diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:38:35 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:38:35 -0700 |
| commit | e5fc34e87fbf62a1932324dc55bf9d7a9ec01af5 (patch) | |
| tree | 1a253f294efb5965f9423378529c06422cebe3e9 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 28494-8.txt | 4491 | ||||
| -rw-r--r-- | 28494-8.zip | bin | 0 -> 94812 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 28494-h.zip | bin | 0 -> 104048 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 28494-h/28494-h.htm | 4834 | ||||
| -rw-r--r-- | 28494-h/images/signet.png | bin | 0 -> 3064 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
8 files changed, 9341 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/28494-8.txt b/28494-8.txt new file mode 100644 index 0000000..7bc7a88 --- /dev/null +++ b/28494-8.txt @@ -0,0 +1,4491 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den +Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft + +Author: Rudolf Steiner + +Release Date: April 4, 2009 [EBook #28494] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + +Die beiden Druckfehler-Berichtigungen wurden durchgeführt. Es wurden +einige Änderungen in der Zeichensetzung vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis +wurde vom Textende an den Anfang versetzt. + +Im Original kursiv gedruckter Text ist durch _Unterstriche_ gekennzeichnet, +gesperrt gedruckter Text durch #Rauten#. + +Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes. + + + + + INTERNATIONALE BÜCHEREI FÜR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN + + + + + DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE + + IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWART UND ZUKUNFT + + VON + + DR. RUDOLF STEINER + + + [Illustration: Signet] + + + 1920 + + DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG + STUTTGART + + 41.-80. Tausend + + Alle Rechte vorbehalten + Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G., + Verlag, Stuttgart. + + + Druckfehlerberichtigung. + + Auf Seite 14, Zeile 9 von oben, muß es + statt: in dem Urteil + heißen: von dem Urteil. + + Auf Seite 26, Zeile 11 von unten, muß es + statt: angetrieben + heißen: ausgetrieben. + + + Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart. + + + + + Inhalt + + Seite + + Vorrede und Einleitung 5 + + Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift 16 + + I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben + der modernen Menschheit 20 + + II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen + Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten 39 + + III. Kapitalismus und soziale Ideen 63 + + IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen 98 + + + + +Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift + + +Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige +verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man +kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese +oder jene Einrichtung, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat, +müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende +Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die soziale »Frage« +bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben +geltend machen will. + +Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar +Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. Man kann +annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen +»Lösung« der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches +glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte »Lösung« anbieten +wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll, +auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung +der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal +sagen könnten: da seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen +nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen. + +In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an +sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich +weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen +haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen +utopistischen Charakter beigelegt haben. Am stärksten haben dies diejenigen +getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem Andern, +was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist. + +Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen des +öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend erscheinenden +utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die +Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer +solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie müssen sich davon +überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen können nichts +anfangen mit dem, was sie vorbringen. + +Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige +Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der +Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber dem, was zum Beispiel die +wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen +Zustände des öffentlichen Lebens zu bewältigen, wenn man an sie mit einem +lebensfremden Denken herantritt? + +Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlaßt das +Geständnis, daß man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses +Geständnis der »sozialen Frage« auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese +Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwärtigen Zivilisation +behandelt, wird man Klarheit darüber erlangen, was dem sozialen Leben nötig +ist. + +Auf die Gestaltung des gegenwärtigen Geisteslebens weist diese Frage hin. +Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen +Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem hohen Grade +abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den +Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die +wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, aus denen er +herauswächst. + +Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die +Lebensverhältnisse der Gegenwart angepaßt sein. Denn der Staat habe die +Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und +damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens so zu +gestalten, daß dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde. +Und auch das kann man leicht glauben, daß der Mensch dadurch das +bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne +der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswächst, +und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den +ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten anweisen. + +Diese Schrift muß die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu zeigen, +daß die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit des +Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. Und sie muß zeigen, +daß die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit den einen Teil +der so brennenden sozialen Frage bildet. + +Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In der +Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit lange etwas +dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch Denkende können +sich kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Gesellschaft den Einzelnen +zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe. + +Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem +Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, daß in der +geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum +Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das +Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, daß das +Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, die es +im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet wurde. +Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer +Irrtum. + +Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des +Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in +dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle +Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen, +das es angenommen hat, daß es ein völlig selbständiges Glied des sozialen +Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch +alles geistige Leben herauswächst, muß in die Verwaltung derer gestellt +werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts +hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig +ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit +aufzuwenden, daß er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein +kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und +den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht +gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht. +Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet +hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz +unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist +naturgemäß, daß innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und +Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen Maße wirken. + +Man kann natürlich einwenden, daß auch in einer solchen Selbstverwaltung +des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im +wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Daß das Best-Mögliche +zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fähigkeiten, die in +dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich +übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus +geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes Urteil fällen kann. +Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist, +darüber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen +können. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu +verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt +werden. Aus ihr können das Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte +empfangen, die sie sich nicht geben können, wenn sie von ihren +Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten. + +Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, daß auch die +Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die dem +Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des freien +Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen, +landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre +Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift muß +notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese -- +richtige -- Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus fließen +diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man +durchschaut, daß sie im Grunde aus dem unbewußten Glauben hervorgehen, die +Erziehenden müssen lebensfremde, unpraktische Menschen sein. Man könne +ihnen gar nicht zumuten, daß sie Einrichtungen von sich aus treffen, welche +den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. Solche Einrichtungen +müssen von denjenigen gestaltet werden, die im praktischen Leben drinnen +stehen, und die Erziehenden müssen gemäß den Richtlinien wirken, die ihnen +gegeben werden. + +Wer so denkt, der sieht nicht, daß Erziehende, die sich nicht bis ins +Kleinste hinein und bis zum Größten hinauf die Richtlinien selber geben +können, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen können dann +Grundsätze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen Menschen +herrühren; sie werden keine rechten Praktiker in das Leben hineinerziehen. +Die antisozialen Zustände sind dadurch herbeigeführt, daß in das soziale +Leben nicht Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung her +sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen können nur aus einer +Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und +verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man +nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile +behandelt. Man schafft Antisoziales nicht bloß durch wirtschaftliche +Einrichtungen, sondern auch dadurch, daß sich die Menschen in diesen +Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die +Jugend von Menschen erziehen und unterrichten läßt, die man dadurch +lebensfremd werden läßt, daß man ihnen von außen her Richtung und Inhalt +ihres Tuns vorschreibt. + +Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von ihnen, daß +derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, nach seinen +Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung niedergelegt hat. +Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind, +werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistesleben selbst schöpfen. +Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, was ihm von diesem freien +Geistesleben aus überantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den +lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben erstehen können. + +Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen sein, +die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht +das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, die +von bloßen »Praktikern« gestaltet und in denen von lebensfremden Menschen +gelehrt wird, sondern allein das, was von Erziehern kommt, die von ihren +Gesichtspunkten aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen +die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten muß, das wird in +dieser Schrift wenigstens andeutungsweise dargestellt. + +Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrücken. +Besorgte Künstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: ja, wird denn +die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen als in dem +gegenwärtigen vom Staat und den Wirtschaftsmächten besorgten? Solche Frager +sollten bedenken, daß diese Schrift eben in keiner Beziehung utopistisch +gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt: +dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften +angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wünschenswerte +herbeiführen können. Wer das Leben nicht nach theoretischen Vorurteilen, +sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird sich sagen: der aus seiner +freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht auf eine rechte Beurteilung +seiner Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft gibt, die +ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das Leben eingreifen kann. + +Die »soziale Frage« ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das +Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder +durch Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein +Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie +einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der +weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das +Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der +aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen +läßt. Dieses muß stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit +nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der +soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung. +Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig +wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen +können in solche Gemeinschaften eintreten, daß durch ihr lebendiges +Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben +wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige +Glied des sozialen Organismus. + +Wie sich für das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart die freie +Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so für das Wirtschaftsleben +die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben +zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie +werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die +Menschen mit ihrer Tätigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine +Teilinteressen; jeder muß mit dem ihm möglichen Anteil von Tätigkeit in sie +eingreifen. Was einer wirklich braucht, kann nur er wissen und empfinden; +was er leisten soll, will er aus seiner Einsicht in die Lebensverhältnisse +des Ganzen beurteilen. Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch +nicht überall so auf der Erde; innerhalb des gegenwärtig zivilisierten +Teiles der Erdbevölkerung ist es im wesentlichen so. + +Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung +erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die +Stadtwirtschaft, aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht +man vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein +erheblicher Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise +schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind davon +abhängig, daß die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser +Lebensverhältnisse vorherrschend wirksam geworden ist. + +Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskräfte in einer abstrakten +Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften +sind im Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem +Umfange eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen +als bloß wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Daß man sie zu +Wirtschaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das soziale +Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich +aus seinen eigenen Kräften heraus unabhängig von Staatseinrichtungen, +aber auch von staatlicher Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur können, +wenn sich, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen +bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und +Produzenten sich zusammenschließen. Durch die Verhältnisse des Lebens wird +der Umfang solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine +Assoziationen würden zu kostspielig, zu große wirtschaftlich zu +unübersichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus +den Lebensbedürfnissen heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden. +Man braucht nicht besorgt zu sein, daß derjenige, der sein Leben in +reger Ortsveränderung zuzubringen hat, durch solche Assoziationen +eingeengt sein werde. Er wird den Übergang von der einen in die andere +leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche +Interessen den Übergang bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb +eines solchen assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des +Geldverkehrs wirken. + +Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit eine +weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln die +Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Güter, sondern die +Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. Durch +ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben können die Menschen diese +notwendige Einsicht haben; dadurch, daß Interesse mit Interesse sich +vertragsmäßig ausgleichen muß, werden die Güter in ihren entsprechenden +Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschließen nach wirtschaftlichen +Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in den modernen +Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen Leben aus; aber sie +kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den +Grundsätzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus der Handhabung +der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte heraus gestaltet haben. Man +parlamentarisiert in ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen +Gesichtspunkten überein, was der eine dem andern zu leisten hat. In den +Assoziationen werden nicht »Lohnarbeiter« sitzen, die durch ihre Macht von +einem Arbeit-Unternehmer möglichst hohen Lohn fordern, sondern es werden +Handarbeiter mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den +konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammenwirken, um durch +Preisregulierungen Leistungen entsprechend den Gegenleistungen zu +gestalten. Das kann nicht durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen. +Vor solchen müßte man besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn +unzählige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen über die Arbeit verbringen +müßten. In Abmachungen von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation +vollzieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, daß der +Zusammenschluß den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der +Konsumierenden entspricht. + +Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht gesagt: +dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet, +wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn sie in +Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen +entsprechen. + +Daß sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschließen, dafür sorgt +einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft +nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedürfnisse. Andrerseits +kann dafür das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt die Einsichten +zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. Wer aus der Erfahrung +heraus denkt, muß zugeben, daß solche assoziative Gemeinschaften in jedem +Augenblick entstehen können, daß sie nichts von Utopie in sich schließen. +Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als daß der Mensch der +Gegenwart das wirtschaftliche Leben von außen »organisieren« will in dem +Sinne, wie für ihn der Gedanke der »Organisation« zu einer Suggestion +geworden ist. Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von +außen zusammenschließen will, steht diejenige wirtschaftliche Organisation, +die auf dem freien Assoziieren beruht, als sein Gegenbild gegenüber. Durch +das Assoziieren verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das +Planmäßige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des Einzelnen. -- Man +kann ja sagen: was nützt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich +assoziiert? Man kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion +von außen her »gerecht« geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung +unterbindet die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das +Wirtschaftsleben um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien +Schaffenskraft entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz +aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem +Besitzenden. Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kräfte ein, dann wird +der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung +ausgleichen müssen. Heute spricht man über solche Dinge nicht aus den +Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; sondern aus den +Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und +anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich entwickeln, +weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das wirtschaftliche Leben +immer komplizierter geworden ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen +Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die +wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine drinnen; die in der +Wirtschaft wirkenden Gestaltungskräfte sind ihnen nicht durchsichtig. Sie +arbeiten ohne Einsicht in das Ganze des Menschenlebens. In den +Assoziationen wird der eine durch den andern erfahren, was er notwendig +wissen muß. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung über das Mögliche sich +bilden, weil die Menschen, von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht +und Erfahrung hat, zusammen-urteilen werden. + +Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind, die in ihm +selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die +wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. Was +in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus +dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich assoziiert ist. +Dadurch wird er genau so viel Einfluß auf die allgemeine Wirtschaft haben, +als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfähige sich dem +Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift +auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenüber dem Starken schützen, kann ein +Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kräften heraus gestaltet ist. + +So kann der soziale Organismus in zwei selbständige Glieder zerfallen, die +sich gerade dadurch gegenseitig tragen, daß jeder seine eigenartige +Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kräften hervorgeht. Zwischen +beiden aber muß sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche +staatliche Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das +geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig +gewordenen Menschen abhängig sein muß. In dem freien Geistesleben betätigt +sich jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt +jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen +Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu +seiner rein menschlichen Geltung, insoferne diese unabhängig ist von den +Fähigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und +unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das +assoziative Wirtschaftsleben erhalten. + +In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine +Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem +steht jeder dem andern als ein gleicher gegenüber, weil in ihm nur +verhandelt und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch +gleich urteilsfähig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem +Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung. + +Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der +selbständigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, wie die +Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, die Nutzung +des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei Glieder +gestalten kann. Wer die soziale Frage »lösen« will durch eine ausgedachte +oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird diese Schrift nicht +praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen zu +solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in denen sie die sozialen +Aufgaben am besten erkennen und sich ihnen widmen können, der wird dem +Verfasser des Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch +nicht absprechen. + +Das Buch ist im April 1919 zuerst veröffentlicht worden. Ergänzungen zu dem +damals Ausgesprochenen habe ich in den Beiträgen gegeben, die in der +Zeitschrift »Dreigliederung des sozialen Organismus« enthalten waren und +die soeben gesammelt als die Schrift »In Ausführung der Dreigliederung des +sozialen Organismus« erschienen sind[1]. + + [1] Der Einführung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind, + in das praktische Leben dient der im April 1919 begründete »Bund für + Dreigliederung des sozialen Organismus«. (Er hat seinen Hauptsitz in + Stuttgart, Champignystraße 17.) + +Man wird finden können, daß in den beiden Schriften weniger von den +»Zielen« der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen wird, +die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer aus der Lebenspraxis +heraus denkt, der weiß, daß namentlich einzelne Ziele in verschiedener +Gestalt auftreten können. Nur wer in abstrakten Gedanken lebt, dem +erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher tadelt das +Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht »klar« genug +dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dünken, sind gerade solche +Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, daß das Leben die mannigfaltigsten +Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein fließendes Element. Und wer mit ihm +gehen will, der muß sich auch in seinen Gedanken und Empfindungen diesem +fließenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur mit einem +solchen Denken ergriffen werden können. + +Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift +erkämpft; aus dieser heraus möchten sie auch verstanden sein. + + + + +Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift + + +Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben. +Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen, +daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden müssen, an die bisher +nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart unterstützt, +findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, der, aus den Erfahrungen des +Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an +notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf +der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift. +Sie möchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die +von einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den +Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. -- Ob dem einen oder +dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei +der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind da, und man muß +mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mögen +diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus, etwa +finden, daß der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den +proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefällt, +weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf +etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen muß. Der Verfasser aber +möchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens heraus +sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich +ist. Ihm stehen die verhängnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen +müssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren +Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem +sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet. + +Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch #zunächst# +Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen, +wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die +Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, daß in dieser +Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persönlichkeiten glaubt +der Verfasser, daß gerade #sie# werden gründlich umlernen müssen. Denn ihm +erscheint ihre »Lebenspraxis« als dasjenige, was durch die #Tatsachen#, +welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein +Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu +Verhängnissen geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig +ist, manches als praktisch anzuerkennen, das #ihnen# als verbohrter +Idealismus erschienen ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser +Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem +Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit +gesprochen ist. Der Verfasser #muß# aus seiner Lebenserkenntnis heraus +meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzu +gemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben der +neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. -- Auch +diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen +hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein materielle +Interessen herauskommen und sich »zum Geiste«, »zum Idealismus« wenden, +werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes +Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von dem bloßen Hinweis auf »den +Geist«, von dem Reden über eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur #die# +Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird. +Dieser erweist sich in der Bewältigung der praktischen Lebensaufgaben +ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche +die seelischen Bedürfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man +von einer Geistigkeit weiß, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies +eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen +Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese +Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß für das innere Seelenwesen +reservierte Nebenströmung. -- So werden die Ausführungen dieser Schrift den +»Geistigen« wohl zu ungeistig, den »Praktikern« zu lebensfremd erscheinen. +Der Verfasser hat die Ansicht, daß er #gerade deshalb# dem Leben der +Gegenwart werde in seiner Art dienen können, weil er der Lebensfremdheit +manches Menschen, der sich heute für einen »Praktiker« hält, nicht zuneigt, +und weil er auch demjenigen Reden vom »Geiste«, das aus Worten +Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann. + +Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die »soziale Frage« in +den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu +erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und +Geisteslebens die »wahre Gestalt« dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser +Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für eine gesunde +Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung. -- +In ältern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten die sozialen Instinkte +dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals +entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der +Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, diese +Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen +ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein solches +Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten +Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen der +gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man +heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben aber noch die alten +Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenüber den fordernden +Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich vorstellt, muß der Mensch der +Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfähig ist. Wie +Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit +selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das -- +so meint der Verfasser -- kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen +entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser +glaubt, über eine solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte +er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine #Anregung# +zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen +Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der +Verfasser geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über +Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens +hinausführen kann. + +Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte der +Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit manchen +Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwicklung der sozialen +Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in +Schwarmgeisterei verfällt. #Deshalb# sieht man das aus der wahren +Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser +Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser +Darstellung deshalb etwas »Abstraktes« sehen, weil ihm »konkret« nur ist, +was er zu denken gewohnt ist und »abstrakt« auch das Konkrete dann, wenn er +nicht gewöhnt ist, es zu denken[2]. + + [2] Der Verfasser hat bewußt vermieden, sich in seinen Ausführungen + unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen + Ausdrücke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein + »fachmännisches« Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte + zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, daß er auch für Menschen + sprechen möchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur + ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, daß eine neue Zeit das + meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon in der + Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als + »fachmännisch« sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch + hinweisen sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder + Andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu + bedenken, daß die _Ausgangspunkte und die Wege_ der hier gekennzeichneten + Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung + zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung + der gegebenen Impulse sind und nicht etwa bloß so oder anders geartete + Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV ersehen + kann, für die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht, + als ähnlich _scheinende_ Gedanken in bezug auf das Eine oder Andere noch + nicht bemerkt wurden. + +Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen des +Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. Doch er glaubt, viele +Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung gelangen, daß die +Tatsachen der Entwicklung schon weit über die Parteiprogramme +hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen Programmen #unabhängiges# +Urteil über die nächsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig +ist. + +Anfang April 1919. + + #Rudolf Steiner.# + + + + +I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben der modernen +Menschheit + + +Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne +soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich Gedanken +waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen +glaubte? + +Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des +Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des Lebens +drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, welche das +Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhältnis, in +das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines großen Teiles der +Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne +Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur +sind. + +Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, durch +ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken auf die Kräfte im +europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drängten, haben sich +über diese Triebkräfte den größten Illusionen hingegeben. Sie konnten +glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstürme beruhigen. +Solche Persönlichkeiten mußten gewahr werden, daß durch die Folgen ihres +Verhaltens die sozialen Triebe erst völlig in die Erscheinung traten. Ja, +die gegenwärtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige +geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft +erhielten. Die führenden Persönlichkeiten und Klassen mußten ihr Verhalten +in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhängig machen, was +in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten +oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten +unbeachtet lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse +angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort. + +Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was +jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der +Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen +Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser +Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken an +diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales +Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen, +die von den Tatsachen gestellt werden. + +Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit langer Zeit +als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben, +werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug erweisen, um den +fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung zu geben. -- Man kann +absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch wähnen, das Alte müsse +sich gegen die neueren Forderungen eines großen Teiles der Menschheit +halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die +von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird +doch nicht anders können, als sich gestehen: es wandeln unter uns +Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwicklung der Tatsachen +zurückgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche +die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien +haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren +Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht +vielleicht nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden +Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe +der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. Man darf daraus +die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse empfänglich sein für den +Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu +kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial +orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es +könnte wohl sein, daß die Tragik, die in den Lösungsversuchen der sozialen +Frage zutage tritt, gerade in einem Mißverstehen der wahren proletarischen +Bestrebungen wurzelt. In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen, +welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind. +Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das +rechte Urteil. + +Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen: +was #will# die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht +dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer oder nicht +proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in +dem, was über die »soziale Frage« von vielen gedacht wird, die _wahre +Gestalt_ dieser »Frage«? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken nötig? +An _diese_ Frage wird man nicht unbefangen herantreten können, wenn man +nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das +Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen +Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung, +welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat. + +Man hat viel gesprochen über die Entwicklung der modernen Technik und des +modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwicklung +das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die +Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen +ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel +Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes doch nicht berührt wird, kann +sich dem aufdrängen, der sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: die +äußern Verhältnisse geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es +offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus +inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die +proletarischen Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der +modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese +Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in diesen +Forderungen eigentlich als _rein menschliche_ Impulse lebt. Und solange man +in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der _wahren +Gestalt_ der »sozialen Frage« nicht beikommen. + +Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen +bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden +Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: der +moderne Proletarier ist »_klassenbewußt_« geworden. Er folgt den Impulsen +der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaßen instinktiv, +unbewußt; er weiß sich als Angehöriger einer besonderen Klasse und ist +gewillt, das Verhältnis dieser seiner Klasse zu den andern im öffentlichen +Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu +bringen. Wer ein Auffassungsvermögen hat für seelische Unterströmungen, der +wird durch das Wort »klassenbewußt« in dem Zusammenhang, in dem es der +moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der +sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der +modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher muß vor +allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren über das +Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen zündend +in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine +Tatsache berührt, über welche viele, die nur _über_ das Proletariat denken +können, nicht _mit_ demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der +ernsten Ereignisse der Gegenwart schädliche Urteile haben. Mit der Meinung, +dem »ungebildeten« Proletarier sei durch den Marxismus und seine +Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht +worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt +man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen +Verständnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine +solche Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf ein +Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein +solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen +Klassenbewußtseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren +_wissenschaftlichen_ Entwicklung heraus genommen haben. In diesem +Bewußtsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die +»Wissenschaft und die Arbeiter« gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem +unwesentlich erscheinen, der sich für einen »praktischen Menschen« hält. +Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung +gewinnen will, der _muß_ seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In +dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa +das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich +manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-_Wissenschaft_, +von welcher das proletarische Bewußtsein ergriffen worden ist. In der +wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten +Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu +leugnen, bedeutet ein Augenverschließen vor den wirklichen Tatsachen. Und +eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist +die, daß der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen +sich den Inhalt seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der +Maschine arbeitende Mensch von »Wissenschaft« noch so weit entfernt sein; +er hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche +die Mittel zu dieser Aufklärung von dieser »Wissenschaft« empfangen haben. + +Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, das +Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf die +Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die +gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht unmittelbar +aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, daß er +in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fließt aus +der andern Tatsache, daß ganz bestimmte _Gedanken_ sich innerhalb seines +Klassenbewußtseins an der Maschine und in der Abhängigkeit von der +kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es könnte sein, daß +die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses +Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur +ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Dem gegenüber muß gesagt +werden: um so schlimmer für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung +in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das +Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen +will, der muß vor allem wissen, wie der Proletarier _denkt_. Denn die +proletarische Bewegung -- von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis in +ihre verheerendsten Auswüchse hinein -- wird nicht von »außermenschlichen +Kräften«, von »Wirtschaftsimpulsen« gemacht, sondern von _Menschen_; von +deren Vorstellungen und Willensimpulsen. + +Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische +Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und +Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre +Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem +Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele +mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab +sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie +dieser Handwerker sich _menschlich_ mit dem Berufe verbunden fühlte, lag +etwas, das ihm das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor +dem eigenen Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er +vermochte, was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben +konnte, was er als »Mensch« sein wollte. An der Maschine und innerhalb der +kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein +Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine +das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten läßt, was man als +»Mensch« ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strömte für eine solche +Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, daß das proletarische Bewußtsein +die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es +hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren. +Das aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit +einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die +geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach dessen +Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. Die alten +Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen +Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als +Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht +empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt fließender +Strom, der den Menschen als Seele trägt. Wie man auch über das Verhältnis +der religiösen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der +wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird, +wenn man unbefangen die geschichtliche Entwicklung betrachtet, zugeben +müssen, daß sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen +entwickelt hat. Aber die alten, auf religiösen Untergründen ruhenden +Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der +neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich +außerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem +Bewußtseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden +konnten. Den führenden Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas +Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer +Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen +Bewußtseinsinhalt, weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den +alten noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten +Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf +eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der +Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit +geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen +inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen +Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig -- in +dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen gleichzeitig +nennen kann -- die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das +Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den +ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber es war zu dieser +Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt als die führenden +Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche +Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen. +Mochten sie noch so sehr mit der »wissenschaftlichen Vorstellungsart« sich +durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von +den niedersten Tieren bis zum Menschen führe: diese Vorstellungsart blieb +doch theoretische Überzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch +empfindungsgemäß so zu nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen +ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator +Büchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart +durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele +etwas, das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur +sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man +stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit +auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem eigenen Dasein +verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator +hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht +ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der +neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, daß sie ihren Ursprung +in geistigen Welten haben. Sie sind darüber belehrt worden, daß sie in der +Urzeit unanständig als Baumkletterer lebten; belehrt, daß sie alle den +gleichen rein natürlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken +hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier +gestellt, wenn er nach einem Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen +sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese +Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr _seine_ Folgerungen für +das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als +den Angehörigen der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung +drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte +alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahmen +dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser +Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht +eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwürdigen Inhalt +durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den +Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus +der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die +wissenschaftliche Denkungsart. + +Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem Lächeln drängen, +wenn auf die »Wissenschaftlichkeit« der proletarischen Vorstellungsart +verwiesen wird. Wer bei »Wissenschaftlichkeit« nur an dasjenige zu denken +vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in »Bildungsanstalten« sich +erwirbt, und der dann diese »Wissenschaftlichkeit« in Gegensatz bringt zu +dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, der »nichts gelernt« hat, der mag +lächeln. Er lächelt über Schicksal entscheidende Tatsachen des +gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, daß mancher +hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich _lebt_, während der ungelehrte +Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die +er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft +aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber +in Lebenszusammenhängen und läßt sich von diesen seine Empfindungen +orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der +Proletarier ist durch seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so +aufzufassen, wie es _der Gesinnung_ dieser Wissenschaft entspricht. Was die +andern Klassen »Wissenschaftlichkeit« nennen, mag ihm ferne liegen; die +Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Für +die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, eine +allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die »Wissenschaft«, wenn auch oft +in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. Mancher Angehörige +der »führenden« Klassen fühlt sich »aufgeklärt«, »freireligiös«. Gewiß, in +seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche Überzeugung; in seinen +Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines +überlieferten Lebensglaubens. + +Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung +mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger Art in +einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen +Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen +hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der +Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten +Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche +Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut +wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser +»Geistesinhalt« in seiner Seele wußte nichts von seinem Ursprung in einem +wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen +als geistiges Leben allein übernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung +aus dem Geiste. + +Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und auch +Proletarier berühren werden, die mit dem Leben »praktisch« vertraut zu sein +glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte für eine +lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwärtigen +Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn +erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem muß sich +offenbaren, daß einer Lebensauffassung, welche sich nur an das Äußere +dieser Tatsachen hält, zuletzt nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die +mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich +so lange »praktisch« an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine +Ähnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte die +gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: was +haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch +mit dem sozialen Denken gehen? + +Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer +Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der +den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken möchte, +das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner +durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht +hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu +bewegen sucht, die ihm von den »herrschenden« Klassen als Erbgut übermacht +ist. Er _lebt_ proletarisch; aber er _denkt_ bürgerlich. Die neue Zeit +macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch +in _neue Gedanken_. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum +lebentragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung +eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie +sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben. + +Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der _wahren Gestalt_ eines +der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende +dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: ich +strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist +_Ideologie_, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen +spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im +Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet +die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der +proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen +der Gegenwart auslebt, der muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht +bewirken kann, daß das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was +weiß der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der +mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, redet +am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein +solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte +vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen von der Ansicht, +das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm +nur für »unwissend« gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den +Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus »Revolution +machen«. + +Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen +der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine Empfindung +für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die +Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den Blick nicht auf das zu +richten vermag, was in den Menschengemütern _wirklich vorgeht_. Der +Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen des Proletariers +hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann +für mich ein menschenwürdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich +keine Vorstellung davon zu bilden, daß seine Klasse beim Übergang aus einer +alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm +nicht gehörenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern daß sie nicht +vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt +hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben +vorbeisehen und vorbeihandeln, mögen sagen: aber der Proletarier will doch +einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden +Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine +Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den +andern Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter +ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede +aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie +enthüllt nichts von der _wahren Gestalt_ dieser Frage. Denn ein solches +Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von den +herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde die +sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne +Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie +sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des +Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer +unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es +nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer +Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer +Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage +ist. + +Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen +Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit +entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, daß sie +von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben +können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß. + +Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches +Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer Menschenklasse +verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, sondern die Art, +_wie_ die Forderung nach dieser Änderung aus den Gedanken-Impulsen dieser +Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von +diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen, +wie Persönlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen +Impulse halten wollen, lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese +oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der +sozialen Frage. Sie belächeln das als _Ideologie_, als eine graue Theorie. +Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie, +werde gewiß nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen +Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem +auf, _wie_ der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen, +gerade proletarischen Bewegung _nicht_ in dem liegt, wovon der heutige +Proletarier spricht, sondern liegt in _Gedanken_. + +Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine ähnliche +Bewegung der Welt -- wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im +eminentesten Sinne -- eine Bewegung aus _Gedanken_ entsprungen. Dies sage +ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die soziale Bewegung gewonnenes +Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine persönliche Bemerkung einzufügen, +so sei es diese: ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule +in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt. +Ich glaube dabei kennen gelernt zu haben, was in der Seele des modernen +proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch +zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der +verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche +nicht bloß vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche +aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen +zu haben. + +Wer -- was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der Fall +ist -- wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, wo sie von +_Arbeitern_ getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere Erscheinung +_dieses_ ist, daß eine gewisse Gedanken-_Richtung_ die Seelen einer großen +Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwärtig +schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu nehmen, ist, daß eine +so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses der Klassen da ist. +Die bürgerlichen Klassen können heute sich so schwer in die Seele des +Proletariers hineinversetzen, können so schwer verstehen, wie in der noch +unverbrauchten _Intelligenz_ des Proletariats Eingang finden konnte eine +solche -- mag man nun zum Inhalt stehen, wie man will --, eine solche an +menschliche Denkforderungen höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie +es diejenige Karl Marxens ist. + +Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem +andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden +Gründen wie das andere; es konnte revidiert werden von denen, die das +soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem +Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. Von dem Inhalte dieses Systems +will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle +in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint +mir, daß die _Tatsache_ vorliegt: innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als +mächtigster Impuls ein Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der +folgenden Art aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine +Lebensbewegung mit alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch +niemals so fast ganz allein auf einer _rein_ gedanklichen Grundlage, wie +diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste +derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche +Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden. +Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über sein +eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, so scheint +einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung +durchaus nicht als das wichtige. + +Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden für +den _ganzen_ Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur +in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die +_Gedanken-Grundlage_ der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art +innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewußt zugestehen. Er ist von +diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, daß ihm das Gedankenleben als +Ideologie überliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf +die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders +kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch +die Handlungen ihrer Träger verstehen, als indem man _diese_ Tatsache in +ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung +durchschaut. + +Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen +Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß in der +Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die +Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen muß. Denn es +ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn nicht +befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung +in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von diesem +Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig noch gar +nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, daß in diesen +geistigen Untergründen der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine +bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, daß das +Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie +empfinden muß? