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+The Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den
+Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
+
+Author: Rudolf Steiner
+
+Release Date: April 4, 2009 [EBook #28494]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Die beiden Druckfehler-Berichtigungen wurden durchgeführt. Es wurden
+einige Änderungen in der Zeichensetzung vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis
+wurde vom Textende an den Anfang versetzt.
+
+Im Original kursiv gedruckter Text ist durch _Unterstriche_ gekennzeichnet,
+gesperrt gedruckter Text durch #Rauten#.
+
+Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.
+
+
+
+
+ INTERNATIONALE BÜCHEREI FÜR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN
+
+
+
+
+ DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE
+
+ IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWART UND ZUKUNFT
+
+ VON
+
+ DR. RUDOLF STEINER
+
+
+ [Illustration: Signet]
+
+
+ 1920
+
+ DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG
+ STUTTGART
+
+ 41.-80. Tausend
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G.,
+ Verlag, Stuttgart.
+
+
+ Druckfehlerberichtigung.
+
+ Auf Seite 14, Zeile 9 von oben, muß es
+ statt: in dem Urteil
+ heißen: von dem Urteil.
+
+ Auf Seite 26, Zeile 11 von unten, muß es
+ statt: angetrieben
+ heißen: ausgetrieben.
+
+
+ Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart.
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Seite
+
+ Vorrede und Einleitung 5
+
+ Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift 16
+
+ I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben
+ der modernen Menschheit 20
+
+ II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen
+ Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten 39
+
+ III. Kapitalismus und soziale Ideen 63
+
+ IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen 98
+
+
+
+
+Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift
+
+
+Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige
+verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man
+kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese
+oder jene Einrichtung, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat,
+müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende
+Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die soziale »Frage«
+bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben
+geltend machen will.
+
+Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar
+Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. Man kann
+annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen
+»Lösung« der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches
+glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte »Lösung« anbieten
+wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll,
+auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung
+der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal
+sagen könnten: da seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen
+nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen.
+
+In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an
+sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich
+weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen
+haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen
+utopistischen Charakter beigelegt haben. Am stärksten haben dies diejenigen
+getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem Andern,
+was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist.
+
+Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen des
+öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend erscheinenden
+utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die
+Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer
+solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie müssen sich davon
+überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen können nichts
+anfangen mit dem, was sie vorbringen.
+
+Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige
+Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der
+Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber dem, was zum Beispiel die
+wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen
+Zustände des öffentlichen Lebens zu bewältigen, wenn man an sie mit einem
+lebensfremden Denken herantritt?
+
+Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlaßt das
+Geständnis, daß man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses
+Geständnis der »sozialen Frage« auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese
+Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwärtigen Zivilisation
+behandelt, wird man Klarheit darüber erlangen, was dem sozialen Leben nötig
+ist.
+
+Auf die Gestaltung des gegenwärtigen Geisteslebens weist diese Frage hin.
+Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen
+Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem hohen Grade
+abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den
+Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die
+wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, aus denen er
+herauswächst.
+
+Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die
+Lebensverhältnisse der Gegenwart angepaßt sein. Denn der Staat habe die
+Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und
+damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens so zu
+gestalten, daß dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde.
+Und auch das kann man leicht glauben, daß der Mensch dadurch das
+bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne
+der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswächst,
+und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den
+ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten anweisen.
+
+Diese Schrift muß die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu zeigen,
+daß die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit des
+Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. Und sie muß zeigen,
+daß die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit den einen Teil
+der so brennenden sozialen Frage bildet.
+
+Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In der
+Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit lange etwas
+dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch Denkende können
+sich kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Gesellschaft den Einzelnen
+zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe.
+
+Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem
+Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, daß in der
+geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum
+Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das
+Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, daß das
+Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, die es
+im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet wurde.
+Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer
+Irrtum.
+
+Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des
+Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in
+dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle
+Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen,
+das es angenommen hat, daß es ein völlig selbständiges Glied des sozialen
+Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch
+alles geistige Leben herauswächst, muß in die Verwaltung derer gestellt
+werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts
+hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig
+ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit
+aufzuwenden, daß er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein
+kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und
+den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht
+gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht.
+Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet
+hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz
+unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist
+naturgemäß, daß innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und
+Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen Maße wirken.
+
+Man kann natürlich einwenden, daß auch in einer solchen Selbstverwaltung
+des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im
+wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Daß das Best-Mögliche
+zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fähigkeiten, die in
+dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich
+übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus
+geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes Urteil fällen kann.
+Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist,
+darüber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen
+können. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu
+verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt
+werden. Aus ihr können das Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte
+empfangen, die sie sich nicht geben können, wenn sie von ihren
+Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten.
+
+Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, daß auch die
+Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die dem
+Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des freien
+Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen,
+landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre
+Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift muß
+notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese --
+richtige -- Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus fließen
+diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man
+durchschaut, daß sie im Grunde aus dem unbewußten Glauben hervorgehen, die
+Erziehenden müssen lebensfremde, unpraktische Menschen sein. Man könne
+ihnen gar nicht zumuten, daß sie Einrichtungen von sich aus treffen, welche
+den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. Solche Einrichtungen
+müssen von denjenigen gestaltet werden, die im praktischen Leben drinnen
+stehen, und die Erziehenden müssen gemäß den Richtlinien wirken, die ihnen
+gegeben werden.
+
+Wer so denkt, der sieht nicht, daß Erziehende, die sich nicht bis ins
+Kleinste hinein und bis zum Größten hinauf die Richtlinien selber geben
+können, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen können dann
+Grundsätze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen Menschen
+herrühren; sie werden keine rechten Praktiker in das Leben hineinerziehen.
+Die antisozialen Zustände sind dadurch herbeigeführt, daß in das soziale
+Leben nicht Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung her
+sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen können nur aus einer
+Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und
+verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man
+nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile
+behandelt. Man schafft Antisoziales nicht bloß durch wirtschaftliche
+Einrichtungen, sondern auch dadurch, daß sich die Menschen in diesen
+Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die
+Jugend von Menschen erziehen und unterrichten läßt, die man dadurch
+lebensfremd werden läßt, daß man ihnen von außen her Richtung und Inhalt
+ihres Tuns vorschreibt.
+
+Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von ihnen, daß
+derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, nach seinen
+Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung niedergelegt hat.
+Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind,
+werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistesleben selbst schöpfen.
+Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, was ihm von diesem freien
+Geistesleben aus überantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den
+lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben erstehen können.
+
+Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen sein,
+die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht
+das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, die
+von bloßen »Praktikern« gestaltet und in denen von lebensfremden Menschen
+gelehrt wird, sondern allein das, was von Erziehern kommt, die von ihren
+Gesichtspunkten aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen
+die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten muß, das wird in
+dieser Schrift wenigstens andeutungsweise dargestellt.
+
+Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrücken.
+Besorgte Künstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: ja, wird denn
+die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen als in dem
+gegenwärtigen vom Staat und den Wirtschaftsmächten besorgten? Solche Frager
+sollten bedenken, daß diese Schrift eben in keiner Beziehung utopistisch
+gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt:
+dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften
+angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wünschenswerte
+herbeiführen können. Wer das Leben nicht nach theoretischen Vorurteilen,
+sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird sich sagen: der aus seiner
+freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht auf eine rechte Beurteilung
+seiner Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft gibt, die
+ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das Leben eingreifen kann.
+
+Die »soziale Frage« ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das
+Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder
+durch Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein
+Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie
+einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der
+weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das
+Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der
+aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen
+läßt. Dieses muß stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit
+nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der
+soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung.
+Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig
+wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen
+können in solche Gemeinschaften eintreten, daß durch ihr lebendiges
+Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben
+wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige
+Glied des sozialen Organismus.
+
+Wie sich für das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart die freie
+Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so für das Wirtschaftsleben
+die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben
+zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie
+werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die
+Menschen mit ihrer Tätigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine
+Teilinteressen; jeder muß mit dem ihm möglichen Anteil von Tätigkeit in sie
+eingreifen. Was einer wirklich braucht, kann nur er wissen und empfinden;
+was er leisten soll, will er aus seiner Einsicht in die Lebensverhältnisse
+des Ganzen beurteilen. Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch
+nicht überall so auf der Erde; innerhalb des gegenwärtig zivilisierten
+Teiles der Erdbevölkerung ist es im wesentlichen so.
+
+Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung
+erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die
+Stadtwirtschaft, aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht
+man vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein
+erheblicher Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise
+schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind davon
+abhängig, daß die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser
+Lebensverhältnisse vorherrschend wirksam geworden ist.
+
+Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskräfte in einer abstrakten
+Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften
+sind im Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem
+Umfange eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen
+als bloß wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Daß man sie zu
+Wirtschaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das soziale
+Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich
+aus seinen eigenen Kräften heraus unabhängig von Staatseinrichtungen,
+aber auch von staatlicher Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur können,
+wenn sich, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen
+bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und
+Produzenten sich zusammenschließen. Durch die Verhältnisse des Lebens wird
+der Umfang solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine
+Assoziationen würden zu kostspielig, zu große wirtschaftlich zu
+unübersichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus
+den Lebensbedürfnissen heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden.
+Man braucht nicht besorgt zu sein, daß derjenige, der sein Leben in
+reger Ortsveränderung zuzubringen hat, durch solche Assoziationen
+eingeengt sein werde. Er wird den Übergang von der einen in die andere
+leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche
+Interessen den Übergang bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb
+eines solchen assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des
+Geldverkehrs wirken.
+
+Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit eine
+weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln die
+Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Güter, sondern die
+Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. Durch
+ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben können die Menschen diese
+notwendige Einsicht haben; dadurch, daß Interesse mit Interesse sich
+vertragsmäßig ausgleichen muß, werden die Güter in ihren entsprechenden
+Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschließen nach wirtschaftlichen
+Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in den modernen
+Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen Leben aus; aber sie
+kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den
+Grundsätzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus der Handhabung
+der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte heraus gestaltet haben. Man
+parlamentarisiert in ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen
+Gesichtspunkten überein, was der eine dem andern zu leisten hat. In den
+Assoziationen werden nicht »Lohnarbeiter« sitzen, die durch ihre Macht von
+einem Arbeit-Unternehmer möglichst hohen Lohn fordern, sondern es werden
+Handarbeiter mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den
+konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammenwirken, um durch
+Preisregulierungen Leistungen entsprechend den Gegenleistungen zu
+gestalten. Das kann nicht durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen.
+Vor solchen müßte man besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn
+unzählige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen über die Arbeit verbringen
+müßten. In Abmachungen von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation
+vollzieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, daß der
+Zusammenschluß den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der
+Konsumierenden entspricht.
+
+Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht gesagt:
+dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet,
+wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn sie in
+Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen
+entsprechen.
+
+Daß sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschließen, dafür sorgt
+einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft
+nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedürfnisse. Andrerseits
+kann dafür das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt die Einsichten
+zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. Wer aus der Erfahrung
+heraus denkt, muß zugeben, daß solche assoziative Gemeinschaften in jedem
+Augenblick entstehen können, daß sie nichts von Utopie in sich schließen.
+Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als daß der Mensch der
+Gegenwart das wirtschaftliche Leben von außen »organisieren« will in dem
+Sinne, wie für ihn der Gedanke der »Organisation« zu einer Suggestion
+geworden ist. Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von
+außen zusammenschließen will, steht diejenige wirtschaftliche Organisation,
+die auf dem freien Assoziieren beruht, als sein Gegenbild gegenüber. Durch
+das Assoziieren verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das
+Planmäßige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des Einzelnen. -- Man
+kann ja sagen: was nützt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich
+assoziiert? Man kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion
+von außen her »gerecht« geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung
+unterbindet die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das
+Wirtschaftsleben um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien
+Schaffenskraft entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz
+aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem
+Besitzenden. Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kräfte ein, dann wird
+der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung
+ausgleichen müssen. Heute spricht man über solche Dinge nicht aus den
+Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; sondern aus den
+Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und
+anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich entwickeln,
+weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das wirtschaftliche Leben
+immer komplizierter geworden ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen
+Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die
+wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine drinnen; die in der
+Wirtschaft wirkenden Gestaltungskräfte sind ihnen nicht durchsichtig. Sie
+arbeiten ohne Einsicht in das Ganze des Menschenlebens. In den
+Assoziationen wird der eine durch den andern erfahren, was er notwendig
+wissen muß. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung über das Mögliche sich
+bilden, weil die Menschen, von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht
+und Erfahrung hat, zusammen-urteilen werden.
+
+Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind, die in ihm
+selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die
+wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. Was
+in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus
+dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich assoziiert ist.
+Dadurch wird er genau so viel Einfluß auf die allgemeine Wirtschaft haben,
+als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfähige sich dem
+Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift
+auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenüber dem Starken schützen, kann ein
+Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kräften heraus gestaltet ist.
+
+So kann der soziale Organismus in zwei selbständige Glieder zerfallen, die
+sich gerade dadurch gegenseitig tragen, daß jeder seine eigenartige
+Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kräften hervorgeht. Zwischen
+beiden aber muß sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche
+staatliche Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das
+geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig
+gewordenen Menschen abhängig sein muß. In dem freien Geistesleben betätigt
+sich jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt
+jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen
+Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu
+seiner rein menschlichen Geltung, insoferne diese unabhängig ist von den
+Fähigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und
+unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das
+assoziative Wirtschaftsleben erhalten.
+
+In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine
+Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem
+steht jeder dem andern als ein gleicher gegenüber, weil in ihm nur
+verhandelt und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch
+gleich urteilsfähig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem
+Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung.
+
+Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der
+selbständigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, wie die
+Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, die Nutzung
+des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei Glieder
+gestalten kann. Wer die soziale Frage »lösen« will durch eine ausgedachte
+oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird diese Schrift nicht
+praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen zu
+solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in denen sie die sozialen
+Aufgaben am besten erkennen und sich ihnen widmen können, der wird dem
+Verfasser des Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch
+nicht absprechen.
+
+Das Buch ist im April 1919 zuerst veröffentlicht worden. Ergänzungen zu dem
+damals Ausgesprochenen habe ich in den Beiträgen gegeben, die in der
+Zeitschrift »Dreigliederung des sozialen Organismus« enthalten waren und
+die soeben gesammelt als die Schrift »In Ausführung der Dreigliederung des
+sozialen Organismus« erschienen sind[1].
+
+ [1] Der Einführung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind,
+ in das praktische Leben dient der im April 1919 begründete »Bund für
+ Dreigliederung des sozialen Organismus«. (Er hat seinen Hauptsitz in
+ Stuttgart, Champignystraße 17.)
+
+Man wird finden können, daß in den beiden Schriften weniger von den
+»Zielen« der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen wird,
+die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer aus der Lebenspraxis
+heraus denkt, der weiß, daß namentlich einzelne Ziele in verschiedener
+Gestalt auftreten können. Nur wer in abstrakten Gedanken lebt, dem
+erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher tadelt das
+Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht »klar« genug
+dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dünken, sind gerade solche
+Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, daß das Leben die mannigfaltigsten
+Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein fließendes Element. Und wer mit ihm
+gehen will, der muß sich auch in seinen Gedanken und Empfindungen diesem
+fließenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur mit einem
+solchen Denken ergriffen werden können.
+
+Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift
+erkämpft; aus dieser heraus möchten sie auch verstanden sein.
+
+
+
+
+Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift
+
+
+Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben.
+Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen,
+daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden müssen, an die bisher
+nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart unterstützt,
+findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, der, aus den Erfahrungen des
+Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an
+notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf
+der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift.
+Sie möchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die
+von einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den
+Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. -- Ob dem einen oder
+dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei
+der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind da, und man muß
+mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mögen
+diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus, etwa
+finden, daß der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den
+proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefällt,
+weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf
+etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen muß. Der Verfasser aber
+möchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens heraus
+sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich
+ist. Ihm stehen die verhängnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen
+müssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren
+Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem
+sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.
+
+Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch #zunächst#
+Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen,
+wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die
+Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, daß in dieser
+Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persönlichkeiten glaubt
+der Verfasser, daß gerade #sie# werden gründlich umlernen müssen. Denn ihm
+erscheint ihre »Lebenspraxis« als dasjenige, was durch die #Tatsachen#,
+welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein
+Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu
+Verhängnissen geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig
+ist, manches als praktisch anzuerkennen, das #ihnen# als verbohrter
+Idealismus erschienen ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser
+Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem
+Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit
+gesprochen ist. Der Verfasser #muß# aus seiner Lebenserkenntnis heraus
+meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzu
+gemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben der
+neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. -- Auch
+diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen
+hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein materielle
+Interessen herauskommen und sich »zum Geiste«, »zum Idealismus« wenden,
+werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes
+Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von dem bloßen Hinweis auf »den
+Geist«, von dem Reden über eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur #die#
+Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird.
+Dieser erweist sich in der Bewältigung der praktischen Lebensaufgaben
+ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche
+die seelischen Bedürfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man
+von einer Geistigkeit weiß, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies
+eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen
+Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese
+Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß für das innere Seelenwesen
+reservierte Nebenströmung. -- So werden die Ausführungen dieser Schrift den
+»Geistigen« wohl zu ungeistig, den »Praktikern« zu lebensfremd erscheinen.
+Der Verfasser hat die Ansicht, daß er #gerade deshalb# dem Leben der
+Gegenwart werde in seiner Art dienen können, weil er der Lebensfremdheit
+manches Menschen, der sich heute für einen »Praktiker« hält, nicht zuneigt,
+und weil er auch demjenigen Reden vom »Geiste«, das aus Worten
+Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann.
+
+Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die »soziale Frage« in
+den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu
+erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und
+Geisteslebens die »wahre Gestalt« dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser
+Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für eine gesunde
+Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung. --
+In ältern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten die sozialen Instinkte
+dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals
+entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der
+Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, diese
+Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen
+ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein solches
+Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten
+Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen der
+gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man
+heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben aber noch die alten
+Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenüber den fordernden
+Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich vorstellt, muß der Mensch der
+Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfähig ist. Wie
+Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit
+selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das --
+so meint der Verfasser -- kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen
+entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser
+glaubt, über eine solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte
+er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine #Anregung#
+zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen
+Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der
+Verfasser geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über
+Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens
+hinausführen kann.
+
+Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte der
+Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit manchen
+Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwicklung der sozialen
+Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in
+Schwarmgeisterei verfällt. #Deshalb# sieht man das aus der wahren
+Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser
+Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser
+Darstellung deshalb etwas »Abstraktes« sehen, weil ihm »konkret« nur ist,
+was er zu denken gewohnt ist und »abstrakt« auch das Konkrete dann, wenn er
+nicht gewöhnt ist, es zu denken[2].
+
+ [2] Der Verfasser hat bewußt vermieden, sich in seinen Ausführungen
+ unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen
+ Ausdrücke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein
+ »fachmännisches« Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte
+ zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, daß er auch für Menschen
+ sprechen möchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur
+ ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, daß eine neue Zeit das
+ meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon in der
+ Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als
+ »fachmännisch« sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch
+ hinweisen sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder
+ Andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu
+ bedenken, daß die _Ausgangspunkte und die Wege_ der hier gekennzeichneten
+ Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung
+ zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung
+ der gegebenen Impulse sind und nicht etwa bloß so oder anders geartete
+ Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV ersehen
+ kann, für die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht,
+ als ähnlich _scheinende_ Gedanken in bezug auf das Eine oder Andere noch
+ nicht bemerkt wurden.
+
+Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen des
+Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. Doch er glaubt, viele
+Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung gelangen, daß die
+Tatsachen der Entwicklung schon weit über die Parteiprogramme
+hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen Programmen #unabhängiges#
+Urteil über die nächsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig
+ist.
+
+Anfang April 1919.
+
+ #Rudolf Steiner.#
+
+
+
+
+I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben der modernen
+Menschheit
+
+
+Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne
+soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich Gedanken
+waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen
+glaubte?
+
+Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des
+Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des Lebens
+drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, welche das
+Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhältnis, in
+das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines großen Teiles der
+Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne
+Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur
+sind.
+
+Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, durch
+ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken auf die Kräfte im
+europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drängten, haben sich
+über diese Triebkräfte den größten Illusionen hingegeben. Sie konnten
+glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstürme beruhigen.
+Solche Persönlichkeiten mußten gewahr werden, daß durch die Folgen ihres
+Verhaltens die sozialen Triebe erst völlig in die Erscheinung traten. Ja,
+die gegenwärtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige
+geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft
+erhielten. Die führenden Persönlichkeiten und Klassen mußten ihr Verhalten
+in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhängig machen, was
+in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten
+oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten
+unbeachtet lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse
+angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.
+
+Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was
+jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der
+Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen
+Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser
+Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken an
+diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales
+Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen,
+die von den Tatsachen gestellt werden.
+
+Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit langer Zeit
+als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben,
+werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug erweisen, um den
+fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung zu geben. -- Man kann
+absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch wähnen, das Alte müsse
+sich gegen die neueren Forderungen eines großen Teiles der Menschheit
+halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die
+von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird
+doch nicht anders können, als sich gestehen: es wandeln unter uns
+Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwicklung der Tatsachen
+zurückgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche
+die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien
+haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren
+Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht
+vielleicht nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden
+Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe
+der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. Man darf daraus
+die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse empfänglich sein für den
+Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu
+kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial
+orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es
+könnte wohl sein, daß die Tragik, die in den Lösungsversuchen der sozialen
+Frage zutage tritt, gerade in einem Mißverstehen der wahren proletarischen
+Bestrebungen wurzelt. In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen,
+welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind.
+Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das
+rechte Urteil.
+
+Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen:
+was #will# die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht
+dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer oder nicht
+proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in
+dem, was über die »soziale Frage« von vielen gedacht wird, die _wahre
+Gestalt_ dieser »Frage«? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken nötig?
+An _diese_ Frage wird man nicht unbefangen herantreten können, wenn man
+nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das
+Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen
+Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung,
+welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat.
+
+Man hat viel gesprochen über die Entwicklung der modernen Technik und des
+modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwicklung
+das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die
+Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen
+ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel
+Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes doch nicht berührt wird, kann
+sich dem aufdrängen, der sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: die
+äußern Verhältnisse geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es
+offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus
+inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die
+proletarischen Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der
+modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese
+Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in diesen
+Forderungen eigentlich als _rein menschliche_ Impulse lebt. Und solange man
+in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der _wahren
+Gestalt_ der »sozialen Frage« nicht beikommen.
+
+Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen
+bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden
+Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: der
+moderne Proletarier ist »_klassenbewußt_« geworden. Er folgt den Impulsen
+der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaßen instinktiv,
+unbewußt; er weiß sich als Angehöriger einer besonderen Klasse und ist
+gewillt, das Verhältnis dieser seiner Klasse zu den andern im öffentlichen
+Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu
+bringen. Wer ein Auffassungsvermögen hat für seelische Unterströmungen, der
+wird durch das Wort »klassenbewußt« in dem Zusammenhang, in dem es der
+moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der
+sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der
+modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher muß vor
+allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren über das
+Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen zündend
+in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine
+Tatsache berührt, über welche viele, die nur _über_ das Proletariat denken
+können, nicht _mit_ demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der
+ernsten Ereignisse der Gegenwart schädliche Urteile haben. Mit der Meinung,
+dem »ungebildeten« Proletarier sei durch den Marxismus und seine
+Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht
+worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt
+man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen
+Verständnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine
+solche Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf ein
+Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein
+solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen
+Klassenbewußtseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren
+_wissenschaftlichen_ Entwicklung heraus genommen haben. In diesem
+Bewußtsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die
+»Wissenschaft und die Arbeiter« gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem
+unwesentlich erscheinen, der sich für einen »praktischen Menschen« hält.
+Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung
+gewinnen will, der _muß_ seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In
+dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa
+das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich
+manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-_Wissenschaft_,
+von welcher das proletarische Bewußtsein ergriffen worden ist. In der
+wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten
+Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu
+leugnen, bedeutet ein Augenverschließen vor den wirklichen Tatsachen. Und
+eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist
+die, daß der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen
+sich den Inhalt seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der
+Maschine arbeitende Mensch von »Wissenschaft« noch so weit entfernt sein;
+er hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche
+die Mittel zu dieser Aufklärung von dieser »Wissenschaft« empfangen haben.
+
+Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, das
+Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf die
+Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die
+gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht unmittelbar
+aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, daß er
+in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fließt aus
+der andern Tatsache, daß ganz bestimmte _Gedanken_ sich innerhalb seines
+Klassenbewußtseins an der Maschine und in der Abhängigkeit von der
+kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es könnte sein, daß
+die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses
+Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur
+ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Dem gegenüber muß gesagt
+werden: um so schlimmer für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung
+in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das
+Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen
+will, der muß vor allem wissen, wie der Proletarier _denkt_. Denn die
+proletarische Bewegung -- von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis in
+ihre verheerendsten Auswüchse hinein -- wird nicht von »außermenschlichen
+Kräften«, von »Wirtschaftsimpulsen« gemacht, sondern von _Menschen_; von
+deren Vorstellungen und Willensimpulsen.
+
+Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische
+Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und
+Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre
+Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem
+Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele
+mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab
+sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie
+dieser Handwerker sich _menschlich_ mit dem Berufe verbunden fühlte, lag
+etwas, das ihm das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor
+dem eigenen Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er
+vermochte, was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben
+konnte, was er als »Mensch« sein wollte. An der Maschine und innerhalb der
+kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein
+Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine
+das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten läßt, was man als
+»Mensch« ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strömte für eine solche
+Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, daß das proletarische Bewußtsein
+die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es
+hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren.
+Das aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit
+einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die
+geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach dessen
+Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. Die alten
+Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen
+Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als
+Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht
+empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt fließender
+Strom, der den Menschen als Seele trägt. Wie man auch über das Verhältnis
+der religiösen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der
+wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird,
+wenn man unbefangen die geschichtliche Entwicklung betrachtet, zugeben
+müssen, daß sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen
+entwickelt hat. Aber die alten, auf religiösen Untergründen ruhenden
+Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der
+neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich
+außerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem
+Bewußtseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden
+konnten. Den führenden Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas
+Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer
+Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen
+Bewußtseinsinhalt, weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den
+alten noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten
+Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf
+eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der
+Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit
+geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen
+inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen
+Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig -- in
+dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen gleichzeitig
+nennen kann -- die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das
+Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den
+ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber es war zu dieser
+Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt als die führenden
+Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche
+Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen.
+Mochten sie noch so sehr mit der »wissenschaftlichen Vorstellungsart« sich
+durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von
+den niedersten Tieren bis zum Menschen führe: diese Vorstellungsart blieb
+doch theoretische Überzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch
+empfindungsgemäß so zu nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen
+ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator
+Büchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart
+durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele
+etwas, das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur
+sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man
+stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit
+auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem eigenen Dasein
+verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator
+hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht
+ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der
+neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, daß sie ihren Ursprung
+in geistigen Welten haben. Sie sind darüber belehrt worden, daß sie in der
+Urzeit unanständig als Baumkletterer lebten; belehrt, daß sie alle den
+gleichen rein natürlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken
+hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier
+gestellt, wenn er nach einem Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen
+sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese
+Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr _seine_ Folgerungen für
+das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als
+den Angehörigen der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung
+drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte
+alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahmen
+dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser
+Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht
+eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwürdigen Inhalt
+durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den
+Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus
+der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die
+wissenschaftliche Denkungsart.
+
+Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem Lächeln drängen,
+wenn auf die »Wissenschaftlichkeit« der proletarischen Vorstellungsart
+verwiesen wird. Wer bei »Wissenschaftlichkeit« nur an dasjenige zu denken
+vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in »Bildungsanstalten« sich
+erwirbt, und der dann diese »Wissenschaftlichkeit« in Gegensatz bringt zu
+dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, der »nichts gelernt« hat, der mag
+lächeln. Er lächelt über Schicksal entscheidende Tatsachen des
+gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, daß mancher
+hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich _lebt_, während der ungelehrte
+Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die
+er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft
+aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber
+in Lebenszusammenhängen und läßt sich von diesen seine Empfindungen
+orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der
+Proletarier ist durch seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so
+aufzufassen, wie es _der Gesinnung_ dieser Wissenschaft entspricht. Was die
+andern Klassen »Wissenschaftlichkeit« nennen, mag ihm ferne liegen; die
+Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Für
+die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, eine
+allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die »Wissenschaft«, wenn auch oft
+in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. Mancher Angehörige
+der »führenden« Klassen fühlt sich »aufgeklärt«, »freireligiös«. Gewiß, in
+seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche Überzeugung; in seinen
+Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines
+überlieferten Lebensglaubens.
+
+Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung
+mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger Art in
+einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen
+Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen
+hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der
+Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten
+Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche
+Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut
+wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser
+»Geistesinhalt« in seiner Seele wußte nichts von seinem Ursprung in einem
+wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen
+als geistiges Leben allein übernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung
+aus dem Geiste.
+
+Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und auch
+Proletarier berühren werden, die mit dem Leben »praktisch« vertraut zu sein
+glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte für eine
+lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwärtigen
+Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn
+erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem muß sich
+offenbaren, daß einer Lebensauffassung, welche sich nur an das Äußere
+dieser Tatsachen hält, zuletzt nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die
+mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich
+so lange »praktisch« an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine
+Ähnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte die
+gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: was
+haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch
+mit dem sozialen Denken gehen?
+
+Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer
+Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der
+den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken möchte,
+das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner
+durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht
+hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu
+bewegen sucht, die ihm von den »herrschenden« Klassen als Erbgut übermacht
+ist. Er _lebt_ proletarisch; aber er _denkt_ bürgerlich. Die neue Zeit
+macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch
+in _neue Gedanken_. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum
+lebentragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung
+eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie
+sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.
+
+Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der _wahren Gestalt_ eines
+der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende
+dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: ich
+strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist
+_Ideologie_, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen
+spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im
+Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet
+die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der
+proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen
+der Gegenwart auslebt, der muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht
+bewirken kann, daß das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was
+weiß der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der
+mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, redet
+am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein
+solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte
+vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen von der Ansicht,
+das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm
+nur für »unwissend« gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den
+Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus »Revolution
+machen«.
+
+Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen
+der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine Empfindung
+für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die
+Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den Blick nicht auf das zu
+richten vermag, was in den Menschengemütern _wirklich vorgeht_. Der
+Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen des Proletariers
+hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann
+für mich ein menschenwürdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich
+keine Vorstellung davon zu bilden, daß seine Klasse beim Übergang aus einer
+alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm
+nicht gehörenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern daß sie nicht
+vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt
+hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben
+vorbeisehen und vorbeihandeln, mögen sagen: aber der Proletarier will doch
+einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden
+Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine
+Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den
+andern Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter
+ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede
+aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie
+enthüllt nichts von der _wahren Gestalt_ dieser Frage. Denn ein solches
+Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von den
+herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde die
+sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne
+Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie
+sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des
+Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer
+unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es
+nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer
+Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer
+Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage
+ist.
+
+Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen
+Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit
+entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, daß sie
+von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben
+können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß.
+
+Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches
+Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer Menschenklasse
+verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, sondern die Art,
+_wie_ die Forderung nach dieser Änderung aus den Gedanken-Impulsen dieser
+Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von
+diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen,
+wie Persönlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen
+Impulse halten wollen, lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese
+oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der
+sozialen Frage. Sie belächeln das als _Ideologie_, als eine graue Theorie.
+Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie,
+werde gewiß nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen
+Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem
+auf, _wie_ der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen,
+gerade proletarischen Bewegung _nicht_ in dem liegt, wovon der heutige
+Proletarier spricht, sondern liegt in _Gedanken_.
+
+Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine ähnliche
+Bewegung der Welt -- wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im
+eminentesten Sinne -- eine Bewegung aus _Gedanken_ entsprungen. Dies sage
+ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die soziale Bewegung gewonnenes
+Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine persönliche Bemerkung einzufügen,
+so sei es diese: ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule
+in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt.
+Ich glaube dabei kennen gelernt zu haben, was in der Seele des modernen
+proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch
+zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der
+verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche
+nicht bloß vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche
+aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen
+zu haben.
+
+Wer -- was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der Fall
+ist -- wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, wo sie von
+_Arbeitern_ getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere Erscheinung
+_dieses_ ist, daß eine gewisse Gedanken-_Richtung_ die Seelen einer großen
+Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwärtig
+schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu nehmen, ist, daß eine
+so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses der Klassen da ist.
+Die bürgerlichen Klassen können heute sich so schwer in die Seele des
+Proletariers hineinversetzen, können so schwer verstehen, wie in der noch
+unverbrauchten _Intelligenz_ des Proletariats Eingang finden konnte eine
+solche -- mag man nun zum Inhalt stehen, wie man will --, eine solche an
+menschliche Denkforderungen höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie
+es diejenige Karl Marxens ist.
+
+Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem
+andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden
+Gründen wie das andere; es konnte revidiert werden von denen, die das
+soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem
+Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. Von dem Inhalte dieses Systems
+will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle
+in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint
+mir, daß die _Tatsache_ vorliegt: innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als
+mächtigster Impuls ein Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der
+folgenden Art aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine
+Lebensbewegung mit alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch
+niemals so fast ganz allein auf einer _rein_ gedanklichen Grundlage, wie
+diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste
+derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche
+Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden.
+Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über sein
+eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, so scheint
+einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung
+durchaus nicht als das wichtige.
+
+Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden für
+den _ganzen_ Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur
+in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die
+_Gedanken-Grundlage_ der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art
+innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewußt zugestehen. Er ist von
+diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, daß ihm das Gedankenleben als
+Ideologie überliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf
+die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders
+kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch
+die Handlungen ihrer Träger verstehen, als indem man _diese_ Tatsache in
+ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung
+durchschaut.
+
+Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen
+Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß in der
+Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die
+Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen muß. Denn es
+ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn nicht
+befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung
+in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von diesem
+Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig noch gar
+nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, daß in diesen
+geistigen Untergründen der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine
+bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, daß das
+Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie
+empfinden muß? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man
+nicht erwarten, daß es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man
+nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten
+Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissenschaft selbst,
+sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der
+menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des
+Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden
+Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind
+sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie
+immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche
+Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das
+materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: ursprünglich steigen sie
+als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht _sie_ können von sich
+aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten führt. Nur
+_innerhalb_ der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum
+Ziele geleitet.
+
+Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit an die
+proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, die seine Kraft für
+das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. Wenn an die Kräfte gedacht
+wird, welche der sozialen Frage die Lösung bringen können, so muß dies vor
+allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so
+müßte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen
+gegenüber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem
+Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen
+Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen oder
+ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne
+Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen heraus die kapitalistische
+der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung hat das Proletariat in eine ihm
+unerträgliche Lage gegenüber dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde
+weiter gehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden
+Kräfte ertöten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des
+Proletariates erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen
+Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für einen
+gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch
+da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, daß es dem, der gegenwärtig
+echt sozialistisch denken will, _nicht_ beifallen wird, zu sagen: wenn
+irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen
+Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so
+wird von diesem die Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen
+Bewegung den rechten Antrieb gibt.
+
+Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der Gegenwart
+gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht
+hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines
+Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung
+von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als er in die kapitalistische
+Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit
+den tiefsten Bedürfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben
+hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die führenden Klassen als
+Ideologie überlieferten, höhlte seine Seele aus. Daß in den Forderungen des
+modernen Proletariates die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem
+Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben
+kann: dies gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft.
+Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der
+Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht
+proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen
+Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil
+leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten
+Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes
+als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hängt das
+Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen sozialen
+Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung,
+welche unter dem Einfluß der führenden Menschenklassen beim Heraufkommen
+der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen
+Wege verschlossen worden. _Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu
+öffnen._
+
+Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwärtig
+denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, daß
+ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben
+als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche den sozialen
+Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt an der Ohnmacht des
+Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung,
+ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man
+eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung
+entsprechendes Denken entwickeln kann.
+
+Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu
+treffen, wenn er von seinem _Klassenbewußtsein_ redet. Doch die Wahrheit
+ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische
+Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen
+kann, das ihm das _Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt_; und daß ihm das
+als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht entwickeln
+kann. Er hat nach _diesem_ Bewußtsein gesucht, und er hat, was er nicht
+finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene
+_Klassenbewußtsein_ ersetzt.
+
+Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt
+worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, daß
+anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Anstoß liegen könne zu
+dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung.
+Er glaubt allein, daß durch die Entwicklung des ungeistigen, unseelischen
+Wirtschaftslebens _der_ Zustand herbeigeführt werden könne, den _er_ als
+den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, sein Heil allein
+in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde
+er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung des Wirtschaftslebens
+verschwinden werde all der Schaden, der herrührt von der privaten
+Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der
+Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprüchen
+auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne
+Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der
+Überführung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in
+_gemeinschaftlichen Betrieb_ oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine
+solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man gewissermaßen den Blick
+abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn _nur_ hingerichtet
+hat auf den rein ökonomischen Prozeß.
+
+Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen
+proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, daß aus der
+Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln müsse,
+was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle
+Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf,
+was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge
+auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende
+Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der
+sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit
+heraus Etwas liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben
+selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem _allein_ entspringen konnte,
+das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die über das alte
+Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen
+Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne Leben die
+Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen
+von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, _innerhalb_ dieses modernen
+Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen
+wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewußt empfunden wird, das
+aber der eigentliche Grundimpuls seines sozialen Wollens ist. Es ist
+dieses: die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde
+genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser
+Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden
+innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer
+_Ware_, von dem heute der Proletarier empfindet: es _darf_ nicht Ware sein.
+
+Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der
+ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den
+unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor
+lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer ebenso verkaufen muß, wie
+man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, daß auf dem
+Arbeitskräftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle
+spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man
+darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware
+Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz
+unbefangen darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich
+und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird,
+_dann_ wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen
+Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden muß, daß er
+heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden macht.
+
+Im Altertum gab es Sklaven. Der _ganze_ Mensch wurde wie eine Ware
+verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des
+Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch
+die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch
+einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der
+Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache nicht bemerkt
+worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine
+fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefühlt, was gewichtig
+in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie
+betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die
+Frage über den Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt,
+daß aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche
+einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die
+Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner
+unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der
+neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen ist. Man
+sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den
+Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, wie es im
+Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte zur Ware werden
+_muß_. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht
+das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des
+Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus
+dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben
+gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß _in_ ihm die
+menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt
+man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von
+sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen?
+Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine
+Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb,
+weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich
+von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß herrührt.
+Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern muß, geht er
+mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsprozeß strebt
+so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der
+zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so
+lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen läßt. Wie
+hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man
+den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese
+Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht.
+Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer
+andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren
+Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht,
+daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion
+nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren
+Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden
+soll.
+
+Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen
+Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben
+eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der
+andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem
+Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen muß von ihrer
+Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung
+gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits
+zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche
+Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen
+soll.
+
+Man sieht schon hieraus, daß die »soziale Frage« sich in drei besondere
+Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des
+Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird
+das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in das
+Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben
+können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.
+
+
+
+
+II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die
+sozialen Fragen und Notwendigkeiten
+
+
+Man kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt
+der sozialen Frage in der neueren Zeit geführt hat, wohl _so_
+aussprechen, daß man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik
+getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen
+naturhaften Selbstverständlichkeit gewirkt und die moderne
+Gesellschaft in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der
+Inanspruchnahme der menschlichen Aufmerksamkeit für dasjenige, was
+Technik und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit
+abgelenkt worden für andere Zweige, andere Gebiete des sozialen
+Organismus. Diesen muß ebenso notwendig vom menschlichen Bewußtsein
+aus die rechte Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale
+Organismus gesund sein soll.
+
+Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer
+_umfassenden_, _allseitigen_ Beobachtung über die soziale Frage
+charakterisiert werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem
+Vergleich ausgehen. Aber es wird zu beachten sein, daß mit diesem Vergleich
+nichts anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann
+unterstützen das menschliche Verständnis, um es gerade in diejenige
+Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen
+über die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen
+Gesichtspunkt betrachten muß den kompliziertesten natürlichen Organismus,
+den menschlichen Organismus, der muß seine Aufmerksamkeit darauf richten,
+daß die ganze Wesenheit dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander
+wirksame Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer gewissen
+Selbständigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander wirksamen Systeme kann man
+etwa in folgender Weise kennzeichnen. Im menschlichen natürlichen
+Organismus wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich schließt
+_Nervenleben und Sinnesleben_. Man könnte es auch nach dem wichtigsten
+Gliede des Organismus, wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaßen
+zentralisiert sind, den _Kopforganismus_ nennen.
+
+Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, wenn
+man ein wirkliches Verständnis für sie erwerben will, das, was ich nennen
+möchte das rhythmische System. Es besteht aus _Atmung_, _Blutzirkulation_,
+aus all dem, was sich ausdrückt in _rhythmischen Vorgängen_ des
+menschlichen Organismus.
+
+Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe und
+Tätigkeiten zusammenhängt mit dem _eigentlichen Stoffwechsel_.
+
+In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder Art
+unterhält, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang des
+menschlichen Organismus[3].
+
+ [3] Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach räumlich
+ abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tätigkeiten
+ (Funktionen) des Organismus. »Kopforganismus« ist nur zu gebrauchen,
+ wenn man sich bewußt ist, daß im Kopfe in erster Linie das
+ Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natürlich im Kopfe auch
+ die rhythmische und die Stoffwechseltätigkeit vorhanden, wie in den
+ andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestätigkeit vorhanden ist. Trotzdem
+ sind die drei Arten der Tätigkeit _ihrer Wesenheit nach_ streng
+ voneinander geschieden.
+
+Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was
+naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, diese
+Dreigliederung des menschlichen natürlichen Organismus wenigstens zunächst
+skizzenweise in meinem Buche »Von Seelenrätseln« zu charakterisieren. Ich
+bin mir klar darüber, daß Biologie, Physiologie, die gesamte
+Naturwissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernächsten Zeit zu
+einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrängen werden,
+welche durchschaut, wie diese drei Glieder -- Kopfsystem,
+Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem -- dadurch den
+Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, daß sie in einer
+gewissen Selbständigkeit wirken, daß _nicht_ eine absolute Zentralisation
+des menschlichen Organismus vorliegt, daß auch jedes dieser Systeme ein
+besonderes, für sich bestehendes Verhältnis zur Außenwelt hat. Das
+Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische System
+durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem durch die Ernährungs- und
+Bewegungsorgane.
+
+Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht ganz so
+weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus
+geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus für die Naturwissenschaft von
+mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der
+naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem
+solchen Grade zu bringen, wie das wünschenswert für den
+Erkenntnisfortschritt erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere
+Denkgewohnheiten, unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht
+vollständig angemessen dem, was z. B. im menschlichen Organismus sich als
+die innere Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man könnte nun wohl sagen:
+Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren
+Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise
+als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung und
+namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da muß
+nicht nur bei irgendwelchen Fachmännern, sondern da muß in jeder
+Menschenseele -- denn jede Menschenseele nimmt teil an der Wirksamkeit für
+den sozialen Organismus -- wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem
+vorhanden sein, was diesem sozialen Organismus notwendig ist. Ein gesundes
+Denken und Empfinden, ein gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die
+Gestaltung des sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei
+es auch mehr oder weniger bloß instinktiv, sich klar darüber ist, daß
+dieser soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein
+muß wie der natürliche Organismus.
+
+Es ist nun, seit _Schäffle_ sein Buch geschrieben hat über den Bau des
+sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen der
+Organisation eines Naturwesens -- sagen wir, der Organisation des
+Menschen -- und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat
+feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was
+Zellengefüge sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch
+erschienen von Merey, »Weltmutation«, in dem gewisse naturwissenschaftliche
+Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach übertragen werden
+auf -- wie man meint -- den menschlichen Gesellschaftsorganismus. Mit all
+diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien hat dasjenige, was hier
+gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer meint, auch in diesen
+Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel zwischen dem natürlichen
+Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird dadurch nur
+beweisen, daß er nicht in den Geist des hier Gemeinten eingedrungen ist.
+Denn nicht wird hier angestrebt: irgendeine für naturwissenschaftliche
+Tatsachen passende Wahrheit herüber zu verpflanzen auf den sozialen
+Organismus; sondern das völlig andere, daß das menschliche Denken, das
+menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des
+naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise
+anwenden könne auf den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man
+glaubt gelernt zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den
+sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man
+sich nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso
+selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu
+forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des natürlichen
+Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der
+Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen Organismus, dem sozialen
+Organismus in seiner Selbständigkeit gegenüberstellt, um dessen eigene
+Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der
+Betrachtung jedes Analogiespiel auf.
+
+Man könnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der Glaube
+zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der
+Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus »aufgebaut« werden. Das aber
+liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur möglich. Auf ganz
+anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwärtige geschichtliche
+Menschheitskrisis fordert, daß gewisse _Empfindungen_ entstehen _in jedem
+einzelnen Menschen_, daß die Anregung zu diesen Empfindungen von dem
+Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung
+der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewußte Aufnahme in das
+menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben
+hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehört zu den
+Entwicklungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben
+eintreten wollen, daß die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen
+Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung
+gefordert wird. Daß man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des
+sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist,
+das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich
+ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, _nicht_
+sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen.
+
+Man kann heute von »Sozialisierung« als von dem reden hören, was der Zeit
+nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein
+Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein
+Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die
+menschlichen Seelen einzieht wenigstens die _instinktive_ Erkenntnis von
+der Notwendigkeit der _Dreigliederung des sozialen Organismus_. Dieser
+soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder
+gesetzmäßig ausbilden.
+
+Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner
+Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles
+übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen
+Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses
+ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich innerhalb des
+sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das
+Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu
+tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion,
+Warenzirkulation, Warenkonsum ist.
+
+Als _zweites Glied_ des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben des
+öffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehört
+dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche
+Staatsleben bezeichnen könnte. Während es das Wirtschaftsleben mit all dem
+zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus seiner eigenen
+Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, kann es
+dieses zweite Glied des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem,
+was sich aus rein menschlichen Untergründen heraus auf das Verhältnis des
+Menschen zum Menschen bezieht. Es ist wesentlich für die Erkenntnis der
+Glieder des sozialen Organismus, daß man weiß, welcher Unterschied besteht
+zwischen dem System des öffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann
+aus menschlichen Untergründen heraus mit dem Verhältnis von Mensch zu
+Mensch, und dem Wirtschafts-System, das es _nur_ zu tun hat mit
+Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum. Man muß dieses im Leben
+empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das
+Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natürlichen
+Organismus die Tätigkeit der Lunge zur Verarbeitung der äußeren Luft sich
+abscheidet von den Vorgängen im Nerven-Sinnesleben.
+
+Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden andern
+Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus das aufzufassen, was
+sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer könnte man sagen, weil
+vielleicht die Bezeichnung »geistige Kultur« oder alles das, was sich auf
+das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: alles dasjenige,
+was beruht auf der natürlichen Begabung des einzelnen menschlichen
+Individuums, was hineinkommen muß in den sozialen Organismus auf Grundlage
+dieser natürlichen, sowohl der geistigen wie der physischen Begabung des
+einzelnen menschlichen Individuums. Das erste System, das
+Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der
+Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite
+System hat es zu tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen
+des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit
+all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den
+sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus.
+
+Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus
+unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge
+gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von
+dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden
+sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das _menschliche
+Gemeinschaftsleben_ in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern
+dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich
+selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch
+eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders
+machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens
+sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit
+sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen
+Organismus einzugliedern. Für sie ist es notwendig, daß der Mensch aus den
+oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt,
+jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne
+derjenigen Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat
+jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der
+nächsten Zukunft.
+
+Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das
+Wirtschaftsleben, das ruht zunächst auf der Naturgrundlage geradeso, wie
+der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er für sich durch Lernen,
+durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung seines
+geistigen und körperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage drückt einfach
+dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten sozialen Organismus sein
+Gepräge auf. Aber diese Naturgrundlage ist da, ohne daß sie durch
+irgendeine soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in
+ursprünglicher Art getroffen werden kann. Sie muß dem Leben des sozialen
+Organismus so zugrunde gelegt werden, wie bei der Erziehung des Menschen
+zugrunde gelegt werden muß die Begabung, die er auf den verschiedenen
+Gebieten hat, seine natürliche körperliche und geistige Tüchtigkeit. Von
+jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben
+eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, muß berücksichtigt werden die
+Naturgrundlage. Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen
+Arbeit und auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes
+elementarisches Ursprüngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein
+bestimmtes Stück Natur. Man muß über den Zusammenhang des sozialen
+Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug auf Lernen beim
+einzelnen Menschen denken muß über sein Verhältnis zu seiner Begabung. Man
+kann gerade sich dieses klarmachen an extremen Fällen. Man braucht z. B.
+nur zu bedenken, daß in gewissen Gebieten der Erde, wo die Banane ein
+naheliegendes Nahrungsmittel für die Menschen abgibt, in Betracht kommt für
+das menschliche Zusammenleben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden
+muß, um die Banane von ihrer Ursprungsstätte aus an einen Bestimmungsort zu
+bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man die
+menschliche Arbeit, die aufgebracht werden muß, um die _Banane_ für die
+menschliche Gesellschaft konsumfähig zu machen, mit der Arbeit, die
+aufgebracht werden muß, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas, um den
+Weizen konsumfähig zu machen, so ist die Arbeit, die für die Banane
+notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere als beim
+Weizen.
+
+Gewiß, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug auf
+das notwendige Maß von Arbeit im Verhältnis zu der Naturgrundlage sind auch
+da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organismus
+Europas vertreten sind, -- nicht in dieser radikalen Verschiedenheit wie
+bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede da. So ist es im
+Wirtschaftsorganismus begründet, daß durch das Verhältnis des Menschen zur
+Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Maß von Arbeitskraft bedingt ist,
+das er in den Wirtschaftsprozeß hineintragen muß. Und man braucht ja nur
+z. B. zu vergleichen: in _Deutschland_, in Gegenden mit mittlerer
+Ertragsfähigkeit, ist ungefähr das Erträgnis der Weizenkultur so, daß das
+_Sieben- bis Achtfache_ der Aussaat einkommt durch die Ernte; in _Chile_
+kommt das _Zwölffache_ herein, in _Nordmexiko_ kommt das _Siebzehnfache_
+ein, in _Peru_ das _Zwanzigfache_. (Vergleiche Jentsch,
+Volkswirtschaftslehre, S. 64.)
+
+Dieses ganze zusammengehörige Wesen, welches verläuft in Vorgängen, die
+beginnen mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur, die sich fortsetzen in
+all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln und
+sie bis zur Konsumfähigkeit zu bringen, alle diese Vorgänge und nur diese
+umschließen für einen gesunden sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied.
+Dieses steht im sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die
+individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen Gesamtorganismus
+drinnen steht. Aber wie dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem
+abhängig ist, so ist das Wirtschaftssystem von der menschlichen
+Arbeitsleistung abhängig. Wie nun aber der Kopf nicht selbständig die
+Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem
+nicht durch die im Wirtschaftsleben wirksamen Kräfte selbst geregelt
+werden.
+
+In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen darinnen.
+Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen Bedürfnissen.
+Wie den Interessen am zweckmäßigsten entsprochen werden kann innerhalb
+eines sozialen Organismus, so daß der einzelne Mensch durch diesen
+Organismus in der bestmöglichen Art zur Befriedigung seines Interesses
+kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich in die Wirtschaft
+hineinstellen kann: diese Frage muß praktisch in den Einrichtungen des
+Wirtschaftskörpers gelöst sein. Das kann nur dadurch sein, daß die
+Interessen sich wirklich frei geltend machen können und daß auch der Wille
+und die Möglichkeit entstehen, das Nötige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die
+Entstehung der Interessen liegt außerhalb des Kreises, der das
+Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des
+seelischen und natürlichen Menschenwesens. Daß Einrichtungen bestehen, sie
+zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen
+können es mit nichts anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung
+und dem Tausch von Waren, das heißt von Gütern, die ihren Wert durch das
+menschliche Bedürfnis erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen,
+der sie verbraucht. Dadurch, daß die Ware ihren Wert durch den Verbraucher
+erhält, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als
+anderes, das für den Menschen als Angehörigen dieses Organismus Wert hat.
+Man sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis
+Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehören. Man wird den
+_wesenhaften_ Unterschied nicht _bloß_ betrachtend bemerken, welcher
+besteht zwischen dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem der eine für
+den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechtsverhältnis
+beruhen muß. Man wird von der Betrachtung zu der praktischen Forderung
+kommen, daß im sozialen Organismus das Rechtsleben völlig von dem
+Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden muß. Aus den Tätigkeiten,
+welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen zu entwickeln haben, die
+der Warenerzeugung und dem Warenaustausch dienen, können sich unmittelbar
+nicht die möglichst besten Impulse ergeben für die rechtlichen
+Verhältnisse, die unter den Menschen bestehen müssen. Innerhalb der
+Wirtschaftseinrichtungen wendet sich der Mensch an den Menschen, weil der
+eine dem Interesse des andern dient; grundverschieden davon ist die
+Beziehung, welche der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens
+hat.
+
+Man könnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung wäre
+schon Genüge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen, die dem
+Wirtschaftsleben dienen, auch für die Rechte gesorgt werde, welche in den
+Verhältnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Menschen
+zueinander bestehen müssen. -- Ein solcher Glaube hat seine Wurzeln nicht
+in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch kann nur dann das
+Rechtsverhältnis richtig erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen
+bestehen muß, wenn er dieses Verhältnis _nicht_ auf dem Wirtschaftsgebiet
+erlebt, sondern auf einem davon völlig getrennten Boden. Es muß deshalb im
+gesunden sozialen Organismus _neben_ dem Wirtschaftsleben und in
+Selbständigkeit ein Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und
+verwaltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist
+aber dasjenige des eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen
+die Menschen diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben
+dienen müssen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein,
+so werden die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen
+Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er
+die Fähigkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Maßnahmen
+und Einrichtungen werden dem menschlichen Bedürfnisse nach Waren dienen
+müssen; sie werden dadurch abgedrängt von den Impulsen, die auf das
+Rechtsleben gerichtet sind.
+
+Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben dem
+Wirtschaftskörper das selbständige politische Staatsleben. In dem
+selbständigen Wirtschaftskörper werden die Menschen durch die Kräfte des
+wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der Warenerzeugung
+und dem Warenaustausch in der möglichst besten Weise dienen. In dem
+politischen Staatskörper werden solche Einrichtungen entstehen, welche die
+gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in solcher
+Art orientieren, daß dem Rechtsbewußtsein des Menschen entsprochen wird.
+
+Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung nach
+völliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet gestellt
+wird, ist ein solcher, der im _wirklichen_ Menschenleben drinnen liegt.
+Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben und
+Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im wirtschaftlichen Leben
+stehenden Menschen haben selbstverständlich das Rechtsbewußtsein; aber sie
+werden _nur_ aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen
+Interessen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes besorgen, wenn
+sie darüber zu urteilen haben in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem
+Wirtschaftsleben keinen Anteil hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen
+eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper, die beide nach den
+Grundsätzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechtsbewußtsein der
+neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut sein auf den Impulsen im
+Menschheitsbewußtsein, die man gegenwärtig die demokratischen nennt. Das
+Wirtschaftsgebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine
+Gesetzgebungs- und Verwaltungskörperschaften bilden. Der notwendige Verkehr
+zwischen _den Leitungen_ des Rechts- und Wirtschaftskörpers wird erfolgen
+annähernd wie gegenwärtig der zwischen den Regierungen souveräner
+Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem einen Körper sich
+entfaltet, auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung
+ausüben können. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, daß das eine Gebiet
+in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zufließen soll.
+
+Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der
+Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes,
+Vorhandensein von Bodenschätzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der
+andern Seite von den Rechtsverhältnissen abhängig, welche der Staat
+zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft. Damit
+sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die Tätigkeit des Wirtschaftslebens
+umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die außerhalb
+des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende Mensch hinnehmen
+muß als etwas Gegebenes, auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so
+soll alles, was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhältnis begründet von
+Mensch zu Mensch im gesunden sozialen Organismus durch den Rechtsstaat
+seine Regelung erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem
+Wirtschaftsleben selbständig Gegenüberstehendes sich entfaltet.
+
+In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen Werden
+der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter und
+durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem geworden ist, was
+der sozialen Bewegung ihr Gepräge gibt, umfaßt das Wirtschaftsleben mehr,
+als es im gesunden sozialen Organismus umfassen soll. Gegenwärtig bewegt
+sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sich bloß _Waren_ bewegen
+sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen sich auch Rechte.
+Man kann gegenwärtig in dem Wirtschaftskörper, der auf der Arbeitsteilung
+beruht, nicht allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben
+wirtschaftlichen Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen Rechte.
+(Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche Tätigkeit zu dem geworden
+ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie durch den Menschen
+gebracht wird, ihrem Verbrauch zugeführt wird. Mag diese Bezeichnung
+manchem Volkswirtschaftslehrer auch anstößig oder nicht genügend
+erscheinen, sie kann zur Verständigung über das, was dem Wirtschaftsleben
+angehören soll, ihre guten Dienste tun.)[4] Wenn jemand durch Kauf ein
+Grundstück erwirbt, so muß das als ein Tausch des Grundstückes gegen Waren,
+für die das Kaufgeld als Repräsentant zu gelten hat, angesehen werden. Das
+Grundstück selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht
+in dem sozialen Organismus durch das _Recht_ darinnen, das der Mensch auf
+seine Benützung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das
+Verhältnis, in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In dem
+letzteren Verhältnis liegt es wesenhaft begründet, daß es nicht übergreift
+auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die dadurch
+hergestellt wird, daß jemandem die alleinige Benützung eines Grundstückes
+zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt
+von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstück angestellt werden, oder die darauf
+wohnen müssen, in Abhängigkeit von sich. Dadurch, daß man gegenseitig
+wirkliche Waren tauscht, die man produziert oder konsumiert, stellt sich
+eine Abhängigkeit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch und
+Mensch wirkt.
+
+ [4] Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht
+ wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie
+ heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der
+ Wirklichkeit eine lebensvolle Rolle spielt. »Ware« im obigen Sinne
+ gebraucht, weist auf etwas hin, was der Mensch erlebt; jeder andere
+ Begriff von »Ware« läßt etwas weg oder fügt etwas hinzu, so daß sich der
+ Begriff mit den Lebensvorgängen in ihrer wahren Wirklichkeit nicht
+ deckt.
+
+Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird
+einleuchten, daß sie ihren Ausdruck finden muß in den Einrichtungen des
+gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im Wirtschaftsleben
+ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren unabhängig von
+dem Rechtsverhältnisse zwischen Personen und Personengruppen. Sobald Waren
+gegen Rechte eingetauscht werden, wird das Rechtsverhältnis selbst berührt.
+Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige
+Lebenselement des gegenwärtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen
+Organismus; sondern es handelt sich darum, daß durch den Tausch des Rechtes
+mit der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht
+_innerhalb_ des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch
+verhindert, daß im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen,
+die _nur_ darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckmäßigsten
+Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im Warenaustausch
+lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden und konsumierenden
+Personen regeln. _Diese_ Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar
+nicht von anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen
+Verhältnis von Person zu Person bestehen müssen. Wenn ich meinen
+Mitmenschen durch den Verkauf einer Ware schädige oder fördere, das gehört
+in das gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schädigung oder
+Förderung durch eine Tätigkeit oder Unterlassung, die unmittelbar nicht in
+einem Warenaustausch zum Ausdruck kommt.
+
+In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fließen die Wirkungen aus den
+Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen Tätigkeit
+zusammen. Im gesunden sozialen Organismus müssen sie aus zwei verschiedenen
+Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation hat die aus der
+Erziehung für einen Wirtschaftszweig und die aus der Erfahrung in demselben
+gewonnene Vertrautheit mit ihm für die leitenden Persönlichkeiten die
+nötigen Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird durch
+Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem Rechtsbewußtsein als
+Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen zueinander gefordert
+wird. Die Wirtschaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs- oder
+Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung gleichen Bedürfnissen sich
+zu Genossenschaften zusammenschließen lassen, die im gegenseitigen
+Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation
+wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Verhältnis der
+Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen werden eine bloß
+wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. Die Rechtsgrundlage, auf der sie
+arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation zu. Wenn solche
+Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen Interessen in den
+Vertretungs- und Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation zur Geltung
+bringen können, dann werden sie nicht den Drang entwickeln, in die
+gesetzgebende oder verwaltende Leitung des Rechtsstaates einzudringen
+(z. B. als Bund der Landwirte, als Partei der Industriellen, als
+wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um da anzustreben, was ihnen
+innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht möglich ist. Und wenn
+der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige mitwirtschaftet, dann wird
+er nur Einrichtungen schaffen, die aus dem Rechtsbewußtsein der zu ihm
+gehörenden Menschen stammen. Auch wenn in der Vertretung des
+Rechtsstaates, wie es ja selbstverständlich ist, dieselben Personen sitzen,
+die im Wirtschaftsleben tätig sind, so wird sich durch die Gliederung in
+Wirtschafts- und in Rechtsleben nicht ein Einfluß des Wirtschafts- auf das
+Rechtsleben ergeben können, der die Gesundheit des sozialen Organismus so
+untergräbt, wie sie untergraben werden kann, wenn die Staatsorganisation
+selbst Zweige des Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die
+Vertreter des Wirtschaftslebens aus dessen Interessen heraus Gesetze
+beschließen.
+
+Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem
+Rechtsleben bot Österreich mit der Verfassung, die es sich in den sechziger
+Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des
+Reichsrates dieses Ländergebietes wurden aus den vier Zweigen des
+Wirtschaftslebens heraus gewählt, aus der Gemeinschaft der
+Großgrundbesitzer, der Handelskammern, der Städte, Märkte und
+Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, daß für diese
+Zusammensetzung der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie
+gedacht wurde, als daß aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen
+Verhältnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewiß ist, daß zu dem
+gegenwärtigen Zerfall Österreichs die auseinandertreibenden Kräfte seiner
+Nationalitäten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewiß kann es
+gelten, daß eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre
+Tätigkeit hätte entfalten können, aus dem Rechtsbewußtsein heraus eine
+Gestaltung des sozialen Organismus würde entwickelt haben, in der ein
+Zusammenleben der Völker möglich geworden wäre.
+
+Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewöhnlich
+seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in
+Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt,
+den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Für ein
+_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden.
+Denn bei _jedem_ Wahlmodus müssen sich im Vertretungskörper die
+wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stören. Und
+was aus der Störung für das soziale Leben fließt, _muß_ zu Erschütterungen
+des Gesellschaftsorganismus führen. Obenan als notwendige Zielsetzung des
+öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende
+Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man
+sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden
+Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für
+die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig
+zur Entscheidung drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als
+solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in
+Betracht. Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen
+heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich
+bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten
+Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer
+Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt.
+Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu
+wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an.
+Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmähliche,
+sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen Entwicklungskräfte der
+Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen nach der Richtung einer
+sozialen Neuordnung notwendig machen, das können jedem Unbefangenen
+weithinleuchtende Tatsachen lehren.
+
+Wer für »praktisch durchführbar« nur dasjenige hält, an das er sich aus
+engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier Angedeutete
+für »unpraktisch« halten. Kann er sich nicht bekehren, und behält er auf
+irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht zur Gesundung,
+sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute
+seiner Gesinnung an der Herbeiführung der gegenwärtigen Zustände gewirkt
+haben.
+
+Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen haben und
+die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in
+das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten weichen: der
+Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen
+Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung
+nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die äußerste
+Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise.
+Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens,
+insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem
+wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit geben und dem politischen
+Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskörper so
+zu wirken, daß der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen
+Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet.
+
+Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen
+Leben_ der Menschheit begründet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit
+lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus durch seine
+körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen
+Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so
+eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer
+abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant
+der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit
+gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In
+Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur
+entstehen können, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft für die Entstehung
+hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhält der Arbeiter einen Anteil,
+der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das
+Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des
+gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über.
+Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter
+und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische
+Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die
+wirtschaftliche Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist.
+Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit nicht
+bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware
+einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch
+Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie,
+und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des sozialen Organismus zu
+arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen
+eines menschenwürdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen,
+wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von
+den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht.
+
+ [5] Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem
+ falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen
+ Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte,
+ sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit,
+ so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in
+ Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.
+
+Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die
+sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht.
+Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern dadurch wächst, daß die
+Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe schwieriger ist als für die andere,
+so muß der Warenwert davon abhängig werden, welche Art und welches Maß von
+Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden
+dürfen[6].
+
+ [6] Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im
+ Wirtschaftsleben tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was »rechtens
+ ist« als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch
+ erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch
+ von der Wirtschaftsordnung abhängig ist.
+
+Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen
+notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche
+die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der
+Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein heraus auf dem Boden des vom
+Wirtschaftsleben unabhängigen politischen Staates geschaffen werden _soll_.
+
+Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen
+Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach
+dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet wird.
+Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist
+im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, daß
+der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, daß er sein
+Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann. Und auf dem
+Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen Daseins beruhen in
+Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen Organismus.
+
+Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite
+her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen Art, wie
+eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig
+ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann,
+veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und
+das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung soll nicht aus dem Kreislauf
+des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die
+sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtslebens
+entwickelt.
+
+In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein in der
+Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus
+einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fähigkeiten des
+einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von den höchsten geistigen
+Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfließt durch die bessere
+oder weniger gute körperliche Eignung des Menschen für Leistungen, die dem
+sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muß in den
+gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige,
+was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es
+gibt keine andere Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken,
+als sie von der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen,
+die aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu
+lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen
+vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich beeinflußt,
+so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum größten Teile
+entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die
+Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln müssen. Wird die
+Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt,
+oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfänglichkeit für sie
+gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen
+Organismus einfließen zu lassen. Für das Geistesleben, mit dem auch die
+Entwicklung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch
+unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde
+Entwicklungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen
+Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit
+den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen.
+
+Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens
+gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, weil der rechte
+Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines großen Teiles dieses
+Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im
+Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie
+hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von »Freiheit der Wissenschaft und des
+Lehrens«. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, daß der politische
+Staat die »freie Wissenschaft« und das »freie Lehren« verwaltet. Man
+entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser Staat dadurch das
+Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen abhängig macht. Man denkt,
+der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann können
+diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben »frei«
+entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewöhnt,
+nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem
+innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese
+Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern
+Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch
+solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit
+dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des
+Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhängt, in den letzten
+Jahrhunderten das Gepräge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß,
+was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom
+Staate beeinflußt werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern
+Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was
+sich aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus
+den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen
+aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich
+orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das
+Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser
+Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse des
+Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen
+wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe sah
+der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles
+Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen Organisation.
+
+Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung hört auf,
+wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine über
+das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in
+sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche Empfindung ersteht,
+wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich
+innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche
+Träger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und
+Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebührende Gewicht
+im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung
+und alles, was damit zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen
+Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt
+alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des
+Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von
+den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von
+ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert denken, welche Wirkung
+ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben haben kann, und vieles andere
+wird durch diese Bedürfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des
+Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste
+Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein
+anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem Geistesleben heraus, das
+auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem
+Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der
+leitenden Kreise übernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige
+Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper
+einzubeziehen. Sie könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte,
+damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung
+gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit
+ihrer Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen
+Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenüber
+in dem hier angedeuteten Sinn »Privatsache« sein. Aber die Sozialdemokratie
+geht bei der Überweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der
+Meinung aus, daß einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des
+sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer
+wünschenswerteren, höheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einfluß
+des Staates. Sie ist der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine
+Mittel nur pflegen dürfe, was _ihm_ Lebensbedürfnis ist. Und ein solches
+sei das religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem
+öffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht
+gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der
+neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben
+seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.
+
+Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses
+Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis
+beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im
+unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die
+aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen
+getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für
+ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den _aus sich_
+wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit
+zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das
+Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich
+»Lebenspraktiker« dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen:
+die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den
+Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und
+wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt
+ist. Möchten solche »Pessimisten« doch abwarten, was wird, wenn die Welt
+nicht mehr unter ihrem Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem
+gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße
+verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig »Bildung«
+anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst
+gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht
+rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch
+zündende Kraft ausüben können.
+
+Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zufluß aus
+dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden
+geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung für das
+Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem
+Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten können. Entsprechend
+vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet
+machen können durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut
+kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen
+Erfahrung werden den Übergang finden in die Geistesorganisation und in
+derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß.
+
+Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen
+gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden.
+Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines solchen
+Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner
+Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu der Einsicht
+kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit
+zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen
+kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit _seiner_ Arbeit mit
+den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller
+menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. Er wird auf dem
+Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil
+sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier
+Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gönnen, der dessen
+Entstehung ermöglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die
+Möglichkeit entstehen, daß dessen Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer
+Leistungen auch leben. Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens
+treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen
+Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer
+rechnen können, denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche
+Entschädigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was
+er braucht, wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder
+des Wirtschaftslebens.
+
+In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben stammenden
+technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie
+unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen.
+Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Kräfte, welche das
+wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschädigung für
+diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das
+freie Verständnis derer zustande kommen, die auf diesen Zufluß angewiesen
+sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete
+des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat
+selber für seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das
+Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des
+Rechtsbewußtseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.
+
+Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden sozialen
+Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der
+Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskräfte
+der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen
+durch die Instinktkräfte eines großen Teiles der Menschheit sich führen
+ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In
+einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im
+Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewußtes
+Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses
+Bewußtsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann
+eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist.
+Nach dieser Orientierung strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die
+moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der
+getrübte Abglanz dieses Strebens.
+
+Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben,
+tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des
+18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen
+Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei
+Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich
+mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden
+einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann
+natürlich nicht anders, als Verständnis haben für alles, worauf diese Worte
+deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des
+19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist,
+in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit,
+Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, daß
+sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen
+Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden
+z. B., wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich
+verwirklicht, daß dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete
+Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen
+denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem
+allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale
+Sympathie haben!
+
+Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale
+Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der
+notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen
+nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit
+zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit
+sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein;
+und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die
+Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt
+eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird
+man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man
+imstande ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus
+mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann
+wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der Menschen im
+_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, die aus den
+Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des
+_öffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen
+Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung
+der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer
+Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der
+Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei
+Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen
+sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen
+sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann
+durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
+verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann
+aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in
+fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können.
+
+Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die Forderung nach
+Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
+erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später wiederholt haben, sie
+konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte der neueren
+Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den
+Einheitsstaat überwunden. Für diesen bedeuten ihre Ideen etwas
+Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den
+unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung
+des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu
+einer höheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem
+Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum
+bewußten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden
+sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart.
+
+
+
+
+III. Kapitalismus und soziale Ideen
+
+(Kapital, Menschenarbeit)
+
+
+Man kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise auf
+sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert
+wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von
+einer Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus. Der Versuch,
+eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung
+zugrunde. Mit Maßnahmen, die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem
+eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas
+Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung
+herausgewachsen sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen
+Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden
+sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis
+zu den Grundlagen vordringen.
+
+Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin,
+worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung sucht. Zu
+einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das Kapital fördernd oder
+hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur
+kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fähigkeiten der
+Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens
+das Kapital erzeugen und verbrauchen. -- Spricht man von der
+Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der
+Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und
+an dem der Arbeiter zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil
+darüber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt
+sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwürde
+nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis ins Auge fassen
+will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten
+einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits hat.
+
+Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu _allernächst_ zu tun ist, um den in
+der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird
+auch das _Allernächste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen können, wenn
+man nicht _weiß_, welches Verhältnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen
+des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und weiß man dieses, dann wird
+man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen
+vermag, die Aufgaben finden können, die sich aus den Tatsachen heraus
+ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt
+sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit
+aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat
+sich in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich
+Ansichten gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu
+verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch
+der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, daß man
+nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch
+Zurückgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde
+liegen.
+
+Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, welche in
+diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus
+zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht
+lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der
+Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die Urgedanken fort, auch
+wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende
+Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die
+einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenüber chaotisch sich äußern, sind
+es, die offenbar oder verhüllt in den revolutionären Erschütterungen des
+sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschütterungen werden nur dann
+nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß
+in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine
+Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich
+bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung
+entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke gewonnen hat.
+
+In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen
+von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen groß geworden. Und das
+Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht
+als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da über das, was sich im
+sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es
+des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden
+und nicht zu verkennen, wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken
+als »unpraktische« Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen.
+In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung lebt die
+Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen
+Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber ist, der
+einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man aus dem Urgedanken
+heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewußt_ gelenkt
+werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit genügen
+kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat.
+
+Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten,
+ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die
+proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der
+Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche
+Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er
+herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in dem
+Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei
+Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage der
+individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen
+beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein
+Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf
+des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die Unternehmertätigkeit kann
+in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in
+dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der
+Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das
+kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist,
+das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch
+zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch
+freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man
+sieht: die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in
+dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben
+Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der
+politische Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit
+gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend
+sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er muß das in
+Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung
+vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung
+ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was er zu vollbringen hat,
+kommt Verständnis oder Nichtverständnis für individuelle Fähigkeiten nicht
+in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen
+Einfluß haben auf die Betätigung der individuellen menschlichen
+Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen
+Vorteil bestimmend sein können für die durch Kapital ermöglichte Auswirkung
+der individuellen Fähigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler
+des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz
+des Vorteils die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden
+können. Und sie berufen sich als »Praktiker« auf die »unvollkommene«
+Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen
+Gesellschaftsordnung, welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, hat
+die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung
+erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache
+der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände drängen
+nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung der
+individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden
+Geistesleben erfließenden _sozialen Verständnis_ liegen müssen. Die
+Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus
+den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm
+innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen
+Fähigkeiten drängen.
+
+Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, die
+Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete des sozialen
+Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte
+Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf
+dem Wahnglauben, daß »der Geist« Wunder wirken werde, wenn diejenigen
+möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht
+hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf
+geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhält durch seine eigene
+Wesenheit ein soziales Gepräge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln
+kann.
+
+Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge
+nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die
+geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser
+Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit
+abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist,
+konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit
+herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende
+Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an
+dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für »volkstümliche
+Belehrung«, das »Heranziehen« des »Volkes« zum Kunstgenuß und Ähnliches
+sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so
+lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, den es in der neueren Zeit
+angenommen hat. Denn das »Volk« steht mit dem innersten Anteil seines
+Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm
+nur ermöglicht, gewissermaßen von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb
+desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im
+engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen
+des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche
+Leben einfließen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische
+Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt
+werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der
+erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll
+mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die
+Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung
+der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden
+müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer
+veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen
+Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein
+gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür
+erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen
+Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst
+fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden
+Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren
+veranlaßt.
+
+Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen
+vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das
+Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird
+durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn
+die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem
+Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des
+Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur
+dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der
+Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz
+machen.
+
+Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der
+Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben
+berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese
+Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der
+wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht
+und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine
+Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es
+wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten
+können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom
+politischen Staate verwaltet werden.
+
+Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche
+Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung
+aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben und
+anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach dem
+Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien Einsicht
+des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung
+dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung -- nach den Vorbereitungen,
+die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen
+muß, um sie zu ermöglichen usw. -- ansehen will. Er wird seine Ansprüche
+nur dann befriedigt finden können, wenn ihm Verständnis für seine
+Leistungen entgegengebracht wird.
+
+Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten
+liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies
+Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses
+Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld)
+für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede
+der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.
+
+Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet
+wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen
+menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung
+dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls
+erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen
+Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates
+oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche
+Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem
+beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden
+Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen
+Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf
+Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände
+hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein
+muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben
+oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu
+durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf
+dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit
+hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem
+Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen
+Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem
+Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen
+schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt,
+sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie
+abgewendet sehen möchte.
+
+Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher
+dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß
+verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm
+entgegengearbeitet werden muß. Man muß _mehr_ sehen. Man muß gewahr werden,
+daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital
+wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur
+kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskräfte der
+Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht
+in Illusionen treiben läßt durch die Vorstellungsart, welche in der
+Verwaltung der Kapitalbetätigung durch das befreite Geistesleben das
+Ergebnis eines »unpraktischen Idealismus« sieht.
+
+In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale
+Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen
+unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knüpft an
+dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. Man sieht, wie
+in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, und dieser zur
+gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt hat. An die Stelle dieser
+Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die für den
+Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverständlich die
+Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt
+man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige große Genossenschaft.
+In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der
+Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein könne, weil sie sich selbst
+ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man
+nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft
+verwandeln will.
+
+Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft sich
+Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je größer die
+Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen
+menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet
+wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, kann die
+Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen
+Organismus führen.
+
+Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in
+den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt
+davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem
+Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die
+etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der
+Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des
+geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, daß in dieser
+Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehörige der bisher
+leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern übereinstimmen. Man
+wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen für eine Gesundung des
+sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten müssen in gewisse
+Gedankenströmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen
+Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen
+Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden.
+
+Diese Gedankenströmungen streben -- mehr oder weniger unbewußt -- hinweg
+von dem, was dem inneren Erleben die rechte Stoßkraft gibt. Sie erstreben
+eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein nach
+wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewissermaßen wie
+eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der Lage, die
+Brücke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was den Menschen in die
+Alltäglichkeit einspannt. Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart
+es gewissermaßen »innerlich vornehm« finden, in einer gewissen, sei es auch
+schulmäßigen Abstraktheit nachzudenken über allerlei ethisch-religiöse
+Probleme in Wolkenkuckucksheimhöhen; man kann sehen, wie die Menschen
+nachdenken über die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen
+könne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er
+begnadet werden kann mit einem »inneren Lebensinhalt«. Man sieht dann aber
+auch das Unvermögen, einen Übergang zu ermöglichen von dem, was die Leute
+gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich nennen, zu
+dem, was in der äußern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als
+Kapitalwirkung, als Arbeitsentlöhnung, als Konsum, als Produktion, als
+Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und Börsenwesen. Man kann
+sehen, wie zwei Weltenströmungen nebeneinandergestellt werden auch in den
+Denkgewohnheiten der Menschen. Die _eine_ Weltenströmung ist die, welche
+sich gewissermaßen in göttlich-geistiger Höhe halten will, die keine Brücke
+bauen will zwischen dem, was ein geistiger Impuls ist, und was eine
+Tatsache des gewöhnlichen Handelns im Leben ist. Die _andere_ lebt
+gedankenlos im Alltäglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es kann
+nur gedeihen, wenn die es treibenden Kräfte von allem ethisch-religiösen
+Leben herunterwirken in das alleralltäglichste profanste Leben, in
+dasjenige Leben, das manchem eben weniger vornehm erscheint. Denn, versäumt
+man, die Brücke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so verfällt
+man in bezug auf religiöses, sittliches Leben _und auf soziales Denken_ in
+bloße Schwarmgeisterei, die fernsteht der alltäglichen wahren Wirklichkeit.
+Es rächt sich dann gewissermaßen diese alltäglich-wahre Wirklichkeit. Dann
+strebt der Mensch aus einem gewissen »geistigen« Impuls heraus alles
+mögliche Ideale an, alles mögliche, was er »gut« nennt; aber denjenigen
+Instinkten, die diesen »Idealen« gegenüberstehen als Grundlage der
+gewöhnlichen täglichen Lebensbedürfnisse, deren Befriedigung aus der
+Volkswirtschaft heraus kommen muß, diesen Instinkten gibt sich der Mensch
+ohne »Geist« hin. Er weiß keinen wirklichkeitsgemäßen Weg von dem Begriff
+der Geistigkeit zu dem, was im alltäglichen Leben vor sich geht. Dadurch
+nimmt dieses alltägliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu tun haben
+soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren, seelisch-geistigen
+Höhen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache der Alltäglichkeit
+eine solche, daß das ethisch-religiöse Leben zu einer innerlichen
+Lebenslüge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne hält von der
+alltäglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daß man es merkt.
+
+Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen
+ethisch-religiösen Vornehmheit heraus den besten _Willen_ zeigen zu einem
+rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das
+Allerallerbeste tun möchten. Sie versäumen es aber, zu einer Empfindungsart
+zu kommen, die dies wirklich ermöglicht, weil sie sich kein soziales, in
+den _praktischen_ Lebensgewohnheiten sich auswirkendes Vorstellen aneignen
+können.
+
+Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem
+welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so drängend geworden
+sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber für echte Lebenspraktiker
+halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann von ihnen
+Reden hören wie diese: Wir haben nötig, daß die Menschen sich erheben aus
+dem Materialismus, aus dem äußerlich materiellen Leben, das uns in die
+Weltkriegs-Katastrophe und in das Unglück hineingetrieben hat, und daß sie
+sich einer geistigen Auffassung des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so
+die Wege des Menschen zur Geistigkeit zeigen will, nicht müde, diejenigen
+Persönlichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem
+Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, daß jemand,
+der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist für das
+wirkliche praktische Leben so notwendig leisten muß, wie das tägliche Brot
+erzeugt werden muß, darauf aufmerksam gemacht wird, daß es ja in erster
+Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu
+bringen. Es kommt aber gegenwärtig darauf an, daß aus der Kraft des
+geistigen Lebens heraus die Richtlinien für die Gesundung des sozialen
+Organismus gefunden werden. Dazu genügt nicht, daß die Menschen in einer
+Seitenströmung des Lebens sich mit dem Geiste beschäftigen. Dazu ist
+notwendig, daß das alltägliche Dasein geistgemäß werde. Die Neigung, für
+das »geistige Leben« solche Seitenströmungen zu suchen, führte die bisher
+leitenden Kreise dazu, an sozialen Zuständen Geschmack zu haben, die in die
+gegenwärtigen Tatsachen ausgelaufen sind.
+
+Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung des
+Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel, also
+auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verhältnisse des Menschen zum
+Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung innerhalb des sozialen
+Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen Fähigkeiten führt,
+zweckmäßig angewendet, dem sozialen Organismus Güter zu, an deren
+Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus angehören, ein Interesse
+haben. In welcher Lebenslage ein Mensch auch ist, er hat ein Interesse
+daran, daß nichts von dem verloren gehe, was aus den Quellen der
+Menschennatur an solchen individuellen Fähigkeiten erfließt, durch die
+Güter zustande kommen, welche dem Menschenleben zweckentsprechend dienen.
+Die Entwicklung dieser Fähigkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, daß ihre
+menschlichen Träger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur
+Wirkung bringen können. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erfließen
+kann, das wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade
+entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche Fähigkeiten für weite
+Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten
+Kapitalbesitz so zu verwalten, daß der einzelne in besonderer Richtung
+begabte Mensch oder daß zu Besonderem befähigte Menschengruppen zu einer
+solchen Verfügung über Kapital kommen, die lediglich aus ihrer ureigenen
+Initiative entspringt, daran muß jedermann innerhalb eines sozialen
+Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum
+handwerklich Schaffenden muß ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos dem
+eigenen Interesse dienen will, sagen: ich möchte, daß eine genügend große
+Anzahl befähigter Personen oder Personengruppen völlig frei über Kapital
+nicht nur verfügen können, sondern daß sie auch aus der eigenen Initiative
+heraus zu dem Kapitale gelangen können; denn nur sie allein können ein
+Urteil darüber haben, wie durch die Vermittlung des Kapitales ihre
+individuellen Fähigkeiten dem sozialen Organismus zweckmäßig Güter erzeugen
+werden.
+
+Es ist nicht nötig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im Laufe der
+Menschheitsentwicklung zusammenhängend mit der Betätigung der menschlichen
+individuellen Fähigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz aus
+andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart hat sich unter dem
+Einfluß der Arbeitsteilung innerhalb dieses Organismus ein solcher Besitz
+entwickelt. Und von den gegenwärtigen Zuständen und deren notwendiger
+Weiterentwicklung soll hier gesprochen werden.
+
+Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und
+Eroberungsbetätigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle
+menschliche Fähigkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht
+gegenwärtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, daß sein Bedrückendes
+nur beseitigt werden könne durch seine Verwandlung in Gemeinbesitz. Dabei
+stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz an Produktionsmitteln in
+seinem Entstehen verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedrückung
+der besitzlosen Bevölkerung aufhöre? Wer die Frage so stellt, der richtet
+dabei sein Augenmerk nicht auf die Tatsache, daß der soziale Organismus ein
+fortwährend _Werdendes_, _Wachsendes_ ist. Man kann diesem Wachsenden
+gegenüber nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es
+durch diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den
+richtigen erkannt hat? So kann man gegenüber einer Sache denken, die von
+einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverändert weiter wirkt. Das
+gilt nicht für den sozialen Organismus. Der verändert durch sein Leben
+fortwährend dasjenige, das in ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich
+beste Form geben, in der er dann bleiben soll, so untergräbt man seine
+Lebensbedingungen.
+
+Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, daß demjenigen, welcher
+der Allgemeinheit durch seine individuellen Fähigkeiten dienen kann, die
+Möglichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus
+nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verfügung über
+Produktionsmittel gehört, da würde die Verhinderung dieser freien
+Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gewöhnlich mit
+Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, daß der Unternehmer zum Anreiz
+seiner Tätigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht, der an den Besitz
+der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier nicht geltend gemacht
+werden. Denn die Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte
+Meinung von einer Fortentwicklung der sozialen Verhältnisse erfließt, muß
+in der Befreiung des geistigen Lebens von dem politischen und dem
+wirtschaftlichen Gemeinwesen die Möglichkeit sehen, daß ein solcher Anreiz
+wegfallen kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Verständnis ganz
+notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden
+Anreize ganz anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der
+Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich
+allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an
+Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie
+Verfügung über solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den
+Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei muß immer
+im Auge behalten werden, daß man für den gegenwärtigen sozialen Organismus
+nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven
+Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein diejenigen,
+welche der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit entsprechen.
+
+Auf dieser gegenwärtigen Stufe _kann_ eben die fruchtbare Betätigung der
+individuellen Fähigkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verfügung
+über dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo
+fruchtbringend produziert werden soll, da muß diese Verfügung möglich sein,
+_nicht_ weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe Vorteil bringt,
+sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann, wenn sie
+zweckmäßig von sozialem Verständnis getragen ist.
+
+Der Mensch ist gewissermaßen, wie mit der Geschicklichkeit seiner eigenen
+Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft mit
+andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verfügung über die
+Produktionsmittel kommt gleich einer Lähmung der freien Anwendung seiner
+Geschicklichkeit der Leibesglieder.
+
+Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler dieser
+freien Verfügung. Für den sozialen Organismus kommt in Ansehung des
+Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als daß der Eigentümer das
+_Recht_ hat, über das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu
+verfügen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander
+verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind für den sozialen
+Organismus: _Die freie Verfügung_ über die Kapitalgrundlage der sozialen
+Produktion, und _das Rechtsverhältnis_, in das der Verfüger zu andern
+Menschen tritt dadurch, daß durch sein Verfügungsrecht diese anderen
+Menschen ausgeschlossen werden von der freien Betätigung durch diese
+Kapitalgrundlage.
+
+Nicht die _ursprüngliche_ freie Verfügung führt zu sozialen Schäden,
+sondern lediglich das _Fortbestehen_ des Rechtes auf diese Verfügung, wenn
+die Bedingungen aufgehört haben, welche in zweckmäßiger Art individuelle
+menschliche Fähigkeiten mit dieser Verfügung zusammenbinden. Wer seinen
+Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Werdendes, Wachsendes
+richtet, der wird das hier Angedeutete nicht mißverstehen können. Er wird
+nach der Möglichkeit fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen
+Seite dient, so verwaltet werden kann, daß es nicht auf der anderen Seite
+schädlich wirkt. Was _lebt_, kann gar nicht in einer andern Weise
+fruchtbringend eingerichtet sein als dadurch, daß im Werden das Entstandene
+auch zum Nachteil führt. Und soll man an einem Werdenden selbst
+mitarbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus muß, so kann die
+Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung
+zu verhindern, um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergräbt man die
+Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein darum
+handeln, daß im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn sich das
+Zweckmäßige in ein Schädliches verwandelt.
+
+Die Möglichkeit, frei über die Kapitalgrundlage aus den individuellen
+Fähigkeiten heraus zu verfügen, muß bestehen; das damit verbundene
+Eigentumsrecht muß in dem Augenblicke verändert werden können, in dem es
+umschlägt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In unserer
+Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier angedeuteten sozialen
+Forderung Rechnung trägt, teilweise durchgeführt nur für das sogenannte
+geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des Schaffenden in
+freies Besitztum der Allgemeinheit über. Dem liegt eine dem Wesen des
+menschlichen Zusammenlebens entsprechende Vorstellungsart zugrunde. So eng
+auch die Hervorbringung eines rein geistigen Gutes an die individuelle
+Begabung des einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein
+Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und muß in dieses im rechten
+Augenblicke übergeleitet werden. Nicht anders aber steht es mit anderem
+Eigentum. Daß mit dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit
+produziert, das ist nur möglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann
+also das Recht auf die Verfügung über ein Eigentum nicht von den Interessen
+dieser Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu
+finden, wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann,
+sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, daß es
+in der besten Weise der Gesamtheit diene.
+
+In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden
+werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen wirken als
+Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Betätigung der individuellen
+Fähigkeiten gehört der geistigen Organisation an.
+
+Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die für _Wirklichkeiten_
+Verständnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen, Theorien,
+Wünschen usw. sich ganz beherrschen läßt, die Notwendigkeit der
+Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die Frage nach dem
+Verhältnis der individuellen menschlichen Fähigkeiten zur Kapitalgrundlage
+des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der
+Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten Eigentums
+an Kapital nicht zu verhindern haben, solange die individuellen Fähigkeiten
+so verbunden bleiben mit der Kapitalgrundlage, daß die Verwaltung einen
+Dienst bedeutet für das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird
+Rechtsstaat bleiben gegenüber dem privaten Eigentum; er wird es niemals
+selbst in seinen Besitz nehmen, sondern bewirken, daß es im rechten
+Zeitpunkt in das Verfügungsrecht einer Person oder Personengruppe übergeht,
+die wieder ein in den individuellen Verhältnissen bedingtes Verhältnis zu
+dem Besitze entwickeln können. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten
+wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden können. Aus dem
+demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu tun hat mit
+dem, was _alle Menschen_ in gleicher Art berührt, wird gewacht werden
+können, daß Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht
+wird. Dadurch daß dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet, sondern
+sorgt für die Überleitung an die individuellen menschlichen Fähigkeiten,
+werden diese ihre fruchtbare Kraft für die Gesamtheit des sozialen
+Organismus entfalten. Solange es als zweckmäßig erscheint, werden durch
+eine solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Verfügung über
+dieselben bei dem persönlichen Elemente verbleiben können. Man kann sich
+vorstellen, daß die Vertreter im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz
+verschiedene Gesetze geben werden über die Überleitung des Eigentums von
+einer Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich
+in weiten Kreisen ein großes Mißtrauen zu allem privaten Eigentum
+entwickelt hat, wird an ein radikales Überführen des privaten Eigentums in
+Gemeineigentum gedacht. Würde man auf diesem Wege weit gelangen, so würde
+man sehen, wie man dadurch die Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus
+unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt, würde man einen andern Weg später
+einschlagen. Doch wäre es zweifellos besser, wenn man schon in der
+Gegenwart zu Einrichtungen griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des
+hier Angedeuteten seine Gesundheit gäben. Solange eine Person für sich
+allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende
+Betätigung fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht
+hat, wird ihr das Verfügungsrecht verbleiben müssen über diejenige
+Kapitalmasse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt,
+wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet wird.
+Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Persönlichkeit aufhört, die
+Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine andere Person oder
+Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder anderen dem sozialen
+Organismus dienenden Produktion übergehen. Auch dasjenige Kapital, das aus
+dem Produktionsbetrieb gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung
+verwendet wird, soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als
+persönliches Eigentum der den Betrieb leitenden Persönlichkeit soll nur
+gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Ansprüche, die sie bei
+Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen
+Fähigkeit machen zu können, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß
+sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei Geltendmachung derselben
+Kapital erhalten hat. Hat das Kapital durch die Betätigung dieser
+Persönlichkeit eine Vergrößerung erfahren, so wird in deren individuelles
+Eigentum aus dieser Vergrößerung so viel übergehen, daß die Vermehrung der
+ursprünglichen Bezüge der Kapitalvermehrung im Sinne eines Zinsbezuges
+entspricht. -- Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet
+worden ist, wird nach dem Willen der ursprünglichen Besitzer an den neuen
+Verwalter mit allen übernommenen Verpflichtungen übergehen, oder an diese
+zurückfließen, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen
+kann oder will.
+
+Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechtsübertragungen zu tun.
+Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche Übertragungen
+stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch über die
+Ausführung zu wachen und deren Verwaltung zu führen haben. Man kann sich
+denken, daß im einzelnen die Bestimmungen, die eine solche
+Rechtsübertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem
+Rechtsbewußtsein heraus für richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart,
+die wie die hier dargestellte _wirklichkeitsgemäß_ sein soll, wird niemals
+mehr wollen als auf die _Richtung_ weisen, in der sich die Regelung bewegen
+kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im
+konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus
+den besondern Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis dem Geiste der
+Sache gemäß das Richtige gefunden werden müssen. Je wirklichkeitsgemäßer
+eine Denkart ist, desto weniger wird sie für Einzelnes aus vorgefaßten
+Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen. -- Nur wird
+andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine
+oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist,
+daß der Rechtsstaat durch seine Verwaltung der Rechtsübertragungen selbst
+niemals die Verfügung über ein Kapital wird an sich reißen dürfen. Er wird
+nur dafür zu sorgen haben, daß die Übertragung an eine solche Person oder
+Personengruppe geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen
+Fähigkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung
+heraus wird auch zunächst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten haben,
+daß, wer aus den geschilderten Gründen zu einer Kapitalübertragung zu
+schreiten hat, sich aus freier Wahl über seine Nachfolge in der
+Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe
+wählen können, oder auch das Verfügungsrecht auf eine Korporation der
+geistigen Organisation übertragen können. Denn wer durch eine
+Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende Dienste
+geleistet hat, der wird auch über die weitere Verwendung dieses Kapitals
+aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus mit sozialem Verständnis
+urteilen. Und es wird für den sozialen Organismus dienlicher sein, wenn auf
+dieses Urteil gebaut wird, als wenn darauf verzichtet und die Regelung von
+Personen vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden
+sind.
+
+Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen von
+einer bestimmten Höhe an, die von einer Person oder einer Personengruppe
+durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und Boden gehört) erworben
+werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprünglich für die Betätigung
+der individuellen Fähigkeiten gemachten Ansprüche persönliches Eigentum
+werden.
+
+Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse, die
+aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben bis zum Tode
+des Erwerbers oder bis zu einem spätern Zeitpunkte im persönlichen Besitz
+dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem Zeitpunkte wird auch
+ein aus dem Rechtsbewußtsein sich ergebender, durch den Rechtsstaat
+festzusetzender Zins von dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum
+Schaffen von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen Ordnung,
+die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene
+Scheidung durchgeführt werden zwischen den Erträgnissen, die auf Grund
+einer Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den
+Vermögensmassen, die auf Grund der persönlichen (physischen und geistigen)
+Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewußtsein und
+den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart, und als
+Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfügung stellt, das dient den
+allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung durch
+individuelle menschliche Fähigkeiten möglich. Was an Kapitalvermehrung
+durch die Produktionsmittel -- nach Abzug des rechtmäßigen Zinses --
+entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen
+Organismus. Es soll also auch in der geschilderten Art wieder in ihn
+zurückfließen. Der Rechtsstaat wird nur eine Bestimmung darüber zu treffen
+haben, _daß_ die Überleitung der in Frage kommenden Kapitalmassen in der
+angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen
+darüber zu treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein
+übergeleitetes oder auch ein erspartes Kapital zur Verfügung zu stellen
+ist. Das würde zu einer Tyrannis des Staates über die geistige und
+materielle Produktion führen. Diese aber wird in der für den sozialen
+Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten
+geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl darüber treffen
+will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital übertragen soll, frei
+überlassen sein, für das Verfügungsrecht eine Korporation der geistigen
+Organisation einzusetzen.
+
+Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Vermögen geht mit dem Zinserträgnis
+nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach an eine geistig oder
+materiell produzierende Person oder Personengruppe -- aber _nur_ an eine
+solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur Rente würde --
+über, die durch letztwillige Anordnung von dem Erwerber zu wählen ist. Auch
+dafür wird, wenn eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewählt
+werden kann, die Übertragung des Verfügungsrechtes an eine Korporation des
+geistigen Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine
+Verfügung trifft, so wird der Rechtsstaat für ihn eintreten und durch die
+geistige Organisation die Verfügung treffen lassen.
+
+Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der freien
+Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der sozialen
+Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll
+entsprochen, daß die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst gestellt wird.
+Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen anzuvertrauen hat, wird
+bei einer solchen Regelung wissen können, daß das mit dem Leiter gemeinsam
+Erarbeitete in der möglichst besten Art für den sozialen Organismus, also
+auch für den Arbeiter selbst, fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale
+Ordnung wird ein dem gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes
+Verhältnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewußtsein geregelten
+Verfügungsrechten über in Produktionsmitteln verkörpertes Kapital und
+menschlicher Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides
+geschaffenen Erzeugnisse andrerseits. -- Vielleicht findet mancher in dem
+hier Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mögen gefunden werden. Es kommt
+einer wirklichkeitsgemäßen Denkart nicht darauf an, vollkommene »Programme«
+ein für alle Male zu geben, sondern darauf, die _Richtung_ zu kennzeichnen,
+in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche besondere Angaben,
+wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie durch ein Beispiel
+die gekennzeichnete Richtung näher erläutert werden. Ein solches Beispiel
+mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen Richtung geschieht,
+dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden.
+
+Berechtigte persönliche oder Familienimpulse werden sich durch solche
+Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit in
+Einklang bringen lassen. Man wird gewiß darauf hinweisen können, daß die
+Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nachkommen noch bei
+Lebzeiten zu übertragen, sehr groß ist. Und daß man ja in solchen
+Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen kann, die aber dann doch
+gegenüber anderen untüchtig sind und besser durch diese anderen ersetzt
+würden. Doch diese Versuchung wird in einer von den oben angedeuteten
+Einrichtungen beherrschten Organisation eine möglichst geringe sein können.
+Denn der Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, daß unter allen Umständen
+das Eigentum, das an ein Familienmitglied von einem andern übertragen
+worden ist, nach Ablauf einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden
+Zeit einer Korporation der geistigen Organisation zufällt. Oder es kann in
+andrer Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden. Der
+Rechtsstaat wird nur dafür sorgen, _daß_ diese Überführung geschehe; wer
+ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus der
+geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt sein. Durch
+Erfüllung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verständnis dafür
+entwickeln, daß Nachkommen durch Erziehung und Unterricht für den sozialen
+Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch Kapitalübertragung an
+unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem
+wirklich soziales Verständnis lebt, hat kein Interesse daran, daß seine
+Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke bei Personen oder
+Personengruppen, bei denen die individuellen Fähigkeiten eine solche
+Verbindung nicht rechtfertigen.
+
+Niemand wird, was hier ausgeführt ist, für eine bloße Utopie halten, der
+Sinn für wirklich praktisch Durchführbares hat. Denn es wird gerade auf
+solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des
+Lebens aus den gegenwärtigen Zuständen heraus erwachsen können. Man wird
+nur zu dem Entschluß greifen müssen, innerhalb des Rechtsstaates auf die
+Verwaltung des geistigen Lebens und auf das Wirtschaften allmählich zu
+verzichten und sich nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich
+geschieht, daß private Bildungsanstalten entstehen und daß sich das
+Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergründe stellt. Man braucht die
+Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen nicht von heute
+zu morgen abzuschaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfängen
+heraus die Möglichkeit erwachsen sehen, daß ein allmählicher Abbau des
+staatlichen Bildungs- und Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber würde
+notwendig sein, daß diejenigen Persönlichkeiten, welche sich mit der
+Überzeugung durchdringen können von der Richtigkeit der hier dargestellten
+oder ähnlicher sozialer Ideen, für deren Verbreitung sorgen. Finden solche
+Ideen Verständnis, so wird dadurch _Vertrauen_ geschaffen zu einer
+möglichen heilsamen Umwandlung der gegenwärtigen Zustände in solche, welche
+deren Schäden nicht zeigen. _Dieses_ Vertrauen aber ist das einzige, aus
+dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen können. Denn wer ein
+solches Vertrauen gewinnen soll, der muß überschauen können, wie
+Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende anknüpfen lassen. Und es
+scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt
+werden, daß sie nicht eine bessere Zukunft herbeiführen wollen durch eine
+noch weitergehende Zerstörung des Gegenwärtigen, als sie schon eingetreten
+ist; sondern daß die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden
+weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden herbeiführt. Eine
+Aufklärung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird
+nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden muß: eine Weiterentwicklung,
+bei welcher der Wert der bisher von den Menschen erarbeiteten Güter und der
+erworbenen Fähigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird.
+Auch der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen
+Neugestaltung unter Wahrung der überkommenen Werte gewinnen, wenn er vor
+Ideen sich gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten
+können. Auch er wird einsehen müssen, daß, welche Menschenklasse auch immer
+zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden Übel nicht beseitigen wird,
+wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen
+Organismus gesund, lebensfähig machen. Verzweifeln, weil man nicht glauben
+kann, daß bei einer genügend großen Anzahl von Menschen auch in den Wirren
+der Gegenwart Verständnis sich finde für solche Ideen, wenn auf ihre
+Verbreitung die notwendige Energie gewandt werden kann, hieße an der
+Empfänglichkeit der Menschennatur für Impulse des Gesunden und
+Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte _diese_ Frage, ob man daran
+verzweifeln müsse, gar nicht gestellt werden, sondern _nur die_ andere: was
+man tun solle, um die Aufklärung über vertrauenerweckende Ideen so
+kraftvoll als möglich zu machen.
+
+Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zunächst
+entgegenstehen, daß die Denkgewohnheiten des gegenwärtigen Zeitalters aus
+zwei Untergründen heraus mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder
+wird man in irgend einer Form einwenden, man könne sich nicht vorstellen,
+daß ein Auseinanderreißen des einheitlichen sozialen Lebens möglich sei, da
+doch die drei gekennzeichneten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit
+überall zusammenhängen; oder man wird finden, daß auch im Einheitsstaate
+die notwendige selbständige Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht
+werden könne, und daß eigentlich mit dem hier Dargestellten ein
+Ideengespinst gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht berühre. Der erste
+Einwand beruht darauf, daß von einem _unwirklichen_ Denken ausgegangen
+wird. Daß geglaubt wird, die Menschen könnten in einer Gemeinschaft nur
+eine Einheit des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst
+in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird von der
+Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit muß als das _Ergebnis_ entstehen;
+die von verschiedenen Richtungen her zusammenströmenden Betätigungen müssen
+_zuletzt_ eine Einheit bewirken. _Dieser_ wirklichkeitsgemäßen Idee lief
+die Entwicklung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte sich, was in den
+Menschen lebte, gegen die von außen in das Leben gebrachte »Ordnung« und
+führte zu der gegenwärtigen sozialen Lage. -- Das zweite Vorurteil geht
+hervor aus dem Unvermögen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei
+Glieder des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der
+Mensch zu jedem der drei Glieder ein _besonderes_ Verhältnis hat, das in
+seiner Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein für
+sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von den
+beiden andern, dieses Verhältnis ausgestalten kann, um mit ihnen
+zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische,
+meinte: entweder die Menschen machen Regierungsmaßregeln über das
+wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung dieses Lebens
+widerstreben; dann seien solche Maßregeln schädlich. Oder die _Gesetze_
+laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben von selbst
+läuft, wenn es sich frei überlassen bleibt; dann seien sie überflüssig. Als
+Schulmeinung ist diese Anschauung überwunden; als Denkgewohnheit spukt sie
+aber überall noch verheerend in den Menschenköpfen. Man meint, wenn ein
+Lebensgebiet seinen Gesetzen folgt, dann müsse aus diesem Gebiete _alles_
+für das Leben Notwendige sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das
+Wirtschaftsleben in einer solchen Art geregelt werde, daß die Menschen die
+Regelung als eine sie befriedigende empfinden, dann müsse auch das Rechts-
+und Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben.
+Doch dieses ist nicht möglich. Und nur ein Denken, das der Wirklichkeit
+fremd gegenübersteht, kann glauben, daß es möglich sei. Im Kreislauf des
+Wirtschaftslebens ist _nichts_ vorhanden, das von sich aus einen Antrieb
+enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem Rechtsbewußtsein über das
+Verhältnis von Mensch zu Mensch erfließt. Und will man _dieses_ Verhältnis
+aus den wirtschaftlichen Antrieben herausordnen, so wird man den Menschen
+mit seiner Arbeit und mit der Verfügung über die Arbeitsmittel in das
+Wirtschaftsleben einspannen. Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das
+wie ein Mechanismus wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz,
+fortwährend in einer Richtung sich zu bewegen, in die von einer andern
+Seite her eingegriffen werden muß. Nicht, _wenn_ die Rechtsmaßnahmen in der
+Richtung verlaufen, die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut,
+oder wenn sie ihr zuwiderlaufen, sind sie schädlich; sondern, wenn die
+Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben läuft, fortwährend beeinflußt
+wird von den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird
+dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenwürdiges Dasein führen können.
+Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben die
+individuellen Fähigkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen und dem
+Wirtschaften die Kräfte immer wieder neu zuführen, die aus ihm selbst sich
+nicht erzeugen _können_, wird auch das Wirtschaften in einer den Menschen
+gedeihlichen Art sich entwickeln können.
+
+Es ist merkwürdig: auf dem Gebiete des rein äußerlichen Lebens sieht man
+leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht, daß der
+Schneider sich seine Kuh züchten solle, die ihn mit Milch versorgt. Für die
+umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man, daß die
+Einheitsordnung das allein Ersprießliche sein müsse.
+
+ * * * * *
+
+Daß Einwände gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden sozialen
+Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben müssen, ist selbstverständlich.
+Denn das wirkliche Leben erzeugt Widersprüche. Und wer diesem Leben gemäß
+denkt, der muß Einrichtungen verwirklichen wollen, deren Lebenswidersprüche
+durch andere Einrichtungen ausgeglichen werden. Er _darf nicht_ glauben:
+eine Einrichtung, die sich vor seinem Denken als »ideal gut« ausweist,
+werde, wenn sie verwirklicht wird, auch widerspruchslos sich gestalten. --
+Es ist eine durchaus berechtigte Forderung des gegenwärtigen Sozialismus,
+daß die neuzeitlichen Einrichtungen, in denen produziert wird um des
+Profitierens des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen
+produziert wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige,
+welcher diese Forderung _voll_ anerkennt, wird nicht zu der Schlußfolgerung
+dieses neueren Sozialismus kommen können: also müssen die Produktionsmittel
+aus dem Privateigentum in Gemeineigentum übergehen. Er wird vielmehr die
+ganz andere Schlußfolgerung anerkennen müssen: also muß, was privat auf
+Grund der individuellen Tüchtigkeiten produziert wird, durch die rechten
+Wege der Allgemeinheit zugeführt werden. Der wirtschaftliche Impuls der
+neueren Zeit ging dahin, durch die Menge des Gütererzeugens Einnahmen zu
+schaffen; die Zukunft wird danach streben müssen, durch Assoziationen aus
+der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und die Wege von
+dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die Rechtseinrichtungen
+werden dafür sorgen, daß ein Produktionsbetrieb nur so lange mit einer
+Person oder Personengruppe verbunden bleibt, als sich diese Verbindung aus
+den individuellen Fähigkeiten dieser Personen heraus rechtfertigt. Statt
+dem _Gemeineigentum_ der Produktionsmittel wird im sozialen Organismus ein
+_Kreislauf_ dieser Mittel eintreten, der sie immer von neuem zu denjenigen
+Personen bringt, deren individuelle Fähigkeiten sie in der möglichst besten
+Art der Gemeinschaft nutzbar machen können. Auf diese Art wird zeitweilig
+diejenige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Produktionsmittel
+hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn der
+Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den
+Produktionsmitteln verdanken, daß ihre Fähigkeiten ihnen ein ihren
+Ansprüchen gemäßes Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen, die
+Produktion zu einer möglichst vollkommenen zu machen, denn die Steigerung
+dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen Profit, aber doch
+einen Teil des Erträgnisses. Der Profit fließt ja doch nur im Sinne des
+oben Ausgeführten der Allgemeinheit bis zu dem Grade zu, der sich ergibt
+nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten zugute kommt wegen der
+Steigerung der Produktion. Und es liegt eigentlich schon im Geiste des hier
+Dargestellten, daß, wenn die Produktion zurückgeht, sich das Einkommen des
+Produzenten in demselben Maße zu verringern habe, wie es sich steigert bei
+der Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der geistigen
+Leistung des Leitenden fließen, nicht aus einem solchen Profit, welcher auf
+Verhältnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines Unternehmers,
+sondern in dem Zusammenwirken der Kräfte des Gemeinlebens ihre Grundlage
+haben.
+
+Man wird sehen können, daß durch Verwirklichung solcher sozialer Ideen, wie
+sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenwärtig bestehen, eine
+völlig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum hört auf, dasjenige zu
+sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurückgeführt zu
+einer überwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen würde,
+sondern es wird fortgeführt zu etwas völlig Neuem. Die Gegenstände des
+Eigentums werden in den Fluß des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne
+kann sie nicht aus seinem Privatinteresse heraus zum Schaden der
+Allgemeinheit verwalten; aber auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum
+Schaden der einzelnen bureaukratisch verwalten können; sondern der
+geeignete einzelne wird zu ihnen den Zugang finden, um durch sie der
+Allgemeinheit dienen zu können.
