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+The Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den
+Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
+
+Author: Rudolf Steiner
+
+Release Date: April 4, 2009 [EBook #28494]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+Anmerkungen zur Transkription
+
+Die beiden Druckfehler-Berichtigungen wurden durchgeführt. Es wurden
+einige Änderungen in der Zeichensetzung vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis
+wurde vom Textende an den Anfang versetzt.
+
+Im Original kursiv gedruckter Text ist durch _Unterstriche_ gekennzeichnet,
+gesperrt gedruckter Text durch #Rauten#.
+
+Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.
+
+
+
+
+ INTERNATIONALE BÜCHEREI FÜR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN
+
+
+
+
+ DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE
+
+ IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWART UND ZUKUNFT
+
+ VON
+
+ DR. RUDOLF STEINER
+
+
+ [Illustration: Signet]
+
+
+ 1920
+
+ DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG
+ STUTTGART
+
+ 41.-80. Tausend
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G.,
+ Verlag, Stuttgart.
+
+
+ Druckfehlerberichtigung.
+
+ Auf Seite 14, Zeile 9 von oben, muß es
+ statt: in dem Urteil
+ heißen: von dem Urteil.
+
+ Auf Seite 26, Zeile 11 von unten, muß es
+ statt: angetrieben
+ heißen: ausgetrieben.
+
+
+ Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart.
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Seite
+
+ Vorrede und Einleitung 5
+
+ Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift 16
+
+ I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben
+ der modernen Menschheit 20
+
+ II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen
+ Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten 39
+
+ III. Kapitalismus und soziale Ideen 63
+
+ IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen 98
+
+
+
+
+Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift
+
+
+Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige
+verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man
+kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese
+oder jene Einrichtung, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat,
+müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende
+Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die soziale »Frage«
+bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben
+geltend machen will.
+
+Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar
+Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. Man kann
+annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen
+»Lösung« der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches
+glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte »Lösung« anbieten
+wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll,
+auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung
+der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal
+sagen könnten: da seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen
+nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen.
+
+In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an
+sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich
+weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen
+haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen
+utopistischen Charakter beigelegt haben. Am stärksten haben dies diejenigen
+getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem Andern,
+was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist.
+
+Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen des
+öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend erscheinenden
+utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die
+Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer
+solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie müssen sich davon
+überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen können nichts
+anfangen mit dem, was sie vorbringen.
+
+Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige
+Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der
+Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber dem, was zum Beispiel die
+wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen
+Zustände des öffentlichen Lebens zu bewältigen, wenn man an sie mit einem
+lebensfremden Denken herantritt?
+
+Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlaßt das
+Geständnis, daß man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses
+Geständnis der »sozialen Frage« auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese
+Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwärtigen Zivilisation
+behandelt, wird man Klarheit darüber erlangen, was dem sozialen Leben nötig
+ist.
+
+Auf die Gestaltung des gegenwärtigen Geisteslebens weist diese Frage hin.
+Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen
+Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem hohen Grade
+abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den
+Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die
+wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, aus denen er
+herauswächst.
+
+Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die
+Lebensverhältnisse der Gegenwart angepaßt sein. Denn der Staat habe die
+Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und
+damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens so zu
+gestalten, daß dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde.
+Und auch das kann man leicht glauben, daß der Mensch dadurch das
+bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne
+der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswächst,
+und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den
+ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten anweisen.
+
+Diese Schrift muß die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu zeigen,
+daß die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit des
+Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. Und sie muß zeigen,
+daß die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit den einen Teil
+der so brennenden sozialen Frage bildet.
+
+Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In der
+Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit lange etwas
+dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch Denkende können
+sich kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Gesellschaft den Einzelnen
+zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe.
+
+Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem
+Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, daß in der
+geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum
+Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das
+Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, daß das
+Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, die es
+im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet wurde.
+Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer
+Irrtum.
+
+Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des
+Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in
+dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle
+Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen,
+das es angenommen hat, daß es ein völlig selbständiges Glied des sozialen
+Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch
+alles geistige Leben herauswächst, muß in die Verwaltung derer gestellt
+werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts
+hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig
+ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit
+aufzuwenden, daß er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein
+kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und
+den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht
+gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht.
+Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet
+hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz
+unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist
+naturgemäß, daß innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und
+Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen Maße wirken.
+
+Man kann natürlich einwenden, daß auch in einer solchen Selbstverwaltung
+des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im
+wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Daß das Best-Mögliche
+zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fähigkeiten, die in
+dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich
+übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus
+geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes Urteil fällen kann.
+Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist,
+darüber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen
+können. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu
+verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt
+werden. Aus ihr können das Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte
+empfangen, die sie sich nicht geben können, wenn sie von ihren
+Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten.
+
+Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, daß auch die
+Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die dem
+Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des freien
+Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen,
+landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre
+Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift muß
+notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese --
+richtige -- Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus fließen
+diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man
+durchschaut, daß sie im Grunde aus dem unbewußten Glauben hervorgehen, die
+Erziehenden müssen lebensfremde, unpraktische Menschen sein. Man könne
+ihnen gar nicht zumuten, daß sie Einrichtungen von sich aus treffen, welche
+den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. Solche Einrichtungen
+müssen von denjenigen gestaltet werden, die im praktischen Leben drinnen
+stehen, und die Erziehenden müssen gemäß den Richtlinien wirken, die ihnen
+gegeben werden.
+
+Wer so denkt, der sieht nicht, daß Erziehende, die sich nicht bis ins
+Kleinste hinein und bis zum Größten hinauf die Richtlinien selber geben
+können, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen können dann
+Grundsätze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen Menschen
+herrühren; sie werden keine rechten Praktiker in das Leben hineinerziehen.
+Die antisozialen Zustände sind dadurch herbeigeführt, daß in das soziale
+Leben nicht Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung her
+sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen können nur aus einer
+Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und
+verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man
+nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile
+behandelt. Man schafft Antisoziales nicht bloß durch wirtschaftliche
+Einrichtungen, sondern auch dadurch, daß sich die Menschen in diesen
+Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die
+Jugend von Menschen erziehen und unterrichten läßt, die man dadurch
+lebensfremd werden läßt, daß man ihnen von außen her Richtung und Inhalt
+ihres Tuns vorschreibt.
+
+Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von ihnen, daß
+derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, nach seinen
+Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung niedergelegt hat.
+Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind,
+werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistesleben selbst schöpfen.
+Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, was ihm von diesem freien
+Geistesleben aus überantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den
+lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben erstehen können.
+
+Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen sein,
+die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht
+das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, die
+von bloßen »Praktikern« gestaltet und in denen von lebensfremden Menschen
+gelehrt wird, sondern allein das, was von Erziehern kommt, die von ihren
+Gesichtspunkten aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen
+die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten muß, das wird in
+dieser Schrift wenigstens andeutungsweise dargestellt.
+
+Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrücken.
+Besorgte Künstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: ja, wird denn
+die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen als in dem
+gegenwärtigen vom Staat und den Wirtschaftsmächten besorgten? Solche Frager
+sollten bedenken, daß diese Schrift eben in keiner Beziehung utopistisch
+gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt:
+dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften
+angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wünschenswerte
+herbeiführen können. Wer das Leben nicht nach theoretischen Vorurteilen,
+sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird sich sagen: der aus seiner
+freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht auf eine rechte Beurteilung
+seiner Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft gibt, die
+ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das Leben eingreifen kann.
+
+Die »soziale Frage« ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das
+Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder
+durch Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein
+Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie
+einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der
+weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das
+Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der
+aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen
+läßt. Dieses muß stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit
+nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der
+soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung.
+Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig
+wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen
+können in solche Gemeinschaften eintreten, daß durch ihr lebendiges
+Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben
+wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige
+Glied des sozialen Organismus.
+
+Wie sich für das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart die freie
+Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so für das Wirtschaftsleben
+die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben
+zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie
+werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die
+Menschen mit ihrer Tätigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine
+Teilinteressen; jeder muß mit dem ihm möglichen Anteil von Tätigkeit in sie
+eingreifen. Was einer wirklich braucht, kann nur er wissen und empfinden;
+was er leisten soll, will er aus seiner Einsicht in die Lebensverhältnisse
+des Ganzen beurteilen. Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch
+nicht überall so auf der Erde; innerhalb des gegenwärtig zivilisierten
+Teiles der Erdbevölkerung ist es im wesentlichen so.
+
+Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung
+erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die
+Stadtwirtschaft, aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht
+man vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein
+erheblicher Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise
+schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind davon
+abhängig, daß die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser
+Lebensverhältnisse vorherrschend wirksam geworden ist.
+
+Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskräfte in einer abstrakten
+Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften
+sind im Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem
+Umfange eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen
+als bloß wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Daß man sie zu
+Wirtschaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das soziale
+Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich
+aus seinen eigenen Kräften heraus unabhängig von Staatseinrichtungen,
+aber auch von staatlicher Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur können,
+wenn sich, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen
+bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und
+Produzenten sich zusammenschließen. Durch die Verhältnisse des Lebens wird
+der Umfang solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine
+Assoziationen würden zu kostspielig, zu große wirtschaftlich zu
+unübersichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus
+den Lebensbedürfnissen heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden.
+Man braucht nicht besorgt zu sein, daß derjenige, der sein Leben in
+reger Ortsveränderung zuzubringen hat, durch solche Assoziationen
+eingeengt sein werde. Er wird den Übergang von der einen in die andere
+leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche
+Interessen den Übergang bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb
+eines solchen assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des
+Geldverkehrs wirken.
+
+Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit eine
+weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln die
+Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Güter, sondern die
+Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. Durch
+ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben können die Menschen diese
+notwendige Einsicht haben; dadurch, daß Interesse mit Interesse sich
+vertragsmäßig ausgleichen muß, werden die Güter in ihren entsprechenden
+Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschließen nach wirtschaftlichen
+Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in den modernen
+Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen Leben aus; aber sie
+kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den
+Grundsätzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus der Handhabung
+der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte heraus gestaltet haben. Man
+parlamentarisiert in ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen
+Gesichtspunkten überein, was der eine dem andern zu leisten hat. In den
+Assoziationen werden nicht »Lohnarbeiter« sitzen, die durch ihre Macht von
+einem Arbeit-Unternehmer möglichst hohen Lohn fordern, sondern es werden
+Handarbeiter mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den
+konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammenwirken, um durch
+Preisregulierungen Leistungen entsprechend den Gegenleistungen zu
+gestalten. Das kann nicht durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen.
+Vor solchen müßte man besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn
+unzählige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen über die Arbeit verbringen
+müßten. In Abmachungen von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation
+vollzieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, daß der
+Zusammenschluß den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der
+Konsumierenden entspricht.
+
+Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht gesagt:
+dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet,
+wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn sie in
+Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen
+entsprechen.
+
+Daß sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschließen, dafür sorgt
+einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft
+nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedürfnisse. Andrerseits
+kann dafür das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt die Einsichten
+zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. Wer aus der Erfahrung
+heraus denkt, muß zugeben, daß solche assoziative Gemeinschaften in jedem
+Augenblick entstehen können, daß sie nichts von Utopie in sich schließen.
+Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als daß der Mensch der
+Gegenwart das wirtschaftliche Leben von außen »organisieren« will in dem
+Sinne, wie für ihn der Gedanke der »Organisation« zu einer Suggestion
+geworden ist. Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von
+außen zusammenschließen will, steht diejenige wirtschaftliche Organisation,
+die auf dem freien Assoziieren beruht, als sein Gegenbild gegenüber. Durch
+das Assoziieren verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das
+Planmäßige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des Einzelnen. -- Man
+kann ja sagen: was nützt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich
+assoziiert? Man kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion
+von außen her »gerecht« geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung
+unterbindet die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das
+Wirtschaftsleben um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien
+Schaffenskraft entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz
+aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem
+Besitzenden. Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kräfte ein, dann wird
+der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung
+ausgleichen müssen. Heute spricht man über solche Dinge nicht aus den
+Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; sondern aus den
+Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und
+anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich entwickeln,
+weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das wirtschaftliche Leben
+immer komplizierter geworden ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen
+Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die
+wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine drinnen; die in der
+Wirtschaft wirkenden Gestaltungskräfte sind ihnen nicht durchsichtig. Sie
+arbeiten ohne Einsicht in das Ganze des Menschenlebens. In den
+Assoziationen wird der eine durch den andern erfahren, was er notwendig
+wissen muß. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung über das Mögliche sich
+bilden, weil die Menschen, von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht
+und Erfahrung hat, zusammen-urteilen werden.
+
+Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind, die in ihm
+selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die
+wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. Was
+in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus
+dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich assoziiert ist.
+Dadurch wird er genau so viel Einfluß auf die allgemeine Wirtschaft haben,
+als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfähige sich dem
+Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift
+auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenüber dem Starken schützen, kann ein
+Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kräften heraus gestaltet ist.
+
+So kann der soziale Organismus in zwei selbständige Glieder zerfallen, die
+sich gerade dadurch gegenseitig tragen, daß jeder seine eigenartige
+Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kräften hervorgeht. Zwischen
+beiden aber muß sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche
+staatliche Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das
+geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig
+gewordenen Menschen abhängig sein muß. In dem freien Geistesleben betätigt
+sich jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt
+jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen
+Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu
+seiner rein menschlichen Geltung, insoferne diese unabhängig ist von den
+Fähigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und
+unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das
+assoziative Wirtschaftsleben erhalten.
+
+In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine
+Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem
+steht jeder dem andern als ein gleicher gegenüber, weil in ihm nur
+verhandelt und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch
+gleich urteilsfähig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem
+Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung.
+
+Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der
+selbständigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, wie die
+Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, die Nutzung
+des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei Glieder
+gestalten kann. Wer die soziale Frage »lösen« will durch eine ausgedachte
+oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird diese Schrift nicht
+praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen zu
+solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in denen sie die sozialen
+Aufgaben am besten erkennen und sich ihnen widmen können, der wird dem
+Verfasser des Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch
+nicht absprechen.
+
+Das Buch ist im April 1919 zuerst veröffentlicht worden. Ergänzungen zu dem
+damals Ausgesprochenen habe ich in den Beiträgen gegeben, die in der
+Zeitschrift »Dreigliederung des sozialen Organismus« enthalten waren und
+die soeben gesammelt als die Schrift »In Ausführung der Dreigliederung des
+sozialen Organismus« erschienen sind[1].
+
+ [1] Der Einführung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind,
+ in das praktische Leben dient der im April 1919 begründete »Bund für
+ Dreigliederung des sozialen Organismus«. (Er hat seinen Hauptsitz in
+ Stuttgart, Champignystraße 17.)
+
+Man wird finden können, daß in den beiden Schriften weniger von den
+»Zielen« der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen wird,
+die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer aus der Lebenspraxis
+heraus denkt, der weiß, daß namentlich einzelne Ziele in verschiedener
+Gestalt auftreten können. Nur wer in abstrakten Gedanken lebt, dem
+erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher tadelt das
+Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht »klar« genug
+dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dünken, sind gerade solche
+Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, daß das Leben die mannigfaltigsten
+Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein fließendes Element. Und wer mit ihm
+gehen will, der muß sich auch in seinen Gedanken und Empfindungen diesem
+fließenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur mit einem
+solchen Denken ergriffen werden können.
+
+Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift
+erkämpft; aus dieser heraus möchten sie auch verstanden sein.
+
+
+
+
+Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift
+
+
+Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben.
+Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen,
+daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden müssen, an die bisher
+nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart unterstützt,
+findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, der, aus den Erfahrungen des
+Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an
+notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf
+der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift.
+Sie möchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die
+von einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den
+Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. -- Ob dem einen oder
+dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei
+der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind da, und man muß
+mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mögen
+diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus, etwa
+finden, daß der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den
+proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefällt,
+weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf
+etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen muß. Der Verfasser aber
+möchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens heraus
+sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich
+ist. Ihm stehen die verhängnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen
+müssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren
+Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem
+sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.
+
+Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch #zunächst#
+Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen,
+wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die
+Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, daß in dieser
+Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persönlichkeiten glaubt
+der Verfasser, daß gerade #sie# werden gründlich umlernen müssen. Denn ihm
+erscheint ihre »Lebenspraxis« als dasjenige, was durch die #Tatsachen#,
+welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein
+Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu
+Verhängnissen geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig
+ist, manches als praktisch anzuerkennen, das #ihnen# als verbohrter
+Idealismus erschienen ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser
+Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem
+Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit
+gesprochen ist. Der Verfasser #muß# aus seiner Lebenserkenntnis heraus
+meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzu
+gemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben der
+neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. -- Auch
+diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen
+hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein materielle
+Interessen herauskommen und sich »zum Geiste«, »zum Idealismus« wenden,
+werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes
+Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von dem bloßen Hinweis auf »den
+Geist«, von dem Reden über eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur #die#
+Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird.
+Dieser erweist sich in der Bewältigung der praktischen Lebensaufgaben
+ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche
+die seelischen Bedürfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man
+von einer Geistigkeit weiß, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies
+eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen
+Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese
+Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß für das innere Seelenwesen
+reservierte Nebenströmung. -- So werden die Ausführungen dieser Schrift den
+»Geistigen« wohl zu ungeistig, den »Praktikern« zu lebensfremd erscheinen.
+Der Verfasser hat die Ansicht, daß er #gerade deshalb# dem Leben der
+Gegenwart werde in seiner Art dienen können, weil er der Lebensfremdheit
+manches Menschen, der sich heute für einen »Praktiker« hält, nicht zuneigt,
+und weil er auch demjenigen Reden vom »Geiste«, das aus Worten
+Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann.
+
+Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die »soziale Frage« in
+den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu
+erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und
+Geisteslebens die »wahre Gestalt« dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser
+Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für eine gesunde
+Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung. --
+In ältern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten die sozialen Instinkte
+dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals
+entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der
+Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, diese
+Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen
+ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein solches
+Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten
+Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen der
+gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man
+heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben aber noch die alten
+Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenüber den fordernden
+Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich vorstellt, muß der Mensch der
+Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfähig ist. Wie
+Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit
+selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das --
+so meint der Verfasser -- kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen
+entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser
+glaubt, über eine solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte
+er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine #Anregung#
+zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen
+Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der
+Verfasser geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über
+Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens
+hinausführen kann.
+
+Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte der
+Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit manchen
+Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwicklung der sozialen
+Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in
+Schwarmgeisterei verfällt. #Deshalb# sieht man das aus der wahren
+Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser
+Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser
+Darstellung deshalb etwas »Abstraktes« sehen, weil ihm »konkret« nur ist,
+was er zu denken gewohnt ist und »abstrakt« auch das Konkrete dann, wenn er
+nicht gewöhnt ist, es zu denken[2].
+
+ [2] Der Verfasser hat bewußt vermieden, sich in seinen Ausführungen
+ unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen
+ Ausdrücke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein
+ »fachmännisches« Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte
+ zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, daß er auch für Menschen
+ sprechen möchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur
+ ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, daß eine neue Zeit das
+ meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon in der
+ Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als
+ »fachmännisch« sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch
+ hinweisen sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder
+ Andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu
+ bedenken, daß die _Ausgangspunkte und die Wege_ der hier gekennzeichneten
+ Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung
+ zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung
+ der gegebenen Impulse sind und nicht etwa bloß so oder anders geartete
+ Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV ersehen
+ kann, für die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht,
+ als ähnlich _scheinende_ Gedanken in bezug auf das Eine oder Andere noch
+ nicht bemerkt wurden.
+
+Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen des
+Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. Doch er glaubt, viele
+Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung gelangen, daß die
+Tatsachen der Entwicklung schon weit über die Parteiprogramme
+hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen Programmen #unabhängiges#
+Urteil über die nächsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig
+ist.
