130" id="Footnote_130_130"></a><a href="#FNanchor_130_130"><span class="label">[130]</span></a> Und vergieb du unsere S&uuml;nden, wie auch wir die S&uuml;nden vergessen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da&szlig; in eurem Kuran steht: &#8250;Allah muhabbet
+dir, ile muhabedda kim durar, bu durar Allahda ile Allah
+durar onada.&#8249;<a name="FNanchor_131_131" id="FNanchor_131_131"></a><a href="#Footnote_131_131" class="fnanchor">[131]</a> &ndash; Sage mir, ob das auch richtig ist!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_131_131" id="Footnote_131_131"></a><a href="#FNanchor_131_131"><span class="label">[131]</span></a> Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist in Gott und
+Gott in ihm.</p></div>
+
+<p>&raquo;Auch das ist richtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein
+Christ eine Jungfrau rauben?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>&raquo;Nein. Wenn er es th&auml;te, so w&uuml;rde er eine schwere
+Strafe erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, da&szlig; eure Religion besser ist, als unsere?
+Bei euch h&auml;tte Abu-Se&iuml;f mich nicht rauben und zwingen
+d&uuml;rfen, sein Weib zu sein. Kennst du die Geschichte dieses
+Landes?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wei&szlig;t du auch, wie die T&uuml;rken und &Auml;gypter
+gegen uns gew&uuml;tet haben, trotzdem wir <em class="gesperrt">eines</em> Glaubens
+sind. Sie haben unsere M&uuml;tter gesch&auml;ndet und unsere
+V&auml;ter zu Tausenden auf die Pf&auml;hle gespie&szlig;t, gevierteilt,
+verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren
+abgeschnitten, die Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert
+oder zerrissen. Ich hasse diesen Glauben, aber
+ich mu&szlig; ihn behalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum mu&szlig;t du ihn behalten? Es steht dir zu jeder
+Zeit&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweige,&laquo; unterbrach sie mich barsch. &raquo;Ich sage
+dir meine Gedanken, aber du sollst nicht mein Lehrer sein!
+Ich wei&szlig; selbst, was ich thue: ich werde mich r&auml;chen &ndash;
+r&auml;chen an allen, die mich beleidigt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dennoch meinst du, da&szlig; die Religion der Liebe
+die richtige sei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar
+daf&uuml;r, da&szlig; wir die heilige Stadt nicht betreten d&uuml;rfen,
+werde ich mich r&auml;chen. Rate, wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sagt dir das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich selbst. Antworte mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nsche allerdings, die Stadt sehen zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr gef&auml;hrlich; aber ich will mich r&auml;chen
+und habe dich deshalb an diesen Ort gef&uuml;hrt. &ndash; W&uuml;rdest
+<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>du die Gebr&auml;uche mitmachen, wenn du in Mekka
+w&auml;rest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;re mir lieb, dies vermeiden zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust
+recht daran. Gehe nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!&laquo;</p>
+
+<p>War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam
+dadurch r&auml;chen, da&szlig; sie seine heiligste St&auml;tte durch
+den Fu&szlig; eines Ungl&auml;ubigen entweihen lie&szlig;. Als Mission&auml;r
+h&auml;tte ich hier eine Aufgabe l&ouml;sen k&ouml;nnen &ndash; freilich
+nur mit gro&szlig;em Aufwande an Zeit und M&uuml;he; als
+&raquo;Weltbummler&laquo; war mir dies unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>&raquo;Wo liegt Mekka?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du diesen Berg &uuml;berschreitest, siehst du es
+im Thale liegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum soll ich gehen und nicht reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger
+in dir vermuten und dich nicht unbeachtet lassen. Betrittst
+du aber zu Fu&szlig;e die Stadt, so wird ein jeder
+meinen, da&szlig; du bereits dort gewesen seiest und nur einen
+Spaziergang gemacht habest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du willst wirklich auf mich warten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr kurz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bedenke, da&szlig; du sehr leicht entdeckt werden kannst,
+wenn du lange verweilst. Du darfst nur einmal durch
+die Stra&szlig;en gehen und die Kaaba sehen; das ist genug.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, da&szlig; ich
+beschlossen hatte, mich von dem Augenblick leiten zu lassen.
+Ich erhob mich. Sie deutete auf meine Waffen und
+sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen;
+<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span>aber tr&auml;gt ein Araber solche Waffen? La&szlig; deine Flinte
+hier und nimm die meinige daf&uuml;r.&laquo;</p>
+
+<p>Da &uuml;berflog mich im ersten Moment eine Art von
+Mi&szlig;trauen; aber ich hatte wirklich nicht den mindesten
+Grund, dasselbe festzuhalten. Daher vertauschte ich meine
+B&uuml;chse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den
+Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung
+von einer halben Stunde vor mir liegen, zwischen
+kahlen, unbelebten H&ouml;hen das Thal hinab. Ich unterschied
+die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs
+einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag
+im s&uuml;dlichen Teile der Stadt.</p>
+
+<p>Dorthin lenkte ich zun&auml;chst meine Schritte. Es war
+mir auf dem Wege zu Mute, wie einem Soldaten, der
+zwar schon bei einigen kleinen Treffen mitgefochten hat,
+pl&ouml;tzlich aber den Donner einer gro&szlig;en Schlacht dr&ouml;hnen h&ouml;rt.</p>
+
+<p>Ich gelangte gl&uuml;cklich in die Stadt. Da ich mir die
+Lage der Moschee gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu
+fragen. Die H&auml;user, zwischen denen ich hinschritt, waren
+von Stein erbaut, und die Stra&szlig;e hatte man mit dem
+Sande der W&uuml;ste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand
+ich vor dem gro&szlig;en Rechteck, welches der Beith-Allah
+bildet, und langsam ging ich um dasselbe herum. Die
+vier Seiten bestanden aus S&auml;ulenreihen und Kolonnaden,
+&uuml;ber denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich z&auml;hlte zweihundertvierzig
+Schritt in die L&auml;nge und zweihundertf&uuml;nf
+in die Breite. Da ich mir das &Auml;u&szlig;ere erst nachher betrachten
+wollte, trat ich durch eines der Thore ein. In
+demselben sa&szlig; ein Mekkaui<a name="FNanchor_132_132" id="FNanchor_132_132"></a><a href="#Footnote_132_132" class="fnanchor">[132]</a>, welcher mit kupfernen Flaschen
+handelte.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_132_132" id="Footnote_132_132"></a><a href="#FNanchor_132_132"><span class="label">[132]</span></a> Bewohner von Mekka.</p></div>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te ich ihn w&uuml;rdevoll. &raquo;Was
+kostet eine solche Kuleh?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>&raquo;Zwei Piaster.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne deine S&ouml;hne und die S&ouml;hne deiner
+S&ouml;hne, denn deine Preise sind billig. Hier hast du zwei
+Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.&laquo;</p>
+
+<p>Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den
+S&auml;ulen hindurch. Ich befand mich in der N&auml;he der
+Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun betrachtete ich
+mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der
+Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua<a name="FNanchor_133_133" id="FNanchor_133_133"></a><a href="#Footnote_133_133" class="fnanchor">[133]</a> vollst&auml;ndig
+bekleidet war, bot sie einen fremdartigen Anblick
+dar. Zu ihr f&uuml;hren sieben gepflasterte Wege, zwischen
+denen ebenso viele Graspl&auml;tze liegen. Neben der Kaaba
+bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem
+mehrere Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze
+Heiligtum machte auf mich durchaus keinen heiligen Eindruck.
+Koffer- und S&auml;nftentr&auml;ger rannten mit ihren
+Lasten hin und her; &ouml;ffentliche Schreiber sa&szlig;en unter den
+Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenh&auml;ndler waren
+zu sehen. Bei einem zuf&auml;lligen Blick durch die S&auml;ulenreihen
+bemerkte ich ein Reitkamel, welches eben drau&szlig;en
+niederkniete, um seinen Herrn absteigen zu lassen. Es
+war ein Tier von wundervoller Sch&ouml;nheit. Sein Besitzer
+kehrte mir den R&uuml;cken zu und winkte einen Diener der
+Moschee herbei, um bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies
+bemerkte ich nur so im Vor&uuml;bergehen, als ich zum Brunnen
+schritt. Ich wollte mir zun&auml;chst meine Flasche f&uuml;llen
+lassen, mu&szlig;te aber einige Zeit warten, bis die Reihe an
+mich kam. Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschlo&szlig;
+das Gef&auml;&szlig; und steckte es zu mir. Jetzt drehte ich mich
+um und &ndash; stand keine zehn Schritt von Abu-Se&iuml;f.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_133_133" id="Footnote_133_133"></a><a href="#FNanchor_133_133"><span class="label">[133]</span></a> Schwarzseidener Stoff.</p></div>
+
+<p>Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch
+l&auml;hmte er mir dieselben gl&uuml;cklicherweise nicht. In solchen
+<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>Augenblicken denkt und beschlie&szlig;t der Mensch zehnfach
+schnell. Ohne auff&auml;llig zu fliehen, strebte ich mit meinen
+l&auml;ngsten Schritten den S&auml;ulen zu, au&szlig;erhalb deren das
+Kamel des Abu-Se&iuml;f lag. Dieses Tier allein konnte mich
+retten. Es war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie
+am Dschammargebirge findet.</p>
+
+<p>Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit,
+sie zu holen, denn schon h&ouml;rte ich hinter mir den Ruf:</p>
+
+<p>&raquo;Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr H&uuml;ter des
+Heiligtumes!&laquo;</p>
+
+<p>Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war
+eine gro&szlig;artige. Ich hatte keine Zeit, mich umzusehen,
+aber ich h&ouml;rte hinter mir das Get&ouml;se eines Wasserfalles,
+das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln
+einer nach Tausenden z&auml;hlenden B&uuml;ffelherde. Jetzt war
+es aus mit meinen gleichm&auml;&szlig;igen Schritten. Ich schnellte
+vollends &uuml;ber den Platz hin&uuml;ber, sprang zwischen den
+S&auml;ulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor
+dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb
+warf den Diener weit zur Seite, und im n&auml;chsten
+Augenblick sa&szlig; ich im Sattel, den Revolver in der Hand.
+Aber &ndash; wird das Tier gehorchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;E &ndash; o &ndash; ah! &ndash; E &ndash; o &ndash; ah!&laquo;</p>
+
+<p>Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich
+das Hedjihn in zwei Rucken, und windschnell ging&#8217;s nun
+dahin. Sch&uuml;sse krachten hinter mir &ndash; nur vorw&auml;rts,
+vorw&auml;rts!</p>
+
+<p>W&auml;re das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen,
+welche man so oft findet, so war ich unbedingt verloren.</p>
+
+<p>In weniger als drei Minuten befand ich mich au&szlig;erhalb
+der Stadt, und erst dann wagte ich es, mich umzusehen,
+als ich beinahe die halbe H&ouml;he des Berges hinter
+<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span>mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche
+mich verfolgten. Die Muselm&auml;nner waren n&auml;mlich sofort
+in die n&auml;chsten Serais und Khans geeilt und hatten die
+dort vorhandenen Tiere bestiegen.</p>
+
+<p>Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des
+Scheik, die dadurch verraten wurde? Und doch mu&szlig;te ich
+sie warnen! Ich feuerte mein Tier durch unaufh&ouml;rliche
+Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich. Oben
+auf der H&ouml;he blickte ich noch einmal zur&uuml;ck und bemerkte,
+da&szlig; ich mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter
+war mir verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig nahe gekommen. Es war Abu-Se&iuml;f.
+Zuf&auml;llig hatte er ein Pferd ergriffen, welches eine
+au&szlig;erordentliche Schnelligkeit entwickelte.</p>
+
+<p>Ich flog dr&uuml;ben den Abhang hinab. Die Tochter
+Maleks ersp&auml;hte mich. Da&szlig; ich auf einem Kamele sa&szlig;
+und in solcher Eile herbeigest&uuml;rmt kam, dies lie&szlig; sie die
+Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel
+und nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte,
+beim Halfter.</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat dich entdeckt?&laquo; rief sie mich in H&ouml;rweite an.</p>
+
+<p>&raquo;Abu-Se&iuml;f.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist mir ziemlich nahe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und viele andere?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kommen zu sp&auml;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus
+&uuml;ber Berg und Thal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst es sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!&laquo;</p>
+
+<p>Im Vor&uuml;berreiten wechselten wir die Gewehre; dann
+versteckte sich die W&uuml;stentochter hinter einem Felsenvorsprung,
+ohne mir zu folgen. Jetzt erriet ich ihr Vorhaben:
+<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>sie wollte Abu-Se&iuml;f zwischen sich und mich bringen.
+Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der H&ouml;he.
+Ich lie&szlig; mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen
+und bemerkte, da&szlig; er nun seinen Eifer verdoppelte. W&auml;hrend
+ich die n&auml;chste Bergeslehne erklimmte, galoppierte er
+dr&uuml;ben herab und quer &uuml;ber die Senkung her&uuml;ber, ohne
+aus den Spuren zu bemerken, da&szlig; ich nicht allein da
+gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf
+der H&ouml;he hinter mir bereits noch einige Verfolger, und
+tief unten hatte sich meine Gef&auml;hrtin nun auch in Bewegung
+gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen: Abu-Se&iuml;f
+befand sich zwischen uns; und da sie das zweite
+Kamel nicht mehr am Halfter f&uuml;hrte, sondern frei nachlaufen
+lie&szlig;, so mu&szlig;te er sie, wenn er sich umsah, f&uuml;r
+einen meiner Verfolger halten.</p>
+
+<p>F&uuml;r meine Person hatte ich nichts mehr zu bef&uuml;rchten,
+und da die andern Verfolger immer weiter zur&uuml;ckblieben,
+so war nur noch darauf zu achten, da&szlig; Abu-Se&iuml;f uns
+nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem h&uuml;geligen
+Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der
+Richtung, welche dem Lager der Ate&iuml;beh entgegengesetzt
+war. Und zu gleicher Zeit z&uuml;gelte ich mein Dschemmel
+immer mehr.</p>
+
+<p>So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden,
+bis ich endlich die offene W&uuml;ste erreichte. Ich strebte in
+dieselbe hinein und richtete es so ein, da&szlig; sich Abu-Se&iuml;f
+immer au&szlig;er Schu&szlig;weite hinter mir befand. Jetzt erreichte
+auch die Tochter des Scheik den Fu&szlig; der H&uuml;gelkette,
+aber zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der
+letzten H&ouml;he noch einen Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes
+Kamel reiten mu&szlig;te; denn er kam uns anderen
+immer n&auml;her. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Se&iuml;f
+weit &uuml;berlegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>Ich begann bereits Bef&uuml;rchtungen zu hegen, zwar
+nicht f&uuml;r mich, sondern in Beziehung auf meine Gef&auml;hrtin;
+da sah ich zu meinem Erstaunen, da&szlig; dieser Reiter seitw&auml;rts
+abbog, als wolle er uns in einem Bogen &uuml;berholen.
+Ich hielt mein Tier an und blickte sch&auml;rfer zur&uuml;ck. War
+es m&ouml;glich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn
+sah genau so aus, wie mein Halef. Wie kam er zu
+einem solchen Tiere, und wie kam er hinter uns? Ich
+hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar
+genau ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein
+anderer. Er wollte sich mir zu erkennen geben und schlug
+mit den Armen in der Luft herum, als ob er Schwalben
+fangen wolle.</p>
+
+<p>Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die B&uuml;chse zur
+Hand. Der Verfolger war im Bereich meiner Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Rrrrreee, du Vater des S&auml;bels! Bleib fern, sonst
+sende ich dir eine Kugel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fern bleiben, du Hund?&laquo; schrie er. &raquo;Ich werde
+dich lebendig fangen und nach Mekka bringen, du Sch&auml;nder
+des Heiligtumes!&laquo;</p>
+
+<p>Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte.
+Um ihn zu schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes
+gehalten. Es &uuml;berschlug sich und begrub ihn unter sich;
+es w&auml;lzte sich einigemal &uuml;ber ihm und dann war es tot.
+Ich erwartete, da&szlig; er sich schleunigst hervorarbeiten werde;
+es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er
+that nur so, um mich in seine N&auml;he zu locken. Ich ritt
+sehr vorsichtig auf ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit
+der Ate&iuml;beh bei ihm an. Er lag mit geschlossenen Augen
+im Sande und r&uuml;hrte sich nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!&laquo;
+klagte das Weib.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>Doch kann er das Genick oder etwas anderes
+gebrochen haben. Ich werde nachsehen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich
+nicht innerlich verletzt hatte, so war er wohl erhalten und
+nur bet&auml;ubt. Die Ate&iuml;beh zog ihren Handschar.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir seinen Kopf nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht
+auf ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Recht ist &auml;lter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das meinige ist gr&ouml;&szlig;er: ich habe ihn gef&auml;llt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig.
+T&ouml;test du ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was thust du, wenn ich ihn nicht t&ouml;te, sondern frei
+gebe oder einfach hier liegen lasse?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So giebst du dein Recht auf, und ich mache das
+meinige geltend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebe es nicht auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden,
+was mit ihm geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt kam auch Halef herbei.</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du
+gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommst du an diesen Ort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin dir nachgeeilt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sehe ich allerdings. Erkl&auml;re dich ausf&uuml;hrlicher!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du wei&szlig;t, da&szlig; ich sehr viel Geld habe. Was
+soll ich es in meiner Tasche tragen? Ich wollte mir ein
+Dschemmel daf&uuml;r kaufen und ging zu einem H&auml;ndler, der
+am s&uuml;dlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei
+mir. W&auml;hrend ich mir seine Tiere besah, unter denen
+dieses hier das beste und so teuer war, da&szlig; es nur ein
+Pascha oder Emir bezahlen konnte, erhob sich drau&szlig;en ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>gro&szlig;er L&auml;rm. Ich eilte mit dem H&auml;ndler hinaus und
+h&ouml;rte, da&szlig; ein Giaur das Heiligtum gesch&auml;ndet habe und
+geflohen sei. Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah
+dich auch einen Augenblick sp&auml;ter nach der H&ouml;he eilen.
+Alles dr&auml;ngte nach dem Hof, um Tiere zu deiner Verfolgung
+zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses
+Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in
+das Lager zu eilen und dem Scheik den Vorfall zu erz&auml;hlen,
+gab ich dem H&auml;ndler, der mir das Tier nicht
+borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich
+zu fangen. Die anderen blieben alle zur&uuml;ck; nun habe ich
+dich und auch das Dschemmel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht dein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dar&uuml;ber reden wir sp&auml;ter, Sihdi. Die Verfolger
+sind noch immer hinter uns; wir k&ouml;nnen nicht hier bleiben.
+Was thun wir mit diesem Vater des S&auml;bels und des
+Betruges?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen
+ihn mit. Er wird wohl wieder zu sich kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wohin fliehen wir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; den Ort,&laquo; antwortete die Ate&iuml;beh. &raquo;Auch
+du kennst ihn, Halef; denn mein Vater, der Scheik, hat
+ihn dir gesagt f&uuml;r den Fall, da&szlig; du uns nicht mehr im
+Lager angetroffen h&auml;ttest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du meinst die H&ouml;hle Atafrah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Hanneh h&auml;tte dich hingef&uuml;hrt. Diese H&ouml;hle ist nur
+den Anf&uuml;hrern der Ate&iuml;beh bekannt, und diese sind jetzt nicht
+dort zugegen. Kommt, helft mir den Gefangenen binden.&laquo;</p>
+
+<p>Sechs H&auml;nden war es nicht schwer, ihn auf das
+Kamel zu befestigen, welches mich vom Lager aus bis in
+die N&auml;he der Stadt getragen hatte. Alles, was Abu-Se&iuml;f
+bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann
+stiegen wir wieder auf und eilten dem S&uuml;dosten zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>So war ich denn gl&uuml;cklich entkommen. Ich dachte
+jetzt nicht, da&szlig; ich Mekka noch einmal sehen w&uuml;rde, und
+verspare daher die Beschreibung der Stadt und ihrer
+Sehensw&uuml;rdigkeiten bis sp&auml;ter.</p>
+
+<p>Unterwegs hatte ich von den Vorw&uuml;rfen Halefs zu leiden.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; meinte er, &raquo;habe ich dir nicht gesagt, da&szlig;
+kein Ungl&auml;ubiger die heilige Stadt besuchen darf? Du
+h&auml;ttest beinahe das Leben verloren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich
+Wasser verlangte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich sie nicht erf&uuml;llen durfte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du warst beim heiligen Brunnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig, Sihdi! Er hat dich
+zu einem wahren Gl&auml;ubigen und sogar zu einem Hadschi
+gemacht. Ein Giaur darf nicht in die Stadt; aber wer
+vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und
+folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets
+gesagt, da&szlig; du dich noch bekehren w&uuml;rdest, du magst wollen
+oder nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Das war eine ebenso drollige wie auch k&uuml;hne Auffassung
+der Sachlage; aber sie hatte die Absicht und auch
+den Erfolg, das muselm&auml;nnische Gewissen meines guten
+Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht ein,
+seine Anschauung zu widerlegen.</p>
+
+<p>Die Landschaft um Mekka ist au&szlig;erordentlich wasserarm,
+und wo sich ein Brunnen befindet, ist er sicherlich
+der Mittelpunkt eines Dorfes oder wenigstens eines zeitweiligen
+Lagers. Diese Orte mu&szlig;ten wir meiden, und
+so kam es, da&szlig; wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt
+machten, bis wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich
+an zerkl&uuml;fteten Felsen war. Wir folgten der Ate&iuml;beh
+<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>&uuml;ber Schutt und Ger&ouml;ll und zwischen m&auml;chtigen Steinbl&ouml;cken
+hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten,
+der unten die ungef&auml;hre Breite eines Kameles hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Dies ist die H&ouml;hle,&laquo; sagte unsere F&uuml;hrerin. &raquo;Auch
+die Tiere k&ouml;nnen hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen
+abnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir bleiben hier?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, bis der Scheik kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird er kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt
+hat. Wenn jemand von den Ate&iuml;beh nicht zum
+Lager kommt, so ist er hier in dieser H&ouml;hle zu suchen.
+Steigt ab und folget mir!&laquo;</p>
+
+<p>Abu-Se&iuml;f war wieder zu sich gekommen, aber er hatte
+w&auml;hrend des ganzen Rittes keinen Laut von sich gegeben
+und stets die Augen geschlossen gehalten. Er wurde zuerst
+in die H&ouml;hle gebracht. Wenn man dem Spalte folgte,
+so wurde er immer breiter und bildete schlie&szlig;lich einen
+Raum, der gro&szlig; genug f&uuml;r vierzig bis f&uuml;nfzig M&auml;nner
+und Tiere war. Sein gro&szlig;er Vorzug bestand in dem
+Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde angesammelt
+hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in
+Sicherheit gebracht hatten, suchten wir drau&szlig;en nach dem
+gro&szlig;b&uuml;scheligen Rattamgras, welches die sehr willkommene
+Eigenschaft besitzt, da&szlig; es im gr&uuml;nen Zustande ebensogut
+brennt wie im getrockneten. Das war f&uuml;r die Nacht,
+denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer
+anzuz&uuml;nden, dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht
+h&auml;tte verraten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens aber brauchten wir keine gro&szlig;e Sorge zu
+haben, entdeckt zu werden. Unser Weg hatte uns meist
+&uuml;ber einen so steinigen Boden gef&uuml;hrt, da&szlig; unsere Spuren
+sicher nicht verfolgt werden konnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>Eine eigent&uuml;mliche Entdeckung machte ich, als ich die
+Satteltasche meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld,
+und zwar eine nicht unbedeutende Summe.</p>
+
+<p>Unsere Tiere waren erm&uuml;det, und wir ebenso; die
+Fesseln des Gefangenen waren fest, und so konnten wir
+schlafen. Nat&uuml;rlich aber teilte ich mich mit Halef in die
+Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die
+Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die
+Wache. Durch ein sich nahendes Ger&auml;usch aufmerksam
+gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus und sah einen Mann,
+der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in ihm einen
+der Ate&iuml;beh und trat hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Allah sei Dank, da&szlig; ich dich sehe, Effendi!&laquo; begr&uuml;&szlig;te
+er mich. &raquo;Der Scheik hat mich vorausgesandt,
+um zu erforschen, ob ihr hier zu finden seid. Nun brauche
+ich nicht zur&uuml;ckzukehren, denn dies ist das Zeichen, da&szlig;
+ich euch hier angetroffen habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen vermutest du au&szlig;er mir noch hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deinen Diener Halef, die Bint el Ate&iuml;beh und vielleicht
+gar noch Abu-Se&iuml;f, den Gefangenen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kannst du diese alle hier erwarten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh
+kam mit den beiden Kamelen allein ins Lager und erz&auml;hlte,
+da&szlig; du in Mekka gewesen und geflohen bist. Die Bint
+el Malek war mit dir geritten und hat dich sicher nicht
+verlassen, obgleich du eine gro&szlig;e S&uuml;nde begangen hast.
+Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die
+Verfolger das erschossene Pferd des Dschehe&iuml;ne, ihn selbst
+aber nicht. Ihr hattet ihn also bei euch. Freilich konnten
+nur wir dies erraten, die anderen aber nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann kommt der Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht noch vor einer Stunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm herein.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>Er w&uuml;rdigte den Gefangenen keines Blickes und legte
+sich sofort zum Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit
+langte die kleine Karawane vor der H&ouml;hle an. Man lud
+ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte erwartet,
+von dem Scheik Vorw&uuml;rfe zu erhalten. Aber seine erste
+Frage war:</p>
+
+<p>&raquo;Hast du den Dschehe&iuml;ne gefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unverletzt und gesund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werden wir &uuml;ber ihn richten!&laquo;</p>
+
+<p>Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden.
+Nun sollte das Gericht beginnen. Vorher hatte
+ich aber mit Halef eine interessante Unterredung.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, erlaube mir eine Frage,&laquo; bat er.</p>
+
+<p>&raquo;Sprich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr, du wei&szlig;t noch alles, was du &uuml;ber mich
+und Hanneh niedergeschrieben hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann mu&szlig; ich Hanneh wieder hergeben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sobald du die Wallfahrt beendet hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich habe sie noch nicht beendet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlt noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da
+es sehr schnell gegangen ist. Aber ich m&ouml;chte mein Weib
+behalten, und da ist es mir eingefallen, da&szlig; zu einer
+richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, sie liebt mich. Glaube es &ndash; sie hat es mir
+selbst gesagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du liebst sie wieder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr! Steht nicht geschrieben, da&szlig; Allah dem Adam
+eine Rippe genommen und daraus die Eva geschaffen
+<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und also wird
+das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was wird der Scheik sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weitere Sorge hast du nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich? Was werde ich dazu sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben,
+denn ich werde dich dennoch nicht verlassen, so lange du
+mich bei dir haben willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Weib k&ouml;nnte aber doch nicht mit umherziehen;
+bedenke das!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem
+Stamme lassen, bis ich zur&uuml;ckkehren kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht
+verlange. Aber da ihr euch einander so lieb habt, so
+mu&szlig;t du eben dein m&ouml;glichstes thun, sie behalten zu d&uuml;rfen.
+Vielleicht l&auml;&szlig;t sich der Scheik erbitten, da&szlig; du sie nicht
+wieder abzutreten brauchst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich
+fliehen m&uuml;&szlig;te. O sie wei&szlig;, da&szlig; ich Hadschi Halef Omar
+Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah
+bin, und sie w&uuml;rde mit mir bis an das Ende der
+Welt gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Mit dieser selbstbewu&szlig;ten Versicherung schritt er stolz
+von dannen. Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet,
+in dessen Mitte Abu-Se&iuml;f getragen worden war. Ich
+ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu nehmen,
+und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Effendi,&laquo; begann dieser, &raquo;ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; du
+behauptest, Rechte an diesen Mann zu haben, und wei&szlig;,
+da&szlig; dies die Wahrheit ist. Willst du ihn uns abtreten
+oder willst du mit uns &uuml;ber sein Schicksal abstimmen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>&raquo;Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn
+auch er hat Rache an Abu-Se&iuml;f zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!&laquo;</p>
+
+<p>Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos
+liegen, als ob er tot sei.</p>
+
+<p>&raquo;Abu-Se&iuml;f, erhebe dich vor diesen M&auml;nnern, um dich
+zu verantworten!&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr M&auml;nner;
+warum sollen wir da mit ihm reden? Er wei&szlig;, was
+er gethan hat, und wir wissen es auch; was k&ouml;nnten uns
+da die Worte und die Fragen n&uuml;tzen? Ich sage, da&szlig; er
+sterben mu&szlig;, um den Schakalen, Hy&auml;nen und Geiern zur
+Speise zu dienen. Wer meiner Rede beistimmt, der mag
+es erkl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein
+Veto einlegen, wurde aber durch ein unvorhergesehenes
+Ereignis daran verhindert. Bei den letzten Worten des
+Scheik n&auml;mlich erhob sich pl&ouml;tzlich der Gefangene, schnellte
+zwischen zwei der Ate&iuml;beh hindurch und sprang dem Ausgang
+zu. Ein lauter Schrei der Best&uuml;rzung erscholl, dann
+erhoben sich alle, um ihm nachzuspringen. Ich war der
+einzige, welcher zur&uuml;ckblieb. Er hatte gro&szlig;e Schuld auf
+sich geladen und nach den Gesetzen der W&uuml;ste mehr als
+den Tod verdient; dennoch war es mir unm&ouml;glich gewesen,
+f&uuml;r diese Strafe zu stimmen. Vielleicht gelang es
+ihm, zu entkommen. War dies der Fall, so durften wir
+keine Stunde l&auml;nger in der H&ouml;hle verweilen.</p>
+
+<p>Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher
+zur&uuml;ckkehrte, war der alte Scheik. Er war hinter den
+jungen M&auml;nnern zur&uuml;ckgeblieben.</p>
+
+<p>&raquo;Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>&raquo;Weil deine tapfern M&auml;nner ihn fangen werden,
+ohne meiner Hilfe zu bed&uuml;rfen. Werden sie ihn wieder
+bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht. Er ist ein ber&uuml;hmter L&auml;ufer,
+und als wir vor die H&ouml;hle kamen, war er bereits verschwunden.
+Wenn wir ihn nicht wieder ereilen, so m&uuml;ssen
+wir fliehen, da er nun die H&ouml;hle kennt.&laquo;</p>
+
+<p>Nach und nach kehrten mehrere M&auml;nner zur&uuml;ck. Sie
+hatten ihn nicht laufen sehen und auch seine Spur nicht
+bemerkt. Sp&auml;ter kam Halef, zuletzt aber kehrte die Tochter
+des Scheik zur&uuml;ck, deren Nasenfl&uuml;gel vor Wut zitterten.
+Ein kurzer Meinungstausch ergab, da&szlig; ihn niemand gesehen
+hatte. Die Best&uuml;rzung und der Umstand, da&szlig; ihm
+durch den engen Gang nur stets einer folgen konnte, hatte
+ihm einen Vorsprung gew&auml;hrt, und der Boden drau&szlig;en
+war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt, ihr M&auml;nner,&laquo; sagte der Scheik, &raquo;er wird
+unsern Versteck verraten. Wollen wir sofort aufbrechen
+oder auf unseren Tieren noch einen Versuch machen, ihn
+zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten,
+so ist es leicht m&ouml;glich, da&szlig; wir ihn bemerken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,&laquo; sagte
+seine Tochter.</p>
+
+<p>Die anderen stimmten bei.</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir.
+Wer den Entflohenen bringt &ndash; tot oder lebendig &ndash; der
+wird eine gro&szlig;e Belohnung bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Da trat Halef vor und sprach: &raquo;Den Preis habe ich
+bereits verdient. Drau&szlig;en liegt tot der Vater des S&auml;bels.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo hast du ihn ereilt?&laquo; fragte der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Herr, du mu&szlig;t wissen, da&szlig; mein Sihdi ein Meister
+ist im Kampfe und im Auffinden aller Arten des Makam<a name="FNanchor_134_134" id="FNanchor_134_134"></a><a href="#Footnote_134_134" class="fnanchor">[134]</a>;
+<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>er hat mich gelehrt, die Spuren im Sande, im Grase, auf
+der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat mir gezeigt,
+wie man nachdenken mu&szlig; bei der Verfolgung eines
+Fl&uuml;chtigen. Ich war der erste, der hinter Abu-Se&iuml;f die
+H&ouml;hle verlie&szlig;; aber ich sah ihn bereits nicht mehr. Ich
+rannte erst nach links hinauf, dann nach rechts hinab,
+und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, da&szlig; er
+so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus
+der H&ouml;hle zu verstecken. Ich sp&auml;hte hinter den Steinen
+und fand ihn auch. Es gab einen kurzen Kampf, dann
+drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz. Seinen
+K&ouml;rper werde ich euch zeigen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_134_134" id="Footnote_134_134"></a><a href="#FNanchor_134_134"><span class="label">[134]</span></a> Fu&szlig;spur.</p></div>
+
+<p>Ich blieb wieder in der H&ouml;hle, die anderen aber
+folgten Halef, um den toten Abu-Se&iuml;f zu sehen.</p>
+
+<p>Bald kehrten sie jubelnd zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Was verlangst du als Belohnung?&laquo; fragte nun der
+Scheik den tapfern kleinen Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem
+ich wohl nicht wieder zur&uuml;ckkehren werde. H&auml;ltst du mich
+f&uuml;r w&uuml;rdig, so nimm mich unter die Deinen auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Ate&iuml;beh willst du werden? Was sagt dein
+Herr dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; nahm ich das Wort. &raquo;Ich vereinige meinen
+Wunsch mit dem seinigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was mich betrifft, so w&uuml;rde ich auf der Stelle zustimmen,&laquo;
+erkl&auml;rte der Scheik. &raquo;Aber ich mu&szlig; erst diese
+Leute befragen, und die Adoption eines Fremden ist eine
+wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast du
+Verwandte hier in der N&auml;he?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du eine Blutrache auf dich geladen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>&raquo;Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Anh&auml;nger der Sunna.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder
+gehabt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn dieses ist, so k&ouml;nnen wir ja gleich zur Beratung
+schreiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So berate auch &uuml;ber ein anderes noch mit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wor&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?&laquo;</p>
+
+<p>Ich erhob mich vom Boden und nahm eine m&ouml;glichst
+w&uuml;rdevolle Haltung an. Dann begann ich meine Rede:</p>
+
+<p>&raquo;Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah &ouml;ffne
+dir das Herz, damit sie Eingang in die Gnade deines
+Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein Emir
+unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam
+nach Afrika und auch in dieses Land, um seine Bewohner
+zu sehen und gro&szlig;e Thaten zu verrichten. Dazu brauchte
+ich einen Diener, der alle Mundarten des Westens und
+Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem
+L&ouml;wen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen
+f&uuml;rchtet. Ich fand diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi
+Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und bin
+mit ihm bis heute &uuml;ber alle Ma&szlig;en zufrieden gewesen.
+Er ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug
+wie ein Fennek und schnell wie eine Antilope. Wir haben
+&uuml;ber den Abgr&uuml;nden der Schotts gek&auml;mpft, wir sind eingebrochen
+und haben uns doch gerettet. Wir haben die
+Tiere des Feldes und der W&uuml;ste bezwungen; wir haben
+dem b&ouml;sen Smum getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die
+Grenze Nubiens gedrungen und haben eine Gefangene,
+die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres Peinigers
+befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>und was wir da erlebten, das habt ihr bereits
+erfahren und seid auch Zeuge davon gewesen. Er ist dann
+mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka geritten. Sie
+ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich unterschrieben,
+da&szlig; er sie wieder hergeben werde. Nun aber
+hat Allah ihre Herzen geleitet, da&szlig; sie einander lieb gewannen
+und nie wieder von einander scheiden m&ouml;chten.
+Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el
+Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif
+el Hanifi, der weise und tapfere Scheik dieser S&ouml;hne der
+Ate&iuml;beh. Deine Einsicht wird dir sagen, da&szlig; ich einen
+solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht gern von mir lasse;
+aber ich w&uuml;nsche, da&szlig; er gl&uuml;cklich sei, und daher richte
+ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ate&iuml;beh
+aufzunehmen und den Vertrag zu zerrei&szlig;en, in welchem
+er dir versprochen hat, sein Weib zur&uuml;ckzugeben. Ich
+wei&szlig;, da&szlig; du mir diese Bitte erf&uuml;llen wirst, und ich werde,
+wenn ich einst in meine Heimat zur&uuml;ckgekehrt bin, deinen
+Ruhm und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen
+Abendlande. Sallam!&laquo;</p>
+
+<p>Alle hatten mir aufmerksam zugeh&ouml;rt. Malek antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, ich wei&szlig;, da&szlig; du ein ber&uuml;hmter Emir der
+Nemsi bist, obgleich euere Namen so kurz sind, wie die
+Klinge eines Frauenmessers. Du bist ausgegangen wie
+ein Sultan, welcher unerkannt gro&szlig;e Thaten verrichtet,
+und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem
+Heldentum erz&auml;hlen. Hadschi Halef Omar ist bei dir wie
+ein Wessir, dessen Leben seinem Sultan geh&ouml;rt, und ihr
+seid in unsere Zelte gekommen, um uns gro&szlig;e Ehre zu
+bereiten. Wir lieben dich und ihn &ndash; und wir werden
+unsere Stimmen vereinigen, um ihn zum Sohne unseres
+Stammes zu machen. Auch werde ich mit seinem Weibe
+<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde ich
+den Vertrag zerrei&szlig;en, wie du es erbeten hast; denn er
+ist ein tapferer Krieger, welcher Abu-Se&iuml;f, den Dieb und
+R&auml;uber, get&ouml;tet hat. Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl
+zu bereiten, um den Tod des Feindes zu feiern und dann
+die Beratung in w&uuml;rdiger Weise vorzunehmen. Du bist
+unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen
+Glauben hast, als wir. Sallam, Effendi!&laquo;</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>
+<a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Am Tigris.</span></h2>
+
+
+<p>&raquo;<span class="dropcap">S</span>chrecklich wird der Herr &uuml;ber sie sein; denn er
+wird alle falschen G&ouml;tter vertilgen, und es sollen ihn anbeten
+alle Inseln der Heiden, ein jeglicher an seinem Ort.
+Und er wird seine Hand ausstrecken &uuml;ber Mitternacht,
+um Assur umzubringen. Niniveh wird er &ouml;de machen
+und so d&uuml;rre wie eine W&uuml;ste, da&szlig; darinnen sich lagern
+werden allerlei Tiere der Heidenl&auml;nder; auch Rohrdommeln
+und Kormorans werden wohnen auf den T&uuml;rmen und
+in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken,
+denn die &Ouml;de wird auf den Schwellen sein. Das ist die
+lustige Stadt, die so sicher war und bei sich sprach: ich
+bin es und keine mehr. Wie ist sie so w&uuml;ste geworden,
+da&szlig; die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr
+vor&uuml;bergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den H&auml;nden
+&uuml;ber sie!&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>An diese Worte des Propheten Zephanja mu&szlig;te ich
+denken, als wir unser Boot beim letzten Schimmer des
+Tages an das rechte Ufer des <em class="gesperrt">Tigris</em> legten. Die ganze
+Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine
+gro&szlig;e, ungeheuere, &ouml;de Begr&auml;bnisst&auml;tte. Die Ruinen des
+alten Rom und Athen werden vom Strahle der Sonne
+erleuchtet, und die Denkm&auml;ler des einstigen &Auml;gypten
+ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie
+reden verst&auml;ndlich genug von der Macht, dem Reichtume
+<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>und dem Kunstsinne jener V&ouml;lker, welche sie errichtet haben.
+Hier aber, an den beiden Str&ouml;men Euphrat und Tigris,
+liegen nur w&uuml;ste Tr&uuml;mmerhaufen, &uuml;ber welche der Beduine
+achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, da&szlig; unter
+den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von
+Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen
+die Menschen im Lande Sinear bauten, als sie zu einander
+sprachen: &raquo;Kommt, lasset uns eine Stadt und einen Turm
+bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir
+uns einen Namen machen!&laquo;&nbsp;&ndash;? Sie haben Stadt und
+Turm gebaut, aber die St&auml;tte ist verw&uuml;stet. Sie wollten
+sich einen Namen machen, aber die Namen der V&ouml;lker,
+welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in dem
+Turme ihren s&uuml;ndigen Gottesdienst ver&uuml;bten, und die
+Namen der Dynasten und Statthalter, welche hier im
+Golde und im Blute von Millionen w&uuml;hlten, sie sind
+verschollen und k&ouml;nnen mit gr&ouml;&szlig;ter M&uuml;he und von unseren
+besten Forschern kaum noch erraten werden.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das
+Dampfboot, welches uns bis unter die Stromschnellen von
+Chelab getragen hatte?</p>
+
+<p>Ich war mit den Ate&iuml;beh bis in die W&uuml;ste En Nahman
+gezogen, da ich es nicht wagen konnte, mich im Westen
+des Landes sehen zu lassen. Die N&auml;he von <em class="gesperrt">Maskat</em>
+verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein
+und ohne alle Begleitung, besah mir seine bet&uuml;rmten
+Mauern, seine befestigten Stra&szlig;en, seine Moscheen und
+portugiesischen Kirchen, bewunderte auch die beludschistanische
+Leibgarde des Imam und setzte mich endlich in
+eines der offenen Kaffeeh&auml;user, um mir eine Tasse Keschreh
+munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen
+der Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gew&uuml;rzt.
+Meine Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt
+<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>gest&ouml;rt, welche den Eingang verdunkelte. Ich blickte auf
+und sah eine Figur, welche einer l&auml;ngeren Betrachtung
+vollst&auml;ndig w&uuml;rdig war:</p>
+
+<p>Ein hoher, grauer Cylinderhut sa&szlig; auf einem d&uuml;nnen,
+langen Kopfe, der in Bezug auf Haarwuchs eine v&ouml;llige
+W&uuml;ste war. Ein unendlich breiter, d&uuml;nnlippiger Mund
+legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und
+lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis
+hinab zum Kinne zu verl&auml;ngern. Der blo&szlig;e, d&uuml;rre Hals
+ragte aus einem sehr breiten, umgelegten, tadellos gepl&auml;tteten
+Hemdkragen; dann folgte ein graukarrierter Schlips,
+eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter Rock und graukarrierte
+Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue
+Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann
+ein Instrument, welches einer Verwalterhacke sehr &auml;hnlich
+war, und in der Linken eine doppell&auml;ufige Pistole. Aus
+der &auml;u&szlig;eren Brusttasche guckte ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt
+neugierig hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Wermyn kahwe!&laquo; schnarrte er mit einer Stimme,
+welche dem Tone einer Sperlingsklapper glich.</p>
+
+<p>Er setzte sich auf ein Sen&iuml;eh, welches eigentlich als
+Tisch dienen sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht
+wurde. Er erhielt den Kaffee, senkte die Nase auf den
+Trank, schn&uuml;ffelte den Duft ein, sch&uuml;ttete den Inhalt auf
+die Stra&szlig;e hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Wermyn t&uuml;t&uuml;n, gebt Tabak!&laquo; befahl er jetzt.</p>
+
+<p>Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen
+Zug, blies den Rauch durch die Nase, spuckte aus und
+warf die Pfeife neben die Tasse.</p>
+
+<p>&raquo;Wermyn&laquo; &ndash;&nbsp;&ndash; er sann nach, aber das t&uuml;rkische
+Wort wollte nicht kommen, und Arabisch verstand er vielleicht
+gar nicht. Daher schnarrte er kurzweg: &raquo;Wermyn
+Roastbeef!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>Der Kawehdschi verstand ihn nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Roastbeef!&laquo; wiederholte er, indem er mit dem Munde
+und allen zehn Fingern die Pantomime des Essens machte.</p>
+
+<p>&raquo;Kebab!&laquo; bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich
+hinter der Th&uuml;re verschwand, um die Speise zu bereiten.
+Sie besteht aus kleinen, viereckigen Fleischst&uuml;cken, welche
+an einem Spie&szlig;e &uuml;ber dem Feuer gebraten werden.</p>
+
+<p>Jetzt schenkte der Engl&auml;nder auch mir seine Aufmerksamkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Araber?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">No.</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;T&uuml;rke?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">No.</em>&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt zog er die d&uuml;nnen Augenbrauen erwartungsvoll
+in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Englishman?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich bin ein Deutscher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Deutscher? Was hier machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kaffee trinken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Very well!</em> Was sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin <em class="antiqua">writer</em>!&laquo;<a name="FNanchor_135_135" id="FNanchor_135_135"></a><a href="#Footnote_135_135" class="fnanchor">[135]</a></p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_135_135" id="Footnote_135_135"></a><a href="#FNanchor_135_135"><span class="label">[135]</span></a> Schreiber, Schriftsteller.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ah! Was hier wollen in Maskat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ansehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann weiter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Geld?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>Ich nannte meinen Namen. Sein Mund &ouml;ffnete sich
+auf die Weise, da&szlig; die d&uuml;nnen Lippen ganz genau ein
+gleichseitiges Viereck bildeten, welches die breiten, langen
+Z&auml;hne des Mannes sehen lie&szlig;; die Brauen stiegen noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span>h&ouml;her empor als vorher, und die Nase wedelte mit der
+Spitze, als ob sie Kundschaft einziehen wolle, was das
+Loch unter ihr jetzt sagen werde. Dann griff er in den
+Rockscho&szlig;, zog ein Notizbuch hervor, bl&auml;tterte darin und
+fuhr sodann in die H&ouml;he, um den Hut abzunehmen und
+mir eine Verbeugung zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Welcome</em>, Sir; kenne Sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes</em>, sehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich fragen, woher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom
+Traveller-Klub, London, Near-Street 47.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er
+sich jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf Reisen &ndash; hier oder dort &ndash; wei&szlig; nicht. Sie
+waren mit ihm auf Ceylon?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elefanten gejagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann in See auf Girl-Robber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Zeit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Warum stellen Sie diese Frage?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habe gelesen von Babylon &ndash; Niniveh &ndash; Ausgrabung
+&ndash; Teufelsanbeter. Will hin &ndash; auch ausgraben
+&ndash; Fowling-bull holen &ndash; britisches Museum schenken.
+Kann nicht Arabisch &ndash; will gern J&auml;ger haben. Machen
+Sie mit &ndash; bezahle gut, sehr gut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich um Ihren Namen bitten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lindsay, David Lindsay &ndash; Titel nicht, brauche nicht
+&ndash; Sir Lindsay sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und
+Tigris zu gehen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span>&raquo;<em class="antiqua">Yes.</em> Habe Dampfboot &ndash; fahre hinauf &ndash; steige
+aus &ndash; Dampfboot wartet, oder zur&uuml;ck nach Bagdad &ndash;
+kaufe Pferd und Kamel &ndash; reisen, jagen, ausgraben, britisches
+Museum schenken, Traveller-Klub erz&auml;hlen. Sie
+mitgehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin am liebsten selbst&auml;ndig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich! K&ouml;nnen mich verlassen, wann wollen
+&ndash; werde gut bezahlen, sehr fein bezahlen &ndash; nur mitgehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist noch dabei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So viel, wie Sie wollen &ndash; aber lieber ich, Sie,
+zwei Diener.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann fahren Sie ab?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;bermorgen &ndash; morgen &ndash; heut &ndash; gleich!&laquo;</p>
+
+<p>Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener
+kommen konnte. Ich bedachte mich nicht lange und schlug
+ein. Nat&uuml;rlich aber stellte ich die Bedingung, da&szlig; es mir
+zu jeder Zeit frei st&auml;nde, meine eigenen Wege zu gehen.
+Er f&uuml;hrte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner
+Puffer lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer
+halben Stunde, da&szlig; ich mir keinen besseren Gef&auml;hrten
+w&uuml;nschen konnte. Er wollte L&ouml;wen und alle m&ouml;glichen
+Bestien schie&szlig;en, die Teufelsanbeter besuchen und mit aller
+Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen gefl&uuml;gelten
+Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum
+zum Geschenk zu machen. Diese Pl&auml;ne waren abenteuerlich,
+hatten aber eben deshalb meine volle Zustimmung. Ich
+war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren K&auml;uzen
+begegnet, als er war.</p>
+
+<p>Leider lie&szlig; er mich gar nicht wieder zu den Ate&iuml;beh
+zur&uuml;ck. Ein Bote mu&szlig;te meine Sachen holen und
+Halef benachrichtigen, wohin ich reisen werde. Als er
+zur&uuml;ckkehrte, erz&auml;hlte er mir, da&szlig; Halef mit noch einem
+<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>Ate&iuml;beh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern
+reisen werde, um mit ihnen &uuml;ber die Einverleibung
+der Ate&iuml;beh zu verhandeln. Er werde mein
+Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.</p>
+
+<p>Diese Nachricht war mir lieb. Da&szlig; Halef zu dieser
+Botschaft ausersehen war, bewies mir abermals, da&szlig; er
+der Liebling seines Schwiegervaters geworden sei. Wir
+fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und
+Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufw&auml;rts
+dampfend, an die Stelle, an welcher wir heute anlegten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Oberhalb unserer Landestelle m&uuml;ndete der Zab-asfal
+in den Tigris, und die Ufer h&uuml;ben und dr&uuml;ben waren
+mit einem dichten Bambusdschungel bestanden. Wie schon
+vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem aber bestand
+Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die
+Zelte aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu,
+konnte ihn aber nicht gut allein lassen und folgte ihm
+also. Die Bemannung des Dampfbootes bestand aus
+vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad
+zur&uuml;ckkehren, und so fa&szlig;te der Engl&auml;nder gegen meinen
+Rat den Entschlu&szlig;, alles, auch die vier Pferde, welche
+er in Bagdad gekauft hatte, noch auszuladen.</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;re besser, wenn wir dies unterlie&szlig;en, Sir,&laquo;
+warnte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil wir es morgen bei Tageslicht thun k&ouml;nnten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht auch am Abend &ndash; bezahle gut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer
+als auf dem Lande.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es hier Diebe &ndash; R&auml;uber &ndash; M&ouml;rder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch
+nicht eingerichtet!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>&raquo;Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten
+&ndash; haben B&uuml;chsen; jeder Spitzbube wird niedergeschossen!&laquo;</p>
+
+<p>Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach
+zwei Stunden waren wir mit der Arbeit fertig; die zwei
+Zelte waren aufgerichtet, und zwischen ihnen und dem
+Ufer wurden die Pferde angeh&auml;ngt. Nach dem Abendbrote
+gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden
+Diener die zweite und dritte und Lindsay selbst die vierte
+Wache. Die Nacht war wundersch&ouml;n. Vor uns rauschten
+die Fluten des breiten Stromes hinab, und hinter uns
+erhoben sich die H&ouml;hen des Dschebel Dschehennem. Die
+Helle des Firmaments erleuchtete alles zur Gen&uuml;ge, aber
+das Land selbst, auf dem ich stand, war noch ein R&auml;tsel.
+Seine Vergangenheit glich den Fluten des Tigris, die
+dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An
+Assyrien, Babylonien und Chald&auml;a kn&uuml;pfen sich die Erinnerungen
+an gro&szlig;e Nationen und riesige St&auml;dte, aber
+diese Erinnerungen gleichen dem R&uuml;ckblick auf einen
+Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.</p>
+
+<p>Als meine Wachtzeit vor&uuml;ber war, weckte ich den
+Diener und instruierte ihn geh&ouml;rig. Er hie&szlig; Bill, war
+ein Irl&auml;nder und machte den Eindruck, als sei die Kraft
+seiner Muskeln drei&szlig;igmal st&auml;rker als diejenige seines
+Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen
+und begann dann auf und ab zu patrouillieren.
+Ich schlief ein.</p>
+
+<p>Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern
+ich wurde am Arme ger&uuml;ttelt. Lindsay stand vor mir in
+seinem graukarrierten Anzuge, den er selbst in der W&uuml;ste
+nicht abzulegen beschlossen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sir, wacht auf!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sprang auf die F&uuml;&szlig;e und fragte:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>&raquo;Ist etwas geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &ndash; ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unangenehm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pferde fort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waren sie noch da, als Sie die Wache &uuml;bernahmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie haben doch gewacht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort.&laquo;</p>
+
+<p>Er deutete auf einen isolierten H&uuml;gel, welcher ziemlich
+entfernt von unsern Zelten lag.</p>
+
+<p>&raquo;Dort; warum dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist wohl ein Ruinenh&uuml;gel &ndash; hingegangen wegen
+Fowling-bull.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und als Sie jetzt zur&uuml;ckkehrten, waren die Pferde fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat hinaus und untersuchte die Pf&auml;hle. Die
+Enden der Leinen hingen noch daran; die Tiere waren
+losgeschnitten worden.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt
+worden!&laquo;</p>
+
+<p>Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und
+lachte vergn&uuml;gt.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em> Von wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Dieben!&laquo;</p>
+
+<p>Er machte ein noch vergn&uuml;gteres Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Very well</em>, von Dieben &ndash; wo sind sie &ndash; wie
+hei&szlig;en sie?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[325]</a></span>&raquo;Wei&szlig; ich es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">No</em> &ndash; ich auch <em class="antiqua">no</em> &ndash; sch&ouml;n, sehr sch&ouml;n! &ndash; Abenteuer
+da!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl
+geschah. Warten wir nur noch f&uuml;nf Minuten, so
+ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n &ndash; ausgezeichnet! Sind Prairiej&auml;ger gewesen
+&ndash; Spuren finden &ndash; nachlaufen &ndash; totschie&szlig;en &ndash; kapitales
+Vergn&uuml;gen &ndash; bezahle gut, sehr gut!&laquo;</p>
+
+<p>Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu
+treffen, welche er f&uuml;r notwendig hielt. Ich erkannte
+nach kurzer Zeit im Scheine der D&auml;mmerung die Spuren
+von sechs M&auml;nnern und teilte ihm diese Entdeckung mit.</p>
+
+<p>&raquo;Sechs? Wie viel wir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur zwei. Zwei m&uuml;ssen bei den Zelten zur&uuml;ckbleiben,
+und das Boot bleibt auch liegen, bis wir zur&uuml;ckkehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em> Das befehlen und dann fort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie ein guter L&auml;ufer, oder soll ich Bill mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer!
+Laufe gut &ndash; laufe wie Hirsch!&laquo;</p>
+
+<p>Nachdem die n&ouml;tigen Verhaltungsma&szlig;regeln erteilt
+worden waren, warf er die r&auml;tselhafte Hacke nebst der
+B&uuml;chse &uuml;ber die Achsel und folgte mir. Es galt, die
+Diebe einzuholen, ehe sie zu einer gr&ouml;&szlig;eren Truppe stie&szlig;en,
+und daher schritt ich so schnell aus, als mir m&ouml;glich war.
+Die langen karrierten Beine meines Gef&auml;hrten hielten
+sich ganz wacker; es war eine Lust, so mit ihm zu laufen.</p>
+
+<p>Wir befanden uns in der Zeit des Fr&uuml;hjahrs; der
+Boden glich daher nicht einer W&uuml;ste, sondern einer Wiese,
+nur da&szlig; die Blumen f&ouml;rmlich b&uuml;schel- oder vielmehr buschweise
+aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht weit
+<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[326]</a></span>gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Bl&uuml;tenstaube
+gef&auml;rbt. Wegen dieser H&ouml;he der Vegetation war die Spur
+sehr deutlich zu erkennen. Sie f&uuml;hrte uns schlie&szlig;lich an
+ein Nebenfl&uuml;&szlig;chen, welches von dem Dschebel Dschehennem
+herflo&szlig; und eine sehr aufgeregte Wassermasse zeigte. An
+seinem Ufer stie&szlig; die Spur an eine Stelle, die von Pferdehufen
+zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab
+von hier aus zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den
+sechs Dieben waren bis hierher gelaufen, statt geritten,
+und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt gehabt.</p>
+
+<p>Lindsay machte eine sehr mi&szlig;vergn&uuml;gte Miene.</p>
+
+<p>&raquo;Miserabel &ndash; tot &auml;rgern!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wor&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden entkommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben nun alle Pferde &ndash; wir laufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten;
+aber dies ist gar nicht einmal n&ouml;tig. Man darf
+nicht nur sehen, sondern man mu&szlig; auch schlie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlie&szlig;en Sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind diese Leute zuf&auml;llig an unseren Lagerplatz gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als
+ob sie zu Lande dem Schiffe gefolgt seien, welches alle
+Abende angelegt hat. Ist dies der Fall, so f&uuml;hrt zwar
+ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil sie &uuml;ber
+diesen Flu&szlig; m&uuml;ssen und sich doch bei Hochwasser mit den
+fremden Pferden nicht hineingetrauen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also Umweg machen m&uuml;ssen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine
+bessere &Uuml;bergangsstelle suchen und dann wieder in die
+alte Richtung lenken.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[327]</a></span>&raquo;Sch&ouml;n, gut &ndash; sehr gut!&laquo;</p>
+
+<p>Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die
+Waffen und die Kleider trocken halten will. Machen
+Sie mit den Kleidern einen Turban &uuml;ber Ihren Hut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut &ndash; sehr gut &ndash; werde machen!&laquo;</p>
+
+<p>Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen
+Ballen, den ich mir auf den Kopf setzte; dann gingen wir
+in das Wasser. Dieser Engl&auml;nder war wirklich ein ebenso
+gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder L&auml;ufer
+war. Wir kamen ganz gut hin&uuml;ber und zogen die Kleider
+wieder an.</p>
+
+<p>Lindsay &uuml;berlie&szlig; sich ganz meiner F&uuml;hrung. Wir
+eilten noch ungef&auml;hr zwei englische Meilen nach S&uuml;d und
+schlugen dann nach West um, wo uns die H&ouml;hen eine
+weite Aussicht gew&auml;hrten. Wir stiegen einen Berg empor
+und sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich
+kein lebendes Wesen.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Nothing!</em> &ndash; Nichts &ndash; keine Seele &ndash;&nbsp;&ndash; miserabel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, auch ich sehe nichts!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie geirrt &ndash; oho, was dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am
+Fl&uuml;&szlig;chen zu verfolgen. Mir hat noch keiner ungestraft
+ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier nicht eher zur&uuml;ckkehren,
+bis ich die vier Tiere wieder habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Sie m&uuml;ssen bei Ihrem Eigentume sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen &ndash;
+Abenteuer gern bezahlen &ndash; sehr gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halt! Bewegt sich da drau&szlig;en nicht etwas?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[328]</a></span>&raquo;Dort!&laquo;</p>
+
+<p>Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er ri&szlig;
+die Augen und den Mund weit auf und spreizte die Beine
+auseinander. Seine Nasenfl&uuml;gel &ouml;ffneten sich &ndash; es sah
+aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu
+sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs-
+und Ahnungsverm&ouml;gen begabt sei.</p>
+
+<p>&raquo;Richtig &ndash; sehe auch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es kommt auf uns zu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em> Wenn sind, dann schie&szlig;&#8217; alle tot!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sir, es sind Menschen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diebe! M&uuml;ssen tot &ndash; unbedingt tot!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verlassen? Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen
+werde, aber ich morde keinen Menschen ohne Not. Ich
+denke, Sie sind ein Engl&auml;nder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em> Englishman &ndash; Nobelman &ndash; Gentleman &ndash;
+werde nicht t&ouml;ten &ndash; nur Pferde nehmen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint wahrhaftig, da&szlig; sie es sind!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em> Zehn Punkte &ndash; stimmt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vier sind ledig und sechs beritten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Guter Prairiej&auml;ger Sie &ndash; recht gehabt &ndash;
+Sir John Raffley viel erz&auml;hlt &ndash; bei mir bleiben &ndash; gut
+bezahlen, sehr gut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schie&szlig;en Sie sicher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ziemlich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kommen Sie. Wir m&uuml;ssen uns zur&uuml;ckziehen,
+damit sie uns nicht bemerken. Unser Operationsfeld liegt
+unten zwischen dem Berge und dem Flusse. Gehen wir
+noch zehn Minuten weiter nach S&uuml;d, so tritt die H&ouml;he
+so eng an das Wasser heran, da&szlig; ein Entkommen gar
+nicht m&ouml;glich ist.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[329]</a></span>Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und
+erreichten bald die Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der
+Flu&szlig; war von Schilf und Bambus einges&auml;umt, und am
+Fu&szlig;e des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes
+Wermutgeb&uuml;sch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.</p>
+
+<p>&raquo;Was nun?&laquo; fragte der Engl&auml;nder.</p>
+
+<p>&raquo;Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die
+Leute vor&uuml;ber. Am Ausgange dieser Enge trete ich hinter
+die Mimosen, und wenn wir die Diebe zwischen uns
+haben, treten wir beide vor. Ich schie&szlig;e ganz allein, da
+ich mich vielleicht besser nach den Umst&auml;nden zu richten
+verstehe, und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein
+ganz besonderes Gehei&szlig;, oder wenn Ihr Leben ernstlich
+in Gefahr kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well</em> &ndash; gut, sehr gut &ndash; excellent Abenteuer!&laquo;</p>
+
+<p>Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte
+mir meinen Platz. Bereits nach kurzer Zeit h&ouml;rten wir
+Hufschlag. Sie kamen herbei &ndash; an Lindsay vor&uuml;ber,
+ohne b&ouml;se Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den
+Engl&auml;nder jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor.
+Sie hielten im Augenblicke ihre Pferde an. Die B&uuml;chse
+hing mir &uuml;ber die Schulter, und nur den Henrystutzen
+hielt ich in der Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo;</p>
+
+<p>Der freundliche Gru&szlig; verbl&uuml;ffte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;k&nbsp;&ndash;&laquo; antwortete einer von ihnen. &raquo;Was thust
+du hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich warte auf meine Br&uuml;der, welche mir helfen
+sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welcher Hilfe bedarfst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst, da&szlig; ich ohne Pferd bin. Wie soll ich
+durch die W&uuml;ste kommen? Du hast vier Tiere &uuml;brig;
+willst du mir nicht eines davon verkaufen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[330]</a></span>&raquo;Wir verkaufen keines dieser Pferde!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re, da&szlig; du ein Liebling Allahs bist. Du
+willst nur deshalb das Pferd nicht verkaufen, weil dein
+gutes Herz dir gebietet, es mir zu schenken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch
+kein Pferd verschenken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst
+die Wonnen des Paradieses vierfach kosten; denn du willst
+mir nicht blo&szlig; ein Pferd, sondern vier verehren, weil ich
+so viele brauche!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm &ndash; Gott sei uns gn&auml;dig! Dieser Mensch
+ist deli, ist gewi&szlig; und wahrhaftig verr&uuml;ckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bedenke, mein Bruder, da&szlig; die Verr&uuml;ckten nehmen,
+was man ihnen nicht freiwillig giebt! Blicke dich um!
+Vielleicht giebst du jenem dort das, was du mir verweigerst.&laquo;</p>
+
+<p>Erst jetzt, beim Anblick des Engl&auml;nders, wurde ihnen
+die Situation vollst&auml;ndig klar. Sie legten die Lanzen
+zum Sto&szlig;e ein.</p>
+
+<p>&raquo;Was wollt ihr?&laquo; fragte mich der Sprecher.</p>
+
+<p>&raquo;Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des
+Tages gestohlen habt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir
+Pferde genommen h&auml;tten, so h&auml;ttest du uns mit den F&uuml;&szlig;en
+nicht erreichen k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du? Ihr wi&szlig;t, da&szlig; diese vier Pferde den
+Franken geh&ouml;ren, welche dort mit dem Schiffe angekommen
+sind. Wie k&ouml;nnt ihr denken, da&szlig; Franken sich ungestraft
+bestehlen lassen, und da&szlig; sie nicht kl&uuml;ger sind, als
+ihr! Ich habe gewu&szlig;t, da&szlig; ihr am Flu&szlig; einen Umweg
+machen w&uuml;rdet, bin her&uuml;bergeschwommen und euch zuvorgekommen.
+Ihr aber habt euch allerdings t&auml;uschen lassen.
+Ich will nicht Menschenblut vergie&szlig;en; darum bitte ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[331]</a></span>euch, mir die Pferde freiwillig zur&uuml;ckzugeben. Dann k&ouml;nnt
+ihr gehen, wohin ihr wollt!&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid zwei M&auml;nner, und wir sind sechs.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiche vom Wege!&laquo;</p>
+
+<p>Er legte die mit Strau&szlig;enfedern verzierte Lanze ein
+und trieb sein Pferd auf mich zu. Ich erhob den Stutzen:
+der Schu&szlig; krachte, und Ro&szlig; und Reiter st&uuml;rzten nieder.
+Ich bedurfte keiner Minute, um noch f&uuml;nfmal zu zielen
+und f&uuml;nfmal abzudr&uuml;cken. Alle Pferde st&uuml;rzten, und nur
+die unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren
+unversehrt. Der, welcher sie vorher an der Leine hielt,
+hatte sie losgelassen. Wir ben&uuml;tzten den Augenblick der
+Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.</p>
+
+<p>Hinter uns ert&ouml;nte das Zorngeschrei der Araber.
+Wir machten uns nichts daraus, sondern brachten die
+Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten lachend
+davon.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Magnificent</em> &ndash; pr&auml;chtig &ndash; sch&ouml;nes Abenteuer &ndash;
+hundert Pfund wert! Wir zwei, sie sechs &ndash; sie uns vier
+Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen &ndash; ausgezeichnet
+&ndash; herrlich!&laquo; lachte Lindsay.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gl&uuml;ck, da&szlig; es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen
+ist, Sir. W&auml;ren unsere Tiere scheu geworden,
+so kamen wir nicht so schnell weg und h&auml;tten sehr leicht
+einige Kugeln erhalten k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der &Uuml;bergang
+wird gelingen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten
+an, und bald nach unserer Ankunft stie&szlig; das Boot vom
+Lande ab und wir blieben allein in der W&uuml;ste zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[332]</a></span>Lindsay wollte anfangs sehr viel Gep&auml;ck und auch Proviant
+mitnehmen, ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht
+gebracht. Wer ein Land kennen lernen will, der mu&szlig; auch
+lernen, sich auf die Gaben desselben zu beschr&auml;nken, und
+ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier zu
+tragen vermag. &Uuml;brigens waren wir reichlich mit Munition
+versehen, was die Hauptsache ist, und au&szlig;erdem
+verf&uuml;gte der &raquo;Nobelman&laquo; &uuml;ber so bedeutenden Geldvorrat,
+da&szlig; wir davon den Reiseaufwand f&uuml;r Jahre hinaus h&auml;tten
+bestreiten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun allein am Tigris,&laquo; meinte er. &raquo;Nun gleich
+graben nach Fowling-bulls und andern Altert&uuml;mern!&laquo;</p>
+
+<p>Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und
+geh&ouml;rt von den Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik,
+Hammum Ali, Nimrud, Keschaf und El Hather und
+war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits
+auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein
+ber&uuml;hmter Mann zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt gleich?&laquo; fragte ich ihn. &raquo;Das wird nicht gehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum? Habe Hacke mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen
+k&ouml;nnen. Wer hier graben will, mu&szlig; sich erst mit der
+Regierung verst&auml;ndigen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Regierung? Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die t&uuml;rkische.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah! Hat Niniveh den T&uuml;rken geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings nicht, denn damals war von den T&uuml;rken
+keine Rede. Aber die Ruinen geh&ouml;ren jetzt zum t&uuml;rkischen
+Grund und Boden, obgleich hier der Arm des Sultans
+nicht sehr m&auml;chtig ist. Die arabischen Nomaden sind da
+die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der
+hat sich zun&auml;chst auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung
+zu setzen, da er sonst weder seines Eigentums,
+<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[333]</a></span>noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich Ihnen ja
+geraten, Geschenke f&uuml;r die H&auml;uptlinge mitzunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die seidenen Gew&auml;nder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen
+beim Transport sehr wenig Raum ein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well</em>, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung
+&ndash; aber sogleich und sofort &ndash; nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te, da&szlig; es bei seinen Ausgrabungen nur bei
+dem Gedanken bleiben werde, hatte mir aber vorgenommen,
+ihn nicht abwendig zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem H&auml;uptling
+man zun&auml;chst seine Aufwartung zu machen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Raten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der m&auml;chtigste Stamm hei&szlig;t El Schammar. Er hat
+aber seine Weidegr&uuml;nde weit oben am s&uuml;dlichen Abhang der
+Sindscharberge und an dem rechten Ufer des Thathar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit ist Sindschar von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen ganzen Breitegrad.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr breit! Was sind noch f&uuml;r Araber hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Obe&iuml;den, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere;
+doch l&auml;&szlig;t sich nie genau bestimmen, wo man diese Horden
+zu suchen hat, da sie sich stets auf der Wanderschaft befinden.
+Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet haben,
+so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben
+die einzelnen St&auml;mme in ewiger, blutiger Feindseligkeit
+miteinander; sie haben sich gegenseitig zu meiden, und
+das tr&auml;gt auch nicht wenig zu der Unst&auml;tigkeit ihres Lebens
+bei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;nes Leben &ndash; viel Abenteuer &ndash; viel Ruinen
+finden &ndash; viel ausgraben &ndash; ausgezeichnet &ndash; excellent!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am besten ist es, wir reiten in die W&uuml;ste hinein
+und befragen uns bei dem ersten Beduinen, welcher uns
+begegnet, nach dem Wohnort des n&auml;chsten Stammes.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[334]</a></span>&raquo;Gut &ndash; <em class="antiqua">well</em> &ndash; sehr sch&ouml;n! Gleich jetzt reiten und
+befragen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnten heute noch hier bleiben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleiben und nicht graben? Nein &ndash; geht nicht!
+Zelte ab und fort!&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te ihm seinen Willen lassen, zumal bei
+n&auml;herem &Uuml;berlegen ich mir sagte, da&szlig; es wegen der heutigen
+feindseligen Begegnung besser sei, den Ort zu verlassen.
+Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche
+von den Pferden der Diener getragen werden mu&szlig;ten,
+setzten uns auf und schlugen den Weg nach dem Sabakah-See
+ein.</p>
+
+<p>Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche
+Steppe. Jeder Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlger&uuml;che
+auf. Ich konnte selbst die weichste und saftigste
+Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht vergleichen.
+Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich
+als eine gl&uuml;cklich gew&auml;hlte heraus; denn bereits nach kaum
+mehr als einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt.
+Sie machten eine sehr h&uuml;bsche Figur mit den
+fliegenden M&auml;nteln und wehenden Strau&szlig;enfedern. Unter
+lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.</p>
+
+<p>&raquo;Sie br&uuml;llen. Werden sie stechen?&laquo; fragte der Engl&auml;nder.</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Das ist die Begr&uuml;&szlig;ungsart dieser Leute.
+Wer sich dabei zaghaft zeigt, der wird f&uuml;r keinen Mann
+gehalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden M&auml;nner sein!&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper,
+als der eine mit seiner scharfen Lanzenspitze grad auf seine
+Brust zuhielt und erst abbog und sein Pferd in die Hacken
+ri&szlig;, als die Lanzenspitze beinahe die Brust ber&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum! Wo wollt Ihr hin?&laquo; gr&uuml;&szlig;te einer.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[335]</a></span>&raquo;Von welchem Stamme bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der gro&szlig;en
+Nation der Schammar geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t dein Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er f&uuml;hrt den Namen Mohammed Emin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist er weit von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.&laquo;</p>
+
+<p>Sie wandten um und schlossen sich uns an. W&auml;hrend
+wir &ndash; die Diener hinter uns &ndash; in w&uuml;rdevoller Haltung
+in den S&auml;tteln sa&szlig;en, sprengten sie um uns in weiten
+Kreisen herum, um ihre Reiterk&uuml;nste sehen zu lassen. Ihr
+Hauptkunstst&uuml;ck besteht im Innehalten mitten im rasendsten
+Laufe, wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und
+leicht zu schanden werden. Ich glaube, behaupten zu
+k&ouml;nnen, da&szlig; ein Indianer auf seinem Mustang sie in
+jeder Beziehung &uuml;bertrifft. Dem Engl&auml;nder gefiel das
+Schaureiten dieser Leute.</p>
+
+<p>&raquo;Pr&auml;chtig! Hm, so kann ich es nicht &ndash; w&uuml;rde den
+Hals brechen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe noch andere Reiter gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen
+Urwalde, auf einem gefrorenen Flusse, wenn das
+Pferd keine Eisen hat, oder in einem steinigen Cannon
+ist doch noch etwas ganz anderes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Werde auch nach Amerika gehen &ndash; reiten in
+Urwald &ndash; auf Flu&szlig;eis &ndash; in Cannon &ndash; sch&ouml;nes Abenteuer
+&ndash; prachtvoll! Was sagten diese Leute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie gr&uuml;&szlig;ten uns und fragten nach dem Ziel unseres
+Rittes; sie werden uns zu ihrem Scheik bringen. Er hei&szlig;t
+Mohammed Emin und ist der Anf&uuml;hrer der Haddedihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tapfere Leute?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[336]</a></span>&raquo;Diese M&auml;nner nennen sich alle tapfer und sind es
+auch bis zu einem gewissen Grade. Ein Wunder ist dies
+nicht. Die Frau mu&szlig; alles machen, und der Mann thut
+nichts als reiten, rauchen, rauben, k&auml;mpfen, klatschen und
+faulenzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;nes Leben &ndash; pr&auml;chtig &ndash; m&ouml;chte Scheik sein
+&ndash; viel ausgraben &ndash; manchen Fowling-bull finden und
+London schicken &ndash; hm!&laquo;</p>
+
+<p>Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir
+gewahrten, da&szlig; wir uns den Haddedihn n&auml;herten. Sie
+befanden sich zum gro&szlig;en Teil noch in Bewegung, als
+wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu beschreiben,
+den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem
+neuen Weideplatze gew&auml;hrt. Ich hatte vorher die Sahara
+und einen Teil von Arabien durchzogen und dabei viele
+St&auml;mme der westlichen Araber kennen gelernt; hier aber
+bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe Verschiedenheit,
+welche zwischen den Oasen der Sahara und
+dem &raquo;Lande Sinear&laquo; der heiligen Schrift herrscht: &ndash;
+man beobachtet sie auch in dem Leben und allen Verh&auml;ltnissen
+ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer beinahe
+unbegrenzten Merdsch<a name="FNanchor_136_136" id="FNanchor_136_136"></a><a href="#Footnote_136_136" class="fnanchor">[136]</a>, welche nicht die mindeste &Auml;hnlichkeit
+mit einer Uah<a name="FNanchor_137_137" id="FNanchor_137_137"></a><a href="#Footnote_137_137" class="fnanchor">[137]</a> des Westens hatte. Sie glich
+vielmehr einem riesigen Savannenteppich, der aus lauter
+Blumen bestand. Hier schien nie der f&uuml;rchterliche Smum
+gew&uuml;tet zu haben; hier war keine Spur einer wandernden
+D&uuml;ne zu erblicken. Hier gab es kein zerkl&uuml;ftetes und verschmachtetes
+Wadi, und man meinte, da&szlig; hier keine Fata
+Morgana die Macht bes&auml;&szlig;e, den m&uuml;den, einsamen Wanderer
+zu &auml;ffen. Die weite Ebene hatte sich mit duftendem
+Leben geschm&uuml;ckt, und auch die Menschen zeigten keine
+Spur jener &raquo;W&uuml;stenstimmung&laquo;, welcher westw&auml;rts vom
+<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[337]</a></span>Nil kein Mensch entgehen kann. Es lag &uuml;ber diesem
+bunten Gefilde ein Farbenton, der nicht im mindesten an
+das versengende, dabei oft blutig tr&uuml;be und t&ouml;dliche Licht
+der gro&szlig;en W&uuml;ste erinnerte.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_136_136" id="Footnote_136_136"></a><a href="#FNanchor_136_136"><span class="label">[136]</span></a> Wiese, Prairie.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_137_137" id="Footnote_137_137"></a><a href="#FNanchor_137_137"><span class="label">[137]</span></a> Oase.</p></div>
+
+<p>Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden
+z&auml;hlenden Herde von Schafen und Kamelen. So
+weit das Auge reichte &ndash; rechts und links von uns, vor
+und hinter uns &ndash; wogte ein Meer von grasenden und
+wandernden Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen
+und Eseln, welche beladen waren mit schwarzen Zelten,
+bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und allerlei anderen
+Sachen. Auf diese Berge von Ger&auml;tschaften hatte man
+alte M&auml;nner und Weiber gebunden, welche nicht mehr im
+stande waren, zu gehen oder sich ohne St&uuml;tze im Sattel
+aufrecht zu halten. Zuweilen trug eines der Tiere kleine
+Kinder, welche in den Sattels&auml;cken so befestigt waren, da&szlig;
+nur ihre K&ouml;pfe durch die kleine &Ouml;ffnung schauten. Zur
+Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf
+der andern Seite junge L&auml;mmer und Zickelchen, welche
+bl&ouml;kend und meckernd ebenso aus den &Ouml;ffnungen der
+S&auml;cke hervorblickten. Dann kamen M&auml;dchen, nur mit dem
+eng anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; M&uuml;tter mit
+Kindern auf den Schultern, Knaben, welche L&auml;mmer vor
+sich hertrieben; Dromedartreiber, die, auf ihren Tieren
+sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Z&uuml;gel f&uuml;hrten, und
+endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen
+bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere
+herumjagten, welche sich nicht in die Ordnung des Zuges
+f&uuml;gen wollten.</p>
+
+<p>Eigent&uuml;mliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele,
+welche zum Tragen vornehmer Frauen bestimmt waren.
+Ich hatte in der Sahara sehr oft Dschemmels gesehen,
+welche Frauen in dem wiegen&auml;hnlichen Korbe trugen; aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[338]</a></span>eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen.
+Zwei zehnellige oder auch noch l&auml;ngere Stangen
+n&auml;mlich werden vor und hinter dem H&ouml;cker des Kameles
+quer &uuml;ber den R&uuml;cken desselben gelegt und an ihren Enden
+zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken verbunden.
+Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von
+Wolle in allen Farben, mit Muschel- und Perlenschn&uuml;ren
+verziert, ganz so wie der Sattel und das Riemenzeug,
+und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und links
+&uuml;ber die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf
+dem H&ouml;cker ragt eine aus Grundleisten und Stoff&uuml;berzug
+bestehende Vorrichtung empor, welche fast genau einem
+Schilderhause gleicht und mit allerlei Quasten und Troddelwerk
+behangen ist. In diesem <em class="antiqua">Belle-vue</em> sitzt die Dame.