+
+Ein Sinn für das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung
+solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine gesunde
+Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren
+bewahren. -- Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat mit dem
+Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen führen können, die etwa aus
+diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben. Sollte, zum Beispiel,
+ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern ihre
+Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem Bedürfnis
+entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben nach freier
+Übereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen das Fehlende
+zugeschossen werden können. Ein in sich abgeschlossener
+Wirtschaftskreislauf, der von außen die Rechtsgrundlage erhält und den
+fortdauernden Zufluß der zutage tretenden individuellen
+Menschenfähigkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun
+haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer Güterverteilung sein können,
+die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der Gemeinschaft
+gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr Einkommen haben wird
+als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein, weil das »Mehr« wegen
+seiner individuellen Fähigkeiten der Allgemeinheit zugute kommt.
+
+ * * * * *
+
+Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten
+Vorstellungsart sich gestaltet, wird durch eine Übereinkunft zwischen den
+Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die Abgaben regeln
+können, welche für das Rechtsleben notwendig sind. Und alles, was zum
+Unterhalte der geistigen Organisation nötig ist, wird dieser zufließen
+durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung von seiten
+der Einzelpersonen, die am sozialen Organismus beteiligt sind. Diese
+geistige Organisation wird ihre gesunde Grundlage durch die in freier
+Konkurrenz sich geltend machende individuelle Initiative der zur geistigen
+Arbeit fähigen Einzelpersonen haben.
+
+Aber _nur_ in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die Verwaltung
+des Rechtes das notwendige Verständnis finden für eine gerechte
+Güterverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den Bedürfnissen
+der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen in Anspruch nimmt,
+sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm das Recht möglich macht,
+wird den Wert der Güter nach dem bestimmen, was ihm die Menschen leisten.
+Er wird nicht die Menschen leisten lassen, was durch den unabhängig von
+Menschenwohlfahrt und Menschenwürde zustande gekommenen Güterwert bestimmt
+ist. Ein solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen
+Verhältnissen sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung haben;
+der Familienvater wird als Arbeiter ein höheres Einkommen haben können als
+der Einzelnstehende. Das »Mehr« wird ihm zufließen durch Einrichtungen, die
+durch Übereinkommen aller drei sozialen Organisationen begründet werden.
+Solche Einrichtungen können dem Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen,
+daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen die Verwaltung der
+wirtschaftlichen Organisation die mögliche Höhe des Erziehungseinkommens
+bemißt und der Rechtsstaat die Rechte des einzelnen festsetzt nach den
+Gutachten der geistigen Organisation. Wieder liegt es in der Art eines
+wirklichkeitsgemäßen Denkens, daß mit einer solchen Angabe nur wie durch
+ein Beispiel _die Richtung_ bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen
+bewirkt werden können. Es wäre möglich, daß für das einzelne ganz anders
+geartete Einrichtungen als richtig befunden würden. Aber dieses »Richtige«
+wird sich nur finden lassen durch das zielgemäße Zusammenwirken der drei in
+sich selbständigen Glieder des sozialen Organismus. Hier, für diese
+Darstellung, möchte im Gegensatz zu vielem, was in der Gegenwart für
+praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr zugrunde liegende
+Denkart das wirklich Praktische finden, nämlich eine solche Gliederung des
+sozialen Organismus, die bewirkt, daß die Menschen in dieser Gliederung das
+sozial Zweckmäßige veranlassen.
+
+Wie Kindern das _Recht_ auf Erziehung, so steht Altgewordenen, Invaliden,
+Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu, zu dem die
+Kapitalgrundlage in einer ähnlichen Art dem Kreislauf des sozialen
+Organismus zufließen muß wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag für die
+Erziehung der noch nicht selbst Leistungsfähigen. Das Wesentliche bei all
+diesem ist, daß die Feststellung desjenigen, was ein nicht selbst
+Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem Wirtschaftsleben sich
+ergeben soll, sondern daß umgekehrt das Wirtschaftsleben abhängig wird von
+dem, was in dieser Beziehung aus dem Rechtsbewußtsein sich ergibt. Die in
+einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden werden von dem durch ihre Arbeit
+geleisteten um so weniger haben, je mehr für die nicht Verdienenden
+abfließen muß. Aber das »Weniger« wird von allen am sozialen Organismus
+Beteiligten gleichmäßig getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse
+ihre Verwirklichung finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben
+abgesonderten Rechtsstaat wird, was eine allgemeine Angelegenheit der
+Menschheit ist, Erziehung und Unterhalt nicht Arbeitsfähiger, auch wirklich
+zu einer solchen Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der
+Rechtsorganisation wirkt dasjenige, worinnen _alle mündig gewordenen
+Menschen_ mitzusprechen haben.
+
+Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart
+entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund seiner
+individuellen Fähigkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit
+überführen, wie er für die Minderleistung der weniger Befähigten den
+berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: »Mehrwert«
+wird nicht geschaffen werden für den unberechtigten Genuß des einzelnen,
+sondern zur Erhöhung dessen, was dem sozialen Organismus seelische oder
+materielle Güter zuführen kann; und zur Pflege desjenigen, was innerhalb
+dieses Organismus aus dessen Schoß heraus entsteht, ohne daß es ihm
+unmittelbar dienen kann.
+
+Wer der Ansicht zuneigt, daß die Auseinanderhaltung der drei Glieder des
+sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und daß sie sich auch
+beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer das
+Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln
+beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft »von selbst« ergebe, der sollte
+seinen Blick auf die besondere Art von sozialen Einrichtungen lenken, die
+sich ergeben müssen, wenn die Dreigliederung verwirklicht wird. Da wird,
+zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung das Geld als gesetzliches
+Zahlungsmittel anzuerkennen haben, sondern diese Anerkennung wird auf den
+Maßnahmen beruhen, welche von den Verwaltungskörpern der
+Wirtschaftsorganisation ausgehen. Denn Geld kann im gesunden sozialen
+Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern
+erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb
+beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben
+hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche
+Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze
+Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man es
+nur mit Warenwerten zu tun. Für dieses Gebiet nehmen auch die _Leistungen_,
+die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation heraus,
+den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen Schülern leistet, ist für
+den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen
+Fähigkeiten ebensowenig bezahlt wie dem Arbeiter seine Arbeitskraft.
+Bezahlt _kann_ beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im
+Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann. Wie die freie Initiative,
+wie das Recht wirken sollen, damit die Ware zustande komme, das liegt
+ebenso _außerhalb_ des Wirtschaftskreislaufes wie die Wirkung der
+Naturkräfte auf das Kornerträgnis in einem segensreichen oder einem magern
+Jahr. Für den Wirtschaftskreislauf sind die geistige Organisation bezüglich
+dessen, was sie beansprucht als wirtschaftliches Erträgnis, _und auch der
+Staat_ einzelne Warenproduzenten. Nur ist, was sie produzieren, innerhalb
+ihres eigenen Gebietes nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von
+dem Wirtschaftskreislauf aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren
+eigenen Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die
+Verwaltung des Wirtschaftsorganismus.
+
+Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten), insofern
+er sich ausdrückt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt, wird von
+der Zweckmäßigkeit abhängen, mit der sich innerhalb des
+Wirtschaftsorganismus die _Verwaltung_ der Wirtschaft ausgestaltet. Von den
+Maßnahmen dieser Verwaltung wird es abhängen, inwiefern auf der geistigen
+und rechtlichen Grundlage, welche von den andern Gliedern des sozialen
+Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche Fruchtbarkeit sich
+entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird dann der Ausdruck dafür sein,
+daß diese Ware in der den Bedürfnissen entsprechenden Menge durch die
+Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus erzeugt wird. Würden die in dieser
+Schrift dargelegten Voraussetzungen verwirklicht, so wird im
+Wirtschaftsorganismus nicht der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch
+die bloße Menge der Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird
+durch die entstehenden und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden
+Genossenschaften die Gütererzeugung sich den Bedürfnissen anpassen. Dadurch
+wird das diesen Bedürfnissen entsprechende Verhältnis zwischen dem Geldwert
+und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt[7].
+Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser sein;
+denn hinter jedem Geldstück oder Geldschein steht die Warenleistung, auf
+welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde gekommen sein kann. Es
+werden sich aus der Natur der Verhältnisse heraus Einrichtungen notwendig
+machen, welche dem Gelde für den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die
+eben gekennzeichnete Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist
+schon hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in
+geeigneter Form an die Allgemeinheit über. Und damit Geld, das nicht in
+Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der Maßnahmen der
+Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurückbehalten werde, kann Umprägung
+oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. Aus solchen Verhältnissen
+heraus wird sich allerdings auch ergeben, daß der Zinsbezug von einem
+Kapitale im Laufe der Jahre sich immer verringere. Das Geld wird sich
+abnützen, wie sich Waren abnützen. Doch wird eine solche vom Staate zu
+treffende Maßnahme gerecht sein. »Zins auf Zins« wird es nicht geben
+können. Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die
+ihm auf spätere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie
+gegenwärtige Leistungen auf den Eintausch gegenwärtiger Gegenleistungen;
+aber die Ansprüche können nur bis zu einer gewissen Grenze gehen; denn aus
+der Vergangenheit herrührende Ansprüche können nur durch Arbeitsleistungen
+der Gegenwart befriedigt werden. Solche Ansprüche dürfen nicht zu einem
+wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. Durch die Verwirklichung solcher
+Voraussetzungen wird die _Währungsfrage_ auf eine gesunde Grundlage
+gestellt. Denn gleichgültig wie aus andern Verhältnissen heraus die
+_Geldform_ sich gestaltet: _Währung_ wird die vernünftige Einrichtung des
+gesamten Wirtschaftsorganismus durch dessen Verwaltung. Die Währungsfrage
+wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch _Gesetze_ lösen;
+gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die
+Lösung verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden
+Wirtschaftsorganismus überlassen.
+
+ [7] Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art
+ zustande kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen
+ Organismus, wird sich als Ergebnis für das Wirtschaftsleben ein gesundes
+ Preisverhältnis der erzeugten Güter einstellen. Dieses muß so sein, daß
+ jeder Arbeitende für ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erhält, als zur
+ Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse bei ihm und den zu ihm gehörenden
+ Personen nötig ist, bis er ein Erzeugnis der gleichen Arbeit wieder
+ hervorgebracht hat. Ein solches Preisverhältnis kann nicht durch
+ amtliche Feststellung erfolgen, sondern es muß sich _als Resultat
+ ergeben_ aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus
+ tätigen Assoziationen. Aber es _wird_ sich einstellen, wenn das
+ Zusammenwirken auf dem gesunden Zusammenwirken der drei
+ Organisationsglieder beruht. Es muß mit derselben Sicherheit sich
+ ergeben, wie eine haltbare Brücke sich ergeben muß, wenn sie nach
+ rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist. Man kann
+ natürlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben folge
+ nicht so seinen Gesetzen wie eine Brücke. Es wird aber niemand einen
+ solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung
+ dieses Buches dem sozialen Leben eben _lebendige_ und nicht
+ mathematische Gesetze zugrunde liegend gedacht werden.
+
+ * * * * *
+
+Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren Wirkung als
+Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.; aber man
+berücksichtigt wenig, wie sie das Verhältnis des einzelnen Menschen zu
+seiner Arbeits_leistung_ beeinflußt. Wer in einem auf Arbeitsteilung
+eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der _erwirbt_ eigentlich
+niemals sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit
+_aller_ am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum
+Eigengebrauch einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe
+Verhältnis wie ein Mensch, der in primitiven Zuständen noch alles zu seinem
+Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. Er macht sich den Rock,
+um für andere Kleider machen zu können; und der _Wert_ des Rockes für ihn
+hängt _ganz_ von den Leistungen der andern ab. Der Rock ist eigentlich
+Produktionsmittel. Mancher wird sagen, das sei eine Begriffsspalterei.
+Sobald er auf die _Wertbildung_ der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht,
+wird er diese Meinung nicht mehr haben können. Dann wird er sehen, daß man
+in einem Wirtschaftsorganismus, der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht
+für sich arbeiten kann. Man kann nur für andere arbeiten, und andere für
+sich arbeiten lassen. Man kann ebensowenig für sich arbeiten, wie man sich
+selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche dem
+Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die
+Gütererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als
+Eigentum zu überliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen
+Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drängt den
+sozialen Organismus dazu, daß der einzelne Mensch in ihm lebt nach den
+Verhältnissen des Gesamtorganismus; sie schließt _wirtschaftlich_ den
+Egoismus aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von
+Klassenvorrechten und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer
+Zustand, der zu Erschütterungen des sozialen Organismus führt. In solchen
+Zuständen leben wir gegenwärtig. Es mag manchen geben, der nichts davon
+hält, wenn man fordert, die Rechtsverhältnisse und anderes müssen sich nach
+dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein solcher möge
+dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen. Diese wäre: man
+könne überhaupt nichts tun; die soziale Bewegung könne zu nichts führen.
+Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprießliches nicht tun,
+wenn man _der Wirklichkeit_ nicht ihr Recht geben will. Die Denkungsart,
+aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben ist, will, was der
+Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach dem einrichten,
+was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt.
+
+ * * * * *
+
+Wer seine Begriffe nur nach den eingewöhnten Einrichtungen bilden kann, der
+wird ängstlich werden, wenn er davon vernimmt, daß das Verhältnis des
+Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgelöst werden solle von dem
+Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, daß eine solche Loslösung
+notwendig zur Geldentwertung und zur Rückkehr in primitive
+Wirtschaftsverhältnisse führe. (Dr. Rathenau äußert in seiner Schrift »Nach
+der Flut« solche Meinungen, die von _seinem_ Standpunkt aus berechtigt
+erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung des sozialen
+Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich selbst gestellte
+Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus sondert die
+Geldverhältnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten
+Arbeitsverhältnissen. Die Rechtsverhältnisse werden nicht unmittelbar auf
+die Geldverhältnisse einen Einfluß haben können. Denn die letzteren sind
+Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das Rechtsverhältnis
+zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar nicht in dem Geldwert
+zum Ausdruck kommen können, denn dieser ist nach Beseitigung des Lohnes,
+der ein Tauschverhältnis von Ware und Arbeitskraft darstellt, lediglich der
+Maßstab für den gegenseitigen Wert der Waren (und Leistungen). -- Aus der
+Betrachtung der _Wirkungen_, welche die Dreigliederung für den sozialen
+Organismus hat, muß man die Überzeugung gewinnen, daß sie zu Einrichtungen
+führen werde, die in den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind.
+
+Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden können,
+was gegenwärtig als _Klassenkampf_ empfunden wird. Denn dieser Kampf beruht
+auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den Wirtschaftskreislauf. Diese
+Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus dar, in dem der Begriff
+des _Arbeitslohnes_ ebenso eine Umformung erfährt wie der alte
+_Eigentumsbegriff_. Aber durch diese Umformung wird ein _lebensfähiger_
+sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen. -- Nur eine leichtfertige
+Beurteilung wird finden können, daß mit der Verwirklichung des hier
+Dargestellten nichts weiter getan sei, als daß der Arbeitszeitlohn in
+Stücklohn verwandelt werde. Mag sein, daß eine einseitige Ansicht von der
+Sache zu diesem Urteil führt. Aber _hier_ ist diese einseitige Ansicht
+nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Ablösung des
+Entlohnungsverhältnisses durch das vertragsgemäße Teilungsverhältnis in
+bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete _in
+Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus_ ins Auge
+gefaßt. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungserträgnisses als
+Stücklohn erscheint, der wird nicht gewahr, daß _dieser_ »Stücklohn« (der
+aber eigentlich kein »Lohn« ist) sich im _Werte_ des Geleisteten in einer
+Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche Lebenslage des
+Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen Organismus in ein ganz anderes
+Verhältnis bringt, als dasjenige ist, das aus der einseitig wirtschaftlich
+bedingten Klassenherrschaft entstanden ist. Die Forderung nach Austilgung
+des Klassenkampfes wird damit befriedigt. -- Und wer sich zu der namentlich
+auch in sozialistischen Kreisen zu hörenden Meinung bekennt: die
+_Entwicklung_ selbst müsse die Lösung der sozialen Frage bringen, man könne
+nicht Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem muß
+erwidert werden: gewiß wird die Entwicklung das Notwendige bringen müssen;
+aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen
+_Wirklichkeiten_. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird und
+das _verwirklicht_ sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann wird
+eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und diejenigen,
+welche »nur von der Entwicklung« und nicht von der Erbringung fruchtbarer
+Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen müssen mit ihrem Urteil bis
+dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung sein wird. Doch wird es eben
+dann _zu spät_ sein zum Vollbringen gewisser Dinge, die von den _heutigen_
+Tatsachen schon gefordert werden. Im sozialen Organismus ist es nicht
+möglich, die Entwicklung _objektiv_ zu betrachten wie in der Natur. Man muß
+die Entwicklung _bewirken_. Deshalb ist es für ein gesundes soziales Denken
+verhängnisvoll, daß ihm gegenwärtig Ansichten gegenüberstehen, die, was
+sozial notwendig ist, so »beweisen« wollen, wie man in der
+Naturwissenschaft »beweist«. Ein »Beweis« in sozialer Lebensauffassung kann
+sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung _das_ aufnehmen kann, was
+nicht nur im _Bestehenden_ liegt, sondern _dasjenige_, was in den
+Menschenimpulsen -- von ihnen oft unbemerkt -- keimhaft ist und sich
+verwirklichen will.
+
+ * * * * *
+
+Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen
+Organismus ihre Begründung im Wesenhaften des menschlichen
+Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Loslösung der
+richterlichen Tätigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren
+wird es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder
+Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst aber liegen
+in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus gebildet sind.
+Diese Urteilsfindung ist in hohem Maße abhängig von der Möglichkeit, daß
+der Richtende Sinn und Verständnis habe für die individuelle Lage eines zu
+Richtenden. Solcher Sinn und solches Verständnis werden nur vorhanden sein,
+wenn dieselben Vertrauensbande, durch welche die Menschen zu den
+Einrichtungen der geistigen Organisation sich hingezogen fühlen, auch
+maßgebend sind für die Einsetzung der Gerichte. Es ist möglich, daß die
+Verwaltung der geistigen Organisation die Richter aufstellt, die aus den
+verschiedensten geistigen Berufsklassen heraus genommen sein können, und
+die auch nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe
+zurückkehren. In gewissen Grenzen hat dann jeder Mensch die Möglichkeit,
+sich die Persönlichkeit unter den Aufgestellten für fünf oder zehn Jahre zu
+wählen, zu der er so viel Vertrauen hat, daß er in dieser Zeit, wenn es
+dazu kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder
+strafrechtlichen Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes
+Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, daß diese Wahl eine
+Bedeutung haben wird. Ein Kläger hat sich dann stets an den für einen
+Angeklagten zuständigen Richter zu wenden. -- Man bedenke, was eine solche
+Einrichtung in den österreichisch-ungarischen Gegenden für eine
+einschneidende Bedeutung gehabt hätte. In gemischtsprachigen Gegenden hätte
+der Angehörige einer jeden Nationalität sich einen Richter seines Volkes
+erwählen können. Wer die österreichischen Verhältnisse kennt, der kann auch
+wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben der Nationalitäten eine solche
+Einrichtung hätte beitragen können. -- Aber außer der Nationalität gibt es
+weite Lebensgebiete, für deren gesunde Entfaltung eine solche Einrichtung
+im gedeihlichen Sinne wirken kann. -- Für die engere Gesetzeskenntnis
+werden den in der geschilderten Art bestellten Richtern und Gerichtshöfen
+Beamte zur Seite stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen
+Organismus zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben.
+Ebenso werden Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden
+sein. Es wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die
+Verwirklichung solcher Voraussetzungen abspielt, daß ein Richter den
+Lebensgewohnheiten und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen
+kann, daß er durch sein außerhalb des Richteramtes -- dem er nur eine
+Zeitlang vorstehen wird -- liegendes Leben mit den Lebenskreisen der zu
+Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus überall in
+seinen Einrichtungen das soziale Verständnis der an seinem Leben
+beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen
+Tätigkeit. Die Urteilsvollstreckung fällt dem Rechtsstaate zu.
+
+ * * * * *
+
+Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier Dargestellten
+für andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig machen, brauchen
+vorläufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese Schilderung würde
+selbstverständlich einen nicht zu begrenzenden Raum einnehmen.
+
+Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß
+es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich _nicht_, wie mancher meinen
+könnte -- und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das
+Dargestellte mündlich vorgetragen habe --, um eine Erneuerung der drei
+Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand handelt. Das Gegenteil dieser
+Ständegliederung wird angestrebt. Die Menschen werden weder in Klassen noch
+in Stände _sozial_ eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus
+selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft
+Mensch sein können. Denn die Gliederung wird eine solche sein, daß er mit
+seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des
+sozialen Organismus, in dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit
+sachlichem Interesse stehen; und zu den andern wird er lebensvolle
+Beziehungen haben, denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem
+Verhältnisse stehen, das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird
+der vom Menschen abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale
+Organismus sein; jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei
+Glieder sein.
+
+
+
+
+IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen
+
+
+Die innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch die
+internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete wird
+sein selbständiges Verhältnis zu den entsprechenden Gebieten der
+andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des
+einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen,
+ohne daß die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren
+Einfluß haben[8]. Und umgekehrt, die Verhältnisse der Rechtsstaaten
+werden sich innerhalb gewisser Grenzen in völliger Unabhängigkeit von
+den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch diese Unabhängigkeit
+im _Entstehen_ der Beziehungen werden diese in Konfliktfällen
+ausgleichend aufeinander wirken können. Interessenzusammenhänge der
+einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, welche die
+Landesgrenzen als unbeträchtlich für das Zusammenleben der Menschen
+erscheinen lassen werden. -- Die geistigen Organisationen der
+einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten
+können, die _nur_ aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit
+selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhängige, auf sich gestellte
+Geistesleben wird Verhältnisse ausbilden, die dann unmöglich sind,
+wenn die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung
+eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhängt. In
+dieser Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den
+Leistungen der ganz offenbar internationalen Wissenschaft und
+denjenigen anderer geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja
+auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in
+unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein
+selbst gehört in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen
+mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich
+nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation
+oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur
+gegenüber einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige
+Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie
+wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen
+zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind.
+
+ [8] Wer dagegen einwendet, daß die Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse
+ doch in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt
+ werden können, der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten
+ Gliederung ankommt. Im _gesamten_ Verkehrsprozeß wirken die beiderlei
+ Verhältnisse selbstverständlich als ein Ganzes. Aber es ist etwas
+ anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus
+ gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen heraus
+ gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr
+ zusammenwirken läßt.
+
+Gegenwärtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch der
+schärfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhänge
+erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und Volkskulturen sich
+entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen müssen an dem Ziel,
+das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit die Menschheit als
+Ganzes immer bewußter wird setzen müssen. Diese Menschheit wird empfinden,
+daß ein jeder ihrer Teile zu einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein nur
+kommen kann, wenn er sich lebenskräftig mit allen anderen Teilen verbindet.
+Volkszusammenhänge sind neben anderen naturgemäßen Impulsen die Ursachen,
+durch die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich
+gebildet haben. Aber die Kräfte, durch welche die Volkstümer wachsen,
+müssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt ist durch
+die Beziehungen, welche die Staatskörper und Wirtschaftsgenossenschaften
+zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die Volksgemeinschaften die
+innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen so durchführen, daß jedes
+der Glieder seine selbständigen Beziehungen zu anderen sozialen Organismen
+entfalten kann.
+
+Dadurch bilden sich _vielgestaltige_ Zusammenhänge zwischen Völkern,
+Staaten und Wirtschaftskörpern, die jeden Teil der Menschheit mit anderen
+Teilen so verbinden, daß der eine in seinen eigenen Interessen das Leben
+der andern mitempfindet. Ein Völkerbund _entsteht_ aus wirklichkeitsgemäßen
+Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen Rechtsanschauungen
+»eingesetzt« werden müssen[9].
+
+ [9] Wer in solchen Dingen »Utopien« sieht, der beachtet nicht, daß _in
+ Wahrheit_ die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm für
+ utopistisch gehaltenen Einrichtungen hinstrebt, und daß die Schäden
+ dieser Wirklichkeit gerade davon kommen, daß diese Einrichtungen nicht
+ da sind.
+
+Von besonderer Bedeutung muß einem wirklichkeitsgemäßen Denken erscheinen,
+daß die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus zwar ihre
+Geltung haben für die gesamte Menschheit, daß sie aber von _jedem
+einzelnen_ sozialen Organismus verwirklicht werden können, gleichgültig,
+wie sich andere Länder zu dieser Verwirklichung vorläufig verhalten.
+Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgemäßen drei Gebiete, so
+können die Vertretungen derselben als einheitliche Körperschaft mit anderen
+in internationale Beziehungen treten, auch wenn diese anderen für sich die
+Gliederung noch nicht vorgenommen haben. Wer mit dieser Gliederung
+vorangeht, der wird für ein gemeinschaftliches Menschheitsziel wirken. Was
+getan werden soll, wird sich durchsetzen viel mehr durch die Kraft, welche
+ein in wirklichen Menschheitsimpulsen wurzelndes Ziel _im Leben_ erweist,
+als durch eine Feststellung auf Kongressen und aus Verabredungen heraus.
+Auf einer Wirklichkeitsgrundlage ist dieses Ziel _gedacht_; im wirklichen
+Leben, an jedem Punkte der Menschengemeinschaften läßt es sich erstreben.
+
+Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgänge im Leben der Völker und Staaten
+von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige dieser Darstellung
+ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich gewordenen Staatengebilde
+mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben sich
+in internationale Beziehungen brachten, die zu einer Katastrophe drängten.
+Ebenso aber konnte ein solcher auch sehen, wie die Gegenkräfte aus
+unbewußten Menschheitsimpulsen heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird
+das Heilmittel gegen die Erschütterungen sein, welche der
+Einheitsfanatismus bewirkt hat. Aber das Leben der »maßgebenden
+Menschheitsleiter« war nicht darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit
+langem vorbereitete. Im Frühling und Frühsommer 1914 konnte man noch
+»Staatsmänner« davon sprechen hören, daß der Friede Europas dank der
+Bemühungen der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei.
+Diese »Staatsmänner« hatten eben keine Ahnung davon, daß, was sie taten und
+redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr zu tun hatte.
+Aber sie galten als die »Praktiker«. Und als »Schwärmer« galt damals wohl,
+wer entgegen den Anschauungen der »Staatsmänner« Anschauungen durch die
+letzten Jahrzehnte hindurch sich ausbildete, wie sie der Schreiber dieser
+Ausführungen, monatelang vor der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor
+einem kleinen Zuhörerkreise aussprach. (Vor einem größeren wäre er wohl
+verlacht worden.) Er sagte über das, was drohte, ungefähr das Folgende:
+»Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker
+werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut
+derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie überall
+furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die
+große Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut.
+Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn
+man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die
+Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu
+bringen müßte, von dem Heilmittel so zu sprechen, daß man Worte darüber der
+Welt gleichsam _entgegen_schreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich
+so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden
+der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was _Krebsbildungen_
+im menschlichen natürlichen Organismus sind.« Aber die Lebensanschauung
+herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den sie
+nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Maßnahmen führten, die
+hätten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet waren,
+Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander zu
+begründen. -- Wer glaubt, daß unter den unmittelbaren Ursachen der
+gegenwärtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten keine
+Rolle gespielt haben, der sollte sich überlegen, was aus den politischen
+Impulsen der in den Krieg drängenden Staaten dann geworden wäre, wenn die
+»Staatsmänner« in den Inhalt ihres Wollens diese sozialen Notwendigkeiten
+aufgenommen hätten. Und was unterblieben wäre, wenn man durch solchen
+Willensinhalt etwas anderes zu tun gehabt hätte als die Zündstoffe zu
+schaffen, die dann die Explosion bringen mußten. Wenn man in den letzten
+Jahrzehnten das schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als
+Folge des sozialen Lebens der führenden Teile der Menschheit ins Auge
+faßte, so konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen
+Geistinteressen stehende Persönlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen
+das soziale Wollen in diesen führenden Teilen annahm, schon 1888 sagen
+mußte: »Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu
+einem Reiche von Brüdern zu machen, die, nur den edelsten Beweggründen
+nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die Geschichte nur auf der
+Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner
+Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen«, aber nur der Gedanke, daß ein
+»Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens« gefunden werden müsse,
+kann den Sinn für Menschenwürde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist
+ein solcher, »der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen
+unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber
+glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein
+sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und
+einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.« (So Hermann Grimm
+1888 auf S. 46 seines Buches: »Aus den letzten fünf Jahren«.) Was waren die
+»Kriegerischen Rüstungen« anderes als Maßnahmen solcher Menschen, welche
+Staatsgebilde in einer Einheitsform aufrechterhalten wollten, trotzdem
+diese Form durch die Entwicklung der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden
+Zusammenlebens der Völker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes
+Zusammenleben aber könnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen
+Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit heraus
+gestaltet ist.
+
+Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als einem
+halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in
+einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer
+Form, für deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete
+Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische Konflikt, der
+am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgültigste
+Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem
+gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften für das
+Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß das auf sich
+selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhängige
+Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber in einer Art hätte entwickeln
+können, die mit den Zielen der Völker im Einklange gewesen wäre, dann hätte
+der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen
+Katastrophe entladen müssen. Eine dahin zielende Entwicklung erschien
+allen, die in Österreich-Ungarn sich einbildeten, »staatsmännisch« zu
+denken, als eine volle Unmöglichkeit, wohl gar als der reine Unsinn. Deren
+Denkgewohnheiten ließen nichts anderes zu als die Vorstellung, daß die
+Staatsgrenzen mit den Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten
+zusammenfallen. Verstehen, daß über die Staatsgrenzen hinweg sich geistige
+Organisationen bilden können, die das Schulwesen, die andere Zweige des
+Geisteslebens umfassen, das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und
+dennoch: dieses »Undenkbare« ist die Forderung der neueren Zeit für das
+internationale Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar
+Unmöglichen hängen bleiben und glauben, daß Einrichtungen im Sinne dieser
+Forderung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen; sondern er muß sein
+Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Statt
+das »staatsmännische« Denken in eine Richtung zu bringen, welche den
+neuzeitlichen Forderungen entsprochen hätte, war man bestrebt,
+Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat gegen diese Forderungen
+aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde dadurch immer mehr zu einem
+unmöglichen Gebilde. Und im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts
+stand er davor, für seine Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun
+zu können und die Auflösung zu erwarten, oder das innerlich Unmögliche
+äußerlich durch die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Maßnahmen
+des Krieges begründen ließ. Es gab 1914 für die österreichisch-ungarischen
+»Staatsmänner« nichts anderes als dieses: entweder sie mußten ihre
+Intentionen in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen
+Organismus lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues
+Vertrauen hätte erwecken können, mitteilen, oder sie _mußten_ einen Krieg
+entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen Untergründen
+heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird über die Schuldfrage gerecht
+denken können. Durch die Teilnahme vieler Völkerschaften an dem
+österreichisch-ungarischen Staatsgebilde wäre diesem die weltgeschichtliche
+Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen Organismus vor allem zu
+entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht erkannt. Diese Sünde wider den
+Geist des weltgeschichtlichen Werdens hat Österreich-Ungarn in den Krieg
+getrieben.
+
+Und das Deutsche Reich? Es ist gegründet worden in einer Zeit, in der
+die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen Organismus
+ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung hätte dem Reiche
+seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben können. Die
+sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropäischen Reiche
+wie in dem Gebiete zusammen, das für ihr Ausleben weltgeschichtlich
+vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es trat an vielen
+Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere Gestalt an, aus
+der zu ersehen war, wohin es drängte. Das hätte zu einem Arbeits-Inhalt
+für dieses Reich führen müssen. Das hätte seinen Verwaltern die Aufgaben
+stellen müssen. Es hätte die Berechtigung dieses Reiches im modernen
+Völkerzusammenleben erweisen können, wenn man dem neugegründeten Reiche
+einen Arbeits-Inhalt gegeben hätte, der von den Kräften der Geschichte
+selbst gefordert gewesen wäre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Große
+zu wenden, blieb man bei »sozialen Reformen« stehen, die aus den
+Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im Auslande
+die Mustergültigkeit _dieser_ Reformen bewunderte. Man kam daneben immer
+mehr dazu, die äußere Welt-Machtstellung des Reiches auf Formen gründen
+zu wollen, die aus den ausgelebtesten Arten des Vorstellens über die Macht
+und den Glanz der Staaten heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich,
+das ebenso wie das österreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach,
+was in den Kräften des Völkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich
+ankündigte. Von diesen Kräften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts.
+_Das_ Staatsgebilde, das _sie_ im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft
+des Militärischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte
+gefordert ist, hätte auf der Verwirklichung der Impulse für den gesunden
+sozialen Organismus ruhen müssen. Mit _dieser_ Verwirklichung hätte man
+sich in die Gemeinsamkeit des modernen Völkerlebens anders hineingestellt,
+als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen der neuzeitlichen
+Forderungen des Völkerlebens war 1914 die deutsche Politik an dem
+Nullpunkte ihrer Betätigungsmöglichkeit angelangt. Sie hatte in den
+letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was hätte geschehen sollen;
+sie hatte sich beschäftigt mit allem Möglichen, was in den neuzeitlichen
+Entwicklungskräften nicht lag und was durch seine Inhaltlosigkeit »wie
+ein Kartengebäude zusammenbrechen« _mußte_.
+
+Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des Deutschen
+Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, würde ein getreues
+Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiließe, die Vorgänge innerhalb
+der maßgebenden Orte in Berlin Ende Juli und 1. August 1914 zu prüfen und
+vor die Welt getreulich hinzustellen. Von diesen Vorgängen weiß das In- und
+Ausland noch wenig. Wer sie kennt, der weiß, wie die deutsche Politik
+damals sich als die eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen
+im Nullpunkt ihrer Betätigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu
+beginnen war, in das Urteil der militärischen Verwaltung übergehen _mußte_.
+Wer maßgebend in dieser Verwaltung war, konnte damals aus den militärischen
+Gesichtspunkten heraus _nicht anders handeln, als gehandelt worden ist_,
+weil von _diesen_ Gesichtspunkten die Situation nur so gesehen werden
+konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn außer dem militärischen Gebiet
+hatte man sich in eine Lage gebracht, die zu einem Handeln gar nicht mehr
+führen konnte. Alles dieses würde sich als eine weltgeschichtliche Tatsache
+ergeben, wenn jemand sich fände, der darauf dringt, die Vorgänge in Berlin
+von Ende Juli und 1. August, namentlich alles das, was sich am 1. August
+und 31. Juli zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer
+der Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgänge könne man doch
+nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der früheren
+Zeit kennt. Will man über das reden, was man gegenwärtig die »Schuldfrage«
+nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. Gewiß kann man auch durch
+anderes über die längst vorher vorhandenen Ursachen wissen; aber diese
+Einsicht zeigt, _wie_ diese Ursachen gewirkt haben.
+
+Die Vorstellungen, die Deutschlands Führer damals in den Krieg getrieben
+haben, sie wirkten dann verhängnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. Und
+sie verhinderten, daß während der letzten Schreckensjahre _die_ Einsicht
+bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen entwickelte, deren
+Nichtvorhandensein vorher in die Tragik hineingetrieben hatte. Auf die
+mögliche Empfänglichkeit, die sich aus diesen Erfahrungen heraus hätte
+ergeben können, wollte der Schreiber dieser Ausführungen bauen, als er sich
+bemühte, innerhalb Deutschlands und Österreichs in dem Zeitpunkte der
+Kriegskatastrophe, der ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem
+gesunden sozialen Organismus und deren Konsequenzen für das politische
+Verhalten nach außen an Persönlichkeiten heranzubringen, deren Einfluß
+damals noch sich hätte für eine Geltendmachung dieser Impulse betätigen
+können. Persönlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes
+ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang für diese
+Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten sträubten
+sich gegen solche Impulse, welche dem _nur_ militärisch orientierten
+Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts Rechtes anfangen
+könne. Höchstens daß man fand, »Trennung der Kirche von der Schule«, ja,
+das wäre etwas. In solcher Bahn liefen eben die Gedanken der
+»staatsmännisch« Denkenden schon seit lange, und in eine Richtung, die zu
+Durchgreifendem führen sollte, ließen sie sich nicht bringen. Wohlwollende
+sprachen davon, ich solle diese Gedanken »veröffentlichen«. Das war in
+jenem Zeitpunkte wohl der unzweckmäßigste Rat. Was konnte es helfen, wenn
+auf dem Gebiete der »Literatur« unter manchem andern auch von diesen
+Impulsen gesprochen worden wäre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser
+Impulse liegt es doch, daß sie _damals_ eine Bedeutung nur hätten erlangen
+können durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden wären. Die Völker
+Mitteleuropas hätten, wenn von der rechten Stelle im Sinne dieser Impulse
+gesprochen worden wäre, gesehen, daß es etwas geben kann, was ihrem mehr
+oder weniger bewußten Drang entsprochen hätte. Und die Völker des
+russischen Ostens hätten ganz gewiß in jenem Zeitpunkte Verständnis gehabt
+für eine Ablösung des Zarismus durch solche Impulse. Daß sie dies
+Verständnis gehabt hätten, kann nur der in Abrede stellen, der keine
+Empfindung hat für die Empfänglichkeit des noch unverbrauchten
+osteuropäischen Intellekts für gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung
+im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk.
+
+Daß militärisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas nicht
+abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem -- militärischen Denken zu
+verbergen. Daß man an die Unabwendbarkeit der Katastrophe nicht glauben
+wollte, das war die Ursache des Unglückes des deutschen Volkes. Niemand
+wollte einsehen, wie man an den Stellen, bei denen die Entscheidung lag,
+keinen Sinn hatte für weltgeschichtliche Notwendigkeiten. Wer von diesen
+Notwendigkeiten etwas wußte, dem war auch bekannt, wie die
+englischsprechenden Völker Persönlichkeiten in ihrer Mitte hatten, welche
+durchschauten, was in den Volkskräften Mittel- und Osteuropas sich regte.
+Man konnte wissen, wie solche Persönlichkeiten der Überzeugung waren, in
+Mittel- und Osteuropa bereite sich etwas vor, was in mächtigen sozialen
+Umwälzungen sich ausleben muß. In solchen Umwälzungen, von denen man
+glaubte, daß in den englisch sprechenden Gebieten für sie weder schon
+geschichtlich eine Notwendigkeit, noch eine Möglichkeit vorlag. Auf
+solches Denken richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und
+Osteuropa sah man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, daß
+sie »wie ein Kartengebäude zusammenstürzen« mußte. Nur eine Politik, die
+auf die Einsicht gebaut gewesen wäre, daß man in englisch sprechenden
+Gebieten großzügig, und ganz selbstverständlich vom englischen
+Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, hätte Grund und
+Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wäre wohl besonders den
+»Diplomaten« als etwas höchst Überflüssiges erschienen.
+
+Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem hätte auch für Mittel- und
+Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe führen können
+trotz der Großzügigkeit der englisch orientierten Politik, zu treiben, fuhr
+man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen sich weiter zu bewegen.
+Und während der Kriegsschrecken lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht,
+daß es notwendig geworden war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in
+politischen Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine
+andere entgegenzustellen, die aus den Lebenskräften dieses Europa heraus
+geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten
+Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der Kanonen als
+geistiger Impuls Europas hineingetönt hätte, wäre eine Verständigung
+möglich gewesen. Jedes andere Verständigungs-Gerede klang vor den
+geschichtlichen Notwendigkeiten hohl. -- Aber der Sinn für ein
+Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben
+liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhältnissen heraus an die
+Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und deshalb mußte der Herbst
+1918 bringen, was er gebracht hat. Der Zusammenbruch der militärischen
+Gewalt wurde begleitet von einer geistigen Kapitulation. Statt wenigstens
+in dieser Zeit sich aufzuraffen zu einer aus europäischem Wollen heraus
+geholten Geltendmachung der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die
+bloße Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson
+vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch
+Wilson über seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland
+nur in dem helfen, was es selbst will. Er mußte doch eine Kundgebung dieses
+Wollens _erwarten_. Zu der Nichtigkeit der Politik vom Anfange des Krieges
+kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare geistige Kapitulation,
+herbeigeführt von einem Manne, auf den viele in deutschen Landen so etwas
+wie eine letzte Hoffnung setzten.
+
+Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kräften heraus;
+Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhänge
+sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas hervorgebracht.
+Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung der
+Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. Sie kann
+gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse der Menschheit,
+so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese sozialen Impulse
+sprechen eine Sprache, der gegenüber die ganze zivilisierte Welt eine
+Aufgabe hat. Soll das Denken über dasjenige, was geschehen muß, heute
+gegenüber der sozialen Frage ebenso auf dem Nullpunkt angelangen, wie die
+mitteleuropäische Politik für ihre Aufgaben 1914 angekommen war?
+Landesgebiete, die sich von den damals in Frage kommenden Angelegenheiten
+abseits halten konnten: gegenüber der sozialen Bewegung dürfen sie es
+nicht. Gegenüber dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es
+keine Neutralen geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende
+Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und ihr
+Handeln nach diesen Zeichen einzurichten.
+
+Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen sind,
+heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene Aufruf
+an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem Schreiber dieser
+Ausführungen vor einiger Zeit verfaßt worden, und von einem Komitee, das
+für ihn Verständnis gefaßt hat, der Welt, vor allem den mitteleuropäischen
+Völkern mitgeteilt worden ist. Gegenwärtig sind andere Verhältnisse als zu
+der Zeit, in der sein Inhalt engeren Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal
+hätte ihn die öffentliche Mitteilung ganz notwendig zur »Literatur«
+gemacht. Heute muß die Öffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm
+vor kurzer Zeit noch nicht hätte bringen können: verstehende Menschen, die
+in seinem Sinne wirken wollen, wenn er des Verständnisses und der
+Verwirklichung wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch
+solche Menschen entstehen.
+
+
+
+
+Anhang
+
+_An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!_
+
+
+Sicher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor
+einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August 1914 meinte es,
+die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde
+diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trümmer
+blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses
+Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die
+herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum
+erwiesen. Wo liegen die Gründe dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage
+muß Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben.
+Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt
+die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon
+ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in
+meinen Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm
+die Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich
+gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt
+der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. -- Das Reich war
+gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemüht, seine
+inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte
+Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu
+bringen. Später ging man dazu über, die in materiellen Kräften begründete
+äußere Machtstellung zu festigen und zu vergrößern. Damit verband man
+Maßnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen
+Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als
+Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein großes Ziel fehlte, wie es sich
+hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwicklungskräfte, denen die
+neuere Menschheit sich zuwenden muß. So war das Reich in den
+Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand
+rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses
+in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die
+außerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen können, was
+ihr die Meinung hätte erwecken können: die Verwalter dieses Reiches
+erfüllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden
+darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat
+notwendig die Meinung in der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den
+wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.
+
+Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen
+Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht auftauchen,
+welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die
+Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten Forderungen der Gegenwart
+müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die
+Entwicklungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen
+strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der
+kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten
+unschädlich macht, die ihren Blick auf diese Entwicklungskräfte richten.
+Aufhören müßte die Anmaßung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker
+dünken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das
+Unglück herbeigeführt haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als
+Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die
+Entwicklungsbedürfnisse der neuen Zeit zu sagen haben.
+
+Die »Praktiker« aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer
+Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen
+Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten und
+Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die
+Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater
+Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten Arbeitens in
+gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse _auf einzelnen
+Gebieten_ als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser
+Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich erschien.
+Radikale Überführung _aller_ Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das
+Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen
+Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen Privatziele kein
+Interesse hat.
+
+Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren
+Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames
+zugrunde. Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen
+dabei auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat,
+Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen
+Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften
+(z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen
+entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten heraus den
+alten Formen nachgebildet sind.
+
+Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten
+gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen
+will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen
+Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge faßt, als was heute
+gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich
+bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit
+gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein zu durchdringen, wird Aufgabe
+der Zeit.
+
+Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der
+natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge
+besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme
+notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes
+aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken
+muß.
+
+Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges
+Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich
+ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge bringt, daß
+es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch
+wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame Glied muß vielmehr in
+voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im
+natürlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr
+heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, daß beide
+Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt
+werden, sondern daß jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die
+lebendig zusammenwirken. Denn das politische System muß die Wirtschaft
+vernichten, wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System
+verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will.
+
+Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller
+Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet
+ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige
+Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener
+gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede
+überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders
+beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen
+eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen.
+
+Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen
+Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen und
+ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien hingestellt
+werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen
+wollen.
+
+Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten
+an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht
+verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese
+Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte innere Gefüge
+gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte Richtung
+verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche Volk mit den
+außerdeutschen Völkern zusammenleben können.
+
+Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den Willen zum
+möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht
+mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern ein _geistiges,
+politisches und wirtschaftliches_ System in ihren Vertretern müßten als
+selbständige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen _das_
+Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der
+drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen Gebilde gemacht hat.
+
+Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit des hier
+Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken dreier
+Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen
+Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles nach den bequemen
+Forderungen _ihres_ Denkens gestalten wollen. Ihnen muß klar werden:
+entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der
+Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt
+haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte
+vermehren.
+
+ #Dr. Rudolf Steiner.#
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ S. 5: "diese oder jene Einrichtungen" wurde geändert in
+ "diese oder jene Einrichtung"
+ S. 10: "mit dem ihm möglichen Antei "
+ wurde geändert in
+ "mit dem ihm möglichen Anteil"
+ S. 11: "und hrem Interesse heraus"
+ wurde geändert in
+ "und ihrem Interesse heraus"
+ S. 51: "die in dem vom Warenaustausch ganz abhängigen Verhältnis"
+ wurde geändert in
+ "die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis"
+ S. 53: "Daß aber die geschicht ichen" wurde geändert in
+ "Daß aber die geschichtlichen"
+ S. 55, Fußnote 6: "von der Wirschaftsordnung" wurde geändert in
+ "von der Wirtschaftsordnung"
+ S. 88: "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgenden Vergütung"
+ wurde geändert in
+ "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung"
+ S. 88: "daß nach den allgemeinen W rtschaftsverhältnissen"
+ wurde geändert in
+ "daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen"
+ S. 97: "daß es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde geändert in
+ "daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart"
+ S. 99, Fußnote 9: "die Wirklichkeit des Lebens nach diesem"
+ wurde geändert in
+ "die Wirklichkeit des Lebens nach diesen"
+ S. 106: "Brest-Litowks" wurde geändert in "Brest-Litowsk"
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in
+den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE ***
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+ The Project Gutenberg eBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner
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+The Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den
+Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
+
+Author: Rudolf Steiner
+
+Release Date: April 4, 2009 [EBook #28494]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
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+<p class="center">INTERNATIONALE B&Uuml;CHEREI F&Uuml;R SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN</p>
+
+<h1>DIE KERNPUNKTE DER<br />
+<span class="big">SOZIALEN FRAGE</span><br />
+<span class="small">IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN<br />
+DER GEGENWART UND ZUKUNFT</span></h1>
+
+<p class="title"><span class="small">VON</span><br />
+DR. RUDOLF STEINER</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 100px;">
+<img src="images/signet.png" width="100" height="56" alt="Signet" title="" />
+</div>
+
+<p class="title" style="margin-bottom: 0em">1920</p>
+
+<hr style="margin-top: 0em; margin-bottom: 0em" />
+
+<p class="center" style="margin-top: 0em">DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG<br />
+STUTTGART</p>
+
+<p class="center small">41.&ndash;80. Tausend</p>
+
+<p class="center small">Alle Rechte vorbehalten<br />
+Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G.,<br />
+Verlag, Stuttgart.</p>
+
+<p class="title" style="text-decoration: underline; margin-top: 3em; margin-bottom: 0em">Druckfehlerberichtigung.</p>
+
+<p class="center">Auf <a href="#Page_14">Seite 14</a>, Zeile 9 von oben, mu&szlig; es<br />
+statt: in dem Urteil<br />
+hei&szlig;en: von dem Urteil.</p>
+
+<p class="center">Auf <a href="#Page_26">Seite 26</a>, Zeile 11 von unten, mu&szlig; es<br />
+statt: angetrieben<br />
+hei&szlig;en: ausgetrieben.</p>
+
+<p class="center small" style="margin-top: 3em; margin-bottom: 10em">Greiner &amp; Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart.</p>
+
+<p class="title big" style="margin-bottom: 0em"><a name="inhalt" id="inhalt"></a>Inhalt</p>
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis" style="margin-bottom: 6em">
+<tr><td align='right'></td><td align='left'></td><td class="small" align='right'>Seite</td></tr>
+<tr><td align='right'></td><td align='left'><a href="#vorrede">Vorrede und Einleitung</a></td><td align='right'>5</td></tr>
+<tr><td align='right'></td><td align='left'><a href="#vorbemerkungen">Vorbemerkungen &uuml;ber die Absicht dieser Schrift</a></td><td align='right'>16</td></tr>
+<tr><td align='right'>I.</td><td align='left'><a href="#kap01">Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfa&szlig;t aus dem Leben der modernen Menschheit</a></td><td align='right'>20</td></tr>
+<tr><td align='right'>II.</td><td align='left'><a href="#kap02">Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en L&ouml;sungsversuche f&uuml;r die sozialen Fragen und Notwendigkeiten</a></td><td align='right'>39</td></tr>
+<tr><td align='right'>III.</td><td align='left'><a href="#kap03">Kapitalismus und soziale Ideen</a></td><td align='right'>63</td></tr>
+<tr><td align='right'>IV.</td><td align='left'><a href="#kap04">Internationale Beziehungen der sozialen Organismen</a></td><td align='right'>98</td></tr>
+</table>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></p>
+
+<h2><a name="vorrede" id="vorrede"></a><a href="#inhalt">Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>ie Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, mu&szlig; derjenige
+verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie
+herantritt. Man kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen
+den Glauben haben, diese oder jene Einrichtung, die man sich in seinen
+Ideen zurechtgelegt hat, m&uuml;sse die Menschen begl&uuml;cken; dieser Glaube
+kann &uuml;berw&auml;ltigende &Uuml;berzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenw&auml;rtig
+die soziale &bdquo;Frage&ldquo; bedeutet, kann man doch v&ouml;llig vorbeireden,
+wenn man einen solchen Glauben geltend machen will.</p>
+
+<p>Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das
+scheinbar Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen.
+Man kann annehmen, irgend jemand w&auml;re im Besitze einer vollkommenen
+theoretischen &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; der sozialen Frage, und er k&ouml;nnte dennoch
+etwas ganz Unpraktisches glauben, wenn er der Menschheit diese von
+ihm ausgedachte &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; anbieten wollte. Denn wir leben nicht mehr
+in der Zeit, in welcher man glauben soll, auf diese Art im &ouml;ffentlichen
+Leben wirken zu k&ouml;nnen. Die Seelenverfassung der Menschen ist nicht
+so, da&szlig; sie f&uuml;r das &ouml;ffentliche Leben etwa einmal sagen k&ouml;nnten: da
+seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen n&ouml;tig sind; wie
+er es meint, so wollen wir es machen.</p>
+
+<p>In dieser Art wollen die Menschen Ideen &uuml;ber das soziale Leben gar
+nicht an sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon
+eine ziemlich weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache.
+Diejenigen haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz
+verkannt, die ihr einen utopistischen Charakter beigelegt haben. Am
+st&auml;rksten haben dies diejenigen getan, die selbst nur utopistisch denken
+wollen. Sie sehen bei dem Andern, was der wesentlichste Zug ihrer
+eigenen Denkgewohnheiten ist.</p>
+
+<p>F&uuml;r den praktisch Denkenden geh&ouml;rt es heute schon zu den Erfahrungen
+des &ouml;ffentlichen Lebens, da&szlig; man mit einer noch so &uuml;berzeugend
+<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+erscheinenden utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben
+viele die Empfindung, da&szlig; sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete
+mit einer solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie
+m&uuml;ssen sich davon &uuml;berzeugen, da&szlig; sie nur unn&ouml;tig reden. Ihre Mitmenschen
+k&ouml;nnen nichts anfangen mit dem, was sie vorbringen.</p>
+
+<p>Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine
+wichtige Tatsache des gegenw&auml;rtigen &ouml;ffentlichen Lebens hin. Es ist
+die Tatsache der Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegen&uuml;ber
+dem, was zum Beispiel die wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann
+man denn hoffen, die verworrenen Zust&auml;nde des &ouml;ffentlichen Lebens zu
+bew&auml;ltigen, wenn man an sie mit einem lebensfremden Denken herantritt?</p>
+
+<p>Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranla&szlig;t das
+Gest&auml;ndnis, da&szlig; man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses
+Gest&auml;ndnis der &bdquo;sozialen Frage&ldquo; auch fern bleiben. Denn nur, wenn man
+diese Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenw&auml;rtigen
+Zivilisation behandelt, wird man Klarheit dar&uuml;ber erlangen, was dem
+sozialen Leben n&ouml;tig ist.</p>
+
+<p>Auf die Gestaltung des gegenw&auml;rtigen Geisteslebens weist diese Frage
+hin. Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von
+staatlichen Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kr&auml;ften in einem
+hohen Grade abh&auml;ngig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung
+und den Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so
+erzogen werden, wie die wirtschaftlichen Zust&auml;nde der Umgebung es gestatten,
+aus denen er herausw&auml;chst.</p>
+
+<p>Man kann nun leicht glauben, dadurch m&uuml;sse der Mensch gut an die
+Lebensverh&auml;ltnisse der Gegenwart angepa&szlig;t sein. Denn der Staat habe
+die M&ouml;glichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens
+und damit des wesentlichen Teiles des &ouml;ffentlichen Geisteslebens
+so zu gestalten, da&szlig; dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient
+werde. Und auch das kann man leicht glauben, da&szlig; der Mensch
+dadurch das bestm&ouml;gliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde,
+wenn er im Sinne der wirtschaftlichen M&ouml;glichkeiten erzogen wird, aus
+denen er herausw&auml;chst, und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen
+Platz gestellt wird, den ihm diese wirtschaftlichen M&ouml;glichkeiten
+anweisen.</p>
+
+<p>Diese Schrift mu&szlig; die heute wenig beliebte Aufgabe &uuml;bernehmen, zu
+zeigen, da&szlig; die Verworrenheit unseres &ouml;ffentlichen Lebens von der Abh&auml;ngigkeit
+<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+des Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herr&uuml;hrt.