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man +nicht erwarten, daß es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man +nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten +Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissenschaft selbst, +sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der +menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des +Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden +Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind +sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie +immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche +Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das +materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: ursprünglich steigen sie +als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht _sie_ können von sich +aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten führt. Nur +_innerhalb_ der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum +Ziele geleitet. + +Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit an die +proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, die seine Kraft für +das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. Wenn an die Kräfte gedacht +wird, welche der sozialen Frage die Lösung bringen können, so muß dies vor +allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so +müßte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen +gegenüber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem +Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen +Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen oder +ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne +Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen heraus die kapitalistische +der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung hat das Proletariat in eine ihm +unerträgliche Lage gegenüber dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde +weiter gehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden +Kräfte ertöten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des +Proletariates erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen +Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für einen +gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch +da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, daß es dem, der gegenwärtig +echt sozialistisch denken will, _nicht_ beifallen wird, zu sagen: wenn +irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen +Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so +wird von diesem die Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen +Bewegung den rechten Antrieb gibt. + +Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der Gegenwart +gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht +hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines +Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung +von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als er in die kapitalistische +Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit +den tiefsten Bedürfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben +hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die führenden Klassen als +Ideologie überlieferten, höhlte seine Seele aus. Daß in den Forderungen des +modernen Proletariates die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem +Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben +kann: dies gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft. +Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der +Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht +proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen +Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil +leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten +Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes +als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hängt das +Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen sozialen +Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung, +welche unter dem Einfluß der führenden Menschenklassen beim Heraufkommen +der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen +Wege verschlossen worden. _Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu +öffnen._ + +Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwärtig +denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, daß +ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben +als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche den sozialen +Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt an der Ohnmacht des +Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung, +ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man +eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung +entsprechendes Denken entwickeln kann. + +Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu +treffen, wenn er von seinem _Klassenbewußtsein_ redet. Doch die Wahrheit +ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische +Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen +kann, das ihm das _Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt_; und daß ihm das +als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht entwickeln +kann. Er hat nach _diesem_ Bewußtsein gesucht, und er hat, was er nicht +finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene +_Klassenbewußtsein_ ersetzt. + +Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt +worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, daß +anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Anstoß liegen könne zu +dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung. +Er glaubt allein, daß durch die Entwicklung des ungeistigen, unseelischen +Wirtschaftslebens _der_ Zustand herbeigeführt werden könne, den _er_ als +den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, sein Heil allein +in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde +er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung des Wirtschaftslebens +verschwinden werde all der Schaden, der herrührt von der privaten +Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der +Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprüchen +auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne +Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der +Überführung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in +_gemeinschaftlichen Betrieb_ oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine +solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man gewissermaßen den Blick +abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn _nur_ hingerichtet +hat auf den rein ökonomischen Prozeß. + +Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen +proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, daß aus der +Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln müsse, +was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle +Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf, +was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge +auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende +Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der +sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit +heraus Etwas liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben +selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem _allein_ entspringen konnte, +das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die über das alte +Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen +Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne Leben die +Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen +von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, _innerhalb_ dieses modernen +Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen +wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewußt empfunden wird, das +aber der eigentliche Grundimpuls seines sozialen Wollens ist. Es ist +dieses: die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde +genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser +Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden +innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer +_Ware_, von dem heute der Proletarier empfindet: es _darf_ nicht Ware sein. + +Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der +ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den +unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor +lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer ebenso verkaufen muß, wie +man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, daß auf dem +Arbeitskräftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle +spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man +darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware +Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz +unbefangen darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich +und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird, +_dann_ wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen +Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden muß, daß er +heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden macht. + +Im Altertum gab es Sklaven. Der _ganze_ Mensch wurde wie eine Ware +verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des +Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch +die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch +einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der +Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache nicht bemerkt +worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine +fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefühlt, was gewichtig +in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie +betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die +Frage über den Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt, +daß aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche +einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die +Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner +unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der +neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen ist. Man +sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den +Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, wie es im +Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte zur Ware werden +_muß_. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht +das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des +Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus +dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben +gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß _in_ ihm die +menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt +man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von +sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen? +Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine +Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb, +weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich +von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß herrührt. +Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern muß, geht er +mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsprozeß strebt +so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der +zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so +lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen läßt. Wie +hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man +den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese +Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht. +Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer +andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren +Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht, +daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion +nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren +Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden +soll. + +Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen +Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben +eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der +andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem +Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen muß von ihrer +Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung +gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits +zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche +Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen +soll. + +Man sieht schon hieraus, daß die »soziale Frage« sich in drei besondere +Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des +Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird +das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in das +Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben +können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll. + + + + +II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die +sozialen Fragen und Notwendigkeiten + + +Man kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt +der sozialen Frage in der neueren Zeit geführt hat, wohl _so_ +aussprechen, daß man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik +getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen +naturhaften Selbstverständlichkeit gewirkt und die moderne +Gesellschaft in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der +Inanspruchnahme der menschlichen Aufmerksamkeit für dasjenige, was +Technik und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit +abgelenkt worden für andere Zweige, andere Gebiete des sozialen +Organismus. Diesen muß ebenso notwendig vom menschlichen Bewußtsein +aus die rechte Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale +Organismus gesund sein soll. + +Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer +_umfassenden_, _allseitigen_ Beobachtung über die soziale Frage +charakterisiert werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem +Vergleich ausgehen. Aber es wird zu beachten sein, daß mit diesem Vergleich +nichts anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann +unterstützen das menschliche Verständnis, um es gerade in diejenige +Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen +über die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen +Gesichtspunkt betrachten muß den kompliziertesten natürlichen Organismus, +den menschlichen Organismus, der muß seine Aufmerksamkeit darauf richten, +daß die ganze Wesenheit dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander +wirksame Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer gewissen +Selbständigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander wirksamen Systeme kann man +etwa in folgender Weise kennzeichnen. Im menschlichen natürlichen +Organismus wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich schließt +_Nervenleben und Sinnesleben_. Man könnte es auch nach dem wichtigsten +Gliede des Organismus, wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaßen +zentralisiert sind, den _Kopforganismus_ nennen. + +Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, wenn +man ein wirkliches Verständnis für sie erwerben will, das, was ich nennen +möchte das rhythmische System. Es besteht aus _Atmung_, _Blutzirkulation_, +aus all dem, was sich ausdrückt in _rhythmischen Vorgängen_ des +menschlichen Organismus. + +Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe und +Tätigkeiten zusammenhängt mit dem _eigentlichen Stoffwechsel_. + +In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder Art +unterhält, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang des +menschlichen Organismus[3]. + + [3] Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach räumlich + abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tätigkeiten + (Funktionen) des Organismus. »Kopforganismus« ist nur zu gebrauchen, + wenn man sich bewußt ist, daß im Kopfe in erster Linie das + Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natürlich im Kopfe auch + die rhythmische und die Stoffwechseltätigkeit vorhanden, wie in den + andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestätigkeit vorhanden ist. Trotzdem + sind die drei Arten der Tätigkeit _ihrer Wesenheit nach_ streng + voneinander geschieden. + +Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was +naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, diese +Dreigliederung des menschlichen natürlichen Organismus wenigstens zunächst +skizzenweise in meinem Buche »Von Seelenrätseln« zu charakterisieren. Ich +bin mir klar darüber, daß Biologie, Physiologie, die gesamte +Naturwissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernächsten Zeit zu +einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrängen werden, +welche durchschaut, wie diese drei Glieder -- Kopfsystem, +Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem -- dadurch den +Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, daß sie in einer +gewissen Selbständigkeit wirken, daß _nicht_ eine absolute Zentralisation +des menschlichen Organismus vorliegt, daß auch jedes dieser Systeme ein +besonderes, für sich bestehendes Verhältnis zur Außenwelt hat. Das +Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische System +durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem durch die Ernährungs- und +Bewegungsorgane. + +Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht ganz so +weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus +geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus für die Naturwissenschaft von +mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der +naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem +solchen Grade zu bringen, wie das wünschenswert für den +Erkenntnisfortschritt erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere +Denkgewohnheiten, unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht +vollständig angemessen dem, was z. B. im menschlichen Organismus sich als +die innere Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man könnte nun wohl sagen: +Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren +Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise +als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung und +namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da muß +nicht nur bei irgendwelchen Fachmännern, sondern da muß in jeder +Menschenseele -- denn jede Menschenseele nimmt teil an der Wirksamkeit für +den sozialen Organismus -- wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem +vorhanden sein, was diesem sozialen Organismus notwendig ist. Ein gesundes +Denken und Empfinden, ein gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die +Gestaltung des sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei +es auch mehr oder weniger bloß instinktiv, sich klar darüber ist, daß +dieser soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein +muß wie der natürliche Organismus. + +Es ist nun, seit _Schäffle_ sein Buch geschrieben hat über den Bau des +sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen der +Organisation eines Naturwesens -- sagen wir, der Organisation des +Menschen -- und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat +feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was +Zellengefüge sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch +erschienen von Merey, »Weltmutation«, in dem gewisse naturwissenschaftliche +Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach übertragen werden +auf -- wie man meint -- den menschlichen Gesellschaftsorganismus. Mit all +diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien hat dasjenige, was hier +gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer meint, auch in diesen +Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel zwischen dem natürlichen +Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird dadurch nur +beweisen, daß er nicht in den Geist des hier Gemeinten eingedrungen ist. +Denn nicht wird hier angestrebt: irgendeine für naturwissenschaftliche +Tatsachen passende Wahrheit herüber zu verpflanzen auf den sozialen +Organismus; sondern das völlig andere, daß das menschliche Denken, das +menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des +naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise +anwenden könne auf den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man +glaubt gelernt zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den +sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man +sich nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso +selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu +forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des natürlichen +Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der +Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen Organismus, dem sozialen +Organismus in seiner Selbständigkeit gegenüberstellt, um dessen eigene +Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der +Betrachtung jedes Analogiespiel auf. + +Man könnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der Glaube +zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der +Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus »aufgebaut« werden. Das aber +liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur möglich. Auf ganz +anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwärtige geschichtliche +Menschheitskrisis fordert, daß gewisse _Empfindungen_ entstehen _in jedem +einzelnen Menschen_, daß die Anregung zu diesen Empfindungen von dem +Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung +der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewußte Aufnahme in das +menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben +hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehört zu den +Entwicklungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben +eintreten wollen, daß die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen +Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung +gefordert wird. Daß man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des +sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist, +das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich +ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, _nicht_ +sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen. + +Man kann heute von »Sozialisierung« als von dem reden hören, was der Zeit +nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein +Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein +Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die +menschlichen Seelen einzieht wenigstens die _instinktive_ Erkenntnis von +der Notwendigkeit der _Dreigliederung des sozialen Organismus_. Dieser +soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder +gesetzmäßig ausbilden. + +Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner +Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles +übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen +Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses +ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich innerhalb des +sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das +Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu +tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion, +Warenzirkulation, Warenkonsum ist. + +Als _zweites Glied_ des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben des +öffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehört +dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche +Staatsleben bezeichnen könnte. Während es das Wirtschaftsleben mit all dem +zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus seiner eigenen +Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, kann es +dieses zweite Glied des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem, +was sich aus rein menschlichen Untergründen heraus auf das Verhältnis des +Menschen zum Menschen bezieht. Es ist wesentlich für die Erkenntnis der +Glieder des sozialen Organismus, daß man weiß, welcher Unterschied besteht +zwischen dem System des öffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann +aus menschlichen Untergründen heraus mit dem Verhältnis von Mensch zu +Mensch, und dem Wirtschafts-System, das es _nur_ zu tun hat mit +Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum. Man muß dieses im Leben +empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das +Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natürlichen +Organismus die Tätigkeit der Lunge zur Verarbeitung der äußeren Luft sich +abscheidet von den Vorgängen im Nerven-Sinnesleben. + +Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden andern +Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus das aufzufassen, was +sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer könnte man sagen, weil +vielleicht die Bezeichnung »geistige Kultur« oder alles das, was sich auf +das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: alles dasjenige, +was beruht auf der natürlichen Begabung des einzelnen menschlichen +Individuums, was hineinkommen muß in den sozialen Organismus auf Grundlage +dieser natürlichen, sowohl der geistigen wie der physischen Begabung des +einzelnen menschlichen Individuums. Das erste System, das +Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der +Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite +System hat es zu tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen +des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit +all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den +sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus. + +Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus +unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge +gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von +dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden +sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das _menschliche +Gemeinschaftsleben_ in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern +dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich +selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch +eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders +machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens +sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit +sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen +Organismus einzugliedern. Für sie ist es notwendig, daß der Mensch aus den +oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt, +jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne +derjenigen Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat +jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der +nächsten Zukunft. + +Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das +Wirtschaftsleben, das ruht zunächst auf der Naturgrundlage geradeso, wie +der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er für sich durch Lernen, +durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung seines +geistigen und körperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage drückt einfach +dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten sozialen Organismus sein +Gepräge auf. Aber diese Naturgrundlage ist da, ohne daß sie durch +irgendeine soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in +ursprünglicher Art getroffen werden kann. Sie muß dem Leben des sozialen +Organismus so zugrunde gelegt werden, wie bei der Erziehung des Menschen +zugrunde gelegt werden muß die Begabung, die er auf den verschiedenen +Gebieten hat, seine natürliche körperliche und geistige Tüchtigkeit. Von +jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben +eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, muß berücksichtigt werden die +Naturgrundlage. Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen +Arbeit und auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes +elementarisches Ursprüngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein +bestimmtes Stück Natur. Man muß über den Zusammenhang des sozialen +Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug auf Lernen beim +einzelnen Menschen denken muß über sein Verhältnis zu seiner Begabung. Man +kann gerade sich dieses klarmachen an extremen Fällen. Man braucht z. B. +nur zu bedenken, daß in gewissen Gebieten der Erde, wo die Banane ein +naheliegendes Nahrungsmittel für die Menschen abgibt, in Betracht kommt für +das menschliche Zusammenleben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden +muß, um die Banane von ihrer Ursprungsstätte aus an einen Bestimmungsort zu +bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man die +menschliche Arbeit, die aufgebracht werden muß, um die _Banane_ für die +menschliche Gesellschaft konsumfähig zu machen, mit der Arbeit, die +aufgebracht werden muß, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas, um den +Weizen konsumfähig zu machen, so ist die Arbeit, die für die Banane +notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere als beim +Weizen. + +Gewiß, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug auf +das notwendige Maß von Arbeit im Verhältnis zu der Naturgrundlage sind auch +da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organismus +Europas vertreten sind, -- nicht in dieser radikalen Verschiedenheit wie +bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede da. So ist es im +Wirtschaftsorganismus begründet, daß durch das Verhältnis des Menschen zur +Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Maß von Arbeitskraft bedingt ist, +das er in den Wirtschaftsprozeß hineintragen muß. Und man braucht ja nur +z. B. zu vergleichen: in _Deutschland_, in Gegenden mit mittlerer +Ertragsfähigkeit, ist ungefähr das Erträgnis der Weizenkultur so, daß das +_Sieben- bis Achtfache_ der Aussaat einkommt durch die Ernte; in _Chile_ +kommt das _Zwölffache_ herein, in _Nordmexiko_ kommt das _Siebzehnfache_ +ein, in _Peru_ das _Zwanzigfache_. (Vergleiche Jentsch, +Volkswirtschaftslehre, S. 64.) + +Dieses ganze zusammengehörige Wesen, welches verläuft in Vorgängen, die +beginnen mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur, die sich fortsetzen in +all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln und +sie bis zur Konsumfähigkeit zu bringen, alle diese Vorgänge und nur diese +umschließen für einen gesunden sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied. +Dieses steht im sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die +individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen Gesamtorganismus +drinnen steht. Aber wie dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem +abhängig ist, so ist das Wirtschaftssystem von der menschlichen +Arbeitsleistung abhängig. Wie nun aber der Kopf nicht selbständig die +Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem +nicht durch die im Wirtschaftsleben wirksamen Kräfte selbst geregelt +werden. + +In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen darinnen. +Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen Bedürfnissen. +Wie den Interessen am zweckmäßigsten entsprochen werden kann innerhalb +eines sozialen Organismus, so daß der einzelne Mensch durch diesen +Organismus in der bestmöglichen Art zur Befriedigung seines Interesses +kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich in die Wirtschaft +hineinstellen kann: diese Frage muß praktisch in den Einrichtungen des +Wirtschaftskörpers gelöst sein. Das kann nur dadurch sein, daß die +Interessen sich wirklich frei geltend machen können und daß auch der Wille +und die Möglichkeit entstehen, das Nötige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die +Entstehung der Interessen liegt außerhalb des Kreises, der das +Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des +seelischen und natürlichen Menschenwesens. Daß Einrichtungen bestehen, sie +zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen +können es mit nichts anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung +und dem Tausch von Waren, das heißt von Gütern, die ihren Wert durch das +menschliche Bedürfnis erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen, +der sie verbraucht. Dadurch, daß die Ware ihren Wert durch den Verbraucher +erhält, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als +anderes, das für den Menschen als Angehörigen dieses Organismus Wert hat. +Man sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis +Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehören. Man wird den +_wesenhaften_ Unterschied nicht _bloß_ betrachtend bemerken, welcher +besteht zwischen dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem der eine für +den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechtsverhältnis +beruhen muß. Man wird von der Betrachtung zu der praktischen Forderung +kommen, daß im sozialen Organismus das Rechtsleben völlig von dem +Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden muß. Aus den Tätigkeiten, +welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen zu entwickeln haben, die +der Warenerzeugung und dem Warenaustausch dienen, können sich unmittelbar +nicht die möglichst besten Impulse ergeben für die rechtlichen +Verhältnisse, die unter den Menschen bestehen müssen. Innerhalb der +Wirtschaftseinrichtungen wendet sich der Mensch an den Menschen, weil der +eine dem Interesse des andern dient; grundverschieden davon ist die +Beziehung, welche der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens +hat. + +Man könnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung wäre +schon Genüge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen, die dem +Wirtschaftsleben dienen, auch für die Rechte gesorgt werde, welche in den +Verhältnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Menschen +zueinander bestehen müssen. -- Ein solcher Glaube hat seine Wurzeln nicht +in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch kann nur dann das +Rechtsverhältnis richtig erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen +bestehen muß, wenn er dieses Verhältnis _nicht_ auf dem Wirtschaftsgebiet +erlebt, sondern auf einem davon völlig getrennten Boden. Es muß deshalb im +gesunden sozialen Organismus _neben_ dem Wirtschaftsleben und in +Selbständigkeit ein Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und +verwaltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist +aber dasjenige des eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen +die Menschen diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben +dienen müssen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein, +so werden die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen +Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er +die Fähigkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Maßnahmen +und Einrichtungen werden dem menschlichen Bedürfnisse nach Waren dienen +müssen; sie werden dadurch abgedrängt von den Impulsen, die auf das +Rechtsleben gerichtet sind. + +Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben dem +Wirtschaftskörper das selbständige politische Staatsleben. In dem +selbständigen Wirtschaftskörper werden die Menschen durch die Kräfte des +wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der Warenerzeugung +und dem Warenaustausch in der möglichst besten Weise dienen. In dem +politischen Staatskörper werden solche Einrichtungen entstehen, welche die +gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in solcher +Art orientieren, daß dem Rechtsbewußtsein des Menschen entsprochen wird. + +Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung nach +völliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet gestellt +wird, ist ein solcher, der im _wirklichen_ Menschenleben drinnen liegt. +Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben und +Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im wirtschaftlichen Leben +stehenden Menschen haben selbstverständlich das Rechtsbewußtsein; aber sie +werden _nur_ aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen +Interessen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes besorgen, wenn +sie darüber zu urteilen haben in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem +Wirtschaftsleben keinen Anteil hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen +eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper, die beide nach den +Grundsätzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechtsbewußtsein der +neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut sein auf den Impulsen im +Menschheitsbewußtsein, die man gegenwärtig die demokratischen nennt. Das +Wirtschaftsgebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine +Gesetzgebungs- und Verwaltungskörperschaften bilden. Der notwendige Verkehr +zwischen _den Leitungen_ des Rechts- und Wirtschaftskörpers wird erfolgen +annähernd wie gegenwärtig der zwischen den Regierungen souveräner +Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem einen Körper sich +entfaltet, auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung +ausüben können. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, daß das eine Gebiet +in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zufließen soll. + +Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der +Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes, +Vorhandensein von Bodenschätzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der +andern Seite von den Rechtsverhältnissen abhängig, welche der Staat +zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft. Damit +sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die Tätigkeit des Wirtschaftslebens +umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die außerhalb +des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende Mensch hinnehmen +muß als etwas Gegebenes, auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so +soll alles, was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhältnis begründet von +Mensch zu Mensch im gesunden sozialen Organismus durch den Rechtsstaat +seine Regelung erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem +Wirtschaftsleben selbständig Gegenüberstehendes sich entfaltet. + +In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen Werden +der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter und +durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem geworden ist, was +der sozialen Bewegung ihr Gepräge gibt, umfaßt das Wirtschaftsleben mehr, +als es im gesunden sozialen Organismus umfassen soll. Gegenwärtig bewegt +sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sich bloß _Waren_ bewegen +sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen sich auch Rechte. +Man kann gegenwärtig in dem Wirtschaftskörper, der auf der Arbeitsteilung +beruht, nicht allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben +wirtschaftlichen Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen Rechte. +(Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche Tätigkeit zu dem geworden +ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie durch den Menschen +gebracht wird, ihrem Verbrauch zugeführt wird. Mag diese Bezeichnung +manchem Volkswirtschaftslehrer auch anstößig oder nicht genügend +erscheinen, sie kann zur Verständigung über das, was dem Wirtschaftsleben +angehören soll, ihre guten Dienste tun.)[4] Wenn jemand durch Kauf ein +Grundstück erwirbt, so muß das als ein Tausch des Grundstückes gegen Waren, +für die das Kaufgeld als Repräsentant zu gelten hat, angesehen werden. Das +Grundstück selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht +in dem sozialen Organismus durch das _Recht_ darinnen, das der Mensch auf +seine Benützung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das +Verhältnis, in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In dem +letzteren Verhältnis liegt es wesenhaft begründet, daß es nicht übergreift +auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die dadurch +hergestellt wird, daß jemandem die alleinige Benützung eines Grundstückes +zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt +von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstück angestellt werden, oder die darauf +wohnen müssen, in Abhängigkeit von sich. Dadurch, daß man gegenseitig +wirkliche Waren tauscht, die man produziert oder konsumiert, stellt sich +eine Abhängigkeit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch und +Mensch wirkt. + + [4] Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht + wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie + heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der + Wirklichkeit eine lebensvolle Rolle spielt. »Ware« im obigen Sinne + gebraucht, weist auf etwas hin, was der Mensch erlebt; jeder andere + Begriff von »Ware« läßt etwas weg oder fügt etwas hinzu, so daß sich der + Begriff mit den Lebensvorgängen in ihrer wahren Wirklichkeit nicht + deckt. + +Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird +einleuchten, daß sie ihren Ausdruck finden muß in den Einrichtungen des +gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im Wirtschaftsleben +ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren unabhängig von +dem Rechtsverhältnisse zwischen Personen und Personengruppen. Sobald Waren +gegen Rechte eingetauscht werden, wird das Rechtsverhältnis selbst berührt. +Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige +Lebenselement des gegenwärtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen +Organismus; sondern es handelt sich darum, daß durch den Tausch des Rechtes +mit der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht +_innerhalb_ des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch +verhindert, daß im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen, +die _nur_ darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckmäßigsten +Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im Warenaustausch +lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden und konsumierenden +Personen regeln. _Diese_ Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar +nicht von anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen +Verhältnis von Person zu Person bestehen müssen. Wenn ich meinen +Mitmenschen durch den Verkauf einer Ware schädige oder fördere, das gehört +in das gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schädigung oder +Förderung durch eine Tätigkeit oder Unterlassung, die unmittelbar nicht in +einem Warenaustausch zum Ausdruck kommt. + +In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fließen die Wirkungen aus den +Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen Tätigkeit +zusammen. Im gesunden sozialen Organismus müssen sie aus zwei verschiedenen +Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation hat die aus der +Erziehung für einen Wirtschaftszweig und die aus der Erfahrung in demselben +gewonnene Vertrautheit mit ihm für die leitenden Persönlichkeiten die +nötigen Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird durch +Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem Rechtsbewußtsein als +Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen zueinander gefordert +wird. Die Wirtschaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs- oder +Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung gleichen Bedürfnissen sich +zu Genossenschaften zusammenschließen lassen, die im gegenseitigen +Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation +wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Verhältnis der +Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen werden eine bloß +wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. Die Rechtsgrundlage, auf der sie +arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation zu. Wenn solche +Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen Interessen in den +Vertretungs- und Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation zur Geltung +bringen können, dann werden sie nicht den Drang entwickeln, in die +gesetzgebende oder verwaltende Leitung des Rechtsstaates einzudringen +(z. B. als Bund der Landwirte, als Partei der Industriellen, als +wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um da anzustreben, was ihnen +innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht möglich ist. Und wenn +der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige mitwirtschaftet, dann wird +er nur Einrichtungen schaffen, die aus dem Rechtsbewußtsein der zu ihm +gehörenden Menschen stammen. Auch wenn in der Vertretung des +Rechtsstaates, wie es ja selbstverständlich ist, dieselben Personen sitzen, +die im Wirtschaftsleben tätig sind, so wird sich durch die Gliederung in +Wirtschafts- und in Rechtsleben nicht ein Einfluß des Wirtschafts- auf das +Rechtsleben ergeben können, der die Gesundheit des sozialen Organismus so +untergräbt, wie sie untergraben werden kann, wenn die Staatsorganisation +selbst Zweige des Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die +Vertreter des Wirtschaftslebens aus dessen Interessen heraus Gesetze +beschließen. + +Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem +Rechtsleben bot Österreich mit der Verfassung, die es sich in den sechziger +Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des +Reichsrates dieses Ländergebietes wurden aus den vier Zweigen des +Wirtschaftslebens heraus gewählt, aus der Gemeinschaft der +Großgrundbesitzer, der Handelskammern, der Städte, Märkte und +Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, daß für diese +Zusammensetzung der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie +gedacht wurde, als daß aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen +Verhältnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewiß ist, daß zu dem +gegenwärtigen Zerfall Österreichs die auseinandertreibenden Kräfte seiner +Nationalitäten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewiß kann es +gelten, daß eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre +Tätigkeit hätte entfalten können, aus dem Rechtsbewußtsein heraus eine +Gestaltung des sozialen Organismus würde entwickelt haben, in der ein +Zusammenleben der Völker möglich geworden wäre. + +Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewöhnlich +seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in +Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt, +den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Für ein +_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden. +Denn bei _jedem_ Wahlmodus müssen sich im Vertretungskörper die +wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stören. Und +was aus der Störung für das soziale Leben fließt, _muß_ zu Erschütterungen +des Gesellschaftsorganismus führen. Obenan als notwendige Zielsetzung des +öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende +Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man +sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden +Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für +die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig +zur Entscheidung drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als +solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in +Betracht. Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen +heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich +bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten +Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer +Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt. +Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu +wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an. +Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmähliche, +sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen Entwicklungskräfte der +Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen nach der Richtung einer +sozialen Neuordnung notwendig machen, das können jedem Unbefangenen +weithinleuchtende Tatsachen lehren. + +Wer für »praktisch durchführbar« nur dasjenige hält, an das er sich aus +engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier Angedeutete +für »unpraktisch« halten. Kann er sich nicht bekehren, und behält er auf +irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht zur Gesundung, +sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute +seiner Gesinnung an der Herbeiführung der gegenwärtigen Zustände gewirkt +haben. + +Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen haben und +die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in +das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten weichen: der +Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen +Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung +nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die äußerste +Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise. +Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens, +insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem +wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit geben und dem politischen +Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskörper so +zu wirken, daß der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen +Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet. + +Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen +Leben_ der Menschheit begründet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit +lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus durch seine +körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen +Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so +eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer +abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant +der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit +gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In +Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur +entstehen können, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft für die Entstehung +hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhält der Arbeiter einen Anteil, +der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das +Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des +gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über. +Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter +und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische +Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die +wirtschaftliche Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist. +Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit nicht +bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware +einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch +Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie, +und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des sozialen Organismus zu +arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen +eines menschenwürdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen, +wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von +den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht. + + [5] Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem + falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen + Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte, + sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit, + so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in + Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben. + +Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die +sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht. +Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern dadurch wächst, daß die +Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe schwieriger ist als für die andere, +so muß der Warenwert davon abhängig werden, welche Art und welches Maß von +Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden +dürfen[6]. + + [6] Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im + Wirtschaftsleben tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was »rechtens + ist« als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch + erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch + von der Wirtschaftsordnung abhängig ist. + +Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen +notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche +die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der +Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein heraus auf dem Boden des vom +Wirtschaftsleben unabhängigen politischen Staates geschaffen werden _soll_. + +Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen +Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach +dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet wird. +Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist +im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, daß +der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, daß er sein +Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann. Und auf dem +Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen Daseins beruhen in +Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen Organismus. + +Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite +her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen Art, wie +eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig +ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann, +veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und +das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung soll nicht aus dem Kreislauf +des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die +sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtslebens +entwickelt. + +In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein in der +Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus +einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fähigkeiten des +einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von den höchsten geistigen +Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfließt durch die bessere +oder weniger gute körperliche Eignung des Menschen für Leistungen, die dem +sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muß in den +gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige, +was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es +gibt keine andere Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken, +als sie von der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen, +die aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu +lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen +vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich beeinflußt, +so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum größten Teile +entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die +Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln müssen. Wird die +Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt, +oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfänglichkeit für sie +gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen +Organismus einfließen zu lassen. Für das Geistesleben, mit dem auch die +Entwicklung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch +unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde +Entwicklungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen +Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit +den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen. + +Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens +gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, weil der rechte +Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines großen Teiles dieses +Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im +Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie +hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von »Freiheit der Wissenschaft und des +Lehrens«. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, daß der politische +Staat die »freie Wissenschaft« und das »freie Lehren« verwaltet. Man +entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser Staat dadurch das +Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen abhängig macht. Man denkt, +der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann können +diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben »frei« +entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewöhnt, +nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem +innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese +Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern +Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch +solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit +dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des +Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhängt, in den letzten +Jahrhunderten das Gepräge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß, +was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom +Staate beeinflußt werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern +Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was +sich aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus +den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen +aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich +orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das +Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser +Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse des +Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen +wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe sah +der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles +Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen Organisation. + +Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung hört auf, +wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine über +das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in +sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche Empfindung ersteht, +wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich +innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche +Träger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und +Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebührende Gewicht +im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung +und alles, was damit zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen +Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt +alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des +Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von +den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von +ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert denken, welche Wirkung +ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben haben kann, und vieles andere +wird durch diese Bedürfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des +Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste +Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein +anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem Geistesleben heraus, das +auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem +Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der +leitenden Kreise übernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige +Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper +einzubeziehen. Sie könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte, +damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung +gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit +ihrer Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen +Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenüber +in dem hier angedeuteten Sinn »Privatsache« sein. Aber die Sozialdemokratie +geht bei der Überweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der +Meinung aus, daß einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des +sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer +wünschenswerteren, höheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einfluß +des Staates. Sie ist der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine +Mittel nur pflegen dürfe, was _ihm_ Lebensbedürfnis ist. Und ein solches +sei das religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem +öffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht +gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der +neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben +seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln. + +Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses +Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis +beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im +unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die +aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen +getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für +ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den _aus sich_ +wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit +zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das +Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich +»Lebenspraktiker« dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen: +die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den +Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und +wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt +ist. Möchten solche »Pessimisten« doch abwarten, was wird, wenn die Welt +nicht mehr unter ihrem Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem +gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße +verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig »Bildung« +anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst +gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht +rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch +zündende Kraft ausüben können. + +Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zufluß aus +dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden +geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung für das +Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem +Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten können. Entsprechend +vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet +machen können durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut +kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen +Erfahrung werden den Übergang finden in die Geistesorganisation und in +derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß. + +Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen +gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden. +Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines solchen +Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner +Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu der Einsicht +kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit +zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen +kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit _seiner_ Arbeit mit +den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller +menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. Er wird auf dem +Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil +sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier +Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gönnen, der dessen +Entstehung ermöglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die +Möglichkeit entstehen, daß dessen Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer +Leistungen auch leben. Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens +treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen +Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer +rechnen können, denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche +Entschädigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was +er braucht, wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder +des Wirtschaftslebens. + +In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben stammenden +technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie +unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen. +Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Kräfte, welche das +wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschädigung für +diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das +freie Verständnis derer zustande kommen, die auf diesen Zufluß angewiesen +sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete +des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat +selber für seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das +Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des +Rechtsbewußtseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden. + +Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden sozialen +Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der +Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskräfte +der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen +durch die Instinktkräfte eines großen Teiles der Menschheit sich führen +ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In +einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im +Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewußtes +Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses +Bewußtsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann +eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist. +Nach dieser Orientierung strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die +moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der +getrübte Abglanz dieses Strebens. + +Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben, +tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des +18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen +Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei +Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich +mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden +einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann +natürlich nicht anders, als Verständnis haben für alles, worauf diese Worte +deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des +19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist, +in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit, +Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, daß +sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen +Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden +z. B., wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich +verwirklicht, daß dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete +Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen +denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem +allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale +Sympathie haben! + +Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale +Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der +notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen +nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit +zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit +sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein; +und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die +Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt +eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird +man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man +imstande ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus +mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann +wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der Menschen im +_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, die aus den +Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des +_öffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen +Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung +der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer +Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der +Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei +Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen +sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen +sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann +durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit +verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann +aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in +fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können. + +Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die Forderung nach +Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit +erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später wiederholt haben, sie +konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte der neueren +Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den +Einheitsstaat überwunden. Für diesen bedeuten ihre Ideen etwas +Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den +unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung +des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu +einer höheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem +Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum +bewußten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden +sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart. + + + + +III. Kapitalismus und soziale Ideen + +(Kapital, Menschenarbeit) + + +Man kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise auf +sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert +wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von +einer Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus. Der Versuch, +eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung +zugrunde. Mit Maßnahmen, die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem +eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas +Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung +herausgewachsen sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen +Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden +sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis +zu den Grundlagen vordringen. + +Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin, +worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung sucht. Zu +einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das Kapital fördernd oder +hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur +kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fähigkeiten der +Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens +das Kapital erzeugen und verbrauchen. -- Spricht man von der +Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der +Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und +an dem der Arbeiter zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil +darüber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt +sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwürde +nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis ins Auge fassen +will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten +einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits hat. + +Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu _allernächst_ zu tun ist, um den in +der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird +auch das _Allernächste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen können, wenn +man nicht _weiß_, welches Verhältnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen +des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und weiß man dieses, dann wird +man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen +vermag, die Aufgaben finden können, die sich aus den Tatsachen heraus +ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt +sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit +aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat +sich in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich +Ansichten gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu +verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch +der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, daß man +nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch +Zurückgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde +liegen. + +Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, welche in +diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus +zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht +lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der +Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die Urgedanken fort, auch +wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende +Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die +einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenüber chaotisch sich äußern, sind +es, die offenbar oder verhüllt in den revolutionären Erschütterungen des +sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschütterungen werden nur dann +nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß +in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine +Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich +bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung +entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke gewonnen hat. + +In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen +von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen groß geworden. Und das +Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht +als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da über das, was sich im +sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es +des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden +und nicht zu verkennen, wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken +als »unpraktische« Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen. +In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung lebt die +Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen +Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber ist, der +einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man aus dem Urgedanken +heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewußt_ gelenkt +werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit genügen +kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat. + +Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten, +ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die +proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der +Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche +Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er +herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in dem +Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei +Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage der +individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen +beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein +Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf +des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die Unternehmertätigkeit kann +in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in +dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der +Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das +kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist, +das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch +zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch +freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man +sieht: die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in +dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben +Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der +politische Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit +gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend +sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er muß das in +Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung +vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung +ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was er zu vollbringen hat, +kommt Verständnis oder Nichtverständnis für individuelle Fähigkeiten nicht +in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen +Einfluß haben auf die Betätigung der individuellen menschlichen +Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen +Vorteil bestimmend sein können für die durch Kapital ermöglichte Auswirkung +der individuellen Fähigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler +des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz +des Vorteils die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden +können. Und sie berufen sich als »Praktiker« auf die »unvollkommene« +Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen +Gesellschaftsordnung, welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, hat +die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung +erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache +der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände drängen +nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung der +individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden +Geistesleben erfließenden _sozialen Verständnis_ liegen müssen. Die +Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus +den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm +innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen +Fähigkeiten drängen. + +Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, die +Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete des sozialen +Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte +Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf +dem Wahnglauben, daß »der Geist« Wunder wirken werde, wenn diejenigen +möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht +hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf +geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhält durch seine eigene +Wesenheit ein soziales Gepräge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln +kann. + +Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge +nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die +geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser +Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit +abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist, +konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit +herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende +Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an +dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für »volkstümliche +Belehrung«, das »Heranziehen« des »Volkes« zum Kunstgenuß und Ähnliches +sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so +lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, den es in der neueren Zeit +angenommen hat. Denn das »Volk« steht mit dem innersten Anteil seines +Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm +nur ermöglicht, gewissermaßen von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb +desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im +engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen +des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche +Leben einfließen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische +Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt +werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der +erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll +mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die +Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung +der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden +müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer +veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen +Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein +gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür +erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen +Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst +fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden +Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren +veranlaßt. + +Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen +vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das +Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird +durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn +die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem +Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des +Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur +dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der +Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz +machen. + +Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der +Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben +berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese +Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der +wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht +und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine +Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es +wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten +können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom +politischen Staate verwaltet werden. + +Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche +Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung +aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben und +anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach dem +Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien Einsicht +des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung +dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung -- nach den Vorbereitungen, +die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen +muß, um sie zu ermöglichen usw. -- ansehen will. Er wird seine Ansprüche +nur dann befriedigt finden können, wenn ihm Verständnis für seine +Leistungen entgegengebracht wird. + +Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten +liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies +Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses +Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld) +für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede +der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen. + +Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet +wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen +menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung +dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls +erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen +Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates +oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche +Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem +beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden +Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen +Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf +Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände +hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein +muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben +oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu +durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf +dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit +hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem +Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen +Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem +Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen +schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt, +sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie +abgewendet sehen möchte. + +Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher +dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß +verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm +entgegengearbeitet werden muß. Man muß _mehr_ sehen. Man muß gewahr werden, +daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital +wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur +kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskräfte der +Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht +in Illusionen treiben läßt durch die Vorstellungsart, welche in der +Verwaltung der Kapitalbetätigung durch das befreite Geistesleben das +Ergebnis eines »unpraktischen Idealismus« sieht. + +In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale +Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen +unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knüpft an +dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. Man sieht, wie +in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, und dieser zur +gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt hat. An die Stelle dieser +Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die für den +Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverständlich die +Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt +man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige große Genossenschaft. +In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der +Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein könne, weil sie sich selbst +ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man +nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft +verwandeln will. + +Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft sich +Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je größer die +Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen +menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet +wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, kann die +Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen +Organismus führen. + +Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in +den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt +davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem +Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die +etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der +Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des +geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, daß in dieser +Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehörige der bisher +leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern übereinstimmen. Man +wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen für eine Gesundung des +sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten müssen in gewisse +Gedankenströmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen +Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen +Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden. + +Diese Gedankenströmungen streben -- mehr oder weniger unbewußt -- hinweg +von dem, was dem inneren Erleben die rechte Stoßkraft gibt. Sie erstreben +eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein nach +wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewissermaßen wie +eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der Lage, die +Brücke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was den Menschen in die +Alltäglichkeit einspannt. Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart +es gewissermaßen »innerlich vornehm« finden, in einer gewissen, sei es auch +schulmäßigen Abstraktheit nachzudenken über allerlei ethisch-religiöse +Probleme in Wolkenkuckucksheimhöhen; man kann sehen, wie die Menschen +nachdenken über die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen +könne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er +begnadet werden kann mit einem »inneren Lebensinhalt«. Man sieht dann aber +auch das Unvermögen, einen Übergang zu ermöglichen von dem, was die Leute +gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich nennen, zu +dem, was in der äußern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als +Kapitalwirkung, als Arbeitsentlöhnung, als Konsum, als Produktion, als +Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und Börsenwesen. Man kann +sehen, wie zwei Weltenströmungen nebeneinandergestellt werden auch in den +Denkgewohnheiten der Menschen. Die _eine_ Weltenströmung ist die, welche +sich gewissermaßen in göttlich-geistiger Höhe halten will, die keine Brücke +bauen will zwischen dem, was ein geistiger Impuls ist, und was eine +Tatsache des gewöhnlichen Handelns im Leben ist. Die _andere_ lebt +gedankenlos im Alltäglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es kann +nur gedeihen, wenn die es treibenden Kräfte von allem ethisch-religiösen +Leben herunterwirken in das alleralltäglichste profanste Leben, in +dasjenige Leben, das manchem eben weniger vornehm erscheint. Denn, versäumt +man, die Brücke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so verfällt +man in bezug auf religiöses, sittliches Leben _und auf soziales Denken_ in +bloße Schwarmgeisterei, die fernsteht der alltäglichen wahren Wirklichkeit. +Es rächt sich dann gewissermaßen diese alltäglich-wahre Wirklichkeit. Dann +strebt der Mensch aus einem gewissen »geistigen« Impuls heraus alles +mögliche Ideale an, alles mögliche, was er »gut« nennt; aber denjenigen +Instinkten, die diesen »Idealen« gegenüberstehen als Grundlage der +gewöhnlichen täglichen Lebensbedürfnisse, deren Befriedigung aus der +Volkswirtschaft heraus kommen muß, diesen Instinkten gibt sich der Mensch +ohne »Geist« hin. Er weiß keinen wirklichkeitsgemäßen Weg von dem Begriff +der Geistigkeit zu dem, was im alltäglichen Leben vor sich geht. Dadurch +nimmt dieses alltägliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu tun haben +soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren, seelisch-geistigen +Höhen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache der Alltäglichkeit +eine solche, daß das ethisch-religiöse Leben zu einer innerlichen +Lebenslüge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne hält von der +alltäglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daß man es merkt. + +Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen +ethisch-religiösen Vornehmheit heraus den besten _Willen_ zeigen zu einem +rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das +Allerallerbeste tun möchten. Sie versäumen es aber, zu einer Empfindungsart +zu kommen, die dies wirklich ermöglicht, weil sie sich kein soziales, in +den _praktischen_ Lebensgewohnheiten sich auswirkendes Vorstellen aneignen +können. + +Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem +welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so drängend geworden +sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber für echte Lebenspraktiker +halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann von ihnen +Reden hören wie diese: Wir haben nötig, daß die Menschen sich erheben aus +dem Materialismus, aus dem äußerlich materiellen Leben, das uns in die +Weltkriegs-Katastrophe und in das Unglück hineingetrieben hat, und daß sie +sich einer geistigen Auffassung des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so +die Wege des Menschen zur Geistigkeit zeigen will, nicht müde, diejenigen +Persönlichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem +Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, daß jemand, +der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist für das +wirkliche praktische Leben so notwendig leisten muß, wie das tägliche Brot +erzeugt werden muß, darauf aufmerksam gemacht wird, daß es ja in erster +Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu +bringen. Es kommt aber gegenwärtig darauf an, daß aus der Kraft des +geistigen Lebens heraus die Richtlinien für die Gesundung des sozialen +Organismus gefunden werden. Dazu genügt nicht, daß die Menschen in einer +Seitenströmung des Lebens sich mit dem Geiste beschäftigen. Dazu ist +notwendig, daß das alltägliche Dasein geistgemäß werde. Die Neigung, für +das »geistige Leben« solche Seitenströmungen zu suchen, führte die bisher +leitenden Kreise dazu, an sozialen Zuständen Geschmack zu haben, die in die +gegenwärtigen Tatsachen ausgelaufen sind. + +Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung des +Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel, also +auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verhältnisse des Menschen zum +Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung innerhalb des sozialen +Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen Fähigkeiten führt, +zweckmäßig angewendet, dem sozialen Organismus Güter zu, an deren +Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus angehören, ein Interesse +haben. In welcher Lebenslage ein Mensch auch ist, er hat ein Interesse +daran, daß nichts von dem verloren gehe, was aus den Quellen der +Menschennatur an solchen individuellen Fähigkeiten erfließt, durch die +Güter zustande kommen, welche dem Menschenleben zweckentsprechend dienen. +Die Entwicklung dieser Fähigkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, daß ihre +menschlichen Träger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur +Wirkung bringen können. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erfließen +kann, das wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade +entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche Fähigkeiten für weite +Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten +Kapitalbesitz so zu verwalten, daß der einzelne in besonderer Richtung +begabte Mensch oder daß zu Besonderem befähigte Menschengruppen zu einer +solchen Verfügung über Kapital kommen, die lediglich aus ihrer ureigenen +Initiative entspringt, daran muß jedermann innerhalb eines sozialen +Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum +handwerklich Schaffenden muß ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos dem +eigenen Interesse dienen will, sagen: ich möchte, daß eine genügend große +Anzahl befähigter Personen oder Personengruppen völlig frei über Kapital +nicht nur verfügen können, sondern daß sie auch aus der eigenen Initiative +heraus zu dem Kapitale gelangen können; denn nur sie allein können ein +Urteil darüber haben, wie durch die Vermittlung des Kapitales ihre +individuellen Fähigkeiten dem sozialen Organismus zweckmäßig Güter erzeugen +werden. + +Es ist nicht nötig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im Laufe der +Menschheitsentwicklung zusammenhängend mit der Betätigung der menschlichen +individuellen Fähigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz aus +andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart hat sich unter dem +Einfluß der Arbeitsteilung innerhalb dieses Organismus ein solcher Besitz +entwickelt. Und von den gegenwärtigen Zuständen und deren notwendiger +Weiterentwicklung soll hier gesprochen werden. + +Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und +Eroberungsbetätigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle +menschliche Fähigkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht +gegenwärtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, daß sein Bedrückendes +nur beseitigt werden könne durch seine Verwandlung in Gemeinbesitz. Dabei +stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz an Produktionsmitteln in +seinem Entstehen verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedrückung +der besitzlosen Bevölkerung aufhöre? Wer die Frage so stellt, der richtet +dabei sein Augenmerk nicht auf die Tatsache, daß der soziale Organismus ein +fortwährend _Werdendes_, _Wachsendes_ ist. Man kann diesem Wachsenden +gegenüber nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es +durch diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den +richtigen erkannt hat? So kann man gegenüber einer Sache denken, die von +einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverändert weiter wirkt. Das +gilt nicht für den sozialen Organismus. Der verändert durch sein Leben +fortwährend dasjenige, das in ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich +beste Form geben, in der er dann bleiben soll, so untergräbt man seine +Lebensbedingungen. + +Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, daß demjenigen, welcher +der Allgemeinheit durch seine individuellen Fähigkeiten dienen kann, die +Möglichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus +nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verfügung über +Produktionsmittel gehört, da würde die Verhinderung dieser freien +Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gewöhnlich mit +Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, daß der Unternehmer zum Anreiz +seiner Tätigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht, der an den Besitz +der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier nicht geltend gemacht +werden. Denn die Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte +Meinung von einer Fortentwicklung der sozialen Verhältnisse erfließt, muß +in der Befreiung des geistigen Lebens von dem politischen und dem +wirtschaftlichen Gemeinwesen die Möglichkeit sehen, daß ein solcher Anreiz +wegfallen kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Verständnis ganz +notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden +Anreize ganz anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der +Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich +allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an +Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie +Verfügung über solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den +Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei muß immer +im Auge behalten werden, daß man für den gegenwärtigen sozialen Organismus +nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven +Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein diejenigen, +welche der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit entsprechen. + +Auf dieser gegenwärtigen Stufe _kann_ eben die fruchtbare Betätigung der +individuellen Fähigkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verfügung +über dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo +fruchtbringend produziert werden soll, da muß diese Verfügung möglich sein, +_nicht_ weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe Vorteil bringt, +sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann, wenn sie +zweckmäßig von sozialem Verständnis getragen ist. + +Der Mensch ist gewissermaßen, wie mit der Geschicklichkeit seiner eigenen +Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft mit +andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verfügung über die +Produktionsmittel kommt gleich einer Lähmung der freien Anwendung seiner +Geschicklichkeit der Leibesglieder. + +Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler dieser +freien Verfügung. Für den sozialen Organismus kommt in Ansehung des +Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als daß der Eigentümer das +_Recht_ hat, über das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu +verfügen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander +verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind für den sozialen +Organismus: _Die freie Verfügung_ über die Kapitalgrundlage der sozialen +Produktion, und _das Rechtsverhältnis_, in das der Verfüger zu andern +Menschen tritt dadurch, daß durch sein Verfügungsrecht diese anderen +Menschen ausgeschlossen werden von der freien Betätigung durch diese +Kapitalgrundlage. + +Nicht die _ursprüngliche_ freie Verfügung führt zu sozialen Schäden, +sondern lediglich das _Fortbestehen_ des Rechtes auf diese Verfügung, wenn +die Bedingungen aufgehört haben, welche in zweckmäßiger Art individuelle +menschliche Fähigkeiten mit dieser Verfügung zusammenbinden. Wer seinen +Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Werdendes, Wachsendes +richtet, der wird das hier Angedeutete nicht mißverstehen können. Er wird +nach der Möglichkeit fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen +Seite dient, so verwaltet werden kann, daß es nicht auf der anderen Seite +schädlich wirkt. Was _lebt_, kann gar nicht in einer andern Weise +fruchtbringend eingerichtet sein als dadurch, daß im Werden das Entstandene +auch zum Nachteil führt. Und soll man an einem Werdenden selbst +mitarbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus muß, so kann die +Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung +zu verhindern, um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergräbt man die +Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein darum +handeln, daß im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn sich das +Zweckmäßige in ein Schädliches verwandelt. + +Die Möglichkeit, frei über die Kapitalgrundlage aus den individuellen +Fähigkeiten heraus zu verfügen, muß bestehen; das damit verbundene +Eigentumsrecht muß in dem Augenblicke verändert werden können, in dem es +umschlägt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In unserer +Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier angedeuteten sozialen +Forderung Rechnung trägt, teilweise durchgeführt nur für das sogenannte +geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des Schaffenden in +freies Besitztum der Allgemeinheit über. Dem liegt eine dem Wesen des +menschlichen Zusammenlebens entsprechende Vorstellungsart zugrunde. So eng +auch die Hervorbringung eines rein geistigen Gutes an die individuelle +Begabung des einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein +Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und muß in dieses im rechten +Augenblicke übergeleitet werden. Nicht anders aber steht es mit anderem +Eigentum. Daß mit dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit +produziert, das ist nur möglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann +also das Recht auf die Verfügung über ein Eigentum nicht von den Interessen +dieser Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu +finden, wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann, +sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, daß es +in der besten Weise der Gesamtheit diene. + +In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden +werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen wirken als +Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Betätigung der individuellen +Fähigkeiten gehört der geistigen Organisation an. + +Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die für _Wirklichkeiten_ +Verständnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen, Theorien, +Wünschen usw. sich ganz beherrschen läßt, die Notwendigkeit der +Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die Frage nach dem +Verhältnis der individuellen menschlichen Fähigkeiten zur Kapitalgrundlage +des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der +Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten Eigentums +an Kapital nicht zu verhindern haben, solange die individuellen Fähigkeiten +so verbunden bleiben mit der Kapitalgrundlage, daß die Verwaltung einen +Dienst bedeutet für das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird +Rechtsstaat bleiben gegenüber dem privaten Eigentum; er wird es niemals +selbst in seinen Besitz nehmen, sondern bewirken, daß es im rechten +Zeitpunkt in das Verfügungsrecht einer Person oder Personengruppe übergeht, +die wieder ein in den individuellen Verhältnissen bedingtes Verhältnis zu +dem Besitze entwickeln können. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten +wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden können. Aus dem +demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu tun hat mit +dem, was _alle Menschen_ in gleicher Art berührt, wird gewacht werden +können, daß Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht +wird. Dadurch daß dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet, sondern +sorgt für die Überleitung an die individuellen menschlichen Fähigkeiten, +werden diese ihre fruchtbare Kraft für die Gesamtheit des sozialen +Organismus entfalten. Solange es als zweckmäßig erscheint, werden durch +eine solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Verfügung über +dieselben bei dem persönlichen Elemente verbleiben können. Man kann sich +vorstellen, daß die Vertreter im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz +verschiedene Gesetze geben werden über die Überleitung des Eigentums von +einer Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich +in weiten Kreisen ein großes Mißtrauen zu allem privaten Eigentum +entwickelt hat, wird an ein radikales Überführen des privaten Eigentums in +Gemeineigentum gedacht. Würde man auf diesem Wege weit gelangen, so würde +man sehen, wie man dadurch die Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus +unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt, würde man einen andern Weg später +einschlagen. Doch wäre es zweifellos besser, wenn man schon in der +Gegenwart zu Einrichtungen griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des +hier Angedeuteten seine Gesundheit gäben. Solange eine Person für sich +allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende +Betätigung fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht +hat, wird ihr das Verfügungsrecht verbleiben müssen über diejenige +Kapitalmasse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt, +wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet wird. +Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Persönlichkeit aufhört, die +Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine andere Person oder +Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder anderen dem sozialen +Organismus dienenden Produktion übergehen. Auch dasjenige Kapital, das aus +dem Produktionsbetrieb gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung +verwendet wird, soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als +persönliches Eigentum der den Betrieb leitenden Persönlichkeit soll nur +gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Ansprüche, die sie bei +Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen +Fähigkeit machen zu können, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß +sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei Geltendmachung derselben +Kapital erhalten hat. Hat das Kapital durch die Betätigung dieser +Persönlichkeit eine Vergrößerung erfahren, so wird in deren individuelles +Eigentum aus dieser Vergrößerung so viel übergehen, daß die Vermehrung der +ursprünglichen Bezüge der Kapitalvermehrung im Sinne eines Zinsbezuges +entspricht. -- Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet +worden ist, wird nach dem Willen der ursprünglichen Besitzer an den neuen +Verwalter mit allen übernommenen Verpflichtungen übergehen, oder an diese +zurückfließen, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen +kann oder will. + +Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechtsübertragungen zu tun. +Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche Übertragungen +stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch über die +Ausführung zu wachen und deren Verwaltung zu führen haben. Man kann sich +denken, daß im einzelnen die Bestimmungen, die eine solche +Rechtsübertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem +Rechtsbewußtsein heraus für richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart, +die wie die hier dargestellte _wirklichkeitsgemäß_ sein soll, wird niemals +mehr wollen als auf die _Richtung_ weisen, in der sich die Regelung bewegen +kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im +konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus +den besondern Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis dem Geiste der +Sache gemäß das Richtige gefunden werden müssen. Je wirklichkeitsgemäßer +eine Denkart ist, desto weniger wird sie für Einzelnes aus vorgefaßten +Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen. -- Nur wird +andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine +oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist, +daß der Rechtsstaat durch seine Verwaltung der Rechtsübertragungen selbst +niemals die Verfügung über ein Kapital wird an sich reißen dürfen. Er wird +nur dafür zu sorgen haben, daß die Übertragung an eine solche Person oder +Personengruppe geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen +Fähigkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung +heraus wird auch zunächst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten haben, +daß, wer aus den geschilderten Gründen zu einer Kapitalübertragung zu +schreiten hat, sich aus freier Wahl über seine Nachfolge in der +Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe +wählen können, oder auch das Verfügungsrecht auf eine Korporation der +geistigen Organisation übertragen können. Denn wer durch eine +Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende Dienste +geleistet hat, der wird auch über die weitere Verwendung dieses Kapitals +aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus mit sozialem Verständnis +urteilen. Und es wird für den sozialen Organismus dienlicher sein, wenn auf +dieses Urteil gebaut wird, als wenn darauf verzichtet und die Regelung von +Personen vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden +sind. + +Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen von +einer bestimmten Höhe an, die von einer Person oder einer Personengruppe +durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und Boden gehört) erworben +werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprünglich für die Betätigung +der individuellen Fähigkeiten gemachten Ansprüche persönliches Eigentum +werden. + +Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse, die +aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben bis zum Tode +des Erwerbers oder bis zu einem spätern Zeitpunkte im persönlichen Besitz +dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem Zeitpunkte wird auch +ein aus dem Rechtsbewußtsein sich ergebender, durch den Rechtsstaat +festzusetzender Zins von dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum +Schaffen von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen Ordnung, +die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene +Scheidung durchgeführt werden zwischen den Erträgnissen, die auf Grund +einer Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den +Vermögensmassen, die auf Grund der persönlichen (physischen und geistigen) +Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewußtsein und +den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart, und als +Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfügung stellt, das dient den +allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung durch +individuelle menschliche Fähigkeiten möglich. Was an Kapitalvermehrung +durch die Produktionsmittel -- nach Abzug des rechtmäßigen Zinses -- +entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen +Organismus. Es soll also auch in der geschilderten Art wieder in ihn +zurückfließen. Der Rechtsstaat wird nur eine Bestimmung darüber zu treffen +haben, _daß_ die Überleitung der in Frage kommenden Kapitalmassen in der +angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen +darüber zu treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein +übergeleitetes oder auch ein erspartes Kapital zur Verfügung zu stellen +ist. Das würde zu einer Tyrannis des Staates über die geistige und +materielle Produktion führen. Diese aber wird in der für den sozialen +Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten +geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl darüber treffen +will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital übertragen soll, frei +überlassen sein, für das Verfügungsrecht eine Korporation der geistigen +Organisation einzusetzen. + +Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Vermögen geht mit dem Zinserträgnis +nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach an eine geistig oder +materiell produzierende Person oder Personengruppe -- aber _nur_ an eine +solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur Rente würde -- +über, die durch letztwillige Anordnung von dem Erwerber zu wählen ist. Auch +dafür wird, wenn eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewählt +werden kann, die Übertragung des Verfügungsrechtes an eine Korporation des +geistigen Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine +Verfügung trifft, so wird der Rechtsstaat für ihn eintreten und durch die +geistige Organisation die Verfügung treffen lassen. + +Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der freien +Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der sozialen +Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll +entsprochen, daß die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst gestellt wird. +Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen anzuvertrauen hat, wird +bei einer solchen Regelung wissen können, daß das mit dem Leiter gemeinsam +Erarbeitete in der möglichst besten Art für den sozialen Organismus, also +auch für den Arbeiter selbst, fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale +Ordnung wird ein dem gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes +Verhältnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewußtsein geregelten +Verfügungsrechten über in Produktionsmitteln verkörpertes Kapital und +menschlicher Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides +geschaffenen Erzeugnisse andrerseits. -- Vielleicht findet mancher in dem +hier Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mögen gefunden werden. Es kommt +einer wirklichkeitsgemäßen Denkart nicht darauf an, vollkommene »Programme« +ein für alle Male zu geben, sondern darauf, die _Richtung_ zu kennzeichnen, +in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche besondere Angaben, +wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie durch ein Beispiel +die gekennzeichnete Richtung näher erläutert werden. Ein solches Beispiel +mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen Richtung geschieht, +dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden. + +Berechtigte persönliche oder Familienimpulse werden sich durch solche +Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit in +Einklang bringen lassen. Man wird gewiß darauf hinweisen können, daß die +Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nachkommen noch bei +Lebzeiten zu übertragen, sehr groß ist. Und daß man ja in solchen +Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen kann, die aber dann doch +gegenüber anderen untüchtig sind und besser durch diese anderen ersetzt +würden. Doch diese Versuchung wird in einer von den oben angedeuteten +Einrichtungen beherrschten Organisation eine möglichst geringe sein können. +Denn der Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, daß unter allen Umständen +das Eigentum, das an ein Familienmitglied von einem andern übertragen +worden ist, nach Ablauf einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden +Zeit einer Korporation der geistigen Organisation zufällt. Oder es kann in +andrer Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden. Der +Rechtsstaat wird nur dafür sorgen, _daß_ diese Überführung geschehe; wer +ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus der +geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt sein. Durch +Erfüllung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verständnis dafür +entwickeln, daß Nachkommen durch Erziehung und Unterricht für den sozialen +Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch Kapitalübertragung an +unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem +wirklich soziales Verständnis lebt, hat kein Interesse daran, daß seine +Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke bei Personen oder +Personengruppen, bei denen die individuellen Fähigkeiten eine solche +Verbindung nicht rechtfertigen. + +Niemand wird, was hier ausgeführt ist, für eine bloße Utopie halten, der +Sinn für wirklich praktisch Durchführbares hat. Denn es wird gerade auf +solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des +Lebens aus den gegenwärtigen Zuständen heraus erwachsen können. Man wird +nur zu dem Entschluß greifen müssen, innerhalb des Rechtsstaates auf die +Verwaltung des geistigen Lebens und auf das Wirtschaften allmählich zu +verzichten und sich nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich +geschieht, daß private Bildungsanstalten entstehen und daß sich das +Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergründe stellt. Man braucht die +Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen nicht von heute +zu morgen abzuschaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfängen +heraus die Möglichkeit erwachsen sehen, daß ein allmählicher Abbau des +staatlichen Bildungs- und Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber würde +notwendig sein, daß diejenigen Persönlichkeiten, welche sich mit der +Überzeugung durchdringen können von der Richtigkeit der hier dargestellten +oder ähnlicher sozialer Ideen, für deren Verbreitung sorgen. Finden solche +Ideen Verständnis, so wird dadurch _Vertrauen_ geschaffen zu einer +möglichen heilsamen Umwandlung der gegenwärtigen Zustände in solche, welche +deren Schäden nicht zeigen. _Dieses_ Vertrauen aber ist das einzige, aus +dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen können. Denn wer ein +solches Vertrauen gewinnen soll, der muß überschauen können, wie +Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende anknüpfen lassen. Und es +scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt +werden, daß sie nicht eine bessere Zukunft herbeiführen wollen durch eine +noch weitergehende Zerstörung des Gegenwärtigen, als sie schon eingetreten +ist; sondern daß die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden +weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden herbeiführt. Eine +Aufklärung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird +nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden muß: eine Weiterentwicklung, +bei welcher der Wert der bisher von den Menschen erarbeiteten Güter und der +erworbenen Fähigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird. +Auch der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen +Neugestaltung unter Wahrung der überkommenen Werte gewinnen, wenn er vor +Ideen sich gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten +können. Auch er wird einsehen müssen, daß, welche Menschenklasse auch immer +zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden Übel nicht beseitigen wird, +wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen +Organismus gesund, lebensfähig machen. Verzweifeln, weil man nicht glauben +kann, daß bei einer genügend großen Anzahl von Menschen auch in den Wirren +der Gegenwart Verständnis sich finde für solche Ideen, wenn auf ihre +Verbreitung die notwendige Energie gewandt werden kann, hieße an der +Empfänglichkeit der Menschennatur für Impulse des Gesunden und +Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte _diese_ Frage, ob man daran +verzweifeln müsse, gar nicht gestellt werden, sondern _nur die_ andere: was +man tun solle, um die Aufklärung über vertrauenerweckende Ideen so +kraftvoll als möglich zu machen. + +Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zunächst +entgegenstehen, daß die Denkgewohnheiten des gegenwärtigen Zeitalters aus +zwei Untergründen heraus mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder +wird man in irgend einer Form einwenden, man könne sich nicht vorstellen, +daß ein Auseinanderreißen des einheitlichen sozialen Lebens möglich sei, da +doch die drei gekennzeichneten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit +überall zusammenhängen; oder man wird finden, daß auch im Einheitsstaate +die notwendige selbständige Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht +werden könne, und daß eigentlich mit dem hier Dargestellten ein +Ideengespinst gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht berühre. Der erste +Einwand beruht darauf, daß von einem _unwirklichen_ Denken ausgegangen +wird. Daß geglaubt wird, die Menschen könnten in einer Gemeinschaft nur +eine Einheit des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst +in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird von der +Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit muß als das _Ergebnis_ entstehen; +die von verschiedenen Richtungen her zusammenströmenden Betätigungen müssen +_zuletzt_ eine Einheit bewirken. _Dieser_ wirklichkeitsgemäßen Idee lief +die Entwicklung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte sich, was in den +Menschen lebte, gegen die von außen in das Leben gebrachte »Ordnung« und +führte zu der gegenwärtigen sozialen Lage. -- Das zweite Vorurteil geht +hervor aus dem Unvermögen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei +Glieder des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der +Mensch zu jedem der drei Glieder ein _besonderes_ Verhältnis hat, das in +seiner Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein für +sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von den +beiden andern, dieses Verhältnis ausgestalten kann, um mit ihnen +zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische, +meinte: entweder die Menschen machen Regierungsmaßregeln über das +wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung dieses Lebens +widerstreben; dann seien solche Maßregeln schädlich. Oder die _Gesetze_ +laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben von selbst +läuft, wenn es sich frei überlassen bleibt; dann seien sie überflüssig. Als +Schulmeinung ist diese Anschauung überwunden; als Denkgewohnheit spukt sie +aber überall noch verheerend in den Menschenköpfen. Man meint, wenn ein +Lebensgebiet seinen Gesetzen folgt, dann müsse aus diesem Gebiete _alles_ +für das Leben Notwendige sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das +Wirtschaftsleben in einer solchen Art geregelt werde, daß die Menschen die +Regelung als eine sie befriedigende empfinden, dann müsse auch das Rechts- +und Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben. +Doch dieses ist nicht möglich. Und nur ein Denken, das der Wirklichkeit +fremd gegenübersteht, kann glauben, daß es möglich sei. Im Kreislauf des +Wirtschaftslebens ist _nichts_ vorhanden, das von sich aus einen Antrieb +enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem Rechtsbewußtsein über das +Verhältnis von Mensch zu Mensch erfließt. Und will man _dieses_ Verhältnis +aus den wirtschaftlichen Antrieben herausordnen, so wird man den Menschen +mit seiner Arbeit und mit der Verfügung über die Arbeitsmittel in das +Wirtschaftsleben einspannen. Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das +wie ein Mechanismus wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz, +fortwährend in einer Richtung sich zu bewegen, in die von einer andern +Seite her eingegriffen werden muß. Nicht, _wenn_ die Rechtsmaßnahmen in der +Richtung verlaufen, die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut, +oder wenn sie ihr zuwiderlaufen, sind sie schädlich; sondern, wenn die +Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben läuft, fortwährend beeinflußt +wird von den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird +dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenwürdiges Dasein führen können. +Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben die +individuellen Fähigkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen und dem +Wirtschaften die Kräfte immer wieder neu zuführen, die aus ihm selbst sich +nicht erzeugen _können_, wird auch das Wirtschaften in einer den Menschen +gedeihlichen Art sich entwickeln können. + +Es ist merkwürdig: auf dem Gebiete des rein äußerlichen Lebens sieht man +leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht, daß der +Schneider sich seine Kuh züchten solle, die ihn mit Milch versorgt. Für die +umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man, daß die +Einheitsordnung das allein Ersprießliche sein müsse. + + * * * * * + +Daß Einwände gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden sozialen +Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben müssen, ist selbstverständlich. +Denn das wirkliche Leben erzeugt Widersprüche. Und wer diesem Leben gemäß +denkt, der muß Einrichtungen verwirklichen wollen, deren Lebenswidersprüche +durch andere Einrichtungen ausgeglichen werden. Er _darf nicht_ glauben: +eine Einrichtung, die sich vor seinem Denken als »ideal gut« ausweist, +werde, wenn sie verwirklicht wird, auch widerspruchslos sich gestalten. -- +Es ist eine durchaus berechtigte Forderung des gegenwärtigen Sozialismus, +daß die neuzeitlichen Einrichtungen, in denen produziert wird um des +Profitierens des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen +produziert wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige, +welcher diese Forderung _voll_ anerkennt, wird nicht zu der Schlußfolgerung +dieses neueren Sozialismus kommen können: also müssen die Produktionsmittel +aus dem Privateigentum in Gemeineigentum übergehen. Er wird vielmehr die +ganz andere Schlußfolgerung anerkennen müssen: also muß, was privat auf +Grund der individuellen Tüchtigkeiten produziert wird, durch die rechten +Wege der Allgemeinheit zugeführt werden. Der wirtschaftliche Impuls der +neueren Zeit ging dahin, durch die Menge des Gütererzeugens Einnahmen zu +schaffen; die Zukunft wird danach streben müssen, durch Assoziationen aus +der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und die Wege von +dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die Rechtseinrichtungen +werden dafür sorgen, daß ein Produktionsbetrieb nur so lange mit einer +Person oder Personengruppe verbunden bleibt, als sich diese Verbindung aus +den individuellen Fähigkeiten dieser Personen heraus rechtfertigt. Statt +dem _Gemeineigentum_ der Produktionsmittel wird im sozialen Organismus ein +_Kreislauf_ dieser Mittel eintreten, der sie immer von neuem zu denjenigen +Personen bringt, deren individuelle Fähigkeiten sie in der möglichst besten +Art der Gemeinschaft nutzbar machen können. Auf diese Art wird zeitweilig +diejenige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Produktionsmittel +hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn der +Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den +Produktionsmitteln verdanken, daß ihre Fähigkeiten ihnen ein ihren +Ansprüchen gemäßes Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen, die +Produktion zu einer möglichst vollkommenen zu machen, denn die Steigerung +dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen Profit, aber doch +einen Teil des Erträgnisses. Der Profit fließt ja doch nur im Sinne des +oben Ausgeführten der Allgemeinheit bis zu dem Grade zu, der sich ergibt +nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten zugute kommt wegen der +Steigerung der Produktion. Und es liegt eigentlich schon im Geiste des hier +Dargestellten, daß, wenn die Produktion zurückgeht, sich das Einkommen des +Produzenten in demselben Maße zu verringern habe, wie es sich steigert bei +der Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der geistigen +Leistung des Leitenden fließen, nicht aus einem solchen Profit, welcher auf +Verhältnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines Unternehmers, +sondern in dem Zusammenwirken der Kräfte des Gemeinlebens ihre Grundlage +haben. + +Man wird sehen können, daß durch Verwirklichung solcher sozialer Ideen, wie +sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenwärtig bestehen, eine +völlig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum hört auf, dasjenige zu +sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurückgeführt zu +einer überwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen würde, +sondern es wird fortgeführt zu etwas völlig Neuem. Die Gegenstände des +Eigentums werden in den Fluß des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne +kann sie nicht aus seinem Privatinteresse heraus zum Schaden der +Allgemeinheit verwalten; aber auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum +Schaden der einzelnen bureaukratisch verwalten können; sondern der +geeignete einzelne wird zu ihnen den Zugang finden, um durch sie der +Allgemeinheit dienen zu können. + +Ein Sinn für das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung +solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine gesunde +Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren +bewahren. -- Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat mit dem +Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen führen können, die etwa aus +diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben. Sollte, zum Beispiel, +ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern ihre +Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem Bedürfnis +entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben nach freier +Übereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen das Fehlende +zugeschossen werden können. Ein in sich abgeschlossener +Wirtschaftskreislauf, der von außen die Rechtsgrundlage erhält und den +fortdauernden Zufluß der zutage tretenden individuellen +Menschenfähigkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun +haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer Güterverteilung sein können, +die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der Gemeinschaft +gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr Einkommen haben wird +als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein, weil das »Mehr« wegen +seiner individuellen Fähigkeiten der Allgemeinheit zugute kommt. + + * * * * * + +Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten +Vorstellungsart sich gestaltet, wird durch eine Übereinkunft zwischen den +Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die Abgaben regeln +können, welche für das Rechtsleben notwendig sind. Und alles, was zum +Unterhalte der geistigen Organisation nötig ist, wird dieser zufließen +durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung von seiten +der Einzelpersonen, die am sozialen Organismus beteiligt sind. Diese +geistige Organisation wird ihre gesunde Grundlage durch die in freier +Konkurrenz sich geltend machende individuelle Initiative der zur geistigen +Arbeit fähigen Einzelpersonen haben. + +Aber _nur_ in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die Verwaltung +des Rechtes das notwendige Verständnis finden für eine gerechte +Güterverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den Bedürfnissen +der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen in Anspruch nimmt, +sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm das Recht möglich macht, +wird den Wert der Güter nach dem bestimmen, was ihm die Menschen leisten. +Er wird nicht die Menschen leisten lassen, was durch den unabhängig von +Menschenwohlfahrt und Menschenwürde zustande gekommenen Güterwert bestimmt +ist. Ein solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen +Verhältnissen sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung haben; +der Familienvater wird als Arbeiter ein höheres Einkommen haben können als +der Einzelnstehende. Das »Mehr« wird ihm zufließen durch Einrichtungen, die +durch Übereinkommen aller drei sozialen Organisationen begründet werden. +Solche Einrichtungen können dem Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen, +daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen die Verwaltung der +wirtschaftlichen Organisation die mögliche Höhe des Erziehungseinkommens +bemißt und der Rechtsstaat die Rechte des einzelnen festsetzt nach den +Gutachten der geistigen Organisation. Wieder liegt es in der Art eines +wirklichkeitsgemäßen Denkens, daß mit einer solchen Angabe nur wie durch +ein Beispiel _die Richtung_ bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen +bewirkt werden können. Es wäre möglich, daß für das einzelne ganz anders +geartete Einrichtungen als richtig befunden würden. Aber dieses »Richtige« +wird sich nur finden lassen durch das zielgemäße Zusammenwirken der drei in +sich selbständigen Glieder des sozialen Organismus. Hier, für diese +Darstellung, möchte im Gegensatz zu vielem, was in der Gegenwart für +praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr zugrunde liegende +Denkart das wirklich Praktische finden, nämlich eine solche Gliederung des +sozialen Organismus, die bewirkt, daß die Menschen in dieser Gliederung das +sozial Zweckmäßige veranlassen. + +Wie Kindern das _Recht_ auf Erziehung, so steht Altgewordenen, Invaliden, +Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu, zu dem die +Kapitalgrundlage in einer ähnlichen Art dem Kreislauf des sozialen +Organismus zufließen muß wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag für die +Erziehung der noch nicht selbst Leistungsfähigen. Das Wesentliche bei all +diesem ist, daß die Feststellung desjenigen, was ein nicht selbst +Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem Wirtschaftsleben sich +ergeben soll, sondern daß umgekehrt das Wirtschaftsleben abhängig wird von +dem, was in dieser Beziehung aus dem Rechtsbewußtsein sich ergibt. Die in +einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden werden von dem durch ihre Arbeit +geleisteten um so weniger haben, je mehr für die nicht Verdienenden +abfließen muß. Aber das »Weniger« wird von allen am sozialen Organismus +Beteiligten gleichmäßig getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse +ihre Verwirklichung finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben +abgesonderten Rechtsstaat wird, was eine allgemeine Angelegenheit der +Menschheit ist, Erziehung und Unterhalt nicht Arbeitsfähiger, auch wirklich +zu einer solchen Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der +Rechtsorganisation wirkt dasjenige, worinnen _alle mündig gewordenen +Menschen_ mitzusprechen haben. + +Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart +entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund seiner +individuellen Fähigkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit +überführen, wie er für die Minderleistung der weniger Befähigten den +berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: »Mehrwert« +wird nicht geschaffen werden für den unberechtigten Genuß des einzelnen, +sondern zur Erhöhung dessen, was dem sozialen Organismus seelische oder +materielle Güter zuführen kann; und zur Pflege desjenigen, was innerhalb +dieses Organismus aus dessen Schoß heraus entsteht, ohne daß es ihm +unmittelbar dienen kann. + +Wer der Ansicht zuneigt, daß die Auseinanderhaltung der drei Glieder des +sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und daß sie sich auch +beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer das +Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln +beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft »von selbst« ergebe, der sollte +seinen Blick auf die besondere Art von sozialen Einrichtungen lenken, die +sich ergeben müssen, wenn die Dreigliederung verwirklicht wird. Da wird, +zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung das Geld als gesetzliches +Zahlungsmittel anzuerkennen haben, sondern diese Anerkennung wird auf den +Maßnahmen beruhen, welche von den Verwaltungskörpern der +Wirtschaftsorganisation ausgehen. Denn Geld kann im gesunden sozialen +Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern +erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb +beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben +hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche +Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze +Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man es +nur mit Warenwerten zu tun. Für dieses Gebiet nehmen auch die _Leistungen_, +die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation heraus, +den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen Schülern leistet, ist für +den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen +Fähigkeiten ebensowenig bezahlt wie dem Arbeiter seine Arbeitskraft. +Bezahlt _kann_ beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im +Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann. Wie die freie Initiative, +wie das Recht wirken sollen, damit die Ware zustande komme, das liegt +ebenso _außerhalb_ des Wirtschaftskreislaufes wie die Wirkung der +Naturkräfte auf das Kornerträgnis in einem segensreichen oder einem magern +Jahr. Für den Wirtschaftskreislauf sind die geistige Organisation bezüglich +dessen, was sie beansprucht als wirtschaftliches Erträgnis, _und auch der +Staat_ einzelne Warenproduzenten. Nur ist, was sie produzieren, innerhalb +ihres eigenen Gebietes nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von +dem Wirtschaftskreislauf aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren +eigenen Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die +Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. + +Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten), insofern +er sich ausdrückt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt, wird von +der Zweckmäßigkeit abhängen, mit der sich innerhalb des +Wirtschaftsorganismus die _Verwaltung_ der Wirtschaft ausgestaltet. Von den +Maßnahmen dieser Verwaltung wird es abhängen, inwiefern auf der geistigen +und rechtlichen Grundlage, welche von den andern Gliedern des sozialen +Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche Fruchtbarkeit sich +entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird dann der Ausdruck dafür sein, +daß diese Ware in der den Bedürfnissen entsprechenden Menge durch die +Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus erzeugt wird. Würden die in dieser +Schrift dargelegten Voraussetzungen verwirklicht, so wird im +Wirtschaftsorganismus nicht der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch +die bloße Menge der Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird +durch die entstehenden und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden +Genossenschaften die Gütererzeugung sich den Bedürfnissen anpassen. Dadurch +wird das diesen Bedürfnissen entsprechende Verhältnis zwischen dem Geldwert +und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt[7]. +Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser sein; +denn hinter jedem Geldstück oder Geldschein steht die Warenleistung, auf +welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde gekommen sein kann. Es +werden sich aus der Natur der Verhältnisse heraus Einrichtungen notwendig +machen, welche dem Gelde für den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die +eben gekennzeichnete Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist +schon hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in +geeigneter Form an die Allgemeinheit über. Und damit Geld, das nicht in +Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der Maßnahmen der +Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurückbehalten werde, kann Umprägung +oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. Aus solchen Verhältnissen +heraus wird sich allerdings auch ergeben, daß der Zinsbezug von einem +Kapitale im Laufe der Jahre sich immer verringere. Das Geld wird sich +abnützen, wie sich Waren abnützen. Doch wird eine solche vom Staate zu +treffende Maßnahme gerecht sein. »Zins auf Zins« wird es nicht geben +können. Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die +ihm auf spätere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie +gegenwärtige Leistungen auf den Eintausch gegenwärtiger Gegenleistungen; +aber die Ansprüche können nur bis zu einer gewissen Grenze gehen; denn aus +der Vergangenheit herrührende Ansprüche können nur durch Arbeitsleistungen +der Gegenwart befriedigt werden. Solche Ansprüche dürfen nicht zu einem +wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. Durch die Verwirklichung solcher +Voraussetzungen wird die _Währungsfrage_ auf eine gesunde Grundlage +gestellt. Denn gleichgültig wie aus andern Verhältnissen heraus die +_Geldform_ sich gestaltet: _Währung_ wird die vernünftige Einrichtung des +gesamten Wirtschaftsorganismus durch dessen Verwaltung. Die Währungsfrage +wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch _Gesetze_ lösen; +gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die +Lösung verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden +Wirtschaftsorganismus überlassen. + + [7] Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art + zustande kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen + Organismus, wird sich als Ergebnis für das Wirtschaftsleben ein gesundes + Preisverhältnis der erzeugten Güter einstellen. Dieses muß so sein, daß + jeder Arbeitende für ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erhält, als zur + Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse bei ihm und den zu ihm gehörenden + Personen nötig ist, bis er ein Erzeugnis der gleichen Arbeit wieder + hervorgebracht hat. Ein solches Preisverhältnis kann nicht durch + amtliche Feststellung erfolgen, sondern es muß sich _als Resultat + ergeben_ aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus + tätigen Assoziationen. Aber es _wird_ sich einstellen, wenn das + Zusammenwirken auf dem gesunden Zusammenwirken der drei + Organisationsglieder beruht. Es muß mit derselben Sicherheit sich + ergeben, wie eine haltbare Brücke sich ergeben muß, wenn sie nach + rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist. Man kann + natürlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben folge + nicht so seinen Gesetzen wie eine Brücke. Es wird aber niemand einen + solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung + dieses Buches dem sozialen Leben eben _lebendige_ und nicht + mathematische Gesetze zugrunde liegend gedacht werden. + + * * * * * + +Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren Wirkung als +Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.; aber man +berücksichtigt wenig, wie sie das Verhältnis des einzelnen Menschen zu +seiner Arbeits_leistung_ beeinflußt. Wer in einem auf Arbeitsteilung +eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der _erwirbt_ eigentlich +niemals sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit +_aller_ am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum +Eigengebrauch einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe +Verhältnis wie ein Mensch, der in primitiven Zuständen noch alles zu seinem +Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. Er macht sich den Rock, +um für andere Kleider machen zu können; und der _Wert_ des Rockes für ihn +hängt _ganz_ von den Leistungen der andern ab. Der Rock ist eigentlich +Produktionsmittel. Mancher wird sagen, das sei eine Begriffsspalterei. +Sobald er auf die _Wertbildung_ der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht, +wird er diese Meinung nicht mehr haben können. Dann wird er sehen, daß man +in einem Wirtschaftsorganismus, der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht +für sich arbeiten kann. Man kann nur für andere arbeiten, und andere für +sich arbeiten lassen. Man kann ebensowenig für sich arbeiten, wie man sich +selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche dem +Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die +Gütererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als +Eigentum zu überliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen +Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drängt den +sozialen Organismus dazu, daß der einzelne Mensch in ihm lebt nach den +Verhältnissen des Gesamtorganismus; sie schließt _wirtschaftlich_ den +Egoismus aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von +Klassenvorrechten und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer +Zustand, der zu Erschütterungen des sozialen Organismus führt. In solchen +Zuständen leben wir gegenwärtig. Es mag manchen geben, der nichts davon +hält, wenn man fordert, die Rechtsverhältnisse und anderes müssen sich nach +dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein solcher möge +dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen. Diese wäre: man +könne überhaupt nichts tun; die soziale Bewegung könne zu nichts führen. +Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprießliches nicht tun, +wenn man _der Wirklichkeit_ nicht ihr Recht geben will. Die Denkungsart, +aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben ist, will, was der +Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach dem einrichten, +was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt. + + * * * * * + +Wer seine Begriffe nur nach den eingewöhnten Einrichtungen bilden kann, der +wird ängstlich werden, wenn er davon vernimmt, daß das Verhältnis des +Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgelöst werden solle von dem +Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, daß eine solche Loslösung +notwendig zur Geldentwertung und zur Rückkehr in primitive +Wirtschaftsverhältnisse führe. (Dr. Rathenau äußert in seiner Schrift »Nach +der Flut« solche Meinungen, die von _seinem_ Standpunkt aus berechtigt +erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung des sozialen +Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich selbst gestellte +Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus sondert die +Geldverhältnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten +Arbeitsverhältnissen. Die Rechtsverhältnisse werden nicht unmittelbar auf +die Geldverhältnisse einen Einfluß haben können. Denn die letzteren sind +Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das Rechtsverhältnis +zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar nicht in dem Geldwert +zum Ausdruck kommen können, denn dieser ist nach Beseitigung des Lohnes, +der ein Tauschverhältnis von Ware und Arbeitskraft darstellt, lediglich der +Maßstab für den gegenseitigen Wert der Waren (und Leistungen). -- Aus der +Betrachtung der _Wirkungen_, welche die Dreigliederung für den sozialen +Organismus hat, muß man die Überzeugung gewinnen, daß sie zu Einrichtungen +führen werde, die in den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind. + +Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden können, +was gegenwärtig als _Klassenkampf_ empfunden wird. Denn dieser Kampf beruht +auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den Wirtschaftskreislauf. Diese +Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus dar, in dem der Begriff +des _Arbeitslohnes_ ebenso eine Umformung erfährt wie der alte +_Eigentumsbegriff_. Aber durch diese Umformung wird ein _lebensfähiger_ +sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen. -- Nur eine leichtfertige +Beurteilung wird finden können, daß mit der Verwirklichung des hier +Dargestellten nichts weiter getan sei, als daß der Arbeitszeitlohn in +Stücklohn verwandelt werde. Mag sein, daß eine einseitige Ansicht von der +Sache zu diesem Urteil führt. Aber _hier_ ist diese einseitige Ansicht +nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Ablösung des +Entlohnungsverhältnisses durch das vertragsgemäße Teilungsverhältnis in +bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete _in +Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus_ ins Auge +gefaßt. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungserträgnisses als +Stücklohn erscheint, der wird nicht gewahr, daß _dieser_ »Stücklohn« (der +aber eigentlich kein »Lohn« ist) sich im _Werte_ des Geleisteten in einer +Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche Lebenslage des +Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen Organismus in ein ganz anderes +Verhältnis bringt, als dasjenige ist, das aus der einseitig wirtschaftlich +bedingten Klassenherrschaft entstanden ist. Die Forderung nach Austilgung +des Klassenkampfes wird damit befriedigt. -- Und wer sich zu der namentlich +auch in sozialistischen Kreisen zu hörenden Meinung bekennt: die +_Entwicklung_ selbst müsse die Lösung der sozialen Frage bringen, man könne +nicht Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem muß +erwidert werden: gewiß wird die Entwicklung das Notwendige bringen müssen; +aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen +_Wirklichkeiten_. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird und +das _verwirklicht_ sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann wird +eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und diejenigen, +welche »nur von der Entwicklung« und nicht von der Erbringung fruchtbarer +Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen müssen mit ihrem Urteil bis +dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung sein wird. Doch wird es eben +dann _zu spät_ sein zum Vollbringen gewisser Dinge, die von den _heutigen_ +Tatsachen schon gefordert werden. Im sozialen Organismus ist es nicht +möglich, die Entwicklung _objektiv_ zu betrachten wie in der Natur. Man muß +die Entwicklung _bewirken_. Deshalb ist es für ein gesundes soziales Denken +verhängnisvoll, daß ihm gegenwärtig Ansichten gegenüberstehen, die, was +sozial notwendig ist, so »beweisen« wollen, wie man in der +Naturwissenschaft »beweist«. Ein »Beweis« in sozialer Lebensauffassung kann +sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung _das_ aufnehmen kann, was +nicht nur im _Bestehenden_ liegt, sondern _dasjenige_, was in den +Menschenimpulsen -- von ihnen oft unbemerkt -- keimhaft ist und sich +verwirklichen will. + + * * * * * + +Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen +Organismus ihre Begründung im Wesenhaften des menschlichen +Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Loslösung der +richterlichen Tätigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren +wird es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder +Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst aber liegen +in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus gebildet sind. +Diese Urteilsfindung ist in hohem Maße abhängig von der Möglichkeit, daß +der Richtende Sinn und Verständnis habe für die individuelle Lage eines zu +Richtenden. Solcher Sinn und solches Verständnis werden nur vorhanden sein, +wenn dieselben Vertrauensbande, durch welche die Menschen zu den +Einrichtungen der geistigen Organisation sich hingezogen fühlen, auch +maßgebend sind für die Einsetzung der Gerichte. Es ist möglich, daß die +Verwaltung der geistigen Organisation die Richter aufstellt, die aus den +verschiedensten geistigen Berufsklassen heraus genommen sein können, und +die auch nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe +zurückkehren. In gewissen Grenzen hat dann jeder Mensch die Möglichkeit, +sich die Persönlichkeit unter den Aufgestellten für fünf oder zehn Jahre zu +wählen, zu der er so viel Vertrauen hat, daß er in dieser Zeit, wenn es +dazu kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder +strafrechtlichen Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes +Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, daß diese Wahl eine +Bedeutung haben wird. Ein Kläger hat sich dann stets an den für einen +Angeklagten zuständigen Richter zu wenden. -- Man bedenke, was eine solche +Einrichtung in den österreichisch-ungarischen Gegenden für eine +einschneidende Bedeutung gehabt hätte. In gemischtsprachigen Gegenden hätte +der Angehörige einer jeden Nationalität sich einen Richter seines Volkes +erwählen können. Wer die österreichischen Verhältnisse kennt, der kann auch +wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben der Nationalitäten eine solche +Einrichtung hätte beitragen können. -- Aber außer der Nationalität gibt es +weite Lebensgebiete, für deren gesunde Entfaltung eine solche Einrichtung +im gedeihlichen Sinne wirken kann. -- Für die engere Gesetzeskenntnis +werden den in der geschilderten Art bestellten Richtern und Gerichtshöfen +Beamte zur Seite stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen +Organismus zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben. +Ebenso werden Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden +sein. Es wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die +Verwirklichung solcher Voraussetzungen abspielt, daß ein Richter den +Lebensgewohnheiten und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen +kann, daß er durch sein außerhalb des Richteramtes -- dem er nur eine +Zeitlang vorstehen wird -- liegendes Leben mit den Lebenskreisen der zu +Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus überall in +seinen Einrichtungen das soziale Verständnis der an seinem Leben +beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen +Tätigkeit. Die Urteilsvollstreckung fällt dem Rechtsstaate zu. + + * * * * * + +Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier Dargestellten +für andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig machen, brauchen +vorläufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese Schilderung würde +selbstverständlich einen nicht zu begrenzenden Raum einnehmen. + +Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß +es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich _nicht_, wie mancher meinen +könnte -- und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das +Dargestellte mündlich vorgetragen habe --, um eine Erneuerung der drei +Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand handelt. Das Gegenteil dieser +Ständegliederung wird angestrebt. Die Menschen werden weder in Klassen noch +in Stände _sozial_ eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus +selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft +Mensch sein können. Denn die Gliederung wird eine solche sein, daß er mit +seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des +sozialen Organismus, in dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit +sachlichem Interesse stehen; und zu den andern wird er lebensvolle +Beziehungen haben, denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem +Verhältnisse stehen, das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird +der vom Menschen abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale +Organismus sein; jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei +Glieder sein. + + + + +IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen + + +Die innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch die +internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete wird +sein selbständiges Verhältnis zu den entsprechenden Gebieten der +andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des +einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen, +ohne daß die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren +Einfluß haben[8]. Und umgekehrt, die Verhältnisse der Rechtsstaaten +werden sich innerhalb gewisser Grenzen in völliger Unabhängigkeit von +den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch diese Unabhängigkeit +im _Entstehen_ der Beziehungen werden diese in Konfliktfällen +ausgleichend aufeinander wirken können. Interessenzusammenhänge der +einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, welche die +Landesgrenzen als unbeträchtlich für das Zusammenleben der Menschen +erscheinen lassen werden. -- Die geistigen Organisationen der +einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten +können, die _nur_ aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit +selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhängige, auf sich gestellte +Geistesleben wird Verhältnisse ausbilden, die dann unmöglich sind, +wenn die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung +eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhängt. In +dieser Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den +Leistungen der ganz offenbar internationalen Wissenschaft und +denjenigen anderer geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja +auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in +unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein +selbst gehört in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen +mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich +nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation +oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur +gegenüber einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige +Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie +wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen +zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind. + + [8] Wer dagegen einwendet, daß die Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse + doch in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt + werden können, der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten + Gliederung ankommt. Im _gesamten_ Verkehrsprozeß wirken die beiderlei + Verhältnisse selbstverständlich als ein Ganzes. Aber es ist etwas + anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus + gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen heraus + gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr + zusammenwirken läßt. + +Gegenwärtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch der +schärfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhänge +erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und Volkskulturen sich +entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen müssen an dem Ziel, +das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit die Menschheit als +Ganzes immer bewußter wird setzen müssen. Diese Menschheit wird empfinden, +daß ein jeder ihrer Teile zu einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein nur +kommen kann, wenn er sich lebenskräftig mit allen anderen Teilen verbindet. +Volkszusammenhänge sind neben anderen naturgemäßen Impulsen die Ursachen, +durch die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich +gebildet haben. Aber die Kräfte, durch welche die Volkstümer wachsen, +müssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt ist durch +die Beziehungen, welche die Staatskörper und Wirtschaftsgenossenschaften +zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die Volksgemeinschaften die +innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen so durchführen, daß jedes +der Glieder seine selbständigen Beziehungen zu anderen sozialen Organismen +entfalten kann. + +Dadurch bilden sich _vielgestaltige_ Zusammenhänge zwischen Völkern, +Staaten und Wirtschaftskörpern, die jeden Teil der Menschheit mit anderen +Teilen so verbinden, daß der eine in seinen eigenen Interessen das Leben +der andern mitempfindet. Ein Völkerbund _entsteht_ aus wirklichkeitsgemäßen +Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen Rechtsanschauungen +»eingesetzt« werden müssen[9]. + + [9] Wer in solchen Dingen »Utopien« sieht, der beachtet nicht, daß _in + Wahrheit_ die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm für + utopistisch gehaltenen Einrichtungen hinstrebt, und daß die Schäden + dieser Wirklichkeit gerade davon kommen, daß diese Einrichtungen nicht + da sind. + +Von besonderer Bedeutung muß einem wirklichkeitsgemäßen Denken erscheinen, +daß die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus zwar ihre +Geltung haben für die gesamte Menschheit, daß sie aber von _jedem +einzelnen_ sozialen Organismus verwirklicht werden können, gleichgültig, +wie sich andere Länder zu dieser Verwirklichung vorläufig verhalten. +Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgemäßen drei Gebiete, so +können die Vertretungen derselben als einheitliche Körperschaft mit anderen +in internationale Beziehungen treten, auch wenn diese anderen für sich die +Gliederung noch nicht vorgenommen haben. Wer mit dieser Gliederung +vorangeht, der wird für ein gemeinschaftliches Menschheitsziel wirken. Was +getan werden soll, wird sich durchsetzen viel mehr durch die Kraft, welche +ein in wirklichen Menschheitsimpulsen wurzelndes Ziel _im Leben_ erweist, +als durch eine Feststellung auf Kongressen und aus Verabredungen heraus. +Auf einer Wirklichkeitsgrundlage ist dieses Ziel _gedacht_; im wirklichen +Leben, an jedem Punkte der Menschengemeinschaften läßt es sich erstreben. + +Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgänge im Leben der Völker und Staaten +von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige dieser Darstellung +ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich gewordenen Staatengebilde +mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben sich +in internationale Beziehungen brachten, die zu einer Katastrophe drängten. +Ebenso aber konnte ein solcher auch sehen, wie die Gegenkräfte aus +unbewußten Menschheitsimpulsen heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird +das Heilmittel gegen die Erschütterungen sein, welche der +Einheitsfanatismus bewirkt hat. Aber das Leben der »maßgebenden +Menschheitsleiter« war nicht darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit +langem vorbereitete. Im Frühling und Frühsommer 1914 konnte man noch +»Staatsmänner« davon sprechen hören, daß der Friede Europas dank der +Bemühungen der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei. +Diese »Staatsmänner« hatten eben keine Ahnung davon, daß, was sie taten und +redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr zu tun hatte. +Aber sie galten als die »Praktiker«. Und als »Schwärmer« galt damals wohl, +wer entgegen den Anschauungen der »Staatsmänner« Anschauungen durch die +letzten Jahrzehnte hindurch sich ausbildete, wie sie der Schreiber dieser +Ausführungen, monatelang vor der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor +einem kleinen Zuhörerkreise aussprach. (Vor einem größeren wäre er wohl +verlacht worden.) Er sagte über das, was drohte, ungefähr das Folgende: +»Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker +werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut +derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie überall +furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die +große Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut. +Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn +man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die +Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu +bringen müßte, von dem Heilmittel so zu sprechen, daß man Worte darüber der +Welt gleichsam _entgegen_schreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich +so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden +der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was _Krebsbildungen_ +im menschlichen natürlichen Organismus sind.« Aber die Lebensanschauung +herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den sie +nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Maßnahmen führten, die +hätten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet waren, +Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander zu +begründen. -- Wer glaubt, daß unter den unmittelbaren Ursachen der +gegenwärtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten keine +Rolle gespielt haben, der sollte sich überlegen, was aus den politischen +Impulsen der in den Krieg drängenden Staaten dann geworden wäre, wenn die +»Staatsmänner« in den Inhalt ihres Wollens diese sozialen Notwendigkeiten +aufgenommen hätten. Und was unterblieben wäre, wenn man durch solchen +Willensinhalt etwas anderes zu tun gehabt hätte als die Zündstoffe zu +schaffen, die dann die Explosion bringen mußten. Wenn man in den letzten +Jahrzehnten das schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als +Folge des sozialen Lebens der führenden Teile der Menschheit ins Auge +faßte, so konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen +Geistinteressen stehende Persönlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen +das soziale Wollen in diesen führenden Teilen annahm, schon 1888 sagen +mußte: »Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu +einem Reiche von Brüdern zu machen, die, nur den edelsten Beweggründen +nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die Geschichte nur auf der +Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner +Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen«, aber nur der Gedanke, daß ein +»Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens« gefunden werden müsse, +kann den Sinn für Menschenwürde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist +ein solcher, »der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen +unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber +glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein +sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und +einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.« (So Hermann Grimm +1888 auf S. 46 seines Buches: »Aus den letzten fünf Jahren«.) Was waren die +»Kriegerischen Rüstungen« anderes als Maßnahmen solcher Menschen, welche +Staatsgebilde in einer Einheitsform aufrechterhalten wollten, trotzdem +diese Form durch die Entwicklung der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden +Zusammenlebens der Völker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes +Zusammenleben aber könnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen +Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit heraus +gestaltet ist. + +Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als einem +halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in +einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer +Form, für deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete +Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische Konflikt, der +am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgültigste +Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem +gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften für das +Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß das auf sich +selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhängige +Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber in einer Art hätte entwickeln +können, die mit den Zielen der Völker im Einklange gewesen wäre, dann hätte +der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen +Katastrophe entladen müssen. Eine dahin zielende Entwicklung erschien +allen, die in Österreich-Ungarn sich einbildeten, »staatsmännisch« zu +denken, als eine volle Unmöglichkeit, wohl gar als der reine Unsinn. Deren +Denkgewohnheiten ließen nichts anderes zu als die Vorstellung, daß die +Staatsgrenzen mit den Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten +zusammenfallen. Verstehen, daß über die Staatsgrenzen hinweg sich geistige +Organisationen bilden können, die das Schulwesen, die andere Zweige des +Geisteslebens umfassen, das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und +dennoch: dieses »Undenkbare« ist die Forderung der neueren Zeit für das +internationale Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar +Unmöglichen hängen bleiben und glauben, daß Einrichtungen im Sinne dieser +Forderung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen; sondern er muß sein +Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Statt +das »staatsmännische« Denken in eine Richtung zu bringen, welche den +neuzeitlichen Forderungen entsprochen hätte, war man bestrebt, +Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat gegen diese Forderungen +aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde dadurch immer mehr zu einem +unmöglichen Gebilde. Und im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts +stand er davor, für seine Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun +zu können und die Auflösung zu erwarten, oder das innerlich Unmögliche +äußerlich durch die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Maßnahmen +des Krieges begründen ließ. Es gab 1914 für die österreichisch-ungarischen +»Staatsmänner« nichts anderes als dieses: entweder sie mußten ihre +Intentionen in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen +Organismus lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues +Vertrauen hätte erwecken können, mitteilen, oder sie _mußten_ einen Krieg +entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen Untergründen +heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird über die Schuldfrage gerecht +denken können. Durch die Teilnahme vieler Völkerschaften an dem +österreichisch-ungarischen Staatsgebilde wäre diesem die weltgeschichtliche +Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen Organismus vor allem zu +entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht erkannt. Diese Sünde wider den +Geist des weltgeschichtlichen Werdens hat Österreich-Ungarn in den Krieg +getrieben. + +Und das Deutsche Reich? Es ist gegründet worden in einer Zeit, in der +die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen Organismus +ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung hätte dem Reiche +seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben können. Die +sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropäischen Reiche +wie in dem Gebiete zusammen, das für ihr Ausleben weltgeschichtlich +vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es trat an vielen +Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere Gestalt an, aus +der zu ersehen war, wohin es drängte. Das hätte zu einem Arbeits-Inhalt +für dieses Reich führen müssen. Das hätte seinen Verwaltern die Aufgaben +stellen müssen. Es hätte die Berechtigung dieses Reiches im modernen +Völkerzusammenleben erweisen können, wenn man dem neugegründeten Reiche +einen Arbeits-Inhalt gegeben hätte, der von den Kräften der Geschichte +selbst gefordert gewesen wäre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Große +zu wenden, blieb man bei »sozialen Reformen« stehen, die aus den +Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im Auslande +die Mustergültigkeit _dieser_ Reformen bewunderte. Man kam daneben immer +mehr dazu, die äußere Welt-Machtstellung des Reiches auf Formen gründen +zu wollen, die aus den ausgelebtesten Arten des Vorstellens über die Macht +und den Glanz der Staaten heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich, +das ebenso wie das österreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach, +was in den Kräften des Völkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich +ankündigte. Von diesen Kräften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts. +_Das_ Staatsgebilde, das _sie_ im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft +des Militärischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte +gefordert ist, hätte auf der Verwirklichung der Impulse für den gesunden +sozialen Organismus ruhen müssen. Mit _dieser_ Verwirklichung hätte man +sich in die Gemeinsamkeit des modernen Völkerlebens anders hineingestellt, +als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen der neuzeitlichen +Forderungen des Völkerlebens war 1914 die deutsche Politik an dem +Nullpunkte ihrer Betätigungsmöglichkeit angelangt. Sie hatte in den +letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was hätte geschehen sollen; +sie hatte sich beschäftigt mit allem Möglichen, was in den neuzeitlichen +Entwicklungskräften nicht lag und was durch seine Inhaltlosigkeit »wie +ein Kartengebäude zusammenbrechen« _mußte_. + +Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des Deutschen +Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, würde ein getreues +Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiließe, die Vorgänge innerhalb +der maßgebenden Orte in Berlin Ende Juli und 1. August 1914 zu prüfen und +vor die Welt getreulich hinzustellen. Von diesen Vorgängen weiß das In- und +Ausland noch wenig. Wer sie kennt, der weiß, wie die deutsche Politik +damals sich als die eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen +im Nullpunkt ihrer Betätigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu +beginnen war, in das Urteil der militärischen Verwaltung übergehen _mußte_. +Wer maßgebend in dieser Verwaltung war, konnte damals aus den militärischen +Gesichtspunkten heraus _nicht anders handeln, als gehandelt worden ist_, +weil von _diesen_ Gesichtspunkten die Situation nur so gesehen werden +konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn außer dem militärischen Gebiet +hatte man sich in eine Lage gebracht, die zu einem Handeln gar nicht mehr +führen konnte. Alles dieses würde sich als eine weltgeschichtliche Tatsache +ergeben, wenn jemand sich fände, der darauf dringt, die Vorgänge in Berlin +von Ende Juli und 1. August, namentlich alles das, was sich am 1. August +und 31. Juli zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer +der Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgänge könne man doch +nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der früheren +Zeit kennt. Will man über das reden, was man gegenwärtig die »Schuldfrage« +nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. Gewiß kann man auch durch +anderes über die längst vorher vorhandenen Ursachen wissen; aber diese +Einsicht zeigt, _wie_ diese Ursachen gewirkt haben. + +Die Vorstellungen, die Deutschlands Führer damals in den Krieg getrieben +haben, sie wirkten dann verhängnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. Und +sie verhinderten, daß während der letzten Schreckensjahre _die_ Einsicht +bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen entwickelte, deren +Nichtvorhandensein vorher in die Tragik hineingetrieben hatte. Auf die +mögliche Empfänglichkeit, die sich aus diesen Erfahrungen heraus hätte +ergeben können, wollte der Schreiber dieser Ausführungen bauen, als er sich +bemühte, innerhalb Deutschlands und Österreichs in dem Zeitpunkte der +Kriegskatastrophe, der ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem +gesunden sozialen Organismus und deren Konsequenzen für das politische +Verhalten nach außen an Persönlichkeiten heranzubringen, deren Einfluß +damals noch sich hätte für eine Geltendmachung dieser Impulse betätigen +können. Persönlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes +ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang für diese +Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten sträubten +sich gegen solche Impulse, welche dem _nur_ militärisch orientierten +Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts Rechtes anfangen +könne. Höchstens daß man fand, »Trennung der Kirche von der Schule«, ja, +das wäre etwas. In solcher Bahn liefen eben die Gedanken der +»staatsmännisch« Denkenden schon seit lange, und in eine Richtung, die zu +Durchgreifendem führen sollte, ließen sie sich nicht bringen. Wohlwollende +sprachen davon, ich solle diese Gedanken »veröffentlichen«. Das war in +jenem Zeitpunkte wohl der unzweckmäßigste Rat. Was konnte es helfen, wenn +auf dem Gebiete der »Literatur« unter manchem andern auch von diesen +Impulsen gesprochen worden wäre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser +Impulse liegt es doch, daß sie _damals_ eine Bedeutung nur hätten erlangen +können durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden wären. Die Völker +Mitteleuropas hätten, wenn von der rechten Stelle im Sinne dieser Impulse +gesprochen worden wäre, gesehen, daß es etwas geben kann, was ihrem mehr +oder weniger bewußten Drang entsprochen hätte. Und die Völker des +russischen Ostens hätten ganz gewiß in jenem Zeitpunkte Verständnis gehabt +für eine Ablösung des Zarismus durch solche Impulse. Daß sie dies +Verständnis gehabt hätten, kann nur der in Abrede stellen, der keine +Empfindung hat für die Empfänglichkeit des noch unverbrauchten +osteuropäischen Intellekts für gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung +im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk. + +Daß militärisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas nicht +abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem -- militärischen Denken zu +verbergen. Daß man an die Unabwendbarkeit der Katastrophe nicht glauben +wollte, das war die Ursache des Unglückes des deutschen Volkes. Niemand +wollte einsehen, wie man an den Stellen, bei denen die Entscheidung lag, +keinen Sinn hatte für weltgeschichtliche Notwendigkeiten. Wer von diesen +Notwendigkeiten etwas wußte, dem war auch bekannt, wie die +englischsprechenden Völker Persönlichkeiten in ihrer Mitte hatten, welche +durchschauten, was in den Volkskräften Mittel- und Osteuropas sich regte. +Man konnte wissen, wie solche Persönlichkeiten der Überzeugung waren, in +Mittel- und Osteuropa bereite sich etwas vor, was in mächtigen sozialen +Umwälzungen sich ausleben muß. In solchen Umwälzungen, von denen man +glaubte, daß in den englisch sprechenden Gebieten für sie weder schon +geschichtlich eine Notwendigkeit, noch eine Möglichkeit vorlag. Auf +solches Denken richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und +Osteuropa sah man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, daß +sie »wie ein Kartengebäude zusammenstürzen« mußte. Nur eine Politik, die +auf die Einsicht gebaut gewesen wäre, daß man in englisch sprechenden +Gebieten großzügig, und ganz selbstverständlich vom englischen +Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, hätte Grund und +Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wäre wohl besonders den +»Diplomaten« als etwas höchst Überflüssiges erschienen. + +Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem hätte auch für Mittel- und +Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe führen können +trotz der Großzügigkeit der englisch orientierten Politik, zu treiben, fuhr +man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen sich weiter zu bewegen. +Und während der Kriegsschrecken lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht, +daß es notwendig geworden war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in +politischen Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine +andere entgegenzustellen, die aus den Lebenskräften dieses Europa heraus +geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten +Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der Kanonen als +geistiger Impuls Europas hineingetönt hätte, wäre eine Verständigung +möglich gewesen. Jedes andere Verständigungs-Gerede klang vor den +geschichtlichen Notwendigkeiten hohl. -- Aber der Sinn für ein +Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben +liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhältnissen heraus an die +Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und deshalb mußte der Herbst +1918 bringen, was er gebracht hat. Der Zusammenbruch der militärischen +Gewalt wurde begleitet von einer geistigen Kapitulation. Statt wenigstens +in dieser Zeit sich aufzuraffen zu einer aus europäischem Wollen heraus +geholten Geltendmachung der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die +bloße Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson +vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch +Wilson über seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland +nur in dem helfen, was es selbst will. Er mußte doch eine Kundgebung dieses +Wollens _erwarten_. Zu der Nichtigkeit der Politik vom Anfange des Krieges +kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare geistige Kapitulation, +herbeigeführt von einem Manne, auf den viele in deutschen Landen so etwas +wie eine letzte Hoffnung setzten. + +Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kräften heraus; +Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhänge +sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas hervorgebracht. +Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung der +Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. Sie kann +gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse der Menschheit, +so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese sozialen Impulse +sprechen eine Sprache, der gegenüber die ganze zivilisierte Welt eine +Aufgabe hat. Soll das Denken über dasjenige, was geschehen muß, heute +gegenüber der sozialen Frage ebenso auf dem Nullpunkt angelangen, wie die +mitteleuropäische Politik für ihre Aufgaben 1914 angekommen war? +Landesgebiete, die sich von den damals in Frage kommenden Angelegenheiten +abseits halten konnten: gegenüber der sozialen Bewegung dürfen sie es +nicht. Gegenüber dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es +keine Neutralen geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende +Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und ihr +Handeln nach diesen Zeichen einzurichten. + +Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen sind, +heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene Aufruf +an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem Schreiber dieser +Ausführungen vor einiger Zeit verfaßt worden, und von einem Komitee, das +für ihn Verständnis gefaßt hat, der Welt, vor allem den mitteleuropäischen +Völkern mitgeteilt worden ist. Gegenwärtig sind andere Verhältnisse als zu +der Zeit, in der sein Inhalt engeren Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal +hätte ihn die öffentliche Mitteilung ganz notwendig zur »Literatur« +gemacht. Heute muß die Öffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm +vor kurzer Zeit noch nicht hätte bringen können: verstehende Menschen, die +in seinem Sinne wirken wollen, wenn er des Verständnisses und der +Verwirklichung wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch +solche Menschen entstehen. + + + + +Anhang + +_An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!_ + + +Sicher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor +einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August 1914 meinte es, +die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde +diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trümmer +blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses +Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die +herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum +erwiesen. Wo liegen die Gründe dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage +muß Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben. +Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt +die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon +ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in +meinen Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm +die Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich +gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt +der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. -- Das Reich war +gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemüht, seine +inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte +Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu +bringen. Später ging man dazu über, die in materiellen Kräften begründete +äußere Machtstellung zu festigen und zu vergrößern. Damit verband man +Maßnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen +Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als +Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein großes Ziel fehlte, wie es sich +hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwicklungskräfte, denen die +neuere Menschheit sich zuwenden muß. So war das Reich in den +Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand +rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses +in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die +außerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen können, was +ihr die Meinung hätte erwecken können: die Verwalter dieses Reiches +erfüllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden +darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat +notwendig die Meinung in der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den +wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist. + +Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen +Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht auftauchen, +welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die +Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten Forderungen der Gegenwart +müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die +Entwicklungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen +strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der +kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten +unschädlich macht, die ihren Blick auf diese Entwicklungskräfte richten. +Aufhören müßte die Anmaßung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker +dünken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das +Unglück herbeigeführt haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als +Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die +Entwicklungsbedürfnisse der neuen Zeit zu sagen haben. + +Die »Praktiker« aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer +Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen +Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten und +Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die +Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater +Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten Arbeitens in +gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse _auf einzelnen +Gebieten_ als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser +Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich erschien. +Radikale Überführung _aller_ Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das +Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen +Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen Privatziele kein +Interesse hat. + +Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren +Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames +zugrunde. Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen +dabei auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat, +Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen +Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften +(z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen +entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten heraus den +alten Formen nachgebildet sind. + +Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten +gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen +will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen +Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge faßt, als was heute +gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich +bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit +gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein zu durchdringen, wird Aufgabe +der Zeit. + +Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der +natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge +besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme +notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes +aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken +muß. + +Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges +Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich +ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge bringt, daß +es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch +wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame Glied muß vielmehr in +voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im +natürlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr +heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, daß beide +Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt +werden, sondern daß jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die +lebendig zusammenwirken. Denn das politische System muß die Wirtschaft +vernichten, wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System +verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will. + +Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller +Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet +ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige +Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener +gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede +überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders +beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen +eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen. + +Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen +Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen und +ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien hingestellt +werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen +wollen. + +Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten +an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht +verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese +Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte innere Gefüge +gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte Richtung +verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche Volk mit den +außerdeutschen Völkern zusammenleben können. + +Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den Willen zum +möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht +mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern ein _geistiges, +politisches und wirtschaftliches_ System in ihren Vertretern müßten als +selbständige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen _das_ +Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der +drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen Gebilde gemacht hat. + +Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit des hier +Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken dreier +Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen +Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles nach den bequemen +Forderungen _ihres_ Denkens gestalten wollen. Ihnen muß klar werden: +entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der +Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt +haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte +vermehren. + + #Dr. Rudolf Steiner.# + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + S. 5: "diese oder jene Einrichtungen" wurde geändert in + "diese oder jene Einrichtung" + S. 10: "mit dem ihm möglichen Antei " + wurde geändert in + "mit dem ihm möglichen Anteil" + S. 11: "und hrem Interesse heraus" + wurde geändert in + "und ihrem Interesse heraus" + S. 51: "die in dem vom Warenaustausch ganz abhängigen Verhältnis" + wurde geändert in + "die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis" + S. 53: "Daß aber die geschicht ichen" wurde geändert in + "Daß aber die geschichtlichen" + S. 55, Fußnote 6: "von der Wirschaftsordnung" wurde geändert in + "von der Wirtschaftsordnung" + S. 88: "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgenden Vergütung" + wurde geändert in + "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung" + S. 88: "daß nach den allgemeinen W rtschaftsverhältnissen" + wurde geändert in + "daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen" + S. 97: "daß es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde geändert in + "daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart" + S. 99, Fußnote 9: "die Wirklichkeit des Lebens nach diesem" + wurde geändert in + "die Wirklichkeit des Lebens nach diesen" + S. 106: "Brest-Litowks" wurde geändert in "Brest-Litowsk" + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in +den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE *** + +***** This file should be named 28494-8.txt or 28494-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/8/4/9/28494/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/28494-8.zip b/28494-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0380275 --- /dev/null +++ b/28494-8.zip diff --git a/28494-h.zip b/28494-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b996387 --- /dev/null +++ b/28494-h.zip diff --git a/28494-h/28494-h.htm b/28494-h/28494-h.htm new file mode 100644 index 0000000..f3cb1dd --- /dev/null +++ b/28494-h/28494-h.htm @@ -0,0 +1,4834 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner + </title> + <style type="text/css"> +<!-- + a:link { text-decoration: none; color: #0000C8; } + a:visited { text-decoration: none; color: #A000A0; } + a:hover { text-decoration: underline; } + a:active { text-decoration: underline; } + + body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } + + h1,h2 { text-align: center; clear: both; } + + h1 { line-height: 2em; margin-top: 3em; margin-bottom: 2em; } + + h2 { margin-top: 3em; margin-bottom: 2em; } + + hr { width: 33%; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; } + + img { border: none; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em; } + + p { line-height: 1.4em; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + font-weight: normal; + text-align: justify; } + + table { margin-left: auto; margin-right: auto; } + + .big { font-size: 140%; } + + .center { text-align: center; } + + .figcenter { margin: auto; text-align: center; } + + .footnotes { margin-top: 3em; border: dashed 1px; } + .footnote { margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em; } + .footnote .label { position: absolute; right: 84%; text-align: right; } + .fnanchor { font-size: 0.9em; text-decoration: none; font-style: normal; letter-spacing: 0ex; } + + .initial { font-size: 300%; } + + .invisible { visibility: hidden; } + + .pagenum { position: absolute; right: 3%; font-size: small; + font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right; + text-indent: 0em; letter-spacing: 0ex; } + + .ppnote { background-color: #EEE; color: #000; padding: 10px; + font-family: sans-serif; font-size: 90%; border: thin solid #999; + margin: 0px; margin-top: 3em; margin-bottom: 6em; } + + .right { text-align: right; margin-right: 5%; } + + .small { font-size: 80%; } + + .spaced { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em; } + + .title { text-align: center; font-weight: bold; line-height: 2em; margin-top: 3em; margin-bottom: 2em; } + --> + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den +Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft + +Author: Rudolf Steiner + +Release Date: April 4, 2009 [EBook #28494] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p class="center">INTERNATIONALE BÜCHEREI FÜR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN</p> + +<h1>DIE KERNPUNKTE DER<br /> +<span class="big">SOZIALEN FRAGE</span><br /> +<span class="small">IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN<br /> +DER GEGENWART UND ZUKUNFT</span></h1> + +<p class="title"><span class="small">VON</span><br /> +DR. RUDOLF STEINER</p> + +<div class="figcenter" style="width: 100px;"> +<img src="images/signet.png" width="100" height="56" alt="Signet" title="" /> +</div> + +<p class="title" style="margin-bottom: 0em">1920</p> + +<hr style="margin-top: 0em; margin-bottom: 0em" /> + +<p class="center" style="margin-top: 0em">DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG<br /> +STUTTGART</p> + +<p class="center small">41.–80. Tausend</p> + +<p class="center small">Alle Rechte vorbehalten<br /> +Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G.,<br /> +Verlag, Stuttgart.</p> + +<p class="title" style="text-decoration: underline; margin-top: 3em; margin-bottom: 0em">Druckfehlerberichtigung.</p> + +<p class="center">Auf <a href="#Page_14">Seite 14</a>, Zeile 9 von oben, muß es<br /> +statt: in dem Urteil<br /> +heißen: von dem Urteil.</p> + +<p class="center">Auf <a href="#Page_26">Seite 26</a>, Zeile 11 von unten, muß es<br /> +statt: angetrieben<br /> +heißen: ausgetrieben.</p> + +<p class="center small" style="margin-top: 3em; margin-bottom: 10em">Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart.</p> + +<p class="title big" style="margin-bottom: 0em"><a name="inhalt" id="inhalt"></a>Inhalt</p> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis" style="margin-bottom: 6em"> +<tr><td align='right'></td><td align='left'></td><td class="small" align='right'>Seite</td></tr> +<tr><td align='right'></td><td align='left'><a href="#vorrede">Vorrede und Einleitung</a></td><td align='right'>5</td></tr> +<tr><td align='right'></td><td align='left'><a href="#vorbemerkungen">Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift</a></td><td align='right'>16</td></tr> +<tr><td align='right'>I.</td><td align='left'><a href="#kap01">Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben der modernen Menschheit</a></td><td align='right'>20</td></tr> +<tr><td align='right'>II.</td><td align='left'><a href="#kap02">Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten</a></td><td align='right'>39</td></tr> +<tr><td align='right'>III.</td><td align='left'><a href="#kap03">Kapitalismus und soziale Ideen</a></td><td align='right'>63</td></tr> +<tr><td align='right'>IV.</td><td align='left'><a href="#kap04">Internationale Beziehungen der sozialen Organismen</a></td><td align='right'>98</td></tr> +</table> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></p> + +<h2><a name="vorrede" id="vorrede"></a><a href="#inhalt">Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>ie Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige +verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie +herantritt. Man kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen +den Glauben haben, diese oder jene Einrichtung, die man sich in seinen +Ideen zurechtgelegt hat, müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube +kann überwältigende Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig +die soziale „Frage“ bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, +wenn man einen solchen Glauben geltend machen will.</p> + +<p>Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das +scheinbar Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. +Man kann annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen +theoretischen „Lösung“ der sozialen Frage, und er könnte dennoch +etwas ganz Unpraktisches glauben, wenn er der Menschheit diese von +ihm ausgedachte „Lösung“ anbieten wollte. Denn wir leben nicht mehr +in der Zeit, in welcher man glauben soll, auf diese Art im öffentlichen +Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung der Menschen ist nicht +so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal sagen könnten: da +seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen nötig sind; wie +er es meint, so wollen wir es machen.</p> + +<p>In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar +nicht an sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon +eine ziemlich weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. +Diejenigen haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz +verkannt, die ihr einen utopistischen Charakter beigelegt haben. Am +stärksten haben dies diejenigen getan, die selbst nur utopistisch denken +wollen. Sie sehen bei dem Andern, was der wesentlichste Zug ihrer +eigenen Denkgewohnheiten ist.</p> + +<p>Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen +des öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend +<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +erscheinenden utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben +viele die Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete +mit einer solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie +müssen sich davon überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen +können nichts anfangen mit dem, was sie vorbringen.</p> + +<p>Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine +wichtige Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist +die Tatsache der Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber +dem, was zum Beispiel die wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann +man denn hoffen, die verworrenen Zustände des öffentlichen Lebens zu +bewältigen, wenn man an sie mit einem lebensfremden Denken herantritt?</p> + +<p>Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlaßt das +Geständnis, daß man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses +Geständnis der „sozialen Frage“ auch fern bleiben. Denn nur, wenn man +diese Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwärtigen +Zivilisation behandelt, wird man Klarheit darüber erlangen, was dem +sozialen Leben nötig ist.</p> + +<p>Auf die Gestaltung des gegenwärtigen Geisteslebens weist diese Frage +hin. Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von +staatlichen Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem +hohen Grade abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung +und den Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so +erzogen werden, wie die wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, +aus denen er herauswächst.</p> + +<p>Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die +Lebensverhältnisse der Gegenwart angepaßt sein. Denn der Staat habe +die Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens +und damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens +so zu gestalten, daß dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient +werde. Und auch das kann man leicht glauben, daß der Mensch +dadurch das bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, +wenn er im Sinne der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus +denen er herauswächst, und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen +Platz gestellt wird, den ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten +anweisen.</p> + +<p>Diese Schrift muß die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu +zeigen, daß die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit +<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +des Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. +Und sie muß zeigen, daß die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit +den einen Teil der so brennenden sozialen Frage bildet.</p> + +<p>Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In +der Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit +lange etwas dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch +Denkende können sich kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Gesellschaft +den Einzelnen zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe.</p> + +<p>Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem +Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, daß in der geschichtlichen +Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum Irrtum +werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das Heraufkommen +der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, daß das +Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, +die es im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet +wurde. Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber +ein schwerer sozialer Irrtum.</p> + +<p>Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des +Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann +in dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle Selbstverwaltung +gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen, +das es angenommen hat, daß es ein völlig selbständiges Glied des sozialen +Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja +doch alles geistige Leben herauswächst, muß in die Verwaltung derer +gestellt werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung +soll nichts hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der +Wirtschaft tätig ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten +nur so viel Zeit aufzuwenden, daß er auch noch ein Verwaltender auf +seinem Gebiete sein kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, +wie er die Erziehung und den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt +Vorschriften, der nicht gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und +Erziehen drinnen steht. Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht +einmal unterrichtet hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen +mit. Was im Unterricht ganz unmittelbar erfahren wird, das fließt auch +in die Verwaltung ein. Es ist naturgemäß, daß innerhalb einer solchen +Einrichtung Sachlichkeit und Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen +Maße wirken.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span></p> +<p>Man kann natürlich einwenden, daß auch in einer solchen Selbstverwaltung +des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch +das wird im wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Daß das +Best-Mögliche zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die +Fähigkeiten, die in dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft +wirklich übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur +zu sorgen hat, wer aus geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes +Urteil fällen kann. Wie weit ein Kind nach der einen oder +der andern Richtung zu bringen ist, darüber wird ein Urteil nur in einer +freien Geistgemeinschaft entstehen können. Und was zu tun ist, um +einem solchen Urteil zu seinem Recht zu verhelfen, das kann nur aus einer +solchen Gemeinschaft heraus bestimmt werden. Aus ihr können das +Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte empfangen, die sie sich nicht +geben können, wenn sie von ihren Gesichtspunkten aus das Geistesleben +gestalten.