+
+Anfang April 1919.
+
+ #Rudolf Steiner.#
+
+
+
+
+I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben der modernen
+Menschheit
+
+
+Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne
+soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich Gedanken
+waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen
+glaubte?
+
+Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des
+Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des Lebens
+drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, welche das
+Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhältnis, in
+das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines großen Teiles der
+Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne
+Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur
+sind.
+
+Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, durch
+ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken auf die Kräfte im
+europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drängten, haben sich
+über diese Triebkräfte den größten Illusionen hingegeben. Sie konnten
+glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstürme beruhigen.
+Solche Persönlichkeiten mußten gewahr werden, daß durch die Folgen ihres
+Verhaltens die sozialen Triebe erst völlig in die Erscheinung traten. Ja,
+die gegenwärtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige
+geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft
+erhielten. Die führenden Persönlichkeiten und Klassen mußten ihr Verhalten
+in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhängig machen, was
+in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten
+oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten
+unbeachtet lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse
+angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.
+
+Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was
+jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der
+Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen
+Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser
+Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken an
+diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales
+Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen,
+die von den Tatsachen gestellt werden.
+
+Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit langer Zeit
+als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben,
+werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug erweisen, um den
+fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung zu geben. -- Man kann
+absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch wähnen, das Alte müsse
+sich gegen die neueren Forderungen eines großen Teiles der Menschheit
+halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die
+von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird
+doch nicht anders können, als sich gestehen: es wandeln unter uns
+Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwicklung der Tatsachen
+zurückgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche
+die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien
+haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren
+Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht
+vielleicht nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden
+Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe
+der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. Man darf daraus
+die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse empfänglich sein für den
+Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu
+kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial
+orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es
+könnte wohl sein, daß die Tragik, die in den Lösungsversuchen der sozialen
+Frage zutage tritt, gerade in einem Mißverstehen der wahren proletarischen
+Bestrebungen wurzelt. In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen,
+welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind.
+Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das
+rechte Urteil.
+
+Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen:
+was #will# die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht
+dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer oder nicht
+proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in
+dem, was über die »soziale Frage« von vielen gedacht wird, die _wahre
+Gestalt_ dieser »Frage«? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken nötig?
+An _diese_ Frage wird man nicht unbefangen herantreten können, wenn man
+nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das
+Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen
+Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung,
+welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat.
+
+Man hat viel gesprochen über die Entwicklung der modernen Technik und des
+modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwicklung
+das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die
+Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen
+ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel
+Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes doch nicht berührt wird, kann
+sich dem aufdrängen, der sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: die
+äußern Verhältnisse geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es
+offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus
+inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die
+proletarischen Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der
+modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese
+Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in diesen
+Forderungen eigentlich als _rein menschliche_ Impulse lebt. Und solange man
+in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der _wahren
+Gestalt_ der »sozialen Frage« nicht beikommen.
+
+Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen
+bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden
+Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: der
+moderne Proletarier ist »_klassenbewußt_« geworden. Er folgt den Impulsen
+der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaßen instinktiv,
+unbewußt; er weiß sich als Angehöriger einer besonderen Klasse und ist
+gewillt, das Verhältnis dieser seiner Klasse zu den andern im öffentlichen
+Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu
+bringen. Wer ein Auffassungsvermögen hat für seelische Unterströmungen, der
+wird durch das Wort »klassenbewußt« in dem Zusammenhang, in dem es der
+moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der
+sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der
+modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher muß vor
+allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren über das
+Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen zündend
+in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine
+Tatsache berührt, über welche viele, die nur _über_ das Proletariat denken
+können, nicht _mit_ demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der
+ernsten Ereignisse der Gegenwart schädliche Urteile haben. Mit der Meinung,
+dem »ungebildeten« Proletarier sei durch den Marxismus und seine
+Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht
+worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt
+man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen
+Verständnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine
+solche Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf ein
+Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein
+solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen
+Klassenbewußtseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren
+_wissenschaftlichen_ Entwicklung heraus genommen haben. In diesem
+Bewußtsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die
+»Wissenschaft und die Arbeiter« gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem
+unwesentlich erscheinen, der sich für einen »praktischen Menschen« hält.
+Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung
+gewinnen will, der _muß_ seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In
+dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa
+das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich
+manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-_Wissenschaft_,
+von welcher das proletarische Bewußtsein ergriffen worden ist. In der
+wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten
+Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu
+leugnen, bedeutet ein Augenverschließen vor den wirklichen Tatsachen. Und
+eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist
+die, daß der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen
+sich den Inhalt seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der
+Maschine arbeitende Mensch von »Wissenschaft« noch so weit entfernt sein;
+er hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche
+die Mittel zu dieser Aufklärung von dieser »Wissenschaft« empfangen haben.
+
+Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, das
+Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf die
+Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die
+gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht unmittelbar
+aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, daß er
+in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fließt aus
+der andern Tatsache, daß ganz bestimmte _Gedanken_ sich innerhalb seines
+Klassenbewußtseins an der Maschine und in der Abhängigkeit von der
+kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es könnte sein, daß
+die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses
+Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur
+ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Dem gegenüber muß gesagt
+werden: um so schlimmer für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung
+in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das
+Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen
+will, der muß vor allem wissen, wie der Proletarier _denkt_. Denn die
+proletarische Bewegung -- von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis in
+ihre verheerendsten Auswüchse hinein -- wird nicht von »außermenschlichen
+Kräften«, von »Wirtschaftsimpulsen« gemacht, sondern von _Menschen_; von
+deren Vorstellungen und Willensimpulsen.
+
+Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische
+Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und
+Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre
+Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem
+Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele
+mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab
+sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie
+dieser Handwerker sich _menschlich_ mit dem Berufe verbunden fühlte, lag
+etwas, das ihm das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor
+dem eigenen Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er
+vermochte, was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben
+konnte, was er als »Mensch« sein wollte. An der Maschine und innerhalb der
+kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein
+Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine
+das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten läßt, was man als
+»Mensch« ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strömte für eine solche
+Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, daß das proletarische Bewußtsein
+die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es
+hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren.
+Das aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit
+einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die
+geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach dessen
+Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. Die alten
+Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen
+Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als
+Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht
+empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt fließender
+Strom, der den Menschen als Seele trägt. Wie man auch über das Verhältnis
+der religiösen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der
+wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird,
+wenn man unbefangen die geschichtliche Entwicklung betrachtet, zugeben
+müssen, daß sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen
+entwickelt hat. Aber die alten, auf religiösen Untergründen ruhenden
+Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der
+neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich
+außerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem
+Bewußtseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden
+konnten. Den führenden Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas
+Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer
+Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen
+Bewußtseinsinhalt, weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den
+alten noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten
+Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf
+eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der
+Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit
+geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen
+inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen
+Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig -- in
+dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen gleichzeitig
+nennen kann -- die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das
+Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den
+ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber es war zu dieser
+Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt als die führenden
+Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche
+Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen.
+Mochten sie noch so sehr mit der »wissenschaftlichen Vorstellungsart« sich
+durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von
+den niedersten Tieren bis zum Menschen führe: diese Vorstellungsart blieb
+doch theoretische Überzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch
+empfindungsgemäß so zu nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen
+ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator
+Büchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart
+durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele
+etwas, das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur
+sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man
+stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit
+auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem eigenen Dasein
+verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator
+hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht
+ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der
+neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, daß sie ihren Ursprung
+in geistigen Welten haben. Sie sind darüber belehrt worden, daß sie in der
+Urzeit unanständig als Baumkletterer lebten; belehrt, daß sie alle den
+gleichen rein natürlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken
+hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier
+gestellt, wenn er nach einem Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen
+sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese
+Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr _seine_ Folgerungen für
+das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als
+den Angehörigen der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung
+drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte
+alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahmen
+dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser
+Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht
+eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwürdigen Inhalt
+durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den
+Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus
+der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die
+wissenschaftliche Denkungsart.
+
+Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem Lächeln drängen,
+wenn auf die »Wissenschaftlichkeit« der proletarischen Vorstellungsart
+verwiesen wird. Wer bei »Wissenschaftlichkeit« nur an dasjenige zu denken
+vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in »Bildungsanstalten« sich
+erwirbt, und der dann diese »Wissenschaftlichkeit« in Gegensatz bringt zu
+dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, der »nichts gelernt« hat, der mag
+lächeln. Er lächelt über Schicksal entscheidende Tatsachen des
+gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, daß mancher
+hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich _lebt_, während der ungelehrte
+Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die
+er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft
+aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber
+in Lebenszusammenhängen und läßt sich von diesen seine Empfindungen
+orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der
+Proletarier ist durch seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so
+aufzufassen, wie es _der Gesinnung_ dieser Wissenschaft entspricht. Was die
+andern Klassen »Wissenschaftlichkeit« nennen, mag ihm ferne liegen; die
+Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Für
+die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, eine
+allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die »Wissenschaft«, wenn auch oft
+in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. Mancher Angehörige
+der »führenden« Klassen fühlt sich »aufgeklärt«, »freireligiös«. Gewiß, in
+seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche Überzeugung; in seinen
+Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines
+überlieferten Lebensglaubens.
+
+Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung
+mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger Art in
+einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen
+Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen
+hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der
+Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten
+Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche
+Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut
+wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser
+»Geistesinhalt« in seiner Seele wußte nichts von seinem Ursprung in einem
+wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen
+als geistiges Leben allein übernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung
+aus dem Geiste.
+
+Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und auch
+Proletarier berühren werden, die mit dem Leben »praktisch« vertraut zu sein
+glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte für eine
+lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwärtigen
+Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn
+erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem muß sich
+offenbaren, daß einer Lebensauffassung, welche sich nur an das Äußere
+dieser Tatsachen hält, zuletzt nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die
+mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich
+so lange »praktisch« an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine
+Ähnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte die
+gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: was
+haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch
+mit dem sozialen Denken gehen?
+
+Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer
+Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der
+den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken möchte,
+das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner
+durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht
+hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu
+bewegen sucht, die ihm von den »herrschenden« Klassen als Erbgut übermacht
+ist. Er _lebt_ proletarisch; aber er _denkt_ bürgerlich. Die neue Zeit
+macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch
+in _neue Gedanken_. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum
+lebentragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung
+eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie
+sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.
+
+Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der _wahren Gestalt_ eines
+der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende
+dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: ich
+strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist
+_Ideologie_, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen
+spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im
+Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet
+die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der
+proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen
+der Gegenwart auslebt, der muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht
+bewirken kann, daß das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was
+weiß der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der
+mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, redet
+am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein
+solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte
+vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen von der Ansicht,
+das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm
+nur für »unwissend« gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den
+Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus »Revolution
+machen«.
+
+Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen
+der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine Empfindung
+für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die
+Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den Blick nicht auf das zu
+richten vermag, was in den Menschengemütern _wirklich vorgeht_. Der
+Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen des Proletariers
+hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann
+für mich ein menschenwürdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich
+keine Vorstellung davon zu bilden, daß seine Klasse beim Übergang aus einer
+alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm
+nicht gehörenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern daß sie nicht
+vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt
+hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben
+vorbeisehen und vorbeihandeln, mögen sagen: aber der Proletarier will doch
+einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden
+Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine
+Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den
+andern Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter
+ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede
+aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie
+enthüllt nichts von der _wahren Gestalt_ dieser Frage. Denn ein solches
+Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von den
+herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde die
+sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne
+Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie
+sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des
+Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer
+unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es
+nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer
+Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer
+Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage
+ist.
+
+Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen
+Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit
+entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, daß sie
+von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben
+können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß.
+
+Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches
+Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer Menschenklasse
+verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, sondern die Art,
+_wie_ die Forderung nach dieser Änderung aus den Gedanken-Impulsen dieser
+Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von
+diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen,
+wie Persönlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen
+Impulse halten wollen, lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese
+oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der
+sozialen Frage. Sie belächeln das als _Ideologie_, als eine graue Theorie.
+Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie,
+werde gewiß nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen
+Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem
+auf, _wie_ der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen,
+gerade proletarischen Bewegung _nicht_ in dem liegt, wovon der heutige
+Proletarier spricht, sondern liegt in _Gedanken_.
+
+Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine ähnliche
+Bewegung der Welt -- wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im
+eminentesten Sinne -- eine Bewegung aus _Gedanken_ entsprungen. Dies sage
+ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die soziale Bewegung gewonnenes
+Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine persönliche Bemerkung einzufügen,
+so sei es diese: ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule
+in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt.
+Ich glaube dabei kennen gelernt zu haben, was in der Seele des modernen
+proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch
+zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der
+verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche
+nicht bloß vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche
+aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen
+zu haben.
+
+Wer -- was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der Fall
+ist -- wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, wo sie von
+_Arbeitern_ getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere Erscheinung
+_dieses_ ist, daß eine gewisse Gedanken-_Richtung_ die Seelen einer großen
+Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwärtig
+schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu nehmen, ist, daß eine
+so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses der Klassen da ist.
+Die bürgerlichen Klassen können heute sich so schwer in die Seele des
+Proletariers hineinversetzen, können so schwer verstehen, wie in der noch
+unverbrauchten _Intelligenz_ des Proletariats Eingang finden konnte eine
+solche -- mag man nun zum Inhalt stehen, wie man will --, eine solche an
+menschliche Denkforderungen höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie
+es diejenige Karl Marxens ist.
+
+Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem
+andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden
+Gründen wie das andere; es konnte revidiert werden von denen, die das
+soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem
+Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. Von dem Inhalte dieses Systems
+will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle
+in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint
+mir, daß die _Tatsache_ vorliegt: innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als
+mächtigster Impuls ein Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der
+folgenden Art aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine
+Lebensbewegung mit alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch
+niemals so fast ganz allein auf einer _rein_ gedanklichen Grundlage, wie
+diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste
+derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche
+Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden.
+Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über sein
+eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, so scheint
+einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung
+durchaus nicht als das wichtige.
+
+Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden für
+den _ganzen_ Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur
+in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die
+_Gedanken-Grundlage_ der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art
+innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewußt zugestehen. Er ist von
+diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, daß ihm das Gedankenleben als
+Ideologie überliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf
+die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders
+kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch
+die Handlungen ihrer Träger verstehen, als indem man _diese_ Tatsache in
+ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung
+durchschaut.
+
+Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen
+Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß in der
+Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die
+Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen muß. Denn es
+ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn nicht
+befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung
+in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von diesem
+Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig noch gar
+nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, daß in diesen
+geistigen Untergründen der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine
+bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, daß das
+Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie
+empfinden muß? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man
+nicht erwarten, daß es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man
+nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten
+Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissenschaft selbst,
+sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der
+menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des
+Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden
+Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind
+sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie
+immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche
+Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das
+materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: ursprünglich steigen sie
+als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht _sie_ können von sich
+aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten führt. Nur
+_innerhalb_ der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum
+Ziele geleitet.
+
+Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit an die
+proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, die seine Kraft für
+das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. Wenn an die Kräfte gedacht
+wird, welche der sozialen Frage die Lösung bringen können, so muß dies vor
+allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so
+müßte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen
+gegenüber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem
+Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen
+Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen oder
+ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne
+Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen heraus die kapitalistische
+der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung hat das Proletariat in eine ihm
+unerträgliche Lage gegenüber dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde
+weiter gehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden
+Kräfte ertöten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des
+Proletariates erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen
+Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für einen
+gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch
+da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, daß es dem, der gegenwärtig
+echt sozialistisch denken will, _nicht_ beifallen wird, zu sagen: wenn
+irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen
+Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so
+wird von diesem die Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen
+Bewegung den rechten Antrieb gibt.
+
+Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der Gegenwart
+gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht
+hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines
+Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung
+von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als er in die kapitalistische
+Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit
+den tiefsten Bedürfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben
+hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die führenden Klassen als
+Ideologie überlieferten, höhlte seine Seele aus. Daß in den Forderungen des
+modernen Proletariates die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem
+Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben
+kann: dies gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft.
+Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der
+Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht
+proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen
+Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil
+leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten
+Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes
+als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hängt das
+Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen sozialen
+Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung,
+welche unter dem Einfluß der führenden Menschenklassen beim Heraufkommen
+der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen
+Wege verschlossen worden. _Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu
+öffnen._
+
+Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwärtig
+denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, daß
+ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben
+als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche den sozialen
+Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt an der Ohnmacht des
+Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung,
+ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man
+eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung
+entsprechendes Denken entwickeln kann.
+
+Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu
+treffen, wenn er von seinem _Klassenbewußtsein_ redet. Doch die Wahrheit
+ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische
+Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen
+kann, das ihm das _Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt_; und daß ihm das
+als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht entwickeln
+kann. Er hat nach _diesem_ Bewußtsein gesucht, und er hat, was er nicht
+finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene
+_Klassenbewußtsein_ ersetzt.
+
+Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt
+worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, daß
+anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Anstoß liegen könne zu
+dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung.
+Er glaubt allein, daß durch die Entwicklung des ungeistigen, unseelischen
+Wirtschaftslebens _der_ Zustand herbeigeführt werden könne, den _er_ als
+den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, sein Heil allein
+in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde
+er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung des Wirtschaftslebens
+verschwinden werde all der Schaden, der herrührt von der privaten
+Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der
+Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprüchen
+auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne
+Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der
+Überführung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in
+_gemeinschaftlichen Betrieb_ oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine
+solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man gewissermaßen den Blick
+abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn _nur_ hingerichtet
+hat auf den rein ökonomischen Prozeß.
+
+Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen
+proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, daß aus der
+Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln müsse,
+was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle
+Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf,
+was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge
+auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende
+Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der
+sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit
+heraus Etwas liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben
+selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem _allein_ entspringen konnte,
+das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die über das alte
+Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen
+Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne Leben die
+Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen
+von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, _innerhalb_ dieses modernen
+Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen
+wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewußt empfunden wird, das
+aber der eigentliche Grundimpuls seines sozialen Wollens ist. Es ist
+dieses: die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde
+genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser
+Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden
+innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer
+_Ware_, von dem heute der Proletarier empfindet: es _darf_ nicht Ware sein.
+
+Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der
+ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den
+unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor
+lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer ebenso verkaufen muß, wie
+man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, daß auf dem
+Arbeitskräftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle
+spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man
+darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware
+Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz
+unbefangen darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich
+und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird,
+_dann_ wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen
+Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden muß, daß er
+heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden macht.
+
+Im Altertum gab es Sklaven. Der _ganze_ Mensch wurde wie eine Ware
+verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des
+Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch
+die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch
+einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der
+Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache nicht bemerkt
+worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine
+fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefühlt, was gewichtig
+in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie
+betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die
+Frage über den Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt,
+daß aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche
+einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die
+Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner
+unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der
+neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen ist. Man
+sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den
+Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, wie es im
+Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte zur Ware werden
+_muß_. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht
+das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des
+Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus
+dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben
+gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß _in_ ihm die
+menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt
+man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von
+sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen?
+Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine
+Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb,
+weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich
+von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß herrührt.
+Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern muß, geht er
+mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsprozeß strebt
+so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der
+zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so
+lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen läßt. Wie
+hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man
+den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese
+Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht.
+Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer
+andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren
+Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht,
+daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion
+nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren
+Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden
+soll.
+
+Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen
+Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben
+eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der
+andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem
+Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen muß von ihrer
+Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung
+gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits
+zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche
+Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen
+soll.
+
+Man sieht schon hieraus, daß die »soziale Frage« sich in drei besondere
+Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des
+Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird
+das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in das
+Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben
+können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.