+Und sie mu&szlig; zeigen, da&szlig; die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abh&auml;ngigkeit
+den einen Teil der so brennenden sozialen Frage bildet.</p>
+
+<p>Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrt&uuml;mer. In
+der &Uuml;bernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit
+lange etwas dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch
+Denkende k&ouml;nnen sich kaum etwas anderes vorstellen, als da&szlig; die Gesellschaft
+den Einzelnen zu ihrem Dienste nach ihren Ma&szlig;nahmen erziehe.</p>
+
+<p>Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem
+Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, da&szlig; in der geschichtlichen
+Entwickelung der Menschheit in einer sp&auml;teren Zeit zum Irrtum
+werden kann, was in einer fr&uuml;heren richtig ist. Es war f&uuml;r das Heraufkommen
+der neuzeitlichen Menschheitsverh&auml;ltnisse notwendig, da&szlig; das
+Erziehungswesen und damit das &ouml;ffentliche Geistesleben den Kreisen,
+die es im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate &uuml;berantwortet
+wurde. Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber
+ein schwerer sozialer Irrtum.</p>
+
+<p>Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des
+Staatsgef&uuml;ges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann
+in dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle Selbstverwaltung
+gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen,
+das es angenommen hat, da&szlig; es ein v&ouml;llig selbst&auml;ndiges Glied des sozialen
+Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja
+doch alles geistige Leben herausw&auml;chst, mu&szlig; in die Verwaltung derer
+gestellt werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung
+soll nichts hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der
+Wirtschaft t&auml;tig ist. Jeder Unterrichtende hat f&uuml;r das Unterrichten
+nur so viel Zeit aufzuwenden, da&szlig; er auch noch ein Verwaltender auf
+seinem Gebiete sein kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen,
+wie er die Erziehung und den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt
+Vorschriften, der nicht gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und
+Erziehen drinnen steht. Kein Parlament, keine Pers&ouml;nlichkeit, die vielleicht
+einmal unterrichtet hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen
+mit. Was im Unterricht ganz unmittelbar erfahren wird, das flie&szlig;t auch
+in die Verwaltung ein. Es ist naturgem&auml;&szlig;, da&szlig; innerhalb einer solchen
+Einrichtung Sachlichkeit und Facht&uuml;chtigkeit in dem h&ouml;chst m&ouml;glichen
+Ma&szlig;e wirken.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span></p>
+<p>Man kann nat&uuml;rlich einwenden, da&szlig; auch in einer solchen Selbstverwaltung
+des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch
+das wird im wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Da&szlig; das
+Best-M&ouml;gliche zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die
+F&auml;higkeiten, die in dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft
+wirklich &uuml;bermittelt werden, wenn &uuml;ber ihre Ausbildung nur
+zu sorgen hat, wer aus geistigen Bestimmungsgr&uuml;nden heraus sein ma&szlig;gebendes
+Urteil f&auml;llen kann. Wie weit ein Kind nach der einen oder
+der andern Richtung zu bringen ist, dar&uuml;ber wird ein Urteil nur in einer
+freien Geistgemeinschaft entstehen k&ouml;nnen. Und was zu tun ist, um
+einem solchen Urteil zu seinem Recht zu verhelfen, das kann nur aus einer
+solchen Gemeinschaft heraus bestimmt werden. Aus ihr k&ouml;nnen das
+Staats- und das Wirtschaftsleben die Kr&auml;fte empfangen, die sie sich nicht
+geben k&ouml;nnen, wenn sie von ihren Gesichtspunkten aus das Geistesleben
+gestalten.</p>
+
+<p>Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, da&szlig; auch
+die Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die
+dem Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des
+freien Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen,
+landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre
+Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift
+mu&szlig; notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese&nbsp;&ndash;
+richtige&nbsp;&ndash; Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus
+flie&szlig;en diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen,
+wenn man durchschaut, da&szlig; sie im Grunde aus dem unbewu&szlig;ten Glauben
+hervorgehen, die Erziehenden m&uuml;ssen lebensfremde, unpraktische Menschen
+sein. Man k&ouml;nne ihnen gar nicht zumuten, da&szlig; sie Einrichtungen
+von sich aus treffen, welche den praktischen Gebieten des Lebens richtig
+dienen. Solche Einrichtungen m&uuml;ssen von denjenigen gestaltet werden,
+die im praktischen Leben drinnen stehen, und die Erziehenden m&uuml;ssen
+gem&auml;&szlig; den Richtlinien wirken, die ihnen gegeben werden.</p>
+
+<p>Wer so denkt, der sieht nicht, da&szlig; Erziehende, die sich nicht bis ins
+Kleinste hinein und bis zum Gr&ouml;&szlig;ten hinauf die Richtlinien selber geben
+k&ouml;nnen, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen
+k&ouml;nnen dann Grunds&auml;tze gegeben werden, die von scheinbar noch so
+praktischen Menschen herr&uuml;hren; sie werden keine rechten Praktiker in
+das Leben hineinerziehen. Die antisozialen Zust&auml;nde sind dadurch
+<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+herbeigef&uuml;hrt, da&szlig; in das soziale Leben nicht Menschen hineingestellt
+werden, die von ihrer Erziehung her sozial empfinden. Sozial empfindende
+Menschen k&ouml;nnen nur aus einer Erziehungsart hervorgehen, die von sozial
+Empfindenden geleitet und verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage
+niemals beikommen, wenn man nicht die Erziehungs- und Geistesfrage
+als einen ihrer wesentlichen Teile behandelt. Man schafft Antisoziales
+nicht blo&szlig; durch wirtschaftliche Einrichtungen, sondern auch dadurch,
+da&szlig; sich die Menschen in diesen Einrichtungen antisozial verhalten. Und
+es ist antisozial, wenn man die Jugend von Menschen erziehen und unterrichten
+l&auml;&szlig;t, die man dadurch lebensfremd werden l&auml;&szlig;t, da&szlig; man ihnen
+von au&szlig;en her Richtung und Inhalt ihres Tuns vorschreibt.</p>
+
+<p>Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von
+ihnen, da&szlig; derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er,
+nach seinen Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung
+niedergelegt hat. Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben
+hervorgegangen sind, werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem
+Geistesleben selbst sch&ouml;pfen. Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige,
+was ihm von diesem freien Geistesleben aus &uuml;berantwortet wird.
+Er wird befruchtet werden von den lebendigen Ideen, die nur aus einem
+solchen Geistesleben erstehen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen
+sein, die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen.
+Nicht das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen
+stammt, die von blo&szlig;en &bdquo;Praktikern&ldquo; gestaltet und in
+denen von lebensfremden Menschen gelehrt wird, sondern allein das,
+was von Erziehern kommt, die von ihren Gesichtspunkten aus das Leben
+und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen die Verwaltung eines freien
+Geisteslebens sich gestalten mu&szlig;, das wird in dieser Schrift wenigstens
+andeutungsweise dargestellt.</p>
+
+<p>Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranr&uuml;cken.
+Besorgte K&uuml;nstler und andere Geistesarbeiter werden sagen:
+ja, wird denn die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen
+als in dem gegenw&auml;rtigen vom Staat und den Wirtschaftsm&auml;chten besorgten?
+Solche Frager sollten bedenken, da&szlig; diese Schrift eben in keiner
+Beziehung utopistisch gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht
+theoretisch festgesetzt: dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu
+Menschengemeinschaften angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das
+<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+sozial W&uuml;nschenswerte herbeif&uuml;hren k&ouml;nnen. Wer das Leben nicht nach
+theoretischen Vorurteilen, sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird
+sich sagen: der aus seiner freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht
+auf eine rechte Beurteilung seiner Leistungen haben, wenn es eine freie
+Geistesgemeinschaft gibt, die ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in
+das Leben eingreifen kann.</p>
+
+<p>Die &bdquo;soziale Frage&ldquo; ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das Menschenleben
+heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder durch
+Parlamente gel&ouml;st werden kann und dann gel&ouml;st sein wird. Sie ist ein
+Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie
+einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird f&uuml;r jeden Augenblick der weltgeschichtlichen
+Entwickelung neu gel&ouml;st werden m&uuml;ssen. Denn das
+Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten,
+der aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen
+l&auml;&szlig;t. Dieses mu&szlig; stets neu bew&auml;ltigt werden. Wie ein Organismus
+einige Zeit nach der S&auml;ttigung immer wieder in den Zustand des Hungers
+eintritt, so der soziale Organismus aus einer Ordnung der Verh&auml;ltnisse in
+die Unordnung. Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verh&auml;ltnisse
+gibt es so wenig wie ein Nahrungsmittel, das f&uuml;r alle Zeiten s&auml;ttigt.
+Aber die Menschen k&ouml;nnen in solche Gemeinschaften eintreten, da&szlig; durch
+ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung
+zum Sozialen gegeben wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst
+verwaltende geistige Glied des sozialen Organismus.</p>
+
+<p>Wie sich f&uuml;r das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart
+die freie Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so f&uuml;r das Wirtschaftsleben
+die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren
+Menschenleben zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und
+Warenkonsum. Durch sie werden die menschlichen Bed&uuml;rfnisse befriedigt;
+innerhalb ihrer stehen die Menschen mit ihrer T&auml;tigkeit. Jeder
+hat innerhalb ihrer seine Teilinteressen; jeder mu&szlig; mit dem ihm m&ouml;glichen
+Anteil von T&auml;tigkeit in sie eingreifen. Was einer wirklich braucht,
+kann nur er wissen und empfinden; was er leisten soll, will er aus seiner
+Einsicht in die Lebensverh&auml;ltnisse des Ganzen beurteilen. Es ist nicht
+immer so gewesen, und ist heute noch nicht &uuml;berall so auf der Erde;
+innerhalb des gegenw&auml;rtig zivilisierten Teiles der Erdbev&ouml;lkerung ist es
+im wesentlichen so.</p>
+
+<p>Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung
+<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die Stadtwirtschaft,
+aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht man
+vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein erheblicher
+Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise
+schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind
+davon abh&auml;ngig, da&szlig; die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser
+Lebensverh&auml;ltnisse vorherrschend wirksam geworden ist.</p>
+
+<p>Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskr&auml;fte in einer abstrakten Weltgemeinschaft
+organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften sind im
+Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem Umfange
+eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen als blo&szlig;
+wirtschaftlichen Kr&auml;ften entsprungen. Da&szlig; man sie zu Wirtschaftsgemeinschaften
+umwandeln wollte, bewirkte das soziale Chaos der neuesten
+Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich aus seinen eigenen Kr&auml;ften
+heraus unabh&auml;ngig von Staatseinrichtungen, aber auch von staatlicher
+Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur k&ouml;nnen, wenn sich, nach rein
+wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen bilden, die aus Kreisen
+von Konsumenten, von Handeltreibenden und Produzenten sich zusammenschlie&szlig;en.
+Durch die Verh&auml;ltnisse des Lebens wird der Umfang
+solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine Assoziationen
+w&uuml;rden zu kostspielig, zu gro&szlig;e wirtschaftlich zu un&uuml;bersichtlich arbeiten.
+Jede Assoziation wird zu der andern aus den Lebensbed&uuml;rfnissen
+heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden. Man braucht nicht
+besorgt zu sein, da&szlig; derjenige, der sein Leben in reger Ortsver&auml;nderung
+zuzubringen hat, durch solche Assoziationen eingeengt sein werde. Er
+wird den &Uuml;bergang von der einen in die andere leicht finden, wenn nicht
+staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche Interessen den &Uuml;bergang
+bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb eines solchen
+assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des Geldverkehrs
+wirken.</p>
+
+<p>Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit
+eine weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln
+die Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der G&uuml;ter, sondern
+die Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus.
+Durch ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben k&ouml;nnen die Menschen
+diese notwendige Einsicht haben; dadurch, da&szlig; Interesse mit
+Interesse sich vertragsm&auml;&szlig;ig ausgleichen mu&szlig;, werden die G&uuml;ter in ihren
+<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+entsprechenden Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschlie&szlig;en nach
+wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das
+in den modernen Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen
+Leben aus; aber sie kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten
+zustande. Sie sind den Grunds&auml;tzen nachgebildet, die sich in der neueren
+Zeit aus der Handhabung der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte
+heraus gestaltet haben. Man parlamentarisiert in ihnen; man kommt
+nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten &uuml;berein, was der eine dem
+andern zu leisten hat. In den Assoziationen werden nicht &bdquo;Lohnarbeiter&ldquo;
+sitzen, die durch ihre Macht von einem Arbeit-Unternehmer m&ouml;glichst
+hohen Lohn fordern, sondern es werden Handarbeiter mit den geistigen
+Leitern der Produktion und mit den konsumierenden Interessenten des
+Produzierten zusammenwirken, um durch Preisregulierungen Leistungen
+entsprechend den Gegenleistungen zu gestalten. Das kann nicht durch
+Parlamentieren in Versammlungen geschehen. Vor solchen m&uuml;&szlig;te man
+besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn unz&auml;hlige Menschen ihre
+Zeit mit Verhandlungen &uuml;ber die Arbeit verbringen m&uuml;&szlig;ten. In Abmachungen
+von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation vollzieht
+sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, da&szlig; der Zusammenschlu&szlig;
+den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der
+Konsumierenden entspricht.</p>
+
+<p>Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht
+gesagt: dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet,
+wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn
+sie in Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren
+Interessen entsprechen.</p>
+
+<p>Da&szlig; sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschlie&szlig;en, daf&uuml;r
+sorgt einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft
+nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bed&uuml;rfnisse.
+Andrerseits kann daf&uuml;r das freie Geistesleben sorgen, denn dieses
+bringt die Einsichten zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen.
+Wer aus der Erfahrung heraus denkt, mu&szlig; zugeben, da&szlig; solche assoziative
+Gemeinschaften in jedem Augenblick entstehen k&ouml;nnen, da&szlig; sie nichts
+von Utopie in sich schlie&szlig;en. Ihrer Entstehung steht nichts anderes im
+Wege, als da&szlig; der Mensch der Gegenwart das wirtschaftliche Leben von
+au&szlig;en &bdquo;organisieren&ldquo; will in dem Sinne, wie f&uuml;r ihn der Gedanke der
+&bdquo;Organisation&ldquo; zu einer Suggestion geworden ist. Diesem Organisieren,
+<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+das die Menschen zur Produktion von au&szlig;en zusammenschlie&szlig;en will,
+steht diejenige wirtschaftliche Organisation, die auf dem freien Assoziieren
+beruht, als sein Gegenbild gegen&uuml;ber. Durch das Assoziieren verbindet
+sich der Mensch mit einem andern; und das Planm&auml;&szlig;ige des Ganzen
+entsteht durch die Vernunft des Einzelnen.&nbsp;&ndash; Man kann ja sagen: was
+n&uuml;tzt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich assoziiert? Man
+kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion von au&szlig;en
+her &bdquo;gerecht&ldquo; geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung unterbindet
+die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das Wirtschaftsleben
+um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien Schaffenskraft
+entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz aller
+Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem Besitzenden.
+Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kr&auml;fte ein, dann wird
+der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung
+ausgleichen m&uuml;ssen. Heute spricht man &uuml;ber solche Dinge
+nicht aus den Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen;
+sondern aus den Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern
+aus Klassen- und anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten
+sich entwickeln, weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das
+wirtschaftliche Leben immer komplizierter geworden ist, diesem nicht
+mit rein wirtschaftlichen Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben
+hat dies verhindert. Die wirtschaftenden Menschen stehen in der
+Lebensroutine drinnen; die in der Wirtschaft wirkenden Gestaltungskr&auml;fte
+sind ihnen nicht durchsichtig. Sie arbeiten ohne Einsicht in das
+Ganze des Menschenlebens. In den Assoziationen wird der eine durch
+den andern erfahren, was er notwendig wissen mu&szlig;. Es wird eine wirtschaftliche
+Erfahrung &uuml;ber das M&ouml;gliche sich bilden, weil die Menschen,
+von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht und Erfahrung hat,
+zusammen-urteilen werden.</p>
+
+<p>Wie in dem freien Geistesleben nur die Kr&auml;fte wirksam sind, die in ihm
+selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die
+wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden.
+Was in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich
+ihm aus dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich
+assoziiert ist. Dadurch wird er genau so viel Einflu&szlig; auf die allgemeine
+Wirtschaft haben, als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsf&auml;hige
+sich dem Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+auseinandergesetzt. Den Schwachen gegen&uuml;ber dem Starken sch&uuml;tzen,
+kann ein Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kr&auml;ften heraus
+gestaltet ist.</p>
+
+<p>So kann der soziale Organismus in zwei selbst&auml;ndige Glieder zerfallen,
+die sich gerade dadurch gegenseitig tragen, da&szlig; jeder seine eigenartige
+Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kr&auml;ften hervorgeht. Zwischen
+beiden aber mu&szlig; sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche staatliche
+Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das geltend,
+was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden m&uuml;ndig gewordenen
+Menschen abh&auml;ngig sein mu&szlig;. In dem freien Geistesleben bet&auml;tigt sich
+jeder nach seinen besonderen F&auml;higkeiten; im Wirtschaftsleben f&uuml;llt jeder
+seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen Zusammenhang
+ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu seiner rein
+menschlichen Geltung, insoferne diese unabh&auml;ngig ist von den F&auml;higkeiten,
+durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und unabh&auml;ngig
+davon, welchen Wert die von ihm erzeugten G&uuml;ter durch das assoziative
+Wirtschaftsleben erhalten.</p>
+
+<p>In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine Angelegenheit
+ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem steht
+jeder dem andern als ein gleicher gegen&uuml;ber, weil in ihm nur verhandelt
+und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch gleich
+urteilsf&auml;hig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem
+Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung.</p>
+
+<p>Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der
+selbst&auml;ndigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen,
+wie die Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel,
+die Nutzung des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken
+der drei Glieder gestalten kann. Wer die soziale Frage &bdquo;l&ouml;sen&ldquo; will durch
+eine ausgedachte oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird
+diese Schrift nicht praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens
+heraus die Menschen zu solchen Arten des Zusammenschlusses anregen
+will, in denen sie die sozialen Aufgaben am besten erkennen und sich
+ihnen widmen k&ouml;nnen, der wird dem Verfasser des Buches das Streben
+nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch nicht absprechen.</p>
+
+<p>Das Buch ist im April 1919 zuerst ver&ouml;ffentlicht worden. Erg&auml;nzungen
+zu dem damals Ausgesprochenen habe ich in den Beitr&auml;gen gegeben, die
+in der Zeitschrift &bdquo;Dreigliederung des sozialen Organismus&ldquo; enthalten
+<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+waren und die soeben gesammelt als die Schrift &bdquo;In Ausf&uuml;hrung der
+Dreigliederung des sozialen Organismus&ldquo; erschienen sind<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p>
+
+<p>Man wird finden k&ouml;nnen, da&szlig; in den beiden Schriften weniger von
+den &bdquo;Zielen&ldquo; der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen
+wird, die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer
+aus der Lebenspraxis heraus denkt, der wei&szlig;, da&szlig; namentlich einzelne
+Ziele in verschiedener Gestalt auftreten k&ouml;nnen. Nur wer in abstrakten
+Gedanken lebt, dem erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher
+tadelt das Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht &bdquo;klar&ldquo;
+genug dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker d&uuml;nken, sind gerade
+solche Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, da&szlig; das Leben die mannigfaltigsten
+Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein flie&szlig;endes Element.
+Und wer mit ihm gehen will, der mu&szlig; sich auch in seinen Gedanken und
+Empfindungen diesem flie&szlig;enden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben
+werden nur mit einem solchen Denken ergriffen werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift
+erk&auml;mpft; aus dieser heraus m&ouml;chten sie auch verstanden sein.</p>
+
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span></p>
+
+<h2><a name="vorbemerkungen" id="vorbemerkungen"></a><a href="#inhalt">Vorbemerkungen &uuml;ber die Absicht dieser Schrift</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>as soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben.
+Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf
+und zeigen, da&szlig; zur L&ouml;sung dieser Aufgaben Wege gesucht werden
+m&uuml;ssen, an die bisher nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen
+der Gegenwart unterst&uuml;tzt, findet vielleicht heute schon derjenige Geh&ouml;r,
+der, aus den Erfahrungen des Lebens heraus, sich zu der Meinung
+bekennen mu&szlig;, da&szlig; dieses Nichtdenken an notwendig gewordene Wege in
+die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf der Grundlage einer
+solchen Meinung stehen die Ausf&uuml;hrungen dieser Schrift. Sie m&ouml;chten
+von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die von
+einem gro&szlig;en Teile der Menschheit gegenw&auml;rtig gestellt werden, auf den
+Weg eines zielbewu&szlig;ten sozialen Wollens zu bringen.&nbsp;&ndash; Ob dem einen
+oder dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon
+sollte bei der Bildung eines solchen Wollens wenig abh&auml;ngen. Sie sind
+da, und man mu&szlig; mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens
+rechnen. Das m&ouml;gen diejenigen bedenken, die, aus ihrer pers&ouml;nlichen
+Lebenslage heraus, etwa finden, da&szlig; der Verfasser dieser Schrift in
+seiner Darstellung von den proletarischen Forderungen in einer Art
+spricht, die ihnen nicht gef&auml;llt, weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig
+auf diese Forderungen als auf etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen
+rechnen mu&szlig;. Der Verfasser aber m&ouml;chte aus der vollen Wirklichkeit
+des gegenw&auml;rtigen Lebens heraus sprechen, soweit ihm dieses nach
+seiner Erkenntnis dieses Lebens m&ouml;glich ist. Ihm stehen die verh&auml;ngnisvollen
+Folgen vor Augen, die entstehen m&uuml;ssen, wenn man Tatsachen,
+die nun einmal aus dem Leben der neueren Menschheit sich erhoben
+haben, nicht sehen will; wenn man von einem sozialen Wollen nichts
+wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.</p>
+
+<p>Wenig befriedigt von den Ausf&uuml;hrungen des Verfassers werden auch
+<span class="spaced">zun&auml;chst</span> Pers&ouml;nlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker
+<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+ansehen, wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener
+Gewohnheiten die Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie
+werden finden, da&szlig; in dieser Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von
+diesen Pers&ouml;nlichkeiten glaubt der Verfasser, da&szlig; gerade <span class="spaced">sie</span> werden
+gr&uuml;ndlich umlernen m&uuml;ssen. Denn ihm erscheint ihre &bdquo;Lebenspraxis&ldquo;
+als dasjenige, was durch die <span class="spaced">Tatsachen</span>, welche die Menschheit der
+Gegenwart hat erleben m&uuml;ssen, unbedingt als ein Irrtum erwiesen ist.
+Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu Verh&auml;ngnissen
+gef&uuml;hrt hat. Sie werden einsehen m&uuml;ssen, da&szlig; es notwendig ist, manches
+als praktisch anzuerkennen, das <span class="spaced">ihnen</span> als verbohrter Idealismus erschienen
+ist. M&ouml;gen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser Schrift sei
+deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem Wirtschafts- und
+mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit gesprochen
+ist. Der Verfasser <span class="spaced">mu&szlig;</span> aus seiner Lebenserkenntnis heraus
+meinen, da&szlig; zu den begangenen Fehlern ungez&auml;hlte weitere werden hinzu
+gemacht werden, wenn man sich nicht entschlie&szlig;t, auf das Geistesleben
+der neueren Menschheit die sachgem&auml;&szlig;e Aufmerksamkeit zu wenden.&nbsp;&ndash;
+Auch diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die
+Phrasen hervorbringen, die Menschheit m&uuml;sse aus der Hingabe an rein
+materielle Interessen herauskommen und sich &bdquo;zum Geiste&ldquo;, &bdquo;zum
+Idealismus&ldquo; wenden, werden an dem, was der Verfasser in dieser
+Schrift sagt, kein rechtes Gefallen finden. Denn er h&auml;lt nicht viel von
+dem blo&szlig;en Hinweis auf &bdquo;den Geist&ldquo;, von dem Reden &uuml;ber eine nebelhafte
+Geisteswelt. Er kann nur <span class="spaced">die</span> Geistigkeit anerkennen, die der
+eigene Lebensinhalt des Menschen wird. Dieser erweist sich in der Bew&auml;ltigung
+der praktischen Lebensaufgaben ebenso wirksam wie in der Bildung
+einer Welt- und Lebensanschauung, welche die seelischen Bed&uuml;rfnisse
+befriedigt. Es kommt nicht darauf an, da&szlig; man von einer Geistigkeit
+wei&szlig;, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, da&szlig; dies eine Geistigkeit
+ist, die auch beim Erfassen der praktischen Lebenswirklichkeit zutage
+tritt. Eine solche begleitet diese Lebenswirklichkeit nicht als eine blo&szlig;
+f&uuml;r das innere Seelenwesen reservierte Nebenstr&ouml;mung.&nbsp;&ndash; So werden die
+Ausf&uuml;hrungen dieser Schrift den &bdquo;Geistigen&ldquo; wohl zu ungeistig, den
+&bdquo;Praktikern&ldquo; zu lebensfremd erscheinen. Der Verfasser hat die Ansicht,
+da&szlig; er <span class="spaced">gerade deshalb</span> dem Leben der Gegenwart werde in seiner Art
+dienen k&ouml;nnen, weil er der Lebensfremdheit manches Menschen, der sich
+heute f&uuml;r einen &bdquo;Praktiker&ldquo; h&auml;lt, nicht zuneigt, und weil er auch demjenigen
+<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+Reden vom &bdquo;Geiste&ldquo;, das aus Worten Lebensillusionen schafft,
+keine Berechtigung zusprechen kann.</p>
+
+<p>Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die &bdquo;soziale
+Frage&ldquo; in den Ausf&uuml;hrungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser
+glaubt zu erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und
+Geisteslebens die &bdquo;wahre Gestalt&ldquo; dieser Frage sich ergibt. Nur
+aus dieser Erkenntnis heraus k&ouml;nnen aber die Impulse kommen f&uuml;r
+eine gesunde Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen
+Ordnung.&nbsp;&ndash; In &auml;ltern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten
+die sozialen Instinkte daf&uuml;r, da&szlig; diese drei Gebiete in einer der Menschennatur
+damals entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten.
+In der Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit,
+diese Gliederung durch zielbewu&szlig;tes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen
+jenen &auml;ltern Zeiten und der Gegenwart liegt f&uuml;r die L&auml;nder, die f&uuml;r ein
+solches Wollen zun&auml;chst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken
+der alten Instinkte und der neueren Bewu&szlig;theit vor, das den Anforderungen
+der gegenw&auml;rtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In
+manchem, das man heute f&uuml;r zielbewu&szlig;tes soziales Denken h&auml;lt, leben
+aber noch die alten Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach
+gegen&uuml;ber den fordernden Tatsachen. Gr&uuml;ndlicher, als mancher sich
+vorstellt, mu&szlig; der Mensch der Gegenwart sich aus dem herausarbeiten,
+das nicht mehr lebensf&auml;hig ist. Wie Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben
+im Sinne des von der neueren Zeit selbst geforderten gesunden
+sozialen Lebens sich gestalten sollen, das&nbsp;&ndash; so meint der Verfasser&nbsp;&ndash;
+kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen entwickelt, das eben
+Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser glaubt, &uuml;ber eine
+solche notwendige Gestaltung sagen zu m&uuml;ssen, das m&ouml;chte er dem
+Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine <span class="spaced">Anregung</span>
+zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenw&auml;rtigen Lebenswirklichkeit
+und Lebensnotwendigkeit entsprechen, m&ouml;chte der Verfasser
+geben. Denn er meint, da&szlig; nur ein solches Streben &uuml;ber Schwarmgeisterei
+und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens hinausf&uuml;hren
+kann.</p>
+
+<p>Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den m&ouml;chte
+der Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenw&auml;rtig mit
+manchen Vorstellungen, die man sich &uuml;ber eine m&ouml;gliche Entwicklung
+der sozialen Verh&auml;ltnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und
+<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+in Schwarmgeisterei verf&auml;llt. <span class="spaced">Deshalb</span> sieht man das aus der wahren
+Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser
+Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser
+Darstellung deshalb etwas &bdquo;Abstraktes&ldquo; sehen, weil ihm &bdquo;konkret&ldquo; nur
+ist, was er zu denken gewohnt ist und &bdquo;abstrakt&ldquo; auch das Konkrete
+dann, wenn er nicht gew&ouml;hnt ist, es zu denken<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>.</p>
+
+<p>Da&szlig; stramm in Parteiprogramme eingespannte K&ouml;pfe mit den Aufstellungen
+des Verfassers zun&auml;chst unzufrieden sein werden, wei&szlig; er.
+Doch er glaubt, viele Parteimenschen werden recht bald zu der &Uuml;berzeugung
+gelangen, da&szlig; die Tatsachen der Entwicklung schon weit &uuml;ber
+die Parteiprogramme hinausgewachsen sind, und da&szlig; ein von solchen
+Programmen <span class="spaced">unabh&auml;ngiges</span> Urteil &uuml;ber die n&auml;chsten Ziele des sozialen
+Wollens vor allem notwendig ist.</p>
+
+<p>Anfang April 1919.</p>
+
+<p class="right"><span class="spaced">Rudolf Steiner.</span></p>
+
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span></p>
+
+<h2><a name="kap01" id="kap01"></a><a href="#inhalt">I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfa&szlig;t aus dem
+Leben der modernen Menschheit</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">O</span>ffenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne
+soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzul&auml;nglich
+Gedanken waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische
+Wollen zu verstehen glaubte?</p>
+
+<p>Was gegenw&auml;rtig sich aus fr&uuml;her niedergehaltenen Forderungen des
+Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfl&auml;che des
+Lebens dr&auml;ngt, n&ouml;tigt dazu, diese Frage zu stellen. Die M&auml;chte,
+welche das Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das
+Verh&auml;ltnis, in das sich diese M&auml;chte zu den sozialen Triebkr&auml;ften eines
+gro&szlig;en Teiles der Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen,
+wer ganz ohne Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse
+der Menschennatur sind.</p>
+
+<p>Manche Pers&ouml;nlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen m&ouml;glich machte,
+durch ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder f&ouml;rdernd einzuwirken
+auf die Kr&auml;fte im europ&auml;ischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe
+dr&auml;ngten, haben sich &uuml;ber diese Triebkr&auml;fte den gr&ouml;&szlig;ten Illusionen
+hingegeben. Sie konnten glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde
+die sozialen Anst&uuml;rme beruhigen. Solche Pers&ouml;nlichkeiten mu&szlig;ten gewahr
+werden, da&szlig; durch die Folgen ihres Verhaltens die sozialen Triebe erst
+v&ouml;llig in die Erscheinung traten. Ja, die gegenw&auml;rtige Menschheitskatastrophe
+erwies sich als dasjenige geschichtliche Ereignis, durch
+das diese Triebe ihre volle Schlagkraft erhielten. Die f&uuml;hrenden Pers&ouml;nlichkeiten
+und Klassen mu&szlig;ten ihr Verhalten in den letzten schicksalsschweren
+Jahren stets von dem abh&auml;ngig machen, was in den sozialistisch
+gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie h&auml;tten oftmals gerne
+anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise h&auml;tten unbeachtet
+lassen k&ouml;nnen. In der Gestalt, die gegenw&auml;rtig die Ereignisse
+angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span></p>
+<p>Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was
+jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung
+der Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, da&szlig; den gewordenen
+Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden
+dieser Tatsachen entstanden sind. Viele Pers&ouml;nlichkeiten, die ihre Gedanken
+an diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was
+in ihm als soziales Ziel lebt, verm&ouml;gen heute wenig oder nichts in bezug
+auf Schicksalsfragen, die von den Tatsachen gestellt werden.</p>
+
+<p>Noch glauben zwar manche dieser Pers&ouml;nlichkeiten, was sie seit
+langer Zeit als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig
+gedacht haben, werde sich verwirklichen und dann als m&auml;chtig genug
+erweisen, um den fordernden Tatsachen eine lebensm&ouml;gliche Richtung
+zu geben.&nbsp;&ndash; Man kann absehen von der Meinung derer, die auch jetzt
+noch w&auml;hnen, das Alte m&uuml;sse sich gegen die neueren Forderungen eines
+gro&szlig;en Teiles der Menschheit halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen
+auf das Wollen derer, die von der Notwendigkeit einer neuen
+Lebensgestaltung &uuml;berzeugt sind. Man wird doch nicht anders k&ouml;nnen,
+als sich gestehen: es wandeln unter uns Parteimeinungen wie Urteilsmumien,
+die von der Entwicklung der Tatsachen zur&uuml;ckgewiesen werden.
+Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, f&uuml;r welche die Urteile der alten
+Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien haben sich zwar
+mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren Denkgewohnheiten
+hinter den Tatsachen zur&uuml;ckgeblieben. Man braucht vielleicht
+nicht unbescheiden gegen&uuml;ber heute noch als ma&szlig;geblich geltenden Ansichten
+zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe
+der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu k&ouml;nnen.
+Man darf daraus die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart m&uuml;sse
+empf&auml;nglich sein f&uuml;r den Versuch, dasjenige im sozialen Leben der
+neueren Menschheit zu kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch
+den Denkgewohnten der sozial orientierten Pers&ouml;nlichkeiten und Parteirichtungen
+ferne liegt. Denn es k&ouml;nnte wohl sein, da&szlig; die Tragik,
+die in den L&ouml;sungsversuchen der sozialen Frage zutage tritt, gerade
+in einem Mi&szlig;verstehen der wahren proletarischen Bestrebungen wurzelt.
+In einem Mi&szlig;verstehen selbst von seiten derjenigen, welche mit ihren
+Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind. Denn
+der Mensch bildet sich keineswegs immer &uuml;ber sein eigenes Wollen das
+rechte Urteil.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span></p>
+<p>Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu
+stellen: was <span class="spaced">will</span> die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit?
+Entspricht dieses Wollen demjenigen, was gew&ouml;hnlich von proletarischer
+oder nicht proletarischer Seite &uuml;ber dieses Wollen gedacht
+wird? Offenbart sich in dem, was &uuml;ber die &bdquo;soziale Frage&ldquo; von vielen
+gedacht wird, die <i>wahre Gestalt</i> dieser &bdquo;Frage&ldquo;? Oder ist ein ganz
+anders gerichtetes Denken n&ouml;tig? An <i>diese</i> Frage wird man nicht unbefangen
+herantreten k&ouml;nnen, wenn man nicht durch die Lebensschicksale
+in die Lage versetzt war, in das Seelenleben des modernen Proletariats
+sich einzuleben. Und zwar desjenigen Teiles dieses Proletariats, der am
+meisten Anteil hat an der Gestaltung, welche die soziale Bewegung der
+Gegenwart angenommen hat.</p>
+
+<p>Man hat viel gesprochen &uuml;ber die Entwicklung der modernen Technik
+und des modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser
+Entwicklung das gegenw&auml;rtige Proletariat entstanden ist, und wie es
+durch die Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen
+gekommen ist. In all dem, was man in dieser Richtung
+vorgebracht hat, liegt viel Treffendes. Da&szlig; damit aber ein Entscheidendes
+doch nicht ber&uuml;hrt wird, kann sich dem aufdr&auml;ngen, der
+sich nicht hypnotisieren l&auml;&szlig;t von dem Urteil: die &auml;u&szlig;ern Verh&auml;ltnisse
+geben dem Menschen das Gepr&auml;ge seines Lebens. Es offenbart sich
+dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus inneren
+Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewi&szlig; ist, da&szlig; die proletarischen
+Forderungen sich entwickelt haben w&auml;hrend des Lebens der
+modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht
+in diese Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschlu&szlig; dar&uuml;ber, was in
+diesen Forderungen eigentlich als <i>rein menschliche</i> Impulse lebt. Und
+solange man in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man
+wohl auch der <i>wahren Gestalt</i> der &bdquo;sozialen Frage&ldquo; nicht beikommen.</p>
+
+<p>Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird,
+kann einen bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer
+liegenden Triebkr&auml;fte des menschlichen Wollens zu dringen vermag.
+Es ist das: der moderne Proletarier ist &bdquo;<i>klassenbewu&szlig;t</i>&ldquo; geworden. Er
+folgt den Impulsen der au&szlig;er ihm bestehenden Klassen nicht mehr
+gewisserma&szlig;en instinktiv, unbewu&szlig;t; er wei&szlig; sich als Angeh&ouml;riger
+einer besonderen Klasse und ist gewillt, das Verh&auml;ltnis dieser seiner
+Klasse zu den andern im &ouml;ffentlichen Leben in einer seinen Interessen
+<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+entsprechenden Weise zur Geltung zu bringen. Wer ein Auffassungsverm&ouml;gen
+hat f&uuml;r seelische Unterstr&ouml;mungen, der wird durch das Wort
+&bdquo;klassenbewu&szlig;t&ldquo; in dem Zusammenhang, in dem es der moderne Proletarier
+gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der sozialen
+Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der
+modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher
+mu&szlig; vor allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren
+&uuml;ber das Wirtschaftsleben und dessen Verh&auml;ltnis zu den Menschenschicksalen
+z&uuml;ndend in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben.
+Hiermit wird eine Tatsache ber&uuml;hrt, &uuml;ber welche viele, die nur <i>&uuml;ber</i>
+das Proletariat denken k&ouml;nnen, nicht <i>mit</i> demselben, nur ganz verschwommene,
+ja in Anbetracht der ernsten Ereignisse der Gegenwart
+sch&auml;dliche Urteile haben. Mit der Meinung, dem &bdquo;ungebildeten&ldquo; Proletarier
+sei durch den Marxismus und seine Fortsetzung durch die
+proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht worden, und mit dem,
+was man sonst in dieser Richtung oft h&ouml;ren kann, kommt man nicht
+zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen Verst&auml;ndnis
+der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine solche
+Meinung &auml;u&szlig;ert, nur, da&szlig; man nicht den Willen hat, den Blick auf
+ein Wesentliches in der gegenw&auml;rtigen sozialen Bewegung zu lenken.
+Und ein solches Wesentliches ist die Erf&uuml;llung des proletarischen Klassenbewu&szlig;tseins
+mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren <i>wissenschaftlichen</i>
+Entwicklung heraus genommen haben. In diesem Bewu&szlig;tsein
+wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede &uuml;ber die &bdquo;Wissenschaft
+und die Arbeiter&ldquo; gelebt hat. Solche Dinge m&ouml;gen manchem unwesentlich
+erscheinen, der sich f&uuml;r einen &bdquo;praktischen Menschen&ldquo; h&auml;lt. Wer
+aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung
+gewinnen will, der <i>mu&szlig;</i> seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten.
+In dem, was gem&auml;&szlig;igte und radikale Proletarier heute fordern, lebt
+nicht etwa das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben
+so, wie es sich manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die
+Wirtschafts-<i>Wissenschaft</i>, von welcher das proletarische Bewu&szlig;tsein
+ergriffen worden ist. In der wissenschaftlich gehaltenen und in der
+journalistisch popularisierten Literatur der proletarischen Bewegung
+tritt dieses so klar zutage. Es zu leugnen, bedeutet ein Augenverschlie&szlig;en
+vor den wirklichen Tatsachen. Und eine fundamentale, die
+soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist die, da&szlig; der moderne
+<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen sich den Inhalt
+seines Klassenbewu&szlig;tseins bestimmen l&auml;&szlig;t. Mag der an der Maschine
+arbeitende Mensch von &bdquo;Wissenschaft&ldquo; noch so weit entfernt sein; er
+h&ouml;rt den Aufkl&auml;rungen &uuml;ber seine Lage von seiten derjenigen zu, welche die
+Mittel zu dieser Aufkl&auml;rung von dieser &bdquo;Wissenschaft&ldquo; empfangen haben.</p>
+
+<p>Alle die Auseinandersetzungen &uuml;ber das neuere Wirtschaftsleben,
+das Maschinenzeitalter, den Kapitalismus m&ouml;gen noch so einleuchtend auf
+die Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen;
+was die gegenw&auml;rtige soziale Lage entscheidend aufkl&auml;rt, erflie&szlig;t nicht
+unmittelbar aus der Tatsache, da&szlig; der Arbeiter an die Maschine gestellt
+worden, da&szlig; er in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden
+ist. Es flie&szlig;t aus der andern Tatsache, da&szlig; ganz bestimmte <i>Gedanken</i>
+sich innerhalb seines Klassenbewu&szlig;tseins an der Maschine und in der
+Abh&auml;ngigkeit von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet
+haben. Es k&ouml;nnte sein, da&szlig; die Denkgewohnheiten der Gegenwart
+manchen verhindern, die Tragweite dieses Tatbestandes ganz zu erkennen
+und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur ein dialektisches Spiel mit
+Begriffen zu sehen. Dem gegen&uuml;ber mu&szlig; gesagt werden: um so schlimmer
+f&uuml;r die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung in das soziale Leben
+der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das Wesentliche ins
+Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen will, der
+mu&szlig; vor allem wissen, wie der Proletarier <i>denkt</i>. Denn die proletarische
+Bewegung&nbsp;&ndash; von ihren gem&auml;&szlig;igten Reformbestrebungen an bis
+in ihre verheerendsten Ausw&uuml;chse hinein&nbsp;&ndash; wird nicht von &bdquo;au&szlig;ermenschlichen
+Kr&auml;ften&ldquo;, von &bdquo;Wirtschaftsimpulsen&ldquo; gemacht, sondern
+von <i>Menschen</i>; von deren Vorstellungen und Willensimpulsen.</p>
+
+<p>Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische
+Bewu&szlig;tsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden
+Ideen und Willenskr&auml;fte der gegenw&auml;rtigen sozialen Bewegung. Diese
+Bewegung hat ihre Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung
+gesucht, weil dem Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts
+geben konnten, was seine Seele mit einem menschenw&uuml;rdigen Inhalt erf&uuml;llen
+konnte. Ein solcher Inhalt ergab sich dem mittelalterlichen Handwerker
+aus seinem Berufe. In der Art, wie dieser Handwerker sich
+<i>menschlich</i> mit dem Berufe verbunden f&uuml;hlte, lag etwas, das ihm das
+Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor dem eigenen
+Bewu&szlig;tsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen lie&szlig;. Er vermochte,
+<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+was er tat, so anzusehen, da&szlig; er dadurch verwirklicht glauben
+konnte, was er als &bdquo;Mensch&ldquo; sein wollte. An der Maschine und innerhalb
+der kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst,
+auf sein Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte,
+auf der sich eine das Bewu&szlig;tsein tragende Ansicht von dem errichten
+l&auml;&szlig;t, was man als &bdquo;Mensch&ldquo; ist. Von der Technik, von dem
+Kapitalismus str&ouml;mte f&uuml;r eine solche Ansicht nichts aus. So ist es gekommen,
+da&szlig; das proletarische Bewu&szlig;tsein die Richtung nach dem
+wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es hatte den menschlichen
+Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren. Das
+aber geschah in der Zeit, in der die f&uuml;hrenden Klassen der Menschheit
+einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht
+mehr die geistige Sto&szlig;kraft hatte, um das menschliche Bewu&szlig;tsein nach
+dessen Bed&uuml;rfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu f&uuml;hren.
+Die alten Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen
+geistigen Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft
+erscheint er als Naturwesen innerhalb der blo&szlig;en Naturordnung. Diese
+Wissenschaft wird nicht empfunden wie ein in die Menschenseele aus
+einer Geistwelt flie&szlig;ender Strom, der den Menschen als Seele tr&auml;gt.
+Wie man auch &uuml;ber das Verh&auml;ltnis der religi&ouml;sen Impulse und dessen,
+was mit ihnen verwandt ist, zu der wissenschaftlichen Denkungsart
+der neueren Zeit urteilen mag: man wird, wenn man unbefangen die geschichtliche
+Entwicklung betrachtet, zugeben m&uuml;ssen, da&szlig; sich das
+wissenschaftliche Vorstellen aus dem religi&ouml;sen entwickelt hat. Aber die
+alten, auf religi&ouml;sen Untergr&uuml;nden ruhenden Weltanschauungen haben
+nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der neueren wissenschaftlichen
+Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich au&szlig;erhalb dieser
+Vorstellungsart und lebten weiter mit einem Bewu&szlig;tseinsinhalt, dem
+sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden konnten. Den f&uuml;hrenden
+Klassen konnte dieser Bewu&szlig;tseinsinhalt noch etwas Wertvolles
+sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer Lebenslage
+zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen Bewu&szlig;tseinsinhalt,
+weil die &Uuml;berlieferung durch das Leben selbst sie den alten
+noch festhalten lie&szlig;. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten
+Lebenszusammenh&auml;ngen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben
+auf eine v&ouml;llig neue Grundlage gestellt worden ist. F&uuml;r ihn war mit der
+Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die M&ouml;glichkeit geschwunden,
+<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+aus den alten geistigen Quellen zu sch&ouml;pfen. Die standen
+inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen
+Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig&nbsp;&ndash;
+in dem Sinne, wie man die gro&szlig;en weltgeschichtlichen Str&ouml;mungen
+gleichzeitig nennen kann&nbsp;&ndash; die moderne Wissenschaftlichkeit.
+Ihr wandte sich das Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu.
+Bei ihr suchte es den ihm notwendigen neuen Bewu&szlig;tseinsinhalt. Aber
+es war zu dieser Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verh&auml;ltnis gesetzt
+als die f&uuml;hrenden Klassen. Diese f&uuml;hlten sich nicht gen&ouml;tigt, die wissenschaftliche
+Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung
+zu machen. Mochten sie noch so sehr mit der &bdquo;wissenschaftlichen Vorstellungsart&ldquo;
+sich durchdringen, da&szlig; in der Naturordnung ein gerader
+Ursachenzusammenhang von den niedersten Tieren bis zum Menschen
+f&uuml;hre: diese Vorstellungsart blieb doch theoretische &Uuml;berzeugung. Sie
+erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch empfindungsgem&auml;&szlig; so zu
+nehmen, wie es dieser &Uuml;berzeugung restlos angemessen ist. Der Naturforscher
+Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator B&uuml;chner: sie
+waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart durchdrungen.
+Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele etwas,
+das sie festhalten lie&szlig; an Lebenszusammenh&auml;ngen, die sich nur sinnvoll
+rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man
+stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit
+auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenh&auml;ngen mit dem
+eigenen Dasein verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den
+sein Agitator hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der
+Arbeit nicht ausgef&uuml;llt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft
+hat in der neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben,
+da&szlig; sie ihren Ursprung in geistigen Welten haben. Sie sind dar&uuml;ber
+belehrt worden, da&szlig; sie in der Urzeit unanst&auml;ndig als Baumkletterer
+lebten; belehrt, da&szlig; sie alle den gleichen rein nat&uuml;rlichen Ursprung
+haben. Vor eine nach solchen Gedanken hin orientierte Wissenschaftlichkeit
+sah sich der moderne Proletarier gestellt, wenn er nach einem
+Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen sollte, wie er als Mensch
+im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese Wissenschaftlichkeit
+restlos ernst, und zog aus ihr <i>seine</i> Folgerungen f&uuml;r das Leben. Ihn
+traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als den Angeh&ouml;rigen
+der f&uuml;hrenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung
+<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er
+hatte alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in
+den Rahmen dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war
+aus dieser Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese
+Lebensordnung nicht eine Empfindung geben, die sein Leben mit
+einem menschenw&uuml;rdigen Inhalt durchleuchtete. Empfinden lassen, was
+man als Mensch ist, das konnte den Proletarier das einzige, was ausgestattet
+mit Glauben erweckender Kraft aus der alten Lebensordnung
+hervorgegangen zu sein schien: die wissenschaftliche Denkungsart.</p>
+
+<p>Es k&ouml;nnte manchen Leser dieser Ausf&uuml;hrungen wohl zu einem
+L&auml;cheln dr&auml;ngen, wenn auf die &bdquo;Wissenschaftlichkeit&ldquo; der proletarischen
+Vorstellungsart verwiesen wird. Wer bei &bdquo;Wissenschaftlichkeit&ldquo; nur an
+dasjenige zu denken vermag, was man durch vielj&auml;hriges Sitzen in
+&bdquo;Bildungsanstalten&ldquo; sich erwirbt, und der dann diese &bdquo;Wissenschaftlichkeit&ldquo;
+in Gegensatz bringt zu dem Bewu&szlig;tseinsinhalt des Proletariers,
+der &bdquo;nichts gelernt&ldquo; hat, der mag l&auml;cheln. Er l&auml;chelt &uuml;ber Schicksal
+entscheidende Tatsachen des gegenw&auml;rtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen
+bezeugen aber, da&szlig; mancher hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich
+<i>lebt</i>, w&auml;hrend der ungelehrte Proletarier seine Lebensgesinnung
+nach der Wissenschaft hin orientiert, die er vielleicht gar nicht besitzt.
+Der Gebildete hat die Wissenschaft aufgenommen; sie ist in einem Schubfach
+seines Seelen-Innern. Er steht aber in Lebenszusammenh&auml;ngen
+und l&auml;&szlig;t sich von diesen seine Empfindungen orientieren, die nicht
+von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der Proletarier ist durch
+seine Lebensverh&auml;ltnisse dazu gebracht, das Dasein so aufzufassen,
+wie es <i>der Gesinnung</i> dieser Wissenschaft entspricht. Was die andern
+Klassen &bdquo;Wissenschaftlichkeit&ldquo; nennen, mag ihm ferne liegen; die
+Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben.
+F&uuml;r die andern Klassen ist bestimmend eine religi&ouml;se, eine &auml;sthetische,
+eine allgemeingeistige Grundlage; f&uuml;r ihn wird die &bdquo;Wissenschaft&ldquo;,
+wenn auch oft in ihren allerletzten Gedanken-Ausl&auml;ufen, Lebensglaube.
+Mancher Angeh&ouml;rige der &bdquo;f&uuml;hrenden&ldquo; Klassen f&uuml;hlt sich &bdquo;aufgekl&auml;rt&ldquo;,
+&bdquo;freireligi&ouml;s&ldquo;. Gewi&szlig;, in seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche
+&Uuml;berzeugung; in seinen Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten
+Reste eines &uuml;berlieferten Lebensglaubens.</p>
+
+<p>Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung
+mitbekommen hat: das ist das Bewu&szlig;tsein, da&szlig; sie als geistiger
+<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+Art in einer geistigen Welt wurzelt. &Uuml;ber diesen Charakter der modernen
+Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angeh&ouml;rige der f&uuml;hrenden Klassen
+hinwegsetzen. Denn ihm erf&uuml;llt sich das Leben mit alten Traditionen.
+Der Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb
+die alten Traditionen aus seiner Seele. Er &uuml;bernahm die wissenschaftliche
+Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses
+Erbgut wurde die Grundlage seines Bewu&szlig;tseins vom Wesen des Menschen.
+Aber dieser &bdquo;Geistesinhalt&ldquo; in seiner Seele wu&szlig;te nichts von
+seinem Ursprung in einem wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier
+von den herrschenden Klassen als geistiges Leben allein &uuml;bernehmen
+konnte, verleugnete seinen Ursprung aus dem Geiste.</p>
+
+<p>Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und
+auch Proletarier ber&uuml;hren werden, die mit dem Leben &bdquo;praktisch&ldquo;
+vertraut zu sein glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier
+Gesagte f&uuml;r eine lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen,
+welche aus der gegenw&auml;rtigen Weltlage heraus sprechen, werden immer
+mehr diesen Glauben als einen Wahn erweisen. Wer unbefangen diese
+Tatsachen sehen kann, dem mu&szlig; sich offenbaren, da&szlig; einer Lebensauffassung,
+welche sich nur an das &Auml;u&szlig;ere dieser Tatsachen h&auml;lt, zuletzt
+nur noch Vorstellungen zug&auml;nglich sind, die mit den Tatsachen nichts
+mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich so lange
+&bdquo;praktisch&ldquo; an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine &Auml;hnlichkeit
+mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung k&ouml;nnte
+die gegenw&auml;rtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister f&uuml;r viele sein. Denn:
+was haben sie gedacht, da&szlig; werden kann? Und was ist geworden?
+Soll es so auch mit dem sozialen Denken gehen?</p>
+
+<p>Auch h&ouml;re ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer
+Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder
+einer, der den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise
+ablenken m&ouml;chte, das dem b&uuml;rgerlich Gesinnten bequem zu befahren
+scheint. Dieser Bekenner durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein
+proletarisches Leben gebracht hat, und wie er sich innerhalb dieses
+Lebens durch eine Denkungsart zu bewegen sucht, die ihm von den
+&bdquo;herrschenden&ldquo; Klassen als Erbgut &uuml;bermacht ist. Er <i>lebt</i> proletarisch;
+aber er <i>denkt</i> b&uuml;rgerlich. Die neue Zeit macht nicht blo&szlig; notwendig,
+sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch in <i>neue Gedanken</i>.
+Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum lebentragenden Inhalt
+<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+werden k&ouml;nnen, wenn sie auf ihre Art f&uuml;r die Bildung eines vollmenschlichen
+Lebensinhaltes eine solche Sto&szlig;kraft entwickelt, wie sie
+alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.</p>
+
+<p>Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der <i>wahren Gestalt</i>
+eines der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung f&uuml;hrt.
+Am Ende dieses Weges ert&ouml;nt aus der proletarischen Seele die &Uuml;berzeugung:
+ich strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige
+Leben ist <i>Ideologie</i>, ist nur, was sich im Menschen von den &auml;u&szlig;eren
+Weltvorg&auml;ngen spiegelt, flie&szlig;t nicht aus einer besonderen geistigen
+Welt her. Was im &Uuml;bergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben
+geworden ist, empfindet die proletarische Lebensauffassung als
+Ideologie. Wer die Stimmung in der proletarischen Seele begreifen
+will, die sich in den sozialen Forderungen der Gegenwart auslebt, der
+mu&szlig; imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht bewirken kann, da&szlig;
+das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was wei&szlig; der
+Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den K&ouml;pfen der
+mehr oder weniger geschulten F&uuml;hrer verwirrend spukt. Der so spricht,
+redet am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben
+vorbei. Ein solcher wei&szlig; nicht, was im Proletarierleben der letzten
+Jahrzehnte vorgegangen ist; er wei&szlig; nicht, welche F&auml;den sich spinnen
+von der Ansicht, das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen
+und Taten des von ihm nur f&uuml;r &bdquo;unwissend&ldquo; gehaltenen radikalen
+Sozialisten und auch zu den Handlungen derer, die aus dumpfen
+Lebensimpulsen heraus &bdquo;Revolution machen&ldquo;.</p>
+
+<p>Darinnen liegt die Tragik, die &uuml;ber das Erfassen der sozialen Forderungen
+der Gegenwart sich ausbreitet, da&szlig; man in vielen Kreisen keine
+Empfindung f&uuml;r das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten
+Massen sich an die Oberfl&auml;che des Lebens heraufdr&auml;ngt, da&szlig; man den
+Blick nicht auf das zu richten vermag, was in den Menschengem&uuml;tern
+<i>wirklich vorgeht</i>. Der Nichtproletarier h&ouml;rt angsterf&uuml;llt nach den Forderungen
+des Proletariers hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung
+der Produktionsmittel kann f&uuml;r mich ein menschenw&uuml;rdiges Dasein
+erreicht werden. Aber er vermag sich keine Vorstellung davon zu bilden,
+da&szlig; seine Klasse beim &Uuml;bergang aus einer alten in die neue Zeit nicht
+nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm nicht geh&ouml;renden Produktionsmitteln
+aufgerufen hat, sondern da&szlig; sie nicht vermocht hat, ihm zu
+dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt hinzuzugeben. Menschen,
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+welche in der oben angedeuteten Art am Leben vorbeisehen und vorbeihandeln,
+m&ouml;gen sagen: aber der Proletarier will doch einfach in eine
+Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden Klassen gleichkommt;
+wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine Rolle?
+Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den andern
+Klassen nichts f&uuml;r meine Seele; ich will, da&szlig; sie mich nicht weiter
+ausbeuten k&ouml;nnen. Ich will, da&szlig; die jetzt bestehenden Klassenunterschiede
+aufh&ouml;ren. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage
+nicht. Sie enth&uuml;llt nichts von der <i>wahren Gestalt</i> dieser Frage. Denn ein
+solches Bewu&szlig;tsein in den Seelen der arbeitenden Bev&ouml;lkerung, das von
+den herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt h&auml;tte, w&uuml;rde
+die sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne
+Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie
+sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter
+des Geisteslebens &uuml;berzeugt; aber es wird durch diese &Uuml;berzeugung
+immer ungl&uuml;cklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenungl&uuml;ckes,
+die es nicht bewu&szlig;t kennt, aber intensiv erleidet, &uuml;berwiegen weit in
+ihrer Bedeutung f&uuml;r die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die
+in ihrer Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der &auml;u&szlig;eren
+Lebenslage ist.</p>
+
+<p>Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen
+Lebensgesinnung, die ihnen gegenw&auml;rtig im Proletariertum kampfbereit
+entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden,
+da&szlig; sie von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben
+vererben k&ouml;nnen, was von diesem als Ideologie empfunden werden mu&szlig;.</p>
+
+<p>Nicht das gibt der gegenw&auml;rtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches
+Gepr&auml;ge, da&szlig; man nach einer &Auml;nderung der Lebenslage einer
+Menschenklasse verlangt, obgleich es das nat&uuml;rlich Erscheinende ist,
+sondern die Art, <i>wie</i> die Forderung nach dieser &Auml;nderung aus den
+Gedanken-Impulsen dieser Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man
+sehe sich doch die Tatsachen von diesem Gesichtspunkte aus nur einmal
+unbefangen an. Dann wird man sehen, wie Pers&ouml;nlichkeiten, die
+ihr Denken in der Richtung der proletarischen Impulse halten wollen,
+l&auml;cheln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese oder jene geistigen
+Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur L&ouml;sung der sozialen Frage.
+Sie bel&auml;cheln das als <i>Ideologie</i>, als eine graue Theorie. Aus dem Gedanken
+heraus, aus dem blo&szlig;en Geistesleben heraus, so meinen sie, werde gewi&szlig;
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+nichts beigetragen werden k&ouml;nnen zu den brennenden sozialen Fragen
+der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann dr&auml;ngt es sich einem
+auf, <i>wie</i> der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen,
+gerade proletarischen Bewegung <i>nicht</i> in dem liegt, wovon der heutige
+Proletarier spricht, sondern liegt in <i>Gedanken</i>.</p>
+
+<p>Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine
+&auml;hnliche Bewegung der Welt&nbsp;&ndash; wenn man sie genauer anschaut, zeigt
+sich dies im eminentesten Sinne&nbsp;&ndash; eine Bewegung aus <i>Gedanken</i> entsprungen.
+Dies sage ich nicht blo&szlig; wie ein im Nachdenken &uuml;ber die
+soziale Bewegung gewonnenes Aper&ccedil;u. Wenn es mir gestattet ist, eine
+pers&ouml;nliche Bemerkung einzuf&uuml;gen, so sei es diese: ich habe jahrelang
+innerhalb einer Arbeiterbildungsschule in den verschiedensten Zweigen
+proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt. Ich glaube dabei kennen
+gelernt zu haben, was in der Seele des modernen proletarischen Arbeiters
+lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch zu verfolgen
+Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der verschiedenen Berufe
+und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche nicht blo&szlig;
+vom Gesichtspunkte theoretischer Erw&auml;gungen, sondern ich spreche
+aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen
+zu haben.</p>
+
+<p>Wer&nbsp;&ndash; was bei den f&uuml;hrenden Intellektuellen leider so wenig der
+Fall ist&nbsp;&ndash; wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat,
+wo sie von <i>Arbeitern</i> getragen wird, der wei&szlig;, welch bedeutungsschwere
+Erscheinung <i>dieses</i> ist, da&szlig; eine gewisse Gedanken-<i>Richtung</i> die Seelen
+einer gro&szlig;en Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat.
+Was gegenw&auml;rtig schwierig macht, zu den sozialen R&auml;tseln Stellung zu
+nehmen, ist, da&szlig; eine so geringe M&ouml;glichkeit des gegenseitigen Verst&auml;ndnisses
+der Klassen da ist. Die b&uuml;rgerlichen Klassen k&ouml;nnen heute
+sich so schwer in die Seele des Proletariers hineinversetzen, k&ouml;nnen so
+schwer verstehen, wie in der noch unverbrauchten <i>Intelligenz</i> des Proletariats
+Eingang finden konnte eine solche&nbsp;&ndash; mag man nun zum Inhalt
+stehen, wie man will&nbsp;&ndash;, eine solche an menschliche Denkforderungen
+h&ouml;chste Ma&szlig;st&auml;be anlegende Vorstellungsart, wie es diejenige Karl
+Marxens ist.</p>
+
+<p>Gewi&szlig;, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen,
+von dem andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut
+erscheinenden Gr&uuml;nden wie das andere; es konnte revidiert werden
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+von denen, die das soziale Leben nach Marxens und seines Freundes
+Engels Tode von anderem Gesichtspunkte ansahen als diese F&uuml;hrer.
+Von dem Inhalte dieses Systems will ich gar nicht sprechen. Der scheint
+mir nicht als das Bedeutungsvolle in der modernen proletarischen Bewegung.
+Das Bedeutungsvollste erscheint mir, da&szlig; die <i>Tatsache</i> vorliegt:
+innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als m&auml;chtigster Impuls ein
+Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der folgenden Art
+aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine Lebensbewegung mit
+allerallt&auml;glichsten Menschheitsforderungen stand noch niemals so fast
+ganz allein auf einer <i>rein</i> gedanklichen Grundlage, wie diese moderne
+Proletarierbewegung. Sie ist gewisserma&szlig;en sogar die erste derartige
+Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche Grundlage
+gestellt hat. Diese Tatsache mu&szlig; aber richtig angesehen werden.
+Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier &uuml;ber
+sein eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewu&szlig;t zu sagen hat,
+so scheint einem das programm&auml;&szlig;ig Ausgesprochene bei eindringlicher
+Lebensbeobachtung durchaus nicht als das wichtige.</p>
+
+<p>Als wirklich wichtig aber mu&szlig; erscheinen, da&szlig; im Proletarierempfinden
+f&uuml;r den <i>ganzen</i> Menschen entscheidend geworden ist, was bei
+andern Klassen nur in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert
+ist: die <i>Gedanken-Grundlage</i> der Lebensgesinnung. Was im
+Proletarier auf diese Art innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht
+bewu&szlig;t zugestehen. Er ist von diesem Zugest&auml;ndnis abgehalten dadurch,
+da&szlig; ihm das Gedankenleben als Ideologie &uuml;berliefert worden ist.
+Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf die Gedanken; empfindet diese
+aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders kann man die proletarische
+Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch die Handlungen ihrer
+Tr&auml;ger verstehen, als indem man <i>diese</i> Tatsache in ihrer vollen Tragweite
+innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung durchschaut.</p>
+
+<p>Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des
+modernen Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, da&szlig;
+in der Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung
+die Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen
+mu&szlig;. Denn es ist wesentlich, da&szlig; der Proletarier die Ursachen der ihn
+nicht befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer
+Beseitigung in einer solchen Art strebt, da&szlig; Empfindung und Streben von
+diesem Geistesleben die Richtung empf&auml;ngt. Und doch kann er gegenw&auml;rtig
+<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>
+noch gar nicht anders als die Meinung spottend oder zornig
+ablehnen, da&szlig; in diesen geistigen Untergr&uuml;nden der sozialen Bewegung
+etwas liegt, was eine bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie
+sollte er einsehen, da&szlig; das Geistesleben eine ihn treibende Macht hat,
+da er es doch als Ideologie empfinden mu&szlig;? Von einem Geistesleben,
+das so empfunden wird, kann man nicht erwarten, da&szlig; es den Ausweg
+aus einer sozialen Lage findet, die man nicht weiter ertragen will. Aus
+seiner wissenschaftlich orientierten Denkungsart ist dem modernen Proletarier
+nicht nur die Wissenschaft selbst, sondern es sind ihm Kunst,
+Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der menschlichen Ideologie
+geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des Geisteslebens
+waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden Wirklichkeit,
+die zu dem materiellen Leben etwas hinzuf&uuml;gen kann. Ihm sind sie
+nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. M&ouml;gen sie
+immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche
+Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf
+das materielle Leben wieder gestaltend zur&uuml;ckwirken: urspr&uuml;nglich steigen
+sie als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht <i>sie</i> k&ouml;nnen
+von sich aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten
+f&uuml;hrt. Nur <i>innerhalb</i> der materiellen Tatsachen selbst kann etwas
+entstehen, was zum Ziele geleitet.</p>
+
+<p>Das neuere Geistesleben ist von den f&uuml;hrenden Klassen der Menschheit
+an die proletarische Bev&ouml;lkerung in einer Form &uuml;bergegangen,
+die seine Kraft f&uuml;r das Bewu&szlig;tsein dieser Bev&ouml;lkerung ausschaltet.
+Wenn an die Kr&auml;fte gedacht wird, welche der sozialen Frage die
+L&ouml;sung bringen k&ouml;nnen, so mu&szlig; dies vor allem andern verstanden
+werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so m&uuml;&szlig;te sich das
+Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen gegen&uuml;ber
+den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem
+Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein gro&szlig;er Teil des modernen
+Proletariats &uuml;berzeugt; und diese &Uuml;berzeugung wird aus marxistischen
+oder &auml;hnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man
+sagt, das moderne Wirtschaftsleben hat aus seinen &auml;ltern Formen
+heraus die kapitalistische der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung
+hat das Proletariat in eine ihm unertr&auml;gliche Lage gegen&uuml;ber
+dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde weiter gehen; sie werde
+den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden Kr&auml;fte ert&ouml;ten,
+<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des Proletariates
+erstehen. Diese &Uuml;berzeugung ist von neueren sozialistischen
+Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie f&uuml;r
+einen gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das
+Wesentliche ist auch da geblieben. Dies dr&uuml;ckt sich darinnen aus,
+da&szlig; es dem, der gegenw&auml;rtig echt sozialistisch denken will, <i>nicht</i>
+beifallen wird, zu sagen: wenn irgendwo ein aus den Impulsen der
+Zeit herausgeholtes, in einer geistigen Wirklichkeit wurzelndes, die
+Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so wird von diesem die
+Kraft ausstrahlen k&ouml;nnen, die auch der sozialen Bewegung den rechten
+Antrieb gibt.</p>
+
+<p>Da&szlig; der zur proletarischen Lebensf&uuml;hrung gezwungene Mensch der
+Gegenwart gegen&uuml;ber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche
+Erwartung nicht hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung.
+Er bedarf eines Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner
+Seele die Empfindung von seiner Menschenw&uuml;rde verleiht. Denn als
+er in die kapitalistische Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt
+worden ist, wurde er mit den tiefsten Bed&uuml;rfnissen seiner
+Seele auf ein solches Geistesleben hingewiesen. Dasjenige Geistesleben
+aber, das ihm die f&uuml;hrenden Klassen als Ideologie &uuml;berlieferten, h&ouml;hlte
+seine Seele aus. Da&szlig; in den Forderungen des modernen Proletariates
+die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem Geistesleben
+wirkt, als ihm die gegenw&auml;rtige Gesellschaftsordnung geben kann: dies
+gibt der gegenw&auml;rtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft. Aber
+diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der
+Menschheit richtig erfa&szlig;t, noch von dem proletarischen. Denn der nicht
+proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepr&auml;ge des modernen
+Geisteslebens, das er selbst herbeigef&uuml;hrt hat. Der proletarische Teil
+leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepr&auml;ge des ihm vererbten
+Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes
+als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache
+h&auml;ngt das Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenw&auml;rtigen
+sozialen Lage der Menschheit herausf&uuml;hren kann. Durch die
+gesellschaftliche Ordnung, welche unter dem Einflu&szlig; der f&uuml;hrenden
+Menschenklassen beim Heraufkommen der neueren Wirtschaftsform entstanden
+ist, ist der Zugang zu einem solchen Wege verschlossen worden.
+<i>Man wird die Kraft gewinnen m&uuml;ssen, ihn zu &ouml;ffnen.</i></p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span></p>
+<p>Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man
+gegenw&auml;rtig denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden
+lernen, da&szlig; ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in
+dem das Geistesleben als Ideologie wirkt, eine der Kr&auml;fte entbehrt, welche
+den sozialen Organismus lebensf&auml;hig machen. Der gegenw&auml;rtige krankt
+an der Ohnmacht des Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert
+durch die Abneigung, ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die
+Anerkennung dieser Tatsache wird man eine Grundlage gewinnen, auf der
+sich ein der sozialen Bewegung entsprechendes Denken entwickeln kann.</p>
+
+<p>Gegenw&auml;rtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele
+zu treffen, wenn er von seinem <i>Klassenbewu&szlig;tsein</i> redet. Doch die Wahrheit
+ist, da&szlig; er seit seiner Einspannung in die kapitalistische Wirtschaftsordnung
+nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen kann,
+das ihm das <i>Bewu&szlig;tsein seiner Menschenw&uuml;rde gibt</i>; und da&szlig; ihm das
+als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewu&szlig;tsein nicht
+entwickeln kann. Er hat nach <i>diesem</i> Bewu&szlig;tsein gesucht, und er hat,
+was er nicht finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene
+<i>Klassenbewu&szlig;tsein</i> ersetzt.</p>
+
+<p>Sein Blick ist wie durch eine m&auml;chtige suggestive Kraft blo&szlig; hingelenkt
+worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr,
+da&szlig; anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Ansto&szlig; liegen k&ouml;nne
+zu dem, was notwendig eintreten m&uuml;&szlig;te auf dem Gebiete der sozialen
+Bewegung. Er glaubt allein, da&szlig; durch die Entwicklung des ungeistigen,
+unseelischen Wirtschaftslebens <i>der</i> Zustand herbeigef&uuml;hrt werden k&ouml;nne,
+den <i>er</i> als den menschenw&uuml;rdigen empfindet. So wurde er dazu gedr&auml;ngt,
+sein Heil allein in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu
+suchen. Zu der Meinung wurde er gedr&auml;ngt, da&szlig; durch blo&szlig;e Umgestaltung
+des Wirtschaftslebens verschwinden werde all der Schaden, der herr&uuml;hrt
+von der privaten Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen
+Arbeitgebers und von der Unm&ouml;glichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht
+zu werden den Anspr&uuml;chen auf Menschenw&uuml;rde, die im Arbeitnehmer
+leben. So kam der moderne Proletarier dazu, das einzige Heil
+des sozialen Organismus zu sehen in der &Uuml;berf&uuml;hrung allen Privatbesitzes
+an Produktionsmitteln in <i>gemeinschaftlichen Betrieb</i> oder gar gemeinschaftliches
+Eigentum. Eine solche Meinung ist dadurch entstanden, da&szlig; man
+gewisserma&szlig;en den Blick abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen
+und ihn <i>nur</i> hingerichtet hat auf den rein &ouml;konomischen Proze&szlig;.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span></p>
+<p>Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen
+proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt,
+da&szlig; aus der Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln
+m&uuml;sse, was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde.
+Um dies volle Menschenrecht k&auml;mpft er. Allein innerhalb seines
+Strebens tritt etwas auf, was eben niemals aus dem wirtschaftlichen
+Leben allein als eine Folge auftreten kann. Das ist eine bedeutende,
+eine eindringliche Sprache redende Tatsache, da&szlig; geradezu im Mittelpunkte
+der verschiedenen Gestaltungen der sozialen Frage aus den
+Lebensnotwendigkeiten der gegenw&auml;rtigen Menschheit heraus Etwas
+liegt, von dem man glaubt, da&szlig; es aus dem Wirtschaftsleben selbst
+hervorgehe, das aber niemals aus diesem <i>allein</i> entspringen konnte,
+das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die &uuml;ber das
+alte Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem
+modernen Arbeitsproletariat herauff&uuml;hrt. Wie auch f&uuml;r das moderne
+Leben die Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen,
+der Besitz, Wesen von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben,
+<i>innerhalb</i> dieses modernen Lebens hat sich etwas herausgebildet, das
+nicht deutlich ausgesprochen wird, auch von dem modernen Proletarier
+nicht bewu&szlig;t empfunden wird, das aber der eigentliche Grundimpuls
+seines sozialen Wollens ist. Es ist dieses: die moderne kapitalistische
+Wirtschaftsordnung kennt im Grunde genommen nur Ware innerhalb
+ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser Waren innerhalb des
+wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden innerhalb des kapitalistischen
+Organismus der neueren Zeit etwas zu einer <i>Ware</i>, von dem
+heute der Proletarier empfindet: es <i>darf</i> nicht Ware sein.</p>
+
+<p>Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse
+der ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den
+Instinkten, in den unterbewu&szlig;ten Empfindungen des modernen Proletariers
+ein Abscheu davor lebt, da&szlig; er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer
+ebenso verkaufen mu&szlig;, wie man auf dem Markte Waren verkauft,
+der Abscheu davor, da&szlig; auf dem Arbeitskr&auml;ftemarkt nach Angebot
+und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle spielt, wie die Ware
+auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man darauf
+kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware Arbeitskraft
+in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz unbefangen
+darauf blicken wird, da&szlig;, was da wirkt, auch nicht eindringlich
+<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird,
+<i>dann</i> wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen
+Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden
+mu&szlig;, da&szlig; er heute die soziale Frage zu einer dr&auml;ngenden, ja brennenden
+macht.</p>
+
+<p>Im Altertum gab es Sklaven. Der <i>ganze</i> Mensch wurde wie eine
+Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil
+des Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsproze&szlig; eingegliedert
+durch die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden,
+die noch einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware
+aufdr&uuml;ckt: der Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, da&szlig; diese Tatsache
+nicht bemerkt worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen
+Leben der Gegenwart als eine fundamentale Tatsache empfunden. Sie
+wird als etwas gef&uuml;hlt, was gewichtig in der modernen sozialen Bewegung
+wirkt. Aber man lenkt, indem man sie betrachtet, den Blick
+lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die Frage &uuml;ber den
+Warencharakter zu einer blo&szlig;en Wirtschaftsfrage. Man glaubt, da&szlig; aus
+dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kr&auml;fte kommen m&uuml;ssen, welche
+einen Zustand herbeif&uuml;hren, durch den der Proletarier nicht mehr die
+Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner
+unw&uuml;rdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in
+der neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen
+ist. Man sieht auch, da&szlig; diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft
+den Charakter der Ware aufgepr&auml;gt hat. Aber man sieht nicht,
+wie es im Wirtschaftsleben selbst liegt, da&szlig; alles ihm Eingegliederte
+zur Ware werden <i>mu&szlig;</i>. In der Erzeugung und in dem zweckm&auml;&szlig;igen
+Verbrauch von Waren besteht das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die
+menschliche Arbeitskraft des Warencharakters entkleiden, wenn man
+nicht die M&ouml;glichkeit findet, sie aus dem Wirtschaftsproze&szlig; herauszurei&szlig;en.
+Nicht darauf kann das Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsproze&szlig;
+so umzugestalten, da&szlig; <i>in</i> ihm die menschliche Arbeitskraft
+zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt man diese
+Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsproze&szlig; heraus, um sie von sozialen
+Kr&auml;ften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen?
+Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem
+seine Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn
+deshalb, weil er nicht sieht, da&szlig; der Warencharakter seiner Arbeitskraft
+<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>
+wesentlich von seinem v&ouml;lligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsproze&szlig;
+herr&uuml;hrt. Dadurch, da&szlig; er seine Arbeitskraft diesem Proze&szlig; &uuml;berliefern
+mu&szlig;, geht er mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der
+Wirtschaftsproze&szlig; strebt so lange durch seinen eigenen Charakter danach,
+die Arbeitskraft in der zweckm&auml;&szlig;igsten Art zu verbrauchen, wie
+in ihm Waren verbraucht werden, so lange man die Regelung der Arbeitskraft
+in ihm liegen l&auml;&szlig;t. Wie hypnotisiert durch die Macht des
+modernen Wirtschaftslebens, richtet man den Blick allein auf das,
+was in diesem wirken kann. Man wird durch diese Blickrichtung nie
+finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht. Denn eine
+andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer andern Art
+zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren
+Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht
+sieht, da&szlig; im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und
+Warenkonsumtion nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen
+bestimmt werden, deren Machtbereich nicht &uuml;ber die menschliche Arbeitskraft
+ausgedehnt werden soll.</p>
+
+<p>Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen
+Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben
+eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden
+ist, und auf der andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach,
+unverbunden mit dem Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche
+die Ware nehmen mu&szlig; von ihrer Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch.
+Wird sich durch eine in dieser Richtung gehende gesunde Denkungsart
+die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits zeigen, so wird anderseits
+sich durch diese Denkart auch erweisen, welche Stellung das Wirtschaftsleben
+im gesunden sozialen Organismus einnehmen soll.</p>
+
+<p>Man sieht schon hieraus, da&szlig; die &bdquo;soziale Frage&ldquo; sich in drei besondere
+Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt
+des Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die
+zweite wird das Arbeitsverh&auml;ltnis in seiner rechten Eingliederung in
+das Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich
+ergeben k&ouml;nnen, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span></p>
+
+<h2><a name="kap02" id="kap02"></a><a href="#inhalt">II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en L&ouml;sungsversuche
+f&uuml;r die sozialen Fragen und Notwendigkeiten</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">M</span>an kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt
+der sozialen Frage in der neueren Zeit gef&uuml;hrt hat, wohl
+<i>so</i> aussprechen, da&szlig; man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik
+getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen
+naturhaften Selbstverst&auml;ndlichkeit gewirkt und die moderne Gesellschaft
+in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der Inanspruchnahme
+der menschlichen Aufmerksamkeit f&uuml;r dasjenige, was Technik und
+Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit abgelenkt worden
+f&uuml;r andere Zweige, andere Gebiete des sozialen Organismus. Diesen
+mu&szlig; ebenso notwendig vom menschlichen Bewu&szlig;tsein aus die rechte
+Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale Organismus gesund
+sein soll.</p>
+
+<p>Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer
+<i>umfassenden</i>, <i>allseitigen</i> Beobachtung &uuml;ber die soziale Frage charakterisiert
+werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem Vergleich ausgehen.
+Aber es wird zu beachten sein, da&szlig; mit diesem Vergleich nichts
+anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann unterst&uuml;tzen
+das menschliche Verst&auml;ndnis, um es gerade in diejenige Richtung
+zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen &uuml;ber
+die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen
+Gesichtspunkt betrachten mu&szlig; den kompliziertesten nat&uuml;rlichen
+Organismus, den menschlichen Organismus, der mu&szlig; seine Aufmerksamkeit
+darauf richten, da&szlig; die ganze Wesenheit dieses menschlichen
+Organismus drei nebeneinander wirksame Systeme aufzuweisen hat,
+von denen jedes mit einer gewissen Selbst&auml;ndigkeit wirkt. Diese drei
+nebeneinander wirksamen Systeme kann man etwa in folgender Weise
+kennzeichnen. Im menschlichen nat&uuml;rlichen Organismus wirkt als ein
+Gebiet dasjenige System, welches in sich schlie&szlig;t <i>Nervenleben und Sinnesleben</i>.
+<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+Man k&ouml;nnte es auch nach dem wichtigsten Gliede des Organismus,
+wo Nerven- und Sinnesleben gewisserma&szlig;en zentralisiert sind, den
+<i>Kopforganismus</i> nennen.</p>
+
+<p>Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen,
+wenn man ein wirkliches Verst&auml;ndnis f&uuml;r sie erwerben will, das,
+was ich nennen m&ouml;chte das rhythmische System. Es besteht aus <i>Atmung</i>,
+<i>Blutzirkulation</i>, aus all dem, was sich ausdr&uuml;ckt in <i>rhythmischen Vorg&auml;ngen</i>
+des menschlichen Organismus.</p>
+
+<p>Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe
+und T&auml;tigkeiten zusammenh&auml;ngt mit dem <i>eigentlichen Stoffwechsel</i>.</p>
+
+<p>In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder
+Art unterh&auml;lt, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang
+des menschlichen Organismus<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p>
+
+<p>Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was naturwissenschaftliche
+Forschung schon heute sagen kann, diese Dreigliederung
+des menschlichen nat&uuml;rlichen Organismus wenigstens zun&auml;chst
+skizzenweise in meinem Buche &bdquo;Von Seelenr&auml;tseln&ldquo; zu charakterisieren.
+Ich bin mir klar dar&uuml;ber, da&szlig; Biologie, Physiologie, die gesamte Naturwissenschaft
+mit Bezug auf den Menschen in der allern&auml;chsten Zeit
+zu einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindr&auml;ngen
+werden, welche durchschaut, wie diese drei Glieder&nbsp;&ndash; Kopfsystem,
+Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem&nbsp;&ndash; dadurch
+den Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, da&szlig;
+sie in einer gewissen Selbst&auml;ndigkeit wirken, da&szlig; <i>nicht</i> eine absolute
+Zentralisation des menschlichen Organismus vorliegt, da&szlig; auch jedes
+dieser Systeme ein besonderes, f&uuml;r sich bestehendes Verh&auml;ltnis zur
+Au&szlig;enwelt hat. Das Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem
+oder rhythmische System durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem
+durch die Ern&auml;hrungs- und Bewegungsorgane.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span></p>
+<p>Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht
+ganz so weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus
+geisteswissenschaftlichen Untergr&uuml;nden heraus f&uuml;r die Naturwissenschaft
+von mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der naturwissenschaftlichen
+Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem
+solchen Grade zu bringen, wie das w&uuml;nschenswert f&uuml;r den Erkenntnisfortschritt
+erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere Denkgewohnheiten,
+unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht vollst&auml;ndig angemessen
+dem, was z.&nbsp;B. im menschlichen Organismus sich als die innere
+Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man k&ouml;nnte nun wohl sagen:
+Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren
+Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise
+als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung
+und namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht
+warten. Da mu&szlig; nicht nur bei irgendwelchen Fachm&auml;nnern, sondern
+da mu&szlig; in jeder Menschenseele&nbsp;&ndash; denn jede Menschenseele nimmt teil
+an der Wirksamkeit f&uuml;r den sozialen Organismus&nbsp;&ndash; wenigstens eine
+instinktive Erkenntnis von dem vorhanden sein, was diesem sozialen
+Organismus notwendig ist. Ein gesundes Denken und Empfinden, ein
+gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die Gestaltung des sozialen
+Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei es auch
+mehr oder weniger blo&szlig; instinktiv, sich klar dar&uuml;ber ist, da&szlig; dieser
+soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein mu&szlig; wie
+der nat&uuml;rliche Organismus.</p>
+
+<p>Es ist nun, seit <i>Sch&auml;ffle</i> sein Buch geschrieben hat &uuml;ber den Bau des
+sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen
+der Organisation eines Naturwesens&nbsp;&ndash; sagen wir, der Organisation des
+Menschen&nbsp;&ndash; und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat
+feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was Zellengef&uuml;ge
+sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch
+erschienen von Merey, &bdquo;Weltmutation&ldquo;, in dem gewisse naturwissenschaftliche
+Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach &uuml;bertragen
+werden auf&nbsp;&ndash; wie man meint&nbsp;&ndash; den menschlichen Gesellschaftsorganismus.
+Mit all diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien
+hat dasjenige, was hier gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer
+meint, auch in diesen Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel
+zwischen dem nat&uuml;rlichen Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben,
+<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+der wird dadurch nur beweisen, da&szlig; er nicht in den Geist
+des hier Gemeinten eingedrungen ist. Denn nicht wird hier angestrebt:
+irgendeine f&uuml;r naturwissenschaftliche Tatsachen passende Wahrheit her&uuml;ber
+zu verpflanzen auf den sozialen Organismus; sondern das v&ouml;llig
+andere, da&szlig; das menschliche Denken, das menschliche Empfinden lerne,
+das Lebensm&ouml;gliche an der Betrachtung des naturgem&auml;&szlig;en Organismus
+zu empfinden und dann diese Empfindungsweise anwenden k&ouml;nne auf
+den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man glaubt gelernt
+zu haben am nat&uuml;rlichen Organismus, &uuml;bertr&auml;gt auf den sozialen
+Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, da&szlig; man sich
+nicht die F&auml;higkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso
+selbst&auml;ndig, ebenso f&uuml;r sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen
+zu forschen, wie man dies n&ouml;tig hat f&uuml;r das Verst&auml;ndnis des
+nat&uuml;rlichen Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich
+sich objektiv, wie sich der Naturforscher gegen&uuml;berstellt dem nat&uuml;rlichen
+Organismus, dem sozialen Organismus in seiner Selbst&auml;ndigkeit
+gegen&uuml;berstellt, um dessen eigene Gesetze zu empfinden, in diesem
+Augenblicke h&ouml;rt gegen&uuml;ber dem Ernst der Betrachtung jedes Analogiespiel
+auf.</p>
+
+<p>Man k&ouml;nnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der
+Glaube zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der
+Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus &bdquo;aufgebaut&ldquo; werden.
+Das aber liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur
+m&ouml;glich. Auf ganz anderes soll hingedeutet werden. Die gegenw&auml;rtige
+geschichtliche Menschheitskrisis fordert, da&szlig; gewisse <i>Empfindungen</i> entstehen
+<i>in jedem einzelnen Menschen</i>, da&szlig; die Anregung zu diesen Empfindungen
+von dem Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie
+diejenige zur Erlernung der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die
+bewu&szlig;te Aufnahme in das menschliche Seelenleben die alten Formen des
+sozialen Organismus ergeben hat, das wird in der Zukunft nicht mehr
+wirksam sein. Es geh&ouml;rt zu den Entwicklungsimpulsen, die von der
+Gegenwart an neu in das Menschenleben eintreten wollen, da&szlig; die angedeuteten
+Empfindungen von dem einzelnen Menschen so gefordert
+werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung gefordert wird. Da&szlig;
+man gesund empfinden lernen m&uuml;sse, wie die Kr&auml;fte des sozialen Organismus
+wirken sollen, damit dieser lebensf&auml;hig sich erweist, das wird,
+von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich
+<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+ein Gef&uuml;hl davon aneignen m&uuml;ssen, da&szlig; es ungesund, antisozial ist,
+<i>nicht</i> sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen
+zu wollen.</p>
+
+<p>Man kann heute von &bdquo;Sozialisierung&ldquo; als von dem reden h&ouml;ren, was
+der Zeit n&ouml;tig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsproze&szlig;, sondern
+ein Kurpfuscherproze&szlig; am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar
+ein Zerst&ouml;rungsproze&szlig;, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die
+menschlichen Seelen einzieht wenigstens die <i>instinktive</i> Erkenntnis von
+der Notwendigkeit der <i>Dreigliederung des sozialen Organismus</i>. Dieser
+soziale Organismus mu&szlig;, wenn er gesund wirken soll, drei solche
+Glieder gesetzm&auml;&szlig;ig ausbilden.</p>
+
+<p>Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner
+Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich,
+alles &uuml;brige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den
+modernen Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet
+hat. Dieses &ouml;konomische Leben mu&szlig; ein selbst&auml;ndiges Glied f&uuml;r sich
+innerhalb des sozialen Organismus sein, so relativ selbst&auml;ndig, wie das
+Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbst&auml;ndig
+ist. Zu tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion,
+Warenzirkulation, Warenkonsum ist.</p>
+
+<p>Als <i>zweites Glied</i> des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben
+des &ouml;ffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm geh&ouml;rt
+dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche
+Staatsleben bezeichnen k&ouml;nnte. W&auml;hrend es das Wirtschaftsleben mit
+all dem zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus
+seiner eigenen Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und
+Warenkonsum, kann es dieses zweite Glied des sozialen Organismus
+nur zu tun haben mit all dem, was sich aus rein menschlichen Untergr&uuml;nden
+heraus auf das Verh&auml;ltnis des Menschen zum Menschen bezieht.
+Es ist wesentlich f&uuml;r die Erkenntnis der Glieder des sozialen Organismus,
+da&szlig; man wei&szlig;, welcher Unterschied besteht zwischen dem System
+des &ouml;ffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann aus menschlichen
+Untergr&uuml;nden heraus mit dem Verh&auml;ltnis von Mensch zu Mensch,
+und dem Wirtschafts-System, das es <i>nur</i> zu tun hat mit Warenproduktion,
+Warenzirkulation, Warenkonsum. Man mu&szlig; dieses im Leben empfindend
+unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das Wirtschafts- von
+dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen nat&uuml;rlichen Organismus
+<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+die T&auml;tigkeit der Lunge zur Verarbeitung der &auml;u&szlig;eren Luft
+sich abscheidet von den Vorg&auml;ngen im Nerven-Sinnesleben.</p>
+
+<p>Als drittes Glied, das ebenso selbst&auml;ndig sich neben die beiden
+andern Glieder hinstellen mu&szlig;, hat man im sozialen Organismus das
+aufzufassen, was sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer
+k&ouml;nnte man sagen, weil vielleicht die Bezeichnung &bdquo;geistige Kultur&ldquo;
+oder alles das, was sich auf das geistige Leben bezieht, durchaus nicht
+ganz genau ist: alles dasjenige, was beruht auf der nat&uuml;rlichen Begabung
+des einzelnen menschlichen Individuums, was hineinkommen
+mu&szlig; in den sozialen Organismus auf Grundlage dieser nat&uuml;rlichen, sowohl
+der geistigen wie der physischen Begabung des einzelnen menschlichen
+Individuums. Das erste System, das Wirtschaftssystem, hat es
+zu tun mit all dem, was da sein mu&szlig;, damit der Mensch sein materielles
+Verh&auml;ltnis zur Au&szlig;enwelt regeln kann. Das zweite System hat es zu
+tun mit dem, was da sein mu&szlig; im sozialen Organismus wegen des Verh&auml;ltnisses
+von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit
+all dem, was hervorsprie&szlig;en mu&szlig; und eingegliedert werden mu&szlig; in den
+sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualit&auml;t heraus.</p>
+
+<p>Ebenso wahr, wie es ist, da&szlig; moderne Technik und moderner Kapitalismus
+unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das
+Gepr&auml;ge gegeben haben, ebenso notwendig ist es, da&szlig; diejenigen Wunden,
+die von dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen
+worden sind, dadurch geheilt werden, da&szlig; man den Menschen
+und das <i>menschliche Gemeinschaftsleben</i> in ein richtiges Verh&auml;ltnis bringt
+zu den drei Gliedern dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben
+hat einfach durch sich selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen
+angenommen. Es hat durch eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche
+Leben sich besonders machtvoll hereingestellt. Die andern beiden
+Glieder des sozialen Lebens sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit
+derselben Selbstverst&auml;ndlichkeit sich in der richtigen Weise nach ihren
+eigenen Gesetzen in den sozialen Organismus einzugliedern. F&uuml;r sie
+ist es notwendig, da&szlig; der Mensch aus den oben angedeuteten Empfindungen
+heraus die soziale Gliederung vornimmt, jeder an seinem Orte;
+an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne derjenigen
+L&ouml;sungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat jeder
+einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der
+n&auml;chsten Zukunft.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span></p>
+<p>Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das
+Wirtschaftsleben, das ruht zun&auml;chst auf der Naturgrundlage geradeso,
+wie der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er f&uuml;r sich durch
+Lernen, durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der
+Begabung seines geistigen und k&ouml;rperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage
+dr&uuml;ckt einfach dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten
+sozialen Organismus sein Gepr&auml;ge auf. Aber diese Naturgrundlage
+ist da, ohne da&szlig; sie durch irgendeine soziale Organisation, durch
+irgendeine Sozialisierung in urspr&uuml;nglicher Art getroffen werden kann.
+Sie mu&szlig; dem Leben des sozialen Organismus so zugrunde gelegt werden,
+wie bei der Erziehung des Menschen zugrunde gelegt werden mu&szlig; die
+Begabung, die er auf den verschiedenen Gebieten hat, seine nat&uuml;rliche
+k&ouml;rperliche und geistige T&uuml;chtigkeit. Von jeder Sozialisierung, von
+jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben eine wirtschaftliche
+Gestaltung zu geben, mu&szlig; ber&uuml;cksichtigt werden die Naturgrundlage.
+Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen Arbeit und
+auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes elementarisches
+Urspr&uuml;ngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein
+bestimmtes St&uuml;ck Natur. Man mu&szlig; &uuml;ber den Zusammenhang des
+sozialen Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug
+auf Lernen beim einzelnen Menschen denken mu&szlig; &uuml;ber sein Verh&auml;ltnis
+zu seiner Begabung. Man kann gerade sich dieses klarmachen an
+extremen F&auml;llen. Man braucht z.&nbsp;B. nur zu bedenken, da&szlig; in gewissen
+Gebieten der Erde, wo die Banane ein naheliegendes Nahrungsmittel
+f&uuml;r die Menschen abgibt, in Betracht kommt f&uuml;r das menschliche Zusammenleben
+dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden mu&szlig;, um
+die Banane von ihrer Ursprungsst&auml;tte aus an einen Bestimmungsort
+zu bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man
+die menschliche Arbeit, die aufgebracht werden mu&szlig;, um die <i>Banane</i>
+f&uuml;r die menschliche Gesellschaft konsumf&auml;hig zu machen, mit der Arbeit,
+die aufgebracht werden mu&szlig;, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas,
+um den Weizen konsumf&auml;hig zu machen, so ist die Arbeit, die f&uuml;r die
+Banane notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere
+als beim Weizen.</p>
+
+<p>Gewi&szlig;, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug
+auf das notwendige Ma&szlig; von Arbeit im Verh&auml;ltnis zu der Naturgrundlage
+sind auch da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem
+<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+sozialen Organismus Europas vertreten sind,&nbsp;&ndash; nicht in dieser radikalen
+Verschiedenheit wie bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede
+da. So ist es im Wirtschaftsorganismus begr&uuml;ndet, da&szlig; durch
+das Verh&auml;ltnis des Menschen zur Naturgrundlage seines Wirtschaftens
+das Ma&szlig; von Arbeitskraft bedingt ist, das er in den Wirtschaftsproze&szlig;
+hineintragen mu&szlig;. Und man braucht ja nur z.&nbsp;B. zu vergleichen:
+in <i>Deutschland</i>, in Gegenden mit mittlerer Ertragsf&auml;higkeit,
+ist ungef&auml;hr das Ertr&auml;gnis der Weizenkultur so, da&szlig; das <i>Sieben- bis
+Achtfache</i> der Aussaat einkommt durch die Ernte; in <i>Chile</i> kommt
+das <i>Zw&ouml;lffache</i> herein, in <i>Nordmexiko</i> kommt das <i>Siebzehnfache</i> ein,
+in <i>Peru</i> das <i>Zwanzigfache</i>. (Vergleiche Jentsch, Volkswirtschaftslehre,
+S.&nbsp;64.)</p>
+
+<p>Dieses ganze zusammengeh&ouml;rige Wesen, welches verl&auml;uft in Vorg&auml;ngen,
+die beginnen mit dem Verh&auml;ltnis des Menschen zur Natur, die sich
+fortsetzen in all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte
+umzuwandeln und sie bis zur Konsumf&auml;higkeit zu bringen,
+alle diese Vorg&auml;nge und nur diese umschlie&szlig;en f&uuml;r einen gesunden sozialen
+Organismus sein Wirtschaftsglied. Dieses steht im sozialen Organismus
+wie das Kopfsystem, von dem die individuellen Begabungen bedingt
+sind, im menschlichen Gesamtorganismus drinnen steht. Aber wie
+dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem abh&auml;ngig ist, so ist das
+Wirtschaftssystem von der menschlichen Arbeitsleistung abh&auml;ngig. Wie
+nun aber der Kopf nicht selbst&auml;ndig die Atemregelung hervorbringen
+kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem nicht durch die im Wirtschaftsleben
+wirksamen Kr&auml;fte selbst geregelt werden.</p>
+
+<p>In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen
+darinnen. Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen
+Bed&uuml;rfnissen. Wie den Interessen am zweckm&auml;&szlig;igsten entsprochen
+werden kann innerhalb eines sozialen Organismus, so da&szlig; der einzelne
+Mensch durch diesen Organismus in der bestm&ouml;glichen Art zur Befriedigung
+seines Interesses kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich
+in die Wirtschaft hineinstellen kann: diese Frage mu&szlig; praktisch in den
+Einrichtungen des Wirtschaftsk&ouml;rpers gel&ouml;st sein. Das kann nur dadurch
+sein, da&szlig; die Interessen sich wirklich frei geltend machen k&ouml;nnen und
+da&szlig; auch der Wille und die M&ouml;glichkeit entstehen, das N&ouml;tige zu ihrer
+Befriedigung zu tun. Die Entstehung der Interessen liegt au&szlig;erhalb
+des Kreises, der das Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit
+<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+der Entfaltung des seelischen und nat&uuml;rlichen Menschenwesens. Da&szlig;
+Einrichtungen bestehen, sie zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens.
+Diese Einrichtungen k&ouml;nnen es mit nichts anderem zu
+tun haben als allein mit der Herstellung und dem Tausch von Waren,
+das hei&szlig;t von G&uuml;tern, die ihren Wert durch das menschliche Bed&uuml;rfnis
+erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen, der sie verbraucht.
+Dadurch, da&szlig; die Ware ihren Wert durch den Verbraucher erh&auml;lt, steht
+sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als anderes, das
+f&uuml;r den Menschen als Angeh&ouml;rigen dieses Organismus Wert hat. Man
+sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis
+Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch geh&ouml;ren. Man
+wird den <i>wesenhaften</i> Unterschied nicht <i>blo&szlig;</i> betrachtend bemerken, welcher
+besteht zwischen dem Verh&auml;ltnis von Mensch zu Mensch, indem der
+eine f&uuml;r den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem
+Rechtsverh&auml;ltnis beruhen mu&szlig;. Man wird von der Betrachtung zu der
+praktischen Forderung kommen, da&szlig; im sozialen Organismus das Rechtsleben
+v&ouml;llig von dem Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden
+mu&szlig;. Aus den T&auml;tigkeiten, welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen
+zu entwickeln haben, die der Warenerzeugung und dem Warenaustausch
+dienen, k&ouml;nnen sich unmittelbar nicht die m&ouml;glichst besten
+Impulse ergeben f&uuml;r die rechtlichen Verh&auml;ltnisse, die unter den Menschen
+bestehen m&uuml;ssen. Innerhalb der Wirtschaftseinrichtungen wendet sich
+der Mensch an den Menschen, weil der eine dem Interesse des andern
+dient; grundverschieden davon ist die Beziehung, welche der eine Mensch
+zu dem andern innerhalb des Rechtslebens hat.</p>
+
+<p>Man k&ouml;nnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung
+w&auml;re schon Gen&uuml;ge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen,
+die dem Wirtschaftsleben dienen, auch f&uuml;r die Rechte gesorgt werde,
+welche in den Verh&auml;ltnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten
+Menschen zueinander bestehen m&uuml;ssen.&nbsp;&ndash; Ein solcher Glaube
+hat seine Wurzeln nicht in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch
+kann nur dann das Rechtsverh&auml;ltnis richtig erleben, das zwischen ihm
+und anderen Menschen bestehen mu&szlig;, wenn er dieses Verh&auml;ltnis <i>nicht</i>
+auf dem Wirtschaftsgebiet erlebt, sondern auf einem davon v&ouml;llig getrennten
+Boden. Es mu&szlig; deshalb im gesunden sozialen Organismus
+<i>neben</i> dem Wirtschaftsleben und in Selbst&auml;ndigkeit ein Leben sich entfalten,
+in dem die Rechte entstehen und verwaltet werden, die von
+<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist aber dasjenige des
+eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen die Menschen
+diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben dienen m&uuml;ssen,
+in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein, so werden
+die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen
+Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er
+die F&auml;higkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine
+Ma&szlig;nahmen und Einrichtungen werden dem menschlichen Bed&uuml;rfnisse
+nach Waren dienen m&uuml;ssen; sie werden dadurch abgedr&auml;ngt von den
+Impulsen, die auf das Rechtsleben gerichtet sind.</p>
+
+<p>Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben
+dem Wirtschaftsk&ouml;rper das selbst&auml;ndige politische Staatsleben. In dem
+selbst&auml;ndigen Wirtschaftsk&ouml;rper werden die Menschen durch die Kr&auml;fte
+des wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der
+Warenerzeugung und dem Warenaustausch in der m&ouml;glichst besten Weise
+dienen. In dem politischen Staatsk&ouml;rper werden solche Einrichtungen entstehen,
+welche die gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und
+Menschengruppen in solcher Art orientieren, da&szlig; dem Rechtsbewu&szlig;tsein
+des Menschen entsprochen wird.</p>
+
+<p>Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung
+nach v&ouml;lliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet
+gestellt wird, ist ein solcher, der im <i>wirklichen</i> Menschenleben drinnen
+liegt. Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der
+Rechtsleben und Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im
+wirtschaftlichen Leben stehenden Menschen haben selbstverst&auml;ndlich
+das Rechtsbewu&szlig;tsein; aber sie werden <i>nur</i> aus diesem heraus und
+nicht aus den wirtschaftlichen Interessen Gesetzgebung und Verwaltung
+im Sinne des Rechtes besorgen, wenn sie dar&uuml;ber zu urteilen haben
+in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem Wirtschaftsleben keinen Anteil
+hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen eigenen Gesetzgebungs- und
+Verwaltungsk&ouml;rper, die beide nach den Grunds&auml;tzen aufgebaut sind,
+welche sich aus dem Rechtsbewu&szlig;tsein der neueren Zeit ergeben. Er
+wird aufgebaut sein auf den Impulsen im Menschheitsbewu&szlig;tsein, die
+man gegenw&auml;rtig die demokratischen nennt. Das Wirtschaftsgebiet wird
+aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine Gesetzgebungs- und
+Verwaltungsk&ouml;rperschaften bilden. Der notwendige Verkehr zwischen
+<i>den Leitungen</i> des Rechts- und Wirtschaftsk&ouml;rpers wird erfolgen ann&auml;hernd
+<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+wie gegenw&auml;rtig der zwischen den Regierungen souver&auml;ner Staatsgebiete.
+Durch diese Gliederung wird, was in dem einen K&ouml;rper sich entfaltet,
+auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung aus&uuml;ben
+k&ouml;nnen. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, da&szlig; das eine
+Gebiet in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zuflie&szlig;en
+soll.</p>
+
+<p>Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der
+Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes, Vorhandensein
+von Bodensch&auml;tzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der
+andern Seite von den Rechtsverh&auml;ltnissen abh&auml;ngig, welche der Staat
+zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft.
+Damit sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die T&auml;tigkeit des Wirtschaftslebens
+umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen
+schafft, die au&szlig;erhalb des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende
+Mensch hinnehmen mu&szlig; als etwas Gegebenes, auf das er
+erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so soll alles, was im Wirtschaftsbereich
+ein Rechtsverh&auml;ltnis begr&uuml;ndet von Mensch zu Mensch im gesunden
+sozialen Organismus durch den Rechtsstaat seine Regelung
+erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem Wirtschaftsleben
+selbst&auml;ndig Gegen&uuml;berstehendes sich entfaltet.</p>
+
+<p>In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen
+Werden der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter
+und durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem
+geworden ist, was der sozialen Bewegung ihr Gepr&auml;ge gibt, umfa&szlig;t das
+Wirtschaftsleben mehr, als es im gesunden sozialen Organismus umfassen
+soll. Gegenw&auml;rtig bewegt sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf,
+in dem sich blo&szlig; <i>Waren</i> bewegen sollen, auch die menschliche Arbeitskraft,
+und es bewegen sich auch Rechte. Man kann gegenw&auml;rtig
+in dem Wirtschaftsk&ouml;rper, der auf der Arbeitsteilung beruht, nicht
+allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben wirtschaftlichen
+Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen
+Rechte. (Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche T&auml;tigkeit
+zu dem geworden ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie
+durch den Menschen gebracht wird, ihrem Verbrauch zugef&uuml;hrt wird.
+Mag diese Bezeichnung manchem Volkswirtschaftslehrer auch anst&ouml;&szlig;ig
+oder nicht gen&uuml;gend erscheinen, sie kann zur Verst&auml;ndigung
+&uuml;ber das, was dem Wirtschaftsleben angeh&ouml;ren soll, ihre guten Dienste
+<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+tun.)<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Wenn jemand durch Kauf ein Grundst&uuml;ck erwirbt, so mu&szlig; das
+als ein Tausch des Grundst&uuml;ckes gegen Waren, f&uuml;r die das Kaufgeld
+als Repr&auml;sentant zu gelten hat, angesehen werden. Das Grundst&uuml;ck
+selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht in dem
+sozialen Organismus durch das <i>Recht</i> darinnen, das der Mensch auf seine
+Ben&uuml;tzung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das Verh&auml;ltnis,
+in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In
+dem letzteren Verh&auml;ltnis liegt es wesenhaft begr&uuml;ndet, da&szlig; es nicht &uuml;bergreift
+auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch,
+die dadurch hergestellt wird, da&szlig; jemandem die alleinige Ben&uuml;tzung
+eines Grundst&uuml;ckes zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen,
+die zu ihrem Lebensunterhalt von ihm zur Arbeit auf diesem Grundst&uuml;ck
+angestellt werden, oder die darauf wohnen m&uuml;ssen, in Abh&auml;ngigkeit
+von sich. Dadurch, da&szlig; man gegenseitig wirkliche Waren tauscht, die
+man produziert oder konsumiert, stellt sich eine Abh&auml;ngigkeit nicht ein,
+welche in derselben Art zwischen Mensch und Mensch wirkt.</p>
+
+<p>Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird
+einleuchten, da&szlig; sie ihren Ausdruck finden mu&szlig; in den Einrichtungen
+des gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im
+Wirtschaftsleben ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser
+Waren unabh&auml;ngig von dem Rechtsverh&auml;ltnisse zwischen Personen und
+Personengruppen. Sobald Waren gegen Rechte eingetauscht werden,
+wird das Rechtsverh&auml;ltnis selbst ber&uuml;hrt. Nicht auf den Tausch als
+solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige Lebenselement des
+gegenw&auml;rtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen Organismus; sondern
+es handelt sich darum, da&szlig; durch den Tausch des Rechtes mit
+der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht
+<i>innerhalb</i> des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch verhindert,
+da&szlig; im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen,
+die <i>nur</i> darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckm&auml;&szlig;igsten
+<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im
+Warenaustausch lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden
+und konsumierenden Personen regeln. <i>Diese</i> Rechte unterscheiden sich
+ihrem Wesen nach gar nicht von anderen Rechten, die in dem vom
+Warenaustausch ganz unabh&auml;ngigen Verh&auml;ltnis von Person zu Person bestehen
+m&uuml;ssen. Wenn ich meinen Mitmenschen durch den Verkauf einer
+Ware sch&auml;dige oder f&ouml;rdere, das geh&ouml;rt in das gleiche Gebiet des sozialen
+Lebens wie eine Sch&auml;digung oder F&ouml;rderung durch eine T&auml;tigkeit oder
+Unterlassung, die unmittelbar nicht in einem Warenaustausch zum Ausdruck
+kommt.</p>
+
+<p>In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen flie&szlig;en die Wirkungen
+aus den Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen
+T&auml;tigkeit zusammen. Im gesunden sozialen Organismus m&uuml;ssen sie aus
+zwei verschiedenen Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation
+hat die aus der Erziehung f&uuml;r einen Wirtschaftszweig und die
+aus der Erfahrung in demselben gewonnene Vertrautheit mit ihm f&uuml;r die
+leitenden Pers&ouml;nlichkeiten die n&ouml;tigen Gesichtspunkte abzugeben. In der
+Rechtsorganisation wird durch Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was
+aus dem Rechtsbewu&szlig;tsein als Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen
+zueinander gefordert wird. Die Wirtschaftsorganisation
+wird Menschen mit gleichen Berufs- oder Konsuminteressen oder mit
+in anderer Beziehung gleichen Bed&uuml;rfnissen sich zu Genossenschaften
+zusammenschlie&szlig;en lassen, die im gegenseitigen Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft
+zustande bringen. Diese Organisation wird sich auf assoziativer
+Grundlage und auf dem Verh&auml;ltnis der Assoziationen aufbauen.
+Diese Assoziationen werden eine blo&szlig; wirtschaftliche T&auml;tigkeit entfalten.
+Die Rechtsgrundlage, auf der sie arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation
+zu. Wenn solche Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen
+Interessen in den Vertretungs- und Verwaltungsk&ouml;rpern der Wirtschaftsorganisation
+zur Geltung bringen k&ouml;nnen, dann werden sie nicht
+den Drang entwickeln, in die gesetzgebende oder verwaltende Leitung des
+Rechtsstaates einzudringen (z.&nbsp;B. als Bund der Landwirte, als Partei
+der Industriellen, als wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um
+da anzustreben, was ihnen innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen
+nicht m&ouml;glich ist. Und wenn der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige
+mitwirtschaftet, dann wird er nur Einrichtungen schaffen, die
+aus dem Rechtsbewu&szlig;tsein der zu ihm geh&ouml;renden Menschen stammen.
+<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+Auch wenn in der Vertretung des Rechtsstaates, wie es ja selbstverst&auml;ndlich
+ist, dieselben Personen sitzen, die im Wirtschaftsleben t&auml;tig sind,
+so wird sich durch die Gliederung in Wirtschafts- und in Rechtsleben
+nicht ein Einflu&szlig; des Wirtschafts- auf das Rechtsleben ergeben k&ouml;nnen,
+der die Gesundheit des sozialen Organismus so untergr&auml;bt, wie sie untergraben
+werden kann, wenn die Staatsorganisation selbst Zweige des
+Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die Vertreter des Wirtschaftslebens
+aus dessen Interessen heraus Gesetze beschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens
+mit dem Rechtsleben bot &Ouml;sterreich mit der Verfassung, die es sich
+in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die
+Vertreter des Reichsrates dieses L&auml;ndergebietes wurden aus den vier
+Zweigen des Wirtschaftslebens heraus gew&auml;hlt, aus der Gemeinschaft
+der Gro&szlig;grundbesitzer, der Handelskammern, der St&auml;dte, M&auml;rkte und
+Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, da&szlig; f&uuml;r diese Zusammensetzung
+der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie
+gedacht wurde, als da&szlig; aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen
+Verh&auml;ltnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewi&szlig; ist, da&szlig; zu dem
+gegenw&auml;rtigen Zerfall &Ouml;sterreichs die auseinandertreibenden Kr&auml;fte seiner
+Nationalit&auml;ten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewi&szlig;
+kann es gelten, da&szlig; eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen
+ihre T&auml;tigkeit h&auml;tte entfalten k&ouml;nnen, aus dem Rechtsbewu&szlig;tsein
+heraus eine Gestaltung des sozialen Organismus w&uuml;rde entwickelt
+haben, in der ein Zusammenleben der V&ouml;lker m&ouml;glich geworden w&auml;re.</p>
+
+<p>Der gegenw&auml;rtig am &ouml;ffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt
+gew&ouml;hnlich seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie f&uuml;r dieses
+Leben in Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit
+dazu bringt, den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde
+aufzufassen. F&uuml;r ein <i>solches</i> Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender
+Wahlmodus finden. Denn bei <i>jedem</i> Wahlmodus m&uuml;ssen sich
+im Vertretungsk&ouml;rper die wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des
+Rechtslebens st&ouml;ren. Und was aus der St&ouml;rung f&uuml;r das soziale Leben
+flie&szlig;t, <i>mu&szlig;</i> zu Ersch&uuml;tterungen des Gesellschaftsorganismus f&uuml;hren.
