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Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + +Die beiden Druckfehler-Berichtigungen wurden durchgeführt. Es wurden +einige Änderungen in der Zeichensetzung vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis +wurde vom Textende an den Anfang versetzt. + +Im Original kursiv gedruckter Text ist durch _Unterstriche_ gekennzeichnet, +gesperrt gedruckter Text durch #Rauten#. + +Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes. + + + + + INTERNATIONALE BÜCHEREI FÜR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN + + + + + DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE + + IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWART UND ZUKUNFT + + VON + + DR. RUDOLF STEINER + + + [Illustration: Signet] + + + 1920 + + DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG + STUTTGART + + 41.-80. Tausend + + Alle Rechte vorbehalten + Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G., + Verlag, Stuttgart. + + + Druckfehlerberichtigung. + + Auf Seite 14, Zeile 9 von oben, muß es + statt: in dem Urteil + heißen: von dem Urteil. + + Auf Seite 26, Zeile 11 von unten, muß es + statt: angetrieben + heißen: ausgetrieben. + + + Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart. + + + + + Inhalt + + Seite + + Vorrede und Einleitung 5 + + Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift 16 + + I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben + der modernen Menschheit 20 + + II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen + Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten 39 + + III. Kapitalismus und soziale Ideen 63 + + IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen 98 + + + + +Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift + + +Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige +verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man +kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese +oder jene Einrichtung, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat, +müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende +Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die soziale »Frage« +bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben +geltend machen will. + +Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar +Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. Man kann +annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen +»Lösung« der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches +glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte »Lösung« anbieten +wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll, +auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung +der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal +sagen könnten: da seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen +nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen. + +In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an +sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich +weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen +haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen +utopistischen Charakter beigelegt haben. Am stärksten haben dies diejenigen +getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem Andern, +was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist. + +Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen des +öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend erscheinenden +utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die +Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer +solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie müssen sich davon +überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen können nichts +anfangen mit dem, was sie vorbringen. + +Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige +Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der +Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber dem, was zum Beispiel die +wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen +Zustände des öffentlichen Lebens zu bewältigen, wenn man an sie mit einem +lebensfremden Denken herantritt? + +Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlaßt das +Geständnis, daß man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses +Geständnis der »sozialen Frage« auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese +Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwärtigen Zivilisation +behandelt, wird man Klarheit darüber erlangen, was dem sozialen Leben nötig +ist. + +Auf die Gestaltung des gegenwärtigen Geisteslebens weist diese Frage hin. +Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen +Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem hohen Grade +abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den +Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die +wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, aus denen er +herauswächst. + +Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die +Lebensverhältnisse der Gegenwart angepaßt sein. Denn der Staat habe die +Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und +damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens so zu +gestalten, daß dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde. +Und auch das kann man leicht glauben, daß der Mensch dadurch das +bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne +der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswächst, +und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den +ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten anweisen. + +Diese Schrift muß die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu zeigen, +daß die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit des +Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. Und sie muß zeigen, +daß die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit den einen Teil +der so brennenden sozialen Frage bildet. + +Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In der +Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit lange etwas +dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch Denkende können +sich kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Gesellschaft den Einzelnen +zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe. + +Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem +Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, daß in der +geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum +Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das +Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, daß das +Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, die es +im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet wurde. +Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer +Irrtum. + +Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des +Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in +dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle +Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen, +das es angenommen hat, daß es ein völlig selbständiges Glied des sozialen +Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch +alles geistige Leben herauswächst, muß in die Verwaltung derer gestellt +werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts +hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig +ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit +aufzuwenden, daß er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein +kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und +den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht +gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht. +Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet +hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz +unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist +naturgemäß, daß innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und +Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen Maße wirken. + +Man kann natürlich einwenden, daß auch in einer solchen Selbstverwaltung +des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im +wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Daß das Best-Mögliche +zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fähigkeiten, die in +dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich +übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus +geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes Urteil fällen kann. +Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist, +darüber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen +können. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu +verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt +werden. Aus ihr können das Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte +empfangen, die sie sich nicht geben können, wenn sie von ihren +Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten. + +Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, daß auch die +Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die dem +Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des freien +Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen, +landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre +Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift muß +notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese -- +richtige -- Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus fließen +diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man +durchschaut, daß sie im Grunde aus dem unbewußten Glauben hervorgehen, die +Erziehenden müssen lebensfremde, unpraktische Menschen sein. Man könne +ihnen gar nicht zumuten, daß sie Einrichtungen von sich aus treffen, welche +den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. Solche Einrichtungen +müssen von denjenigen gestaltet werden, die im praktischen Leben drinnen +stehen, und die Erziehenden müssen gemäß den Richtlinien wirken, die ihnen +gegeben werden. + +Wer so denkt, der sieht nicht, daß Erziehende, die sich nicht bis ins +Kleinste hinein und bis zum Größten hinauf die Richtlinien selber geben +können, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen können dann +Grundsätze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen Menschen +herrühren; sie werden keine rechten Praktiker in das Leben hineinerziehen. +Die antisozialen Zustände sind dadurch herbeigeführt, daß in das soziale +Leben nicht Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung her +sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen können nur aus einer +Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und +verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man +nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile +behandelt. Man schafft Antisoziales nicht bloß durch wirtschaftliche +Einrichtungen, sondern auch dadurch, daß sich die Menschen in diesen +Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die +Jugend von Menschen erziehen und unterrichten läßt, die man dadurch +lebensfremd werden läßt, daß man ihnen von außen her Richtung und Inhalt +ihres Tuns vorschreibt. + +Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von ihnen, daß +derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, nach seinen +Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung niedergelegt hat. +Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind, +werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistesleben selbst schöpfen. +Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, was ihm von diesem freien +Geistesleben aus überantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den +lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben erstehen können. + +Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen sein, +die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht +das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, die +von bloßen »Praktikern« gestaltet und in denen von lebensfremden Menschen +gelehrt wird, sondern allein das, was von Erziehern kommt, die von ihren +Gesichtspunkten aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen +die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten muß, das wird in +dieser Schrift wenigstens andeutungsweise dargestellt. + +Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrücken. +Besorgte Künstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: ja, wird denn +die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen als in dem +gegenwärtigen vom Staat und den Wirtschaftsmächten besorgten? Solche Frager +sollten bedenken, daß diese Schrift eben in keiner Beziehung utopistisch +gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt: +dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften +angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wünschenswerte +herbeiführen können. Wer das Leben nicht nach theoretischen Vorurteilen, +sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird sich sagen: der aus seiner +freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht auf eine rechte Beurteilung +seiner Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft gibt, die +ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das Leben eingreifen kann. + +Die »soziale Frage« ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das +Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder +durch Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein +Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie +einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der +weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das +Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der +aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen +läßt. Dieses muß stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit +nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der +soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung. +Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig +wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen +können in solche Gemeinschaften eintreten, daß durch ihr lebendiges +Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben +wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige +Glied des sozialen Organismus. + +Wie sich für das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart die freie +Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so für das Wirtschaftsleben +die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben +zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie +werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die +Menschen mit ihrer Tätigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine +Teilinteressen; jeder muß mit dem ihm möglichen Anteil von Tätigkeit in sie +eingreifen. Was einer wirklich braucht, kann nur er wissen und empfinden; +was er leisten soll, will er aus seiner Einsicht in die Lebensverhältnisse +des Ganzen beurteilen. Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch +nicht überall so auf der Erde; innerhalb des gegenwärtig zivilisierten +Teiles der Erdbevölkerung ist es im wesentlichen so. + +Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung +erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die +Stadtwirtschaft, aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht +man vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein +erheblicher Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise +schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind davon +abhängig, daß die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser +Lebensverhältnisse vorherrschend wirksam geworden ist. + +Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskräfte in einer abstrakten +Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften +sind im Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem +Umfange eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen +als bloß wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Daß man sie zu +Wirtschaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das soziale +Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich +aus seinen eigenen Kräften heraus unabhängig von Staatseinrichtungen, +aber auch von staatlicher Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur können, +wenn sich, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen +bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und +Produzenten sich zusammenschließen. Durch die Verhältnisse des Lebens wird +der Umfang solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine +Assoziationen würden zu kostspielig, zu große wirtschaftlich zu +unübersichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus +den Lebensbedürfnissen heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden. +Man braucht nicht besorgt zu sein, daß derjenige, der sein Leben in +reger Ortsveränderung zuzubringen hat, durch solche Assoziationen +eingeengt sein werde. Er wird den Übergang von der einen in die andere +leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche +Interessen den Übergang bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb +eines solchen assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des +Geldverkehrs wirken. + +Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit eine +weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln die +Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Güter, sondern die +Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. Durch +ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben können die Menschen diese +notwendige Einsicht haben; dadurch, daß Interesse mit Interesse sich +vertragsmäßig ausgleichen muß, werden die Güter in ihren entsprechenden +Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschließen nach wirtschaftlichen +Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in den modernen +Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen Leben aus; aber sie +kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den +Grundsätzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus der Handhabung +der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte heraus gestaltet haben. Man +parlamentarisiert in ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen +Gesichtspunkten überein, was der eine dem andern zu leisten hat. In den +Assoziationen werden nicht »Lohnarbeiter« sitzen, die durch ihre Macht von +einem Arbeit-Unternehmer möglichst hohen Lohn fordern, sondern es werden +Handarbeiter mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den +konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammenwirken, um durch +Preisregulierungen Leistungen entsprechend den Gegenleistungen zu +gestalten. Das kann nicht durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen. +Vor solchen müßte man besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn +unzählige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen über die Arbeit verbringen +müßten. In Abmachungen von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation +vollzieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, daß der +Zusammenschluß den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der +Konsumierenden entspricht. + +Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht gesagt: +dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet, +wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn sie in +Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen +entsprechen. + +Daß sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschließen, dafür sorgt +einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft +nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedürfnisse. Andrerseits +kann dafür das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt die Einsichten +zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. Wer aus der Erfahrung +heraus denkt, muß zugeben, daß solche assoziative Gemeinschaften in jedem +Augenblick entstehen können, daß sie nichts von Utopie in sich schließen. +Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als daß der Mensch der +Gegenwart das wirtschaftliche Leben von außen »organisieren« will in dem +Sinne, wie für ihn der Gedanke der »Organisation« zu einer Suggestion +geworden ist. Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von +außen zusammenschließen will, steht diejenige wirtschaftliche Organisation, +die auf dem freien Assoziieren beruht, als sein Gegenbild gegenüber. Durch +das Assoziieren verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das +Planmäßige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des Einzelnen. -- Man +kann ja sagen: was nützt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich +assoziiert? Man kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion +von außen her »gerecht« geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung +unterbindet die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das +Wirtschaftsleben um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien +Schaffenskraft entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz +aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem +Besitzenden. Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kräfte ein, dann wird +der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung +ausgleichen müssen. Heute spricht man über solche Dinge nicht aus den +Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; sondern aus den +Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und +anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich entwickeln, +weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das wirtschaftliche Leben +immer komplizierter geworden ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen +Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die +wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine drinnen; die in der +Wirtschaft wirkenden Gestaltungskräfte sind ihnen nicht durchsichtig. Sie +arbeiten ohne Einsicht in das Ganze des Menschenlebens. In den +Assoziationen wird der eine durch den andern erfahren, was er notwendig +wissen muß. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung über das Mögliche sich +bilden, weil die Menschen, von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht +und Erfahrung hat, zusammen-urteilen werden. + +Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind, die in ihm +selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die +wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. Was +in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus +dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich assoziiert ist. +Dadurch wird er genau so viel Einfluß auf die allgemeine Wirtschaft haben, +als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfähige sich dem +Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift +auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenüber dem Starken schützen, kann ein +Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kräften heraus gestaltet ist. + +So kann der soziale Organismus in zwei selbständige Glieder zerfallen, die +sich gerade dadurch gegenseitig tragen, daß jeder seine eigenartige +Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kräften hervorgeht. Zwischen +beiden aber muß sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche +staatliche Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das +geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig +gewordenen Menschen abhängig sein muß. In dem freien Geistesleben betätigt +sich jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt +jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen +Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu +seiner rein menschlichen Geltung, insoferne diese unabhängig ist von den +Fähigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und +unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das +assoziative Wirtschaftsleben erhalten. + +In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine +Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem +steht jeder dem andern als ein gleicher gegenüber, weil in ihm nur +verhandelt und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch +gleich urteilsfähig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem +Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung. + +Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der +selbständigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, wie die +Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, die Nutzung +des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei Glieder +gestalten kann. Wer die soziale Frage »lösen« will durch eine ausgedachte +oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird diese Schrift nicht +praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen zu +solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in denen sie die sozialen +Aufgaben am besten erkennen und sich ihnen widmen können, der wird dem +Verfasser des Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch +nicht absprechen. + +Das Buch ist im April 1919 zuerst veröffentlicht worden. Ergänzungen zu dem +damals Ausgesprochenen habe ich in den Beiträgen gegeben, die in der +Zeitschrift »Dreigliederung des sozialen Organismus« enthalten waren und +die soeben gesammelt als die Schrift »In Ausführung der Dreigliederung des +sozialen Organismus« erschienen sind[1]. + + [1] Der Einführung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind, + in das praktische Leben dient der im April 1919 begründete »Bund für + Dreigliederung des sozialen Organismus«. (Er hat seinen Hauptsitz in + Stuttgart, Champignystraße 17.) + +Man wird finden können, daß in den beiden Schriften weniger von den +»Zielen« der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen wird, +die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer aus der Lebenspraxis +heraus denkt, der weiß, daß namentlich einzelne Ziele in verschiedener +Gestalt auftreten können. Nur wer in abstrakten Gedanken lebt, dem +erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher tadelt das +Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht »klar« genug +dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dünken, sind gerade solche +Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, daß das Leben die mannigfaltigsten +Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein fließendes Element. Und wer mit ihm +gehen will, der muß sich auch in seinen Gedanken und Empfindungen diesem +fließenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur mit einem +solchen Denken ergriffen werden können. + +Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift +erkämpft; aus dieser heraus möchten sie auch verstanden sein. + + + + +Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift + + +Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben. +Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen, +daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden müssen, an die bisher +nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart unterstützt, +findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, der, aus den Erfahrungen des +Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an +notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf +der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift. +Sie möchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die +von einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den +Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. -- Ob dem einen oder +dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei +der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind da, und man muß +mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mögen +diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus, etwa +finden, daß der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den +proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefällt, +weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf +etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen muß. Der Verfasser aber +möchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens heraus +sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich +ist. Ihm stehen die verhängnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen +müssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren +Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem +sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet. + +Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch #zunächst# +Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen, +wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die +Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, daß in dieser +Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persönlichkeiten glaubt +der Verfasser, daß gerade #sie# werden gründlich umlernen müssen. Denn ihm +erscheint ihre »Lebenspraxis« als dasjenige, was durch die #Tatsachen#, +welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein +Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu +Verhängnissen geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig +ist, manches als praktisch anzuerkennen, das #ihnen# als verbohrter +Idealismus erschienen ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser +Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem +Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit +gesprochen ist. Der Verfasser #muß# aus seiner Lebenserkenntnis heraus +meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzu +gemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben der +neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. -- Auch +diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen +hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein materielle +Interessen herauskommen und sich »zum Geiste«, »zum Idealismus« wenden, +werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes +Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von dem bloßen Hinweis auf »den +Geist«, von dem Reden über eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur #die# +Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird. +Dieser erweist sich in der Bewältigung der praktischen Lebensaufgaben +ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche +die seelischen Bedürfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man +von einer Geistigkeit weiß, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies +eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen +Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese +Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß für das innere Seelenwesen +reservierte Nebenströmung. -- So werden die Ausführungen dieser Schrift den +»Geistigen« wohl zu ungeistig, den »Praktikern« zu lebensfremd erscheinen. +Der Verfasser hat die Ansicht, daß er #gerade deshalb# dem Leben der +Gegenwart werde in seiner Art dienen können, weil er der Lebensfremdheit +manches Menschen, der sich heute für einen »Praktiker« hält, nicht zuneigt, +und weil er auch demjenigen Reden vom »Geiste«, das aus Worten +Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann. + +Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die »soziale Frage« in +den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu +erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und +Geisteslebens die »wahre Gestalt« dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser +Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für eine gesunde +Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung. -- +In ältern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten die sozialen Instinkte +dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals +entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der +Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, diese +Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen +ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein solches +Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten +Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen der +gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man +heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben aber noch die alten +Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenüber den fordernden +Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich vorstellt, muß der Mensch der +Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfähig ist. Wie +Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit +selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das -- +so meint der Verfasser -- kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen +entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser +glaubt, über eine solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte +er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine #Anregung# +zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen +Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der +Verfasser geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über +Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens +hinausführen kann. + +Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte der +Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit manchen +Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwicklung der sozialen +Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in +Schwarmgeisterei verfällt. #Deshalb# sieht man das aus der wahren +Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser +Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser +Darstellung deshalb etwas »Abstraktes« sehen, weil ihm »konkret« nur ist, +was er zu denken gewohnt ist und »abstrakt« auch das Konkrete dann, wenn er +nicht gewöhnt ist, es zu denken[2]. + + [2] Der Verfasser hat bewußt vermieden, sich in seinen Ausführungen + unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen + Ausdrücke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein + »fachmännisches« Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte + zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, daß er auch für Menschen + sprechen möchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur + ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, daß eine neue Zeit das + meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon in der + Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als + »fachmännisch« sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch + hinweisen sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder + Andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu + bedenken, daß die _Ausgangspunkte und die Wege_ der hier gekennzeichneten + Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung + zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung + der gegebenen Impulse sind und nicht etwa bloß so oder anders geartete + Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV ersehen + kann, für die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht, + als ähnlich _scheinende_ Gedanken in bezug auf das Eine oder Andere noch + nicht bemerkt wurden. + +Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen des +Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. Doch er glaubt, viele +Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung gelangen, daß die +Tatsachen der Entwicklung schon weit über die Parteiprogramme +hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen Programmen #unabhängiges# +Urteil über die nächsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig +ist. + +Anfang April 1919. + + #Rudolf Steiner.