</p> + +<p>Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, daß auch +die Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die +dem Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des +freien Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen, +landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre +Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift +muß notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese – +richtige – Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus +fließen diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, +wenn man durchschaut, daß sie im Grunde aus dem unbewußten Glauben +hervorgehen, die Erziehenden müssen lebensfremde, unpraktische Menschen +sein. Man könne ihnen gar nicht zumuten, daß sie Einrichtungen +von sich aus treffen, welche den praktischen Gebieten des Lebens richtig +dienen. Solche Einrichtungen müssen von denjenigen gestaltet werden, +die im praktischen Leben drinnen stehen, und die Erziehenden müssen +gemäß den Richtlinien wirken, die ihnen gegeben werden.</p> + +<p>Wer so denkt, der sieht nicht, daß Erziehende, die sich nicht bis ins +Kleinste hinein und bis zum Größten hinauf die Richtlinien selber geben +können, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen +können dann Grundsätze gegeben werden, die von scheinbar noch so +praktischen Menschen herrühren; sie werden keine rechten Praktiker in +das Leben hineinerziehen. Die antisozialen Zustände sind dadurch +<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +herbeigeführt, daß in das soziale Leben nicht Menschen hineingestellt +werden, die von ihrer Erziehung her sozial empfinden. Sozial empfindende +Menschen können nur aus einer Erziehungsart hervorgehen, die von sozial +Empfindenden geleitet und verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage +niemals beikommen, wenn man nicht die Erziehungs- und Geistesfrage +als einen ihrer wesentlichen Teile behandelt. Man schafft Antisoziales +nicht bloß durch wirtschaftliche Einrichtungen, sondern auch dadurch, +daß sich die Menschen in diesen Einrichtungen antisozial verhalten. Und +es ist antisozial, wenn man die Jugend von Menschen erziehen und unterrichten +läßt, die man dadurch lebensfremd werden läßt, daß man ihnen +von außen her Richtung und Inhalt ihres Tuns vorschreibt.</p> + +<p>Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von +ihnen, daß derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, +nach seinen Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung +niedergelegt hat. Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben +hervorgegangen sind, werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem +Geistesleben selbst schöpfen. Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, +was ihm von diesem freien Geistesleben aus überantwortet wird. +Er wird befruchtet werden von den lebendigen Ideen, die nur aus einem +solchen Geistesleben erstehen können.</p> + +<p>Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen +sein, die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. +Nicht das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen +stammt, die von bloßen „Praktikern“ gestaltet und in +denen von lebensfremden Menschen gelehrt wird, sondern allein das, +was von Erziehern kommt, die von ihren Gesichtspunkten aus das Leben +und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen die Verwaltung eines freien +Geisteslebens sich gestalten muß, das wird in dieser Schrift wenigstens +andeutungsweise dargestellt.</p> + +<p>Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrücken. +Besorgte Künstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: +ja, wird denn die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen +als in dem gegenwärtigen vom Staat und den Wirtschaftsmächten besorgten? +Solche Frager sollten bedenken, daß diese Schrift eben in keiner +Beziehung utopistisch gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht +theoretisch festgesetzt: dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu +Menschengemeinschaften angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das +<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +sozial Wünschenswerte herbeiführen können. Wer das Leben nicht nach +theoretischen Vorurteilen, sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird +sich sagen: der aus seiner freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht +auf eine rechte Beurteilung seiner Leistungen haben, wenn es eine freie +Geistesgemeinschaft gibt, die ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in +das Leben eingreifen kann.</p> + +<p>Die „soziale Frage“ ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das Menschenleben +heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder durch +Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein +Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie +einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der weltgeschichtlichen +Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das +Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, +der aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen +läßt. Dieses muß stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus +einige Zeit nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers +eintritt, so der soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in +die Unordnung. Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse +gibt es so wenig wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. +Aber die Menschen können in solche Gemeinschaften eintreten, daß durch +ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung +zum Sozialen gegeben wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst +verwaltende geistige Glied des sozialen Organismus.</p> + +<p>Wie sich für das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart +die freie Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so für das Wirtschaftsleben +die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren +Menschenleben zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und +Warenkonsum. Durch sie werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; +innerhalb ihrer stehen die Menschen mit ihrer Tätigkeit. Jeder +hat innerhalb ihrer seine Teilinteressen; jeder muß mit dem ihm möglichen +Anteil von Tätigkeit in sie eingreifen. Was einer wirklich braucht, +kann nur er wissen und empfinden; was er leisten soll, will er aus seiner +Einsicht in die Lebensverhältnisse des Ganzen beurteilen. Es ist nicht +immer so gewesen, und ist heute noch nicht überall so auf der Erde; +innerhalb des gegenwärtig zivilisierten Teiles der Erdbevölkerung ist es +im wesentlichen so.</p> + +<p>Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung +<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die Stadtwirtschaft, +aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht man +vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein erheblicher +Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise +schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind +davon abhängig, daß die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser +Lebensverhältnisse vorherrschend wirksam geworden ist.</p> + +<p>Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskräfte in einer abstrakten Weltgemeinschaft +organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften sind im +Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem Umfange +eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen als bloß +wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Daß man sie zu Wirtschaftsgemeinschaften +umwandeln wollte, bewirkte das soziale Chaos der neuesten +Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich aus seinen eigenen Kräften +heraus unabhängig von Staatseinrichtungen, aber auch von staatlicher +Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur können, wenn sich, nach rein +wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen bilden, die aus Kreisen +von Konsumenten, von Handeltreibenden und Produzenten sich zusammenschließen. +Durch die Verhältnisse des Lebens wird der Umfang +solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine Assoziationen +würden zu kostspielig, zu große wirtschaftlich zu unübersichtlich arbeiten. +Jede Assoziation wird zu der andern aus den Lebensbedürfnissen +heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden. Man braucht nicht +besorgt zu sein, daß derjenige, der sein Leben in reger Ortsveränderung +zuzubringen hat, durch solche Assoziationen eingeengt sein werde. Er +wird den Übergang von der einen in die andere leicht finden, wenn nicht +staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche Interessen den Übergang +bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb eines solchen +assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des Geldverkehrs +wirken.</p> + +<p>Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit +eine weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln +die Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Güter, sondern +die Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. +Durch ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben können die Menschen +diese notwendige Einsicht haben; dadurch, daß Interesse mit +Interesse sich vertragsmäßig ausgleichen muß, werden die Güter in ihren +<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +entsprechenden Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschließen nach +wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das +in den modernen Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen +Leben aus; aber sie kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten +zustande. Sie sind den Grundsätzen nachgebildet, die sich in der neueren +Zeit aus der Handhabung der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte +heraus gestaltet haben. Man parlamentarisiert in ihnen; man kommt +nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten überein, was der eine dem +andern zu leisten hat. In den Assoziationen werden nicht „Lohnarbeiter“ +sitzen, die durch ihre Macht von einem Arbeit-Unternehmer möglichst +hohen Lohn fordern, sondern es werden Handarbeiter mit den geistigen +Leitern der Produktion und mit den konsumierenden Interessenten des +Produzierten zusammenwirken, um durch Preisregulierungen Leistungen +entsprechend den Gegenleistungen zu gestalten. Das kann nicht durch +Parlamentieren in Versammlungen geschehen. Vor solchen müßte man +besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn unzählige Menschen ihre +Zeit mit Verhandlungen über die Arbeit verbringen müßten. In Abmachungen +von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation vollzieht +sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, daß der Zusammenschluß +den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der +Konsumierenden entspricht.</p> + +<p>Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht +gesagt: dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet, +wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn +sie in Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren +Interessen entsprechen.</p> + +<p>Daß sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschließen, dafür +sorgt einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft +nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedürfnisse. +Andrerseits kann dafür das freie Geistesleben sorgen, denn dieses +bringt die Einsichten zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. +Wer aus der Erfahrung heraus denkt, muß zugeben, daß solche assoziative +Gemeinschaften in jedem Augenblick entstehen können, daß sie nichts +von Utopie in sich schließen. Ihrer Entstehung steht nichts anderes im +Wege, als daß der Mensch der Gegenwart das wirtschaftliche Leben von +außen „organisieren“ will in dem Sinne, wie für ihn der Gedanke der +„Organisation“ zu einer Suggestion geworden ist. Diesem Organisieren, +<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +das die Menschen zur Produktion von außen zusammenschließen will, +steht diejenige wirtschaftliche Organisation, die auf dem freien Assoziieren +beruht, als sein Gegenbild gegenüber. Durch das Assoziieren verbindet +sich der Mensch mit einem andern; und das Planmäßige des Ganzen +entsteht durch die Vernunft des Einzelnen. – Man kann ja sagen: was +nützt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich assoziiert? Man +kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion von außen +her „gerecht“ geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung unterbindet +die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das Wirtschaftsleben +um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien Schaffenskraft +entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz aller +Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem Besitzenden. +Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kräfte ein, dann wird +der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung +ausgleichen müssen. Heute spricht man über solche Dinge +nicht aus den Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; +sondern aus den Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern +aus Klassen- und anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten +sich entwickeln, weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das +wirtschaftliche Leben immer komplizierter geworden ist, diesem nicht +mit rein wirtschaftlichen Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben +hat dies verhindert. Die wirtschaftenden Menschen stehen in der +Lebensroutine drinnen; die in der Wirtschaft wirkenden Gestaltungskräfte +sind ihnen nicht durchsichtig. Sie arbeiten ohne Einsicht in das +Ganze des Menschenlebens. In den Assoziationen wird der eine durch +den andern erfahren, was er notwendig wissen muß. Es wird eine wirtschaftliche +Erfahrung über das Mögliche sich bilden, weil die Menschen, +von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht und Erfahrung hat, +zusammen-urteilen werden.</p> + +<p>Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind, die in ihm +selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die +wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. +Was in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich +ihm aus dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich +assoziiert ist. Dadurch wird er genau so viel Einfluß auf die allgemeine +Wirtschaft haben, als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfähige +sich dem Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift +<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenüber dem Starken schützen, +kann ein Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kräften heraus +gestaltet ist.</p> + +<p>So kann der soziale Organismus in zwei selbständige Glieder zerfallen, +die sich gerade dadurch gegenseitig tragen, daß jeder seine eigenartige +Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kräften hervorgeht. Zwischen +beiden aber muß sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche staatliche +Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das geltend, +was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig gewordenen +Menschen abhängig sein muß. In dem freien Geistesleben betätigt sich +jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt jeder +seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen Zusammenhang +ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu seiner rein +menschlichen Geltung, insoferne diese unabhängig ist von den Fähigkeiten, +durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und unabhängig +davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das assoziative +Wirtschaftsleben erhalten.</p> + +<p>In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine Angelegenheit +ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem steht +jeder dem andern als ein gleicher gegenüber, weil in ihm nur verhandelt +und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch gleich +urteilsfähig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem +Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung.</p> + +<p>Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der +selbständigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, +wie die Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, +die Nutzung des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken +der drei Glieder gestalten kann. Wer die soziale Frage „lösen“ will durch +eine ausgedachte oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird +diese Schrift nicht praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens +heraus die Menschen zu solchen Arten des Zusammenschlusses anregen +will, in denen sie die sozialen Aufgaben am besten erkennen und sich +ihnen widmen können, der wird dem Verfasser des Buches das Streben +nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch nicht absprechen.</p> + +<p>Das Buch ist im April 1919 zuerst veröffentlicht worden. Ergänzungen +zu dem damals Ausgesprochenen habe ich in den Beiträgen gegeben, die +in der Zeitschrift „Dreigliederung des sozialen Organismus“ enthalten +<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +waren und die soeben gesammelt als die Schrift „In Ausführung der +Dreigliederung des sozialen Organismus“ erschienen sind<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p> + +<p>Man wird finden können, daß in den beiden Schriften weniger von +den „Zielen“ der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen +wird, die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer +aus der Lebenspraxis heraus denkt, der weiß, daß namentlich einzelne +Ziele in verschiedener Gestalt auftreten können. Nur wer in abstrakten +Gedanken lebt, dem erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher +tadelt das Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht „klar“ +genug dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dünken, sind gerade +solche Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, daß das Leben die mannigfaltigsten +Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein fließendes Element. +Und wer mit ihm gehen will, der muß sich auch in seinen Gedanken und +Empfindungen diesem fließenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben +werden nur mit einem solchen Denken ergriffen werden können.</p> + +<p>Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift +erkämpft; aus dieser heraus möchten sie auch verstanden sein.</p> + + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span></p> + +<h2><a name="vorbemerkungen" id="vorbemerkungen"></a><a href="#inhalt">Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>as soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben. +Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf +und zeigen, daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden +müssen, an die bisher nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen +der Gegenwart unterstützt, findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, +der, aus den Erfahrungen des Lebens heraus, sich zu der Meinung +bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an notwendig gewordene Wege in +die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf der Grundlage einer +solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift. Sie möchten +von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die von +einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den +Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. – Ob dem einen +oder dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon +sollte bei der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind +da, und man muß mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens +rechnen. Das mögen diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen +Lebenslage heraus, etwa finden, daß der Verfasser dieser Schrift in +seiner Darstellung von den proletarischen Forderungen in einer Art +spricht, die ihnen nicht gefällt, weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig +auf diese Forderungen als auf etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen +rechnen muß. Der Verfasser aber möchte aus der vollen Wirklichkeit +des gegenwärtigen Lebens heraus sprechen, soweit ihm dieses nach +seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich ist. Ihm stehen die verhängnisvollen +Folgen vor Augen, die entstehen müssen, wenn man Tatsachen, +die nun einmal aus dem Leben der neueren Menschheit sich erhoben +haben, nicht sehen will; wenn man von einem sozialen Wollen nichts +wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.</p> + +<p>Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch +<span class="spaced">zunächst</span> Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker +<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +ansehen, wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener +Gewohnheiten die Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie +werden finden, daß in dieser Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von +diesen Persönlichkeiten glaubt der Verfasser, daß gerade <span class="spaced">sie</span> werden +gründlich umlernen müssen. Denn ihm erscheint ihre „Lebenspraxis“ +als dasjenige, was durch die <span class="spaced">Tatsachen</span>, welche die Menschheit der +Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein Irrtum erwiesen ist. +Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu Verhängnissen +geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig ist, manches +als praktisch anzuerkennen, das <span class="spaced">ihnen</span> als verbohrter Idealismus erschienen +ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser Schrift sei +deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem Wirtschafts- und +mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit gesprochen +ist. Der Verfasser <span class="spaced">muß</span> aus seiner Lebenserkenntnis heraus +meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzu +gemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben +der neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. – +Auch diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die +Phrasen hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein +materielle Interessen herauskommen und sich „zum Geiste“, „zum +Idealismus“ wenden, werden an dem, was der Verfasser in dieser +Schrift sagt, kein rechtes Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von +dem bloßen Hinweis auf „den Geist“, von dem Reden über eine nebelhafte +Geisteswelt. Er kann nur <span class="spaced">die</span> Geistigkeit anerkennen, die der +eigene Lebensinhalt des Menschen wird. Dieser erweist sich in der Bewältigung +der praktischen Lebensaufgaben ebenso wirksam wie in der Bildung +einer Welt- und Lebensanschauung, welche die seelischen Bedürfnisse +befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man von einer Geistigkeit +weiß, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies eine Geistigkeit +ist, die auch beim Erfassen der praktischen Lebenswirklichkeit zutage +tritt. Eine solche begleitet diese Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß +für das innere Seelenwesen reservierte Nebenströmung. – So werden die +Ausführungen dieser Schrift den „Geistigen“ wohl zu ungeistig, den +„Praktikern“ zu lebensfremd erscheinen. Der Verfasser hat die Ansicht, +daß er <span class="spaced">gerade deshalb</span> dem Leben der Gegenwart werde in seiner Art +dienen können, weil er der Lebensfremdheit manches Menschen, der sich +heute für einen „Praktiker“ hält, nicht zuneigt, und weil er auch demjenigen +<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +Reden vom „Geiste“, das aus Worten Lebensillusionen schafft, +keine Berechtigung zusprechen kann.</p> + +<p>Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die „soziale +Frage“ in den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser +glaubt zu erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und +Geisteslebens die „wahre Gestalt“ dieser Frage sich ergibt. Nur +aus dieser Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für +eine gesunde Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen +Ordnung. – In ältern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten +die sozialen Instinkte dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur +damals entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. +In der Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, +diese Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen +jenen ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein +solches Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken +der alten Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen +der gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In +manchem, das man heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben +aber noch die alten Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach +gegenüber den fordernden Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich +vorstellt, muß der Mensch der Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, +das nicht mehr lebensfähig ist. Wie Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben +im Sinne des von der neueren Zeit selbst geforderten gesunden +sozialen Lebens sich gestalten sollen, das – so meint der Verfasser – +kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen entwickelt, das eben +Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser glaubt, über eine +solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte er dem +Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine <span class="spaced">Anregung</span> +zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit +und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der Verfasser +geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über Schwarmgeisterei +und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens hinausführen +kann.</p> + +<p>Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte +der Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit +manchen Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwicklung +der sozialen Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und +<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +in Schwarmgeisterei verfällt. <span class="spaced">Deshalb</span> sieht man das aus der wahren +Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser +Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser +Darstellung deshalb etwas „Abstraktes“ sehen, weil ihm „konkret“ nur +ist, was er zu denken gewohnt ist und „abstrakt“ auch das Konkrete +dann, wenn er nicht gewöhnt ist, es zu denken<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>.</p> + +<p>Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen +des Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. +Doch er glaubt, viele Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung +gelangen, daß die Tatsachen der Entwicklung schon weit über +die Parteiprogramme hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen +Programmen <span class="spaced">unabhängiges</span> Urteil über die nächsten Ziele des sozialen +Wollens vor allem notwendig ist.</p> + +<p>Anfang April 1919.</p> + +<p class="right"><span class="spaced">Rudolf Steiner.</span></p> + + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span></p> + +<h2><a name="kap01" id="kap01"></a><a href="#inhalt">I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem +Leben der modernen Menschheit</a></h2> + + +<p><span class="initial">O</span>ffenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne +soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich +Gedanken waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische +Wollen zu verstehen glaubte?</p> + +<p>Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des +Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des +Lebens drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, +welche das Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das +Verhältnis, in das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines +großen Teiles der Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, +wer ganz ohne Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse +der Menschennatur sind.</p> + +<p>Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, +durch ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken +auf die Kräfte im europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe +drängten, haben sich über diese Triebkräfte den größten Illusionen +hingegeben. Sie konnten glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde +die sozialen Anstürme beruhigen. Solche Persönlichkeiten mußten gewahr +werden, daß durch die Folgen ihres Verhaltens die sozialen Triebe erst +völlig in die Erscheinung traten. Ja, die gegenwärtige Menschheitskatastrophe +erwies sich als dasjenige geschichtliche Ereignis, durch +das diese Triebe ihre volle Schlagkraft erhielten. Die führenden Persönlichkeiten +und Klassen mußten ihr Verhalten in den letzten schicksalsschweren +Jahren stets von dem abhängig machen, was in den sozialistisch +gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten oftmals gerne +anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten unbeachtet +lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse +angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span></p> +<p>Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was +jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung +der Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen +Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden +dieser Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken +an diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was +in ihm als soziales Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug +auf Schicksalsfragen, die von den Tatsachen gestellt werden.</p> + +<p>Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit +langer Zeit als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig +gedacht haben, werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug +erweisen, um den fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung +zu geben. – Man kann absehen von der Meinung derer, die auch jetzt +noch wähnen, das Alte müsse sich gegen die neueren Forderungen eines +großen Teiles der Menschheit halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen +auf das Wollen derer, die von der Notwendigkeit einer neuen +Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird doch nicht anders können, +als sich gestehen: es wandeln unter uns Parteimeinungen wie Urteilsmumien, +die von der Entwicklung der Tatsachen zurückgewiesen werden. +Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche die Urteile der alten +Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien haben sich zwar +mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren Denkgewohnheiten +hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht vielleicht +nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden Ansichten +zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe +der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. +Man darf daraus die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse +empfänglich sein für den Versuch, dasjenige im sozialen Leben der +neueren Menschheit zu kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch +den Denkgewohnten der sozial orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen +ferne liegt. Denn es könnte wohl sein, daß die Tragik, +die in den Lösungsversuchen der sozialen Frage zutage tritt, gerade +in einem Mißverstehen der wahren proletarischen Bestrebungen wurzelt. +In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen, welche mit ihren +Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind. Denn +der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das +rechte Urteil.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span></p> +<p>Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu +stellen: was <span class="spaced">will</span> die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? +Entspricht dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer +oder nicht proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht +wird? Offenbart sich in dem, was über die „soziale Frage“ von vielen +gedacht wird, die <i>wahre Gestalt</i> dieser „Frage“? Oder ist ein ganz +anders gerichtetes Denken nötig? An <i>diese</i> Frage wird man nicht unbefangen +herantreten können, wenn man nicht durch die Lebensschicksale +in die Lage versetzt war, in das Seelenleben des modernen Proletariats +sich einzuleben. Und zwar desjenigen Teiles dieses Proletariats, der am +meisten Anteil hat an der Gestaltung, welche die soziale Bewegung der +Gegenwart angenommen hat.</p> + +<p>Man hat viel gesprochen über die Entwicklung der modernen Technik +und des modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser +Entwicklung das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es +durch die Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen +gekommen ist. In all dem, was man in dieser Richtung +vorgebracht hat, liegt viel Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes +doch nicht berührt wird, kann sich dem aufdrängen, der +sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: die äußern Verhältnisse +geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es offenbart sich +dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus inneren +Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die proletarischen +Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der +modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht +in diese Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in +diesen Forderungen eigentlich als <i>rein menschliche</i> Impulse lebt. Und +solange man in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man +wohl auch der <i>wahren Gestalt</i> der „sozialen Frage“ nicht beikommen.</p> + +<p>Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, +kann einen bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer +liegenden Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. +Es ist das: der moderne Proletarier ist „<i>klassenbewußt</i>“ geworden. Er +folgt den Impulsen der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr +gewissermaßen instinktiv, unbewußt; er weiß sich als Angehöriger +einer besonderen Klasse und ist gewillt, das Verhältnis dieser seiner +Klasse zu den andern im öffentlichen Leben in einer seinen Interessen +<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +entsprechenden Weise zur Geltung zu bringen. Wer ein Auffassungsvermögen +hat für seelische Unterströmungen, der wird durch das Wort +„klassenbewußt“ in dem Zusammenhang, in dem es der moderne Proletarier +gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der sozialen +Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der +modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher +muß vor allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren +über das Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen +zündend in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. +Hiermit wird eine Tatsache berührt, über welche viele, die nur <i>über</i> +das Proletariat denken können, nicht <i>mit</i> demselben, nur ganz verschwommene, +ja in Anbetracht der ernsten Ereignisse der Gegenwart +schädliche Urteile haben. Mit der Meinung, dem „ungebildeten“ Proletarier +sei durch den Marxismus und seine Fortsetzung durch die +proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht worden, und mit dem, +was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt man nicht +zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen Verständnis +der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine solche +Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf +ein Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. +Und ein solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen Klassenbewußtseins +mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren <i>wissenschaftlichen</i> +Entwicklung heraus genommen haben. In diesem Bewußtsein +wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die „Wissenschaft +und die Arbeiter“ gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem unwesentlich +erscheinen, der sich für einen „praktischen Menschen“ hält. Wer +aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung +gewinnen will, der <i>muß</i> seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. +In dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt +nicht etwa das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben +so, wie es sich manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die +Wirtschafts-<i>Wissenschaft</i>, von welcher das proletarische Bewußtsein +ergriffen worden ist. In der wissenschaftlich gehaltenen und in der +journalistisch popularisierten Literatur der proletarischen Bewegung +tritt dieses so klar zutage. Es zu leugnen, bedeutet ein Augenverschließen +vor den wirklichen Tatsachen. Und eine fundamentale, die +soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist die, daß der moderne +<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen sich den Inhalt +seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der Maschine +arbeitende Mensch von „Wissenschaft“ noch so weit entfernt sein; er +hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche die +Mittel zu dieser Aufklärung von dieser „Wissenschaft“ empfangen haben.</p> + +<p>Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, +das Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf +die Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; +was die gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht +unmittelbar aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt +worden, daß er in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden +ist. Es fließt aus der andern Tatsache, daß ganz bestimmte <i>Gedanken</i> +sich innerhalb seines Klassenbewußtseins an der Maschine und in der +Abhängigkeit von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet +haben. Es könnte sein, daß die Denkgewohnheiten der Gegenwart +manchen verhindern, die Tragweite dieses Tatbestandes ganz zu erkennen +und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur ein dialektisches Spiel mit +Begriffen zu sehen. Dem gegenüber muß gesagt werden: um so schlimmer +für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung in das soziale Leben +der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das Wesentliche ins +Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen will, der +muß vor allem wissen, wie der Proletarier <i>denkt</i>. Denn die proletarische +Bewegung – von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis +in ihre verheerendsten Auswüchse hinein – wird nicht von „außermenschlichen +Kräften“, von „Wirtschaftsimpulsen“ gemacht, sondern +von <i>Menschen</i>; von deren Vorstellungen und Willensimpulsen.</p> + +<p>Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische +Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden +Ideen und Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese +Bewegung hat ihre Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung +gesucht, weil dem Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts +geben konnten, was seine Seele mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen +konnte. Ein solcher Inhalt ergab sich dem mittelalterlichen Handwerker +aus seinem Berufe. In der Art, wie dieser Handwerker sich +<i>menschlich</i> mit dem Berufe verbunden fühlte, lag etwas, das ihm das +Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor dem eigenen +Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er vermochte, +<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben +konnte, was er als „Mensch“ sein wollte. An der Maschine und innerhalb +der kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, +auf sein Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, +auf der sich eine das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten +läßt, was man als „Mensch“ ist. Von der Technik, von dem +Kapitalismus strömte für eine solche Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, +daß das proletarische Bewußtsein die Richtung nach dem +wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es hatte den menschlichen +Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren. Das +aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit +einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht +mehr die geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach +dessen Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. +Die alten Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen +geistigen Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft +erscheint er als Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese +Wissenschaft wird nicht empfunden wie ein in die Menschenseele aus +einer Geistwelt fließender Strom, der den Menschen als Seele trägt. +Wie man auch über das Verhältnis der religiösen Impulse und dessen, +was mit ihnen verwandt ist, zu der wissenschaftlichen Denkungsart +der neueren Zeit urteilen mag: man wird, wenn man unbefangen die geschichtliche +Entwicklung betrachtet, zugeben müssen, daß sich das +wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen entwickelt hat. Aber die +alten, auf religiösen Untergründen ruhenden Weltanschauungen haben +nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der neueren wissenschaftlichen +Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich außerhalb dieser +Vorstellungsart und lebten weiter mit einem Bewußtseinsinhalt, dem +sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden konnten. Den führenden +Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas Wertvolles +sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer Lebenslage +zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen Bewußtseinsinhalt, +weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den alten +noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten +Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben +auf eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der +Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit geschwunden, +<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen +inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen +Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig – +in dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen +gleichzeitig nennen kann – die moderne Wissenschaftlichkeit. +Ihr wandte sich das Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. +Bei ihr suchte es den ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber +es war zu dieser Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt +als die führenden Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche +Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung +zu machen. Mochten sie noch so sehr mit der „wissenschaftlichen Vorstellungsart“ +sich durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader +Ursachenzusammenhang von den niedersten Tieren bis zum Menschen +führe: diese Vorstellungsart blieb doch theoretische Überzeugung. Sie +erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch empfindungsgemäß so zu +nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen ist. Der Naturforscher +Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator Büchner: sie +waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart durchdrungen. +Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele etwas, +das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur sinnvoll +rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man +stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit +auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem +eigenen Dasein verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den +sein Agitator hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der +Arbeit nicht ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft +hat in der neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, +daß sie ihren Ursprung in geistigen Welten haben. Sie sind darüber +belehrt worden, daß sie in der Urzeit unanständig als Baumkletterer +lebten; belehrt, daß sie alle den gleichen rein natürlichen Ursprung +haben. Vor eine nach solchen Gedanken hin orientierte Wissenschaftlichkeit +sah sich der moderne Proletarier gestellt, wenn er nach einem +Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen sollte, wie er als Mensch +im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese Wissenschaftlichkeit +restlos ernst, und zog aus ihr <i>seine</i> Folgerungen für das Leben. Ihn +traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als den Angehörigen +der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung +<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er +hatte alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in +den Rahmen dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war +aus dieser Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese +Lebensordnung nicht eine Empfindung geben, die sein Leben mit +einem menschenwürdigen Inhalt durchleuchtete. Empfinden lassen, was +man als Mensch ist, das konnte den Proletarier das einzige, was ausgestattet +mit Glauben erweckender Kraft aus der alten Lebensordnung +hervorgegangen zu sein schien: die wissenschaftliche Denkungsart.</p> + +<p>Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem +Lächeln drängen, wenn auf die „Wissenschaftlichkeit“ der proletarischen +Vorstellungsart verwiesen wird. Wer bei „Wissenschaftlichkeit“ nur an +dasjenige zu denken vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in +„Bildungsanstalten“ sich erwirbt, und der dann diese „Wissenschaftlichkeit“ +in Gegensatz bringt zu dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, +der „nichts gelernt“ hat, der mag lächeln. Er lächelt über Schicksal +entscheidende Tatsachen des gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen +bezeugen aber, daß mancher hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich +<i>lebt</i>, während der ungelehrte Proletarier seine Lebensgesinnung +nach der Wissenschaft hin orientiert, die er vielleicht gar nicht besitzt. +Der Gebildete hat die Wissenschaft aufgenommen; sie ist in einem Schubfach +seines Seelen-Innern. Er steht aber in Lebenszusammenhängen +und läßt sich von diesen seine Empfindungen orientieren, die nicht +von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der Proletarier ist durch +seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so aufzufassen, +wie es <i>der Gesinnung</i> dieser Wissenschaft entspricht. Was die andern +Klassen „Wissenschaftlichkeit“ nennen, mag ihm ferne liegen; die +Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. +Für die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, +eine allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die „Wissenschaft“, +wenn auch oft in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. +Mancher Angehörige der „führenden“ Klassen fühlt sich „aufgeklärt“, +„freireligiös“. Gewiß, in seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche +Überzeugung; in seinen Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten +Reste eines überlieferten Lebensglaubens.</p> + +<p>Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung +mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger +<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> +Art in einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen +Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen +hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. +Der Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb +die alten Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche +Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses +Erbgut wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. +Aber dieser „Geistesinhalt“ in seiner Seele wußte nichts von +seinem Ursprung in einem wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier +von den herrschenden Klassen als geistiges Leben allein übernehmen +konnte, verleugnete seinen Ursprung aus dem Geiste.</p> + +<p>Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und +auch Proletarier berühren werden, die mit dem Leben „praktisch“ +vertraut zu sein glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier +Gesagte für eine lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, +welche aus der gegenwärtigen Weltlage heraus sprechen, werden immer +mehr diesen Glauben als einen Wahn erweisen. Wer unbefangen diese +Tatsachen sehen kann, dem muß sich offenbaren, daß einer Lebensauffassung, +welche sich nur an das Äußere dieser Tatsachen hält, zuletzt +nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die mit den Tatsachen nichts +mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich so lange +„praktisch“ an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine Ähnlichkeit +mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte +die gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: +was haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? +Soll es so auch mit dem sozialen Denken gehen?</p> + +<p>Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer +Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder +einer, der den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise +ablenken möchte, das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren +scheint. Dieser Bekenner durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein +proletarisches Leben gebracht hat, und wie er sich innerhalb dieses +Lebens durch eine Denkungsart zu bewegen sucht, die ihm von den +„herrschenden“ Klassen als Erbgut übermacht ist. Er <i>lebt</i> proletarisch; +aber er <i>denkt</i> bürgerlich. Die neue Zeit macht nicht bloß notwendig, +sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch in <i>neue Gedanken</i>. +Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum lebentragenden Inhalt +<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung eines vollmenschlichen +Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie sie +alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.</p> + +<p>Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der <i>wahren Gestalt</i> +eines der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. +Am Ende dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: +ich strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige +Leben ist <i>Ideologie</i>, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren +Weltvorgängen spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen +Welt her. Was im Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben +geworden ist, empfindet die proletarische Lebensauffassung als +Ideologie. Wer die Stimmung in der proletarischen Seele begreifen +will, die sich in den sozialen Forderungen der Gegenwart auslebt, der +muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht bewirken kann, daß +das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was weiß der +Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der +mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, +redet am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben +vorbei. Ein solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten +Jahrzehnte vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen +von der Ansicht, das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen +und Taten des von ihm nur für „unwissend“ gehaltenen radikalen +Sozialisten und auch zu den Handlungen derer, die aus dumpfen +Lebensimpulsen heraus „Revolution machen“.</p> + +<p>Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen +der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine +Empfindung für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten +Massen sich an die Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den +Blick nicht auf das zu richten vermag, was in den Menschengemütern +<i>wirklich vorgeht</i>. Der Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen +des Proletariers hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung +der Produktionsmittel kann für mich ein menschenwürdiges Dasein +erreicht werden. Aber er vermag sich keine Vorstellung davon zu bilden, +daß seine Klasse beim Übergang aus einer alten in die neue Zeit nicht +nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm nicht gehörenden Produktionsmitteln +aufgerufen hat, sondern daß sie nicht vermocht hat, ihm zu +dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt hinzuzugeben. Menschen, +<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +welche in der oben angedeuteten Art am Leben vorbeisehen und vorbeihandeln, +mögen sagen: aber der Proletarier will doch einfach in eine +Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden Klassen gleichkommt; +wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine Rolle? +Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den andern +Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter +ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede +aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage +nicht. Sie enthüllt nichts von der <i>wahren Gestalt</i> dieser Frage. Denn ein +solches Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von +den herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde +die sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne +Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie +sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter +des Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung +immer unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, +die es nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in +ihrer Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die +in ihrer Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren +Lebenslage ist.</p> + +<p>Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen +Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit +entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, +daß sie von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben +vererben können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß.</p> + +<p>Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches +Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer +Menschenklasse verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, +sondern die Art, <i>wie</i> die Forderung nach dieser Änderung aus den +Gedanken-Impulsen dieser Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man +sehe sich doch die Tatsachen von diesem Gesichtspunkte aus nur einmal +unbefangen an. Dann wird man sehen, wie Persönlichkeiten, die +ihr Denken in der Richtung der proletarischen Impulse halten wollen, +lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese oder jene geistigen +Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der sozialen Frage. +Sie belächeln das als <i>Ideologie</i>, als eine graue Theorie. Aus dem Gedanken +heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie, werde gewiß +<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen Fragen +der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem +auf, <i>wie</i> der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen, +gerade proletarischen Bewegung <i>nicht</i> in dem liegt, wovon der heutige +Proletarier spricht, sondern liegt in <i>Gedanken</i>.</p> + +<p>Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine +ähnliche Bewegung der Welt – wenn man sie genauer anschaut, zeigt +sich dies im eminentesten Sinne – eine Bewegung aus <i>Gedanken</i> entsprungen. +Dies sage ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die +soziale Bewegung gewonnenes Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine +persönliche Bemerkung einzufügen, so sei es diese: ich habe jahrelang +innerhalb einer Arbeiterbildungsschule in den verschiedensten Zweigen +proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt. Ich glaube dabei kennen +gelernt zu haben, was in der Seele des modernen proletarischen Arbeiters +lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch zu verfolgen +Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der verschiedenen Berufe +und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche nicht bloß +vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche +aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen +zu haben.</p> + +<p>Wer – was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der +Fall ist – wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, +wo sie von <i>Arbeitern</i> getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere +Erscheinung <i>dieses</i> ist, daß eine gewisse Gedanken-<i>Richtung</i> die Seelen +einer großen Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. +Was gegenwärtig schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu +nehmen, ist, daß eine so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses +der Klassen da ist. Die bürgerlichen Klassen können heute +sich so schwer in die Seele des Proletariers hineinversetzen, können so +schwer verstehen, wie in der noch unverbrauchten <i>Intelligenz</i> des Proletariats +Eingang finden konnte eine solche – mag man nun zum Inhalt +stehen, wie man will –, eine solche an menschliche Denkforderungen +höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie es diejenige Karl +Marxens ist.</p> + +<p>Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, +von dem andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut +erscheinenden Gründen wie das andere; es konnte revidiert werden +<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +von denen, die das soziale Leben nach Marxens und seines Freundes +Engels Tode von anderem Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. +Von dem Inhalte dieses Systems will ich gar nicht sprechen. Der scheint +mir nicht als das Bedeutungsvolle in der modernen proletarischen Bewegung. +Das Bedeutungsvollste erscheint mir, daß die <i>Tatsache</i> vorliegt: +innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als mächtigster Impuls ein +Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der folgenden Art +aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine Lebensbewegung mit +alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch niemals so fast +ganz allein auf einer <i>rein</i> gedanklichen Grundlage, wie diese moderne +Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste derartige +Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche Grundlage +gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden. +Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über +sein eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, +so scheint einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher +Lebensbeobachtung durchaus nicht als das wichtige.</p> + +<p>Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden +für den <i>ganzen</i> Menschen entscheidend geworden ist, was bei +andern Klassen nur in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert +ist: die <i>Gedanken-Grundlage</i> der Lebensgesinnung. Was im +Proletarier auf diese Art innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht +bewußt zugestehen. Er ist von diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, +daß ihm das Gedankenleben als Ideologie überliefert worden ist. +Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf die Gedanken; empfindet diese +aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders kann man die proletarische +Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch die Handlungen ihrer +Träger verstehen, als indem man <i>diese</i> Tatsache in ihrer vollen Tragweite +innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung durchschaut.</p> + +<p>Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des +modernen Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß +in der Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung +die Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen +muß. Denn es ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn +nicht befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer +Beseitigung in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von +diesem Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig +<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +noch gar nicht anders als die Meinung spottend oder zornig +ablehnen, daß in diesen geistigen Untergründen der sozialen Bewegung +etwas liegt, was eine bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie +sollte er einsehen, daß das Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, +da er es doch als Ideologie empfinden muß? Von einem Geistesleben, +das so empfunden wird, kann man nicht erwarten, daß es den Ausweg +aus einer sozialen Lage findet, die man nicht weiter ertragen will. Aus +seiner wissenschaftlich orientierten Denkungsart ist dem modernen Proletarier +nicht nur die Wissenschaft selbst, sondern es sind ihm Kunst, +Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der menschlichen Ideologie +geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des Geisteslebens +waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden Wirklichkeit, +die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind sie +nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie +immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche +Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf +das materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: ursprünglich steigen +sie als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht <i>sie</i> können +von sich aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten +führt. Nur <i>innerhalb</i> der materiellen Tatsachen selbst kann etwas +entstehen, was zum Ziele geleitet.</p> + +<p>Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit +an die proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, +die seine Kraft für das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. +Wenn an die Kräfte gedacht wird, welche der sozialen Frage die +Lösung bringen können, so muß dies vor allem andern verstanden +werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so müßte sich das +Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen gegenüber +den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem +Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen +Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen +oder ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man +sagt, das moderne Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen +heraus die kapitalistische der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung +hat das Proletariat in eine ihm unerträgliche Lage gegenüber +dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde weiter gehen; sie werde +den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden Kräfte ertöten, +<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des Proletariates +erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen +Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für +einen gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das +Wesentliche ist auch da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, +daß es dem, der gegenwärtig echt sozialistisch denken will, <i>nicht</i> +beifallen wird, zu sagen: wenn irgendwo ein aus den Impulsen der +Zeit herausgeholtes, in einer geistigen Wirklichkeit wurzelndes, die +Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so wird von diesem die +Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen Bewegung den rechten +Antrieb gibt.</p> + +<p>Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der +Gegenwart gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche +Erwartung nicht hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. +Er bedarf eines Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner +Seele die Empfindung von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als +er in die kapitalistische Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt +worden ist, wurde er mit den tiefsten Bedürfnissen seiner +Seele auf ein solches Geistesleben hingewiesen. Dasjenige Geistesleben +aber, das ihm die führenden Klassen als Ideologie überlieferten, höhlte +seine Seele aus. Daß in den Forderungen des modernen Proletariates +die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem Geistesleben +wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben kann: dies +gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft. Aber +diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der +Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht +proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen +Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil +leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten +Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes +als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache +hängt das Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen +sozialen Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die +gesellschaftliche Ordnung, welche unter dem Einfluß der führenden +Menschenklassen beim Heraufkommen der neueren Wirtschaftsform entstanden +ist, ist der Zugang zu einem solchen Wege verschlossen worden. +<i>Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu öffnen.</i></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span></p> +<p>Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man +gegenwärtig denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden +lernen, daß ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in +dem das Geistesleben als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche +den sozialen Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt +an der Ohnmacht des Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert +durch die Abneigung, ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die +Anerkennung dieser Tatsache wird man eine Grundlage gewinnen, auf der +sich ein der sozialen Bewegung entsprechendes Denken entwickeln kann.</p> + +<p>Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele +zu treffen, wenn er von seinem <i>Klassenbewußtsein</i> redet. Doch die Wahrheit +ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische Wirtschaftsordnung +nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen kann, +das ihm das <i>Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt</i>; und daß ihm das +als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht +entwickeln kann. Er hat nach <i>diesem</i> Bewußtsein gesucht, und er hat, +was er nicht finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene +<i>Klassenbewußtsein</i> ersetzt.</p> + +<p>Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt +worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, +daß anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Anstoß liegen könne +zu dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen +Bewegung. Er glaubt allein, daß durch die Entwicklung des ungeistigen, +unseelischen Wirtschaftslebens <i>der</i> Zustand herbeigeführt werden könne, +den <i>er</i> als den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, +sein Heil allein in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu +suchen. Zu der Meinung wurde er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung +des Wirtschaftslebens verschwinden werde all der Schaden, der herrührt +von der privaten Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen +Arbeitgebers und von der Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht +zu werden den Ansprüchen auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer +leben. So kam der moderne Proletarier dazu, das einzige Heil +des sozialen Organismus zu sehen in der Überführung allen Privatbesitzes +an Produktionsmitteln in <i>gemeinschaftlichen Betrieb</i> oder gar gemeinschaftliches +Eigentum. Eine solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man +gewissermaßen den Blick abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen +und ihn <i>nur</i> hingerichtet hat auf den rein ökonomischen Prozeß.