+Die ganze Figur erreicht eine au&szlig;erordentliche H&ouml;he, und
+wenn sie am Horizont erscheint, so k&ouml;nnte man sie infolge
+des schwankenden Ganges der Kamele f&uuml;r einen riesigen
+Schmetterling oder f&uuml;r eine gigantische Libelle halten,
+welche die Fl&uuml;gel auf und nieder schl&auml;gt.</p>
+
+<p>Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher
+wir ankamen, gro&szlig;es Aufsehen. Ich selbst trug daran
+wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem ja ebenso
+wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europ&auml;er anzusehen
+war. Er mu&szlig;te in seinem graukarrierten Anzuge
+hier noch mehr auffallen, als ein Araber, der in seiner
+malerischen Tracht vielleicht auf einem &ouml;ffentlichen Platze
+M&uuml;nchens oder Leipzigs erschienen w&auml;re. Unsere F&uuml;hrer
+ritten uns voran, bis wir endlich ein au&szlig;erordentlich
+gro&szlig;es Zelt erblickten, vor welchem viele Lanzen in der
+Erde steckten. Dies war das Zeichen, da&szlig; es das Zelt
+des H&auml;uptlings sei. Man war soeben besch&auml;ftigt, rund
+um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.</p>
+
+<p>Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur
+<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[339]</a></span>wenige Augenblicke sp&auml;ter erschienen sie in Begleitung
+eines Dritten wieder. Dieser hatte die Gestalt und das
+&Auml;u&szlig;ere eines echten Patriarchen. Just so mu&szlig;te Abraham
+ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im
+Haine Mamre trat, um seine G&auml;ste zu begr&uuml;&szlig;en. Der
+schneewei&szlig;e Bart hing ihm bis &uuml;ber die Brust herab,
+dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines r&uuml;stigen
+Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen.
+Sein dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend
+und freundlich. Er hob die Hand zum Herzen
+und gr&uuml;&szlig;te: &raquo;Salama!&laquo;</p>
+
+<p>Dies ist der Gru&szlig; eines eingefleischten Mohammedaners,
+wenn ein Ungl&auml;ubiger zu ihm kommt; dagegen
+empf&auml;ngt er jeden Gl&auml;ubigen mit dem Sallam aale&iuml;kum.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum!&laquo; antwortete ich und sprang vom Pferde.</p>
+
+<p>Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann
+fragte er:</p>
+
+<p>&raquo;Bist du ein Moslem oder ein Giaur?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit wann empf&auml;ngt der Sohn des edlen Stammes
+der Schammar seine G&auml;ste mit einer solchen Frage? Sagt
+nicht der Kuran: &#8250;Speise den Fremdling und tr&auml;nke ihn;
+la&szlig; ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen
+Eingang zu kennen!&#8249; &ndash; Allah mag es dir verzeihen, da&szlig;
+du deine G&auml;ste wie ein t&uuml;rkischer Khawasse<a name="FNanchor_138_138" id="FNanchor_138_138"></a><a href="#Footnote_138_138" class="fnanchor">[138]</a> empf&auml;ngst!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_138_138" id="Footnote_138_138"></a><a href="#FNanchor_138_138"><span class="label">[138]</span></a> Polizist.</p></div>
+
+<p>Er erhob wie abwehrend die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen,
+nur der L&uuml;gner und der Verr&auml;ter nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engl&auml;nder.</p>
+
+<p>&raquo;Wen meinest du mit diesen Worten?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Die M&auml;nner, welche aus dem Abendlande kommen,
+um den Pascha gegen die S&ouml;hne der W&uuml;ste zu hetzen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[340]</a></span>Wozu braucht die K&ouml;nigin der Inseln<a name="FNanchor_139_139" id="FNanchor_139_139"></a><a href="#Footnote_139_139" class="fnanchor">[139]</a> einen Konsul in
+Mossul?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_139_139" id="Footnote_139_139"></a><a href="#FNanchor_139_139"><span class="label">[139]</span></a> K&ouml;nigin von England.</p></div>
+
+<p>&raquo;Diese drei M&auml;nner geh&ouml;ren nicht zu dem Konsulat.
+Wir sind m&uuml;de Wanderer und begehren von dir weiter
+nichts, als einen Schluck Wasser f&uuml;r uns und eine Dattel
+f&uuml;r unsere Pferde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ihr nicht zum Konsulat geh&ouml;rt, so sollt ihr
+haben, was ihr begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!&laquo;</p>
+
+<p>Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen
+in das Zelt. Dort erhielten wir Kamelmilch zu trinken;
+die Speise bestand nur aus d&uuml;nnem, hartem und halb
+verbranntem Gerstenkuchen &ndash; ein Zeichen, da&szlig; der Scheik
+uns nicht als G&auml;ste betrachtete. W&auml;hrend des kurzen
+Mahles fixierte er uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort
+zu sprechen. Er mu&szlig;te triftige Gr&uuml;nde haben, Fremden
+zu mi&szlig;trauen, und ich sah ihm an, da&szlig; er neugierig war,
+etwas N&auml;heres &uuml;ber uns zu erfahren.</p>
+
+<p>Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:</p>
+
+<p>&raquo;B&ouml;ser Kerl, nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Scheint so.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte.
+Was sagte er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er begr&uuml;&szlig;te uns als Ungl&auml;ubige. Wir sind seine
+G&auml;ste noch nicht und haben uns sehr vorzusehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht seine G&auml;ste? Wir essen und trinken doch bei
+ihm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand
+gegeben, und Salz gar nicht. Er sieht, da&szlig; Ihr ein Engl&auml;nder
+seid, und die Englishmen scheint er zu hassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[341]</a></span>&raquo;Einmal fragen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht nicht, denn es w&auml;re unh&ouml;flich. Ich denke aber,
+da&szlig; wir es noch erfahren werden.&laquo;</p>
+
+<p>Wir waren fertig mit dem kleinen Imbi&szlig;, und ich
+erhob mich.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed
+Emin; wir danken dir und werden deine Gastfreundschaft
+r&uuml;hmen &uuml;berall, wohin wir kommen. Lebe wohl! Allah
+segne dich und die Deinigen!&laquo;</p>
+
+<p>Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.</p>
+
+<p>&raquo;Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier
+und ruhet euch aus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade
+leuchtet nicht &uuml;ber uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit
+im Beyt<a name="FNanchor_140_140" id="FNanchor_140_140"></a><a href="#Footnote_140_140" class="fnanchor">[140]</a> eines Arab el Schammar.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_140_140" id="Footnote_140_140"></a><a href="#FNanchor_140_140"><span class="label">[140]</span></a> Schwarzes Zelt.</p></div>
+
+<p>Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mich beleidigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das
+Zelt eines Schammar bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit;
+wie viel weniger also demjenigen, der nicht einmal
+Gastfreundschaft genie&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein
+Schammar die Gastfreundschaft gebrochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde,
+sondern sogar gegen Angeh&ouml;rige des eigenen Stammes.&laquo;</p>
+
+<p>Das war allerdings eine f&uuml;rchterliche Beschuldigung,
+welche ich hier aussprach; aber ich sah nicht ein, aus
+welchem Grunde ich h&ouml;flich sein sollte mit einem Manne,
+der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn
+<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[342]</a></span>erstens habe ich die Wahrheit gesprochen, und zweitens
+w&uuml;rde mein Dolch dich eher treffen, als der deinige mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beweise die Wahrheit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dir eine Geschichte erz&auml;hlen. Es gab
+einen gro&szlig;en, m&auml;chtigen Stamm, der wieder in kleinere
+Ferkah<a name="FNanchor_141_141" id="FNanchor_141_141"></a><a href="#Footnote_141_141" class="fnanchor">[141]</a> zerfiel. Dieser Stamm war regiert worden von
+einem gro&szlig;en, tapfern H&auml;uptling, in dessen Herzen aber
+die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden
+mit ihm unzufrieden und fielen nach und nach von ihm
+ab. Sie wandten sich dem H&auml;uptling eines Ferkah zu.
+Da schickte der Scheik zu dem H&auml;uptling und lie&szlig; ihn zu
+einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da
+sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig,
+tapfer und liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem H&auml;uptling:
+&#8250;Folge mir. Ich schw&ouml;re dir bei Allah, da&szlig; du
+sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit meinem
+Leben f&uuml;r das deinige stehen!&#8249; &ndash; Da antwortete der
+H&auml;uptling: &#8250;Ich w&uuml;rde nicht zu deinem Vater gehen,
+selbst wenn er tausend Eide ablegte, mich zu schonen; dir
+aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, da&szlig; ich dir vertraue,
+werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.&#8249; &ndash; Sie
+setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das
+Zelt des Scheik traten, war es von Kriegern angef&uuml;llt.
+Der H&auml;uptling wurde eingeladen, sich an der Seite des
+Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die Rede
+der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er &uuml;berfallen.
+Der Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde
+aber festgehalten. Der Oheim des Scheik ri&szlig; den H&auml;uptling
+zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben zwischen
+seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern
+der Kopf abgew&uuml;rgt, wie man es bei einem Schafe thut.
+Der Sohn zerri&szlig; seine Kleider und machte seinem Vater
+<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[343]</a></span>Vorw&uuml;rfe, mu&szlig;te aber fliehen, sonst w&auml;re er wohl ermordet
+worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik Mohammed
+Emin?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_141_141" id="Footnote_141_141"></a><a href="#FNanchor_141_141"><span class="label">[141]</span></a> Unter-St&auml;mme.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht
+geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen
+Stamme. Der Verratene hie&szlig; Nedschris, der Sohn Ferhan,
+der Oheim Hadschar, und der Scheik war der ber&uuml;hmte
+Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.&laquo;</p>
+
+<p>Er wurde verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar,
+kein Obe&iuml;de, kein Abu-Salman. Du redest die
+Sprache der westlichen Araber, und deine Waffen sind
+nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh<a name="FNanchor_142_142" id="FNanchor_142_142"></a><a href="#Footnote_142_142" class="fnanchor">[142]</a>. Von
+wem hast du diese Geschichte erfahren?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_142_142" id="Footnote_142_142"></a><a href="#FNanchor_142_142"><span class="label">[142]</span></a> W&ouml;rtlich &raquo;Insel&laquo; = das Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris.</p></div>
+
+<p>&raquo;Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar
+wie der Ruhm eines Volkes. Du wei&szlig;t, da&szlig; ich die
+Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir vertrauen?
+Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn geh&ouml;ren zu den
+Schammar, und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert.
+Wir werden gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft
+von Giaurs!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher siehst du, da&szlig; ich ein Hadschi bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An deinem Hamail<a name="FNanchor_143_143" id="FNanchor_143_143"></a><a href="#Footnote_143_143" class="fnanchor">[143]</a>. Du sollst frei sein. Diese
+Ungl&auml;ubigen aber sollen die Dschisijet<a name="FNanchor_144_144" id="FNanchor_144_144"></a><a href="#Footnote_144_144" class="fnanchor">[144]</a> bezahlen, ehe sie
+fortgehen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_143_143" id="Footnote_143_143"></a><a href="#FNanchor_143_143"><span class="label">[143]</span></a> Ein Kuran, welcher im goldgeschm&uuml;ckten Futteral um den Hals geh&auml;ngt
+wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_144_144" id="Footnote_144_144"></a><a href="#FNanchor_144_144"><span class="label">[144]</span></a> Kopfsteuer, welche die St&auml;mme von Fremden zu erheben pflegen.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[344]</a></span>&raquo;Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter
+meinem Schutz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen
+unter demjenigen ihres Konsuls, den Allah verderben
+m&ouml;ge!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist er dein Feind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von
+Mossul beredet, meinen Sohn gefangen zu nehmen; er hat
+die Obe&iuml;de, die Abu-Hammed und die Dschowari gegen
+mich aufgehetzt, da&szlig; sie meine Herden raubten und sich
+jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm
+zu verderben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So rufe die andern St&auml;mme der Schammar zu
+Hilfe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen nicht kommen, denn der Gouverneur hat
+ein Heer gesammelt, um ihre Weidepl&auml;tze am Sindschar
+mit Krieg zu &uuml;berziehen. Ich bin auf mich selbst angewiesen.
+Allah m&ouml;ge mich besch&uuml;tzen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mohammed Emin, ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; die Obe&iuml;de,
+die Abu-Hammed und die Dschowari R&auml;uber sind. Ich
+liebe sie nicht; ich bin ein Freund der Schammar. Die
+Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die
+ich kenne; ich w&uuml;nsche, da&szlig; du alle deine Feinde besiegen
+m&ouml;gest!&laquo;</p>
+
+<p>Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein
+Kompliment auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine
+volle &Uuml;berzeugung. Dies mu&szlig;te wohl auch aus meinem
+Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, da&szlig; sie einen
+freundlichen Eindruck hervorbrachten.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?&laquo;
+fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und ich beklage es sehr, da&szlig; Zwietracht unter
+sie ges&auml;t wurde, so da&szlig; ihre Macht nun fast gebrochen ist.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[345]</a></span>&raquo;Gebrochen? Allah ist gro&szlig;, und noch sind die Schammar
+tapfer genug, um mit ihren Gegnern zu k&auml;mpfen.
+Wer hat dir von uns erz&auml;hlt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen
+und geh&ouml;rt; die letzte Kunde aber erhielt ich dr&uuml;ben im
+Belad Arab bei den S&ouml;hnen der Ate&iuml;beh.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo; fragte er &uuml;berrascht, &raquo;du warst bei den
+Ate&iuml;beh?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind zahlreich und m&auml;chtig, aber es ruht ein
+Fluch auf ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du meinst Scheik Malek, welcher ausgesto&szlig;en
+wurde?&laquo;</p>
+
+<p>Er sprang empor.</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und
+Bruder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne ihn und seine Leute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo trafest du sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stie&szlig; auf sie in der N&auml;he von Dschidda und
+bin mit ihnen quer durch das Belad Arab nach El Nahman,
+der W&uuml;ste von Maskat, gezogen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kennst du sie alle?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch &ndash; verzeihe, da&szlig; ich von einem Weibe spreche,
+aber sie ist kein Weib, sondern ein Mann &ndash; auch Amscha,
+die Tochter Maleks, kennst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Se&iuml;f
+und hat Rache an ihm genommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat sie ihre Rache erreicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener,
+hat ihn gef&auml;llt und daf&uuml;r Hanneh, Amschas Tochter, zum
+Weibe erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Diener? So bist du kein gew&ouml;hnlicher Krieger?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[346]</a></span>&raquo;Ich bin ein Sohn der U&euml;lad German und reise
+durch die L&auml;nder, um Abenteuer zu suchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, jetzt wei&szlig; ich es. Du thust, wie Harun al
+Raschid gethan hat; du bist ein Scheik, ein Emir und
+ziehst auf K&auml;mpfe und auf Abenteuer aus. Dein Diener
+hat den m&auml;chtigen Vater des S&auml;bels get&ouml;tet, du als sein
+Herr mu&szlig;t noch ein gr&ouml;&szlig;erer Held sein, als dein Begleiter.
+Wo befindet sich dieser wackere Hadschi Halef
+Omar?&laquo;</p>
+
+<p>Es fiel mir nat&uuml;rlich gar nicht ein, dieser mir sehr
+vorteilhaften Ansicht &uuml;ber mich zu widersprechen. Ich
+antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen.
+Er wird von dem Scheik Malek abgesandt, um die Schammar
+zu fragen, ob er mit den Seinen unter ihrem Schutze
+wohnen k&ouml;nne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen.
+Erz&auml;hle mir, o Emir, erz&auml;hle mir von ihnen!&laquo;</p>
+
+<p>Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele
+und berichtete ihm &uuml;ber mein Zusammentreffen mit
+den Ate&iuml;beh, so weit ich es f&uuml;r n&ouml;tig hielt. Als ich zu
+Ende war, reichte er mir die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihe, Emir, da&szlig; ich dies nicht wu&szlig;te. Du hast
+diese Engl&auml;nder bei dir, und sie sind meine Feinde. Nun
+aber sollt ihr meine G&auml;ste sein. Erlaube mir, da&szlig; ich
+gehe und das Mahl bestelle.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst
+war ich sicher bei ihm. Ich griff unter mein Gewand
+und zog die Flasche hervor, in welcher sich das &raquo;heilige&laquo;
+Wasser befand.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst das Mahl bei Bent Amm<a name="FNanchor_145_145" id="FNanchor_145_145"></a><a href="#Footnote_145_145" class="fnanchor">[145]</a> bestellen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_145_145" id="Footnote_145_145"></a><a href="#FNanchor_145_145"><span class="label">[145]</span></a> Bent Amm hei&szlig;t eigentlich Base und ist nebenbei die einzige Form, unter
+welcher man mit einem Araber von seinem Weibe spricht.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[347]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gr&uuml;&szlig;e sie von mir und weihe sie mit einigen
+Tropfen aus diesem Gef&auml;&szlig;e. Es ist das Wasser vom
+Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein gro&szlig;er
+Heiliger. Komm und besprenge sie selbst. Die Frauen
+der Schammar f&uuml;rchten sich nicht, ihr Gesicht sehen zu
+lassen vor den M&auml;nnern.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte allerdings bereits geh&ouml;rt, da&szlig; die Weiber
+und M&auml;dchen der Schammar keine Freundinnen des
+Schleiers seien, und war ja auch w&auml;hrend meines heutigen
+Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich unverh&uuml;llt
+gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte
+mir, ihm zu folgen. Unser Weg ging nicht weit. In
+der N&auml;he seines Zeltes stand ein zweites. Als wir dort
+eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen und
+zwei schwarze M&auml;dchen. Die schwarzen waren jedenfalls
+Sklavinnen, die anderen aber jedenfalls seine Frauen.
+Zwei von ihnen rieben zwischen zwei Steinen Gerste zu
+Mehl, die dritte aber leitete von einem erh&ouml;hten Standpunkte
+aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.</p>
+
+<p>In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis,
+Datteln, Kaffee, Gerste und Bohnen gef&uuml;llte S&auml;cke, &uuml;ber
+welche ein kostbarer Teppich gebreitet war; dies bildete
+den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung, schlank
+und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen;
+ihre Z&uuml;ge waren regelm&auml;&szlig;ig, ihre Augen dunkel und
+gl&auml;nzend. Sie hatte die Lippen dunkelrot und die Augenbrauen
+schwarz und zwar in der Weise gef&auml;rbt, da&szlig; sie
+&uuml;ber der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen
+waren mit Sch&ouml;nheitspfl&auml;sterchen belegt, und an den
+blo&szlig;en Armen und F&uuml;&szlig;en konnte man eine tiefrote T&auml;ttowierung
+bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein gro&szlig;er
+<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[348]</a></span>goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase
+war mit einem sehr gro&szlig;en Ring versehen, an dem mehrere
+gro&szlig;e edle Steine funkelten: &ndash; er mu&szlig;te ihr beim Essen
+sehr im Wege sein. Um ihren Nacken hingen ganze, dicke
+Reihen von Perlen, Korallenst&uuml;cken, assyrischen Cylindern
+und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben
+ihre Kn&ouml;chel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen
+waren weniger geschm&uuml;ckt.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam!&laquo; gr&uuml;&szlig;te der Scheik. &raquo;Hier bringe ich euch
+einen Helden vom Stamme der German, der ein gro&szlig;er
+Heiliger ist und euch mit dem Segen des Zem-Zem begnadigen
+will.&laquo;</p>
+
+<p>Sofort warfen sich s&auml;mtliche Frauen auf die Erde.
+Auch die Vornehmste glitt von ihrem Throne und kniete
+nieder. Ich lie&szlig; einige Tropfen Wasser in die Hand
+laufen und spritzte sie &uuml;ber die Gruppe aus.</p>
+
+<p>&raquo;Nehmt hin, ihr Blumen der W&uuml;ste! Der Gott aller
+V&ouml;lker erhalte euch lieblich und froh, da&szlig; euer Duft erquicke
+das Herz eures Gebieters!&laquo;</p>
+
+<p>Als sie bemerkten, da&szlig; ich das Gef&auml;&szlig; wieder zu mir
+steckte, erhoben sie sich und beeilten sich, mir zu danken.
+Dies geschah einfach durch einen Druck der Hand, ganz
+so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:</p>
+
+<p>&raquo;Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches
+dieses Mannes w&uuml;rdig ist. Ich werde G&auml;ste laden, da&szlig;
+mein Zelt voll werde und alle sich freuen &uuml;ber die Ehre,
+welche uns heute widerfahren ist.&laquo;</p>
+
+<p>Wir kehrten in sein Zelt zur&uuml;ck. W&auml;hrend ich eintrat,
+verweilte er noch vor demselben, um einigen Beduinen
+seine Befehle zu erteilen.</p>
+
+<p>&raquo;Wo waret ihr?&laquo; fragte Sir Lindsay.</p>
+
+<p>&raquo;Im Zelte der Frauen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Nicht m&ouml;glich!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[349]</a></span>&raquo;Und doch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Weiber lassen sich sehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Je nach Umst&auml;nden. Man h&auml;lt mich f&uuml;r einen
+frommen Mann, da ich Wasser aus dem Brunnen des
+Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute
+ein Tropfen Wunder thut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch
+versteht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind hier Ruinen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber ich glaube, da&szlig; wir nicht weit zu
+gehen h&auml;tten, um solche zu finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull
+ausgraben! War &uuml;brigens ein schauderhaftes Essen hier!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen
+Schmaus bekommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der
+Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seine Ansicht &uuml;ber uns hat sich ge&auml;ndert. Ich kenne
+einige Freunde von ihm, und das hat uns das Gastrecht
+hier erworben. Aber la&szlig;t die Diener abtreten. Es k&ouml;nnte
+die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem Raume
+sein m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht
+lange, so versammelten sich die Geladenen. Es waren
+ihrer so viele, da&szlig; das Zelt wirklich voll wurde. Sie
+lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise herum, w&auml;hrend
+der Scheik zwischen mir und dem Engl&auml;nder in der Mitte
+sa&szlig;. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in
+das Zelt gebracht und von einigen Beduinen aufgetragen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[350]</a></span>Zun&auml;chst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies
+ist eine Art Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem
+Rande mit farbigen Streifen, Fransen und Verzierungen
+versehen ist. Es enth&auml;lt zugleich eine Anzahl von Taschen
+und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als Vorratstasche
+f&uuml;r Speisewaaren ben&uuml;tzt werden. Dann wurde
+der Kaffee gebracht. F&uuml;r jetzt erhielt jeder Geladene nur
+ein kleines T&auml;&szlig;chen voll dieses Getr&auml;nkes. Dann kam
+eine Sch&uuml;ssel mit Salatah. Dies ist ein sehr erfrischendes
+Gericht und besteht aus geronnener Milch mit Gurkenschnittchen,
+die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich
+wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt
+frisches Wasser, aus welchem die H&auml;lse von drei Flaschen
+ragten. Zwei von ihnen enthielten wie ich bald merkte,
+Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden Fl&uuml;ssigkeit
+gef&uuml;llt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange
+bespritzte.</p>
+
+<p>Nun kam ein ungeheurer Napf voll fl&uuml;ssiger Butter.
+Sie wird hier Samn genannt und von den Arabern sowohl
+als Einleitung und Nachtisch, als auch zu jeder
+anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann
+wurden kleine K&ouml;rbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte
+die k&ouml;stliche, flach gedr&uuml;ckte El Schelebi, welche etwa
+so verpackt wird, wie bei uns die Feige oder die Prunelle.
+Sie ist ungef&auml;hr zwei Zoll lang, kleinkernig und von ebenso
+herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann sah ich die
+seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt;
+denn der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten
+durch den t&auml;glichen Genu&szlig; von sechs oder sieben Adschwa
+bricht, der braucht weder Gift noch Zauber zu f&uuml;rchten.
+&ndash; Auch die Hilwah, die s&uuml;&szlig;este, die Dschuseirijeh, die
+gr&uuml;nste, und El Birni und El Seihani waren vertreten.
+F&uuml;r die minder vornehmen G&auml;ste waren Balah, am Baume
+<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[351]</a></span>getrocknete Datteln, nebst Dschebeli und Hylajeh vorhanden.
+Auch Kelladat el Scham, syrische Halsb&auml;nder, lagen da.
+Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem Zustande
+in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten
+sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und
+l&auml;&szlig;t sie in der Sonne trocknen.</p>
+
+<p>Nach den Datteln trug man ein Gef&auml;&szlig; mit Kunafah,
+d.&nbsp;i. mit Zucker bestreute Nudeln, auf. Nun hob der
+Wirt die H&auml;nde empor.</p>
+
+<p>&raquo;Bismillah!&laquo; rief er und gab damit das Zeichen zum
+Beginn des Mahles.</p>
+
+<p>Er langte mit den Fingern in die einzelnen N&auml;pfe,
+Sch&uuml;sseln und K&ouml;rbe und steckte erst mir, dann dem Engl&auml;nder
+dasjenige, was er f&uuml;r das Beste hielt, in den Mund.
+Ich h&auml;tte allerdings lieber meine eigenen Finger gebraucht,
+aber ich mu&szlig;te ihn gew&auml;hren lassen, da ich ihn sonst unverzeihlich
+beleidigt h&auml;tte. Master Lindsay aber zog, als
+er die erste Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen
+seinen Mund nach seiner bekannten Weise in ein Trapezoid
+und machte ihn nicht eher wieder zu, als bis ich ihn aufmerksam
+machte:</p>
+
+<p>&raquo;E&szlig;t, Sir, wenn ihr diese Leute nicht t&ouml;dlich beleidigen
+wollt!&laquo;</p>
+
+<p>Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter
+und meinte dann, nat&uuml;rlich in englischer Sprache:</p>
+
+<p>&raquo;Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem
+Besteck bei mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t sie stecken! Wir m&uuml;ssen uns nach der Sitte
+des Landes richten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schauderhaft!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sagt dieser Mann?&laquo; fragte der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist ganz entz&uuml;ckt &uuml;ber dein Wohlwollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, ich liebe euch!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[352]</a></span>Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure
+Milch und klebte dem ehrenwerten Master Englishman
+eine Portion unter die lange Nase. Der so Begl&uuml;ckte
+schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen,
+und versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst
+seiner Zunge von dem unteren Teile seines Angesichtes
+hinweg in das Innere derjenigen &Ouml;ffnung zu bringen,
+welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt
+werden mu&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Schrecklich!&laquo; lamentierte er dann. &raquo;Mu&szlig; ich das
+wirklich leiden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ohne Gegenwehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ohne! Aber r&auml;chen k&ouml;nnt Ihr Euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pa&szlig;t auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!&laquo;</p>
+
+<p>Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine
+Portion davon in den Mund. Er hatte sie noch nicht
+verschluckt, so griff David Lindsay in die fl&uuml;ssige Butter
+und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem
+Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah;
+er nahm die Gabe eines Ungl&auml;ubigen ohne Str&auml;uben
+an. Jedenfalls behielt er sich vor, sich sp&auml;ter zu
+waschen und durch ein l&auml;ngeres oder k&uuml;rzeres Fasten sich
+von dem Vergehen wieder zu reinigen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend wir beide auf diese Weise von dem Scheik
+gespeist wurden, teilte ich meine Gaben reichlich unter die
+andern aus. Sie hielten das f&uuml;r eine gro&szlig;e Bevorzugung
+durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem Vergn&uuml;gen
+dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr
+zu sehen.</p>
+
+<p>Nun klatschte der Scheik laut in die H&auml;nde. Man
+brachte eine Sini. Das ist eine sehr gro&szlig;e, mit Zeichnungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[353]</a></span>und Inschriften versehene Sch&uuml;ssel von fast sechs
+Fu&szlig; im Umfange. Sie war gef&uuml;llt mit Birgani, einem
+Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener
+Butter schwamm. Dann kam ein Warah Maschi,
+ein stark gew&uuml;rztes Ragout aus Hammelschnitten, nachher
+Kabab, kleine, auf spitze Holzst&auml;bchen gespie&szlig;te Bratenst&uuml;ckchen,
+dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte Granaten,
+&Auml;pfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk
+von der Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten
+beim Nachtisch zu naschen pflegen.</p>
+
+<p>Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet
+glaubte, wurde noch das Hauptst&uuml;ck desselben gebracht:
+ein Hammel, ganz am Spie&szlig;e gebraten. Ich konnte nicht
+mehr essen.</p>
+
+<p>&raquo;El Hamd ul illah!&laquo; rief ich daher, steckte meine
+H&auml;nde in den Wassertopf und trocknete sie mir an meinem
+Gewande ab.</p>
+
+<p>Das war das Zeichen, da&szlig; ich nicht mehr essen w&uuml;rde.
+Der Morgenl&auml;nder kennt bei Tafel das sogenannte l&auml;stige
+&raquo;N&ouml;tigen&laquo; nicht. Wer sein &raquo;El Hamd&laquo; gesagt hat, wird
+nicht weiter beachtet. Das bemerkte der Engl&auml;nder.</p>
+
+<p>&raquo;El Hamdillah!&laquo; rief auch er, fuhr mit der Hand
+in das Wasser und &ndash; betrachtete sie dann sehr verlegen.</p>
+
+<p>Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Ha&iuml;k
+entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Sage deinem Freunde,&laquo; meinte er zu mir, &raquo;da&szlig; er
+seine H&auml;nde an meinem Kleide trocknen m&ouml;ge. Die Engl&auml;nder
+verstehen wohl nicht viel von Reinlichkeit, denn
+sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie sich
+abtrocknen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen,
+und er machte hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.</p>
+
+<p>Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward
+<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[354]</a></span>einem jeden der Kaffee und eine Pfeife gereicht. Nun erst
+begann der Scheik, mich den Seinen vorzustellen:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr M&auml;nner vom Stamme der Haddedihn el Schammar,
+dieser Mann ist ein gro&szlig;er Emir und Hadschi aus
+dem Lande der U&euml;lad German; sein Name lautet&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hadschi Kara Ben Nemsi,&laquo; fiel ich ihm in die Rede.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben
+Nemsi; er ist der gr&ouml;&szlig;te Krieger seines Landes und der
+weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den Brunnen Zem-Zem
+bei sich und geht in alle L&auml;nder, um Abenteuer zu
+suchen. Wi&szlig;t ihr nun, was er ist? Ein Dschihad<a name="FNanchor_146_146" id="FNanchor_146_146"></a><a href="#Footnote_146_146" class="fnanchor">[146]</a> ist
+er. La&szlig;t uns sehen, ob es ihm gef&auml;llt, mit uns gegen
+unsere Feinde zu ziehen!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_146_146" id="Footnote_146_146"></a><a href="#FNanchor_146_146"><span class="label">[146]</span></a> Einer, welcher auszieht, um f&uuml;r den Glauben zu k&auml;mpfen.</p></div>
+
+<p>Das brachte mich in eine ganz eigent&uuml;mliche, unerwartete
+Lage. Was sollte ich antworten? Denn eine
+Antwort erwarteten alle von mir, das war ihren auf mich
+gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschlo&szlig; mich kurz:</p>
+
+<p>&raquo;Ich k&auml;mpfe f&uuml;r alles Rechte und Gute gegen alles,
+was unrecht und falsch ist. Mein Arm geh&ouml;rt euch; vorher
+aber mu&szlig; ich diesen Mann, meinen Freund, dahin
+bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin ist das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig; ich euch erkl&auml;ren. Vor mehreren tausend
+Jahren lebte in diesem Lande ein Volk, welches gro&szlig;e
+St&auml;dte und herrliche Pal&auml;ste besa&szlig;. Das Volk ist untergegangen,
+und seine St&auml;dte und Pal&auml;ste liegen versch&uuml;ttet
+unter der Erde. Wer in die Tiefe gr&auml;bt, der kann sehen
+und lernen, wie es vor Jahrtausenden gewesen ist, und
+dies will mein Freund thun. Er will in der Erde suchen
+nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu entr&auml;tseln
+und zu lesen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[355]</a></span>&raquo;Und nach Gold, um es mitzunehmen,&laquo; fiel der
+Scheik ein.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete ich. &raquo;Er ist reich; er hat Gold
+und Silber, so viel er braucht. Er sucht nur Schriften
+und Bilder; alles andere will er den Bewohnern dieses
+Landes lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was sollst du dabei thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich soll ihn an eine Stelle f&uuml;hren, an der er findet,
+was er sucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin
+mit uns in den Kampf ziehen. Wir selbst werden ihm
+genug solche Stellen zeigen. Das ganze Land ist voller
+Ruinen und Tr&uuml;mmer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich
+nicht bei ihm bin. Ihr versteht nicht seine Sprache, und
+er kennt nicht die eurige.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen,
+und dann werden wir euch viele Orte zeigen, wo ihr
+Schriften und Bilder finden k&ouml;nnt.&laquo;</p>
+
+<p>Lindsay merkte, da&szlig; von ihm die Rede war.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagen sie?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich Fowling-bulls ausgraben will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sonst machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich
+f&uuml;r einen gro&szlig;en Helden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen Euch solche zeigen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[356]</a></span>&raquo;Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das habe ich ihnen gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was geantwortet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen
+sie uns zeigen, wo Inschriften und dergleichen zu finden
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em> Wir ziehen mit ihnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das geht ja nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir gef&auml;hrden uns dabei. Was gehen uns die
+Feindseligkeiten anderer an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Aber eben darum k&ouml;nnen wir gehen, mit
+wem wir wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr zu &uuml;berlegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchtet Ihr Euch, Sir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr werdet Euch noch anders besinnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo;</p>
+
+<p>Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untr&uuml;gliches
+Zeichen, da&szlig; er sein letztes Wort gesagt habe.
+Ich wandte mich also wieder an den Scheik:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dir vorhin gesagt, da&szlig; ich f&uuml;r alles Rechte
+und Gute k&auml;mpfe. Ist Eure Sache recht und gut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich sie dir erz&auml;hlen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du von dem Stamme der Dschehesch geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich
+sehr oft mit den Abu Salman und den Tai-Arabern, um
+die Nachbarst&auml;mme zu berauben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t es. Er fiel &uuml;ber den meinigen her und
+raubte uns mehrere Herden; wir aber eilten ihm nach
+und nahmen ihm alles wieder. Nun hat uns der Scheik
+<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[357]</a></span>der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn bestochen.
+Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den
+vornehmsten Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung
+nach Mossul. Ich hatte eine Wunde erhalten
+und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich
+meinen Sohn mit f&uuml;nfzehn Kriegern zu ihm. Er war
+treulos, nahm sie gefangen und schickte sie an einen Ort,
+den ich noch nicht erfahren habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du dich nach ihnen erkundigt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes
+sich nach Mossul wagen kann. Die St&auml;mme der
+Schammar waren entr&uuml;stet &uuml;ber diesen Verrat und t&ouml;teten
+einige Soldaten des Gouverneur. Nun r&uuml;stet er gegen
+sie und hat zugleich die Obe&iuml;de, die Abu Hammed und die
+Dschowari gegen mich gehetzt, obgleich sie nicht unter seine
+Hoheit, sondern nach Bagdad geh&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo lagern deine Feinde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie r&uuml;sten erst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du dich nicht mit den anderen Schammarst&auml;mmen
+vereinigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sollten da unsere Herden Weide finden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur
+in die W&uuml;ste locken, um ihn zu verderben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar
+nichts thun. Anders aber ist es mit meinen Feinden;
+sie sind Araber; ich darf sie nicht bis zu meinen Weidepl&auml;tzen
+kommen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel Krieger z&auml;hlt dein Stamm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elfhundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und deine Gegner?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mehr als dreimal so viel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes
+zu versammeln?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[358]</a></span>&raquo;Einen Tag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo haben die Obe&iuml;de ihr Lager?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am untern Laufe des Zab-asfal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Abu Hammed?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der N&auml;he von El Fattha, an der Stelle, wo
+der Tigris durch die Hamrinberge bricht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf welcher Seite?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf beiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Dschowari?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten
+Ufer des Tigris.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Kundschafter ausgesandt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das h&auml;ttest du thun sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen,
+und w&auml;re verloren, wenn man ihm begegnete.
+Aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann
+fuhr er fort:</p>
+
+<p>&raquo;Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem
+Ate&iuml;beh?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und auch unser Freund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!&laquo;</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engl&auml;nder
+und allen anwesenden Arabern. Neben dem gro&szlig;en
+Zelte hatte man w&auml;hrend unseres Mahles ein kleineres
+f&uuml;r die beiden Diener aufgeschlagen, und im Vor&uuml;bergehen
+bemerkte ich, da&szlig; man auch sie mit Speise und Trank bedacht
+hatte. Au&szlig;erhalb des Zeltkreises standen die Pferde
+des Scheik angebunden; zu ihnen f&uuml;hrte er mich. Sie
+waren alle ausgezeichnet, zwei aber entz&uuml;ckten mich f&ouml;rmlich.
+<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[359]</a></span>Eines war eine junge Schimmelstute, das sch&ouml;nste
+Gesch&ouml;pf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren
+waren lang, d&uuml;nn und durchscheinend, die Nasenl&ouml;cher
+hoch, aufgeblasen und tief rot, M&auml;hne und Schweif wie
+Seide.</p>
+
+<p>&raquo;Herrlich!&laquo; rief ich unwillk&uuml;rlich.</p>
+
+<p>&raquo;Sage: Masch Allah!&laquo; bat mich der Scheik.</p>
+
+<p>Der Araber ist n&auml;mlich in Beziehung auf das sogenannte
+&raquo;Beschreien&laquo; sehr abergl&auml;ubig. Wem irgend etwas
+sehr gef&auml;llt, der hat &raquo;Masch Allah&laquo; zu sagen, wenn er
+nicht sehr ansto&szlig;en will.</p>
+
+<p>&raquo;Masch Allah!&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du, da&szlig; ich auf dieser Stute den wilden
+Esel des Sindschar m&uuml;de gejagt habe, bis er zusammenbrach?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unm&ouml;glich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei Allah, es ist wahr! Ihr k&ouml;nnt es bezeugen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir bezeugen es!&laquo; riefen die Araber wie aus <em class="gesperrt">einem</em>
+Munde.</p>
+
+<p>&raquo;Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,&laquo;
+erkl&auml;rte der Scheik. &raquo;Welches Pferd gef&auml;llt dir noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie,
+diesen Adel und diese wunderseltene F&auml;rbung, ein
+Schwarz, welches in das Blau &uuml;bergeht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei
+h&ouml;chsten Tugenden eines guten Pferdes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schnellf&uuml;&szlig;igkeit, Mut und einen langen Atem.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An welchen Zeichen erkennst du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt,
+da&szlig; er schnellf&uuml;&szlig;ig ist; sie wirbeln sich am Beginn der
+M&auml;hne: das zeigt, da&szlig; er einen langen Atem hat, und
+sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das zeigt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[360]</a></span>da&szlig; er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er l&auml;&szlig;t seinen
+Reiter nie im Stich und tr&auml;gt ihn durch tausend Feinde.
+Hast du einmal ein solches Pferd besessen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es kostete mich nichts &ndash; es war ein Mustang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist ein Mustang?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen
+und z&auml;hmen mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich
+wollte und wenn du k&ouml;nntest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde ihn auf der Stelle kaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst ihn dir verdienen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Unm&ouml;glich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unter welcher Bedingung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die
+Obe&iuml;de, Abu Hammed und Dschowari sich vereinigen
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>Beinahe h&auml;tte ich ein &raquo;Juchhei!&laquo; hinausgejubelt. Der
+Preis war hoch, aber das Ro&szlig; war noch mehr wert. Ich
+besann mich nicht lange und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Bis wann verlangst du diese Nachricht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis du sie bringen kannst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann erhalte ich das Pferd?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du zur&uuml;ckgekehrt bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen;
+aber dann kann ich deinen Auftrag auch nicht ausf&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil vielleicht alles darauf ankommt, da&szlig; ich ein
+Pferd reite, auf welches ich mich in jeder Beziehung verlassen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte zu Boden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[361]</a></span>&raquo;Wei&szlig;t du, da&szlig; bei einem solchen Vorhaben der
+Hengst sehr leicht verloren gehen kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es; es kommt auch auf den Reiter an.
+Aber wenn ich ein solches Pferd unter mir habe, so w&uuml;&szlig;te
+ich keinen Menschen, der mich oder das Tier fangen
+k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Reitest du so gut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich reite nicht so wie ihr; ich m&uuml;&szlig;te das Pferd
+eines Schammar erst an mich gew&ouml;hnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind wir dir &uuml;berlegen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berlegen? Seid ihr gute Sch&uuml;tzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir schie&szlig;en im Galopp die Taube vom Zelte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger
+hinter mir her. Ich werde mich nicht auf tausend Lanzenl&auml;ngen
+von deinem Lager entfernen und gebe ihnen die
+Erlaubnis, auf mich zu schie&szlig;en, so oft es ihnen beliebt.
+Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst im Scherze, Emir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich rede im Ernste.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich dich beim Wort nehme?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut!&laquo;</p>
+
+<p>Die Augen der Araber leuchteten vor Vergn&uuml;gen.
+Gewi&szlig; war ein jeder von ihnen ein vortrefflicher Reiter;
+sie brannten vor Verlangen, da&szlig; der Scheik auf mein
+Anerbieten eingehen werde.</p>
+
+<p>Dieser aber blickte sehr unschl&uuml;ssig vor sich nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o
+Scheik,&laquo; sagte ich ihm. &raquo;Sieh mich an! Trennt ein
+Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie trage?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie!&laquo;</p>
+
+<p>Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm
+nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, hier lege ich sie dir zu F&uuml;&szlig;en, als Pfand,
+<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[362]</a></span>da&szlig; ich nicht gekommen bin, dir den Hengst zu rauben;
+und wenn dies noch nicht genug ist, so sei mein Wort
+und auch hier mein Freund dir Pfand.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt l&auml;chelte er beruhigt.</p>
+
+<p>&raquo;Es sei, also zehn Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, auch zw&ouml;lf oder f&uuml;nfzehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die auf dich schie&szlig;en d&uuml;rfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf
+treffen. W&auml;hle deine besten Reiter und Sch&uuml;tzen aus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist tollk&uuml;hn, Emir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das glaubst du nur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben sich nur hinter dir zu halten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen reiten, wie und wohin sie wollen, um
+mich zu fangen oder mit ihrer Kugel zu treffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter
+Mann!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe,
+ist das Spiel zu Ende!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine
+Stute reiten, um alles sehen zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thue es!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sa&szlig; auf, und w&auml;hrend der Scheik diejenigen bestimmte,
+welche mich fangen sollten, merkte ich, da&szlig; ich
+mich auf den Hengst ganz und gar verlassen konnte. Dann
+sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel. Das stolze
+Tier merkte, da&szlig; etwas Ungew&ouml;hnliches im Gange sei;
+seine Augen funkelten, seine M&auml;hne hob sich, und seine
+F&uuml;&szlig;chen gingen wie die F&uuml;&szlig;e einer T&auml;nzerin, welche versuchen
+will, ob das Parkett des Saales &raquo;wichsig&laquo; genug
+zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den
+Hals und kn&uuml;pfte eine Schlinge an die eine Seite des fest
+angezogenen Bauchgurtes.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[363]</a></span>&raquo;Du entferntest den Sattel?&laquo; fragte der Scheik.
+&raquo;Wozu diese Riemen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl
+unter deinen Kriegern getroffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; hier sind zehn!&laquo;</p>
+
+<p>Sie sa&szlig;en bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen
+alle Araber auf, welche sich in der N&auml;he befanden.</p>
+
+<p>&raquo;So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt,
+sechshundert Schritte von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sehen es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sobald ich es erreicht habe, k&ouml;nnt ihr auf mich
+schie&szlig;en; auch sollt ihr mir gar keinen Vorsprung lassen.
+Vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sprang auf &ndash; der Hengst scho&szlig; wie ein Pfeil
+davon. Die Araber folgten ihm hart auf den Hufen.
+Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich die H&auml;lfte der
+angegebenen Entfernung nicht zur&uuml;ckgelegt, als der vorderste
+Verfolger bereits um f&uuml;nfzig Schritte zur&uuml;ckgeblieben
+war.</p>
+
+<p>Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen
+und das Bein in die Schlinge zu stecken. Kurz
+vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich um; alle zehn
+hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen schu&szlig;fertig.
+Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum.
+Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit,
+wie es nur ein Araber zu stande bringt; es stand,
+als sei es aus Erz gegossen. Er hob die Flinte empor;
+der Schu&szlig; krachte.</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah, &iuml;a Allah, Wallah, Tallah!&laquo; rief es.</p>
+
+<p>Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht
+mehr zu sehen. Ich hatte mich nach Art der Indianer
+vom Pferde geworfen und hing nun mittels des Riemens
+und der Schlinge an derjenigen Seite desselben, welche
+<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[364]</a></span>den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem
+Halse des Rappen hindurch &uuml;berzeugte mich, da&szlig; niemand
+mehr ziele, und sofort richtete ich mich wieder im Sattel
+empor, dr&uuml;ckte das Pferd wieder nach rechts hin&uuml;ber und
+jagte weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!&laquo; brauste
+es hinter mir. Die guten Leute konnten sich die Sache
+noch nicht erkl&auml;ren.</p>
+
+<p>Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre
+Flinten wieder empor. Ich zog den Rappen nach links,
+warf mich wieder ab und ritt in einem spitzen Winkel an
+ihrer Flanke vor&uuml;ber. Sie konnten nicht schie&szlig;en, wenn
+sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd
+gef&auml;hrlich aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines
+Pferdes doch nur wie das Kinderhaschen, welches ich
+Indianern gegen&uuml;ber allerdings nicht h&auml;tte wagen d&uuml;rfen.
+Wir jagten einigemal um das au&szlig;erordentlich ausgedehnte
+Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite
+des Pferdes hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch,
+nach dem Orte, an welchem der Ritt begonnen
+hatte.</p>
+
+<p>Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von
+Schwei&szlig; oder Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld
+zu bezahlen. Nach und nach kamen auch die Verfolger
+an. Es waren im ganzen f&uuml;nf Sch&uuml;sse auf mich gefallen,
+nat&uuml;rlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik
+fa&szlig;te mich bei der Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah! Preis sei Allah, da&szlig; du nicht verwundet
+bist! Ich habe Angst um dich gehabt. Es giebt
+im ganzen Stamm El Schammar keinen solchen Reiter,
+wie du bist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele,
+welche besser reiten als ich, viel besser; aber sie haben es
+<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[365]</a></span>nicht gewu&szlig;t, da&szlig; sich der Reiter hinter seinem Pferde
+verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel und von
+keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir,
+sondern diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht,
+da&szlig; wir das Spiel einmal ver&auml;ndern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede,
+da&szlig; ich auch ein Gewehr zu mir nehmen und auf
+diese zehn M&auml;nner schie&szlig;en kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Allah ist gn&auml;dig; er verh&uuml;te ein solches
+Ungl&uuml;ck, denn du w&uuml;rdest sie alle vom Pferde schie&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So glaubst du nun also wohl, da&szlig; ich mich weder
+vor den Obe&iuml;de noch vor den Abu Hammed und den
+Dschowari f&uuml;rchte, wenn ich diesen Hengst unter mir
+habe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Emir, ich glaube es.&laquo; &ndash; Er rang sichtlich mit einem
+Entschlusse, dann aber setzte er hinzu: &raquo;Du bist Hadschi
+Kara Ben Nemsi, der Freund meines Freundes Malek,
+und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen
+Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er
+mein; bringst du mir aber gen&uuml;gende Kunde, so ist er
+dein. Dann werde ich dir auch sein Geheimnis sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Jedes arabische Pferd n&auml;mlich hat, wenn es besser
+als mittelm&auml;&szlig;ig ist, sein Geheimnis; das hei&szlig;t: es ist auf
+ein gewisses Zeichen einge&uuml;bt, auf welches es den h&ouml;chsten
+Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und dieselbe nicht eher
+mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von
+seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verr&auml;t das
+geheime Zeichen selbst seinem Freunde, seinem Vater oder
+Bruder, seinem Sohne und seinem Weibe nicht und wendet
+es erst dann an, wenn er sich in der allergr&ouml;&szlig;ten Todesgefahr
+befindet.</p>
+
+<p>&raquo;Erst dann?&laquo; antwortete ich. &raquo;Kann nicht der Fall
+<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[366]</a></span>eintreten, da&szlig; nur das Geheimnis mich und das Pferd
+zu retten vermag?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer
+des Rappen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde es!&laquo; rief ich zuversichtlich. &raquo;Und sollte
+ich es nicht werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben
+sein, da&szlig; keine Seele es erfahren kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm!&laquo;</p>
+
+<p>Er f&uuml;hrte mich auf die Seite und fl&uuml;sterte mir zu:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den
+L&uuml;ften, so lege ihm die Hand leicht zwischen die Ohren
+und rufe laut das Wort &#8250;Rih!&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rih, das hei&szlig;t Wind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es
+ist noch schneller als der Wind; es ist so schnell wie der
+Sturm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft
+so gut ausf&uuml;hren, als ob ich ein Sohn der Haddedihn
+oder als ob ich du selbst w&auml;re. Wann soll ich reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Datteln nehme ich mit f&uuml;r den Rappen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er fri&szlig;t nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu
+sagen, wie ein so kostbares Pferd zu behandeln ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die
+hundertste Sure, welche von den schnelleilenden Rossen
+handelt, in die N&uuml;stern, so wird es dich lieben und dir
+gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese
+Sure?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage sie her!&laquo;</p>
+
+<p>Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[367]</a></span>Ich gehorchte seinem Willen:</p>
+
+<p>&raquo;Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den
+schnelleilenden Rossen mit l&auml;rmendem Schnauben, und bei
+denen, welche stampfend Feuerfunken spr&uuml;hen, und bei
+denen, die wetteifernd des Morgens fr&uuml;h auf den Feind
+einst&uuml;rmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen
+Scharen durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar
+gegen seinen Herrn, und er selbst mu&szlig; solches bezeugen.
+Zu unm&auml;&szlig;ig h&auml;ngt er der Liebe zu irdischen G&uuml;tern an.
+Wei&szlig; er denn nicht, da&szlig; dann, wenn alles herausgenommen
+ist, was in den Gr&auml;bern liegt, und an das Licht
+gebracht wird, was in des Menschen Brust verborgen
+war, da&szlig; dann an diesem Tage der Herr sie vollkommen
+kennt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen
+tausendmal des Nachts vorgesagt; thue dasselbe, und er
+wird merken, da&szlig; du sein Herr geworden bist. Jetzt aber
+komm in das Zelt zur&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>Der Engl&auml;nder war bisher ein stiller Zuschauer gewesen;
+nun trat er an meine Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Warum auf Euch geschossen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht
+kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, sch&ouml;n, Prachtpferd!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t Ihr, Sir, wem es geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Scheik!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir; wirklich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse
+mir nichts weismachen; merkt Euch das!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[368]</a></span>&raquo;Gut, so behalte ich alles andere f&uuml;r mich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich euch morgen fr&uuml;h verlasse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit
+wi&szlig;t Ihr bereits. Ich soll zu erkunden suchen,
+wann und wo die feindlichen St&auml;mme zusammentreffen,
+und daf&uuml;r bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen
+Rappen geschenkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;ckskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das geht nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt mir nichts n&uuml;tzen, sondern nur schaden.
+Eure Kleidung&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah, ziehe mich als Araber an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Richtig! Wie lange ausbleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; noch nicht. Einige Tage. Ich mu&szlig; weit &uuml;ber
+den kleinen Zab hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;B&ouml;ser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde mich in acht nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht blo&szlig; nach Beduinen forschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach wem sonst noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach sch&ouml;nen Ruinen. Mu&szlig; nachgraben, Fowling-bull
+finden, nach London ins Museum schicken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde es thun, verla&szlig;t euch darauf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em> Fertig; eintreten!&laquo;</p>
+
+<p>Wir nahmen unsere fr&uuml;heren Pl&auml;tze im Zelte ein und
+verbrachten den Rest des Tages mit allerlei Erz&auml;hlungen,
+wie sie der Araber liebt. Am Abend wurde Musik gemacht
+<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[369]</a></span>und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab:
+die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und
+die Tabl, eine kleine Pauke, welche aber doch im Verh&auml;ltnisse
+zu den leisen, einf&ouml;rmigen T&ouml;nen der Rubabah einen
+ganz entsetzlichen L&auml;rm machte. Dann wurde das Nachtgebet
+gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.</p>
+
+<p>Der Engl&auml;nder schlief in dem Zelte des Scheik, ich
+aber ging zu dem Hengste, welcher auf der Erde lag, und
+nahm Platz zwischen seinen F&uuml;&szlig;en. Habe ich ihm die
+hundertste Sure wirklich in die N&uuml;stern gesagt? Versteht
+sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet,
+bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gew&ouml;hnt:
+wir wurden also durch denselben schnell vertraut miteinander;
+und indem ich beim Recitieren der Worte hart
+an seinen N&uuml;stern atmete, lernte es, wie man sich auszudr&uuml;cken
+pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen.
+Ich lag zwischen seinen F&uuml;&szlig;en, wie ein Kind zwischen den
+Beinen eines treuen, verst&auml;ndigen Neufundl&auml;nders. Als
+der Tag eben graute, &ouml;ffnete sich das Zelt des Scheik, und
+der Engl&auml;nder trat heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Geschlafen, Sir?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr lebendig im Zelte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Schl&auml;fer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Fleas, Lice und Gnats!&laquo;</p>
+
+<p>Wer englisch versteht, wei&szlig;, wen oder was er meinte;
+ich mu&szlig;te lachen.</p>
+
+<p>&raquo;An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gew&ouml;hnen,
+Sir Lindsay.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[370]</a></span>&raquo;Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch
+dachte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;re vielleicht zu sp&auml;t gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habe Euch viel zu fragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So fragt einmal zu!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends
+allerlei Auskunft erteilen m&uuml;ssen; jetzt zog er sein Notizbuch
+hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Werde mich f&uuml;hren lassen an Ruinen. Mu&szlig; arabisch
+reden. Mir sagen verschiedenes. Was hei&szlig;t Freund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aschab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Feind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kiman.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; bezahlen. Was hei&szlig;t Dollar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rijahl fransch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hei&szlig;t Geldbeutel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Surrah.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde Steine graben. Was hei&szlig;t Stein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.&laquo;</p>
+
+<p>So fragte er mich nach einigen hundert W&ouml;rtern, die
+er sich alle notierte. Dann wurde es im Lager rege, und
+ich mu&szlig;te in das Zelt des Scheik kommen, um das Sahur,
+das Fr&uuml;hmahl, einzunehmen.</p>
+
+<p>Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich
+Abschied, stieg zu Pferde und verlie&szlig; den Ort, an den
+ich vielleicht nimmer zur&uuml;ckkehren konnte.</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[371]</a></span>
+<a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Auf Kundschaft.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">I</span>ch hatte mir vorgenommen, zun&auml;chst den s&uuml;dlichsten
+Stamm, die Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu
+ihnen w&auml;re gewesen, dem Thatharflusse zu folgen, der fast
+stets parallel mit dem Tigris flie&szlig;t; leider aber war sehr
+zu vermuten, da&szlig; just an seinen Ufern die Obe&iuml;de ihre
+Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich.
+Ich hatte mich so einzurichten, da&szlig; ich etwa eine Meile
+oberhalb Tekrit den Tigris erreichte; dann traf ich sicher
+auf den gesuchten Stamm.</p>
+
+<p>Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser
+brauchte ich f&uuml;r mein Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs
+im vollen Safte stand. Und so hatte ich weiter keine
+Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede feindliche
+Begegnung zu vermeiden. F&uuml;r das erstere hatte ich den
+Ortssinn, die Sonne und den Kompa&szlig;, und f&uuml;r das letztere
+das Fernrohr, mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte,
+bevor ich selbst gesehen wurde.</p>
+
+<p>Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am
+Abend legte ich mich hinter einem einsamen Felsen zur
+Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der Gedanke, ob es
+nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten, da ich
+dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir
+zu wissen notwendig war. Es war dies ein sehr &uuml;berfl&uuml;ssiges
+<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[372]</a></span>&Uuml;berlegen, wie ich am andern Morgen sehen
+sollte. Ich hatte n&auml;mlich sehr fest geschlafen und erwachte
+durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich
+aufblickte, sah ich f&uuml;nf Reiter von Norden her grade auf
+die Stelle zukommen, an welcher ich mich befand. Sie
+waren so nahe, da&szlig; sie mich bereits gesehen hatten. Flucht
+lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich der Rappe wohl
+schnell davongetragen h&auml;tte. Ich erhob mich also, sa&szlig; auf,
+um f&uuml;r alles ger&uuml;stet zu sein, und nahm den Stutzen nachl&auml;ssig
+zur Hand.</p>
+
+<p>Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre
+Pferde einige Schritte vor mir. Da in ihren Mienen
+nicht die geringste Feindseligkeit zu finden war, konnte ich
+mich einstweilen beruhigen.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te mich der eine.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum!&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast hier diese Nacht geschlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt
+zur Ruhe legen k&ouml;nntest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt.
+Dem einen giebt er ein Dach von Filz und dem andern
+den Himmel zur Decke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du aber k&ouml;nntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein
+Pferd, welches mehr wert ist, als hundert Zelte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mein einziges Besitztum.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verkaufst du es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t zu einem Stamme geh&ouml;ren, der nicht weit
+von hier sein Lager hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Hengst ist frisch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen
+<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[373]</a></span>von hier, weit, weit noch hinter den heiligen St&auml;dten
+im Westen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t dein Stamm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;U&euml;lad German.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, da dr&uuml;ben im Moghreb sagt man meist U&euml;lad
+statt Beni oder Abu. Warum entfernst du dich so weit
+von deinem Lande?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch
+die Duars und St&auml;dte sehen, welche gegen Persien liegen,
+damit ich den Meinen viel erz&auml;hlen kann, wenn ich heimkehre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin geht zun&auml;chst dein Weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah
+f&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kannst du mit uns reiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist euer Ziel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden
+am Ufer und auf den Inseln des Tigris weiden.&laquo;</p>
+
+<p>Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein?
+Sie hatten mich gefragt: es war also nicht unh&ouml;flich, wenn
+auch ich mich erkundigte.</p>
+
+<p>&raquo;Welchem Stamme geh&ouml;ren diese Herden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Stamme Abu Mohammed.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind noch andere St&auml;mme in der N&auml;he?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Abw&auml;rts die Alabe&iuml;den, welche dem Scheik
+von Kernina Tribut bezahlen, und aufw&auml;rts die Dschowari.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem bezahlen diese den Tribut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man h&ouml;rt es, da&szlig; du aus fernen Landen kommst.
+Die Dschowari zahlen nicht, sondern sie nehmen sich Tribut.
+Es sind Diebe und R&auml;uber, vor denen unsere Herden
+keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du
+gegen sie k&auml;mpfen willst!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[374]</a></span>&raquo;Ihr k&auml;mpft mit ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Wir haben uns mit den Alabe&iuml;den verbunden.
+Willst du Thaten thun, so kannst du es bei uns lernen.
+Aber warum schl&auml;fst du hier am H&uuml;gel des L&ouml;wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war m&uuml;de und
+habe mich zur Ruhe gelegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Gott ist gn&auml;dig; du bist ein Liebling
+Allahs, sonst h&auml;tte dich der W&uuml;rger der Herden zerrissen.
+Kein Araber m&ouml;chte hier eine Stunde ruhen, denn an
+diesem Felsen halten die L&ouml;wen ihre Zusammenk&uuml;nfte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es giebt hier am Tigris L&ouml;wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben
+aber findest du nur den Leopard. Willst du mit uns
+reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich euer Gast sein soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist es. Nimm unsere Hand und la&szlig; uns
+Datteln tauschen!&laquo;</p>
+
+<p>Wir legten die flachen H&auml;nde ineinander, und dann
+bekam ich von jedem eine Dattel, die ich a&szlig;, w&auml;hrend ich
+f&uuml;nf andere daf&uuml;r gab, welche auch aus freier Hand verzehrt
+wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach
+S&uuml;dosten ein. Einige Zeit sp&auml;ter passierten wir den
+Thathar, und die ebene Gegend wurde nach und nach
+bergiger.</p>
+
+<p>Ich lernte in meinen Begleitern f&uuml;nf ehrliche Nomaden
+kennen, in deren Herzen kein Falsch zu finden war.
+Sie hatten zur Feier einer Hochzeit einen befreundeten
+Stamm besucht und kehrten nun zur&uuml;ck voll Freude &uuml;ber
+die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten.</p>
+
+<p>Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich
+pl&ouml;tzlich wieder senkte. Zur Rechten wurden in weiter
+Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar, zur Linken,
+auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[375]</a></span>breitete sich das Thal des Tigris aus. In einer halben
+Stunde war der Strom erreicht. Er hatte hier die Breite
+von wohl einer englischen Meile, und seine Wasser wurden
+von einer gro&szlig;en, langgestreckten, gr&uuml;n bewachsenen
+Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Du gehst mit hin&uuml;ber? Du wirst unserem Scheik
+willkommen sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommen wir hin&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits
+bemerkt worden. Komm weiter aufw&auml;rts, wo das Kellek
+landet.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Kellek ist ein Flo&szlig;, welches gew&ouml;hnlich zweimal
+so lang als breit ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen,
+welche durch Querh&ouml;lzer befestigt sind, &uuml;ber welche
+Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen sich die Last
+befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden.
+Regiert wird so ein Flo&szlig; durch zwei Ruder, deren Riemen
+aus gespaltenen und wieder zusammengebundenen Bambusst&uuml;cken
+gefertigt sind. Ein solches Flo&szlig; stie&szlig; dr&uuml;ben von
+der Insel ab. Es war so gro&szlig;, da&szlig; es mehr als sechs
+Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen
+Hunden und einem alten, ehrw&uuml;rdig aussehenden Araber
+bewillkommt, welcher der Vater eines meiner Gef&auml;hrten
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube, da&szlig; ich dich zum Scheik f&uuml;hre,&laquo; sagte der
+bisherige Wortf&uuml;hrer.</p>
+
+<p>Auf unserem Wege gesellten sich mehrere M&auml;nner zu
+uns, die sich aber bescheiden hinter uns hielten und mich
+durch keine Frage bel&auml;stigten. Ihre Blicke hingen voll
+Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht
+weit. Er endete vor einer ziemlich ger&auml;umigen H&uuml;tte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[376]</a></span>welche aus Weidenst&auml;mmen gefertigt, mit Bambus gedeckt
+und von innen mit Matten bekleidet war. Als wir eintraten,
+erhob sich ein stark und kr&auml;ftig gebauter Mann
+von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war
+besch&auml;ftigt gewesen, sein Scharay<a name="FNanchor_147_147" id="FNanchor_147_147"></a><a href="#Footnote_147_147" class="fnanchor">[147]</a> auf einem Steine zu
+sch&auml;rfen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_147_147" id="Footnote_147_147"></a><a href="#FNanchor_147_147"><span class="label">[147]</span></a> Scharfes afghanisches Messer.</p></div>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te ich.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;k!&laquo; antwortete er, indem er mich scharf musterte.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,&laquo;
+bat mein Begleiter. &raquo;Er ist ein vornehmer Krieger, so da&szlig;
+ich ihm mein Zelt nicht anzubieten wage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen du bringst, der ist mir willkommen,&laquo; lautete
+die Antwort.</p>
+
+<p>Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir
+die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Setze dich, o Fremdling. Du bist m&uuml;de und hungrig,
+du sollst ruhen und essen; erlaube aber zuvor, da&szlig; ich
+nach deinem Pferde sehe!&laquo;</p>
+
+<p>Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst
+das Pferd und dann der Mann. Als er wieder eintrat,
+sah ich es ihm sofort an, da&szlig; ihm der Anblick des Rappen
+Achtung f&uuml;r mich eingefl&ouml;&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast ein edles Tier, Masch Allah; m&ouml;ge es dir
+erhalten bleiben! Ich kenne es.&laquo;</p>
+
+<p>Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch
+nicht!</p>
+
+<p>&raquo;Woher kennst du es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist das beste Ro&szlig; der Haddedihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch die Haddedihn kennst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne alle St&auml;mme. Aber dich kenne ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du den Scheik der Haddedihn?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[377]</a></span>&raquo;Mohammed Emin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Von ihm komme ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat dich zu mir gesandt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ruhe dich erst aus, bevor du erz&auml;hlst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nicht m&uuml;de, und was ich dir zu sagen habe,
+ist so wichtig, da&szlig; ich es gleich sagen m&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sprich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re, da&szlig; die Dschowari deine Feinde sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind es,&laquo; antwortete er mit finsterer Miene.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde
+der Haddedihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du auch, da&szlig; sie sich mit den Abu Hammed
+und Obe&iuml;de verbunden haben, die Haddedihn in ihren
+Weidegr&uuml;nden anzugreifen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re, da&szlig; du dich mit den Alabe&iuml;den vereinigt
+hast, sie zu strafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komme ich zu dir, um das N&auml;here mit dir zu
+besprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du
+wirst dich erquicken und uns nicht eher verlassen, als bis
+ich meine &Auml;ltesten zusammengerufen habe.&laquo;</p>
+
+<p>Nach kaum einer Stunde sa&szlig;en acht M&auml;nner um mich
+und den Scheik herum und rissen gro&szlig;e Fetzen Fleisches
+von dem Hammel, welcher aufgetragen worden war. Diese
+acht M&auml;nner waren die &Auml;ltesten der Abu Mohammed.
+Ich erz&auml;hlte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen
+und der Bote ihres Scheik geworden war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[378]</a></span>&raquo;Was willst du uns f&uuml;r Vorschl&auml;ge machen?&laquo; fragte
+der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Keine. &Uuml;ber eure H&auml;upter sind mehr Jahre gezogen
+als &uuml;ber mein Haupt. Es ziemt dem J&uuml;ngeren nicht, dem
+Alten die Wege vorzuschreiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt
+ist noch jung, aber dein Verstand ist alt, sonst h&auml;tte Mohammed
+Emin dich nicht zu seinem Gesandten gemacht.
+Rede! Wir werden h&ouml;ren und dann entscheiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel Krieger z&auml;hlt dein Stamm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neunhundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Alabe&iuml;de?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Achthundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als
+die Feinde zusammen z&auml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele Krieger haben die Haddedihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals
+weniger an. Wi&szlig;t ihr vielleicht, wann die Dschowari
+sich mit den Abu Hammed vereinigen wollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am Tage nach dem n&auml;chsten Jaum el Dschema<a name="FNanchor_148_148" id="FNanchor_148_148"></a><a href="#Footnote_148_148" class="fnanchor">[148]</a>.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_148_148" id="Footnote_148_148"></a><a href="#FNanchor_148_148"><span class="label">[148]</span></a> Tag der Versammlung = Freitag.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du das genau?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben einen treuen Verb&uuml;ndeten unter den
+Dschowari.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo soll diese Vereinigung geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei den Ruinen von Khan Kernina.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann werden sich diese beiden St&auml;mme mit den
+Obe&iuml;de vereinigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der
+Kanuzaberge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[379]</a></span>&raquo;Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist au&szlig;erordentlich gut unterrichtet. Wohin
+werden sie sich nachher wenden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Grad nach den Weidepl&auml;tzen der Haddedihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was wolltet ihr thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollten die Zelte &uuml;berfallen, in denen sie ihre
+Frauen und Kinder zur&uuml;cklassen, und dann ihre Herden
+wegf&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rde dies klug sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt
+wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert,
+die Feinde aber dreitausend Krieger. Sie h&auml;tten gesiegt,
+w&auml;ren als Sieger zur&uuml;ckgekehrt und euch nachgejagt, um
+euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe wegzunehmen.
+Wenn ich unrecht habe, so sagt es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn w&uuml;rden
+durch andere St&auml;mme der Schammar verst&auml;rkt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese St&auml;mme werden vom Gouverneur von Mossul
+angegriffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was r&auml;tst du uns? W&uuml;rde es nicht am besten
+sein, die Feinde einzeln zu vernichten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr w&uuml;rdet einen Stamm besiegen, und die andern
+beiden aufmerksam machen. Sie m&uuml;ssen kurz nach ihrer
+Vereinigung, also bei dem Wirbel El Kelab angegriffen
+werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin
+am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen
+Kriegern von den Kanuzabergen herabsteigen und sich auf
+die Feinde werfen, w&auml;hrend ihr sie von S&uuml;den angreift
+und sie somit in den Strudel Kelab getrieben werden.&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Plan wurde nach l&auml;ngerer Beratung angenommen
+und dann noch auf das Eingehendste besprochen.
+Dar&uuml;ber war ein gro&szlig;er Teil des Nachmittags vergangen
+<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[380]</a></span>und der Abend r&uuml;ckte heran, so da&szlig; ich mich veranla&szlig;t
+sah, f&uuml;r die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen
+aber wurde ich beizeiten wieder an das Ufer gesetzt und
+ritt denselben Weg zur&uuml;ck, den ich gekommen war.</p>
+
+<p>Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt
+hatte, war auf eine so leichte und einfache Weise
+gel&ouml;st worden, da&szlig; ich mich fast sch&auml;men mu&szlig;te, es zu
+erz&auml;hlen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient werden.
+Was konnte ich aber noch thun? Ja, war es nicht
+vielleicht besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren?
+Diesen Gedanken wurde ich nicht wieder los. Ich
+setzte also gar nicht &uuml;ber den Thathar zur&uuml;ck, sondern ritt
+an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die Kanuzaberge
+zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur
+H&auml;lfte verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das
+Wadi Dschehennem, wo ich mit dem Engl&auml;nder die Pferdediebe
+getroffen hatte, ein Teil dieser Kanuzaberge sei. Ich
+wu&szlig;te diese Frage nicht zu beantworten, setzte meinen Weg
+fort und hielt mich sp&auml;ter mehr nach rechts, um in die
+N&auml;he des Dschebel Hamrin zu kommen.</p>
+
+<p>Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken,
+als ich zwei Reiter bemerkte, welche am westlichen
+Gesichtskreise erschienen und mit gro&szlig;er Schnelligkeit
+n&auml;her kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen Augenblick
+an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen?
+Vor zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und
+erwartete sie.</p>
+
+<p>Es waren zwei M&auml;nner, welche in dem r&uuml;stigsten
+Alter standen. Sie hielten vor mir an.</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo; fragte der eine mit einem l&uuml;sternen
+Blick auf den Rappen.</p>
+
+<p>So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht
+vorgekommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[381]</a></span>&raquo;Ein Fremdling,&laquo; antwortete ich kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Woher kommst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Westen, wie ihr seht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin das Kismet mich f&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund,
+der f&uuml;r ein Lager sorgt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah. Lebt wohl!&laquo;</p>
+
+<p>Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich
+nicht abgewandt, so langte der eine in den G&uuml;rtel, und
+im n&auml;chsten Augenblick flog mir seine Wurfkeule so an
+den Kopf, da&szlig; ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte
+die Bet&auml;ubung nicht lange, aber die R&auml;uber hatten mich
+doch unterdessen binden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum,&laquo; gr&uuml;&szlig;te jetzt der eine. &raquo;Wir
+waren vorhin nicht h&ouml;flich genug, und daher war dir
+unsere Gastfreundschaft nicht angenehm. Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>Ich antwortete nat&uuml;rlich nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wer du bist?&laquo;</p>
+
+<p>Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fu&szlig;tritte
+begleitete.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; ihn,&laquo; meinte der andere. &raquo;Allah wird Wunder
+thun und ihm den Mund &ouml;ffnen. Soll er reiten oder
+gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und
+banden mich an den Steigb&uuml;gel des einen Pferdes. Dann
+nahmen sie meinen Rappen beim Z&uuml;gel und &ndash; fort ging
+es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten Pferdes
+ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr &uuml;berm&uuml;tiges
+Gesch&ouml;pf!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[382]</a></span>Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen
+zwischen Bergen hindurch, und endlich sah ich aus einem
+Thale mehrere Feuer uns entgegenleuchten. Es war n&auml;mlich
+mittlerweile Nacht geworden. Wir lenkten in dies
+Thal ein, kamen an mehreren Zelten vor&uuml;ber und hielten
+endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick
+ein junger Mann trat. Er sah mich und ich ihn &ndash;
+wir erkannten einander.</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Wir fingen ihn drau&szlig;en in der Ebene. Er ist ein
+Fremder, der uns keine Thar<a name="FNanchor_149_149" id="FNanchor_149_149"></a><a href="#Footnote_149_149" class="fnanchor">[149]</a> bringen wird. Sieh dieses
+Tier an, welches er ritt!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_149_149" id="Footnote_149_149"></a><a href="#FNanchor_149_149"><span class="label">[149]</span></a> Blutrache.</p></div>
+
+<p>Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt:</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed
+Emin, dem Haddedihn! F&uuml;hrt diesen Menschen hinein zu
+meinem Vater, dem Scheik, da&szlig; er verh&ouml;rt werde. Ich
+rufe die andern zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was thun wir mit dem Pferde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und seine Waffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden in das Zelt gebracht.&laquo;</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde sp&auml;ter stand ich abermals vor
+einer Versammlung, aber vor einer Versammlung von &ndash;
+Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts n&uuml;tzen, und
+ich beschlo&szlig; daher, zu sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du mich?&laquo; fragte der &Auml;lteste der Anwesenden.</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, wo du dich befindest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[383]</a></span>&raquo;Wo hast du ihn gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde
+gestohlen, welche ich mir wieder holte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;L&uuml;ge nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du, da&szlig; du so zu mir sprichst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu
+Hammed.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferder&auml;uber!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein
+Sohn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es
+bereuen. Wer ist ein Pferder&auml;uber? Du bist es! Wem
+geh&ouml;rt das Pferd, welches du geritten hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;L&uuml;ge nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zedar Ben Huli, danke Allah, da&szlig; mir die H&auml;nde
+gebunden sind. Wenn das nicht w&auml;re, so w&uuml;rdest du
+mich niemals wieder einen L&uuml;gner hei&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bindet ihn fester!&laquo; gebot er.</p>
+
+<p>&raquo;Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi,
+in dessen Tasche sich das Wasser des Zem-Zem befindet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast
+das Hama&iuml;l umhangen. Aber hast du wirklich das
+Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gieb uns davon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich trage das Wasser nur f&uuml;r Freunde bei mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind wir deine Feinde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Wir haben dir noch kein Leid gethan. Wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[384]</a></span>wollen nur das Pferd, welches du geraubt hast, seinem
+Eigner wieder bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Eigner bin ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem,
+und dennoch sagst du die Unwahrheit. Ich kenne diesen
+Hengst ganz genau; er geh&ouml;rt Mohammed Emin, dem
+Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat es mir geschenkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du l&uuml;gst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sagte dir bereits, da&szlig; du Allah danken sollst
+daf&uuml;r, da&szlig; ich gefesselt bin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum hat er dir es geschenkt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber
+geht das nichts an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein sehr h&ouml;flicher Hadschi! Du mu&szlig;t dem
+Scheik der Haddedihn einen gro&szlig;en Dienst erwiesen haben,
+da er dir ein solches Geschenk giebt. Wir wollen dich
+nicht weiter dar&uuml;ber fragen. Wann hast du die Haddedihn
+verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vorgestern fr&uuml;h.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo weiden ihre Herden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht. Die Herden des Arabers sind
+bald hier, bald dort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nntest du uns zu ihnen f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo warst du seit vorgestern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berall.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen,
+was mit dir geschieht. F&uuml;hret ihn fort!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft
+und dort angebunden. Zu meiner Rechten und zu meiner
+Linken kauerte sich je ein Beduine nieder, welche dann
+sp&auml;ter abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt, die Entscheidung
+<span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[385]</a></span>&uuml;ber mein Schicksal noch heute zu vernehmen,
+sah mich aber get&auml;uscht; denn die Versammlung ging
+sp&auml;ter, wie ich h&ouml;rte, auseinander, ohne da&szlig; mir etwas
+&uuml;ber ihren Beschlu&szlig; gesagt worden w&auml;re. Ich schlief
+ein. Ein unruhiger Traum bem&auml;chtigte sich meiner. Ich
+lag nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer
+Oase der Sahara. Das Wachtfeuer loderte, der Lagmi<a name="FNanchor_150_150" id="FNanchor_150_150"></a><a href="#Footnote_150_150" class="fnanchor">[150]</a>
+kreiste von Hand zu Hand, und die M&auml;rchen gingen von
+Mund zu Mund. Da pl&ouml;tzlich lie&szlig; sich jener grollende
+Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn
+einmal geh&ouml;rt hat, der Donner der L&ouml;wenstimme. Assad-Bei,
+der Herdenw&uuml;rger, nahte sich, um sein Nachtmahl
+zu holen. Wieder und n&auml;her ert&ouml;nte seine Stimme &ndash;&nbsp;&ndash;
+ich erwachte.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_150_150" id="Footnote_150_150"></a><a href="#FNanchor_150_150"><span class="label">[150]</span></a> Dattelpalmensaft.</p></div>
+
+<p>War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die
+beiden Abu-Hammed-Araber, und ich h&ouml;rte, wie der eine
+die heilige Fatcha betete. Da grollte der Donner zum
+drittenmal. Es war Wirklichkeit &ndash; ein L&ouml;we umschlich
+das Lager.</p>
+
+<p>&raquo;Schlaft ihr?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt ihr den L&ouml;wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Heute ist es das dritte Mal, da&szlig; er sich
+Speise holt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;T&ouml;tet ihn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer soll ihn t&ouml;ten, den M&auml;chtigen, den Erhabenen,
+den Herrn des Todes?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des
+Lagers?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Sonst st&auml;nden die M&auml;nner nicht vor ihren
+Zelten, um seine Stimme vollst&auml;ndig zu h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[386]</a></span>&raquo;Ist der Scheik bei ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, da&szlig; ich den
+L&ouml;wen t&ouml;ten werde, wenn er mir mein Gewehr giebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist wahnsinnig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin vollst&auml;ndig bei Sinnen. Gehe hinaus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es dein Ernst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; packe dich!&laquo;</p>
+
+<p>Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner
+bem&auml;chtigt; ich h&auml;tte meine Fessel zersprengen m&ouml;gen.
+Nach einigen Minuten kehrte der Mann zur&uuml;ck. Er band
+mich los.</p>
+
+<p>&raquo;Folge mir!&laquo; gebot er.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en standen viele M&auml;nner, mit den Waffen in
+der Hand; aber keiner wagte es, aus dem Schutze der
+Zelte zu treten.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?&laquo;
+fragte der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube mir, diesen L&ouml;wen zu erlegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst keinen L&ouml;wen t&ouml;ten! Zwanzig von uns
+reichen nicht aus, ihn zu jagen, und mehrere w&uuml;rden
+sterben daran.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich t&ouml;te ihn allein; es ist der erste nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagst du die Wahrheit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen.