+Obenan als notwendige Zielsetzung des &ouml;ffentlichen Lebens mu&szlig; gegenw&auml;rtig
+das Hinarbeiten auf eine durchgreifende Trennung des Wirtschaftslebens
+und der Rechtsorganisation stehen. Indem man sich in diese Trennung
+hineinlebt, werden die sich trennenden Organisationen aus ihren
+<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+eigenen Grundlagen heraus die besten Arten f&uuml;r die Wahlen ihrer Gesetzgeber
+und Verwalter finden. In dem, was gegenw&auml;rtig zur Entscheidung
+dr&auml;ngt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als solche
+von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in Betracht.
+Wo die alten Verh&auml;ltnisse noch vorhanden sind, w&auml;re aus diesen
+heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich
+bereits aufgel&ouml;st hat, oder in der Aufl&ouml;sung begriffen ist, m&uuml;&szlig;ten Einzelpersonen
+und B&uuml;ndnisse zwischen Personen die Initiative zu einer Neugestaltung
+versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt.
+Von heute zu morgen eine Umwandlung des &ouml;ffentlichen Lebens herbeif&uuml;hren
+zu wollen, das sehen auch vern&uuml;nftige Sozialisten als Schwarmgeisterei
+an. Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch
+eine allm&auml;hliche, sachgem&auml;&szlig;e Umwandlung. Da&szlig; aber die geschichtlichen
+Entwicklungskr&auml;fte der Menschheit gegenw&auml;rtig ein vern&uuml;nftiges Wollen
+nach der Richtung einer sozialen Neuordnung notwendig machen, das
+k&ouml;nnen jedem Unbefangenen weithinleuchtende Tatsachen lehren.</p>
+
+<p>Wer f&uuml;r &bdquo;praktisch durchf&uuml;hrbar&ldquo; nur dasjenige h&auml;lt, an das er
+sich aus engem Lebensgesichtskreis heraus gew&ouml;hnt hat, der wird das hier
+Angedeutete f&uuml;r &bdquo;unpraktisch&ldquo; halten. Kann er sich nicht bekehren, und
+beh&auml;lt er auf irgend einem Lebensgebiete Einflu&szlig;, dann wird er nicht
+zur Gesundung, sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus
+wirken, wie Leute seiner Gesinnung an der Herbeif&uuml;hrung der
+gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nde gewirkt haben.</p>
+
+<p>Die Bestrebung, mit der f&uuml;hrende Kreise der Menschheit begonnen
+haben und die zur &Uuml;berleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen
+usw.) in das Staatsleben gef&uuml;hrt hat, mu&szlig; der entgegengesetzten
+weichen: der Herausl&ouml;sung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen
+Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich
+in der Richtung nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden,
+ziehen die &auml;u&szlig;erste Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser
+bisher leitenden Kreise. Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel
+des Wirtschaftslebens, insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde
+Entwicklung wird dem wirtschaftlichen Leben seine Selbst&auml;ndigkeit
+geben und dem politischen Staate die F&auml;higkeit, durch die Rechtsordnung
+auf den Wirtschaftsk&ouml;rper so zu wirken, da&szlig; der einzelne Mensch
+seine Eingliederung in den sozialen Organismus nicht im Widerspruche
+mit seinem Rechtsbewu&szlig;tsein empfindet.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span></p>
+<p>Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken
+<i>im wirklichen Leben</i> der Menschheit begr&uuml;ndet sind, wenn man den
+Blick auf die Arbeit lenkt, welche der Mensch f&uuml;r den sozialen Organismus
+durch seine k&ouml;rperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen
+Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus
+so eingegliedert, da&szlig; sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware
+dem Arbeitnehmer abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen
+Geld (als Repr&auml;sentant der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch
+kann sich in Wirklichkeit gar nicht vollziehen. Er <i>scheint</i> sich nur zu
+vollziehen<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>. In Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter
+Waren entgegen, die nur entstehen k&ouml;nnen, wenn der Arbeiter seine
+Arbeitskraft f&uuml;r die Entstehung hingibt. Aus dem Gegenwert dieser
+Waren erh&auml;lt der Arbeiter einen Anteil, der Arbeitgeber den andern.
+Die Produktion der Waren erfolgt durch das Zusammenwirken des
+Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des gemeinsamen Wirkens
+geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens &uuml;ber. Zur Herstellung
+des Produktes ist ein Rechtsverh&auml;ltnis zwischen Arbeiter und Unternehmer
+notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische Wirtschaftsart
+in ein solches verwandelt werden, welches durch die wirtschaftliche
+&Uuml;bermacht des Arbeitgebers &uuml;ber den Arbeiter bedingt ist.
+Im gesunden sozialen Organismus mu&szlig; zutage treten, da&szlig; die Arbeit
+nicht bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit
+einer Ware einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst
+die durch Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren.
+Die Art, wie, und das Ma&szlig;, in dem ein Mensch f&uuml;r den Bestand des
+sozialen Organismus zu arbeiten hat, m&uuml;ssen aus seiner F&auml;higkeit
+heraus und aus den Bedingungen eines menschenw&uuml;rdigen Daseins geregelt
+werden. Das kann nur geschehen, wenn diese Regelung von
+dem politischen Staate aus in Unabh&auml;ngigkeit von den Verwaltungen
+des Wirtschaftslebens geschieht.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span></p>
+<p>Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen,
+die sich vergleichen l&auml;&szlig;t mit der andern, die in den Naturbedingungen
+besteht. Wie der Wert einer Ware gegen&uuml;ber einer andern
+dadurch w&auml;chst, da&szlig; die Gewinnung der Rohprodukte f&uuml;r dieselbe
+schwieriger ist als f&uuml;r die andere, so mu&szlig; der Warenwert davon
+abh&auml;ngig werden, welche Art und welches Ma&szlig; von Arbeit zum Hervorbringen
+der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden d&uuml;rfen<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p>
+
+<p>Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her
+seinen notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage,
+welche die Menschheit hinnehmen mu&szlig;, wie sie ihr gegeben
+ist, und von Seite der Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewu&szlig;tsein
+heraus auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabh&auml;ngigen politischen
+Staates geschaffen werden <i>soll</i>.</p>
+
+<p>Es ist leicht einzusehen, da&szlig; durch eine solche F&uuml;hrung des sozialen
+Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach
+dem Ma&szlig; von Arbeit, das aus dem Rechtsbewu&szlig;tsein heraus aufgewendet
+wird. Allein eine solche Abh&auml;ngigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes
+ist im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann
+verhindern, da&szlig; der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht
+werde, da&szlig; er sein Dasein nicht mehr als menschenw&uuml;rdig empfinden
+kann. Und auf dem Vorhandensein der Empfindung eines menschenunw&uuml;rdigen
+Daseins beruhen in Wahrheit alle Ersch&uuml;tterungen im sozialen
+Organismus.</p>
+
+<p>Eine M&ouml;glichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite
+her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer &auml;hnlichen
+Art, wie eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen
+wenig ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen;
+man kann, veranla&szlig;t durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes,
+die Art und das Ma&szlig; der Arbeit &auml;ndern. Aber diese &Auml;nderung
+soll nicht aus dem Kreislauf des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen,
+sondern aus der <i>Einsicht</i>, die sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben
+unabh&auml;ngigen Rechtslebens entwickelt.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span></p>
+<p>In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewu&szlig;tsein
+in der Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt
+hinein, was aus einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen
+F&auml;higkeiten des einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfa&szlig;t alles von
+den h&ouml;chsten geistigen Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke
+einflie&szlig;t durch die bessere oder weniger gute k&ouml;rperliche Eignung des
+Menschen f&uuml;r Leistungen, die dem sozialen Organismus dienen. Was
+aus dieser Quelle stammt, mu&szlig; in den gesunden sozialen Organismus
+auf ganz andere Art einflie&szlig;en, als dasjenige, was im Warenaustausch
+lebt, und was aus dem Staatsleben flie&szlig;en kann. Es gibt keine andere
+M&ouml;glichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken, als sie von
+der freien Empf&auml;nglichkeit der Menschen und von den Impulsen, die
+aus den individuellen F&auml;higkeiten selbst kommen, abh&auml;ngig sein zu
+lassen. Werden die durch solche F&auml;higkeiten erstehenden Menschenleistungen
+vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation k&uuml;nstlich
+beeinflu&szlig;t, so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen
+Lebens zum gr&ouml;&szlig;ten Teile entzogen. Diese Grundlage kann nur in
+der Kraft bestehen, welche die Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln
+m&uuml;ssen. Wird die Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben
+unmittelbar bedingt, oder vom Staate organisiert, so wird
+die freie Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r sie gel&auml;hmt. Sie ist aber allein geeignet,
+sie in gesunder Form in den sozialen Organismus einflie&szlig;en zu lassen.
+F&uuml;r das Geistesleben, mit dem auch die Entwicklung der anderen individuellen
+F&auml;higkeiten im Menschenleben durch un&uuml;bersehbar viele F&auml;den
+zusammenh&auml;ngt, ergibt sich nur eine gesunde Entwicklungsm&ouml;glichkeit,
+wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen Impulse gestellt ist,
+und wenn es in verst&auml;ndnisvollem Zusammenhange mit den Menschen
+steht, die seine Leistungen empfangen.</p>
+
+<p>Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des
+Geisteslebens gedeutet wird, das wird gegenw&auml;rtig nicht durchschaut,
+weil der rechte Blick daf&uuml;r getr&uuml;bt ist durch die Verschmelzung eines
+gro&szlig;en Teiles dieses Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung
+hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man
+hat sich in sie hineingew&ouml;hnt. Man spricht ja wohl von &bdquo;Freiheit der
+Wissenschaft und des Lehrens&ldquo;. Aber man betrachtet es als selbstverst&auml;ndlich,
+da&szlig; der politische Staat die &bdquo;freie Wissenschaft&ldquo; und das &bdquo;freie
+Lehren&ldquo; verwaltet. Man entwickelt keine Empfindung daf&uuml;r, wie dieser
+<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+Staat dadurch das Geistesleben von seinen staatlichen Bed&uuml;rfnissen
+abh&auml;ngig macht. Man denkt, der Staat schafft die Stellen, an denen
+gelehrt wird; dann k&ouml;nnen diejenigen, welche diese Stellen einnehmen,
+das Geistesleben &bdquo;frei&ldquo; entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine
+solche Meinung gew&ouml;hnt, nicht, wie eng verbunden <i>der Inhalt</i> des
+geistigen Lebens ist mit dem innersten Wesen des Menschen, in dem
+er sich entfaltet. Wie diese Entfaltung nur dann eine freie sein kann,
+wenn sie durch keine andern Impulse in den sozialen Organismus
+hineingestellt ist als allein durch solche, die aus dem Geistesleben selbst
+kommen. Durch die Verschmelzung mit dem Staatsleben hat eben nicht
+nur die Verwaltung der Wissenschaft und des Teiles des Geisteslebens,
+der mit ihr zusammenh&auml;ngt, in den letzten Jahrhunderten das Gepr&auml;ge
+erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewi&szlig;, was in Mathematik oder
+Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom Staate beeinflu&szlig;t
+werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern Kulturwissenschaften.
+Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was sich
+aus dem Zusammenhang ihrer Tr&auml;ger mit dem Staatsleben ergeben
+hat, aus den Bed&uuml;rfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen
+ihnen aufgepr&auml;gten Charakter haben die gegenw&auml;rtigen wissenschaftlich
+orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das
+Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser
+Charakter den Menschengedanken aufgepr&auml;gt wird durch die Bed&uuml;rfnisse
+des Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen
+entsprochen wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenk&auml;mpfe
+sah der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die
+Empfindung, alles Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der &ouml;konomischen
+Organisation.</p>
+
+<p>Eine solche, das geistige Leben des Menschen ver&ouml;dende Anschauung
+h&ouml;rt auf, wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet
+waltet eine &uuml;ber das materielle Au&szlig;enleben hinausgehende Wirklichkeit,
+die ihren Inhalt in sich selber tr&auml;gt. Es ist unm&ouml;glich, da&szlig; eine solche
+Empfindung ersteht, wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen
+Impulsen heraus sich innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet
+und verwaltet. Nur solche Tr&auml;ger des Geisteslebens, die innerhalb
+einer derartigen Entfaltung und Verwaltung stehen, haben die Kraft,
+diesem Leben das ihm geb&uuml;hrende Gewicht im sozialen Organismus zu
+verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung und alles, was damit
+<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+zusammenh&auml;ngt, bedarf einer solchen selbst&auml;ndigen Stellung in der
+menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben h&auml;ngt alles zusammen.
+Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des
+Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt
+nicht von den Bed&uuml;rfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen
+sind: was man von ihnen entwickelt, wie die Menschen &uuml;ber ihren Wert
+denken, welche Wirkung ihre Pflege auf das ganze &uuml;brige Geistesleben
+haben kann, und vieles andere wird durch diese Bed&uuml;rfnisse bedingt,
+wenn der Staat Zweige des Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes,
+wenn der die niederste Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des
+Staatslebens folgt; ein anderes, wenn er diese Impulse erh&auml;lt aus einem
+Geistesleben heraus, das auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie
+hat auch auf diesem Gebiete nur die Erbschaft aus den
+Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der leitenden Kreise &uuml;bernommen.
+Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige Leben in den auf
+das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftsk&ouml;rper einzubeziehen. Sie
+k&ouml;nnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte, damit den Weg
+nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung gefunden
+hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit ihrer
+Forderung: Religion m&uuml;sse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen
+Organismus mu&szlig; alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft
+gegen&uuml;ber in dem hier angedeuteten Sinn &bdquo;Privatsache&ldquo; sein. Aber
+die Sozialdemokratie geht bei der &Uuml;berweisung der Religion auf das
+Privatgebiet nicht von der Meinung aus, da&szlig; einem geistigen Gute
+dadurch eine Stellung innerhalb des sozialen Organismus geschaffen
+werde, durch die es zu einer w&uuml;nschenswerteren, h&ouml;heren Entwicklung
+kommen werde als unter dem Einflu&szlig; des Staates. Sie ist
+der Meinung, da&szlig; der soziale Organismus durch seine Mittel nur
+pflegen d&uuml;rfe, was <i>ihm</i> Lebensbed&uuml;rfnis ist. Und ein solches sei das
+religi&ouml;se Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem &ouml;ffentlichen
+Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht gedeihen,
+wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religi&ouml;se Leben der
+neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben
+seine f&uuml;r diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.</p>
+
+<p>Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses
+Geisteslebens durch die Menschheit mu&szlig; auf dem freien Seelenbed&uuml;rfnis
+beruhen. Lehrer, K&uuml;nstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur
+<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+im unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und
+Verwaltung, die aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur
+von dessen Impulsen getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens
+die Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r ihre Leistungen entwickeln k&ouml;nnen bei Menschen,
+welche durch den <i>aus sich</i> wirkenden politischen Staat davor beh&uuml;tet
+werden, nur dem Zwang zur Arbeit zu unterliegen, sondern denen das
+Recht auch die Mu&szlig;e gibt, welche das Verst&auml;ndnis f&uuml;r geistige G&uuml;ter
+weckt. Den Menschen, die sich &bdquo;Lebenspraktiker&ldquo; d&uuml;nken, mag bei
+solchen Gedanken der Glaube aufsteigen: die Menschen werden ihre Mu&szlig;ezeit
+vertrinken, und man werde in den Analphabetismus zur&uuml;ckfallen,
+wenn der Staat f&uuml;r solche Mu&szlig;e sorgt, und wenn der Besuch der Schule
+in das freie Verst&auml;ndnis der Menschen gestellt ist. M&ouml;chten solche &bdquo;Pessimisten&ldquo;
+doch abwarten, was wird, wenn die Welt nicht mehr unter ihrem
+Einflu&szlig; steht. Dieser ist nur allzu oft von einem gewissen Gef&uuml;hle bestimmt,
+das ihnen leise zufl&uuml;stert, wie sie ihre Mu&szlig;e verwenden, und
+was sie n&ouml;tig hatten, um sich ein wenig &bdquo;Bildung&ldquo; anzueignen. Mit
+der z&uuml;ndenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst gestelltes Geistesleben
+im sozialen Organismus hat, k&ouml;nnen sie ja nicht rechnen, denn das
+gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch z&uuml;ndende Kraft
+aus&uuml;ben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den
+Zuflu&szlig; aus dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst
+verwaltenden geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung
+f&uuml;r das Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken
+desselben mit dem Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten
+k&ouml;nnen. Entsprechend vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen,
+die sie im Wirtschaftsgebiet machen k&ouml;nnen durch die Kraft, die ihnen
+aus dem befreiten Geistesgut kommt, beleben. Menschen mit einer
+aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen Erfahrung werden den &Uuml;bergang
+finden in die Geistesorganisation und in derselben befruchtend
+wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden mu&szlig;.</p>
+
+<p>Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen
+gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes
+bilden. Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einflu&szlig; eines
+solchen Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung
+seiner Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen k&ouml;nnen. Er wird zu
+der Einsicht kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche
+<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+Arbeit zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht
+tragen kann. Er wird das Gef&uuml;hl von der Zusammengeh&ouml;rigkeit <i>seiner</i>
+Arbeit mit den organisierenden Kr&auml;ften, die aus der Entwicklung individueller
+menschlicher F&auml;higkeiten stammen, in sich aufnehmen k&ouml;nnen.
+Er wird auf dem Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden,
+welche ihm den Anteil sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt;
+und er wird in freier Weise dem ihm zukommenden Geistesgut
+denjenigen Anteil g&ouml;nnen, der dessen Entstehung erm&ouml;glicht. Auf dem
+Gebiet des Geisteslebens wird die M&ouml;glichkeit entstehen, da&szlig; dessen
+Hervorbringer von den Ertr&auml;gnissen ihrer Leistungen auch leben.
+Was jemand f&uuml;r sich im Gebiete des Geisteslebens treibt, wird seine
+engste Privatsache bleiben; was jemand f&uuml;r den sozialen Organismus zu
+leisten vermag, wird mit der freien Entsch&auml;digung derer rechnen k&ouml;nnen,
+denen das Geistesgut Bed&uuml;rfnis ist. Wer durch solche Entsch&auml;digung
+innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was er braucht,
+wird &uuml;bergehen m&uuml;ssen zum Gebiet des politischen Staates oder des
+Wirtschaftslebens.</p>
+
+<p>In das Wirtschaftsleben flie&szlig;en ein die aus dem geistigen Leben
+stammenden technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben,
+auch wenn sie unmittelbar von Angeh&ouml;rigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes
+kommen. Daher kommen alle die organisatorischen Ideen
+und Kr&auml;fte, welche das wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten.
+Die Entsch&auml;digung f&uuml;r diesen Zuflu&szlig; in die beiden sozialen Gebiete
+wird entweder auch durch das freie Verst&auml;ndnis derer zustande kommen,
+die auf diesen Zuflu&szlig; angewiesen sind, oder sie wird durch Rechte
+ihre Regelung finden, welche im Gebiete des politischen Staates ausgebildet
+werden. Was dieser politische Staat selber f&uuml;r seine Erhaltung
+fordert, das wird aufgebracht werden durch das Steuerrecht. Dieses
+wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des Rechtsbewu&szlig;tseins
+mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.</p>
+
+<p>Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet mu&szlig; im gesunden
+sozialen Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken.
+Nach der Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der
+Entwicklungskr&auml;fte der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche
+Leben im wesentlichen durch die Instinktkr&auml;fte eines gro&szlig;en Teiles
+der Menschheit sich f&uuml;hren lie&szlig;, trat der Drang nach dieser entschiedenen
+Gliederung nicht auf. In einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens
+<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+wirkte zusammen, was im Grunde immer aus drei Quellen stammte.
+Die neuere Zeit fordert ein bewu&szlig;tes Sichhineinstellen des Menschen in
+den Gesellschaftsorganismus. Dieses Bewu&szlig;tsein kann dem Verhalten
+und dem ganzen Leben der Menschen nur dann eine gesunde Gestaltung
+geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist. Nach dieser Orientierung
+strebt in den unbewu&szlig;ten Tiefen des Seelischen die moderne
+Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der getr&uuml;bte
+Abglanz dieses Strebens.</p>
+
+<p>Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute
+leben, tauchte aus tiefen Untergr&uuml;nden der menschlichen Natur heraus
+am Ende des 18.&nbsp;Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des
+sozialen menschlichen Organismus. Da h&ouml;rte man wie eine Devise dieser
+Neuorganisation die drei Worte: Br&uuml;derlichkeit, Gleichheit, Freiheit.
+Nun wohl, derjenige, der sich mit vorurteilslosem Sinn und mit einem
+gesunden Menschheitsempfinden einl&auml;&szlig;t auf die Wirklichkeit der menschlichen
+Entwicklung, der kann nat&uuml;rlich nicht anders, als Verst&auml;ndnis
+haben f&uuml;r alles, worauf diese Worte deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige
+Denker, welche im Laufe des 19.&nbsp;Jahrhunderts sich M&uuml;he gegeben
+haben, zu zeigen, wie es unm&ouml;glich ist, in einem einheitlichen sozialen
+Organismus diese Ideen von Br&uuml;derlichkeit, Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen.
+Solche glaubten zu erkennen, da&szlig; sich diese drei Impulse,
+wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen Organismus widersprechen
+m&uuml;ssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden z.&nbsp;B., wie unm&ouml;glich es
+ist, wenn der Impuls der <i>Gleichheit</i> sich verwirklicht, da&szlig; dann auch
+die in jedem Menschenwesen notwendig begr&uuml;ndete Freiheit zur Geltung
+komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen denen, die
+diesen Widerspruch finden; und doch mu&szlig; man zugleich aus einem allgemein
+menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale
+Sympathie haben!</p>
+
+<p>Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre
+soziale Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen
+der notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die
+drei Glieder sollen nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder
+sonstigen Einheit zusammengef&uuml;gt und zentralisiert sein. Sie sollen
+lebendige Wirklichkeit sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in
+sich zentralisiert sein; und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken
+kann erst die Einheit des sozialen Gesamtorganismus
+<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+entstehen. Im wirklichen Leben wirkt eben das scheinbar Widerspruchsvolle
+zu einer Einheit zusammen. Daher wird man zu einer
+Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man imstande
+ist, die wirklichkeitsgem&auml;&szlig;e Gestaltung dieses sozialen Organismus
+mit Bezug auf Br&uuml;derlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen.
+Dann wird man erkennen, da&szlig; das Zusammenwirken der
+Menschen im <i>Wirtschaftsleben</i> auf derjenigen Br&uuml;derlichkeit ruhen mu&szlig;,
+die aus den Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem
+System des <i>&ouml;ffentlichen Rechts</i>, wo man es zu tun hat mit dem rein
+menschlichen Verh&auml;ltnis von Person zu Person, hat man zu erstreben
+die Verwirklichung der Idee der Gleichheit. Und auf dem <i>geistigen
+Gebiete</i>, das in relativer Selbst&auml;ndigkeit im sozialen Organismus steht,
+hat man es zu tun mit der Verwirklichung des Impulses der Freiheit.
+So angesehen, zeigen diese drei Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie
+k&ouml;nnen sich nicht in einem chaotischen sozialen Leben realisieren, sondern
+nur in dem gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus. Nicht ein
+abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann durcheinander die Ideale der
+Freiheit, Gleichheit und Br&uuml;derlichkeit verwirklichen, sondern jedes der
+drei Glieder des sozialen Organismus kann aus einem dieser Impulse
+seine Kraft sch&ouml;pfen. Und es wird dann in fruchtbarer Art mit den
+andern Gliedern zusammenwirken k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18.&nbsp;Jahrhunderts die
+Forderung nach Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit
+und Br&uuml;derlichkeit erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie sp&auml;ter
+wiederholt haben, sie konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskr&auml;fte
+der neueren Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich
+nicht den Glauben an den Einheitsstaat &uuml;berwunden. F&uuml;r diesen
+bedeuten ihre Ideen etwas Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu
+dem Widersprechenden, weil in den unterbewu&szlig;ten Tiefen ihres Seelenlebens
+der Drang nach der Dreigliederung des sozialen Organismus
+wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu einer h&ouml;heren Einheit
+werden kann. Die Entwicklungskr&auml;fte, die in dem Werden der neueren
+Menschheit nach dieser Dreigliederung hindr&auml;ngen, zum bewu&szlig;ten sozialen
+Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden sozialen
+<i>Tatsachen</i> der Gegenwart.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span></p>
+
+<h2><a name="kap03" id="kap03"></a><a href="#inhalt">III. Kapitalismus und soziale Ideen<br />
+<span class="small">(Kapital, Menschenarbeit)</span></a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">M</span>an kann nicht zu einem Urteile dar&uuml;ber kommen, welche Handlungsweise
+auf sozialem Gebiete gegenw&auml;rtig durch die laut sprechenden
+Tatsachen gefordert wird, wenn man nicht den Willen hat,
+dieses Urteil bestimmen zu lassen von einer Einsicht in die Grundkr&auml;fte
+des sozialen Organismus. Der Versuch, eine solche Einsicht zu gewinnen,
+liegt der hier vorangehenden Darstellung zugrunde. Mit Ma&szlig;nahmen,
+die sich nur auf ein Urteil st&uuml;tzen, das aus einem eng umgrenzten Beobachtungskreis
+gewonnen ist, kann man heute etwas Fruchtbares nicht
+bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung herausgewachsen
+sind, offenbaren St&ouml;rungen in den Grundlagen des sozialen
+Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfl&auml;che vorhanden
+sind. Ihnen gegen&uuml;ber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die
+bis zu den Grundlagen vordringen.</p>
+
+<p>Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man
+auf das hin, worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedr&uuml;ckung
+sucht. Zu einem fruchtbaren Urteil &uuml;ber die Art, wie das
+Kapital f&ouml;rdernd oder hemmend in den Kreisl&auml;ufen des sozialen Organismus
+wirkt, kann man aber nur kommen, wenn man durchschaut,
+wie die individuellen F&auml;higkeiten der Menschen, wie die Rechtsbildung
+und wie die Kr&auml;fte des Wirtschaftslebens das Kapital erzeugen und verbrauchen.&nbsp;&ndash;
+Spricht man von der Menschenarbeit, so deutet man
+auf das, was mit der Naturgrundlage der Wirtschaft und dem Kapital
+zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und an dem der Arbeiter
+zum Bewu&szlig;tsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil dar&uuml;ber,
+wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt
+sein mu&szlig;, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner
+Menschenw&uuml;rde nicht zu st&ouml;ren, ergibt sich nur, wenn man das Verh&auml;ltnis
+ins Auge fassen will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der
+<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+individuellen F&auml;higkeiten einerseits und zum Rechtsbewu&szlig;tsein anderseits
+hat.</p>
+
+<p>Man fragt gegenw&auml;rtig mit Recht, was zu <i>allern&auml;chst</i> zu tun ist,
+um den in der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu
+werden. Man wird auch das <i>Allern&auml;chste</i> nicht in fruchtbarer Art vollbringen
+k&ouml;nnen, wenn man nicht <i>wei&szlig;</i>, welches Verh&auml;ltnis das zu Vollbringende
+zu den Grundlagen des gesunden sozialen Organismus haben
+soll. Und wei&szlig; man dieses, dann wird man an dem Platze, an den man
+gestellt ist, oder an den man sich zu stellen vermag, die Aufgaben finden
+k&ouml;nnen, die sich aus den Tatsachen heraus ergeben. Der Gewinnung
+einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt sich, das unbefangene
+Urteil beirrend, gegen&uuml;ber, was im Laufe langer Zeit aus menschlichem
+Wollen in soziale Einrichtungen &uuml;bergegangen ist. Man hat sich
+in die Einrichtungen so eingelebt, da&szlig; man aus ihnen heraus sich Ansichten
+gebildet hat &uuml;ber dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu
+ver&auml;ndern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die
+doch der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen,
+da&szlig; man nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen
+kann als durch Zur&uuml;ckgehen zu den <i>Urgedanken</i>, die allen sozialen Einrichtungen
+zugrunde liegen.</p>
+
+<p>Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kr&auml;fte,
+welche in diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen
+Organismus zuflie&szlig;en, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die
+nicht lebenf&ouml;rdernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven
+Impulsen der Menschen aber leben mehr oder weniger unbewu&szlig;t die
+Urgedanken fort, auch wenn die vollbewu&szlig;ten Gedanken in die Irre
+gehen und lebenhemmende Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen
+haben. Und diese Urgedanken, die einer lebenhemmenden Tatsachenwelt
+gegen&uuml;ber chaotisch sich &auml;u&szlig;ern, sind es, die offenbar oder verh&uuml;llt
+in den revolution&auml;ren Ersch&uuml;tterungen des sozialen Organismus zutage
+treten. Diese Ersch&uuml;tterungen werden nur dann nicht eintreten,
+wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, da&szlig; in ihm
+jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine
+Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen
+sich bildet, und wo zugleich die M&ouml;glichkeit besteht, dieser Abweichung
+entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verh&auml;ngnistragende St&auml;rke
+gewonnen hat.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></p>
+<p>In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die
+Abweichungen von den durch die Urgedanken geforderten Zust&auml;nden
+gro&szlig; geworden. Und das Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse
+in Menschenseelen steht als eine durch Tatsachen laut sprechende
+Kritik da &uuml;ber das, was sich im sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte
+gestaltet hat. Daher bedarf es des guten Willens, in energischer
+Weise zu den Urgedanken sich zu wenden und nicht zu verkennen,
+wie sch&auml;dlich es gerade heute ist, diese Urgedanken als &bdquo;unpraktische&ldquo;
+Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen.
+In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bev&ouml;lkerung
+lebt die Tatsachen-Kritik &uuml;ber dasjenige, was die neuere Zeit aus dem
+sozialen Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegen&uuml;ber
+ist, der einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, da&szlig; man
+aus dem Urgedanken heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen
+<i>bewu&szlig;t</i> gelenkt werden m&uuml;ssen. Denn die Zeit ist abgelaufen,
+in der der Menschheit gen&uuml;gen kann, was bisher die instinktive Lenkung
+zustande gebracht hat.</p>
+
+<p>Eine der Grundfragen, die aus der zeitgen&ouml;ssischen Kritik heraus auftreten,
+ist die, in welcher Art die Bedr&uuml;ckung aufh&ouml;ren kann, welche die
+proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat.
+Der Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die k&ouml;rperliche
+Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er
+herzustellen unternimmt. Man mu&szlig; in dem sozialen Verh&auml;ltnis, das in
+dem Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht,
+drei Glieder unterscheiden: die Unternehmert&auml;tigkeit, die auf der Grundlage
+der individuellen F&auml;higkeiten einer Person oder einer Gruppe von
+Personen beruhen mu&szlig;; das Verh&auml;ltnis des Unternehmers zum Arbeiter,
+das ein Rechtverh&auml;ltnis sein mu&szlig;; das Hervorbringen einer Sache,
+die im Kreislauf des Wirtschaftslebens einen Warenwert erh&auml;lt. Die
+Unternehmert&auml;tigkeit kann in gesunder Art nur dann in den sozialen
+Organismus eingreifen, wenn in dessen Leben Kr&auml;fte wirken, welche
+die individuellen F&auml;higkeiten der Menschen in der m&ouml;glichst besten
+Art in die Erscheinung treten lassen. Das kann nur geschehen, wenn
+ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist, das dem F&auml;higen
+die freie Initiative gibt, von seinen F&auml;higkeiten Gebrauch zu machen,
+und das die Beurteilung des Wertes dieser F&auml;higkeiten durch freies
+Verst&auml;ndnis f&uuml;r dieselben bei andern Menschen erm&ouml;glicht. Man sieht:
+<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+die soziale Bet&auml;tigung eines Menschen durch Kapital geh&ouml;rt in dasjenige
+Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben Gesetzgebung
+und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Bet&auml;tigung der politische
+Staat hinein, so mu&szlig; notwendigerweise die Verst&auml;ndnislosigkeit
+gegen&uuml;ber den individuellen F&auml;higkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend
+sein. Denn der politische Staat mu&szlig; auf dem beruhen, und er
+mu&szlig; das in Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche
+Lebensforderung vorhanden ist. Er mu&szlig; in seinem Bereich alle Menschen
+zur Geltendmachung ihres Urteils kommen lassen. F&uuml;r dasjenige, was
+er zu vollbringen hat, kommt Verst&auml;ndnis oder Nichtverst&auml;ndnis f&uuml;r
+individuelle F&auml;higkeiten nicht in Betracht. Daher darf, was in ihm zur
+Verwirklichung kommt, auch keinen Einflu&szlig; haben auf die Bet&auml;tigung
+der individuellen menschlichen F&auml;higkeiten. Ebensowenig sollte der
+Ausblick auf den wirtschaftlichen Vorteil bestimmend sein k&ouml;nnen f&uuml;r
+die durch Kapital erm&ouml;glichte Auswirkung der individuellen F&auml;higkeiten.
+Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler des Kapitalismus
+sehr vieles. Sie vermeinen, da&szlig; nur durch diesen Anreiz des Vorteils
+die individuellen F&auml;higkeiten zur Bet&auml;tigung gebracht werden k&ouml;nnen.
+Und sie berufen sich als &bdquo;Praktiker&ldquo; auf die &bdquo;unvollkommene&ldquo; Menschennatur,
+die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen Gesellschaftsordnung,
+welche die gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nde gezeitigt hat,
+hat die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung
+erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die
+Ursache der Zust&auml;nde, die jetzt erlebt werden k&ouml;nnen. Und diese Zust&auml;nde
+dr&auml;ngen nach Entwicklung eines andern Antriebes f&uuml;r die Bet&auml;tigung
+der individuellen F&auml;higkeiten. Dieser Antrieb wird in dem
+aus einem gesunden Geistesleben erflie&szlig;enden <i>sozialen Verst&auml;ndnis</i> liegen
+m&uuml;ssen. Die Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien
+Geisteslebens heraus den Menschen mit Impulsen ausr&uuml;sten, die ihn dazu
+bringen, kraft dieses ihm innewohnenden Verst&auml;ndnisses das zu verwirklichen,
+wozu seine individuellen F&auml;higkeiten dr&auml;ngen.</p>
+
+<p>Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewi&szlig;,
+die Schwarmgeisterei hat unerme&szlig;lich gro&szlig;es Unheil auf dem Gebiete
+des sozialen Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier
+dargestellte Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden
+ersehen kann, auf dem Wahnglauben, da&szlig; &bdquo;der Geist&ldquo; Wunder wirken
+werde, wenn diejenigen m&ouml;glichst viel von ihm sprechen, die ihn zu
+<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+haben meinen; sondern sie geht hervor aus der Beobachtung des freien
+Zusammenwirkens der Menschen auf geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken
+erh&auml;lt durch seine eigene Wesenheit ein soziales Gepr&auml;ge,
+wenn es sich nur <i>wahrhaft frei</i> entwickeln kann.</p>
+
+<p>Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepr&auml;ge
+nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben
+sich die geistigen Kr&auml;fte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen
+dieser Kr&auml;fte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit
+abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht
+worden ist, konnte nur in k&uuml;nstlicher Weise an die proletarische Menschheit
+herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende
+Kraft aus diesem Geistesleben sch&ouml;pfen, denn sie nahm nicht
+<i>wirklich</i> an dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen f&uuml;r
+&bdquo;volkst&uuml;mliche Belehrung&ldquo;, das &bdquo;Heranziehen&ldquo; des &bdquo;Volkes&ldquo; zum Kunstgenu&szlig;
+und &Auml;hnliches sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung
+des Geistesgutes im Volke, so lange dieses Geistesgut den Charakter beibeh&auml;lt,
+den es in der neueren Zeit angenommen hat. Denn das &bdquo;Volk&ldquo;
+steht mit dem innersten Anteil seines Menschenwesens nicht in dem Leben
+dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm nur erm&ouml;glicht, gewisserma&szlig;en
+von einem Gesichtspunkte aus, der au&szlig;erhalb desselben liegt, darauf
+hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im engern Sinne gilt,
+das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen des geistigen
+Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche Leben einflie&szlig;en.
+Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische Arbeiter
+nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe ber&uuml;hrt werden,
+w&auml;hrend der Kapitalist allein wei&szlig;, welches das Schicksal der erzeugten
+Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll mit vollem
+Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln k&ouml;nnen &uuml;ber die Art, wie er
+sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung der Waren
+arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden m&uuml;ssen
+wie die Arbeit selbst, sollen regelm&auml;&szlig;ig von dem Unternehmer veranstaltet
+werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen Vorstellungskreises,
+der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschlie&szlig;t. Ein gesundes
+Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verst&auml;ndnis daf&uuml;r erzeugen,
+da&szlig; eine rechte Bet&auml;tigung des Kapitalverwalters den sozialen Organismus
+und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst f&ouml;rdert.
+Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+&Ouml;ffentlichkeit seiner Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung zu einem einwandfreien Gebaren
+veranla&szlig;t.</p>
+
+<p>Nur, wer gar keinen Sinn hat f&uuml;r die soziale Wirkung des innerlichen
+vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird
+das Gesagte f&uuml;r bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der
+wird durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivit&auml;t gef&ouml;rdert wird,
+wenn die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens
+in dem Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das blo&szlig;
+wegen des Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung
+kann nur dann, wenn diese Voraussetzung erf&uuml;llt ist, dem sachlichen
+Interesse an der Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen
+von Leistungen Platz machen.</p>
+
+<p>Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung
+der Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem
+Streben berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden k&ouml;nnen,
+da&szlig; diese Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch
+wird der wirtschaftliche Zwang unm&ouml;glich gemacht, der vom
+Kapitalisten dann ausgeht und als menschenunw&uuml;rdig empfunden wird,
+wenn der Kapitalist seine T&auml;tigkeit aus den Kr&auml;ften des Wirtschaftslebens
+heraus entfaltet. Und es wird die L&auml;hmung der individuellen menschlichen
+F&auml;higkeiten nicht eintreten k&ouml;nnen, die als eine Folge sich ergeben
+mu&szlig;, wenn diese F&auml;higkeiten vom politischen Staate verwaltet werden.</p>
+
+<p>Das Ertr&auml;gnis einer Bet&auml;tigung durch Kapital und individuelle menschliche
+F&auml;higkeiten mu&szlig; im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige
+Leistung aus der freien Initiative des T&auml;tigen einerseits sich ergeben
+und anderseits aus dem freien Verst&auml;ndnis anderer Menschen, die nach
+dem Vorhandensein der Leistung des T&auml;tigen verlangen. Mit der freien
+Einsicht des T&auml;tigen mu&szlig; auf diesem Gebiete im Einklange stehen die
+Bemessung dessen, was er als Ertr&auml;gnis seiner Leistung&nbsp;&ndash; nach den Vorbereitungen,
+die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen,
+die er machen mu&szlig;, um sie zu erm&ouml;glichen usw.&nbsp;&ndash; ansehen
+will. Er wird seine Anspr&uuml;che nur dann befriedigt finden k&ouml;nnen, wenn
+ihm Verst&auml;ndnis f&uuml;r seine Leistungen entgegengebracht wird.</p>
+
+<p>Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten
+liegen, wird der Boden geschaffen f&uuml;r ein wirklich freies
+Vertragsverh&auml;ltnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses
+Verh&auml;ltnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw.
+<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+Geld) f&uuml;r Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den
+eine jede der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande
+bringen.</p>
+
+<p>Was auf der Grundlage des Kapitals f&uuml;r den sozialen Organismus
+geleistet wird, <i>beruht seinem Wesen nach</i> auf der Art, wie die individuellen
+menschlichen F&auml;higkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die
+Entwicklung dieser F&auml;higkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden
+Impuls erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in
+einem sozialen Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung
+des politischen Staates oder in die Kr&auml;fte des Wirtschaftslebens einspannt,
+wird die wirkliche Produktivit&auml;t alles dessen, was Kapitalaufwendung
+notwendig macht, auf dem beruhen, was sich an freien individuellen
+Kr&auml;ften durch die l&auml;hmenden Einrichtungen hindurchzw&auml;ngt.
+Nur wird eine Entwicklung unter solchen Voraussetzungen eine ungesunde
+sein. Nicht die freie Entfaltung der auf Grundlage des Kapitals
+wirkenden individuellen F&auml;higkeiten hat Zust&auml;nde hervorgerufen, innerhalb
+welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein mu&szlig;, sondern die
+Fesselung dieser Kr&auml;fte durch das politische Staatsleben oder durch den
+Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu durchschauen, ist in
+der Gegenwart eine Voraussetzung f&uuml;r alles, was auf dem Gebiete der
+sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit hat den Aberglauben
+hervorgebracht, da&szlig; aus dem politischen Staate oder dem Wirtschaftsleben
+die Ma&szlig;nahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen
+Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus
+diesem Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen
+schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem f&uuml;hren, was sie
+erstrebt, sondern zu einer unbegrenzten Vergr&ouml;&szlig;erung des Bedr&uuml;ckenden,
+das sie abgewendet sehen m&ouml;chte.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in
+welcher dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsproze&szlig;
+verursacht hat. Den Krankheitsproze&szlig; erlebt man; man sieht,
+da&szlig; ihm entgegengearbeitet werden mu&szlig;. Man mu&szlig; <i>mehr</i> sehen. Man
+mu&szlig; gewahr werden, da&szlig; die Krankheit ihren Ursprung hat in dem
+Aufsaugen der im Kapital wirksamen Kr&auml;fte durch den Kreislauf des
+Wirtschaftslebens. Derjenige nur kann in der Richtung dessen wirken,
+was die Entwicklungskr&auml;fte der Menschheit in der Gegenwart energisch
+zu fordern beginnen, der sich nicht in Illusionen treiben l&auml;&szlig;t durch die
+<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+Vorstellungsart, welche in der Verwaltung der Kapitalbet&auml;tigung durch
+das befreite Geistesleben das Ergebnis eines &bdquo;unpraktischen Idealismus&ldquo;
+sieht.</p>
+
+<p>In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die
+soziale Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen
+unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man
+kn&uuml;pft an dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angeh&ouml;rt.
+Man sieht, wie in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Gro&szlig;betrieb,
+und dieser zur gegenw&auml;rtigen Form des Kapitalismus gef&uuml;hrt
+hat. An die Stelle dieser Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche
+treten, die f&uuml;r den Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man
+aber selbstverst&auml;ndlich die Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln
+beibehalten will, verlangt man die Zusammenfassung der Betriebe
+in eine einzige gro&szlig;e Genossenschaft. In einer solchen, denkt man,
+produziere ein jeder im Auftrage der Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch
+sein k&ouml;nne, weil sie sich selbst ausbeutete. Und da man an
+Bestehendes ankn&uuml;pfen will oder mu&szlig;, blickt man nach dem modernen
+Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft verwandeln will.</p>
+
+<p>Man bemerkt dabei nicht, da&szlig; man von einer solchen Genossenschaft
+sich Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten k&ouml;nnen, je
+gr&ouml;&szlig;er die Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen
+menschlichen F&auml;higkeiten in den Organismus der Genossenschaft
+so gestaltet wird, wie es in diesen Ausf&uuml;hrungen dargestellt worden ist,
+kann die Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung
+des sozialen Organismus f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Da&szlig; f&uuml;r ein unbefangenes Urteil &uuml;ber das Eingreifen des Geisteslebens
+in den sozialen Organismus gegenw&auml;rtig wenig Veranlagung vorhanden
+ist, r&uuml;hrt davon her, da&szlig; man sich gew&ouml;hnt hat, das Geistige
+m&ouml;glichst fern von allem Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es
+wird nicht wenige geben, die etwas Groteskes in der hier dargestellten
+Ansicht finden, da&szlig; in der Bet&auml;tigung des Kapitals im Wirtschaftsleben
+die Auswirkung eines Teiles des geistigen Lebens sich offenbaren soll.
+Man kann sich denken, da&szlig; in dieser Charakterisierung des als grotesk
+Dargestellten Zugeh&ouml;rige der bisher leitenden Menschenklassen mit sozialistischen
+Denkern &uuml;bereinstimmen. Man wird, um die Bedeutung dieses
+grotesk Befundenen f&uuml;r eine Gesundung des sozialen Organismus einzusehen,
+den Blick richten m&uuml;ssen in gewisse Gedankenstr&ouml;mungen der
+<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+Gegenwart, die in ihrer Art redlichen Seelenimpulsen entspringen, die
+aber des Entstehen eines wirklich sozialen Denkens dort hemmen, wo
+sie Eingang finden.</p>
+
+<p>Diese Gedankenstr&ouml;mungen streben&nbsp;&ndash; mehr oder weniger unbewu&szlig;t&nbsp;&ndash;
+hinweg von dem, was dem inneren Erleben die rechte Sto&szlig;kraft gibt.
+Sie erstreben eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein
+nach wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewisserma&szlig;en
+wie eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der
+Lage, die Br&uuml;cke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was
+den Menschen in die Allt&auml;glichkeit einspannt. Man kann sehen, wie
+viele Menschen der Gegenwart es gewisserma&szlig;en &bdquo;innerlich vornehm&ldquo;
+finden, in einer gewissen, sei es auch schulm&auml;&szlig;igen Abstraktheit nachzudenken
+&uuml;ber allerlei ethisch-religi&ouml;se Probleme in Wolkenkuckucksheimh&ouml;hen;
+man kann sehen, wie die Menschen nachdenken &uuml;ber die
+Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen k&ouml;nne, wie er
+in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er begnadet
+werden kann mit einem &bdquo;inneren Lebensinhalt&ldquo;. Man sieht dann aber
+auch das Unverm&ouml;gen, einen &Uuml;bergang zu erm&ouml;glichen von dem, was
+die Leute gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich
+nennen, zu dem, was in der &auml;u&szlig;ern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen
+umgibt als Kapitalwirkung, als Arbeitsentl&ouml;hnung, als Konsum, als
+Produktion, als Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und B&ouml;rsenwesen.
+Man kann sehen, wie zwei Weltenstr&ouml;mungen nebeneinandergestellt
+werden auch in den Denkgewohnheiten der Menschen. Die <i>eine</i>
+Weltenstr&ouml;mung ist die, welche sich gewisserma&szlig;en in g&ouml;ttlich-geistiger
+H&ouml;he halten will, die keine Br&uuml;cke bauen will zwischen dem, was ein geistiger
+Impuls ist, und was eine Tatsache des gew&ouml;hnlichen Handelns im
+Leben ist. Die <i>andere</i> lebt gedankenlos im Allt&auml;glichen. Das Leben aber
+ist ein einheitliches. Es kann nur gedeihen, wenn die es treibenden Kr&auml;fte
+von allem ethisch-religi&ouml;sen Leben herunterwirken in das allerallt&auml;glichste
+profanste Leben, in dasjenige Leben, das manchem eben weniger
+vornehm erscheint. Denn, vers&auml;umt man, die Br&uuml;cke zu schlagen
+zwischen den beiden Lebensgebieten, so verf&auml;llt man in bezug auf religi&ouml;ses,
+sittliches Leben <i>und auf soziales Denken</i> in blo&szlig;e Schwarmgeisterei,
+die fernsteht der allt&auml;glichen wahren Wirklichkeit. Es r&auml;cht sich dann
+gewisserma&szlig;en diese allt&auml;glich-wahre Wirklichkeit. Dann strebt der
+Mensch aus einem gewissen &bdquo;geistigen&ldquo; Impuls heraus alles m&ouml;gliche Ideale
+<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+an, alles m&ouml;gliche, was er &bdquo;gut&ldquo; nennt; aber denjenigen Instinkten, die
+diesen &bdquo;Idealen&ldquo; gegen&uuml;berstehen als Grundlage der gew&ouml;hnlichen t&auml;glichen
+Lebensbed&uuml;rfnisse, deren Befriedigung aus der Volkswirtschaft
+heraus kommen mu&szlig;, diesen Instinkten gibt sich der Mensch ohne
+&bdquo;Geist&ldquo; hin. Er wei&szlig; keinen wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en Weg von dem Begriff
+der Geistigkeit zu dem, was im allt&auml;glichen Leben vor sich geht.
+Dadurch nimmt dieses allt&auml;gliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu
+tun haben soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren,
+seelisch-geistigen H&ouml;hen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache
+der Allt&auml;glichkeit eine solche, da&szlig; das ethisch-religi&ouml;se Leben zu einer
+innerlichen Lebensl&uuml;ge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne
+h&auml;lt von der allt&auml;glichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne da&szlig;
+man es merkt.</p>
+
+<p>Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen
+ethisch-religi&ouml;sen Vornehmheit heraus den besten <i>Willen</i> zeigen zu einem
+rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen
+nur das Allerallerbeste tun m&ouml;chten. Sie vers&auml;umen es aber, zu einer
+Empfindungsart zu kommen, die dies wirklich erm&ouml;glicht, weil sie sich
+kein soziales, in den <i>praktischen</i> Lebensgewohnheiten sich auswirkendes
+Vorstellen aneignen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem
+welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so dr&auml;ngend geworden
+sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber f&uuml;r echte Lebenspraktiker
+halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen.
+Man kann von ihnen Reden h&ouml;ren wie diese: Wir haben n&ouml;tig, da&szlig; die
+Menschen sich erheben aus dem Materialismus, aus dem &auml;u&szlig;erlich
+materiellen Leben, das uns in die Weltkriegs-Katastrophe und in das
+Ungl&uuml;ck hineingetrieben hat, und da&szlig; sie sich einer geistigen Auffassung
+des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so die Wege des Menschen
+zur Geistigkeit zeigen will, nicht m&uuml;de, diejenigen Pers&ouml;nlichkeiten zu
+zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem Geiste zugewendeten
+Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, da&szlig; jemand,
+der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist
+f&uuml;r das wirkliche praktische Leben so notwendig leisten mu&szlig;, wie das
+t&auml;gliche Brot erzeugt werden mu&szlig;, darauf aufmerksam gemacht wird,
+da&szlig; es ja in erster Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur
+Anerkennung des Geistes zu bringen. Es kommt aber gegenw&auml;rtig
+<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+darauf an, da&szlig; aus der Kraft des geistigen Lebens heraus die Richtlinien
+f&uuml;r die Gesundung des sozialen Organismus gefunden werden.
+Dazu gen&uuml;gt nicht, da&szlig; die Menschen in einer Seitenstr&ouml;mung des
+Lebens sich mit dem Geiste besch&auml;ftigen. Dazu ist notwendig, da&szlig;
+das allt&auml;gliche Dasein geistgem&auml;&szlig; werde. Die Neigung, f&uuml;r das &bdquo;geistige
+Leben&ldquo; solche Seitenstr&ouml;mungen zu suchen, f&uuml;hrte die bisher leitenden
+Kreise dazu, an sozialen Zust&auml;nden Geschmack zu haben, die in die
+gegenw&auml;rtigen Tatsachen ausgelaufen sind.</p>
+
+<p>Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung
+des Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel,
+also auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verh&auml;ltnisse
+des Menschen zum Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung
+innerhalb des sozialen Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen
+F&auml;higkeiten f&uuml;hrt, zweckm&auml;&szlig;ig angewendet, dem sozialen Organismus
+G&uuml;ter zu, an deren Vorhandensein alle Menschen, die diesem
+Organismus angeh&ouml;ren, ein Interesse haben. In welcher Lebenslage ein
+Mensch auch ist, er hat ein Interesse daran, da&szlig; nichts von dem verloren
+gehe, was aus den Quellen der Menschennatur an solchen individuellen
+F&auml;higkeiten erflie&szlig;t, durch die G&uuml;ter zustande kommen, welche
+dem Menschenleben zweckentsprechend dienen. Die Entwicklung dieser
+F&auml;higkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, da&szlig; ihre menschlichen
+Tr&auml;ger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur Wirkung bringen
+k&ouml;nnen. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erflie&szlig;en kann, das
+wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade
+entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche F&auml;higkeiten f&uuml;r weite
+Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten
+Kapitalbesitz so zu verwalten, da&szlig; der einzelne in besonderer Richtung
+begabte Mensch oder da&szlig; zu Besonderem bef&auml;higte Menschengruppen
+zu einer solchen Verf&uuml;gung &uuml;ber Kapital kommen, die lediglich aus ihrer
+ureigenen Initiative entspringt, daran mu&szlig; jedermann innerhalb eines
+sozialen Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter
+bis zum handwerklich Schaffenden mu&szlig; ein jeder Mensch, wenn er
+vorurteilslos dem eigenen Interesse dienen will, sagen: ich m&ouml;chte, da&szlig;
+eine gen&uuml;gend gro&szlig;e Anzahl bef&auml;higter Personen oder Personengruppen
+v&ouml;llig frei &uuml;ber Kapital nicht nur verf&uuml;gen k&ouml;nnen, sondern da&szlig; sie
+auch aus der eigenen Initiative heraus zu dem Kapitale gelangen k&ouml;nnen;
+denn nur sie allein k&ouml;nnen ein Urteil dar&uuml;ber haben, wie durch die
+<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+Vermittlung des Kapitales ihre individuellen F&auml;higkeiten dem sozialen
+Organismus zweckm&auml;&szlig;ig G&uuml;ter erzeugen werden.</p>
+
+<p>Es ist nicht n&ouml;tig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im
+Laufe der Menschheitsentwicklung zusammenh&auml;ngend mit der Bet&auml;tigung
+der menschlichen individuellen F&auml;higkeiten im sozialen Organismus sich
+der Privatbesitz aus andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart
+hat sich unter dem Einflu&szlig; der Arbeitsteilung innerhalb dieses
+Organismus ein solcher Besitz entwickelt. Und von den gegenw&auml;rtigen
+Zust&auml;nden und deren notwendiger Weiterentwicklung soll hier gesprochen
+werden.</p>
+
+<p>Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und
+Eroberungsbet&auml;tigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle
+menschliche F&auml;higkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht
+gegenw&auml;rtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, da&szlig; sein
+Bedr&uuml;ckendes nur beseitigt werden k&ouml;nne durch seine Verwandlung in
+Gemeinbesitz. Dabei stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz
+an Produktionsmitteln in seinem Entstehen verhindert werden,
+damit die durch ihn bewirkte Bedr&uuml;ckung der besitzlosen Bev&ouml;lkerung
+aufh&ouml;re? Wer die Frage so stellt, der richtet dabei sein Augenmerk
+nicht auf die Tatsache, da&szlig; der soziale Organismus ein fortw&auml;hrend
+<i>Werdendes</i>, <i>Wachsendes</i> ist. Man kann diesem Wachsenden gegen&uuml;ber
+nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es durch
+diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den
+richtigen erkannt hat? So kann man gegen&uuml;ber einer Sache denken,
+die von einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unver&auml;ndert
+weiter wirkt. Das gilt nicht f&uuml;r den sozialen Organismus. Der ver&auml;ndert
+durch sein Leben fortw&auml;hrend dasjenige, das in ihm entsteht.