# + + + + +I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben der modernen +Menschheit + + +Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne +soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich Gedanken +waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen +glaubte? + +Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des +Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des Lebens +drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, welche das +Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhältnis, in +das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines großen Teiles der +Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne +Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur +sind. + +Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, durch +ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken auf die Kräfte im +europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drängten, haben sich +über diese Triebkräfte den größten Illusionen hingegeben. Sie konnten +glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstürme beruhigen. +Solche Persönlichkeiten mußten gewahr werden, daß durch die Folgen ihres +Verhaltens die sozialen Triebe erst völlig in die Erscheinung traten. Ja, +die gegenwärtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige +geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft +erhielten. Die führenden Persönlichkeiten und Klassen mußten ihr Verhalten +in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhängig machen, was +in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten +oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten +unbeachtet lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse +angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort. + +Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was +jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der +Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen +Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser +Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken an +diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales +Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen, +die von den Tatsachen gestellt werden. + +Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit langer Zeit +als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben, +werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug erweisen, um den +fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung zu geben. -- Man kann +absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch wähnen, das Alte müsse +sich gegen die neueren Forderungen eines großen Teiles der Menschheit +halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die +von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird +doch nicht anders können, als sich gestehen: es wandeln unter uns +Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwicklung der Tatsachen +zurückgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche +die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien +haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren +Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht +vielleicht nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden +Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe +der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. Man darf daraus +die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse empfänglich sein für den +Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu +kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial +orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es +könnte wohl sein, daß die Tragik, die in den Lösungsversuchen der sozialen +Frage zutage tritt, gerade in einem Mißverstehen der wahren proletarischen +Bestrebungen wurzelt. In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen, +welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind. +Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das +rechte Urteil. + +Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen: +was #will# die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht +dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer oder nicht +proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in +dem, was über die »soziale Frage« von vielen gedacht wird, die _wahre +Gestalt_ dieser »Frage«? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken nötig? +An _diese_ Frage wird man nicht unbefangen herantreten können, wenn man +nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das +Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen +Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung, +welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat. + +Man hat viel gesprochen über die Entwicklung der modernen Technik und des +modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwicklung +das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die +Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen +ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel +Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes doch nicht berührt wird, kann +sich dem aufdrängen, der sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: die +äußern Verhältnisse geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es +offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus +inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die +proletarischen Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der +modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese +Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in diesen +Forderungen eigentlich als _rein menschliche_ Impulse lebt. Und solange man +in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der _wahren +Gestalt_ der »sozialen Frage« nicht beikommen. + +Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen +bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden +Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: der +moderne Proletarier ist »_klassenbewußt_« geworden. Er folgt den Impulsen +der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaßen instinktiv, +unbewußt; er weiß sich als Angehöriger einer besonderen Klasse und ist +gewillt, das Verhältnis dieser seiner Klasse zu den andern im öffentlichen +Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu +bringen. Wer ein Auffassungsvermögen hat für seelische Unterströmungen, der +wird durch das Wort »klassenbewußt« in dem Zusammenhang, in dem es der +moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der +sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der +modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher muß vor +allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren über das +Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen zündend +in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine +Tatsache berührt, über welche viele, die nur _über_ das Proletariat denken +können, nicht _mit_ demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der +ernsten Ereignisse der Gegenwart schädliche Urteile haben. Mit der Meinung, +dem »ungebildeten« Proletarier sei durch den Marxismus und seine +Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht +worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt +man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen +Verständnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine +solche Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf ein +Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein +solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen +Klassenbewußtseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren +_wissenschaftlichen_ Entwicklung heraus genommen haben. In diesem +Bewußtsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die +»Wissenschaft und die Arbeiter« gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem +unwesentlich erscheinen, der sich für einen »praktischen Menschen« hält. +Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung +gewinnen will, der _muß_ seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In +dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa +das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich +manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-_Wissenschaft_, +von welcher das proletarische Bewußtsein ergriffen worden ist. In der +wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten +Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu +leugnen, bedeutet ein Augenverschließen vor den wirklichen Tatsachen. Und +eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist +die, daß der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen +sich den Inhalt seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der +Maschine arbeitende Mensch von »Wissenschaft« noch so weit entfernt sein; +er hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche +die Mittel zu dieser Aufklärung von dieser »Wissenschaft« empfangen haben. + +Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, das +Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf die +Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die +gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht unmittelbar +aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, daß er +in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fließt aus +der andern Tatsache, daß ganz bestimmte _Gedanken_ sich innerhalb seines +Klassenbewußtseins an der Maschine und in der Abhängigkeit von der +kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es könnte sein, daß +die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses +Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur +ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Dem gegenüber muß gesagt +werden: um so schlimmer für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung +in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das +Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen +will, der muß vor allem wissen, wie der Proletarier _denkt_. Denn die +proletarische Bewegung -- von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis in +ihre verheerendsten Auswüchse hinein -- wird nicht von »außermenschlichen +Kräften«, von »Wirtschaftsimpulsen« gemacht, sondern von _Menschen_; von +deren Vorstellungen und Willensimpulsen. + +Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische +Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und +Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre +Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem +Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele +mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab +sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie +dieser Handwerker sich _menschlich_ mit dem Berufe verbunden fühlte, lag +etwas, das ihm das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor +dem eigenen Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er +vermochte, was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben +konnte, was er als »Mensch« sein wollte. An der Maschine und innerhalb der +kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein +Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine +das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten läßt, was man als +»Mensch« ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strömte für eine solche +Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, daß das proletarische Bewußtsein +die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es +hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren. +Das aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit +einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die +geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach dessen +Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. Die alten +Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen +Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als +Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht +empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt fließender +Strom, der den Menschen als Seele trägt. Wie man auch über das Verhältnis +der religiösen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der +wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird, +wenn man unbefangen die geschichtliche Entwicklung betrachtet, zugeben +müssen, daß sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen +entwickelt hat. Aber die alten, auf religiösen Untergründen ruhenden +Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der +neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich +außerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem +Bewußtseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden +konnten. Den führenden Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas +Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer +Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen +Bewußtseinsinhalt, weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den +alten noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten +Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf +eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der +Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit +geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen +inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen +Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig -- in +dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen gleichzeitig +nennen kann -- die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das +Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den +ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber es war zu dieser +Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt als die führenden +Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche +Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen. +Mochten sie noch so sehr mit der »wissenschaftlichen Vorstellungsart« sich +durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von +den niedersten Tieren bis zum Menschen führe: diese Vorstellungsart blieb +doch theoretische Überzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch +empfindungsgemäß so zu nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen +ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator +Büchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart +durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele +etwas, das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur +sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man +stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit +auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem eigenen Dasein +verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator +hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht +ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der +neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, daß sie ihren Ursprung +in geistigen Welten haben. Sie sind darüber belehrt worden, daß sie in der +Urzeit unanständig als Baumkletterer lebten; belehrt, daß sie alle den +gleichen rein natürlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken +hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier +gestellt, wenn er nach einem Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen +sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese +Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr _seine_ Folgerungen für +das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als +den Angehörigen der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung +drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte +alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahmen +dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser +Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht +eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwürdigen Inhalt +durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den +Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus +der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die +wissenschaftliche Denkungsart. + +Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem Lächeln drängen, +wenn auf die »Wissenschaftlichkeit« der proletarischen Vorstellungsart +verwiesen wird. Wer bei »Wissenschaftlichkeit« nur an dasjenige zu denken +vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in »Bildungsanstalten« sich +erwirbt, und der dann diese »Wissenschaftlichkeit« in Gegensatz bringt zu +dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, der »nichts gelernt« hat, der mag +lächeln. Er lächelt über Schicksal entscheidende Tatsachen des +gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, daß mancher +hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich _lebt_, während der ungelehrte +Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die +er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft +aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber +in Lebenszusammenhängen und läßt sich von diesen seine Empfindungen +orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der +Proletarier ist durch seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so +aufzufassen, wie es _der Gesinnung_ dieser Wissenschaft entspricht. Was die +andern Klassen »Wissenschaftlichkeit« nennen, mag ihm ferne liegen; die +Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Für +die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, eine +allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die »Wissenschaft«, wenn auch oft +in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. Mancher Angehörige +der »führenden« Klassen fühlt sich »aufgeklärt«, »freireligiös«. Gewiß, in +seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche Überzeugung; in seinen +Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines +überlieferten Lebensglaubens. + +Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung +mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger Art in +einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen +Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen +hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der +Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten +Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche +Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut +wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser +»Geistesinhalt« in seiner Seele wußte nichts von seinem Ursprung in einem +wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen +als geistiges Leben allein übernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung +aus dem Geiste. + +Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und auch +Proletarier berühren werden, die mit dem Leben »praktisch« vertraut zu sein +glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte für eine +lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwärtigen +Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn +erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem muß sich +offenbaren, daß einer Lebensauffassung, welche sich nur an das Äußere +dieser Tatsachen hält, zuletzt nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die +mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich +so lange »praktisch« an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine +Ähnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte die +gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: was +haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch +mit dem sozialen Denken gehen? + +Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer +Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der +den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken möchte, +das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner +durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht +hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu +bewegen sucht, die ihm von den »herrschenden« Klassen als Erbgut übermacht +ist. Er _lebt_ proletarisch; aber er _denkt_ bürgerlich. Die neue Zeit +macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch +in _neue Gedanken_. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum +lebentragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung +eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie +sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben. + +Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der _wahren Gestalt_ eines +der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende +dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: ich +strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist +_Ideologie_, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen +spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im +Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet +die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der +proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen +der Gegenwart auslebt, der muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht +bewirken kann, daß das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was +weiß der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der +mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, redet +am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein +solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte +vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen von der Ansicht, +das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm +nur für »unwissend« gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den +Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus »Revolution +machen«. + +Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen +der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine Empfindung +für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die +Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den Blick nicht auf das zu +richten vermag, was in den Menschengemütern _wirklich vorgeht_. Der +Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen des Proletariers +hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann +für mich ein menschenwürdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich +keine Vorstellung davon zu bilden, daß seine Klasse beim Übergang aus einer +alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm +nicht gehörenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern daß sie nicht +vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt +hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben +vorbeisehen und vorbeihandeln, mögen sagen: aber der Proletarier will doch +einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden +Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine +Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den +andern Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter +ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede +aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie +enthüllt nichts von der _wahren Gestalt_ dieser Frage. Denn ein solches +Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von den +herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde die +sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne +Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie +sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des +Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer +unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es +nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer +Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer +Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage +ist. + +Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen +Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit +entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, daß sie +von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben +können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß. + +Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches +Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer Menschenklasse +verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, sondern die Art, +_wie_ die Forderung nach dieser Änderung aus den Gedanken-Impulsen dieser +Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von +diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen, +wie Persönlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen +Impulse halten wollen, lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese +oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der +sozialen Frage. Sie belächeln das als _Ideologie_, als eine graue Theorie. +Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie, +werde gewiß nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen +Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem +auf, _wie_ der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen, +gerade proletarischen Bewegung _nicht_ in dem liegt, wovon der heutige +Proletarier spricht, sondern liegt in _Gedanken_. + +Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine ähnliche +Bewegung der Welt -- wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im +eminentesten Sinne -- eine Bewegung aus _Gedanken_ entsprungen. Dies sage +ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die soziale Bewegung gewonnenes +Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine persönliche Bemerkung einzufügen, +so sei es diese: ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule +in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt. +Ich glaube dabei kennen gelernt zu haben, was in der Seele des modernen +proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch +zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der +verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche +nicht bloß vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche +aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen +zu haben. + +Wer -- was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der Fall +ist -- wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, wo sie von +_Arbeitern_ getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere Erscheinung +_dieses_ ist, daß eine gewisse Gedanken-_Richtung_ die Seelen einer großen +Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwärtig +schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu nehmen, ist, daß eine +so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses der Klassen da ist. +Die bürgerlichen Klassen können heute sich so schwer in die Seele des +Proletariers hineinversetzen, können so schwer verstehen, wie in der noch +unverbrauchten _Intelligenz_ des Proletariats Eingang finden konnte eine +solche -- mag man nun zum Inhalt stehen, wie man will --, eine solche an +menschliche Denkforderungen höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie +es diejenige Karl Marxens ist. + +Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem +andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden +Gründen wie das andere; es konnte revidiert werden von denen, die das +soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem +Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. Von dem Inhalte dieses Systems +will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle +in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint +mir, daß die _Tatsache_ vorliegt: innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als +mächtigster Impuls ein Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der +folgenden Art aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine +Lebensbewegung mit alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch +niemals so fast ganz allein auf einer _rein_ gedanklichen Grundlage, wie +diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste +derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche +Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden. +Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über sein +eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, so scheint +einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung +durchaus nicht als das wichtige. + +Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden für +den _ganzen_ Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur +in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die +_Gedanken-Grundlage_ der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art +innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewußt zugestehen. Er ist von +diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, daß ihm das Gedankenleben als +Ideologie überliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf +die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders +kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch +die Handlungen ihrer Träger verstehen, als indem man _diese_ Tatsache in +ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung +durchschaut. + +Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen +Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß in der +Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die +Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen muß. Denn es +ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn nicht +befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung +in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von diesem +Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig noch gar +nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, daß in diesen +geistigen Untergründen der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine +bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, daß das +Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie +empfinden muß? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man +nicht erwarten, daß es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man +nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten +Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissenschaft selbst, +sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der +menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des +Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden +Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind +sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie +immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche +Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das +materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: ursprünglich steigen sie +als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht _sie_ können von sich +aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten führt. Nur +_innerhalb_ der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum +Ziele geleitet. + +Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit an die +proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, die seine Kraft für +das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. Wenn an die Kräfte gedacht +wird, welche der sozialen Frage die Lösung bringen können, so muß dies vor +allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so +müßte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen +gegenüber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem +Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen +Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen oder +ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne +Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen heraus die kapitalistische +der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung hat das Proletariat in eine ihm +unerträgliche Lage gegenüber dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde +weiter gehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden +Kräfte ertöten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des +Proletariates erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen +Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für einen +gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch +da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, daß es dem, der gegenwärtig +echt sozialistisch denken will, _nicht_ beifallen wird, zu sagen: wenn +irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen +Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so +wird von diesem die Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen +Bewegung den rechten Antrieb gibt. + +Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der Gegenwart +gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht +hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines +Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung +von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als er in die kapitalistische +Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit +den tiefsten Bedürfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben +hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die führenden Klassen als +Ideologie überlieferten, höhlte seine Seele aus. Daß in den Forderungen des +modernen Proletariates die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem +Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben +kann: dies gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft. +Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der +Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht +proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen +Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil +leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten +Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes +als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hängt das +Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen sozialen +Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung, +welche unter dem Einfluß der führenden Menschenklassen beim Heraufkommen +der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen +Wege verschlossen worden. _Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu +öffnen._ + +Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwärtig +denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, daß +ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben +als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche den sozialen +Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt an der Ohnmacht des +Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung, +ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man +eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung +entsprechendes Denken entwickeln kann. + +Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu +treffen, wenn er von seinem _Klassenbewußtsein_ redet. Doch die Wahrheit +ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische +Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen +kann, das ihm das _Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt_; und daß ihm das +als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht entwickeln +kann. Er hat nach _diesem_ Bewußtsein gesucht, und er hat, was er nicht +finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene +_Klassenbewußtsein_ ersetzt. + +Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt +worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, daß +anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Anstoß liegen könne zu +dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung. +Er glaubt allein, daß durch die Entwicklung des ungeistigen, unseelischen +Wirtschaftslebens _der_ Zustand herbeigeführt werden könne, den _er_ als +den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, sein Heil allein +in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde +er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung des Wirtschaftslebens +verschwinden werde all der Schaden, der herrührt von der privaten +Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der +Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprüchen +auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne +Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der +Überführung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in +_gemeinschaftlichen Betrieb_ oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine +solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man gewissermaßen den Blick +abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn _nur_ hingerichtet +hat auf den rein ökonomischen Prozeß. + +Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen +proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, daß aus der +Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln müsse, +was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle +Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf, +was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge +auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende +Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der +sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit +heraus Etwas liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben +selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem _allein_ entspringen konnte, +das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die über das alte +Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen +Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne Leben die +Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen +von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, _innerhalb_ dieses modernen +Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen +wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewußt empfunden wird, das +aber der eigentliche Grundimpuls seines sozialen Wollens ist. Es ist +dieses: die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde +genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser +Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden +innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer +_Ware_, von dem heute der Proletarier empfindet: es _darf_ nicht Ware sein. + +Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der +ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den +unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor +lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer ebenso verkaufen muß, wie +man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, daß auf dem +Arbeitskräftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle +spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man +darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware +Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz +unbefangen darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich +und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird, +_dann_ wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen +Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden muß, daß er +heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden macht. + +Im Altertum gab es Sklaven. Der _ganze_ Mensch wurde wie eine Ware +verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des +Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch +die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch +einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der +Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache nicht bemerkt +worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine +fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefühlt, was gewichtig +in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie +betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die +Frage über den Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt, +daß aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche +einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die +Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner +unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der +neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen ist. Man +sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den +Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, wie es im +Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte zur Ware werden +_muß_. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht +das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des +Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus +dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben +gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß _in_ ihm die +menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt +man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von +sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen? +Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine +Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb, +weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich +von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß herrührt. +Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern muß, geht er +mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsprozeß strebt +so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der +zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so +lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen läßt. Wie +hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man +den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese +Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht. +Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer +andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren +Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht, +daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion +nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren +Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden +soll. + +Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen +Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben +eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der +andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem +Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen muß von ihrer +Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung +gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits +zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche +Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen +soll. + +Man sieht schon hieraus, daß die »soziale Frage« sich in drei besondere +Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des +Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird +das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in das +Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben +können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll. + + + + +II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die +sozialen Fragen und Notwendigkeiten + + +Man kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt +der sozialen Frage in der neueren Zeit geführt hat, wohl _so_ +aussprechen, daß man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik +getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen +naturhaften Selbstverständlichkeit gewirkt und die moderne +Gesellschaft in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der +Inanspruchnahme der menschlichen Aufmerksamkeit für dasjenige, was +Technik und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit +abgelenkt worden für andere Zweige, andere Gebiete des sozialen +Organismus. Diesen muß ebenso notwendig vom menschlichen Bewußtsein +aus die rechte Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale +Organismus gesund sein soll. + +Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer +_umfassenden_, _allseitigen_ Beobachtung über die soziale Frage +charakterisiert werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem +Vergleich ausgehen. Aber es wird zu beachten sein, daß mit diesem Vergleich +nichts anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann +unterstützen das menschliche Verständnis, um es gerade in diejenige +Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen +über die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen +Gesichtspunkt betrachten muß den kompliziertesten natürlichen Organismus, +den menschlichen Organismus, der muß seine Aufmerksamkeit darauf richten, +daß die ganze Wesenheit dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander +wirksame Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer gewissen +Selbständigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander wirksamen Systeme kann man +etwa in folgender Weise kennzeichnen. Im menschlichen natürlichen +Organismus wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich schließt +_Nervenleben und Sinnesleben_. Man könnte es auch nach dem wichtigsten +Gliede des Organismus, wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaßen +zentralisiert sind, den _Kopforganismus_ nennen. + +Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, wenn +man ein wirkliches Verständnis für sie erwerben will, das, was ich nennen +möchte das rhythmische System. Es besteht aus _Atmung_, _Blutzirkulation_, +aus all dem, was sich ausdrückt in _rhythmischen Vorgängen_ des +menschlichen Organismus. + +Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe und +Tätigkeiten zusammenhängt mit dem _eigentlichen Stoffwechsel_. + +In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder Art +unterhält, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang des +menschlichen Organismus[3]. + + [3] Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach räumlich + abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tätigkeiten + (Funktionen) des Organismus. »Kopforganismus« ist nur zu gebrauchen, + wenn man sich bewußt ist, daß im Kopfe in erster Linie das + Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natürlich im Kopfe auch + die rhythmische und die Stoffwechseltätigkeit vorhanden, wie in den + andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestätigkeit vorhanden ist. Trotzdem + sind die drei Arten der Tätigkeit _ihrer Wesenheit nach_ streng + voneinander geschieden. + +Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was +naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, diese +Dreigliederung des menschlichen natürlichen Organismus wenigstens zunächst +skizzenweise in meinem Buche »Von Seelenrätseln« zu charakterisieren. Ich +bin mir klar darüber, daß Biologie, Physiologie, die gesamte +Naturwissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernächsten Zeit zu +einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrängen werden, +welche durchschaut, wie diese drei Glieder -- Kopfsystem, +Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem -- dadurch den +Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, daß sie in einer +gewissen Selbständigkeit wirken, daß _nicht_ eine absolute Zentralisation +des menschlichen Organismus vorliegt, daß auch jedes dieser Systeme ein +besonderes, für sich bestehendes Verhältnis zur Außenwelt hat. Das +Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische System +durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem durch die Ernährungs- und +Bewegungsorgane. + +Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht ganz so +weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus +geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus für die Naturwissenschaft von +mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der +naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem +solchen Grade zu bringen, wie das wünschenswert für den +Erkenntnisfortschritt erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere +Denkgewohnheiten, unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht +vollständig angemessen dem, was z. B. im menschlichen Organismus sich als +die innere Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man könnte nun wohl sagen: +Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren +Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise +als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung und +namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da muß +nicht nur bei irgendwelchen Fachmännern, sondern da muß in jeder +Menschenseele -- denn jede Menschenseele nimmt teil an der Wirksamkeit für +den sozialen Organismus -- wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem +vorhanden sein, was diesem sozialen Organismus notwendig ist. Ein gesundes +Denken und Empfinden, ein gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die +Gestaltung des sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei +es auch mehr oder weniger bloß instinktiv, sich klar darüber ist, daß +dieser soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein +muß wie der natürliche Organismus. + +Es ist nun, seit _Schäffle_ sein Buch geschrieben hat über den Bau des +sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen der +Organisation eines Naturwesens -- sagen wir, der Organisation des +Menschen -- und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat +feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was +Zellengefüge sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch +erschienen von Merey, »Weltmutation«, in dem gewisse naturwissenschaftliche +Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach übertragen werden +auf -- wie man meint -- den menschlichen Gesellschaftsorganismus. Mit all +diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien hat dasjenige, was hier +gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer meint, auch in diesen +Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel zwischen dem natürlichen +Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird dadurch nur +beweisen, daß er nicht in den Geist des hier Gemeinten eingedrungen ist. +Denn nicht wird hier angestrebt: irgendeine für naturwissenschaftliche +Tatsachen passende Wahrheit herüber zu verpflanzen auf den sozialen +Organismus; sondern das völlig andere, daß das menschliche Denken, das +menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des +naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise +anwenden könne auf den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man +glaubt gelernt zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den +sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man +sich nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso +selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu +forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des natürlichen +Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der +Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen Organismus, dem sozialen +Organismus in seiner Selbständigkeit gegenüberstellt, um dessen eigene +Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der +Betrachtung jedes Analogiespiel auf. + +Man könnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der Glaube +zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der +Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus »aufgebaut« werden. Das aber +liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur möglich. Auf ganz +anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwärtige geschichtliche +Menschheitskrisis fordert, daß gewisse _Empfindungen_ entstehen _in jedem +einzelnen Menschen_, daß die Anregung zu diesen Empfindungen von dem +Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung +der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewußte Aufnahme in das +menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben +hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehört zu den +Entwicklungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben +eintreten wollen, daß die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen +Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung +gefordert wird. Daß man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des +sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist, +das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich +ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, _nicht_ +sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen. + +Man kann heute von »Sozialisierung« als von dem reden hören, was der Zeit +nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein +Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein +Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die +menschlichen Seelen einzieht wenigstens die _instinktive_ Erkenntnis von +der Notwendigkeit der _Dreigliederung des sozialen Organismus_. Dieser +soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder +gesetzmäßig ausbilden. + +Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner +Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles +übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen +Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses +ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich innerhalb des +sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das +Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu +tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion, +Warenzirkulation, Warenkonsum ist. + +Als _zweites Glied_ des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben des +öffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehört +dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche +Staatsleben bezeichnen könnte. Während es das Wirtschaftsleben mit all dem +zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus seiner eigenen +Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, kann es +dieses zweite Glied des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem, +was sich aus rein menschlichen Untergründen heraus auf das Verhältnis des +Menschen zum Menschen bezieht. Es ist wesentlich für die Erkenntnis der +Glieder des sozialen Organismus, daß man weiß, welcher Unterschied besteht +zwischen dem System des öffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann +aus menschlichen Untergründen heraus mit dem Verhältnis von Mensch zu +Mensch, und dem Wirtschafts-System, das es _nur_ zu tun hat mit +Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum. Man muß dieses im Leben +empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das +Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natürlichen +Organismus die Tätigkeit der Lunge zur Verarbeitung der äußeren Luft sich +abscheidet von den Vorgängen im Nerven-Sinnesleben. + +Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden andern +Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus das aufzufassen, was +sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer könnte man sagen, weil +vielleicht die Bezeichnung »geistige Kultur« oder alles das, was sich auf +das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: alles dasjenige, +was beruht auf der natürlichen Begabung des einzelnen menschlichen +Individuums, was hineinkommen muß in den sozialen Organismus auf Grundlage +dieser natürlichen, sowohl der geistigen wie der physischen Begabung des +einzelnen menschlichen Individuums. Das erste System, das +Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der +Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite +System hat es zu tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen +des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit +all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den +sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus. + +Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus +unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge +gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von +dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden +sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das _menschliche +Gemeinschaftsleben_ in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern +dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich +selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch +eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders +machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens +sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit +sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen +Organismus einzugliedern. Für sie ist es notwendig, daß der Mensch aus den +oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt, +jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne +derjenigen Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat +jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der +nächsten Zukunft. + +Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das +Wirtschaftsleben, das ruht zunächst auf der Naturgrundlage geradeso, wie +der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er für sich durch Lernen, +durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung seines +geistigen und körperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage drückt einfach +dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten sozialen Organismus sein +Gepräge auf. Aber diese Naturgrundlage ist da, ohne daß sie durch +irgendeine soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in +ursprünglicher Art getroffen werden kann. Sie muß dem Leben des sozialen +Organismus so zugrunde gelegt werden, wie bei der Erziehung des Menschen +zugrunde gelegt werden muß die Begabung, die er auf den verschiedenen +Gebieten hat, seine natürliche körperliche und geistige Tüchtigkeit. Von +jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben +eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, muß berücksichtigt werden die +Naturgrundlage. Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen +Arbeit und auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes +elementarisches Ursprüngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein +bestimmtes Stück Natur. Man muß über den Zusammenhang des sozialen +Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug auf Lernen beim +einzelnen Menschen denken muß über sein Verhältnis zu seiner Begabung. Man +kann gerade sich dieses klarmachen an extremen Fällen. Man braucht z. B. +nur zu bedenken, daß in gewissen Gebieten der Erde, wo die Banane ein +naheliegendes Nahrungsmittel für die Menschen abgibt, in Betracht kommt für +das menschliche Zusammenleben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden +muß, um die Banane von ihrer Ursprungsstätte aus an einen Bestimmungsort zu +bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man die +menschliche Arbeit, die aufgebracht werden muß, um die _Banane_ für die +menschliche Gesellschaft konsumfähig zu machen, mit der Arbeit, die +aufgebracht werden muß, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas, um den +Weizen konsumfähig zu machen, so ist die Arbeit, die für die Banane +notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere als beim +Weizen. + +Gewiß, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug auf +das notwendige Maß von Arbeit im Verhältnis zu der Naturgrundlage sind auch +da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organismus +Europas vertreten sind, -- nicht in dieser radikalen Verschiedenheit wie +bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede da. So ist es im +Wirtschaftsorganismus begründet, daß durch das Verhältnis des Menschen zur +Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Maß von Arbeitskraft bedingt ist, +das er in den Wirtschaftsprozeß hineintragen muß. Und man braucht ja nur +z. B. zu vergleichen: in _Deutschland_, in Gegenden mit mittlerer +Ertragsfähigkeit, ist ungefähr das Erträgnis der Weizenkultur so, daß das +_Sieben- bis Achtfache_ der Aussaat einkommt durch die Ernte; in _Chile_ +kommt das _Zwölffache_ herein, in _Nordmexiko_ kommt das _Siebzehnfache_ +ein, in _Peru_ das _Zwanzigfache_. (Vergleiche Jentsch, +Volkswirtschaftslehre, S. 64.) + +Dieses ganze zusammengehörige Wesen, welches verläuft in Vorgängen, die +beginnen mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur, die sich fortsetzen in +all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln und +sie bis zur Konsumfähigkeit zu bringen, alle diese Vorgänge und nur diese +umschließen für einen gesunden sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied. +Dieses steht im sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die +individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen Gesamtorganismus +drinnen steht. Aber wie dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem +abhängig ist, so ist das Wirtschaftssystem von der menschlichen +Arbeitsleistung abhängig. Wie nun aber der Kopf nicht selbständig die +Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem +nicht durch die im Wirtschaftsleben wirksamen Kräfte selbst geregelt +werden. + +In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen darinnen. +Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen Bedürfnissen. +Wie den Interessen am zweckmäßigsten entsprochen werden kann innerhalb +eines sozialen Organismus, so daß der einzelne Mensch durch diesen +Organismus in der bestmöglichen Art zur Befriedigung seines Interesses +kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich in die Wirtschaft +hineinstellen kann: diese Frage muß praktisch in den Einrichtungen des +Wirtschaftskörpers gelöst sein. Das kann nur dadurch sein, daß die +Interessen sich wirklich frei geltend machen können und daß auch der Wille +und die Möglichkeit entstehen, das Nötige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die +Entstehung der Interessen liegt außerhalb des Kreises, der das +Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des +seelischen und natürlichen Menschenwesens. Daß Einrichtungen bestehen, sie +zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen +können es mit nichts anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung +und dem Tausch von Waren, das heißt von Gütern, die ihren Wert durch das +menschliche Bedürfnis erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen, +der sie verbraucht. Dadurch, daß die Ware ihren Wert durch den Verbraucher +erhält, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als +anderes, das für den Menschen als Angehörigen dieses Organismus Wert hat. +Man sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis +Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehören. Man wird den +_wesenhaften_ Unterschied nicht _bloß_ betrachtend bemerken, welcher +besteht zwischen dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem der eine für +den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechtsverhältnis +beruhen muß. Man wird von der Betrachtung zu der praktischen Forderung +kommen, daß im sozialen Organismus das Rechtsleben völlig von dem +Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden muß. Aus den Tätigkeiten, +welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen zu entwickeln haben, die +der Warenerzeugung und dem Warenaustausch dienen, können sich unmittelbar +nicht die möglichst besten Impulse ergeben für die rechtlichen +Verhältnisse, die unter den Menschen bestehen müssen. Innerhalb der +Wirtschaftseinrichtungen wendet sich der Mensch an den Menschen, weil der +eine dem Interesse des andern dient; grundverschieden davon ist die +Beziehung, welche der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens +hat. + +Man könnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung wäre +schon Genüge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen, die dem +Wirtschaftsleben dienen, auch für die Rechte gesorgt werde, welche in den +Verhältnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Menschen +zueinander bestehen müssen. -- Ein solcher Glaube hat seine Wurzeln nicht +in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch kann nur dann das +Rechtsverhältnis richtig erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen +bestehen muß, wenn er dieses Verhältnis _nicht_ auf dem Wirtschaftsgebiet +erlebt, sondern auf einem davon völlig getrennten Boden. Es muß deshalb im +gesunden sozialen Organismus _neben_ dem Wirtschaftsleben und in +Selbständigkeit ein Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und +verwaltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist +aber dasjenige des eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen +die Menschen diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben +dienen müssen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein, +so werden die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen +Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er +die Fähigkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Maßnahmen +und Einrichtungen werden dem menschlichen Bedürfnisse nach Waren dienen +müssen; sie werden dadurch abgedrängt von den Impulsen, die auf das +Rechtsleben gerichtet sind. + +Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben dem +Wirtschaftskörper das selbständige politische Staatsleben. In dem +selbständigen Wirtschaftskörper werden die Menschen durch die Kräfte des +wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der Warenerzeugung +und dem Warenaustausch in der möglichst besten Weise dienen. In dem +politischen Staatskörper werden solche Einrichtungen entstehen, welche die +gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in solcher +Art orientieren, daß dem Rechtsbewußtsein des Menschen entsprochen wird. + +Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung nach +völliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet gestellt +wird, ist ein solcher, der im _wirklichen_ Menschenleben drinnen liegt. +Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben und +Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im wirtschaftlichen Leben +stehenden Menschen haben selbstverständlich das Rechtsbewußtsein; aber sie +werden _nur_ aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen +Interessen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes besorgen, wenn +sie darüber zu urteilen haben in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem +Wirtschaftsleben keinen Anteil hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen +eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper, die beide nach den +Grundsätzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechtsbewußtsein der +neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut sein auf den Impulsen im +Menschheitsbewußtsein, die man gegenwärtig die demokratischen nennt. Das +Wirtschaftsgebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine +Gesetzgebungs- und Verwaltungskörperschaften bilden. Der notwendige Verkehr +zwischen _den Leitungen_ des Rechts- und Wirtschaftskörpers wird erfolgen +annähernd wie gegenwärtig der zwischen den Regierungen souveräner +Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem einen Körper sich +entfaltet, auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung +ausüben können. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, daß das eine Gebiet +in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zufließen soll. + +Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der +Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes, +Vorhandensein von Bodenschätzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der +andern Seite von den Rechtsverhältnissen abhängig, welche der Staat +zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft. Damit +sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die Tätigkeit des Wirtschaftslebens +umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die außerhalb +des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende Mensch hinnehmen +muß als etwas Gegebenes, auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so +soll alles, was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhältnis begründet von +Mensch zu Mensch im gesunden sozialen Organismus durch den Rechtsstaat +seine Regelung erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem +Wirtschaftsleben selbständig Gegenüberstehendes sich entfaltet. + +In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen Werden +der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter und +durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem geworden ist, was +der sozialen Bewegung ihr Gepräge gibt, umfaßt das Wirtschaftsleben mehr, +als es im gesunden sozialen Organismus umfassen soll. Gegenwärtig bewegt +sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sich bloß _Waren_ bewegen +sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen sich auch Rechte. +Man kann gegenwärtig in dem Wirtschaftskörper, der auf der Arbeitsteilung +beruht, nicht allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben +wirtschaftlichen Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen Rechte. +(Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche Tätigkeit zu dem geworden +ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie durch den Menschen +gebracht wird, ihrem Verbrauch zugeführt wird. Mag diese Bezeichnung +manchem Volkswirtschaftslehrer auch anstößig oder nicht genügend +erscheinen, sie kann zur Verständigung über das, was dem Wirtschaftsleben +angehören soll, ihre guten Dienste tun.)[4] Wenn jemand durch Kauf ein +Grundstück erwirbt, so muß das als ein Tausch des Grundstückes gegen Waren, +für die das Kaufgeld als Repräsentant zu gelten hat, angesehen werden. Das +Grundstück selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht +in dem sozialen Organismus durch das _Recht_ darinnen, das der Mensch auf +seine Benützung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das +Verhältnis, in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In dem +letzteren Verhältnis liegt es wesenhaft begründet, daß es nicht übergreift +auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die dadurch +hergestellt wird, daß jemandem die alleinige Benützung eines Grundstückes +zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt +von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstück angestellt werden, oder die darauf +wohnen müssen, in Abhängigkeit von sich. Dadurch, daß man gegenseitig +wirkliche Waren tauscht, die man produziert oder konsumiert, stellt sich +eine Abhängigkeit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch und +Mensch wirkt. + + [4] Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht + wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie + heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der + Wirklichkeit eine lebensvolle Rolle spielt. »Ware« im obigen Sinne + gebraucht, weist auf etwas hin, was der Mensch erlebt; jeder andere + Begriff von »Ware« läßt etwas weg oder fügt etwas hinzu, so daß sich der + Begriff mit den Lebensvorgängen in ihrer wahren Wirklichkeit nicht + deckt. + +Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird +einleuchten, daß sie ihren Ausdruck finden muß in den Einrichtungen des +gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im Wirtschaftsleben +ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren unabhängig von +dem Rechtsverhältnisse zwischen Personen und Personengruppen. Sobald Waren +gegen Rechte eingetauscht werden, wird das Rechtsverhältnis selbst berührt. +Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige +Lebenselement des gegenwärtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen +Organismus; sondern es handelt sich darum, daß durch den Tausch des Rechtes +mit der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht +_innerhalb_ des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch +verhindert, daß im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen, +die _nur_ darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckmäßigsten +Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im Warenaustausch +lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden und konsumierenden +Personen regeln. _Diese_ Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar +nicht von anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen +Verhältnis von Person zu Person bestehen müssen. Wenn ich meinen +Mitmenschen durch den Verkauf einer Ware schädige oder fördere, das gehört +in das gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schädigung oder +Förderung durch eine Tätigkeit oder Unterlassung, die unmittelbar nicht in +einem Warenaustausch zum Ausdruck kommt. + +In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fließen die Wirkungen aus den +Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen Tätigkeit +zusammen. Im gesunden sozialen Organismus müssen sie aus zwei verschiedenen +Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation hat die aus der +Erziehung für einen Wirtschaftszweig und die aus der Erfahrung in demselben +gewonnene Vertrautheit mit ihm für die leitenden Persönlichkeiten die +nötigen Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird durch +Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem Rechtsbewußtsein als +Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen zueinander gefordert +wird. Die Wirtschaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs- oder +Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung gleichen Bedürfnissen sich +zu Genossenschaften zusammenschließen lassen, die im gegenseitigen +Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation +wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Verhältnis der +Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen werden eine bloß +wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. Die Rechtsgrundlage, auf der sie +arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation zu. Wenn solche +Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen Interessen in den +Vertretungs- und Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation zur Geltung +bringen können, dann werden sie nicht den Drang entwickeln, in die +gesetzgebende oder verwaltende Leitung des Rechtsstaates einzudringen +(z. B. als Bund der Landwirte, als Partei der Industriellen, als +wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um da anzustreben, was ihnen +innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht möglich ist. Und wenn +der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige mitwirtschaftet, dann wird +er nur Einrichtungen schaffen, die aus dem Rechtsbewußtsein der zu ihm +gehörenden Menschen stammen. Auch wenn in der Vertretung des +Rechtsstaates, wie es ja selbstverständlich ist, dieselben Personen sitzen, +die im Wirtschaftsleben tätig sind, so wird sich durch die Gliederung in +Wirtschafts- und in Rechtsleben nicht ein Einfluß des Wirtschafts- auf das +Rechtsleben ergeben können, der die Gesundheit des sozialen Organismus so +untergräbt, wie sie untergraben werden kann, wenn die Staatsorganisation +selbst Zweige des Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die +Vertreter des Wirtschaftslebens aus dessen Interessen heraus Gesetze +beschließen. + +Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem +Rechtsleben bot Österreich mit der Verfassung, die es sich in den sechziger +Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des +Reichsrates dieses Ländergebietes wurden aus den vier Zweigen des +Wirtschaftslebens heraus gewählt, aus der Gemeinschaft der +Großgrundbesitzer, der Handelskammern, der Städte, Märkte und +Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, daß für diese +Zusammensetzung der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie +gedacht wurde, als daß aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen +Verhältnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewiß ist, daß zu dem +gegenwärtigen Zerfall Österreichs die auseinandertreibenden Kräfte seiner +Nationalitäten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewiß kann es +gelten, daß eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre +Tätigkeit hätte entfalten können, aus dem Rechtsbewußtsein heraus eine +Gestaltung des sozialen Organismus würde entwickelt haben, in der ein +Zusammenleben der Völker möglich geworden wäre. + +Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewöhnlich +seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in +Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt, +den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Für ein +_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden. +Denn bei _jedem_ Wahlmodus müssen sich im Vertretungskörper die +wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stören. Und +was aus der Störung für das soziale Leben fließt, _muß_ zu Erschütterungen +des Gesellschaftsorganismus führen. Obenan als notwendige Zielsetzung des +öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende +Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man +sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden +Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für +die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig +zur Entscheidung drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als +solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in +Betracht. Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen +heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich +bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten +Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer +Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt. +Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu +wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an. +Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmähliche, +sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen Entwicklungskräfte der +Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen nach der Richtung einer +sozialen Neuordnung notwendig machen, das können jedem Unbefangenen +weithinleuchtende Tatsachen lehren. + +Wer für »praktisch durchführbar« nur dasjenige hält, an das er sich aus +engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier Angedeutete +für »unpraktisch« halten. Kann er sich nicht bekehren, und behält er auf +irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht zur Gesundung, +sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute +seiner Gesinnung an der Herbeiführung der gegenwärtigen Zustände gewirkt +haben. + +Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen haben und +die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in +das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten weichen: der +Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen +Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung +nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die äußerste +Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise. +Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens, +insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem +wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit geben und dem politischen +Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskörper so +zu wirken, daß der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen +Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet. + +Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen +Leben_ der Menschheit begründet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit +lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus durch seine +körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen +Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so +eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer +abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant +der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit +gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In +Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur +entstehen können, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft für die Entstehung +hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhält der Arbeiter einen Anteil, +der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das +Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des +gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über. +Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter +und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische +Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die +wirtschaftliche Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist. +Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit nicht +bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware +einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch +Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie, +und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des sozialen Organismus zu +arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen +eines menschenwürdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen, +wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von +den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht. + + [5] Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem + falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen + Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte, + sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit, + so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in + Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben. + +Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die +sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht. +Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern dadurch wächst, daß die +Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe schwieriger ist als für die andere, +so muß der Warenwert davon abhängig werden, welche Art und welches Maß von +Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden +dürfen[6]. + + [6] Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im + Wirtschaftsleben tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was »rechtens + ist« als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch + erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch + von der Wirtschaftsordnung abhängig ist. + +Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen +notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche +die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der +Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein heraus auf dem Boden des vom +Wirtschaftsleben unabhängigen politischen Staates geschaffen werden _soll_. + +Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen +Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach +dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet wird. +Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist +im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, daß +der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, daß er sein +Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann. Und auf dem +Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen Daseins beruhen in +Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen Organismus. + +Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite +her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen Art, wie +eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig +ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann, +veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und +das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung soll nicht aus dem Kreislauf +des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die +sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtslebens +entwickelt. + +In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein in der +Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus +einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fähigkeiten des +einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von den höchsten geistigen +Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfließt durch die bessere +oder weniger gute körperliche Eignung des Menschen für Leistungen, die dem +sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muß in den +gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige, +was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es +gibt keine andere Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken, +als sie von der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen, +die aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu +lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen +vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich beeinflußt, +so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum größten Teile +entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die +Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln müssen. Wird die +Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt, +oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfänglichkeit für sie +gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen +Organismus einfließen zu lassen. Für das Geistesleben, mit dem auch die +Entwicklung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch +unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde +Entwicklungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen +Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit +den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen. + +Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens +gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, weil der rechte +Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines großen Teiles dieses +Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im +Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie +hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von »Freiheit der Wissenschaft und des +Lehrens«. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, daß der politische +Staat die »freie Wissenschaft« und das »freie Lehren« verwaltet. Man +entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser Staat dadurch das +Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen abhängig macht. Man denkt, +der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann können +diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben »frei« +entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewöhnt, +nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem +innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese +Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern +Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch +solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit +dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des +Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhängt, in den letzten +Jahrhunderten das Gepräge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß, +was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom +Staate beeinflußt werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern +Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was +sich aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus +den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen +aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich +orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das +Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser +Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse des +Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen +wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe sah +der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles +Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen Organisation. + +Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung hört auf, +wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine über +das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in +sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche Empfindung ersteht, +wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich +innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche +Träger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und +Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebührende Gewicht +im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung +und alles, was damit zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen +Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt +alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des +Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von +den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von +ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert denken, welche Wirkung +ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben haben kann, und vieles andere +wird durch diese Bedürfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des +Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste +Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein +anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem Geistesleben heraus, das +auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem +Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der +leitenden Kreise übernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige +Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper +einzubeziehen. Sie könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte, +damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung +gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit +ihrer Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen +Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenüber +in dem hier angedeuteten Sinn »Privatsache« sein. Aber die Sozialdemokratie +geht bei der Überweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der +Meinung aus, daß einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des +sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer +wünschenswerteren, höheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einfluß +des Staates. Sie ist der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine +Mittel nur pflegen dürfe, was _ihm_ Lebensbedürfnis ist. Und ein solches +sei das religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem +öffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht +gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der +neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben +seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln. + +Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses +Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis +beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im +unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die +aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen +getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für +ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den _aus sich_ +wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit +zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das +Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich +»Lebenspraktiker« dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen: +die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den +Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und +wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt +ist. Möchten solche »Pessimisten« doch abwarten, was wird, wenn die Welt +nicht mehr unter ihrem Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem +gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße +verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig »Bildung« +anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst +gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht +rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch +zündende Kraft ausüben können. + +Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zufluß aus +dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden +geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung für das +Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem +Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten können. Entsprechend +vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet +machen können durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut +kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen +Erfahrung werden den Übergang finden in die Geistesorganisation und in +derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß. + +Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen +gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden. +Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines solchen +Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner +Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu der Einsicht +kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit +zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen +kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit _seiner_ Arbeit mit +den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller +menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. Er wird auf dem +Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil +sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier +Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gönnen, der dessen +Entstehung ermöglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die +Möglichkeit entstehen, daß dessen Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer +Leistungen auch leben. Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens +treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen +Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer +rechnen können, denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche +Entschädigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was +er braucht, wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder +des Wirtschaftslebens. + +In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben stammenden +technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie +unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen. +Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Kräfte, welche das +wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschädigung für +diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das +freie Verständnis derer zustande kommen, die auf diesen Zufluß angewiesen +sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete +des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat +selber für seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das +Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des +Rechtsbewußtseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden. + +Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden sozialen +Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der +Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskräfte +der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen +durch die Instinktkräfte eines großen Teiles der Menschheit sich führen +ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In +einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im +Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewußtes +Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses +Bewußtsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann +eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist. +Nach dieser Orientierung strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die +moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der +getrübte Abglanz dieses Strebens. + +Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben, +tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des +18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen +Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei +Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich +mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden +einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann +natürlich nicht anders, als Verständnis haben für alles, worauf diese Worte +deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des +19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist, +in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit, +Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, daß +sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen +Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden +z. B., wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich +verwirklicht, daß dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete +Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen +denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem +allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale +Sympathie haben! + +Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale +Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der +notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen +nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit +zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit +sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein; +und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die +Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt +eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird +man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man +imstande ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus +mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann +wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der Menschen im +_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, die aus den +Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des +_öffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen +Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung +der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer +Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der +Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei +Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen +sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen +sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann +durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit +verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann +aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in +fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können. + +Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die Forderung nach +Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit +erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später wiederholt haben, sie +konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte der neueren +Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den +Einheitsstaat überwunden. Für diesen bedeuten ihre Ideen etwas +Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den +unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung +des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu +einer höheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem +Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum +bewußten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden +sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart. + + + + +III. Kapitalismus und soziale Ideen + +(Kapital, Menschenarbeit) + + +Man kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise auf +sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert +wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von +einer Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus. Der Versuch, +eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung +zugrunde. Mit Maßnahmen, die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem +eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas +Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung +herausgewachsen sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen +Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden +sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis +zu den Grundlagen vordringen. + +Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin, +worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung sucht. Zu +einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das Kapital fördernd oder +hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur +kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fähigkeiten der +Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens +das Kapital erzeugen und verbrauchen. -- Spricht man von der +Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der +Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und +an dem der Arbeiter zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil +darüber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt +sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwürde +nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis ins Auge fassen +will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten +einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits hat. + +Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu _allernächst_ zu tun ist, um den in +der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird +auch das _Allernächste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen können, wenn +man nicht _weiß_, welches Verhältnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen +des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und weiß man dieses, dann wird +man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen +vermag, die Aufgaben finden können, die sich aus den Tatsachen heraus +ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt +sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit +aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat +sich in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich +Ansichten gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu +verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch +der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, daß man +nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch +Zurückgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde +liegen. + +Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, welche in +diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus +zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht +lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der +Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die Urgedanken fort, auch +wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende +Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die +einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenüber chaotisch sich äußern, sind +es, die offenbar oder verhüllt in den revolutionären Erschütterungen des +sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschütterungen werden nur dann +nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß +in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine +Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich +bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung +entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke gewonnen hat. + +In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen +von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen groß geworden. Und das +Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht +als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da über das, was sich im +sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es +des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden +und nicht zu verkennen, wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken +als »unpraktische« Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen. +In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung lebt die +Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen +Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber ist, der +einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man aus dem Urgedanken +heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewußt_ gelenkt +werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit genügen +kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat. + +Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten, +ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die +proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der +Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche +Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er +herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in dem +Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei +Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage der +individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen +beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein +Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf +des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die Unternehmertätigkeit kann +in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in +dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der +Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das +kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist, +das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch +zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch +freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man +sieht: die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in +dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben +Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der +politische Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit +gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend +sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er muß das in +Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung +vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung +ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was er zu vollbringen hat, +kommt Verständnis oder Nichtverständnis für individuelle Fähigkeiten nicht +in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen +Einfluß haben auf die Betätigung der individuellen menschlichen +Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen +Vorteil bestimmend sein können für die durch Kapital ermöglichte Auswirkung +der individuellen Fähigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler +des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz +des Vorteils die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden +können. Und sie berufen sich als »Praktiker« auf die »unvollkommene« +Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen +Gesellschaftsordnung, welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, hat +die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung +erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache +der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände drängen +nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung der +individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden +Geistesleben erfließenden _sozialen Verständnis_ liegen müssen. Die +Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus +den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm +innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen +Fähigkeiten drängen. + +Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, die +Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete des sozialen +Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte +Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf +dem Wahnglauben, daß »der Geist« Wunder wirken werde, wenn diejenigen +möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht +hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf +geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhält durch seine eigene +Wesenheit ein soziales Gepräge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln +kann. + +Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge +nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die +geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser +Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit +abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist, +konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit +herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende +Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an +dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für »volkstümliche +Belehrung«, das »Heranziehen« des »Volkes« zum Kunstgenuß und Ähnliches +sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so +lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, den es in der neueren Zeit +angenommen hat. Denn das »Volk« steht mit dem innersten Anteil seines +Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm +nur ermöglicht, gewissermaßen von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb +desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im +engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen +des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche +Leben einfließen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische +Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt +werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der +erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll +mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die +Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung +der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden +müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer +veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen +Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein +gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür +erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen +Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst +fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden +Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren +veranlaßt. + +Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen +vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das +Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird +durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn +die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem +Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des +Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur +dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der +Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz +machen. + +Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der +Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben +berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese +Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der +wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht +und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine +Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es +wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten +können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom +politischen Staate verwaltet werden. + +Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche +Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung +aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben und +anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach dem +Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien Einsicht +des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung +dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung -- nach den Vorbereitungen, +die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen +muß, um sie zu ermöglichen usw. -- ansehen will. Er wird seine Ansprüche +nur dann befriedigt finden können, wenn ihm Verständnis für seine +Leistungen entgegengebracht wird. + +Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten +liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies +Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses +Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld) +für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede +der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen. + +Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet +wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen +menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung +dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls +erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen +Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates +oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche +Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem +beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden +Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen +Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf +Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände +hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein +muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben +oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu +durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf +dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit +hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem +Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen +Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem +Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen +schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt, +sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie +abgewendet sehen möchte. + +Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher +dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß +verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm +entgegengearbeitet werden muß. Man muß _mehr_ sehen. Man muß gewahr werden, +daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital +wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur +kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskräfte der +Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht +in Illusionen treiben läßt durch die Vorstellungsart, welche in der +Verwaltung der Kapitalbetätigung durch das befreite Geistesleben das +Ergebnis eines »unpraktischen Idealismus« sieht. + +In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale +Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen +unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knüpft an +dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. Man sieht, wie +in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, und dieser zur +gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt hat. An die Stelle dieser +Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die für den +Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverständlich die +Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt +man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige große Genossenschaft. +In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der +Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein könne, weil sie sich selbst +ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man +nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft +verwandeln will. + +Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft sich +Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je größer die +Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen +menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet +wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, kann die +Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen +Organismus führen. + +Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in +den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt +davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem +Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die +etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der +Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des +geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, daß in dieser +Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehörige der bisher +leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern übereinstimmen. Man +wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen für eine Gesundung des +sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten müssen in gewisse +Gedankenströmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen +Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen +Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden. + +Diese Gedankenströmungen streben -- mehr oder weniger unbewußt -- hinweg +von dem, was dem inneren Erleben die rechte Stoßkraft gibt. Sie erstreben +eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein nach +wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewissermaßen wie +eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der Lage, die +Brücke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was den Menschen in die +Alltäglichkeit einspannt. Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart +es gewissermaßen »innerlich vornehm« finden, in einer gewissen, sei es auch +schulmäßigen Abstraktheit nachzudenken über allerlei ethisch-religiöse +Probleme in Wolkenkuckucksheimhöhen; man kann sehen, wie die Menschen +nachdenken über die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen +könne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er +begnadet werden kann mit einem »inneren Lebensinhalt«. Man sieht dann aber +auch das Unvermögen, einen Übergang zu ermöglichen von dem, was die Leute +gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich nennen, zu +dem, was in der äußern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als +Kapitalwirkung, als Arbeitsentlöhnung, als Konsum, als Produktion, als +Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und Börsenwesen. Man kann +sehen, wie zwei Weltenströmungen nebeneinandergestellt werden auch in den +Denkgewohnheiten der Menschen. Die _eine_ Weltenströmung ist die, welche +sich gewissermaßen in göttlich-geistiger Höhe halten will, die keine Brücke +bauen will zwischen dem, was ein geistiger Impuls ist, und was eine +Tatsache des gewöhnlichen Handelns im Leben ist. Die _andere_ lebt +gedankenlos im Alltäglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es kann +nur gedeihen, wenn die es treibenden Kräfte von allem ethisch-religiösen +Leben herunterwirken in das alleralltäglichste profanste Leben, in +dasjenige Leben, das manchem eben weniger vornehm erscheint. Denn, versäumt +man, die Brücke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so verfällt +man in bezug auf religiöses, sittliches Leben _und auf soziales Denken_ in +bloße Schwarmgeisterei, die fernsteht der alltäglichen wahren Wirklichkeit. +Es rächt sich dann gewissermaßen diese alltäglich-wahre Wirklichkeit. Dann +strebt der Mensch aus einem gewissen »geistigen« Impuls heraus alles +mögliche Ideale an, alles mögliche, was er »gut« nennt; aber denjenigen +Instinkten, die diesen »Idealen« gegenüberstehen als Grundlage der +gewöhnlichen täglichen Lebensbedürfnisse, deren Befriedigung aus der +Volkswirtschaft heraus kommen muß, diesen Instinkten gibt sich der Mensch +ohne »Geist« hin. Er weiß keinen wirklichkeitsgemäßen Weg von dem Begriff +der Geistigkeit zu dem, was im alltäglichen Leben vor sich geht. Dadurch +nimmt dieses alltägliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu tun haben +soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren, seelisch-geistigen +Höhen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache der Alltäglichkeit +eine solche, daß das ethisch-religiöse Leben zu einer innerlichen +Lebenslüge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne hält von der +alltäglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daß man es merkt. + +Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen +ethisch-religiösen Vornehmheit heraus den besten _Willen_ zeigen zu einem +rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das +Allerallerbeste tun möchten. Sie versäumen es aber, zu einer Empfindungsart +zu kommen, die dies wirklich ermöglicht, weil sie sich kein soziales, in +den _praktischen_ Lebensgewohnheiten sich auswirkendes Vorstellen aneignen +können. + +Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem +welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so drängend geworden +sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber für echte Lebenspraktiker +halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann von ihnen +Reden hören wie diese: Wir haben nötig, daß die Menschen sich erheben aus +dem Materialismus, aus dem äußerlich materiellen Leben, das uns in die +Weltkriegs-Katastrophe und in das Unglück hineingetrieben hat, und daß sie +sich einer geistigen Auffassung des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so +die Wege des Menschen zur Geistigkeit zeigen will, nicht müde, diejenigen +Persönlichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem +Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, daß jemand, +der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist für das +wirkliche praktische Leben so notwendig leisten muß, wie das tägliche Brot +erzeugt werden muß, darauf aufmerksam gemacht wird, daß es ja in erster +Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu +bringen. Es kommt aber gegenwärtig darauf an, daß aus der Kraft des +geistigen Lebens heraus die Richtlinien für die Gesundung des sozialen +Organismus gefunden werden. Dazu genügt nicht, daß die Menschen in einer +Seitenströmung des Lebens sich mit dem Geiste beschäftigen. Dazu ist +notwendig, daß das alltägliche Dasein geistgemäß werde. Die Neigung, für +das »geistige Leben« solche Seitenströmungen zu suchen, führte die bisher +leitenden Kreise dazu, an sozialen Zuständen Geschmack zu haben, die in die +gegenwärtigen Tatsachen ausgelaufen sind. + +Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung des +Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel, also +auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verhältnisse des Menschen zum +Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung innerhalb des sozialen +Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen Fähigkeiten führt, +zweckmäßig angewendet, dem sozialen Organismus Güter zu, an deren +Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus angehören, ein Interesse +haben. In welcher Lebenslage ein Mensch auch ist, er hat ein Interesse +daran, daß nichts von dem verloren gehe, was aus den Quellen der +Menschennatur an solchen individuellen Fähigkeiten erfließt, durch die +Güter zustande kommen, welche dem Menschenleben zweckentsprechend dienen. +Die Entwicklung dieser Fähigkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, daß ihre +menschlichen Träger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur +Wirkung bringen können. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erfließen +kann, das wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade +entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche Fähigkeiten für weite +Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten +Kapitalbesitz so zu verwalten, daß der einzelne in besonderer Richtung +begabte Mensch oder daß zu Besonderem befähigte Menschengruppen zu einer +solchen Verfügung über Kapital kommen, die lediglich aus ihrer ureigenen +Initiative entspringt, daran muß jedermann innerhalb eines sozialen +Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum +handwerklich Schaffenden muß ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos dem +eigenen Interesse dienen will, sagen: ich möchte, daß eine genügend große +Anzahl befähigter Personen oder Personengruppen völlig frei über Kapital +nicht nur verfügen können, sondern daß sie auch aus der eigenen Initiative +heraus zu dem Kapitale gelangen können; denn nur sie allein können ein +Urteil darüber haben, wie durch die Vermittlung des Kapitales ihre +individuellen Fähigkeiten dem sozialen Organismus zweckmäßig Güter erzeugen +werden. + +Es ist nicht nötig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im Laufe der +Menschheitsentwicklung zusammenhängend mit der Betätigung der menschlichen +individuellen Fähigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz aus +andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart hat sich unter dem +Einfluß der Arbeitsteilung innerhalb dieses Organismus ein solcher Besitz +entwickelt. Und von den gegenwärtigen Zuständen und deren notwendiger +Weiterentwicklung soll hier gesprochen werden. + +Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und +Eroberungsbetätigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle +menschliche Fähigkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht +gegenwärtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, daß sein Bedrückendes +nur beseitigt werden könne durch seine Verwandlung in Gemeinbesitz. Dabei +stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz an Produktionsmitteln in +seinem Entstehen verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedrückung +der besitzlosen Bevölkerung aufhöre? Wer die Frage so stellt, der richtet +dabei sein Augenmerk nicht auf die Tatsache, daß der soziale Organismus ein +fortwährend _Werdendes_, _Wachsendes_ ist. Man kann diesem Wachsenden +gegenüber nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es +durch diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den +richtigen erkannt hat? So kann man gegenüber einer Sache denken, die von +einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverändert weiter wirkt. Das +gilt nicht für den sozialen Organismus. Der verändert durch sein Leben +fortwährend dasjenige, das in ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich +beste Form geben, in der er dann bleiben soll, so untergräbt man seine +Lebensbedingungen. + +Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, daß demjenigen, welcher +der Allgemeinheit durch seine individuellen Fähigkeiten dienen kann, die +Möglichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus +nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verfügung über +Produktionsmittel gehört, da würde die Verhinderung dieser freien +Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gewöhnlich mit +Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, daß der Unternehmer zum Anreiz +seiner Tätigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht, der an den Besitz +der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier nicht geltend gemacht +werden. Denn die Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte +Meinung von einer Fortentwicklung der sozialen Verhältnisse erfließt, muß +in der Befreiung des geistigen Lebens von dem politischen und dem +wirtschaftlichen Gemeinwesen die Möglichkeit sehen, daß ein solcher Anreiz +wegfallen kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Verständnis ganz +notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verständnis werden +Anreize ganz anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der +Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich +allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an +Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie +Verfügung über solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den +Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei muß immer +im Auge behalten werden, daß man für den gegenwärtigen sozialen Organismus +nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven +Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein diejenigen, +welche der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit entsprechen. + +Auf dieser gegenwärtigen Stufe _kann_ eben die fruchtbare Betätigung der +individuellen Fähigkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verfügung +über dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo +fruchtbringend produziert werden soll, da muß diese Verfügung möglich sein, +_nicht_ weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe Vorteil bringt, +sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann, wenn sie +zweckmäßig von sozialem Verständnis getragen ist. + +Der Mensch ist gewissermaßen, wie mit der Geschicklichkeit seiner eigenen +Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft mit +andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verfügung über die +Produktionsmittel kommt gleich einer Lähmung der freien Anwendung seiner +Geschicklichkeit der Leibesglieder. + +Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler dieser +freien Verfügung. Für den sozialen Organismus kommt in Ansehung des +Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als daß der Eigentümer das +_Recht_ hat, über das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu +verfügen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander +verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind für den sozialen +Organismus: _Die freie Verfügung_ über die Kapitalgrundlage der sozialen +Produktion, und _das Rechtsverhältnis_, in das der Verfüger zu andern +Menschen tritt dadurch, daß durch sein Verfügungsrecht diese anderen +Menschen ausgeschlossen werden von der freien Betätigung durch diese +Kapitalgrundlage. + +Nicht die _ursprüngliche_ freie Verfügung führt zu sozialen Schäden, +sondern lediglich das _Fortbestehen_ des Rechtes auf diese Verfügung, wenn +die Bedingungen aufgehört haben, welche in zweckmäßiger Art individuelle +menschliche Fähigkeiten mit dieser Verfügung zusammenbinden. Wer seinen +Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Werdendes, Wachsendes +richtet, der wird das hier Angedeutete nicht mißverstehen können. Er wird +nach der Möglichkeit fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen +Seite dient, so verwaltet werden kann, daß es nicht auf der anderen Seite +schädlich wirkt. Was _lebt_, kann gar nicht in einer andern Weise +fruchtbringend eingerichtet sein als dadurch, daß im Werden das Entstandene +auch zum Nachteil führt. Und soll man an einem Werdenden selbst +mitarbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus muß, so kann die +Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung +zu verhindern, um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergräbt man die +Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein darum +handeln, daß im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn sich das +Zweckmäßige in ein Schädliches verwandelt. + +Die Möglichkeit, frei über die Kapitalgrundlage aus den individuellen +Fähigkeiten heraus zu verfügen, muß bestehen; das damit verbundene +Eigentumsrecht muß in dem Augenblicke verändert werden können, in dem es +umschlägt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In unserer +Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier angedeuteten sozialen +Forderung Rechnung trägt, teilweise durchgeführt nur für das sogenannte +geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des Schaffenden in +freies Besitztum der Allgemeinheit über. Dem liegt eine dem Wesen des +menschlichen Zusammenlebens entsprechende Vorstellungsart zugrunde. So eng +auch die Hervorbringung eines rein geistigen Gutes an die individuelle +Begabung des einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein +Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und muß in dieses im rechten +Augenblicke übergeleitet werden. Nicht anders aber steht es mit anderem +Eigentum. Daß mit dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit +produziert, das ist nur möglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann +also das Recht auf die Verfügung über ein Eigentum nicht von den Interessen +dieser Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu +finden, wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann, +sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, daß es +in der besten Weise der Gesamtheit diene. + +In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden +werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen wirken als +Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Betätigung der individuellen +Fähigkeiten gehört der geistigen Organisation an. + +Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die für _Wirklichkeiten_ +Verständnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen, Theorien, +Wünschen usw. sich ganz beherrschen läßt, die Notwendigkeit der +Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die Frage nach dem +Verhältnis der individuellen menschlichen Fähigkeiten zur Kapitalgrundlage +des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der +Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten Eigentums +an Kapital nicht zu verhindern haben, solange die individuellen Fähigkeiten +so verbunden bleiben mit der Kapitalgrundlage, daß die Verwaltung einen +Dienst bedeutet für das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird +Rechtsstaat bleiben gegenüber dem privaten Eigentum; er wird es niemals +selbst in seinen Besitz nehmen, sondern bewirken, daß es im rechten +Zeitpunkt in das Verfügungsrecht einer Person oder Personengruppe übergeht, +die wieder ein in den individuellen Verhältnissen bedingtes Verhältnis zu +dem Besitze entwickeln können. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten +wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden können. Aus dem +demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu tun hat mit +dem, was _alle Menschen_ in gleicher Art berührt, wird gewacht werden +können, daß Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht +wird. Dadurch daß dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet, sondern +sorgt für die Überleitung an die individuellen menschlichen Fähigkeiten, +werden diese ihre fruchtbare Kraft für die Gesamtheit des sozialen +Organismus entfalten. Solange es als zweckmäßig erscheint, werden durch +eine solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Verfügung über +dieselben bei dem persönlichen Elemente verbleiben können. Man kann sich +vorstellen, daß die Vertreter im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz +verschiedene Gesetze geben werden über die Überleitung des Eigentums von +einer Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich +in weiten Kreisen ein großes Mißtrauen zu allem privaten Eigentum +entwickelt hat, wird an ein radikales Überführen des privaten Eigentums in +Gemeineigentum gedacht. Würde man auf diesem Wege weit gelangen, so würde +man sehen, wie man dadurch die Lebensmöglichkeit des sozialen Organismus +unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt, würde man einen andern Weg später +einschlagen. Doch wäre es zweifellos besser, wenn man schon in der +Gegenwart zu Einrichtungen griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des +hier Angedeuteten seine Gesundheit gäben. Solange eine Person für sich +allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende +Betätigung fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht +hat, wird ihr das Verfügungsrecht verbleiben müssen über diejenige +Kapitalmasse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt, +wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet wird. +Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Persönlichkeit aufhört, die +Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine andere Person oder +Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder anderen dem sozialen +Organismus dienenden Produktion übergehen. Auch dasjenige Kapital, das aus +dem Produktionsbetrieb gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung +verwendet wird, soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als +persönliches Eigentum der den Betrieb leitenden Persönlichkeit soll nur +gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Ansprüche, die sie bei +Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen +Fähigkeit machen zu können, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß +sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei Geltendmachung derselben +Kapital erhalten hat. Hat das Kapital durch die Betätigung dieser +Persönlichkeit eine Vergrößerung erfahren, so wird in deren individuelles +Eigentum aus dieser Vergrößerung so viel übergehen, daß die Vermehrung der +ursprünglichen Bezüge der Kapitalvermehrung im Sinne eines Zinsbezuges +entspricht. -- Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet +worden ist, wird nach dem Willen der ursprünglichen Besitzer an den neuen +Verwalter mit allen übernommenen Verpflichtungen übergehen, oder an diese +zurückfließen, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen +kann oder will. + +Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechtsübertragungen zu tun. +Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche Übertragungen +stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch über die +Ausführung zu wachen und deren Verwaltung zu führen haben. Man kann sich +denken, daß im einzelnen die Bestimmungen, die eine solche +Rechtsübertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem +Rechtsbewußtsein heraus für richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart, +die wie die hier dargestellte _wirklichkeitsgemäß_ sein soll, wird niemals +mehr wollen als auf die _Richtung_ weisen, in der sich die Regelung bewegen +kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im +konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus +den besondern Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis dem Geiste der +Sache gemäß das Richtige gefunden werden müssen. Je wirklichkeitsgemäßer +eine Denkart ist, desto weniger wird sie für Einzelnes aus vorgefaßten +Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen. -- Nur wird +andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine +oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist, +daß der Rechtsstaat durch seine Verwaltung der Rechtsübertragungen selbst +niemals die Verfügung über ein Kapital wird an sich reißen dürfen. Er wird +nur dafür zu sorgen haben, daß die Übertragung an eine solche Person oder +Personengruppe geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen +Fähigkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung +heraus wird auch zunächst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten haben, +daß, wer aus den geschilderten Gründen zu einer Kapitalübertragung zu +schreiten hat, sich aus freier Wahl über seine Nachfolge in der +Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe +wählen können, oder auch das Verfügungsrecht auf eine Korporation der +geistigen Organisation übertragen können. Denn wer durch eine +Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende Dienste +geleistet hat, der wird auch über die weitere Verwendung dieses Kapitals +aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus mit sozialem Verständnis +urteilen. Und es wird für den sozialen Organismus dienlicher sein, wenn auf +dieses Urteil gebaut wird, als wenn darauf verzichtet und die Regelung von +Personen vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden +sind. + +Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen von +einer bestimmten Höhe an, die von einer Person oder einer Personengruppe +durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und Boden gehört) erworben +werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprünglich für die Betätigung +der individuellen Fähigkeiten gemachten Ansprüche persönliches Eigentum +werden. + +Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse, die +aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben bis zum Tode +des Erwerbers oder bis zu einem spätern Zeitpunkte im persönlichen Besitz +dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem Zeitpunkte wird auch +ein aus dem Rechtsbewußtsein sich ergebender, durch den Rechtsstaat +festzusetzender Zins von dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum +Schaffen von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen Ordnung, +die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene +Scheidung durchgeführt werden zwischen den Erträgnissen, die auf Grund +einer Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den +Vermögensmassen, die auf Grund der persönlichen (physischen und geistigen) +Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewußtsein und +den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart, und als +Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfügung stellt, das dient den +allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung durch +individuelle menschliche Fähigkeiten möglich. Was an Kapitalvermehrung +durch die Produktionsmittel -- nach Abzug des rechtmäßigen Zinses -- +entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen +Organismus. Es soll also auch in der geschilderten Art wieder in ihn +zurückfließen. Der Rechtsstaat wird nur eine Bestimmung darüber zu treffen +haben, _daß_ die Überleitung der in Frage kommenden Kapitalmassen in der +angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen +darüber zu treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein +übergeleitetes oder auch ein erspartes Kapital zur Verfügung zu stellen +ist. Das würde zu einer Tyrannis des Staates über die geistige und +materielle Produktion führen. Diese aber wird in der für den sozialen +Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten +geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl darüber treffen +will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital übertragen soll, frei +überlassen sein, für das Verfügungsrecht eine Korporation der geistigen +Organisation einzusetzen. + +Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Vermögen geht mit dem Zinserträgnis +nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach an eine geistig oder +materiell produzierende Person oder Personengruppe -- aber _nur_ an eine +solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur Rente würde -- +über, die durch letztwillige Anordnung von dem Erwerber zu wählen ist. Auch +dafür wird, wenn eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewählt +werden kann, die Übertragung des Verfügungsrechtes an eine Korporation des +geistigen Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine +Verfügung trifft, so wird der Rechtsstaat für ihn eintreten und durch die +geistige Organisation die Verfügung treffen lassen. + +Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der freien +Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der sozialen +Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll +entsprochen, daß die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst gestellt wird. +Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen anzuvertrauen hat, wird +bei einer solchen Regelung wissen können, daß das mit dem Leiter gemeinsam +Erarbeitete in der möglichst besten Art für den sozialen Organismus, also +auch für den Arbeiter selbst, fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale +Ordnung wird ein dem gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes +Verhältnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewußtsein geregelten +Verfügungsrechten über in Produktionsmitteln verkörpertes Kapital und +menschlicher Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides +geschaffenen Erzeugnisse andrerseits. -- Vielleicht findet mancher in dem +hier Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mögen gefunden werden. Es kommt +einer wirklichkeitsgemäßen Denkart nicht darauf an, vollkommene »Programme« +ein für alle Male zu geben, sondern darauf, die _Richtung_ zu kennzeichnen, +in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche besondere Angaben, +wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie durch ein Beispiel +die gekennzeichnete Richtung näher erläutert werden. Ein solches Beispiel +mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen Richtung geschieht, +dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden. + +Berechtigte persönliche oder Familienimpulse werden sich durch solche +Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit in +Einklang bringen lassen. Man wird gewiß darauf hinweisen können, daß die +Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nachkommen noch bei +Lebzeiten zu übertragen, sehr groß ist. Und daß man ja in solchen +Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen kann, die aber dann doch +gegenüber anderen untüchtig sind und besser durch diese anderen ersetzt +würden. Doch diese Versuchung wird in einer von den oben angedeuteten +Einrichtungen beherrschten Organisation eine möglichst geringe sein können. +Denn der Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, daß unter allen Umständen +das Eigentum, das an ein Familienmitglied von einem andern übertragen +worden ist, nach Ablauf einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden +Zeit einer Korporation der geistigen Organisation zufällt. Oder es kann in +andrer Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden. Der +Rechtsstaat wird nur dafür sorgen, _daß_ diese Überführung geschehe; wer +ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus der +geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt sein. Durch +Erfüllung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verständnis dafür +entwickeln, daß Nachkommen durch Erziehung und Unterricht für den sozialen +Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch Kapitalübertragung an +unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem +wirklich soziales Verständnis lebt, hat kein Interesse daran, daß seine +Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke bei Personen oder +Personengruppen, bei denen die individuellen Fähigkeiten eine solche +Verbindung nicht rechtfertigen. + +Niemand wird, was hier ausgeführt ist, für eine bloße Utopie halten, der +Sinn für wirklich praktisch Durchführbares hat. Denn es wird gerade auf +solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des +Lebens aus den gegenwärtigen Zuständen heraus erwachsen können. Man wird +nur zu dem Entschluß greifen müssen, innerhalb des Rechtsstaates auf die +Verwaltung des geistigen Lebens und auf das Wirtschaften allmählich zu +verzichten und sich nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich +geschieht, daß private Bildungsanstalten entstehen und daß sich das +Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergründe stellt. Man braucht die +Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen nicht von heute +zu morgen abzuschaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfängen +heraus die Möglichkeit erwachsen sehen, daß ein allmählicher Abbau des +staatlichen Bildungs- und Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber würde +notwendig sein, daß diejenigen Persönlichkeiten, welche sich mit der +Überzeugung durchdringen können von der Richtigkeit der hier dargestellten +oder ähnlicher sozialer Ideen, für deren Verbreitung sorgen. Finden solche +Ideen Verständnis, so wird dadurch _Vertrauen_ geschaffen zu einer +möglichen heilsamen Umwandlung der gegenwärtigen Zustände in solche, welche +deren Schäden nicht zeigen. _Dieses_ Vertrauen aber ist das einzige, aus +dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen können. Denn wer ein +solches Vertrauen gewinnen soll, der muß überschauen können, wie +Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende anknüpfen lassen. Und es +scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt +werden, daß sie nicht eine bessere Zukunft herbeiführen wollen durch eine +noch weitergehende Zerstörung des Gegenwärtigen, als sie schon eingetreten +ist; sondern daß die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden +weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden herbeiführt. Eine +Aufklärung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird +nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden muß: eine Weiterentwicklung, +bei welcher der Wert der bisher von den Menschen erarbeiteten Güter und der +erworbenen Fähigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird. +Auch der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen +Neugestaltung unter Wahrung der überkommenen Werte gewinnen, wenn er vor +Ideen sich gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten +können. Auch er wird einsehen müssen, daß, welche Menschenklasse auch immer +zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden Übel nicht beseitigen wird, +wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen +Organismus gesund, lebensfähig machen. Verzweifeln, weil man nicht glauben +kann, daß bei einer genügend großen Anzahl von Menschen auch in den Wirren +der Gegenwart Verständnis sich finde für solche Ideen, wenn auf ihre +Verbreitung die notwendige Energie gewandt werden kann, hieße an der +Empfänglichkeit der Menschennatur für Impulse des Gesunden und +Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte _diese_ Frage, ob man daran +verzweifeln müsse, gar nicht gestellt werden, sondern _nur die_ andere: was +man tun solle, um die Aufklärung über vertrauenerweckende Ideen so +kraftvoll als möglich zu machen. + +Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zunächst +entgegenstehen, daß die Denkgewohnheiten des gegenwärtigen Zeitalters aus +zwei Untergründen heraus mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder +wird man in irgend einer Form einwenden, man könne sich nicht vorstellen, +daß ein Auseinanderreißen des einheitlichen sozialen Lebens möglich sei, da +doch die drei gekennzeichneten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit +überall zusammenhängen; oder man wird finden, daß auch im Einheitsstaate +die notwendige selbständige Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht +werden könne, und daß eigentlich mit dem hier Dargestellten ein +Ideengespinst gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht berühre. Der erste +Einwand beruht darauf, daß von einem _unwirklichen_ Denken ausgegangen +wird. Daß geglaubt wird, die Menschen könnten in einer Gemeinschaft nur +eine Einheit des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst +in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird von der +Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit muß als das _Ergebnis_ entstehen; +die von verschiedenen Richtungen her zusammenströmenden Betätigungen müssen +_zuletzt_ eine Einheit bewirken. _Dieser_ wirklichkeitsgemäßen Idee lief +die Entwicklung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte sich, was in den +Menschen lebte, gegen die von außen in das Leben gebrachte »Ordnung« und +führte zu der gegenwärtigen sozialen Lage. -- Das zweite Vorurteil geht +hervor aus dem Unvermögen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei +Glieder des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der +Mensch zu jedem der drei Glieder ein _besonderes_ Verhältnis hat, das in +seiner Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein für +sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von den +beiden andern, dieses Verhältnis ausgestalten kann, um mit ihnen +zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische, +meinte: entweder die Menschen machen Regierungsmaßregeln über das +wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung dieses Lebens +widerstreben; dann seien solche Maßregeln schädlich. Oder die _Gesetze_ +laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben von selbst +läuft, wenn es sich frei überlassen bleibt; dann seien sie überflüssig. Als +Schulmeinung ist diese Anschauung überwunden; als Denkgewohnheit spukt sie +aber überall noch verheerend in den Menschenköpfen. Man meint, wenn ein +Lebensgebiet seinen Gesetzen folgt, dann müsse aus diesem Gebiete _alles_ +für das Leben Notwendige sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das +Wirtschaftsleben in einer solchen Art geregelt werde, daß die Menschen die +Regelung als eine sie befriedigende empfinden, dann müsse auch das Rechts- +und Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben. +Doch dieses ist nicht möglich. Und nur ein Denken, das der Wirklichkeit +fremd gegenübersteht, kann glauben, daß es möglich sei. Im Kreislauf des +Wirtschaftslebens ist _nichts_ vorhanden, das von sich aus einen Antrieb +enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem Rechtsbewußtsein über das +Verhältnis von Mensch zu Mensch erfließt. Und will man _dieses_ Verhältnis +aus den wirtschaftlichen Antrieben herausordnen, so wird man den Menschen +mit seiner Arbeit und mit der Verfügung über die Arbeitsmittel in das +Wirtschaftsleben einspannen. Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das +wie ein Mechanismus wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz, +fortwährend in einer Richtung sich zu bewegen, in die von einer andern +Seite her eingegriffen werden muß. Nicht, _wenn_ die Rechtsmaßnahmen in der +Richtung verlaufen, die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut, +oder wenn sie ihr zuwiderlaufen, sind sie schädlich; sondern, wenn die +Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben läuft, fortwährend beeinflußt +wird von den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird +dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenwürdiges Dasein führen können. +Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben die +individuellen Fähigkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen und dem +Wirtschaften die Kräfte immer wieder neu zuführen, die aus ihm selbst sich +nicht erzeugen _können_, wird auch das Wirtschaften in einer den Menschen +gedeihlichen Art sich entwickeln können. + +Es ist merkwürdig: auf dem Gebiete des rein äußerlichen Lebens sieht man +leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht, daß der +Schneider sich seine Kuh züchten solle, die ihn mit Milch versorgt. Für die +umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man, daß die +Einheitsordnung das allein Ersprießliche sein müsse. + + * * * * * + +Daß Einwände gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden sozialen +Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben müssen, ist selbstverständlich. +Denn das wirkliche Leben erzeugt Widersprüche. Und wer diesem Leben gemäß +denkt, der muß Einrichtungen verwirklichen wollen, deren Lebenswidersprüche +durch andere Einrichtungen ausgeglichen werden. Er _darf nicht_ glauben: +eine Einrichtung, die sich vor seinem Denken als »ideal gut« ausweist, +werde, wenn sie verwirklicht wird, auch widerspruchslos sich gestalten. -- +Es ist eine durchaus berechtigte Forderung des gegenwärtigen Sozialismus, +daß die neuzeitlichen Einrichtungen, in denen produziert wird um des +Profitierens des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen +produziert wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige, +welcher diese Forderung _voll_ anerkennt, wird nicht zu der Schlußfolgerung +dieses neueren Sozialismus kommen können: also müssen die Produktionsmittel +aus dem Privateigentum in Gemeineigentum übergehen. Er wird vielmehr die +ganz andere Schlußfolgerung anerkennen müssen: also muß, was privat auf +Grund der individuellen Tüchtigkeiten produziert wird, durch die rechten +Wege der Allgemeinheit zugeführt werden. Der wirtschaftliche Impuls der +neueren Zeit ging dahin, durch die Menge des Gütererzeugens Einnahmen zu +schaffen; die Zukunft wird danach streben müssen, durch Assoziationen aus +der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und die Wege von +dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die Rechtseinrichtungen +werden dafür sorgen, daß ein Produktionsbetrieb nur so lange mit einer +Person oder Personengruppe verbunden bleibt, als sich diese Verbindung aus +den individuellen Fähigkeiten dieser Personen heraus rechtfertigt. Statt +dem _Gemeineigentum_ der Produktionsmittel wird im sozialen Organismus ein +_Kreislauf_ dieser Mittel eintreten, der sie immer von neuem zu denjenigen +Personen bringt, deren individuelle Fähigkeiten sie in der möglichst besten +Art der Gemeinschaft nutzbar machen können. Auf diese Art wird zeitweilig +diejenige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Produktionsmittel +hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn der +Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den +Produktionsmitteln verdanken, daß ihre Fähigkeiten ihnen ein ihren +Ansprüchen gemäßes Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen, die +Produktion zu einer möglichst vollkommenen zu machen, denn die Steigerung +dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen Profit, aber doch +einen Teil des Erträgnisses. Der Profit fließt ja doch nur im Sinne des +oben Ausgeführten der Allgemeinheit bis zu dem Grade zu, der sich ergibt +nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten zugute kommt wegen der +Steigerung der Produktion. Und es liegt eigentlich schon im Geiste des hier +Dargestellten, daß, wenn die Produktion zurückgeht, sich das Einkommen des +Produzenten in demselben Maße zu verringern habe, wie es sich steigert bei +der Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der geistigen +Leistung des Leitenden fließen, nicht aus einem solchen Profit, welcher auf +Verhältnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines Unternehmers, +sondern in dem Zusammenwirken der Kräfte des Gemeinlebens ihre Grundlage +haben. + +Man wird sehen können, daß durch Verwirklichung solcher sozialer Ideen, wie +sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenwärtig bestehen, eine +völlig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum hört auf, dasjenige zu +sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurückgeführt zu +einer überwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen würde, +sondern es wird fortgeführt zu etwas völlig Neuem. Die Gegenstände des +Eigentums werden in den Fluß des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne +kann sie nicht aus seinem Privatinteresse heraus zum Schaden der +Allgemeinheit verwalten; aber auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum +Schaden der einzelnen bureaukratisch verwalten können; sondern der +geeignete einzelne wird zu ihnen den Zugang finden, um durch sie der +Allgemeinheit dienen zu können. + +Ein Sinn für das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung +solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine gesunde +Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren +bewahren. -- Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat mit dem +Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen führen können, die etwa aus +diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben. Sollte, zum Beispiel, +ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern ihre +Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem Bedürfnis +entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben nach freier +Übereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen das Fehlende +zugeschossen werden können. Ein in sich abgeschlossener +Wirtschaftskreislauf, der von außen die Rechtsgrundlage erhält und den +fortdauernden Zufluß der zutage tretenden individuellen +Menschenfähigkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun +haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer Güterverteilung sein können, +die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der Gemeinschaft +gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr Einkommen haben wird +als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein, weil das »Mehr« wegen +seiner individuellen Fähigkeiten der Allgemeinheit zugute kommt. + + * * * * * + +Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten +Vorstellungsart sich gestaltet, wird durch eine Übereinkunft zwischen den +Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die Abgaben regeln +können, welche für das Rechtsleben notwendig sind. Und alles, was zum +Unterhalte der geistigen Organisation nötig ist, wird dieser zufließen +durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung von seiten +der Einzelpersonen, die am sozialen Organismus beteiligt sind. Diese +geistige Organisation wird ihre gesunde Grundlage durch die in freier +Konkurrenz sich geltend machende individuelle Initiative der zur geistigen +Arbeit fähigen Einzelpersonen haben. + +Aber _nur_ in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die Verwaltung +des Rechtes das notwendige Verständnis finden für eine gerechte +Güterverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den Bedürfnissen +der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen in Anspruch nimmt, +sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm das Recht möglich macht, +wird den Wert der Güter nach dem bestimmen, was ihm die Menschen leisten. +Er wird nicht die Menschen leisten lassen, was durch den unabhängig von +Menschenwohlfahrt und Menschenwürde zustande gekommenen Güterwert bestimmt +ist. Ein solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen +Verhältnissen sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung haben; +der Familienvater wird als Arbeiter ein höheres Einkommen haben können als +der Einzelnstehende. Das »Mehr« wird ihm zufließen durch Einrichtungen, die +durch Übereinkommen aller drei sozialen Organisationen begründet werden. +Solche Einrichtungen können dem Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen, +daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen die Verwaltung der +wirtschaftlichen Organisation die mögliche Höhe des Erziehungseinkommens +bemißt und der Rechtsstaat die Rechte des einzelnen festsetzt nach den +Gutachten der geistigen Organisation. Wieder liegt es in der Art eines +wirklichkeitsgemäßen Denkens, daß mit einer solchen Angabe nur wie durch +ein Beispiel _die Richtung_ bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen +bewirkt werden können. Es wäre möglich, daß für das einzelne ganz anders +geartete Einrichtungen als richtig befunden würden. Aber dieses »Richtige« +wird sich nur finden lassen durch das zielgemäße Zusammenwirken der drei in +sich selbständigen Glieder des sozialen Organismus. Hier, für diese +Darstellung, möchte im Gegensatz zu vielem, was in der Gegenwart für +praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr zugrunde liegende +Denkart das wirklich Praktische finden, nämlich eine solche Gliederung des +sozialen Organismus, die bewirkt, daß die Menschen in dieser Gliederung das +sozial Zweckmäßige veranlassen. + +Wie Kindern das _Recht_ auf Erziehung, so steht Altgewordenen, Invaliden, +Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu, zu dem die +Kapitalgrundlage in einer ähnlichen Art dem Kreislauf des sozialen +Organismus zufließen muß wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag für die +Erziehung der noch nicht selbst Leistungsfähigen. Das Wesentliche bei all +diesem ist, daß die Feststellung desjenigen, was ein nicht selbst +Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem Wirtschaftsleben sich +ergeben soll, sondern daß umgekehrt das Wirtschaftsleben abhängig wird von +dem, was in dieser Beziehung aus dem Rechtsbewußtsein sich ergibt. Die in +einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden werden von dem durch ihre Arbeit +geleisteten um so weniger haben, je mehr für die nicht Verdienenden +abfließen muß. Aber das »Weniger« wird von allen am sozialen Organismus +Beteiligten gleichmäßig getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse +ihre Verwirklichung finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben +abgesonderten Rechtsstaat wird, was eine allgemeine Angelegenheit der +Menschheit ist, Erziehung und Unterhalt nicht Arbeitsfähiger, auch wirklich +zu einer solchen Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der +Rechtsorganisation wirkt dasjenige, worinnen _alle mündig gewordenen +Menschen_ mitzusprechen haben. + +Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart +entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund seiner +individuellen Fähigkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit +überführen, wie er für die Minderleistung der weniger Befähigten den +berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: »Mehrwert« +wird nicht geschaffen werden für den unberechtigten Genuß des einzelnen, +sondern zur Erhöhung dessen, was dem sozialen Organismus seelische oder +materielle Güter zuführen kann; und zur Pflege desjenigen, was innerhalb +dieses Organismus aus dessen Schoß heraus entsteht, ohne daß es ihm +unmittelbar dienen kann. + +Wer der Ansicht zuneigt, daß die Auseinanderhaltung der drei Glieder des +sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und daß sie sich auch +beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer das +Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln +beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft »von selbst« ergebe, der sollte +seinen Blick auf die besondere Art von sozialen Einrichtungen lenken, die +sich ergeben müssen, wenn die Dreigliederung verwirklicht wird. Da wird, +zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung das Geld als gesetzliches +Zahlungsmittel anzuerkennen haben, sondern diese Anerkennung wird auf den +Maßnahmen beruhen, welche von den Verwaltungskörpern der +Wirtschaftsorganisation ausgehen. Denn Geld kann im gesunden sozialen +Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern +erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb +beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben +hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche +Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze +Wirtschaftsleben für jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man es +nur mit Warenwerten zu tun. Für dieses Gebiet nehmen auch die _Leistungen_, +die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation heraus, +den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen Schülern leistet, ist für +den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen +Fähigkeiten ebensowenig bezahlt wie dem Arbeiter seine Arbeitskraft. +Bezahlt _kann_ beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im +Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann. Wie die freie Initiative, +wie das Recht wirken sollen, damit die Ware zustande komme, das liegt +ebenso _außerhalb_ des Wirtschaftskreislaufes wie die Wirkung der +Naturkräfte auf das Kornerträgnis in einem segensreichen oder einem magern +Jahr. Für den Wirtschaftskreislauf sind die geistige Organisation bezüglich +dessen, was sie beansprucht als wirtschaftliches Erträgnis, _und auch der +Staat_ einzelne Warenproduzenten. Nur ist, was sie produzieren, innerhalb +ihres eigenen Gebietes nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von +dem Wirtschaftskreislauf aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren +eigenen Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die +Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. + +Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten), insofern +er sich ausdrückt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt, wird von +der Zweckmäßigkeit abhängen, mit der sich innerhalb des +Wirtschaftsorganismus die _Verwaltung_ der Wirtschaft ausgestaltet. Von den +Maßnahmen dieser Verwaltung wird es abhängen, inwiefern auf der geistigen +und rechtlichen Grundlage, welche von den andern Gliedern des sozialen +Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche Fruchtbarkeit sich +entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird dann der Ausdruck dafür sein, +daß diese Ware in der den Bedürfnissen entsprechenden Menge durch die +Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus erzeugt wird. Würden die in dieser +Schrift dargelegten Voraussetzungen verwirklicht, so wird im +Wirtschaftsorganismus nicht der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch +die bloße Menge der Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird +durch die entstehenden und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden +Genossenschaften die Gütererzeugung sich den Bedürfnissen anpassen. Dadurch +wird das diesen Bedürfnissen entsprechende Verhältnis zwischen dem Geldwert +und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt[7]. +Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser sein; +denn hinter jedem Geldstück oder Geldschein steht die Warenleistung, auf +welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde gekommen sein kann. Es +werden sich aus der Natur der Verhältnisse heraus Einrichtungen notwendig +machen, welche dem Gelde für den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die +eben gekennzeichnete Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist +schon hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in +geeigneter Form an die Allgemeinheit über. Und damit Geld, das nicht in +Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der Maßnahmen der +Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurückbehalten werde, kann Umprägung +oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. Aus solchen Verhältnissen +heraus wird sich allerdings auch ergeben, daß der Zinsbezug von einem +Kapitale im Laufe der Jahre sich immer verringere. Das Geld wird sich +abnützen, wie sich Waren abnützen. Doch wird eine solche vom Staate zu +treffende Maßnahme gerecht sein. »Zins auf Zins« wird es nicht geben +können. Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die +ihm auf spätere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie +gegenwärtige Leistungen auf den Eintausch gegenwärtiger Gegenleistungen; +aber die Ansprüche können nur bis zu einer gewissen Grenze gehen; denn aus +der Vergangenheit herrührende Ansprüche können nur durch Arbeitsleistungen +der Gegenwart befriedigt werden. Solche Ansprüche dürfen nicht zu einem +wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. Durch die Verwirklichung solcher +Voraussetzungen wird die _Währungsfrage_ auf eine gesunde Grundlage +gestellt. Denn gleichgültig wie aus andern Verhältnissen heraus die +_Geldform_ sich gestaltet: _Währung_ wird die vernünftige Einrichtung des +gesamten Wirtschaftsorganismus durch dessen Verwaltung. Die Währungsfrage +wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch _Gesetze_ lösen; +gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die +Lösung verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden +Wirtschaftsorganismus überlassen. + + [7] Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art + zustande kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen + Organismus, wird sich als Ergebnis für das Wirtschaftsleben ein gesundes + Preisverhältnis der erzeugten Güter einstellen. Dieses muß so sein, daß + jeder Arbeitende für ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erhält, als zur + Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse bei ihm und den zu ihm gehörenden + Personen nötig ist, bis er ein Erzeugnis der gleichen Arbeit wieder + hervorgebracht hat. Ein solches Preisverhältnis kann nicht durch + amtliche Feststellung erfolgen, sondern es muß sich _als Resultat + ergeben_ aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus + tätigen Assoziationen. Aber es _wird_ sich einstellen, wenn das + Zusammenwirken auf dem gesunden Zusammenwirken der drei + Organisationsglieder beruht. Es muß mit derselben Sicherheit sich + ergeben, wie eine haltbare Brücke sich ergeben muß, wenn sie nach + rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist. Man kann + natürlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben folge + nicht so seinen Gesetzen wie eine Brücke. Es wird aber niemand einen + solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung + dieses Buches dem sozialen Leben eben _lebendige_ und nicht + mathematische Gesetze zugrunde liegend gedacht werden. + + * * * * * + +Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren Wirkung als +Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.; aber man +berücksichtigt wenig, wie sie das Verhältnis des einzelnen Menschen zu +seiner Arbeits_leistung_ beeinflußt. Wer in einem auf Arbeitsteilung +eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der _erwirbt_ eigentlich +niemals sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit +_aller_ am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum +Eigengebrauch einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe +Verhältnis wie ein Mensch, der in primitiven Zuständen noch alles zu seinem +Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. Er macht sich den Rock, +um für andere Kleider machen zu können; und der _Wert_ des Rockes für ihn +hängt _ganz_ von den Leistungen der andern ab. Der Rock ist eigentlich +Produktionsmittel. Mancher wird sagen, das sei eine Begriffsspalterei. +Sobald er auf die _Wertbildung_ der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht, +wird er diese Meinung nicht mehr haben können. Dann wird er sehen, daß man +in einem Wirtschaftsorganismus, der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht +für sich arbeiten kann. Man kann nur für andere arbeiten, und andere für +sich arbeiten lassen. Man kann ebensowenig für sich arbeiten, wie man sich +selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche dem +Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die +Gütererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als +Eigentum zu überliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen +Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drängt den +sozialen Organismus dazu, daß der einzelne Mensch in ihm lebt nach den +Verhältnissen des Gesamtorganismus; sie schließt _wirtschaftlich_ den +Egoismus aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von +Klassenvorrechten und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer +Zustand, der zu Erschütterungen des sozialen Organismus führt. In solchen +Zuständen leben wir gegenwärtig. Es mag manchen geben, der nichts davon +hält, wenn man fordert, die Rechtsverhältnisse und anderes müssen sich nach +dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein solcher möge +dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen. Diese wäre: man +könne überhaupt nichts tun; die soziale Bewegung könne zu nichts führen. +Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprießliches nicht tun, +wenn man _der Wirklichkeit_ nicht ihr Recht geben will. Die Denkungsart, +aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben ist, will, was der +Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach dem einrichten, +was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt. + + * * * * * + +Wer seine Begriffe nur nach den eingewöhnten Einrichtungen bilden kann, der +wird ängstlich werden, wenn er davon vernimmt, daß das Verhältnis des +Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgelöst werden solle von dem +Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, daß eine solche Loslösung +notwendig zur Geldentwertung und zur Rückkehr in primitive +Wirtschaftsverhältnisse führe. (Dr. Rathenau äußert in seiner Schrift »Nach +der Flut« solche Meinungen, die von _seinem_ Standpunkt aus berechtigt +erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung des sozialen +Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich selbst gestellte +Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus sondert die +Geldverhältnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten +Arbeitsverhältnissen. Die Rechtsverhältnisse werden nicht unmittelbar auf +die Geldverhältnisse einen Einfluß haben können. Denn die letzteren sind +Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das Rechtsverhältnis +zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar nicht in dem Geldwert +zum Ausdruck kommen können, denn dieser ist nach Beseitigung des Lohnes, +der ein Tauschverhältnis von Ware und Arbeitskraft darstellt, lediglich der +Maßstab für den gegenseitigen Wert der Waren (und Leistungen). -- Aus der +Betrachtung der _Wirkungen_, welche die Dreigliederung für den sozialen +Organismus hat, muß man die Überzeugung gewinnen, daß sie zu Einrichtungen +führen werde, die in den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind. + +Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden können, +was gegenwärtig als _Klassenkampf_ empfunden wird. Denn dieser Kampf beruht +auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den Wirtschaftskreislauf. Diese +Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus dar, in dem der Begriff +des _Arbeitslohnes_ ebenso eine Umformung erfährt wie der alte +_Eigentumsbegriff_. Aber durch diese Umformung wird ein _lebensfähiger_ +sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen. -- Nur eine leichtfertige +Beurteilung wird finden können, daß mit der Verwirklichung des hier +Dargestellten nichts weiter getan sei, als daß der Arbeitszeitlohn in +Stücklohn verwandelt werde. Mag sein, daß eine einseitige Ansicht von der +Sache zu diesem Urteil führt. Aber _hier_ ist diese einseitige Ansicht +nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Ablösung des +Entlohnungsverhältnisses durch das vertragsgemäße Teilungsverhältnis in +bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete _in +Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus_ ins Auge +gefaßt. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungserträgnisses als +Stücklohn erscheint, der wird nicht gewahr, daß _dieser_ »Stücklohn« (der +aber eigentlich kein »Lohn« ist) sich im _Werte_ des Geleisteten in einer +Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche Lebenslage des +Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen Organismus in ein ganz anderes +Verhältnis bringt, als dasjenige ist, das aus der einseitig wirtschaftlich +bedingten Klassenherrschaft entstanden ist. Die Forderung nach Austilgung +des Klassenkampfes wird damit befriedigt. -- Und wer sich zu der namentlich +auch in sozialistischen Kreisen zu hörenden Meinung bekennt: die +_Entwicklung_ selbst müsse die Lösung der sozialen Frage bringen, man könne +nicht Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem muß +erwidert werden: gewiß wird die Entwicklung das Notwendige bringen müssen; +aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen +_Wirklichkeiten_. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird und +das _verwirklicht_ sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann wird +eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und diejenigen, +welche »nur von der Entwicklung« und nicht von der Erbringung fruchtbarer +Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen müssen mit ihrem Urteil bis +dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung sein wird. Doch wird es eben +dann _zu spät_ sein zum Vollbringen gewisser Dinge, die von den _heutigen_ +Tatsachen schon gefordert werden. Im sozialen Organismus ist es nicht +möglich, die Entwicklung _objektiv_ zu betrachten wie in der Natur. Man muß +die Entwicklung _bewirken_. Deshalb ist es für ein gesundes soziales Denken +verhängnisvoll, daß ihm gegenwärtig Ansichten gegenüberstehen, die, was +sozial notwendig ist, so »beweisen« wollen, wie man in der +Naturwissenschaft »beweist«. Ein »Beweis« in sozialer Lebensauffassung kann +sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung _das_ aufnehmen kann, was +nicht nur im _Bestehenden_ liegt, sondern _dasjenige_, was in den +Menschenimpulsen -- von ihnen oft unbemerkt -- keimhaft ist und sich +verwirklichen will. + + * * * * * + +Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen +Organismus ihre Begründung im Wesenhaften des menschlichen +Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Loslösung der +richterlichen Tätigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren +wird es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder +Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst aber liegen +in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus gebildet sind. +Diese Urteilsfindung ist in hohem Maße abhängig von der Möglichkeit, daß +der Richtende Sinn und Verständnis habe für die individuelle Lage eines zu +Richtenden. Solcher Sinn und solches Verständnis werden nur vorhanden sein, +wenn dieselben Vertrauensbande, durch welche die Menschen zu den +Einrichtungen der geistigen Organisation sich hingezogen fühlen, auch +maßgebend sind für die Einsetzung der Gerichte. Es ist möglich, daß die +Verwaltung der geistigen Organisation die Richter aufstellt, die aus den +verschiedensten geistigen Berufsklassen heraus genommen sein können, und +die auch nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe +zurückkehren. In gewissen Grenzen hat dann jeder Mensch die Möglichkeit, +sich die Persönlichkeit unter den Aufgestellten für fünf oder zehn Jahre zu +wählen, zu der er so viel Vertrauen hat, daß er in dieser Zeit, wenn es +dazu kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder +strafrechtlichen Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes +Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, daß diese Wahl eine +Bedeutung haben wird. Ein Kläger hat sich dann stets an den für einen +Angeklagten zuständigen Richter zu wenden. -- Man bedenke, was eine solche +Einrichtung in den österreichisch-ungarischen Gegenden für eine +einschneidende Bedeutung gehabt hätte. In gemischtsprachigen Gegenden hätte +der Angehörige einer jeden Nationalität sich einen Richter seines Volkes +erwählen können. Wer die österreichischen Verhältnisse kennt, der kann auch +wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben der Nationalitäten eine solche +Einrichtung hätte beitragen können. -- Aber außer der Nationalität gibt es +weite Lebensgebiete, für deren gesunde Entfaltung eine solche Einrichtung +im gedeihlichen Sinne wirken kann. -- Für die engere Gesetzeskenntnis +werden den in der geschilderten Art bestellten Richtern und Gerichtshöfen +Beamte zur Seite stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen +Organismus zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben. +Ebenso werden Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden +sein. Es wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die +Verwirklichung solcher Voraussetzungen abspielt, daß ein Richter den +Lebensgewohnheiten und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen +kann, daß er durch sein außerhalb des Richteramtes -- dem er nur eine +Zeitlang vorstehen wird -- liegendes Leben mit den Lebenskreisen der zu +Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus überall in +seinen Einrichtungen das soziale Verständnis der an seinem Leben +beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen +Tätigkeit. Die Urteilsvollstreckung fällt dem Rechtsstaate zu. + + * * * * * + +Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier Dargestellten +für andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig machen, brauchen +vorläufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese Schilderung würde +selbstverständlich einen nicht zu begrenzenden Raum einnehmen. + +Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß +es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich _nicht_, wie mancher meinen +könnte -- und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das +Dargestellte mündlich vorgetragen habe --, um eine Erneuerung der drei +Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand handelt. Das Gegenteil dieser +Ständegliederung wird angestrebt. Die Menschen werden weder in Klassen noch +in Stände _sozial_ eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus +selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft +Mensch sein können. Denn die Gliederung wird eine solche sein, daß er mit +seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des +sozialen Organismus, in dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit +sachlichem Interesse stehen; und zu den andern wird er lebensvolle +Beziehungen haben, denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem +Verhältnisse stehen, das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird +der vom Menschen abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale +Organismus sein; jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei +Glieder sein. + + + + +IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen + + +Die innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch die +internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete wird +sein selbständiges Verhältnis zu den entsprechenden Gebieten der +andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des +einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen, +ohne daß die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren +Einfluß haben[8]. Und umgekehrt, die Verhältnisse der Rechtsstaaten +werden sich innerhalb gewisser Grenzen in völliger Unabhängigkeit von +den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch diese Unabhängigkeit +im _Entstehen_ der Beziehungen werden diese in Konfliktfällen +ausgleichend aufeinander wirken können. Interessenzusammenhänge der +einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, welche die +Landesgrenzen als unbeträchtlich für das Zusammenleben der Menschen +erscheinen lassen werden. -- Die geistigen Organisationen der +einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten +können, die _nur_ aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit +selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhängige, auf sich gestellte +Geistesleben wird Verhältnisse ausbilden, die dann unmöglich sind, +wenn die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung +eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhängt. In +dieser Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den +Leistungen der ganz offenbar internationalen Wissenschaft und +denjenigen anderer geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja +auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in +unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein +selbst gehört in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen +mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich +nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation +oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur +gegenüber einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige +Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie +wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen +zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind. + + [8] Wer dagegen einwendet, daß die Rechts- und Wirtschaftsverhältnisse + doch in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt + werden können, der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten + Gliederung ankommt. Im _gesamten_ Verkehrsprozeß wirken die beiderlei + Verhältnisse selbstverständlich als ein Ganzes. Aber es ist etwas + anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus + gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen heraus + gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr + zusammenwirken läßt. + +Gegenwärtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch der +schärfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhänge +erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und Volkskulturen sich +entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen müssen an dem Ziel, +das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit die Menschheit als +Ganzes immer bewußter wird setzen müssen. Diese Menschheit wird empfinden, +daß ein jeder ihrer Teile zu einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein nur +kommen kann, wenn er sich lebenskräftig mit allen anderen Teilen verbindet. +Volkszusammenhänge sind neben anderen naturgemäßen Impulsen die Ursachen, +durch die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich +gebildet haben. Aber die Kräfte, durch welche die Volkstümer wachsen, +müssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt ist durch +die Beziehungen, welche die Staatskörper und Wirtschaftsgenossenschaften +zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die Volksgemeinschaften die +innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen so durchführen, daß jedes +der Glieder seine selbständigen Beziehungen zu anderen sozialen Organismen +entfalten kann. + +Dadurch bilden sich _vielgestaltige_ Zusammenhänge zwischen Völkern, +Staaten und Wirtschaftskörpern, die jeden Teil der Menschheit mit anderen +Teilen so verbinden, daß der eine in seinen eigenen Interessen das Leben +der andern mitempfindet. Ein Völkerbund _entsteht_ aus wirklichkeitsgemäßen +Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen Rechtsanschauungen +»eingesetzt« werden müssen[9]. + + [9] Wer in solchen Dingen »Utopien« sieht, der beachtet nicht, daß _in + Wahrheit_ die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm für + utopistisch gehaltenen Einrichtungen hinstrebt, und daß die Schäden + dieser Wirklichkeit gerade davon kommen, daß diese Einrichtungen nicht + da sind. + +Von besonderer Bedeutung muß einem wirklichkeitsgemäßen Denken erscheinen, +daß die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus zwar ihre +Geltung haben für die gesamte Menschheit, daß sie aber von _jedem +einzelnen_ sozialen Organismus verwirklicht werden können, gleichgültig, +wie sich andere Länder zu dieser Verwirklichung vorläufig verhalten. +Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgemäßen drei Gebiete, so +können die Vertretungen derselben als einheitliche Körperschaft mit anderen +in internationale Beziehungen treten, auch wenn diese anderen für sich die +Gliederung noch nicht vorgenommen haben. Wer mit dieser Gliederung +vorangeht, der wird für ein gemeinschaftliches Menschheitsziel wirken. Was +getan werden soll, wird sich durchsetzen viel mehr durch die Kraft, welche +ein in wirklichen Menschheitsimpulsen wurzelndes Ziel _im Leben_ erweist, +als durch eine Feststellung auf Kongressen und aus Verabredungen heraus. +Auf einer Wirklichkeitsgrundlage ist dieses Ziel _gedacht_; im wirklichen +Leben, an jedem Punkte der Menschengemeinschaften läßt es sich erstreben. + +Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgänge im Leben der Völker und Staaten +von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige dieser Darstellung +ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich gewordenen Staatengebilde +mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben sich +in internationale Beziehungen brachten, die zu einer Katastrophe drängten. +Ebenso aber konnte ein solcher auch sehen, wie die Gegenkräfte aus +unbewußten Menschheitsimpulsen heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird +das Heilmittel gegen die Erschütterungen sein, welche der +Einheitsfanatismus bewirkt hat. Aber das Leben der »maßgebenden +Menschheitsleiter« war nicht darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit +langem vorbereitete. Im Frühling und Frühsommer 1914 konnte man noch +»Staatsmänner« davon sprechen hören, daß der Friede Europas dank der +Bemühungen der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei. +Diese »Staatsmänner« hatten eben keine Ahnung davon, daß, was sie taten und +redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr zu tun hatte. +Aber sie galten als die »Praktiker«. Und als »Schwärmer« galt damals wohl, +wer entgegen den Anschauungen der »Staatsmänner« Anschauungen durch die +letzten Jahrzehnte hindurch sich ausbildete, wie sie der Schreiber dieser +Ausführungen, monatelang vor der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor +einem kleinen Zuhörerkreise aussprach. (Vor einem größeren wäre er wohl +verlacht worden.) Er sagte über das, was drohte, ungefähr das Folgende: +»Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker +werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut +derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie überall +furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die +große Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut. +Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn +man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die +Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu +bringen müßte, von dem Heilmittel so zu sprechen, daß man Worte darüber der +Welt gleichsam _entgegen_schreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich +so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden +der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was _Krebsbildungen_ +im menschlichen natürlichen Organismus sind.