+Allah giebt das Leben und Allah nimmt es wieder;
+es steht alles im Buche verzeichnet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gieb mir mein Gewehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das schwere, und mein Messer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bringt ihm beides,&laquo; gebot der Scheik.</p>
+
+<p>Der gute Mann sagte sich jedenfalls, da&szlig; ich ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[387]</a></span>Kind des Todes und er dann unbestrittener Erbe meines
+Pferdes sei. Mir aber war es um den L&ouml;wen, um die
+Freiheit und um das Pferd zugleich zu thun, und diese
+Drei konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner
+B&uuml;chse gelangte.</p>
+
+<p>Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir nicht die H&auml;nde frei machen lassen,
+o Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst wirklich nur den L&ouml;wen erschie&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beschw&ouml;re es. Du bist ein Hadschi; schw&ouml;re es bei
+dem heiligen Zem-Zem, welchen du in der Tasche hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schw&ouml;re es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;L&ouml;st ihm die H&auml;nde!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im
+Zelte des Scheik, und vor demselben war der Rappe. Ich
+hatte keine Besorgnis mehr.</p>
+
+<p>Es war die Stunde, in welcher der L&ouml;we am liebsten
+um die Herden schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen.
+Ich f&uuml;hlte an meinen G&uuml;rtel, ob der Patronenbeutel
+noch vorhanden sei, dann schritt ich bis zum ersten
+Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein
+Auge an die Dunkelheit zu gew&ouml;hnen. Vor mir und zu
+beiden Seiten gewahrte ich einige Kamele und zahlreiche
+Schafe, die sich zusammengedr&auml;ngt hatten. Die Hunde,
+welche sonst des Nachts die W&auml;chter dieser Tiere sind,
+waren entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte
+verkrochen.</p>
+
+<p>Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise
+und langsam vorw&auml;rts. Ich wu&szlig;te, da&szlig; ich den L&ouml;wen
+noch eher riechen w&uuml;rde, als ich ihn bei dieser Dunkelheit
+zu Gesichte bekommen konnte. Da &ndash;&nbsp;&ndash; es war als ob
+der Boden unter mir erbebte &ndash; erscholl der Donner dieser
+<span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[388]</a></span>Stimme seitw&auml;rts von mir, und einige Augenblicke darauf
+vernahm ich einen dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer
+K&ouml;rper gegen einen andern prallt &ndash; ein leises St&ouml;hnen,
+ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden
+Knochen &ndash; und da, h&ouml;chstens zwanzig Schritte vor mir
+funkelten die beiden Feuerkugeln: &ndash; ich kannte dieses
+gr&uuml;nliche rollende Licht. Ich hob das Gewehr trotz der
+Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und dr&uuml;ckte ab.</p>
+
+<p>Ein gr&auml;&szlig;licher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz
+meines Schusses hatte dem L&ouml;wen seinen Feind gezeigt;
+auch ich hatte ihn gesehen, der auf dem R&uuml;cken eines
+Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen
+Z&auml;hnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein gro&szlig;er
+dunkler Gegenstand schnellte durch die Luft und kam
+h&ouml;chstens drei Schritte vor mir auf den Boden nieder.
+Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der
+Sprung schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war
+doch verwundet. Ich kniete noch fast im Anschlage und
+dr&uuml;ckte den zweiten und letzten Schu&szlig; los, nicht mitten
+zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine
+Auge hinein. Dann lie&szlig; ich die B&uuml;chse blitzschnell fallen
+und nahm das Messer zur Hand &ndash; der Feind kam nicht
+&uuml;ber mich; er war von dem t&ouml;dlichen Schusse f&ouml;rmlich
+zur&uuml;ckgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich einige
+Schritte zur&uuml;ck, um wieder zu laden. Ringsum herrschte
+Stille; auch im Lager war kein Hauch zu h&ouml;ren. Man
+hielt mich wohl f&uuml;r tot.</p>
+
+<p>Sobald aber der schw&auml;chste Schimmer des Tages den
+K&ouml;rper des L&ouml;wen einigerma&szlig;en erkennen lie&szlig;, trat ich
+hinzu. Er war tot, und nun machte ich mich daran, ihn aus
+der Haut zu sch&auml;len. Ich hatte meine Gr&uuml;nde, nicht
+lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese
+Troph&auml;e zur&uuml;ckzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[389]</a></span>Gef&uuml;hle als nach dem Gesichte vor sich, war aber doch
+beendet, als der Morgenschimmer etwas kr&auml;ftiger wurde.</p>
+
+<p>Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir &uuml;ber die
+Schulter und kehrte in das Lager zur&uuml;ck. Es war jedenfalls
+nur ein kleines Zweiglager der r&auml;uberischen Abu
+Hammed. Die M&auml;nner, Frauen und Kinder sa&szlig;en erwartungsvoll
+vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten,
+erhob sich ein ungeheurer L&auml;rm. Allah wurde in allen
+T&ouml;nen angerufen, und hundert H&auml;nde streckten sich nach
+meiner Beute aus.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast ihn get&ouml;tet?&laquo; rief der Scheik. &raquo;Wirklich?
+Allein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hat dir der Sche&iuml;tan beigestanden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Steht der Sche&iuml;tan einem Hadschi bei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulet, einen
+Talisman, mit Hilfe dessen du diese That vollbringst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt ihm die B&uuml;chse vor die Nase.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen.
+Wo liegt der K&ouml;rper des L&ouml;wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drau&szlig;en rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!&laquo;</p>
+
+<p>Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte
+ich gew&uuml;nscht.</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;rt die Haut des L&ouml;wen?&laquo; frug der Scheik
+mit l&uuml;sternem Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Dar&uuml;ber wollen wir in deinem Zelte beraten.
+Tretet ein!&laquo;</p>
+
+<p>Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zw&ouml;lf
+M&auml;nner da. Gleich beim Eintritt erblickte ich meine
+anderen Waffen; sie hingen an einem Pflock. Mit zwei
+<span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[390]</a></span>Schritten stand ich dort, ri&szlig; sie herab, warf die B&uuml;chse
+&uuml;ber die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand.
+Die L&ouml;wenhaut war mir infolge ihrer Gr&ouml;&szlig;e und Schwere
+sehr hinderlich; aber es mu&szlig;te doch versucht werden. Rasch
+stand ich wieder unter dem Eingang des Zeltes.</p>
+
+<p>&raquo;Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser
+B&uuml;chse nur auf den L&ouml;wen zu schie&szlig;en&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schie&szlig;en
+werde, das habe ich nicht gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geh&ouml;rt hierher. Gieb es zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geh&ouml;rt in meine Hand, und die wird es behalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird fliehen &ndash; haltet ihn!&laquo;</p>
+
+<p>Da erhob ich den Stutzen zum Schu&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine
+Leiche! Zedar Ben Huli, ich danke dir f&uuml;r die Gastfreundschaft,
+welche ich bei dir genossen habe. Wir sehen
+uns wieder!&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner,
+mir zu folgen. Diese kurze Zeit gen&uuml;gte, den Rappen
+zu besteigen und die Haut vor mich hinzunehmen. Als
+sich das Zelt wieder &ouml;ffnete, galoppierte ich bereits am
+letzten Zelte vorbei.</p>
+
+<p>Hinter mir und zur Seite, wo der K&ouml;rper des L&ouml;wen
+lag, erscholl ein w&uuml;tendes Geschrei, und ich bemerkte, da&szlig;
+alle zu den Waffen und zu den Pferden rannten. Als
+ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im Schritte.
+Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch
+des L&ouml;wen nicht vertragen und schnaubte &auml;ngstlich zur
+Seite. Jetzt blickte ich r&uuml;ckw&auml;rts und sah die Verfolger
+zwischen den Zelten f&ouml;rmlich hervorquellen. Nun lie&szlig;
+ich den Hengst traben, und erst als der vorderste Verfolger
+in Schu&szlig;weite gekommen war, wollte ich den Rappen
+<span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[391]</a></span>weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders.
+Ich hielt, drehte mich um und zielte. Der Schu&szlig; krachte,
+und das Pferd brach unter seinem Reiter tot zusammen.
+Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre nichts schaden.
+Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen
+Lauf wieder lud.</p>
+
+<p>Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei
+wieder nahe genug gekommen; ihre Flinten freilich h&auml;tten
+mich nicht zu erreichen vermocht. Ich hielt wieder, drehte
+um und zielte &ndash; zwei Sch&uuml;sse knallten nacheinander
+und zwei Pferde st&uuml;rzten nieder. Das war den andern
+doch zu viel; sie stutzten und blieben zur&uuml;ck. Als ich
+mich nach l&auml;ngerer Zeit wieder umschaute, erblickte ich sie
+in weiter Ferne, wo sie blo&szlig; noch meinen Spuren zu
+folgen schienen.</p>
+
+<p>Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine
+Stunde lang stracks nach West fort; dann bog ich auf
+einem steinigen Boden, wo die Hufspuren nicht zu sehen
+waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag
+den Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz
+unter dem Einflusse des Zab-asfal, und nur wenige Minuten
+unterhalb ist die Stelle, an welcher die Kanuzaberge
+in das Gebirge von Hamrin &uuml;bergehen. Dieser &Uuml;bergang
+geschieht durch einzelne isolierte Erh&ouml;hungen, welche
+durch tiefe und nicht sehr breite Th&auml;ler getrennt werden.
+Das breiteste Thal von ihnen wurde jedenfalls von den
+Feinden zum Durchzuge gew&auml;hlt, und so pr&auml;gte ich mir
+das Terrain und die Zug&auml;nge zu demselben mit der m&ouml;glichsten
+Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar
+wieder entgegen, den ich am Nachmittage erreichte und
+&uuml;berschritt. Das Verlangen trieb mich zu den Freunden;
+aber ich mu&szlig;te das Pferd schonen und hielt daher noch
+eine Nachtruhe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[392]</a></span>Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde
+der Haddedihn wieder vor Augen, und ich ritt im Galopp
+auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe zu achten,
+welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus
+ihnen geschlossen, da&szlig; etwas Ungew&ouml;hnliches vorgehe, und
+trat eben aus dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah, Preis sei Gott, da&szlig; du wieder da
+bist!&laquo; begr&uuml;&szlig;te er mich. &raquo;Wie ist es gegangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du etwas erfahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles? Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rufe die &Auml;ltesten zusammen; ich werde euch Bericht
+erstatten.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der
+anderen Seite des Pferdes herabgeworfen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, Wunder Gottes, ein L&ouml;we! Wie kommst
+du zu diesem Felle?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es ihm abgezogen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihm? Dem Herrn selbst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hast du mit ihm gesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kurze Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele J&auml;ger waren dabei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keiner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah sei mit dir, da&szlig; dich dein Ged&auml;chtnis nicht
+verlasse!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war allein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Lager der Abu Hammed.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die h&auml;tten dich erschlagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben es nicht gethan, wie du siehst. Sogar
+Zedar Ben Huli hat mir das Leben gelassen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[393]</a></span>&raquo;Auch ihn hast du gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst mu&szlig; ich alles
+&ouml;fters erz&auml;hlen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles
+ausf&uuml;hrlich h&ouml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als
+ich den Engl&auml;nder im vollsten Galopp daherst&uuml;rmen sah.</p>
+
+<p>&raquo;Habe soeben geh&ouml;rt, da&szlig; Ihr da seid, Sir,&laquo; rief er
+schon von weitem. &raquo;Habt Ihr gefunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n, sehr gut! Werde graben, finden und nach
+London schicken. Erst aber wohl k&auml;mpfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seltenheit, Schrift.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Loch, hier in der N&auml;he. Ziegelstein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Schrift auf einem Ziegelstein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em> Keilschrift. K&ouml;nnt Ihr lesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein wenig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nicht. Wollen sehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Wo ist der Stein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Zelt. Gleich holen!&laquo;</p>
+
+<p>Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund
+zum Vorschein.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, ansehen, lesen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Stein war beinahe vollst&auml;ndig zerbr&ouml;ckelt, und
+die wenigen Keile, welche die verwitterte Inschrift noch
+zeigte, waren kaum mehr zu unterscheiden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[394]</a></span>&raquo;Nun?&laquo; fragte Master Lindsay neugierig.</p>
+
+<p>&raquo;Wartet nur. Das ist nicht so leicht, als Ihr denkt.
+Ich finde nur drei Worte, die vielleicht zu entziffern
+w&auml;ren. Sie hei&szlig;en, wenn ich nicht irre: <em class="antiqua">Tetuda Babrut
+&eacute;sis.</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hei&szlig;t das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Ruhme Babylons aufgef&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen
+Mund bis hinter an die Ohren.</p>
+
+<p>&raquo;Lest Ihr richtig, Sir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was daraus nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles und nichts!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Hier doch gar nicht Babylon!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niniveh!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinetwegen Rio de Jane&iuml;ro! Reimt Euch das
+Dings da selbst zusammen oder auseinander; ich habe jetzt
+keine Zeit dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber warum ich Euch mitgenommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut! Hebt den Ziegelklo&szlig; auf, bis ich Zeit habe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em> Was habt Ihr zu thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse
+zu erz&auml;hlen habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde auch mitthun!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und &uuml;brigens mu&szlig; ich vorher essen. Ich habe
+Hunger wie ein B&auml;r.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch da werde mitthun!&laquo;</p>
+
+<p>Er trat mit mir in das Zelt.</p>
+
+<p>&raquo;Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Miserabel! Verlange Brot &ndash; Araber bringt Stiefel;
+verlange Hut &ndash; Araber bringt Salz; verlange Flinte &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[395]</a></span>Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft, schrecklich! Lasse
+Euch nicht wieder fort!&laquo;</p>
+
+<p>Nach der R&uuml;ckkehr des Scheik brauchte ich nicht lange
+auf das Mahl zu warten. W&auml;hrend desselben stellten sich
+die Geladenen ein. Die Pfeifen wurden angez&uuml;ndet, der
+Kaffee ging herum, und dann dr&auml;ngte Lindsay:</p>
+
+<p>&raquo;Anfangen, Sir! Bin neugierig.&laquo;</p>
+
+<p>Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet,
+bis mein Hunger gestillt war; dann aber begann ich:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt,
+aber es ist mir wider alles Erwarten sehr leicht geworden,
+sie zu l&ouml;sen. Und dabei bringe ich Euch eine so ausf&uuml;hrliche
+Nachricht, wie Ihr sie sicherlich nicht erwartet habt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rede!&laquo; bat der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Die Feinde haben ihre R&uuml;stungen bereits vollendet.
+Es sind die Orte bestimmt, wo die drei St&auml;mme sich
+vereinigen, und ebenso ist die Zeit angegeben, in der dies
+geschehen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber du hast es nicht erfahren k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu
+Hammed am Tage nach dem n&auml;chsten Jaum el Dschema
+bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen. Diese
+beiden St&auml;mme sto&szlig;en dann am dritten Tage nach dem
+Jaum el Dschema zwischen dem Wirbel El Kelab und
+dem Ende der Kanuzaberge mit den Obe&iuml;de zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du das gewi&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von dem Scheik der Abu Mohammed.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mit ihm gesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war sogar in seinem Zelte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und
+Abu Hammed nicht in Frieden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[396]</a></span>&raquo;Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein
+Freund. Er wird dir mit dem Stamme der Alabe&iuml;den
+zu Hilfe kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagst du die Wahrheit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage sie.&laquo;</p>
+
+<p>Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich
+jubelnd die H&auml;nde. Ich wurde von ihnen beinahe erdr&uuml;ckt.
+Dann mu&szlig;te ich alles so ausf&uuml;hrlich wie m&ouml;glich
+erz&auml;hlen. Ich that es. Sie glaubten alles, nur da&szlig; ich
+den L&ouml;wen so ganz allein und noch dazu bei stockfinsterer
+Nacht erlegt haben wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln.
+Der Araber ist gewohnt, dieses Tier nur am
+Tage und zwar in m&ouml;glichst zahlreicher Gesellschaft anzugreifen.
+Ich legte ihnen endlich das Fell vor.</p>
+
+<p>&raquo;Hat diese Haut ein Loch?&laquo;</p>
+
+<p>Sie besahen es h&ouml;chst aufmerksam.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; lautete dann der Bescheid.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Araber einen L&ouml;wen t&ouml;ten, so hat die Haut
+sehr viele L&ouml;cher. Ich habe ihm zwei Kugeln gegeben.
+Seht her! Die erste Kugel war zu hoch gezielt, weil er
+zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht
+ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut
+gestreift und das Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die
+zweite Kugel gab ich ihm, als er zwei oder drei Schritte
+von mir war; sie ist ihm in das linke Auge gedrungen.
+Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare
+Tier so nahe an dich herankommen lassen, da&szlig; dein Pulver
+seine Haare verbrannte. Wenn es dich nun gefressen
+h&auml;tte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So h&auml;tte es so im Buche gestanden. Ich habe diese
+Haut mitgebracht f&uuml;r dich, o Scheik. Nimm sie von mir
+an und gebrauche sie als Schmuck deines Zeltes!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_397" id="Page_397">[397]</a></span>&raquo;Ist dies dein Ernst?&laquo; fragte er erfreut.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Ernst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf
+diesem Felle werde ich schlafen, und der Mut des L&ouml;wen
+wird in mein Herz einziehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit
+Mut zu erf&uuml;llen, den du &uuml;brigens auch bald brauchen
+wirst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du mitk&auml;mpfen gegen unsere Feinde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Sie sind Diebe und R&auml;uber und haben auch
+mir nach dem Leben getrachtet; ich stelle mich unter deinen
+Befehl, und hier mein Freund wird dasselbe thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen.
+Du sollst der Anf&uuml;hrer einer Abteilung sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Davon la&szlig; uns sp&auml;ter sprechen; f&uuml;r jetzt aber erlaube
+mir, an eurer Beratung teilzunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht; wir m&uuml;ssen uns beraten, denn wir
+haben nur noch f&uuml;nf Tage Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mir nicht gesagt, da&szlig; es eines Tages bed&uuml;rfe,
+um die Krieger der Haddedihn um dich zu versammeln?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So w&uuml;rde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum noch heute?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu
+haben. Sie m&uuml;ssen auf diesen Kampf einge&uuml;bt werden.&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte stolz.</p>
+
+<p>&raquo;Die S&ouml;hne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren
+bereits den Kampf gew&ouml;hnt. Wir werden unsere
+Feinde &uuml;berwinden. Wie viel streitbare M&auml;nner hat der
+Stamm der Abu Mohammed?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neunhundert.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_398" id="Page_398">[398]</a></span>&raquo;Und die Alabe&iuml;de?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Achthundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So z&auml;hlen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu
+kommt die &Uuml;berraschung, da uns der Feind nicht erwartet;
+wir m&uuml;ssen siegen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder wir werden besiegt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, du t&ouml;test den L&ouml;wen und f&uuml;rchtest den
+Araber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der
+Mut z&auml;hlt doppelt, wenn er vorsichtig ist. H&auml;ltst du es
+nicht f&uuml;r m&ouml;glich, da&szlig; die Alabe&iuml;de und Abu Mohammed
+zu sp&auml;t eintreffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend
+Mann. Der Feind wird erst uns und dann unsere Freunde
+vernichten. Wie leicht kann er erfahren, da&szlig; wir ihm
+entgegen ziehen wollen! Dann f&auml;llt auch die &Uuml;berraschung
+weg. Und was n&uuml;tzt es dir, wenn du k&auml;mpfest
+und den Feind nur zur&uuml;ckschl&auml;gst? W&auml;re ich der Scheik
+der Haddedihn, ich schl&uuml;ge ihn so darnieder, da&szlig; er auf
+lange Zeit sich nicht wieder erheben k&ouml;nnte und mir j&auml;hrlich
+einen Tribut bezahlen m&uuml;&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie wolltest du dies beginnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde nicht wie die Araber, sondern wie die
+Franken k&auml;mpfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&auml;mpfen diese?&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine
+Rede &uuml;ber europ&auml;ische Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen.
+Aber ich mu&szlig;te mich ja f&uuml;r diesen braven Stamm
+der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs f&uuml;r
+eine Vers&uuml;ndigung an dem Leben meiner Mitmenschen,
+wenn ich mich hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in
+meiner Hand, die Grausamkeiten zu mildern, welche bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_399" id="Page_399">[399]</a></span>diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich bringt.
+Ich beschrieb also zun&auml;chst ihre eigene Fechtart und
+schilderte die Nachteile derselben; dann begann ich die
+eigentliche Auseinandersetzung. Sie h&ouml;rten mir aufmerksam
+zu, und als ich geendet hatte, bemerkte ich den Eindruck
+meiner Worte an dem langen Schweigen, welches
+nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:</p>
+
+<p>&raquo;Deine Rede ist gut und wahr; sie k&ouml;nnte uns den
+Sieg bringen und vielen der Unserigen das Leben erhalten,
+wenn wir Zeit h&auml;tten, uns einzu&uuml;ben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagtest du nicht, da&szlig; es lange Jahre erfordere,
+ein solches Heer fertig zu machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer
+bilden, sondern wir wollen blo&szlig; die Obe&iuml;de in die Flucht
+schlagen, und dazu bed&uuml;rfte es einer Vorbereitung von
+nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten aussendest,
+so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre
+sie den geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde
+&uuml;ber den Haufen werfen wird, und den Kampf zu Fu&szlig;e
+mit dem Feuergewehr.&laquo;</p>
+
+<p>Ich nahm ein Kamelst&ouml;ckchen von der Wand und
+zeichnete auf den Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Schau hierher! Hier flie&szlig;t der Tigris; hier ist
+der Wirbel; hier liegen die Hamrin- und hier die Kanuzaberge.
+Der Feind trifft hier zusammen. Die beiden ersten
+St&auml;mme kommen am rechten Ufer des Flusses heraufgezogen,
+hinter ihnen im stillen unsere Verb&uuml;ndeten,
+und die Obe&iuml;de setzen von dem linken Ufer her&uuml;ber. Um
+zu uns zu gelangen, m&uuml;ssen sie zwischen diesen einzelnen
+Bergen hindurch; diese Wege alle aber f&uuml;hren in das
+gro&szlig;e Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen hei&szlig;t,
+weil seine steilen W&auml;nde wie Stufen emporsteigen. Es
+<span class="pagenum"><a name="Page_400" id="Page_400">[400]</a></span>hat nur einen Eingang und einen Ausgang. Hier m&uuml;ssen
+wir sie erwarten. Wir besetzen die H&ouml;hen mit Sch&uuml;tzen,
+welche den Feind niederschie&szlig;en, ohne da&szlig; ihnen selbst
+ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschlie&szlig;en wir
+mit einer Brustwehr, welche auch von Sch&uuml;tzen verteidigt
+wird, und hier in diesen zwei Seitenschluchten h&uuml;ben und
+dr&uuml;ben verbergen sich die Reiter, welche in demselben
+Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollst&auml;ndig
+im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von
+unseren Verb&uuml;ndeten im R&uuml;cken angegriffen, und sollten
+diese ja nicht zur rechten Zeit eintreffen, so wird er ihnen
+auf der Flucht entgegen getrieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten,
+der die Welt erobert hat. Ich werde deinen Rat
+befolgen, wenn die anderen hier damit einverstanden sind.
+Wer dagegen ist, der mag sprechen!&laquo;</p>
+
+<p>Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sei vorsichtig, o Scheik, und la&szlig; deinen Kriegern
+nicht sagen, um was es sich handelt; es w&auml;re sonst sehr
+leicht m&ouml;glich, da&szlig; der Feind von unserem Vorhaben
+Nachricht erh&auml;lt.&laquo;</p>
+
+<p>Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay
+hatte dieser langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld
+zugeh&ouml;rt; jetzt ergriff er die Gelegenheit zum Sprechen:</p>
+
+<p>&raquo;Sir, ich bin auch hier!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe Euch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollte auch &#8217;was h&ouml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Erlebnisse?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Konntet denken, da&szlig; ich meinen Vortrag nicht in
+englischer Sprache halten w&uuml;rde. Sollt aber jetzt das
+N&ouml;tige erfahren.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_401" id="Page_401">[401]</a></span>Ich teilte ihm in aller K&uuml;rze meine Erz&auml;hlung und
+dann den Inhalt der darauf folgenden Besprechung mit.
+Er war wie elektrisiert.</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Kein wilder Angriff, sondern milit&auml;rische
+K&ouml;rper! Evolution! Choc! Taktik! Strategie! Feind umzingeln!
+Barrikade! Pr&auml;chtig! Herrlich! Ich auch mit!
+Ihr seid General, ich bin Adjutant!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen
+Stellungen! Ein General, der von der Kriegf&uuml;hrung so
+viel versteht, wie das Flu&szlig;pferd vom Filetstricken, und
+ein Adjutant, der nicht reden kann! &Uuml;brigens wird es
+f&uuml;r Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache
+fern haltet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wegen des Vicekonsuls in Mossul.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man vermutet, da&szlig; er hierbei seine Hand im Spiele
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul
+an? Pah!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten
+ausgesandt und brachte allerlei neue Gedanken mit:</p>
+
+<p>&raquo;Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen
+Teil der Beute er erwartet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was fordern die Alabe&iuml;den?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du h&auml;ttest fragen sollen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der
+Haddedihn nicht nach Beute fragen w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen
+Schaden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der besiegte Feind.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_402" id="Page_402">[402]</a></span>&raquo;Also mu&szlig; ich doch in seine Weidepl&auml;tze einbrechen und
+seine Weiber und Kinder nebst seinem Vieh fortf&uuml;hren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen
+Krieg f&uuml;hren? Du giebst die Gefangenen, welche wir
+machen werden, wenn wir gl&uuml;cklich sind, nicht eher frei,
+als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser
+Sieg vollst&auml;ndig, so verlangst du einen j&auml;hrlichen Tribut
+und beh&auml;ltst den Scheik oder einige Anverwandte von
+ihm als Geiseln zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>Es wurde nun &uuml;ber diesen Punkt beraten. Man
+nahm ihn an.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun noch das Letzte,&laquo; bemerkte ich dann. &raquo;Es
+ist notwendig, da&szlig; wir von allen Bewegungen unserer
+Feinde und unserer Verb&uuml;ndeten Kenntnis erhalten. Wir
+m&uuml;ssen daher von hier bis nach El Deradsch eine Postenlinie
+ziehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie meinst du das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger,
+von denen du &uuml;berzeugt bist, da&szlig; sie treu sind. Sie lassen
+sich nicht sehen und beobachten alles. Von El Deradsch
+bis hierher stellst du in gewissen Entfernungen andere
+auf; es gen&uuml;gen vier Mann, welche darauf zu achten
+haben, da&szlig; sie mit keinem Fremden zusammenkommen,
+und uns alles berichten, was die ersten zwei erkunden.
+Einer tr&auml;gt die Kunde zum andern und kehrt dann auf
+seinen Posten zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine eben solche Linie, nur etwas weitl&auml;ufiger, stellst
+du auf zwischen hier und den Weidepl&auml;tzen der Abu Mohammed.
+Ich habe das mit ihrem Scheik bereits besprochen.
+Er wird die H&auml;lfte dieser Linie mit seinen
+Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_403" id="Page_403">[403]</a></span>&raquo;Dort wird sein &auml;u&szlig;erster Posten zu treffen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele M&auml;nner werde ich dazu brauchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele.
+Wie viele Krieger hast du hier im Lager?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es k&ouml;nnen vierhundert sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du mu&szlig;t noch
+heute Musterung &uuml;ber sie halten, und wir k&ouml;nnen unsere
+&Uuml;bungen heute noch beginnen.&laquo;</p>
+
+<p>Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen
+einer halben Stunde waren die vierhundert Mann beisammen.
+Der Scheik hielt ihnen eine lange, bl&uuml;hende
+Rede und lie&szlig; sie am Ende derselben auf den Bart des
+Propheten schw&ouml;ren, die R&uuml;stung gegen keinen Unberufenen
+zu erw&auml;hnen; dann befahl er ihnen, sich in Reihe und
+Glied aufzustellen.</p>
+
+<p>Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu
+Pferde; ein jeder hatte Messer, S&auml;bel und die lange, befiederte
+Lanze, welche bei besserer Schulung eine f&uuml;rchterliche
+Waffe sein k&ouml;nnte. Viele trugen auch den gef&auml;hrlichen
+Nibat<a name="FNanchor_151_151" id="FNanchor_151_151"></a><a href="#Footnote_151_151" class="fnanchor">[151]</a> oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die
+Schie&szlig;waffen lie&szlig;en vieles zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Einige
+Krieger hatten noch den alten Lederschild nebst K&ouml;cher,
+Pfeil und Bogen. Andere besa&szlig;en Luntenflinten, die
+ihren Eigent&uuml;mern gef&auml;hrlicher waren, als dem Feinde,
+und die &uuml;brigen hatten Perkussionsgewehre mit &uuml;berlangen
+L&auml;ufen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_151_151" id="Footnote_151_151"></a><a href="#FNanchor_151_151"><span class="label">[151]</span></a> Keule.</p></div>
+
+<p>Letztere lie&szlig; ich vortreten, die andern aber schickte
+ich fort, mit der Bemerkung, morgen in aller Fr&uuml;he wieder
+zu kommen. Die Zur&uuml;ckgebliebenen hie&szlig; ich absitzen und
+Proben ihrer Fertigkeit im Schie&szlig;en ablegen. Im allgemeinen
+konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren
+gegen zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien
+<span class="pagenum"><a name="Page_404" id="Page_404">[404]</a></span>aus ihnen und begann meinen Instruktionsunterricht.
+Dieser war allerdings nicht weit her. Die Leute sollten
+im Takte marschieren und laufen k&ouml;nnen und ein Schnellfeuer
+unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu
+Pferde anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm
+ernstlich stand zu halten; jetzt kam alles darauf an, sie
+soweit zu bringen, da&szlig; sie zu Fu&szlig;e einen Angriff aushalten
+lernten, ohne die Fassung zu verlieren.</p>
+
+<p>Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei
+ihnen galt es, sie zu einem geschlossenen Angriff mit der
+Lanze zu bef&auml;higen, nachdem sie ihre Gewehre abgeschossen
+hatten. Ich kann sagen, da&szlig; die Leute sehr schnell begriffen
+und &uuml;beraus begeistert waren.</p>
+
+<p>Gegen Abend h&ouml;rten wir, da&szlig; die Verbindung mit
+den Abu Mohammed hergestellt sei, und bekamen zu gleicher
+Zeit die Nachricht, da&szlig; ihr Scheik von meinem Abenteuer
+bei den Abu Hammed bereits geh&ouml;rt habe. Es ging
+Antwort zur&uuml;ck, und von diesem Augenblick an wurde
+ein durch die Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr
+unterhalten.</p>
+
+<p>Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den
+Rapphengst bestieg, um einen Schnellritt hinein in die
+Savanne zu machen. Ich war noch gar nicht weit gelangt,
+so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte
+eine gew&ouml;hnliche, mittelm&auml;&szlig;ige Gestalt, der andere aber
+war sehr klein von Statur und schien von der Unterhaltung
+mit seinem Begleiter ganz au&szlig;erordentlich in Anspruch
+genommen zu sein, denn er focht mit Arm und
+Beinen in der Luft, als wolle er M&uuml;cken morden.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te unwillk&uuml;rlich an meinen kleinen Halef
+denken.</p>
+
+<p>Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen
+mein Pferd.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_405" id="Page_405">[405]</a></span>&raquo;Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?&laquo;</p>
+
+<p>Er war es wirklich, der kleine Hadschi Halef Omar!</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.&laquo;</p>
+
+<p>Er sprang vom Pferde herab und fa&szlig;te mein Gewand,
+um es vor Freude zu k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah, Preis sei Gott, da&szlig; ich dich wiedersehe,
+Sihdi! Ich habe mich nach dir gesehnt, wie der Tag
+nach der Sonne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht es dem w&uuml;rdigen Scheik Malek?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist wohlauf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Amscha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ebenso.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hanneh, deine Freundin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die andern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sagten mir, da&szlig; ich dich gr&uuml;&szlig;en solle, wenn ich
+dich f&auml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind am Abhange des Schammargebirges zur&uuml;ckgeblieben
+und haben mich an den Scheik der Schammar
+vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme bitten
+solle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei welchem Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst
+treffe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe bereits f&uuml;r euch gesorgt. Da dr&uuml;ben ist
+das Lager der Haddedihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sind Schammar. Wie hei&szlig;t ihr Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mohammed Emin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch
+gesprochen. Sieh diesen Hengst! Wie gef&auml;llt er dir?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_406" id="Page_406">[406]</a></span>&raquo;Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher
+der Abk&ouml;mmling einer Stute von Koheli.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er geh&ouml;rt mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun
+kannst du sehen, da&szlig; er mein Freund ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah gebe ihm daf&uuml;r ein langes Leben! Wird er
+auch uns aufnehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt und folgt
+mir jetzt.&laquo;</p>
+
+<p>Wir setzten uns in Marsch.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi,&laquo; meinte Halef, &raquo;die Wege Allahs sind unerforschlich.
+Ich glaubte, lange nach dir fragen zu m&uuml;ssen,
+ehe ich eine Kunde bek&auml;me, und nun bist du der erste,
+dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich erz&auml;hlte ihm das N&ouml;tige in K&uuml;rze und fuhr
+dann fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, was ich jetzt bei ihm bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;General.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;General?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er Truppen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Er hat aber Krieg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen die Obe&iuml;de, Abu Hammed und Dschowari.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sind R&auml;uber, die am Zab und Tigris wohnen;
+ich habe sehr vieles von ihnen geh&ouml;rt, was nicht gut ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie r&uuml;sten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens
+&uuml;berfallen; wir aber haben davon geh&ouml;rt, und nun bin
+ich sein General, der seine Krieger unterrichtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Sihdi, ich wei&szlig;, da&szlig; du alles verstehst und
+alles kannst, und es ist ein wahres Gl&uuml;ck, da&szlig; du kein
+Giaur mehr bist!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_407" id="Page_407">[407]</a></span>&raquo;Nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sagt dir das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen
+Zem-Zem bei dir; folglich bist du ein guter Moslem geworden.
+Habe ich dir nicht stets gesagt, da&szlig; ich dich bekehren
+w&uuml;rde, du magst wollen oder nicht?&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte
+des Scheik ab. Als wir eintraten, hatte er seine R&auml;te
+bei sich.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te Halef.</p>
+
+<p>Sein Begleiter that dasselbe. Ich &uuml;bernahm es, sie
+vorzustellen.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden M&auml;nner
+zu bringen, welche mit dir sprechen wollen. Dieser hier
+hei&szlig;t Nasar Ibn Mothalleh, und dieser ist Hadschi Halef
+Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
+al Gossarah, von dem ich dir bereits erz&auml;hlt habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen,
+sondern kurz nur Hadschi Halef Omar genannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Diener und Begleiter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Abu-Se&iuml;f, den Vater des S&auml;bels, erschlagen
+hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Er geh&ouml;rt jetzt zu dem Stamme der Ate&iuml;beh,
+dessen Scheik dein Freund Malek ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid mir willkommen, ihr M&auml;nner von Ate&iuml;beh!
+Sei mir willkommen, Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt
+ist klein, aber dein Mut ist gro&szlig;, und deine Tapferkeit
+ist erhaben. M&ouml;chten alle M&auml;nner so sein, wie du!
+Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_408" id="Page_408">[408]</a></span>&raquo;Ich bringe sie. Er l&auml;&szlig;t dich gr&uuml;&szlig;en und fragen,
+ob du ihn und die Seinigen in den Stamm der Haddedihn
+aufnehmen magst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen
+sein. Wo befindet er sich jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine
+halbe Tagreise von hier. Ich h&ouml;re, da&szlig; du Krieger
+brauchst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen
+mir und denen, die neben uns wohnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben
+Nemsi hat mir doch gesagt, da&szlig; ihr weniger seid!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes
+Al Hariel bei uns aufgenommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was tragt ihr f&uuml;r Waffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;S&auml;bel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten.
+Mehrere haben sogar auch Pistolen. Wie ich mit den
+Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es bereits. Aber dieser Mann ist kein
+Sihdi, sondern ein Emir; merke es dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi
+zu nennen. Soll einer von uns sofort aufbrechen und Scheik
+Malek mit den Seinen herholen, da ihr Krieger braucht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid m&uuml;de.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind nicht erm&uuml;det. Ich reite sofort zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Begleiter fiel ihm in die Rede:</p>
+
+<p>&raquo;Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mu&szlig;t
+bleiben; ich werde zur&uuml;ckkehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,&laquo; meinte
+der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln
+auf meinem Pferde.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_409" id="Page_409">[409]</a></span>Der Scheik wandte sich ihm zu:</p>
+
+<p>&raquo;Aber dein Pferd wird m&uuml;de sein. Nimm das meinige;
+es hat mehrere Tage ausgeruht und wird dich schnell
+zu Malek bringen, den du von mir gr&uuml;&szlig;en m&ouml;gest!&laquo;</p>
+
+<p>Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten
+befand er sich auf dem R&uuml;ckwege nach den Bergen von
+Schammar.</p>
+
+<p>&raquo;Emir,&laquo; sagte der Scheik zu mir, &raquo;wei&szlig;t du, was
+meine Krieger von dir sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; sie dich lieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da&szlig; sie den Sieg gewinnen m&uuml;ssen, wenn du
+bei ihnen bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden
+morgen ein Man&ouml;ver veranstalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie? Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen.
+Die letzten werden morgen fr&uuml;h nachkommen. Sie sind
+schnell einge&uuml;bt, und dann stellen wir den Kampf vor,
+den wir mit den drei St&auml;mmen haben werden. Die H&auml;lfte
+sind die Haddedihn, die andere H&auml;lfte sind die Feinde.
+Dr&uuml;ben die alten Ruinen gelten als die Berge von Hamrin
+und Kanuza, und so werde ich es deinen Kriegern zeigen,
+wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu k&auml;mpfen
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Ank&uuml;ndigung steigerte die bereits vorhandene
+Begeisterung um das Doppelte, und als sich die Kunde
+davon hinaus vor das Zelt verbreitete, erhob sich ein
+lauter Jubel &uuml;ber das ganze Lager, welches sich w&auml;hrend
+des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuz&uuml;ge bedeutend
+vergr&ouml;&szlig;ert hatte.</p>
+
+<p>Was ich voraus gesagt hatte, das geschah:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_410" id="Page_410">[410]</a></span>Am andern Mittag waren wir vollz&auml;hlig. Ich hatte
+Offiziere und Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen,
+nachdem ich ihm seinen Platz angewiesen
+hatte, sofort ein&uuml;bten. Am Sp&auml;tnachmittag begann das
+Man&ouml;ver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus.
+Das Fu&szlig;volk scho&szlig; ganz exakt, und die Chocs der einzelnen
+berittenen K&ouml;rper wurden mit eleganter Sicherheit ausgef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Noch w&auml;hrend des Man&ouml;vers kam das letzte Glied
+unserer Postenkette herbeigeritten.</p>
+
+<p>&raquo;Was bringst du?&laquo; fragte der Scheik, dessen Antlitz
+vor Zufriedenheit gl&auml;nzte.</p>
+
+<p>&raquo;Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu
+Hammed vereinigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen Abend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Abu Mohammed?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind bereits hinter ihnen her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit
+ihr Marsch nicht verraten wird, wie ich es angeraten
+habe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten
+kam. Es war das diesseitige Glied der Kette
+nach dem Thale von Deradsch hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Obe&iuml;de haben Leute vom Zab her&uuml;bergesandt,
+um die Gegend zu untersuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel M&auml;nner sind es gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Acht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit sind sie gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis durch El Deradsch hindurch.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_411" id="Page_411">[411]</a></span>&raquo;Haben sie unsere Leute gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann
+haben sie im Thale gelagert und vieles miteinander gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Hier h&auml;tte es m&ouml;glich sein sollen, sie zu belauschen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es war m&ouml;glich, und Ibn Nazar hat es gethan.&laquo;</p>
+
+<p>Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche
+das Thal Deradsch bewachen sollten.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat er geh&ouml;rt? Wenn es wichtig ist, soll er
+eine Belohnung erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben gesagt, da&szlig; morgen genau zur Mittagszeit
+die Obe&iuml;de &uuml;bersetzen wollen, um die Abu Hammed
+und Dschowari zu treffen, die dann ihrer bereits warten
+werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch vordringen
+und dort w&auml;hrend der Nacht lagern, weil sie
+glauben, dort nicht gesehen zu werden. Am n&auml;chsten
+Morgen nachher wollen sie &uuml;ber uns herfallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind diese acht M&auml;nner wieder fortgeritten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur sechs von ihnen. Zwei mu&szlig;ten zur&uuml;ckbleiben,
+um das Thal zu bewachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Reite zur&uuml;ck und sage Ibn Nazar und seinem Gef&auml;hrten,
+da&szlig; ich heute noch selbst zu ihnen kommen werde.
+Einer soll zur&uuml;ckbleiben, um die beiden zu bewachen, und
+der andere mag mich beim letzten Posten erwarten, um
+mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf
+Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast geh&ouml;rt, was jener meldete?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Emir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der
+Abu Mohammed. Er soll sich hart hinter dem Feinde
+halten und sich nicht sehen lassen. Ist derselbe in das
+<span class="pagenum"><a name="Page_412" id="Page_412">[412]</a></span>Thal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im
+R&uuml;cken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen.
+Alle Th&auml;ler zwischen El Hamrin und el Kanuza sind zu
+besetzen. Das &uuml;brige wird unsere Sorge sein.&laquo;</p>
+
+<p>Er jagte davon. Wir aber brachen unsere &Uuml;bung
+ab, um den Leuten Ruhe zu g&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst nach Deradsch?&laquo; fragte der Scheik auf
+dem R&uuml;ckwege.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann dies kein anderer verrichten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Die Sache ist so wichtig, da&szlig; ich sie selbst
+&uuml;bernehme. Wenn diese zwei nicht ganz ruhig und sicher
+aufgehoben werden, so ist unser sch&ouml;ner Plan vollst&auml;ndig
+verdorben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nimm dir einige M&auml;nner mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht n&ouml;tig. Ich und unsere beiden Posten,
+das ist genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, ich gehe mit!&laquo; meinte Halef, welcher nicht
+von meiner Seite gewichen war.</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te, da&szlig; er auf der Erf&uuml;llung dieses Wunsches
+bestehen werde, und nickte ihm also Gew&auml;hrung.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen
+Ritt aushalten wird. Ich mu&szlig; w&auml;hrend der Nacht hin
+und zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,&laquo;
+meinte der Scheik.</p>
+
+<p>Eine Stunde sp&auml;ter waren wir unterwegs: ich auf
+dem Rappen, und Halef auf einem Goldbraunen, der
+seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die Strecke
+bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zur&uuml;ck. Dort
+erwartete uns Ibn Nazar.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_413" id="Page_413">[413]</a></span>&raquo;Du hast die beiden M&auml;nner belauscht?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten.
+Wo ist dein Gef&auml;hrte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz in der N&auml;he der beiden Kundschafter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hre uns!&laquo;</p>
+
+<p>Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel,
+und bald erblickten wir den H&ouml;henzug, hinter welchem
+El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitw&auml;rts ein. Wir
+mu&szlig;ten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an
+den Eingang einer dunklen Vertiefung.</p>
+
+<p>&raquo;Hier sind unsere Pferde, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde
+hinein. Sie standen so sicher, da&szlig; wir sie gar nicht zu
+bewachen brauchten. Dann schritten wir auf dem Kamme
+des H&ouml;henzugs weiter, bis sich das Thal zu unseren F&uuml;&szlig;en
+&ouml;ffnete.</p>
+
+<p>&raquo;Nimm dich in acht, Herr, da&szlig; kein Stein hinabf&auml;llt,
+der uns verraten k&ouml;nnte!&laquo;</p>
+
+<p>Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem F&uuml;hrer,
+und Halef hinter mir, immer einer in den Fu&szlig;stapfen
+des andern. Endlich langten wir unten an. Eine Gestalt
+kam uns entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Nazar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es. Wo sind sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch dort.&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie liegen dahinter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ihre Pferde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben sie etwas weiter vorw&auml;rts angebunden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_414" id="Page_414">[414]</a></span>&raquo;Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm,
+Halef!&laquo;</p>
+
+<p>Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorw&auml;rts.
+Er folgte mir. Wir gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich
+sp&uuml;rte Tabaksgeruch und h&ouml;rte zwei halblaute Stimmen
+miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante
+vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen:</p>
+
+<p>&raquo;Zwei gegen sechs!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen,
+ist lang und d&uuml;nn gewesen, wie eine Lanze, und hat ein
+graues Kanonenrohr auf dem Kopfe gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Sche&iuml;tan!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sondern nur ein b&ouml;ser Geist, ein Dschin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der andere aber ist der Teufel gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ein Mensch, aber f&uuml;rchterlich! Sein Mund
+hat geraucht, und seine Augen haben Flammen gesprudelt.
+Er hat nur die Hand erhoben, und da sind alle sechs
+Pferde tot zusammengest&uuml;rzt, mit den andern vier aber
+sind die zwei Teufel &ndash; Allah m&ouml;ge sie verfluchen &ndash;
+durch die Luft davongeritten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am hellen Tage?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am hellen Tage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gr&auml;&szlig;lich! Allah beh&uuml;te uns vor dem dreimal gesteinigten
+Teufel! Und dann ist er gar in das Lager
+der Abu Hammed gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben ihn f&uuml;r einen Mann gehalten und sein
+Pferd f&uuml;r den ber&uuml;hmten Rappen des Scheik Mohammed
+Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd haben und
+nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager
+brachten, erkannte ihn der Sohn des Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er h&auml;tte ihm die Freiheit geben sollen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_415" id="Page_415">[415]</a></span>&raquo;Er glaubte immer noch, da&szlig; er vielleicht doch ein
+Mensch w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hatten sie ihn gefesselt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Aber da kam ein L&ouml;we in das Lager, und
+der Fremde sagte, er wolle ihn ganz allein erlegen, wenn
+man ihm seine B&uuml;chse gebe. Man gab sie ihm, und er ging
+in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen Blitze
+vom Himmel, und es krachten zwei Sch&uuml;sse. Nach einigen
+Minuten kam er. Er hatte das Fell des L&ouml;wen umgeworfen,
+stieg auf sein Pferd und ritt durch die Luft davon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat ihn keiner halten wollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch; aber die M&auml;nner griffen in die Luft. Und
+als man ihm nachjagte, fielen drei Kugeln vom Himmel
+welche die drei besten Pferde t&ouml;teten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Bote erz&auml;hlte es, welchen Zedar Ben Huli an
+unseren Scheik sandte. Glaubst du nun, da&szlig; es der
+Sche&iuml;tan war?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er war es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was w&uuml;rdest du thun, wenn er dir erschiene?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde auf ihn schie&szlig;en und dazu die heilige
+Fatcha beten.&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen.</p>
+
+<p>&raquo;So bete sie!&laquo; gebot ich ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!&laquo;</p>
+
+<p>Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der, von dem du erz&auml;hlt hast. Du nennst
+mich den Sche&iuml;tan; wehe dir, wenn du ein Glied regst,
+um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen die Waffen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie lie&szlig;en dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre
+Z&auml;hne klappern zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_416" id="Page_416">[416]</a></span>&raquo;Binde ihnen die H&auml;nde mit ihren eigenen G&uuml;rteln!&laquo;</p>
+
+<p>Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest
+&uuml;berzeugt sein, da&szlig; die Knoten nicht aufgehen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch
+euer Leben lieb ist! Von welchem Stamme seid ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind Obe&iuml;de.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Euer Stamm geht morgen &uuml;ber den Tigris?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele Krieger habt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zw&ouml;lfhundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Womit sind sie bewaffnet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht viele.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie setzt ihr &uuml;ber &ndash; auf K&auml;hnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf Fl&ouml;&szlig;en; wir haben keine K&auml;hne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So viel wie wir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sind diese bewaffnet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mehr Pfeile als Flinten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie viele M&auml;nner bringen euch die Dschowari?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tausend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben diese Pfeile oder Flinten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben beides.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen blo&szlig; eure Krieger her&uuml;ber, oder werdet
+ihr diese Gegend auch mit euren Herden &uuml;berziehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur die Krieger kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Gouverneur hat es uns befohlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat euch nichts zu befehlen, ihr geh&ouml;rt unter
+den Statthalter von Bagdad. Wo sind eure Pferde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_417" id="Page_417">[417]</a></span>entkommen, werde ich euch niederschie&szlig;en. Nazar, kommt!&laquo;
+&ndash; Die beiden anderen kamen herbei.</p>
+
+<p>&raquo;Bindet diese beiden M&auml;nner hier fest auf ihre Pferde!&laquo;</p>
+
+<p>Die Obe&iuml;de ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen
+ohne Weigerung auf und wurden auf ihren Tieren so
+befestigt, da&szlig; an eine Flucht gar nicht zu denken war.</p>
+
+<p>Hierauf gab ich den Befehl:</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt holt unsere Pferde dr&uuml;ben herab und bringt
+sie an den Eingang zum Thale. Ibn Nazar, du bleibst
+hier in El Deradsch zur&uuml;ck, der andere aber mag Halef
+die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde
+am &auml;u&szlig;ersten Abhange des Thales hinabzuleiten. Dann
+stiegen wir auf und kehrten zur&uuml;ck, w&auml;hrend Ibn Nazar
+auf seinem Posten verblieb.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie
+m&ouml;glich nach.&laquo;</p>
+
+<p>Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die
+Schenkel. Ich that dies aus zwei Gr&uuml;nden: erstens war
+meine Gegenwart im Lager n&ouml;tig, und zweitens hatte
+ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den
+h&ouml;chsten Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er
+flog leicht, wie ein Vogel, &uuml;ber die Ebene dahin; der
+schnelle Lauf schien ihm sogar Vergn&uuml;gen zu machen,
+denn er wieherte einigemal freudig auf. Pl&ouml;tzlich legte
+ich ihm die Hand zwischen die Ohren&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Rih!&laquo;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Auf diesen Ruf legte er die Ohren zur&uuml;ck; er schien
+l&auml;nger und d&uuml;nner zu werden, schien zwischen den Luftteilchen
+hindurchschie&szlig;en zu wollen. Dem bisherigen
+Galopp h&auml;tten hundert andere auch gute Pferde nicht zu
+folgen vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war
+er wie die Windstille gegen eine rasende B&ouml;, wie der
+<span class="pagenum"><a name="Page_418" id="Page_418">[418]</a></span>Gang einer Ente gegen den Flug einer Schwalbe. Die
+Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles
+h&auml;tte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen,
+und dabei war der Lauf desselben &uuml;beraus glatt und
+gleichm&auml;&szlig;ig. Es war wirklich nicht zu viel, was Mohammed
+Emin zu mir gesagt hatte: &raquo;Dieses Pferd wird
+dich durch tausend Reiter hindurchtragen, und ich f&uuml;hle
+mich unendlich stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten
+Renners zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>Doch ich mu&szlig;te daran denken, diese &auml;u&szlig;erste Anspannung
+aller Kr&auml;fte zu beenden; ich lie&szlig; den Rappen
+in Gang fallen und legte ihm liebkosend die Hand an
+den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem
+Beweis meiner Anerkennung und trug stolz den Hals.</p>
+
+<p>Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi
+Deradsch nur den vierten Teil der Zeit gebraucht, welche
+zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In der N&auml;he
+des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen
+und Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die
+ich wegen der Dunkelheit nicht genau zu erkennen vermochte,
+und im Zelte selbst wartete meiner eine sehr
+angenehme &Uuml;berraschung: &ndash; Malek stand vor dem Scheik,
+welcher soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten
+Begr&uuml;&szlig;ung auszusprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam!&laquo; begr&uuml;&szlig;te mich der Ate&iuml;beh, indem er mir
+beide H&auml;nde entgegenstreckte. &raquo;Meine Augen freuen sich,
+dich zu sehen, und mein Ohr ist entz&uuml;ckt, die Schritte
+deines Fu&szlig;es zu vernehmen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele!
+Er hat ein Wunder gethan, um dich heute schon zu uns
+zu bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches Wunder meint deine Zunge?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir konnten dich heute unm&ouml;glich erwarten. Es
+<span class="pagenum"><a name="Page_419" id="Page_419">[419]</a></span>sind ja drei Tagreisen von hier bis zum Dschebel Schammar
+und zur&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte
+nicht bis zum Berge der Schammar zu reiten. Nachdem
+er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich von einem
+verirrten Hirten, da&szlig; die Krieger der Haddedihn hier ihre
+Herden weiden. Ihr Scheik, der ber&uuml;hmte und tapfere
+Mohammed Emin, ist mein Freund; Hadschi Halef konnte
+nur auf ihn und keinen anderen getroffen sein, und so
+berieten wir uns, nicht auf seine R&uuml;ckkehr zu warten,
+sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Entschlu&szlig; war gut, denn ohne ihn h&auml;tten wir
+dich heute nicht begr&uuml;&szlig;en k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges,
+und mein Herz freute sich, als ich erfuhr, da&szlig; ich dich,
+o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den Kriegern der Haddedihn
+finden werde. Allah liebt dich und mich; er leitet
+unsere F&uuml;&szlig;e auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch
+sage, wo ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner
+Achtung und meiner Liebe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus
+und lie&szlig; ihn mit zwei Gefangenen zur&uuml;ck; in kurzer Zeit
+wirst du ihn sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist dir gelungen?&laquo; fragte mich Mohammed Emin.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie
+k&ouml;nnen uns nicht schaden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re,&laquo; meinte Malek, &raquo;da&szlig; Feindschaft ausgebrochen
+ist zwischen den Haddedihn und den R&auml;ubern
+am Tigris?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht geh&ouml;rt. Morgen, wenn die Sonne
+am h&ouml;chsten gestiegen ist, werden unsere Gewehre donnern
+und unsere S&auml;bel blitzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr werdet sie &uuml;berfallen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_420" id="Page_420">[420]</a></span>&raquo;Sie wollen uns &uuml;berfallen, wir aber werden sie
+empfangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;D&uuml;rfen euch die M&auml;nner der Ate&iuml;beh ihre S&auml;bel
+leihen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, da&szlig; dein S&auml;bel ist wie Dsu al Fekar<a name="FNanchor_152_152" id="FNanchor_152_152"></a><a href="#Footnote_152_152" class="fnanchor">[152]</a>,
+dem niemand widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen
+mit allen, welche bei dir sind. Wie viele M&auml;nner
+sind bei dir?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_152_152" id="Footnote_152_152"></a><a href="#FNanchor_152_152"><span class="label">[152]</span></a> &raquo;Der Blitzende&laquo;, Muhammeds Degen, der noch heute aufbewahrt wird.</p></div>
+
+<p>&raquo;Einige mehr als f&uuml;nfzig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind m&uuml;de?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist der Araber m&uuml;de, wenn er den Schall der
+Waffen h&ouml;rt und das Get&ouml;se des Kampfes vernimmt?
+Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch &uuml;berall
+folgen, wohin ihr uns f&uuml;hren m&ouml;gt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und
+die Spitzen eurer Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst
+mit deinen M&auml;nnern die Schanze verteidigen, welche den
+Ausgang des Schlachtfeldes verschlie&szlig;en soll.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser Unterredung sa&szlig;en seine Leute drau&szlig;en
+ab; ich h&ouml;rte, da&szlig; ihnen ein Mahl aufgetragen wurde,
+und auch das Zelt des Scheik wurde reichlich mit Speise
+versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht beendet,
+als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen
+meldete. Diese wurden dem Scheik vorgef&uuml;hrt.
+Er sah sie ver&auml;chtlich an und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid vom Stamme der Obe&iuml;de?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es, o Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Obe&iuml;de sind Feiglinge. Sie f&uuml;rchten sich, die
+tapferen Krieger der Haddedihn allein zu bek&auml;mpfen, und
+haben sich deshalb mit den Schakalen der Abu Hammed
+und der Dschowari verbunden. Ihre &Uuml;bermacht sollte
+uns erdr&uuml;cken; wir aber werden sie auffressen und verzehren.
+<span class="pagenum"><a name="Page_421" id="Page_421">[421]</a></span>Wi&szlig;t ihr, was die Pflicht eines tapferen Kriegers
+ist, wenn er einen Feind bek&auml;mpfen will?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelm&ouml;rder;
+er sendet einen Boten, um den Kampf zu verk&uuml;ndigen,
+damit der Streit ein ehrlicher sei. Haben eure
+Anf&uuml;hrer dies gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wissen es nicht, o Scheik!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr wi&szlig;t es nicht? Allah verk&uuml;rze eure Zungen!
+Euer Mund trieft von L&uuml;ge und Falschheit! Ihr wi&szlig;t
+es nicht und hattet doch den Auftrag, das Thal Deradsch
+zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle
+erhalten k&ouml;nne! Ich werde euch und die euren so behandeln,
+wie sie es verdienen. Man rufe Abu Mansur, den
+Besitzer des Messers!&laquo;</p>
+
+<p>Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf
+mit einem Mann zur&uuml;ck, der ein K&auml;stchen bei sich trug.</p>
+
+<p>&raquo;Man binde sie, da&szlig; sie sich nicht regen k&ouml;nnen, und
+nehme ihnen das Marameh<a name="FNanchor_153_153" id="FNanchor_153_153"></a><a href="#Footnote_153_153" class="fnanchor">[153]</a> ab!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_153_153" id="Footnote_153_153"></a><a href="#FNanchor_153_153"><span class="label">[153]</span></a> Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen wird.</p></div>
+
+<p>Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an
+den neu Angekommenen:</p>
+
+<p>&raquo;Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers,
+o Abu Mansur?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Haar, welches sein Angesicht versch&ouml;nt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was geh&ouml;rt einem Manne, der sich f&uuml;rchtet, wie
+ein Weib, und der die Unwahrheit sagt, wie die Tochter
+eines Weibes?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines
+Weibes behandelt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese beiden M&auml;nner tragen B&auml;rte, aber sie sind
+Weiber. Sorge daf&uuml;r, Abu Mansur, da&szlig; man sie als
+Weiber erkenne!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_422" id="Page_422">[422]</a></span>&raquo;Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebiete es dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter
+den Kindern der Haddedihn! Du bist freundlich und
+milde gegen die Deinen und gerecht gegen die Feinde deines
+Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam sein.&laquo;</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete sein K&auml;stchen, welches verschiedene Instrumente
+enthielt, und nahm einen Schambijeh<a name="FNanchor_154_154" id="FNanchor_154_154"></a><a href="#Footnote_154_154" class="fnanchor">[154]</a> hervor,
+dessen blanke Klinge im Scheine des Zeltfeuers funkelte.
+Er war der Barbier des Stammes.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_154_154" id="Footnote_154_154"></a><a href="#FNanchor_154_154"><span class="label">[154]</span></a> Krummer Dolch.</p></div>
+
+<p>&raquo;Warum nimmst du nicht das Bartmesser?&laquo; fragte
+ihn der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge
+wegnehmen und dann mit ihm den Scheitel und die
+Schuschah<a name="FNanchor_155_155" id="FNanchor_155_155"></a><a href="#Footnote_155_155" class="fnanchor">[155]</a> der tapferen Haddedihn ber&uuml;hren, o Scheik?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_155_155" id="Footnote_155_155"></a><a href="#FNanchor_155_155"><span class="label">[155]</span></a> Haarb&uuml;schel auf dem Scheitel.</p></div>
+
+<p>&raquo;Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen
+hast!&laquo;</p>
+
+<p>Die gebundenen Obe&iuml;de wehrten sich nach M&ouml;glichkeit
+gegen die Manipulation, mit welcher die allergr&ouml;&szlig;te
+Schande f&uuml;r sie verbunden war; ihr Str&auml;uben half ihnen
+nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch Abu
+Mansurs war so scharf, da&szlig; die Barthaare vor ihm wie
+vor der Schneide eines Rasiermessers wichen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun schafft sie hinaus,&laquo; gebot der Scheik. &raquo;Sie
+sind Weiber und sollen von den Weibern bewacht werden.
+Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser; versuchen
+sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!&laquo;</p>
+
+<p>Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe,
+sondern wohl auch ein gutes Mittel, die Gefangenen an
+einem Fluchtversuch zu hindern. Sie wagten es jedenfalls
+nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu lassen.
+Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah
+<span class="pagenum"><a name="Page_423" id="Page_423">[423]</a></span>es seiner feierlichen Miene an, da&szlig; nun etwas Ungew&ouml;hnliches
+erfolgen und da&szlig; er dabei vielleicht eine Rede
+halten werde.</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah,&laquo; begann er; &raquo;es giebt keinen Gott
+au&szlig;er Allah. Alles, was da lebt, hat er geschaffen, und
+wir sind seine Kinder. Warum sollen sich hassen, die sich
+lieben, und warum sollen sich entzweien, die einander angeh&ouml;ren?
+Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und
+auf der Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie
+sind einander gleich, darum kennen sie sich und trennen sich
+nicht. Sind wir einander nicht auch gleich? Scheik Malek,
+du bist ein gro&szlig;er Krieger, und ich habe zu dir gesagt:
+&#8250;Nanu malihin &ndash; wir haben Salz miteinander gegessen.&#8249;
+Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein gro&szlig;er
+Krieger, und ich habe zu dir gesagt: &#8250;Nanu malihin.&#8249;
+Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid meine Freunde und
+meine Gef&auml;hrten; ihr sterbet f&uuml;r mich, und ich sterbe f&uuml;r
+euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.</p>
+
+<p>&raquo;Aber das Salz l&ouml;st sich auf und vergeht,&laquo; fuhr er
+fort. &raquo;Das Salz ist das Zeichen der Freundschaft; wenn
+es sich aufgel&ouml;st hat und aus dem K&ouml;rper verschwunden
+ist, so ist die Freundschaft zu Ende und mu&szlig; wieder erneuert
+werden. Ist das gut, ist das gen&uuml;gend? Ich sage
+nein! Tapfere M&auml;nner schlie&szlig;en ihre Freundschaft nicht
+durch das Salz. Es giebt einen Stoff, der nie im K&ouml;rper
+vergeht. Wei&szlig;t du, Scheik Malek, was ich meine?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sage es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Blut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum
+Tode, und die Freundschaft, die durch das Blut geschlossen
+<span class="pagenum"><a name="Page_424" id="Page_424">[424]</a></span>wird, h&ouml;rt erst auf, wenn man stirbt. Scheik Malek, gieb
+mir deinen Arm!&laquo;</p>
+
+<p>Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich
+handelte. Er entbl&ouml;&szlig;te seinen Unterarm und hielt ihn
+Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn leicht mit der
+Spitze seines Messers und lie&szlig; die hervorquellenden
+Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gef&uuml;llten, h&ouml;lzernen
+Becher fallen, welchen er darunter hielt. Dann winkte
+er mich herbei.</p>
+
+<p>&raquo;Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein
+Freund sein und der Freund dieses Mannes, der sich
+Scheik Malek el Ate&iuml;beh nennt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du es sein bis zum Tode?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind deine Freunde und Feinde auch unsere
+Freunde und Feinde, und unsere Freunde und Feinde sind
+auch deine Freunde und Feinde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gieb mir deinen Arm!&laquo;</p>
+
+<p>Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und lie&szlig;
+die wenigen Blutstropfen, welche hervorquollen, in den
+Becher fallen. Dann that er dasselbe an seinem Arm und
+schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut mit dem
+Wasser zu vermischen.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile
+und genie&szlig;t ihn mit dem Gedanken an den Allwissenden,
+der unsere geheimsten Gedanken kennt. Wir haben sechs
+F&uuml;&szlig;e, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs Lippen,
+und dennoch sei es nur ein Fu&szlig;, ein Arm, ein Auge, ein
+Ohr und eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei
+K&ouml;pfe, aber dennoch sei es nur ein Herz und ein Kopf.
+Wo der eine ist, da wandeln die andern, und was der
+<span class="pagenum"><a name="Page_425" id="Page_425">[425]</a></span>eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gef&auml;hrten
+es th&auml;ten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!&laquo;</p>
+
+<p>Er reichte mir den Becher dar.</p>
+
+<p>&raquo;Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt
+am weitesten von hier; trink deinen Teil zuerst und reiche
+dann den Becher unserem Freunde.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck;
+Malek folgte mir, und Mohammed Emin trank den Rest
+aus. Dann umarmte und k&uuml;&szlig;te er uns, w&auml;hrend er jedem
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt bist du mein Rafik<a name="FNanchor_156_156" id="FNanchor_156_156"></a><a href="#Footnote_156_156" class="fnanchor">[156]</a>, und ich bin dein Rafik;
+unsere Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere
+Wege scheiden mag!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_156_156" id="Footnote_156_156"></a><a href="#FNanchor_156_156"><span class="label">[156]</span></a> Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle Aschab, das ist
+Gef&auml;hrten.</p></div>
+
+<p>Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell
+durch das ganze Lager, und wer auch nur das kleinste
+Vorrecht oder die geringste Verg&uuml;nstigung zu besitzen
+glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu begl&uuml;ckw&uuml;nschen.
+Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so da&szlig;
+wir erst sp&auml;t wieder nur zu dreien beieinander sa&szlig;en.</p>
+
+<p>Wir mu&szlig;ten Scheik Malek eine Beschreibung des
+Terrains liefern, auf welchem der Kampf voraussichtlich
+stattfinden werde, und ihn mit unserem Verteidigungsplane
+bekannt machen. Er billigte denselben vollst&auml;ndig und
+fragte zuletzt:</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnen die Feinde nicht nach Norden entweichen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel
+Kanuza, das ist also l&auml;ngs des Wadi Dschehennem, durchbrechen;
+aber wir werden ihnen auch diesen Weg verlegen.
+Scheik Mohammed, hast du angeordnet, da&szlig; Werkzeuge
+vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist geschehen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_426" id="Page_426">[426]</a></span>&raquo;Sind die Frauen ausgew&auml;hlt, welche uns begleiten
+sollen, um die Verwundeten zu verbinden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind bereit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; Pferde aussuchen f&uuml;r unsern Gef&auml;hrten und
+seine M&auml;nner. Wir m&uuml;ssen aufbrechen, denn der Tag
+wird bald erscheinen.&laquo;</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_427" id="Page_427">[427]</a></span>
+<a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Der Sieg.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>ine halbe Stunde sp&auml;ter setzten sich die Haddedihn
+in Bewegung, nicht etwa in einer ordnungslosen, aufgel&ouml;sten
+Wolke, wie es gew&ouml;hnlich bei den Arabern der Fall
+zu sein pflegt, sondern in festen, parallel miteinander
+reitenden K&ouml;rpern. Ein jeder wu&szlig;te, wohin er geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen
+und unter der Anf&uuml;hrung einiger noch ziemlich r&uuml;stiger
+Greise die Frauen, welche das Sanit&auml;tscorps zu bilden
+hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur Verbindung
+mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen
+dienen sollten.</p>
+
+<p>Als die Sonnenscheibe sich &uuml;ber dem Horizont zeigte,
+stiegen alle ab und warfen sich zur Erde, um das Morgengebet
+zu verrichten. Es war ein erhebender Anblick, diese
+Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu sehen,
+der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte.</p>
+
+<p>Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, da&szlig; nichts
+vorgefallen sei. Wir erreichten also ohne St&ouml;rung den
+langgezogenen Dschebel Deradsch, hinter welchem sich das
+fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost erstreckte.
+Diejenigen, welche als Sch&uuml;tzen ausersehen waren, stiegen
+ab; ihre Pferde wurden in geh&ouml;riger Ordnung in der
+Ebene angepflockt, damit im Falle eines R&uuml;ckzuges keine
+Verwirrung entstehen k&ouml;nne. Unweit davon wurden die
+<span class="pagenum"><a name="Page_428" id="Page_428">[428]</a></span>Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen hatten,
+aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erw&auml;hnt, f&uuml;r die Verwundeten
+bestimmt. Wasser war in Schl&auml;uchen genug,
+Verbandzeug aber nur sehr wenig vorhanden, ein &Uuml;belstand,
+welcher mich mit Bedauern erf&uuml;llte.</p>
+
+<p>Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern
+verband, hatten wir nat&uuml;rlich hinter uns hergezogen,
+so da&szlig; wir mit ihnen immer in Verbindung
+blieben. Es waren fast st&uuml;ndlich Meldungen von ihnen
+angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, da&szlig;
+die Feinde unseren Anmarsch noch nicht entdeckt h&auml;tten.</p>
+
+<p>Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch
+heute bis jetzt sehr einsilbig verhalten. Es war mir ja
+keine Zeit &uuml;brig geblieben, die ich ihm h&auml;tte widmen
+k&ouml;nnen. Jetzt hielt er an meiner Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Wo schlagen, Sir? Hier?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, hinter dieser H&ouml;he,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Bei Euch bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie Ihr wollt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso
+schie&szlig;en wie fechten, wenn es notwendig ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleibe bei Euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wartet hier. Meine Abteilung h&auml;lt hier, bis
+ich sie abhole.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht hinein in das Thal?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den
+Flu&szlig; ziehen, um den Feind zu verhindern, nach Norden
+zu entkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel Mann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well</em>! sehr gut, ausgezeichnet!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_429" id="Page_429">[429]</a></span>Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht
+&uuml;bernommen. Zwar war ich Freund und Gef&auml;hrte der
+Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch, Leute, wenn
+auch im offenen Kampfe, zu t&ouml;ten, die mir nichts gethan
+hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern
+ausgefochten werden sollte, ging mich pers&ouml;nlich gar nichts
+an, und da nicht zu erwarten stand, da&szlig; die Feinde sich
+nach Norden wenden w&uuml;rden, so hatte ich gebeten, mich
+der Abteilung anschlie&szlig;en zu d&uuml;rfen, welche den Feinden
+dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten w&auml;re
+ich am Verbandplatze zur&uuml;ckgeblieben; dies war aber eine
+Unm&ouml;glichkeit.</p>
+
+<p>Jetzt f&uuml;hrte der Scheik seine Reiterei in das Thal,
+und ich schlo&szlig; mich ihr an. Sie wurde in die beiden
+Seitenth&auml;ler rechts und links verteilt. Dann folgte die
+Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die H&ouml;he rechts,
+das andere Drittel die H&ouml;he links, um &ndash; hinter den zahlreichen
+Felsen versteckt &ndash; den Feind von oben herab fassen
+zu k&ouml;nnen; das letzte Drittel, welches zumeist aus Scheik
+Malek und seinen M&auml;nnern bestand, blieb am Eingange
+zur&uuml;ck, um denselben zu verbarrikadieren und hinter dieser
+Verschanzung hervor den Feind zu begr&uuml;&szlig;en. Jetzt kehrte
+ich zur&uuml;ck und ritt mit meinen hundert Mann davon.</p>
+
+<p>Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen
+Thalpa&szlig; fanden, welcher es uns erm&ouml;glichte, den Dschebel
+zu &uuml;bersteigen. Nach einer Stunde erblickten wir den
+Flu&szlig; vor uns. Weiter rechts, also nach S&uuml;den zu, gab
+es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an
+das Wasser trat, und also einen Halbkreis bildete, aus
+welchem heraus sehr schwer zu entkommen war, wenn man
+einmal das Ungl&uuml;ck gehabt hatte, hinein zu geraten. Hier
+postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine zehnfache
+&Uuml;bermacht ohne gro&szlig;e Anstrengung aufhalten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_430" id="Page_430">[430]</a></span>Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, sa&szlig;en wir
+ab und machten es uns bequem. Master Lindsay fragte
+mich:</p>
+
+<p>&raquo;Hier bekannt, Sir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ob vielleicht Ruinen hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einmal fragen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die
+Antwort &uuml;bersetzte:</p>
+
+<p>&raquo;Weiter oben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fowling-bulls dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Man m&uuml;&szlig;te erst sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis Mittag, auch wohl sp&auml;ter. Vielleicht giebt es
+f&uuml;r uns gar keinen Kampf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde unterdessen einmal ansehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner
+Museum schicken; ber&uuml;hmt werden; <em class="antiqua">well</em>!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird jetzt nicht gut m&ouml;glich sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil Ihr von hier bis dorthin gegen f&uuml;nfzehn englische
+Meilen zu reiten h&auml;ttet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!&laquo;</p>
+
+<p>Er legte sich hinter ein Euphorbiengeb&uuml;sch, ich aber
+beschlo&szlig;, zu rekognoscieren, gab den Leuten die n&ouml;tige
+Weisung und ritt s&uuml;dw&auml;rts dem Flusse entlang.</p>
+
+<p>Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter
+Kletterer; ich konnte es wagen, mit ihm den
+Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich denn, als sich mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_431" id="Page_431">[431]</a></span>ein g&uuml;nstiges Terrain bot, zur H&ouml;he empor, um eine &Uuml;bersicht
+zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr
+den &ouml;stlichen Horizont. Da sah ich, da&szlig; dr&uuml;ben,
+jenseits des Flusses, ein sehr reges Leben herrschte. Am
+s&uuml;dlichen, also am linken Ufer des Zab wimmelte die
+Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia
+hinab, und unterhalb des Chelab<a name="FNanchor_157_157" id="FNanchor_157_157"></a><a href="#Footnote_157_157" class="fnanchor">[157]</a> lagen mehrere gro&szlig;e
+Haufen von Ziegenschl&auml;uchen, aus denen man wohl soeben
+die Fl&ouml;&szlig;e machen wollte, welche zum &Uuml;bersetzen der Obe&iuml;de
+dienen sollten. Das diesseitige Ufer des Tigris konnte
+ich nicht sehen &ndash; wegen der H&ouml;he, hinter welchem das
+Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich
+mir vor, auch jene H&ouml;he zu ersteigen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_157_157" id="Footnote_157_157"></a><a href="#FNanchor_157_157"><span class="label">[157]</span></a> Stromschnelle.</p></div>
+
+<p>Ich hatte auf dem Kamme des H&ouml;henzuges einen sehr
+angestrengten Ritt, und es dauerte weit mehr als eine
+Stunde, bis ich den h&ouml;chsten Punkt erreichte. Mein Pferd
+war so frisch, als ob es sich eben erst vom Schlafe erh&ouml;be;
+ich band es an und kletterte &uuml;ber eine Art Felsenmauer
+hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich
+sah ganz im Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter
+welcher ihre Verteidiger ruhten, und bemerkte h&uuml;ben und
+dr&uuml;ben die hinter den Felsen verborgenen Sch&uuml;tzen und
+auch dort unten, mir gerade gegen&uuml;ber, den Kavallerie-Hinterhalt.</p>
+
+<p>Dann richtete ich das Rohr nach S&uuml;den.</p>
+
+<p>Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, da&szlig; man bereits
+im Begriffe stand, sie abzubrechen. Das waren die
+Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten wohl auch
+die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes
+kampiert. Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf
+den Knieen gelegen, als am 5. Mai im f&uuml;nften Jahre
+jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen Sonnenfinsternis
+<span class="pagenum"><a name="Page_432" id="Page_432">[432]</a></span>folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich
+machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den
+Fluten des Tigris getr&auml;nkt, als Nebukadnezar nach &Auml;gypten
+zog, um K&ouml;nigin Hophra abzusetzen, und das waren
+wohl dieselben Wasser, &uuml;ber welche der Todesgesang des
+Nerikolassar und des Nabonnad her&uuml;bergeklungen ist bis
+zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana.</p>
+
+<p>Ich sah, da&szlig; die Ziegenh&auml;ute aufgeblasen und verbunden
+wurden, sah die Reiter, welche, die Pferde an der
+Hand f&uuml;hrend, sich auf die Fl&ouml;&szlig;e begaben; ich sah die
+Fl&ouml;&szlig;e absto&szlig;en und am diesseitigen Ufer landen. Es war
+mir, als m&uuml;sse ich das Geschrei h&ouml;ren, mit welchem sie
+von ihren Verb&uuml;ndeten begr&uuml;&szlig;t wurden, die sich auf ihre
+Pferde warfen, um eine gl&auml;nzende Phantasia<a name="FNanchor_158_158" id="FNanchor_158_158"></a><a href="#Footnote_158_158" class="fnanchor">[158]</a> auszuf&uuml;hren.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_158_158" id="Footnote_158_158"></a><a href="#FNanchor_158_158"><span class="label">[158]</span></a> Scheingefecht.</p></div>
+
+<p>Das kam erw&uuml;nscht, da&szlig; sie ihre Pferde jetzt so anstrengten;
+die Tiere mu&szlig;ten dann, wenn es galt, wohl
+erm&uuml;det sein.</p>
+
+<p>So sa&szlig; ich wohl eine Stunde lang. Die Obe&iuml;de
+waren jetzt alle her&uuml;ber, und ich sah, da&szlig; sich der Zug
+nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt kletterte ich
+wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zur&uuml;ck. Die
+Stunde der Entscheidung war gekommen.</p>
+
+<p>Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt
+zu erreichen, von dem es mir m&ouml;glich war, von der H&ouml;he
+hinabzukommen. Schon wollte ich zu Thale lenken, als
+ich ganz dort oben am n&ouml;rdlichen Horizont etwas blitzen
+sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein
+Glasst&uuml;ckchen fiele. Wir konnten den Feind nur von
+S&uuml;den her erwarten, dennoch aber nahm ich mein Fernrohr
+zur Hand und suchte die Stelle auf, an welcher ich
+den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_433" id="Page_433">[433]</a></span>fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl
+dunkler Punkte, welche sich abw&auml;rts bewegten. Es mu&szlig;ten
+Reiter sein, und einer von ihnen war es, dessen K&ouml;rper
+das Licht der Sonne reflektierte.</p>
+
+<p>Waren es Feinde? Sie befanden sich n&ouml;rdlich grad
+so weit von dem Verstecke meiner Leute, wie ich s&uuml;dlich
+von demselben entfernt war. Hier galt kein Z&ouml;gern; ich
+mu&szlig;te ihnen zuvorkommen.</p>
+
+<p>Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abw&auml;rts stieg,
+dann aber, als er die Thalsohle unter den Hufen hatte,
+wie ein Vogel dahinflog. Ich war &uuml;berzeugt, da&szlig; ich zur
+rechten Zeit eintreffen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute
+zusammen und teilte ihnen mit, was ich beobachtet hatte.
