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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:38:22 -0700
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@@ -0,0 +1,12749 @@
+The Project Gutenberg EBook of Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutsche Lyrik seit Liliencron
+
+Author: Various
+
+Editor: Hans Bethge
+
+Release Date: March 25, 2009 [EBook #28411]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LYRIK SEIT LILIENCRON ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Passagen, die im Original nicht in Fraktur gesetzt waren, sind
+ mit + gekennzeichnet.
+ Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.
+ Der Text folgt in Schreibweise und Zeichensetzung der Vorlage.
+ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+ Die Lebensdaten des Dichters Paul Scheerbart:
+ 8. Januar 1866 - 14. Oktober 1915
+ werden in anderen Quellen (Wikipedia etc.) mit
+ 8. Januar 1863 - 15. Oktober 1915 angegeben.
+
+
+
+
+ [Illustration: Detlev von Liliencron]
+
+
+
+
+ Deutsche Lyrik seit Liliencron
+
+
+ Herausgegeben von
+ Hans Bethge
+
+
+ [Illustration: Verlags-Signet]
+
+
+ Hesse & Becker Verlag
+ Leipzig
+
+ Einundsiebzigstes bis achtzigstes Tausend
+
+ Mit zehn Bildnissen
+
+ Einband- und Titelentwurf vom Graphiker P. Hartmann
+ Druck und Einband von Hesse & Becker in Leipzig
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Dieses Buch besitzt eine innere Einheit nicht. Es umfaßt die lyrische
+Entwicklung von etwa vier Jahrzehnten, deren sichtbares Resultat ein
+weitreichender Umsturz der künstlerischen, politischen und sozialen
+Begriffe gewesen ist. Das Buch zeigt in engerem Sinne die Entwicklung
+von dem naturalistischen Impressionismus Detlev von Liliencrons bis zu
+dem erregten Expressionismus Franz Werfels. Es ist der Weg vom betont
+sinnlichen zum betont geistigen Erlebnis, den auch die bildende Kunst in
+dieser Epoche gegangen ist, der Weg von der lyrischen Stimmung zum
+lyrischen Bekenntnis, vom seelischen Klang zum seelischen Schrei. Sehr
+reizvolle Etappen liegen auf diesem Wege, die Seiten des vorliegenden
+Buches bezeugen es. Wohin der Weg führt, ist unklar. Wir wollen hoffen,
+daß die Reaktion auf die empörerische Kühnheit, auf die Manifestation
+gepeitschter Gefühle, wie sie die jüngste Generation uns darbietet,
+glimpflich verläuft und daß uns wenigstens ein allzublasses Nazarenertum
+erspart bleiben möge.
+
+Frühjahr 1921.
+ H. B.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Altenberg, Peter
+ Liebesgedicht 1
+ Das Bangen 1
+ Ljuba 2
+ Was kann er für sie tun?!? 2
+
+ Arent, Wilhelm
+ Das Weltgeheimnis 3
+ Zwei Glückliche 4
+ Melancholie 4
+
+ Baum, Peter
+ Grauen 4
+ Liebespsalmen I-IV 5
+ Nun schweig 6
+ Der Greis 7
+
+ Becher, Johannes R.
+ Verfall 7
+ Der Idiot 10
+ Musik des Abschieds 11
+
+ Bethge, Hans
+ Die Hoffende 12
+ Nach Sonnenuntergang 12
+ An eine Kunstreiterin I-III 13
+ Wir wehen 14
+ Vision 15
+ Hinschlendern 15
+ Dasein 15
+
+ Bierbaum, Otto Julius
+ Tanzlied 16
+ Freundliche Vision 17
+ Die Kranke 17
+ Im Wirbel fort 17
+ Gigerlette 18
+ Traum durch die Dämmerung 19
+ Jeannette 19
+ Die schwarze Laute 20
+ Oft in der stillen Nacht 20
+
+ Bodman, Emanuel von
+ Der Garten 22
+ Meine Mutter 22
+ Flocken 23
+ Wandlung 23
+
+ Calé, Walter
+ Wir tauchten aus dem Strom 24
+ Der Tod wird uns 24
+ Es rinnen rote Quellen 24
+ Zwiegespräch 25
+ Du träumtest 26
+ Der Heimweg führte mich 26
+ Am Flusse 26
+ Und abermals wirst du 27
+ Die Andern 27
+
+ Conradi, Hermann
+ Aus den Schwarzen Blättern:
+ Ich weiß -- ich weiß 28
+ Im Sklavendienst der Lüge 28
+ Sommerrosen 29
+ Lenz 30
+ Mein Blick, nun weide dich 30
+ Die müde schon verglühte 31
+ Im Vorüberfluge 33
+
+ Däubler, Theodor
+ Weg 34
+ Die Buche 34
+ Die Droschke 35
+ Heidentum 36
+ Die Russin 36
+
+ Dauthendey, Max
+ Laß mich in deinem stillen Auge 37
+ Graue Engel 37
+ Am süßen lila Kleefeld 38
+ Winde quälen die Bäume 38
+ Die Amseln haben 38
+ Die Luft so schwer 39
+ Auf deinem Haupt 39
+ In deinem Angesicht 39
+ Unsere Augen 40
+ Stille weht 40
+ Die Sommernacht 40
+ Drinnen im Strauß 41
+ Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein 41
+ Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht 42
+ Der Mond ist wie eine feurige Ros' 42
+ Nachtstürme reiten die Bäume krumm 43
+ Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier? 43
+ Die Berge werden wie dunkle Kissen 43
+
+ David, Jakob Julius
+ Mein Lied 44
+ Im Volkston 44
+ Nacht 45
+
+ Dehmel, Richard
+ Die Harfe 46
+ Sommerabend 47
+ Aus banger Brust 48
+ Ein Stelldichein 49
+ Ein Grab 49
+ Stiller Gang 50
+ Die stille Stadt 50
+ Manche Nacht 51
+ Geheimnis 51
+ Morgenstunde 51
+ Erhebung 52
+ Bewegte See 52
+ Nachtgebet der Braut 53
+ Ideale Landschaft 54
+ Aus »Zwei Menschen«
+ I, 1. Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain 54
+ I, 16. Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel 55
+ I, 23. Kaminfeuer und Morgenrotschimmer 56
+ II, 28. Und es rauscht nur und weht 58
+
+ Donath, Adolph
+ Tränen 59
+
+ Ehrenstein, Albert
+ Auf der hartherzigen Erde 60
+ Verzweiflung 61
+ Friede 61
+ Coyllur 62
+ Wanderers Lied 62
+ Blind 63
+ Dunkel 63
+
+ Evers, Franz
+ Rosenglut 64
+ Jugend 65
+ Abendlied 65
+ Ein Gastgeschenk 66
+ Der Künstler 66
+
+ Falke, Gustav
+ Das Mohnfeld 68
+ Märchen 69
+ Daß der Tod uns heiter finde 69
+ Stranddistel 70
+ Das Grab 70
+ Späte Rosen 71
+ Zwei 72
+
+ Finckh, Ludwig
+ Einer Frau 72
+ Abendhimmel 73
+ Geschenk 73
+
+ Flaischlen, Cäsar
+ So regnet es sich langsam ein 74
+ Hab Sonne 74
+ Ich habe Nächte 75
+ Einem Kinde 75
+ Februarschnee 76
+ Ganz still zuweilen 77
+ Spruch 77
+
+ Forbes-Mosse, Irene
+ Gehen und Bleiben 78
+ Eine Widmung 78
+ Die fremde Blume 78
+ Der Brunnen 79
+ Madlena 79
+
+ Greiner, Leo
+ Liebe 80
+ Unter den Menschen 80
+ Leben 81
+ Regenabend 81
+ Der Schatten 82
+ Reise 82
+
+ Hartleben, Otto Erich
+ Funkelt dein Auge noch? 83
+ Lili 83
+ Die jubelnd nie 84
+ Ellen 84
+ Das welke Blatt 85
+ Liebesode 85
+ Gesang des Lebens 86
+ Im Lande der Torheit 86
+ Denkst du daran 87
+ Der Abenteurer 87
+ Elegie 88
+ Kinderköpfchen 88
+
+ Hasenclever, Walter
+ Die Todesanzeige 89
+ Mein Jüngling, du 90
+ Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett 91
+ Weiß ich, daß Stunden 91
+ Daß von Geheimnissen 92
+ 1917 93
+
+ Hatzfeld, Adolf von
+ Die letzte Nacht 95
+ Grüner Sommer 96
+ Frühlingsmond 97
+ Abend am See 98
+ Du Gott 98
+ Der Teich 99
+
+ Herrmann, Max
+ Dein Haar hat Lieder 99
+ Osterlied 100
+ Trostlied der bangen Regennacht 100
+ Liebe nur kann ewig sein 101
+
+ Hesse, Hermann
+ Der schwarze Ritter 102
+ Nach Paul Verlaine 103
+ Elisabeth 103
+ Die frühe Stunde 104
+ Lady Rosa 104
+ Fiesole 104
+
+ Heym, Georg
+ Die Seefahrer 105
+ Alle Landschaften haben 105
+ Ophelia I-II 106
+ Deine Wimpern, die langen 108
+
+ Hille, Peter
+ Maienwind 110
+ Brautseele 110
+ Waldesstimme 114
+ An Gott 115
+ Abbild 115
+ Prometheus 115
+ Abendröte 116
+ Selige Grüße 117
+
+ Hofmannsthal, Hugo von
+ Vorfrühling 117
+ Die Beiden 119
+ Ballade des äußeren Lebens 119
+ Manche freilich 120
+ Terzinen über Vergänglichkeit 121
+ Erlebnis 121
+ Dein Antlitz 122
+ Terzinen 123
+ Der Jüngling in der Landschaft 124
+ Aus »Der Tod des Tizian« 124
+ Aus »Der Abenteurer und die Sängerin« 126
+
+ Holz, Arno
+ Ein Abschied 128
+ Ninon 129
+ Aus »Phantasus« 130
+ Vor meinem Fenster 133
+ Rote Rosen 133
+ In einem Garten 134
+ Aus weißen Wolken 134
+
+ Huch, Ricarda
+ Sehnsucht 135
+ Unersättlich 136
+ Du 136
+ Heimatlos 137
+ Erinnerung 138
+ Verstoßen 138
+ Herbst 139
+ Ankunft im Hades 139
+ Liebesreime I-III 140
+
+ Kurz, Isolde
+ Südliche Weise 141
+ Die erste Nacht 142
+ Mädchenliebe 142
+ Die Nicht-Gewesenen 143
+
+ Lasker-Schüler, Else
+ Wir beide 143
+ Mairosen 144
+ Chaos 144
+ Die Liebe 145
+ Liebesflug 146
+ Eva 146
+ Mein Volk 147
+ Mein Liebeslied 147
+ Mein Wanderlied 148
+ O, meine schmerzliche Lust 148
+ Maienregen 149
+ Weltende 149
+ Mein Liebeslied 150
+
+ Liliencron, Detlev von
+ Rückblick 151
+ Tod in Ähren 153
+ Am Strande 153
+ Letzter Gruß 155
+ Der Ländler 156
+ Wer weiß wo 157
+ In einer großen Stadt 158
+ Vor Last und Lärm 158
+ Weite Aussicht 160
+ Erinnerung 161
+ Kalter Augusttag I-II 162
+ Auf dem Deiche 163
+ Sizilianen
+ Die Insel der Glücklichen 164
+ +Souvenir de la Malmaison+ 164
+ Sommernacht 164
+ Nach der Hühnerjagd 165
+ Der Hohenfriedeberger 165
+ Einer Toten 165
+ Gestorbene Liebe 167
+ Der Genius 168
+ Die Spinnerin von Sankt Peter 169
+ Märztag 170
+ Letzter Wunsch 170
+
+ Loerke, Oskar
+ Frühlingswille 171
+ Nirwana 172
+ Hinterhaus 172
+ Die graue Melodie 173
+ Inbrunst 174
+
+ Lotz, Ernst Wilhelm
+ Glanzgesang 174
+ Der Schwebende 176
+ Hart stoßen sich die Wände 177
+
+ Mombert, Alfred
+ Das junge Liebchen 178
+ Ich liege 178
+ Ja in der Jugend 179
+ Nun beugt die Nacht 179
+ Wann ich von dir gehe 180
+ Auf steilem Felsrücken 180
+ Ich möcht' es kosten 180
+ Schwindsucht 181
+ Trinkend 181
+ Im Mondlicht 182
+ Da spülst du bunte Muscheln 182
+ Zwischen zwei dunklen Wogen 182
+ Ich tat große Dinge 183
+ Ich lag auf dem Meer 183
+ Der Mond betrat 184
+ Mich jammerte 184
+ Bevor ich 185
+ Ich hörte den Wind 185
+ Am Saume 186
+ An Ufern des Rheins 186
+
+ Morgenstern, Christian
+ Erster Schnee 187
+ Vöglein Schwermut 187
+ Welch ein Schweigen 187
+ Das sind die Reden 188
+ Das Spinnennetz 188
+ Verbannung zur Höhe 189
+ Deine Rosen 189
+ Der Bach 189
+ Christus klagt 190
+ Begegnung 191
+
+ Nietzsche, Friedrich
+ An den Mistral 192
+ Vereinsamt 194
+ Zarathustras Lied 195
+ Venedig 195
+ Sils-Maria 196
+ Die Sonne sinkt I-III 196
+
+ Rilke, Rainer Maria
+ Ernste Stunde 198
+ Die Blinde 199
+ Herbst 203
+ Der Schauende 203
+ Von den Fontänen 205
+ Die Entführung 206
+ Fragmente aus verlorenen Tagen 207
+ Spanische Tänzerin 209
+ Der Fremde 210
+
+ Salus, Hugo
+ An blauen Frühlingstagen 211
+ Im stillen Hafen 211
+ Erinnerung 211
+ Frühlingsfeier 212
+
+ Scharf, Ludwig
+ Begegnis 213
+ Blut-Propheten 213
+ Gebet eines Selbstmörders 214
+
+ Schaukal, Richard (von)
+ Der Fiedler 215
+ Kophetua 215
+ An die Baronin Colombine 216
+ Porträt eines spanischen Infanten 216
+ +Pierrot pendu+ 217
+ Musset 217
+ Kavaliere 218
+ Goya 218
+ Porträt des Marquis de ... 219
+ Der Araber 219
+ Spät 220
+
+ Scheerbart, Paul
+ Dahin! 220
+ Notturno 221
+ Tiefernst! 221
+ Die große Sehnsucht 221
+
+ Schickele, René
+ Der Knabe im Garten 222
+ Wenn es Abend wird 222
+ Ferne Musik 223
+ Erwartung im Garten 224
+ Lea 224
+ Die Leibwache 224
+
+ Schlaf, Johannes
+ Sehnsucht 226
+ Hoffnung 226
+ Abendgang 227
+ Trübes Wetter 227
+ Doppelliebe 227
+
+ Schönaich-Carolath, Prinz Emil von
+ Albumblatt 228
+ Der betrübte Landsknecht 228
+ Genrebild 229
+ Altes Bild 230
+ Künstlerroman 230
+
+ Scholz, Wilhelm von
+ In einer Dämmerstunde 231
+ Abschied 232
+ Heimat 233
+ Abendgang 233
+ Der Wandrer 234
+ Erde 234
+ Ich weiß es wohl 234
+ Nächtlicher Weg 235
+ Am Söller 235
+
+ Schröder, Rudolf Alexander
+ Aus den »Liedern an eine Geliebte«
+ Nun kam der Abend 236
+ »Die Lüge« sagst du 237
+ Ich habe keine Schmerzen 237
+ Ach, noch immer glaube ich 237
+ Das Glück ist ein leerer 237
+ Sonett an eine Verstorbene 238
+ Aus dem Buch "Elysium"
+ Sie lassen sich am Ufer nieder 238
+ Wenn sie wandeln 239
+ Leise laß sie ihren Reigen 239
+
+ Schüler, Gustav
+ Unterdessen 240
+ Mignon 240
+ Am Abend 241
+ Am Kreuzweg 241
+ Was ist das Glück? 242
+
+ Stadler, Ernst
+ Reinigung 242
+ Vorfrühling 243
+ Was waren Frauen 243
+ Puppen 244
+ Glück 245
+
+ Sternberg, Leo
+ Der Wartende 245
+ Soviel Lüftchen 246
+ Eine plötzliche Stille 246
+ Jenseits 247
+
+ Susman, Margarete
+ Im Feld ein Mädchen singt 247
+ Ich liebe unter allen 248
+ So in die still verschneite Nacht 248
+ Kein Liebeswort 249
+
+ Trakl, Georg
+ Der Herbst des Einsamen 249
+ In den Nachmittag geflüstert 250
+ Im Park 250
+ Landschaft 251
+ Sommer 251
+ In Venedig 252
+ Am Moor 253
+ Frühling der Seele 253
+ Elis I-II 254
+
+ Walser, Robert
+ Morgenstern 256
+ Langezeit 256
+ Warum auch 257
+ Schnee 257
+ Im Mondschein 258
+ Müdigkeit 258
+ Zu philosophisch 258
+ Brausen 259
+ Und ging 259
+
+ Wedekind, Frank
+ Erdgeist 260
+ Perversität 260
+ Ilse 261
+ Der Anarchist 261
+ Waldweben 262
+
+ Werfel, Franz
+ Wie nichts erkennend 263
+ Verzweiflung 263
+ Welche Lust auf Erden denn ist süßer 264
+ Ein Lebens-Lied 265
+ Amore 265
+ Alte Dienstboten 266
+ Mondlied eines Mädchens 268
+ Die Leidenschaftlichen 269
+ Die Schwestern von Bozen 270
+ Gesang einer Frau 271
+ Geheimnis 274
+ Was ein jeder sogleich nachsprechen soll 274
+ Sein und Treiben 275
+ Gebet um Reinheit 275
+ Wir nicht 277
+
+ Wertheimer, Paul
+ Seelen 278
+ Ostsee 278
+ Tote Stunde 279
+
+ Wolfenstein, Alfred
+ Städter 279
+ Tanz I-III 280
+ Musik des Kämpfers 282
+ Nacht im Dorfe 283
+ Fahrt 284
+ Die Stirn 285
+
+ Zech, Paul
+ Die Häuser haben Augen aufgetan 286
+ Bettler im Spätherbst 286
+ Dorf im Mittag 287
+ Es kam ein Wind 287
+
+ Zweig, Stefan
+ Singende Fontäne 288
+ Schwüler Abend 290
+
+ Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge 292
+
+
+
+
+Verzeichnis der Bilder
+
+
+ Detlev von Liliencron
+ Nach einer künstlerischen Photographie von Rudolf Dührkoop, Hamburg
+
+ Max Dauthendey
+
+ Richard Dehmel
+
+ Hugo von Hofmannsthal
+
+ Arno Holz
+ Photographie A. Binder, Berlin W 15
+
+ Ricarda Ceconi-Huch
+
+ Else Lasker-Schüler
+ Atelier Lisi Jessen, Charlottenburg, Bismarckstraße 3
+
+ Alfred Mombert
+
+ Rainer Maria Rilke
+ Nach einer Bronzebüste von Fritz Huf (Museum zu Winterthur, Schweiz)
+
+ Franz Werfel
+ Nach einer künstlerischen Photographie des Ateliers d'Ora, Wien I,
+ Wipplingerstr. 26
+
+
+
+
+Peter Altenberg.
+
+Geboren am 9. März 1859 zu Wien, wo er den größten Teil seines Lebens
+verbrachte und am 8. Januar 1919 starb.
+
+
+Liebesgedicht.
+
+ Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen --
+ Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen --
+ Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
+ Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.
+ Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen,
+ Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
+ Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem
+ Freunde sprechen,
+ Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen
+ Taktfehlers für ewig brechen -- -- --.
+ Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
+ Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.
+ Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
+ Ich sah dich traurig stehn vor trüben Gaslaternen.
+ Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr
+ mysteriöses Gewebe -- -- --
+ Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören.
+ Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!
+
+
+Das Bangen.
+
+ Mir bangt um dich, Anna -- -- --.
+ Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht,
+ Ich weiß nur, daß mir bang ist.
+ Mir ist bang!
+ Wie einer Mutter bang ist ohne Grund,
+ Noch sind sie alle munter und gesund -- -- --!
+ Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange,
+ Während die anderen noch lange
+ Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten
+ Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten.
+ Mir bangt, wie einem bangt,
+ Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht
+ Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt -- flieht!
+
+ Mir bangt, wie einem bangt,
+ Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh.
+ So, so bangt mir um dich -- -- --
+ Du bist _mein Leben_, es bangt mir um _mich_;
+ Du aber, du gehst deinen Weg von mir,
+ Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir,
+ Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen -- -- --
+ Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder,
+ Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!
+
+
+Ljuba.
+
+ Die da nicht kommen an deinen Tisch,
+ Die sind _klüger_ als ich!
+ Die schützen sich!
+ Ich aber, gleich der Motte im Lichte,
+ Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte!
+ Ich will lieber in Licht und Hitze sterben,
+ Als gesichert um Anna oder Grete werben!
+ Die da nicht kommen an deinen Tisch,
+ Die sind _dümmer_ als ich!
+ Sie schützen sich!
+
+
+Was kann er für sie tun?!?
+
+ Was kann ich für dich tun?!?
+ Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen --
+ Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen -- --.
+ Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke
+ sagen:
+ »Du hast recht, nur du!«
+ Ich kann, wenn du nicht da bist, bedrückt und kränklich
+ sein -- -- -- --
+ Ich kann vor Glück erbeben, trittst du ein -- --.
+ Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater
+ Und Komplimente über seine Tochter machen deinem
+ Vater.
+ Ich kann dir süße Mandarinen bringen.
+ Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen.
+ Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn:
+ »Was kann ich für sie tun?!?«
+
+
+
+
+Wilhelm Arent.
+
+Geboren am 7. März 1864 zu Berlin, wurde Schauspieler und gab, vielfach
+unter Pseudonymen, mehr als zwanzig Gedichtbücher heraus. Er ist in
+Berlin verstorben.
+
+
+Das Weltgeheimnis.
+
+ Sie fanden ihn -- von düstrer Falte
+ Durchfurcht die hohe Denkerstirn --,
+ Schlaff hing die Hand, die marmorkalte,
+ Verloht die heilige Glut im Hirn;
+
+ Die Augen waren sanft geschlossen --
+ Ein Lächeln spielte um den Mund --
+ Als hätt' er jede Huld genossen
+ Und jedes Rätsel wär' ihm kund ...
+
+
+Zwei Glückliche.
+
+ Und sie herzten sich
+ Und küßten sich
+ Lange;
+ Endlich schliefen sie ein.
+ Lächelnd träumten sie
+ Arm in Arm,
+ Bis rauh
+ Der Morgen kam.
+
+
+Melancholie.
+
+ Meiner Jugend Träume,
+ Wo seid ihr hin?
+ Ihr himmlischen Räume,
+ Wie fern ich euch bin!
+
+ Draußen grünen die Bäume,
+ Flur in Blüte steht --
+ Meine Lieder sind Schäume,
+ Die der Wind verweht ...
+
+
+
+
+Peter Baum.
+
+Geboren am 30. September 1869 zu Elberfeld, lebte als Schriftsteller in
+Berlin, fiel in Frankreich im Sommer 1916. -- Gott und die Träume 1901.
+
+
+Grauen.
+
+ Das ist das Furchtbare,
+ Daß ich oft glaube,
+ Ich trüge deine Augen und deine Haare.
+ Daß meine Hände dann hilflos suchen
+ Ganz wie die deinen
+ Und meine Lippen mich so verfluchen
+ Und weinen.
+
+ Jeden Abend überkommst du mich so.
+
+ Zwei ganz gleiche Totenvögel
+ Fliegen dann über den Kirchhof.
+
+
+Liebespsalmen.
+
+I.
+
+ Deine Nächte klagen in meine Tage,
+ Durch mein Träumen rieselt das Blut deiner Füße.
+ O ich will dir forttrinken alle Tränen,
+ Ich will dich tragen unter meine Wipfel.
+
+ Meine Wipfel sind kühl und voll Frieden
+ Und baden sich hoch in tiefen Wassern.
+ Himmelstiefen tropfen zu uns hernieder,
+ Aus ewigen Meeren, durch heilige Wipfel.
+
+ Schlummre du tief in meinen Armen!
+ Meine Augen sind stahlharte Engel; die wachen
+ Über deinen Frieden.
+
+II.
+
+ Deine Augen leuchten vor Dunkel,
+ Und ein spinnendes Weinen
+ Deiner schwarzen Haare
+ Über das Leinen.
+ O dein blasses Gesicht,
+ Und wie deine schmalen Hände
+ Über die Kissen suchen --:
+ Rührendes Stammeln
+ Eines sprießenden Liedes,
+ Das blühen möchte.
+
+ Meine Seele sucht mit dir.
+
+III.
+
+ Wenn die Rosen des Morgens aufstaunen,
+ Möchte ich zu dir kommen!
+ Ich brächte deiner Stirne kühlen Tau
+ Und deinen Lippen Lachen.
+
+ In meinen Nächten schreckt mich deine Einsamkeit;
+ Schmiege dich tief in die Flügel meiner Seele;
+ Dunkel rauschten sie über die Meere,
+ Bis sie zu dir sich fanden.
+
+IV.
+
+ Wenn die Nacht von dannen geht,
+ Wollen wir uns aus dunkeln Schalen
+ Unser Blut reichen.
+
+ Ein Auge wollen wir sein und eine Seele,
+ Schauernd über der Täler
+ Brennend klaren Kelchen.
+
+ Siehst du den Morgenwind? Er trägt
+ Schwebendes Leben von Büschen zu Büschen,
+ Halm zu Halm.
+ Sei du mein! --
+
+
+Nun schweig.
+
+ Nun schweig und fühle, wie die Schatten wehn;
+ Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken,
+ Und schwarze Wolken felsenzackig stehn
+ Um blanke Dächer, die wie Seen blinken.
+ Und suche meine Seele nicht; die liegt
+ In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer,
+ Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt.
+
+
+Der Greis.
+
+ Länder und Seen durchschwommen
+ Brünstig allen Fernen.
+ Wittre nun in den Nächten
+ Nach Ländern über Sternen.
+
+ Als ich ein Kind war,
+ Glänzte so weit mein Teich,
+ Hinter jedem Wipfel
+ Grünte ein Zukunftsreich.
+
+ Stützt zu Berg mich, Söhne,
+ Dicht in meine Nähe,
+ Daß ich noch einmal
+ Die kleine Erde sehe.
+
+
+
+
+Johannes R. Becher.
+
+Geboren am 22 Mai 1891 zu München. -- Verfall und Triumph 1914. An
+Europa 1916. Päan gegen die Zeit 1918. Das Neue Gedicht 1918. Gedichte
+für ein Volk 1919. Gedichte um Lotte 1919. Um Gott 1920.
+
+
+Verfall.
+
+ Unsere Leiber zerfallen,
+ Graben uns singend ein:
+ Berauschte Abende wir,
+ Nachtsturm- und meerverscharrt.
+ Heißes Blut vertrocknet,
+ Eitergeschwür verrinnt.
+ Mund Ohr Auge verhüllet
+ Schlaf Traum Erde der Wind.
+
+ Gelblich träger Würmer
+ Enggewundener Gang.
+ Pochen rollender Stürme.
+ Wimpern, blutrot lang.
+ ... »_Bin ich zerbröckelnde Mauer,
+ Säule am Wegrand, die schweigt?
+ Oder Baum der Trauer
+ Über dem Abgrund, geneigt?_« ...
+ Süßer Geruch der Verwesung,
+ Raum, Haus, Haupt erfüllend.
+ Blumen, flatternde Gräser,
+ Vögel, Lieder quillend.
+
+ »_Ja --, verfaulter Stamm_ ...«
+ Schimmel. Geächz. Gestöhn.
+ Unter wimmelnder Himmel Flucht
+ Furchtbarer Laut ertönt:
+ Pauke. Tube Gedröhn.
+ Donner. Wildflammiges Licht.
+ Zimbel. Schlagender Ton.
+ Trommelgeschrill. Das zerbricht. --
+
+ Der ich mich dir, weite Welt,
+ Hingab, leicht vertrauend,
+ Sieh, der arme Leib verfällt,
+ Doch mein Geist die Heimat schaut.
+ Nacht, dein Schlummer tröstet mich,
+ Mund ruht tief und Arm.
+ Heller Tag, du lösest mich
+ Auf in Unruh ganz und Harm.
+
+ Daß ich keinen Ausweg finde,
+ Ach, so weh zerteilt!
+ Blende bald, bald blind und Binde.
+ Daß kein Kuß mich heilt!
+ Daß ich keinen Ausweg finde,
+ Trag wohl ich nur Schuld:
+ Wildstrom, Blut und Feuerwind,
+ Schande, Ungeduld.
+
+ Tag, du herbe Bitternis!
+ Nacht, gib Traum und Rat!
+ Kot Verzerrung Schnitt und Riß --
+ Kühle Lagerstatt ...
+ Alles muß noch ferne sein,
+ Fern, o fern von mir --
+ Blüh empor im Sternenschein,
+ Heimat, über mir!
+
+ Einmal werde ich am Wege stehn,
+ Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt.
+ Umronnen von goldener Winde Wehn.
+ Licht fällt durch der Wolken Flucht matt.
+ Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt ...
+ Meine Hände rühren
+ An Himmel, golderfüllt,
+ Sich öffnend gleich Wundertüren.
+
+ Wiesen, Wälder ziehen herauf.
+ Gewässer sich wälzen. Brücken.
+ Gewölbe. Endloser Ströme Lauf.
+ Grauer Gebirge Rücken.
+ Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.
+ Drachen, Erde speiend.
+ Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt.
+ Empörung. Lachen. Geschrei.
+
+ Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.
+ Knäuel. Gemetzel weit ...
+ ... »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_
+ Oder hat es noch Zeit?
+ Wann ertönest du, schallendes Horn,
+ Schrei du der Meerflut schwer?
+ Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn
+ Rufend die Schläfer her?« ...
+
+
+Der Idiot.
+
+ Er schwirrte nächtens durch der großen Städte Flucht.
+ Das traf ihn schwer.
+ Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste.
+ Staubwirbel bliesen ihn durch grünen Abendhimmel
+ flaches Meer.
+ Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste.
+
+ Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte
+ Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand,
+ Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte,
+ Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich
+ niederwand.
+
+ Er schlug: die Augen grün, Schaum dick ums Maul,
+ Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei!
+ Ganz leise sang ein Droschkengaul --
+ Und weiße Schleier wehten dicht vorbei.
+
+ Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen.
+ Auf allen Dächern tosten Flammen laut.
+ Die Dome knieten nieder. Berge schwammen
+ Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut.
+
+ Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.
+ Es gellte. Möwenschwärme schreckten auf.
+ Blütenwälder weiß begruben ihn.
+
+
+Musik des Abschieds.
+
+ Beginn der Klänge zwischen dir und mir!
+ Uralte Sänge, die mich heiß verfluten --
+ Gewühl der Zeiten, die mich weiß zerbluten --
+ Geläute. Schweigen zwischen mir und dir.
+
+ O Gräber, Gärten zwischen mir und dir!
+ Gespannt die Tänzer unsichtbar auf Seilen --
+ Traum-Silber-Pflüge, die Eisschollen teilen --
+ Die Boten eilen zwischen dir und mir.
+
+ Erbrochene Schlachten. Bunte Völkerwelten.
+ Die Roten Felsen über Agadir.
+ Gesprengte Wälder. Heller Tod der Helden ...
+ O dunkle Sprachen zwischen mir und dir.
+
+ Und sah die Meere durch die Himmel fließen.
+ Besternte Menschen viel auf Plätzen dicht.
+ Fluch deiner Finsternis: verkohlte Wiesen.
+ Die Flöte ruft. Es reift dein Angesicht.
+
+ Und sähe Mägde aus dem Brunnen schöpfen
+ Krug milden Trankes ... und das blöde Tier
+ Leckt unvertrieben Honig aus den Töpfen ...
+ O Fest! O Stunde zwischen dir und mir!
+
+ Dann jagte ich auf unergriffenem Schiffe.
+ Denn schroffer Sturm verlöschte jede Spur.
+ Und durchs Gezisch und durchs Gestrüpp der Riffe ...
+ Und in den Händen eine Muschel nur:
+
+ Zerschellt. Genebel. Schädel. Fäulnis. Und die Feuchte
+ Gefleckter Sümpfe. Räudiger Rachen Gier -- --
+ Ich aber fühlte: Duft und Pracht und Leuchte!
+ O Nacht des Bundes zwischen dir und mir.
+
+
+
+
+Hans Bethge.
+
+Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. -- Die stillen Inseln,
+Die Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin.
+
+
+Die Hoffende.
+
+ Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, --
+ Sie saß am offenen Fenster, ganz verwirrt,
+ Der Glanz auf ihren Händen war der Glanz
+ Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen
+ Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel
+ Und alte Blumen und das Lied der Lerche,
+ Das alles war in ihm, sie fühlt' es wohl.
+ Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und
+ Sie war so reich! und nun hob sie die Hand
+ Leis auf und küßte sie: die ganze Lust,
+ Die ganze Qual, das Leben, alles, alles.
+
+
+Nach Sonnenuntergang.
+
+ Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange,
+ Die Dünen glänzten durch die Abendluft.
+ Du rührtest mit dem Schritt der Tänzerin
+ Die gelbe Erde an. Ich saß im Garten,
+ Und glühnden Herzens fühlt' ich wie du kamst!
+
+ Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte
+ Und rissest eine Rose vom Gesträuch
+ Und küßtest sie und warfst sie in die Winde
+ Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne!
+ Und braun und göttlich glänzten deine Schultern,
+ Und herber Duft des Meeres hing an dir.
+
+
+An eine Kunstreiterin.
+
+I.
+
+ Wie eine Blume, drüberhin der Lenz-
+ Wind geht; wie eine Tänzerin, die rastend
+ Das Echo noch des Rhythmus in sich fühlt,
+ Der sie entzückte, und ihm ohne Willen
+ Nachgibt: so hockst du vor mir im Gemach,
+ Und Duft der Hengste schwebt noch um dein Haar
+ Und in den Augen noch der Glanz der Lichter,
+ Und deine Hand fährt über meine Knie,
+ Liebkosend, träumend, so als streife sie
+ An eine Welt, mit der sie nichts verbindet,
+ Und die ihr fern ist wie das Einst und Nie.
+
+II.
+
+ Du bist der schönste
+ Gedanke des Frühlings.
+
+ Du bist der süßeste Hauch,
+ Der am Abend mich anweht.
+
+ Du bist die wilde Verzweiflung
+ Aller, die dich lieben.
+
+ Ach, du hast in finstere Nacht
+ Auch mich gehüllt.
+
+ Wer bist du?
+
+ Du bist der süßeste Hauch,
+ Der am Abend mich anweht.
+
+III.
+
+ Deine feinen Hände
+ Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben.
+
+ An deinen feinen Brüsten
+ Hängt der Abend in Glanz und Demut.
+
+ Aus deinen verdunkelten Augen
+ Weht Kühle mich an.
+
+ Die Kühle deines Herzens weht mich an
+ Aus deinen Augen bei Abend.
+
+
+Wir wehen ...
+
+ Wir wehen durch die Lüfte,
+ Grau wie Regen weht,
+ Zart wie Düfte der Blumen,
+ Bang wie der Flöte Lied.
+
+ Wehen mit Eile, sinken
+ Nieder in einem Feld,
+ Abend hüllt kühl uns ein,
+ Nacht ist so märchenschön.
+
+ Manche erheben wieder
+ Ihre Flügel, wehen
+ Weiter, düstere Wolken
+ Oder Gerüche der Flur.
+
+ Andere bleiben liegen
+ In den Hainen und Gärten,
+ Werden Erde und Halme,
+ Spielend im Frühlingshauch.
+
+ Hörst du ein Seufzen im Abend?
+ Und ein Lachen im Wind.
+ Wer da wehte vorüber
+ Ach -- und wohin? wohin?
+
+
+Vision.
+
+ Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du,
+ Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken.
+ Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst
+ Auf den verwilderten Gärten, ein Traumgebild
+ Der Lenznacht, lockend, schwankend, verführerisch --
+ Bis daß der Nebel stieg von den Wiesen her
+ Und du auslöschtest, so wie ein Lied auslöscht,
+ Und rings lag öde, schmachtende Finsternis,
+ Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen
+ Riefen nach dir, o Mondenhauch!
+
+
+Hinschlendern.
+
+ Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin
+ Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen,
+ Ein Gruß den Mädchen mit den edlen Busen,
+ Ein Gruß dem Wein, den Blumen und dem Mond,
+ Ein stiller Gruß den Kranken und Zerwühlten,
+ Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen
+ Den Wolken und dem Winde und dem Meer,
+ Und schlafen, schlafen ... Und in lindem Traume
+ Entgleitet alles, und die schönste Stunde
+ Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam.
+
+
+Dasein.
+
+ Mond und Liebe und dann
+ Ein Schluck Wein ab und an
+ Und dann --
+ Herz, warum so trübe?
+
+ Und dann
+ Mond und dann Wein
+ Und Liebe, -- herbsttrübe
+ Verrinnt das Sein.
+
+ Aber manchmal aufglüht
+ Ein berauschender Funken,
+ Dann taumeln wir trunken,
+ Bis der Funken versprüht.
+
+ Dann das alte Lied:
+
+ Mond und Liebe und dann
+ Ein Schluck Wein ab und an.
+
+
+
+
+Otto Julius Bierbaum.
+
+Geboren am 28. Juni 1865 zu Grünberg in Schlesien, absolvierte das
+Gymnasium in Wurzen, besuchte die Universitäten Zürich, Leipzig, Berlin,
+München, war Redakteur der »Neuen deutschen Rundschau«, des »Pan« und
+der »Insel« und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910
+starb. -- Erlebte Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894.
+Irrgarten der Liebe 1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Flöte
+1907.
+
+
+Tanzlied.
+
+ Es ist ein Reihen geschlungen,
+ Ein Reihen auf dem grünen Plan,
+ Und ist ein Lied gesungen,
+ Das hebt mit Sehnen an,
+
+ Mit Sehnen, also süße,
+ Daß Weinen sich mit Lachen paart:
+ Hebt, hebt im Tanz die Füße
+ Auf lenzeliche Art!
+
+
+ [Illustration: Max Dauthendey]
+
+
+Freundliche Vision.
+
+ Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt,
+ Hell am Tage sah ich's schön vor mir:
+ Eine Wiese voller Margeriten;
+ Tief ein weißes Haus in grünen Büschen;
+ Götterbilder leuchten aus dem Laube.
+ Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat,
+ Ruhigen Gemütes in die Kühle
+ Dieses weißen Hauses, in den Frieden,
+ Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.
+
+
+Die Kranke.
+
+ Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank;
+ Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer.
+ Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft,
+ Das von der Feder, die es trieb und hielt,
+ Gelöst ward. -- Ach, sie pflegen mich so lieb,
+ Und dennoch weiß ich's, balde ist's vorbei.
+ Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil.
+ Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind,
+ Wie meine Blumen, die im Garten sind.
+
+
+Im Wirbel fort.
+
+ Moosgrün aus Samt ein Band im blonden Haar.
+ Ein Färblein rosarot dazwischen war,
+ Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr,
+ Und es war Mai.
+
+ So kam's, daß uns mit Strahlen flitterfein
+ Umfädelte der sanfte Sonnenschein;
+ Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n.
+ Die Knospe sprang.
+
+ Ich hätte gern in Treuen sie gehegt,
+ Ich hätte gern sie mir ans Herz gelegt,
+ Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt.
+ Wem blüht sie nun?
+
+
+Gigerlette.
+
+ Fräulein Gigerlette
+ Lud mich ein zum Tee,
+ Ihre Toilette
+ War gestimmt auf Schnee;
+ Ganz wie Pierrette
+ War sie angetan.
+ Selbst ein Mönch, ich wette,
+ Sähe Gigerlette
+ Wohlgefällig an.
+
+ War ein rotes Zimmer,
+ Drin sie mich empfing,
+ Gelber Kerzenschimmer
+ In dem Raume hing.
+ Und sie war wie immer
+ Leben und Esprit.
+ Nie vergess' ich's, nimmer:
+ Weinrot war das Zimmer,
+ Blütenweiß war sie.
+
+ Und im Trab mit Vieren
+ Fuhren wir zu zweit
+ In das Land spazieren,
+ Das heißt Heiterkeit.
+ Daß wir nicht verlieren
+ Zügel, Ziel und Lauf,
+ Saß bei dem Kutschieren
+ Mit den heißen Vieren
+ Amor hinten auf.
+
+
+Traum durch die Dämmerung.
+
+ Weite Wiesen im Dämmergrau!
+ Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn:
+ Nun geh' ich zu der schönsten Frau,
+ Weit über Wiesen im Dämmergrau,
+ Tief in den Busch von Jasmin.
+
+ Durch Dämmergrau in der Liebe Land;
+ Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
+ Mich zieht ein weiches, samtenes Band
+ Durch Dämmergrau in der Liebe Land,
+ In ein blaues, mildes Licht.
+
+
+Jeannette.
+
+ Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank,
+ Und mittendrin ein Mädel schlank,
+ Meine lustige, liebe Jeannette.
+ Braune Augen hat sie, wunderbar,
+ In wilden Ringeln hellbraunes Haar,
+ Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, --
+ Jeannette! Jeannette!
+
+ Am Fensterbrett ein Efeu steht,
+ Durchs grüne Geranke die Liebe späht,
+ Meine lustige, liebe Jeannette.
+ Türe auf! Da liegt mir am Halse das Kind.
+ Alleine wir beiden, es singt der Wind
+ Das Lied von zweien, die selig sind, --
+ Jeannette! Jeannette!
+
+
+Die schwarze Laute.
+
+ Aus dem Rosenstocke
+ Vom Grabe des Christ
+ Eine schwarze Laute
+ Gebauet ist;
+ Der wurden grüne Reben
+ Zu Saiten
+ Gegeben.
+ O wehe du, wie selig sang,
+ So erossüß, so jesusbang,
+ Die schwarze Rosenlaute.
+
+ Ich hörte sie singen
+ In mailichter Nacht,
+ Da bin ich zur Liebe
+ In Schmerzen erwacht,
+ Da wurde meinem Leben
+ Die Sehnsucht
+ Gegeben.
+ O wehe du, wie selig sang,
+ So jesussüß, so erosbang,
+ Die schwarze Rosenlaute.
+
+
+Oft in der stillen Nacht.
+
+ Oft in der stillen Nacht,
+ Wenn zag der Atem geht
+ Und sichelblank der Mond
+ Am schwarzen Himmel steht,
+
+ Wenn alles ruhig ist
+ Und kein Begehren schreit,
+ Führt meine Seele mich
+ In Kindeslande weit.
+
+ Dann seh' ich, wie ich schritt
+ Unfest mit Füßen klein,
+ Und seh' mein Kindesaug'
+ Und seh' die Hände mein,
+
+ Und höre meinen Mund,
+ Wie lauter klar er sprach,
+ Und senke meinen Kopf
+ Und denk' mein Leben nach:
+
+ Bist du, bist du allweg
+ Gegangen also rein,
+ Wie du gegangen bist
+ Auf Kindesfüßen klein?
+
+ Hast du, hast du allweg
+ Gesprochen also klar,
+ Wie einsten deines Munds
+ Lautleise Stimme war?
+
+ Sahst du, sahst du allweg
+ So klar ins Angesicht
+ Der Sonne, wie dereinst
+ Der Kindesaugen Licht?
+
+ Ich blicke, Sichel, auf
+ Zu deiner weißen Pracht;
+ Tief, tief bin ich betrübt
+ Oft in der stillen Nacht.
+
+
+
+
+Emanuel von Bodman.
+
+Geboren am 23. Januar 1874 zu Friedrichshafen am Bodensee. -- Erde 1896.
+Neue Lieder 1902. Der Wanderer und der Weg 1908.
+
+
+Der Garten.
+
+ Das rote Weinlaub hängt von Sonne voll,
+ Ich trete ohne Schmerz in deinen Garten,
+ Nach langer Zeit. Auf dieser Holzbank schwoll
+ Einst unser junges Sehnen, und wir starrten
+ In manche blaue Nacht. Nun bist du tot
+ Drei bunte Jahre. Die Kastanien fallen.
+ Nun ist mir, fühle ich ihr braunes Rot,
+ Es müßten deine leichten Tritte hallen.
+ Noch fließt der alte Tropfsteinquell so klar,
+ Und mächtig drückt mich eine süße Schwere,
+ Als ob der irre Duft von deinem Haar
+ Noch irgendwo in diesen Büschen wäre.
+
+
+Meine Mutter ...
+
+ Meine Mutter sang
+ Über meine Wiege,
+ Bis zu Flur und Stiege
+ Flog der süße Klang.
+
+ Meine Mutter wand
+ Garn im Sonnenscheine,
+ Und sie hatte eine
+ Zarte weiße Hand.
+
+ Mutter war sehr schön,
+ Hör' ich alle sagen,
+ Und ich will nicht klagen,
+ Daß ich's nicht gesehn.
+
+
+Flocken.
+
+ Leise, leise fallen weiße Flocken,
+ Fall'n wie einstens, als dein Fuß mit Beben
+ In mein Haus trat, als ich hell erschrocken
+ Ahnte, daß ein Wunder sich begeben ...
+
+ Als der Nachthauch unsre Pulse kühlte,
+ Droben lichte Kinderstimmen klangen ...
+ Als ich deine schauernden Arme fühlte,
+ Die so einzig meinen Hals umschlangen ...
+
+ Als ein trunkner Schrei aus meiner Kehle
+ Fuhr, der lang' in meinem Haus gewaltet ...
+ Als zum ersten Male deine Seele
+ Ihre Zitterflügel froh entfaltet ...
+
+
+Wandlung.
+
+ Das Leben, glaubte ich, sei rot von Rosen,
+ Man brauche nur in sein Gestrüpp zu greifen,
+ Um hunderte an einem Tag zu streifen ...
+ Wohl griff ich Rosen, mehr noch Herbstzeitlosen.
+
+ Die Wünsche warf ich weg; sie narrn mich nimmer.
+ Ist so mein Herz um manche Hoffnung leerer,
+ Ist es dafür um eine Weisheit schwerer,
+ Und mich belebt ein heller, harter Schimmer.
+
+ Ich blicke kälter. Doch: schenkt mir im Wandern
+ Das Leben plötzlich eine Rose wieder,
+ Dann blicke ich wie trunken auf sie nieder:
+ Sie glänzt ja röter als die hundert andern.
+
+
+
+
+Walter Calé.
+
+Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November
+1904. -- Nachgelassene Schriften 1907.
+
+
+Wir tauchten aus dem Strom ...
+
+ Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt,
+ Und wo wir eines waren willenlos,
+ Und wandeln nun für eine kurze Weile
+ In argen Fesseln unter Raum und Stunden,
+ Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind,
+ Und nur mit Blicken, welche trösten sollen,
+ Von fern uns winkend -- eine kurze Weile,
+ Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen
+ Und wieder eines sind und willenlos.
+
+
+Der Tod wird uns ...
+
+ Der Tod wird uns an seine Hände nehmen,
+ Ein Führer jener Seelen, welche irrten,
+ Und sprechen: »Dieses ist der rechte Weg!«
+ Und weiter sprechen: »Dieses ist das Land,
+ Nach welchem ihr Verlangen habt und Tränen.«
+ Dann aber werden wir die Blicke senken
+ Und voller Trauer fragen: »Dieses nur?«
+
+
+Es rinnen rote Quellen ...
+
+ Es rinnen rote Quellen
+ Um mein gesegnet Haus;
+ Es tränkt ein schwarzer Reiter
+ Sein schwarzes Roß daraus.
+
+ Er lehnt schon hundert Jahre
+ Vor meinem runden Tor;
+ Die Zeit wird ihm nicht lange,
+ Ich komme nie hervor.
+
+ Es braucht nur dreier Schritte,
+ So kann ich bei ihm stehn,
+ So kann ich mit ihm reiten,
+ Wie meine Wünsche gehn.
+
+ Das ist so schön zu wissen!
+ Ich sag' es tausendmal:
+ »Es wartet einer draußen!«
+ Und bleibe doch im Saal.
+
+ Der Reiter schläft im Schatten,
+ Sein Panzerhemd blinkt gut;
+ Dem Rappen ist sehr schläfrig,
+ Mir ist sehr froh zumut!
+
+
+Zwiegespräch.
+
+ Der Sänger:
+ Die andern sprachen deinem Herzen vieles,
+ Nur meine Lippen blieben stumm, vergib,
+ Vor lauter Seligkeiten, da du kamest.
+
+ Beatrix:
+ Du irrest, Bruder, und ich hörte dich!
+
+ Der Sänger:
+ Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm,
+ Vor lauter Seligkeiten ohne Worte.
+
+ Beatrix:
+ Du irrest, Bruder, und ich hörte dich:
+ Die Lippen nicht, ich hörte deine Seele.
+
+ Der Sänger:
+ Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt,
+ Und keine Worte kamen von der Seele.
+
+ Beatrix:
+ Du irrest, Bruder, und ich hörte dich,
+ Ich hörte deine stumme Seele singen.
+
+
+Du träumtest ...
+
+ Du träumtest dieses Lebens Wirren ferne,
+ Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde
+ Und kam und ging gleich einem Wanderer,
+ Von dessen Schritte nachts die Straßen hallen,
+ Der deinem Fenster so vorübergeht,
+ Daß nur ein Hallen dir von ihm bekannt,
+ Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs
+ Und seine Seele nicht und seine Stimme;
+ Er geht vorüber, und der Schritt verhallt,
+ Auf deinem Lager horchst du eine Weile:
+ »Wer ging vorüber ..?« -- Dann entschlummerst du.
+
+
+Der Heimweg führte mich ...
+
+ Der Heimweg führte mich in dieser Nacht
+ Zum Parke, welcher voller Stille lag,
+ Und viele dürre Blätter raschelten.
+ Und zwischen zweien hohen dunkeln Stämmen
+ Erschien es mir und war mir wohlbekannt
+ Und weinte auch und nickt' und lockte sehr;
+ Doch als der Wind ein wenig lauter klagte,
+ Zerrann es ...
+
+
+Am Flusse.
+
+ Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
+ Trauernd führt mein Weg am andern Ufer:
+ Keiner weiß, ob ihn der andre riefe;
+ Allzu heftig rauschen die Gewässer.
+
+ Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
+ Du vom rechten, ich vom linken Strande?
+ Wollen wir dann in des Stromes Mitte
+ Leichten Ruderschlages uns begrüßen?
+
+ Wollen wir die Wasser abwärts gleiten,
+ Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd,
+ Bis das Meer in großem Glanz sich auftut
+ Und wir stehn und beide weinen müssen?
+
+
+Und abermals wirst du ...
+
+ Und abermals wirst du geboren werden
+ Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
+ Und wirst die Wege gehen allen Lebens,
+ In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln.
+ Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
+ Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
+ Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
+ So wisse du: Der Bruder ruft nach dir,
+ Der abermals dem Tode sich entrang
+ Gleich dir und abermals das Leben wandelt
+ Auf andern Sternen fern und trauervoll.
+
+
+Die Andern.
+
+ Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen
+ Und gehen gleichen Mutes durch das Leben,
+ Und ihr in Tränen und Erschütterung;
+ Und eines Tages ist es dann geschehen:
+ Als eure Tränen immer heißer strömten,
+ Die müden Häupter immer tiefer sanken,
+ Da waren euch die Schwingen längst gewachsen,
+ Da waret ihr im Äther längst entschwunden,
+ Da wußten wir und brannten allzu wissend:
+ Daß Glückes mehr in euern Tränen sei
+ Als in dem Lachen unsrer armen Seele.
+
+
+
+
+Hermann Conradi.
+
+Geboren am 12. Juli 1862 zu Jeßnitz in Anhalt, studierte in Berlin,
+Leipzig und Würzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in
+Würzburg am 8. März 1890. -- Lieder eines Sünders 1887.
+
+
+Aus den »Schwarzen Blättern«.
+
+XIII.
+
+ Ich weiß -- ich weiß: Nur wie ein Meteor,
+ Das flammend kam, jach sich in Nacht verlor,
+ Werd' ich durch unsre Dichtung streifen!
+ Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, --
+ Wie Südwind kost -- es gellt wie Trommelklang
+ Mein Lied und wird in alle Herzen greifen ...
+
+ Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz ...
+ Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz --
+ Es streicht der Abendwind durch die Zypressen ...
+ Nur wenige weinen ... Sie verstummen bald.
+ Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt --
+ Ich aber werde bald vergessen ...
+
+IV.
+
+ Im Sklavendienst der Lüge
+ Hab' ich den Tag verbracht ...
+ Nun hat den Gnadenschleier leis
+ Herabgesenkt die Nacht.
+
+ Es schweigt verträumt die Runde,
+ Nur raunend der Nachtwind rauscht --
+ Ich aber mit brennendem Munde
+ Habe Stunde um Stunde
+ Mit Geistern aus nächtigem Grunde
+ Wilde Zwiesprach' getauscht!
+
+ Hei! Wie er mich umflattert,
+ Der Geister toller Schwarm!
+ Wie er mich preßt mit dunkler Lust
+ In seinen Riesenarm!
+ Wie Frage er auf Frage
+ In meine Seele schreit!
+ Und ob ich bang verzage,
+ Die Brust mir blutig schlage
+ Und bete, daß es tage:
+ Wie ist der Tag so weit!
+
+
+Sommerrosen.
+
+ Ich wollte dich mit Rosen überschütten,
+ Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar
+ Und deines Mieders Knospenrundung schmücken ...
+
+ Als noch der Lenz mit süßem Veilchenodem,
+ Ein milder Sieger, durch die Lande schritt,
+ Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund
+ Mit letztem heißem Abschiedskuß die Rose,
+ Die rote Sommerrose, aufgebrochen,
+ Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen,
+ Mit roten Rosen deine Schönheit krönen ...
+
+ Nun kam der Sommer ... Und der Rosen Fülle
+ Seh' ich allorts und alle Stunden blühn ...
+ Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen,
+ Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen ...
+ Selbst einen Bettler sah ich heute lächeln,
+ Als sein vertränter Blick von ungefähr
+ Auf einen Korb mit roten Rosen fiel ...
+
+ Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen
+ Und schütte sie auf tote Liebesflammen ...
+ -- -- --
+ Nun schmückt ein andrer wohl dein Knospenmieder,
+ Und morgen wohl begegne ich euch beiden ...
+ Ich blick' euch lächelnd nach ...
+ Und denke ganz aus Zufall
+ Bei der Gelegenheit an einen Frühlingstag,
+ Da wir uns sahn ... Am Abend dann
+ Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann,
+ Umduftete uns süß der Flieder ...
+
+ Wir aber liebten uns ...
+ -- -- --
+
+
+Lenz.
+
+ Wie ich mich auf den Frühling freue!
+ Wie mir das Alte und doch so Neue
+ Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt!
+ Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter
+ Aus vollen Lungen!
+ Und doch ist's mir, als ob schon dahinter
+ Sehnsuchtsbezwungen
+ Leise, ganz leise der Lenz sich regt ...
+
+
+Mein Blick, nun weide dich ...
+
+ Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal
+ An dieses Frühlings satter Blütenfülle!
+ Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl --
+ Mein Herz, sei stille! ...
+
+ Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang!
+ Was dich erfüllt, den Winden gib's zum Raube! ...
+ Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang --
+ Dir blieb der Glaube! ...
+
+ O glaube eine winzige Weile nur,
+ Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward!
+ Umfaß noch einmal trunken die Natur,
+ Bevor es Nacht ward! ...
+
+ Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind
+ Mattweiße Blüten -- eine letzte Krönung -- -- --
+ Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind ...
+ Und voll Versöhnung ...
+
+
+Die müde schon verglühte ...
+
+ Die müde schon verglühte,
+ Die leise schon verklang,
+ Jach ist sie wieder aufgeflammt
+ In jauchzendem Gesang!
+ Wie Zimbelton, wie Lautenschlag
+ Ward meine Liebe wieder wach,
+ Die müde schon verglühte,
+ Die leise schon verklang ...
+
+ Und heller tönt ihr Rauschen,
+ Wie junger Frühlingswind,
+ Wenn er in heißem Schöpferdrang
+ Die Welt dem Licht gewinnt!
+ Und das Prophetenwort erläßt,
+ Daß nun der Menschheit Osterfest --
+ Ja! Heller tönt ihr Rauschen,
+ Wie junger Frühlingswind!
+
+ Und wie durch Nebelschleier
+ Die Sonne siegreich bricht,
+ Der jungen Flur ein goldnes Band
+ Ums Lockenantlitz flicht:
+ So überglänzt mit Purpurschein
+ Die Liebe nun mein ganzes Sein,
+ Gießt goldne Feuer nieder
+ Und wirbt um neue Lieder ...
+
+ Und nah und ferne quellen
+ Blitzende Wellen empor
+ An meinem Lebenshorizont
+ Aus Dunst und Wolkenflor!
+ Gedanken, die mir nie genaht,
+ Und Pfade, die ich nie betrat,
+ Entsteigen verborgenen Gründen,
+ Heilige Kraft zu entzünden!
+
+ Die leise schon verklungen,
+ Die müde schon verglüht:
+ Wild ist sie wieder aufgeflammt,
+ Im Lenzsturm stark erblüht!
+ Und lag ich nieder staubbedeckt,
+ So hab' ich mich nun aufgereckt,
+ Und die Gedanken schweifen
+ In großem Weltbegreifen!
+
+
+Im Vorüberfluge.
+
+ Mit metallhartem Rotgelb
+ Hat sich des Himmels
+ Westliche Wölbung beflammt.
+
+ Mein Auge starrt staunend
+ In die leuchtende Blende,
+ Die wachsend fortglüht,
+ Als sei nimmer ihr Ende
+ Die lichtlose Nacht ...
+
+ Da streift die brennende
+ Lichtwand ein Fittich --
+ Der nachtschwarze Fittich
+ Eines Dämmerungsvogels ...
+ Eine kleine Spanne --
+ Und die Weite verschlang ihn.
+
+ Also trägt auch der Mensch
+ Mit schwankem Fittich
+ Sein zwielichtbefangenes Sein
+ Vorüber an der stetig leuchtenden
+ Kristallwand der Ewigkeit ...
+
+ Er huscht dahin
+ Ein Traum -- ein Wahn --
+ Auf schmaler Bahn --
+ So bald -- so bald
+ Raubt seiner Gestalt
+ Schattengefüge
+ Des Nichtseins
+ Farblose Wahrheitslüge.
+
+ Aber im Fluge --
+ Im Vorüberfluge --
+ Ahnt er das Rätsel
+ Der stetig und still
+ In sattem Glanze
+ Fortdauernden Ewigkeit ...
+
+
+
+
+Theodor Däubler.
+
+Geboren am 17. August 1876 zu Triest. -- Das Nordlicht 1910. Der
+sternhelle Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917.
+
+
+Weg.
+
+ Mit dem Monde will ich wandeln:
+ Schlangenwege über Berge
+ Führen Träume, bringen Schritte
+ Durch den Wald dem Monde zu.
+
+ Durch Zypressen staunt er plötzlich,
+ Daß ich ihm entgegengeh,
+ Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
+ Wenn mich's friedlich talwärts zieht.
+
+ Schlangenwege durch die Wälder
+ Bringen mich zum Silbersee:
+ Nur ein Nachen auf dem Wasser,
+ Heilig oben unser Mond.
+
+ Schlangenwege durch die Wälder
+ Führen mich zu einem Berg.
+ Oben steht der Mond und wartet,
+ Und ich steige leicht empor.
+
+
+Die Buche.
+
+ Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub.
+ Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken,
+ Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken,
+ Ich bin das Laub, die Krone überm Staub.
+
+ Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun
+ Ich fang im Frühling selig an zu reden,
+ Ich wende mich in schlichter Art an jeden:
+ Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!
+
+ Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh.
+ Ich will, daß Nebel sich um Äste legen,
+ Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen.
+ Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh!
+
+ Die Winterspflicht erfüll' ich ernst und grau.
+ Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen.
+ Er ist noch niemals ohne mich gewesen.
+ Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.
+
+
+Die Droschke.
+
+ Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke.
+ Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer.
+ Die Droschke und die Gassenflucht sind leer;
+ Oft stampft das Tier, daß seiner wer gedenke.
+
+ Es halten diese Mähre halb nur die Gelenke,
+ Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr.
+ Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her,
+ Daß sie zum Warten sich zusammenrenke.
+
+ Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezänke
+ Und oft das geile Lachen aus der Schenke.
+ Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit.
+
+ Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke
+ Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkeit,
+ Noch einmal poltern da die Droschkenbänke.
+
+
+Heidentum.
+
+ Ich möchte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen.
+ Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen.
+ Mich geben wie das Wasser: abwärtsrinnen.
+ Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen.
+
+ Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen.
+ Sie wollen mich für ihre Glut gewinnen.
+ Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen.
+ Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen.
+
+ Die Wellen wollen sich in mich verlieben.
+ Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen?
+ Nur wir! wenn alle Wünsche leicht zerstieben.
+
+ Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen,
+ Die Wellen tragen meine Kunden weiter:
+ Selbst alle Schwermut überschäumt sich heiter.
+
+
+Die Russin.
+
+ Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone.
+ Der Frühling verblühte in Beeten und Töpfen.
+ Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone,
+ Verrankte, verlor sich in offenen Zöpfen.
+
+ Ihr griechisches Doppelkreuz grüßte die Brüste,
+ Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten,
+ Als ob es die Seele sanft wachhalten müßte.
+ Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten.
+
+ Bald lachten die Sicheln fast männlicher Zähne.
+ Sie glänzten hinaus zu den horchenden Sternen.
+ Es trug schon die Nacht ihre feurige Mähne,
+ Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen.
+
+ Die Augen der Russin vermuteten Meere.
+ Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille.
+ Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere,
+ Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille.
+
+ Dann schenkte die Ebne sich kühlende Winde.
+ Die Russin erwachte und spürte die Kälte.
+ Zitternd zerband sie die Fenstergewinde,
+ Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.
+
+
+
+
+Max Dauthendey.
+
+Geboren am 25. Juli 1867 zu Würzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java.
+-- Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub
+1908. Der weiße Schlaf 1909. Lusamgärtlein 1909. Weltspuk 1910. Des
+großen Krieges Not 1915.
+
+
+Laß mich in deinem stillen Auge ...
+
+ Laß mich in deinem stillen Auge ruhen,
+ Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.
+
+ Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick,
+ Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend.
+
+ Vom dunkeln Horizont der Erde
+ Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel,
+ In deinem Auge endet meine Erde.
+
+
+Graue Engel ...
+
+ Graue Engel gehen um mich,
+ Sehen trauernd auf dich, meine Seele,
+ Sie stehen mit lahmen Flügeln
+ An Aschenhügeln und sinnen;
+ Draußen und drinnen ist es Abend, meine Seele.
+
+
+Am süßen lila Kleefeld ...
+
+ Am süßen lila Kleefeld vorbei,
+ Zu den Tannen, den zwei,
+ Mit der Bank inmitten,
+ Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut
+ Der sanfte Fjord,
+ Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.
+
+ Gib mir die Hand.
+ Die beiden Tannen stehen so still,
+ Ich will dir sagen,
+ Was die Stille rings verschweigen will.
+ Gib mir die Hand ...
+ Gib mir in deiner Hand dein Herz.
+
+
+Winde quälen die Bäume ...
+
+ Winde quälen die Bäume,
+ Die Blätter frieren und gilben.
+
+ Menschen, noch braun die Sommerwangen,
+ Aber die Lippen sangen die letzten Silben.
+ Bald ist das Lied zergangen.
+
+
+Die Amseln haben ...
+
+ Die Amseln haben Sonne getrunken,
+ Aus allen Gärten strahlen die Lieder,
+ In allen Herzen nisten die Amseln,
+ Und alle Herzen werden zu Gärten
+ Und blühen wieder.
+
+ Nun wachsen der Erde die großen Flügel,
+ Und allen Träumen neues Gefieder,
+ Alle Menschen werden wie Vögel
+ Und bauen Nester im Blauen.
+
+ Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge,
+ Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
+ In allen Seelen badet die Sonne,
+ Alle Wasser stehen in Flammen,
+ Frühling bringt Wasser und Feuer
+ Liebend zusammen.
+
+
+Die Luft so schwer ...
+
+ Die Luft so schwer,
+ Wolken stehen weiß und still,
+ Der Himmel hohl und aschenleer,
+ Ein Rabenschrei --,
+ Und kreischt vorbei.
+ Die Bäume stehen kalt umher,
+ Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.
+
+
+Auf deinem Haupt ...
+
+ Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone,
+ Davon glüht nun dein Haar so goldenrot und stolz.
+ Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied
+ Der tiefen ungeweinten Tränen.
+
+ Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen?
+ Man könnte wähnen,
+ Du habest nie dich selbst gesehn,
+ So arm bist du.
+
+
+In deinem Angesicht ...
+
+ In deinem Angesicht
+ Schwebt Stille.
+ Stille, welche in sommerschweren Wäldern lebt,
+ Auf abendblauem Berge,
+ Und im Blumenkelche.
+ Eine Stille, warm und licht,
+ Die ohne Laut vornehme Laute spricht.
+
+
+Unsere Augen ...
+
+ Unsere Augen so leer,
+ Unsere Küsse so welk,
+ Wir weinen und schweigen,
+ Unsere Herzen schlagen nicht mehr.
+
+ Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer
+ Die Schwalben scheiden,
+ Sie kommen wieder,
+ Aber nie mehr uns beiden.
+
+
+Stille weht ...
+
+ Stille weht in das Haus,
+ Fühlst du den Atem des Mondes,
+ Löse dein Haar,
+ Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus.
+ Hörst du, das Meer unten am Strand
+ Wirft die Schätze ans Land;
+ Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer,
+ Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.
+
+
+Die Sommernacht ...
+
+ Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten
+ Und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen.
+ Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen,
+ Vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen,
+ Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.
+
+ Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht,
+ Sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde.
+ Und immer kommt und geht darin der Mond
+ Und wird nicht müde, nie, und kommt und geht.
+ Doch auszudenken, daß wir müde einst
+ Für immer gehn, unwissend mit uns selbst.
+
+
+Drinnen im Strauß.
+
+ Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß,
+ Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus.
+ Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen,
+ Und leicht schwebt über der goldenen Helle
+ Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle.
+ Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß,
+ Wie die Käfer trunken, und finden nicht mehr heraus.
+
+
+Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein.
+
+ Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen,
+ Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein;
+ Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen,
+ Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen
+ Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen.
+ Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein,
+ Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen.
+ Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein
+ Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen.
+
+
+Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.
+
+ Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht:
+ Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.
+ Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf,
+ Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf.
+ Ein großer Baum streckt seine Krone himmelan,
+ Als ob die Nacht ihn weit fortrücken kann.
+
+ Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten
+ Vom Tag und von Gedanken und von Taten.
+ Und alle Dinge sind stumm und verblichen,
+ Als wären sie verstohlen ausgewichen.
+ Sie alle haben nur verschwinden müssen,
+ Damit die scheuen Lippen sich finden und küssen.
+
+
+Der Mond ist wie eine feurige Ros'.
+
+ Der Mond geht groß aus dem Abend hervor,
+ Steht über dem Schloß und dem Gartentor
+ Und läßt sanft glühend die Erde los.
+ Der Mond ist wie eine feurige Ros',
+ Die meine Liebste im Garten verlor.
+
+ Mein Schatten an den steinernen Wänden
+ Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
+ Ich werde den Mohren hinsenden,
+ Er hebe die Rose vorsichtig auf
+ Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.
+
+
+Nachtstürme reiten die Bäume krumm.
+
+ Statt der Blumen und Blätter, die sich sonst regen,
+ Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen.
+ Am Himmel gehen Nebel und Nässe um,
+ Und Nachtstürme reiten die Bäume krumm.
+
+ Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren,
+ Die alten Lieder sind nur Träume hinter sieben Toren.
+ Die Geliebte ging weit in den Nebel fort,
+ Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort.
+
+
+Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?
+
+ Wer hat die Wolken zerbeult?
+ Wer heult vom Berg wie von einem Turm?
+ Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm?
+ Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?
+ Wer ist es, der draußen wild aufstöhnen muß?
+ Wem ist seine Qual hell wütend Genuß?
+ Und wer verflucht sich finster und stier?
+ Ist es die Nacht?
+ Oder ein Stück Schatten von mir?
+
+
+Die Berge werden wie dunkle Kissen.
+
+ In der gelben und grünlichen Abendhelle
+ Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle.
+ Übern Fluß kommt der Hunde verhetztes Gebelle.
+
+ Noch immer sind Schritte am Pflaster draußen.
+ Sie kommen und gehen in kurzen Pausen,
+ Als ob da Schritte ohne Menschen hausen.
+
+ Die Berge werden wie dunkle Kissen,
+ Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen.
+ Der Himmel steht wie ein sehnsüchtig Aug' hell aufgerissen.
+
+
+
+
+Jakob Julius David.
+
+Geboren am 6. Februar 1859 zu Weißkirchen in Mähren, studierte deutsche
+Philologie in Wien, lebte daselbst als Schriftsteller und starb am 20.
+November 1906. -- Gedichte 1892.
+
+
+Mein Lied.
+
+ Ich weiß, mein Lied wird nie gesungen
+ Von jungen Stimmen hell im Chor;
+ Doch sagt's, vom Dämmern lind bezwungen,
+ Vielleicht ein Träumer gern sich vor.
+ Ob vieles zur Vollendung fehle,
+ Er hört, in Lauten trüb und bang,
+ Das Atmen einer müden Seele,
+ Die hart um Licht und Leben rang.
+
+ Es dunkelt. Und wenn lind und leise
+ So Form wie Farbe rings verschwimmt,
+ Erklingt in meiner Brust die Weise,
+ So dämmerfroh und unbestimmt.
+ Und wenn dann, tief in seinem Innern,
+ Ein Abglanz meines Leids ersteht,
+ Soll er des Dichters sich erinnern,
+ Des Name längst im Wind verweht ...
+
+
+Im Volkston.
+
+ Ich hab' kein Haus, ich hab' kein Nest,
+ Ich hab' kein Hochzeit und kein Fest;
+ Ich hab' kein Hof, ich hab' kein Feld,
+ Ich hab' kein Heimat auf der Welt.
+ Am Himmel selbst der Schauerstrich,
+ Den fürchten sie nicht so wie mich;
+ Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht schlecht --
+ Und so, gerade so ist's recht ...
+
+
+Nacht.
+
+ Schon deckt beschattend dein Gefieder
+ Des Tages Licht, du nahst mit Macht.
+ Auf starken Schwingen steigst du nieder,
+ Du meine Mutter, stolze Nacht!
+ Nun öffnen sich der Seele Pforten,
+ So streng geschlossen kaum zuvor,
+ Und meinem Weh und seinen Worten
+ Leihst du dein mir geneigtes Ohr.
+
+ Nun stehn die Gassen öd' und düster
+ Und, wie in ewig regem Leid,
+ Haucht sein verhallendes Geflüster
+ Dein Wind durch deine Einsamkeit;
+ Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier --
+ Den Blick beirrt' es kaum zuvor --
+ Doch riesenhaft und ungeheuer
+ Wächst wahrhaft Großes nun empor.
+
+ Ich liebe dich, bin dir entsprungen,
+ Und feind dem Tag, so laut und dreist!
+ Das Wenige, das mir gelungen,
+ Du gabst es dem verwandten Geist;
+ Dein Anhauch ist es, der zur Lohe
+ Der Seele trübes Licht entfacht --
+ Sei mir willkommen, ernste hohe,
+ Sei mir gegrüßt, ersehnte Nacht!
+
+
+
+
+Richard Dehmel.
+
+Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg.
+Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882-87 Philosophie,
+Naturwissenschaft und Sozialökonomie, wohnte zunächst in Berlin, reiste
+dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8.
+Februar 1920. -- Erlösungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensblätter
+1895. Weib und Welt 1896. Ausgewählte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903.
+Verwandlungen der Venus 1907. Schöne wilde Welt 1913.
+
+
+Die Harfe.
+
+ Unruhig steht der hohe Kiefernforst;
+ Die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen.
+ Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst;
+ Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen,
+ Und dumpfer tönt mein Schritt.
+
+ Hier über diese Hügel ging ich schon,
+ Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,
+ Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton
+ Die Arme hob und ins Erhabne spannte,
+ Ihr Riesenstämme rings.
+
+ In großen Zwischenräumen, kaum bewegt,
+ Erheben sich die graugewordnen Schäfte;
+ Durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt
+ Die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte
+ Wie damals.
+
+ Und _eine_ steht, wie eines Erdgotts Hand
+ In fünf gewaltige Finger hochgespalten;
+ Die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand
+ Und langt noch höher als die starren alten
+ Einsamen Stämme.
+
+ Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf,
+ Als wollten sie sich aneinanderzwängen;
+ Durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf,
+ Als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen
+ Einer verwunschnen Harfe.
+
+ Und von der Harfe kommt ein Himmelston
+ Und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen.
+ Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon:
+ Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen:
+ Komm, Sturm, erhöre mich!
+
+ Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt,
+ Die mächtig ganz in meine würde passen!
+ Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt!
+ Die ganze Hand, die konnte niemand fassen!
+ Da ballt' ich sie zur Faust.
+
+ Ich habe mit Inbrünsten jeder Art
+ Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen.
+ Ich steh' und prüfe die bestandne Fahrt:
+ Nur _eine_ Inbrunst läßt sich treu ertragen:
+ Zur ganzen Welt.
+
+ Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst!
+ Schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben.
+ In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst;
+ Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben,
+ Welt! --
+
+
+Sommerabend.
+
+ Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;
+ Fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,
+ Im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,
+ Ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.
+
+ Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton,
+ Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde;
+ Im stillen Walde steht die Dämmrung schon,
+ Der Hirte sammelt seine satte Herde.
+
+ Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,
+ Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;
+ Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.
+ So sei doch _froh_, mein Herz, in all dem Frieden!
+
+
+Aus banger Brust.
+
+ Die Rosen leuchten immer noch,
+ Die dunkeln Blätter zittern sacht;
+ Ich bin im Grase aufgewacht,
+ O kämst du doch,
+ Es ist so tiefe Mitternacht.
+
+ Den Mond verdeckt das Gartentor,
+ Sein Licht fließt über in den See,
+ Die Weiden warten still empor,
+ Mein Nacken wühlt im feuchten Klee;
+ So liebt' ich dich noch nie zuvor!
+
+ So hab' ich es noch nie gewußt,
+ So oft ich deinen Hals umschloß
+ Und blind dein Innerstes genoß,
+ Warum du so aus banger Brust
+ Aufstöhntest, wenn ich überfloß.
+
+ O jetzt, o hättest du gesehn,
+ Wie dort das Glühwurmpärchen kroch!
+ Ich will nie wieder von dir gehn!
+ O kämst du doch!
+ Die Rosen leuchten immer noch.
+
+
+ [Illustration: Richard Dehmel]
+
+
+Ein Stelldichein.
+
+ So war's auch damals schon. So lautlos
+ Verhing die dumpfe Luft das Land,
+ Und unterm Dach der Trauerbuche
+ Verfingen sich am Gartenrand
+ Die Blütendünste des Holunders;
+ Stumm nahm sie meine schwüle Hand,
+ Stumm vor Glück.
+
+ Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
+ Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
+ Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch --
+ Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
+ Was starrst du mich so gottesäugig an?
+ Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was quäle
+ Ich mich mit fremdem Unglück ab ...
+
+ Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
+ Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
+ Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
+ Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
+ Als hätten alle Blätter Gift getrunken;
+ So still liegt sie nun auch.
+ Ich wünsche mir den Tod.
+
+
+Ein Grab.
+
+ Das sind die Abende, die bleich verfrühten.
+ Die Georginen, die im Sonnenscheine
+ Wie rot und gelbe letzte Rosen glühten,
+ Stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine.
+ Der Nebel klebt an unsern Hüten.
+
+ Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz
+ Umgittert _eine_, die zu früh verblich.
+ Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.
+ Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;
+ Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.
+
+
+Stiller Gang.
+
+ Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
+ Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
+ Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
+ Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
+ Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
+ Vorbei.
+
+
+Die stille Stadt.
+
+ Liegt eine Stadt im Tale,
+ Ein blasser Tag vergeht;
+ Es wird nicht lange dauern mehr,
+ Bis weder Mond noch Sterne,
+ Nur Nacht am Himmel steht.
+
+ Von allen Bergen drücken
+ Nebel auf die Stadt;
+ Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
+ Kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
+ Kaum Türme noch und Brücken.
+
+ Doch als den Wandrer graute,
+ Da ging ein Lichtlein auf im Grund;
+ Und durch den Rauch und Nebel
+ Begann ein leiser Lobgesang
+ Aus Kindermund.
+
+
+Manche Nacht.
+
+ Wenn die Felder sich verdunkeln,
+ Fühl' ich, wird mein Auge heller;
+ Schon versucht ein Stern zu funkeln,
+ Und die Grillen wispern schneller.
+
+ Jeder Laut wird bilderreicher,
+ Das Gewohnte sonderbarer,
+ Hinterm Wald der Himmel bleicher,
+ Jeder Wipfel hebt sich klarer.
+
+ Und du merkst es nicht im Schreiten,
+ Wie das Licht verhundertfältigt
+ Sich entringt den Dunkelheiten.
+ Plötzlich stehst du überwältigt.
+
+
+Geheimnis.
+
+ In die dunkle Bergschlucht
+ Kehrt der Mond zurück.
+ Eine Stimme singt am Wassersturz:
+ O Geliebtes,
+ Deine höchste Wonne
+ Und dein tiefster Schmerz
+ Sind mein Glück --
+
+
+Morgenstunde.
+
+ Ob du wohl auch so schlaflos liegst
+ Und dich in wachen Träumen wiegst,
+ Vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt?
+ Ich starr ins dunkle Firmament:
+ Der Morgenstern, in großem Bogen,
+ Ist langsam längst heraufgezogen
+ Und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.
+
+ Vor meinen schwachen Augen
+ -- Nun weiß ich doch, zu was sie taugen --
+ Strahlt er, je höher her, je flimmernder.
+ Weihnächtig glänzt die graue Stille.
+ O zögre, Alltag! Ohne Brille
+ Sieht man die Welt unendlich schimmernder.
+
+ Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
+ Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser,
+ Die du mir gestern heimlich brachtest.
+ Und wenn du mich dafür auslachtest:
+ Sanft nehm' ich sie von ihrer Stätte
+ Und leg' sie auf mein warmes Bette
+ Und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.
+
+
+Erhebung.
+
+ Gib mir nur die Hand,
+ Nur den Finger, dann
+ Seh' ich diesen ganzen Erdkreis
+ Als mein Eigen an!
+
+ O, wie blüht mein Land!
+ Sieh dir's doch nur an,
+ Daß es mit uns über die Wolken
+ In die Sonne kann!
+
+
+Bewegte See.
+
+ Noch _einmal so_! Im Nebel durch den Sturm:
+ Das Segel knatterte, die Schiffer schrien,
+ Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm,
+ Ich fühlte deine Angst in meinen Knien
+ Und sah dein stolz und fremd Gesicht.
+
+ Noch einmal wollte mir dein Auge drohn,
+ Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,
+ Doch in den Wellen rang ein Ton
+ Wie das Gewein von einem Kinde --
+ Da wehrtest du mir nicht:
+
+ Um meine Lippen lag dein naß wild Haar,
+ Um deine Schulter lag mein Arm gezogen,
+ Und unsern Kuß versüßte wunderbar
+ Der Schaum der salzigen Sturzwogen --
+ Da schrie ich laut vor Freude auf.
+
+ Noch _einmal so_! Was tust du jetzt so kalt,
+ Hast du denn Furcht vorm offnen Meere!
+ Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald!
+ Im Hafennebel tanzt die Fähre --
+ Hinaus! hinauf!
+
+
+Nachtgebet der Braut.
+
+ O mein Geliebter -- in die Kissen
+ Bet' ich nach dir, ins Firmament!
+ O könnt' ich sagen, dürft' er wissen,
+ Wie meine Einsamkeit mich brennt!
+
+ O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!
+ O laß ihn mir im Traume nahn,
+ Mich wie die Erde um ihn schwingen
+ Und seinen Sonnenkuß empfahn
+
+ Und seine Flammenkräfte trinken,
+ Ihm Flammen, Flammen wiedersprühn,
+ O Welt, bis wir zusammensinken
+ In überirdischem Erglühn!
+
+ O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!
+ O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!
+ O Traum der Erde: Sonne, Sonne!
+ O mein Geliebter -- mein Gemahl --
+
+
+Ideale Landschaft.
+
+ Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,
+ Und eine hohe Abendklarheit war,
+ Und sahst nur immer weg von mir,
+ Ins Licht, ins Licht --
+ Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.
+
+
+Aus »Zwei Menschen«.
+
+I, 1.
+
+ Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
+ Der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
+ Der Mond läuft über hohe Eichen;
+ Kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
+ In das die schwarzen Zacken reichen.
+ Die Stimme eines Weibes spricht:
+
+ Ich trag' ein Kind, und nit von dir,
+ Ich geh' in Sünde neben dir.
+ Ich hab' mich schwer an mir vergangen.
+ Ich glaubte nicht mehr an ein Glück
+ Und hatte doch ein schwer Verlangen
+ Nach Lebensinhalt, nach Mutterglück
+ Und Pflicht; da hab' ich mich erfrecht,
+ Da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
+ Von einem fremden Mann umfangen,
+ Und hab' mich noch dafür gesegnet.
+ Nun hat das Leben sich gerächt:
+ Nun bin ich dir, o dir, begegnet.
+
+ Sie geht mit ungelenkem Schritt.
+ Sie schaut empor; der Mond läuft mit.
+ Ihr dunkler Blick ertrinkt im Licht.
+ Die Stimme eines Mannes spricht:
+
+ Das Kind, das du empfangen hast,
+ Sei deiner Seele keine Last,
+ O sieh, wie klar das Weltall schimmert!
+ Es ist ein Glanz um alles her;
+ Du treibst mit mir auf kaltem Meer,
+ Doch eine eigne Wärme flimmert
+ Von dir in mich, von mir in dich.
+ Die wird das fremde Kind verklären,
+ Du wirst es mir, von mir gebären.
+ Du hast den Glanz in mich gebracht,
+ Du hast mich selbst zum Kind gemacht.
+
+ Er faßt sie um die starken Hüften.
+ Ihr Atem küßt sich in den Lüften.
+ Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.
+
+I, 16.
+
+ Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel.
+ Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel:
+ Ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin.
+ Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bügel.
+ Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann führt die Zügel.
+
+ Jetzt reckt er das Kinn:
+ Lea! seit meinen Jugendjahren
+ Bin ich nicht so im Fluge gefahren,
+ So rasend noch nie.
+ Aber noch rasender war's gestern morgen,
+ Als ich im Sturm deinen Namen schrie
+ Und, als wäre mein Gott drin verborgen,
+ Mit ihm rang um dich, Knie an Knie:
+ Schleife mich, Sturmgott, um die Erde,
+ Sei sie unrein, sei sie rein!
+ Gönne mir nur kein Glück am Herde,
+ Hingerissen will ich sein! --
+ Sage mir, du, ich frage dich: schreit
+ _Dein Gott auch so meinen_ Namen?
+ Peitscht dich der Schnee auch wie Frühlingssamen?
+ Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?!
+
+ Er reißt ihr die Peitsche weg; die Rappen schäumen schon.
+ Die Zügel schlackern; die Bügel bäumen schon.
+ Das Weib umschlingt ihn fallbereit:
+
+ Nenn's nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn!
+ Lukas! ich hab' in manchen furchtbaren Wochen
+ Dagelegen wie zerbrochen
+ Und wußte doch: ich will, muß, willmuß fliegen!
+ Ja, Lux: rase! laß brechen, laß biegen!
+ Mir wiegt ein Gefühl der Erleuchtung die Brüste,
+ Als ob es die Sonne blind machen müßte!
+ Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstäche,
+ Und wenn mir dein Sturmgott den Atem bräche,
+ Ich lasse mich wiegen, du -- wiegen -- wiegen --
+
+ Sie starrt verzückt in das wilde Gewimmel.
+ Zwei Menschen glauben sich im Himmel.
+
+I, 23.
+
+ Kaminfeuer und Morgenrotschimmer
+ Schmücken ein hohes Damenzimmer.
+ Ein Weib erhebt aus meergrüner Seide
+ Ihre nackten Arme beide
+ Vor einem Mann breit in die Luft
+ Und lacht, umschwebt von Mandelduft:
+
+ Ich glaub', ich bin noch immer schön;
+ Mein Kind hat mir nichts weggenommen.
+ Und hättst mich eben baden sehn,
+ Du wärst mit mir gen Himmel geschwommen!
+ Was stehst denn wieder wie im Schlaf?
+ O Lux, was bist du für ein -- Schaf!
+
+ Er lächelt eigen, sie merkt es nicht:
+ Er senkt, scheinbar grübelnd, sein scharfes Gesicht.
+ Sein Fuß streichelt ein Eisbärfell.
+ Er fragt halbhell:
+
+ Schönheit? -- das ist mir nichts als Hülle
+ Um irgend eine Liebreizfülle.
+ Der Reiz zur Liebe und zum Leben,
+ Wenn den die Reize einer Gestalt
+ Mir wie aus eigner Seele eingeben,
+ Dann bin ich -- schön in ihrer Gewalt;
+ Sonst sind sie angeflogne Schäume,
+ Nachwehen toter Künstlerträume.
+ Du würdest ja Raffael nicht entzücken:
+ Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen.
+ Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen.
+ Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrücken
+ Taugen zu keiner klassischen Ode,
+ Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode.
+ Aber -- jetzt will ich die Augen zudrücken,
+ Will nichts mehr fühlen als deinen Bann,
+ Nichts küssen als deine Wildkatzenstirne;
+ Und wärst du die durchtriebenste Dirne,
+ Du wirst mir eine Heilige dann --
+
+ Prüfend blicken zwei Seelen einander an.
+
+II, 28.
+
+ Und es rauscht nur und weht.
+ Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen;
+ Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen,
+ Die blaue Glut, die stumm und stet
+ Die Dünen umschlingt.
+ Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden
+ Und nimmt ihre Träume und gibt sie den Wellen, den Winden.
+ Die Seele eines Weibes singt:
+
+ O laß mich still so liegen,
+ An deiner Brust, die Augen zu.
+ Ich sehe zwei Wolken fliegen,
+ Die eine Sonne wiegen;
+ Wo sind wir, du? --
+
+ Und es rauscht und weht.
+ Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern.
+ Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern,
+ Der über den bleichen wilden Hügeln steht
+ Und golden schwingt.
+ Die Seele eines Mannes singt:
+
+ Still, laß uns weiterfliegen,
+ Beide die Augen zu.
+ Ich sehe zwei Meere liegen,
+ Die einen Himmel wiegen.
+ O du --
+
+ Es rauscht, es weht;
+ Über die heißen Höhenzüge geht
+ Höher und höher der goldne Schein
+ Ins Blaue hinein,
+ Wo das Dunkel schwebt.
+ Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen,
+ Kommt die Einsamkeit gezogen.
+ Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt,
+ Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden,
+ Die will uns wohl endlich leibeigen werden:
+ Es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen,
+ Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen --
+
+
+
+
+Adolph Donath.
+
+Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in Mähren. -- Tage und Nächte
+1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901.
+
+
+Tränen.
+
+ Wenn ich leide, wenn ich dulde,
+ Wandern meine kranken Tränen
+ Fort in meine ferne Heimat,
+ Wo die gute Mutter wohnt.
+
+ Und die gute Mutter öffnet
+ Ihre kleinen weichen Hände,
+ Betet für den schwachen Dulder,
+ Der die Tränen heimgesandt.
+
+ Segnend legt sie dann die kranken
+ In ein stilles, feines Kästchen,
+ Das aus Seele sie gezimmert,
+ Das nur sie erschließen kann,
+
+ Und sie pflegt die kranken Tränen
+ Wie ein Gärtner, der sein Leben,
+ Seine edle, stumme Güte
+ Zarten Blütenknospen weiht ...
+
+ Wenn ich einst in Freudestunden
+ Zitternd nach den Tränen frage,
+ Küßt mir meine gute Mutter
+ Schnell den Dank vom Herzen weg.
+
+
+
+
+Albert Ehrenstein.
+
+Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. -- Die weiße Zeit, 1914. Der
+Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918.
+Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.
+
+
+Auf der hartherzigen Erde.
+
+ Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu,
+ Mich freut der weiße Tanz der Gestirne,
+ Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes,
+ Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn,
+ Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache,
+ Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig.
+ Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde,
+ Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin.
+
+ Ich zertrat das Gebot:
+ »Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!«
+ Düster umwandle ich mich,
+ Vermeidend die Mädchen und Männer,
+ Seit mein weiches, bluttränendes Herz
+ Im Staube zerstießen, die ich verehrte.
+ Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn
+ Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte.
+ Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch.
+ Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste.
+
+
+Verzweiflung.
+
+ Wochen, Wochen sprach ich kein Wort;
+ Ich lebe einsam, verdorrt.
+ Am Himmel zwitschert kein Stern.
+ Ich stürbe so gern.
+
+ Meine Augen betrübt die Enge,
+ Ich verkrieche mich in einen Winkel,
+ Klein möchte ich sein wie eine Spinne,
+ Aber niemand zerdrückt mich.
+
+ Keinem habe ich Schlimmes getan,
+ Allen Guten half ich ein wenig.
+ Glück, dich soll ich nicht haben.
+ Man will mich nicht lebend begraben.
+
+
+Friede.
+
+ Die Bäume lauschen dem Regenbogen,
+ Tauquelle grünt in junge Stille,
+ Drei Lämmer weiden ihre Weiße,
+ Sanftbach schlürft Mädchen in sein Bad.
+
+ Rotsonne rollt sich abendnieder,
+ Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben.
+ Dunkel über Flut und Flur.
+
+ Froschwanderer springt großen Auges,
+ Die graue Wiese hüpft leis mit.
+ Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne.
+ Der Heimwehwind weht gute Nacht.
+
+
+Coyllur.
+
+ Grenz ich an dich im Grenzenlosen?
+ Retten mich aus Todestosen Mädchenrosen?
+ Ihr Küsse fern, wild ringend Kosen
+ -- Steht schon still die Liebesuhr?
+ Coyllur!
+
+ Die, ein Kind, bei mir geruht,
+ O, wie warst du traulich-gut!
+ Gift vergällte mein Herzblut,
+ Seit dein Schweigen mich durchfuhr,
+ Coyllur!
+
+ Nacht um Nacht ich nie entschlief,
+ Wochenewig tränkte mich kein Brief,
+ Auf eine Karte wartend tief
+ Meiner harrte harte Kur,
+ Coyllur!
+
+ Wort starb mir im toten Hain.
+ Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein
+ Dacht ich dein.
+ Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour,
+ Coyllur!
+
+
+Wanderers Lied.
+
+ Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
+ Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
+ Keuschheit kennen sie nicht;
+ Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.
+
+ Mädchen, das ich liebe,
+ Seele der Seelen du,
+ Auserwählte, Lichtgeschaffene,
+ Nie sahst du mich an,
+ Dein Schoß war nicht bereit,
+ Zu Asche brannte mein Herz.
+
+ Ich kenne die Zähne der Hunde,
+ In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
+ Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,
+ Schimmel freut sich an den Wänden,
+ Gute Ritzen sind für den Regen da.
+
+ »Töte dich!« spricht mein Messer zu mir.
+ Im Kote liege ich;
+ Hoch über mir, in Karossen befahren
+ Meine Feinde den Mondregenbogen.
+
+
+Blind.
+
+ Tag um Tag
+ Stirbt -- ich bin?
+ Wo geht meine Zeit denn hin?
+
+ Traum versank,
+ Nacht ist Spiel,
+ Schlaf das Gut,
+ Tod das Ziel.
+
+ Erde, Stern
+ Klingt nur so,
+ Ort ist Ort, wer weiß wo?
+
+
+Dunkel.
+
+ Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese,
+ Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese,
+ Bravem Schlaf in treuer Bucht.
+ Herr, gib mir die Blüte, mir die Frucht.
+
+ Willst du, o Gott, mich niemals gütig grüßen?
+ Almosen gibst du Bettlern, Söhnen des Weges,
+ Kühles Wasser der Forelle,
+ Seelenantlitz einem Mädchen.
+
+ Mir nur, daß ich Trän an Träne weine,
+ Eule unter Käuzen werde --
+ Selig kleine Schottersteine
+ Mütterlich umwärmt sie Erde.
+
+ Ratten! Fresset meine Eingeweide!
+ Zerspell mich, Fels, ertränk mich, Furt!
+ Was starb ich nicht vor der Geburt?
+ Aufstrahlt mir nie das Land der Freude.
+
+
+
+
+Franz Evers.
+
+Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. -- Fundamente 1892. Eva
+1893. Königslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896.
+Paradiese 1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901.
+
+
+Rosenglut.
+
+ An manchem Abend weht mich Sehnsucht an,
+ Dann fühl' ich, wie du liebend zu mir strebst,
+ Und halberregte Wünsche spür' ich dann
+ Und wie du nach mir bebst.
+ Dann muß dein Blut von neuen Wundern träumen,
+ Weil so das meine klingt und loht,
+ Vor meinem Haus, von allen Bäumen
+ Lockt glühender das Abendrot.
+
+ Wenn dann die Wächter von den Türmen blasen,
+ Will ganz mein Herz nach dir vergehn ..
+ Ich glaube dich über den stillen Rasen
+ Mit lauter Rosen kommen zu sehn ...
+
+
+Jugend.
+
+ Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
+ Wißt ihr, wo der steht?
+ Da sprach der Hirtenknabe
+ Sein Morgengebet.
+ Trieb die Schafe dann auf die Weide
+ Hin durch den sonnigen Raum;
+ Über die blühende Heide
+ Träumte sein junger Traum.
+
+ Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
+ Wißt ihr, wo der steht?
+ Da sprach eine junge Dirne
+ Ihr Abendgebet.
+ Und der Wind kam von der Heiden
+ Und küßte ihres Kleides Saum ..
+ Die beiden, die beiden
+ Träumten den ersten Traum.
+
+
+Abendlied.
+
+ Du ferne Flöte
+ Hinter dem Hügel dort,
+ Wie sprichst du glühenden Klangs,
+ Was mein Herz verschweigen muß,
+ Wie bebst du zitternd dahin
+ Über die Apfelblüten im Mondlicht,
+ Daß die Schatten der Bäume
+ Zu schwinden scheinen
+ Und alles in Glanz getauchte
+ Selige Sehnsucht wird,
+ Aus Menschenschmerz leise sich ringend:
+ Selige Lebensglut.
+ Einsame Stimme du
+ Hinter dem Hügel dort,
+ Mein Herz, mein Herz sprichst du aus.
+
+
+Ein Gastgeschenk.
+
+ Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer;
+ Die Rosen blühten auf; das Fenster klang.
+ Und von den Gärten draußen kam noch immer
+ Der weiche sehnsuchtsvolle Jünglingssang.
+
+ Du hingst an mir, und deine Augen glänzten;
+ Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand ...
+ Und Abendlichter, die dich rot umkränzten,
+ Und selige Sehnsucht, die dich mir verband.
+
+ Und nichts als goldne Fülle um uns beide:
+ Die bebenden Hände und der taumelnde Mund ...
+ Der junge Gärtner draußen sang sein Lied vom Leide,
+ Das zitterte von dir und war so wund --
+
+ Du aber lächeltest.
+
+
+Der Künstler.
+
+ »Es liegt ein Plan in einem weiten Tal,
+ Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen
+ Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht.
+ Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet,
+ Ist so von ungekanntem Sehnen schwer,
+ Daß du dich kaum hindurchzufinden wagst.
+ Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken,
+ Von einer Ruhe, die du kaum empfunden,
+ In einem Licht, das Farben voller macht.
+ Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut,
+ Auf daß es doch vertraute Laute wecke,
+ Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad.
+ Denn weich und mild ist nebenan der Rasen,
+ Der weithin das Geräusch des Lebens dämpft.
+ Inmitten, wo drei alte Rieseneschen
+ Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen,
+ Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbüschen.
+ Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar
+ Und knieen dann. Und wenn es Abend ist,
+ Empfangen sie den Tau der Gnadensonne,
+ Die sacht und sicher ihre Stirnen klärt,
+ Die weißen Menschenstirnen. Heil den Helden,
+ Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!«
+
+ So kündete der alte Sänger mir,
+ Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern;
+ Und heute schon fand ich die klaren Wege.
+ Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald
+ Bläst nur ein Hirte noch, und hin und wieder
+ Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen,
+ Die mir zu folgen wünschen. Sonst ist Ruhe.
+ Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe,
+ Der sich in bleichem bläulichem Zerschweben
+ Im Laub der Eschen fängt. Der Abend duftet.
+ Der Rasen ruht in weichem Schlummer da.
+ Mein Mantel drückt so schwer in diesem Land,
+ Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar,
+ Ich bringe meine Menschensehnsucht dar,
+ Und fühle meine Seele ganz erwachen.
+ Und wie die Rosen stärker sich entfachen
+ Im Abendglühn, sinkt nun auf mein entblößtes
+ Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist ...
+ Ich sehe, was mein Auge nicht vergißt,
+ Und was ich schaue, ist der Wunder größtes:
+ Dich, du formender Gott!
+
+
+
+
+Gustav Falke.
+
+Geboren am 11. Januar 1853 zu Lübeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er
+am 8. Februar 1916 starb. -- Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht
+1893. Zwischen zwei Nächten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899.
+Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.
+
+
+Das Mohnfeld.
+
+ Es war einmal, ich weiß nicht wann
+ Und weiß nicht wo. Vielleicht ein Traum.
+ Ich trat aus einem schwarzen Tann
+ An einen stillen Wiesensaum.
+
+ Und auf der stillen Wiese stand
+ Rings Mohn bei Mohn und unbewegt,
+ Und war bis an den fernsten Rand
+ Der rote Teppich hingelegt.
+
+ Und auf dem roten Teppich lag,
+ Von tausend Blumen angeblickt,
+ Ein schöner, müder Sommertag,
+ Im ersten Schlummer eingenickt.
+
+ Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt
+ Hat er sich tief ins Kraut geduckt,
+ Bis an die Löffel zugedeckt,
+ Nur einer hat herausgeguckt.
+
+ Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug
+ Bewegte kaum die Abendluft.
+ Ich sah kaum, wie der Flügel schlug,
+ Ein schwarzer Strich im Dämmerduft.
+
+ Es war einmal, ich weiß nicht wo.
+ Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her.
+ Ich seh' nur noch, und immer so,
+ Das stille, rote Blumenmeer.
+
+
+Märchen.
+
+ In deiner lieben Nähe
+ Bin ich so glücklich. Ich mein',
+ Ich müßte wieder der wilde,
+ Selige Knabe sein.
+
+ Das macht deiner süßen Jugend
+ Sonniger Frühlingshauch.
+ Ich hab' dich so lieb. Und draußen
+ Blühen die Rosen ja auch.
+
+ O Traum der goldenen Tage!
+ Herz, es war einmal.
+ Abendwolken wandern
+ Über mein Jugendtal.
+
+
+Daß der Tod uns heiter finde.
+
+ Laßt uns Blumen pflücken gehn,
+ Letzte Astern, späte Rosen.
+ Morgen werden Stürme tosen
+ Und den bunten Schmuck verwehn.
+
+ Auch den Becher holt hervor,
+ Fröhlich laßt uns sein und trinken.
+ Morgen werden Schatten sinken,
+ Und es schweigt der laute Chor.
+
+ Wißt ihr wo ein holdes Kind,
+ Teilt mit ihm die letzten Blüten!
+ Die noch heut in Liebe glühten,
+ Morgen sind die Augen blind.
+
+ Scherzt und küßt und trinkt und lacht,
+ Eh' wir uns zum Abschied rüsten.
+ Drüben winkt von fremden Küsten
+ Eine sternenlose Nacht.
+
+ Horch. Schon meldet sich ihr Wehn.
+ Daß der Tod uns heiter finde!
+ Singend unterm Kranzgewinde
+ Laßt uns ihm entgegengehn.
+
+
+Stranddistel.
+
+ Das Fräulein ging am Meeresstrand
+ Durch weißen, bleichen Sand, bis rot
+ Ein schüchtern Blümchen sich ihr bot,
+ Sie brach's und warf es aus der Hand.
+
+ Und bückte nach der Distel sich,
+ Die rauh und grau daneben stand.
+ Die trotzte ihrer kleinen Hand
+ Und wehrte sich mit scharfem Stich.
+
+ Sie brach sie doch und ging und sang
+ Ein müdes Lied mit müdem Mund,
+ Das überm abendschwarzen Sund
+ Im Wind verwehte und verklang.
+
+
+Das Grab.
+
+ Ein frischer Hügel ist's, darauf
+ Drei rote Tulpen flammen.
+ Zwei schwarze Taxusstauden stehn
+ Und stecken die Köpfe zusammen.
+
+ Und tuscheln über ein weißes Kreuz,
+ Darauf mit Gold geschrieben
+ Ein Mädchenname, darunter ein
+ Spruch vom himmlischen Lieben.
+
+ Wer hat das junge Ding gekannt?
+ Wer zündete die drei roten
+ Flammen über ihr Bettlein an? --
+ Was kümmern mich die Toten.
+
+ Ich hab' zu Haus ein krankes Weib,
+ Der will ich drei Rosen bringen,
+ Drei rote Rosen, und will ihr leis
+ Ein Lied vom Leben singen.
+
+
+Späte Rosen.
+
+ Jahrelang sehnten wir uns,
+ Einen Garten unser zu nennen,
+ Darin eine kühle Laube steht
+ Und rote Rosen brennen.
+
+ Nun steht das Gärtchen im ersten Grün,
+ Die Laube in dichten Reben.
+ Und die erste Rose will
+ Uns all ihre Schönheit geben.
+
+ Wie sind nun deine Wangen so blaß
+ Und so müde deine Hände.
+ Wenn ich nun aus den Rosen dir
+ Ein rotes Kränzlein bände,
+
+ Und setzte es auf dein schwarzes Haar,
+ Wie sollt' ich es ertragen,
+ Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor
+ Zwei stille Augen klagen.
+
+
+Zwei.
+
+ Drüben du, mir deine weiße
+ Rose übers Wasser zeigend,
+ Hüben ich, dir meine dunkle
+ Sehnsüchtig entgegenneigend.
+
+ In dem breiten Strome, der uns
+ Scheidet, zittern unsre blassen
+ Schatten, die vergebens suchen
+ Sich zu finden, sich zu fassen.
+
+ Und so stehn wir, unser Stammeln
+ Stirbt im Wind, im Wellenrauschen,
+ Und wir können nichts als unsre
+ Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.
+
+ Leis, gespenstisch, zwischen unsern
+ Dunklen Ufern schwimmt ein wilder
+ Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken
+ Unsre blassen Spiegelbilder.
+
+
+
+
+Ludwig Finckh.
+
+Geboren am 21. März 1876 zu Reutlingen. -- Fraue du, du Süße 1900. Rosen
+1905.
+
+
+Einer Frau.
+
+ Das dank' ich dir:
+ Ein Lächeln auf dem Munde,
+ Die Rosen da, und hier
+ Die leise Wunde.
+
+ Das dank' ich dir,
+ Ein Glück im Todeshauche:
+ Daß ich mich nicht vor mir
+ Zu schämen brauche.
+
+
+Abendhimmel.
+
+ Tiefdunkelroter Scharlachschein
+ Versickerte an Wolkenreihn,
+ Die klar von Silber flossen.
+ Der Himmel war wie roter Wein.
+ Was mochte dort zu feiern sein?
+ Wer hat den Wein vergossen?
+
+
+Geschenk.
+
+ Dies schick' ich dir, mein Liebling, zum Geburtstag.
+
+ Zwei weiße Tauben, deren weich Gefieder
+ In einem Tempel Indiens geleuchtet,
+ Und deren Kropf mit edlem Hanf gefüllt war,
+ Den braune Mädchen auf den Feldern pflückten.
+ Sie sangen leise, dachten an den Liebsten.
+ Sei diesen Tauben gut, sie sind wie Schneefall,
+ Bevor er noch die weiße Erde küßte,
+ Und ohne Makel, nimm sie auf die Schulter,
+ Beglücke sie an deiner Wang' zu schlafen,
+ Die weich und schneeig ist wie ihr Gefieder,
+ Und sich im Nest zu träumen in der Heimat.
+ Nimm Wischi und Schiwinda gütig auf.
+ In Simla waren sie der Liebe Götter,
+ Und alles Volk lag täglich auf den Knien
+ Und betete. Sie schnäbelten sich zärtlich.
+ Ich raubte sie, an deine Wange denkend.
+ Dies schick' ich dir, mein Liebling, heute früh
+ Durch einen braunen Boten, windbeflügelt
+ Und stumm, mit einem Körbchen morgenfrischer
+ Feuriger Küsse. Laß sie dir gut munden.
+
+
+
+
+Cäsar Flaischlen.
+
+Geboren am 12. Mai 1864 zu Stuttgart; lebte in Berlin, wo er am 16.
+Oktober 1920 starb. -- Nachtschatten 1884. Vom Haselnußroi 1891. Von
+Alltag und Sonne 1898. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens 1900.
+
+
+So regnet es sich langsam ein ...
+
+ So regnet es sich langsam ein und immer kürzer
+ wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein.
+ Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen
+ stehn ..
+ gib mir die Hand und komm ... wir wollen sie
+ uns pflücken gehn ..
+ Es werden wohl die letzten sein!
+
+
+Hab Sonne ...
+
+ Hab Sonne im Herzen,
+ Ob's stürmt oder schneit,
+ Ob der Himmel voll Wolken,
+ Die Erde voll Streit!
+ Hab Sonne im Herzen,
+ Dann komme was mag!
+ Das leuchtet voll Licht dir
+ Den dunkelsten Tag!
+
+ Hab ein Lied auf den Lippen,
+ Mit fröhlichem Klang,
+ Und macht auch des Alltags
+ Gedränge dich bang!
+ Hab ein Lied auf den Lippen,
+ Dann komme was mag!
+ Das hilft dir verwinden
+ Den einsamsten Tag!
+
+ Hab ein Wort auch für andre
+ In Sorg' und in Pein
+ Und sag, was dich selber
+ So frohgemut läßt sein:
+ Hab ein Lied auf den Lippen,
+ Verlier nie den Mut,
+ Hab Sonne im Herzen,
+ Und alles wird gut!
+
+
+Ich habe Nächte ...
+
+ Ich habe Nächte dafür geopfert,
+ Ich habe Herzblut daran gegeben,
+ Und feige Buben nun kommen und heben
+ Die Hand auf gegen das fertige Werk.
+ -- -- --
+ Das schmerzt!
+
+ Und doch:
+ Glückt euch, es wirklich zu zertrümmern, ... gut!
+ Dann war's nicht echt!
+ Dann glückte mir nicht, was ich wollte ...
+ Und .. ihr .. habt .. recht!
+
+
+Einem Kinde.
+
+ Sei nicht traurig,
+ Sei nicht traurig ...
+ Es ist heute nur
+ So trübe,
+ Es ist heute nur
+ So schwer!
+
+ Morgen blitzt die Sonne wieder,
+ Rosen leuchten weiß und rot,
+ Und mit lauter Lerchenliedern
+ Jubelt's in den hellen Morgen,
+ Jubelt's in den blauen Himmel
+ Siegreich über Leid und Not ...
+
+ Quillt und schwillt mit jungen Kräften,
+ Quillt und schwillt mit junger Lust
+ Lebenswarm dir in die Brust;
+ Weckt und wappnet deine Seele
+ Glaubensfroh zu neuer Wehr ...
+
+ Sei nicht zag drum,
+ Sei nicht traurig ...
+ Es ist heute nur
+ So trübe,
+ Es ist heute nur
+ So schwer!
+
+
+Februarschnee ...
+
+ Februarschnee
+ Tut nicht mehr weh,
+ Denn der März ist in der Näh'!
+ Aber im März
+ Hüte das Herz,
+ Daß es zu früh nicht knospen will!
+ Warte, warte und sei still!
+ Und wär' der sonnigste Sonnenschein,
+ Und wär' es noch so grün auf Erden,
+ Warte, warte und sei still:
+ Es muß erst April gewesen sein,
+ Bevor es Mai kann werden!
+
+
+Ganz still zuweilen ...
+
+ Ganz still zuweilen wie ein Traum
+ Klingt in dir auf ein fernes Lied ..
+ Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
+ Du weißt nicht, was es von dir will ...
+ Und wie ein Traum ganz leis und still
+ Verklingt es wieder, wie es kam ...
+
+ Wie plötzlich mitten im Gewühl
+ Der Straße, mitten oft im Winter
+ Ein Hauch von Rosen dich umweht,
+ Oder wie dann und wann ein Bild
+ Aus längstvergessenen Kindertagen
+ Mit fragenden Augen vor dir steht ...
+
+ Ganz still und leise, wie ein Traum ...
+ Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
+ Du weißt nicht, was es von dir will,
+ Und wie ein Traum ganz leis und still
+ Verblaßt es wieder, wie es kam.
+
+
+Spruch.
+
+ Lieber auf eigene Rechnung
+ Ein Lump sein,
+ Als ein feiner Herr
+ Auf Pump sein!
+ Dieweil:
+ Wer ein solcher auf Pump ist,
+ Nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist.
+
+
+
+
+Irene Forbes-Mosse.
+
+Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. -- Mezzavoce 1901. Peregrinas
+Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905.
+
+
+Gehen und Bleiben.
+
+ Mancher ist betrübt gegangen
+ In die Winternacht hinaus,
+ Sah mit zehrendem Verlangen
+ Heller Fenster freundlich Prangen,
+ Lichterfülltes, warmes Haus.
+
+ Hinter jenen hellen Scheiben
+ Sah ein anderer ihm nach,
+ Starrte in das Flockentreiben ...
+ »Freiheit«, seufzt er, aber »Bleiben,
+ Bleiben« stöhnt das schwere Dach!
+
+
+Eine Widmung.
+
+ Mein Herz so ganz in dir beglückt,
+ Mit Märchenblumen ausgeschmückt,
+ Ein dir geweihter Schrein:
+ Wenn auch die Früchte nicht gereift,
+ Weil sie der Frost zu früh gestreift,
+ Die Blüten waren dein, mein Herz,
+ Die Blüten waren dein.
+
+
+Die fremde Blume.
+
+ So lange blieb sie festgeschlossen, stille,
+ Als wäre alle Kraft in ihr erstorben,
+ Es fehlte ihr zum Blühen Lust und Wille,
+ Seit der berühmte Gärtner sie erworben.
+
+ Sie stand im Garten rein und wohlgehalten,
+ Ein Paradies mit grünlackierten Kannen,
+ Wo alle Blumen pünktlich sich entfalten
+ Und Menschenhände sie auf Stäbe spannen.
+
+ Man warf sie endlich fort, ein armes Mädchen
+ Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer,
+ Die Tauben gurrten dort am grünen Lädchen,
+ Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer,
+
+ Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne,
+ Und rings versank des Lebens Hast und Mühen,
+ Ein warmer Regen fiel, dann zündeten die Sterne
+ Ihr Freundeslicht ... da fing sie an zu blühen!
+
+
+Der Brunnen.
+
+ Ich saß im Glühn der toten Mittagsstunde,
+ Und alles Leben schien so blaß und weit,
+ Die Götter träumten um mich in der Runde,
+ Der Brunnen flüsterte: »Trink und gesunde,
+ Ich bin das Wasser der Vergessenheit!«
+
+ Ich saß in Nacht und schickte die Gedanken
+ In jene Tage, da wir froh und jung,
+ Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken:
+ »Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken,
+ Ich bin das Wasser der Erinnerung!«
+
+
+Madlena.
+
+ Das Kind Madlena hat so hell gesungen,
+ Als sie im Haselholz sich Nüsse las,
+ Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen
+ Bei Glühwurms Leuchten, überm Wiesengras.
+ Das Kind Madlena hörte fremde Zungen,
+ Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn saß ...
+ Die düstern Gärten haben sie verschlungen,
+ Fern tönt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!
+
+
+
+
+Leo Greiner.
+
+Geboren am 1. April 1876 zu Brünn in Mähren. -- Das Tagebuch 1906.
+
+
+Liebe.
+
+ Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt
+ An einem Eschenbaum zusammentrafen.
+ Wir glitten einsam im entrückten Feld
+ Und suchten späte Herberg, um zu schlafen.
+ Und standen _einen_ tiefen Augenblick
+ Uralt bekannt uns gegenüber
+ Und grüßten uns und wuchsen bis ans Glück.
+ Dann sanken wir hinüber und herüber,
+ Zerfallend in die alte Nacht zurück.
+
+
+Unter den Menschen.
+
+ Ich hab' es nie so tief gewußt,
+ Was heimlich webt, wo Menschen mich umdrängen:
+ Was ich im Wind verschüttet, Rausch und Lust,
+ Was ich an Leid begrub auf stillen Gängen,
+ Flutet von euch zurück in meine Brust.
+ Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn,
+ Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt,
+ Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn
+ Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt:
+ Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt,
+ Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt,
+ Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt,
+ Ein goldner Abend, trauerüberdunkelt.
+ Was ich im Wein vergaß, im Abend litt,
+ Trägt Brust um Brust in ihre Stille mit.
+ Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht
+ Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht.
+
+
+ [Illustration: Hugo v. Hofmannsthal]
+
+
+Leben.
+
+ Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
+
+ Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
+ Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln Bäume,
+ Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort.
+ Und Gärten stehn im abendlichen Land,
+ Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.
+
+ Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
+ Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
+ Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund
+ Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.
+
+
+Regenabend.
+
+ Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt,
+ Der Nebel wankend übern Berg gefunden,
+ Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trübt,
+ Spür' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden
+ Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt,
+ Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen,
+ Die dunkle Worte rufen über Feld,
+ Das Sterben nicht mit Namen nennen,
+ Das jetzt verhüllt durchwandert meine Welt.
+ Ich weiß nur: irgendwo im Sternenschein
+ Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Sünde,
+ Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde,
+ In einem Becher welkt der kühle Wein,
+ Und alles geht und winkt und schwindet fern,
+ Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.
+
+
+Der Schatten.
+
+ Zwischen mir und meinem trunknen Leben
+ Wärmt ein Schatten sich an meiner Glut.
+ Wünschend saust mein ungestilltes Blut,
+ Doch er raubt mir schon im Niederschweben
+ Jeden Traum und jedes goldne Gut.
+ Meiner Schätze waren funkelnd viele,
+ Doch ich fühl' an meines Bechers Rand
+ _Seines_ Schattenmundes wilde Kühle
+ Und am Griffe _seine_ Schattenhand.
+ Schritt ich so verloren in die Lande,
+ Ließ mein Wandern keine Spur zurück.
+ _Seine_ Spuren, halb verweht im Sande,
+ Sah mein schauernd rückgewandter Blick.
+ Selbst von meines Schlummers Grunde heben
+ Seine Hände jeden Schatz der Lust:
+ Schlafen muß ich steinern, traumbewußt
+ Zwischen mir und meinem trunknen Leben.
+
+
+Reife.
+
+ Nacht, die aus den Sternen quillt,
+ Schmieg dich fester um mein Leben!
+ Was genommen und gegeben,
+ Ist vollendet und erfüllt.
+
+ Wie ein Brunnen ist mein Blick:
+ Alle Eimer, die sich hoben,
+ Kehren überfüllt von oben
+ Mit gekühltem Licht zurück.
+
+
+
+
+Otto Erich Hartleben.
+
+Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde
+Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er
+seinen Aufenthalt früher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am
+Gardasee, wo er als Präsident der Akademie für unangewandte
+Wissenschaften zu Salò am 11. Februar 1905 starb. -- +Pierrot lunaire+
+1892. Meine Verse 1895. Von reifen Früchten 1903. Der Halkyonier 1903.
+
+
+Funkelt dein Auge noch?
+
+ Die du so fern bist in der großen Stadt,
+ Ich grüße dich, die mein vergessen hat.
+
+ Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht,
+ Stunden des Glücks mit mir verbracht, verlacht;
+
+ Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund --
+ Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?
+
+
+Lili.
+
+ ... Als ich dann wieder in die Heimat kam --
+ Im Frühling war's, die Hyazinthen blühten --
+ Da war sie tot -- von fremden, kalten Menschen
+ Hinausgetragen in ein kahles Grab. -- --
+ Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück
+ In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin
+ Sprach schmunzelnd: »Gott! Die Menschen sind nicht rar.
+ Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer!
+ Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein
+ Darin -- ganz jung noch -- mit so lustigen Füßchen.
+ Woll'n Sie sie sehn?«
+ -- --
+ Und ich erfuhr, wie sie gestorben war.
+ Vor ihren Augen, während sie in Qualen
+ Ohnmächtig dalag, hatten -- ihre Schwestern
+ Begierig ihrer Habe sich bemächtigt:
+ Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche
+ Aus allen Kästen sich hervorgesucht
+ Und umgepackt in einen großen Korb. --
+
+ Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben
+ Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert
+ Mit großen, schwarzen Augen umgeschaut
+ Und hatte .. gelächelt ...
+ -- --
+ Mir ist .. als ob ich dieses Lächeln sähe!
+
+
+Die jubelnd nie ...
+
+ Die jubelnd nie den überschäumten Becher
+ Gehoben in der heiligen Mitternacht,
+ Und denen nie ein dunkles Mädchenauge,
+ Zur Sünde lockend, sprühend zugelacht --
+
+ Die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen
+ Und freudig nie dem Strudel sich vertraut --
+ O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben ...
+ Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!
+
+
+Ellen.
+
+ Mein armer Kopf lag still in deinem Schoß
+ Und dachte, dachte, bis er müde wurde.
+ Du hattest deine leichte, milde Hand
+ Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen;
+ Und gar ein Zauber schien mir auszugehn
+ Von deinen weißen Fingern: Frieden sandten
+ Sie nieder in mein Hirn, und allgemach
+ Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn,
+ Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod.
+
+
+Das welke Blatt.
+
+ In ihren Locken haftete ein welkes Blatt,
+ Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg
+ Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir,
+ Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn,
+ Den stillen Zeugen stillgenoßner, heiliger Lust,
+ Und heimlich, glücklich lächelnd schritt ich neben ihr,
+ Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.
+
+ Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht,
+ Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt.
+ Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah,
+ Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein,
+ Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da?
+
+ Ich zeigt' es schweigend. -- Eine dunkle Welle Bluts
+ Floß über ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann
+ Schien plötzlich sie der heißen Wünsche eingedenk --
+ Ein jäher Blitz hingebungsschwüler, starker Glut
+ Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr,
+ Und überwältigt bebte mir das bange Herz!
+ Ich faßte zuckend ihre Hand und preßte sie
+ An meinen Mund und küßte sie zum letztenmal,
+ Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.
+
+
+Liebesode.
+
+ Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein.
+ Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind,
+ Und unsrer Atemzüge Frieden
+ Trug er hinaus in die helle Mondnacht. --
+
+ Und aus dem Garten tastete zagend sich
+ Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett
+ Und gab uns wundervolle Träume,
+ Träume des Rausches -- so reich an Sehnsucht!
+
+
+Gesang des Lebens.
+
+ Groß ist das Leben und reich!
+ Ewige Götter schenkten es uns,
+ Lächelnder Güte voll,
+ Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen.
+
+ Aber arm ist des Menschen Herz!
+ Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte.
+ Immer wieder mit leeren Händen
+ Sitzt der Bettler an staubiger Straße,
+ Drauf das Glück mit den tönenden Rädern
+ Leuchtend vorbeifuhr.
+
+
+Im Lande der Torheit.
+
+ Im Lande der Torheit küßt' ich die Hände der schönen Fraun,
+ Sie waren schmeichelnd und weiß, mit blitzenden Ringen geschmückt.
+ Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort,
+ Und eitel genoß ich des eigenen spielenden Übermuts.
+
+ Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab:
+ Ich sah und fühlte die Hände meiner lieben Frau,
+ Die weich und still in ruhender Güte sich nach mir
+ Hersehnen aus der Ferne -- deine Hände, die
+ Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt --
+ Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst
+ Im Tode diese Hände stummen Trost verleihn.
+
+
+Denkst du daran ...
+
+ Denkst du daran, wie du zum erstenmal
+ Aus deiner Heimatberge düsterm Forst
+ Aus dunklem Tannengrün des hohen Harzes
+ Als Knabe niederschautest in die Ebne? --
+ Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus.
+ Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen
+ Vor dir hinab wie Blätter eines Fächers,
+ Entfaltet an den runden, sanften Hügeln --
+ Und also farbig rings die weite Welt!
+ Und reichlicher und dreimal leuchtender
+ Als drinnen in den schwarzen Tannenwäldern
+ Schien drüberhin das Sonnengold zu gluten ...
+ Die Welt ist bunt! -- O wär' sie bunt geblieben.
+
+
+Der Abenteurer.
+
+ Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zurück
+ Und meldet den Gefährten: Ich betrat mein Reich,
+ Als Fürsten sehen sie mich wieder, oder nie. --
+ Was steht ihr noch und zaudert? Laßt mich nun allein,
+ Allein mit meinem guten Schwert und meinem Roß --
+ Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. --
+ Lebt wohl! -- dem wandelbaren Meere kehr' ich heut
+ Den Rücken zu -- mein Auge sucht die Burgen auf,
+ In deren Mauern sich der Feige sicher fühlt.
+ Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. --
+
+ Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein,
+ An Menschenschädel -- mich zu schrecken sind sie wohl
+ Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut?
+ Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe über sie hinweg:
+ Sie waren nicht, der ich bin -- darum fielen sie.
+
+
+Elegie.
+
+ Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du,
+ Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst,
+ O laß aus deinen schweren Flechten braune Nacht
+ Um meine Sinne strömen -- laß Vergessenheit
+ Sich breiten über niegestillte Lust und Qual.
+ Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald,
+ Ins Morgenrot, durch streifende Lüfte ging der Weg.
+ Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm
+ Und glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag ...
+ -- Du sollst nicht weinen -- gib mir deine liebe Hand! --
+
+ Der Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint;
+ In Sommernächten duftete süß der Lindenbaum --
+ Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein.
+ Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee.
+ Doch still aus Schmerzen sprießt uns wohl ein spätes Glück,
+ Das leise webt und langsam um uns beide her.
+ Laß uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein,
+ Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du.
+
+
+Kinderköpfchen.
+
+ In scheuer Lust -- doch nimmermehr verschämt --
+ Hobst du die runden, weißen Arme auf
+ Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd
+ Dein Bild im Spiegel ...
+
+ Ich aber stand entfesselt hinter dir
+ Und sah in deinen vollen, blanken Schultern
+ Die beiden Grübchen ...
+
+ Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder
+ Zum Kuß ...
+ Es ward mir klar, wie du den Göttern still
+ Vertraut -- gar innig wohl befreundet bist.
+
+ Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise
+ Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund --
+ Und also lieblich, Menschensinn verwirrend,
+ Blieb ihres Grußes Spur in deinem Fleisch.
+
+
+
+
+Walter Hasenclever.
+
+Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. -- Der Jüngling 1913. Tod und
+Auferstehung 1917.
+
+
+Die Todesanzeige.
+
+ Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekümmertem Traum,
+ Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum.
+ Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind:
+ »Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.«
+ Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin:
+ Ich weiß, daß ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin.
+ Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank.
+ Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank.
+ Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein,
+ Hat aus heißen Augen geweint in den Fluß hinein?
+ Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grünes glüht,
+ Fröhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen müd.
+ Mußte in Häusern essen mit Menschen, feindlich und fremd,
+ Schlafen in kalten Gemächern, frierend, ohne Hemd, --
+ Die Mutter hat ihm geholfen mit Wäsche und etwas Geld;
+ Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt.
+ Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt.
+ Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt.
+ Nun strömt dein lächelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar,
+ Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzündet sich kindlich dein Haar;
+ Sieh -- in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort;
+ Es trägt auf silbernen Flügeln dich aus der Vergessenheit fort.
+ Eh ich nun öffne die Läden nach schwerer, trauriger Nacht:
+ Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glücklich gemacht.
+
+
+Mein Jüngling, du ...
+
+ Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen,
+ Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint!
+ Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen;
+ Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint.
+ Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens,
+ Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual,
+ Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens,
+ Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl.
+ Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören!
+ Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein.
+ Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören
+ Will ich dich rufen und will bei dir sein!
+
+
+
+Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.
+
+ Kleine Schwester Irene,
+ Bei den Cholerakranken;
+ Lila Blumen sanken
+ Auf Abendkähne.
+ Särge wachsen. Sturm.
+ Antreten. Trommel. Tod.
+ Offizier an Grabes Turm
+ Schnarrt Ehre, Gebot.
+ Weißer hinter Hügeln
+ Lemberg, Freude scheint.
+ Automobile flügeln.
+ Baracken blutbeweint.
+ Ärzte ohne Narkose,
+ Beine ab, zerstampft.
+ Kleine Schwester, Rose,
+ Sei den Toten sanft!
+
+
+Weiß ich, daß Stunden ...
+
+ Weiß ich, daß Stunden, in ungezählten,
+ Pariserinnen sind auf den Boulevards;
+ Daß klein in Zimmern und gequälten,
+ Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars?
+ Ist mir im Park, durch den ich gehe,
+ Ein Gefühl von Rot oder Blau --
+ Berg und Fluß mit sinkender Nähe,
+ Das Gesicht einer alternden Frau?