+
+
+
+
+II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die
+sozialen Fragen und Notwendigkeiten
+
+
+Man kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt
+der sozialen Frage in der neueren Zeit geführt hat, wohl _so_
+aussprechen, daß man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik
+getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen
+naturhaften Selbstverständlichkeit gewirkt und die moderne
+Gesellschaft in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der
+Inanspruchnahme der menschlichen Aufmerksamkeit für dasjenige, was
+Technik und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit
+abgelenkt worden für andere Zweige, andere Gebiete des sozialen
+Organismus. Diesen muß ebenso notwendig vom menschlichen Bewußtsein
+aus die rechte Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale
+Organismus gesund sein soll.
+
+Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer
+_umfassenden_, _allseitigen_ Beobachtung über die soziale Frage
+charakterisiert werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem
+Vergleich ausgehen. Aber es wird zu beachten sein, daß mit diesem Vergleich
+nichts anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann
+unterstützen das menschliche Verständnis, um es gerade in diejenige
+Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen
+über die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen
+Gesichtspunkt betrachten muß den kompliziertesten natürlichen Organismus,
+den menschlichen Organismus, der muß seine Aufmerksamkeit darauf richten,
+daß die ganze Wesenheit dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander
+wirksame Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer gewissen
+Selbständigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander wirksamen Systeme kann man
+etwa in folgender Weise kennzeichnen. Im menschlichen natürlichen
+Organismus wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich schließt
+_Nervenleben und Sinnesleben_. Man könnte es auch nach dem wichtigsten
+Gliede des Organismus, wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaßen
+zentralisiert sind, den _Kopforganismus_ nennen.
+
+Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, wenn
+man ein wirkliches Verständnis für sie erwerben will, das, was ich nennen
+möchte das rhythmische System. Es besteht aus _Atmung_, _Blutzirkulation_,
+aus all dem, was sich ausdrückt in _rhythmischen Vorgängen_ des
+menschlichen Organismus.
+
+Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe und
+Tätigkeiten zusammenhängt mit dem _eigentlichen Stoffwechsel_.
+
+In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder Art
+unterhält, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang des
+menschlichen Organismus[3].
+
+ [3] Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach räumlich
+ abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tätigkeiten
+ (Funktionen) des Organismus. »Kopforganismus« ist nur zu gebrauchen,
+ wenn man sich bewußt ist, daß im Kopfe in erster Linie das
+ Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natürlich im Kopfe auch
+ die rhythmische und die Stoffwechseltätigkeit vorhanden, wie in den
+ andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestätigkeit vorhanden ist. Trotzdem
+ sind die drei Arten der Tätigkeit _ihrer Wesenheit nach_ streng
+ voneinander geschieden.
+
+Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was
+naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, diese
+Dreigliederung des menschlichen natürlichen Organismus wenigstens zunächst
+skizzenweise in meinem Buche »Von Seelenrätseln« zu charakterisieren. Ich
+bin mir klar darüber, daß Biologie, Physiologie, die gesamte
+Naturwissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernächsten Zeit zu
+einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrängen werden,
+welche durchschaut, wie diese drei Glieder -- Kopfsystem,
+Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem -- dadurch den
+Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, daß sie in einer
+gewissen Selbständigkeit wirken, daß _nicht_ eine absolute Zentralisation
+des menschlichen Organismus vorliegt, daß auch jedes dieser Systeme ein
+besonderes, für sich bestehendes Verhältnis zur Außenwelt hat. Das
+Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische System
+durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem durch die Ernährungs- und
+Bewegungsorgane.
+
+Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht ganz so
+weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus
+geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus für die Naturwissenschaft von
+mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der
+naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem
+solchen Grade zu bringen, wie das wünschenswert für den
+Erkenntnisfortschritt erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere
+Denkgewohnheiten, unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht
+vollständig angemessen dem, was z. B. im menschlichen Organismus sich als
+die innere Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man könnte nun wohl sagen:
+Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren
+Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise
+als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung und
+namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da muß
+nicht nur bei irgendwelchen Fachmännern, sondern da muß in jeder
+Menschenseele -- denn jede Menschenseele nimmt teil an der Wirksamkeit für
+den sozialen Organismus -- wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem
+vorhanden sein, was diesem sozialen Organismus notwendig ist. Ein gesundes
+Denken und Empfinden, ein gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die
+Gestaltung des sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei
+es auch mehr oder weniger bloß instinktiv, sich klar darüber ist, daß
+dieser soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein
+muß wie der natürliche Organismus.
+
+Es ist nun, seit _Schäffle_ sein Buch geschrieben hat über den Bau des
+sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen der
+Organisation eines Naturwesens -- sagen wir, der Organisation des
+Menschen -- und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat
+feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was
+Zellengefüge sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch
+erschienen von Merey, »Weltmutation«, in dem gewisse naturwissenschaftliche
+Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach übertragen werden
+auf -- wie man meint -- den menschlichen Gesellschaftsorganismus. Mit all
+diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien hat dasjenige, was hier
+gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer meint, auch in diesen
+Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel zwischen dem natürlichen
+Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird dadurch nur
+beweisen, daß er nicht in den Geist des hier Gemeinten eingedrungen ist.
+Denn nicht wird hier angestrebt: irgendeine für naturwissenschaftliche
+Tatsachen passende Wahrheit herüber zu verpflanzen auf den sozialen
+Organismus; sondern das völlig andere, daß das menschliche Denken, das
+menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des
+naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise
+anwenden könne auf den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man
+glaubt gelernt zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den
+sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man
+sich nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso
+selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu
+forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des natürlichen
+Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der
+Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen Organismus, dem sozialen
+Organismus in seiner Selbständigkeit gegenüberstellt, um dessen eigene
+Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der
+Betrachtung jedes Analogiespiel auf.
+
+Man könnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der Glaube
+zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der
+Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus »aufgebaut« werden. Das aber
+liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur möglich. Auf ganz
+anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwärtige geschichtliche
+Menschheitskrisis fordert, daß gewisse _Empfindungen_ entstehen _in jedem
+einzelnen Menschen_, daß die Anregung zu diesen Empfindungen von dem
+Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung
+der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewußte Aufnahme in das
+menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben
+hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehört zu den
+Entwicklungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben
+eintreten wollen, daß die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen
+Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung
+gefordert wird. Daß man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des
+sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist,
+das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich
+ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, _nicht_
+sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen.
+
+Man kann heute von »Sozialisierung« als von dem reden hören, was der Zeit
+nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein
+Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein
+Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die
+menschlichen Seelen einzieht wenigstens die _instinktive_ Erkenntnis von
+der Notwendigkeit der _Dreigliederung des sozialen Organismus_. Dieser
+soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder
+gesetzmäßig ausbilden.
+
+Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner
+Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles
+übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen
+Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses
+ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich innerhalb des
+sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das
+Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu
+tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion,
+Warenzirkulation, Warenkonsum ist.
+
+Als _zweites Glied_ des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben des
+öffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehört
+dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche
+Staatsleben bezeichnen könnte. Während es das Wirtschaftsleben mit all dem
+zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus seiner eigenen
+Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, kann es
+dieses zweite Glied des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem,
+was sich aus rein menschlichen Untergründen heraus auf das Verhältnis des
+Menschen zum Menschen bezieht. Es ist wesentlich für die Erkenntnis der
+Glieder des sozialen Organismus, daß man weiß, welcher Unterschied besteht
+zwischen dem System des öffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann
+aus menschlichen Untergründen heraus mit dem Verhältnis von Mensch zu
+Mensch, und dem Wirtschafts-System, das es _nur_ zu tun hat mit
+Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum. Man muß dieses im Leben
+empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das
+Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natürlichen
+Organismus die Tätigkeit der Lunge zur Verarbeitung der äußeren Luft sich
+abscheidet von den Vorgängen im Nerven-Sinnesleben.
+
+Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden andern
+Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus das aufzufassen, was
+sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer könnte man sagen, weil
+vielleicht die Bezeichnung »geistige Kultur« oder alles das, was sich auf
+das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: alles dasjenige,
+was beruht auf der natürlichen Begabung des einzelnen menschlichen
+Individuums, was hineinkommen muß in den sozialen Organismus auf Grundlage
+dieser natürlichen, sowohl der geistigen wie der physischen Begabung des
+einzelnen menschlichen Individuums. Das erste System, das
+Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der
+Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite
+System hat es zu tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen
+des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit
+all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den
+sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus.
+
+Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus
+unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge
+gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von
+dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden
+sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das _menschliche
+Gemeinschaftsleben_ in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern
+dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich
+selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch
+eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders
+machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens
+sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit
+sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen
+Organismus einzugliedern. Für sie ist es notwendig, daß der Mensch aus den
+oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt,
+jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne
+derjenigen Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat
+jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der
+nächsten Zukunft.
+
+Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das
+Wirtschaftsleben, das ruht zunächst auf der Naturgrundlage geradeso, wie
+der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er für sich durch Lernen,
+durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung seines
+geistigen und körperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage drückt einfach
+dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten sozialen Organismus sein
+Gepräge auf. Aber diese Naturgrundlage ist da, ohne daß sie durch
+irgendeine soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in
+ursprünglicher Art getroffen werden kann. Sie muß dem Leben des sozialen
+Organismus so zugrunde gelegt werden, wie bei der Erziehung des Menschen
+zugrunde gelegt werden muß die Begabung, die er auf den verschiedenen
+Gebieten hat, seine natürliche körperliche und geistige Tüchtigkeit. Von
+jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben
+eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, muß berücksichtigt werden die
+Naturgrundlage. Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen
+Arbeit und auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes
+elementarisches Ursprüngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein
+bestimmtes Stück Natur. Man muß über den Zusammenhang des sozialen
+Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug auf Lernen beim
+einzelnen Menschen denken muß über sein Verhältnis zu seiner Begabung. Man
+kann gerade sich dieses klarmachen an extremen Fällen. Man braucht z. B.
+nur zu bedenken, daß in gewissen Gebieten der Erde, wo die Banane ein
+naheliegendes Nahrungsmittel für die Menschen abgibt, in Betracht kommt für
+das menschliche Zusammenleben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden
+muß, um die Banane von ihrer Ursprungsstätte aus an einen Bestimmungsort zu
+bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man die
+menschliche Arbeit, die aufgebracht werden muß, um die _Banane_ für die
+menschliche Gesellschaft konsumfähig zu machen, mit der Arbeit, die
+aufgebracht werden muß, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas, um den
+Weizen konsumfähig zu machen, so ist die Arbeit, die für die Banane
+notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere als beim
+Weizen.
+
+Gewiß, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug auf
+das notwendige Maß von Arbeit im Verhältnis zu der Naturgrundlage sind auch
+da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organismus
+Europas vertreten sind, -- nicht in dieser radikalen Verschiedenheit wie
+bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede da. So ist es im
+Wirtschaftsorganismus begründet, daß durch das Verhältnis des Menschen zur
+Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Maß von Arbeitskraft bedingt ist,
+das er in den Wirtschaftsprozeß hineintragen muß. Und man braucht ja nur
+z. B. zu vergleichen: in _Deutschland_, in Gegenden mit mittlerer
+Ertragsfähigkeit, ist ungefähr das Erträgnis der Weizenkultur so, daß das
+_Sieben- bis Achtfache_ der Aussaat einkommt durch die Ernte; in _Chile_
+kommt das _Zwölffache_ herein, in _Nordmexiko_ kommt das _Siebzehnfache_
+ein, in _Peru_ das _Zwanzigfache_. (Vergleiche Jentsch,
+Volkswirtschaftslehre, S. 64.)
+
+Dieses ganze zusammengehörige Wesen, welches verläuft in Vorgängen, die
+beginnen mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur, die sich fortsetzen in
+all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln und
+sie bis zur Konsumfähigkeit zu bringen, alle diese Vorgänge und nur diese
+umschließen für einen gesunden sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied.
+Dieses steht im sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die
+individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen Gesamtorganismus
+drinnen steht. Aber wie dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem
+abhängig ist, so ist das Wirtschaftssystem von der menschlichen
+Arbeitsleistung abhängig. Wie nun aber der Kopf nicht selbständig die
+Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem
+nicht durch die im Wirtschaftsleben wirksamen Kräfte selbst geregelt
+werden.
+
+In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen darinnen.
+Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen Bedürfnissen.
+Wie den Interessen am zweckmäßigsten entsprochen werden kann innerhalb
+eines sozialen Organismus, so daß der einzelne Mensch durch diesen
+Organismus in der bestmöglichen Art zur Befriedigung seines Interesses
+kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich in die Wirtschaft
+hineinstellen kann: diese Frage muß praktisch in den Einrichtungen des
+Wirtschaftskörpers gelöst sein. Das kann nur dadurch sein, daß die
+Interessen sich wirklich frei geltend machen können und daß auch der Wille
+und die Möglichkeit entstehen, das Nötige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die
+Entstehung der Interessen liegt außerhalb des Kreises, der das
+Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des
+seelischen und natürlichen Menschenwesens. Daß Einrichtungen bestehen, sie
+zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen
+können es mit nichts anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung
+und dem Tausch von Waren, das heißt von Gütern, die ihren Wert durch das
+menschliche Bedürfnis erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen,
+der sie verbraucht. Dadurch, daß die Ware ihren Wert durch den Verbraucher
+erhält, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als
+anderes, das für den Menschen als Angehörigen dieses Organismus Wert hat.
+Man sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis
+Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehören. Man wird den
+_wesenhaften_ Unterschied nicht _bloß_ betrachtend bemerken, welcher
+besteht zwischen dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem der eine für
+den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechtsverhältnis
+beruhen muß. Man wird von der Betrachtung zu der praktischen Forderung
+kommen, daß im sozialen Organismus das Rechtsleben völlig von dem
+Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden muß. Aus den Tätigkeiten,
+welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen zu entwickeln haben, die
+der Warenerzeugung und dem Warenaustausch dienen, können sich unmittelbar
+nicht die möglichst besten Impulse ergeben für die rechtlichen
+Verhältnisse, die unter den Menschen bestehen müssen. Innerhalb der
+Wirtschaftseinrichtungen wendet sich der Mensch an den Menschen, weil der
+eine dem Interesse des andern dient; grundverschieden davon ist die
+Beziehung, welche der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens
+hat.
+
+Man könnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung wäre
+schon Genüge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen, die dem
+Wirtschaftsleben dienen, auch für die Rechte gesorgt werde, welche in den
+Verhältnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Menschen
+zueinander bestehen müssen. -- Ein solcher Glaube hat seine Wurzeln nicht
+in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch kann nur dann das
+Rechtsverhältnis richtig erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen
+bestehen muß, wenn er dieses Verhältnis _nicht_ auf dem Wirtschaftsgebiet
+erlebt, sondern auf einem davon völlig getrennten Boden. Es muß deshalb im
+gesunden sozialen Organismus _neben_ dem Wirtschaftsleben und in
+Selbständigkeit ein Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und
+verwaltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist
+aber dasjenige des eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen
+die Menschen diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben
+dienen müssen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein,
+so werden die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen
+Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er
+die Fähigkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Maßnahmen
+und Einrichtungen werden dem menschlichen Bedürfnisse nach Waren dienen
+müssen; sie werden dadurch abgedrängt von den Impulsen, die auf das
+Rechtsleben gerichtet sind.
+
+Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben dem
+Wirtschaftskörper das selbständige politische Staatsleben. In dem
+selbständigen Wirtschaftskörper werden die Menschen durch die Kräfte des
+wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der Warenerzeugung
+und dem Warenaustausch in der möglichst besten Weise dienen. In dem
+politischen Staatskörper werden solche Einrichtungen entstehen, welche die
+gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in solcher
+Art orientieren, daß dem Rechtsbewußtsein des Menschen entsprochen wird.
+
+Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung nach
+völliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet gestellt
+wird, ist ein solcher, der im _wirklichen_ Menschenleben drinnen liegt.
+Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben und
+Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im wirtschaftlichen Leben
+stehenden Menschen haben selbstverständlich das Rechtsbewußtsein; aber sie
+werden _nur_ aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen
+Interessen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes besorgen, wenn
+sie darüber zu urteilen haben in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem
+Wirtschaftsleben keinen Anteil hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen
+eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper, die beide nach den
+Grundsätzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechtsbewußtsein der
+neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut sein auf den Impulsen im
+Menschheitsbewußtsein, die man gegenwärtig die demokratischen nennt. Das
+Wirtschaftsgebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine
+Gesetzgebungs- und Verwaltungskörperschaften bilden. Der notwendige Verkehr
+zwischen _den Leitungen_ des Rechts- und Wirtschaftskörpers wird erfolgen
+annähernd wie gegenwärtig der zwischen den Regierungen souveräner
+Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem einen Körper sich
+entfaltet, auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung
+ausüben können. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, daß das eine Gebiet
+in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zufließen soll.
+
+Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der
+Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes,
+Vorhandensein von Bodenschätzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der
+andern Seite von den Rechtsverhältnissen abhängig, welche der Staat
+zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft. Damit
+sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die Tätigkeit des Wirtschaftslebens
+umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die außerhalb
+des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende Mensch hinnehmen
+muß als etwas Gegebenes, auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so
+soll alles, was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhältnis begründet von
+Mensch zu Mensch im gesunden sozialen Organismus durch den Rechtsstaat
+seine Regelung erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem
+Wirtschaftsleben selbständig Gegenüberstehendes sich entfaltet.
+
+In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen Werden
+der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter und
+durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem geworden ist, was
+der sozialen Bewegung ihr Gepräge gibt, umfaßt das Wirtschaftsleben mehr,
+als es im gesunden sozialen Organismus umfassen soll. Gegenwärtig bewegt
+sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sich bloß _Waren_ bewegen
+sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen sich auch Rechte.
+Man kann gegenwärtig in dem Wirtschaftskörper, der auf der Arbeitsteilung
+beruht, nicht allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben
+wirtschaftlichen Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen Rechte.
+(Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche Tätigkeit zu dem geworden
+ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie durch den Menschen
+gebracht wird, ihrem Verbrauch zugeführt wird. Mag diese Bezeichnung
+manchem Volkswirtschaftslehrer auch anstößig oder nicht genügend
+erscheinen, sie kann zur Verständigung über das, was dem Wirtschaftsleben
+angehören soll, ihre guten Dienste tun.)[4] Wenn jemand durch Kauf ein
+Grundstück erwirbt, so muß das als ein Tausch des Grundstückes gegen Waren,
+für die das Kaufgeld als Repräsentant zu gelten hat, angesehen werden. Das
+Grundstück selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht
+in dem sozialen Organismus durch das _Recht_ darinnen, das der Mensch auf
+seine Benützung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das
+Verhältnis, in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In dem
+letzteren Verhältnis liegt es wesenhaft begründet, daß es nicht übergreift
+auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die dadurch
+hergestellt wird, daß jemandem die alleinige Benützung eines Grundstückes
+zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt
+von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstück angestellt werden, oder die darauf
+wohnen müssen, in Abhängigkeit von sich. Dadurch, daß man gegenseitig
+wirkliche Waren tauscht, die man produziert oder konsumiert, stellt sich
+eine Abhängigkeit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch und
+Mensch wirkt.
+
+ [4] Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht
+ wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie
+ heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der
+ Wirklichkeit eine lebensvolle Rolle spielt. »Ware« im obigen Sinne
+ gebraucht, weist auf etwas hin, was der Mensch erlebt; jeder andere
+ Begriff von »Ware« läßt etwas weg oder fügt etwas hinzu, so daß sich der
+ Begriff mit den Lebensvorgängen in ihrer wahren Wirklichkeit nicht
+ deckt.