+Wir schafften die Pferde aus dem Halbkessel heraus, den
+das Terrain bildete. Dann versteckte sich die H&auml;lfte der
+Haddedihn hinter dem s&uuml;dlichen Vorsprunge desselben,
+w&auml;hrend der andere Teil zur&uuml;ckblieb, um &ndash; hinter Euphorbien
+und Gummipflanzen verborgen, den Ankommenden
+den R&uuml;ckzug abzuschneiden.</p>
+
+<p>Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir
+Hufschlag vernahmen. Master Lindsay lag neben mir und
+lauschte, w&auml;hrend er die B&uuml;chse im Anschlage hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele?&laquo; fragte er kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Konnte sie nicht genau z&auml;hlen,&laquo; antwortete ich ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Ungef&auml;hr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwanzig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah! Warum denn so viele M&uuml;he geben?&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen
+Steinblock. Seine beiden Diener folgten ihm augenblicklich.</p>
+
+<p>Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher,
+kr&auml;ftiger Araber, welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer
+trug. Diesen hatte ich vorhin blitzen sehen. Es
+<span class="pagenum"><a name="Page_434" id="Page_434">[434]</a></span>war eine wirklich k&ouml;nigliche Gestalt. Der Mann hatte
+sich wohl nie in seinem Leben gef&uuml;rchtet, war noch niemals
+erschrocken, denn selbst jetzt, als er so pl&ouml;tzlich und
+unerwartet die hier so ungew&ouml;hnliche Gestalt des Englishman
+erblickte, zuckte keine Wimper seiner Augen, und nur
+die Hand fuhr leise nach dem krummen S&auml;bel.</p>
+
+<p>Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die
+Seinigen alle herbeigekommen waren; dann winkte er
+einem Manne, der sich an seiner Seite befand. Dieser
+war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule, als
+ob er noch niemals einen Sattel ber&uuml;hrt h&auml;tte. Man sah
+ihm sofort die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen
+Wink fragte er den Engl&auml;nder in arabischer
+Sprache:</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>Master Lindsay erhob sich, l&uuml;ftete den Hut und
+machte eine halbe Verbeugung, sagte aber kein Wort.</p>
+
+<p>Der Fragende wiederholte seine Worte in t&uuml;rkischer
+Sprache.</p>
+
+<p>&raquo;Im Inglis &ndash; ich bin ein Engl&auml;nder,&laquo; lautete die
+Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, so begr&uuml;&szlig;e ich Sie, verehrter Herr!&laquo; klang es
+jetzt in englischen Lauten. &raquo;Es ist eine au&szlig;erordentliche
+&Uuml;berraschung, hier in dieser Einsamkeit einen Sohn
+Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen bitten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;David Lindsay.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dies sind Ihre Diener?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was thun Sie hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Nothing</em> &ndash; nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und welches ist dieser Zweck?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_435" id="Page_435">[435]</a></span>&raquo;<em class="antiqua">To dig</em> &ndash; ausgraben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fowling-bulls.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah!&laquo; l&auml;chelte der Mann &uuml;berlegen. &raquo;Dazu braucht
+man Mittel, Zeit, Leute und Erlaubnis. Wie sind Sie
+hierher gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Dampfer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Bagdad zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes.</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zun&auml;chst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?&laquo;</p>
+
+<p>Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer.
+Der Grieche &uuml;bersetzte diesem das bisherige Gespr&auml;ch und
+antwortete dann:</p>
+
+<p>&raquo;Dieser ber&uuml;hmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik
+der Obe&iuml;de-Araber, welche da dr&uuml;ben ihre Weidepl&auml;tze haben.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erstaunte &uuml;ber diese Antwort. Also der Scheik
+war w&auml;hrend des Aufbruchs seines Stammes nicht bei den
+Seinen gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Wer Sie?&laquo; fragte der Engl&auml;nder weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul
+zu Mossul.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Haddedihn sind ein st&ouml;rrischer Stamm, dem
+man einmal Mores lehren mu&szlig;. Sie haben mehrere
+Jezidi besch&uuml;tzt, als diese Teufelsanbeter von dem Gouverneur
+von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt
+es, da&szlig;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_436" id="Page_436">[436]</a></span>Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte
+eines unserer Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele.
+Sofort griff der Scheik in die Z&uuml;gel, um vorw&auml;rts
+zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich mich.</p>
+
+<p>&raquo;Erlauben Sie, da&szlig; auch ich mich Ihnen vorstelle!&laquo;
+sagte ich.</p>
+
+<p>Der Scheik blieb vor &Uuml;berraschung halten.</p>
+
+<p>&raquo;Wer sind Sie?&laquo; fragte der Dolmetscher. &raquo;Auch ein
+Engl&auml;nder? Sie tragen sich aber doch genau wie ein
+Araber!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein Deutscher und geh&ouml;re zur Expedition
+dieses Herrn. Wir wollen hier Fowling-bulls ausgraben
+und zugleich uns ein wenig um die Sitten dieses Landes
+bek&uuml;mmern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist es?&laquo; fragte der Scheik den Griechen.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind die Nemsi Gl&auml;ubige?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind Christen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War
+er in Mekka?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war in Mekka,&laquo; antwortete ich ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst unsere Sprache?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich spreche sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du geh&ouml;rst zu diesem Inglis?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bereits mehrere Tage.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter:</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du die Haddedihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher hast du sie kennen gelernt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der Rafik ihres Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bist du verloren!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_437" id="Page_437">[437]</a></span>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sofort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der
+Abu Hammed, war auch stark!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du mit ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah! Bist du der Mann, welcher den L&ouml;wen
+get&ouml;tet hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bist du mein. <em class="gesperrt">Mir</em> entkommst du nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder du bist mein und entkommst <em class="gesperrt">mir</em> nicht. Sieh
+dich um!&laquo;</p>
+
+<p>Er that es, bemerkte aber niemand.</p>
+
+<p>&raquo;Auf, ihr M&auml;nner!&laquo; rief ich laut.</p>
+
+<p>Sofort erhoben sich s&auml;mtliche Haddedihn und legten
+die Gewehre auf ihn und seine Leute an.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, du bist klug wie ein Abul Hosse&iuml;n<a name="FNanchor_159_159" id="FNanchor_159_159"></a><a href="#Footnote_159_159" class="fnanchor">[159]</a> und t&ouml;test
+die L&ouml;wen, mich aber f&auml;ngst du nicht!&laquo; rief er aus.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_159_159" id="Footnote_159_159"></a><a href="#FNanchor_159_159"><span class="label">[159]</span></a> Beiname des Fuchses.</p></div>
+
+<p>Er ri&szlig; den krummen S&auml;bel vom G&uuml;rtel, dr&auml;ngte
+sein Pferd zu mir heran und holte aus zum t&ouml;dlichen Hieb.
+Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu werden. Ich scho&szlig;
+auf sein Pferd &ndash; dieses &uuml;berst&uuml;rzte sich &ndash; er fiel zu
+Boden &ndash; und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings
+begann ein Ringen, welches mir bewies, da&szlig; er ein
+au&szlig;erordentlich kr&auml;ftiger Mann sei; ich mu&szlig;te ihm den
+Turban abrei&szlig;en und ihm einen bet&auml;ubenden Hieb auf die
+Schl&auml;fe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieses kurzen Ringens wogte es rund um
+mich her; aber was da geschah, das war kein Kampf zu
+nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen, nur auf die
+<span class="pagenum"><a name="Page_438" id="Page_438">[438]</a></span>Pferde zu schie&szlig;en; infolgedessen wurden gleich durch die
+erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang,
+s&auml;mtliche Pferde der Obe&iuml;de entweder get&ouml;tet oder
+schwer verwundet. Die Krieger lagen zu Boden geworfen,
+und von allen Seiten starrten ihnen die langen, bewimpelten
+Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen f&uuml;nffach
+&uuml;berlegen waren. Selbst der Flu&szlig; bot ihnen keine
+Gelegenheit zum Entkommen, da unsere Kugeln jeden
+Schwimmenden erreicht h&auml;tten. Als sich der Kn&auml;uel l&ouml;ste,
+welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen sie ratlos
+bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden
+Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur
+mein Wunsch sein, den Auftritt ohne Blutvergie&szlig;en zu
+endigen.</p>
+
+<p>&raquo;Gebt euch keine M&uuml;he, ihr Krieger der Obe&iuml;de; ihr
+seid in unseren H&auml;nden. Ihr seid zwanzig Mann, wir
+aber z&auml;hlen &uuml;ber hundert Reiter, und euer Scheik befindet
+sich in meiner Hand!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schie&szlig;t ihn nieder!&laquo; gebot ihnen der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt,
+so werden diese beiden M&auml;nner euren Scheik t&ouml;ten!&laquo; antwortete
+ich.</p>
+
+<p>&raquo;Schie&szlig;t ihn nieder, den Dib<a name="FNanchor_160_160" id="FNanchor_160_160"></a><a href="#Footnote_160_160" class="fnanchor">[160]</a>, den Ibn Avah<a name="FNanchor_161_161" id="FNanchor_161_161"></a><a href="#Footnote_161_161" class="fnanchor">[161]</a>,
+den Erneb!<a name="FNanchor_162_162" id="FNanchor_162_162"></a><a href="#Footnote_162_162" class="fnanchor">[162]</a>&laquo; rief er trotz meiner Drohung.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_160_160" id="Footnote_160_160"></a><a href="#FNanchor_160_160"><span class="label">[160]</span></a> Wolf.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_161_161" id="Footnote_161_161"></a><a href="#FNanchor_161_161"><span class="label">[161]</span></a> Schakal.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_162_162" id="Footnote_162_162"></a><a href="#FNanchor_162_162"><span class="label">[162]</span></a> Hase.</p></div>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t euch dies nicht einfallen; denn auch ihr w&auml;ret
+verloren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eure Br&uuml;der werden euch und mich r&auml;chen!&laquo; rief
+der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Eure Br&uuml;der? Die Obe&iuml;de? Vielleicht auch die
+Abu Hammed und die Dschowari!&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mich &uuml;berrascht an.</p>
+
+<p>&raquo;Was wei&szlig;t du von ihnen?&laquo; stie&szlig; er hervor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_439" id="Page_439">[439]</a></span>&raquo;Da&szlig; sie in diesem Augenblick von den Kriegern der
+Haddedihn ebenso &uuml;berrumpelt werden, wie ich dich und
+diese M&auml;nner gefangen habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du l&uuml;gst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden
+kann. Meine Krieger werden dich mit allen S&ouml;hnen und
+T&ouml;chtern der Haddedihn fangen und fortf&uuml;hren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah beh&uuml;te deinen Kopf, da&szlig; du die Gedanken
+nicht verlierst! W&uuml;rden wir hier auf dich warten, wenn
+wir nicht gewu&szlig;t h&auml;tten, was du gegen Scheik Mohammed
+unternehmen willst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du, da&szlig; ich am Grabe des Hadschi
+Ali war?&laquo;</p>
+
+<p>Ich beschlo&szlig;, auf den Busch zu klopfen &ndash; und erwiderte
+also:</p>
+
+<p>&raquo;Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Gl&uuml;ck
+f&uuml;r dein Unternehmen zu erbeten; aber dieses Grab liegt
+auf dem linken Ufer des Tigris, und du bist dann an
+dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu ersp&auml;hen,
+wo die andern St&auml;mme der Schammar sich befinden.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah ihm an, da&szlig; ich mit meiner Kombination
+das Richtige getroffen hatte. Er stie&szlig; trotzdem ein h&ouml;hnisches
+Gel&auml;chter aus und antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Dein Verstand ist faul und tr&auml;ge wie der Schlamm,
+der im Flusse liegt. Gieb uns frei, so soll dir nichts
+geschehen!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt lachte ich und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann
+seid ihr verloren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du
+hast weder geh&ouml;rt noch gesehen, was vorging, ehe die Deinigen
+&uuml;ber den Flu&szlig; her&uuml;ber kamen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was soll geschehen sein?&laquo; fragte er in ver&auml;chtlichem Ton.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_440" id="Page_440">[440]</a></span>&raquo;Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Wadi Deradsch.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu:</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst, da&szlig; euer Plan verraten ist. Du wei&szlig;t,
+da&szlig; ich bei den Abu Hammed war. Ehe ich dorthin kam,
+war ich bei den Abu Mohammed. Sie und die Alabe&iuml;den,
+die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn verbunden,
+euch in dem Wadi Deradsch einzuschlie&szlig;en. Horch!&laquo;</p>
+
+<p>Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rst du diese Sch&uuml;sse? Sie sind bereits im Thale
+eingeschlossen und werden alle niedergemacht, wenn sie sich
+nicht ergeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah!&laquo; rief er. &raquo;Ist das wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So t&ouml;te mich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Feigling!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Du bist der Scheik der Obe&iuml;de, der Vater
+deines Stammes; es ist deine Pflicht, ihm in der Not
+beizustehen; du aber willst ihn verlassen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du verr&uuml;ckt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn
+ich gefangen bin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale,
+die nach Blut lechzen; sie wollen euern &Uuml;berfall
+zur&uuml;ckweisen und dann Frieden mit euch schlie&szlig;en. Bei
+dieser Beratung darf der Scheik der Obe&iuml;de nicht fehlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch einmal: sagst du die Wahrheit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beschw&ouml;re es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt,
+Bursche!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_441" id="Page_441">[441]</a></span>Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher
+ruhig dagestanden, jetzt aber sprang er pl&ouml;tzlich auf einen
+meiner Leute, welche nach und nach n&auml;her getreten waren,
+um unsere Worte zu verstehen, stie&szlig; ihn zur Seite und
+eilte davon. Einige Sch&uuml;sse krachten hinter ihm, aber in
+der Eile war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm,
+den Vorsprung zu erreichen und hinter demselben zu verschwinden.</p>
+
+<p>&raquo;Schie&szlig;t jeden nieder, der sich hier r&uuml;hrt!&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten eilte ich dem Fl&uuml;chtling nach. Als
+ich den Vorsprung erreichte, war er bereits &uuml;ber hundert
+Schritte von demselben entfernt.</p>
+
+<p>&raquo;Bleib stehen!&laquo; rief ich ihm nach.</p>
+
+<p>Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that
+mir leid, aber ich war gezwungen, auf ihn zu schie&szlig;en;
+doch nahm ich mir vor, ihn nur zu verwunden, wenn es
+m&ouml;glich war. Ich zielte scharf und dr&uuml;ckte ab. Er lief
+noch eine kleine Strecke vorw&auml;rts und blieb dann stehen.
+Es war, als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um
+seine eigene Achse drehte, dann fiel er nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Holt ihn herbei!&laquo; gebot ich.</p>
+
+<p>Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und
+trugen ihn herbei. Die Kugel sa&szlig; in seinem Oberschenkel.</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst, Eslah el Mahem, da&szlig; wir Ernst machen.
+Befiehl deinen Leuten, sich zu ergeben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich es ihnen nicht befehle?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;So zwingen wir sie, und dann flie&szlig;t ihr Blut, was
+wir gern vermeiden wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir sp&auml;ter bezeugen, da&szlig; ich mich nur
+ergeben habe, weil ihr f&uuml;nfmal mehr seid als wir, und
+weil du mir sagst, da&szlig; die Meinen in dem Wadi Deradsch
+eingeschlossen sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bezeuge es dir!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_442" id="Page_442">[442]</a></span>&raquo;So gebt eure Waffen ab!&laquo; knirschte er. &raquo;Aber Allah
+verderbe dich bis in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn
+du mich belogen hast!&laquo;</p>
+
+<p>Die Obe&iuml;de wurden entwaffnet.</p>
+
+<p>&raquo;Sir!&laquo; rief Lindsay w&auml;hrend dieser Besch&auml;ftigung.</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; fragte ich und drehte mich um.</p>
+
+<p>Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefa&szlig;t
+und meldete:</p>
+
+<p>&raquo;Fri&szlig;t Papier, der Kerl!&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen
+in der zusammengeballten Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Geben Sie her!&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Nie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pah!&laquo;</p>
+
+<p>Ein Druck auf seine Hand &ndash; er schrie vor Schmerz
+auf und &ouml;ffnete die Finger. Das Papier war der Teil
+eines Briefumschlags und enthielt nur ein einziges Wort:
+Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts
+und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen
+oder noch im Munde.</p>
+
+<p>&raquo;Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!&laquo;
+forderte ich ihn auf.</p>
+
+<p>Ein h&ouml;hnisches L&auml;cheln war seine Antwort, und zugleich
+sah ich, wie er den Kopf etwas erhob, um leichter
+schlingen zu k&ouml;nnen. Sofort fa&szlig;te ich ihn bei der Kehle.
+Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der
+Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun,
+ein Papierkl&uuml;mpchen ans Tageslicht zu f&ouml;rdern. Die
+Papierfetzen enthielten nur wenige Zeilen in Chiffreschrift,
+und au&szlig;erdem schien es ganz unm&ouml;glich, die einzelnen
+Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie zusammengeh&ouml;rten. Ich
+fa&szlig;te den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn:</p>
+
+<p>&raquo;Von wem war dieses Schreiben verfa&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_443" id="Page_443">[443]</a></span>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht,&laquo; antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Von wem hast du es erhalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;L&uuml;gner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben
+und zu sterben?&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden,
+und ich lasse dich hier zur&uuml;ck f&uuml;r die Geier und
+Schakale!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; schweigen,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;So schweige auf ewig!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erhob mich. Das wirkte.</p>
+
+<p>&raquo;Frage, Effendi!&laquo; rief er aus.</p>
+
+<p>&raquo;Von wem hast du diesen Brief?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vom englischen Vicekonsul in Mossul.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An wen war er gerichtet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An den Konsul zu Bagdad.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du seinen Inhalt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;L&uuml;ge nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schw&ouml;re, da&szlig; ich keinen Buchstaben zu lesen
+bekam!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber du ahnest, was er enthielt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So rede!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Politik!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter darf ich nichts sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du einen Schwur abgelegt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Du bist ein Grieche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_444" id="Page_444">[444]</a></span>&raquo;Aus Lemnos.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte es! Der echte T&uuml;rke ist ein ehrlicher,
+biederer Charakter, und wenn er anders wird oder anders
+geworden ist, so tragt ihr die Schuld, ihr, die ihr euch
+Christen nennt und doch schlimmer seid als die &auml;rgsten
+Heiden. Wo in der T&uuml;rkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich
+ver&uuml;bt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige
+Hand im Spiele. Du w&uuml;rdest heute deinen Eid brechen,
+wenn ich dich zw&auml;nge oder dir den Eidbruch bezahlte,
+Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul gebracht?
+Schweig! Ich ahne es, denn ich wei&szlig;, wodurch
+ihr alles werdet, was ihr seid! Du magst deinem Eide
+treu bleiben, denn die Politik, von der du sprachst, kenne
+ich! Warum hetzt ihr diese St&auml;mme gegen einander auf?
+Warum stachelt ihr einmal den T&uuml;rken und das andere
+Mal den Perser gegen sie auf? Und das thun Christen!
+Andere, welche die Lehre des Weltheilandes wirklich befolgen,
+bringen die Worte der Liebe und des Erbarmens
+in dieses Land, und ihr s&auml;et Unkraut zwischen den Weizen,
+da&szlig; er erstickt, eure Saat aber tausendf&auml;ltige Fr&uuml;chte tr&auml;gt.
+Fliehe zu deinem Popen; er mag f&uuml;r dich um Vergebung
+bitten! Du hast auch den Russen gedient?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Stambul.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan! Ich sehe, da&szlig; du wenigstens noch f&auml;hig
+bist, die Wahrheit zu bekennen, und daher will ich dich
+nicht der Rache der Haddedihn &uuml;bergeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich
+daf&uuml;r segnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alexander Kolettis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du tr&auml;gst einen ber&uuml;hmten Namen, aber du hast
+<span class="pagenum"><a name="Page_445" id="Page_445">[445]</a></span>mit demjenigen, der ihn fr&uuml;her trug, nichts gemein.
+Bill!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sir!&laquo; antwortete der Gerufene.</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du eine Wunde verbinden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das nicht, Sir, aber ein Loch verkn&uuml;pfen, das kann
+ich wohl.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kn&uuml;pfe es ihm zu!&laquo;</p>
+
+<p>Der Grieche wurde von dem Engl&auml;nder verbunden.
+Wer wei&szlig; ob ich nicht anders gehandelt h&auml;tte, wenn ich
+damals gewu&szlig;t h&auml;tte, unter welchen Umst&auml;nden ich diesen
+Menschen sp&auml;ter wiedersehen sollte. Ich wandte mich zu
+dem gefesselten Scheik:</p>
+
+<p>&raquo;Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und
+es thut mir leid, einen mutigen Krieger gefesselt zu sehen.
+Willst du mir versprechen, stets an meiner Seite zu bleiben
+und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verspreche es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei dem Barte des Propheten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schw&ouml;rt mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!&laquo;
+gebot er.</p>
+
+<p>&raquo;Wir schw&ouml;ren es!&laquo; ert&ouml;nte die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;So sollt ihr nicht gebunden werden,&laquo; versprach
+ich ihnen.</p>
+
+<p>Zugleich l&ouml;ste ich die Bande des Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du bist ein edelm&uuml;tiger Krieger,&laquo; sagte er.
+&raquo;Du hast nur unsere Tiere t&ouml;ten lassen, uns aber verschont.
+Allah segne dich, obgleich mein Pferd mir lieber
+als ein Bruder war!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah es seinen edlen Z&uuml;gen an, da&szlig; diesem Manne
+<span class="pagenum"><a name="Page_446" id="Page_446">[446]</a></span>jeder Verrat, jede Gemeinheit und Treulosigkeit fremd
+war, und sagte zu ihm:</p>
+
+<p>&raquo;Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angeh&ouml;rigen
+deines Volkes von fremden Zungen verleiten
+lassen; sei sp&auml;ter st&auml;rker! Willst du dein Schwert, deinen
+Dolch und deine Flinte wieder haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das thust du nicht, Effendi!&laquo; erwiderte er erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines
+Stammes sein; ich mag dich nicht wie einen Huteijeh oder
+wie einen Chelawijeh<a name="FNanchor_163_163" id="FNanchor_163_163"></a><a href="#Footnote_163_163" class="fnanchor">[163]</a> behandeln. Du sollst vor Mohammed
+Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein
+freier Mann, mit den Waffen in der Hand.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_163_163" id="Footnote_163_163"></a><a href="#FNanchor_163_163"><span class="label">[163]</span></a> Verachtete St&auml;mme, die zum P&ouml;bel gerechnet werden, ungef&auml;hr wie die
+Paria in Indien.</p></div>
+
+<p>Ich gab ihm seinen S&auml;bel und auch die anderen
+Waffen. Er sprang auf und starrte mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist dein Name, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, da&szlig; die
+Na&szlig;arah keine Hunde, sondern da&szlig; sie edelm&uuml;tiger und
+weiser sind als die Moslemim. Denn glaube mir: mit
+den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich leichter
+&uuml;berwunden, als es mit den Waffen geschehen k&ouml;nnte,
+die du bei dir tr&auml;gst und mit denen du mich t&ouml;ten k&ouml;nntest.
+Zeige mir deinen Dolch!&laquo;</p>
+
+<p>Ich that es. Er pr&uuml;fte die Klinge und meinte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander;
+siehe dagegen meinen Schambijeh!&laquo;</p>
+
+<p>Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk,
+zweischneidig, leicht gekr&uuml;mmt, wunderbar damasciert, und
+in arabischer Sprache stand zu beiden Seiten der Wahlspruch:
+&raquo;Nur nach dem Sieg in die Scheide.&laquo; Er war
+gewi&szlig; von einem jener alten, ber&uuml;hmten Waffenschmiede
+<span class="pagenum"><a name="Page_447" id="Page_447">[447]</a></span>in Damaskus gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben
+sind und mit denen sich jetzt keiner mehr vergleichen
+kann.</p>
+
+<p>&raquo;Gef&auml;llt er dir?&laquo; fragte der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist wohl f&uuml;nfzig Schafe wert!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage hundert oder hundertf&uuml;nfzig, denn es haben
+ihn zehn meiner V&auml;ter getragen, und er ist niemals zersprungen.
+Er sei dein; gieb mir den deinigen daf&uuml;r!&laquo;</p>
+
+<p>Das war ein Tausch, den ich nicht zur&uuml;ckweisen durfte,
+wenn ich den Scheik nicht unvers&ouml;hnlich beleidigen wollte.
+Ich gab also meinen Dolch hin.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde
+diese Klinge tragen zum Andenken an dich und zu Ehren
+deiner V&auml;ter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie l&auml;&szlig;t dich nie im Stiche, so lange deine Hand
+fest bleibt!&laquo;</p>
+
+<p>Da h&ouml;rten wir den Hufschlag eines Pferdes und
+gleich darauf bog ein Reiter um den Felsenvorsprung,
+welcher unser Versteck nach S&uuml;den abschlo&szlig;. Es war
+kein anderer als mein kleiner Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du sollst kommen!&laquo; rief er, als er mich erblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie steht es, Hadschi Halef Omar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben gesiegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ging es schwer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ging leicht. Alle sind gefangen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el
+Mahem, der Scheik der Obe&iuml;de, fehlt.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich an diesen:</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, da&szlig; ich dir die Wahrheit sagte?&laquo; Dann
+fragte ich Halef: &raquo;Trafen die Abu Mohammed zur rechten
+Zeit ein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen
+<span class="pagenum"><a name="Page_448" id="Page_448">[448]</a></span>das Wadi so, da&szlig; kein Feind entkommen konnte. Wer
+sind diese M&auml;nner?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Gefangenen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sie werden mit mir kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wallah, billah, tillah! Erlaube, da&szlig; ich gleich zur&uuml;ckkehre,
+um diese Kunde Mohammed Emin und Scheik
+Malek zu bringen!&laquo;</p>
+
+<p>Er jagte wieder davon.</p>
+
+<p>Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der
+Grieche wurde auf eines derselben gesetzt; die &uuml;brigen
+mu&szlig;ten gehen. So setzte sich der Zug in Bewegung.
+Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet
+hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein.</p>
+
+<p>Der bereits erw&auml;hnte Thalpa&szlig; f&uuml;hrte uns auf die
+andere Seite der Berge; dann ging es auf der Ebene
+stracks nach S&uuml;den. Wir hatten das Wadi noch lange
+nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns
+entgegen kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed
+Emin und die Scheiks der Abu Mohammed und der
+Alabe&iuml;de-Araber waren es.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast ihn gefangen?&laquo; rief mir jetzt Mohammed
+Emin entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Eslah el Mahem? Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie
+viele M&auml;nner hat dich der Kampf gekostet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer wurde verwundet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist Allah gn&auml;dig gewesen mit uns. Wir haben
+nur zwei Tote und elf Verwundete.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Feind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest
+<span class="pagenum"><a name="Page_449" id="Page_449">[449]</a></span>eingeschlossen, da&szlig; er sich nicht zu r&uuml;hren vermochte.
+Unsere Sch&uuml;tzen trafen gut und konnten doch nicht selbst
+getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest zusammen,
+wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder,
+als sie aus den Schluchten hervorbrachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo befindet sich der Feind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen
+abgeben m&uuml;ssen, und keiner kann entkommen, denn das
+Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt sehe ich
+Eslah el Mahem! Aber wie, er tr&auml;gt die Waffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen.
+Wei&szlig;t du, da&szlig; man den Tapfern ehren soll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wollte uns vernichten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird daf&uuml;r bestraft werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es
+gut sein. Komm!&laquo;</p>
+
+<p>Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen
+folgten uns so schnell wie m&ouml;glich. Auf dem Verbandplatz
+herrschte reges Leben, und vor demselben bildete eine Anzahl
+bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte
+die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks sa&szlig;en. Ich wartete,
+bis Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend:</p>
+
+<p>&raquo;Willst du bei mir bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte:</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind meine Verb&uuml;ndeten; ich geh&ouml;re zu ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite
+nieder. Es wurde dabei kein Wort gesprochen, aber man
+sah es, da&szlig; die beiden anderen bei seinem Erscheinen erschraken.
+Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige Hoffnung
+gesetzt.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hre deine Gefangenen in das Wadi!&laquo; sagte Malek.</p>
+
+<p>Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich
+mir ein au&szlig;erordentlich malerischer Anblick dar. In die
+<span class="pagenum"><a name="Page_450" id="Page_450">[450]</a></span>Brustwehr war zur Erleichterung des Verkehrs eine Bresche
+gerissen; zu beiden Seiten der Thalw&auml;nde hatten sich Wachtposten
+aufgestellt; die ganze Thalsohle wimmelte von gefangenen
+Menschen und Pferden, und im Hintergrunde
+lagerten diejenigen unserer Verb&uuml;ndeten, welche noch im
+Wadi Platz gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene
+Haddedihn besch&auml;ftigt, die Pferde der Feinde zu
+sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu bringen, wo
+auch die Waffen derselben auf einem einzigen gro&szlig;en
+Haufen lagen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du so etwas bereits gesehen?&laquo; fragte mich Malek.</p>
+
+<p>&raquo;Noch gr&ouml;&szlig;eres,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was wird nun geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden heute unsern Sieg feiern und die gr&ouml;&szlig;te
+Phantasia veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein das werden wir nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle
+verbittern werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sollte uns abhalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Arbeit. Freund und Feind mu&szlig; gelabt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis sie zur&uuml;ckkehren d&uuml;rfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann soll dies geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bald wie m&ouml;glich; wir h&auml;tten nichts zu essen
+f&uuml;r dieses Heer von Freunden und Feinden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_451" id="Page_451">[451]</a></span>&raquo;Siehst du, da&szlig; ich recht habe? Ein Freudenfest
+soll gefeiert werden, aber erst dann, wenn wir Zeit dazu
+haben. Zun&auml;chst ist es notwendig, da&szlig; sich die Scheiks
+versammeln, um &uuml;ber alles zu sprechen, was beschlossen
+werden mu&szlig;, und dann m&uuml;ssen die Beschl&uuml;sse schleunigst
+ausgef&uuml;hrt werden. Sage den Scheiks, da&szlig; sechstausend
+Menschen nicht viele Tage hier beisammen sein d&uuml;rfen!&laquo;</p>
+
+<p>Er ging. Nun trat Lindsay heran.</p>
+
+<p>&raquo;Herrlicher Sieg! Nicht?&laquo; meinte er.</p>
+
+<p>&raquo;Sehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie meine Sache gemacht, Sir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ausgezeichnet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n! Hm! Viele Menschen hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man sieht es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen
+liegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glich; man m&uuml;&szlig;te sich einmal erkundigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fragt einmal, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sobald es m&ouml;glich ist, ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt gleich, sofort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht
+ist meine Anwesenheit bei der Beratung n&ouml;tig, welche jetzt
+beginnen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n! Hm! Aber nachher fragen! Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sicher!&laquo;</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; ihn stehen und schritt zu den Zelten.</p>
+
+<p>Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den
+Verb&auml;nden zu verbessern war. Als ich dies besorgt hatte,
+trat ich in jenes Zelt, in welchem die Scheiks ihre Besprechung
+hielten. Diese ging sehr lebhaft vor sich. Man
+konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich glaube,
+da&szlig; ich ihnen willkommen kam.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara
+<span class="pagenum"><a name="Page_452" id="Page_452">[452]</a></span>Ben Nemsi,&laquo; sagte Malek. &raquo;Du bist in allen L&auml;ndern
+der Erde gewesen und wei&szlig;t, was recht und vorteilhaft ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fragt, ich werde antworten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;ren die Waffen der Besiegten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Sieger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem ihre Pferde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Sieger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem ihre Kleider?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die R&auml;uber nehmen sie ihnen, der wahre Gl&auml;ubige
+aber l&auml;&szlig;t sie ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;rt ihr Geld, ihr Schmuck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der wahre Gl&auml;ubige nimmt nur ihre Waffen und
+ihre Pferde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem geh&ouml;ren ihre Herden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so
+geh&ouml;ren sie ihnen, aber sie haben die Kosten des Krieges
+und den j&auml;hrlichen Tribut davon zu bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir
+haben sie besiegt, und nun geh&ouml;rt uns ihr Leben und
+alles, was sie besitzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du
+sagst, da&szlig; ihr Leben euch geh&ouml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollt ihr es ihnen nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Wir sind keine Henker und keine M&ouml;rder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? K&ouml;nnen
+sie leben ohne die Herden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr
+ihnen also das Leben. Ja, ihr beraubt euch in diesem
+Falle selbst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_453" id="Page_453">[453]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen,
+wenn er keine Herden hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Mund spricht weise und verst&auml;ndig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre
+Kleider, ihre Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr
+sie, zu stehlen und zu rauben, damit sie nicht verhungern.
+Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar zun&auml;chst;
+das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst,
+der sie arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und
+das seid ihr. Was ist besser, Freunde zum Nachbar zu
+haben oder R&auml;uber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das erstere.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So macht sie zu euren Freunden und nicht zu R&auml;ubern!
+Man nimmt dem Besiegten nur das, womit er
+schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und die Pferde
+nehmt, so erhaltet ihr zehntausend St&uuml;ck verschiedene
+Waffen und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde
+mehr, um Krieg zu f&uuml;hren. Ihr werdet sie beherrschen,
+und sie werden sich unter euren Schutz begeben m&uuml;ssen,
+um gegen ihre anderen Feinde ger&uuml;stet sein zu k&ouml;nnen;
+dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen m&uuml;ssen.
+Ich habe gesprochen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man
+ihnen heute von ihren Herden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So viel wie der Schaden betr&auml;gt, den euch ihr &Uuml;berfall
+gemacht hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man macht eine solche Forderung, da&szlig; sie immer so
+viel behalten, um ohne gro&szlig;e Not leben zu k&ouml;nnen. Ein
+kluger Scheik h&auml;tte dabei darauf zu sehen, da&szlig; sie nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_454" id="Page_454">[454]</a></span>wieder m&auml;chtig genug werden, um die Niederlage vergelten
+zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun bleibt die Blutrache &uuml;brig. Wir haben mehrere
+der ihrigen get&ouml;tet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen
+entlassen werden, m&ouml;gen die Chamseh und Aaman<a name="FNanchor_164_164" id="FNanchor_164_164"></a><a href="#Footnote_164_164" class="fnanchor">[164]</a> zusammentreten
+und den Blutpreis bestimmen. Ihr habt
+mehr zu bezahlen, als sie, und k&ouml;nnt es gleich bezahlen
+von der Beute, welche ihr macht.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_164_164" id="Footnote_164_164"></a><a href="#FNanchor_164_164"><span class="label">[164]</span></a> Verwandte.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wird man uns die Kriegsentsch&auml;digung bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ihr m&uuml;&szlig;t sie holen. Die Gefangenen m&uuml;ssen
+hier bleiben, bis ihr sie erhalten habt. Und um des Tributes
+sicher zu sein, m&uuml;&szlig;t ihr stets einige vornehme Leute
+der besiegten St&auml;mme als Geiseln bei euch haben. Zahlt
+man den Tribut nicht, so kommen diese Geiseln in Gefahr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir w&uuml;rden sie t&ouml;ten. Nun sollst du uns das letzte
+sagen. Wie verteilen wir die Kriegsentsch&auml;digung und
+den Tribut unter uns? Das ist sehr schwer zu bestimmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sogar sehr leicht zu bestimmen, wenn ihr
+Freunde seid. Die Entsch&auml;digung holt ihr euch, w&auml;hrend
+ihr hier noch beisammen seid, und dann k&ouml;nnt ihr sie nach
+den K&ouml;pfen verteilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So soll es sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun seid ihr drei St&auml;mme, und sie sind drei St&auml;mme;
+auch die Zahl der Mitglieder dieser St&auml;mme ist fast gleich.
+Warum soll nicht je ein Stamm von euch von einem
+Stamme von ihnen den j&auml;hrlichen Tribut erhalten? Ihr
+seid Freunde und Gef&auml;hrten. Wollt ihr euch um den
+Schwanz eines Schafes oder um die H&ouml;rner eines Stieres
+zanken und entzweien?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht. Wer aber soll die Kriegsentsch&auml;digung
+von ihren Weidepl&auml;tzen holen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_455" id="Page_455">[455]</a></span>&raquo;So viele Leute, als dazu erforderlich sind, und dabei
+sollen zwei Drittel der eurigen und ein Drittel der
+ihrigen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut. Und was wirst du von dieser Entsch&auml;digung
+erhalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. Ich ziehe weiter und brauche keine Herden.
+Waffen und ein Pferd habe ich auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die drei M&auml;nner, welche bei dir sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die werden auch nichts nehmen; sie haben alles,
+was sie brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wirst du nehmen m&uuml;ssen, was wir dir als Dank
+darbringen werden. Dein Haupt ist nicht so alt wie eines
+der unsrigen, aber du hast dennoch unsern Kriegern gelehrt,
+wie man &uuml;ber einen gro&szlig;en Feind siegt, ohne viele
+Tote zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ihr mir danken wollt, so thut denen wohl,
+welche als eure Feinde verwundet in euren Zelten liegen,
+und seht, ob ihr eine Ruine findet, aus welcher man
+Figuren und Steine mit fremden Schriften graben kann.
+Mein Gef&auml;hrte w&uuml;nscht solche Dinge zu sehen. Nun habt
+ihr geh&ouml;rt, was ich euch zu sagen habe; Allah erleuchte
+eure Weisheit, damit ich bald erfahre, was ihr beschlossen
+habt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst bleiben und mit uns beraten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nichts anderes sagen, als was ich bereits
+gesagt habe. Ihr werdet das Richtige treffen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich ging hinaus und beeilte mich, den gefangenen
+Scheiks Datteln und Wasser zu besorgen. Dann traf ich
+auf Halef, welcher mich nach dem Wadi Deradsch begleitete,
+welches ich jetzt n&auml;her in Augenschein nehmen
+wollte. Die gefangenen Abu Hammed kannten mich.
+Einige von ihnen erhoben sich ehrerbietig, als ich vor
+ihnen vor&uuml;berging, und andere steckten fl&uuml;sternd die K&ouml;pfe
+<span class="pagenum"><a name="Page_456" id="Page_456">[456]</a></span>zusammen. Im Hintergrunde wurde ich von den dort
+anwesenden Abu Mohammed mit Freuden begr&uuml;&szlig;t. Sie
+waren ganz begeistert, die m&auml;chtigen Feinde auf eine so
+leichte Weise besiegt zu haben. Ich ging von Gruppe zu
+Gruppe, und so kam es, da&szlig; mehrere Stunden vergangen
+waren, als ich die Zelte wieder erreichte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser Zeit hatten die nach dem Weideplatze
+gesandten Boten daf&uuml;r gesorgt, da&szlig; das Lager abgebrochen
+und in die unmittelbare N&auml;he des Wadi Deradsch verlegt
+wurde. Die ganze Ebene wimmelte bereits von Herden,
+und nun gab es H&auml;mmel genug zu den Festmahlzeiten,
+welche heute abend in jedem Zelte zu erwarten waren.
+Mohammed Emin hatte mich bereits gesucht.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Wort ist so gut wie deine That,&laquo; meinte er.
+&raquo;Es ist befolgt worden. Die Obe&iuml;de werden den Haddedihn,
+die Abu Hammed den Abu Mohammed und die
+Dschowari den Alabe&iuml;de den Tribut bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel Kriegsentsch&auml;digung entrichten die einzelnen
+St&auml;mme?&laquo;</p>
+
+<p>Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch
+nicht grausam; dies freute mich au&szlig;erordentlich, zumal ich
+mir sagen konnte, da&szlig; mein Wort hier nicht ganz ohne
+Einflu&szlig; gewesen war gegen&uuml;ber den grausamen Gewohnheiten,
+welche in solchen F&auml;llen in Anwendung kamen.
+Von Sklaverei war keine Rede gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du mir eine Bitte erf&uuml;llen?&laquo; fragte der Scheik.</p>
+
+<p>&raquo;Gern, wenn ich kann. Sprich sie aus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden einen Teil der Herden der Besiegten
+holen; dazu brauchen die M&auml;nner, welche wir senden,
+weise und tapfere Anf&uuml;hrer. Ich und Scheik Malek m&uuml;ssen
+hier bei den Gefangenen bleiben. Wir brauchen drei Anf&uuml;hrer,
+einen zu den Obe&iuml;de, einen zu den Abu Hammed
+und einen zu den Dschowari. Die Scheiks der Abu Mohammed
+<span class="pagenum"><a name="Page_457" id="Page_457">[457]</a></span>und der Alabe&iuml;de sind bereit; es fehlt uns der dritte.
+Willst du es sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin gehen die andern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen dir die erste Wahl &uuml;berlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gehe ich zu den Abu Hammed, weil ich bereits
+einmal bei ihnen gewesen bin. Wann sollen wir aufbrechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen. Wie viele M&auml;nner willst du mit dir
+nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vierzig Mann von den Abu Hammed und sechzig
+von deinen Haddedihn. Auch Halef Omar nehme ich mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So suche sie dir heraus. Werden die Abu Hammed
+bewaffnet sein m&uuml;ssen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn dies w&auml;re ein gro&szlig;er Fehler. Seid ihr
+mit den Scheiks der Besiegten bereits einig geworden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Das wird bis zum letzten Gebete heute geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Behalte die angesehenen Krieger hier und schicke nur
+die gew&ouml;hnlichen M&auml;nner mit uns fort; diese sind zum
+Treiben der Herden gut genug.&laquo;</p>
+
+<p>Ich ging, um mir meine Leute auszuw&auml;hlen; dabei
+traf ich auf Lindsay.</p>
+
+<p>&raquo;Gefragt, Sir?&laquo; redete er mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist nicht n&ouml;tig, denn ich habe den Scheiks Auftrag
+gegeben, nachzuforschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herrlich! Pr&auml;chtig! Scheiks wissen alles! Werde
+Ruinen finden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke es! Wollt Ihr einen interessanten Ritt
+mitmachen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_458" id="Page_458">[458]</a></span>&raquo;Bis unterhalb von El Fattha, wo der Tigris durch
+die Hamrinberge geht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Kriegsentsch&auml;digung holen, welche in Herden
+besteht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei dem Stamme Abu Hammed, der uns damals
+unsere Pferde raubte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;stlich, Sir! Bin dabei! Wie viele M&auml;nner mit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut! Pr&auml;chtig! Imposanter Zug. Ruinen dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mehrere Gr&auml;berh&uuml;gel, aber am linken Ufer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen nicht hin&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schade! Jammerschade! K&ouml;nnten nachsuchen! Fowling-bulls
+finden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden trotzdem etwas Ausgezeichnetes finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Etwas Leckeres, das wir lange entbehrt haben, n&auml;mlich
+Tr&uuml;ffeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tr&uuml;ffeln? Oh! Ah!&laquo;</p>
+
+<p>Er sperrte den Mund so weit auf, als ob er eine
+ganze Tr&uuml;ffelpastete auf einmal verspeisen wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wachsen in Haufen in jener Gegend, und ich
+habe erfahren, da&szlig; damit ein nicht unbedeutender Handel
+nach Bagdad, Basra, Kerkuk und Sulimaniah getrieben
+wird. Sogar bis Kirmanschah sollen sie gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehe mit, Sir, gehe mit! Tr&uuml;ffeln! Hm! Prachtvoll!&laquo;</p>
+
+<p>Damit verschwand er, um seinen beiden Dienern die
+gro&szlig;e Neuigkeit mitzuteilen; ich aber ging, um meine Leute
+herauszusuchen.</p>
+
+<p>Bis zum Abend sahen sich die drei besiegten Scheiks
+wirklich gezwungen, auf alle Forderungen der Sieger einzugehen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_459" id="Page_459">[459]</a></span>und nun begann ein Freudenfest, infolgedessen
+mancher feiste Hammel sein Leben lassen mu&szlig;te. Mitten
+in diesem Jubel lag ich unter duftenden Bl&uuml;ten, umklungen
+von tausend Stimmen und doch allein mit meinen
+Gedanken. Vor vielen Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren
+ihre gef&uuml;rchteten Speere geschwungen. Hier hatte
+vielleicht auch das Zelt des Holofernes gestanden, aus
+Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und
+Edelsteinen geschm&uuml;ckt. Und dr&uuml;ben auf den rauschenden
+Wellen des Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche
+Herodot beschreibt:</p>
+
+<p>&raquo;Die Boote sind von kreisrunder Form und aus Fellen
+gemacht. Sie werden in Armenien und in den Gegenden
+ober Assyrien gebaut. Die Rippen werden aus Weidenruten
+und Zweigen gemacht und sind au&szlig;erhalb mit Fellen
+umgeben. Sie sind rund, wie ein Schild, und zwischen
+Vorderteil und Hinterteil ist kein Unterschied. Den Boden
+ihrer Schiffe kleiden die Schiffer mit Rohr oder Stroh
+aus, und Kaufmannsg&uuml;ter, besonders Palmwein einnehmend,
+schwimmen sie den Flu&szlig; hinunter. Die Boote haben zwei
+Ruder; an jedem ist ein Mann. Der eine zieht auf sich
+zu, und der andere st&ouml;&szlig;t von sich ab. Diese Schiffe haben
+verschiedene Ma&szlig;verh&auml;ltnisse; einige sind so gro&szlig;, da&szlig; sie
+eine Last bis zum Werte von f&uuml;nftausend Talenten tragen;
+die kleineren haben einen Esel an Bord; die gr&ouml;&szlig;eren
+mehrere. Sobald die Bootsleute nach Babylon kommen,
+verf&uuml;gen sie &uuml;ber die Waren und G&uuml;ter und bieten dann
+die Rippen und das Rohr des Flo&szlig;es zum Verkaufe aus.
+Mit den Schl&auml;uchen beladen sie dann ihre Esel und gehen
+mit ihnen nach Armenien zur&uuml;ck, wo sie neue Fahrzeuge
+bauen.&laquo;</p>
+
+<p>Trotz der Jahrhunderte sind sich diese Fahrzeuge
+gleich geblieben; aber die V&ouml;lker, welche hier lebten, sind
+<span class="pagenum"><a name="Page_460" id="Page_460">[460]</a></span>verschwunden. Wie wird es sein, wenn abermals eine
+solche Zeit vergangen ist?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Am andern Vormittage brachen wir auf: ich mit
+Halef und einem Abu Hammed als F&uuml;hrer voran, die andern
+hinter mir. Den Nachtrab machte Sir David Lindsay.</p>
+
+<p>Wir kamen zwischen den Kanuza- und Hamrinbergen
+hindurch und erblickten bald am linken Ufer Tell Hamlia,
+einen kleinen, k&uuml;nstlichen H&uuml;gel. Am rechten Ufer lag
+Kalaat el Dschebbar, &raquo;die Burg der Tyrannen&laquo;, eine
+Ruine, welche aus einigen verfallenen, runden T&uuml;rmen
+besteht, die durch W&auml;lle verbunden sind. Dann erreichten
+wir Tell Dahab, einen kleinen H&uuml;gel, welcher am linken
+Ufer des Flusses liegt, und bei Brey el Bad, einem ziemlich
+steilen Felsen, machten wir Halt, um das Mittagsmahl
+einzunehmen. Gegen Abend gelangten wir nach El
+Fattha, wo sich der Flu&szlig; einen f&uuml;nfzig Ellen breiten Weg
+durch die Hamrinberge zwingt, und als wir diese Enge
+&uuml;berwunden hatten, schlugen wir das Nachtlager auf. Die
+Abu Hammed waren unbewaffnet, aber ich teilte die Haddedihn
+doch in zwei H&auml;lften, welche abwechselnd zu wachen
+hatten, damit keiner der Gefangenen entfliehen solle. W&auml;re
+es nur einem einzigen gelungen, so h&auml;tte er seinem Stamme
+unsere Ankunft verraten, und die besten Tiere w&auml;ren dann
+gefl&uuml;chtet oder versteckt worden.</p>
+
+<p>Mit Tagesgrauen brachen wir wieder auf. Der Flu&szlig;
+war breit und bildete viele Inseln. An dem linken Ufer
+zogen sich niedrige H&uuml;gel hin, am rechten aber lag die
+Ebene offen vor uns, und hier sollten sich l&auml;ngs des Flusses
+die Abu Hammed gelagert haben.</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr einen Weideplatz oder mehrere?&laquo; fragte
+ich den F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>&raquo;Nur einen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah es ihm an, da&szlig; er mir die Unwahrheit sagte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_461" id="Page_461">[461]</a></span>&raquo;Du l&uuml;gst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich l&uuml;ge nicht, Emir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun gut. Ich will mir M&uuml;he geben, dir zu glauben;
+aber wenn ich bemerke, da&szlig; du mich t&auml;uschest, so
+jage ich dir eine Kugel durch den Kopf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wirst du nicht thun!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich thue es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du thust es nicht, denn ich sage dir, da&szlig; wir vielleicht
+zwei Pl&auml;tze haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder gewi&szlig;; also zwei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder drei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur zwei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Wenn ich aber drei finde, so bist du verloren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihe, Emir! Sie k&ouml;nnten ja unterdessen noch
+einen gefunden haben. Dann sind es drei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Vielleicht sind es vier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst noch zehn haben wollen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Abu Hammed und willst nicht gern verlieren,
+was du zusammengeraubt hast. Ich werde nicht
+weiter in dich dringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben vier, Emir,&laquo; sagte er &auml;ngstlich.</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Schweige nun, denn ich werde mich selbst
+&uuml;berzeugen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte unterdessen den Horizont mit meinem Rohre
+abgesucht und in der Ferne einige bewegliche Punkte entdeckt.
+Ich rief denjenigen Haddedihn herbei, welcher die
+Leute unter mir befehligte. Er war ein wackerer und entschlossener
+Krieger, den ich f&uuml;r vollst&auml;ndig zuverl&auml;ssig hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben vierzig Abu Hammed bei uns. Glaubst
+du, sie mit drei&szlig;ig unserer Leute sicher bewachen zu k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit zehn, Emir. Sie haben ja keine Waffen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde jetzt mit Hadschi Halef Omar vorw&auml;rts
+<span class="pagenum"><a name="Page_462" id="Page_462">[462]</a></span>reiten, um Kunde einzuziehen. Wenn die Sonne gerade
+&uuml;ber jenem Strauche steht und ich bin nicht zur&uuml;ck, so
+sendest du mir drei&szlig;ig Haddedihn nach, welche mich suchen
+m&uuml;ssen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich rief dem Engl&auml;nder, und er kam mit seinen beiden
+Dienern heran. Ich sagte ihm:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Euch einen sehr wichtigen Posten anzuvertrauen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em>&laquo; antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde jetzt einmal voranreiten, um zu sehen,
+wie weit sich die Weidepl&auml;tze der Abu Hammed ausdehnen.
+Bin ich in zwei Stunden noch nicht zur&uuml;ck, so kommen
+mir drei&szlig;ig Mann der Unseren nach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ihr bleibt bei den &uuml;brigen zur&uuml;ck, um die
+Gefangenen zu bewachen. Wenn einer Miene macht, zu
+entfliehen, so schie&szlig;t Ihr ihn nieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em> Wenn einer flieht, schie&szlig;e alle nieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, aber mehr nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">No.</em> Aber Sir, wenn mit den Abu Hammed reden,
+dann einmal fragen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Ruinen und Fowling-bulls.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Vorw&auml;rts, Halef!&laquo;</p>
+
+<p>Wir galoppierten &uuml;ber die Ebene hin und grad auf
+die Punkte zu, welche ich gesehen hatte. Es war eine weidende
+Schafherde, bei welcher ein alter Mann stand.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum!&laquo; antwortete er, sich tief verneigend.</p>
+
+<p>&raquo;Ist Friede auf deiner Weide?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Friede da, o Herr. Bringst du auch Frieden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bringe ihn. Du geh&ouml;rst zum Stamme der Abu
+Hammed?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_463" id="Page_463">[463]</a></span>&raquo;Du sagst es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist euer Lager?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da unten hinter der Kr&uuml;mmung des Flusses.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr mehrere Weidepl&auml;tze?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum fragst du, o Herr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich eine Botschaft an alle deines Stammes
+auszurichten habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hamdulillah! Du wirst eine frohe Botschaft bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bringe sie. Also sag&#8217;, wie viele Weidepl&auml;tze ihr
+habt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sechs. Drei hier am Flusse hinab und drei auf
+den Inseln im Strome.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind alle Inseln hier euer Eigentum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind sie alle bewohnt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle, bis auf eine.&laquo;</p>
+
+<p>Es lag etwas in dem Tone dieser Antwort und in
+dem Gesichte des Alten, was mich aufmerksam machte; ich
+lie&szlig; mir aber nichts merken und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Wo liegt diese eine?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Grad gegen&uuml;ber von uns liegt die erste, und die ich
+meine, das ist die vierte, o Herr.&laquo;</p>
+
+<p>Ich beschlo&szlig; im stillen, auf diese Insel ein scharfes
+Auge zu haben, laut aber erkundigte ich mich:</p>
+
+<p>&raquo;Warum ist sie nicht bewohnt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil man sehr schwer zu ihr gelangen kann, da der
+Strom gef&auml;hrlich ist.&laquo;</p>
+
+<p>Hm! Dann h&auml;tte sie ja recht gut die Eigenschaft,
+als Aufenthaltsort f&uuml;r Gefangene zu dienen! So dachte
+ich und fuhr zu fragen fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele M&auml;nner sind in euerm Lager?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_464" id="Page_464">[464]</a></span>&raquo;Bist du wirklich ein Abgesandter des Scheik, o Herr?&laquo;</p>
+
+<p>Dieses Mi&szlig;trauen vermehrte nat&uuml;rlich auch das meinige.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es. Ich habe mit ihm und mit den Scheiks
+der Obe&iuml;de und der Dschowari gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was bringst du f&uuml;r eine Botschaft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Botschaft des Friedens.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum hat er keinen Mann seines Stammes gesandt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die M&auml;nner der Abu Hammed kommen gleich hinter
+mir.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollte nicht weiter in ihn dringen und ritt also
+weiter, aber ganz nahe an das Ufer des Flusses, um die
+Inseln zu z&auml;hlen. Als wir die dritte hinter uns hatten,
+machte der Flu&szlig; eine Kr&uuml;mmung, und nun lagen die
+Zelte des Lagers vor unsern Augen. Die ganze Ebene
+rings umher war von Kamelen, Rindern, Ziegen und
+Schafen angef&uuml;llt. Pferde sah ich nur wenige. Ebenso erblickte
+ich nur wenige M&auml;nner, die noch dazu alt und
+kraftlos, also ungef&auml;hrlich waren. Wir ritten in die Zeltgasse
+ein.</p>
+
+<p>Vor einem der Zelte stand ein junges M&auml;dchen, welches
+ein dort angebundenes Pferd liebkoste. Als es mich
+erblickte, stie&szlig; es einen Schrei aus, sprang zu Pferde und
+jagte davon. Sollte ich der Fl&uuml;chtigen nachreiten? Ich
+that es nicht; es w&uuml;rde auch nicht viel gefruchtet haben,
+denn ich wurde jetzt von allen umringt, welche im Lager
+anwesend waren: von Greisen, Kranken, Frauen und M&auml;dchen.
+Ein Greis legte die Hand auf den Hals meines
+Pferdes und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du, Herr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein Bote, den euch Zedar Ben Huli sendet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Scheik! Mit welcher Botschaft sendet er dich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werde ich euch sagen, wenn alle hier versammelt
+sind. Wie viele Krieger hat er hier zur&uuml;ckgelassen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_465" id="Page_465">[465]</a></span>&raquo;F&uuml;nfzehn junge M&auml;nner. Ajehma wird fortgeritten
+sein, um sie zu holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So erlaube, da&szlig; ich absteige. Du aber&laquo; &ndash; und nun
+wandte ich mich an Halef &ndash; &raquo;reite sofort weiter, denn
+die Dschowari m&uuml;ssen dieselbe Botschaft empfangen.&laquo;</p>
+
+<p>Halef wandte sein Pferd und sprengte davon.</p>
+
+<p>&raquo;Kann dein Gef&auml;hrte nicht hier bleiben, um sich auszuruhen
+und Speise zu nehmen?&laquo; fragte der Alte.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist nicht m&uuml;de und nicht hungrig, und sein Auftrag
+leidet kein Z&ouml;gern. Wo befinden sich die jungen
+Krieger?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei der Insel.&laquo;</p>
+
+<p>Ah, wieder diese Insel!</p>
+
+<p>&raquo;Was thun sie dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie&laquo; &ndash;&nbsp;&ndash; er stockte und fuhr dann fort: &ndash; &raquo;Sie
+weiden die Herde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist diese Insel weit von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Siehe, da kommen sie bereits!&laquo;</p>
+
+<p>Wirklich kam ein Trupp Bewaffneter vom Flusse her
+auf uns zugesprengt. Es waren die J&uuml;ngsten des Stammes,
+fast noch Knaben; sie und die Alten hatte man zur&uuml;ckgelassen.
+Sie hatten keine Schie&szlig;gewehre, sondern nur
+Spie&szlig;e und Keulen. Der Vorderste und zugleich auch der
+Ansehnlichste von ihnen erhob die Keule im Reiten und
+schleuderte sie nach mir, indem er rief:</p>
+
+<p>&raquo;Hund, du wagst es, zu uns zu kommen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte zum Gl&uuml;ck die B&uuml;chse vorgenommen und
+konnte mit ihrem Kolben den Wurf parieren; aber die
+Lanzen s&auml;mtlicher Knaben waren auf mich gerichtet. Ich
+machte mir nicht sehr viel daraus, gab vielmehr meinem
+Rappen die Schenkel und dr&auml;ngte ihn hart an das Ro&szlig;
+des Angreifers. Er allein von allen mochte das zwanzigste
+Jahr erreicht haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_466" id="Page_466">[466]</a></span>&raquo;Knabe, du wagst es, einen Gast deines Stammes
+anzugreifen?&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten ri&szlig; ich ihn zu mir her&uuml;ber und
+setzte ihn vor mir auf den Hengst. Er hing an meiner
+Hand mit schlaffen Gelenken wie ein Gliedermann; die
+Angst war ihm in den Leib gefahren.</p>
+
+<p>&raquo;Nun stecht, wenn ihr jemand t&ouml;ten wollt!&laquo; f&uuml;gte
+ich hinzu.</p>
+
+<p>Sie h&uuml;teten sich wohl, dies zu thun, denn er bildete
+einen Schild vor mir; aber die wackern Knaben waren
+nicht ganz unentschlossen. Einige von ihnen stiegen vom
+Pferde und versuchten, von der Seite oder von hinten an
+mich zu kommen, w&auml;hrend die andern mich vorn besch&auml;ftigten.
+Sollte ich sie verwunden? Es w&auml;re jammerschade
+gewesen. Ich dr&auml;ngte daher das Pferd hart an eines der
+Zelte, da&szlig; ich den R&uuml;cken frei bekam, und frug:</p>
+
+<p>&raquo;Was habe ich euch gethan, da&szlig; ihr mich t&ouml;ten wollt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir kennen dich,&laquo; antwortete einer. &raquo;Du sollst uns
+nicht wieder entkommen, du Mann mit der L&ouml;wenhaut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst sehr k&uuml;hn, du Knabe mit der L&auml;mmerhaut!&laquo;</p>
+
+<p>Da hob eine alte Frau heulend ihre H&auml;nde empor
+und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Ist es dieser? O, thut ihm nichts, denn er ist
+f&uuml;rchterlich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir t&ouml;ten ihn!&laquo; antwortete die Bande.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird euch zerrei&szlig;en, und dann durch die Luft
+davonreiten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde nicht davonreiten, sondern bleiben,&laquo; antwortete
+ich und schleuderte nun meinen Gefangenen mitten
+unter die Angreifenden hinein. Dann glitt ich vom Pferde
+und trat in das Zelt. Mit einem Schnitte meines Dolches
+erweiterte ich den Eingang so, da&szlig; ich das Tier, welches
+ich keiner Gefahr aussetzen wollte, zu mir hereinziehen
+<span class="pagenum"><a name="Page_467" id="Page_467">[467]</a></span>konnte. Nun war ich vor den Stichen dieser Wespen so
+ziemlich geborgen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben ihn! Hamdulillah, wir haben ihn!&laquo;
+jubelte es drau&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Umgebt das Zelt, la&szlig;t ihn nicht heraus!&laquo; rief eine
+andere Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Schie&szlig;t ihn durch die W&auml;nde tot!&laquo; ert&ouml;nte ein Ruf.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, wir fangen ihn lebendig. Er hat den Rappen
+bei sich; den d&uuml;rfen wir nicht verletzen; der Scheik will
+ihn haben!&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; sich keiner zu mir hereinwagen w&uuml;rde, konnte
+ich mir denken; daher setzte ich mich gem&uuml;tlich nieder und
+langte nach dem kalten Fleisch, welches auf einer Platte
+in meiner N&auml;he lag. &Uuml;brigens dauerte diese unfreiwillige
+Einquartierung nicht sehr lange; Halef hatte sein Pferd
+angestrengt, und gar bald erdr&ouml;hnte der Boden unter dem
+Galoppe von drei&szlig;ig Berittenen.</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm &ndash; Gott sei uns gn&auml;dig!&laquo; h&ouml;rte ich
+rufen. &raquo;Das sind Feinde!&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat aus dem Zelte. Von der ganzen Bev&ouml;lkerung
+des Lagers war nicht eine einzige Person mehr zu
+sehen. Alle hatten sich in die Zelte verkrochen.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi!&laquo; rief laut die Stimme Halefs.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, Hadschi Halef Omar!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat man dir etwas gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Besetzt das Lager, da&szlig; niemand entkommt!
+Wer zu entfliehen sucht, wird niedergesto&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>Diese Worte waren laut genug gesprochen, um von
+allen geh&ouml;rt zu werden. Ich wollte nur drohen. Dann
+sandte ich Halef von einem Zelte zum andern, um s&auml;mtliche
+Greise herbeizuf&uuml;hren; die f&uuml;nfzehn Knaben brauchte
+ich nicht. Es dauerte lange, bis die Alten beisammen
+waren; sie hatten sich versteckt und kamen nur mit Zittern
+<span class="pagenum"><a name="Page_468" id="Page_468">[468]</a></span>und Zagen herbei. Als sie in &auml;ngstlicher Erwartung
+um mich herum sa&szlig;en, begann ich die Unterhaltung.</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr die T&auml;ttowierung meiner Leute auch
+gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So habt ihr ihren Stamm erkannt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Es sind Haddedihn, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind eure Krieger?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst es wissen, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich wei&szlig; es, und ich will es euch sagen: Alle
+sind gefangen von den Haddedihn, und nicht ein einziger
+ist entkommen.&raquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Allah m&ouml;ge ihnen und euch gn&auml;dig sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er l&uuml;gt!&laquo; fl&uuml;sterte einer von ihnen, dem das Alter
+den Mut noch nicht geknickt hatte.</p>
+
+<p>Ich drehte mich zu ihm:</p>
+
+<p>&raquo;Du sagst, da&szlig; ich l&uuml;ge? Dein Haar ist grau, und
+dein R&uuml;cken beugt sich unter der Last der Jahre; daher
+will ich dir die Worte verzeihen. Warum meinst du, da&szlig;
+ich dich bel&uuml;ge?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnen die Haddedihn drei ganze St&auml;mme gefangen
+nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du w&uuml;rdest es glauben, wenn du w&uuml;&szlig;test, da&szlig; sie
+nicht allein gewesen sind. Sie waren mit den Abu Mohammed
+und den Alabe&iuml;de verbunden. Sie wu&szlig;ten alles, und
+als ich von euren Kriegern gefangen genommen wurde,
+kam ich von den Abu Mohammed, wo ich gewesen war,
+um den Krieg mit ihnen zu besprechen. Im Wadi Deradsch
+haben wir die Euren empfangen, und es ist kein einziger
+entkommen. H&ouml;rt, welchen Befehl ich gebe!&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat unter den Eingang des Zeltes, in welchem
+wir uns befanden, und winkte Halef herbei.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_469" id="Page_469">[469]</a></span>&raquo;Reite zur&uuml;ck und hole die gefangenen Abu Hammed
+herbei!&laquo;</p>
+
+<p>Sie erschraken jetzt wirklich, und der Alte fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Ist es m&ouml;glich, Herr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage die Wahrheit. Die s&auml;mtlichen Krieger eures
+Stammes sind in unserer Hand. Entweder werden sie get&ouml;tet
+oder ihr bezahlt das L&ouml;segeld, welches f&uuml;r sie gefordert
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch Scheik Zedar Ben Huli ist gefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch er.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So h&auml;ttest du wegen des L&ouml;segeldes mit ihm reden
+sollen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es gethan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sagte er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er will es zahlen und hat mir vierzig von euren
+Leuten mitgegeben, welche jetzt kommen, um es zu holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah sch&uuml;tze uns! Wie hoch ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das werdet ihr h&ouml;ren. Wie viel St&uuml;ck z&auml;hlen eure
+Herden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wissen es nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr l&uuml;gt! Ein jeder kennt die Zahl der Tiere,
+welche seinem Stamm geh&ouml;ren. Wie viel Pferde habt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwanzig, au&szlig;er denen, die mit in den Kampf gezogen
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese sind f&uuml;r euch verloren. Wie viele Kamele?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dreihundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rinder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zw&ouml;lfhundert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Esel und Maultiere?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht drei&szlig;ig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schafe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neuntausend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Euer Stamm ist nicht reich. Das L&ouml;segeld wird
+<span class="pagenum"><a name="Page_470" id="Page_470">[470]</a></span>betragen: zehn Pferde, hundert Kamele, dreihundert Rinder,
+zehn Esel und Maultiere und zweitausend Schafe.&laquo;</p>
+
+<p>Da erhoben die Alten ein f&uuml;rchterliches Wehgeheul.
+Sie thaten mir allerdings sehr leid, aber ich konnte ja
+nichts &auml;ndern, und wenn ich diese Ziffern mit denen verglich,
+welche unter andern Verh&auml;ltnissen aufgestellt worden
+w&auml;ren, so f&uuml;hlte ich mich in meinem Gewissen vollst&auml;ndig
+beruhigt. Um dem Jammergeschrei ein Ende zu machen,
+rief ich in etwas barschem Tone:</p>
+
+<p>&raquo;Still! Scheik Zedar Ben Huli hat es genehmigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnen so viel nicht geben!&laquo; lautete die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt es! Was man geraubt hat, das kann
+man sehr leicht wieder hergeben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben nichts geraubt. Warum willst du uns
+f&uuml;r Haremi<a name="FNanchor_165_165" id="FNanchor_165_165"></a><a href="#Footnote_165_165" class="fnanchor">[165]</a> halten?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_165_165" id="Footnote_165_165"></a><a href="#FNanchor_165_165"><span class="label">[165]</span></a> R&auml;uber. Dieses Wort ist &uuml;brigens eine Ehrenbezeichnung bei den Beduinen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Seid still! Wurde ich nicht selbst von euch angefallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geschah zum Scherze, Herr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann treibt ihr einen gef&auml;hrlichen Scherz. Wie
+viele Weidepl&auml;tze habt ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sechs.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch auf Inseln?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch auf der Insel, bei welcher vorhin eure jungen
+M&auml;nner waren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man sagte mir doch, da&szlig; sie dort die Herden weideten!
+Ihr habt den Mund ganz voller Unwahrheit! Wer
+befindet sich auf dieser Insel?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sahen sich verlegen an, dann antwortete der
+Sprecher:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_471" id="Page_471">[471]</a></span>&raquo;Es sind M&auml;nner da.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r M&auml;nner?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fremde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind sie her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wissen es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer wei&szlig; es sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur der Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat diese M&auml;nner zu euch gebracht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsere Krieger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eure Krieger! Und nur der Scheik wei&szlig; es, wo
+sie her sind? Ich sehe, da&szlig; ich von euch dreitausend Schafe
+verlangen mu&szlig; &ndash; statt zweitausend! Oder wollt ihr nicht
+lieber sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, wir d&uuml;rfen nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Scheik w&uuml;rde uns bestrafen. Sei barmherzig
+mit uns!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt recht; ich will euch diese Verlegenheit ersparen.&laquo;</p>
+
+<p>Da kam es zwischen den Zelten herangetrabt: es
+waren die Gefangenen mit ihrer Bedeckung. Bei diesem
+Anblick erhob sich, ohne da&szlig; sich jemand sehen lie&szlig;, in
+allen Zelten ein gro&szlig;es Klagegeschrei. Ich stand auf.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt k&ouml;nnt ihr sehen, da&szlig; ich die Wahrheit gesprochen
+habe. Vierzig von euren Kriegern sind da, um
+das L&ouml;segeld zu holen. Geht jetzt in die Zelte und holt
+alle Bewohner des Lagers hinaus vor dasselbe; es soll
+ihnen nichts geschehen, aber ich habe mit ihnen zu reden.&laquo;</p>
+
+<p>Es machte einige M&uuml;he, diese Menge von Greisen,
+Frauen und Kindern zu versammeln. Als sie beisammen
+waren, trat ich zu den Gefangenen:</p>
+
+<p>&raquo;Seht hier eure V&auml;ter, eure M&uuml;tter, Schwestern und
+Kinder! Sie sind in meiner Hand und ich werde sie gefangen
+<span class="pagenum"><a name="Page_472" id="Page_472">[472]</a></span>fortf&uuml;hren, wenn ihr den Befehlen ungehorsam
+seid, die ihr jetzt erhaltet. Ihr habt sechs Weidepl&auml;tze,
+die alle in der N&auml;he sind. Ich teile euch in sechs Haufen,
+von denen sich ein jeder unter der Aufsicht meiner Krieger
+nach einem der Pl&auml;tze begiebt, um die Tiere hierher zu
+treiben. In einer Stunde m&uuml;ssen alle Herden hier beisammen
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>Wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Abu Hammed
+verteilten sich unter der Aufsicht der Haddedihn, und
+nur zw&ouml;lf M&auml;nner behielt ich von den letzteren zur&uuml;ck.
+Bei ihnen war Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde mich jetzt entfernen, Halef,&laquo; sagte ich ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin, Sihdi?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Nach der Insel. Du wirst hier auf Ordnung sehen
+und dann sp&auml;ter die Auswahl der Tiere leiten. Sorge
+daf&uuml;r, da&szlig; diesen armen Leuten nicht blo&szlig; die besten genommen
+werden. Die Ausscheidung soll gerecht geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben es nicht verdient, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich will es so. Verstehst du, Halef?&laquo;</p>
+
+<p>Master Lindsay kam heran.</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr gefragt, Sir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht vergessen, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich habe Euch wieder einen Posten anzuvertrauen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em> Welchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seht darauf, da&szlig; keine dieser Frauen entflieht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn eine von ihnen Miene macht, davon zu laufen,
+so&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schie&szlig;e ich sie nieder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O nein, Mylord!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was denn?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_473" id="Page_473">[473]</a></span>&raquo;So la&szlig;t Ihr sie laufen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well</em>, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>Diese zwei Worte brachte er heraus, aber den Mund
+brachte er nicht wieder zu. Ich war &uuml;brigens fest &uuml;berzeugt,
+da&szlig; schon der blo&szlig;e Anblick von Sir David Lindsay
+den Frauen jede Absicht zur Flucht benehmen werde. In
+seinem karrierten Anzuge mu&szlig;te er ihnen wie ein Ungeheuer
+vorkommen.</p>
+
+<p>Jetzt nahm ich zwei Haddedihn mit mir und schritt
+dem Flusse zu. Hier hatte ich die vierte Insel vor mir.
+Sie war lang und schmal und mit dichtem Rohr bewachsen,
+welches die H&ouml;he eines Mannes weit &uuml;berragte. Ich
+konnte kein lebendes Wesen erblicken, aber sie barg ein
+Geheimnis, das ich unbedingt ergr&uuml;nden mu&szlig;te. Da&szlig; ich
+keinen der Abu Hammed mitgenommen hatte, war geschehen,
+um niemand f&uuml;r sp&auml;tere Zeit in Schaden zu
+bringen.</p>
+
+<p>&raquo;Sucht nach einem Flo&szlig;!&laquo; gebot ich den beiden.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach dieser Insel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Emir, das ist nicht m&ouml;glich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du nicht die rei&szlig;ende Str&ouml;mung zu ihren
+beiden Seiten? Es w&uuml;rde jedes Flo&szlig; an ihr zerschellen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann hatte recht, aber dennoch hegte ich die
+&Uuml;berzeugung, da&szlig; irgend ein Verkehr zwischen dem Ufer
+und dieser Insel stattfinden m&uuml;sse, und als ich sch&auml;rfer
+hinblickte, bemerkte ich, da&szlig; an ihrer oberen Spitze das
+Rohr niedergetreten war.</p>
+
+<p>&raquo;Blickt dahin! Seht ihr nicht, da&szlig; dort Menschen
+gewesen sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint so, Emir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mu&szlig; auch ein Fahrzeug vorhanden sein.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_474" id="Page_474">[474]</a></span>&raquo;Es w&uuml;rde zerschellen; das ist sicher!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sucht!&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen nach rechts und links am Ufer hinab und
+hinauf, kehrten aber unverrichteter Sache zur&uuml;ck. Jetzt
+suchte ich selbst mit, lange vergeblich. Endlich aber entdeckte
+ich &ndash;&nbsp;&ndash; zwar kein Flo&szlig; und keinen Kahn, aber
+eine Vorrichtung, deren Zweck mir sofort einleuchtete.
+An den Stamm eines Baumes, welcher oberhalb der Insel
+hart am Wasser stand, war ein langes, starkes Palmfaserseil
+befestigt. Das eine Ende desselben schlang sich um
+den Stamm, das Seil selbst aber war unter dem daneben
+wuchernden dichten Gestr&uuml;pp versteckt. Als ich es hervorzog,
+zeigte sich an dem andern Ende ein jetzt zusammengesunkener
+Schlauch, aus einer Bockshaut gefertigt, und
+&uuml;ber demselben war ein Querholz angebracht, welches
+jedenfalls dazu dienen sollte, sich mit den H&auml;nden daran
+festzuhalten.</p>
+
+<p>&raquo;Seht, hier ist das Flo&szlig;. Dieses kann allerdings
+nicht zerschellen. Ich werde hin&uuml;berschwimmen, w&auml;hrend
+ihr hier wacht, da&szlig; ich nicht gest&ouml;rt werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gef&auml;hrlich, Emir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Andere sind auch hin&uuml;bergekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich warf die Oberkleider ab und blies den Schlauch
+auf. Die &Ouml;ffnung wurde mit einer daran befestigten
+Schnur verschlossen.</p>
+
+<p>&raquo;Haltet das Seil und la&szlig;t es langsam durch die
+H&auml;nde laufen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich fa&szlig;te das Querholz fest und glitt in das Wasser.
+Sofort ergriff mich die Str&ouml;mung, welche so stark war,
+da&szlig; ein Mann alle seine Kr&auml;fte anstrengen mu&szlig;te, um
+das Seil halten zu k&ouml;nnen. Einen Menschen von dr&uuml;ben
+her&uuml;ber holen, dazu geh&ouml;rten wohl die vereinigten Kr&auml;fte
+von mehreren M&auml;nnern. Ich mu&szlig;te nach jenseits der
+<span class="pagenum"><a name="Page_475" id="Page_475">[475]</a></span>Insel halten; es gelang, und ich landete gl&uuml;cklich, obgleich
+ich einen t&uuml;chtigen Sto&szlig; erhielt. Meine erste Sorge war,
+das Seil so zu befestigen, da&szlig; es mir nicht abhanden
+kommen konnte; dann ergriff ich den Dolch, welchen ich
+zu mir gesteckt hatte.</p>
+
+<p>Von der Spitze der Insel f&uuml;hrte durch das Rohrdickicht
+ein schmaler, ausgetretener Pfad, auf welchem ich
+bald vor eine kleine, aus Bambus, Schilf und Binsen
+gefertigte H&uuml;tte kam. Sie war so niedrig, da&szlig; kein
+Mensch in ihr zu stehen vermochte. Ihr Inneres enthielt
+nichts als einige Kleidungsst&uuml;cke. Ich betrachtete dieselben
+genau und bemerkte, da&szlig; es die zerfetzten Anz&uuml;ge von drei
+M&auml;nnern waren. Keine Spur zeigte, da&szlig; die Besitzer
+derselben noch vor kurzer Zeit hier anwesend gewesen
+seien; aber der Pfad f&uuml;hrte weiter.</p>
+
+<p>Ich folgte ihm, und bald war es mir, als ob ich
+ein St&ouml;hnen h&ouml;rte. Ich hastete vorw&auml;rts und gelangte
+an eine Stelle, wo das Rohr abgehauen war. Auf dieser
+kleinen Bl&ouml;&szlig;e bemerkte ich &ndash;&nbsp;&ndash; drei Menschenk&ouml;pfe,
+welche mit dem Halse auf den Erdboden gestellt waren;
+so wenigstens schien es mir. Sie waren ganz unf&ouml;rmlich
+aufgeschwollen, und die Ursache davon lie&szlig; sich sehr leicht
+erkennen; denn bei meiner Ankunft erhob sich eine dichte
+Wolke von Moskitos und Schnaken in die Luft. Augen
+und Mund waren geschlossen. Waren das Totenk&ouml;pfe,
+welche man aus irgend einem Grunde hierher gestellt hatte?</p>
+
+<p>Ich b&uuml;ckte mich nieder und ber&uuml;hrte einen derselben.
+Da hauchte ein leiser Wehelaut zwischen den Lippen hervor,
+und die Augen &ouml;ffneten sich und starrten mich mit
+einem gl&auml;sernen Blick an. Ich war wohl in meinem
+Leben selten &uuml;ber ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte
+ich mich so sehr, da&szlig; ich mehrere Schritte zur&uuml;ckwich.</p>
+
+<p>Ich trat wieder n&auml;her und untersuchte die Sache.
+<span class="pagenum"><a name="Page_476" id="Page_476">[476]</a></span>Wahrhaftig, drei M&auml;nner waren eingegraben, lebendig
+eingegraben in den feuchten, fauligen Boden bis an die
+K&ouml;pfe.</p>
+
+<p>&raquo;Wer seid ihr?&laquo; fragte ich laut.</p>
+
+<p>Da &ouml;ffneten alle drei die Augen und stierten mich
+mit wahnsinnigen Blicken an. Die Lippen des einen
+thaten sich auf:</p>
+
+<p>&raquo;Oh Adi!&laquo; &auml;chzte er langsam.</p>
+
+<p>Adi? Ist dies nicht der Name des gro&szlig;en Heiligen
+der Dschesidi, der sogenannten Teufelsanbeter?</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat euch hierher gebracht?&laquo; fragte ich weiter.</p>
+
+<p>Wieder &ouml;ffnete sich der Mund, aber er war nicht
+mehr im stande, einen Laut h&ouml;ren zu lassen. Ich arbeitete
+mich durch das dichte R&ouml;hricht nach dem Ufer der Insel
+und f&uuml;llte beide H&auml;nde mit Wasser. Rasch kehrte ich
+zur&uuml;ck und fl&ouml;&szlig;te das Na&szlig; den Gemarterten ein. Sie
+schl&uuml;rften es mit Gier. Ich konnte nur wenig auf einmal
+bringen, da es mir unterwegs zwischen den Fingern
+durchtropfte, und so mu&szlig;te ich sehr oft hin und her gehen,
+ehe sie ihren f&uuml;rchterlichen Durst gestillt hatten.</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es hier eine Hacke?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Mitgenommen,&laquo; fl&uuml;sterte der eine.</p>
+
+<p>Ich rannte nach der oberen Spitze der Insel. Dr&uuml;ben
+standen noch meine Begleiter. Ich legte die Hand an den
+Mund, um das Rauschen des Wassers zu &uuml;bert&ouml;nen, und
+rief ihnen zu:</p>
+
+<p>&raquo;Holt einen Spaten, eine Hacke und die drei Engl&auml;nder,
+aber ganz heimlich!&laquo;</p>
+
+<p>Sie verschwanden. Halef durfte ich nicht herbescheiden,
+weil er dr&uuml;ben notwendig war. Ich wartete mit
+Ungeduld &ndash; endlich aber erschienen die Haddedihn mit
+den drei Verlangten und auch mit einem Werkzeuge,
+welches einer Hacke &auml;hnlich sah.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_477" id="Page_477">[477]</a></span>&raquo;Sir David Lindsay!&laquo; rief ich hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes!</em>&laquo; antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Schnell her&uuml;ber! Bill und der andere auch! Bringt
+die Hacke mit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Hacke? Fowling-bulls gefunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden sehen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich machte den Schlauch los und schob ihn in das
+Wasser.</p>
+
+<p>&raquo;Zieht an!&laquo;</p>
+
+<p>Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel.</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Warten! Erst die anderen auch her&uuml;ber!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em>&laquo;</p>
+
+<p>Er winkte den Leuten dr&uuml;ben, sich zu sputen, und
+endlich standen die beiden kr&auml;ftigen Burschen an unserer
+Seite. Bill hatte die Hacke bei sich. Ich befestigte den
+Schlauch wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Endlich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sir David Lindsay, wollt Ihr mir verzeihen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine Fowling-bulls gefunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine?&laquo; &ndash; Er blieb stehen und ri&szlig; den Mund weit
+auf. &raquo;Keine? Ah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich habe etwas ganz Entsetzliches entdeckt!