+ Bei der Baronin Porzellan und Eise
+ Hypnotisiert mich elektrischer Draht;
+ Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad,
+ Denn es münden in gleiche Kreise
+ Meer und Spur und kindliche Weise,
+ Die man am Abend vernommen hat.
+ Aber keine der funkelnden Gesten
+ Wird mich erhalten, wird mich betrügen;
+ Bin ich ein Vogel, müde von Flügen,
+ Schwebend in der Wolke des Falls:
+ Steigen unten aus Tänzen und Festen
+ Die verschlungenen Kurven des Alls.
+
+
+Daß von Geheimnissen ...
+
+ Daß von Geheimnissen, die uns umtönten,
+ Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt;
+ Daß von Begierden, Tanz und Mädchen, denen wir frönten,
+ Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vorüberschwebt.
+ Daß wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte
+ Wachsen sehn aus den Buchläden der heimischen Stadt,
+ Als der Ruhm schon unsterblich die großen Gesichte
+ Im Käfig des kleinen, blauen Umschlags entzündet hat.
+ Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Brücken,
+ Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer;
+ Saßen im Damensalon und atmeten mit Entzücken
+ Goldne Tische gekräuselt im Dufte von Rosen und Teer.
+ Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden
+ Langsam aus wehenden Tüchern, Musik, vielen Tränen fort,
+ Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden;
+ Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort.
+ Sind wir die gleichen Straßen wie jene gezogen?
+ Ferne schon den stürmenden Kränzen entrückt,
+ In eroberter Stadt auf dem höchsten Bogen
+ Stehn wir, über die fliehende Wolke unsrer Erinnerung gebückt.
+ Südseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde,
+ Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus,
+ Es steigen in einer begeisterten Stunde
+ Viele Verlorene dankbar aus den Kanälen heraus.
+ Wenn der Leuchttürme einst entzündetes Feuer
+ Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht:
+ Ihr Gefährten des Lebens, wie seid ihr uns teuer,
+ Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht.
+
+
+1917.
+
+ Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
+ Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.
+
+ Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier,
+ Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir.
+
+ Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug
+ Einer Mutter, die ihre Kleinen trug
+
+ Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht,
+ Das Unglück ist nicht von dir gemacht.
+
+ Heran zu dem elenden Leichenschrein,
+ Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.
+
+ Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
+ Falle nieder, du, sei angeklagt.
+
+ Empfange die ungeliebte Qual
+ Aller Verstoßnen in diesem Mal.
+
+ Ein letztes Aug', das am Äther trinkt,
+ Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;
+
+ Die brennende Wildnis der schreienden Luft,
+ Den rohen Stoß in die kalte Gruft.
+
+ Wenn etwas in deiner Seele bebt,
+ Das dies Grauen noch überlebt,
+
+ So laß es wachsen, auferstehn
+ Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.
+
+ Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts
+ Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!
+
+ Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,
+ Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:
+
+ Daß in der Menschen Mord, Verrat
+ Einst wieder leuchte die gute Tat;
+
+ Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn
+ Schweb am gestirnten Himmel hin.
+
+ Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint,
+ Durch soviel Ströme der Welt geweint,
+
+ Gepulst durch unser aller Schlag,
+ Einst wieder strahle gerechtem Tag.
+
+ Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
+ Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.
+
+
+
+
+Adolf von Hatzfeld.
+
+Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. -- »An Gott« 1919.
+
+
+Die letzte Nacht.
+
+ Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht,
+ Empfängt mich endlich meine letzte Nacht.
+ Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit.
+ Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit.
+ Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben,
+ Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben.
+ Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht,
+ Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht.
+ Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht.
+ Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam,
+ Ist tiefster Trug und angefüllt von Scham.
+ Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht
+ Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht.
+ Ich höre, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht.
+ Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben.
+ Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben.
+ Es wächst ein großer Schein auf allen Wegen,
+ Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen:
+
+ »O Erde, Erde, die du trankst mein Blut,
+ Wie warst du voller Süße und wie gut,
+ Daß du mich mit den Händen an die Pole angeschlagen,
+ Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mußte tragen.
+ Ich war dein Acker, du Erde, du pflügtest ihn gut.
+ Aus allen Poren erschoß mein Blut.
+ Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust,
+ Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust,
+ Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewußt,
+ Bis ich den großen Planeten in Liebe umpreßt.
+ Noch über mein letztes Sterben halt ich dich fest.
+ So nehmt, ihr springenden Bäche, aus mir euern Lauf.
+ Es blühen aus meinem Blute alle Blumen auf.
+ Ich grüne und dufte aus jedem Rosenstrauch
+ Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch,
+ Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt.
+ O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt,
+ Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat.
+ Sieh, meine Seele ist müde wie ein herbstliches Blatt.
+ Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch,
+ In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.«
+
+
+Grüner Sommer.
+
+ Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet
+ Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt.
+ Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut,
+ Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt.
+ Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschwärmten Ruhe.
+
+ So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet.
+ Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus.
+ Auf mich senkt sich die Müdigkeit des Blaus,
+ Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne
+ Staut schläfrig sich das dunkle Blut.
+ Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort,
+ Wie Bachgelächter hier: »Die Welt ist gut«,
+ Und lächelnd trägt es mich ins Träumen fort.
+
+ Gott rekelt sich in dieser ausgeschwärmten Ruhe.
+ Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen.
+ Ein Käfer ist ihm ins Gesicht geflogen.
+ Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe
+ Und zirpt an ihm vorbei: »Erschrick, erschrick!«
+ Gott aber ist nach tausend Schöpfungsjahren
+ Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren,
+ Und lächelnd ruht auf seiner Welt der Blick.
+
+ Ich wache auf. Der Donner grollt.
+ Mein Blut hat ausgetollt.
+ Mein Mut wird nicht verführt. Es schweigt der Wille.
+ Und eine Grille geigt von neuem mich in eine grüne Stille.
+
+
+Frühlingsmond.
+
+ Noch hängt ein scheues Vogellied im dünnen Laubgeäste
+ Und wird ein großer Wind. Mit mächtiger Gebärde
+ Stößt die Erde, die längst den heißen Saft
+ In Millionen Samenkörner preßte,
+ Geburten aus in Mutterleidenschaft
+ Und trägt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft,
+ Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde.
+
+ Jetzt bäumen Meere ihre Pantherleiber.
+ Die Sterne stürzen zum Planetenball.
+ In diesen Nächten stöhnen tausend Weiber
+ Und werfen tausend Kinder in das All.
+ Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen.
+ Die Quellen sind der Täler Blütenlauf.
+ Den Duft von Wäldern tragen junge Bienen,
+ Und Tage tauen blau zu Blumen auf.
+ Geliebte gehn mit weißen Brüstehügeln
+ Und einem Lächeln, das von selbst begann,
+ Durch süße Nächte, gehen wie mit Flügeln
+ Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann.
+
+ Ein scheues Vogellied hängt noch im Laubgeäste.
+ Vom Horizonte schwebt der junge Mond
+ Wie eine Knospe, die sich zärtlich schont,
+ Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste.
+ Der Knospenmond blüht erst zum Sommerfeste.
+ So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst.
+ Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn preßte,
+ Verheißt uns schon die Rose seiner Gunst.
+
+
+Abend am See.
+
+ Schon taucht der Mond aus dem entzückten Bade
+ Der Wellen leis zur Silberbahn empor.
+ In unsern Herzen schwingt die große Gnade.
+ Wir sitzen seligruhend am Gestade
+ Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr.
+ O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor
+ In meines Lebens Kampf und Qual und Hast,
+ Sieh unser Herz in Demut eingefaßt
+ Und sei der Seelen seltner schöner Gast.
+ Die Nacht erduftet von des Mondes Blüte
+ So grenzenlos. Andächtig atmen wir.
+ Der Sternenhimmel deiner großen Güte
+ Ist sanft wie sie und leise über mir.
+ Aus wunden Händen haben wir die Ruder
+ Zurückgelegt in das bewegte Boot.
+ Nach unsres Lebens Haß und Schuld und Not
+ Nennst den Geliebten still du deinen Bruder.
+
+
+Du Gott.
+
+ Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden,
+ Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet.
+ Die Erde meines Leibes reißt du auf in Wunden.
+ Zu tiefer Täler hartem Abgrund schluchtet
+ Mir deine schwere Hand die schönen runden
+ Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet,
+ In jeder Not von tausend Todesstunden
+ Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet.
+
+ Und dieses weiß ich, daß ich dein bin, dein, ganz dein.
+ Was frommt es, zu entfliehn zu leichten Tänzerein,
+ Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest?
+
+ Aus meinem Haß hörst du nur Liebe schrein,
+ Daß ich ganz dein bin, dein in Pein und Tänzerein,
+ Daß ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest.
+
+
+Der Teich.
+
+ Nur der Wind weiß, wie ich einsam leide,
+ Wie die Luft, der Himmel mich beschwert.
+ Bruder Wind, wir flogen einmal beide
+ Durch die Luft und durch den Himmel hin.
+ Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam.
+ Ewige Fernen haben uns genährt.
+ Wasserwolken haben mich getragen,
+ Bis in Regenfunken ewig einsam
+ Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt.
+ Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen,
+ Wie die leichten Wolken meine Seele,
+ Meine schöne Seele, mit.
+
+
+
+
+Max Herrmann.
+
+Geboren am 23. Mai 1886 zu Neiße. -- Verbannung 1919.
+
+
+Dein Haar hat Lieder ...
+
+ Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
+ Und sanfte Abende am Meer --
+ O glückte mir die Welt! O bliebe
+ Mein Tag nicht stets unselig leer!
+
+ So kann ich nichts, als matt verlegen
+ Vertrösten oder wehe tun,
+ Und von den wundersamsten Wegen
+ Bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.
+
+ Und meine Träume sind wie Diebe,
+ Und meine Freuden frieren sehr --
+ Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
+ Und sanfte Abende am Meer.
+
+
+Osterlied.
+
+ Alle Frühlingsbläue,
+ Jedes frische Feld,
+ Wenn ich ohne Reue
+ Schwärmend mich erfreue
+ An der warmen Welt:
+
+ Wird in deinen lichten
+ Gliedern höchstes Glück,
+ Und in himmlisch schlichten,
+ Dämmernden Gedichten
+ Bleibt sein Duft zurück!
+
+
+Trostlied der bangen Regennacht.
+
+ Keine Furcht der Erde
+ Kann uns bange tun:
+ Sieh, wie sanft die Pferde
+ Wang' an Wange ruhn!
+
+ Ganz allein gelassen
+ In der bittern Nacht,
+ Wo der Wind die blassen
+ Weiden zittern macht,
+
+ Wo ein siecher Regen
+ Bös, sehnsüchtig rinnt,
+ An viel fremden Wegen
+ Bettler flüchtig sind,
+
+ Ruhn sie Wang' an Wange,
+ Wie Erlöste ruhn,
+ Keine Furcht kann bange
+ Ihrer Inbrunst tun.
+
+ Alles, was sie leiden,
+ Schlummert Haupt an Haupt --
+ Und die blassen Weiden
+ Stehn wie lenzbelaubt.
+
+
+Liebe nur kann ewig sein.
+
+ Gottes Krallenhand zerreißt den kranken
+ Abendhimmel der verhaßten Stadt,
+ Aus der Sterne welken Rosenranken
+ Schüttelt er des Monds vergilbtes Blatt.
+
+ Jäh ist wie von fieberschweren Fäusten
+ Alles Licht der Straßen abgewürgt,
+ In den goldnen Augen seiner treusten
+ Türme sich das letzte Dunkel birgt.
+
+ Der Paläste fahles Glas erblindet,
+ Und der Park bricht taumelnd in die Knie,
+ Mit entseeltem Todesseufzer schwindet
+ Der zermalmten Plätze Melodie.
+
+ Und das Schlüpfrige verfemter Keller
+ Speit sein krüppelhaftes Krächzen aus --
+ Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller
+ Zärtlichkeit das letzte Vorstadthaus.
+
+ Wird zum Streicheln über der Ruine
+ Einer Schädelstätte, die ihn rührt,
+ Daß zum Aufgang seiner Liebesmiene
+ Eines Segnenden Gebärde führt.
+
+
+
+
+Hermann Hesse.
+
+Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. -- Gedichte 1902. Musik
+des Einsamen 1915.
+
+
+Der schwarze Ritter.
+
+ Ich reite stumm aus dem Turnier,
+ Ich trage aller Siege Namen.
+ Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
+ Tief. Aber keine winkt nach mir.
+
+ Ich singe zu der Harfe Ton,
+ Aus der die tiefen Laute steigen.
+ Alle Harfner lauschen und schweigen,
+ Aber die holden Frauen sind entflohn.
+
+ In meines Wappens schwarzem Feld
+ Sind hundert Kränze aufgehangen,
+ Die gold von hundert Siegen prangen.
+ Aber der Kranz der Liebe fehlt.
+
+ An meinem Sarge werden sich bücken
+ Ritter und Sänger und werden ihn
+ Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin,
+ Aber keine Rose wird ihn schmücken.
+
+
+Nach Paul Verlaine.
+
+ Ich träume wieder von der Unbekannten,
+ Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
+
+ Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
+ Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.
+
+ Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
+ Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
+
+ Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
+ Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.
+
+ Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
+ Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt --
+
+ Wie _eines_ Name, den du Liebling heißt
+ Und den du ferne und verloren weißt.
+
+ Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
+ Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.
+
+
+Elisabeth.
+
+ Ich soll erzählen,
+ Die Nacht ist schon spät --
+ Willst du mich quälen,
+ Schöne Elisabeth?
+
+ Daran ich dichte
+ Und du dazu,
+ Meine Liebesgeschichte
+ Ist dieser Abend und du.
+
+ Du mußt nicht stören,
+ Die Reime verwehn.
+ Bald wirst du sie hören,
+ Hören und nicht verstehn.
+
+
+Die frühe Stunde.
+
+ Silbern überflogen
+ Ruhet das Feld und schweigt,
+ Ein Jäger hebt seinen Bogen,
+ Der Wald rauscht und eine Lerche steigt.
+
+ Der Wald rauscht und eine zweite
+ Steigt auf und fällt.
+ Ein Jäger hebt seine Beute,
+ Und der Tag tritt in die Welt.
+
+
+Lady Rosa.
+
+ Du mit der Stirne voller Licht,
+ Du mit den wunderbaren
+ Braunaugen und den seidnen Haaren,
+ Ich kenne dich! Du aber kennst mich nicht.
+
+ Du mit dem klaren Angesicht,
+ Du Zarte mit deinen leisen,
+ Fremdländischen, süßen Liederweisen,
+ Ich liebe dich! Du aber kennst mich nicht.
+
+
+Fiesole.
+
+ Über mir im Blauen reisen
+ Wolken, die mich heimwärts weisen.
+
+ Heimwärts in die namenlose Ferne,
+ In das Land des Friedens und der Sterne.
+
+ Heimat! Soll ich deine blauen
+ Schönen Ufer niemals schauen?
+
+ Dennoch ist mir, hier im Süden müßten
+ Nah sein und erreichbar deine Küsten.
+
+
+
+
+Georg Heym.
+
+Geboren am 30. Oktober 1887 zu Hirschberg in Schlesien; ertrank am 16.
+Januar 1912 beim Eislaufen in der Havel bei Schwanenwerder, in der
+Umgebung Berlins. -- Der ewige Tag 1911. +Umbra vitae+ 1912.
+
+
+Die Seefahrer.
+
+ Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen,
+ Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag,
+ Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen
+ Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag.
+
+ Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen,
+ Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut,
+ Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen
+ Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.
+
+ Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere.
+ Unsere Hände brannten wie Kerzen an.
+ Und wir sahen die Adern darin, und das schwere
+ Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.
+
+ Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen
+ Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus.
+ Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen,
+ In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.
+
+ Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
+ Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
+ Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
+ Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.
+
+
+Alle Landschaften haben ...
+
+ Alle Landschaften haben
+ Sich mit Blau erfüllt.
+ Alle Büsche und Bäume des Stromes,
+ Der weit in den Norden schwillt.
+
+ Leichte Geschwader, Wolken,
+ Weiße Segel dicht,
+ Die Gestade des Himmels dahinter
+ Zergehen in Wind und Licht.
+
+ Wenn die Abende sinken
+ Und wir schlafen ein,
+ Gehen die Träume, die schönen,
+ Mit leichten Füßen herein.
+
+ Zimbeln lassen sie klingen
+ In den Händen licht.
+ Manche flüstern und halten
+ Kerzen vor ihr Gesicht.
+
+
+Ophelia.
+
+I.
+
+ Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
+ Und die beringten Hände auf der Flut
+ Wie Flossen, also treibt sie durch die Schatten
+ Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
+
+ Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
+ Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
+ Warum sie starb? Warum sie so allein
+ Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
+
+ Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
+ Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
+ Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht,
+ Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
+
+ Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
+ Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
+ Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
+ Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
+
+II.
+
+ Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
+ Der Felder gelbe Winde schlafen still.
+ Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
+ Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
+
+ Die blauen Lider schatten sanft herab.
+ Und bei der Sensen blanken Melodien
+ Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
+ Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
+
+ Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
+ Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
+ Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
+ Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
+
+ Hall voller Straßen, Glocken und Geläut.
+ Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
+ In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
+ In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
+
+ Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
+ Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
+ Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
+ Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
+
+ Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit,
+ Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
+ Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
+ Der schattet über beide Ufer breit.
+
+ Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
+ Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
+ Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
+ Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
+
+ Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
+ Durch manchen Winters trauervollen Port.
+ Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
+ Davon der Horizont wie Feuer raucht.
+
+
+Deine Wimpern, die langen ...
+
+ Deine Wimpern, die langen,
+ Deiner Augen dunkle Wasser,
+ Laß mich tauchen darein,
+ Laß mich zur Tiefe gehn.
+
+ Steigt der Bergmann zum Schacht
+ Und schwankt seine trübe Lampe
+ Über der Erze Tor,
+ Hoch an der Schattenwand,
+
+ Sieh, ich steige hinab,
+ In deinem Schoß zu vergessen,
+ Fern was von oben dröhnt,
+ Helle und Qual und Tag.
+
+ An den Feldern verwächst,
+ Wo der Wind steht, trunken vom Korn,
+ Hoher Dorn, hoch und krank
+ Gegen das Himmelsblau.
+
+ Gib mir die Hand,
+ Wir wollen einander verwachsen,
+ Einem Wind Beute,
+ Einsamer Vögel Flug,
+
+ Hören im Sommer
+ Die Orgel der matten Gewitter,
+ Baden in Herbsteslicht,
+ Am Ufer des blauen Tags.
+
+ Manchmal wollen wir stehn
+ Am Rand des dunklen Brunnens,
+ Tief in die Stille zu sehn,
+ Unsere Liebe zu suchen.
+
+ Oder wir treten hinaus
+ Vom Schatten der goldenen Wälder,
+ Groß in ein Abendrot,
+ Das dir berührt sanft die Stirn.
+
+ Göttliche Trauer,
+ Schweige der ewigen Liebe.
+ Hebe den Krug herauf,
+ Trinke den Schlaf.
+
+ Einmal am Ende zu stehen,
+ Wo Meer in gelblichen Flecken
+ Leise schwimmt schon herein
+ Zu der September Bucht.
+
+ Oben zu ruhn
+ Im Hause der dürftigen Blumen,
+ Über die Felsen hinab
+ Singt und zittert der Wind.
+
+ Doch von der Pappel,
+ Die ragt im Ewigen Blauen,
+ Fällt schon ein braunes Blatt,
+ Ruht auf dem Nacken dir aus.
+
+
+
+
+Peter Hille.
+
+Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde
+Schriftsteller, führte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und
+Holland auf und lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee
+bei Berlin am 7. Mai 1904. -- Gesammelte Werke 1904.
+
+
+Maienwind.
+
+ Mutwillige Mädchenwünsche
+ Haben Flieder
+ Niedergebogen,
+ Blauen und weißen.
+ Wie Tauben sind sie weitergeflogen,
+ Mit Wangen, wilden und heißen.
+
+ Hoch in warmen, schelmischen Händen
+ Haschender Sonne
+ Geschwungene Strahlen.
+ Hellbehende Wonne
+ Weißer Kleider
+ Weht.
+
+ Mutwillige Mädchenwünsche
+ Haben sich Flieder
+ Niedergebogen,
+ Blauen und weißen, --
+ Sind weitergezogen ...
+
+
+Brautseele.
+
+ Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe,
+ Wie tief im Hain
+ Das Herz des Frühlings zittert.
+ Ja, du mein heftiges Herz,
+ Wir haben Frühling!
+ Auf einmal ist nun alles Blühen da!
+ Meine freudigen Wangen
+ Sind aufgegangen
+ Fromm nach deinen Küssen.
+ Gefährlich bist du, o Frühling,
+ Und verwirrt;
+ Wie von heftiger Süße
+ Prangenden Weines
+ Pocht meine Seele.
+ Wie er so sinnend mich streichelt
+ Mit seinen Strahlen allen,
+ Und schlafen möchte ich
+ Immerzu.
+ So träume ich vom eigenen Blute
+ Und bin so wach
+ Von mir,
+ So erschrocken,
+ Wie man wohl aufhorcht
+ Im flüsternden Herzen der Nacht.
+ Wie Sterne, die nicht schlafen können,
+ Stehn meine Augen!
+ Und bin doch so müde,
+ So sonderbar müde.
+ Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde
+ Um diese Zeit?
+ Das macht, du bist um uns,
+ Du bist ein Zauberer.
+ In Bäumen und Menschen
+ Zauberst du
+ Ein Sehnen und Dehnen,
+ Ein müdes, verlangendes Gähnen.
+
+ Ja, ja, ihr Gespielinnen,
+ Der kennt euch!
+ Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen,
+ Er ist ja Weib wie ihr
+ Und eine heimliche, schelmische Stärke.
+ Frühling, sag, was machst du mit uns,
+ Daß wir alle so sprossend müde sind?
+ Wir fühlen dich ganz in uns.
+ Du durchtönst uns,
+ Tust mit uns ganz das Leben!
+ Ja, wir beben Leben!
+ Fromm atmet in uns eine Andacht,
+ Und wohlig will es werden
+ Rings auf der sprossenden Erden.
+ Wie wir uns regen,
+ Da ist immer ein heimliches Bewegen.
+ Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel,
+ Der uns erquickt und uns darreicht,
+ Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle,
+ Und immer wird uns leise
+ Süß von uns;
+ So zeigt es uns, verrät es uns,
+ Wie süß wir sind
+ Für den einen, andern.
+
+ O komm!
+ Ich bin ja so süß
+ Nach dir!
+ O komm!
+ Ich bin ja so schön
+ Nach dir!
+ Ich, deine lebendige,
+ Deine wartende Zier,
+ Vergehe nach dir!
+ Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, --
+ O komm!
+ Komm du dem Alter, dem Welken zuvor!
+
+ Ein Sehnen geht in allen Blumen
+ Und will dich holen mit Farben und Duft,
+ Und alles, was schön ist auf dieser Weltwiese,
+ Ist nur aus Sehnen und Liebe schön.
+ Lieblich schlau
+ Üben wir Schönheit
+ So lange vor euch,
+ Bis daß ihr kommt!
+ Schüchtern, schelmisch
+ Spielt sich unsere arme
+ Lodernde Seele
+ Hin vor euch!
+
+ Dann, dann!
+ Dann kommen zwei lodernde Sonnen
+ In meinen Tag;
+ Du mein doppelter Tag
+ Mit deinen beiden Sonnen!
+ Du! du!
+ Und deine Hand!
+ Meines Mundes duftende Blüte
+ Vergeht vor deiner Güte.
+ Und meine Wangen
+ Sind aufgegangen,
+ Wie meine Flechten
+ Vor deiner Rechten!
+ Ja, du hast recht, glätte sie nur,
+ Du meine wirrglühende Sonne!
+
+ Rufe, locke alles heraus
+ Aus deiner Erde, du mein Lenz!
+ Du hast ja gleich zwei Sonnen,
+ Und eine brauchen wir nur am Himmel.
+ Und diese beiden Sonnen erzählen dich mir
+ Wie du aufgewachsen und wo du
+ Gewachsen für mich!
+ Wie der heilige Wein Palästinas
+ Den Heiland mir ansagt,
+ Sein Seelenfrühlicht,
+ Sein wärmendes Wandeln.
+ O, wie da alles aufsteht!
+ Feierlich, rauschend!
+ Vorbereitend!
+
+ O komm!
+ Ich bin ja so schön nach dir!
+ O laß mich weinen
+ Tränen der Braut,
+ Tränen, du Böser,
+ Daß ich so lange warten mußte auf dich!
+ Das tut so wohl!
+ Meine Seele badet.
+ Dann kommt sie zu dir.
+ Ja?
+
+
+ [Illustration: Arno Holz]
+
+
+Waldesstimme.
+
+ Wie deine grüngoldnen Augen funkeln,
+ Wald, du mosiger Träumer!
+ Wie deine Gedanken dunkeln,
+ Einsiedel, schwer von Leben,
+ Saftseufzender Tagesversäumer!
+
+ Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
+ Wie's Atem holt und voller wogt und braust
+ Und weiter zieht --
+ und stille wird --
+ und saust.
+
+ Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
+ Hoch droben steht ein ernster Ton,
+ Dem lauschten tausend Jahre schon
+ Und werden tausend Jahre lauschen ...
+ Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.
+
+
+An Gott.
+
+ Deine Himmel sind mir viel zu süß:
+ Gib mir, mit freier Brust zu ragen,
+ Mit dir die Welten zu ertragen,
+ Wo du bist!
+
+
+Abbild.
+
+ Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du.
+ Zwei flinke Fittiche weißer Möwen
+ Deine beiden Füße.
+ Und dir im lieben Blute auf
+ Steigt ein blauer Hauch
+ Und sind die Dinge darin
+ Alle ein Wunder.
+
+
+Prometheus.
+
+ Entgegengeschmiedet
+ Auf schroffem Fels
+ Den Pfeilen der Sonne,
+ Dem Hagelgeprassel,
+ Trotz' ich, Olympier, dir.
+ Der wiederwachsenden Leber
+ Zuckende Fibern
+ Hackt mir des Geiers Biß
+ Aus klaffender Wunde.
+
+ Ein Wimmern, glaubtest,
+ Olympier, du,
+ Würden die rauschenden Winde
+ Ins hochaufhorchende
+ Ohr dir tragen?
+ Nicht reut mich der Mensch,
+ Der Leben und Feuer mir dankt,
+ Nicht fleh' ich Entfeßlung von dir.
+
+ Jahrhunderte will ich
+ Felsentrotzig durchdauern,
+ Jahrtausende,
+ Wenn dir die Lust nicht schwindet,
+ Wenn der Trotzende nicht
+ Zu glücklich dir scheint.
+
+
+Abendröte.
+
+ Sieh da droben die Rosen! Ein glüher Jubel!
+ Die Wangen der Nacht
+ In Scharlach und Purpurpracht.
+
+ Nun ist da droben Hochzeit:
+ Die Königskinder des Himmelreiches.
+
+ Strenge Augen erster Schönheit,
+ Frieden frierend,
+ Wie vor kämpfend heißen Rosen
+ Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate,
+ Des Samtes tiefenweiches Blut,
+ Gebettet in des Schnees nachtgeflammte,
+ Flockenzarte Wärme: den hehren Hermelin.
+
+ Die Kränze nehmen sie von herben Scheiteln ab
+ Und heben Bechertau an ihres Lebens
+ Rötlich reine Kelche,
+ Und verwunden
+ Die Verklärung
+ Saftigherber Früchte.
+
+ Des strengen Lagers scheue Falten warten ..
+
+ Wie entsetzlich ist Schönheit! ..
+
+ Wie eine Siegesfahne hält
+ Der Himmel
+ Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht.
+ Der Sieger sinkt.
+ Die Nacht fällt in den Wein.
+
+
+ Selige Grüße.
+
+ Bläulicher Flieder.
+ Ist das ein Grüßen!
+ Wirbelnde Lieder
+ Wehen herüber, --
+ Stürben lieber.
+ Seligsein -- und das heißt büßen.
+
+
+
+
+Hugo von Hofmannsthal.
+
+Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. -- Gesammelte Gedichte 1907.
+
+
+Vorfrühling.
+
+ Es läuft der Frühlingswind
+ Durch kahle Alleen,
+ Seltsame Dinge sind
+ In seinem Wehn.
+
+ Er hat sich gewiegt,
+ Wo Weinen war,
+ Und hat sich geschmiegt
+ In zerrüttetes Haar.
+
+ Er schüttelte nieder
+ Akazienblüten
+ Und kühlte die Glieder,
+ Die atmend glühten,
+
+ Lippen im Lachen
+ Hat er berührt,
+ Die weichen und wachen
+ Fluren durchspürt,
+
+ Er glitt durch die Flöte
+ Als schluchzender Schrei,
+ An dämmernder Röte
+ Flog er vorbei,
+
+ Er flog mit Schweigen
+ Durch flüsternde Zimmer
+ Und löschte mit Neigen
+ Der Ampel Schimmer.
+
+ Es läuft der Frühlingswind
+ Durch kahle Alleen,
+ Seltsame Dinge sind
+ In seinem Wehn.
+
+ Durch die glatten
+ Kahlen Alleen
+ Treibt sein Wehen
+ Blasse Schatten
+
+ Und den Duft,
+ Den er gebracht,
+ Von wo er gekommen
+ Seit gestern nacht.
+
+
+Die Beiden.
+
+ Sie trug den Becher in der Hand,
+ Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand.
+ So leicht und sicher war ihr Gang,
+ Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
+
+ So leicht und fest war seine Hand:
+ Er saß auf einem jungen Pferde,
+ Und mit nachlässiger Gebärde
+ Erzwang er, daß es zitternd stand.
+
+ Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
+ Den leichten Becher nehmen sollte,
+ So war es beiden allzu schwer:
+ Denn beide bebten sie so sehr,
+ Daß keine Hand die andre fand
+ Und dunkler Wein am Boden rollte.
+
+
+Ballade des äußeren Lebens.
+
+ Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
+ Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
+ Und alle Menschen gehen ihrer Wege.
+
+ Und süße Früchte werden aus den herben
+ Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
+ Und liegen wenig Tage und verderben.
+
+ Und immer weht der Wind, und immer wieder
+ Vernehmen wir und reden viele Worte
+ Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
+
+ Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
+ Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen
+ Und drohende, und totenhaft verdorrte ...
+
+ Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
+ Einander nie? und sind unzählig viele?
+ Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
+
+ Was frommt das alles uns und diese Spiele,
+ Die wir doch groß und ewig einsam sind
+ Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
+
+ Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?
+ Und dennoch sagt der viel, der »Abend« sagt,
+ Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
+
+ Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
+
+
+Manche freilich ...
+
+ Manche freilich müssen drunten sterben,
+ Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
+ Andre wohnen bei dem Steuer droben,
+ Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
+
+ Manche liegen immer mit schweren Gliedern
+ Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
+ Andern sind die Stühle gerichtet
+ Bei den Sibyllen, den Königinnen,
+ Und da sitzen sie wie zu Hause,
+ Leichten Hauptes und leichter Hände.
+
+ Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
+ In die anderen Leben hinüber,
+ Und die leichten sind an die schweren
+ Wie an Luft und Erde gebunden:
+
+ Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
+ Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
+ Noch weghalten von der erschrockenen Seele
+ Stummes Niederfallen ferner Sterne.
+
+ Viele Geschicke weben neben dem meinen,
+ Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
+ Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
+ Schlanke Flamme oder schmale Leier.
+
+
+Terzinen über Vergänglichkeit.
+
+ Noch spür' ich ihren Atem auf den Wangen:
+ Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
+ Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?
+
+ Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
+ Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
+ Daß alles gleitet und vorüberrinnt
+
+ Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
+ Herüberglitt aus einem kleinen Kind,
+ Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.
+
+ Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war,
+ Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
+ Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar.
+
+ So eins mit mir als wie mein eignes Haar.
+
+
+Erlebnis.
+
+ Mit silbergrauem Dufte war das Tal
+ Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
+ Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
+ Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales
+ Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
+ Und still versank ich in dem webenden
+ Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben.
+ Wie wunderbare Blumen waren da,
+ Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
+ Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
+ In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
+ War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
+ Schwermütiger Musik. Und dieses wußt' ich,
+ Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es:
+ Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
+ Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
+ Verwandt der tiefsten Schwermut.
+ Aber seltsam!
+ Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
+ In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
+ Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
+ Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
+ Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
+ Der Vaterstadt vorüberfährt. Da sieht er
+ Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
+ Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber
+ Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
+ Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
+ Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer --
+ Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
+ Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
+ Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
+
+
+Dein Antlitz ...
+
+ Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.
+ Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
+ Wie stieg das auf! daß ich mich einmal schon
+ In frühern Nächten völlig hingegeben
+ Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,
+ Wo auf den leeren Hängen auseinander
+ Die magern Bäume standen und dazwischen
+ Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
+ Und durch die Stille hin die immer frischen
+ Und immer fremden silberweißen Wasser
+ Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf!
+
+ Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen
+ Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war,
+ Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,
+ Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar
+ Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!
+
+
+Terzinen.
+
+ Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
+ Und Träume schlagen so die Augen auf
+ Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,
+
+ Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
+ Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
+ .. Nicht anders tauchen unsre Träume auf,
+
+ Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht,
+ Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
+ Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.
+
+ Das Innerste ist offen ihrem Weben,
+ Wie Geisterhände in versperrtem Raum
+ Sind sie in uns und haben immer Leben.
+
+ Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
+
+
+Der Jüngling in der Landschaft.
+
+ Die Gärtner legten ihre Beete frei,
+ Und viele Bettler waren überall,
+ Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken,
+ Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen,
+ Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.
+
+ Die nackten Bäume ließen alles frei:
+ Man sah den Fluß hinab und sah den Markt
+ Und viele Kinder spielen längs den Teichen.
+ Durch diese Landschaft ging er langsam hin
+ Und fühlte ihre Macht und wußte, daß
+ Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.
+
+ Auf jene fremden Kinder ging er zu
+ Und war bereit, an unbekannter Schwelle
+ Ein neues Leben dienend hinzubringen.
+ Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,
+ Die frühern Wege und Erinnerung
+ Verschlungner Finger und getauschter Seelen
+ Für mehr als nichtigen Besitz zu achten.
+ Der Duft der Blumen redete ihm nur
+ Von fremder Schönheit, und die neue Luft
+ Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:
+ Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
+
+
+Aus »Der Tod des Tizian«.
+
+ _Gianino_ spricht:
+
+ Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,
+ Die atmende, ein rätselhaftes Rufen.
+ Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.
+ Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,
+ So lag sie, horchend in das große Dunkel,
+ Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.
+ Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel
+ Hernieder auf die weiche, wache Flur.
+ Und alle Früchte schweren Blutes schwollen
+ Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen,
+ Und alle Brunnen glänzten seinem Ziehn,
+ Und es erwachten schwere Harmonien.
+ Und wo die Wolkenschatten hastig glitten,
+ War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten ...
+ Leis stand ich auf -- ich war an dich geschmiegt --
+ Da schwebte durch die Nacht ein süßes Tönen,
+ Als hörte man die Flöte leise stöhnen,
+ Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt
+ Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht,
+ Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet.
+ Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten;
+ Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten,
+ Wo sich die offenen Granaten wiegen,
+ Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen,
+ Und viele saugen, auf das Rot gesunken,
+ Von nächt'gem Duft und reifem Safte trunken.
+ Und wie des Dunkels leiser Atemzug
+ Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug,
+ Da schien es mir wie das Vorüberschweifen
+ Von einem weichen, wogenden Gewand
+ Und die Berührung einer warmen Hand.
+ In weißen, seidig weißen Mondesstreifen
+ War liebestoller Mücken dichter Tanz,
+ Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz
+ Und plätscherte und blinkte auf und nieder.
+ Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren,
+ Ob badender Najaden weiße Glieder,
+ Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren
+ Vermischte sich dem Duft der Aloe ...
+ Und was da war, ist mir in eins verflossen:
+ In eine überstarke, schwere Pracht,
+ Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.
+
+
+Aus »Der Abenteurer und die Sängerin«.
+
+ Der _Baron_ spricht:
+
+ Ich will hier Feste geben. Schaff mir Löwen,
+ Die Blumensträuße aus dem Rachen werfen!
+ Vergoldete Delphine stell vors Tor,
+ Die roten Wein ins grüne Wasser spein!
+ Nicht drei, nicht fünf, zehn Diener nimm mir auf
+ Und schaff Livreen. An den Treppen sollen
+ Drei Gondeln hängen voller Musikanten
+ In meinen Farben.
+ Ich will den Kampanile um und um
+ In Rosen und Narzissen wickeln. Droben
+ Auf seiner höchsten Spitze sollen Flammen
+ Von Sandelholz, genährt mit Rosenöl,
+ Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen.
+ Ich mach' aus dem Kanal ein fließend Feuer,
+ Streu so viel Blumen aus, daß alle Tauben
+ Betäubt am Boden flattern, so viel Fackeln,
+ Daß sich die Fische angstvoll in den Grund
+ Des Meeres bohren, daß Europa sich
+ Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht
+ In einem dunkleren Gemach versteckt
+ Und daß ihr Stier geblendet laut aufbrüllt!
+ Mach Dichterträume wahr, stampf aus dem Grab
+ Den Veronese und den Aretin,
+ Spann Greise vor, bau eine Pyramide
+ Aus Leibern junger Mädchen, welche singen!
+ Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern
+ Und ihre ehrnen Nüstern blähn vor Lust!
+ Die oben liegen in den bleiernen Kammern
+ Und ihre Nägel bohren in die Wand,
+ Die sollen innehalten und schon meinen,
+ Der Jüngste Tag ist da, und daß die Engel
+ Mit rosenen Händen und dem wilden Duft
+ Der Schwingen niederstürzend jetzt das Dach
+ Von Blei hinweg, herein den Himmel reißen! ...
+
+ * * *
+
+ _Derselbe_ spricht:
+
+ O hättest du gelernt wie ich zu leben,
+ Dir wäre wohl.
+ Ich achte diese Welt nach ihrem Wert,
+ Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen
+ So lange werfen soll, als Tag' und Nächte
+ Mich wie ein ächzend Fahrzeug noch ertragen.
+ Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt
+ Des Henkers schlürfen hörn im Morgengrauen
+ Und sich zusammenziehen wie ein Igel,
+ Gesträubt vor Angst und starrend noch von Leben!
+ Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm
+ Die Welt einsaugen, über Berge hin!
+ Die Städte drunten, funkeln wie die Augen!
+ Die Segel draußen, vollgebläht wie Brüste!
+ Die weißen Arme! Die von Schluchzen dunklen
+ Verführten Kehlen! Dann die Herzoginnen
+ Im Spitzenbette weinen lassen und
+ Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht?
+
+ Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres
+ Als hier im Zimmer auf und nieder gehn,
+ Sich Wein einschenken, essen, schlafen, küssen
+ Und draußen an der Tür den wilden Atem
+ Von _einem_ gehen hören oder _einer_,
+ Die lauert und in der geballten Faust
+ Den Tod hält, deinen oder ihren Tod! ...
+
+
+
+
+Arno Holz.
+
+Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreußen. Lebt seit 1875 in
+Berlin. -- Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899. Große
+»Insel«-Ausgabe 1916. Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst
+verfärtigte, sämbtliche Freß- Sauffund Venus-Lieder benebst angehänckten
+Auffrichtigen und Reuemächtigen Buß-Thränen 1904. Das ausgewählte Werk
+1919.
+
+
+Ein Abschied.
+
+ Sein Freund, der Türmer, war noch wach,
+ wie Silber gleißte das Rathausdach,
+ und drüber stand der Mond.
+
+ Er wußte kaum, wie schwer er litt,
+ doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt,
+ und das Ränzel drückte ihn.
+
+ Die Gasse war so lang, so lang,
+ und dazu noch die Stimme, die über ihm sang:
+ Wann's Mailüfterl weht!
+
+ Jetzt bog sich ein Fliederstrauch über den Zaun,
+ und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun,
+ stand weiß vor dem Domportal.
+
+ Hier stand er eine Weile still
+ und hörte, wie eine Dohle schrill
+ hoch oben ums Turmkreuz pfiff.
+
+ Dann löschte links in dem kleinen Haus
+ der Löwenwirt seine Lichter aus,
+ und die Domuhr schlug langsam zehn.
+
+ Die Brunnen rauschten wie im Traum,
+ die Nachtigall schlug im Lindenbaum,
+ und alles war wie sonst!
+
+ Da riß er die Rose sich aus dem Rock
+ und stieß sie ins Pflaster mit seinem Stock,
+ daß die Funken stoben, und ging.
+
+ Das Lämpchen flackerte rot überm Tor,
+ und der Wald, in den sich sein Weg verlor,
+ stand schwarz im Mondlicht da.
+
+ Er schritt und schritt, ein Käuzchen schrie,
+ die Farren reichten ihm bis übers Knie,
+ und der Sankt-Jakobs-Quell plätscherte ...
+
+ Erst droben auf dem Heiligenstein
+ fiel ihm noch einmal alles ein,
+ als der Weg um die Buche bog.
+
+ Die Blätter rauschten, er stand und stand
+ und sah hinunter unverwandt,
+ wo die Dächer funkelten!
+
+ Dort stand der Garten und dort das Haus,
+ und jetzt war das aus, und jetzt war das aus,
+ und -- die Dächer funkelten!
+
+ Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm:
+ Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm!
+ Doch er kam nie wieder.
+
+
+ [Illustration: Ricarda Ceconi-Huch]
+
+
+Ninon.
+
+ Ninon heißt sie. Ihre Mutter
+ handelt nachts mit Apfelsinen
+ an der Weidendammer Brücke.
+ Doch sie selbst ist Kammerkätzchen.
+
+ Stöckelschühchen. Sehr kokett.
+ Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen,
+ das auf ihrem krausen Köpfchen
+ weiß und niedlich balanciert.
+
+ Doch der kleine Marmorschlingel,
+ der dem Spiegel visavis
+ grad vor einem Makartstrauß hockt,
+ läßt sich dadurch nicht verblüffen.
+
+ Immer, wenn ihr Pfauenwedel
+ ihn frühmorgens abstäubt, lacht er.
+ Ja, die Stutzuhr kann sogar
+ deutlich hören, was er sagt:
+
+ »Tu mir den Gefallen, Kind, und
+ kokettiere nicht so viel!
+ Ninon nennt die gnädige Frau dich?
+ Geh, du heißt ja gar nicht so!
+
+ Martha heißt du. Dein Papa
+ war der gnädige Herr von Dingsda.
+ Vor drei Wochen in Neuyork
+ starb er als Konditorlehrling.
+
+ Deine Mutter lebt. Sie schielt,
+ hinkt und schnupft. Im übrigen
+ handelt sie mit Apfelsinen
+ an der Weidendammer Brücke.«
+
+
+Aus »Phantasus«.
+
+ Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
+ vom Hof her stampfte die Fabrik.
+ Es war die richtige Mietskaserne
+ mit Flur- und Leiermannsmusik!
+ Im Keller nistete die Ratte,
+ Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier,
+ und bis ins fünfte Stockwerk hatte
+ das Vorstadtelend sein Quartier.
+
+ Dort saß er nachts vor seinem Lichte
+ -- duck nieder, nieder, wilder Hohn! --
+ und fieberte und schrieb Gedichte,
+ ein Träumer, ein verlorner Sohn!
+ Sein Stübchen konnte grade fassen
+ ein Tischchen und ein schmales Bett;
+ er war so arm und so verlassen,
+ wie jener Gott aus Nazareth!
+
+ Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
+ die Welt, ihn aus: Er ist verrückt! --
+ ihm hatte leuchtend auf die Stirne
+ der Genius seinen Kuß gedrückt!
+ Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,
+ er zitternd Vers an Vers gereiht,
+ dann schien auf ewig ihm versunken
+ die Welt und ihre Nüchternheit.
+
+ In Fetzen hing ihm seine Bluse,
+ sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,
+ er aber stammelte: O Muse!
+ und wußte nichts von seiner Not.
+ Er saß nur still vor seinem Lichte,
+ allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
+ und fieberte und schrieb Gedichte,
+ ein Träumer, ein verlorner Sohn!
+
+ * * *
+
+ Die Nacht liegt in den letzten Zügen,
+ der Regen tropft, der Nebel spinnt ...
+ O, daß die Märchen immer lügen,
+ die Märchen, die die Jugend sinnt!
+ Wie lieblich hat sich einst getrunken
+ der Hoffnung goldner Feuerwein!
+ Und jetzt? Erbarmungslos versunken
+ in dieses Elend der Spelunken --
+ O Sonnenschein! O Sonnenschein!
+
+ Nur einmal, einmal noch im Traume
+ laßt mich hinaus, o Gott, hinaus!
+ Denn süß rauscht's nachts im Lindenbaume
+ vor meines Vaters Försterhaus.
+ Der Mond lugt golden um den Giebel,
+ der Vater träumt von Mars-la-Tour,
+ lieb Mütterchen studiert die Bibel,
+ ihr Nestling koloriert die Fibel,
+ und leise, leise tickt die Uhr.
+
+ O goldne Lenznacht der Jasminen,
+ o wär ich niemals dir entrückt!
+ Das ewige Rädern der Maschinen
+ hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt!
+ Einst schlich ich aus dem Haus der Väter
+ nachts in die Welt mich, wie ein Dieb,
+ und heut -- drei kurze Jährchen später! --
+ wie ein geschlagener Missetäter,
+ schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib!
+
+ Wozu dein armes Hirn zerwühlen?
+ Du grübelst, und die Weltlust lacht!
+ Denn von Gedanken, von Gefühlen
+ hat noch kein Mensch sich satt gemacht!
+ Ja, recht hat, o du süße Mutter,
+ dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust:
+ Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther?
+ Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter
+ erhabner als der ganze Faust!
+
+
+Vor meinem Fenster ...
+
+ Vor meinem Fenster
+ singt ein Vogel.
+
+ Still hör ich zu; mein Herz vergeht.
+
+ Er singt,
+ was ich als Kind ... so ganz besaß
+ und dann -- vergessen!
+
+
+Rote Rosen ...
+
+ Rote Rosen
+ winden sich um meine düstre Lanze.
+
+ Durch weiße Lilienwälder
+ schnaubt mein Hengst.
+
+ Aus grünen Seeen,
+ Schilf im Haar,
+ tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun.
+
+ Ich reite wie aus Erz.
+
+ Immer,
+ dicht vor mir,
+ fliegt der Vogel Phönix
+ und singt.
+
+
+In einem Garten ...
+
+ In einem Garten, unter dunklen Bäumen,
+ erwarten wir
+ die Frühlingsnacht.
+ Noch
+ glänzt kein Stern.
+
+ Die Büsche schweigen.
+
+ Plötzlich,
+ aus einem Fenster,
+ leise,
+ getragen, schwellend,
+ die tiefen, klaren, reinen, lichten,
+ glutend golddurchwirkten
+ Töne
+ einer Geige.
+
+ Der Goldregen blinkt,
+ der Flieder duftet,
+ in unseren Herzen -- geht der Mond auf!
+
+
+Aus weißen Wolken ...
+
+ Aus weißen Wolken,
+ schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend,
+ schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schloß!
+
+ Spiegelnde Seeen, selige Wiesen,
+ singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!
+
+ In seinen hohen, gleißenden, glitzernden Hallen
+ wohnen
+ die alten Götter!
+
+ Noch immer,
+ abends,
+ wenn die Sonne purpurn sinkt,
+ glühn seine Gärten;
+ vor ihren Wundern bebt mein Herz
+ und lange ... steh ich.
+
+ Sehnsüchtig!
+
+ Dann naht die Nacht,
+ die Luft verlischt,
+ wie zitterndes Silber blinkt das Meer,
+ und über die ganze Welt hin
+ webt ein Duft ... wie von Rosen!
+
+
+
+
+Ricarda Huch.
+
+Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Zürich und wurde
+dort 1891 als eine der ersten Frauen zum +Dr. phil.+ promoviert. --
+Gedichte 1891. Neue Gedichte 1907.
+
+
+Sehnsucht.
+
+ Um bei dir zu sein,
+ Trüg' ich Not und Fährde,
+ Ließ' ich Freund und Haus
+ Und die Fülle der Erde.
+
+ Mich verlangt nach dir,
+ Wie die Flut nach dem Strande,
+ Wie die Schwalbe im Herbst
+ Nach dem südlichen Lande.
+
+ Wie den Alpsohn heim,
+ Wenn er denkt, nachts alleine,
+ An die Berge voll Schnee
+ Im Mondenscheine.
+
+
+Unersättlich.
+
+ Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl,
+ Klang und duftendem Blütenguß
+ Mein verlangendes Herz einmal
+ Füll mir, seliger Überfluß!
+
+ Gib mir ewiger Jugend Glanz,
+ Gib mir ewigen Lebens Kraft,
+ Gib im flüchtigen Stundentanz
+ Ewig wirkende Leidenschaft!
+
+ Aus dem Meere des Wissens laß
+ Satt mich trinken in tiefem Zug!
+ Gib von Liebe und gib von Haß
+ Meiner Seele einmal genug.
+
+ Gib, daß Tau der Erfüllung mir
+ In die Schale des Herzens fließt,
+ Bis sie, selber verschwendend, ihr
+ Überschäumendes Glück ergießt!
+
+
+Du.
+
+ Seit du mir ferne bist,
+ Hab' ich nur Leid,
+ Weiß ich, was Sehnsucht ist
+ Und freudenlose Zeit.
+
+ Ich hab' an dich gedacht
+ Ohn' Unterlaß
+ Und weine jede Nacht
+ Nach dir mein Kissen naß.
+
+ Und schließt mein Auge zu
+ Des Schlafes Band,
+ So wähn' ich, das tust du
+ Mit deiner weichen Hand.
+
+
+Heimatlos.
+
+ Hör mich, Mutter, höre mich in deinem dunkeln Grabe,
+ Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe.
+ Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume,
+ Zeige mir das Land, das süße Vaterland, im Traume.
+ Laß mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne
+ Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne,
+ Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben!
+ Meine Brüder, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben.
+ Wär' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen;
+ Wär' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen.
+ Denn ich mag nicht, mag nicht länger in der Fremde weilen,
+ Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen.
+ Käm' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle,
+ Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle;
+ Küsse werden, Tränen auf die alten Steine brennen,
+ Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen.
+ -- »Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter,
+ Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter.
+ An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begrüßen
+ Und die Wanderschuh' dir lösen von den wunden Füßen.« --
+
+
+Erinnerung.
+
+ Einmal vor manchem Jahre
+ War ich ein Baum am Bergesrand,
+ Und meine Birkenhaare
+ Kämmte der Mond mit weißer Hand.
+
+ Hoch überm Abgrund hing ich
+ Windebewegt auf schroffem Stein.
+ Tanzende Wolken fing ich
+ Mir als vergänglich Spielzeug ein.
+
+ Fühlte nichts im Gemüte
+ Weder von Wonne noch von Leid,
+ Rauschte, verwelkte, blühte,
+ In meinem Schatten schlief die Zeit.
+
+
+Verstoßen.
+
+ Ich weiß, daß ich sterben muß
+ An deinem Lieben.
+ Du hast mich ins Elend getrieben
+ Mit deinem Kuß.
+
+ Ich irre verbannt, allein
+ Und ohne Frieden,
+ Seit ich von der Welt mich geschieden,
+ Um dein zu sein.
+
+ Nie werd' ich mein Vaterland,
+ Das süße, schauen;
+ Nie wirst du den Herd für uns bauen
+ Mit froher Hand.
+
+ Oft streckst du die Arme aus,
+ Wenn ich dir fehle.
+ So fern bin ich; nur meine Seele
+ Irrt um dein Haus.
+
+
+Herbst.
+
+ Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen?
+ Nicht wie die Welkenden fromm
+ Wollen wir beide zu Tode wallen --
+ Küsse mich, komm!
+
+ Wolkenjagd oben in fernen Räumen!
+ Köstlich und wonnevoll
+ Ist es, die Perlen vom Wein zu schäumen,
+ Übermutstoll.
+
+ Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfen
+ Alles in einem Zug!
+ Größeste Fülle, doch dem Bedürfen
+ Nimmer genug!
+
+ Laß uns das weinleere Glas zerschmettern,
+ Komm von dem Gipfel ins Grab,
+ Gleich unverletzlichen ewigen Göttern
+ Lächelnd hinab!
+
+
+Ankunft im Hades.
+
+ In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast.
+ »Sei, Genosse, uns willkommen!
+ Sprich, was du vernommen
+ Auf der Erde schönen Fluren hast.
+
+ Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz
+ Und von rosenroten Wangen;
+ Sag, ob fröhlich schwangen
+ Kleine Mücken den geschwinden Tanz.
+
+ Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond?
+ Über unsern Leichensteinen
+ Sahst du uns beweinen
+ Jene Schar, die froh im Lichte wohnt?
+
+ Ihnen strömt der Tränen holder Tau,
+ Der befreit und löst die Schmerzen,
+ Wie das Eis im Märzen
+ Frühlingswinde wonnevoll und lau.«
+
+ -- »Lenz war droben, da von dannen ich gemußt.
+ Mit hinab in eure Grüfte
+ Nahm ich Veilchendüfte:
+ Diesen vollen Strauß an meiner Brust.« --
+
+ Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual
+ Muß auch Tantalus sich wenden;
+ Jäh aus müß'gen Händen
+ Stürzt der Stein des Sisyphus zu Tal.
+
+
+Liebesreime.
+
+I.
+
+ Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied
+ Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang;
+ Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang,
+ Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied?
+ Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief,
+ O, wie wurde mir dabei die Seele weit;
+ Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief,
+ Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.
+
+II.
+
+ Ich hatte so viel dir zu berichten,
+ Neuigkeiten, allerhand Geschichten;
+ Aber nun bist du auf einmal so nah
+ Mit diesem Kinn und diesen Wangen,
+ Alle Gedanken sind mir vergangen --
+ Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde,
+ Nur eine Spanne von meinem Munde,
+ Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah!
+
+III.
+
+ Einen guten Grund hat's, daß mein Liebchen
+ Über alles schön und herrlich ist geraten:
+ Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen,
+ Mond und Sonne waren seine Paten.
+ Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:
+ Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen.
+ Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne:
+ Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.
+
+
+
+
+Isolde Kurz.
+
+Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters
+Hermann Kurz; lebt, unvermählt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz.
+-- Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.
+
+
+Südliche Weise.
+
+ Du sprichst von Sünde gleich und ew'gen Flammen,
+ Will ich ein Stündchen nur mit dir verkosen,
+ Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.
+
+ Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, --
+ Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,
+ Ich aber bin einst Ministrant gewesen.
+
+ Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten!
+ Ihr müßt für jeden ungeküßten Kuß
+ Einhundert Jährlein in der Hölle braten.
+
+
+Die erste Nacht.
+
+ Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.
+ O, wo ist aller Glanz, der dich umgab?
+ In kalter Erde ist dein Bett gemacht.
+ Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?
+
+ Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,
+ Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht,
+ Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl
+ Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.
+
+ Die Stunden schleichen -- schläfst du bis zum Tag?
+ Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?
+ Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,
+ Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?
+
+
+Mädchenliebe.
+
+ Nächtlich war's am stillen Weiher,
+ Wo ich ihm zur Seite stand,
+ Als im Wind mein langer Schleier
+ Sich um seinen Nacken wand.
+
+ Ach, was ließ ich's nur geschehen!
+ Daß er fest den Knoten schlang,
+ Mich an seiner Hand zu gehen,
+ Ein gefangnes Füllen, zwang!
+
+ Denn seitdem auf allen Wegen
+ Fühlt' ich unzerreißlich stets
+ Über mich und ihn sich legen
+ Magisch jenes Schleiers Netz.
+
+ Seit mich gar sein Arm umwindet,
+ Schwand der Freiheit letzter Rest.
+ Fessel, die uns beide bindet,
+ Liebe Fessel, halte fest!
+
+
+Die Nicht-Gewesenen.
+
+ Über ein Glück, das du flüchtig besessen,
+ Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,
+ Tröstet die alles heilende Zeit.
+ Aber die Träume, die nie errungnen,
+ Nie vergeßnen und nie bezwungnen,
+ Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.
+
+
+
+
+Else Lasker-Schüler.
+
+Gedichte aus den gesammelten Büchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.
+
+
+Wir beide.
+
+ Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,
+ Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,
+ Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif,
+ Und wir beide sind im Paradiese.
+
+ Und uns gehört das ganze bunte Leben,
+ Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen,
+ Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen
+ Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!
+
+ Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum
+ Vom Paradies -- von seinen zwei Gespielen,
+ Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen ...
+
+ Die düstere Erde hing noch grün am Baum.
+
+
+Mairosen.
+
+ Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,
+ Mich nicht zu verführen,
+ Zwischen Mairosen hätte er fast
+
+ Sein Wort gebrochen,
+ Aber er machte drei Kreuze
+ Und ich glaubte heiß zu erfrieren.
+
+ Nun lieg' ich im düstern Nadelwald,
+ Und der Herbst saust kalte Nordostlieder
+ Über meine Lenzglieder.
+
+ Aber wenn es wieder warm wird,
+ Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit
+ Und wir -- spielen dann unter den Mairosen ...
+
+
+Chaos.
+
+ Die Sterne fliehen schreckensbleich
+ Vom Himmel meiner Einsamkeit,
+ Und das schwarze Auge der Mitternacht
+ Starrt näher und näher.
+
+ Ich finde mich nicht wieder
+ In dieser Todverlassenheit!
+ Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit
+ Zwischen grauer Nacht der Urangst ...
+
+ Ich wollte, ein Schmerzen rege sich
+ Und stürze mich grausam nieder
+ Und riß mich jäh an mich!
+ Und es lege eine Schöpferlust
+ Mich wieder in meine Heimat
+ Unter der Mutterbrust.
+
+ Meine Mutterheimat ist seeleleer,
+ Es blühen dort keine Rosen
+ Im warmen Odem mehr. --
+ ... Möcht' einen Herzallerliebsten haben!
+ Und mich in seinem Fleisch vergraben.
+
+
+ [Illustration: Else Lasker-Schüler]
+
+
+Die Liebe.
+
+ Es rauscht durch unseren Schlaf
+ Ein feines Wehen wie Seide,
+ Wie pochendes Erblühen
+ Über uns beide.
+
+ Und ich werde heimwärts
+ Von deinem Atem getragen,
+ Durch verzauberte Märchen,
+ Durch verschüttete Sagen.
+
+ Und mein Dornenlächeln spielt
+ Mit deinen urtiefen Zügen,
+ Und es kommen die Erden
+ Sich an uns zu schmiegen.
+
+ Es rauscht durch unseren Schlaf
+ Ein feines Wehen wie Seide --
+ Der weltalte Traum
+ Segnet uns beide.
+
+
+Liebesflug.
+
+ Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich,
+ Jäh schrien seine Lippen,
+ Wie der geöffnete Erdmund!
+ Und Gärten berauschten am Mairegen sich.
+
+ Und wir griffen unsere Hände,
+ Die verlöteten wie Ringe sich.
+ Und er sprang mit mir auf die Lüfte
+ Gotthin, bis der Atem verstrich.
+
+ Dann kam ein leuchtender Sommertag
+ Wie eine glückselige Mutter.
+ Und die Mädchen blickten schwärmerisch,
+ Nur meine Seele lag müd' und zag.
+
+
+Eva.
+
+ Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt,
+ Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,
+ Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit
+ Wie die Blüten der Bäume Edens waren.
+
+ Und die keimende Liebe ist meine Seele,
+ O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,
+ Und du zitterst von Ahnungen
+ Und weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.
+
+ Und ich liege schwer auf deinem Leben,
+ Wie eine tausendstämmige Erinnerung.
+ Und du bist so blindjung, so adamjung ...
+ Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt.
+
+
+Mein Volk.
+
+ Der Fels wird morsch,
+ Dem ich entspringe
+ Und meine Gotteslieder singe ...
+ Jäh stürz' ich vom Weg
+ Und riesele ganz in mir
+ Fernab, allein über Klagegestein
+ Dem Meer zu.
+
+ Hab' mich so abgeströmt
+ Von meines Blutes
+ Mostvergorenheit.
+ Und immer, immer noch der Widerhall
+ In mir,
+ Wenn schauerlich gen Ost
+ Das morsche Felsgebein,
+ Mein Volk,
+ Zu Gott schreit.
+
+
+Mein Liebeslied.
+
+ Wie ein heimlicher Brunnen
+ Murmelt mein Blut,
+ Immer von dir, immer von mir.
+ Unter dem taumelnden Mond
+ Tanzen meine nackten, suchenden Träume,
+ Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,
+ Leise über düstere Hecken.
+ O, deine Lippen sind sonnig ...
+ Diese Rauschedüfte deiner Lippen ...
+ Und aus blauen Dolden, silberumringt
+ Lächelst du ... du, du.
+ Immer das schlängelnde Geriesel
+ Auf meiner Haut
+ Über die Schultern hinweg --
+ Ich lausche ...
+ Wie ein heimlicher Brunnen
+ Murmelt mein Blut ...
+
+
+Mein Wanderlied.
+
+ Zwölf Morgenhellen weit
+ Verschallt der Geist der Mitternacht,
+ Und meine Lippen haben ausgedacht
+ In stolzer Linie mit der Ewigkeit.
+
+ Torabwärts schreitet das Verflossene,
+ Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht,
+ Ihr tausendheißes, weißes Licht
+ Scheint mir voran ins Ungegossene.
+
+ Und ich wachse über all Erinnern weit.
+ So fern Musik ... und zwischen Kampf und Frieden
+ Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,
+ Und sind die Ziele hinter aller Zeit.
+
+
+O, meine schmerzliche Lust.
+
+ Mein Traum ist eine junge, wilde Weide
+ Und schmachtet in der Dürre.
+ Wie die Kleider um den Tag brennen ...
+ Alle Lande bäumen sich.
+ Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche
+ Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel
+ Tuuh! Tuuh!
+ Wie die Silberähren
+ Um meine Füße sieden ...
+ O, meine schmerzliche Lust
+ Weint wie ein Kind.
+
+
+Maienregen.
+
+ Du hast deine warme Seele
+ Um mein verwittertes Herz geschlungen,
+ Und all seine dunkeln Töne
+ Sind wie ferne Donner verklungen.
+
+ Aber es kann nicht mehr jauchzen
+ Mit seiner wilden Wunde,
+ Und wunschlos in deinem Arme
+ Liegt mein Mund auf deinem Munde.
+
+ Und ich höre dich leise weinen,
+ Und es ist -- die Nacht bewegt sich kaum --
+ Als fiele ein Maienregen
+ Auf meinen greisen Traum.
+
+
+Weltende.
+
+ Es ist ein Weinen in der Welt,
+ Als ob der liebe Gott gestorben wär',
+ Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
+ Lastet grabesschwer.
+
+ Komm, wir wollen uns näher verbergen ...
+ Das Leben liegt in Aller Herzen
+ Wie in Särgen.
+
+ Du! wir wollen uns tief küssen ...
+ Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
+ An der wir sterben müssen.
+
+
+Mein Liebeslied.
+
+ Auf deinen Wangen liegen
+ Goldene Tauben.
+
+ Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,
+ Dein Blut rauscht, wie mein Blut --
+
+ Süß
+ An Himbeersträuchern vorbei.
+
+ O, ich denke an dich -- --
+ Die Nacht frage nur.
+
+ Niemand kann so schön
+ Mit deinen Händen spielen,
+
+ Schlösser bauen, wie ich
+ Aus Goldfinger;
+
+ Burgen mit hohen Türmen!
+ Strandräuber sind wir dann.
+
+ Wenn du da bist,
+ Bin ich immer reich.
+
+ Du nimmst mich so zu dir,
+ Ich sehe dein Herz sternen.
+
+ Schillernde Eidechsen
+ Sind dein Geweide.
+
+ Du bist ganz aus Gold --
+ Alle Lippen halten den Atem an.
+
+
+
+
+Detlev von Liliencron.
+
+Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner
+Vaterstadt, trat 1863 beim westfälischen Füsilierregiment Nr. 37 in
+Mainz ein, nahm an den Kriegen 1866 und 1870-71 teil, wurde mehrmals
+verwundet, nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika,
+kehrte zurück, wurde Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er
+die »Adjutantenritte« schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er längere
+Zeit in Altona gewohnt hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei
+Hamburg. Er starb dort am 22. Juli 1909. -- Seine früher unter andern
+Titeln erschienenen Gedichtbücher heißen jetzt: Kampf und Spiele. Kämpfe
+und Ziele. Nebel und Sonne. Bunte Beute. Ausgewählte Gedichte. Poggfred.
+Gute Nacht.
+
+
+Rückblick.
+
+ Eh mir aus der Scheide schoß
+ Blitz und blank der Degen,
+ Ließ noch einmal Mann und Roß
+ Kurzer Rast ich pflegen.
+
+ Und die Hand als Augenschild,
+ Meine Lider sanken,
+ Rasch vorbei, ein wechselnd Bild,
+ Flogen die Gedanken.
+
+ Kinderland, du Zauberland,
+ Haus und Hof und Hecken.
+ Hinter blauer Wälderwand
+ Spielt die Welt Verstecken.
+
+ Weiter nun in bunten Reihn
+ Zog mein wüstes Leben.
+ Wenig Taten, vieler Schein,
+ Windige Spinneweben.
+
+ Würfel, Weiber, Wein, Gesang,
+ Jugendrasche Quelle,
+ Und im wilden Wogendrang
+ Schwamm ich mit der Welle ...
+
+ Doch Dragoner glänzen hell
+ Dort an jenem Hügel.
+ An die Pferde! Fertig! Schnell
+ Klebt der Sporn am Bügel.
+
+ Zügel fest, Fanfarenruf,
+ Donnernd schwappt der Rasen.
+ Bald sind wir mit flüchtigem Huf
+ An den Feind geblasen.
+
+ Anprall, Fluch und Stoß und Hieb,
+ Kann den Arm nicht sparen,
+ Wo mir Helm und Handschuh blieb,
+ Hab' ich nicht erfahren.
+
+ Sattelleere, Sturz und Staub,
+ Klingenkreuz und Scharten.
+ Trunken schwenkt die Faust den Raub
+ Flatternd der Standarten.
+
+ Täuschend gleicht des Feindes Flucht
+ Tollgehetzten Hammeln.
+ Freudig ruft in Wald und Schlucht
+ Mein Signal zum Sammeln.
+
+ Schweiß und Blut an Stirn und Schwert,
+ Laß es tropfen, tropfen.
+ Dankbar muß ich meinem Pferd
+ Hals und Mähne klopfen.
+
+ Nächtens dann beim Feuerschein,
+ Nach des Kampfes Mühe,
+ Fielen mir Gedanken ein
+ Aus des Tages Frühe.
+
+ Schwamm ich viele Jahre lang
+ Steuerlos im Leben,
+ Hat mir heut der scharfe Gang
+ Wink und Ziel gegeben.
+
+
+Tod in Ähren.
+
+ Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,
+ Liegt ein Soldat, unaufgefunden,
+ Zwei Tage schon, zwei Nächte schon,
+ Mit schweren Wunden, unverbunden.
+
+ Durstüberquält und fieberwild,
+ Im Todeskampf den Kopf erhoben.
+ Ein letzter Traum, ein letztes Bild,
+ Sein brechend Auge schlägt nach oben.
+
+ Die Sense sirrt im Ährenfeld,
+ Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,
+ Ade, ade, du Heimatwelt --
+ Und beugt das Haupt, und ist verschieden.
+
+
+Am Strande.
+
+ Der lange Junitag war heiß gewesen,
+ Ich saß im Garten einer Fischerhütte,
+ Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt
+ Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,
+ Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen
+ In bäurisch buntem Durcheinander prunken.
+ Es war die Nacht schon im Begriff, dem Tage
+ Die Riegel vorzuschieben; stiller ward
+ Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich
+ In hoher Luft; und aus der Nähe schlug
+ Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.
+ Im Gutenacht der Sonne blinkerten
+ Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel,
+ Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.
+ Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,
+ Gleich einer Königin, voll hoher Würde,
+ Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck
+ Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.
+ Sie alle winken ihre letzten Grüße
+ Den letzten Streifen ihrer Heimat zu.
+ In manchen Bart mag nun die Mannesträne,
+ So selten sonst, unaufgehalten tropfen.
+ In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß
+ Der Lebenswellen hart und starr geworden,
+ Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.
+ Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land!
+ Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen,
+ Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen,
+ Und für sich selbst dem andern. Jeder so
+ Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen,
+ Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht.
+ Geboren werden, leiden dann und sterben,
+ Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.
+ Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,
+ Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,
+ Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden.
+ Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben:
+ Vom sichern Sitze des Amphitheaters
+ In die Arena lächelnd niederschaun,
+ Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird
+ Vom Tigertier der Armut und der Schulden ...
+
+ Das Schiff ist längst getaucht ins tiefe Dunkel.
+ Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom,
+ Indessen aus der Kegelbahn im Dorf
+ Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen.
+ In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund,
+ Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.
+
+
+Letzter Gruß.
+
+ Herbsttag, und doch wie weiches Frühlingswetter,
+ Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke,
+ Ein Sarg schien unter Gramgeläut zu sinken,
+ Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.
+
+ Da kamst du, keine Täuschung, mir entgegen,
+ Wir hatten gestern Abschied schon genommen,
+ Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern,
+ Was mußte noch einmal die Marter kommen.
+
+ Ich grüßte dich, und sah dein freundlich Danken;
+ Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet.
+ Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen,
+ Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.
+
+ Im Schmerz grub ich die Linke in den Dornbusch
+ Und ließ die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen,
+ Ein letzter Gruß von dir, von mir -- vorüber,
+ Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.
+
+ Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen,
+ Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet,
+ Die roten Ströme sind zurückgeflossen,
+ Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.
+
+
+Der Ländler.
+
+ Auf die Terrasse war ich hinbefohlen,
+ Der jugendfrischen, schönen, geistvollen,
+ Holdseligen Prinzessin vorzulesen.
+ Ich wählte Tasso.
+ Durch den Sommerabend
+ Umschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt.
+ Die Sonne war gesunken. Rot Gewölk
+ Stand hellgetönt, mit Blau vermischt, im Westen.
+ Der Garten vor uns, tief gelegen, hüllt
+ Sich ein in dunkle Schatten mehr und mehr.
+ Und eine Nachtigall beginnt.
+ Der Diener
+ Setzt auf den Tisch die Lampen, deren Licht
+ Nicht durch den schwächsten Zug ins Flackern kommt.
+ Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik.
+ Und deutlich aus der Finsternis heraus,
+ Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster.
+ Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.
+
+ Zuweilen, wenn die Tür geöffnet steht,
+ Erschallt Gestampf, der Brummbaß, Kreischen, Jauchzen.
+ Unbändig scheint die Freude dort zu herrschen.
+ Ich trage unterdessen weiter vor,
+ Wie flüchtige Bilder, unbewußt, den Trubel
+ Im Tal an mir vorüberziehen lassend,
+ Und jene Verse hab' ich grad getroffen:
+ »Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,
+ Der schäumend wallt und brausend überquillt?«
+ Als ich die Lider hob und die Prinzeß,
+ Die säumig ihre Linke dem Geländer
+ Hinüber ruhen läßt, erblicke, wie sie,
+ Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut,
+ Das braune Auge träumerisch, sehnsüchtig
+ Hinuntersendet auf den fröhlichen Ländler.
+
+ »Wie wär' es, fänden wohl Durchlaucht Vergnügen,
+ Dem frohen Reigen dort sich anzuschließen?«
+ Und sie, ein Seufzer: »Ach, ich tät's so gern!«
+
+ Wenn ich's nur bringen könnte, wiedergeben,
+ Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward,
+ Das »so«, das »gern«, wenn ich's nur treffen könnte,
+ Wie sie das sagte: »Ach, ich tät's so gern!«
+
+
+Wer weiß wo.
+
+ Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,
+ Auf roßzerstampften Sommerhalm
+ Die Sonne schien.
+ Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,
+ Und mancher kehrte nicht nach Haus
+ Einst von Kolin.
+
+ Ein Junker auch, ein Knabe noch,
+ Der heut das erste Pulver roch,
+ Er mußt' dahin.
+ Wie hoch er auch die Fahne schwang,
+ Der Tod in seinen Arm ihn zwang.
+ Er mußt' dahin.
+
+ Ihm nahe lag ein frommes Buch,
+ Das stets der Junker bei sich trug,
+ Am Degenknauf.
+ Ein Grenadier von Bevern fand
+ Den kleinen erdbeschmutzten Band
+ Und hob ihn auf.
+
+ Und brachte heim mit schnellem Fuß
+ Dem Vater diesen letzten Gruß,
+ Der klang nicht froh.
+ Dann schrieb hinein die Zitterhand:
+ »Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.
+ Wer weiß wo.«
+
+ Und der gesungen dieses Lied,
+ Und der es liest, im Leben zieht
+ Noch frisch und froh.
+ Doch einst bin ich, und bist auch du,
+ Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',
+ Wer weiß wo.
+
+
+In einer großen Stadt.
+
+ Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt
+ Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
+ Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.
+ Der Orgeldreher dreht sein Lied.
+
+ Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts
+ Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
+ Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.
+ Der Orgeldreher dreht sein Lied.
+
+ Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt.
+ Querweg die Menschen, einer nach dem andern.
+ Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.
+ Der Orgeldreher dreht sein Lied.
+
+
+Vor Last und Lärm.
+
+ Die frühste Sonne legt sich übers Feld,
+ Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.
+ Aus dem im letzten Traum verstrickten Städtchen
+ Bin ich dem Tore schon weitab entrückt.
+ Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?
+ Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte,
+ Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln.
+ Das linke Knie hat er herangezogen;
+ Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl.
+ Vorüber -- schon verliert sich das Geräusch.
+ Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?
+ Ein kleiner, weißer Bologneserhund
+ Mit blutgeröteten Behangesspitzen,
+ Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.
+ Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.
+ Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht?
+ Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt:
+ Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglich
+ Im Eingeweide eines toten Fuchses.
+ Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt er
+ Ein Vorderpfötchen auf den Balg des Aases
+ Und duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an;
+ Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn,
+ Nur seine Augen folgen meinem Schritt.
+ Vorüber -- lautlos alles noch und ruhig.
+ Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten Weiß
+ Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest.
+ Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,
+ Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.
+ Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln,
+ Die Hörner: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --
+ Geschla -- -- -- fen.
+
+ Die Straße, die mein Fuß lebendig geht,
+ Zieht sich in schnurgerader Linie hin,
+ Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht.
+ Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt,
+ Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer.
+ Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!
+ Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch
+ Und winke, und ein Fähnchen zeigt sich auch
+ In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.
+ An meinen Stock knüpf' ich das Banner an,
+ Und an den Sonnenschirm das ihre sie.
+ Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,
+ Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.
+ Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;
+ Und tutet: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --
+ Geschla -- -- -- fen.
+
+ Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung,
+ Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt,
+ Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust.
+
+ Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,
+ Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile.
+ Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flog
+ Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.
+ Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwas
+ Nach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann --
+
+ Indessen brechen Horn und Trommel ab --
+ Stumm wie der mönchverlaßne Klostergang
+ Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille.
+
+
+Weite Aussicht.
+
+ Steht eine Mühle am Himmelsrand,
+ Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand,
+ Und mahlt immerzu, immerzu.
+
+ Hinter der Mühle am Himmelsrand,
+ Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt,
+ Mahlt immerzu, immerzu.
+
+
+Erinnerung.
+
+ Die großen Feuer warfen ihren Schein
+ Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben.
+ Wir Offiziere saßen um den Holzstoß
+ Und tranken Glühwein, sternenüberscheitelt.
+ So manches Wort, das in der Sommernacht
+ Im Flüstern oder laut gesprochen wird,
+ Verweht der Wind, begräbt das stille Feld.
+ Die Musketiere sangen: »Stra -- a -- ßburg.
+ O Stra -- a -- ßburg ...« Da fühlt' ich eine Hand,
+ Die leise sich auf meine Schulter legte.
+ Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer,
+ Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern
+ Quartier gehabt; der nun, verabredet,
+ Mit seinem Töchterchen gekommen war.
+ Ein Mädel, jung gleich einer Apfelblüte,
+ Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt.
+ Der Alte mußte neben uns sich setzen,
+ Und während ihm das Glas die Freunde füllten,
+ Führt' ich, von allem ihr Erklärung gebend,
+ Das Mädchen langsam durch die Lagerreihen.
+ Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund,
+ Ihr lächelnd und ihr staunend großes Auge.
+ Wie schön sie war, wenn sie beim Feuer stand,
+ Und rote Funken knisternd uns umtanzten.
+ Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel
+ Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen.
+ Und einmal, als Soldaten, ausstaffiert
+ Als Storch und Bär, uns ihre Künste zeigten,
+ Da lehnte flüchtig sie, beinah erschrocken,
+ An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz.
+ Wir traten zögernd dann den Rückweg an,
+ -- Es stahl der Mond sich eben in die Bäume,
+ Und in der Ferne, bei den Doppelposten,
+ Fiel dumpf verhallend durch den Wald ein Schuß. --
+ Wir gingen Hand in Hand,
+ Und so, halb stehend, halb im Weitergehn,
+ Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren.
+ Ich fühlte, wie die jungen Lippen mir
+ Entgegenkamen, und ich seh' noch heut
+ Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten ...
+ Als längst der Alte mit ihr weggegangen,
+ Saß ich im Kreise meiner Kameraden
+ Und dachte voller Sehnsucht an das Mädchen,
+ Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken.
+ Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt
+ Und deckte sorgsam mir den Mantel über.
+ Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,
+ Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.
+
+
+Kalter Augusttag.
+
+I.
+
+ Wir standen unter alten Riesenulmen,
+ An unseres Gartens Rand. Mein Arm umschlang
+ Die schlanke Hüfte dir. Es lag dein Haupt,
+ Das schöne, blasse, still an meiner Schulter.
+ Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fröstelnd
+ Zogst fester du das Tuch um deinen Hals.
+ In grauer Luft, unübersehbar, lag
+ Der Wiesen grünes Flachland ausgebreitet.
+ Wie deutlich hörten wir den Jungen schelten
+ Auf seine Kühe, immer hör' ich noch
+ Dein fröhlich Lachen, als uns die gesunden,
+ Vom Winde hergetragnen Worte trafen.
+ Und eine Öde, nordisch unbehaglich,
+ Durchfror die Landschaft. Krähen stolperten,
+ Laut krächzend, übern Garten. Schläfrig zog
+ Am Horizont die Mühle ihre Kreise.
+ Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah
+ Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glücks.
+ Und langsam kehrten wir zurück ins Haus.
+
+II.
+
+ Und wieder stand ich unter unsern Ulmen,
+ Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus
+ In lichten Frühlingstag: Der Junge pfiff
+ Ein lustig Liedchen seinen Kühen; glänzend
+ Im Licht umkreisten Krähen hohe Bäume,
+ In blauer Luft schaut' ich am Horizont
+ Die Mühle schnell im Wind die Flügel drehn.
+ Und doch, ich sah nur graue Todesnebel,
+ Und teilnahmlos kehrt' ich zurück ins Haus.
+
+
+Auf dem Deiche.
+
+ Es ebbt. Langsam dem Schlamm und Schlick umher
+ Enttauchen alte Wracks und Besenbaken,
+ Und traurig hüllt ein graues Nebellaken
+ Die Hallig ein, die Watten und das Meer.
+
+ Der Himmel schweigt, die Welt ist freudenleer.
+ Nachrichten, Teufel, die mich oft erschraken,
+ Sind Engel gegen solchen Widerhaken,
+ Den heut ins Herz mir wühlt ein rauher Speer.
+
+ Wie sonderbar! Ich wollte schon verzagen
+ Und mich ergeben ohne Manneswürde,
+ Da blitzt ein Bild empor aus fernen Tagen:
+
+ Auf meiner Stute über Heck' und Hürde
+ Weit der Schwadron voran seh' ich mich jagen
+ In Schlacht und Sieg, entlastet aller Bürde.
+
+
+Sizilianen.
+
+Die Insel der Glücklichen.
+
+ Das Hängelämpchen qualmt im warmen Stalle,
+ In dem behaglich sich zwei Kühe fühlen.
+ Der Hahn, die Hennen, um den Sproß die Kralle,
+ Träumen vom wunderbaren Düngerwühlen.
+ Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle
+ Dem Brüderchen ein Lied mit Zartgefühlen.
+ Und Knaben, Kühe, Hühner lassen alle
+ Getrost den Strom der Welt vorüberspülen.
+
++Souvenir de la Malmaison.+
+
+ Die menschenblasse Rose legte ich
+ Auf deine kalten, überkreuzten Hände,
+ Und strich dein Haar zurück und pflegte dich,
+ Ob ich dein jubelnd Leben wiederfände.
+ Im Zimmer, irrgeflogen, regte sich
+ Ein Schmetterling, die alte Grablegende.
+ Dein Sarg schloß zu, der Kummer fegte mich
+ In fernes Land aus trostlosem Gelände.
+
+Sommernacht.
+
+ An ferne Berge schlug die Donnerkeulen
+ Ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter,
+ Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen,
+ Und singend kehrte Winzervolk und Schnitter.
+ Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen
+ Genügsam himmelan, ein luftig Gitter.
+ Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,
+ Einsam aus einer Laube klingt die Zither.
+
+Nach der Hühnerjagd.
+
+ Erhitzt und müde, durstig, stark verbrannt,
+ Kehr' ich in meine Waldherberge ein.
+ Gewehr und Mütze häng' ich an die Wand,
+ Den Eimer sucht mein Hund und schlappt ihn rein.
+ Die junge Witwe lehnt am Schenkenstand,
+ Freundarm und stumm, im letzten Abendschein,
+ Dann lächelt sie verstohlen, abgewandt,
+ Der Gäste Aufbruch läßt uns bald allein.
+
+Der Hohenfriedeberger.
+
+ Die Instrumente her! daß ihr euch sputet,
+ Wenn einst der Tod macht in mein Buch den Klecks,
+ Den großen Klecks, der alles überflutet.
+ Den Schlachtentrumpfer blast, und nicht perplex!
+ Den Hohenfriedeberger trommelt, tutet,
+ Mit seinen Pauken sei mein Leben ex!
+ Und komm' ich oben an so unvermutet,
+ Aufbrüll' ich: Vivat Fridericus Rex!
+
+
+Einer Toten.
+
+ Ach, daß du lebtest!
+ Tausend schwarze Krähen,
+ Die mich umflatterten auf allen Wegen,
+ Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
+ Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
+ Daß du noch lebtest!
+ Schwer und kalt bedrängt
+ Die Erde deinen Sarg und hält dich fest.
+ Ich geh' nicht hin, ich finde dich nicht mehr.
+ Und Wiedersehn?
+ Was soll ein Wiedersehn,
+ Wenn wir zusammen Hosianna singen,
+ Und ich dein Lachen nicht mehr hören kann?
+ Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost:
+
+ Der Tag ist heut so schön. Wo ist Chasseur?
+ Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux,
+ Und geh ins Feld, die Hühner halten noch.
+ Doch bieg nicht in das Buchenwäldchen ab,
+ Und leg dich nicht ins Moos und träume nicht.
+ Paß auf die Hühner und sei nicht zerstreut,
+ Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte.
+ Und alle Orgeldreher heut verwünsch' ich,
+ Die luftgetragnen Ton von fernen Dörfern
+ Dir zusenden, ich seh' dann keine Hühner.
+ Und doch, die braune Heide liegt so still,
+ Dich rührt ihr Zauber, laß dich nur bestricken.
+
+ Wir essen heute abend Erbsensuppe,
+ Und der Margaux hat schon die Zimmerwärme;
+ Bring also Hunger mit und gute Laune.
+ Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern.
+ Und willst du mehr, wir gehen an den Flügel
+ Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms.
+ Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn.
+ Du lieber Himmel, deine Gläubiger
+ Sind keine Teufel, die dich braten können,
+ Und alles wird sich machen.
+ Hier noch eins:
+ Ich tat dir guten Kognak in die Flasche;
+ Grüß Heide mir und Wald und all die Felder,
+ Die abseits liegen, und vergiß die Schulden.
+ Ich seh' indessen in der Küche nach,
+ Daß uns die Erbsensuppe nicht verbrennt.
+
+ Daß du noch lebtest!
+ Tausend schwarze Krähen,
+ Die mich umflatterten auf allen Wegen,
+ Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
+ Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit.
+ Ach, daß du lebtest!
+
+
+Gestorbene Liebe.
+
+ In nackter Wüste ruht ein Löwenpaar,
+ Das gelbe Fell vom gelben Sand abhebend.
+ Im Schlafe dehnen sich die trägen Glieder.
+ Erwachend, leckt bedächtig eins das andre,
+ Und streckt und reckt sich, gähnt, und schläft von neuem.
+
+ Ein zweiter Leuenherr zeigt sich in Fernen.
+ Er nähert sich, er stockt, als die Genossen
+ Er unbekümmert vor sich liegen sieht.
+ Nun peitscht sein Schweif, nach Katzenart, die Erde,
+ Er reißt den Rachen auf wie eine Torfahrt,
+ Und Donner rollt ihm aus dem heißen Schlunde.
+ Er kauert sich, und knurrt, und äugt hinüber.
+
+ Schwerfällig wird das Ehepärchen munter,
+ Schwerfällig kommt es endlich auf die Beine.
+ Der zweite Nobel holt zum Sprunge aus,
+ Und springt, und springt dem Weibchen an die Seite.
+ Das Weibchen dann trabt mit dem Seladon
+ Gemütlich einem Felsendache zu.
+ Das Männchen stutzt, will brüllen, schweigt,
+ Und legt sich wieder nieder: Lat ehr lopen.
+
+
+Der Genius.
+
+ Gewitter drückt auf Sanssouci,
+ Ich stand im Park und schaute
+ Zum Schloß hinan, das ein Genie
+ Für seine Seele baute.
+
+ Und Nacht: Aus schwarzer Pracht ein Blitz,
+ Vom Himmel jäh gesendet,
+ Und oben steht der Alte Fritz,
+ Wo die Terrasse endet.
+
+ Ein Augenblick! Grell, beinernblaß,
+ Den Krückstock schräg zur Erde,
+ Verachtung steint und Menschenhaß
+ Ihm Antlitz und Gebärde.
+
+ Einsamer König, mir ein Gott,
+ Ich sah an deinem Munde
+ Den herben Zug von Stolz und Spott
+ Aus deiner Sterbestunde.
+
+ Denselben Zug, der streng und hart
+ Verrät die Adelsgeister,
+ Der aus der Totenmaske starrt
+ Bei jedem großen Meister.
+
+
+Die Spinnerin von Sankt Peter.
+
+ Auf der Magdalenenspitze
+ In den Dünen von Sankt Peter
+ Sitzt in hellen Sommernächten
+ Stumm die schöne Frau Maleen.
+
+ Ihr zur Seite steht das Spinnrad,
+ Doch die Hände ruhn im Schoße,
+ Ihrer Augen Sehnsuchtsketten
+ Ankern in der wilden See.
+
+ Sieht sie einer aus der Ferne,
+ Macht er schaudernd kehrt. Ihr Schatten
+ Bringt ihm noch vor Jahreswende
+ Unglück oder Tod ins Haus.
+
+ Gestern in der Julimondluft
+ Sah ich sie aus großer Weite.
+ Plötzlich zog mich toller Fürwitz,
+ In der Nähe sie zu sehn.
+
+ Tiefe Ruhe. Flutgewisper.
+ Nur die Düneneule flattert
+ Leise, wie mit Vampirflügeln,
+ Wohlig durch die weiche Nacht.
+
+ Nah und näher, immer näher,
+ Zagen Schrittes, offnen Mundes,
+ Mit weitaufgerißnen Augen,
+ Komm' ich endlich zu ihr hin.
+
+ Und mich dünkt, die dort ich finde,
+ Ist nicht mehr als eine Puppe,
+ Eine Puppe aus dem Vorstadt-
+ Wachsfigurenkabinett.
+
+ Da -- entsetzlich! dreht sie langsam,
+ Lautlos-ruckweis wie ein Uhrwerk,
+ Ihre Stirn nach meiner Stirne:
+ Grinst mich eine Leiche an?
+
+ Ohnmächtig brach ich zusammen,
+ Bis der Morgentau mich weckte.
+ Kalt und keusch, unendlich einsam
+ Lag das unbewegte Meer.
+
+
+Märztag.
+
+ Wolkenschatten fliehen über Felder,
+ Blau umdunstet stehen ferne Wälder.
+
+ Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
+ Kommen schreiend an in Wanderzügen.
+
+ Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen
+ Überall ein erstes Frühlingslärmen.
+
+ Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
+ Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.
+
+ Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
+ Wollt' es halten, mußt' es schwimmen lassen.
+
+
+Letzter Wunsch.
+
+ Den Hengst, den Hengst!
+ Gebt meinen Hengst mir!
+ Schaum spritzt ihm vom Zügel, seine Flanken zittern.
+ Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet.
+ Gebt meinen Hengst mir,
+ Den Hengst, den Hengst!
+
+ Mir nach, mir nach!
+ Degen heraus jetzt!
+ Sturmmarsch hör' ich schlagen, höre euer Hurra.
+ In Rauch und Blut seh' ich euch, in Rauch und Flammen.
+ Degen heraus jetzt,
+ Mir nach, mir nach!
+
+ Zum Sieg, zum Sieg!
+ Erde, erbebe!
+ Pulverdampf und Leichen. Vorwärts ohne Wanken.
+ Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Fahnen flattern.
+ Erde, erbebe,
+ Zum Sieg, zum Sieg!
+
+ Komm, Tod! komm, Tod!
+ Feind ist erschlagen!
+ Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Auge:
+ Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe!
+ Feind ist erschlagen!
+ Komm, Tod! komm, Tod!
+
+
+
+
+Oskar Loerke.
+
+Geboren am 13. März 1884 zu Jungen im Kreise Schwetz, Westpreußen. --
+Wanderschaft 1911. Gedichte 1916.
+
+
+Frühlingswille.
+
+ Bei einer stehn im Fensterrahmen,
+ Im Wechselwort das Herz erschüttern,
+ Und leise fort -- es gibt kein Amen --
+ Von unsern Müttern
+ Sprechen und der Mütter Müttern
+ Und den Urmüttern ...
+
+ Und atmen in die Blust der Kirschen,
+ Gezähmte wilde Enten füttern,
+ Und singen von den weißen Hirschen
+ Und von den Müttern
+ Und der Mütter Müttern
+ Und den Urmüttern ...
+
+ Bei gelbem Wein die Nacht verzechen,
+ Nach Ewigkeit umschlungen stöhnen,
+ Und von den Abenteuern sprechen,
+ Die unsren Söhnen
+ Begegnen und den Söhnen
+ Der Enkelsöhne ...
+
+
+Nirwana.
+
+ Das Tal ist wie aus klarem Golde,
+ Es stehn im Tale ohne Hauch
+ Die Bäume schief wie Trunkenbolde
+ An Seen diamantenen Lichts.
+
+ Das Tal vergeht zu goldnem Rauch
+ Und dann zu goldnem Traume
+ Und dann zu goldnem Raume
+ Und dann zu goldnem Nichts.
+
+
+Hinterhaus.
+
+ In kalten, steifen Engen,
+ An gelben Schornsteinlängen,
+ Verirrten Schieferdächern,
+ Verstaubten Lukenfächern,
+ An braunen glatten Röhren,
+ An roten Drahtes Öhren,
+ Verblichnen blauen Flecken
+ Und blechbehuften Ecken
+ Liegt Sonne, wie nach Winkelmaß gemessen
+ Und wie von einem Handwerksmann vergessen.
+
+ Hier hinter Luken wimmeln,
+ In Kellerlöchern schimmeln
+ Und tanzen unter Sparren
+ Wir galgenfrohen Narren,
+ Die sich in Kammern bücken,
+ Doch ihre Wände schmücken
+ Mit goldnen Sterntapeten,
+ Weil wir vom Himmel wehten,
+ Wir Fetzen Licht, nach Winkelmaß gemessen
+ Und wie von einem Handwerksmann vergessen.
+
+
+Die graue Melodie.
+
+ Ja? Gab es Tage, wo ich selbst Komet
+ Und wenn soviel nicht, eines Sterns Trabant
+ Mich glaubte? Aber nichts ist doch so stet
+ Wie diese harte Melodie: Sand, Sand,
+ Sand, Sand.
+
+ Und so wird Morgen, und so wird es spät,
+ Ich zog mich an, ich zieh mich wieder aus,
+ Und wie mein Mund das Licht vom Dochte weht,
+ Verweht ein Mund den Tag, ein Kartenhaus,
+ Ein Kartenhaus.
+
+ Der Tag war bunt, hat Bild mit Bild getauscht,
+ Doch prüfe ich, wie war er wirr gestückt!
+ Wie oft hat mich das Leben denn berauscht,
+ Und geht doch hin!! -- und viele hat's beglückt,
+ Beglückt.
+
+
+Inbrunst.
+
+ Die Sterne sind zu groß und mußten wohl deshalb
+ So weit hinaus, und sie erhellen nichts bei uns.
+ Der Wind stieg tastend aus der Nacht des Weltenbrunns.
+ Er sitzt den Heimathügeln auf der Brust als Alp.
+
+ Die Wolken fahren auf wie Schiffe vor der Schlacht.
+ Ist mir die Sehnsucht ferner Welten zugeirrt?
+ Du, Erde, bist mein Saal, doch meine Seele wird
+ Auf einem andern Sterne schlafen diese Nacht.
+
+
+
+
+Ernst Wilhelm Lotz.
+
+Geboren 1890 zu Culm an der Weichsel, fiel am 26. September 1914 in
+Frankreich. -- Wolkenüberflaggt 1917.
+
+
+Glanzgesang.
+
+ Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen,
+ Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier.
+ Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen,
+ Gehören nicht mehr mir.
+
+ Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten,
+ Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt.
+ Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten,
+ Und das Leben war wehend blond.
+
+ Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale
+ Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht,
+ Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale,
+ Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.
+
+ So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen,
+ In große Kontore, die staubig rochen herein,
+ Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen
+ Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn.
+
+ Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen,
+ Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht,
+ Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen,
+ Die Häupter gläubig nach Osten gedreht.
+
+ Auf Ozeanen zogen die großen Fronten
+ Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt
+ Und breiter Prärien glitzernde Horizonte
+ Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt.
+
+ Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen,
+ Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht,
+ Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen,
+ Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht!
+
+ Amerikas große Städte brausten im Grauen,
+ Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei
+ In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen,
+ Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. -- --
+
+ So hab' ich nachbarlich alle Zonen gesehen,
+ Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt,
+ Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen,
+ Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. -- -- --
+
+ Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden!
+ Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus.
+ Und saß durch Tage und Nächte mit satten und platten
+ Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.
+
+ Und einmal sank ich rückwärts in die Kissen,
+ Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. --
+ Da sah ich: daß in vagen Finsternissen
+ Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.
+
+
+Der Schwebende.
+
+ Meine Jugend hängt um mich wie Schlaf.
+ Dickicht, Lichter -- berieselt. Garten. Ein blitzender See.
+ Und drüber geweht die Wolken, die zögernden, leichten.
+
+ Irrlichternd spiele ich durch greise Straßen,
+ Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster
+ Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf.
+
+ Da heb' ich meine lächelnd schmalen Hände
+ Und breite einen Schleier von Musik
+ Sehr süß und müde machend um mich aus.
+
+ Und meine Füße treten in den Garten,
+ Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglühend,
+ Stöhnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai.
+
+ Da schüttle ich mein weiches Haar im Winde,
+ Und rote Düfte reifer Sommerträume
+ Umwiegen meinen silberleichten Gang.
+
+ Blaß friert ein Fenster, angelehnt im Winde,
+ Draus heiser greller Schrei und Weinen singen
+ Um einen Toten auf der dunklen Fahrt.
+
+ Ich schließe meine Augen, schwere Wimpern,
+ Und sehe Ländereien grün vor Süden,
+ Und Fernen zärtlich weit für Träumereien.
+
+ Ein glänzend helles Kaffeehaus, voll Stimmen
+ Und voll Gebärden, lichtet sich, zerteilt.
+ An blanken Tischen sitzen meine Freunde.
+
+ Sie sprechen helle Worte in das Licht.
+ Und jeder spricht für sich und sagt es deutlich,
+ Und alle singen schwer im tiefen Chor:
+
+ Drei Worte, die ich nie begreifen werde,
+ Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen,
+ Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.
+
+
+ [Illustration: Alfred Mombert]
+
+
+Hart stoßen sich die Wände in den Straßen.
+
+ Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
+ Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
+ Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
+ Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
+
+ Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
+ Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
+ Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
+ Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
+
+ Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
+ Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
+ In einem wild gekochten Fieberland geboren.
+ Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
+
+ Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
+ Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
+ Wir leuchten leise. -- Doch wir könnten brennen.
+ Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.
+
+
+
+
+Alfred Mombert.
+
+Geboren am 6. Februar 1872 zu Karlsruhe. -- Tag und Nacht 1894. Der
+Glühende 1896. Die Schöpfung 1897. Der Denker 1901. Die Blüte des Chaos
+1905. Der Sonne-Geist 1905. Aeon 1907, 1910, 1911. Der himmlische Becher
+1909. Der Held der Erde 1919.
+
+
+Das junge Liebchen ...
+
+ Das junge Liebchen saß bei mir am Tisch.
+ Ich aß und trank und weinte bitterlich.
+
+ Es hatt' ein zartes Linnen aufgelegt.
+ Das war aus seinem Hemdelein genäht.
+
+ Es bot mir dar ein silbern Becherlein,
+ Da war sein eigen Blut darin.
+
+ Es reichte mir vom frischen Brot den Laib.
+ Das war sein eigner liebewarmer Leib.
+
+ Dann lächelt' es geheim und sonderbar,
+ Steckte eine Rose sich ins Haar. --
+
+
+Ich liege ...
+
+ Ich liege mit einer Frau im offnen Fenster.
+ Die beiden Arme ruhen beieinander.
+ Wir schaun hinab in ein Blumengärtchen.
+ Blicken beide stumm auf eine rote Nelke.
+ Wir wissen, daß wir jetzt und so uns lieben.
+ Auch: daß wir niemals mehr uns lieben werden
+ Nach diesem Augenblick.
+
+
+Ja in der Jugend ...
+
+ Ja in der Jugend war ich der starke Junge,
+ Schleppte die stärksten Helden an meinem Tau;
+ Aber da wässerte mir die Zunge,
+ Und da hing ich am Arm einer Ehefrau.
+
+ Ich hab' eine schöne Tochter, einen stolzen Sohn.
+ Die lehnen rechts und links an meinem steilen Thron.
+ Ich bin in der Höhe der Kaiser.
+ Aber mein Haar wird stündlich weißer.
+ Sie lächeln, sie flüstern in der Tiefe in geheimem Ton.
+
+
+Nun beugt die Nacht ...
+
+ Nun beugt die Nacht sich singend über mich.
+ Ich ward erwählter Liebling der Natur.
+ In einer Barke liegend
+ Einen blauen Strom hinab durch grüne Landschaft,
+ Die Sonneseele über mir, Fahnen
+ Am Ufer, tönt Musik, und Festtagmenschen --
+ O Seele! volles, volles Leben!
+ Einem schäumenden Silberwassersturze treib' ich zu.
+ Stolze Klippen! jubelnd grüßt euch
+ Das reichste Herz! seid würdig,
+ Schmettert kühn hinab!
+
+
+Wann ich von dir gehe ...
+
+ Wann ich von dir gehe,
+ Noch schallt die Marmortreppe unter mir,
+ Verwandelt sich mein Antlitz, meine Haltung --
+ Werd' ich zum Wurm? -- werd' ich zum Engel?
+
+ Aus dunklen Wäldern kam ich her zu dir
+ In die strahlende Marmorstadt.
+ Küsse mich
+ In goldenen Strähnen!
+ Doch in mir sind die dunklen Eibenwälder.
+
+
+Auf steilem Felsrücken ...
+
+ Auf steilem Felsrücken hingestreckt mächtig ein Weib,
+ Ein einzig fühlend Auge der weiße weiche Leib.
+ Zugepreßt krampfhaft das winzige graue Augenpaar:
+ Sieghaft droben die Sonne. Die Sonne sieghaft, ruhend klar.
+ Sie zuckt! bäumt! windet sich! empor! schimmernd in Qual!
+ Goldene Ströme: es schäumt ihr wild Haar zu Tal.
+ Und eins -- immer eins das weiße Ringen spricht:
+ Schmerzvoll ist das Licht!
+
+
+Ich möcht' es kosten ...
+
+ Ich möcht' es kosten, in seliger Neugier,
+ Das was man Tod nennt.
+ Manche lange Nacht
+ Hab' ich gekostet, was so fremd mir war,
+ So übermächtig, wie kein Tod es sein kann.
+ Ich stand oft an jener feinsten Linie
+ Und war wohl schon mit halber Seele drüben.
+ Ich hab' das nicht gewollt; es war ein Leiden.
+ Nur eine Stimmung kräftigte ich mir.
+ Ein Kinderlächeln meinen Seelewundern.
+ Am Ende fließen nun die Freudetränen.
+ Wo bist du, Sehnsucht? -- Alles ist Erfüllung.
+
+
+Schwindsucht.
+
+ Aus einer Wallfahrtskirche treten sie,
+ Drin wundertätig eine Heilige wirkt.
+ Ein junger Mann und eine blasse Frau.
+ Sie führen sich an der Hand wie Kinder,
+ Die scheu verstohlen Zuckerwerk genascht.
+ Ein müdes Lächeln hißt sich auf Halbmast.
+ »Nun bin ich bald gesund, du süßer Mann« ...
+ »Nun bist du bald gesund, mein süßes Weib« ...
+
+
+Trinkend ...
+
+ Trinkend hatt' ich erharrt
+ Deine Gegenwart.
+ Und nun du eingetreten,
+ Ist alles schön und stille,
+ Du und deine feierlichen Reden,
+ Lächelnd ruht mein Wille.
+
+ Du und dein Samt- und Sternekleid.
+ Ich und meine schaffende Vergangenheit.
+
+ Und ich bemerke wein- und glutselig:
+ Die Krone, die um deine Schläfen blitzt und dämmert,
+ Hab' ich vor tausend Jahren zurechtgehämmert.
+
+
+Im Mondlicht ...
+
+ Im Mondlicht und im Sonnelicht
+ Schrieb ich mein Gedicht,
+ Seltener im Sternelicht.
+ Die kleineren Lichter
+ Überließ ich dem guten deutschen Dichter.
+
+
+Da spülst du bunte Muscheln ...
+
+ Da spülst du bunte Muscheln an den Strand
+ Zum Spiel für die alte Schöpferhand.
+ Und so ruhend Hand in Hand mit dir
+ Fühl' ich das Unvergängliche in mir.
+ In blauer Luft der Adler schreit.
+ O feuchter Wind! o kühle Zeit!
+ Ein spielend Kind,
+ Ein Kind mit uferloser Vergangenheit.
+ O Lächeln, das aus meinem Menschenherzen fließt
+ Und sich in tränendem Gesang vergießt.
+ Du Glut und Pracht!
+ Du meine Schöpfermacht!
+ Du Meer! Du Sonne! -- Adlerschrei! --
+ Und immer die große Melodie dabei.
+
+
+Zwischen zwei dunklen Wogen ...
+
+ Zwischen zwei dunklen Wogen liegend,
+ Ihren Untertanentrotz mir niederbiegend,
+ Ruf' ich meine Machtstunde auf.
+ Alsobald schwebt der Nachtplanet herauf,
+ Er lagert hoch über der glänzenden Ozeanfläche
+ Am Stamm der himmeldunklen Esche.
+ Dröhnende Stunde der feierlichen Achtung,
+ Der schweigenden Betrachtung.
+ Einst war hier nichts als mein Beruf.
+ Heut lieg' ich körperlich in großen Träumen
+ Zwischen weißen Wogenschäumen,
+ Und rede mit dem Licht, das ich erschuf.
+
+
+Ich tat große Dinge ...
+
+ Ich tat große Dinge,
+ Und gab dem Saturn wundervolle Ringe.
+ Aber da sah ich dann alles von selber geschehen,
+ Nichts mehr warten und stehen,
+ Mein Geist geriet in Zwang,
+ Hinein in fürchterlichen Zusammenhang,
+ Daß ich wahnsinnig in einer Kette rang.
+ Seit der Zeit schaff' ich nichts Neues mehr.
+ Sonne und Mond sind mein einziger Verkehr.
+ Vielleicht noch das Feuer, vielleicht noch das Meer.
+ Weite Stillen
+ Überwölben meinen Willen.
+ Unsichtbare Geigen
+ Bereden mich, zu schweigen.
+
+
+Ich lag auf dem Meer ...
+
+ Ich lag auf dem Meer, über mir wälzte sich das Licht.
+ Ich sah: von einer glänzenden Klippe
+ Banden weißer Vögel aufschwirren.
+ Ich schleuderte ein Seil, sie einzufangen.
+ Weiße Tiere, Traum, Phantasie und Meer.
+ Weiße Tiere: ewige Glanz-Wiederkehr.
+
+
+Der Mond betrat ...
+
+ Der Mond betrat der Urnacht Land
+ Hinter meiner tastenden Führerhand.
+ In einem Tal, im neu beleuchteten Reiche
+ Fanden wir liegen eine große Leiche,
+ Die uns fremd war, einsam, ohne Namen.
+ Saßen; aufgestützt ins dunkle Antlitz starrend;
+ Traumhaft; einen Gedanken erharrend.
+ Und wir haben
+ Flüsternd uns beraten;
+ Den Toten im Felsgebirg begraben.
+ Doch wohin wir forschend später kamen,
+ Fanden wir die Spuren seiner Taten.
+
+
+Mich jammerte ...
+
+ Mich jammerte dein graues Dämmerweh,
+ Ich legte dich sanft hin auf weißen Schnee.
+ Ordnete dein rotes Flammenhaar,
+ Das einst so schmerzhaft, hier so selig war.
+ Und kniend im Schnee und über dich geschoben
+ Hab' ich aus deiner grünen Augentiefe
+ Einen schönen Stern gehoben.
+
+ * * *
+
+ Sterne schwimmen auf den milden Fluten,
+ Die alles tragen.
+ Was willst du noch sagen,
+ Du Glänzende, in deinen Abendgluten!
+
+
+Bevor ich ...
+
+ Bevor ich diesen Inselstrand verließ,
+ Entdeckte ich letztmals streifend eine Höhle,
+ Da drinnen ward mir eine neue Seele,
+ Die mir ein höchstes Glück verhieß.
+
+ Und so saß ich lange,
+ Ein tiefes Lächeln auf meiner Wange.
+ Vom Licht umzittert in der Dämmerkühle.
+ Glühend in einem neuen
+ Heimat-Urgefühle.
+
+ * * *
+
+ Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stieß.
+ Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies.
+ Es war zur Nacht, da ich den Strand verließ.
+ Mein Boot lag in der Mondquelle.
+ Ich stand in vollendeter Helle.
+ Ich stand schlafähnlich starr auf silbernem Kies.
+
+
+Ich hörte den Wind ...
+
+ Ich hörte den Wind durch die Eichenkronen streichen.
+ Mein Herz war kühl wie die Teiche meiner Heimat.
+ Die weißen Wolken über den grünen Hügeln!
+ Dann kam die Schwalbe, die Schwalbe übers Meer.
+
+ * * *
+
+ Ein Haus ... Nur der Grille Stimme klang
+ In die stillen Bereiche.
+ Manchmal, eines Mädchens kühler Sang,
+ Der wellengleiche.
+ Und ein Kind, ein Knabe lag tagelang
+ Am zitternden Teiche.
+
+
+Am Saume ...
+
+ Am Saume eines fruchtbewachsenen Berges,
+ Felsig in die Klarheit tauchte der Gipfel,
+ Stand ich im Zwiegespräch mit einem Weibe.
+ Die starken Schultern glänzten in der Dämmerung,
+ Es ruhte hoheitvoll der nackte Leib.
+ Wir blickten redend, sinnend in die Landschaft
+ Über reiche Wiesen, violette Ströme,
+ Bäume dunkelten am Himmel,
+ Leise brausend sprach fernher ein Meer.
+ Manchmal schritten Gestalten:
+ Erzengel, in großem Abend
+ An uns vorüber: grüßten:
+ Und wünschten uns und unsern Kindern Heil.
+
+
+An Ufern des Rheins ...
+
+ An Ufern des Rheins auf weißen Rossen
+ Sprengen wir, Freunde!
+ Sie schleudern die Mähnen,
+ Sie wiehern auf zum Morgenstern!
+
+ Wir sind schön gekränzt mit Erde-Freuden
+ Und trunken wunderbar des Sieger-Weins --
+ Es sind Wogen-Rosse! die weißen Rosse!
+ Da sprengen sie uns in die Fluten des Rheins!
+
+ Wir sind jung, im Feuer zeugerisch,
+ Welten nahe -- Erde fern --
+ Es sind Äther-Rosse! die weißen Rosse!
+ Da sprengen sie uns auf zum Morgenstern!
+
+
+
+
+Christian Morgenstern.
+
+Geboren am 6. Mai 1871 zu München, lebte als Schriftsteller in Berlin;
+starb am 31. März 1914 in Meran. -- In Phantas Schloß 1895. +Horatius
+travestitus+ 1896. Auf vielen Wegen 1897. Ich und die Welt 1898. Ein
+Sommer 1899. Und aber ründet sich ein Kranz 1902. Galgenlieder 1905.
+Melancholie 1904. Palmström 1910. Einkehr 1910. Palma Kunkel 1916. Der
+Gingganz 1919.
+
+
+Erster Schnee.
+
+ Aus silbergrauen Gründen tritt
+ Ein schlankes Reh
+ Im winterlichen Wald
+ Und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,
+ Den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee.
+
+ Und deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.
+
+
+Vöglein Schwermut.
+
+ Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
+ Das singt so todestraurig ...
+ Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
+ Wer es hört, der tut sich ein Leides an,
+ Der mag keine Sonne mehr schauen.
+ Allmitternacht, Allmitternacht
+ Ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
+ Der streichelt's leis und spricht ihm zu:
+ »Flieg, mein Vögelein! Flieg, mein Vögelein!«
+ Und wieder fliegt's flötend über die Welt.
+
+
+Welch ein Schweigen ...
+
+ Welch ein Schweigen, welch ein Frieden
+ In dem stillen Alpentale.
+ Laute Welt ruht abgeschieden.
+ Silbern schwankt des Mondes Schale.
+
+ Von den Wiesen strömt ein Düften.
+ Aus den Wäldern lugt das Dunkel.
+ Brausend aus geheimen Klüften
+ Bricht der Bäche fahl Gefunkel.
+
+ Überm Saum der letzten Bäume
+ Weiße Wände stehn und steigen
+ In die blauen Sternenräume.
+ Welch ein Frieden, welch ein Schweigen!
+
+
+Das sind die Reden ...
+
+ Das sind die Reden, die mir lieb vor allen:
+ Die Wässerlein, vom hohen Felsen rinnend,
+ Mein ganzes Herz mit ihrer Lust gewinnend,
+ Ohn' End' zum tiefen Grund hinabzufallen.
+
+ Du Wiegenlied vor allen Wiegenliedern,
+ Zur Ewigkeit hinweg vom Eintag wiegend,
+ Das laute Selbst zu jener Ruh' besiegend,
+ Die keine leeren Klagen mehr erniedern!
+
+
+Das Spinnennetz.
+
+ O sieh das Spinnennetz im Morgensonnenschein,
+ Wie es vom Tau noch voll kristallner Tropfen hängt!
+ Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht,
+ Die in den silbergrauen Maschen hier und dort
+ So flüchtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt.
+ Sieh, so ist alles Glück. So hängt es flüchtig sich
+ In unsrer Tage schwankendes Gespinst,
+ Und es erschauert unter seiner köstlichen Last
+ Des Majaschleiers weltdurchwallendes Geweb.
+
+
+Verbannung zur Höhe.
+
+ Noch niemals fiel es irgend einem Volke ein,
+ Zu schenken einem Dichter einen hohen Berg,
+ Mit dem Beding, von ihm herabzusteigen nur,
+ Um ihm zu bringen diesem Ebenbürtiges.
+ Ja, bannen müßt' es selbst das allzu schweifende
+ Geschlecht der Dichter an so hohen Aufenthalt,
+ Wo nur das Höchste recht hat und der Dinge Maß,
+ Gereckt ins Ungemeine, seinen Blick entwöhnt
+ Des bunt zufälligen Wirbels, drein sein Tag ihn warf.
+
+
+Deine Rosen.
+
+ »Deine Rosen an der Brust,
+ Sitz' ich unter fremden Menschen,
+ Laß sie reden, laß sie lärmen,
+ Jung Geheimnis tief im Herzen.
+
+ Wenn ich einstimm' in ihr Lachen,
+ Ist's das Lachen meiner Liebe;
+ Wenn ich ernst dem Nachbar lausche,
+ Lausch' ich selig still nach innen.
+
+ Einen ganzen langen Abend
+ Muß ich fern dir, Liebster, weilen,
+ Küssend heimlich, ohne Ende,
+ Deine Rosen an der Brust.«
+
+
+Der Bach.
+
+ Wie der wilde Gletscherbach
+ Selber sich entgegenbraust,
+ Auf sein wogendes Gejach'
+ Weiß zurückgekraust!
+
+ So der Einzelne der Zeit
+ Zornerfüllt entgegenschwillt.
+ Doch die rollt zur Ewigkeit.
+ Und alles ist ein Bild.
+
+
+Christus klagt:
+
+ Wachet und betet mit mir!
+ Meine Seele ist traurig
+ Bis in den Tod.
+ Wachet und betet!
+ _Mit_ mir!
+ Eure Augen
+ Sind voll Schlafes --
+ Könnt ihr nicht wachen?
+ Ich gehe,
+ Euch mein Letztes zu geben --
+ Und ihr schlaft ...
+ Einsam stehe ich
+ Unter Schlafenden,
+ Einsam vollbring' ich
+ Das Werk meiner schwersten Stunde.
+ Wachet und betet mit mir!
+ _Könnt_ ihr nicht wachen?
+ Ihr alle seid in mir,
+ Aber in wem bin ich?
+ Was wißt ihr
+ Von meiner Liebe,
+ Was wißt ihr
+ Vom Schmerz meiner Seele!
+ O einsam!
+ Einsam!
+ Ich sterbe für euch --
+ Und ihr schlaft!
+ Ihr _schlaft_!
+
+
+Begegnung.
+
+ Wir saßen an zwei Tischen -- wo? -- im All ...
+ Was Schenke, Stadt, Land, Stern -- was tut's dazu.
+ Wir saßen irgendwo im Reich des Lebens ...
+ Wir saßen an zwei Tischen, hier und dort.
+
+ Und meine Seele brannte: Fremdes Mädchen,
+ Wenn ich in deine Augen dichten dürfte --
+ Wenn dieser königliche Mund mich lohnte --
+ Und diese königliche Hand mich krönte --!
+
+ Und deine Seele brannte: Fremder Jüngling,
+ Wer bist du, daß du mich so tief erregest --
+ Daß ich die Kniee dir umfassen möchte --
+ Und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster!
+
+ Und unsre Seelen schlugen fast zusammen.
+ Doch jeder blieb an seinem starren Tisch --
+ Und stand zuletzt mit denen um ihn auf --
+ Und ging hinaus --. Und sahn uns nimmer mehr.
+
+
+
+
+Friedrich Nietzsche.
+
+Geboren am 15. Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen, verlebte seine
+Schulzeit in Naumburg und Schulpforta, studierte, besonders unter
+Ritschl, in Bonn und Leipzig, wurde 1869 durch Ritschls Vermittlung
+Professor an der Universität Basel, trat zu Jakob Burckhardt und Richard
+Wagner in nahe Beziehungen und zu dem letzteren später in offenen
+Gegensatz. 1879 wurde er so krank, daß er seine Professur niederlegen
+mußte, er lebte längere Zeit im Engadin, fiel in Wahnsinn und starb,
+ohne seine Geisteskraft wiedererlangt zu haben, am 25. August 1900 zu
+Weimar. -- Gedichte und Sprüche 1898.
+
+
+An den Mistral.
+
+Ein Tanzlied.
+
+ Mistralwind, du Wolkenjäger,
+ Trübsalmörder, Himmelsfeger,
+ Brausender, wie lieb' ich dich!
+ Sind wir zwei nicht _eines_ Schoßes
+ Erstlingsgabe, _eines_ Loses
+ Vorbestimmte ewiglich?
+
+ Hier auf glatten Felsenwegen
+ Lauf' ich tanzend dir entgegen,
+ Tanzend, wie du pfeifst und singst:
+ Der du ohne Schiff und Ruder
+ Als der Freiheit freister Bruder
+ Über wilde Meere springst.
+
+ Kaum erwacht, hört' ich dein Rufen,
+ Stürmte zu den Felsenstufen,
+ Hin zur gelben Wand am Meer.
+ Hei! da kamst du schon gleich hellen
+ Diamantnen Stromesschnellen
+ Sieghaft von den Bergen her.
+
+ Auf den ebnen Himmelstennen
+ Sah ich deine Rosse rennen,
+ Sah den Wagen, der dich trägt,
+ Sah die Hand dir selber zücken,
+ Wenn sie auf der Rosse Rücken
+ Blitzesgleich die Geißel schlägt, --
+
+ Sah dich aus dem Wagen springen,
+ Schneller dich hinabzuschwingen,
+ Sah dich wie zum Pfeil verkürzt
+ Senkrecht in die Tiefe stoßen, --
+ Wie ein Goldstrahl durch die Rosen
+ Erster Morgenröten stürzt.
+
+ Tanze nun auf tausend Rücken,
+ Wellenrücken, Wellentücken --
+ Heil, wer _neue_ Tänze schafft!
+ Tanzen wir in tausend Weisen,
+ Frei -- sei _unsre_ Kunst geheißen,
+ Fröhlich -- _unsre_ Wissenschaft!
+
+ Raffen wir von jeder Blume
+ Eine Blüte uns zum Ruhme
+ Und zwei Blätter noch zum Kranz!
+ Tanzen wir gleich Troubadouren
+ Zwischen Heiligen und Huren,
+ Zwischen Gott und Welt den Tanz!
+
+ Wer nicht tanzen kann mit Winden,
+ Wer sich wickeln muß mit Binden,
+ Angebunden, Krüppelgreis,
+ Wer da gleicht den Heuchelhänsen,
+ Ehrentölpeln, Tugendgänsen,
+ Fort aus unsrem Paradeis!
+
+ Wirbeln wir den Staub der Straßen
+ Allen Kranken in die Nasen,
+ Scheuchen wir die Krankenbrut!
+ Lösen wir die ganze Küste
+ Von dem Odem dürrer Brüste,
+ Von den Augen ohne Mut!
+
+ Jagen wir die Himmelstrüber,
+ Weltenschwärzer, Wolkenschieber,
+ Hellen wir das Himmelreich!
+ Brausen wir ... oh aller freien
+ Geister Geist, mit dir zu zweien
+ _Braust_ mein Glück dem Sturme gleich. --
+
+ Und daß ewig das Gedächtnis
+ Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis,
+ Nimm den _Kranz_ hier mit hinauf!
+ Wirf ihn höher, ferner, weiter,
+ Stürm' empor die Himmelsleiter,
+ Häng' ihn -- an den Sternen auf!
+
+
+Vereinsamt.
+
+ Die Krähen schrein
+ Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
+ Bald wird es schnein, --
+ Wohl dem, der jetzt noch -- Heimat hat!
+
+ Nun stehst du starr,
+ Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
+ Was bist du Narr
+ Vor Winters in die Welt entflohn?
+
+ Die Welt -- ein Tor
+ Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
+ Wer _das_ verlor,
+ Was du verlorst, macht nirgends Halt.
+
+ Nun stehst du bleich,
+ Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
+ Dem Rauche gleich,
+ Der stets nach kältern Himmeln sucht.
+
+ Flieg, Vogel, schnarr
+ Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! --
+ Versteck, du Narr,
+ Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
+
+ Die Krähen schrein
+ Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
+ Bald wird es schnein, --
+ Weh dem, der keine Heimat hat!
+
+
+Zarathustras Lied.
+
+ O Mensch! Gib acht!
+ Was spricht die tiefe Mitternacht?
+ »Ich schlief, ich schlief --,
+ Aus tiefem Traum bin ich erwacht: --
+ Die Welt ist tief,
+ Und tiefer als der Tag gedacht.
+ Tief ist ihr Weh --,
+ Lust -- tiefer noch als Herzeleid!
+ Weh spricht: Vergeh!
+ Doch alle Lust will Ewigkeit! --
+ Will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
+
+
+Venedig.
+
+ An der Brücke stand
+ Jüngst ich in brauner Nacht.
+ Fernher kam Gesang:
+ Goldener Tropfen quoll's
+ Über die zitternde Fläche weg.
+ Gondeln, Lichter, Musik --
+ Trunken schwamm's in die Dämm'rung hinaus ...
+
+ Meine Seele, ein Saitenspiel,
+ Sang sich, unsichtbar berührt,
+ Heimlich ein Gondellied dazu,
+ Zitternd vor bunter Seligkeit.
+ -- Hörte jemand ihr zu? ...
+
+
+Sils-Maria.
+
+ Hier saß ich, wartend, wartend, -- doch auf nichts,
+ Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
+
+ Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
+ Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
+
+ Da, plötzlich, Freundin! wurde eins zu zwei --
+ -- Und Zarathustra ging an mir vorbei ...
+
+
+Die Sonne sinkt ...
+
+I.
+
+ Nicht lange durstest du noch,
+ Verbranntes Herz!
+ Verheißung ist in der Luft,
+ Aus unbekannten Mündern bläst mich's an,
+ -- Die große Kühle kommt ...
+
+ Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage:
+ Seid mir gegrüßt, daß ihr kommt,
+ Ihr plötzlichen Winde,
+ Ihr kühlen Geister des Nachmittags!
+ Die Luft geht fremd und rein,
+ Schielt nicht mit schiefem
+ Verführerblick
+ Die Nacht mich an? ...
+ Bleib stark, mein tapfres Herz!
+ Frag nicht: warum? --
+
+II.
+
+ Tag meines Lebens!
+ Die Sonne sinkt.
+ Schon steht die glatte
+ Flut umgüldet.
+ Warm atmet der Fels:
+ Schlief wohl zu Mittag
+ Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
+ In grünen Lichtern
+ Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.
+
+ Tag meines Lebens!
+ Gen Abend geht's!
+ Schon glüht dein Auge
+ Halb gebrochen,
+ Schon quillt deines Taus
+ Tränengeträufel,
+ Schon läuft still über weiße Meere
+ Deiner Liebe Purpur,
+ Deine letzte zögernde Seligkeit ...
+
+III.
+
+ Heiterkeit, güldene, komm!
+ Du des Todes
+ Heimlichster, süßester Vorgenuß!
+ -- Lief ich zu rasch meines Wegs?
+ Jetzt erst, wo der Fuß müde ward,
+ Holt dein Blick mich noch ein,
+ Holt dein _Glück_ mich noch ein.
+
+ Rings nur Welle und Spiel.
+ Was je schwer war,
+ Sank in blaue Vergessenheit, --
+ Müßig steht nun mein Kahn.
+ Sturm und Fahrt -- wie verlernt' er das!
+ Wunsch und Hoffen ertrank,
+ Glatt liegt Seele und Meer.
+
+ _Siebente_ Einsamkeit!
+ Nie empfand ich
+ Näher mir süße Sicherheit,
+ Wärmer der Sonne Blick.
+ -- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
+ Silbern, leicht, ein Fisch,
+ Schwimmt nun mein Nachen hinaus ...
+
+
+
+
+Rainer Maria Rilke.
+
+Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. -- Erste Gedichte 1895. Frühe
+Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue
+Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.
+
+
+Ernste Stunde.
+
+ Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
+ Ohne Grund weint in der Welt,
+ Weint über mich.
+
+ Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
+ Ohne Grund lacht in der Nacht,
+ Lacht mich aus.
+
+ Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
+ Ohne Grund geht in der Welt,
+ Geht zu mir.
+
+ Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
+ Ohne Grund stirbt in der Welt,
+ Sieht mich an.
+
+
+Die Blinde.
+
+ Der Fremde:
+ Du bist nicht bang, davon zu sprechen?
+
+ Die Blinde:
+ Nein.
+ Es ist so ferne. Das war eine andre.
+ Die damals sah, die laut und schauend lebte,
+ Die starb.
+
+ Der Fremde:
+ Und hatte einen schweren Tod?
+
+ Die Blinde:
+ Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
+ Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.
+
+ Der Fremde:
+ Sie war dir fremd?
+
+ Die Blinde:
+ -- Oder: sie ist's geworden.
+ Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. --
+ Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.
+ Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,
+ Die in den Dingen blüht und reift,
+ War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
+ Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
+ Wie aufgewühlte Erde offen da und trank
+ Den kalten Regen meiner Tränen,
+ Der aus den toten Augen unaufhörlich
+ Und leise strömte, wie aus leeren Himmeln,
+ Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.
+ Und mein Gehör war groß und allem offen.
+ Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:
+ Die Zeit, die über meine Haare floß,
+ Die Stille, die in zarten Gläsern klang,
+ Und fühlte: nah bei meinen Händen ging
+ Der Atem einer großen weißen Rose.
+ Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht
+ Und glaubte einen hellen Streif zu sehn,
+ Der wachsen würde wie ein Tag;
+ Und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
+ Der längst in meinen Händen lag.
+ Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer
+ Hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
+ Der Mutter rief ich: »Du, komm her!
+ Mach Licht!«
+ Und horchte. Lange, lange blieb es still,
+ Und meine Kissen fühlte ich versteinen, --
+ Dann war's, als säh ich etwas scheinen:
+ Das war der Mutter wehes Weinen,
+ An das ich nicht mehr denken will.
+ Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:
+ Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum
+ Mir vom Gesicht und von der Brust.
+ Du mußt ihn heben, hochheben,
+ Mußt ihn wieder den Sternen geben;
+ Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.
+ Aber sprech ich zu dir, Mutter?
+ Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?
+ Wer ist denn hinter dem Vorhang? -- Winter?
+ Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
+ Oder: Tag? ... Tag!
+ Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
+ Fehl ich denn nirgends?