+
+Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird
+einleuchten, daß sie ihren Ausdruck finden muß in den Einrichtungen des
+gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im Wirtschaftsleben
+ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren unabhängig von
+dem Rechtsverhältnisse zwischen Personen und Personengruppen. Sobald Waren
+gegen Rechte eingetauscht werden, wird das Rechtsverhältnis selbst berührt.
+Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige
+Lebenselement des gegenwärtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen
+Organismus; sondern es handelt sich darum, daß durch den Tausch des Rechtes
+mit der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht
+_innerhalb_ des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch
+verhindert, daß im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen,
+die _nur_ darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckmäßigsten
+Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im Warenaustausch
+lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden und konsumierenden
+Personen regeln. _Diese_ Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar
+nicht von anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen
+Verhältnis von Person zu Person bestehen müssen. Wenn ich meinen
+Mitmenschen durch den Verkauf einer Ware schädige oder fördere, das gehört
+in das gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schädigung oder
+Förderung durch eine Tätigkeit oder Unterlassung, die unmittelbar nicht in
+einem Warenaustausch zum Ausdruck kommt.
+
+In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fließen die Wirkungen aus den
+Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen Tätigkeit
+zusammen. Im gesunden sozialen Organismus müssen sie aus zwei verschiedenen
+Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation hat die aus der
+Erziehung für einen Wirtschaftszweig und die aus der Erfahrung in demselben
+gewonnene Vertrautheit mit ihm für die leitenden Persönlichkeiten die
+nötigen Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird durch
+Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem Rechtsbewußtsein als
+Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen zueinander gefordert
+wird. Die Wirtschaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs- oder
+Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung gleichen Bedürfnissen sich
+zu Genossenschaften zusammenschließen lassen, die im gegenseitigen
+Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation
+wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Verhältnis der
+Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen werden eine bloß
+wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. Die Rechtsgrundlage, auf der sie
+arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation zu. Wenn solche
+Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen Interessen in den
+Vertretungs- und Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation zur Geltung
+bringen können, dann werden sie nicht den Drang entwickeln, in die
+gesetzgebende oder verwaltende Leitung des Rechtsstaates einzudringen
+(z. B. als Bund der Landwirte, als Partei der Industriellen, als
+wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um da anzustreben, was ihnen
+innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht möglich ist. Und wenn
+der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige mitwirtschaftet, dann wird
+er nur Einrichtungen schaffen, die aus dem Rechtsbewußtsein der zu ihm
+gehörenden Menschen stammen. Auch wenn in der Vertretung des
+Rechtsstaates, wie es ja selbstverständlich ist, dieselben Personen sitzen,
+die im Wirtschaftsleben tätig sind, so wird sich durch die Gliederung in
+Wirtschafts- und in Rechtsleben nicht ein Einfluß des Wirtschafts- auf das
+Rechtsleben ergeben können, der die Gesundheit des sozialen Organismus so
+untergräbt, wie sie untergraben werden kann, wenn die Staatsorganisation
+selbst Zweige des Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die
+Vertreter des Wirtschaftslebens aus dessen Interessen heraus Gesetze
+beschließen.
+
+Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem
+Rechtsleben bot Österreich mit der Verfassung, die es sich in den sechziger
+Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des
+Reichsrates dieses Ländergebietes wurden aus den vier Zweigen des
+Wirtschaftslebens heraus gewählt, aus der Gemeinschaft der
+Großgrundbesitzer, der Handelskammern, der Städte, Märkte und
+Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, daß für diese
+Zusammensetzung der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie
+gedacht wurde, als daß aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen
+Verhältnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewiß ist, daß zu dem
+gegenwärtigen Zerfall Österreichs die auseinandertreibenden Kräfte seiner
+Nationalitäten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewiß kann es
+gelten, daß eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre
+Tätigkeit hätte entfalten können, aus dem Rechtsbewußtsein heraus eine
+Gestaltung des sozialen Organismus würde entwickelt haben, in der ein
+Zusammenleben der Völker möglich geworden wäre.
+
+Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewöhnlich
+seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in
+Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt,
+den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Für ein
+_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden.
+Denn bei _jedem_ Wahlmodus müssen sich im Vertretungskörper die
+wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stören. Und
+was aus der Störung für das soziale Leben fließt, _muß_ zu Erschütterungen
+des Gesellschaftsorganismus führen. Obenan als notwendige Zielsetzung des
+öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende
+Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man
+sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden
+Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für
+die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig
+zur Entscheidung drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als
+solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in
+Betracht. Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen
+heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich
+bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten
+Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer
+Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt.
+Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu
+wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an.
+Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmähliche,
+sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen Entwicklungskräfte der
+Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen nach der Richtung einer
+sozialen Neuordnung notwendig machen, das können jedem Unbefangenen
+weithinleuchtende Tatsachen lehren.
+
+Wer für »praktisch durchführbar« nur dasjenige hält, an das er sich aus
+engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier Angedeutete
+für »unpraktisch« halten. Kann er sich nicht bekehren, und behält er auf
+irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht zur Gesundung,
+sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute
+seiner Gesinnung an der Herbeiführung der gegenwärtigen Zustände gewirkt
+haben.
+
+Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen haben und
+die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in
+das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten weichen: der
+Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen
+Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung
+nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die äußerste
+Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise.
+Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens,
+insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem
+wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit geben und dem politischen
+Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskörper so
+zu wirken, daß der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen
+Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet.
+
+Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen
+Leben_ der Menschheit begründet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit
+lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus durch seine
+körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen
+Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so
+eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer
+abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant
+der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit
+gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In
+Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur
+entstehen können, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft für die Entstehung
+hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhält der Arbeiter einen Anteil,
+der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das
+Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des
+gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über.
+Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter
+und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische
+Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die
+wirtschaftliche Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist.
+Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit nicht
+bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware
+einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch
+Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie,
+und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des sozialen Organismus zu
+arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen
+eines menschenwürdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen,
+wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von
+den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht.
+
+ [5] Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem
+ falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen
+ Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte,
+ sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit,
+ so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in
+ Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.
+
+Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die
+sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht.
+Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern dadurch wächst, daß die
+Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe schwieriger ist als für die andere,
+so muß der Warenwert davon abhängig werden, welche Art und welches Maß von
+Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden
+dürfen[6].
+
+ [6] Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im
+ Wirtschaftsleben tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was »rechtens
+ ist« als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch
+ erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch
+ von der Wirtschaftsordnung abhängig ist.
+
+Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen
+notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche
+die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der
+Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein heraus auf dem Boden des vom
+Wirtschaftsleben unabhängigen politischen Staates geschaffen werden _soll_.
+
+Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen
+Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach
+dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet wird.
+Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist
+im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, daß
+der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, daß er sein
+Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann. Und auf dem
+Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen Daseins beruhen in
+Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen Organismus.
+
+Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite
+her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen Art, wie
+eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig
+ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann,
+veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und
+das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung soll nicht aus dem Kreislauf
+des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die
+sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtslebens
+entwickelt.
+
+In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein in der
+Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus
+einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fähigkeiten des
+einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von den höchsten geistigen
+Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfließt durch die bessere
+oder weniger gute körperliche Eignung des Menschen für Leistungen, die dem
+sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muß in den
+gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige,
+was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es
+gibt keine andere Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken,
+als sie von der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen,
+die aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu
+lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen
+vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich beeinflußt,
+so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum größten Teile
+entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die
+Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln müssen. Wird die
+Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt,
+oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfänglichkeit für sie
+gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen
+Organismus einfließen zu lassen. Für das Geistesleben, mit dem auch die
+Entwicklung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch
+unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde
+Entwicklungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen
+Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit
+den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen.
+
+Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens
+gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, weil der rechte
+Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines großen Teiles dieses
+Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im
+Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie
+hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von »Freiheit der Wissenschaft und des
+Lehrens«. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, daß der politische
+Staat die »freie Wissenschaft« und das »freie Lehren« verwaltet. Man
+entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser Staat dadurch das
+Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen abhängig macht. Man denkt,
+der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann können
+diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben »frei«
+entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewöhnt,
+nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem
+innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese
+Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern
+Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch
+solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit
+dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des
+Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhängt, in den letzten
+Jahrhunderten das Gepräge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß,
+was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom
+Staate beeinflußt werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern
+Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was
+sich aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus
+den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen
+aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich
+orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das
+Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser
+Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse des
+Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen
+wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe sah
+der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles
+Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen Organisation.
+
+Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung hört auf,
+wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine über
+das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in
+sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche Empfindung ersteht,
+wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich
+innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche
+Träger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und
+Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebührende Gewicht
+im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung
+und alles, was damit zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen
+Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt
+alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des
+Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von
+den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von
+ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert denken, welche Wirkung
+ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben haben kann, und vieles andere
+wird durch diese Bedürfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des
+Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste
+Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein
+anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem Geistesleben heraus, das
+auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem
+Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der
+leitenden Kreise übernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige
+Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper
+einzubeziehen. Sie könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte,
+damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung
+gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit
+ihrer Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen
+Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenüber
+in dem hier angedeuteten Sinn »Privatsache« sein. Aber die Sozialdemokratie
+geht bei der Überweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der
+Meinung aus, daß einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des
+sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer
+wünschenswerteren, höheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einfluß
+des Staates. Sie ist der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine
+Mittel nur pflegen dürfe, was _ihm_ Lebensbedürfnis ist. Und ein solches
+sei das religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem
+öffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht
+gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der
+neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben
+seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.
+
+Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses
+Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis
+beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im
+unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die
+aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen
+getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für
+ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den _aus sich_
+wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit
+zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das
+Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich
+»Lebenspraktiker« dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen:
+die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den
+Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und
+wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt
+ist. Möchten solche »Pessimisten« doch abwarten, was wird, wenn die Welt
+nicht mehr unter ihrem Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem
+gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße
+verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig »Bildung«
+anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst
+gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht
+rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch
+zündende Kraft ausüben können.
+
+Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zufluß aus
+dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden
+geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung für das
+Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem
+Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten können. Entsprechend
+vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet
+machen können durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut
+kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen
+Erfahrung werden den Übergang finden in die Geistesorganisation und in
+derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß.
+
+Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen
+gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden.
+Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines solchen
+Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner
+Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu der Einsicht
+kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit
+zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen
+kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit _seiner_ Arbeit mit
+den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller
+menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. Er wird auf dem
+Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil
+sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier
+Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gönnen, der dessen
+Entstehung ermöglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die
+Möglichkeit entstehen, daß dessen Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer
+Leistungen auch leben. Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens
+treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen
+Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer
+rechnen können, denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche
+Entschädigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was
+er braucht, wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder
+des Wirtschaftslebens.
+
+In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben stammenden
+technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie
+unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen.
+Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Kräfte, welche das
+wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschädigung für
+diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das
+freie Verständnis derer zustande kommen, die auf diesen Zufluß angewiesen
+sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete
+des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat
+selber für seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das
+Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des
+Rechtsbewußtseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.
+
+Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden sozialen
+Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der
+Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskräfte
+der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen
+durch die Instinktkräfte eines großen Teiles der Menschheit sich führen
+ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In
+einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im
+Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewußtes
+Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses
+Bewußtsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann
+eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist.
+Nach dieser Orientierung strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die
+moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der
+getrübte Abglanz dieses Strebens.
+
+Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben,
+tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des
+18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen
+Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei
+Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich
+mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden
+einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann
+natürlich nicht anders, als Verständnis haben für alles, worauf diese Worte
+deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des
+19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist,
+in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit,
+Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, daß
+sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen
+Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden
+z. B., wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich
+verwirklicht, daß dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete
+Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen
+denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem
+allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale
+Sympathie haben!
+
+Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale
+Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der
+notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen
+nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit
+zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit
+sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein;
+und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die
+Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt
+eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird
+man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man
+imstande ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus
+mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann
+wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der Menschen im
+_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, die aus den
+Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des
+_öffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen
+Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung
+der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer
+Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der
+Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei
+Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen
+sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen
+sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann
+durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
+verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann
+aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in
+fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können.
+
+Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die Forderung nach
+Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
+erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später wiederholt haben, sie
+konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte der neueren
+Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den
+Einheitsstaat überwunden. Für diesen bedeuten ihre Ideen etwas
+Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den
+unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung
+des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu
+einer höheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem
+Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum
+bewußten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden
+sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart.
+
+
+
+
+III. Kapitalismus und soziale Ideen
+
+(Kapital, Menschenarbeit)
+
+
+Man kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise auf
+sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert
+wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von
+einer Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus. Der Versuch,
+eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung
+zugrunde. Mit Maßnahmen, die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem
+eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas
+Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung
+herausgewachsen sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen
+Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden
+sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis
+zu den Grundlagen vordringen.
+
+Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin,
+worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung sucht. Zu
+einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das Kapital fördernd oder
+hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur
+kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fähigkeiten der
+Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens
+das Kapital erzeugen und verbrauchen. -- Spricht man von der
+Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der
+Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und
+an dem der Arbeiter zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil
+darüber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt
+sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwürde
+nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis ins Auge fassen
+will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten
+einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits hat.
+
+Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu _allernächst_ zu tun ist, um den in
+der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird
+auch das _Allernächste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen können, wenn
+man nicht _weiß_, welches Verhältnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen
+des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und weiß man dieses, dann wird
+man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen
+vermag, die Aufgaben finden können, die sich aus den Tatsachen heraus
+ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt
+sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit
+aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat
+sich in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich
+Ansichten gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu
+verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch
+der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, daß man
+nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch
+Zurückgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde
+liegen.
+
+Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, welche in
+diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus
+zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht
+lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der
+Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die Urgedanken fort, auch
+wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende
+Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die
+einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenüber chaotisch sich äußern, sind
+es, die offenbar oder verhüllt in den revolutionären Erschütterungen des
+sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschütterungen werden nur dann
+nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß
+in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine
+Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich
+bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung
+entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke gewonnen hat.
+
+In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen
+von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen groß geworden. Und das
+Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht
+als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da über das, was sich im
+sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es
+des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden
+und nicht zu verkennen, wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken
+als »unpraktische« Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen.
+In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung lebt die
+Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen
+Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber ist, der
+einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man aus dem Urgedanken
+heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewußt_ gelenkt
+werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit genügen
+kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat.
+
+Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten,
+ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die
+proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der
+Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche
+Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er
+herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in dem
+Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei
+Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage der
+individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen
+beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein
+Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf
+des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die Unternehmertätigkeit kann
+in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in
+dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der
+Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das
+kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist,
+das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch
+zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch
+freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man
+sieht: die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in
+dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben
+Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der
+politische Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit
+gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend
+sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er muß das in
+Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung
+vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung
+ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was er zu vollbringen hat,
+kommt Verständnis oder Nichtverständnis für individuelle Fähigkeiten nicht
+in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen
+Einfluß haben auf die Betätigung der individuellen menschlichen
+Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen
+Vorteil bestimmend sein können für die durch Kapital ermöglichte Auswirkung
+der individuellen Fähigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler
+des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz
+des Vorteils die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden
+können. Und sie berufen sich als »Praktiker« auf die »unvollkommene«
+Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen
+Gesellschaftsordnung, welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, hat
+die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung
+erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache
+der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände drängen
+nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung der
+individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden
+Geistesleben erfließenden _sozialen Verständnis_ liegen müssen. Die
+Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus
+den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm
+innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen
+Fähigkeiten drängen.
+
+Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, die
+Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete des sozialen
+Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte
+Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf
+dem Wahnglauben, daß »der Geist« Wunder wirken werde, wenn diejenigen
+möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht
+hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf
+geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhält durch seine eigene
+Wesenheit ein soziales Gepräge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln
+kann.
+
+Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge
+nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die
+geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser
+Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit
+abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist,
+konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit
+herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende
+Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an
+dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für »volkstümliche
+Belehrung«, das »Heranziehen« des »Volkes« zum Kunstgenuß und Ähnliches
+sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so
+lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, den es in der neueren Zeit
+angenommen hat. Denn das »Volk« steht mit dem innersten Anteil seines
+Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm
+nur ermöglicht, gewissermaßen von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb
+desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im
+engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen
+des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche
+Leben einfließen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische
+Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt
+werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der
+erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll
+mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die
+Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung
+der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden
+müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer
+veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen
+Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein
+gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür
+erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen
+Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst
+fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden
+Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren
+veranlaßt.
+
+Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen
+vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das
+Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird
+durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn
+die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem
+Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des
+Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur
+dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der
+Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz
+machen.
+
+Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der
+Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben
+berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese
+Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der
+wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht
+und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine
+Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es
+wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten
+können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom
+politischen Staate verwaltet werden.
+
+Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche
+Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung
+aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben und
+anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach dem
+Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien Einsicht
+des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung
+dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung -- nach den Vorbereitungen,
+die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen
+muß, um sie zu ermöglichen usw. -- ansehen will. Er wird seine Ansprüche
+nur dann befriedigt finden können, wenn ihm Verständnis für seine
+Leistungen entgegengebracht wird.
+
+Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten
+liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies
+Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses
+Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld)
+für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede
+der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.
+
+Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet
+wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen
+menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung
+dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls
+erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen
+Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates
+oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche
+Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem
+beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden
+Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen
+Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf
+Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände
+hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein
+muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben
+oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu
+durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf
+dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit
+hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem
+Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen
+Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem
+Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen
+schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt,
+sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie
+abgewendet sehen möchte.
+
+Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher
+dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß
+verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm
+entgegengearbeitet werden muß. Man muß _mehr_ sehen. Man muß gewahr werden,
+daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital
+wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur
+kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskräfte der
+Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht
+in Illusionen treiben läßt durch die Vorstellungsart, welche in der
+Verwaltung der Kapitalbetätigung durch das befreite Geistesleben das
+Ergebnis eines »unpraktischen Idealismus« sieht.
+
+In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale
+Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen
+unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knüpft an
+dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. Man sieht, wie
+in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, und dieser zur
+gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt hat. An die Stelle dieser
+Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die für den
+Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverständlich die
+Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt
+man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige große Genossenschaft.
+In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der
+Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein könne, weil sie sich selbst
+ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man
+nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft
+verwandeln will.
+
+Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft sich
+Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je größer die
+Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen
+menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet
+wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, kann die
+Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen
+Organismus führen.
+
+Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in
+den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt
+davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem
+Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die
+etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der
+Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des
+geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, daß in dieser
+Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehörige der bisher
+leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern übereinstimmen. Man
+wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen für eine Gesundung des
+sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten müssen in gewisse
+Gedankenströmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen
+Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen
+Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden.
+
+Diese Gedankenströmungen streben -- mehr oder weniger unbewußt -- hinweg
+von dem, was dem inneren Erleben die rechte Stoßkraft gibt. Sie erstreben
+eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein nach
+wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewissermaßen wie
+eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der Lage, die
+Brücke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was den Menschen in die
+Alltäglichkeit einspannt. Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart
+es gewissermaßen »innerlich vornehm« finden, in einer gewissen, sei es auch
+schulmäßigen Abstraktheit nachzudenken über allerlei ethisch-religiöse
+Probleme in Wolkenkuckucksheimhöhen; man kann sehen, wie die Menschen
+nachdenken über die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen
+könne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er
+begnadet werden kann mit einem »inneren Lebensinhalt«. Man sieht dann aber
+auch das Unvermögen, einen Übergang zu ermöglichen von dem, was die Leute
+gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich nennen, zu
+dem, was in der äußern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als
+Kapitalwirkung, als Arbeitsentlöhnung, als Konsum, als Produktion, als
+Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und Börsenwesen. Man kann
+sehen, wie zwei Weltenströmungen nebeneinandergestellt werden auch in den
+Denkgewohnheiten der Menschen. Die _eine_ Weltenströmung ist die, welche
+sich gewissermaßen in göttlich-geistiger Höhe halten will, die keine Brücke
+bauen will zwischen dem, was ein geistiger Impuls ist, und was eine
+Tatsache des gewöhnlichen Handelns im Leben ist. Die _andere_ lebt
+gedankenlos im Alltäglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es kann
+nur gedeihen, wenn die es treibenden Kräfte von allem ethisch-religiösen
+Leben herunterwirken in das alleralltäglichste profanste Leben, in
+dasjenige Leben, das manchem eben weniger vornehm erscheint. Denn, versäumt
+man, die Brücke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so verfällt
+man in bezug auf religiöses, sittliches Leben _und auf soziales Denken_ in
+bloße Schwarmgeisterei, die fernsteht der alltäglichen wahren Wirklichkeit.