+Kommt!&laquo;</p>
+
+<p>Ich ergriff die Hacke und schritt voran.</p>
+
+<p>Mit einem Ausrufe des Entsetzens prallte der Engl&auml;nder
+zur&uuml;ck, als wir den Platz erreichten. Jetzt war
+der Anblick allerdings fast noch schrecklicher als vorher,
+da die drei die Augen offen hatten und die K&ouml;pfe bewegten,
+um den Insektenschwarm von sich abzuhalten.</p>
+
+<p>&raquo;Man hat sie eingegraben!&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_478" id="Page_478">[478]</a></span>&raquo;Wer?&laquo; fragte Lindsay.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; es nicht, werden es erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>Ich gebrauchte die Hacke mit solcher Hast, und die
+andern scharrten und kratzten mit den H&auml;nden dazu, da&szlig;
+wir bereits nach einer Viertelstunde die drei Ungl&uuml;cklichen
+vor uns liegen hatten. Sie waren von allen Kleidern
+entbl&ouml;&szlig;t, und die H&auml;nde und F&uuml;&szlig;e hatte man ihnen mit
+Baststricken zusammengebunden. Ich wu&szlig;te, da&szlig; die
+Araber ihre Kranken bei gewissen schlimmen Krankheiten
+bis an den Kopf in die Erde graben und diesem sogenannten
+&raquo;Einpacken&laquo; eine bedeutende Heilkraft zuschreiben;
+aber diese M&auml;nner waren gefesselt, also nicht krank gewesen.</p>
+
+<p>Wir trugen sie an das Wasser und &uuml;berspritzten sie.
+Dies erfrischte ihre Lebensgeister.</p>
+
+<p>&raquo;Wer seid ihr?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Baadri!&laquo; klang die Antwort.</p>
+
+<p>Baadri? Das war ja der Name eines Dorfes, welches
+ausschlie&szlig;lich von Teufelsanbetern bewohnt wurde! Ich
+hatte also doch wohl mit meinen Vermutungen das Richtige
+getroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Hin&uuml;ber mit ihnen!&laquo; befahl ich.</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo; frug der Engl&auml;nder.</p>
+
+<p>&raquo;Ich schwimme zuerst hin&uuml;ber, um ziehen zu helfen,
+und nehme zugleich ihre Kleider mit. Ihr kommt dann
+nach, ein jeder mit einem von ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em> Wird aber nicht leicht sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr nehmt ihn quer vor euch &uuml;ber die Arme.&laquo;</p>
+
+<p>Ich rollte die Kleider wie einen Turban zusammen
+und nahm diesen auf den Kopf. Dann lie&szlig; ich mich an
+das Ufer ziehen. Was nun kam, das war f&uuml;r mich und
+die beiden Haddedihn eine sehr harte Arbeit, f&uuml;r die andern
+aber au&szlig;erordentlich gef&auml;hrlich; dennoch gelang es uns,
+alle sechs gl&uuml;cklich an das Ufer zu bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_479" id="Page_479">[479]</a></span>&raquo;Zieht ihnen die Kleider an! Dann bleiben sie heimlich
+hier liegen. Ihr, Sir David, werdet ihnen im stillen
+Nahrung bringen, w&auml;hrend die andern sie bewachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Well!</em> Fragt, wer sie eingegraben hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Scheik nat&uuml;rlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tot schlagen den Kerl!&laquo;</p>
+
+<p>Dieses letzte Abenteuer hatte &uuml;ber eine Stunde Zeit
+in Anspruch genommen. Als wir das Lager erreichten,
+wimmelte die Ebene von Tausenden von Tieren. Das
+Gesch&auml;ft des Ausw&auml;hlens war ein schwieriges, doch der
+kleine Hadschi Halef Omar war seiner Aufgabe vollst&auml;ndig
+gewachsen. Er hatte meinen Hengst bestiegen, nat&uuml;rlich
+mit der Absicht, schneller vorw&auml;rts zu kommen und nebenbei
+ein wenig bewundert zu werden, und war all&uuml;berall
+zu sehen. Die Haddedihn waren ganz begeistert f&uuml;r ihre
+Arbeit, die gefangenen Abu Hammed aber, welche ihnen
+helfen mu&szlig;ten, konnten den stillen Grimm in ihren Mienen
+nicht verbergen. Und nun gar da, wo die Weiber und
+Greise sa&szlig;en, da flo&szlig;en hei&szlig;e Thr&auml;nen, und mancher halblaute
+Fluch stahl sich zwischen den Lippen hervor. Ich
+trat zu der Weibergruppe. Ich hatte da eine Frau bemerkt,
+welche mit einer heimlichen Befriedigung dem
+Treiben meiner Leute zusah. Hatte sie einen Groll gegen
+den Scheik im Herzen?</p>
+
+<p>&raquo;Folge mir!&laquo; gebot ich ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Herr, sei gn&auml;dig! Ich habe nichts gethan!&laquo; flehte
+sie erschrocken.</p>
+
+<p>&raquo;Es soll dir nichts geschehen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hrte sie in das leere Zelt, in welchem ich mich
+bereits vorhin befunden hatte. Dort stellte ich mich vor
+sie hin, sah ihr scharf in die Augen und fragte sie:</p>
+
+<p>&raquo;Du hast einen Feind in deinem Stamme?&laquo;</p>
+
+<p>Sie blickte &uuml;berrascht empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_480" id="Page_480">[480]</a></span>&raquo;Herr, woher wei&szlig;t du es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sei offen! Wer ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst es ihm wieder sagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn er ist auch mein Feind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist es, der ihn besiegt hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es. Du hassest den Scheik Zedar Ben
+Huli?&laquo;</p>
+
+<p>Da blitzte ihr dunkles Auge auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr, ich hasse ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hasse ihn, weil er mir den Vater meiner Kinder
+t&ouml;ten lie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Herr wollte nicht stehlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil der Scheik den gr&ouml;&szlig;ten Teil des Raubes erh&auml;lt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist arm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Oheim meiner Kinder hat mich zu sich genommen;
+auch er ist arm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele Tiere hat er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Rind und zehn Schafe; er wird sie heute hergeben
+m&uuml;ssen, denn wenn der Scheik zur&uuml;ckkehrt, so werden
+wir den ganzen Verlust zu tragen haben. Der Scheik
+wird nicht arm, sondern nur der Stamm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er soll nicht zur&uuml;ckkehren, wenn du aufrichtig bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, sagst du die Wahrheit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage sie. Ich werde ihn als Gefangenen zur&uuml;ckbehalten
+und den Abu Hammed einen Scheik geben, welcher
+gerecht und ehrlich ist. Der Ohm deiner Kinder soll heute
+behalten, was er hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, deine Hand ist voll von Barmherzigkeit. Was
+willst du von mir wissen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kennst die Insel da dr&uuml;ben im Flusse?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_481" id="Page_481">[481]</a></span>Sie erbleichte.</p>
+
+<p>&raquo;Warum fragst du nach ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich mit dir von ihr sprechen will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O thue das nicht, Herr, denn wer ihr Geheimnis
+verr&auml;t, den wird der Scheik t&ouml;ten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du mir das Geheimnis sagst, so wird er nicht
+wiederkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist dies wirklich wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaube mir! Also wozu dient die Insel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist der Aufenthalt der Gefangenen des Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welcher Gefangenen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er f&auml;ngt die Reisenden weg, welche &uuml;ber die Ebene
+oder auf dem Wasser kommen, und nimmt ihnen alles
+ab. Wenn sie nichts besitzen, so t&ouml;tet er sie; wenn sie
+aber reich sind, so beh&auml;lt er sie bei sich, um ein L&ouml;segeld
+zu erpressen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann kommen sie auf die Insel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, in die Schilfh&uuml;tte. Sie k&ouml;nnen nicht entfliehen,
+denn es werden ihnen die H&auml;nde und die F&uuml;&szlig;e gebunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn dann der Scheik das L&ouml;segeld erhalten hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So t&ouml;tet er sie dennoch, um nicht verraten zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn sie es nicht zahlen wollen oder nicht
+zahlen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So martert er sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Worin bestehen die Qualen, die er ihnen bereitet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat ihrer viele. Oft aber l&auml;&szlig;t er sie eingraben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer macht den Kerkermeister?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er und seine S&ouml;hne.&laquo;</p>
+
+<p>Der, welcher mich gefangen genommen hatte, war
+auch sein Sohn; ich hatte ihn unter den Gefangenen im
+Wadi Deradsch bemerkt. Darum fragte ich:</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele S&ouml;hne hat der Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_482" id="Page_482">[482]</a></span>&raquo;Ist einer von ihnen hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Derjenige, welcher dich t&ouml;ten wollte, als du in das
+Lager kamst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind jetzt Gefangene auf der Insel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei oder drei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht. Das erfahren nur diejenigen
+M&auml;nner, welche bei dem Fange waren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sind sie in seine H&auml;nde gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kamen auf einem Kellek<a name="FNanchor_166_166" id="FNanchor_166_166"></a><a href="#Footnote_166_166" class="fnanchor">[166]</a> den Flu&szlig; herab und
+legten des Abends nicht weit von hier an das Ufer an.
+Da hat er sie &uuml;berfallen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_166_166" id="Footnote_166_166"></a><a href="#FNanchor_166_166"><span class="label">[166]</span></a> Flo&szlig;.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sann ein wenig nach und meinte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Wohl beinahe zwanzig Tage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hat er sie behandelt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr hier viele Tachterwahns<a name="FNanchor_167_167" id="FNanchor_167_167"></a><a href="#Footnote_167_167" class="fnanchor">[167]</a>?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_167_167" id="Footnote_167_167"></a><a href="#FNanchor_167_167"><span class="label">[167]</span></a> Frauenk&ouml;rbe, von Kamelen getragen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Es sind mehrere vorhanden.&laquo;</p>
+
+<p>Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldst&uuml;cke
+hervor. Sie geh&ouml;rten zu den M&uuml;nzen, welche ich
+in den Satteltaschen des Abu-Se&iuml;f gefunden hatte. Sein
+herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet; das
+Geld aber war mir bis heute geblieben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir! Hier hast du!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Herr, deine Gnade ist gr&ouml;&szlig;er als&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke nicht,&laquo; unterbrach ich sie. &raquo;Ist der Oheim
+deiner Kinder mit gefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann,
+der das schwarze Pferd reitet, und sage ihm von mir,
+<span class="pagenum"><a name="Page_483" id="Page_483">[483]</a></span>da&szlig; er dir deine Tiere geben soll. Der Scheik wird nicht
+zur&uuml;ckkehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Herr &ndash;&nbsp;&ndash;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was
+wir gesprochen haben!&laquo;</p>
+
+<p>Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus.
+Man war mit dem Abz&auml;hlen der Tiere beinahe fertig
+geworden. Ich suchte Halef auf. Er kam, als ich ihm
+winkte, auf mich zugeritten.</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef
+Omar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte ihn an meine Beine gew&ouml;hnen, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird sich nicht sehr vor ihnen f&uuml;rchten. H&ouml;re,
+Halef, es wird ein Weib kommen und ein Rind und zehn
+Schafe zur&uuml;ckverlangen. Die giebst du ihr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehorche, Effendi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;re weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier
+aus dem Lager und sattelst drei Kamele mit ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer soll hinein kommen, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schau hin&uuml;ber nach dem Flusse. Siehst du das
+Geb&uuml;sch und den Baum da rechts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe beides.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort liegen drei kranke M&auml;nner, welche in die K&ouml;rbe
+kommen sollen. Gehe in das Zelt des Scheik; es ist dein
+mit allem, was sich darin befindet. Nimm Decken davon
+weg und lege sie in die K&ouml;rbe, damit die Kranken weich
+liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren,
+wen die Kamele tragen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, Sihdi, da&szlig; ich alles thue, was du befiehlst;
+aber ich kann so viel nicht allein thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die drei Engl&auml;nder sind dort und auch zwei Haddedihn.
+Sie werden dir helfen. Gieb mir jetzt den Hengst;
+ich werde die Aufsicht wieder &uuml;bernehmen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_484" id="Page_484">[484]</a></span>Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. W&auml;hrend
+alle Anwesenden ihre Aufmerksamkeit auf die Herden
+gerichtet hatten, war es Halef gelungen, die Kranken unbemerkt
+auf die Kamele zu bringen. Die ganze, lange
+Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich
+nach dem jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner
+Keule bewillkommnet hatte. Ich sah ihn inmitten seiner
+Kameraden stehen und ritt zu ihm heran. Lindsay stand
+mit seinen Dienern ganz in der N&auml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener
+nicht so etwas wie eine Schnur bei Euch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denke, da&szlig; hier viele Stricke sind.&laquo;</p>
+
+<p>Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme
+gelassen werden sollten. Sie waren mit Leinen an die
+Zeltstangen gebunden. Mit einigen Schnitten l&ouml;ste er
+mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?&laquo;</p>
+
+<p>Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.</p>
+
+<p>&raquo;Sehe ihn, Sir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diesen &uuml;bergebe ich Euch. Er hatte die drei Ungl&uuml;cklichen
+zu beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen.
+Bindet ihm die H&auml;nde sehr fest auf den R&uuml;cken und befestigt
+dann den Strick an Euren Sattel oder an den
+Steigb&uuml;gel; er mag ein wenig laufen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Yes</em>, Sir! Sehr sch&ouml;n!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir
+das Wadi Deradsch erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat es verdient!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind
+wir geschiedene Leute, und Ihr m&ouml;gt sehen, wo Fowling-bulls
+zu finden sind!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vorw&auml;rts also!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_485" id="Page_485">[485]</a></span>Der Engl&auml;nder trat zu dem J&uuml;ngling heran und
+legte ihm die Hand auf die Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">I have the honour, Mylord!</em> Mitgehen, Galgenstrick!&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm
+kunstgerecht die H&auml;nde. Der J&uuml;ngling war im ersten
+Augenblick verbl&uuml;fft, dann aber drehte er sich zu mir
+herum.</p>
+
+<p>&raquo;Was soll das sein, Emir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mit uns gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!&laquo;</p>
+
+<p>Da dr&auml;ngte sich ein altes Weib herbei.</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem
+Sohne thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird uns begleiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner
+Gespielen, der Stolz seines Stammes? Was hat er gethan,
+da&szlig; du ihn bindest wie einen M&ouml;rder, den die Blutrache
+ereilt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann
+vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt
+davon. Ich hatte erst Mitleid mit dem so schwer bestraften
+Stamme gehabt, jetzt aber widerte mich jedes Gesicht desselben
+an, und als wir das Lager und das Wehegeheul
+hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer
+R&auml;uberh&ouml;hle entronnen sei.</p>
+
+<p>Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze
+des Zuges gestellt. Ich ritt zu ihm heran.</p>
+
+<p>&raquo;Liegen sie bequem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben sie gegessen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Milch getrunken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um so besser. K&ouml;nnen sie reden?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_486" id="Page_486">[486]</a></span>&raquo;Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in
+einer Sprache, welche ich nicht verstehe, Effendi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird Kurdisch sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kurdisch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich halte sie f&uuml;r Teufelsanbeter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, beh&uuml;te uns
+vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Wie kann man den
+Teufel anbeten, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt.
+Sie sind sehr brave, sehr flei&szlig;ige und ehrliche Leute, halb
+Christen und halb Muselm&auml;nner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem
+verstehen kann. Kannst du sie sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>Er fuhr beinahe erschrocken auf.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit
+der ihrigen ist; vielleicht, da&szlig; ich da einige Worte finde
+mich ihnen verst&auml;ndlich zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, da&szlig; ich recht hatte, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur Gott wei&szlig; alles; das Wissen der Menschen
+aber ist St&uuml;ckwerk. Wei&szlig; ich doch nicht einmal, wie Hanneh,
+das Licht deiner Augen, mit ihrem Halef zufrieden ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann
+Mohammed, dann der Teufel, den du ihr an der Kette
+geschenkt hast, und dann kommt aber gleich Hadschi Halef
+Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
+Gossarah.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also nach dem Teufel kommst du!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht nach dem Sche&iuml;tan, sondern nach deinem Geschenk,
+Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_487" id="Page_487">[487]</a></span>&raquo;So sei ihr dankbar und gehorche ihr!&laquo;</p>
+
+<p>Nach dieser Vermahnung lie&szlig; ich den kleinen Mann
+allein.</p>
+
+<p>Es versteht sich ganz von selbst, da&szlig; unsere R&uuml;ckreise
+wegen der Tiere viel langsamer von statten ging, als die
+Hinreise. Bei Sonnenuntergang erreichten wir eine Stelle,
+welche noch unterhalb Dschebbar lag und sich, da sie mit
+Blumen und &uuml;ppigem Gr&uuml;n &uuml;berdeckt war, sehr gut zum
+Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl
+die Herden als auch die Abu Hammed zu &uuml;berwachen;
+ich traf also die n&ouml;tigen Ma&szlig;regeln. Ich hatte mich am
+sp&auml;ten Abend bereits zum Schlafe eingeh&uuml;llt, als Sir
+Lindsay noch einmal herbeikam.</p>
+
+<p>&raquo;Entsetzlich! F&uuml;rchterlich, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Unbegreiflich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der? <em class="antiqua">No!</em> Liegt fest angebunden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hauptsache vergessen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun? Redet nur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tr&uuml;ffeln!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt mu&szlig;te ich hellauf lachen.</p>
+
+<p>&raquo;O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im
+Lager der Abu Hammed ganze S&auml;cke voll davon stehen sah.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo nun Tr&uuml;ffeln her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden morgen Tr&uuml;ffeln haben, verla&szlig;t Euch
+darauf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n! Gute Nacht, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen
+zu haben. Am andern Morgen stand ich schon fr&uuml;h bei
+ihnen. Die K&ouml;rbe waren so gestellt, da&szlig; ihre Insassen
+einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein wenig besser
+<span class="pagenum"><a name="Page_488" id="Page_488">[488]</a></span>geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, da&szlig; ihnen
+das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.</p>
+
+<p>Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut
+arabisch, obgleich sie gestern in halbbewu&szlig;tlosem Zustande
+nur Worte ihrer Muttersprache hervorgebracht hatten. Als
+ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine und sah mich
+freudig forschend an.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist es!&laquo; rief er, ehe ich gr&uuml;&szlig;en konnte. &raquo;Du
+bist es! Ich erkenne dich wieder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer bin ich, mein Freund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die
+Hand nach meinem Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben
+Nemsi, wie danke ich dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie, du kennst meinen Namen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef
+Omar hat uns sehr viel von dir erz&auml;hlt, seit wir aufgewacht
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich zu Halef:</p>
+
+<p>&raquo;Plaudertasche!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?&laquo; verteidigte
+sich der Kleine.</p>
+
+<p>&raquo;Ja; aber ohne Prahlerei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid ihr so gekr&auml;ftigt, da&szlig; ihr reden k&ouml;nnt?&laquo; wandte
+ich mich nun zu den Kranken.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Emir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hei&szlig;e Pali; dieser hei&szlig;t Selek, und dieser Melaf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist eure Heimat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsere Heimat hei&szlig;t Baadri, im Norden von Mossul.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem
+Statthalter Geschenke und einen Brief von ihm zu bringen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_489" id="Page_489">[489]</a></span>&raquo;Nach Bagdad? Geh&ouml;rt ihr nicht nach Mossul?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein b&ouml;ser
+Mann, der uns sehr bedr&uuml;ckt; der Statthalter von Bagdad
+besitzt das Vertrauen des Gro&szlig;herrn; er sollte f&uuml;r uns bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den
+Strom herab?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Wir gingen nach dem Ghazirflu&szlig;, bauten
+uns ein Flo&szlig;, fuhren auf demselben aus dem Ghazir in
+den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort landeten
+wir und wurden w&auml;hrend des Schlafes von dem Scheik
+der Abu Hammed &uuml;berfallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er beraubte euch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und
+alles, was wir bei uns trugen. Dann wollte er uns zwingen,
+an die Unsrigen zu schreiben, damit sie ein L&ouml;segeld
+schicken sollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr thatet es nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn wir sind arm und k&ouml;nnen kein L&ouml;segeld
+bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber euer Scheik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten
+uns ebenso. Er h&auml;tte es bezahlt, aber wir wu&szlig;ten,
+da&szlig; es vergebens sei, da man uns dennoch get&ouml;tet h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr hattet recht. Man h&auml;tte euch das Leben genommen,
+selbst wenn das L&ouml;segeld bezahlt worden w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schl&auml;ge,
+wurden stundenlang an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en aufgehangen
+und endlich in die Erde gegraben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr wi&szlig;t, da&szlig; euer Henker sich in unseren H&auml;nden
+befindet?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_490" id="Page_490">[490]</a></span>&raquo;Hadschi Halef Omar hat es uns erz&auml;hlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Scheik soll seine Strafe erhalten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Emir, vergilt es ihm nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere
+Religion. Wir sind dem Leben wiedergegeben worden und
+wollen ihm verzeihen.&laquo;</p>
+
+<p>Das also waren Teufelsanbeter!</p>
+
+<p>&raquo;Ihr irrt euch,&laquo; sagte ich; &raquo;ich bin kein Moslem,
+sondern ein Christ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Christ! Du tr&auml;gst doch die Kleidung eines Moslem
+und sogar das Zeichen eines Hadschi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er
+war dabei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; fiel Halef ein, &raquo;Hadschi Emir Kara Ben Nemsi
+war in Mekka.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein Christ bist du, Emir? Ein Chald&auml;er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich bin ein Franke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du Esau<a name="FNanchor_168_168" id="FNanchor_168_168"></a><a href="#Footnote_168_168" class="fnanchor">[168]</a>, den Sohn des Vaters?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_168_168" id="Footnote_168_168"></a><a href="#FNanchor_168_168"><span class="label">[168]</span></a> Jesus.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes
+stehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du die heilige Taufe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du auch, da&szlig; Esau, der Sohn Gottes, wieder
+kommen wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_491" id="Page_491">[491]</a></span>&raquo;O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht;
+wir freuen uns, da&szlig; wir dich getroffen haben! Erzeige
+uns also die Liebe und vergieb dem Scheik der Abu Hammed,
+was er uns gethan hat!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden sehen! Wi&szlig;t ihr, wohin wir reisen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch
+fortgesetzt. Bei Kalaat el Dschebbar gelang es mir, eine
+Menge Tr&uuml;ffel zu entdecken, wor&uuml;ber der Engl&auml;nder in
+Entz&uuml;cken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen
+und versprach mir, mich zu einer Tr&uuml;ffelpastete einzuladen,
+welche er selbst bereiten werde.</p>
+
+<p>Als der Mittag vor&uuml;ber war, lenkten wir zwischen
+die Berge von Kanuza und Hamrin ein und hielten uns
+grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte unsere Ankunft
+mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik
+Mohammed Emin zu &uuml;berraschen; aber die Wachen der
+Abu Mohammed bemerkten uns und gaben das Zeichen
+zu einem Jubel, der das ganze Thal erf&uuml;llte. Mohammed
+Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten
+und bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste,
+welche anlangte.</p>
+
+<p>Es gab hin&uuml;ber auf die Weidepl&auml;tze der Haddedihn
+keinen andern Weg als durch das Wadi hindurch. Hier
+befanden sich noch s&auml;mtliche Kriegsgefangene, und man
+kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen, welche
+sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach
+dem andern an sich vorbeigehen lassen mu&szlig;ten. Endlich waren
+wir wieder auf der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist in den Tachterwahns?&laquo; fragte Mohammed
+Emin.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_492" id="Page_492">[492]</a></span>&raquo;Drei M&auml;nner, welche Scheik Zedar zu Tode martern
+wollte. Ich werde dir noch von ihnen erz&auml;hlen. Wo
+sind die gefangenen Scheiks?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier im Zelte. Da kommen sie.&laquo;</p>
+
+<p>Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der
+Abu Hammed blitzten t&uuml;ckisch, als er seine Herde erkannte,
+und er trat auf mich zu.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mehr gebracht, als du sollst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du meinst Tiere?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde z&auml;hlen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thue es,&laquo; antwortete ich kalt. &raquo;Aber dennoch habe
+ich mehr gebracht, als ich sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du es sehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; es sehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So rufe jenen dort herbei.&laquo;</p>
+
+<p>Ich zeigte dabei auf seinen &auml;lteren Sohn, der soeben
+am Eingange des Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt alle mit!&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten
+mir nach dem Orte, wo sich die drei Kamele mit den
+Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef lie&szlig; gerade die
+Dschesidi aussteigen.</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du diese M&auml;nner?&laquo; fragte ich Zedar Ben Huli.</p>
+
+<p>Er fuhr erschrocken zur&uuml;ck; sein Sohn ebenfalls.</p>
+
+<p>&raquo;Die Dschesidi!&laquo; rief er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest,
+wie du schon viele gemordet hast, Ungeheuer!&laquo;</p>
+
+<p>Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat er gethan?&laquo; fragte Eslah el Mahem, der
+Obe&iuml;de.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_493" id="Page_493">[493]</a></span>&raquo;La&szlig; es dir erz&auml;hlen! Du wirst erstaunen, was f&uuml;r
+ein Mensch dein Kampfgef&auml;hrte gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande
+ich die drei M&auml;nner getroffen hatte. Als ich schwieg,
+traten alle von ihm zur&uuml;ck. Dadurch wurde der Blick auf
+den Eingang des Thales frei, wo sich in diesem Augenblick
+drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden Dienern.
+Er hatte sich versp&auml;tet. Neben seinem Pferde schleppte
+sich der j&uuml;ngere Sohn des Scheik einher.</p>
+
+<p>Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich
+augenblicklich wieder zu mir:</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn
+gefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie du siehst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hat er gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine
+beiden S&ouml;hne sollen den Kopf ihres in die Erde gegrabenen
+Vaters zwei Tage lang bewachen; dann bist du wieder
+frei &ndash; eine Strafe, die viel zu gering f&uuml;r dich und f&uuml;r
+deine S&ouml;hne ist. Gehe hin und binde deinen J&uuml;ngsten los!&laquo;</p>
+
+<p>Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engl&auml;nders
+und griff nach dem Strick. Sir David war soeben
+abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik ab und
+rief: &raquo;Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!&laquo;</p>
+
+<p>Da ri&szlig; der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen
+aus dem G&uuml;rtel, schlug an und feuerte. Sir
+David hatte sich blitzschnell umgedreht, dennoch traf ihn
+die Kugel in den Arm; im n&auml;chsten Augenblick aber krachte
+ein zweiter Schu&szlig;. Bill, der Irl&auml;nder, hatte seine B&uuml;chse
+erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel
+fuhr dem Scheik durch den Kopf. Dessen beide S&ouml;hne
+warfen sich auf den Sch&uuml;tzen, wurden aber handfest empfangen
+und &uuml;berw&auml;ltigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_494" id="Page_494">[494]</a></span>Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes
+Gericht! Die Z&uuml;chtigung, die ich dem Misseth&auml;ter zugedacht
+hatte, w&auml;re zu unbedeutend gewesen. Und nun war
+auch mein Wort erf&uuml;llt, das ich jener Frau gegeben hatte:
+der Scheik kehrte nicht in sein Lager zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe
+wieder erlangt hatten. Da erscholl zun&auml;chst die Frage
+Halefs:</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, wohin soll ich diese drei M&auml;nner bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mag der Scheik bestimmen,&laquo; lautete meine Antwort.</p>
+
+<p>Dieser trat zu den dreien heran.</p>
+
+<p>&raquo;Marhaba &ndash; ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt
+bei Mohammed Emin, bis ihr euch von eueren Leiden erholt
+habt!&laquo;</p>
+
+<p>Da blickte Selek schnell empor.</p>
+
+<p>&raquo;Mohammed Emin?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;So hei&szlig;e ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Haddedihn geh&ouml;ren zu den Schammar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten,
+da ging ich zum Bache, um zu sch&ouml;pfen. An demselben
+lag eine Truppe Arnauten, welche einen jungen
+Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und
+indem er that, als trinke er, fl&uuml;sterte er mir zu: &#8250;Gehe
+zu den Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm,
+da&szlig; ich nach Amadijah geschafft werde. Die andern sind
+hingerichtet worden.&#8249; Dies ist es, was ich dir zu sagen
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Der Scheik taumelte zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Amad el Ghandur, mein Sohn!&laquo; rief er. &raquo;Er war
+es, er war es! Wie war er gestaltet?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_495" id="Page_495">[495]</a></span>&raquo;So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer
+Bart hing ihm bis zur Brust herab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich
+eine Spur von ihm! Freuet euch, ihr M&auml;nner, freuet
+euch mit mir, denn heute soll ein Festtag sein f&uuml;r alle,
+m&ouml;gen sie nun Freunde oder Feinde hei&szlig;en! Wann war
+es, als du mit ihm geredet hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit!
+Aber er soll nicht l&auml;nger schmachten; ich hole ihn, und
+wenn ich ganz Amadijah erobern und zerst&ouml;ren m&uuml;&szlig;te!
+Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder willst
+du mich bei dieser Fahrt verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich reite mit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne dich! &ndash; Kommt, la&szlig;t uns diese Botschaft
+allen M&auml;nnern der Haddedihn verk&uuml;ndigen!&laquo;</p>
+
+<p>Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran
+mit der Frage:</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, ist es wahr, da&szlig; du mitgehst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, darf ich dir folgen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halef, denke an dein Weib!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst
+einen treuen Diener! Darf ich dich begleiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik
+Mohammed Emin und Scheik Malek, ob sie es erlauben.&laquo;</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_496" id="Page_496">[496]</a></span>
+<a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Bei den Teufelsanbetern.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">S</span>o war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz
+bei dem t&uuml;rkischen Pascha.</p>
+
+<p>Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen
+Gebirge reisen, um seinen Sohn Amad el Ghandur
+durch List oder Gewalt aus der Festung Amadijah heraus
+zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu
+l&ouml;sen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn w&auml;re am
+liebsten mit den Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen,
+um sich durch das t&uuml;rkische Gebiet zu schlagen
+und Amadijah frei und offen zu &uuml;berfallen; doch gab es
+hundert dringende Gr&uuml;nde, welche die Ausf&uuml;hrung eines
+so phantastischen Planes zur Unm&ouml;glichkeit machten. Ein
+einzelner Mann hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg,
+als eine ganze Horde von Beduinen, und so war Mohammed
+Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das
+Unternehmen nur zu dreien auszuf&uuml;hren. Diese drei
+waren: er, Halef und ich.</p>
+
+<p>Freilich hatte es einen gro&szlig;en Aufwand an &Uuml;berredung
+gekostet, um Sir David Lindsay, welcher sich gar
+zu gern angeschlossen h&auml;tte, klar zu machen, da&szlig; er mit
+seinem vollst&auml;ndigen Mangel an Sprachkenntnis und Anbequemungsf&auml;higkeit
+uns mehr Schaden als Nutzen bringen
+w&uuml;rde; aber er hatte sich schlie&szlig;lich doch entschlossen, bei
+den Haddedihn zu bleiben und dort unsere R&uuml;ckkehr zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_497" id="Page_497">[497]</a></span>erwarten. Dort konnte er sich des verwundeten Griechen
+Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und nach
+Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen,
+ihm so viel Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul
+hatte er mich nicht begleitet, weil ich es ihm abriet. Er
+konnte mir in Mossul nichts n&uuml;tzen, und der Zweck, welcher
+ihn dorthin f&uuml;hren mochte, n&auml;mlich die Absicht, um den
+Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen,
+brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz
+der Haddedihn f&uuml;r ihn vollst&auml;ndig gen&uuml;gte.</p>
+
+<p>Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war
+v&ouml;llig geschlichtet worden. Die drei St&auml;mme hatten sich
+unterworfen und Geiseln bei den Siegern zur&uuml;cklassen
+m&uuml;ssen. So kam es, da&szlig; Mohammed Emin bei den
+Seinen entbehrt werden konnte. Er war nat&uuml;rlich nicht
+mit nach Mossul geritten, da er dort ganz au&szlig;erordentlich
+gef&auml;hrdet gewesen w&auml;re; wir hatten uns vielmehr verabredet,
+in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen
+Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen
+nach Wadi Murr, A&iuml;n el Khalkhan und El Kasr geritten.
+Dort aber hatten wir uns getrennt; ich war mit Halef
+nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines
+Flo&szlig;es seine &Uuml;berfahrt &uuml;ber den Tigris bewerkstelligt,
+um auf der andern Seite des Flusses l&auml;ngs des Dschebel
+Maklub unser Stelldichein zu erreichen.</p>
+
+<p>Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den
+Vertreter Englands aufsuchen, um mir seinen Schutz zu
+erbitten? Das fiel mir gar nicht ein, denn ich war ohne
+denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben.
+Den Pascha aber mu&szlig;te ich aufsuchen, das war unumg&auml;nglich
+notwendig; denn ich wollte mich mit allem ausr&uuml;sten,
+was unser Vorhaben zu f&ouml;rdern vermochte.</p>
+
+<p>Es war eine f&uuml;rchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick
+<span class="pagenum"><a name="Page_498" id="Page_498">[498]</a></span>auf das Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit
+im Schatten, wenn ich mich zu ebener Erde befand. Ich
+hatte mich aber in einem jener Sardaubs<a name="FNanchor_169_169" id="FNanchor_169_169"></a><a href="#Footnote_169_169" class="fnanchor">[169]</a> einlogiert, in
+denen die Bewohner dieser Stadt w&auml;hrend der hei&szlig;en
+Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_169_169" id="Footnote_169_169"></a><a href="#FNanchor_169_169"><span class="label">[169]</span></a> Keller.</p></div>
+
+<p>Halef sa&szlig; bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte
+l&auml;ngeres Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah
+ich es dem Kleinen an, da&szlig; er irgend etwas auf dem
+Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich mit einem
+raschen Ruck zu mir herum und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woran?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst nach Amadijah, Sihdi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Du wei&szlig;t dies ja l&auml;ngst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es gewu&szlig;t, aber den Weg, welcher dorthin
+f&uuml;hrt, den habe ich nicht gekannt. Allah il Allah! Es
+ist der Weg zum Tode und in die Dschehennah!&laquo;</p>
+
+<p>Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich
+jemals bei ihm gesehen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;So gef&auml;hrlich, Hadschi Halef Omar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht geh&ouml;rt,
+da&szlig; du auf diesem Wege die drei M&auml;nner besuchen willst,
+welche sich Pali, Selek und Melaf nennen, die drei M&auml;nner,
+welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet hast und
+die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten,
+nach ihrer Heimat zogen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde sie besuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide
+sind wahre Gl&auml;ubige; aber ein jeder Gl&auml;ubige, der zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_499" id="Page_499">[499]</a></span>ihnen kommt, der hat das Leben und den Himmel verloren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir
+gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren,
+da&szlig; das Land, in welchem sie wohnen, Sche&iuml;tanistan
+genannt wird?&laquo;</p>
+
+<p>Ah, jetzt wu&szlig;te ich, was er meinte. Er f&uuml;rchtete sich
+vor den Dschesidi, den Teufelsanbetern. Dennoch aber
+stellte ich mich, als ob ich nichts wisse, und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Sche&iuml;tanistan, das Land des Teufels? Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wohnen die Radjahl esch Sche&iuml;tan dort, die
+M&auml;nner des Teufels, welche den Sche&iuml;tan anbeten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche
+den Teufel anbeten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen
+Leuten geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube dir wirklich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hast sie selbst gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit
+jenseits des gro&szlig;en Meeres; die Franken nennen es
+Australien. Dort fand ich wilde M&auml;nner, welche einen
+Sche&iuml;tan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den
+beten sie an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den
+Teufel anbeten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, du bist kl&uuml;ger als ich und kl&uuml;ger als viele
+Leute; zuweilen aber ist deine Klugheit und deine Weisheit
+ganz verflogen. Frage einen jeden Mann, der dir
+begegnet, und er wird dir sagen, da&szlig; man in Sche&iuml;tanistan
+den Teufel anbetet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_500" id="Page_500">[500]</a></span>&raquo;Nein. Ich habe es aber geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waren denn jene Leute dabei, von denen du es
+geh&ouml;rt hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hatten es auch von anderen geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So will ich dir sagen, da&szlig; es noch kein Mensch
+gesehen hat; denn die Dschesidi lassen keinen Menschen bei
+ihren Gottesdiensten gegenw&auml;rtig sein, wenn er einen
+andern Glauben hat, als sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist das wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Wenigstens w&auml;re es eine sehr gro&szlig;e und eine
+sehr seltene Ausnahme, wenn sie einmal einem Fremden
+erlaubten, beizuwohnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber dennoch wei&szlig; man alles, was sie thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du noch nicht geh&ouml;rt, da&szlig; man sie Dscheragh
+Sonderan nennt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig; ein b&ouml;ser Name sein; ich wei&szlig; nicht, was
+er bedeutet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er bedeutet so viel wie Verl&ouml;scher des Lichtes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei
+denen auch die Frauen und M&auml;dchen gegenw&auml;rtig sind,
+wird das Licht verl&ouml;scht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hat man dir eine gro&szlig;e L&uuml;ge gesagt. Man
+hat die Dschesidi mit einer andern Sekte<a name="FNanchor_170_170" id="FNanchor_170_170"></a><a href="#Footnote_170_170" class="fnanchor">[170]</a> verwechselt,
+bei welcher dies vorkommen soll. Was wei&szlig;t du noch
+von ihnen?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_170_170" id="Footnote_170_170"></a><a href="#FNanchor_170_170"><span class="label">[170]</span></a> Mit den Assyrern in Syrien.</p></div>
+
+<p>&raquo;In ihren Gottesh&auml;usern steht ein Hahn oder ein
+Pfauhahn, den sie anbeten, und das ist der Teufel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist er es wirklich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_501" id="Page_501">[501]</a></span>&raquo;O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele
+Gottesh&auml;user?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und in jedem steht ein Hahn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele Teufel m&uuml;&szlig;te es dann geben! Ich denke,
+es giebt nur einen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist
+&uuml;berall. Doch sie haben auch falsche Engel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Inwiefern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, der Kuran lehrt, da&szlig; es nur vier Erzengel
+giebt, n&auml;mlich Dschebra&iuml;l<a name="FNanchor_171_171" id="FNanchor_171_171"></a><a href="#Footnote_171_171" class="fnanchor">[171]</a>, welcher der Ruh el
+Kuds<a name="FNanchor_172_172" id="FNanchor_172_172"></a><a href="#Footnote_172_172" class="fnanchor">[172]</a> ist und mit Allah und Mohammed dreieinig ist,
+grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn und der
+Geist; sodann Azra&iuml;l, der Todesengel, den man auch Abu
+Jahah nennt; nachher Mika&iuml;l und endlich Israfil. Die
+Teufelsanbeter haben aber sieben Erzengel, und diese
+hei&szlig;en Gabra&iuml;l, Micha&iuml;l, Rafa&iuml;l, Azra&iuml;l, Dedra&iuml;l, Azrafil
+und Schemkil. Ist dies nicht falsch?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_171_171" id="Footnote_171_171"></a><a href="#FNanchor_171_171"><span class="label">[171]</span></a> Gabri&euml;l.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_172_172" id="Footnote_172_172"></a><a href="#FNanchor_172_172"><span class="label">[172]</span></a> Der heilige Geist.</p></div>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, da&szlig; es
+sieben Erzengel giebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du? Warum?&laquo; fragte er erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Das heilige Buch der Christen sagt es<a name="FNanchor_173_173" id="FNanchor_173_173"></a><a href="#Footnote_173_173" class="fnanchor">[173]</a>, und dem
+glaube ich mehr als dem Kuran.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_173_173" id="Footnote_173_173"></a><a href="#FNanchor_173_173"><span class="label">[173]</span></a> Siehe Buch Tobias 12, V.&nbsp;15.
+Offenbarung 1, V.&nbsp;4, und 4, V.&nbsp;5.</p></div>
+
+<p>&raquo;O Sihdi, was mu&szlig; ich h&ouml;ren! Du warst in Mekka,
+bist ein Hadschi und glaubst mehr an das Kitab der Ungl&auml;ubigen
+als an die Worte des Propheten! Nun wundere
+ich mich nicht, da&szlig; du zu den Dschesidi willst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch m&ouml;glich, da&szlig;
+Mohammed nur von vier Engeln redet, weil die andern
+<span class="pagenum"><a name="Page_502" id="Page_502">[502]</a></span>drei grad nicht im Himmel waren, als er oben war. Sie
+hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also nicht
+kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, da&szlig; du dich vor
+den Teufelsanbetern nicht zu f&uuml;rchten brauchst. Sie beten
+den Sche&iuml;tan nicht an; sie nennen ihn nicht einmal beim
+Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer und aufrichtig,
+und das findest du bei den Gl&auml;ubigen wohl selten.
+&Uuml;brigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit,
+denn sie werden dir deinen Glauben nicht nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich versichere es dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sie werden uns t&ouml;ten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weder mich noch dich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben aber so viele andere get&ouml;tet; sie t&ouml;ten die
+Christen nicht, sondern nur die Muselm&auml;nner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden
+sollten. Und sie t&ouml;teten deshalb nur die Moslemim,
+weil sie nur von diesen und nicht von den Christen angegriffen
+wurden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bin ein Moslem!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind.
+Hast du nicht drei ihrer M&auml;nner gepflegt, bis sie wieder
+gesund waren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen,
+sondern mit dir gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei
+M&auml;nner traten ein. Es waren zwei albanesische Aghas
+von den irregul&auml;ren Truppen des Pascha. Sie blieben
+am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Bist du der Ungl&auml;ubige, den wir f&uuml;hren sollen?&laquo;</p>
+
+<p>Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_503" id="Page_503">[503]</a></span>Pascha anmelden lie&szlig;, hatte ich wohlweislich den um
+meinen Hals hangenden Kuran abgelegt. Dieses Zeichen
+der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der
+Fragende erwartete nat&uuml;rlich eine Antwort, ich aber gab
+ihm keine; ja, ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen
+noch geh&ouml;rt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du taub und blind, da&szlig; du nicht antwortest?&laquo;
+fragte er barsch.</p>
+
+<p>Diese Arnauten sind rohe und z&uuml;gellose, gef&auml;hrliche
+Leute, welche bei der geringsten Veranlassung nicht nur
+nach den Waffen greifen, sondern sie auch gebrauchen; ich
+beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und Weise so ohne
+weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie unwillk&uuml;rlich,
+den Revolver aus dem Hawk<a name="FNanchor_174_174" id="FNanchor_174_174"></a><a href="#Footnote_174_174" class="fnanchor">[174]</a> und wandte mich
+an meinen Diener:</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_174_174" id="Footnote_174_174"></a><a href="#FNanchor_174_174"><span class="label">[174]</span></a> G&uuml;rtel.</p></div>
+
+<p>&raquo;Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand
+hier ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind zwei Sabits<a name="FNanchor_175_175" id="FNanchor_175_175"></a><a href="#Footnote_175_175" class="fnanchor">[175]</a>, welche mit dir sprechen
+wollen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_175_175" id="Footnote_175_175"></a><a href="#FNanchor_175_175"><span class="label">[175]</span></a> Offiziere.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wer sendet sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen
+m&ouml;ge!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi;
+der Pascha &ndash; Allah sch&uuml;tze ihn! &ndash; w&uuml;rde mir h&ouml;fliche
+Leute senden. Sage diesen M&auml;nnern, welche ein Schimpfwort
+statt des Gru&szlig;es auf den Lippen tragen, da&szlig; sie
+gehen sollen. Sie m&ouml;gen demjenigen, der sie sandte, die
+Worte wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!&laquo;</p>
+
+<p>Sie fuhren mit den H&auml;nden nach den Kolben ihrer
+Pistolen und sahen einander fragend an. Ich richtete,
+<span class="pagenum"><a name="Page_504" id="Page_504">[504]</a></span>wie zuf&auml;llig, den Lauf meiner Waffe auf sie und runzelte
+so finster als m&ouml;glich die Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir
+befohlen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah es dem kleinen Manne an, da&szlig; mein Verhalten
+ganz nach seinem eigenen Geschmacke sei. Auch er
+hatte bereits eine seiner Pistolen in der Hand, und nun
+wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem Eingange zu:</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere
+und ber&uuml;hmte Effendi ist der Emir Hadschi Kara Ben
+Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha Ben Hadschi
+Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr
+habt geh&ouml;rt, was mein Effendi sagte. Geht und thut,
+wie er euch befohlen hat!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, da&szlig; er
+uns h&ouml;fliche M&auml;nner sende! Wer zu meinem Effendi
+kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den Gru&szlig; zu
+sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei einem Ungl&auml;ubigen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.</p>
+
+<p>&raquo;Hinaus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hinaus!&laquo;</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Augenblick war ich mit Halef wieder
+allein. Sie mochten mir doch angesehen haben, da&szlig; ich
+keine Lust hatte, mir von ihnen Vorschriften geben zu
+lassen. &ndash; Man mu&szlig; den Orientalen zu behandeln verstehen.
+Derjenige Abendl&auml;ndische, welcher sich mi&szlig;achtet
+sieht, tr&auml;gt selbst die Schuld. Ein klein wenig pers&ouml;nlicher
+Mut und eine m&ouml;glichst gro&szlig;e Dosis Unbescheidenheit,
+unterst&uuml;tzt von derjenigen lieben Tugend, welche man bei
+uns Grobheit nennen w&uuml;rde, sind unter gewissen Voraussetzungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_505" id="Page_505">[505]</a></span>von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt
+es andererseits auch Verh&auml;ltnisse, in denen man gezwungen
+ist, sich einiges oder sogar auch vieles gefallen zu lassen.
+Dann ist es aber sehr geraten, zu thun, als ob man gar
+nichts bemerkt habe. Freilich geh&ouml;rt nicht nur Kenntnis
+der Verh&auml;ltnisse und Ber&uuml;cksichtigung des einzelnen Falles,
+sondern auch eine gute &Uuml;bung dazu, um zu entscheiden,
+was dann besser und kl&uuml;ger sei: Grobheit oder Geduld
+und Selbst&uuml;berwindung, die Hand an der Waffe oder &ndash;&nbsp;&ndash;
+die Hand im Beutel.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, was hast du gethan!&laquo; rief Halef.</p>
+
+<p>Er f&uuml;rchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die
+Folgen meines Verhaltens.</p>
+
+<p>&raquo;Was ich gethan habe? Nun, die beiden L&uuml;mmel
+hinausgewiesen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du diese Arnauten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind blutgierig und rachs&uuml;chtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, da&szlig;
+einer von ihnen eine alte Frau blo&szlig; deshalb niederscho&szlig;,
+weil sie ihm nicht auswich? Sie war blind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns
+nicht niederschie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und kennst du den Pascha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist ein sehr guter Mann!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil
+sich alle vor ihm f&uuml;rchten. Kein Tag vergeht, ohne da&szlig;
+zehn oder zwanzig die Bastonnade erhalten. Wer reich
+ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Verm&ouml;gen geh&ouml;rt
+dem Pascha. Er hetzt die St&auml;mme der Araber aufeinander
+und bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen.
+Er spricht zu seinen Arnauten: &#8250;Gehet, zerst&ouml;rt,
+mordet, aber bringt mir Geld!&#8249; Sie thun es, und er
+wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein
+<span class="pagenum"><a name="Page_506" id="Page_506">[506]</a></span>Vertrauter ist, den l&auml;&szlig;t er morgen einstecken und &uuml;bermorgen
+k&ouml;pfen. Sihdi, was wird er mit uns thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das m&uuml;ssen wir abwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe,
+da&szlig; er uns etwas B&ouml;ses zuf&uuml;gen will, werde ich ihn niederschie&szlig;en.
+Ich sterbe nicht, ohne ihn mitzunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich
+gehe allein zu ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei
+sich sehen will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber
+ich schw&ouml;re es dir bei dem Propheten und allen Kalifen;
+wenn du am Abend noch nicht zur&uuml;ck bist, so lasse ich
+ihm sagen, da&szlig; ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen h&auml;tte:
+er wird mich annehmen, und dann schie&szlig;e ich ihm alle
+beiden Kugeln vor den Kopf!&laquo;</p>
+
+<p>Es war sein Ernst, und ich bin &uuml;berzeugt, er h&auml;tte
+es gethan, der wackere Kleine. Einen solchen Schwur
+h&auml;tte er nicht gebrochen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Hanneh?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll
+nicht einen Mann lieb haben, der seinen Effendi t&ouml;ten
+l&auml;&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin
+&uuml;berzeugt, da&szlig; es nicht so weit kommen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte.
+Ein gew&ouml;hnlicher Soldat trat ein. Er hatte die Schuhe
+drau&szlig;en ausgezogen.</p>
+
+<p>&raquo;Salama!&laquo; gr&uuml;&szlig;te er.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam! Was willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden
+will?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_507" id="Page_507">[507]</a></span>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Pascha &ndash; Allah schenke ihm tausend Jahre!
+&ndash; hat dir eine S&auml;nfte gesandt. Du sollst zu ihm kommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehe hinauf. Ich komme gleich!&laquo;</p>
+
+<p>Als er hinaus war, sagte Halef:</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, siehst du, da&szlig; es gef&auml;hrlich wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er sendet keinen Agha, sondern einen gew&ouml;hnlichen
+Soldaten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor
+dem Hause hielt ein Trupp von etwa zwanzig Arnauten.
+Sie waren bis an die Z&auml;hne bewaffnet, und einer der
+beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte
+sie. Zwei Hammals<a name="FNanchor_176_176" id="FNanchor_176_176"></a><a href="#Footnote_176_176" class="fnanchor">[176]</a> hielten einen Tragsessel
+bereit.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_176_176" id="Footnote_176_176"></a><a href="#FNanchor_176_176"><span class="label">[176]</span></a> Tr&auml;ger.</p></div>
+
+<p>&raquo;Steig ein!&laquo; gebot mir der Agha mit finsterer Miene.</p>
+
+<p>Ich that es m&ouml;glichst unbefangen. Diese Eskorte lie&szlig;
+mich vermuten, da&szlig; ich so halb und halb ein Gefangener
+sei. Ich wurde im Trabe fortgetragen, bis man vor
+einem Thore still hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Steige aus und folge mir!&laquo; befahl der Agha in
+dem vorigen Tone.</p>
+
+<p>Er f&uuml;hrte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer,
+in welchem verschiedene Offiziere standen, die mich mit
+finsteren Blicken musterten. Am Eingange sa&szlig;en einige
+Civilisten, Einwohner der Stadt, denen man es ansah,
+da&szlig; sie hier in der H&ouml;hle des L&ouml;wen sich nicht sehr wohl
+f&uuml;hlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen
+aus, welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte,
+und trat ein:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_508" id="Page_508">[508]</a></span>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te ich, indem ich die Arme
+&uuml;ber die Brust verschr&auml;nkte und mich verbeugte.</p>
+
+<p>&raquo;Sal&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte
+dann:</p>
+
+<p>&raquo;Dein Bote hat gesagt, da&szlig; ein Nemtsche mit mir
+reden wolle?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind die Nemsi Moslemim?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Sie sind Christen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dennoch wagst du den Gru&szlig; der Moslemim!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein
+Liebling des Padischah &ndash; Gott beschirme ihn! &ndash; Soll
+ich dich mit dem Gru&szlig; der Heiden begr&uuml;&szlig;en, die keinen
+Gott und kein heiliges Buch haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist k&uuml;hn, Fremdling!&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein eigent&uuml;mlicher, lauernder Blick, den er
+mir zuwarf. Der Pascha war nicht gro&szlig; und von sehr
+hagerer Gestalt, und sein Gesicht w&auml;re ein sehr gew&ouml;hnliches
+gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und Grausamkeit
+gefehlt h&auml;tte, der sofort auffallen mu&szlig;te. Dabei
+war ihm die rechte Wange stark geschwollen, und neben
+ihm stand ein silbernes, mit Wasser gef&uuml;lltes Becken, das
+ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung bestand ganz
+aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an
+seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger
+gl&auml;nzten von Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher
+er rauchte, war eine der kostbarsten, die ich je gesehen
+hatte.</p>
+
+<p>Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum
+Fu&szlig;e gemustert hatte, fragte er weiter:</p>
+
+<p>&raquo;Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen
+lassen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_509" id="Page_509">[509]</a></span>&raquo;Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und
+die anderen Konsuln sind mir ebenso fremd wie du selbst.
+Ein Konsul kann mich nicht besser und schlechter machen,
+als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du brauchst
+mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah! Du sprichst wirklich sehr k&uuml;hn! Du
+sprichst, als ob du ein sehr gro&szlig;er Mann seist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?&laquo;</p>
+
+<p>Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen,
+aber ich sah auch gleich, da&szlig; es den erwarteten Eindruck
+machte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;est du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hasredin<a name="FNanchor_177_177" id="FNanchor_177_177"></a><a href="#Footnote_177_177" class="fnanchor">[177]</a>, ich habe verschiedene Namen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_177_177" id="Footnote_177_177"></a><a href="#FNanchor_177_177"><span class="label">[177]</span></a> Hoheit.</p></div>
+
+<p>&raquo;Verschiedene? Ich denke, da&szlig; der Mensch nur
+<em class="gesperrt">einen</em> Namen hat!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gew&ouml;hnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in
+jedem Lande und bei jedem Volke, welches ich besuchte,
+hat man mich anders genannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hast du viele L&auml;nder und viele V&ouml;lker gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nenne die V&ouml;lker!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich konnte ihm eine h&uuml;bsche Reihe von Namen nennen
+und setzte nat&uuml;rlich aus H&ouml;flichkeit die Osmanly voran.
+Seine Augen wurden bei jedem Worte gr&ouml;&szlig;er. Endlich
+aber platzte er heraus:</p>
+
+<p>&raquo;Hei-hei!<a name="FNanchor_178_178" id="FNanchor_178_178"></a><a href="#Footnote_178_178" class="fnanchor">[178]</a> Giebt es so viele V&ouml;lker auf der Erde?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_178_178" id="Footnote_178_178"></a><a href="#FNanchor_178_178"><span class="label">[178]</span></a> Ausruf der Verwunderung.</p></div>
+
+<p>&raquo;Noch viel, viel mehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, Gott ist gro&szlig;! Er hat so viele Nationen
+geschaffen, wie Ameisen in einem Haufen sind. Du
+<span class="pagenum"><a name="Page_510" id="Page_510">[510]</a></span>bist noch jung. Wie kannst du so viele L&auml;nder besucht
+haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der
+Nemsi gingst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich z&auml;hlte achtzehn Jahre, als ich &uuml;ber die See
+nach Jeni-d&uuml;nja<a name="FNanchor_179_179" id="FNanchor_179_179"></a><a href="#Footnote_179_179" class="fnanchor">[179]</a> kam.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_179_179" id="Footnote_179_179"></a><a href="#FNanchor_179_179"><span class="label">[179]</span></a> Amerika.</p></div>
+
+<p>&raquo;Und was bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schreibe Zeitungen und B&uuml;cher, welche dann
+gedruckt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was schreibst du da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schreibe meist das, was ich sehe und h&ouml;re, was
+ich erlebe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen in diesen Chaberler<a name="FNanchor_180_180" id="FNanchor_180_180"></a><a href="#Footnote_180_180" class="fnanchor">[180]</a> auch die M&auml;nner
+vor, mit denen du zusammentriffst?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_180_180" id="Footnote_180_180"></a><a href="#FNanchor_180_180"><span class="label">[180]</span></a> Zeitungen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Nur die vorz&uuml;glichsten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch du.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was w&uuml;rdest du &uuml;ber mich schreiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich
+kann die Leute doch nur so beschreiben, wie sie sich gegen
+mich verhalten haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer liest das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Viele Tausende von hohen und niederen M&auml;nnern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch Paschas und F&uuml;rsten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch sie.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick ert&ouml;nte von dem Hofe herauf
+der Schall von Schl&auml;gen, begleitet vom Wimmern eines
+Gez&uuml;chtigten. Ich horchte ganz unwillk&uuml;rlich auf.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;re nicht darauf,&laquo; mahnte der Pascha. &raquo;Es ist
+mein Hekim.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Arzt?&laquo; fragte ich verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Hast du einmal Disch aghrisi<a name="FNanchor_181_181" id="FNanchor_181_181"></a><a href="#Footnote_181_181" class="fnanchor">[181]</a> gehabt?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_181_181" id="Footnote_181_181"></a><a href="#FNanchor_181_181"><span class="label">[181]</span></a> Zahnschmerzen.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_511" id="Page_511">[511]</a></span>&raquo;Als Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wei&szlig;t du, wie es thut. Ich habe einen kranken
+Zahn. Dieser Hund sollte ihn mir herausnehmen; aber
+er machte es so ungeschickt, da&szlig; es mir zu wehe that.
+Nun wird er daf&uuml;r ausgepeitscht. Jetzt kann ich den
+Mund nicht zubringen.&laquo;</p>
+
+<p>Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits
+gehoben sein? Ich beschlo&szlig;, dies zu benutzen.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du ein Hekim?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei Gelegenheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So komm her! Unten rechts!&laquo;</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete den Mund, und ich guckte hinein.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaubst du mir, den Zahn zu bef&uuml;hlen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es nicht wehe thut!&laquo;</p>
+
+<p>Ich h&auml;tte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht
+gelacht. Es war der Eckzahn, und er hing so lose
+zwischen dem angeschwollenen Zahnfleische, da&szlig; ich nur
+der Finger bedurfte, um die unterbrochene Operation zu
+vollenden.</p>
+
+<p>&raquo;Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sechzig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich
+dir den Zahn herausnehme, ohne da&szlig; es dich schmerzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst es nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst
+du die Hiebe, die ihm erlassen werden.&laquo;</p>
+
+<p>Er klatschte in die H&auml;nde, und ein Offizier trat herein.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t den Hekim los! Dieser Fremdling hat f&uuml;r
+ihn gebeten.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_512" id="Page_512">[512]</a></span>Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund,
+dr&uuml;ckte erst &ndash; des Hokuspokus wegen &ndash; ein wenig an
+dem Nachbarzahne herum, fa&szlig;te dann den kranken Eckzahn
+und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern,
+schien aber gar nicht zu ahnen, da&szlig; ich den Zahn bereits
+hatte. Er fa&szlig;te meine Hand schnell und schob sie von
+sich weg.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst
+lange! Hier liegt das Ding!&laquo;</p>
+
+<p>Er deutete auf den Fu&szlig;boden. Ich hielt den Zahn
+unbemerkt zwischen den Fingern und b&uuml;ckte mich. Der
+Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein alter, ganz
+unm&ouml;glich gewordener Geisfu&szlig;, und daneben lag eine
+Zahnzange &ndash; aber was f&uuml;r eine! Man h&auml;tte mit derselben
+jede Sorte von Pl&auml;ttst&auml;hlen aus dem Feuer nehmen
+k&ouml;nnen. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte nichts
+schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfu&szlig;e in den
+nicht allzu kleinen Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Pa&szlig; auf, ob es wehe thut! Bir &ndash; iki &ndash; itsch
+&ndash; eins, zwei, drei! Hier ist der Ungehorsame, welcher
+dir solche Schmerzen bereitet hat!&laquo; Ich gab ihm den Zahn.</p>
+
+<p>Er sah mich ganz erstaunt an.</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah! Ich habe gar nichts gef&uuml;hlt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So k&ouml;nnen es die &Auml;rzte der Nemsi, o Pascha!&laquo;</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und
+nun erst war er &uuml;berzeugt, da&szlig; er von demselben befreit
+worden sei.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein gro&szlig;er Hekim! Wie soll ich dich nennen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm! Unter Umst&auml;nden!&laquo;</p>
+
+<p>Er klatschte abermals in die H&auml;nde, und der vorige
+Offizier erschien.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_513" id="Page_513">[513]</a></span>&raquo;Frage &uuml;berall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen
+hat!&laquo;</p>
+
+<p>Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so,
+als ob ich jetzt selbst Zahnschmerzen bekommen h&auml;tte, trotzdem
+die Miene des Pascha sehr gn&auml;dig geworden war.</p>
+
+<p>&raquo;Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Weil sie mich beschimpften.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle!&laquo;</p>
+
+<p>Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er h&ouml;rte aufmerksam
+zu und erhob dann drohend seine Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du
+mu&szlig;test sofort kommen. Danke Allah, da&szlig; er dir offenbarte,
+die Z&auml;hne ohne Schmerzen herauszunehmen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was h&auml;ttest du mir gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du w&auml;rst bestraft worden. Wie, das wei&szlig; ich jetzt
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bestraft? Das h&auml;ttest du nicht gethan!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Gro&szlig;herr selbst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Gro&szlig;herr?&laquo; fragte er verbl&uuml;fft.</p>
+
+<p>&raquo;Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf
+wohl verlangen, da&szlig; deine Aghas h&ouml;flich gegen mich sind.
+Oder meinst du, da&szlig; es nicht notwendig sei, dieses Tirscheh<a name="FNanchor_182_182" id="FNanchor_182_182"></a><a href="#Footnote_182_182" class="fnanchor">[182]</a>
+zu ber&uuml;cksichtigen? Hier nimm und lies!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_182_182" id="Footnote_182_182"></a><a href="#FNanchor_182_182"><span class="label">[182]</span></a> Pergament.</p></div>
+
+<p>Er &ouml;ffnete das Pergament und legte, als er einen
+Blick darauf geworfen hatte, es sich ehrfurchtsvoll an
+Stirne, Mund und Herz.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Bu-djeruldi des Gro&szlig;herrn &ndash; Allah segne ihn!&laquo;</p>
+
+<p>Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_514" id="Page_514">[514]</a></span>&raquo;Du stehst im Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n! Wie kommst
+du dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du
+dazu, o Pascha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich, du bist sehr k&uuml;hn! Ich bin Gouverneur
+des hiesigen Bezirkes, weil die Sonne des Padischah mich
+erleuchtete.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich stehe im Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n, weil die
+Gnade des Gro&szlig;herrn &uuml;ber mich ergl&auml;nzte. Der Padischah
+hat mir die Erlaubnis gegeben, alle seine L&auml;nder zu besuchen,
+und dann werde ich gro&szlig;e B&uuml;cher und Zeitungen
+dar&uuml;ber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen
+wurde.&laquo;</p>
+
+<p>Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren
+Smyrnateppich. &raquo;Setze dich!&laquo;</p>
+
+<p>Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm
+kauerte, um seine Pfeife zu bedienen, Kaffee und mir eine
+Pfeife zu bringen.</p>
+
+<p>Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort
+wieder anlegen mu&szlig;te. Dann sa&szlig;en wir rauchend und
+trinkend beieinander, als ob wir ein paar alte Bekannte
+seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden,
+und um mir dies durch die That zu beweisen, lie&szlig; er
+meine beiden arnautischen Aghas eintreten. Er machte
+ihnen ein Gesicht, welches ihnen nichts weniger als ein
+gro&szlig;es Gl&uuml;ck verk&uuml;ndete, und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du befahlst es, o Herr!&laquo; antwortete der eine.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt nicht gegr&uuml;&szlig;t! Ihr habt eure Schuhe anbehalten!
+Ihr habt ihn sogar einen Ungl&auml;ubigen genannt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich
+so genannt habe!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_515" id="Page_515">[515]</a></span>&raquo;Herr, du hast&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweig! Habe ich ihn einen Ungl&auml;ubigen genannt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, o Pascha.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in
+den Hof! Es soll ein jeder von euch f&uuml;nfzig Streiche auf
+die Fu&szlig;sohlen erhalten. Meldet es drau&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis
+gegen mich. F&uuml;nfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn
+oder f&uuml;nfzehn h&auml;tte ich ihnen geg&ouml;nnt. So aber mu&szlig;te
+ich mich ihrer annehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Du richtest gerecht, o Pascha,&laquo; meinte ich daher.
+&raquo;Deine Weisheit ist erhaben, aber deine G&uuml;te ist noch
+gr&ouml;&szlig;er. Die Gnade ist das Recht aller Kaiser, aller K&ouml;nige
+und Herrscher. Du bist der F&uuml;rst von Mossul, und du
+wirst deine Gnade leuchten lassen &uuml;ber diese beiden M&auml;nner!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist
+dies nicht ebenso, als ob sie mich beleidigt h&auml;tten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, du stehst so erhaben &uuml;ber ihnen wie der Stern
+&uuml;ber der Erde. Der Schakal heult die Sterne an, diese
+aber h&ouml;ren es nicht und leuchten fort. Man wird im Abendlande
+deine G&uuml;te r&uuml;hmen, wenn ich erz&auml;hle, da&szlig; du meine
+Bitte erf&uuml;llt hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Hunde sind es nicht wert, da&szlig; wir ihnen vergeben;
+aber damit du siehst, da&szlig; ich dich lieb habe, so
+mag ihnen die Strafe erlassen sein. Packt euch fort, und
+la&szlig;t euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht sehen!&laquo;</p>
+
+<p>Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:</p>
+
+<p>&raquo;In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Gipt. Und dann kam ich durch die W&uuml;ste her&uuml;ber
+zu dir.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sagte so, weil ich keine L&uuml;ge machen wollte und
+ihm doch auch nicht sagen konnte, da&szlig; ich bei den Haddedihn
+gewesen sei.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_516" id="Page_516">[516]</a></span>&raquo;Durch die W&uuml;ste? Durch welche? Doch durch die
+W&uuml;ste des Sinai und von Syrien! Das ist ein b&ouml;ser
+Weg; aber danke Gott, da&szlig; du ihn eingeschlagen hast!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten
+und von ihnen ermordet worden w&auml;rest.&laquo;</p>
+
+<p>Wenn er das gewu&szlig;t h&auml;tte, was ich ihm verschwieg!</p>
+
+<p>&raquo;Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein freches, r&auml;uberisches Gesindel, welches ich
+zu Paaren treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch
+Tribut, und daher habe ich bereits begonnen, sie zu vernichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu
+gebrauchen.&laquo;</p>
+
+<p>Diese &raquo;besseren Dinge&laquo; waren leicht zu erraten: Ausrauben
+der Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, ich errate!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was err&auml;tst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schl&auml;gt
+die Feinde, indem er sie untereinander entzweit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen.
+Ich habe es wirklich so gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es gelungen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht! Und wei&szlig;t du, wer die Schuld daran
+tr&auml;gt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Engl&auml;nder und ein fremder Emir. Die Haddedihn
+sind die tapfersten unter den Schammar. Sie sollten
+aber vernichtet werden, ohne da&szlig; das Blut eines der
+Meinen flo&szlig;, und so sandten wir drei andere St&auml;mme
+gegen sie. Da kam dieser Engl&auml;nder mit dem Emir und
+warb andere St&auml;mme, welche den Haddedihn halfen. Meine
+<span class="pagenum"><a name="Page_517" id="Page_517">[517]</a></span>Verb&uuml;ndeten wurden alle get&ouml;tet oder gefangen genommen.
+Sie haben den gr&ouml;&szlig;ten Teil ihrer Herden verloren
+und m&uuml;ssen Tribut zahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu welchem Stamme geh&ouml;rte dieser Emir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand wei&szlig; es; aber man sagt, da&szlig; er kein Mensch
+sei. Er t&ouml;tet des Nachts den L&ouml;wen allein; seine Kugel
+trifft viele Meilen weit, und seine Augen funkeln im
+Dunkeln wie das Feuer der H&ouml;lle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du seiner nicht habhaft werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung
+dazu vorhanden. Die Abu Mohammed haben ihn
+bereits einmal gefangen genommen; er ist ihnen jedoch
+durch die Luft wieder davongeritten.&laquo;</p>
+
+<p>Der gute Pascha schien ein wenig abergl&auml;ubisch zu
+sein. Er hatte keine Ahnung davon, da&szlig; dieser Teufelskerl
+soeben mit ihm Kaffee trank.</p>
+
+<p>&raquo;Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von einem Obe&iuml;de, welcher mir als Bote gesandt
+wurde, als es bereits zu sp&auml;t war. Die Haddedihn hatten
+die Herden bereits weggenommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst sie bestrafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sogleich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte, aber ich mu&szlig; ihnen leider noch eine Frist
+gew&auml;hren, obgleich ich meine Truppen bereits vollst&auml;ndig
+zusammengezogen habe. Warst du schon in den Ruinen
+von Kufjundschik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort ist alles Milit&auml;r versammelt, welches gegen
+die Schammar ziehen sollte; jetzt aber werde ich die Leute
+nach einem andern Ort schicken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich fragen, wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mein Geheimnis, und niemand darf es erfahren.
+<span class="pagenum"><a name="Page_518" id="Page_518">[518]</a></span>Du wei&szlig;t wohl auch, da&szlig; diplomatische Heimlichkeiten
+sehr streng bewahrt werden m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem
+Auftrage fortgeschickt hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten
+ausfindig zu machen. Ich suchte ihm das Ergebnis
+seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es war
+mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfu&szlig;e oder mit
+dem Zangenunget&uuml;m in die Zahnpalisaden eines Arnauten
+Bresche rei&szlig;en zu m&uuml;ssen &ndash; und zwar schmerzlos, wie es
+jedenfalls verlangt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo; fragte der Gouverneur.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden,
+welcher an Disch aghrisi leidet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch du selbst leidest nicht daran?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>Mir wurde das Herz leicht. Der liebensw&uuml;rdige
+Pascha wandte sich bedauernd zu mir:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist schade! Ich wollte dir Gelegenheit geben,
+deine Kunst bewundern zu lassen. Aber vielleicht findet
+sich morgen oder &uuml;bermorgen einer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen und &uuml;bermorgen werde ich nicht mehr hier sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht? Du mu&szlig;t bleiben. Du sollst in meinem
+Palast wohnen und so bedient werden wie ich. &ndash; Gehe!&laquo;</p>
+
+<p>Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder
+entfernte. Ich antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Und doch mu&szlig; ich f&uuml;r jetzt fort, werde aber wiederkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura
+Schina oder gar bis nach Dschulamerik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du dort?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_519" id="Page_519">[519]</a></span>&raquo;Ich will sehen, was es dort f&uuml;r Menschen giebt
+und welche Pflanzen und Kr&auml;uter in jenen Gegenden
+wachsen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum soll dies so bald geschehen, da&szlig; du nicht
+einige Tage bei mir bleiben kannst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Menschen dort oben brauchst du nicht kennen
+zu lernen. Es sind kurdische R&auml;uber und einige Dschesidi,
+welche Allah verdammen wolle! Aber die Kr&auml;uter? Wozu?
+Ah, du bist ein Hekim und brauchst Kr&auml;uter! Aber hast
+du nicht daran gedacht, da&szlig; die Kurden dich vielleicht
+t&ouml;ten werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei
+ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute
+B&uuml;chse, und &ndash;&nbsp;&ndash; ich habe ja auch dich, o Pascha!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines
+Bezirkes. Ich habe dort Kanonen und eine Besatzung von
+dreihundert Albanesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Amadijah mu&szlig; eine sehr starke Festung sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht nur stark, sondern v&ouml;llig uneinnehmbar. Sie
+ist der Schl&uuml;ssel gegen das Land der freien Kurden. Aber
+auch die unterworfenen St&auml;mme sind widerspenstig und
+schlimm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir
+deinen Schutz gew&auml;hren. Das ist die Bitte, deretwegen
+ich zu dir kam.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie soll dir gew&auml;hrt sein, doch unter einer Bedingung.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_520" id="Page_520">[520]</a></span>&raquo;Welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kommst wieder zur&uuml;ck und wirst mein Gast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme diese Bedingung an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dir zwei Khawassen mitgeben, welche dich
+bedienen und besch&uuml;tzen sollen. Wei&szlig;t du auch, da&szlig; du
+durch das Land der Dschesidi kommst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein b&ouml;ses, ungehorsames Volk, dem man die
+Z&auml;hne zeigen soll. Sie beten den Teufel an, l&ouml;schen die
+Lichter aus und trinken Wein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist letzteres gar so schlimm?&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich von der Seite forschend an.</p>
+
+<p>&raquo;Trinkst du Wein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Wein bei dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte, du h&auml;ttest solchen, dann &ndash;&nbsp;&ndash; dann
+&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; h&auml;tte ich dich vor deiner Abreise einmal
+besucht.&laquo;</p>
+
+<p>Um dies h&ouml;ren zu d&uuml;rfen, mu&szlig;te ich bereits sein Vertrauen
+einigerma&szlig;en gewonnen haben. Ich konnte mir
+dies zu nutze machen und sagte also:</p>
+
+<p>&raquo;Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch solchen, welcher spritzt?&laquo;</p>
+
+<p>Er meinte jedenfalls Champagner.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O nein! Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; der Prophet verboten
+hat, Wein zu trinken? Ich bin ein treuer Anh&auml;nger des
+Kuran!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es. Aber man kann solchen Spritzwein
+k&uuml;nstlich machen, und dann ist es kein eigentlicher Wein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst spritzenden Wein machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_521" id="Page_521">[521]</a></span>&raquo;Aber dies dauert lange Zeit &ndash; vielleicht einige
+Wochen oder gar einige Monate?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es dauert nur einige Stunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir einen solchen Trank machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge,
+welche dazu n&ouml;tig sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was brauchst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Flaschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die habe ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zucker und Rosinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bekommst du von mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Essig und Wasser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat mein Mudbachdschi<a name="FNanchor_183_183" id="FNanchor_183_183"></a><a href="#Footnote_183_183" class="fnanchor">[183]</a>.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_183_183" id="Footnote_183_183"></a><a href="#FNanchor_183_183"><span class="label">[183]</span></a> Koch.</p></div>
+
+<p>&raquo;Und dann einiges, was man nur in der Apotheke
+bekommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geh&ouml;rt es zu den Ilatschlar<a name="FNanchor_184_184" id="FNanchor_184_184"></a><a href="#Footnote_184_184" class="fnanchor">[184]</a>?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_184_184" id="Footnote_184_184"></a><a href="#FNanchor_184_184"><span class="label">[184]</span></a> Arzneien.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst du noch
+etwas?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber du m&uuml;&szlig;test mir erlauben, den Wein
+in deiner K&uuml;che zu bereiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich zusehen, damit ich es lerne?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist fast unm&ouml;glich, o Pascha. Wein zu bereiten,
+den ein Moslem trinken darf, Wein, welcher spritzt und
+die Seele erheitert, das ist ein sehr gro&szlig;es Geheimnis!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebe dir, was du verlangst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein so wichtiges Geheimnis verkauft man nicht.
+Nur ein Freund darf es erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bin ich nicht dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich
+liebe dich und werde gern alles gew&auml;hren, um was du
+mich bittest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es, o Pascha, und darum sollst du mein
+<span class="pagenum"><a name="Page_522" id="Page_522">[522]</a></span>Geheimnis erfahren. Wie viele Flaschen soll ich dir
+f&uuml;llen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwanzig. Oder ist es zu viel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. La&szlig; uns in die K&uuml;che gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher
+Unterthan des K&ouml;nigs Bacchus. Es wurden andere
+Pfeifen angez&uuml;ndet, und dann begaben wir uns in die K&uuml;che.</p>
+
+<p>Die Herren des Vorzimmers machten sehr gro&szlig;e
+Augen, als sie mich mit der &raquo;Friedenspfeife&laquo; so kameradschaftlich
+an seiner Seite erblickten; er aber beachtete sie
+nicht. Die K&uuml;che lag zu ebener Erde und war ein hoher,
+dunkler Raum mit einem ungeheuren Herde, auf welchem
+&uuml;ber dem Feuer ein gro&szlig;er Kessel voll siedenden Wassers
+hing, das zur Bereitung des Kaffees bestimmt war. Unser
+Eintritt erregte weniger &Uuml;berraschung als vielmehr Entsetzen.
+Es sa&szlig;en f&uuml;nf oder sechs Kerle rauchend am Boden
+und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der
+Pascha war wohl niemals in seiner K&uuml;che gewesen, und
+bei seinem Erscheinen wurden die Leute v&ouml;llig starr vor
+Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit weit ge&ouml;ffneten
+Augen an.</p>
+
+<p>Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben
+mit Fu&szlig;tritten und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Auf, ihr Faulenzer, ihr Sklaven! Kennt ihr mich
+nicht, da&szlig; ihr sitzen bleibt, als ob ich einer euresgleichen
+sei?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder,
+ihm zu F&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr hei&szlig;es Wasser?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort kocht es, Herr,&laquo; antwortete einer, welcher der
+Koch zu sein schien; denn er war der dickste und schmutzigste
+von allen.</p>
+
+<p>&raquo;Hole Rosinen, du L&uuml;mmel!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_523" id="Page_523">[523]</a></span>&raquo;Wie viele?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel brauchst du?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>Ich pr&uuml;fte die Menge des Wassers und wies dann
+auf ein leeres Gef&auml;&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Diesen Krug dreimal voll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Zucker?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch einmal so viel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Essig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht den zehnten Teil.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr&#8217;s geh&ouml;rt, ihr Scheusale? Packt euch!&laquo;</p>
+
+<p>Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien.