+Will man ihm eine vermeintlich beste Form geben, in der er dann
+bleiben soll, so untergr&auml;bt man seine Lebensbedingungen.</p>
+
+<p>Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, da&szlig; demjenigen,
+welcher der Allgemeinheit durch seine individuellen F&auml;higkeiten dienen
+kann, die M&ouml;glichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative
+heraus nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verf&uuml;gung
+&uuml;ber Produktionsmittel geh&ouml;rt, da w&uuml;rde die Verhinderung dieser
+freien Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gew&ouml;hnlich
+mit Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, da&szlig; der Unternehmer
+zum Anreiz seiner T&auml;tigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht,
+<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+der an den Besitz der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier
+nicht geltend gemacht werden. Denn die Denkart, aus welcher die in
+diesem Buche dargestellte Meinung von einer Fortentwicklung der
+sozialen Verh&auml;ltnisse erflie&szlig;t, mu&szlig; in der Befreiung des geistigen
+Lebens von dem politischen und dem wirtschaftlichen Gemeinwesen
+die M&ouml;glichkeit sehen, da&szlig; ein solcher Anreiz wegfallen kann. Das
+befreite Geistesleben wird soziales Verst&auml;ndnis ganz notwendig aus sich
+selbst entwickeln; und aus diesem Verst&auml;ndnis werden Anreize ganz
+anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der Hoffnung auf
+wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich allein
+handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an Produktionsmitteln
+bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie Verf&uuml;gung
+&uuml;ber solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den
+Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei mu&szlig;
+immer im Auge behalten werden, da&szlig; man f&uuml;r den gegenw&auml;rtigen
+sozialen Organismus nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen
+kann, die man bei primitiven Menschengesellschaften zu beobachten
+glaubt, sondern allein diejenigen, welche der heutigen Entwicklungsstufe
+der Menschheit entsprechen.</p>
+
+<p>Auf dieser gegenw&auml;rtigen Stufe <i>kann</i> eben die fruchtbare Bet&auml;tigung
+der individuellen F&auml;higkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verf&uuml;gung
+&uuml;ber dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten.
+Wo fruchtbringend produziert werden soll, da mu&szlig; diese Verf&uuml;gung
+m&ouml;glich sein, <i>nicht</i> weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe
+Vorteil bringt, sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann,
+wenn sie zweckm&auml;&szlig;ig von sozialem Verst&auml;ndnis getragen ist.</p>
+
+<p>Der Mensch ist gewisserma&szlig;en, wie mit der Geschicklichkeit seiner
+eigenen Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft
+mit andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verf&uuml;gung
+&uuml;ber die Produktionsmittel kommt gleich einer L&auml;hmung der freien
+Anwendung seiner Geschicklichkeit der Leibesglieder.</p>
+
+<p>Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler
+dieser freien Verf&uuml;gung. F&uuml;r den sozialen Organismus kommt in Ansehung
+des Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als da&szlig; der Eigent&uuml;mer
+das <i>Recht</i> hat, &uuml;ber das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu
+verf&uuml;gen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander
+verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind f&uuml;r den sozialen
+<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+Organismus: <i>Die freie Verf&uuml;gung</i> &uuml;ber die Kapitalgrundlage der
+sozialen Produktion, und <i>das Rechtsverh&auml;ltnis</i>, in das der Verf&uuml;ger zu
+andern Menschen tritt dadurch, da&szlig; durch sein Verf&uuml;gungsrecht diese
+anderen Menschen ausgeschlossen werden von der freien Bet&auml;tigung
+durch diese Kapitalgrundlage.</p>
+
+<p>Nicht die <i>urspr&uuml;ngliche</i> freie Verf&uuml;gung f&uuml;hrt zu sozialen Sch&auml;den,
+sondern lediglich das <i>Fortbestehen</i> des Rechtes auf diese Verf&uuml;gung,
+wenn die Bedingungen aufgeh&ouml;rt haben, welche in zweckm&auml;&szlig;iger Art
+individuelle menschliche F&auml;higkeiten mit dieser Verf&uuml;gung zusammenbinden.
+Wer seinen Blick auf den sozialen Organismus als auf ein
+Werdendes, Wachsendes richtet, der wird das hier Angedeutete nicht
+mi&szlig;verstehen k&ouml;nnen. Er wird nach der M&ouml;glichkeit fragen, wie dasjenige,
+was dem Leben auf der einen Seite dient, so verwaltet werden
+kann, da&szlig; es nicht auf der anderen Seite sch&auml;dlich wirkt. Was
+<i>lebt</i>, kann gar nicht in einer andern Weise fruchtbringend eingerichtet
+sein als dadurch, da&szlig; im Werden das Entstandene auch zum Nachteil
+f&uuml;hrt. Und soll man an einem Werdenden selbst mitarbeiten, wie es
+der Mensch am sozialen Organismus mu&szlig;, so kann die Aufgabe nicht
+darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung zu verhindern,
+um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergr&auml;bt man
+die Lebensm&ouml;glichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein
+darum handeln, da&szlig; im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn
+sich das Zweckm&auml;&szlig;ige in ein Sch&auml;dliches verwandelt.</p>
+
+<p>Die M&ouml;glichkeit, frei &uuml;ber die Kapitalgrundlage aus den individuellen
+F&auml;higkeiten heraus zu verf&uuml;gen, mu&szlig; bestehen; das damit verbundene
+Eigentumsrecht mu&szlig; in dem Augenblicke ver&auml;ndert werden k&ouml;nnen,
+in dem es umschl&auml;gt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung.
+In unserer Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier
+angedeuteten sozialen Forderung Rechnung tr&auml;gt, teilweise durchgef&uuml;hrt
+nur f&uuml;r das sogenannte geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach
+dem Tode des Schaffenden in freies Besitztum der Allgemeinheit &uuml;ber.
+Dem liegt eine dem Wesen des menschlichen Zusammenlebens entsprechende
+Vorstellungsart zugrunde. So eng auch die Hervorbringung
+eines rein geistigen Gutes an die individuelle Begabung des einzelnen
+gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein Ergebnis des sozialen Zusammenlebens
+und mu&szlig; in dieses im rechten Augenblicke &uuml;bergeleitet
+werden. Nicht anders aber steht es mit anderem Eigentum. Da&szlig; mit
+<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit produziert, das ist
+nur m&ouml;glich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann also das Recht
+auf die Verf&uuml;gung &uuml;ber ein Eigentum nicht von den Interessen dieser
+Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu finden,
+wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann,
+sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann,
+da&szlig; es in der besten Weise der Gesamtheit diene.</p>
+
+<p>In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden
+werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen
+wirken als Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Bet&auml;tigung der individuellen
+F&auml;higkeiten geh&ouml;rt der geistigen Organisation an.</p>
+
+<p>Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die f&uuml;r <i>Wirklichkeiten</i>
+Verst&auml;ndnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen,
+Theorien, W&uuml;nschen usw. sich ganz beherrschen l&auml;&szlig;t, die Notwendigkeit
+der Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die
+Frage nach dem Verh&auml;ltnis der individuellen menschlichen F&auml;higkeiten
+zur Kapitalgrundlage des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser
+Kapitalgrundlage. Der Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung
+des privaten Eigentums an Kapital nicht zu verhindern
+haben, solange die individuellen F&auml;higkeiten so verbunden bleiben mit
+der Kapitalgrundlage, da&szlig; die Verwaltung einen Dienst bedeutet f&uuml;r
+das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird Rechtsstaat bleiben
+gegen&uuml;ber dem privaten Eigentum; er wird es niemals selbst in seinen
+Besitz nehmen, sondern bewirken, da&szlig; es im rechten Zeitpunkt in das
+Verf&uuml;gungsrecht einer Person oder Personengruppe &uuml;bergeht, die wieder
+ein in den individuellen Verh&auml;ltnissen bedingtes Verh&auml;ltnis zu dem Besitze
+entwickeln k&ouml;nnen. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten
+wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden k&ouml;nnen.
+Aus dem demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu
+tun hat mit dem, was <i>alle Menschen</i> in gleicher Art ber&uuml;hrt, wird gewacht
+werden k&ouml;nnen, da&szlig; Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit
+zu Eigentumsunrecht wird. Dadurch da&szlig; dieser Staat das Eigentum
+nicht selbst verwaltet, sondern sorgt f&uuml;r die &Uuml;berleitung an die individuellen
+menschlichen F&auml;higkeiten, werden diese ihre fruchtbare Kraft
+f&uuml;r die Gesamtheit des sozialen Organismus entfalten. Solange es als
+zweckm&auml;&szlig;ig erscheint, werden durch eine solche Organisation die Eigentumsrechte
+oder die Verf&uuml;gung &uuml;ber dieselben bei dem pers&ouml;nlichen
+<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+Elemente verbleiben k&ouml;nnen. Man kann sich vorstellen, da&szlig; die Vertreter
+im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Gesetze
+geben werden &uuml;ber die &Uuml;berleitung des Eigentums von einer
+Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich
+in weiten Kreisen ein gro&szlig;es Mi&szlig;trauen zu allem privaten Eigentum
+entwickelt hat, wird an ein radikales &Uuml;berf&uuml;hren des privaten Eigentums
+in Gemeineigentum gedacht. W&uuml;rde man auf diesem Wege weit gelangen,
+so w&uuml;rde man sehen, wie man dadurch die Lebensm&ouml;glichkeit
+des sozialen Organismus unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt,
+w&uuml;rde man einen andern Weg sp&auml;ter einschlagen. Doch w&auml;re es
+zweifellos besser, wenn man schon in der Gegenwart zu Einrichtungen
+griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des hier Angedeuteten
+seine Gesundheit g&auml;ben. Solange eine Person f&uuml;r sich allein oder in
+Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende Bet&auml;tigung
+fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht hat,
+wird ihr das Verf&uuml;gungsrecht verbleiben m&uuml;ssen &uuml;ber diejenige Kapitalmasse,
+die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt,
+wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet
+wird. Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Pers&ouml;nlichkeit aufh&ouml;rt,
+die Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine
+andere Person oder Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten
+oder anderen dem sozialen Organismus dienenden Produktion &uuml;bergehen.
+Auch dasjenige Kapital, das aus dem Produktionsbetrieb
+gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung verwendet wird,
+soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als pers&ouml;nliches
+Eigentum der den Betrieb leitenden Pers&ouml;nlichkeit soll nur
+gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Anspr&uuml;che, die sie bei
+Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen
+F&auml;higkeit machen zu k&ouml;nnen, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen,
+da&szlig; sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei
+Geltendmachung derselben Kapital erhalten hat. Hat das Kapital
+durch die Bet&auml;tigung dieser Pers&ouml;nlichkeit eine Vergr&ouml;&szlig;erung erfahren,
+so wird in deren individuelles Eigentum aus dieser Vergr&ouml;&szlig;erung so viel
+&uuml;bergehen, da&szlig; die Vermehrung der urspr&uuml;nglichen Bez&uuml;ge der Kapitalvermehrung
+im Sinne eines Zinsbezuges entspricht.&nbsp;&ndash; Das Kapital, mit
+dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet worden ist, wird nach dem
+Willen der urspr&uuml;nglichen Besitzer an den neuen Verwalter mit allen
+<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+&uuml;bernommenen Verpflichtungen &uuml;bergehen, oder an diese zur&uuml;ckflie&szlig;en,
+wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen
+kann oder will.</p>
+
+<p>Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechts&uuml;bertragungen
+zu tun. Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche &Uuml;bertragungen
+stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch
+&uuml;ber die Ausf&uuml;hrung zu wachen und deren Verwaltung zu f&uuml;hren haben.
+Man kann sich denken, da&szlig; im einzelnen die Bestimmungen, die eine
+solche Rechts&uuml;bertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem
+Rechtsbewu&szlig;tsein heraus f&uuml;r richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart,
+die wie die hier dargestellte <i>wirklichkeitsgem&auml;&szlig;</i> sein soll, wird niemals
+mehr wollen als auf die <i>Richtung</i> weisen, in der sich die Regelung bewegen
+kann. Geht man verst&auml;ndnisvoll auf diese Richtung ein, so wird
+man im konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden.
+Doch wird aus den besondern Verh&auml;ltnissen heraus f&uuml;r die Lebenspraxis
+dem Geiste der Sache gem&auml;&szlig; das Richtige gefunden werden m&uuml;ssen.
+Je wirklichkeitsgem&auml;&szlig;er eine Denkart ist, desto weniger wird sie f&uuml;r
+Einzelnes aus vorgefa&szlig;ten Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen
+wollen.&nbsp;&ndash; Nur wird andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart
+in entschiedener Weise das eine oder das andere mit Notwendigkeit
+sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist, da&szlig; der Rechtsstaat durch
+seine Verwaltung der Rechts&uuml;bertragungen selbst niemals die Verf&uuml;gung
+&uuml;ber ein Kapital wird an sich rei&szlig;en d&uuml;rfen. Er wird nur daf&uuml;r zu
+sorgen haben, da&szlig; die &Uuml;bertragung an eine solche Person oder Personengruppe
+geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen
+F&auml;higkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung
+heraus wird auch zun&auml;chst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten
+haben, da&szlig;, wer aus den geschilderten Gr&uuml;nden zu einer Kapital&uuml;bertragung
+zu schreiten hat, sich aus freier Wahl &uuml;ber seine Nachfolge in
+der Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder
+Personengruppe w&auml;hlen k&ouml;nnen, oder auch das Verf&uuml;gungsrecht auf eine
+Korporation der geistigen Organisation &uuml;bertragen k&ouml;nnen. Denn wer
+durch eine Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende
+Dienste geleistet hat, der wird auch &uuml;ber die weitere Verwendung
+dieses Kapitals aus seinen individuellen F&auml;higkeiten heraus
+mit sozialem Verst&auml;ndnis urteilen. Und es wird f&uuml;r den sozialen Organismus
+dienlicher sein, wenn auf dieses Urteil gebaut wird, als wenn
+<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+darauf verzichtet und die Regelung von Personen vorgenommen wird,
+die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden sind.</p>
+
+<p>Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen
+von einer bestimmten H&ouml;he an, die von einer Person oder einer
+Personengruppe durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und
+Boden geh&ouml;rt) erworben werden, und die nicht auf der Grundlage der
+urspr&uuml;nglich f&uuml;r die Bet&auml;tigung der individuellen F&auml;higkeiten gemachten
+Anspr&uuml;che pers&ouml;nliches Eigentum werden.</p>
+
+<p>Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse,
+die aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben
+bis zum Tode des Erwerbers oder bis zu einem sp&auml;tern Zeitpunkte
+im pers&ouml;nlichen Besitz dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis
+zu diesem Zeitpunkte wird auch ein aus dem Rechtsbewu&szlig;tsein sich
+ergebender, durch den Rechtsstaat festzusetzender Zins von dem zu
+leisten sein, dem solche Ersparnisse zum Schaffen von Produktionsmitteln
+gegeben werden. In einer sozialen Ordnung, die auf den hier
+geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene Scheidung
+durchgef&uuml;hrt werden zwischen den Ertr&auml;gnissen, die auf Grund einer
+Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den Verm&ouml;gensmassen,
+die auf Grund der pers&ouml;nlichen (physischen und geistigen)
+Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewu&szlig;tsein
+und den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand
+erspart, und als Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verf&uuml;gung stellt,
+das dient den allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung
+durch individuelle menschliche F&auml;higkeiten m&ouml;glich. Was
+an Kapitalvermehrung durch die Produktionsmittel&nbsp;&ndash; nach Abzug
+des rechtm&auml;&szlig;igen Zinses&nbsp;&ndash; entsteht, das verdankt seine Entstehung der
+Wirkung des gesamten sozialen Organismus. Es soll also auch in der
+geschilderten Art wieder in ihn zur&uuml;ckflie&szlig;en. Der Rechtsstaat wird
+nur eine Bestimmung dar&uuml;ber zu treffen haben, <i>da&szlig;</i> die &Uuml;berleitung
+der in Frage kommenden Kapitalmassen in der angegebenen Art geschehe;
+nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen dar&uuml;ber zu
+treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein &uuml;bergeleitetes
+oder auch ein erspartes Kapital zur Verf&uuml;gung zu stellen ist.
+Das w&uuml;rde zu einer Tyrannis des Staates &uuml;ber die geistige und
+materielle Produktion f&uuml;hren. Diese aber wird in der f&uuml;r den sozialen
+Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen F&auml;higkeiten
+<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl dar&uuml;ber
+treffen will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital &uuml;bertragen
+soll, frei &uuml;berlassen sein, f&uuml;r das Verf&uuml;gungsrecht eine Korporation
+der geistigen Organisation einzusetzen.</p>
+
+<p>Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Verm&ouml;gen geht mit dem
+Zinsertr&auml;gnis nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach
+an eine geistig oder materiell produzierende Person oder Personengruppe&nbsp;&ndash;
+aber <i>nur</i> an eine solche, nicht an eine unproduktive Person,
+bei der es zur Rente w&uuml;rde&nbsp;&ndash; &uuml;ber, die durch letztwillige Anordnung
+von dem Erwerber zu w&auml;hlen ist. Auch daf&uuml;r wird, wenn eine
+Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gew&auml;hlt werden kann,
+die &Uuml;bertragung des Verf&uuml;gungsrechtes an eine Korporation des geistigen
+Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich
+aus keine Verf&uuml;gung trifft, so wird der Rechtsstaat f&uuml;r ihn eintreten
+und durch die geistige Organisation die Verf&uuml;gung treffen lassen.</p>
+
+<p>Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der
+freien Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der
+sozialen Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren
+eben dadurch voll entsprochen, da&szlig; die freie Einzel-Initiative in ihren
+Dienst gestellt wird. Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen
+anzuvertrauen hat, wird bei einer solchen Regelung wissen k&ouml;nnen,
+da&szlig; das mit dem Leiter gemeinsam Erarbeitete in der m&ouml;glichst besten
+Art f&uuml;r den sozialen Organismus, also auch f&uuml;r den Arbeiter selbst,
+fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale Ordnung wird ein dem gesunden
+Empfinden der Menschen entsprechendes Verh&auml;ltnis schaffen
+zwischen den durch das Rechtsbewu&szlig;tsein geregelten Verf&uuml;gungsrechten
+&uuml;ber in Produktionsmitteln verk&ouml;rpertes Kapital und menschlicher
+Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides geschaffenen
+Erzeugnisse andrerseits.&nbsp;&ndash; Vielleicht findet mancher in dem hier Dargestellten
+Unvollkommenheiten. Die m&ouml;gen gefunden werden. Es kommt
+einer wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en Denkart nicht darauf an, vollkommene
+&bdquo;Programme&ldquo; ein f&uuml;r alle Male zu geben, sondern darauf, die <i>Richtung</i>
+zu kennzeichnen, in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche
+besondere Angaben, wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie
+durch ein Beispiel die gekennzeichnete Richtung n&auml;her erl&auml;utert werden.
+Ein solches Beispiel mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen
+Richtung geschieht, dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span></p>
+<p>Berechtigte pers&ouml;nliche oder Familienimpulse werden sich durch
+solche Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit
+in Einklang bringen lassen. Man wird gewi&szlig; darauf hinweisen
+k&ouml;nnen, da&szlig; die Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere
+Nachkommen noch bei Lebzeiten zu &uuml;bertragen, sehr gro&szlig; ist. Und
+da&szlig; man ja in solchen Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen
+kann, die aber dann doch gegen&uuml;ber anderen unt&uuml;chtig sind und besser
+durch diese anderen ersetzt w&uuml;rden. Doch diese Versuchung wird in
+einer von den oben angedeuteten Einrichtungen beherrschten Organisation
+eine m&ouml;glichst geringe sein k&ouml;nnen. Denn der Rechtsstaat braucht
+nur zu verlangen, da&szlig; unter allen Umst&auml;nden das Eigentum, das an ein
+Familienmitglied von einem andern &uuml;bertragen worden ist, nach Ablauf
+einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden Zeit einer
+Korporation der geistigen Organisation zuf&auml;llt. Oder es kann in andrer
+Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden.
+Der Rechtsstaat wird nur daf&uuml;r sorgen, <i>da&szlig;</i> diese &Uuml;berf&uuml;hrung geschehe;
+wer ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine
+aus der geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt
+sein. Durch Erf&uuml;llung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verst&auml;ndnis
+daf&uuml;r entwickeln, da&szlig; Nachkommen durch Erziehung und Unterricht
+f&uuml;r den sozialen Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch
+Kapital&uuml;bertragung an unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet
+werde. Jemand, in dem wirklich soziales Verst&auml;ndnis lebt,
+hat kein Interesse daran, da&szlig; seine Verbindung mit einer Kapitalgrundlage
+nachwirke bei Personen oder Personengruppen, bei denen
+die individuellen F&auml;higkeiten eine solche Verbindung nicht rechtfertigen.</p>
+
+<p>Niemand wird, was hier ausgef&uuml;hrt ist, f&uuml;r eine blo&szlig;e Utopie halten,
+der Sinn f&uuml;r wirklich praktisch Durchf&uuml;hrbares hat. Denn es wird gerade
+auf solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder
+Stelle des Lebens aus den gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nden heraus erwachsen
+k&ouml;nnen. Man wird nur zu dem Entschlu&szlig; greifen m&uuml;ssen, innerhalb des
+Rechtsstaates auf die Verwaltung des geistigen Lebens und auf das
+Wirtschaften allm&auml;hlich zu verzichten und sich nicht zu wehren, wenn,
+was geschehen sollte, wirklich geschieht, da&szlig; private Bildungsanstalten
+entstehen und da&szlig; sich das Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergr&uuml;nde
+stellt. Man braucht die Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen
+nicht von heute zu morgen abzuschaffen; aber
+<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+man wird aus vielleicht kleinen Anf&auml;ngen heraus die M&ouml;glichkeit erwachsen
+sehen, da&szlig; ein allm&auml;hlicher Abbau des staatlichen Bildungs- und
+Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber w&uuml;rde notwendig sein,
+da&szlig; diejenigen Pers&ouml;nlichkeiten, welche sich mit der &Uuml;berzeugung durchdringen
+k&ouml;nnen von der Richtigkeit der hier dargestellten oder &auml;hnlicher
+sozialer Ideen, f&uuml;r deren Verbreitung sorgen. Finden solche Ideen
+Verst&auml;ndnis, so wird dadurch <i>Vertrauen</i> geschaffen zu einer m&ouml;glichen
+heilsamen Umwandlung der gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nde in solche, welche
+deren Sch&auml;den nicht zeigen. <i>Dieses</i> Vertrauen aber ist das einzige, aus
+dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen k&ouml;nnen. Denn
+wer ein solches Vertrauen gewinnen soll, der mu&szlig; &uuml;berschauen k&ouml;nnen,
+wie Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende ankn&uuml;pfen lassen.
+Und es scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt
+werden, da&szlig; sie nicht eine bessere Zukunft herbeif&uuml;hren wollen durch
+eine noch weitergehende Zerst&ouml;rung des Gegenw&auml;rtigen, als sie schon eingetreten
+ist; sondern da&szlig; die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden
+weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden
+herbeif&uuml;hrt. Eine Aufkl&auml;rung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung
+nicht anstrebt, wird nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden
+mu&szlig;: eine Weiterentwicklung, bei welcher der Wert der bisher von
+den Menschen erarbeiteten G&uuml;ter und der erworbenen F&auml;higkeiten
+nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird. Auch der ganz
+radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen Neugestaltung unter
+Wahrung der &uuml;berkommenen Werte gewinnen, wenn er vor Ideen sich
+gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten k&ouml;nnen.
+Auch er wird einsehen m&uuml;ssen, da&szlig;, welche Menschenklasse auch
+immer zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden &Uuml;bel nicht beseitigen
+wird, wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die
+den sozialen Organismus gesund, lebensf&auml;hig machen. Verzweifeln,
+weil man nicht glauben kann, da&szlig; bei einer gen&uuml;gend gro&szlig;en Anzahl
+von Menschen auch in den Wirren der Gegenwart Verst&auml;ndnis sich
+finde f&uuml;r solche Ideen, wenn auf ihre Verbreitung die notwendige Energie
+gewandt werden kann, hie&szlig;e an der Empf&auml;nglichkeit der Menschennatur
+f&uuml;r Impulse des Gesunden und Zweckentsprechenden verzweifeln. Es
+sollte <i>diese</i> Frage, ob man daran verzweifeln m&uuml;sse, gar nicht gestellt
+werden, sondern <i>nur die</i> andere: was man tun solle, um die Aufkl&auml;rung
+&uuml;ber vertrauenerweckende Ideen so kraftvoll als m&ouml;glich zu machen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span></p>
+<p>Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zun&auml;chst
+entgegenstehen, da&szlig; die Denkgewohnheiten des gegenw&auml;rtigen
+Zeitalters aus zwei Untergr&uuml;nden heraus mit ihnen nicht zurechtkommen
+werden. Entweder wird man in irgend einer Form einwenden,
+man k&ouml;nne sich nicht vorstellen, da&szlig; ein Auseinanderrei&szlig;en des einheitlichen
+sozialen Lebens m&ouml;glich sei, da doch die drei gekennzeichneten
+Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit &uuml;berall zusammenh&auml;ngen; oder
+man wird finden, da&szlig; auch im Einheitsstaate die notwendige selbst&auml;ndige
+Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht werden k&ouml;nne, und
+da&szlig; eigentlich mit dem hier Dargestellten ein Ideengespinst gegeben
+sei, das die Wirklichkeit nicht ber&uuml;hre. Der erste Einwand beruht darauf,
+da&szlig; von einem <i>unwirklichen</i> Denken ausgegangen wird. Da&szlig; geglaubt
+wird, die Menschen k&ouml;nnten in einer Gemeinschaft nur eine Einheit
+des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst
+in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird
+von der Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit mu&szlig; als das <i>Ergebnis</i>
+entstehen; die von verschiedenen Richtungen her zusammenstr&ouml;menden
+Bet&auml;tigungen m&uuml;ssen <i>zuletzt</i> eine Einheit bewirken. <i>Dieser</i> wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en
+Idee lief die Entwicklung der letzten Zeit zuwider.
+Deshalb stemmte sich, was in den Menschen lebte, gegen die von
+au&szlig;en in das Leben gebrachte &bdquo;Ordnung&ldquo; und f&uuml;hrte zu der gegenw&auml;rtigen
+sozialen Lage.&nbsp;&ndash; Das zweite Vorurteil geht hervor aus dem
+Unverm&ouml;gen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei Glieder
+des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der Mensch
+zu jedem der drei Glieder ein <i>besonderes</i> Verh&auml;ltnis hat, das in seiner
+Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein f&uuml;r
+sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von
+den beiden andern, dieses Verh&auml;ltnis ausgestalten kann, um mit ihnen
+zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische,
+meinte: entweder die Menschen machen Regierungsma&szlig;regeln
+&uuml;ber das wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung
+dieses Lebens widerstreben; dann seien solche Ma&szlig;regeln sch&auml;dlich.
+Oder die <i>Gesetze</i> laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben
+von selbst l&auml;uft, wenn es sich frei &uuml;berlassen bleibt; dann
+seien sie &uuml;berfl&uuml;ssig. Als Schulmeinung ist diese Anschauung &uuml;berwunden;
+als Denkgewohnheit spukt sie aber &uuml;berall noch verheerend
+in den Menschenk&ouml;pfen. Man meint, wenn ein Lebensgebiet seinen Gesetzen
+<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+folgt, dann m&uuml;sse aus diesem Gebiete <i>alles</i> f&uuml;r das Leben Notwendige
+sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das Wirtschaftsleben in
+einer solchen Art geregelt werde, da&szlig; die Menschen die Regelung als
+eine sie befriedigende empfinden, dann m&uuml;sse auch das Rechts- und
+Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben.
+Doch dieses ist nicht m&ouml;glich. Und nur ein Denken, das
+der Wirklichkeit fremd gegen&uuml;bersteht, kann glauben, da&szlig; es m&ouml;glich
+sei. Im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist <i>nichts</i> vorhanden, das von
+sich aus einen Antrieb enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem
+Rechtsbewu&szlig;tsein &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Mensch zu Mensch erflie&szlig;t.
+Und will man <i>dieses</i> Verh&auml;ltnis aus den wirtschaftlichen Antrieben
+herausordnen, so wird man den Menschen mit seiner Arbeit und mit
+der Verf&uuml;gung &uuml;ber die Arbeitsmittel in das Wirtschaftsleben einspannen.
+Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das wie ein Mechanismus
+wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz, fortw&auml;hrend in einer Richtung
+sich zu bewegen, in die von einer andern Seite her eingegriffen
+werden mu&szlig;. Nicht, <i>wenn</i> die Rechtsma&szlig;nahmen in der Richtung verlaufen,
+die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut, oder wenn
+sie ihr zuwiderlaufen, sind sie sch&auml;dlich; sondern, wenn die Richtung,
+in welcher das Wirtschaftsleben l&auml;uft, fortw&auml;hrend beeinflu&szlig;t wird von
+den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird
+dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenw&uuml;rdiges Dasein f&uuml;hren
+k&ouml;nnen. Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben
+die individuellen F&auml;higkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen
+und dem Wirtschaften die Kr&auml;fte immer wieder neu zuf&uuml;hren, die
+aus ihm selbst sich nicht erzeugen <i>k&ouml;nnen</i>, wird auch das Wirtschaften
+in einer den Menschen gedeihlichen Art sich entwickeln k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es ist merkw&uuml;rdig: auf dem Gebiete des rein &auml;u&szlig;erlichen Lebens
+sieht man leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht,
+da&szlig; der Schneider sich seine Kuh z&uuml;chten solle, die ihn mit Milch versorgt.
+F&uuml;r die umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man,
+da&szlig; die Einheitsordnung das allein Ersprie&szlig;liche sein m&uuml;sse.</p>
+
+<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br />
+<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p>
+
+<p>Da&szlig; Einw&auml;nde gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden
+sozialen Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben m&uuml;ssen, ist
+selbstverst&auml;ndlich. Denn das wirkliche Leben erzeugt Widerspr&uuml;che.
+<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+Und wer diesem Leben gem&auml;&szlig; denkt, der mu&szlig; Einrichtungen verwirklichen
+wollen, deren Lebenswiderspr&uuml;che durch andere Einrichtungen
+ausgeglichen werden. Er <i>darf nicht</i> glauben: eine Einrichtung, die sich
+vor seinem Denken als &bdquo;ideal gut&ldquo; ausweist, werde, wenn sie verwirklicht
+wird, auch widerspruchslos sich gestalten.&nbsp;&ndash; Es ist eine durchaus
+berechtigte Forderung des gegenw&auml;rtigen Sozialismus, da&szlig; die neuzeitlichen
+Einrichtungen, in denen produziert wird um des Profitierens
+des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen produziert
+wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige,
+welcher diese Forderung <i>voll</i> anerkennt, wird nicht zu der Schlu&szlig;folgerung
+dieses neueren Sozialismus kommen k&ouml;nnen: also m&uuml;ssen
+die Produktionsmittel aus dem Privateigentum in Gemeineigentum
+&uuml;bergehen. Er wird vielmehr die ganz andere Schlu&szlig;folgerung anerkennen
+m&uuml;ssen: also mu&szlig;, was privat auf Grund der individuellen
+T&uuml;chtigkeiten produziert wird, durch die rechten Wege der Allgemeinheit
+zugef&uuml;hrt werden. Der wirtschaftliche Impuls der neueren Zeit
+ging dahin, durch die Menge des G&uuml;tererzeugens Einnahmen zu
+schaffen; die Zukunft wird danach streben m&uuml;ssen, durch Assoziationen
+aus der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und
+die Wege von dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die
+Rechtseinrichtungen werden daf&uuml;r sorgen, da&szlig; ein Produktionsbetrieb
+nur so lange mit einer Person oder Personengruppe verbunden bleibt,
+als sich diese Verbindung aus den individuellen F&auml;higkeiten dieser Personen
+heraus rechtfertigt. Statt dem <i>Gemeineigentum</i> der Produktionsmittel
+wird im sozialen Organismus ein <i>Kreislauf</i> dieser Mittel eintreten,
+der sie immer von neuem zu denjenigen Personen bringt,
+deren individuelle F&auml;higkeiten sie in der m&ouml;glichst besten Art der
+Gemeinschaft nutzbar machen k&ouml;nnen. Auf diese Art wird zeitweilig
+diejenige Verbindung zwischen Pers&ouml;nlichkeit und Produktionsmittel
+hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn
+der Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den
+Produktionsmitteln verdanken, da&szlig; ihre F&auml;higkeiten ihnen ein ihren
+Anspr&uuml;chen gem&auml;&szlig;es Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen,
+die Produktion zu einer m&ouml;glichst vollkommenen zu machen, denn
+die Steigerung dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen
+Profit, aber doch einen Teil des Ertr&auml;gnisses. Der Profit flie&szlig;t ja doch
+nur im Sinne des oben Ausgef&uuml;hrten der Allgemeinheit bis zu dem
+<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>
+Grade zu, der sich ergibt nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten
+zugute kommt wegen der Steigerung der Produktion. Und es
+liegt eigentlich schon im Geiste des hier Dargestellten, da&szlig;, wenn
+die Produktion zur&uuml;ckgeht, sich das Einkommen des Produzenten in
+demselben Ma&szlig;e zu verringern habe, wie es sich steigert bei der
+Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der
+geistigen Leistung des Leitenden flie&szlig;en, nicht aus einem solchen Profit,
+welcher auf Verh&auml;ltnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines
+Unternehmers, sondern in dem Zusammenwirken der Kr&auml;fte des Gemeinlebens
+ihre Grundlage haben.</p>
+
+<p>Man wird sehen k&ouml;nnen, da&szlig; durch Verwirklichung solcher sozialer
+Ideen, wie sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenw&auml;rtig
+bestehen, eine v&ouml;llig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum
+h&ouml;rt auf, dasjenige zu sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es
+wird nicht zur&uuml;ckgef&uuml;hrt zu einer &uuml;berwundenen Form, wie sie das
+Gemeineigentum darstellen w&uuml;rde, sondern es wird fortgef&uuml;hrt zu etwas
+v&ouml;llig Neuem. Die Gegenst&auml;nde des Eigentums werden in den Flu&szlig;
+des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne kann sie nicht aus seinem
+Privatinteresse heraus zum Schaden der Allgemeinheit verwalten; aber
+auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum Schaden der einzelnen bureaukratisch
+verwalten k&ouml;nnen; sondern der geeignete einzelne wird zu
+ihnen den Zugang finden, um durch sie der Allgemeinheit dienen
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Ein Sinn f&uuml;r das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung
+solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine
+gesunde Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren
+bewahren.&nbsp;&ndash; Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat
+mit dem Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen f&uuml;hren k&ouml;nnen,
+die etwa aus diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben.
+Sollte, zum Beispiel, ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern
+ihre Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem
+Bed&uuml;rfnis entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben
+nach freier &Uuml;bereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen
+das Fehlende zugeschossen werden k&ouml;nnen. Ein in sich abgeschlossener
+Wirtschaftskreislauf, der von au&szlig;en die Rechtsgrundlage
+erh&auml;lt und den fortdauernden Zuflu&szlig; der zutage tretenden individuellen
+Menschenf&auml;higkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun
+<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>
+haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer G&uuml;terverteilung sein
+k&ouml;nnen, die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der
+Gemeinschaft gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr
+Einkommen haben wird als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein,
+weil das &bdquo;Mehr&ldquo; wegen seiner individuellen F&auml;higkeiten der Allgemeinheit
+zugute kommt.</p>
+
+<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br />
+<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p>
+
+<p>Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten Vorstellungsart
+sich gestaltet, wird durch eine &Uuml;bereinkunft zwischen
+den Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die
+Abgaben regeln k&ouml;nnen, welche f&uuml;r das Rechtsleben notwendig sind.
+Und alles, was zum Unterhalte der geistigen Organisation n&ouml;tig ist,
+wird dieser zuflie&szlig;en durch die aus freiem Verst&auml;ndnis f&uuml;r sie erfolgende
+Verg&uuml;tung von seiten der Einzelpersonen, die am sozialen
+Organismus beteiligt sind. Diese geistige Organisation wird ihre gesunde
+Grundlage durch die in freier Konkurrenz sich geltend machende individuelle
+Initiative der zur geistigen Arbeit f&auml;higen Einzelpersonen haben.</p>
+
+<p>Aber <i>nur</i> in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die
+Verwaltung des Rechtes das notwendige Verst&auml;ndnis finden f&uuml;r eine gerechte
+G&uuml;terverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den
+Bed&uuml;rfnissen der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen
+in Anspruch nimmt, sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm
+das Recht m&ouml;glich macht, wird den Wert der G&uuml;ter nach dem bestimmen,
+was ihm die Menschen leisten. Er wird nicht die Menschen
+leisten lassen, was durch den unabh&auml;ngig von Menschenwohlfahrt und
+Menschenw&uuml;rde zustande gekommenen G&uuml;terwert bestimmt ist. Ein
+solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen Verh&auml;ltnissen
+sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung
+haben; der Familienvater wird als Arbeiter ein h&ouml;heres Einkommen
+haben k&ouml;nnen als der Einzelnstehende. Das &bdquo;Mehr&ldquo; wird ihm zuflie&szlig;en
+durch Einrichtungen, die durch &Uuml;bereinkommen aller drei sozialen Organisationen
+begr&uuml;ndet werden. Solche Einrichtungen k&ouml;nnen dem
+Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen, da&szlig; nach den allgemeinen
+Wirtschaftsverh&auml;ltnissen die Verwaltung der wirtschaftlichen Organisation
+die m&ouml;gliche H&ouml;he des Erziehungseinkommens bemi&szlig;t und der Rechtsstaat
+die Rechte des einzelnen festsetzt nach den Gutachten der geistigen
+Organisation. Wieder liegt es in der Art eines wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en
+<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+Denkens, da&szlig; mit einer solchen Angabe nur wie durch ein Beispiel
+<i>die Richtung</i> bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen bewirkt
+werden k&ouml;nnen. Es w&auml;re m&ouml;glich, da&szlig; f&uuml;r das einzelne ganz anders geartete
+Einrichtungen als richtig befunden w&uuml;rden. Aber dieses
+&bdquo;Richtige&ldquo; wird sich nur finden lassen durch das zielgem&auml;&szlig;e Zusammenwirken
+der drei in sich selbst&auml;ndigen Glieder des sozialen Organismus.
+Hier, f&uuml;r diese Darstellung, m&ouml;chte im Gegensatz zu vielem, was in
+der Gegenwart f&uuml;r praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr
+zugrunde liegende Denkart das wirklich Praktische finden, n&auml;mlich
+eine solche Gliederung des sozialen Organismus, die bewirkt, da&szlig; die
+Menschen in dieser Gliederung das sozial Zweckm&auml;&szlig;ige veranlassen.</p>
+
+<p>Wie Kindern das <i>Recht</i> auf Erziehung, so steht Altgewordenen,
+Invaliden, Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu,
+zu dem die Kapitalgrundlage in einer &auml;hnlichen Art dem Kreislauf des
+sozialen Organismus zuflie&szlig;en mu&szlig; wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag
+f&uuml;r die Erziehung der noch nicht selbst Leistungsf&auml;higen. Das
+Wesentliche bei all diesem ist, da&szlig; die Feststellung desjenigen, was
+ein nicht selbst Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem
+Wirtschaftsleben sich ergeben soll, sondern da&szlig; umgekehrt das Wirtschaftsleben
+abh&auml;ngig wird von dem, was in dieser Beziehung aus dem
+Rechtsbewu&szlig;tsein sich ergibt. Die in einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden
+werden von dem durch ihre Arbeit geleisteten um so weniger
+haben, je mehr f&uuml;r die nicht Verdienenden abflie&szlig;en mu&szlig;. Aber das
+&bdquo;Weniger&ldquo; wird von allen am sozialen Organismus Beteiligten gleichm&auml;&szlig;ig
+getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse ihre Verwirklichung
+finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben abgesonderten Rechtsstaat
+wird, was eine allgemeine Angelegenheit der Menschheit ist, Erziehung
+und Unterhalt nicht Arbeitsf&auml;higer, auch wirklich zu einer solchen
+Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der Rechtsorganisation wirkt
+dasjenige, worinnen <i>alle m&uuml;ndig gewordenen Menschen</i> mitzusprechen haben.</p>
+
+<p>Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart
+entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund
+seiner individuellen F&auml;higkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit
+&uuml;berf&uuml;hren, wie er f&uuml;r die Minderleistung der weniger Bef&auml;higten den
+berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: &bdquo;Mehrwert&ldquo;
+wird nicht geschaffen werden f&uuml;r den unberechtigten Genu&szlig; des
+einzelnen, sondern zur Erh&ouml;hung dessen, was dem sozialen Organismus
+<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+seelische oder materielle G&uuml;ter zuf&uuml;hren kann; und zur Pflege desjenigen,
+was innerhalb dieses Organismus aus dessen Scho&szlig; heraus entsteht,
+ohne da&szlig; es ihm unmittelbar dienen kann.</p>
+
+<p>Wer der Ansicht zuneigt, da&szlig; die Auseinanderhaltung der drei
+Glieder des sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und da&szlig;
+sie sich auch beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer
+das Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln
+beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft &bdquo;von selbst&ldquo; ergebe,
+der sollte seinen Blick auf die besondere Art von sozialen
+Einrichtungen lenken, die sich ergeben m&uuml;ssen, wenn die Dreigliederung
+verwirklicht wird. Da wird, zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung
+das Geld als gesetzliches Zahlungsmittel anzuerkennen
+haben, sondern diese Anerkennung wird auf den Ma&szlig;nahmen beruhen,
+welche von den Verwaltungsk&ouml;rpern der Wirtschaftsorganisation ausgehen.
+Denn Geld kann im gesunden sozialen Organismus nichts anderes
+sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern erzeugt sind und
+die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb beziehen
+kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben
+hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche
+Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze
+Wirtschaftsleben f&uuml;r jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man
+es nur mit Warenwerten zu tun. F&uuml;r dieses Gebiet nehmen auch die
+<i>Leistungen</i>, die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation
+heraus, den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen
+Sch&uuml;lern leistet, ist f&uuml;r den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer
+werden seine individuellen F&auml;higkeiten ebensowenig bezahlt wie dem
+Arbeiter seine Arbeitskraft. Bezahlt <i>kann</i> beiden nur werden, was, von
+ihnen ausgehend, im Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann.
+Wie die freie Initiative, wie das Recht wirken sollen, damit die Ware
+zustande komme, das liegt ebenso <i>au&szlig;erhalb</i> des Wirtschaftskreislaufes
+wie die Wirkung der Naturkr&auml;fte auf das Kornertr&auml;gnis in einem segensreichen
+oder einem magern Jahr. F&uuml;r den Wirtschaftskreislauf sind
+die geistige Organisation bez&uuml;glich dessen, was sie beansprucht als
+wirtschaftliches Ertr&auml;gnis, <i>und auch der Staat</i> einzelne Warenproduzenten.
+Nur ist, was sie produzieren, innerhalb ihres eigenen Gebietes
+nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von dem Wirtschaftskreislauf
+aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren eigenen
+<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>
+Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die Verwaltung
+des Wirtschaftsorganismus.</p>
+
+<p>Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten),
+insofern er sich ausdr&uuml;ckt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt,
+wird von der Zweckm&auml;&szlig;igkeit abh&auml;ngen, mit der sich innerhalb
+des Wirtschaftsorganismus die <i>Verwaltung</i> der Wirtschaft ausgestaltet.
+Von den Ma&szlig;nahmen dieser Verwaltung wird es abh&auml;ngen, inwiefern
+auf der geistigen und rechtlichen Grundlage, welche von den andern
+Gliedern des sozialen Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche
+Fruchtbarkeit sich entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird
+dann der Ausdruck daf&uuml;r sein, da&szlig; diese Ware in der den Bed&uuml;rfnissen
+entsprechenden Menge durch die Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus
+erzeugt wird. W&uuml;rden die in dieser Schrift dargelegten
+Voraussetzungen verwirklicht, so wird im Wirtschaftsorganismus nicht
+der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch die blo&szlig;e Menge der
+Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird durch die entstehenden
+und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden Genossenschaften
+die G&uuml;tererzeugung sich den Bed&uuml;rfnissen anpassen. Dadurch wird
+das diesen Bed&uuml;rfnissen entsprechende Verh&auml;ltnis zwischen dem Geldwert
+und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>.
+<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>
+Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser
+sein; denn hinter jedem Geldst&uuml;ck oder Geldschein steht die
+Warenleistung, auf welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde
+gekommen sein kann. Es werden sich aus der Natur der Verh&auml;ltnisse
+heraus Einrichtungen notwendig machen, welche dem Gelde
+f&uuml;r den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die eben gekennzeichnete
+Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist schon
+hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in
+geeigneter Form an die Allgemeinheit &uuml;ber. Und damit Geld, das
+nicht in Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der
+Ma&szlig;nahmen der Wirtschaftsorganisation von Inhabern zur&uuml;ckbehalten
+werde, kann Umpr&auml;gung oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden.
+Aus solchen Verh&auml;ltnissen heraus wird sich allerdings auch ergeben,
+da&szlig; der Zinsbezug von einem Kapitale im Laufe der Jahre sich
+immer verringere. Das Geld wird sich abn&uuml;tzen, wie sich Waren
+abn&uuml;tzen. Doch wird eine solche vom Staate zu treffende Ma&szlig;nahme
+gerecht sein. &bdquo;Zins auf Zins&ldquo; wird es nicht geben k&ouml;nnen.
+Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die ihm
+auf sp&auml;tere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie
+gegenw&auml;rtige Leistungen auf den Eintausch gegenw&auml;rtiger Gegenleistungen;
+aber die Anspr&uuml;che k&ouml;nnen nur bis zu einer gewissen Grenze
+gehen; denn aus der Vergangenheit herr&uuml;hrende Anspr&uuml;che k&ouml;nnen
+nur durch Arbeitsleistungen der Gegenwart befriedigt werden. Solche
+Anspr&uuml;che d&uuml;rfen nicht zu einem wirtschaftlichen Gewaltmittel werden.
+Durch die Verwirklichung solcher Voraussetzungen wird die <i>W&auml;hrungsfrage</i>
+auf eine gesunde Grundlage gestellt. Denn gleichg&uuml;ltig wie aus
+andern Verh&auml;ltnissen heraus die <i>Geldform</i> sich gestaltet: <i>W&auml;hrung</i> wird
+die vern&uuml;nftige Einrichtung des gesamten Wirtschaftsorganismus durch
+dessen Verwaltung. Die W&auml;hrungsfrage wird niemals ein Staat in
+befriedigender Art durch <i>Gesetze</i> l&ouml;sen; gegenw&auml;rtige Staaten werden
+sie nur l&ouml;sen, wenn sie von ihrer Seite auf die L&ouml;sung verzichten
+und das N&ouml;tige dem von ihnen abzusondernden Wirtschaftsorganismus
+&uuml;berlassen.</p>
+
+<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br />
+<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p>
+
+<p>Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren
+Wirkung als Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.;
+aber man ber&uuml;cksichtigt wenig, wie sie das Verh&auml;ltnis des einzelnen Menschen
+<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+zu seiner Arbeits<i>leistung</i> beeinflu&szlig;t. Wer in einem auf Arbeitsteilung
+eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der <i>erwirbt</i> eigentlich niemals
+sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit <i>aller</i>
+am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum Eigengebrauch
+einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe
+Verh&auml;ltnis wie ein Mensch, der in primitiven Zust&auml;nden noch
+alles zu seinem Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat.
+Er macht sich den Rock, um f&uuml;r andere Kleider machen zu k&ouml;nnen;
+und der <i>Wert</i> des Rockes f&uuml;r ihn h&auml;ngt <i>ganz</i> von den Leistungen der
+andern ab. Der Rock ist eigentlich Produktionsmittel. Mancher wird
+sagen, das sei eine Begriffsspalterei. Sobald er auf die <i>Wertbildung</i>
+der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht, wird er diese Meinung nicht
+mehr haben k&ouml;nnen. Dann wird er sehen, da&szlig; man in einem Wirtschaftsorganismus,
+der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht f&uuml;r sich arbeiten
+kann. Man kann nur f&uuml;r andere arbeiten, und andere f&uuml;r sich
+arbeiten lassen. Man kann ebensowenig f&uuml;r sich arbeiten, wie man sich
+selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche
+dem Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die
+G&uuml;tererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als
+Eigentum zu &uuml;berliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen
+Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung dr&auml;ngt den
+sozialen Organismus dazu, da&szlig; der einzelne Mensch in ihm lebt nach den
+Verh&auml;ltnissen des Gesamtorganismus; sie schlie&szlig;t <i>wirtschaftlich</i> den Egoismus
+aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von Klassenvorrechten
+und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer Zustand,
+der zu Ersch&uuml;tterungen des sozialen Organismus f&uuml;hrt. In solchen Zust&auml;nden
+leben wir gegenw&auml;rtig. Es mag manchen geben, der nichts
+davon h&auml;lt, wenn man fordert, die Rechtsverh&auml;ltnisse und anderes m&uuml;ssen
+sich nach dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein
+solcher m&ouml;ge dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen.
+Diese w&auml;re: man k&ouml;nne &uuml;berhaupt nichts tun; die soziale Bewegung k&ouml;nne
+zu nichts f&uuml;hren. Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprie&szlig;liches
+nicht tun, wenn man <i>der Wirklichkeit</i> nicht ihr Recht geben will.