+Es rächt sich dann gewissermaßen diese alltäglich-wahre Wirklichkeit. Dann
+strebt der Mensch aus einem gewissen »geistigen« Impuls heraus alles
+mögliche Ideale an, alles mögliche, was er »gut« nennt; aber denjenigen
+Instinkten, die diesen »Idealen« gegenüberstehen als Grundlage der
+gewöhnlichen täglichen Lebensbedürfnisse, deren Befriedigung aus der
+Volkswirtschaft heraus kommen muß, diesen Instinkten gibt sich der Mensch
+ohne »Geist« hin. Er weiß keinen wirklichkeitsgemäßen Weg von dem Begriff
+der Geistigkeit zu dem, was im alltäglichen Leben vor sich geht. Dadurch
+nimmt dieses alltägliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu tun haben
+soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren, seelisch-geistigen
+Höhen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache der Alltäglichkeit
+eine solche, daß das ethisch-religiöse Leben zu einer innerlichen
+Lebenslüge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne hält von der
+alltäglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daß man es merkt.
+
+Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen
+ethisch-religiösen Vornehmheit heraus den besten _Willen_ zeigen zu einem
+rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das
+Allerallerbeste tun möchten. Sie versäumen es aber, zu einer Empfindungsart
+zu kommen, die dies wirklich ermöglicht, weil sie sich kein soziales, in
+den _praktischen_ Lebensgewohnheiten sich auswirkendes Vorstellen aneignen
+können.
+
+Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem
+welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so drängend geworden
+sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber für echte Lebenspraktiker
+halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann von ihnen
+Reden hören wie diese: Wir haben nötig, daß die Menschen sich erheben aus
+dem Materialismus, aus dem äußerlich materiellen Leben, das uns in die
+Weltkriegs-Katastrophe und in das Unglück hineingetrieben hat, und daß sie
+sich einer geistigen Auffassung des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so
+die Wege des Menschen zur Geistigkeit zeigen will, nicht müde, diejenigen
+Persönlichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem
+Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, daß jemand,
+der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist für das
+wirkliche praktische Leben so notwendig leisten muß, wie das tägliche Brot
+erzeugt werden muß, darauf aufmerksam gemacht wird, daß es ja in erster
+Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu
+bringen. Es kommt aber gegenwärtig darauf an, daß aus der Kraft des
+geistigen Lebens heraus die Richtlinien für die Gesundung des sozialen
+Organismus gefunden werden. Dazu genügt nicht, daß die Menschen in einer
+Seitenströmung des Lebens sich mit dem Geiste beschäftigen. Dazu ist
+notwendig, daß das alltägliche Dasein geistgemäß werde. Die Neigung, für
+das »geistige Leben« solche Seitenströmungen zu suchen, führte die bisher
+leitenden Kreise dazu, an sozialen Zuständen Geschmack zu haben, die in die
+gegenwärtigen Tatsachen ausgelaufen sind.
+
+Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung des
+Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel, also
+auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verhältnisse des Menschen zum
+Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung innerhalb des sozialen
+Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen Fähigkeiten führt,
+zweckmäßig angewendet, dem sozialen Organismus Güter zu, an deren
+Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus angehören, ein Interesse
+haben. In welcher Lebenslage ein Mensch auch ist, er hat ein Interesse
+daran, daß nichts von dem verloren gehe, was aus den Quellen der
+Menschennatur an solchen individuellen Fähigkeiten erfließt, durch die
+Güter zustande kommen, welche dem Menschenleben zweckentsprechend dienen.
+Die Entwicklung dieser Fähigkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, daß ihre
+menschlichen Träger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur
+Wirkung bringen können. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erfließen
+kann, das wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade
+entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche Fähigkeiten für weite
+Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten
+Kapitalbesitz so zu verwalten, daß der einzelne in besonderer Richtung
+begabte Mensch oder daß zu Besonderem befähigte Menschengruppen zu einer
+solchen Verfügung über Kapital kommen, die lediglich aus ihrer ureigenen
+Initiative entspringt, daran muß jedermann innerhalb eines sozialen
+Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum
+handwerklich Schaffenden muß ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos dem
+eigenen Interesse dienen will, sagen: ich möchte, daß eine genügend große
+Anzahl befähigter Personen oder Personengruppen völlig frei über Kapital
+nicht nur verfügen können, sondern daß sie auch aus der eigenen Initiative
+heraus zu dem Kapitale gelangen können; denn nur sie allein können ein
+Urteil darüber haben, wie durch die Vermittlung des Kapitales ihre
+individuellen Fähigkeiten dem sozialen Organismus zweckmäßig Güter erzeugen
+werden.
+
+Es ist nicht nötig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im Laufe der
+Menschheitsentwicklung zusammenhängend mit der Betätigung der menschlichen
+individuellen Fähigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz aus
+andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart hat sich unter dem
+Einfluß der Arbeitsteilung innerhalb dieses Organismus ein solcher Besitz
+entwickelt. Und von den gegenwärtigen Zuständen und deren notwendiger
+Weiterentwicklung soll hier gesprochen werden.
+
+Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und
+Eroberungsbetätigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle
+menschliche Fähigkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht
+gegenwärtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, daß sein Bedrückendes
+nur beseitigt werden könne durch seine Verwandlung in Gemeinbesitz. Dabei
+stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz an Produktionsmitteln in
+seinem Entstehen verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedrückung
+der besitzlosen Bevölkerung aufhöre? Wer die Frage so stellt, der richtet
+dabei sein Augenmerk nicht auf die Tatsache, daß der soziale Organismus ein
+fortwährend _Werdendes_, _Wachsendes_ ist. Man kann diesem Wachsenden
+gegenüber nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es
+durch diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den
+richtigen erkannt hat? So kann man gegenüber einer Sache denken, die von
+einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverändert weiter wirkt. Das
+gilt nicht für den sozialen Organismus. Der verändert durch sein Leben
+fortwährend dasjenige, das in ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich
+beste Form geben, in der er dann bleiben soll, so untergräbt man seine
+Lebensbedingungen.
+
+Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, daß demjenigen, welcher
+der Allgemeinheit durch seine individuellen Fähigkeiten dienen kann, die
+Möglichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus
+nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verfügung über
+Produktionsmittel gehört, da würde die Verhinderung dieser freien
+Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gewöhnlich mit
+Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, daß der Unternehmer zum Anreiz
+seiner Tätigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht, der an den Besitz
+der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier nicht geltend gemacht
+werden. Denn die Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte
+Meinung von einer Fortentwicklung der sozialen Verhältnisse erfließt, muß
+in der Befreiung des geistigen Lebens von dem politischen und dem
+wirtschaftlichen Gemeinwesen die Möglichkeit sehen, daß ein solcher Anreiz
+wegfallen kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Verständnis ganz
+notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden
+Anreize ganz anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der
+Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich
+allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an
+Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie
+Verfügung über solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den
+Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei muß immer
+im Auge behalten werden, daß man für den gegenwärtigen sozialen Organismus
+nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven
+Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein diejenigen,
+welche der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit entsprechen.
+
+Auf dieser gegenwärtigen Stufe _kann_ eben die fruchtbare Betätigung der
+individuellen Fähigkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verfügung
+über dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo
+fruchtbringend produziert werden soll, da muß diese Verfügung möglich sein,
+_nicht_ weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe Vorteil bringt,
+sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann, wenn sie
+zweckmäßig von sozialem Verständnis getragen ist.
+
+Der Mensch ist gewissermaßen, wie mit der Geschicklichkeit seiner eigenen
+Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft mit
+andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verfügung über die
+Produktionsmittel kommt gleich einer Lähmung der freien Anwendung seiner
+Geschicklichkeit der Leibesglieder.
+
+Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler dieser
+freien Verfügung. Für den sozialen Organismus kommt in Ansehung des
+Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als daß der Eigentümer das
+_Recht_ hat, über das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu
+verfügen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander
+verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind für den sozialen
+Organismus: _Die freie Verfügung_ über die Kapitalgrundlage der sozialen
+Produktion, und _das Rechtsverhältnis_, in das der Verfüger zu andern
+Menschen tritt dadurch, daß durch sein Verfügungsrecht diese anderen
+Menschen ausgeschlossen werden von der freien Betätigung durch diese
+Kapitalgrundlage.
+
+Nicht die _ursprüngliche_ freie Verfügung führt zu sozialen Schäden,
+sondern lediglich das _Fortbestehen_ des Rechtes auf diese Verfügung, wenn
+die Bedingungen aufgehört haben, welche in zweckmäßiger Art individuelle
+menschliche Fähigkeiten mit dieser Verfügung zusammenbinden. Wer seinen
+Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Werdendes, Wachsendes
+richtet, der wird das hier Angedeutete nicht mißverstehen können. Er wird
+nach der Möglichkeit fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen
+Seite dient, so verwaltet werden kann, daß es nicht auf der anderen Seite
+schädlich wirkt. Was _lebt_, kann gar nicht in einer andern Weise
+fruchtbringend eingerichtet sein als dadurch, daß im Werden das Entstandene
+auch zum Nachteil führt. Und soll man an einem Werdenden selbst
+mitarbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus muß, so kann die
+Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung
+zu verhindern, um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergräbt man die
+Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein darum
+handeln, daß im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn sich das
+Zweckmäßige in ein Schädliches verwandelt.
+
+Die Möglichkeit, frei über die Kapitalgrundlage aus den individuellen
+Fähigkeiten heraus zu verfügen, muß bestehen; das damit verbundene
+Eigentumsrecht muß in dem Augenblicke verändert werden können, in dem es
+umschlägt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In unserer
+Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier angedeuteten sozialen
+Forderung Rechnung trägt, teilweise durchgeführt nur für das sogenannte
+geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des Schaffenden in
+freies Besitztum der Allgemeinheit über. Dem liegt eine dem Wesen des
+menschlichen Zusammenlebens entsprechende Vorstellungsart zugrunde. So eng
+auch die Hervorbringung eines rein geistigen Gutes an die individuelle
+Begabung des einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein
+Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und muß in dieses im rechten
+Augenblicke übergeleitet werden. Nicht anders aber steht es mit anderem
+Eigentum. Daß mit dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit
+produziert, das ist nur möglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann
+also das Recht auf die Verfügung über ein Eigentum nicht von den Interessen
+dieser Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu
+finden, wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann,
+sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, daß es
+in der besten Weise der Gesamtheit diene.
+
+In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden
+werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen wirken als
+Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Betätigung der individuellen
+Fähigkeiten gehört der geistigen Organisation an.
+
+Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die für _Wirklichkeiten_
+Verständnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen, Theorien,
+Wünschen usw. sich ganz beherrschen läßt, die Notwendigkeit der
+Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die Frage nach dem
+Verhältnis der individuellen menschlichen Fähigkeiten zur Kapitalgrundlage
+des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der
+Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten Eigentums
+an Kapital nicht zu verhindern haben, solange die individuellen Fähigkeiten
+so verbunden bleiben mit der Kapitalgrundlage, daß die Verwaltung einen
+Dienst bedeutet für das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird
+Rechtsstaat bleiben gegenüber dem privaten Eigentum; er wird es niemals
+selbst in seinen Besitz nehmen, sondern bewirken, daß es im rechten
+Zeitpunkt in das Verfügungsrecht einer Person oder Personengruppe übergeht,
+die wieder ein in den individuellen Verhältnissen bedingtes Verhältnis zu
+dem Besitze entwickeln können. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten
+wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden können. Aus dem
+demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu tun hat mit
+dem, was _alle Menschen_ in gleicher Art berührt, wird gewacht werden
+können, daß Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht
+wird. Dadurch daß dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet, sondern
+sorgt für die Überleitung an die individuellen menschlichen Fähigkeiten,
+werden diese ihre fruchtbare Kraft für die Gesamtheit des sozialen
+Organismus entfalten. Solange es als zweckmäßig erscheint, werden durch
+eine solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Verfügung über
+dieselben bei dem persönlichen Elemente verbleiben können. Man kann sich
+vorstellen, daß die Vertreter im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz
+verschiedene Gesetze geben werden über die Überleitung des Eigentums von
+einer Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich
+in weiten Kreisen ein großes Mißtrauen zu allem privaten Eigentum
+entwickelt hat, wird an ein radikales Überführen des privaten Eigentums in
+Gemeineigentum gedacht. Würde man auf diesem Wege weit gelangen, so würde
+man sehen, wie man dadurch die Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus
+unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt, würde man einen andern Weg später
+einschlagen. Doch wäre es zweifellos besser, wenn man schon in der
+Gegenwart zu Einrichtungen griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des
+hier Angedeuteten seine Gesundheit gäben. Solange eine Person für sich
+allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende
+Betätigung fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht
+hat, wird ihr das Verfügungsrecht verbleiben müssen über diejenige
+Kapitalmasse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt,
+wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet wird.
+Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Persönlichkeit aufhört, die
+Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine andere Person oder
+Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder anderen dem sozialen
+Organismus dienenden Produktion übergehen. Auch dasjenige Kapital, das aus
+dem Produktionsbetrieb gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung
+verwendet wird, soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als
+persönliches Eigentum der den Betrieb leitenden Persönlichkeit soll nur
+gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Ansprüche, die sie bei
+Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen
+Fähigkeit machen zu können, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß
+sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei Geltendmachung derselben
+Kapital erhalten hat. Hat das Kapital durch die Betätigung dieser
+Persönlichkeit eine Vergrößerung erfahren, so wird in deren individuelles
+Eigentum aus dieser Vergrößerung so viel übergehen, daß die Vermehrung der
+ursprünglichen Bezüge der Kapitalvermehrung im Sinne eines Zinsbezuges
+entspricht. -- Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet
+worden ist, wird nach dem Willen der ursprünglichen Besitzer an den neuen
+Verwalter mit allen übernommenen Verpflichtungen übergehen, oder an diese
+zurückfließen, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen
+kann oder will.
+
+Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechtsübertragungen zu tun.
+Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche Übertragungen
+stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch über die
+Ausführung zu wachen und deren Verwaltung zu führen haben. Man kann sich
+denken, daß im einzelnen die Bestimmungen, die eine solche
+Rechtsübertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem
+Rechtsbewußtsein heraus für richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart,
+die wie die hier dargestellte _wirklichkeitsgemäß_ sein soll, wird niemals
+mehr wollen als auf die _Richtung_ weisen, in der sich die Regelung bewegen
+kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im
+konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus
+den besondern Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis dem Geiste der
+Sache gemäß das Richtige gefunden werden müssen. Je wirklichkeitsgemäßer
+eine Denkart ist, desto weniger wird sie für Einzelnes aus vorgefaßten
+Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen. -- Nur wird
+andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine
+oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist,
+daß der Rechtsstaat durch seine Verwaltung der Rechtsübertragungen selbst
+niemals die Verfügung über ein Kapital wird an sich reißen dürfen. Er wird
+nur dafür zu sorgen haben, daß die Übertragung an eine solche Person oder
+Personengruppe geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen
+Fähigkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung
+heraus wird auch zunächst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten haben,
+daß, wer aus den geschilderten Gründen zu einer Kapitalübertragung zu
+schreiten hat, sich aus freier Wahl über seine Nachfolge in der
+Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe
+wählen können, oder auch das Verfügungsrecht auf eine Korporation der
+geistigen Organisation übertragen können. Denn wer durch eine
+Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende Dienste
+geleistet hat, der wird auch über die weitere Verwendung dieses Kapitals
+aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus mit sozialem Verständnis
+urteilen. Und es wird für den sozialen Organismus dienlicher sein, wenn auf
+dieses Urteil gebaut wird, als wenn darauf verzichtet und die Regelung von
+Personen vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden
+sind.
+
+Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen von
+einer bestimmten Höhe an, die von einer Person oder einer Personengruppe
+durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und Boden gehört) erworben
+werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprünglich für die Betätigung
+der individuellen Fähigkeiten gemachten Ansprüche persönliches Eigentum
+werden.
+
+Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse, die
+aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben bis zum Tode
+des Erwerbers oder bis zu einem spätern Zeitpunkte im persönlichen Besitz
+dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem Zeitpunkte wird auch
+ein aus dem Rechtsbewußtsein sich ergebender, durch den Rechtsstaat
+festzusetzender Zins von dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum
+Schaffen von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen Ordnung,
+die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene
+Scheidung durchgeführt werden zwischen den Erträgnissen, die auf Grund
+einer Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den
+Vermögensmassen, die auf Grund der persönlichen (physischen und geistigen)
+Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewußtsein und
+den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart, und als
+Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfügung stellt, das dient den
+allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung durch
+individuelle menschliche Fähigkeiten möglich. Was an Kapitalvermehrung
+durch die Produktionsmittel -- nach Abzug des rechtmäßigen Zinses --
+entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen
+Organismus. Es soll also auch in der geschilderten Art wieder in ihn
+zurückfließen. Der Rechtsstaat wird nur eine Bestimmung darüber zu treffen
+haben, _daß_ die Überleitung der in Frage kommenden Kapitalmassen in der
+angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen
+darüber zu treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein
+übergeleitetes oder auch ein erspartes Kapital zur Verfügung zu stellen
+ist. Das würde zu einer Tyrannis des Staates über die geistige und
+materielle Produktion führen. Diese aber wird in der für den sozialen
+Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten
+geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl darüber treffen
+will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital übertragen soll, frei
+überlassen sein, für das Verfügungsrecht eine Korporation der geistigen
+Organisation einzusetzen.
+
+Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Vermögen geht mit dem Zinserträgnis
+nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach an eine geistig oder
+materiell produzierende Person oder Personengruppe -- aber _nur_ an eine
+solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur Rente würde --
+über, die durch letztwillige Anordnung von dem Erwerber zu wählen ist. Auch
+dafür wird, wenn eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewählt
+werden kann, die Übertragung des Verfügungsrechtes an eine Korporation des
+geistigen Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine
+Verfügung trifft, so wird der Rechtsstaat für ihn eintreten und durch die
+geistige Organisation die Verfügung treffen lassen.
+
+Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der freien
+Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der sozialen
+Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll
+entsprochen, daß die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst gestellt wird.
+Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen anzuvertrauen hat, wird
+bei einer solchen Regelung wissen können, daß das mit dem Leiter gemeinsam
+Erarbeitete in der möglichst besten Art für den sozialen Organismus, also
+auch für den Arbeiter selbst, fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale
+Ordnung wird ein dem gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes
+Verhältnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewußtsein geregelten
+Verfügungsrechten über in Produktionsmitteln verkörpertes Kapital und
+menschlicher Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides
+geschaffenen Erzeugnisse andrerseits. -- Vielleicht findet mancher in dem
+hier Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mögen gefunden werden. Es kommt
+einer wirklichkeitsgemäßen Denkart nicht darauf an, vollkommene »Programme«
+ein für alle Male zu geben, sondern darauf, die _Richtung_ zu kennzeichnen,
+in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche besondere Angaben,
+wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie durch ein Beispiel
+die gekennzeichnete Richtung näher erläutert werden. Ein solches Beispiel
+mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen Richtung geschieht,
+dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden.