+Ich lie&szlig; die Rosinen waschen und that dann alles in
+das kochende Wasser. Ein abendl&auml;ndischer Champagnerfabrikant
+h&auml;tte meine Brauerei belacht, ich aber hatte keine
+Zeit und mu&szlig;te die Sache so kurz wie m&ouml;glich machen,
+um das chemische Ged&auml;chtnis des edlen Pascha nicht mit
+allzu vielen Prozeduren zu beschweren.</p>
+
+<p>&raquo;Nun in die Apotheke!&laquo; bat ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Komm!&laquo;</p>
+
+<p>Er schritt voran und f&uuml;hrte mich in ein Gemach,
+welches auch zu ebener Erde war. In demselben lag der
+arme Hekim mit verbundenen F&uuml;&szlig;en am Boden. Auch
+ihm gab der Pascha einen Fu&szlig;tritt.</p>
+
+<p>&raquo;Steh auf, Widerw&auml;rtiger, und erzeige mir und diesem
+gro&szlig;en Effendi die Ehre, die uns geb&uuml;hrt. Danke ihm,
+denn er hat f&uuml;r dich gebeten, da&szlig; ich dir deine Portion
+Hiebe erlie&szlig;. Wisse, du Nichtsnutz, da&szlig; er mir den Zahn
+herausgenommen hat, ohne da&szlig; ich es f&uuml;hlte. Ich gebiete
+dir, ihm zu danken!&laquo;</p>
+
+<p>O, welches Vergn&uuml;gen, der Leibarzt eines Pascha
+zu sein! Dieser arme Schlucker warf sich vor mir nieder
+und k&uuml;&szlig;te mir den Saum meines alten Ha&iuml;k. Dann
+fragte der Pascha:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_524" id="Page_524">[524]</a></span>&raquo;Wo ist die Apotheke?&laquo;</p>
+
+<p>Der Arzt deutete auf einen gro&szlig;en, wurmstichigen
+Kasten.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, o Pascha!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Ouml;ffne!&laquo;</p>
+
+<p>Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand
+D&uuml;ten, Bl&auml;ttern, B&uuml;chsen, Amuletten, Pflasterstangen und
+sonstigem Zeug zu sehen, dessen Charakter und Bestimmung
+mir vollst&auml;ndig unbekannt war. Ich fragte nach
+kohlensaurem Natron und Weinsteins&auml;ure. Von dem
+ersteren war genug, von letzterer aber ganz wenig vorhanden;
+doch gen&uuml;gte es.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du alles?&laquo; fragte mich der Pascha.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot
+ihm:</p>
+
+<p>&raquo;Besorge von diesen beiden Sachen eine gr&ouml;&szlig;ere Menge
+und merke dir ihre Namen. Ich brauche sie sehr notwendig,
+falls ein Pferd krank wird. Wenn du die Namen
+vergissest, erh&auml;ltst du f&uuml;nfzig wohlgez&auml;hlte Hiebe!&laquo;</p>
+
+<p>Wir kehrten in die K&uuml;che zur&uuml;ck. Es wurden Flaschen,
+Lack, Draht und kaltes Wasser beigeschafft, und
+dann jagte der Gouverneur alle Anwesenden hinaus. Kein
+Mensch au&szlig;er ihm sollte, wenn auch nur teilweise, Mitwisser
+des gro&szlig;en Geheimnisses werden, einen Wein zu
+bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten
+Moslem ohne Gewissensbisse getrunken werden k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Dann kochten, brauten, k&uuml;hlten, f&uuml;llten, pfropften und
+siegelten wir, da&szlig; ihm der Schwei&szlig; vom Angesichte troff,
+und als wir endlich fertig waren, durften die Diener
+wieder eintreten, um die Flaschen an den k&uuml;hlsten Ort
+des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur
+Pr&uuml;fung mit und trug sie mit h&ouml;chsteigener Hand durch
+<span class="pagenum"><a name="Page_525" id="Page_525">[525]</a></span>das Vorzimmer in sein Gemach, wo wir uns wieder
+niederlie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir trinken?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist noch nicht abgek&uuml;hlt genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir trinken ihn warm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So schmeckt er nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er mu&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich mu&szlig;te er, denn der Pascha gebot es ja!
+Dieser lie&szlig; zwei Gl&auml;ser bringen, verbot jedermann, selbst
+dem Meldenden, den Eintritt und l&ouml;ste den Draht.</p>
+
+<p>Puff! &ndash; Der St&ouml;psel flog an die Decke.</p>
+
+<p>&raquo;Allah il Allah!&laquo; rief er erschrocken.</p>
+
+<p>Gischtend scho&szlig; der Kunstwein aus der Flasche. Ich
+wollte mein Glas schnell unterhalten.</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah! Er spritzt wirklich!&laquo;</p>
+
+<p>Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals
+der Flasche zwischen die Lippen. Sie war fast leer, als
+er wieder absetzte und den Finger in die &Ouml;ffnung steckte,
+um sie zu verschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Saltanatly &ndash; pr&auml;chtig! H&ouml;re, mein Freund, ich
+liebe dich! Dieser Wein ist sogar besser, als das Wasser
+vom Brunnen Zem-Zem!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Findest du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser
+Hawus Kewser, welches man im Paradiese trinken wird.
+Ich werde dir nicht zwei, sondern vier Khawassen mitgeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir! Hast du dir genau gemerkt, wie
+man diesen Wein bereitet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!&laquo;</p>
+
+<p>Ohne an mich oder daran zu denken, da&szlig; zwei Gl&auml;ser
+vorhanden seien, setzte er die Flasche wieder an den Mund
+und nahm sie erst dann hinweg, als sie leer war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_526" id="Page_526">[526]</a></span>&raquo;Bom bosch! Sie ist versiecht. Warum ist sie nicht
+gr&ouml;&szlig;er gewesen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Merkst du nun, wie kostbar mein Geheimnis war?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beim Propheten, ich merke es! O, ihr Nemsi seid
+sehr kluge Leute! Aber erlaube mir, dich einmal zu verlassen!&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich und verlie&szlig; das Zimmer. Als er nach
+einer Weile zur&uuml;ckkehrte, trug er etwas unter seinem
+Kaftan verborgen. Als er sich gesetzt hatte, zog er es
+hervor. Es waren &ndash; zwei Flaschen. Ich lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast sie selbst geholt?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Kendi &ndash; selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist,
+darf niemand anr&uuml;hren au&szlig;er mir. Ich habe es unten
+befohlen, und wer von jetzt an die Flasche nur betastet,
+den lasse ich zu Tode peitschen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst noch trinken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sollte ich nicht? Ist dieses Getr&auml;nk nicht k&ouml;stlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich sage dir, da&szlig; dieser Wein erst dann den
+rechten Geschmack haben wird, wenn er kalt geworden ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie mu&szlig; er dann schmecken, wenn er jetzt schon so
+k&ouml;stlich ist! Preis sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker
+und Arzneien wachsen l&auml;&szlig;t, um das Herz seiner Gl&auml;ubigen
+zu erquicken!&laquo;</p>
+
+<p>Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene
+dr&uuml;ckte die h&ouml;chste Wonne aus, und als die zweite Flasche
+leer war, meinte er:</p>
+
+<p>&raquo;Freund, dir kommt keiner gleich, weder ein Gl&auml;ubiger
+noch ein Ungl&auml;ubiger. Vier Khawassen sind f&uuml;r dich
+zu wenig; du sollst sechs haben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine G&uuml;te ist gro&szlig;, o Pascha; ich werde sie zu
+r&uuml;hmen wissen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du auch erz&auml;hlen von dem, was ich jetzt getrunken
+habe?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_527" id="Page_527">[527]</a></span>&raquo;Nein, dar&uuml;ber werde ich schweigen; denn ich werde
+auch das nicht sagen, was ich getrunken habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, du hast recht! Ich trinke, ohne an dich
+zu denken. Reiche mir dein Glas, ich werde diese Flasche
+noch &ouml;ffnen.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es
+schmeckte genau so, wie ungek&uuml;hltes Sodawasser mit Rosinenbr&uuml;he
+und Zucker schmecken mu&szlig;; f&uuml;r den anspruchslosen
+Gaumen des Pascha mu&szlig;te es ein Genu&szlig; sein.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du,&laquo; sagte er und that wieder einen langen
+Zug, &raquo;da&szlig; sechs Khawassen f&uuml;r dich noch immer zu wenig
+sind? Du sollst zehn bekommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, o Pascha!&laquo;</p>
+
+<p>Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen,
+meine Reise mit einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten,
+und das konnte mir unter Umst&auml;nden au&szlig;erordentlich
+hinderlich werden.</p>
+
+<p>&raquo;Also du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,&laquo;
+ber&uuml;hrte er das alte Thema. &raquo;Kennst du ihre Sprache?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist die kurdische?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur wenige
+von ihnen arabisch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne ihn nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich dir einen Dolmetscher mitgeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht ist dies unn&ouml;tig. Das Kurdische ist dem
+Persischen verwandt, und dieses verstehe ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe beides nicht, und du mu&szlig;t am besten
+wissen, ob du einen Dragoman brauchst. Aber halte dich
+in ihrem Lande ja nicht lange auf. Ruhe dich bei ihnen
+nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell hindurch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es k&ouml;nnte dir sonst etwas Schlimmes passieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_528" id="Page_528">[528]</a></span>&raquo;Das ist mein Geheimnis. Ich sage dir nur, da&szlig;
+dir grad die Schutzwache, welche ich dir mitgebe, gef&auml;hrlich
+werden k&ouml;nnte. Trink!&laquo;</p>
+
+<p>Dies war bereits das zweite Geheimnis, welches er
+ber&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Deine Leute k&ouml;nnen mich nur bis Amadijah begleiten?&laquo;
+fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches Gebiet kommt dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Gebiet der Kurden von Berwari.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t die Hauptstadt derselben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Residenz ist das feste Schlo&szlig; Gumri, auf dem
+ihr Bey wohnt. Ich werde dir einen Brief an ihn mitgeben;
+aber ob das Schreiben eine gute Wirkung hat,
+das kann ich dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter
+hast du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen Diener.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur einen? Hast du gute Pferde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut f&uuml;r dich, denn vom Pferde h&auml;ngt sehr
+oft die Freiheit und das Leben des Reiters ab. Und es
+w&auml;re sehr schade, wenn dir ein Ungl&uuml;ck gesch&auml;he; denn du
+warst der Besitzer eines sehr sch&ouml;nen Geheimnisses und
+hast es mir offenbart. Aber ich will dir auch dankbar
+sein. Wei&szlig;t du, was ich f&uuml;r dich thun werde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner
+wohlwollendsten Miene:</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, was der Disch-parassi ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine Steuer, welche nur du allein zu fordern hast.&laquo;</p>
+
+<p>Ich dr&uuml;ckte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der
+<span class="pagenum"><a name="Page_529" id="Page_529">[529]</a></span>Disch-parassi, die &raquo;Zahnverg&uuml;tung&laquo;, ist eine Abgabe an
+Geld, welche &uuml;berall erhoben wird, wo der Pascha auf
+seinen Reisen anh&auml;lt, und zwar daf&uuml;r, da&szlig; er sich seine
+Z&auml;hne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die
+ihm die betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es erraten,&laquo; meinte er. &raquo;Ich werde dir
+eine Schrift mitgeben, in welcher ich befehle, dir &uuml;berall,
+wohin du kommst, den Disch-parassi auszuzahlen, grad als
+ob ich es sei. Wann willst du abreisen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen fr&uuml;h.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben
+sogleich ausfertigen zu lassen!&laquo;</p>
+
+<p>Er stand auf und verlie&szlig; das Zimmer. Da der Schwarze
+ihm die Pfeife nachtragen mu&szlig;te, so blieb ich allein zur&uuml;ck.
+Neben dem Pascha hatten einige Papiere gelegen, mit denen
+er sich vor meinem Erscheinen besch&auml;ftigt haben mochte.
+Schnell griff ich zu und &ouml;ffnete eines. Es war ein Plan
+des Thales von Scheik Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht
+mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich
+konnte diesen Gedanken nicht weiter verfolgen, denn der
+Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen Befehl erschien
+sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben diktierte:
+eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten
+der Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberh&auml;upter
+und sonstigen Beh&ouml;rden, und darin hie&szlig; es, da&szlig;
+ich das Recht habe, den Disch-parassi zu erheben, und die
+Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen sollten,
+als ob der Pascha sie selbst stelle.</p>
+
+<p>Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit
+in Mossul war &uuml;ber Erwartung vollst&auml;ndig erreicht,
+und dieses Wunder hatte au&szlig;er meinem furchtlosen
+Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du mit mir zufrieden?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_530" id="Page_530">[530]</a></span>&raquo;Unendlich, o Pascha. Deine G&uuml;te will mich mit
+Wohlthaten erdr&uuml;cken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke mir nicht jetzt, sondern sp&auml;ter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nsche, da&szlig; ich es einst vermag!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du vermagst es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wodurch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht
+nur ein Hekim, sondern auch ein Offizier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb vermutest du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Hekim oder ein Mann, der B&uuml;cher schreibt,
+w&uuml;rde es nicht wagen, mich ohne die Begleitung eines
+Konsuls zu besuchen. Du hast ein Bu-djeruldi des Gro&szlig;herrn,
+und ich wei&szlig;, da&szlig; der Padischah zuweilen fremde
+Offiziere kommen l&auml;&szlig;t, die seine L&auml;nder bereisen m&uuml;ssen,
+um ihm dann milit&auml;rischen Bericht zu erstatten. Gestehe
+es, du bist ein solcher!&laquo;</p>
+
+<p>Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vorteil sein,
+und es w&auml;re sehr unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen.
+Ich wollte aber auch nicht l&uuml;gen und darum
+drechselte ich folgende diplomatische Phrasen:</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn du
+wei&szlig;t, da&szlig; der Padischah solche fremde Offiziere sendet,
+so hast du wohl auch geh&ouml;rt, da&szlig; dies meist im geheimen
+geschieht. D&uuml;rfen sie dieses Geheimnis verraten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ich will dich gar nicht dazu bereden, aber
+du wirst mir daf&uuml;r dankbar sein. Das ist es, was ich
+vorhin meinte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Womit kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du aus den Bergen von Kurdistan zur&uuml;ckkehrst,
+werde ich dich zu den Arabern von Schammar senden,
+besonders zu den Haddedihn. Du sollst ihre Gebiete
+bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_531" id="Page_531">[531]</a></span>&raquo;Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner
+Leute. Ich wei&szlig;, da&szlig; die Offiziere der Franken kl&uuml;ger
+sind als die unsrigen, obgleich ich selbst ein Oberst gewesen
+bin und dem Padischah gro&szlig;e Dienste geleistet habe.
+Ich w&uuml;rde dich ersuchen, dir die Gegenden der Dschesidi
+anzusehen; aber dazu ist es schon zu sp&auml;t. Ich habe von
+ihnen bereits das, was ich brauche.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Worte gaben mir die &Uuml;berzeugung, da&szlig; ich
+vorhin ganz richtig vermutet hatte. Die in Kufjundschik
+versammelten Truppen standen bereit, &uuml;ber die Teufelsanbeter
+herzufallen. Er fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und
+nicht etwa warten bis zu dem Tage, an welchem sie ihr
+gro&szlig;es Fest feiern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches Fest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres
+Scheik Adi gefeiert. Hier hast du deine Schreiben. Allah
+sei bei dir! Zu welcher Zeit wirst du morgen fr&uuml;h die
+Stadt verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zur Zeit des ersten Gebetes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die zehn Khawassen sollen dann in deiner Wohnung
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, ich habe an zweien genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das verstehst du nicht. Zehn sind besser als zwei;
+das merke dir. Du sollst f&uuml;nf Arnauten und f&uuml;nf Baschi
+erhalten. Kehre bald zur&uuml;ck und vergi&szlig; nicht, da&szlig; ich dir
+meine Liebe geschenkt habe!&laquo;</p>
+
+<p>Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging
+erhobenen Hauptes aus dem Hause, welches ich vor einigen
+Stunden als halber Gefangener betreten hatte. Als ich
+meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in Waffen.</p>
+
+<p>&raquo;Preis sei Allah, da&szlig; du kommst, Sihdi!&laquo; begr&uuml;&szlig;te
+er mich. &raquo;W&auml;rst du beim Untergang der Sonne noch nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_532" id="Page_532">[532]</a></span>hier gewesen, so h&auml;tte ich mein Wort gehalten und den
+Pascha erschossen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig; ich mir verbitten; der Pascha ist mein
+Freund!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des
+Menschen sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn gez&auml;hmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah! Dann hast du ein Wunder gethan. Wie
+ist dies gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen
+unter seinem Schutze und werden zehn Khawassen erhalten,
+die uns begleiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht auch nicht! Au&szlig;erdem hat er mir Empfehlungsbriefe
+gegeben und das Recht, den Disch-parassi
+zu erheben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, so bist du ja auch Pascha geworden!
+Aber sage, Sihdi, wer hat zu gehorchen: ich den Khawassen
+oder sie mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie dir, denn du bist nicht ein Diener, sondern
+Hadschi Halef Omar Agha, mein Begleiter und Besch&uuml;tzer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut, und ich sage dir, da&szlig; sie mich kennen
+lernen sollen, wenn es ihnen einf&auml;llt, mir die Achtung zu
+verweigern!&laquo;</p>
+
+<p>Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am n&auml;chsten
+Morgen mit dem Grauen des Tages sich erhob und den
+Kopf zur Th&uuml;re hinausstreckte, wurde er von zehn M&auml;nnern
+begr&uuml;&szlig;t, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er
+weckte mich sofort, und ich beeilte mich nat&uuml;rlich, meine
+Herren Besch&uuml;tzer in Augenschein zu nehmen.</p>
+
+<p>Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, f&uuml;nf
+Arnauten und f&uuml;nf Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gew&ouml;hnliche
+Kleidung des t&uuml;rkischen Milit&auml;rs. Die Arnauten
+<span class="pagenum"><a name="Page_533" id="Page_533">[533]</a></span>hatten purpurne Sammetoberwesten, gr&uuml;ne, mit Sammet besetzte
+Unterwesten, breite Sch&auml;rpen, rote Beinkleider mit
+metallenen Schienen, rote Turbans und trugen so viele
+Waffen an sich, da&szlig; man mit ihren Messern und Pistolen
+eine dreimal zahlreichere Schar h&auml;tte bewaffnen k&ouml;nnen.
+Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk Emini<a name="FNanchor_185_185" id="FNanchor_185_185"></a><a href="#Footnote_185_185" class="fnanchor">[185]</a>
+und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi<a name="FNanchor_186_186" id="FNanchor_186_186"></a><a href="#Footnote_186_186" class="fnanchor">[186]</a>
+kommandiert.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_185_185" id="Footnote_185_185"></a><a href="#FNanchor_185_185"><span class="label">[185]</span></a> Fourier oder Schreiber einer Compagnie.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_186_186" id="Footnote_186_186"></a><a href="#FNanchor_186_186"><span class="label">[186]</span></a> Befehlshaber von zehn Mann.</p></div>
+
+<p>Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er
+ritt kein Pferd, sondern einen Esel, und trug das Zeichen
+seiner W&uuml;rde &ndash; ein ungeheures Tintenfa&szlig; &ndash; an einem
+Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige
+Dutzend Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes M&auml;nnchen,
+dem die Nase fehlte; desto gr&ouml;&szlig;er aber war der
+Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe herabhing. Seine
+Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, da&szlig;
+die Haut kaum zuzulangen schien, und f&uuml;r die Augen blieb
+nur so viel Raum zum &Ouml;ffnen &uuml;brig, als notwendig
+war, einen kleinen Lichtstrahl in das Gehirn des Mannes
+gelangen zu lassen.</p>
+
+<p>Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm,
+diese tapferen Helden damit zu begr&uuml;&szlig;en. Er trat hinaus
+zu ihnen, und ich stellte mich so, da&szlig; ich den Vorgang
+beobachten konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Sabahiniz chajir &ndash; guten Morgen, ihr wackeren
+Streiter! Seid uns willkommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sabahiniz chajir &ndash; guten Morgen!&laquo; erwiderten alle
+zugleich.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid gekommen, den ber&uuml;hmten Kara Ben Nemsi
+auf seiner Reise zu begleiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_534" id="Page_534">[534]</a></span>&raquo;So will ich euch sagen, da&szlig; mein Name Hadschi
+Agha Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
+Dawud al Gossarah ist; ich bin der Reisemarschall und
+Agha dessen, den ihr begleiten sollt, und ihr habt also
+meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der
+Befehl, den euch der Pascha gegeben hat?&laquo;</p>
+
+<p>Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer
+solchen Fistelstimme, da&szlig; es klang, als h&ouml;re man eine alte,
+eingerostete <em class="antiqua">F</em>-Trompete blasen:</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah
+segnen m&ouml;ge, und hei&szlig;e Ifra. Merke dir diesen Namen!
+Der Pascha, dessen treuester Diener ich bin, hat mir dieses
+Tintenfa&szlig; und diese Federn nebst vielem Papier gegeben,
+um alles aufzuschreiben, was euch und uns begegnet. Ich
+bin der tapfere F&uuml;hrer dieser Leute und werde euch beweisen,
+da&szlig;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweig, Eschekun-atli!&laquo;<a name="FNanchor_187_187" id="FNanchor_187_187"></a><a href="#Footnote_187_187" class="fnanchor">[187]</a> unterbrach ihn der Onbaschi,
+indem er sich den gewaltigen Bart strich. &raquo;Was
+bist du? Unser Anf&uuml;hrer? Du Zwerg! Du Herr des
+Tintenfasses und der G&auml;nse, von denen deine Federn sind,
+das bist du, aber weiter nichts!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_187_187" id="Footnote_187_187"></a><a href="#FNanchor_187_187"><span class="label">[187]</span></a> Eselsreiter.</p></div>
+
+<p>&raquo;Was? Ich bin Buluk Emini und hei&szlig;e Ifra. Meine
+Tapferkeit&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweig, sage ich dir! Deine Tapferkeit w&auml;chst in
+den F&uuml;&szlig;en deines Esels, den Allah verbrennen m&ouml;ge; denn
+diese Kreatur hat die armselige Angewohnheit, des Tages
+durchzugehen und des Nachts den Himmel anzubr&uuml;llen.
+Wir kennen dich und deinen Esel, aber dennoch ist es sehr
+ungewi&szlig;, wer von euch der Buluk Emini und wer der
+Esel ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahre deine Zunge, Onbaschi! Wei&szlig;t du nicht, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="Page_535" id="Page_535">[535]</a></span>ich so tapfer bin, da&szlig; ich mich im Kampfe sogar dahin
+gewagt habe, wo man die Nasen abhaut? Blicke meine
+Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und du wirst
+staunen &uuml;ber die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten
+habe! Oder wei&szlig;t du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte
+von dem Verluste meiner Nase? So h&ouml;re! Es
+war damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows
+k&auml;mpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgew&uuml;hle und
+erhob soeben meinen Arm, um&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal
+geh&ouml;rt!&laquo; &ndash; Und sich zu Halef wendend, fuhr er fort:
+&raquo;Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir haben geh&ouml;rt, da&szlig;
+der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und
+das gef&auml;llt uns; wir haben ferner geh&ouml;rt, da&szlig; er sich
+unserer Aghas angenommen hat, und das gef&auml;llt uns noch
+mehr. Wir werden ihn besch&uuml;tzen und ihm dienen, und
+er soll mit uns zufrieden sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So frage ich noch einmal, welche Befehle euch der
+Pascha gegeben hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat uns befohlen, daf&uuml;r zu sorgen, da&szlig; der Emir
+wie der beste Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen
+werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werden wir &uuml;berall unentgeltlich Obdach und
+Nahrung erhalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles, was ihr braucht, und auch wir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er euch auch gesagt von dem Disch-parassi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der wird in barem Gelde einkassiert?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hoch bel&auml;uft er sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hoch, wie der Emir es will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie
+die Sonne, und seine Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr
+<span class="pagenum"><a name="Page_536" id="Page_536">[536]</a></span>sollt es gut haben bei uns. Seid ihr ganz bereit, die
+Reise anzutreten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr zu essen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r einen Tag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber keine Zelte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend
+eine gute Wohnung bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t ihr, da&szlig; wir durch das Land der Dschesidi
+gehen werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wissen es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchtet ihr euch vor den Teufelsanbetern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchten? Agha Halef Omar, hast du vielleicht einmal
+geh&ouml;rt, da&szlig; ein Arnaute sich gef&uuml;rchtet hat? Oder ist
+vielleicht ein Merd-es-Sche&iuml;tan, ein Mann des Teufels,
+der Sche&iuml;tan selbst? Sage dem Emir, da&szlig; wir bereit sind,
+ihn zu empfangen!&laquo;</p>
+
+<p>Nach einer Weile lie&szlig; ich mein Pferd vorf&uuml;hren und
+trat hinaus. Die zehn Mann standen in Achtung vor mir,
+ein jeder bei dem Kopfe seines Pferdes. Ich nickte nur,
+stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp
+setzte sich in Bewegung.</p>
+
+<p>Wir ritten &uuml;ber die Schiffbr&uuml;cke hin&uuml;ber und befanden
+uns dann am linken Ufer des Tigris au&szlig;erhalb der Stadt
+Mossul. Dort erst rief ich den Onbaschi an meine Seite
+und fragte ihn dann:</p>
+
+<p>&raquo;Wem dienst du jetzt, mir oder dem Pascha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dir, o Emir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin mit dir zufrieden. Schicke mir den Buluk
+Emini her.&laquo;</p>
+
+<p>Er ritt zur&uuml;ck, und dann kam der kleine Dicke.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Name ist Ifra? Ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; du
+ein tapferer Krieger bist.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_537" id="Page_537">[537]</a></span>&raquo;Sehr tapfer!&laquo; versicherte er mit seiner Trompetenstimme.</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst schreiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut, sehr sch&ouml;n, o Emir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo hast du gedient und gek&auml;mpft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In allen L&auml;ndern der Erde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah! Nenne mir diese L&auml;nder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu, Emir? Es w&uuml;rden mehr als tausend
+Namen sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mu&szlig;t du ein ber&uuml;hmter Buluk Emini sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr ber&uuml;hmt! Hast du noch nichts von mir geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bist du sicher in deinem Leben noch nicht aus
+dem Lande fortgekommen, sonst h&auml;ttest du von meinem
+Ruhme geh&ouml;rt. Ich mu&szlig; dir zum Beispiel einmal erz&auml;hlen,
+wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war
+n&auml;mlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows
+k&auml;mpften; da stand ich im dichtesten Kampfgew&uuml;hle
+und erhob grad meinen Arm&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls
+den Geruch des Esels nicht ertragen; er schnaubte
+zornig, str&auml;ubte die M&auml;hne und bi&szlig; nach dem Grauen
+des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem
+Bisse auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und ri&szlig;
+aus &ndash; ja, es war keine Flucht, sondern ein wirkliches
+Ausrei&szlig;en. Es ging &uuml;ber Stock und Stein, uns voran;
+der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem R&uuml;cken
+des Esels erhalten, und bald waren beide aus unsern
+Augen verschwunden.</p>
+
+<p>&raquo;So geht es ihm stets!&laquo; h&ouml;rte ich den Onbaschi zu
+Halef sagen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen ihm nach,&laquo; antwortete dieser; &raquo;sonst
+verlieren wir ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den?&laquo; lachte der Arnaut. &raquo;Es w&auml;re nicht schade
+<span class="pagenum"><a name="Page_538" id="Page_538">[538]</a></span>um ihn. Aber sorge dich nicht! Es ist ihm schon tausendmal
+passiert, und niemals ging er verloren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber warum reitet er diese Bestie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig;? Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der J&uuml;sbaschi<a name="FNanchor_188_188" id="FNanchor_188_188"></a><a href="#Footnote_188_188" class="fnanchor">[188]</a> will es. Er macht sich einen Spa&szlig;
+mit Ifra und dem Esel.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_188_188" id="Footnote_188_188"></a><a href="#FNanchor_188_188"><span class="label">[188]</span></a> Hauptmann, Befehlshaber von hundert Mann.</p></div>
+
+<p>Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des
+heiligen Georg hindurch waren, sahen wir den Buluk
+Emini vor uns halten. Er lie&szlig; mich herankommen und
+rief bereits von weitem:</p>
+
+<p>&raquo;Herr, hast du vielleicht geglaubt, da&szlig; der Esel mit
+mir durchgegangen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin &uuml;berzeugt davon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um
+den Weg zu untersuchen, den wir reiten werden. Gehen
+wir den Khausser entlang, oder reiten wir den gew&ouml;hnlichen
+Weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir bleiben auf dem Pfade.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So erlaube mir, da&szlig; ich dir meine Geschichte sp&auml;ter
+erz&auml;hle. Ich werde euch jetzt als Wegweiser dienen.&laquo;</p>
+
+<p>Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder
+Fl&uuml;&szlig;chen, welches an den n&ouml;rdlichen Ausl&auml;ufern des
+Dschebel Maklub entspringt und auf seinem Laufe nach
+Mossul die L&auml;ndereien zahlreicher D&ouml;rfer bew&auml;ssert. Wir
+ritten auf einer kleinen Br&uuml;cke &uuml;ber ihn hinweg und hatten
+ihn dann stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und
+das Dorf von Khorsabad liegen ungef&auml;hr sieben Wegstunden
+n&ouml;rdlich von Mossul. Die Gegend besteht aus
+Marschboden, aus welchem giftige Fieberd&uuml;nste emporsteigen.
+Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber
+wohl noch eine gute Wegstunde vor uns, als uns ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_539" id="Page_539">[539]</a></span>Trupp von vielleicht f&uuml;nfzig Arnauten entgegen kam. An
+der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte sah
+ich die wei&szlig;e Kleidung eines Arabers. N&auml;her gekommen,
+erkannte ich &ndash;&nbsp;&ndash; den Scheik Mohammed Emin.</p>
+
+<p>O wehe! Er war in die H&auml;nde dieser Leute gefallen,
+er, der Feind des Pascha, der bereits dessen Sohn
+gefangen genommen und nach Amadijah geschickt hatte.
+Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich gewehrt
+hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken.
+Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe &uuml;berrumpelt?
+Ich mu&szlig;te alles aufbieten, ihn aus dieser gef&auml;hrlichen
+Gesellschaft zu bringen. Daher blieb ich mitten im Wege
+halten und lie&szlig; den Trupp herankommen.</p>
+
+<p>Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur
+Seite des Weges auf den Boden zu werfen. Halef und
+ich blieben zu Pferde. Der Anf&uuml;hrer trennte sich von
+den andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten.
+Hart vor mir parierte er sein Pferd und fragte,
+ohne die am Boden Liegenden zu beachten:</p>
+
+<p>&raquo;Sallam! Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von welchem Stamme?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vom Volke der Nemsi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach dem Osten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berall hin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mann, du antwortest sehr kurz! Wei&szlig;t du, was
+ich bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest
+du hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit demselben Rechte, mit welchem du hier reitest!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_540" id="Page_540">[540]</a></span>&raquo;Tallahi, bei Gott, du bist sehr k&uuml;hn! Ich reite hier
+auf Befehl des Mutessarif von Mossul; das kannst du
+dir denken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von
+Mossul und des Padischah von Konstantinopel; das kannst
+du dir denken!&laquo;</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete die Augen ein wenig mehr und befahl
+mir dann:</p>
+
+<p>&raquo;Beweise es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier!&laquo;</p>
+
+<p>Ich gab ihm meine Legitimationen. Er &ouml;ffnete sie
+unter den vorgeschriebenen Formalit&auml;ten und las sie dann.
+Darauf faltete er sie sorgf&auml;ltig wieder zusammen, gab sie
+mir zur&uuml;ck und meinte dann in sehr h&ouml;flichem Tone:</p>
+
+<p>&raquo;Du tr&auml;gst selbst die Schuld, da&szlig; ich streng zu dir
+sprach. Du sahst, wer ich bin, und h&auml;ttest mir h&ouml;flicher
+antworten sollen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du tr&auml;gst selbst die Schuld, da&szlig; dies nicht geschehen
+ist,&laquo; antwortete ich ihm. &raquo;Du sahst meine Begleitung,
+die mich als einen Mann legitimiert, welcher sich der
+Freundschaft des Mutessarif erfreut, und h&auml;ttest h&ouml;flicher
+fragen sollen! &ndash; Gr&uuml;&szlig;e deinen Herrn sehr viele Male
+von mir; guten Morgen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Befehl, mein Herr!&laquo; antwortete er.</p>
+
+<p>Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen,
+etwas zur Befreiung von Mohammed Emin zu
+thun, hatte aber gleich beim Anfange des Gespr&auml;ches mit
+dem Offizier bemerkt, da&szlig; dies unn&ouml;tig sei. Die Begleitung
+desselben war etwas r&uuml;ckw&auml;rts hinter ihm halten
+geblieben und hielt ihre Augen mehr auf mich als auf
+ihren Gefangenen gerichtet. Dieser machte sich diesen Umstand
+sofort zu Nutzen. Er war nur leicht gefesselt und
+sa&szlig; auf einem schlechten t&uuml;rkischen Pferde. Im letzten
+<span class="pagenum"><a name="Page_541" id="Page_541">[541]</a></span>Gliede des Trupps aber f&uuml;hrte man sein vortreffliches
+Tier, an dessen Sattel alle seine Waffen hingen. Ich
+bemerkte seine gl&uuml;cklichen Bem&uuml;hungen, sich die H&auml;nde frei
+zu machen, und grad in dem Augenblicke, an welchem ich
+das Gespr&auml;ch abbrach, sprang er mit den F&uuml;&szlig;en auf den
+R&uuml;cken seines Tieres.</p>
+
+<p>&raquo;Halef, aufgepa&szlig;t!&laquo; raunte ich dem Diener zu, welcher
+ebenso aufmerksam beobachtet hatte, wie ich selbst.</p>
+
+<p>&raquo;Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!&laquo; antwortete
+er mir.</p>
+
+<p>Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte
+der Haddedihn einige k&uuml;hne Spr&uuml;nge von Croupe zu
+Croupe der hinter ihm haltenden Pferde, deren Reiter
+sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten,
+und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen
+eigenen Renner erreicht, sa&szlig; im Sattel, ri&szlig; den Z&uuml;gel
+aus der Hand dessen, der denselben hielt, und jagte seitw&auml;rts
+von dannen, nicht den Weg hinauf oder hinab,
+sondern stracks auf das Fl&uuml;&szlig;chen zu.</p>
+
+<p>Ein vielstimmiger Schrei der &Uuml;berraschung und des
+Grimmes erscholl hinter ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Gefangener flieht,&laquo; rief ich dem Anf&uuml;hrer zu;
+&raquo;la&szlig; uns ihm nachjagen!&laquo;</p>
+
+<p>Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte
+dem Fl&uuml;chtigen nach. Halef hielt sich an meiner Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite
+so, da&szlig; sie nicht schie&szlig;en k&ouml;nnen, ohne uns zu treffen!&laquo;</p>
+
+<p>Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann.
+Zum Gl&uuml;ck dachten die Verfolger zun&auml;chst nur daran,
+Mohammed Emin einzuholen, und als sie sahen, da&szlig; sein
+Pferd den ihrigen &uuml;berlegen sei, und zu den Waffen
+griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte,
+bereits zu gro&szlig; geworden. Auch waren ihre Schie&szlig;gewehre
+<span class="pagenum"><a name="Page_542" id="Page_542">[542]</a></span>nicht gut zu gebrauchen, da ich mit Halef nicht
+in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen
+Zickzack ritt und dabei mir alle m&ouml;gliche M&uuml;he gab, mein
+Pferd als st&ouml;rrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und
+bockte, dann schnellte es davon, warf sich mitten im Laufe
+zur Seite, drehte sich auf den Hinterf&uuml;&szlig;en um seine eigene
+Achse, scho&szlig; eine Strecke weit nach rechts oder links und
+schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte
+Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es,
+da&szlig; die T&uuml;rken nicht schie&szlig;en konnten, aus Furcht, uns
+zu treffen.</p>
+
+<p>Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die
+Fluten des Khausser getrieben. Er kam gl&uuml;cklich hin&uuml;ber,
+und ich mit Halef auch; aber ehe es den anderen gelang,
+uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen bedeutenden
+Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten
+Tieren vorw&auml;rts, immer nach Nordwesten zu, bis wir
+ungef&auml;hr zwei Wegstunden zur&uuml;ckgelegt hatten und auf
+die Stra&szlig;e trafen, welche von Mossul &uuml;ber Telke&iuml;f direkt
+nach Rabban Hormuzd f&uuml;hrt und ganz parallel derjenigen
+zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscherraijah und
+Baadri erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn
+sein Pferd an. Er sah nur uns beide, denn die andern
+waren l&auml;ngst hinter dem Horizonte verschwunden.</p>
+
+<p>&raquo;Preis sei Gott!&laquo; rief er. &raquo;Effendi, ich danke dir,
+da&szlig; du ihnen die H&auml;nde von den Flinten genommen hast!
+Was thun wir nun, damit sie uns verlieren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie bist du in ihre H&auml;nde gekommen, Scheik?&laquo;
+fragte der kleine Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Das wird er uns sp&auml;ter sagen; jetzt ist keine Zeit
+dazu,&laquo; antwortete ich. &raquo;Mohammed Emin, kennst du
+das sumpfige Land, welches zwischen dem Tigris und dem
+Dschebel Maklub liegt?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_543" id="Page_543">[543]</a></span>&raquo;Ich bin einmal durch dasselbe geritten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In welcher Richtung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Baascheika und Baazani &uuml;ber Ras al A&iuml;n nach
+Dohuk hin&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist der Sumpf gef&auml;hrlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seht ihr dort im Nordost jene H&ouml;he, welche man
+vielleicht in drei Stunden erreichen kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sehen sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier
+m&uuml;ssen wir uns trennen. Die Stra&szlig;e d&uuml;rfen wir nicht
+verfolgen, denn sonst w&uuml;rde man uns sehen und unsere
+Richtung erraten. Wir m&uuml;ssen in den Sumpf, und zwar
+einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen
+sollten, nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?&laquo;
+fragte Halef.</p>
+
+<p>&raquo;Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns &uuml;berhaupt
+mehr hinderlich als f&ouml;rderlich; sie bringen mir keinen
+gr&ouml;&szlig;ern Schutz als den, welchen mir meine P&auml;sse und
+Briefe gew&auml;hren. Halef, du gehst hier ab und beh&auml;ltst
+die s&uuml;dlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und
+der Scheik bleibt im Norden: &ndash; jeder wenigstens eine
+halbe Wegstunde von dem andern.&laquo;</p>
+
+<p>Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von
+dem gebahnten Wege ab und in den Sumpf hinein, der
+allerdings nicht die Eigenschaften eines wirklichen Morastes
+hatte. Die Gef&auml;hrten entschwanden meinem Auge, und
+ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt
+hatten.</p>
+
+<p>Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande
+der Spannung, wie ich ihn seit langer Zeit nicht an mir
+bemerkt hatte. Es giebt kein Land der Erde, welches so
+<span class="pagenum"><a name="Page_544" id="Page_544">[544]</a></span>zahlreiche und hohe R&auml;tsel birgt, wie der Boden, welchen
+die Hufe meines Pferdes ber&uuml;hrten. Auch ganz abgesehen
+von den Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches,
+welche hier bei jedem Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt
+vor mir die Berge auf, deren Abh&auml;nge und Th&auml;ler von
+Menschen bewohnt werden, deren Nationalit&auml;t und Religion
+nur mit der gr&ouml;&szlig;ten Schwierigkeit zu entwirren
+sind. Lichtverl&ouml;scher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer,
+Chald&auml;er, Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten,
+Ghollaten, Rewafidhiten, Muatazileten, Wachabiten,
+Araber, Juden, T&uuml;rken, Armenier, Syrer, Drusen, Maroniten,
+Kurden, Perser, Turkmenen: &ndash; ein Angeh&ouml;riger
+dieser Nationen, St&auml;mme und Sekten kann einem bei jedem
+Schritte begegnen, und wer kennt die Fehler und Verst&ouml;&szlig;e,
+welche ein Fremder bei einer solchen Gelegenheit
+begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem
+Blute derjenigen, welche dem V&ouml;lkerhasse, dem wildesten
+Fanatismus, der Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit,
+der Raublust oder der Blutrache zum Opfer
+fielen. Hier h&auml;ngen die menschlichen Wohnungen an den
+Felsenh&ouml;hen und Steinkl&uuml;ften, wie die Horste des Geiers,
+der stets bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzust&uuml;rzen.
+Hier hat das System der Unterdr&uuml;ckung, der
+r&uuml;cksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige Verbitterung
+erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind
+unterscheiden mag, und das Wort der vers&ouml;hnenden Liebe,
+welches von den christlichen Sendboten gepredigt wurde,
+es ist in alle Winde verschollen. M&ouml;gen amerikanische
+Mission&auml;re von Erfolgen reden: der Acker ist nicht zubereitet,
+das Senfkorn aufzunehmen. M&ouml;gen andere Gottesm&auml;nner
+alles thun und wagen: &ndash; in den kurdischen
+Bergen flie&szlig;en die feindseligsten Str&ouml;mungen zu einem
+wilden Strudel zusammen, der erst dann zur Ruhe
+<span class="pagenum"><a name="Page_545" id="Page_545">[545]</a></span>kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die
+Klippen zu zermalmen, den Ha&szlig; zu bezwingen und dem
+h&auml;&szlig;lichen, leise schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten.
+Dann werden die Wege frei sein f&uuml;r die F&uuml;&szlig;e
+derjenigen, welche &raquo;den Frieden predigen und das Heil
+verk&uuml;ndigen&laquo;. Dann wird kein Bewohner jener Berge
+mehr sagen k&ouml;nnen: &raquo;Ich bin ein Christ geworden, weil
+ich sonst von dem Agha die Bastonnade erhalten h&auml;tte.&laquo;
+Und dieser Agha war &ndash; ein strenger Mohammedaner.</p>
+
+<p>Der Berg r&uuml;ckte mir n&auml;her und n&auml;her, oder vielmehr
+ich ihm. Der Boden war zwar leicht und feucht, aber
+es gab nur wenige Stellen, an denen die Hufe meines
+Pferdes betr&auml;chtlich eingesunken w&auml;ren, und endlich kam
+trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter
+mir. Jetzt sah ich rechts von mir einen Reiter und erkannte
+sehr bald Halef, mit dem ich mich in kurzer Zeit
+vereinigte.</p>
+
+<p>&raquo;Ist dir jemand begegnet?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Sihdi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es hat dich niemand gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Mensch. Nur weit im S&uuml;den sah ich auf dem
+Wege, den wir verlassen haben, einen kleinen Menschen
+laufen, der ein Tier hinter sich herzog. Ich konnte ihn
+aber nicht genau erkennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du <em class="gesperrt">den</em> dort erkennen?&laquo; fragte ich, nach
+Norden deutend.</p>
+
+<p>&raquo;O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten
+wird er bei uns sein.&laquo;</p>
+
+<p>So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei.</p>
+
+<p>&raquo;Was nun, Effendi?&laquo; fragte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Das wird sich ganz nach dem richten, was du erfahren
+hast. Bist du vielleicht bemerkt worden?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_546" id="Page_546">[546]</a></span>&raquo;Nein. Nur ein Sch&auml;fer trieb in weiter Entfernung
+seine Herde an mir vor&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie wurdest du gefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hattest mich nach den Ruinen von Khorsabad
+bestellt. Bis heute morgen verbarg ich mich in dem s&uuml;dlichen
+Teile derselben, dann aber postierte ich mich dem
+Wege n&auml;her, um dich kommen zu sehen. Hier wurde ich
+von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte
+mich nicht wehren, weil es ihrer zu viele waren, und
+weshalb sie mich gefangen nahmen, das wei&szlig; ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fragten sie dich nach deinem Stamm und deinem
+Namen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber h&auml;tte dich
+an deiner T&auml;ttowierung erkannt. Sie nahmen dich gefangen,
+weil in den Ruinen von Kufjundschik die Truppen
+des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen die Schammar
+zu ziehen.&laquo;</p>
+
+<p>Er erschrak und hielt sein Pferd an.</p>
+
+<p>&raquo;Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da mu&szlig; ich
+sofort umkehren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht n&ouml;tig. Ich kenne den Plan des Gouverneur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches ist dieser Plan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Zug gegen die Schammar ist f&uuml;r jetzt nur eine
+Maske. Der Mutessarif will zun&auml;chst die Dschesidi &uuml;berfallen.
+Diese sollen das nicht ahnen, und daher giebt er
+vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du dies genau?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen.
+Ich soll zur&uuml;ckkommen und ihm die Weidepl&auml;tze der Schammar
+auskundschaften.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird,
+<span class="pagenum"><a name="Page_547" id="Page_547">[547]</a></span>so benutzt er sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch
+gegen die Schammar zu schicken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig
+werden; darauf kannst du dich verlassen. Und dann ist
+die kurze Fr&uuml;hlingszeit vor&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maschallah, was hat der Fr&uuml;hling mit diesem Kriege
+zu thun, Effendi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr viel. Sobald die hei&szlig;en Tage kommen, verdorren
+die Pflanzen, und die Ebene trocknet aus. Die
+Bedawi ziehen sich mit ihren Herden nach den Bergen des
+Schammar oder des Sindschar zur&uuml;ck, und das Heer des
+Gouverneur m&uuml;&szlig;te elend verschmachten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg
+getrost fortsetzen; aber ich kenne ihn nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben rechts die Stra&szlig;e nach A&iuml;n Sifni, links
+den Weg nach Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri
+aber darf man uns nicht sehen, und so wird es zweckm&auml;&szlig;ig
+sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten.
+Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns
+nicht mehr zu verbergen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit haben wir bis Baadri?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drei Stunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, du bist ein gro&szlig;er Emir. Du bist aus einem
+weit entfernten Lande und kennst diese Gegend besser
+als ich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau
+nach der Gegend erkundigt, durch welche wir reisen m&uuml;ssen.
+Das ist alles! Jetzt aber vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden
+wollten, kaum eine halbe Stunde von einander entfernt
+lagen, gl&uuml;ckte es uns doch, unbemerkt zu bleiben. Sahen
+wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links hin&uuml;ber,
+und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_548" id="Page_548">[548]</a></span>nach rechts. Nat&uuml;rlich leistete mir mein Fernrohr dabei
+die wichtigsten Dienste, und nur ihm allein hatten wir es
+zu verdanken, da&szlig; wir uns endlich beim Anblick von
+Baadri sicher f&uuml;hlen konnten.</p>
+
+<p>Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel
+gewesen und also ziemlich m&uuml;de, als wir die H&uuml;gelreihe
+erreichten, an deren Fu&szlig;e das Dorf lag, welches der Wohnplatz
+des geistlichen Oberhauptes der Teufelsanbeter, sowie
+des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich
+fragte den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem
+Namen des Bey. Er sah mich verlegen an. Ich hatte
+ganz au&szlig;er acht gelassen, da&szlig; die Dschesidi meist nicht
+arabisch reden.</p>
+
+<p>&raquo;Bey nidsche demar &ndash; wie hei&szlig;t der Bey?&laquo; fragte
+ich t&uuml;rkisch.</p>
+
+<p>&raquo;Ali Bey,&laquo; antwortete er mir.</p>
+
+<p>&raquo;Ol nerde oturar &ndash; wo wohnt er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gel, seni g&ouml;tirim &ndash; komm, ich werde dich f&uuml;hren!&laquo;</p>
+
+<p>Er f&uuml;hrte uns bis an ein gro&szlig;es, aus Steinen aufgef&uuml;hrtes
+Geb&auml;ude.</p>
+
+<p>&raquo;Itscherde otur &ndash; da drinnen wohnt er,&laquo; sagte der
+Mann; dann entfernte er sich wieder.</p>
+
+<p>Das Dorf war au&szlig;erordentlich belebt. Ich bemerkte
+au&szlig;er den H&auml;usern und H&uuml;tten auch eine Menge Zelte,
+vor denen Pferde oder Esel angebunden waren, und
+zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge
+hin und her. Diese war so bedeutend, da&szlig; unser Kommen
+gar nicht aufzufallen schien.</p>
+
+<p>&raquo;Sihdi, schau hierher!&laquo; sagte Halef. &raquo;Kennst du
+den?&laquo;</p>
+
+<p>Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des
+Hauses angebunden war. Wahrhaftig, es war der Esel
+unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und trat ein.
+<span class="pagenum"><a name="Page_549" id="Page_549">[549]</a></span>Da scholl mir die d&uuml;nne Fistelstimme des tapfern Ifra
+entgegen:</p>
+
+<p>&raquo;Und du willst mir wirklich keine andere Wohnung
+geben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine andere,&laquo; antwortete eine andere
+Stimme in sehr trockenem Tone.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist der Kiajah<a name="FNanchor_189_189" id="FNanchor_189_189"></a><a href="#Footnote_189_189" class="fnanchor">[189]</a>; du mu&szlig;t eine andere schaffen!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_189_189" id="Footnote_189_189"></a><a href="#FNanchor_189_189"><span class="label">[189]</span></a> Dorfoberhaupt.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ich habe dir bereits gesagt, da&szlig; ich keine andere
+habe. Das Dorf ist voll von Pilgern; es ist kein Platz
+mehr leer. Warum f&uuml;hrt dein Effendi nicht ein Zelt
+bei sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein gro&szlig;er Bey,
+der ber&uuml;hmter ist, als alle Dschesidenf&uuml;rsten im Gebirge!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen
+fangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen Gefangenen fangen? Bist du toll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen entflohenen Gefangenen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach so!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat einen Firman des Gro&szlig;herrn, einen Firman
+el Onsul<a name="FNanchor_190_190" id="FNanchor_190_190"></a><a href="#Footnote_190_190" class="fnanchor">[190]</a>, einen Firman und viele Briefe des Mutessarif,
+und hier ist auch meine Bescheinigung.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_190_190" id="Footnote_190_190"></a><a href="#FNanchor_190_190"><span class="label">[190]</span></a> Pa&szlig; des Konsuls.</p></div>
+
+<p>&raquo;Er mag selbst kommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? Er hat den Disch-parassi, und du sagst, er
+m&ouml;ge selbst kommen! Ich werde mit dem Scheik sprechen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der ist nicht hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So rede ich mit dem Bey!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehe hinein zu ihm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini
+des Gro&szlig;herrn, habe f&uuml;nfunddrei&szlig;ig Piaster Monatssold<a name="FNanchor_191_191" id="FNanchor_191_191"></a><a href="#Footnote_191_191" class="fnanchor">[191]</a>
+und brauche mich vor keinem Kiajah zu f&uuml;rchten.
+H&ouml;rst du es?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_191_191" id="Footnote_191_191"></a><a href="#FNanchor_191_191"><span class="label">[191]</span></a> Sieben Mark.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_550" id="Page_550">[550]</a></span>&raquo;Ja. F&uuml;nfunddrei&szlig;ig Piaster f&uuml;r den Monat!&laquo; klang
+es beinahe lustig. &raquo;Was bekommst du noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was noch? H&ouml;re es! Zwei Pfund Brot, siebzehn
+Lot Fleisch, drei Lot Butter, f&uuml;nf Lot Reis, ein Lot Salz
+und anderthalb Lot Zuthaten t&auml;glich, au&szlig;erdem auch noch
+Seife, &Ouml;l und Stiefelschmiere. Verstehst du mich? Und
+wenn du &uuml;ber meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe,
+so werde ich dir erz&auml;hlen, wie sie mir abhanden gekommen
+ist! Das war damals, als wir vor Sebastopol standen;
+ich befand mich im dicksten Kugelregen, und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine Zeit, dich anzuh&ouml;ren. Soll ich es
+dem Bey sagen, da&szlig; du mit ihm reden willst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage es ihm. Doch vergi&szlig; nicht, zu erw&auml;hnen, da&szlig;
+ich mich nicht abweisen lasse!&laquo;</p>
+
+<p>Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten
+Unterhaltung. Ich trat ein, Mohammed Emin und
+Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im Begriff,
+eine Th&uuml;re zu &ouml;ffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen
+um.</p>
+
+<p>&raquo;Da kommt der Emir selbst,&laquo; meinte Ifra. &raquo;Er
+wird dir zeigen, wem du zu gehorchen hast!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte mich zun&auml;chst zu dem Buluk Emini:</p>
+
+<p>&raquo;Du hier! Wie kommst du so ganz allein nach
+Baadri?&laquo;</p>
+
+<p>Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb
+er mir die Antwort nicht schuldig:</p>
+
+<p>&raquo;Habe ich dir nicht gesagt, da&szlig; ich voranreiten w&uuml;rde,
+Excellenz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind die andern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Iflemisch &ndash; verschwunden, verduftet, weggeblasen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht, Hoheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t es doch gesehen haben!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_551" id="Page_551">[551]</a></span>&raquo;Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten
+alle hinter ihm her, auch meine Leute und die Arnauten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum du nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Benim eschek &ndash; mein Esel wollte nicht, Herr. Und
+au&szlig;erdem mu&szlig;te ich doch nach Baadri, um dir Quartier
+zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur
+Erde, und als ich mich erhob, um der Jagd zu folgen,
+war er bereits weit fort.&laquo;</p>
+
+<p>Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed
+Emins wegen.</p>
+
+<p>&raquo;Werden die andern bald nachkommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer wei&szlig; es! Allah ist unerforschlich; er f&uuml;hrt den
+Gl&auml;ubigen dahin und dorthin, nach rechts und nach links,
+wie es ihm gef&auml;llt, denn die Wege des Menschen sind im
+Kitab takdir&uuml;n, in dem Buche der Vorsehung, verzeichnet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Ali Bey hier?&laquo; fragte ich jetzt den Dorf&auml;ltesten.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bu kapu escheri &ndash; hinter dieser Th&uuml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist er allein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage ihm, da&szlig; wir ihn sprechen wollen!&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend er in das andere Gemach ging, stie&szlig; Ifra
+den kleinen Halef in die Seite und sagte leise, nach Mohammed
+Emin blinzelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dieser Araber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Scheik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo kommt er her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines
+Sihdi und wird jetzt bei uns bleiben.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_552" id="Page_552">[552]</a></span>&raquo;Wer tschok Bakschischler &ndash; giebt er viele Trinkgelder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bu kadar &ndash; so viel!&laquo; meinte Halef, indem er alle
+zehn Finger emporstreckte.</p>
+
+<p>Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich
+seiner vor Zufriedenheit strahlenden Miene anmerkte. Jetzt
+&ouml;ffnete sich die Th&uuml;re, und der Dorf&auml;lteste kehrte zur&uuml;ck.
+Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr sch&ouml;ner
+Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelm&auml;&szlig;ige
+Gesichtsz&uuml;ge und ein Paar Augen, deren Feuer
+&uuml;berraschend war. Er trug eine fein gestickte Hose, ein
+reiches J&auml;ckchen und einen Turban, unter welchem eine
+F&uuml;lle der pr&auml;chtigsten Locken hervorquoll. In seinem
+G&uuml;rtel befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr
+kunstvoller Arbeit war.</p>
+
+<p>&raquo;Chosch geldin demek &ndash; seid willkommen!&laquo; sagte er,
+indem er zun&auml;chst mir, dann dem Scheik und endlich auch
+Halef die Hand reichte. Den Baschi-Bozuk aber schien
+er gar nicht zu bemerken.</p>
+
+<p>&raquo;Mazal bujurum sultanum &ndash; vergib mir, Herr, da&szlig;
+ich dein Haus betrete,&laquo; antwortete ich. &raquo;Der Abend ist
+nahe, und ich wollte dich fragen, ob es in deinem Gebiete
+eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe
+legen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe
+bis herab zu den F&uuml;&szlig;en und erwiderte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und
+wohin. Aber mein Kiajah sagte mir, da&szlig; du ein Emir
+seist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin kein Araber und kein T&uuml;rke, sondern ein
+Nemtsche, weit vom Abendlande her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und
+habe auch noch keinen von ihnen gesehen. Aber ich habe
+<span class="pagenum"><a name="Page_553" id="Page_553">[553]</a></span>von einem Nemtsche geh&ouml;rt, den ich sehr gern kennen lernen
+m&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich dich fragen, warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil drei von meinen M&auml;nnern ihm das Leben zu
+verdanken haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Inwiefern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu
+den Haddedihn gebracht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind sie hier in Baadri?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hei&szlig;en Pali, Selek und Melaf?&laquo;</p>
+
+<p>Er trat &uuml;berrascht einen Schritt zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Du kennst sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hie&szlig; der Nemtsche, den du meinest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kara Ben Nemsi wurde er genannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed
+Emin, der Scheik der Haddedihn, und der andere ist
+Halef, mein Begleiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es m&ouml;glich? Welch eine &Uuml;berraschung! Seni
+gerek olarim &ndash; ich mu&szlig; dich umarmen!&laquo;</p>
+
+<p>Er zog mich an sich und k&uuml;&szlig;te mich auf beide Wangen;
+dasselbe that er auch mit Mohammed und Halef,
+nur da&szlig; er bei letzterem den Ku&szlig; unterlie&szlig;. Dann fa&szlig;te
+er mich bei der Hand und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Tschelebim mahalinde geldin &ndash; Herr, du kommst
+zur rechten Zeit. Wir haben ein gro&szlig;es Fest, bei welchem
+man nicht Fremde zuzulassen pflegt; du aber sollst dich
+mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fr&ouml;hlichen Tage
+dauern, und auch sp&auml;ter noch recht lange!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bleibe, so lange es dem Scheik gef&auml;llt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird ihm gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t wissen, da&szlig; sein Herz ihn vorw&auml;rts treibt,
+wie wir dir noch erz&auml;hlen werden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_554" id="Page_554">[554]</a></span>&raquo;Ich wei&szlig; es. Aber tretet herein. Mein Haus ist
+euer Haus, und mein Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere
+Br&uuml;der sein, so lange wir leben!&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend wir durch die Th&uuml;r schritten, h&ouml;rte ich Ifra
+zu dem Gemeinde&auml;ltesten sagen:</p>
+
+<p>&raquo;Hast du es geh&ouml;rt, Alter, was mein Effendi f&uuml;r
+ein ber&uuml;hmter Emir ist? Lerne, auch mich danach zu
+sch&auml;tzen. Merke dir das!&laquo;</p>
+
+<p>Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach
+ausgestattet. Ich und der Scheik mu&szlig;ten zur Seite Ali
+Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine Hand noch immer
+nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr aufmerksam.</p>
+
+<p>&raquo;Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn
+geschlagen hat!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du meine Wangen schamrot machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen L&ouml;wen
+t&ouml;tete! Ich m&ouml;chte sein, wie du! Du bist ein Christ?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Christen sind alle m&auml;chtiger als andere Leute;
+aber ich bin auch ein Christ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind die Dschesidi Christen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen
+nur das Gute f&uuml;r sich genommen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du das gewi&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>Er zog die Brauen zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage dir, Emir, da&szlig; in diesen Bergen keine
+Religion allein zu herrschen vermag; denn unser Volk ist
+zerteilt, unsere St&auml;mme sind gespalten, und unsere Herzen
+sind zerrissen. Eine gute Religion mu&szlig; Liebe predigen;
+aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende
+Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker
+aus dem Boden des Hasses, der Rachsucht, des Verrates
+<span class="pagenum"><a name="Page_555" id="Page_555">[555]</a></span>und der Grausamkeit zusammengesetzt ist. H&auml;tte ich die
+Macht, so w&uuml;rde ich die Liebe predigen, aber nicht mit
+den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der Faust; denn
+wo eine edle Blume gedeihen soll, da mu&szlig; zuvor das Unkraut
+ausgerottet werden. Oder meinest du, da&szlig; eine Predigt
+im stande sei, aus einem Zehr-lahana<a name="FNanchor_192_192" id="FNanchor_192_192"></a><a href="#Footnote_192_192" class="fnanchor">[192]</a> eine Karanfil<a name="FNanchor_193_193" id="FNanchor_193_193"></a><a href="#Footnote_193_193" class="fnanchor">[193]</a>
+zu machen? Der G&auml;rtner kann die Bl&uuml;te der Giftpflanze
+f&uuml;llen und versch&ouml;nern, das Gift aber wird im Innern
+heimt&uuml;ckisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt
+meines Schwertes sollte L&auml;mmer aus W&ouml;lfen machen.
+Wer diese Predigt h&ouml;rte, w&uuml;rde gl&uuml;cklich sein; wer ihr
+aber widerstrebte, den w&uuml;rde ich zermalmen. Dann erst
+k&ouml;nnte ich das Schwert in die Scheide stecken und zu
+meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu
+freuen. Denn wenn sie einmal eingezogen ist, so ist es
+wahr, was das heilige Buch der Christen sagt: Muhabbet
+bitmez &ndash; die Liebe h&ouml;rt nie auf!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_192_192" id="Footnote_192_192"></a><a href="#FNanchor_192_192"><span class="label">[192]</span></a> Giftkraut.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_193_193" id="Footnote_193_193"></a><a href="#FNanchor_193_193"><span class="label">[193]</span></a> Nelke.</p></div>
+
+<p>Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich ger&ouml;tet,
+und der Ton seiner Stimme kam aus der Tiefe eines
+vollen Herzens heraus. Er war nicht nur ein sch&ouml;ner,
+sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen
+Verh&auml;ltnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug
+zu einem Helden.</p>
+
+<p>&raquo;Du glaubst also, da&szlig; die christlichen Prediger, welche
+aus der Ferne kommen, hier nichts zu wirken verm&ouml;gen?&laquo;
+fragte ich nun.</p>
+
+<p>&raquo;Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses
+sagt: &#8250;Ch&uuml;dan&uuml;n s&ouml;z tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar
+&ndash; das Wort Gottes ist ein Hammer, welcher Felsen zertr&uuml;mmert.&#8249;
+Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser
+zermalmen? Kannst du mit ihm die D&uuml;nste zerschmettern,
+welche dem Sumpfe entsteigen und das Leben t&ouml;ten? Frage
+<span class="pagenum"><a name="Page_556" id="Page_556">[556]</a></span>die M&auml;nner, welche aus Jeni d&uuml;nja<a name="FNanchor_194_194" id="FNanchor_194_194"></a><a href="#Footnote_194_194" class="fnanchor">[194]</a> her&uuml;ber gekommen
+sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen; sie haben
+sch&ouml;ne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als
+Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angeh&ouml;rt,
+haben ihre Geschenke genommen, haben sich taufen lassen,
+und dann sind sie hingegangen, um zu rauben, zu stehlen
+und zu t&ouml;ten, wie vorher. Das heilige Buch wurde in
+unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch verstand den
+Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen.
+Glaubst du, da&szlig; diese frommen M&auml;nner uns das Schreiben
+und das Lesen lehren werden? Unsere Feder darf
+jetzt nur von scharfem Stahle sein. Oder gehe nach dem
+ber&uuml;hmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den
+Nestorianern geh&ouml;rte. Jetzt geh&ouml;rt es den Katuliklar<a name="FNanchor_195_195" id="FNanchor_195_195"></a><a href="#Footnote_195_195" class="fnanchor">[195]</a>,
+welche Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme M&ouml;nche
+verhungern auf der d&uuml;rren H&ouml;he, auf welcher zwei nackte
+&Ouml;lb&auml;ume das Dasein des Verschmachtens leben. Warum
+ist es so und nicht anders? Es fehlt der Jeboschu<a name="FNanchor_196_196" id="FNanchor_196_196"></a><a href="#Footnote_196_196" class="fnanchor">[196]</a>,
+welcher da gebietet: &#8250;G&uuml;nesch ile kamer, sus hem Gibbea
+jakinda hem dere Adschala &ndash; Sonne, stehe stille bei Gibeon
+und, Mond, im Thale von Ajalon!&#8249; Es fehlt der Held
+Schimsa<a name="FNanchor_197_197" id="FNanchor_197_197"></a><a href="#Footnote_197_197" class="fnanchor">[197]</a>, welcher die B&ouml;sen mit dem Schwerte zwingt,
+Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud<a name="FNanchor_198_198" id="FNanchor_198_198"></a><a href="#Footnote_198_198" class="fnanchor">[198]</a>, der mit
+seiner Schleuder den M&ouml;rder Dscholiah erschl&auml;gt. Es fehlt
+die Flut, welche die Gottlosen ertr&auml;nkt, damit Nauah<a name="FNanchor_199_199" id="FNanchor_199_199"></a><a href="#Footnote_199_199" class="fnanchor">[199]</a>
+mit den Seinen niederknieen k&ouml;nne vor Allah unter dem
+Bogen der sieben Farben. Steht in eurem Buche nicht:
+&#8250;Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma &ndash; die Menschen
+wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?&#8249; &ndash;
+W&auml;re ich ein Musa<a name="FNanchor_200_200" id="FNanchor_200_200"></a><a href="#Footnote_200_200" class="fnanchor">[200]</a>, so w&uuml;rde ich meinen Jeboschu und
+meinen Kaleb durch alle Th&auml;ler Kurdistans senden und
+<span class="pagenum"><a name="Page_557" id="Page_557">[557]</a></span>dann mit meinem Schwerte jenen die Wege ebnen, von
+denen euer Kitab sagt: &#8250;Wazar-lar sallami, der-ler ughur&uuml;
+&ndash; sie predigen den Frieden, und sie verk&uuml;ndigen das Heil!&#8249;
+&ndash; Du blickst mich an mit gro&szlig;en Augen; du meinst, der
+Friede sei besser als der Krieg und die Schaufel besser
+als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du dir
+den Frieden denken, ohne da&szlig; er mit dem S&auml;bel errungen
+ist? M&uuml;ssen wir hier nicht die Keule tragen, um mit
+der Schaufel arbeiten zu k&ouml;nnen? Siehe dich an, nur dich
+allein! Du tr&auml;gst sehr viele Waffen an dir, und sie sind
+besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum tr&auml;gst
+du sie? Tr&auml;gst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn
+du eine Reise unternimmst?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_194_194" id="Footnote_194_194"></a><a href="#FNanchor_194_194"><span class="label">[194]</span></a> Amerika.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_195_195" id="Footnote_195_195"></a><a href="#FNanchor_195_195"><span class="label">[195]</span></a> Katholiken.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_196_196" id="Footnote_196_196"></a><a href="#FNanchor_196_196"><span class="label">[196]</span></a> Josua.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_197_197" id="Footnote_197_197"></a><a href="#FNanchor_197_197"><span class="label">[197]</span></a> Simson.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_198_198" id="Footnote_198_198"></a><a href="#FNanchor_198_198"><span class="label">[198]</span></a> Hirt David.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_199_199" id="Footnote_199_199"></a><a href="#FNanchor_199_199"><span class="label">[199]</span></a> Noah.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_200_200" id="Footnote_200_200"></a><a href="#FNanchor_200_200"><span class="label">[200]</span></a> Moses.</p></div>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; mu&szlig;te ich allerdings antworten.</p>
+
+<p>&raquo;Da siehst du! Ihr k&ouml;nnt zur Kilise (Kirche) gehen
+und zu Allah beten ohne Sorge; ihr k&ouml;nnt euch zum Lehrer
+setzen und auf seine Stimme h&ouml;ren ohne Angst; ihr k&ouml;nnt
+eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne Furcht;
+ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange
+ist der Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden,
+welcher stillen und beruhigen soll das &#8250;Schamata arasynda
+daghlere &ndash; das Geschrei in den Bergen&#8249;, von denen euer
+Buch erz&auml;hlt. Und ich sage dir, da&szlig; er noch kommen
+wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der
+Engl&auml;nder, nicht der T&uuml;rke, der uns aussaugt, und auch
+nicht der Perser, der uns so h&ouml;flich bel&uuml;gt und betr&uuml;gt.
+Wir glaubten einst, Bonapertah werde es sein, der gro&szlig;e
+Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, da&szlig; der L&ouml;we
+nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider
+ist verschieden. Hast du einmal geh&ouml;rt, was die Dschesidi
+gelitten haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande
+<span class="pagenum"><a name="Page_558" id="Page_558">[558]</a></span>Sindschar; aber wir wurden unterdr&uuml;ckt und vertrieben.
+Es war im Fr&uuml;hjahre; der Flu&szlig; war ausgetreten und
+die Br&uuml;cke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere
+Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie
+wurden in die brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet
+wie die wilden Tiere, und auf den Terrassen
+der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte &uuml;ber
+die W&uuml;rgerei. Die &Uuml;briggebliebenen wu&szlig;ten nicht, wohin
+sie ihr Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge
+des Maklub, nach Bohtan, Scheikhan, Missuri, nach
+Syrien und sogar &uuml;ber die russische Grenze. Dort haben
+sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du
+ihre Wohnungen, ihre Kleider, ihre G&auml;rten und Felder
+siehst, so freust du dich; denn da herrscht Flei&szlig;, Ordnung
+und Sauberkeit, w&auml;hrend du rundum nur Schmutz und
+Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn
+sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie &uuml;ber uns her
+und morden uns und unser Gl&uuml;ck. Wir feiern in drei
+Tagen das Fest unseres gro&szlig;en Heiligen. Wir haben es
+seit vielen Jahren nicht feiern k&ouml;nnen, weil die Pilger
+auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt h&auml;tten.
+In diesem Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde
+ruhig verhalten wollten, und so werden wir nach langer
+Zeit wieder einmal unsern Heiligen verehren. Tschelebim
+mahalinde geldin &ndash; du kommst zur rechten Zeit. Zwar
+m&ouml;gen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du
+aber bist der Wohlth&auml;ter der Meinigen und wirst uns
+willkommen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung,
+denn sie gab mir Gelegenheit, die Sitten und Gebr&auml;uche
+der r&auml;tselhaften Teufelsanbeter kennen zu lernen. Die
+Radjahl el Sche&iuml;tan oder Chalk-sche&iuml;tan&uuml;n<a name="FNanchor_201_201" id="FNanchor_201_201"></a><a href="#Footnote_201_201" class="fnanchor">[201]</a> waren mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_559" id="Page_559">[559]</a></span>so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in
+einem viel bessern Lichte, so da&szlig; ich begierig war, mir Aufkl&auml;rung
+&uuml;ber sie zu verschaffen.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_201_201" id="Footnote_201_201"></a><a href="#FNanchor_201_201"><span class="label">[201]</span></a> Teufelsleute.</p></div>
+
+<p>&raquo;Habe Dank f&uuml;r dein freundliches Anerbieten,&laquo; antwortete
+ich. &raquo;Ich w&uuml;rde sehr gerne bei dir verweilen,
+aber wir haben eine Aufgabe zu l&ouml;sen, welche erfordert,
+da&szlig; wir bald wieder Baadri verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne diese Aufgabe,&laquo; antwortete er. &raquo;Du
+kannst trotz derselben unser Fest mitfeiern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kennst sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn
+des Scheik Mohammed Emin. Er befindet sich in Amadijah.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von den drei M&auml;nnern, welche du gerettet hast.
+Ihr werdet ihn aber jetzt nicht befreien k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall
+der &ouml;stlichen Kurden zu bef&uuml;rchten und hat viele Truppen
+nach Amadijah bestimmt, von denen bereits eine Anzahl
+in Amadijah eingetroffen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei J&uuml;sbaschi<a name="FNanchor_202_202" id="FNanchor_202_202"></a><a href="#Footnote_202_202" class="fnanchor">[202]</a> mit zweihundert Mann vom
+sechsten Infanterieregiment Anatoli Ord&uuml;ssi in Diarbekir
+und drei J&uuml;sbaschi mit dreihundert Mann vom dritten
+Infanterieregiment Irak Ord&uuml;ssi in Kerkjuk, zusammen
+also f&uuml;nfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi<a name="FNanchor_203_203" id="FNanchor_203_203"></a><a href="#Footnote_203_203" class="fnanchor">[203]</a>
+stehen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_202_202" id="Footnote_202_202"></a><a href="#FNanchor_202_202"><span class="label">[202]</span></a> Kapit&auml;n, Befehlshaber von hundert Mann.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_203_203" id="Footnote_203_203"></a><a href="#FNanchor_203_203"><span class="label">[203]</span></a> Major, Befehlshaber von tausend Mann.</p></div>
+
+<p>&raquo;Und Amadijah liegt zw&ouml;lf Stunden von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; doch die Wege sind so m&uuml;hsam, da&szlig; du innerhalb
+eines Tages nicht hinzukommen vermagst. Man &uuml;bernachtet
+gew&ouml;hnlich in Cheloki oder Spandareh und reitet
+<span class="pagenum"><a name="Page_560" id="Page_560">[560]</a></span>erst am n&auml;chsten Morgen &uuml;ber die steilen und beschwerlichen
+Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel
+von Amadijah liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Truppen stehen in Mossul?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente
+der Division Irak Ord&uuml;ssi. Auch sie
+sind in Bewegung. Eine Abteilung soll gegen die Beduinen
+ziehen, und eine andere wird &uuml;ber unsere Berge
+kommen, um nach Amadijah zu marschieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hoch z&auml;hlen diese letzteren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tausend Mann unter einem Miralai<a name="FNanchor_204_204" id="FNanchor_204_204"></a><a href="#Footnote_204_204" class="fnanchor">[204]</a>, bei dem sich
+auch ein Alai Emini<a name="FNanchor_205_205" id="FNanchor_205_205"></a><a href="#Footnote_205_205" class="fnanchor">[205]</a> befindet. Diesen Miralai kenne
+ich; er hat das Weib und die beiden S&ouml;hne von Pir<a name="FNanchor_206_206" id="FNanchor_206_206"></a><a href="#Footnote_206_206" class="fnanchor">[206]</a>
+Kamek get&ouml;tet und hei&szlig;t Omar Amed.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_204_204" id="Footnote_204_204"></a><a href="#FNanchor_204_204"><span class="label">[204]</span></a> Oberst.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_205_205" id="Footnote_205_205"></a><a href="#FNanchor_205_205"><span class="label">[205]</span></a> Regiments-Quartiermeister.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_206_206" id="Footnote_206_206"></a><a href="#FNanchor_206_206"><span class="label">[206]</span></a> Dschesidischer Heiliger.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, wo sie sich versammeln?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten
+sich in den Ruinen von Kufjundschik verborgen; ich habe
+durch meine Kundschafter erfahren, da&szlig; sie bereits &uuml;bermorgen
+aufbrechen werden. Die anderen aber werden erst
+sp&auml;ter marschfertig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, da&szlig; du von deinen Kundschaftern falsch
+berichtet worden bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieso?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du wirklich, da&szlig; der Mutessarif von Mossul
+Truppen so weit her aus Diarbekir kommen l&auml;&szlig;t, um sie
+gegen die &ouml;stlichen Kurden zu verwenden? H&auml;tte er das
+zweite Infanterieregiment Irak Ord&uuml;ssi, welches in Suleimania
+liegt, nicht viel n&auml;her? Und besteht das dritte
+Regiment in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden?
+Glaubst du, da&szlig; er den Fehler begeht, dreihundert Mann
+von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu verwenden?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_561" id="Page_561">[561]</a></span>Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte
+dann:</p>
+
+<p>&raquo;Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten,
+Kanonen bei sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt,
+wird man gewi&szlig;lich Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe,
+bei welcher sich keine Artillerie befindet, wird ganz sicher
+in die Berge bestimmt sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen.
+Die Leute, welche in den Ruinen halten, sind
+nicht gegen die Beduinen, sondern nach Amadijah bestimmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen bereits &uuml;bermorgen aufbrechen? Dann
+kommen sie just am Tage eures gro&szlig;en Festes hier an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Emir!&laquo;</p>
+
+<p>Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des
+h&ouml;chsten Schreckens. Ich fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Bemerke, da&szlig; weder die S&uuml;d- noch die Nordseite
+von Scheik Adi, sondern nur die West- und die Ostseite
+f&uuml;r Truppen zug&auml;nglich sind. Zehn Stunden von hier
+versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul,
+und zw&ouml;lf Stunden von hier im Osten vereinigen sich
+f&uuml;nfhundert Mann in Amadijah. Scheik Adi wird eingeschlossen,
+und es ist kein Entrinnen m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, w&auml;re dies so gemeint?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du wirklich, da&szlig; f&uuml;nfhundert Mann hinreichend
+w&auml;ren, in das Gebiet der Kurden von Berwari,
+von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari, Karitha, Tura-Ghara,
+Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden w&uuml;rden
+ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen
+stellen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_562" id="Page_562">[562]</a></span>&raquo;Jetzt, wo du dich von den Gr&uuml;nden der Wahrscheinlichkeit
+&uuml;berzeugen lie&szlig;est, vernimm denn: Ich wei&szlig; es
+aus dem eigenen Munde des Mutessarif, da&szlig; er euch in
+Scheik Adi &uuml;berfallen will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;re!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erz&auml;hlte ihm von meiner Unterredung mit dem
+Gouverneur das, was mich zu meiner Schlu&szlig;folgerung berechtigte.
+Als ich geendet hatte, erhob er sich und schritt
+einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet!
+H&auml;tten uns f&uuml;nfzehnhundert Soldaten unerwartet &uuml;berfallen,
+so w&auml;ren wir verloren gewesen; nun aber wird es
+mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der Mutessarif
+hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur
+Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles
+sehr schlau ausgesonnen; eines aber hat er au&szlig;er acht
+gelassen: &ndash; die M&auml;use, welche er fangen will, werden so
+zahlreich werden, da&szlig; sie die Katzen zerrei&szlig;en k&ouml;nnen.
+Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem
+zu sagen, was wir gesprochen haben, und erlaube, da&szlig; ich
+mich f&uuml;r einige Augenblicke entferne.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Wie gef&auml;llt er dir, Emir?&laquo; fragte Mohammed
+Emin.</p>
+
+<p>&raquo;Ebenso wie dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dies soll ein Merd-es-Sche&iuml;tan, ein Teufelsanbeter
+sein?&laquo; fragte Halef. &raquo;Einen Dschesiden habe ich
+mir vorgestellt mit dem Rachen eines Wolfes, mit den
+Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du nun immer noch, da&szlig; dich die Dschesidi
+um den Himmel bringen werden?&laquo; fragte ich ihn l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; der
+<span class="pagenum"><a name="Page_563" id="Page_563">[563]</a></span>Teufel oft eine sehr sch&ouml;ne Gestalt annehme, um den
+Gl&auml;ubigen desto sicherer zu betr&uuml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>Da &ouml;ffnete sich die Th&uuml;re, und ein Mann trat ein,
+dessen Anblick ein ganz ungew&ouml;hnlicher war. Seine Kleidung
+zeigte das reinste Wei&szlig;, und schneewei&szlig; war auch das Haar,
+welches ihm in langen, lockigen Str&auml;hnen &uuml;ber den R&uuml;cken
+herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre z&auml;hlen;
+seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen
+tief in ihren H&ouml;hlen, aber ihr Blick war k&uuml;hn und scharf,
+und die Bewegung, mit welcher er eingetreten war und
+die Th&uuml;re geschlossen hatte, zeigte eine ganz elastische Gewandtheit.
+Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz
+und schwer bis &uuml;ber den G&uuml;rtel herniederhing, bildete
+einen merkw&uuml;rdigen Kontrast zu dem gl&auml;nzenden Schnee
+des Haupthaares. Er verbeugte sich vor uns und gr&uuml;&szlig;te
+mit vollt&ouml;nender Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;G&uuml;nesch-iniz s&ouml;j&uuml;nd&uuml;rme-sun &ndash; eure Sonne verl&ouml;sche
+nie!&laquo; Und dann f&uuml;gte er hinzu: &raquo;<em class="antiqua">Hun be kurmangdschi
+zanin</em> &ndash; versteht ihr, kurdisch zu sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des
+Kurmangdschi ausgesprochen, und als ich unwillk&uuml;rlich
+mit der Antwort z&ouml;gerte, meinte er:</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Schima zazadscha zani?</em>&laquo;</p>
+
+<p>Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese
+beiden Dialekte sind die bedeutendsten der kurdischen Sprache,
+die ich damals noch nicht kannte. Ich verstand daher die
+Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und antwortete auf
+t&uuml;rkisch:</p>
+
+<p>&raquo;Seni an-lamez-iz &ndash; wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz
+s&ouml;jlem t&uuml;rkdsche &ndash; bitte, rede t&uuml;rkisch!&laquo;</p>
+
+<p>Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten,
+wie es seinem Alter gegen&uuml;ber der Anstand erforderte.
+Er ergriff meine Hand und fragte:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_564" id="Page_564">[564]</a></span>&raquo;Nemtsche sen &ndash; bist du der Deutsche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Izim seni kutschaklam-am &ndash; erlaube, da&szlig; ich dich
+umarme!&laquo;</p>
+
+<p>Er dr&uuml;ckte mich in der herzlichsten Weise an sich,
+nahm aber den angebotenen Platz nicht an, sondern setzte
+sich an die Stelle, wo der Bey gesessen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Name ist Kamek,&laquo; begann er. &raquo;Ali Bey
+sendet mich zu euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wobei hat er mich erw&auml;hnt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es w&uuml;rde dir Schmerz machen, es zu h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle
+Schmerzen, deren das Herz des Menschen f&auml;hig ist, habe
+ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie kann es
+da noch ein Leid f&uuml;r mich geben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ali Bey sagte, da&szlig; du den Miralai Omar Amed
+kennst.&laquo;</p>
+
+<p>Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine
+Stimme klang ganz ruhig, als er antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er
+hat mir mein Weib und meine S&ouml;hne get&ouml;tet. Was ist&#8217;s
+mit ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, da&szlig; ihr nicht sprechen sollt; aber Ali
+Bey hat kein Geheimnis vor mir. Er hat mir mitgeteilt,
+was du ihm von der Absicht des T&uuml;rken gesagt hast.
+Glaubst du wirklich, da&szlig; sie kommen werden, um unser
+Fest zu st&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen uns besser ger&uuml;stet finden, als damals,
+wo meine Seele verloren ging. Hast du ein Weib und
+hast du Kinder?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_565" id="Page_565">[565]</a></span>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kannst du auch nicht ermessen, da&szlig; ich lebe und
+doch l&auml;ngst gestorben bin. Aber du sollst es erfahren.
+Kennst du Tel Afer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du warst dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aber ich habe von ihm gelesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In den Beschreibungen dieses Landes und auch in
+&ndash;&nbsp;&ndash; du bist ein Pir, ein ber&uuml;hmter Heiliger der Dschesidi,
+du kennst also auch das heilige Buch der Christen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk<a name="FNanchor_207_207" id="FNanchor_207_207"></a><a href="#Footnote_207_207" class="fnanchor">[207]</a> genannt
+wird, in t&uuml;rkischer Sprache.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_207_207" id="Footnote_207_207"></a><a href="#FNanchor_207_207"><span class="label">[207]</span></a> Altes Testament.</p></div>
+
+<p>&raquo;Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten
+Jesaias?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn
+Propheten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So schlage nach in diesem Buche das siebenunddrei&szlig;igste
+Kapitel. Dort lautet der zw&ouml;lfte Vers: &#8250;Haben
+auch die G&ouml;tter der Heiden alle die gerettet, so von meinen
+V&auml;tern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und Reseph,
+und die S&ouml;hne Edens zu Thalassar?&#8249; Dieses Thalassar
+ist Tel Afer.&laquo;</p>
+
+<p>Er blickte mich erstaunt an.</p>
+
+<p>&raquo;So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die St&auml;dte
+unseres Landes, welche bereits vor Jahrtausenden bestanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Euer Kitab ist gr&ouml;&szlig;er als der Kuran. Aber h&ouml;re!
+Ich wohnte in Mirkan, am Fu&szlig;e des Dschebel Sindschar,
+als die T&uuml;rken &uuml;ber uns hereinbrachen. Ich fl&uuml;chtete mit
+meinem Weibe und zwei S&ouml;hnen nach Tel Afer, denn es
+<span class="pagenum"><a name="Page_566" id="Page_566">[566]</a></span>ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund,
+welcher mich bei sich aufnahm und verbarg. Aber auch
+hier drangen die W&uuml;tenden ein, um alle Dschesidi, welche
+hier Schutz gesucht hatten, zu t&ouml;ten. Mein Versteck wurde
+entdeckt und mein Freund f&uuml;r seine Barmherzigkeit erschossen.
+Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern
+vor die Stadt gebracht. Dort loderten die Feuer, in
+denen wir den Tod finden sollten, und dort flo&szlig; das
+Blut der Gemarterten. Ein M&uuml;lasim<a name="FNanchor_208_208" id="FNanchor_208_208"></a><a href="#Footnote_208_208" class="fnanchor">[208]</a> stach mir, um
+mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen.
+Hier siehst du die Narben noch. Meine S&ouml;hne waren
+mutige J&uuml;nglinge; sie sahen meine Qual und vergriffen
+sich an ihm. Daf&uuml;r wurden auch sie gefesselt, und ebenso
+geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte
+Hand ab und schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein
+Weib wurde verbrannt, und ich mu&szlig;te es sehen. Dann
+zog der M&uuml;lasim das Messer aus meinem Antlitz und
+stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als
+ich erwachte, war es Nacht, und ich lag unter Leichen.
+Die Klinge hatte das Herz nicht getroffen, aber ich lag
+in meinem Blute. Ein Chald&auml;er fand mich am Morgen
+und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es
+vergingen viele Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und
+mein Haar war in der Todesstunde der Meinen wei&szlig;
+geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine Seele
+war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle
+klopft und schl&auml;gt ein Name, der Name Omar Amed,
+denn so hie&szlig; jener M&uuml;lasim. Er ist jetzt Miralai.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_208_208" id="Footnote_208_208"></a><a href="#FNanchor_208_208"><span class="label">[208]</span></a> Lieutenant.</p></div>
+
+<p>Er erz&auml;hlte das in einem einf&ouml;rmigen, gleichg&uuml;ltigen
+Tone, der mich mehr ergriff, als der gl&uuml;hendste Ausdruck
+eines unvers&ouml;hnlichen Rachegef&uuml;hles. Die Erz&auml;hlung klang
+so monoton, so automatisch, als w&uuml;rde sie von einem Narkotisierten
+<span class="pagenum"><a name="Page_567" id="Page_567">[567]</a></span>oder von einem Nachtwandler vorgetragen. Es
+war schrecklich anzuh&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst dich r&auml;chen?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;R&auml;chen? Was ist Rache?&laquo; antwortete er in demselben
+Tone. &raquo;Sie ist eine b&ouml;se, heimt&uuml;ckische That. Ich
+werde ihn bestrafen, und dann wird mein Leib dorthin
+gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. &ndash; Ihr
+werdet w&auml;hrend unseres Festes bei uns verweilen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wissen es noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben
+nicht gl&uuml;cken; bleibt ihr aber, so d&uuml;rft ihr alle Hoffnung
+haben, da&szlig; es gelingen werde; denn es wird euch
+kein T&uuml;rke mehr im Wege sein, und die Dschesidi k&ouml;nnen
+euch leicht unterst&uuml;tzen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone,
+und sein Auge hatte das fr&uuml;here Leben wieder bekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Unsere Anwesenheit w&uuml;rde euer Fest vielleicht nur
+st&ouml;ren,&laquo; sagte ich in der Absicht, vielleicht einiges &uuml;ber
+seine Sekte zu erfahren.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte langsam den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du auch das M&auml;rchen oder vielmehr die
+L&uuml;gen, welche man von uns erz&auml;hlt? Vergleiche uns mit
+andern, so wirst du Reinlichkeit und Reinheit finden. Die
+Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit des
+Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der
+Rede und die Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser,
+und rein ist die Flamme. Darum lieben wir das Wasser
+und taufen mit demselben. Darum verehren wir das Licht
+als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer
+Kitab sagt, da&szlig; er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt,
+zu welchem niemand kommen kann. Ihr heiliget euch mit
+Su ikbal&uuml;n, dem geweihten Wasser, und wir heiligen uns
+mit Atesch ikbal&uuml;n, dem geweihten Feuer. Wir tauchen
+<span class="pagenum"><a name="Page_568" id="Page_568">[568]</a></span>die Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere
+Stirn, wie ihr es mit dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat
+Esau<a name="FNanchor_209_209" id="FNanchor_209_209"></a><a href="#Footnote_209_209" class="fnanchor">[209]</a> sei auf der Erde gewesen und werde einst wiederkommen;
+wir wissen ebenso, da&szlig; er einst unter den Menschen
+wandelte, und glauben, da&szlig; er zur&uuml;ckkehren werde,
+um uns die Thore des Himmels zu &ouml;ffnen. Ihr verehrt
+den Heiland, welcher auf der Erde lebte; wir verehren
+den Heiland, welcher einst wiederkommen wird. Wir
+wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen
+nicht, wann er wiederkommen wird, und daher thun wir
+das, was er den Seinen befahl, als er sie in dem Baghtsche
+Gethseman<a name="FNanchor_210_210" id="FNanchor_210_210"></a><a href="#Footnote_210_210" class="fnanchor">[210]</a> schlafend fand: &#8250;G&ouml;zetyn namaz kalyn
+ansizdan &uuml;zerine warilmemisch olursaniz &ndash; wachet und
+betet, auf da&szlig; ihr nicht &uuml;berfallen werdet!&#8249; Darum bedienen
+wir uns des Hahnes, der ein Symbol der Wachsamkeit
+ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe mir erz&auml;hlen
+lassen, da&szlig; die Christen auf den D&auml;chern ihrer
+H&auml;user und ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen,
+welcher aus Blech gemacht und mit Gold &uuml;berzogen ist.
+Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir einen lebendigen.
+Sind wir deshalb G&ouml;tzendiener oder b&ouml;se Menschen?
+Eure Priester sind weiser, und eure Lehren sind
+besser; wir w&uuml;rden bessere Lehren haben, wenn wir weisere
+Priester h&auml;tten. Ich bin unter allen Dschesidi der einzige,
+welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und darum
+rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_209_209" id="Footnote_209_209"></a><a href="#FNanchor_209_209"><span class="label">[209]</span></a> Der Herr Jesus.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_210_210" id="Footnote_210_210"></a><a href="#FNanchor_210_210"><span class="label">[210]</span></a> Garten Gethsemane.</p></div>
+
+<p>&raquo;Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die
+eurigen unterweisen k&ouml;nnten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit.
+Die Lehre der Christen ist gespalten. Wenn ihr uns
+einmal sagen k&ouml;nnt, da&szlig; ihr einig seid, so werdet ihr uns
+willkommen sein. Wenn die Christen des Abendlandes
+<span class="pagenum"><a name="Page_569" id="Page_569">[569]</a></span>uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun
+sie sich selbst den gr&ouml;&szlig;ten Schaden. Azerat Esau sagt in
+eurem Kitab: &#8250;Im jol de gertscheklik de &ouml;mir de &ndash; ich
+bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.&#8249; Warum
+haben die Abendl&auml;ndischen so viele Wege, so viele Wahrheiten,
+da es doch nur den Einen giebt, der das Leben
+ist? Darum streiten wir uns nicht &uuml;ber den Heiland,
+der bereits hier gewesen ist, sondern wir halten uns rein
+und harren des Erl&ouml;sers, welcher kommen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir &ndash;
+offen gestanden &ndash; sehr lieb. Meine Wi&szlig;begierde in Beziehung
+auf die Teufelsanbeter h&auml;tte mich beinahe diesem
+einfachen Kurden gegen&uuml;ber in Verlegenheit gebracht. Ich
+mu&szlig;te bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner
+eignen Heimat schweigen &ndash; leider, leider! Der Pir erhob
+sich und reichte mir die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den
+Weg, den ich gehen mu&szlig;, aber wir werden uns wiedersehen.&laquo;</p>
+
+<p>Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali
+Bey winkte ihm nach und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt
+keiner gleich. Er war in Persistan und Indien; er war
+in Jerusalem und Stambul; er hat &uuml;berall gesehen und
+gelernt und sogar ein Buch geschrieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Buch?&laquo; fragte ich erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er
+w&uuml;nscht, da&szlig; unser Volk einst so klug und gesittet werde,
+wie die M&auml;nner des Abendlandes, und dies k&ouml;nnen wir
+nur aus den B&uuml;chern der Franken lernen. Damit nun
+einmal diese B&uuml;cher in unserer Sprache niedergeschrieben
+werden k&ouml;nnen, hat er viele hundert W&ouml;rter unserer Mundarten
+verzeichnet. Das ist sein Buch.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_570" id="Page_570">[570]</a></span>&raquo;Das w&auml;re ja k&ouml;stlich! Wo befindet sich dieses Buch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In seiner Wohnung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo ist diese?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er
+wandert im Lande umher und ist &uuml;berall hochwillkommen.
+Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber seine Heimat
+hat er bei mir aufgeschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denkst du, da&szlig; er dieses Buch mir einmal zeigen
+werde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird es sehr gern thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er
+gegangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen,
+um &uuml;ber die Seinigen zu wachen. Dennoch aber
+sollst du das Buch erhalten; ich werde es dir holen. Vorher
+aber versprecht mir, da&szlig; ihr bleiben wollt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Es waren drei M&auml;nner aus Kaloni da. Sie
+geh&ouml;ren zu dem Zweige Badinan des Stammes Missuri
+und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu ergeben. Ich
+habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die T&uuml;rken auszukundschaften.
+Sie werden zugleich versuchen, Amad el
+Ghandur zu finden; das habe ich ihnen ganz besonders
+empfohlen, und bis sie Nachricht bringen, m&ouml;gt ihr es euch
+bei mir gefallen lassen!&laquo;</p>
+
+<p>Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali
+Bey umarmte uns vor Freuden nochmals, als wir ihm
+dies mitteilten, und bat uns:</p>
+
+<p>&raquo;Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch
+sehe!&laquo;</p>
+
+<p>Ich war erstaunt &uuml;ber diese Einladung, machte aber
+sp&auml;ter die Erfahrung, da&szlig; die Dschesidi ihre Frauen bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_571" id="Page_571">[571]</a></span>weitem nicht so abschlie&szlig;en, wie es die Mohammedaner
+thun. Sie f&uuml;hren ein patriarchalisches Leben, und nie bin
+ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben
+erinnert worden, als bei ihnen. Nat&uuml;rlich besa&szlig;en
+die gew&ouml;hnlichen Leute nicht die Klarheit der religi&ouml;sen
+Ansicht wie Pir Kamek, aber dem falschen Griechen, dem
+schachernden, sittenlosen Armenier, dem rachs&uuml;chtigen Araber,
+dem tr&auml;gen T&uuml;rken, dem heuchlerischen Perser und
+dem raubs&uuml;chtigen Kurden gegen&uuml;ber mu&szlig;te ich den f&auml;lschlicherweise
+so &uuml;bel beleumundeten &raquo;Teufelsanbeter&laquo; achten
+lernen. Sein Kultus schwankt zwischen Chald&auml;ismus, Islam
+und Christentum, aber nirgend d&uuml;rfte das letztere
+einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi,
+falls die frommen Sendboten es verstehen wollten, den
+Sitten und Gebr&auml;uchen derselben ein klein wenig Rechnung
+zu tragen.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en vor dem Hause sa&szlig; der Buluk Emini neben
+seinem Esel. Beide speisten, der Esel Gerste und der
+Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom Sindschar, von denen
+er mehrere Schn&uuml;re vor sich liegen hatte. Und dabei erz&auml;hlte
+er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von
+seinen Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei
+andern aber gingen nach der Abteilung des Hauses, welche
+der Gebieterin zur Wohnung diente.</p>
+
+<p>Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben
+auf dem Arme. Ihr sch&ouml;nes schwarzes Haar war in viele,
+lang herabh&auml;ngende Z&ouml;pfe geflochten, und eine Anzahl
+funkelnder Goldst&uuml;cke bedeckte ihre Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Seid willkommen, ihr Herren!&laquo; sagte sie in schmuckloser,
+ungek&uuml;nstelter Einfachheit und reichte uns die Rechte.</p>
+
+<p>Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch
+die unsrigen. Ihr Name ist mir leider wieder entfallen.
+Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und k&uuml;&szlig;te ihn.
+<span class="pagenum"><a name="Page_572" id="Page_572">[572]</a></span>Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht
+stolz zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein
+nettes Kerlchen, h&ouml;chst sauber gehalten und ganz un&auml;hnlich
+jenen dickleibigen und fr&uuml;halten orientalischen Kindern,
+welche man besonders h&auml;ufig bei den T&uuml;rken findet. Ali
+Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm
+Gemache oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschlo&szlig;
+mich sofort f&uuml;r das letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter
+schien es bei mir recht gut zu gefallen; er blitzte
+mich mit seinen dunklen &Auml;uglein neckisch an, zauste mir
+im Barte herum, strampelte vor Vergn&uuml;gen mit Armen
+und Beinen und stammelte zuweilen ein Wort, welches
+weder er noch ich verstand. Wir standen in Beziehung
+auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und darum
+gab ich ihn auch w&auml;hrend des Mahles nicht her, was mir
+die Mutter dadurch vergalt, da&szlig; sie mir den besten Teil
+der Speisen vorlegte und mir nach Tisch ihren Garten
+zeigte.</p>
+
+<p>Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus
+Sahne, welche im Ofen gebacken und dann mit Zucker
+und Honig &uuml;bergossen wird, und am besten gefiel mir im
+Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumbl&uuml;te, bei
+welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die
+von den Arabern Bint el Onsul, Tochter des Konsuls,
+genannt wird.</p>
+
+<p>Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach
+zu zeigen. Es befand sich auf der Plattform des Daches,
+so da&szlig; ich mich der herrlichsten Aussicht erfreute. Als
+ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein
+starkes Heft.</p>
+
+<p>&raquo;Das Buch des Pir,&laquo; erkl&auml;rte Ali auf meinen fragenden
+Blick.</p>
+
+<p>Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan
+<span class="pagenum"><a name="Page_573" id="Page_573">[573]</a></span>niedergelassen. Der Bey aber ging l&auml;chelnd hinaus, um
+mich beim Studium des kostbaren Fundes nicht zu st&ouml;ren.
+Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben
+und enthielt eine ansehnliche Sammlung von W&ouml;rtern
+und Redensarten in mehreren kurdischen Dialekten. Ich
+bemerkte bald, da&szlig; es mir nicht sehr schwer fallen werde,
+mich im Kurdischen verst&auml;ndlich zu machen, sobald es mir
+nur erst gelungen sei, mir &uuml;ber die phonetische Bedeutung
+der Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von
+Bedeutung, und ich beschlo&szlig;, den hiesigen Aufenthalt in
+dieser Beziehung so viel wie m&ouml;glich auszunutzen.</p>
+
+<p>Mittlerweile brach die D&auml;mmerung herein, und unten
+am Bache, wo die M&auml;dchen Wasser sch&ouml;pften, w&auml;hrend
+einige Bursche ihnen dabei halfen, erklang folgender Gesang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ghawra min ave the<br /></span>
+<span class="i0">Bina michak, dartschin ber pischte<br /></span>
+<span class="i0">Dave min chala surat ta kate<br /></span>
+<span class="i0">Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete<a name="FNanchor_211_211" id="FNanchor_211_211"></a><a href="#Footnote_211_211" class="fnanchor">[211]</a>.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_211_211" id="Footnote_211_211"></a><a href="#FNanchor_211_211"><span class="label">[211]</span></a> Frei &uuml;bersetzt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ein christliches M&auml;dchen kommt Wasser zu holen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich steh&#8217; ihr im R&uuml;cken und atme verstohlen.<br /></span>
+<span class="i0">Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es k&uuml;ssen,<br /></span>
+<span class="i0">Und sollt&#8217; ich in Fesseln nach Ru&szlig;land dann m&uuml;ssen.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+</div>
+
+
+<p>Das war ein rhythmisch und melodisch h&uuml;bscher Gesang,
+wie man ihn sonst im Oriente nicht gleich zu h&ouml;ren
+bekommt. Ich lauschte, aber leider blieb es bei dieser
+einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen,
+wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort
+Fremde, und es wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man
+merkte, da&szlig; ein bedeutendes Fest nahe bevorstand. Als
+ich vor die Th&uuml;r trat, sah ich eine ansehnliche Versammlung
+um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut
+erz&auml;hlte.</p>
+
+<p>&raquo;Schon bei Sayda habe ich gek&auml;mpft,&laquo; r&uuml;hmte er sich,
+<span class="pagenum"><a name="Page_574" id="Page_574">[574]</a></span>&raquo;und dann auf der Insel Candia, wo wir die Emp&ouml;rer
+besiegten. Nachher focht ich in Beirut unter dem ber&uuml;hmten
+Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im
+Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch,
+und diese verlor ich in Serbien, wohin ich mit Schekib
+Effendi gehen mu&szlig;te, als Kiamil Pascha den Michael
+Obrenowitsch fortjagte.&laquo;</p>
+
+<p>Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau
+zu wissen, bei welcher Gelegenheit er um seine Nase gekommen
+war. Er fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Ich wurde n&auml;mlich hinter Bukarest &uuml;berfallen. Zwar
+wehrte ich mich tapfer; schon lagen &uuml;ber zwanzig Feinde
+tot am Boden; da holte einer mit dem S&auml;bel aus; der
+Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich aber
+denselben zur&uuml;ckzog, so traf er meine Na&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer N&auml;he
+ein Schrei, wie ich ihn in meinem Leben noch gar nicht
+geh&ouml;rt hatte. Es klang, als ob auf den hohen, schrillen
+Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines Truthahnes
+folge, und daran schlo&szlig; sich jenes vielstimmige, &auml;chzende
+Wimmern, welches man zu h&ouml;ren bekommt, wenn einer
+Orgel mitten im Spiele der Wind ausgeht. Die Anwesenden
+starrten erschrocken das Wesen an, welches diese r&auml;tselhaften,
+antediluvianischen T&ouml;ne ausgesto&szlig;en hatte. Ifra
+aber meinte ruhig:</p>
+
+<p>&raquo;Was staunt ihr denn? Mein Esel war&#8217;s! Er kann
+die Dunkelheit nicht leiden; darum schreit er die ganze
+Nacht hindurch, bis es wieder licht geworden ist.&laquo;</p>
+
+<p>Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch
+eine ganz liebensw&uuml;rdige Kreatur! Diese Stimme mu&szlig;te
+ja Tote lebendig machen! Wer sollte w&auml;hrend der Nacht
+an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen
+Imprompt&uuml;s dieser vierbeinigen Jenny Lind anh&ouml;ren
+<span class="pagenum"><a name="Page_575" id="Page_575">[575]</a></span>mu&szlig;te, welche in der Lunge eine Diskantposaune, in der
+Gurgel einen Dudelsack und im Kehlkopfe die Schn&auml;bel
+und Klappen von hundert Klarinetten zu haben schien.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens war es jetzt bereits zum drittenmal, da&szlig;
+ich die Erz&auml;hlung von der Nase des Buluk Emini zu
+h&ouml;ren bekam. Es schien &raquo;im Buche verzeichnet&laquo; zu sein,
+da&szlig; er diese Erz&auml;hlung niemals zu Ende bringen d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>&raquo;So schreit das Tier also die ganze Nacht?&laquo; fragte
+einer.</p>
+
+<p>&raquo;Die ganze Nacht,&laquo; best&auml;tigte er mit der Ergebenheit
+eines M&auml;rtyrers. &raquo;Alle zwei Minuten einmal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gew&ouml;hne es ihm ab!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Womit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So behalte auch deinen Rat f&uuml;r dich! Ich habe
+alles vergebens versucht: &ndash; Schl&auml;ge, Hunger und Durst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit
+er sein Unrecht erkennt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten.
+Er sieht mich an, h&ouml;rt mir ruhig zu, sch&uuml;ttelt den
+Kopf und &ndash; schreit weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht
+dich ganz gewi&szlig;, aber er hat keine Lust, dir den Gefallen
+zu thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich habe auch sehr oft geh&ouml;rt, da&szlig; die Tiere
+den Menschen verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die
+Seele eines Verstorbenen stecken, die dazu verdammt ist,
+auf diese Weise ihre S&uuml;nden abzub&uuml;&szlig;en. Der Kerl, welcher
+in diesem Esel steckt, mu&szlig; fr&uuml;her taub gewesen sein,
+stumm aber gewi&szlig;lich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t einmal zu erforschen versuchen, zu welchem
+Stamme er geh&ouml;rt hat. In welcher Sprache redest du zu
+dem Esel?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_576" id="Page_576">[576]</a></span>&raquo;In der t&uuml;rkischen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder
+gar ein Giaur gewesen ist, der das T&uuml;rkische gar nicht
+versteht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht
+gedacht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum sch&uuml;ttelt der Esel stets den Kopf, wenn du
+zu ihm redest? Sein Geist versteht das T&uuml;rkische nicht.
+Sprich in einer anderen Sprache zu ihm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen
+Emir bitten. Hadschi Halef Omar hat mir gesagt, da&szlig;
+dieser die Sprachen aller V&ouml;lker reden kann. Vielleicht
+entdeckt er, wo der Geist meines Esels fr&uuml;her gelebt hat.
+Auch Soliman<a name="FNanchor_212_212" id="FNanchor_212_212"></a><a href="#Footnote_212_212" class="fnanchor">[212]</a> konnte alle Tiere verstehen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_212_212" id="Footnote_212_212"></a><a href="#FNanchor_212_212"><span class="label">[212]</span></a> Salomo.</p></div>
+
+<p>&raquo;Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden.
+Kennst du die Erz&auml;hlung von dem reichen Manne, dessen
+S&ouml;hne sogar mit dem Steine gesprochen haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich sie euch erz&auml;hlen! <em class="antiqua">De vachtha beni
+Isr&aacute;il meru ki dauletl&uuml;, mir; du lau wi man, male wi
+p&uuml;r, haneki wi ma. Va her du lavi wi va hania kho&egrave;
+parve dikerin, pev tschun, jek debee&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</em>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; unterbrach ihn Ifra. &raquo;In welcher Sprache
+redest du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In unserer. Es ist Kurmangdschi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das verstehe ich nicht. Erz&auml;hle doch t&uuml;rkisch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels,
+der auch nur seine Sprache versteht. Aber wie kann ich
+eine kurdische Geschichte t&uuml;rkisch erz&auml;hlen? Sie wird ganz
+anders klingen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Versuche es nur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel
+<span class="pagenum"><a name="Page_577" id="Page_577">[577]</a></span>gab es einen reichen Mann, welcher starb. Er hinterlie&szlig;
+zwei S&ouml;hne, viel Reichtum und ein Haus. Als die beiden
+S&ouml;hne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie aneinander.
+Der eine sagte: &#8250;Es ist mein Haus!&#8249; Der andere sagte:
+&#8250;Es ist mein Haus!&#8249; Da erhob sich durch den Willen
+Gottes in der Wand ein Backstein und sagte: &#8250;Was,
+sch&auml;mt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder dein noch
+sein. Ich, ein Mann, der ein gro&szlig;er K&ouml;nig war, war
+dreihundert Jahre in der Welt gro&szlig;; darauf starb ich.
+Dreihundert Jahre lag ich im Grabe, verweste und wurde
+zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich zum
+Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel
+ich. Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da
+kam wieder ein Mann: ich wurde wieder zum Backstein
+und in dieses Haus gethan. In diesem Hause befinde ich
+mich dreihundertunddrei&szlig;ig Jahre und wei&szlig; nicht, was
+ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich
+meine Seele nicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erz&auml;hlung,
+da er anerkannterma&szlig;en die t&uuml;rkische Sprache
+nicht verstand, zu langweilen; er that das Maul auf und
+lie&szlig; einen Doppeltriller erschallen, der nur mit der vereinigten
+Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen
+Tuba verglichen werden konnte. Da dr&auml;ngte sich ein
+Mann durch die Versammlung und trat in den Flur.
+Hier bemerkte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Emir, ist es wahr, da&szlig; du angekommen bist? Ich
+h&ouml;rte es erst jetzt, da ich in den Bergen war. Wie freue
+ich mich! Erlaube, da&szlig; ich dich begr&uuml;&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>Es war Selek. Er nahm meine Hand und k&uuml;&szlig;te
+sie. Diese Art, seinen Respekt zu beweisen, ist bei den
+Dschesidi &uuml;berhaupt sehr gebr&auml;uchlich.</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind Pali und Melaf?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_578" id="Page_578">[578]</a></span>&raquo;Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm
+hinab nach Mossul zu. Ich habe Ali Bey eine Botschaft
+zu bringen. Sehe ich dich nachher wieder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist
+diese Botschaft vielleicht ein Geheimnis?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glich; aber du darfst sie h&ouml;ren. Komm, Emir!&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich
+befand. Es schien, da&szlig; der Zutritt dort jedermann erlaubt
+sei. Auch Halef befand sich dort. Der gute Hadschi
+war schon wieder beim Essen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr,&laquo; meinte Selek, &raquo;ich war in den Bergen &uuml;ber
+Bozan hinauf und habe dir etwas mitzuteilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;D&uuml;rfen es alle h&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir glaubten, da&szlig; der Mutessarif von Mossul f&uuml;nfhundert
+T&uuml;rken nach Amadijah legen wolle, zum Schutz
+gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht wahr. Die zweihundert
+Mann, welche von Diarbekir kommen, sind &uuml;ber
+Urmeli marschiert und halten sich in den W&auml;ldern des
+Tura Gharah versteckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sagte das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Holzf&auml;ller aus Mungeyschi, den ich traf. Er
+wollte hinab nach Kana Kujjunli, wo eines seiner Fl&ouml;&szlig;e
+liegt. Und die dreihundert Mann aus Kerkjuk befinden
+sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind
+&uuml;ber Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen
+und stehen jetzt oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sagte dir dieses?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um &uuml;ber
+Bozan nach Dohuk zu gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Zibar sind zuverl&auml;ssige Leute: sie l&uuml;gen nie und
+hassen die T&uuml;rken. Ich glaube, was die beiden M&auml;nner
+<span class="pagenum"><a name="Page_579" id="Page_579">[579]</a></span>gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz am Ghomel,
+seitw&auml;rts oberhalb Kaloni?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort
+gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen,
+um sie dort zu verbergen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange Zeit w&uuml;rde man brauchen, um unsere
+Weiber und Kinder und auch unsere Tiere dort unterzubringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen halben Tag. Geht man &uuml;ber Scheik Adi,
+so steigt man hinter dem Grabe des Heiligen die enge
+Schlucht empor, und kein T&uuml;rke wird bemerken, was
+wir thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde
+weiter mit dir sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen
+jedermann. Ich wollte dich bitten, hier den Emir zu
+bedienen, aber du wirst wohl anderweit gebraucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich ihm meinen Sohn senden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thue es!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Spricht er ein gutes Kurdisch?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!&laquo;</p>
+
+<p>Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem
+Mahle getroffen. Da die Gastfreundschaft der Dschesidi
+eine unbeschr&auml;nkte ist, so waren bei demselben wohl gegen
+zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und
+mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die
+Kapelle bestand aus drei M&auml;nnern, welche die Thembure,
+Kamantsche und die B&uuml;lure spielten, drei Instrumente,
+welche man mit unserer Fl&ouml;te, Guitarre und Violine
+vergleichen k&ouml;nnte. Die Musik war sanft und melodi&ouml;s;
+&uuml;berhaupt bemerkte ich noch sp&auml;ter, da&szlig; die Dschesidi einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_580" id="Page_580">[580]</a></span>bessern musikalischen Geschmack besitzen, als die Anh&auml;nger
+des Islam.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit
+dem ich mich in mein Gemach zur&uuml;ckzog, um mit seiner
+Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu studieren. Der
+geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger,
+doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschlu&szlig; &uuml;ber alles,
+was ich von ihm zu wissen begehrte. Pir Kamek war
+der unterrichtetste unter den Teufelsanbetern, und nur bei
+ihm konnte ich die Erfahrung und die Anschauungsweise
+finden, mit welcher er mich &uuml;berrascht hatte. Die andern
+waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern,
+da&szlig; sie das Symbol f&uuml;r die Sache selbst nahmen und an
+ihren Gebr&auml;uchen mehr aus Gewohnheit und blindem
+Glauben als aus innerer &Uuml;berzeugung hingen. Das
+Mysteri&ouml;se ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten
+wurden, wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln,
+dem Geheimnisvollen zuneigt, als dem klar und offen zu
+Tage Liegenden.</p>
+
+<p>Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungest&ouml;rt,
+denn in fast regelm&auml;&szlig;igen Zwischenr&auml;umen von einigen
+Minuten ert&ouml;nte das widerliche, markdurchdringende Geschrei
+des Esels, welches auf die Dauer gar nicht auszuhalten
+war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so
+lange noch reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer
+noch neue Pilger ankamen; als aber das Ger&auml;usch doch
+endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur Ruhe
+begab, wurden die &uuml;berlauten Interjektionen des Graurockes
+geradezu unertr&auml;glich, und es erhoben sich verschiedene
+Stimmen, welche zun&auml;chst nur verdrossen murrten, jedoch
+bald in lautes Zanken &uuml;bergingen.</p>
+
+<p>Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese &auml;rgerlichen
+Zurufe ihn zu immer angestrengteren Leistungen zu begeistern;
+<span class="pagenum"><a name="Page_581" id="Page_581">[581]</a></span>er wurde auf seine Triller ganz versessen; die
+Pausen zwischen ihnen wurden immer k&uuml;rzer, und endlich
+vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche
+geradezu infernalisch genannt werden mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten,
+als unten ein verworrener L&auml;rm erscholl. Man r&uuml;ckte
+in Haufen auf den kleinen Buluk Emini ein. Was man
+mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen; jedenfalls
+aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, da&szlig;
+er sich nicht zu helfen wu&szlig;te, denn ich h&ouml;rte nach kurzer
+Zeit seine Schritte vor meiner Th&uuml;r. Er trat ein.</p>
+
+<p>&raquo;Schl&auml;fst du schon, Emir?&laquo;</p>
+
+<p>Diese Frage war eigentlich &uuml;berfl&uuml;ssig, da er sah,
+da&szlig; wir beide noch in voller Bekleidung bei dem Buche
+sa&szlig;en; aber er hatte in seiner Angst keine bessere Einleitung
+finden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem
+entsetzlichen Gesange, welchen dein Esel vollf&uuml;hrt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch
+nicht schlafen. Jetzt kommen sie alle zu mir und verlangen,
+da&szlig; ich das Tier hinaus in den Wald schaffen
+und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschie&szlig;en.
+So weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich mu&szlig;
+den Esel doch wieder nach Mossul bringen, sonst erhalte
+ich die Bastonnade und verliere meinen Grad.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So schaffe ihn in den Wald.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Emir, das geht nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es
+giebt W&ouml;lfe im Walde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bleibe mit drau&szlig;en und bewache ihn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, es k&ouml;nnten doch wohl auch zwei W&ouml;lfe
+kommen!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_582" id="Page_582">[582]</a></span>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann fri&szlig;t einer den Esel und der andere mich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du scherzest! Einige sagen, da&szlig; ich zu dir gehen
+solle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu mir? Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, glaubst du, da&szlig; dieser Esel eine Seele hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich hat er eine.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht hat er eine andere als die seinige!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr
+getauscht: seine Seele ist in dich, und deine Seele ist in
+ihn gefahren. Nun bist du der Esel und f&uuml;rchtest dich
+wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und br&uuml;llt
+wie ein L&ouml;we. Was k&ouml;nnte ich dagegen thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Emir, es ist ganz sicher, da&szlig; er eine andere Seele
+hat; aber eine t&uuml;rkische ist es nicht, denn sie versteht die
+Sprache der Osmanly nicht. Du aber redest alle Sprachen
+der Erde, und darum bitte ich dich, herabzukommen. Wenn
+du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken, wer
+in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein
+Armenier. Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren,
+weil er uns gar so wenig Ruhe l&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du denn wirklich, da&szlig;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme
+abermals, und zwar mit solcher St&auml;rke, da&szlig; die ganze
+meuterische Versammlung im Chore mit einfiel.</p>
+
+<p>&raquo;Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr,
+komme schnell herab, sonst ist er verloren und seine Seele
+auch!&laquo;</p>
+
+<p>Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir
+einen Spa&szlig; machen? Vielleicht war es unrecht, aber
+seine Ansicht &uuml;ber die Seele des Grautieres hatte mich
+<span class="pagenum"><a name="Page_583" id="Page_583">[583]</a></span>in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut widerstehen
+konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.</p>
+
+<p>&raquo;Wer wei&szlig; ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen
+zu bringen?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:</p>
+
+<p>&raquo;Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!&laquo;</p>
+
+<p>Mein Hadschi geh&ouml;rte also zu den wahren &raquo;Gl&auml;ubigen&laquo;.
+Ich trat an den Esel heran und fa&szlig;te ihn beim Z&uuml;gel.
+Nachdem ich ihm laut einige fremdl&auml;ndische Fragen vorgelegt
+hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase und horchte.
+Dann machte ich eine Bewegung der &Uuml;berraschung und
+wandte mich an Ifra.</p>
+
+<p>&raquo;Buluk Emini, wie hie&szlig; dein Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nachir Mirja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der ist es nicht. Wie hie&szlig; der Vater deines Vaters?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Muthallam Sobuf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der ist es! Wo wohnte er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Hirmenl&uuml; bei Adrianopel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenl&uuml; nach
+Tha&szlig;k&ouml;i geritten, und hat, um seinen Esel zu &auml;rgern, ihm
+einen schweren Stein an den Schwanz gebunden. Der
+Prophet aber hat gesagt: &#8250;Escheklerin sew &ndash; liebe deine
+Esel!&#8249; Darum mu&szlig; der Geist deines Gro&szlig;vaters diese
+That s&uuml;hnen. Er hat an der Br&uuml;cke Ssirath, welche zum
+Paradiese und zur H&ouml;lle f&uuml;hrt, umkehren m&uuml;ssen und
+ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere einen
+Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er
+nur dadurch erl&ouml;st werden, da&szlig; ihm auch ein Stein
+an den Schwanz gebunden wird. Willst du ihn erl&ouml;sen,
+Ifra?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Emir, ich will es!&laquo; rief dieser. Das Weinen
+war ihm n&auml;her als das Lachen, denn die Vorstellung,
+da&szlig; sein Gro&szlig;vater in diesem Esel schmachte, mu&szlig;te f&uuml;r
+<span class="pagenum"><a name="Page_584" id="Page_584">[584]</a></span>ihn, der ein echter Moslem war, geradezu schrecklich sein.
+&raquo;Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe,
+um den Vater meines Vaters zu erretten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hole einen Stein und eine Schnur!&laquo;</p>
+
+<p>Der Esel merkte, da&szlig; wir uns mit ihm besch&auml;ftigten;
+er &ouml;ffnete das Maul und schrie.</p>
+
+<p>&raquo;Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, da&szlig;
+er gejammert hat.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine
+Baschi-Bozuk band den Stein an die Spitze desselben.
+Als diese Operation beendet war, drehte der Esel den
+Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen;
+dies ging nat&uuml;rlich nicht. Jetzt versuchte er, den
+Stein mit dem Schwanze fortzuschleudern; er war aber
+zu schwer, und der Schwanz brachte es blo&szlig; bis zu einer
+kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort eingestellt
+wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der
+Esel befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von
+Verbl&uuml;ffung; er schielte mit den Augen nach hinten; er
+wedelte h&ouml;chst nachdenklich mit den langen Ohren; er
+schnaubte und &ouml;ffnete endlich das Maul, um zu schreien
+&ndash; aber die Stimme versagte ihm; das Bewu&szlig;tsein, da&szlig;
+seine gr&ouml;&szlig;te Zierde hinten fest und niedergehalten werde,
+raubte ihm vollst&auml;ndig das Verm&ouml;gen, seine Gef&uuml;hle in
+edlen T&ouml;nen auszudr&uuml;cken.</p>
+
+<p>&raquo;Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!&laquo; rief der
+Baschi-Bozuk. &raquo;Emir, du bist der weiseste Mann, den
+ich gesehen habe!&laquo;</p>
+
+<p>Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber
+standen die Pilger noch lange, um abzuwarten, ob das
+Wunder wirklich gelungen sei.</p>
+
+<p>Ich wurde bereits am fr&uuml;hen Morgen durch das
+rege Leben geweckt, welches im Dorfe hin und her flutete.
+<span class="pagenum"><a name="Page_585" id="Page_585">[585]</a></span>Es kamen bereits wieder Pilger, welche teils in Baadri
+blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach Scheik
+Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat,
+war Scheik Mohammed Emin.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du hinunter vor das Haus gesehen?&laquo; fragte
+er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Blicke hinab!&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter.
+Da standen hunderte von Menschen bei dem Esel und
+staunten ihn mit gro&szlig;en Augen an. Einer hatte dem andern
+erz&auml;hlt, was geschehen war, und als sie mich hier oben
+erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zur&uuml;ck.
+Das hatte ich nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen
+Einfalle gefolgt, keineswegs aber wollte ich diese Leute
+in ihrem th&ouml;richten Aberglauben best&auml;rken.</p>
+
+<p>Auch Scheik Ali kam. Er l&auml;chelte, als er mich gr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken.
+Du bist ein gro&szlig;er Zauberer. Wird der Esel wieder
+schreien, wenn der Stein entfernt ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Das Tier f&uuml;rchtet sich bei Nacht und will
+sich durch den Klang seiner eigenen Stimme ermutigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollt ihr mir zum Fr&uuml;hmahle folgen?&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort
+befand sich bereits Halef nebst dem Sohn Seleks, den ich
+meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen mu&szlig;te, und
+auch Ifra, der eine auffallend betr&uuml;bte Miene machte.
+Die Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht
+entgegen und bot mir die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Sabah&#8217;l kher &ndash; guten Morgen!&laquo; gr&uuml;&szlig;te ich sie.</p>
+
+<p>&raquo;Sabah&#8217;l kher!&laquo; antwortete sie. &raquo;Keifata ciava &ndash;
+wie ist dein Befinden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kangia! Tu ciava &ndash; gut; wie befindest du dich?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_586" id="Page_586">[586]</a></span>&raquo;Skuker quode kangia &ndash; Gott sei Dank, gut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du redest ja Kurmangdschi!&laquo; rief Ali Bey erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche
+des Pir gelernt habe,&laquo; antwortete ich. &raquo;Und das ist
+wenig genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommt herbei und setzt euch!&laquo;</p>
+
+<p>Es gab zun&auml;chst Kaffee mit Honigkuchen und dann
+Hammelbraten, den man in d&uuml;nnen, breiten St&uuml;cken wie
+Brot a&szlig;. Dazu trank man Arpa, eine Art D&uuml;nnbier,
+welches der T&uuml;rke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt.
+Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk
+Emini kauerte tr&uuml;bsinnig seitw&auml;rts.</p>
+
+<p>&raquo;Ifra, warum kommst du nicht zu uns?&laquo; fragte
+ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht essen, Emir,&laquo; antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlt dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten,
+geschlagen und geschimpft, habe ihn so wenig geb&uuml;rstet
+und gewaschen, habe ihn wohl auch oft hungern lassen,
+und nun h&ouml;re ich, da&szlig; es der Vater meines Vaters ist.
+Drau&szlig;en steht er, und noch immer h&auml;ngt ihm der Stein
+am Schwanz!&laquo;</p>
+
+<p>Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen
+regte sich; aber die Situation war doch in Wahrheit
+so toll, da&szlig; ich mich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.</p>
+
+<p>&raquo;Du lachest!&laquo; erwiderte er vorwurfsvoll. &raquo;H&auml;ttest
+du einen Esel, welcher der Vater deines Vaters ist, so
+w&uuml;rdest du weinen. Ich soll dich nach Amadijah bringen,
+aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder auf
+den Geist meines Gro&szlig;vaters!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sollst du auch nicht; das w&auml;re ja auch gar nicht
+m&ouml;glich, denn auf einen Geist kann sich niemand setzen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_587" id="Page_587">[587]</a></span>&raquo;Auf wem soll ich denn reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf deinem Esel.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.</p>
+
+<p>&raquo;Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja
+gesagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war nur Scherz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut,
+da&szlig; du dir meinen Scherz so zu Herzen nimmst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi, du willst mich wirklich nur tr&ouml;sten! Warum
+ist der Esel so oft mit mir durchgegangen? Warum hat
+er mich so vielmal heruntergeworfen? Weil er gewu&szlig;t
+hat, da&szlig; er kein Esel ist und da&szlig; ich der Sohn seines
+Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen,
+als ich that, was dir die Seele des Esels anbefohlen hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein
+Mittel geholfen hat, das will ich dir sagen. Hast du
+niemals bemerkt, da&szlig; der Hahn die Augen schlie&szlig;t, wenn
+er kr&auml;ht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt
+die Augen offen, so wird er niemals kr&auml;hen. Hast
+du beobachtet, da&szlig; dein Esel stets den Schwanz erhebt,
+wenn er schreien will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wirklich, das thut er, Effendi!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sorge daf&uuml;r, da&szlig; er den Schwanz nicht in die
+H&ouml;he bringen kann; dann wird er das Schreien lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist dies wirklich so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder
+schreit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich sage es dir ja!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_588" id="Page_588">[588]</a></span>&raquo;Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!&laquo;</p>
+
+<p>Er sprang hinaus und ri&szlig; dem Tiere den Stein vom
+Schwanze herunter; dann kehrte er eilig zur&uuml;ck, um sich
+noch nachtr&auml;glich an dem Mahle zu beteiligen. Da&szlig; er,
+der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen durfte,
+zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi
+untereinander leben.</p>
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_589" id="Page_589">[589]</a></span>
+<a name="Zwoelftes_Kapitel" id="Zwoelftes_Kapitel"></a>Zw&ouml;lftes Kapitel.<br />
+
+<span class="caption">Das gro&szlig;e Fest.</span></h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>ine Stunde sp&auml;ter ritt ich mit meinem Dolmetscher
+in den lichten Morgen hinein spazieren. Mohammed
+Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben und sich
+&uuml;berhaupt so wenig wie m&ouml;glich zu zeigen.</p>
+
+<p>&raquo;Kennst du das Thal Idiz?&laquo; fragte ich den Begleiter.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei Stunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte es sehen. Willst du mich hinf&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder
+&uuml;ber Scheik Adi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welcher Weg ist der k&uuml;rzere?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir w&auml;hlen ihn dennoch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares
+Tier, wie ich kaum jemals so eines gesehen habe;
+aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gerade heute will ich es pr&uuml;fen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter
+dem man sich ja nicht einen gebahnten Steig zu denken
+hat, ging steil bergan und wieder steil bergab, aber mein
+Rappe hielt wacker aus. Die H&ouml;hen, welche erst mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_590" id="Page_590">[590]</a></span>Geb&uuml;sch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem,
+dunklem Wald besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen
+wir dahinritten. Endlich wurde der Pfad so gef&auml;hrlich,
+da&szlig; wir absteigen und die Pferde f&uuml;hren mu&szlig;ten. Es
+war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe
+wir den Fu&szlig; auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers
+war diese Art Terrain gewohnt: es trat mit
+mehr Sicherheit auf und wu&szlig;te die gef&auml;hrlichen Stellen
+aus Erfahrung besser von den ungef&auml;hrlichen zu unterscheiden;
+aber mein Rappe besa&szlig; einen gl&uuml;cklichen Instinkt
+und eine au&szlig;erordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam
+die &Uuml;berzeugung, da&szlig; er bereits nach kurzer &Uuml;bung ein
+sehr guter Bergg&auml;nger sein werde; wenigstens zeigte er
+bereits heute, da&szlig; er nicht erm&uuml;dete, w&auml;hrend das andere
+Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu k&auml;mpfen
+begann.</p>
+
+<p>Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als
+wir an ein Dickicht gelangten, hinter welchem die Felsen
+fast senkrecht hinabfielen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist das Thal,&laquo; meinte der F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommen wir hinab?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und
+dieser f&uuml;hrt von Scheik Adi hierher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist er betreten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; er ist von dem &uuml;brigen Boden gar nicht zu
+unterscheiden. Komm!&laquo;</p>
+
+<p>Ich folgte ihm l&auml;ngs der dichten B&uuml;sche hin, welche
+den Rand des Thales ringsum so vollst&auml;ndig bedeckten,
+da&szlig; ein f&uuml;hrerloser Fremder von dem Dasein des letzteren
+sicher nicht das mindeste geahnt h&auml;tte. Nach einiger Zeit
+gelangten wir an eine Stelle, an welcher der F&uuml;hrer
+wieder abstieg. Er deutete nach rechts.</p>
+
+<p>&raquo;Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi,
+<span class="pagenum"><a name="Page_591" id="Page_591">[591]</a></span>aber nur ein Dschesidi wei&szlig; den Weg zu finden. Und
+hier links geht es in das Thal hinab.&laquo;</p>
+
+<p>Er schob die B&uuml;sche auseinander, und nun sah ich
+vor mir einen weiten Thalkessel, dessen W&auml;nde steil emporstiegen
+und zum Auf- und Niedersteigen nur die eine
+Stelle boten, an welcher wir uns befanden. Wir kletterten,
+die Pferde am Z&uuml;gel f&uuml;hrend, hinab. Unten angelangt,
+konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite &uuml;berschauen.
+Es war gro&szlig; genug, um mehreren Tausend Menschen eine
+Zuflucht zu bieten, und verschiedene H&ouml;hlen&ouml;ffnungen nebst
+anderen Anzeichen lie&szlig;en vermuten, da&szlig; es vor noch nicht
+sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die
+Sohle des Kessels war mit einem kr&auml;ftigen Graswuchse
+&uuml;berzogen, welcher selbst das Verbergen von Herden hier
+erleichterte, und einige k&uuml;nstlich in den Boden gegrabene
+L&ouml;cher hatten Trinkwasser genug f&uuml;r viele durstige Kehlen.</p>
+
+<p>Wir lie&szlig;en die Pferde weiden und legten uns in das
+Gras. Alsbald begann ich das Gespr&auml;ch mit der Bemerkung:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer
+anlegen konnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi.
+Bei der letzten Verfolgung der Dschesidi haben &uuml;ber tausend
+Menschen hier ihre Sicherheit gefunden. Darum wird kein
+Angeh&ouml;riger unsers Glaubens diesen Ort verraten. Man
+wei&szlig; ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es. Aber es handelt sich jetzt nicht um
+eine allgemeine Verfolgung angeblich um des Glaubens
+willen, sondern nur um eine Ma&szlig;regel, welche den Zweck
+hat, uns auszupl&uuml;ndern. Der Mutessarif sendet f&uuml;nfzehnhundert
+Mann gegen uns, die uns unerwartet &uuml;berfallen
+sollen; aber er wird sich t&auml;uschen. Wir haben seit sehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_592" id="Page_592">[592]</a></span>langen Jahren das Fest nicht gefeiert; darum wird kommen,
+wer nur kommen kann, so da&szlig; wir den T&uuml;rken einige
+Tausend kampfbereite M&auml;nner entgegenstellen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind sie alle bewaffnet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem
+Feste geschossen wird. Der Mutessarif braucht f&uuml;r seine
+Soldaten w&auml;hrend eines ganzen Jahres nicht so viel
+Pulver, wie wir in diesen drei Tagen f&uuml;r unsere Freudensalven.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der
+Glaube sehr gleichg&uuml;ltig. Er hat nur das eine Ziel, reich
+zu werden, und dazu m&uuml;ssen ihm bald die Araber und die
+Chald&auml;er, bald die Kurden oder die Dschesidi verhelfen.
+Oder meinst du, da&szlig; unser Glaube so schlimm sei, da&szlig;
+er verdiene, ausgerottet zu werden?&laquo;</p>
+
+<p>Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben.
+Von ihm konnte ich erfahren, was der Pir mir noch nicht
+gesagt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne ihn nicht,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Und hast auch noch nichts &uuml;ber ihn geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres &uuml;ber
+uns. Hast du auch von meinem Vater nichts erfahren
+oder von Pali und Melaf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; wenigstens nichts Haupts&auml;chliches; aber ich
+denke, da&szlig; du mir einiges sagen wirst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Emir, wir sprechen nie zu Fremden &uuml;ber unsern
+Glauben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bin ich dir fremd?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern
+das Leben gerettet und auch jetzt uns vor den T&uuml;rken
+gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du bist der
+<span class="pagenum"><a name="Page_593" id="Page_593">[593]</a></span>einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich mu&szlig;
+dir sagen, da&szlig; ich selbst nicht alles wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge,
+welche die Eltern ganz allein zu wissen brauchen? Unsere
+Priester sind unsere V&auml;ter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich dich fragen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu
+nennen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es; aber ich m&ouml;chte grad &uuml;ber diesen
+Gegenstand einiges wissen. Wirst du mir Auskunft geben,
+wenn ich das Wort vermeide?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soviel ich&#8217;s vermag, ja.&laquo;</p>
+
+<p>Dieses Wort war der Name des Teufels, den die
+Dschesidi niemals aussprechen. Das Wort Sche&iuml;tan ist
+bei ihnen so verp&ouml;nt, da&szlig; sie selbst &auml;hnliche Worte sorgf&auml;ltig
+vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem
+Flusse sprechen, so sagen sie &raquo;Nahr&laquo;, aber niemals &raquo;Schat&laquo;,
+weil dieses letztere Wort mit der ersten Silbe von Sche&iuml;tan
+in naher Beziehung steht. Das Wort &raquo;Ke&iuml;tan&laquo; (Franse
+oder Faden) wird vermieden und auch die W&ouml;rter &raquo;Naal&laquo;
+(Hufeisen) und &raquo;Naal-band&laquo; (Hufschmied), weil sie mit
+den Worten &raquo;Laan&laquo; (Fluch) und &raquo;mahlun&laquo; (verflucht) in
+einer gewissen N&auml;he stehen. Sie sprechen vom Teufel nur
+in Umschreibung, und zwar mit Ehrfurcht. Sie nennen
+ihn Melek el Kuht, der m&auml;chtige K&ouml;nig oder Melek Ta-us,
+K&ouml;nig Pfauhahn.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes
+Wesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht
+unter Gott. Dieser Kyral melekler&uuml;n war das oberste
+der himmlischen Wesen; aber Gott war sein Sch&ouml;pfer und
+Herr.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_594" id="Page_594">[594]</a></span>&raquo;Wo ist er jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er emp&ouml;rte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf die Erde und auf alle Sterne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ist er der Herr derjenigen, die in der Dschehennah
+wohnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Ihr glaubt wohl, da&szlig; er ewig ungl&uuml;cklich ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubt ihr auch, da&szlig; Gott allg&uuml;tig, gn&auml;dig und
+barmherzig ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann wird er auch verzeihen &ndash; den Menschen und
+den Engeln, welche gegen ihn s&uuml;ndigen. Das glauben
+wir, und darum bedauern wir jenen, welchen du meinst.
+Jetzt kann er uns schaden, und darum nennen wir seinen
+Namen nicht. Sp&auml;ter, wenn er seine Macht zur&uuml;ck erh&auml;lt,
+kann er die Menschen belohnen, und darum reden wir
+nichts B&ouml;ses von ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr verehrt ihn? Ihr betet ihn an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn er ist Gottes Gesch&ouml;pf wie wir; aber
+wir h&uuml;ten uns, ihn zu beleidigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was bedeutet der Hahn, welcher bei euren Gottesdiensten
+zugegen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der bedeutet jenen nicht, welchen du meinst. Er ist
+ein Bild der Wachsamkeit. Hat euch Azerat Esau, der
+Sohn Gottes, nicht erz&auml;hlt von den Jungfrauen, welche
+den Br&auml;utigam erwarteten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;nf von ihnen schliefen ein und d&uuml;rfen nun nicht
+in den Himmel. Kennst du die Erz&auml;hlung von dem J&uuml;nger,
+welcher seinen Meister verleugnete?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch da kr&auml;hte der Hahn. Darum ist er bei uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_595" id="Page_595">[595]</a></span>das Zeichen, da&szlig; wir wachen, da&szlig; wir den gro&szlig;en Br&auml;utigam
+erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubt ihr das, was die Bibel erz&auml;hlt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir glauben es, obgleich ich nicht alles wei&szlig;, was
+sie erz&auml;hlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr nicht auch ein heiliges Buch, in welchem
+eure Lehren verzeichnet sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir hatten ein solches. Es wurde in Baascheikha
+aufbewahrt, aber ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; es verloren gegangen
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches sind eure heiligen Handlungen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst sie alle in Scheik Adi kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du mir sagen, wer Scheik Adi war?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich nicht genau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Betet ihr zu ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Wir verehren ihn nur dadurch, da&szlig; wir an
+seinem Grabe zu Gott beten. Er war ein Heiliger und
+wohnt bei Gott.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Arten von Priestern giebt es bei euch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zun&auml;chst kommen die Pirs. Dieses Wort hei&szlig;t eigentlich
+ein alter oder ein weiser Mann; hier aber bedeutet
+es ein heiliger Mann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kleiden sie sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen sich kleiden, wie es ihnen gef&auml;llt; aber
+sie f&uuml;hren ein sehr frommes Leben, und Gott giebt ihnen
+die Macht, durch ihre F&uuml;rbitte alle Krankheiten des Leibes
+und der Seele zu heilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es viele Pirs?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne jetzt nur drei. Pir Kamek ist der gr&ouml;&szlig;te
+von ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach ihnen kommen die Scheiks. Sie m&uuml;ssen so viel
+Arabisch lernen, um unsere heiligen Lieder zu verstehen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_596" id="Page_596">[596]</a></span>&raquo;Werden diese in arabischer Sprache gesungen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht in kurdischer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht. Aus den Scheiks werden die
+W&auml;chter des heiligen Grabes gew&auml;hlt, wo sie das Feuer
+unterhalten und die Pilger bewirten m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben sie eine besondere Kleidung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie gehen ganz wei&szlig; gekleidet und tragen als Zeichen
+ihres Amtes einen G&uuml;rtel, welcher rot und gelb ist. Nach
+diesen Scheiks kommen die Prediger, welche wir Kawals
+nennen. Sie k&ouml;nnen die heiligen Instrumente spielen und
+gehen von Ort zu Ort, um die Gl&auml;ubigen zu belehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches sind die heiligen Instrumente?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Tamburin und die Fl&ouml;te. Auch verstehen die
+Kawals bei den hohen Festen zu singen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kleiden sie sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen alle Farben tragen, doch kleiden sie sich
+gew&ouml;hnlich wei&szlig;. Dann aber mu&szlig; ihr Turban schwarz
+sein, zur Unterscheidung von den Scheiks. Nach ihnen
+kommen die Fakirs, welche die niederen Dienste am Grabe
+und auch anderswo verrichten. Sie haben meist dunkle
+Gew&auml;nder und tragen ein rotes Tuch quer &uuml;ber dem Turban.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ernennt eure Priester?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden nicht ernannt, denn diese W&uuml;rde ist
+erblich. Wenn ein Priester stirbt und keinen Sohn hinterl&auml;&szlig;t,
+so geht sein Amt auf seine &auml;lteste Tochter &uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>Das war allerdings h&ouml;chst merkw&uuml;rdig, besonders im
+Orient!</p>
+
+<p>&raquo;Und wer ist der Oberste aller Priester?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Scheik von Baadri. Du hast ihn noch nicht gesehen,
+denn er befindet sich bereits in Scheik Adi, um das
+Fest vorzubereiten. Hast du noch etwas zu fragen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch vieles! Werden eure Kinder getauft?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_597" id="Page_597">[597]</a></span>&raquo;Getauft und beschnitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es unreine Speisen, welche ihr nicht essen d&uuml;rft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir essen kein Schweinfleisch und haben keine blaue
+Farbe, denn der Himmel ist so erhaben, da&szlig; wir seine
+Farbe nicht unsern irdischen Dingen geben m&ouml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr eine Kiblah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Wenn wir beten, so wenden wir das Angesicht
+dem Orte zu, an welchem an diesem Tage die Sonne aufgegangen
+ist. Auch die Toten werden bei ihrem Begr&auml;bnisse
+so gelegt, da&szlig; ihr Angesicht nach dieser Gegend gerichtet
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, woher eure Religion gekommen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Scheik Adi, der Heilige, hat sie uns gelehrt. Wir
+selbst aber sind aus den L&auml;ndern des untern Euphrat gekommen.
+Dann zogen unsere V&auml;ter nach Syrien, nach
+dem Sindschar und endlich hierher.&laquo;</p>
+
+<p>Ich h&auml;tte sehr gern noch weiter gefragt, aber es erschallte
+von oben her ein Schrei, und als wir emporblickten,
+erkannten wir Selek, welcher im Begriffe war, zu uns
+herabzusteigen. Bald stand er neben uns und reichte uns
+die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Beinahe h&auml;tte ich euch erschossen,&laquo; lautete sein Gru&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Uns? Warum?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Von oben herab hielt ich euch f&uuml;r Fremde, und
+solche d&uuml;rfen in dieses Thal nicht eindringen. Dann aber
+erkannte ich euch. Ich komme, um nachzusehen, ob das
+Thal der Vorbereitung bedarf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zur Aufnahme der Fl&uuml;chtigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Fl&uuml;chtigen? Wir werden nicht fliehen; aber ich
+habe dem Bey erz&auml;hlt, wie listig du die Feinde der Schammar
+nach jenem Thale locktest, in welchem ihr sie gefangen
+nahmt, und wir werden ganz dasselbe thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr wollt die T&uuml;rken hierher locken?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_598" id="Page_598">[598]</a></span>&raquo;Nein, sondern nach Scheik Adi; die Pilger aber
+sollen w&auml;hrend des Kampfes hier untergebracht werden.
+Der Bey hat es so befohlen, und der Scheik ist damit
+einverstanden.&laquo;</p>
+
+<p>Er untersuchte das Wasser und die H&ouml;hlen und fragte
+uns dann, ob wir ihn zur&uuml;ckbegleiten wollten. Dies verstand
+sich ganz von selbst. Wir f&uuml;hrten unsere Pferde empor,
+sa&szlig;en dann auf und hielten stracks auf Baadri zu.
+Als wir dort ankamen, fand ich den Bey einigerma&szlig;en
+in Aufregung.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Kunde erhalten, seitdem du fortgeritten
+bist,&laquo; sagte er. &raquo;Die T&uuml;rken aus Diarbekir stehen bereits
+am Ghomelflusse, und die aus Kerkjuk haben unterhalb
+der Berge auch schon denselben Flu&szlig; erreicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind deine Kundschafter von Amadijah bereits
+zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind gar nicht bis nach Amadijah gekommen,
+denn sie mu&szlig;ten sich teilen, um diese Truppen zu beobachten.
+Es ist nun erwiesen, da&szlig; der geplante &Uuml;berfall
+nur uns gilt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es bereits bekannt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn dadurch k&ouml;nnte der Feind erfahren, da&szlig;
+er uns ger&uuml;stet finden wird. Ich sage dir, Emir, ich
+werde entweder sterben oder diesem Mutessarif eine Lehre
+geben, die er nie vergessen soll!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde bis nach dem Kampfe bei dir bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Emir; aber k&auml;mpfen sollst du nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist mein Gast: Gott hat mir dein Leben anvertraut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott kann es am besten sch&uuml;tzen. Soll ich dein Gast
+sein und dich allein in den Kampf gehen lassen? Sollen
+die Deinen von mir erz&auml;hlen, da&szlig; ich ein Feigling bin?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_599" id="Page_599">[599]</a></span>&raquo;Das werden sie niemals sagen. Bist du nicht auch
+der Gast des Mutessarif gewesen? Hast du nicht seinen
+Pa&szlig; und seine Briefe in der Tasche? Und jetzt willst du
+gegen ihn k&auml;mpfen? Mu&szlig;t du nicht deinen Arm aufheben
+f&uuml;r den Sohn deines Freundes, den ihr befreien wollt?
+Und kannst du mir nicht dienen, auch ohne da&szlig; du meine
+Feinde t&ouml;test?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht in allem, was du sagest. Ich wollte
+aber auch nicht t&ouml;ten, sondern vielleicht dahin wirken, da&szlig;
+kein Blut vergossen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; diese Sorge mir, Effendi! Ich trachte nicht
+nach Blut; ich will nur den Tyrannen von mir weisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie willst du dies durchf&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, da&szlig; in Scheik Adi bereits dreitausend
+Pilger eingetroffen sind? Bis zum Beginne des Festes
+werden es sechstausend und noch mehr sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&auml;nner, Frauen und Kinder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Die Frauen und Kinder sende ich in das Thal
+Idiz, und nur die M&auml;nner bleiben zur&uuml;ck. Die Truppen
+aus Diarbekir und Kerkjuk werden sich auf dem Wege
+von Kaloni her vereinigen, und die aus Mossul kommen
+&uuml;ber Dscherraijah oder A&iuml;n Sifni herauf. Sie wollen
+uns in dem Thale des Heiligen einschlie&szlig;en; wir aber
+steigen hinter dem Grabe empor und stehen rund um das
+Thal, wenn sie einger&uuml;ckt sind. Dann k&ouml;nnen wir sie
+niederstrecken bis auf den letzten Mann, wenn sie sich nicht
+ergeben. Andernfalls aber sende ich einen Boten an den
+Mutessarif und stelle meine Bedingungen, unter denen ich
+sie freigebe. Er wird sich dann vor dem Gro&szlig;herrn in
+Stambul zu verantworten haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird diesem die Angelegenheit in einem falschen
+Lichte schildern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber es wird ihm nicht gelingen, den Padischah zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_600" id="Page_600">[600]</a></span>t&auml;uschen; denn ich habe vorhin eine heimliche Gesandtschaft
+nach Stambul gesandt, welche ihm zuvorkommen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te mir im Innern eingestehen, da&szlig; Ali Bey
+nicht nur ein mutiger, sondern auch ein kluger und darum
+vorsichtiger Mann sei.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie willst du mich verwenden?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst mit jenen ziehen, welche unsere Frauen
+und Kinder und unsere Habe besch&uuml;tzen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eure Habe nehmt ihr mit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So viel wir fortbringen. Ich werde noch heute allen
+Bewohnern von Baadri sagen lassen, da&szlig; sie alles nach
+dem Thale Idiz schaffen m&ouml;gen, aber heimlich, damit mein
+Plan nicht verraten werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Scheik Mohammed Emin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er geht mit dir. Ihr k&ouml;nntet jetzt nicht nach Amadijah
+kommen, da der Weg dorthin bereits nicht mehr
+frei ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die T&uuml;rken w&uuml;rden das Bu-djeruldi des Gro&szlig;herrn
+und den Ferman des Mutessarif achten m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber es sind Leute aus Kerkjuk dabei, und wie leicht
+ist es m&ouml;glich, da&szlig; einer von ihnen Mohammed Emin
+kennt!&laquo;</p>
+
+<p>Noch w&auml;hrend wir sprachen, kamen zwei M&auml;nner in
+das Haus. Es waren meine beiden alten Bekannten Pali
+und Melaf, welche ganz au&szlig;er sich waren, als sie mich
+erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die H&auml;nde
+k&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist der Pir?&laquo; fragte Ali Bey.</p>
+
+<p>&raquo;Im Grabe des Jonas bei Kufjundschik. Er sendet
+uns, um dir zu sagen, da&szlig; wir am zweiten Tage des
+Festes fr&uuml;h am Morgen &uuml;berfallen werden sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben
+wird?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_601" id="Page_601">[601]</a></span>&raquo;Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei
+T&uuml;rken erschlagen worden. Er will die Th&auml;ter in Scheik
+Adi holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind in Malthaijah von zwei T&uuml;rken zwei Dschesidi
+erschlagen worden, so lautet die Wahrheit. Siehst
+du, Emir, wie diese T&uuml;rken sind? Sie erschlagen meine
+Leute, um Ursache zum Einfall in unser Gebiet zu haben.
+M&ouml;gen sie finden, was sie suchen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich begab mich mit meinem Dolmetscher nach meinem
+Zimmer, wo ich meine &Uuml;bungen begann. Mohammed
+Emin sa&szlig; wortlos dabei, rauchte seine Pfeife und wunderte
+sich ba&szlig; dar&uuml;ber, da&szlig; ich mir so viele M&uuml;he gab, ein
+Buch zu lesen und die Worte einer fremden Sprache zu
+verstehen. Dies that ich w&auml;hrend des ganzen Tages und
+am Abend. Auch der n&auml;chste Tag verging unter dieser
+angenehmen Besch&auml;ftigung.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte ich bemerkt, da&szlig; die Bewohner von
+Baadri ihre Habe ohne Aufsehen fortschafften; auch wurde
+in einer Stube unseres Hauses eine gro&szlig;e Menge Kugeln
+gegossen. Beif&uuml;gen mu&szlig; ich noch, da&szlig; der Esel des Buluk
+Emini w&auml;hrend dieser Zeit nicht wieder laut geworden
+war, da ihm sein Herr und Meister sofort bei Einbruch
+der Dunkelheit den Stein an den Schwanz befestigt hatte.</p>
+
+<p>Pilger kamen fortw&auml;hrend, bald einzeln, bald in
+Familien und bald in gr&ouml;&szlig;eren Trupps. Viele waren
+arm und auf die Mildth&auml;tigkeit anderer angewiesen. Dann
+trieb einer eine Ziege oder einen fetten Hammel herbei;
+reichere Leute hatten einen Ochsen oder zwei, ja einige
+Male sah ich sogar ganze Herden vor&uuml;berziehen. Das
+waren die Liebes- und Opfergaben, welche die Wohlhabenden
+zum heiligen Grabe brachten, damit ihre armen
+Br&uuml;der nicht Mangel leiden sollten. So viele auch kamen
+und gingen: &ndash; meine Baschi-Bozuks und Arnauten blieben
+<span class="pagenum"><a name="Page_602" id="Page_602">[602]</a></span>verschollen, und ich habe bis zum heutigen Tage nicht
+erfahren, wo sie geblieben sind.</p>
+
+<p>Am dritten Tage, dem ersten Tage des Festes, sa&szlig;
+ich mit meinem Dolmetscher wieder beim Buche. Es war
+noch vor Sonnenaufgang. Ich war in die Arbeit so vertieft,
+da&szlig; ich gar nicht bemerkte, da&szlig; der Buluk Emini
+eingetreten war.</p>
+
+<p>&raquo;Emir!&laquo; rief er, nachdem er sich bereits einige Male
+ger&auml;uspert hatte, ohne da&szlig; es von mir bemerkt worden
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Was giebt es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fort!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erst bemerkte ich, da&szlig; er bereits gespornt und
+gestiefelt sei, &uuml;bergab dem Sohne Seleks das Buch und
+sprang auf. Ich hatte ganz vergessen, da&szlig; ich mich baden
+und frische W&auml;sche anlegen m&uuml;sse, wenn ich &uuml;berhaupt
+am Grabe des Heiligen w&uuml;rdig erscheinen wollte. Ich
+nahm die W&auml;sche zu mir, ging hinab und eilte hinaus
+vor das Dorf. Der Bach wimmelte von Badenden und
+ich mu&szlig;te ziemlich weit gehen, um eine Stelle zu finden,
+an welcher ich mich unbeobachtet glaubte.</p>
+
+<p>Hier badete ich und wechselte die W&auml;sche, eine Prozedur,
+welche man auf Reisen im Oriente nicht gar zu
+h&auml;ufig vornehmen kann. Daher f&uuml;hlte ich mich wie neugeboren
+und wollte bereits den Ort verlassen, als ich eine
+leise Bewegung des Geb&uuml;sches bemerkte, welches sich an
+den Ufern des Baches hinzog. War es ein Tier oder ein
+Mensch? Wir standen auf dem Kriegsfu&szlig;e, und so konnte
+es nichts schaden, wenn ich die Sache einmal n&auml;her untersuchte.
+Ich that daher vollst&auml;ndig unbefangen, pfl&uuml;ckte
+einige Blumen und n&auml;herte mich dabei scheinbar absichtslos
+dem Orte, an dem ich die erw&auml;hnte Bewegung bemerkt
+hatte. Dabei kehrte ich dem Busche den R&uuml;cken zu; pl&ouml;tzlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_603" id="Page_603">[603]</a></span>aber drehte ich mich um und stand mit einem schnellen
+Sprunge mitten im dichten Zweigwerk. Vor mir kauerte
+ein Mann, er sah noch jung aus, hatte aber beinahe einen
+milit&auml;rischen Anstrich, obgleich ich nur ein Messer als
+einzige Waffe bei ihm bemerkte. Eine breite Narbe zog
+sich &uuml;ber seine rechte Wange. Er erhob sich und wollte
+sich rasch zur&uuml;ckziehen, ich aber fa&szlig;te seine Hand und hielt
+ihn fest.</p>
+
+<p>&raquo;Was thust du hier?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein &ndash; ein Dschesidi,&laquo; klang es zaghaft.</p>
+
+<p>&raquo;Woher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hei&szlig;e Lassa und bin ein Dassini.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte geh&ouml;rt, da&szlig; die Dassini eine der vornehmsten
+Familien der Dschesidi seien; er sah mir aber gar nicht
+aus wie ein Teufelsanbeter.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dich gefragt, was du hier thust?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich versteckte mich, weil ich dich nicht st&ouml;ren wollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was thatest du vorher hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte baden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo hast du die W&auml;sche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du warst vor mir hier und hattest also das Recht,
+hier zu bleiben, statt dich zu verstecken. Wo hast du diese
+Nacht geschlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Dorfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei wem?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei &ndash; bei &ndash; bei &ndash;&nbsp;&ndash; ich kenne seinen Namen
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Dassini kehrt bei keinem Manne ein, dessen
+Namen er nicht kennt. Komm mit mir und zeige mir
+deinen Wirt!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_604" id="Page_604">[604]</a></span>&raquo;Ich mu&szlig; vorher baden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wirst du nachher thun. Vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Er versuchte, sich von meinem Griffe zu befreien.</p>
+
+<p>&raquo;Mit welchem Rechte sprichst du in dieser Weise zu
+mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Rechte des Mi&szlig;trauens.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ebenso k&ouml;nnte ich dir mi&szlig;trauen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich! Ich bitte dich, es zu thun. Dann f&uuml;hrst
+du mich in das Dorf, und es wird sich zeigen, wer ich bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehe, wohin es dir beliebt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das thue ich auch; aber du wirst mich begleiten.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Blick hing an meinem G&uuml;rtel; er bemerkte, da&szlig;
+ich keine Waffe bei mir trug, und ich sah es ihm an, da&szlig;
+er im Begriffe stehe, nach seinem Messer zu greifen. Dies
+konnte mich aber nicht irre machen; darum hielt ich sein
+Handgelenk nur fester und gab ihm einen scharfen Ruck,
+der ihn zwang, aus dem Busch heraus in das Freie zu
+treten.</p>
+
+<p>&raquo;Was wagest du?&laquo; blitzte er mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Gar nichts. Du gehst mit mir; tschapuk &ndash; sofort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; meine Hand los, sonst&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Brauche ich Gewalt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Brauche sie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!&laquo;</p>
+
+<p>Er zog das Messer und stie&szlig; nach mir; ich aber griff
+von unten herauf und fa&szlig;te nun auch seine zweite Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Schade um dich; denn du scheinst kein Feigling zu
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>Ich dr&uuml;ckte ihm die Hand, da&szlig; er das Messer fallen
+lie&szlig;, hob dasselbe schnell auf und fa&szlig;te ihn bei der Jacke.</p>
+
+<p>&raquo;Nun vorw&auml;rts, sonst&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;! Hier nimm meine
+W&auml;sche auf und trage sie!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_605" id="Page_605">[605]</a></span>&raquo;Herr, thue es nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du ein Dschesidi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum willst du mich dann nach dem Dorfe schaffen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das will ich dir sagen: du bist ein t&uuml;rkischer Soldat,
+ein Spion.&laquo;</p>
+
+<p>Er erbleichte.</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst, Herr! Wenn du kein Dschesidi bist, so la&szlig;
+mich frei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dschesidi oder nicht; vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Er kr&uuml;mmte sich unter meinem Griffe, aber er mu&szlig;te
+mit. Ich zwang ihn sogar, meine W&auml;sche zu tragen. Wir
+erregten kein geringes Aufsehen, als wir das Dorf erreichten,
+und eine ziemliche Menschenmenge folgte uns
+nach der Wohnung des Beys. Er befand sich im Selaml&uuml;k,
+wohin ich auch den Fremden schaffte. Unweit der Th&uuml;re
+stand, ohne da&szlig; der Gefangene ihn bemerkte, mein Baschi-Bozuk,
+der eine sehr &uuml;berraschte Miene machte, als wir
+an ihm vor&uuml;bergingen. Er mu&szlig;te ihn kennen.</p>
+
+<p>&raquo;Wen bringst du mir da?&laquo; fragte Ali Bey.</p>
+
+<p>&raquo;Einen Fremden, den ich drau&szlig;en am Bache fand.