+ Fragt denn niemand nach mir?
+ Sind wir denn ganz vergessen?
+ _Wir?_ ... Aber du bist ja dort;
+ Du hast ja noch alles, nicht?
+ Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht,
+ Ihm wohlzutun.
+ Wenn deine Augen ruhn
+ Und wenn sie noch so müd waren,
+ Sie können wieder steigen.
+ ... Meine schweigen.
+ Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
+ Meine Spiegel werden zufrieren.
+ In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.
+ Meine Vögel werden in den Gassen
+ Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
+ Nichts ist mehr mit mir verbunden.
+ Ich bin von allem verlassen. --
+ Ich bin eine Insel.
+
+ Der Fremde:
+ Und ich bin über das Meer gekommen.
+
+ Die Blinde:
+ Wie? Auf die Insel? ... Hergekommen?
+
+ Der Fremde:
+ Ich bin noch im Kahne.
+ Ich habe ihn leise angelegt --
+ An dich. Er ist bewegt:
+ Seine Fahne weht landein.
+
+ Die Blinde:
+ Ich bin eine Insel und allein.
+ Ich bin reich.
+ Zuerst, als die alten Wege noch waren
+ In meinen Nerven, ausgefahren
+ Von vielem Gebrauch:
+ Da litt ich auch.
+ Alles ging mir aus dem Herzen fort,
+ Ich wußte erst nicht wohin;
+ Aber dann fand ich sie alle dort,
+ Alle Gefühle, das, was ich bin,
+ Stand versammelt und drängte und schrie
+ An den vermauerten Augen, die sich nicht rührten.
+ Alle meine verführten Gefühle ...
+ Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen,
+ Aber ich weiß von den Wochen,
+ Da sie alle zurückkamen gebrochen
+ Und niemanden erkannten.
+
+ Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
+ Ich weiß ihn nicht mehr.
+ Jetzt geht alles in mir umher,
+ Sicher und sorglos; wie Genesende
+ Gehn die Gefühle, genießend das Gehn,
+ Durch meines Leibes dunkles Haus.
+ Einige sind Lesende
+ Über Erinnerungen;
+ Aber die jungen
+ Sehn alle hinaus.
+ Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
+ Ist mein Gewand von Glas.
+ Meine Stirne sieht, meine Hand las
+ Gedichte in anderen Händen.
+ Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt,
+ Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit
+ Aus den täglichen Wänden.
+ Ich muß nichts mehr entbehren jetzt,
+ Alle Farben sind übersetzt
+ In Geräusch und Geruch.
+ Und sie klingen unendlich schön
+ Als Töne.
+ Was soll mir ein Buch?
+
+ In den Bäumen blättert der Wind;
+ Und ich weiß, was dorten für Worte sind,
+ Und wiederhole sie manchmal leis.
+ Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,
+ Findet meine Augen nicht ...
+
+ Der Fremde (leise):
+ Ich weiß.
+
+
+Herbst.
+
+ Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
+ Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
+ Sie fallen mit verneinender Gebärde.
+
+ Und in den Nächten fällt die schwere Erde
+ Aus allen Sternen in die Einsamkeit.
+
+ Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
+ Und sieh dir andre an: es ist in allen.
+
+ Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
+ Unendlich sanft in seinen Händen hält.
+
+
+Der Schauende.
+
+ Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
+ Die aus laugewordenen Tagen
+ An meine ängstlichen Fenster schlagen,
+ Und höre die Fernen Dinge sagen,
+ Die ich nicht ohne Freund ertragen,
+ Nicht ohne Schwester lieben kann.
+
+ Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
+ Geht durch den Wald und durch die Zeit,
+ Und alles ist wie ohne Alter:
+ Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
+ Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
+
+ Wie ist das klein, womit wir ringen,
+ Was mit uns ringt, wie ist das groß;
+ Ließen wir, ähnlicher den Dingen,
+ Uns so vom großen Sturm bezwingen, --
+ Wir würden weit und namenlos.
+
+ Was wir besiegen, ist das Kleine,
+ Und der Erfolg selbst macht uns klein.
+ Das Ewige und Ungemeine
+ Will nicht von uns gebogen sein.
+ Das ist der Engel, der den Ringern
+ Des Alten Testaments erschien:
+ Wenn seiner Widersacher Sehnen
+ Im Kampfe sich metallen dehnen,
+ Fühlt er sie unter seinen Fingern
+ Wie Saiten tiefer Melodien.
+
+ Wen dieser Engel überwand,
+ Welcher so oft auf Kampf verzichtet,
+ Der geht gerecht und aufgerichtet
+ Und groß aus jener harten Hand,
+ Die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
+ Die Siege laden ihn nicht ein.
+ Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte
+ Von immer Größerem zu sein.
+
+
+Von den Fontänen.
+
+ Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen,
+ Den unbegreiflichen Bäumen aus Glas.
+ Ich könnte reden wie von eignen Tränen,
+ Die ich, ergriffen von sehr großen Träumen,
+ Einmal vergeudete und dann vergaß.
+
+ Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen
+ Zu vielen Dingen und in das Gedränge?
+ Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen
+ Im Aufstieg alter Parke vor den weichen
+ Erwartungsvollen Abenden, -- in bleichen
+ Aus fremden Mädchen steigenden Gesängen,
+ Die überfließen aus der Melodie
+ Und wirklich werden und als müßten sie
+ Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?
+
+ Ich muß mich nur erinnern an das alles,
+ Was an Fontänen und an mir geschah, --
+ Dann fühl ich auch die Last des Niederfalles,
+ In welcher ich die Wasser wiedersah:
+ Und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten,
+ Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,
+ Von Teichen, welche nur die Uferkanten
+ Schwachsinnig und verschoben wiederholten,
+ Von Abendhimmeln, welche von verkohlten
+ Westlichen Wäldern ganz entfremdet traten,
+ Sich anders wölbten, dunkelten und taten,
+ Als wär das nicht die Welt, die sie gemeint ...
+
+ Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint
+ Und sich verschließt gegen die Nachbargloben?
+ Daß sich die Welten nur noch wie verweint
+ Im Raum erkennen? -- Vielleicht sind wir oben
+ In Himmel andrer Wesen eingewoben,
+ Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben
+ Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele
+ Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele
+ Von fremden Flüchen, die uns nie erreichen,
+ Nachbaren eines Gottes, den sie meinen
+ In unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen,
+ An den sie glauben und den sie verlieren,
+ Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren
+ Suchenden Lampen, flüchtig und verweht,
+ Über unsere zerstreuten Gesichter geht ...
+
+
+Die Entführung.
+
+ Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen
+ Entwichen, um die Nacht und den Wind
+ (Weil sie drinnen so anders sind)
+ Draußen zu sehn an ihrem Beginnen;
+
+ Doch keine Sturmnacht hatte gewiß
+ Den riesigen Park so in Stücke gerissen,
+ Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,
+
+ Da er sie nahm von der seidenen Leiter
+ Und sie weitertrug, weiter, weiter:
+
+ Bis der Wagen alles war.
+
+ Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
+ Um den verhalten das Jagen stand
+ Und die Gefahr.
+ Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
+ Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
+ Sie kroch in ihren Mantelkragen
+ Und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
+ Und hörte fremd einen Fremden sagen:
+ Ichbinbeidir.
+
+
+Fragmente aus verlorenen Tagen.
+
+ Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn
+ Und immer schwerer werden, wie im Fallen:
+ Die Erde saugt aus ihren langen Krallen
+ Die mutige Erinnerung von allen
+ Den großen Dingen, welche hoch geschehn,
+ Und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht
+ Am Boden halten --
+ Wie Gewächse, die,
+ Kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,
+ In schwarzen Schollen unlebendig licht
+ Und weich und feucht versinken und versiechen,
+ Wie irre Kinder, -- wie ein Angesicht
+ In einem Sarg, -- wie frohe Hände, welche
+ Unschlüssig werden, weil im vollen Kelche
+ Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, --
+ Wie Hilferufe, die im Abendwind
+ Begegnen vielen dunklen großen Glocken, --
+ Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,
+ Wie Gassen, die verrufen sind, -- wie Locken,
+ Darinnen Edelsteine blind geworden sind, --
+ Wie Morgen im April
+ Vor allen vielen Fenstern des Spitales:
+ Die Kranken drängen sich am Saum des Saales
+ Und schaun: die Gnade eines frühen Strahles
+ Macht alle Gassen frühlinglich und weit;
+ Sie sehen nur die helle Herrlichkeit,
+ Welche die Häuser jung und lachend macht,
+ Und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht
+ Ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,
+ Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist,
+ Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust
+ Und der den Dingen alle Bürde
+ Von ihren Schultern nimmt, --
+ Daß etwas draußen groß ist und ergrimmt,
+ Daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,
+ Die jeden von den Kranken würgen würde
+ Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. --
+ ... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,
+ Die schon zerrissen sind auf allen Seiten
+ Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,
+ Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, --
+ Wie nackte Mädchen, kommend über Steine,
+ Wie Trunkene in einem Birkenhaine, --
+ Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen
+ Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter
+ Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter
+ Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen.
+ Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen
+ Und dann versterben, so daß keiner je
+ Abwenden könnte das verhängte Weh,
+ Wie volle Rosen, künstlich aufgezogen
+ Im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,
+ Und dann vom Übermut in großem Bogen
+ Hinausgestreut in den verwehten Schnee, --
+ Wie eine Erde, die nicht kreisen kann,
+ Weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,
+ Wie ein erschlagener verscharrter Mann,
+ Dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, --
+ Wie eine von den hohen, schlanken, roten
+ Hochsommerblumen, welche unerlöst
+ Ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,
+ Weil ihre Wurzel unten an Türkisen
+ Im Ohrgehänge einer Toten
+ Stößt ...
+
+ Und mancher Tage Stunden waren so,
+ Als formte wer mein Abbild irgendwo,
+ Um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.
+ Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,
+ Und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
+ In welchem alle Dinge sich verwandeln.
+
+
+ [Illustration: Rainer Maria Rilke]
+
+
+Spanische Tänzerin.
+
+ Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
+ Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
+ Zuckende Zungen streckt --: beginnt im Kreis
+ Naher Beschauer hastig, hell und heiß
+ Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
+
+ Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar.
+
+ Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar
+ Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
+ Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
+ Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,
+ Die nackten Arme wach und klappernd strecken.
+
+ Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
+ Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
+ Sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
+ Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
+ Und flammt noch immer und ergibt sich nicht --.
+ Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
+ Grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
+ Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
+
+
+Der Fremde.
+
+ Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten,
+ Die er müde nicht mehr fragen hieß,
+ Ging er wieder fort; verlor, verließ --.
+ Denn er hing an solchen Reisenächten
+
+ Anders als an jeder Liebesnacht.
+ Wunderbare hatte er durchwacht,
+ Die mit starken Sternen überzogen
+ Enge Fernen auseinanderbogen
+ Und sich wandelten wie eine Schlacht;
+
+ Andre, die mit in den Mond gestreuten
+ Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten,
+ Sich ergaben, oder durch geschonte
+ Parke graue Edelsitze zeigten,
+ Die er gerne in dem hingeneigten
+ Haupte einen Augenblick bewohnte,
+ Tiefer wissend, daß man nirgends bleibt;
+ Und schon sah er bei dem nächsten Biegen
+ Wieder Wege, Brücken, Länder liegen
+ Bis an Städte, die man übertreibt.
+
+ Und dies alles immer unbegehrend
+ Hinzulassen, schien ihm mehr als seines
+ Lebens Lust, Besitz und Ruhm.
+ Doch auf fremden Plätzen war ihm eines
+ Täglich ausgetretnen Brunnensteines
+ Mulde manchmal wie ein Eigentum.
+
+
+
+
+Hugo Salus.
+
+Geboren am 3. August 1866 zu Leipa in Böhmen, studierte Medizin in Prag
+und lebt daselbst als Frauenarzt. -- Gedichte 1897. Neue Gedichte 1899.
+Ehefrühling 1899. Reigen 1900. Ernte 1903. Neue Garben 1904. Die
+Blumenschale 1907.
+
+
+An blauen Frühlingstagen.
+
+ Vom stolzen Glück des eignen Werts getragen,
+ Als brächt' ihr Blühn der Landschaft erst Gewinn,
+ Gehn schöne Fraun an blauen Frühlingstagen
+ Wie Königinnen durch die Menge hin;
+ Als hätt' der Knabe Frühling nur im Sinn,
+ Das Krönungsvließ um ihren Leib zu schlagen
+ Und, wie ein Page, seiner Königin
+ Mit stillem Dank die Schleppe nachzutragen ...
+
+
+Im stillen Hafen.
+
+ Dies ist mein Glück: in allen Bitternissen
+ Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen,
+ Das mädchenhaft und hold und lieb und rein
+ Nichts andres wünscht, als mein, nur mein zu sein;
+ Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange
+ Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind,
+ Mit feuchten Augen, die voll Güte sind,
+ Für Gaben dankt, die -- ich empfange.
+
+
+Erinnerung.
+
+ Zünd festlich im Salon die Kerzen an,
+ Zieh aneinander erst des Vorhangs Spitzen,
+ Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann,
+ Dort laß uns, uns umarmend, niedersitzen.
+
+ Denn sieh, an solchem Winterabend oft
+ Bin als Student ich durch die Stadt gegangen.
+ Mein Auge, das Erfüllung nie gehofft,
+ Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen.
+
+ An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht,
+ An Fenstern, draus ich frohe Stimmen hörte,
+ An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht,
+ Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte.
+
+ Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh,
+ Das Glück vertieft sich mir in diesen Räumen:
+ Lehn fest dein Haupt an mich, geliebte Frau,
+ Recht fest an mich -- und laß mich träumen, träumen!
+
+
+Frühlingsfeier.
+
+ Ein Blütenzweig, blaßrosa, weiß und grün,
+ Die Welt hat tausend solcher Blütenäste,
+ Da darf der eine auch für uns erblühn
+ Und darf verblühn bei unserm Liebesfeste.
+
+ Befrei das schwere Haar von Kamm und Band
+ Und laß die schwarzen Fluten niederwallen
+ Auf dieses blumenhelle Lenzgewand,
+ Und laß die neidischen Achselspangen fallen!
+
+ Nun nimm den Blütenzweig -- wie wunderbar
+ Die Blüten glühn von deines Pulses Schlägen! --
+ Und rühre mir die Stirne und das Haar
+ Und sprich dazu den heiligen Frühlingssegen:
+
+ »Blick auf, der Lenz ist kommen über Nacht,
+ Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!«
+ Ich blicke auf; der Frühling ist erwacht;
+ Ich halt' den ganzen Frühling in den Armen!
+
+
+
+
+Ludwig Scharf.
+
+Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. -- Lieder eines Menschen 1892.
+Tschandala-Lieder 1905.
+
+
+Begegnis.
+
+ Und als ich gegen den Marktplatz kam,
+ Beim Torweg unter dem Rathaus,
+ Da strömten die Menschen kreuz und quer,
+ Zweibeinig ein jeder und gradaus.
+
+ Sie waren gar wohl in Kleider gehüllt,
+ So Kinder wie Männer und Weiber,
+ Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt,
+ Aufrecht balancierend die Leiber.
+
+ Fremd zogen sie aneinander vorbei
+ Mit großen begegnenden Blicken
+ Und geschlossenem Mund, ein jeder für sich,
+ Ein jeder mit seinen Geschicken.
+
+ Ein jeder mit einem sehnenden Drang
+ Nach fernen Häusern und Türen,
+ Ein jeder fortgezogen wie blind
+ An unsichtbaren Schnüren.
+
+ Ein jeder beladen mit Erdenweh,
+ Ob auch sein Mund mal lache --
+ Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum
+ Und verstrickt in den Wahn, daß er wache.
+
+
+Blut-Propheten.
+
+ Wir träumen über die Erde hin,
+ Wir kennen nicht oben noch unten,
+ Wir horchen nur in die Erde hinein,
+ Wir verstehen nur ihre Wunden.
+
+ Und liegen wie träumend am Boden hin,
+ Dann sind wir selbst fast Erden,
+ Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb
+ Sie bewußt den Lebendigsten werden.
+
+ Und wir fühlen den Durst nach Blut, nach Blut
+ Der ausgetrockneten Erde,
+ Daß einer verjüngten Lebensbrut
+ Ein saftiges Erdreich werde.
+
+ Wir träumen über die Erde hin:
+ Tut Buße, Buße in Zeiten!
+ Doch wir wissen genau, es kommt der Tag,
+ Den wir ahnend früh prophezeiten.
+
+
+Gebet eines Selbstmörders.
+
+ Stille! oh stille!
+ Hier schlägt ein letztes Herz,
+ Zerrinnt ein letzter Wille,
+ Verhallt im Nichts ein Schmerz.
+
+ Verbluten hier im Sande
+ An dieses Ufers Rand,
+ Im Angesicht der Sterne
+ Und jener Wolkenwand --
+
+ Ja, jener Nacht von Wolken,
+ Die drohend rückt heran,
+ Die dir den letzten Ausblick
+ Gar bald verfinstern kann!
+
+ Drum still, mein Herz! Verblute
+ In dieser stillen Nacht,
+ Solang ob Tod und Leben
+ Dir zusteht noch die Macht!
+
+ Denn weh, sie werden kommen,
+ Dich binden recht und schlecht,
+ Dein letztes Gut zu nehmen --
+ Dies häßliche Geschlecht.
+
+ Doch stille, oh stille!
+ Und störe nicht die Ruh:
+ Es strebt ein letzter Wille
+ Dem letzten Glücke zu ...
+
+
+
+
+Richard (von) Schaukal.
+
+Geboren am 27. Mai 1874 zu Brünn in Mähren, studierte Jurisprudenz in
+Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. -- Gedichte 1893. Verse
+1896. Meine Gärten 1897. Tristia 1898. Tage und Träume 1899. Sehnsucht
+1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und Träume 1902.
+Ausgewählte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei Bänden 1909. Das Buch
+der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte 1914. Eherne
+Sonette 1914. Standbilder und Denkmünzen 1915. Kriegslieder aus
+Österreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe
+1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915.
+Kriegslieder aus Österreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916.
+Gedichte (1892-1918) 1918.
+
+
+Der Fiedler.
+
+ Ein Spielmann auf seiner Geige strich.
+ Es klang so rot, so königlich.
+ Das harte Kinn lag auf der Fiedel.
+
+ Ein Knabe ging und stand und blieb.
+ Und jeder Strich war ein Sensenhieb.
+ -- -- Den andern war's nur ein Straßenliedel.
+
+
+Kophetua.
+
+ König Kophetua hob seine goldene Krone
+ Von den goldenen Locken und schwieg.
+ Auf sein Schwert gestützt ging er und stieg
+ Über die steilen Stufen, und ohne
+ Sich umzusehn, ließ er die staunende Schar.
+
+ Oben saß in mondlichtschimmernder Blässe
+ Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten
+ Haare gehüllt. Ein großes Verzichten
+ Lag in ihrer Augen blinkender Nässe.
+ Und so träumte sie, jeglichen Schmuckes bar.
+
+ König Kophetua legte die goldene Krone
+ Über die eisengerüsteten Knie und harrte
+ Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte
+ Magd erblicke, flehentlich, ohne
+ Sich umzusehn, wo sein Gefolge war ...
+
+
+An die Baronin Colombine.
+
+ Baronin Colombine ist so zierlich und zart.
+ Ich zupfe die Mandoline -- leider noch keinen Bart.
+
+ Baronin Colombine, nimm dich in acht:
+ Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht.
+
+ Baronin Colombine, lach nicht so laut!
+ Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut!
+
+ Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh.
+ Ins Wasser die Mandoline -- und mich dazu!
+
+
+Porträt eines spanischen Infanten von Diego Velasquez.
+
+ Mit blutgemiedener langer schmaler Hand,
+ Feinen Fingern, die den Duft der weißen Rosen fühlen,
+ Manchmal mager und müd in warmen Damenhaaren wühlen,
+ Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt.
+ Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand,
+ Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich,
+ Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund,
+ Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund.
+ Manchmal bin ich mit häßlichen Zwergen weich:
+ Ich beschenke sie reich --
+ Und peitsche sie wieder wund.
+ Mit dichten Schleiern schütz' ich mich vor dem Morgenrot:
+ Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod.
+
+
++Pierrot pendu.+
+
+ Und ich sah dich nachts an der Laterne:
+ Bleich und traurig hingst du, Pierrot,
+ Trübe schimmerten die späten Sterne,
+ Als dein alter Freund, der Mond, entfloh.
+
+ Da im Gassendunkel deine Züge
+ Schmerzlich schienen und gedankenbang,
+ Sann ich über deines Lebens Lüge,
+ Armer Narr am selbstgeknüpften Strang.
+
+ Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten,
+ Rührte leise nur an deiner Hand.
+ Husch, ein Schatten war hinweggeglitten,
+ Der verstohlen mir im Rücken stand.
+
+
+Musset.
+
+ Ich liege mit der Zigarette
+ Bis an den Morgen -- o das böse Licht! --
+ Müd ohne Schlaf im Seidenbette
+ Meiner geliebten kleinen Ninette
+ Und kräusle den Rauch zu einem Gedicht.
+
+ Was hast du mit meinem Leben getan!
+ Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine,
+ Deine marmornen runden Beine,
+ Fange ich fast zu weinen an
+ Um die ewig verlorene Eine.
+
+ Ninette, du hast verdünntes bleiches
+ Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer:
+ Wo nehm' ich den Mut für heute her?
+ Sänke ich doch in dein faltenreiches
+ Morgengewand gehüllt ins Meer!
+
+
+Kavaliere.
+
+ Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken,
+ Den Degenkorb von der Kräusel-Manschette
+ Zierlich bedeckt: sie denken
+ An eine Frau in weißem Spitzenbette;
+ Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt,
+ Sie singen: Großer Gott, dich lobt
+ Die gläubige Gemeinde;
+ Vernichte unsre Feinde!
+
+
+Goya.
+
+ Ich habe die lange schwüle Nacht
+ Bei einer jungen Dame verbracht:
+ Nun liegt sie und träumt mit offenen Lippen von meinem Nacken ...
+ Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen!
+ Steht nicht herum und gafft so ledern!
+ Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern
+ Oder kitzle eure dünnen Waden
+ Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden,
+ Ich bin ein Grande im offnen Hemd.
+ Ich liebe das Licht, das die Welt überschwemmt,
+ Ich liebe ein Pferd,
+ Das bäumend sich gegen den Zügel wehrt,
+ Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt.
+ Dem König lass' ich sagen, er solle
+ Klopfen, wenn er mich stören wolle.
+
+
+Porträt des Marquis de ...
+
+ Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd,
+ Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert:
+ Ich ließ es bei einer Dame liegen.
+
+ Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen:
+ Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren:
+ Störe mich keiner von euch Tieren!
+
+
+Der Araber.
+
+ Ich schlich mich an das Roß heran,
+ Das wiehernd und mit rundem Rücken
+ Ins Eisen beißend stand. Es packen
+ An seiner Mähne und die Hacken
+
+ Der Fersen, einmal oben, stark
+ Ihm in die Weichen drängen, war
+ Ein Augenblick. Ich spürte gar
+ Nicht mehr, daß uns der Wald schon barg
+
+ Vor der bewundernden und scheuen Schar:
+ So war es durch die Uferauen
+ Gerast. Erst als mein flatternd Haar
+ Ein Ast berührt, begann ich umzuschauen.
+
+
+Spät.
+
+ Spät, wenn die alte Uhr geschlagen
+ Und wieder Stille dich umwirbt,
+ Das Pendel geht, die Lampe zirpt,
+ Steigt es empor aus alten Tagen
+ Und füllt mit Geistergruß die Luft
+ Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen
+ Nach einem längst verhauchten Duft,
+ Nach einer fernen kühlen Gruft,
+ Nach Wind im Wald an Bergeslehnen.
+
+
+
+
+Paul Scheerbart.
+
+Geboren am 8. Januar 1866 zu Danzig, starb am 14. Oktober 1915 zu
+Lichterfelde bei Berlin. -- Kater-Poesie 1909.
+
+
+Dahin!
+
+ Singe nicht so hell und laut,
+ Da ich wieder einsam bin!
+ Ach, fühlst du nicht, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+ Lache nicht so toll und dumm,
+ Da ich ernst und anders bin!
+ Nein, weißt du nicht, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+ Frage nicht so klug und hart!
+ Das hat alles keinen Sinn!
+ Was? Ahnst du nicht, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+ Sieh, ich liebe dich nicht mehr,
+ All mein Lieben ist dahin!
+ Begreifst du jetzt, worüber
+ Ich trüber werde?
+
+
+Notturno.
+
+ Ich liege ganz still.
+ Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
+ Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
+ Diese Sehnsucht -- nach -- ich weiß nicht was!
+ Das macht so traurig.
+ Ich möchte -- ich weiß nicht was!
+ Ich denke an ferne, ferne Zeiten ...
+
+
+Tiefernst!
+
+ Mir ist, als ob der Friede
+ Sich in meine Seele legt --
+ So wundersam bewegt!
+ Der Pappeln Wipfel flüstern.
+ Wir sitzen still und schweigen.
+ -- -- --
+ Wir wollen noch einmal trinken --
+ Und dann -- betrunken sein!
+
+
+Die große Sehnsucht.
+
+ Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
+ Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
+ Und ich möchte weinend niedersinken --
+ Und dann möcht' ich wieder maßlos trinken.
+
+
+
+
+René Schickele.
+
+Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsaß). -- Die Leibwache 1914.
+Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915.
+
+
+Der Knabe im Garten.
+
+ Ich will meine bloßen Hände aneinander legen
+ Und sie schwer versinken lassen,
+ Da es Abend wird, als wären sie Geliebte.
+ Maiglocken läuten in der Dämmerung,
+ Und weiße Düfteschleier senken sich auf uns,
+ Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen.
+ Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen,
+ Die Syringen quellen aus den Büschen,
+ Eine helle Rose schmilzt am Boden ...
+ Wir alle sind einander gut.
+ Draußen durch die blaue Nacht
+ Hören wir gedämpft die Stunden schlagen.
+
+
+Wenn es Abend wird.
+
+ Die Engel der Liebkosung steigen nieder,
+ Von weitem kommen deine Hände wieder,
+ Und deine Augen sind so mild, so weit,
+ Daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren.
+
+ Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine
+ Worte sangen,
+ Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt
+ brünstiges Verlangen,
+ Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll
+ Dunkel waren.
+
+ Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten,
+ Daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel
+ warten.
+ Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen,
+ Die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht
+ dein Kommen,
+ Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht.
+ O wunderbare Trunkenheit!
+
+
+Ferne Musik.
+
+ Die glatten, leisen,
+ Lustwarmen Weisen,
+ Die sich verschlingen
+ Und im Reigen singen
+ Von Sommertagen,
+
+ Erinnern mich Schweren,
+ Wie auf Blumenfähren
+ Mit glänzenden Wangen
+ Frauen sangen,
+ Von Bläue getragen,
+
+ Und daß am Ende
+ Der Fahrt die Hände,
+ Die blitzend bewegten,
+ Sich nicht mehr regten
+ Und entgeistert lagen
+
+ In jedem Schoß,
+ So sehnsuchtslos,
+ Die Umarmungen boten,
+ Wie die Steine der Toten
+ Im Mondlicht ragen.
+
+
+Erwartung im Garten.
+
+ Hab ich doch alles nun geküßt,
+ Die Blumen, die Gräser und
+ Den zitternden Sperling in meiner Hand,
+ Den Tau der sanften Kressen
+ Und selbst die Wolken am Himmel, --
+ Kommst Du noch immer nicht?
+
+
+Lea.
+
+ Wir hielten uns umschlungen
+ In unserm großen Haß,
+ Ich hab dir schwören müssen,
+ Daß ich von dir nie laß.
+ Wir hielten uns umschlungen
+ In unsrer großen Lust,
+ Du hast mir zugeschrieen,
+ Daß du mich lieben mußt.
+
+ Dann hobst du dich und standest,
+ Gelöst war unser Bund,
+ Und sprachst die Abschiedsworte
+ Mit nie geküßtem Mund.
+
+
+Die Leibwache.
+
+ Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
+ Ich weiß, daß doch ein Schein von meinem Blut,
+ Wo ich mich rühre, wo ich raste, mich umflammt
+ Wie eine große Glorie innerlicher Glut.
+ Darin ist alles das enthalten, was die Väter,
+ Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter,
+ Von ihrem Innersten ins Äußere geglüht,
+ Daß es mein eigen Blut noch heute fühlt.
+
+ Denn ja, ich fühl's wie Rüstung, Schild und Feuerwall
+ Und Festung, die mich überall umgibt,
+ Und wieder so, daß es der Schöpfung wirren Schwall
+ Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstäubchen siebt,
+ Damit in meiner Augen Nähe kommt
+ Nur, was für Ewigkeiten ihnen frommt,
+ Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlägt
+ Und darin gräbt, wes Wachstum dies mein Herz verträgt;
+
+ Und was es tiefer noch verankert in den Grund,
+ Von dem ich nichts weiß, als daß zu Beginn
+ Ein heißer Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund
+ Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin.
+ Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren!
+ Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren,
+ Heb ich die Hand, so winken tausend Hände mit,
+ Und halte ich, so hält mit mir der Geisterritt.
+
+ Im Schlaf spür ich sie wie im Biwak um mich her,
+ Sie liegen da, die Zügel umgehängt,
+ Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer,
+ Und manchmal, wenn sich einer an den andern drängt,
+ Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen
+ In meinem Körper bebt wie Niederfallen
+ Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibül.
+ Dann ist's, daß ich das Herz der Mütter zittern fühl!
+
+ Dann ist's, daß wild und süß die Liebe überfließt
+ In mir und jeder Kreatur,
+ Rakete um Rakete in den Himmel schießt,
+ Im Dunkel still steht jede Uhr.
+ Und klare Meere spiegeln lichte Sterne,
+ Die Früchte zeigen schamlos ihre Kerne,
+ Es strömt ein Licht von mir zum fernsten Land,
+ Es schlägt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand.
+
+ Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
+ Ich weiß trotzdem: ein Schein von meinem Blut,
+ Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt
+ Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut.
+ Darin ist alles das enthalten, was die Väter,
+ Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter,
+ Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut.
+
+
+
+
+Johannes Schlaf.
+
+Geboren am 21. Juni 1862 zu Querfurt in der Provinz Sachsen. --
+Helldunkel 1899. Das Sommerlied 1905.
+
+
+Sehnsucht.
+
+ Wie ich dich überall sehe, du Meine
+ Und Eine!
+ Immer du so fern-nah!
+ Gegenwärtig und doch nicht da!
+ Immer nur Spuren und Spuren --
+ Viel, ach! wie viel!
+ Im Wandern folg' ich ihnen,
+ Zu welchem Ziel?
+ O du, o Dunkelgewillte!
+ Wann, wo empfängt der Niegestillte
+ Seine Ruh? --
+
+
+Hoffnung.
+
+ Ein weißes Grau hüllt weit den Himmel ein.
+ Ein stumpfer Glanz liegt auf den Uferweiden.
+ Träge, mit gurgelnden Wellen treibt der gelbe Strom.
+ Ich muß mich noch bescheiden.
+ Ich will noch ein Stückchen so weitergehn.
+ Bald müssen ja alle Höhn
+ In hellen Frührotfeuern stehn ...
+
+
+Abendgang.
+
+ Und ich führte das blonde Jungfräulein
+ In den weiten, schleiernden Abendfrieden hinein.
+
+ Nebel über die Wiesen gingen,
+ Und vom Bache durch das braune Dunkel kam ein Singen.
+ Am Himmel alle unsre goldenen Geigen hingen.
+
+ Die tönten so sacht und fein. --
+
+
+Trübes Wetter.
+
+ Das Meer! -- Das Meer -- --
+ Die grauen Wolken hingen so trüb und schwer.
+ Ich sah nur ein weites Armebreiten,
+ Und wie ein dunkelsüßer Heimatston kam's her
+ Aus den nebelverhüllten, schluchzenden Weiten. --
+
+
+Doppelliebe.
+
+ Wie eigen ich dich einst küßte!
+
+ Du lagst in deinem Sessel
+ Und decktest schelmisch
+ Die Hand vors Gesicht.
+ Über den Fingern
+ Waren nur deine Augen zu sehn,
+ Deine Augen. --
+
+ So fern plötzlich
+ Und eigen. --
+ Und ich erschrak.
+
+ Zwei andre Augen sah ich,
+ Zwei ferne Augen.
+ Die Augen der andern ...
+
+ Und da bog es mich zu dir,
+ Und leise
+ Küßt' ich --
+ Diese Augen ...
+
+
+
+
+Prinz Emil von Schönaich-Carolath.
+
+Geboren am 8. April 1852 zu Breslau, wurde Dragoneroffizier, nahm den
+Abschied, war viel auf Reisen und lebte zuletzt auf Schloß Haseldorf in
+Holstein, wo er am 30. April 1908 verstarb. -- Lieder an eine Verlorne
+1878. Dichtungen 1883. Gedichte 1903.
+
+
+Albumblatt.
+
+ Hab nicht zu lieb die knospende Rose;
+ Es flöge gar bald
+ Ohn' Heimat, ohn' Halt
+ Ihr Duft dir vorüber ins Uferlose.
+
+ Unsterblich ist der Schmerz allein.
+ Was nie du besessen,
+ Ersehnt, nie vergessen,
+ Wird deines Himmels Grundbau sein.
+
+
+Der betrübte Landsknecht.
+
+ Das Land durchströmt der Regen,
+ Singschwäne südwärts ziehn,
+ Nun will aufs Herz ich legen
+ Ein Sträußchen Rosmarin.
+
+ Das haben zwei Hände, zwei schmale,
+ Durchflochten mit schwarzem Band,
+ Drauf haben zum letzten Male
+ Zwei Mädchenlippen gebrannt.
+
+ Hoch braust ein Krieg durch Flandern,
+ Dort muß gewürfelt sein,
+ Die Werbetrommeln wandern
+ Um Jülich und Bei-Rhein.
+
+ Nach Spanien über die Schelde
+ Zieht gleißender Heerestrab;
+ Herr Christ, hilf allen zu Gelde,
+ Uns beiden gib ein Grab.
+
+ Drauf sollen zwei Linden wiegen
+ Die Wipfel glückbesonnt,
+ Draus sollen zwei Herzen fliegen,
+ Die nimmer sich trennen gekonnt.
+
+
+Genrebild.
+
+ Herr Holger am Kamine sitzt,
+ Sein Brackhund bei ihm wacht,
+ Nacht ist's, die Flamme springt und blitzt
+ Und der Klotz in der Lohe kracht.
+
+ Herr Holger in Sinnen versunken ist,
+ Er wirrt des Bartes Flaum.
+ Es streckt die Bracke den Widerrist,
+ Und beide sinken in Traum.
+
+ Es denkt der Hund an einen Tag,
+ Da die Heide hilfefern,
+ Da der Keiler über Herrn Holger lag
+ Und er befreit' den Herrn. --
+
+ Herr Holger martert seine Stirn
+ In Sinnen schwer und stumm:
+ Wie er zu Willen einer Dirn
+ Den Blutsfreund brächte um.
+
+
+Altes Bild.
+
+ Der Markusdom, der bunte, klangumtönte,
+ Hat seine Pforten gähnend aufgeschlagen,
+ Am Hochaltar, wo Priester Kerzen tragen,
+ Thront stolz der Doge, der vom Volk gekrönte.
+
+ Es lehnt an ihm in mädchenhaftem Zagen
+ Sein junges Weib, das holde, glückverschönte.
+ Ein Page, der an Schleppendienst gewöhnte,
+ Kniet stumm dabei in Puffenwams und Kragen.
+
+ Der Weihrauch dampft, zu Ende geht die Messe,
+ Es blickt verklärt die schöne Dogaresse ...
+ Doch sehen könnt ihr, wenn ihr näher tretet,
+
+ Daß tief im Samt, dem dunkelvioletten,
+ Des Pagen Hand und ihre sich verketten --
+ Der alte Doge kniet im Stuhl und betet.
+
+
+Künstlerroman.
+
+ Als tot auf schlechtem Gasthofbette lag
+ Sein junges Weib bei Unschlittkerzenflammen,
+ Da schob Papier, verstreutes, er zusammen,
+ Und schrieb darauf bis an den grauen Tag.
+
+ Es ward an Inhalt und an süßem Schalle
+ Ein also großes, ewiges Gedicht,
+ Daß die Genossen es verstanden nicht,
+ Und schweigend wichen, tiefergriffen alle.
+
+ Er aber blieb allein mit einem Sarg,
+ Darin begrub er seine Jugendliebe --
+ Und jenes Buch, das ew'gen Ruhm verbarg,
+ Und das kein Denker leichthin nach ihm schriebe,
+
+ Er schob es unters fahle Goldgelock
+ Als Ruhekissen für die schöne Tote,
+ Und riß sich aus den Hecken einen Stock
+ Und schritt hinaus ins Morgenlicht, das rote.
+
+
+
+
+Wilhelm von Scholz.
+
+Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. -- Frühlingsfahrt 1896. Der Spiegel
+1902. Neue Gedichte 1913.
+
+
+In einer Dämmerstunde.
+
+ Ich wohne, wo die Wolken gehn,
+ Stillhoch in einer Dämmerstunde;
+ Waldtiefer Bäume Wipfel stehn
+ Um meinen Tisch in naher Runde,
+ Die gern mein Licht im Abend sehn.
+
+ Alt ist der Leuchter, der es trägt,
+ Alt sind die Bäume, die es schauen,
+ Die Flamm' ist alt, die sich bewegt
+ Und flattert durch das ewige Grauen,
+ Wenn die uralte Luft sich regt.
+
+ Flüsternd umkreist die Dämmerung
+ Mich und mein Licht, das nach ihr greift.
+ So alt ist alles, ich so jung --
+ Da ist's, als ob ein Wort mich streift,
+ Das rings um mich zur Fülle reift.
+
+ »Du bist so alt als alle wir --«
+ Sprach es das Licht, sprach es der Baum,
+ Sprach's der zersprungne Tisch vor mir,
+ Sprach's um mich her der Dämmertraum?
+ Ich fühl' es dunkel jetzt und hier.
+
+ Wie lächeln doch die ewigen Dinge,
+ Wenn solch ein Strudel Erdenzeit,
+ Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe,
+ Aufbraust in ihrer Einsamkeit --
+ Wie lächeln doch die ewigen Dinge!
+
+ Sie lächeln mich in ihre Ruh --
+ Nun rag' auch ich uralt vom Grunde.
+ Du Flamme, warum zitterst du?
+ Bist du ein Wort aus meinem Munde,
+ Rief dich die Dämmerung mir zu? --
+
+
+Abschied.
+
+ Oft, wenn die stille Mitternacht
+ Einsam im dunkeln Parke wacht,
+ Wenn meine Fenster offen stehn,
+ Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet
+ Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet,
+ Dann weiß ich, daß mich deine Augen sehn
+ In dieser stillen Mitternacht.
+
+ Doch dieser Erde weit entschwebt
+ Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt:
+ Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht,
+ Der See, der über seine Ufer lauscht.
+ In ewige Fernen treiben wir dahin:
+ Du kennst den Ort nicht, wo ich bin
+ In dieser stillen Mitternacht.
+
+ Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist blaß.
+ Von Schauer wird mein Auge naß,
+ Und tausend Wünsche werden wach.
+ Doch schneller treibt der Park und das Gemach
+ Hin in den fernenklaren Raum --
+ Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum
+ In dieser stillen Mitternacht.
+
+
+Heimat.
+
+ Eine Heimat hat der Mensch,
+ Doch er wird nicht drin geboren --
+ Muß sie suchen traumverloren,
+ Wenn das Heimweh ihn ergreift.
+
+ Aber geht er nicht in Träumen,
+ Geht er achtlos ihr vorüber,
+ Und es wird das Herz ihm plötzlich
+ Schwer bei ihren letzten Bäumen.
+
+
+Abendgang.
+
+ Das ist unser schweigender Abendgang.
+ Herbst. Blätter fallen wegentlang.
+ Nasse Äste tragen den Himmel, der bleich
+ Und dunstig niederhängt über den Teich.
+
+ Die Brücke. Trüber Laternenschein
+ Fällt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein.
+ Vorüber. Dunkel wie Menschen stehn
+ Die Bäume und sehn uns weitergehn.
+
+
+Der Wandrer.
+
+ Schwermütig wächst mein Frieden
+ In Herbst und Einsamkeit.
+ Mein Weg zur Dämmerzeit
+ Vergraut wie abgeschieden.
+
+ Ich fühle mich Gestalt
+ Und Wesen tief vertauschen;
+ Wildfremde Schritte rauschen
+ Durchs Blattgewirr im Wald.
+
+ Still geh' ich, schattenlos
+ Im Grau, als wandle sich
+ Der lange Weg in mich,
+ Auf dem ich wurde groß.
+
+ Daß ich der Wandrer bin,
+ Der diesen Weg gegangen,
+ Sind Worte, die verklangen,
+ Und haben keinen Sinn.
+
+
+Erde.
+
+ Das ist der Erde furchtbares Gewicht:
+ Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten,
+ Zu tauchen in das erdenfremde Licht,
+ Daß sich die Meere unter dir gestalten,
+ Winzig die Wolken unter dir verwehn,
+ Und zitterst nicht --
+ So fliegt die Erde auf in deine Höhn.
+
+
+Ich weiß es wohl ...
+
+ Ich weiß es wohl, wie du zur Ruh dich legst,
+ Wenn müde dich die Mitternacht umfängt.
+ Du gehst verträumt im Zimmer auf und ab,
+ Schaust das unwillige Schweigen an der Wand,
+ Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht.
+ Dann sprichst du leise in den Kerzenschein,
+ Als ob gleichgültig ihn ein andrer spräche,
+ Meinen Namen, horchst -- hörst ihn und erglühst ...
+ Und deine süßen Hände küssend, schläfst du ein.
+
+
+Nächtlicher Weg.
+
+ Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht.
+ Mein Mantel flattert durch die Nacht,
+ Streift welkes Laub am Boden mit;
+ Und wo die Äste wie Gestalten
+ Hoch über mir die Hände halten,
+ Folgt Zittern meinem festen Schritt.
+
+ Und leis an mir herniederglitt,
+ Als woll's im feuchten Gras erkalten,
+ Was in mir kämpfte, rang und litt;
+ Was ich in mir für schlecht gehalten,
+ Das nahm die Nacht im Atem mit.
+
+ Und stiller meine Schritte hallten,
+ Wie eines fremden Freundes Tritt.
+
+
+Am Söller.
+
+ In Wirbeln geht der Strom durchs Tal.
+ Die Blätter wirbeln auf Söller und Saal.
+ Tief herbstlich naht die frühe Nacht,
+ Die unsere einsame Fackel entfacht.
+
+ Und wie die Sterne schweigend steigen,
+ Werden der Erde wir zu eigen.
+ Nachtdunkel hat so wilde Weisen --
+ Wir fassen uns, uns zu umkreisen.
+
+ Der Sternsaal muß sich rasend drehn
+ In seiner Ferne.
+ Im ganzen Raum der Welten stehn
+ Nur deine Augensterne.
+
+ Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub,
+ Wir sind, was wir werden:
+ Kreisende Erden,
+ Wirbelnder Staub.
+
+
+
+
+Rudolf Alexander Schröder.
+
+Geboren am 26. Januar 1878 zu Bremen. -- Unmut 1899. Lieder an eine
+Geliebte 1900. Sprüche in Reimen 1900. An Belinde 1902. Sonette an eine
+Verstorbene 1905. Elysium 1906.
+
+
+Aus den »Liedern an eine Geliebte«.
+
+ Nun kam der Abend.
+
+ Die Sonne geht ins Meer,
+ Der Wind ruht im Laub,
+ Den sanften Weg entlang
+ Ziehen die Herden heimwärts.
+
+ Sieh, wie die milden Berge
+ In Dunkelheit verhüllt sind --
+ Im Tal
+ Blinken Lichter auf.
+
+ Wanderer, wohin eilst du?
+ »Nach Hause.«
+
+ Wohin eilst du?
+
+ * * * * *
+
+ »Die Lüge« sagst du
+ Und »Die Wahrheit«
+ Und redest wie ein Narr.
+
+ Sage »Die Liebe«
+ Und du redest wie ein Weiser.
+
+ * * * * *
+
+ Ich habe keine Schmerzen:
+ Aber die Sehnsucht verzehrt mich.
+
+ Ich habe keine Sehnsucht:
+ Aber mein Verlangen macht mich unruhig.
+
+ Ich habe kein Verlangen:
+ Aber meine Schmerzen quälen mich!
+
+ * * * * *
+
+ Ach, noch immer glaube ich,
+ Wenn ein Klang die Luft aufweckt,
+ Daß deine Stimme
+ Im Zweiggewirr der Bäume,
+ In Blumen, Gebüsch und Gräsern
+ Nachzitternd sich gefangenhält.
+
+ Ach, noch immer glaube ich,
+ Wenn ein Duft
+ Von ungefähr
+ Auf Windflügeln
+ Zu mir kommt,
+
+ Daß es dein Atem sei.
+
+ Ach, noch immer glaube ich,
+ Daß ich nicht ganz verlassen sei.
+
+ * * * * *
+
+ Das Glück ist ein leerer Schall;
+ Und der Schmerz ist ein Name.
+ Was uns von allem bleibt,
+ Ist: allein zu sein.
+ Und ist uns allen ein Los,
+ Daß wir viele Güter haben
+ Und darben müssen.
+
+
+Sonett an eine Verstorbene.
+
+ An jedem Tage gibt's ein Abschiednehmen;
+ Und irgend etwas, das uns angehört,
+ Wird jeden Augenblick für uns zerstört
+ Und wandelt hin zu den vergessenen Schemen.
+
+ Wohl, über dieses soll sich keiner grämen,
+ Weil immer auch ein Neues uns betört;
+ Und kein Verlassen ist so unerhört,
+ Dem wir uns nicht zu guter Letzt bequemen.
+
+ So gehn auch wir, und lassen alle Welt
+ Und sind nicht mehr; und jenes Wort: Gewesen
+ Erklingt von uns, wie wir's von vielem sagen.
+
+ Doch daß auch du dich denen zugesellt,
+ Von denen wir nur noch den Namen lesen,
+ Mein Herze will das nicht, und will's nicht tragen!
+
+
+Aus dem Buch »Elysium«.
+
+ Sie lassen sich am Ufer nieder,
+ Sie legen ihre reinen Glieder
+ Auf leichten Sand.
+
+ Entschlummern sie, so ist ihr Träumen
+ Wie das von Wellen oder Bäumen
+ Voll Unbestand.
+
+ Sie sind so schön, weil sie im Fächeln
+ Der reinen Lüfte immer lächeln,
+ Wie ausgesöhnt.
+
+ Sie singen auch. -- Wer möchte hören,
+ Was diesen Nachtigallen-Chören
+ Ganz klar enttönt?
+
+ Sie wandeln über sanfte Matten
+ Ins grüne Dunkel kühler Schatten,
+ Sie schwinden hin.
+
+ -- Oh holde Seelen, voll Beglückte,
+ Ihr nicht Geplagte, nicht Entzückte,
+ Ihr ohne Sinn!
+
+ * * * * *
+
+ Wenn sie wandeln, drückt dem Wiesenrain
+ Sich der schattenhafte Fuß nicht ein.
+
+ Wenn sie ruhn, so ist der leichte Gast
+ Seiner Lagerstätte keine Last.
+
+ Wenn sie wünschen, das ist flüchtig auch,
+ Kaum ein Traum, ein Atemzug, ein Hauch.
+
+ Wenn sie lieben, das ist kaum ein Blick,
+ Kaum ein Gruß. -- So leicht ist dort das Glück.
+
+ Alles ist ja leicht im untern Reich. --
+ Leichte Schatten, wir begrüßen euch!
+
+ * * * * *
+
+ Leise laß sie ihren Reigen führen,
+ Ohne ihre Schwermut anzurühren.
+
+ Laß sie träumend dir vorüber hasten,
+ Ohne ihre Leere zu belasten.
+
+ Sorge nicht, sie heute zu verstehen,
+ Denn dir wird wie ihnen bald geschehen.
+
+ Freue dich, daß sie dich nicht erreichen,
+ Morgen, morgen bist du ihresgleichen.
+
+
+
+
+Gustav Schüler.
+
+Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. -- Gedichte 1900.
+Meine grüne Erde 1904. Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes
+1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit 1914.
+
+
+ Unterdessen.
+
+ Schönheit ist Atem. Aber Brot ist Brot.
+ Und Tausend hungern. Und die Mühlen mahlen.
+ Und Königstische wissen nichts von Not.
+ Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen.
+
+ Und Mütter fiebern, wie kein Fieber schlägt,
+ Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern.
+ Die Mütter hören's, daß man Bretter trägt,
+ Um einen rohen Armensarg zu zimmern.
+
+ Und unterdessen lauscht die heilige Nacht,
+ Und unterdessen wird das Licht erkoren,
+ Und unterdessen hat die Schönheit acht
+ Auf jede Perle, die der Tau geboren.
+
+
+Mignon.
+
+ Wer in die Nacht geht, müßt' mich sehn
+ Am Wege auf dem Stein --
+ Mein Krug und Wanderstecken stehn
+ Im hellen Mondenschein.
+
+ Die Schuhe hab' ich abgetan,
+ Das Haar ist aufgelöst,
+ Ich hab', als wüßt' ich keinen nahn,
+ Auch meine Brust entblößt.
+
+ Der Nachthauch kühlt mich wie ein Bad.
+ Alle Wanderer ferne gehn. --
+ Nur wer die Erde begraben hat,
+ Kann mich hier sitzen sehn.
+
+
+Am Abend.
+
+ Komm, denn der Abend kommt.
+ Wir haben ihn so wild ersehnt.
+ Nun ist er da. Wie er im Mantel
+ Sich an die alten Pappeln lehnt.
+
+ Jetzt schlägt er seine Wimpern auf
+ Und sieht uns an und nickt uns zu.
+ Hat er nicht ganz dieselben Augen,
+ Nicht ganz denselben Mund wie du?
+
+
+Am Kreuzweg.
+
+ Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang:
+ Ein altes deutsches wehes Liebeslied,
+ Von Lieb' und Not
+ Und Treu' und Tod.
+ Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht,
+ Lauscht lang'.
+ Der Kauz schrie so entsetzlich schrill,
+ Der hat ihn auch gesehn.
+ Das Lied schweigt still.
+ Der Schatten bleibt noch immer stehn.
+
+
+Was ist das Glück?
+
+ Was ist das Glück?
+ Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen?
+ Ein Siegen,
+ Ein Augenblick,
+ Wo du der Sonne jauchzend winkst
+ Und dann versinkst?
+ Oder ist es das treue Schauen,
+ Wie sich Wolken aus Wolken bauen,
+ Bis sich eine mit rotem Rand
+ Hoch hinstellt über dein Ernteland?
+
+
+
+
+Ernst Stadler.
+
+Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des
+Weltkrieges im Westen. -- Präludien 1904. Der Aufbruch 1914.
+
+
+Reinigung.
+
+ Lösche alle deine Tag' und Nächte aus!
+ Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
+ Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
+ Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! --
+ Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
+ Schon bist du selig in dir selbst allein
+ Und wie mit Auferstehungslicht umhangen --
+ Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
+ Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
+ Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.
+
+
+Vorfrühling.
+
+ In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.
+ Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und
+ grünem Saatregen.
+ Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung
+ ging ich weit hinaus
+ Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem
+ Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.
+
+ In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.
+ Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute
+ rollten.
+ Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten
+ eingebrannt
+ War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins
+ Weite führen sollten.
+
+ Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen
+ Fernen.
+ Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten,
+ wuchsen helle Bahnen,
+ In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in
+ umwehten Sternen.
+ In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten
+ Fahnen.
+
+
+Was waren Frauen ...
+
+ Was waren Frauen anders dir als Spiel,
+ Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden:
+ Du hast nie andres als ein Stück von dir gefunden,
+ Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel.
+
+ Du strebtest, dich im Hellen zu befreien,
+ Und wolltest untergehn in wolkig trüber Flut --
+ Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen
+ Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut.
+
+ Du stiegst, dein Leben höher aufzutürmen,
+ In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verließ,
+ Und sahst erschauernd deinen Dämon dich umstürmen,
+ Wenn deinen dünnen Traum der Tag durchstieß.
+
+
+Puppen.
+
+ Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare,
+ spöttisch und kokett in den Vitrinen
+ Wie einst beim Menuett. Der Schönen Hände schürzen
+ wie zum Spiel die Krinolinen
+ Und lassen weich gewölbte Knöchel über Seidenschuhe
+ blühn. Die Kavaliere reichen
+ Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre
+ feinen frechen Worte, scheint es, streichen
+ Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in
+ kühlem Lächeln über ihrem Mund erstarren,
+ Indes die Schönen in den wohlerwognen Attitüden
+ sanft und träumerisch verharren.
+ So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den
+ verschwiegnen Schränken
+ Hochmütig, kühl und fern und scheinen langvergeßnen
+ Abenteuern nachzudenken.
+ Nur wenn die Kerzen trüber flackern, hebt ihr dünnes
+ Blut sich seltsam an zu wirren:
+ Dann fallen Funken in ihr Auge. Heiße Worte scheinen
+ in der Luft zu schwirren.
+ Der Schönen Leib erbebt. Im zarten Puder der
+ geschminkten Wangen gleißt
+ Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und
+ Untergang verheißt.
+
+
+Glück.
+
+ Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel
+ weggeflogen.
+ Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster
+ in die Bläue jagen --
+ Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen,
+ Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich
+ ins Weite zogen.
+ In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen.
+ Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem
+ Herzen zuckt.
+ Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder,
+ Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige
+ Gefieder
+ Zu sommerdunklem Traum das Köpfchen niederduckt.
+
+
+
+
+Leo Sternberg.
+
+Geboren am 7. Oktober 1876 zu Limburg a. d. Lahn. -- Küsten 1904. Fahnen
+1907. Neue Gedichte 1908.
+
+
+Der Wartende.
+
+ Geöffnet sind meine Fenster;
+ Ich trete zum einen, zum andern --
+ Aber der Vogel der Ferne
+ Fliegt nicht herein.
+
+ Ich schließe die Augen und sage
+ Mir fest: »Er kommt nicht!« Ich denke:
+ Plötzlich schlägst du den Blick auf,
+ Und -- er ist da! ...
+
+ Und -- er ist _nicht_ da! Vergebens!
+ Wieder warten! Warten!
+ Durch die verengte Kehle
+ Drückt sich ein Kiesel hinab.
+
+ Wie, wenn es Nacht würde? Nein! ...
+ -- Herz, wie du eilst! -- Und ich müßte
+ Schließen die Fenster? Der Vogel
+ Käme nicht mehr? ...
+
+
+Soviel Lüftchen ...
+
+ Soviel Lüftchen wehn und vergehn,
+ Soviel Klänge durchziehen mich leis.
+ Was mögen sie singen? Für wen?
+ Wer weiß!
+
+ Kaum daß du flüstern hörst
+ Und achtest, was es sei;
+ Wie wenn du Geister störst --
+ Vorbei.
+
+ Nur manchmal im Leben ein Ton,
+ Ein Wort, ein Gedankenstrahl --
+ Du fragst: Wo vernahm ich's doch schon
+ Einmal?
+
+
+Eine plötzliche Stille ...
+
+ Eine plötzliche Stille kommt oft,
+ Als ob das Weltgewühl
+ Die Sekunde jetzt stockte
+ Und zwischen geraden Wänden
+ Eine einzige schmale Bahn
+ Freilegte von mir zu dir:
+ Dann denkst du an mich.
+ Und wie durch die Furt voreinst
+ Des gespaltenen Meers,
+ Zieht gelassen ein Traum
+ Auf inniger Gasse
+ Jenem Ufer zu.
+
+
+Jenseits.
+
+ Die Glocken läuten dann wie jeden Tag ...
+ An meinem Fenster wird einer träumend stehn,
+ und der gewölbte Berg, der drüben lag,
+ wird -- abendgrau -- wie ein Grab aussehn
+ und der Baum darauf, wie ein Baum auf einem Grab.
+
+ Indessen werden die Stern' über meinem Grab aufgehn ...
+ Der Fremde tritt vom Fenster ins Zimmer hinein;
+ von seiner Welt nicht mehr aufzusehn,
+ nimmt er den Arbeitssessel wieder ein --
+ Ich liege draußen allein, wie ich im Leben war.
+
+ Und selbst die Toten neben mir werden mich nicht verstehn ...
+ Dann werde ich aufstehn und zu Gott gehn,
+ daß _er_ mich behalte nun,
+ oder mir sonst etwas aufgebe zu tun,
+ oder die Flamme austrete --
+ Dann werde ich ruhn.
+
+
+
+
+Margarete Susman.
+
+
+Im Feld ein Mädchen singt ...
+
+ Im Feld ein Mädchen singt --
+ Vielleicht ist ihr Liebster gestorben,
+ Vielleicht ist ihr Glück verdorben,
+ Daß ihr Lied so traurig klingt.
+
+ Das Abendrot verglüht --
+ Die Weiden stehn und schweigen --
+ Und immer noch so eigen
+ Tönt fern das traurige Lied.
+
+ Der letzte Ton verklingt. --
+ Ich möchte zu ihr gehen.
+ Wir müßten uns wohl verstehen,
+ Da sie so traurig singt.
+
+
+Ich liebe unter allen ...
+
+ Ich liebe unter allen die am meisten,
+ Die unsichtbare Kronen tragen.
+ Wohl lieb' ich auch die heitern jungen Häupter,
+ Auf deren Locken Rosenkränze liegen,
+ Das Haupt, das sinnende Gedanken beugten,
+ Der Demut frommgesenkte Kinderstirn;
+ Doch lieb' ich unter allen die am meisten,
+ Die frei und königlich im Leben stehn
+ Und unsichtbare Kronen tragen.
+
+
+So in die still verschneite Nacht ...
+
+ So in die still verschneite Nacht
+ Blick' ich hinaus;
+ Die alte Sehnsucht ist erwacht
+ Und singt und flüstert, weint und lacht
+ Und lacht mich aus.
+
+ Sie zieht um mich den Zauberkreis
+ Von Wunsch und Wahn;
+ Sie spricht wie du so scheu und leis;
+ Sie starrt mich an so traurig heiß,
+ Wie du getan.
+
+
+Kein Liebeswort ...
+
+ Kein Liebeswort ist zwischen uns gefallen.
+ Du hast mir nicht einmal die Hand geküßt,
+ Wie mancher tat, der mir nicht teuer war.
+ Ich sprach mit dir wie mit den andern allen.
+ Der du mir Licht und Luft gewesen bist
+ Und Lebensodem dieses ganze Jahr.
+
+ Doch das, was deine Augen mir verkündet,
+ Die leuchtenden Verräter, halt' ich fest,
+ Sowie in Sturm und Schnee ein armes Kind
+ Sein Püppchen hält und wunderherrlich findet
+ Und immer wieder zärtlich an sich preßt,
+ Neidlos auf die, die reich und glücklich sind.
+
+
+
+
+Georg Trakl.
+
+Geboren am 3. Februar 1887 zu Salzburg, gestorben am 3. November 1914 im
+Garnisonlazarett zu Krakau. -- Gedichte 1914. Sebastian im Traum 1914.
+Gesammelte Dichtungen 1919.
+
+
+Der Herbst des Einsamen.
+
+ Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
+ Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
+ Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
+ Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
+ Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
+ Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.
+
+ Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
+ Im roten Wald verliert sich eine Herde.
+ Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
+ Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
+ Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
+ Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.
+
+ Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
+ In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
+ Und Engel treten leise aus den blauen
+ Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
+ Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
+ Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.
+
+
+In den Nachmittag geflüstert.
+
+ Sonne, herbstlich dünn und zag,
+ Und das Obst fällt von den Bäumen.
+ Stille wohnt in blauen Räumen
+ Einen langen Nachmittag.
+
+ Sterbeklänge von Metall;
+ Und ein weißes Tier bricht nieder.
+ Brauner Mädchen rauhe Lieder
+ Sind verweht im Blätterfall.
+
+ Stirne Gottes Farben träumt,
+ Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel.
+ Schatten drehen sich am Hügel
+ Von Verwesung schwarz umsäumt.
+
+ Dämmerung voll Ruh und Wein;
+ Traurige Gitarren rinnen.
+ Und zur milden Lampe drinnen
+ Kehrst du wie im Traume ein.
+
+
+Im Park.
+
+ Wieder wandelnd im alten Park,
+ O! Stille gelb und roter Blumen.
+ Ihr auch trauert, ihr sanften Götter,
+ Und das herbstliche Gold der Ulme.
+ Reglos ragt am bläulichen Weiher
+ Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel.
+ O! dann neige auch du die Stirne
+ Vor der Ahnen verfallenem Marmor.
+
+
+Landschaft.
+
+ Septemberabend; traurig tönen die dunklen Rufe der
+ Hirten
+ Durch das dämmernde Dorf; Feuer sprüht in der
+ Schmiede.
+ Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen
+ Locken der Magd
+ Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern.
+ Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der
+ Hirschkuh,
+ Und die gelben Blumen des Herbstes
+ Neigen sich sprachlos über das blaue Antlitz des Teichs.
+ In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern
+ mit dunklen Gesichtern die Fledermäuse.
+
+
+Sommer.
+
+ Am Abend schweigt die Klage
+ Des Kuckucks im Wald.
+ Tiefer neigt sich das Korn,
+ Der rote Mohn.
+
+ Schwarzes Gewitter droht
+ Über dem Hügel.
+ Das alte Lied der Grille
+ Erstirbt im Feld.
+
+ Nimmer regt sich das Laub
+ Der Kastanie.
+ Auf der Wendeltreppe
+ Rauscht dein Kleid.
+
+ Stille leuchtet die Kerze
+ Im dunklen Zimmer;
+ Eine silberne Hand
+ Löschte sie aus.
+
+ Windstille, sternlose Nacht.
+
+
+In Venedig.
+
+ Stille in nächtigem Zimmer.
+ Silbern flackert der Leuchter
+ Vor dem singenden Odem
+ Des Einsamen;
+ Zaubrisches Rosengewölk.
+
+ Schwärzlicher Fliegenschwarm
+ Verdunkelt den steinernen Raum,
+ Und es starrt von der Qual
+ Des goldenen Tags das Haupt
+ Des Heimatlosen.
+
+ Reglos nachtet das Meer.
+ Stern und schwärzliche Fahrt
+ Entschwand am Kanal.
+ Kind, dein kränkliches Lächeln
+ Folgte mir leise im Schlaf.
+
+
+Am Moor.
+
+ Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
+ In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
+ Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
+ Quere über finsteren Wassern.
+
+ Aufruhr. In verfallener Hütte
+ Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
+ Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.
+
+ Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
+ Die sanfte Schwermut grasender Herden,
+ Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.
+
+
+Frühling der Seele.
+
+ Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind,
+ Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst,
+ Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne.
+ Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen
+ Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit
+ Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel
+ In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.
+
+ Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,
+ Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig
+ Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.
+ Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel.
+ Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.
+
+ Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,
+ Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht
+ Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.
+ Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung
+ Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers;
+ Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn.
+ Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.
+
+ Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.
+ Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;
+ Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert
+ Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet
+ Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.
+ Stille blüht die Myrte über den weißen Lidern des Toten.
+
+ Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag
+ Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind;
+ Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.
+
+
+Elis.
+
+I.
+
+ Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags.
+ Unter alten Eichen
+ Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.
+
+ Ihre Bläue spiegelt den Schlummer der Liebenden.
+ An deinem Mund
+ Verstummten ihre rosigen Seufzer.
+
+ Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein.
+ Ein guter Hirt
+ Führt seine Herde am Waldsaum hin.
+ O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.
+
+ Leise sinkt
+ An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille,
+ Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang.
+
+ Ein goldener Kahn
+ Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.
+
+II.
+
+ Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis' Brust
+ Am Abend,
+ Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.
+
+ Ein blaues Wild
+ Blutet leise im Dornengestrüpp.
+
+ Ein brauner Baum steht abgeschieden da;
+ Seine blauen Früchte fielen von ihm.
+
+ Zeichen und Sterne
+ Versinken leise im Abendweiher.
+
+ Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.
+
+ Blaue Tauben
+ Trinken nachts den eisigen Schweiß,
+ Der von Elis' kristallener Stirne rinnt.
+
+ Immer tönt
+ An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.
+
+
+
+
+Robert Walser.
+
+Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. -- Gedichte 1908.
+
+
+Morgenstern.
+
+ Ich mache das Fenster auf,
+ Es ist dunkle Morgenhelle.
+ Das Schneien hörte schon auf,
+ Ein großer Stern ist an seiner Stelle.
+
+ Der Stern, der Stern
+ Ist wunderbar schön.
+ Weiß von Schnee ist die Fern',
+ Weiß von Schnee alle Höhn.
+
+ Heilige, frische
+ Morgenruh' in der Welt.
+ Jeder Laut deutlich fällt;
+ Die Dächer glänzen wie Kindertische.
+
+ So still und weiß:
+ Eine große, schöne Einöde,
+ Deren kalte Stille jede
+ Äußerung stört; in mir brennt's heiß.
+
+
+Langezeit.
+
+ Ich tu' mir Zwang,
+ Zu scherzen und lachen,
+ Was soll ich machen,
+ Die Zeit ist lang.
+
+ Gewohnten Gang
+ Im müden Herzen
+ Gehn alte Schmerzen,
+ Die Zeit ist lang.
+
+ Ich muß den Hang
+ Zu weinen bezwingen,
+ Nebst andern Dingen,
+ Die Zeit ist lang.
+
+
+Warum auch.
+
+ Und als ein solcher klarer
+ Tag hastig nun wiederkam,
+ Sprach er voll ruhiger, wahrer
+ Entschlossenheit langsam:
+ Nun soll es anders sein,
+ Ich stürze mich in den Kampf hinein;
+ Ich will gleich so vielen andern
+ Aus der Welt tragen helfen das Leid,
+ Will leiden und wandern,
+ Bis das Volk befreit.
+ Will nie mehr müde mich niederlegen;
+ Geschehen soll etwas.
+ Da überkam ihn ein Erwägen,
+ Ein Schlummer: ach, laß doch das.
+
+
+Schnee.
+
+ Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde
+ Mit weißer Beschwerde, so weit, so weit.
+
+ Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel,
+ Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee.
+
+ Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite,
+ Die weißverschneite Welt macht mich schwach.
+
+ So daß erst klein, dann groß mein Sehnen
+ Sich drängt zu Tränen, in mich hinein.
+
+
+Im Mondschein.
+
+ Ich dachte gestern nacht,
+ Die Sterne müssen singen,
+ Als ich aufgewacht
+ Und es leise hörte klingen.
+
+ Es war aber eine Handharfe,
+ Die durch die Räume drang,
+ Und durch die kalte, scharfe
+ Nacht klang es so bang.
+
+ Dachte so verlornem Ringen,
+ Gebeten und Flüchen nach,
+ Und noch lange hört' ich es singen,
+ Lag lang' noch wach.
+
+
+Müdigkeit.
+
+ Entführ' mich, wie ich bin;
+ Sieh, mein verirrter Sinn
+ Weist von sich diese Welt,
+ Die ihn nicht mehr erhellt.
+ Komm, o ich werde brav
+ Und selig stille sein
+ In deinem dichten Schein,
+ Heiliger, süßer Schlaf.
+
+
+Zu philosophisch.
+
+ Wie geisterhaft im Sinken
+ Und Steigen ist mein Leben.
+ Stets seh' ich mich mir winken,
+ Dem Winkenden entschweben.
+
+ Ich seh' mich als Gelächter,
+ Als tiefe Trauer wieder,
+ Als wüsten Redeflechter;
+ Doch alles dies sinkt nieder.
+
+ Und ist zu allen Zeiten
+ Wohl niemals recht gewesen.
+ Ich bin vergeßne Weiten
+ Zu wandern auserlesen.
+
+
+Brausen.
+
+ Es braust noch immer in der Welt,
+ Das Brausen hört doch niemals auf;
+ Ich liebe -- es hört niemals auf,
+ Es braust ein Lieben durch die Welt.
+ Und ob ich auch ein Feigling bin,
+ Und ob du auch ein Kranker bist:
+ Du liebst, wenn du es auch nicht bist,
+ Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin.
+ Es braust, und ich steh' horchend still,
+ Ich weiß, ich hasse den und den,
+ Es nützt mir nichts; wie ich auch will:
+ Ich liebe alles, so auch den.
+ Dann gibt es Stunden, wo ich weiß,
+ Daß wir vor Liebe alle heiß.
+
+
+Und ging.
+
+ Er schwenkte leise seinen Hut
+ Und ging, heißt es vom Wandersmann.
+ Er riß die Blätter von dem Baum
+ Und ging, heißt es vom rauhen Herbst.
+ Sie teilte lächelnd Gnaden aus
+ Und ging, heißt's von der Majestät.
+ Es klopfte nächtlich an die Tür
+ Und ging, heißt es vom Herzeleid.
+ Er zeigte weinend auf sein Herz
+ Und ging, heißt es vom armen Mann.
+
+
+
+
+Frank Wedekind.
+
+Geboren am 24. Juli 1864 in Hannover, gestorben am 9. März 1918 in
+München. -- Die vier Jahreszeiten 1905.
+
+
+Erdgeist.
+
+ Greife wacker nach der Sünde;
+ Aus der Sünde wächst Genuß.
+ Ach, du gleichest einem Kinde,
+ Dem man alles zeigen muß.
+
+ Meide nicht die ird'schen Schätze:
+ Wo sie liegen, nimm sie mit.
+ Hat die Welt doch nur Gesetze,
+ Daß man sie mit Füßen tritt.
+
+ Glücklich, wer geschickt und heiter
+ Über frische Gräber hopst.
+ Tanzend auf der Galgenleiter
+ Hat sich keiner noch gemopst.
+
+
+Perversität.
+
+ Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen,
+ Mit hohlen Augen und mit dünnen Armen
+ Huscht scheu hervor, inständig mein Erbarmen
+ Anflehend, stotternd, schlotternd, furchtbefangen.
+
+ Eisig sein Körper, glühend sein Verlangen,
+ Müht sich's frostbebend, menschlich zu erwarmen.
+ Vergebne Qual; erschlafft in meinen Armen,
+ Bewimmert es sein Hoffen und sein Bangen.
+
+ Beschämt schleicht sich's von hinnen, ächzend, siechend,
+ Nachts bettelnd und bei Tage sich verkriechend,
+ Heut in Verzweiflung, morgen in Verzücktheit;
+
+ Verfällt gemach schmerzstillender Verrücktheit,
+ Stutzt, lacht, jauchzt todesfroh, und, der Gewandung
+ Vom Gischt beraubt, zerschellt es in der Brandung.
+
+
+Ilse.
+
+ Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
+ Ein reines unschuldsvolles Kind,
+ Als ich zum erstenmal erfahren,
+ Wie süß der Liebe Freuden sind.
+
+ Er nahm mich um den Leib und lachte
+ Und flüsterte: O welch ein Glück!
+ Und dabei bog er sachte, sachte
+ Mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.
+
+ Seit jenem Tag lieb' ich sie alle,
+ Des Lebens schönster Lenz ist mein;
+ Und wenn ich keinem mehr gefalle,
+ Dann will ich gern begraben sein.
+
+
+Der Anarchist.
+
+ Reicht mir in der Todesstunde
+ Nicht in Gnaden den Pokal!
+ Von des Weibes heißem Munde
+ Laßt mich trinken noch einmal!
+
+ Mögt ihr sinnlos euch berauschen,
+ Wenn mein Blut zerrinnt im Sand.
+ Meinen Kuß mag sie nicht tauschen
+ Auch für Brot aus Henkershand.
+
+ Einen Sohn wird sie gebären,
+ Dem mein Kreuz im Herzen steht,
+ Der für seiner Mutter Zähren
+ Eurer Kinder Häupter mäht.
+
+
+Waldweben.
+
+ Zwischen duftigen Büschen
+ Stieß ich auf einen Quell;
+ Meinen Mund zu erfrischen,
+ Dünkt' er mich rein und hell.
+
+ Als ich mich satt getrunken,
+ Träumend wankt' ich zur Stadt,
+ Bin aufs Lager gesunken,
+ Fiebernd und todesmatt.
+
+ Hat kein Arzt sich gefunden,
+ Dessen Kunst mich geheilt;
+ Werd' auch nimmer gesunden,
+ Bis mich der Tod ereilt. --
+
+ Ei du mein durstiger Knabe,
+ Streife nicht durchs Gebüsch;
+ Bleib bei der Mutter und labe
+ Fromm dich am Kaffeetisch.
+
+
+
+
+Franz Werfel.
+
+Geboren am 10. September 1890 zu Prag. -- Der Weltfreund 1911. Wir sind
+1913. Einander 1915. Gesänge aus den drei Reichen 1917. Der Gerichtstag
+1920.
+
+
+Wie nichts erkennend.
+
+ Ich reichte einem Kranken meine Hand
+ Und gab ihm Wunsch und Mitgefühl bekannt.
+ Doch während treulich meine Worte waren,
+ Sprach wohl ein Herz, das nur sich selbst empfand.
+ Mittäglich sah ich einen Droschkenstand,
+ Wo sich beweglich alte Gäule sonnten.
+ Da hat ein klarer Kopf sich umgewandt
+ Und tief durchfühlt traf mich ein schweres Auge.
+ Bin aber dumpf des eigenen Wegs gerannt
+ Und nicht durchfloß mich dieses Bruderleben.
+
+ Am Abend hab' ich heißes Wort genannt.
+ Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht nannt ich mein.
+ Hah, Mein und Mein! Und immer diese Wand!
+ Warum bin ich nicht durch die Welt gespannt,
+ Allfühlend gleicherzeit in Tier und Bäumen,
+ In Knecht und Ofen, Mensch und Gegenstand?!
+ So ist's mein Teil, sternhaft dahinzurollen,
+ Gebunden zwar, doch niemandem verwandt,
+ Wie nichts erkennend, so auch unerkannt.
+
+
+Verzweiflung.
+
+ Nacht kam herein.
+ Und morgen, wähnen wir, ist Tag.
+ Da gehn die Wagen wieder
+ Und an den Türen läutet es.
+
+ Die Mutter mein sitzt da.
+ Ihr Antlitz ist nicht meins.
+ Sie redet viel an mich.
+ Ich denk an fremdes Nichts.
+
+ Die Schwester mein lacht auf.
+ Leicht könnte ich sie hassen.
+ In meiner Öde brodelt
+ Schon ein gemeines Wort.
+
+ Ich bin so zugebaut!
+ Und alles rauscht nach Liebe.
+ Ich auch nach Liebe weine
+ Und hab doch keinen gern.
+
+
+Welche Lust auf Erden denn ist süßer.
+
+ Taucht nur, senkt nur eure wilden Fratzen
+ In mein reines fließendes Wesen!
+ Diese Seele brandzuschatzen,
+ Seid ihr alle, allesamt erlesen.
+
+ Märtyrer, gegrüßt, wollüstige Büßer!
+ Heil dem Busen durch und durch geschlagen!
+ Welche Lust auf Erden denn ist süßer,
+ Als verwundet werden und nichts sagen.
+
+ Komm, Verräter, daß ich dich erbose,
+ Du mit müden Händen, list'ger Späher!
+ Hier Gesicht und Brust!! Mit jedem Stoße
+ Bin ich ja dem Tempo Gottes näher!
+
+
+Ein Lebens-Lied.
+
+ Daß einmal mein dies Leben war,
+ Daß in ihm jene Kiefern standen
+ Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.
+
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?
+
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und Atem einer breiten Schar.
+ Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.
+ O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+
+Amore.
+
+ Wenn noch die Eitelkeit
+ Das Auge dir entweiht,
+ Ist kommen nicht die Zeit.
+
+ Solang du noch willst stehn
+ Auf Podien, gesehn,
+ Kann Glücks dir nicht geschehn.
+
+ Wer sich noch nicht zerbrach,
+ Sich öffnend jeder Schmach,
+ Ist Gottes noch nicht wach.
+
+ Wer noch mit Eifer spitzt,
+ Daß er ein Weib besitzt,
+ Ist noch nicht ausgewitzt.
+
+ Erst wenn ein Mensch zerging
+ In jedem Tier und Ding,
+ Zu lieben er anfing.
+
+ Erst wer Erfüllung floh,
+ Wächst an zum Höchsten so,
+ Wird letzter Sehnsucht froh.
+
+ Erst wer sich jauchzend bot
+ Der Schande und der Not
+ Und zehnfach jedem Tod,
+
+ Im heiligsten Verzicht,
+ Vor Liebe ihm zerbricht
+ Sein irdisch Angesicht!
+
+ Wohin schwillt er empor?
+ Was schwingt er überm Chor
+ Unendlich sein amor'!!
+
+
+Alte Dienstboten.
+
+ In dem sanften Wallen der alten Frühlinge
+ Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
+ Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
+ Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.
+ Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,
+ Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.
+ Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,
+ Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.
+ Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.
+ Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,
+ Eh' sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
+
+ Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen
+ Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.
+ Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
+ Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
+ Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.
+ Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,
+ Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
+ Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
+ Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr ...
+ Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken
+ Sind die bereit sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
+
+ Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
+ Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben
+ Sich ohne Ende über meins erheben,
+ Das voll von Hoffart Worte machen mag.
+ Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,
+ Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.
+ O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,
+ O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,
+ O Licht am Abend überm Tisch gebückt!
+ Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,
+ Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
+
+
+Mondlied eines Mädchens.
+
+ Ich liege in gläsernem Wachen,
+ Gelöst mein Haar und Gesicht.
+ Am Boden in langsamen Lachen
+ Schwebt Mond, das unselige Licht.
+
+ Und wie mir die tödliche Helle
+ Die Stirn und das Auge befühlt,
+ Zerrinn ich und bin eine Welle,
+ Gekräuselt, entführt und gespült.
+
+ Die Mutter atmet daneben,
+ Der Vater schläft auf und ab.
+ Ich habe Angst um das Leben
+ Von allen, die ich liebhab.
+
+ Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer
+ Erzengel mit schrecklichem Schwert.
+ Ins Ohr weint mir immer, mir immer
+ Ein Kind, das mir nicht gehört.
+
+ Nachtlampe von tausend Betten
+ Des Leidens, der Mond mir scheint.
+ Ich möchte viel Schluchzendes retten,
+ Und bin es doch selbst, die weint.
+
+ All Ding im Zimmer verlassen,
+ Der Schuh, und der Tisch, und die Wand ...
+ Ich möchte das Ferne anfassen,
+ Nur sein eine streichelnde Hand!
+
+ Ich möchte mit Fröstelnden spielen
+ Und halten die Kalten im Arm!
+ Ich fühle, die Reichen und Vielen
+ Sind Kinder vor mir und so arm!
+
+ Für alle muß ich mich sorgen,
+ Mein Schlaf ist gläsern und schwebt ...
+ Ich horche, wie in den Morgen
+ Der Atem von allen sich hebt.
+
+ Im Fenster wehn Bäume zerrissen,
+ Viel Himmel sind windig in Ruh.
+ Ich decke mit meinen Kissen
+ Die frierenden Welten zu.
+
+
+Die Leidenschaftlichen.
+
+ Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten
+ Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten!
+ Nein alle, die in dreizehn Dezembernächten
+ Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich rächten
+ Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten,
+ Die Eifersüchtigen all, die ihr Blut stauten,
+ In Droschken weinten, in Sälen sich erfrechten!
+ Die durchgefallnen tiefen Atmer,
+ Sänger, die mit bezechten
+ Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen,
+ Sie werden sein zu dir emporgerissen,
+ Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten!
+
+ Es werden wandeln in deinen Gärten
+ Nicht nur die Demütigen und Beschwerten,
+ Nein alle, die leuchteten und verehrten!
+ Mädchen, die in Konzerten erkrankten,
+ Weil ihre Wangen zu bleich sich verklärten,
+ Blicke aus Augen, die dankten --
+ Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten
+ Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben,
+ Werden sie lodern weiter und loben,
+ Leichte Feuer wandelnd in deinen Gärten!
+
+ Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen
+ Nicht die allein, die deinen Namen riefen,
+ Nein alle, die in den Nächten nicht schliefen!
+ Die am Morgen ihr Herz mit beiden Händen häuften
+ Wie Flamme, und liefen
+ Tiefatmend, blind, in unbekannten Läuften.
+ Ein Küsten-Wind zuckt in Selbstmörderbriefen.
+ Die Knaben haben Meere nicht verstanden,
+ So brannten sie sich ab in Hieroglyphen.
+ Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen
+ Eisernen Kreuzen der Konfirmanden.
+ Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden --
+ Die hier unruheten aus deinen Tiefen,
+ Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen.
+
+
+Die Schwestern von Bozen.
+
+ Zwei Schwestern sah ich heut auf morgendlicher Au.
+ Sie schwebten lerchenfrüh und schwärmten in das Blau,
+ Und waren angetan kühl in Gewande weiß.
+ Doch auf ihren Schürzen war
+ Von trockenem Blut ein Rost und dumpfer Kreis.
+ Sie aber tief umschlungen schritten wunderbar.
+
+ Ich trat sie an die Schwebenden, und fragte leis:
+ Schwestern, von welchem Schein sind eurer Augen Scheine froh?
+ Kommt ihr nicht aus den Sälen, wo
+ Die eingetränkte Maske auf das arme Antlitz sinkt,
+ Und in die weißen Stoffe Blut und Eiter dringt?
+ Geht ihr nicht durch die Fäulnis schwerer Zimmer ein und aus?
+ Tragt ihr nicht Schüsseln Unrats mild mit euch hinaus?
+ Und habt in eurem Opfer keinen Tag und keine Stunde Lust,
+ Dürft nicht in das Theater gehn und nicht im Grünen sitzen unbewußt!
+
+ Die beiden Schwestern aber sahn mich an mit einem Schaun,
+ Mit einem Blick voll tiefstem Jenseits sahn mich an die beiden Fraun.
+ Mit einem Blick, den ich, ein niedrer Laie, noch nicht ganz verstand,
+ Und doch geschah es, daß mich Weinen überwand.
+ Ich sah ein Licht steigen, das sich dem Wiesen-Kuß entreißt.
+ Es ahnte eine tiefste Wollust mein entzückter Geist.
+ Mir war von unbetretner Freude offenbar ein letztes Ziel ...
+
+ Von ferne fühlt ich lachen leicht
+ Das Schwesternpaar, wie's nun entweicht,
+ Und schwindet tiefumschlungen in ein zärtlich frühes Glockenspiel.
+
+
+Gesang einer Frau.
+
+ Warum, warum diese neue Angst?: Die Welt ist schon so oft!
+ Und Oft ein Wort, das fort und fort ins Ohr tropft unverhofft.
+ Ein rundes Wort, ein runder Laut, der endet und beschließt.
+ Mir graut vor meinem Haar,
+ Es war so oft, meine Hand war oft, mein Mund war oft, war, war!
+ Meine Zunge war oft, meine Brust und was er genießt.
+ Mir graut, es graut auch meinem Haar.
+ Oft -- ist unfaßliche Gefahr.
+
+ Ich kann die Blumen nicht sehn auf dem Tisch, sie machen mich krank.
+ Mein Geliebter hat einen verräterischen Gang.
+ Oft und Gewohnt sein aufgeknöpftes Freundespaar
+ Wischt sich die Stiefel nicht ab. Sie spucken gar
+ Und blasen Zigarrenrauch in mein Haar.
+ Oft ist mein Feind und schon lang.
+
+ O diese schrecklichen Frühen. Sie tragen Altes auf ihren Glocken her.
+ Wie bin ich von weitem und lang schon her.
+ Nun kann ich mich gar nicht erinnern mehr.
+ Wie man sich lachend auf die Fußspitzen stellt,
+ Das entfiel dem Gedächtnis meiner Füße, dem viel entfällt.
+
+ Trübsinn heißt vierfach meine Jahreszeit,
+ Im Winter fürcht' ich den Frühling, im Frühling die scharfe Zeit,
+ Und doch möcht' ich alles halten, was mich vermaledeit.
+
+ Nein, nein! Ach! Wie ist mir das doch hassenswert!
+ Wie alles an mir vergeht, möchte auch ich vergehn.
+ Verzehrt sein, vergehn, eingehn in einen hohen Wert.
+
+ Lieben, lieben zum erstenmal,
+ Wo Liebe nicht verlischt mit dem Wangenmal,
+ Nicht jeder Kuß, verhauchend, wird Betrug,
+ Und Ekel durch die Morgenlumpen lugt!
+ Eingehn in ein reines weißes Weiß!
+ Weiße Schürzen tragen, weißes Kleid und eine Farbe nur sehr: Weiß!
+ Mein Gesicht vergessen, keine Zeit haben, immer ein
+ Werk haben, immer tun,
+ Nur am Abend ins Gebet hinüberruhn!
+ O Leidenschaft!
+
+ Nun schimpft zum Fenster ein Regen herein.
+ Auch der Regen ist oft. Ich zähle die Feinde nicht.
+ Ich fühle nur meine Augen. Wohin ist mein Gesicht?
+ Früher lebte ich seine Farben und flog unendlich in alles ein,
+ Von unten, von der Seite, streichelte alles mit meinem Schein.
+ Jetzt ist in mir solch eine Beschwerlichkeit.
+ Ich bin leicht, ich bin leicht, aber mein Antlitz neigt,
+ Neigt sich zu allem nieder, als wär' ich sehr groß und sehr weit,
+ Und alles ist nur bedacht, daß es sich höflich zeigt.
+
+ Wo bin ich denn? O Himmelsrose, die mich in die Mitte klemmt!
+ Ich sitze auf meinem Bettrand im Hemd,
+ Und schaue auf meinen edel ermatteten Fuß,
+ Der mich entzückt, daß ich fast weinen muß.
+ Und doch ist in meinen süßen Beinen schon etwas, das man verhängt ...
+
+
+ [Illustration: Franz Werfel]
+
+
+Geheimnis.
+
+ So reich bist du, als du tränenreich bist.
+ So frei bist du, als du dich selbst überspringst,
+ So wahr bist du, als du dich kannst verwerfen.
+ So groß bist du, als klein vor dir der Tod ist.
+ So tief bist du Wunder,
+ Als du tiefe Wunder siehst!
+
+
+Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.
+
+ Niemals wieder will ich
+ Eines Menschen Antlitz verlachen.
+ Niemals wieder will ich
+ Eines Menschen Wesen richten.
+
+ Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen.
+ Wohl gibt es Kuppler-Augen.
+ Wohl gibt es Vielfraß-Lippen.
+
+ Aber plötzlich
+ Aus der dumpfen Rede
+ Des leichthin Gerichteten,
+ Aus einem hilflosen Schulterzucken
+ Wehte mir zarter Lindenduft
+ Unserer fernen seligen Heimat,
+ Und ich bereute gerissenes Urteil.
+
+ Noch im schlammigsten Antlitz
+ Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.
+ Die gierigen Herzen greifen nach Kot --
+ Aber in jedem
+ Geborenen Menschen
+ Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen.
+
+
+Sein und Treiben.
+
+ Erkennen ist noch Hast.
+ Auch Können ist Unrast.
+ Wer wirklich ist, der ist!
+ Der wohlgeborene Hund darf sein.
+ Der mißgeborene Hund muß springen.
+
+
+Gebet um Reinheit.
+
+ Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die
+ alte, immergleiche.
+ Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten
+ im Wunder.
+ Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend
+ des tiefen Zeichens,
+ Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die
+ beschmutzten Hände spülen.
+
+ O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken
+ und zu reinigen!
+ O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
+ Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner Kühle Gewähr,
+ daß du springst und spülst,
+ Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem
+ süßen Gefälle?
+
+ Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte
+ des Lampenkreises.
+ Ich halte dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein
+ Kind, das am Abend der Waschung wartet.
+ Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln,
+ um in dieser Spanne wahr zu sein.
+ Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis
+ das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.
+
+ Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde
+ gesungen,
+ Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm
+ hier wider meinen Feind!
+ Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben
+ einander nicht einmal so sehr, um uns Feinde zu sein.
+ Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind,
+ der mich berennt und an alle meine Tore pocht.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem
+ Tisch sitzt und Völlerei treibt,
+ Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe,
+ und sich am Fenster die Hungrigen drängen.
+ Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit
+ seine Zigarre raucht und fett wird,
+ Während ich immer geringer werde und zusehn muß,
+ wie er das Gut meiner Seele verpraßt.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle
+ Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.
+ Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch
+ macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt.
+ Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit
+ verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,
+ Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
+
+ Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein
+ Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?
+ Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit?
+ Reinige, einige mich, o du Gewässer!
+ Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit
+ eh und je über die Zahl Zwei.
+ Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine
+ Hände hin zur Waschung.
+
+ Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
+ Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
+ Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig
+ die einfach Guten, selig die einfach Bösen!
+ Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen,
+ die zu- und abnehmenden Gegenspieler.
+ O heilig Gewässer, um dein und meiner Größe willen,
+ hilf mir!
+
+
+Wir nicht.
+
+ Ich lauschte in die Krone des Baums; -- da hieß es im Laub:
+ Noch -- nicht!
+ Ich legte das Ohr an die Erde; -- da klopft's unter Kraut und Staub:
+ Noch -- nicht!
+ Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste:
+ Du -- nicht!
+ Das war mein Gericht.
+ Ich verwarf mein Lied,
+ Und das lüsterne Herz, das sich nicht beschied.
+ Ich trat auf die Straße. Sie strömte schon abendlich.
+ Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht.
+ Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob,
+ Und wußte: Auch ich, vom lauen Trug entstellt,
+ Werde nochmals begonnen, weil neu ein Schoß mich hält
+ Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod,
+ Und weinend pries ich allen Samen in der Welt.
+
+
+
+
+Paul Wertheimer.
+
+Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. -- Gedichte 1896. Neue Gedichte
+1904. Im Lande der Torheit 1910.
+
+
+Seelen.
+
+ Du weißt, wir bleiben einsam: Du und ich,
+ Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
+ Mit freien Kronen, die der Seewind küßt ...
+ So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
+ Doch zwischen beiden webt ein feines Licht
+ Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
+ Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin ...
+
+
+Ostsee.
+
+ Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande.
+ Das Meer ... Das Meer! Mein wahrgewordner Traum!
+ Ich bin vergraben in dem feinen Sande
+ Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum.
+
+ Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten
+ Hinauf-, hinunterwärts die grüne Bahn.
+ O meines jungen Traums Unendlichkeiten!
+ Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn.
+
+ Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen
+ Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut,
+ Und von des Meeres königlichen Gnaden
+ Und von der Kraft, die lächelnd in mir ruht!
+
+
+Tote Stunde.
+
+ Menschen sterben von mir ab wie Blüten
+ Meines lieben Baumes vor dem Fenster.
+ Gestern war er noch voll rot und weißen
+ Glanzes, sieh, nun ist er grün und keimend.
+ Hat ein Wandrer an dem Stamm geschüttelt --
+ Solch ein aufrecht-großer Lebensschreiter?
+ Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige?
+ Murmelte der Wind zur Nacht von neuen,
+ Ahnungsvollen, ungewissen Dingen --
+ Und die Blüten stoben hin erschrocken
+ Und sie fielen weit, weit ab und starben ...
+
+
+
+
+Alfred Wolfenstein.
+
+Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. -- Die gottlosen Jahre 1914. Die
+Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher Kämpfer 1919.
+
+
+Städter.
+
+ Nah wie Löcher eines Siebes stehn
+ Fenster beieinander, drängend fassen
+ Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
+ Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.
+
+ Ineinander dicht hineingehakt
+ Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
+ Leute, wo die Blicke eng ausladen
+ Und Begierde ineinanderragt.
+
+ Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
+ Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
+ Flüstern dringt hinüber wie Gegröle --
+
+ Und wie stumm in abgeschloßner Höhle
+ Unberührt und ungeschaut
+ Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.
+
+
+Tanz.
+
+I.
+
+ Sie wirbelt weich
+ Die Hände schwingend vor ..
+ Sie rollt auf Zehen starr zurück:
+ Steht gipfelnd von Musik umflossen,
+ Silbern sichtbar in die Luft gegossen!
+
+ Sie schmilzt hinab
+ Und hebt zu kreisen an
+ Um ihrer Seele stillsten Punkt,
+ Wie Schnee, um sein Gebirge fließend,
+ In immer weichere Hand sich gießend,
+
+ Wie Wasser weiß ..
+ Dick schwellen aus der Wand
+ Der Lampen blutige Fäden an
+ Und sinken plötzlich ..: Sie steht funkelnd
+ Da, steil gezackt, geprägt im Dunkeln!
+
+II.
+
+ Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis,
+ Sie spitzt den Fuß wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz,
+ Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis --
+ Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz.
+
+ Von Säulen schielt das Breitgesicht der Decke weiß
+ Herab auf ihrer schnellen Brüste Blitz und Blitz,
+ Aus vorgewölbten Mäulern bläst es gelb und heiß,
+ Ihr Lichtknie schluckt der ungerührten Augen Schlitz!
+
+ Da schüttelt sie sich zagender: O falle, Gier!
+ Da wirft sie sich in Lüfte fort -- Doch immer schwingt
+ Die Schönheit wie ein Bumerang zurück zu ihr,
+ Daß jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt.
+
+ Rot hängt des Vorhangs offner Wundrand über ihr,
+ Rauch höhnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt,
+ Ihr Tanz verlöscht nicht, angespritzt von Staub und Bier,
+ Noch immer klatschen Fäuste, bis Musik noch klingt.
+
+III.
+
+ So flieh, enttanze
+ In dich! du Unsichtbare!
+ Wie ein rasendes Rad innen schwindet --
+ Schon hüllen Wellen dich und bleichen
+ Die Gier, im Saale sitzen Leichen --
+
+ Du, neu geboren
+ Auf einen andern Stern hin!
+ In eignen immer wildren Sturmleib,
+ In Fuß und Brust und Stirn verflogen,
+ Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen.
+
+ Und fließt zusammen
+ Mit sich -- und fühlt nur Tanzen,
+ Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen --
+ Es hebt sie einsames Gefieder
+ Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder.
+
+
+Musik des Kämpfers.
+
+ Von Stern zu Stern
+ Wie an schwankenden Ringen
+ Sausen wir durch die Welt.
+
+ Vom Dunkel zur Freundschaft,
+ Von Freundschaft zur schaffenden Einsamkeit schwingen
+ Wir uns durch die Erde.
+
+ Aber das steigt nicht
+ Vom Seufzen zum Singen:
+ Dahinter winkt wieder Finsternis, und wieder Licht.
+
+ Wie Sturm, Blitz und Fluß
+ Miteinander verschlingen
+ Sich ewig in uns, ewig zugleich:
+
+ Dunkles Tasten an der Wahrheit Wand,
+ Feuriger Freundschaft Weltdurchdringen,
+ Zeugung der Wahrheit und Welt aus uns!
+
+ Drei Gewalten, die um jedes
+ Kämpfers Seele miteinander ringen,
+ Heben ihn nur himmlisch über sich empor!
+
+ Schöpfung kreist
+ Aus ihrem An-einander-klingen:
+ Aus Musik des Kämpfers wächst rings Gottes Geist.
+
+
+Nacht im Dorfe.
+
+ Vor der verschlungnen Finsternis stöhnt,
+ Stöhnt mein Mund,
+ Ich an Lärmen unruhig gewöhnt,
+ Starre suchend rund:
+
+ Berge von Bäumen behaart ruhn
+ Schwarz wüst herein,
+ Was ihre Straßen nun tun,
+ Äußert kein Schein, kein Schrei'n.
+
+ Aber ein wenig sich zu irrn
+ Wünscht, wünscht mein Ohr!
+ Schwänge nur eines Käfers Schwirrn
+ Mir ein Auto vor.
+
+ Wäre nur ein Fenster drüben bewohnt,
+ Doch im gewölbten Haus
+ Nichts als Sterne und hohlen Mond
+ -- Halt ich nicht aus --
+
+ Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allmächtig umstellt,
+ Fremd, fremd und nah --
+ Durch den See noch näher geschwellt
+ Liegt es lautlos da.
+
+ Aber glaubt mich nicht schwach.
+ Daß ich -- soeben die Stadt noch gehaßt,
+ Nun das Land flieh --: es ist nur die Nacht,
+ Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefaßt --
+
+ Wie du tot oder tausendfach unbekannt
+ Mein schwarzes Bett umlangst,
+ Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand,
+ Gottlose Angst --
+
+
+Fahrt.
+
+ Der D-Zug schreit und steigert sich, der Mond steht hell --
+ O Einklang aller Füße langsam -- Füße schnell!
+ Die Herzen schlagen
+ Auf blanker Schiene mit den Wagen.
+
+ Wir sind ein Schwarm dem spröden Schritt der Städte fern!
+ Ihr Häuser fort! mit uns fährt eisern nur der Stern.
+ Die Dörfer blinken,
+ Von unserm Sturm verlöscht versinken.
+
+ Versenken wir das Aschengrau der Abendwelt!
+ Wie gutes Blut zerschmilzt der Zug, was uns umstellt.
+ Gebirge gleiten
+ In Seen .. ins Meer der Schnelligkeiten.
+
+ Doch wir gezackt wie Wolken aus dem glatten Meer
+ Mit einem Atem dampfen wir darüber her
+ Und brausend sehen
+ Wir brausendere Sterne stehen ..
+
+ Seht auf, seht auf .. da steigt und schreit und hebt der Zug
+ Uns hoch in Glanz .. das Gleis verstummt .. die Nacht wird Flug ..
+ Wir alle flammen
+ Im wildren Schmelz des Sterns zusammen!
+
+ Und nagelt uns die Bremse auf Stationen fest,
+ Wir fahren noch .. ins muffige Hotel gepreßt!
+ Aus Fenstern neigen
+ Wir uns und sausen Sternenreigen.
+
+
+Die Stirn.
+
+ Himmel baut sich um die Brust mir bis zum Kiefer,
+ Aber durchbrechend sein Dach
+ Sproßt mein Auge frei hinaus, indes die Hüften tiefer
+ Stehen in Wiese und Luft, grünem und blauem Gemach!
+
+ Aber durchbrechend das Dach -- in welchen Räumen
+ Wächst mein Haupt? Unten in Meer
+ Und Wald und irdischen Maschinen schäumen
+ Die Dinge lärmend und schwer --
+
+ Dennoch nur wie leiser Schlaf in engen Wänden,
+ Wie ein bescheidenes Spiel!
+ Aber riesig über Himmelsschultern, Bergeslenden,
+ Schwebt die Stirn, -- Sonne auf schmächtigem Stiel,
+
+ Drache, unerschöpflich über seinen Hälsen,
+ Mond über Ebbe und Flut,
+ Hochgebirg über allen Felsen,
+ Reicht die Stirn in jede Glut!
+
+ In das Schicksal reicht die Stirn -- und kann nicht siegen,
+ Aber singen! -- bis sie dem Schicksal gleicht an Glanz,
+ Aus der Erde klingend weltallgebogne Spiralen durchfliegen,
+ Bis sie hoch in den Sternen -- mit Menschen sich trifft im Tanz.
+
+
+
+
+Paul Zech.
+
+Geboren am 19. Februar 1881 zu Briesen. -- Schollenbruch 1912. Die
+eiserne Brücke 1913. Der Wald 1914. Das schwarze Revier 1914. Der
+feurige Busch 1919. Golgatha 1919. Das Terzett der Sterne 1920. +Venus
+consolatrix+ 1921.
+
+
+Die Häuser haben Augen aufgetan ...
+
+ Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind
+ und mauerhart in dem Vorüberspülen
+ gehetzter Stunden; Wind bringt von den Mühlen
+ gekühlten Tau und geisterhaftes Blau.
+
+ Die Häuser haben Augen aufgetan,
+ Stern unter Sternen ist die Erde wieder,
+ die Brücken tauchen in das Flußbett nieder
+ und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn.
+
+ Gestalten wachsen groß aus jedem Strauch,
+ die Wipfel wehen fort wie träger Rauch
+ und Täler werfen Berge ab, die lange drückten.
+
+ Die Menschen aber staunen mit entrückten
+ Gesichtern in der Sterne Silberschwall
+ und sind wie Früchte reif und süß zum Fall.
+
+
+Bettler im Spätherbst.
+
+ Den leeren Ranzen lässig umgesackt
+ und grünen Filzhut windschief auf den Strähnen,
+ so schiebt er sich ins Dorf, wo sattes Gähnen
+ rauchwirbelnd über feuchte Dächer flackt.
+
+ Er probt mit langen Fingern, die von Gicht
+ krummstehn, das Tür-an-klopfen,
+ und weitet Taschen aus zum Brotverstopfen
+ und setzt in Kummerfalten das Gesicht.
+
+ Sturm orgelt lauter auf in den Kaminen
+ und Tor an Tor knirscht krachend im Verschluß ....
+ Armselig, wer nun wandern, wandern muß.
+
+ Man wirft aus Fenstern Fäuste jähzornschwer,
+ und hetzt Gebrüll von Hunden hinterher.
+ ... Der Nebel gittert graue Eisgardinen.
+
+
+Dorf im Mittag.
+
+ Das Dorf liegt aufgebahrt. Ein Wetterriegel
+ schiebt schwarz sich vor: die Sonne abzusperrn.
+ Doch die steil abgeschrägten Dächerziegel
+ halten die Hitze unter rotem Siegel
+ zitternd von aller Kühle fern.
+
+ Verzweifelt strebt der Rauch aus den Kaminen
+ in den verbleiten Horizont empor.
+ Die Fenster ruhn verschlossen in Gardinen,
+ und des Gesindes abgespannte Mienen
+ beschattet tief des Schlafes Flor,
+
+ bis wie ein Traumschrei aus den Schlummerzellen
+ die Dreschmaschine heult und wie ein Pfeil
+ in angestrengtem Vorwärtsschnellen
+ die Luft zerschneidet, messerscharf und steil.
+
+
+Es kam ein Wind ...
+
+ Es kam ein Wind von Frühlingsland,
+ der riß vom Strom das Silberband
+ und ließ die blauen Schimmerwellen tanzen.
+
+ Da fiel der Nebel wie zerschlitzt
+ ins Uferrohr, das, rot beglitzt,
+ emporwuchs wie ein Wald von goldnen Lanzen.
+
+ Und alle Wiesen wurden wasserfrei,
+ Alarm beflammte Kuckucksruf und Kiebitzschrei,
+ bis, losgelassen von den Farmen,
+
+ die jungen Pferde Funken schlugen querfeldein,
+ als müßten sie im Fliegen noch den Stein
+ vor lauter Blut umarmen.
+
+
+
+
+Stefan Zweig.
+
+Geboren am 28. November 1881 zu Wien. -- Gesammelte Gedichte 1921.
+
+
+Singende Fontäne.
+
+ Blauer Blick des Mondescheines
+ Kühlte meines Zimmers Wand;
+ Da hört' ich die Stimme eines,
+ Der im Dunkel unten stand.
+
+ Und wie ich die Scheibe staunend
+ In den Garten niederbog,
+ War es Singen, süß und raunend,
+ Das zu mir ans Fenster flog.
+
+ Keinen sah ich. Nur im Dunkeln
+ Blinkte das erhellte Spiel
+ Der Fontäne, die mit Funkeln
+ Zwischen Busch und Bäume fiel.
+
+ Unruhvoll und doch beständig
+ Schien das silberne Getön
+ Wie ein lautes Herz lebendig
+ Durch die Brust der Nacht zu gehn.
+
+ Und ich fragte: »Warum rauschst du
+ Heute mir zum erstenmal?« --
+ Und ich horchte: »Warum lauschst du
+ Heute mir zum erstenmal?
+
+ In das heiße Gold der Tage,
+ Stumm im Steigen, Lied im Fall,
+ Durch den Samt der Nächte trage
+ Stet ich den erregten Schwall
+
+ Meiner eignen Überfülle,
+ Und du, der mir nahe ruhst,
+ Wirst erst durch den Gruß der Stille
+ Unsrer Brüderschaft bewußt?
+
+ Hast du nie denn an der Schwelle
+ Des Erwachens wirr gefühlt,
+ Daß dir eine lautre Welle
+ Nächtens durch dein Herz gespült,
+
+ Daß mein Singen dich durchwebte
+ Und im Schlafe aufwärts schwoll,
+ Bis es Blut um Blute lebte
+ Und an deine Lippen quoll,
+
+ Bis als Lied der eingeengte
+ Schauer einer fremden Lust,
+ Die ein Traum in dich versenkte,
+ Wild aufbrach aus deiner Brust?
+
+ So in dein Geschick verflechte
+ Ich mir meines Lebens Spur,
+ Und bin doch im Kreis der Mächte
+ Eine leise Stimme nur,
+
+ Eines von den stummen Dingen,
+ Die dein Wesen zauberhaft
+ Und geheimnisvoll durchdringen,
+ Und von deren steter Kraft
+
+ Nur verloren-leise Kunde
+ Manchmal deine Seele faßt,
+ Wenn du dich hinab zum Grunde
+ Eines Traums getastet hast.«
+
+ Immer ferner schien der Schimmer,
+ Immer dunkler Wort und Sinn,
+ Doch mein Herz lauschte noch immer
+ Nach der weißen Stimme hin,
+
+ Die vom Garten, bald wie Trauer,
+ Bald wie Lächeln, wundersam
+ Über Bäume, Busch und Mauer
+ Schwebend an mein Lager kam,
+
+ Und an meine Brust sich schmiegend
+ Ihrer Worte Wiege schwang,
+ Bis ich, fern im Schlummer liegend,
+ Glanz nur fühlte und Gesang.
+
+
+Schwüler Abend.
+
+ Ist es schon Abend? Ich will nicht hinaus,
+ Vergeblich flimmert ihr, o buhlerische Sterne!
+ Faß mich doch enger, du vertrautes Haus,
+ Reiß mich an dich, gib mich nicht an die Ferne,
+ Lieg nicht so träg, so stumm, so atemlos,
+ Sprich jetzt zu mir! Ich brauche einen,
+ Der zu mir spricht in dieser Zwielichtstunde,
+ Hörst du: Ich brauche einen, sei es bloß
+ Das Ticken einer Uhr, ein Kinderweinen,
+ Das Knurren nur von einem nahen Hunde,
+ Nur nicht dies fröstelnde Verlassenscheinen,
+ Nur Etwas, das dies drohende Gewicht
+ Der ganz verstummten Stube von mir hält,
+ Und daß des Herzens Hammer nicht
+ So ohne Antwort in die Stille fällt!
+
+ Haus, halt mich fest! Zu viel
+ Von meinen Nächten hab' ich hingegeben
+ An dieses sinnlich aufgepeitschte Spiel.
+ Wie bin ich müd, die abenteuerlich
+ Erregte Luft, die lichterlose Schwüle
+ Der stummen Gassen an mein Kleid, an mich,
+ Und endlich flackernd in mir selbst zu fühlen.
+ Schließ du mich, Buch, in deine dunklen Zeilen,
+ Senkt, Briefe, ihr dies in die Ferne Streben
+ In lieber Menschen Bild, in eine Frau,
+ Beschwichtigt ihr das nun vom Abend lau
+ Aufschwülend unerklärliche Verlangen,
+ Des Blutes Unruh in die Nacht zu jagen!
+ Dies willenlose Durch-die-Gassen-Treiben,
+ Ob mich nicht Etwas aus dem Dunkel will,
+ Dies lüstern Spähn, dies angespannte Hangen
+ An jeder mattbeglänzten Fensterscheibe --
+ Wird dieses knabenhaft verworrne Treiben
+ Denn noch nicht in mir still?
+
+ Nein, halt mich, Haus! Verschließ mit dunklen Scheiben
+ All meine Unrast: und ich bleibe dein.
+ Ich selbst will ja den Abend so, nur so,
+ Wie er den andern ist: ein Müdesein,
+ Nur so,
+ Als sinke mit den schwindenden Kulissen
+ Ein buntes Spiel in bilderlose Räume.
+ Nicht will ich mehr. Vielleicht noch irgendwo
+ Freund oder Frau, ein mir Vertrautes wissen, --
+ Und dann nur Träume, bilderlose Träume.
+
+
+
+
+Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge.
+
+
+Ach, daß du lebtest! 165.
+
+Ach, noch immer glaube ich 237.
+
+Alle Frühlingsbläue 100.
+
+Alle Landschaften haben 105.
+
+Als ich dann wieder in die Heimat kam 83.
+
+Als ich erwachte heut morgen 89.
+
+Als tot auf schlechtem Gasthofbette 230.
+
+Am Abend schweigt die Klage 251.
+
+Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind 286.
+
+Am Saume eines fruchtbewachsenen 186.
+
+Am Schlehdorn, am Schlehdorn 65.
+
+Am süßen lila Kleefeld 38.
+
+An der Brücke stand 195.
+
+An ferne Berge schlug 164.
+
+An jedem Tage gibt's 238.
+
+An manchem Abend 64.
+
+An Ufern des Rheins 186.
+
+Auf Blut und Leichen 157.
+
+Auf deinem Haupt schmolz 39.
+
+Auf deinen Wangen liegen 150.
+
+Auf der Magdalenenspitze 169.
+
+Auf die Terrasse war ich 156.
+
+Auf einmal weiß ich viel 205.
+
+Auf steilem Felsrücken hingestreckt 180.
+
+Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen 253.
+
+Aus dem Rosenstocke 20.
+
+Aus einer Wallfahrtskirche 181.
+
+Aus silbergrauen Gründen 187.
+
+Aus weißen Wolken 134.
+
+
+Baronin Colombine 216.
+
+Beginn der Klänge zwischen dir und mir! 11.
+
+Bei einer stehn im Fensterrahmen 171.
+
+Bevor ich diesen Inselstrand verließ 185.
+
+Blauer Blick des Mondescheines 288.
+
+Bläulicher Flieder 117.
+
+
+Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande 278.
+
+Da spülst du bunte Muscheln 182.
+
+Das dank' ich dir 72.
+
+Das Dorf liegt aufgebahrt 287.
+
+Das Fräulein ging am Meeresstrand 70.
+
+Das Gewand meiner Seele 110.
+
+Das Glück ist ein leerer Schall 237.
+
+Das Hängelämpchen qualmt 164.
+
+Das ist das Furchtbare 4.
+
+Das ist der Erde furchtbares 234.
+
+Das ist unser schweigender 233.
+
+Das junge Liebchen saß bei mir 178.
+
+Das Kind Madlena 79.
+
+Das Land durchströmt der Regen 228.
+
+Das Leben, glaubte ich, sei rot 23.
+
+Das Meer! -- Das Meer -- -- 227.
+
+Das rote Weinlaub hängt 22.
+
+Das sind die Abende 49.
+
+Das sind die Reden 188.
+
+Das Tal ist wie aus klarem Golde 172.
+
+Daß einmal mein dies Leben war 265.
+
+Daß von Geheimnissen 92.
+
+Dein Antlitz war mit Träumen 122.
+
+Dein Haar hat Lieder 99.
+
+Deine Augen leuchten 5.
+
+Deine feinen Hände 13.
+
+Deine Himmel sind mir viel zu süß 115.
+
+Deine Nächte klagen 5.
+
+Deine Rosen an der Brust 189.
+
+Deine Wimpern, die langen 108.
+
+Dem Rauch einer Lokomotive 60.
+
+Den Hengst, den Hengst! 170.
+
+Den leeren Ranzen lässig umgesackt 286.
+
+Denkst du daran, wie du 87.
+
+Der Abend graut 50.
+
+Der Abend weht Sehnen 143.
+
+Der Abendhimmel leuchtet 41.
+
+Der dunkle Herbst kehrt ein 249.
+
+Der D-Zug schreit und steigert sich 284.
+
+Der Fels wird morsch 147.
+
+Der Heimweg führte mich 26.
+
+Der lange Junitag 153.
+
+Der Markusturm, der bunte 230.
+
+Der Mond betrat der Urnacht Land 184.
+
+Der Mond geht groß 42.
+
+Der Tod wird uns an seine Hände nehmen 24.
+
+Die Amseln haben Sonne 38.
+
+Die andern sprachen 25.
+
+Die Bäume lauschen 61.
+
+Die Blätter fallen 203.
+
+Die Buche sagt: Mein Walten 34.
+
+Die da nicht kommen 2.
+
+Die du so fern bist 83.
+
+Die Dunkelheit hat alle Wege 42.
+
+Die Engel der Liebkosung 222.
+
+Die frühste Sonne legt sich 158.
+
+Die Gärtner legten ihre Beete 124.
+
+Die glatten, leisen, lustwarmen Weisen 223.
+
+Die Glocken läuten dann 247.
+
+Die großen Feuer warfen 161.
+
+Die Hand ganz lang im Grase 96.
+
+Die Instrumente her! 165.
+
+Die jubelnd nie den überschäumten Becher 84.
+
+Die Krähen schrein 194.
+
+Die Luft so schwer 39.
+
+»Die Lüge« sagst du 237.
+
+Die menschenblasse Rose 164.
+
+Die müde schon verglühte 31.
+
+Die Rosen leuchten immer noch 48.
+
+Die Sommernacht, und andachtvoll 40.
+
+Die Sterne fliehen schreckensbleich 144.
+
+Die Sterne sind zu groß 174.
+
+Die Stirnen der Länder 105.
+
+Dies ist mein Glück 211.
+
+Dies schick' ich dir, mein Liebling 73.
+
+Drei Stürme liebt' ich ihn 146.
+
+Drüben du, mir deine weiße 72.
+
+Du bist der schönste 13.
+
+Du bist nicht bang, davon zu sprechen 199.
+
+Du ferne Flöte 65.
+
+Du Gott, ich hasse dich 98.
+
+Du hast deine warme Seele 149.
+
+Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt 146.
+
+Du hattest einen Glanz 54.
+
+Du kamst, erregt 12.
+
+Du meines Blutes Unruh 88.
+
+Du mit der Stirne voller Licht 104.
+
+Du sprichst von Sünde gleich 141.
+
+Du träumtest dieses Lebens Wirren 26.
+
+Du weißt, wir bleiben einsam 278.
+
+
+Eh' mir aus der Scheide schoß 115.
+
+Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch 19.
+
+Ein Blütenzweig, blaßrosa 212.
+
+Ein frischer Hügel ist's 70.
+
+Ein sanftes Glockenspiel 255.
+
+Ein schwarzes Vöglein 187.
+
+Ein Spielmann auf seiner Geige strich 215.
+
+Ein Wagen steht vor einer 35.
+
+Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen 260.
+
+Ein weißes Grau hüllt weit 226.
+
+Eine Heimat hat der Mensch 233.
+
+Eine plötzliche Stille 246.
+
+Einen guten Grund hat's 141.
+
+Einmal vor manchem Jahre 138.
+
+Entführ' mich, wie ich bin 258.
+
+Entgegengeschmiedet auf schroffem Fels 115.
+
+Er hat seinen heiligen Schwestern 144.
+
+Er schwenkte leise seinen Hut 259.
+
+Er schwirrte nächtens 10.
+
+Erhitzt und müde, durstig 165.
+
+Erkennen ist noch Hast 275.
+
+Es braust noch immer in der Welt 259.
+
+Es ebbt. Langsam dem Schlamm 163.
+
+Es ist ein Reihen geschlungen 16.
+
+Es ist ein Weinen in der Welt 149.
+
+Es kam ein Wind von Frühlingsland 287.
+
+Es läuft der Frühlingswind 117.
+
+Es liegt ein Plan in einem weiten 66.
+
+Es rauscht durch unseren Schlaf 145.
+
+Es rinnen rote Quellen 24.
+
+Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde 257.
+
+Es treibt vorüber mir 158.
+
+Es war einmal, ich weiß nicht wann 68.
+
+
+Februarschnee tut nicht mehr weh 76.
+
+Fräulein Gigerlette 18.
+
+
+Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl 136.
+
+Ganz still zuweilen wie ein Traum 77.
+
+Geöffnet sind meine Fenster 245.
+
+Gewitter drückt auf Sanssouci 168.
+
+Gib mir nur die Hand 52.
+
+Gottes Krallenhand zerreißt 101.
+
+Graue Engel gehen um mich 37.
+
+Greife wacker nach der Sünde 260.
+
+Grenz' ich an dich im Grenzenlosen 62.
+
+Groß ist das Leben und reich 86.
+
+
+Hab' ich doch alles nun geküßt 224.
+
+Hab' nicht zu lieb die knospende Rose 228.
+
+Hab' Sonne im Herzen 74.
+
+Halte mir einer von euch Laffen 219.
+
+Halte wach den Haß 93.
+
+Hart stoßen sich die Wände 177.
+
+Heiterkeit, güldene, komm! 197.
+
+Herbst ist es, siehst du die Blätter 139.
+
+Herbsttag, und doch wie weiches 155.
+
+Herr Holger am Kamine sitzt 229.
+
+Hier ist das Land. So rudert 87.
+
+Hier saß ich, wartend 196.
+
+Himmel baut sich um die Brust 285.
+
+Hör' mich, Mutter, höre mich! 137.
+
+
+Ich dachte gestern nacht 258.
+
+Ich fühle keinen Schmerz 17.
+
+Ich hab' es nie so tief gewußt 80.
+
+Ich hab' kein Haus 44.
+
+Ich habe die lange schwüle Nacht 218.
+
+Ich habe keine Schmerzen 237.
+
+Ich habe Nächte dafür geopfert 75.
+
+Ich hatte so viel dir zu berichten 141.
+
+Ich hörte den Wind 185.
+
+Ich lag auf dem Meer 183.
+
+Ich lauschte in die Krone des Baums 277.
+
+Ich liebe unter allen 248.
+
+Ich liege ganz still 221.
+
+Ich liege in gläsernem Wachen 268.
+
+Ich liege mit der Zigarette 217.
+
+Ich liege mit einer Frau 178.
+
+Ich mache das Fenster auf 256.
+
+Ich möcht' es kosten 180.
+
+Ich möchte mir Freuden 41.
+
+Ich möchte wandern 36.
+
+Ich reichte einem Kranken 263.
+
+Ich reite stumm aus dem Turnier 102.
+
+Ich sah dich den Amseln 1.
+
+Ich sah sie einst. Sie stand 36.
+
+Ich saß im Glühn der toten 79.
+
+Ich schlich mich an das Roß heran 219.
+
+Ich sehe den Bäumen die Stürme an 203.
+
+Ich soll erzählen 103.
+
+Ich tat große Dinge 183.
+
+Ich träume wieder 103.
+
+Ich tu' mir Zwang 256.
+
+Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren 261.
+
+Ich weiß, daß ich sterben muß 138.
+
+Ich weiß es wohl, wie du 234.
+
+Ich weiß -- ich weiß 28.
+
+Ich weiß, mein Lied wird 44.
+
+Ich will hier Feste geben 126.
+
+Ich will meine bloßen Hände 222.
+
+Ich wohne, wo die Wolken gehn 231.
+
+Ich wollte dich mit Rosen 29.
+
+Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne 130.
+
+Im Arm der Liebe 85.
+
+Im Feld ein Mädchen singt 247.
+
+Im Haar ein Nest von jungen 106.
+
+Im Lande der Torheit 86.
+
+Im Mondlicht und im Sonnelicht 182.
+
+Im Schimmer des Mondes 15.
+
+Im Sklavendienst der Lüge 28.
+
+Im Weizenfeld, in Korn und Mohn 153.
+
+In deinem Angesicht 39.
+
+In deiner lieben Nähe 69.
+
+In dem sanften Wallen 266.
+
+In der gelben und grünlichen 43.
+
+In des Hades Grüfte 139.
+
+In die dunkle Bergschlucht 51.
+
+In dieser Märznacht 243.
+
+In einem Garten, unter dunklen 134.
+
+In ihren Locken haftete 85.
+
+In kalten, steifen Engen 172.
+
+In nackter Wüste ruht 167.
+
+In scheuer Lust -- doch nimmermehr 88.
+
+In Wirbeln geht der Strom 235.
+
+Ist es schon Abend? 290.
+
+
+Ja? Gab es Tage, wo ich selbst 173.
+
+Ja, in der Jugend war ich 179.
+
+Jahrelang sehnten wir uns 71.
+
+Jetzt, da ich zehn Jahrtausende 95.
+
+Jetzt kommt die Nacht 142.
+
+
+Kaminfeuer und Morgenrotschimmer 56.
+
+Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken 218.
+
+Kein Liebeswort 249.
+
+Keine Furcht der Erde 100.
+
+Klar ruhn die Lüfte 47.
+
+Kleine Schwester Irene 91.
+
+Komm, denn der Abend kommt 241.
+
+König Kophetua 215.
+
+Korn. Saaten. Und des Mittags 107.
+
+
+Länder und Seen durchschwommen 7.
+
+Laß mich in deinem stillen Auge 37.
+
+Laß uns Blumen pflücken gehn 69.
+
+Leise laß sie ihren Reigen führen 239.
+
+Leise, leise fallen weiße Flocken 23.
+
+Lieber auf eigene Rechnung 77.
+
+Liegt eine Stadt im Tale 50.
+
+Lösche alle deine Tag' 242.
+
+
+Manche freilich müssen drunten sterben 120.
+
+Mancher ist betrübt gegangen 78.
+
+Mein armer Kopf lag still 84.
+
+Mein Blick, nun weide dich 30.
+
+Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten 269.
+
+Mein Herz so ganz in dir beglückt 78.
+
+Mein Jüngling, du, ich liebe dich 90.
+
+Mein Traum ist eine junge, wilde Weide 148.
+
+Meine Freunde sind schwank wie Rohr 62.
+
+Meine Jugend hängt um mich 176.
+
+Meine Mutter sang 22.
+
+Meiner Jugend Träume 4.
+
+Menschen sterben von mir ab 279.
+
+Mich jammerte dein graues Dämmerweh 184.
+
+Mir bangt um dich 1.
+
+Mir ist, als ob der Friede 221.
+
+Mir war, als ginge 124.
+
+Mistralwind, du Wolkenjäger 192.
+
+Mit blutgemiedener langer schmaler Hand 216.
+
+Mit dem Monde will ich wandeln 34.
+
+Mit leisem Herzen 66.
+
+Mit metallhartem Rotgelb 33.
+
+Mit silbergrauem Dufte 121.
+
+Mond, alte Blumen 12.
+
+Mond und Liebe 15.
+
+Moosgrün aus Samt 17.
+
+Mutwillige Mädchenwünsche 110.
+
+
+Nacht, die aus den Sternen quillt 82.
+
+Nacht kam herein. Und morgen 263.
+
+Nächtlich war's am stillen Weiher 142.
+
+Nah wie Löcher eines Siebes 279.
+
+Nicht der Nachtigall 140.
+
+Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt 17.
+
+Nicht lange durstest du noch 196.
+
+Niemals wieder will ich 274.
+
+Ninon heißt sie. Ihre Mutter 129.
+
+Noch _einmal so_! Im Nebel 52.
+
+Noch hängt ein scheues Vogellied 97.
+
+Noch niemals fiel es 189.
+
+Noch spür' ich ihren Atem 121.
+
+Nun beugt die Nacht sich singend 179.
+
+Nun kam der Abend 236.
+
+Nun schweig und fühle 6.
+
+Nun sind vor meines Glückes Stimme 245.
+
+Nun wieder, mein Vater, ist kommen 275.
+
+Nur der Wind weiß 99.
+
+
+O hättest du gelernt 127.
+
+O mein Geliebter -- in die Kissen 53.
+
+O Mensch! Gib acht! 195.
+
+O sieh das Spinnennetz 188.
+
+Ob du wohl auch so schlaflos liegst 51.
+
+Oft in der stillen Nacht 20.
+
+Oft war sie als Kind 206.
+
+Oft, wenn die stille Mitternacht 232.
+
+Ohne Sorgfalt, was die Nächsten 210.
+
+
+Reicht mir in der Todesstunde 261.
+
+Rote Rosen winden sich 133.
+
+
+Schon deckt beschattend 45.
+
+Schon taucht der Mond 98.
+
+Schönheit ist Atem 240.
+
+Schwer schweigt der Wald 235.
+
+Schwermütig wächst mein Frieden 234.
+
+Seele meines Weibes 115.
+
+Sei nicht traurig 75.
+
+Sein Freund, der Türmer 128.
+
+Seit du mir ferne bist 136.
+
+Septemberabend; traurig tönen 251.
+
+Sie fanden ihn -- 3.
+
+Sie lassen sich am Ufer nieder 238.
+
+Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus 280.
+
+Sie stehn im Schein der Kerzen 244.
+
+Sie trug den Becher in der Hand 119.
+
+Sie wirbelt weich, die Hände schwingend, vor 280.
+
+Sieh da droben die Rosen! 116.
+
+Silbern überflogen 104.
+
+Singe nicht so hell und laut 220.
+
+So flieh, enttanze 281.
+
+So regnet es sich langsam ein 74.
+
+So reich bist du 274.
+
+So in die still verschneite Nacht 248.
+
+So lange blieb sie fest geschlossen 78.
+
+So war's auch damals schon 49.
+
+Sonne, herbstlich dünn und zag 250.
+
+Soviel Lüftchen wehn und vergehn 246.
+
+Spät, wenn die alte Uhr geschlagen 220.
+
+Statt der Blumen und Blätter 43.
+
+Steht eine Mühle am Himmelsrand 160.
+
+Stille in nächtigem Zimmer 252.
+
+Stille! oh stille! 214.
+
+Stille weht in das Haus 40.