+
+Berechtigte persönliche oder Familienimpulse werden sich durch solche
+Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit in
+Einklang bringen lassen. Man wird gewiß darauf hinweisen können, daß die
+Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nachkommen noch bei
+Lebzeiten zu übertragen, sehr groß ist. Und daß man ja in solchen
+Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen kann, die aber dann doch
+gegenüber anderen untüchtig sind und besser durch diese anderen ersetzt
+würden. Doch diese Versuchung wird in einer von den oben angedeuteten
+Einrichtungen beherrschten Organisation eine möglichst geringe sein können.
+Denn der Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, daß unter allen Umständen
+das Eigentum, das an ein Familienmitglied von einem andern übertragen
+worden ist, nach Ablauf einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden
+Zeit einer Korporation der geistigen Organisation zufällt. Oder es kann in
+andrer Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden. Der
+Rechtsstaat wird nur dafür sorgen, _daß_ diese Überführung geschehe; wer
+ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus der
+geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt sein. Durch
+Erfüllung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verständnis dafür
+entwickeln, daß Nachkommen durch Erziehung und Unterricht für den sozialen
+Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch Kapitalübertragung an
+unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem
+wirklich soziales Verständnis lebt, hat kein Interesse daran, daß seine
+Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke bei Personen oder
+Personengruppen, bei denen die individuellen Fähigkeiten eine solche
+Verbindung nicht rechtfertigen.
+
+Niemand wird, was hier ausgeführt ist, für eine bloße Utopie halten, der
+Sinn für wirklich praktisch Durchführbares hat. Denn es wird gerade auf
+solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des
+Lebens aus den gegenwärtigen Zuständen heraus erwachsen können. Man wird
+nur zu dem Entschluß greifen müssen, innerhalb des Rechtsstaates auf die
+Verwaltung des geistigen Lebens und auf das Wirtschaften allmählich zu
+verzichten und sich nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich
+geschieht, daß private Bildungsanstalten entstehen und daß sich das
+Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergründe stellt. Man braucht die
+Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen nicht von heute
+zu morgen abzuschaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfängen
+heraus die Möglichkeit erwachsen sehen, daß ein allmählicher Abbau des
+staatlichen Bildungs- und Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber würde
+notwendig sein, daß diejenigen Persönlichkeiten, welche sich mit der
+Überzeugung durchdringen können von der Richtigkeit der hier dargestellten
+oder ähnlicher sozialer Ideen, für deren Verbreitung sorgen. Finden solche
+Ideen Verständnis, so wird dadurch _Vertrauen_ geschaffen zu einer
+möglichen heilsamen Umwandlung der gegenwärtigen Zustände in solche, welche
+deren Schäden nicht zeigen. _Dieses_ Vertrauen aber ist das einzige, aus
+dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen können. Denn wer ein
+solches Vertrauen gewinnen soll, der muß überschauen können, wie
+Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende anknüpfen lassen. Und es
+scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt
+werden, daß sie nicht eine bessere Zukunft herbeiführen wollen durch eine
+noch weitergehende Zerstörung des Gegenwärtigen, als sie schon eingetreten
+ist; sondern daß die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden
+weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden herbeiführt. Eine
+Aufklärung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird
+nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden muß: eine Weiterentwicklung,
+bei welcher der Wert der bisher von den Menschen erarbeiteten Güter und der
+erworbenen Fähigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird.
+Auch der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen
+Neugestaltung unter Wahrung der überkommenen Werte gewinnen, wenn er vor
+Ideen sich gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten
+können. Auch er wird einsehen müssen, daß, welche Menschenklasse auch immer
+zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden Übel nicht beseitigen wird,
+wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen
+Organismus gesund, lebensfähig machen. Verzweifeln, weil man nicht glauben
+kann, daß bei einer genügend großen Anzahl von Menschen auch in den Wirren
+der Gegenwart Verständnis sich finde für solche Ideen, wenn auf ihre
+Verbreitung die notwendige Energie gewandt werden kann, hieße an der
+Empfänglichkeit der Menschennatur für Impulse des Gesunden und
+Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte _diese_ Frage, ob man daran
+verzweifeln müsse, gar nicht gestellt werden, sondern _nur die_ andere: was
+man tun solle, um die Aufklärung über vertrauenerweckende Ideen so
+kraftvoll als möglich zu machen.
+
+Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zunächst
+entgegenstehen, daß die Denkgewohnheiten des gegenwärtigen Zeitalters aus
+zwei Untergründen heraus mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder
+wird man in irgend einer Form einwenden, man könne sich nicht vorstellen,
+daß ein Auseinanderreißen des einheitlichen sozialen Lebens möglich sei, da
+doch die drei gekennzeichneten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit
+überall zusammenhängen; oder man wird finden, daß auch im Einheitsstaate
+die notwendige selbständige Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht
+werden könne, und daß eigentlich mit dem hier Dargestellten ein
+Ideengespinst gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht berühre. Der erste
+Einwand beruht darauf, daß von einem _unwirklichen_ Denken ausgegangen
+wird. Daß geglaubt wird, die Menschen könnten in einer Gemeinschaft nur
+eine Einheit des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst
+in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird von der
+Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit muß als das _Ergebnis_ entstehen;
+die von verschiedenen Richtungen her zusammenströmenden Betätigungen müssen
+_zuletzt_ eine Einheit bewirken. _Dieser_ wirklichkeitsgemäßen Idee lief
+die Entwicklung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte sich, was in den
+Menschen lebte, gegen die von außen in das Leben gebrachte »Ordnung« und
+führte zu der gegenwärtigen sozialen Lage. -- Das zweite Vorurteil geht
+hervor aus dem Unvermögen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei
+Glieder des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der
+Mensch zu jedem der drei Glieder ein _besonderes_ Verhältnis hat, das in
+seiner Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein für
+sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von den
+beiden andern, dieses Verhältnis ausgestalten kann, um mit ihnen
+zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische,
+meinte: entweder die Menschen machen Regierungsmaßregeln über das
+wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung dieses Lebens
+widerstreben; dann seien solche Maßregeln schädlich. Oder die _Gesetze_
+laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben von selbst
+läuft, wenn es sich frei überlassen bleibt; dann seien sie überflüssig. Als
+Schulmeinung ist diese Anschauung überwunden; als Denkgewohnheit spukt sie
+aber überall noch verheerend in den Menschenköpfen. Man meint, wenn ein
+Lebensgebiet seinen Gesetzen folgt, dann müsse aus diesem Gebiete _alles_
+für das Leben Notwendige sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das
+Wirtschaftsleben in einer solchen Art geregelt werde, daß die Menschen die
+Regelung als eine sie befriedigende empfinden, dann müsse auch das Rechts-
+und Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben.
+Doch dieses ist nicht möglich. Und nur ein Denken, das der Wirklichkeit
+fremd gegenübersteht, kann glauben, daß es möglich sei. Im Kreislauf des
+Wirtschaftslebens ist _nichts_ vorhanden, das von sich aus einen Antrieb
+enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem Rechtsbewußtsein über das
+Verhältnis von Mensch zu Mensch erfließt. Und will man _dieses_ Verhältnis
+aus den wirtschaftlichen Antrieben herausordnen, so wird man den Menschen
+mit seiner Arbeit und mit der Verfügung über die Arbeitsmittel in das
+Wirtschaftsleben einspannen. Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das
+wie ein Mechanismus wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz,
+fortwährend in einer Richtung sich zu bewegen, in die von einer andern
+Seite her eingegriffen werden muß. Nicht, _wenn_ die Rechtsmaßnahmen in der
+Richtung verlaufen, die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut,
+oder wenn sie ihr zuwiderlaufen, sind sie schädlich; sondern, wenn die
+Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben läuft, fortwährend beeinflußt
+wird von den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird
+dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenwürdiges Dasein führen können.
+Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben die
+individuellen Fähigkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen und dem
+Wirtschaften die Kräfte immer wieder neu zuführen, die aus ihm selbst sich
+nicht erzeugen _können_, wird auch das Wirtschaften in einer den Menschen
+gedeihlichen Art sich entwickeln können.
+
+Es ist merkwürdig: auf dem Gebiete des rein äußerlichen Lebens sieht man
+leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht, daß der
+Schneider sich seine Kuh züchten solle, die ihn mit Milch versorgt. Für die
+umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man, daß die
+Einheitsordnung das allein Ersprießliche sein müsse.
+
+ * * * * *
+
+Daß Einwände gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden sozialen
+Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben müssen, ist selbstverständlich.
+Denn das wirkliche Leben erzeugt Widersprüche. Und wer diesem Leben gemäß
+denkt, der muß Einrichtungen verwirklichen wollen, deren Lebenswidersprüche
+durch andere Einrichtungen ausgeglichen werden. Er _darf nicht_ glauben:
+eine Einrichtung, die sich vor seinem Denken als »ideal gut« ausweist,
+werde, wenn sie verwirklicht wird, auch widerspruchslos sich gestalten. --
+Es ist eine durchaus berechtigte Forderung des gegenwärtigen Sozialismus,
+daß die neuzeitlichen Einrichtungen, in denen produziert wird um des
+Profitierens des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen
+produziert wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige,
+welcher diese Forderung _voll_ anerkennt, wird nicht zu der Schlußfolgerung
+dieses neueren Sozialismus kommen können: also müssen die Produktionsmittel
+aus dem Privateigentum in Gemeineigentum übergehen. Er wird vielmehr die
+ganz andere Schlußfolgerung anerkennen müssen: also muß, was privat auf
+Grund der individuellen Tüchtigkeiten produziert wird, durch die rechten
+Wege der Allgemeinheit zugeführt werden. Der wirtschaftliche Impuls der
+neueren Zeit ging dahin, durch die Menge des Gütererzeugens Einnahmen zu
+schaffen; die Zukunft wird danach streben müssen, durch Assoziationen aus
+der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und die Wege von
+dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die Rechtseinrichtungen
+werden dafür sorgen, daß ein Produktionsbetrieb nur so lange mit einer
+Person oder Personengruppe verbunden bleibt, als sich diese Verbindung aus
+den individuellen Fähigkeiten dieser Personen heraus rechtfertigt. Statt
+dem _Gemeineigentum_ der Produktionsmittel wird im sozialen Organismus ein
+_Kreislauf_ dieser Mittel eintreten, der sie immer von neuem zu denjenigen
+Personen bringt, deren individuelle Fähigkeiten sie in der möglichst besten
+Art der Gemeinschaft nutzbar machen können. Auf diese Art wird zeitweilig
+diejenige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Produktionsmittel
+hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn der
+Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den
+Produktionsmitteln verdanken, daß ihre Fähigkeiten ihnen ein ihren
+Ansprüchen gemäßes Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen, die
+Produktion zu einer möglichst vollkommenen zu machen, denn die Steigerung
+dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen Profit, aber doch
+einen Teil des Erträgnisses. Der Profit fließt ja doch nur im Sinne des
+oben Ausgeführten der Allgemeinheit bis zu dem Grade zu, der sich ergibt
+nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten zugute kommt wegen der
+Steigerung der Produktion. Und es liegt eigentlich schon im Geiste des hier
+Dargestellten, daß, wenn die Produktion zurückgeht, sich das Einkommen des
+Produzenten in demselben Maße zu verringern habe, wie es sich steigert bei
+der Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der geistigen
+Leistung des Leitenden fließen, nicht aus einem solchen Profit, welcher auf
+Verhältnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines Unternehmers,
+sondern in dem Zusammenwirken der Kräfte des Gemeinlebens ihre Grundlage
+haben.
+
+Man wird sehen können, daß durch Verwirklichung solcher sozialer Ideen, wie
+sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenwärtig bestehen, eine
+völlig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum hört auf, dasjenige zu
+sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurückgeführt zu
+einer überwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen würde,
+sondern es wird fortgeführt zu etwas völlig Neuem. Die Gegenstände des
+Eigentums werden in den Fluß des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne
+kann sie nicht aus seinem Privatinteresse heraus zum Schaden der
+Allgemeinheit verwalten; aber auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum
+Schaden der einzelnen bureaukratisch verwalten können; sondern der
+geeignete einzelne wird zu ihnen den Zugang finden, um durch sie der
+Allgemeinheit dienen zu können.
+
+Ein Sinn für das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung
+solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine gesunde
+Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren
+bewahren. -- Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat mit dem
+Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen führen können, die etwa aus
+diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben. Sollte, zum Beispiel,
+ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern ihre
+Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem Bedürfnis
+entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben nach freier
+Übereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen das Fehlende
+zugeschossen werden können. Ein in sich abgeschlossener
+Wirtschaftskreislauf, der von außen die Rechtsgrundlage erhält und den
+fortdauernden Zufluß der zutage tretenden individuellen
+Menschenfähigkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun
+haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer Güterverteilung sein können,
+die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der Gemeinschaft
+gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr Einkommen haben wird
+als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein, weil das »Mehr« wegen
+seiner individuellen Fähigkeiten der Allgemeinheit zugute kommt.
+
+ * * * * *
+
+Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten
+Vorstellungsart sich gestaltet, wird durch eine Übereinkunft zwischen den
+Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die Abgaben regeln
+können, welche für das Rechtsleben notwendig sind. Und alles, was zum
+Unterhalte der geistigen Organisation nötig ist, wird dieser zufließen
+durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung von seiten
+der Einzelpersonen, die am sozialen Organismus beteiligt sind. Diese
+geistige Organisation wird ihre gesunde Grundlage durch die in freier
+Konkurrenz sich geltend machende individuelle Initiative der zur geistigen
+Arbeit fähigen Einzelpersonen haben.
+
+Aber _nur_ in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die Verwaltung
+des Rechtes das notwendige Verständnis finden für eine gerechte
+Güterverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den Bedürfnissen
+der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen in Anspruch nimmt,
+sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm das Recht möglich macht,
+wird den Wert der Güter nach dem bestimmen, was ihm die Menschen leisten.
+Er wird nicht die Menschen leisten lassen, was durch den unabhängig von
+Menschenwohlfahrt und Menschenwürde zustande gekommenen Güterwert bestimmt
+ist. Ein solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen
+Verhältnissen sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung haben;
+der Familienvater wird als Arbeiter ein höheres Einkommen haben können als
+der Einzelnstehende. Das »Mehr« wird ihm zufließen durch Einrichtungen, die
+durch Übereinkommen aller drei sozialen Organisationen begründet werden.
+Solche Einrichtungen können dem Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen,
+daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen die Verwaltung der
+wirtschaftlichen Organisation die mögliche Höhe des Erziehungseinkommens
+bemißt und der Rechtsstaat die Rechte des einzelnen festsetzt nach den
+Gutachten der geistigen Organisation. Wieder liegt es in der Art eines
+wirklichkeitsgemäßen Denkens, daß mit einer solchen Angabe nur wie durch
+ein Beispiel _die Richtung_ bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen
+bewirkt werden können. Es wäre möglich, daß für das einzelne ganz anders
+geartete Einrichtungen als richtig befunden würden. Aber dieses »Richtige«
+wird sich nur finden lassen durch das zielgemäße Zusammenwirken der drei in
+sich selbständigen Glieder des sozialen Organismus. Hier, für diese
+Darstellung, möchte im Gegensatz zu vielem, was in der Gegenwart für
+praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr zugrunde liegende
+Denkart das wirklich Praktische finden, nämlich eine solche Gliederung des
+sozialen Organismus, die bewirkt, daß die Menschen in dieser Gliederung das
+sozial Zweckmäßige veranlassen.
+
+Wie Kindern das _Recht_ auf Erziehung, so steht Altgewordenen, Invaliden,
+Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu, zu dem die
+Kapitalgrundlage in einer ähnlichen Art dem Kreislauf des sozialen
+Organismus zufließen muß wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag für die
+Erziehung der noch nicht selbst Leistungsfähigen. Das Wesentliche bei all
+diesem ist, daß die Feststellung desjenigen, was ein nicht selbst
+Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem Wirtschaftsleben sich
+ergeben soll, sondern daß umgekehrt das Wirtschaftsleben abhängig wird von
+dem, was in dieser Beziehung aus dem Rechtsbewußtsein sich ergibt. Die in
+einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden werden von dem durch ihre Arbeit
+geleisteten um so weniger haben, je mehr für die nicht Verdienenden
+abfließen muß. Aber das »Weniger« wird von allen am sozialen Organismus
+Beteiligten gleichmäßig getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse
+ihre Verwirklichung finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben
+abgesonderten Rechtsstaat wird, was eine allgemeine Angelegenheit der
+Menschheit ist, Erziehung und Unterhalt nicht Arbeitsfähiger, auch wirklich
+zu einer solchen Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der
+Rechtsorganisation wirkt dasjenige, worinnen _alle mündig gewordenen
+Menschen_ mitzusprechen haben.
+
+Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart
+entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund seiner
+individuellen Fähigkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit
+überführen, wie er für die Minderleistung der weniger Befähigten den
+berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: »Mehrwert«
+wird nicht geschaffen werden für den unberechtigten Genuß des einzelnen,
+sondern zur Erhöhung dessen, was dem sozialen Organismus seelische oder
+materielle Güter zuführen kann; und zur Pflege desjenigen, was innerhalb
+dieses Organismus aus dessen Schoß heraus entsteht, ohne daß es ihm
+unmittelbar dienen kann.
+
+Wer der Ansicht zuneigt, daß die Auseinanderhaltung der drei Glieder des
+sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und daß sie sich auch
+beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer das
+Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln
+beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft »von selbst« ergebe, der sollte
+seinen Blick auf die besondere Art von sozialen Einrichtungen lenken, die
+sich ergeben müssen, wenn die Dreigliederung verwirklicht wird. Da wird,
+zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung das Geld als gesetzliches
+Zahlungsmittel anzuerkennen haben, sondern diese Anerkennung wird auf den
+Maßnahmen beruhen, welche von den Verwaltungskörpern der
+Wirtschaftsorganisation ausgehen. Denn Geld kann im gesunden sozialen
+Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern
+erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb
+beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben
+hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche
+Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze
+Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man es
+nur mit Warenwerten zu tun. Für dieses Gebiet nehmen auch die _Leistungen_,
+die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation heraus,
+den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen Schülern leistet, ist für
+den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen
+Fähigkeiten ebensowenig bezahlt wie dem Arbeiter seine Arbeitskraft.
+Bezahlt _kann_ beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im
+Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann. Wie die freie Initiative,
+wie das Recht wirken sollen, damit die Ware zustande komme, das liegt
+ebenso _außerhalb_ des Wirtschaftskreislaufes wie die Wirkung der
+Naturkräfte auf das Kornerträgnis in einem segensreichen oder einem magern
+Jahr. Für den Wirtschaftskreislauf sind die geistige Organisation bezüglich
+dessen, was sie beansprucht als wirtschaftliches Erträgnis, _und auch der
+Staat_ einzelne Warenproduzenten. Nur ist, was sie produzieren, innerhalb
+ihres eigenen Gebietes nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von
+dem Wirtschaftskreislauf aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren
+eigenen Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die
+Verwaltung des Wirtschaftsorganismus.
+
+Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten), insofern
+er sich ausdrückt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt, wird von
+der Zweckmäßigkeit abhängen, mit der sich innerhalb des
+Wirtschaftsorganismus die _Verwaltung_ der Wirtschaft ausgestaltet. Von den
+Maßnahmen dieser Verwaltung wird es abhängen, inwiefern auf der geistigen
+und rechtlichen Grundlage, welche von den andern Gliedern des sozialen
+Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche Fruchtbarkeit sich
+entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird dann der Ausdruck dafür sein,
+daß diese Ware in der den Bedürfnissen entsprechenden Menge durch die
+Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus erzeugt wird. Würden die in dieser
+Schrift dargelegten Voraussetzungen verwirklicht, so wird im
+Wirtschaftsorganismus nicht der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch
+die bloße Menge der Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird
+durch die entstehenden und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden
+Genossenschaften die Gütererzeugung sich den Bedürfnissen anpassen. Dadurch
+wird das diesen Bedürfnissen entsprechende Verhältnis zwischen dem Geldwert
+und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt[7].
+Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser sein;
+denn hinter jedem Geldstück oder Geldschein steht die Warenleistung, auf
+welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde gekommen sein kann. Es
+werden sich aus der Natur der Verhältnisse heraus Einrichtungen notwendig
+machen, welche dem Gelde für den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die
+eben gekennzeichnete Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist
+schon hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in
+geeigneter Form an die Allgemeinheit über. Und damit Geld, das nicht in
+Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der Maßnahmen der
+Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurückbehalten werde, kann Umprägung
+oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. Aus solchen Verhältnissen
+heraus wird sich allerdings auch ergeben, daß der Zinsbezug von einem
+Kapitale im Laufe der Jahre sich immer verringere. Das Geld wird sich
+abnützen, wie sich Waren abnützen. Doch wird eine solche vom Staate zu
+treffende Maßnahme gerecht sein. »Zins auf Zins« wird es nicht geben
+können. Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die
+ihm auf spätere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie
+gegenwärtige Leistungen auf den Eintausch gegenwärtiger Gegenleistungen;
+aber die Ansprüche können nur bis zu einer gewissen Grenze gehen; denn aus
+der Vergangenheit herrührende Ansprüche können nur durch Arbeitsleistungen
+der Gegenwart befriedigt werden. Solche Ansprüche dürfen nicht zu einem
+wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. Durch die Verwirklichung solcher
+Voraussetzungen wird die _Währungsfrage_ auf eine gesunde Grundlage
+gestellt. Denn gleichgültig wie aus andern Verhältnissen heraus die
+_Geldform_ sich gestaltet: _Währung_ wird die vernünftige Einrichtung des
+gesamten Wirtschaftsorganismus durch dessen Verwaltung. Die Währungsfrage
+wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch _Gesetze_ lösen;
+gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die
+Lösung verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden
+Wirtschaftsorganismus überlassen.
+
+ [7] Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art
+ zustande kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen
+ Organismus, wird sich als Ergebnis für das Wirtschaftsleben ein gesundes
+ Preisverhältnis der erzeugten Güter einstellen. Dieses muß so sein, daß
+ jeder Arbeitende für ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erhält, als zur
+ Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse bei ihm und den zu ihm gehörenden
+ Personen nötig ist, bis er ein Erzeugnis der gleichen Arbeit wieder
+ hervorgebracht hat. Ein solches Preisverhältnis kann nicht durch
+ amtliche Feststellung erfolgen, sondern es muß sich _als Resultat
+ ergeben_ aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus
+ tätigen Assoziationen. Aber es _wird_ sich einstellen, wenn das
+ Zusammenwirken auf dem gesunden Zusammenwirken der drei
+ Organisationsglieder beruht. Es muß mit derselben Sicherheit sich
+ ergeben, wie eine haltbare Brücke sich ergeben muß, wenn sie nach
+ rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist. Man kann
+ natürlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben folge
+ nicht so seinen Gesetzen wie eine Brücke. Es wird aber niemand einen
+ solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung
+ dieses Buches dem sozialen Leben eben _lebendige_ und nicht
+ mathematische Gesetze zugrunde liegend gedacht werden.
+
+ * * * * *
+
+Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren Wirkung als
+Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.; aber man
+berücksichtigt wenig, wie sie das Verhältnis des einzelnen Menschen zu
+seiner Arbeits_leistung_ beeinflußt. Wer in einem auf Arbeitsteilung
+eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der _erwirbt_ eigentlich
+niemals sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit
+_aller_ am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum
+Eigengebrauch einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe
+Verhältnis wie ein Mensch, der in primitiven Zuständen noch alles zu seinem
+Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. Er macht sich den Rock,
+um für andere Kleider machen zu können; und der _Wert_ des Rockes für ihn
+hängt _ganz_ von den Leistungen der andern ab. Der Rock ist eigentlich
+Produktionsmittel. Mancher wird sagen, das sei eine Begriffsspalterei.
+Sobald er auf die _Wertbildung_ der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht,
+wird er diese Meinung nicht mehr haben können. Dann wird er sehen, daß man
+in einem Wirtschaftsorganismus, der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht
+für sich arbeiten kann. Man kann nur für andere arbeiten, und andere für
+sich arbeiten lassen. Man kann ebensowenig für sich arbeiten, wie man sich
+selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche dem
+Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die
+Gütererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als
+Eigentum zu überliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen
+Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drängt den
+sozialen Organismus dazu, daß der einzelne Mensch in ihm lebt nach den
+Verhältnissen des Gesamtorganismus; sie schließt _wirtschaftlich_ den
+Egoismus aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von
+Klassenvorrechten und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer
+Zustand, der zu Erschütterungen des sozialen Organismus führt. In solchen
+Zuständen leben wir gegenwärtig. Es mag manchen geben, der nichts davon
+hält, wenn man fordert, die Rechtsverhältnisse und anderes müssen sich nach
+dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein solcher möge
+dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen. Diese wäre: man
+könne überhaupt nichts tun; die soziale Bewegung könne zu nichts führen.
+Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprießliches nicht tun,
+wenn man _der Wirklichkeit_ nicht ihr Recht geben will. Die Denkungsart,
+aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben ist, will, was der
+Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach dem einrichten,
+was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt.
+
+ * * * * *
+
+Wer seine Begriffe nur nach den eingewöhnten Einrichtungen bilden kann, der
+wird ängstlich werden, wenn er davon vernimmt, daß das Verhältnis des
+Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgelöst werden solle von dem
+Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, daß eine solche Loslösung
+notwendig zur Geldentwertung und zur Rückkehr in primitive
+Wirtschaftsverhältnisse führe. (Dr. Rathenau äußert in seiner Schrift »Nach
+der Flut« solche Meinungen, die von _seinem_ Standpunkt aus berechtigt
+erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung des sozialen
+Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich selbst gestellte
+Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus sondert die
+Geldverhältnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten
+Arbeitsverhältnissen. Die Rechtsverhältnisse werden nicht unmittelbar auf
+die Geldverhältnisse einen Einfluß haben können. Denn die letzteren sind
+Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das Rechtsverhältnis
+zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar nicht in dem Geldwert
+zum Ausdruck kommen können, denn dieser ist nach Beseitigung des Lohnes,
+der ein Tauschverhältnis von Ware und Arbeitskraft darstellt, lediglich der
+Maßstab für den gegenseitigen Wert der Waren (und Leistungen). -- Aus der
+Betrachtung der _Wirkungen_, welche die Dreigliederung für den sozialen
+Organismus hat, muß man die Überzeugung gewinnen, daß sie zu Einrichtungen
+führen werde, die in den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind.
+
+Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden können,
+was gegenwärtig als _Klassenkampf_ empfunden wird. Denn dieser Kampf beruht
+auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den Wirtschaftskreislauf. Diese
+Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus dar, in dem der Begriff
+des _Arbeitslohnes_ ebenso eine Umformung erfährt wie der alte
+_Eigentumsbegriff_. Aber durch diese Umformung wird ein _lebensfähiger_
+sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen. -- Nur eine leichtfertige
+Beurteilung wird finden können, daß mit der Verwirklichung des hier
+Dargestellten nichts weiter getan sei, als daß der Arbeitszeitlohn in
+Stücklohn verwandelt werde. Mag sein, daß eine einseitige Ansicht von der
+Sache zu diesem Urteil führt. Aber _hier_ ist diese einseitige Ansicht
+nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Ablösung des
+Entlohnungsverhältnisses durch das vertragsgemäße Teilungsverhältnis in
+bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete _in
+Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus_ ins Auge
+gefaßt. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungserträgnisses als
+Stücklohn erscheint, der wird nicht gewahr, daß _dieser_ »Stücklohn« (der
+aber eigentlich kein »Lohn« ist) sich im _Werte_ des Geleisteten in einer
+Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche Lebenslage des
+Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen Organismus in ein ganz anderes
+Verhältnis bringt, als dasjenige ist, das aus der einseitig wirtschaftlich
+bedingten Klassenherrschaft entstanden ist. Die Forderung nach Austilgung
+des Klassenkampfes wird damit befriedigt. -- Und wer sich zu der namentlich
+auch in sozialistischen Kreisen zu hörenden Meinung bekennt: die
+_Entwicklung_ selbst müsse die Lösung der sozialen Frage bringen, man könne
+nicht Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem muß
+erwidert werden: gewiß wird die Entwicklung das Notwendige bringen müssen;
+aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen
+_Wirklichkeiten_. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird und
+das _verwirklicht_ sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann wird
+eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und diejenigen,
+welche »nur von der Entwicklung« und nicht von der Erbringung fruchtbarer
+Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen müssen mit ihrem Urteil bis
+dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung sein wird. Doch wird es eben
+dann _zu spät_ sein zum Vollbringen gewisser Dinge, die von den _heutigen_
+Tatsachen schon gefordert werden. Im sozialen Organismus ist es nicht
+möglich, die Entwicklung _objektiv_ zu betrachten wie in der Natur. Man muß
+die Entwicklung _bewirken_. Deshalb ist es für ein gesundes soziales Denken
+verhängnisvoll, daß ihm gegenwärtig Ansichten gegenüberstehen, die, was
+sozial notwendig ist, so »beweisen« wollen, wie man in der
+Naturwissenschaft »beweist«. Ein »Beweis« in sozialer Lebensauffassung kann
+sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung _das_ aufnehmen kann, was
+nicht nur im _Bestehenden_ liegt, sondern _dasjenige_, was in den
+Menschenimpulsen -- von ihnen oft unbemerkt -- keimhaft ist und sich
+verwirklichen will.
+
+ * * * * *
+
+Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen
+Organismus ihre Begründung im Wesenhaften des menschlichen
+Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Loslösung der
+richterlichen Tätigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren
+wird es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder
+Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst aber liegen
+in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus gebildet sind.
+Diese Urteilsfindung ist in hohem Maße abhängig von der Möglichkeit, daß
+der Richtende Sinn und Verständnis habe für die individuelle Lage eines zu
+Richtenden. Solcher Sinn und solches Verständnis werden nur vorhanden sein,
+wenn dieselben Vertrauensbande, durch welche die Menschen zu den
+Einrichtungen der geistigen Organisation sich hingezogen fühlen, auch
+maßgebend sind für die Einsetzung der Gerichte. Es ist möglich, daß die
+Verwaltung der geistigen Organisation die Richter aufstellt, die aus den
+verschiedensten geistigen Berufsklassen heraus genommen sein können, und
+die auch nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe
+zurückkehren. In gewissen Grenzen hat dann jeder Mensch die Möglichkeit,
+sich die Persönlichkeit unter den Aufgestellten für fünf oder zehn Jahre zu
+wählen, zu der er so viel Vertrauen hat, daß er in dieser Zeit, wenn es
+dazu kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder
+strafrechtlichen Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes
+Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, daß diese Wahl eine
+Bedeutung haben wird. Ein Kläger hat sich dann stets an den für einen
+Angeklagten zuständigen Richter zu wenden. -- Man bedenke, was eine solche
+Einrichtung in den österreichisch-ungarischen Gegenden für eine
+einschneidende Bedeutung gehabt hätte. In gemischtsprachigen Gegenden hätte
+der Angehörige einer jeden Nationalität sich einen Richter seines Volkes
+erwählen können. Wer die österreichischen Verhältnisse kennt, der kann auch
+wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben der Nationalitäten eine solche
+Einrichtung hätte beitragen können. -- Aber außer der Nationalität gibt es
+weite Lebensgebiete, für deren gesunde Entfaltung eine solche Einrichtung
+im gedeihlichen Sinne wirken kann. -- Für die engere Gesetzeskenntnis
+werden den in der geschilderten Art bestellten Richtern und Gerichtshöfen
+Beamte zur Seite stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen
+Organismus zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben.
+Ebenso werden Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden
+sein. Es wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die
+Verwirklichung solcher Voraussetzungen abspielt, daß ein Richter den
+Lebensgewohnheiten und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen
+kann, daß er durch sein außerhalb des Richteramtes -- dem er nur eine
+Zeitlang vorstehen wird -- liegendes Leben mit den Lebenskreisen der zu
+Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus überall in
+seinen Einrichtungen das soziale Verständnis der an seinem Leben
+beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen
+Tätigkeit. Die Urteilsvollstreckung fällt dem Rechtsstaate zu.
+
+ * * * * *
+
+Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier Dargestellten
+für andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig machen, brauchen
+vorläufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese Schilderung würde
+selbstverständlich einen nicht zu begrenzenden Raum einnehmen.
+
+Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß
+es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich _nicht_, wie mancher meinen
+könnte -- und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das
+Dargestellte mündlich vorgetragen habe --, um eine Erneuerung der drei
+Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand handelt. Das Gegenteil dieser
+Ständegliederung wird angestrebt. Die Menschen werden weder in Klassen noch
+in Stände _sozial_ eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus
+selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft
+Mensch sein können. Denn die Gliederung wird eine solche sein, daß er mit
+seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des
+sozialen Organismus, in dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit
+sachlichem Interesse stehen; und zu den andern wird er lebensvolle
+Beziehungen haben, denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem
+Verhältnisse stehen, das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird
+der vom Menschen abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale
+Organismus sein; jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei
+Glieder sein.
+
+
+
+
+IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen
+
+
+Die innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch die
+internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete wird
+sein selbständiges Verhältnis zu den entsprechenden Gebieten der
+andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des
+einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen,
+ohne daß die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren
+Einfluß haben[8]. Und umgekehrt, die Verhältnisse der Rechtsstaaten
+werden sich innerhalb gewisser Grenzen in völliger Unabhängigkeit von
+den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch diese Unabhängigkeit
+im _Entstehen_ der Beziehungen werden diese in Konfliktfällen
+ausgleichend aufeinander wirken können. Interessenzusammenhänge der
+einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, welche die
+Landesgrenzen als unbeträchtlich für das Zusammenleben der Menschen
+erscheinen lassen werden. -- Die geistigen Organisationen der
+einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten
+können, die _nur_ aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit
+selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhängige, auf sich gestellte
+Geistesleben wird Verhältnisse ausbilden, die dann unmöglich sind,
+wenn die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung
+eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhängt. In
+dieser Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den
+Leistungen der ganz offenbar internationalen Wissenschaft und
+denjenigen anderer geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja
+auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in
+unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein
+selbst gehört in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen
+mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich
+nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation
+oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur
+gegenüber einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige
+Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie
+wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen
+zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind.
+
+ [8] Wer dagegen einwendet, daß die Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse
+ doch in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt
+ werden können, der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten
+ Gliederung ankommt. Im _gesamten_ Verkehrsprozeß wirken die beiderlei
+ Verhältnisse selbstverständlich als ein Ganzes. Aber es ist etwas
+ anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus
+ gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen heraus
+ gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr
+ zusammenwirken läßt.
+
+Gegenwärtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch der
+schärfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhänge
+erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und Volkskulturen sich
+entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen müssen an dem Ziel,
+das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit die Menschheit als
+Ganzes immer bewußter wird setzen müssen. Diese Menschheit wird empfinden,
+daß ein jeder ihrer Teile zu einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein nur
+kommen kann, wenn er sich lebenskräftig mit allen anderen Teilen verbindet.
+Volkszusammenhänge sind neben anderen naturgemäßen Impulsen die Ursachen,
+durch die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich
+gebildet haben. Aber die Kräfte, durch welche die Volkstümer wachsen,
+müssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt ist durch
+die Beziehungen, welche die Staatskörper und Wirtschaftsgenossenschaften
+zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die Volksgemeinschaften die
+innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen so durchführen, daß jedes
+der Glieder seine selbständigen Beziehungen zu anderen sozialen Organismen
+entfalten kann.
+
+Dadurch bilden sich _vielgestaltige_ Zusammenhänge zwischen Völkern,
+Staaten und Wirtschaftskörpern, die jeden Teil der Menschheit mit anderen
+Teilen so verbinden, daß der eine in seinen eigenen Interessen das Leben
+der andern mitempfindet. Ein Völkerbund _entsteht_ aus wirklichkeitsgemäßen
+Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen Rechtsanschauungen
+»eingesetzt« werden müssen[9].
+
+ [9] Wer in solchen Dingen »Utopien« sieht, der beachtet nicht, daß _in
+ Wahrheit_ die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm für
+ utopistisch gehaltenen Einrichtungen hinstrebt, und daß die Schäden
+ dieser Wirklichkeit gerade davon kommen, daß diese Einrichtungen nicht
+ da sind.
+
+Von besonderer Bedeutung muß einem wirklichkeitsgemäßen Denken erscheinen,
+daß die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus zwar ihre
+Geltung haben für die gesamte Menschheit, daß sie aber von _jedem
+einzelnen_ sozialen Organismus verwirklicht werden können, gleichgültig,
+wie sich andere Länder zu dieser Verwirklichung vorläufig verhalten.
+Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgemäßen drei Gebiete, so
+können die Vertretungen derselben als einheitliche Körperschaft mit anderen
+in internationale Beziehungen treten, auch wenn diese anderen für sich die
+Gliederung noch nicht vorgenommen haben. Wer mit dieser Gliederung
+vorangeht, der wird für ein gemeinschaftliches Menschheitsziel wirken. Was
+getan werden soll, wird sich durchsetzen viel mehr durch die Kraft, welche
+ein in wirklichen Menschheitsimpulsen wurzelndes Ziel _im Leben_ erweist,
+als durch eine Feststellung auf Kongressen und aus Verabredungen heraus.
+Auf einer Wirklichkeitsgrundlage ist dieses Ziel _gedacht_; im wirklichen
+Leben, an jedem Punkte der Menschengemeinschaften läßt es sich erstreben.
+
+Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgänge im Leben der Völker und Staaten
+von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige dieser Darstellung
+ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich gewordenen Staatengebilde
+mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben sich
+in internationale Beziehungen brachten, die zu einer Katastrophe drängten.
+Ebenso aber konnte ein solcher auch sehen, wie die Gegenkräfte aus
+unbewußten Menschheitsimpulsen heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird
+das Heilmittel gegen die Erschütterungen sein, welche der
+Einheitsfanatismus bewirkt hat. Aber das Leben der »maßgebenden
+Menschheitsleiter« war nicht darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit
+langem vorbereitete. Im Frühling und Frühsommer 1914 konnte man noch
+»Staatsmänner« davon sprechen hören, daß der Friede Europas dank der
+Bemühungen der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei.
+Diese »Staatsmänner« hatten eben keine Ahnung davon, daß, was sie taten und
+redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr zu tun hatte.
+Aber sie galten als die »Praktiker«. Und als »Schwärmer« galt damals wohl,
+wer entgegen den Anschauungen der »Staatsmänner« Anschauungen durch die
+letzten Jahrzehnte hindurch sich ausbildete, wie sie der Schreiber dieser
+Ausführungen, monatelang vor der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor
+einem kleinen Zuhörerkreise aussprach. (Vor einem größeren wäre er wohl
+verlacht worden.) Er sagte über das, was drohte, ungefähr das Folgende:
+»Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker
+werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut
+derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie überall
+furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die
+große Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut.
+Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn
+man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die
+Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu
+bringen müßte, von dem Heilmittel so zu sprechen, daß man Worte darüber der
+Welt gleichsam _entgegen_schreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich
+so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden
+der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was _Krebsbildungen_
+im menschlichen natürlichen Organismus sind.« Aber die Lebensanschauung
+herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den sie
+nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Maßnahmen führten, die
+hätten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet waren,
+Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander zu
+begründen. -- Wer glaubt, daß unter den unmittelbaren Ursachen der
+gegenwärtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten keine
+Rolle gespielt haben, der sollte sich überlegen, was aus den politischen
+Impulsen der in den Krieg drängenden Staaten dann geworden wäre, wenn die
+»Staatsmänner« in den Inhalt ihres Wollens diese sozialen Notwendigkeiten
+aufgenommen hätten. Und was unterblieben wäre, wenn man durch solchen
+Willensinhalt etwas anderes zu tun gehabt hätte als die Zündstoffe zu
+schaffen, die dann die Explosion bringen mußten. Wenn man in den letzten
+Jahrzehnten das schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als
+Folge des sozialen Lebens der führenden Teile der Menschheit ins Auge
+faßte, so konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen
+Geistinteressen stehende Persönlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen
+das soziale Wollen in diesen führenden Teilen annahm, schon 1888 sagen
+mußte: »Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu
+einem Reiche von Brüdern zu machen, die, nur den edelsten Beweggründen
+nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die Geschichte nur auf der
+Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner
+Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen«, aber nur der Gedanke, daß ein
+»Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens« gefunden werden müsse,
+kann den Sinn für Menschenwürde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist
+ein solcher, »der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen
+unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber
+glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein
+sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und
+einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.« (So Hermann Grimm
+1888 auf S. 46 seines Buches: »Aus den letzten fünf Jahren«.) Was waren die
+»Kriegerischen Rüstungen« anderes als Maßnahmen solcher Menschen, welche
+Staatsgebilde in einer Einheitsform aufrechterhalten wollten, trotzdem
+diese Form durch die Entwicklung der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden
+Zusammenlebens der Völker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes
+Zusammenleben aber könnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen
+Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit heraus
+gestaltet ist.
+
+Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als einem
+halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in
+einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer
+Form, für deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete
+Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische Konflikt, der
+am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgültigste
+Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem
+gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften für das
+Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß das auf sich
+selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhängige
+Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber in einer Art hätte entwickeln
+können, die mit den Zielen der Völker im Einklange gewesen wäre, dann hätte
+der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen
+Katastrophe entladen müssen. Eine dahin zielende Entwicklung erschien
+allen, die in Österreich-Ungarn sich einbildeten, »staatsmännisch« zu
+denken, als eine volle Unmöglichkeit, wohl gar als der reine Unsinn. Deren
+Denkgewohnheiten ließen nichts anderes zu als die Vorstellung, daß die
+Staatsgrenzen mit den Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten
+zusammenfallen. Verstehen, daß über die Staatsgrenzen hinweg sich geistige
+Organisationen bilden können, die das Schulwesen, die andere Zweige des
+Geisteslebens umfassen, das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und
+dennoch: dieses »Undenkbare« ist die Forderung der neueren Zeit für das
+internationale Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar
+Unmöglichen hängen bleiben und glauben, daß Einrichtungen im Sinne dieser
+Forderung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen; sondern er muß sein
+Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Statt
+das »staatsmännische« Denken in eine Richtung zu bringen, welche den
+neuzeitlichen Forderungen entsprochen hätte, war man bestrebt,
+Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat gegen diese Forderungen
+aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde dadurch immer mehr zu einem
+unmöglichen Gebilde. Und im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts
+stand er davor, für seine Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun
+zu können und die Auflösung zu erwarten, oder das innerlich Unmögliche
+äußerlich durch die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Maßnahmen
+des Krieges begründen ließ. Es gab 1914 für die österreichisch-ungarischen
+»Staatsmänner« nichts anderes als dieses: entweder sie mußten ihre
+Intentionen in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen
+Organismus lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues
+Vertrauen hätte erwecken können, mitteilen, oder sie _mußten_ einen Krieg
+entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen Untergründen
+heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird über die Schuldfrage gerecht
+denken können. Durch die Teilnahme vieler Völkerschaften an dem
+österreichisch-ungarischen Staatsgebilde wäre diesem die weltgeschichtliche
+Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen Organismus vor allem zu
+entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht erkannt. Diese Sünde wider den
+Geist des weltgeschichtlichen Werdens hat Österreich-Ungarn in den Krieg
+getrieben.
+
+Und das Deutsche Reich? Es ist gegründet worden in einer Zeit, in der
+die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen Organismus
+ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung hätte dem Reiche
+seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben können. Die
+sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropäischen Reiche
+wie in dem Gebiete zusammen, das für ihr Ausleben weltgeschichtlich
+vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es trat an vielen
+Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere Gestalt an, aus
+der zu ersehen war, wohin es drängte. Das hätte zu einem Arbeits-Inhalt
+für dieses Reich führen müssen. Das hätte seinen Verwaltern die Aufgaben
+stellen müssen. Es hätte die Berechtigung dieses Reiches im modernen
+Völkerzusammenleben erweisen können, wenn man dem neugegründeten Reiche
+einen Arbeits-Inhalt gegeben hätte, der von den Kräften der Geschichte
+selbst gefordert gewesen wäre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Große
+zu wenden, blieb man bei »sozialen Reformen« stehen, die aus den
+Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im Auslande
+die Mustergültigkeit _dieser_ Reformen bewunderte. Man kam daneben immer
+mehr dazu, die äußere Welt-Machtstellung des Reiches auf Formen gründen
+zu wollen, die aus den ausgelebtesten Arten des Vorstellens über die Macht
+und den Glanz der Staaten heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich,
+das ebenso wie das österreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach,
+was in den Kräften des Völkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich
+ankündigte. Von diesen Kräften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts.
+_Das_ Staatsgebilde, das _sie_ im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft
+des Militärischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte
+gefordert ist, hätte auf der Verwirklichung der Impulse für den gesunden
+sozialen Organismus ruhen müssen. Mit _dieser_ Verwirklichung hätte man
+sich in die Gemeinsamkeit des modernen Völkerlebens anders hineingestellt,
+als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen der neuzeitlichen
+Forderungen des Völkerlebens war 1914 die deutsche Politik an dem
+Nullpunkte ihrer Betätigungsmöglichkeit angelangt. Sie hatte in den
+letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was hätte geschehen sollen;
+sie hatte sich beschäftigt mit allem Möglichen, was in den neuzeitlichen
+Entwicklungskräften nicht lag und was durch seine Inhaltlosigkeit »wie
+ein Kartengebäude zusammenbrechen« _mußte_.
+
+Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des Deutschen
+Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, würde ein getreues
+Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiließe, die Vorgänge innerhalb
+der maßgebenden Orte in Berlin Ende Juli und 1. August 1914 zu prüfen und
+vor die Welt getreulich hinzustellen. Von diesen Vorgängen weiß das In- und
+Ausland noch wenig. Wer sie kennt, der weiß, wie die deutsche Politik
+damals sich als die eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen
+im Nullpunkt ihrer Betätigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu
+beginnen war, in das Urteil der militärischen Verwaltung übergehen _mußte_.
+Wer maßgebend in dieser Verwaltung war, konnte damals aus den militärischen
+Gesichtspunkten heraus _nicht anders handeln, als gehandelt worden ist_,
+weil von _diesen_ Gesichtspunkten die Situation nur so gesehen werden
+konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn außer dem militärischen Gebiet
+hatte man sich in eine Lage gebracht, die zu einem Handeln gar nicht mehr
+führen konnte. Alles dieses würde sich als eine weltgeschichtliche Tatsache
+ergeben, wenn jemand sich fände, der darauf dringt, die Vorgänge in Berlin
+von Ende Juli und 1. August, namentlich alles das, was sich am 1. August
+und 31. Juli zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer
+der Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgänge könne man doch
+nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der früheren
+Zeit kennt. Will man über das reden, was man gegenwärtig die »Schuldfrage«
+nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. Gewiß kann man auch durch
+anderes über die längst vorher vorhandenen Ursachen wissen; aber diese
+Einsicht zeigt, _wie_ diese Ursachen gewirkt haben.
+
+Die Vorstellungen, die Deutschlands Führer damals in den Krieg getrieben
+haben, sie wirkten dann verhängnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. Und
+sie verhinderten, daß während der letzten Schreckensjahre _die_ Einsicht
+bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen entwickelte, deren
+Nichtvorhandensein vorher in die Tragik hineingetrieben hatte. Auf die
+mögliche Empfänglichkeit, die sich aus diesen Erfahrungen heraus hätte
+ergeben können, wollte der Schreiber dieser Ausführungen bauen, als er sich
+bemühte, innerhalb Deutschlands und Österreichs in dem Zeitpunkte der
+Kriegskatastrophe, der ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem
+gesunden sozialen Organismus und deren Konsequenzen für das politische
+Verhalten nach außen an Persönlichkeiten heranzubringen, deren Einfluß
+damals noch sich hätte für eine Geltendmachung dieser Impulse betätigen
+können. Persönlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes
+ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang für diese
+Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten sträubten
+sich gegen solche Impulse, welche dem _nur_ militärisch orientierten
+Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts Rechtes anfangen
+könne. Höchstens daß man fand, »Trennung der Kirche von der Schule«, ja,
+das wäre etwas. In solcher Bahn liefen eben die Gedanken der
+»staatsmännisch« Denkenden schon seit lange, und in eine Richtung, die zu
+Durchgreifendem führen sollte, ließen sie sich nicht bringen. Wohlwollende
+sprachen davon, ich solle diese Gedanken »veröffentlichen«. Das war in
+jenem Zeitpunkte wohl der unzweckmäßigste Rat. Was konnte es helfen, wenn
+auf dem Gebiete der »Literatur« unter manchem andern auch von diesen
+Impulsen gesprochen worden wäre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser
+Impulse liegt es doch, daß sie _damals_ eine Bedeutung nur hätten erlangen
+können durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden wären. Die Völker
+Mitteleuropas hätten, wenn von der rechten Stelle im Sinne dieser Impulse
+gesprochen worden wäre, gesehen, daß es etwas geben kann, was ihrem mehr
+oder weniger bewußten Drang entsprochen hätte. Und die Völker des
+russischen Ostens hätten ganz gewiß in jenem Zeitpunkte Verständnis gehabt
+für eine Ablösung des Zarismus durch solche Impulse. Daß sie dies
+Verständnis gehabt hätten, kann nur der in Abrede stellen, der keine
+Empfindung hat für die Empfänglichkeit des noch unverbrauchten
+osteuropäischen Intellekts für gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung
+im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk.
+
+Daß militärisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas nicht
+abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem -- militärischen Denken zu
+verbergen. Daß man an die Unabwendbarkeit der Katastrophe nicht glauben
+wollte, das war die Ursache des Unglückes des deutschen Volkes. Niemand
+wollte einsehen, wie man an den Stellen, bei denen die Entscheidung lag,
+keinen Sinn hatte für weltgeschichtliche Notwendigkeiten. Wer von diesen
+Notwendigkeiten etwas wußte, dem war auch bekannt, wie die
+englischsprechenden Völker Persönlichkeiten in ihrer Mitte hatten, welche
+durchschauten, was in den Volkskräften Mittel- und Osteuropas sich regte.
+Man konnte wissen, wie solche Persönlichkeiten der Überzeugung waren, in
+Mittel- und Osteuropa bereite sich etwas vor, was in mächtigen sozialen
+Umwälzungen sich ausleben muß. In solchen Umwälzungen, von denen man
+glaubte, daß in den englisch sprechenden Gebieten für sie weder schon
+geschichtlich eine Notwendigkeit, noch eine Möglichkeit vorlag. Auf
+solches Denken richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und
+Osteuropa sah man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, daß
+sie »wie ein Kartengebäude zusammenstürzen« mußte. Nur eine Politik, die
+auf die Einsicht gebaut gewesen wäre, daß man in englisch sprechenden
+Gebieten großzügig, und ganz selbstverständlich vom englischen
+Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, hätte Grund und
+Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wäre wohl besonders den
+»Diplomaten« als etwas höchst Überflüssiges erschienen.
+
+Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem hätte auch für Mittel- und
+Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe führen können
+trotz der Großzügigkeit der englisch orientierten Politik, zu treiben, fuhr
+man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen sich weiter zu bewegen.
+Und während der Kriegsschrecken lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht,
+daß es notwendig geworden war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in
+politischen Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine
+andere entgegenzustellen, die aus den Lebenskräften dieses Europa heraus
+geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten
+Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der Kanonen als
+geistiger Impuls Europas hineingetönt hätte, wäre eine Verständigung
+möglich gewesen. Jedes andere Verständigungs-Gerede klang vor den
+geschichtlichen Notwendigkeiten hohl. -- Aber der Sinn für ein
+Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben
+liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhältnissen heraus an die
+Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und deshalb mußte der Herbst
+1918 bringen, was er gebracht hat. Der Zusammenbruch der militärischen
+Gewalt wurde begleitet von einer geistigen Kapitulation. Statt wenigstens
+in dieser Zeit sich aufzuraffen zu einer aus europäischem Wollen heraus
+geholten Geltendmachung der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die
+bloße Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson
+vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch
+Wilson über seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland
+nur in dem helfen, was es selbst will. Er mußte doch eine Kundgebung dieses
+Wollens _erwarten_. Zu der Nichtigkeit der Politik vom Anfange des Krieges
+kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare geistige Kapitulation,
+herbeigeführt von einem Manne, auf den viele in deutschen Landen so etwas
+wie eine letzte Hoffnung setzten.
+
+Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kräften heraus;
+Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhänge
+sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas hervorgebracht.
+Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung der
+Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. Sie kann
+gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse der Menschheit,
+so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese sozialen Impulse
+sprechen eine Sprache, der gegenüber die ganze zivilisierte Welt eine
+Aufgabe hat. Soll das Denken über dasjenige, was geschehen muß, heute
+gegenüber der sozialen Frage ebenso auf dem Nullpunkt angelangen, wie die
+mitteleuropäische Politik für ihre Aufgaben 1914 angekommen war?
+Landesgebiete, die sich von den damals in Frage kommenden Angelegenheiten
+abseits halten konnten: gegenüber der sozialen Bewegung dürfen sie es
+nicht. Gegenüber dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es
+keine Neutralen geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende
+Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und ihr
+Handeln nach diesen Zeichen einzurichten.
+
+Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen sind,
+heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene Aufruf
+an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem Schreiber dieser
+Ausführungen vor einiger Zeit verfaßt worden, und von einem Komitee, das
+für ihn Verständnis gefaßt hat, der Welt, vor allem den mitteleuropäischen
+Völkern mitgeteilt worden ist. Gegenwärtig sind andere Verhältnisse als zu
+der Zeit, in der sein Inhalt engeren Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal
+hätte ihn die öffentliche Mitteilung ganz notwendig zur »Literatur«
+gemacht. Heute muß die Öffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm
+vor kurzer Zeit noch nicht hätte bringen können: verstehende Menschen, die
+in seinem Sinne wirken wollen, wenn er des Verständnisses und der
+Verwirklichung wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch
+solche Menschen entstehen.
+
+
+
+
+Anhang
+
+_An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!_
+
+
+Sicher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor
+einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August 1914 meinte es,
+die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde
+diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trümmer
+blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses
+Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die
+herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum
+erwiesen. Wo liegen die Gründe dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage
+muß Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben.
+Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt
+die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon
+ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in
+meinen Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm
+die Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich
+gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt
+der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. -- Das Reich war
+gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemüht, seine
+inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte
+Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu
+bringen. Später ging man dazu über, die in materiellen Kräften begründete
+äußere Machtstellung zu festigen und zu vergrößern. Damit verband man
+Maßnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen
+Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als
+Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein großes Ziel fehlte, wie es sich
+hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwicklungskräfte, denen die
+neuere Menschheit sich zuwenden muß. So war das Reich in den
+Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand
+rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses
+in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die
+außerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen können, was
+ihr die Meinung hätte erwecken können: die Verwalter dieses Reiches
+erfüllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden
+darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat
+notwendig die Meinung in der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den
+wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.
+
+Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen
+Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht auftauchen,
+welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die
+Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten Forderungen der Gegenwart
+müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die
+Entwicklungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen
+strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der
+kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten
+unschädlich macht, die ihren Blick auf diese Entwicklungskräfte richten.
+Aufhören müßte die Anmaßung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker
+dünken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das
+Unglück herbeigeführt haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als
+Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die
+Entwicklungsbedürfnisse der neuen Zeit zu sagen haben.
+
+Die »Praktiker« aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer
+Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen
+Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten und
+Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die
+Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater
+Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten Arbeitens in
+gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse _auf einzelnen
+Gebieten_ als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser
+Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich erschien.
+Radikale Überführung _aller_ Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das
+Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen
+Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen Privatziele kein
+Interesse hat.
+
+Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren
+Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames
+zugrunde. Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen
+dabei auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat,
+Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen
+Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften
+(z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen
+entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten heraus den
+alten Formen nachgebildet sind.
+
+Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten
+gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen
+will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen
+Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge faßt, als was heute
+gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich
+bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit
+gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein zu durchdringen, wird Aufgabe
+der Zeit.
+
+Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der
+natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge
+besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme
+notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes
+aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken
+muß.
+
+Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges
+Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich
+ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge bringt, daß
+es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch
+wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame Glied muß vielmehr in
+voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im
+natürlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr
+heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, daß beide
+Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt
+werden, sondern daß jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die
+lebendig zusammenwirken. Denn das politische System muß die Wirtschaft
+vernichten, wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System
+verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will.
+
+Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller
+Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet
+ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige
+Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener
+gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede
+überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders
+beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen
+eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen.
+
+Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen
+Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen und
+ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien hingestellt
+werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen
+wollen.
+
+Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten
+an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht
+verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese
+Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte innere Gefüge
+gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte Richtung
+verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche Volk mit den
+außerdeutschen Völkern zusammenleben können.
+
+Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den Willen zum
+möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht
+mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern ein _geistiges,
+politisches und wirtschaftliches_ System in ihren Vertretern müßten als
+selbständige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen _das_
+Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der
+drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen Gebilde gemacht hat.
+
+Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit des hier
+Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken dreier
+Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen
+Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles nach den bequemen
+Forderungen _ihres_ Denkens gestalten wollen. Ihnen muß klar werden:
+entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der
+Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt
+haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte
+vermehren.
+
+ #Dr. Rudolf Steiner.#
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ S. 5: "diese oder jene Einrichtungen" wurde geändert in
+ "diese oder jene Einrichtung"
+ S. 10: "mit dem ihm möglichen Antei "
+ wurde geändert in
+ "mit dem ihm möglichen Anteil"
+ S. 11: "und hrem Interesse heraus"
+ wurde geändert in
+ "und ihrem Interesse heraus"
+ S. 51: "die in dem vom Warenaustausch ganz abhängigen Verhältnis"
+ wurde geändert in
+ "die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis"
+ S. 53: "Daß aber die geschicht ichen" wurde geändert in
+ "Daß aber die geschichtlichen"
+ S. 55, Fußnote 6: "von der Wirschaftsordnung" wurde geändert in
+ "von der Wirtschaftsordnung"
+ S. 88: "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgenden Vergütung"
+ wurde geändert in
+ "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung"
+ S. 88: "daß nach den allgemeinen W rtschaftsverhältnissen"
+ wurde geändert in
+ "daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen"
+ S. 97: "daß es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde geändert in
+ "daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart"
+ S. 99, Fußnote 9: "die Wirklichkeit des Lebens nach diesem"
+ wurde geändert in
+ "die Wirklichkeit des Lebens nach diesen"
+ S. 106: "Brest-Litowks" wurde geändert in "Brest-Litowsk"
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in
+den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE ***
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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