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span></p> +<p>Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen +proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, +daß aus der Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln +müsse, was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. +Um dies volle Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines +Strebens tritt etwas auf, was eben niemals aus dem wirtschaftlichen +Leben allein als eine Folge auftreten kann. Das ist eine bedeutende, +eine eindringliche Sprache redende Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte +der verschiedenen Gestaltungen der sozialen Frage aus den +Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit heraus Etwas +liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben selbst +hervorgehe, das aber niemals aus diesem <i>allein</i> entspringen konnte, +das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die über das +alte Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem +modernen Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne +Leben die Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, +der Besitz, Wesen von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, +<i>innerhalb</i> dieses modernen Lebens hat sich etwas herausgebildet, das +nicht deutlich ausgesprochen wird, auch von dem modernen Proletarier +nicht bewußt empfunden wird, das aber der eigentliche Grundimpuls +seines sozialen Wollens ist. Es ist dieses: die moderne kapitalistische +Wirtschaftsordnung kennt im Grunde genommen nur Ware innerhalb +ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser Waren innerhalb des +wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden innerhalb des kapitalistischen +Organismus der neueren Zeit etwas zu einer <i>Ware</i>, von dem +heute der Proletarier empfindet: es <i>darf</i> nicht Ware sein.</p> + +<p>Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse +der ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den +Instinkten, in den unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers +ein Abscheu davor lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer +ebenso verkaufen muß, wie man auf dem Markte Waren verkauft, +der Abscheu davor, daß auf dem Arbeitskräftemarkt nach Angebot +und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle spielt, wie die Ware +auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man darauf +kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware Arbeitskraft +in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz unbefangen +darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich +<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird, +<i>dann</i> wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen +Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden +muß, daß er heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden +macht.</p> + +<p>Im Altertum gab es Sklaven. Der <i>ganze</i> Mensch wurde wie eine +Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil +des Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert +durch die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, +die noch einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware +aufdrückt: der Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache +nicht bemerkt worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen +Leben der Gegenwart als eine fundamentale Tatsache empfunden. Sie +wird als etwas gefühlt, was gewichtig in der modernen sozialen Bewegung +wirkt. Aber man lenkt, indem man sie betrachtet, den Blick +lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die Frage über den +Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt, daß aus +dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche +einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die +Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner +unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in +der neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen +ist. Man sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft +den Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, +wie es im Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte +zur Ware werden <i>muß</i>. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen +Verbrauch von Waren besteht das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die +menschliche Arbeitskraft des Warencharakters entkleiden, wenn man +nicht die Möglichkeit findet, sie aus dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. +Nicht darauf kann das Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß +so umzugestalten, daß <i>in</i> ihm die menschliche Arbeitskraft +zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt man diese +Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von sozialen +Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen? +Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem +seine Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn +deshalb, weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft +<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +wesentlich von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß +herrührt. Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern +muß, geht er mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der +Wirtschaftsprozeß strebt so lange durch seinen eigenen Charakter danach, +die Arbeitskraft in der zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie +in ihm Waren verbraucht werden, so lange man die Regelung der Arbeitskraft +in ihm liegen läßt. Wie hypnotisiert durch die Macht des +modernen Wirtschaftslebens, richtet man den Blick allein auf das, +was in diesem wirken kann. Man wird durch diese Blickrichtung nie +finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht. Denn eine +andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer andern Art +zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren +Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht +sieht, daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und +Warenkonsumtion nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen +bestimmt werden, deren Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft +ausgedehnt werden soll.</p> + +<p>Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen +Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben +eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden +ist, und auf der andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, +unverbunden mit dem Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche +die Ware nehmen muß von ihrer Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. +Wird sich durch eine in dieser Richtung gehende gesunde Denkungsart +die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits zeigen, so wird anderseits +sich durch diese Denkart auch erweisen, welche Stellung das Wirtschaftsleben +im gesunden sozialen Organismus einnehmen soll.</p> + +<p>Man sieht schon hieraus, daß die „soziale Frage“ sich in drei besondere +Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt +des Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die +zweite wird das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in +das Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich +ergeben können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span></p> + +<h2><a name="kap02" id="kap02"></a><a href="#inhalt">II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche +für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten</a></h2> + + +<p><span class="initial">M</span>an kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt +der sozialen Frage in der neueren Zeit geführt hat, wohl +<i>so</i> aussprechen, daß man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik +getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen +naturhaften Selbstverständlichkeit gewirkt und die moderne Gesellschaft +in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der Inanspruchnahme +der menschlichen Aufmerksamkeit für dasjenige, was Technik und +Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit abgelenkt worden +für andere Zweige, andere Gebiete des sozialen Organismus. Diesen +muß ebenso notwendig vom menschlichen Bewußtsein aus die rechte +Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale Organismus gesund +sein soll.</p> + +<p>Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer +<i>umfassenden</i>, <i>allseitigen</i> Beobachtung über die soziale Frage charakterisiert +werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem Vergleich ausgehen. +Aber es wird zu beachten sein, daß mit diesem Vergleich nichts +anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann unterstützen +das menschliche Verständnis, um es gerade in diejenige Richtung +zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen über +die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen +Gesichtspunkt betrachten muß den kompliziertesten natürlichen +Organismus, den menschlichen Organismus, der muß seine Aufmerksamkeit +darauf richten, daß die ganze Wesenheit dieses menschlichen +Organismus drei nebeneinander wirksame Systeme aufzuweisen hat, +von denen jedes mit einer gewissen Selbständigkeit wirkt. Diese drei +nebeneinander wirksamen Systeme kann man etwa in folgender Weise +kennzeichnen. Im menschlichen natürlichen Organismus wirkt als ein +Gebiet dasjenige System, welches in sich schließt <i>Nervenleben und Sinnesleben</i>. +<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +Man könnte es auch nach dem wichtigsten Gliede des Organismus, +wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaßen zentralisiert sind, den +<i>Kopforganismus</i> nennen.</p> + +<p>Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, +wenn man ein wirkliches Verständnis für sie erwerben will, das, +was ich nennen möchte das rhythmische System. Es besteht aus <i>Atmung</i>, +<i>Blutzirkulation</i>, aus all dem, was sich ausdrückt in <i>rhythmischen Vorgängen</i> +des menschlichen Organismus.</p> + +<p>Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe +und Tätigkeiten zusammenhängt mit dem <i>eigentlichen Stoffwechsel</i>.</p> + +<p>In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder +Art unterhält, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang +des menschlichen Organismus<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p> + +<p>Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was naturwissenschaftliche +Forschung schon heute sagen kann, diese Dreigliederung +des menschlichen natürlichen Organismus wenigstens zunächst +skizzenweise in meinem Buche „Von Seelenrätseln“ zu charakterisieren. +Ich bin mir klar darüber, daß Biologie, Physiologie, die gesamte Naturwissenschaft +mit Bezug auf den Menschen in der allernächsten Zeit +zu einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrängen +werden, welche durchschaut, wie diese drei Glieder – Kopfsystem, +Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem – dadurch +den Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, daß +sie in einer gewissen Selbständigkeit wirken, daß <i>nicht</i> eine absolute +Zentralisation des menschlichen Organismus vorliegt, daß auch jedes +dieser Systeme ein besonderes, für sich bestehendes Verhältnis zur +Außenwelt hat. Das Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem +oder rhythmische System durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem +durch die Ernährungs- und Bewegungsorgane.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span></p> +<p>Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht +ganz so weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus +geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus für die Naturwissenschaft +von mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der naturwissenschaftlichen +Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem +solchen Grade zu bringen, wie das wünschenswert für den Erkenntnisfortschritt +erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere Denkgewohnheiten, +unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht vollständig angemessen +dem, was z. B. im menschlichen Organismus sich als die innere +Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man könnte nun wohl sagen: +Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren +Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise +als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung +und namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht +warten. Da muß nicht nur bei irgendwelchen Fachmännern, sondern +da muß in jeder Menschenseele – denn jede Menschenseele nimmt teil +an der Wirksamkeit für den sozialen Organismus – wenigstens eine +instinktive Erkenntnis von dem vorhanden sein, was diesem sozialen +Organismus notwendig ist. Ein gesundes Denken und Empfinden, ein +gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die Gestaltung des sozialen +Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei es auch +mehr oder weniger bloß instinktiv, sich klar darüber ist, daß dieser +soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein muß wie +der natürliche Organismus.</p> + +<p>Es ist nun, seit <i>Schäffle</i> sein Buch geschrieben hat über den Bau des +sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen +der Organisation eines Naturwesens – sagen wir, der Organisation des +Menschen – und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat +feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was Zellengefüge +sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch +erschienen von Merey, „Weltmutation“, in dem gewisse naturwissenschaftliche +Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach übertragen +werden auf – wie man meint – den menschlichen Gesellschaftsorganismus. +Mit all diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien +hat dasjenige, was hier gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer +meint, auch in diesen Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel +zwischen dem natürlichen Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, +<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> +der wird dadurch nur beweisen, daß er nicht in den Geist +des hier Gemeinten eingedrungen ist. Denn nicht wird hier angestrebt: +irgendeine für naturwissenschaftliche Tatsachen passende Wahrheit herüber +zu verpflanzen auf den sozialen Organismus; sondern das völlig +andere, daß das menschliche Denken, das menschliche Empfinden lerne, +das Lebensmögliche an der Betrachtung des naturgemäßen Organismus +zu empfinden und dann diese Empfindungsweise anwenden könne auf +den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man glaubt gelernt +zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den sozialen +Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man sich +nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso +selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen +zu forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des +natürlichen Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich +sich objektiv, wie sich der Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen +Organismus, dem sozialen Organismus in seiner Selbständigkeit +gegenüberstellt, um dessen eigene Gesetze zu empfinden, in diesem +Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der Betrachtung jedes Analogiespiel +auf.</p> + +<p>Man könnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der +Glaube zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der +Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus „aufgebaut“ werden. +Das aber liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur +möglich. Auf ganz anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwärtige +geschichtliche Menschheitskrisis fordert, daß gewisse <i>Empfindungen</i> entstehen +<i>in jedem einzelnen Menschen</i>, daß die Anregung zu diesen Empfindungen +von dem Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie +diejenige zur Erlernung der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die +bewußte Aufnahme in das menschliche Seelenleben die alten Formen des +sozialen Organismus ergeben hat, das wird in der Zukunft nicht mehr +wirksam sein. Es gehört zu den Entwicklungsimpulsen, die von der +Gegenwart an neu in das Menschenleben eintreten wollen, daß die angedeuteten +Empfindungen von dem einzelnen Menschen so gefordert +werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung gefordert wird. Daß +man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des sozialen Organismus +wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist, das wird, +von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich +<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, +<i>nicht</i> sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen +zu wollen.</p> + +<p>Man kann heute von „Sozialisierung“ als von dem reden hören, was +der Zeit nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern +ein Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar +ein Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die +menschlichen Seelen einzieht wenigstens die <i>instinktive</i> Erkenntnis von +der Notwendigkeit der <i>Dreigliederung des sozialen Organismus</i>. Dieser +soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche +Glieder gesetzmäßig ausbilden.</p> + +<p>Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner +Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, +alles übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den +modernen Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet +hat. Dieses ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich +innerhalb des sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das +Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig +ist. Zu tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion, +Warenzirkulation, Warenkonsum ist.</p> + +<p>Als <i>zweites Glied</i> des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben +des öffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehört +dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche +Staatsleben bezeichnen könnte. Während es das Wirtschaftsleben mit +all dem zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus +seiner eigenen Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und +Warenkonsum, kann es dieses zweite Glied des sozialen Organismus +nur zu tun haben mit all dem, was sich aus rein menschlichen Untergründen +heraus auf das Verhältnis des Menschen zum Menschen bezieht. +Es ist wesentlich für die Erkenntnis der Glieder des sozialen Organismus, +daß man weiß, welcher Unterschied besteht zwischen dem System +des öffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann aus menschlichen +Untergründen heraus mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, +und dem Wirtschafts-System, das es <i>nur</i> zu tun hat mit Warenproduktion, +Warenzirkulation, Warenkonsum. Man muß dieses im Leben empfindend +unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das Wirtschafts- von +dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natürlichen Organismus +<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +die Tätigkeit der Lunge zur Verarbeitung der äußeren Luft +sich abscheidet von den Vorgängen im Nerven-Sinnesleben.</p> + +<p>Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden +andern Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus das +aufzufassen, was sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer +könnte man sagen, weil vielleicht die Bezeichnung „geistige Kultur“ +oder alles das, was sich auf das geistige Leben bezieht, durchaus nicht +ganz genau ist: alles dasjenige, was beruht auf der natürlichen Begabung +des einzelnen menschlichen Individuums, was hineinkommen +muß in den sozialen Organismus auf Grundlage dieser natürlichen, sowohl +der geistigen wie der physischen Begabung des einzelnen menschlichen +Individuums. Das erste System, das Wirtschaftssystem, hat es +zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der Mensch sein materielles +Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite System hat es zu +tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen des Verhältnisses +von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit +all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den +sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus.</p> + +<p>Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus +unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das +Gepräge gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, +die von dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen +worden sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen +und das <i>menschliche Gemeinschaftsleben</i> in ein richtiges Verhältnis bringt +zu den drei Gliedern dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben +hat einfach durch sich selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen +angenommen. Es hat durch eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche +Leben sich besonders machtvoll hereingestellt. Die andern beiden +Glieder des sozialen Lebens sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit +derselben Selbstverständlichkeit sich in der richtigen Weise nach ihren +eigenen Gesetzen in den sozialen Organismus einzugliedern. Für sie +ist es notwendig, daß der Mensch aus den oben angedeuteten Empfindungen +heraus die soziale Gliederung vornimmt, jeder an seinem Orte; +an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne derjenigen +Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat jeder +einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der +nächsten Zukunft.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span></p> +<p>Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das +Wirtschaftsleben, das ruht zunächst auf der Naturgrundlage geradeso, +wie der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er für sich durch +Lernen, durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der +Begabung seines geistigen und körperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage +drückt einfach dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten +sozialen Organismus sein Gepräge auf. Aber diese Naturgrundlage +ist da, ohne daß sie durch irgendeine soziale Organisation, durch +irgendeine Sozialisierung in ursprünglicher Art getroffen werden kann. +Sie muß dem Leben des sozialen Organismus so zugrunde gelegt werden, +wie bei der Erziehung des Menschen zugrunde gelegt werden muß die +Begabung, die er auf den verschiedenen Gebieten hat, seine natürliche +körperliche und geistige Tüchtigkeit. Von jeder Sozialisierung, von +jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben eine wirtschaftliche +Gestaltung zu geben, muß berücksichtigt werden die Naturgrundlage. +Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen Arbeit und +auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes elementarisches +Ursprüngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein +bestimmtes Stück Natur. Man muß über den Zusammenhang des +sozialen Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug +auf Lernen beim einzelnen Menschen denken muß über sein Verhältnis +zu seiner Begabung. Man kann gerade sich dieses klarmachen an +extremen Fällen. Man braucht z. B. nur zu bedenken, daß in gewissen +Gebieten der Erde, wo die Banane ein naheliegendes Nahrungsmittel +für die Menschen abgibt, in Betracht kommt für das menschliche Zusammenleben +dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden muß, um +die Banane von ihrer Ursprungsstätte aus an einen Bestimmungsort +zu bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man +die menschliche Arbeit, die aufgebracht werden muß, um die <i>Banane</i> +für die menschliche Gesellschaft konsumfähig zu machen, mit der Arbeit, +die aufgebracht werden muß, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas, +um den Weizen konsumfähig zu machen, so ist die Arbeit, die für die +Banane notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere +als beim Weizen.</p> + +<p>Gewiß, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug +auf das notwendige Maß von Arbeit im Verhältnis zu der Naturgrundlage +sind auch da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem +<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +sozialen Organismus Europas vertreten sind, – nicht in dieser radikalen +Verschiedenheit wie bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede +da. So ist es im Wirtschaftsorganismus begründet, daß durch +das Verhältnis des Menschen zur Naturgrundlage seines Wirtschaftens +das Maß von Arbeitskraft bedingt ist, das er in den Wirtschaftsprozeß +hineintragen muß. Und man braucht ja nur z. B. zu vergleichen: +in <i>Deutschland</i>, in Gegenden mit mittlerer Ertragsfähigkeit, +ist ungefähr das Erträgnis der Weizenkultur so, daß das <i>Sieben- bis +Achtfache</i> der Aussaat einkommt durch die Ernte; in <i>Chile</i> kommt +das <i>Zwölffache</i> herein, in <i>Nordmexiko</i> kommt das <i>Siebzehnfache</i> ein, +in <i>Peru</i> das <i>Zwanzigfache</i>. (Vergleiche Jentsch, Volkswirtschaftslehre, +S. 64.)</p> + +<p>Dieses ganze zusammengehörige Wesen, welches verläuft in Vorgängen, +die beginnen mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur, die sich +fortsetzen in all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte +umzuwandeln und sie bis zur Konsumfähigkeit zu bringen, +alle diese Vorgänge und nur diese umschließen für einen gesunden sozialen +Organismus sein Wirtschaftsglied. Dieses steht im sozialen Organismus +wie das Kopfsystem, von dem die individuellen Begabungen bedingt +sind, im menschlichen Gesamtorganismus drinnen steht. Aber wie +dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem abhängig ist, so ist das +Wirtschaftssystem von der menschlichen Arbeitsleistung abhängig. Wie +nun aber der Kopf nicht selbständig die Atemregelung hervorbringen +kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem nicht durch die im Wirtschaftsleben +wirksamen Kräfte selbst geregelt werden.</p> + +<p>In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen +darinnen. Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen +Bedürfnissen. Wie den Interessen am zweckmäßigsten entsprochen +werden kann innerhalb eines sozialen Organismus, so daß der einzelne +Mensch durch diesen Organismus in der bestmöglichen Art zur Befriedigung +seines Interesses kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich +in die Wirtschaft hineinstellen kann: diese Frage muß praktisch in den +Einrichtungen des Wirtschaftskörpers gelöst sein. Das kann nur dadurch +sein, daß die Interessen sich wirklich frei geltend machen können und +daß auch der Wille und die Möglichkeit entstehen, das Nötige zu ihrer +Befriedigung zu tun. Die Entstehung der Interessen liegt außerhalb +des Kreises, der das Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit +<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +der Entfaltung des seelischen und natürlichen Menschenwesens. Daß +Einrichtungen bestehen, sie zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens. +Diese Einrichtungen können es mit nichts anderem zu +tun haben als allein mit der Herstellung und dem Tausch von Waren, +das heißt von Gütern, die ihren Wert durch das menschliche Bedürfnis +erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen, der sie verbraucht. +Dadurch, daß die Ware ihren Wert durch den Verbraucher erhält, steht +sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als anderes, das +für den Menschen als Angehörigen dieses Organismus Wert hat. Man +sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis +Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehören. Man +wird den <i>wesenhaften</i> Unterschied nicht <i>bloß</i> betrachtend bemerken, welcher +besteht zwischen dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem der +eine für den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem +Rechtsverhältnis beruhen muß. Man wird von der Betrachtung zu der +praktischen Forderung kommen, daß im sozialen Organismus das Rechtsleben +völlig von dem Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden +muß. Aus den Tätigkeiten, welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen +zu entwickeln haben, die der Warenerzeugung und dem Warenaustausch +dienen, können sich unmittelbar nicht die möglichst besten +Impulse ergeben für die rechtlichen Verhältnisse, die unter den Menschen +bestehen müssen. Innerhalb der Wirtschaftseinrichtungen wendet sich +der Mensch an den Menschen, weil der eine dem Interesse des andern +dient; grundverschieden davon ist die Beziehung, welche der eine Mensch +zu dem andern innerhalb des Rechtslebens hat.</p> + +<p>Man könnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung +wäre schon Genüge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen, +die dem Wirtschaftsleben dienen, auch für die Rechte gesorgt werde, +welche in den Verhältnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten +Menschen zueinander bestehen müssen. – Ein solcher Glaube +hat seine Wurzeln nicht in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch +kann nur dann das Rechtsverhältnis richtig erleben, das zwischen ihm +und anderen Menschen bestehen muß, wenn er dieses Verhältnis <i>nicht</i> +auf dem Wirtschaftsgebiet erlebt, sondern auf einem davon völlig getrennten +Boden. Es muß deshalb im gesunden sozialen Organismus +<i>neben</i> dem Wirtschaftsleben und in Selbständigkeit ein Leben sich entfalten, +in dem die Rechte entstehen und verwaltet werden, die von +<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist aber dasjenige des +eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen die Menschen +diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben dienen müssen, +in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein, so werden +die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen +Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er +die Fähigkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine +Maßnahmen und Einrichtungen werden dem menschlichen Bedürfnisse +nach Waren dienen müssen; sie werden dadurch abgedrängt von den +Impulsen, die auf das Rechtsleben gerichtet sind.</p> + +<p>Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben +dem Wirtschaftskörper das selbständige politische Staatsleben. In dem +selbständigen Wirtschaftskörper werden die Menschen durch die Kräfte +des wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der +Warenerzeugung und dem Warenaustausch in der möglichst besten Weise +dienen. In dem politischen Staatskörper werden solche Einrichtungen entstehen, +welche die gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und +Menschengruppen in solcher Art orientieren, daß dem Rechtsbewußtsein +des Menschen entsprochen wird.</p> + +<p>Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung +nach völliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet +gestellt wird, ist ein solcher, der im <i>wirklichen</i> Menschenleben drinnen +liegt. Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der +Rechtsleben und Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im +wirtschaftlichen Leben stehenden Menschen haben selbstverständlich +das Rechtsbewußtsein; aber sie werden <i>nur</i> aus diesem heraus und +nicht aus den wirtschaftlichen Interessen Gesetzgebung und Verwaltung +im Sinne des Rechtes besorgen, wenn sie darüber zu urteilen haben +in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem Wirtschaftsleben keinen Anteil +hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen eigenen Gesetzgebungs- und +Verwaltungskörper, die beide nach den Grundsätzen aufgebaut sind, +welche sich aus dem Rechtsbewußtsein der neueren Zeit ergeben. Er +wird aufgebaut sein auf den Impulsen im Menschheitsbewußtsein, die +man gegenwärtig die demokratischen nennt. Das Wirtschaftsgebiet wird +aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine Gesetzgebungs- und +Verwaltungskörperschaften bilden. Der notwendige Verkehr zwischen +<i>den Leitungen</i> des Rechts- und Wirtschaftskörpers wird erfolgen annähernd +<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +wie gegenwärtig der zwischen den Regierungen souveräner Staatsgebiete. +Durch diese Gliederung wird, was in dem einen Körper sich entfaltet, +auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung ausüben +können. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, daß das eine +Gebiet in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zufließen +soll.</p> + +<p>Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der +Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes, Vorhandensein +von Bodenschätzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der +andern Seite von den Rechtsverhältnissen abhängig, welche der Staat +zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft. +Damit sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die Tätigkeit des Wirtschaftslebens +umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen +schafft, die außerhalb des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende +Mensch hinnehmen muß als etwas Gegebenes, auf das er +erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so soll alles, was im Wirtschaftsbereich +ein Rechtsverhältnis begründet von Mensch zu Mensch im gesunden +sozialen Organismus durch den Rechtsstaat seine Regelung +erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem Wirtschaftsleben +selbständig Gegenüberstehendes sich entfaltet.</p> + +<p>In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen +Werden der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter +und durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem +geworden ist, was der sozialen Bewegung ihr Gepräge gibt, umfaßt das +Wirtschaftsleben mehr, als es im gesunden sozialen Organismus umfassen +soll. Gegenwärtig bewegt sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, +in dem sich bloß <i>Waren</i> bewegen sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, +und es bewegen sich auch Rechte. Man kann gegenwärtig +in dem Wirtschaftskörper, der auf der Arbeitsteilung beruht, nicht +allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben wirtschaftlichen +Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen +Rechte. (Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche Tätigkeit +zu dem geworden ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie +durch den Menschen gebracht wird, ihrem Verbrauch zugeführt wird. +Mag diese Bezeichnung manchem Volkswirtschaftslehrer auch anstößig +oder nicht genügend erscheinen, sie kann zur Verständigung +über das, was dem Wirtschaftsleben angehören soll, ihre guten Dienste +<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +tun.)<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Wenn jemand durch Kauf ein Grundstück erwirbt, so muß das +als ein Tausch des Grundstückes gegen Waren, für die das Kaufgeld +als Repräsentant zu gelten hat, angesehen werden. Das Grundstück +selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht in dem +sozialen Organismus durch das <i>Recht</i> darinnen, das der Mensch auf seine +Benützung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das Verhältnis, +in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In +dem letzteren Verhältnis liegt es wesenhaft begründet, daß es nicht übergreift +auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, +die dadurch hergestellt wird, daß jemandem die alleinige Benützung +eines Grundstückes zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, +die zu ihrem Lebensunterhalt von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstück +angestellt werden, oder die darauf wohnen müssen, in Abhängigkeit +von sich. Dadurch, daß man gegenseitig wirkliche Waren tauscht, die +man produziert oder konsumiert, stellt sich eine Abhängigkeit nicht ein, +welche in derselben Art zwischen Mensch und Mensch wirkt.</p> + +<p>Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird +einleuchten, daß sie ihren Ausdruck finden muß in den Einrichtungen +des gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im +Wirtschaftsleben ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser +Waren unabhängig von dem Rechtsverhältnisse zwischen Personen und +Personengruppen. Sobald Waren gegen Rechte eingetauscht werden, +wird das Rechtsverhältnis selbst berührt. Nicht auf den Tausch als +solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige Lebenselement des +gegenwärtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen Organismus; sondern +es handelt sich darum, daß durch den Tausch des Rechtes mit +der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht +<i>innerhalb</i> des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch verhindert, +daß im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen, +die <i>nur</i> darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckmäßigsten +<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im +Warenaustausch lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden +und konsumierenden Personen regeln. <i>Diese</i> Rechte unterscheiden sich +ihrem Wesen nach gar nicht von anderen Rechten, die in dem vom +Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis von Person zu Person bestehen +müssen. Wenn ich meinen Mitmenschen durch den Verkauf einer +Ware schädige oder fördere, das gehört in das gleiche Gebiet des sozialen +Lebens wie eine Schädigung oder Förderung durch eine Tätigkeit oder +Unterlassung, die unmittelbar nicht in einem Warenaustausch zum Ausdruck +kommt.</p> + +<p>In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fließen die Wirkungen +aus den Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen +Tätigkeit zusammen. Im gesunden sozialen Organismus müssen sie aus +zwei verschiedenen Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation +hat die aus der Erziehung für einen Wirtschaftszweig und die +aus der Erfahrung in demselben gewonnene Vertrautheit mit ihm für die +leitenden Persönlichkeiten die nötigen Gesichtspunkte abzugeben. In der +Rechtsorganisation wird durch Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was +aus dem Rechtsbewußtsein als Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen +zueinander gefordert wird. Die Wirtschaftsorganisation +wird Menschen mit gleichen Berufs- oder Konsuminteressen oder mit +in anderer Beziehung gleichen Bedürfnissen sich zu Genossenschaften +zusammenschließen lassen, die im gegenseitigen Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft +zustande bringen. Diese Organisation wird sich auf assoziativer +Grundlage und auf dem Verhältnis der Assoziationen aufbauen. +Diese Assoziationen werden eine bloß wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. +Die Rechtsgrundlage, auf der sie arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation +zu. Wenn solche Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen +Interessen in den Vertretungs- und Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation +zur Geltung bringen können, dann werden sie nicht +den Drang entwickeln, in die gesetzgebende oder verwaltende Leitung des +Rechtsstaates einzudringen (z. B. als Bund der Landwirte, als Partei +der Industriellen, als wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um +da anzustreben, was ihnen innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen +nicht möglich ist. Und wenn der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige +mitwirtschaftet, dann wird er nur Einrichtungen schaffen, die +aus dem Rechtsbewußtsein der zu ihm gehörenden Menschen stammen. +<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +Auch wenn in der Vertretung des Rechtsstaates, wie es ja selbstverständlich +ist, dieselben Personen sitzen, die im Wirtschaftsleben tätig sind, +so wird sich durch die Gliederung in Wirtschafts- und in Rechtsleben +nicht ein Einfluß des Wirtschafts- auf das Rechtsleben ergeben können, +der die Gesundheit des sozialen Organismus so untergräbt, wie sie untergraben +werden kann, wenn die Staatsorganisation selbst Zweige des +Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die Vertreter des Wirtschaftslebens +aus dessen Interessen heraus Gesetze beschließen.</p> + +<p>Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens +mit dem Rechtsleben bot Österreich mit der Verfassung, die es sich +in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die +Vertreter des Reichsrates dieses Ländergebietes wurden aus den vier +Zweigen des Wirtschaftslebens heraus gewählt, aus der Gemeinschaft +der Großgrundbesitzer, der Handelskammern, der Städte, Märkte und +Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, daß für diese Zusammensetzung +der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie +gedacht wurde, als daß aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen +Verhältnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewiß ist, daß zu dem +gegenwärtigen Zerfall Österreichs die auseinandertreibenden Kräfte seiner +Nationalitäten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewiß +kann es gelten, daß eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen +ihre Tätigkeit hätte entfalten können, aus dem Rechtsbewußtsein +heraus eine Gestaltung des sozialen Organismus würde entwickelt +haben, in der ein Zusammenleben der Völker möglich geworden wäre.</p> + +<p>Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt +gewöhnlich seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses +Leben in Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit +dazu bringt, den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde +aufzufassen. Für ein <i>solches</i> Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender +Wahlmodus finden. Denn bei <i>jedem</i> Wahlmodus müssen sich +im Vertretungskörper die wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des +Rechtslebens stören. Und was aus der Störung für das soziale Leben +fließt, <i>muß</i> zu Erschütterungen des Gesellschaftsorganismus führen. +Obenan als notwendige Zielsetzung des öffentlichen Lebens muß gegenwärtig +das Hinarbeiten auf eine durchgreifende Trennung des Wirtschaftslebens +und der Rechtsorganisation stehen. Indem man sich in diese Trennung +hineinlebt, werden die sich trennenden Organisationen aus ihren +<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für die Wahlen ihrer Gesetzgeber +und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig zur Entscheidung +drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als solche +von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in Betracht. +Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen +heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich +bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten Einzelpersonen +und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer Neugestaltung +versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt. +Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen +zu wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei +an. Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch +eine allmähliche, sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen +Entwicklungskräfte der Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen +nach der Richtung einer sozialen Neuordnung notwendig machen, das +können jedem Unbefangenen weithinleuchtende Tatsachen lehren.</p> + +<p>Wer für „praktisch durchführbar“ nur dasjenige hält, an das er +sich aus engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier +Angedeutete für „unpraktisch“ halten. Kann er sich nicht bekehren, und +behält er auf irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht +zur Gesundung, sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus +wirken, wie Leute seiner Gesinnung an der Herbeiführung der +gegenwärtigen Zustände gewirkt haben.</p> + +<p>Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen +haben und die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen +usw.) in das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten +weichen: der Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen +Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich +in der Richtung nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, +ziehen die äußerste Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser +bisher leitenden Kreise. Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel +des Wirtschaftslebens, insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde +Entwicklung wird dem wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit +geben und dem politischen Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung +auf den Wirtschaftskörper so zu wirken, daß der einzelne Mensch +seine Eingliederung in den sozialen Organismus nicht im Widerspruche +mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span></p> +<p>Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken +<i>im wirklichen Leben</i> der Menschheit begründet sind, wenn man den +Blick auf die Arbeit lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus +durch seine körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen +Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus +so eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware +dem Arbeitnehmer abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen +Geld (als Repräsentant der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch +kann sich in Wirklichkeit gar nicht vollziehen. Er <i>scheint</i> sich nur zu +vollziehen<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>. In Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter +Waren entgegen, die nur entstehen können, wenn der Arbeiter seine +Arbeitskraft für die Entstehung hingibt. Aus dem Gegenwert dieser +Waren erhält der Arbeiter einen Anteil, der Arbeitgeber den andern. +Die Produktion der Waren erfolgt durch das Zusammenwirken des +Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des gemeinsamen Wirkens +geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über. Zur Herstellung +des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer +notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische Wirtschaftsart +in ein solches verwandelt werden, welches durch die wirtschaftliche +Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist. +Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit +nicht bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit +einer Ware einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst +die durch Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. +Die Art, wie, und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des +sozialen Organismus zu arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit +heraus und aus den Bedingungen eines menschenwürdigen Daseins geregelt +werden. Das kann nur geschehen, wenn diese Regelung von +dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von den Verwaltungen +des Wirtschaftslebens geschieht.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span></p> +<p>Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, +die sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen +besteht. Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern +dadurch wächst, daß die Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe +schwieriger ist als für die andere, so muß der Warenwert davon +abhängig werden, welche Art und welches Maß von Arbeit zum Hervorbringen +der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden dürfen<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p> + +<p>Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her +seinen notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, +welche die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben +ist, und von Seite der Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein +heraus auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen politischen +Staates geschaffen werden <i>soll</i>.</p> + +<p>Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen +Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach +dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet +wird. Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes +ist im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann +verhindern, daß der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht +werde, daß er sein Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden +kann. Und auf dem Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen +Daseins beruhen in Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen +Organismus.</p> + +<p>Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite +her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen +Art, wie eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen +wenig ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; +man kann, veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, +die Art und das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung +soll nicht aus dem Kreislauf des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, +sondern aus der <i>Einsicht</i>, die sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben +unabhängigen Rechtslebens entwickelt.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span></p> +<p>In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein +in der Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt +hinein, was aus einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen +Fähigkeiten des einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von +den höchsten geistigen Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke +einfließt durch die bessere oder weniger gute körperliche Eignung des +Menschen für Leistungen, die dem sozialen Organismus dienen. Was +aus dieser Quelle stammt, muß in den gesunden sozialen Organismus +auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige, was im Warenaustausch +lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es gibt keine andere +Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken, als sie von +der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen, die +aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu +lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen +vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich +beeinflußt, so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen +Lebens zum größten Teile entzogen. Diese Grundlage kann nur in +der Kraft bestehen, welche die Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln +müssen. Wird die Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben +unmittelbar bedingt, oder vom Staate organisiert, so wird +die freie Empfänglichkeit für sie gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, +sie in gesunder Form in den sozialen Organismus einfließen zu lassen. +Für das Geistesleben, mit dem auch die Entwicklung der anderen individuellen +Fähigkeiten im Menschenleben durch unübersehbar viele Fäden +zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde Entwicklungsmöglichkeit, +wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen Impulse gestellt ist, +und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit den Menschen +steht, die seine Leistungen empfangen.</p> + +<p>Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des +Geisteslebens gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, +weil der rechte Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines +großen Teiles dieses Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung +hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man +hat sich in sie hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von „Freiheit der +Wissenschaft und des Lehrens“. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, +daß der politische Staat die „freie Wissenschaft“ und das „freie +Lehren“ verwaltet. Man entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser +<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +Staat dadurch das Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen +abhängig macht. Man denkt, der Staat schafft die Stellen, an denen +gelehrt wird; dann können diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, +das Geistesleben „frei“ entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine +solche Meinung gewöhnt, nicht, wie eng verbunden <i>der Inhalt</i> des +geistigen Lebens ist mit dem innersten Wesen des Menschen, in dem +er sich entfaltet. Wie diese Entfaltung nur dann eine freie sein kann, +wenn sie durch keine andern Impulse in den sozialen Organismus +hineingestellt ist als allein durch solche, die aus dem Geistesleben selbst +kommen. Durch die Verschmelzung mit dem Staatsleben hat eben nicht +nur die Verwaltung der Wissenschaft und des Teiles des Geisteslebens, +der mit ihr zusammenhängt, in den letzten Jahrhunderten das Gepräge +erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß, was in Mathematik oder +Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom Staate beeinflußt +werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern Kulturwissenschaften. +Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was sich +aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben +hat, aus den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen +ihnen aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich +orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das +Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser +Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse +des Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen +entsprochen wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe +sah der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die +Empfindung, alles Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen +Organisation.</p> + +<p>Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung +hört auf, wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet +waltet eine über das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, +die ihren Inhalt in sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche +Empfindung ersteht, wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen +Impulsen heraus sich innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet +und verwaltet. Nur solche Träger des Geisteslebens, die innerhalb +einer derartigen Entfaltung und Verwaltung stehen, haben die Kraft, +diesem Leben das ihm gebührende Gewicht im sozialen Organismus zu +verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung und alles, was damit +<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen Stellung in der +menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt alles zusammen. +Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des +Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt +nicht von den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen +sind: was man von ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert +denken, welche Wirkung ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben +haben kann, und vieles andere wird durch diese Bedürfnisse bedingt, +wenn der Staat Zweige des Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, +wenn der die niederste Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des +Staatslebens folgt; ein anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem +Geistesleben heraus, das auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie +hat auch auf diesem Gebiete nur die Erbschaft aus den +Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der leitenden Kreise übernommen. +Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige Leben in den auf +das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper einzubeziehen. Sie +könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte, damit den Weg +nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung gefunden +hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit ihrer +Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen +Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft +gegenüber in dem hier angedeuteten Sinn „Privatsache“ sein. Aber +die Sozialdemokratie geht bei der Überweisung der Religion auf das +Privatgebiet nicht von der Meinung aus, daß einem geistigen Gute +dadurch eine Stellung innerhalb des sozialen Organismus geschaffen +werde, durch die es zu einer wünschenswerteren, höheren Entwicklung +kommen werde als unter dem Einfluß des Staates. Sie ist +der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine Mittel nur +pflegen dürfe, was <i>ihm</i> Lebensbedürfnis ist. Und ein solches sei das +religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem öffentlichen +Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht gedeihen, +wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der +neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben +seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.</p> + +<p>Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses +Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis +beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur +<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +im unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und +Verwaltung, die aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur +von dessen Impulsen getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens +die Empfänglichkeit für ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, +welche durch den <i>aus sich</i> wirkenden politischen Staat davor behütet +werden, nur dem Zwang zur Arbeit zu unterliegen, sondern denen das +Recht auch die Muße gibt, welche das Verständnis für geistige Güter +weckt. Den Menschen, die sich „Lebenspraktiker“ dünken, mag bei +solchen Gedanken der Glaube aufsteigen: die Menschen werden ihre Mußezeit +vertrinken, und man werde in den Analphabetismus zurückfallen, +wenn der Staat für solche Muße sorgt, und wenn der Besuch der Schule +in das freie Verständnis der Menschen gestellt ist. Möchten solche „Pessimisten“ +doch abwarten, was wird, wenn die Welt nicht mehr unter ihrem +Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem gewissen Gefühle bestimmt, +das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße verwenden, und +was sie nötig hatten, um sich ein wenig „Bildung“ anzueignen. Mit +der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst gestelltes Geistesleben +im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht rechnen, denn das +gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch zündende Kraft +ausüben können.</p> + +<p>Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den +Zufluß aus dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst +verwaltenden geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung +für das Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken +desselben mit dem Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten +können. Entsprechend vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, +die sie im Wirtschaftsgebiet machen können durch die Kraft, die ihnen +aus dem befreiten Geistesgut kommt, beleben. Menschen mit einer +aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen Erfahrung werden den Übergang +finden in die Geistesorganisation und in derselben befruchtend +wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß.</p> + +<p>Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen +gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes +bilden. Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines +solchen Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung +seiner Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu +der Einsicht kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche +<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +Arbeit zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht +tragen kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit <i>seiner</i> +Arbeit mit den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller +menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. +Er wird auf dem Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, +welche ihm den Anteil sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; +und er wird in freier Weise dem ihm zukommenden Geistesgut +denjenigen Anteil gönnen, der dessen Entstehung ermöglicht. Auf dem +Gebiet des Geisteslebens wird die Möglichkeit entstehen, daß dessen +Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer Leistungen auch leben. +Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens treibt, wird seine +engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen Organismus zu +leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer rechnen können, +denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche Entschädigung +innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was er braucht, +wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder des +Wirtschaftslebens.</p> + +<p>In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben +stammenden technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, +auch wenn sie unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes +kommen. Daher kommen alle die organisatorischen Ideen +und Kräfte, welche das wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. +Die Entschädigung für diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete +wird entweder auch durch das freie Verständnis derer zustande kommen, +die auf diesen Zufluß angewiesen sind, oder sie wird durch Rechte +ihre Regelung finden, welche im Gebiete des politischen Staates ausgebildet +werden. Was dieser politische Staat selber für seine Erhaltung +fordert, das wird aufgebracht werden durch das Steuerrecht. Dieses +wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des Rechtsbewußtseins +mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.</p> + +<p>Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden +sozialen Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. +Nach der Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der +Entwicklungskräfte der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche +Leben im wesentlichen durch die Instinktkräfte eines großen Teiles +der Menschheit sich führen ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen +Gliederung nicht auf. In einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens +<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +wirkte zusammen, was im Grunde immer aus drei Quellen stammte. +Die neuere Zeit fordert ein bewußtes Sichhineinstellen des Menschen in +den Gesellschaftsorganismus. Dieses Bewußtsein kann dem Verhalten +und dem ganzen Leben der Menschen nur dann eine gesunde Gestaltung +geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist. Nach dieser Orientierung +strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die moderne +Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der getrübte +Abglanz dieses Strebens.</p> + +<p>Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute +leben, tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus +am Ende des 18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des +sozialen menschlichen Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser +Neuorganisation die drei Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. +Nun wohl, derjenige, der sich mit vorurteilslosem Sinn und mit einem +gesunden Menschheitsempfinden einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen +Entwicklung, der kann natürlich nicht anders, als Verständnis +haben für alles, worauf diese Worte deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige +Denker, welche im Laufe des 19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben +haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist, in einem einheitlichen sozialen +Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. +Solche glaubten zu erkennen, daß sich diese drei Impulse, +wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen Organismus widersprechen +müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden z. B., wie unmöglich es +ist, wenn der Impuls der <i>Gleichheit</i> sich verwirklicht, daß dann auch +die in jedem Menschenwesen notwendig begründete Freiheit zur Geltung +komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen denen, die +diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem allgemein +menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale +Sympathie haben!</p> + +<p>Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre +soziale Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen +der notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die +drei Glieder sollen nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder +sonstigen Einheit zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen +lebendige Wirklichkeit sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in +sich zentralisiert sein; und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken +kann erst die Einheit des sozialen Gesamtorganismus +<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +entstehen. Im wirklichen Leben wirkt eben das scheinbar Widerspruchsvolle +zu einer Einheit zusammen. Daher wird man zu einer +Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man imstande +ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus +mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. +Dann wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der +Menschen im <i>Wirtschaftsleben</i> auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, +die aus den Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem +System des <i>öffentlichen Rechts</i>, wo man es zu tun hat mit dem rein +menschlichen Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben +die Verwirklichung der Idee der Gleichheit. Und auf dem <i>geistigen +Gebiete</i>, das in relativer Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, +hat man es zu tun mit der Verwirklichung des Impulses der Freiheit. +So angesehen, zeigen diese drei Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie +können sich nicht in einem chaotischen sozialen Leben realisieren, sondern +nur in dem gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus. Nicht ein +abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann durcheinander die Ideale der +Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklichen, sondern jedes der +drei Glieder des sozialen Organismus kann aus einem dieser Impulse +seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in fruchtbarer Art mit den +andern Gliedern zusammenwirken können.</p> + +<p>Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die +Forderung nach Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit +und Brüderlichkeit erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später +wiederholt haben, sie konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte +der neueren Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich +nicht den Glauben an den Einheitsstaat überwunden. Für diesen +bedeuten ihre Ideen etwas Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu +dem Widersprechenden, weil in den unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens +der Drang nach der Dreigliederung des sozialen Organismus +wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu einer höheren Einheit +werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem Werden der neueren +Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum bewußten sozialen +Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden sozialen +<i>Tatsachen</i> der Gegenwart.