+
+
+Tag meines Lebens 197.
+
+Tag um Tag 63.
+
+Taucht nur, senkt nur eure wilden 264.
+
+Tiefdunkelroter Scharlachschein 73.
+
+Trauernd stehst du 26.
+
+Traumhaft hinschlendern 15.
+
+Trinkend hatt' ich erharrt 181.
+
+
+Über ein Glück, das du flüchtig 143.
+
+Über mir im Blauen 104.
+
+Um bei dir zu sein 135.
+
+Und abermals wirst du 27.
+
+Und als ein solcher klarer 257.
+
+Und als ich gegen den Marktplatz kam 213.
+
+Und bin ich auch in mancher Stunde 224.
+
+Und es rauscht nur und weht 58.
+
+Und ich führte das blonde 227.
+
+Und ich sah dich nachts 217.
+
+Und immer fremder sind mir 81.
+
+Und Kinder wachsen auf 119.
+
+Und sie herzten sich 4.
+
+Unruhig steht der hohe Kiefernforst 46.
+
+Unsere Augen so leer 40.
+
+Unsere Leiber zerfallen 7.
+
+
+Vollkommen ist die Stille 254.
+
+Vom Dorf her durch die Nacht 241.
+
+Vom stolzen Glück des eignen Werts 211.
+
+Von blauem Tuch umspannt 174.
+
+Von Stern zu Stern 282.
+
+Vor der verschlungnen Finsternis 283.
+
+Vor meinem Fenster singt ein Vogel 133.
+
+
+Wachet und betet mit mir! 190.
+
+Wanderer im schwarzen Wind 253.
+
+Wann ich von dir gehe 180.
+
+Warum, warum diese neue Angst? 271.
+
+Was ist das Glück? 242.
+
+Was kann ich für dich tun?!? 2.
+
+Was waren Frauen 243.
+
+Weiß ich, daß Stunden 91.
+
+Weite Wiesen im Dämmergrau! 19.
+
+Welch ein Schweigen 187.
+
+Wenn die Felder sich verdunkeln 51.
+
+Wenn die große Sehnsucht wieder kommt 221.
+
+Wenn die Nacht von dannen geht 6.
+
+Wenn die Rosen des Morgens 6.
+
+Wenn ich leide, wenn ich dulde 59.
+
+Wenn kalt der Regen 81.
+
+Wenn noch die Eitelkeit 265.
+
+Wenn sie wandeln 239.
+
+Wer hat die Wolken zerbeult? 43.
+
+Wer in die Nacht geht 240.
+
+Wer jetzt weint irgendwo 198.
+
+Wie deine grüngoldnen Augen 114.
+
+Wie der wilde Gletscherbach 189.
+
+Wie eigen ich dich einst küßte! 227.
+
+Wie ein heimlicher Brunnen 147.
+
+Wie eine Blume, drüberhin 13.
+
+Wie geisterhaft im Sinken 258.
+
+Wie ich dich überall sehe 226.
+
+Wie ich mich auf den Frühling freue! 30.
+
+Wie in der Hand ein Schwefelzündholz 209.
+
+Wie lang' schon darb' ich 63.
+
+Wie Vögel, welche sich gewöhnt 207.
+
+Wieder wandelnd im alten Park 250.
+
+Winde quälen die Bäume 38.
+
+Wie hielten uns umschlungen 224.
+
+Wir haben wohl ein Lachen 27.
+
+Wir saßen an zwei Tischen 191.
+
+Wir sind aus solchem Zeug 123.
+
+Wir sind zwei Schatten 80.
+
+Wir standen unter alten 162.
+
+Wir tauchten aus dem Strom 24.
+
+Wir träumen über die Erde hin 213.
+
+Wir wehen durch die Lüfte 14.
+
+Wochen, Wochen sprach ich 61.
+
+Wolkenschatten fliehen 170.
+
+
+Zünd festlich im Salon 211.
+
+Zwei Menschen gehn 54.
+
+Zwei Schwestern sah ich heut 270.
+
+Zwischen duftigen Büschen 262.
+
+Zwischen mir und meinem trunknen Leben 82.
+
+Zwischen zwei dunklen Wogen 182.
+
+Zwischen zwei Rappen 55.
+
+Zwölf Morgenhellen weit 148.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various
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+Title: Deutsche Lyrik seit Liliencron
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+Author: Various
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+Editor: Hans Bethge
+
+Release Date: March 25, 2009 [EBook #28411]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LYRIK SEIT LILIENCRON ***
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+Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner
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+
+<div>
+<a name="abb_liliencron" id="abb_liliencron"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 377px;">
+<img src="images/liliencron.jpg" width="377" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Detlev von Liliencron</span>
+</div>
+
+
+<h1><span class="big">Deutsche Lyrik</span><br />
+seit<br />
+<span class="big spaced">Liliencron</span></h1>
+
+
+<p class="center" style="margin-top: 6em; margin-bottom: 1em;">Herausgegeben von</p>
+<p class="title big spaced" style="margin-top: 1em;">Hans Bethge</p>
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 100px; margin-top: 6em; margin-bottom: 6em;">
+<img class="plain" src="images/emblem.png" width="100" height="112" alt="Verlags-Signet" title="" />
+</div>
+
+
+<p class="center">Hesse &amp; Becker Verlag</p>
+
+<p class="center spaced" style="margin-bottom: 6em;">Leipzig</p>
+
+<p class="center">Einundsiebzigstes bis achtzigstes Tausend</p>
+
+<p class="center" style="margin-bottom: 6em;">Mit zehn Bildnissen</p>
+
+<p class="center">Einband- und Titelentwurf vom Graphiker P. Hartmann<br />
+Druck und Einband von Hesse &amp; Becker in Leipzig</p>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2>Vorwort.</h2>
+
+
+<p>Dieses Buch besitzt eine innere Einheit nicht.
+Es umfa&szlig;t die lyrische Entwicklung von etwa vier
+Jahrzehnten, deren sichtbares Resultat ein weitreichender
+Umsturz der k&uuml;nstlerischen, politischen und
+sozialen Begriffe gewesen ist. Das Buch zeigt in
+engerem Sinne die Entwicklung von dem naturalistischen
+Impressionismus Detlev von Liliencrons
+bis zu dem erregten Expressionismus Franz Werfels.
+Es ist der Weg vom betont sinnlichen zum
+betont geistigen Erlebnis, den auch die bildende
+Kunst in dieser Epoche gegangen ist, der Weg von
+der lyrischen Stimmung zum lyrischen Bekenntnis,
+vom seelischen Klang zum seelischen Schrei. Sehr
+reizvolle Etappen liegen auf diesem Wege, die
+Seiten des vorliegenden Buches bezeugen es. Wohin
+der Weg f&uuml;hrt, ist unklar. Wir wollen hoffen,
+da&szlig; die Reaktion auf die emp&ouml;rerische K&uuml;hnheit,
+auf die Manifestation gepeitschter Gef&uuml;hle, wie sie
+die j&uuml;ngste Generation uns darbietet, glimpflich verl&auml;uft
+und da&szlig; uns wenigstens ein allzublasses Nazarenertum
+erspart bleiben m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Fr&uuml;hjahr 1921.</p>
+
+<p class="right" style="margin-right: 15%">H. B.</p>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2>Inhalt</h2>
+
+
+<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
+<tr><td></td><td class="onpage">Seite</td></tr>
+<tr><td class="author"><a href="#Altenberg"><em class="spaced">Altenberg</em>, Peter</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Liebesgedicht</td><td class="onpage"><a href="#Page_1">1</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Das Bangen</td><td class="onpage"><a href="#Page_1">1</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ljuba</td><td class="onpage"><a href="#Page_2">2</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Was kann er f&uuml;r sie tun?!?</td><td class="onpage"><a href="#Page_2">2</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Arent"><em class="spaced">Arent</em>, Wilhelm</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Das Weltgeheimnis</td><td class="onpage"><a href="#Page_3">3</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Zwei Gl&uuml;ckliche</td><td class="onpage"><a href="#Page_4">4</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Melancholie</td><td class="onpage"><a href="#Page_4">4</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Baum"><em class="spaced">Baum</em>, Peter</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Grauen</td><td class="onpage"><a href="#Page_4">4</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Liebespsalmen I&ndash;IV</td><td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nun schweig</td><td class="onpage"><a href="#Page_6">6</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Greis</td><td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Becher"><em class="spaced">Becher</em>, Johannes R.</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Verfall</td><td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Idiot</td><td class="onpage"><a href="#Page_10">10</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Musik des Abschieds</td><td class="onpage"><a href="#Page_11">11</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Bethge"><em class="spaced">Bethge</em>, Hans</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Hoffende</td><td class="onpage"><a href="#Page_12">12</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nach Sonnenuntergang</td><td class="onpage"><a href="#Page_12">12</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">An eine Kunstreiterin I&ndash;III</td><td class="onpage"><a href="#Page_13">13</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wir wehen</td><td class="onpage"><a href="#Page_14">14</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Vision</td><td class="onpage"><a href="#Page_15">15</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Hinschlendern</td><td class="onpage"><a href="#Page_15">15</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Dasein</td><td class="onpage"><a href="#Page_15">15</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Bierbaum"><em class="spaced">Bierbaum</em>, Otto Julius</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Tanzlied</td><td class="onpage"><a href="#Page_16">16</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Freundliche Vision</td><td class="onpage"><a href="#Page_17">17</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Kranke</td><td class="onpage"><a href="#Page_17">17</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Wirbel fort</td><td class="onpage"><a href="#Page_17">17</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gigerlette</td><td class="onpage"><a href="#Page_18">18</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Traum durch die D&auml;mmerung</td><td class="onpage"><a href="#Page_19">19</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Jeannette</td><td class="onpage"><a href="#Page_19">19</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die schwarze Laute</td><td class="onpage"><a href="#Page_20">20</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Oft in der stillen Nacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_20">20</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Bodman"><em class="spaced">Bodman</em>, Emanuel von</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Garten</td><td class="onpage"><a href="#Page_22">22</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Meine Mutter</td><td class="onpage"><a href="#Page_22">22</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Flocken</td><td class="onpage"><a href="#Page_23">23</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wandlung</td><td class="onpage"><a href="#Page_23">23</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Cale"><em class="spaced">Cal&eacute;</em>, Walter</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wir tauchten aus dem Strom</td><td class="onpage"><a href="#Page_24">24</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Tod wird uns</td><td class="onpage"><a href="#Page_24">24</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Es rinnen rote Quellen</td><td class="onpage"><a href="#Page_24">24</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Zwiegespr&auml;ch</td><td class="onpage"><a href="#Page_25">25</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Du tr&auml;umtest</td><td class="onpage"><a href="#Page_26">26</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Heimweg f&uuml;hrte mich</td><td class="onpage"><a href="#Page_26">26</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am Flusse</td><td class="onpage"><a href="#Page_26">26</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Und abermals wirst du</td><td class="onpage"><a href="#Page_27">27</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class='pagenum'><a name="Page_vi" id="Page_vi">[VI]</a></span>Die Andern</td><td class="onpage"><a href="#Page_27">27</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Conradi"><em class="spaced">Conradi</em>, Hermann</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Aus den Schwarzen Bl&auml;ttern:</td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Ich wei&szlig; &ndash; ich wei&szlig;</td><td class="onpage"><a href="#Page_28">28</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Im Sklavendienst der L&uuml;ge</td><td class="onpage"><a href="#Page_28">28</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sommerrosen</td><td class="onpage"><a href="#Page_29">29</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Lenz</td><td class="onpage"><a href="#Page_30">30</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mein Blick, nun weide dich</td><td class="onpage"><a href="#Page_30">30</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die m&uuml;de schon vergl&uuml;hte</td><td class="onpage"><a href="#Page_31">31</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Vor&uuml;berfluge</td><td class="onpage"><a href="#Page_33">33</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Daeubler"><em class="spaced">D&auml;ubler</em>, Theodor</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Weg</td><td class="onpage"><a href="#Page_34">34</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Buche</td><td class="onpage"><a href="#Page_34">34</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Droschke</td><td class="onpage"><a href="#Page_35">35</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Heidentum</td><td class="onpage"><a href="#Page_36">36</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Russin</td><td class="onpage"><a href="#Page_36">36</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Dauthendey"><em class="spaced">Dauthendey</em>, Max</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">La&szlig; mich in deinem stillen Auge</td><td class="onpage"><a href="#Page_37">37</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Graue Engel</td><td class="onpage"><a href="#Page_37">37</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am s&uuml;&szlig;en lila Kleefeld</td><td class="onpage"><a href="#Page_38">38</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Winde qu&auml;len die B&auml;ume</td><td class="onpage"><a href="#Page_38">38</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Amseln haben</td><td class="onpage"><a href="#Page_38">38</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Luft so schwer</td><td class="onpage"><a href="#Page_39">39</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Auf deinem Haupt</td><td class="onpage"><a href="#Page_39">39</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">In deinem Angesicht</td><td class="onpage"><a href="#Page_39">39</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Unsere Augen</td><td class="onpage"><a href="#Page_40">40</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Stille weht</td><td class="onpage"><a href="#Page_40">40</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Sommernacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_40">40</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Drinnen im Strau&szlig;</td><td class="onpage"><a href="#Page_41">41</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">M&ouml;chte rollend das Blut aller Verliebten sein</td><td class="onpage"><a href="#Page_41">41</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_42">42</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Mond ist wie eine feurige Ros'</td><td class="onpage"><a href="#Page_42">42</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nachtst&uuml;rme reiten die B&auml;ume krumm</td><td class="onpage"><a href="#Page_43">43</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wer jagt den Flu&szlig; vor sich her wie ein Tier?</td><td class="onpage"><a href="#Page_43">43</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Berge werden wie dunkle Kissen</td><td class="onpage"><a href="#Page_43">43</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#David"><em class="spaced">David</em>, Jakob Julius</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mein Lied</td><td class="onpage"><a href="#Page_44">44</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Volkston</td><td class="onpage"><a href="#Page_44">44</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_45">45</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Dehmel"><em class="spaced">Dehmel</em>, Richard</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Harfe</td><td class="onpage"><a href="#Page_46">46</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sommerabend</td><td class="onpage"><a href="#Page_47">47</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Aus banger Brust</td><td class="onpage"><a href="#Page_48">48</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ein Stelldichein</td><td class="onpage"><a href="#Page_49">49</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ein Grab</td><td class="onpage"><a href="#Page_49">49</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Stiller Gang</td><td class="onpage"><a href="#Page_50">50</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die stille Stadt</td><td class="onpage"><a href="#Page_50">50</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Manche Nacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Geheimnis</td><td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Morgenstunde</td><td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erhebung</td><td class="onpage"><a href="#Page_52">52</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Bewegte See</td><td class="onpage"><a href="#Page_52">52</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nachtgebet der Braut</td><td class="onpage"><a href="#Page_53">53</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ideale Landschaft</td><td class="onpage"><a href="#Page_54">54</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class='pagenum'><a name="Page_vii" id="Page_vii">[VII]</a></span>Aus &bdquo;Zwei Menschen&ldquo;</td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">I, 1. Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain</td><td class="onpage"><a href="#Page_54">54</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">I, 16. Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel</td><td class="onpage"><a href="#Page_55">55</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">I, 23. Kaminfeuer und Morgenrotschimmer</td><td class="onpage"><a href="#Page_56">56</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">II, 28. Und es rauscht nur und weht</td><td class="onpage"><a href="#Page_58">58</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Donath"><em class="spaced">Donath</em>, Adolph</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Tr&auml;nen</td><td class="onpage"><a href="#Page_59">59</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Ehrenstein"><em class="spaced">Ehrenstein</em>, Albert</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Auf der hartherzigen Erde</td><td class="onpage"><a href="#Page_60">60</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Verzweiflung</td><td class="onpage"><a href="#Page_61">61</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Friede</td><td class="onpage"><a href="#Page_61">61</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Coyllur</td><td class="onpage"><a href="#Page_62">62</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wanderers Lied</td><td class="onpage"><a href="#Page_62">62</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Blind</td><td class="onpage"><a href="#Page_63">63</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Dunkel</td><td class="onpage"><a href="#Page_63">63</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Evers"><em class="spaced">Evers</em>, Franz</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Rosenglut</td><td class="onpage"><a href="#Page_64">64</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Jugend</td><td class="onpage"><a href="#Page_65">65</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abendlied</td><td class="onpage"><a href="#Page_65">65</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ein Gastgeschenk</td><td class="onpage"><a href="#Page_66">66</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der K&uuml;nstler</td><td class="onpage"><a href="#Page_66">66</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Falke"><em class="spaced">Falke</em>, Gustav</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Das Mohnfeld</td><td class="onpage"><a href="#Page_68">68</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">M&auml;rchen</td><td class="onpage"><a href="#Page_69">69</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Da&szlig; der Tod uns heiter finde</td><td class="onpage"><a href="#Page_69">69</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Stranddistel</td><td class="onpage"><a href="#Page_70">70</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Das Grab</td><td class="onpage"><a href="#Page_70">70</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sp&auml;te Rosen</td><td class="onpage"><a href="#Page_71">71</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Zwei</td><td class="onpage"><a href="#Page_72">72</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Finckh"><em class="spaced">Finckh</em>, Ludwig</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Einer Frau</td><td class="onpage"><a href="#Page_72">72</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abendhimmel</td><td class="onpage"><a href="#Page_73">73</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Geschenk</td><td class="onpage"><a href="#Page_73">73</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Flaischlen"><em class="spaced">Flaischlen</em>, C&auml;sar</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">So regnet es sich langsam ein</td><td class="onpage"><a href="#Page_74">74</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Hab Sonne</td><td class="onpage"><a href="#Page_74">74</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich habe N&auml;chte</td><td class="onpage"><a href="#Page_75">75</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Einem Kinde</td><td class="onpage"><a href="#Page_75">75</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Februarschnee</td><td class="onpage"><a href="#Page_76">76</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ganz still zuweilen</td><td class="onpage"><a href="#Page_77">77</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Spruch</td><td class="onpage"><a href="#Page_77">77</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Forbes"><em class="spaced">Forbes-Mosse</em>, Irene</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gehen und Bleiben</td><td class="onpage"><a href="#Page_78">78</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Eine Widmung</td><td class="onpage"><a href="#Page_78">78</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die fremde Blume</td><td class="onpage"><a href="#Page_78">78</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Brunnen</td><td class="onpage"><a href="#Page_79">79</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Madlena</td><td class="onpage"><a href="#Page_79">79</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Greiner"><em class="spaced">Greiner</em>, Leo</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Liebe</td><td class="onpage"><a href="#Page_80">80</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Unter den Menschen</td><td class="onpage"><a href="#Page_80">80</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Leben</td><td class="onpage"><a href="#Page_81">81</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Regenabend</td><td class="onpage"><a href="#Page_81">81</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Schatten</td><td class="onpage"><a href="#Page_82">82</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Reise</td><td class="onpage"><a href="#Page_82">82</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Hartleben"><em class="spaced">Hartleben</em>, Otto Erich</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Funkelt dein Auge noch?</td><td class="onpage"><a href="#Page_83">83</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Lili</td><td class="onpage"><a href="#Page_83">83</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die jubelnd nie</td><td class="onpage"><a href="#Page_84">84</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ellen</td><td class="onpage"><a href="#Page_84">84</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class='pagenum'><a name="Page_viii" id="Page_viii">[VIII]</a></span>Das welke Blatt</td><td class="onpage"><a href="#Page_85">85</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Liebesode</td><td class="onpage"><a href="#Page_85">85</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gesang des Lebens</td><td class="onpage"><a href="#Page_86">86</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Lande der Torheit</td><td class="onpage"><a href="#Page_86">86</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Denkst du daran</td><td class="onpage"><a href="#Page_87">87</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Abenteurer</td><td class="onpage"><a href="#Page_87">87</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Elegie</td><td class="onpage"><a href="#Page_88">88</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Kinderk&ouml;pfchen</td><td class="onpage"><a href="#Page_88">88</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Hasenclever"><em class="spaced">Hasenclever</em>, Walter</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Todesanzeige</td><td class="onpage"><a href="#Page_89">89</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mein J&uuml;ngling, du</td><td class="onpage"><a href="#Page_90">90</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett</td><td class="onpage"><a href="#Page_91">91</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wei&szlig; ich, da&szlig; Stunden</td><td class="onpage"><a href="#Page_91">91</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Da&szlig; von Geheimnissen</td><td class="onpage"><a href="#Page_92">92</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">1917</td><td class="onpage"><a href="#Page_93">93</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Hatzfeld"><em class="spaced">Hatzfeld</em>, Adolf von</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die letzte Nacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_95">95</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gr&uuml;ner Sommer</td><td class="onpage"><a href="#Page_96">96</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Fr&uuml;hlingsmond</td><td class="onpage"><a href="#Page_97">97</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abend am See</td><td class="onpage"><a href="#Page_98">98</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Du Gott</td><td class="onpage"><a href="#Page_98">98</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Teich</td><td class="onpage"><a href="#Page_99">99</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Herrmann"><em class="spaced">Herrmann</em>, Max</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Dein Haar hat Lieder</td><td class="onpage"><a href="#Page_99">99</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Osterlied</td><td class="onpage"><a href="#Page_100">100</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Trostlied der bangen Regennacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_100">100</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Liebe nur kann ewig sein</td><td class="onpage"><a href="#Page_101">101</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Hesse"><em class="spaced">Hesse</em>, Hermann</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der schwarze Ritter</td><td class="onpage"><a href="#Page_102">102</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nach Paul Verlaine</td><td class="onpage"><a href="#Page_103">103</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Elisabeth</td><td class="onpage"><a href="#Page_103">103</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die fr&uuml;he Stunde</td><td class="onpage"><a href="#Page_104">104</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Lady Rosa</td><td class="onpage"><a href="#Page_104">104</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Fiesole</td><td class="onpage"><a href="#Page_104">104</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Heym"><em class="spaced">Heym</em>, Georg</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Seefahrer</td><td class="onpage"><a href="#Page_105">105</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Alle Landschaften haben</td><td class="onpage"><a href="#Page_105">105</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ophelia I&ndash;II</td><td class="onpage"><a href="#Page_106">106</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Deine Wimpern, die langen</td><td class="onpage"><a href="#Page_108">108</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Hille"><em class="spaced">Hille</em>, Peter</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Maienwind</td><td class="onpage"><a href="#Page_110">110</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Brautseele</td><td class="onpage"><a href="#Page_110">110</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Waldesstimme</td><td class="onpage"><a href="#Page_114">114</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">An Gott</td><td class="onpage"><a href="#Page_115">115</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abbild</td><td class="onpage"><a href="#Page_115">115</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Prometheus</td><td class="onpage"><a href="#Page_115">115</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abendr&ouml;te</td><td class="onpage"><a href="#Page_116">116</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Selige Gr&uuml;&szlig;e</td><td class="onpage"><a href="#Page_117">117</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Hofmannsthal"><em class="spaced">Hofmannsthal</em>, Hugo von</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Vorfr&uuml;hling</td><td class="onpage"><a href="#Page_117">117</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Beiden</td><td class="onpage"><a href="#Page_119">119</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ballade des &auml;u&szlig;eren Lebens</td><td class="onpage"><a href="#Page_119">119</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Manche freilich</td><td class="onpage"><a href="#Page_120">120</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Terzinen &uuml;ber Verg&auml;nglichkeit</td><td class="onpage"><a href="#Page_121">121</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erlebnis</td><td class="onpage"><a href="#Page_121">121</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Dein Antlitz</td><td class="onpage"><a href="#Page_122">122</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Terzinen</td><td class="onpage"><a href="#Page_123">123</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der J&uuml;ngling in der Landschaft</td><td class="onpage"><a href="#Page_124">124</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Aus &bdquo;Der Tod des Tizian&ldquo;</td><td class="onpage"><a href="#Page_124">124</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class='pagenum'><a name="Page_ix" id="Page_ix">[IX]</a></span>Aus &bdquo;Der Abenteurer und die S&auml;ngerin&ldquo;</td><td class="onpage"><a href="#Page_126">126</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Holz"><em class="spaced">Holz</em>, Arno</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ein Abschied</td><td class="onpage"><a href="#Page_128">128</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ninon</td><td class="onpage"><a href="#Page_129">129</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Aus &bdquo;Phantasus&ldquo;</td><td class="onpage"><a href="#Page_130">130</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Vor meinem Fenster</td><td class="onpage"><a href="#Page_133">133</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Rote Rosen</td><td class="onpage"><a href="#Page_133">133</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">In einem Garten</td><td class="onpage"><a href="#Page_134">134</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Aus wei&szlig;en Wolken</td><td class="onpage"><a href="#Page_134">134</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Huch"><em class="spaced">Huch</em>, Ricarda</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sehnsucht</td><td class="onpage"><a href="#Page_135">135</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Uners&auml;ttlich</td><td class="onpage"><a href="#Page_136">136</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Du</td><td class="onpage"><a href="#Page_136">136</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Heimatlos</td><td class="onpage"><a href="#Page_137">137</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erinnerung</td><td class="onpage"><a href="#Page_138">138</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Versto&szlig;en</td><td class="onpage"><a href="#Page_138">138</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Herbst</td><td class="onpage"><a href="#Page_139">139</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ankunft im Hades</td><td class="onpage"><a href="#Page_139">139</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Liebesreime I&ndash;III</td><td class="onpage"><a href="#Page_140">140</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Kurz"><em class="spaced">Kurz</em>, Isolde</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">S&uuml;dliche Weise</td><td class="onpage"><a href="#Page_141">141</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die erste Nacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_142">142</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">M&auml;dchenliebe</td><td class="onpage"><a href="#Page_142">142</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Nicht-Gewesenen</td><td class="onpage"><a href="#Page_143">143</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Lasker"><em class="spaced">Lasker-Sch&uuml;ler</em>, Else</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wir beide</td><td class="onpage"><a href="#Page_143">143</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mairosen</td><td class="onpage"><a href="#Page_144">144</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Chaos</td><td class="onpage"><a href="#Page_144">144</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Liebe</td><td class="onpage"><a href="#Page_145">145</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Liebesflug</td><td class="onpage"><a href="#Page_146">146</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Eva</td><td class="onpage"><a href="#Page_146">146</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mein Volk</td><td class="onpage"><a href="#Page_147">147</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mein Liebeslied</td><td class="onpage"><a href="#Page_147">147</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mein Wanderlied</td><td class="onpage"><a href="#Page_148">148</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">O, meine schmerzliche Lust</td><td class="onpage"><a href="#Page_148">148</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Maienregen</td><td class="onpage"><a href="#Page_149">149</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Weltende</td><td class="onpage"><a href="#Page_149">149</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mein Liebeslied</td><td class="onpage"><a href="#Page_150">150</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Liliencron"><em class="spaced">Liliencron</em>, Detlev von</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">R&uuml;ckblick</td><td class="onpage"><a href="#Page_151">151</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Tod in &Auml;hren</td><td class="onpage"><a href="#Page_153">153</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am Strande</td><td class="onpage"><a href="#Page_153">153</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Letzter Gru&szlig;</td><td class="onpage"><a href="#Page_155">155</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der L&auml;ndler</td><td class="onpage"><a href="#Page_156">156</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wer wei&szlig; wo</td><td class="onpage"><a href="#Page_157">157</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">In einer gro&szlig;en Stadt</td><td class="onpage"><a href="#Page_158">158</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Vor Last und L&auml;rm</td><td class="onpage"><a href="#Page_158">158</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Weite Aussicht</td><td class="onpage"><a href="#Page_160">160</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erinnerung</td><td class="onpage"><a href="#Page_161">161</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Kalter Augusttag I&ndash;II</td><td class="onpage"><a href="#Page_162">162</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Auf dem Deiche</td><td class="onpage"><a href="#Page_163">163</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sizilianen</td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Die Insel der Gl&uuml;cklichen</td><td class="onpage"><a href="#Page_164">164</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle"><span class="antiqua">Souvenir de la Malmaison</span></td><td class="onpage"><a href="#Page_164">164</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Sommernacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_164">164</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Nach der H&uuml;hnerjagd</td><td class="onpage"><a href="#Page_165">165</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Der Hohenfriedeberger</td><td class="onpage"><a href="#Page_165">165</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Einer Toten</td><td class="onpage"><a href="#Page_165">165</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gestorbene Liebe</td><td class="onpage"><a href="#Page_167">167</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Genius</td><td class="onpage"><a href="#Page_168">168</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Spinnerin von Sankt Peter</td><td class="onpage"><a href="#Page_169">169</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">M&auml;rztag</td><td class="onpage"><a href="#Page_170">170</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Letzter Wunsch</td><td class="onpage"><a href="#Page_170">170</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><span class='pagenum'><a name="Page_x" id="Page_x">[X]</a></span><a href="#Loerke"><em class="spaced">Loerke</em>, Oskar</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Fr&uuml;hlingswille</td><td class="onpage"><a href="#Page_171">171</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nirwana</td><td class="onpage"><a href="#Page_172">172</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Hinterhaus</td><td class="onpage"><a href="#Page_172">172</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die graue Melodie</td><td class="onpage"><a href="#Page_173">173</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Inbrunst</td><td class="onpage"><a href="#Page_174">174</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Lotz"><em class="spaced">Lotz</em>, Ernst Wilhelm</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Glanzgesang</td><td class="onpage"><a href="#Page_174">174</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Schwebende</td><td class="onpage"><a href="#Page_176">176</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Hart sto&szlig;en sich die W&auml;nde</td><td class="onpage"><a href="#Page_177">177</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Mombert"><em class="spaced">Mombert</em>, Alfred</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Das junge Liebchen</td><td class="onpage"><a href="#Page_178">178</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich liege</td><td class="onpage"><a href="#Page_178">178</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ja in der Jugend</td><td class="onpage"><a href="#Page_179">179</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nun beugt die Nacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_179">179</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wann ich von dir gehe</td><td class="onpage"><a href="#Page_180">180</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Auf steilem Felsr&uuml;cken</td><td class="onpage"><a href="#Page_180">180</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich m&ouml;cht' es kosten</td><td class="onpage"><a href="#Page_180">180</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Schwindsucht</td><td class="onpage"><a href="#Page_181">181</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Trinkend</td><td class="onpage"><a href="#Page_181">181</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Mondlicht</td><td class="onpage"><a href="#Page_182">182</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Da sp&uuml;lst du bunte Muscheln</td><td class="onpage"><a href="#Page_182">182</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Zwischen zwei dunklen Wogen</td><td class="onpage"><a href="#Page_182">182</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich tat gro&szlig;e Dinge</td><td class="onpage"><a href="#Page_183">183</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich lag auf dem Meer</td><td class="onpage"><a href="#Page_183">183</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Mond betrat</td><td class="onpage"><a href="#Page_184">184</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mich jammerte</td><td class="onpage"><a href="#Page_184">184</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Bevor ich</td><td class="onpage"><a href="#Page_185">185</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich h&ouml;rte den Wind</td><td class="onpage"><a href="#Page_185">185</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am Saume</td><td class="onpage"><a href="#Page_186">186</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">An Ufern des Rheins</td><td class="onpage"><a href="#Page_186">186</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Morgenstern"><em class="spaced">Morgenstern</em>, Christian</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erster Schnee</td><td class="onpage"><a href="#Page_187">187</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">V&ouml;glein Schwermut</td><td class="onpage"><a href="#Page_187">187</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Welch ein Schweigen</td><td class="onpage"><a href="#Page_187">187</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Das sind die Reden</td><td class="onpage"><a href="#Page_188">188</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Das Spinnennetz</td><td class="onpage"><a href="#Page_188">188</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Verbannung zur H&ouml;he</td><td class="onpage"><a href="#Page_189">189</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Deine Rosen</td><td class="onpage"><a href="#Page_189">189</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Bach</td><td class="onpage"><a href="#Page_189">189</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Christus klagt</td><td class="onpage"><a href="#Page_190">190</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Begegnung</td><td class="onpage"><a href="#Page_191">191</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Nietzsche"><em class="spaced">Nietzsche</em>, Friedrich</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">An den Mistral</td><td class="onpage"><a href="#Page_192">192</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Vereinsamt</td><td class="onpage"><a href="#Page_194">194</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Zarathustras Lied</td><td class="onpage"><a href="#Page_195">195</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Venedig</td><td class="onpage"><a href="#Page_195">195</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sils-Maria</td><td class="onpage"><a href="#Page_196">196</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Sonne sinkt I&ndash;III</td><td class="onpage"><a href="#Page_196">196</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Rilke"><em class="spaced">Rilke</em>, Rainer Maria</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ernste Stunde</td><td class="onpage"><a href="#Page_198">198</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Blinde</td><td class="onpage"><a href="#Page_199">199</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Herbst</td><td class="onpage"><a href="#Page_203">203</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Schauende</td><td class="onpage"><a href="#Page_203">203</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Von den Font&auml;nen</td><td class="onpage"><a href="#Page_205">205</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Entf&uuml;hrung</td><td class="onpage"><a href="#Page_206">206</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Fragmente aus verlorenen Tagen</td><td class="onpage"><a href="#Page_207">207</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Spanische T&auml;nzerin</td><td class="onpage"><a href="#Page_209">209</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Fremde</td><td class="onpage"><a href="#Page_210">210</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Salus"><em class="spaced">Salus</em>, Hugo</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">An blauen Fr&uuml;hlingstagen</td><td class="onpage"><a href="#Page_211">211</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im stillen Hafen</td><td class="onpage"><a href="#Page_211">211</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erinnerung</td><td class="onpage"><a href="#Page_211">211</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class='pagenum'><a name="Page_xi" id="Page_xi">[XI]</a></span>Fr&uuml;hlingsfeier</td><td class="onpage"><a href="#Page_212">212</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Scharf"><em class="spaced">Scharf</em>, Ludwig</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Begegnis</td><td class="onpage"><a href="#Page_213">213</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Blut-Propheten</td><td class="onpage"><a href="#Page_213">213</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gebet eines Selbstm&ouml;rders</td><td class="onpage"><a href="#Page_214">214</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Schaukal"><em class="spaced">Schaukal</em>, Richard (von)</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Fiedler</td><td class="onpage"><a href="#Page_215">215</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Kophetua</td><td class="onpage"><a href="#Page_215">215</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">An die Baronin Colombine</td><td class="onpage"><a href="#Page_216">216</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Portr&auml;t eines spanischen Infanten</td><td class="onpage"><a href="#Page_216">216</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class="antiqua">Pierrot pendu</span></td><td class="onpage"><a href="#Page_217">217</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Musset</td><td class="onpage"><a href="#Page_217">217</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Kavaliere</td><td class="onpage"><a href="#Page_218">218</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Goya</td><td class="onpage"><a href="#Page_218">218</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Portr&auml;t des Marquis de&nbsp;&hellip;</td><td class="onpage"><a href="#Page_219">219</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Araber</td><td class="onpage"><a href="#Page_219">219</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sp&auml;t</td><td class="onpage"><a href="#Page_220">220</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Scheerbart"><em class="spaced">Scheerbart</em>, Paul</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Dahin!</td><td class="onpage"><a href="#Page_220">220</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Notturno</td><td class="onpage"><a href="#Page_221">221</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Tiefernst!</td><td class="onpage"><a href="#Page_221">221</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die gro&szlig;e Sehnsucht</td><td class="onpage"><a href="#Page_221">221</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Schickele"><em class="spaced">Schickele</em>, Ren&eacute;</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Knabe im Garten</td><td class="onpage"><a href="#Page_222">222</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wenn es Abend wird</td><td class="onpage"><a href="#Page_222">222</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ferne Musik</td><td class="onpage"><a href="#Page_223">223</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erwartung im Garten</td><td class="onpage"><a href="#Page_224">224</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Lea</td><td class="onpage"><a href="#Page_224">224</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Leibwache</td><td class="onpage"><a href="#Page_224">224</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Schlaf"><em class="spaced">Schlaf</em>, Johannes</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sehnsucht</td><td class="onpage"><a href="#Page_226">226</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Hoffnung</td><td class="onpage"><a href="#Page_226">226</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abendgang</td><td class="onpage"><a href="#Page_227">227</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Tr&uuml;bes Wetter</td><td class="onpage"><a href="#Page_227">227</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Doppelliebe</td><td class="onpage"><a href="#Page_227">227</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Schoenaich"><em class="spaced">Sch&ouml;naich-Carolath</em>, Prinz Emil von</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Albumblatt</td><td class="onpage"><a href="#Page_228">228</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der betr&uuml;bte Landsknecht</td><td class="onpage"><a href="#Page_228">228</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Genrebild</td><td class="onpage"><a href="#Page_229">229</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Altes Bild</td><td class="onpage"><a href="#Page_230">230</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">K&uuml;nstlerroman</td><td class="onpage"><a href="#Page_230">230</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Scholz"><em class="spaced">Scholz</em>, Wilhelm von</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">In einer D&auml;mmerstunde</td><td class="onpage"><a href="#Page_231">231</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abschied</td><td class="onpage"><a href="#Page_232">232</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Heimat</td><td class="onpage"><a href="#Page_233">233</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Abendgang</td><td class="onpage"><a href="#Page_233">233</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Wandrer</td><td class="onpage"><a href="#Page_234">234</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erde</td><td class="onpage"><a href="#Page_234">234</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich wei&szlig; es wohl</td><td class="onpage"><a href="#Page_234">234</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">N&auml;chtlicher Weg</td><td class="onpage"><a href="#Page_235">235</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am S&ouml;ller</td><td class="onpage"><a href="#Page_235">235</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Schroeder"><em class="spaced">Schr&ouml;der</em>, Rudolf Alexander</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Aus den &bdquo;Liedern an eine Geliebte&ldquo;</td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Nun kam der Abend</td><td class="onpage"><a href="#Page_236">236</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">&bdquo;Die L&uuml;ge&ldquo; sagst du</td><td class="onpage"><a href="#Page_237">237</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Ich habe keine Schmerzen</td><td class="onpage"><a href="#Page_237">237</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Ach, noch immer glaube ich</td><td class="onpage"><a href="#Page_237">237</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Das Gl&uuml;ck ist ein leerer</td><td class="onpage"><a href="#Page_237">237</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class='pagenum'><a name="Page_xii" id="Page_xii">[XII]</a></span>Sonett an eine Verstorbene</td><td class="onpage"><a href="#Page_238">238</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Aus dem Buch "Elysium"</td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Sie lassen sich am Ufer nieder</td><td class="onpage"><a href="#Page_238">238</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Wenn sie wandeln</td><td class="onpage"><a href="#Page_239">239</a></td></tr>
+<tr><td class="poemsubtitle">Leise la&szlig; sie ihren Reigen</td><td class="onpage"><a href="#Page_239">239</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Schueler"><em class="spaced">Sch&uuml;ler</em>, Gustav</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Unterdessen</td><td class="onpage"><a href="#Page_240">240</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mignon</td><td class="onpage"><a href="#Page_240">240</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am Abend</td><td class="onpage"><a href="#Page_241">241</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am Kreuzweg</td><td class="onpage"><a href="#Page_241">241</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Was ist das Gl&uuml;ck?</td><td class="onpage"><a href="#Page_242">242</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Stadler"><em class="spaced">Stadler</em>, Ernst</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Reinigung</td><td class="onpage"><a href="#Page_242">242</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Vorfr&uuml;hling</td><td class="onpage"><a href="#Page_243">243</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Was waren Frauen</td><td class="onpage"><a href="#Page_243">243</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Puppen</td><td class="onpage"><a href="#Page_244">244</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gl&uuml;ck</td><td class="onpage"><a href="#Page_245">245</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Sternberg"><em class="spaced">Sternberg</em>, Leo</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Wartende</td><td class="onpage"><a href="#Page_245">245</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Soviel L&uuml;ftchen</td><td class="onpage"><a href="#Page_246">246</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Eine pl&ouml;tzliche Stille</td><td class="onpage"><a href="#Page_246">246</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Jenseits</td><td class="onpage"><a href="#Page_247">247</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Susman"><em class="spaced">Susman</em>, Margarete</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Feld ein M&auml;dchen singt</td><td class="onpage"><a href="#Page_247">247</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ich liebe unter allen</td><td class="onpage"><a href="#Page_248">248</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">So in die still verschneite Nacht</td><td class="onpage"><a href="#Page_248">248</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Kein Liebeswort</td><td class="onpage"><a href="#Page_249">249</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Trakl"><em class="spaced">Trakl</em>, Georg</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Herbst des Einsamen</td><td class="onpage"><a href="#Page_249">249</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">In den Nachmittag gefl&uuml;stert</td><td class="onpage"><a href="#Page_250">250</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Park</td><td class="onpage"><a href="#Page_250">250</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Landschaft</td><td class="onpage"><a href="#Page_251">251</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sommer</td><td class="onpage"><a href="#Page_251">251</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">In Venedig</td><td class="onpage"><a href="#Page_252">252</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Am Moor</td><td class="onpage"><a href="#Page_253">253</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Fr&uuml;hling der Seele</td><td class="onpage"><a href="#Page_253">253</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Elis I&ndash;II</td><td class="onpage"><a href="#Page_254">254</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Walser"><em class="spaced">Walser</em>, Robert</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Morgenstern</td><td class="onpage"><a href="#Page_256">256</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Langezeit</td><td class="onpage"><a href="#Page_256">256</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Warum auch</td><td class="onpage"><a href="#Page_257">257</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Schnee</td><td class="onpage"><a href="#Page_257">257</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Im Mondschein</td><td class="onpage"><a href="#Page_258">258</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">M&uuml;digkeit</td><td class="onpage"><a href="#Page_258">258</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Zu philosophisch</td><td class="onpage"><a href="#Page_258">258</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Brausen</td><td class="onpage"><a href="#Page_259">259</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Und ging</td><td class="onpage"><a href="#Page_259">259</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Wedekind"><em class="spaced">Wedekind</em>, Frank</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Erdgeist</td><td class="onpage"><a href="#Page_260">260</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Perversit&auml;t</td><td class="onpage"><a href="#Page_260">260</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ilse</td><td class="onpage"><a href="#Page_261">261</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Der Anarchist</td><td class="onpage"><a href="#Page_261">261</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Waldweben</td><td class="onpage"><a href="#Page_262">262</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Werfel"><em class="spaced">Werfel</em>, Franz</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wie nichts erkennend</td><td class="onpage"><a href="#Page_263">263</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Verzweiflung</td><td class="onpage"><a href="#Page_263">263</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Welche Lust auf Erden denn ist s&uuml;&szlig;er</td><td class="onpage"><a href="#Page_264">264</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ein Lebens-Lied</td><td class="onpage"><a href="#Page_265">265</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Amore</td><td class="onpage"><a href="#Page_265">265</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle"><span class='pagenum'><a name="Page_xiii" id="Page_xiii">[XIII]</a></span>Alte Dienstboten</td><td class="onpage"><a href="#Page_266">266</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Mondlied eines M&auml;dchens</td><td class="onpage"><a href="#Page_268">268</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Leidenschaftlichen</td><td class="onpage"><a href="#Page_269">269</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Schwestern von Bozen</td><td class="onpage"><a href="#Page_270">270</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gesang einer Frau</td><td class="onpage"><a href="#Page_271">271</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Geheimnis</td><td class="onpage"><a href="#Page_274">274</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Was ein jeder sogleich nachsprechen soll</td><td class="onpage"><a href="#Page_274">274</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Sein und Treiben</td><td class="onpage"><a href="#Page_275">275</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Gebet um Reinheit</td><td class="onpage"><a href="#Page_275">275</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Wir nicht</td><td class="onpage"><a href="#Page_277">277</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Wertheimer"><em class="spaced">Wertheimer</em>, Paul</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Seelen</td><td class="onpage"><a href="#Page_278">278</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Ostsee</td><td class="onpage"><a href="#Page_278">278</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Tote Stunde</td><td class="onpage"><a href="#Page_279">279</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Wolfenstein"><em class="spaced">Wolfenstein</em>, Alfred</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">St&auml;dter</td><td class="onpage"><a href="#Page_279">279</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Tanz I&ndash;III</td><td class="onpage"><a href="#Page_280">280</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Musik des K&auml;mpfers</td><td class="onpage"><a href="#Page_282">282</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Nacht im Dorfe</td><td class="onpage"><a href="#Page_283">283</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Fahrt</td><td class="onpage"><a href="#Page_284">284</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die Stirn</td><td class="onpage"><a href="#Page_285">285</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Zech"><em class="spaced">Zech</em>, Paul</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Die H&auml;user haben Augen aufgetan</td><td class="onpage"><a href="#Page_286">286</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Bettler im Sp&auml;therbst</td><td class="onpage"><a href="#Page_286">286</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Dorf im Mittag</td><td class="onpage"><a href="#Page_287">287</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Es kam ein Wind</td><td class="onpage"><a href="#Page_287">287</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Zweig"><em class="spaced">Zweig</em>, Stefan</a></td><td></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Singende Font&auml;ne</td><td class="onpage"><a href="#Page_288">288</a></td></tr>
+<tr><td class="poemtitle">Schw&uuml;ler Abend</td><td class="onpage"><a href="#Page_290">290</a></td></tr>
+
+<tr><td class="author"><a href="#Index">Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanf&auml;nge</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_292">292</a></td></tr>
+</table>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2>Verzeichnis der Bilder</h2>
+
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_liliencron">Detlev von Liliencron</a><br />
+<span style="font-size: smaller">Nach einer k&uuml;nstlerischen Photographie von Rudolf D&uuml;hrkoop, Hamburg</span></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_dauthendey">Max Dauthendey</a></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_dehmel">Richard Dehmel</a></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_hofmannsthal">Hugo von Hofmannsthal</a></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_holz">Arno Holz</a><br />
+<span style="font-size: smaller">Photographie A. Binder, Berlin W 15</span></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_huch">Ricarda Ceconi-Huch</a></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_laskerschueler">Else Lasker-Sch&uuml;ler</a><br />
+<span style="font-size: smaller">Atelier Lisi Jessen, Charlottenburg, Bismarckstra&szlig;e 3</span></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_mombert">Alfred Mombert</a></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_rilke">Rainer Maria Rilke</a><br />
+<span style="font-size: smaller">Nach einer Bronzeb&uuml;ste von Fritz Huf (Museum zu Winterthur, Schweiz)</span></p>
+
+<p class="dichter" style="font-size: medium"><a href="#abb_werfel">Franz Werfel</a><br />
+<span style="font-size: smaller">Nach einer k&uuml;nstlerischen Photographie des Ateliers d'Ora, Wien I, Wipplingerstr. 26</span></p>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></div>
+<h2><a name="Altenberg" id="Altenberg"></a>Peter Altenberg.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 9. M&auml;rz 1859 zu Wien, wo er den gr&ouml;&szlig;ten Teil seines Lebens
+verbrachte und am 8. Januar 1919 starb.</p>
+
+
+<h3>Liebesgedicht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich sah dich den Amseln z&auml;rtlich Futter streuen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich deine idealen F&uuml;&szlig;e ungeniert nackt zeigen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich wie eine F&uuml;rstin dich edel-stolz verneigen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem Freunde sprechen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen Taktfehlers f&uuml;r ewig brechen &ndash; &ndash; &ndash;.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich traurig stehn vor tr&uuml;ben Gaslaternen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr mysteri&ouml;ses Gewebe &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu st&ouml;ren.<br /></span>
+<span class="i0">Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Das Bangen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mir bangt um dich, Anna &ndash; &ndash; &ndash;.<br /></span>
+<span class="i0">Weshalb mir bang ist, wei&szlig; ich nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig; nur, da&szlig; mir bang ist.<br /></span>
+<span class="i0">Mir ist bang!<br /></span>
+<span class="i0">Wie einer Mutter bang ist ohne Grund,<br /></span>
+<span class="i0">Noch sind sie alle munter und gesund &ndash; &ndash; &ndash;!<br /></span>
+<span class="i0">Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>
+<span class="i0">W&auml;hrend die anderen noch lange<br /></span>
+<span class="i0">Den wolkenlosen Himmel bl&ouml;d betrachten<br /></span>
+<span class="i0">Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten.<br /></span>
+<span class="i0">Mir bangt, wie einem bangt,<br /></span>
+<span class="i0">Der Kinder auf dem Meer-Sand-H&uuml;gel spielen sieht<br /></span>
+<span class="i0">Und wei&szlig;, da&szlig; nun die Flut vom Land sie abtrennt &ndash; flieht!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mir bangt, wie einem bangt,<br /></span>
+<span class="i0">Der wei&szlig;, er wird gehenkt um sieben Uhr fr&uuml;h.<br /></span>
+<span class="i0">So, so bangt mir um dich &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Du bist <em class="spaced">mein Leben</em>, es bangt mir um <em class="spaced">mich</em>;<br /></span>
+<span class="i0">Du aber, du gehst deinen Weg von mir,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir,<br /></span>
+<span class="i0">Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und perlt mein Todesschwei&szlig; auf deinen Pfad hernieder,<br /></span>
+<span class="i0">Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ljuba.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die da nicht kommen an deinen Tisch,<br /></span>
+<span class="i0">Die sind <em class="spaced">kl&uuml;ger</em> als ich!<br /></span>
+<span class="i0">Die sch&uuml;tzen sich!<br /></span>
+<span class="i0">Ich aber, gleich der Motte im Lichte,<br /></span>
+<span class="i0">Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte!<br /></span>
+<span class="i0">Ich will lieber in Licht und Hitze sterben,<br /></span>
+<span class="i0">Als gesichert um Anna oder Grete werben!<br /></span>
+<span class="i0">Die da nicht kommen an deinen Tisch,<br /></span>
+<span class="i0">Die sind <em class="spaced">d&uuml;mmer</em> als ich!<br /></span>
+<span class="i0">Sie sch&uuml;tzen sich!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Was kann er f&uuml;r sie tun?!?</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Was kann ich f&uuml;r dich tun?!?<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen &ndash;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+<span class="i0">Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen &ndash; &ndash;.<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke sagen:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Du hast recht, nur du!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann, wenn du nicht da bist, bedr&uuml;ckt und kr&auml;nklich sein &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann vor Gl&uuml;ck erbeben, trittst du ein &ndash; &ndash;.<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater<br /></span>
+<span class="i0">Und Komplimente &uuml;ber seine Tochter machen deinem Vater.<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann dir s&uuml;&szlig;e Mandarinen bringen.<br /></span>
+<span class="i0">Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Was kann ich f&uuml;r sie tun?!?&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Arent" id="Arent"></a>Wilhelm Arent.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 7. M&auml;rz 1864 zu Berlin, wurde Schauspieler und gab, vielfach
+unter Pseudonymen, mehr als zwanzig Gedichtb&uuml;cher heraus. Er ist in
+Berlin verstorben.</p>
+
+
+<h3>Das Weltgeheimnis.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie fanden ihn &ndash; von d&uuml;strer Falte<br /></span>
+<span class="i0">Durchfurcht die hohe Denkerstirn &ndash;,<br /></span>
+<span class="i0">Schlaff hing die Hand, die marmorkalte,<br /></span>
+<span class="i0">Verloht die heilige Glut im Hirn;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Augen waren sanft geschlossen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ein L&auml;cheln spielte um den Mund &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Als h&auml;tt' er jede Huld genossen<br /></span>
+<span class="i0">Und jedes R&auml;tsel w&auml;r' ihm kund&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span></div>
+<h3>Zwei Gl&uuml;ckliche.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und sie herzten sich<br /></span>
+<span class="i0">Und k&uuml;&szlig;ten sich<br /></span>
+<span class="i0">Lange;<br /></span>
+<span class="i0">Endlich schliefen sie ein.<br /></span>
+<span class="i0">L&auml;chelnd tr&auml;umten sie<br /></span>
+<span class="i0">Arm in Arm,<br /></span>
+<span class="i0">Bis rauh<br /></span>
+<span class="i0">Der Morgen kam.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Melancholie.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Meiner Jugend Tr&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Wo seid ihr hin?<br /></span>
+<span class="i0">Ihr himmlischen R&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Wie fern ich euch bin!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Drau&szlig;en gr&uuml;nen die B&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Flur in Bl&uuml;te steht &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Meine Lieder sind Sch&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Die der Wind verweht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Baum" id="Baum"></a>Peter Baum.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 30. September 1869 zu Elberfeld, lebte als Schriftsteller in
+Berlin, fiel in Frankreich im Sommer 1916. &ndash; Gott und die Tr&auml;ume 1901.</p>
+
+
+<h3>Grauen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das ist das Furchtbare,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich oft glaube,<br /></span>
+<span class="i0">Ich tr&uuml;ge deine Augen und deine Haare.<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; meine H&auml;nde dann hilflos suchen<br /></span>
+<span class="i0">Ganz wie die deinen<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+<span class="i0">Und meine Lippen mich so verfluchen<br /></span>
+<span class="i0">Und weinen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jeden Abend &uuml;berkommst du mich so.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwei ganz gleiche Totenv&ouml;gel<br /></span>
+<span class="i0">Fliegen dann &uuml;ber den Kirchhof.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Liebespsalmen.</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Deine N&auml;chte klagen in meine Tage,<br /></span>
+<span class="i0">Durch mein Tr&auml;umen rieselt das Blut deiner F&uuml;&szlig;e.<br /></span>
+<span class="i0">O ich will dir forttrinken alle Tr&auml;nen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich will dich tragen unter meine Wipfel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Wipfel sind k&uuml;hl und voll Frieden<br /></span>
+<span class="i0">Und baden sich hoch in tiefen Wassern.<br /></span>
+<span class="i0">Himmelstiefen tropfen zu uns hernieder,<br /></span>
+<span class="i0">Aus ewigen Meeren, durch heilige Wipfel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schlummre du tief in meinen Armen!<br /></span>
+<span class="i0">Meine Augen sind stahlharte Engel; die wachen<br /></span>
+<span class="i4">&Uuml;ber deinen Frieden.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Deine Augen leuchten vor Dunkel,<br /></span>
+<span class="i0">Und ein spinnendes Weinen<br /></span>
+<span class="i0">Deiner schwarzen Haare<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber das Leinen.<br /></span>
+<span class="i0">O dein blasses Gesicht,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie deine schmalen H&auml;nde<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die Kissen suchen &ndash;:<br /></span>
+<span class="i0">R&uuml;hrendes Stammeln<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+<span class="i0">Eines sprie&szlig;enden Liedes,<br /></span>
+<span class="i0">Das bl&uuml;hen m&ouml;chte.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Seele sucht mit dir.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>III.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn die Rosen des Morgens aufstaunen,<br /></span>
+<span class="i0">M&ouml;chte ich zu dir kommen!<br /></span>
+<span class="i0">Ich br&auml;chte deiner Stirne k&uuml;hlen Tau<br /></span>
+<span class="i0">Und deinen Lippen Lachen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In meinen N&auml;chten schreckt mich deine Einsamkeit;<br /></span>
+<span class="i0">Schmiege dich tief in die Fl&uuml;gel meiner Seele;<br /></span>
+<span class="i0">Dunkel rauschten sie &uuml;ber die Meere,<br /></span>
+<span class="i0">Bis sie zu dir sich fanden.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>IV.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn die Nacht von dannen geht,<br /></span>
+<span class="i0">Wollen wir uns aus dunkeln Schalen<br /></span>
+<span class="i0">Unser Blut reichen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Auge wollen wir sein und eine Seele,<br /></span>
+<span class="i0">Schauernd &uuml;ber der T&auml;ler<br /></span>
+<span class="i0">Brennend klaren Kelchen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Siehst du den Morgenwind? Er tr&auml;gt<br /></span>
+<span class="i0">Schwebendes Leben von B&uuml;schen zu B&uuml;schen,<br /></span>
+<span class="i0">Halm zu Halm.<br /></span>
+<span class="i0">Sei du mein! &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Nun schweig.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun schweig und f&uuml;hle, wie die Schatten wehn;<br /></span>
+<span class="i0">Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken,<br /></span>
+<span class="i0">Und schwarze Wolken felsenzackig stehn<br /></span>
+<span class="i0">Um blanke D&auml;cher, die wie Seen blinken.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+<span class="i0">Und suche meine Seele nicht; die liegt<br /></span>
+<span class="i0">In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer,<br /></span>
+<span class="i0">Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Greis.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">L&auml;nder und Seen durchschwommen<br /></span>
+<span class="i0">Br&uuml;nstig allen Fernen.<br /></span>
+<span class="i0">Wittre nun in den N&auml;chten<br /></span>
+<span class="i0">Nach L&auml;ndern &uuml;ber Sternen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Als ich ein Kind war,<br /></span>
+<span class="i0">Gl&auml;nzte so weit mein Teich,<br /></span>
+<span class="i0">Hinter jedem Wipfel<br /></span>
+<span class="i0">Gr&uuml;nte ein Zukunftsreich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">St&uuml;tzt zu Berg mich, S&ouml;hne,<br /></span>
+<span class="i0">Dicht in meine N&auml;he,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich noch einmal<br /></span>
+<span class="i0">Die kleine Erde sehe.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<hr />
+<h2><a name="Becher" id="Becher"></a>Johannes R. Becher.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 22 Mai 1891 zu M&uuml;nchen. &ndash; Verfall und Triumph 1914. An
+Europa 1916. P&auml;an gegen die Zeit 1918. Das Neue Gedicht 1918. Gedichte
+f&uuml;r ein Volk 1919. Gedichte um Lotte 1919. Um Gott 1920.</p>
+
+
+<h3>Verfall.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Unsere Leiber zerfallen,<br /></span>
+<span class="i0">Graben uns singend ein:<br /></span>
+<span class="i0">Berauschte Abende wir,<br /></span>
+<span class="i0">Nachtsturm- und meerverscharrt.<br /></span>
+<span class="i0">Hei&szlig;es Blut vertrocknet,<br /></span>
+<span class="i0">Eitergeschw&uuml;r verrinnt.<br /></span>
+<span class="i0">Mund Ohr Auge verh&uuml;llet<br /></span>
+<span class="i0">Schlaf Traum Erde der Wind.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+<span class="i0">Gelblich tr&auml;ger W&uuml;rmer<br /></span>
+<span class="i0">Enggewundener Gang.<br /></span>
+<span class="i0">Pochen rollender St&uuml;rme.<br /></span>
+<span class="i0">Wimpern, blutrot lang.<br /></span>
+<span class="i0">&hellip;&nbsp;&bdquo;<em class="spaced">Bin ich zerbr&ouml;ckelnde Mauer,</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">S&auml;ule am Wegrand, die schweigt?</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">Oder Baum der Trauer</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">&Uuml;ber dem Abgrund, geneigt?</em>&ldquo;&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">S&uuml;&szlig;er Geruch der Verwesung,<br /></span>
+<span class="i0">Raum, Haus, Haupt erf&uuml;llend.<br /></span>
+<span class="i0">Blumen, flatternde Gr&auml;ser,<br /></span>
+<span class="i0">V&ouml;gel, Lieder quillend.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;<em class="spaced">Ja &ndash;, verfaulter Stamm</em>&nbsp;&hellip;&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Schimmel. Ge&auml;chz. Gest&ouml;hn.<br /></span>
+<span class="i0">Unter wimmelnder Himmel Flucht<br /></span>
+<span class="i0">Furchtbarer Laut ert&ouml;nt:<br /></span>
+<span class="i0">Pauke. Tube Gedr&ouml;hn.<br /></span>
+<span class="i0">Donner. Wildflammiges Licht.<br /></span>
+<span class="i0">Zimbel. Schlagender Ton.<br /></span>
+<span class="i0">Trommelgeschrill. Das zerbricht. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der ich mich dir, weite Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Hingab, leicht vertrauend,<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, der arme Leib verf&auml;llt,<br /></span>
+<span class="i0">Doch mein Geist die Heimat schaut.<br /></span>
+<span class="i0">Nacht, dein Schlummer tr&ouml;stet mich,<br /></span>
+<span class="i0">Mund ruht tief und Arm.<br /></span>
+<span class="i0">Heller Tag, du l&ouml;sest mich<br /></span>
+<span class="i0">Auf in Unruh ganz und Harm.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; ich keinen Ausweg finde,<br /></span>
+<span class="i0">Ach, so weh zerteilt!<br /></span>
+<span class="i0">Blende bald, bald blind und Binde.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+<span class="i0">Da&szlig; kein Ku&szlig; mich heilt!<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich keinen Ausweg finde,<br /></span>
+<span class="i0">Trag wohl ich nur Schuld:<br /></span>
+<span class="i0">Wildstrom, Blut und Feuerwind,<br /></span>
+<span class="i0">Schande, Ungeduld.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Tag, du herbe Bitternis!<br /></span>
+<span class="i0">Nacht, gib Traum und Rat!<br /></span>
+<span class="i0">Kot Verzerrung Schnitt und Ri&szlig; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;hle Lagerstatt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Alles mu&szlig; noch ferne sein,<br /></span>
+<span class="i0">Fern, o fern von mir &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Bl&uuml;h empor im Sternenschein,<br /></span>
+<span class="i0">Heimat, &uuml;ber mir!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Einmal werde ich am Wege stehn,<br /></span>
+<span class="i0">Versonnen, im Anschaun einer gro&szlig;en Stadt.<br /></span>
+<span class="i0">Umronnen von goldener Winde Wehn.<br /></span>
+<span class="i0">Licht f&auml;llt durch der Wolken Flucht matt.<br /></span>
+<span class="i0">Verz&uuml;ckte Gestalten, in Wei&szlig; geh&uuml;llt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Meine H&auml;nde r&uuml;hren<br /></span>
+<span class="i0">An Himmel, golderf&uuml;llt,<br /></span>
+<span class="i0">Sich &ouml;ffnend gleich Wundert&uuml;ren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wiesen, W&auml;lder ziehen herauf.<br /></span>
+<span class="i0">Gew&auml;sser sich w&auml;lzen. Br&uuml;cken.<br /></span>
+<span class="i0">Gew&ouml;lbe. Endloser Str&ouml;me Lauf.<br /></span>
+<span class="i0">Grauer Gebirge R&uuml;cken.<br /></span>
+<span class="i0">Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.<br /></span>
+<span class="i0">Drachen, Erde speiend.<br /></span>
+<span class="i0">Aufgerissener Rachen, die Sonne br&uuml;llt.<br /></span>
+<span class="i0">Emp&ouml;rung. Lachen. Geschrei.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.<br /></span>
+<span class="i0">Kn&auml;uel. Gemetzel weit&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+<span class="i0">&hellip;&nbsp;&bdquo;<em class="spaced">Wann erscheinest du, ewiger Tag?</em><br /></span>
+<span class="i0">Oder hat es noch Zeit?<br /></span>
+<span class="i0">Wann ert&ouml;nest du, schallendes Horn,<br /></span>
+<span class="i0">Schrei du der Meerflut schwer?<br /></span>
+<span class="i0">Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn<br /></span>
+<span class="i0">Rufend die Schl&auml;fer her?&ldquo;&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Idiot.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Er schwirrte n&auml;chtens durch der gro&szlig;en St&auml;dte Flucht. Das traf ihn schwer.<br /></span>
+<span class="i0">Auf hohlen Pl&auml;tzen tosten Glitzer-Feste.<br /></span>
+<span class="i0">Staubwirbel bliesen ihn durch gr&uuml;nen Abendhimmel flaches Meer.<br /></span>
+<span class="i0">Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Pal&auml;ste.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und seine Stra&szlig;e warf sich steil empor und schraubte<br /></span>
+<span class="i0">Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand,<br /></span>
+<span class="i0">Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte,<br /></span>
+<span class="i0">Spie Feuer, ri&szlig; r&uuml;ckw&auml;rts sie, da&szlig; st&ouml;hnend sie sich niederwand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er schlug: die Augen gr&uuml;n, Schaum dick ums Maul,<br /></span>
+<span class="i0">Auf hei&szlig;es Pflaster. S&auml;ule ward sein Schrei!<br /></span>
+<span class="i0">Ganz leise sang ein Droschkengaul &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und wei&szlig;e Schleier wehten dicht vorbei.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es st&uuml;rzten T&uuml;rme gro&szlig; und Mauern drob zusammen.<br /></span>
+<span class="i0">Auf allen D&auml;chern tosten Flammen laut.<br /></span>
+<span class="i0">Die Dome knieten nieder. Berge schwammen<br /></span>
+<span class="i0">Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis &uuml;berbaut.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.<br /></span>
+<span class="i0">Es gellte. M&ouml;wenschw&auml;rme schreckten auf.<br /></span>
+<span class="i0">Bl&uuml;tenw&auml;lder wei&szlig; begruben ihn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span></div>
+<h3>Musik des Abschieds.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Beginn der Kl&auml;nge zwischen dir und mir!<br /></span>
+<span class="i0">Uralte S&auml;nge, die mich hei&szlig; verfluten &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Gew&uuml;hl der Zeiten, die mich wei&szlig; zerbluten &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Gel&auml;ute. Schweigen zwischen mir und dir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O Gr&auml;ber, G&auml;rten zwischen mir und dir!<br /></span>
+<span class="i0">Gespannt die T&auml;nzer unsichtbar auf Seilen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Traum-Silber-Pfl&uuml;ge, die Eisschollen teilen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Die Boten eilen zwischen dir und mir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erbrochene Schlachten. Bunte V&ouml;lkerwelten.<br /></span>
+<span class="i0">Die Roten Felsen &uuml;ber Agadir.<br /></span>
+<span class="i0">Gesprengte W&auml;lder. Heller Tod der Helden&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">O dunkle Sprachen zwischen mir und dir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und sah die Meere durch die Himmel flie&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i0">Besternte Menschen viel auf Pl&auml;tzen dicht.<br /></span>
+<span class="i0">Fluch deiner Finsternis: verkohlte Wiesen.<br /></span>
+<span class="i0">Die Fl&ouml;te ruft. Es reift dein Angesicht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und s&auml;he M&auml;gde aus dem Brunnen sch&ouml;pfen<br /></span>
+<span class="i0">Krug milden Trankes&nbsp;&hellip; und das bl&ouml;de Tier<br /></span>
+<span class="i0">Leckt unvertrieben Honig aus den T&ouml;pfen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">O Fest! O Stunde zwischen dir und mir!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann jagte ich auf unergriffenem Schiffe.<br /></span>
+<span class="i0">Denn schroffer Sturm verl&ouml;schte jede Spur.<br /></span>
+<span class="i0">Und durchs Gezisch und durchs Gestr&uuml;pp der Riffe&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und in den H&auml;nden eine Muschel nur:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zerschellt. Genebel. Sch&auml;del. F&auml;ulnis. Und die Feuchte<br /></span>
+<span class="i0">Gefleckter S&uuml;mpfe. R&auml;udiger Rachen Gier &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich aber f&uuml;hlte: Duft und Pracht und Leuchte!<br /></span>
+<span class="i0">O Nacht des Bundes zwischen dir und mir.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span></div>
+<h2><a name="Bethge" id="Bethge"></a>Hans Bethge.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. &ndash; Die stillen Inseln, Die
+Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin.</p>
+
+
+<h3>Die Hoffende.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Sie sa&szlig; am offenen Fenster, ganz verwirrt,<br /></span>
+<span class="i0">Der Glanz auf ihren H&auml;nden war der Glanz<br /></span>
+<span class="i0">Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen<br /></span>
+<span class="i0">Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel<br /></span>
+<span class="i0">Und alte Blumen und das Lied der Lerche,<br /></span>
+<span class="i0">Das alles war in ihm, sie f&uuml;hlt' es wohl.<br /></span>
+<span class="i0">Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und<br /></span>
+<span class="i0">Sie war so reich! und nun hob sie die Hand<br /></span>
+<span class="i0">Leis auf und k&uuml;&szlig;te sie: die ganze Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Die ganze Qual, das Leben, alles, alles.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Nach Sonnenuntergang.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange,<br /></span>
+<span class="i0">Die D&uuml;nen gl&auml;nzten durch die Abendluft.<br /></span>
+<span class="i0">Du r&uuml;hrtest mit dem Schritt der T&auml;nzerin<br /></span>
+<span class="i0">Die gelbe Erde an. Ich sa&szlig; im Garten,<br /></span>
+<span class="i0">Und gl&uuml;hnden Herzens f&uuml;hlt' ich wie du kamst!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte<br /></span>
+<span class="i0">Und rissest eine Rose vom Gestr&auml;uch<br /></span>
+<span class="i0">Und k&uuml;&szlig;test sie und warfst sie in die Winde<br /></span>
+<span class="i0">Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne!<br /></span>
+<span class="i0">Und braun und g&ouml;ttlich gl&auml;nzten deine Schultern,<br /></span>
+<span class="i0">Und herber Duft des Meeres hing an dir.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span></div>
+<h3>An eine Kunstreiterin.</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie eine Blume, dr&uuml;berhin der Lenz-<br /></span>
+<span class="i0">Wind geht; wie eine T&auml;nzerin, die rastend<br /></span>
+<span class="i0">Das Echo noch des Rhythmus in sich f&uuml;hlt,<br /></span>
+<span class="i0">Der sie entz&uuml;ckte, und ihm ohne Willen<br /></span>
+<span class="i0">Nachgibt: so hockst du vor mir im Gemach,<br /></span>
+<span class="i0">Und Duft der Hengste schwebt noch um dein Haar<br /></span>
+<span class="i0">Und in den Augen noch der Glanz der Lichter,<br /></span>
+<span class="i0">Und deine Hand f&auml;hrt &uuml;ber meine Knie,<br /></span>
+<span class="i0">Liebkosend, tr&auml;umend, so als streife sie<br /></span>
+<span class="i0">An eine Welt, mit der sie nichts verbindet,<br /></span>
+<span class="i0">Und die ihr fern ist wie das Einst und Nie.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du bist der sch&ouml;nste<br /></span>
+<span class="i0">Gedanke des Fr&uuml;hlings.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du bist der s&uuml;&szlig;este Hauch,<br /></span>
+<span class="i0">Der am Abend mich anweht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du bist die wilde Verzweiflung<br /></span>
+<span class="i0">Aller, die dich lieben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach, du hast in finstere Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Auch mich geh&uuml;llt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer bist du?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du bist der s&uuml;&szlig;este Hauch,<br /></span>
+<span class="i0">Der am Abend mich anweht.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>III.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Deine feinen H&auml;nde<br /></span>
+<span class="i0">Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+<span class="i0">An deinen feinen Br&uuml;sten<br /></span>
+<span class="i0">H&auml;ngt der Abend in Glanz und Demut.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus deinen verdunkelten Augen<br /></span>
+<span class="i0">Weht K&uuml;hle mich an.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die K&uuml;hle deines Herzens weht mich an<br /></span>
+<span class="i0">Aus deinen Augen bei Abend.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wir wehen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir wehen durch die L&uuml;fte,<br /></span>
+<span class="i0">Grau wie Regen weht,<br /></span>
+<span class="i0">Zart wie D&uuml;fte der Blumen,<br /></span>
+<span class="i0">Bang wie der Fl&ouml;te Lied.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wehen mit Eile, sinken<br /></span>
+<span class="i0">Nieder in einem Feld,<br /></span>
+<span class="i0">Abend h&uuml;llt k&uuml;hl uns ein,<br /></span>
+<span class="i0">Nacht ist so m&auml;rchensch&ouml;n.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Manche erheben wieder<br /></span>
+<span class="i0">Ihre Fl&uuml;gel, wehen<br /></span>
+<span class="i0">Weiter, d&uuml;stere Wolken<br /></span>
+<span class="i0">Oder Ger&uuml;che der Flur.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Andere bleiben liegen<br /></span>
+<span class="i0">In den Hainen und G&auml;rten,<br /></span>
+<span class="i0">Werden Erde und Halme,<br /></span>
+<span class="i0">Spielend im Fr&uuml;hlingshauch.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">H&ouml;rst du ein Seufzen im Abend?<br /></span>
+<span class="i0">Und ein Lachen im Wind.<br /></span>
+<span class="i0">Wer da wehte vor&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i0">Ach &ndash; und wohin? wohin?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span></div>
+<h3>Vision.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du,<br /></span>
+<span class="i0">Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken.<br /></span>
+<span class="i0">Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst<br /></span>
+<span class="i0">Auf den verwilderten G&auml;rten, ein Traumgebild<br /></span>
+<span class="i0">Der Lenznacht, lockend, schwankend, verf&uuml;hrerisch &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Bis da&szlig; der Nebel stieg von den Wiesen her<br /></span>
+<span class="i0">Und du ausl&ouml;schtest, so wie ein Lied ausl&ouml;scht,<br /></span>
+<span class="i0">Und rings lag &ouml;de, schmachtende Finsternis,<br /></span>
+<span class="i0">Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen<br /></span>
+<span class="i0">Riefen nach dir, o Mondenhauch!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Hinschlendern.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin<br /></span>
+<span class="i0">Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Gru&szlig; den M&auml;dchen mit den edlen Busen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Gru&szlig; dem Wein, den Blumen und dem Mond,<br /></span>
+<span class="i0">Ein stiller Gru&szlig; den Kranken und Zerw&uuml;hlten,<br /></span>
+<span class="i0">Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen<br /></span>
+<span class="i0">Den Wolken und dem Winde und dem Meer,<br /></span>
+<span class="i0">Und schlafen, schlafen&nbsp;&hellip; Und in lindem Traume<br /></span>
+<span class="i0">Entgleitet alles, und die sch&ouml;nste Stunde<br /></span>
+<span class="i0">Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Dasein.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mond und Liebe und dann<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schluck Wein ab und an<br /></span>
+<span class="i0">Und dann &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Herz, warum so tr&uuml;be?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+<span class="i0">Und dann<br /></span>
+<span class="i0">Mond und dann Wein<br /></span>
+<span class="i0">Und Liebe, &ndash; herbsttr&uuml;be<br /></span>
+<span class="i0">Verrinnt das Sein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber manchmal aufgl&uuml;ht<br /></span>
+<span class="i0">Ein berauschender Funken,<br /></span>
+<span class="i0">Dann taumeln wir trunken,<br /></span>
+<span class="i0">Bis der Funken verspr&uuml;ht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann das alte Lied:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mond und Liebe und dann<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schluck Wein ab und an.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Bierbaum" id="Bierbaum"></a>Otto Julius Bierbaum.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 28. Juni 1865 zu Gr&uuml;nberg in Schlesien, absolvierte das Gymnasium
+in Wurzen, besuchte die Universit&auml;ten Z&uuml;rich, Leipzig, Berlin, M&uuml;nchen,
+war Redakteur der &bdquo;Neuen deutschen Rundschau&ldquo;, des &bdquo;Pan&ldquo; und der &bdquo;Insel&ldquo;
+und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910 starb. &ndash; Erlebte
+Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894. Irrgarten der Liebe
+1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Fl&ouml;te 1907.</p>
+
+
+<h3>Tanzlied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es ist ein Reihen geschlungen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Reihen auf dem gr&uuml;nen Plan,<br /></span>
+<span class="i0">Und ist ein Lied gesungen,<br /></span>
+<span class="i0">Das hebt mit Sehnen an,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit Sehnen, also s&uuml;&szlig;e,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Weinen sich mit Lachen paart:<br /></span>
+<span class="i0">Hebt, hebt im Tanz die F&uuml;&szlig;e<br /></span>
+<span class="i0">Auf lenzeliche Art!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_dauthendey" id="abb_dauthendey"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 366px;">
+<img src="images/dauthendey.jpg" width="366" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Max Dauthendey</span>
+</div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span></div>
+<h3>Freundliche Vision.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nicht im Schlafe hab' ich das getr&auml;umt,<br /></span>
+<span class="i0">Hell am Tage sah ich's sch&ouml;n vor mir:<br /></span>
+<span class="i0">Eine Wiese voller Margeriten;<br /></span>
+<span class="i0">Tief ein wei&szlig;es Haus in gr&uuml;nen B&uuml;schen;<br /></span>
+<span class="i0">G&ouml;tterbilder leuchten aus dem Laube.<br /></span>
+<span class="i0">Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat,<br /></span>
+<span class="i0">Ruhigen Gem&uuml;tes in die K&uuml;hle<br /></span>
+<span class="i0">Dieses wei&szlig;en Hauses, in den Frieden,<br /></span>
+<span class="i0">Der voll Sch&ouml;nheit wartet, da&szlig; wir kommen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Kranke.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich f&uuml;hle keinen Schmerz und bin doch krank;<br /></span>
+<span class="i0">Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer.<br /></span>
+<span class="i0">Ich lebe ab, so wie ein Rad abl&auml;uft,<br /></span>
+<span class="i0">Das von der Feder, die es trieb und hielt,<br /></span>
+<span class="i0">Gel&ouml;st ward. &ndash; Ach, sie pflegen mich so lieb,<br /></span>
+<span class="i0">Und dennoch wei&szlig; ich's, balde ist's vorbei.<br /></span>
+<span class="i0">Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil.<br /></span>
+<span class="i0">Ich werde ruhig bl&uuml;hn in leichtem Wind,<br /></span>
+<span class="i0">Wie meine Blumen, die im Garten sind.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Im Wirbel fort.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Moosgr&uuml;n aus Samt ein Band im blonden Haar.<br /></span>
+<span class="i0">Ein F&auml;rblein rosarot dazwischen war,<br /></span>
+<span class="i0">Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr,<br /></span>
+<span class="i0">Und es war Mai.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So kam's, da&szlig; uns mit Strahlen flitterfein<br /></span>
+<span class="i0">Umf&auml;delte der sanfte Sonnenschein;<br /></span>
+<span class="i0">Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n.<br /></span>
+<span class="i0">Die Knospe sprang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+<span class="i0">Ich h&auml;tte gern in Treuen sie gehegt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich h&auml;tte gern sie mir ans Herz gelegt,<br /></span>
+<span class="i0">Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt.<br /></span>
+<span class="i0">Wem bl&uuml;ht sie nun?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Gigerlette.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Fr&auml;ulein Gigerlette<br /></span>
+<span class="i0">Lud mich ein zum Tee,<br /></span>
+<span class="i0">Ihre Toilette<br /></span>
+<span class="i0">War gestimmt auf Schnee;<br /></span>
+<span class="i0">Ganz wie Pierrette<br /></span>
+<span class="i0">War sie angetan.<br /></span>
+<span class="i0">Selbst ein M&ouml;nch, ich wette,<br /></span>
+<span class="i0">S&auml;he Gigerlette<br /></span>
+<span class="i0">Wohlgef&auml;llig an.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">War ein rotes Zimmer,<br /></span>
+<span class="i0">Drin sie mich empfing,<br /></span>
+<span class="i0">Gelber Kerzenschimmer<br /></span>
+<span class="i0">In dem Raume hing.<br /></span>
+<span class="i0">Und sie war wie immer<br /></span>
+<span class="i0">Leben und Esprit.<br /></span>
+<span class="i0">Nie vergess' ich's, nimmer:<br /></span>
+<span class="i0">Weinrot war das Zimmer,<br /></span>
+<span class="i0">Bl&uuml;tenwei&szlig; war sie.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und im Trab mit Vieren<br /></span>
+<span class="i0">Fuhren wir zu zweit<br /></span>
+<span class="i0">In das Land spazieren,<br /></span>
+<span class="i0">Das hei&szlig;t Heiterkeit.<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; wir nicht verlieren<br /></span>
+<span class="i0">Z&uuml;gel, Ziel und Lauf,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+<span class="i0">Sa&szlig; bei dem Kutschieren<br /></span>
+<span class="i0">Mit den hei&szlig;en Vieren<br /></span>
+<span class="i0">Amor hinten auf.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Traum durch die D&auml;mmerung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Weite Wiesen im D&auml;mmergrau!<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn:<br /></span>
+<span class="i0">Nun geh' ich zu der sch&ouml;nsten Frau,<br /></span>
+<span class="i0">Weit &uuml;ber Wiesen im D&auml;mmergrau,<br /></span>
+<span class="i0">Tief in den Busch von Jasmin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Durch D&auml;mmergrau in der Liebe Land;<br /></span>
+<span class="i0">Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;<br /></span>
+<span class="i0">Mich zieht ein weiches, samtenes Band<br /></span>
+<span class="i0">Durch D&auml;mmergrau in der Liebe Land,<br /></span>
+<span class="i0">In ein blaues, mildes Licht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Jeannette.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank,<br /></span>
+<span class="i0">Und mittendrin ein M&auml;del schlank,<br /></span>
+<span class="i0">Meine lustige, liebe Jeannette.<br /></span>
+<span class="i0">Braune Augen hat sie, wunderbar,<br /></span>
+<span class="i0">In wilden Ringeln hellbraunes Haar,<br /></span>
+<span class="i0">Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Jeannette! Jeannette!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Fensterbrett ein Efeu steht,<br /></span>
+<span class="i0">Durchs gr&uuml;ne Geranke die Liebe sp&auml;ht,<br /></span>
+<span class="i0">Meine lustige, liebe Jeannette.<br /></span>
+<span class="i0">T&uuml;re auf! Da liegt mir am Halse das Kind.<br /></span>
+<span class="i0">Alleine wir beiden, es singt der Wind<br /></span>
+<span class="i0">Das Lied von zweien, die selig sind, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Jeannette! Jeannette!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span></div>
+<h3>Die schwarze Laute.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus dem Rosenstocke<br /></span>
+<span class="i0">Vom Grabe des Christ<br /></span>
+<span class="i0">Eine schwarze Laute<br /></span>
+<span class="i0">Gebauet ist;<br /></span>
+<span class="i0">Der wurden gr&uuml;ne Reben<br /></span>
+<span class="i0">Zu Saiten<br /></span>
+<span class="i0">Gegeben.<br /></span>
+<span class="i0">O wehe du, wie selig sang,<br /></span>
+<span class="i0">So eross&uuml;&szlig;, so jesusbang,<br /></span>
+<span class="i0">Die schwarze Rosenlaute.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich h&ouml;rte sie singen<br /></span>
+<span class="i0">In mailichter Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Da bin ich zur Liebe<br /></span>
+<span class="i0">In Schmerzen erwacht,<br /></span>
+<span class="i0">Da wurde meinem Leben<br /></span>
+<span class="i0">Die Sehnsucht<br /></span>
+<span class="i0">Gegeben.<br /></span>
+<span class="i0">O wehe du, wie selig sang,<br /></span>
+<span class="i0">So jesuss&uuml;&szlig;, so erosbang,<br /></span>
+<span class="i0">Die schwarze Rosenlaute.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Oft in der stillen Nacht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Oft in der stillen Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn zag der Atem geht<br /></span>
+<span class="i0">Und sichelblank der Mond<br /></span>
+<span class="i0">Am schwarzen Himmel steht,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn alles ruhig ist<br /></span>
+<span class="i0">Und kein Begehren schreit,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hrt meine Seele mich<br /></span>
+<span class="i0">In Kindeslande weit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+<span class="i0">Dann seh' ich, wie ich schritt<br /></span>
+<span class="i0">Unfest mit F&uuml;&szlig;en klein,<br /></span>
+<span class="i0">Und seh' mein Kindesaug'<br /></span>
+<span class="i0">Und seh' die H&auml;nde mein,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und h&ouml;re meinen Mund,<br /></span>
+<span class="i0">Wie lauter klar er sprach,<br /></span>
+<span class="i0">Und senke meinen Kopf<br /></span>
+<span class="i0">Und denk' mein Leben nach:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bist du, bist du allweg<br /></span>
+<span class="i0">Gegangen also rein,<br /></span>
+<span class="i0">Wie du gegangen bist<br /></span>
+<span class="i0">Auf Kindesf&uuml;&szlig;en klein?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hast du, hast du allweg<br /></span>
+<span class="i0">Gesprochen also klar,<br /></span>
+<span class="i0">Wie einsten deines Munds<br /></span>
+<span class="i0">Lautleise Stimme war?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sahst du, sahst du allweg<br /></span>
+<span class="i0">So klar ins Angesicht<br /></span>
+<span class="i0">Der Sonne, wie dereinst<br /></span>
+<span class="i0">Der Kindesaugen Licht?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich blicke, Sichel, auf<br /></span>
+<span class="i0">Zu deiner wei&szlig;en Pracht;<br /></span>
+<span class="i0">Tief, tief bin ich betr&uuml;bt<br /></span>
+<span class="i0">Oft in der stillen Nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span></div>
+<h2><a name="Bodman" id="Bodman"></a>Emanuel von Bodman.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 23. Januar 1874 zu Friedrichshafen am Bodensee. &ndash; Erde 1896.
+Neue Lieder 1902. Der Wanderer und der Weg 1908.</p>
+
+
+<h3>Der Garten.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das rote Weinlaub h&auml;ngt von Sonne voll,<br /></span>
+<span class="i0">Ich trete ohne Schmerz in deinen Garten,<br /></span>
+<span class="i0">Nach langer Zeit. Auf dieser Holzbank schwoll<br /></span>
+<span class="i0">Einst unser junges Sehnen, und wir starrten<br /></span>
+<span class="i0">In manche blaue Nacht. Nun bist du tot<br /></span>
+<span class="i0">Drei bunte Jahre. Die Kastanien fallen.<br /></span>
+<span class="i0">Nun ist mir, f&uuml;hle ich ihr braunes Rot,<br /></span>
+<span class="i0">Es m&uuml;&szlig;ten deine leichten Tritte hallen.<br /></span>
+<span class="i0">Noch flie&szlig;t der alte Tropfsteinquell so klar,<br /></span>
+<span class="i0">Und m&auml;chtig dr&uuml;ckt mich eine s&uuml;&szlig;e Schwere,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob der irre Duft von deinem Haar<br /></span>
+<span class="i0">Noch irgendwo in diesen B&uuml;schen w&auml;re.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Meine Mutter&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Mutter sang<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber meine Wiege,<br /></span>
+<span class="i0">Bis zu Flur und Stiege<br /></span>
+<span class="i0">Flog der s&uuml;&szlig;e Klang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Mutter wand<br /></span>
+<span class="i0">Garn im Sonnenscheine,<br /></span>
+<span class="i0">Und sie hatte eine<br /></span>
+<span class="i0">Zarte wei&szlig;e Hand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mutter war sehr sch&ouml;n,<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;r' ich alle sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Und ich will nicht klagen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich's nicht gesehn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span></div>
+<h3>Flocken.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Leise, leise fallen wei&szlig;e Flocken,<br /></span>
+<span class="i0">Fall'n wie einstens, als dein Fu&szlig; mit Beben<br /></span>
+<span class="i0">In mein Haus trat, als ich hell erschrocken<br /></span>
+<span class="i0">Ahnte, da&szlig; ein Wunder sich begeben&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Als der Nachthauch unsre Pulse k&uuml;hlte,<br /></span>
+<span class="i0">Droben lichte Kinderstimmen klangen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Als ich deine schauernden Arme f&uuml;hlte,<br /></span>
+<span class="i0">Die so einzig meinen Hals umschlangen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Als ein trunkner Schrei aus meiner Kehle<br /></span>
+<span class="i0">Fuhr, der lang' in meinem Haus gewaltet&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Als zum ersten Male deine Seele<br /></span>
+<span class="i0">Ihre Zitterfl&uuml;gel froh entfaltet&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wandlung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Leben, glaubte ich, sei rot von Rosen,<br /></span>
+<span class="i0">Man brauche nur in sein Gestr&uuml;pp zu greifen,<br /></span>
+<span class="i0">Um hunderte an einem Tag zu streifen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Wohl griff ich Rosen, mehr noch Herbstzeitlosen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die W&uuml;nsche warf ich weg; sie narrn mich nimmer.<br /></span>
+<span class="i0">Ist so mein Herz um manche Hoffnung leerer,<br /></span>
+<span class="i0">Ist es daf&uuml;r um eine Weisheit schwerer,<br /></span>
+<span class="i0">Und mich belebt ein heller, harter Schimmer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich blicke k&auml;lter. Doch: schenkt mir im Wandern<br /></span>
+<span class="i0">Das Leben pl&ouml;tzlich eine Rose wieder,<br /></span>
+<span class="i0">Dann blicke ich wie trunken auf sie nieder:<br /></span>
+<span class="i0">Sie gl&auml;nzt ja r&ouml;ter als die hundert andern.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span></div>
+<h2><a name="Cale" id="Cale"></a>Walter Cal&eacute;.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November
+1904. &ndash; Nachgelassene Schriften 1907.</p>
+
+
+<h3>Wir tauchten aus dem Strom&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit flie&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Und wo wir eines waren willenlos,<br /></span>
+<span class="i0">Und wandeln nun f&uuml;r eine kurze Weile<br /></span>
+<span class="i0">In argen Fesseln unter Raum und Stunden,<br /></span>
+<span class="i0">Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind,<br /></span>
+<span class="i0">Und nur mit Blicken, welche tr&ouml;sten sollen,<br /></span>
+<span class="i0">Von fern uns winkend &ndash; eine kurze Weile,<br /></span>
+<span class="i0">Bis da&szlig; wir wieder zu dem Strome tauchen<br /></span>
+<span class="i0">Und wieder eines sind und willenlos.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Tod wird uns&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Tod wird uns an seine H&auml;nde nehmen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein F&uuml;hrer jener Seelen, welche irrten,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprechen: &bdquo;Dieses ist der rechte Weg!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Und weiter sprechen: &bdquo;Dieses ist das Land,<br /></span>
+<span class="i0">Nach welchem ihr Verlangen habt und Tr&auml;nen.&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Dann aber werden wir die Blicke senken<br /></span>
+<span class="i0">Und voller Trauer fragen: &bdquo;Dieses nur?&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Es rinnen rote Quellen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es rinnen rote Quellen<br /></span>
+<span class="i0">Um mein gesegnet Haus;<br /></span>
+<span class="i0">Es tr&auml;nkt ein schwarzer Reiter<br /></span>
+<span class="i0">Sein schwarzes Ro&szlig; daraus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er lehnt schon hundert Jahre<br /></span>
+<span class="i0">Vor meinem runden Tor;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+<span class="i0">Die Zeit wird ihm nicht lange,<br /></span>
+<span class="i0">Ich komme nie hervor.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es braucht nur dreier Schritte,<br /></span>
+<span class="i0">So kann ich bei ihm stehn,<br /></span>
+<span class="i0">So kann ich mit ihm reiten,<br /></span>
+<span class="i0">Wie meine W&uuml;nsche gehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das ist so sch&ouml;n zu wissen!<br /></span>
+<span class="i0">Ich sag' es tausendmal:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Es wartet einer drau&szlig;en!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Und bleibe doch im Saal.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Reiter schl&auml;ft im Schatten,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Panzerhemd blinkt gut;<br /></span>
+<span class="i0">Dem Rappen ist sehr schl&auml;frig,<br /></span>
+<span class="i0">Mir ist sehr froh zumut!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Zwiegespr&auml;ch.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der S&auml;nger:</em><br /></span>
+<span class="i2">Die andern sprachen deinem Herzen vieles,<br /></span>
+<span class="i2">Nur meine Lippen blieben stumm, vergib,<br /></span>
+<span class="i2">Vor lauter Seligkeiten, da du kamest.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Beatrix:</em><br /></span>
+<span class="i2">Du irrest, Bruder, und ich h&ouml;rte dich!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der S&auml;nger:</em><br /></span>
+<span class="i2">Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm,<br /></span>
+<span class="i2">Vor lauter Seligkeiten ohne Worte.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Beatrix:</em><br /></span>
+<span class="i2">Du irrest, Bruder, und ich h&ouml;rte dich:<br /></span>
+<span class="i2">Die Lippen nicht, ich h&ouml;rte deine Seele.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der S&auml;nger:</em><br /></span>
+<span class="i2">Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt,<br /></span>
+<span class="i2">Und keine Worte kamen von der Seele.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">Beatrix:</em><br /></span>
+<span class="i2">Du irrest, Bruder, und ich h&ouml;rte dich,<br /></span>
+<span class="i2">Ich h&ouml;rte deine stumme Seele singen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Du tr&auml;umtest&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du tr&auml;umtest dieses Lebens Wirren ferne,<br /></span>
+<span class="i0">Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde<br /></span>
+<span class="i0">Und kam und ging gleich einem Wanderer,<br /></span>
+<span class="i0">Von dessen Schritte nachts die Stra&szlig;en hallen,<br /></span>
+<span class="i0">Der deinem Fenster so vor&uuml;bergeht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; nur ein Hallen dir von ihm bekannt,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs<br /></span>
+<span class="i0">Und seine Seele nicht und seine Stimme;<br /></span>
+<span class="i0">Er geht vor&uuml;ber, und der Schritt verhallt,<br /></span>
+<span class="i0">Auf deinem Lager horchst du eine Weile:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Wer ging vor&uuml;ber&nbsp;..?&ldquo; &ndash; Dann entschlummerst du.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Heimweg f&uuml;hrte mich&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Heimweg f&uuml;hrte mich in dieser Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Zum Parke, welcher voller Stille lag,<br /></span>
+<span class="i0">Und viele d&uuml;rre Bl&auml;tter raschelten.<br /></span>
+<span class="i0">Und zwischen zweien hohen dunkeln St&auml;mmen<br /></span>
+<span class="i0">Erschien es mir und war mir wohlbekannt<br /></span>
+<span class="i0">Und weinte auch und nickt' und lockte sehr;<br /></span>
+<span class="i0">Doch als der Wind ein wenig lauter klagte,<br /></span>
+<span class="i0">Zerrann es&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Am Flusse.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Trauernd stehst du an des Flusses Rande,<br /></span>
+<span class="i0">Trauernd f&uuml;hrt mein Weg am andern Ufer:<br /></span>
+<span class="i0">Keiner wei&szlig;, ob ihn der andre riefe;<br /></span>
+<span class="i0">Allzu heftig rauschen die Gew&auml;sser.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+<span class="i0">Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,<br /></span>
+<span class="i0">Du vom rechten, ich vom linken Strande?<br /></span>
+<span class="i0">Wollen wir dann in des Stromes Mitte<br /></span>
+<span class="i0">Leichten Ruderschlages uns begr&uuml;&szlig;en?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wollen wir die Wasser abw&auml;rts gleiten,<br /></span>
+<span class="i0">Boot an Boot, und nur gelinde l&auml;chelnd,<br /></span>
+<span class="i0">Bis das Meer in gro&szlig;em Glanz sich auftut<br /></span>
+<span class="i0">Und wir stehn und beide weinen m&uuml;ssen?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Und abermals wirst du&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und abermals wirst du geboren werden<br /></span>
+<span class="i0">Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,<br /></span>
+<span class="i0">Und wirst die Wege gehen allen Lebens,<br /></span>
+<span class="i0">In Schmerzen bald und manches Mal in L&auml;cheln.<br /></span>
+<span class="i0">Doch steigt aus D&auml;mmerungen einer Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Gleichwie aus Sch&auml;chten, die versch&uuml;ttet sind,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,<br /></span>
+<span class="i0">So wisse du: Der Bruder ruft nach dir,<br /></span>
+<span class="i0">Der abermals dem Tode sich entrang<br /></span>
+<span class="i0">Gleich dir und abermals das Leben wandelt<br /></span>
+<span class="i0">Auf andern Sternen fern und trauervoll.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Andern.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen<br /></span>
+<span class="i0">Und gehen gleichen Mutes durch das Leben,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihr in Tr&auml;nen und Ersch&uuml;tterung;<br /></span>
+<span class="i0">Und eines Tages ist es dann geschehen:<br /></span>
+<span class="i0">Als eure Tr&auml;nen immer hei&szlig;er str&ouml;mten,<br /></span>
+<span class="i0">Die m&uuml;den H&auml;upter immer tiefer sanken,<br /></span>
+<span class="i0">Da waren euch die Schwingen l&auml;ngst gewachsen,<br /></span>
+<span class="i0">Da waret ihr im &Auml;ther l&auml;ngst entschwunden,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+<span class="i0">Da wu&szlig;ten wir und brannten allzu wissend:<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Gl&uuml;ckes mehr in euern Tr&auml;nen sei<br /></span>
+<span class="i0">Als in dem Lachen unsrer armen Seele.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Conradi" id="Conradi"></a>Hermann Conradi.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 12. Juli 1862 zu Je&szlig;nitz in Anhalt, studierte in Berlin, Leipzig
+und W&uuml;rzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in W&uuml;rzburg
+am 8. M&auml;rz 1890. &ndash; Lieder eines S&uuml;nders 1887.</p>
+
+
+<h3>Aus den &bdquo;Schwarzen Bl&auml;ttern&ldquo;.</h3>
+
+<h4>XIII.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wei&szlig; &ndash; ich wei&szlig;: Nur wie ein Meteor,<br /></span>
+<span class="i0">Das flammend kam, jach sich in Nacht verlor,<br /></span>
+<span class="i0">Werd' ich durch unsre Dichtung streifen!<br /></span>
+<span class="i0">Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie S&uuml;dwind kost &ndash; es gellt wie Trommelklang<br /></span>
+<span class="i0">Mein Lied und wird in alle Herzen greifen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann bebt's j&auml;h aus in schriller Dissonanz&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Die Bl&uuml;ten sind verdorrt, verspr&uuml;ht der Glanz &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Es streicht der Abendwind durch die Zypressen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Nur wenige weinen&nbsp;&hellip; Sie verstummen bald.<br /></span>
+<span class="i0">Was ich getr&auml;umt: sie geben ihm Gestalt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich aber werde bald vergessen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>IV.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Sklavendienst der L&uuml;ge<br /></span>
+<span class="i0">Hab' ich den Tag verbracht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Nun hat den Gnadenschleier leis<br /></span>
+<span class="i0">Herabgesenkt die Nacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es schweigt vertr&auml;umt die Runde,<br /></span>
+<span class="i0">Nur raunend der Nachtwind rauscht &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich aber mit brennendem Munde<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+<span class="i0">Habe Stunde um Stunde<br /></span>
+<span class="i0">Mit Geistern aus n&auml;chtigem Grunde<br /></span>
+<span class="i0">Wilde Zwiesprach' getauscht!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hei! Wie er mich umflattert,<br /></span>
+<span class="i0">Der Geister toller Schwarm!<br /></span>
+<span class="i0">Wie er mich pre&szlig;t mit dunkler Lust<br /></span>
+<span class="i0">In seinen Riesenarm!<br /></span>
+<span class="i0">Wie Frage er auf Frage<br /></span>
+<span class="i0">In meine Seele schreit!<br /></span>
+<span class="i0">Und ob ich bang verzage,<br /></span>
+<span class="i0">Die Brust mir blutig schlage<br /></span>
+<span class="i0">Und bete, da&szlig; es tage:<br /></span>
+<span class="i0">Wie ist der Tag so weit!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Sommerrosen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wollte dich mit Rosen &uuml;bersch&uuml;tten,<br /></span>
+<span class="i0">Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar<br /></span>
+<span class="i0">Und deines Mieders Knospenrundung schm&uuml;cken&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Als noch der Lenz mit s&uuml;&szlig;em Veilchenodem,<br /></span>
+<span class="i0">Ein milder Sieger, durch die Lande schritt,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund<br /></span>
+<span class="i0">Mit letztem hei&szlig;em Abschiedsku&szlig; die Rose,<br /></span>
+<span class="i0">Die rote Sommerrose, aufgebrochen,<br /></span>
+<span class="i0">Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit roten Rosen deine Sch&ouml;nheit kr&ouml;nen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun kam der Sommer&nbsp;&hellip; Und der Rosen F&uuml;lle<br /></span>
+<span class="i0">Seh' ich allorts und alle Stunden bl&uuml;hn&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+<span class="i0">Selbst einen Bettler sah ich heute l&auml;cheln,<br /></span>
+<span class="i0">Als sein vertr&auml;nter Blick von ungef&auml;hr<br /></span>
+<span class="i0">Auf einen Korb mit roten Rosen fiel&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen<br /></span>
+<span class="i0">Und sch&uuml;tte sie auf tote Liebesflammen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Nun schm&uuml;ckt ein andrer wohl dein Knospenmieder,<br /></span>
+<span class="i0">Und morgen wohl begegne ich euch beiden&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Ich blick' euch l&auml;chelnd nach&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und denke ganz aus Zufall<br /></span>
+<span class="i0">Bei der Gelegenheit an einen Fr&uuml;hlingstag,<br /></span>
+<span class="i0">Da wir uns sahn&nbsp;&hellip; Am Abend dann<br /></span>
+<span class="i0">Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann,<br /></span>
+<span class="i0">Umduftete uns s&uuml;&szlig; der Flieder&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir aber liebten uns&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;</span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Lenz.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie ich mich auf den Fr&uuml;hling freue!<br /></span>
+<span class="i0">Wie mir das Alte und doch so Neue<br /></span>
+<span class="i0">Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt!<br /></span>
+<span class="i0">Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter<br /></span>
+<span class="i0">Aus vollen Lungen!<br /></span>
+<span class="i0">Und doch ist's mir, als ob schon dahinter<br /></span>
+<span class="i0">Sehnsuchtsbezwungen<br /></span>
+<span class="i0">Leise, ganz leise der Lenz sich regt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mein Blick, nun weide dich&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal<br /></span>
+<span class="i0">An dieses Fr&uuml;hlings satter Bl&uuml;tenf&uuml;lle!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+<span class="i0">Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Mein Herz, sei stille!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang!<br /></span>
+<span class="i0">Was dich erf&uuml;llt, den Winden gib's zum Raube!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Dir blieb der Glaube!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O glaube eine winzige Weile nur,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; diese Botschaft auch f&uuml;r dich gebracht ward!<br /></span>
+<span class="i0">Umfa&szlig; noch einmal trunken die Natur,<br /></span>
+<span class="i0">Bevor es Nacht ward!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf meinen Scheitel streut der Fr&uuml;hlingswind<br /></span>
+<span class="i0">Mattwei&szlig;e Bl&uuml;ten &ndash; eine letzte Kr&ouml;nung &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und voll Vers&ouml;hnung&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die m&uuml;de schon vergl&uuml;hte&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die m&uuml;de schon vergl&uuml;hte,<br /></span>
+<span class="i0">Die leise schon verklang,<br /></span>
+<span class="i0">Jach ist sie wieder aufgeflammt<br /></span>
+<span class="i0">In jauchzendem Gesang!<br /></span>
+<span class="i0">Wie Zimbelton, wie Lautenschlag<br /></span>
+<span class="i0">Ward meine Liebe wieder wach,<br /></span>
+<span class="i0">Die m&uuml;de schon vergl&uuml;hte,<br /></span>
+<span class="i0">Die leise schon verklang&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und heller t&ouml;nt ihr Rauschen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie junger Fr&uuml;hlingswind,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er in hei&szlig;em Sch&ouml;pferdrang<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt dem Licht gewinnt!<br /></span>
+<span class="i0">Und das Prophetenwort erl&auml;&szlig;t,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+<span class="i0">Da&szlig; nun der Menschheit Osterfest &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ja! Heller t&ouml;nt ihr Rauschen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie junger Fr&uuml;hlingswind!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wie durch Nebelschleier<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne siegreich bricht,<br /></span>
+<span class="i0">Der jungen Flur ein goldnes Band<br /></span>
+<span class="i0">Ums Lockenantlitz flicht:<br /></span>
+<span class="i0">So &uuml;bergl&auml;nzt mit Purpurschein<br /></span>
+<span class="i0">Die Liebe nun mein ganzes Sein,<br /></span>
+<span class="i0">Gie&szlig;t goldne Feuer nieder<br /></span>
+<span class="i0">Und wirbt um neue Lieder&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und nah und ferne quellen<br /></span>
+<span class="i0">Blitzende Wellen empor<br /></span>
+<span class="i0">An meinem Lebenshorizont<br /></span>
+<span class="i0">Aus Dunst und Wolkenflor!<br /></span>
+<span class="i0">Gedanken, die mir nie genaht,<br /></span>
+<span class="i0">Und Pfade, die ich nie betrat,<br /></span>
+<span class="i0">Entsteigen verborgenen Gr&uuml;nden,<br /></span>
+<span class="i0">Heilige Kraft zu entz&uuml;nden!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die leise schon verklungen,<br /></span>
+<span class="i0">Die m&uuml;de schon vergl&uuml;ht:<br /></span>
+<span class="i0">Wild ist sie wieder aufgeflammt,<br /></span>
+<span class="i0">Im Lenzsturm stark erbl&uuml;ht!<br /></span>
+<span class="i0">Und lag ich nieder staubbedeckt,<br /></span>
+<span class="i0">So hab' ich mich nun aufgereckt,<br /></span>
+<span class="i0">Und die Gedanken schweifen<br /></span>
+<span class="i0">In gro&szlig;em Weltbegreifen!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span></div>
+<h3>Im Vor&uuml;berfluge.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit metallhartem Rotgelb<br /></span>
+<span class="i0">Hat sich des Himmels<br /></span>
+<span class="i0">Westliche W&ouml;lbung beflammt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Auge starrt staunend<br /></span>
+<span class="i0">In die leuchtende Blende,<br /></span>
+<span class="i0">Die wachsend fortgl&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i0">Als sei nimmer ihr Ende<br /></span>
+<span class="i0">Die lichtlose Nacht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da streift die brennende<br /></span>
+<span class="i0">Lichtwand ein Fittich &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Der nachtschwarze Fittich<br /></span>
+<span class="i0">Eines D&auml;mmerungsvogels&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Eine kleine Spanne &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und die Weite verschlang ihn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Also tr&auml;gt auch der Mensch<br /></span>
+<span class="i0">Mit schwankem Fittich<br /></span>
+<span class="i0">Sein zwielichtbefangenes Sein<br /></span>
+<span class="i0">Vor&uuml;ber an der stetig leuchtenden<br /></span>
+<span class="i0">Kristallwand der Ewigkeit&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er huscht dahin<br /></span>
+<span class="i0">Ein Traum &ndash; ein Wahn &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Auf schmaler Bahn &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">So bald &ndash; so bald<br /></span>
+<span class="i0">Raubt seiner Gestalt<br /></span>
+<span class="i0">Schattengef&uuml;ge<br /></span>
+<span class="i0">Des Nichtseins<br /></span>
+<span class="i0">Farblose Wahrheitsl&uuml;ge.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber im Fluge &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Im Vor&uuml;berfluge &ndash;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+<span class="i0">Ahnt er das R&auml;tsel<br /></span>
+<span class="i0">Der stetig und still<br /></span>
+<span class="i0">In sattem Glanze<br /></span>
+<span class="i0">Fortdauernden Ewigkeit&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Daeubler" id="Daeubler"></a>Theodor D&auml;ubler.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 17. August 1876 zu Triest. &ndash; Das Nordlicht 1910. Der sternhelle
+Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917.</p>
+
+
+<h3>Weg.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit dem Monde will ich wandeln:<br /></span>
+<span class="i0">Schlangenwege &uuml;ber Berge<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hren Tr&auml;ume, bringen Schritte<br /></span>
+<span class="i0">Durch den Wald dem Monde zu.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Durch Zypressen staunt er pl&ouml;tzlich,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich ihm entgegengeh,<br /></span>
+<span class="i0">Aus dem &Ouml;lbaum blaut er l&auml;chelnd,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn mich's friedlich talw&auml;rts zieht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schlangenwege durch die W&auml;lder<br /></span>
+<span class="i0">Bringen mich zum Silbersee:<br /></span>
+<span class="i0">Nur ein Nachen auf dem Wasser,<br /></span>
+<span class="i0">Heilig oben unser Mond.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schlangenwege durch die W&auml;lder<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hren mich zu einem Berg.<br /></span>
+<span class="i0">Oben steht der Mond und wartet,<br /></span>
+<span class="i0">Und ich steige leicht empor.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Buche.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub.<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Ausdruck wird ein &Auml;ste&uuml;berranken,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin das Laub, die Krone &uuml;berm Staub.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+<span class="i0">Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun<br /></span>
+<span class="i0">Ich fang im Fr&uuml;hling selig an zu reden,<br /></span>
+<span class="i0">Ich wende mich in schlichter Art an jeden:<br /></span>
+<span class="i0">Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh.<br /></span>
+<span class="i0">Ich will, da&szlig; Nebel sich um &Auml;ste legen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich mag das Na&szlig;, ich selber bin der Regen.<br /></span>
+<span class="i0">Die Hitze stirbt: ich gr&uuml;ne lichterloh!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Winterspflicht erf&uuml;ll' ich ernst und grau.<br /></span>
+<span class="i0">Doch sch&uuml;tt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen.<br /></span>
+<span class="i0">Er ist noch niemals ohne mich gewesen.<br /></span>
+<span class="i0">Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Droschke.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke.<br /></span>
+<span class="i0">Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer.<br /></span>
+<span class="i0">Die Droschke und die Gassenflucht sind leer;<br /></span>
+<span class="i0">Oft stampft das Tier, da&szlig; seiner wer gedenke.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es halten diese M&auml;hre halb nur die Gelenke,<br /></span>
+<span class="i0">Denn an der Deichsel h&auml;ngt sie immer mehr.<br /></span>
+<span class="i0">Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sie zum Warten sich zusammenrenke.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus ihrem Traume scheucht sie das Gez&auml;nke<br /></span>
+<span class="i0">Und oft das geile Lachen aus der Schenke.<br /></span>
+<span class="i0">Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann meint sie schlafhaft, da&szlig; sie heimw&auml;rts lenke<br /></span>
+<span class="i0">Und h&auml;ngt sich an sich selbst aus Schl&auml;frigkeit,<br /></span>
+<span class="i0">Noch einmal poltern da die Droschkenb&auml;nke.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span></div>
+<h3>Heidentum.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen.<br /></span>
+<span class="i0">Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen.<br /></span>
+<span class="i0">Mich geben wie das Wasser: abw&auml;rtsrinnen.<br /></span>
+<span class="i0">Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen.<br /></span>
+<span class="i0">Sie wollen mich f&uuml;r ihre Glut gewinnen.<br /></span>
+<span class="i0">Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen.<br /></span>
+<span class="i0">Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Wellen wollen sich in mich verlieben.<br /></span>
+<span class="i0">Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen?<br /></span>
+<span class="i0">Nur wir! wenn alle W&uuml;nsche leicht zerstieben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Wellen tragen meine Kunden weiter:<br /></span>
+<span class="i0">Selbst alle Schwermut &uuml;bersch&auml;umt sich heiter.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Russin.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone.<br /></span>
+<span class="i0">Der Fr&uuml;hling verbl&uuml;hte in Beeten und T&ouml;pfen.<br /></span>
+<span class="i0">Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone,<br /></span>
+<span class="i0">Verrankte, verlor sich in offenen Z&ouml;pfen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihr griechisches Doppelkreuz gr&uuml;&szlig;te die Br&uuml;ste,<br /></span>
+<span class="i0">Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob es die Seele sanft wachhalten m&uuml;&szlig;te.<br /></span>
+<span class="i0">Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bald lachten die Sicheln fast m&auml;nnlicher Z&auml;hne.<br /></span>
+<span class="i0">Sie gl&auml;nzten hinaus zu den horchenden Sternen.<br /></span>
+<span class="i0">Es trug schon die Nacht ihre feurige M&auml;hne,<br /></span>
+<span class="i0">Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+<span class="i0">Die Augen der Russin vermuteten Meere.<br /></span>
+<span class="i0">Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille.<br /></span>
+<span class="i0">Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere,<br /></span>
+<span class="i0">Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann schenkte die Ebne sich k&uuml;hlende Winde.<br /></span>
+<span class="i0">Die Russin erwachte und sp&uuml;rte die K&auml;lte.<br /></span>
+<span class="i0">Zitternd zerband sie die Fenstergewinde,<br /></span>
+<span class="i0">Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Dauthendey" id="Dauthendey"></a>Max Dauthendey.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 25. Juli 1867 zu W&uuml;rzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java. &ndash;
+Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub
+1908. Der wei&szlig;e Schlaf 1909. Lusamg&auml;rtlein 1909. Weltspuk 1910. Des
+gro&szlig;en Krieges Not 1915.</p>
+
+
+<h3>La&szlig; mich in deinem stillen Auge&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">La&szlig; mich in deinem stillen Auge ruhen,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Blick ist g&uuml;tig wie der weiche Abend.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vom dunkeln Horizont der Erde<br /></span>
+<span class="i0">Ist nur ein Schritt hin&uuml;ber in den Himmel,<br /></span>
+<span class="i0">In deinem Auge endet meine Erde.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Graue Engel&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Graue Engel gehen um mich,<br /></span>
+<span class="i0">Sehen trauernd auf dich, meine Seele,<br /></span>
+<span class="i0">Sie stehen mit lahmen Fl&uuml;geln<br /></span>
+<span class="i0">An Aschenh&uuml;geln und sinnen;<br /></span>
+<span class="i0">Drau&szlig;en und drinnen ist es Abend, meine Seele.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></div>
+<h3>Am s&uuml;&szlig;en lila Kleefeld&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Am s&uuml;&szlig;en lila Kleefeld vorbei,<br /></span>
+<span class="i0">Zu den Tannen, den zwei,<br /></span>
+<span class="i0">Mit der Bank inmitten,<br /></span>
+<span class="i0">Dort zieht wie ein weicher Fl&ouml;tenlaut<br /></span>
+<span class="i0">Der sanfte Fjord,<br /></span>
+<span class="i0">Blau im Schilfgr&uuml;n ausgeschnitten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gib mir die Hand.<br /></span>
+<span class="i0">Die beiden Tannen stehen so still,<br /></span>
+<span class="i0">Ich will dir sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Was die Stille rings verschweigen will.<br /></span>
+<span class="i0">Gib mir die Hand&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Gib mir in deiner Hand dein Herz.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Winde qu&auml;len die B&auml;ume&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Winde qu&auml;len die B&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Die Bl&auml;tter frieren und gilben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Menschen, noch braun die Sommerwangen,<br /></span>
+<span class="i0">Aber die Lippen sangen die letzten Silben.<br /></span>
+<span class="i0">Bald ist das Lied zergangen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Amseln haben&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Amseln haben Sonne getrunken,<br /></span>
+<span class="i0">Aus allen G&auml;rten strahlen die Lieder,<br /></span>
+<span class="i0">In allen Herzen nisten die Amseln,<br /></span>
+<span class="i0">Und alle Herzen werden zu G&auml;rten<br /></span>
+<span class="i0">Und bl&uuml;hen wieder.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun wachsen der Erde die gro&szlig;en Fl&uuml;gel,<br /></span>
+<span class="i0">Und allen Tr&auml;umen neues Gefieder,<br /></span>
+<span class="i0">Alle Menschen werden wie V&ouml;gel<br /></span>
+<span class="i0">Und bauen Nester im Blauen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+<span class="i0">Nun sprechen die B&auml;ume in gr&uuml;nem Gedr&auml;nge,<br /></span>
+<span class="i0">Und rauschen Ges&auml;nge zur hohen Sonne,<br /></span>
+<span class="i0">In allen Seelen badet die Sonne,<br /></span>
+<span class="i0">Alle Wasser stehen in Flammen,<br /></span>
+<span class="i0">Fr&uuml;hling bringt Wasser und Feuer<br /></span>
+<span class="i0">Liebend zusammen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Luft so schwer&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Luft so schwer,<br /></span>
+<span class="i0">Wolken stehen wei&szlig; und still,<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel hohl und aschenleer,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Rabenschrei &ndash;,<br /></span>
+<span class="i0">Und kreischt vorbei.<br /></span>
+<span class="i0">Die B&auml;ume stehen kalt umher,<br /></span>
+<span class="i0">Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Auf deinem Haupt&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone,<br /></span>
+<span class="i0">Davon gl&uuml;ht nun dein Haar so goldenrot und stolz.<br /></span>
+<span class="i0">Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied<br /></span>
+<span class="i0">Der tiefen ungeweinten Tr&auml;nen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen?<br /></span>
+<span class="i0">Man k&ouml;nnte w&auml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">Du habest nie dich selbst gesehn,<br /></span>
+<span class="i0">So arm bist du.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>In deinem Angesicht&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In deinem Angesicht<br /></span>
+<span class="i0">Schwebt Stille.<br /></span>
+<span class="i0">Stille, welche in sommerschweren W&auml;ldern lebt,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+<span class="i0">Auf abendblauem Berge,<br /></span>
+<span class="i0">Und im Blumenkelche.<br /></span>
+<span class="i0">Eine Stille, warm und licht,<br /></span>
+<span class="i0">Die ohne Laut vornehme Laute spricht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Unsere Augen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Unsere Augen so leer,<br /></span>
+<span class="i0">Unsere K&uuml;sse so welk,<br /></span>
+<span class="i0">Wir weinen und schweigen,<br /></span>
+<span class="i0">Unsere Herzen schlagen nicht mehr.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Schwalben sammeln sich drau&szlig;en am Meer<br /></span>
+<span class="i0">Die Schwalben scheiden,<br /></span>
+<span class="i0">Sie kommen wieder,<br /></span>
+<span class="i0">Aber nie mehr uns beiden.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Stille weht&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i2">Stille weht in das Haus,<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;hlst du den Atem des Mondes,<br /></span>
+<span class="i2">L&ouml;se dein Haar,<br /></span>
+<span class="i2">Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus.<br /></span>
+<span class="i2">H&ouml;rst du, das Meer unten am Strand<br /></span>
+<span class="i2">Wirft die Sch&auml;tze ans Land;<br /></span>
+<span class="i0">Sonst wuchsen im Mond W&uuml;nsche, ein Heer,<br /></span>
+<span class="i0">Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Sommernacht&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten<br /></span>
+<span class="i0">Und schwer zufrieden mit den reichen B&auml;umen.<br /></span>
+<span class="i0">Derselbe Mond, der all die gro&szlig;en B&auml;ume klein gesehen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+<span class="i0">Vor dem die dunkeln Bl&auml;tter staunend gl&auml;nzen,<br /></span>
+<span class="i0">Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht,<br /></span>
+<span class="i0">Sehr k&uuml;hl vom kaltgewordnen Schwei&szlig; der Erde.<br /></span>
+<span class="i0">Und immer kommt und geht darin der Mond<br /></span>
+<span class="i0">Und wird nicht m&uuml;de, nie, und kommt und geht.<br /></span>
+<span class="i0">Doch auszudenken, da&szlig; wir m&uuml;de einst<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r immer gehn, unwissend mit uns selbst.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Drinnen im Strau&szlig;.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrau&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus.<br /></span>
+<span class="i0">Den Strau&szlig; umschlie&szlig;en die gr&uuml;nen B&auml;ume und Wiesen,<br /></span>
+<span class="i0">Und leicht schwebt &uuml;ber der goldenen Helle<br /></span>
+<span class="i0">Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle.<br /></span>
+<span class="i0">Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strau&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wie die K&auml;fer trunken, und finden nicht mehr heraus.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>M&ouml;chte rollend das Blut aller Verliebten sein.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte mir Freuden wie aus roten Steinbr&uuml;chen brechen,<br /></span>
+<span class="i0">M&ouml;chte Br&uuml;cken schlagen tief in die Wolken hinein;<br /></span>
+<span class="i0">M&ouml;chte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen T&uuml;rmen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Laubb&auml;ume ragen und mit den Fr&uuml;hlingen st&uuml;rmen<br /></span>
+<span class="i0">Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen.<br /></span>
+<span class="i0">Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+<span class="i0">Drinnen Burschen die M&auml;dchen suchen und fassen.<br /></span>
+<span class="i0">M&ouml;chte rollend das Blut aller Verliebten sein<br /></span>
+<span class="i0">Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht:<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.<br /></span>
+<span class="i0">Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf,<br /></span>
+<span class="i0">Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf.<br /></span>
+<span class="i0">Ein gro&szlig;er Baum streckt seine Krone himmelan,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob die Nacht ihn weit fortr&uuml;cken kann.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten<br /></span>
+<span class="i0">Vom Tag und von Gedanken und von Taten.<br /></span>
+<span class="i0">Und alle Dinge sind stumm und verblichen,<br /></span>
+<span class="i0">Als w&auml;ren sie verstohlen ausgewichen.<br /></span>
+<span class="i0">Sie alle haben nur verschwinden m&uuml;ssen,<br /></span>
+<span class="i0">Damit die scheuen Lippen sich finden und k&uuml;ssen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Mond ist wie eine feurige Ros'.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Mond geht gro&szlig; aus dem Abend hervor,<br /></span>
+<span class="i0">Steht &uuml;ber dem Schlo&szlig; und dem Gartentor<br /></span>
+<span class="i0">Und l&auml;&szlig;t sanft gl&uuml;hend die Erde los.<br /></span>
+<span class="i0">Der Mond ist wie eine feurige Ros',<br /></span>
+<span class="i0">Die meine Liebste im Garten verlor.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Schatten an den steinernen W&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.<br /></span>
+<span class="i0">Ich werde den Mohren hinsenden,<br /></span>
+<span class="i0">Er hebe die Rose vorsichtig auf<br /></span>
+<span class="i0">Und bringe sie ihr in den dunklen H&auml;nden.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span></div>
+<h3>Nachtst&uuml;rme reiten die B&auml;ume krumm.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Statt der Blumen und Bl&auml;tter, die sich sonst regen,<br /></span>
+<span class="i0">Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen.<br /></span>
+<span class="i0">Am Himmel gehen Nebel und N&auml;sse um,<br /></span>
+<span class="i0">Und Nachtst&uuml;rme reiten die B&auml;ume krumm.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren,<br /></span>
+<span class="i0">Die alten Lieder sind nur Tr&auml;ume hinter sieben Toren.<br /></span>
+<span class="i0">Die Geliebte ging weit in den Nebel fort,<br /></span>
+<span class="i0">Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wer jagt den Flu&szlig; vor sich her wie ein Tier?</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer hat die Wolken zerbeult?<br /></span>
+<span class="i0">Wer heult vom Berg wie von einem Turm?<br /></span>
+<span class="i0">Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm?<br /></span>
+<span class="i0">Wer jagt den Flu&szlig; vor sich her wie ein Tier?<br /></span>
+<span class="i0">Wer ist es, der drau&szlig;en wild aufst&ouml;hnen mu&szlig;?<br /></span>
+<span class="i0">Wem ist seine Qual hell w&uuml;tend Genu&szlig;?<br /></span>
+<span class="i0">Und wer verflucht sich finster und stier?<br /></span>
+<span class="i0">Ist es die Nacht?<br /></span>
+<span class="i0">Oder ein St&uuml;ck Schatten von mir?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Berge werden wie dunkle Kissen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In der gelben und gr&uuml;nlichen Abendhelle<br /></span>
+<span class="i0">Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle.<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;bern Flu&szlig; kommt der Hunde verhetztes Gebelle.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Noch immer sind Schritte am Pflaster drau&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i0">Sie kommen und gehen in kurzen Pausen,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob da Schritte ohne Menschen hausen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+<span class="i0">Die Berge werden wie dunkle Kissen,<br /></span>
+<span class="i0">Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen.<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel steht wie ein sehns&uuml;chtig Aug' hell aufgerissen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="David" id="David"></a>Jakob Julius David.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 6. Februar 1859 zu Wei&szlig;kirchen in M&auml;hren, studierte deutsche
+Philologie in Wien, lebte daselbst als Schriftsteller und starb am 20. November
+1906. &ndash; Gedichte 1892.</p>
+
+
+<h3>Mein Lied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wei&szlig;, mein Lied wird nie gesungen<br /></span>
+<span class="i0">Von jungen Stimmen hell im Chor;<br /></span>
+<span class="i0">Doch sagt's, vom D&auml;mmern lind bezwungen,<br /></span>
+<span class="i0">Vielleicht ein Tr&auml;umer gern sich vor.<br /></span>
+<span class="i0">Ob vieles zur Vollendung fehle,<br /></span>
+<span class="i0">Er h&ouml;rt, in Lauten tr&uuml;b und bang,<br /></span>
+<span class="i0">Das Atmen einer m&uuml;den Seele,<br /></span>
+<span class="i0">Die hart um Licht und Leben rang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es dunkelt. Und wenn lind und leise<br /></span>
+<span class="i0">So Form wie Farbe rings verschwimmt,<br /></span>
+<span class="i0">Erklingt in meiner Brust die Weise,<br /></span>
+<span class="i0">So d&auml;mmerfroh und unbestimmt.<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn dann, tief in seinem Innern,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Abglanz meines Leids ersteht,<br /></span>
+<span class="i0">Soll er des Dichters sich erinnern,<br /></span>
+<span class="i0">Des Name l&auml;ngst im Wind verweht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Im Volkston.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich hab' kein Haus, ich hab' kein Nest,<br /></span>
+<span class="i0">Ich hab' kein Hochzeit und kein Fest;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+<span class="i0">Ich hab' kein Hof, ich hab' kein Feld,<br /></span>
+<span class="i0">Ich hab' kein Heimat auf der Welt.<br /></span>
+<span class="i0">Am Himmel selbst der Schauerstrich,<br /></span>
+<span class="i0">Den f&uuml;rchten sie nicht so wie mich;<br /></span>
+<span class="i0">Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht schlecht &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und so, gerade so ist's recht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Nacht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Schon deckt beschattend dein Gefieder<br /></span>
+<span class="i0">Des Tages Licht, du nahst mit Macht.<br /></span>
+<span class="i0">Auf starken Schwingen steigst du nieder,<br /></span>
+<span class="i0">Du meine Mutter, stolze Nacht!<br /></span>
+<span class="i0">Nun &ouml;ffnen sich der Seele Pforten,<br /></span>
+<span class="i0">So streng geschlossen kaum zuvor,<br /></span>
+<span class="i0">Und meinem Weh und seinen Worten<br /></span>
+<span class="i0">Leihst du dein mir geneigtes Ohr.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun stehn die Gassen &ouml;d' und d&uuml;ster<br /></span>
+<span class="i0">Und, wie in ewig regem Leid,<br /></span>
+<span class="i0">Haucht sein verhallendes Gefl&uuml;ster<br /></span>
+<span class="i0">Dein Wind durch deine Einsamkeit;<br /></span>
+<span class="i0">Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Den Blick beirrt' es kaum zuvor &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Doch riesenhaft und ungeheuer<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;chst wahrhaft Gro&szlig;es nun empor.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich liebe dich, bin dir entsprungen,<br /></span>
+<span class="i0">Und feind dem Tag, so laut und dreist!<br /></span>
+<span class="i0">Das Wenige, das mir gelungen,<br /></span>
+<span class="i0">Du gabst es dem verwandten Geist;<br /></span>
+<span class="i0">Dein Anhauch ist es, der zur Lohe<br /></span>
+<span class="i0">Der Seele tr&uuml;bes Licht entfacht &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Sei mir willkommen, ernste hohe,<br /></span>
+<span class="i0">Sei mir gegr&uuml;&szlig;t, ersehnte Nacht!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span></div>
+<h2><a name="Dehmel" id="Dehmel"></a>Richard Dehmel.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg.
+Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882&ndash;87 Philosophie,
+Naturwissenschaft und Sozial&ouml;konomie, wohnte zun&auml;chst in Berlin, reiste dann
+im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8. Februar
+1920. &ndash; Erl&ouml;sungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensbl&auml;tter 1895. Weib
+und Welt 1896. Ausgew&auml;hlte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903. Verwandlungen
+der Venus 1907. Sch&ouml;ne wilde Welt 1913.</p>
+
+
+<h3>Die Harfe.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Unruhig steht der hohe Kiefernforst;<br /></span>
+<span class="i0">Die Wolken w&auml;lzen sich von Ost nach Westen.<br /></span>
+<span class="i0">Lautlos und hastig ziehn die Kr&auml;hn zu Horst;<br /></span>
+<span class="i0">Dumpf t&ouml;nt die Waldung aus den braunen &Auml;sten,<br /></span>
+<span class="i0">Und dumpfer t&ouml;nt mein Schritt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hier &uuml;ber diese H&uuml;gel ging ich schon,<br /></span>
+<span class="i0">Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,<br /></span>
+<span class="i0">Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton<br /></span>
+<span class="i0">Die Arme hob und ins Erhabne spannte,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Riesenst&auml;mme rings.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In gro&szlig;en Zwischenr&auml;umen, kaum bewegt,<br /></span>
+<span class="i0">Erheben sich die graugewordnen Sch&auml;fte;<br /></span>
+<span class="i0">Durch ihre gr&uuml;ngebliebnen Kronen fegt<br /></span>
+<span class="i0">Die Wucht der lauten und verhaltnen Kr&auml;fte<br /></span>
+<span class="i0">Wie damals.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und <em class="spaced">eine</em> steht, wie eines Erdgotts Hand<br /></span>
+<span class="i0">In f&uuml;nf gewaltige Finger hochgespalten;<br /></span>
+<span class="i0">Die gl&auml;nzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand<br /></span>
+<span class="i0">Und langt noch h&ouml;her als die starren alten<br /></span>
+<span class="i0">Einsamen St&auml;mme.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Durch die f&uuml;nf Finger geht ein z&auml;her Kampf,<br /></span>
+<span class="i0">Als wollten sie sich aneinanderzw&auml;ngen;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+<span class="i0">Durch ihre Kuppen w&uuml;hlt und spielt ein Krampf,<br /></span>
+<span class="i0">Als rissen sie mit Inbrunst an den Str&auml;ngen<br /></span>
+<span class="i0">Einer verwunschnen Harfe.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und von der Harfe kommt ein Himmelston<br /></span>
+<span class="i0">Und pflanzt sich m&auml;chtig fort von Ost nach Westen.<br /></span>
+<span class="i0">Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon:<br /></span>
+<span class="i0">Dumpf t&ouml;nt die Waldung aus den braunen &Auml;sten:<br /></span>
+<span class="i0">Komm, Sturm, erh&ouml;re mich!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt,<br /></span>
+<span class="i0">Die m&auml;chtig ganz in meine w&uuml;rde passen!<br /></span>
+<span class="i0">Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt!<br /></span>
+<span class="i0">Die ganze Hand, die konnte niemand fassen!<br /></span>
+<span class="i0">Da ballt' ich sie zur Faust.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe mit Inbr&uuml;nsten jeder Art<br /></span>
+<span class="i0">Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich steh' und pr&uuml;fe die bestandne Fahrt:<br /></span>
+<span class="i0">Nur <em class="spaced">eine</em> Inbrunst l&auml;&szlig;t sich treu ertragen:<br /></span>
+<span class="i0">Zur ganzen Welt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Komm, Sturm der Allmacht, sch&uuml;ttel den starren Forst!<br /></span>
+<span class="i0">Sch&uuml;ttelst auch mich, du urweltliches Treiben.<br /></span>
+<span class="i0">In scheuen Haufen ziehn die Kr&auml;hn zu Horst;<br /></span>
+<span class="i0">Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben,<br /></span>
+<span class="i0">Welt! &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Sommerabend.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Klar ruhn die L&uuml;fte auf der weiten Flur;<br /></span>
+<span class="i0">Fern dampft der See, das hohe R&ouml;hricht flimmert,<br /></span>
+<span class="i0">Im Schilf vergl&uuml;ht die letzte Sonnenspur,<br /></span>
+<span class="i0">Ein blasses W&ouml;lkchen r&ouml;tet sich und schimmert.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+<span class="i0">Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde;<br /></span>
+<span class="i0">Im stillen Walde steht die D&auml;mmrung schon,<br /></span>
+<span class="i0">Der Hirte sammelt seine satte Herde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im jungen Roggen r&uuml;hrt sich nicht ein Halm,<br /></span>
+<span class="i0">Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;<br /></span>
+<span class="i0">Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.<br /></span>
+<span class="i0">So sei doch <em class="spaced">froh</em>, mein Herz, in all dem Frieden!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Aus banger Brust.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Rosen leuchten immer noch,<br /></span>
+<span class="i0">Die dunkeln Bl&auml;tter zittern sacht;<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin im Grase aufgewacht,<br /></span>
+<span class="i0">O k&auml;mst du doch,<br /></span>
+<span class="i0">Es ist so tiefe Mitternacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Den Mond verdeckt das Gartentor,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Licht flie&szlig;t &uuml;ber in den See,<br /></span>
+<span class="i0">Die Weiden warten still empor,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Nacken w&uuml;hlt im feuchten Klee;<br /></span>
+<span class="i0">So liebt' ich dich noch nie zuvor!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So hab' ich es noch nie gewu&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">So oft ich deinen Hals umschlo&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Und blind dein Innerstes geno&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Warum du so aus banger Brust<br /></span>
+<span class="i0">Aufst&ouml;hntest, wenn ich &uuml;berflo&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O jetzt, o h&auml;ttest du gesehn,<br /></span>
+<span class="i0">Wie dort das Gl&uuml;hwurmp&auml;rchen kroch!<br /></span>
+<span class="i0">Ich will nie wieder von dir gehn!<br /></span>
+<span class="i0">O k&auml;mst du doch!<br /></span>
+<span class="i0">Die Rosen leuchten immer noch.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_dehmel" id="abb_dehmel"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 355px;">
+<img src="images/dehmel.jpg" width="355" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Richard Dehmel</span>
+</div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span></div>
+<h3>Ein Stelldichein.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">So war's auch damals schon. So lautlos<br /></span>
+<span class="i0">Verhing die dumpfe Luft das Land,<br /></span>
+<span class="i0">Und unterm Dach der Trauerbuche<br /></span>
+<span class="i0">Verfingen sich am Gartenrand<br /></span>
+<span class="i0">Die Bl&uuml;tend&uuml;nste des Holunders;<br /></span>
+<span class="i0">Stumm nahm sie meine schw&uuml;le Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Stumm vor Gl&uuml;ck.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es war wie Grabgeruch&nbsp;&hellip; Ich bin nicht schuld!<br /></span>
+<span class="i0">Du blasses Licht da dr&uuml;ben im Geschwele,<br /></span>
+<span class="i0">Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!<br /></span>
+<span class="i0">Was starrst du mich so gottes&auml;ugig an?<br /></span>
+<span class="i0">Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was qu&auml;le<br /></span>
+<span class="i0">Ich mich mit fremdem Ungl&uuml;ck ab&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,<br /></span>
+<span class="i0">Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,<br /></span>
+<span class="i0">Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.<br /></span>
+<span class="i0">Still h&auml;ngt das Laub am feuchten Strauch,<br /></span>
+<span class="i0">Als h&auml;tten alle Bl&auml;tter Gift getrunken;<br /></span>
+<span class="i0">So still liegt sie nun auch.<br /></span>
+<span class="i0">Ich w&uuml;nsche mir den Tod.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ein Grab.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das sind die Abende, die bleich verfr&uuml;hten.<br /></span>
+<span class="i0">Die Georginen, die im Sonnenscheine<br /></span>
+<span class="i0">Wie rot und gelbe letzte Rosen gl&uuml;hten,<br /></span>
+<span class="i0">Stehn fahl, Rosetten aus verf&auml;rbtem Steine.<br /></span>
+<span class="i0">Der Nebel klebt an unsern H&uuml;ten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+<span class="i0">Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz<br /></span>
+<span class="i0">Umgittert <em class="spaced">eine</em>, die zu fr&uuml;h verblich.<br /></span>
+<span class="i0">Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.<br /></span>
+<span class="i0">Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;<br /></span>
+<span class="i0">Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Stiller Gang.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber den Stoppeln geht der Rauch entzwei.<br /></span>
+<span class="i0">Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.<br /></span>
+<span class="i0">Bald kommt die Nacht; ich mu&szlig; mich trennen.<br /></span>
+<span class="i0">Ein K&auml;fer surrt an meinem Ohr vorbei.<br /></span>
+<span class="i0">Vorbei.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die stille Stadt.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Liegt eine Stadt im Tale,<br /></span>
+<span class="i0">Ein blasser Tag vergeht;<br /></span>
+<span class="i0">Es wird nicht lange dauern mehr,<br /></span>
+<span class="i0">Bis weder Mond noch Sterne,<br /></span>
+<span class="i0">Nur Nacht am Himmel steht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Von allen Bergen dr&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Nebel auf die Stadt;<br /></span>
+<span class="i0">Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Laut aus ihrem Rauch heraus,<br /></span>
+<span class="i0">Kaum T&uuml;rme noch und Br&uuml;cken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch als den Wandrer graute,<br /></span>
+<span class="i0">Da ging ein Lichtlein auf im Grund;<br /></span>
+<span class="i0">Und durch den Rauch und Nebel<br /></span>
+<span class="i0">Begann ein leiser Lobgesang<br /></span>
+<span class="i0">Aus Kindermund.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span></div>
+<h3>Manche Nacht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn die Felder sich verdunkeln,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hl' ich, wird mein Auge heller;<br /></span>
+<span class="i0">Schon versucht ein Stern zu funkeln,<br /></span>
+<span class="i0">Und die Grillen wispern schneller.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jeder Laut wird bilderreicher,<br /></span>
+<span class="i0">Das Gewohnte sonderbarer,<br /></span>
+<span class="i0">Hinterm Wald der Himmel bleicher,<br /></span>
+<span class="i0">Jeder Wipfel hebt sich klarer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und du merkst es nicht im Schreiten,<br /></span>
+<span class="i0">Wie das Licht verhundertf&auml;ltigt<br /></span>
+<span class="i0">Sich entringt den Dunkelheiten.<br /></span>
+<span class="i0">Pl&ouml;tzlich stehst du &uuml;berw&auml;ltigt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Geheimnis.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In die dunkle Bergschlucht<br /></span>
+<span class="i0">Kehrt der Mond zur&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i0">Eine Stimme singt am Wassersturz:<br /></span>
+<span class="i0">O Geliebtes,<br /></span>
+<span class="i0">Deine h&ouml;chste Wonne<br /></span>
+<span class="i0">Und dein tiefster Schmerz<br /></span>
+<span class="i0">Sind mein Gl&uuml;ck &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Morgenstunde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ob du wohl auch so schlaflos liegst<br /></span>
+<span class="i0">Und dich in wachen Tr&auml;umen wiegst,<br /></span>
+<span class="i0">Vor Gl&uuml;ck, wie sehr die Sehnsucht brennt?<br /></span>
+<span class="i0">Ich starr ins dunkle Firmament:<br /></span>
+<span class="i0">Der Morgenstern, in gro&szlig;em Bogen,<br /></span>
+<span class="i0">Ist langsam l&auml;ngst heraufgezogen<br /></span>
+<span class="i0">Und l&auml;&szlig;t mich l&auml;chelnd f&uuml;hlen, was uns trennt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+<span class="i0">Vor meinen schwachen Augen<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Nun wei&szlig; ich doch, zu was sie taugen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Strahlt er, je h&ouml;her her, je flimmernder.<br /></span>
+<span class="i0">Weihn&auml;chtig gl&auml;nzt die graue Stille.<br /></span>
+<span class="i0">O z&ouml;gre, Alltag! Ohne Brille<br /></span>
+<span class="i0">Sieht man die Welt unendlich schimmernder.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;<br /></span>
+<span class="i0">Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser,<br /></span>
+<span class="i0">Die du mir gestern heimlich brachtest.<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn du mich daf&uuml;r auslachtest:<br /></span>
+<span class="i0">Sanft nehm' ich sie von ihrer St&auml;tte<br /></span>
+<span class="i0">Und leg' sie auf mein warmes Bette<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;hle l&auml;chelnd, wie du nach mir schmachtest.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Erhebung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Gib mir nur die Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Nur den Finger, dann<br /></span>
+<span class="i0">Seh' ich diesen ganzen Erdkreis<br /></span>
+<span class="i0">Als mein Eigen an!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O, wie bl&uuml;ht mein Land!<br /></span>
+<span class="i0">Sieh dir's doch nur an,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; es mit uns &uuml;ber die Wolken<br /></span>
+<span class="i0">In die Sonne kann!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Bewegte See.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Noch <em class="spaced">einmal so</em>! Im Nebel durch den Sturm:<br /></span>
+<span class="i0">Das Segel knatterte, die Schiffer schrien,<br /></span>
+<span class="i0">Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm,<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hlte deine Angst in meinen Knien<br /></span>
+<span class="i0">Und sah dein stolz und fremd Gesicht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+<span class="i0">Noch einmal wollte mir dein Auge drohn,<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,<br /></span>
+<span class="i0">Doch in den Wellen rang ein Ton<br /></span>
+<span class="i0">Wie das Gewein von einem Kinde &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da wehrtest du mir nicht:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Um meine Lippen lag dein na&szlig; wild Haar,<br /></span>
+<span class="i0">Um deine Schulter lag mein Arm gezogen,<br /></span>
+<span class="i0">Und unsern Ku&szlig; vers&uuml;&szlig;te wunderbar<br /></span>
+<span class="i0">Der Schaum der salzigen Sturzwogen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da schrie ich laut vor Freude auf.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Noch <em class="spaced">einmal so</em>! Was tust du jetzt so kalt,<br /></span>
+<span class="i0">Hast du denn Furcht vorm offnen Meere!<br /></span>
+<span class="i0">Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald!<br /></span>
+<span class="i0">Im Hafennebel tanzt die F&auml;hre &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Hinaus! hinauf!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Nachtgebet der Braut.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">O mein Geliebter &ndash; in die Kissen<br /></span>
+<span class="i0">Bet' ich nach dir, ins Firmament!<br /></span>
+<span class="i0">O k&ouml;nnt' ich sagen, d&uuml;rft' er wissen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie meine Einsamkeit mich brennt!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!<br /></span>
+<span class="i0">O la&szlig; ihn mir im Traume nahn,<br /></span>
+<span class="i0">Mich wie die Erde um ihn schwingen<br /></span>
+<span class="i0">Und seinen Sonnenku&szlig; empfahn<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und seine Flammenkr&auml;fte trinken,<br /></span>
+<span class="i0">Ihm Flammen, Flammen wiederspr&uuml;hn,<br /></span>
+<span class="i0">O Welt, bis wir zusammensinken<br /></span>
+<span class="i0">In &uuml;berirdischem Ergl&uuml;hn!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+<span class="i0">O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!<br /></span>
+<span class="i0">O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!<br /></span>
+<span class="i0">O Traum der Erde: Sonne, Sonne!<br /></span>
+<span class="i0">O mein Geliebter &ndash; mein Gemahl &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ideale Landschaft.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,<br /></span>
+<span class="i0">Und eine hohe Abendklarheit war,<br /></span>
+<span class="i0">Und sahst nur immer weg von mir,<br /></span>
+<span class="i0">Ins Licht, ins Licht &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Aus &bdquo;Zwei Menschen&ldquo;.</h3>
+
+<h4>I, 1.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;<br /></span>
+<span class="i0">Der Mond l&auml;uft mit, sie schaun hinein.<br /></span>
+<span class="i0">Der Mond l&auml;uft &uuml;ber hohe Eichen;<br /></span>
+<span class="i0">Kein W&ouml;lkchen tr&uuml;bt das Himmelslicht,<br /></span>
+<span class="i0">In das die schwarzen Zacken reichen.<br /></span>
+<span class="i0">Die Stimme eines Weibes spricht:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich trag' ein Kind, und nit von dir,<br /></span>
+<span class="i0">Ich geh' in S&uuml;nde neben dir.<br /></span>
+<span class="i0">Ich hab' mich schwer an mir vergangen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich glaubte nicht mehr an ein Gl&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">Und hatte doch ein schwer Verlangen<br /></span>
+<span class="i0">Nach Lebensinhalt, nach Muttergl&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">Und Pflicht; da hab' ich mich erfrecht,<br /></span>
+<span class="i0">Da lie&szlig; ich schaudernd mein Geschlecht<br /></span>
+<span class="i0">Von einem fremden Mann umfangen,<br /></span>
+<span class="i0">Und hab' mich noch daf&uuml;r gesegnet.<br /></span>
+<span class="i0">Nun hat das Leben sich ger&auml;cht:<br /></span>
+<span class="i0">Nun bin ich dir, o dir, begegnet.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+<span class="i0">Sie geht mit ungelenkem Schritt.<br /></span>
+<span class="i0">Sie schaut empor; der Mond l&auml;uft mit.<br /></span>
+<span class="i0">Ihr dunkler Blick ertrinkt im Licht.<br /></span>
+<span class="i0">Die Stimme eines Mannes spricht:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Kind, das du empfangen hast,<br /></span>
+<span class="i0">Sei deiner Seele keine Last,<br /></span>
+<span class="i0">O sieh, wie klar das Weltall schimmert!<br /></span>
+<span class="i0">Es ist ein Glanz um alles her;<br /></span>
+<span class="i0">Du treibst mit mir auf kaltem Meer,<br /></span>
+<span class="i0">Doch eine eigne W&auml;rme flimmert<br /></span>
+<span class="i0">Von dir in mich, von mir in dich.<br /></span>
+<span class="i0">Die wird das fremde Kind verkl&auml;ren,<br /></span>
+<span class="i0">Du wirst es mir, von mir geb&auml;ren.<br /></span>
+<span class="i0">Du hast den Glanz in mich gebracht,<br /></span>
+<span class="i0">Du hast mich selbst zum Kind gemacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er fa&szlig;t sie um die starken H&uuml;ften.<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Atem k&uuml;&szlig;t sich in den L&uuml;ften.<br /></span>
+<span class="i0">Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>I, 16.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel.<br /></span>
+<span class="i0">Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel:<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin.<br /></span>
+<span class="i0">Schwarz funkeln die Schellen der silbernen B&uuml;gel.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann f&uuml;hrt die Z&uuml;gel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt reckt er das Kinn:<br /></span>
+<span class="i0">Lea! seit meinen Jugendjahren<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich nicht so im Fluge gefahren,<br /></span>
+<span class="i0">So rasend noch nie.<br /></span>
+<span class="i0">Aber noch rasender war's gestern morgen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+<span class="i0">Als ich im Sturm deinen Namen schrie<br /></span>
+<span class="i0">Und, als w&auml;re mein Gott drin verborgen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit ihm rang um dich, Knie an Knie:<br /></span>
+<span class="i0">Schleife mich, Sturmgott, um die Erde,<br /></span>
+<span class="i0">Sei sie unrein, sei sie rein!<br /></span>
+<span class="i0">G&ouml;nne mir nur kein Gl&uuml;ck am Herde,<br /></span>
+<span class="i0">Hingerissen will ich sein! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Sage mir, du, ich frage dich: schreit<br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">Dein Gott auch so meinen</em> Namen?<br /></span>
+<span class="i0">Peitscht dich der Schnee auch wie Fr&uuml;hlingssamen?<br /></span>
+<span class="i0">Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er rei&szlig;t ihr die Peitsche weg; die Rappen sch&auml;umen schon.<br /></span>
+<span class="i0">Die Z&uuml;gel schlackern; die B&uuml;gel b&auml;umen schon.<br /></span>
+<span class="i0">Das Weib umschlingt ihn fallbereit:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nenn's nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn!<br /></span>
+<span class="i0">Lukas! ich hab' in manchen furchtbaren Wochen<br /></span>
+<span class="i0">Dagelegen wie zerbrochen<br /></span>
+<span class="i0">Und wu&szlig;te doch: ich will, mu&szlig;, willmu&szlig; fliegen!<br /></span>
+<span class="i0">Ja, Lux: rase! la&szlig; brechen, la&szlig; biegen!<br /></span>
+<span class="i0">Mir wiegt ein Gef&uuml;hl der Erleuchtung die Br&uuml;ste,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob es die Sonne blind machen m&uuml;&szlig;te!<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerst&auml;che,<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn mir dein Sturmgott den Atem br&auml;che,<br /></span>
+<span class="i0">Ich lasse mich wiegen, du &ndash; wiegen &ndash; wiegen &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie starrt verz&uuml;ckt in das wilde Gewimmel.<br /></span>
+<span class="i0">Zwei Menschen glauben sich im Himmel.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>I, 23.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Kaminfeuer und Morgenrotschimmer<br /></span>
+<span class="i0">Schm&uuml;cken ein hohes Damenzimmer.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Weib erhebt aus meergr&uuml;ner Seide<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+<span class="i0">Ihre nackten Arme beide<br /></span>
+<span class="i0">Vor einem Mann breit in die Luft<br /></span>
+<span class="i0">Und lacht, umschwebt von Mandelduft:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich glaub', ich bin noch immer sch&ouml;n;<br /></span>
+<span class="i0">Mein Kind hat mir nichts weggenommen.<br /></span>
+<span class="i0">Und h&auml;ttst mich eben baden sehn,<br /></span>
+<span class="i0">Du w&auml;rst mit mir gen Himmel geschwommen!<br /></span>
+<span class="i0">Was stehst denn wieder wie im Schlaf?<br /></span>
+<span class="i0">O Lux, was bist du f&uuml;r ein &ndash; Schaf!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er l&auml;chelt eigen, sie merkt es nicht:<br /></span>
+<span class="i0">Er senkt, scheinbar gr&uuml;belnd, sein scharfes Gesicht.<br /></span>
+<span class="i0">Sein Fu&szlig; streichelt ein Eisb&auml;rfell.<br /></span>
+<span class="i0">Er fragt halbhell:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sch&ouml;nheit? &ndash; das ist mir nichts als H&uuml;lle<br /></span>
+<span class="i0">Um irgend eine Liebreizf&uuml;lle.<br /></span>
+<span class="i0">Der Reiz zur Liebe und zum Leben,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn den die Reize einer Gestalt<br /></span>
+<span class="i0">Mir wie aus eigner Seele eingeben,<br /></span>
+<span class="i0">Dann bin ich &ndash; sch&ouml;n in ihrer Gewalt;<br /></span>
+<span class="i0">Sonst sind sie angeflogne Sch&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Nachwehen toter K&uuml;nstlertr&auml;ume.<br /></span>
+<span class="i0">Du w&uuml;rdest ja Raffael nicht entz&uuml;cken:<br /></span>
+<span class="i0">Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen.<br /></span>
+<span class="i0">Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen.<br /></span>
+<span class="i0">Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenr&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Taugen zu keiner klassischen Ode,<br /></span>
+<span class="i0">Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode.<br /></span>
+<span class="i0">Aber &ndash; jetzt will ich die Augen zudr&uuml;cken,<br /></span>
+<span class="i0">Will nichts mehr f&uuml;hlen als deinen Bann,<br /></span>
+<span class="i0">Nichts k&uuml;ssen als deine Wildkatzenstirne;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+<span class="i0">Und w&auml;rst du die durchtriebenste Dirne,<br /></span>
+<span class="i0">Du wirst mir eine Heilige dann &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Pr&uuml;fend blicken zwei Seelen einander an.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II, 28.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und es rauscht nur und weht.<br /></span>
+<span class="i0">Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen;<br /></span>
+<span class="i0">Es kommen wohl V&ouml;gel durch die Glut geflogen,<br /></span>
+<span class="i0">Die blaue Glut, die stumm und stet<br /></span>
+<span class="i0">Die D&uuml;nen umschlingt.<br /></span>
+<span class="i0">Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden<br /></span>
+<span class="i0">Und nimmt ihre Tr&auml;ume und gibt sie den Wellen, den Winden.<br /></span>
+<span class="i0">Die Seele eines Weibes singt:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O la&szlig; mich still so liegen,<br /></span>
+<span class="i0">An deiner Brust, die Augen zu.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sehe zwei Wolken fliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Die eine Sonne wiegen;<br /></span>
+<span class="i0">Wo sind wir, du? &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und es rauscht und weht.<br /></span>
+<span class="i0">Es liegt eine D&uuml;ne, wohl zwischen tausend andern.<br /></span>
+<span class="i0">Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern,<br /></span>
+<span class="i0">Der &uuml;ber den bleichen wilden H&uuml;geln steht<br /></span>
+<span class="i0">Und golden schwingt.<br /></span>
+<span class="i0">Die Seele eines Mannes singt:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Still, la&szlig; uns weiterfliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Beide die Augen zu.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sehe zwei Meere liegen,<br /></span>
+<span class="i0">Die einen Himmel wiegen.<br /></span>
+<span class="i0">O du &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+<span class="i0">Es rauscht, es weht;<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die hei&szlig;en H&ouml;henz&uuml;ge geht<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;her und h&ouml;her der goldne Schein<br /></span>
+<span class="i0">Ins Blaue hinein,<br /></span>
+<span class="i0">Wo das Dunkel schwebt.<br /></span>
+<span class="i0">Und aus dem Dunkel her&uuml;ber, auf gro&szlig;en Wogen,<br /></span>
+<span class="i0">Kommt die Einsamkeit gezogen.<br /></span>
+<span class="i0">Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt,<br /></span>
+<span class="i0">Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden,<br /></span>
+<span class="i0">Die will uns wohl endlich leibeigen werden:<br /></span>
+<span class="i0">Es schwellen die Wogen her&uuml;ber, wie Herzen klingen,<br /></span>
+<span class="i0">Menschenherzen! &ndash; Zwei Seelen singen &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Donath" id="Donath"></a>Adolph Donath.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in M&auml;hren. &ndash; Tage und N&auml;chte
+1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901.</p>
+
+
+<h3>Tr&auml;nen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn ich leide, wenn ich dulde,<br /></span>
+<span class="i0">Wandern meine kranken Tr&auml;nen<br /></span>
+<span class="i0">Fort in meine ferne Heimat,<br /></span>
+<span class="i0">Wo die gute Mutter wohnt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und die gute Mutter &ouml;ffnet<br /></span>
+<span class="i0">Ihre kleinen weichen H&auml;nde,<br /></span>
+<span class="i0">Betet f&uuml;r den schwachen Dulder,<br /></span>
+<span class="i0">Der die Tr&auml;nen heimgesandt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Segnend legt sie dann die kranken<br /></span>
+<span class="i0">In ein stilles, feines K&auml;stchen,<br /></span>
+<span class="i0">Das aus Seele sie gezimmert,<br /></span>
+<span class="i0">Das nur sie erschlie&szlig;en kann,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+<span class="i0">Und sie pflegt die kranken Tr&auml;nen<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein G&auml;rtner, der sein Leben,<br /></span>
+<span class="i0">Seine edle, stumme G&uuml;te<br /></span>
+<span class="i0">Zarten Bl&uuml;tenknospen weiht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn ich einst in Freudestunden<br /></span>
+<span class="i0">Zitternd nach den Tr&auml;nen frage,<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;&szlig;t mir meine gute Mutter<br /></span>
+<span class="i0">Schnell den Dank vom Herzen weg.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Ehrenstein" id="Ehrenstein"></a>Albert Ehrenstein.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. &ndash; Die wei&szlig;e Zeit, 1914. Der
+Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Br&uuml;dern, 1918.
+Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.</p>
+
+
+<h3>Auf der hartherzigen Erde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu,<br /></span>
+<span class="i0">Mich freut der wei&szlig;e Tanz der Gestirne,<br /></span>
+<span class="i0">Hell aufgl&auml;nzend der Huf eines Pferdes,<br /></span>
+<span class="i0">Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn,<br /></span>
+<span class="i0">Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache,<br /></span>
+<span class="i0">Schwatzen der Spatzen auf d&uuml;rrem Gezweig.<br /></span>
+<span class="i0">Aber nicht bl&uuml;ht mir Freund noch Feind auf der Erde,<br /></span>
+<span class="i0">Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich zertrat das Gebot:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">D&uuml;ster umwandle ich mich,<br /></span>
+<span class="i0">Vermeidend die M&auml;dchen und M&auml;nner,<br /></span>
+<span class="i0">Seit mein weiches, bluttr&auml;nendes Herz<br /></span>
+<span class="i0">Im Staube zerstie&szlig;en, die ich verehrte.<br /></span>
+<span class="i0">Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+<span class="i0">Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte.<br /></span>
+<span class="i0">Ich, der Fr&ouml;stelnde, lebe dies weiter. Lange noch.<br /></span>
+<span class="i0">Ferne Wege schluchze ich durch die W&uuml;ste.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Verzweiflung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wochen, Wochen sprach ich kein Wort;<br /></span>
+<span class="i0">Ich lebe einsam, verdorrt.<br /></span>
+<span class="i0">Am Himmel zwitschert kein Stern.<br /></span>
+<span class="i0">Ich st&uuml;rbe so gern.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Augen betr&uuml;bt die Enge,<br /></span>
+<span class="i0">Ich verkrieche mich in einen Winkel,<br /></span>
+<span class="i0">Klein m&ouml;chte ich sein wie eine Spinne,<br /></span>
+<span class="i0">Aber niemand zerdr&uuml;ckt mich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Keinem habe ich Schlimmes getan,<br /></span>
+<span class="i0">Allen Guten half ich ein wenig.<br /></span>
+<span class="i0">Gl&uuml;ck, dich soll ich nicht haben.<br /></span>
+<span class="i0">Man will mich nicht lebend begraben.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Friede.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die B&auml;ume lauschen dem Regenbogen,<br /></span>
+<span class="i0">Tauquelle gr&uuml;nt in junge Stille,<br /></span>
+<span class="i0">Drei L&auml;mmer weiden ihre Wei&szlig;e,<br /></span>
+<span class="i0">Sanftbach schl&uuml;rft M&auml;dchen in sein Bad.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Rotsonne rollt sich abendnieder,<br /></span>
+<span class="i0">Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben.<br /></span>
+<span class="i0">Dunkel &uuml;ber Flut und Flur.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Froschwanderer springt gro&szlig;en Auges,<br /></span>
+<span class="i0">Die graue Wiese h&uuml;pft leis mit.<br /></span>
+<span class="i0">Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne.<br /></span>
+<span class="i0">Der Heimwehwind weht gute Nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span></div>
+<h3>Coyllur.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Grenz ich an dich im Grenzenlosen?<br /></span>
+<span class="i0">Retten mich aus Todestosen M&auml;dchenrosen?<br /></span>
+<span class="i0">Ihr K&uuml;sse fern, wild ringend Kosen<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Steht schon still die Liebesuhr?<br /></span>
+<span class="i5">Coyllur!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die, ein Kind, bei mir geruht,<br /></span>
+<span class="i0">O, wie warst du traulich-gut!<br /></span>
+<span class="i0">Gift verg&auml;llte mein Herzblut,<br /></span>
+<span class="i0">Seit dein Schweigen mich durchfuhr,<br /></span>
+<span class="i5">Coyllur!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nacht um Nacht ich nie entschlief,<br /></span>
+<span class="i0">Wochenewig tr&auml;nkte mich kein Brief,<br /></span>
+<span class="i0">Auf eine Karte wartend tief<br /></span>
+<span class="i0">Meiner harrte harte Kur,<br /></span>
+<span class="i5">Coyllur!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wort starb mir im toten Hain.<br /></span>
+<span class="i0">Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein<br /></span>
+<span class="i0">Dacht ich dein.<br /></span>
+<span class="i0">Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour,<br /></span>
+<span class="i5">Coyllur!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wanderers Lied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Freunde sind schwank wie Rohr,<br /></span>
+<span class="i0">Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,<br /></span>
+<span class="i0">Keuschheit kennen sie nicht;<br /></span>
+<span class="i0">Tanzen m&ouml;chte ich auf ihren H&auml;uptern.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">M&auml;dchen, das ich liebe,<br /></span>
+<span class="i0">Seele der Seelen du,<br /></span>
+<span class="i0">Auserw&auml;hlte, Lichtgeschaffene,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+<span class="i0">Nie sahst du mich an,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Scho&szlig; war nicht bereit,<br /></span>
+<span class="i0">Zu Asche brannte mein Herz.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich kenne die Z&auml;hne der Hunde,<br /></span>
+<span class="i0">In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Sieb-Dach ist &uuml;ber meinem Haupte,<br /></span>
+<span class="i0">Schimmel freut sich an den W&auml;nden,<br /></span>
+<span class="i0">Gute Ritzen sind f&uuml;r den Regen da.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;T&ouml;te dich!&ldquo; spricht mein Messer zu mir.<br /></span>
+<span class="i0">Im Kote liege ich;<br /></span>
+<span class="i0">Hoch &uuml;ber mir, in Karossen befahren<br /></span>
+<span class="i0">Meine Feinde den Mondregenbogen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Blind.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Tag um Tag<br /></span>
+<span class="i0">Stirbt &ndash; ich bin?<br /></span>
+<span class="i0">Wo geht meine Zeit denn hin?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Traum versank,<br /></span>
+<span class="i0">Nacht ist Spiel,<br /></span>
+<span class="i0">Schlaf das Gut,<br /></span>
+<span class="i0">Tod das Ziel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erde, Stern<br /></span>
+<span class="i0">Klingt nur so,<br /></span>
+<span class="i0">Ort ist Ort, wer wei&szlig; wo?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Dunkel.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese,<br /></span>
+<span class="i0">Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese,<br /></span>
+<span class="i0">Bravem Schlaf in treuer Bucht.<br /></span>
+<span class="i0">Herr, gib mir die Bl&uuml;te, mir die Frucht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+<span class="i0">Willst du, o Gott, mich niemals g&uuml;tig gr&uuml;&szlig;en?<br /></span>
+<span class="i0">Almosen gibst du Bettlern, S&ouml;hnen des Weges,<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;hles Wasser der Forelle,<br /></span>
+<span class="i0">Seelenantlitz einem M&auml;dchen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mir nur, da&szlig; ich Tr&auml;n an Tr&auml;ne weine,<br /></span>
+<span class="i0">Eule unter K&auml;uzen werde &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Selig kleine Schottersteine<br /></span>
+<span class="i0">M&uuml;tterlich umw&auml;rmt sie Erde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ratten! Fresset meine Eingeweide!<br /></span>
+<span class="i0">Zerspell mich, Fels, ertr&auml;nk mich, Furt!<br /></span>
+<span class="i0">Was starb ich nicht vor der Geburt?<br /></span>
+<span class="i0">Aufstrahlt mir nie das Land der Freude.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Evers" id="Evers"></a>Franz Evers.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. &ndash; Fundamente 1892. Eva
+1893. K&ouml;nigslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896. Paradiese
+1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901.</p>
+
+
+<h3>Rosenglut.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">An manchem Abend weht mich Sehnsucht an,<br /></span>
+<span class="i0">Dann f&uuml;hl' ich, wie du liebend zu mir strebst,<br /></span>
+<span class="i0">Und halberregte W&uuml;nsche sp&uuml;r' ich dann<br /></span>
+<span class="i0">Und wie du nach mir bebst.<br /></span>
+<span class="i0">Dann mu&szlig; dein Blut von neuen Wundern tr&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Weil so das meine klingt und loht,<br /></span>
+<span class="i0">Vor meinem Haus, von allen B&auml;umen<br /></span>
+<span class="i0">Lockt gl&uuml;hender das Abendrot.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn dann die W&auml;chter von den T&uuml;rmen blasen,<br /></span>
+<span class="i0">Will ganz mein Herz nach dir vergehn&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">Ich glaube dich &uuml;ber den stillen Rasen<br /></span>
+<span class="i0">Mit lauter Rosen kommen zu sehn&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></div>
+<h3>Jugend.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Schlehdorn, am Schlehdorn &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wi&szlig;t ihr, wo der steht?<br /></span>
+<span class="i0">Da sprach der Hirtenknabe<br /></span>
+<span class="i0">Sein Morgengebet.<br /></span>
+<span class="i0">Trieb die Schafe dann auf die Weide<br /></span>
+<span class="i0">Hin durch den sonnigen Raum;<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die bl&uuml;hende Heide<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;umte sein junger Traum.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Schlehdorn, am Schlehdorn &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wi&szlig;t ihr, wo der steht?<br /></span>
+<span class="i0">Da sprach eine junge Dirne<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Abendgebet.<br /></span>
+<span class="i0">Und der Wind kam von der Heiden<br /></span>
+<span class="i0">Und k&uuml;&szlig;te ihres Kleides Saum&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">Die beiden, die beiden<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;umten den ersten Traum.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Abendlied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du ferne Fl&ouml;te<br /></span>
+<span class="i0">Hinter dem H&uuml;gel dort,<br /></span>
+<span class="i0">Wie sprichst du gl&uuml;henden Klangs,<br /></span>
+<span class="i0">Was mein Herz verschweigen mu&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wie bebst du zitternd dahin<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die Apfelbl&uuml;ten im Mondlicht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; die Schatten der B&auml;ume<br /></span>
+<span class="i0">Zu schwinden scheinen<br /></span>
+<span class="i0">Und alles in Glanz getauchte<br /></span>
+<span class="i0">Selige Sehnsucht wird,<br /></span>
+<span class="i0">Aus Menschenschmerz leise sich ringend:<br /></span>
+<span class="i0">Selige Lebensglut.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+<span class="i0">Einsame Stimme du<br /></span>
+<span class="i0">Hinter dem H&uuml;gel dort,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Herz, mein Herz sprichst du aus.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ein Gastgeschenk.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer;<br /></span>
+<span class="i0">Die Rosen bl&uuml;hten auf; das Fenster klang.<br /></span>
+<span class="i0">Und von den G&auml;rten drau&szlig;en kam noch immer<br /></span>
+<span class="i0">Der weiche sehnsuchtsvolle J&uuml;nglingssang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du hingst an mir, und deine Augen gl&auml;nzten;<br /></span>
+<span class="i0">Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und Abendlichter, die dich rot umkr&auml;nzten,<br /></span>
+<span class="i0">Und selige Sehnsucht, die dich mir verband.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und nichts als goldne F&uuml;lle um uns beide:<br /></span>
+<span class="i0">Die bebenden H&auml;nde und der taumelnde Mund&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Der junge G&auml;rtner drau&szlig;en sang sein Lied vom Leide,<br /></span>
+<span class="i0">Das zitterte von dir und war so wund &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du aber l&auml;cheltest.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der K&uuml;nstler.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Es liegt ein Plan in einem weiten Tal,<br /></span>
+<span class="i0">Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen<br /></span>
+<span class="i0">Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht.<br /></span>
+<span class="i0">Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet,<br /></span>
+<span class="i0">Ist so von ungekanntem Sehnen schwer,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; du dich kaum hindurchzufinden wagst.<br /></span>
+<span class="i0">Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken,<br /></span>
+<span class="i0">Von einer Ruhe, die du kaum empfunden,<br /></span>
+<span class="i0">In einem Licht, das Farben voller macht.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+<span class="i0">Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut,<br /></span>
+<span class="i0">Auf da&szlig; es doch vertraute Laute wecke,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad.<br /></span>
+<span class="i0">Denn weich und mild ist nebenan der Rasen,<br /></span>
+<span class="i0">Der weithin das Ger&auml;usch des Lebens d&auml;mpft.<br /></span>
+<span class="i0">Inmitten, wo drei alte Rieseneschen<br /></span>
+<span class="i0">Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen,<br /></span>
+<span class="i0">Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenb&uuml;schen.<br /></span>
+<span class="i0">Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar<br /></span>
+<span class="i0">Und knieen dann. Und wenn es Abend ist,<br /></span>
+<span class="i0">Empfangen sie den Tau der Gnadensonne,<br /></span>
+<span class="i0">Die sacht und sicher ihre Stirnen kl&auml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Die wei&szlig;en Menschenstirnen. Heil den Helden,<br /></span>
+<span class="i0">Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!&ldquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So k&uuml;ndete der alte S&auml;nger mir,<br /></span>
+<span class="i0">Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern;<br /></span>
+<span class="i0">Und heute schon fand ich die klaren Wege.<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald<br /></span>
+<span class="i0">Bl&auml;st nur ein Hirte noch, und hin und wieder<br /></span>
+<span class="i0">Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen,<br /></span>
+<span class="i0">Die mir zu folgen w&uuml;nschen. Sonst ist Ruhe.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe,<br /></span>
+<span class="i0">Der sich in bleichem bl&auml;ulichem Zerschweben<br /></span>
+<span class="i0">Im Laub der Eschen f&auml;ngt. Der Abend duftet.<br /></span>
+<span class="i0">Der Rasen ruht in weichem Schlummer da.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Mantel dr&uuml;ckt so schwer in diesem Land,<br /></span>
+<span class="i0">Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bringe meine Menschensehnsucht dar,<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;hle meine Seele ganz erwachen.<br /></span>
+<span class="i0">Und wie die Rosen st&auml;rker sich entfachen<br /></span>
+<span class="i0">Im Abendgl&uuml;hn, sinkt nun auf mein entbl&ouml;&szlig;tes<br /></span>
+<span class="i0">Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+<span class="i0">Ich sehe, was mein Auge nicht vergi&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Und was ich schaue, ist der Wunder gr&ouml;&szlig;tes:<br /></span>
+<span class="i4">Dich, du formender Gott!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Falke" id="Falke"></a>Gustav Falke.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 11. Januar 1853 zu L&uuml;beck; war Musiklehrer in Hamburg, wo
+er am 8. Februar 1916 starb. &ndash; Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht
+1893. Zwischen zwei N&auml;chten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem
+Leben 1899. Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.</p>
+
+
+<h3>Das Mohnfeld.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es war einmal, ich wei&szlig; nicht wann<br /></span>
+<span class="i0">Und wei&szlig; nicht wo. Vielleicht ein Traum.<br /></span>
+<span class="i0">Ich trat aus einem schwarzen Tann<br /></span>
+<span class="i0">An einen stillen Wiesensaum.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und auf der stillen Wiese stand<br /></span>
+<span class="i0">Rings Mohn bei Mohn und unbewegt,<br /></span>
+<span class="i0">Und war bis an den fernsten Rand<br /></span>
+<span class="i0">Der rote Teppich hingelegt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und auf dem roten Teppich lag,<br /></span>
+<span class="i0">Von tausend Blumen angeblickt,<br /></span>
+<span class="i0">Ein sch&ouml;ner, m&uuml;der Sommertag,<br /></span>
+<span class="i0">Im ersten Schlummer eingenickt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt<br /></span>
+<span class="i0">Hat er sich tief ins Kraut geduckt,<br /></span>
+<span class="i0">Bis an die L&ouml;ffel zugedeckt,<br /></span>
+<span class="i0">Nur einer hat herausgeguckt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug<br /></span>
+<span class="i0">Bewegte kaum die Abendluft.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah kaum, wie der Fl&uuml;gel schlug,<br /></span>
+<span class="i0">Ein schwarzer Strich im D&auml;mmerduft.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+<span class="i0">Es war einmal, ich wei&szlig; nicht wo.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her.<br /></span>
+<span class="i0">Ich seh' nur noch, und immer so,<br /></span>
+<span class="i0">Das stille, rote Blumenmeer.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>M&auml;rchen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In deiner lieben N&auml;he<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich so gl&uuml;cklich. Ich mein',<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&uuml;&szlig;te wieder der wilde,<br /></span>
+<span class="i0">Selige Knabe sein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das macht deiner s&uuml;&szlig;en Jugend<br /></span>
+<span class="i0">Sonniger Fr&uuml;hlingshauch.<br /></span>
+<span class="i0">Ich hab' dich so lieb. Und drau&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Bl&uuml;hen die Rosen ja auch.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O Traum der goldenen Tage!<br /></span>
+<span class="i0">Herz, es war einmal.<br /></span>
+<span class="i0">Abendwolken wandern<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber mein Jugendtal.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Da&szlig; der Tod uns heiter finde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">La&szlig;t uns Blumen pfl&uuml;cken gehn,<br /></span>
+<span class="i0">Letzte Astern, sp&auml;te Rosen.<br /></span>
+<span class="i0">Morgen werden St&uuml;rme tosen<br /></span>
+<span class="i0">Und den bunten Schmuck verwehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Auch den Becher holt hervor,<br /></span>
+<span class="i0">Fr&ouml;hlich la&szlig;t uns sein und trinken.<br /></span>
+<span class="i0">Morgen werden Schatten sinken,<br /></span>
+<span class="i0">Und es schweigt der laute Chor.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wi&szlig;t ihr wo ein holdes Kind,<br /></span>
+<span class="i0">Teilt mit ihm die letzten Bl&uuml;ten!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+<span class="i0">Die noch heut in Liebe gl&uuml;hten,<br /></span>
+<span class="i0">Morgen sind die Augen blind.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Scherzt und k&uuml;&szlig;t und trinkt und lacht,<br /></span>
+<span class="i0">Eh' wir uns zum Abschied r&uuml;sten.<br /></span>
+<span class="i0">Dr&uuml;ben winkt von fremden K&uuml;sten<br /></span>
+<span class="i0">Eine sternenlose Nacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Horch. Schon meldet sich ihr Wehn.<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; der Tod uns heiter finde!<br /></span>
+<span class="i0">Singend unterm Kranzgewinde<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig;t uns ihm entgegengehn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Stranddistel.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Fr&auml;ulein ging am Meeresstrand<br /></span>
+<span class="i0">Durch wei&szlig;en, bleichen Sand, bis rot<br /></span>
+<span class="i0">Ein sch&uuml;chtern Bl&uuml;mchen sich ihr bot,<br /></span>
+<span class="i0">Sie brach's und warf es aus der Hand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und b&uuml;ckte nach der Distel sich,<br /></span>
+<span class="i0">Die rauh und grau daneben stand.<br /></span>
+<span class="i0">Die trotzte ihrer kleinen Hand<br /></span>
+<span class="i0">Und wehrte sich mit scharfem Stich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie brach sie doch und ging und sang<br /></span>
+<span class="i0">Ein m&uuml;des Lied mit m&uuml;dem Mund,<br /></span>
+<span class="i0">Das &uuml;berm abendschwarzen Sund<br /></span>
+<span class="i0">Im Wind verwehte und verklang.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Das Grab.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein frischer H&uuml;gel ist's, darauf<br /></span>
+<span class="i0">Drei rote Tulpen flammen.<br /></span>
+<span class="i0">Zwei schwarze Taxusstauden stehn<br /></span>
+<span class="i0">Und stecken die K&ouml;pfe zusammen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+<span class="i0">Und tuscheln &uuml;ber ein wei&szlig;es Kreuz,<br /></span>
+<span class="i0">Darauf mit Gold geschrieben<br /></span>
+<span class="i0">Ein M&auml;dchenname, darunter ein<br /></span>
+<span class="i0">Spruch vom himmlischen Lieben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer hat das junge Ding gekannt?<br /></span>
+<span class="i0">Wer z&uuml;ndete die drei roten<br /></span>
+<span class="i0">Flammen &uuml;ber ihr Bettlein an? &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Was k&uuml;mmern mich die Toten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich hab' zu Haus ein krankes Weib,<br /></span>
+<span class="i0">Der will ich drei Rosen bringen,<br /></span>
+<span class="i0">Drei rote Rosen, und will ihr leis<br /></span>
+<span class="i0">Ein Lied vom Leben singen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Sp&auml;te Rosen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Jahrelang sehnten wir uns,<br /></span>
+<span class="i0">Einen Garten unser zu nennen,<br /></span>
+<span class="i0">Darin eine k&uuml;hle Laube steht<br /></span>
+<span class="i0">Und rote Rosen brennen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun steht das G&auml;rtchen im ersten Gr&uuml;n,<br /></span>
+<span class="i0">Die Laube in dichten Reben.<br /></span>
+<span class="i0">Und die erste Rose will<br /></span>
+<span class="i0">Uns all ihre Sch&ouml;nheit geben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie sind nun deine Wangen so bla&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Und so m&uuml;de deine H&auml;nde.<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich nun aus den Rosen dir<br /></span>
+<span class="i0">Ein rotes Kr&auml;nzlein b&auml;nde,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und setzte es auf dein schwarzes Haar,<br /></span>
+<span class="i0">Wie sollt' ich es ertragen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor<br /></span>
+<span class="i0">Zwei stille Augen klagen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span></div>
+<h3>Zwei.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dr&uuml;ben du, mir deine wei&szlig;e<br /></span>
+<span class="i0">Rose &uuml;bers Wasser zeigend,<br /></span>
+<span class="i0">H&uuml;ben ich, dir meine dunkle<br /></span>
+<span class="i0">Sehns&uuml;chtig entgegenneigend.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In dem breiten Strome, der uns<br /></span>
+<span class="i0">Scheidet, zittern unsre blassen<br /></span>
+<span class="i0">Schatten, die vergebens suchen<br /></span>
+<span class="i0">Sich zu finden, sich zu fassen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und so stehn wir, unser Stammeln<br /></span>
+<span class="i0">Stirbt im Wind, im Wellenrauschen,<br /></span>
+<span class="i0">Und wir k&ouml;nnen nichts als unsre<br /></span>
+<span class="i0">Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Leis, gespenstisch, zwischen unsern<br /></span>
+<span class="i0">Dunklen Ufern schwimmt ein wilder<br /></span>
+<span class="i0">Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken<br /></span>
+<span class="i0">Unsre blassen Spiegelbilder.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Finckh" id="Finckh"></a>Ludwig Finckh.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 21. M&auml;rz 1876 zu Reutlingen. &ndash; Fraue du, du S&uuml;&szlig;e 1900.
+Rosen 1905.</p>
+
+
+<h3>Einer Frau.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das dank' ich dir:<br /></span>
+<span class="i0">Ein L&auml;cheln auf dem Munde,<br /></span>
+<span class="i0">Die Rosen da, und hier<br /></span>
+<span class="i0">Die leise Wunde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das dank' ich dir,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Gl&uuml;ck im Todeshauche:<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich mich nicht vor mir<br /></span>
+<span class="i0">Zu sch&auml;men brauche.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span></div>
+<h3>Abendhimmel.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Tiefdunkelroter Scharlachschein<br /></span>
+<span class="i0">Versickerte an Wolkenreihn,<br /></span>
+<span class="i0">Die klar von Silber flossen.<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel war wie roter Wein.<br /></span>
+<span class="i0">Was mochte dort zu feiern sein?<br /></span>
+<span class="i0">Wer hat den Wein vergossen?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Geschenk.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dies schick' ich dir, mein Liebling, zum Geburtstag.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwei wei&szlig;e Tauben, deren weich Gefieder<br /></span>
+<span class="i0">In einem Tempel Indiens geleuchtet,<br /></span>
+<span class="i0">Und deren Kropf mit edlem Hanf gef&uuml;llt war,<br /></span>
+<span class="i0">Den braune M&auml;dchen auf den Feldern pfl&uuml;ckten.<br /></span>
+<span class="i0">Sie sangen leise, dachten an den Liebsten.<br /></span>
+<span class="i0">Sei diesen Tauben gut, sie sind wie Schneefall,<br /></span>
+<span class="i0">Bevor er noch die wei&szlig;e Erde k&uuml;&szlig;te,<br /></span>
+<span class="i0">Und ohne Makel, nimm sie auf die Schulter,<br /></span>
+<span class="i0">Begl&uuml;cke sie an deiner Wang' zu schlafen,<br /></span>
+<span class="i0">Die weich und schneeig ist wie ihr Gefieder,<br /></span>
+<span class="i0">Und sich im Nest zu tr&auml;umen in der Heimat.<br /></span>
+<span class="i0">Nimm Wischi und Schiwinda g&uuml;tig auf.<br /></span>
+<span class="i0">In Simla waren sie der Liebe G&ouml;tter,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles Volk lag t&auml;glich auf den Knien<br /></span>
+<span class="i0">Und betete. Sie schn&auml;belten sich z&auml;rtlich.<br /></span>
+<span class="i0">Ich raubte sie, an deine Wange denkend.<br /></span>
+<span class="i0">Dies schick' ich dir, mein Liebling, heute fr&uuml;h<br /></span>
+<span class="i0">Durch einen braunen Boten, windbefl&uuml;gelt<br /></span>
+<span class="i0">Und stumm, mit einem K&ouml;rbchen morgenfrischer<br /></span>
+<span class="i0">Feuriger K&uuml;sse. La&szlig; sie dir gut munden.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span></div>
+<h2><a name="Flaischlen" id="Flaischlen"></a>C&auml;sar Flaischlen.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 12. Mai 1864 zu Stuttgart; lebte in Berlin, wo er am 16.
+Oktober 1920 starb. &ndash; Nachtschatten 1884. Vom Haselnu&szlig;roi 1891. Von
+Alltag und Sonne 1898. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens 1900.</p>
+
+
+<h3>So regnet es sich langsam ein&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">So regnet es sich langsam ein und immer k&uuml;rzer wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen stehn&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">gib mir die Hand und komm&nbsp;&hellip; wir wollen sie uns pfl&uuml;cken gehn&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">Es werden wohl die letzten sein!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Hab Sonne&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hab Sonne im Herzen,<br /></span>
+<span class="i0">Ob's st&uuml;rmt oder schneit,<br /></span>
+<span class="i0">Ob der Himmel voll Wolken,<br /></span>
+<span class="i0">Die Erde voll Streit!<br /></span>
+<span class="i0">Hab Sonne im Herzen,<br /></span>
+<span class="i0">Dann komme was mag!<br /></span>
+<span class="i0">Das leuchtet voll Licht dir<br /></span>
+<span class="i0">Den dunkelsten Tag!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hab ein Lied auf den Lippen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit fr&ouml;hlichem Klang,<br /></span>
+<span class="i0">Und macht auch des Alltags<br /></span>
+<span class="i0">Gedr&auml;nge dich bang!<br /></span>
+<span class="i0">Hab ein Lied auf den Lippen,<br /></span>
+<span class="i0">Dann komme was mag!<br /></span>
+<span class="i0">Das hilft dir verwinden<br /></span>
+<span class="i0">Den einsamsten Tag!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+<span class="i0">Hab ein Wort auch f&uuml;r andre<br /></span>
+<span class="i0">In Sorg' und in Pein<br /></span>
+<span class="i0">Und sag, was dich selber<br /></span>
+<span class="i0">So frohgemut l&auml;&szlig;t sein:<br /></span>
+<span class="i0">Hab ein Lied auf den Lippen,<br /></span>
+<span class="i0">Verlier nie den Mut,<br /></span>
+<span class="i0">Hab Sonne im Herzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles wird gut!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich habe N&auml;chte&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe N&auml;chte daf&uuml;r geopfert,<br /></span>
+<span class="i0">Ich habe Herzblut daran gegeben,<br /></span>
+<span class="i0">Und feige Buben nun kommen und heben<br /></span>
+<span class="i0">Die Hand auf gegen das fertige Werk.<br /></span>
+<span class="i0">&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Das schmerzt!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und doch:<br /></span>
+<span class="i0">Gl&uuml;ckt euch, es wirklich zu zertr&uuml;mmern,&nbsp;&hellip; gut!<br /></span>
+<span class="i0">Dann war's nicht echt!<br /></span>
+<span class="i0">Dann gl&uuml;ckte mir nicht, was ich wollte&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und&nbsp;..&nbsp;ihr&nbsp;..&nbsp;habt&nbsp;..&nbsp;recht!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Einem Kinde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sei nicht traurig,<br /></span>
+<span class="i0">Sei nicht traurig&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Es ist heute nur<br /></span>
+<span class="i0">So tr&uuml;be,<br /></span>
+<span class="i0">Es ist heute nur<br /></span>
+<span class="i0">So schwer!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Morgen blitzt die Sonne wieder,<br /></span>
+<span class="i0">Rosen leuchten wei&szlig; und rot,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+<span class="i0">Und mit lauter Lerchenliedern<br /></span>
+<span class="i0">Jubelt's in den hellen Morgen,<br /></span>
+<span class="i0">Jubelt's in den blauen Himmel<br /></span>
+<span class="i0">Siegreich &uuml;ber Leid und Not&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Quillt und schwillt mit jungen Kr&auml;ften,<br /></span>
+<span class="i0">Quillt und schwillt mit junger Lust<br /></span>
+<span class="i0">Lebenswarm dir in die Brust;<br /></span>
+<span class="i0">Weckt und wappnet deine Seele<br /></span>
+<span class="i0">Glaubensfroh zu neuer Wehr&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sei nicht zag drum,<br /></span>
+<span class="i0">Sei nicht traurig&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Es ist heute nur<br /></span>
+<span class="i0">So tr&uuml;be,<br /></span>
+<span class="i0">Es ist heute nur<br /></span>
+<span class="i0">So schwer!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Februarschnee&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Februarschnee<br /></span>
+<span class="i0">Tut nicht mehr weh,<br /></span>
+<span class="i0">Denn der M&auml;rz ist in der N&auml;h'!<br /></span>
+<span class="i4">Aber im M&auml;rz<br /></span>
+<span class="i4">H&uuml;te das Herz,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; es zu fr&uuml;h nicht knospen will!<br /></span>
+<span class="i0">Warte, warte und sei still!<br /></span>
+<span class="i0">Und w&auml;r' der sonnigste Sonnenschein,<br /></span>
+<span class="i0">Und w&auml;r' es noch so gr&uuml;n auf Erden,<br /></span>
+<span class="i0">Warte, warte und sei still:<br /></span>
+<span class="i0">Es mu&szlig; erst April gewesen sein,<br /></span>
+<span class="i0">Bevor es Mai kann werden!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span></div>
+<h3>Ganz still zuweilen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ganz still zuweilen wie ein Traum<br /></span>
+<span class="i0">Klingt in dir auf ein fernes Lied&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">Du wei&szlig;t nicht, wie es pl&ouml;tzlich kam,<br /></span>
+<span class="i0">Du wei&szlig;t nicht, was es von dir will&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und wie ein Traum ganz leis und still<br /></span>
+<span class="i0">Verklingt es wieder, wie es kam&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie pl&ouml;tzlich mitten im Gew&uuml;hl<br /></span>
+<span class="i0">Der Stra&szlig;e, mitten oft im Winter<br /></span>
+<span class="i0">Ein Hauch von Rosen dich umweht,<br /></span>
+<span class="i0">Oder wie dann und wann ein Bild<br /></span>
+<span class="i0">Aus l&auml;ngstvergessenen Kindertagen<br /></span>
+<span class="i0">Mit fragenden Augen vor dir steht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ganz still und leise, wie ein Traum&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Du wei&szlig;t nicht, wie es pl&ouml;tzlich kam,<br /></span>
+<span class="i0">Du wei&szlig;t nicht, was es von dir will,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie ein Traum ganz leis und still<br /></span>
+<span class="i0">Verbla&szlig;t es wieder, wie es kam.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Spruch.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Lieber auf eigene Rechnung<br /></span>
+<span class="i2">Ein Lump sein,<br /></span>
+<span class="i0">Als ein feiner Herr<br /></span>
+<span class="i2">Auf Pump sein!<br /></span>
+<span class="i2">Dieweil:<br /></span>
+<span class="i0">Wer ein solcher auf Pump ist,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span></div>
+<h2><a name="Forbes" id="Forbes"></a>Irene Forbes-Mosse.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. &ndash; Mezzavoce 1901. Peregrinas
+Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905.</p>
+
+
+<h3>Gehen und Bleiben.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mancher ist betr&uuml;bt gegangen<br /></span>
+<span class="i0">In die Winternacht hinaus,<br /></span>
+<span class="i0">Sah mit zehrendem Verlangen<br /></span>
+<span class="i0">Heller Fenster freundlich Prangen,<br /></span>
+<span class="i0">Lichterf&uuml;lltes, warmes Haus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hinter jenen hellen Scheiben<br /></span>
+<span class="i0">Sah ein anderer ihm nach,<br /></span>
+<span class="i0">Starrte in das Flockentreiben&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Freiheit&ldquo;, seufzt er, aber &bdquo;Bleiben,<br /></span>
+<span class="i0">Bleiben&ldquo; st&ouml;hnt das schwere Dach!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Eine Widmung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Herz so ganz in dir begl&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Mit M&auml;rchenblumen ausgeschm&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Ein dir geweihter Schrein:<br /></span>
+<span class="i0">Wenn auch die Fr&uuml;chte nicht gereift,<br /></span>
+<span class="i0">Weil sie der Frost zu fr&uuml;h gestreift,<br /></span>
+<span class="i0">Die Bl&uuml;ten waren dein, mein Herz,<br /></span>
+<span class="i0">Die Bl&uuml;ten waren dein.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die fremde Blume.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">So lange blieb sie festgeschlossen, stille,<br /></span>
+<span class="i0">Als w&auml;re alle Kraft in ihr erstorben,<br /></span>
+<span class="i0">Es fehlte ihr zum Bl&uuml;hen Lust und Wille,<br /></span>
+<span class="i0">Seit der ber&uuml;hmte G&auml;rtner sie erworben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie stand im Garten rein und wohlgehalten,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Paradies mit gr&uuml;nlackierten Kannen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+<span class="i0">Wo alle Blumen p&uuml;nktlich sich entfalten<br /></span>
+<span class="i0">Und Menschenh&auml;nde sie auf St&auml;be spannen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Man warf sie endlich fort, ein armes M&auml;dchen<br /></span>
+<span class="i0">Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer,<br /></span>
+<span class="i0">Die Tauben gurrten dort am gr&uuml;nen L&auml;dchen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne,<br /></span>
+<span class="i0">Und rings versank des Lebens Hast und M&uuml;hen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein warmer Regen fiel, dann z&uuml;ndeten die Sterne<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Freundeslicht&nbsp;&hellip; da fing sie an zu bl&uuml;hen!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Brunnen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich sa&szlig; im Gl&uuml;hn der toten Mittagsstunde,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles Leben schien so bla&szlig; und weit,<br /></span>
+<span class="i0">Die G&ouml;tter tr&auml;umten um mich in der Runde,<br /></span>
+<span class="i0">Der Brunnen fl&uuml;sterte: &bdquo;Trink und gesunde,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin das Wasser der Vergessenheit!&ldquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich sa&szlig; in Nacht und schickte die Gedanken<br /></span>
+<span class="i0">In jene Tage, da wir froh und jung,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin das Wasser der Erinnerung!&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Madlena.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Kind Madlena hat so hell gesungen,<br /></span>
+<span class="i0">Als sie im Haselholz sich N&uuml;sse las,<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen<br /></span>
+<span class="i0">Bei Gl&uuml;hwurms Leuchten, &uuml;berm Wiesengras.<br /></span>
+<span class="i0">Das Kind Madlena h&ouml;rte fremde Zungen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+<span class="i0">Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn sa&szlig;&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Die d&uuml;stern G&auml;rten haben sie verschlungen,<br /></span>
+<span class="i0">Fern t&ouml;nt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Greiner" id="Greiner"></a>Leo Greiner.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 1. April 1876 zu Br&uuml;nn in M&auml;hren. &ndash; Das Tagebuch 1906.</p>
+
+
+<h3>Liebe.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt<br /></span>
+<span class="i0">An einem Eschenbaum zusammentrafen.<br /></span>
+<span class="i0">Wir glitten einsam im entr&uuml;ckten Feld<br /></span>
+<span class="i0">Und suchten sp&auml;te Herberg, um zu schlafen.<br /></span>
+<span class="i0">Und standen <em class="spaced">einen</em> tiefen Augenblick<br /></span>
+<span class="i0">Uralt bekannt uns gegen&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i0">Und gr&uuml;&szlig;ten uns und wuchsen bis ans Gl&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i0">Dann sanken wir hin&uuml;ber und her&uuml;ber,<br /></span>
+<span class="i0">Zerfallend in die alte Nacht zur&uuml;ck.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Unter den Menschen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich hab' es nie so tief gewu&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Was heimlich webt, wo Menschen mich umdr&auml;ngen:<br /></span>
+<span class="i0">Was ich im Wind versch&uuml;ttet, Rausch und Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Was ich an Leid begrub auf stillen G&auml;ngen,<br /></span>
+<span class="i0">Flutet von euch zur&uuml;ck in meine Brust.<br /></span>
+<span class="i0">Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn,<br /></span>
+<span class="i0">Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn<br /></span>
+<span class="i0">Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt:<br /></span>
+<span class="i0">Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt,<br /></span>
+<span class="i0">Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt,<br /></span>
+<span class="i0">Ein goldner Abend, trauer&uuml;berdunkelt.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+<span class="i0">Was ich im Wein verga&szlig;, im Abend litt,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;gt Brust um Brust in ihre Stille mit.<br /></span>
+<span class="i0">Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht<br /></span>
+<span class="i0">Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_hofmannsthal" id="abb_hofmannsthal"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 362px;">
+<img src="images/hofmannsthal.jpg" width="362" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Hugo v. Hofmannsthal</span>
+</div>
+
+
+<h3>Leben.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und immer fremder sind mir Tag und R&auml;ume&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.<br /></span>
+<span class="i0">Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln B&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort.<br /></span>
+<span class="i0">Und G&auml;rten stehn im abendlichen Land,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Schatten gr&uuml;&szlig;t mich k&uuml;hl und altbekannt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich aber wandre dunkel fort, im Innern<br /></span>
+<span class="i0">Ein uralt Schattenbild, das leise weint.<br /></span>
+<span class="i0">Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund<br /></span>
+<span class="i0">Und l&auml;chle tief und kann mich nicht erinnern.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Regenabend.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt,<br /></span>
+<span class="i0">Der Nebel wankend &uuml;bern Berg gefunden,<br /></span>
+<span class="i0">Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen tr&uuml;bt,<br /></span>
+<span class="i0">Sp&uuml;r' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden<br /></span>
+<span class="i0">Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen,<br /></span>
+<span class="i0">Die dunkle Worte rufen &uuml;ber Feld,<br /></span>
+<span class="i0">Das Sterben nicht mit Namen nennen,<br /></span>
+<span class="i0">Das jetzt verh&uuml;llt durchwandert meine Welt.<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig; nur: irgendwo im Sternenschein<br /></span>
+<span class="i0">Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler S&uuml;nde,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde,<br /></span>
+<span class="i0">In einem Becher welkt der k&uuml;hle Wein,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+<span class="i0">Und alles geht und winkt und schwindet fern,<br /></span>
+<span class="i0">Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Schatten.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwischen mir und meinem trunknen Leben<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;rmt ein Schatten sich an meiner Glut.<br /></span>
+<span class="i0">W&uuml;nschend saust mein ungestilltes Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Doch er raubt mir schon im Niederschweben<br /></span>
+<span class="i0">Jeden Traum und jedes goldne Gut.<br /></span>
+<span class="i0">Meiner Sch&auml;tze waren funkelnd viele,<br /></span>
+<span class="i0">Doch ich f&uuml;hl' an meines Bechers Rand<br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">Seines</em> Schattenmundes wilde K&uuml;hle<br /></span>
+<span class="i0">Und am Griffe <em class="spaced">seine</em> Schattenhand.<br /></span>
+<span class="i0">Schritt ich so verloren in die Lande,<br /></span>
+<span class="i0">Lie&szlig; mein Wandern keine Spur zur&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">Seine</em> Spuren, halb verweht im Sande,<br /></span>
+<span class="i0">Sah mein schauernd r&uuml;ckgewandter Blick.<br /></span>
+<span class="i0">Selbst von meines Schlummers Grunde heben<br /></span>
+<span class="i0">Seine H&auml;nde jeden Schatz der Lust:<br /></span>
+<span class="i0">Schlafen mu&szlig; ich steinern, traumbewu&szlig;t<br /></span>
+<span class="i0">Zwischen mir und meinem trunknen Leben.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Reife.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nacht, die aus den Sternen quillt,<br /></span>
+<span class="i0">Schmieg dich fester um mein Leben!<br /></span>
+<span class="i0">Was genommen und gegeben,<br /></span>
+<span class="i0">Ist vollendet und erf&uuml;llt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie ein Brunnen ist mein Blick:<br /></span>
+<span class="i0">Alle Eimer, die sich hoben,<br /></span>
+<span class="i0">Kehren &uuml;berf&uuml;llt von oben<br /></span>
+<span class="i0">Mit gek&uuml;hltem Licht zur&uuml;ck.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span></div>
+<h2><a name="Hartleben" id="Hartleben"></a>Otto Erich Hartleben.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde
+Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er seinen
+Aufenthalt fr&uuml;her zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am Gardasee, wo
+er als Pr&auml;sident der Akademie f&uuml;r unangewandte Wissenschaften zu Sal&ograve;
+am 11. Februar 1905 starb. &ndash; <span class="antiqua">Pierrot lunaire</span> 1892. Meine Verse 1895.
+Von reifen Fr&uuml;chten 1903. Der Halkyonier 1903.</p>
+
+
+<h3>Funkelt dein Auge noch?</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die du so fern bist in der gro&szlig;en Stadt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich gr&uuml;&szlig;e dich, die mein vergessen hat.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht,<br /></span>
+<span class="i0">Stunden des Gl&uuml;cks mit mir verbracht, verlacht;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Lili.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&hellip;&nbsp;Als ich dann wieder in die Heimat kam &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Im Fr&uuml;hling war's, die Hyazinthen bl&uuml;hten &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da war sie tot &ndash; von fremden, kalten Menschen<br /></span>
+<span class="i0">Hinausgetragen in ein kahles Grab. &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich fand es nicht. Langsam ging ich zur&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin<br /></span>
+<span class="i0">Sprach schmunzelnd: &bdquo;Gott! Die Menschen sind nicht rar.<br /></span>
+<span class="i0">Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer!<br /></span>
+<span class="i0">Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein<br /></span>
+<span class="i0">Darin &ndash; ganz jung noch &ndash; mit so lustigen F&uuml;&szlig;chen.<br /></span>
+<span class="i0">Woll'n Sie sie sehn?&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Und ich erfuhr, wie sie gestorben war.<br /></span>
+<span class="i0">Vor ihren Augen, w&auml;hrend sie in Qualen<br /></span>
+<span class="i0">Ohnm&auml;chtig dalag, hatten &ndash; ihre Schwestern<br /></span>
+<span class="i0">Begierig ihrer Habe sich bem&auml;chtigt:<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+<span class="i0">Sparkassenb&uuml;cher, Kleider, Schmuck und W&auml;sche<br /></span>
+<span class="i0">Aus allen K&auml;sten sich hervorgesucht<br /></span>
+<span class="i0">Und umgepackt in einen gro&szlig;en Korb. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&nbsp;..&nbsp;hatte sie den bleichen Kopf erhoben<br /></span>
+<span class="i0">Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert<br /></span>
+<span class="i0">Mit gro&szlig;en, schwarzen Augen umgeschaut<br /></span>
+<span class="i0">Und hatte&nbsp;..&nbsp;gel&auml;chelt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Mir ist&nbsp;..&nbsp;als ob ich dieses L&auml;cheln s&auml;he!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die jubelnd nie&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die jubelnd nie den &uuml;bersch&auml;umten Becher<br /></span>
+<span class="i0">Gehoben in der heiligen Mitternacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und denen nie ein dunkles M&auml;dchenauge,<br /></span>
+<span class="i0">Zur S&uuml;nde lockend, spr&uuml;hend zugelacht &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die nie den ernsten Tand der Welt verga&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Und freudig nie dem Strudel sich vertraut &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ellen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein armer Kopf lag still in deinem Scho&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Und dachte, dachte, bis er m&uuml;de wurde.<br /></span>
+<span class="i0">Du hattest deine leichte, milde Hand<br /></span>
+<span class="i0">Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen;<br /></span>
+<span class="i0">Und gar ein Zauber schien mir auszugehn<br /></span>
+<span class="i0">Von deinen wei&szlig;en Fingern: Frieden sandten<br /></span>
+<span class="i0">Sie nieder in mein Hirn, und allgemach<br /></span>
+<span class="i0">Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn,<br /></span>
+<span class="i0">Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span></div>
+<h3>Das welke Blatt.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In ihren Locken haftete ein welkes Blatt,<br /></span>
+<span class="i0">Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg<br /></span>
+<span class="i0">Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir,<br /></span>
+<span class="i0">Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn,<br /></span>
+<span class="i0">Den stillen Zeugen stillgeno&szlig;ner, heiliger Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Und heimlich, gl&uuml;cklich l&auml;chelnd schritt ich neben ihr,<br /></span>
+<span class="i0">Indes ein schwellend S&auml;useln durch die Kronen ging.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht,<br /></span>
+<span class="i0">Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt.<br /></span>
+<span class="i0">Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah,<br /></span>
+<span class="i0">Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein,<br /></span>
+<span class="i0">Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich zeigt' es schweigend. &ndash; Eine dunkle Welle Bluts<br /></span>
+<span class="i0">Flo&szlig; &uuml;ber ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann<br /></span>
+<span class="i0">Schien pl&ouml;tzlich sie der hei&szlig;en W&uuml;nsche eingedenk &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ein j&auml;her Blitz hingebungsschw&uuml;ler, starker Glut<br /></span>
+<span class="i0">Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr,<br /></span>
+<span class="i0">Und &uuml;berw&auml;ltigt bebte mir das bange Herz!<br /></span>
+<span class="i0">Ich fa&szlig;te zuckend ihre Hand und pre&szlig;te sie<br /></span>
+<span class="i0">An meinen Mund und k&uuml;&szlig;te sie zum letztenmal,<br /></span>
+<span class="i0">Indes ein schwellend S&auml;useln durch die Kronen ging.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Liebesode.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein.<br /></span>
+<span class="i0">Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind,<br /></span>
+<span class="i0">Und unsrer Atemz&uuml;ge Frieden<br /></span>
+<span class="i0">Trug er hinaus in die helle Mondnacht. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und aus dem Garten tastete zagend sich<br /></span>
+<span class="i0">Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+<span class="i0">Und gab uns wundervolle Tr&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;ume des Rausches &ndash; so reich an Sehnsucht!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Gesang des Lebens.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Gro&szlig; ist das Leben und reich!<br /></span>
+<span class="i0">Ewige G&ouml;tter schenkten es uns,<br /></span>
+<span class="i0">L&auml;chelnder G&uuml;te voll,<br /></span>
+<span class="i0">Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber arm ist des Menschen Herz!<br /></span>
+<span class="i0">Schnell verzagt, vergi&szlig;t es der reifenden Fr&uuml;chte.<br /></span>
+<span class="i0">Immer wieder mit leeren H&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Sitzt der Bettler an staubiger Stra&szlig;e,<br /></span>
+<span class="i0">Drauf das Gl&uuml;ck mit den t&ouml;nenden R&auml;dern<br /></span>
+<span class="i0">Leuchtend vorbeifuhr.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Im Lande der Torheit.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Lande der Torheit k&uuml;&szlig;t' ich die H&auml;nde der sch&ouml;nen Fraun,<br /></span>
+<span class="i0">Sie waren schmeichelnd und wei&szlig;, mit blitzenden Ringen geschm&uuml;ckt.<br /></span>
+<span class="i0">Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort,<br /></span>
+<span class="i0">Und eitel geno&szlig; ich des eigenen spielenden &Uuml;bermuts.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab:<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah und f&uuml;hlte die H&auml;nde meiner lieben Frau,<br /></span>
+<span class="i0">Die weich und still in ruhender G&uuml;te sich nach mir<br /></span>
+<span class="i0">Hersehnen aus der Ferne &ndash; deine H&auml;nde, die<br /></span>
+<span class="i0">Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst<br /></span>
+<span class="i0">Im Tode diese H&auml;nde stummen Trost verleihn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span></div>
+<h3>Denkst du daran&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Denkst du daran, wie du zum erstenmal<br /></span>
+<span class="i0">Aus deiner Heimatberge d&uuml;sterm Forst<br /></span>
+<span class="i0">Aus dunklem Tannengr&uuml;n des hohen Harzes<br /></span>
+<span class="i0">Als Knabe niederschautest in die Ebne? &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus.<br /></span>
+<span class="i0">Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen<br /></span>
+<span class="i0">Vor dir hinab wie Bl&auml;tter eines F&auml;chers,<br /></span>
+<span class="i0">Entfaltet an den runden, sanften H&uuml;geln &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und also farbig rings die weite Welt!<br /></span>
+<span class="i0">Und reichlicher und dreimal leuchtender<br /></span>
+<span class="i0">Als drinnen in den schwarzen Tannenw&auml;ldern<br /></span>
+<span class="i0">Schien dr&uuml;berhin das Sonnengold zu gluten&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt ist bunt! &ndash; O w&auml;r' sie bunt geblieben.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Abenteurer.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zur&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">Und meldet den Gef&auml;hrten: Ich betrat mein Reich,<br /></span>
+<span class="i0">Als F&uuml;rsten sehen sie mich wieder, oder nie. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Was steht ihr noch und zaudert? La&szlig;t mich nun allein,<br /></span>
+<span class="i0">Allein mit meinem guten Schwert und meinem Ro&szlig; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Lebt wohl! &ndash; dem wandelbaren Meere kehr' ich heut<br /></span>
+<span class="i0">Den R&uuml;cken zu &ndash; mein Auge sucht die Burgen auf,<br /></span>
+<span class="i0">In deren Mauern sich der Feige sicher f&uuml;hlt.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein,<br /></span>
+<span class="i0">An Menschensch&auml;del &ndash; mich zu schrecken sind sie wohl<br /></span>
+<span class="i0">Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut?<br /></span>
+<span class="i0">Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe &uuml;ber sie hinweg:<br /></span>
+<span class="i0">Sie waren nicht, der ich bin &ndash; darum fielen sie.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span></div>
+<h3>Elegie.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du,<br /></span>
+<span class="i0">Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst,<br /></span>
+<span class="i0">O la&szlig; aus deinen schweren Flechten braune Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Um meine Sinne str&ouml;men &ndash; la&szlig; Vergessenheit<br /></span>
+<span class="i0">Sich breiten &uuml;ber niegestillte Lust und Qual.<br /></span>
+<span class="i0">Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald,<br /></span>
+<span class="i0">Ins Morgenrot, durch streifende L&uuml;fte ging der Weg.<br /></span>
+<span class="i0">Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm<br /></span>
+<span class="i0">Und glaubten an den Fr&uuml;hling, als der Schnee noch lag&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Du sollst nicht weinen &ndash; gib mir deine liebe Hand! &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Fr&uuml;hling kam, uns beide fand er nicht vereint;<br /></span>
+<span class="i0">In Sommern&auml;chten duftete s&uuml;&szlig; der Lindenbaum &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein.<br /></span>
+<span class="i0">Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee.<br /></span>
+<span class="i0">Doch still aus Schmerzen sprie&szlig;t uns wohl ein sp&auml;tes Gl&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Das leise webt und langsam um uns beide her.<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; uns umh&uuml;llt von deinen braunen Haaren sein,<br /></span>
+<span class="i0">Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Kinderk&ouml;pfchen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In scheuer Lust &ndash; doch nimmermehr versch&auml;mt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Hobst du die runden, wei&szlig;en Arme auf<br /></span>
+<span class="i0">Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd<br /></span>
+<span class="i0">Dein Bild im Spiegel&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich aber stand entfesselt hinter dir<br /></span>
+<span class="i0">Und sah in deinen vollen, blanken Schultern<br /></span>
+<span class="i0">Die beiden Gr&uuml;bchen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder<br /></span>
+<span class="i0">Zum Ku&szlig;&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+<span class="i0">Es ward mir klar, wie du den G&ouml;ttern still<br /></span>
+<span class="i0">Vertraut &ndash; gar innig wohl befreundet bist.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise<br /></span>
+<span class="i0">Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und also lieblich, Menschensinn verwirrend,<br /></span>
+<span class="i0">Blieb ihres Gru&szlig;es Spur in deinem Fleisch.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Hasenclever" id="Hasenclever"></a>Walter Hasenclever.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. &ndash; Der J&uuml;ngling 1913. Tod und
+Auferstehung 1917.</p>
+
+
+<h3>Die Todesanzeige.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bek&uuml;mmertem Traum,<br /></span>
+<span class="i0">Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum.<br /></span>
+<span class="i0">Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin:<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig;, da&szlig; ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin.<br /></span>
+<span class="i0">Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank.<br /></span>
+<span class="i0">Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein,<br /></span>
+<span class="i0">Hat aus hei&szlig;en Augen geweint in den Flu&szlig; hinein?<br /></span>
+<span class="i0">Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Gr&uuml;nes gl&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i0">Fr&ouml;hlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen m&uuml;d.<br /></span>
+<span class="i0">Mu&szlig;te in H&auml;usern essen mit Menschen, feindlich und fremd,<br /></span>
+<span class="i0">Schlafen in kalten Gem&auml;chern, frierend, ohne Hemd, &ndash;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+<span class="i0">Die Mutter hat ihm geholfen mit W&auml;sche und etwas Geld;<br /></span>
+<span class="i0">Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt.<br /></span>
+<span class="i0">Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt.<br /></span>
+<span class="i0">Nun str&ouml;mt dein l&auml;chelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht mehr im Sturm der Gewitter entz&uuml;ndet sich kindlich dein Haar;<br /></span>
+<span class="i0">Sieh &ndash; in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort;<br /></span>
+<span class="i0">Es tr&auml;gt auf silbernen Fl&uuml;geln dich aus der Vergessenheit fort.<br /></span>
+<span class="i0">Eh ich nun &ouml;ffne die L&auml;den nach schwerer, trauriger Nacht:<br /></span>
+<span class="i0">Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich gl&uuml;cklich gemacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mein J&uuml;ngling, du&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein J&uuml;ngling, du, ich liebe dich vor allen,<br /></span>
+<span class="i0">Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint!<br /></span>
+<span class="i0">Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen;<br /></span>
+<span class="i0">Gewi&szlig;, du bist nicht gl&uuml;cklich, hast geweint.<br /></span>
+<span class="i0">Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual,<br /></span>
+<span class="i0">Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Geist wird b&uuml;rgerlich, dein Kopf wird kahl.<br /></span>
+<span class="i0">Willst du nicht mit mir gehn und mich erh&ouml;ren!<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein.<br /></span>
+<span class="i0">Einst auf Pr&auml;rien, jetzt in Geisterch&ouml;ren<br /></span>
+<span class="i0">Will ich dich rufen und will bei dir sein!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span></div>
+<h3>Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Kleine Schwester Irene,<br /></span>
+<span class="i0">Bei den Cholerakranken;<br /></span>
+<span class="i0">Lila Blumen sanken<br /></span>
+<span class="i0">Auf Abendk&auml;hne.<br /></span>
+<span class="i0">S&auml;rge wachsen. Sturm.<br /></span>
+<span class="i0">Antreten. Trommel. Tod.<br /></span>
+<span class="i0">Offizier an Grabes Turm<br /></span>
+<span class="i0">Schnarrt Ehre, Gebot.<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;er hinter H&uuml;geln<br /></span>
+<span class="i0">Lemberg, Freude scheint.<br /></span>
+<span class="i0">Automobile fl&uuml;geln.<br /></span>
+<span class="i0">Baracken blutbeweint.<br /></span>
+<span class="i0">&Auml;rzte ohne Narkose,<br /></span>
+<span class="i0">Beine ab, zerstampft.<br /></span>
+<span class="i0">Kleine Schwester, Rose,<br /></span>
+<span class="i0">Sei den Toten sanft!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wei&szlig; ich, da&szlig; Stunden&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wei&szlig; ich, da&szlig; Stunden, in ungez&auml;hlten,<br /></span>
+<span class="i0">Pariserinnen sind auf den Boulevards;<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; klein in Zimmern und gequ&auml;lten,<br /></span>
+<span class="i0">Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars?<br /></span>
+<span class="i0">Ist mir im Park, durch den ich gehe,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Gef&uuml;hl von Rot oder Blau &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Berg und Flu&szlig; mit sinkender N&auml;he,<br /></span>
+<span class="i0">Das Gesicht einer alternden Frau?<br /></span>
+<span class="i0">Bei der Baronin Porzellan und Eise<br /></span>
+<span class="i0">Hypnotisiert mich elektrischer Draht;<br /></span>
+<span class="i0">Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>
+<span class="i0">Denn es m&uuml;nden in gleiche Kreise<br /></span>
+<span class="i0">Meer und Spur und kindliche Weise,<br /></span>
+<span class="i0">Die man am Abend vernommen hat.<br /></span>
+<span class="i0">Aber keine der funkelnden Gesten<br /></span>
+<span class="i0">Wird mich erhalten, wird mich betr&uuml;gen;<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich ein Vogel, m&uuml;de von Fl&uuml;gen,<br /></span>
+<span class="i0">Schwebend in der Wolke des Falls:<br /></span>
+<span class="i0">Steigen unten aus T&auml;nzen und Festen<br /></span>
+<span class="i0">Die verschlungenen Kurven des Alls.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Da&szlig; von Geheimnissen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; von Geheimnissen, die uns umt&ouml;nten,<br /></span>
+<span class="i0">Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt;<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; von Begierden, Tanz und M&auml;dchen, denen wir fr&ouml;nten,<br /></span>
+<span class="i0">Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vor&uuml;berschwebt.<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte<br /></span>
+<span class="i0">Wachsen sehn aus den Buchl&auml;den der heimischen Stadt,<br /></span>
+<span class="i0">Als der Ruhm schon unsterblich die gro&szlig;en Gesichte<br /></span>
+<span class="i0">Im K&auml;fig des kleinen, blauen Umschlags entz&uuml;ndet hat.<br /></span>
+<span class="i0">Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Br&uuml;cken,<br /></span>
+<span class="i0">Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer;<br /></span>
+<span class="i0">Sa&szlig;en im Damensalon und atmeten mit Entz&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Goldne Tische gekr&auml;uselt im Dufte von Rosen und Teer.<br /></span>
+<span class="i0">Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden<br /></span>
+<span class="i0">Langsam aus wehenden T&uuml;chern, Musik, vielen Tr&auml;nen fort,<br /></span>
+<span class="i0">Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden;<br /></span>
+<span class="i0">Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort.<br /></span>
+<span class="i0">Sind wir die gleichen Stra&szlig;en wie jene gezogen?<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+<span class="i0">Ferne schon den st&uuml;rmenden Kr&auml;nzen entr&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">In eroberter Stadt auf dem h&ouml;chsten Bogen<br /></span>
+<span class="i0">Stehn wir, &uuml;ber die fliehende Wolke unsrer Erinnerung geb&uuml;ckt.<br /></span>
+<span class="i0">S&uuml;dseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde,<br /></span>
+<span class="i0">Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus,<br /></span>
+<span class="i0">Es steigen in einer begeisterten Stunde<br /></span>
+<span class="i0">Viele Verlorene dankbar aus den Kan&auml;len heraus.<br /></span>
+<span class="i0">Wenn der Leuchtt&uuml;rme einst entz&uuml;ndetes Feuer<br /></span>
+<span class="i0">Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht:<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Gef&auml;hrten des Lebens, wie seid ihr uns teuer,<br /></span>
+<span class="i0">Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>1917.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Halte wach den Ha&szlig;. Halte wach das Leid.<br /></span>
+<span class="i0">Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Mensch ist get&ouml;tet, er gleicht nicht dir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug<br /></span>
+<span class="i0">Einer Mutter, die ihre Kleinen trug<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus dem rauchenden Kessel der br&uuml;llenden Schlacht,<br /></span>
+<span class="i0">Das Ungl&uuml;ck ist nicht von dir gemacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Heran zu dem elenden Leichenschrein,<br /></span>
+<span class="i0">Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,<br /></span>
+<span class="i0">Falle nieder, du, sei angeklagt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Empfange die ungeliebte Qual<br /></span>
+<span class="i0">Aller Versto&szlig;nen in diesem Mal.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>
+<span class="i0">Ein letztes Aug', das am &Auml;ther trinkt,<br /></span>
+<span class="i0">Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die brennende Wildnis der schreienden Luft,<br /></span>
+<span class="i0">Den rohen Sto&szlig; in die kalte Gruft.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn etwas in deiner Seele bebt,<br /></span>
+<span class="i0">Das dies Grauen noch &uuml;berlebt,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So la&szlig; es wachsen, auferstehn<br /></span>
+<span class="i0">Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Tritt mit der Posaune des J&uuml;ngsten Gerichts<br /></span>
+<span class="i0">Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,<br /></span>
+<span class="i0">Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; in der Menschen Mord, Verrat<br /></span>
+<span class="i0">Einst wieder leuchte die gute Tat;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn<br /></span>
+<span class="i0">Schweb am gestirnten Himmel hin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; die Sonn, die auf Gute und B&ouml;se scheint,<br /></span>
+<span class="i0">Durch soviel Str&ouml;me der Welt geweint,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gepulst durch unser aller Schlag,<br /></span>
+<span class="i0">Einst wieder strahle gerechtem Tag.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Halte wach den Ha&szlig;. Halte wach das Leid.<br /></span>
+<span class="i0">Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span></div>
+<h2><a name="Hatzfeld" id="Hatzfeld"></a>Adolf von Hatzfeld.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. &ndash; &bdquo;An Gott&ldquo; 1919.</p>
+
+
+<h3>Die letzte Nacht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht,<br /></span>
+<span class="i0">Empf&auml;ngt mich endlich meine letzte Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit.<br /></span>
+<span class="i0">Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit.<br /></span>
+<span class="i0">Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben,<br /></span>
+<span class="i0">Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben.<br /></span>
+<span class="i0">Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht,<br /></span>
+<span class="i0">Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam,<br /></span>
+<span class="i0">Ist tiefster Trug und angef&uuml;llt von Scham.<br /></span>
+<span class="i0">Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht.<br /></span>
+<span class="i0">Ich h&ouml;re, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben.<br /></span>
+<span class="i0">Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben.<br /></span>
+<span class="i0">Es w&auml;chst ein gro&szlig;er Schein auf allen Wegen,<br /></span>
+<span class="i0">Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;O Erde, Erde, die du trankst mein Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Wie warst du voller S&uuml;&szlig;e und wie gut,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; du mich mit den H&auml;nden an die Pole angeschlagen,<br /></span>
+<span class="i0">Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mu&szlig;te tragen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich war dein Acker, du Erde, du pfl&uuml;gtest ihn gut.<br /></span>
+<span class="i0">Aus allen Poren erscho&szlig; mein Blut.<br /></span>
+<span class="i0">Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust,<br /></span>
+<span class="i0">Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewu&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Bis ich den gro&szlig;en Planeten in Liebe umpre&szlig;t.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+<span class="i0">Noch &uuml;ber mein letztes Sterben halt ich dich fest.<br /></span>
+<span class="i0">So nehmt, ihr springenden B&auml;che, aus mir euern Lauf.<br /></span>
+<span class="i0">Es bl&uuml;hen aus meinem Blute alle Blumen auf.<br /></span>
+<span class="i0">Ich gr&uuml;ne und dufte aus jedem Rosenstrauch<br /></span>
+<span class="i0">Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch,<br /></span>
+<span class="i0">Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt.<br /></span>
+<span class="i0">O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt,<br /></span>
+<span class="i0">Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat.<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, meine Seele ist m&uuml;de wie ein herbstliches Blatt.<br /></span>
+<span class="i0">Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch,<br /></span>
+<span class="i0">In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Gr&uuml;ner Sommer.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet<br /></span>
+<span class="i0">Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt.<br /></span>
+<span class="i0">Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt.<br /></span>
+<span class="i0">Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschw&auml;rmten Ruhe.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet.<br /></span>
+<span class="i0">Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus.<br /></span>
+<span class="i0">Auf mich senkt sich die M&uuml;digkeit des Blaus,<br /></span>
+<span class="i0">Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne<br /></span>
+<span class="i0">Staut schl&auml;frig sich das dunkle Blut.<br /></span>
+<span class="i0">Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Bachgel&auml;chter hier: &bdquo;Die Welt ist gut&ldquo;,<br /></span>
+<span class="i0">Und l&auml;chelnd tr&auml;gt es mich ins Tr&auml;umen fort.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gott rekelt sich in dieser ausgeschw&auml;rmten Ruhe.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen.<br /></span>
+<span class="i0">Ein K&auml;fer ist ihm ins Gesicht geflogen.<br /></span>
+<span class="i0">Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe<br /></span>
+<span class="i0">Und zirpt an ihm vorbei: &bdquo;Erschrick, erschrick!&ldquo;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+<span class="i0">Gott aber ist nach tausend Sch&ouml;pfungsjahren<br /></span>
+<span class="i0">Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren,<br /></span>
+<span class="i0">Und l&auml;chelnd ruht auf seiner Welt der Blick.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wache auf. Der Donner grollt.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Blut hat ausgetollt.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Mut wird nicht verf&uuml;hrt. Es schweigt der Wille.<br /></span>
+<span class="i0">Und eine Grille geigt von neuem mich in eine gr&uuml;ne Stille.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Fr&uuml;hlingsmond.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Noch h&auml;ngt ein scheues Vogellied im d&uuml;nnen Laubge&auml;ste<br /></span>
+<span class="i0">Und wird ein gro&szlig;er Wind. Mit m&auml;chtiger Geb&auml;rde<br /></span>
+<span class="i0">St&ouml;&szlig;t die Erde, die l&auml;ngst den hei&szlig;en Saft<br /></span>
+<span class="i0">In Millionen Samenk&ouml;rner pre&szlig;te,<br /></span>
+<span class="i0">Geburten aus in Mutterleidenschaft<br /></span>
+<span class="i0">Und tr&auml;gt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft,<br /></span>
+<span class="i0">Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt b&auml;umen Meere ihre Pantherleiber.<br /></span>
+<span class="i0">Die Sterne st&uuml;rzen zum Planetenball.<br /></span>
+<span class="i0">In diesen N&auml;chten st&ouml;hnen tausend Weiber<br /></span>
+<span class="i0">Und werfen tausend Kinder in das All.<br /></span>
+<span class="i0">Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen.<br /></span>
+<span class="i0">Die Quellen sind der T&auml;ler Bl&uuml;tenlauf.<br /></span>
+<span class="i0">Den Duft von W&auml;ldern tragen junge Bienen,<br /></span>
+<span class="i0">Und Tage tauen blau zu Blumen auf.<br /></span>
+<span class="i0">Geliebte gehn mit wei&szlig;en Br&uuml;steh&uuml;geln<br /></span>
+<span class="i0">Und einem L&auml;cheln, das von selbst begann,<br /></span>
+<span class="i0">Durch s&uuml;&szlig;e N&auml;chte, gehen wie mit Fl&uuml;geln<br /></span>
+<span class="i0">Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein scheues Vogellied h&auml;ngt noch im Laubge&auml;ste.<br /></span>
+<span class="i0">Vom Horizonte schwebt der junge Mond<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine Knospe, die sich z&auml;rtlich schont,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>
+<span class="i0">Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste.<br /></span>
+<span class="i0">Der Knospenmond bl&uuml;ht erst zum Sommerfeste.<br /></span>
+<span class="i0">So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst.<br /></span>
+<span class="i0">Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn pre&szlig;te,<br /></span>
+<span class="i0">Verhei&szlig;t uns schon die Rose seiner Gunst.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Abend am See.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Schon taucht der Mond aus dem entz&uuml;ckten Bade<br /></span>
+<span class="i0">Der Wellen leis zur Silberbahn empor.<br /></span>
+<span class="i0">In unsern Herzen schwingt die gro&szlig;e Gnade.<br /></span>
+<span class="i0">Wir sitzen seligruhend am Gestade<br /></span>
+<span class="i0">Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr.<br /></span>
+<span class="i0">O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor<br /></span>
+<span class="i0">In meines Lebens Kampf und Qual und Hast,<br /></span>
+<span class="i0">Sieh unser Herz in Demut eingefa&szlig;t<br /></span>
+<span class="i0">Und sei der Seelen seltner sch&ouml;ner Gast.<br /></span>
+<span class="i0">Die Nacht erduftet von des Mondes Bl&uuml;te<br /></span>
+<span class="i0">So grenzenlos. And&auml;chtig atmen wir.<br /></span>
+<span class="i0">Der Sternenhimmel deiner gro&szlig;en G&uuml;te<br /></span>
+<span class="i0">Ist sanft wie sie und leise &uuml;ber mir.<br /></span>
+<span class="i0">Aus wunden H&auml;nden haben wir die Ruder<br /></span>
+<span class="i0">Zur&uuml;ckgelegt in das bewegte Boot.<br /></span>
+<span class="i0">Nach unsres Lebens Ha&szlig; und Schuld und Not<br /></span>
+<span class="i0">Nennst den Geliebten still du deinen Bruder.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Du Gott.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden,<br /></span>
+<span class="i0">Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet.<br /></span>
+<span class="i0">Die Erde meines Leibes rei&szlig;t du auf in Wunden.<br /></span>
+<span class="i0">Zu tiefer T&auml;ler hartem Abgrund schluchtet<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>
+<span class="i0">Mir deine schwere Hand die sch&ouml;nen runden<br /></span>
+<span class="i0">Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet,<br /></span>
+<span class="i0">In jeder Not von tausend Todesstunden<br /></span>
+<span class="i0">Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und dieses wei&szlig; ich, da&szlig; ich dein bin, dein, ganz dein.<br /></span>
+<span class="i0">Was frommt es, zu entfliehn zu leichten T&auml;nzerein,<br /></span>
+<span class="i0">Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus meinem Ha&szlig; h&ouml;rst du nur Liebe schrein,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich ganz dein bin, dein in Pein und T&auml;nzerein,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Teich.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nur der Wind wei&szlig;, wie ich einsam leide,<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Luft, der Himmel mich beschwert.<br /></span>
+<span class="i0">Bruder Wind, wir flogen einmal beide<br /></span>
+<span class="i0">Durch die Luft und durch den Himmel hin.<br /></span>
+<span class="i0">Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam.<br /></span>
+<span class="i0">Ewige Fernen haben uns gen&auml;hrt.<br /></span>
+<span class="i0">Wasserwolken haben mich getragen,<br /></span>
+<span class="i0">Bis in Regenfunken ewig einsam<br /></span>
+<span class="i0">Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt.<br /></span>
+<span class="i0">Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie die leichten Wolken meine Seele,<br /></span>
+<span class="i0">Meine sch&ouml;ne Seele, mit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Herrmann" id="Herrmann"></a>Max Herrmann.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 23. Mai 1886 zu Nei&szlig;e. &ndash; Verbannung 1919.</p>
+
+
+<h3>Dein Haar hat Lieder&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,<br /></span>
+<span class="i0">Und sanfte Abende am Meer &ndash;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>
+<span class="i0">O gl&uuml;ckte mir die Welt! O bliebe<br /></span>
+<span class="i0">Mein Tag nicht stets unselig leer!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So kann ich nichts, als matt verlegen<br /></span>
+<span class="i0">Vertr&ouml;sten oder wehe tun,<br /></span>
+<span class="i0">Und von den wundersamsten Wegen<br /></span>
+<span class="i0">Bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und meine Tr&auml;ume sind wie Diebe,<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Freuden frieren sehr &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,<br /></span>
+<span class="i0">Und sanfte Abende am Meer.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Osterlied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Alle Fr&uuml;hlingsbl&auml;ue,<br /></span>
+<span class="i0">Jedes frische Feld,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich ohne Reue<br /></span>
+<span class="i0">Schw&auml;rmend mich erfreue<br /></span>
+<span class="i0">An der warmen Welt:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wird in deinen lichten<br /></span>
+<span class="i0">Gliedern h&ouml;chstes Gl&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Und in himmlisch schlichten,<br /></span>
+<span class="i0">D&auml;mmernden Gedichten<br /></span>
+<span class="i0">Bleibt sein Duft zur&uuml;ck!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Trostlied der bangen Regennacht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Keine Furcht der Erde<br /></span>
+<span class="i0">Kann uns bange tun:<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, wie sanft die Pferde<br /></span>
+<span class="i0">Wang' an Wange ruhn!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+<span class="i0">Ganz allein gelassen<br /></span>
+<span class="i0">In der bittern Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Wo der Wind die blassen<br /></span>
+<span class="i0">Weiden zittern macht,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wo ein siecher Regen<br /></span>
+<span class="i0">B&ouml;s, sehns&uuml;chtig rinnt,<br /></span>
+<span class="i0">An viel fremden Wegen<br /></span>
+<span class="i0">Bettler fl&uuml;chtig sind,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ruhn sie Wang' an Wange,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Erl&ouml;ste ruhn,<br /></span>
+<span class="i0">Keine Furcht kann bange<br /></span>
+<span class="i0">Ihrer Inbrunst tun.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Alles, was sie leiden,<br /></span>
+<span class="i0">Schlummert Haupt an Haupt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und die blassen Weiden<br /></span>
+<span class="i0">Stehn wie lenzbelaubt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Liebe nur kann ewig sein.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Gottes Krallenhand zerrei&szlig;t den kranken<br /></span>
+<span class="i0">Abendhimmel der verha&szlig;ten Stadt,<br /></span>
+<span class="i0">Aus der Sterne welken Rosenranken<br /></span>
+<span class="i0">Sch&uuml;ttelt er des Monds vergilbtes Blatt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">J&auml;h ist wie von fieberschweren F&auml;usten<br /></span>
+<span class="i0">Alles Licht der Stra&szlig;en abgew&uuml;rgt,<br /></span>
+<span class="i0">In den goldnen Augen seiner treusten<br /></span>
+<span class="i0">T&uuml;rme sich das letzte Dunkel birgt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Pal&auml;ste fahles Glas erblindet,<br /></span>
+<span class="i0">Und der Park bricht taumelnd in die Knie,<br /></span>
+<span class="i0">Mit entseeltem Todesseufzer schwindet<br /></span>
+<span class="i0">Der zermalmten Pl&auml;tze Melodie.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>
+<span class="i0">Und das Schl&uuml;pfrige verfemter Keller<br /></span>
+<span class="i0">Speit sein kr&uuml;ppelhaftes Kr&auml;chzen aus &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller<br /></span>
+<span class="i0">Z&auml;rtlichkeit das letzte Vorstadthaus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wird zum Streicheln &uuml;ber der Ruine<br /></span>
+<span class="i0">Einer Sch&auml;delst&auml;tte, die ihn r&uuml;hrt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; zum Aufgang seiner Liebesmiene<br /></span>
+<span class="i0">Eines Segnenden Geb&auml;rde f&uuml;hrt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Hesse" id="Hesse"></a>Hermann Hesse.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. &ndash; Gedichte 1902.
+Musik des Einsamen 1915.</p>
+
+
+<h3>Der schwarze Ritter.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich reite stumm aus dem Turnier,<br /></span>
+<span class="i0">Ich trage aller Siege Namen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich neige mich vor dem Balkon der Damen<br /></span>
+<span class="i0">Tief. Aber keine winkt nach mir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich singe zu der Harfe Ton,<br /></span>
+<span class="i0">Aus der die tiefen Laute steigen.<br /></span>
+<span class="i0">Alle Harfner lauschen und schweigen,<br /></span>
+<span class="i0">Aber die holden Frauen sind entflohn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In meines Wappens schwarzem Feld<br /></span>
+<span class="i0">Sind hundert Kr&auml;nze aufgehangen,<br /></span>
+<span class="i0">Die gold von hundert Siegen prangen.<br /></span>
+<span class="i0">Aber der Kranz der Liebe fehlt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">An meinem Sarge werden sich b&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Ritter und S&auml;nger und werden ihn<br /></span>
+<span class="i0">Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin,<br /></span>
+<span class="i0">Aber keine Rose wird ihn schm&uuml;cken.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span></div>
+<h3>Nach Paul Verlaine.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich tr&auml;ume wieder von der Unbekannten,<br /></span>
+<span class="i0">Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar<br /></span>
+<span class="i0">Mir aus der Stirn mit H&auml;nden wunderbar.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und sie versteht mein r&auml;tselhaftes Wesen<br /></span>
+<span class="i0">Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du fragst mich: ist sie blond? Ich wei&szlig; es nicht.<br /></span>
+<span class="i0">Doch wie ein M&auml;rchen ist ihr Angesicht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wie sie hei&szlig;t? Ich wei&szlig; nicht. Doch es klingt<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Name s&uuml;&szlig;, wie wenn die Ferne singt &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie <em class="spaced">eines</em> Name, den du Liebling hei&szlig;t<br /></span>
+<span class="i0">Und den du ferne und verloren wei&szlig;t.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben<br /></span>
+<span class="i0">Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Elisabeth.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich soll erz&auml;hlen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Nacht ist schon sp&auml;t &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Willst du mich qu&auml;len,<br /></span>
+<span class="i0">Sch&ouml;ne Elisabeth?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Daran ich dichte<br /></span>
+<span class="i0">Und du dazu,<br /></span>
+<span class="i0">Meine Liebesgeschichte<br /></span>
+<span class="i0">Ist dieser Abend und du.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du mu&szlig;t nicht st&ouml;ren,<br /></span>
+<span class="i0">Die Reime verwehn.<br /></span>
+<span class="i0">Bald wirst du sie h&ouml;ren,<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;ren und nicht verstehn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span></div>
+<h3>Die fr&uuml;he Stunde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Silbern &uuml;berflogen<br /></span>
+<span class="i0">Ruhet das Feld und schweigt,<br /></span>
+<span class="i0">Ein J&auml;ger hebt seinen Bogen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Wald rauscht und eine Lerche steigt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Wald rauscht und eine zweite<br /></span>
+<span class="i0">Steigt auf und f&auml;llt.<br /></span>
+<span class="i0">Ein J&auml;ger hebt seine Beute,<br /></span>
+<span class="i0">Und der Tag tritt in die Welt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Lady Rosa.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du mit der Stirne voller Licht,<br /></span>
+<span class="i0">Du mit den wunderbaren<br /></span>
+<span class="i0">Braunaugen und den seidnen Haaren,<br /></span>
+<span class="i0">Ich kenne dich! Du aber kennst mich nicht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du mit dem klaren Angesicht,<br /></span>
+<span class="i0">Du Zarte mit deinen leisen,<br /></span>
+<span class="i0">Fremdl&auml;ndischen, s&uuml;&szlig;en Liederweisen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich liebe dich! Du aber kennst mich nicht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Fiesole.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&Uuml;ber mir im Blauen reisen<br /></span>
+<span class="i0">Wolken, die mich heimw&auml;rts weisen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Heimw&auml;rts in die namenlose Ferne,<br /></span>
+<span class="i0">In das Land des Friedens und der Sterne.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Heimat! Soll ich deine blauen<br /></span>
+<span class="i0">Sch&ouml;nen Ufer niemals schauen?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dennoch ist mir, hier im S&uuml;den m&uuml;&szlig;ten<br /></span>
+<span class="i0">Nah sein und erreichbar deine K&uuml;sten.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span></div>
+<h2><a name="Heym" id="Heym"></a>Georg Heym.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 30. Oktober 1887 zu Hirschberg in Schlesien; ertrank am 16.
+Januar 1912 beim Eislaufen in der Havel bei Schwanenwerder, in der Umgebung
+Berlins. &ndash; Der ewige Tag 1911. <span class="antiqua">Umbra vitae</span> 1912.</p>
+
+
+<h3>Die Seefahrer.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Stirnen der L&auml;nder, rot und edel wie Kronen,<br /></span>
+<span class="i0">Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Und die rauschenden Kr&auml;nze der W&auml;lder thronen<br /></span>
+<span class="i0">Unter des Feuers dr&ouml;hnendem Fl&uuml;gelschlag.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die zerflackenden B&auml;ume mit Trauer zu schw&auml;rzen,<br /></span>
+<span class="i0">Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Untergehend, schon fern. Wie &uuml;ber sterbenden Herzen<br /></span>
+<span class="i0">Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere.<br /></span>
+<span class="i0">Unsere H&auml;nde brannten wie Kerzen an.<br /></span>
+<span class="i0">Und wir sahen die Adern darin, und das schwere<br /></span>
+<span class="i0">Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen<br /></span>
+<span class="i0">Trostlos mit schr&auml;gem Segel ins Weite hinaus.<br /></span>
+<span class="i0">Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen,<br /></span>
+<span class="i0">In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,<br /></span>
+<span class="i0">Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,<br /></span>
+<span class="i0">Purpurn schwebend im All, wie mit sch&ouml;nem Gesange<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber den klingenden Gr&uuml;nden der Seele ein Traum.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Alle Landschaften haben&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Alle Landschaften haben<br /></span>
+<span class="i0">Sich mit Blau erf&uuml;llt.<br /></span>
+<span class="i0">Alle B&uuml;sche und B&auml;ume des Stromes,<br /></span>
+<span class="i0">Der weit in den Norden schwillt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+<span class="i0">Leichte Geschwader, Wolken,<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;e Segel dicht,<br /></span>
+<span class="i0">Die Gestade des Himmels dahinter<br /></span>
+<span class="i0">Zergehen in Wind und Licht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn die Abende sinken<br /></span>
+<span class="i0">Und wir schlafen ein,<br /></span>
+<span class="i0">Gehen die Tr&auml;ume, die sch&ouml;nen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit leichten F&uuml;&szlig;en herein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zimbeln lassen sie klingen<br /></span>
+<span class="i0">In den H&auml;nden licht.<br /></span>
+<span class="i0">Manche fl&uuml;stern und halten<br /></span>
+<span class="i0">Kerzen vor ihr Gesicht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ophelia.</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,<br /></span>
+<span class="i0">Und die beringten H&auml;nde auf der Flut<br /></span>
+<span class="i0">Wie Flossen, also treibt sie durch die Schatten<br /></span>
+<span class="i0">Des gro&szlig;en Urwalds, der im Wasser ruht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,<br /></span>
+<span class="i0">Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.<br /></span>
+<span class="i0">Warum sie starb? Warum sie so allein<br /></span>
+<span class="i0">Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im dichten R&ouml;hricht steht der Wind. Er scheucht<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine Hand die Flederm&auml;use auf.<br /></span>
+<span class="i0">Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht,<br /></span>
+<span class="i0">Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie Nachtgew&ouml;lk. Ein langer, wei&szlig;er Aal<br /></span>
+<span class="i0">Schl&uuml;pft &uuml;ber ihre Brust. Ein Gl&uuml;hwurm scheint<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>
+<span class="i0">Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint<br /></span>
+<span class="i0">Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schwei&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Der Felder gelbe Winde schlafen still.<br /></span>
+<span class="i0">Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.<br /></span>
+<span class="i0">Der Schw&auml;ne Fittich &uuml;berdacht sie wei&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die blauen Lider schatten sanft herab.<br /></span>
+<span class="i0">Und bei der Sensen blanken Melodien<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;umt sie von eines Kusses Karmoisin<br /></span>
+<span class="i0">Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dr&ouml;hnt<br /></span>
+<span class="i0">Der Schall der St&auml;dte. Wo durch D&auml;mme zwingt<br /></span>
+<span class="i0">Der wei&szlig;e Strom. Der Widerhall erklingt<br /></span>
+<span class="i0">Mit weitem Echo. Wo herunter t&ouml;nt<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hall voller Stra&szlig;en, Glocken und Gel&auml;ut.<br /></span>
+<span class="i0">Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht<br /></span>
+<span class="i0">In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,<br /></span>
+<span class="i0">In dem ein Kran mit Riesenarmen dr&auml;ut,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit schwarzer Stirn, ein m&auml;chtiger Tyrann,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.<br /></span>
+<span class="i0">Last schwerer Br&uuml;cken, die dar&uuml;ber ziehn<br /></span>
+<span class="i0">Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit,<br /></span>
+<span class="i0">Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm<br /></span>
+<span class="i0">Mit gro&szlig;em Fittich auf ein dunkler Harm,<br /></span>
+<span class="i0">Der schattet &uuml;ber beide Ufer breit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht<br /></span>
+<span class="i0">Der westlich hohe Tag des Sommers sp&auml;t,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>
+<span class="i0">Wo in dem Dunkelgr&uuml;n der Wiesen steht<br /></span>
+<span class="i0">Des fernen Abends zarte M&uuml;digkeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Strom tr&auml;gt weit sie fort, die untertaucht,<br /></span>
+<span class="i0">Durch manchen Winters trauervollen Port.<br /></span>
+<span class="i0">Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,<br /></span>
+<span class="i0">Davon der Horizont wie Feuer raucht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Deine Wimpern, die langen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Deine Wimpern, die langen,<br /></span>
+<span class="i0">Deiner Augen dunkle Wasser,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; mich tauchen darein,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; mich zur Tiefe gehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Steigt der Bergmann zum Schacht<br /></span>
+<span class="i0">Und schwankt seine tr&uuml;be Lampe<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber der Erze Tor,<br /></span>
+<span class="i0">Hoch an der Schattenwand,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sieh, ich steige hinab,<br /></span>
+<span class="i0">In deinem Scho&szlig; zu vergessen,<br /></span>
+<span class="i0">Fern was von oben dr&ouml;hnt,<br /></span>
+<span class="i0">Helle und Qual und Tag.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">An den Feldern verw&auml;chst,<br /></span>
+<span class="i0">Wo der Wind steht, trunken vom Korn,<br /></span>
+<span class="i0">Hoher Dorn, hoch und krank<br /></span>
+<span class="i0">Gegen das Himmelsblau.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gib mir die Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Wir wollen einander verwachsen,<br /></span>
+<span class="i0">Einem Wind Beute,<br /></span>
+<span class="i0">Einsamer V&ouml;gel Flug,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>
+<span class="i0">H&ouml;ren im Sommer<br /></span>
+<span class="i0">Die Orgel der matten Gewitter,<br /></span>
+<span class="i0">Baden in Herbsteslicht,<br /></span>
+<span class="i0">Am Ufer des blauen Tags.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Manchmal wollen wir stehn<br /></span>
+<span class="i0">Am Rand des dunklen Brunnens,<br /></span>
+<span class="i0">Tief in die Stille zu sehn,<br /></span>
+<span class="i0">Unsere Liebe zu suchen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Oder wir treten hinaus<br /></span>
+<span class="i0">Vom Schatten der goldenen W&auml;lder,<br /></span>
+<span class="i0">Gro&szlig; in ein Abendrot,<br /></span>
+<span class="i0">Das dir ber&uuml;hrt sanft die Stirn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">G&ouml;ttliche Trauer,<br /></span>
+<span class="i0">Schweige der ewigen Liebe.<br /></span>
+<span class="i0">Hebe den Krug herauf,<br /></span>
+<span class="i0">Trinke den Schlaf.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Einmal am Ende zu stehen,<br /></span>
+<span class="i0">Wo Meer in gelblichen Flecken<br /></span>
+<span class="i0">Leise schwimmt schon herein<br /></span>
+<span class="i0">Zu der September Bucht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Oben zu ruhn<br /></span>
+<span class="i0">Im Hause der d&uuml;rftigen Blumen,<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die Felsen hinab<br /></span>
+<span class="i0">Singt und zittert der Wind.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch von der Pappel,<br /></span>
+<span class="i0">Die ragt im Ewigen Blauen,<br /></span>
+<span class="i0">F&auml;llt schon ein braunes Blatt,<br /></span>
+<span class="i0">Ruht auf dem Nacken dir aus.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span></div>
+<h2><a name="Hille" id="Hille"></a>Peter Hille.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde Schriftsteller,
+f&uuml;hrte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und Holland auf und
+lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee bei Berlin am 7.