+Er hatte sich versteckt, und zwar an einem Orte, von
+welchem aus er das ganze Dorf und auch den Weg nach
+Scheik Adi &uuml;berblicken konnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er behauptet, Lassa zu hei&szlig;en und ein Dassini zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann m&uuml;&szlig;te ich ihn kennen; auch giebt es keinen
+Dassini dieses Namens.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er stach nach mir, als ich ihn zwang, mit mir zu
+gehen. Hier ist er. Thue mit ihm, was du willst!&laquo;</p>
+
+<p>Ich verlie&szlig; den Raum. Drau&szlig;en stand der Buluk
+Emini noch.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_606" id="Page_606">[606]</a></span>&raquo;Kennst du den Mann, den ich jetzt brachte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Was hat er gethan, Emir? Gewi&szlig; hast du
+ihn verkannt! Er ist kein Dieb und kein R&auml;uber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist Kol Agassi<a name="FNanchor_213_213" id="FNanchor_213_213"></a><a href="#Footnote_213_213" class="fnanchor">[213]</a> bei meinem Regiment.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_213_213" id="Footnote_213_213"></a><a href="#FNanchor_213_213"><span class="label">[213]</span></a> &Uuml;berz&auml;hliger Stabsoffizier zu Fu&szlig;e.</p></div>
+
+<p>&raquo;Ah! Wie hei&szlig;t er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nasir. Wir nannten ihn Nasir Agassi. Er ist der
+Freund des Miralai Omar Amed.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut; sage Halef, da&szlig; er satteln m&ouml;ge!&laquo;</p>
+
+<p>Ich kehrte in das Selaml&uuml;k zur&uuml;ck, wo vor Mohammed
+Emin und einigen der zuf&auml;llig anwesenden bedeutenderen
+Dorfbewohner das Verh&ouml;r bereits begonnen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Seit wann lagst du im Busche?&laquo; fragte der Bey.</p>
+
+<p>&raquo;Seit dieser Mann hier badete.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Mann ist ein Emir; merke dir das! Du bist
+kein Dassini und auch kein Dschesidi. Wie hei&szlig;t du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sage ich nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe eine Blutrache da droben in den kurdischen
+Bergen; ich mu&szlig; verschweigen, wer ich bin und wie ich
+hei&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit wann hat ein Kol Agassi mit der Blutrache
+der freien Kurden zu thun?&laquo; fragte ich ihn.</p>
+
+<p>Er wurde noch bleicher als vorhin am Bache.</p>
+
+<p>&raquo;Kol Agassi? Was meinest du?&laquo; fragte er dennoch
+beherzt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, da&szlig; ich Nasir Agassi, den Vertrauten
+vom Miralai Omar Amed, so genau kenne, da&szlig; ich mich
+nicht t&auml;uschen lasse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du &ndash; du &ndash;&nbsp;&ndash; du kennst mich? Wallahi, so bin
+ich verloren; das ist mein Verh&auml;ngnis!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; es ist dein Kismet nicht. Gestehe aufrichtig,
+<span class="pagenum"><a name="Page_607" id="Page_607">[607]</a></span>was du hier thatest, so wird dir vielleicht nichts geschehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nichts zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann bist du verl&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich unterbrach den zornigen Bey mit einer schnellen
+Handbewegung und wandte mich wieder zu dem Gefangenen.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das von der Blutrache die Wahrheit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Emir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sei ein anderes Mal vorsichtiger. Wenn du
+mir versprichst, unverweilt nach Mossul zur&uuml;ckzukehren
+und die Rache f&uuml;r jetzt aufzuschieben, so bist du frei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Effendi!&laquo; rief da der Bey erschrocken. &raquo;Bedenke
+doch, da&szlig; wir ja&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, was du sagen willst,&laquo; unterbrach ich ihn
+abermals. &raquo;Dieser Mann ist ein Stabsoffizier des Mutessarif,
+ein Kol Agassi, aus dem einst vielleicht ein General
+werden kann, und du lebst mit dem Mutessarif in
+Freundschaft und in tiefstem Frieden. Es thut mir jetzt
+leid, diesen Offizier bel&auml;stigt zu haben, was gar nicht geschehen
+w&auml;re, wenn ich ihn sofort gekannt h&auml;tte. &ndash; Du
+versprichst mir also, unverweilt nach Mossul zur&uuml;ckzukehren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verspreche es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Betrifft diese Rache einen Dschesidi?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So gehe, und Allah beh&uuml;te dich, da&szlig; die Rache
+nicht gef&auml;hrlich f&uuml;r dich selbst wird!&laquo;</p>
+
+<p>Er stand ganz erstaunt. Noch vor einem Augenblick
+hatte er den gewissen Tod vor sich gesehen, und jetzt sah
+er sich frei. Er fa&szlig;te meine Hand und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Emir, ich danke dir! Allah segne dich und alle die
+Deinen!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_608" id="Page_608">[608]</a></span>Dann war er in gr&ouml;&szlig;ter Eile zur Th&uuml;r hinaus. Er
+mochte bef&uuml;rchten, da&szlig; wir unsere Gro&szlig;mut noch bereuen
+k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du gethan!&laquo; sagte Ali Bey mehr erz&uuml;rnt
+als erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Das Beste, was ich thun konnte,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Das Beste? Dieser Mensch ist ein Spion!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist richtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hatte den Tod verdient!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist richtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du schenktest ihm die Freiheit! Zwangst ihn
+nicht zum Gest&auml;ndnis!&laquo;</p>
+
+<p>Auch die andern Dschesidi schauten finster drein. Ich
+lie&szlig; mich dies nicht anfechten und antwortete:</p>
+
+<p>&raquo;Was h&auml;ttest du durch sein Gest&auml;ndnis erfahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht viel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht mehr, als wir bereits wissen. Und &uuml;brigens
+schien er der Mann zu sein, der lieber stirbt als gesteht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So h&auml;tten wir ihn get&ouml;tet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was w&auml;re die Folge davon gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; es einen Spion weniger gegeben h&auml;tte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, die Folgen w&auml;ren noch ganz andere gewesen.
+Der Kol Agassi war jedenfalls abgeschickt, sich zu &uuml;berzeugen,
+ob wir eine Ahnung von dem beabsichtigten &Uuml;berfalle
+haben. T&ouml;teten wir ihn, oder hielten wir ihn gefangen,
+so kehrte er nicht zur&uuml;ck, und man h&auml;tte gewu&szlig;t,
+da&szlig; wir bereits gewarnt sind. Nun aber hat er seine
+Freiheit wieder erhalten, und der Miralai Omar Amed
+wird als ganz sicher annehmen, da&szlig; wir nicht das geringste
+von dem Anschlage des Mutessarif ahnen. Es
+w&uuml;rde doch die allergr&ouml;&szlig;te Dummheit sein, einen Spion
+zu entlassen, wenn man &uuml;berzeugt ist, da&szlig; man &uuml;berfallen
+werden soll &ndash; so werden sie sich sagen. Habe ich recht?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_609" id="Page_609">[609]</a></span>Der Bey umarmte mich.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so
+weit wie die deinigen. Aber ich werde ihm einen Sp&auml;her
+nachsenden, um mich zu &uuml;berzeugen, da&szlig; er auch wirklich
+fortgeht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch dies wirst du nicht thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er k&ouml;nnte grad dadurch auf das aufmerksam werden,
+was wir ihm durch seine Freilassung verborgen
+haben. Er wird sich h&uuml;ten, hier zu bleiben, und &uuml;brigens
+kommen jetzt genug Leute an, bei denen du dich erkundigen
+kannst, ob sie ihm begegnet sind.&laquo;</p>
+
+<p>Auch hier drang ich durch. Es war mir eine angenehme
+Genugthuung, zwei Vorteile verbunden zu haben:
+&ndash; ich hatte einem Menschen, der doch nur auf Befehl
+gehandelt hatte, das Leben erhalten und zu gleicher Zeit
+den Plan des Mutessarif vereitelt. Mit diesem Gef&uuml;hle
+ging ich in das Frauengemach, welches hier eigentlich
+K&uuml;che genannt werden mu&szlig;te, um das Fr&uuml;hst&uuml;ck einzunehmen.
+Vorher aber holte ich aus meiner kleinen Rarit&auml;tensammlung,
+die ich von Isla Ben Maflei erhalten
+hatte, ein Armband, an welchem ein Medaillon angebracht
+war.</p>
+
+<p>Der kleine Bey war auch bereits munter. W&auml;hrend
+ihn seine Mutter hielt, versuchte ich seine niedliche Physiognomie
+zu Papiere zu bringen. Es gelang ganz leidlich,
+denn Kinder sind einander &auml;hnlich. Dann legte ich
+das Papier in das Medaillon und gab der Mutter das
+Armband.</p>
+
+<p>&raquo;Trage dies als Andenken an den Emir der Nemtsche,&laquo;
+bat ich sie; &raquo;das Gesicht deines Sohnes befindet sich darin;
+es wird ewig jung bleiben, auch wenn er alt geworden ist.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah das Bild an und war ganz entz&uuml;ckt. In
+<span class="pagenum"><a name="Page_610" id="Page_610">[610]</a></span>f&uuml;nf Minuten hatte sie es s&auml;mtlichen Bewohnern des
+Hauses und allen Anwesenden gezeigt, und ich konnte mich
+vor Dankbarkeitsbezeigungen kaum retten. Dann aber
+brachen wir auf, allerdings nicht mit dem Gef&uuml;hle, da&szlig;
+es zu einer Lustbarkeit gehe, sondern in sehr ernster
+Stimmung.</p>
+
+<p>Ali Bey hatte seine kostbarste Kleidung angelegt. Er
+ritt mit mir voraus, und dann folgten die angesehensten
+Leute des Dorfes. Mohammed Emin befand sich nat&uuml;rlich
+an unserer Seite. Er war mi&szlig;mutig, da unser Ritt nach
+Amadijah eine solche Unterbrechung erlitten hatte. Vor
+uns her zog eine Schar von Musikanten mit Fl&ouml;ten und
+Tamburins. Hinterher kamen die Frauen, meist mit Eseln,
+die mit Teppichen, Kissen und allerlei Ger&auml;tschaften beladen
+waren.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du deine Vorbereitungen f&uuml;r Baadri getroffen?&laquo;
+fragte ich den Bey.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Bis Dscherraijah stehen Posten, welche mir das
+Nahen des Feindes sofort melden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Baadri wirst du den T&uuml;rken ohne Verteidigung
+lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich. Sie werden still hindurchziehen, um uns
+nicht vor der Zeit aufmerksam zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>Von jetzt an ging es sehr laut um uns zu. Wir
+wurden von Reitern umschw&auml;rmt, welche Scheingefechte
+auff&uuml;hrten, und von allen Seiten knallten unaufh&ouml;rlich
+Salven. Jetzt wurde der Weg sehr schmal und wand sich
+stellenweise so steil an den Bergen empor, da&szlig; wir absteigen
+und, einer hinter dem andern, unsere Pferde &uuml;ber die
+Felsen f&uuml;hren mu&szlig;ten. Erst nach einer starken Stunde
+erreichten wir den Gipfel des Passes und konnten nun
+in das gr&uuml;ne bewaldete Thal von Scheik Adi hinabblicken.</p>
+
+<p>Ein jeder scho&szlig;, sobald er die wei&szlig;e Turmspitze des
+<span class="pagenum"><a name="Page_611" id="Page_611">[611]</a></span>Grabmales erblickte, sein Gewehr ab, und von unten
+herauf antworteten ununterbrochen Sch&uuml;sse, so da&szlig; ein
+gro&szlig;es Infanteriegefecht stattzufinden schien, dessen Echo
+in den Bergen widerhallte. Hinter uns kamen immer
+neue Z&uuml;ge, und als wir den Abhang hinabritten, sahen
+wir rechts und links zur Seite zahlreiche Pilger unter
+den B&auml;umen liegen. Sie ruhten sich hier von den Strapazen
+des Steigens aus und genossen dabei den Anblick
+des Heiligtumes und der herrlichen Gebirgsnatur, der f&uuml;r
+die Bewohner der Ebene eine wahre Erquickung sein mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Wir hatten das Grabmal noch nicht erreicht, so kam
+uns Mir Scheik Khan, das geistliche Oberhaupt der Dschesidi,
+an der Spitze mehrerer Scheiks entgegen. Er wird
+Emir Hadschi genannt und stammt von der Familie der
+Ommijaden ab. Seine Familie wird als die Hauptfamilie
+der Dschesidi betrachtet und Posmir oder Begzadehs genannt.
+Er selbst war ein kr&auml;ftiger Greis von mildem,
+ehrw&uuml;rdigem Aussehen und schien nicht den mindesten hierarchischen
+Stolz zu besitzen; denn er verbeugte sich vor
+mir und umarmte mich dann so innig, wie man es bei
+einem Sohne thun w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;k salam u rahhmet Allah. Ser sere men at
+&ndash; der Friede und die Barmherzigkeit Gottes sei mit dir!
+Ihr seid mir willkommen!&laquo; gr&uuml;&szlig;te er.</p>
+
+<p>&raquo;Chode scogholeta rast init &ndash; Gott stehe dir bei in
+deinem Amte!&laquo; antwortete ich. &raquo;Aber willst du nicht
+t&uuml;rkisch mit mir sprechen? Ich verstehe die Sprache
+eures Landes noch nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Befiehl &uuml;ber mich nach deinem Gefallen, und sei
+mein Gast in dem Hause dessen, an dessen Grabe wir die
+Allmacht und die Gnade verehren.&laquo;</p>
+
+<p>Wir waren nat&uuml;rlich bei seinem Nahen abgestiegen.
+Auf einen Wink von ihm wurden unsere Pferde in Empfang
+<span class="pagenum"><a name="Page_612" id="Page_612">[612]</a></span>genommen, und wir, n&auml;mlich Ali Bey, Mohammed
+Emin und ich, schritten an seiner Seite dem Grabmale
+zu. Wir gelangten zun&auml;chst in einen von einer Mauer
+umgebenen Hof, welcher bereits ganz von Menschen erf&uuml;llt
+war; dann gelangten wir an den Eingang des innern
+Hofes, welcher von den Dschesidi nie anders als barfu&szlig;
+betreten wird. Ich folgte diesem Beispiele, zog meine
+Schuhe aus und lie&szlig; sie am Eingange zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>In dem innern Hofe standen viele B&auml;ume, deren
+Schatten den Pilgern K&uuml;hlung und Labung bringt; dichter
+Oleander trieb Bl&uuml;te an Bl&uuml;te, und ein ungeheurer Weinstock
+bildete eine Laube, nach welcher uns der Mir Scheik
+Khan f&uuml;hrte und in der wir Platz nahmen. Einige Scheiks
+und Kawals ruhten unter den B&auml;umen, sonst waren wir
+allein.</p>
+
+<p>In diesem Hofe erhebt sich das eigentliche Geb&auml;ude
+des Grabmales, welches von zwei wei&szlig;en T&uuml;rmen &uuml;berragt
+wird, die mit dem tiefen Gr&uuml;n des Thales lebhaft
+und wohlthuend kontrastieren. Ihre Spitzen sind vergoldet
+und ihre Seiten in viele Winkel gebrochen, zwischen
+denen sich Licht und Schatten jagen. &Uuml;ber dem Thorwege
+waren einige Figuren ausgehauen, in denen ich einen
+L&ouml;wen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen
+Kamm erkannte. Das Innere des Geb&auml;udes ist, wie ich
+nachher sah, in drei Hauptabteilungen geschieden, von
+denen die eine gr&ouml;&szlig;er ist, als die beiden andern. Diese
+Halle wird von S&auml;ulen und Bogen getragen und hat
+einen Brunnen, dessen Wasser f&uuml;r sehr heilig gehalten
+wird. Mit demselben werden die Kinder getauft. In
+der einen der zwei kleineren Abteilungen befindet sich das
+eigentliche Grab des Heiligen. &Uuml;ber der Gruft erhebt
+sich ein gro&szlig;es kubisches Geh&auml;use, welches aus Thon gebildet
+und mit Gips &uuml;berzogen ist. Als einziger Schmuck
+<span class="pagenum"><a name="Page_613" id="Page_613">[613]</a></span>ist ein gr&uuml;nes, gesticktes Tuch dar&uuml;ber gebreitet, und eine
+ewige Lampe brennt in dem Gemache.</p>
+
+<p>Der Thon des Grabmales bedarf von Zeit zu Zeit
+einer Erg&auml;nzung, da die H&uuml;ter des Heiligtums kleine
+Kugeln daraus bereiten, welche von den Pilgern gern gekauft
+und als Andenken mitgenommen, vielleicht auch als
+Amulette getragen werden. Diese Kugeln befinden sich in
+einem Gef&auml;&szlig;e, welches an dem erw&auml;hnten Weinstocke angebracht
+ist, und haben verschiedene Gr&ouml;&szlig;en: von der
+Gr&ouml;&szlig;e einer Erbse bis zu der jener kleinen Marmor-
+oder Glaskugeln, mit denen bei uns die Kinder zu spielen
+pflegen.</p>
+
+<p>In dem zweiten kleinen Gemache befindet sich auch
+ein Grab, &uuml;ber dessen Inhalt die Dschesidi aber selbst
+nicht klar zu sein scheinen.</p>
+
+<p>In der Umfassungsmauer, welche das Heiligtum umgiebt,
+sind zahlreiche Nischen angebracht, welche die Lichter
+aufzunehmen haben, mit denen bei gr&ouml;&szlig;eren Festen illuminirt
+wird. Das Grabmal wird von Geb&auml;uden umgeben,
+welche den Priestern und Dienern des Grabes zur Wohnung
+dienen. Der ganze Ort aber liegt in einer engen Thalschlucht,
+deren Felsen von allen Seiten sehr steil in die
+H&ouml;he steigen. Er besteht nur aus wenigen profanen Wohnungen
+und enth&auml;lt au&szlig;er dem Heiligtume vorzugsweise
+solche Geb&auml;ude, welche die Pilger aufzunehmen haben.
+Jeder Stamm oder auch jede gr&ouml;&szlig;ere Abteilung desselben
+hat dann ein solches Haus ausschlie&szlig;lich f&uuml;r sich in Besitz.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en vor den Mauern hatte sich ein f&ouml;rmlicher
+Jahrmarkt entfaltet. Alle m&ouml;glichen Arten von Geweben
+und Zeugen hingen zum Verkaufe von den &Auml;sten der
+B&auml;ume nieder; alle m&ouml;glichen Fr&uuml;chte und E&szlig;waren
+wurden feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenst&auml;nde und allerlei
+orientalisches Allerhand war zu bekommen. W&auml;re die
+<span class="pagenum"><a name="Page_614" id="Page_614">[614]</a></span>Tracht nicht gewesen, so h&auml;tte ich mich in die Heimat
+versetzt d&uuml;nken k&ouml;nnen, so heiter und unbefangen, so harmlos
+und gutm&uuml;tig war das bunte Treiben in dem Dorfe
+des Heiligen. Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben
+sich immer mehr meine Sympathie, und ich stimme dem
+vollst&auml;ndig bei, was ein sehr verst&auml;ndiger Engl&auml;nder,
+welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir sp&auml;ter
+in Konstantinopel von ihnen sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie
+besser sind, als ihre Verleumder. W&auml;ren sie zahlreicher
+und nicht so zerstreut, so k&ouml;nnten sie die Deutschen Asiens
+werden, und nirgends hat das Christentum so gro&szlig;e Hoffnung
+auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse
+&uuml;berseeische Sendboten der Mission schildern die
+Dschesidi nur deshalb so ganz und gar unwahr, um einem
+etwaigen kleinen Erfolge eine sehr gro&szlig;e Bedeutung verleihen
+zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich lie&szlig; ich meiner Wi&szlig;begierde nicht die Z&uuml;gel
+schie&szlig;en, so da&szlig; sie zur l&auml;stigen Neugierde werden konnte,
+und vielleicht grad darum wurde unsere Unterhaltung eine
+so animiert herzliche, als ob wir Glieder einer Familie
+seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet
+h&auml;tten. Zun&auml;chst kam die Rede auf den bevorstehenden
+Angriff, doch wurde dieser Gegenstand bald beiseite gelegt,
+da es sich herausstellte, da&szlig; Ali Bey alle erforderlichen
+Ma&szlig;regeln mit der gr&ouml;&szlig;ten Sorgfalt getroffen hatte.
+Dann kam das Gespr&auml;ch auf Mohammed Emins und meine
+Person, auf unsere Erlebnisse und gegenw&auml;rtigen Absichten.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bed&uuml;rft
+der Hilfe,&laquo; meinte der Mir Scheik Khan. &raquo;Ich werde
+euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den Beistand aller
+Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_615" id="Page_615">[615]</a></span>&raquo;Nein, sondern ein Melek Ta-us.&laquo;</p>
+
+<p>Fast w&auml;re ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das
+war ja die Benennung des Teufels! Das war ja der
+Name desjenigen Tieres, welches nach den &uuml;ber sie verbreiteten
+Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem
+Altare stand und die Lichter verl&ouml;schen mu&szlig;te, wenn die
+Orgien beginnen sollten! Das war endlich auch der Name
+derjenigen Legitimation, welche der Mir Scheik Khan jedem
+Priester anvertraut, den er mit einer besonderen Mission
+beehrt! Und dieses gro&szlig;e, dieses geheimnisvolle Wort,
+&uuml;ber welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier
+so gelassen aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene
+an und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?&laquo;</p>
+
+<p>Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem
+unwissenden Sohne eine notwendige Erkl&auml;rung giebt, antwortete
+er:</p>
+
+<p>&raquo;Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher
+Name bei uns nicht ausgesprochen wird. Melek Ta-us
+hei&szlig;t auch das Tier, welches bei uns ein Symbol des
+Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen
+wir auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen
+verleihe, zu denen ich Vertrauen habe. Ich wei&szlig; alles,
+was man &uuml;ber uns fabelt; aber deine Weisheit wird dir
+sagen, da&szlig; ich uns vor dir nicht zu verteidigen brauche.
+Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen
+Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, da&szlig; dort die
+Bilder der Gottesmutter, des Gottessohnes und vieler
+Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr haben, welches
+das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das
+Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten,
+wo diese Bilder sind, aber ich werde niemals glauben,
+da&szlig; ihr diese Bilder anbetet. Wir glauben von euch das
+<span class="pagenum"><a name="Page_616" id="Page_616">[616]</a></span>Richtige, und ihr glaubet von uns das Falsche. Wer ist
+verst&auml;ndiger und g&uuml;tiger, ihr oder wir? Blicke hin an
+das Thor! Meinst du, da&szlig; wir diese Bilder anbeten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst einen L&ouml;wen, eine Schlange, ein Beil,
+einen Mann und einen Kamm. Die Dschesidi k&ouml;nnen
+nicht lesen; daher ist es besser, man sagt ihnen durch diese
+Bilder, was man ihnen sagen m&ouml;chte. Eine Schrift w&uuml;rden
+sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen,
+weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen
+sind. Dieser Heilige war ein Mann; darum beten wir
+ihn nicht an; aber wir versammeln uns an seinem Grabe,
+wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat euren Glauben gestiftet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebr&auml;uche
+gegeben. Der Glaube wohnt im Herzen, die Sitten
+aber wachsen aus dem Boden, auf welchem wir leben, und
+aus dem Lande, welches diesen Boden rings umgrenzt.
+Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre
+sind auch diejenigen Satzungen des Kurans gekommen,
+welche wir f&uuml;r gut und heilsam erkannt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man erz&auml;hlte mir, da&szlig; er Wunder gethan habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie
+thut, so thut er sie durch die Hand der Menschen. Blicke
+hinein, dort in die Halle! Dort ist ein Brunnen, den
+Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed
+in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem
+eine heilige Quelle. Er nahm von dem Wasser des Zem-Zem
+und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort &ouml;ffnete
+sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So
+wird uns erz&auml;hlt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben,
+denn das Wunder ist auch ohne dies da. Oder ist es
+kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein das
+<span class="pagenum"><a name="Page_617" id="Page_617">[617]</a></span>lebendige Wasser flie&szlig;t? Dieses ist bei uns ein Symbol
+der Reinheit unserer Seele, und darum halten wir es f&uuml;r
+heilig, nicht aber, weil es von der Quelle Zem-Zem
+stammen soll.&laquo;</p>
+
+<p>Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt
+&ouml;ffnete sich das &auml;u&szlig;ere Thor, um einen langen Zug von
+Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder eine Lampe
+trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke
+f&uuml;r die Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus
+irgend einer Gefahr. Sie waren f&uuml;r Scheik Schems<a name="FNanchor_214_214" id="FNanchor_214_214"></a><a href="#Footnote_214_214" class="fnanchor">[214]</a>
+bestimmt, das leuchtende Symbol der g&ouml;ttlichen Klarheit.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_214_214" id="Footnote_214_214"></a><a href="#FNanchor_214_214"><span class="label">[214]</span></a> Sonne.</p></div>
+
+<p>Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei
+recht eigent&uuml;mliche kurdische Flinten. Bei einer derselben
+wurden Lauf und Schaft durch zwanzig starke,
+breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres Zielen
+ganz unm&ouml;glich machten. Eine zweite zeigte eine Art
+Bajonnet, welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken
+zu beiden Seiten des Laufes befestigt waren. Die M&auml;nner
+&uuml;berreichten ihre Kr&uuml;ge den Priestern und traten der Reihe
+nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu k&uuml;ssen,
+wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten.</p>
+
+<p>Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des
+Festes den heiligen Ort mit seiner ganzen Umgebung zu
+illuminieren. Es darf dabei kein gew&ouml;hnliches &Ouml;l oder
+gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies f&uuml;r
+unrein gilt. Nur das &Ouml;l vom Sesam ist gestattet.</p>
+
+<p>Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl
+gegen zwanzig Kinder getauft und beschnitten, welche zum
+Teil von sehr weit hergebracht worden waren. Ich wohnte
+diesen religi&ouml;sen Handlungen bei.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um
+einen Gang durch das Thal zu machen. Am auff&auml;lligsten
+<span class="pagenum"><a name="Page_618" id="Page_618">[618]</a></span>war mir die ungeheure Zahl von Fackeln, welche zum
+Verkaufe auslagen. Nach einer ungef&auml;hren Sch&auml;tzung
+konnten es zehntausend sein. Die H&auml;ndler machten gl&auml;nzende
+Gesch&auml;fte, denn ihre Ware wurde ihnen f&ouml;rmlich
+aus der Hand gerissen.</p>
+
+<p>Eben standen wir vor einem Verk&auml;ufer von Glas-
+und unechten Korallenwaren, als ich die wei&szlig;e Gestalt
+des Pir Kamek den Bergpfad herabkommen sah. Er
+mu&szlig;te, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns vor&uuml;ber,
+und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Willkommen hier, ihr G&auml;ste vom Scheik Schems!
+Ihr werdet den Heiligen der Dschesidi kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Er reichte uns die H&auml;nde. Sobald er bemerkt worden
+war, wurde er vom Volke umringt, und ein jeder bem&uuml;hte
+sich, seine Hand oder den Saum seines Gewandes zu ber&uuml;hren
+und zu k&uuml;ssen. Er hielt eine Ansprache an die
+Versammelten; sein langes wei&szlig;es Haar flatterte im
+Morgenwinde; seine Augen leuchteten, und seine Geb&auml;rden
+zeigten die Lebhaftigkeit der Begeisterung. Dazu krachten
+die Sch&uuml;sse der Ankommenden von oben herab, und ganze
+Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte
+ich seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer
+Sprache hielt. Am Schlusse derselben aber intonierte er
+einen Gesang, in welchen alle einfielen und dessen Anfang
+mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam, &uuml;bersetzte:</p>
+
+<p>&raquo;O gn&auml;diger und gro&szlig;m&uuml;tiger Gott, welcher n&auml;hrt
+die Ameise und die kriechende Schlange, Nacht und Tag
+Lenkender, Lebendiger, H&ouml;chster, Ursachloser, welcher der
+Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht zuweist!
+Weiser, herrsche &uuml;ber Weisheit; Starker, herrsche &uuml;ber
+die St&auml;rke; Lebendiger, herrsche &uuml;ber den Tod!&laquo;</p>
+
+<p>Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der
+Pir trat zu mir.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_619" id="Page_619">[619]</a></span>&raquo;Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Du wei&szlig;t, da&szlig; ich deine Sprache nicht rede.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sagte ihnen, da&szlig; ich Scheik Schems ein Opfer
+bringen werde, und nun sind sie in den Wald gegangen,
+um das n&ouml;tige Holz zu holen. Willst du dem Opfer beiwohnen,
+so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir;
+dort kommen bereits die Opferstiere.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben
+eine lange Reihe von Ochsen aufgef&uuml;hrt wurde. Wir
+folgten ihm langsam nach.</p>
+
+<p>&raquo;Was geschieht mit den Tieren?&laquo; fragte ich meinen
+Dolmetscher.</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden geschlachtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r wen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r Scheik Schems.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann die Sonne Stiere essen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur das Fleisch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut.
+Mir Scheik Khan &uuml;bernimmt die Verteilung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das Blut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben,
+denn die Seele ist im Blute.&laquo;</p>
+
+<p>Das war also genau die alttestamentliche Anschauung,
+da&szlig; das Leben des Leibes, da&szlig; die Seele im Blute
+liege. Ich sah, da&szlig; es sich hier nicht um eine heidnische
+Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es
+den Armen erm&ouml;glichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen
+feiern zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik
+Khan aus dem Thore, gefolgt von Pir Kamek, von einigen
+Scheiks und Kawals und einer gr&ouml;&szlig;eren Anzahl von
+Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz
+<span class="pagenum"><a name="Page_620" id="Page_620">[620]</a></span>wurde von einer gro&szlig;en Menge Krieger umgeben, welche
+ihre Gewehre schu&szlig;bereit hielten. Da warf Mir Scheik
+Khan das Obergewand ab, sprang auf den ersten Stier
+und stie&szlig; ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den
+Nackenwirbel, da&szlig; das Tier sofort tot niederst&uuml;rzte. In
+demselben Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel,
+und ebenso viele Sch&uuml;sse krachten.</p>
+
+<p>Mir Scheik Khan trat zur&uuml;ck, und Pir Kamek setzte
+das Werk fort. Es gew&auml;hrte einen eigent&uuml;mlichen Anblick,
+diesen Mann mit wei&szlig;em Haar und schwarzem Barte
+von einem Stiere auf den n&auml;chsten springen und sie alle
+der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich f&auml;llen zu
+sehen. Dabei flo&szlig; kein Tropfen Blut. Nun aber traten
+die Scheiks herbei, um die Halsader zu &ouml;ffnen, und die
+Fakirs nahten sich mit gro&szlig;en Gef&auml;&szlig;en, um das Blut
+aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende
+Anzahl von Schafen herbeigetrieben, deren erstes
+wieder Mir Scheik Khan t&ouml;tete, die andern aber wurden
+von den Fakirs geschlachtet, welche eine au&szlig;erordentliche
+Geschicklichkeit in diesem Gesch&auml;ft bewiesen.</p>
+
+<p>Da trat Ali Bey zu mir.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mich begleiten nach Kaloni?&laquo; fragte er.
+&raquo;Ich mu&szlig; mich der Freundschaft der Badinan versichern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte ich dann meine Kundschafter aus ihnen w&auml;hlen
+k&ouml;nnen? Ihr H&auml;uptling ist mein Freund; doch giebt es
+F&auml;lle, in denen man so sicher wie m&ouml;glich gehen mu&szlig;.
+Komm!&laquo;</p>
+
+<p>Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr gro&szlig;e,
+aus rohen Steinen aufgef&uuml;hrte Haus zu erreichen, welches
+Ali Bey zur Zeit des Festes bewohnte. Sein Weib hatte
+bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der Plattform
+des Geb&auml;udes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen
+<span class="pagenum"><a name="Page_621" id="Page_621">[621]</a></span>wir Platz nahmen, um das Fr&uuml;hst&uuml;ck zu genie&szlig;en. Von
+diesem Punkte aus konnten wir beinahe das ganze Thal
+&uuml;berblicken. &Uuml;berall lagerten Menschen. Jeder Baum
+war zum Zelte geworden.</p>
+
+<p>Dr&uuml;ben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne
+(Scheik Schems) gewidmet. Er stand so, da&szlig; ihn die
+ersten Strahlen des Morgenlichtes treffen mu&szlig;ten. Als
+ich ihn sp&auml;ter betrat, fand ich nur vier nackte W&auml;nde und
+keinerlei Vorrichtung, welche auf eine g&ouml;tzendienerische
+Handlung schlie&szlig;en lie&szlig;; aber ein heller Wasserstrahl flo&szlig;
+in einer Rinne des Fu&szlig;bodens, und an der reinlichen
+wei&szlig;en Kalkmauer sah ich in arabischer Sprache die Worte
+geschrieben: &raquo;O Sonne, o Licht, o Leben von Gott!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt sa&szlig;en an seiner Au&szlig;enseite mehrere Familien
+der reichen Kotschers<a name="FNanchor_215_215" id="FNanchor_215_215"></a><a href="#Footnote_215_215" class="fnanchor">[215]</a>. Die M&auml;nner lehnten an der
+Wand, in hellfarbige Jacken und Turbane gekleidet und
+mit phantastischen Waffen geschm&uuml;ckt. Die Frauen hatten
+seidene Gew&auml;nder, und trugen das Haar in viele &uuml;ber
+den R&uuml;cken fallende Flechten geflochten, in welche bunte
+Blumen gewoben waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen
+und silbernen M&uuml;nzen fast ganz bedeckt, und lange
+Schn&uuml;re von M&uuml;nzen, Glasperlen und geschnittenen Steinen
+hingen ihnen um den Nacken.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_215_215" id="Footnote_215_215"></a><a href="#FNanchor_215_215"><span class="label">[215]</span></a> Wandernde St&auml;mme.</p></div>
+
+<p>Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am
+Stamme eines Baumes. Seine Haut war dunkelbraun,
+sein Gewand aber wei&szlig; und rein. Er musterte mit durchdringenden
+Blicken die Umgebung und sch&uuml;ttelte sich zuweilen
+das lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte
+hatte ein plumpes, altes Luntenschlo&szlig;, und sein Messer
+war an einem roh geschnitzten Griff befestigt; aber man
+sah es ihm an, da&szlig; er der Mann war, diese einfachen
+Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm sa&szlig; sein
+<span class="pagenum"><a name="Page_622" id="Page_622">[622]</a></span>Weib bei einem kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen
+buk, und &uuml;ber ihm kletterten in den Zweigen zwei
+halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre
+Messer in einem d&uuml;nnen Stricke trugen, den sie um den
+Leib geschlungen hatten.</p>
+
+<p>Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche St&auml;dtebewohner,
+vielleicht aus Mossul; die M&auml;nner besorgten ihre
+mageren Esel, die Frauen sahen bla&szlig; und ausgemergelt
+aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und Unterdr&uuml;ckung,
+welcher diese Leute ausgesetzt sind.</p>
+
+<p>Dann sah ich M&auml;nner, Frauen und Kinder aus dem
+Sche&iuml;khan, aus Syrien, aus Hadschilo und Midiad, aus
+He&iuml;schteran und Semsat, aus Mardin und Nisibin, aus
+dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan
+und Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik
+und der Delmagumgumuku. Alt und jung, arm und
+reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre Turbans
+mit Strau&szlig;enfedern geschm&uuml;ckt, und die andern konnten
+kaum ihre Bl&ouml;&szlig;e bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie
+verkehrten untereinander wie Br&uuml;der und Schwestern; man
+gab sich die H&auml;nde, man umarmte und k&uuml;&szlig;te sich; keine
+Frau und kein M&auml;dchen verbarg ihr Angesicht vor einem
+Fremden &ndash; es waren die Angeh&ouml;rigen einer gro&szlig;en Familie,
+welche hier zusammentrafen.</p>
+
+<p>Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die
+M&auml;nner in einzelnen gr&ouml;&szlig;eren oder kleineren Gruppen
+nach dem Grabmale begaben.</p>
+
+<p>&raquo;Was thun sie dort?&laquo; fragte ich Ali Bey.</p>
+
+<p>&raquo;Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren
+St&auml;mmen und Wohnsitzen zusammen, deren Anf&uuml;hrer sie
+begleitet oder von dem sie eine Bescheinigung vorzeigen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_623" id="Page_623">[623]</a></span>&raquo;Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes
+aber werden einige Tiere geschlachtet, welche wei&szlig;, ganz
+wei&szlig; sein m&uuml;ssen, und deren Fleisch geh&ouml;rt den Priestern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnen eure Priester S&uuml;nde thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht? Sie sind doch Menschen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch die Pirs, die Heiligen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch Mir Scheik Khan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du, da&szlig; auch der gro&szlig;e Heilige Scheik Adi
+S&uuml;nde gethan hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch er war ein S&uuml;nder, denn er war nicht Gott.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t ihr eure S&uuml;nden auf eurer Seele liegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, wir entfernen sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer
+und das Wasser. Du wei&szlig;t, da&szlig; wir uns bereits gestern
+oder heute gewaschen haben. Dabei erkennen wir unsere
+S&uuml;nde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden
+sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst
+du sehen, da&szlig; wir unsere Seelen auch durch die Flamme
+reinigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du glaubst also, da&szlig; die Seele nicht mit dem Leibe
+stirbt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnte sie sterben, da sie von Gott ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht
+glaube?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: &raquo;Japar-di
+bir sagh soluk&uuml; burunuje &ndash; er blies ihm einen lebendigen
+Odem in seine Nase?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo
+bleibt sie nach dem Tode des Leibes?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_624" id="Page_624">[624]</a></span>&raquo;Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet
+hast. Auch Gottes Odem geht wieder zu ihm
+zur&uuml;ck, nachdem er von S&uuml;nden rein geworden ist. &ndash; La&szlig;
+uns nun aufbrechen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit ist es bis Kaloni?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man reitet vier Stunden lang.&laquo;</p>
+
+<p>Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und
+verlie&szlig;en ohne alle Begleitung das Thal. Der Weg f&uuml;hrte
+an der steilen Bergwand empor, und als wir die H&ouml;he
+derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht bewaldetes, von
+zahlreichen Th&auml;lern durchzogenes Gebirgsland vor mir.
+Dieses Land wird von den gro&szlig;en St&auml;mmen der Missuri-Kurden
+bewohnt, zu denen auch die Badinan geh&ouml;ren.
+Unser Weg f&uuml;hrte bald bergab, bald wieder bergauf, bald
+zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald
+dahin. An den Abh&auml;ngen sahen wir einige kleine D&ouml;rfer
+liegen, aber die H&auml;user derselben waren verlassen. Hier
+und da hatten wir die kalten Fluten eines wilden Bergbaches
+zu durchreiten, der sein Wasser dem Ghomel entgegenschickte,
+um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus
+zuzuflie&szlig;en, der in den gro&szlig;en Zab geht und sich mit
+diesem bei Keschaf in den Tigris ergie&szlig;t. Diese H&auml;user
+waren von Weing&auml;rten umgeben, neben denen Sesam,
+Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders
+schmuckes Aussehen durch die Bl&uuml;ten und Fr&uuml;chte der
+sorgsam gepflegten Feigen-, Walnu&szlig;-, Granatapfel-, Pfirsich-,
+Kirschen-, Maulbeer- und Olivenb&auml;ume.</p>
+
+<p>Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche
+die Gegend bis Dschulamerik bewohnten, waren schon alle
+in Scheik Adi eingetroffen, und wir waren bereits zwei
+Stunden weit geritten, als wir eine Stimme h&ouml;rten,
+welche uns anrief.</p>
+
+<p>Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_625" id="Page_625">[625]</a></span>Kurde. Er hatte sehr weite, unten offene Hosen an, und
+die nackten F&uuml;&szlig;e steckten in niedrigen Lederschuhen. Der
+K&ouml;rper war nur mit einem am Halse viereckig ausgeschnittenen
+Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging.
+Sein dichtes Haar hing in lockigen Str&auml;hnen &uuml;ber
+die Schultern herab, und auf dem Kopfe trug er eine
+jener merkw&uuml;rdigen, h&auml;&szlig;lichen Filzm&uuml;tzen, welche das Aussehen
+einer riesigen Spinne haben, deren runder K&ouml;rper
+den Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und
+zur Seite bis auf die Achseln niederh&auml;ngen. Im G&uuml;rtel
+trug er ein Messer, eine Pulverflasche und den Kugelbeutel,
+eine Flinte aber war nicht zu sehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ni, vro&#8217;l kjer &ndash; guten Tag!&laquo; gr&uuml;&szlig;te er uns.
+&raquo;Wohin will Ali Bey, der Tapfere, reiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Chode t&#8217;aveschket &ndash; Gott beh&uuml;te dich!&laquo; antwortete der
+Bey. &raquo;Du kennst mich? Von welchem Stamme bist du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein Badinan, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus Kaloni?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohnt ihr noch in euren H&auml;usern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Wir haben unsere H&uuml;tten bereits bezogen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie liegen hier in der N&auml;he?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher vermutest du das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung
+entfernt, so nimmt er sein Gewehr mit. Du aber hast
+das deinige nicht bei dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit deinem H&auml;uptling.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Steige ab und folge mir!&laquo;</p>
+
+<p>Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim
+Z&uuml;gel. Der Kurde f&uuml;hrte uns in den Wald hinein, in
+dessen Tiefe wir einen starken, aus gef&auml;llten B&auml;umen errichteten
+Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche
+<span class="pagenum"><a name="Page_626" id="Page_626">[626]</a></span>H&uuml;tten liegen sahen, die nur aus Stangen, &Auml;sten und
+Laubwerk hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine
+schmale &Ouml;ffnung gelassen worden, die uns den Eingang
+gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte von Kindern
+sich zwischen den H&uuml;tten und B&auml;umen umhertummeln,
+w&auml;hrend die Erwachsenen, sowohl M&auml;nner als Frauen,
+damit besch&auml;ftigt waren, den Verhau zu vergr&ouml;&szlig;ern und
+zu befestigen. Auf einer der gr&ouml;&szlig;ten H&uuml;tten sa&szlig; ein Mann.
+Es war der H&auml;uptling, der diesen h&ouml;heren Platz eingenommen
+hatte, um einen freieren &Uuml;berblick zu haben und
+die Arbeit besser dirigieren zu k&ouml;nnen. Als er meinen
+Begleiter erblickte, sprang er herab und kam uns entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Kje&iuml;r ati; Chode d&aacute;uleta ta mazen b&#8217;ket &ndash; sei willkommen;
+Gott vermehre deinen Reichtum!&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte
+einem Weibe, welches eine Decke ausbreitete, auf welche
+wir uns niedersetzten. Mich schien er gar nicht zu beachten.
+Ein Dschesidi w&auml;re auch gegen mich h&ouml;flich gewesen.
+Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau
+war, brachte jetzt drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus
+dem Holze eines Indschaz<a name="FNanchor_216_216" id="FNanchor_216_216"></a><a href="#Footnote_216_216" class="fnanchor">[216]</a> geschnitten waren, und ein
+junges M&auml;dchen trug eine Sch&uuml;ssel auf, in welcher Trauben
+und Honigscheiben lagen. Der H&auml;uptling nahm seinen
+Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet
+war, vom G&uuml;rtel, &ouml;ffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_216_216" id="Footnote_216_216"></a><a href="#FNanchor_216_216"><span class="label">[216]</span></a> Pomeranzenbaum.</p></div>
+
+<p>&raquo;Taklif b&#8217; ela k&#8217; narek, au, be&iuml;n ma batal &ndash; mache
+keine Umst&auml;nde, die unter uns &uuml;berfl&uuml;ssig sind!&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Dabei griff er mit seinen schmutzigen H&auml;nden in den
+Honig, zog sich mit den Fingern ein St&uuml;ck heraus und
+schob es in den Mund.</p>
+
+<p>Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in
+Brand.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_627" id="Page_627">[627]</a></span>&raquo;Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und
+dir!&laquo; begann er die Unterhaltung.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,&laquo; lautete
+die einfache Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch zwischen ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind
+kommt, um dich anzugreifen und zu &uuml;berfallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich
+dich um Hilfe bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du w&uuml;rdest auch mir helfen, wenn ich dich
+darum ersuche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich
+es thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien
+Kurden. Er ist ein R&auml;uber, der unsere Herden lichtet
+und unsere T&ouml;chter verkauft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du geh&ouml;rt, da&szlig; er uns in Scheik Adi &uuml;berfallen
+will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;rte es von meinen Leuten, welche dir als
+Kundschafter dienten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst es!&laquo; Er deutete dabei mit einer Armbewegung
+auf die H&uuml;tten ringsumher. &raquo;Wir haben Kalahoni
+verlassen und uns im Walde H&uuml;tten gebaut. Nun
+machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen
+k&ouml;nnen, wenn die T&uuml;rken uns angreifen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden euch nicht angreifen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du dies?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns
+zu &uuml;berraschen, so m&uuml;ssen sie vorher allen Kampf und
+L&auml;rm vermeiden. Sie werden also dein Gebiet sehr ruhig
+<span class="pagenum"><a name="Page_628" id="Page_628">[628]</a></span>durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen Weg
+vermeiden und durch die W&auml;lder gehen, um die H&ouml;he von
+Scheik Adi unbemerkt zu erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie
+auch &uuml;ber euch herfallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst dich nicht besiegen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir dazu verhelfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine
+Krieger nach Scheik Adi senden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um
+ohne Hilfe mit den T&uuml;rken fertig zu werden. Du sollst
+nur deine Krieger verbergen und die T&uuml;rken ruhig ziehen
+lassen, damit sie sich f&uuml;r sicher halten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihnen folgen soll ich nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschlie&szlig;en,
+da&szlig; sie nicht wieder zur&uuml;ck k&ouml;nnen. Auf der
+zweiten H&ouml;he zwischen hier und Scheik Adi ist der Pa&szlig;
+so schmal, da&szlig; nur zwei M&auml;nner neben einander gehen
+k&ouml;nnen. Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst
+du mit zwanzig Kriegern tausend T&uuml;rken t&ouml;ten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde es thun. Aber was giebst du mir daf&uuml;r?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so da&szlig; ich sie
+allein besiege, sollst du f&uuml;nfzig Gewehre erhalten; hast du
+aber mit ihnen zu k&auml;mpfen, so gebe ich dir hundert T&uuml;rkenflinten,
+wenn du dich tapfer h&auml;ltst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hundert T&uuml;rkenflinten!&laquo; rief der H&auml;uptling begeistert.
+Er fuhr mit gr&ouml;&szlig;ter Eile in den Honig und
+steckte sich ein solches St&uuml;ck davon in den Mund, da&szlig; ich
+glaubte, es m&uuml;sse ihn erw&uuml;rgen. &raquo;Hundert T&uuml;rkenflinten!&laquo;
+wiederholte er kauend. &raquo;Wirst du Wort halten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habe ich dich bereits einmal belogen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Du bist mein Bruder, mein Gef&auml;hrte, mein
+<span class="pagenum"><a name="Page_629" id="Page_629">[629]</a></span>Freund, mein Kampfgenosse, und ich glaube dir. Ich
+werde mir die Gewehre verdienen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst sie dir aber nur dann verdienen, wenn
+du die T&uuml;rken bei ihrem Kommen ungest&ouml;rt ziehen l&auml;ssest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen keinen von meinen M&auml;nnern sehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sie dann hinderst, zur&uuml;ckzukehren, wenn es mir
+nicht gelingen sollte, sie zu umzingeln und festzuhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde nicht nur den Pa&szlig;, sondern auch die
+Seitenth&auml;ler besetzen, damit sie weder rechts noch links,
+weder vor- noch r&uuml;ckw&auml;rts k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daran thust du wohl. Doch will ich nicht haben, da&szlig;
+viel Blut vergossen werde. Die Soldaten k&ouml;nnen nichts daf&uuml;r,
+sie m&uuml;ssen dem Gouverneur gehorchen; und wenn wir grausam
+sind, so ist der Padischah zu Stambul m&auml;chtig genug,
+ein gro&szlig;es Heer zu senden, welches uns vernichten kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe dich. Ein guter Feldherr mu&szlig; Gewalt
+und auch List anzuwenden verstehen. Dann kann er mit
+einem kleinen Gefolge ein gro&szlig;es Heer besiegen. Wann
+werden die T&uuml;rken kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden es so einrichten, da&szlig; sie beim Anbruche
+des morgenden Tages Scheik Adi &uuml;berfallen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die &Uuml;berrumpelung sollen sie selbst haben. Ich
+wei&szlig;, da&szlig; du ein tapferer Krieger bist. Du wirst es den
+T&uuml;rken ganz ebenso machen, wie es da unten in der Ebene
+die Haddedihn-Schammar ihren Feinden gemacht haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast davon geh&ouml;rt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer sollte dies nicht wissen? Die Kunde von solchen
+Heldenthaten verbreitet sich schnell &uuml;ber Berg und Thal.
+Mohammed Emin hat seinen Tribus zum reichsten Stamm
+gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>Ali Bey l&auml;chelte mir heimlich zu und meinte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine sch&ouml;ne That, Tausende gefangen zu nehmen,
+ohne da&szlig; ein Kampf stattfindet.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_630" id="Page_630">[630]</a></span>&raquo;Diese That w&auml;re Mohammed Emin nicht gelungen.
+Er ist stark und tapfer; aber er hat einen fremden Feldherrn
+bei sich gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen fremden?&laquo; fragte der schlaue Bey.</p>
+
+<p>Ihn &auml;rgerte jedenfalls die Nichtbeachtung, die mir
+von seiten des H&auml;uptlings widerfahren war, und er ergriff
+nun die Gelegenheit, ihn zu besch&auml;men. Dabei konnte es
+nat&uuml;rlich auf ein &Uuml;berma&szlig; von Lob gar nicht ankommen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, einen fremden,&laquo; antwortete der H&auml;uptling.
+&raquo;Wei&szlig;t du das noch nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle es!&laquo;</p>
+
+<p>Und der Kurde that es in folgender Weise:</p>
+
+<p>&raquo;&raquo;Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, sa&szlig;
+vor seinem Zelte, um Rat zu halten mit den &Auml;ltesten
+seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf, und ein
+Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der
+Alten die Erde ber&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; gr&uuml;&szlig;te er.</p>
+
+<p>&raquo;Aale&iuml;kum sallah!&laquo; antwortete Mohammed Emin.
+&raquo;Fremdling, wer bist du, und woher kommst du?&laquo;</p>
+
+<p>Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht;
+er selber aber trug ein Panzerhemd, Arm- und Beinschienen
+und einen Helm aus gediegenem Golde. Um
+seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri
+des Paradieses gewebt hatten; denn tausend lebendige
+Sterne kreiseten in seinen Maschen. Der Schaft seiner
+Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze leuchtete wie
+der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die
+B&auml;rte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch
+funkelte wie Diamant, und sein Schwert konnte Stahl
+und Eisen zermalmen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der Feldherr eines fernen Landes,&laquo; antwortete
+der Gl&auml;nzende. &raquo;Ich liebe dich und h&ouml;rte vor einer
+<span class="pagenum"><a name="Page_631" id="Page_631">[631]</a></span>Stunde, da&szlig; dein Stamm ausgerottet werden soll. Darum
+setzte ich mich auf mein Ro&szlig;, welches zu fliegen vermag, wie
+der Gedanke des Menschen, und eilte herbei, dich zu warnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist es, der meinen Stamm ausrotten will?&laquo;
+fragte Mohammed.</p>
+
+<p>Der Himmlische nannte die Namen der Feinde.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du dies gewi&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Schild sagt mir alles, was auf Erden geschieht.
+Blicke her!&laquo;</p>
+
+<p>Mohammed sah auf den goldenen Schild. In der
+Mitte desselben war ein Karfunkel, f&uuml;nfmal gr&ouml;&szlig;er als
+die Hand eines Mannes, und in diesem sah er alle seine
+Feinde, wie sie sich versammelten, um gegen ihn zu ziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Welch ein Heer!&laquo; rief er. &raquo;Wir sind verloren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, denn ich werde dir helfen,&laquo; antwortete der
+Fremde. &raquo;Versammle alle deine Krieger um das Thal
+der Stufen und warte, bis ich dir die Feinde bringe!&laquo;</p>
+
+<p>Er gab hierauf seinem Pferde ein Zeichen, worauf
+es wieder emporstieg und hinter der Wolke verschwand.
+Mohammed Emin aber wappnete sich und die Seinen
+und zog nach dem Thale der Stufen, welches er rundum
+besetzte, soda&szlig; die Feinde wohl hinein, aber nicht wieder
+heraus konnten. Am andern Morgen kam der fremde
+Held geritten. Er leuchtete wie hundert Sonnen, und
+dieses Licht blendete die Feinde, soda&szlig; sie die Augen
+schlossen und ihm folgten mitten in das Thal der Stufen
+hinein. Dort aber kehrte er seinen Schild um; der Glanz
+wich von ihm, und sie &ouml;ffneten die Augen. Da sahen sie
+sich in einem Thale, aus dem es keinen Ausweg gab, und
+mu&szlig;ten sich ergeben. Mohammed Emin t&ouml;tete sie nicht;
+aber er nahm ihnen einen Teil ihrer Herden und forderte
+einen Tribut von ihnen, den sie j&auml;hrlich geben m&uuml;ssen, so
+lange die Erde steht.&laquo;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_632" id="Page_632">[632]</a></span>So erz&auml;hlte der Kurde und schwieg nun.</p>
+
+<p>&raquo;Und was geschah mit dem fremden Feldherrn?&laquo;
+fragte der Bey.</p>
+
+<p>&raquo;Sallam aale&iuml;kum!&laquo; sprach er; &raquo;dann erhob sich sein
+schwarzes Ro&szlig; in die Wolken, und er verschwand,&laquo; lautete
+die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Diese Geschichte ist sehr sch&ouml;n zu h&ouml;ren; aber wei&szlig;t
+du auch, ob sie wirklich geschehen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist geschehen. F&uuml;nf M&auml;nner vom Dschelu waren
+zu derselben Zeit in Salamijah gewesen, wo es von den
+Haddedihn erz&auml;hlt wurde. Sie kamen hier vor&uuml;ber und
+berichteten es mir und meinen Leuten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht; diese Geschichte ist geschehen, aber
+anders, als du sie vernommen hast. Willst du das schwarze
+Ro&szlig; des Seraskiers sehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, das ist nicht m&ouml;glich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist m&ouml;glich, denn es steht in der N&auml;he.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort der Rapphengst ist es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du scherzest, Bey!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich scherze nicht, sondern ich sage dir die Wahrheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Pferd ist herrlich, wie ich noch keines gesehen
+habe, aber es ist ja das Ro&szlig; dieses Mannes!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dieser Mann ist der fremde Seraskier, von
+dem du erz&auml;hlt hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unm&ouml;glich!&laquo; &ndash; Er machte vor Erstaunen den Mund
+so weit auf, da&szlig; man die ausgiebigsten zahn&auml;rztlichen
+Beobachtungen und Operationen h&auml;tte vornehmen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Unm&ouml;glich, sagst du? Habe ich dich einmal belogen?
+Ich sage dir noch einmal, da&szlig; er es wirklich ist!&laquo;</p>
+
+<p>Die Augen und Lippen des H&auml;uptlings &ouml;ffneten sich
+immer weiter; er starrte mich wie sinnlos an und streckte
+ganz unwillk&uuml;rlich seine Hand nach dem Honig aus, kam
+<span class="pagenum"><a name="Page_633" id="Page_633">[633]</a></span>aber daneben und griff in den Tabaksbeutel. Ohne dies zu
+bemerken, langte er zu und schob eine ziemliche Portion des
+narkotischen Krautes zwischen seine wei&szlig;gl&auml;nzenden Z&auml;hne
+hinein. Ich hatte diesen Tabak sehr in Verdacht, alles andere,
+aber nur kein Tabak zu sein, und jedenfalls hatte ich da
+ganz richtig vermutet; denn er brachte im Momente eine so
+schnelle krampfhebende Wirkung hervor, da&szlig; der H&auml;uptling
+augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten
+Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte.</p>
+
+<p>&raquo;Katera peghamber &ndash; um des Propheten willen!
+Ist er es wirklich?&laquo; fragte er noch einmal, und zwar in
+der &auml;u&szlig;ersten Best&uuml;rzung.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es dir bereits versichert!&laquo; antwortete der
+Angenetzte, indem er sich mit dem Zipfel seines Kleides
+das Angesicht reinigte.</p>
+
+<p>&raquo;O Seraskier,&laquo; wandte sich der Mann jetzt zu mir;
+&raquo;atina ta, inschiallah, ke&iuml;rah &ndash; gebe Gott, da&szlig; uns dein
+Besuch Gl&uuml;ck bringe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er bringt dir Gl&uuml;ck, das verspreche ich dir!&laquo; antwortete
+ich.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Ro&szlig; ist hier, das schwarze,&laquo; fuhr er fort,
+&raquo;aber wo ist dein Schild mit dem Karfunkel, dein Panzer,
+dein Helm, deine Lanze, dein S&auml;bel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;re, was ich dir sage! Ich bin der fremde Krieger,
+welcher bei Mohammed Emin gewesen ist, aber ich stieg
+nicht vom Himmel herab. Ich komme aus einem fernen
+Lande, aber ich bin nicht der Seraskier desselben. Ich
+habe nicht goldene und silberne Waffen gehabt, aber hier
+siehst du Waffen, wie ihr sie nicht habt, und mit denen
+ich mich vor vielen Feinden nicht zu f&uuml;rchten brauche.
+Soll ich dir zeigen, wie sie schie&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sere ta, Ser babe ta, Ser hemscher ta Ali Bey &ndash;
+bei deinem Haupte, beim Haupte deines Vaters und beim
+<span class="pagenum"><a name="Page_634" id="Page_634">[634]</a></span>Haupte deines Freundes Ali Bey, thue es nicht!&laquo; bat er
+erschrocken. &raquo;Du hast die R&uuml;stung, die Lanze, den Schild
+und das Schwert von dir gelegt, um diese Waffen zu
+gebrauchen, die vielleicht noch viel gef&auml;hrlicher sind. Nezanum
+z&iuml;eh le dem &ndash; ich wei&szlig; nicht, was ich dir geben
+soll; aber versprich mir, da&szlig; du mein Freund sein willst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was kann es n&uuml;tzen, wenn du mein Freund wirst?
+In deinem Lande giebt es ein Sprichwort, welches lautet:
+&#8250;Dischmini be aquil schi yari be aquil tschitire &ndash; ein
+Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne Verstand.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bin ich unverst&auml;ndig gewesen, Herr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; man einen Gast begr&uuml;&szlig;en mu&szlig;,
+zumal wenn er mit einem Freunde kommt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht, Herr! Du strafst mich mit einem
+Sprichworte; erlaube, da&szlig; ich dir mit einem andern antworte:
+&#8250;Betschuk lasime thabe &#8217;i mesinan bebe &ndash; der
+Kleine mu&szlig; dem Gro&szlig;en gehorsam sein.&#8249; Sei du der
+Gro&szlig;e; ich werde dir gehorchen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehorche zun&auml;chst meinem Freunde Ali Bey! Er
+wird siegen, und deine T&uuml;rkenflinten sind dir dann gewi&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du z&uuml;rnst? Verzeihe mir! Ser sere men; bu kalmeta
+ta siuh taksir nakem &ndash; bei meinem Haupte; um
+dir zu dienen, werde ich nichts sparen. Nimm diese
+Trauben und i&szlig;; nimm diesen Tabak und rauche!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir danken dir,&laquo; antwortete Ali Bey, der jedenfalls
+auch an sauberere Gen&uuml;sse gew&ouml;hnt war. &raquo;Wir
+haben vor unserem Aufbruche gegessen und d&uuml;rfen keine
+Zeit verlieren, nach Scheik Adi zur&uuml;ckzukehren.&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich, und ich that dasselbe. Der H&auml;uptling
+begleitete uns bis an den Pfad und versprach noch einmal,
+seine Pflicht so vollst&auml;ndig wie m&ouml;glich zu erf&uuml;llen. Dann
+ritten wir denselben Weg zur&uuml;ck, den wir gekommen waren.</p>
+
+<hr class="printer" />
+
+<p class="printer">Druck der Hoffmann&#8217;schen Buchdruckerei in Stuttgart.</p>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1882 als Band I der Reihe &raquo;Carl May&#8217;s gesammelte
+Reiseromane&laquo; erschienenen Erstausgabe in Buchform erstellt. Die Umlaute
+Ae, Oe und Ue wurden durch &Auml;, &Ouml;, &Uuml; ersetzt. Kleinere Unregelm&auml;&szlig;igkeiten
+in der Schreibweise wurden beibehalten, einige Inkonsistenzen und
+Satzfehler wurden aber im gewissenhaften Vergleich mit EBook-Ausgaben
+der Zeitschriftenfassung (&raquo;Deutscher Hausschatz&laquo;) und der Ausgabe
+letzter Hand verbessert. Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine
+Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Note:</strong> This ebook has been prepared from the first print
+book edition published in 1882 as Volume I of the series &raquo;Carl May&#8217;s
+gesammelte Reiseromane&laquo;. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by
+&Auml;, &Ouml;, &Uuml;. Minor irregularities have been maintained, however some
+spelling inconsistencies and typesetting errors have beein corrected
+after careful comparison with ebook versions of the magazine edition
+(&raquo;Deutscher Hausschatz&laquo;) and the last edition revised by the author. The
+table below lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_iv">S. iv</a>: [extra word] beherrscht und und behandelt</li>
+<li><a href="#Page_1">S. 1</a>: [normalized] Dra el Hauna &rarr; Haua</li>
+<li><a href="#Page_7">S. 7</a>: &raquo;&raquo;Des Weibes Stimme ... Natter.&laquo;&laquo; &rarr; &#8250;Des ... Natter&#8249;</li>
+<li><a href="#Page_8">S. 8</a>: [added quotes] &raquo;Ah! Und dennoch nennst du</li>
+<li><a href="#Page_8">S. 8</a>: [added comma] Ja, denn er war einer.</li>
+<li><a href="#Page_11">S. 11</a>: [normalized] Zwei Pferde und ein Djemmel &rarr; Dschemmel</li>
+<li><a href="#Page_13">S. 13</a>: Alla kerihm, Gott ist gn&auml;dig! &rarr; Allah</li>
+<li><a href="#Page_13">S. 13</a>: auf die Hand des Todten fiel &rarr; Toten</li>
+<li><a href="#Page_20">S. 20</a>: &raquo;Von Gaffa.&laquo; &rarr; Gafsa</li>
+<li><a href="#Page_20">S. 20</a>: da&szlig; sie von Gaffa kamen &rarr; Gafsa</li>
+<li><a href="#Page_22">S. 22</a>: in welche eine Name eingraviert war &rarr; ein Name</li>
+<li><a href="#Page_25">S. 25</a>: &raquo;Du kommst nicht von Gaffa?&laquo; &rarr; Gafsa</li>
+<li><a href="#Page_29">S. 29</a>: zum Scheidan, zum Teufel &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_32">S. 32</a>: das m&auml;chtige <em class="antiqua">&raquo;Gi&ouml;lgeda padisahn&uuml;n</em>&laquo; &rarr; padischahn&uuml;n</li>
+<li><a href="#Page_41">S. 41</a>: Sallam aaleikum, Friede sei mit euch &rarr; aale&iuml;kum</li>
+<li><a href="#Page_41">S. 41</a>: &raquo;Aaleikum!&laquo; antwortete Sadek &rarr; Aale&iuml;kum</li>
+<li><a href="#Page_52">S. 52</a>: [added period] &raquo;Wer ist dieser Sihdi?&laquo; fragte er.</li>
+<li><a href="#Page_52">S. 52</a>: [added closing quotes] &raquo;Ja. Du kannst ihn nicht betreten.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_62">S. 62</a>: als ich noch als Miralei in Stambul stand &rarr; Miralai</li>
+<li><a href="#Page_64">S. 64</a>: [added comma] sofort packen w&uuml;rden, sah aber</li>
+<li><a href="#Page_65">S. 65</a>: [added comma] Ja, er soll erschossen werden</li>
+<li><a href="#Page_74">S. 74</a>: [added quotes] &raquo;Er wird mir nicht entfliehen</li>
+<li><a href="#Page_78">S. 78</a>: Mann im Wadi Tarfani get&ouml;tet hat? &rarr; Tarfaui</li>
+<li><a href="#Page_79">S. 79</a>: der eigentlich Hamd el Amusat &rarr; Amasat</li>
+<li><a href="#Page_80">S. 80</a>: kehrte er nach seiner Zeit &rarr; einer</li>
+<li><a href="#Page_80">S. 80</a>: &raquo;Fort, Shidi &ndash; dort reiten!&laquo; &rarr; Sihdi</li>
+<li><a href="#Page_82">S. 82</a>: am Gi&ouml;lgeda wek&uuml;lan&uuml;n &rarr; wekilan&uuml;n</li>
+<li><a href="#Page_85">S. 85</a>: der mit Scheidan im Bunde stehe &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_92">S. 92</a>: [normalized] Kein Arzt, kein Fakhir &rarr; Fakir</li>
+<li><a href="#Page_94">S. 94</a>: der Erbauer des einsames Hauses &rarr; einsamen</li>
+<li><a href="#Page_94">S. 94</a>: [normalized] in das Selaml&uuml;ck des Hauses &rarr; Selaml&uuml;k</li>
+<li><a href="#Page_96">S. 96</a>: Gotte gebe dir Frieden &rarr; Gott</li>
+<li><a href="#Page_103">S. 103</a>: uud seine Lippen blau vor Wut &rarr; und</li>
+<li><a href="#Page_107">S. 107</a>: ihm war ich ein nnabweisbarer Eindringling &rarr; unabweisbarer</li>
+<li><a href="#Page_113">S. 113</a>: Wir legten bei dem Kahn an &rarr; langten</li>
+<li><a href="#Page_127">S. 127</a>: [added closing quotes] obgleich er sie G&uuml;zela nennt.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_131">S. 131</a>: Ausguck nach demseblen gehalten &rarr; demselben</li>
+<li><a href="#Page_137">S. 137</a>: [added closing quotes] Haidi, wohlan!&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_138">S. 138</a>: [added comma] &raquo;Ja, ich konnte nicht weiter.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_138">S. 138</a>: mit steineren Platten bedeckt &rarr; steinernen</li>
+<li><a href="#Page_139">S. 139</a>: Ich passirte also die &Ouml;ffnung &rarr; passierte</li>
+<li><a href="#Page_141">S. 141</a>: ich h&ouml;re einen Krach &rarr; keinen</li>
+<li><a href="#Page_141">S. 141</a>: Ich schlich n&auml;her uud legte die H&auml;nde &rarr; und</li>
+<li><a href="#Page_142">S. 142</a>: [normalized] &raquo;Hamdullillah, Preis sei Gott &rarr; Hamdulillah</li>
+<li><a href="#Page_143">S. 143</a>: Wir brauchen also weder die Stange &rarr; brauchten</li>
+<li><a href="#Page_144">S. 144</a>: meist in den Kleideru &rarr; Kleidern</li>
+<li><a href="#Page_146">S. 146</a>: [added period] &raquo;Ein Sandal!&laquo; meinte Halef.</li>
+<li><a href="#Page_149">S. 149</a>: ausgebessert nnd zusammengeflickt &rarr; und</li>
+<li><a href="#Page_150">S. 150</a>: mu&szlig;t thun, was ich will. &rarr; will?</li>
+<li><a href="#Page_154">S. 154</a>: Allah kehrim, Gott ist gn&auml;dig! &rarr; kerihm</li>
+<li><a href="#Page_155">S. 155</a>: Alla &iuml;a Sahtir &rarr; Allah</li>
+<li><a href="#Page_157">S. 157</a>: Hadschi Abbul Abbas &rarr; Abul</li>
+<li><a href="#Page_162">S. 162</a>: [removed extra comma] mir nebst, Halef und dem Barbier</li>
+<li><a href="#Page_165">S. 165</a>: dem Gro&szlig;wessir in Istambul &rarr; Gro&szlig;wesir</li>
+<li><a href="#Page_164">S. 164</a>: [normalized] einen armen Scheikh &rarr; Scheik</li>
+<li><a href="#Page_167">S. 167</a>: [normalized] an das Recognoscieren &rarr; Rekognoscieren</li>
+<li><a href="#Page_190">S. 190</a>: Aber er besitzt die Hilfe des Scheitan &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_194">S. 194</a>: folgte ihm mich gez&uuml;ckter Waffe &rarr; mit gez&uuml;ckter Waffe</li>
+<li><a href="#Page_195">S. 195</a>: ein guter Sch&uuml;tze sei. &rarr; sei?</li>
+<li><a href="#Page_198">S. 198</a>: &raquo;Ja, Shidi. Was ist es?&laquo; &rarr; Sihdi</li>
+<li><a href="#Page_204">S. 204</a>: [extra comma] so starke und schwere, S&auml;bel &rarr; schwere S&auml;bel</li>
+<li><a href="#Page_209">S. 209</a>: die Gegend von Sahna &rarr; Sanah</li>
+<li><a href="#Page_213">S. 213</a>: [normalized] Hamdullillah, Preis sei Gott &rarr; Hamdulillah</li>
+<li><a href="#Page_220">S. 220</a>: [extra comma removed] Dank der orientalischen Sorglosigkeit, hatte</li>
+<li><a href="#Page_222">S. 222</a>: [normalized] Hamdullillah, Gott sei Dank! &rarr; Hamdulillah</li>
+<li><a href="#Page_227">S. 227</a>: [normalized] oder nach Bassra und Bagdad &rarr; Basra</li>
+<li><a href="#Page_238">S. 238</a>: [added mdash] Gott sei Dank! &ndash; keine Not gelitten</li>
+<li><a href="#Page_244">S. 244</a>: das deutsche Worte &#8250;Lob&#8249; &rarr; Wort</li>
+<li><a href="#Page_245">S. 245</a>: Vor nun wenigen Wochen &rarr; nur</li>
+<li><a href="#Page_248">S. 248</a>: Siehst du diesen Bu-djuruldi &rarr; Bu-djeruldi</li>
+<li><a href="#Page_249">S. 249</a>: [normalized] sattle dort die drei Hedschihn &rarr; Hedjihn</li>
+<li><a href="#Page_271">S. 271</a>: &raquo;So bin ich jetzt mich euch fertig.&laquo; &rarr; mit</li>
+<li><a href="#Page_276">S. 276</a>: ein kleines D&ouml;schen ans Papiermach&eacute; &rarr; aus</li>
+<li><a href="#Page_277">S. 277</a>: [normalized] weder meinen Haik, noch meine Jacke &rarr; Ha&iuml;k</li>
+<li><a href="#Page_278">S. 278</a>: [normalized] Das ist ja der Scheitan &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_279">S. 279</a>: [normalized] bei Allah, es ist der Scheitan! &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_279">S. 279</a>: [normalized] du hast den Scheitan bezwungen &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_280">S. 280</a>: [normalized] da&szlig; sie den Scheitan gefangen h&auml;lt &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_282">S. 282</a>: zehn Lastkamelen nnd f&uuml;nfzig Schafen. &rarr; und</li>
+<li><a href="#Page_283">S. 283</a>: die heiligen Gebr&auml;uche und kehreu dann sofort &rarr; kehren</li>
+<li><a href="#Page_284">S. 284</a>: [normalized] weil der Scheitan doch lebendig war &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_284">S. 284</a>: [normalized] Der gefangene Scheitan war &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_294">S. 294</a>: [In Footnote] wie auch wir die S&uuml;nden vergessen? &rarr; vergessen.</li>
+<li><a href="#Page_308">S. 308</a>: Rippe genommen nnd &rarr; und</li>
+<li><a href="#Page_320">S. 320</a>: [normalized] Fowlingbull holen &rarr; Fowling-bull</li>
+<li><a href="#Page_323">S. 323</a>: [added period] begann dann auf und ab zu patrouillieren.</li>
+<li><a href="#Page_324">S. 324</a>: [normalized] hingegangen wegen Fowlingbull &rarr; Fowling-bull</li>
+<li><a href="#Page_329">S. 329</a>: die Stelle, welche ich angedeutet habe &rarr; hatte</li>
+<li><a href="#Page_334">S. 334</a>: und wehenden Strau&szlig;federn &rarr; Strau&szlig;enfedern</li>
+<li><a href="#Page_334">S. 334</a>: Werden sie stechen! &rarr; stechen?</li>
+<li><a href="#Page_337">S. 337</a>: nach Tausensenden z&auml;hlenden &rarr; Tausenden</li>
+<li><a href="#Page_349">S. 349</a>: da Ihr nicht arabisch versteht? &rarr; versteht!</li>
+<li><a href="#Page_360">S. 360</a>: Wann du zur&uuml;ckgekehrt bist &rarr; Wenn</li>
+<li><a href="#Page_361">S. 361</a>: sehr leicht verloren gehen kann. &rarr; kann?</li>
+<li><a href="#Page_364">S. 364</a>: [normalized] Hamdullillah! Preis sei Allah &rarr; Hamdulillah</li>
+<li><a href="#Page_365">S. 365</a>: Alla kehrim, Allah ist gn&auml;dig &rarr; Allah kerihm</li>
+<li><a href="#Page_374">S. 374</a>: [added closing quotes] halten die L&ouml;wen ihre Zusammenk&uuml;nfte.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_375">S. 375</a>: welches der Vater eines meiner Gef&auml;hrten &rarr; welcher</li>
+<li><a href="#Page_375">S. 375</a>: [added comma] ger&auml;umigen H&uuml;tte, welche</li>
+<li><a href="#Page_380">S. 380</a>: Vor zweien? Nein? &rarr; Nein!</li>
+<li><a href="#Page_384">S. 384</a>: [normalized] er geh&ouml;rt Muhammed Emin &rarr; Mohammed</li>
+<li><a href="#Page_390">S. 390</a>: Halt. Wer es wagt &rarr; Halt!</li>
+<li><a href="#Page_394">S. 394</a>: [added closing quotes] Hier doch gar nicht Babylon!&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_395">S. 395</a>: Ruinen von Khan Kherninn vereinigen &rarr; Khernina</li>
+<li><a href="#Page_398">S. 398</a>: [normalized] Abu Muhammed zu sp&auml;t eintreffen? &rarr; Abu Mohammed</li>
+<li><a href="#Page_401">S. 401</a>: [normalized] Scheik der Abu Muhammed gesagt &rarr; Abu Mohammed</li>
+<li><a href="#Page_403">S. 403</a>: [added opening quotes] &raquo;Dort wird sein &auml;u&szlig;erster Posten</li>
+<li><a href="#Page_403">S. 403</a>: [added closing quotes] zu treffen sein.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_407">S. 407</a>: Hadschi Abbul Abbas &rarr; Abul</li>
+<li><a href="#Page_409">S. 409</a>: [added closing quotes] &raquo;Ich danke dir!&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_410">S. 410</a>: das letzte Glied unserere Postenkette &rarr; unserer</li>
+<li><a href="#Page_412">S. 412</a>: [deleted extra word] ich auf auf dem Rappen &rarr; auf</li>
+<li><a href="#Page_433">S. 433</a>: [deleted extra quotes] &raquo;Wir hatten nicht sehr lange</li>
+<li><a href="#Page_435">S. 435</a>: [normalized] Dieser ber&uuml;hmte Mann ist Esla el Mahem &rarr; Eslah</li>
+<li><a href="#Page_441">S. 441</a>: [normalized] Du siehst, Esla el Mahem &rarr; Eslah</li>
+<li><a href="#Page_447">S. 447</a>: [normalized] Mit ihren Scheiks! Hamdullilah! &rarr; Hamdulillah</li>
+<li><a href="#Page_450">S. 450</a>: die es es jemals hier gegeben hat &rarr; die es jemals</li>
+<li><a href="#Page_451">S. 451</a>: die wissen, wo Ruinen liegen.&laquo; &rarr; liegen?&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_455">S. 455</a>: &raquo;Und die drei M&auml;nner, welche bei dir sind.&laquo; &rarr; sind?</li>
+<li><a href="#Page_458">S. 458</a>: Fowlingsbulls finden! &rarr; Fowling-bulls</li>
+<li><a href="#Page_458">S. 458</a>: [normalized] nach Bagdad, Ba&szlig;ra, Kerkuk &rarr; Basra</li>
+<li><a href="#Page_460">S. 460</a>: [normalized] rechten Ufer lag Kalaat el Dschebber &rarr; Dschebbar</li>
+<li><a href="#Page_463">S. 463</a>: [added closing quotes] &raquo;Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_469">S. 469</a>: [added closing quotes] &raquo;Zw&ouml;lfhundert.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_486">S. 486</a>: [normalized] Nicht nach dem Scheitan &rarr; Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_492">S. 492</a>: wie du schon viele gemordest hast &rarr; gemordet</li>
+<li><a href="#Page_494">S. 494</a>: Er bat mich, ihm trinken zu geben &rarr; ihm zu trinken zu geben</li>
+<li><a href="#Page_514">S. 514</a>: Du steht im Gi&ouml;lgeda padischahn&uuml;n &rarr; stehst</li>
+<li><a href="#Page_518">S. 518</a>: [normalized] mit dem alten Gei&szlig;fu&szlig;e &rarr; Geisfu&szlig;e</li>
+<li><a href="#Page_518">S. 518</a>: in die Zahnpalissaden &rarr; Zahnpalisaden</li>
+<li><a href="#Page_519">S. 519</a>: Kanonen nnd eine Besatzung &rarr; und</li>
+<li><a href="#Page_529">S. 529</a>: [normalized] des Thales von Scheikh Adi &rarr; Scheik</li>
+<li><a href="#Page_536">S. 536</a>: [normalized] Merd-esch-Sche&iuml;tan &rarr; Merd-es-Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_536">S. 536</a>: [added closing quotes] mir oder dem Pascha?&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_539">S. 539</a>: [normalized] nach Amadija geschickt hatte &rarr; Amadijah</li>
+<li><a href="#Page_542">S. 542</a>: [normalized] Khorsabad, Dscheraijah und Baadri &rarr; Dscherraijah</li>
+<li><a href="#Page_554">S. 554</a>: [added closing quotes] &raquo;Sind die Dschesidi Christen?&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_542">S. 542</a>: [normalized] direkt nach Raban Hormuzd f&uuml;hrt &rarr; Rabban</li>
+<li><a href="#Page_558">S. 558</a>: Die Radjahell Sche&iuml;tan &rarr; Radjahl el Sche&iuml;tan</li>
+<li><a href="#Page_559">S. 559</a>: [normalized] Ihr wollt zu Amad al Ghandur &rarr; el</li>
+<li><a href="#Page_560">S. 560</a>: [normalized] vierten Infanterie-Regimente &rarr; Infanterieregimente</li>
+<li><a href="#Page_561">S. 561</a>: [normalized] zweite Infanterie-Regiment &rarr; Infanterieregiment</li>
+<li><a href="#Page_570">S. 570</a>: [normalized] versuchen, Amad al Ghandur zu finden &rarr; el</li>
+<li><a href="#Page_574">S. 574</a>: und dann schlo&szlig; sich &rarr; daran schlo&szlig;</li>
+<li><a href="#Page_583">S. 583</a>: harte die Menge meiner &rarr; harrte</li>
+<li><a href="#Page_586">S. 586</a>: Du redest ja Kurmanydschi &rarr; Kurmangdschi</li>
+<li><a href="#Page_596">S. 596</a>: [added closing quotes] &raquo;Welches sind die heiligen Instrumente?&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_598">S. 598</a>: sondern nach Scheid Adi &rarr; Scheik</li>
+<li><a href="#Page_605">S. 605</a>: [normalized] Er befand sich im Selamlik &rarr; Selaml&uuml;k</li>
+<li><a href="#Page_606">S. 606</a>: [normalized] Ich kehrte in das Selamlik zur&uuml;ck &rarr; Selaml&uuml;k</li>
+<li><a href="#Page_610">S. 610</a>: [normalized] Bis Dscherajah stehen Posten &rarr; Dscherraijah</li>
+<li><a href="#Page_626">S. 626</a>: Eiu Dschesidi w&auml;re auch &rarr; Ein</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Durch Wüste und Harem, by Karl May
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***
+
+***** This file should be named 29336-h.htm or 29336-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/9/3/3/29336/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at
+Karl-May-Gesellschaft)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..75e7d01
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #29336 (https://www.gutenberg.org/ebooks/29336)