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span></p> + +<h2><a name="kap03" id="kap03"></a><a href="#inhalt">III. Kapitalismus und soziale Ideen<br /> +<span class="small">(Kapital, Menschenarbeit)</span></a></h2> + + +<p><span class="initial">M</span>an kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise +auf sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden +Tatsachen gefordert wird, wenn man nicht den Willen hat, +dieses Urteil bestimmen zu lassen von einer Einsicht in die Grundkräfte +des sozialen Organismus. Der Versuch, eine solche Einsicht zu gewinnen, +liegt der hier vorangehenden Darstellung zugrunde. Mit Maßnahmen, +die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem eng umgrenzten Beobachtungskreis +gewonnen ist, kann man heute etwas Fruchtbares nicht +bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung herausgewachsen +sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen +Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden +sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die +bis zu den Grundlagen vordringen.</p> + +<p>Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man +auf das hin, worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung +sucht. Zu einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das +Kapital fördernd oder hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus +wirkt, kann man aber nur kommen, wenn man durchschaut, +wie die individuellen Fähigkeiten der Menschen, wie die Rechtsbildung +und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens das Kapital erzeugen und verbrauchen. – +Spricht man von der Menschenarbeit, so deutet man +auf das, was mit der Naturgrundlage der Wirtschaft und dem Kapital +zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und an dem der Arbeiter +zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil darüber, +wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt +sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner +Menschenwürde nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis +ins Auge fassen will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der +<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> +individuellen Fähigkeiten einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits +hat.</p> + +<p>Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu <i>allernächst</i> zu tun ist, +um den in der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu +werden. Man wird auch das <i>Allernächste</i> nicht in fruchtbarer Art vollbringen +können, wenn man nicht <i>weiß</i>, welches Verhältnis das zu Vollbringende +zu den Grundlagen des gesunden sozialen Organismus haben +soll. Und weiß man dieses, dann wird man an dem Platze, an den man +gestellt ist, oder an den man sich zu stellen vermag, die Aufgaben finden +können, die sich aus den Tatsachen heraus ergeben. Der Gewinnung +einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt sich, das unbefangene +Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit aus menschlichem +Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat sich +in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich Ansichten +gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu +verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die +doch der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, +daß man nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen +kann als durch Zurückgehen zu den <i>Urgedanken</i>, die allen sozialen Einrichtungen +zugrunde liegen.</p> + +<p>Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, +welche in diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen +Organismus zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die +nicht lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven +Impulsen der Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die +Urgedanken fort, auch wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre +gehen und lebenhemmende Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen +haben. Und diese Urgedanken, die einer lebenhemmenden Tatsachenwelt +gegenüber chaotisch sich äußern, sind es, die offenbar oder verhüllt +in den revolutionären Erschütterungen des sozialen Organismus zutage +treten. Diese Erschütterungen werden nur dann nicht eintreten, +wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß in ihm +jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine +Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen +sich bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung +entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke +gewonnen hat.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></p> +<p>In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die +Abweichungen von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen +groß geworden. Und das Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse +in Menschenseelen steht als eine durch Tatsachen laut sprechende +Kritik da über das, was sich im sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte +gestaltet hat. Daher bedarf es des guten Willens, in energischer +Weise zu den Urgedanken sich zu wenden und nicht zu verkennen, +wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken als „unpraktische“ +Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen. +In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung +lebt die Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem +sozialen Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber +ist, der einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man +aus dem Urgedanken heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen +<i>bewußt</i> gelenkt werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, +in der der Menschheit genügen kann, was bisher die instinktive Lenkung +zustande gebracht hat.</p> + +<p>Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten, +ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die +proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. +Der Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche +Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er +herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in +dem Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, +drei Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage +der individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von +Personen beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, +das ein Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, +die im Kreislauf des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die +Unternehmertätigkeit kann in gesunder Art nur dann in den sozialen +Organismus eingreifen, wenn in dessen Leben Kräfte wirken, welche +die individuellen Fähigkeiten der Menschen in der möglichst besten +Art in die Erscheinung treten lassen. Das kann nur geschehen, wenn +ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist, das dem Fähigen +die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen, +und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch freies +Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man sieht: +<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in dasjenige +Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben Gesetzgebung +und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der politische +Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit +gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend +sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er +muß das in Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche +Lebensforderung vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen +zur Geltendmachung ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was +er zu vollbringen hat, kommt Verständnis oder Nichtverständnis für +individuelle Fähigkeiten nicht in Betracht. Daher darf, was in ihm zur +Verwirklichung kommt, auch keinen Einfluß haben auf die Betätigung +der individuellen menschlichen Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der +Ausblick auf den wirtschaftlichen Vorteil bestimmend sein können für +die durch Kapital ermöglichte Auswirkung der individuellen Fähigkeiten. +Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler des Kapitalismus +sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz des Vorteils +die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden können. +Und sie berufen sich als „Praktiker“ auf die „unvollkommene“ Menschennatur, +die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen Gesellschaftsordnung, +welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, +hat die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung +erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die +Ursache der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände +drängen nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung +der individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem +aus einem gesunden Geistesleben erfließenden <i>sozialen Verständnis</i> liegen +müssen. Die Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien +Geisteslebens heraus den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu +bringen, kraft dieses ihm innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, +wozu seine individuellen Fähigkeiten drängen.</p> + +<p>Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, +die Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete +des sozialen Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier +dargestellte Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden +ersehen kann, auf dem Wahnglauben, daß „der Geist“ Wunder wirken +werde, wenn diejenigen möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu +<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +haben meinen; sondern sie geht hervor aus der Beobachtung des freien +Zusammenwirkens der Menschen auf geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken +erhält durch seine eigene Wesenheit ein soziales Gepräge, +wenn es sich nur <i>wahrhaft frei</i> entwickeln kann.</p> + +<p>Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge +nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben +sich die geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen +dieser Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit +abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht +worden ist, konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit +herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende +Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht +<i>wirklich</i> an dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für +„volkstümliche Belehrung“, das „Heranziehen“ des „Volkes“ zum Kunstgenuß +und Ähnliches sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung +des Geistesgutes im Volke, so lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, +den es in der neueren Zeit angenommen hat. Denn das „Volk“ +steht mit dem innersten Anteil seines Menschenwesens nicht in dem Leben +dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm nur ermöglicht, gewissermaßen +von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb desselben liegt, darauf +hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im engern Sinne gilt, +das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen des geistigen +Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche Leben einfließen. +Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische Arbeiter +nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt werden, +während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der erzeugten +Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll mit vollem +Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die Art, wie er +sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung der Waren +arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden müssen +wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer veranstaltet +werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen Vorstellungskreises, +der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein gesundes +Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür erzeugen, +daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen Organismus +und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst fördert. +Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden +<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren +veranlaßt.</p> + +<p>Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen +vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird +das Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der +wird durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, +wenn die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens +in dem Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß +wegen des Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung +kann nur dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen +Interesse an der Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen +von Leistungen Platz machen.</p> + +<p>Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung +der Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem +Streben berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, +daß diese Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch +wird der wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom +Kapitalisten dann ausgeht und als menschenunwürdig empfunden wird, +wenn der Kapitalist seine Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens +heraus entfaltet. Und es wird die Lähmung der individuellen menschlichen +Fähigkeiten nicht eintreten können, die als eine Folge sich ergeben +muß, wenn diese Fähigkeiten vom politischen Staate verwaltet werden.</p> + +<p>Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche +Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige +Leistung aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben +und anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach +dem Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien +Einsicht des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die +Bemessung dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung – nach den Vorbereitungen, +die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, +die er machen muß, um sie zu ermöglichen usw. – ansehen +will. Er wird seine Ansprüche nur dann befriedigt finden können, wenn +ihm Verständnis für seine Leistungen entgegengebracht wird.</p> + +<p>Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten +liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies +Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses +Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. +<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +Geld) für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den +eine jede der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande +bringen.</p> + +<p>Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus +geleistet wird, <i>beruht seinem Wesen nach</i> auf der Art, wie die individuellen +menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die +Entwicklung dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden +Impuls erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in +einem sozialen Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung +des politischen Staates oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, +wird die wirkliche Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung +notwendig macht, auf dem beruhen, was sich an freien individuellen +Kräften durch die lähmenden Einrichtungen hindurchzwängt. +Nur wird eine Entwicklung unter solchen Voraussetzungen eine ungesunde +sein. Nicht die freie Entfaltung der auf Grundlage des Kapitals +wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände hervorgerufen, innerhalb +welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein muß, sondern die +Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben oder durch den +Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu durchschauen, ist in +der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf dem Gebiete der +sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit hat den Aberglauben +hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem Wirtschaftsleben +die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen +Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus +diesem Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen +schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie +erstrebt, sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, +das sie abgewendet sehen möchte.</p> + +<p>Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in +welcher dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß +verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, +daß ihm entgegengearbeitet werden muß. Man muß <i>mehr</i> sehen. Man +muß gewahr werden, daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem +Aufsaugen der im Kapital wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des +Wirtschaftslebens. Derjenige nur kann in der Richtung dessen wirken, +was die Entwicklungskräfte der Menschheit in der Gegenwart energisch +zu fordern beginnen, der sich nicht in Illusionen treiben läßt durch die +<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +Vorstellungsart, welche in der Verwaltung der Kapitalbetätigung durch +das befreite Geistesleben das Ergebnis eines „unpraktischen Idealismus“ +sieht.</p> + +<p>In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die +soziale Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen +unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man +knüpft an dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. +Man sieht, wie in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, +und dieser zur gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt +hat. An die Stelle dieser Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche +treten, die für den Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man +aber selbstverständlich die Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln +beibehalten will, verlangt man die Zusammenfassung der Betriebe +in eine einzige große Genossenschaft. In einer solchen, denkt man, +produziere ein jeder im Auftrage der Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch +sein könne, weil sie sich selbst ausbeutete. Und da man an +Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man nach dem modernen +Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft verwandeln will.</p> + +<p>Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft +sich Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je +größer die Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen +menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft +so gestaltet wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, +kann die Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung +des sozialen Organismus führen.</p> + +<p>Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens +in den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden +ist, rührt davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige +möglichst fern von allem Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es +wird nicht wenige geben, die etwas Groteskes in der hier dargestellten +Ansicht finden, daß in der Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben +die Auswirkung eines Teiles des geistigen Lebens sich offenbaren soll. +Man kann sich denken, daß in dieser Charakterisierung des als grotesk +Dargestellten Zugehörige der bisher leitenden Menschenklassen mit sozialistischen +Denkern übereinstimmen. Man wird, um die Bedeutung dieses +grotesk Befundenen für eine Gesundung des sozialen Organismus einzusehen, +den Blick richten müssen in gewisse Gedankenströmungen der +<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +Gegenwart, die in ihrer Art redlichen Seelenimpulsen entspringen, die +aber des Entstehen eines wirklich sozialen Denkens dort hemmen, wo +sie Eingang finden.</p> + +<p>Diese Gedankenströmungen streben – mehr oder weniger unbewußt – +hinweg von dem, was dem inneren Erleben die rechte Stoßkraft gibt. +Sie erstreben eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein +nach wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewissermaßen +wie eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der +Lage, die Brücke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was +den Menschen in die Alltäglichkeit einspannt. Man kann sehen, wie +viele Menschen der Gegenwart es gewissermaßen „innerlich vornehm“ +finden, in einer gewissen, sei es auch schulmäßigen Abstraktheit nachzudenken +über allerlei ethisch-religiöse Probleme in Wolkenkuckucksheimhöhen; +man kann sehen, wie die Menschen nachdenken über die +Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen könne, wie er +in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er begnadet +werden kann mit einem „inneren Lebensinhalt“. Man sieht dann aber +auch das Unvermögen, einen Übergang zu ermöglichen von dem, was +die Leute gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich +nennen, zu dem, was in der äußern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen +umgibt als Kapitalwirkung, als Arbeitsentlöhnung, als Konsum, als +Produktion, als Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und Börsenwesen. +Man kann sehen, wie zwei Weltenströmungen nebeneinandergestellt +werden auch in den Denkgewohnheiten der Menschen. Die <i>eine</i> +Weltenströmung ist die, welche sich gewissermaßen in göttlich-geistiger +Höhe halten will, die keine Brücke bauen will zwischen dem, was ein geistiger +Impuls ist, und was eine Tatsache des gewöhnlichen Handelns im +Leben ist. Die <i>andere</i> lebt gedankenlos im Alltäglichen. Das Leben aber +ist ein einheitliches. Es kann nur gedeihen, wenn die es treibenden Kräfte +von allem ethisch-religiösen Leben herunterwirken in das alleralltäglichste +profanste Leben, in dasjenige Leben, das manchem eben weniger +vornehm erscheint. Denn, versäumt man, die Brücke zu schlagen +zwischen den beiden Lebensgebieten, so verfällt man in bezug auf religiöses, +sittliches Leben <i>und auf soziales Denken</i> in bloße Schwarmgeisterei, +die fernsteht der alltäglichen wahren Wirklichkeit. Es rächt sich dann +gewissermaßen diese alltäglich-wahre Wirklichkeit. Dann strebt der +Mensch aus einem gewissen „geistigen“ Impuls heraus alles mögliche Ideale +<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +an, alles mögliche, was er „gut“ nennt; aber denjenigen Instinkten, die +diesen „Idealen“ gegenüberstehen als Grundlage der gewöhnlichen täglichen +Lebensbedürfnisse, deren Befriedigung aus der Volkswirtschaft +heraus kommen muß, diesen Instinkten gibt sich der Mensch ohne +„Geist“ hin. Er weiß keinen wirklichkeitsgemäßen Weg von dem Begriff +der Geistigkeit zu dem, was im alltäglichen Leben vor sich geht. +Dadurch nimmt dieses alltägliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu +tun haben soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren, +seelisch-geistigen Höhen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache +der Alltäglichkeit eine solche, daß das ethisch-religiöse Leben zu einer +innerlichen Lebenslüge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne +hält von der alltäglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daß +man es merkt.</p> + +<p>Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen +ethisch-religiösen Vornehmheit heraus den besten <i>Willen</i> zeigen zu einem +rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen +nur das Allerallerbeste tun möchten. Sie versäumen es aber, zu einer +Empfindungsart zu kommen, die dies wirklich ermöglicht, weil sie sich +kein soziales, in den <i>praktischen</i> Lebensgewohnheiten sich auswirkendes +Vorstellen aneignen können.</p> + +<p>Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem +welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so drängend geworden +sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber für echte Lebenspraktiker +halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. +Man kann von ihnen Reden hören wie diese: Wir haben nötig, daß die +Menschen sich erheben aus dem Materialismus, aus dem äußerlich +materiellen Leben, das uns in die Weltkriegs-Katastrophe und in das +Unglück hineingetrieben hat, und daß sie sich einer geistigen Auffassung +des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so die Wege des Menschen +zur Geistigkeit zeigen will, nicht müde, diejenigen Persönlichkeiten zu +zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem Geiste zugewendeten +Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, daß jemand, +der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist +für das wirkliche praktische Leben so notwendig leisten muß, wie das +tägliche Brot erzeugt werden muß, darauf aufmerksam gemacht wird, +daß es ja in erster Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur +Anerkennung des Geistes zu bringen. Es kommt aber gegenwärtig +<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +darauf an, daß aus der Kraft des geistigen Lebens heraus die Richtlinien +für die Gesundung des sozialen Organismus gefunden werden. +Dazu genügt nicht, daß die Menschen in einer Seitenströmung des +Lebens sich mit dem Geiste beschäftigen. Dazu ist notwendig, daß +das alltägliche Dasein geistgemäß werde. Die Neigung, für das „geistige +Leben“ solche Seitenströmungen zu suchen, führte die bisher leitenden +Kreise dazu, an sozialen Zuständen Geschmack zu haben, die in die +gegenwärtigen Tatsachen ausgelaufen sind.</p> + +<p>Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung +des Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel, +also auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verhältnisse +des Menschen zum Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung +innerhalb des sozialen Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen +Fähigkeiten führt, zweckmäßig angewendet, dem sozialen Organismus +Güter zu, an deren Vorhandensein alle Menschen, die diesem +Organismus angehören, ein Interesse haben. In welcher Lebenslage ein +Mensch auch ist, er hat ein Interesse daran, daß nichts von dem verloren +gehe, was aus den Quellen der Menschennatur an solchen individuellen +Fähigkeiten erfließt, durch die Güter zustande kommen, welche +dem Menschenleben zweckentsprechend dienen. Die Entwicklung dieser +Fähigkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, daß ihre menschlichen +Träger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur Wirkung bringen +können. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erfließen kann, das +wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade +entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche Fähigkeiten für weite +Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten +Kapitalbesitz so zu verwalten, daß der einzelne in besonderer Richtung +begabte Mensch oder daß zu Besonderem befähigte Menschengruppen +zu einer solchen Verfügung über Kapital kommen, die lediglich aus ihrer +ureigenen Initiative entspringt, daran muß jedermann innerhalb eines +sozialen Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter +bis zum handwerklich Schaffenden muß ein jeder Mensch, wenn er +vorurteilslos dem eigenen Interesse dienen will, sagen: ich möchte, daß +eine genügend große Anzahl befähigter Personen oder Personengruppen +völlig frei über Kapital nicht nur verfügen können, sondern daß sie +auch aus der eigenen Initiative heraus zu dem Kapitale gelangen können; +denn nur sie allein können ein Urteil darüber haben, wie durch die +<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +Vermittlung des Kapitales ihre individuellen Fähigkeiten dem sozialen +Organismus zweckmäßig Güter erzeugen werden.</p> + +<p>Es ist nicht nötig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im +Laufe der Menschheitsentwicklung zusammenhängend mit der Betätigung +der menschlichen individuellen Fähigkeiten im sozialen Organismus sich +der Privatbesitz aus andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart +hat sich unter dem Einfluß der Arbeitsteilung innerhalb dieses +Organismus ein solcher Besitz entwickelt. Und von den gegenwärtigen +Zuständen und deren notwendiger Weiterentwicklung soll hier gesprochen +werden.</p> + +<p>Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und +Eroberungsbetätigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle +menschliche Fähigkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht +gegenwärtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, daß sein +Bedrückendes nur beseitigt werden könne durch seine Verwandlung in +Gemeinbesitz. Dabei stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz +an Produktionsmitteln in seinem Entstehen verhindert werden, +damit die durch ihn bewirkte Bedrückung der besitzlosen Bevölkerung +aufhöre? Wer die Frage so stellt, der richtet dabei sein Augenmerk +nicht auf die Tatsache, daß der soziale Organismus ein fortwährend +<i>Werdendes</i>, <i>Wachsendes</i> ist. Man kann diesem Wachsenden gegenüber +nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es durch +diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den +richtigen erkannt hat? So kann man gegenüber einer Sache denken, +die von einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverändert +weiter wirkt. Das gilt nicht für den sozialen Organismus. Der verändert +durch sein Leben fortwährend dasjenige, das in ihm entsteht. +Will man ihm eine vermeintlich beste Form geben, in der er dann +bleiben soll, so untergräbt man seine Lebensbedingungen.</p> + +<p>Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, daß demjenigen, +welcher der Allgemeinheit durch seine individuellen Fähigkeiten dienen +kann, die Möglichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative +heraus nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verfügung +über Produktionsmittel gehört, da würde die Verhinderung dieser +freien Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gewöhnlich +mit Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, daß der Unternehmer +zum Anreiz seiner Tätigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht, +<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +der an den Besitz der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier +nicht geltend gemacht werden. Denn die Denkart, aus welcher die in +diesem Buche dargestellte Meinung von einer Fortentwicklung der +sozialen Verhältnisse erfließt, muß in der Befreiung des geistigen +Lebens von dem politischen und dem wirtschaftlichen Gemeinwesen +die Möglichkeit sehen, daß ein solcher Anreiz wegfallen kann. Das +befreite Geistesleben wird soziales Verständnis ganz notwendig aus sich +selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden Anreize ganz +anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der Hoffnung auf +wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich allein +handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an Produktionsmitteln +bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie Verfügung +über solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den +Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei muß +immer im Auge behalten werden, daß man für den gegenwärtigen +sozialen Organismus nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen +kann, die man bei primitiven Menschengesellschaften zu beobachten +glaubt, sondern allein diejenigen, welche der heutigen Entwicklungsstufe +der Menschheit entsprechen.</p> + +<p>Auf dieser gegenwärtigen Stufe <i>kann</i> eben die fruchtbare Betätigung +der individuellen Fähigkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verfügung +über dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten. +Wo fruchtbringend produziert werden soll, da muß diese Verfügung +möglich sein, <i>nicht</i> weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe +Vorteil bringt, sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann, +wenn sie zweckmäßig von sozialem Verständnis getragen ist.</p> + +<p>Der Mensch ist gewissermaßen, wie mit der Geschicklichkeit seiner +eigenen Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft +mit andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verfügung +über die Produktionsmittel kommt gleich einer Lähmung der freien +Anwendung seiner Geschicklichkeit der Leibesglieder.</p> + +<p>Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler +dieser freien Verfügung. Für den sozialen Organismus kommt in Ansehung +des Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als daß der Eigentümer +das <i>Recht</i> hat, über das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu +verfügen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander +verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind für den sozialen +<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +Organismus: <i>Die freie Verfügung</i> über die Kapitalgrundlage der +sozialen Produktion, und <i>das Rechtsverhältnis</i>, in das der Verfüger zu +andern Menschen tritt dadurch, daß durch sein Verfügungsrecht diese +anderen Menschen ausgeschlossen werden von der freien Betätigung +durch diese Kapitalgrundlage.</p> + +<p>Nicht die <i>ursprüngliche</i> freie Verfügung führt zu sozialen Schäden, +sondern lediglich das <i>Fortbestehen</i> des Rechtes auf diese Verfügung, +wenn die Bedingungen aufgehört haben, welche in zweckmäßiger Art +individuelle menschliche Fähigkeiten mit dieser Verfügung zusammenbinden. +Wer seinen Blick auf den sozialen Organismus als auf ein +Werdendes, Wachsendes richtet, der wird das hier Angedeutete nicht +mißverstehen können. Er wird nach der Möglichkeit fragen, wie dasjenige, +was dem Leben auf der einen Seite dient, so verwaltet werden +kann, daß es nicht auf der anderen Seite schädlich wirkt. Was +<i>lebt</i>, kann gar nicht in einer andern Weise fruchtbringend eingerichtet +sein als dadurch, daß im Werden das Entstandene auch zum Nachteil +führt. Und soll man an einem Werdenden selbst mitarbeiten, wie es +der Mensch am sozialen Organismus muß, so kann die Aufgabe nicht +darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung zu verhindern, +um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergräbt man +die Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein +darum handeln, daß im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn +sich das Zweckmäßige in ein Schädliches verwandelt.</p> + +<p>Die Möglichkeit, frei über die Kapitalgrundlage aus den individuellen +Fähigkeiten heraus zu verfügen, muß bestehen; das damit verbundene +Eigentumsrecht muß in dem Augenblicke verändert werden können, +in dem es umschlägt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. +In unserer Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier +angedeuteten sozialen Forderung Rechnung trägt, teilweise durchgeführt +nur für das sogenannte geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach +dem Tode des Schaffenden in freies Besitztum der Allgemeinheit über. +Dem liegt eine dem Wesen des menschlichen Zusammenlebens entsprechende +Vorstellungsart zugrunde. So eng auch die Hervorbringung +eines rein geistigen Gutes an die individuelle Begabung des einzelnen +gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein Ergebnis des sozialen Zusammenlebens +und muß in dieses im rechten Augenblicke übergeleitet +werden. Nicht anders aber steht es mit anderem Eigentum. Daß mit +<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit produziert, das ist +nur möglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann also das Recht +auf die Verfügung über ein Eigentum nicht von den Interessen dieser +Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu finden, +wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann, +sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, +daß es in der besten Weise der Gesamtheit diene.</p> + +<p>In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden +werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen +wirken als Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Betätigung der individuellen +Fähigkeiten gehört der geistigen Organisation an.</p> + +<p>Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die für <i>Wirklichkeiten</i> +Verständnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen, +Theorien, Wünschen usw. sich ganz beherrschen läßt, die Notwendigkeit +der Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die +Frage nach dem Verhältnis der individuellen menschlichen Fähigkeiten +zur Kapitalgrundlage des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser +Kapitalgrundlage. Der Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung +des privaten Eigentums an Kapital nicht zu verhindern +haben, solange die individuellen Fähigkeiten so verbunden bleiben mit +der Kapitalgrundlage, daß die Verwaltung einen Dienst bedeutet für +das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird Rechtsstaat bleiben +gegenüber dem privaten Eigentum; er wird es niemals selbst in seinen +Besitz nehmen, sondern bewirken, daß es im rechten Zeitpunkt in das +Verfügungsrecht einer Person oder Personengruppe übergeht, die wieder +ein in den individuellen Verhältnissen bedingtes Verhältnis zu dem Besitze +entwickeln können. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten +wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden können. +Aus dem demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu +tun hat mit dem, was <i>alle Menschen</i> in gleicher Art berührt, wird gewacht +werden können, daß Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit +zu Eigentumsunrecht wird. Dadurch daß dieser Staat das Eigentum +nicht selbst verwaltet, sondern sorgt für die Überleitung an die individuellen +menschlichen Fähigkeiten, werden diese ihre fruchtbare Kraft +für die Gesamtheit des sozialen Organismus entfalten. Solange es als +zweckmäßig erscheint, werden durch eine solche Organisation die Eigentumsrechte +oder die Verfügung über dieselben bei dem persönlichen +<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +Elemente verbleiben können. Man kann sich vorstellen, daß die Vertreter +im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Gesetze +geben werden über die Überleitung des Eigentums von einer +Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich +in weiten Kreisen ein großes Mißtrauen zu allem privaten Eigentum +entwickelt hat, wird an ein radikales Überführen des privaten Eigentums +in Gemeineigentum gedacht. Würde man auf diesem Wege weit gelangen, +so würde man sehen, wie man dadurch die Lebensmöglichkeit +des sozialen Organismus unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt, +würde man einen andern Weg später einschlagen. Doch wäre es +zweifellos besser, wenn man schon in der Gegenwart zu Einrichtungen +griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des hier Angedeuteten +seine Gesundheit gäben. Solange eine Person für sich allein oder in +Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende Betätigung +fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht hat, +wird ihr das Verfügungsrecht verbleiben müssen über diejenige Kapitalmasse, +die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt, +wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet +wird. Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Persönlichkeit aufhört, +die Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine +andere Person oder Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten +oder anderen dem sozialen Organismus dienenden Produktion übergehen. +Auch dasjenige Kapital, das aus dem Produktionsbetrieb +gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung verwendet wird, +soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als persönliches +Eigentum der den Betrieb leitenden Persönlichkeit soll nur +gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Ansprüche, die sie bei +Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen +Fähigkeit machen zu können, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen, +daß sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei +Geltendmachung derselben Kapital erhalten hat. Hat das Kapital +durch die Betätigung dieser Persönlichkeit eine Vergrößerung erfahren, +so wird in deren individuelles Eigentum aus dieser Vergrößerung so viel +übergehen, daß die Vermehrung der ursprünglichen Bezüge der Kapitalvermehrung +im Sinne eines Zinsbezuges entspricht. – Das Kapital, mit +dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet worden ist, wird nach dem +Willen der ursprünglichen Besitzer an den neuen Verwalter mit allen +<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +übernommenen Verpflichtungen übergehen, oder an diese zurückfließen, +wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen +kann oder will.</p> + +<p>Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechtsübertragungen +zu tun. Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche Übertragungen +stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch +über die Ausführung zu wachen und deren Verwaltung zu führen haben. +Man kann sich denken, daß im einzelnen die Bestimmungen, die eine +solche Rechtsübertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem +Rechtsbewußtsein heraus für richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart, +die wie die hier dargestellte <i>wirklichkeitsgemäß</i> sein soll, wird niemals +mehr wollen als auf die <i>Richtung</i> weisen, in der sich die Regelung bewegen +kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird +man im konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. +Doch wird aus den besondern Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis +dem Geiste der Sache gemäß das Richtige gefunden werden müssen. +Je wirklichkeitsgemäßer eine Denkart ist, desto weniger wird sie für +Einzelnes aus vorgefaßten Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen +wollen. – Nur wird andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart +in entschiedener Weise das eine oder das andere mit Notwendigkeit +sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist, daß der Rechtsstaat durch +seine Verwaltung der Rechtsübertragungen selbst niemals die Verfügung +über ein Kapital wird an sich reißen dürfen. Er wird nur dafür zu +sorgen haben, daß die Übertragung an eine solche Person oder Personengruppe +geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen +Fähigkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung +heraus wird auch zunächst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten +haben, daß, wer aus den geschilderten Gründen zu einer Kapitalübertragung +zu schreiten hat, sich aus freier Wahl über seine Nachfolge in +der Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder +Personengruppe wählen können, oder auch das Verfügungsrecht auf eine +Korporation der geistigen Organisation übertragen können. Denn wer +durch eine Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende +Dienste geleistet hat, der wird auch über die weitere Verwendung +dieses Kapitals aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus +mit sozialem Verständnis urteilen. Und es wird für den sozialen Organismus +dienlicher sein, wenn auf dieses Urteil gebaut wird, als wenn +<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +darauf verzichtet und die Regelung von Personen vorgenommen wird, +die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden sind.</p> + +<p>Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen +von einer bestimmten Höhe an, die von einer Person oder einer +Personengruppe durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und +Boden gehört) erworben werden, und die nicht auf der Grundlage der +ursprünglich für die Betätigung der individuellen Fähigkeiten gemachten +Ansprüche persönliches Eigentum werden.</p> + +<p>Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse, +die aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben +bis zum Tode des Erwerbers oder bis zu einem spätern Zeitpunkte +im persönlichen Besitz dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis +zu diesem Zeitpunkte wird auch ein aus dem Rechtsbewußtsein sich +ergebender, durch den Rechtsstaat festzusetzender Zins von dem zu +leisten sein, dem solche Ersparnisse zum Schaffen von Produktionsmitteln +gegeben werden. In einer sozialen Ordnung, die auf den hier +geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene Scheidung +durchgeführt werden zwischen den Erträgnissen, die auf Grund einer +Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den Vermögensmassen, +die auf Grund der persönlichen (physischen und geistigen) +Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewußtsein +und den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand +erspart, und als Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfügung stellt, +das dient den allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung +durch individuelle menschliche Fähigkeiten möglich. Was +an Kapitalvermehrung durch die Produktionsmittel – nach Abzug +des rechtmäßigen Zinses – entsteht, das verdankt seine Entstehung der +Wirkung des gesamten sozialen Organismus. Es soll also auch in der +geschilderten Art wieder in ihn zurückfließen. Der Rechtsstaat wird +nur eine Bestimmung darüber zu treffen haben, <i>daß</i> die Überleitung +der in Frage kommenden Kapitalmassen in der angegebenen Art geschehe; +nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen darüber zu +treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein übergeleitetes +oder auch ein erspartes Kapital zur Verfügung zu stellen ist. +Das würde zu einer Tyrannis des Staates über die geistige und +materielle Produktion führen. Diese aber wird in der für den sozialen +Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten +<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl darüber +treffen will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital übertragen +soll, frei überlassen sein, für das Verfügungsrecht eine Korporation +der geistigen Organisation einzusetzen.</p> + +<p>Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Vermögen geht mit dem +Zinserträgnis nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach +an eine geistig oder materiell produzierende Person oder Personengruppe – +aber <i>nur</i> an eine solche, nicht an eine unproduktive Person, +bei der es zur Rente würde – über, die durch letztwillige Anordnung +von dem Erwerber zu wählen ist. Auch dafür wird, wenn eine +Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewählt werden kann, +die Übertragung des Verfügungsrechtes an eine Korporation des geistigen +Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich +aus keine Verfügung trifft, so wird der Rechtsstaat für ihn eintreten +und durch die geistige Organisation die Verfügung treffen lassen.</p> + +<p>Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der +freien Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der +sozialen Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren +eben dadurch voll entsprochen, daß die freie Einzel-Initiative in ihren +Dienst gestellt wird. Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen +anzuvertrauen hat, wird bei einer solchen Regelung wissen können, +daß das mit dem Leiter gemeinsam Erarbeitete in der möglichst besten +Art für den sozialen Organismus, also auch für den Arbeiter selbst, +fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale Ordnung wird ein dem gesunden +Empfinden der Menschen entsprechendes Verhältnis schaffen +zwischen den durch das Rechtsbewußtsein geregelten Verfügungsrechten +über in Produktionsmitteln verkörpertes Kapital und menschlicher +Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides geschaffenen +Erzeugnisse andrerseits. – Vielleicht findet mancher in dem hier Dargestellten +Unvollkommenheiten. Die mögen gefunden werden. Es kommt +einer wirklichkeitsgemäßen Denkart nicht darauf an, vollkommene +„Programme“ ein für alle Male zu geben, sondern darauf, die <i>Richtung</i> +zu kennzeichnen, in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche +besondere Angaben, wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie +durch ein Beispiel die gekennzeichnete Richtung näher erläutert werden. +Ein solches Beispiel mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen +Richtung geschieht, dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span></p> +<p>Berechtigte persönliche oder Familienimpulse werden sich durch +solche Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit +in Einklang bringen lassen. Man wird gewiß darauf hinweisen +können, daß die Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere +Nachkommen noch bei Lebzeiten zu übertragen, sehr groß ist. Und +daß man ja in solchen Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen +kann, die aber dann doch gegenüber anderen untüchtig sind und besser +durch diese anderen ersetzt würden. Doch diese Versuchung wird in +einer von den oben angedeuteten Einrichtungen beherrschten Organisation +eine möglichst geringe sein können. Denn der Rechtsstaat braucht +nur zu verlangen, daß unter allen Umständen das Eigentum, das an ein +Familienmitglied von einem andern übertragen worden ist, nach Ablauf +einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden Zeit einer +Korporation der geistigen Organisation zufällt. Oder es kann in andrer +Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden. +Der Rechtsstaat wird nur dafür sorgen, <i>daß</i> diese Überführung geschehe; +wer ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine +aus der geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt +sein. Durch Erfüllung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verständnis +dafür entwickeln, daß Nachkommen durch Erziehung und Unterricht +für den sozialen Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch +Kapitalübertragung an unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet +werde. Jemand, in dem wirklich soziales Verständnis lebt, +hat kein Interesse daran, daß seine Verbindung mit einer Kapitalgrundlage +nachwirke bei Personen oder Personengruppen, bei denen +die individuellen Fähigkeiten eine solche Verbindung nicht rechtfertigen.</p> + +<p>Niemand wird, was hier ausgeführt ist, für eine bloße Utopie halten, +der Sinn für wirklich praktisch Durchführbares hat. Denn es wird gerade +auf solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder +Stelle des Lebens aus den gegenwärtigen Zuständen heraus erwachsen +können. Man wird nur zu dem Entschluß greifen müssen, innerhalb des +Rechtsstaates auf die Verwaltung des geistigen Lebens und auf das +Wirtschaften allmählich zu verzichten und sich nicht zu wehren, wenn, +was geschehen sollte, wirklich geschieht, daß private Bildungsanstalten +entstehen und daß sich das Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergründe +stellt. Man braucht die Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen +nicht von heute zu morgen abzuschaffen; aber +<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +man wird aus vielleicht kleinen Anfängen heraus die Möglichkeit erwachsen +sehen, daß ein allmählicher Abbau des staatlichen Bildungs- und +Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber würde notwendig sein, +daß diejenigen Persönlichkeiten, welche sich mit der Überzeugung durchdringen +können von der Richtigkeit der hier dargestellten oder ähnlicher +sozialer Ideen, für deren Verbreitung sorgen. Finden solche Ideen +Verständnis, so wird dadurch <i>Vertrauen</i> geschaffen zu einer möglichen +heilsamen Umwandlung der gegenwärtigen Zustände in solche, welche +deren Schäden nicht zeigen. <i>Dieses</i> Vertrauen aber ist das einzige, aus +dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen können. Denn +wer ein solches Vertrauen gewinnen soll, der muß überschauen können, +wie Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende anknüpfen lassen. +Und es scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt +werden, daß sie nicht eine bessere Zukunft herbeiführen wollen durch +eine noch weitergehende Zerstörung des Gegenwärtigen, als sie schon eingetreten +ist; sondern daß die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden +weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden +herbeiführt. Eine Aufklärung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung +nicht anstrebt, wird nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden +muß: eine Weiterentwicklung, bei welcher der Wert der bisher von +den Menschen erarbeiteten Güter und der erworbenen Fähigkeiten +nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird. Auch der ganz +radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen Neugestaltung unter +Wahrung der überkommenen Werte gewinnen, wenn er vor Ideen sich +gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten können. +Auch er wird einsehen müssen, daß, welche Menschenklasse auch +immer zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden Übel nicht beseitigen +wird, wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die +den sozialen Organismus gesund, lebensfähig machen. Verzweifeln, +weil man nicht glauben kann, daß bei einer genügend großen Anzahl +von Menschen auch in den Wirren der Gegenwart Verständnis sich +finde für solche Ideen, wenn auf ihre Verbreitung die notwendige Energie +gewandt werden kann, hieße an der Empfänglichkeit der Menschennatur +für Impulse des Gesunden und Zweckentsprechenden verzweifeln. Es +sollte <i>diese</i> Frage, ob man daran verzweifeln müsse, gar nicht gestellt +werden, sondern <i>nur die</i> andere: was man tun solle, um die Aufklärung +über vertrauenerweckende Ideen so kraftvoll als möglich zu machen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span></p> +<p>Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zunächst +entgegenstehen, daß die Denkgewohnheiten des gegenwärtigen +Zeitalters aus zwei Untergründen heraus mit ihnen nicht zurechtkommen +werden. Entweder wird man in irgend einer Form einwenden, +man könne sich nicht vorstellen, daß ein Auseinanderreißen des einheitlichen +sozialen Lebens möglich sei, da doch die drei gekennzeichneten +Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit überall zusammenhängen; oder +man wird finden, daß auch im Einheitsstaate die notwendige selbständige +Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht werden könne, und +daß eigentlich mit dem hier Dargestellten ein Ideengespinst gegeben +sei, das die Wirklichkeit nicht berühre. Der erste Einwand beruht darauf, +daß von einem <i>unwirklichen</i> Denken ausgegangen wird. Daß geglaubt +wird, die Menschen könnten in einer Gemeinschaft nur eine Einheit +des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst +in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird +von der Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit muß als das <i>Ergebnis</i> +entstehen; die von verschiedenen Richtungen her zusammenströmenden +Betätigungen müssen <i>zuletzt</i> eine Einheit bewirken. <i>Dieser</i> wirklichkeitsgemäßen +Idee lief die Entwicklung der letzten Zeit zuwider. +Deshalb stemmte sich, was in den Menschen lebte, gegen die von +außen in das Leben gebrachte „Ordnung“ und führte zu der gegenwärtigen +sozialen Lage. – Das zweite Vorurteil geht hervor aus dem +Unvermögen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei Glieder +des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der Mensch +zu jedem der drei Glieder ein <i>besonderes</i> Verhältnis hat, das in seiner +Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein für +sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von +den beiden andern, dieses Verhältnis ausgestalten kann, um mit ihnen +zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische, +meinte: entweder die Menschen machen Regierungsmaßregeln +über das wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung +dieses Lebens widerstreben; dann seien solche Maßregeln schädlich. +Oder die <i>Gesetze</i> laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben +von selbst läuft, wenn es sich frei überlassen bleibt; dann +seien sie überflüssig. Als Schulmeinung ist diese Anschauung überwunden; +als Denkgewohnheit spukt sie aber überall noch verheerend +in den Menschenköpfen. Man meint, wenn ein Lebensgebiet seinen Gesetzen +<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +folgt, dann müsse aus diesem Gebiete <i>alles</i> für das Leben Notwendige +sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das Wirtschaftsleben in +einer solchen Art geregelt werde, daß die Menschen die Regelung als +eine sie befriedigende empfinden, dann müsse auch das Rechts- und +Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben. +Doch dieses ist nicht möglich. Und nur ein Denken, das +der Wirklichkeit fremd gegenübersteht, kann glauben, daß es möglich +sei. Im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist <i>nichts</i> vorhanden, das von +sich aus einen Antrieb enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem +Rechtsbewußtsein über das Verhältnis von Mensch zu Mensch erfließt. +Und will man <i>dieses</i> Verhältnis aus den wirtschaftlichen Antrieben +herausordnen, so wird man den Menschen mit seiner Arbeit und mit +der Verfügung über die Arbeitsmittel in das Wirtschaftsleben einspannen. +Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das wie ein Mechanismus +wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz, fortwährend in einer Richtung +sich zu bewegen, in die von einer andern Seite her eingegriffen +werden muß. Nicht, <i>wenn</i> die Rechtsmaßnahmen in der Richtung verlaufen, +die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut, oder wenn +sie ihr zuwiderlaufen, sind sie schädlich; sondern, wenn die Richtung, +in welcher das Wirtschaftsleben läuft, fortwährend beeinflußt wird von +den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird +dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenwürdiges Dasein führen +können. Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben +die individuellen Fähigkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen +und dem Wirtschaften die Kräfte immer wieder neu zuführen, die +aus ihm selbst sich nicht erzeugen <i>können</i>, wird auch das Wirtschaften +in einer den Menschen gedeihlichen Art sich entwickeln können.</p> + +<p>Es ist merkwürdig: auf dem Gebiete des rein äußerlichen Lebens +sieht man leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht, +daß der Schneider sich seine Kuh züchten solle, die ihn mit Milch versorgt. +Für die umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man, +daß die Einheitsordnung das allein Ersprießliche sein müsse.</p> + +<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br /> +<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p> + +<p>Daß Einwände gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden +sozialen Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben müssen, ist +selbstverständlich. Denn das wirkliche Leben erzeugt Widersprüche. +<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +Und wer diesem Leben gemäß denkt, der muß Einrichtungen verwirklichen +wollen, deren Lebenswidersprüche durch andere Einrichtungen +ausgeglichen werden. Er <i>darf nicht</i> glauben: eine Einrichtung, die sich +vor seinem Denken als „ideal gut“ ausweist, werde, wenn sie verwirklicht +wird, auch widerspruchslos sich gestalten. – Es ist eine durchaus +berechtigte Forderung des gegenwärtigen Sozialismus, daß die neuzeitlichen +Einrichtungen, in denen produziert wird um des Profitierens +des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen produziert +wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige, +welcher diese Forderung <i>voll</i> anerkennt, wird nicht zu der Schlußfolgerung +dieses neueren Sozialismus kommen können: also müssen +die Produktionsmittel aus dem Privateigentum in Gemeineigentum +übergehen. Er wird vielmehr die ganz andere Schlußfolgerung anerkennen +müssen: also muß, was privat auf Grund der individuellen +Tüchtigkeiten produziert wird, durch die rechten Wege der Allgemeinheit +zugeführt werden. Der wirtschaftliche Impuls der neueren Zeit +ging dahin, durch die Menge des Gütererzeugens Einnahmen zu +schaffen; die Zukunft wird danach streben müssen, durch Assoziationen +aus der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und +die Wege von dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die +Rechtseinrichtungen werden dafür sorgen, daß ein Produktionsbetrieb +nur so lange mit einer Person oder Personengruppe verbunden bleibt, +als sich diese Verbindung aus den individuellen Fähigkeiten dieser Personen +heraus rechtfertigt. Statt dem <i>Gemeineigentum</i> der Produktionsmittel +wird im sozialen Organismus ein <i>Kreislauf</i> dieser Mittel eintreten, +der sie immer von neuem zu denjenigen Personen bringt, +deren individuelle Fähigkeiten sie in der möglichst besten Art der +Gemeinschaft nutzbar machen können. Auf diese Art wird zeitweilig +diejenige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Produktionsmittel +hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn +der Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den +Produktionsmitteln verdanken, daß ihre Fähigkeiten ihnen ein ihren +Ansprüchen gemäßes Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen, +die Produktion zu einer möglichst vollkommenen zu machen, denn +die Steigerung dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen +Profit, aber doch einen Teil des Erträgnisses. Der Profit fließt ja doch +nur im Sinne des oben Ausgeführten der Allgemeinheit bis zu dem +<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> +Grade zu, der sich ergibt nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten +zugute kommt wegen der Steigerung der Produktion. Und es +liegt eigentlich schon im Geiste des hier Dargestellten, daß, wenn +die Produktion zurückgeht, sich das Einkommen des Produzenten in +demselben Maße zu verringern habe, wie es sich steigert bei der +Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der +geistigen Leistung des Leitenden fließen, nicht aus einem solchen Profit, +welcher auf Verhältnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines +Unternehmers, sondern in dem Zusammenwirken der Kräfte des Gemeinlebens +ihre Grundlage haben.</p> + +<p>Man wird sehen können, daß durch Verwirklichung solcher sozialer +Ideen, wie sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenwärtig +bestehen, eine völlig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum +hört auf, dasjenige zu sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es +wird nicht zurückgeführt zu einer überwundenen Form, wie sie das +Gemeineigentum darstellen würde, sondern es wird fortgeführt zu etwas +völlig Neuem. Die Gegenstände des Eigentums werden in den Fluß +des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne kann sie nicht aus seinem +Privatinteresse heraus zum Schaden der Allgemeinheit verwalten; aber +auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum Schaden der einzelnen bureaukratisch +verwalten können; sondern der geeignete einzelne wird zu +ihnen den Zugang finden, um durch sie der Allgemeinheit dienen +zu können.</p> + +<p>Ein Sinn für das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung +solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine +gesunde Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren +bewahren. – Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat +mit dem Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen führen können, +die etwa aus diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben. +Sollte, zum Beispiel, ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern +ihre Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem +Bedürfnis entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben +nach freier Übereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen +das Fehlende zugeschossen werden können. Ein in sich abgeschlossener +Wirtschaftskreislauf, der von außen die Rechtsgrundlage +erhält und den fortdauernden Zufluß der zutage tretenden individuellen +Menschenfähigkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun +<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer Güterverteilung sein +können, die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der +Gemeinschaft gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr +Einkommen haben wird als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein, +weil das „Mehr“ wegen seiner individuellen Fähigkeiten der Allgemeinheit +zugute kommt.</p> + +<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br /> +<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p> + +<p>Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten Vorstellungsart +sich gestaltet, wird durch eine Übereinkunft zwischen +den Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die +Abgaben regeln können, welche für das Rechtsleben notwendig sind. +Und alles, was zum Unterhalte der geistigen Organisation nötig ist, +wird dieser zufließen durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende +Vergütung von seiten der Einzelpersonen, die am sozialen +Organismus beteiligt sind. Diese geistige Organisation wird ihre gesunde +Grundlage durch die in freier Konkurrenz sich geltend machende individuelle +Initiative der zur geistigen Arbeit fähigen Einzelpersonen haben.</p> + +<p>Aber <i>nur</i> in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die +Verwaltung des Rechtes das notwendige Verständnis finden für eine gerechte +Güterverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den +Bedürfnissen der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen +in Anspruch nimmt, sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm +das Recht möglich macht, wird den Wert der Güter nach dem bestimmen, +was ihm die Menschen leisten. Er wird nicht die Menschen +leisten lassen, was durch den unabhängig von Menschenwohlfahrt und +Menschenwürde zustande gekommenen Güterwert bestimmt ist. Ein +solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen Verhältnissen +sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung +haben; der Familienvater wird als Arbeiter ein höheres Einkommen +haben können als der Einzelnstehende. Das „Mehr“ wird ihm zufließen +durch Einrichtungen, die durch Übereinkommen aller drei sozialen Organisationen +begründet werden. Solche Einrichtungen können dem +Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen, daß nach den allgemeinen +Wirtschaftsverhältnissen die Verwaltung der wirtschaftlichen Organisation +die mögliche Höhe des Erziehungseinkommens bemißt und der Rechtsstaat +die Rechte des einzelnen festsetzt nach den Gutachten der geistigen +Organisation. Wieder liegt es in der Art eines wirklichkeitsgemäßen +<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> +Denkens, daß mit einer solchen Angabe nur wie durch ein Beispiel +<i>die Richtung</i> bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen bewirkt +werden können. Es wäre möglich, daß für das einzelne ganz anders geartete +Einrichtungen als richtig befunden würden. Aber dieses +„Richtige“ wird sich nur finden lassen durch das zielgemäße Zusammenwirken +der drei in sich selbständigen Glieder des sozialen Organismus. +Hier, für diese Darstellung, möchte im Gegensatz zu vielem, was in +der Gegenwart für praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr +zugrunde liegende Denkart das wirklich Praktische finden, nämlich +eine solche Gliederung des sozialen Organismus, die bewirkt, daß die +Menschen in dieser Gliederung das sozial Zweckmäßige veranlassen.