+Mai 1904. &ndash; Gesammelte Werke 1904.</p>
+
+
+<h3>Maienwind.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mutwillige M&auml;dchenw&uuml;nsche<br /></span>
+<span class="i0">Haben Flieder<br /></span>
+<span class="i0">Niedergebogen,<br /></span>
+<span class="i0">Blauen und wei&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i0">Wie Tauben sind sie weitergeflogen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Wangen, wilden und hei&szlig;en.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hoch in warmen, schelmischen H&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Haschender Sonne<br /></span>
+<span class="i0">Geschwungene Strahlen.<br /></span>
+<span class="i0">Hellbehende Wonne<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;er Kleider<br /></span>
+<span class="i0">Weht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mutwillige M&auml;dchenw&uuml;nsche<br /></span>
+<span class="i0">Haben sich Flieder<br /></span>
+<span class="i0">Niedergebogen,<br /></span>
+<span class="i0">Blauen und wei&szlig;en, &ndash;<br /></span>
+<span class="i1">Sind weitergezogen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Brautseele.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe,<br /></span>
+<span class="i0">Wie tief im Hain<br /></span>
+<span class="i0">Das Herz des Fr&uuml;hlings zittert.<br /></span>
+<span class="i0">Ja, du mein heftiges Herz,<br /></span>
+<span class="i0">Wir haben Fr&uuml;hling!<br /></span>
+<span class="i0">Auf einmal ist nun alles Bl&uuml;hen da!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>
+<span class="i0">Meine freudigen Wangen<br /></span>
+<span class="i0">Sind aufgegangen<br /></span>
+<span class="i0">Fromm nach deinen K&uuml;ssen.<br /></span>
+<span class="i0">Gef&auml;hrlich bist du, o Fr&uuml;hling,<br /></span>
+<span class="i0">Und verwirrt;<br /></span>
+<span class="i0">Wie von heftiger S&uuml;&szlig;e<br /></span>
+<span class="i0">Prangenden Weines<br /></span>
+<span class="i0">Pocht meine Seele.<br /></span>
+<span class="i0">Wie er so sinnend mich streichelt<br /></span>
+<span class="i0">Mit seinen Strahlen allen,<br /></span>
+<span class="i0">Und schlafen m&ouml;chte ich<br /></span>
+<span class="i0">Immerzu.<br /></span>
+<span class="i0">So tr&auml;ume ich vom eigenen Blute<br /></span>
+<span class="i0">Und bin so wach<br /></span>
+<span class="i0">Von mir,<br /></span>
+<span class="i0">So erschrocken,<br /></span>
+<span class="i0">Wie man wohl aufhorcht<br /></span>
+<span class="i0">Im fl&uuml;sternden Herzen der Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">Wie Sterne, die nicht schlafen k&ouml;nnen,<br /></span>
+<span class="i0">Stehn meine Augen!<br /></span>
+<span class="i0">Und bin doch so m&uuml;de,<br /></span>
+<span class="i0">So sonderbar m&uuml;de.<br /></span>
+<span class="i0">Sind wir M&auml;dchen nicht alle so sonderbar m&uuml;de<br /></span>
+<span class="i0">Um diese Zeit?<br /></span>
+<span class="i0">Das macht, du bist um uns,<br /></span>
+<span class="i0">Du bist ein Zauberer.<br /></span>
+<span class="i0">In B&auml;umen und Menschen<br /></span>
+<span class="i0">Zauberst du<br /></span>
+<span class="i0">Ein Sehnen und Dehnen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein m&uuml;des, verlangendes G&auml;hnen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ja, ja, ihr Gespielinnen,<br /></span>
+<span class="i0">Der kennt euch!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>
+<span class="i0">Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen,<br /></span>
+<span class="i0">Er ist ja Weib wie ihr<br /></span>
+<span class="i0">Und eine heimliche, schelmische St&auml;rke.<br /></span>
+<span class="i0">Fr&uuml;hling, sag, was machst du mit uns,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; wir alle so sprossend m&uuml;de sind?<br /></span>
+<span class="i0">Wir f&uuml;hlen dich ganz in uns.<br /></span>
+<span class="i0">Du durcht&ouml;nst uns,<br /></span>
+<span class="i0">Tust mit uns ganz das Leben!<br /></span>
+<span class="i0">Ja, wir beben Leben!<br /></span>
+<span class="i0">Fromm atmet in uns eine Andacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und wohlig will es werden<br /></span>
+<span class="i0">Rings auf der sprossenden Erden.<br /></span>
+<span class="i0">Wie wir uns regen,<br /></span>
+<span class="i0">Da ist immer ein heimliches Bewegen.<br /></span>
+<span class="i0">Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel,<br /></span>
+<span class="i0">Der uns erquickt und uns darreicht,<br /></span>
+<span class="i0">Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle,<br /></span>
+<span class="i0">Und immer wird uns leise<br /></span>
+<span class="i0">S&uuml;&szlig; von uns;<br /></span>
+<span class="i0">So zeigt es uns, verr&auml;t es uns,<br /></span>
+<span class="i0">Wie s&uuml;&szlig; wir sind<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r den einen, andern.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O komm!<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin ja so s&uuml;&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Nach dir!<br /></span>
+<span class="i0">O komm!<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin ja so sch&ouml;n<br /></span>
+<span class="i0">Nach dir!<br /></span>
+<span class="i0">Ich, deine lebendige,<br /></span>
+<span class="i0">Deine wartende Zier,<br /></span>
+<span class="i0">Vergehe nach dir!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>
+<span class="i0">Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">O komm!<br /></span>
+<span class="i0">Komm du dem Alter, dem Welken zuvor!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Sehnen geht in allen Blumen<br /></span>
+<span class="i0">Und will dich holen mit Farben und Duft,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles, was sch&ouml;n ist auf dieser Weltwiese,<br /></span>
+<span class="i0">Ist nur aus Sehnen und Liebe sch&ouml;n.<br /></span>
+<span class="i0">Lieblich schlau<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ben wir Sch&ouml;nheit<br /></span>
+<span class="i0">So lange vor euch,<br /></span>
+<span class="i0">Bis da&szlig; ihr kommt!<br /></span>
+<span class="i0">Sch&uuml;chtern, schelmisch<br /></span>
+<span class="i0">Spielt sich unsere arme<br /></span>
+<span class="i0">Lodernde Seele<br /></span>
+<span class="i0">Hin vor euch!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann, dann!<br /></span>
+<span class="i0">Dann kommen zwei lodernde Sonnen<br /></span>
+<span class="i0">In meinen Tag;<br /></span>
+<span class="i0">Du mein doppelter Tag<br /></span>
+<span class="i0">Mit deinen beiden Sonnen!<br /></span>
+<span class="i0">Du! du!<br /></span>
+<span class="i0">Und deine Hand!<br /></span>
+<span class="i0">Meines Mundes duftende Bl&uuml;te<br /></span>
+<span class="i0">Vergeht vor deiner G&uuml;te.<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Wangen<br /></span>
+<span class="i0">Sind aufgegangen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie meine Flechten<br /></span>
+<span class="i0">Vor deiner Rechten!<br /></span>
+<span class="i0">Ja, du hast recht, gl&auml;tte sie nur,<br /></span>
+<span class="i0">Du meine wirrgl&uuml;hende Sonne!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Rufe, locke alles heraus<br /></span>
+<span class="i0">Aus deiner Erde, du mein Lenz!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>
+<span class="i0">Du hast ja gleich zwei Sonnen,<br /></span>
+<span class="i0">Und eine brauchen wir nur am Himmel.<br /></span>
+<span class="i0">Und diese beiden Sonnen erz&auml;hlen dich mir<br /></span>
+<span class="i0">Wie du aufgewachsen und wo du<br /></span>
+<span class="i0">Gewachsen f&uuml;r mich!<br /></span>
+<span class="i0">Wie der heilige Wein Pal&auml;stinas<br /></span>
+<span class="i0">Den Heiland mir ansagt,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Seelenfr&uuml;hlicht,<br /></span>
+<span class="i0">Sein w&auml;rmendes Wandeln.<br /></span>
+<span class="i0">O, wie da alles aufsteht!<br /></span>
+<span class="i0">Feierlich, rauschend!<br /></span>
+<span class="i0">Vorbereitend!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O komm!<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin ja so sch&ouml;n nach dir!<br /></span>
+<span class="i0">O la&szlig; mich weinen<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;nen der Braut,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;nen, du B&ouml;ser,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich so lange warten mu&szlig;te auf dich!<br /></span>
+<span class="i0">Das tut so wohl!<br /></span>
+<span class="i0">Meine Seele badet.<br /></span>
+<span class="i0">Dann kommt sie zu dir.<br /></span>
+<span class="i0">Ja?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_holz" id="abb_holz"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 353px;">
+<img src="images/holz.jpg" width="353" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Arno Holz</span>
+</div>
+
+
+<h3>Waldesstimme.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie deine gr&uuml;ngoldnen Augen funkeln,<br /></span>
+<span class="i0">Wald, du mosiger Tr&auml;umer!<br /></span>
+<span class="i0">Wie deine Gedanken dunkeln,<br /></span>
+<span class="i0">Einsiedel, schwer von Leben,<br /></span>
+<span class="i0">Saftseufzender Tagesvers&auml;umer!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&Uuml;ber der Wipfel Hin- und Wiederschweben<br /></span>
+<span class="i0">Wie's Atem holt und voller wogt und braust<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>
+<span class="i0">Und weiter zieht &ndash;<br /></span>
+<span class="i9">und stille wird &ndash;<br /></span>
+<span class="i17">und saust.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&Uuml;ber der Wipfel Hin- und Wiederschweben<br /></span>
+<span class="i0">Hoch droben steht ein ernster Ton,<br /></span>
+<span class="i0">Dem lauschten tausend Jahre schon<br /></span>
+<span class="i0">Und werden tausend Jahre lauschen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>An Gott.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Deine Himmel sind mir viel zu s&uuml;&szlig;:<br /></span>
+<span class="i0">Gib mir, mit freier Brust zu ragen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit dir die Welten zu ertragen,<br /></span>
+<span class="i0">Wo du bist!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Abbild.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du.<br /></span>
+<span class="i0">Zwei flinke Fittiche wei&szlig;er M&ouml;wen<br /></span>
+<span class="i0">Deine beiden F&uuml;&szlig;e.<br /></span>
+<span class="i0">Und dir im lieben Blute auf<br /></span>
+<span class="i0">Steigt ein blauer Hauch<br /></span>
+<span class="i0">Und sind die Dinge darin<br /></span>
+<span class="i0">Alle ein Wunder.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Prometheus.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Entgegengeschmiedet<br /></span>
+<span class="i0">Auf schroffem Fels<br /></span>
+<span class="i0">Den Pfeilen der Sonne,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Hagelgeprassel,<br /></span>
+<span class="i0">Trotz' ich, Olympier, dir.<br /></span>
+<span class="i0">Der wiederwachsenden Leber<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>
+<span class="i0">Zuckende Fibern<br /></span>
+<span class="i0">Hackt mir des Geiers Bi&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Aus klaffender Wunde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Wimmern, glaubtest,<br /></span>
+<span class="i0">Olympier, du,<br /></span>
+<span class="i0">W&uuml;rden die rauschenden Winde<br /></span>
+<span class="i0">Ins hochaufhorchende<br /></span>
+<span class="i0">Ohr dir tragen?<br /></span>
+<span class="i0">Nicht reut mich der Mensch,<br /></span>
+<span class="i0">Der Leben und Feuer mir dankt,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht fleh' ich Entfe&szlig;lung von dir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jahrhunderte will ich<br /></span>
+<span class="i0">Felsentrotzig durchdauern,<br /></span>
+<span class="i0">Jahrtausende,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn dir die Lust nicht schwindet,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn der Trotzende nicht<br /></span>
+<span class="i0">Zu gl&uuml;cklich dir scheint.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Abendr&ouml;te.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sieh da droben die Rosen! Ein gl&uuml;her Jubel!<br /></span>
+<span class="i0">Die Wangen der Nacht<br /></span>
+<span class="i0">In Scharlach und Purpurpracht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun ist da droben Hochzeit:<br /></span>
+<span class="i0">Die K&ouml;nigskinder des Himmelreiches.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Strenge Augen erster Sch&ouml;nheit,<br /></span>
+<span class="i0">Frieden frierend,<br /></span>
+<span class="i0">Wie vor k&auml;mpfend hei&szlig;en Rosen<br /></span>
+<span class="i0">Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate,<br /></span>
+<span class="i0">Des Samtes tiefenweiches Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Gebettet in des Schnees nachtgeflammte,<br /></span>
+<span class="i0">Flockenzarte W&auml;rme: den hehren Hermelin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>
+<span class="i0">Die Kr&auml;nze nehmen sie von herben Scheiteln ab<br /></span>
+<span class="i0">Und heben Bechertau an ihres Lebens<br /></span>
+<span class="i0">R&ouml;tlich reine Kelche,<br /></span>
+<span class="i0">Und verwunden<br /></span>
+<span class="i0">Die Verkl&auml;rung<br /></span>
+<span class="i0">Saftigherber Fr&uuml;chte.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Des strengen Lagers scheue Falten warten&nbsp;..<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie entsetzlich ist Sch&ouml;nheit!&nbsp;..<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie eine Siegesfahne h&auml;lt<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel<br /></span>
+<span class="i0">Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht.<br /></span>
+<span class="i0">Der Sieger sinkt.<br /></span>
+<span class="i0">Die Nacht f&auml;llt in den Wein.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Selige Gr&uuml;&szlig;e.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bl&auml;ulicher Flieder.<br /></span>
+<span class="i0">Ist das ein Gr&uuml;&szlig;en!<br /></span>
+<span class="i0">Wirbelnde Lieder<br /></span>
+<span class="i0">Wehen her&uuml;ber, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">St&uuml;rben lieber.<br /></span>
+<span class="i0">Seligsein &ndash; und das hei&szlig;t b&uuml;&szlig;en.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Hofmannsthal" id="Hofmannsthal"></a>Hugo von Hofmannsthal.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. &ndash; Gesammelte Gedichte 1907.</p>
+
+
+<h3>Vorfr&uuml;hling.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es l&auml;uft der Fr&uuml;hlingswind<br /></span>
+<span class="i0">Durch kahle Alleen,<br /></span>
+<span class="i0">Seltsame Dinge sind<br /></span>
+<span class="i0">In seinem Wehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>
+<span class="i0">Er hat sich gewiegt,<br /></span>
+<span class="i0">Wo Weinen war,<br /></span>
+<span class="i0">Und hat sich geschmiegt<br /></span>
+<span class="i0">In zerr&uuml;ttetes Haar.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er sch&uuml;ttelte nieder<br /></span>
+<span class="i0">Akazienbl&uuml;ten<br /></span>
+<span class="i0">Und k&uuml;hlte die Glieder,<br /></span>
+<span class="i0">Die atmend gl&uuml;hten,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Lippen im Lachen<br /></span>
+<span class="i0">Hat er ber&uuml;hrt,<br /></span>
+<span class="i0">Die weichen und wachen<br /></span>
+<span class="i0">Fluren durchsp&uuml;rt,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er glitt durch die Fl&ouml;te<br /></span>
+<span class="i0">Als schluchzender Schrei,<br /></span>
+<span class="i0">An d&auml;mmernder R&ouml;te<br /></span>
+<span class="i0">Flog er vorbei,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er flog mit Schweigen<br /></span>
+<span class="i0">Durch fl&uuml;sternde Zimmer<br /></span>
+<span class="i0">Und l&ouml;schte mit Neigen<br /></span>
+<span class="i0">Der Ampel Schimmer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es l&auml;uft der Fr&uuml;hlingswind<br /></span>
+<span class="i0">Durch kahle Alleen,<br /></span>
+<span class="i0">Seltsame Dinge sind<br /></span>
+<span class="i0">In seinem Wehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Durch die glatten<br /></span>
+<span class="i0">Kahlen Alleen<br /></span>
+<span class="i0">Treibt sein Wehen<br /></span>
+<span class="i0">Blasse Schatten<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>
+<span class="i0">Und den Duft,<br /></span>
+<span class="i0">Den er gebracht,<br /></span>
+<span class="i0">Von wo er gekommen<br /></span>
+<span class="i0">Seit gestern nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Beiden.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie trug den Becher in der Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand.<br /></span>
+<span class="i0">So leicht und sicher war ihr Gang,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Tropfen aus dem Becher sprang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So leicht und fest war seine Hand:<br /></span>
+<span class="i0">Er sa&szlig; auf einem jungen Pferde,<br /></span>
+<span class="i0">Und mit nachl&auml;ssiger Geb&auml;rde<br /></span>
+<span class="i0">Erzwang er, da&szlig; es zitternd stand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jedoch, wenn er aus ihrer Hand<br /></span>
+<span class="i0">Den leichten Becher nehmen sollte,<br /></span>
+<span class="i0">So war es beiden allzu schwer:<br /></span>
+<span class="i0">Denn beide bebten sie so sehr,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; keine Hand die andre fand<br /></span>
+<span class="i0">Und dunkler Wein am Boden rollte.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ballade des &auml;u&szlig;eren Lebens.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,<br /></span>
+<span class="i0">Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,<br /></span>
+<span class="i0">Und alle Menschen gehen ihrer Wege.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und s&uuml;&szlig;e Fr&uuml;chte werden aus den herben<br /></span>
+<span class="i0">Und fallen nachts wie tote V&ouml;gel nieder<br /></span>
+<span class="i0">Und liegen wenig Tage und verderben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und immer weht der Wind, und immer wieder<br /></span>
+<span class="i0">Vernehmen wir und reden viele Worte<br /></span>
+<span class="i0">Und sp&uuml;ren Lust und M&uuml;digkeit der Glieder.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>
+<span class="i0">Und Stra&szlig;en laufen durch das Gras, und Orte<br /></span>
+<span class="i0">Sind da und dort, voll Fackeln, B&auml;umen, Teichen<br /></span>
+<span class="i0">Und drohende, und totenhaft verdorrte&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen<br /></span>
+<span class="i0">Einander nie? und sind unz&auml;hlig viele?<br /></span>
+<span class="i0">Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Was frommt das alles uns und diese Spiele,<br /></span>
+<span class="i0">Die wir doch gro&szlig; und ewig einsam sind<br /></span>
+<span class="i0">Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?<br /></span>
+<span class="i0">Und dennoch sagt der viel, der &bdquo;Abend&ldquo; sagt,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Manche freilich&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Manche freilich m&uuml;ssen drunten sterben,<br /></span>
+<span class="i0">Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,<br /></span>
+<span class="i0">Andre wohnen bei dem Steuer droben,<br /></span>
+<span class="i0">Kennen Vogelflug und die L&auml;nder der Sterne.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Manche liegen immer mit schweren Gliedern<br /></span>
+<span class="i0">Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,<br /></span>
+<span class="i0">Andern sind die St&uuml;hle gerichtet<br /></span>
+<span class="i0">Bei den Sibyllen, den K&ouml;niginnen,<br /></span>
+<span class="i0">Und da sitzen sie wie zu Hause,<br /></span>
+<span class="i0">Leichten Hauptes und leichter H&auml;nde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch ein Schatten f&auml;llt von jenen Leben<br /></span>
+<span class="i0">In die anderen Leben hin&uuml;ber,<br /></span>
+<span class="i0">Und die leichten sind an die schweren<br /></span>
+<span class="i0">Wie an Luft und Erde gebunden:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>
+<span class="i0">Ganz vergessener V&ouml;lker M&uuml;digkeiten<br /></span>
+<span class="i0">Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,<br /></span>
+<span class="i0">Noch weghalten von der erschrockenen Seele<br /></span>
+<span class="i0">Stummes Niederfallen ferner Sterne.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Viele Geschicke weben neben dem meinen,<br /></span>
+<span class="i0">Durcheinander spielt sie alle das Dasein,<br /></span>
+<span class="i0">Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens<br /></span>
+<span class="i0">Schlanke Flamme oder schmale Leier.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Terzinen &uuml;ber Verg&auml;nglichkeit.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Noch sp&uuml;r' ich ihren Atem auf den Wangen:<br /></span>
+<span class="i0">Wie kann das sein, da&szlig; diese nahen Tage<br /></span>
+<span class="i0">Fort sind, f&uuml;r immer fort, und ganz vergangen?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,<br /></span>
+<span class="i0">Und viel zu grauenvoll, als da&szlig; man klage:<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; alles gleitet und vor&uuml;berrinnt<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und da&szlig; mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,<br /></span>
+<span class="i0">Her&uuml;berglitt aus einem kleinen Kind,<br /></span>
+<span class="i0">Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann: da&szlig; ich auch vor hundert Jahren war,<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Ahnen, die im Totenhemd,<br /></span>
+<span class="i0">Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So eins mit mir als wie mein eignes Haar.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Erlebnis.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit silbergrauem Dufte war das Tal<br /></span>
+<span class="i0">Der D&auml;mmerung erf&uuml;llt, wie wenn der Mond<br /></span>
+<span class="i0">Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales<br /></span>
+<span class="i0">Verschwammen meine d&auml;mmernden Gedanken,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>
+<span class="i0">Und still versank ich in dem webenden<br /></span>
+<span class="i0">Durchsicht'gen Meere und verlie&szlig; das Leben.<br /></span>
+<span class="i0">Wie wunderbare Blumen waren da,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Kelchen dunkelgl&uuml;hend! Pflanzendickicht,<br /></span>
+<span class="i0">Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen<br /></span>
+<span class="i0">In warmen Str&ouml;men drang und glomm. Das Ganze<br /></span>
+<span class="i0">War angef&uuml;llt mit einem tiefen Schwellen<br /></span>
+<span class="i0">Schwerm&uuml;tiger Musik. Und dieses wu&szlig;t' ich,<br /></span>
+<span class="i0">Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wu&szlig;t' es:<br /></span>
+<span class="i0">Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,<br /></span>
+<span class="i0">Gewaltig sehnend, s&uuml;&szlig; und dunkelgl&uuml;hend,<br /></span>
+<span class="i0">Verwandt der tiefsten Schwermut.<br /></span>
+<span class="i15">Aber seltsam!<br /></span>
+<span class="i0">Ein namenloses Heimweh weinte lautlos<br /></span>
+<span class="i0">In meiner Seele nach dem Leben, weinte,<br /></span>
+<span class="i0">Wie einer weint, wenn er auf gro&szlig;em Seeschiff<br /></span>
+<span class="i0">Mit gelben Riesensegeln gegen Abend<br /></span>
+<span class="i0">Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,<br /></span>
+<span class="i0">Der Vaterstadt vor&uuml;berf&auml;hrt. Da sieht er<br /></span>
+<span class="i0">Die Gassen, h&ouml;rt die Brunnen rauschen, riecht<br /></span>
+<span class="i0">Den Duft der Fliederb&uuml;sche, sieht sich selber<br /></span>
+<span class="i0">Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen,<br /></span>
+<span class="i0">Die &auml;ngstlich sind und weinen wollen, sieht<br /></span>
+<span class="i0">Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Das gro&szlig;e Seeschiff aber tr&auml;gt ihn weiter,<br /></span>
+<span class="i0">Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend<br /></span>
+<span class="i0">Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Dein Antlitz&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dein Antlitz war mit Tr&auml;umen ganz beladen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.<br /></span>
+<span class="i0">Wie stieg das auf! da&szlig; ich mich einmal schon<br /></span>
+<span class="i0">In fr&uuml;hern N&auml;chten v&ouml;llig hingegeben<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>
+<span class="i0">Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,<br /></span>
+<span class="i0">Wo auf den leeren H&auml;ngen auseinander<br /></span>
+<span class="i0">Die magern B&auml;ume standen und dazwischen<br /></span>
+<span class="i0">Die niedern kleinen Nebelwolken gingen<br /></span>
+<span class="i0">Und durch die Stille hin die immer frischen<br /></span>
+<span class="i0">Und immer fremden silberwei&szlig;en Wasser<br /></span>
+<span class="i0">Der Flu&szlig; hinrauschen lie&szlig;, wie stieg das auf!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen<br /></span>
+<span class="i0">Und ihrer Sch&ouml;nheit, die unfruchtbar war,<br /></span>
+<span class="i0">Hingab ich mich in gro&szlig;er Sehnsucht ganz,<br /></span>
+<span class="i0">Wie jetzt f&uuml;r das Anschaun von deinem Haar<br /></span>
+<span class="i0">Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Terzinen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Tr&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Und Tr&auml;ume schlagen so die Augen auf<br /></span>
+<span class="i0">Wie kleine Kinder unter Kirschenb&auml;umen,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus deren Krone den bla&szlig;goldnen Lauf<br /></span>
+<span class="i0">Der Vollmond anhebt durch die gro&szlig;e Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">..&nbsp;Nicht anders tauchen unsre Tr&auml;ume auf,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht minder gro&szlig; im Auf- und Niederschweben<br /></span>
+<span class="i0">Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Innerste ist offen ihrem Weben,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Geisterh&auml;nde in versperrtem Raum<br /></span>
+<span class="i0">Sind sie in uns und haben immer Leben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span></div>
+<h3>Der J&uuml;ngling in der Landschaft.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die G&auml;rtner legten ihre Beete frei,<br /></span>
+<span class="i0">Und viele Bettler waren &uuml;berall,<br /></span>
+<span class="i0">Mit schwarzverbundnen Augen und mit Kr&uuml;cken,<br /></span>
+<span class="i0">Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen,<br /></span>
+<span class="i0">Dem starken Duft der schwachen Fr&uuml;hlingsblumen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die nackten B&auml;ume lie&szlig;en alles frei:<br /></span>
+<span class="i0">Man sah den Flu&szlig; hinab und sah den Markt<br /></span>
+<span class="i0">Und viele Kinder spielen l&auml;ngs den Teichen.<br /></span>
+<span class="i0">Durch diese Landschaft ging er langsam hin<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;hlte ihre Macht und wu&szlig;te, da&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf jene fremden Kinder ging er zu<br /></span>
+<span class="i0">Und war bereit, an unbekannter Schwelle<br /></span>
+<span class="i0">Ein neues Leben dienend hinzubringen.<br /></span>
+<span class="i0">Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,<br /></span>
+<span class="i0">Die fr&uuml;hern Wege und Erinnerung<br /></span>
+<span class="i0">Verschlungner Finger und getauschter Seelen<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r mehr als nichtigen Besitz zu achten.<br /></span>
+<span class="i0">Der Duft der Blumen redete ihm nur<br /></span>
+<span class="i0">Von fremder Sch&ouml;nheit, und die neue Luft<br /></span>
+<span class="i0">Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:<br /></span>
+<span class="i0">Nur da&szlig; er dienen durfte, freute ihn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Aus &bdquo;Der Tod des Tizian&ldquo;.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Gianino</em> spricht:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Die atmende, ein r&auml;tselhaftes Rufen.<br /></span>
+<span class="i0">Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.<br /></span>
+<span class="i0">Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,<br /></span>
+<span class="i0">So lag sie, horchend in das gro&szlig;e Dunkel,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>
+<span class="i0">Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.<br /></span>
+<span class="i0">Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel<br /></span>
+<span class="i0">Hernieder auf die weiche, wache Flur.<br /></span>
+<span class="i0">Und alle Fr&uuml;chte schweren Blutes schwollen<br /></span>
+<span class="i0">Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen,<br /></span>
+<span class="i0">Und alle Brunnen gl&auml;nzten seinem Ziehn,<br /></span>
+<span class="i0">Und es erwachten schwere Harmonien.<br /></span>
+<span class="i0">Und wo die Wolkenschatten hastig glitten,<br /></span>
+<span class="i0">War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Leis stand ich auf &ndash; ich war an dich geschmiegt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da schwebte durch die Nacht ein s&uuml;&szlig;es T&ouml;nen,<br /></span>
+<span class="i0">Als h&ouml;rte man die Fl&ouml;te leise st&ouml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt<br /></span>
+<span class="i0">Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht,<br /></span>
+<span class="i0">Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten;<br /></span>
+<span class="i0">Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten,<br /></span>
+<span class="i0">Wo sich die offenen Granaten wiegen,<br /></span>
+<span class="i0">Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Und viele saugen, auf das Rot gesunken,<br /></span>
+<span class="i0">Von n&auml;cht'gem Duft und reifem Safte trunken.<br /></span>
+<span class="i0">Und wie des Dunkels leiser Atemzug<br /></span>
+<span class="i0">Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug,<br /></span>
+<span class="i0">Da schien es mir wie das Vor&uuml;berschweifen<br /></span>
+<span class="i0">Von einem weichen, wogenden Gewand<br /></span>
+<span class="i0">Und die Ber&uuml;hrung einer warmen Hand.<br /></span>
+<span class="i0">In wei&szlig;en, seidig wei&szlig;en Mondesstreifen<br /></span>
+<span class="i0">War liebestoller M&uuml;cken dichter Tanz,<br /></span>
+<span class="i0">Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz<br /></span>
+<span class="i0">Und pl&auml;tscherte und blinkte auf und nieder.<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig; es heut nicht, ob's die Schw&auml;ne waren,<br /></span>
+<span class="i0">Ob badender Najaden wei&szlig;e Glieder,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie ein s&uuml;&szlig;er Duft von Frauenhaaren<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>
+<span class="i0">Vermischte sich dem Duft der Aloe&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und was da war, ist mir in eins verflossen:<br /></span>
+<span class="i0">In eine &uuml;berstarke, schwere Pracht,<br /></span>
+<span class="i0">Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Aus &bdquo;Der Abenteurer und die S&auml;ngerin&ldquo;.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der <em class="spaced">Baron</em> spricht:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich will hier Feste geben. Schaff mir L&ouml;wen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Blumenstr&auml;u&szlig;e aus dem Rachen werfen!<br /></span>
+<span class="i0">Vergoldete Delphine stell vors Tor,<br /></span>
+<span class="i0">Die roten Wein ins gr&uuml;ne Wasser spein!<br /></span>
+<span class="i0">Nicht drei, nicht f&uuml;nf, zehn Diener nimm mir auf<br /></span>
+<span class="i0">Und schaff Livreen. An den Treppen sollen<br /></span>
+<span class="i0">Drei Gondeln h&auml;ngen voller Musikanten<br /></span>
+<span class="i0">In meinen Farben.<br /></span>
+<span class="i0">Ich will den Kampanile um und um<br /></span>
+<span class="i0">In Rosen und Narzissen wickeln. Droben<br /></span>
+<span class="i0">Auf seiner h&ouml;chsten Spitze sollen Flammen<br /></span>
+<span class="i0">Von Sandelholz, gen&auml;hrt mit Rosen&ouml;l,<br /></span>
+<span class="i0">Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich mach' aus dem Kanal ein flie&szlig;end Feuer,<br /></span>
+<span class="i0">Streu so viel Blumen aus, da&szlig; alle Tauben<br /></span>
+<span class="i0">Bet&auml;ubt am Boden flattern, so viel Fackeln,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sich die Fische angstvoll in den Grund<br /></span>
+<span class="i0">Des Meeres bohren, da&szlig; Europa sich<br /></span>
+<span class="i0">Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht<br /></span>
+<span class="i0">In einem dunkleren Gemach versteckt<br /></span>
+<span class="i0">Und da&szlig; ihr Stier geblendet laut aufbr&uuml;llt!<br /></span>
+<span class="i0">Mach Dichtertr&auml;ume wahr, stampf aus dem Grab<br /></span>
+<span class="i0">Den Veronese und den Aretin,<br /></span>
+<span class="i0">Spann Greise vor, bau eine Pyramide<br /></span>
+<span class="i0">Aus Leibern junger M&auml;dchen, welche singen!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>
+<span class="i0">Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern<br /></span>
+<span class="i0">Und ihre ehrnen N&uuml;stern bl&auml;hn vor Lust!<br /></span>
+<span class="i0">Die oben liegen in den bleiernen Kammern<br /></span>
+<span class="i0">Und ihre N&auml;gel bohren in die Wand,<br /></span>
+<span class="i0">Die sollen innehalten und schon meinen,<br /></span>
+<span class="i0">Der J&uuml;ngste Tag ist da, und da&szlig; die Engel<br /></span>
+<span class="i0">Mit rosenen H&auml;nden und dem wilden Duft<br /></span>
+<span class="i0">Der Schwingen niederst&uuml;rzend jetzt das Dach<br /></span>
+<span class="i0">Von Blei hinweg, herein den Himmel rei&szlig;en!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Derselbe</em> spricht:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O h&auml;ttest du gelernt wie ich zu leben,<br /></span>
+<span class="i0">Dir w&auml;re wohl.<br /></span>
+<span class="i0">Ich achte diese Welt nach ihrem Wert,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen<br /></span>
+<span class="i0">So lange werfen soll, als Tag' und N&auml;chte<br /></span>
+<span class="i0">Mich wie ein &auml;chzend Fahrzeug noch ertragen.<br /></span>
+<span class="i0">Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt<br /></span>
+<span class="i0">Des Henkers schl&uuml;rfen h&ouml;rn im Morgengrauen<br /></span>
+<span class="i0">Und sich zusammenziehen wie ein Igel,<br /></span>
+<span class="i0">Gestr&auml;ubt vor Angst und starrend noch von Leben!<br /></span>
+<span class="i0">Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt einsaugen, &uuml;ber Berge hin!<br /></span>
+<span class="i0">Die St&auml;dte drunten, funkeln wie die Augen!<br /></span>
+<span class="i0">Die Segel drau&szlig;en, vollgebl&auml;ht wie Br&uuml;ste!<br /></span>
+<span class="i0">Die wei&szlig;en Arme! Die von Schluchzen dunklen<br /></span>
+<span class="i0">Verf&uuml;hrten Kehlen! Dann die Herzoginnen<br /></span>
+<span class="i0">Im Spitzenbette weinen lassen und<br /></span>
+<span class="i0">Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres<br /></span>
+<span class="i0">Als hier im Zimmer auf und nieder gehn,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>
+<span class="i0">Sich Wein einschenken, essen, schlafen, k&uuml;ssen<br /></span>
+<span class="i0">Und drau&szlig;en an der T&uuml;r den wilden Atem<br /></span>
+<span class="i0">Von <em class="spaced">einem</em> gehen h&ouml;ren oder <em class="spaced">einer</em>,<br /></span>
+<span class="i0">Die lauert und in der geballten Faust<br /></span>
+<span class="i0">Den Tod h&auml;lt, deinen oder ihren Tod!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Holz" id="Holz"></a>Arno Holz.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreu&szlig;en. Lebt seit 1875
+in Berlin. &ndash; Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899.
+Gro&szlig;e &bdquo;Insel&ldquo;-Ausgabe 1916. Des ber&uuml;hmbten Sch&auml;ffers Dafnis s&auml;lbst verf&auml;rtigte,
+s&auml;mbtliche Fre&szlig;- Sauffund Venus-Lieder benebst angeh&auml;nckten Auffrichtigen
+und Reuem&auml;chtigen Bu&szlig;-Thr&auml;nen 1904. Das ausgew&auml;hlte Werk
+1919.</p>
+
+
+<h3>Ein Abschied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sein Freund, der T&uuml;rmer, war noch wach,<br /></span>
+<span class="i0">wie Silber glei&szlig;te das Rathausdach,<br /></span>
+<span class="i0">und dr&uuml;ber stand der Mond.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er wu&szlig;te kaum, wie schwer er litt,<br /></span>
+<span class="i0">doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt,<br /></span>
+<span class="i0">und das R&auml;nzel dr&uuml;ckte ihn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Gasse war so lang, so lang,<br /></span>
+<span class="i0">und dazu noch die Stimme, die &uuml;ber ihm sang:<br /></span>
+<span class="i0">Wann's Mail&uuml;fterl weht!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt bog sich ein Fliederstrauch &uuml;ber den Zaun,<br /></span>
+<span class="i0">und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun,<br /></span>
+<span class="i0">stand wei&szlig; vor dem Domportal.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hier stand er eine Weile still<br /></span>
+<span class="i0">und h&ouml;rte, wie eine Dohle schrill<br /></span>
+<span class="i0">hoch oben ums Turmkreuz pfiff.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann l&ouml;schte links in dem kleinen Haus<br /></span>
+<span class="i0">der L&ouml;wenwirt seine Lichter aus,<br /></span>
+<span class="i0">und die Domuhr schlug langsam zehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>
+<span class="i0">Die Brunnen rauschten wie im Traum,<br /></span>
+<span class="i0">die Nachtigall schlug im Lindenbaum,<br /></span>
+<span class="i0">und alles war wie sonst!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da ri&szlig; er die Rose sich aus dem Rock<br /></span>
+<span class="i0">und stie&szlig; sie ins Pflaster mit seinem Stock,<br /></span>
+<span class="i0">da&szlig; die Funken stoben, und ging.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das L&auml;mpchen flackerte rot &uuml;berm Tor,<br /></span>
+<span class="i0">und der Wald, in den sich sein Weg verlor,<br /></span>
+<span class="i0">stand schwarz im Mondlicht da.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er schritt und schritt, ein K&auml;uzchen schrie,<br /></span>
+<span class="i0">die Farren reichten ihm bis &uuml;bers Knie,<br /></span>
+<span class="i0">und der Sankt-Jakobs-Quell pl&auml;tscherte&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erst droben auf dem Heiligenstein<br /></span>
+<span class="i0">fiel ihm noch einmal alles ein,<br /></span>
+<span class="i0">als der Weg um die Buche bog.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Bl&auml;tter rauschten, er stand und stand<br /></span>
+<span class="i0">und sah hinunter unverwandt,<br /></span>
+<span class="i0">wo die D&auml;cher funkelten!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dort stand der Garten und dort das Haus,<br /></span>
+<span class="i0">und jetzt war das aus, und jetzt war das aus,<br /></span>
+<span class="i0">und &ndash; die D&auml;cher funkelten!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm:<br /></span>
+<span class="i0">Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm!<br /></span>
+<span class="i0">Doch er kam nie wieder.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_huch" id="abb_huch"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 348px;">
+<img src="images/huch.jpg" width="348" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Ricarda Ceconi-Huch</span>
+</div>
+
+
+<h3>Ninon.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ninon hei&szlig;t sie. Ihre Mutter<br /></span>
+<span class="i0">handelt nachts mit Apfelsinen<br /></span>
+<span class="i0">an der Weidendammer Br&uuml;cke.<br /></span>
+<span class="i0">Doch sie selbst ist Kammerk&auml;tzchen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>
+<span class="i0">St&ouml;ckelsch&uuml;hchen. Sehr kokett.<br /></span>
+<span class="i0">Sehr kokett sitzt auch ihr H&auml;ubchen,<br /></span>
+<span class="i0">das auf ihrem krausen K&ouml;pfchen<br /></span>
+<span class="i0">wei&szlig; und niedlich balanciert.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch der kleine Marmorschlingel,<br /></span>
+<span class="i0">der dem Spiegel visavis<br /></span>
+<span class="i0">grad vor einem Makartstrau&szlig; hockt,<br /></span>
+<span class="i0">l&auml;&szlig;t sich dadurch nicht verbl&uuml;ffen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Immer, wenn ihr Pfauenwedel<br /></span>
+<span class="i0">ihn fr&uuml;hmorgens abst&auml;ubt, lacht er.<br /></span>
+<span class="i0">Ja, die Stutzuhr kann sogar<br /></span>
+<span class="i0">deutlich h&ouml;ren, was er sagt:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Tu mir den Gefallen, Kind, und<br /></span>
+<span class="i0">kokettiere nicht so viel!<br /></span>
+<span class="i0">Ninon nennt die gn&auml;dige Frau dich?<br /></span>
+<span class="i0">Geh, du hei&szlig;t ja gar nicht so!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Martha hei&szlig;t du. Dein Papa<br /></span>
+<span class="i0">war der gn&auml;dige Herr von Dingsda.<br /></span>
+<span class="i0">Vor drei Wochen in Neuyork<br /></span>
+<span class="i0">starb er als Konditorlehrling.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Deine Mutter lebt. Sie schielt,<br /></span>
+<span class="i0">hinkt und schnupft. Im &uuml;brigen<br /></span>
+<span class="i0">handelt sie mit Apfelsinen<br /></span>
+<span class="i0">an der Weidendammer Br&uuml;cke.&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Aus &bdquo;Phantasus&ldquo;.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihr Dach stie&szlig; fast bis an die Sterne,<br /></span>
+<span class="i0">vom Hof her stampfte die Fabrik.<br /></span>
+<span class="i0">Es war die richtige Mietskaserne<br /></span>
+<span class="i0">mit Flur- und Leiermannsmusik!<br /></span>
+<span class="i0">Im Keller nistete die Ratte,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>
+<span class="i0">Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier,<br /></span>
+<span class="i0">und bis ins f&uuml;nfte Stockwerk hatte<br /></span>
+<span class="i0">das Vorstadtelend sein Quartier.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dort sa&szlig; er nachts vor seinem Lichte<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; duck nieder, nieder, wilder Hohn! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">und fieberte und schrieb Gedichte,<br /></span>
+<span class="i0">ein Tr&auml;umer, ein verlorner Sohn!<br /></span>
+<span class="i0">Sein St&uuml;bchen konnte grade fassen<br /></span>
+<span class="i0">ein Tischchen und ein schmales Bett;<br /></span>
+<span class="i0">er war so arm und so verlassen,<br /></span>
+<span class="i0">wie jener Gott aus Nazareth!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,<br /></span>
+<span class="i0">die Welt, ihn aus: Er ist verr&uuml;ckt! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">ihm hatte leuchtend auf die Stirne<br /></span>
+<span class="i0">der Genius seinen Ku&szlig; gedr&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,<br /></span>
+<span class="i0">er zitternd Vers an Vers gereiht,<br /></span>
+<span class="i0">dann schien auf ewig ihm versunken<br /></span>
+<span class="i0">die Welt und ihre N&uuml;chternheit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In Fetzen hing ihm seine Bluse,<br /></span>
+<span class="i0">sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,<br /></span>
+<span class="i0">er aber stammelte: O Muse!<br /></span>
+<span class="i0">und wu&szlig;te nichts von seiner Not.<br /></span>
+<span class="i0">Er sa&szlig; nur still vor seinem Lichte,<br /></span>
+<span class="i0">alln&auml;chtlich, wenn der Tag entflohn,<br /></span>
+<span class="i0">und fieberte und schrieb Gedichte,<br /></span>
+<span class="i0">ein Tr&auml;umer, ein verlorner Sohn!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Nacht liegt in den letzten Z&uuml;gen,<br /></span>
+<span class="i0">der Regen tropft, der Nebel spinnt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">O, da&szlig; die M&auml;rchen immer l&uuml;gen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>
+<span class="i0">die M&auml;rchen, die die Jugend sinnt!<br /></span>
+<span class="i0">Wie lieblich hat sich einst getrunken<br /></span>
+<span class="i0">der Hoffnung goldner Feuerwein!<br /></span>
+<span class="i0">Und jetzt? Erbarmungslos versunken<br /></span>
+<span class="i0">in dieses Elend der Spelunken &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">O Sonnenschein! O Sonnenschein!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nur einmal, einmal noch im Traume<br /></span>
+<span class="i0">la&szlig;t mich hinaus, o Gott, hinaus!<br /></span>
+<span class="i0">Denn s&uuml;&szlig; rauscht's nachts im Lindenbaume<br /></span>
+<span class="i0">vor meines Vaters F&ouml;rsterhaus.<br /></span>
+<span class="i0">Der Mond lugt golden um den Giebel,<br /></span>
+<span class="i0">der Vater tr&auml;umt von Mars-la-Tour,<br /></span>
+<span class="i0">lieb M&uuml;tterchen studiert die Bibel,<br /></span>
+<span class="i0">ihr Nestling koloriert die Fibel,<br /></span>
+<span class="i0">und leise, leise tickt die Uhr.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O goldne Lenznacht der Jasminen,<br /></span>
+<span class="i0">o w&auml;r ich niemals dir entr&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i0">Das ewige R&auml;dern der Maschinen<br /></span>
+<span class="i0">hat mir das Hirn zerpfl&uuml;ckt, zerst&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i0">Einst schlich ich aus dem Haus der V&auml;ter<br /></span>
+<span class="i0">nachts in die Welt mich, wie ein Dieb,<br /></span>
+<span class="i0">und heut &ndash; drei kurze J&auml;hrchen sp&auml;ter! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">wie ein geschlagener Misset&auml;ter,<br /></span>
+<span class="i0">schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wozu dein armes Hirn zerw&uuml;hlen?<br /></span>
+<span class="i0">Du gr&uuml;belst, und die Weltlust lacht!<br /></span>
+<span class="i0">Denn von Gedanken, von Gef&uuml;hlen<br /></span>
+<span class="i0">hat noch kein Mensch sich satt gemacht!<br /></span>
+<span class="i0">Ja, recht hat, o du s&uuml;&szlig;e Mutter,<br /></span>
+<span class="i0">dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust:<br /></span>
+<span class="i0">Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther?<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>
+<span class="i0">Dem Elend d&uuml;nkt ein St&uuml;ckchen Butter<br /></span>
+<span class="i0">erhabner als der ganze Faust!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Vor meinem Fenster&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i2">Vor meinem Fenster<br /></span>
+<span class="i3">singt ein Vogel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Still h&ouml;r ich zu; mein Herz vergeht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i5">Er singt,<br /></span>
+<span class="i0">was ich als Kind&nbsp;&hellip; so ganz besa&szlig;<br /></span>
+<span class="i2">und dann &ndash; vergessen!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Rote Rosen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i6">Rote Rosen<br /></span>
+<span class="i1">winden sich um meine d&uuml;stre Lanze.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i3">Durch wei&szlig;e Lilienw&auml;lder<br /></span>
+<span class="i4">schnaubt mein Hengst.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i5">Aus gr&uuml;nen Seeen,<br /></span>
+<span class="i6">Schilf im Haar,<br /></span>
+<span class="i0">tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i5">Ich reite wie aus Erz.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">Immer,<br /></span>
+<span class="i6">dicht vor mir,<br /></span>
+<span class="i4">fliegt der Vogel Ph&ouml;nix<br /></span>
+<span class="i7">und singt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span></div>
+<h3>In einem Garten&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In einem Garten, unter dunklen B&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i6">erwarten wir<br /></span>
+<span class="i4">die Fr&uuml;hlingsnacht.<br /></span>
+<span class="i8">Noch<br /></span>
+<span class="i5">gl&auml;nzt kein Stern.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i3">Die B&uuml;sche schweigen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i7">Pl&ouml;tzlich,<br /></span>
+<span class="i4">aus einem Fenster,<br /></span>
+<span class="i8">leise,<br /></span>
+<span class="i4">getragen, schwellend,<br /></span>
+<span class="i1">die tiefen, klaren, reinen, lichten,<br /></span>
+<span class="i3">glutend golddurchwirkten<br /></span>
+<span class="i8">T&ouml;ne<br /></span>
+<span class="i6">einer Geige.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i4">Der Goldregen blinkt,<br /></span>
+<span class="i5">der Flieder duftet,<br /></span>
+<span class="i0">in unseren Herzen &ndash; geht der Mond auf!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Aus wei&szlig;en Wolken&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i10">Aus wei&szlig;en Wolken,<br /></span>
+<span class="i0">schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend,<br /></span>
+<span class="i5">schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schlo&szlig;!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">Spiegelnde Seeen, selige Wiesen,<br /></span>
+<span class="i6">singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i4">In seinen hohen, glei&szlig;enden, glitzernden Hallen<br /></span>
+<span class="i13">wohnen<br /></span>
+<span class="i11">die alten G&ouml;tter!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>
+<span class="i12">Noch immer,<br /></span>
+<span class="i13">abends,<br /></span>
+<span class="i8">wenn die Sonne purpurn sinkt,<br /></span>
+<span class="i11">gl&uuml;hn seine G&auml;rten;<br /></span>
+<span class="i7">vor ihren Wundern bebt mein Herz<br /></span>
+<span class="i11">und lange&nbsp;&hellip; steh ich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i12">Sehns&uuml;chtig!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i10">Dann naht die Nacht,<br /></span>
+<span class="i11">die Luft verlischt,<br /></span>
+<span class="i7">wie zitterndes Silber blinkt das Meer,<br /></span>
+<span class="i9">und &uuml;ber die ganze Welt hin<br /></span>
+<span class="i8">webt ein Duft&nbsp;&hellip; wie von Rosen!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Huch" id="Huch"></a>Ricarda Huch.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Z&uuml;rich und wurde
+dort 1891 als eine der ersten Frauen zum <span class="antiqua">Dr. phil.</span> promoviert. &ndash; Gedichte
+1891. Neue Gedichte 1907.</p>
+
+
+<h3>Sehnsucht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Um bei dir zu sein,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&uuml;g' ich Not und F&auml;hrde,<br /></span>
+<span class="i0">Lie&szlig;' ich Freund und Haus<br /></span>
+<span class="i0">Und die F&uuml;lle der Erde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mich verlangt nach dir,<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Flut nach dem Strande,<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Schwalbe im Herbst<br /></span>
+<span class="i0">Nach dem s&uuml;dlichen Lande.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie den Alpsohn heim,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er denkt, nachts alleine,<br /></span>
+<span class="i0">An die Berge voll Schnee<br /></span>
+<span class="i0">Im Mondenscheine.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span></div>
+<h3>Uners&auml;ttlich.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ganz mit Fr&uuml;hling und Sonnenstrahl,<br /></span>
+<span class="i0">Klang und duftendem Bl&uuml;tengu&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Mein verlangendes Herz einmal<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;ll mir, seliger &Uuml;berflu&szlig;!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gib mir ewiger Jugend Glanz,<br /></span>
+<span class="i0">Gib mir ewigen Lebens Kraft,<br /></span>
+<span class="i0">Gib im fl&uuml;chtigen Stundentanz<br /></span>
+<span class="i0">Ewig wirkende Leidenschaft!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus dem Meere des Wissens la&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Satt mich trinken in tiefem Zug!<br /></span>
+<span class="i0">Gib von Liebe und gib von Ha&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Meiner Seele einmal genug.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gib, da&szlig; Tau der Erf&uuml;llung mir<br /></span>
+<span class="i0">In die Schale des Herzens flie&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Bis sie, selber verschwendend, ihr<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;bersch&auml;umendes Gl&uuml;ck ergie&szlig;t!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Du.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Seit du mir ferne bist,<br /></span>
+<span class="i0">Hab' ich nur Leid,<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig; ich, was Sehnsucht ist<br /></span>
+<span class="i0">Und freudenlose Zeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich hab' an dich gedacht<br /></span>
+<span class="i0">Ohn' Unterla&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Und weine jede Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Nach dir mein Kissen na&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>
+<span class="i0">Und schlie&szlig;t mein Auge zu<br /></span>
+<span class="i0">Des Schlafes Band,<br /></span>
+<span class="i0">So w&auml;hn' ich, das tust du<br /></span>
+<span class="i0">Mit deiner weichen Hand.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Heimatlos.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">H&ouml;r mich, Mutter, h&ouml;re mich in deinem dunkeln Grabe,<br /></span>
+<span class="i0">Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe.<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume,<br /></span>
+<span class="i0">Zeige mir das Land, das s&uuml;&szlig;e Vaterland, im Traume.<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne<br /></span>
+<span class="i0">Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne,<br /></span>
+<span class="i0">Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben!<br /></span>
+<span class="i0">Meine Br&uuml;der, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben.<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;r' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen;<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;r' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen.<br /></span>
+<span class="i0">Denn ich mag nicht, mag nicht l&auml;nger in der Fremde weilen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen.<br /></span>
+<span class="i0">K&auml;m' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle,<br /></span>
+<span class="i0">Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle;<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;sse werden, Tr&auml;nen auf die alten Steine brennen,<br /></span>
+<span class="i0">Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen.<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; &bdquo;Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter,<br /></span>
+<span class="i0">Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter.<br /></span>
+<span class="i0">An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begr&uuml;&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Und die Wanderschuh' dir l&ouml;sen von den wunden F&uuml;&szlig;en.&ldquo; &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span></div>
+<h3>Erinnerung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Einmal vor manchem Jahre<br /></span>
+<span class="i0">War ich ein Baum am Bergesrand,<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Birkenhaare<br /></span>
+<span class="i0">K&auml;mmte der Mond mit wei&szlig;er Hand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hoch &uuml;berm Abgrund hing ich<br /></span>
+<span class="i0">Windebewegt auf schroffem Stein.<br /></span>
+<span class="i0">Tanzende Wolken fing ich<br /></span>
+<span class="i0">Mir als verg&auml;nglich Spielzeug ein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">F&uuml;hlte nichts im Gem&uuml;te<br /></span>
+<span class="i0">Weder von Wonne noch von Leid,<br /></span>
+<span class="i0">Rauschte, verwelkte, bl&uuml;hte,<br /></span>
+<span class="i0">In meinem Schatten schlief die Zeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Versto&szlig;en.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wei&szlig;, da&szlig; ich sterben mu&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">An deinem Lieben.<br /></span>
+<span class="i0">Du hast mich ins Elend getrieben<br /></span>
+<span class="i0">Mit deinem Ku&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich irre verbannt, allein<br /></span>
+<span class="i0">Und ohne Frieden,<br /></span>
+<span class="i0">Seit ich von der Welt mich geschieden,<br /></span>
+<span class="i0">Um dein zu sein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nie werd' ich mein Vaterland,<br /></span>
+<span class="i0">Das s&uuml;&szlig;e, schauen;<br /></span>
+<span class="i0">Nie wirst du den Herd f&uuml;r uns bauen<br /></span>
+<span class="i0">Mit froher Hand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>
+<span class="i0">Oft streckst du die Arme aus,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich dir fehle.<br /></span>
+<span class="i0">So fern bin ich; nur meine Seele<br /></span>
+<span class="i0">Irrt um dein Haus.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Herbst.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Herbst ist es, siehst du die Bl&auml;tter fallen?<br /></span>
+<span class="i0">Nicht wie die Welkenden fromm<br /></span>
+<span class="i0">Wollen wir beide zu Tode wallen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;sse mich, komm!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wolkenjagd oben in fernen R&auml;umen!<br /></span>
+<span class="i0">K&ouml;stlich und wonnevoll<br /></span>
+<span class="i0">Ist es, die Perlen vom Wein zu sch&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;bermutstoll.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber noch herrlicher ist's, zu schl&uuml;rfen<br /></span>
+<span class="i0">Alles in einem Zug!<br /></span>
+<span class="i0">Gr&ouml;&szlig;este F&uuml;lle, doch dem Bed&uuml;rfen<br /></span>
+<span class="i0">Nimmer genug!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">La&szlig; uns das weinleere Glas zerschmettern,<br /></span>
+<span class="i0">Komm von dem Gipfel ins Grab,<br /></span>
+<span class="i0">Gleich unverletzlichen ewigen G&ouml;ttern<br /></span>
+<span class="i0">L&auml;chelnd hinab!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ankunft im Hades.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In des Hades Gr&uuml;fte trat ein neuer Gast.<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Sei, Genosse, uns willkommen!<br /></span>
+<span class="i0">Sprich, was du vernommen<br /></span>
+<span class="i0">Auf der Erde sch&ouml;nen Fluren hast.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>
+<span class="i0">Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz<br /></span>
+<span class="i0">Und von rosenroten Wangen;<br /></span>
+<span class="i0">Sag, ob fr&ouml;hlich schwangen<br /></span>
+<span class="i0">Kleine M&uuml;cken den geschwinden Tanz.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond?<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber unsern Leichensteinen<br /></span>
+<span class="i0">Sahst du uns beweinen<br /></span>
+<span class="i0">Jene Schar, die froh im Lichte wohnt?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihnen str&ouml;mt der Tr&auml;nen holder Tau,<br /></span>
+<span class="i0">Der befreit und l&ouml;st die Schmerzen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie das Eis im M&auml;rzen<br /></span>
+<span class="i0">Fr&uuml;hlingswinde wonnevoll und lau.&ldquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&ndash; &bdquo;Lenz war droben, da von dannen ich gemu&szlig;t.<br /></span>
+<span class="i0">Mit hinab in eure Gr&uuml;fte<br /></span>
+<span class="i0">Nahm ich Veilchend&uuml;fte:<br /></span>
+<span class="i0">Diesen vollen Strau&szlig; an meiner Brust.&ldquo; &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual<br /></span>
+<span class="i0">Mu&szlig; auch Tantalus sich wenden;<br /></span>
+<span class="i0">J&auml;h aus m&uuml;&szlig;'gen H&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">St&uuml;rzt der Stein des Sisyphus zu Tal.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Liebesreime.</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied<br /></span>
+<span class="i0">Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang;<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;rt' ich jemals wieder einen s&uuml;&szlig;en Klang,<br /></span>
+<span class="i0">Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied?<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>
+<span class="i0">O, wie wurde mir dabei die Seele weit;<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief,<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;r' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich hatte so viel dir zu berichten,<br /></span>
+<span class="i0">Neuigkeiten, allerhand Geschichten;<br /></span>
+<span class="i0">Aber nun bist du auf einmal so nah<br /></span>
+<span class="i0">Mit diesem Kinn und diesen Wangen,<br /></span>
+<span class="i0">Alle Gedanken sind mir vergangen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde,<br /></span>
+<span class="i0">Nur eine Spanne von meinem Munde,<br /></span>
+<span class="i0">Den ich so lange, die Lippen zerbei&szlig;end, von weitem sah!<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>III.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Einen guten Grund hat's, da&szlig; mein Liebchen<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber alles sch&ouml;n und herrlich ist geraten:<br /></span>
+<span class="i0">Denn mit Lenztau ward getauft das B&uuml;bchen,<br /></span>
+<span class="i0">Mond und Sonne waren seine Paten.<br /></span>
+<span class="i0">Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er aufschaut, gl&uuml;hen alle Herzen.<br /></span>
+<span class="i0">Und der Mond k&uuml;&szlig;t' ihm den Mund von ferne:<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er l&auml;chelt, klingen alle Sterne.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Kurz" id="Kurz"></a>Isolde Kurz.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters Hermann
+Kurz; lebt, unverm&auml;hlt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz. &ndash;
+Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.</p>
+
+
+<h3>S&uuml;dliche Weise.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du sprichst von S&uuml;nde gleich und ew'gen Flammen,<br /></span>
+<span class="i0">Will ich ein St&uuml;ndchen nur mit dir verkosen,<br /></span>
+<span class="i0">Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>
+<span class="i0">Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,<br /></span>
+<span class="i0">Ich aber bin einst Ministrant gewesen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er sagte: Fromme Christen, la&szlig;t euch raten!<br /></span>
+<span class="i0">Ihr m&uuml;&szlig;t f&uuml;r jeden ungek&uuml;&szlig;ten Ku&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Einhundert J&auml;hrlein in der H&ouml;lle braten.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die erste Nacht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.<br /></span>
+<span class="i0">O, wo ist aller Glanz, der dich umgab?<br /></span>
+<span class="i0">In kalter Erde ist dein Bett gemacht.<br /></span>
+<span class="i0">Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,<br /></span>
+<span class="i0">Nachtv&ouml;gel schrein, vom Wind emporgescheucht,<br /></span>
+<span class="i0">Kein L&auml;mpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl<br /></span>
+<span class="i0">Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Stunden schleichen &ndash; schl&auml;fst du bis zum Tag?<br /></span>
+<span class="i0">Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?<br /></span>
+<span class="i0">Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>M&auml;dchenliebe.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">N&auml;chtlich war's am stillen Weiher,<br /></span>
+<span class="i0">Wo ich ihm zur Seite stand,<br /></span>
+<span class="i0">Als im Wind mein langer Schleier<br /></span>
+<span class="i0">Sich um seinen Nacken wand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach, was lie&szlig; ich's nur geschehen!<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er fest den Knoten schlang,<br /></span>
+<span class="i0">Mich an seiner Hand zu gehen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein gefangnes F&uuml;llen, zwang!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>
+<span class="i0">Denn seitdem auf allen Wegen<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hlt' ich unzerrei&szlig;lich stets<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber mich und ihn sich legen<br /></span>
+<span class="i0">Magisch jenes Schleiers Netz.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Seit mich gar sein Arm umwindet,<br /></span>
+<span class="i0">Schwand der Freiheit letzter Rest.<br /></span>
+<span class="i0">Fessel, die uns beide bindet,<br /></span>
+<span class="i0">Liebe Fessel, halte fest!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Nicht-Gewesenen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&Uuml;ber ein Gl&uuml;ck, das du fl&uuml;chtig besessen,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&ouml;stet Erinnern, tr&ouml;stet Vergessen,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&ouml;stet die alles heilende Zeit.<br /></span>
+<span class="i0">Aber die Tr&auml;ume, die nie errungnen,<br /></span>
+<span class="i0">Nie verge&szlig;nen und nie bezwungnen,<br /></span>
+<span class="i0">Nimmer verl&auml;&szlig;t dich ihr sehnendes Leid.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Lasker" id="Lasker"></a>Else Lasker-Sch&uuml;ler.</h2>
+
+<p class="dichter">Gedichte aus den gesammelten B&uuml;chern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.</p>
+
+
+<h3>Wir beide.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Abend weht Sehnen aus Bl&uuml;tens&uuml;&szlig;e,<br /></span>
+<span class="i0">Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,<br /></span>
+<span class="i0">Und Engelk&ouml;pfchen gucken &uuml;berm Himmelsstreif,<br /></span>
+<span class="i0">Und wir beide sind im Paradiese.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und uns geh&ouml;rt das ganze bunte Leben,<br /></span>
+<span class="i0">Das blaue, gro&szlig;e Bilderbuch mit Sternen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen<br /></span>
+<span class="i0">Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>
+<span class="i0">Der liebe Gott tr&auml;umt seinen Kindertraum<br /></span>
+<span class="i0">Vom Paradies &ndash; von seinen zwei Gespielen,<br /></span>
+<span class="i0">Und gro&szlig;e Blumen sehn uns an von Dornenstielen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die d&uuml;stere Erde hing noch gr&uuml;n am Baum.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mairosen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,<br /></span>
+<span class="i0">Mich nicht zu verf&uuml;hren,<br /></span>
+<span class="i0">Zwischen Mairosen h&auml;tte er fast<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sein Wort gebrochen,<br /></span>
+<span class="i0">Aber er machte drei Kreuze<br /></span>
+<span class="i0">Und ich glaubte hei&szlig; zu erfrieren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun lieg' ich im d&uuml;stern Nadelwald,<br /></span>
+<span class="i0">Und der Herbst saust kalte Nordostlieder<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber meine Lenzglieder.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber wenn es wieder warm wird,<br /></span>
+<span class="i0">W&uuml;nsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit<br /></span>
+<span class="i0">Und wir &ndash; spielen dann unter den Mairosen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Chaos.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Sterne fliehen schreckensbleich<br /></span>
+<span class="i0">Vom Himmel meiner Einsamkeit,<br /></span>
+<span class="i0">Und das schwarze Auge der Mitternacht<br /></span>
+<span class="i0">Starrt n&auml;her und n&auml;her.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich finde mich nicht wieder<br /></span>
+<span class="i0">In dieser Todverlassenheit!<br /></span>
+<span class="i0">Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit<br /></span>
+<span class="i0">Zwischen grauer Nacht der Urangst&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wollte, ein Schmerzen rege sich<br /></span>
+<span class="i0">Und st&uuml;rze mich grausam nieder<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>
+<span class="i0">Und ri&szlig; mich j&auml;h an mich!<br /></span>
+<span class="i0">Und es lege eine Sch&ouml;pferlust<br /></span>
+<span class="i0">Mich wieder in meine Heimat<br /></span>
+<span class="i3">Unter der Mutterbrust.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Mutterheimat ist seeleleer,<br /></span>
+<span class="i0">Es bl&uuml;hen dort keine Rosen<br /></span>
+<span class="i0">Im warmen Odem mehr. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">&hellip;&nbsp;M&ouml;cht' einen Herzallerliebsten haben!<br /></span>
+<span class="i0">Und mich in seinem Fleisch vergraben.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_laskerschueler" id="abb_laskerschueler"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 362px;">
+<img src="images/laskerschueler.jpg" width="362" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Else Lasker-Sch&uuml;ler</span>
+</div>
+
+
+<h3>Die Liebe.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es rauscht durch unseren Schlaf<br /></span>
+<span class="i0">Ein feines Wehen wie Seide,<br /></span>
+<span class="i0">Wie pochendes Erbl&uuml;hen<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber uns beide.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich werde heimw&auml;rts<br /></span>
+<span class="i0">Von deinem Atem getragen,<br /></span>
+<span class="i0">Durch verzauberte M&auml;rchen,<br /></span>
+<span class="i0">Durch versch&uuml;ttete Sagen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und mein Dornenl&auml;cheln spielt<br /></span>
+<span class="i0">Mit deinen urtiefen Z&uuml;gen,<br /></span>
+<span class="i0">Und es kommen die Erden<br /></span>
+<span class="i0">Sich an uns zu schmiegen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es rauscht durch unseren Schlaf<br /></span>
+<span class="i0">Ein feines Wehen wie Seide &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Der weltalte Traum<br /></span>
+<span class="i0">Segnet uns beide.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span></div>
+<h3>Liebesflug.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Drei St&uuml;rme liebt' ich ihn eher wie er mich,<br /></span>
+<span class="i0">J&auml;h schrien seine Lippen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie der ge&ouml;ffnete Erdmund!<br /></span>
+<span class="i0">Und G&auml;rten berauschten am Mairegen sich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wir griffen unsere H&auml;nde,<br /></span>
+<span class="i0">Die verl&ouml;teten wie Ringe sich.<br /></span>
+<span class="i0">Und er sprang mit mir auf die L&uuml;fte<br /></span>
+<span class="i0">Gotthin, bis der Atem verstrich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann kam ein leuchtender Sommertag<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine gl&uuml;ckselige Mutter.<br /></span>
+<span class="i0">Und die M&auml;dchen blickten schw&auml;rmerisch,<br /></span>
+<span class="i0">Nur meine Seele lag m&uuml;d' und zag.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Eva.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du hast deinen Kopf tief &uuml;ber mich gesenkt,<br /></span>
+<span class="i0">Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,<br /></span>
+<span class="i0">Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Bl&uuml;ten der B&auml;ume Edens waren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und die keimende Liebe ist meine Seele,<br /></span>
+<span class="i0">O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,<br /></span>
+<span class="i0">Und du zitterst von Ahnungen<br /></span>
+<span class="i0">Und wei&szlig;t nicht, warum deine Tr&auml;ume st&ouml;hnen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich liege schwer auf deinem Leben,<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine tausendst&auml;mmige Erinnerung.<br /></span>
+<span class="i0">Und du bist so blindjung, so adamjung&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Du hast deinen Kopf tief &uuml;ber mich gesenkt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span></div>
+<h3>Mein Volk.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Fels wird morsch,<br /></span>
+<span class="i0">Dem ich entspringe<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Gotteslieder singe&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">J&auml;h st&uuml;rz' ich vom Weg<br /></span>
+<span class="i0">Und riesele ganz in mir<br /></span>
+<span class="i0">Fernab, allein &uuml;ber Klagegestein<br /></span>
+<span class="i0">Dem Meer zu.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hab' mich so abgestr&ouml;mt<br /></span>
+<span class="i0">Von meines Blutes<br /></span>
+<span class="i0">Mostvergorenheit.<br /></span>
+<span class="i0">Und immer, immer noch der Widerhall<br /></span>
+<span class="i0">In mir,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn schauerlich gen Ost<br /></span>
+<span class="i0">Das morsche Felsgebein,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Volk,<br /></span>
+<span class="i0">Zu Gott schreit.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mein Liebeslied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie ein heimlicher Brunnen<br /></span>
+<span class="i0">Murmelt mein Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Immer von dir, immer von mir.<br /></span>
+<span class="i0">Unter dem taumelnden Mond<br /></span>
+<span class="i0">Tanzen meine nackten, suchenden Tr&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,<br /></span>
+<span class="i0">Leise &uuml;ber d&uuml;stere Hecken.<br /></span>
+<span class="i0">O, deine Lippen sind sonnig&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Diese Rausched&uuml;fte deiner Lippen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und aus blauen Dolden, silberumringt<br /></span>
+<span class="i0">L&auml;chelst du&nbsp;&hellip; du, du.<br /></span>
+<span class="i0">Immer das schl&auml;ngelnde Geriesel<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>
+<span class="i2">Auf meiner Haut<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die Schultern hinweg &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Ich lausche&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein heimlicher Brunnen<br /></span>
+<span class="i0">Murmelt mein Blut&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mein Wanderlied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zw&ouml;lf Morgenhellen weit<br /></span>
+<span class="i0">Verschallt der Geist der Mitternacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Lippen haben ausgedacht<br /></span>
+<span class="i0">In stolzer Linie mit der Ewigkeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Torabw&auml;rts schreitet das Verflossene,<br /></span>
+<span class="i0">Indessen meine Seele sich im Glanz der L&ouml;sung bricht,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr tausendhei&szlig;es, wei&szlig;es Licht<br /></span>
+<span class="i0">Scheint mir voran ins Ungegossene.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich wachse &uuml;ber all Erinnern weit.<br /></span>
+<span class="i0">So fern Musik&nbsp;&hellip; und zwischen Kampf und Frieden<br /></span>
+<span class="i0">Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,<br /></span>
+<span class="i0">Und sind die Ziele hinter aller Zeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>O, meine schmerzliche Lust.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Traum ist eine junge, wilde Weide<br /></span>
+<span class="i0">Und schmachtet in der D&uuml;rre.<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Kleider um den Tag brennen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Alle Lande b&auml;umen sich.<br /></span>
+<span class="i0">Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche<br /></span>
+<span class="i0">Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel<br /></span>
+<span class="i0">Tuuh! Tuuh!<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Silber&auml;hren<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>
+<span class="i0">Um meine F&uuml;&szlig;e sieden&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">O, meine schmerzliche Lust<br /></span>
+<span class="i0">Weint wie ein Kind.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Maienregen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du hast deine warme Seele<br /></span>
+<span class="i0">Um mein verwittertes Herz geschlungen,<br /></span>
+<span class="i0">Und all seine dunkeln T&ouml;ne<br /></span>
+<span class="i0">Sind wie ferne Donner verklungen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber es kann nicht mehr jauchzen<br /></span>
+<span class="i0">Mit seiner wilden Wunde,<br /></span>
+<span class="i0">Und wunschlos in deinem Arme<br /></span>
+<span class="i0">Liegt mein Mund auf deinem Munde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich h&ouml;re dich leise weinen,<br /></span>
+<span class="i0">Und es ist &ndash; die Nacht bewegt sich kaum &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Als fiele ein Maienregen<br /></span>
+<span class="i0">Auf meinen greisen Traum.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Weltende.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es ist ein Weinen in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob der liebe Gott gestorben w&auml;r',<br /></span>
+<span class="i0">Und der bleierne Schatten, der niederf&auml;llt,<br /></span>
+<span class="i0">Lastet grabesschwer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Komm, wir wollen uns n&auml;her verbergen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Das Leben liegt in Aller Herzen<br /></span>
+<span class="i0">Wie in S&auml;rgen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du! wir wollen uns tief k&uuml;ssen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,<br /></span>
+<span class="i0">An der wir sterben m&uuml;ssen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span></div>
+<h3>Mein Liebeslied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf deinen Wangen liegen<br /></span>
+<span class="i0">Goldene Tauben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Blut rauscht, wie mein Blut &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">S&uuml;&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">An Himbeerstr&auml;uchern vorbei.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O, ich denke an dich &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Die Nacht frage nur.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Niemand kann so sch&ouml;n<br /></span>
+<span class="i0">Mit deinen H&auml;nden spielen,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schl&ouml;sser bauen, wie ich<br /></span>
+<span class="i0">Aus Goldfinger;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Burgen mit hohen T&uuml;rmen!<br /></span>
+<span class="i0">Strandr&auml;uber sind wir dann.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn du da bist,<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich immer reich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du nimmst mich so zu dir,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sehe dein Herz sternen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schillernde Eidechsen<br /></span>
+<span class="i0">Sind dein Geweide.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du bist ganz aus Gold &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Alle Lippen halten den Atem an.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span></div>
+<h2><a name="Liliencron" id="Liliencron"></a>Detlev von Liliencron.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner Vaterstadt,
+trat 1863 beim westf&auml;lischen F&uuml;silierregiment Nr. 37 in Mainz ein,
+nahm an den Kriegen 1866 und 1870&ndash;71 teil, wurde mehrmals verwundet,
+nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika, kehrte zur&uuml;ck, wurde
+Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er die &bdquo;Adjutantenritte&ldquo;
+schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er l&auml;ngere Zeit in Altona gewohnt
+hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei Hamburg. Er starb dort
+am 22. Juli 1909. &ndash; Seine fr&uuml;her unter andern Titeln erschienenen Gedichtb&uuml;cher
+hei&szlig;en jetzt: Kampf und Spiele. K&auml;mpfe und Ziele. Nebel und
+Sonne. Bunte Beute. Ausgew&auml;hlte Gedichte. Poggfred. Gute Nacht.</p>
+
+
+<h3>R&uuml;ckblick.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Eh mir aus der Scheide scho&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Blitz und blank der Degen,<br /></span>
+<span class="i0">Lie&szlig; noch einmal Mann und Ro&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Kurzer Rast ich pflegen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und die Hand als Augenschild,<br /></span>
+<span class="i0">Meine Lider sanken,<br /></span>
+<span class="i0">Rasch vorbei, ein wechselnd Bild,<br /></span>
+<span class="i0">Flogen die Gedanken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Kinderland, du Zauberland,<br /></span>
+<span class="i0">Haus und Hof und Hecken.<br /></span>
+<span class="i0">Hinter blauer W&auml;lderwand<br /></span>
+<span class="i0">Spielt die Welt Verstecken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Weiter nun in bunten Reihn<br /></span>
+<span class="i0">Zog mein w&uuml;stes Leben.<br /></span>
+<span class="i0">Wenig Taten, vieler Schein,<br /></span>
+<span class="i0">Windige Spinneweben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">W&uuml;rfel, Weiber, Wein, Gesang,<br /></span>
+<span class="i0">Jugendrasche Quelle,<br /></span>
+<span class="i0">Und im wilden Wogendrang<br /></span>
+<span class="i0">Schwamm ich mit der Welle&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>
+<span class="i0">Doch Dragoner gl&auml;nzen hell<br /></span>
+<span class="i0">Dort an jenem H&uuml;gel.<br /></span>
+<span class="i0">An die Pferde! Fertig! Schnell<br /></span>
+<span class="i0">Klebt der Sporn am B&uuml;gel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Z&uuml;gel fest, Fanfarenruf,<br /></span>
+<span class="i0">Donnernd schwappt der Rasen.<br /></span>
+<span class="i0">Bald sind wir mit fl&uuml;chtigem Huf<br /></span>
+<span class="i0">An den Feind geblasen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Anprall, Fluch und Sto&szlig; und Hieb,<br /></span>
+<span class="i0">Kann den Arm nicht sparen,<br /></span>
+<span class="i0">Wo mir Helm und Handschuh blieb,<br /></span>
+<span class="i0">Hab' ich nicht erfahren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sattelleere, Sturz und Staub,<br /></span>
+<span class="i0">Klingenkreuz und Scharten.<br /></span>
+<span class="i0">Trunken schwenkt die Faust den Raub<br /></span>
+<span class="i0">Flatternd der Standarten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">T&auml;uschend gleicht des Feindes Flucht<br /></span>
+<span class="i0">Tollgehetzten Hammeln.<br /></span>
+<span class="i0">Freudig ruft in Wald und Schlucht<br /></span>
+<span class="i0">Mein Signal zum Sammeln.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schwei&szlig; und Blut an Stirn und Schwert,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; es tropfen, tropfen.<br /></span>
+<span class="i0">Dankbar mu&szlig; ich meinem Pferd<br /></span>
+<span class="i0">Hals und M&auml;hne klopfen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">N&auml;chtens dann beim Feuerschein,<br /></span>
+<span class="i0">Nach des Kampfes M&uuml;he,<br /></span>
+<span class="i0">Fielen mir Gedanken ein<br /></span>
+<span class="i0">Aus des Tages Fr&uuml;he.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>
+<span class="i0">Schwamm ich viele Jahre lang<br /></span>
+<span class="i0">Steuerlos im Leben,<br /></span>
+<span class="i0">Hat mir heut der scharfe Gang<br /></span>
+<span class="i0">Wink und Ziel gegeben.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Tod in &Auml;hren.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,<br /></span>
+<span class="i0">Liegt ein Soldat, unaufgefunden,<br /></span>
+<span class="i0">Zwei Tage schon, zwei N&auml;chte schon,<br /></span>
+<span class="i0">Mit schweren Wunden, unverbunden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Durst&uuml;berqu&auml;lt und fieberwild,<br /></span>
+<span class="i0">Im Todeskampf den Kopf erhoben.<br /></span>
+<span class="i0">Ein letzter Traum, ein letztes Bild,<br /></span>
+<span class="i0">Sein brechend Auge schl&auml;gt nach oben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Sense sirrt im &Auml;hrenfeld,<br /></span>
+<span class="i0">Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,<br /></span>
+<span class="i0">Ade, ade, du Heimatwelt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und beugt das Haupt, und ist verschieden.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Am Strande.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der lange Junitag war hei&szlig; gewesen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sa&szlig; im Garten einer Fischerh&uuml;tte,<br /></span>
+<span class="i0">Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt<br /></span>
+<span class="i0">Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Goldlack bl&uuml;ht, und Tulpen, Mohn und Rosen<br /></span>
+<span class="i0">In b&auml;urisch buntem Durcheinander prunken.<br /></span>
+<span class="i0">Es war die Nacht schon im Begriff, dem Tage<br /></span>
+<span class="i0">Die Riegel vorzuschieben; stiller ward<br /></span>
+<span class="i0">Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich<br /></span>
+<span class="i0">In hoher Luft; und aus der N&auml;he schlug<br /></span>
+<span class="i0">Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>
+<span class="i0">Im Gutenacht der Sonne blinkerten<br /></span>
+<span class="i0">Die Scheiben kleiner H&auml;user auf der Insel,<br /></span>
+<span class="i0">Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.<br /></span>
+<span class="i0">Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,<br /></span>
+<span class="i0">Gleich einer K&ouml;nigin, voll hoher W&uuml;rde,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck<br /></span>
+<span class="i0">Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.<br /></span>
+<span class="i0">Sie alle winken ihre letzten Gr&uuml;&szlig;e<br /></span>
+<span class="i0">Den letzten Streifen ihrer Heimat zu.<br /></span>
+<span class="i0">In manchen Bart mag nun die Mannestr&auml;ne,<br /></span>
+<span class="i0">So selten sonst, unaufgehalten tropfen.<br /></span>
+<span class="i0">In manches Herz, das l&auml;ngst im Sturz und Sto&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Der Lebenswellen hart und starr geworden,<br /></span>
+<span class="i0">Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.<br /></span>
+<span class="i0">Doch vorw&auml;rts, vorw&auml;rts ins gelobte Land!<br /></span>
+<span class="i0">Die Pflicht befiehlt zu leben und zu k&auml;mpfen,<br /></span>
+<span class="i0">Befiehlt dem einen, f&uuml;r sein Weib zu sorgen,<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;r sich selbst dem andern. Jeder so<br /></span>
+<span class="i0">Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen,<br /></span>
+<span class="i0">Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht.<br /></span>
+<span class="i0">Geboren werden, leiden dann und sterben,<br /></span>
+<span class="i0">Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.<br /></span>
+<span class="i0">Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,<br /></span>
+<span class="i0">Ein oft getr&auml;umtes, gro&szlig;es Gl&uuml;ck zu finden.<br /></span>
+<span class="i0">Das Gl&uuml;ck hei&szlig;t Gold, und Gold hei&szlig;t ruhig leben:<br /></span>
+<span class="i0">Vom sichern Sitze des Amphitheaters<br /></span>
+<span class="i0">In die Arena l&auml;chelnd niederschaun,<br /></span>
+<span class="i0">Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird<br /></span>
+<span class="i0">Vom Tigertier der Armut und der Schulden&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Schiff ist l&auml;ngst getaucht ins tiefe Dunkel.<br /></span>
+<span class="i0">Bleischwere Stille gr&auml;bt sich in den Strom,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>
+<span class="i0">Indessen aus der Kegelbahn im Dorf<br /></span>
+<span class="i0">Beim Schein der Lampe noch die G&auml;ste zechen.<br /></span>
+<span class="i0">In gleichen Zwischenr&auml;umen bellt ein Hund,<br /></span>
+<span class="i0">Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Letzter Gru&szlig;.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Herbsttag, und doch wie weiches Fr&uuml;hlingswetter,<br /></span>
+<span class="i0">Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Sarg schien unter Gramgel&auml;ut zu sinken,<br /></span>
+<span class="i0">Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da kamst du, keine T&auml;uschung, mir entgegen,<br /></span>
+<span class="i0">Wir hatten gestern Abschied schon genommen,<br /></span>
+<span class="i0">Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern,<br /></span>
+<span class="i0">Was mu&szlig;te noch einmal die Marter kommen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich gr&uuml;&szlig;te dich, und sah dein freundlich Danken;<br /></span>
+<span class="i0">Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet.<br /></span>
+<span class="i0">Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen,<br /></span>
+<span class="i0">Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Schmerz grub ich die Linke in den Dornbusch<br /></span>
+<span class="i0">Und lie&szlig; die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein letzter Gru&szlig; von dir, von mir &ndash; vor&uuml;ber,<br /></span>
+<span class="i0">Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet,<br /></span>
+<span class="i0">Die roten Str&ouml;me sind zur&uuml;ckgeflossen,<br /></span>
+<span class="i0">Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span></div>
+<h3>Der L&auml;ndler.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf die Terrasse war ich hinbefohlen,<br /></span>
+<span class="i0">Der jugendfrischen, sch&ouml;nen, geistvollen,<br /></span>
+<span class="i0">Holdseligen Prinzessin vorzulesen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich w&auml;hlte Tasso.<br /></span>
+<span class="i8">Durch den Sommerabend<br /></span>
+<span class="i0">Umschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt.<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne war gesunken. Rot Gew&ouml;lk<br /></span>
+<span class="i0">Stand hellget&ouml;nt, mit Blau vermischt, im Westen.<br /></span>
+<span class="i0">Der Garten vor uns, tief gelegen, h&uuml;llt<br /></span>
+<span class="i0">Sich ein in dunkle Schatten mehr und mehr.<br /></span>
+<span class="i0">Und eine Nachtigall beginnt.<br /></span>
+<span class="i13">Der Diener<br /></span>
+<span class="i0">Setzt auf den Tisch die Lampen, deren Licht<br /></span>
+<span class="i0">Nicht durch den schw&auml;chsten Zug ins Flackern kommt.<br /></span>
+<span class="i0">Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik.<br /></span>
+<span class="i0">Und deutlich aus der Finsternis heraus,<br /></span>
+<span class="i0">Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster.<br /></span>
+<span class="i0">Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zuweilen, wenn die T&uuml;r ge&ouml;ffnet steht,<br /></span>
+<span class="i0">Erschallt Gestampf, der Brummba&szlig;, Kreischen, Jauchzen.<br /></span>
+<span class="i0">Unb&auml;ndig scheint die Freude dort zu herrschen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich trage unterdessen weiter vor,<br /></span>
+<span class="i0">Wie fl&uuml;chtige Bilder, unbewu&szlig;t, den Trubel<br /></span>
+<span class="i0">Im Tal an mir vor&uuml;berziehen lassend,<br /></span>
+<span class="i0">Und jene Verse hab' ich grad getroffen:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Beschr&auml;nkt der Rand des Bechers einen Wein,<br /></span>
+<span class="i0">Der sch&auml;umend wallt und brausend &uuml;berquillt?&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Als ich die Lider hob und die Prinze&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Die s&auml;umig ihre Linke dem Gel&auml;nder<br /></span>
+<span class="i0">Hin&uuml;ber ruhen l&auml;&szlig;t, erblicke, wie sie,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>
+<span class="i0">Das braune Auge tr&auml;umerisch, sehns&uuml;chtig<br /></span>
+<span class="i0">Hinuntersendet auf den fr&ouml;hlichen L&auml;ndler.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Wie w&auml;r' es, f&auml;nden wohl Durchlaucht Vergn&uuml;gen,<br /></span>
+<span class="i0">Dem frohen Reigen dort sich anzuschlie&szlig;en?&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Und sie, ein Seufzer: &bdquo;Ach, ich t&auml;t's so gern!&ldquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn ich's nur bringen k&ouml;nnte, wiedergeben,<br /></span>
+<span class="i0">Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward,<br /></span>
+<span class="i0">Das &bdquo;so&ldquo;, das &bdquo;gern&ldquo;, wenn ich's nur treffen k&ouml;nnte,<br /></span>
+<span class="i0">Wie sie das sagte: &bdquo;Ach, ich t&auml;t's so gern!&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wer wei&szlig; wo.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,<br /></span>
+<span class="i0">Auf ro&szlig;zerstampften Sommerhalm<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne schien.<br /></span>
+<span class="i0">Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,<br /></span>
+<span class="i0">Und mancher kehrte nicht nach Haus<br /></span>
+<span class="i0">Einst von Kolin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Junker auch, ein Knabe noch,<br /></span>
+<span class="i0">Der heut das erste Pulver roch,<br /></span>
+<span class="i0">Er mu&szlig;t' dahin.<br /></span>
+<span class="i0">Wie hoch er auch die Fahne schwang,<br /></span>
+<span class="i0">Der Tod in seinen Arm ihn zwang.<br /></span>
+<span class="i0">Er mu&szlig;t' dahin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihm nahe lag ein frommes Buch,<br /></span>
+<span class="i0">Das stets der Junker bei sich trug,<br /></span>
+<span class="i0">Am Degenknauf.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Grenadier von Bevern fand<br /></span>
+<span class="i0">Den kleinen erdbeschmutzten Band<br /></span>
+<span class="i0">Und hob ihn auf.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>
+<span class="i0">Und brachte heim mit schnellem Fu&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Dem Vater diesen letzten Gru&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Der klang nicht froh.<br /></span>
+<span class="i0">Dann schrieb hinein die Zitterhand:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.<br /></span>
+<span class="i0">Wer wei&szlig; wo.&ldquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und der gesungen dieses Lied,<br /></span>
+<span class="i0">Und der es liest, im Leben zieht<br /></span>
+<span class="i0">Noch frisch und froh.<br /></span>
+<span class="i0">Doch einst bin ich, und bist auch du,<br /></span>
+<span class="i0">Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',<br /></span>
+<span class="i0">Wer wei&szlig; wo.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>In einer gro&szlig;en Stadt.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es treibt vor&uuml;ber mir im Meer der Stadt<br /></span>
+<span class="i0">Bald der, bald jener, einer nach dem andern.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Blick ins Auge, und vor&uuml;ber schon.<br /></span>
+<span class="i3">Der Orgeldreher dreht sein Lied.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es tropft vor&uuml;ber mir ins Meer des Nichts<br /></span>
+<span class="i0">Bald der, bald jener, einer nach dem andern.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Blick auf seinen Sarg, vor&uuml;ber schon.<br /></span>
+<span class="i3">Der Orgeldreher dreht sein Lied.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt.<br /></span>
+<span class="i0">Querweg die Menschen, einer nach dem andern.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Blick auf meinen Sarg, vor&uuml;ber schon.<br /></span>
+<span class="i3">Der Orgeldreher dreht sein Lied.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Vor Last und L&auml;rm.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die fr&uuml;hste Sonne legt sich &uuml;bers Feld,<br /></span>
+<span class="i0">Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.<br /></span>
+<span class="i0">Aus dem im letzten Traum verstrickten St&auml;dtchen<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>
+<span class="i0">Bin ich dem Tore schon weitab entr&uuml;ckt.<br /></span>
+<span class="i0">Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?<br /></span>
+<span class="i0">Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte,<br /></span>
+<span class="i0">Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln.<br /></span>
+<span class="i0">Das linke Knie hat er herangezogen;<br /></span>
+<span class="i0">Mit offnen Lippen schnarcht der w&uuml;ste Kerl.<br /></span>
+<span class="i0">Vor&uuml;ber &ndash; schon verliert sich das Ger&auml;usch.<br /></span>
+<span class="i0">Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?<br /></span>
+<span class="i0">Ein kleiner, wei&szlig;er Bologneserhund<br /></span>
+<span class="i0">Mit blutger&ouml;teten Behangesspitzen,<br /></span>
+<span class="i0">Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.<br /></span>
+<span class="i0">Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.<br /></span>
+<span class="i0">Ist's Tante Minnas s&uuml;&szlig;er Liebling nicht?<br /></span>
+<span class="i0">Wenn die das w&uuml;&szlig;te, was Bijou erg&ouml;tzt:<br /></span>
+<span class="i0">Er w&uuml;hlt mit seinem Schn&auml;uzchen emsiglich<br /></span>
+<span class="i0">Im Eingeweide eines toten Fuchses.<br /></span>
+<span class="i0">Als ich ihm in die N&auml;h' gekommen, dr&uuml;ckt er<br /></span>
+<span class="i0">Ein Vorderpf&ouml;tchen auf den Balg des Aases<br /></span>
+<span class="i0">Und duckt den Kopf und &auml;ugt mich m&uuml;rrisch an;<br /></span>
+<span class="i0">Sein ganzer K&ouml;rper bleibt unregbar stehn,<br /></span>
+<span class="i0">Nur seine Augen folgen meinem Schritt.<br /></span>
+<span class="i0">Vor&uuml;ber &ndash; lautlos alles noch und ruhig.<br /></span>
+<span class="i0">Auf einer Pflugschar glei&szlig;t im grellsten Wei&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest.<br /></span>
+<span class="i0">Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,<br /></span>
+<span class="i0">Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.<br /></span>
+<span class="i0">Unendlich schwach h&ouml;r' ich die Trommeln wirbeln,<br /></span>
+<span class="i0">Die H&ouml;rner: Habt &ndash; ihr noch &ndash; nicht lang &ndash; genug &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Geschla &ndash; &ndash; &ndash; fen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Stra&szlig;e, die mein Fu&szlig; lebendig geht,<br /></span>
+<span class="i0">Zieht sich in schnurgerader Linie hin,<br /></span>
+<span class="i0">Auf zehn Minuten hab' ich &Uuml;bersicht.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>
+<span class="i0">Just, wo f&uuml;r mich der Weg den Anfang nimmt,<br /></span>
+<span class="i0">Erscheint ein Punkt, der gr&ouml;&szlig;er wird und gr&ouml;&szlig;er.<br /></span>
+<span class="i0">Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!<br /></span>
+<span class="i0">Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch<br /></span>
+<span class="i0">Und winke, und ein F&auml;hnchen zeigt sich auch<br /></span>
+<span class="i0">In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.<br /></span>
+<span class="i0">An meinen Stock kn&uuml;pf' ich das Banner an,<br /></span>
+<span class="i0">Und an den Sonnenschirm das ihre sie.<br /></span>
+<span class="i0">Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,<br /></span>
+<span class="i0">Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.<br /></span>
+<span class="i0">Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;<br /></span>
+<span class="i0">Und tutet: Habt &ndash; ihr noch &ndash; nicht lang &ndash; genug &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Geschla &ndash; &ndash; &ndash; fen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Antlitz gl&uuml;ht in freudigster Erwartung,<br /></span>
+<span class="i0">Die Kehle ist mir fast wie zugeschn&uuml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Wie schl&auml;gt mein Herz, wie atmet meine Brust.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,<br /></span>
+<span class="i0">Wie sonderbar, verk&uuml;rzt sich unsre Eile.<br /></span>
+<span class="i0">Sind wir besch&auml;mt? Auf ihren Wangen flog<br /></span>
+<span class="i0">Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.<br /></span>
+<span class="i0">Nun l&auml;chelt sie. Das K&ouml;pfchen biegt sich etwas<br /></span>
+<span class="i0">Nach rechts und r&uuml;ckw&auml;rts; ja, und dann, und dann &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Indessen brechen Horn und Trommel ab &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Stumm wie der m&ouml;nchverla&szlig;ne Klostergang<br /></span>
+<span class="i0">Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Weite Aussicht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Steht eine M&uuml;hle am Himmelsrand,<br /></span>
+<span class="i0">Scharfgezeichnet gegen m&auml;usegraue Wetterwand,<br /></span>
+<span class="i0">Und mahlt immerzu, immerzu.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>
+<span class="i0">Hinter der M&uuml;hle am Himmelsrand,<br /></span>
+<span class="i0">Ohne Himmelsrand, mahlt eine M&uuml;hle, allbekannt,<br /></span>
+<span class="i0">Mahlt immerzu, immerzu.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Erinnerung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die gro&szlig;en Feuer warfen ihren Schein<br /></span>
+<span class="i0">Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben.<br /></span>
+<span class="i0">Wir Offiziere sa&szlig;en um den Holzsto&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Und tranken Gl&uuml;hwein, sternen&uuml;berscheitelt.<br /></span>
+<span class="i0">So manches Wort, das in der Sommernacht<br /></span>
+<span class="i0">Im Fl&uuml;stern oder laut gesprochen wird,<br /></span>
+<span class="i0">Verweht der Wind, begr&auml;bt das stille Feld.<br /></span>
+<span class="i0">Die Musketiere sangen: &bdquo;Stra &ndash; a &ndash; &szlig;burg.<br /></span>
+<span class="i0">O Stra &ndash; a &ndash; &szlig;burg&nbsp;&hellip;&ldquo; Da f&uuml;hlt' ich eine Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Die leise sich auf meine Schulter legte.<br /></span>
+<span class="i0">Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer,<br /></span>
+<span class="i0">Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern<br /></span>
+<span class="i0">Quartier gehabt; der nun, verabredet,<br /></span>
+<span class="i0">Mit seinem T&ouml;chterchen gekommen war.<br /></span>
+<span class="i0">Ein M&auml;del, jung gleich einer Apfelbl&uuml;te,<br /></span>
+<span class="i0">Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt.<br /></span>
+<span class="i0">Der Alte mu&szlig;te neben uns sich setzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und w&auml;hrend ihm das Glas die Freunde f&uuml;llten,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hrt' ich, von allem ihr Erkl&auml;rung gebend,<br /></span>
+<span class="i0">Das M&auml;dchen langsam durch die Lagerreihen.<br /></span>
+<span class="i0">Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr l&auml;chelnd und ihr staunend gro&szlig;es Auge.<br /></span>
+<span class="i0">Wie sch&ouml;n sie war, wenn sie beim Feuer stand,<br /></span>
+<span class="i0">Und rote Funken knisternd uns umtanzten.<br /></span>
+<span class="i0">Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel<br /></span>
+<span class="i0">Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen.<br /></span>
+<span class="i0">Und einmal, als Soldaten, ausstaffiert<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>
+<span class="i0">Als Storch und B&auml;r, uns ihre K&uuml;nste zeigten,<br /></span>
+<span class="i0">Da lehnte fl&uuml;chtig sie, beinah erschrocken,<br /></span>
+<span class="i0">An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz.<br /></span>
+<span class="i0">Wir traten z&ouml;gernd dann den R&uuml;ckweg an,<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Es stahl der Mond sich eben in die B&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">Und in der Ferne, bei den Doppelposten,<br /></span>
+<span class="i0">Fiel dumpf verhallend durch den Wald ein Schu&szlig;. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wir gingen Hand in Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Und so, halb stehend, halb im Weitergehn,<br /></span>
+<span class="i0">Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren.<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hlte, wie die jungen Lippen mir<br /></span>
+<span class="i0">Entgegenkamen, und ich seh' noch heut<br /></span>
+<span class="i0">Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Als l&auml;ngst der Alte mit ihr weggegangen,<br /></span>
+<span class="i0">Sa&szlig; ich im Kreise meiner Kameraden<br /></span>
+<span class="i0">Und dachte voller Sehnsucht an das M&auml;dchen,<br /></span>
+<span class="i0">Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken.<br /></span>
+<span class="i0">Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt<br /></span>
+<span class="i0">Und deckte sorgsam mir den Mantel &uuml;ber.<br /></span>
+<span class="i0">Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,<br /></span>
+<span class="i0">Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Kalter Augusttag.</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir standen unter alten Riesenulmen,<br /></span>
+<span class="i0">An unseres Gartens Rand. Mein Arm umschlang<br /></span>
+<span class="i0">Die schlanke H&uuml;fte dir. Es lag dein Haupt,<br /></span>
+<span class="i0">Das sch&ouml;ne, blasse, still an meiner Schulter.<br /></span>
+<span class="i0">Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fr&ouml;stelnd<br /></span>
+<span class="i0">Zogst fester du das Tuch um deinen Hals.<br /></span>
+<span class="i0">In grauer Luft, un&uuml;bersehbar, lag<br /></span>
+<span class="i0">Der Wiesen gr&uuml;nes Flachland ausgebreitet.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>
+<span class="i0">Wie deutlich h&ouml;rten wir den Jungen schelten<br /></span>
+<span class="i0">Auf seine K&uuml;he, immer h&ouml;r' ich noch<br /></span>
+<span class="i0">Dein fr&ouml;hlich Lachen, als uns die gesunden,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Winde hergetragnen Worte trafen.<br /></span>
+<span class="i0">Und eine &Ouml;de, nordisch unbehaglich,<br /></span>
+<span class="i0">Durchfror die Landschaft. Kr&auml;hen stolperten,<br /></span>
+<span class="i0">Laut kr&auml;chzend, &uuml;bern Garten. Schl&auml;frig zog<br /></span>
+<span class="i0">Am Horizont die M&uuml;hle ihre Kreise.<br /></span>
+<span class="i0">Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah<br /></span>
+<span class="i0">Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Gl&uuml;cks.<br /></span>
+<span class="i0">Und langsam kehrten wir zur&uuml;ck ins Haus.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wieder stand ich unter unsern Ulmen,<br /></span>
+<span class="i0">Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus<br /></span>
+<span class="i0">In lichten Fr&uuml;hlingstag: Der Junge pfiff<br /></span>
+<span class="i0">Ein lustig Liedchen seinen K&uuml;hen; gl&auml;nzend<br /></span>
+<span class="i0">Im Licht umkreisten Kr&auml;hen hohe B&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">In blauer Luft schaut' ich am Horizont<br /></span>
+<span class="i0">Die M&uuml;hle schnell im Wind die Fl&uuml;gel drehn.<br /></span>
+<span class="i0">Und doch, ich sah nur graue Todesnebel,<br /></span>
+<span class="i0">Und teilnahmlos kehrt' ich zur&uuml;ck ins Haus.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Auf dem Deiche.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es ebbt. Langsam dem Schlamm und Schlick umher<br /></span>
+<span class="i0">Enttauchen alte Wracks und Besenbaken,<br /></span>
+<span class="i0">Und traurig h&uuml;llt ein graues Nebellaken<br /></span>
+<span class="i0">Die Hallig ein, die Watten und das Meer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Himmel schweigt, die Welt ist freudenleer.<br /></span>
+<span class="i0">Nachrichten, Teufel, die mich oft erschraken,<br /></span>
+<span class="i0">Sind Engel gegen solchen Widerhaken,<br /></span>
+<span class="i0">Den heut ins Herz mir w&uuml;hlt ein rauher Speer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+<span class="i0">Wie sonderbar! Ich wollte schon verzagen<br /></span>
+<span class="i0">Und mich ergeben ohne Mannesw&uuml;rde,<br /></span>
+<span class="i0">Da blitzt ein Bild empor aus fernen Tagen:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf meiner Stute &uuml;ber Heck' und H&uuml;rde<br /></span>
+<span class="i0">Weit der Schwadron voran seh' ich mich jagen<br /></span>
+<span class="i0">In Schlacht und Sieg, entlastet aller B&uuml;rde.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Sizilianen.</h3>
+
+<h4>Die Insel der Gl&uuml;cklichen.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das H&auml;ngel&auml;mpchen qualmt im warmen Stalle,<br /></span>
+<span class="i0">In dem behaglich sich zwei K&uuml;he f&uuml;hlen.<br /></span>
+<span class="i0">Der Hahn, die Hennen, um den Spro&szlig; die Kralle,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;umen vom wunderbaren D&uuml;ngerw&uuml;hlen.<br /></span>
+<span class="i0">Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle<br /></span>
+<span class="i0">Dem Br&uuml;derchen ein Lied mit Zartgef&uuml;hlen.<br /></span>
+<span class="i0">Und Knaben, K&uuml;he, H&uuml;hner lassen alle<br /></span>
+<span class="i0">Getrost den Strom der Welt vor&uuml;bersp&uuml;len.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4><span class="antiqua">Souvenir de la Malmaison.</span></h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die menschenblasse Rose legte ich<br /></span>
+<span class="i0">Auf deine kalten, &uuml;berkreuzten H&auml;nde,<br /></span>
+<span class="i0">Und strich dein Haar zur&uuml;ck und pflegte dich,<br /></span>
+<span class="i0">Ob ich dein jubelnd Leben wiederf&auml;nde.<br /></span>
+<span class="i0">Im Zimmer, irrgeflogen, regte sich<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schmetterling, die alte Grablegende.<br /></span>
+<span class="i0">Dein Sarg schlo&szlig; zu, der Kummer fegte mich<br /></span>
+<span class="i0">In fernes Land aus trostlosem Gel&auml;nde.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>Sommernacht.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">An ferne Berge schlug die Donnerkeulen<br /></span>
+<span class="i0">Ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>
+<span class="i0">Die Bauern zogen heim auf m&uuml;den G&auml;ulen,<br /></span>
+<span class="i0">Und singend kehrte Winzervolk und Schnitter.<br /></span>
+<span class="i0">Auf allen D&auml;chern qualmten blaue S&auml;ulen<br /></span>
+<span class="i0">Gen&uuml;gsam himmelan, ein luftig Gitter.<br /></span>
+<span class="i0">Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,<br /></span>
+<span class="i0">Einsam aus einer Laube klingt die Zither.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>Nach der H&uuml;hnerjagd.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Erhitzt und m&uuml;de, durstig, stark verbrannt,<br /></span>
+<span class="i0">Kehr' ich in meine Waldherberge ein.<br /></span>
+<span class="i0">Gewehr und M&uuml;tze h&auml;ng' ich an die Wand,<br /></span>
+<span class="i0">Den Eimer sucht mein Hund und schlappt ihn rein.<br /></span>
+<span class="i0">Die junge Witwe lehnt am Schenkenstand,<br /></span>
+<span class="i0">Freundarm und stumm, im letzten Abendschein,<br /></span>
+<span class="i0">Dann l&auml;chelt sie verstohlen, abgewandt,<br /></span>
+<span class="i0">Der G&auml;ste Aufbruch l&auml;&szlig;t uns bald allein.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>Der Hohenfriedeberger.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Instrumente her! da&szlig; ihr euch sputet,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn einst der Tod macht in mein Buch den Klecks,<br /></span>
+<span class="i0">Den gro&szlig;en Klecks, der alles &uuml;berflutet.<br /></span>
+<span class="i0">Den Schlachtentrumpfer blast, und nicht perplex!<br /></span>
+<span class="i0">Den Hohenfriedeberger trommelt, tutet,<br /></span>
+<span class="i0">Mit seinen Pauken sei mein Leben ex!<br /></span>
+<span class="i0">Und komm' ich oben an so unvermutet,<br /></span>
+<span class="i0">Aufbr&uuml;ll' ich: Vivat Fridericus Rex!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Einer Toten.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach, da&szlig; du lebtest!<br /></span>
+<span class="i10">Tausend schwarze Kr&auml;hen,<br /></span>
+<span class="i0">Die mich umflatterten auf allen Wegen,<br /></span>
+<span class="i0">Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>
+<span class="i0">Die wei&szlig;en Tauben deiner Fr&ouml;hlichkeit.<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; du noch lebtest!<br /></span>
+<span class="i10">Schwer und kalt bedr&auml;ngt<br /></span>
+<span class="i0">Die Erde deinen Sarg und h&auml;lt dich fest.<br /></span>
+<span class="i0">Ich geh' nicht hin, ich finde dich nicht mehr.<br /></span>
+<span class="i0">Und Wiedersehn?<br /></span>
+<span class="i9">Was soll ein Wiedersehn,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn wir zusammen Hosianna singen,<br /></span>
+<span class="i0">Und ich dein Lachen nicht mehr h&ouml;ren kann?<br /></span>
+<span class="i0">Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Tag ist heut so sch&ouml;n. Wo ist Chasseur?<br /></span>
+<span class="i0">Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux,<br /></span>
+<span class="i0">Und geh ins Feld, die H&uuml;hner halten noch.<br /></span>
+<span class="i0">Doch bieg nicht in das Buchenw&auml;ldchen ab,<br /></span>
+<span class="i0">Und leg dich nicht ins Moos und tr&auml;ume nicht.<br /></span>
+<span class="i0">Pa&szlig; auf die H&uuml;hner und sei nicht zerstreut,<br /></span>
+<span class="i0">Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte.<br /></span>
+<span class="i0">Und alle Orgeldreher heut verw&uuml;nsch' ich,<br /></span>
+<span class="i0">Die luftgetragnen Ton von fernen D&ouml;rfern<br /></span>
+<span class="i0">Dir zusenden, ich seh' dann keine H&uuml;hner.<br /></span>
+<span class="i0">Und doch, die braune Heide liegt so still,<br /></span>
+<span class="i0">Dich r&uuml;hrt ihr Zauber, la&szlig; dich nur bestricken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir essen heute abend Erbsensuppe,<br /></span>
+<span class="i0">Und der Margaux hat schon die Zimmerw&auml;rme;<br /></span>
+<span class="i0">Bring also Hunger mit und gute Laune.<br /></span>
+<span class="i0">Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern.<br /></span>
+<span class="i0">Und willst du mehr, wir gehen an den Fl&uuml;gel<br /></span>
+<span class="i0">Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms.<br /></span>
+<span class="i0">Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn.<br /></span>
+<span class="i0">Du lieber Himmel, deine Gl&auml;ubiger<br /></span>
+<span class="i0">Sind keine Teufel, die dich braten k&ouml;nnen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+<span class="i0">Und alles wird sich machen.<br /></span>
+<span class="i13">Hier noch eins:<br /></span>
+<span class="i0">Ich tat dir guten Kognak in die Flasche;<br /></span>
+<span class="i0">Gr&uuml;&szlig; Heide mir und Wald und all die Felder,<br /></span>
+<span class="i0">Die abseits liegen, und vergi&szlig; die Schulden.<br /></span>
+<span class="i0">Ich seh' indessen in der K&uuml;che nach,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; uns die Erbsensuppe nicht verbrennt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; du noch lebtest!<br /></span>
+<span class="i10">Tausend schwarze Kr&auml;hen,<br /></span>
+<span class="i0">Die mich umflatterten auf allen Wegen,<br /></span>
+<span class="i0">Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,<br /></span>
+<span class="i0">Die wei&szlig;en Tauben deiner Fr&ouml;hlichkeit.<br /></span>
+<span class="i0">Ach, da&szlig; du lebtest!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Gestorbene Liebe.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In nackter W&uuml;ste ruht ein L&ouml;wenpaar,<br /></span>
+<span class="i0">Das gelbe Fell vom gelben Sand abhebend.<br /></span>
+<span class="i0">Im Schlafe dehnen sich die tr&auml;gen Glieder.<br /></span>
+<span class="i0">Erwachend, leckt bed&auml;chtig eins das andre,<br /></span>
+<span class="i0">Und streckt und reckt sich, g&auml;hnt, und schl&auml;ft von neuem.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein zweiter Leuenherr zeigt sich in Fernen.<br /></span>
+<span class="i0">Er n&auml;hert sich, er stockt, als die Genossen<br /></span>
+<span class="i0">Er unbek&uuml;mmert vor sich liegen sieht.<br /></span>
+<span class="i0">Nun peitscht sein Schweif, nach Katzenart, die Erde,<br /></span>
+<span class="i0">Er rei&szlig;t den Rachen auf wie eine Torfahrt,<br /></span>
+<span class="i0">Und Donner rollt ihm aus dem hei&szlig;en Schlunde.<br /></span>
+<span class="i0">Er kauert sich, und knurrt, und &auml;ugt hin&uuml;ber.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schwerf&auml;llig wird das Ehep&auml;rchen munter,<br /></span>
+<span class="i0">Schwerf&auml;llig kommt es endlich auf die Beine.<br /></span>
+<span class="i0">Der zweite Nobel holt zum Sprunge aus,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+<span class="i0">Und springt, und springt dem Weibchen an die Seite.<br /></span>
+<span class="i0">Das Weibchen dann trabt mit dem Seladon<br /></span>
+<span class="i0">Gem&uuml;tlich einem Felsendache zu.<br /></span>
+<span class="i0">Das M&auml;nnchen stutzt, will br&uuml;llen, schweigt,<br /></span>
+<span class="i0">Und legt sich wieder nieder: Lat ehr lopen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Genius.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Gewitter dr&uuml;ckt auf Sanssouci,<br /></span>
+<span class="i0">Ich stand im Park und schaute<br /></span>
+<span class="i0">Zum Schlo&szlig; hinan, das ein Genie<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r seine Seele baute.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und Nacht: Aus schwarzer Pracht ein Blitz,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Himmel j&auml;h gesendet,<br /></span>
+<span class="i0">Und oben steht der Alte Fritz,<br /></span>
+<span class="i0">Wo die Terrasse endet.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Augenblick! Grell, beinernbla&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Den Kr&uuml;ckstock schr&auml;g zur Erde,<br /></span>
+<span class="i0">Verachtung steint und Menschenha&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Ihm Antlitz und Geb&auml;rde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Einsamer K&ouml;nig, mir ein Gott,<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah an deinem Munde<br /></span>
+<span class="i0">Den herben Zug von Stolz und Spott<br /></span>
+<span class="i0">Aus deiner Sterbestunde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Denselben Zug, der streng und hart<br /></span>
+<span class="i0">Verr&auml;t die Adelsgeister,<br /></span>
+<span class="i0">Der aus der Totenmaske starrt<br /></span>
+<span class="i0">Bei jedem gro&szlig;en Meister.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span></div>
+<h3>Die Spinnerin von Sankt Peter.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf der Magdalenenspitze<br /></span>
+<span class="i0">In den D&uuml;nen von Sankt Peter<br /></span>
+<span class="i0">Sitzt in hellen Sommern&auml;chten<br /></span>
+<span class="i0">Stumm die sch&ouml;ne Frau Maleen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihr zur Seite steht das Spinnrad,<br /></span>
+<span class="i0">Doch die H&auml;nde ruhn im Scho&szlig;e,<br /></span>
+<span class="i0">Ihrer Augen Sehnsuchtsketten<br /></span>
+<span class="i0">Ankern in der wilden See.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sieht sie einer aus der Ferne,<br /></span>
+<span class="i0">Macht er schaudernd kehrt. Ihr Schatten<br /></span>
+<span class="i0">Bringt ihm noch vor Jahreswende<br /></span>
+<span class="i0">Ungl&uuml;ck oder Tod ins Haus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gestern in der Julimondluft<br /></span>
+<span class="i0">Sah ich sie aus gro&szlig;er Weite.<br /></span>
+<span class="i0">Pl&ouml;tzlich zog mich toller F&uuml;rwitz,<br /></span>
+<span class="i0">In der N&auml;he sie zu sehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Tiefe Ruhe. Flutgewisper.<br /></span>
+<span class="i0">Nur die D&uuml;neneule flattert<br /></span>
+<span class="i0">Leise, wie mit Vampirfl&uuml;geln,<br /></span>
+<span class="i0">Wohlig durch die weiche Nacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nah und n&auml;her, immer n&auml;her,<br /></span>
+<span class="i0">Zagen Schrittes, offnen Mundes,<br /></span>
+<span class="i0">Mit weitaufgeri&szlig;nen Augen,<br /></span>
+<span class="i0">Komm' ich endlich zu ihr hin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und mich d&uuml;nkt, die dort ich finde,<br /></span>
+<span class="i0">Ist nicht mehr als eine Puppe,<br /></span>
+<span class="i0">Eine Puppe aus dem Vorstadt-<br /></span>
+<span class="i0">Wachsfigurenkabinett.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>
+<span class="i0">Da &ndash; entsetzlich! dreht sie langsam,<br /></span>
+<span class="i0">Lautlos-ruckweis wie ein Uhrwerk,<br /></span>
+<span class="i0">Ihre Stirn nach meiner Stirne:<br /></span>
+<span class="i0">Grinst mich eine Leiche an?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ohnm&auml;chtig brach ich zusammen,<br /></span>
+<span class="i0">Bis der Morgentau mich weckte.<br /></span>
+<span class="i0">Kalt und keusch, unendlich einsam<br /></span>
+<span class="i0">Lag das unbewegte Meer.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>M&auml;rztag.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wolkenschatten fliehen &uuml;ber Felder,<br /></span>
+<span class="i0">Blau umdunstet stehen ferne W&auml;lder.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Kraniche, die hoch die Luft durchpfl&uuml;gen,<br /></span>
+<span class="i0">Kommen schreiend an in Wanderz&uuml;gen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Lerchen steigen schon in lauten Schw&auml;rmen<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;berall ein erstes Fr&uuml;hlingsl&auml;rmen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Lustig flattern, M&auml;dchen, deine B&auml;nder,<br /></span>
+<span class="i0">Kurzes Gl&uuml;ck tr&auml;umt durch die weiten L&auml;nder.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Kurzes Gl&uuml;ck schwamm mit den Wolkenmassen,<br /></span>
+<span class="i0">Wollt' es halten, mu&szlig;t' es schwimmen lassen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Letzter Wunsch.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i6">Den Hengst, den Hengst!<br /></span>
+<span class="i6">Gebt meinen Hengst mir!<br /></span>
+<span class="i0">Schaum spritzt ihm vom Z&uuml;gel, seine Flanken zittern.<br /></span>
+<span class="i0">Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet.<br /></span>
+<span class="i6">Gebt meinen Hengst mir,<br /></span>
+<span class="i6">Den Hengst, den Hengst!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>
+<span class="i6">Mir nach, mir nach!<br /></span>
+<span class="i6">Degen heraus jetzt!<br /></span>
+<span class="i0">Sturmmarsch h&ouml;r' ich schlagen, h&ouml;re euer Hurra.<br /></span>
+<span class="i0">In Rauch und Blut seh' ich euch, in Rauch und Flammen.<br /></span>
+<span class="i6">Degen heraus jetzt,<br /></span>
+<span class="i6">Mir nach, mir nach!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i6">Zum Sieg, zum Sieg!<br /></span>
+<span class="i6">Erde, erbebe!<br /></span>
+<span class="i0">Pulverdampf und Leichen. Vorw&auml;rts ohne Wanken.<br /></span>
+<span class="i0">Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Fahnen flattern.<br /></span>
+<span class="i6">Erde, erbebe,<br /></span>
+<span class="i6">Zum Sieg, zum Sieg!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i6">Komm, Tod! komm, Tod!<br /></span>
+<span class="i6">Feind ist erschlagen!<br /></span>
+<span class="i0">Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Auge:<br /></span>
+<span class="i0">Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe!<br /></span>
+<span class="i6">Feind ist erschlagen!<br /></span>
+<span class="i6">Komm, Tod! komm, Tod!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Loerke" id="Loerke"></a>Oskar Loerke.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 13. M&auml;rz 1884 zu Jungen im Kreise Schwetz, Westpreu&szlig;en. &ndash;
+Wanderschaft 1911. Gedichte 1916.</p>
+
+
+<h3>Fr&uuml;hlingswille.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Bei einer stehn im Fensterrahmen,<br /></span>
+<span class="i0">Im Wechselwort das Herz ersch&uuml;ttern,<br /></span>
+<span class="i0">Und leise fort &ndash; es gibt kein Amen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Von unsern M&uuml;ttern<br /></span>
+<span class="i0">Sprechen und der M&uuml;tter M&uuml;ttern<br /></span>
+<span class="i0">Und den Urm&uuml;ttern&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>
+<span class="i0">Und atmen in die Blust der Kirschen,<br /></span>
+<span class="i0">Gez&auml;hmte wilde Enten f&uuml;ttern,<br /></span>
+<span class="i0">Und singen von den wei&szlig;en Hirschen<br /></span>
+<span class="i0">Und von den M&uuml;ttern<br /></span>
+<span class="i0">Und der M&uuml;tter M&uuml;ttern<br /></span>
+<span class="i0">Und den Urm&uuml;ttern&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bei gelbem Wein die Nacht verzechen,<br /></span>
+<span class="i0">Nach Ewigkeit umschlungen st&ouml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">Und von den Abenteuern sprechen,<br /></span>
+<span class="i0">Die unsren S&ouml;hnen<br /></span>
+<span class="i0">Begegnen und den S&ouml;hnen<br /></span>
+<span class="i0">Der Enkels&ouml;hne&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Nirwana.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Tal ist wie aus klarem Golde,<br /></span>
+<span class="i0">Es stehn im Tale ohne Hauch<br /></span>
+<span class="i0">Die B&auml;ume schief wie Trunkenbolde<br /></span>
+<span class="i0">An Seen diamantenen Lichts.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Tal vergeht zu goldnem Rauch<br /></span>
+<span class="i0">Und dann zu goldnem Traume<br /></span>
+<span class="i0">Und dann zu goldnem Raume<br /></span>
+<span class="i0">Und dann zu goldnem Nichts.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Hinterhaus.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i3">In kalten, steifen Engen,<br /></span>
+<span class="i3">An gelben Schornsteinl&auml;ngen,<br /></span>
+<span class="i3">Verirrten Schieferd&auml;chern,<br /></span>
+<span class="i3">Verstaubten Lukenf&auml;chern,<br /></span>
+<span class="i3">An braunen glatten R&ouml;hren,<br /></span>
+<span class="i3">An roten Drahtes &Ouml;hren,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+<span class="i3">Verblichnen blauen Flecken<br /></span>
+<span class="i3">Und blechbehuften Ecken<br /></span>
+<span class="i0">Liegt Sonne, wie nach Winkelma&szlig; gemessen<br /></span>
+<span class="i0">Und wie von einem Handwerksmann vergessen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i3">Hier hinter Luken wimmeln,<br /></span>
+<span class="i3">In Kellerl&ouml;chern schimmeln<br /></span>
+<span class="i3">Und tanzen unter Sparren<br /></span>
+<span class="i3">Wir galgenfrohen Narren,<br /></span>
+<span class="i3">Die sich in Kammern b&uuml;cken,<br /></span>
+<span class="i3">Doch ihre W&auml;nde schm&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i3">Mit goldnen Sterntapeten,<br /></span>
+<span class="i3">Weil wir vom Himmel wehten,<br /></span>
+<span class="i0">Wir Fetzen Licht, nach Winkelma&szlig; gemessen<br /></span>
+<span class="i0">Und wie von einem Handwerksmann vergessen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die graue Melodie.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ja? Gab es Tage, wo ich selbst Komet<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn soviel nicht, eines Sterns Trabant<br /></span>
+<span class="i0">Mich glaubte? Aber nichts ist doch so stet<br /></span>
+<span class="i0">Wie diese harte Melodie: Sand, Sand,<br /></span>
+<span class="i6">Sand, Sand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und so wird Morgen, und so wird es sp&auml;t,<br /></span>
+<span class="i0">Ich zog mich an, ich zieh mich wieder aus,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie mein Mund das Licht vom Dochte weht,<br /></span>
+<span class="i0">Verweht ein Mund den Tag, ein Kartenhaus,<br /></span>
+<span class="i6">Ein Kartenhaus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Tag war bunt, hat Bild mit Bild getauscht,<br /></span>
+<span class="i0">Doch pr&uuml;fe ich, wie war er wirr gest&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i0">Wie oft hat mich das Leben denn berauscht,<br /></span>
+<span class="i0">Und geht doch hin!! &ndash; und viele hat's begl&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i6">Begl&uuml;ckt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span></div>
+<h3>Inbrunst.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Sterne sind zu gro&szlig; und mu&szlig;ten wohl deshalb<br /></span>
+<span class="i0">So weit hinaus, und sie erhellen nichts bei uns.<br /></span>
+<span class="i0">Der Wind stieg tastend aus der Nacht des Weltenbrunns.<br /></span>
+<span class="i0">Er sitzt den Heimath&uuml;geln auf der Brust als Alp.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Wolken fahren auf wie Schiffe vor der Schlacht.<br /></span>
+<span class="i0">Ist mir die Sehnsucht ferner Welten zugeirrt?<br /></span>
+<span class="i0">Du, Erde, bist mein Saal, doch meine Seele wird<br /></span>
+<span class="i0">Auf einem andern Sterne schlafen diese Nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Lotz" id="Lotz"></a>Ernst Wilhelm Lotz.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren 1890 zu Culm an der Weichsel, fiel am 26. September 1914 in
+Frankreich. &ndash; Wolken&uuml;berflaggt 1917.</p>
+
+
+<h3>Glanzgesang.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich war ein F&auml;hnrich und ein junger Offizier.<br /></span>
+<span class="i0">Doch jene Tage, die vertr&auml;umt manchmal in meine N&auml;chte ragen,<br /></span>
+<span class="i0">Geh&ouml;ren nicht mehr mir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im gro&szlig;en Trott bin ich auf harten Stra&szlig;en mitgeschritten,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Staub der M&auml;rsche und vom gr&uuml;nen Wind besonnt.<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin durch staunende D&ouml;rfer, durch Str&ouml;me und alte St&auml;dte geritten,<br /></span>
+<span class="i0">Und das Leben war wehend blond.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale<br /></span>
+<span class="i0">Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht,<br /></span>
+<span class="i0">Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale,<br /></span>
+<span class="i0">Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+<span class="i0">So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen,<br /></span>
+<span class="i0">In gro&szlig;e Kontore, die staubig rochen herein,<br /></span>
+<span class="i0">Da mu&szlig;te ich meinen R&uuml;cken zur Sichel biegen<br /></span>
+<span class="i0">Und Zahlen mit spitzen Fingern in B&uuml;cher reihn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und irgendwo hingen die gr&uuml;nen K&uuml;sten der Fernen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht,<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig; rasteten Karawanen an W&uuml;sten-Zisternen,<br /></span>
+<span class="i0">Die H&auml;upter gl&auml;ubig nach Osten gedreht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf Ozeanen zogen die gro&szlig;en Fronten<br /></span>
+<span class="i0">Der Schiffe, von fliegenden Fischen k&uuml;hl &uuml;berschwirrt<br /></span>
+<span class="i0">Und breiter Pr&auml;rien glitzernde Horizonte<br /></span>
+<span class="i0">Umkreisten Gespanne, f&uuml;r lange Fahrten geschirrt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Von Kameruns unergr&uuml;ndlichen W&auml;ldern umsungen,<br /></span>
+<span class="i0">Vom m&ouml;rderischen Brodem des Bodens umloht,<br /></span>
+<span class="i0">Gehorchten zitternde Wilde, von Gei&szlig;eln der Wei&szlig;en umschwungen,<br /></span>
+<span class="i0">Und schwarz von Kannibalen der gl&uuml;henden W&auml;lder umdroht!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Amerikas gro&szlig;e St&auml;dte brausten im Grauen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Riesenkr&auml;ne griffen mit heiserm Geschrei<br /></span>
+<span class="i0">In die B&auml;uche der Schiffe, die Frachten zu stauen,<br /></span>
+<span class="i0">Und Eisenbahnen donnerten landw&auml;rts vom Kai. &ndash; &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So hab' ich nachbarlich alle Zonen gesehen,<br /></span>
+<span class="i0">Rings von den Pulten gr&uuml;nten die Inseln der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen,<br /></span>
+<span class="i0">Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. &ndash; &ndash; &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>
+<span class="i0">Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden!<br /></span>
+<span class="i0">Und st&uuml;rmte mit w&uuml;tendem Lachen zur T&uuml;re hinaus.<br /></span>
+<span class="i0">Und sa&szlig; durch Tage und N&auml;chte mit satten und platten<br /></span>
+<span class="i0">Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und einmal sank ich r&uuml;ckw&auml;rts in die Kissen,<br /></span>
+<span class="i0">Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da sah ich: da&szlig; in vagen Finsternissen<br /></span>
+<span class="i0">Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Schwebende.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Jugend h&auml;ngt um mich wie Schlaf.<br /></span>
+<span class="i0">Dickicht, Lichter &ndash; berieselt. Garten. Ein blitzender See.<br /></span>
+<span class="i0">Und dr&uuml;ber geweht die Wolken, die z&ouml;gernden, leichten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Irrlichternd spiele ich durch greise Stra&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster<br /></span>
+<span class="i0">Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da heb' ich meine l&auml;chelnd schmalen H&auml;nde<br /></span>
+<span class="i0">Und breite einen Schleier von Musik<br /></span>
+<span class="i0">Sehr s&uuml;&szlig; und m&uuml;de machend um mich aus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und meine F&uuml;&szlig;e treten in den Garten,<br /></span>
+<span class="i0">Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, ergl&uuml;hend,<br /></span>
+<span class="i0">St&ouml;hnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da sch&uuml;ttle ich mein weiches Haar im Winde,<br /></span>
+<span class="i0">Und rote D&uuml;fte reifer Sommertr&auml;ume<br /></span>
+<span class="i0">Umwiegen meinen silberleichten Gang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bla&szlig; friert ein Fenster, angelehnt im Winde,<br /></span>
+<span class="i0">Draus heiser greller Schrei und Weinen singen<br /></span>
+<span class="i0">Um einen Toten auf der dunklen Fahrt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>
+<span class="i0">Ich schlie&szlig;e meine Augen, schwere Wimpern,<br /></span>
+<span class="i0">Und sehe L&auml;ndereien gr&uuml;n vor S&uuml;den,<br /></span>
+<span class="i0">Und Fernen z&auml;rtlich weit f&uuml;r Tr&auml;umereien.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein gl&auml;nzend helles Kaffeehaus, voll Stimmen<br /></span>
+<span class="i0">Und voll Geb&auml;rden, lichtet sich, zerteilt.<br /></span>
+<span class="i0">An blanken Tischen sitzen meine Freunde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie sprechen helle Worte in das Licht.<br /></span>
+<span class="i0">Und jeder spricht f&uuml;r sich und sagt es deutlich,<br /></span>
+<span class="i0">Und alle singen schwer im tiefen Chor:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Drei Worte, die ich nie begreifen werde,<br /></span>
+<span class="i0">Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen,<br /></span>
+<span class="i0">Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_mombert" id="abb_mombert"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 350px;">
+<img src="images/mombert.jpg" width="350" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Alfred Mombert</span>
+</div>
+
+
+<h3>Hart sto&szlig;en sich die W&auml;nde in den Stra&szlig;en.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hart sto&szlig;en sich die W&auml;nde in den Stra&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,<br /></span>
+<span class="i0">Und Kaffeeh&auml;user schweben im Geleucht<br /></span>
+<span class="i0">Der Scheiben, hoch gef&uuml;llt mit wiehernden Grimassen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind nach S&uuml;den krank, nach Fernen, Wind,<br /></span>
+<span class="i0">Nach W&auml;ldern, fremd von ungek&uuml;hlten L&uuml;sten,<br /></span>
+<span class="i0">Und W&uuml;steng&uuml;rteln, die voll Sommer sind,<br /></span>
+<span class="i0">Nach wei&szlig;en Meeren, brodelnd an besonnte K&uuml;sten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,<br /></span>
+<span class="i0">Es m&uuml;&szlig;ten Pantherinnen sein, gef&auml;hrlich zart,<br /></span>
+<span class="i0">In einem wild gekochten Fieberland geboren.<br /></span>
+<span class="i0">Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+<span class="i0">Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.<br /></span>
+<span class="i0">Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.<br /></span>
+<span class="i0">Wir leuchten leise. &ndash; Doch wir k&ouml;nnten brennen.<br /></span>
+<span class="i0">Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Mombert" id="Mombert"></a>Alfred Mombert.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 6. Februar 1872 zu Karlsruhe. &ndash; Tag und Nacht 1894.
+Der Gl&uuml;hende 1896. Die Sch&ouml;pfung 1897. Der Denker 1901. Die
+Bl&uuml;te des Chaos 1905. Der Sonne-Geist 1905. Aeon 1907, 1910, 1911.