« Aber die Lebensanschauung +herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den sie +nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Maßnahmen führten, die +hätten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet waren, +Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander zu +begründen. -- Wer glaubt, daß unter den unmittelbaren Ursachen der +gegenwärtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten keine +Rolle gespielt haben, der sollte sich überlegen, was aus den politischen +Impulsen der in den Krieg drängenden Staaten dann geworden wäre, wenn die +»Staatsmänner« in den Inhalt ihres Wollens diese sozialen Notwendigkeiten +aufgenommen hätten. Und was unterblieben wäre, wenn man durch solchen +Willensinhalt etwas anderes zu tun gehabt hätte als die Zündstoffe zu +schaffen, die dann die Explosion bringen mußten. Wenn man in den letzten +Jahrzehnten das schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als +Folge des sozialen Lebens der führenden Teile der Menschheit ins Auge +faßte, so konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen +Geistinteressen stehende Persönlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen +das soziale Wollen in diesen führenden Teilen annahm, schon 1888 sagen +mußte: »Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu +einem Reiche von Brüdern zu machen, die, nur den edelsten Beweggründen +nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die Geschichte nur auf der +Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner +Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen«, aber nur der Gedanke, daß ein +»Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens« gefunden werden müsse, +kann den Sinn für Menschenwürde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist +ein solcher, »der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen +unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber +glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein +sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und +einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.« (So Hermann Grimm +1888 auf S. 46 seines Buches: »Aus den letzten fünf Jahren«.) Was waren die +»Kriegerischen Rüstungen« anderes als Maßnahmen solcher Menschen, welche +Staatsgebilde in einer Einheitsform aufrechterhalten wollten, trotzdem +diese Form durch die Entwicklung der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden +Zusammenlebens der Völker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes +Zusammenleben aber könnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen +Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit heraus +gestaltet ist. + +Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als einem +halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in +einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer +Form, für deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete +Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische Konflikt, der +am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgültigste +Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem +gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften für das +Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß das auf sich +selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhängige +Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber in einer Art hätte entwickeln +können, die mit den Zielen der Völker im Einklange gewesen wäre, dann hätte +der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen +Katastrophe entladen müssen. Eine dahin zielende Entwicklung erschien +allen, die in Österreich-Ungarn sich einbildeten, »staatsmännisch« zu +denken, als eine volle Unmöglichkeit, wohl gar als der reine Unsinn. Deren +Denkgewohnheiten ließen nichts anderes zu als die Vorstellung, daß die +Staatsgrenzen mit den Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten +zusammenfallen. Verstehen, daß über die Staatsgrenzen hinweg sich geistige +Organisationen bilden können, die das Schulwesen, die andere Zweige des +Geisteslebens umfassen, das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und +dennoch: dieses »Undenkbare« ist die Forderung der neueren Zeit für das +internationale Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar +Unmöglichen hängen bleiben und glauben, daß Einrichtungen im Sinne dieser +Forderung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen; sondern er muß sein +Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Statt +das »staatsmännische« Denken in eine Richtung zu bringen, welche den +neuzeitlichen Forderungen entsprochen hätte, war man bestrebt, +Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat gegen diese Forderungen +aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde dadurch immer mehr zu einem +unmöglichen Gebilde. Und im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts +stand er davor, für seine Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun +zu können und die Auflösung zu erwarten, oder das innerlich Unmögliche +äußerlich durch die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Maßnahmen +des Krieges begründen ließ. Es gab 1914 für die österreichisch-ungarischen +»Staatsmänner« nichts anderes als dieses: entweder sie mußten ihre +Intentionen in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen +Organismus lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues +Vertrauen hätte erwecken können, mitteilen, oder sie _mußten_ einen Krieg +entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen Untergründen +heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird über die Schuldfrage gerecht +denken können. Durch die Teilnahme vieler Völkerschaften an dem +österreichisch-ungarischen Staatsgebilde wäre diesem die weltgeschichtliche +Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen Organismus vor allem zu +entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht erkannt. Diese Sünde wider den +Geist des weltgeschichtlichen Werdens hat Österreich-Ungarn in den Krieg +getrieben. + +Und das Deutsche Reich? Es ist gegründet worden in einer Zeit, in der +die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen Organismus +ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung hätte dem Reiche +seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben können. Die +sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropäischen Reiche +wie in dem Gebiete zusammen, das für ihr Ausleben weltgeschichtlich +vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es trat an vielen +Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere Gestalt an, aus +der zu ersehen war, wohin es drängte. Das hätte zu einem Arbeits-Inhalt +für dieses Reich führen müssen. Das hätte seinen Verwaltern die Aufgaben +stellen müssen. Es hätte die Berechtigung dieses Reiches im modernen +Völkerzusammenleben erweisen können, wenn man dem neugegründeten Reiche +einen Arbeits-Inhalt gegeben hätte, der von den Kräften der Geschichte +selbst gefordert gewesen wäre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Große +zu wenden, blieb man bei »sozialen Reformen« stehen, die aus den +Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im Auslande +die Mustergültigkeit _dieser_ Reformen bewunderte. Man kam daneben immer +mehr dazu, die äußere Welt-Machtstellung des Reiches auf Formen gründen +zu wollen, die aus den ausgelebtesten Arten des Vorstellens über die Macht +und den Glanz der Staaten heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich, +das ebenso wie das österreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach, +was in den Kräften des Völkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich +ankündigte. Von diesen Kräften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts. +_Das_ Staatsgebilde, das _sie_ im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft +des Militärischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte +gefordert ist, hätte auf der Verwirklichung der Impulse für den gesunden +sozialen Organismus ruhen müssen. Mit _dieser_ Verwirklichung hätte man +sich in die Gemeinsamkeit des modernen Völkerlebens anders hineingestellt, +als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen der neuzeitlichen +Forderungen des Völkerlebens war 1914 die deutsche Politik an dem +Nullpunkte ihrer Betätigungsmöglichkeit angelangt. Sie hatte in den +letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was hätte geschehen sollen; +sie hatte sich beschäftigt mit allem Möglichen, was in den neuzeitlichen +Entwicklungskräften nicht lag und was durch seine Inhaltlosigkeit »wie +ein Kartengebäude zusammenbrechen« _mußte_. + +Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des Deutschen +Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, würde ein getreues +Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiließe, die Vorgänge innerhalb +der maßgebenden Orte in Berlin Ende Juli und 1. August 1914 zu prüfen und +vor die Welt getreulich hinzustellen. Von diesen Vorgängen weiß das In- und +Ausland noch wenig. Wer sie kennt, der weiß, wie die deutsche Politik +damals sich als die eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen +im Nullpunkt ihrer Betätigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu +beginnen war, in das Urteil der militärischen Verwaltung übergehen _mußte_. +Wer maßgebend in dieser Verwaltung war, konnte damals aus den militärischen +Gesichtspunkten heraus _nicht anders handeln, als gehandelt worden ist_, +weil von _diesen_ Gesichtspunkten die Situation nur so gesehen werden +konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn außer dem militärischen Gebiet +hatte man sich in eine Lage gebracht, die zu einem Handeln gar nicht mehr +führen konnte. Alles dieses würde sich als eine weltgeschichtliche Tatsache +ergeben, wenn jemand sich fände, der darauf dringt, die Vorgänge in Berlin +von Ende Juli und 1. August, namentlich alles das, was sich am 1. August +und 31. Juli zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer +der Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgänge könne man doch +nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der früheren +Zeit kennt. Will man über das reden, was man gegenwärtig die »Schuldfrage« +nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. Gewiß kann man auch durch +anderes über die längst vorher vorhandenen Ursachen wissen; aber diese +Einsicht zeigt, _wie_ diese Ursachen gewirkt haben. + +Die Vorstellungen, die Deutschlands Führer damals in den Krieg getrieben +haben, sie wirkten dann verhängnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. Und +sie verhinderten, daß während der letzten Schreckensjahre _die_ Einsicht +bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen entwickelte, deren +Nichtvorhandensein vorher in die Tragik hineingetrieben hatte. Auf die +mögliche Empfänglichkeit, die sich aus diesen Erfahrungen heraus hätte +ergeben können, wollte der Schreiber dieser Ausführungen bauen, als er sich +bemühte, innerhalb Deutschlands und Österreichs in dem Zeitpunkte der +Kriegskatastrophe, der ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem +gesunden sozialen Organismus und deren Konsequenzen für das politische +Verhalten nach außen an Persönlichkeiten heranzubringen, deren Einfluß +damals noch sich hätte für eine Geltendmachung dieser Impulse betätigen +können. Persönlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes +ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang für diese +Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten sträubten +sich gegen solche Impulse, welche dem _nur_ militärisch orientierten +Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts Rechtes anfangen +könne. Höchstens daß man fand, »Trennung der Kirche von der Schule«, ja, +das wäre etwas. In solcher Bahn liefen eben die Gedanken der +»staatsmännisch« Denkenden schon seit lange, und in eine Richtung, die zu +Durchgreifendem führen sollte, ließen sie sich nicht bringen. Wohlwollende +sprachen davon, ich solle diese Gedanken »veröffentlichen«. Das war in +jenem Zeitpunkte wohl der unzweckmäßigste Rat. Was konnte es helfen, wenn +auf dem Gebiete der »Literatur« unter manchem andern auch von diesen +Impulsen gesprochen worden wäre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser +Impulse liegt es doch, daß sie _damals_ eine Bedeutung nur hätten erlangen +können durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden wären. Die Völker +Mitteleuropas hätten, wenn von der rechten Stelle im Sinne dieser Impulse +gesprochen worden wäre, gesehen, daß es etwas geben kann, was ihrem mehr +oder weniger bewußten Drang entsprochen hätte. Und die Völker des +russischen Ostens hätten ganz gewiß in jenem Zeitpunkte Verständnis gehabt +für eine Ablösung des Zarismus durch solche Impulse. Daß sie dies +Verständnis gehabt hätten, kann nur der in Abrede stellen, der keine +Empfindung hat für die Empfänglichkeit des noch unverbrauchten +osteuropäischen Intellekts für gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung +im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk. + +Daß militärisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas nicht +abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem -- militärischen Denken zu +verbergen. Daß man an die Unabwendbarkeit der Katastrophe nicht glauben +wollte, das war die Ursache des Unglückes des deutschen Volkes. Niemand +wollte einsehen, wie man an den Stellen, bei denen die Entscheidung lag, +keinen Sinn hatte für weltgeschichtliche Notwendigkeiten. Wer von diesen +Notwendigkeiten etwas wußte, dem war auch bekannt, wie die +englischsprechenden Völker Persönlichkeiten in ihrer Mitte hatten, welche +durchschauten, was in den Volkskräften Mittel- und Osteuropas sich regte. +Man konnte wissen, wie solche Persönlichkeiten der Überzeugung waren, in +Mittel- und Osteuropa bereite sich etwas vor, was in mächtigen sozialen +Umwälzungen sich ausleben muß. In solchen Umwälzungen, von denen man +glaubte, daß in den englisch sprechenden Gebieten für sie weder schon +geschichtlich eine Notwendigkeit, noch eine Möglichkeit vorlag. Auf +solches Denken richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und +Osteuropa sah man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, daß +sie »wie ein Kartengebäude zusammenstürzen« mußte. Nur eine Politik, die +auf die Einsicht gebaut gewesen wäre, daß man in englisch sprechenden +Gebieten großzügig, und ganz selbstverständlich vom englischen +Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, hätte Grund und +Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wäre wohl besonders den +»Diplomaten« als etwas höchst Überflüssiges erschienen. + +Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem hätte auch für Mittel- und +Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe führen können +trotz der Großzügigkeit der englisch orientierten Politik, zu treiben, fuhr +man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen sich weiter zu bewegen. +Und während der Kriegsschrecken lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht, +daß es notwendig geworden war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in +politischen Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine +andere entgegenzustellen, die aus den Lebenskräften dieses Europa heraus +geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten +Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der Kanonen als +geistiger Impuls Europas hineingetönt hätte, wäre eine Verständigung +möglich gewesen. Jedes andere Verständigungs-Gerede klang vor den +geschichtlichen Notwendigkeiten hohl. -- Aber der Sinn für ein +Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben +liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhältnissen heraus an die +Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und deshalb mußte der Herbst +1918 bringen, was er gebracht hat. Der Zusammenbruch der militärischen +Gewalt wurde begleitet von einer geistigen Kapitulation. Statt wenigstens +in dieser Zeit sich aufzuraffen zu einer aus europäischem Wollen heraus +geholten Geltendmachung der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die +bloße Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson +vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch +Wilson über seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland +nur in dem helfen, was es selbst will. Er mußte doch eine Kundgebung dieses +Wollens _erwarten_. Zu der Nichtigkeit der Politik vom Anfange des Krieges +kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare geistige Kapitulation, +herbeigeführt von einem Manne, auf den viele in deutschen Landen so etwas +wie eine letzte Hoffnung setzten. + +Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kräften heraus; +Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhänge +sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas hervorgebracht. +Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung der +Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. Sie kann +gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse der Menschheit, +so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese sozialen Impulse +sprechen eine Sprache, der gegenüber die ganze zivilisierte Welt eine +Aufgabe hat. Soll das Denken über dasjenige, was geschehen muß, heute +gegenüber der sozialen Frage ebenso auf dem Nullpunkt angelangen, wie die +mitteleuropäische Politik für ihre Aufgaben 1914 angekommen war? +Landesgebiete, die sich von den damals in Frage kommenden Angelegenheiten +abseits halten konnten: gegenüber der sozialen Bewegung dürfen sie es +nicht. Gegenüber dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es +keine Neutralen geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende +Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und ihr +Handeln nach diesen Zeichen einzurichten. + +Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen sind, +heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene Aufruf +an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem Schreiber dieser +Ausführungen vor einiger Zeit verfaßt worden, und von einem Komitee, das +für ihn Verständnis gefaßt hat, der Welt, vor allem den mitteleuropäischen +Völkern mitgeteilt worden ist. Gegenwärtig sind andere Verhältnisse als zu +der Zeit, in der sein Inhalt engeren Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal +hätte ihn die öffentliche Mitteilung ganz notwendig zur »Literatur« +gemacht. Heute muß die Öffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm +vor kurzer Zeit noch nicht hätte bringen können: verstehende Menschen, die +in seinem Sinne wirken wollen, wenn er des Verständnisses und der +Verwirklichung wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch +solche Menschen entstehen. + + + + +Anhang + +_An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!_ + + +Sicher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor +einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August 1914 meinte es, +die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde +diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trümmer +blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses +Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die +herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum +erwiesen. Wo liegen die Gründe dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage +muß Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben. +Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt +die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon +ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in +meinen Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm +die Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich +gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt +der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. -- Das Reich war +gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemüht, seine +inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte +Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu +bringen. Später ging man dazu über, die in materiellen Kräften begründete +äußere Machtstellung zu festigen und zu vergrößern. Damit verband man +Maßnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen +Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als +Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein großes Ziel fehlte, wie es sich +hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwicklungskräfte, denen die +neuere Menschheit sich zuwenden muß. So war das Reich in den +Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand +rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses +in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die +außerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen können, was +ihr die Meinung hätte erwecken können: die Verwalter dieses Reiches +erfüllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden +darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat +notwendig die Meinung in der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den +wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist. + +Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen +Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht auftauchen, +welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die +Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten Forderungen der Gegenwart +müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die +Entwicklungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen +strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der +kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten +unschädlich macht, die ihren Blick auf diese Entwicklungskräfte richten. +Aufhören müßte die Anmaßung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker +dünken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das +Unglück herbeigeführt haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als +Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die +Entwicklungsbedürfnisse der neuen Zeit zu sagen haben. + +Die »Praktiker« aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer +Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen +Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten und +Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die +Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater +Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten Arbeitens in +gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse _auf einzelnen +Gebieten_ als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser +Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich erschien. +Radikale Überführung _aller_ Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das +Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen +Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen Privatziele kein +Interesse hat. + +Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren +Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames +zugrunde. Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen +dabei auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat, +Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen +Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften +(z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen +entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten heraus den +alten Formen nachgebildet sind. + +Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten +gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen +will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen +Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge faßt, als was heute +gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich +bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit +gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein zu durchdringen, wird Aufgabe +der Zeit. + +Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der +natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge +besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme +notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes +aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken +muß. + +Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges +Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich +ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge bringt, daß +es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch +wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame Glied muß vielmehr in +voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im +natürlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr +heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, daß beide +Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt +werden, sondern daß jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die +lebendig zusammenwirken. Denn das politische System muß die Wirtschaft +vernichten, wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System +verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will. + +Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller +Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet +ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige +Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener +gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede +überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders +beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen +eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen. + +Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen +Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen und +ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien hingestellt +werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen +wollen. + +Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten +an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht +verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese +Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte innere Gefüge +gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte Richtung +verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche Volk mit den +außerdeutschen Völkern zusammenleben können. + +Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den Willen zum +möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht +mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern ein _geistiges, +politisches und wirtschaftliches_ System in ihren Vertretern müßten als +selbständige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen _das_ +Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der +drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen Gebilde gemacht hat. + +Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit des hier +Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken dreier +Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen +Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles nach den bequemen +Forderungen _ihres_ Denkens gestalten wollen. Ihnen muß klar werden: +entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der +Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt +haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte +vermehren. + + #Dr. Rudolf Steiner.# + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + S. 5: "diese oder jene Einrichtungen" wurde geändert in + "diese oder jene Einrichtung" + S. 10: "mit dem ihm möglichen Antei " + wurde geändert in + "mit dem ihm möglichen Anteil" + S. 11: "und hrem Interesse heraus" + wurde geändert in + "und ihrem Interesse heraus" + S. 51: "die in dem vom Warenaustausch ganz abhängigen Verhältnis" + wurde geändert in + "die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis" + S. 53: "Daß aber die geschicht ichen" wurde geändert in + "Daß aber die geschichtlichen" + S. 55, Fußnote 6: "von der Wirschaftsordnung" wurde geändert in + "von der Wirtschaftsordnung" + S. 88: "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgenden Vergütung" + wurde geändert in + "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung" + S. 88: "daß nach den allgemeinen W rtschaftsverhältnissen" + wurde geändert in + "daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen" + S. 97: "daß es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde geändert in + "daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart" + S. 99, Fußnote 9: "die Wirklichkeit des Lebens nach diesem" + wurde geändert in + "die Wirklichkeit des Lebens nach diesen" + S. 106: "Brest-Litowks" wurde geändert in "Brest-Litowsk" + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in +den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE *** + +***** This file should be named 28494-8.txt or 28494-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/8/4/9/28494/ + +Produced by Norbert H. 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