</p> + +<p>Wie Kindern das <i>Recht</i> auf Erziehung, so steht Altgewordenen, +Invaliden, Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu, +zu dem die Kapitalgrundlage in einer ähnlichen Art dem Kreislauf des +sozialen Organismus zufließen muß wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag +für die Erziehung der noch nicht selbst Leistungsfähigen. Das +Wesentliche bei all diesem ist, daß die Feststellung desjenigen, was +ein nicht selbst Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem +Wirtschaftsleben sich ergeben soll, sondern daß umgekehrt das Wirtschaftsleben +abhängig wird von dem, was in dieser Beziehung aus dem +Rechtsbewußtsein sich ergibt. Die in einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden +werden von dem durch ihre Arbeit geleisteten um so weniger +haben, je mehr für die nicht Verdienenden abfließen muß. Aber das +„Weniger“ wird von allen am sozialen Organismus Beteiligten gleichmäßig +getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse ihre Verwirklichung +finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben abgesonderten Rechtsstaat +wird, was eine allgemeine Angelegenheit der Menschheit ist, Erziehung +und Unterhalt nicht Arbeitsfähiger, auch wirklich zu einer solchen +Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der Rechtsorganisation wirkt +dasjenige, worinnen <i>alle mündig gewordenen Menschen</i> mitzusprechen haben.</p> + +<p>Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart +entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund +seiner individuellen Fähigkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit +überführen, wie er für die Minderleistung der weniger Befähigten den +berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: „Mehrwert“ +wird nicht geschaffen werden für den unberechtigten Genuß des +einzelnen, sondern zur Erhöhung dessen, was dem sozialen Organismus +<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +seelische oder materielle Güter zuführen kann; und zur Pflege desjenigen, +was innerhalb dieses Organismus aus dessen Schoß heraus entsteht, +ohne daß es ihm unmittelbar dienen kann.</p> + +<p>Wer der Ansicht zuneigt, daß die Auseinanderhaltung der drei +Glieder des sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und daß +sie sich auch beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer +das Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln +beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft „von selbst“ ergebe, +der sollte seinen Blick auf die besondere Art von sozialen +Einrichtungen lenken, die sich ergeben müssen, wenn die Dreigliederung +verwirklicht wird. Da wird, zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung +das Geld als gesetzliches Zahlungsmittel anzuerkennen +haben, sondern diese Anerkennung wird auf den Maßnahmen beruhen, +welche von den Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation ausgehen. +Denn Geld kann im gesunden sozialen Organismus nichts anderes +sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern erzeugt sind und +die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb beziehen +kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben +hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche +Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze +Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man +es nur mit Warenwerten zu tun. Für dieses Gebiet nehmen auch die +<i>Leistungen</i>, die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation +heraus, den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen +Schülern leistet, ist für den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer +werden seine individuellen Fähigkeiten ebensowenig bezahlt wie dem +Arbeiter seine Arbeitskraft. Bezahlt <i>kann</i> beiden nur werden, was, von +ihnen ausgehend, im Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann. +Wie die freie Initiative, wie das Recht wirken sollen, damit die Ware +zustande komme, das liegt ebenso <i>außerhalb</i> des Wirtschaftskreislaufes +wie die Wirkung der Naturkräfte auf das Kornerträgnis in einem segensreichen +oder einem magern Jahr. Für den Wirtschaftskreislauf sind +die geistige Organisation bezüglich dessen, was sie beansprucht als +wirtschaftliches Erträgnis, <i>und auch der Staat</i> einzelne Warenproduzenten. +Nur ist, was sie produzieren, innerhalb ihres eigenen Gebietes +nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von dem Wirtschaftskreislauf +aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren eigenen +<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> +Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die Verwaltung +des Wirtschaftsorganismus.</p> + +<p>Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten), +insofern er sich ausdrückt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt, +wird von der Zweckmäßigkeit abhängen, mit der sich innerhalb +des Wirtschaftsorganismus die <i>Verwaltung</i> der Wirtschaft ausgestaltet. +Von den Maßnahmen dieser Verwaltung wird es abhängen, inwiefern +auf der geistigen und rechtlichen Grundlage, welche von den andern +Gliedern des sozialen Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche +Fruchtbarkeit sich entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird +dann der Ausdruck dafür sein, daß diese Ware in der den Bedürfnissen +entsprechenden Menge durch die Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus +erzeugt wird. Würden die in dieser Schrift dargelegten +Voraussetzungen verwirklicht, so wird im Wirtschaftsorganismus nicht +der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch die bloße Menge der +Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird durch die entstehenden +und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden Genossenschaften +die Gütererzeugung sich den Bedürfnissen anpassen. Dadurch wird +das diesen Bedürfnissen entsprechende Verhältnis zwischen dem Geldwert +und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>. +<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> +Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser +sein; denn hinter jedem Geldstück oder Geldschein steht die +Warenleistung, auf welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde +gekommen sein kann. Es werden sich aus der Natur der Verhältnisse +heraus Einrichtungen notwendig machen, welche dem Gelde +für den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die eben gekennzeichnete +Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist schon +hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in +geeigneter Form an die Allgemeinheit über. Und damit Geld, das +nicht in Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der +Maßnahmen der Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurückbehalten +werde, kann Umprägung oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. +Aus solchen Verhältnissen heraus wird sich allerdings auch ergeben, +daß der Zinsbezug von einem Kapitale im Laufe der Jahre sich +immer verringere. Das Geld wird sich abnützen, wie sich Waren +abnützen. Doch wird eine solche vom Staate zu treffende Maßnahme +gerecht sein. „Zins auf Zins“ wird es nicht geben können. +Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die ihm +auf spätere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie +gegenwärtige Leistungen auf den Eintausch gegenwärtiger Gegenleistungen; +aber die Ansprüche können nur bis zu einer gewissen Grenze +gehen; denn aus der Vergangenheit herrührende Ansprüche können +nur durch Arbeitsleistungen der Gegenwart befriedigt werden. Solche +Ansprüche dürfen nicht zu einem wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. +Durch die Verwirklichung solcher Voraussetzungen wird die <i>Währungsfrage</i> +auf eine gesunde Grundlage gestellt. Denn gleichgültig wie aus +andern Verhältnissen heraus die <i>Geldform</i> sich gestaltet: <i>Währung</i> wird +die vernünftige Einrichtung des gesamten Wirtschaftsorganismus durch +dessen Verwaltung. Die Währungsfrage wird niemals ein Staat in +befriedigender Art durch <i>Gesetze</i> lösen; gegenwärtige Staaten werden +sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die Lösung verzichten +und das Nötige dem von ihnen abzusondernden Wirtschaftsorganismus +überlassen.</p> + +<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br /> +<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p> + +<p>Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren +Wirkung als Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.; +aber man berücksichtigt wenig, wie sie das Verhältnis des einzelnen Menschen +<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +zu seiner Arbeits<i>leistung</i> beeinflußt. Wer in einem auf Arbeitsteilung +eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der <i>erwirbt</i> eigentlich niemals +sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit <i>aller</i> +am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum Eigengebrauch +einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe +Verhältnis wie ein Mensch, der in primitiven Zuständen noch +alles zu seinem Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. +Er macht sich den Rock, um für andere Kleider machen zu können; +und der <i>Wert</i> des Rockes für ihn hängt <i>ganz</i> von den Leistungen der +andern ab. Der Rock ist eigentlich Produktionsmittel. Mancher wird +sagen, das sei eine Begriffsspalterei. Sobald er auf die <i>Wertbildung</i> +der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht, wird er diese Meinung nicht +mehr haben können. Dann wird er sehen, daß man in einem Wirtschaftsorganismus, +der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht für sich arbeiten +kann. Man kann nur für andere arbeiten, und andere für sich +arbeiten lassen. Man kann ebensowenig für sich arbeiten, wie man sich +selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche +dem Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die +Gütererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als +Eigentum zu überliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen +Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drängt den +sozialen Organismus dazu, daß der einzelne Mensch in ihm lebt nach den +Verhältnissen des Gesamtorganismus; sie schließt <i>wirtschaftlich</i> den Egoismus +aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von Klassenvorrechten +und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer Zustand, +der zu Erschütterungen des sozialen Organismus führt. In solchen Zuständen +leben wir gegenwärtig. Es mag manchen geben, der nichts +davon hält, wenn man fordert, die Rechtsverhältnisse und anderes müssen +sich nach dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein +solcher möge dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen. +Diese wäre: man könne überhaupt nichts tun; die soziale Bewegung könne +zu nichts führen. Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprießliches +nicht tun, wenn man <i>der Wirklichkeit</i> nicht ihr Recht geben will. +Die Denkungsart, aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben +ist, will, was der Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach +dem einrichten, was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt.</p> + +<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br /> +<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span></p> +<p>Wer seine Begriffe nur nach den eingewöhnten Einrichtungen bilden +kann, der wird ängstlich werden, wenn er davon vernimmt, daß das +Verhältnis des Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgelöst werden solle +von dem Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, daß eine solche +Loslösung notwendig zur Geldentwertung und zur Rückkehr in primitive +Wirtschaftsverhältnisse führe. (Dr. Rathenau äußert in seiner +Schrift „Nach der Flut“ solche Meinungen, die von <i>seinem</i> Standpunkt +aus berechtigt erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung +des sozialen Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich +selbst gestellte Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus +sondert die Geldverhältnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten +Arbeitsverhältnissen. Die Rechtsverhältnisse werden nicht unmittelbar +auf die Geldverhältnisse einen Einfluß haben können. Denn die letzteren +sind Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das +Rechtsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar +nicht in dem Geldwert zum Ausdruck kommen können, denn dieser ist +nach Beseitigung des Lohnes, der ein Tauschverhältnis von Ware und +Arbeitskraft darstellt, lediglich der Maßstab für den gegenseitigen Wert +der Waren (und Leistungen). – Aus der Betrachtung der <i>Wirkungen</i>, +welche die Dreigliederung für den sozialen Organismus hat, muß man die +Überzeugung gewinnen, daß sie zu Einrichtungen führen werde, die in +den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind.</p> + +<p>Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden +können, was gegenwärtig als <i>Klassenkampf</i> empfunden wird. Denn +dieser Kampf beruht auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den +Wirtschaftskreislauf. Diese Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus +dar, in dem der Begriff des <i>Arbeitslohnes</i> ebenso eine Umformung +erfährt wie der alte <i>Eigentumsbegriff</i>. Aber durch diese Umformung wird +ein <i>lebensfähiger</i> sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen. – Nur +eine leichtfertige Beurteilung wird finden können, daß mit der Verwirklichung +des hier Dargestellten nichts weiter getan sei, als daß der Arbeitszeitlohn +in Stücklohn verwandelt werde. Mag sein, daß eine einseitige Ansicht +von der Sache zu diesem Urteil führt. Aber <i>hier</i> ist diese einseitige +Ansicht nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Ablösung des +Entlohnungsverhältnisses durch das vertragsgemäße Teilungsverhältnis in +bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete <i>in +Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus</i> ins +<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> +Auge gefaßt. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungserträgnisses +als Stücklohn erscheint, der wird nicht gewahr, daß +<i>dieser</i> „Stücklohn“ (der aber eigentlich kein „Lohn“ ist) sich im <i>Werte</i> +des Geleisteten in einer Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche +Lebenslage des Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen +Organismus in ein ganz anderes Verhältnis bringt, als dasjenige ist, +das aus der einseitig wirtschaftlich bedingten Klassenherrschaft entstanden +ist. Die Forderung nach Austilgung des Klassenkampfes wird +damit befriedigt. – Und wer sich zu der namentlich auch in sozialistischen +Kreisen zu hörenden Meinung bekennt: die <i>Entwicklung</i> +selbst müsse die Lösung der sozialen Frage bringen, man könne nicht +Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem muß erwidert +werden: gewiß wird die Entwicklung das Notwendige bringen müssen; +aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen +<i>Wirklichkeiten</i>. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird +und das <i>verwirklicht</i> sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann +wird eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und +diejenigen, welche „nur von der Entwicklung“ und nicht von der +Erbringung fruchtbarer Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen +müssen mit ihrem Urteil bis dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung +sein wird. Doch wird es eben dann <i>zu spät</i> sein zum Vollbringen +gewisser Dinge, die von den <i>heutigen</i> Tatsachen schon gefordert +werden. Im sozialen Organismus ist es nicht möglich, die Entwicklung +<i>objektiv</i> zu betrachten wie in der Natur. Man muß die Entwicklung +<i>bewirken</i>. Deshalb ist es für ein gesundes soziales Denken +verhängnisvoll, daß ihm gegenwärtig Ansichten gegenüberstehen, die, +was sozial notwendig ist, so „beweisen“ wollen, wie man in der Naturwissenschaft +„beweist“. Ein „Beweis“ in sozialer Lebensauffassung +kann sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung <i>das</i> aufnehmen +kann, was nicht nur im <i>Bestehenden</i> liegt, sondern <i>dasjenige</i>, was in +den Menschenimpulsen – von ihnen oft unbemerkt – keimhaft ist +und sich verwirklichen will.</p> + +<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br /> +<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p> + +<p>Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen +Organismus ihre Begründung im Wesenhaften des menschlichen +Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Loslösung der richterlichen +<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span> +Tätigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren wird +es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder +Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst +aber liegen in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus +gebildet sind. Diese Urteilsfindung ist in hohem Maße abhängig von +der Möglichkeit, daß der Richtende Sinn und Verständnis habe für die +individuelle Lage eines zu Richtenden. Solcher Sinn und solches Verständnis +werden nur vorhanden sein, wenn dieselben Vertrauensbande, +durch welche die Menschen zu den Einrichtungen der geistigen +Organisation sich hingezogen fühlen, auch maßgebend sind für die Einsetzung +der Gerichte. Es ist möglich, daß die Verwaltung der geistigen +Organisation die Richter aufstellt, die aus den verschiedensten geistigen +Berufsklassen heraus genommen sein können, und die auch nach Ablauf +einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe zurückkehren. In gewissen +Grenzen hat dann jeder Mensch die Möglichkeit, sich die Persönlichkeit +unter den Aufgestellten für fünf oder zehn Jahre zu wählen, +zu der er so viel Vertrauen hat, daß er in dieser Zeit, wenn es dazu +kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder strafrechtlichen +Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes +Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, daß diese Wahl +eine Bedeutung haben wird. Ein Kläger hat sich dann stets an den für +einen Angeklagten zuständigen Richter zu wenden. – Man bedenke, +was eine solche Einrichtung in den österreichisch-ungarischen Gegenden +für eine einschneidende Bedeutung gehabt hätte. In gemischtsprachigen +Gegenden hätte der Angehörige einer jeden Nationalität sich einen +Richter seines Volkes erwählen können. Wer die österreichischen Verhältnisse +kennt, der kann auch wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben +der Nationalitäten eine solche Einrichtung hätte beitragen können. – +Aber außer der Nationalität gibt es weite Lebensgebiete, für deren gesunde +Entfaltung eine solche Einrichtung im gedeihlichen Sinne wirken +kann. – Für die engere Gesetzeskenntnis werden den in der geschilderten +Art bestellten Richtern und Gerichtshöfen Beamte zur Seite +stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen Organismus +zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben. Ebenso werden +Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden sein. Es +wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die Verwirklichung +solcher Voraussetzungen abspielt, daß ein Richter den Lebensgewohnheiten +<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen +kann, daß er durch sein außerhalb des Richteramtes – dem er nur eine +Zeitlang vorstehen wird – liegendes Leben mit den Lebenskreisen der +zu Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus überall +in seinen Einrichtungen das soziale Verständnis der an seinem Leben +beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen +Tätigkeit. Die Urteilsvollstreckung fällt dem Rechtsstaate zu.</p> + +<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br /> +<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p> + +<p>Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier +Dargestellten für andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig +machen, brauchen vorläufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese +Schilderung würde selbstverständlich einen nicht zu begrenzenden Raum +einnehmen.</p> + +<p>Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt +haben, daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich <i>nicht</i>, wie +mancher meinen könnte – und wie tatsächlich geglaubt wurde, als +ich hier und dort das Dargestellte mündlich vorgetragen habe –, um +eine Erneuerung der drei Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand handelt. +Das Gegenteil dieser Ständegliederung wird angestrebt. Die Menschen +werden weder in Klassen noch in Stände <i>sozial</i> eingegliedert sein, sondern +der soziale Organismus selbst wird gegliedert sein. Der Mensch +aber wird gerade dadurch wahrhaft Mensch sein können. Denn die +Gliederung wird eine solche sein, daß er mit seinem Leben in jedem der +drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des sozialen Organismus, in +dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit sachlichem Interesse +stehen; und zu den andern wird er lebensvolle Beziehungen haben, +denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem Verhältnisse stehen, +das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird der vom Menschen +abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale Organismus sein; +jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei Glieder sein.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span></p> + +<h2><a name="kap04" id="kap04"></a><a href="#inhalt">IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>ie innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch +die internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete +wird sein selbständiges Verhältnis zu den entsprechenden Gebieten der +andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des +einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen, +ohne daß die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren +Einfluß haben<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>. Und umgekehrt, die Verhältnisse der Rechtsstaaten +werden sich innerhalb gewisser Grenzen in völliger Unabhängigkeit +von den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch +diese Unabhängigkeit im <i>Entstehen</i> der Beziehungen werden diese in +Konfliktfällen ausgleichend aufeinander wirken können. Interessenzusammenhänge +der einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, +welche die Landesgrenzen als unbeträchtlich für das Zusammenleben +der Menschen erscheinen lassen werden. – Die geistigen Organisationen +der einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten +können, die <i>nur</i> aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit +selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhängige, auf sich gestellte +Geistesleben wird Verhältnisse ausbilden, die dann unmöglich sind, wenn +die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung +eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhängt. In dieser +Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den Leistungen der +ganz offenbar internationalen Wissenschaft und denjenigen anderer +geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja auch die einem Volke +eigene Sprache dar und alles, was sich in unmittelbarem Zusammenhange +<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> +mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein selbst gehört in +dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen mit denen +eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich nicht zur +Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation oder +der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur gegenüber +einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige +Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie +wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen +zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind.</p> + +<p>Gegenwärtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch +der schärfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhänge +erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und +Volkskulturen sich entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen +müssen an dem Ziel, das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der +neueren Zeit die Menschheit als Ganzes immer bewußter wird setzen +müssen. Diese Menschheit wird empfinden, daß ein jeder ihrer Teile zu +einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein nur kommen kann, wenn er +sich lebenskräftig mit allen anderen Teilen verbindet. Volkszusammenhänge +sind neben anderen naturgemäßen Impulsen die Ursachen, durch +die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich gebildet +haben. Aber die Kräfte, durch welche die Volkstümer wachsen, +müssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt +ist durch die Beziehungen, welche die Staatskörper und Wirtschaftsgenossenschaften +zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die +Volksgemeinschaften die innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen +so durchführen, daß jedes der Glieder seine selbständigen Beziehungen +zu anderen sozialen Organismen entfalten kann.</p> + +<p>Dadurch bilden sich <i>vielgestaltige</i> Zusammenhänge zwischen Völkern, +Staaten und Wirtschaftskörpern, die jeden Teil der Menschheit mit +anderen Teilen so verbinden, daß der eine in seinen eigenen Interessen +das Leben der andern mitempfindet. Ein Völkerbund <i>entsteht</i> aus +wirklichkeitsgemäßen Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen +Rechtsanschauungen „eingesetzt“ werden müssen<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span></p> +<p>Von besonderer Bedeutung muß einem wirklichkeitsgemäßen Denken +erscheinen, daß die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus +zwar ihre Geltung haben für die gesamte Menschheit, daß sie aber von +<i>jedem einzelnen</i> sozialen Organismus verwirklicht werden können, gleichgültig, +wie sich andere Länder zu dieser Verwirklichung vorläufig verhalten. +Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgemäßen drei +Gebiete, so können die Vertretungen derselben als einheitliche Körperschaft +mit anderen in internationale Beziehungen treten, auch wenn +diese anderen für sich die Gliederung noch nicht vorgenommen haben. +Wer mit dieser Gliederung vorangeht, der wird für ein gemeinschaftliches +Menschheitsziel wirken. Was getan werden soll, wird sich durchsetzen +viel mehr durch die Kraft, welche ein in wirklichen Menschheitsimpulsen +wurzelndes Ziel <i>im Leben</i> erweist, als durch eine Feststellung +auf Kongressen und aus Verabredungen heraus. Auf einer Wirklichkeitsgrundlage +ist dieses Ziel <i>gedacht</i>; im wirklichen Leben, an +jedem Punkte der Menschengemeinschaften läßt es sich erstreben.</p> + +<p>Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgänge im Leben der Völker +und Staaten von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige +dieser Darstellung ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich +gewordenen Staatengebilde mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, +Rechts- und Wirtschaftsleben sich in internationale Beziehungen +brachten, die zu einer Katastrophe drängten. Ebenso aber konnte +ein solcher auch sehen, wie die Gegenkräfte aus unbewußten Menschheitsimpulsen +heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird das Heilmittel +gegen die Erschütterungen sein, welche der Einheitsfanatismus bewirkt +hat. Aber das Leben der „maßgebenden Menschheitsleiter“ war nicht +darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit langem vorbereitete. Im +Frühling und Frühsommer 1914 konnte man noch „Staatsmänner“ +davon sprechen hören, daß der Friede Europas dank der Bemühungen +der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei. Diese +„Staatsmänner“ hatten eben keine Ahnung davon, daß, was sie taten +und redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr +zu tun hatte. Aber sie galten als die „Praktiker“. Und als „Schwärmer“ +galt damals wohl, wer entgegen den Anschauungen der „Staatsmänner“ +Anschauungen durch die letzten Jahrzehnte hindurch sich +ausbildete, wie sie der Schreiber dieser Ausführungen, monatelang vor +der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor einem kleinen Zuhörerkreise +<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +aussprach. (Vor einem größeren wäre er wohl verlacht worden.) +Er sagte über das, was drohte, ungefähr das Folgende: „Die in der +Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker werden, +bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut derjenige, +der das soziale Leben geistig durchblickt, wie überall furchtbare +Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die große +Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut. +Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst +dann, wenn man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der +Lebensvorgänge durch die Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft +unterdrücken könnte, einen dazu bringen müßte, von dem Heilmittel so +zu sprechen, daß man Worte darüber der Welt gleichsam <i>entgegen</i>schreien +möchte. Wenn der soziale Organismus sich so weiter entwickelt, +wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden der Kultur, +die für diesen Organismus dasselbe sind, was <i>Krebsbildungen</i> im +menschlichen natürlichen Organismus sind.“ Aber die Lebensanschauung +herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den +sie nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Maßnahmen +führten, die hätten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet +waren, Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander +zu begründen. – Wer glaubt, daß unter den unmittelbaren Ursachen +der gegenwärtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten +keine Rolle gespielt haben, der sollte sich überlegen, was aus den politischen +Impulsen der in den Krieg drängenden Staaten dann geworden +wäre, wenn die „Staatsmänner“ in den Inhalt ihres Wollens +diese sozialen Notwendigkeiten aufgenommen hätten. Und was unterblieben +wäre, wenn man durch solchen Willensinhalt etwas anderes +zu tun gehabt hätte als die Zündstoffe zu schaffen, die dann die Explosion +bringen mußten. Wenn man in den letzten Jahrzehnten das +schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als Folge des +sozialen Lebens der führenden Teile der Menschheit ins Auge faßte, so +konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen Geistinteressen +stehende Persönlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen +das soziale Wollen in diesen führenden Teilen annahm, schon 1888 sagen +mußte: „Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung +zu einem Reiche von Brüdern zu machen, die, nur den edelsten +Beweggründen nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die +<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +Geschichte nur auf der Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, +ein gegenseitiger allgemeiner Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen“, +aber nur der Gedanke, daß ein „Weg zu den wahren Gütern des +menschlichen Lebens“ gefunden werden müsse, kann den Sinn für +Menschenwürde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist ein solcher, +„der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen unserer +Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber +glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser +sein sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen +und einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.“ +(So Hermann Grimm 1888 auf S. 46 seines Buches: „Aus den letzten +fünf Jahren“.) Was waren die „Kriegerischen Rüstungen“ anderes als +Maßnahmen solcher Menschen, welche Staatsgebilde in einer Einheitsform +aufrechterhalten wollten, trotzdem diese Form durch die Entwicklung +der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden Zusammenlebens +der Völker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes Zusammenleben +aber könnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen +Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit +heraus gestaltet ist.</p> + +<p>Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als +einem halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges +Leben, das in einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte +nach einer Form, für deren Entwicklung der aus veralteten +Impulsen gebildete Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische +Konflikt, der am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe +steht, ist das vollgültigste Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen +dieses Einheitsstaates von einem gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen +sein durften für das Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden +gewesen, daß das auf sich selbst gestellte, von dem politischen Staate und +seinen Grenzen unabhängige Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber +in einer Art hätte entwickeln können, die mit den Zielen der Völker im +Einklange gewesen wäre, dann hätte der im Geistesleben verwurzelte Konflikt +sich nicht in einer politischen Katastrophe entladen müssen. Eine +dahin zielende Entwicklung erschien allen, die in Österreich-Ungarn sich +einbildeten, „staatsmännisch“ zu denken, als eine volle Unmöglichkeit, +wohl gar als der reine Unsinn. Deren Denkgewohnheiten ließen nichts +anderes zu als die Vorstellung, daß die Staatsgrenzen mit den +<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> +Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten zusammenfallen. Verstehen, +daß über die Staatsgrenzen hinweg sich geistige Organisationen bilden +können, die das Schulwesen, die andere Zweige des Geisteslebens umfassen, +das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und dennoch: dieses +„Undenkbare“ ist die Forderung der neueren Zeit für das internationale +Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar Unmöglichen +hängen bleiben und glauben, daß Einrichtungen im Sinne +dieser Forderung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen; sondern +er muß sein Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu +überwinden. Statt das „staatsmännische“ Denken in eine Richtung +zu bringen, welche den neuzeitlichen Forderungen entsprochen hätte, +war man bestrebt, Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat +gegen diese Forderungen aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde +dadurch immer mehr zu einem unmöglichen Gebilde. Und im zweiten +Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts stand er davor, für seine +Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun zu können und die +Auflösung zu erwarten, oder das innerlich Unmögliche äußerlich durch +die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Maßnahmen des +Krieges begründen ließ. Es gab 1914 für die österreichisch-ungarischen +„Staatsmänner“ nichts anderes als dieses: entweder sie mußten ihre Intentionen +in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen Organismus +lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues Vertrauen +hätte erwecken können, mitteilen, oder sie <i>mußten</i> einen Krieg +entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen +Untergründen heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird über die +Schuldfrage gerecht denken können. Durch die Teilnahme vieler Völkerschaften +an dem österreichisch-ungarischen Staatsgebilde wäre diesem +die weltgeschichtliche Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen +Organismus vor allem zu entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht +erkannt. Diese Sünde wider den Geist des weltgeschichtlichen Werdens +hat Österreich-Ungarn in den Krieg getrieben.</p> + +<p>Und das Deutsche Reich? Es ist gegründet worden in einer Zeit, +in der die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen +Organismus ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung +hätte dem Reiche seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben +können. Die sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropäischen +Reiche wie in dem Gebiete zusammen, das für ihr Ausleben weltgeschichtlich +<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> +vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es +trat an vielen Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere +Gestalt an, aus der zu ersehen war, wohin es drängte. Das +hätte zu einem Arbeits-Inhalt für dieses Reich führen müssen. Das +hätte seinen Verwaltern die Aufgaben stellen müssen. Es hätte die +Berechtigung dieses Reiches im modernen Völkerzusammenleben erweisen +können, wenn man dem neugegründeten Reiche einen Arbeits-Inhalt +gegeben hätte, der von den Kräften der Geschichte selbst gefordert +gewesen wäre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Große zu +wenden, blieb man bei „sozialen Reformen“ stehen, die aus den +Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im +Auslande die Mustergültigkeit <i>dieser</i> Reformen bewunderte. Man +kam daneben immer mehr dazu, die äußere Welt-Machtstellung des +Reiches auf Formen gründen zu wollen, die aus den ausgelebtesten +Arten des Vorstellens über die Macht und den Glanz der Staaten +heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich, das ebenso wie das +österreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach, was in den +Kräften des Völkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich ankündigte. +Von diesen Kräften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts. <i>Das</i> +Staatsgebilde, das <i>sie</i> im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft des +Militärischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte gefordert +ist, hätte auf der Verwirklichung der Impulse für den gesunden +sozialen Organismus ruhen müssen. Mit <i>dieser</i> Verwirklichung hätte +man sich in die Gemeinsamkeit des modernen Völkerlebens anders +hineingestellt, als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen +der neuzeitlichen Forderungen des Völkerlebens war 1914 die deutsche +Politik an dem Nullpunkte ihrer Betätigungsmöglichkeit angelangt. +Sie hatte in den letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was +hätte geschehen sollen; sie hatte sich beschäftigt mit allem Möglichen, +was in den neuzeitlichen Entwicklungskräften nicht lag und was durch +seine Inhaltlosigkeit „wie ein Kartengebäude zusammenbrechen“ <i>mußte</i>.</p> + +<p>Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des +Deutschen Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, würde +ein getreues Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiließe, die +Vorgänge innerhalb der maßgebenden Orte in Berlin Ende Juli und +1. August 1914 zu prüfen und vor die Welt getreulich hinzustellen. +Von diesen Vorgängen weiß das In- und Ausland noch wenig. Wer +<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +sie kennt, der weiß, wie die deutsche Politik damals sich als die +eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen im Nullpunkt +ihrer Betätigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu +beginnen war, in das Urteil der militärischen Verwaltung übergehen +<i>mußte</i>. Wer maßgebend in dieser Verwaltung war, konnte damals +aus den militärischen Gesichtspunkten heraus <i>nicht anders handeln, +als gehandelt worden ist</i>, weil von <i>diesen</i> Gesichtspunkten die Situation +nur so gesehen werden konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn außer +dem militärischen Gebiet hatte man sich in eine Lage gebracht, die +zu einem Handeln gar nicht mehr führen konnte. Alles dieses würde +sich als eine weltgeschichtliche Tatsache ergeben, wenn jemand sich +fände, der darauf dringt, die Vorgänge in Berlin von Ende Juli und +1. August, namentlich alles das, was sich am 1. August und 31. Juli +zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer der +Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgänge könne man doch +nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der +früheren Zeit kennt. Will man über das reden, was man gegenwärtig +die „Schuldfrage“ nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. +Gewiß kann man auch durch anderes über die längst vorher vorhandenen +Ursachen wissen; aber diese Einsicht zeigt, <i>wie</i> diese Ursachen +gewirkt haben.</p> + +<p>Die Vorstellungen, die Deutschlands Führer damals in den Krieg +getrieben haben, sie wirkten dann verhängnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. +Und sie verhinderten, daß während der letzten Schreckensjahre +<i>die</i> Einsicht bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen +entwickelte, deren Nichtvorhandensein vorher in die Tragik +hineingetrieben hatte. Auf die mögliche Empfänglichkeit, die sich aus +diesen Erfahrungen heraus hätte ergeben können, wollte der Schreiber +dieser Ausführungen bauen, als er sich bemühte, innerhalb Deutschlands +und Österreichs in dem Zeitpunkte der Kriegskatastrophe, der +ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem gesunden sozialen Organismus +und deren Konsequenzen für das politische Verhalten nach +außen an Persönlichkeiten heranzubringen, deren Einfluß damals noch +sich hätte für eine Geltendmachung dieser Impulse betätigen können. +Persönlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes +ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang für diese +Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten +<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +sträubten sich gegen solche Impulse, welche dem <i>nur</i> militärisch orientierten +Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts +Rechtes anfangen könne. Höchstens daß man fand, „Trennung der +Kirche von der Schule“, ja, das wäre etwas. In solcher Bahn liefen +eben die Gedanken der „staatsmännisch“ Denkenden schon seit lange, +und in eine Richtung, die zu Durchgreifendem führen sollte, ließen sie +sich nicht bringen. Wohlwollende sprachen davon, ich solle diese Gedanken +„veröffentlichen“. Das war in jenem Zeitpunkte wohl der +unzweckmäßigste Rat. Was konnte es helfen, wenn auf dem Gebiete +der „Literatur“ unter manchem andern auch von diesen Impulsen gesprochen +worden wäre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser +Impulse liegt es doch, daß sie <i>damals</i> eine Bedeutung nur hätten erlangen +können durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden +wären. Die Völker Mitteleuropas hätten, wenn von der rechten Stelle +im Sinne dieser Impulse gesprochen worden wäre, gesehen, daß es etwas +geben kann, was ihrem mehr oder weniger bewußten Drang entsprochen +hätte. Und die Völker des russischen Ostens hätten ganz +gewiß in jenem Zeitpunkte Verständnis gehabt für eine Ablösung des +Zarismus durch solche Impulse. Daß sie dies Verständnis gehabt hätten, +kann nur der in Abrede stellen, der keine Empfindung hat für die +Empfänglichkeit des noch unverbrauchten osteuropäischen Intellekts +für gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung im Sinne solcher +Ideen kam Brest-Litowsk.</p> + +<p>Daß militärisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas +nicht abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem – militärischen +Denken zu verbergen. Daß man an die Unabwendbarkeit der +Katastrophe nicht glauben wollte, das war die Ursache des Unglückes +des deutschen Volkes. Niemand wollte einsehen, wie man an den Stellen, +bei denen die Entscheidung lag, keinen Sinn hatte für weltgeschichtliche +Notwendigkeiten. Wer von diesen Notwendigkeiten etwas wußte, dem +war auch bekannt, wie die englischsprechenden Völker Persönlichkeiten +in ihrer Mitte hatten, welche durchschauten, was in den Volkskräften +Mittel- und Osteuropas sich regte. Man konnte wissen, wie solche Persönlichkeiten +der Überzeugung waren, in Mittel- und Osteuropa bereite +sich etwas vor, was in mächtigen sozialen Umwälzungen sich +ausleben muß. In solchen Umwälzungen, von denen man glaubte, daß +in den englisch sprechenden Gebieten für sie weder schon geschichtlich +<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span> +eine Notwendigkeit, noch eine Möglichkeit vorlag. Auf solches Denken +richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und Osteuropa sah +man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, daß sie +„wie ein Kartengebäude zusammenstürzen“ mußte. Nur eine Politik, +die auf die Einsicht gebaut gewesen wäre, daß man in englisch sprechenden +Gebieten großzügig, und ganz selbstverständlich vom englischen +Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, hätte Grund +und Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wäre wohl +besonders den „Diplomaten“ als etwas höchst Überflüssiges erschienen.</p> + +<p>Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem hätte auch für +Mittel- und Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe +führen können trotz der Großzügigkeit der englisch orientierten +Politik, zu treiben, fuhr man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen +sich weiter zu bewegen. Und während der Kriegsschrecken +lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht, daß es notwendig geworden +war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in politischen +Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine andere +entgegenzustellen, die aus den Lebenskräften dieses Europa heraus +geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten +Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der +Kanonen als geistiger Impuls Europas hineingetönt hätte, wäre eine +Verständigung möglich gewesen. Jedes andere Verständigungs-Gerede +klang vor den geschichtlichen Notwendigkeiten hohl. – Aber der +Sinn für ein Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben +liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhältnissen +heraus an die Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und +deshalb mußte der Herbst 1918 bringen, was er gebracht hat. Der +Zusammenbruch der militärischen Gewalt wurde begleitet von einer +geistigen Kapitulation. Statt wenigstens in dieser Zeit sich aufzuraffen +zu einer aus europäischem Wollen heraus geholten Geltendmachung +der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die bloße +Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson +vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch +Wilson über seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland +nur in dem helfen, was es selbst will. Er mußte doch eine Kundgebung +dieses Wollens <i>erwarten</i>. Zu der Nichtigkeit der Politik vom +Anfange des Krieges kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare +<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> +geistige Kapitulation, herbeigeführt von einem Manne, auf den +viele in deutschen Landen so etwas wie eine letzte Hoffnung setzten.</p> + +<p>Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kräften +heraus; Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhänge +sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas +hervorgebracht. Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung +der Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. +Sie kann gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse +der Menschheit, so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese +sozialen Impulse sprechen eine Sprache, der gegenüber die ganze zivilisierte +Welt eine Aufgabe hat. Soll das Denken über dasjenige, was +geschehen muß, heute gegenüber der sozialen Frage ebenso auf dem +Nullpunkt angelangen, wie die mitteleuropäische Politik für ihre Aufgaben +1914 angekommen war? Landesgebiete, die sich von den damals +in Frage kommenden Angelegenheiten abseits halten konnten: +gegenüber der sozialen Bewegung dürfen sie es nicht. Gegenüber +dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es keine Neutralen +geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende +Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und +ihr Handeln nach diesen Zeichen einzurichten.</p> + +<p>Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen +sind, heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene +Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem +Schreiber dieser Ausführungen vor einiger Zeit verfaßt worden, und +von einem Komitee, das für ihn Verständnis gefaßt hat, der Welt, vor +allem den mitteleuropäischen Völkern mitgeteilt worden ist. Gegenwärtig +sind andere Verhältnisse als zu der Zeit, in der sein Inhalt engeren +Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal hätte ihn die öffentliche Mitteilung +ganz notwendig zur „Literatur“ gemacht. Heute muß die +Öffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm vor kurzer Zeit +noch nicht hätte bringen können: verstehende Menschen, die in seinem +Sinne wirken wollen, wenn er des Verständnisses und der Verwirklichung +wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch +solche Menschen entstehen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span></p> + +<h2><a name="anhang" id="anhang"></a><a href="#inhalt">Anhang</a></h2> + +<p class="center"><i>An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!</i></p> + + +<p><span class="initial">S</span>icher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen +vor einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August +1914 meinte es, die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich +gestellt sah, werde diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es +nur auf dessen Trümmer blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem +Erlebnis eintreten. Denn dieses Erlebnis hat die Meinung eines halben +Jahrhunderts, hat insbesondere die herrschenden Gedanken der Kriegsjahre +als einen tragisch wirkenden Irrtum erwiesen. Wo liegen die Gründe +dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage muß Selbstbesinnung in +die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben. Ob jetzt die Kraft +zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt die Lebensmöglichkeit +des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon ab, ob +es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in meinen +Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm die +Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich +gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt +der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. – Das +Reich war gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man +bemüht, seine inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die +sich durch alte Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr +zeigten, in Ordnung zu bringen. Später ging man dazu über, die in +materiellen Kräften begründete äußere Machtstellung zu festigen und zu +vergrößern. Damit verband man Maßnahmen in bezug auf die von der +neuen Zeit geborenen sozialen Anforderungen, die zwar manchem Rechnung +trugen, was der Tag als Notwendigkeit erwies, denen aber doch +ein großes Ziel fehlte, wie es sich hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis +der Entwicklungskräfte, denen die neuere Menschheit sich zuwenden +muß. So war das Reich in den Weltzusammenhang hineingestellt ohne +wesenhafte, seinen Bestand rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der +Kriegskatastrophe hat dieses in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum +<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> +Ausbruche derselben hatte die außerdeutsche Welt in dem Verhalten +des Reiches nichts sehen können, was ihr die Meinung hätte erwecken +können: die Verwalter dieses Reiches erfüllen eine weltgeschichtliche +Sendung, die nicht hinweggefegt werden darf. Das Nichtfinden einer +solchen Sendung durch diese Verwalter hat notwendig die Meinung in +der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den wirklich Einsichtigen der +tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.</p> + +<p>Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen +Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht +auftauchen, welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat +zeigen wollen. An die Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten +Forderungen der Gegenwart müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung +treten, welcher die Entwicklungskräfte der neueren Menschheit +mit starken Gedanken zu erkennen strebt, und der mit mutigem +Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der kleinliche Drang, der +alle diejenigen als unpraktische Idealisten unschädlich macht, die ihren +Blick auf diese Entwicklungskräfte richten. Aufhören müßte die Anmaßung +und der Hochmut derer, die sich als Praktiker dünken, und die +doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das Unglück herbeigeführt +haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als Idealisten +verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die Entwicklungsbedürfnisse +der neuen Zeit zu sagen haben.</p> + +<p>Die „Praktiker“ aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen +ganz neuer Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten +diesen Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten +und Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der +neueren Zeit hat die Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf +dem Wege privater Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten +Arbeitens in gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse +<i>auf einzelnen Gebieten</i> als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht +da, wo es dieser Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich +erschien. Radikale Überführung <i>aller</i> Einzelarbeit in gesellschaftliche +wurde das Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung +des neuen Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen +Privatziele kein Interesse hat.</p> + +<p>Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren Menschheitsforderungen +hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames zugrunde. +<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen dabei +auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat, Kommune), +die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen +Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften +(z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen +Forderungen entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten +heraus den alten Formen nachgebildet sind.</p> + +<p>Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten +gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen +wissen will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis +einer sozialen Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge +faßt, als was heute gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen +Gemeinschaften haben sich bisher zum größten Teil aus den sozialen +Instinkten der Menschheit gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein +zu durchdringen, wird Aufgabe der Zeit.</p> + +<p>Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie +der natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch +die Lunge besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung +in Systeme notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen +kann, jedes aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den +anderen zusammenwirken muß.</p> + +<p>Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges +Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und +Gesetzen sich ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein +Gefüge bringt, daß es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, +dem politisch wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame +Glied muß vielmehr in voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen +bestehen, wie im natürlichen Organismus das Atmungssystem +neben dem Kopfsystem. Ihr heilsames Zusammenwirken kann +nicht dadurch erreicht werden, daß beide Glieder von einem einzigen +Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt werden, sondern daß +jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die lebendig zusammenwirken. +Denn das politische System muß die Wirtschaft vernichten, +wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System +verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will.</p> + +<p>Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller +Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet +<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der +geistige Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem +mit eigener gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten +dritten Gliede überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet +und anders beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden +Gliedorganismen eines natürlichen Gesamtorganismus sich +gegenseitig beeinflussen.</p> + +<p>Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen +Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen +und ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien +hingestellt werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten +nachgehen wollen.</p> + +<p>Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten +an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung +hat nicht verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick +auf diese Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte +innere Gefüge gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte +Richtung verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche +Volk mit den außerdeutschen Völkern zusammenleben können.</p> + +<p>Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den +Willen zum möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, +das nicht mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern +ein <i>geistiges, politisches und wirtschaftliches</i> System in ihren Vertretern +müßten als selbständige Delegationen mit denen verhandeln +wollen, von denen <i>das</i> Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich +durch die Verwirrung der drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen +Gebilde gemacht hat.</p> + +<p>Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit +des hier Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken +dreier Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts +von den wirklichen Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles +nach den bequemen Forderungen <i>ihres</i> Denkens gestalten wollen. Ihnen +muß klar werden: entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken +den Anforderungen der Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird +vom Unglücke nichts gelernt haben, sondern das herbeigeführte durch +weiter entstehendes ins Unbegrenzte vermehren.</p> + +<p class="right"><span class="spaced">Dr. Rudolf Steiner.</span></p> + + +<div class="footnotes"> +<p class="title">Fußnoten:</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Der Einführung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind, in +das praktische Leben dient der im April 1919 begründete „Bund für Dreigliederung +des sozialen Organismus“. (Er hat seinen Hauptsitz in Stuttgart, Champignystraße 17.)</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Der Verfasser hat bewußt vermieden, sich in seinen Ausführungen unbedingt +an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen Ausdrücke +zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein „fachmännisches“ Urteil +sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte zu seiner Ausdrucksweise aber +nicht nur, daß er auch für Menschen sprechen möchte, denen die volks- und +sozialwissenschaftliche Literatur ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, +daß eine neue Zeit das meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon +in der Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als „fachmännisch“ +sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch hinweisen +sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder Andern an das +hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu bedenken, daß die +<i>Ausgangspunkte und die Wege</i> der hier gekennzeichneten Anschauung, welche +der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung zu verdanken glaubt, das +Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung der gegebenen Impulse sind +und nicht etwa bloß so oder anders geartete Gedanken. Auch hat der Verfasser, +wie man aus dem Abschnitt IV ersehen kann, für die praktische Verwirklichung +sich schon einzusetzen versucht, als ähnlich <i>scheinende</i> Gedanken in bezug auf +das Eine oder Andere noch nicht bemerkt wurden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach räumlich abgrenzbaren +Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tätigkeiten (Funktionen) des +Organismus. „Kopforganismus“ ist nur zu gebrauchen, wenn man sich bewußt +ist, daß im Kopfe in erster Linie das Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch +ist natürlich im Kopfe auch die rhythmische und die Stoffwechseltätigkeit vorhanden, +wie in den andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestätigkeit vorhanden +ist. Trotzdem sind die drei Arten der Tätigkeit <i>ihrer Wesenheit nach</i> streng +voneinander geschieden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht +wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie heraus +stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der Wirklichkeit eine lebensvolle +Rolle spielt. „Ware“ im obigen Sinne gebraucht, weist auf etwas hin, +was der Mensch erlebt; jeder andere Begriff von „Ware“ läßt etwas weg oder +fügt etwas hinzu, so daß sich der Begriff mit den Lebensvorgängen in ihrer +wahren Wirklichkeit nicht deckt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem +falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen Sinne +vollziehen. Geld und Arbeit <i>sind</i> keine austauschbaren Werte, sondern nur +Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit, so <i>tue</i> ich etwas +falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in Wirklichkeit <i>kann</i> ich +nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im Wirtschaftsleben +tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was „rechtens ist“ als mit +einer <i>Voraussetzung</i> zu rechnen. Doch wird dadurch erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation +vom Menschen, nicht der Mensch von der Wirtschaftsordnung +abhängig ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art zustande +kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen Organismus, +wird sich als Ergebnis für das Wirtschaftsleben ein gesundes Preisverhältnis +der erzeugten Güter einstellen. Dieses muß so sein, daß jeder Arbeitende für +ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erhält, als zur Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse +bei ihm und den zu ihm gehörenden Personen nötig ist, bis er ein Erzeugnis +der gleichen Arbeit wieder hervorgebracht hat. Ein solches Preisverhältnis +kann nicht durch amtliche Feststellung erfolgen, sondern es muß sich <i>als Resultat +ergeben</i> aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus tätigen +Assoziationen. Aber es <i>wird</i> sich einstellen, wenn das Zusammenwirken auf dem +gesunden Zusammenwirken der drei Organisationsglieder beruht. Es muß mit +derselben Sicherheit sich ergeben, wie eine haltbare Brücke sich ergeben muß, +wenn sie nach rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist. +Man kann natürlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben +folge nicht so seinen Gesetzen wie eine Brücke. Es wird aber niemand einen +solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung dieses +Buches dem sozialen Leben eben <i>lebendige</i> und nicht mathematische Gesetze zugrunde +liegend gedacht werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Wer dagegen einwendet, daß die Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse doch +in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt werden können, +der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten Gliederung ankommt. Im +<i>gesamten</i> Verkehrsprozeß wirken die beiderlei Verhältnisse selbstverständlich als +ein Ganzes. Aber es ist etwas anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen +Bedürfnissen heraus gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen +heraus gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr +zusammenwirken läßt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Wer in solchen Dingen „Utopien“ sieht, der beachtet nicht, daß <i>in Wahrheit</i> +die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm für utopistisch gehaltenen +Einrichtungen hinstrebt, und daß die Schäden dieser Wirklichkeit gerade davon +kommen, daß diese Einrichtungen nicht da sind.</p></div> +</div> + + +<div class="ppnote"> +<p>Anmerkungen zur Transkription</p> + +<p>Die beiden Druckfehler-Berichtigungen wurden durchgeführt. Es wurden einige Änderungen in der Zeichensetzung vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Anfang versetzt.</p> + +<p><a href="#Page_5">S. 5:</a><br />"diese oder jene Einrichtungen" wurde geändert in<br />"diese oder jene Einrichtung"</p> +<p><a href="#Page_10">S. 10:</a><br />"mit dem ihm möglichen Antei " wurde geändert in<br />"mit dem ihm möglichen Anteil"</p> +<p><a href="#Page_11">S. 11:</a><br />"und hrem Interesse heraus" wurde geändert in<br />"und ihrem Interesse heraus"</p> +<p><a href="#Page_51">S. 51:</a><br />"die in dem vom Warenaustausch ganz abhängigen Verhältnis" wurde geändert in<br />"die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis"</p> +<p><a href="#Page_53">S. 53:</a><br />"Daß aber die geschicht ichen" wurde geändert in<br />"Daß aber die geschichtlichen"</p> +<p><a href="#Page_55">S. 55</a>, <a href="#Footnote_6_6">Fußnote 6:</a><br />"von der Wirschaftsordnung" wurde geändert in<br />"von der Wirtschaftsordnung"</p> +<p><a href="#Page_88">S. 88:</a><br />"durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgenden Vergütung" wurde geändert in<br />"durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung"</p> +<p><a href="#Page_88">S. 88:</a><br />"daß nach den allgemeinen W rtschaftsverhältnissen" wurde geändert in<br />"daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen"</p> +<p><a href="#Page_97">S. 97:</a><br />"daß es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde geändert in<br />"daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart"</p> +<p><a href="#Page_99">S. 99</a>, <a href="#Footnote_9_9">Fußnote 9:</a><br />"die Wirklichkeit des Lebens nach diesem" wurde geändert in<br />"die Wirklichkeit des Lebens nach diesen"</p> +<p><a href="#Page_106">S. 106:</a><br />"Brest-Litowks" wurde geändert in<br />"Brest-Litowsk"</p> +</div> + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in +den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE *** + +***** This file should be named 28494-h.htm or 28494-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/8/4/9/28494/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/28494-h/images/signet.png b/28494-h/images/signet.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6510101 --- /dev/null +++ b/28494-h/images/signet.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..cb6e04c --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #28494 (https://www.gutenberg.org/ebooks/28494) |