+Der himmlische Becher 1909. Der Held der Erde 1919.</p>
+
+
+<h3>Das junge Liebchen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das junge Liebchen sa&szlig; bei mir am Tisch.<br /></span>
+<span class="i0">Ich a&szlig; und trank und weinte bitterlich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es hatt' ein zartes Linnen aufgelegt.<br /></span>
+<span class="i0">Das war aus seinem Hemdelein gen&auml;ht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es bot mir dar ein silbern Becherlein,<br /></span>
+<span class="i0">Da war sein eigen Blut darin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es reichte mir vom frischen Brot den Laib.<br /></span>
+<span class="i0">Das war sein eigner liebewarmer Leib.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann l&auml;chelt' es geheim und sonderbar,<br /></span>
+<span class="i0">Steckte eine Rose sich ins Haar. &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich liege&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich liege mit einer Frau im offnen Fenster.<br /></span>
+<span class="i0">Die beiden Arme ruhen beieinander.<br /></span>
+<span class="i0">Wir schaun hinab in ein Blumeng&auml;rtchen.<br /></span>
+<span class="i0">Blicken beide stumm auf eine rote Nelke.<br /></span>
+<span class="i0">Wir wissen, da&szlig; wir jetzt und so uns lieben.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+<span class="i0">Auch: da&szlig; wir niemals mehr uns lieben werden<br /></span>
+<span class="i0">Nach diesem Augenblick.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ja in der Jugend&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ja in der Jugend war ich der starke Junge,<br /></span>
+<span class="i0">Schleppte die st&auml;rksten Helden an meinem Tau;<br /></span>
+<span class="i0">Aber da w&auml;sserte mir die Zunge,<br /></span>
+<span class="i0">Und da hing ich am Arm einer Ehefrau.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich hab' eine sch&ouml;ne Tochter, einen stolzen Sohn.<br /></span>
+<span class="i0">Die lehnen rechts und links an meinem steilen Thron.<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin in der H&ouml;he der Kaiser.<br /></span>
+<span class="i0">Aber mein Haar wird st&uuml;ndlich wei&szlig;er.<br /></span>
+<span class="i0">Sie l&auml;cheln, sie fl&uuml;stern in der Tiefe in geheimem Ton.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Nun beugt die Nacht&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun beugt die Nacht sich singend &uuml;ber mich.<br /></span>
+<span class="i0">Ich ward erw&auml;hlter Liebling der Natur.<br /></span>
+<span class="i0">In einer Barke liegend<br /></span>
+<span class="i0">Einen blauen Strom hinab durch gr&uuml;ne Landschaft,<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonneseele &uuml;ber mir, Fahnen<br /></span>
+<span class="i0">Am Ufer, t&ouml;nt Musik, und Festtagmenschen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">O Seele! volles, volles Leben!<br /></span>
+<span class="i0">Einem sch&auml;umenden Silberwassersturze treib' ich zu.<br /></span>
+<span class="i0">Stolze Klippen! jubelnd gr&uuml;&szlig;t euch<br /></span>
+<span class="i0">Das reichste Herz! seid w&uuml;rdig,<br /></span>
+<span class="i0">Schmettert k&uuml;hn hinab!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span></div>
+<h3>Wann ich von dir gehe&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wann ich von dir gehe,<br /></span>
+<span class="i0">Noch schallt die Marmortreppe unter mir,<br /></span>
+<span class="i0">Verwandelt sich mein Antlitz, meine Haltung &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Werd' ich zum Wurm? &ndash; werd' ich zum Engel?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus dunklen W&auml;ldern kam ich her zu dir<br /></span>
+<span class="i0">In die strahlende Marmorstadt.<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;sse mich<br /></span>
+<span class="i0">In goldenen Str&auml;hnen!<br /></span>
+<span class="i0">Doch in mir sind die dunklen Eibenw&auml;lder.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Auf steilem Felsr&uuml;cken&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf steilem Felsr&uuml;cken hingestreckt m&auml;chtig ein Weib,<br /></span>
+<span class="i0">Ein einzig f&uuml;hlend Auge der wei&szlig;e weiche Leib.<br /></span>
+<span class="i0">Zugepre&szlig;t krampfhaft das winzige graue Augenpaar:<br /></span>
+<span class="i0">Sieghaft droben die Sonne. Die Sonne sieghaft, ruhend klar.<br /></span>
+<span class="i0">Sie zuckt! b&auml;umt! windet sich! empor! schimmernd in Qual!<br /></span>
+<span class="i0">Goldene Str&ouml;me: es sch&auml;umt ihr wild Haar zu Tal.<br /></span>
+<span class="i0">Und eins &ndash; immer eins das wei&szlig;e Ringen spricht:<br /></span>
+<span class="i0">Schmerzvoll ist das Licht!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich m&ouml;cht' es kosten&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich m&ouml;cht' es kosten, in seliger Neugier,<br /></span>
+<span class="i0">Das was man Tod nennt.<br /></span>
+<span class="i0">Manche lange Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Hab' ich gekostet, was so fremd mir war,<br /></span>
+<span class="i0">So &uuml;berm&auml;chtig, wie kein Tod es sein kann.<br /></span>
+<span class="i0">Ich stand oft an jener feinsten Linie<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+<span class="i0">Und war wohl schon mit halber Seele dr&uuml;ben.<br /></span>
+<span class="i0">Ich hab' das nicht gewollt; es war ein Leiden.<br /></span>
+<span class="i0">Nur eine Stimmung kr&auml;ftigte ich mir.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Kinderl&auml;cheln meinen Seelewundern.<br /></span>
+<span class="i0">Am Ende flie&szlig;en nun die Freudetr&auml;nen.<br /></span>
+<span class="i0">Wo bist du, Sehnsucht? &ndash; Alles ist Erf&uuml;llung.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Schwindsucht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus einer Wallfahrtskirche treten sie,<br /></span>
+<span class="i0">Drin wundert&auml;tig eine Heilige wirkt.<br /></span>
+<span class="i0">Ein junger Mann und eine blasse Frau.<br /></span>
+<span class="i0">Sie f&uuml;hren sich an der Hand wie Kinder,<br /></span>
+<span class="i0">Die scheu verstohlen Zuckerwerk genascht.<br /></span>
+<span class="i0">Ein m&uuml;des L&auml;cheln hi&szlig;t sich auf Halbmast.<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Nun bin ich bald gesund, du s&uuml;&szlig;er Mann&ldquo;&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Nun bist du bald gesund, mein s&uuml;&szlig;es Weib&ldquo;&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Trinkend&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Trinkend hatt' ich erharrt<br /></span>
+<span class="i0">Deine Gegenwart.<br /></span>
+<span class="i0">Und nun du eingetreten,<br /></span>
+<span class="i0">Ist alles sch&ouml;n und stille,<br /></span>
+<span class="i0">Du und deine feierlichen Reden,<br /></span>
+<span class="i0">L&auml;chelnd ruht mein Wille.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du und dein Samt- und Sternekleid.<br /></span>
+<span class="i0">Ich und meine schaffende Vergangenheit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich bemerke wein- und glutselig:<br /></span>
+<span class="i0">Die Krone, die um deine Schl&auml;fen blitzt und d&auml;mmert,<br /></span>
+<span class="i0">Hab' ich vor tausend Jahren zurechtgeh&auml;mmert.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span></div>
+<h3>Im Mondlicht&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Mondlicht und im Sonnelicht<br /></span>
+<span class="i0">Schrieb ich mein Gedicht,<br /></span>
+<span class="i0">Seltener im Sternelicht.<br /></span>
+<span class="i0">Die kleineren Lichter<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;berlie&szlig; ich dem guten deutschen Dichter.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Da sp&uuml;lst du bunte Muscheln&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Da sp&uuml;lst du bunte Muscheln an den Strand<br /></span>
+<span class="i0">Zum Spiel f&uuml;r die alte Sch&ouml;pferhand.<br /></span>
+<span class="i0">Und so ruhend Hand in Hand mit dir<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hl' ich das Unverg&auml;ngliche in mir.<br /></span>
+<span class="i0">In blauer Luft der Adler schreit.<br /></span>
+<span class="i0">O feuchter Wind! o k&uuml;hle Zeit!<br /></span>
+<span class="i0">Ein spielend Kind,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Kind mit uferloser Vergangenheit.<br /></span>
+<span class="i0">O L&auml;cheln, das aus meinem Menschenherzen flie&szlig;t<br /></span>
+<span class="i0">Und sich in tr&auml;nendem Gesang vergie&szlig;t.<br /></span>
+<span class="i0">Du Glut und Pracht!<br /></span>
+<span class="i0">Du meine Sch&ouml;pfermacht!<br /></span>
+<span class="i0">Du Meer! Du Sonne! &ndash; Adlerschrei! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und immer die gro&szlig;e Melodie dabei.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Zwischen zwei dunklen Wogen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwischen zwei dunklen Wogen liegend,<br /></span>
+<span class="i0">Ihren Untertanentrotz mir niederbiegend,<br /></span>
+<span class="i0">Ruf' ich meine Machtstunde auf.<br /></span>
+<span class="i0">Alsobald schwebt der Nachtplanet herauf,<br /></span>
+<span class="i0">Er lagert hoch &uuml;ber der gl&auml;nzenden Ozeanfl&auml;che<br /></span>
+<span class="i0">Am Stamm der himmeldunklen Esche.<br /></span>
+<span class="i0">Dr&ouml;hnende Stunde der feierlichen Achtung,<br /></span>
+<span class="i0">Der schweigenden Betrachtung.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>
+<span class="i0">Einst war hier nichts als mein Beruf.<br /></span>
+<span class="i0">Heut lieg' ich k&ouml;rperlich in gro&szlig;en Tr&auml;umen<br /></span>
+<span class="i0">Zwischen wei&szlig;en Wogensch&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Und rede mit dem Licht, das ich erschuf.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich tat gro&szlig;e Dinge&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich tat gro&szlig;e Dinge,<br /></span>
+<span class="i0">Und gab dem Saturn wundervolle Ringe.<br /></span>
+<span class="i0">Aber da sah ich dann alles von selber geschehen,<br /></span>
+<span class="i0">Nichts mehr warten und stehen,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Geist geriet in Zwang,<br /></span>
+<span class="i0">Hinein in f&uuml;rchterlichen Zusammenhang,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich wahnsinnig in einer Kette rang.<br /></span>
+<span class="i0">Seit der Zeit schaff' ich nichts Neues mehr.<br /></span>
+<span class="i0">Sonne und Mond sind mein einziger Verkehr.<br /></span>
+<span class="i0">Vielleicht noch das Feuer, vielleicht noch das Meer.<br /></span>
+<span class="i0">Weite Stillen<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;berw&ouml;lben meinen Willen.<br /></span>
+<span class="i0">Unsichtbare Geigen<br /></span>
+<span class="i0">Bereden mich, zu schweigen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich lag auf dem Meer&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich lag auf dem Meer, &uuml;ber mir w&auml;lzte sich das Licht.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah: von einer gl&auml;nzenden Klippe<br /></span>
+<span class="i0">Banden wei&szlig;er V&ouml;gel aufschwirren.<br /></span>
+<span class="i0">Ich schleuderte ein Seil, sie einzufangen.<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;e Tiere, Traum, Phantasie und Meer.<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;e Tiere: ewige Glanz-Wiederkehr.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span></div>
+<h3>Der Mond betrat&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Mond betrat der Urnacht Land<br /></span>
+<span class="i0">Hinter meiner tastenden F&uuml;hrerhand.<br /></span>
+<span class="i0">In einem Tal, im neu beleuchteten Reiche<br /></span>
+<span class="i0">Fanden wir liegen eine gro&szlig;e Leiche,<br /></span>
+<span class="i0">Die uns fremd war, einsam, ohne Namen.<br /></span>
+<span class="i0">Sa&szlig;en; aufgest&uuml;tzt ins dunkle Antlitz starrend;<br /></span>
+<span class="i0">Traumhaft; einen Gedanken erharrend.<br /></span>
+<span class="i0">Und wir haben<br /></span>
+<span class="i0">Fl&uuml;sternd uns beraten;<br /></span>
+<span class="i0">Den Toten im Felsgebirg begraben.<br /></span>
+<span class="i0">Doch wohin wir forschend sp&auml;ter kamen,<br /></span>
+<span class="i0">Fanden wir die Spuren seiner Taten.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mich jammerte&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mich jammerte dein graues D&auml;mmerweh,<br /></span>
+<span class="i0">Ich legte dich sanft hin auf wei&szlig;en Schnee.<br /></span>
+<span class="i0">Ordnete dein rotes Flammenhaar,<br /></span>
+<span class="i0">Das einst so schmerzhaft, hier so selig war.<br /></span>
+<span class="i0">Und kniend im Schnee und &uuml;ber dich geschoben<br /></span>
+<span class="i0">Hab' ich aus deiner gr&uuml;nen Augentiefe<br /></span>
+<span class="i0">Einen sch&ouml;nen Stern gehoben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sterne schwimmen auf den milden Fluten,<br /></span>
+<span class="i0">Die alles tragen.<br /></span>
+<span class="i0">Was willst du noch sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Du Gl&auml;nzende, in deinen Abendgluten!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span></div>
+<h3>Bevor ich&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Bevor ich diesen Inselstrand verlie&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Entdeckte ich letztmals streifend eine H&ouml;hle,<br /></span>
+<span class="i0">Da drinnen ward mir eine neue Seele,<br /></span>
+<span class="i0">Die mir ein h&ouml;chstes Gl&uuml;ck verhie&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und so sa&szlig; ich lange,<br /></span>
+<span class="i0">Ein tiefes L&auml;cheln auf meiner Wange.<br /></span>
+<span class="i0">Vom Licht umzittert in der D&auml;mmerk&uuml;hle.<br /></span>
+<span class="i0">Gl&uuml;hend in einem neuen<br /></span>
+<span class="i0">Heimat-Urgef&uuml;hle.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stie&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies.<br /></span>
+<span class="i0">Es war zur Nacht, da ich den Strand verlie&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Boot lag in der Mondquelle.<br /></span>
+<span class="i0">Ich stand in vollendeter Helle.<br /></span>
+<span class="i0">Ich stand schlaf&auml;hnlich starr auf silbernem Kies.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich h&ouml;rte den Wind&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich h&ouml;rte den Wind durch die Eichenkronen streichen.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Herz war k&uuml;hl wie die Teiche meiner Heimat.<br /></span>
+<span class="i0">Die wei&szlig;en Wolken &uuml;ber den gr&uuml;nen H&uuml;geln!<br /></span>
+<span class="i0">Dann kam die Schwalbe, die Schwalbe &uuml;bers Meer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i8">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Haus&nbsp;&hellip; Nur der Grille Stimme klang<br /></span>
+<span class="i0">In die stillen Bereiche.<br /></span>
+<span class="i0">Manchmal, eines M&auml;dchens k&uuml;hler Sang,<br /></span>
+<span class="i0">Der wellengleiche.<br /></span>
+<span class="i0">Und ein Kind, ein Knabe lag tagelang<br /></span>
+<span class="i0">Am zitternden Teiche.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span></div>
+<h3>Am Saume&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Saume eines fruchtbewachsenen Berges,<br /></span>
+<span class="i0">Felsig in die Klarheit tauchte der Gipfel,<br /></span>
+<span class="i0">Stand ich im Zwiegespr&auml;ch mit einem Weibe.<br /></span>
+<span class="i0">Die starken Schultern gl&auml;nzten in der D&auml;mmerung,<br /></span>
+<span class="i0">Es ruhte hoheitvoll der nackte Leib.<br /></span>
+<span class="i0">Wir blickten redend, sinnend in die Landschaft<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber reiche Wiesen, violette Str&ouml;me,<br /></span>
+<span class="i0">B&auml;ume dunkelten am Himmel,<br /></span>
+<span class="i0">Leise brausend sprach fernher ein Meer.<br /></span>
+<span class="i0">Manchmal schritten Gestalten:<br /></span>
+<span class="i0">Erzengel, in gro&szlig;em Abend<br /></span>
+<span class="i0">An uns vor&uuml;ber: gr&uuml;&szlig;ten:<br /></span>
+<span class="i0">Und w&uuml;nschten uns und unsern Kindern Heil.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>An Ufern des Rheins&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">An Ufern des Rheins auf wei&szlig;en Rossen<br /></span>
+<span class="i0">Sprengen wir, Freunde!<br /></span>
+<span class="i0">Sie schleudern die M&auml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">Sie wiehern auf zum Morgenstern!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind sch&ouml;n gekr&auml;nzt mit Erde-Freuden<br /></span>
+<span class="i0">Und trunken wunderbar des Sieger-Weins &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Es sind Wogen-Rosse! die wei&szlig;en Rosse!<br /></span>
+<span class="i0">Da sprengen sie uns in die Fluten des Rheins!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind jung, im Feuer zeugerisch,<br /></span>
+<span class="i0">Welten nahe &ndash; Erde fern &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Es sind &Auml;ther-Rosse! die wei&szlig;en Rosse!<br /></span>
+<span class="i0">Da sprengen sie uns auf zum Morgenstern!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span></div>
+<h2><a name="Morgenstern" id="Morgenstern"></a>Christian Morgenstern.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 6. Mai 1871 zu M&uuml;nchen, lebte als Schriftsteller in Berlin;
+starb am 31. M&auml;rz 1914 in Meran. &ndash; In Phantas Schlo&szlig; 1895. <span class="antiqua">Horatius
+travestitus</span> 1896. Auf vielen Wegen 1897. Ich und die Welt 1898. Ein
+Sommer 1899. Und aber r&uuml;ndet sich ein Kranz 1902. Galgenlieder 1905.
+Melancholie 1904. Palmstr&ouml;m 1910. Einkehr 1910. Palma Kunkel 1916.
+Der Gingganz 1919.</p>
+
+
+<h3>Erster Schnee.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus silbergrauen Gr&uuml;nden tritt<br /></span>
+<span class="i0">Ein schlankes Reh<br /></span>
+<span class="i0">Im winterlichen Wald<br /></span>
+<span class="i0">Und pr&uuml;ft vorsichtig, Schritt f&uuml;r Schritt,<br /></span>
+<span class="i0">Den reinen, k&uuml;hlen, frischgefallenen Schnee.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>V&ouml;glein Schwermut.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein schwarzes V&ouml;glein fliegt &uuml;ber die Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Das singt so todestraurig&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Wer es h&ouml;rt, der h&ouml;rt nichts anderes mehr,<br /></span>
+<span class="i0">Wer es h&ouml;rt, der tut sich ein Leides an,<br /></span>
+<span class="i0">Der mag keine Sonne mehr schauen.<br /></span>
+<span class="i0">Allmitternacht, Allmitternacht<br /></span>
+<span class="i0">Ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.<br /></span>
+<span class="i0">Der streichelt's leis und spricht ihm zu:<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Flieg, mein V&ouml;gelein! Flieg, mein V&ouml;gelein!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Und wieder fliegt's fl&ouml;tend &uuml;ber die Welt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Welch ein Schweigen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Welch ein Schweigen, welch ein Frieden<br /></span>
+<span class="i0">In dem stillen Alpentale.<br /></span>
+<span class="i0">Laute Welt ruht abgeschieden.<br /></span>
+<span class="i0">Silbern schwankt des Mondes Schale.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>
+<span class="i0">Von den Wiesen str&ouml;mt ein D&uuml;ften.<br /></span>
+<span class="i0">Aus den W&auml;ldern lugt das Dunkel.<br /></span>
+<span class="i0">Brausend aus geheimen Kl&uuml;ften<br /></span>
+<span class="i0">Bricht der B&auml;che fahl Gefunkel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&Uuml;berm Saum der letzten B&auml;ume<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;e W&auml;nde stehn und steigen<br /></span>
+<span class="i0">In die blauen Sternenr&auml;ume.<br /></span>
+<span class="i0">Welch ein Frieden, welch ein Schweigen!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Das sind die Reden&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das sind die Reden, die mir lieb vor allen:<br /></span>
+<span class="i0">Die W&auml;sserlein, vom hohen Felsen rinnend,<br /></span>
+<span class="i0">Mein ganzes Herz mit ihrer Lust gewinnend,<br /></span>
+<span class="i0">Ohn' End' zum tiefen Grund hinabzufallen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du Wiegenlied vor allen Wiegenliedern,<br /></span>
+<span class="i0">Zur Ewigkeit hinweg vom Eintag wiegend,<br /></span>
+<span class="i0">Das laute Selbst zu jener Ruh' besiegend,<br /></span>
+<span class="i0">Die keine leeren Klagen mehr erniedern!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Das Spinnennetz.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">O sieh das Spinnennetz im Morgensonnenschein,<br /></span>
+<span class="i0">Wie es vom Tau noch voll kristallner Tropfen h&auml;ngt!<br /></span>
+<span class="i0">Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht,<br /></span>
+<span class="i0">Die in den silbergrauen Maschen hier und dort<br /></span>
+<span class="i0">So fl&uuml;chtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt.<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, so ist alles Gl&uuml;ck. So h&auml;ngt es fl&uuml;chtig sich<br /></span>
+<span class="i0">In unsrer Tage schwankendes Gespinst,<br /></span>
+<span class="i0">Und es erschauert unter seiner k&ouml;stlichen Last<br /></span>
+<span class="i0">Des Majaschleiers weltdurchwallendes Geweb.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span></div>
+<h3>Verbannung zur H&ouml;he.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Noch niemals fiel es irgend einem Volke ein,<br /></span>
+<span class="i0">Zu schenken einem Dichter einen hohen Berg,<br /></span>
+<span class="i0">Mit dem Beding, von ihm herabzusteigen nur,<br /></span>
+<span class="i0">Um ihm zu bringen diesem Ebenb&uuml;rtiges.<br /></span>
+<span class="i0">Ja, bannen m&uuml;&szlig;t' es selbst das allzu schweifende<br /></span>
+<span class="i0">Geschlecht der Dichter an so hohen Aufenthalt,<br /></span>
+<span class="i0">Wo nur das H&ouml;chste recht hat und der Dinge Ma&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Gereckt ins Ungemeine, seinen Blick entw&ouml;hnt<br /></span>
+<span class="i0">Des bunt zuf&auml;lligen Wirbels, drein sein Tag ihn warf.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Deine Rosen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Deine Rosen an der Brust,<br /></span>
+<span class="i0">Sitz' ich unter fremden Menschen,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; sie reden, la&szlig; sie l&auml;rmen,<br /></span>
+<span class="i0">Jung Geheimnis tief im Herzen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn ich einstimm' in ihr Lachen,<br /></span>
+<span class="i0">Ist's das Lachen meiner Liebe;<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich ernst dem Nachbar lausche,<br /></span>
+<span class="i0">Lausch' ich selig still nach innen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Einen ganzen langen Abend<br /></span>
+<span class="i0">Mu&szlig; ich fern dir, Liebster, weilen,<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;ssend heimlich, ohne Ende,<br /></span>
+<span class="i0">Deine Rosen an der Brust.&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Bach.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie der wilde Gletscherbach<br /></span>
+<span class="i0">Selber sich entgegenbraust,<br /></span>
+<span class="i0">Auf sein wogendes Gejach'<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig; zur&uuml;ckgekraust!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>
+<span class="i0">So der Einzelne der Zeit<br /></span>
+<span class="i0">Zornerf&uuml;llt entgegenschwillt.<br /></span>
+<span class="i0">Doch die rollt zur Ewigkeit.<br /></span>
+<span class="i0">Und alles ist ein Bild.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Christus klagt:</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wachet und betet mit mir!<br /></span>
+<span class="i0">Meine Seele ist traurig<br /></span>
+<span class="i0">Bis in den Tod.<br /></span>
+<span class="i0">Wachet und betet!<br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">Mit</em> mir!<br /></span>
+<span class="i0">Eure Augen<br /></span>
+<span class="i0">Sind voll Schlafes &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">K&ouml;nnt ihr nicht wachen?<br /></span>
+<span class="i0">Ich gehe,<br /></span>
+<span class="i0">Euch mein Letztes zu geben &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und ihr schlaft&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Einsam stehe ich<br /></span>
+<span class="i0">Unter Schlafenden,<br /></span>
+<span class="i0">Einsam vollbring' ich<br /></span>
+<span class="i0">Das Werk meiner schwersten Stunde.<br /></span>
+<span class="i0">Wachet und betet mit mir!<br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">K&ouml;nnt</em> ihr nicht wachen?<br /></span>
+<span class="i0">Ihr alle seid in mir,<br /></span>
+<span class="i0">Aber in wem bin ich?<br /></span>
+<span class="i0">Was wi&szlig;t ihr<br /></span>
+<span class="i0">Von meiner Liebe,<br /></span>
+<span class="i0">Was wi&szlig;t ihr<br /></span>
+<span class="i0">Vom Schmerz meiner Seele!<br /></span>
+<span class="i0">O einsam!<br /></span>
+<span class="i0">Einsam!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>
+<span class="i0">Ich sterbe f&uuml;r euch &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und ihr schlaft!<br /></span>
+<span class="i0">Ihr <em class="spaced">schlaft</em>!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Begegnung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sa&szlig;en an zwei Tischen &ndash; wo? &ndash; im All&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Was Schenke, Stadt, Land, Stern &ndash; was tut's dazu.<br /></span>
+<span class="i0">Wir sa&szlig;en irgendwo im Reich des Lebens&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Wir sa&szlig;en an zwei Tischen, hier und dort.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und meine Seele brannte: Fremdes M&auml;dchen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich in deine Augen dichten d&uuml;rfte &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wenn dieser k&ouml;nigliche Mund mich lohnte &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und diese k&ouml;nigliche Hand mich kr&ouml;nte &ndash;!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und deine Seele brannte: Fremder J&uuml;ngling,<br /></span>
+<span class="i0">Wer bist du, da&szlig; du mich so tief erregest &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich die Kniee dir umfassen m&ouml;chte &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und unsre Seelen schlugen fast zusammen.<br /></span>
+<span class="i0">Doch jeder blieb an seinem starren Tisch &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und stand zuletzt mit denen um ihn auf &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und ging hinaus &ndash;. Und sahn uns nimmer mehr.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span></div>
+<h2><a name="Nietzsche" id="Nietzsche"></a>Friedrich Nietzsche.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 15. Oktober 1844 zu R&ouml;cken bei L&uuml;tzen, verlebte seine Schulzeit
+in Naumburg und Schulpforta, studierte, besonders unter Ritschl, in
+Bonn und Leipzig, wurde 1869 durch Ritschls Vermittlung Professor an der
+Universit&auml;t Basel, trat zu Jakob Burckhardt und Richard Wagner in nahe
+Beziehungen und zu dem letzteren sp&auml;ter in offenen Gegensatz. 1879 wurde
+er so krank, da&szlig; er seine Professur niederlegen mu&szlig;te, er lebte l&auml;ngere Zeit
+im Engadin, fiel in Wahnsinn und starb, ohne seine Geisteskraft wiedererlangt
+zu haben, am 25. August 1900 zu Weimar. &ndash; Gedichte und Spr&uuml;che
+1898.</p>
+
+
+<h3>An den Mistral.<br />
+<span style="font-size: smaller">Ein Tanzlied.</span></h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mistralwind, du Wolkenj&auml;ger,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&uuml;bsalm&ouml;rder, Himmelsfeger,<br /></span>
+<span class="i0">Brausender, wie lieb' ich dich!<br /></span>
+<span class="i0">Sind wir zwei nicht <em class="spaced">eines</em> Scho&szlig;es<br /></span>
+<span class="i0">Erstlingsgabe, <em class="spaced">eines</em> Loses<br /></span>
+<span class="i0">Vorbestimmte ewiglich?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hier auf glatten Felsenwegen<br /></span>
+<span class="i0">Lauf' ich tanzend dir entgegen,<br /></span>
+<span class="i0">Tanzend, wie du pfeifst und singst:<br /></span>
+<span class="i0">Der du ohne Schiff und Ruder<br /></span>
+<span class="i0">Als der Freiheit freister Bruder<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber wilde Meere springst.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Kaum erwacht, h&ouml;rt' ich dein Rufen,<br /></span>
+<span class="i0">St&uuml;rmte zu den Felsenstufen,<br /></span>
+<span class="i0">Hin zur gelben Wand am Meer.<br /></span>
+<span class="i0">Hei! da kamst du schon gleich hellen<br /></span>
+<span class="i0">Diamantnen Stromesschnellen<br /></span>
+<span class="i0">Sieghaft von den Bergen her.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf den ebnen Himmelstennen<br /></span>
+<span class="i0">Sah ich deine Rosse rennen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>
+<span class="i0">Sah den Wagen, der dich tr&auml;gt,<br /></span>
+<span class="i0">Sah die Hand dir selber z&uuml;cken,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn sie auf der Rosse R&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Blitzesgleich die Gei&szlig;el schl&auml;gt, &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sah dich aus dem Wagen springen,<br /></span>
+<span class="i0">Schneller dich hinabzuschwingen,<br /></span>
+<span class="i0">Sah dich wie zum Pfeil verk&uuml;rzt<br /></span>
+<span class="i0">Senkrecht in die Tiefe sto&szlig;en, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein Goldstrahl durch die Rosen<br /></span>
+<span class="i0">Erster Morgenr&ouml;ten st&uuml;rzt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Tanze nun auf tausend R&uuml;cken,<br /></span>
+<span class="i0">Wellenr&uuml;cken, Wellent&uuml;cken &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Heil, wer <em class="spaced">neue</em> T&auml;nze schafft!<br /></span>
+<span class="i0">Tanzen wir in tausend Weisen,<br /></span>
+<span class="i0">Frei &ndash; sei <em class="spaced">unsre</em> Kunst gehei&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Fr&ouml;hlich &ndash; <em class="spaced">unsre</em> Wissenschaft!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Raffen wir von jeder Blume<br /></span>
+<span class="i0">Eine Bl&uuml;te uns zum Ruhme<br /></span>
+<span class="i0">Und zwei Bl&auml;tter noch zum Kranz!<br /></span>
+<span class="i0">Tanzen wir gleich Troubadouren<br /></span>
+<span class="i0">Zwischen Heiligen und Huren,<br /></span>
+<span class="i0">Zwischen Gott und Welt den Tanz!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer nicht tanzen kann mit Winden,<br /></span>
+<span class="i0">Wer sich wickeln mu&szlig; mit Binden,<br /></span>
+<span class="i0">Angebunden, Kr&uuml;ppelgreis,<br /></span>
+<span class="i0">Wer da gleicht den Heuchelh&auml;nsen,<br /></span>
+<span class="i0">Ehrent&ouml;lpeln, Tugendg&auml;nsen,<br /></span>
+<span class="i0">Fort aus unsrem Paradeis!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wirbeln wir den Staub der Stra&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Allen Kranken in die Nasen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>
+<span class="i0">Scheuchen wir die Krankenbrut!<br /></span>
+<span class="i0">L&ouml;sen wir die ganze K&uuml;ste<br /></span>
+<span class="i0">Von dem Odem d&uuml;rrer Br&uuml;ste,<br /></span>
+<span class="i0">Von den Augen ohne Mut!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jagen wir die Himmelstr&uuml;ber,<br /></span>
+<span class="i0">Weltenschw&auml;rzer, Wolkenschieber,<br /></span>
+<span class="i0">Hellen wir das Himmelreich!<br /></span>
+<span class="i0">Brausen wir&nbsp;&hellip; oh aller freien<br /></span>
+<span class="i0">Geister Geist, mit dir zu zweien<br /></span>
+<span class="i0"><em class="spaced">Braust</em> mein Gl&uuml;ck dem Sturme gleich. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und da&szlig; ewig das Ged&auml;chtnis<br /></span>
+<span class="i0">Solchen Gl&uuml;cks, nimm sein Verm&auml;chtnis,<br /></span>
+<span class="i0">Nimm den <em class="spaced">Kranz</em> hier mit hinauf!<br /></span>
+<span class="i0">Wirf ihn h&ouml;her, ferner, weiter,<br /></span>
+<span class="i0">St&uuml;rm' empor die Himmelsleiter,<br /></span>
+<span class="i0">H&auml;ng' ihn &ndash; an den Sternen auf!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Vereinsamt.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Kr&auml;hen schrein<br /></span>
+<span class="i0">Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:<br /></span>
+<span class="i0">Bald wird es schnein, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wohl dem, der jetzt noch &ndash; Heimat hat!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun stehst du starr,<br /></span>
+<span class="i0">Schaust r&uuml;ckw&auml;rts, ach! wie lange schon!<br /></span>
+<span class="i0">Was bist du Narr<br /></span>
+<span class="i0">Vor Winters in die Welt entflohn?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Welt &ndash; ein Tor<br /></span>
+<span class="i0">Zu tausend W&uuml;sten stumm und kalt!<br /></span>
+<span class="i0">Wer <em class="spaced">das</em> verlor,<br /></span>
+<span class="i0">Was du verlorst, macht nirgends Halt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>
+<span class="i0">Nun stehst du bleich,<br /></span>
+<span class="i0">Zur Winter-Wanderschaft verflucht,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Rauche gleich,<br /></span>
+<span class="i0">Der stets nach k&auml;ltern Himmeln sucht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Flieg, Vogel, schnarr<br /></span>
+<span class="i0">Dein Lied im W&uuml;stenvogel-Ton! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Versteck, du Narr,<br /></span>
+<span class="i0">Dein blutend Herz in Eis und Hohn!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Kr&auml;hen schrein<br /></span>
+<span class="i0">Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:<br /></span>
+<span class="i0">Bald wird es schnein, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Weh dem, der keine Heimat hat!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Zarathustras Lied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">O Mensch! Gib acht!<br /></span>
+<span class="i0">Was spricht die tiefe Mitternacht?<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Ich schlief, ich schlief &ndash;,<br /></span>
+<span class="i0">Aus tiefem Traum bin ich erwacht: &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt ist tief,<br /></span>
+<span class="i0">Und tiefer als der Tag gedacht.<br /></span>
+<span class="i0">Tief ist ihr Weh &ndash;,<br /></span>
+<span class="i0">Lust &ndash; tiefer noch als Herzeleid!<br /></span>
+<span class="i0">Weh spricht: Vergeh!<br /></span>
+<span class="i0">Doch alle Lust will Ewigkeit! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Will tiefe, tiefe Ewigkeit!&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Venedig.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">An der Br&uuml;cke stand<br /></span>
+<span class="i0">J&uuml;ngst ich in brauner Nacht.<br /></span>
+<span class="i0">Fernher kam Gesang:<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>
+<span class="i0">Goldener Tropfen quoll's<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die zitternde Fl&auml;che weg.<br /></span>
+<span class="i0">Gondeln, Lichter, Musik &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Trunken schwamm's in die D&auml;mm'rung hinaus&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Seele, ein Saitenspiel,<br /></span>
+<span class="i0">Sang sich, unsichtbar ber&uuml;hrt,<br /></span>
+<span class="i0">Heimlich ein Gondellied dazu,<br /></span>
+<span class="i0">Zitternd vor bunter Seligkeit.<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; H&ouml;rte jemand ihr zu?&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Sils-Maria.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hier sa&szlig; ich, wartend, wartend, &ndash; doch auf nichts,<br /></span>
+<span class="i0">Jenseits von Gut und B&ouml;se, bald des Lichts<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Genie&szlig;end, bald des Schattens, ganz nur Spiel,<br /></span>
+<span class="i0">Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da, pl&ouml;tzlich, Freundin! wurde eins zu zwei &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Und Zarathustra ging an mir vorbei&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Sonne sinkt&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nicht lange durstest du noch,<br /></span>
+<span class="i1">Verbranntes Herz!<br /></span>
+<span class="i0">Verhei&szlig;ung ist in der Luft,<br /></span>
+<span class="i0">Aus unbekannten M&uuml;ndern bl&auml;st mich's an,<br /></span>
+<span class="i1">&ndash; Die gro&szlig;e K&uuml;hle kommt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meine Sonne stand hei&szlig; &uuml;ber mir im Mittage:<br /></span>
+<span class="i0">Seid mir gegr&uuml;&szlig;t, da&szlig; ihr kommt,<br /></span>
+<span class="i1">Ihr pl&ouml;tzlichen Winde,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr k&uuml;hlen Geister des Nachmittags!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>
+<span class="i0">Die Luft geht fremd und rein,<br /></span>
+<span class="i0">Schielt nicht mit schiefem<br /></span>
+<span class="i1">Verf&uuml;hrerblick<br /></span>
+<span class="i0">Die Nacht mich an?&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Bleib stark, mein tapfres Herz!<br /></span>
+<span class="i0">Frag nicht: warum? &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Tag meines Lebens!<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne sinkt.<br /></span>
+<span class="i0">Schon steht die glatte<br /></span>
+<span class="i1">Flut umg&uuml;ldet.<br /></span>
+<span class="i0">Warm atmet der Fels:<br /></span>
+<span class="i1">Schlief wohl zu Mittag<br /></span>
+<span class="i0">Das Gl&uuml;ck auf ihm seinen Mittagsschlaf?<br /></span>
+<span class="i1">In gr&uuml;nen Lichtern<br /></span>
+<span class="i0">Spielt Gl&uuml;ck noch der braune Abgrund herauf.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Tag meines Lebens!<br /></span>
+<span class="i0">Gen Abend geht's!<br /></span>
+<span class="i0">Schon gl&uuml;ht dein Auge<br /></span>
+<span class="i1">Halb gebrochen,<br /></span>
+<span class="i0">Schon quillt deines Taus<br /></span>
+<span class="i1">Tr&auml;nengetr&auml;ufel,<br /></span>
+<span class="i0">Schon l&auml;uft still &uuml;ber wei&szlig;e Meere<br /></span>
+<span class="i0">Deiner Liebe Purpur,<br /></span>
+<span class="i0">Deine letzte z&ouml;gernde Seligkeit&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>III.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Heiterkeit, g&uuml;ldene, komm!<br /></span>
+<span class="i1">Du des Todes<br /></span>
+<span class="i0">Heimlichster, s&uuml;&szlig;ester Vorgenu&szlig;!<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Lief ich zu rasch meines Wegs?<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>
+<span class="i0">Jetzt erst, wo der Fu&szlig; m&uuml;de ward,<br /></span>
+<span class="i1">Holt dein Blick mich noch ein,<br /></span>
+<span class="i1">Holt dein <em class="spaced">Gl&uuml;ck</em> mich noch ein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Rings nur Welle und Spiel.<br /></span>
+<span class="i1">Was je schwer war,<br /></span>
+<span class="i0">Sank in blaue Vergessenheit, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">M&uuml;&szlig;ig steht nun mein Kahn.<br /></span>
+<span class="i0">Sturm und Fahrt &ndash; wie verlernt' er das!<br /></span>
+<span class="i1">Wunsch und Hoffen ertrank,<br /></span>
+<span class="i1">Glatt liegt Seele und Meer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Siebente</em> Einsamkeit!<br /></span>
+<span class="i1">Nie empfand ich<br /></span>
+<span class="i0">N&auml;her mir s&uuml;&szlig;e Sicherheit,<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;rmer der Sonne Blick.<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Gl&uuml;ht nicht das Eis meiner Gipfel noch?<br /></span>
+<span class="i1">Silbern, leicht, ein Fisch,<br /></span>
+<span class="i1">Schwimmt nun mein Nachen hinaus&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Rilke" id="Rilke"></a>Rainer Maria Rilke.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. &ndash; Erste Gedichte 1895. Fr&uuml;he
+Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905.
+Neue Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.</p>
+
+
+<h3>Ernste Stunde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Ohne Grund weint in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Weint &uuml;ber mich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Ohne Grund lacht in der Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Lacht mich aus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>
+<span class="i0">Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Ohne Grund geht in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Geht zu mir.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Ohne Grund stirbt in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Sieht mich an.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Blinde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der Fremde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Du bist nicht bang, davon zu sprechen?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Die Blinde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Nein.<br /></span>
+<span class="i2">Es ist so ferne. Das war eine andre.<br /></span>
+<span class="i2">Die damals sah, die laut und schauend lebte,<br /></span>
+<span class="i2">Die starb.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der Fremde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Und hatte einen schweren Tod?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Die Blinde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.<br /></span>
+<span class="i2">Stark mu&szlig; man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der Fremde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Sie war dir fremd?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Die Blinde:</em><br /></span>
+<span class="i2">&ndash; Oder: sie ist's geworden.<br /></span>
+<span class="i2">Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.<br /></span>
+<span class="i2">Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,<br /></span>
+<span class="i2">Die in den Dingen bl&uuml;ht und reift,<br /></span>
+<span class="i2">War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,<br /></span>
+<span class="i2">Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag<br /></span>
+<span class="i2">Wie aufgew&uuml;hlte Erde offen da und trank<br /></span>
+<span class="i2">Den kalten Regen meiner Tr&auml;nen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>
+<span class="i2">Der aus den toten Augen unaufh&ouml;rlich<br /></span>
+<span class="i2">Und leise str&ouml;mte, wie aus leeren Himmeln,<br /></span>
+<span class="i2">Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.<br /></span>
+<span class="i2">Und mein Geh&ouml;r war gro&szlig; und allem offen.<br /></span>
+<span class="i2">Ich h&ouml;rte Dinge, die nicht h&ouml;rbar sind:<br /></span>
+<span class="i2">Die Zeit, die &uuml;ber meine Haare flo&szlig;,<br /></span>
+<span class="i2">Die Stille, die in zarten Gl&auml;sern klang,<br /></span>
+<span class="i2">Und f&uuml;hlte: nah bei meinen H&auml;nden ging<br /></span>
+<span class="i2">Der Atem einer gro&szlig;en wei&szlig;en Rose.<br /></span>
+<span class="i2">Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht<br /></span>
+<span class="i2">Und glaubte einen hellen Streif zu sehn,<br /></span>
+<span class="i2">Der wachsen w&uuml;rde wie ein Tag;<br /></span>
+<span class="i2">Und glaubte auf den Morgen zuzugehn,<br /></span>
+<span class="i2">Der l&auml;ngst in meinen H&auml;nden lag.<br /></span>
+<span class="i2">Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer<br /></span>
+<span class="i2">Hinunterfiel vom dunklen Gesicht,<br /></span>
+<span class="i2">Der Mutter rief ich: &bdquo;Du, komm her!<br /></span>
+<span class="i2">Mach Licht!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i2">Und horchte. Lange, lange blieb es still,<br /></span>
+<span class="i2">Und meine Kissen f&uuml;hlte ich versteinen, &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Dann war's, als s&auml;h ich etwas scheinen:<br /></span>
+<span class="i2">Das war der Mutter wehes Weinen,<br /></span>
+<span class="i2">An das ich nicht mehr denken will.<br /></span>
+<span class="i2">Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:<br /></span>
+<span class="i2">Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum<br /></span>
+<span class="i2">Mir vom Gesicht und von der Brust.<br /></span>
+<span class="i2">Du mu&szlig;t ihn heben, hochheben,<br /></span>
+<span class="i2">Mu&szlig;t ihn wieder den Sternen geben;<br /></span>
+<span class="i2">Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.<br /></span>
+<span class="i2">Aber sprech ich zu dir, Mutter?<br /></span>
+<span class="i2">Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?<br /></span>
+<span class="i2">Wer ist denn hinter dem Vorhang? &ndash; Winter?<br /></span>
+<span class="i2">Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>
+<span class="i2">Oder: Tag?&nbsp;&hellip; Tag!<br /></span>
+<span class="i2">Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?<br /></span>
+<span class="i2">Fehl ich denn nirgends?<br /></span>
+<span class="i2">Fragt denn niemand nach mir?<br /></span>
+<span class="i2">Sind wir denn ganz vergessen?<br /></span>
+<span class="i2"><em class="spaced">Wir?</em>&nbsp;&hellip; Aber du bist ja dort;<br /></span>
+<span class="i2">Du hast ja noch alles, nicht?<br /></span>
+<span class="i2">Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bem&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i2">Ihm wohlzutun.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn deine Augen ruhn<br /></span>
+<span class="i2">Und wenn sie noch so m&uuml;d waren,<br /></span>
+<span class="i2">Sie k&ouml;nnen wieder steigen.<br /></span>
+<span class="i2">&hellip;&nbsp;Meine schweigen.<br /></span>
+<span class="i2">Meine Blumen werden die Farbe verlieren.<br /></span>
+<span class="i2">Meine Spiegel werden zufrieren.<br /></span>
+<span class="i2">In meinen B&uuml;chern werden die Zeilen verwachsen.<br /></span>
+<span class="i2">Meine V&ouml;gel werden in den Gassen<br /></span>
+<span class="i2">Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.<br /></span>
+<span class="i2">Nichts ist mehr mit mir verbunden.<br /></span>
+<span class="i2">Ich bin von allem verlassen. &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Ich bin eine Insel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der Fremde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Und ich bin &uuml;ber das Meer gekommen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Die Blinde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Wie? Auf die Insel?&nbsp;&hellip; Hergekommen?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der Fremde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Ich bin noch im Kahne.<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe ihn leise angelegt &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">An dich. Er ist bewegt:<br /></span>
+<span class="i2">Seine Fahne weht landein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Die Blinde:</em><br /></span>
+<span class="i2">Ich bin eine Insel und allein.<br /></span>
+<span class="i2">Ich bin reich.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>
+<span class="i2">Zuerst, als die alten Wege noch waren<br /></span>
+<span class="i2">In meinen Nerven, ausgefahren<br /></span>
+<span class="i2">Von vielem Gebrauch:<br /></span>
+<span class="i2">Da litt ich auch.<br /></span>
+<span class="i2">Alles ging mir aus dem Herzen fort,<br /></span>
+<span class="i2">Ich wu&szlig;te erst nicht wohin;<br /></span>
+<span class="i2">Aber dann fand ich sie alle dort,<br /></span>
+<span class="i2">Alle Gef&uuml;hle, das, was ich bin,<br /></span>
+<span class="i2">Stand versammelt und dr&auml;ngte und schrie<br /></span>
+<span class="i2">An den vermauerten Augen, die sich nicht r&uuml;hrten.<br /></span>
+<span class="i2">Alle meine verf&uuml;hrten Gef&uuml;hle&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i2">Ich wei&szlig; nicht, ob sie Jahre so standen,<br /></span>
+<span class="i2">Aber ich wei&szlig; von den Wochen,<br /></span>
+<span class="i2">Da sie alle zur&uuml;ckkamen gebrochen<br /></span>
+<span class="i2">Und niemanden erkannten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i2">Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.<br /></span>
+<span class="i2">Ich wei&szlig; ihn nicht mehr.<br /></span>
+<span class="i2">Jetzt geht alles in mir umher,<br /></span>
+<span class="i2">Sicher und sorglos; wie Genesende<br /></span>
+<span class="i2">Gehn die Gef&uuml;hle, genie&szlig;end das Gehn,<br /></span>
+<span class="i2">Durch meines Leibes dunkles Haus.<br /></span>
+<span class="i2">Einige sind Lesende<br /></span>
+<span class="i2">&Uuml;ber Erinnerungen;<br /></span>
+<span class="i2">Aber die jungen<br /></span>
+<span class="i2">Sehn alle hinaus.<br /></span>
+<span class="i2">Denn wo sie hintreten an meinen Rand,<br /></span>
+<span class="i2">Ist mein Gewand von Glas.<br /></span>
+<span class="i2">Meine Stirne sieht, meine Hand las<br /></span>
+<span class="i2">Gedichte in anderen H&auml;nden.<br /></span>
+<span class="i2">Mein Fu&szlig; spricht mit den Steinen, die er betritt,<br /></span>
+<span class="i2">Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit<br /></span>
+<span class="i2">Aus den t&auml;glichen W&auml;nden.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>
+<span class="i2">Ich mu&szlig; nichts mehr entbehren jetzt,<br /></span>
+<span class="i2">Alle Farben sind &uuml;bersetzt<br /></span>
+<span class="i2">In Ger&auml;usch und Geruch.<br /></span>
+<span class="i2">Und sie klingen unendlich sch&ouml;n<br /></span>
+<span class="i2">Als T&ouml;ne.<br /></span>
+<span class="i2">Was soll mir ein Buch?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i2">In den B&auml;umen bl&auml;ttert der Wind;<br /></span>
+<span class="i2">Und ich wei&szlig;, was dorten f&uuml;r Worte sind,<br /></span>
+<span class="i2">Und wiederhole sie manchmal leis.<br /></span>
+<span class="i2">Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,<br /></span>
+<span class="i2">Findet meine Augen nicht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="spaced">Der Fremde</em> (leise):<br /></span>
+<span class="i2">Ich wei&szlig;.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Herbst.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Bl&auml;tter fallen, fallen wie von weit,<br /></span>
+<span class="i0">Als welkten in den Himmeln ferne G&auml;rten;<br /></span>
+<span class="i0">Sie fallen mit verneinender Geb&auml;rde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und in den N&auml;chten f&auml;llt die schwere Erde<br /></span>
+<span class="i0">Aus allen Sternen in die Einsamkeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir alle fallen. Diese Hand da f&auml;llt.<br /></span>
+<span class="i0">Und sieh dir andre an: es ist in allen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen<br /></span>
+<span class="i0">Unendlich sanft in seinen H&auml;nden h&auml;lt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Schauende.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich sehe den B&auml;umen die St&uuml;rme an,<br /></span>
+<span class="i0">Die aus laugewordenen Tagen<br /></span>
+<span class="i0">An meine &auml;ngstlichen Fenster schlagen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>
+<span class="i0">Und h&ouml;re die Fernen Dinge sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Die ich nicht ohne Freund ertragen,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht ohne Schwester lieben kann.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da geht der Sturm, ein Umgestalter,<br /></span>
+<span class="i0">Geht durch den Wald und durch die Zeit,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles ist wie ohne Alter:<br /></span>
+<span class="i0">Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,<br /></span>
+<span class="i0">Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie ist das klein, womit wir ringen,<br /></span>
+<span class="i0">Was mit uns ringt, wie ist das gro&szlig;;<br /></span>
+<span class="i0">Lie&szlig;en wir, &auml;hnlicher den Dingen,<br /></span>
+<span class="i0">Uns so vom gro&szlig;en Sturm bezwingen, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wir w&uuml;rden weit und namenlos.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Was wir besiegen, ist das Kleine,<br /></span>
+<span class="i0">Und der Erfolg selbst macht uns klein.<br /></span>
+<span class="i0">Das Ewige und Ungemeine<br /></span>
+<span class="i0">Will nicht von uns gebogen sein.<br /></span>
+<span class="i0">Das ist der Engel, der den Ringern<br /></span>
+<span class="i0">Des Alten Testaments erschien:<br /></span>
+<span class="i0">Wenn seiner Widersacher Sehnen<br /></span>
+<span class="i0">Im Kampfe sich metallen dehnen,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hlt er sie unter seinen Fingern<br /></span>
+<span class="i0">Wie Saiten tiefer Melodien.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wen dieser Engel &uuml;berwand,<br /></span>
+<span class="i0">Welcher so oft auf Kampf verzichtet,<br /></span>
+<span class="i0">Der geht gerecht und aufgerichtet<br /></span>
+<span class="i0">Und gro&szlig; aus jener harten Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Die sich, wie formend, an ihn schmiegte.<br /></span>
+<span class="i0">Die Siege laden ihn nicht ein.<br /></span>
+<span class="i0">Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte<br /></span>
+<span class="i0">Von immer Gr&ouml;&szlig;erem zu sein.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span></div>
+<h3>Von den Font&auml;nen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Auf einmal wei&szlig; ich viel von den Font&auml;nen,<br /></span>
+<span class="i0">Den unbegreiflichen B&auml;umen aus Glas.<br /></span>
+<span class="i0">Ich k&ouml;nnte reden wie von eignen Tr&auml;nen,<br /></span>
+<span class="i0">Die ich, ergriffen von sehr gro&szlig;en Tr&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Einmal vergeudete und dann verga&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Verga&szlig; ich denn, da&szlig; Himmel H&auml;nde reichen<br /></span>
+<span class="i0">Zu vielen Dingen und in das Gedr&auml;nge?<br /></span>
+<span class="i0">Sah ich nicht immer Gro&szlig;heit ohnegleichen<br /></span>
+<span class="i0">Im Aufstieg alter Parke vor den weichen<br /></span>
+<span class="i0">Erwartungsvollen Abenden, &ndash; in bleichen<br /></span>
+<span class="i0">Aus fremden M&auml;dchen steigenden Ges&auml;ngen,<br /></span>
+<span class="i0">Die &uuml;berflie&szlig;en aus der Melodie<br /></span>
+<span class="i0">Und wirklich werden und als m&uuml;&szlig;ten sie<br /></span>
+<span class="i0">Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich mu&szlig; mich nur erinnern an das alles,<br /></span>
+<span class="i0">Was an Font&auml;nen und an mir geschah, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Dann f&uuml;hl ich auch die Last des Niederfalles,<br /></span>
+<span class="i0">In welcher ich die Wasser wiedersah:<br /></span>
+<span class="i0">Und wei&szlig; von Zweigen, die sich abw&auml;rts wandten,<br /></span>
+<span class="i0">Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,<br /></span>
+<span class="i0">Von Teichen, welche nur die Uferkanten<br /></span>
+<span class="i0">Schwachsinnig und verschoben wiederholten,<br /></span>
+<span class="i0">Von Abendhimmeln, welche von verkohlten<br /></span>
+<span class="i0">Westlichen W&auml;ldern ganz entfremdet traten,<br /></span>
+<span class="i0">Sich anders w&ouml;lbten, dunkelten und taten,<br /></span>
+<span class="i0">Als w&auml;r das nicht die Welt, die sie gemeint&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Verga&szlig; ich denn, da&szlig; Stern bei Stern versteint<br /></span>
+<span class="i0">Und sich verschlie&szlig;t gegen die Nachbargloben?<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sich die Welten nur noch wie verweint<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>
+<span class="i0">Im Raum erkennen? &ndash; Vielleicht sind wir oben<br /></span>
+<span class="i0">In Himmel andrer Wesen eingewoben,<br /></span>
+<span class="i0">Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben<br /></span>
+<span class="i0">Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele<br /></span>
+<span class="i0">Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele<br /></span>
+<span class="i0">Von fremden Fl&uuml;chen, die uns nie erreichen,<br /></span>
+<span class="i0">Nachbaren eines Gottes, den sie meinen<br /></span>
+<span class="i0">In unsrer H&ouml;he, wenn sie einsam weinen,<br /></span>
+<span class="i0">An den sie glauben und den sie verlieren,<br /></span>
+<span class="i0">Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren<br /></span>
+<span class="i0">Suchenden Lampen, fl&uuml;chtig und verweht,<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber unsere zerstreuten Gesichter geht&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Entf&uuml;hrung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen<br /></span>
+<span class="i0">Entwichen, um die Nacht und den Wind<br /></span>
+<span class="i0">(Weil sie drinnen so anders sind)<br /></span>
+<span class="i0">Drau&szlig;en zu sehn an ihrem Beginnen;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch keine Sturmnacht hatte gewi&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Den riesigen Park so in St&uuml;cke gerissen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerri&szlig;,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da er sie nahm von der seidenen Leiter<br /></span>
+<span class="i0">Und sie weitertrug, weiter, weiter:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bis der Wagen alles war.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,<br /></span>
+<span class="i0">Um den verhalten das Jagen stand<br /></span>
+<span class="i0">Und die Gefahr.<br /></span>
+<span class="i0">Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;<br /></span>
+<span class="i0">Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.<br /></span>
+<span class="i0">Sie kroch in ihren Mantelkragen<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>
+<span class="i0">Und bef&uuml;hlte ihr Haar, als bliebe es hier,<br /></span>
+<span class="i0">Und h&ouml;rte fremd einen Fremden sagen:<br /></span>
+<span class="i0">Ichbinbeidir.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Fragmente aus verlorenen Tagen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie V&ouml;gel, welche sich gew&ouml;hnt ans Gehn<br /></span>
+<span class="i0">Und immer schwerer werden, wie im Fallen:<br /></span>
+<span class="i0">Die Erde saugt aus ihren langen Krallen<br /></span>
+<span class="i0">Die mutige Erinnerung von allen<br /></span>
+<span class="i0">Den gro&szlig;en Dingen, welche hoch geschehn,<br /></span>
+<span class="i0">Und macht sie fast zu Bl&auml;ttern, die sich dicht<br /></span>
+<span class="i0">Am Boden halten &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie Gew&auml;chse, die,<br /></span>
+<span class="i0">Kaum aufw&auml;rts wachsend, in die Erde kriechen,<br /></span>
+<span class="i0">In schwarzen Schollen unlebendig licht<br /></span>
+<span class="i0">Und weich und feucht versinken und versiechen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie irre Kinder, &ndash; wie ein Angesicht<br /></span>
+<span class="i0">In einem Sarg, &ndash; wie frohe H&auml;nde, welche<br /></span>
+<span class="i0">Unschl&uuml;ssig werden, weil im vollen Kelche<br /></span>
+<span class="i0">Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie Hilferufe, die im Abendwind<br /></span>
+<span class="i0">Begegnen vielen dunklen gro&szlig;en Glocken, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Gassen, die verrufen sind, &ndash; wie Locken,<br /></span>
+<span class="i0">Darinnen Edelsteine blind geworden sind, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie Morgen im April<br /></span>
+<span class="i0">Vor allen vielen Fenstern des Spitales:<br /></span>
+<span class="i0">Die Kranken dr&auml;ngen sich am Saum des Saales<br /></span>
+<span class="i0">Und schaun: die Gnade eines fr&uuml;hen Strahles<br /></span>
+<span class="i0">Macht alle Gassen fr&uuml;hlinglich und weit;<br /></span>
+<span class="i0">Sie sehen nur die helle Herrlichkeit,<br /></span>
+<span class="i0">Welche die H&auml;user jung und lachend macht,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>
+<span class="i0">Und wissen nicht, da&szlig; schon die ganze Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Ein Sturm die Kleider von den Himmeln rei&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust<br /></span>
+<span class="i0">Und der den Dingen alle B&uuml;rde<br /></span>
+<span class="i0">Von ihren Schultern nimmt, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; etwas drau&szlig;en gro&szlig; ist und ergrimmt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; drau&szlig;en die Gewalt geht, eine Faust,<br /></span>
+<span class="i0">Die jeden von den Kranken w&uuml;rgen w&uuml;rde<br /></span>
+<span class="i0">Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">&hellip;&nbsp;Wie lange N&auml;chte in verwelkten Lauben,<br /></span>
+<span class="i0">Die schon zerrissen sind auf allen Seiten<br /></span>
+<span class="i0">Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,<br /></span>
+<span class="i0">Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie nackte M&auml;dchen, kommend &uuml;ber Steine,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Trunkene in einem Birkenhaine, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen<br /></span>
+<span class="i0">Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter<br /></span>
+<span class="i0">Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter<br /></span>
+<span class="i0">Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen.<br /></span>
+<span class="i0">Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen<br /></span>
+<span class="i0">Und dann versterben, so da&szlig; keiner je<br /></span>
+<span class="i0">Abwenden k&ouml;nnte das verh&auml;ngte Weh,<br /></span>
+<span class="i0">Wie volle Rosen, k&uuml;nstlich aufgezogen<br /></span>
+<span class="i0">Im blauen Treibhaus, wo die L&uuml;fte logen,<br /></span>
+<span class="i0">Und dann vom &Uuml;bermut in gro&szlig;em Bogen<br /></span>
+<span class="i0">Hinausgestreut in den verwehten Schnee, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine Erde, die nicht kreisen kann,<br /></span>
+<span class="i0">Weil zuviel Tote ihr Gef&uuml;hl beschweren,<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein erschlagener verscharrter Mann,<br /></span>
+<span class="i0">Dem sich die H&auml;nde gegen Wurzeln wehren, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine von den hohen, schlanken, roten<br /></span>
+<span class="i0">Hochsommerblumen, welche unerl&ouml;st<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>
+<span class="i0">Ganz pl&ouml;tzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,<br /></span>
+<span class="i0">Weil ihre Wurzel unten an T&uuml;rkisen<br /></span>
+<span class="i0">Im Ohrgeh&auml;nge einer Toten<br /></span>
+<span class="i0">St&ouml;&szlig;t&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und mancher Tage Stunden waren so,<br /></span>
+<span class="i0">Als formte wer mein Abbild irgendwo,<br /></span>
+<span class="i0">Um es mit Nadeln langsam zu mi&szlig;handeln.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sp&uuml;rte jede Spitze seiner Spiele,<br /></span>
+<span class="i0">Und war, als ob ein Regen auf mich fiele,<br /></span>
+<span class="i0">In welchem alle Dinge sich verwandeln.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_rilke" id="abb_rilke"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 410px;">
+<img src="images/rilke.jpg" width="410" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Rainer Maria Rilke</span>
+</div>
+
+
+<h3>Spanische T&auml;nzerin.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie in der Hand ein Schwefelz&uuml;ndholz, wei&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten<br /></span>
+<span class="i0">Zuckende Zungen streckt &ndash;: beginnt im Kreis<br /></span>
+<span class="i0">Naher Beschauer hastig, hell und hei&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und pl&ouml;tzlich ist er Flamme ganz und gar.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit ihrem Blick entz&uuml;ndet sie ihr Haar<br /></span>
+<span class="i0">Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst<br /></span>
+<span class="i0">Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,<br /></span>
+<span class="i0">Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,<br /></span>
+<span class="i0">Die nackten Arme wach und klappernd strecken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und dann: als w&uuml;rde ihr das Feuer knapp,<br /></span>
+<span class="i0">Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab<br /></span>
+<span class="i0">Sehr herrisch, mit hochm&uuml;tiger Geb&auml;rde<br /></span>
+<span class="i0">Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde<br /></span>
+<span class="i0">Und flammt noch immer und ergibt sich nicht &ndash;.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>
+<span class="i0">Doch sieghaft, sicher und mit einem s&uuml;&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Gr&uuml;&szlig;enden L&auml;cheln hebt sie ihr Gesicht<br /></span>
+<span class="i0">Und stampft es aus mit kleinen festen F&uuml;&szlig;en.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Fremde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ohne Sorgfalt, was die N&auml;chsten d&auml;chten,<br /></span>
+<span class="i0">Die er m&uuml;de nicht mehr fragen hie&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Ging er wieder fort; verlor, verlie&szlig; &ndash;.<br /></span>
+<span class="i0">Denn er hing an solchen Reisen&auml;chten<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Anders als an jeder Liebesnacht.<br /></span>
+<span class="i0">Wunderbare hatte er durchwacht,<br /></span>
+<span class="i0">Die mit starken Sternen &uuml;berzogen<br /></span>
+<span class="i0">Enge Fernen auseinanderbogen<br /></span>
+<span class="i0">Und sich wandelten wie eine Schlacht;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Andre, die mit in den Mond gestreuten<br /></span>
+<span class="i0">D&ouml;rfern, wie mit hingehaltnen Beuten,<br /></span>
+<span class="i0">Sich ergaben, oder durch geschonte<br /></span>
+<span class="i0">Parke graue Edelsitze zeigten,<br /></span>
+<span class="i0">Die er gerne in dem hingeneigten<br /></span>
+<span class="i0">Haupte einen Augenblick bewohnte,<br /></span>
+<span class="i0">Tiefer wissend, da&szlig; man nirgends bleibt;<br /></span>
+<span class="i0">Und schon sah er bei dem n&auml;chsten Biegen<br /></span>
+<span class="i0">Wieder Wege, Br&uuml;cken, L&auml;nder liegen<br /></span>
+<span class="i0">Bis an St&auml;dte, die man &uuml;bertreibt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und dies alles immer unbegehrend<br /></span>
+<span class="i0">Hinzulassen, schien ihm mehr als seines<br /></span>
+<span class="i0">Lebens Lust, Besitz und Ruhm.<br /></span>
+<span class="i0">Doch auf fremden Pl&auml;tzen war ihm eines<br /></span>
+<span class="i0">T&auml;glich ausgetretnen Brunnensteines<br /></span>
+<span class="i0">Mulde manchmal wie ein Eigentum.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span></div>
+<h2><a name="Salus" id="Salus"></a>Hugo Salus.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 3. August 1866 zu Leipa in B&ouml;hmen, studierte Medizin in Prag
+und lebt daselbst als Frauenarzt. &ndash; Gedichte 1897. Neue Gedichte 1899.
+Ehefr&uuml;hling 1899. Reigen 1900. Ernte 1903. Neue Garben 1904. Die
+Blumenschale 1907.</p>
+
+
+<h3>An blauen Fr&uuml;hlingstagen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Vom stolzen Gl&uuml;ck des eignen Werts getragen,<br /></span>
+<span class="i0">Als br&auml;cht' ihr Bl&uuml;hn der Landschaft erst Gewinn,<br /></span>
+<span class="i0">Gehn sch&ouml;ne Fraun an blauen Fr&uuml;hlingstagen<br /></span>
+<span class="i0">Wie K&ouml;niginnen durch die Menge hin;<br /></span>
+<span class="i0">Als h&auml;tt' der Knabe Fr&uuml;hling nur im Sinn,<br /></span>
+<span class="i0">Das Kr&ouml;nungsvlie&szlig; um ihren Leib zu schlagen<br /></span>
+<span class="i0">Und, wie ein Page, seiner K&ouml;nigin<br /></span>
+<span class="i0">Mit stillem Dank die Schleppe nachzutragen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Im stillen Hafen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dies ist mein Gl&uuml;ck: in allen Bitternissen<br /></span>
+<span class="i0">Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen,<br /></span>
+<span class="i0">Das m&auml;dchenhaft und hold und lieb und rein<br /></span>
+<span class="i0">Nichts andres w&uuml;nscht, als mein, nur mein zu sein;<br /></span>
+<span class="i0">Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange<br /></span>
+<span class="i0">Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind,<br /></span>
+<span class="i0">Mit feuchten Augen, die voll G&uuml;te sind,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r Gaben dankt, die &ndash; ich empfange.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Erinnerung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Z&uuml;nd festlich im Salon die Kerzen an,<br /></span>
+<span class="i0">Zieh aneinander erst des Vorhangs Spitzen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann,<br /></span>
+<span class="i0">Dort la&szlig; uns, uns umarmend, niedersitzen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>
+<span class="i0">Denn sieh, an solchem Winterabend oft<br /></span>
+<span class="i0">Bin als Student ich durch die Stadt gegangen.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Auge, das Erf&uuml;llung nie gehofft,<br /></span>
+<span class="i0">Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht,<br /></span>
+<span class="i0">An Fenstern, draus ich frohe Stimmen h&ouml;rte,<br /></span>
+<span class="i0">An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht,<br /></span>
+<span class="i0">Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh,<br /></span>
+<span class="i0">Das Gl&uuml;ck vertieft sich mir in diesen R&auml;umen:<br /></span>
+<span class="i0">Lehn fest dein Haupt an mich, geliebte Frau,<br /></span>
+<span class="i0">Recht fest an mich &ndash; und la&szlig; mich tr&auml;umen, tr&auml;umen!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Fr&uuml;hlingsfeier.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Bl&uuml;tenzweig, bla&szlig;rosa, wei&szlig; und gr&uuml;n,<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt hat tausend solcher Bl&uuml;ten&auml;ste,<br /></span>
+<span class="i0">Da darf der eine auch f&uuml;r uns erbl&uuml;hn<br /></span>
+<span class="i0">Und darf verbl&uuml;hn bei unserm Liebesfeste.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Befrei das schwere Haar von Kamm und Band<br /></span>
+<span class="i0">Und la&szlig; die schwarzen Fluten niederwallen<br /></span>
+<span class="i0">Auf dieses blumenhelle Lenzgewand,<br /></span>
+<span class="i0">Und la&szlig; die neidischen Achselspangen fallen!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun nimm den Bl&uuml;tenzweig &ndash; wie wunderbar<br /></span>
+<span class="i0">Die Bl&uuml;ten gl&uuml;hn von deines Pulses Schl&auml;gen! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und r&uuml;hre mir die Stirne und das Haar<br /></span>
+<span class="i0">Und sprich dazu den heiligen Fr&uuml;hlingssegen:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Blick auf, der Lenz ist kommen &uuml;ber Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Ich blicke auf; der Fr&uuml;hling ist erwacht;<br /></span>
+<span class="i0">Ich halt' den ganzen Fr&uuml;hling in den Armen!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span></div>
+<h2><a name="Scharf" id="Scharf"></a>Ludwig Scharf.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. &ndash; Lieder eines Menschen 1892.
+Tschandala-Lieder 1905.</p>
+
+
+<h3>Begegnis.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und als ich gegen den Marktplatz kam,<br /></span>
+<span class="i0">Beim Torweg unter dem Rathaus,<br /></span>
+<span class="i0">Da str&ouml;mten die Menschen kreuz und quer,<br /></span>
+<span class="i0">Zweibeinig ein jeder und gradaus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie waren gar wohl in Kleider geh&uuml;llt,<br /></span>
+<span class="i0">So Kinder wie M&auml;nner und Weiber,<br /></span>
+<span class="i0">Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt,<br /></span>
+<span class="i0">Aufrecht balancierend die Leiber.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Fremd zogen sie aneinander vorbei<br /></span>
+<span class="i0">Mit gro&szlig;en begegnenden Blicken<br /></span>
+<span class="i0">Und geschlossenem Mund, ein jeder f&uuml;r sich,<br /></span>
+<span class="i0">Ein jeder mit seinen Geschicken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein jeder mit einem sehnenden Drang<br /></span>
+<span class="i0">Nach fernen H&auml;usern und T&uuml;ren,<br /></span>
+<span class="i0">Ein jeder fortgezogen wie blind<br /></span>
+<span class="i0">An unsichtbaren Schn&uuml;ren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein jeder beladen mit Erdenweh,<br /></span>
+<span class="i0">Ob auch sein Mund mal lache &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum<br /></span>
+<span class="i0">Und verstrickt in den Wahn, da&szlig; er wache.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Blut-Propheten.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir tr&auml;umen &uuml;ber die Erde hin,<br /></span>
+<span class="i0">Wir kennen nicht oben noch unten,<br /></span>
+<span class="i0">Wir horchen nur in die Erde hinein,<br /></span>
+<span class="i0">Wir verstehen nur ihre Wunden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>
+<span class="i0">Und liegen wie tr&auml;umend am Boden hin,<br /></span>
+<span class="i0">Dann sind wir selbst fast Erden,<br /></span>
+<span class="i0">Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb<br /></span>
+<span class="i0">Sie bewu&szlig;t den Lebendigsten werden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wir f&uuml;hlen den Durst nach Blut, nach Blut<br /></span>
+<span class="i0">Der ausgetrockneten Erde,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; einer verj&uuml;ngten Lebensbrut<br /></span>
+<span class="i0">Ein saftiges Erdreich werde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir tr&auml;umen &uuml;ber die Erde hin:<br /></span>
+<span class="i0">Tut Bu&szlig;e, Bu&szlig;e in Zeiten!<br /></span>
+<span class="i0">Doch wir wissen genau, es kommt der Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Den wir ahnend fr&uuml;h prophezeiten.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Gebet eines Selbstm&ouml;rders.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Stille! oh stille!<br /></span>
+<span class="i0">Hier schl&auml;gt ein letztes Herz,<br /></span>
+<span class="i0">Zerrinnt ein letzter Wille,<br /></span>
+<span class="i0">Verhallt im Nichts ein Schmerz.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Verbluten hier im Sande<br /></span>
+<span class="i0">An dieses Ufers Rand,<br /></span>
+<span class="i0">Im Angesicht der Sterne<br /></span>
+<span class="i0">Und jener Wolkenwand &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ja, jener Nacht von Wolken,<br /></span>
+<span class="i0">Die drohend r&uuml;ckt heran,<br /></span>
+<span class="i0">Die dir den letzten Ausblick<br /></span>
+<span class="i0">Gar bald verfinstern kann!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Drum still, mein Herz! Verblute<br /></span>
+<span class="i0">In dieser stillen Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Solang ob Tod und Leben<br /></span>
+<span class="i0">Dir zusteht noch die Macht!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>
+<span class="i0">Denn weh, sie werden kommen,<br /></span>
+<span class="i0">Dich binden recht und schlecht,<br /></span>
+<span class="i0">Dein letztes Gut zu nehmen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Dies h&auml;&szlig;liche Geschlecht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch stille, oh stille!<br /></span>
+<span class="i0">Und st&ouml;re nicht die Ruh:<br /></span>
+<span class="i0">Es strebt ein letzter Wille<br /></span>
+<span class="i0">Dem letzten Gl&uuml;cke zu&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Schaukal" id="Schaukal"></a>Richard (von) Schaukal.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 27. Mai 1874 zu Br&uuml;nn in M&auml;hren, studierte Jurisprudenz
+in Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. &ndash; Gedichte 1893. Verse
+1896. Meine G&auml;rten 1897. Tristia 1898. Tage und Tr&auml;ume 1899.
+Sehnsucht 1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und
+Tr&auml;ume 1902. Ausgew&auml;hlte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei B&auml;nden
+1909. Das Buch der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte
+1914. Eherne Sonette 1914. Standbilder und Denkm&uuml;nzen 1915. Kriegslieder
+aus &Ouml;sterreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe
+1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915.
+Kriegslieder aus &Ouml;sterreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916. Gedichte
+(1892&ndash;1918) 1918.</p>
+
+
+<h3>Der Fiedler.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Spielmann auf seiner Geige strich.<br /></span>
+<span class="i0">Es klang so rot, so k&ouml;niglich.<br /></span>
+<span class="i0">Das harte Kinn lag auf der Fiedel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Knabe ging und stand und blieb.<br /></span>
+<span class="i0">Und jeder Strich war ein Sensenhieb.<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; &ndash; Den andern war's nur ein Stra&szlig;enliedel.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Kophetua.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">K&ouml;nig Kophetua hob seine goldene Krone<br /></span>
+<span class="i0">Von den goldenen Locken und schwieg.<br /></span>
+<span class="i0">Auf sein Schwert gest&uuml;tzt ging er und stieg<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die steilen Stufen, und ohne<br /></span>
+<span class="i0">Sich umzusehn, lie&szlig; er die staunende Schar.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Oben sa&szlig; in mondlichtschimmernder Bl&auml;sse<br /></span>
+<span class="i0">Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten<br /></span>
+<span class="i0">Haare geh&uuml;llt. Ein gro&szlig;es Verzichten<br /></span>
+<span class="i0">Lag in ihrer Augen blinkender N&auml;sse.<br /></span>
+<span class="i0">Und so tr&auml;umte sie, jeglichen Schmuckes bar.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">K&ouml;nig Kophetua legte die goldene Krone<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber die eisenger&uuml;steten Knie und harrte<br /></span>
+<span class="i0">Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte<br /></span>
+<span class="i0">Magd erblicke, flehentlich, ohne<br /></span>
+<span class="i0">Sich umzusehn, wo sein Gefolge war&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>An die Baronin Colombine.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Baronin Colombine ist so zierlich und zart.<br /></span>
+<span class="i0">Ich zupfe die Mandoline &ndash; leider noch keinen Bart.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Baronin Colombine, nimm dich in acht:<br /></span>
+<span class="i0">Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Baronin Colombine, lach nicht so laut!<br /></span>
+<span class="i0">Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh.<br /></span>
+<span class="i0">Ins Wasser die Mandoline &ndash; und mich dazu!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Portr&auml;t eines spanischen Infanten von Diego Velasquez.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mit blutgemiedener langer schmaler Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Feinen Fingern, die den Duft der wei&szlig;en Rosen f&uuml;hlen,<br /></span>
+<span class="i0">Manchmal mager und m&uuml;d in warmen Damenhaaren w&uuml;hlen,<br /></span>
+<span class="i0">Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>
+<span class="i0">Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand,<br /></span>
+<span class="i0">Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich,<br /></span>
+<span class="i0">Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund,<br /></span>
+<span class="i0">Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund.<br /></span>
+<span class="i0">Manchmal bin ich mit h&auml;&szlig;lichen Zwergen weich:<br /></span>
+<span class="i0">Ich beschenke sie reich &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und peitsche sie wieder wund.<br /></span>
+<span class="i0">Mit dichten Schleiern sch&uuml;tz' ich mich vor dem Morgenrot:<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3><span class="antiqua">Pierrot pendu.</span></h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich sah dich nachts an der Laterne:<br /></span>
+<span class="i0">Bleich und traurig hingst du, Pierrot,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&uuml;be schimmerten die sp&auml;ten Sterne,<br /></span>
+<span class="i0">Als dein alter Freund, der Mond, entfloh.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da im Gassendunkel deine Z&uuml;ge<br /></span>
+<span class="i0">Schmerzlich schienen und gedankenbang,<br /></span>
+<span class="i0">Sann ich &uuml;ber deines Lebens L&uuml;ge,<br /></span>
+<span class="i0">Armer Narr am selbstgekn&uuml;pften Strang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten,<br /></span>
+<span class="i0">R&uuml;hrte leise nur an deiner Hand.<br /></span>
+<span class="i0">Husch, ein Schatten war hinweggeglitten,<br /></span>
+<span class="i0">Der verstohlen mir im R&uuml;cken stand.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Musset.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich liege mit der Zigarette<br /></span>
+<span class="i0">Bis an den Morgen &ndash; o das b&ouml;se Licht! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">M&uuml;d ohne Schlaf im Seidenbette<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>
+<span class="i0">Meiner geliebten kleinen Ninette<br /></span>
+<span class="i0">Und kr&auml;usle den Rauch zu einem Gedicht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Was hast du mit meinem Leben getan!<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine,<br /></span>
+<span class="i0">Deine marmornen runden Beine,<br /></span>
+<span class="i0">Fange ich fast zu weinen an<br /></span>
+<span class="i0">Um die ewig verlorene Eine.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ninette, du hast verd&uuml;nntes bleiches<br /></span>
+<span class="i0">Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer:<br /></span>
+<span class="i0">Wo nehm' ich den Mut f&uuml;r heute her?<br /></span>
+<span class="i0">S&auml;nke ich doch in dein faltenreiches<br /></span>
+<span class="i0">Morgengewand geh&uuml;llt ins Meer!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Kavaliere.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken,<br /></span>
+<span class="i0">Den Degenkorb von der Kr&auml;usel-Manschette<br /></span>
+<span class="i0">Zierlich bedeckt: sie denken<br /></span>
+<span class="i0">An eine Frau in wei&szlig;em Spitzenbette;<br /></span>
+<span class="i0">Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt,<br /></span>
+<span class="i0">Sie singen: Gro&szlig;er Gott, dich lobt<br /></span>
+<span class="i0">Die gl&auml;ubige Gemeinde;<br /></span>
+<span class="i0">Vernichte unsre Feinde!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Goya.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe die lange schw&uuml;le Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Bei einer jungen Dame verbracht:<br /></span>
+<span class="i0">Nun liegt sie und tr&auml;umt mit offenen Lippen von meinem Nacken&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen!<br /></span>
+<span class="i0">Steht nicht herum und gafft so ledern!<br /></span>
+<span class="i0">Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>
+<span class="i0">Oder kitzle eure d&uuml;nnen Waden<br /></span>
+<span class="i0">Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin ein Grande im offnen Hemd.<br /></span>
+<span class="i0">Ich liebe das Licht, das die Welt &uuml;berschwemmt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich liebe ein Pferd,<br /></span>
+<span class="i0">Das b&auml;umend sich gegen den Z&uuml;gel wehrt,<br /></span>
+<span class="i0">Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt.<br /></span>
+<span class="i0">Dem K&ouml;nig lass' ich sagen, er solle<br /></span>
+<span class="i0">Klopfen, wenn er mich st&ouml;ren wolle.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Portr&auml;t des Marquis de&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd,<br /></span>
+<span class="i0">Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert:<br /></span>
+<span class="i0">Ich lie&szlig; es bei einer Dame liegen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen:<br /></span>
+<span class="i0">Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren:<br /></span>
+<span class="i0">St&ouml;re mich keiner von euch Tieren!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Araber.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich schlich mich an das Ro&szlig; heran,<br /></span>
+<span class="i0">Das wiehernd und mit rundem R&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Ins Eisen bei&szlig;end stand. Es packen<br /></span>
+<span class="i0">An seiner M&auml;hne und die Hacken<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Fersen, einmal oben, stark<br /></span>
+<span class="i0">Ihm in die Weichen dr&auml;ngen, war<br /></span>
+<span class="i0">Ein Augenblick. Ich sp&uuml;rte gar<br /></span>
+<span class="i0">Nicht mehr, da&szlig; uns der Wald schon barg<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vor der bewundernden und scheuen Schar:<br /></span>
+<span class="i0">So war es durch die Uferauen<br /></span>
+<span class="i0">Gerast. Erst als mein flatternd Haar<br /></span>
+<span class="i0">Ein Ast ber&uuml;hrt, begann ich umzuschauen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span></div>
+<h3>Sp&auml;t.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sp&auml;t, wenn die alte Uhr geschlagen<br /></span>
+<span class="i0">Und wieder Stille dich umwirbt,<br /></span>
+<span class="i0">Das Pendel geht, die Lampe zirpt,<br /></span>
+<span class="i0">Steigt es empor aus alten Tagen<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;llt mit Geistergru&szlig; die Luft<br /></span>
+<span class="i0">Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen<br /></span>
+<span class="i0">Nach einem l&auml;ngst verhauchten Duft,<br /></span>
+<span class="i0">Nach einer fernen k&uuml;hlen Gruft,<br /></span>
+<span class="i0">Nach Wind im Wald an Bergeslehnen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Scheerbart" id="Scheerbart"></a>Paul Scheerbart.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 8. Januar 1866 zu Danzig, starb am 14. Oktober 1915 zu
+Lichterfelde bei Berlin. &ndash; Kater-Poesie 1909.</p>
+
+
+<h3>Dahin!</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Singe nicht so hell und laut,<br /></span>
+<span class="i0">Da ich wieder einsam bin!<br /></span>
+<span class="i0">Ach, f&uuml;hlst du nicht, wor&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i2">Ich tr&uuml;ber werde?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Lache nicht so toll und dumm,<br /></span>
+<span class="i0">Da ich ernst und anders bin!<br /></span>
+<span class="i0">Nein, wei&szlig;t du nicht, wor&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i2">Ich tr&uuml;ber werde?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Frage nicht so klug und hart!<br /></span>
+<span class="i0">Das hat alles keinen Sinn!<br /></span>
+<span class="i0">Was? Ahnst du nicht, wor&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i2">Ich tr&uuml;ber werde?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>
+<span class="i0">Sieh, ich liebe dich nicht mehr,<br /></span>
+<span class="i0">All mein Lieben ist dahin!<br /></span>
+<span class="i0">Begreifst du jetzt, wor&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i2">Ich tr&uuml;ber werde?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Notturno.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich liege ganz still.<br /></span>
+<span class="i0">Der Nachtwind rauscht leise vorbei.<br /></span>
+<span class="i0">Eine gro&szlig;e Sehnsucht zieht mich noch tiefer.<br /></span>
+<span class="i0">Diese Sehnsucht &ndash; nach &ndash; ich wei&szlig; nicht was!<br /></span>
+<span class="i0">Das macht so traurig.<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte &ndash; ich wei&szlig; nicht was!<br /></span>
+<span class="i0">Ich denke an ferne, ferne Zeiten&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Tiefernst!</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mir ist, als ob der Friede<br /></span>
+<span class="i0">Sich in meine Seele legt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">So wundersam bewegt!<br /></span>
+<span class="i0">Der Pappeln Wipfel fl&uuml;stern.<br /></span>
+<span class="i0">Wir sitzen still und schweigen.<br /></span>
+<span class="i0">&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;&nbsp;&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Wir wollen noch einmal trinken &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und dann &ndash; betrunken sein!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die gro&szlig;e Sehnsucht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn die gro&szlig;e Sehnsucht wieder kommt,<br /></span>
+<span class="i0">Wird mein ganzes Wesen wieder weich.<br /></span>
+<span class="i0">Und ich m&ouml;chte weinend niedersinken &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und dann m&ouml;cht' ich wieder ma&szlig;los trinken.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span></div>
+<h2><a name="Schickele" id="Schickele"></a>Ren&eacute; Schickele.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsa&szlig;). &ndash; Die Leibwache
+1914. Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915.</p>
+
+
+<h3>Der Knabe im Garten.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich will meine blo&szlig;en H&auml;nde aneinander legen<br /></span>
+<span class="i0">Und sie schwer versinken lassen,<br /></span>
+<span class="i0">Da es Abend wird, als w&auml;ren sie Geliebte.<br /></span>
+<span class="i0">Maiglocken l&auml;uten in der D&auml;mmerung,<br /></span>
+<span class="i0">Und wei&szlig;e D&uuml;fteschleier senken sich auf uns,<br /></span>
+<span class="i0">Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen.<br /></span>
+<span class="i0">Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Syringen quellen aus den B&uuml;schen,<br /></span>
+<span class="i0">Eine helle Rose schmilzt am Boden&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Wir alle sind einander gut.<br /></span>
+<span class="i0">Drau&szlig;en durch die blaue Nacht<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;ren wir ged&auml;mpft die Stunden schlagen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wenn es Abend wird.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Engel der Liebkosung steigen nieder,<br /></span>
+<span class="i0">Von weitem kommen deine H&auml;nde wieder,<br /></span>
+<span class="i0">Und deine Augen sind so mild, so weit,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; alle Dinge drin verkl&auml;rt gen Himmel fahren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine Worte sangen,<br /></span>
+<span class="i0">Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gesp&uuml;rt, lebt br&uuml;nstiges Verlangen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll Dunkel waren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel warten.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>
+<span class="i0">Die B&auml;ume werden atemlos und stehn beklommen,<br /></span>
+<span class="i0">Die B&auml;che horchen auf, ein tiefer Traum belauscht dein Kommen,<br /></span>
+<span class="i0">Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht.<br /></span>
+<span class="i0">O wunderbare Trunkenheit!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ferne Musik.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die glatten, leisen,<br /></span>
+<span class="i0">Lustwarmen Weisen,<br /></span>
+<span class="i0">Die sich verschlingen<br /></span>
+<span class="i0">Und im Reigen singen<br /></span>
+<span class="i0">Von Sommertagen,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erinnern mich Schweren,<br /></span>
+<span class="i0">Wie auf Blumenf&auml;hren<br /></span>
+<span class="i0">Mit gl&auml;nzenden Wangen<br /></span>
+<span class="i0">Frauen sangen,<br /></span>
+<span class="i0">Von Bl&auml;ue getragen,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und da&szlig; am Ende<br /></span>
+<span class="i0">Der Fahrt die H&auml;nde,<br /></span>
+<span class="i0">Die blitzend bewegten,<br /></span>
+<span class="i0">Sich nicht mehr regten<br /></span>
+<span class="i0">Und entgeistert lagen<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In jedem Scho&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">So sehnsuchtslos,<br /></span>
+<span class="i0">Die Umarmungen boten,<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Steine der Toten<br /></span>
+<span class="i0">Im Mondlicht ragen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span></div>
+<h3>Erwartung im Garten.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hab ich doch alles nun gek&uuml;&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Die Blumen, die Gr&auml;ser und<br /></span>
+<span class="i0">Den zitternden Sperling in meiner Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Den Tau der sanften Kressen<br /></span>
+<span class="i0">Und selbst die Wolken am Himmel, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Kommst Du noch immer nicht?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Lea.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir hielten uns umschlungen<br /></span>
+<span class="i0">In unserm gro&szlig;en Ha&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Ich hab dir schw&ouml;ren m&uuml;ssen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich von dir nie la&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Wir hielten uns umschlungen<br /></span>
+<span class="i0">In unsrer gro&szlig;en Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Du hast mir zugeschrieen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; du mich lieben mu&szlig;t.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann hobst du dich und standest,<br /></span>
+<span class="i0">Gel&ouml;st war unser Bund,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprachst die Abschiedsworte<br /></span>
+<span class="i0">Mit nie gek&uuml;&szlig;tem Mund.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Leibwache.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig;, da&szlig; doch ein Schein von meinem Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Wo ich mich r&uuml;hre, wo ich raste, mich umflammt<br /></span>
+<span class="i0">Wie eine gro&szlig;e Glorie innerlicher Glut.<br /></span>
+<span class="i0">Darin ist alles das enthalten, was die V&auml;ter,<br /></span>
+<span class="i0">Ob sie Soldaten, Bauern, S&uuml;nder oder Beter,<br /></span>
+<span class="i0">Von ihrem Innersten ins &Auml;u&szlig;ere gegl&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; es mein eigen Blut noch heute f&uuml;hlt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>
+<span class="i0">Denn ja, ich f&uuml;hl's wie R&uuml;stung, Schild und Feuerwall<br /></span>
+<span class="i0">Und Festung, die mich &uuml;berall umgibt,<br /></span>
+<span class="i0">Und wieder so, da&szlig; es der Sch&ouml;pfung wirren Schwall<br /></span>
+<span class="i0">Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenst&auml;ubchen siebt,<br /></span>
+<span class="i0">Damit in meiner Augen N&auml;he kommt<br /></span>
+<span class="i0">Nur, was f&uuml;r Ewigkeiten ihnen frommt,<br /></span>
+<span class="i0">Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schl&auml;gt<br /></span>
+<span class="i0">Und darin gr&auml;bt, wes Wachstum dies mein Herz vertr&auml;gt;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und was es tiefer noch verankert in den Grund,<br /></span>
+<span class="i0">Von dem ich nichts wei&szlig;, als da&szlig; zu Beginn<br /></span>
+<span class="i0">Ein hei&szlig;er Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund<br /></span>
+<span class="i0">Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin.<br /></span>
+<span class="i0">Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren!<br /></span>
+<span class="i0">Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren,<br /></span>
+<span class="i0">Heb ich die Hand, so winken tausend H&auml;nde mit,<br /></span>
+<span class="i0">Und halte ich, so h&auml;lt mit mir der Geisterritt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Schlaf sp&uuml;r ich sie wie im Biwak um mich her,<br /></span>
+<span class="i0">Sie liegen da, die Z&uuml;gel umgeh&auml;ngt,<br /></span>
+<span class="i0">Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer,<br /></span>
+<span class="i0">Und manchmal, wenn sich einer an den andern dr&auml;ngt,<br /></span>
+<span class="i0">Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen<br /></span>
+<span class="i0">In meinem K&ouml;rper bebt wie Niederfallen<br /></span>
+<span class="i0">Von eines Brunnens Strahl in einem Vestib&uuml;l.<br /></span>
+<span class="i0">Dann ist's, da&szlig; ich das Herz der M&uuml;tter zittern f&uuml;hl!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dann ist's, da&szlig; wild und s&uuml;&szlig; die Liebe &uuml;berflie&szlig;t<br /></span>
+<span class="i0">In mir und jeder Kreatur,<br /></span>
+<span class="i0">Rakete um Rakete in den Himmel schie&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Im Dunkel still steht jede Uhr.<br /></span>
+<span class="i0">Und klare Meere spiegeln lichte Sterne,<br /></span>
+<span class="i0">Die Fr&uuml;chte zeigen schamlos ihre Kerne,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>
+<span class="i0">Es str&ouml;mt ein Licht von mir zum fernsten Land,<br /></span>
+<span class="i0">Es schl&auml;gt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig; trotzdem: ein Schein von meinem Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt<br /></span>
+<span class="i0">Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut.<br /></span>
+<span class="i0">Darin ist alles das enthalten, was die V&auml;ter,<br /></span>
+<span class="i0">Ob sie Soldaten, Bauern, S&uuml;nder oder Beter,<br /></span>
+<span class="i0">Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Schlaf" id="Schlaf"></a>Johannes Schlaf.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 21. Juni 1862 zu Querfurt in der Provinz Sachsen. &ndash; Helldunkel
+1899. Das Sommerlied 1905.</p>
+
+
+<h3>Sehnsucht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie ich dich &uuml;berall sehe, du Meine<br /></span>
+<span class="i0">Und Eine!<br /></span>
+<span class="i0">Immer du so fern-nah!<br /></span>
+<span class="i0">Gegenw&auml;rtig und doch nicht da!<br /></span>
+<span class="i0">Immer nur Spuren und Spuren &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Viel, ach! wie viel!<br /></span>
+<span class="i0">Im Wandern folg' ich ihnen,<br /></span>
+<span class="i0">Zu welchem Ziel?<br /></span>
+<span class="i0">O du, o Dunkelgewillte!<br /></span>
+<span class="i0">Wann, wo empf&auml;ngt der Niegestillte<br /></span>
+<span class="i0">Seine Ruh? &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Hoffnung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein wei&szlig;es Grau h&uuml;llt weit den Himmel ein.<br /></span>
+<span class="i0">Ein stumpfer Glanz liegt auf den Uferweiden.<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;ge, mit gurgelnden Wellen treibt der gelbe Strom.<br /></span>
+<span class="i0">Ich mu&szlig; mich noch bescheiden.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>
+<span class="i0">Ich will noch ein St&uuml;ckchen so weitergehn.<br /></span>
+<span class="i0">Bald m&uuml;ssen ja alle H&ouml;hn<br /></span>
+<span class="i0">In hellen Fr&uuml;hrotfeuern stehn&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Abendgang.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich f&uuml;hrte das blonde Jungfr&auml;ulein<br /></span>
+<span class="i0">In den weiten, schleiernden Abendfrieden hinein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nebel &uuml;ber die Wiesen gingen,<br /></span>
+<span class="i0">Und vom Bache durch das braune Dunkel kam ein Singen.<br /></span>
+<span class="i0">Am Himmel alle unsre goldenen Geigen hingen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die t&ouml;nten so sacht und fein. &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Tr&uuml;bes Wetter.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Meer! &ndash; Das Meer &ndash; &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Die grauen Wolken hingen so tr&uuml;b und schwer.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah nur ein weites Armebreiten,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie ein dunkels&uuml;&szlig;er Heimatston kam's her<br /></span>
+<span class="i0">Aus den nebelverh&uuml;llten, schluchzenden Weiten. &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Doppelliebe.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie eigen ich dich einst k&uuml;&szlig;te!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du lagst in deinem Sessel<br /></span>
+<span class="i0">Und decktest schelmisch<br /></span>
+<span class="i0">Die Hand vors Gesicht.<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber den Fingern<br /></span>
+<span class="i0">Waren nur deine Augen zu sehn,<br /></span>
+<span class="i0">Deine Augen. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So fern pl&ouml;tzlich<br /></span>
+<span class="i0">Und eigen. &ndash;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>
+<span class="i0">Und ich erschrak.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwei andre Augen sah ich,<br /></span>
+<span class="i0">Zwei ferne Augen.<br /></span>
+<span class="i0">Die Augen der andern&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und da bog es mich zu dir,<br /></span>
+<span class="i0">Und leise<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;&szlig;t' ich &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Diese Augen&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Schoenaich" id="Schoenaich"></a>Prinz Emil von Sch&ouml;naich-Carolath.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 8. April 1852 zu Breslau, wurde Dragoneroffizier, nahm den
+Abschied, war viel auf Reisen und lebte zuletzt auf Schlo&szlig; Haseldorf in Holstein,
+wo er am 30. April 1908 verstarb. &ndash; Lieder an eine Verlorne 1878.
+Dichtungen 1883. Gedichte 1903.</p>
+
+
+<h3>Albumblatt.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hab nicht zu lieb die knospende Rose;<br /></span>
+<span class="i0">Es fl&ouml;ge gar bald<br /></span>
+<span class="i0">Ohn' Heimat, ohn' Halt<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Duft dir vor&uuml;ber ins Uferlose.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Unsterblich ist der Schmerz allein.<br /></span>
+<span class="i0">Was nie du besessen,<br /></span>
+<span class="i0">Ersehnt, nie vergessen,<br /></span>
+<span class="i0">Wird deines Himmels Grundbau sein.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der betr&uuml;bte Landsknecht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Land durchstr&ouml;mt der Regen,<br /></span>
+<span class="i0">Singschw&auml;ne s&uuml;dw&auml;rts ziehn,<br /></span>
+<span class="i0">Nun will aufs Herz ich legen<br /></span>
+<span class="i0">Ein Str&auml;u&szlig;chen Rosmarin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>
+<span class="i0">Das haben zwei H&auml;nde, zwei schmale,<br /></span>
+<span class="i0">Durchflochten mit schwarzem Band,<br /></span>
+<span class="i0">Drauf haben zum letzten Male<br /></span>
+<span class="i0">Zwei M&auml;dchenlippen gebrannt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hoch braust ein Krieg durch Flandern,<br /></span>
+<span class="i0">Dort mu&szlig; gew&uuml;rfelt sein,<br /></span>
+<span class="i0">Die Werbetrommeln wandern<br /></span>
+<span class="i0">Um J&uuml;lich und Bei-Rhein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nach Spanien &uuml;ber die Schelde<br /></span>
+<span class="i0">Zieht glei&szlig;ender Heerestrab;<br /></span>
+<span class="i0">Herr Christ, hilf allen zu Gelde,<br /></span>
+<span class="i0">Uns beiden gib ein Grab.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Drauf sollen zwei Linden wiegen<br /></span>
+<span class="i0">Die Wipfel gl&uuml;ckbesonnt,<br /></span>
+<span class="i0">Draus sollen zwei Herzen fliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Die nimmer sich trennen gekonnt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Genrebild.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Herr Holger am Kamine sitzt,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Brackhund bei ihm wacht,<br /></span>
+<span class="i0">Nacht ist's, die Flamme springt und blitzt<br /></span>
+<span class="i0">Und der Klotz in der Lohe kracht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Herr Holger in Sinnen versunken ist,<br /></span>
+<span class="i0">Er wirrt des Bartes Flaum.<br /></span>
+<span class="i0">Es streckt die Bracke den Widerrist,<br /></span>
+<span class="i0">Und beide sinken in Traum.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es denkt der Hund an einen Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Da die Heide hilfefern,<br /></span>
+<span class="i0">Da der Keiler &uuml;ber Herrn Holger lag<br /></span>
+<span class="i0">Und er befreit' den Herrn. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>
+<span class="i0">Herr Holger martert seine Stirn<br /></span>
+<span class="i0">In Sinnen schwer und stumm:<br /></span>
+<span class="i0">Wie er zu Willen einer Dirn<br /></span>
+<span class="i0">Den Blutsfreund br&auml;chte um.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Altes Bild.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Markusdom, der bunte, klangumt&ouml;nte,<br /></span>
+<span class="i0">Hat seine Pforten g&auml;hnend aufgeschlagen,<br /></span>
+<span class="i0">Am Hochaltar, wo Priester Kerzen tragen,<br /></span>
+<span class="i0">Thront stolz der Doge, der vom Volk gekr&ouml;nte.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es lehnt an ihm in m&auml;dchenhaftem Zagen<br /></span>
+<span class="i0">Sein junges Weib, das holde, gl&uuml;ckversch&ouml;nte.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Page, der an Schleppendienst gew&ouml;hnte,<br /></span>
+<span class="i0">Kniet stumm dabei in Puffenwams und Kragen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Weihrauch dampft, zu Ende geht die Messe,<br /></span>
+<span class="i0">Es blickt verkl&auml;rt die sch&ouml;ne Dogaresse&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Doch sehen k&ouml;nnt ihr, wenn ihr n&auml;her tretet,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; tief im Samt, dem dunkelvioletten,<br /></span>
+<span class="i0">Des Pagen Hand und ihre sich verketten &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Der alte Doge kniet im Stuhl und betet.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>K&uuml;nstlerroman.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Als tot auf schlechtem Gasthofbette lag<br /></span>
+<span class="i0">Sein junges Weib bei Unschlittkerzenflammen,<br /></span>
+<span class="i0">Da schob Papier, verstreutes, er zusammen,<br /></span>
+<span class="i0">Und schrieb darauf bis an den grauen Tag.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es ward an Inhalt und an s&uuml;&szlig;em Schalle<br /></span>
+<span class="i0">Ein also gro&szlig;es, ewiges Gedicht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; die Genossen es verstanden nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Und schweigend wichen, tiefergriffen alle.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>
+<span class="i0">Er aber blieb allein mit einem Sarg,<br /></span>
+<span class="i0">Darin begrub er seine Jugendliebe &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und jenes Buch, das ew'gen Ruhm verbarg,<br /></span>
+<span class="i0">Und das kein Denker leichthin nach ihm schriebe,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er schob es unters fahle Goldgelock<br /></span>
+<span class="i0">Als Ruhekissen f&uuml;r die sch&ouml;ne Tote,<br /></span>
+<span class="i0">Und ri&szlig; sich aus den Hecken einen Stock<br /></span>
+<span class="i0">Und schritt hinaus ins Morgenlicht, das rote.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Scholz" id="Scholz"></a>Wilhelm von Scholz.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. &ndash; Fr&uuml;hlingsfahrt 1896. Der Spiegel
+1902. Neue Gedichte 1913.</p>
+
+
+<h3>In einer D&auml;mmerstunde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wohne, wo die Wolken gehn,<br /></span>
+<span class="i0">Stillhoch in einer D&auml;mmerstunde;<br /></span>
+<span class="i0">Waldtiefer B&auml;ume Wipfel stehn<br /></span>
+<span class="i0">Um meinen Tisch in naher Runde,<br /></span>
+<span class="i0">Die gern mein Licht im Abend sehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Alt ist der Leuchter, der es tr&auml;gt,<br /></span>
+<span class="i0">Alt sind die B&auml;ume, die es schauen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Flamm' ist alt, die sich bewegt<br /></span>
+<span class="i0">Und flattert durch das ewige Grauen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn die uralte Luft sich regt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Fl&uuml;sternd umkreist die D&auml;mmerung<br /></span>
+<span class="i0">Mich und mein Licht, das nach ihr greift.<br /></span>
+<span class="i0">So alt ist alles, ich so jung &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da ist's, als ob ein Wort mich streift,<br /></span>
+<span class="i0">Das rings um mich zur F&uuml;lle reift.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>
+<span class="i0">&bdquo;Du bist so alt als alle wir &ndash;&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Sprach es das Licht, sprach es der Baum,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach's der zersprungne Tisch vor mir,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach's um mich her der D&auml;mmertraum?<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hl' es dunkel jetzt und hier.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie l&auml;cheln doch die ewigen Dinge,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn solch ein Strudel Erdenzeit,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe,<br /></span>
+<span class="i0">Aufbraust in ihrer Einsamkeit &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wie l&auml;cheln doch die ewigen Dinge!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie l&auml;cheln mich in ihre Ruh &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Nun rag' auch ich uralt vom Grunde.<br /></span>
+<span class="i0">Du Flamme, warum zitterst du?<br /></span>
+<span class="i0">Bist du ein Wort aus meinem Munde,<br /></span>
+<span class="i0">Rief dich die D&auml;mmerung mir zu? &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Abschied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Oft, wenn die stille Mitternacht<br /></span>
+<span class="i0">Einsam im dunkeln Parke wacht,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn meine Fenster offen stehn,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet<br /></span>
+<span class="i0">Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet,<br /></span>
+<span class="i0">Dann wei&szlig; ich, da&szlig; mich deine Augen sehn<br /></span>
+<span class="i2">In dieser stillen Mitternacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch dieser Erde weit entschwebt<br /></span>
+<span class="i0">Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt:<br /></span>
+<span class="i0">Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht,<br /></span>
+<span class="i0">Der See, der &uuml;ber seine Ufer lauscht.<br /></span>
+<span class="i0">In ewige Fernen treiben wir dahin:<br /></span>
+<span class="i0">Du kennst den Ort nicht, wo ich bin<br /></span>
+<span class="i2">In dieser stillen Mitternacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>
+<span class="i0">Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist bla&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Von Schauer wird mein Auge na&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Und tausend W&uuml;nsche werden wach.<br /></span>
+<span class="i0">Doch schneller treibt der Park und das Gemach<br /></span>
+<span class="i0">Hin in den fernenklaren Raum &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum<br /></span>
+<span class="i2">In dieser stillen Mitternacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Heimat.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Eine Heimat hat der Mensch,<br /></span>
+<span class="i0">Doch er wird nicht drin geboren &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Mu&szlig; sie suchen traumverloren,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn das Heimweh ihn ergreift.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber geht er nicht in Tr&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Geht er achtlos ihr vor&uuml;ber,<br /></span>
+<span class="i0">Und es wird das Herz ihm pl&ouml;tzlich<br /></span>
+<span class="i0">Schwer bei ihren letzten B&auml;umen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Abendgang.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das ist unser schweigender Abendgang.<br /></span>
+<span class="i0">Herbst. Bl&auml;tter fallen wegentlang.<br /></span>
+<span class="i0">Nasse &Auml;ste tragen den Himmel, der bleich<br /></span>
+<span class="i0">Und dunstig niederh&auml;ngt &uuml;ber den Teich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Br&uuml;cke. Tr&uuml;ber Laternenschein<br /></span>
+<span class="i0">F&auml;llt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein.<br /></span>
+<span class="i0">Vor&uuml;ber. Dunkel wie Menschen stehn<br /></span>
+<span class="i0">Die B&auml;ume und sehn uns weitergehn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span></div>
+<h3>Der Wandrer.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Schwerm&uuml;tig w&auml;chst mein Frieden<br /></span>
+<span class="i0">In Herbst und Einsamkeit.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Weg zur D&auml;mmerzeit<br /></span>
+<span class="i0">Vergraut wie abgeschieden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich f&uuml;hle mich Gestalt<br /></span>
+<span class="i0">Und Wesen tief vertauschen;<br /></span>
+<span class="i0">Wildfremde Schritte rauschen<br /></span>
+<span class="i0">Durchs Blattgewirr im Wald.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Still geh' ich, schattenlos<br /></span>
+<span class="i0">Im Grau, als wandle sich<br /></span>
+<span class="i0">Der lange Weg in mich,<br /></span>
+<span class="i0">Auf dem ich wurde gro&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; ich der Wandrer bin,<br /></span>
+<span class="i0">Der diesen Weg gegangen,<br /></span>
+<span class="i0">Sind Worte, die verklangen,<br /></span>
+<span class="i0">Und haben keinen Sinn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Erde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das ist der Erde furchtbares Gewicht:<br /></span>
+<span class="i0">Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten,<br /></span>
+<span class="i0">Zu tauchen in das erdenfremde Licht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sich die Meere unter dir gestalten,<br /></span>
+<span class="i0">Winzig die Wolken unter dir verwehn,<br /></span>
+<span class="i0">Und zitterst nicht &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">So fliegt die Erde auf in deine H&ouml;hn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich wei&szlig; es wohl&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich wei&szlig; es wohl, wie du zur Ruh dich legst,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn m&uuml;de dich die Mitternacht umf&auml;ngt.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>
+<span class="i0">Du gehst vertr&auml;umt im Zimmer auf und ab,<br /></span>
+<span class="i0">Schaust das unwillige Schweigen an der Wand,<br /></span>
+<span class="i0">Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht.<br /></span>
+<span class="i0">Dann sprichst du leise in den Kerzenschein,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob gleichg&uuml;ltig ihn ein andrer spr&auml;che,<br /></span>
+<span class="i0">Meinen Namen, horchst &ndash; h&ouml;rst ihn und ergl&uuml;hst&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Und deine s&uuml;&szlig;en H&auml;nde k&uuml;ssend, schl&auml;fst du ein.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>N&auml;chtlicher Weg.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Mantel flattert durch die Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Streift welkes Laub am Boden mit;<br /></span>
+<span class="i0">Und wo die &Auml;ste wie Gestalten<br /></span>
+<span class="i0">Hoch &uuml;ber mir die H&auml;nde halten,<br /></span>
+<span class="i0">Folgt Zittern meinem festen Schritt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und leis an mir herniederglitt,<br /></span>
+<span class="i0">Als woll's im feuchten Gras erkalten,<br /></span>
+<span class="i0">Was in mir k&auml;mpfte, rang und litt;<br /></span>
+<span class="i0">Was ich in mir f&uuml;r schlecht gehalten,<br /></span>
+<span class="i0">Das nahm die Nacht im Atem mit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und stiller meine Schritte hallten,<br /></span>
+<span class="i0">Wie eines fremden Freundes Tritt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Am S&ouml;ller.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In Wirbeln geht der Strom durchs Tal.<br /></span>
+<span class="i0">Die Bl&auml;tter wirbeln auf S&ouml;ller und Saal.<br /></span>
+<span class="i0">Tief herbstlich naht die fr&uuml;he Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Die unsere einsame Fackel entfacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wie die Sterne schweigend steigen,<br /></span>
+<span class="i0">Werden der Erde wir zu eigen.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>
+<span class="i0">Nachtdunkel hat so wilde Weisen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wir fassen uns, uns zu umkreisen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Sternsaal mu&szlig; sich rasend drehn<br /></span>
+<span class="i0">In seiner Ferne.<br /></span>
+<span class="i0">Im ganzen Raum der Welten stehn<br /></span>
+<span class="i0">Nur deine Augensterne.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub,<br /></span>
+<span class="i0">Wir sind, was wir werden:<br /></span>
+<span class="i0">Kreisende Erden,<br /></span>
+<span class="i0">Wirbelnder Staub.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Schroeder" id="Schroeder"></a>Rudolf Alexander Schr&ouml;der.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 26. Januar 1878 zu Bremen. &ndash; Unmut 1899. Lieder an
+eine Geliebte 1900. Spr&uuml;che in Reimen 1900. An Belinde 1902. Sonette
+an eine Verstorbene 1905. Elysium 1906.</p>
+
+
+<h3>Aus den &bdquo;Liedern an eine Geliebte&ldquo;.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun kam der Abend.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Sonne geht ins Meer,<br /></span>
+<span class="i0">Der Wind ruht im Laub,<br /></span>
+<span class="i0">Den sanften Weg entlang<br /></span>
+<span class="i0">Ziehen die Herden heimw&auml;rts.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sieh, wie die milden Berge<br /></span>
+<span class="i0">In Dunkelheit verh&uuml;llt sind &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Im Tal<br /></span>
+<span class="i0">Blinken Lichter auf.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wanderer, wohin eilst du?<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Nach Hause.&ldquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wohin eilst du?<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="poem">
+<span class="i4">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>
+<span class="i0">&bdquo;Die L&uuml;ge&ldquo; sagst du<br /></span>
+<span class="i0">Und &bdquo;Die Wahrheit&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Und redest wie ein Narr.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sage &bdquo;Die Liebe&ldquo;<br /></span>
+<span class="i0">Und du redest wie ein Weiser.<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="poem">
+<span class="i4">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe keine Schmerzen:<br /></span>
+<span class="i0">Aber die Sehnsucht verzehrt mich.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe keine Sehnsucht:<br /></span>
+<span class="i0">Aber mein Verlangen macht mich unruhig.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe kein Verlangen:<br /></span>
+<span class="i0">Aber meine Schmerzen qu&auml;len mich!<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="poem">
+<span class="i4">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach, noch immer glaube ich,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ein Klang die Luft aufweckt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; deine Stimme<br /></span>
+<span class="i0">Im Zweiggewirr der B&auml;ume,<br /></span>
+<span class="i0">In Blumen, Geb&uuml;sch und Gr&auml;sern<br /></span>
+<span class="i0">Nachzitternd sich gefangenh&auml;lt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach, noch immer glaube ich,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ein Duft<br /></span>
+<span class="i0">Von ungef&auml;hr<br /></span>
+<span class="i0">Auf Windfl&uuml;geln<br /></span>
+<span class="i0">Zu mir kommt,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; es dein Atem sei.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach, noch immer glaube ich,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich nicht ganz verlassen sei.<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="poem">
+<span class="i4">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Gl&uuml;ck ist ein leerer Schall;<br /></span>
+<span class="i0">Und der Schmerz ist ein Name.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>
+<span class="i0">Was uns von allem bleibt,<br /></span>
+<span class="i0">Ist: allein zu sein.<br /></span>
+<span class="i0">Und ist uns allen ein Los,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; wir viele G&uuml;ter haben<br /></span>
+<span class="i0">Und darben m&uuml;ssen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Sonett an eine Verstorbene.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">An jedem Tage gibt's ein Abschiednehmen;<br /></span>
+<span class="i0">Und irgend etwas, das uns angeh&ouml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Wird jeden Augenblick f&uuml;r uns zerst&ouml;rt<br /></span>
+<span class="i0">Und wandelt hin zu den vergessenen Schemen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wohl, &uuml;ber dieses soll sich keiner gr&auml;men,<br /></span>
+<span class="i0">Weil immer auch ein Neues uns bet&ouml;rt;<br /></span>
+<span class="i0">Und kein Verlassen ist so unerh&ouml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Dem wir uns nicht zu guter Letzt bequemen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So gehn auch wir, und lassen alle Welt<br /></span>
+<span class="i0">Und sind nicht mehr; und jenes Wort: Gewesen<br /></span>
+<span class="i0">Erklingt von uns, wie wir's von vielem sagen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch da&szlig; auch du dich denen zugesellt,<br /></span>
+<span class="i0">Von denen wir nur noch den Namen lesen,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Herze will das nicht, und will's nicht tragen!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Aus dem Buch &bdquo;Elysium&ldquo;.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie lassen sich am Ufer nieder,<br /></span>
+<span class="i0">Sie legen ihre reinen Glieder<br /></span>
+<span class="i0">Auf leichten Sand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Entschlummern sie, so ist ihr Tr&auml;umen<br /></span>
+<span class="i0">Wie das von Wellen oder B&auml;umen<br /></span>
+<span class="i0">Voll Unbestand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>
+<span class="i0">Sie sind so sch&ouml;n, weil sie im F&auml;cheln<br /></span>
+<span class="i0">Der reinen L&uuml;fte immer l&auml;cheln,<br /></span>
+<span class="i0">Wie ausges&ouml;hnt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie singen auch. &ndash; Wer m&ouml;chte h&ouml;ren,<br /></span>
+<span class="i0">Was diesen Nachtigallen-Ch&ouml;ren<br /></span>
+<span class="i0">Ganz klar entt&ouml;nt?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie wandeln &uuml;ber sanfte Matten<br /></span>
+<span class="i0">Ins gr&uuml;ne Dunkel k&uuml;hler Schatten,<br /></span>
+<span class="i0">Sie schwinden hin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&ndash; Oh holde Seelen, voll Begl&uuml;ckte,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr nicht Geplagte, nicht Entz&uuml;ckte,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr ohne Sinn!<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="poem">
+<span class="i5">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn sie wandeln, dr&uuml;ckt dem Wiesenrain<br /></span>
+<span class="i0">Sich der schattenhafte Fu&szlig; nicht ein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn sie ruhn, so ist der leichte Gast<br /></span>
+<span class="i0">Seiner Lagerst&auml;tte keine Last.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn sie w&uuml;nschen, das ist fl&uuml;chtig auch,<br /></span>
+<span class="i0">Kaum ein Traum, ein Atemzug, ein Hauch.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn sie lieben, das ist kaum ein Blick,<br /></span>
+<span class="i0">Kaum ein Gru&szlig;. &ndash; So leicht ist dort das Gl&uuml;ck.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Alles ist ja leicht im untern Reich. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Leichte Schatten, wir begr&uuml;&szlig;en euch!<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="poem">
+<span class="i5">*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*&nbsp;&nbsp;*</span>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Leise la&szlig; sie ihren Reigen f&uuml;hren,<br /></span>
+<span class="i0">Ohne ihre Schwermut anzur&uuml;hren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">La&szlig; sie tr&auml;umend dir vor&uuml;ber hasten,<br /></span>
+<span class="i0">Ohne ihre Leere zu belasten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>
+<span class="i0">Sorge nicht, sie heute zu verstehen,<br /></span>
+<span class="i0">Denn dir wird wie ihnen bald geschehen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Freue dich, da&szlig; sie dich nicht erreichen,<br /></span>
+<span class="i0">Morgen, morgen bist du ihresgleichen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Schueler" id="Schueler"></a>Gustav Sch&uuml;ler.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. &ndash; Gedichte 1900.
+Meine gr&uuml;ne Erde 1904. Auf den Str&ouml;men der Welt zu den Meeren
+Gottes 1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit
+1914.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Unterdessen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sch&ouml;nheit ist Atem. Aber Brot ist Brot.<br /></span>
+<span class="i0">Und Tausend hungern. Und die M&uuml;hlen mahlen.<br /></span>
+<span class="i0">Und K&ouml;nigstische wissen nichts von Not.<br /></span>
+<span class="i0">Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und M&uuml;tter fiebern, wie kein Fieber schl&auml;gt,<br /></span>
+<span class="i0">Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern.<br /></span>
+<span class="i0">Die M&uuml;tter h&ouml;ren's, da&szlig; man Bretter tr&auml;gt,<br /></span>
+<span class="i0">Um einen rohen Armensarg zu zimmern.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und unterdessen lauscht die heilige Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und unterdessen wird das Licht erkoren,<br /></span>
+<span class="i0">Und unterdessen hat die Sch&ouml;nheit acht<br /></span>
+<span class="i0">Auf jede Perle, die der Tau geboren.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mignon.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer in die Nacht geht, m&uuml;&szlig;t' mich sehn<br /></span>
+<span class="i0">Am Wege auf dem Stein &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Mein Krug und Wanderstecken stehn<br /></span>
+<span class="i0">Im hellen Mondenschein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>
+<span class="i0">Die Schuhe hab' ich abgetan,<br /></span>
+<span class="i0">Das Haar ist aufgel&ouml;st,<br /></span>
+<span class="i0">Ich hab', als w&uuml;&szlig;t' ich keinen nahn,<br /></span>
+<span class="i0">Auch meine Brust entbl&ouml;&szlig;t.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Nachthauch k&uuml;hlt mich wie ein Bad.<br /></span>
+<span class="i0">Alle Wanderer ferne gehn. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Nur wer die Erde begraben hat,<br /></span>
+<span class="i0">Kann mich hier sitzen sehn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Am Abend.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Komm, denn der Abend kommt.<br /></span>
+<span class="i0">Wir haben ihn so wild ersehnt.<br /></span>
+<span class="i0">Nun ist er da. Wie er im Mantel<br /></span>
+<span class="i0">Sich an die alten Pappeln lehnt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt schl&auml;gt er seine Wimpern auf<br /></span>
+<span class="i0">Und sieht uns an und nickt uns zu.<br /></span>
+<span class="i0">Hat er nicht ganz dieselben Augen,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht ganz denselben Mund wie du?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Am Kreuzweg.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang:<br /></span>
+<span class="i0">Ein altes deutsches wehes Liebeslied,<br /></span>
+<span class="i0">Von Lieb' und Not<br /></span>
+<span class="i0">Und Treu' und Tod.<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht,<br /></span>
+<span class="i0">Lauscht lang'.<br /></span>
+<span class="i0">Der Kauz schrie so entsetzlich schrill,<br /></span>
+<span class="i0">Der hat ihn auch gesehn.<br /></span>
+<span class="i0">Das Lied schweigt still.<br /></span>
+<span class="i0">Der Schatten bleibt noch immer stehn.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span></div>
+<h3>Was ist das Gl&uuml;ck?</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Was ist das Gl&uuml;ck?<br /></span>
+<span class="i0">Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen?<br /></span>
+<span class="i0">Ein Siegen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Augenblick,<br /></span>
+<span class="i0">Wo du der Sonne jauchzend winkst<br /></span>
+<span class="i0">Und dann versinkst?<br /></span>
+<span class="i0">Oder ist es das treue Schauen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie sich Wolken aus Wolken bauen,<br /></span>
+<span class="i0">Bis sich eine mit rotem Rand<br /></span>
+<span class="i0">Hoch hinstellt &uuml;ber dein Ernteland?<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Stadler" id="Stadler"></a>Ernst Stadler.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des Weltkrieges
+im Westen. &ndash; Pr&auml;ludien 1904. Der Aufbruch 1914.</p>
+
+
+<h3>Reinigung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">L&ouml;sche alle deine Tag' und N&auml;chte aus!<br /></span>
+<span class="i0">R&auml;ume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; Regendunkel &uuml;ber deine Schollen niedergehn!<br /></span>
+<span class="i0">Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,<br /></span>
+<span class="i0">Schon bist du selig in dir selbst allein<br /></span>
+<span class="i0">Und wie mit Auferstehungslicht umhangen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;rst du: schon ist die Erde um dich leer und weit<br /></span>
+<span class="i0">Und deine Seele atemlose Trunkenheit,<br /></span>
+<span class="i0">Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span></div>
+<h3>Vorfr&uuml;hling.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In dieser M&auml;rznacht trat ich sp&auml;t aus meinem Haus.<br /></span>
+<span class="i0">Die Stra&szlig;en waren aufgew&uuml;hlt von Lenzgeruch und gr&uuml;nem Saatregen.<br /></span>
+<span class="i0">Winde schlugen an. Durch die verst&ouml;rte H&auml;usersenkung ging ich weit hinaus<br /></span>
+<span class="i0">Bis zu dem unbedeckten Wall und sp&uuml;rte: meinem Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.<br /></span>
+<span class="i0">Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten.<br /></span>
+<span class="i0">Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten eingebrannt<br /></span>
+<span class="i0">War schon die Bl&auml;ue hoher Morgenstunden, die ins Weite f&uuml;hren sollten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen.<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;berm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten, wuchsen helle Bahnen,<br /></span>
+<span class="i0">In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen.<br /></span>
+<span class="i0">In meinem Herzen lag ein St&uuml;rmen wie von aufgerollten Fahnen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Was waren Frauen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Was waren Frauen anders dir als Spiel,<br /></span>
+<span class="i0">Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden:<br /></span>
+<span class="i0">Du hast nie andres als ein St&uuml;ck von dir gefunden,<br /></span>
+<span class="i0">Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du strebtest, dich im Hellen zu befreien,<br /></span>
+<span class="i0">Und wolltest untergehn in wolkig tr&uuml;ber Flut &ndash;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>
+<span class="i0">Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen<br /></span>
+<span class="i0">Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du stiegst, dein Leben h&ouml;her aufzut&uuml;rmen,<br /></span>
+<span class="i0">In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verlie&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Und sahst erschauernd deinen D&auml;mon dich umst&uuml;rmen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn deinen d&uuml;nnen Traum der Tag durchstie&szlig;.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Puppen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare, sp&ouml;ttisch und kokett in den Vitrinen<br /></span>
+<span class="i0">Wie einst beim Menuett. Der Sch&ouml;nen H&auml;nde sch&uuml;rzen wie zum Spiel die Krinolinen<br /></span>
+<span class="i0">Und lassen weich gew&ouml;lbte Kn&ouml;chel &uuml;ber Seidenschuhe bl&uuml;hn. Die Kavaliere reichen<br /></span>
+<span class="i0">Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre feinen frechen Worte, scheint es, streichen<br /></span>
+<span class="i0">Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in k&uuml;hlem L&auml;cheln &uuml;ber ihrem Mund erstarren,<br /></span>
+<span class="i0">Indes die Sch&ouml;nen in den wohlerwognen Attit&uuml;den sanft und tr&auml;umerisch verharren.<br /></span>
+<span class="i0">So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den verschwiegnen Schr&auml;nken<br /></span>
+<span class="i0">Hochm&uuml;tig, k&uuml;hl und fern und scheinen langverge&szlig;nen Abenteuern nachzudenken.<br /></span>
+<span class="i0">Nur wenn die Kerzen tr&uuml;ber flackern, hebt ihr d&uuml;nnes Blut sich seltsam an zu wirren:<br /></span>
+<span class="i0">Dann fallen Funken in ihr Auge. Hei&szlig;e Worte scheinen in der Luft zu schwirren.<br /></span>
+<span class="i0">Der Sch&ouml;nen Leib erbebt. Im zarten Puder der geschminkten Wangen glei&szlig;t<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und Untergang verhei&szlig;t.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span></div>
+<h3>Gl&uuml;ck.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun sind vor meines Gl&uuml;ckes Stimme alle Sehnsuchtsv&ouml;gel weggeflogen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich schaue still den Wolken zu, die &uuml;ber meinem Fenster in die Bl&auml;ue jagen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Sie locken nicht mehr, mich zu fernen K&uuml;sten fortzutragen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich ins Weite zogen.<br /></span>
+<span class="i0">In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hle deines Herzens Schlag, der &uuml;ber meinem Herzen zuckt.<br /></span>
+<span class="i0">Ich steige selig in die Kammer meines Gl&uuml;ckes nieder,<br /></span>
+<span class="i0">Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige Gefieder<br /></span>
+<span class="i0">Zu sommerdunklem Traum das K&ouml;pfchen niederduckt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Sternberg" id="Sternberg"></a>Leo Sternberg.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 7. Oktober 1876 zu Limburg a. d. Lahn. &ndash; K&uuml;sten 1904. Fahnen
+1907. Neue Gedichte 1908.</p>
+
+
+<h3>Der Wartende.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ge&ouml;ffnet sind meine Fenster;<br /></span>
+<span class="i0">Ich trete zum einen, zum andern &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Aber der Vogel der Ferne<br /></span>
+<span class="i0">Fliegt nicht herein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich schlie&szlig;e die Augen und sage<br /></span>
+<span class="i0">Mir fest: &bdquo;Er kommt nicht!&ldquo; Ich denke:<br /></span>
+<span class="i0">Pl&ouml;tzlich schl&auml;gst du den Blick auf,<br /></span>
+<span class="i0">Und &ndash; er ist da!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und &ndash; er ist <em class="spaced">nicht</em> da! Vergebens!<br /></span>
+<span class="i0">Wieder warten! Warten!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>
+<span class="i0">Durch die verengte Kehle<br /></span>
+<span class="i0">Dr&uuml;ckt sich ein Kiesel hinab.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie, wenn es Nacht w&uuml;rde? Nein!&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Herz, wie du eilst! &ndash; Und ich m&uuml;&szlig;te<br /></span>
+<span class="i0">Schlie&szlig;en die Fenster? Der Vogel<br /></span>
+<span class="i0">K&auml;me nicht mehr?&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Soviel L&uuml;ftchen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Soviel L&uuml;ftchen wehn und vergehn,<br /></span>
+<span class="i0">Soviel Kl&auml;nge durchziehen mich leis.<br /></span>
+<span class="i0">Was m&ouml;gen sie singen? F&uuml;r wen?<br /></span>
+<span class="i0">Wer wei&szlig;!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Kaum da&szlig; du fl&uuml;stern h&ouml;rst<br /></span>
+<span class="i0">Und achtest, was es sei;<br /></span>
+<span class="i0">Wie wenn du Geister st&ouml;rst &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Vorbei.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nur manchmal im Leben ein Ton,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Wort, ein Gedankenstrahl &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Du fragst: Wo vernahm ich's doch schon<br /></span>
+<span class="i0">Einmal?<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Eine pl&ouml;tzliche Stille&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Eine pl&ouml;tzliche Stille kommt oft,<br /></span>
+<span class="i0">Als ob das Weltgew&uuml;hl<br /></span>
+<span class="i0">Die Sekunde jetzt stockte<br /></span>
+<span class="i0">Und zwischen geraden W&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Eine einzige schmale Bahn<br /></span>
+<span class="i0">Freilegte von mir zu dir:<br /></span>
+<span class="i0">Dann denkst du an mich.<br /></span>
+<span class="i0">Und wie durch die Furt voreinst<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>
+<span class="i0">Des gespaltenen Meers,<br /></span>
+<span class="i0">Zieht gelassen ein Traum<br /></span>
+<span class="i0">Auf inniger Gasse<br /></span>
+<span class="i0">Jenem Ufer zu.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Jenseits.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Glocken l&auml;uten dann wie jeden Tag&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">An meinem Fenster wird einer tr&auml;umend stehn,<br /></span>
+<span class="i0">und der gew&ouml;lbte Berg, der dr&uuml;ben lag,<br /></span>
+<span class="i0">wird &ndash; abendgrau &ndash; wie ein Grab aussehn<br /></span>
+<span class="i0">und der Baum darauf, wie ein Baum auf einem Grab.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Indessen werden die Stern' &uuml;ber meinem Grab aufgehn&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Der Fremde tritt vom Fenster ins Zimmer hinein;<br /></span>
+<span class="i0">von seiner Welt nicht mehr aufzusehn,<br /></span>
+<span class="i0">nimmt er den Arbeitssessel wieder ein &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich liege drau&szlig;en allein, wie ich im Leben war.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und selbst die Toten neben mir werden mich nicht verstehn&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Dann werde ich aufstehn und zu Gott gehn,<br /></span>
+<span class="i0">da&szlig; <em class="spaced">er</em> mich behalte nun,<br /></span>
+<span class="i0">oder mir sonst etwas aufgebe zu tun,<br /></span>
+<span class="i0">oder die Flamme austrete &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Dann werde ich ruhn.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Susman" id="Susman"></a>Margarete Susman.</h2>
+
+
+<h3>Im Feld ein M&auml;dchen singt&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Feld ein M&auml;dchen singt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Vielleicht ist ihr Liebster gestorben,<br /></span>
+<span class="i0">Vielleicht ist ihr Gl&uuml;ck verdorben,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ihr Lied so traurig klingt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>
+<span class="i0">Das Abendrot vergl&uuml;ht &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Die Weiden stehn und schweigen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und immer noch so eigen<br /></span>
+<span class="i0">T&ouml;nt fern das traurige Lied.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der letzte Ton verklingt. &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte zu ihr gehen.<br /></span>
+<span class="i0">Wir m&uuml;&szlig;ten uns wohl verstehen,<br /></span>
+<span class="i0">Da sie so traurig singt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ich liebe unter allen&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich liebe unter allen die am meisten,<br /></span>
+<span class="i0">Die unsichtbare Kronen tragen.<br /></span>
+<span class="i0">Wohl lieb' ich auch die heitern jungen H&auml;upter,<br /></span>
+<span class="i0">Auf deren Locken Rosenkr&auml;nze liegen,<br /></span>
+<span class="i0">Das Haupt, das sinnende Gedanken beugten,<br /></span>
+<span class="i0">Der Demut frommgesenkte Kinderstirn;<br /></span>
+<span class="i0">Doch lieb' ich unter allen die am meisten,<br /></span>
+<span class="i0">Die frei und k&ouml;niglich im Leben stehn<br /></span>
+<span class="i0">Und unsichtbare Kronen tragen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>So in die still verschneite Nacht&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">So in die still verschneite Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Blick' ich hinaus;<br /></span>
+<span class="i0">Die alte Sehnsucht ist erwacht<br /></span>
+<span class="i0">Und singt und fl&uuml;stert, weint und lacht<br /></span>
+<span class="i0">Und lacht mich aus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie zieht um mich den Zauberkreis<br /></span>
+<span class="i0">Von Wunsch und Wahn;<br /></span>
+<span class="i0">Sie spricht wie du so scheu und leis;<br /></span>
+<span class="i0">Sie starrt mich an so traurig hei&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wie du getan.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span></div>
+<h3>Kein Liebeswort&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Kein Liebeswort ist zwischen uns gefallen.<br /></span>
+<span class="i0">Du hast mir nicht einmal die Hand gek&uuml;&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Wie mancher tat, der mir nicht teuer war.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sprach mit dir wie mit den andern allen.<br /></span>
+<span class="i0">Der du mir Licht und Luft gewesen bist<br /></span>
+<span class="i0">Und Lebensodem dieses ganze Jahr.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch das, was deine Augen mir verk&uuml;ndet,<br /></span>
+<span class="i0">Die leuchtenden Verr&auml;ter, halt' ich fest,<br /></span>
+<span class="i0">Sowie in Sturm und Schnee ein armes Kind<br /></span>
+<span class="i0">Sein P&uuml;ppchen h&auml;lt und wunderherrlich findet<br /></span>
+<span class="i0">Und immer wieder z&auml;rtlich an sich pre&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Neidlos auf die, die reich und gl&uuml;cklich sind.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Trakl" id="Trakl"></a>Georg Trakl.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 3. Februar 1887 zu Salzburg, gestorben am 3. November 1914
+im Garnisonlazarett zu Krakau. &ndash; Gedichte 1914. Sebastian im Traum 1914.