+Die Denkungsart, aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben
+ist, will, was der Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach
+dem einrichten, was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt.</p>
+
+<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br />
+<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span></p>
+<p>Wer seine Begriffe nur nach den eingew&ouml;hnten Einrichtungen bilden
+kann, der wird &auml;ngstlich werden, wenn er davon vernimmt, da&szlig; das
+Verh&auml;ltnis des Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgel&ouml;st werden solle
+von dem Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, da&szlig; eine solche
+Losl&ouml;sung notwendig zur Geldentwertung und zur R&uuml;ckkehr in primitive
+Wirtschaftsverh&auml;ltnisse f&uuml;hre. (Dr.&nbsp;Rathenau &auml;u&szlig;ert in seiner
+Schrift &bdquo;Nach der Flut&ldquo; solche Meinungen, die von <i>seinem</i> Standpunkt
+aus berechtigt erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung
+des sozialen Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich
+selbst gestellte Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus
+sondert die Geldverh&auml;ltnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten
+Arbeitsverh&auml;ltnissen. Die Rechtsverh&auml;ltnisse werden nicht unmittelbar
+auf die Geldverh&auml;ltnisse einen Einflu&szlig; haben k&ouml;nnen. Denn die letzteren
+sind Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das
+Rechtsverh&auml;ltnis zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar
+nicht in dem Geldwert zum Ausdruck kommen k&ouml;nnen, denn dieser ist
+nach Beseitigung des Lohnes, der ein Tauschverh&auml;ltnis von Ware und
+Arbeitskraft darstellt, lediglich der Ma&szlig;stab f&uuml;r den gegenseitigen Wert
+der Waren (und Leistungen).&nbsp;&ndash; Aus der Betrachtung der <i>Wirkungen</i>,
+welche die Dreigliederung f&uuml;r den sozialen Organismus hat, mu&szlig; man die
+&Uuml;berzeugung gewinnen, da&szlig; sie zu Einrichtungen f&uuml;hren werde, die in
+den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind.</p>
+
+<p>Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden
+k&ouml;nnen, was gegenw&auml;rtig als <i>Klassenkampf</i> empfunden wird. Denn
+dieser Kampf beruht auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den
+Wirtschaftskreislauf. Diese Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus
+dar, in dem der Begriff des <i>Arbeitslohnes</i> ebenso eine Umformung
+erf&auml;hrt wie der alte <i>Eigentumsbegriff</i>. Aber durch diese Umformung wird
+ein <i>lebensf&auml;higer</i> sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen.&nbsp;&ndash; Nur
+eine leichtfertige Beurteilung wird finden k&ouml;nnen, da&szlig; mit der Verwirklichung
+des hier Dargestellten nichts weiter getan sei, als da&szlig; der Arbeitszeitlohn
+in St&uuml;cklohn verwandelt werde. Mag sein, da&szlig; eine einseitige Ansicht
+von der Sache zu diesem Urteil f&uuml;hrt. Aber <i>hier</i> ist diese einseitige
+Ansicht nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Abl&ouml;sung des
+Entlohnungsverh&auml;ltnisses durch das vertragsgem&auml;&szlig;e Teilungsverh&auml;ltnis in
+bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete <i>in
+Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus</i> ins
+<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>
+Auge gefa&szlig;t. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungsertr&auml;gnisses
+als St&uuml;cklohn erscheint, der wird nicht gewahr, da&szlig;
+<i>dieser</i> &bdquo;St&uuml;cklohn&ldquo; (der aber eigentlich kein &bdquo;Lohn&ldquo; ist) sich im <i>Werte</i>
+des Geleisteten in einer Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche
+Lebenslage des Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen
+Organismus in ein ganz anderes Verh&auml;ltnis bringt, als dasjenige ist,
+das aus der einseitig wirtschaftlich bedingten Klassenherrschaft entstanden
+ist. Die Forderung nach Austilgung des Klassenkampfes wird
+damit befriedigt.&nbsp;&ndash; Und wer sich zu der namentlich auch in sozialistischen
+Kreisen zu h&ouml;renden Meinung bekennt: die <i>Entwicklung</i>
+selbst m&uuml;sse die L&ouml;sung der sozialen Frage bringen, man k&ouml;nne nicht
+Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem mu&szlig; erwidert
+werden: gewi&szlig; wird die Entwicklung das Notwendige bringen m&uuml;ssen;
+aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen
+<i>Wirklichkeiten</i>. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird
+und das <i>verwirklicht</i> sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann
+wird eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und
+diejenigen, welche &bdquo;nur von der Entwicklung&ldquo; und nicht von der
+Erbringung fruchtbarer Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen
+m&uuml;ssen mit ihrem Urteil bis dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung
+sein wird. Doch wird es eben dann <i>zu sp&auml;t</i> sein zum Vollbringen
+gewisser Dinge, die von den <i>heutigen</i> Tatsachen schon gefordert
+werden. Im sozialen Organismus ist es nicht m&ouml;glich, die Entwicklung
+<i>objektiv</i> zu betrachten wie in der Natur. Man mu&szlig; die Entwicklung
+<i>bewirken</i>. Deshalb ist es f&uuml;r ein gesundes soziales Denken
+verh&auml;ngnisvoll, da&szlig; ihm gegenw&auml;rtig Ansichten gegen&uuml;berstehen, die,
+was sozial notwendig ist, so &bdquo;beweisen&ldquo; wollen, wie man in der Naturwissenschaft
+&bdquo;beweist&ldquo;. Ein &bdquo;Beweis&ldquo; in sozialer Lebensauffassung
+kann sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung <i>das</i> aufnehmen
+kann, was nicht nur im <i>Bestehenden</i> liegt, sondern <i>dasjenige</i>, was in
+den Menschenimpulsen&nbsp;&ndash; von ihnen oft unbemerkt&nbsp;&ndash; keimhaft ist
+und sich verwirklichen will.</p>
+
+<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br />
+<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p>
+
+<p>Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen
+Organismus ihre Begr&uuml;ndung im Wesenhaften des menschlichen
+Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Losl&ouml;sung der richterlichen
+<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+T&auml;tigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren wird
+es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder
+Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst
+aber liegen in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus
+gebildet sind. Diese Urteilsfindung ist in hohem Ma&szlig;e abh&auml;ngig von
+der M&ouml;glichkeit, da&szlig; der Richtende Sinn und Verst&auml;ndnis habe f&uuml;r die
+individuelle Lage eines zu Richtenden. Solcher Sinn und solches Verst&auml;ndnis
+werden nur vorhanden sein, wenn dieselben Vertrauensbande,
+durch welche die Menschen zu den Einrichtungen der geistigen
+Organisation sich hingezogen f&uuml;hlen, auch ma&szlig;gebend sind f&uuml;r die Einsetzung
+der Gerichte. Es ist m&ouml;glich, da&szlig; die Verwaltung der geistigen
+Organisation die Richter aufstellt, die aus den verschiedensten geistigen
+Berufsklassen heraus genommen sein k&ouml;nnen, und die auch nach Ablauf
+einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe zur&uuml;ckkehren. In gewissen
+Grenzen hat dann jeder Mensch die M&ouml;glichkeit, sich die Pers&ouml;nlichkeit
+unter den Aufgestellten f&uuml;r f&uuml;nf oder zehn Jahre zu w&auml;hlen,
+zu der er so viel Vertrauen hat, da&szlig; er in dieser Zeit, wenn es dazu
+kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder strafrechtlichen
+Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes
+Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, da&szlig; diese Wahl
+eine Bedeutung haben wird. Ein Kl&auml;ger hat sich dann stets an den f&uuml;r
+einen Angeklagten zust&auml;ndigen Richter zu wenden.&nbsp;&ndash; Man bedenke,
+was eine solche Einrichtung in den &ouml;sterreichisch-ungarischen Gegenden
+f&uuml;r eine einschneidende Bedeutung gehabt h&auml;tte. In gemischtsprachigen
+Gegenden h&auml;tte der Angeh&ouml;rige einer jeden Nationalit&auml;t sich einen
+Richter seines Volkes erw&auml;hlen k&ouml;nnen. Wer die &ouml;sterreichischen Verh&auml;ltnisse
+kennt, der kann auch wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben
+der Nationalit&auml;ten eine solche Einrichtung h&auml;tte beitragen k&ouml;nnen.&nbsp;&ndash;
+Aber au&szlig;er der Nationalit&auml;t gibt es weite Lebensgebiete, f&uuml;r deren gesunde
+Entfaltung eine solche Einrichtung im gedeihlichen Sinne wirken
+kann.&nbsp;&ndash; F&uuml;r die engere Gesetzeskenntnis werden den in der geschilderten
+Art bestellten Richtern und Gerichtsh&ouml;fen Beamte zur Seite
+stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen Organismus
+zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben. Ebenso werden
+Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden sein. Es
+wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die Verwirklichung
+solcher Voraussetzungen abspielt, da&szlig; ein Richter den Lebensgewohnheiten
+<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen
+kann, da&szlig; er durch sein au&szlig;erhalb des Richteramtes&nbsp;&ndash; dem er nur eine
+Zeitlang vorstehen wird&nbsp;&ndash; liegendes Leben mit den Lebenskreisen der
+zu Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus &uuml;berall
+in seinen Einrichtungen das soziale Verst&auml;ndnis der an seinem Leben
+beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen
+T&auml;tigkeit. Die Urteilsvollstreckung f&auml;llt dem Rechtsstaate zu.</p>
+
+<p class="center">*<span class="invisible">0000000000</span>*<br />
+<span class="invisible">00000</span>*<span class="invisible">00000</span></p>
+
+<p>Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier
+Dargestellten f&uuml;r andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig
+machen, brauchen vorl&auml;ufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese
+Schilderung w&uuml;rde selbstverst&auml;ndlich einen nicht zu begrenzenden Raum
+einnehmen.</p>
+
+<p>Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt
+haben, da&szlig; es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich <i>nicht</i>, wie
+mancher meinen k&ouml;nnte&nbsp;&ndash; und wie tats&auml;chlich geglaubt wurde, als
+ich hier und dort das Dargestellte m&uuml;ndlich vorgetragen habe&nbsp;&ndash;, um
+eine Erneuerung der drei St&auml;nde, N&auml;hr-, Wehr- und Lehrstand handelt.
+Das Gegenteil dieser St&auml;ndegliederung wird angestrebt. Die Menschen
+werden weder in Klassen noch in St&auml;nde <i>sozial</i> eingegliedert sein, sondern
+der soziale Organismus selbst wird gegliedert sein. Der Mensch
+aber wird gerade dadurch wahrhaft Mensch sein k&ouml;nnen. Denn die
+Gliederung wird eine solche sein, da&szlig; er mit seinem Leben in jedem der
+drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des sozialen Organismus, in
+dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit sachlichem Interesse
+stehen; und zu den andern wird er lebensvolle Beziehungen haben,
+denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem Verh&auml;ltnisse stehen,
+das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird der vom Menschen
+abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale Organismus sein;
+jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei Glieder sein.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span></p>
+
+<h2><a name="kap04" id="kap04"></a><a href="#inhalt">IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>ie innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch
+die internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete
+wird sein selbst&auml;ndiges Verh&auml;ltnis zu den entsprechenden Gebieten der
+andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des
+einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen,
+ohne da&szlig; die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren
+Einflu&szlig; haben<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>. Und umgekehrt, die Verh&auml;ltnisse der Rechtsstaaten
+werden sich innerhalb gewisser Grenzen in v&ouml;lliger Unabh&auml;ngigkeit
+von den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch
+diese Unabh&auml;ngigkeit im <i>Entstehen</i> der Beziehungen werden diese in
+Konfliktf&auml;llen ausgleichend aufeinander wirken k&ouml;nnen. Interessenzusammenh&auml;nge
+der einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben,
+welche die Landesgrenzen als unbetr&auml;chtlich f&uuml;r das Zusammenleben
+der Menschen erscheinen lassen werden.&nbsp;&ndash; Die geistigen Organisationen
+der einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten
+k&ouml;nnen, die <i>nur</i> aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit
+selbst sich ergeben. Das vom Staate unabh&auml;ngige, auf sich gestellte
+Geistesleben wird Verh&auml;ltnisse ausbilden, die dann unm&ouml;glich sind, wenn
+die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung
+eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abh&auml;ngt. In dieser
+Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den Leistungen der
+ganz offenbar internationalen Wissenschaft und denjenigen anderer
+geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja auch die einem Volke
+eigene Sprache dar und alles, was sich in unmittelbarem Zusammenhange
+<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>
+mit der Sprache ergibt. Das Volksbewu&szlig;tsein selbst geh&ouml;rt in
+dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen mit denen
+eines andern nicht in unnat&uuml;rliche Konflikte, wenn sie sich nicht zur
+Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation oder
+der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur gegen&uuml;ber
+einer andern eine gr&ouml;&szlig;ere Ausbreitungsf&auml;higkeit und geistige
+Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie
+wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen
+zustande kommt, die von den geistigen Organismen abh&auml;ngig sind.</p>
+
+<p>Gegenw&auml;rtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch
+der sch&auml;rfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenh&auml;nge
+erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und
+Volkskulturen sich entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen
+m&uuml;ssen an dem Ziel, das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der
+neueren Zeit die Menschheit als Ganzes immer bewu&szlig;ter wird setzen
+m&uuml;ssen. Diese Menschheit wird empfinden, da&szlig; ein jeder ihrer Teile zu
+einem wahrhaft menschenw&uuml;rdigen Dasein nur kommen kann, wenn er
+sich lebenskr&auml;ftig mit allen anderen Teilen verbindet. Volkszusammenh&auml;nge
+sind neben anderen naturgem&auml;&szlig;en Impulsen die Ursachen, durch
+die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich gebildet
+haben. Aber die Kr&auml;fte, durch welche die Volkst&uuml;mer wachsen,
+m&uuml;ssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt
+ist durch die Beziehungen, welche die Staatsk&ouml;rper und Wirtschaftsgenossenschaften
+zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die
+Volksgemeinschaften die innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen
+so durchf&uuml;hren, da&szlig; jedes der Glieder seine selbst&auml;ndigen Beziehungen
+zu anderen sozialen Organismen entfalten kann.</p>
+
+<p>Dadurch bilden sich <i>vielgestaltige</i> Zusammenh&auml;nge zwischen V&ouml;lkern,
+Staaten und Wirtschaftsk&ouml;rpern, die jeden Teil der Menschheit mit
+anderen Teilen so verbinden, da&szlig; der eine in seinen eigenen Interessen
+das Leben der andern mitempfindet. Ein V&ouml;lkerbund <i>entsteht</i> aus
+wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen
+Rechtsanschauungen &bdquo;eingesetzt&ldquo; werden m&uuml;ssen<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span></p>
+<p>Von besonderer Bedeutung mu&szlig; einem wirklichkeitsgem&auml;&szlig;en Denken
+erscheinen, da&szlig; die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus
+zwar ihre Geltung haben f&uuml;r die gesamte Menschheit, da&szlig; sie aber von
+<i>jedem einzelnen</i> sozialen Organismus verwirklicht werden k&ouml;nnen, gleichg&uuml;ltig,
+wie sich andere L&auml;nder zu dieser Verwirklichung vorl&auml;ufig verhalten.
+Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgem&auml;&szlig;en drei
+Gebiete, so k&ouml;nnen die Vertretungen derselben als einheitliche K&ouml;rperschaft
+mit anderen in internationale Beziehungen treten, auch wenn
+diese anderen f&uuml;r sich die Gliederung noch nicht vorgenommen haben.
+Wer mit dieser Gliederung vorangeht, der wird f&uuml;r ein gemeinschaftliches
+Menschheitsziel wirken. Was getan werden soll, wird sich durchsetzen
+viel mehr durch die Kraft, welche ein in wirklichen Menschheitsimpulsen
+wurzelndes Ziel <i>im Leben</i> erweist, als durch eine Feststellung
+auf Kongressen und aus Verabredungen heraus. Auf einer Wirklichkeitsgrundlage
+ist dieses Ziel <i>gedacht</i>; im wirklichen Leben, an
+jedem Punkte der Menschengemeinschaften l&auml;&szlig;t es sich erstreben.</p>
+
+<p>Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorg&auml;nge im Leben der V&ouml;lker
+und Staaten von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige
+dieser Darstellung ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich
+gewordenen Staatengebilde mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-,
+Rechts- und Wirtschaftsleben sich in internationale Beziehungen
+brachten, die zu einer Katastrophe dr&auml;ngten. Ebenso aber konnte
+ein solcher auch sehen, wie die Gegenkr&auml;fte aus unbewu&szlig;ten Menschheitsimpulsen
+heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird das Heilmittel
+gegen die Ersch&uuml;tterungen sein, welche der Einheitsfanatismus bewirkt
+hat. Aber das Leben der &bdquo;ma&szlig;gebenden Menschheitsleiter&ldquo; war nicht
+darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit langem vorbereitete. Im
+Fr&uuml;hling und Fr&uuml;hsommer 1914 konnte man noch &bdquo;Staatsm&auml;nner&ldquo;
+davon sprechen h&ouml;ren, da&szlig; der Friede Europas dank der Bem&uuml;hungen
+der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei. Diese
+&bdquo;Staatsm&auml;nner&ldquo; hatten eben keine Ahnung davon, da&szlig;, was sie taten
+und redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr
+zu tun hatte. Aber sie galten als die &bdquo;Praktiker&ldquo;. Und als &bdquo;Schw&auml;rmer&ldquo;
+galt damals wohl, wer entgegen den Anschauungen der &bdquo;Staatsm&auml;nner&ldquo;
+Anschauungen durch die letzten Jahrzehnte hindurch sich
+ausbildete, wie sie der Schreiber dieser Ausf&uuml;hrungen, monatelang vor
+der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor einem kleinen Zuh&ouml;rerkreise
+<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+aussprach. (Vor einem gr&ouml;&szlig;eren w&auml;re er wohl verlacht worden.)
+Er sagte &uuml;ber das, was drohte, ungef&auml;hr das Folgende: &bdquo;Die in der
+Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer st&auml;rker werden,
+bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut derjenige,
+der das soziale Leben geistig durchblickt, wie &uuml;berall furchtbare
+Anlagen zu sozialen Geschw&uuml;rbildungen aufsprossen. Das ist die gro&szlig;e
+Kultursorge, die auftritt f&uuml;r denjenigen, der das Dasein durchschaut.
+Das ist das Furchtbare, was so bedr&uuml;ckend wirkt und was selbst
+dann, wenn man allen Enthusiasmus sonst f&uuml;r das Erkennen der
+Lebensvorg&auml;nge durch die Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft
+unterdr&uuml;cken k&ouml;nnte, einen dazu bringen m&uuml;&szlig;te, von dem Heilmittel so
+zu sprechen, da&szlig; man Worte dar&uuml;ber der Welt gleichsam <i>entgegen</i>schreien
+m&ouml;chte. Wenn der soziale Organismus sich so weiter entwickelt,
+wie er es bisher getan hat, dann entstehen Sch&auml;den der Kultur,
+die f&uuml;r diesen Organismus dasselbe sind, was <i>Krebsbildungen</i> im
+menschlichen nat&uuml;rlichen Organismus sind.&ldquo; Aber die Lebensanschauung
+herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den
+sie nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Ma&szlig;nahmen
+f&uuml;hrten, die h&auml;tten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet
+waren, Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander
+zu begr&uuml;nden.&nbsp;&ndash; Wer glaubt, da&szlig; unter den unmittelbaren Ursachen
+der gegenw&auml;rtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten
+keine Rolle gespielt haben, der sollte sich &uuml;berlegen, was aus den politischen
+Impulsen der in den Krieg dr&auml;ngenden Staaten dann geworden
+w&auml;re, wenn die &bdquo;Staatsm&auml;nner&ldquo; in den Inhalt ihres Wollens
+diese sozialen Notwendigkeiten aufgenommen h&auml;tten. Und was unterblieben
+w&auml;re, wenn man durch solchen Willensinhalt etwas anderes
+zu tun gehabt h&auml;tte als die Z&uuml;ndstoffe zu schaffen, die dann die Explosion
+bringen mu&szlig;ten. Wenn man in den letzten Jahrzehnten das
+schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als Folge des
+sozialen Lebens der f&uuml;hrenden Teile der Menschheit ins Auge fa&szlig;te, so
+konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen Geistinteressen
+stehende Pers&ouml;nlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen
+das soziale Wollen in diesen f&uuml;hrenden Teilen annahm, schon 1888 sagen
+mu&szlig;te: &bdquo;Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung
+zu einem Reiche von Br&uuml;dern zu machen, die, nur den edelsten
+Beweggr&uuml;nden nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die
+<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>
+Geschichte nur auf der Karte von Europa verfolgt, k&ouml;nnte glauben,
+ein gegenseitiger allgemeiner Mord m&uuml;sse unsere n&auml;chste Zukunft erf&uuml;llen&ldquo;,
+aber nur der Gedanke, da&szlig; ein &bdquo;Weg zu den wahren G&uuml;tern des
+menschlichen Lebens&ldquo; gefunden werden m&uuml;sse, kann den Sinn f&uuml;r
+Menschenw&uuml;rde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist ein solcher,
+&bdquo;der mit unsern ungeheuern kriegerischen R&uuml;stungen und denen unserer
+Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber
+glaube, und der uns erleuchten mu&szlig;, wenn es nicht &uuml;berhaupt besser
+sein sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschlu&szlig; abzuschaffen
+und einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.&ldquo;
+(So Hermann Grimm 1888 auf S.&nbsp;46 seines Buches: &bdquo;Aus den letzten
+f&uuml;nf Jahren&ldquo;.) Was waren die &bdquo;Kriegerischen R&uuml;stungen&ldquo; anderes als
+Ma&szlig;nahmen solcher Menschen, welche Staatsgebilde in einer Einheitsform
+aufrechterhalten wollten, trotzdem diese Form durch die Entwicklung
+der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden Zusammenlebens
+der V&ouml;lker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes Zusammenleben
+aber k&ouml;nnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen
+Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit
+heraus gestaltet ist.</p>
+
+<p>Das &ouml;sterreichisch-ungarische Staatsgebilde dr&auml;ngte seit mehr als
+einem halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges
+Leben, das in einer Vielheit von V&ouml;lkergemeinschaften wurzelte, verlangte
+nach einer Form, f&uuml;r deren Entwicklung der aus veralteten
+Impulsen gebildete Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-&ouml;sterreichische
+Konflikt, der am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe
+steht, ist das vollg&uuml;ltigste Zeugnis daf&uuml;r, da&szlig; die politischen Grenzen
+dieses Einheitsstaates von einem gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen
+sein durften f&uuml;r das V&ouml;lkerleben. W&auml;re eine M&ouml;glichkeit vorhanden
+gewesen, da&szlig; das auf sich selbst gestellte, von dem politischen Staate und
+seinen Grenzen unabh&auml;ngige Geistesleben sich &uuml;ber diese Grenzen hin&uuml;ber
+in einer Art h&auml;tte entwickeln k&ouml;nnen, die mit den Zielen der V&ouml;lker im
+Einklange gewesen w&auml;re, dann h&auml;tte der im Geistesleben verwurzelte Konflikt
+sich nicht in einer politischen Katastrophe entladen m&uuml;ssen. Eine
+dahin zielende Entwicklung erschien allen, die in &Ouml;sterreich-Ungarn sich
+einbildeten, &bdquo;staatsm&auml;nnisch&ldquo; zu denken, als eine volle Unm&ouml;glichkeit,
+wohl gar als der reine Unsinn. Deren Denkgewohnheiten lie&szlig;en nichts
+anderes zu als die Vorstellung, da&szlig; die Staatsgrenzen mit den
+<span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>
+Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten zusammenfallen. Verstehen,
+da&szlig; &uuml;ber die Staatsgrenzen hinweg sich geistige Organisationen bilden
+k&ouml;nnen, die das Schulwesen, die andere Zweige des Geisteslebens umfassen,
+das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und dennoch: dieses
+&bdquo;Undenkbare&ldquo; ist die Forderung der neueren Zeit f&uuml;r das internationale
+Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar Unm&ouml;glichen
+h&auml;ngen bleiben und glauben, da&szlig; Einrichtungen im Sinne
+dieser Forderung auf un&uuml;berwindliche Schwierigkeiten sto&szlig;en; sondern
+er mu&szlig; sein Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu
+&uuml;berwinden. Statt das &bdquo;staatsm&auml;nnische&ldquo; Denken in eine Richtung
+zu bringen, welche den neuzeitlichen Forderungen entsprochen h&auml;tte,
+war man bestrebt, Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat
+gegen diese Forderungen aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde
+dadurch immer mehr zu einem unm&ouml;glichen Gebilde. Und im zweiten
+Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts stand er davor, f&uuml;r seine
+Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun zu k&ouml;nnen und die
+Aufl&ouml;sung zu erwarten, oder das innerlich Unm&ouml;gliche &auml;u&szlig;erlich durch
+die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Ma&szlig;nahmen des
+Krieges begr&uuml;nden lie&szlig;. Es gab 1914 f&uuml;r die &ouml;sterreichisch-ungarischen
+&bdquo;Staatsm&auml;nner&ldquo; nichts anderes als dieses: entweder sie mu&szlig;ten ihre Intentionen
+in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen Organismus
+lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues Vertrauen
+h&auml;tte erwecken k&ouml;nnen, mitteilen, oder sie <i>mu&szlig;ten</i> einen Krieg
+entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen
+Untergr&uuml;nden heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird &uuml;ber die
+Schuldfrage gerecht denken k&ouml;nnen. Durch die Teilnahme vieler V&ouml;lkerschaften
+an dem &ouml;sterreichisch-ungarischen Staatsgebilde w&auml;re diesem
+die weltgeschichtliche Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen
+Organismus vor allem zu entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht
+erkannt. Diese S&uuml;nde wider den Geist des weltgeschichtlichen Werdens
+hat &Ouml;sterreich-Ungarn in den Krieg getrieben.</p>
+
+<p>Und das Deutsche Reich? Es ist gegr&uuml;ndet worden in einer Zeit,
+in der die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen
+Organismus ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung
+h&auml;tte dem Reiche seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben
+k&ouml;nnen. Die sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleurop&auml;ischen
+Reiche wie in dem Gebiete zusammen, das f&uuml;r ihr Ausleben weltgeschichtlich
+<span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>
+vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es
+trat an vielen Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere
+Gestalt an, aus der zu ersehen war, wohin es dr&auml;ngte. Das
+h&auml;tte zu einem Arbeits-Inhalt f&uuml;r dieses Reich f&uuml;hren m&uuml;ssen. Das
+h&auml;tte seinen Verwaltern die Aufgaben stellen m&uuml;ssen. Es h&auml;tte die
+Berechtigung dieses Reiches im modernen V&ouml;lkerzusammenleben erweisen
+k&ouml;nnen, wenn man dem neugegr&uuml;ndeten Reiche einen Arbeits-Inhalt
+gegeben h&auml;tte, der von den Kr&auml;ften der Geschichte selbst gefordert
+gewesen w&auml;re. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Gro&szlig;e zu
+wenden, blieb man bei &bdquo;sozialen Reformen&ldquo; stehen, die aus den
+Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im
+Auslande die Musterg&uuml;ltigkeit <i>dieser</i> Reformen bewunderte. Man
+kam daneben immer mehr dazu, die &auml;u&szlig;ere Welt-Machtstellung des
+Reiches auf Formen gr&uuml;nden zu wollen, die aus den ausgelebtesten
+Arten des Vorstellens &uuml;ber die Macht und den Glanz der Staaten
+heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich, das ebenso wie das
+&ouml;sterreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach, was in den
+Kr&auml;ften des V&ouml;lkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich ank&uuml;ndigte.
+Von diesen Kr&auml;ften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts. <i>Das</i>
+Staatsgebilde, das <i>sie</i> im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft des
+Milit&auml;rischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte gefordert
+ist, h&auml;tte auf der Verwirklichung der Impulse f&uuml;r den gesunden
+sozialen Organismus ruhen m&uuml;ssen. Mit <i>dieser</i> Verwirklichung h&auml;tte
+man sich in die Gemeinsamkeit des modernen V&ouml;lkerlebens anders
+hineingestellt, als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen
+der neuzeitlichen Forderungen des V&ouml;lkerlebens war 1914 die deutsche
+Politik an dem Nullpunkte ihrer Bet&auml;tigungsm&ouml;glichkeit angelangt.
+Sie hatte in den letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was
+h&auml;tte geschehen sollen; sie hatte sich besch&auml;ftigt mit allem M&ouml;glichen,
+was in den neuzeitlichen Entwicklungskr&auml;ften nicht lag und was durch
+seine Inhaltlosigkeit &bdquo;wie ein Kartengeb&auml;ude zusammenbrechen&ldquo; <i>mu&szlig;te</i>.</p>
+
+<p>Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des
+Deutschen Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, w&uuml;rde
+ein getreues Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeilie&szlig;e, die
+Vorg&auml;nge innerhalb der ma&szlig;gebenden Orte in Berlin Ende Juli und
+1.&nbsp;August 1914 zu pr&uuml;fen und vor die Welt getreulich hinzustellen.
+Von diesen Vorg&auml;ngen wei&szlig; das In- und Ausland noch wenig. Wer
+<span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>
+sie kennt, der wei&szlig;, wie die deutsche Politik damals sich als die
+eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen im Nullpunkt
+ihrer Bet&auml;tigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu
+beginnen war, in das Urteil der milit&auml;rischen Verwaltung &uuml;bergehen
+<i>mu&szlig;te</i>. Wer ma&szlig;gebend in dieser Verwaltung war, konnte damals
+aus den milit&auml;rischen Gesichtspunkten heraus <i>nicht anders handeln,
+als gehandelt worden ist</i>, weil von <i>diesen</i> Gesichtspunkten die Situation
+nur so gesehen werden konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn au&szlig;er
+dem milit&auml;rischen Gebiet hatte man sich in eine Lage gebracht, die
+zu einem Handeln gar nicht mehr f&uuml;hren konnte. Alles dieses w&uuml;rde
+sich als eine weltgeschichtliche Tatsache ergeben, wenn jemand sich
+f&auml;nde, der darauf dringt, die Vorg&auml;nge in Berlin von Ende Juli und
+1.&nbsp;August, namentlich alles das, was sich am 1.&nbsp;August und 31.&nbsp;Juli
+zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer der
+Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorg&auml;nge k&ouml;nne man doch
+nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der
+fr&uuml;heren Zeit kennt. Will man &uuml;ber das reden, was man gegenw&auml;rtig
+die &bdquo;Schuldfrage&ldquo; nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden.
+Gewi&szlig; kann man auch durch anderes &uuml;ber die l&auml;ngst vorher vorhandenen
+Ursachen wissen; aber diese Einsicht zeigt, <i>wie</i> diese Ursachen
+gewirkt haben.</p>
+
+<p>Die Vorstellungen, die Deutschlands F&uuml;hrer damals in den Krieg
+getrieben haben, sie wirkten dann verh&auml;ngnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung.
+Und sie verhinderten, da&szlig; w&auml;hrend der letzten Schreckensjahre
+<i>die</i> Einsicht bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen
+entwickelte, deren Nichtvorhandensein vorher in die Tragik
+hineingetrieben hatte. Auf die m&ouml;gliche Empf&auml;nglichkeit, die sich aus
+diesen Erfahrungen heraus h&auml;tte ergeben k&ouml;nnen, wollte der Schreiber
+dieser Ausf&uuml;hrungen bauen, als er sich bem&uuml;hte, innerhalb Deutschlands
+und &Ouml;sterreichs in dem Zeitpunkte der Kriegskatastrophe, der
+ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem gesunden sozialen Organismus
+und deren Konsequenzen f&uuml;r das politische Verhalten nach
+au&szlig;en an Pers&ouml;nlichkeiten heranzubringen, deren Einflu&szlig; damals noch
+sich h&auml;tte f&uuml;r eine Geltendmachung dieser Impulse bet&auml;tigen k&ouml;nnen.
+Pers&ouml;nlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes
+ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang f&uuml;r diese
+Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten
+<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+str&auml;ubten sich gegen solche Impulse, welche dem <i>nur</i> milit&auml;risch orientierten
+Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts
+Rechtes anfangen k&ouml;nne. H&ouml;chstens da&szlig; man fand, &bdquo;Trennung der
+Kirche von der Schule&ldquo;, ja, das w&auml;re etwas. In solcher Bahn liefen
+eben die Gedanken der &bdquo;staatsm&auml;nnisch&ldquo; Denkenden schon seit lange,
+und in eine Richtung, die zu Durchgreifendem f&uuml;hren sollte, lie&szlig;en sie
+sich nicht bringen. Wohlwollende sprachen davon, ich solle diese Gedanken
+&bdquo;ver&ouml;ffentlichen&ldquo;. Das war in jenem Zeitpunkte wohl der
+unzweckm&auml;&szlig;igste Rat. Was konnte es helfen, wenn auf dem Gebiete
+der &bdquo;Literatur&ldquo; unter manchem andern auch von diesen Impulsen gesprochen
+worden w&auml;re; von einem Privatmanne. In der Natur dieser
+Impulse liegt es doch, da&szlig; sie <i>damals</i> eine Bedeutung nur h&auml;tten erlangen
+k&ouml;nnen durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden
+w&auml;ren. Die V&ouml;lker Mitteleuropas h&auml;tten, wenn von der rechten Stelle
+im Sinne dieser Impulse gesprochen worden w&auml;re, gesehen, da&szlig; es etwas
+geben kann, was ihrem mehr oder weniger bewu&szlig;ten Drang entsprochen
+h&auml;tte. Und die V&ouml;lker des russischen Ostens h&auml;tten ganz
+gewi&szlig; in jenem Zeitpunkte Verst&auml;ndnis gehabt f&uuml;r eine Abl&ouml;sung des
+Zarismus durch solche Impulse. Da&szlig; sie dies Verst&auml;ndnis gehabt h&auml;tten,
+kann nur der in Abrede stellen, der keine Empfindung hat f&uuml;r die
+Empf&auml;nglichkeit des noch unverbrauchten osteurop&auml;ischen Intellekts
+f&uuml;r gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung im Sinne solcher
+Ideen kam Brest-Litowsk.</p>
+
+<p>Da&szlig; milit&auml;risches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas
+nicht abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem&nbsp;&ndash; milit&auml;rischen
+Denken zu verbergen. Da&szlig; man an die Unabwendbarkeit der
+Katastrophe nicht glauben wollte, das war die Ursache des Ungl&uuml;ckes
+des deutschen Volkes. Niemand wollte einsehen, wie man an den Stellen,
+bei denen die Entscheidung lag, keinen Sinn hatte f&uuml;r weltgeschichtliche
+Notwendigkeiten. Wer von diesen Notwendigkeiten etwas wu&szlig;te, dem
+war auch bekannt, wie die englischsprechenden V&ouml;lker Pers&ouml;nlichkeiten
+in ihrer Mitte hatten, welche durchschauten, was in den Volkskr&auml;ften
+Mittel- und Osteuropas sich regte. Man konnte wissen, wie solche Pers&ouml;nlichkeiten
+der &Uuml;berzeugung waren, in Mittel- und Osteuropa bereite
+sich etwas vor, was in m&auml;chtigen sozialen Umw&auml;lzungen sich
+ausleben mu&szlig;. In solchen Umw&auml;lzungen, von denen man glaubte, da&szlig;
+in den englisch sprechenden Gebieten f&uuml;r sie weder schon geschichtlich
+<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>
+eine Notwendigkeit, noch eine M&ouml;glichkeit vorlag. Auf solches Denken
+richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und Osteuropa sah
+man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, da&szlig; sie
+&bdquo;wie ein Kartengeb&auml;ude zusammenst&uuml;rzen&ldquo; mu&szlig;te. Nur eine Politik,
+die auf die Einsicht gebaut gewesen w&auml;re, da&szlig; man in englisch sprechenden
+Gebieten gro&szlig;z&uuml;gig, und ganz selbstverst&auml;ndlich vom englischen
+Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, h&auml;tte Grund
+und Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik w&auml;re wohl
+besonders den &bdquo;Diplomaten&ldquo; als etwas h&ouml;chst &Uuml;berfl&uuml;ssiges erschienen.</p>
+
+<p>Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem h&auml;tte auch f&uuml;r
+Mittel- und Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe
+f&uuml;hren k&ouml;nnen trotz der Gro&szlig;z&uuml;gigkeit der englisch orientierten
+Politik, zu treiben, fuhr man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen
+sich weiter zu bewegen. Und w&auml;hrend der Kriegsschrecken
+lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht, da&szlig; es notwendig geworden
+war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in politischen
+Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine andere
+entgegenzustellen, die aus den Lebenskr&auml;ften dieses Europa heraus
+geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten
+Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der
+Kanonen als geistiger Impuls Europas hineinget&ouml;nt h&auml;tte, w&auml;re eine
+Verst&auml;ndigung m&ouml;glich gewesen. Jedes andere Verst&auml;ndigungs-Gerede
+klang vor den geschichtlichen Notwendigkeiten hohl.&nbsp;&ndash; Aber der
+Sinn f&uuml;r ein Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben
+liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verh&auml;ltnissen
+heraus an die Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und
+deshalb mu&szlig;te der Herbst 1918 bringen, was er gebracht hat. Der
+Zusammenbruch der milit&auml;rischen Gewalt wurde begleitet von einer
+geistigen Kapitulation. Statt wenigstens in dieser Zeit sich aufzuraffen
+zu einer aus europ&auml;ischem Wollen heraus geholten Geltendmachung
+der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die blo&szlig;e
+Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson
+vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch
+Wilson &uuml;ber seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland
+nur in dem helfen, was es selbst will. Er mu&szlig;te doch eine Kundgebung
+dieses Wollens <i>erwarten</i>. Zu der Nichtigkeit der Politik vom
+Anfange des Krieges kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare
+<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>
+geistige Kapitulation, herbeigef&uuml;hrt von einem Manne, auf den
+viele in deutschen Landen so etwas wie eine letzte Hoffnung setzten.</p>
+
+<p>Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kr&auml;ften
+heraus; Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenh&auml;nge
+sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas
+hervorgebracht. Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung
+der Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen.
+Sie kann gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse
+der Menschheit, so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese
+sozialen Impulse sprechen eine Sprache, der gegen&uuml;ber die ganze zivilisierte
+Welt eine Aufgabe hat. Soll das Denken &uuml;ber dasjenige, was
+geschehen mu&szlig;, heute gegen&uuml;ber der sozialen Frage ebenso auf dem
+Nullpunkt angelangen, wie die mitteleurop&auml;ische Politik f&uuml;r ihre Aufgaben
+1914 angekommen war? Landesgebiete, die sich von den damals
+in Frage kommenden Angelegenheiten abseits halten konnten:
+gegen&uuml;ber der sozialen Bewegung d&uuml;rfen sie es nicht. Gegen&uuml;ber
+dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es keine Neutralen
+geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende
+Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und
+ihr Handeln nach diesen Zeichen einzurichten.</p>
+
+<p>Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen
+sind, heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene
+Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem
+Schreiber dieser Ausf&uuml;hrungen vor einiger Zeit verfa&szlig;t worden, und
+von einem Komitee, das f&uuml;r ihn Verst&auml;ndnis gefa&szlig;t hat, der Welt, vor
+allem den mitteleurop&auml;ischen V&ouml;lkern mitgeteilt worden ist. Gegenw&auml;rtig
+sind andere Verh&auml;ltnisse als zu der Zeit, in der sein Inhalt engeren
+Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal h&auml;tte ihn die &ouml;ffentliche Mitteilung
+ganz notwendig zur &bdquo;Literatur&ldquo; gemacht. Heute mu&szlig; die
+&Ouml;ffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm vor kurzer Zeit
+noch nicht h&auml;tte bringen k&ouml;nnen: verstehende Menschen, die in seinem
+Sinne wirken wollen, wenn er des Verst&auml;ndnisses und der Verwirklichung
+wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch
+solche Menschen entstehen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span></p>
+
+<h2><a name="anhang" id="anhang"></a><a href="#inhalt">Anhang</a></h2>
+
+<p class="center"><i>An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!</i></p>
+
+
+<p><span class="initial">S</span>icher gef&uuml;gt f&uuml;r unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen
+vor einem halben Jahrhundert aufgef&uuml;hrten Reichsbau. Im August
+1914 meinte es, die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich
+gestellt sah, werde diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es
+nur auf dessen Tr&uuml;mmer blicken. Selbstbesinnung mu&szlig; nach solchem
+Erlebnis eintreten. Denn dieses Erlebnis hat die Meinung eines halben
+Jahrhunderts, hat insbesondere die herrschenden Gedanken der Kriegsjahre
+als einen tragisch wirkenden Irrtum erwiesen. Wo liegen die Gr&uuml;nde
+dieses verh&auml;ngnisvollen Irrtums? Diese Frage mu&szlig; Selbstbesinnung in
+die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben. Ob jetzt die Kraft
+zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon h&auml;ngt die Lebensm&ouml;glichkeit
+des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft h&auml;ngt davon ab, ob
+es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in meinen
+Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm die
+Erkenntnis aufleuchten, da&szlig; es vor einem halben Jahrhundert ein Reich
+gegr&uuml;ndet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt
+der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen.&nbsp;&ndash; Das
+Reich war gegr&uuml;ndet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man
+bem&uuml;ht, seine inneren Lebensm&ouml;glichkeiten nach den Anforderungen, die
+sich durch alte Traditionen und neue Bed&uuml;rfnisse von Jahr zu Jahr
+zeigten, in Ordnung zu bringen. Sp&auml;ter ging man dazu &uuml;ber, die in
+materiellen Kr&auml;ften begr&uuml;ndete &auml;u&szlig;ere Machtstellung zu festigen und zu
+vergr&ouml;&szlig;ern. Damit verband man Ma&szlig;nahmen in bezug auf die von der
+neuen Zeit geborenen sozialen Anforderungen, die zwar manchem Rechnung
+trugen, was der Tag als Notwendigkeit erwies, denen aber doch
+ein gro&szlig;es Ziel fehlte, wie es sich h&auml;tte ergeben sollen aus einer Erkenntnis
+der Entwicklungskr&auml;fte, denen die neuere Menschheit sich zuwenden
+mu&szlig;. So war das Reich in den Weltzusammenhang hineingestellt ohne
+wesenhafte, seinen Bestand rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der
+Kriegskatastrophe hat dieses in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum
+<span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>
+Ausbruche derselben hatte die au&szlig;erdeutsche Welt in dem Verhalten
+des Reiches nichts sehen k&ouml;nnen, was ihr die Meinung h&auml;tte erwecken
+k&ouml;nnen: die Verwalter dieses Reiches erf&uuml;llen eine weltgeschichtliche
+Sendung, die nicht hinweggefegt werden darf. Das Nichtfinden einer
+solchen Sendung durch diese Verwalter hat notwendig die Meinung in
+der au&szlig;erdeutschen Welt erzeugt, die f&uuml;r den wirklich Einsichtigen der
+tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.</p>
+
+<p>Unerme&szlig;lich vieles h&auml;ngt nun f&uuml;r das deutsche Volk an seiner unbefangenen
+Beurteilung dieser Sachlage. Im Ungl&uuml;ck m&uuml;&szlig;te die Einsicht
+auftauchen, welche sich in den letzten f&uuml;nfzig Jahren nicht hat
+zeigen wollen. An die Stelle des kleinen Denkens &uuml;ber die allern&auml;chsten
+Forderungen der Gegenwart m&uuml;&szlig;te jetzt ein gro&szlig;er Zug der Lebensanschauung
+treten, welcher die Entwicklungskr&auml;fte der neueren Menschheit
+mit starken Gedanken zu erkennen strebt, und der mit mutigem
+Wollen sich ihnen widmet. Aufh&ouml;ren m&uuml;&szlig;te der kleinliche Drang, der
+alle diejenigen als unpraktische Idealisten unsch&auml;dlich macht, die ihren
+Blick auf diese Entwicklungskr&auml;fte richten. Aufh&ouml;ren m&uuml;&szlig;te die Anma&szlig;ung
+und der Hochmut derer, die sich als Praktiker d&uuml;nken, und die
+doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das Ungl&uuml;ck herbeigef&uuml;hrt
+haben. Ber&uuml;cksichtigt m&uuml;&szlig;te werden, was die als Idealisten
+verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker &uuml;ber die Entwicklungsbed&uuml;rfnisse
+der neuen Zeit zu sagen haben.</p>
+
+<p>Die &bdquo;Praktiker&ldquo; aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen
+ganz neuer Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten
+diesen Forderungen innerhalb des Rahmens alt&uuml;berlieferter Denkgewohnheiten
+und Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der
+neueren Zeit hat die Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf
+dem Wege privater Initiative schien unm&ouml;glich. &Uuml;berleitung des privaten
+Arbeitens in gesellschaftliches dr&auml;ngte sich der einen Menschenklasse
+<i>auf einzelnen Gebieten</i> als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht
+da, wo es dieser Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprie&szlig;lich
+erschien. Radikale &Uuml;berf&uuml;hrung <i>aller</i> Einzelarbeit in gesellschaftliche
+wurde das Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung
+des neuen Wirtschaftslebens an der Erhaltung der &uuml;berkommenen
+Privatziele kein Interesse hat.</p>
+
+<p>Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren Menschheitsforderungen
+hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames zugrunde.
+<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>
+Sie dr&auml;ngen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen dabei
+auf die &Uuml;bernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat, Kommune),
+die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen
+Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften
+(z.&nbsp;B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen
+Forderungen entstanden sind, sondern die aus &uuml;berlieferten Denkgewohnheiten
+heraus den alten Formen nachgebildet sind.</p>
+
+<p>Die Wahrheit ist, da&szlig; keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten
+gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen
+wissen will. Die Kr&auml;fte der Zeit dr&auml;ngen nach der Erkenntnis
+einer sozialen Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge
+fa&szlig;t, als was heute gemeiniglich ins Auge gefa&szlig;t wird. Die sozialen
+Gemeinschaften haben sich bisher zum gr&ouml;&szlig;ten Teil aus den sozialen
+Instinkten der Menschheit gebildet. Ihre Kr&auml;fte mit vollem Bewu&szlig;tsein
+zu durchdringen, wird Aufgabe der Zeit.</p>
+
+<p>Der soziale Organismus ist gegliedert wie der nat&uuml;rliche. Und wie
+der nat&uuml;rliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch
+die Lunge besorgen mu&szlig;, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung
+in Systeme notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen &uuml;bernehmen
+kann, jedes aber unter Wahrung seiner Selbst&auml;ndigkeit mit den
+anderen zusammenwirken mu&szlig;.</p>
+
+<p>Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbst&auml;ndiges
+Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kr&auml;ften und
+Gesetzen sich ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein
+Gef&uuml;ge bringt, da&szlig; es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus,
+dem politisch wirksamen, aufsaugen l&auml;&szlig;t. Dieses politisch wirksame
+Glied mu&szlig; vielmehr in voller Selbst&auml;ndigkeit neben dem wirtschaftlichen
+bestehen, wie im nat&uuml;rlichen Organismus das Atmungssystem
+neben dem Kopfsystem. Ihr heilsames Zusammenwirken kann
+nicht dadurch erreicht werden, da&szlig; beide Glieder von einem einzigen
+Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt werden, sondern da&szlig;
+jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die lebendig zusammenwirken.
+Denn das politische System mu&szlig; die Wirtschaft vernichten,
+wenn es sie &uuml;bernehmen will; und das wirtschaftliche System
+verliert seine Lebenskr&auml;fte, wenn es politisch werden will.</p>
+
+<p>Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus mu&szlig; in voller
+Selbst&auml;ndigkeit und aus seinen eigenen Lebensm&ouml;glichkeiten heraus gebildet
+<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>
+ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der
+geistige Anteil der beiden anderen Gebiete geh&ouml;rt, der ihnen von dem
+mit eigener gesetzm&auml;&szlig;iger Regelung und Verwaltung ausgestatteten
+dritten Gliede &uuml;berliefert werden mu&szlig;, der aber nicht von ihnen verwaltet
+und anders beeinflu&szlig;t werden kann, als die nebeneinander bestehenden
+Gliedorganismen eines nat&uuml;rlichen Gesamtorganismus sich
+gegenseitig beeinflussen.</p>
+
+<p>Man kann schon heute das hier &uuml;ber die Notwendigkeiten des sozialen
+Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begr&uuml;nden
+und ausbauen. In diesen Ausf&uuml;hrungen k&ouml;nnen nur die Richtlinien
+hingestellt werden, f&uuml;r alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten
+nachgehen wollen.</p>
+
+<p>Die deutsche Reichsgr&uuml;ndung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten
+an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung
+hat nicht verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick
+auf diese Notwendigkeiten. Dieser Blick h&auml;tte ihm nicht nur das rechte
+innere Gef&uuml;ge gegeben; er h&auml;tte seiner &auml;u&szlig;eren Politik auch eine berechtigte
+Richtung verliehen. Mit einer solchen Politik h&auml;tte das deutsche
+Volk mit den au&szlig;erdeutschen V&ouml;lkern zusammenleben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Nun m&uuml;&szlig;te aus dem Ungl&uuml;ck die Einsicht reifen. Man m&uuml;&szlig;te den
+Willen zum m&ouml;glichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland,
+das nicht mehr da ist, m&uuml;&szlig;te der Au&szlig;enwelt gegen&uuml;bertreten, sondern
+ein <i>geistiges, politisches und wirtschaftliches</i> System in ihren Vertretern
+m&uuml;&szlig;ten als selbst&auml;ndige Delegationen mit denen verhandeln
+wollen, von denen <i>das</i> Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich
+durch die Verwirrung der drei Systeme zu einem unm&ouml;glichen sozialen
+Gebilde gemacht hat.</p>
+
+<p>Man h&ouml;rt im Geiste die Praktiker, welche &uuml;ber die Kompliziertheit
+des hier Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, &uuml;ber das Zusammenwirken
+dreier K&ouml;rperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts
+von den wirklichen Forderungen des Lebens wissen m&ouml;gen, sondern alles
+nach den bequemen Forderungen <i>ihres</i> Denkens gestalten wollen. Ihnen
+mu&szlig; klar werden: entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken
+den Anforderungen der Wirklichkeit sich zu f&uuml;gen, oder man wird
+vom Ungl&uuml;cke nichts gelernt haben, sondern das herbeigef&uuml;hrte durch
+weiter entstehendes ins Unbegrenzte vermehren.</p>
+
+<p class="right"><span class="spaced">Dr. Rudolf Steiner.</span></p>
+
+
+<div class="footnotes">
+<p class="title">Fu&szlig;noten:</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Der Einf&uuml;hrung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind, in
+das praktische Leben dient der im April 1919 begr&uuml;ndete &bdquo;Bund f&uuml;r Dreigliederung
+des sozialen Organismus&ldquo;. (Er hat seinen Hauptsitz in Stuttgart, Champignystra&szlig;e&nbsp;17.)</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Der Verfasser hat bewu&szlig;t vermieden, sich in seinen Ausf&uuml;hrungen unbedingt
+an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebr&auml;uchlichen Ausdr&uuml;cke
+zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein &bdquo;fachm&auml;nnisches&ldquo; Urteil
+sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte zu seiner Ausdrucksweise aber
+nicht nur, da&szlig; er auch f&uuml;r Menschen sprechen m&ouml;chte, denen die volks- und
+sozialwissenschaftliche Literatur ungel&auml;ufig ist, sondern vor allem die Ansicht,
+da&szlig; eine neue Zeit das meiste von dem einseitig und unzul&auml;nglich sogar schon
+in der Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als &bdquo;fachm&auml;nnisch&ldquo;
+sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser h&auml;tte auch hinweisen
+sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder Andern an das
+hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu bedenken, da&szlig; die
+<i>Ausgangspunkte und die Wege</i> der hier gekennzeichneten Anschauung, welche
+der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung zu verdanken glaubt, das
+Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung der gegebenen Impulse sind
+und nicht etwa blo&szlig; so oder anders geartete Gedanken. Auch hat der Verfasser,
+wie man aus dem Abschnitt&nbsp;IV ersehen kann, f&uuml;r die praktische Verwirklichung
+sich schon einzusetzen versucht, als &auml;hnlich <i>scheinende</i> Gedanken in bezug auf
+das Eine oder Andere noch nicht bemerkt wurden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach r&auml;umlich abgrenzbaren
+Leibesgliedern, sondern eine solche nach T&auml;tigkeiten (Funktionen) des
+Organismus. &bdquo;Kopforganismus&ldquo; ist nur zu gebrauchen, wenn man sich bewu&szlig;t
+ist, da&szlig; im Kopfe in erster Linie das Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch
+ist nat&uuml;rlich im Kopfe auch die rhythmische und die Stoffwechselt&auml;tigkeit vorhanden,
+wie in den andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnest&auml;tigkeit vorhanden
+ist. Trotzdem sind die drei Arten der T&auml;tigkeit <i>ihrer Wesenheit nach</i> streng
+voneinander geschieden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht
+wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie heraus
+stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der Wirklichkeit eine lebensvolle
+Rolle spielt. &bdquo;Ware&ldquo; im obigen Sinne gebraucht, weist auf etwas hin,
+was der Mensch erlebt; jeder andere Begriff von &bdquo;Ware&ldquo; l&auml;&szlig;t etwas weg oder
+f&uuml;gt etwas hinzu, so da&szlig; sich der Begriff mit den Lebensvorg&auml;ngen in ihrer
+wahren Wirklichkeit nicht deckt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Es ist durchaus m&ouml;glich, dass im Leben Vorg&auml;nge nicht nur in einem
+falschen Sinne erkl&auml;rt werden, sondern da&szlig; sie sich in einem falschen Sinne
+vollziehen. Geld und Arbeit <i>sind</i> keine austauschbaren Werte, sondern nur
+Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld f&uuml;r Arbeit, so <i>tue</i> ich etwas
+falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in Wirklichkeit <i>kann</i> ich
+nur Geld f&uuml;r Arbeitserzeugnis geben.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Ein solches Verh&auml;ltnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im Wirtschaftsleben
+t&auml;tigen Assoziationen n&ouml;tigen mit dem, was &bdquo;rechtens ist&ldquo; als mit
+einer <i>Voraussetzung</i> zu rechnen. Doch wird dadurch erreicht, da&szlig; die Wirtschaftsorganisation
+vom Menschen, nicht der Mensch von der Wirtschaftsordnung
+abh&auml;ngig ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art zustande
+kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen Organismus,
+wird sich als Ergebnis f&uuml;r das Wirtschaftsleben ein gesundes Preisverh&auml;ltnis
+der erzeugten G&uuml;ter einstellen. Dieses mu&szlig; so sein, da&szlig; jeder Arbeitende f&uuml;r
+ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erh&auml;lt, als zur Befriedigung s&auml;mtlicher Bed&uuml;rfnisse
+bei ihm und den zu ihm geh&ouml;renden Personen n&ouml;tig ist, bis er ein Erzeugnis
+der gleichen Arbeit wieder hervorgebracht hat. Ein solches Preisverh&auml;ltnis
+kann nicht durch amtliche Feststellung erfolgen, sondern es mu&szlig; sich <i>als Resultat
+ergeben</i> aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus t&auml;tigen
+Assoziationen. Aber es <i>wird</i> sich einstellen, wenn das Zusammenwirken auf dem
+gesunden Zusammenwirken der drei Organisationsglieder beruht. Es mu&szlig; mit
+derselben Sicherheit sich ergeben, wie eine haltbare Br&uuml;cke sich ergeben mu&szlig;,
+wenn sie nach rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist.
+Man kann nat&uuml;rlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben
+folge nicht so seinen Gesetzen wie eine Br&uuml;cke. Es wird aber niemand einen
+solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung dieses
+Buches dem sozialen Leben eben <i>lebendige</i> und nicht mathematische Gesetze zugrunde
+liegend gedacht werden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Wer dagegen einwendet, da&szlig; die Rechts- und Wirtschaftsverh&auml;ltnisse doch
+in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt werden k&ouml;nnen,
+der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten Gliederung ankommt. Im
+<i>gesamten</i> Verkehrsproze&szlig; wirken die beiderlei Verh&auml;ltnisse selbstverst&auml;ndlich als
+ein Ganzes. Aber es ist etwas anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen
+Bed&uuml;rfnissen heraus gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen
+heraus gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr
+zusammenwirken l&auml;&szlig;t.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Wer in solchen Dingen &bdquo;Utopien&ldquo; sieht, der beachtet nicht, da&szlig; <i>in Wahrheit</i>
+die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm f&uuml;r utopistisch gehaltenen
+Einrichtungen hinstrebt, und da&szlig; die Sch&auml;den dieser Wirklichkeit gerade davon
+kommen, da&szlig; diese Einrichtungen nicht da sind.</p></div>
+</div>
+
+
+<div class="ppnote">
+<p>Anmerkungen zur Transkription</p>
+
+<p>Die beiden Druckfehler-Berichtigungen wurden durchgef&uuml;hrt. Es wurden einige &Auml;nderungen in der Zeichensetzung vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Anfang versetzt.</p>
+
+<p><a href="#Page_5">S. 5:</a><br />"diese oder jene Einrichtungen" wurde ge&auml;ndert in<br />"diese oder jene Einrichtung"</p>
+<p><a href="#Page_10">S. 10:</a><br />"mit dem ihm m&ouml;glichen Antei&nbsp;" wurde ge&auml;ndert in<br />"mit dem ihm m&ouml;glichen Anteil"</p>
+<p><a href="#Page_11">S. 11:</a><br />"und &nbsp;hrem Interesse heraus" wurde ge&auml;ndert in<br />"und ihrem Interesse heraus"</p>
+<p><a href="#Page_51">S. 51:</a><br />"die in dem vom Warenaustausch ganz abh&auml;ngigen Verh&auml;ltnis" wurde ge&auml;ndert in<br />"die in dem vom Warenaustausch ganz unabh&auml;ngigen Verh&auml;ltnis"</p>
+<p><a href="#Page_53">S. 53:</a><br />"Da&szlig; aber die geschicht&nbsp;ichen" wurde ge&auml;ndert in<br />"Da&szlig; aber die geschichtlichen"</p>
+<p><a href="#Page_55">S. 55</a>, <a href="#Footnote_6_6">Fu&szlig;note 6:</a><br />"von der Wirschaftsordnung" wurde ge&auml;ndert in<br />"von der Wirtschaftsordnung"</p>
+<p><a href="#Page_88">S. 88:</a><br />"durch die aus freiem Verst&auml;ndnis f&uuml;r sie erfolgenden Verg&uuml;tung" wurde ge&auml;ndert in<br />"durch die aus freiem Verst&auml;ndnis f&uuml;r sie erfolgende Verg&uuml;tung"</p>
+<p><a href="#Page_88">S. 88:</a><br />"da&szlig; nach den allgemeinen W&nbsp;rtschaftsverh&auml;ltnissen" wurde ge&auml;ndert in<br />"da&szlig; nach den allgemeinen Wirtschaftsverh&auml;ltnissen"</p>
+<p><a href="#Page_97">S. 97:</a><br />"da&szlig; es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde ge&auml;ndert in<br />"da&szlig; es bei der zugrunde liegenden Denkungsart"</p>
+<p><a href="#Page_99">S. 99</a>, <a href="#Footnote_9_9">Fu&szlig;note 9:</a><br />"die Wirklichkeit des Lebens nach diesem" wurde ge&auml;ndert in<br />"die Wirklichkeit des Lebens nach diesen"</p>
+<p><a href="#Page_106">S. 106:</a><br />"Brest-Litowks" wurde ge&auml;ndert in<br />"Brest-Litowsk"</p>
+</div>
+
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+
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+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in
+den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE ***
+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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