+Gesammelte Dichtungen 1919.</p>
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+<h3>Der Herbst des Einsamen.</h3>
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+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und F&uuml;lle,<br /></span>
+<span class="i0">Vergilbter Glanz von sch&ouml;nen Sommertagen.<br /></span>
+<span class="i0">Ein reines Blau tritt aus verfallener H&uuml;lle;<br /></span>
+<span class="i0">Der Flug der V&ouml;gel t&ouml;nt von alten Sagen.<br /></span>
+<span class="i0">Gekeltert ist der Wein, die milde Stille<br /></span>
+<span class="i0">Erf&uuml;llt von leiser Antwort dunkler Fragen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und hier und dort ein Kreuz auf &ouml;dem H&uuml;gel;<br /></span>
+<span class="i0">Im roten Wald verliert sich eine Herde.<br /></span>
+<span class="i0">Die Wolke wandert &uuml;bern Weiherspiegel;<br /></span>
+<span class="i0">Es ruht des Landmanns ruhige Geb&auml;rde.<br /></span>
+<span class="i0">Sehr leise r&uuml;hrt des Abends blauer Fl&uuml;gel<br /></span>
+<span class="i0">Ein Dach von d&uuml;rrem Stroh, die schwarze Erde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>
+<span class="i0">Bald nisten Sterne in des M&uuml;den Brauen;<br /></span>
+<span class="i0">In k&uuml;hle Stuben kehrt ein still Bescheiden,<br /></span>
+<span class="i0">Und Engel treten leise aus den blauen<br /></span>
+<span class="i0">Augen der Liebenden, die sanfter leiden.<br /></span>
+<span class="i0">Es rauscht das Rohr; anf&auml;llt ein kn&ouml;chern Grauen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.<br /></span>
+</div></div>
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+<h3>In den Nachmittag gefl&uuml;stert.</h3>
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+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sonne, herbstlich d&uuml;nn und zag,<br /></span>
+<span class="i0">Und das Obst f&auml;llt von den B&auml;umen.<br /></span>
+<span class="i0">Stille wohnt in blauen R&auml;umen<br /></span>
+<span class="i0">Einen langen Nachmittag.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sterbekl&auml;nge von Metall;<br /></span>
+<span class="i0">Und ein wei&szlig;es Tier bricht nieder.<br /></span>
+<span class="i0">Brauner M&auml;dchen rauhe Lieder<br /></span>
+<span class="i0">Sind verweht im Bl&auml;tterfall.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Stirne Gottes Farben tr&auml;umt,<br /></span>
+<span class="i0">Sp&uuml;rt des Wahnsinns sanfte Fl&uuml;gel.<br /></span>
+<span class="i0">Schatten drehen sich am H&uuml;gel<br /></span>
+<span class="i0">Von Verwesung schwarz ums&auml;umt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">D&auml;mmerung voll Ruh und Wein;<br /></span>
+<span class="i0">Traurige Gitarren rinnen.<br /></span>
+<span class="i0">Und zur milden Lampe drinnen<br /></span>
+<span class="i0">Kehrst du wie im Traume ein.<br /></span>
+</div></div>
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+<h3>Im Park.</h3>
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+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wieder wandelnd im alten Park,<br /></span>
+<span class="i0">O! Stille gelb und roter Blumen.<br /></span>
+<span class="i0">Ihr auch trauert, ihr sanften G&ouml;tter,<br /></span>
+<span class="i0">Und das herbstliche Gold der Ulme.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>
+<span class="i0">Reglos ragt am bl&auml;ulichen Weiher<br /></span>
+<span class="i0">Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel.<br /></span>
+<span class="i0">O! dann neige auch du die Stirne<br /></span>
+<span class="i0">Vor der Ahnen verfallenem Marmor.<br /></span>
+</div></div>
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+<h3>Landschaft.</h3>
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+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Septemberabend; traurig t&ouml;nen die dunklen Rufe der Hirten<br /></span>
+<span class="i0">Durch das d&auml;mmernde Dorf; Feuer spr&uuml;ht in der Schmiede.<br /></span>
+<span class="i0">Gewaltig b&auml;umt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen Locken der Magd<br /></span>
+<span class="i0">Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen N&uuml;stern.<br /></span>
+<span class="i0">Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der Hirschkuh,<br /></span>
+<span class="i0">Und die gelben Blumen des Herbstes<br /></span>
+<span class="i0">Neigen sich sprachlos &uuml;ber das blaue Antlitz des Teichs.<br /></span>
+<span class="i0">In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern mit dunklen Gesichtern die Flederm&auml;use.<br /></span>
+</div></div>
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+<h3>Sommer.</h3>
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+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Abend schweigt die Klage<br /></span>
+<span class="i0">Des Kuckucks im Wald.<br /></span>
+<span class="i0">Tiefer neigt sich das Korn,<br /></span>
+<span class="i0">Der rote Mohn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schwarzes Gewitter droht<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber dem H&uuml;gel.<br /></span>
+<span class="i0">Das alte Lied der Grille<br /></span>
+<span class="i0">Erstirbt im Feld.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>
+<span class="i0">Nimmer regt sich das Laub<br /></span>
+<span class="i0">Der Kastanie.<br /></span>
+<span class="i0">Auf der Wendeltreppe<br /></span>
+<span class="i0">Rauscht dein Kleid.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Stille leuchtet die Kerze<br /></span>
+<span class="i0">Im dunklen Zimmer;<br /></span>
+<span class="i0">Eine silberne Hand<br /></span>
+<span class="i0">L&ouml;schte sie aus.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Windstille, sternlose Nacht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>In Venedig.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Stille in n&auml;chtigem Zimmer.<br /></span>
+<span class="i0">Silbern flackert der Leuchter<br /></span>
+<span class="i0">Vor dem singenden Odem<br /></span>
+<span class="i0">Des Einsamen;<br /></span>
+<span class="i0">Zaubrisches Rosengew&ouml;lk.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Schw&auml;rzlicher Fliegenschwarm<br /></span>
+<span class="i0">Verdunkelt den steinernen Raum,<br /></span>
+<span class="i0">Und es starrt von der Qual<br /></span>
+<span class="i0">Des goldenen Tags das Haupt<br /></span>
+<span class="i0">Des Heimatlosen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Reglos nachtet das Meer.<br /></span>
+<span class="i0">Stern und schw&auml;rzliche Fahrt<br /></span>
+<span class="i0">Entschwand am Kanal.<br /></span>
+<span class="i0">Kind, dein kr&auml;nkliches L&auml;cheln<br /></span>
+<span class="i0">Folgte mir leise im Schlaf.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span></div>
+<h3>Am Moor.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wanderer im schwarzen Wind; leise fl&uuml;stert das d&uuml;rre Rohr<br /></span>
+<span class="i0">In der Stille des Moors. Am grauen Himmel<br /></span>
+<span class="i0">Ein Zug von wilden V&ouml;geln folgt;<br /></span>
+<span class="i0">Quere &uuml;ber finsteren Wassern.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aufruhr. In verfallener H&uuml;tte<br /></span>
+<span class="i0">Aufflattert mit schwarzen Fl&uuml;geln die F&auml;ulnis;<br /></span>
+<span class="i0">Verkr&uuml;ppelte Birken seufzen im Wind.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert<br /></span>
+<span class="i0">Die sanfte Schwermut grasender Herden,<br /></span>
+<span class="i0">Erscheinung der Nacht: Kr&ouml;ten tauchen aus silbernen Wassern.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Fr&uuml;hling der Seele.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen st&uuml;rzt der Wind,<br /></span>
+<span class="i0">Das Blau des Fr&uuml;hlings winkt durch brechendes Ge&auml;st,<br /></span>
+<span class="i0">Purpurner Nachttau und es erl&ouml;schen rings die Sterne.<br /></span>
+<span class="i0">Gr&uuml;nlich d&auml;mmert der Flu&szlig;, silbern die alten Alleen<br /></span>
+<span class="i0">Und die T&uuml;rme der Stadt. O sanfte Trunkenheit<br /></span>
+<span class="i0">Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel<br /></span>
+<span class="i0">In kindlichen G&auml;rten. Schon lichtet sich der rosige Flor.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,<br /></span>
+<span class="i0">Das schreitende Tier; Gr&uuml;nendes, Bl&uuml;tengezweig<br /></span>
+<span class="i0">R&uuml;hrt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.<br /></span>
+<span class="i0">Leise t&ouml;nt die Sonne im Rosengew&ouml;lk am H&uuml;gel.<br /></span>
+<span class="i0">Gro&szlig; ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Flu&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span>
+<span class="i0">Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,<br /></span>
+<span class="i0">Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.<br /></span>
+<span class="i0">Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung<br /></span>
+<span class="i0">Des Waldes und Mittag war und gro&szlig; das Schweigen des Tiers;<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;e unter wilder Eiche, und es bl&uuml;hte silbern der Dorn.<br /></span>
+<span class="i0">Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dunkler umflie&szlig;en die Wasser die sch&ouml;nen Spiele der Fische.<br /></span>
+<span class="i0">Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;<br /></span>
+<span class="i0">Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich d&auml;mmert<br /></span>
+<span class="i0">Bl&auml;ue &uuml;ber dem verhauenen Wald und es l&auml;utet<br /></span>
+<span class="i0">Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.<br /></span>
+<span class="i0">Stille bl&uuml;ht die Myrte &uuml;ber den wei&szlig;en Lidern des Toten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Leise t&ouml;nen die Wasser im sinkenden Nachmittag<br /></span>
+<span class="i0">Und es gr&uuml;net dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind;<br /></span>
+<span class="i0">Der sanfte Gesang des Bruders am Abendh&uuml;gel.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Elis.</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags.<br /></span>
+<span class="i0">Unter alten Eichen<br /></span>
+<span class="i0">Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>
+<span class="i0">Ihre Bl&auml;ue spiegelt den Schlummer der Liebenden.<br /></span>
+<span class="i0">An deinem Mund<br /></span>
+<span class="i0">Verstummten ihre rosigen Seufzer.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein.<br /></span>
+<span class="i0">Ein guter Hirt<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;hrt seine Herde am Waldsaum hin.<br /></span>
+<span class="i0">O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Leise sinkt<br /></span>
+<span class="i0">An kahlen Mauern des &Ouml;lbaums blaue Stille,<br /></span>
+<span class="i0">Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein goldener Kahn<br /></span>
+<span class="i0">Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein sanftes Glockenspiel t&ouml;nt in Elis' Brust<br /></span>
+<span class="i0">Am Abend,<br /></span>
+<span class="i0">Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein blaues Wild<br /></span>
+<span class="i0">Blutet leise im Dornengestr&uuml;pp.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein brauner Baum steht abgeschieden da;<br /></span>
+<span class="i0">Seine blauen Fr&uuml;chte fielen von ihm.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zeichen und Sterne<br /></span>
+<span class="i0">Versinken leise im Abendweiher.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hinter dem H&uuml;gel ist es Winter geworden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Blaue Tauben<br /></span>
+<span class="i0">Trinken nachts den eisigen Schwei&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Der von Elis' kristallener Stirne rinnt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Immer t&ouml;nt<br /></span>
+<span class="i0">An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
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+<div><span class='pagenum'><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span></div>
+<h2><a name="Walser" id="Walser"></a>Robert Walser.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. &ndash; Gedichte 1908.</p>
+
+
+<h3>Morgenstern.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich mache das Fenster auf,<br /></span>
+<span class="i0">Es ist dunkle Morgenhelle.<br /></span>
+<span class="i0">Das Schneien h&ouml;rte schon auf,<br /></span>
+<span class="i0">Ein gro&szlig;er Stern ist an seiner Stelle.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Stern, der Stern<br /></span>
+<span class="i0">Ist wunderbar sch&ouml;n.<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig; von Schnee ist die Fern',<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig; von Schnee alle H&ouml;hn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Heilige, frische<br /></span>
+<span class="i0">Morgenruh' in der Welt.<br /></span>
+<span class="i0">Jeder Laut deutlich f&auml;llt;<br /></span>
+<span class="i0">Die D&auml;cher gl&auml;nzen wie Kindertische.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So still und wei&szlig;:<br /></span>
+<span class="i0">Eine gro&szlig;e, sch&ouml;ne Ein&ouml;de,<br /></span>
+<span class="i0">Deren kalte Stille jede<br /></span>
+<span class="i0">&Auml;u&szlig;erung st&ouml;rt; in mir brennt's hei&szlig;.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Langezeit.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich tu' mir Zwang,<br /></span>
+<span class="i0">Zu scherzen und lachen,<br /></span>
+<span class="i0">Was soll ich machen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Zeit ist lang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gewohnten Gang<br /></span>
+<span class="i0">Im m&uuml;den Herzen<br /></span>
+<span class="i0">Gehn alte Schmerzen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Zeit ist lang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>
+<span class="i0">Ich mu&szlig; den Hang<br /></span>
+<span class="i0">Zu weinen bezwingen,<br /></span>
+<span class="i0">Nebst andern Dingen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Zeit ist lang.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Warum auch.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und als ein solcher klarer<br /></span>
+<span class="i0">Tag hastig nun wiederkam,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach er voll ruhiger, wahrer<br /></span>
+<span class="i0">Entschlossenheit langsam:<br /></span>
+<span class="i0">Nun soll es anders sein,<br /></span>
+<span class="i0">Ich st&uuml;rze mich in den Kampf hinein;<br /></span>
+<span class="i0">Ich will gleich so vielen andern<br /></span>
+<span class="i0">Aus der Welt tragen helfen das Leid,<br /></span>
+<span class="i0">Will leiden und wandern,<br /></span>
+<span class="i0">Bis das Volk befreit.<br /></span>
+<span class="i0">Will nie mehr m&uuml;de mich niederlegen;<br /></span>
+<span class="i0">Geschehen soll etwas.<br /></span>
+<span class="i0">Da &uuml;berkam ihn ein Erw&auml;gen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schlummer: ach, la&szlig; doch das.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Schnee.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde<br /></span>
+<span class="i0">Mit wei&szlig;er Beschwerde, so weit, so weit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel,<br /></span>
+<span class="i0">Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite,<br /></span>
+<span class="i0">Die wei&szlig;verschneite Welt macht mich schwach.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So da&szlig; erst klein, dann gro&szlig; mein Sehnen<br /></span>
+<span class="i0">Sich dr&auml;ngt zu Tr&auml;nen, in mich hinein.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span></div>
+<h3>Im Mondschein.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich dachte gestern nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Die Sterne m&uuml;ssen singen,<br /></span>
+<span class="i0">Als ich aufgewacht<br /></span>
+<span class="i0">Und es leise h&ouml;rte klingen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es war aber eine Handharfe,<br /></span>
+<span class="i0">Die durch die R&auml;ume drang,<br /></span>
+<span class="i0">Und durch die kalte, scharfe<br /></span>
+<span class="i0">Nacht klang es so bang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dachte so verlornem Ringen,<br /></span>
+<span class="i0">Gebeten und Fl&uuml;chen nach,<br /></span>
+<span class="i0">Und noch lange h&ouml;rt' ich es singen,<br /></span>
+<span class="i0">Lag lang' noch wach.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>M&uuml;digkeit.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Entf&uuml;hr' mich, wie ich bin;<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, mein verirrter Sinn<br /></span>
+<span class="i0">Weist von sich diese Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Die ihn nicht mehr erhellt.<br /></span>
+<span class="i0">Komm, o ich werde brav<br /></span>
+<span class="i0">Und selig stille sein<br /></span>
+<span class="i0">In deinem dichten Schein,<br /></span>
+<span class="i0">Heiliger, s&uuml;&szlig;er Schlaf.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Zu philosophisch.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie geisterhaft im Sinken<br /></span>
+<span class="i0">Und Steigen ist mein Leben.<br /></span>
+<span class="i0">Stets seh' ich mich mir winken,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Winkenden entschweben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>
+<span class="i0">Ich seh' mich als Gel&auml;chter,<br /></span>
+<span class="i0">Als tiefe Trauer wieder,<br /></span>
+<span class="i0">Als w&uuml;sten Redeflechter;<br /></span>
+<span class="i0">Doch alles dies sinkt nieder.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ist zu allen Zeiten<br /></span>
+<span class="i0">Wohl niemals recht gewesen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin verge&szlig;ne Weiten<br /></span>
+<span class="i0">Zu wandern auserlesen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Brausen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es braust noch immer in der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Das Brausen h&ouml;rt doch niemals auf;<br /></span>
+<span class="i0">Ich liebe &ndash; es h&ouml;rt niemals auf,<br /></span>
+<span class="i0">Es braust ein Lieben durch die Welt.<br /></span>
+<span class="i0">Und ob ich auch ein Feigling bin,<br /></span>
+<span class="i0">Und ob du auch ein Kranker bist:<br /></span>
+<span class="i0">Du liebst, wenn du es auch nicht bist,<br /></span>
+<span class="i0">Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin.<br /></span>
+<span class="i0">Es braust, und ich steh' horchend still,<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig;, ich hasse den und den,<br /></span>
+<span class="i0">Es n&uuml;tzt mir nichts; wie ich auch will:<br /></span>
+<span class="i0">Ich liebe alles, so auch den.<br /></span>
+<span class="i0">Dann gibt es Stunden, wo ich wei&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; wir vor Liebe alle hei&szlig;.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Und ging.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Er schwenkte leise seinen Hut<br /></span>
+<span class="i0">Und ging, hei&szlig;t es vom Wandersmann.<br /></span>
+<span class="i0">Er ri&szlig; die Bl&auml;tter von dem Baum<br /></span>
+<span class="i0">Und ging, hei&szlig;t es vom rauhen Herbst.<br /></span>
+<span class="i0">Sie teilte l&auml;chelnd Gnaden aus<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>
+<span class="i0">Und ging, hei&szlig;t's von der Majest&auml;t.<br /></span>
+<span class="i0">Es klopfte n&auml;chtlich an die T&uuml;r<br /></span>
+<span class="i0">Und ging, hei&szlig;t es vom Herzeleid.<br /></span>
+<span class="i0">Er zeigte weinend auf sein Herz<br /></span>
+<span class="i0">Und ging, hei&szlig;t es vom armen Mann.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Wedekind" id="Wedekind"></a>Frank Wedekind.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 24. Juli 1864 in Hannover, gestorben am 9. M&auml;rz 1918 in
+M&uuml;nchen. &ndash; Die vier Jahreszeiten 1905.</p>
+
+
+<h3>Erdgeist.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Greife wacker nach der S&uuml;nde;<br /></span>
+<span class="i0">Aus der S&uuml;nde w&auml;chst Genu&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Ach, du gleichest einem Kinde,<br /></span>
+<span class="i0">Dem man alles zeigen mu&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meide nicht die ird'schen Sch&auml;tze:<br /></span>
+<span class="i0">Wo sie liegen, nimm sie mit.<br /></span>
+<span class="i0">Hat die Welt doch nur Gesetze,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; man sie mit F&uuml;&szlig;en tritt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gl&uuml;cklich, wer geschickt und heiter<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber frische Gr&auml;ber hopst.<br /></span>
+<span class="i0">Tanzend auf der Galgenleiter<br /></span>
+<span class="i0">Hat sich keiner noch gemopst.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Perversit&auml;t.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit hohlen Augen und mit d&uuml;nnen Armen<br /></span>
+<span class="i0">Huscht scheu hervor, inst&auml;ndig mein Erbarmen<br /></span>
+<span class="i0">Anflehend, stotternd, schlotternd, furchtbefangen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Eisig sein K&ouml;rper, gl&uuml;hend sein Verlangen,<br /></span>
+<span class="i0">M&uuml;ht sich's frostbebend, menschlich zu erwarmen.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>
+<span class="i0">Vergebne Qual; erschlafft in meinen Armen,<br /></span>
+<span class="i0">Bewimmert es sein Hoffen und sein Bangen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Besch&auml;mt schleicht sich's von hinnen, &auml;chzend, siechend,<br /></span>
+<span class="i0">Nachts bettelnd und bei Tage sich verkriechend,<br /></span>
+<span class="i0">Heut in Verzweiflung, morgen in Verz&uuml;cktheit;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Verf&auml;llt gemach schmerzstillender Verr&uuml;cktheit,<br /></span>
+<span class="i0">Stutzt, lacht, jauchzt todesfroh, und, der Gewandung<br /></span>
+<span class="i0">Vom Gischt beraubt, zerschellt es in der Brandung.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ilse.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich war ein Kind von f&uuml;nfzehn Jahren,<br /></span>
+<span class="i0">Ein reines unschuldsvolles Kind,<br /></span>
+<span class="i0">Als ich zum erstenmal erfahren,<br /></span>
+<span class="i0">Wie s&uuml;&szlig; der Liebe Freuden sind.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er nahm mich um den Leib und lachte<br /></span>
+<span class="i0">Und fl&uuml;sterte: O welch ein Gl&uuml;ck!<br /></span>
+<span class="i0">Und dabei bog er sachte, sachte<br /></span>
+<span class="i0">Mein K&ouml;pfchen auf das Pf&uuml;hl zur&uuml;ck.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Seit jenem Tag lieb' ich sie alle,<br /></span>
+<span class="i0">Des Lebens sch&ouml;nster Lenz ist mein;<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn ich keinem mehr gefalle,<br /></span>
+<span class="i0">Dann will ich gern begraben sein.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Der Anarchist.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Reicht mir in der Todesstunde<br /></span>
+<span class="i0">Nicht in Gnaden den Pokal!<br /></span>
+<span class="i0">Von des Weibes hei&szlig;em Munde<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig;t mich trinken noch einmal!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>
+<span class="i0">M&ouml;gt ihr sinnlos euch berauschen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn mein Blut zerrinnt im Sand.<br /></span>
+<span class="i0">Meinen Ku&szlig; mag sie nicht tauschen<br /></span>
+<span class="i0">Auch f&uuml;r Brot aus Henkershand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Einen Sohn wird sie geb&auml;ren,<br /></span>
+<span class="i0">Dem mein Kreuz im Herzen steht,<br /></span>
+<span class="i0">Der f&uuml;r seiner Mutter Z&auml;hren<br /></span>
+<span class="i0">Eurer Kinder H&auml;upter m&auml;ht.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Waldweben.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwischen duftigen B&uuml;schen<br /></span>
+<span class="i0">Stie&szlig; ich auf einen Quell;<br /></span>
+<span class="i0">Meinen Mund zu erfrischen,<br /></span>
+<span class="i0">D&uuml;nkt' er mich rein und hell.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Als ich mich satt getrunken,<br /></span>
+<span class="i0">Tr&auml;umend wankt' ich zur Stadt,<br /></span>
+<span class="i0">Bin aufs Lager gesunken,<br /></span>
+<span class="i0">Fiebernd und todesmatt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hat kein Arzt sich gefunden,<br /></span>
+<span class="i0">Dessen Kunst mich geheilt;<br /></span>
+<span class="i0">Werd' auch nimmer gesunden,<br /></span>
+<span class="i0">Bis mich der Tod ereilt. &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ei du mein durstiger Knabe,<br /></span>
+<span class="i0">Streife nicht durchs Geb&uuml;sch;<br /></span>
+<span class="i0">Bleib bei der Mutter und labe<br /></span>
+<span class="i0">Fromm dich am Kaffeetisch.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span></div>
+<h2><a name="Werfel" id="Werfel"></a>Franz Werfel.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 10. September 1890 zu Prag. &ndash; Der Weltfreund 1911.
+Wir sind 1913. Einander 1915. Ges&auml;nge aus den drei Reichen 1917.
+Der Gerichtstag 1920.</p>
+
+
+<h3>Wie nichts erkennend.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich reichte einem Kranken meine Hand<br /></span>
+<span class="i0">Und gab ihm Wunsch und Mitgef&uuml;hl bekannt.<br /></span>
+<span class="i0">Doch w&auml;hrend treulich meine Worte waren,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach wohl ein Herz, das nur sich selbst empfand.<br /></span>
+<span class="i0">Mitt&auml;glich sah ich einen Droschkenstand,<br /></span>
+<span class="i0">Wo sich beweglich alte G&auml;ule sonnten.<br /></span>
+<span class="i0">Da hat ein klarer Kopf sich umgewandt<br /></span>
+<span class="i0">Und tief durchf&uuml;hlt traf mich ein schweres Auge.<br /></span>
+<span class="i0">Bin aber dumpf des eigenen Wegs gerannt<br /></span>
+<span class="i0">Und nicht durchflo&szlig; mich dieses Bruderleben.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Abend hab' ich hei&szlig;es Wort genannt.<br /></span>
+<span class="i0">Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht nannt ich mein.<br /></span>
+<span class="i0">Hah, Mein und Mein! Und immer diese Wand!<br /></span>
+<span class="i0">Warum bin ich nicht durch die Welt gespannt,<br /></span>
+<span class="i0">Allf&uuml;hlend gleicherzeit in Tier und B&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">In Knecht und Ofen, Mensch und Gegenstand?!<br /></span>
+<span class="i0">So ist's mein Teil, sternhaft dahinzurollen,<br /></span>
+<span class="i0">Gebunden zwar, doch niemandem verwandt,<br /></span>
+<span class="i0">Wie nichts erkennend, so auch unerkannt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Verzweiflung.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nacht kam herein.<br /></span>
+<span class="i0">Und morgen, w&auml;hnen wir, ist Tag.<br /></span>
+<span class="i0">Da gehn die Wagen wieder<br /></span>
+<span class="i0">Und an den T&uuml;ren l&auml;utet es.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>
+<span class="i0">Die Mutter mein sitzt da.<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Antlitz ist nicht meins.<br /></span>
+<span class="i0">Sie redet viel an mich.<br /></span>
+<span class="i0">Ich denk an fremdes Nichts.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Schwester mein lacht auf.<br /></span>
+<span class="i0">Leicht k&ouml;nnte ich sie hassen.<br /></span>
+<span class="i0">In meiner &Ouml;de brodelt<br /></span>
+<span class="i0">Schon ein gemeines Wort.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich bin so zugebaut!<br /></span>
+<span class="i0">Und alles rauscht nach Liebe.<br /></span>
+<span class="i0">Ich auch nach Liebe weine<br /></span>
+<span class="i0">Und hab doch keinen gern.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Welche Lust auf Erden denn ist s&uuml;&szlig;er.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Taucht nur, senkt nur eure wilden Fratzen<br /></span>
+<span class="i0">In mein reines flie&szlig;endes Wesen!<br /></span>
+<span class="i0">Diese Seele brandzuschatzen,<br /></span>
+<span class="i0">Seid ihr alle, allesamt erlesen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">M&auml;rtyrer, gegr&uuml;&szlig;t, woll&uuml;stige B&uuml;&szlig;er!<br /></span>
+<span class="i0">Heil dem Busen durch und durch geschlagen!<br /></span>
+<span class="i0">Welche Lust auf Erden denn ist s&uuml;&szlig;er,<br /></span>
+<span class="i0">Als verwundet werden und nichts sagen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Komm, Verr&auml;ter, da&szlig; ich dich erbose,<br /></span>
+<span class="i0">Du mit m&uuml;den H&auml;nden, list'ger Sp&auml;her!<br /></span>
+<span class="i0">Hier Gesicht und Brust!! Mit jedem Sto&szlig;e<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich ja dem Tempo Gottes n&auml;her!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span></div>
+<h3>Ein Lebens-Lied.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; einmal mein dies Leben war,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; in ihm jene Kiefern standen<br /></span>
+<span class="i0">Und Ufer schlafend sich vor&uuml;berwanden,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich in W&auml;ldern aufschrie sonderbar.<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; einmal mein dies Leben war!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wo Ufer schlafend sich vor&uuml;berwanden,<br /></span>
+<span class="i0">Was trug der Flu&szlig; mit Schilf und Wolk' davon?<br /></span>
+<span class="i0">Wo bin ich &ndash; und ich h&ouml;re noch den Ton<br /></span>
+<span class="i0">Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,<br /></span>
+<span class="i0">Wo Ufer schlafend sich vor&uuml;berwanden.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wo bin ich &ndash; und ich h&ouml;re noch den Ton<br /></span>
+<span class="i0">Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,<br /></span>
+<span class="i0">Kastanien- und Laternensprache waren<br /></span>
+<span class="i0">Noch da und Worte &ndash; doch wo sind sie schon?<br /></span>
+<span class="i0">Wo bin ich &ndash; und ich h&ouml;re noch den Ton?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Kastanien- und Laternensprache waren<br /></span>
+<span class="i0">Noch da und Atem einer breiten Schar.<br /></span>
+<span class="i0">Und mein war ein Gef&uuml;hl von Gang und Haaren.<br /></span>
+<span class="i0">O Ewigkeit! &ndash; Und werd' ich es bewahren,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; einmal mein dies Leben war!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Amore.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn noch die Eitelkeit<br /></span>
+<span class="i0">Das Auge dir entweiht,<br /></span>
+<span class="i0">Ist kommen nicht die Zeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Solang du noch willst stehn<br /></span>
+<span class="i0">Auf Podien, gesehn,<br /></span>
+<span class="i0">Kann Gl&uuml;cks dir nicht geschehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>
+<span class="i0">Wer sich noch nicht zerbrach,<br /></span>
+<span class="i0">Sich &ouml;ffnend jeder Schmach,<br /></span>
+<span class="i0">Ist Gottes noch nicht wach.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer noch mit Eifer spitzt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er ein Weib besitzt,<br /></span>
+<span class="i0">Ist noch nicht ausgewitzt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erst wenn ein Mensch zerging<br /></span>
+<span class="i0">In jedem Tier und Ding,<br /></span>
+<span class="i0">Zu lieben er anfing.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erst wer Erf&uuml;llung floh,<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;chst an zum H&ouml;chsten so,<br /></span>
+<span class="i0">Wird letzter Sehnsucht froh.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Erst wer sich jauchzend bot<br /></span>
+<span class="i0">Der Schande und der Not<br /></span>
+<span class="i0">Und zehnfach jedem Tod,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im heiligsten Verzicht,<br /></span>
+<span class="i0">Vor Liebe ihm zerbricht<br /></span>
+<span class="i0">Sein irdisch Angesicht!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wohin schwillt er empor?<br /></span>
+<span class="i0">Was schwingt er &uuml;berm Chor<br /></span>
+<span class="i0">Unendlich sein amor'!!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Alte Dienstboten.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In dem sanften Wallen der alten Fr&uuml;hlinge<br /></span>
+<span class="i0">Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.<br /></span>
+<span class="i0">Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Sonntag f&uuml;llt mit seinem zarten Tod die Stra&szlig;e aus.<br /></span>
+<span class="i0">Sein letzter Odem tr&auml;gt den Schall von Ruderschl&auml;gen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>
+<span class="i0">Von Ufer, H&uuml;gelton und Klang von Weggespr&auml;chen her.<br /></span>
+<span class="i0">Die alten M&auml;gde haben g&uuml;tige H&uuml;te auf,<br /></span>
+<span class="i0">Mild von Vergangenheit und kaum entl&auml;chelnd mehr.<br /></span>
+<span class="i0">Nur manche Masche oder k&uuml;hne Rose schl&auml;gt zum Flug die Fl&uuml;gel auf.<br /></span>
+<span class="i0">Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gru&szlig; und altem Nicken,<br /></span>
+<span class="i0">Eh' sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten H&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom fr&uuml;hen Tag.<br /></span>
+<span class="i0">Wohin sie auch ihr Gehen wenden,<br /></span>
+<span class="i0">Klirrt ein Geschirr, ist K&uuml;che um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.<br /></span>
+<span class="i0">Im Hof ist L&auml;rm, im Herd die ewige Kohle.<br /></span>
+<span class="i0">Sie h&ouml;ren auf dem Gang das Schl&uuml;rfen ihrer Sohle,<br /></span>
+<span class="i0">Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.<br /></span>
+<span class="i0">Schon keift die Herrin auf, die aus der T&uuml;re fuhr&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem R&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Sind die bereit sich neu zu ewigem Dienst zu b&uuml;cken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig;, da&szlig; diese alten geisterhaften Leben<br /></span>
+<span class="i0">Sich ohne Ende &uuml;ber meins erheben,<br /></span>
+<span class="i0">Das voll von Hoffart Worte machen mag.<br /></span>
+<span class="i0">Nur uns zu pr&uuml;fen gab uns Gott den Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Allein des Tages Sinn hei&szlig;t Heiligkeit.<br /></span>
+<span class="i0">O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schlie&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">O Einfalt, die nichts wei&szlig; und nichts genie&szlig;t,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>
+<span class="i0">O Licht am Abend &uuml;berm Tisch geb&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i0">Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen H&auml;nden,<br /></span>
+<span class="i0">Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Mondlied eines M&auml;dchens.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich liege in gl&auml;sernem Wachen,<br /></span>
+<span class="i0">Gel&ouml;st mein Haar und Gesicht.<br /></span>
+<span class="i0">Am Boden in langsamen Lachen<br /></span>
+<span class="i0">Schwebt Mond, das unselige Licht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wie mir die t&ouml;dliche Helle<br /></span>
+<span class="i0">Die Stirn und das Auge bef&uuml;hlt,<br /></span>
+<span class="i0">Zerrinn ich und bin eine Welle,<br /></span>
+<span class="i0">Gekr&auml;uselt, entf&uuml;hrt und gesp&uuml;lt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Mutter atmet daneben,<br /></span>
+<span class="i0">Der Vater schl&auml;ft auf und ab.<br /></span>
+<span class="i0">Ich habe Angst um das Leben<br /></span>
+<span class="i0">Von allen, die ich liebhab.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer<br /></span>
+<span class="i0">Erzengel mit schrecklichem Schwert.<br /></span>
+<span class="i0">Ins Ohr weint mir immer, mir immer<br /></span>
+<span class="i0">Ein Kind, das mir nicht geh&ouml;rt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nachtlampe von tausend Betten<br /></span>
+<span class="i0">Des Leidens, der Mond mir scheint.<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte viel Schluchzendes retten,<br /></span>
+<span class="i0">Und bin es doch selbst, die weint.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">All Ding im Zimmer verlassen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Schuh, und der Tisch, und die Wand&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte das Ferne anfassen,<br /></span>
+<span class="i0">Nur sein eine streichelnde Hand!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte mit Fr&ouml;stelnden spielen<br /></span>
+<span class="i0">Und halten die Kalten im Arm!<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hle, die Reichen und Vielen<br /></span>
+<span class="i0">Sind Kinder vor mir und so arm!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">F&uuml;r alle mu&szlig; ich mich sorgen,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Schlaf ist gl&auml;sern und schwebt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">Ich horche, wie in den Morgen<br /></span>
+<span class="i0">Der Atem von allen sich hebt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im Fenster wehn B&auml;ume zerrissen,<br /></span>
+<span class="i0">Viel Himmel sind windig in Ruh.<br /></span>
+<span class="i0">Ich decke mit meinen Kissen<br /></span>
+<span class="i0">Die frierenden Welten zu.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Leidenschaftlichen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten<br /></span>
+<span class="i0">Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten!<br /></span>
+<span class="i0">Nein alle, die in dreizehn Dezembern&auml;chten<br /></span>
+<span class="i0">Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich r&auml;chten<br /></span>
+<span class="i0">Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten,<br /></span>
+<span class="i0">Die Eifers&uuml;chtigen all, die ihr Blut stauten,<br /></span>
+<span class="i0">In Droschken weinten, in S&auml;len sich erfrechten!<br /></span>
+<span class="i0">Die durchgefallnen tiefen Atmer,<br /></span>
+<span class="i0">S&auml;nger, die mit bezechten<br /></span>
+<span class="i0">Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen,<br /></span>
+<span class="i0">Sie werden sein zu dir emporgerissen,<br /></span>
+<span class="i0">Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es werden wandeln in deinen G&auml;rten<br /></span>
+<span class="i0">Nicht nur die Dem&uuml;tigen und Beschwerten,<br /></span>
+<span class="i0">Nein alle, die leuchteten und verehrten!<br /></span>
+<span class="i0">M&auml;dchen, die in Konzerten erkrankten,<br /></span>
+<span class="i0">Weil ihre Wangen zu bleich sich verkl&auml;rten,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span>
+<span class="i0">Blicke aus Augen, die dankten &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten<br /></span>
+<span class="i0">Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben,<br /></span>
+<span class="i0">Werden sie lodern weiter und loben,<br /></span>
+<span class="i0">Leichte Feuer wandelnd in deinen G&auml;rten!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen<br /></span>
+<span class="i0">Nicht die allein, die deinen Namen riefen,<br /></span>
+<span class="i0">Nein alle, die in den N&auml;chten nicht schliefen!<br /></span>
+<span class="i0">Die am Morgen ihr Herz mit beiden H&auml;nden h&auml;uften<br /></span>
+<span class="i0">Wie Flamme, und liefen<br /></span>
+<span class="i0">Tiefatmend, blind, in unbekannten L&auml;uften.<br /></span>
+<span class="i0">Ein K&uuml;sten-Wind zuckt in Selbstm&ouml;rderbriefen.<br /></span>
+<span class="i0">Die Knaben haben Meere nicht verstanden,<br /></span>
+<span class="i0">So brannten sie sich ab in Hieroglyphen.<br /></span>
+<span class="i0">Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen<br /></span>
+<span class="i0">Eisernen Kreuzen der Konfirmanden.<br /></span>
+<span class="i0">Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Die hier unruheten aus deinen Tiefen,<br /></span>
+<span class="i0">Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Die Schwestern von Bozen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zwei Schwestern sah ich heut auf morgendlicher Au.<br /></span>
+<span class="i0">Sie schwebten lerchenfr&uuml;h und schw&auml;rmten in das Blau,<br /></span>
+<span class="i0">Und waren angetan k&uuml;hl in Gewande wei&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Doch auf ihren Sch&uuml;rzen war<br /></span>
+<span class="i0">Von trockenem Blut ein Rost und dumpfer Kreis.<br /></span>
+<span class="i0">Sie aber tief umschlungen schritten wunderbar.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich trat sie an die Schwebenden, und fragte leis:<br /></span>
+<span class="i0">Schwestern, von welchem Schein sind eurer Augen Scheine froh?<br /></span>
+<span class="i0">Kommt ihr nicht aus den S&auml;len, wo<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>
+<span class="i0">Die eingetr&auml;nkte Maske auf das arme Antlitz sinkt,<br /></span>
+<span class="i0">Und in die wei&szlig;en Stoffe Blut und Eiter dringt?<br /></span>
+<span class="i0">Geht ihr nicht durch die F&auml;ulnis schwerer Zimmer ein und aus?<br /></span>
+<span class="i0">Tragt ihr nicht Sch&uuml;sseln Unrats mild mit euch hinaus?<br /></span>
+<span class="i0">Und habt in eurem Opfer keinen Tag und keine Stunde Lust,<br /></span>
+<span class="i0">D&uuml;rft nicht in das Theater gehn und nicht im Gr&uuml;nen sitzen unbewu&szlig;t!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die beiden Schwestern aber sahn mich an mit einem Schaun,<br /></span>
+<span class="i0">Mit einem Blick voll tiefstem Jenseits sahn mich an die beiden Fraun.<br /></span>
+<span class="i0">Mit einem Blick, den ich, ein niedrer Laie, noch nicht ganz verstand,<br /></span>
+<span class="i0">Und doch geschah es, da&szlig; mich Weinen &uuml;berwand.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah ein Licht steigen, das sich dem Wiesen-Ku&szlig; entrei&szlig;t.<br /></span>
+<span class="i0">Es ahnte eine tiefste Wollust mein entz&uuml;ckter Geist.<br /></span>
+<span class="i0">Mir war von unbetretner Freude offenbar ein letztes Ziel&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Von ferne f&uuml;hlt ich lachen leicht<br /></span>
+<span class="i0">Das Schwesternpaar, wie's nun entweicht,<br /></span>
+<span class="i0">Und schwindet tiefumschlungen in ein z&auml;rtlich fr&uuml;hes Glockenspiel.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Gesang einer Frau.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Warum, warum diese neue Angst?: Die Welt ist schon so oft!<br /></span>
+<span class="i0">Und Oft ein Wort, das fort und fort ins Ohr tropft unverhofft.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>
+<span class="i0">Ein rundes Wort, ein runder Laut, der endet und beschlie&szlig;t.<br /></span>
+<span class="i0">Mir graut vor meinem Haar,<br /></span>
+<span class="i0">Es war so oft, meine Hand war oft, mein Mund war oft, war, war!<br /></span>
+<span class="i0">Meine Zunge war oft, meine Brust und was er genie&szlig;t.<br /></span>
+<span class="i0">Mir graut, es graut auch meinem Haar.<br /></span>
+<span class="i0">Oft &ndash; ist unfa&szlig;liche Gefahr.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich kann die Blumen nicht sehn auf dem Tisch, sie machen mich krank.<br /></span>
+<span class="i0">Mein Geliebter hat einen verr&auml;terischen Gang.<br /></span>
+<span class="i0">Oft und Gewohnt sein aufgekn&ouml;pftes Freundespaar<br /></span>
+<span class="i0">Wischt sich die Stiefel nicht ab. Sie spucken gar<br /></span>
+<span class="i0">Und blasen Zigarrenrauch in mein Haar.<br /></span>
+<span class="i0">Oft ist mein Feind und schon lang.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O diese schrecklichen Fr&uuml;hen. Sie tragen Altes auf ihren Glocken her.<br /></span>
+<span class="i0">Wie bin ich von weitem und lang schon her.<br /></span>
+<span class="i0">Nun kann ich mich gar nicht erinnern mehr.<br /></span>
+<span class="i0">Wie man sich lachend auf die Fu&szlig;spitzen stellt,<br /></span>
+<span class="i0">Das entfiel dem Ged&auml;chtnis meiner F&uuml;&szlig;e, dem viel entf&auml;llt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Tr&uuml;bsinn hei&szlig;t vierfach meine Jahreszeit,<br /></span>
+<span class="i0">Im Winter f&uuml;rcht' ich den Fr&uuml;hling, im Fr&uuml;hling die scharfe Zeit,<br /></span>
+<span class="i0">Und doch m&ouml;cht' ich alles halten, was mich vermaledeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nein, nein! Ach! Wie ist mir das doch hassenswert!<br /></span>
+<span class="i0">Wie alles an mir vergeht, m&ouml;chte auch ich vergehn.<br /></span>
+<span class="i0">Verzehrt sein, vergehn, eingehn in einen hohen Wert.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span>
+<span class="i0">Lieben, lieben zum erstenmal,<br /></span>
+<span class="i0">Wo Liebe nicht verlischt mit dem Wangenmal,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht jeder Ku&szlig;, verhauchend, wird Betrug,<br /></span>
+<span class="i0">Und Ekel durch die Morgenlumpen lugt!<br /></span>
+<span class="i0">Eingehn in ein reines wei&szlig;es Wei&szlig;!<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;e Sch&uuml;rzen tragen, wei&szlig;es Kleid und eine Farbe nur sehr: Wei&szlig;!<br /></span>
+<span class="i0">Mein Gesicht vergessen, keine Zeit haben, immer ein Werk haben, immer tun,<br /></span>
+<span class="i0">Nur am Abend ins Gebet hin&uuml;berruhn!<br /></span>
+<span class="i0">O Leidenschaft!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun schimpft zum Fenster ein Regen herein.<br /></span>
+<span class="i0">Auch der Regen ist oft. Ich z&auml;hle die Feinde nicht.<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;hle nur meine Augen. Wohin ist mein Gesicht?<br /></span>
+<span class="i0">Fr&uuml;her lebte ich seine Farben und flog unendlich in alles ein,<br /></span>
+<span class="i0">Von unten, von der Seite, streichelte alles mit meinem Schein.<br /></span>
+<span class="i0">Jetzt ist in mir solch eine Beschwerlichkeit.<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin leicht, ich bin leicht, aber mein Antlitz neigt,<br /></span>
+<span class="i0">Neigt sich zu allem nieder, als w&auml;r' ich sehr gro&szlig; und sehr weit,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles ist nur bedacht, da&szlig; es sich h&ouml;flich zeigt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wo bin ich denn? O Himmelsrose, die mich in die Mitte klemmt!<br /></span>
+<span class="i0">Ich sitze auf meinem Bettrand im Hemd,<br /></span>
+<span class="i0">Und schaue auf meinen edel ermatteten Fu&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Der mich entz&uuml;ckt, da&szlig; ich fast weinen mu&szlig;.<br /></span>
+<span class="i0">Und doch ist in meinen s&uuml;&szlig;en Beinen schon etwas, das man verh&auml;ngt&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div>
+<a name="abb_werfel" id="abb_werfel"></a>
+</div>
+<div class="figcenter" style="width: 409px;">
+<img src="images/werfel.jpg" width="409" height="600" alt="" title="" />
+<span class="caption">Franz Werfel</span>
+</div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span></div>
+<h3>Geheimnis.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">So reich bist du, als du tr&auml;nenreich bist.<br /></span>
+<span class="i0">So frei bist du, als du dich selbst &uuml;berspringst,<br /></span>
+<span class="i0">So wahr bist du, als du dich kannst verwerfen.<br /></span>
+<span class="i0">So gro&szlig; bist du, als klein vor dir der Tod ist.<br /></span>
+<span class="i0">So tief bist du Wunder,<br /></span>
+<span class="i0">Als du tiefe Wunder siehst!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Niemals wieder will ich<br /></span>
+<span class="i0">Eines Menschen Antlitz verlachen.<br /></span>
+<span class="i0">Niemals wieder will ich<br /></span>
+<span class="i0">Eines Menschen Wesen richten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen.<br /></span>
+<span class="i0">Wohl gibt es Kuppler-Augen.<br /></span>
+<span class="i0">Wohl gibt es Vielfra&szlig;-Lippen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber pl&ouml;tzlich<br /></span>
+<span class="i0">Aus der dumpfen Rede<br /></span>
+<span class="i0">Des leichthin Gerichteten,<br /></span>
+<span class="i0">Aus einem hilflosen Schulterzucken<br /></span>
+<span class="i0">Wehte mir zarter Lindenduft<br /></span>
+<span class="i0">Unserer fernen seligen Heimat,<br /></span>
+<span class="i0">Und ich bereute gerissenes Urteil.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Noch im schlammigsten Antlitz<br /></span>
+<span class="i0">Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.<br /></span>
+<span class="i0">Die gierigen Herzen greifen nach Kot &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Aber in jedem<br /></span>
+<span class="i0">Geborenen Menschen<br /></span>
+<span class="i0">Ist mir die Heimkunft des Heilands verhei&szlig;en.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span></div>
+<h3>Sein und Treiben.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Erkennen ist noch Hast.<br /></span>
+<span class="i0">Auch K&ouml;nnen ist Unrast.<br /></span>
+<span class="i0">Wer wirklich ist, der ist!<br /></span>
+<span class="i0">Der wohlgeborene Hund darf sein.<br /></span>
+<span class="i0">Der mi&szlig;geborene Hund mu&szlig; springen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Gebet um Reinheit.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte, immergleiche.<br /></span>
+<span class="i0">Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten im Wunder.<br /></span>
+<span class="i0">Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,<br /></span>
+<span class="i0">Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die beschmutzten H&auml;nde sp&uuml;len.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tr&auml;nken und zu reinigen!<br /></span>
+<span class="i0">O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!<br /></span>
+<span class="i0">Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner K&uuml;hle Gew&auml;hr, da&szlig; du springst und sp&uuml;lst,<br /></span>
+<span class="i0">Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem s&uuml;&szlig;en Gef&auml;lle?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.<br /></span>
+<span class="i0">Ich halte dir meine beschmutzten H&auml;nde hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet.<br /></span>
+<span class="i0">Nach einem l&uuml;gnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein.<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>
+<span class="i0">Ich will mich in meiner H&uuml;rde zusammendr&auml;ngen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,<br /></span>
+<span class="i0">Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm hier wider meinen Feind!<br /></span>
+<span class="i0">Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht einmal so sehr, um uns Feinde zu sein.<br /></span>
+<span class="i0">Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt und an alle meine Tore pocht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und V&ouml;llerei treibt,<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;hrend ich meine verdorrten H&auml;nde falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen dr&auml;ngen.<br /></span>
+<span class="i0">Ich habe einen Feind, der aufsto&szlig;end nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;hrend ich immer geringer werde und zusehn mu&szlig;, wie er das Gut meiner Seele verpra&szlig;t.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschw&auml;tz verkehrt und in Selbstbetrug.<br /></span>
+<span class="i0">Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Tr&auml;gheit erstickt.<br /></span>
+<span class="i0">Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,<br /></span>
+<span class="i0">Der ich doch ein Meister der g&ouml;ttlichen Gen&uuml;sse bin.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?<br /></span>
+<span class="i0">Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o du Gew&auml;sser!<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>
+<span class="i0">Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit eh und je &uuml;ber die Zahl Zwei.<br /></span>
+<span class="i0">Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine H&auml;nde hin zur Waschung.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Befreie mich, reinige mich, mein Vater, t&ouml;te diesen Feind, t&ouml;te mich, ertr&auml;nke diesen Mich!<br /></span>
+<span class="i0">Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach B&ouml;sen!<br /></span>
+<span class="i0">Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und abnehmenden Gegenspieler.<br /></span>
+<span class="i0">O heilig Gew&auml;sser, um dein und meiner Gr&ouml;&szlig;e willen, hilf mir!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Wir nicht.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich lauschte in die Krone des Baums; &ndash; da hie&szlig; es im Laub:<br /></span>
+<span class="i8">Noch &ndash; nicht!<br /></span>
+<span class="i0">Ich legte das Ohr an die Erde; &ndash; da klopft's unter Kraut und Staub:<br /></span>
+<span class="i8">Noch &ndash; nicht!<br /></span>
+<span class="i0">Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste:<br /></span>
+<span class="i8">Du &ndash; nicht!<br /></span>
+<span class="i6">Das war mein Gericht.<br /></span>
+<span class="i6">Ich verwarf mein Lied,<br /></span>
+<span class="i0">Und das l&uuml;sterne Herz, das sich nicht beschied.<br /></span>
+<span class="i0">Ich trat auf die Stra&szlig;e. Sie str&ouml;mte schon abendlich.<br /></span>
+<span class="i0">Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht.<br /></span>
+<span class="i0">Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob,<br /></span>
+<span class="i0">Und wu&szlig;te: Auch ich, vom lauen Trug entstellt,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>
+<span class="i0">Werde nochmals begonnen, weil neu ein Scho&szlig; mich h&auml;lt<br /></span>
+<span class="i0">Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod,<br /></span>
+<span class="i0">Und weinend pries ich allen Samen in der Welt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Wertheimer" id="Wertheimer"></a>Paul Wertheimer.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. &ndash; Gedichte 1896. Neue Gedichte
+1904. Im Lande der Torheit 1910.</p>
+
+
+<h3>Seelen.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du wei&szlig;t, wir bleiben einsam: Du und ich,<br /></span>
+<span class="i0">Wie St&auml;mme, tief in Gold und Blau getaucht,<br /></span>
+<span class="i0">Mit freien Kronen, die der Seewind k&uuml;&szlig;t&nbsp;&hellip;<br /></span>
+<span class="i0">So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.<br /></span>
+<span class="i0">Doch zwischen beiden webt ein feines Licht<br /></span>
+<span class="i0">Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,<br /></span>
+<span class="i0">Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Ostsee.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Da lieg' ich an dem wei&szlig;en Ostseestrande.<br /></span>
+<span class="i0">Das Meer&nbsp;&hellip; Das Meer! Mein wahrgewordner Traum!<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin vergraben in dem feinen Sande<br /></span>
+<span class="i0">Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten<br /></span>
+<span class="i0">Hinauf-, hinunterw&auml;rts die gr&uuml;ne Bahn.<br /></span>
+<span class="i0">O meines jungen Traums Unendlichkeiten!<br /></span>
+<span class="i0">Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>
+<span class="i0">Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen<br /></span>
+<span class="i0">Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut,<br /></span>
+<span class="i0">Und von des Meeres k&ouml;niglichen Gnaden<br /></span>
+<span class="i0">Und von der Kraft, die l&auml;chelnd in mir ruht!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Tote Stunde.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Menschen sterben von mir ab wie Bl&uuml;ten<br /></span>
+<span class="i0">Meines lieben Baumes vor dem Fenster.<br /></span>
+<span class="i0">Gestern war er noch voll rot und wei&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Glanzes, sieh, nun ist er gr&uuml;n und keimend.<br /></span>
+<span class="i0">Hat ein Wandrer an dem Stamm gesch&uuml;ttelt &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Solch ein aufrecht-gro&szlig;er Lebensschreiter?<br /></span>
+<span class="i0">Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige?<br /></span>
+<span class="i0">Murmelte der Wind zur Nacht von neuen,<br /></span>
+<span class="i0">Ahnungsvollen, ungewissen Dingen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und die Bl&uuml;ten stoben hin erschrocken<br /></span>
+<span class="i0">Und sie fielen weit, weit ab und starben&nbsp;&hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Wolfenstein" id="Wolfenstein"></a>Alfred Wolfenstein.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. &ndash; Die gottlosen Jahre 1914.
+Die Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher K&auml;mpfer 1919.</p>
+
+
+<h3>St&auml;dter.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nah wie L&ouml;cher eines Siebes stehn<br /></span>
+<span class="i0">Fenster beieinander, dr&auml;ngend fassen<br /></span>
+<span class="i0">H&auml;user sich so dicht an, da&szlig; die Stra&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Grau geschwollen wie Gew&uuml;rgte sehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ineinander dicht hineingehakt<br /></span>
+<span class="i0">Sitzen in den Trams die zwei Fassaden<br /></span>
+<span class="i0">Leute, wo die Blicke eng ausladen<br /></span>
+<span class="i0">Und Begierde ineinanderragt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>
+<span class="i0">Unsre W&auml;nde sind so d&uuml;nn wie Haut,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.<br /></span>
+<span class="i0">Fl&uuml;stern dringt hin&uuml;ber wie Gegr&ouml;le &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wie stumm in abgeschlo&szlig;ner H&ouml;hle<br /></span>
+<span class="i0">Unber&uuml;hrt und ungeschaut<br /></span>
+<span class="i0">Steht doch jeder fern und f&uuml;hlt: alleine.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Tanz.</h3>
+
+<h4>I.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie wirbelt weich<br /></span>
+<span class="i0">Die H&auml;nde schwingend vor&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">Sie rollt auf Zehen starr zur&uuml;ck:<br /></span>
+<span class="i0">Steht gipfelnd von Musik umflossen,<br /></span>
+<span class="i0">Silbern sichtbar in die Luft gegossen!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie schmilzt hinab<br /></span>
+<span class="i0">Und hebt zu kreisen an<br /></span>
+<span class="i0">Um ihrer Seele stillsten Punkt,<br /></span>
+<span class="i0">Wie Schnee, um sein Gebirge flie&szlig;end,<br /></span>
+<span class="i0">In immer weichere Hand sich gie&szlig;end,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie Wasser wei&szlig;&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">Dick schwellen aus der Wand<br /></span>
+<span class="i0">Der Lampen blutige F&auml;den an<br /></span>
+<span class="i0">Und sinken pl&ouml;tzlich&nbsp;..: Sie steht funkelnd<br /></span>
+<span class="i0">Da, steil gezackt, gepr&auml;gt im Dunkeln!<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>II.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie schweift den Fu&szlig; wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis,<br /></span>
+<span class="i0">Sie spitzt den Fu&szlig; wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>
+<span class="i0">Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Von S&auml;ulen schielt das Breitgesicht der Decke wei&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Herab auf ihrer schnellen Br&uuml;ste Blitz und Blitz,<br /></span>
+<span class="i0">Aus vorgew&ouml;lbten M&auml;ulern bl&auml;st es gelb und hei&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Lichtknie schluckt der unger&uuml;hrten Augen Schlitz!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da sch&uuml;ttelt sie sich zagender: O falle, Gier!<br /></span>
+<span class="i0">Da wirft sie sich in L&uuml;fte fort &ndash; Doch immer schwingt<br /></span>
+<span class="i0">Die Sch&ouml;nheit wie ein Bumerang zur&uuml;ck zu ihr,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Rot h&auml;ngt des Vorhangs offner Wundrand &uuml;ber ihr,<br /></span>
+<span class="i0">Rauch h&ouml;hnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Tanz verl&ouml;scht nicht, angespritzt von Staub und Bier,<br /></span>
+<span class="i0">Noch immer klatschen F&auml;uste, bis Musik noch klingt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<h4>III.</h4>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">So flieh, enttanze<br /></span>
+<span class="i0">In dich! du Unsichtbare!<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein rasendes Rad innen schwindet &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Schon h&uuml;llen Wellen dich und bleichen<br /></span>
+<span class="i0">Die Gier, im Saale sitzen Leichen &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Du, neu geboren<br /></span>
+<span class="i0">Auf einen andern Stern hin!<br /></span>
+<span class="i0">In eignen immer wildren Sturmleib,<br /></span>
+<span class="i0">In Fu&szlig; und Brust und Stirn verflogen,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und flie&szlig;t zusammen<br /></span>
+<span class="i0">Mit sich &ndash; und f&uuml;hlt nur Tanzen,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>
+<span class="i0">Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Es hebt sie einsames Gefieder<br /></span>
+<span class="i0">Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Musik des K&auml;mpfers.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Von Stern zu Stern<br /></span>
+<span class="i0">Wie an schwankenden Ringen<br /></span>
+<span class="i0">Sausen wir durch die Welt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vom Dunkel zur Freundschaft,<br /></span>
+<span class="i0">Von Freundschaft zur schaffenden Einsamkeit schwingen<br /></span>
+<span class="i0">Wir uns durch die Erde.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber das steigt nicht<br /></span>
+<span class="i0">Vom Seufzen zum Singen:<br /></span>
+<span class="i0">Dahinter winkt wieder Finsternis, und wieder Licht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie Sturm, Blitz und Flu&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Miteinander verschlingen<br /></span>
+<span class="i0">Sich ewig in uns, ewig zugleich:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dunkles Tasten an der Wahrheit Wand,<br /></span>
+<span class="i0">Feuriger Freundschaft Weltdurchdringen,<br /></span>
+<span class="i0">Zeugung der Wahrheit und Welt aus uns!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Drei Gewalten, die um jedes<br /></span>
+<span class="i0">K&auml;mpfers Seele miteinander ringen,<br /></span>
+<span class="i0">Heben ihn nur himmlisch &uuml;ber sich empor!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Sch&ouml;pfung kreist<br /></span>
+<span class="i0">Aus ihrem An-einander-klingen:<br /></span>
+<span class="i0">Aus Musik des K&auml;mpfers w&auml;chst rings Gottes Geist.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span></div>
+<h3>Nacht im Dorfe.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Vor der verschlungnen Finsternis st&ouml;hnt,<br /></span>
+<span class="i0">St&ouml;hnt mein Mund,<br /></span>
+<span class="i0">Ich an L&auml;rmen unruhig gew&ouml;hnt,<br /></span>
+<span class="i0">Starre suchend rund:<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Berge von B&auml;umen behaart ruhn<br /></span>
+<span class="i0">Schwarz w&uuml;st herein,<br /></span>
+<span class="i0">Was ihre Stra&szlig;en nun tun,<br /></span>
+<span class="i0">&Auml;u&szlig;ert kein Schein, kein Schrei'n.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber ein wenig sich zu irrn<br /></span>
+<span class="i0">W&uuml;nscht, w&uuml;nscht mein Ohr!<br /></span>
+<span class="i0">Schw&auml;nge nur eines K&auml;fers Schwirrn<br /></span>
+<span class="i0">Mir ein Auto vor.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">W&auml;re nur ein Fenster dr&uuml;ben bewohnt,<br /></span>
+<span class="i0">Doch im gew&ouml;lbten Haus<br /></span>
+<span class="i0">Nichts als Sterne und hohlen Mond<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Halt ich nicht aus &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allm&auml;chtig umstellt,<br /></span>
+<span class="i0">Fremd, fremd und nah &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Durch den See noch n&auml;her geschwellt<br /></span>
+<span class="i0">Liegt es lautlos da.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber glaubt mich nicht schwach.<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich &ndash; soeben die Stadt noch geha&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Nun das Land flieh &ndash;: es ist nur die Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefa&szlig;t &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie du tot oder tausendfach unbekannt<br /></span>
+<span class="i0">Mein schwarzes Bett umlangst,<br /></span>
+<span class="i0">Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Gottlose Angst &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span></div>
+<h3>Fahrt.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der D-Zug schreit und steigert sich, der Mond steht hell &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">O Einklang aller F&uuml;&szlig;e langsam &ndash; F&uuml;&szlig;e schnell!<br /></span>
+<span class="i0">Die Herzen schlagen<br /></span>
+<span class="i0">Auf blanker Schiene mit den Wagen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind ein Schwarm dem spr&ouml;den Schritt der St&auml;dte fern!<br /></span>
+<span class="i0">Ihr H&auml;user fort! mit uns f&auml;hrt eisern nur der Stern.<br /></span>
+<span class="i0">Die D&ouml;rfer blinken,<br /></span>
+<span class="i0">Von unserm Sturm verl&ouml;scht versinken.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Versenken wir das Aschengrau der Abendwelt!<br /></span>
+<span class="i0">Wie gutes Blut zerschmilzt der Zug, was uns umstellt.<br /></span>
+<span class="i0">Gebirge gleiten<br /></span>
+<span class="i0">In Seen&nbsp;..&nbsp;ins Meer der Schnelligkeiten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch wir gezackt wie Wolken aus dem glatten Meer<br /></span>
+<span class="i0">Mit einem Atem dampfen wir dar&uuml;ber her<br /></span>
+<span class="i0">Und brausend sehen<br /></span>
+<span class="i0">Wir brausendere Sterne stehen&nbsp;..<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Seht auf, seht auf&nbsp;..&nbsp;da steigt und schreit und hebt der Zug<br /></span>
+<span class="i0">Uns hoch in Glanz&nbsp;..&nbsp;das Gleis verstummt&nbsp;..&nbsp;die Nacht wird Flug&nbsp;..<br /></span>
+<span class="i0">Wir alle flammen<br /></span>
+<span class="i0">Im wildren Schmelz des Sterns zusammen!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und nagelt uns die Bremse auf Stationen fest,<br /></span>
+<span class="i0">Wir fahren noch&nbsp;..&nbsp;ins muffige Hotel gepre&szlig;t!<br /></span>
+<span class="i0">Aus Fenstern neigen<br /></span>
+<span class="i0">Wir uns und sausen Sternenreigen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span></div>
+<h3>Die Stirn.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Himmel baut sich um die Brust mir bis zum Kiefer,<br /></span>
+<span class="i0">Aber durchbrechend sein Dach<br /></span>
+<span class="i0">Spro&szlig;t mein Auge frei hinaus, indes die H&uuml;ften tiefer<br /></span>
+<span class="i0">Stehen in Wiese und Luft, gr&uuml;nem und blauem Gemach!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber durchbrechend das Dach &ndash; in welchen R&auml;umen<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;chst mein Haupt? Unten in Meer<br /></span>
+<span class="i0">Und Wald und irdischen Maschinen sch&auml;umen<br /></span>
+<span class="i0">Die Dinge l&auml;rmend und schwer &ndash;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Dennoch nur wie leiser Schlaf in engen W&auml;nden,<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein bescheidenes Spiel!<br /></span>
+<span class="i0">Aber riesig &uuml;ber Himmelsschultern, Bergeslenden,<br /></span>
+<span class="i0">Schwebt die Stirn, &ndash; Sonne auf schm&auml;chtigem Stiel,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Drache, unersch&ouml;pflich &uuml;ber seinen H&auml;lsen,<br /></span>
+<span class="i0">Mond &uuml;ber Ebbe und Flut,<br /></span>
+<span class="i0">Hochgebirg &uuml;ber allen Felsen,<br /></span>
+<span class="i0">Reicht die Stirn in jede Glut!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In das Schicksal reicht die Stirn &ndash; und kann nicht siegen,<br /></span>
+<span class="i0">Aber singen! &ndash; bis sie dem Schicksal gleicht an Glanz,<br /></span>
+<span class="i0">Aus der Erde klingend weltallgebogne Spiralen durchfliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Bis sie hoch in den Sternen &ndash; mit Menschen sich trifft im Tanz.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span></div>
+<h2><a name="Zech" id="Zech"></a>Paul Zech.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 19. Februar 1881 zu Briesen. &ndash; Schollenbruch 1912. Die
+eiserne Br&uuml;cke 1913. Der Wald 1914. Das schwarze Revier 1914. Der
+feurige Busch 1919. Golgatha 1919. Das Terzett der Sterne 1920. <span class="antiqua">Venus
+consolatrix</span> 1921.</p>
+
+
+<h3>Die H&auml;user haben Augen aufgetan&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind<br /></span>
+<span class="i0">und mauerhart in dem Vor&uuml;bersp&uuml;len<br /></span>
+<span class="i0">gehetzter Stunden; Wind bringt von den M&uuml;hlen<br /></span>
+<span class="i0">gek&uuml;hlten Tau und geisterhaftes Blau.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die H&auml;user haben Augen aufgetan,<br /></span>
+<span class="i0">Stern unter Sternen ist die Erde wieder,<br /></span>
+<span class="i0">die Br&uuml;cken tauchen in das Flu&szlig;bett nieder<br /></span>
+<span class="i0">und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Gestalten wachsen gro&szlig; aus jedem Strauch,<br /></span>
+<span class="i0">die Wipfel wehen fort wie tr&auml;ger Rauch<br /></span>
+<span class="i0">und T&auml;ler werfen Berge ab, die lange dr&uuml;ckten.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Menschen aber staunen mit entr&uuml;ckten<br /></span>
+<span class="i0">Gesichtern in der Sterne Silberschwall<br /></span>
+<span class="i0">und sind wie Fr&uuml;chte reif und s&uuml;&szlig; zum Fall.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Bettler im Sp&auml;therbst.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Den leeren Ranzen l&auml;ssig umgesackt<br /></span>
+<span class="i0">und gr&uuml;nen Filzhut windschief auf den Str&auml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">so schiebt er sich ins Dorf, wo sattes G&auml;hnen<br /></span>
+<span class="i0">rauchwirbelnd &uuml;ber feuchte D&auml;cher flackt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Er probt mit langen Fingern, die von Gicht<br /></span>
+<span class="i0">krummstehn, das T&uuml;r-an-klopfen,<br /></span>
+<span class="i0">und weitet Taschen aus zum Brotverstopfen<br /></span>
+<span class="i0">und setzt in Kummerfalten das Gesicht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>
+<span class="i0">Sturm orgelt lauter auf in den Kaminen<br /></span>
+<span class="i0">und Tor an Tor knirscht krachend im Verschlu&szlig;&nbsp;....<br /></span>
+<span class="i0">Armselig, wer nun wandern, wandern mu&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Man wirft aus Fenstern F&auml;uste j&auml;hzornschwer,<br /></span>
+<span class="i0">und hetzt Gebr&uuml;ll von Hunden hinterher.<br /></span>
+<span class="i0">&hellip;&nbsp;Der Nebel gittert graue Eisgardinen.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Dorf im Mittag.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Das Dorf liegt aufgebahrt. Ein Wetterriegel<br /></span>
+<span class="i0">schiebt schwarz sich vor: die Sonne abzusperrn.<br /></span>
+<span class="i0">Doch die steil abgeschr&auml;gten D&auml;cherziegel<br /></span>
+<span class="i0">halten die Hitze unter rotem Siegel<br /></span>
+<span class="i0">zitternd von aller K&uuml;hle fern.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Verzweifelt strebt der Rauch aus den Kaminen<br /></span>
+<span class="i0">in den verbleiten Horizont empor.<br /></span>
+<span class="i0">Die Fenster ruhn verschlossen in Gardinen,<br /></span>
+<span class="i0">und des Gesindes abgespannte Mienen<br /></span>
+<span class="i0">beschattet tief des Schlafes Flor,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">bis wie ein Traumschrei aus den Schlummerzellen<br /></span>
+<span class="i0">die Dreschmaschine heult und wie ein Pfeil<br /></span>
+<span class="i0">in angestrengtem Vorw&auml;rtsschnellen<br /></span>
+<span class="i0">die Luft zerschneidet, messerscharf und steil.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Es kam ein Wind&nbsp;&hellip;</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es kam ein Wind von Fr&uuml;hlingsland,<br /></span>
+<span class="i0">der ri&szlig; vom Strom das Silberband<br /></span>
+<span class="i0">und lie&szlig; die blauen Schimmerwellen tanzen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da fiel der Nebel wie zerschlitzt<br /></span>
+<span class="i0">ins Uferrohr, das, rot beglitzt,<br /></span>
+<span class="i0">emporwuchs wie ein Wald von goldnen Lanzen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>
+<span class="i0">Und alle Wiesen wurden wasserfrei,<br /></span>
+<span class="i0">Alarm beflammte Kuckucksruf und Kiebitzschrei,<br /></span>
+<span class="i0">bis, losgelassen von den Farmen,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">die jungen Pferde Funken schlugen querfeldein,<br /></span>
+<span class="i0">als m&uuml;&szlig;ten sie im Fliegen noch den Stein<br /></span>
+<span class="i0">vor lauter Blut umarmen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<h2><a name="Zweig" id="Zweig"></a>Stefan Zweig.</h2>
+
+<p class="dichter">Geboren am 28. November 1881 zu Wien. &ndash; Gesammelte Gedichte 1921.</p>
+
+
+<h3>Singende Font&auml;ne.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Blauer Blick des Mondescheines<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;hlte meines Zimmers Wand;<br /></span>
+<span class="i0">Da h&ouml;rt' ich die Stimme eines,<br /></span>
+<span class="i0">Der im Dunkel unten stand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und wie ich die Scheibe staunend<br /></span>
+<span class="i0">In den Garten niederbog,<br /></span>
+<span class="i0">War es Singen, s&uuml;&szlig; und raunend,<br /></span>
+<span class="i0">Das zu mir ans Fenster flog.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Keinen sah ich. Nur im Dunkeln<br /></span>
+<span class="i0">Blinkte das erhellte Spiel<br /></span>
+<span class="i0">Der Font&auml;ne, die mit Funkeln<br /></span>
+<span class="i0">Zwischen Busch und B&auml;ume fiel.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Unruhvoll und doch best&auml;ndig<br /></span>
+<span class="i0">Schien das silberne Get&ouml;n<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein lautes Herz lebendig<br /></span>
+<span class="i0">Durch die Brust der Nacht zu gehn.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und ich fragte: &bdquo;Warum rauschst du<br /></span>
+<span class="i0">Heute mir zum erstenmal?&ldquo; &ndash;<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>
+<span class="i0">Und ich horchte: &bdquo;Warum lauschst du<br /></span>
+<span class="i0">Heute mir zum erstenmal?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">In das hei&szlig;e Gold der Tage,<br /></span>
+<span class="i0">Stumm im Steigen, Lied im Fall,<br /></span>
+<span class="i0">Durch den Samt der N&auml;chte trage<br /></span>
+<span class="i0">Stet ich den erregten Schwall<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Meiner eignen &Uuml;berf&uuml;lle,<br /></span>
+<span class="i0">Und du, der mir nahe ruhst,<br /></span>
+<span class="i0">Wirst erst durch den Gru&szlig; der Stille<br /></span>
+<span class="i0">Unsrer Br&uuml;derschaft bewu&szlig;t?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hast du nie denn an der Schwelle<br /></span>
+<span class="i0">Des Erwachens wirr gef&uuml;hlt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; dir eine lautre Welle<br /></span>
+<span class="i0">N&auml;chtens durch dein Herz gesp&uuml;lt,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; mein Singen dich durchwebte<br /></span>
+<span class="i0">Und im Schlafe aufw&auml;rts schwoll,<br /></span>
+<span class="i0">Bis es Blut um Blute lebte<br /></span>
+<span class="i0">Und an deine Lippen quoll,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Bis als Lied der eingeengte<br /></span>
+<span class="i0">Schauer einer fremden Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Die ein Traum in dich versenkte,<br /></span>
+<span class="i0">Wild aufbrach aus deiner Brust?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So in dein Geschick verflechte<br /></span>
+<span class="i0">Ich mir meines Lebens Spur,<br /></span>
+<span class="i0">Und bin doch im Kreis der M&auml;chte<br /></span>
+<span class="i0">Eine leise Stimme nur,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Eines von den stummen Dingen,<br /></span>
+<span class="i0">Die dein Wesen zauberhaft<br /></span>
+<span class="i0">Und geheimnisvoll durchdringen,<br /></span>
+<span class="i0">Und von deren steter Kraft<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span>
+<span class="i0">Nur verloren-leise Kunde<br /></span>
+<span class="i0">Manchmal deine Seele fa&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn du dich hinab zum Grunde<br /></span>
+<span class="i0">Eines Traums getastet hast.&ldquo;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Immer ferner schien der Schimmer,<br /></span>
+<span class="i0">Immer dunkler Wort und Sinn,<br /></span>
+<span class="i0">Doch mein Herz lauschte noch immer<br /></span>
+<span class="i0">Nach der wei&szlig;en Stimme hin,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die vom Garten, bald wie Trauer,<br /></span>
+<span class="i0">Bald wie L&auml;cheln, wundersam<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber B&auml;ume, Busch und Mauer<br /></span>
+<span class="i0">Schwebend an mein Lager kam,<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und an meine Brust sich schmiegend<br /></span>
+<span class="i0">Ihrer Worte Wiege schwang,<br /></span>
+<span class="i0">Bis ich, fern im Schlummer liegend,<br /></span>
+<span class="i0">Glanz nur f&uuml;hlte und Gesang.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3>Schw&uuml;ler Abend.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ist es schon Abend? Ich will nicht hinaus,<br /></span>
+<span class="i0">Vergeblich flimmert ihr, o buhlerische Sterne!<br /></span>
+<span class="i0">Fa&szlig; mich doch enger, du vertrautes Haus,<br /></span>
+<span class="i0">Rei&szlig; mich an dich, gib mich nicht an die Ferne,<br /></span>
+<span class="i0">Lieg nicht so tr&auml;g, so stumm, so atemlos,<br /></span>
+<span class="i0">Sprich jetzt zu mir! Ich brauche einen,<br /></span>
+<span class="i0">Der zu mir spricht in dieser Zwielichtstunde,<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;rst du: Ich brauche einen, sei es blo&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Das Ticken einer Uhr, ein Kinderweinen,<br /></span>
+<span class="i0">Das Knurren nur von einem nahen Hunde,<br /></span>
+<span class="i0">Nur nicht dies fr&ouml;stelnde Verlassenscheinen,<br /></span>
+<span class="i0">Nur Etwas, das dies drohende Gewicht<br /></span>
+<span class="i0">Der ganz verstummten Stube von mir h&auml;lt,<br /></span>
+<span class='pagenum'><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>
+<span class="i0">Und da&szlig; des Herzens Hammer nicht<br /></span>
+<span class="i0">So ohne Antwort in die Stille f&auml;llt!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Haus, halt mich fest! Zu viel<br /></span>
+<span class="i0">Von meinen N&auml;chten hab' ich hingegeben<br /></span>
+<span class="i0">An dieses sinnlich aufgepeitschte Spiel.<br /></span>
+<span class="i0">Wie bin ich m&uuml;d, die abenteuerlich<br /></span>
+<span class="i0">Erregte Luft, die lichterlose Schw&uuml;le<br /></span>
+<span class="i0">Der stummen Gassen an mein Kleid, an mich,<br /></span>
+<span class="i0">Und endlich flackernd in mir selbst zu f&uuml;hlen.<br /></span>
+<span class="i0">Schlie&szlig; du mich, Buch, in deine dunklen Zeilen,<br /></span>
+<span class="i0">Senkt, Briefe, ihr dies in die Ferne Streben<br /></span>
+<span class="i0">In lieber Menschen Bild, in eine Frau,<br /></span>
+<span class="i0">Beschwichtigt ihr das nun vom Abend lau<br /></span>
+<span class="i0">Aufschw&uuml;lend unerkl&auml;rliche Verlangen,<br /></span>
+<span class="i0">Des Blutes Unruh in die Nacht zu jagen!<br /></span>
+<span class="i0">Dies willenlose Durch-die-Gassen-Treiben,<br /></span>
+<span class="i0">Ob mich nicht Etwas aus dem Dunkel will,<br /></span>
+<span class="i0">Dies l&uuml;stern Sp&auml;hn, dies angespannte Hangen<br /></span>
+<span class="i0">An jeder mattbegl&auml;nzten Fensterscheibe &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wird dieses knabenhaft verworrne Treiben<br /></span>
+<span class="i0">Denn noch nicht in mir still?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nein, halt mich, Haus! Verschlie&szlig; mit dunklen Scheiben<br /></span>
+<span class="i0">All meine Unrast: und ich bleibe dein.<br /></span>
+<span class="i0">Ich selbst will ja den Abend so, nur so,<br /></span>
+<span class="i0">Wie er den andern ist: ein M&uuml;desein,<br /></span>
+<span class="i0">Nur so,<br /></span>
+<span class="i0">Als sinke mit den schwindenden Kulissen<br /></span>
+<span class="i0">Ein buntes Spiel in bilderlose R&auml;ume.<br /></span>
+<span class="i0">Nicht will ich mehr. Vielleicht noch irgendwo<br /></span>
+<span class="i0">Freund oder Frau, ein mir Vertrautes wissen, &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Und dann nur Tr&auml;ume, bilderlose Tr&auml;ume.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div><span class='pagenum'><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span></div>
+<h2><a name="Index" id="Index"></a>Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanf&auml;nge.</h2>
+
+
+<p class="center spaced">
+<a href="#IX_A"><b>A</b></a> <a href="#IX_B"><b>B</b></a> <a href="#IX_D"><b>D</b></a>
+<a href="#IX_E"><b>E</b></a> <a href="#IX_F"><b>F</b></a> <a href="#IX_G"><b>G</b></a>
+<a href="#IX_H"><b>H</b></a> <a href="#IX_I"><b>I</b></a> <a href="#IX_J"><b>J</b></a>
+<a href="#IX_K"><b>K</b></a> <a href="#IX_L"><b>L</b></a> <a href="#IX_M"><b>M</b></a>
+<a href="#IX_N"><b>N</b></a> <a href="#IX_O"><b>O</b></a> <a href="#IX_R"><b>R</b></a>
+<a href="#IX_S"><b>S</b></a> <a href="#IX_T"><b>T</b></a> <a href="#IX_U"><b>U</b></a>
+<a href="#IX_V"><b>V</b></a> <a href="#IX_W"><b>W</b></a> <a href="#IX_Z"><b>Z</b></a>
+</p>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_A" name="IX_A"></a>Ach, da&szlig; du lebtest! <a href="#Page_165">165</a>.</li>
+<li>Ach, noch immer glaube ich <a href="#Page_237">237</a>.</li>
+<li>Alle Fr&uuml;hlingsbl&auml;ue <a href="#Page_100">100</a>.</li>
+<li>Alle Landschaften haben <a href="#Page_105">105</a>.</li>
+<li>Als ich dann wieder in die Heimat kam <a href="#Page_83">83</a>.</li>
+<li>Als ich erwachte heut morgen <a href="#Page_89">89</a>.</li>
+<li>Als tot auf schlechtem Gasthofbette <a href="#Page_230">230</a>.</li>
+<li>Am Abend schweigt die Klage <a href="#Page_251">251</a>.</li>
+<li>Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind <a href="#Page_286">286</a>.</li>
+<li>Am Saume eines fruchtbewachsenen <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+<li>Am Schlehdorn, am Schlehdorn <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+<li>Am s&uuml;&szlig;en lila Kleefeld <a href="#Page_38">38</a>.</li>
+<li>An der Br&uuml;cke stand <a href="#Page_195">195</a>.</li>
+<li>An ferne Berge schlug <a href="#Page_164">164</a>.</li>
+<li>An jedem Tage gibt's <a href="#Page_238">238</a>.</li>
+<li>An manchem Abend <a href="#Page_64">64</a>.</li>
+<li>An Ufern des Rheins <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+<li>Auf Blut und Leichen <a href="#Page_157">157</a>.</li>
+<li>Auf deinem Haupt schmolz <a href="#Page_39">39</a>.</li>
+<li>Auf deinen Wangen liegen <a href="#Page_150">150</a>.</li>
+<li>Auf der Magdalenenspitze <a href="#Page_169">169</a>.</li>
+<li>Auf die Terrasse war ich <a href="#Page_156">156</a>.</li>
+<li>Auf einmal wei&szlig; ich viel <a href="#Page_205">205</a>.</li>
+<li>Auf steilem Felsr&uuml;cken hingestreckt <a href="#Page_180">180</a>.</li>
+<li>Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen <a href="#Page_253">253</a>.</li>
+<li>Aus dem Rosenstocke <a href="#Page_20">20</a>.</li>
+<li>Aus einer Wallfahrtskirche <a href="#Page_181">181</a>.</li>
+<li>Aus silbergrauen Gr&uuml;nden <a href="#Page_187">187</a>.</li>
+<li>Aus wei&szlig;en Wolken <a href="#Page_134">134</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_B" name="IX_B"></a>Baronin Colombine <a href="#Page_216">216</a>.</li>
+<li>Beginn der Kl&auml;nge zwischen dir und mir! <a href="#Page_11">11</a>.</li>
+<li>Bei einer stehn im Fensterrahmen <a href="#Page_171">171</a>.</li>
+<li>Bevor ich diesen Inselstrand verlie&szlig; <a href="#Page_185">185</a>.</li>
+<li>Blauer Blick des Mondescheines <a href="#Page_288">288</a>.</li>
+<li>Bl&auml;ulicher Flieder <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_D" name="IX_D"></a>Da lieg' ich an dem wei&szlig;en Ostseestrande <a href="#Page_278">278</a>.</li>
+<li>Da sp&uuml;lst du bunte Muscheln <a href="#Page_182">182</a>.</li>
+<li>Das dank' ich dir <a href="#Page_72">72</a>.</li>
+<li>Das Dorf liegt aufgebahrt <a href="#Page_287">287</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>Das Fr&auml;ulein ging am Meeresstrand <a href="#Page_70">70</a>.</li>
+<li>Das Gewand meiner Seele <a href="#Page_110">110</a>.</li>
+<li>Das Gl&uuml;ck ist ein leerer Schall <a href="#Page_237">237</a>.</li>
+<li>Das H&auml;ngel&auml;mpchen qualmt <a href="#Page_164">164</a>.</li>
+<li>Das ist das Furchtbare <a href="#Page_4">4</a>.</li>
+<li>Das ist der Erde furchtbares <a href="#Page_234">234</a>.</li>
+<li>Das ist unser schweigender <a href="#Page_233">233</a>.</li>
+<li>Das junge Liebchen sa&szlig; bei mir <a href="#Page_178">178</a>.</li>
+<li>Das Kind Madlena <a href="#Page_79">79</a>.</li>
+<li>Das Land durchstr&ouml;mt der Regen <a href="#Page_228">228</a>.</li>
+<li>Das Leben, glaubte ich, sei rot <a href="#Page_23">23</a>.</li>
+<li>Das Meer! &ndash; Das Meer &ndash; &ndash; <a href="#Page_227">227</a>.</li>
+<li>Das rote Weinlaub h&auml;ngt <a href="#Page_22">22</a>.</li>
+<li>Das sind die Abende <a href="#Page_49">49</a>.</li>
+<li>Das sind die Reden <a href="#Page_188">188</a>.</li>
+<li>Das Tal ist wie aus klarem Golde <a href="#Page_172">172</a>.</li>
+<li>Da&szlig; einmal mein dies Leben war <a href="#Page_265">265</a>.</li>
+<li>Da&szlig; von Geheimnissen <a href="#Page_92">92</a>.</li>
+<li>Dein Antlitz war mit Tr&auml;umen <a href="#Page_122">122</a>.</li>
+<li>Dein Haar hat Lieder <a href="#Page_99">99</a>.</li>
+<li>Deine Augen leuchten <a href="#Page_5">5</a>.</li>
+<li>Deine feinen H&auml;nde <a href="#Page_13">13</a>.</li>
+<li>Deine Himmel sind mir viel zu s&uuml;&szlig; <a href="#Page_115">115</a>.</li>
+<li>Deine N&auml;chte klagen <a href="#Page_5">5</a>.</li>
+<li>Deine Rosen an der Brust <a href="#Page_189">189</a>.</li>
+<li>Deine Wimpern, die langen <a href="#Page_108">108</a>.</li>
+<li>Dem Rauch einer Lokomotive <a href="#Page_60">60</a>.</li>
+<li>Den Hengst, den Hengst! <a href="#Page_170">170</a>.</li>
+<li>Den leeren Ranzen l&auml;ssig umgesackt <a href="#Page_286">286</a>.</li>
+<li>Denkst du daran, wie du <a href="#Page_87">87</a>.</li>
+<li>Der Abend graut <a href="#Page_50">50</a>.</li>
+<li>Der Abend weht Sehnen <a href="#Page_143">143</a>.</li>
+<li>Der Abendhimmel leuchtet <a href="#Page_41">41</a>.</li>
+<li>Der dunkle Herbst kehrt ein <a href="#Page_249">249</a>.</li>
+<li>Der D-Zug schreit und steigert sich <a href="#Page_284">284</a>.</li>
+<li>Der Fels wird morsch <a href="#Page_147">147</a>.</li>
+<li>Der Heimweg f&uuml;hrte mich <a href="#Page_26">26</a>.</li>
+<li>Der lange Junitag <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+<li>Der Markusturm, der bunte <a href="#Page_230">230</a>.</li>
+<li>Der Mond betrat der Urnacht Land <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+<li>Der Mond geht gro&szlig; <a href="#Page_42">42</a>.</li>
+<li>Der Tod wird uns an seine H&auml;nde nehmen <a href="#Page_24">24</a>.</li>
+<li>Die Amseln haben Sonne <a href="#Page_38">38</a>.</li>
+<li>Die andern sprachen <a href="#Page_25">25</a>.</li>
+<li>Die B&auml;ume lauschen <a href="#Page_61">61</a>.</li>
+<li>Die Bl&auml;tter fallen <a href="#Page_203">203</a>.</li>
+<li>Die Buche sagt: Mein Walten <a href="#Page_34">34</a>.</li>
+<li>Die da nicht kommen <a href="#Page_2">2</a>.</li>
+<li>Die du so fern bist <a href="#Page_83">83</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>Die Dunkelheit hat alle Wege <a href="#Page_42">42</a>.</li>
+<li>Die Engel der Liebkosung <a href="#Page_222">222</a>.</li>
+<li>Die fr&uuml;hste Sonne legt sich <a href="#Page_158">158</a>.</li>
+<li>Die G&auml;rtner legten ihre Beete <a href="#Page_124">124</a>.</li>
+<li>Die glatten, leisen, lustwarmen Weisen <a href="#Page_223">223</a>.</li>
+<li>Die Glocken l&auml;uten dann <a href="#Page_247">247</a>.</li>
+<li>Die gro&szlig;en Feuer warfen <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+<li>Die Hand ganz lang im Grase <a href="#Page_96">96</a>.</li>
+<li>Die Instrumente her! <a href="#Page_165">165</a>.</li>
+<li>Die jubelnd nie den &uuml;bersch&auml;umten Becher <a href="#Page_84">84</a>.</li>
+<li>Die Kr&auml;hen schrein <a href="#Page_194">194</a>.</li>
+<li>Die Luft so schwer <a href="#Page_39">39</a>.</li>
+<li>&bdquo;Die L&uuml;ge&ldquo; sagst du <a href="#Page_237">237</a>.</li>
+<li>Die menschenblasse Rose <a href="#Page_164">164</a>.</li>
+<li>Die m&uuml;de schon vergl&uuml;hte <a href="#Page_31">31</a>.</li>
+<li>Die Rosen leuchten immer noch <a href="#Page_48">48</a>.</li>
+<li>Die Sommernacht, und andachtvoll <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+<li>Die Sterne fliehen schreckensbleich <a href="#Page_144">144</a>.</li>
+<li>Die Sterne sind zu gro&szlig; <a href="#Page_174">174</a>.</li>
+<li>Die Stirnen der L&auml;nder <a href="#Page_105">105</a>.</li>
+<li>Dies ist mein Gl&uuml;ck <a href="#Page_211">211</a>.</li>
+<li>Dies schick' ich dir, mein Liebling <a href="#Page_73">73</a>.</li>
+<li>Drei St&uuml;rme liebt' ich ihn <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+<li>Dr&uuml;ben du, mir deine wei&szlig;e <a href="#Page_72">72</a>.</li>
+<li>Du bist der sch&ouml;nste <a href="#Page_13">13</a>.</li>
+<li>Du bist nicht bang, davon zu sprechen <a href="#Page_199">199</a>.</li>
+<li>Du ferne Fl&ouml;te <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+<li>Du Gott, ich hasse dich <a href="#Page_98">98</a>.</li>
+<li>Du hast deine warme Seele <a href="#Page_149">149</a>.</li>
+<li>Du hast deinen Kopf tief &uuml;ber mich gesenkt <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+<li>Du hattest einen Glanz <a href="#Page_54">54</a>.</li>
+<li>Du kamst, erregt <a href="#Page_12">12</a>.</li>
+<li>Du meines Blutes Unruh <a href="#Page_88">88</a>.</li>
+<li>Du mit der Stirne voller Licht <a href="#Page_104">104</a>.</li>
+<li>Du sprichst von S&uuml;nde gleich <a href="#Page_141">141</a>.</li>
+<li>Du tr&auml;umtest dieses Lebens Wirren <a href="#Page_26">26</a>.</li>
+<li>Du wei&szlig;t, wir bleiben einsam <a href="#Page_278">278</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_E" name="IX_E"></a>Eh' mir aus der Scheide scho&szlig; <a href="#Page_115">115</a>.</li>
+<li>Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch <a href="#Page_19">19</a>.</li>
+<li>Ein Bl&uuml;tenzweig, bla&szlig;rosa <a href="#Page_212">212</a>.</li>
+<li>Ein frischer H&uuml;gel ist's <a href="#Page_70">70</a>.</li>
+<li>Ein sanftes Glockenspiel <a href="#Page_255">255</a>.</li>
+<li>Ein schwarzes V&ouml;glein <a href="#Page_187">187</a>.</li>
+<li>Ein Spielmann auf seiner Geige strich <a href="#Page_215">215</a>.</li>
+<li>Ein Wagen steht vor einer <a href="#Page_35">35</a>.</li>
+<li>Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen <a href="#Page_260">260</a>.</li>
+<li>Ein wei&szlig;es Grau h&uuml;llt weit <a href="#Page_226">226</a>.</li>
+<li>Eine Heimat hat der Mensch <a href="#Page_233">233</a>.</li>
+<li>Eine pl&ouml;tzliche Stille <a href="#Page_246">246</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>Einen guten Grund hat's <a href="#Page_141">141</a>.</li>
+<li>Einmal vor manchem Jahre <a href="#Page_138">138</a>.</li>
+<li>Entf&uuml;hr' mich, wie ich bin <a href="#Page_258">258</a>.</li>
+<li>Entgegengeschmiedet auf schroffem Fels <a href="#Page_115">115</a>.</li>
+<li>Er hat seinen heiligen Schwestern <a href="#Page_144">144</a>.</li>
+<li>Er schwenkte leise seinen Hut <a href="#Page_259">259</a>.</li>
+<li>Er schwirrte n&auml;chtens <a href="#Page_10">10</a>.</li>
+<li>Erhitzt und m&uuml;de, durstig <a href="#Page_165">165</a>.</li>
+<li>Erkennen ist noch Hast <a href="#Page_275">275</a>.</li>
+<li>Es braust noch immer in der Welt <a href="#Page_259">259</a>.</li>
+<li>Es ebbt. Langsam dem Schlamm <a href="#Page_163">163</a>.</li>
+<li>Es ist ein Reihen geschlungen <a href="#Page_16">16</a>.</li>
+<li>Es ist ein Weinen in der Welt <a href="#Page_149">149</a>.</li>
+<li>Es kam ein Wind von Fr&uuml;hlingsland <a href="#Page_287">287</a>.</li>
+<li>Es l&auml;uft der Fr&uuml;hlingswind <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+<li>Es liegt ein Plan in einem weiten <a href="#Page_66">66</a>.</li>
+<li>Es rauscht durch unseren Schlaf <a href="#Page_145">145</a>.</li>
+<li>Es rinnen rote Quellen <a href="#Page_24">24</a>.</li>
+<li>Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde <a href="#Page_257">257</a>.</li>
+<li>Es treibt vor&uuml;ber mir <a href="#Page_158">158</a>.</li>
+<li>Es war einmal, ich wei&szlig; nicht wann <a href="#Page_68">68</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_F" name="IX_F"></a>Februarschnee tut nicht mehr weh <a href="#Page_76">76</a>.</li>
+<li>Fr&auml;ulein Gigerlette <a href="#Page_18">18</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_G" name="IX_G"></a>Ganz mit Fr&uuml;hling und Sonnenstrahl <a href="#Page_136">136</a>.</li>
+<li>Ganz still zuweilen wie ein Traum <a href="#Page_77">77</a>.</li>
+<li>Ge&ouml;ffnet sind meine Fenster <a href="#Page_245">245</a>.</li>
+<li>Gewitter dr&uuml;ckt auf Sanssouci <a href="#Page_168">168</a>.</li>
+<li>Gib mir nur die Hand <a href="#Page_52">52</a>.</li>
+<li>Gottes Krallenhand zerrei&szlig;t <a href="#Page_101">101</a>.</li>
+<li>Graue Engel gehen um mich <a href="#Page_37">37</a>.</li>
+<li>Greife wacker nach der S&uuml;nde <a href="#Page_260">260</a>.</li>
+<li>Grenz' ich an dich im Grenzenlosen <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+<li>Gro&szlig; ist das Leben und reich <a href="#Page_86">86</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_H" name="IX_H"></a>Hab' ich doch alles nun gek&uuml;&szlig;t <a href="#Page_224">224</a>.</li>
+<li>Hab' nicht zu lieb die knospende Rose <a href="#Page_228">228</a>.</li>
+<li>Hab' Sonne im Herzen <a href="#Page_74">74</a>.</li>
+<li>Halte mir einer von euch Laffen <a href="#Page_219">219</a>.</li>
+<li>Halte wach den Ha&szlig; <a href="#Page_93">93</a>.</li>
+<li>Hart sto&szlig;en sich die W&auml;nde <a href="#Page_177">177</a>.</li>
+<li>Heiterkeit, g&uuml;ldene, komm! <a href="#Page_197">197</a>.</li>
+<li>Herbst ist es, siehst du die Bl&auml;tter <a href="#Page_139">139</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>Herbsttag, und doch wie weiches <a href="#Page_155">155</a>.</li>
+<li>Herr Holger am Kamine sitzt <a href="#Page_229">229</a>.</li>
+<li>Hier ist das Land. So rudert <a href="#Page_87">87</a>.</li>
+<li>Hier sa&szlig; ich, wartend <a href="#Page_196">196</a>.</li>
+<li>Himmel baut sich um die Brust <a href="#Page_285">285</a>.</li>
+<li>H&ouml;r' mich, Mutter, h&ouml;re mich! <a href="#Page_137">137</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_I" name="IX_I"></a>Ich dachte gestern nacht <a href="#Page_258">258</a>.</li>
+<li>Ich f&uuml;hle keinen Schmerz <a href="#Page_17">17</a>.</li>
+<li>Ich hab' es nie so tief gewu&szlig;t <a href="#Page_80">80</a>.</li>
+<li>Ich hab' kein Haus <a href="#Page_44">44</a>.</li>
+<li>Ich habe die lange schw&uuml;le Nacht <a href="#Page_218">218</a>.</li>
+<li>Ich habe keine Schmerzen <a href="#Page_237">237</a>.</li>
+<li>Ich habe N&auml;chte daf&uuml;r geopfert <a href="#Page_75">75</a>.</li>
+<li>Ich hatte so viel dir zu berichten <a href="#Page_141">141</a>.</li>
+<li>Ich h&ouml;rte den Wind <a href="#Page_185">185</a>.</li>
+<li>Ich lag auf dem Meer <a href="#Page_183">183</a>.</li>
+<li>Ich lauschte in die Krone des Baums <a href="#Page_277">277</a>.</li>
+<li>Ich liebe unter allen <a href="#Page_248">248</a>.</li>
+<li>Ich liege ganz still <a href="#Page_221">221</a>.</li>
+<li>Ich liege in gl&auml;sernem Wachen <a href="#Page_268">268</a>.</li>
+<li>Ich liege mit der Zigarette <a href="#Page_217">217</a>.</li>
+<li>Ich liege mit einer Frau <a href="#Page_178">178</a>.</li>
+<li>Ich mache das Fenster auf <a href="#Page_256">256</a>.</li>
+<li>Ich m&ouml;cht' es kosten <a href="#Page_180">180</a>.</li>
+<li>Ich m&ouml;chte mir Freuden <a href="#Page_41">41</a>.</li>
+<li>Ich m&ouml;chte wandern <a href="#Page_36">36</a>.</li>
+<li>Ich reichte einem Kranken <a href="#Page_263">263</a>.</li>
+<li>Ich reite stumm aus dem Turnier <a href="#Page_102">102</a>.</li>
+<li>Ich sah dich den Amseln <a href="#Page_1">1</a>.</li>
+<li>Ich sah sie einst. Sie stand <a href="#Page_36">36</a>.</li>
+<li>Ich sa&szlig; im Gl&uuml;hn der toten <a href="#Page_79">79</a>.</li>
+<li>Ich schlich mich an das Ro&szlig; heran <a href="#Page_219">219</a>.</li>
+<li>Ich sehe den B&auml;umen die St&uuml;rme an <a href="#Page_203">203</a>.</li>
+<li>Ich soll erz&auml;hlen <a href="#Page_103">103</a>.</li>
+<li>Ich tat gro&szlig;e Dinge <a href="#Page_183">183</a>.</li>
+<li>Ich tr&auml;ume wieder <a href="#Page_103">103</a>.</li>
+<li>Ich tu' mir Zwang <a href="#Page_256">256</a>.</li>
+<li>Ich war ein Kind von f&uuml;nfzehn Jahren <a href="#Page_261">261</a>.</li>
+<li>Ich wei&szlig;, da&szlig; ich sterben mu&szlig; <a href="#Page_138">138</a>.</li>
+<li>Ich wei&szlig; es wohl, wie du <a href="#Page_234">234</a>.</li>
+<li>Ich wei&szlig; &ndash; ich wei&szlig; <a href="#Page_28">28</a>.</li>
+<li>Ich wei&szlig;, mein Lied wird <a href="#Page_44">44</a>.</li>
+<li>Ich will hier Feste geben <a href="#Page_126">126</a>.</li>
+<li>Ich will meine blo&szlig;en H&auml;nde <a href="#Page_222">222</a>.</li>
+<li>Ich wohne, wo die Wolken gehn <a href="#Page_231">231</a>.</li>
+<li>Ich wollte dich mit Rosen <a href="#Page_29">29</a>.</li>
+<li>Ihr Dach stie&szlig; fast bis an die Sterne <a href="#Page_130">130</a>.</li>
+<li>Im Arm der Liebe <a href="#Page_85">85</a>.</li>
+<li>Im Feld ein M&auml;dchen singt <a href="#Page_247">247</a>.</li>
+<li>Im Haar ein Nest von jungen <a href="#Page_106">106</a>.</li>
+<li>Im Lande der Torheit <a href="#Page_86">86</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span>Im Mondlicht und im Sonnelicht <a href="#Page_182">182</a>.</li>
+<li>Im Schimmer des Mondes <a href="#Page_15">15</a>.</li>
+<li>Im Sklavendienst der L&uuml;ge <a href="#Page_28">28</a>.</li>
+<li>Im Weizenfeld, in Korn und Mohn <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+<li>In deinem Angesicht <a href="#Page_39">39</a>.</li>
+<li>In deiner lieben N&auml;he <a href="#Page_69">69</a>.</li>
+<li>In dem sanften Wallen <a href="#Page_266">266</a>.</li>
+<li>In der gelben und gr&uuml;nlichen <a href="#Page_43">43</a>.</li>
+<li>In des Hades Gr&uuml;fte <a href="#Page_139">139</a>.</li>
+<li>In die dunkle Bergschlucht <a href="#Page_51">51</a>.</li>
+<li>In dieser M&auml;rznacht <a href="#Page_243">243</a>.</li>
+<li>In einem Garten, unter dunklen <a href="#Page_134">134</a>.</li>
+<li>In ihren Locken haftete <a href="#Page_85">85</a>.</li>
+<li>In kalten, steifen Engen <a href="#Page_172">172</a>.</li>
+<li>In nackter W&uuml;ste ruht <a href="#Page_167">167</a>.</li>
+<li>In scheuer Lust &ndash; doch nimmermehr <a href="#Page_88">88</a>.</li>
+<li>In Wirbeln geht der Strom <a href="#Page_235">235</a>.</li>
+<li>Ist es schon Abend? <a href="#Page_290">290</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_J" name="IX_J"></a>Ja? Gab es Tage, wo ich selbst <a href="#Page_173">173</a>.</li>
+<li>Ja, in der Jugend war ich <a href="#Page_179">179</a>.</li>
+<li>Jahrelang sehnten wir uns <a href="#Page_71">71</a>.</li>
+<li>Jetzt, da ich zehn Jahrtausende <a href="#Page_95">95</a>.</li>
+<li>Jetzt kommt die Nacht <a href="#Page_142">142</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_K" name="IX_K"></a>Kaminfeuer und Morgenrotschimmer <a href="#Page_56">56</a>.</li>
+<li>Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken <a href="#Page_218">218</a>.</li>
+<li>Kein Liebeswort <a href="#Page_249">249</a>.</li>
+<li>Keine Furcht der Erde <a href="#Page_100">100</a>.</li>
+<li>Klar ruhn die L&uuml;fte <a href="#Page_47">47</a>.</li>
+<li>Kleine Schwester Irene <a href="#Page_91">91</a>.</li>
+<li>Komm, denn der Abend kommt <a href="#Page_241">241</a>.</li>
+<li>K&ouml;nig Kophetua <a href="#Page_215">215</a>.</li>
+<li>Korn. Saaten. Und des Mittags <a href="#Page_107">107</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_L" name="IX_L"></a>L&auml;nder und Seen durchschwommen <a href="#Page_7">7</a>.</li>
+<li>La&szlig; mich in deinem stillen Auge <a href="#Page_37">37</a>.</li>
+<li>La&szlig; uns Blumen pfl&uuml;cken gehn <a href="#Page_69">69</a>.</li>
+<li>Leise la&szlig; sie ihren Reigen f&uuml;hren <a href="#Page_239">239</a>.</li>
+<li>Leise, leise fallen wei&szlig;e Flocken <a href="#Page_23">23</a>.</li>
+<li>Lieber auf eigene Rechnung <a href="#Page_77">77</a>.</li>
+<li>Liegt eine Stadt im Tale <a href="#Page_50">50</a>.</li>
+<li>L&ouml;sche alle deine Tag' <a href="#Page_242">242</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_M" name="IX_M"></a>Manche freilich m&uuml;ssen drunten sterben <a href="#Page_120">120</a>.</li>
+<li>Mancher ist betr&uuml;bt gegangen <a href="#Page_78">78</a>.</li>
+<li>Mein armer Kopf lag still <a href="#Page_84">84</a>.</li>
+<li>Mein Blick, nun weide dich <a href="#Page_30">30</a>.</li>
+<li>Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten <a href="#Page_269">269</a>.</li>
+<li>Mein Herz so ganz in dir begl&uuml;ckt <a href="#Page_78">78</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>Mein J&uuml;ngling, du, ich liebe dich <a href="#Page_90">90</a>.</li>
+<li>Mein Traum ist eine junge, wilde Weide <a href="#Page_148">148</a>.</li>
+<li>Meine Freunde sind schwank wie Rohr <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+<li>Meine Jugend h&auml;ngt um mich <a href="#Page_176">176</a>.</li>
+<li>Meine Mutter sang <a href="#Page_22">22</a>.</li>
+<li>Meiner Jugend Tr&auml;ume <a href="#Page_4">4</a>.</li>
+<li>Menschen sterben von mir ab <a href="#Page_279">279</a>.</li>
+<li>Mich jammerte dein graues D&auml;mmerweh <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+<li>Mir bangt um dich <a href="#Page_1">1</a>.</li>
+<li>Mir ist, als ob der Friede <a href="#Page_221">221</a>.</li>
+<li>Mir war, als ginge <a href="#Page_124">124</a>.</li>
+<li>Mistralwind, du Wolkenj&auml;ger <a href="#Page_192">192</a>.</li>
+<li>Mit blutgemiedener langer schmaler Hand <a href="#Page_216">216</a>.</li>
+<li>Mit dem Monde will ich wandeln <a href="#Page_34">34</a>.</li>
+<li>Mit leisem Herzen <a href="#Page_66">66</a>.</li>
+<li>Mit metallhartem Rotgelb <a href="#Page_33">33</a>.</li>
+<li>Mit silbergrauem Dufte <a href="#Page_121">121</a>.</li>
+<li>Mond, alte Blumen <a href="#Page_12">12</a>.</li>
+<li>Mond und Liebe <a href="#Page_15">15</a>.</li>
+<li>Moosgr&uuml;n aus Samt <a href="#Page_17">17</a>.</li>
+<li>Mutwillige M&auml;dchenw&uuml;nsche <a href="#Page_110">110</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_N" name="IX_N"></a>Nacht, die aus den Sternen quillt <a href="#Page_82">82</a>.</li>
+<li>Nacht kam herein. Und morgen <a href="#Page_263">263</a>.</li>
+<li>N&auml;chtlich war's am stillen Weiher <a href="#Page_142">142</a>.</li>
+<li>Nah wie L&ouml;cher eines Siebes <a href="#Page_279">279</a>.</li>
+<li>Nicht der Nachtigall <a href="#Page_140">140</a>.</li>
+<li>Nicht im Schlafe hab' ich das getr&auml;umt <a href="#Page_17">17</a>.</li>
+<li>Nicht lange durstest du noch <a href="#Page_196">196</a>.</li>
+<li>Niemals wieder will ich <a href="#Page_274">274</a>.</li>
+<li>Ninon hei&szlig;t sie. Ihre Mutter <a href="#Page_129">129</a>.</li>
+<li>Noch <em class="spaced">einmal so</em>! Im Nebel <a href="#Page_52">52</a>.</li>
+<li>Noch h&auml;ngt ein scheues Vogellied <a href="#Page_97">97</a>.</li>
+<li>Noch niemals fiel es <a href="#Page_189">189</a>.</li>
+<li>Noch sp&uuml;r' ich ihren Atem <a href="#Page_121">121</a>.</li>
+<li>Nun beugt die Nacht sich singend <a href="#Page_179">179</a>.</li>
+<li>Nun kam der Abend <a href="#Page_236">236</a>.</li>
+<li>Nun schweig und f&uuml;hle <a href="#Page_6">6</a>.</li>
+<li>Nun sind vor meines Gl&uuml;ckes Stimme <a href="#Page_245">245</a>.</li>
+<li>Nun wieder, mein Vater, ist kommen <a href="#Page_275">275</a>.</li>
+<li>Nur der Wind wei&szlig; <a href="#Page_99">99</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_O" name="IX_O"></a>O h&auml;ttest du gelernt <a href="#Page_127">127</a>.</li>
+<li>O mein Geliebter &ndash; in die Kissen <a href="#Page_53">53</a>.</li>
+<li>O Mensch! Gib acht! <a href="#Page_195">195</a>.</li>
+<li>O sieh das Spinnennetz <a href="#Page_188">188</a>.</li>
+<li>Ob du wohl auch so schlaflos liegst <a href="#Page_51">51</a>.</li>
+<li>Oft in der stillen Nacht <a href="#Page_20">20</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>Oft war sie als Kind <a href="#Page_206">206</a>.</li>
+<li>Oft, wenn die stille Mitternacht <a href="#Page_232">232</a>.</li>
+<li>Ohne Sorgfalt, was die N&auml;chsten <a href="#Page_210">210</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_R" name="IX_R"></a>Reicht mir in der Todesstunde <a href="#Page_261">261</a>.</li>
+<li>Rote Rosen winden sich <a href="#Page_133">133</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_S" name="IX_S"></a>Schon deckt beschattend <a href="#Page_45">45</a>.</li>
+<li>Schon taucht der Mond <a href="#Page_98">98</a>.</li>
+<li>Sch&ouml;nheit ist Atem <a href="#Page_240">240</a>.</li>
+<li>Schwer schweigt der Wald <a href="#Page_235">235</a>.</li>
+<li>Schwerm&uuml;tig w&auml;chst mein Frieden <a href="#Page_234">234</a>.</li>
+<li>Seele meines Weibes <a href="#Page_115">115</a>.</li>
+<li>Sei nicht traurig <a href="#Page_75">75</a>.</li>
+<li>Sein Freund, der T&uuml;rmer <a href="#Page_128">128</a>.</li>
+<li>Seit du mir ferne bist <a href="#Page_136">136</a>.</li>
+<li>Septemberabend; traurig t&ouml;nen <a href="#Page_251">251</a>.</li>
+<li>Sie fanden ihn &ndash; <a href="#Page_3">3</a>.</li>
+<li>Sie lassen sich am Ufer nieder <a href="#Page_238">238</a>.</li>
+<li>Sie schweift den Fu&szlig; wie Pfaunrad aus <a href="#Page_280">280</a>.</li>
+<li>Sie stehn im Schein der Kerzen <a href="#Page_244">244</a>.</li>
+<li>Sie trug den Becher in der Hand <a href="#Page_119">119</a>.</li>
+<li>Sie wirbelt weich, die H&auml;nde schwingend, vor <a href="#Page_280">280</a>.</li>
+<li>Sieh da droben die Rosen! <a href="#Page_116">116</a>.</li>
+<li>Silbern &uuml;berflogen <a href="#Page_104">104</a>.</li>
+<li>Singe nicht so hell und laut <a href="#Page_220">220</a>.</li>
+<li>So flieh, enttanze <a href="#Page_281">281</a>.</li>
+<li>So regnet es sich langsam ein <a href="#Page_74">74</a>.</li>
+<li>So reich bist du <a href="#Page_274">274</a>.</li>
+<li>So in die still verschneite Nacht <a href="#Page_248">248</a>.</li>
+<li>So lange blieb sie fest geschlossen <a href="#Page_78">78</a>.</li>
+<li>So war's auch damals schon <a href="#Page_49">49</a>.</li>
+<li>Sonne, herbstlich d&uuml;nn und zag <a href="#Page_250">250</a>.</li>
+<li>Soviel L&uuml;ftchen wehn und vergehn <a href="#Page_246">246</a>.</li>
+<li>Sp&auml;t, wenn die alte Uhr geschlagen <a href="#Page_220">220</a>.</li>
+<li>Statt der Blumen und Bl&auml;tter <a href="#Page_43">43</a>.</li>
+<li>Steht eine M&uuml;hle am Himmelsrand <a href="#Page_160">160</a>.</li>
+<li>Stille in n&auml;chtigem Zimmer <a href="#Page_252">252</a>.</li>
+<li>Stille! oh stille! <a href="#Page_214">214</a>.</li>
+<li>Stille weht in das Haus <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_T" name="IX_T"></a>Tag meines Lebens <a href="#Page_197">197</a>.</li>
+<li>Tag um Tag <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+<li>Taucht nur, senkt nur eure wilden <a href="#Page_264">264</a>.</li>
+<li>Tiefdunkelroter Scharlachschein <a href="#Page_73">73</a>.</li>
+<li>Trauernd stehst du <a href="#Page_26">26</a>.</li>
+<li>Traumhaft hinschlendern <a href="#Page_15">15</a>.</li>
+<li>Trinkend hatt' ich erharrt <a href="#Page_181">181</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span><a id="IX_U" name="IX_U"></a>&Uuml;ber ein Gl&uuml;ck, das du fl&uuml;chtig <a href="#Page_143">143</a>.</li>
+<li>&Uuml;ber mir im Blauen <a href="#Page_104">104</a>.</li>
+<li>Um bei dir zu sein <a href="#Page_135">135</a>.</li>
+<li>Und abermals wirst du <a href="#Page_27">27</a>.</li>
+<li>Und als ein solcher klarer <a href="#Page_257">257</a>.</li>
+<li>Und als ich gegen den Marktplatz kam <a href="#Page_213">213</a>.</li>
+<li>Und bin ich auch in mancher Stunde <a href="#Page_224">224</a>.</li>
+<li>Und es rauscht nur und weht <a href="#Page_58">58</a>.</li>
+<li>Und ich f&uuml;hrte das blonde <a href="#Page_227">227</a>.</li>
+<li>Und ich sah dich nachts <a href="#Page_217">217</a>.</li>
+<li>Und immer fremder sind mir <a href="#Page_81">81</a>.</li>
+<li>Und Kinder wachsen auf <a href="#Page_119">119</a>.</li>
+<li>Und sie herzten sich <a href="#Page_4">4</a>.</li>
+<li>Unruhig steht der hohe Kiefernforst <a href="#Page_46">46</a>.</li>
+<li>Unsere Augen so leer <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+<li>Unsere Leiber zerfallen <a href="#Page_7">7</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_V" name="IX_V"></a>Vollkommen ist die Stille <a href="#Page_254">254</a>.</li>
+<li>Vom Dorf her durch die Nacht <a href="#Page_241">241</a>.</li>
+<li>Vom stolzen Gl&uuml;ck des eignen Werts <a href="#Page_211">211</a>.</li>
+<li>Von blauem Tuch umspannt <a href="#Page_174">174</a>.</li>
+<li>Von Stern zu Stern <a href="#Page_282">282</a>.</li>
+<li>Vor der verschlungnen Finsternis <a href="#Page_283">283</a>.</li>
+<li>Vor meinem Fenster singt ein Vogel <a href="#Page_133">133</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_W" name="IX_W"></a>Wachet und betet mit mir! <a href="#Page_190">190</a>.</li>
+<li>Wanderer im schwarzen Wind <a href="#Page_253">253</a>.</li>
+<li>Wann ich von dir gehe <a href="#Page_180">180</a>.</li>
+<li>Warum, warum diese neue Angst? <a href="#Page_271">271</a>.</li>
+<li>Was ist das Gl&uuml;ck? <a href="#Page_242">242</a>.</li>
+<li>Was kann ich f&uuml;r dich tun?!? <a href="#Page_2">2</a>.</li>
+<li>Was waren Frauen <a href="#Page_243">243</a>.</li>
+<li>Wei&szlig; ich, da&szlig; Stunden <a href="#Page_91">91</a>.</li>
+<li>Weite Wiesen im D&auml;mmergrau! <a href="#Page_19">19</a>.</li>
+<li>Welch ein Schweigen <a href="#Page_187">187</a>.</li>
+<li>Wenn die Felder sich verdunkeln <a href="#Page_51">51</a>.</li>
+<li>Wenn die gro&szlig;e Sehnsucht wieder kommt <a href="#Page_221">221</a>.</li>
+<li>Wenn die Nacht von dannen geht <a href="#Page_6">6</a>.</li>
+<li>Wenn die Rosen des Morgens <a href="#Page_6">6</a>.</li>
+<li>Wenn ich leide, wenn ich dulde <a href="#Page_59">59</a>.</li>
+<li>Wenn kalt der Regen <a href="#Page_81">81</a>.</li>
+<li>Wenn noch die Eitelkeit <a href="#Page_265">265</a>.</li>
+<li>Wenn sie wandeln <a href="#Page_239">239</a>.</li>
+<li>Wer hat die Wolken zerbeult? <a href="#Page_43">43</a>.</li>
+<li>Wer in die Nacht geht <a href="#Page_240">240</a>.</li>
+<li>Wer jetzt weint irgendwo <a href="#Page_198">198</a>.</li>
+<li>Wie deine gr&uuml;ngoldnen Augen <a href="#Page_114">114</a>.</li>
+<li>Wie der wilde Gletscherbach <a href="#Page_189">189</a>.</li>
+<li><span class='pagenum'><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>Wie eigen ich dich einst k&uuml;&szlig;te! <a href="#Page_227">227</a>.</li>
+<li>Wie ein heimlicher Brunnen <a href="#Page_147">147</a>.</li>
+<li>Wie eine Blume, dr&uuml;berhin <a href="#Page_13">13</a>.</li>
+<li>Wie geisterhaft im Sinken <a href="#Page_258">258</a>.</li>
+<li>Wie ich dich &uuml;berall sehe <a href="#Page_226">226</a>.</li>
+<li>Wie ich mich auf den Fr&uuml;hling freue! <a href="#Page_30">30</a>.</li>
+<li>Wie in der Hand ein Schwefelz&uuml;ndholz <a href="#Page_209">209</a>.</li>
+<li>Wie lang' schon darb' ich <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+<li>Wie V&ouml;gel, welche sich gew&ouml;hnt <a href="#Page_207">207</a>.</li>
+<li>Wieder wandelnd im alten Park <a href="#Page_250">250</a>.</li>
+<li>Winde qu&auml;len die B&auml;ume <a href="#Page_38">38</a>.</li>
+<li>Wie hielten uns umschlungen <a href="#Page_224">224</a>.</li>
+<li>Wir haben wohl ein Lachen <a href="#Page_27">27</a>.</li>
+<li>Wir sa&szlig;en an zwei Tischen <a href="#Page_191">191</a>.</li>
+<li>Wir sind aus solchem Zeug <a href="#Page_123">123</a>.</li>
+<li>Wir sind zwei Schatten <a href="#Page_80">80</a>.</li>
+<li>Wir standen unter alten <a href="#Page_162">162</a>.</li>
+<li>Wir tauchten aus dem Strom <a href="#Page_24">24</a>.</li>
+<li>Wir tr&auml;umen &uuml;ber die Erde hin <a href="#Page_213">213</a>.</li>
+<li>Wir wehen durch die L&uuml;fte <a href="#Page_14">14</a>.</li>
+<li>Wochen, Wochen sprach ich <a href="#Page_61">61</a>.</li>
+<li>Wolkenschatten fliehen <a href="#Page_170">170</a>.</li>
+</ul>
+
+<ul class="IX">
+<li><a id="IX_Z" name="IX_Z"></a>Z&uuml;nd festlich im Salon <a href="#Page_211">211</a>.</li>
+<li>Zwei Menschen gehn <a href="#Page_54">54</a>.</li>
+<li>Zwei Schwestern sah ich heut <a href="#Page_270">270</a>.</li>
+<li>Zwischen duftigen B&uuml;schen <a href="#Page_262">262</a>.</li>
+<li>Zwischen mir und meinem trunknen Leben <a href="#Page_82">82</a>.</li>
+<li>Zwischen zwei dunklen Wogen <a href="#Page_182">182</a>.</li>
+<li>Zwischen zwei Rappen <a href="#Page_55">55</a>.</li>
+<li>Zw&ouml;lf Morgenhellen weit <a href="#Page_148">148</a>.</li>
+</ul>
+
+
+<div class="ppnote">
+<p style="font-weight: bold">Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+<p>Der Text folgt in Schreibweise und Zeichensetzung der Vorlage. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.</p>
+
+<p>Die Lebensdaten des Dichters Paul Scheerbart:<br />
+8. Januar 1866 &ndash; 14. Oktober 1915<br />
+werden in anderen Quellen (Wikipedia etc.) mit<br />
+8. Januar 1863 &ndash; 15. Oktober 1915 angegeben.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LYRIK SEIT LILIENCRON ***
+
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+Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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